Heinrich Lersch Die Pioniere von Eilenburg Roman aus der Frühzeit der deutschen Arbeiterbewegung Vorspruch von Max Barthel Das ist der Roman vom Arbeitsmann, Der in Eilenburg den Kampf begann, Den Kampf um Freiheit, um Glück und Ruhm, Den Kampf um das deutsche Arbeitertum, Den Kampf um Ehre, den Kampf um Brot: Das war mit das erste Aufgebot. Und wie sie gelitten und wie sie gestrebt, Der Leser in diesem Buche erlebt. Maschinen dröhnten Schlag um Schlag, Der Tag war ein ewiger Arbeitstag Und pausenlos, noch in der Nacht Ging der Donner der großen Arbeitsschlacht. Es wurde gesponnen, gewebt und bedruckt. Gerungen, bezwungen, erhöht und geduckt! Handwerker, Arbeiter erkannten die Kraft Und schufen sich die Genossenschaft, Sie waren gewillt, neben dem starken Wehrstand Zu gründen und schaffen den starken Nährstand. Auch an den Maschinen wächst Frucht und Brot, Auch die Maschinen besiegen die Not, Auch aus den Feuern, den Donnern, dem Qualm Bricht einer Ernte gesegneter Halm. Arbeiterverbrüderung wuchs im Land, Doch Herrschsucht war und Unverstand, Und in den Kasten der oberen Schicht Verstand man die Sehnsucht der Schaffenden nicht. Sie haben gekämpft, geopfert, gebebt, Sie haben nach höherer Ordnung gestrebt, Sie haben geliebt, sie haben gehaßt, Sie waren frei und trugen Last, Sie haben gehungert; um ihr hartes Brot War einer Sehnsucht Morgenrot. Doch weil noch nicht reif war jene Zeit, Da haben sie sich wieder entzweit, Arbeiter und Bürger, der alte Wahn, Und immer hieß es: Kanitverstahn! Und immer hieß es: Herr und Knecht! Und das Recht war damals einseitiges Recht. O Deutschland, zerrissen im Bruderkrieg, Die Kette dem einen, dem andern der Sieg! O Deutschland, der Zwietracht uralter Fluch! Auch Liebe geht leuchtend durch dieses Buch, Besinnung und Einkehr, Sprung über die Kluft, Von kommender Ernte ein heiliger Duft, Trotz Dunkel und Hohn, trotz Haß und Blendung Aufruf zur Sammlung und großen Sendung. In diesem Roman von dem Dichter und Kesselschmied Hören wir alle der Arbeit Lied, Und es wird uns allen klar, Wie es damals in Deutschland war. Wir sehen auch nach vorwärts den Sprung Und verharren nicht in Erinnerung: Der Kampf von damals war nicht vergebens. Die Kämpfer erhöht die Krone des Lebens, Es wuchs aus dem Dunkel der ärmste Sohn In den heilgen Raum der deutschen Nation. Empor alle Herzen und trauert nicht länger! Die Arbeit ist Ehre, die Arbeit ist Ruhm, Es kam aus dem Volke ein Meldegänger, Deutschlands Ruhm ist sein Arbeitertum! Erstes Kapitel Auf der großen Landstraße, die von Delitzsch nach Torgau führt, marschiert ein Handwerksbursche. Er schaut, den Kopf erhoben, geradeaus auf den Horizont. Er spricht die Namen der Dörfer, die in zehn Minuten Entfernung die Landstraße begleiten, vor sich hin: Priester, Cupsal, Behlitz, Pressen, Zschettgau, Cospa. In einer Viertelstunde ist er in Cospa und dann hat er nur noch eine starke Stunde bis zu seiner Vaterstadt. Als er durch den kleinen Ort kommt, trinkt er am Brunnen. Er hebt seinen alten Zinnbecher gegen Westen, denkt an all die Städte, Dörfer und Flecken, in denen er übernachtet, gerastet, gegessen, getrunken hat und schüttet den Rest in breitem Schwung, wie segnend, durch die Luft. Als er sich wenden will, steht plötzlich der Gendarm vor ihm: »Paß!« »Ihr braucht keinen Eilenburger Jung eine Stunde vor seiner Haustür noch nach den Fleppen zu fragen!« sagt der Wanderer. Trotzdem er dies im echten Dialekt der Landschaft spricht, wird der Beamte ungeduldig: »Egal! Egal!« Der Bursche reicht die Papiere. Als der Gendarm sie ihm zurückgibt, sagt er kameradschaftlich: »So Paule, grüß Vater Zöckler von mir! Warst in Amerika! Hast auch einen tüchtigen Batzen Geld mitgebracht? Ja, ja, sie können's brauchen, die daheim!« Die Worte des Gendarmen werden vom Rasseln eines hochbeladenen, mit vier Pferden bespannten Planwagens übertönt. »Adjees! ruft ihm der Gendarm zu und geht auf die andere Seite, um zwei reisende Zimmerleute abzufangen. Paule geht. In der Ferne zackt, ganz klein, ein spitzer Turm auf. »Marienkirche!« sagt er. Nach einer Viertelstunde sieht er die Flügel einer Windmühle. Er spürt keine Müdigkeit, obwohl er schon sechs Stunden unterwegs ist. Er sieht in die Gesichter der Leute, die ihm begegnen; sie grüßen ihn wie einen Fremden. Er mustert die Chausseebäume; es sind dieselben, auf denen er als Junge nach Eichhörnchen gejagt, in denen er nach Elsternestern gesucht, von denen er hinunter den Fuhrleuten und Fußgängern Eicheln an die Köpfe warf. Da sieht er auf der anderen Seite einen Bauern pflügen: wahrhaftig, das ist der alte Knecht vom Presselbauer in Berg! Langsam, langsam zieht der Falbe, langsam geht der Knecht hinter dem Pflug hin. Vorne stiegen die Krähen auf, überstiegen Pferd und Mann, und sammeln sich wieder hinter ihm in der neuen Furche. Paule möchte dem Knecht einen Gruß zurufen; er hat keine Zeit, jetzt wird ihm die letzte halbe Stunde zu lang. An der Windmühle sinkt die Straße talwärts. Jetzt sieht er den Weg vom Lehmberg, sieht die alten Bauernhäuser und jetzt hört er aus den Hütten das Geklapper der Handwebstühle. Er geht den schmalen Pfad am Schloß vorbei und kommt ans Amtsgericht. Da die schmale Straße zur Treppe, die an den Mühlbach führt. Er geht bergan, kommt auf die Bastei und sieht seine Vaterstadt da liegen: die Leipziger Straße führt mitten hindurch, über sie hin läuft sein Blick bis an den Marktplatz. Dort glänzt ihm mit blankem Dach die Nikolaikirche entgegen; daneben steht hoch das große Rathaus. Er sieht weiter: die Torgauer Straße, er sieht endlich die Mulde; wo der Mühlgraben in den Fluß mündet, blinkt der Friedhof mit den weißen Steinen auf. Nicht weit davon muß sein Vaterhaus liegen. Jetzt sieht er, unter sich, den Mühlgraben. Die alte Mühle teilt ihn. Der größere Strom wendet sich zur Schloßau; das Räderwerk der Mahlsteine tönt zu ihm hinauf, abwärts qualmen die Schornsteine der Kattunfabriken; da liegen die Wollwirkereien, die Strumpffabriken. Paule hört das Getöse der Websäle, das Gebrause der Räder und das Rauschen der Wehre. Paule wird immer neugieriger, geht immer mehr zur Seite. Er will sie alle sehen, wie sie da drüben liegen, Eilenburgs Fabriken; von den Färbereien fließt das Spülwasser in den verschiedenen Couleuren hinein in den Mühlbach. Die Schornsteine erheben sich über die Bäume. Vor zehn Jahren waren sie noch stumpfe, viereckige Schlote. Hoch und kühn sind sie aufgemauert worden; doppelt und dreifach so hoch, wie sie vorher waren, stehen sie jetzt, schlanke Kamine. Sicherlich haben sie auch neuartige Maschinen hineingebracht, wie er sie in Pittsburg und Philadelphia gesehen hat. Er ist von dem Weg der Bastei abgekommen, und geht auf den Sorbenturm zu, über einen Fußpfad, kommt an einer bröckligen Steinmauer vorbei und sucht einen neuen Weg zu den Fabriken hinunter. Ab und zu geben die hohen Äste großer Bäume den Blick auf die Stadt frei. Gerade bricht die Sonne durch die Wolken und leuchtet über die Dächer. Jetzt kann er den Markt groß sehen. Im Licht glänzt der Turm der Nikolaikirche. Da ist wirklich die Mitte der Stadt. Die Torgauer Straße führt hinaus an die Mulde. Sie zieht nordwärts im weiten Bogen auf Kültzschau zu, als wolle sie der wilden Lossa, die nun hineinfließt, ein Stück entgegengehen. Mit ihr zusammen biegt sie wieder ab und läuft zurück nach Norden, Hainichen zu. Paule sieht still und schaut. Nicht mehr voll Neugier, sondern in ergriffener Freude. Da stiebt aus einem Buschwerk eine Schar Spatzen auf. Er hört das keuchende Husten eines alten Mannes. Paule sieht sich um. »Heda, war hier früher nicht einmal ein Weg?« ruft er hinüber. Der Alte zeigt auf einen frischgeebneten Pfad. Paule ruft ihm zu: »Was fällt Euch ein, Pröttervater, damned, wollt Ihr hier aus alten Wegen neues Ackerland machen, eine Farm einrichten? Und mit Gewalt reich werden? Der Alte spuckt aus, nimmt den Spaten von der Schulter und stützt sich darauf. »Ja, Herr Nachbar, es ist schon Lichtmeß! Wenn hier was wachsen soll, muß rigolt werden! Zu Kartoffeln wird's noch langen! Wiesen brauchen die Leute nicht mehr, denn die Geißen der Armen sind in den Hungerjahren ans Messer gekommen. Ihr war't wohl lange nicht zu Eilenburg? Wir alten Weber, Färber und zünftigen Leute haben mit Webstuhl und Farbkufe die Öfen geheizt. Ihr wollt auch arbeiten in Eilenburg! Uns das letzte Stück Brot wegnehmen?« »Na, Pröttervater! Ich bin doch der Schmiedspaule, der nach Amerika ausgeritscht ist!« Der Alte macht eine Verbeugung: »Jeß, der Amerikapaule – hast Dollars im Sack? Werden sich dein' Leut freuen!« »Na, Pröttervater, da komm ich gerade richtig, um die Maschine anzuschmeißen!« Der Alte spricht über die Schulter hin: »Jesses Kreuz, da schau doch, nichts, wie Maschinen; Gold machen sie für die großen Herren, die Bodemer, die Degenkolb, die Mitscherlich, die Prentzel, die Ehrenberg, die Danneberg! Hergelaufene Schmiede, Schlosser, Mechaniker bauen immer mehr Maschinen. Teuer ist das Leben, wie in Leipzig! Paule, die jungen Maschinenmänner können wohl lachen; aber wir, wir Alten, wir ohne Arbeit und Geld, was sollen wir tun? Der Fremde unterbricht den Alten: »Pröttervater, weint nicht, es wird schon wieder allright! – Ich komm Euch dieser Tage besuchen, grüßt zu Haus!« »Paule, hör, Paule!« Der Alte ruft ihm nach. Der Bursche kommt zurück. »Wenn du in die Stadt kommst, red von allem, nur nicht von der Freiheit. Erschossen hat die Reaktion sie, gefangengesetzt lebenslänglich; red nicht vom Volk – red nicht vom Staat!« »Pröttervater! Hier!« Der Bursche hebt den Wanderstock in die Höhe, ballt die Faust ums Holz und stößt ihn in die Luft: »Keine Angst! Die Freiheit in Deutschland ...« Der alte Mann unterbricht ihn: »Paule, du redst dir den Tod an den Hals! Ich will nur mitgehen!« Er nimmt seinen Spaten und humpelt auf den lehmbeschwerten Holzschuhen hinter dem Jungen her. Immer wieder muß Paule stehen bleiben, der Alte kann nicht mit. »'s geht nicht einmal mehr bergab! Lauf nit, Paule, ich ..« Er ist schon so außer Atem, daß er nicht mehr fragen und erzählen kann. Paule sieht nur immer auf die Schornsteine und die Stadt. An der Bastei bleibt der Alte zurück; Paule geht hinunter und steht nun auf der Brücke über dem Mühlgraben. Er hört das Wehr brausen und das Kullern der Mahlgänge. Er kommt auf den Mühlenplatz. In der Schmiede donnern die Ambosse von den Schlägen schwerer Hämmer. Er geht in den Schatten des Torflügels, sieht zwei Mann hoch den schweren Reifen halten, zwei andere Männer die Schweißen schlagen. Auf dem andern Amboß reckt ein Geselle mit zwei Jungburschen Pflugschare aus, während am dritten Schmiedefeuer Röhren geglüht werden. Die Flammen beleuchten die schwarzverrußten Wände, an der Decke hängen lange Reihen von Hufeisen, Pflugscharen, Rodehacken und Ofenroste. Paule zieht den blauen Qualm des Schmiedefeuers schnüffelnd ein, läßt seine Augen von Feuer zu Feuer, von Mann zu Mann gehen. Seinen Ohren tut das stählerne Schallen von Hammer und Amboß wohl. Er verläßt die Schmiede. Jetzt fühlt er sich von Feuer und Amboß bewillkommt und in seiner Vaterstadt zu Hause. Er biegt über die Brücke des zweiten Mühlenbacharmes in die Leipziger Straße ein. Es ist doch eine prachtvolle Straße. Paule begreift nicht, warum der Prötter so klagt; hier steht eine Reihe neuer Häuser, große Scheiben in den Fenstern! Das gab es doch vor zehn Jahren noch nicht. Fünf Magazine für Kleider und Stoffe hat er schon gezählt; da muß doch der Handel florieren. Neue Läden von Eisenhändlern – Donnerwetter, alles so billig! Jetzt steht er auf dem Marktplatz. Einige Häuser sind neu dazugekommen. Das stolze Rathaus mit den vielen Fenstern überragt alle Bürgerhäuser. Nun geht er die Torgauer Straße entlang. Er sieht in die Torgauer Schmiede hinein, es ist nur ein Lehrjunge darin, der mit einem Besen um den Amboß herumfegt. Er biegt in den Wall ein. Nun kommt er in die Gegend der Handwerkerhäuser. Die Straßen werden enger, hier wohnen die Weber. Das Geklapper der Webstühle trommelt in seinen Heimwärtsschritt. Er wiegt im Takt die Füße nach dem Holterdipolter, kalitter, kallatter, wie er es als Schuljunge schon getan. Jetzt verlaufen sich die Gassen; hier sind die Häuser der Arbeiter, die in die Fabriken gehen. Es ist immer noch keine feste Decke auf der Fahrbahn, immer noch läuft Spül- und Regenwasser in breiten Lachen zusammen, so daß die Mitte der Straße ein Pfuhl ist: Der muß im heißen Sommer stinken! In Amerika hatte man zuerst auch keine Zeit, gute Straßen zu legen, aber dafür gab es gute und feste Stiefel an den Füßen. Paule schreitet an den Kindern vorbei, die betteln ihn an und starren ihm nach. Es sind die Kinder seiner Schulkameraden dabei. Er sieht einen rotköpfigen Pausback, er sieht sich nach ihm um: Ja, es ist der Junge vom Nachbar Schimmelmann. Gleich tritt aus dem Tor der fuchsbärtige Böttcher heraus. »Hoha, Zöcklerpaule, sieh da! Paule, Rotzjunge! Bist du groß geworden!« schreit der Faßmacher ihm seinen Gruß entgegen. »Nun wollt ich grad zu deinem Vater, da kann ich direkt mitgehen!« Der Nachbar muß über die Schlammpfütze hinweg ihm die Hand reichen. Geradeaus geht Paule mit seinen wasserfesten Stiefeln voran. Der Böttcher mahnt: »Nun komm doch am Haus vorbei! Hast die ganze Straße nötig?« »Man macht es so aus Gewohnheit!« sagt Paule und trabt geradaus: »Immer mitten durch! Dann spritzt es an den Seiten weg!« Der Nachbar lacht: »Das wirst du schnell satt haben zu Eilenburg; wenn wir unsere Steuergroschen in die Schlammpfützen schmissen, hätten wir längst trockene Straßen, so schmeißen wir sie dem Fiskus in den Hals und haben gar nichts davon.« Paule sieht dem Alten ins Gesicht: »Wie ist es bei Euch noch zu Hause? Alles gesund?« »Ach, Paule, wir nehmend nicht mehr so hitzig, wenn eins krank und mit dem Tod abgeht –'s alles so sündhaft teuer –, das bißchen Branntwein, na, das müssen unsre Burschen, die nun Fabrikler sind, haben. Sonst hielten sie die dreizehn, vierzehn Stunden nicht aus. Wir haben früher auch schwer schaffen müssen, aber wir waren in unserm Haus, da war Luft und Licht und kein Treiber und Hetzer – da schau, die Gevatterin!« Der Meister Böttcher grüßt Frau Zöckler von weitem. Paules Mutter kommt, ein großes starkknochiges Frauenzimmer mit schwer schlenkernden Armen; langsam geht sie auf den Sohn zu, greift mit gestreckten Händen auf die Schultern des Burschen und schüttelt ihn: »Paule, Paule, großer Kerl! So hab ich mir dich vorgestellt! Ein echter Preller bist du geworden! Siehst genau, wie mein Vater selig aus, als er noch jung war. Na, wirst Hunger haben. Komm! Junge! »Heimkehrer, Mutter, einen Glücksjungen hast du! Ist allright! Da!! Come on! Papa!« Er sieht ein wenig ehrfürchtig vor dem Vater, er stellt sich nach Gesellenart vor: »Fremder Schmied spricht den Meister um Arbeit an! Gott ehre ein ehrbar Handwerk! Fremder Schmied!« »Gott ehre ein ehrbar Handwerk!« sagt der Schmied, gibt ihm die Hand und sieht an seinem Sohn hinauf: »Das sie dich nicht dagehalten haben, in Amerika, Paule, nee, so hätt' ich dich nicht füttern können! Naja! Soll's doch mehr Ochsenfleisch geben in Amerika als Grützensupp' im Sachsenland. Wie hast du denn unser Eilenburger Nest wiedergefunden?« »Von Antwerpen immer gradaus! Berliner und Breslauer waren mit, Schwaben und Rheinländer. Hunderte, so sind wir gekommen, als wir hörten, daß in der Heimat was Neues anfängt!« »Zuerst was zu essen!« sagt die Mutter und geht in die Küche. »Bist du reich geworden?« fragt der Vater. Der Sohn lacht: »Ja, reich? War ich auch schon mal! Der Taler ist ein Dollar in Amerika – na, was hab ich Dollars gehabt! Einen kleinen Sack voller Silberstücke und einen Packen Papiergeld; man gibt hinterher nichts mehr dafür und wird leichtsinnig. – Na, hier wollen wir mal an die Arbeit gehen! Hast doch Arbeit?« Die Mutter unterbricht: »Davon nachher! Doch sag, wie lange bist du übers Meer gefahren? Was hat sie gekostet, die Seefahrt? War es schlimmes Wetter? Was habt Ihr zu essen gekriegt?« Ehe Paule antwortet, fragt der Faßbinder: »Viel Arbeit in Amerika? Da wird doch Gold gefunden? Hast du auch nach Gold gegraben?« »In Amerika ist alle Arbeit Gold graben! Stellt Euch vor, das ist ein Land –;« »Hat es nicht geklopft?« fragt Paule und ruft: »Come on!« »Herein!« Ein schwarzhaariger Kopf schiebt sich durch die Tür –. »Guten Morgen! Ergebenster Diener, wollt um Gottes willen nicht stören, – ah, Besuch, Empfehlung, ein andermal!« Die Mutter ruft: »Nur hereinspaziert, Kanitzky, immer nur hereinspaziert! Unser Paule ist zurückgekommen, aha, könnt Ihr verstehen, aus Amerika sind sie zu Hunderten heimgekommen. Es muß wohl nicht so glänzend sein in Eurem gelobten Land! Da wird der Kanitzky am längsten Geld verdient haben, wenn er keine armen Leute mehr nach Amerika schicken kann! Es wird keiner mehr auswandern wollen!« Der dienernde Agent redet: »Haltet's nicht mit den einzelnen, Meisterin, der eine hat Glück in Amerika, der andere Unglück. Und am End ist jeder am liebsten in seiner Heimat. Will aber um Gottes willen nicht stören. Wollt' nur wegen dem Geschäft fragen, eilt ja sowieso nicht, – ergebenster Diener, meine Herren Meisters, Herr Paule, Empfehlung, Empfehlung!« Er geht. Paule fragt: »Was macht der Kanitzky jetzt?« Der Meister Faßmacher antwortet: »Alles! Betreibt zusammen mit seinen Brüdern das elterliche Materialwarengeschäft. Außerdem handelt er im großen mit allem, woran etwas zu verdienen ist. Daß er Agent für Auswanderer, dann Darlehens- und Grundstücksvermittler ist, wißt Ihr vielleicht noch von früher her. Gebt ihm nur was zu tun! Ehe Ihr es merkt, hat er Euch mit Haut und Haaren verschlungen.« »Das wird ihm aber bitter bekommen!« lacht Paule. »Ich möchte jetzt doch lieber eine gute Suppe verschlingen; Hunger hab ich übergenug; hallo, seht, da kommt Mutter an!« Frau Schmiedemeister steht, den Schöpflöffel in der Rechten, schwenkt ihn weisend zum Tisch hinüber: »Ein christlich deutsches Mittagessen nach all dem Heidenfraß, den sie dir im fremden Land vorgesetzt haben! Tu deiner Mutter die Ehr, – deinem Bauch die Lieb an und hau ein! Der Fleischer hatte grad die Weißwürst fertig, na ja, das Kraut war auch so gefettet genug!« »Auch unterwegs gab's alle Tage Sauerkraut, das ist gut wider den Skorbut, die Schiffskrankheit. Doch, wann kommt Gustav nach Haus, wann Schwester Lotte? In welcher Fabrik sind sie?« Die Mutter antwortet kurz: »In der Strumpfwirkerei bei Prentzel!« und fragt: »Was hat die Seefahrt gekostet?« Paule fragt hartnäckig weiter: »Verdient sie gut, die Schwester? Der Gustav? Umsonst schickt Ihr sie doch nicht in die Fabrik?« Nun sagt der Faßmacher: »Du wolltest uns doch sagen, was die Überfahrt gekostet hat, wie das Wetter war, wie lang du gelaufen bist von Antwerpen nach Eilenburg?« Paule wird ungeduldig: »Meister Faßmacher! Ist es Mode in Eilenburg, daß man nicht von Geschäft, Arbeit, Lohn und solchen Dingen spricht! In Amerika spricht man von nichts anderem! Hat sich Eilenburg so verändert? Damals zeigte man dem Heimgekehrten die Werkstatt, die Arbeit, die Bestellungen, die Vorräte, – ja, was ist denn?« Der Faßmacher springt auf, sagt: »Gesegnete Mahlzeit!« und geht. Langsam steht der Paule auf: »Ihr verbergt mir was? Was hat der Nachbar? Wo sind die Gesellen?« Er geht auf die Mutter zu, die hebt, wie abwehrend, die Hände. Paule faßt die Hände, besieht sie, schnippt mit den Fingernägeln in die Höhlung der Hand, kratzt auf die Fingerspitzen, auf die Ballen. Die Mutter entreißt ihm die Hände, ballt sie zur Faust und schüttelt sie. »Ja, Junge, die Wahrheit: mit diesen meinen Händen hab ich die Werkstatt auf unsern Grund und Boden gehalten! Ich bin der Geselle, ich bin der Zuschläger, ich steh am Schraubstock; bettel, bettelarm sind wir. Tiefer abwärts geht's nimmer! Alles voll Schuld, – ich zins' es mit meinen Händen. Die drei Tagwerk Acker, – am Mühlenkamp, – sie sind hin, die Holzung am Lehmberg, hin ist sie! Das Prellererb, dahin ist es mit 36 Tagwerk, samt Wald und Weiden! Darfst dich nicht mehr sehen lassen zu Delitzsch, zu Eilenburg. ›Das ist auch ein bankrotter Prellertochtersohn!‹ wird man sagen. Dein Vater, da sitzt er, der Schreck macht ihn lahm, wenn er daran denkt. Er träumt nachts von den Maschinen, daß ihm der Schweiß auf der heißen Stirn kocht. Selbst der gute Doktor Bernhardi sagt: ›Da hilft nur noch ein großer Geldsack mit 1000 Talern, der das Erb wieder zurückkauft!‹ Er verwindet es nicht, daß aus dem zünftigen Meister so eine Fabriklerfamilie geworden ist! Nun weißt du es! Zerbrich dir nicht den Kopf! Wir werden heut nach der Vesper zum Nachbar Fritzsche gehen, mit dem können wir uns beraten. Ich hab ihn so oft um Rat gebeten! Nun aber guten Appetit!« Paules Faust saust auf den Tisch, daß die Kumpen springen. »Du, Mutter, und ich! Wir schaffen's! Die Prellers treffen das Rechte, oder – den Rechten!« Er stampft mit dem Fuß auf: »Mutter, warum habt ihr mir das nicht geschrieben? Warum habt ihr mir's nicht schreiben lassen? Habt ihr denn gar nicht an mich gedacht? Vor einem Jahr noch, da ...« Die Mutter unterbricht ihn: »Wir wußten ja lange Jahre nicht, wo du warst! Laßt uns jetzt essen! Kein Wort mehr!« Der Vater schiebt den Kopf über den Krautteller und schneidet die Wurst entzwei. Er ißt zögernd, plinkt kurz ein Auge auf den Sohn, der die Ledermanschetten vom Arm nestelt und hinter sich auf den Kasten stellt. »Iß, Junge! Das Kraut kostet uns nichts, es ist noch aus unserm Garten!« sagt er. Die Mutter stößt den Meister mit dem Fuß an und sagt: »Walter, der Paule sollt' meinen, er därft nur das Kraut essen! Es ist Wurst auch für uns da! Wir haben schon Freud genug, weil du wieder da bist!« Paule lacht grimmig: »Ihr sollt es merken, Mutter, auch Bäcker und Schlachter und Wirte! Seit ich übern Rhein bin, esse ich für Drei! Und heut abend, da wird ein Wein getrunken, der wie Feuer durch die Därme rinnen soll.« Da trapsen Schritte im Torweg, über das Feldsteinpflaster kommen die Geschwister. Paules Nase nüstert groß, das war der Geruch, den damals schon das verachtete Fabrikvolk mitbrachte: Farbdunst, Ölgeruch, Schweißgestank – als Kinder waren sie im Dunkel an den Fabriklern vorbeigegangen und hatten den müde trottenden Arbeitern nachgerufen: »Ihr seid von Prentzel, ihr von Dannebaum, die Ehrenberger stinken am meisten!« Als die Geschwister in die Stube treten, geht er auf sie zu: »Lotte! Gustav, wie freu ich mich! Seid's gesund? Allright!« Er ist einen Kopf größer als sie. Sie schauen ihn fremd und freudig an. Nun holen sie sich einen Schemel an den Tisch; zwei Augenpaare blicken abwechselnd von der Krautschüssel zu den Augen des großen Bruders, der zu den Geschwistern hinübersieht. Die halbe Stunde Essenszeit ist vorbei, die Geschwister gehen wieder in die Fabrik, Paule nimmt eine Schaufel Glut vom Herd in der Küche, geht in die Werkstatt und blasbalgt das Feuer hoch. Dann schmiedet er einen vierkantigen Ring um die Ankerschraube, schweißt ihn auf und hämmert ihn kantig. Der Buchbindermeister Fritzsche geht zur gleichen Zeit in seiner Buchbinderwerkstatt umher und prüft seinen Bestand an Papier, Pappe, Leinwand und Kaliko – er schreibt auf, was er noch gebrauchen muß und überschlägt im stillen die Kosten dafür. Er hat eine Bestellung Musterkarten bekommen. Die Gesellenwerkplätze sind leer, es riecht nach kaltem Kleister, muffigem Papier und rauchigem Ofen. Fritzsche öffnet die Fenster zum Garten hin. Kahl und leblos stehen die Bäume und Sträucher, die Beete sind leer, fahl ödet der Boden. Eine Meise zirpt. Da! Beim Schmied hämmert es auf dem Amboß! Ein Geselle? Er hatte bisher keinen Gesellen, der Schmied, der Menschenscheue. Fritzsche weiß, wenn das Tor verriegelt ist, dann ist die Frau bei der Arbeit. Nun steht das Tor weit offen. Also doch ein Geselle! Wird wohl eine große Arbeit bekommen haben, der Schmied! Der Amboß klingt immerzu; nun weht ein Wind frisch und warm in die stockige Luft der Kleisterstube. Was mag beim Schmied sein, daß er das Tor seiner Werkstatt weit aufgerissen hat? denkt der Buchbinder. Jetzt trommelt ihn der Amboßklang aus der sowieso nicht großen Arbeitsfreude. Die Sonne hat den Nebel durchbrochen. Immer wieder geht Meister Fritzsche an das Fenster, atmet den Geruch der Gärten ein und äugt zum Schmied herüber. Es ist ein ganz neuer Klang! Nein, die Zöcklerleute würden das Tor nicht aufmachen, und wenn's zehnmal Frühling wird! Das muß etwas Neues sein! Meister Fritzsche sitzt am offenen Fenster und starrt in die Luft. Seit Wochen schon ist er ein Träumer geworden. Er träumt von höchst wirklichen Dingen, von seiner Vaterstadt Eilenburg und ihren Menschen, von seiner Arbeit und der Kollegen Arbeit, von seinen Kindern und der Kollegen Kinder, von seinem Haushalt und von der Kollegen Haushalt. Wie diese Dinge jetzt sind, das weiß er zum Überdruß genügend: sie sind unerträglich geworden. Die Stadt Eilenburg hat zwei Gesichter bekommen. Eins ist rosig, gut gelaunt, voll ernährt, sieht mit zwei klaren Augen in eine schönere Zukunft, sieht in Freiheit und Freude Wohlstand und Reichtum sich ansammeln. Das ist das Gesicht der glücklichen Stadt Eilenburg, der jungen und schon so berühmten Industriestadt, Stadt der Kattunfabriken und Strumpfwirkereien, der Baumwollmanufaktur und Webwarenwerke. Reisende aus aller Herren Länder bestaunen diese Stadt, verkünden ihren Ruhm in aller Welt, und von den Ländern her kommen die Bestellungen auf Waren, die hier gefertigt werden. Das bringt Arbeit, das bringt Geld; dies Geld wandert wieder in die Welt hinaus und wird zum Käufer für Rohware aller Art; und lauter als alle Zeitungssprüche verkündet das wandernde, werbende Geld: »Ich komme aus Eilenburg, der Stadt der Arbeit, ich bringe Bestellungen, ich zahle!« Natürlich sieht der Buchbindermeister Fritzsche gern in dieses rosige Gesicht und hört gern den Klang der harten Taler. Er ist für Wohlstand und liebt die Freude. Er liebt dies reiche Eilenburg und möchte nur, daß es nicht auf einen so engen Raum, auf so wenige Menschen beschränkt bleibe, wie es jetzt ist. Das ist nun sein Traum, daß dies glückliche Eilenburg größer werden müsse. Darum muß er in die Höhe sehen, in die unendlichen Räume der Winternächte, in die Harmonie der Sternbahnen, damit ihn nichts an das andere Eilenburg erinnert, in das er durch eine unsichtbare Hand hineingestoßen worden ist. Dieses andere Gesicht der Stadt ist das Gegenteil. Als sei der Böse, der Leibhaftige, der Teufel selber in den vielen tausenden Gesichtern Mensch geworden. Er fratzt umher in Hunger, Not und Sorgensangst, aus Kummeraugen. Die Arbeit wüstet in den Gesichtern mit Schmutz und Schweiß, mit Krankheit und Erniedrigung. Tag um Tag sieht Meister Fritzsche, wie ehedem gute, fröhliche Bürger, fleißige Handwerker, glückliche Männer und Familienväter ihr treues Eilenburgergesicht verloren haben und wie eine verbissene Proletariermiene kundgibt, eh der Mund es ausgesprochen hat: Bankrott! Unser Erbe ist aufgezehrt, die Bestellungen bleiben aus. Kein Kredit mehr zu neuer Arbeit, die Werkstatt gepfändet, die Existenz vernichtet. Seit sieben, seit acht Jahren geht das so. Meister Fritzsche sieht den aufblühenden Wohlstand der Fabrikstadt Eilenburg, sieht den niedersinkenden Gewerbestand; die Fabriken werden immer größer, die Zahl der Arbeiter schwillt an. Die Handwerksstätten veröden, die Familien verarmen, mit jeder Maschine, die neu aufgestellt wird, kommt ein fremder Arbeiter nach Eilenburg und bringt zehn einheimische Familien aus dem Brot. Bisher hatte Fritzsche geglaubt, daß wenigstens die neuen Maschinenarbeiter ein auskömmliches Verdienst hätten und das dort ein neuer Wohlstand werde, von dem die Handwerker, Schuster, Schneider, Bäcker, Krämer – durch Arbeit und Lieferung – auch wieder zu Verdienst kämen. Es graut ihn vor diesem neuen Arbeitervolk; von morgens 5 bis abends 9 arbeiten sie in den Fabriken und am Sonntag, wenn die alteingesessenen Eilenburger zur Kirche gehen, schlafen sie sich aus. In jeder freien Stunde sitzen sie, die Arme auf den Tisch verschränkt, vor der Schnapsflasche und wenn man in die Gasthäuser kommt, so trinken, fluchen und benehmen sich wie die Heiden. Trotzdem ist Meister Fritzsche hinuntergestiegen in das fremde Volk; er wollte und mußte sehen, ob von dort aus nicht ein neuer Wohlstand aufkommen konnte. Nein, an dieser Arbeiterschaft ist nichts zu verdienen. Doch zu seinem großen Erstaunen hörte er auf dem Bürgermeisteramt, daß die Arbeiter eine Verbrüderung geschlossen hatten. Das Haupt dieser Vereinigung war der ehemalige Färber Brade. Bei diesem ist er eben gewesen und der hat ihm von dem Plan gesprochen. Wahrlich, ein gigantischer Plan: Alle Arbeiter in allen Fabriken einer Stadt schließen sich zusammen zu einer großen Arbeitsarmee. Das verdiente Geld aus dem Lohn wird nicht direkt vom Fabrikanten an den einzelnen Arbeiter ausgezahlt; genau, wie man auch dem Soldaten nicht das Geld für seine Verpflegung, für Kleider und Wohnung gibt. Alle Arbeitgeber der Stadt zahlen allen Lohn für alle Arbeiter in eine gemeinsame Kasse; die Arbeiterverbrüderung verpflegt aus dieser Kasse die Arbeiterfamilien. So braucht der Familienvater mit sieben Kindern nicht auf den unverheirateten Junggesellen neidisch zu sein, der bisher seinen ganzen Lohn für sich allein verwenden durfte. Der Heiratswillige bekommt Ausstattung und Wohnung von der Verbrüderung, es wird für die Neugeborenen gesorgt, da brauchen sich die Mädchen keine Sorge zu machen, wenn sie auch einmal nicht geheiratet werden: Kinder sind zukünftige Arbeiter, zukünftige Arbeiter sind Soldaten. Zucht und Disziplin muß auch in der Arbeiterschaft herrschen, Kameradschaft und das Wort: Einer für alle! soll das Leitwort sein. Den jetzt schon bestehenden Verbrüderungen, der Weber zum Beispiel, denen sollen aus dem Überschuß der gemeinsamen Verwaltung Webereien eingerichtet werden; die Verbrüderung der Schuhmacher soll getrost Schuhwerkstätten einrichten, an Absatz wird es nicht mangeln. Nur dürfe sich der deutsche Arbeiter nicht einbilden, er käme aus dem Elend allein heraus. Alle müßten helfen, die Maschine sei wie eine Krankheit über die Menschen gekommen und in diesen außerordentlichen Notzeiten müßten auch außerordentliche Maßnahmen getroffen werden. Die Arbeiterarmee werde für den Staat so notwendig sein wie die Soldatenarmee und da der Arbeiter doch Soldat sei und der Soldat Arbeiter, da sei es von vornherein ganz nützlich, daß er sich an den Gedanken der Kameradschaft auch schon vor der Militärzelt gewöhne. Selbst die Fabrikanten sind begeistert gewesen, Herr Degenkolb sprach von einem neuen Deutschland, das aus dieser Idee erwachsen könne, einem gewaltigen Staat, in dem die Wehrpflicht und die Ernährpflicht gleicherweise geehrt und geschätzt werde. »Wenn dies nicht kommt, so bleibt der Arbeiter der verachtete Knecht, der Handwerker geht dem Verderben entgegen und nur dem gewaltigen Handelskapital fließen ungeheure Gewinne zu. Dann bleibt für den stolzen Deutschen nichts übrig, als sein Bündel zu schnüren und in Amerika eine neue Heimat zu suchen!« Diese Worte hatte der ehemalige Färbermeister Brade zu ihm gesprochen; Brade hatte schon seit zwei Jahren seine Werkstatt zugemacht, ein Bankrott hatte ihn um sein Vermögen gebracht. Die Frau war gestorben, die Töchter verheiratet, die Söhne ausgewandert. Er hatte schon früh den Niedergang seines Handwerks kommen sehn, seit 20 Jahren predigte er die gemeinsame Verwaltung der Färbergilde, gemeinsamer Einkauf von Farbe, gemeinsame Annahme von Aufträgen, Verteilung nach Anzahl der Gesellen und Qualitätskontrolle durch die Gilde. Nachdem die Fabrikanten der wilden und ungleichen Bedienung durch die Meister müde geworden waren, hatten sie ihren Betrieben eigne Färbereien angeschlossen. Fremde Meister aus dem Wuppertal und dem niedern Rheinland, aus Holland und Schlesien brachten neue Muster und neue Farben mit; es schien ausgeschlossen, daß die Eilenburger Färbermeister so etwas Neues schaffen würden. Nie mehr würde das freie Färbergewerbe hochkommen. Meister Brade sah sein und der andern Gewerbe Heil nur noch im gegenseitigen Helfen und zusammenschließen. Er hatte als einer der ersten unter dem Druck eines gewissenlosen Kapitals sein gewerbliches Blut ausgeschwitzt und will nun seine Zeitgenossen und Handwerkskollegen vor den grausigen Erfahrungen behüten, in dem er sie zur Zusammenschluß aufricht?. Meister Fritzsche hat ebenfalls lange keine Arbeit mehr gehabt, auch er berät seit Monaten schon die Errichtung einer genossenschaftlichen Darlehnskasse, aus der die Meister Vorschüsse auf Bestellungen erhalten, wenn sie Rohstoffe kaufen müssen. Er hat beizeiten etwas gespart; doch in den letzten Jahren mehr aus dem Vermögen gelebt als durch Arbeit erworben. Darum sinnt er mit seinen Freunden auf Verbesserung seiner Lebenslage. Er will es nicht begreifen, daß es den Fabrikarbeitern, die noch 14 Stunden am Tag schaffen, noch schlechter gehn sollte, als den Handwerkern. Nein, von unten her war also kein Geldstrom zu erwarten, die Löhne sind zu niedrig, die Familien haben zu viel Fresser. Das Gesicht des anderen Eilenburg, des düstern, verschmutzten und fast verkommenen Eilenburg drängt sich vor Fritzsches Augen hin. Er sitzt im Schein der Frühlingssonne am Fenster und fühlt die milde Wärme auf den Händen, die auf den Knien ausruhn. Es ist ihm, als dunkle der Widerschein des unglücklichen, hungernden, geängstigten Eilenburg den klaren Vorfrühlingshimmel. Da oben, in den Fernen, hinter Wolken und blauem Geleucht ist Harmonie; hier, in Eilenburg war alles Wirrwarr und Durcheinander. Ja, sein Leben im Gewerbe war immer erfüllt gewesen mit Sorge und Arbeitsnot; nur eine kurze Zelt in seiner Jugend, drei Jahre, waren ihm ebenso klar und harmonisch vergangen wie der Sterne Reigen am nächtlichen Himmel: als er Soldat in Torgau war. Da gab es keinen Kampf ums Dasein, keine Konkurrenznot, keine schlechte Rohware, keine unbezahlten Rechnungen, da gab es keine Sorge um Arbeit und keinen Haß mit und umeinander. Diese drei Jahre, unvergeßlich, sind ihm nur schöne Erinnerung. Jetzt werden sie ihm zum Leitstern: Natürlich, so muß die Arbeit auch geordnet werden! Selbstverständlich, jedem das Seine, einer für alle! Werden die Monturen und Uniformen nicht auch gewebt? Gewehre und Patronen, werden sie nicht auch in den Schmieden und Fabriken gearbeitet? Was war der Soldat ohne die Stiefel und Schuh? Ist der Arbeiter nicht der Helfer und Bruder der Soldaten und der Bauersmann nicht der große Ernährer der Soldaten, und Arbeiterarmee? Warum sieht der Soldat in höherm Ansehen als der Bauernknecht und der Webergeselle? Nein, Soldaten sind sie alle, für einander und umeinander. Wie klappt das Leben beim Militär! Ruckzuck! Korporalschaft, Kompanie, Bataillon, Regiment, Division! Wie geordnet das Heerwesen, wie greift alles ineinander: Infanterie, Kavallerie, Artillerie. Die Pioniere und der Train, sind sie nicht auch ebensowichtig wie die andern? Ja, auch da zieht ein großer Plan durch das Ganze, ein Feldmarschall steht als oberster Heerführer an der Spitze, von oben nach unten, kreuz und quer, da ist Ordnung, da ist Sicherheit, da ist Richtung und Ziel! Meister Fritzsche sieht da oben am Frühlingshimmel das Land Preußen gespiegelt wie es sein mußte und kommen sollte. Hier die Garnisonstädte: in Ordnung. Dort die Arbeitsstädte: in Ordnung. Zwischen ihnen das Bauernland mit Fourage für Mann und Tier: in Ordnung. Dann wendet er den Blick auf die Erde: O Eilenburg, eine Hölle von Unordnung und grauenhafter Wirrnis. Wie kann das Leben blühn, wenn einer gegen den andern wütet, der Arbeiter gegen den Handwerker, der Handwerker gegen den Arbeiter, der Reiche gegen beide, der Arme gegen alle. Kling, Kling, Kling, Kling! Der Amboß timpt beim Schmied. Ein neuer Geselle, ein neuer Meister? Wird auch da Ordnung gemacht? Bitter nötig. »Genau wie hier in der Kleisterbude!« sagt er vor sich hin. »Meister Fritzsche, an die Arbeit!« Er schließt das Fenster, übersieht die Liste der benötigten Waren, vergleicht und schreibt auf. Jetzt läutet es zu Mittag. Wieder ein guter Morgen dahin. Er geht ins Haus, ißt zu Mittag, einsilbig und wie abwesend. Steckt die Pfeife kalt zu sich und geht wieder auf die Werkstatt. Ein schöner Auftrag kommt gelegen: Musterkarten für Degenkolbs Weberei. Er rechnet und berechnet: So viel Rohstoff, so viel Geld oder Kredit! Zwischendurch blickt er durchs Fenster in den Garten: Was mag beim Schmied los sein? Es wird drei Uhr, er holt die Pfeife aus dem Rock und raucht. Hätt er nur das Geld für Pappe, Karton und Leinen! Es ist eine so gute Bestellung, eine so schöne Arbeit: Musterkarten! Zweites Kapitel Zur Vesper geht Fritzsche ins Haus; in der Küche leert seine kleine Tochter den Korb aus, sie war zum Einkauf im Laden: »Vater, weißt du, daß der Schmiedspaule da ist? Zu Mittag ist er aus Amerika gekommen!« »Schön, schön!« sagt Meister Fritzsche, geht in die Küche, wäscht sich die Hände und bindet seine gute, grüne Schürze vor. »Grüß ihn auch von mir!« ruft das Mädchen dem Vater nach. Er ist erstaunt: Woher weiß das Gör, wohin er will? Als er beim Nachbar ankommt, steht Frau Zöckler ausgehfertig in der Tür. Paule hat nur noch die Krawatte umzubinden. Als die Schmiedsfrau den Meister sieht, schlägt sie die Hände zusammen und ruft: »Grad zu Euch wollten wir, Meister!« Der Nachbar sieht bei dem Heimgekehrten, sie schütteln sich die Hände. Fritzsche sagt zur Mutter: »Wenn wir im Haus bleiben, hört uns die Frau und die redet so viel hinein. Wollen wir nicht lieber auf meine Werkstatt gehen?« In der Werkstatt angekommen, rückt der Meister den Tisch an das Fenster, sie setzen sich auf die Schemel und gleich erzählt Paules Mutter, was sie zu Hause des Vaters wegen, nicht sagen könnte: Wie schlecht es um Eigentum und Auskommen sieht. Zugleich soll Meister Fritzsche seinen Rat geben; Paule will, daß sofort etwas getan wird. Fritzsche hat einen Karton genommen und schreibt die Summen untereinander, die als Darlehen verzinst werden müssen, schreibt die Zinsen auf und die täglichen Ausgaben. Die Mutter hat alle Summen im Kopf. Sie ist untröstlich über die vielen Schulden, doch Meister Fritzsche zeigt ihr schwarz auf weiß, daß sie Unrecht hat, wenn sie glaubt, daß alles verloren ist. Die Mutter sieht das »Soll« riesengroß vor den Augen, das »Haben« zwergklein. Wie verzwickt solch ein altes Eigentum zusammengesetzt ist! Hier ein Stück Acker, da ein Fetzen Feld, drüben ein paar Tagwerk Land, dort ein abgeholzter Wald. Und zuletzt: die Werkstatt. Es bedarf eines Mannes Taglohn, um diese Zinsen abzutilgen. Nun überlegen die Drei lange, ob sie dem Vater den Verkauf vorschlagen sollen. Doch die Mutter rät ihnen ab: »Vater wird noch ganz trübsinnig, wenn das geschieht; er weiß überhaupt nicht, wie es steht, er kann keine Zahlen im Kopf behalten. Wenn er wüßte, wie traurig es mit uns ist, täte er sich ein Leid an!« Paule eifert: »Aber jeden Tag schon 20 Silbergroschen bar zu verdienen, um sie den Geldleuten in den Hals zu schmeißen, jeden Tag, eh du eine Schnitte Brot auf den Tisch legen kannst, das ist zuviel! Da muß etwas verkauft werden! Wer hat das Darlehen vermittelt?« Da wird die Mutter fast ärgerlich und sagt schroff: »Kanitzky natürlich! Vater wollte nicht in Judenhände kommen; nun sitzt er in den Klauen dieses polnischen Wucherers!« Sie rechnen die Zahlen zusammen, bis Paule sagt: »Nein, Mutter, es fehlen 200 Taler im Jahr. Die lassen uns keine Ruhe! Wo verdiene ich am ersten Geld? In unserer Werkstatt? In einer Fabrik? In den Betrieben geht doch allerhand zu Bruch, ich steck' mich dahinter! Zuerst aber kauf ich mir den Kanitzky, well, der muß mit mir zu den Geldleuten gehen. Wir müssen versuchen, das Geld billiger zu bekommen!« Die Mutter schüttelt den Kopf und sagt höhnisch: »Das Geld billiger! Das brauchst du mir und uns nicht zu sagen! Das sagt jeder Meister in der Stadt, bis auf ein paar wenige: wir müssen billiger Geld haben! Christlich deutsches Geld! Geld, mit dem man schaffen kann und das wieder schafft; mit dem Leih- und Zinsgeld, dem Judengeld kommt man ja nicht voran, es frißt die Arbeit auf!« Da sagt Meister Fritzsche: »Ha! Geld ist Geld!« Paule geht in großen Schritten durch die kleine Werkstatt: »Nein, Nachbar Fritzsche, Geld und Geld ist zweierlei! Habt Ihr denn unter Euch keine Assoziationskasse? Da haben die Handwerker in Amerika eine Vereinigung, da legen sie ihr Geld zusammen, in einen festen Schrank, damit es nicht geraubt werden kann. Wer es dann von den Meistern geliehen haben will, braucht nur ganz wenig zu zahlen. Habt Ihr so was?« Nun schildert der Buchbindermeister, wie in Delitzsch ein Assessor Schulze eine Tischler- und dann eine Schuhmacherassoziation gegründet hat. Auch in Eilenburg sind die Schuhmacher und Tischler daran, sich zum gemeinsamen Einkauf zusammenzuschließen. Leider tun die begüterten Handwerker, die selbst Kapital haben, nicht mit und die armen Meister nicht viel zusammen. »Darauf kommt es sich aber an! Auf Geld aus Arbeit und Handwerk, nicht auf Handelsgeld! Das Judengeld ist zu teuer! Was macht Ihr nun?« »Nun versuchen wir, durch die Zeitung dieses Bestreben öffentlich bekanntzumachen. Schneidermeister Bürmann und Doktor Bernhardi haben schon darüber geschrieben. Willst du das nicht auch tun?« sagt Fritzsche. »Ich? In einer Zeitung schreiben?« fragt Paule. »Nun ja! Haben wir Brücken gebaut und Ströme gebändigt, werden wir auch wohl aufschreiben können, was wir denken. Worte wiegen leichter als Brückenträger! Top!« »Freut mich!« sagt Fritzsche. »Ich kenne den Redakteur von unserm Volksblatt. Wir werden zu ihm gehen. Er wird schon etwas Gutes daraus machen. Doch, erzähl mal!« Da sieht Frau Zöckler auf, stemmt die Hände auf den Tisch und sagt enttäuscht: »Ach Paule, dann geh ich. Der Meister Fritzsche ist wie verrückt, er kennt nur noch seine Pläne; die ganze Stadt macht er toll mit seinen Ideen. Unsere Sach', die mit dem Kanitzky, die vergeßt Ihr ja doch? Adjes, Mannsvolk!« Frau Zöckler packt ihre Sachen zusammen und ehe Paule die Zürnende beschwichtigen kann, haut sie die Tür hinter sich zu. »Recht hat sie schon!« sagt Fritzsche, »seit wir eingesehen haben, daß es mit uns nur bergab geht, da haben wir mal auf den Tisch geklopft und die Kollegen in die Rippen gestoßen: ›Mann! Jetzt geht's um Leib und Leben!‹ Jeder weiß nun, daß wir nur durch den Zusammenschluß helfen können, – leider ist es schon sehr spät. Doch, sag, wie ging es in Amerika zu, wie war es dir, als du da ankamst, was war da nun anders, was fiel dir da zuerst auf? Das mußt du mir mal schnell erzählen!« »Ja, Meister Fritzsche. in Amerika ist alles anders. Als ich mich zuerst umsah, da merkte ich gar nicht, wer eigentlich Herr oder Knecht, Arbeiter oder Bürger, Fabrikherr oder Monteur, Angestellter oder Inhaber war. Im gewöhnlichen Verkehr, da wurde nicht von unten herauf gedienert und gekatzbuckelt, noch im hochnäsigen Ton von oben herunter herabgesehen und geschnauzt. Das war für mich das Merkwürdige!« »Und wie fandest du unsere Landsleute?« »Eins fiel uns besonders in den letzten Jahren auf: als da etliche der neuangekommenen Deutschen merkten, daß man in Amerika nicht wegen Majestätsbeleidigung ins Loch gesteckt werden konnte, da fingen sie an, auf Teufel komm heraus auf die Monarchen zu schimpfen, auf die Regierung, auf die Fürsten, auf Gott und alle Welt! Zuerst hab' ich darüber gelacht, doch nachher hab ich mich gründlich geschämt; die andern Natiöner verstanden gar nicht, was die Deutschen gegen ihre Fürsten haben, begriffen gar nicht, warum die Deutschen zu erst die amerikanische Freiheit benützen, um sich, uns und das alte Vaterland vor den Angehörigen der Nationen und den Amerikanern zu blamieren.« »Nun, wenn du die letzten fünf Jahre hier erlebst hättest, dann verständest du es schon. Hast du denn nicht mit den Leuten gesprochen, die doch sozusagen nach Amerika geflohen sind?« »Sie sprechen sehr bald nicht mehr von Politik, sie versuchen in Amerika, es schnell zu etwas zu bringen. Sie sehen, wie Arbeiter und Fabrikant friedlich und auf dem Wege freier Vereinigung und Selbstbestimmung einig werden. Sie sehen, daß Amerika nicht nur den Händlern und Fabrikanten, sondern auch den Arbeitern, nach allen Seiten, auch nach der wirtschaftlichen, sich frei bewegen läßt!« »Das versteh ich nicht recht, was meinst du damit?« »Nun, es werden keinem Schaffer solche Beschränkungen auferlegt wie hier. Ich habe in Boston gearbeitet, da war ich Schmied; ich war in Philadelphia Eisenschmelzer und in Neuyork hab ich den deutschen Kindern Unterricht gegeben, weil dort die Deutschen in solcher Überfülle ankamen, daß eine Schule so schnell nicht gegründet werden konnte. In Pittsburg hab ich dann geholfen, Lokomotiven zu bauen. Dann wurde ich, weil ich eben schreiben und rechnen konnte, Buchhalter auf dem Büro. Als mir der Schreibtisch zu enge wurde, ging ich nach Wayling in eine Fabrik für landwirtschaftliche Maschinen.« »Was sagst du da? Maschinen für den Bauer? Unmöglich!« unterbricht ihn Fritzsche. »Jawohl, Sämaschinen, Dreschmaschinen, Hack-, Haufel- und Rodemaschinen! Ich bin doch mit den Transporten auf das Land gereist und habe die Farmer und Knechte im Gebrauch dieser Maschinen unterwiesen!« »Da verstehst du wohl auch jetzt etwas vom Bauernwerk?« »Bauernwerk? Lieber Freund! Korn und Weizen nennt man dort jetzt: Agrarprodukte! Bauernwerk! Agrarproduktion! Das ist schon mehr Produktionsindustrie! Die neuen Maschinen haben die bäuerliche Hof- und Feldarbeit so umgeschmissen, wie die Webmaschinen unsre Kattunherstellung.« »Dann sollen sie die Brotfrucht herüberschaffen!« »Das wär das größte Unglück für unsern deutschen Bauernstand! Was sollen denn die Landleute in Deutschland tun? An wen sollen sie denn hier ihre Brotfrucht verkaufen? Und woher soll das Geld genommen werden, um Korn und Weizen zu kaufen! Nein, Amerika ist Amerika und alles, was sie dort machen, kann man hier nicht tun!« Meister Fritzsche stützt seinen Kopf auf den Tisch und verfällt in Grübeln. »Augen auf!« kommandiert Paule, »Meister Fritzsche, eh die Amerikaner ihre Maschinen in Gang setzten, haben sie zuerst ihre Köpfe gebraucht und die Denkmaschine in Bewegung gesetzt. Nun denkt auch Ihr mal nach: Wir sind doch keine Bauern, wolln auch keine werden. Wir sind Handwerker und wollen sie bleiben. Das ist egal, ob wir nun mit oder ohne Maschine arbeiten. Was wolln wir? Arbeit und Absatz! Warum können wir nichts absetzen? Weil die Arbeiten zu teuer sind, die Käufer nicht genügend Geld haben. Lust zu kaufen haben sie schon; mehr noch, sie müssen unbedingt kaufen. Nur, die Waren müssen billig sein. Da können wir am End doch von Amerika lernen: Große Mengen herstellen, am Einzelstück wenig verdienen. So habens ja auch die Farmer in Amerika gemacht! Nun will ich mal erzählen, wie wir drüben auf einem andern Gebiet vorgingen. Einmal arbeitete ich in Cincinati; das war in einer Eisengießerei. Da nun jeden Tag neue Artikel gebraucht wurden, konnte der Meister nicht mit. Ein Arbeiter nach dem andern mußte gehen. Zuletzt blieben nur noch die Ofengießer übrig, denn Ofen wurden immer noch in der gleichen Art gemacht. Davon konnte der kleine Fabrikant nicht fett werden, eines Tages kündigte er an, daß er die Gießerei in den Schrott schlagen und verkaufen wolle. Das paßte uns nun garnicht. Als wir uns am Abend zusammensetzten, um zu bereden, wie wir in einen andern Staat auswandern könnten, da sagte einer: »Wir wollen dem Meister die Bude abkaufen, wir wollen weiter Ofen machen, darauf sind wir nun eingearbeitet.« Drei Tage gab der Meister uns Zeit, drei Tage lang liefen wir bei den Deutschen in Cincinati herum, liehen uns Betriebskapital – und schon waren wir die Herren der Fabrik: 12 Mann hoch. Wir hatten alle unsre Ersparnisse zusammengelegt und zusammen für den Rest gebürgt. Was meint Ihr, was wir da für Öfen zusammengeklopft haben? Als wir mal gar nichts anderes mehr zu überlegen, zu planen zu rechnen hatten, als wir immer nur in einem Bogen die eine Sorte Öfen machten, – und jeder von uns immer nur eine bestimmte Arbeit an einem bestimmten Teil taten, da stieg aber die Zahl; das Dreifache leistete jedermann mit demselben Gerät und in derselben Zelt. Auf einmal standen 5000 Öfen auf Lager und soviel an Bestellungen auch abgeholt wurde, es wurde nicht weniger. Da wurde nacheinander jeder von uns auf Reisen geschickt, um Großabnehmer zu finden. Endlich kam ich an die Reihe. Ich bin ein schlechter Verkäufer und setzte nicht mehr als die andern ab. Doch ich hatte Glück, ich traf einen Mann, der Gefallen an den Öfen fand. Als ich ihm sagte, auf welche Art wir zu der Gießerei gekommen waren, – da klopfte er sich auf den Schenkel, daß es schallte und brüllte vor Vergnügen: ›Wenn ihr mir nur noch in dicken Buchstaben vorn eine Schrift gießt: Cincinati-Association, – dann nehm ich euch die ganze Produktion zu einem bestimmten Preise ab!‹ Er ging mit und wir handelten. O weh, wie sah dieser Preis aus? Kaum die Hälfte von dem, was unser Vorgänger bekam! Einen Monat machten wirs auf Probe und siehe: mit dem billigen Preis stieg der Umsatz und der Händler konnte soviel absetzen, daß immer ein Wagen zum Abholen vor unserer Gießerei wartete, ja, die Öfen waren nicht mal richtig kalt, da waren sie auch schon verkauft. Nachher sind wir hinter sein Geheimnis gekommen: er verkaufte die Öfen an eine Genossenschaft. So brauchte er nur zu liefern und strich dafür 10 Prozent ein. Eines Tages blieb der Händler aus, totgeschlagen oder in ein besseres Geschäft gekommen, egal.« – Fritzsche sieht den Jungen an: der stand da und sagte dies, als sei es etwas Besonderes. »Na ja, meinst du, wir brauchten dich, um so etwas auszuknobeln? Dazu brauchten wir Amerika und seine himmelweiten Weizenfelder? Nun komm mal mit zum Schustermeister Stolle, der soll dir was erzählen!« So, wie sie stehn, gehn sie zum Nachbar Stolle. Der guckt den merkwürdigen Eilenburgerjungen einmal neugierig an und nimmt, als Fritzsche ihn nach den Plänen der brüderlichen Vereinigung der Schuhmacher fragt, ein Schreibheft aus der Schublade. »Wir haben uns das so gedacht, Amerikamann, wir Schuhmacher von Eilenburg bilden wirklich eine brüderliche Vereinigung und tun so, als seien wir alle Mitglieder einer Familie. Dann nehmen wir zuerst mal alles Geld, was noch auf Zins aussteht und auf Rechnungen geht, legen alles zusammen und kaufen einige von den berühmten Schäfte-, Schneide-, Näh- und Steppmaschinen, einige Lederstanzen und Walzen, die das Leder vorbereiten. Daran setzen wir unsere jungen Leute und lassen sie Oberteile machen. Vorläufig nur eine Sorte, schwere, kräftige Bauernschuh, wie sie auch die Fuhrleute und Arbeiter tragen. Jeder Meister entnimmt diese vorgearbeiteten Stücke dem Lager der Brüderschaft und macht sie von Hand fertig. Wir haben uns das ausgerechnet, so werden die Schuhe ein Viertel bis ein Drittel billiger, als wenn wir sie ganz und jeder allein von Hand machen. Sind aber die Schuh soviel billiger, dann können die Jungen von uns, die Verkaufstalent haben, damit die Märkte in der Umgegend besuchen, können aber die Leute ln Halle und Leipzig, in Torgau und Merseburg so billig Schuh kaufen, dann ist es nicht schwer, diese abzusetzen. Haben wir einmal den Absatz, so können wir mit den Gerbern einen Vertrag auf jährliche Lieferung machen; dabei gewinnen die Gerber sowohl wie wir: da können wir uns das Leder um soviel billiger beschaffen, daß wir die Schuh fast zur Hälfte so wohlfeil machen können, als wenn jeder von uns auf eigenes Risiko und eigene Faust schafft. Warum, so haben wir uns gesagt, warum sollen wir warten, warten, bis die Geldleute genau so Fabriken für Schuhherstellung einrichten, wie sie es jetzt mit Kattun machen?« »Damned!« sagte Paule und klatschte in die Hände. »Das habt Ihr fein ausgedacht: Handarbeit für die wichtigen Teile der Schuhe, Sohlen und Böden, Maschinenarbeit für die weniger wichtige! Eure Jungens gehn auf die Märkte, damned, sie verdienen ihr Geld genau so wie bei der Herstellung. Wieviel seid Ihr in Eilenburg?« »125 Schuhmacher! Sollen die ausreichend Arbeit und Brot haben, so muß was geschafft werden. Der Staat erläßt Gesetze über Lehrlinge und Freiheiten, jedoch Arbeit für diese Jungens, die kann er nicht schaffen! Das müssen wir schon selber tun!« Paule ist erstaunt über die klugen Schuhmacher, so etwas hätte er in Eilenburg nicht gesucht. Das ist ja schon ein kleines Amerika! Nachdem er dem Meister seine Anerkennung ausgesprochen hat, verläßt er mit Fritzsche den Schuster. Der Buchbindermeister nimmt ihn mit zum Webermeister Zscherpe. Auch dieser holt eine Mappe mit Schreibsachen aus einem Kasten doch, dann schmeißt er sie auf einen Stuhl, lehnt sich auf den Webstuhl und sagt: »Wenn der Staat uns nicht hilft, wenn der Staat nicht die neuen Fabriken und Webstühle besteuert, wenn der Staat erlaubt, daß jeder Geldsack herkommen kann, mit jedem mechanischen Webstuhl zehn selbständige Bürger arbeitslos macht und an den Bettelstab bringt, dann müssen wir uns selbst helfen. Immer noch warten wir, bis unser Antrag auf eine gerechte Besteuerung der Maschinen von der Behörde angenommen wird. Wenn das nicht geschieht, so gehen wir alle bankrott. Nun haben wir uns zusammengetan, wir wollen uns an der Lossa einen Mühlenteich bauen und mit großen Wasserrädern Treibkraft besorgen. Dann bauen wir uns da eine große Halle, lassen unsere Webstühle umändern, kaufen uns neue Webstühle und bringen alle arbeitslos gewordenen Handweber unter. Nun suchen wir noch ein Kapital, haben uns bei der Stadt Eilenburg verwendet, damit das Genossenschaftswerk der brüderlichen Weber, Vereinigung bald zum Wohl unserer armen Kollegen aufgerichtet werden kann!« Webermeister Zscherpe ist ein rüstiger Mann in den fünfziger Jahren und glaubt, daß der Staat endlich die Maschinensteuer einführt. Von dem Erlös könnte die Regierung den brotlos gemachten Webern und ihren Familien bei der Auswanderung nach Amerika helfen oder ihnen Land kaufen, damit sie wieder Bauern werden, wie sie es früher waren und wie sie auch bis vor wenigen Jahrzehnten noch ihre Lebensbedürfnisse zum größern Teil aus dem eignen Grund und Boden zogen. Bald ist es freilich zu spät, es gibt nur noch wenig Weber, die ihre Felder nicht alle verkauft haben. Am besten wäre, die Steuer aus den Maschinen würde zur Einrichtung von Vereinswebereien benützt. Dann ginge die Entwicklung vom Hand- zum Fabrikweber langsamer voran. Kein Mensch hält es aus: die Fremden, die Geld verdienen, saufen sich aus Übermut voll Branntwein, die armen Hiesigen tränken sich die Hungersorgen vom Leib. Verzweiflung hier, Übermut dort: Da muß der Staat ausgleichen! »Doch was schwätz ich hier? Kommt doch mal in unsere Versammlung und hört die andern auch, ich muß jetzt dies Stück fertig machen!« Endlich ziehn sie heimwärts. Beide schweigen lange Zeit. Endlich sagt der Meister Buchbinder: »Hättest du das in Amerika gedacht, daß es in deiner Heimat so aussieht? Daß auch dort eine Masse Männer sind, die die Denkmaschine in Betrieb setzen, seit die Dampfmaschinen die Handwerke stillegen? Hast du einmal an deine arme Heimat gedacht in deinem reichen Amerika?« Paule erwacht wie aus einem Traum. »Ich? Nein, ich hatte keine Zeit! Ich war grade am Geldverdienen! In wenigen Jahren mußte ich die ersten zehntausend Dollar zusammenhaben. Es ging um die letzten zweitausend. Da verlor ich alles auf einen Hieb. Und da hatt' ich keine Lust mehr an Amerika! Fahrgeld verdient und heimgemacht. Wär ich noch ein Jahr geblieben, so hätt' ich wieder 1000 Dollar zusammengehabt. Tausend Dollar verdiente ich jedes Jahr.« »Hier verdienst du nicht mal tausend Silbergroschen«, sagt Meister Fritzsche. »Ich habe noch ein paar Anteile bei einem Kollegen gelassen; er kann sie verkaufen und mir das Geld dafür schicken. Doch zuerst will ich mit dem Kanitzky, dem schwarzen Halunken, abrechnen. Keiner der Wucherer soll Freude an mir haben. Ihnen mach ich die Hölle heiß!« »Du bist hier nicht in Amerika!« lacht Meister Fritzsche. »Hier ist das Geld heiliger als Männerblut.« »Meister, so tief ist Deutschland nicht gesunken, nehmt das Wort zurück.« »Ha, es ist ja grad hundert Jahr her, da haben die Fürsten ihre Soldaten an die Engländer verkauft, für bar Geld verkauft! So was kommt erst langsam von oben herunter ins Volk hinein! Ist es aber einmal unten, so wird es offenbar.« »Nein, Meister Fritzsche, alles können sie verderben, den deutschen Mann aus dem niedern Volke nie: den Bauer nicht, nicht den Handwerker und nicht den Taglöhner! Die Arbeit, die ehrliche, sie bewahrt ihn davor!« »Ja, wenn er immer Arbeit hätte, der Mann aus dem niedern Volke! Das ist es ja eben, die Arbeit nehmen sie dem einen ab, um sie dem andern doppelt aufzuladen. Viele hundert Handwerker brüllen nach der Arbeit, die den Fabrikleuten an den Maschinen mit vierzehn Stunden zu viel aufgeladen wird!« »Ich glaub's Euch nicht!« sagt Paule. »Wenn ich's glauben müßte, führ ich gleich wieder zurück nach Amerika. Nein, grad deswegen nicht! Dann begänn ich den Krieg gegen Fürsten und Fürstendiener!« »Halt den Mund, Paule, wenn's jemand gehört hätte, so könnte er dich ins Gefängnis bringen.« »Die Luft wird mir zu eng, Meister Fritzsche, ich geh. Ein andermal komm ich wieder.« Drittes Kapitel »Heraus aus dieser Stadt. Muß mal ins Freie, muß wieder mal an die Mulde gehn, muß einmal durch die Felder laufen. Mir ist, als hielte unsre alte deutsche Erde nicht mehr zusammen. Was ist das nun einmal mit unserm Vaterland, was ist es nun mit Deutschland? Heimatlos in der Heimat – so kommen mir die Kollegen vor. Eine erbärmliche Armut in all dem Reichtum! Diesen Mangel in all der Fülle! Wer kein Eigentum hat, der giert danach, wer Erb und Eigen besitzt, wird unter der Last erdrückt! Der Besitz gehört nicht dem Eigentümer, der Eigentümer besitzt es nicht. Es ist, als ob alles Gut in die falschen Hände geraten ist. Mir kommt vor, als wenn wirklich das Geld regiere und keinen Deutschen mehr kenne. Da müßte der Staat zupacken und den Deutschen in sein altes Recht einsetzen; ich will mal in den Wald gehn und die Bäume fragen. Es ist alles so eng in Eilenburg, ich muß die Felder sehn. So viel Elend auf einem so kleinen Fleck, nein das gibt es in Amerika nicht! Da kann der Mann dem Elend entrinnen. Hier, hier rennt er nur ins Elend hinein!« Denkt Paule, und seine schweren Schritte klopfen über das Pflaster hin, wie auf einer Flucht. Nachdem Paule bis zur Dunkelheit in den Muldewiesen umhergelaufen ist, setzt er sich zu Haus an den Tisch und schreibt seinem Freunde. Er bittet ihn um 1000 Dollar, er schickt ihm den Schein für die Papiere, sobald er mit den Gläubigern seines Vaters abgerechnet hat. Am selben Abend geht er zu Kanitzky, sie fahren am nächsten Tag zu einer Bank in Leipzig, die endlich in einer Liste die amerikanische Bank findet und auch die Werke, die für die Anteile haften. Die Bank gibt ihm ein Schreiben mit, dieses legt er den Geldleuten als Beweis vor, daß sie in einigen Monaten ihr Kapital wieder bekommen. Paule läßt den Agenten nicht los, er muß mit ihm zu den Wucherern; die freuen sich schon auf das Land, welches sie bei der Versteigerung für ein paar Taler schlucken können. Der Kanitzky hat es ihnen sozusagen versprochen und nun muß derselbe Kanitzky kommen und ihnen sagen, daß sie nicht das Land, sondern ihr Geld bekommen. Nun sind sie drei Tage über Land gewesen, was Paule gewollt hat, ist durchgesetzt. Vorläufig ist er diese Last und Sorge los. Jetzt erst beklagt sich der Agent über die Feindseligkeit der Mutter Zöckler; er sei gar nicht so, daß er es mit den Geldleuten hielte. Er verstände es zwar auf seine Art, mit den reichen Wölfen zu heulen, das gehöre zu seinem Handwerk. Paule glaubt ihm das nicht recht. Immerhin: Er weiß besser als seine Mutter, daß Geschäft eben Geschäft ist, und daß der Makler der Hohepriester zwischen dem Götzen Mammon und dem armen Volk ist. Nun gehen sie durch die Felder heim. Die Wege sind schlecht, drum laufen sie am Ackerrand vorbei. Als sie schon wieder Eilenburg liegen sehen, müssen sie durch einen Hohlweg. Von der Stadt kommt ihnen ein Wägelchen entgegen. Ein junger Knecht muß das Pferd am Zügel führen. Tief schneiden die Räder, trotz der leichten Last, in den lehmigen Grund, der von den Bauernfuhrwerlen mit schweren Rädern zerschnitten ist. Endlich kann der Wagen nicht weiter, der Knecht muß umdrehen, nun legt sich das Gefährt so auf die Seite, daß die junge Dame, die sich krampfhaft an den Sitz hält, fast hinausfällt. Das Pferd stampft fußtief in den Wasserlachen, der Knecht kann nicht anders, er muß das Tier auf die Böschung zwingen. Unter dem Wagen sieht fußhoch der schlammige Brei. Da kommt Paule mit Kanitzky; Paule fordert den Agenten auf, ins andere Rad zu packen, doch der Agent will nicht in den Schlamm hinein. Paule springt in den Hohlweg. Er watet bis an die Knie im Schlamm. Jetzt wendet er sich dem Wägelchen zu, das jeden Augenblick umkippen muß, weil der Knecht das Pferd nicht höher auf die Böschung bekommt. Paule steht mitten im Wasser, es reicht ihm fast bis an den Saum der langen Stiefel. Er faßt das Mädchen mit seinen schmierigen Händen unter die Achseln und hebt die leichte Last hoch; er läßt sich, weil er die Stiefel nicht aus dem Schlamm bringt, auf ein Knie nieder und bekommt es so fertig, das Persönchen auf den Böschungsrand zu setzen. »Es ist keine Hilfe da!« schreit oben auf dem Felde der Agent, »ich war bis weit im Feld, wir müssen...« »Feiger Hund!« schrie Paule ihn an, »halte das Pferd, oder stränge das Tier ab!« Kanitzky steht immer noch auf der Böschung und äugt zu Pferd und Kutscher hin. Da gibt Paule ihm einen Schubs, daß er mitten in die gelbe Brühe springen muß. Jetzt hilft er dem Knecht, der das tanzende Tier beruhigt hat, und schon hängt er sich an das Wägelchen, das in wilden Schwüngen den Hohlweg hinauffliegt. Paule bringt das Mädchen auf den Feldrand; er säubert seine Hände im nassen Gras und beruhigt die Weinende. Unter Schluchzen und Klagen bekennt sie, daß sie ohne des Vaters Wissen ausgefahren ist, um die Tante im Meierhof zu besuchen. Da hören sie einen Schrei. Sie wenden sich um: Kanitzky liegt lang im Schlamm, das Pferd ist mit dem Wagen durchgegangen. Der Knecht versucht, so gut es geht, das Tier zu hemmen. Nun muß das Mädchen lachen, als es die traurige Figur des Agenten auf der Böschung sieht. Paule ist ärgerlich auf den dummen Kerl und schimpft mit ihm. Der Knecht sieht mit dem Wagen am Ausgang der Schlucht, nestelt das Geschirre fest und sagt, daß die Fahrt jetzt weitergehen kann. Das Mädchen fordert Kanitzly mitleidig auf, sich in den Wagen zu setzen und sich zur Tante fahren zu lassen, die eine Viertelstunde weit wohnt. Sie käme mit Paule nach. Der Kutscher scheint die Launen der jungen Herrin zu kennen, er hilft dem Agenten, der immer noch dienert, in den Wagen. »Alter Herr, bilde dir nur nicht ein, es geschähe dieses aus Freundlichkeit, aus Hochachtung vor deiner Person? Um dich aus den Augen zu bekommen, trüg ich dich selbst auf dem Buckel nach Haus!« lacht Paule ihn aus. Der Ackerbodenrand ist glatt. Paule muß den Arm um das Mädchen legen; es ist in einen weiten Kragen ohne Ärmel gehüllt. Das ist sehr unbequem, es schlägt den Mantel über die Schulter und nimmt den Arm des jungen Mannes. Es schwatzt und plaudert drauflos, während Paule sich an der hübschen Last freut. Seit er von Antwerpen wegreiste und zuletzt dort mit einem Kneipenmädel tanzte, hat er keine Frau mehr in Reichweite gesehen. Er hat sie untergefaßt, er muß sich bücken, um sie gelegentlich über Pfützen und Furchen zu heben. Eine Wolke Wohlgeruch steigt aus dem Mantel zu ihm auf. Nun sieht er, daß es wirklich eine junge Dame und kein Kind ist. Ihr Vater ist der Handelsherr Neer, und sie heißt Agate. Sie stehen vor der Meierei. Kanitzky hat die Herrschaft bereits mit dem Vorfall bekannt gemacht, und die Tante eilt den langen, kiesbedeckten Weg hinunter. Paule muß nun, ob er will oder nicht, mit ins Haus gehen. Seine langen Stiefel und Ledermanschetten, seine braune Wolljacke sind gleich einer Visitenkarte; er ist der Fremde. Kanitzky sitzt in der Küche beim Personal, Paule wird von einer Magd in die Badestube gebeten. Ein Zuber heißes Wasser dampft. Er säubert sich; als er wieder in den Salon zur Tante kommt, sitzt das Fräulein in einem altmodischen Kleid der Tante auf dem Sofa. Der große Paule hat sich auf ein zerbrechliches Sesselchen gesetzt und muß aus einem hauchdünnen Schälchen Tee trinken. Die Tante rät ihm zu einem Likör; Paule stellt sich vor den mit venezianischen Gläsern bedeckten Tisch und das Fräulein hält ihm mit spitzen Fingern den grünen Chartreuse hin. Paule ist wie in einem Traum. Dieser spielerisch kostbare Salon, die unbeschwerten Reden, dies Lächeln, Hinschweben auf einer Welle Duft und Glanz, genießt er wie ein fremdes Abenteuer. Wie unbekannt ist diese fremde Welt, ferner als Amerika und Asien. Die Länder sind mit Schiffen zu bereisen, doch in dieses Paradies hinein führt keine Straße, kein Wille und kein Weg. Er ist ein Verschlagener an einem Inselstrand. Erst, als er die Feuchtigkeit in den Strümpfen spürt, beobachtet er den Boden unter sich, auf dem hellen Teppich dunkeln zwei braune Flecken, aus seinen Stiefeln zieht die Nässe ab. Er wagt nicht, sich an den Sessel anzulehnen, der braune Rock könnte abfärben. Da klingelt ein Ührchen, von vergoldeten Engeln getragen, die vierte Nachmittagsstunde. Ein elfenbeingeschnitztes Figürchen hält seinen Blick fest; es ist eine Nixe, die auf einem Sonnenstrahl tanzt. Das Köpfchen ist das Gesicht des Mädchens, welches in dem Altmodekleid vor ihm sitzt. Er ist froh, als die Tante aufsteht, die Nichte in ein anderes Zimmer führt und ihn bittet, so lange zu warten, bis sie sich wieder zur Weiterfahrt fertiggemacht hat. Paule sieht sich in dem Zimmer um. Überall schön vergoldete Möbel, Spiegel, Bilder, Schnitzereien, Bücher. Es mahnt ihn nichts an Arbeit oder nützliches Tun. Er schlägt ein Buch auf. Verse stehen darin, mit Gravüren verziert und hübschen Bildern; da sitzt ein junger Mann auf der Bank einer Rosenlaube, vor sich einen Becher Wein, er breitet die Arme nach einer Schönen aus. Der Vers, der auf der Blattseite keinen Platz mehr hat, steht unter dem Bild: »Darum will ich trinken, solange es geht, Bekränzt mich mit Rosen, Und gebt mir ein Mädchen, das Küssen versteht!« Paule geht ans Fenster, er sieht die Sonne über den Rasen leuchten. Geschnittene Taxushecken grenzen die Welt ab. Es kommt ihm der Gedanke, daß sein Leben ein böser Traum war, und daß es gar nicht echt gewesen ist mit aller Arbeit, Sorge und Mühe. Er geht an ein anderes Fenster, da liegt die große Wiese, auf dem Fahrweg sieht der Knecht mit dem Wägelchen, die junge Dame nimmt Abschied von der Tante. Paule sieht sich um, er sucht nach einer Tür. Die nächste führt in ein Schlafzimmer, er kommt in die Badestube; eine andere Tür, die mit Silbertapeten überklebt ist, hat er vorher nicht gesehn, er reißt sie auf und eilt durch einen Gang ins Freie. »Du wolltest mir den jungen Herrn wohl hier lassen! Schelmin!« Die Tante schilt, doch das Fräulein schlägt in gutgespielter Verwunderung die Hände zusammen: »Ach, ich hab ihn vergessen wie meinen Schal. Tante, den Schal laß mir holen! bitte!« Die Tante schickt ein Mädchen, inzwischen hat das Fräulein Herrn Paule gezwungen, mit einzusteigen; willenlos gehorcht er. Der Schal wird ihr noch gereicht, die Tante küßt ihre Nichte, bedankt sich bei Paule für die Hilfe und nun zieht das Pferd an. Als sie den Hügel hinauffahren, sieht Paule die Burg, die Schornsteine und das Rathaus von Eilenburg. Sie biegen in die Landstraße ein, nach einer knappen Stunde ist Paule nahe der Gasse, in der seine Eltern wohnen. Er verlangt, daß der Knecht vor der Stadt hält, das Fräulein schmollt. Sie will ihn bis an die Gasse fahren, er besteht auf seinem Willen. Er nimmt mit einer Verbeugung Abschied, dann rollt der Wagen weiter. Paule geht gleich nach Haus. Er setzt sich in die Küche und beginnt zu essen. Die Mutter wärmt ihm vom Mittag das Gemüse, Paule hat einen unstillbaren Hunger. Erst, als er von der Mutter gedrängt wird, erzählt er vom Erfolg beim Geldbauern. Er hofft, daß es ihm gelingt, alle Zahlungen stunden zu lassen und einige Stücke Land mit Gewinn zu verkaufen. Die Mutter hört nicht auf, ihn vor dem Makler zu warnen; sie begreift nicht, daß Paule immer nur über den Agenten lacht. »Wie Ihr nur so einen Jammerhahn ernst nehmen könnt, das kann ich nicht begreifen! Der richtige Geschäftemacher! Er heult mit allen Wölfen!« »Und unser Geld steckt er ein!« zürnt die Mutter. Sie will noch mehr über die Geldsache wissen. Paule lacht immer nur und sagt, daß in zwei oder drei Monaten der letzte Schuldschein zerrissen sei. Die Mutter will erklärt haben, wodurch und wovon, Paule schwört es ihr hoch und heilig. Endlich ist sie beruhigt; als Paule nun doch nach dem Abendessen wieder ausgehn will, warnt sie ihn vor Fritzsche und seinen Plänen. Nein, an Fritzsche habe er wirklich nicht gedacht, da ginge er mal gar nicht hin heute, es sei ganz ausgeschlossen, daran denke er nicht. »Du wirst doch nicht schon verliebt sein?« fragt die Mutter mit dem dümmsten Gesicht von der Welt. Paule wird rot. Dreht sich gegen das Licht und nestelt an seinen Stiefelstrippen, dann stürzt er zur Tür hinaus. Die Mutter läuft an den Tisch, legt die Arme aufs Brett und fängt laut zu jammern an: »Heimgekommen, wiederbekommen, um ihn an ein dummes Frauensmensch, an eine grüne Gans zu verlieren! Ach, wir armen Menschen!« Nun hat es schon ein paarmal geklopft. Frau Zöckler hebt den Kopf und trocknet die Tränen, herein tritt Meister Fritzsche. Er beklagt sich, daß Paule sich nicht bei ihm sehn läßt, sie, die Mutter müsse ihm Bescheid sagen, er müsse sich um die Sache mit den Assoziationen bekümmern. Er müsse ihnen helfen. Meister Fritzsche wundert sich, daß Frau Zöckler nun auf einmal nicht auf die Männersachen schimpft. Gewiß, sie wird ihn tüchtig anhalten, er soll sich um die Männersachen bekümmern, leider sei er ein Springinsfeld, er habe seine Gedanken nie richtig beieinander. Dann fragt der Meister, ob er schon einmal zu ihr über die neue Sache gesprochen habe, er müsse da unbedingt helfen. Ja, er habe in den ersten Tagen immer wieder von den Assionen oder wie die welschen Dinger hießen, gesprochen. Zuletzt habe er gesagt: »Die Eilenburger müssen etwas machen, das ihnen direkt und gleich hilft. Die Zukunft sollten sie dem lieben Gott überlassen, aber jetzt sollten sie dafür sorgen, daß etwas zustande kam, durch das jedes arme Eilenburger Kind eine Schnitte Brot mehr zu essen bekam, etwas, das jede arme Eilenburger Familie direkt am Brotschrank spüren könne. Ja, Meister Fritzsche, vom Brot hat er gesprochen, von nichts als Brot; nicht Kredit noch sonst etwas, sondern Brot müßten die armen Leute von Eilenburg haben!« Dann beginnt die Mutter von ihren Schulden und Lasten zu sprechen, sie ist voll Hoffnung, daß es Paule gelingt, mit den Gläubigern fertig zu werden. Nur hat Paule ihr noch nicht gesagt, woher er das Geld schaffen will. Auch heut spricht Paule nicht davon. Er will erst die Summe aus Amerika da haben, dann kann er ganze Arbeit machen. Nachdem die Mutter wieder einmal von neuem von den Schulden spricht, redet Paule mit Fritzsche über den Agenten und verschiedene Geldleute. Fritzsche hört das nur mit halbem Ohr an. Vor seinen Augen marschieren Mehlsäcke und Brotlaiber auf. Jetzt bringt er seinen Wunsch an, er fragt Paule nach der Methode, wie sie in Amerika das Brot an den Mann bringen. Paule steht auf und wandert in der Stube her und hin. »Ja, das war in Boston, da waren die Händler in den guten Zeiten geradezu hochmütig geworden, fühlten sich wie oberste Richter und wollten dem Volk vorschreiben, welcher Preis für Brot bezahlt werden müßte. Da machten sie – ja, das ist so eine Sache – da müssen wir erst die Mutter wegschicken. Well, Mutter, das interessiert dich doch nicht, ist eine lange Geschichte.« »Alles was mein Jung in Amerika gesehn hat, interessiert mich; ich strick ihm derweil ein Paar Strümpfe!« Frau Zöckler kramt das Strickzeug aus und schlägt Maschen auf die Nadel. »Sie machten eine Lebensmittelassoziation auf. Das ist eine Vereinigung von Arbeitern; sie kauft Lebensmittel im großen für die Mitglieder ein und verteilt die Waren zu angemessenem Preis. Entweder vermindern sie die Einkaufspreise und geben zu billigeren Preisen ab oder verteilen den Gewinn als Dividende. In Boston wurde der Verein vor vier Jahren gegründet, es waren zuerst kaum ein Dutzend Leute. Als ich wegfuhr, waren schon hundert solcher Vereine in einer Union zusammengeschlossen. Diese Union kauft alles bei den Produzenten selber ein. Der sogenannte Zentralagent schließt mit den Müllern Verträge zu 1000 Faß Mehl ab, mit den Farmern auf Wagenladungen von Eiern, Käse, Butter. Die Mitglieder gewinnen bei diesem System viel Geld, das heißt, sie können von ihrem Lohn viel mehr kaufen.« »Ja, unglaublich! Echt amerikanisch! Paule, schreib alles auf, was du davon weißt! Und sag, ob wir wohl auch hier solch eine Vereinigung gründen können?« »Warum nicht? Entweder leben wir besser oder ersparen bar Geld! Das ist für uns alle sehr nötig! Wie sollen wir in dieser schlechten Zelt mehr Einkommen schaffen? Wodurch? Unsere Arbeit können wir nicht vermehren, unsern Lohn nicht erhöhen. Wenn wir aber durch eine Lebensmittelgenossenschaft Geld ersparen, so haben wir ohne vermehrte Arbeit mehr Einkommen. Ich garantiere, daß wir es alle direkt am Brotschrank spüren können. Erst dann, wenn die Masse wirkliche Vorteile sieht, erklärt sie es für eine gute Sache, und dann tut auch sie mit! Denn es muß eine Organisation der Massen sein!« »Paule, du wirst dich wundern: du denkst nicht an die Händler! Meinst du, die würden sich so einfach an die Seite setzen lassen? Das wird aber einen großen Streit geben!« sagt ernst die Mutter. Paule spricht unbeirrt: »Wieviel Einwohner hat unsere Stadt?« Fritzsche antwortet: »Fast 10 000 Seelen oder rund 2000 Familien! Das weiß ich vom Rathaus her!« »Mutter, was verzehrt durchschnittlich eine Familie?« fragt Paule weiter. »Das kann ich dir so nicht sagen«, sagt die Mutter. »Ich will es einmal ausrechnen!« sagt Fritzsche, »aber es gibt viele Arbeitsleute, die mit weniger auskommen müssen, als wir verbrauchen. Nehmen wir an: wir bekommen 1000 Arbeiterfamilien mit einem Umsatz von je 50 Talern, so sind das 50 000 Taler. Bei solch großem Umsatz läßt sich billig einkaufen!« Paule fügt hinzu: »Ihr glaubt gar nicht, wie dann auf einmal auch in den andern Läden die Produkte billig werden! In Boston sanken binnen einer Woche die Grütze und der Reis um 10–20 Prozent!« »Darum werdet ihr euch Feinde machen!« mahnt die Mutter. »Paule, in unser christliches Sachsen passen so heidnische Dinge nicht! Erst kam die Maschine, die hat den Handwerker arm gemacht; jetzt kommen die Arbeiter und machen mit ihrer Vereinigung die Händler arm!« »Es ist richtig«, sagt Fritzsche, »wir Handwerker sind verarmt. Sollen nun die Händler auf Kosten von uns verarmten Handwerkern leben?« »Was soll denn aus dem ganzen Mittelstand werden, zu dem wir doch selbst gehören«, antwortet die Mutter. »Der Mittelstand ist lebensnotwendig für eine Nation, aber ebenso der Arbeiterstand«, meint Paule. »Wem kommt die Ersparnis denn zugute?« »Dem Käufer, Mutter! Jeder, der kauft, kann Mitglied werden. Das Mitglied nimmt dann, wie der Händler, die Waren aus seinem eigenen Laden. Die Genossenschaft wird beim Produzenten kaufen und später selbst produzieren!« »Paule, laß dich warnen!« sagt die Mutter. »Wenn das wirklich so gut und richtig ist, warum haben's die Leipziger nicht schon so gemacht, oder die von Halle, oder gar die Berliner? Warum soll nun unsre Eilenburgerstadt amerikanisch werden? Paule, das gibt ein Unglück!« »Grad in Eilenburg! Wo die Industrie ihre Feuermaschinen hingestellt, die Manufaktur ihre mechanischen Webstühle, ihre Rouleaus und Druckereien, die eisernen Pferde des Erfolges, da muß die Arbeiterschaft ihre Denkmaschine in Gang setzen, die Massen ihre Organisation! Grad hier in Eilenburg, wo der Unternehmungsgeist eine solche Industrie geschaffen hat, die aus dem kleinen Landort eine berühmte Fabrikstadt machte, hier werden auch die Arbeiter sich in die Organisation finden. Was weiß man in der Welt von Eilenburg? Vielleicht, daß der gute Rinckart hier sein berühmtes Lied »Nun danket alle Gott« gedichtet hat! Das interessiert die moderne Welt nicht, aber sie weiß, wo die besten Strümpfe gewirkt, das beste Zeug am schönsten bedruckt wird! Diese Eilenburger Arbeit findet in der großen Welt Absatz und die gute Ware macht die kleine Stadt berühmt. Grade hier kann solch eine Genossenschaft aufwachsen! Meister Fritzsche ist aufgestanden. Er weiß nicht, was er mit seinen Händen vor lauter Begeisterung anfangen soll. Er legt sie Paule auf die Schulter, er reibt sie ineinander, er ballt sie zu Fäusten: »Ha! Gleich anpacken möcht ich, Mutter Zöckler! Was der Paule da sagt, darauf warten wir alle! Da muß bloß einer kommen und den Anstoß geben! Nun ist das getan, ich sehe, wie diese Idee durch die Gehirne läuft und die Beine in Gang setzt: Auf! wir bauen eine Genossenschaft!« »Meister Fritzsche, Ihr seid ja von Sinnen! Als hättet Ihr die Nachricht von einer großen Erbschaft bekommen! Was für ein großer Kindskopf Ihr seid!« Paules Mutter schüttelt mißbilligend den Kopf und spricht eifrig weiter: »Glaubt ihr denn, ich war' hier geblieben, um eure Verrücktheiten anzuhören! Anstatt, daß ihr unsere Geldsachen in Ordnung bringt, und uns von den Sorgen befreit, da ladet ihr euch noch die Sorgen von einer ganzen Stadt auf! Ich hab schon eiskalte Füße! Ich geh zu Mutter Fritzsche, daß sie einen Kaffee macht! Aha, darum wolltet ihr nicht zu den Frauen, damit ihr mit euren verrückten Ideen nicht ausgelacht werdet! Nein, auf euch Männer kann man sich schon gar nicht verlassen! Ich weiß, ich muß unsere Sache allein schaffen! Auch der Paule ist so ein Phantast geworden!« Frau Zöckler geht wütend weg, klatscht die Tür ins Schloß und läuft die Treppe hinunter. »Ja, die Sorgen einer ganzen Stadt! Recht hat die Frau!« sagt Fritzsche. »Eines Mannes Sorge ist aller Männer Sorge. Allein können wir uns doch nicht helfen. Wir müssen uns alle miteinander helfen! Paule, nun wollte ich, nicht bloß ich, sondern die ganze Stadt hätte gehört, was du von der Lebensmittelgenossenschaft sagst. Tu mir und tu uns allen den Gefallen, und bring das zu Papier, dann geh mit mir zum Redakteur. Der druckt es und dann weiß es bald die ganze Stadt!« »Gewiß, das will ich zuerst tun«, sagt Paule, »dann gehn wir nochmal mit dem Agenten zu den Geldverleihern. Inzwischen kann die Zeitung drucken, was ich geschrieben habe und Ihr hört Euch mal um, was die Arbeiter davon sagen. Ich kenn' ja noch keinen aus den Fabriken. Am liebsten möcht ich mit einem sprechen, der auch drüben war! Wißt Ihr keinen?« »Es soll einer aus der Arbeiterverbrüderung drüben gewesen sein. Geh vorerst zum Doktor Bernhardi, Paule, der Mann weiß alles, er kennt sicher auch deinen amerikanischen Verein!« »Ich hab's nicht mit den gelehrten Leuten!« wehrt Paule ab, »ich geh lieber zur Arbeiterverbrüderung!« »Auch gut!« sagt Fritzsche, »in Berlin und Leipzig haben die früher auch schon so was Ähnliches empfohlen!« Sie gehen nach Haus. Paule will noch einmal in die Stadt, sich die Läden ansehen. »Und morgen schreibst du das von Amerika und der Genossenschaft?« fragt Fritzsche und schüttelt ihm die Hand. »Morgen gleich!« sagt Paule; sie trennen sich. Nun ist Fritzsche zum Doktor Bernhardi, dem Arzt und Volksfreund, unterwegs. Er überlegt sich den Vorschlag von Paule. »Daß wir es alle an unserm Brotschrank spüren können!« hat er gesagt. Das ist das Zauberwort! Er spricht es immer wieder aus: »Daß wir es alle an unserm Brotschrank spüren können!« Meister Fritzsche hat keine Ruhe mehr, seitdem er von Amerika und den neuen Arbeitsmethoden gehört hat. Er träumt von Weizenbergen und Fruchthügeln; er sieht, wie das Korn durch die Mühlen läuft, zu Mehl wird, wie es in den Backtrögen ruht und auf einmal von kräftigen Armen gerührt, geknetet und geformt wird, wie es in die dunklen Backöfen verschwindet, und nun kommt es hervor: Brot, Brot, Brot! Das Brot! Vor dieser Erkenntnis steht der Buchbinder still. Wie konnte man nur über dieses Einfachste und Selbverständlichste hinwegsehen! Das Brot! Selbstverständlich! Das Brot und nichts anderes! Das Brot ist das einzig große Gemeinsame! Er hat es vor drei Jahren erlebt, als die große Mißernte einen fürchterlichen Mangel über das Land brachte. Wie machte das unscheinbare Brot den Hermann Schulze aus Delitzsch zum Retter aus Hungersnot und Hungertod! Auf einmal strömen die Armen des Landes auf das kleine Delitzsch zu; der Name Hermann Schulze geht durch die Scharen der Hungrigen von Mund zu Mund, läuft die Dörfer entlang; von Leipzig und Torgau, ja von Halle her sind die Straßen von Menschen belebt, die den Namen Hermann Schulze voll Hoffnung und Freude aussprechen: durch ihn bekommen sie Brot, Brot und billig! Die Bäcker und Mehlhändler, die Müller und Krämer lassen sich Mehl und Brot mit Gold aufwiegen. Darum wenden sich die Armen gegen die Krämer, die die Not ausgenutzt haben und wenden sich in Verehrung und Liebe zu dem Mann, der das Brot nicht nur billig verkauft, sondern zu halben Preisen und an die Armen sogar verschenkt. Wie konnte Hermann Schulze, der doch selber nicht reich war, das tun? Er hatte, ehe die Not allgemein bekannt wurde, schon Mehl eingekauft, es auf große Böden speichern lassen und in aller Stille eine Mühle gepachtet. Als nun die Hungernden die Läden stürmten, die bessergestellte Einwohnerschaft eine Wehr gegen die Hungrigen gründete, die Eilenburger aus der Torgauer Garnison vierhundert Gewehre kauften, in dieser Zeit, als es gar kein Brot mehr gab, da wußte der Mensch wieder, was für eine Himmelsgabe das Brot ist. Nun weiß Fritzsche es auch wieder, es ernährt nicht nur, es schließt auch die Menschen zusammen und auf diesen Zusammenschluß kommt es an! Auf diesen Zusammenschluß wird Fritzsche drängen: mit Doktor Bernhardi, Brade, dem Vorsteher der Arbeiterverbrüderung, mit Meister Gottfried Stolle von der brüderlichen Vereinigung der Schuhmacher, mit Hermann Joseph Müller, dem klugen Schreinermeister von der Tischlerassoziation. Sie werden sich alle zusammenschließen, mit allem, was einen hungrigen Darm und einen wäßrigen Mund nach Brot hat! Zu den Arbeitern werden sie gehen, sie werden sich alle zusammentun und eine Genossenschaft gründen! Sie werden, wie Hermann Schulze, nun gemeinsam Korn kaufen, auf eigene Rechnung mahlen lassen und dann an die Haushaltungen abgeben. Endlich muß das Ersehnte kommen, das Nötigste, das Allernötigste, das Brot der Armen. Viertes Kapitel Fritzsche spürt die Sonnenwärme des frühen Märztages im Gesicht. Er spürt ein neues Wehen, es ist wirklich ein neuer Frühlingsanfang in Aussicht. Das arme Volk, ganz ohne Erb und Eigen, schafft sich ein eigenes Werk. Das Volk wird wieder ehrlich an sich selber. Seine Begeisterung läßt auch nicht nach, als er den Doktor nicht antrifft. Fritzsche geht weiter, geht nach Haus. Er will diese Gedanken sammeln. Wenn er nur nicht die Musterkarten zu machen hätte! Die Gedanken sind ihm heute wertvoller, als die Arbeit und das Verdienst. »Heda! Fritzsche!« ruft da eine Stimme. Das ist der Schuster, der Meister Gottfried Stolle. Sie haben vor einigen Tagen die brüderliche Vereinigung der Schuhmacher gegründet. Er sieht aus dem Fenster und winkt dem Kollegen zu. Als er in der Türe steht, flüstert der Schuster: »Komm mit herunter!« Sie gehen durch den Flur und gehen in die Werkstatt hinab. Das Fenster liegt noch ein wenig tiefer unter der Kante der Straße. Sie sehen von jedem, der vorübergehl, nur die Beine. Es genügt ja für einen Schuster, wenn er nur die Beine sieht. Sie verraten ihm mehr als das Gesicht. Nun sehen sie die Röcke einer Frau. Der Schuster grinst: »Mein Weib geht da! Sie meint, ich wäre wieder zur Badergasse! Da hat's gestern fast eine Rauferei gegeben. Die Schuhmacher hatten natürlich auch die Gerber eingeladen, weil sie doch einmal alle von der Lederzunft sind. Nun waren wir als brüderliche Vereinigung bedacht, uns gegenseitig zu helfen. Wir sind an die fünfzig Mann und die Lohgerber nur ein Dutzend – na, was wollten sie? Sie wollten in die Satzungen der Verbrüderung wörtlich den Paragraphen: Die Verbrüderung wird unter Konventionalstrafe verpflichtet, ihren Lederbedarf nur bei den Eilenburger Gerbern zu decken.« »Das könnt euch Gerbern so passen, wenn wir euch ein Monopol verschafften, hab ich gesagt und hab darüber abstimmen lassen! Das war ein Krach! Mit 50 Stimmen gegen 12 lehnte die Verbrüderung das ab. Selbstverständlich! Da machten uns die Gerber den Vorwurf, wir wollten die Brüder Gerber samt und sonder bankrott machen und ruinieren! Ich habe selbstverständlich gesagt, daß die Gerber bisher nie ein gutes Stück Leder auf Lager behalten hätten, nur den Abfall, der sei auch von den einzelnen Schuhmachern nicht gekauft worden. Sie würden auch fernerhin kein gutes Stück Leder am Lager behalten, wenn sie Brauchbares an Ware zu annehmbaren Preisen verkauften. Sie wollen sich beim Magistrat und bei der Regierung beschweren. Ich sagte es ihnen immer wieder, sie müssen sich als Gerber zusammenschließen, um billigen Großeinkauf für Lohe und Häute zu erzielen. Das scheint ihnen nicht wichtig genug zu sein. Wir haben uns doch auch zusammengeschlossen, nicht, um unsre Produkte teurer zu verkaufen, sondern nur, um sie billiger abzusetzen, damit wir mehr zu schaffen bekommen. Wir haben ihnen gesagt, daß wir eine ganze Musterkollektion bester, billiger Gebrauchsschuhe genossenschaftlich machen wollen. Mit diesen ziehen wir dann im Land um, auf alle Jahrmärkte und Messen, nach Leipzig und Halle. Wenn wir erst für das Land Sachsen arbeiten können, und nicht nur für die Stadt Eilenburg, dann haben wir, Meister und Gesellen, genügend Arbeit. Es ist doch so einfach; wenn wir Schuhmacher nichts zu tun haben, haben die Gerber auch nichts zu tun. Wenn wir viel Arbeit haben, hat der Gerber auch viel Arbeit. Wir bekommen nur viel Arbeit, wenn wir billiger arbeiten. Wenn wir den Gerbern mehr Arbeit geben, müssen sie auch billiger liefern: sagt mal Meister Buchbinder, ist das so schwer zu verstehen?« Fritzsche versteht das natürlich sofort. Der Schuster redet weiter: »Das Gesetz vom 9. Februar gibt uns Gewerberäte und eine neue Zunftordnung, gibt uns Prüfungen für Lehrlinge und Gesellen, aber, was das Gesetz und der Staat niemals geben kann, das ist Arbeit und Brot!« Meister Fritzsche denkt an nichts anderes, als an dies Wort und sagt zu Meister Stolle: »Schuhmacher! Ihr und Eure Leute wißt, was eine Assoziation ist. Vorläufig suchen wir Handwerker uns gegenseitig zu halten und zu stützen, aber das Mittel der einzelnen Handwerkerassoziationen ist noch unvollkommen!« »Das sagt Ihr?« Der Schuhmacher springt von seinem Schemel auf: »Nie werdet Ihr mich und uns von der Lederassoziation abbringen! Wenn wir uns richtig zusammenschließen, so können wir auch billiger arbeiten!« Der Schuster, klein und gebückt, hat sich aufgereckt und grellt die in Hast und Grimm gesprochenen Worte dem Buchbinder ins Gesicht. Der Buchbinder sieht seinem Kollegen Schuhmacher ganz fest in die Augen und sagt ganz langsam: »In unserer Handwerkerassoziation handelt es sich um die Forthilfe und Verbesserung des Lebensstandes für eine kleine Gruppe, für eine kleine Anzahl von Leuten, in einem einzelnen Gewerbezweig. Nun sagt mal, Bruder Schuhmacher: wo fehlt es dem Volk? Etwa an Schuhen? Und wo fehlt es Euch? An Leder? Oder fehlt es nur an den Schuhmachern und Gerbern? Oder fehlt es auch an andern Leuten, an etwas anderem? Ich will Euch sagen, es fehlt an Brot! Wir müssen etwas tun, was wir direkt am Brotschrank spüren können. Nicht nur dem Schuhmacher und dem Buchbinder, sondern allen, dem ganzen Volk, fehlt das Brot. Wenn ich aber Brot sage, so meine ich Viktualien, die wichtigsten Lebensmittel, all die Waren, die jedermann im Volk braucht, der Mann, das Weib, die Kinder, Handwerker, Arbeiter, ja selbst die Bettler, die ganz Armen. Vornehmlich die, die schwer schaffen, sie brauchen als Rohmaterial für die Herstellung ihrer Lebens- und Arbeitskraft: Brot, Viktualien; sie brauchen jeden Tag Grütze, Fleisch, Öl, Schmalz, Fett. Auf den Verbrauch dieser Viktualien ist der ganze Welthandel gegründet, steht der Staat und die Armee, Thron und Altar, die Schulen und Akademien, die Fabriken und Werkstätten, das Gewerbe und jegliches Handwerk. Alle Bestrebungen des Menschen gehen darauf hinaus, für seine Arbeit und Tätigkeit möglich viel und billig Viktualien zu erwerben, damit er wieder Viktualien in Arbeit umsetzen kann. Ich lege mir die Frage vor: Essen wir, um zu arbeiten, oder arbeiten wir, um zu essen? Ich frage Euch, Schuster, strengt mal Euren Kopf an, antwortet, was dünkt Euch?« Der Schuster hat sich wegen der langen Rede des Kollegen wieder auf den Schemel gesetzt. Nun legt er den Finger an die Nase. Dann sagt er belustigt: »Aha! Wir arbeiten, um zu essen! Ha! Ha! Ha! Ha! Selbstverständlich! Wenn wir zu essen hätten, brauchten wir nicht zu arbeiten!« »Guter Freund Schuster! Seht, da müssen wir dies als Grundlage betrachten, das Essen, und nicht die Arbeit. Also eine Assoziation schaffen, die uns möglichst viel und gutes Essen für wenig Geld schafft.« Der Schuhmacher schüttelt den Kopf, als stäche ihn eine Wespe in die Nase, wischt sich mit der Hand über die Stirn, und kratzt sich hinterm Ohr. Jetzt geht er langsam in der kleinen Werkstatt hin und her und sieht den Buchbinder an, als zweifle er an seinem Verstand. Da er aber weiß, daß der Buchbinder weder betrunken ist, noch im Moment verrückt geworden sein kann, schweigt er vorläufig. Sein Gehen wird immer schneller, er hat die Idee entdeckt, wie sie vor seinen Gedanken herfliegt, er kommt ins Rennen, hastig läuft er hin und her, tritt die gestickten und ungestickten Schuhe, die ihm an die Füße kommen, zur Seite, bleibt stehen, ballt die Fäuste, brabbelt etwas vor sich hin und geht wieder langsam auf und ab. Nun setzt er sich auf seinen Schusterschemel, stützt die Arme auf den Tisch, hält den Kopf in den Händen, knauelt den Bart zwischen den Fingern und versinkt ins Grübeln. Der Buchbinder sieht zum Fenster hinaus. Endlich steht der Schuster auf, stellt sich vor den Buchbinder hin und spuckt auf den Boden. Ganz langsam beginnt er: »Alle zwei Jahre braucht der Mensch ein Paar Schuh, alle fünf Jahre einen Anzug, alle dreißig Jahre ein Haus, Möbel und Gerät. Brot und Viktualien alle Tage, jeden Tag, immerzu, Klein und Groß, alt und jung, reich und arm. Ja, wer viel hat, gibt viel aus. Aber ausgeben tut jeder, selbst der Bettelmann. Ist es gewaltig, dies zu wissen? Nein, das weiß jeder. Warum haltet Ihr mir dafür eine lange Rede? Warum begreif ich das nicht? Weil es zu simpel ist. Ja, wohl, gewiß, Freund Buchbinder! Da geh ich Hornochse hin und halte es für weltbewegend, wenn ich dem Arbeitsmann alle zwei Jahre für einige Groschen billigere Schuh verschaffen kann. O, ich Schuster! Erst gibt der Arbeitsmann hunderte von Talern aus für Viktualien, dann erst kommen meine Anderthalbtalerschuh! Dafür sollen wir uns angestrengt haben? Gewiß, es handelt sich einmal nicht um die anderthalb Groschen, sondern um die vielen Hundert Taler im Jahr!« Plötzlich macht er einen Sprung, der kleine Schuster, als hätte er auf eine Schlange getreten. »Hu! Ha!« Unter lauten Ausrufen schlägt er auf den Tisch: »Buchbinder! Da sind auch meine hunderte von Talern im Jahr dabei! Meine und eure und die von Gevatter Schneider und Handschuhmacher! Langsam wird es hell in meinem Schädel. Ihr meint also, wir gründen eine Assoziation, die bei den Viktualien beginnt?« Der Schuhmacher geht zum Buchbinder hin und sieht ihm in die Augen. »Genau das mein ich, Bruder Schuhmacher. Genau das und nichts anderes. Was wir vor allen Dingen gründen müssen, ist eine Lebensmittelassoziation! Eine Genossenschaft für billigen Bezug von Lebensmitteln!« Der Schuhmacher klopft sich auf seinen Schädel. »Ja, was ist das? Gibt es so was?« »Der Paule Zöckler ist aus Amerika nach Haus gekommen und dort, wo er war, in Boston, da gibt es solch eine Vereinigung. Wir müssen zuerst auch eine gründen. Geht, Bruder Schuhmacher, sprecht davon zu euren Kollegen!« »Ja! Werd ich tun«, sagt Stolle. »Doch eins, geht der Verein nicht den Händlern ans Fell?« »Aber, darum geht doch die Welt nicht unter?« fährt der Buchbinder zornig auf. »Sind die Maschinen in den Webereien und Druckereien nicht auch unseren Kollegen ans Fell gegangen? Wer hat sich darum gekümmert? Sollen die Armen aus den Fabriken die Händler weiter satt füttern? Es geht doch um das Brot von 10 000 Arbeitern, was soll da der Kaviar von 130 Krämern?« Fritzsche sieht zur Tür hin. »Fritzsche, was seh ich? Ihr wollt schon gehen? Es ist ja doch Abend, da schafft Ihr nicht mehr viel!« »Ich will noch zum Schneidermeister Bürmann, der muß darüber bei den Schneidern sprechen. Denn jeder einzelne und alle sind nötig! Adjees, Stolle!« Der Buchbinder geht. Fritzsche steigt langsam die Treppe hinauf, hebt mit dem Schritt die Schulter, als müsse er einen Sack heben, so schwer ist ihm die Last seiner luftigen Idee geworden, die der Schmiedspaule auf seine Schultern gelegt hat. Sie drückt ihn wie eine Verantwortung, wie ein Amt; er geht auf die Straße, sieht noch einmal in die Schusterstube, dort sitzt der Schuster und hält den Kopf in den Händen, er denkt nach. Er fühlt, auch in ihm wird das Brot lebendig, dies Brot, das der Friede ist, die Freude, die Eintracht. Er kommt sich vor, wie ein Gesandter des Schicksals. Fünftes Kapitel Die Zeit vergeht, es wird nichts geschafft. Paule hat gehört, daß noch ein Deutschamerikaner in Eilenburg arbeitet, ein Monteur aus Berlin. Der muß doch auch wissen, wie es drüben gemacht worden ist. Nun sucht er diesen Mann. Zwischendurch hat er alles aufgeschrieben, was er über die Genossenschaft in Amerika weiß. Er geht damit zum Volksblattredakteur. Er sieht vor dem graubärtigen Herrn und wartet auf seine Meinung. »Ausgezeichnet! Herrlich! Junger Freund, so etwas haben wir schon lange gesucht. Doch mit so nackten Tatsachen allein ist uns nicht gedient. Das muß zuerst mit einer Erklärung eingeleitet werden und mit einer Nutzanwendung endigen. Dazwischen kommen Ihre Angaben, die ich ja ein klein wenig stilisieren darf. Sehr gut! Also, gehen Sie doch gleich zum Sekretär Wagner oder zu Doktor Bernhardi! Fritzsche ist ein prachtvoller Praktiker, aber er kann nicht schreiben. Wissen Sie was, lassen Sie es mich nur machen! Es ist ja gleich, wer Kopf und Schwanz dranhängt. Ja, wenn ich mich recht erinnere, hat auch Doktor Bernhardi Material dafür da liegen. Das kann man mit hinein verarbeiten!« Paule erkundigt sich nach dem Monteur. Auch hier bekommt er keine Auskunft. Keiner kennt ihn. Der andere Deutschamerikaner ist Paules Hoffnung. Er beschließt, sich bei den Fabrikleuten umzusehen. Vorher will er doch zu Fritzsche. Er verabschiedet sich beim Redakteur. Der bittet ihn wiederzukommen, sobald er etwas Neues habe. Von der Zeitung aus bummelt er durch die Stadt. Als er das Rathaus sieht, fällt ihm ein, dort könnte er sich erkundigen. Er geht hinein und bekommt nach langem Warten Bescheid: »Otto Glubsch in der Kültzschau, Nr. 135. Er ist ein Eilenburger Junge«, sagt der Beamte, »der in Amerika war und in Berlin gearbeitet hat.« Nach dem Mittagsessen geht Paule über die Torgauer Straße nach Külzschau; er trifft die Frau, hört, daß Glubsch Heizer bei Degenkolb ist. Also dort, an der Fabrik, da könne er den Landsmann treffen. Denn zu Hause sei er nur selten, klagt die junge Frau. Diesen Morgen sei es zwei Uhr gewesen, als er aufstand und zur Fabrik ging. Paule ist neugierig auf den Mann, der in Amerika war. Er beschließt, um die nächste Mittagstunde bei Degenkolb zu sein. Eines Tages ist das Geld gekommen, auch Paules Eltern müssen mit zum Notar; Sie unterschreiben Verträge. Darauf will Paule mit ihnen in ein Gasthaus, sie treffen Fritzsche, er muß auch mit. Sie gehen durch die innere Stadt, vergnügt, wie zu einem Fest. Da kommt ihnen eine vornehme Familie entgegen; von einem Fräulein wird Paule zuerst, dann aber auch von der Verwandtschaft gegrüßt. Der Vater bleibt stehen und schaut seinen Sohn verdutzt an. Die Herrschaften gehen vorüber. Die Alten sind vor Neugier nicht zu halten. Sie fragen Paule, wie er zu der Bekanntschaft kommt. Fritzsche macht ein finsteres Gesicht. Er liebt sie nicht, die Familie Neer, die reichen Großhändlersleute. Paule bekennt, wie er unterwegs das ausgerissene Pferd aufgegriffen hat und ihnen solcherweis einen Gefallen tat. Die Mutter ist von dem Ereignis fast erschüttert: noch nie hat ein Zöckler mit solch vornehmen Leuten gesprochen. Paule steigt hoch in ihrer Achtung. Sie nennt ihn einen Glückskerl und hofft, daß diese Bekanntschaft ihm noch einmal von hohem Nutzen sein kann. Sie gehen nun in das Gasthaus; Paule hat, solange er zu Haus ist, noch nichts als Sorgen gehabt; er läßt nun eine Flasche Rheinwein kommen. Sie trinken eine zweite und sind fröhlich bis zum Abendbrot. Die Alten legen sich früh zur Ruhe, Paule geht mit Fritzsche zu Stolle. Der erzählt von den Schuhmachern, die so schlechte Erfahrungen mit den Gerbern gemacht haben und darum gerne einer andern Assoziation beitreten. Die Schneider sind von ihrem Vorsitzenden mit dem Gründungsplan bekannt gemacht worden. Fritzsche ist sehr zuversichtlich, nur mit den Arbeitern kommt er nicht voran. Die Verbrüderung will nichts damit zu tun haben. Brade sagt, es ist ein Teilprogramm, das keinen Vorzug vor den andern Plänen verdiene. Im Gegenteil, wenn der Lebensmittelverein wirklich diese Vorteile bringe, so begnügten sich die Arbeiter wieder einmal mit einem Teilerfolg und vergessen darüber das große Ziel. Die Arbeiterschaft sei zu größeren Dingen berufen, als den Krämern ein paar Pfennige abzujagen. Nun soll Paule einmal selber mit den Arbeitern reden, aber er will nicht daran, ehe er den andern Deutschamerikaner gesprochen hat. Paule hat schon etwas Arbeit. Der Obermeister der Schreinerinnung hat ihm Türgehänge bestellt. Er soll nach alten Mustern neue schmieden. Er kann es, und es macht ihm auch Freude. Wenn er am Ende der Woche zusammenrechnet, was er verdient hat, macht er ein betrübtes Gesicht. Er rechnet noch immer mit Dollars. Darum kommt ihm der Lohn so niedrig vor. Doch während des Arbeitens denkt er nicht daran; er freut sich, daß es Samstag ist. Seine Hände sind diese Arbeit nicht mehr gewöhnt, von den glühenden Stangen brennt ihm die Haut. Es dunkelt, er macht Feierabend. Er trägt das geschmiedete Gehänge an das helle Fenster am Schraubstock, freut sich doch seines Könnens und der guten Arbeit. Er wäscht sich an der Pumpe und zieht die braune Jacke an. Dann steckt er den Kopf noch einmal zu Mutters Stube hinein.: »Godd by! Mrs. Zöckler bis zum Abendessen!« Er lacht der alten Frau zu, die über den Wäschekorb gebückt steht und ohne ihn anzusehen, ihm: »Adjees, Junge!« nachruft. Er geht mit großen Schritten zum Nachbar Fritzsche. Mutter und Tochter sitzen beim Kaffee, er wird eingeladen, setzt sich hin und trinkt eine Tasse mit. Freundlich ist die Mutter Fritzsche nicht, das Mädchen merkt das auch. Darum fragt es ihn nach seinen Eltern. Er gibt Auskunft. Er fragt, wann der Meister wiederkommt. Nun bricht in Frau Fritzsche der unverhüllte Groll los: »War es nötig, daß ihr mit der Geschichte den Meister verrückt machen mußtet!« »Welcher Geschichte? Warum verrückt? Der Meister ist doch ein Mann, der weiß, was er zu tun und was er zu lassen hat!« antwortet Paule. »Wie aus dem Häuschen ist er!« klagt die Frau, »wollet mir doch nichts weismachen! Ihr habt die Sache doch aufgebracht!« »Ach, ihr meint die Genossenschaft!« staunt Paule. »Beste Frau Fritzsche, die ist dem Meister schon lange bekannt! Neuerdings hat es Krach mit den Gerbern und Schuhmachern gegeben, – er war ganz mißmutig, das stimmt!« »Nun ist er alles andere! Ihr habt doch den Artikel geschrieben! Im Volksblatt. Grade dieser Artikel hat den Fritzsche in unsinnige Lauferei gebracht! Er wird deswegen noch mal ins Gefängnis kommen! Männer können weniger ein Geheimnis bei sich behalten als Frauen! Die ganze Stadt spricht schon davon. Morgen wird sicher schon ein Gendarm mitberaten wollen, und dann geht es nach Naumburg ab, Zuchthaus und Peitschenhiebe, wie 48!« Frau Fritzsche ballt die Fäuste auf der Tischplatte. »Es handelt sich diesmal nicht um die Freiheiten, nun geht es um dieses Brot«, sagt Paule. »Ach was! Lieb Kind hat vielerlei Namen!« sagt Frau Fritzsche. »Die Parolen bedeuten all dasselbe! Warum haben sie Geheimnisse vor uns? Eine Sach, bei der die Frauen nichts mitreden dürfen, ist schon verreckt. Die Brotsache ist auch unsere Sache. Ihr Männer wollt uns immer für dumm verschleißen, ja, das tut Ihr! Alles, was Ihr Männer allein gemacht habt, ist verpfuscht! Die Arbeit und der Aufstand, die Innung und die Freiheit! Bloß, was wir machen, das gelingt immer: Brotbacken und Kindergroßziehen, Suppekochen und Haushalten! Ich habs dem Fritzsche gesagt: Ohne mich machst du nichts! Ich sitz nachher allein da mit dem Haushalt. Wenn schon Zuchthaus und Peitschenhiebe kommen, so solls auch für mich sein, ich bin immer dabei, wenns um die Familie geht!« Der Paule wird ordentlich schwach unter den heftigen Reden der Frau. Er bleibt bei ihr hocken und spricht über die Lebensmittelsgenossenschaft. Als es von der Kirche zum Abend läutet, sieht er auf und geht. Zum Abendessen ist es noch zu früh. Er hat eine ganze Woche nichts für die Genossenschaft getan, ist Nacht um Nacht unterwegs gewesen, nur eines in Eilenburg kommt ihm begehrenswert vor, das schöne, fremde Mädchen, Fräulein Neer. Sie ist, wie die Frauen in Amerika sind, genau so eigenmächtig, genau so übermütig und eigensinnig. Ihr Lachen klingt wie das der reichen, stolzen, schönen Frauen in Amerika. Allzuoft hat er versteckt im Dunkeln hinaufgesehen zu ihrem Fenster, jede Nacht geharrt, bis sie ihr Licht löschte. Er hat ihren Schatten vorüberhuschen gesehen und sein Herz heulte auf, wie ein Hund zum vollen Mond. Zehnmal ist er den Weg zum Meierhof gelaufen, in der Hoffnung, sie wiederzusehen. Nun weiß er, er ist rettungslos verloren, die Liebe hat Gewalt über ihn. Sie schleudert ihn aus seiner Bahn, wie der Rausch einen Trunkenen von seinem Weg. Unentbehrlich, wie dem Trinker der Rausch, ist ihm die Nähe dieses Mädchens: er trinkt ihren Anblick in der Erinnerung, er berauscht sich an der Wirklichkeit ihrer Nähe. Mit dem Gedanken an Agate Neer und mit einem schlechten Gewissen seinen Freunden gegenüber, geht er langsam noch einmal zu Fritzsches Haus. Er geht mit dem Meister zu Doktor Bernhardi. Der Doktor ruft sie in sein Zimmer. Er schenkt den Apothekerlikör aus dem großen Schrank ein und freut sich mächtig, daß sie nun bei den Viktualien und nicht beim Arbeitsrohstoff anfangen. Er hat Wagner die Liste derjenigen Arbeiter und Handwerker gegeben, die im Krankenunterstützungsverein sind: diese Personen sind intelligent und neuen Dingen zugänglich. Nochmals schärft er allen ein, daß die Hauptsache sei, zu der geplanten Genossenschaft die Arbeiter zu gewinnen. Der Doktor hat seine Erfahrungen und meint, die große Masse wolle erst einen Erfolg sehen, ehe sie sich beteiligt. Man müsse, wenn auch noch so klein, aber bald anfangen. Wenn es nicht mehr als 30 Arbeiter und ebenso viele Handwerker sind. Da bittet der Buchbinder den Doktor, zu bedenken, daß die Arbeiter in der »Verbrüderung« ihren Verein sehen und sie seien die Klügsten und Aufgeklärtesten. Da hört der Doktor gar nicht hin, er spricht plötzlich von einer Buchbinderarbeit, macht die Tür ins Nebenzimmer auf und entschuldigt sich, er müsse noch aufräumen. Jetzt geht er eine Weile überlegend auf und ab, nimmt Papiere aus dem offenen Schrank, trägt sie auf den Tisch, holt Schriften aus der Truhe, schichtet sie hoch, liest nach und wirft vieles nach kurzer Prüfung hinter sich. Nun ist der Schreibtisch ganz mit Schriften bedeckt. Jetzt trägt der Doktor die geordneten Manuskripte, Papiere, Broschüren von den Stühlen und Fensterbänken auf einen langen Tisch, der an der Wand sieht, ordnet sie in Stapel nebeneinander. Er beschwert die Blätter mit einem Buch, mit schön geformten Feldsteinen, Erzbrocken und anderen Mineralien. Stapel steht an Stapel. Immer noch schiebt er neue Packen unter. Holt neue Stöße Papier aus Gefachen und Truhen. Dann sieht er noch einmal in alle Fächer, zieht alle Schubladen auf und wirft die letzten Reste Papiere auf den Boden. Er geht langsam auf und ab. Die Füße rascheln in den Papierfetzen, wie in abgefallenem Herbstlaub. Plötzlich greift er den Drehstuhl vom Schreibtisch, schleift ihn an den andern Tisch und holt ein Zeichenbrett, auf dem flink hingeworfene Skizzen, ausgeführte Einzelheiten und lange Zahlenreihen stehen. Er schreibt Bemerkungen auf ein Blatt, und heftet es mit einem Reißbrettnagel zusammen. Unterdessen ruft er dem Meister zu: »Habt Ihr auch einmal daran gedacht, mir einen jungen Schlosser zu besorgen? Da hab ich nun diese Presse konstruiert, aber, wer stellt mir die aus Eisen her? Einen Maschinenschlosser muß ich haben, der weiß, was ich will, ohne daß ich ihm stundenlang die Zeichnungen erklären muß; der Verbesserungen, welche sich bei der Arbeit ergeben, selbständig hineinwirken kann! Mags ein verwegner Kerl sein, ein Raudi, dem richte ich wahrhaftig eine neue Schlosserei ein! Maschinen soll er mir machen!« »Was will der Doktor mit der Maschine?« fragt der Meister gedehnt und neugierig; er sieht auf und sieht auf die Zeichnung, dann sagt er verlegen: »Was ist das? Eine Weinkelter? Nein, – eine Papierpresse, auch nicht, eher eine Ballenpresse – nein, was sollen die Kästen, so groß, wie Ziegelsteine?« »Ziegelsteine! Da sagt Ihrs ja!« »Haben wir nicht gute Ziegelsteine? Werden nicht mehr Steine gebrannt, als wir bezahlen können!« »Mensch, Ihr sagt es Wort um Wort! Die Lehmziegelsteine sind zu teuer, wegen des Brandes! Darum können wir keine billigen Häuser für die Armen bauen: es kostet zu viel! Ich muß Steine formen, pressen, ohne sie im teuern Feuer zu brennen, verstanden!« »Ist denn da auch schon was mit gewonnen? Davon kann sich kein Armer ein Haus ersparen! Deswegen braucht Ihr Euch nicht mit solchen Dingen abzugeben.« Der Doktor antwortet: »Seht mal, Meister! Wenn ich die Presse gebaut habe, dann kann ein Mann allein damit Ziegelsteine machen, ohne Brand, ohne Ofen und großes Kapital! Ich will die Presse, um einer neuzugründenden Baugenossenschaft die Arbeit leichter zu machen!« Fritzsche tippt sich auf die Stirne: »Ich glaube, da haben wir den richtigen Schlosser bei uns, und wenn Paule will, so kann er gleich einmal in die Zeichnung hineinsehen und sagen, ob es etwas für ihn ist!« Fritzsche geht zu Paule hinüber, der Doktor kommt, sie gehen an den Tisch. Paule beugt sich über die Zeichnungen und stellt sich wieder grade: »Ich hab zwar keine Zeugnisse. Doch hab ich mein Handwerk gelernt und bin mit der Nase auf viele Dinge gestoßen worden, die es in Eilenburg nicht gibt, wenns Euch recht ist, nehm ich mir die Größenmaße mit und reiße Euch die Konstruktion noch einmal auf. Was da angegeben ist, ist teils zu leicht und teils zu schwer. Das mit den Steinen auf kaltem Weg, das ist eine gute Idee, da wird jede Sandgrube zur Goldgrube!« Paule setzt sich mit den Blättern an den kleinen Tisch und holt sich noch einige Blatt Papier, um alles Nötige zu notieren. Nun fängt der Doktor an, mit dem Buchbinder über die Pappkästen zu sprechen. »Ich bin vom Gericht zu vier Monaten Gefängnis verurteilt worden; wann und wo ich sie absitzen muß, das weiß ich noch nicht, die Behörde liebt Überraschungen. Deswegen muß ich mich vorsehen und dazu brauch ich eine neue Ordnung in meinen Sachen. Ich will die Arbeitsgebiete in Nummern einteilen. Für jede Nummer brauche ich einen oder einige kalikobezogene Papierkästen, solche, wie diesen hier!« Er schlägt auf einen solchen Kasten. »Sowas wie diesen, mit einigen Mappen versehen, andere mit Registern und Einzelfächern, aber alle mit Nummern und Buchstaben bezeichnet. Die Sachen müssen so geordnet sein, daß ich z.B. an Herrn Buchbindermeister Fritzsche schreiben kann: ›Mein Werter, schickt mir die Materie Numero so und soviel!‹ Vielleicht, daß ich dort auf Staatskosten neue Schriften verfasse, die diesen momentanen Brotgebern an den Kragen gehen. Schneidermeister Börmann hat auch zwei Monate. Na, wenn sie alle einstecken wollten, die sich ums Volk verdient haben, dann müßte die hohe Obrigkeit noch zehn Jahre lang Gefängnisse bauen.« »Vier Monate, doch nicht möglich! Den Doktor auf vier Monate einsperren, wegen dieser lächerlichen Sache?« Bernhardi zuckt mit den Schultern: »Aufruf zur Steuerverweigerung nennt die Obrigkeit Aufruhr und Landfriedensbruch, basta! Nun zum Geschäft! Setzt Euch hin und schreibt es so auf, daß Ihr es auch lesen könnt.« Dann wendet er sich wieder zu dem Stapel von Schriften hin. Auf der linken Tischkante streckt ein langer Zettel seine beschriebene Zunge vor; der Doktor schiebt dem Meister das Schreibzeug zu und fordert ihn auf, die Aufschriften, die er jetzt liest, zu notieren. Also, Nr. 1. »Über Maschinen im Allgemeinen und Besonderen. Vorzügliche Anregungen dabei interessierter Industriearbeiter, Besteuerung von neu aufzustellenden Maschinen, die Handwerker brotlos machen.« 1847 – 1848 – 1849. – 2 Kästen. Nachdem er sich überzeugt hat, daß alles, was er über diesen Stoff gesammelt, beieinander liegt, rückt er den Stapel ein paar Finger breit weg und kontrolliert den nächsten Haufen: Nr. 2. »Material über die sozialen Nachteile des gewerblichen Maschinenwesens.« 1848 – 1 Kasten. Auch diesen Block schiebt er zurück. Er sieht nach, ob sich auch nichts mehr in den Kästen und Schubladen befindet, was mit der Sache zu tun hat und diktiert weiter: Nr. 3. »Der Handarbeiter und sein sozialer Notstand.« Das dritte Paket ist zu hoch geraten, soviel der Schriften und Aufzeichnungen häufen sich. Er teilt den Packen und sagt: »4 Kästen«, legt dann die Sammelbände seiner terapeutischen Monatshefte, Jahrgang 1848, zu beiden Seiten der Papiersäule: »Die Monatshefte lassen wir offenstehen. Keinen Kasten!« Nun schlägt er beide Fäuste unmutig, zornig auf die Tischplatte, trommelt in Wut und Unruhe, sieht auf und überprüft den nächsten Stoß: Nr. 4. »Über die Wohltaten einer löblichen und einsichtigen Regierung.« 3 Kästen. Er schüttelt sich in grimmigem Lachen, geht ans Fenster, schaut mit einem kurzen Blick in den Garten, nimmt dann einen Stapel Papier, der mit schwarzem Band umschnürt ist und legt ihn auf den Tisch. Holt weitere Stöße Papier, Stoß um Stoß, legt sie zu den »Wohltaten.« Er nimmt den Zettel an, zerknüllt ihn und sagt: »Nr. 5. »Über die unerträgliche Bevormundung des Volkes.« 2 Kästen. »Habt Ihr den Titel: Über die –« »Unerträgliche Bevormundung des Volkes. 2 Kästen!« wiederholt Fritzsche. Nr. 6. »Die Ärzte als Gesundheitsbeamte.« »Diesen Titel mit großen Buchstaben, dann schreibt darunter mit kleinen Buchstaben: »oder eine Medizinalorganisation mit einer unentgeltlichen Krankenbehandlung und einer progressiven Gesundheitssteuer.« 4 Kästen! Fertig!« »Fertig!« sagt Meister Fritzsche. »Es sind 6 Nummern mit 16 Kästen, also denke ich, mache ich für jede Nummer eine Farbe in Kalikobezug. Dann kann man die Farbe an der Nummer und die Nummer an der Farbe erkennen!« »Schön! Das gefällt mir!« lobt der Doktor. »Fertig!« sagt Paule, er nimmt das Blatt, geht zum Doktor und zeigt ihm seine Skizze. »Ja, solch eine Presse muß ich haben. Den Kostenpunkt rechnet im Rohen aus und sagts mir dieser Tage. Aber bestellt sofort das nötige Eisen!« Paule bedankt sich für den Auftrag. Nun gibt der Doktor beiden die Hand und bittet sie, wiederzukommen, wenn sie mit der Arbeit fertig sind oder sonst etwas Wichtiges haben. Als Paule auf die Straße tritt, lacht er: »Da sagt man, es gäbe keine Arbeit mehr zu Eilenburg! Das sind wenigstens zehn Malter Eisen!« Paule geht nach Haus. Die Ziegelpresse interessiert ihn. Es ist mindestens für sechs Wochen schöne Arbeit. In seiner Kammer hängt noch ein Reißbrett, auf dem er als Lehrjunge Blumen und Rantengewinde zu kunstvoller Schmiedearbeit gezeichnet hat. »Maschinen, Pressen, Walzen«, lacht er vor sich hin. »Wir werdens schaffen!« Heut abend wollte er eigentlich in die Fabrik zu Degenkolb gehen; nun braucht er vorläufig nicht wegen der Arbeit zur Fabrik. Dies ist Paule sehr angenehm. »Dann geh wenigstens zu Glubsch!« mahnt er sich selbst. Sechstes Kapitel Um das kleine Haus des Heizers Glubsch an der Muldebrücke saust der nächtliche Märzsturm. Das Dach reicht bis an die beiden Fenster. Dahinter liegen Stube und Küche, die andern Mauern umschließen Ziegenstall und Holzschuppen. Aus dem breiten Bett in der Kammerecke erhebt sich ein Mann, setzt sich auf den Bettrand und reckt die Arme. Er sieht einen Streifen Mondlicht auf dem gestampften Lehmboden. Der Laden vor dem kleinen Fenster schlägt mit krachendem Klatschen zu. Es wird wieder ganz dunkel. »Ottokar, schließ ihn dicht!« sagt die Frau, die den Kopf ins Kissen drückt. »Es ist doch erst 2 Uhr!« Ottokar Glubsch zieht sich an. Die alte Standuhr zeigt wirklich 2 Uhr und nun rasseln die Schläge ins Zimmer. »Willst du wieder weg?« fragt die Frau. »Gestern ist es 10 gewesen, als du kamst, jetzt ists 2, du willst doch nicht schon weg?« »Still, die Kinder werden wach!« sagt der Mann und geht ans Fußende des Bettes; er nimmt ein vierjähriges Kind, legt es auf den Platz neben der Frau und bettet ein größeres auf die Stelle neu hin. Dann legt er eine Hand auf das Köpfchen des Kindes, bis es sich beruhigt hat und beugt sich zu seiner Frau hinüber: »Hör Marta, wenn ich mit einem neuen Bett heimkomm, schimpfst du nicht mehr!« »Ha! Seit drei Jahren hast dus mir versprochen. Auf dem Fußboden komm ich aus, wenns so weitergeht! Also, du willst schon weg?« »Ich will, weil ich muß, und muß, weil ich will.« Ottokar lacht grimmig, wendet sich zum Tisch, nimmt den Topf mit Grützensuppe und zieht seine Mütze über die Ohren. An der Tür dreht er sich noch einmal um, sieht den ärmlichen Haushalt an, die schlechten Wände, doppelt häßlich und schmierig im bleichen Mondlicht. Er drückt sich durch die Tür, schließt sie leise und greift nach dem offenen Fensterladen, schließt auch diesen fest und geht durch die nachtstille Kültzschau. Der Wind weht warm, er jagt dicke Wolkenballen vor sich hin. Nun strahlt der Mond rein und weiß, schimmernd glänzt der Fluß auf, silbert bis an den dunklen, fernen Hügel. Vor diesem liegt die Stadt Eilenburg; von der Muldebrücke aus führt die Straße gradaus in die Stadt. Auf dem Hügel steigen zwei dicke Türme auf, die Marienkirche und das Schloß. Alle Dächer sind naßbeglänzt, kaum ein Licht in den Fenstern. Zwischen der Fabrik hinter der Stadt und dem kleinen Häuschen ist sein Leben beschlossen. Es sind erst fünf Jahre her, daß er dort Feuermann am Dampfkessel geworden ist. Als junger Schmied wanderte er nach Amerika aus. Dann trieb ihn die Sehnsucht und das Heimweh zurück. In Berlin kam er an, als seine Firma den Auftrag bekam, in der Eilenburger Druckerei die Feuermaschine aufzustellen. Dort arbeitete er monatelang, bis er, anstatt eines neuen Auftrages, die Entlassung bekam. Da war es gut, daß ihn Herr Degenkolb als Heizer behielt. Glubsch verläßt die Straße und wendet sich auf ein Häuschen zu, das ganz rechts, unter einem großen Birnbaum liegt. Dort wohnt sein Freund Emil Bittkow, den er abholen will. Der Weg zu dem Häuschen ist mit Wasser bedeckt, wie ein Bach glänzt er bis an die Haustür. Glubsch patscht über den Steg auf das Haus zu. Er muß sich ein wenig bücken, um unter dem niedrigen Dachrand an das Fenster zu kommen. Er klopft, hört nichts. Klopft wieder, dann sagt eine Frauenstimme: »Aufstehen, Emil!« Anstatt einer Antwort rollt ein rauher Husten durch die Kammer, das Fenster wird aufgestoßen, ein bärtiger Kopf spuckt in die Rinne, ein neuer Hustenstoß wirft einen Mann breit auf das Fensterbrett und ein Arm stößt in die kalte Luft vor, als suche er nach einem Halt. Nachdem der Bärtige sich ausgehustet hat, fragt er: »Warum so früh, Ottokar? Ist was passiert?« »Es ist nur zwei Stunden früher, als sonst. Du mußt mir helfen, Heizrohre in die Roleauxmaschine neu einzusetzen. Deine Morgensuppe wärm ich dir am Kessel, kannst sie drüben essen!« Das Fenster geht wieder zu, eine Öllampe wird angezündet und wandert in dem kleinen Raum an hocherhobener Hand umher. Eine Frauenstimme spricht. Die Lampe erlischt. Als Emil Bittkow in der Tür steht, fragt er: »Wie spät ists?« »Halb drei«, antwortet Glubsch, »in zwei Stunden müssen wirs schaffen, hab die Röhren zur Nacht ausgeschraubt; wenn du mitmachst, sind wir um fünf Uhr fertig.« »Ja, der Bittkow kanns«, lobt der Bärtige sich selbst. Sie gehen. Bittkow hustet länger als gewöhnlich. Sie gehen eine Viertelstunde, kommen durch dunkle Gassen, gehen über die Mühlenbrücke und marschieren am Mühlbach vorbei, bis sich ein großes Tor in einer schwarzen Mauer auftut. Zwei Reihen Fenster übereinander: Die Fabrik. Ottokar Glubsch klopft ans Tor. Nun biegt er ab, um durch das kleine Guckfenster nach dem Pförtner zu spähen. »Es ist niemand drin, da müssen wir schon selber aufschließen«. Glubsch zieht den Schlüssel, flucht über das schlechte Schloß: »Na, willst du nicht? Ich will aber!« Er hat den Schlüssel zweimal umgedreht, endlich schiebt sich der Riegel zurück. Eine kleine Tür ist in das Tor eingefügt. Kaum sind sie im Hof, springen zwei riesige Hunde heran. Die Männer müssen still und stramm stehen, die Tiere geben nichts auf den Zuruf des Heizers, sie schnauben und schnurren an den Arbeitern herum. »Geh, Pluto, geh Sultan!« bettelt der Heizer. Er darf die Tiere nicht einmal von sich wegstoßen, sonst beißen sie. Die Bestien stupsen ihre Schnauzen in die Gesichter der Männer, ihre schmierig nassen Klauen kratzen in den Kleidern. Erst auf einen Pfiff des Wärters springen sie weg und jagen den langen, dunklen Hof hinunter. Bittlow lacht höhnisch und voll Grimm: »Die Hunde habens besser wie wir, Ottokar. Einen warmen Stall im Kesselhaus, gut Fressen dreimal am Tag, winters auf die Jagd, die richtigen Herrenhunde!« Die Männer gehn an der Wiegekammer vorbei, an den Lager- und Packräumen, in denen ein kleines Öllicht die ganze Nacht brennt. Emil Bittkow bleibt stehen, steckt die Hand in ein offenes Fenster hinein: »Warm und trocken! Ottokar! Da regnet es nicht durch, da ist kein Schimmel und kein Moder an den Wänden; ha, wer doch auf Ballen schlafen dürft, ohne von der jammernden Frau geweckt zu werden! Warm und trocken!« »Halt's Maul! Das kommt auch mal besser, das kann doch so kein Lebelang nicht weitergehen!« Ottokar Glubsch schlägt dem Kollegen auf die Schulter: »Kopf hoch! Hier, geh rein, da unten kommen die Hunde wieder! Der Wächter soll sie doch festmachen!« Ein rotes Fünkchen wandert in dem langen, von zwei Seiten mit Gebäuden hochbegrenzten Gang; es ist die Laterne des Nachtwächters, der mit großen Holzschuhen durch den Schlamm patscht. Die Hunde sausen heran, Emil Bittkow zieht die Kesselhaustür hinter sich zu und hört die Tiere an der Ritze schnauben. Nun kratzen sie, knurren und röcheln mit schnuppernden Lungen. Bittkow geht gradaus, auf das dunkelschwelende Feuer zu, welches aus der offenen Tür des Kessels als einziges Licht leuchtet. Er hockt vor dem Feuer, hält die Hände in die Höhe, läßt sich die Brust bescheinen, daß die Kleider dampfen. »Man könnte die Lumpen genau so gut an die Birnbäume draußen hängen, als daheim in die Kammer«, sagt er und dreht sich um, hält den Rücken gegen die Wärme, »die Kammer saugt alle Nässe auf, die von oben und unten und von den Seiten herkommt. Prrrrr!« Der Heizer kommt und kommandiert: »Nun marsch! Voran! In der Roleaux ist es noch viel wärmer, da mußt du gleich mit rein. Pack die Sachen auf!« Er legt dem Kollegen die zwei Meter langen Eisenröhren auf die Schultern, drückt ihm zwei Rohrzangen in die Hand, legt ihm Krümmer und Nippel auf die Zangen, wirft den Hanfzopf über die Rohre, hängt den Mennigtopf mit einem Haken in die Tasche seiner Joppe: »Lauf zur zweiten Roleauxmaschine, brich aber nicht den Hals im Seilgang! Ich komm gleich nach!« Emil Bittkow tastet sich voran, stößt mit den Röhren an Wände und Ecken, bekommt die Kehre nicht und bleibt einfach stehen, bis Ottokar mit der Lampe kommt. »Nun schlägts aber Zwölf! Emil! Du mußt etwas unter dir haben! Daß du so vertrackt bist, so kommen wir doch nicht voran! Links rum, dann noch mal rechts sind gleich da!« »Warum sind wir nicht draußen rum gegangen?« mault Emil hustend und geht. »Egal unzufrieden bist du!« raunzt Ottokar, »da will ich dir ein bißchen auf die Strümpfe helfen und schanzt dir ein paar Stunden zu. – Dank hat man nicht davon. Nun, jetzt sind wir schon da!« Ottokar zieht mit seiner Lampe durch das Dunkel, hält die blakende Flamme an den Docht einer andern Lampe, eine feurige Zunge stößt hoch und beleuchtet die Vorderfront der Maschine: zwischen zwei eisernen Gestellen hängt zu unterst ein Farbtrog, darin eine lange Bürstenwalze, die mit der Unterseite in die Farbbrühe taucht. Die Oberseite der Bürste berührt eine Kupferwalze, in der die Muster eingraviert sind, welche auf den Kattun gedruckt werden. Ein Messerschaber verdeckt handbreit die Walze, über die der Stoffstreifen nach oben läuft; eine zweite Walze, die den Stoff auf das Kupfer drückt, liegt in zwei großen Lagern darüber, eine Riemenscheibe steht seitwärts, der Riemen hängt in einer langen Schleife neben dem Draht. Der Boden ist fingerdick mit dem Überfluß der abgetriebenen Farbe schmierig bedeckt, blank glänzt an den Seiten der Stoffbahn die gravierte Kupferwalze, die Griffe und Hebel blänkern im rötlichen Qualmlicht auf. Als Ottokar von der zweiten Lampe hinüberblickt, sieht er Emil vor der Walze stehen: krumm, wie ein Tiger zum Sprung, die Augen hingehalten in die blanken Teile, die Fäuste vor die Brust gekämpft. Ottokar stößt in Unachtsamkeit an die Lampe, sie fällt aus dem Haken an den Boden und erlischt. »Emil!« ruft er, »nun halt mir doch die Funzel hoch! Wir kriegen ja keinen Anfang, wenns so weitergeht!« Der Kollege gibt keine Antwort; der Heizer stellt die Lampe auf die Erde und drängt sich an Wellen und Scheiben, Latten und Rollen vorbei nach vorne, da sieht er den Kollegen: er hat einen schweren Eisenhammer hoch überm Kopf geschwungen und zielt auf das Stück Kupferwalze. Der Heizer sieht einen Augenblick lang starr, dann schießt er voran, faßt unter den fallenden Eisenhammer und stößt den Schlagenden mit den Fäusten vor die Brust. Der Hammer kracht zur Seite, schrammt an dem Lager ab, da stürzt sein Kollege mit rohem Gebrüll auf ihn und packt ihn um den Leib. Ihre Füße gleiten im schleimigen Mulm aus, sie kämpfen auf den Knien miteinander. Ottokar muß unter den pressenden Armen des Kollegen auf den Boden; er hat die Augen dick voll Farbe, kann nichts sehen, patscht in den herabgefallenen Trog. Aber auch der Angreifer kann nicht weiter, er glitscht und fällt. Der Heizer rutscht mit den Knien in der Schmiere umher, hält die triefenden Hände vor das Gesicht und schreit: »Emil! Emil! Gib mir doch einen Lappen, die Augen verbrennen mir von der Farbe. Emil! Was hast du gemacht!« Da brüllt Bittkow: »Die verfluchte Walze!« Mit den Fäusten voll Farbe haut er in sinnloser Wut auf die Stoffbahn, zuckt zusammen vor der Wucht des Schlages, der vom Stoff auf das Kupfer gleitet und ihm die Fingerknochen prellt. Er wirft in Wut und Schmerzen den Kopf in den Nacken, der Bart stößt grade in die Luft, die tastenden Hände streifen an dem Bart vorüber, die Finger greifen in das Haar und ziehen den Kopf mit, der Heizer wischt den Bart durch sein Gesicht; der Gepackte zerrt, weiß nicht, was da ist; endlich begreift er und läßt den Kopf vornüber sinken, zu seinem Kollegen, der sich nun die schmerzenden Augenwinkel säubert: »Ich will ja gern Dein Putzlappen sein, Ottokar! Verrat mich nur nicht, du allein hast es gesehen, ja, ich wollte diese Walze zerschlagen! Die ist der Mörder meiner Familie, dreht den Strick, an dem wir uns alle erhängen können! Verrückt hat sie mich gemacht! Ich schlage dir das Holz, ich bring es dir an den Kessel, ich fege den Hof, ich leere die Aborte aus, alles will ich tun, will diesen Galgen wieder reparieren helfen, ich, Webermeister Emil Bittkow! Verflucht, Ottokar, was hab ich ne Wut auf die Walzenmaschine!« »Emil!« sagt der Glubsch, »ich muß mir die Augen auswaschen, das brennt wie Gift, komm!« Er tastet sich an der Maschine hoch. Nun steht Emil Bittkow aufrecht, reicht dem Kollegen die Hand, führt ihn durch den Gang am Kesselhans vorbei, in die Wäscherei. Er stellt ihn an einen Seifenwassertrog, mit einem weißen Fetzen Kattun wäscht er die Augen und das Gesicht des Heizers ab. Ottokar kann nun wieder sehen, er taucht den ganzen Kopf in die weiße Brühe; auch Bittkow wäscht sich die Schmiere ab. Nun haben sie sich gesäubert, der Heizer läßt das Wasser ablaufen, nimmt die Lampe, die in der Mitte des Ganges hängt und geht wieder zur Roleauxmaschine. »Erst das kürzere Rohr, dann das zweitlängste, das längste zuletzt!« kommandiert er und schraubt die Gewinde zusammen, läßt sich die Bögen und die Verschraubungen reichen, nimmt Hanf und Mennige. Als sie nach einer Stunde die Gewinde zusammenhaben, gehen sie nach vorne, um die Spuren der Zerstörung zu verwischen. Sie legen eine der zweimeterlangen, zentnerschweren Stahldorne mit der Spitze auf den Farbtrog, daß es aussieht, als sei der Dorn umgefallen und hätte im Hinschlagen den Trog gestreift. Dann gehen sie wieder an die Maschine, wo die Dampfröhren in großen Schlangenwindungen zwischen den Rollen hängen. »Nun laß ich den Dampf ein, du siehst zu, ob die Gewinde dicht sind,« sagt der Heizer, entfernt sich und dreht das Ventil im Heizraum auf. Der Dampf rauscht durch die Röhren, das Wasser knackt und schlägt in den Leitungen, als hämmre jemand auf Eisenstangen. Bittkow sitzt auf der unteren Welle, hat den Rücken an die nächste Welle gelehnt. Von überall quillt Hitze her, in ein paar Minuten ist die Luft glühend; in dem Zwischenraum, der kaum einen halben Meter beträgt, sitzt der Mann mit der Lampe, die er von oben nach unten bewegen muß, um genau zu sehen, wo die Verbindungen neu zusammengefügt sind. Bei jeder Bewegung dreht sich die Welle in den Lagern und der Mann mit der Lampe schlägt mit der Brust oder dem Rücken gegen die heißen Dampfrohre. »Ottokar, ich verreck!« brüllt er. Der Heizer kommt und lacht: »Du oder ich, einer muß sich die Schwarte verbrennen, wer, ist egal! Einer muß nachsehen, ich habs schon hundertmal allein gemacht; wie ist es, sind die Gewinde dicht?« »Ich kann doch nichts sehen, die Augen sind voll Schweiß gelaufen, ich kann mich nicht bewegen, ohne mich zu verbrennen!« stöhnt Emil. »Raus, Mann, ich muß wieder mal ran! Mich fragt keiner danach! Na ja, ich hab auch ne Sauschwarte! Ja! Aber erst, nachdem sie hundertmal gesengt und gebrannt ist!« Er hilft dem Kollegen aus der schmalen Höhlung heraus und kriecht selber hinein. Wischt mit dem Lappen die Augen, hält überall die Lampe hin, leuchtet hoch, weit, tief und kurz, sie zittert in der Hand, die hart an den heißen Röhren liegt, unter dem Schmutz rötet sich die Hand in brandiger Glut. »In Ordnung, los! Nun häng die Wellen wieder in die Lager, zerre die Bahnen grade und schließe die Türen dicht!« ruft der Heizer und sagt dann bedauernd: »Hätten wir nicht die Schweinerei da vorne wegzumachen, könnten wir jetzt gemächlich unsre Suppe essen!« Da rollt ein brummendes Knurren durch den Raum, die beiden Hunde stoßen aus dem engen Gang vor, der Wächter kommt hinterher. »Heizer!« ruft er, »es ist Halbfünf! Ist der Dampf auf der Höhe? Kanns losgehen?« »In Ordnung, Nachtwächter!« erwidert der Heizer, »kannst zubimmeln! Aber, halt die Hunde!« »Sultan! Pluto! Ihr kommt jetzt in die Ställe!« Der Wächter nimmt die Tiere an die Kette und geht. Nach ein paar Minuten hämmert die kleine Glocke vom turmartigen Aufbau über der Portierwohnung. Der Heizer biegt sich zum abgeschlagenen Farbtrog hinunter und schimpft: »Mit Draht haben sie die beiden Schrauben ersetzt, das könnt auch nicht lange halten! Komm, Emil, hol ein paar Schaufeln Asche hierhin und wirf sie auf die Farbe, schippe alles weg und mache die Ständer rein; ich hol derweil die Sachen dafür.« »Jetzt sitzen alle anderen noch bei der Suppe und beim Morgenbrot!« mault Emil Bittkow, »da, der Bohle Bernd, der Ziedar Walther, der Götzke, sie haben Zeit, wohnen kurz an der Fabrik, haben gesunde Weiber, die ihnen ihren Branntwein gönnen; nein, Ottokar, so geht das nicht weiter! In Schlesien, da haben sie den Herren einfach die Maschinen stillgesetzt, sind rausgegangen aus der Fabrik, trafen sich am andern Tag im Gasthaus, schworen Stein und Bein, nicht eher an die Arbeit zu gehen, bis sie die Überstunden bezahlt kriegten. Das müssen wir auch mal machen!« Da antwortete Ottokar Glubsch bedächtig und hart: »Emil, das konnten die Schlesier versuchen. Da hielten sie alle zusammen! Ja aber hier? Kein Zusammenhalt einer am andern! Ich will dir etwas anderes sagen: wenn unser Herr mal so viel Geld verdient hat, daß er die neuen Löhne zahlen kann, tut ers gleich! Seine Madam und das größere Fräulein waren einmal bei meiner Frau, als sie krank im Bett lag. Auch die haben es ausdrücklich gesagt: Warten müßt Ihr, nur warten!« – Im Herzen muß ich dir rechtgeben. Wir sollten ...!« »Alle Maschinen zerschlagen! Ottokar! Hörst du, alle auf einen Tag!« Der ehemalige Färber- und Kattundruckermeister ballt die Fäuste und reißt seinen Mund in Haß und Wut auf: »Zerschlagen mit allen Herren und Bütteln!« »Halts Maul! Es kommt schon was! Es kommt schon was!« Der Farbtrog wird angeschraubt. Dann läuft Glubsch an den Kessel und stochert wild im Feuer, wirft Holz auf und rennt zur Speisepumpe. Auch das Wasser ist gesunken. Emil kommt hinterher und sieht zornig diese Wühlerei. »Mach dich doch nicht müd an dem verfluchten Krempel!« zischt er ihm ins Ohr. »In die Luft sprengen solltest du den Kessel!« »Und uns alle mit? Es trifft ja nur die Unschuldigen! Ja, wenn ...!« Der Heizer wirft wieder Holz auf. Emil fährt neue Scheite an. Er geht in der Schubkarre wie ein Sklave in Fesseln, der nach Freiheit giert. Der Heizer wirft die meterlangen Schanzenknüppel unter den Kessel. Die Flamme schlägt um die trockene Rinde, es knattert und knallt das gesplissene Stammholz trockener Buchen und Eichen. Bittkow nimmt seine Karre; an der andern Seite des Hofes liegt das Holz aufgestapelt. Er ladet die Karre voll und schiebt sie ins Kesselhaus. Der Fahrweg hat eine unregelmäßige Bahn, ein Rad stößt in Löcher, das andere vor kleine Wälle, die Knüppel rattern. Die Karrenbäume schüttern in den Händen des Fahrenden, als schlüge jemand mit einer Axt darauf. Bittlows Hände sind wie aus Eisen, klammernde Zangen seine Finger. Sechs, siebenmal fährt er so durch die Finsternis. Dann muß er mit einer Axt die Buchenstämme spleißen. Eine wüste Arbeit, eine Schinderei, wenn erst Äste das Holz durchziehn und er mit Keil und Hammer darangehen muß. Eine kleine Stallaterne leuchtet ihm dabei. Durch die Stille der Frühe knallen die Schläge der Axt und tönt das Krachen der splitternden Stämme. Inzwischen ist sein Kollege Glubsch in die Färberei gegangen, er setzt Dampf auf Kübel und Bütten, steigt auf den Bleichapparat und kontrolliert den Dampfdruck. Derweilen muß Bittkow mit feuern helfen. Zuerst hingen nur die Webstühle an den Dampfkesseln und beide, Heizer und Helfer, glaubten, die Arbeit könnten sie keinen Monat vollhalten. Inzwischen wurden neue Farbkessel montiert, kamen nacheinander drei Bleicherkessel dazu. Bei jeder neuen Belastung schworen Heizer und Helfer, das kann der alte Kessel unmöglich aushalten, sie könnten es nicht mehr schaffen. Sie tranken ein paar Schnäpse, aßen etwas Brot und Speck zum Frühstück mehr, fluchten sich die Wut vom Leibe – und es ging. Um fünf Uhr tutet Bittkow mit dem Dampfhorn. Dieses Horn hat Glubsch selber gemacht, er hat einem Stück Kupferrohr eine Stimme eingesetzt, die tönt wie ein Dampfschiff im Nebel. Glubsch ist immer noch nicht zufrieden: Jetzt feilt er, trotz aller Schinderei, an einer neuen Stimme. Er hat noch ein größeres Kupferrohrstück gefunden. Dieses wird mit dem alten Heulrohr auf eine Abzweigung zusammengearbeitet, das gibt einen Doppelton, den man bis nach Halle hören soll. »Die reichen Bürger und hohen Beamten, die weiter von der Fabrik wegwohnen, sollen genau so gut wachgebrüllt werden wie die armen Weber. Ich brülle die ganze Welt aus dem Schlaf«, sagt Glubsch. Das macht Bittkow Spaß. Er schmeißt für Glubsch Holz aufs Feuer und karrt wie ein Goldsucher: »Wir brüllen die ganze Welt aus dem Schlaf!« lacht er in den flammenden Schlund hinein. Zu Mittag geht Glubsch in das nahe Wirtshaus. Dorthin bringt ihm seine Frau das Essen. Er trinkt einen großen Schluck Bier, ißt seinen Napf voll Gemüse, trinkt wieder einen Schluck und sieht überm Essen seiner Frau in die Augen. Diese Frauenaugen wandern ruhelos in der Kneipe umher: da sitzen reihenweise die essenden Arbeitsleute, laut und leise, trinken und kauen. Manche sind in farbbeklatschte Lumpen gekleidet, sie haben keine Zeit, sie abzuwerfen. Viele legen den Kopf auf die Arme und schlafen die wenigen Minuten. Die Bessergekleideten sitzen an besonderen Tischen. Frau Glubsch vergleicht ihren Mann, er hat glanzschwarze Hände und ein berußtes Gesicht, doch, er hat Manieren beim Essen, darum könnte er schon an dem Tisch der Besseren sitzen. Nun hat er auch seinen Napf geleert. Er fragt die Frau nach den Kindern. Frau Glubsch kennt das alles so genau; jetzt wird er fragen, wieviel Geld sie noch bis zur Löhnung hat, dann wird er ihr vorrechnen, wieviel Überstunden er bekommt. Nun muß er schon aufstehen. Er hat als erster am Kessel zu sein. Die Frau geht weg, er trinkt sein Bier ans. Während er am Schenktisch sieht und zahlt, kommt der Färbermeister Vogel. Er geht an den ersten Tisch und ruft in die Stube hinein: »Wer von Euch hat schon etwas von einer Assoziation gehört?« Einen Augenblick Stille, dann Lachen, Rufen, Reden, Stimmen durcheinander. »Was ist? Kann mans essen? Rollt es oder muß mans schleppen? Legt es Eier oder...« »Assoziationen sind Vereinigungen!« ruft der Vorsteher der Arbeiterverbrüderung. »Natürlich wissen wir das! Genossenschaften!« »Ich meine diesmal eine Lebensmittelassoziation, kennt Ihr die, Brade?« Daraufhin sieht Brade auf, ruft halblaut: »Wie meint Ihr das?« und redet leise mit seinem Nachbar weiter. »Vogel soll reden! Was hat Vogel? Raus mit der Katz aus dem Sack!« rufen verschiedene Stimmen. Vogel ruft in die Gaststube hinein: »Eine Lebensmittelassoziation ist eine Vereinigung von Arbeitern, die sich einen Lebensmittelladen kauft und selbst als Händler auftritt. Dadurch erspart sie den ganzen Verdienst, den jetzt die vielen Lebensmittelhändler einstecken. Weiß einer, wo solch eine Vereinigung besteht?« »In Chemnitz!« ruft Brade. »Es ist der Verein ›Ermunterung‹. Er nimmt nicht mehr als zwölf Mann auf und besteht schon seit fünf Jahren! Für uns, Meister Vogel, hat das keinen Zweck!« Da ruft Glubsch von der Schenke her: »Keinen Zweck? Brade! Ich glaub wohl, es hätte sehr viel Zweck, ich weiß es aus Amerika. Ein paar Mechaniker hatten es leid, zu hohen Stadtpreisen die Produkte vom Land zu bezahlen. Da sind sie eines Sonntags zu den Farmern, den Bauern in die Umgegend gegangen und haben sich einmal erkundigt, was die Bauern eigentlich für ihre Ware von den Händlern bekommen. Sie gerieten in Wut, als sie hörten, daß da draußen die Sachen bloß die Hälfte kosten. Gewiß mußte da auch noch der Fuhrlohn bezahlt werden. Aber dies war immer noch ein dicker Batzen Geld, den die Händler draufschlugen. Da sind sie am nächsten Sonntag wieder hinausgefahren, sie nahmen sich das Geld mit, was sie sonst am Samstag ausgeben mußten und kauften ihre Ware direkt auf dem Dorf ein. Es dauerte gar nicht lange, da kamen die Landleute schon von selbst jeden Sonntag an die Fabrik. Sie lieferten die Ware an die Leute selbst ab und schrieben auf, was sie am nächsten Sonntag mitbringen sollten. Da mieteten die Arbeiter ein kleines Häuschen, ließen die Bauern dorthin ihre Produkte bringen und kauften auch noch andere Sachen im großen ein. Aber sie kauften immer beim Erzeuger, bei denen, die selber die Sachen produzieren. Dadurch gewannen sie eine ganze Masse Geld. Wie ich da in Amerika wegging, gab es in jeder Stadt einen solchen Fabrikverein. Was daraus geworden ist, weiß ich nicht. Denkt bloß einmal nach, wieviel die Händler am Branntwein verdienen! Da machen sie doch sicher auch die Hälfte Gewinn! Seht mal, wieviele, die schon am Hungertuche knabberten, die haben einen Laden aufgemacht, sie leben ohne Arbeit besser, als wir, die 12 und 13 Stunden wie die Hunde schuften!« »Bravo, Glubsch! Wir kaufen genossenschaftlich eine Tonne Branntwein!« »Wir machen gleich eine Assoziationsbrauerei auf!« »Eine Fabrikschlachterei, ich bin für Speck und Schinken!« brüllt ein anderer dazwischen. »Wer sagt da Fabrikschlachterei?« fragt Vogel. »Das war nur ein Witz!« ruft die Stimme. »Nein, ein gescheiter Einfall, wenn wir hier, unter uns, vorläufig allein in der Fabrik eine Lebensmittelassoziation begründeten! Wer macht da mit?« Da steht Brade auf. »Ich spreche für die Arbeiterverbrüderung; ich gebe nichts auf solche Gründungen. Sie halten bloß die Arbeiter von ihrer Idee ab, die Arbeiterschaft hat größere Pläne, als Schnapshändler und Speckverkäufer zu sein!« »Ihr mit Eurer Handvoll Mäuler verzehrt ja auch nicht viel!« ruft ein junger Kerl. »Aber wir, wir fressen unserm Herrgott noch die Ohren ab, wenn wir bloß drankommen!« »Wir behalten uns unsere Entschließung vor!« sagt Brade. »Wenn wir die Arbeit getan haben, dann holt Ihr Euch den Gewinn ab!« schreit jemand dazwischen. Vogel ruft wieder über die Tische hin! »Gut! Ihr wißt, was ich gemeint hab! Sprecht darüber, denkt nach und wir treffen uns nach ein paar Wochen wieder.« »Heut abend bestell ich schon den Branntwein für die ganze Woche!« ruft der Spaßvogel wieder, »die Hauptsache ist: Ihr gebt Kredit! Dann könnt Ihr vom Händlergewinn meine Saufschulden bezahlen!« Nicht alle verstehen, um was es sich handelt. Es gibt viel Gelächter, lustiges Reden, heftigen Für- und Widerspruch. Glubsch geht als Erster fort. Brade und Vogel sprechen noch miteinander als sie schon auf der Straße sind. In Gruppen und Trupps, heftig diskutierend, gehen die Arbeiter in die Fabrik hinein. Da tritt eines Mittags ein Mann in die Schenke, den keiner der Arbeiter kennt. Alle Augen verfolgen seinen Schritt zum Schenktisch. Er trägt eine fremdländische, braune Joppe mit Ledermanschetten. Der Hut ist groß und grün, eine Seite aufgeklappt, eine Kokarde überm linken Ohr leuchtet rot und weiß. Er bestellt ein Bier. Indeß der Wirt das Glas zapft, sieht sich der fremde Gast in der Schenkstube um. Schon hört er seinen Namen, einige Männer kommen auf ihn zu. Er begrüßt sie, ohne sie mit Namen zu nennen. Er kann mit dem besten Willen an den farbfleckigen und bärtigen Köpfen keine Gesichter erkennen. Einige sind beleidigt, daß er sie nicht mehr erkennt, doch er lacht die ehemaligen Schulkameraden freundlich an, klopft ihnen auf die Schultern und drückt freundlich die gereichten Hände. Sie fragen ihn nach Amerika, da tutet das Signal; Paule will zu Ottokar Glubsch. Vogel sagt, da müsse er nur zum Feierabend kommen, gegen neun Uhr hätte der seinen Kessel in Ordnung, dann könne er ihn am Tor treffen. Die Arbeiter drängen an die Schenke, ihr Getränk zu bezahlen. Paule verläßt das Gasthaus und geht auf die Straße. Immer neue Leute sprechen ihn an, fragen nach Arbeit, Lohn und Brot in Amerika, nach den Kosten der Überfahrt. Er muß Auskunft geben, bis das Horn zum zweitenmal brüllt und auch die Letzten an die Arbeit gehen. Paule trinkt noch ein halbes Maß Bier. Die Plätze, auf denen vorher noch die redenden, essenden, ruhenden Arbeiter saßen, liegen öde und leer. Das Mädchen geht von Tisch zu Tisch und sammelt die Krüge. Es schimpft über die farbbeklecksten Stühle, selbst auf den Tischen glänzt in der Nässe des Bieres die blaue Schmiere. Der Wirt betrachtet Paule, der durch die Fenster auf die Fabrik stiert, mißtrauisch. Als Paule zahlt, fragt er ihn: »Na, was meint der Herr, werden die Arbeitsleute das welsche Ding da von der Assoziation machen?« »Lebensmittelgenossenschaft!« sagt Paule. »Na ja, werden sie es machen? Werden sie es wirklich machen? Werden sie daran verdienen?« »Sie werden!« sagt Paule. »Ich helf ihnen dabei.« »Sehr wohl, Herr!« dienerte der Wirt, »ich halt mich empfohlen! Hab einen kleinen Saal, gemacht für solch kleine Versammlungen!« »Wird sich schon machen!« sagt Paule und geht. Er sieht auf das Tor der Fabrik, die letzten Arbeiter drücken sich durch die halbverschlossene Tür. Die Webstühle rumoren, die Maschinen puffen, es klatscht und schlägt. Paule macht die Tür hinter sich zu, der Portier fragt »Wohin?« »Zum Heizer Glubsch!« »Es darf eigentlich niemand in die Fabrik hinein!« mault der Portier, fragt dann nochmals: »Ottokar Glubsch?« Paule wiederholt den Namen. »Na, machen wirs so: Hier ist seine Vesper, Frau Glubsch hat mirs hineingereicht, er hats vergessen, gebts ihm ab!« Paule nimmt das Päckchen, ein rotes, geblümtes Taschentuch ist um ein grobes Stück Brot geschlungen. Er trägt es vorsichtig, denn grad spritzt eine Ladung Schlamm an ihm hoch. Durch das geöffnete Tor plumpt eine Holzfuhre. Hinterher stampft er dem Kesselhaus zu. Die Fuhre biegt einem Weberwagen aus, der am Lager steht, schwere Gäule stampfen und schnauben. Der Kutscher steht oben auf den Stoffballen, wirft sie Stück um Stück herunter auf eine große Trage. Ein anderer macht auf jeden Ballen an der Tafel einen Kreidestrich. Zwei Arbeiter packen die Trage und schleppen sie in die Wäscherei. Aus den offenen Fensterlöchern quillt dicker, grauer Dampf. Er hört Gerufe und Antworten, Gepolter bollernder Holzrollen. Nicht einen Schritt weit kann er hineinsehen. Er geht einem Arbeiter, der einen schweren Karren voll nassem Zeug zieht, aus dem Weg. Da sieht er auch aus dem niederen Dach aus vielen Löchern Dampf aufquirlen. Überall fehlen Ziegel, überall zieht der Qualm ab. Bedrückt geht Paule voran; er paßt nicht auf den Weg auf, stolpert durch Schlammlöcher, bleibt nun stehen, und besieht die hohen Kessel: drei gewaltige Eisenzylinder mit festverschraubten Deckeln. Oben, auf einem breiten Holzgerüst steht ein Mann, der an dem Rad eines Ventils dreht. Mit zischendem Geräusch fährt der Dampf aus dem Ventil, strömt sogleich an den Schrauben des Deckels heraus, der Mann greift nach einem Schlüssel und zieht die Muttern nach, das Dämpfen hört auf. Paule ist schon einige Schritte vorübergegangen, da kehrt er zurück und ruft: »Seid Ihr der Heizer Glubsch?« »Aber feste!« schreit der Heizer herunter, »wer seid Ihr denn?« »Zöckler-Paule vom Schmied! Allright! Come on! How do you do, America boy ! Die Männer nähern sich, Paule reicht das Tuch mit dem Brot hoch. Glubsch nimmt es an: »Dies und deswegen seid Ihr doch nicht ans Amerika gekommen, old boy !« »Warum nicht?« lacht Paule und geht gleich aufs Ziel los. »Wir müssen eine Assoziation gründen, Ihr aber sollt den Arbeitern Aufklärung geben. Die Handwerker sind zu dreißig Mann beisammen. Euch kennen die Leute in den Fabriken, von mir wissen sie nichts. Euch glauben sie!« »Ha! Sie glauben einem Fremden mehr als zehn Eilenburgern!« lacht Glubsch. »Ihr müßt doch wissen, wir sind hier im Städtchen! Der Glubsche Ottokar, der ist doch genau son armes, dummes Luder, wie wir alle, was versteht der denn mehr wie wir? So werden sie sagen. Euch, Paule glauben sie eher, Ihr kommt weit her!« »Dann seid doch zum Feierabend beim Buchbindermeister Fritzsche in der Töpfergasse. Dann sprechen wir mal über die Sache,« Paule reicht ihm die Hand zum Abschied. »Und wir gehen dann noch eine Halbe trinken und reden was über Amerika.« Glubsch schüttelt den Kopf und sagt: »So seht Euch doch mal erst meine Feuermaschine an! Soviel Zeit hats denn noch! Herr Degenkolb wird uns deshalb nicht gleich auffressen! Augenblick!« Glubsch legt sich über den großen Schraubenschlüssel und zieht die Muttern an, hier faucht noch eine, wird angezogen, dort beginnt eine neue zu zischen. Paule sieht zu und sagt: »Glubsch, kein Wunder, daß der Deckel nicht dicht hält, er ist ja viel zu leicht; der muß aus Guß sein und an der Auflage bearbeitet! So roh und rauh dichtet man doch keinen Deckel ab!« »Mit Menschenfett und Armeschmalz wird hier alles dicht gemacht!« brüllt Glubsch durch das Rauschen des Dampfes. »Sowas hat die Welt noch nie gesehen! Zu Leipzig würde jeder Kessel explodieren, jede Walze zerbrechen, jedes Lager heißlaufen. Die Eilenburger haben mehr Maschinenglück wie Arbeitsverstand!« Endlich wird er doch fertig, schnappt sein Tuch und geht mit Paule durch die Druckerei. Vor jeder Roleauxmaschiue steht ein Meister, den Schalthebel in der Hand. Seine Augen verfolgen den Stoffstreifen: Paule zieht seine Taschenuhr: Alle fünf Sekunden geht ein Meter fertig bedruckt aus der Walze hervor. Ein Mann tritt durch eine Tür, sein Gesicht trieft von Schweiß, der Mund in dem hochroten Gesicht ist weitaufgerissen, die Augenbrauen hängen voll Schweißtropfen. Die Arbeitsjacke klebt ihm am Leib, die Hosen sind naß, als hätte er in einer Wasserbütte gestanden. Ehe er die Tür hinter sich zugemacht hat, steht die Maschine wieder und Paule, neugierig, will hineinsehen. Er platzt vor der Glut zurück, doch Glubsch stellt sich hinter ihn: »Na, wenn der Bittkow Emil da eine halbe Stunde drin arbeitet, kann Herr Paule doch mal hineinsehen!« brüllt er ihm in die Ohren. Paule kneift den Mund zu, reißt ihn wieder auf, er wagt nicht, durch den Mund zu atmen, denn der Hals verbrennt ihm, atmet er durch die Nase, so ist ihm, als stießen ihn glühende Drähte hinein. Nun preßt er beide Hände vor Nase und Mund und sieht in den Kasten, sieht oben an der Decke eine Reihe Rollen und unten an der Decke wieder eine Reihe. Von Rolle zu Rolle läuft das Stoffstück, die Rollen sind mit Dampf geheizt, zwischen den Rollen senkrecht stehen Dampfröhren. »Versteht Ihr nun, daß die nassen Druckstoffe pulvertrocken nach fünf Minuten wieder draußen liegen, fix und fertig?« sagt Glubsch. »Ich verstehe,« schnauft Paule. »Ottokar, muß nur Dampf machen!« sagt Bittkow, »ich muß Holz holen.« Bittkow geht mit Glubsch und Paule durch die Gänge, heiß und dumpf, erfüllt von dem Gepolter der Roleaux. Im Kesselhaus angekommen, greift er die Karre und stößt sie durch die Tür, fährt mit dem schweißnassen Leib in Regen und Wind hinein. Paule wischt sich den Schweiß aus dem Gesicht und sieht den Heizer entsetzt an. Der reißt die Tür des Kessels auf und wirft die langen Holzknüppel in die Glut, Stück um Stück, schiebt ein paar schwere Kloben nach und verschließt die Tür wieder. Dann stellt er das Pumpwerk an, läßt das Wasser an den Probierhähnen austreten und geht in den Maschinenraum. Paule setzt sich auf den Holzstoß. Er ist überwältigt. »Na, Herr Paule, da kriegt Ihr langsam Respekt!« sagt Glubsch. »Ottokar, go to hell! Bankrottmaschinen sind das! Wenn Ihr die in Amerika aufstelltet, da kriegtet Ihr keinen verhungerten Tramp dran, keinen lausigen Waldläufer. Wartet ein paar Jahre, dann verkracht das ganze Gewerbe, so was Verruchtes, so eine unsinnige Kraftvergeudung, das kann sich doch nicht rentieren! Die Maschinen in Amerika ...« Seine empörte Rede wird von Ottokars Lachen unterbrochen. »Go on! Warum bliebt Ihr nicht drüben?« fragte Glubsch. »Warum Ihr nicht? Auf einmal kam es mich so an, da drüben, als sei nun daheim was los, und ich würde gebraucht dort und nun wars, als müßten die Auslandsdeutschen von aller Welt Enden aufbrechen, um zu Hause zu helfen und zu arbeiten, zu schaffen, daß es in Deutschland Licht wird. Und nun, kaum zurück, was ist? Finsternis, Dunkel, Elend! Ja, zu was sind wir heimgekommen? Glubsch, zu was? Wir, die wir so stolz auf Deutschland waren, die den deutschen Namen in der Welt zu Ehren brachten, wir kehren zurück und finden nur Dinge, deren wir uns schämen müssen, nicht vor der Welt, der großen, vor Amerika, nein, vor unsern Landsleuten, vor unsern ärmsten Brüdern. Das haben sie aus Deutschland gemacht!« »Obacht, Obacht!« schreit eine Stimme und eine Karre schiebt sich durch das Tor, Emil Bittkow tritt regen- und schweißnaß an den Schrank, er nimmt eine Flasche, setzt sich mit dem Rücken an das Kesselmauerwerk, zieht den Korken und trinkt einen langen Zug. Er hört zu, wie sich die beiden über die Genossenschaft unterhalten. Sie erinnern sich an die verschiedenen Städte, in denen sie gearbeitet haben und sprechen von gemeinsamen Bekannten, die in den Genossenschaften tätig waren. »Wird sie auch Schnaps auf Lager halten, die neue Vereinigung?« fragt Bittkow. »Ja natürlich! Auch Branntwein! Wird im Großen gekauft, wir schenken ihn selber aus,« antwortet Glubsch. »Und, wird denn da wohl Jeder zugelassen?« lauernd äugt Bittkow auf Paule. »Je mehr, je lieber, je besser! Jeder Verzehrer kann seinen Anteil bei uns bestellen. Kollege Bittkow, kommt, wenn wir öffentlich über die Sache sprechen wollen. Vielleicht bei Herrn Krieger in der Badergasse!« »Wenn Glubsch mittut, bin ich dabei!« antwortet Bittkow. Paule sieht auf. Bittkow packt die Holzknüppel vom Karren und lädt ab. Glubsch geht mit Paule ans Tor. Er verspricht ihm, an dem Abend zu kommen, wenn er zehn Arbeiter gewonnen hat. Paule geht durchs Tor, nach zehn Schritten sieht er sich um: wie ein Gefangener, der die Freiheit wieder hat, atmet er auf. Wieder dreht er sich zur Fabrik hin und will mit der Faust gegen sie drohen, da besinnt er sich. Er hat eine Wut auf diese wüsten Maschinenhöhlen, das sind keine Fabriken, das sind polternde Schrotthaufen. Als er an der Mitscherlichen Fabrik vorbeigeht, begegnet ihm ein Trupp Arbeiter. Er geht hinter ihnen, hört auf ihre Worte. Sie reden von den Akkordlöhnen, die neu eingeführt sind. Einige sprechen heftig dagegen, andere dafür. Sie gehen in ein Gasthaus, trinken zuerst einen Branntwein und dann ein Bier, sitzen mit breiten, müden Armen, aufgestützt die Ellenbogen, am Tisch. Hier im Licht sprechen sie leise, sehen nicht auf, als überfiele sie jetzt erst die Müdigkeit. Ein junger Mann rückt an die blakende Lampe und liest einen Zettel. Paule stellt sich neben ihn und fragt ihn, ob es die Assoziation betreffe, von der die Zeitung in letzter Zeit geschrieben habe, und was er von der Sache halte. Der junge Arbeiter rückt seinen Stuhl hervor und weist ihm den Zettel des Flugblattes, auf dem gedruckt obenan sieht: »Arbeiter, entscheidet Euch!« Sie lesen zusammen, es ist eine schon gedruckte Ansprache Brades. Paule bleibt bei den Arbeitern im Gasthaus und spricht mit ihnen, auch über viele Dinge, die nicht zur Vereinigung gehören. Er läßt die Arbeiter ihre Sorgen erzählen; er kann es nicht verhindern, daß sie in Zornausbrüchen Gott und alle Welt verfluchen; einmal ans Reden gekommen, blutet so ein armes Menschenherz in Wut und Verzweiflung, Haß und Rache aus. Glühend wünscht Paule, daß es ihm und den Freunden gelänge, ein kleines Hoffnungslicht in den dunklen Seelen der Abgehärmten zu zünden, daß es ihm möglich sei, Selbstvertrauen zu schaffen in den Männern, die sich von Gott und der Menschheit verstoßen und verraten fühlen. Als sie auseinandergehen, bitten ihn die Arbeiter, doch öfter zu ihnen zu kommen, er sei ja in Amerika gewesen und müsse ihnen von dem Leben und Treiben in der neuen Welt erzählen. Er verspricht es ihnen. Von nun an geht er fast jeden Abend in dies Gasthaus; besucht sie in ihren Wohnungen, lernt sie und ihre Familien kennen und lieben. Er ist für sie alle der große Bruder. Siebentes Kapitel Das Eilenburger Volksblatt hat schon manche überraschende Nachricht in die Bürgerhäuser getragen. Wer die kleine Anzeige zufällig übersehen, der wird sehr bald von seinen Bekannten aufmerksam gemacht, daß der Buchbindermeister Fritzsche zu der Gründungsversammlung einer Lebensmittelassoziation auf den 18. April in Kriegers Gasthof in der Badergasse einberufen hat. In den Krämerläden hören die Frauen über Fritzsche und seinen Verein viel höhnische und spöttische Worte. Die Gründungssucht der Eilenburger sei einfach eine Narretei. Schlimmer noch, eine neue Methode, den Bürgern ihre Zeit zu stehlen und den Saalbesitzern Kundschaft zuzubringen. Man solle den Phantasien und Narren Fritzsche doch einfach mit den törichten Konsorten sitzen lassen. In allen Gasthäusern, Schenken und Kramläden wird so heftig über diese Sache gesprochen, daß auch die Leute, die keine Zeitung bekommen, genau wissen, daß am 18. April in Eilenburg etwas Neues geschieht. Es ist so viel Spott und Hohn über die Einberufer verbreitet worden, daß mancher den Weg zum Meister selber wagt und sich Rat und Auskunft holt. So gern Meister Fritzsche die Bürger für das Unternehmen interessiert, dies ist ihm doch zu viel. Er ist kaum noch imstande, die Pappkästen für den Doktor, die schon geschnitten liegen, fertig zu machen. Er muß sie bis zum 18. April abliefern, denn er braucht das Geld dafür. Überdies muß er noch die Paragraphen des Statuts mit Herrn Wagner bearbeiten. Große Sorge macht ihm das Betriebskapital. Er muß mindestens 100 Taler Bargeld haben. Er geht zu seinem Schwiegervater und zu anderen Verwandten. Er bekommt 45 Taler zusammen. Als er mit dem Geld nach Hause kommt und es auf den Tisch hinzählt, kommt seine Frau hinzu. »Liebe Juliane, 100 Taler muß ich haben, was hast du noch im Notstock?« Frau Fritzsche geht in die Schlafkammer und legt ihm 70 Taler auf den Tisch. Davon zählt er 55 Taler ab. Herr Wagner ist über die Zählerei hereingekommen und besieht staunend die große Summe: »Das wollt Ihr der Genossenschaft als Betriebskapital anbieten? Wißt Ihr auch, daß sie keine Sicherheit leisten kann?« »Das ist die Hauptsache, ich habe das Vertrauen! Nebenbei, wir brauchten das Vierfache; ich hoffe, auch das kommt zusammen!« Fritzsche übergibt das Geld Herrn Wagner. Nun muß er mit Ottokar Glubsch sprechen, ihn über den Betrag des einzelnen Mitgliedes fragen. Was kann ein armer Handwerker und wieviel ein Arbeiter abspleißen? Darum muß man schon die Gründung hinausschieben, weit hinaus, damit die Leute sich ein wenig sparen können, um die von ihm vorgeschlagenen zehn Groschen Eintrittsgeld zur Hand zu haben. Außerdem müssen sie Bargeld zum Einkaufen bereithalten. Es sind nicht viele unter den armen Leuten, die gänzlich ohne Schulden stehen. Darum hat er als ersten Paragraphen den folgenschweren Satz aufgestellt: Ware wird nur gegen Barzahlung abgegeben. Gerade in diesen Tagen, wo er alle Gedanken auf die wichtigen Arbeiten richten muß, laufen ihm die Leute wegen diesem Krämerschwatz ins Haus. Ihm wird klar, daß die Genossenschaft, noch ehe sie gegründet ist, grimmige, einflußreiche und skrupellose Feinde hat. Eines Tages kommt Herr Wagner und bittet ihn, mit der Gründung noch ein halbes Jahr zu warten. Die Feindschaft der einflußreichen Leute sei zu groß. »Was würden wir tun, wenn sie uns mit aller Macht angreifen? Wir sind doch machtlos!« »Machtlos? Wir?« sagt Fritzsche und haut auf den Tisch. »Sagen, was wir tun werden? Nein, das kann ich nicht! Aber – Moment? Das werde ich Euch zeigen!« Er geht an einen Schrank, wirft Pappe und Karton heraus und kommt dann mit einem Bild zurück, welches mit Ölfarbe auf einer Leinwand gemalt ist. Nachdem er es abgestaubt hat, hängt er es an die Wand, grad über seinen Arbeitstisch. Sie treten einige Schritte zurück und sehen auf diesem Bild ein großes, unendlich weites Schneefeld, das von der kalten Wintersonne eisklar beschienen ist. In der Mitte des Bildes hat sich eine Herde wilder Pferde versammelt. In einem dichten Kreis stehen die schlanken Stuten, eine neben der andern; inmitten dieses Kreises stehen zitternd die Füllen. Die Mütter beruhigen mit streicheln und lecken die Jungtiere, denn sie sehen in der Ferne große Rudel von Wölfen herankommen. Die Hengste stehen, wie Vorposten, um diese lebendige Festung. Sie packen die blutgierigen Bestien mit ihren starken Zähnen und schleudern sie in die Luft. Einer trampelt einen niedergefallenen Wolf mit den Hufen in den Schnee. An einer Stelle haben sie die wilde Rotte nicht abhalten können. Sie ist zwischen die Hengste durchgebrochen und schnuppert schon mit roten Schnauzen an den Hinterfüßen der Muttertiere. Ehe sich einer der hungrigen Wölfe an die Füllen heranschleichen kann, schlagen die Stuten mit den Hinterbeinen aus und, wohin sie schlagen, treffen sie einen der Wölfe an den Kopf, vor den Bauch, daß sie weit über den Schnee fliegen und von den Hengsten zertrampelt werden. Innen, im Kreis, stehen in der Hut der Mütter, im Schutz der Väter, die Tierkinder; sie hören wohl das Heulen der wilden Bestien, den Todesschrei der Zertretenen. Prachtvoll hat der Maler die roten Schnauzen der Wölfe, ihre gierigen Zungen, die bläkenden Gebisse gemalt. Prachtvoller noch die schmetternden Hufschläge der sich wehrenden Stuten; am schönsten jedoch die dahinstürmenden Hengste, die ihre Feinde im Maul in die Höhe stemmen, niederschlagen, zertrampeln und zertreten. »Dieses Bild hat mir ein Buchbinderkollege gemalt, der im sagenhaften Rußland war und viele seltsame Dinge gesehen hat. Er hat sicher nicht gewußt, daß mir dieses Bild noch einmal Mut und Kraft geben würde.« Wagner lacht den Meister an; sie geben sich die Hände. Jetzt weiß Wagner, was getan werden muß. Am 17. April ist alles vorbereitet, die Handwerkervereine wollen ihre Vertreter entsenden, die Arbeiter haben zugesagt. Fritzsche wartet auf Paule, er hat ihn nicht mehr gesehen; von den Arbeitern hört er, daß er abends in den Gasthäusern gewesen ist, und sich mit ihnen unterhalten hat. Nun geht Fritzsche ins Schmiedehaus hinüber. Er muß doch wissen, ob er den Vortrag hält. »Ach, dies Kreuz mit dem Jungen«, sagt die Mutter, »ich seh ihn nur ein paar Stund über Tag, wann er jetzt wieder nach Haus kommt, kann ich nicht sagen. Kein Tag vergeht, da er nicht bis zehn, elf Uhr schläft. Dann kommt er mit Singen die Stiegen hinunter. Er ist wohl betrunken, denk ich, nicht doch, nüchtern ist er, nur lustig! Wie oft habe ich ihm gesagt: »Geh' doch zum Nachbar Buchbinder, er wartet auf dich!« – »Hö!« lacht er dann, »Fritzsche und die Kollegen brauchen mich nicht, die haben klügere Köpfe!« Fritzsche geht heim. Er schickt den Lehrjungen zum Doktor Bernhardi; bald kommt der mit dem Bescheid zurück, daß der Doktor zu Hause sei und ihn vor der Sprechstunde erwarte. Beim Mittagessen ist Fritzsche einsilbig. Er denkt an den Schmiedesohn. Zwar hat sein Artikel, der vor vier Wochen erschienen ist, mächtig die Trommel gerührt, doch nur bei den Handwerkern, die sich lange schon für die Sache interessierten. Fritzsche will, daß Paule bei der Versammlung sein soll; er weiß, wie es die deutschen Arbeiter in Amerika gemacht haben, muß den Leuten Mut machen. Die Angst vor den Behörden steckt dem ganzen Volk noch mächtig im Leib. Grade, als er zum Doktor gehen will, tritt der Kanitzky ein. Er kommt mit einer Freudigkeit, als hätte er die Nachricht von einer großen Erbschaft zu bringen. Er legt dem Meister eine lange Liste vor, auf der sämtliche Spezereiwaren mit Großhandels- und Kleinverkaufspreisen versehen sind. Den Briefkopf mit der Lieferfirma hat er mit seinem eigenen, großgedruckten Namen überklebt. Mit einem Blick hat Fritzsche gesehen, daß die Einkaufspreise viel zu niedrig, die Verkaufspreise zu hoch sind; gleich schiebt er den Brief zurück und sagt: »Bluff, Herr Kanitzky!« Nun redet der Agent von Großhändlern in Leipzig und Halle, die auf drei Monate Kredit verkaufen wollen; Fritzsche sagt ihnen gradeaus, daß die Genossenschaft nur gegen bar kaufe und abgebe. Denn sie würde nur bei Produzenten direkt kaufen, dabei brauche kein Vermittler seine Finger hineinzustecken. »Nur gegen bar?« fassungslos starrt der Agent den Meister an. Der Lehrjunge kommt. Fritzsche lädt ihm die Pappkästen für den Doktor Bernhardi auf die Schubkarre und bedeckt sie mit einer Zeltplane. Der Agent sieht, daß er überflüssig ist und geht. Beim Doktor erfährt Fritzsche, daß Paule verschiedentlich bei ihm war und daß sie über die Presse und auch über die Genossenschaft viel gesprochen haben, leider kann der Doktor nicht zur Versammlung kommen; er bedauert es; er will später bei den abendlichen Beratungen hinterher gern mit Rat und Tat behilflich sein. Nun melden sich schon wieder Patienten im Wartezimmer; der Doktor bezahlt dem Meister die Rechnung. Er wünscht ihm nochmals viel Glück zur Versammlung und bittet, die Erschienenen von ihm zu grüßen. Achtes Kapitel Heute ist der 18. April. Im Gasthof Krieger an der Badergasse sitzen Bittkow und Ottokar Glubsch. Sie haben zwar nicht das schlechteste Gewand angezogen; doch kommen sie sich in diesem Lokal, in dem die Handwerksmeister verkehren, ein wenig ärmlich vor. Glubsch hat natürlich noch nicht zu Abend gegessen, sein dicker Brotpacken liegt neben ihm auf der Bank, er geniert sich, mit vollen Backen loszukauen. So krümelt er nur ab und zu an einer Brotschnitte, trinkt öfter an dem Glas, als er sonst gewohnt ist; denn hier gibt es keine dürren Heizerkehlen, die mit einem Maß in zwei Schlucken fertig werden. Da kommen die Handwerksmeister, Mann um Mann, setzen sich an die Stammtische, grüßen behäbig rund durchs Lokal, ganz, als seien sie hier zu Hause. Bittkow, in grimmiger Weise ungeniert, begrüßt sie leutselig, als hätte er ganz Eilenburg zu einem Gastmahl eingeladen. Darum pufft Glubsch ihm eine in die Seite, Emil lacht unmäßig, winkt mit seinem Krug einem Tisch jüngerer Leute zu, die besser als Arbeiter gekleidet sind. »Mensch, das ist ja einer von unsern Schreibern, ja, der Federfuchser vom Kontor! Ob der auch Assozist werden will?« spricht Bittkow über den Tisch hin. »Emil, wenn du nicht so taub wärst, hörtest du, daß sie über uns losziehen!« »Das haben sie auch schon in der Fabrik getan; daran erkennst du die sogenannt besseren Leute! Sie dürfen über die Arbeiter höhnen, und über Sachen schwatzen, die sie nicht verstehen.« Bittkow spricht es ungeniert aus. »Mach keinen Krach!« Glubsch stößt ihn mit dem Ellenbogen in die Rippen, denn durch die Tür kommt Paule, lautredend, einen Arm hochgestoßen, die Hand reicht von weitem schon zu Glubsch: » How do you do? Ottokar, welcom !« Er schüttelt den Heizer bei den Schultern, schmeißt sich neben ihm auf die Bank, freizügig und ungeniert. Nun sieht alles auf den Schmiedesohn, der nicht nur in Geste und Sprache, sondern auch noch in der Kleidung seine Herkunft aus dem sagenhaften Lande überm großen Wasser zeigt. » Speek english !« entgegnet er dem Heizer, der gut Eilenburger Sächsisch spricht. Fritzsche mit einigen Männern tritt ein. Sieht sich nach den Arbeitern um, findet nur Glubsch und Bittkow. Neben Paule sitzt ein Hamburger Zimmermann. Er hat einen großen Hut auf dem Kopf, seinen Stenz überm Tisch liegen, als sei er in der Herberge. Zu dritt reden sie englisch miteinander. Fritzsche fragt den Wirt nach dem Besuch: »Ein gutes Dutzend werden oben sein!« sagt er. Fritzsche geht von Tisch zu Tisch, bittet, hinaufzukommen. An dem Tisch, wo die gutangezogenen, jungen Leute sitzen, macht einer eine tiefe, hohnvolle Verbeugung und sagt: »Wir kommen nach Ihnen! Sehr geehrte Herren! Nach Ihnen!« »Wenn Sie nur nicht zu spät kommen!« sagt Meister Fritzsche, ebenso höflich, wartet auf Paule, der Glubsch unter den Arm genommen hat und mit ihm spricht. Als Letzter geht der Buchbinder; er läßt die Frau des Wirtes, die herabkommt und in den zwei Händen ein halb Dutzend leere Krüge schwenkt, vorbei. »Es sind mehr als 20 Leute oben«, sagt sie eifrig und ruft zum Schenktisch hin: »Acht Halbe, drei Ganze!« Solange Fritzsche noch in der Tür ist, schweigt die Runde am Tisch, – als er die Tür hinter sich zugezogen hat, dröhnt Gelächter durch die Stube. »Wie die Herren Studenten benehmen sie sich!« sagt die Frau, »und es sind doch nur ...« Da unterbricht der Wirt sie heftig: »Frau, begreifst du denn immer noch nicht, daß ich gar kein Wort über meine Gäste hören will!« In dem Sälchen ist für mehr als hundert Personen Raum, es sind also ungefähr fünfzig Personen gekommen. Die Arbeiter sind über den Hof die Treppe hinaufgegangen und sitzen zusammen. Fritzsche blickt zur Tür. Sie ist lange Zeit nicht mehr geöffnet worden. Nun wird wohl niemand mehr kommen. Er sieht noch einmal über die Erschienenen hin, die unterm Schein der Öllampe die Augen auf ihn richten. Ihm zur Seite steht eine dicke Kerze, sie beleuchtet eine weiße Mappe mit Schriftstücken. Ehe Fritzsche spricht, trinkt er noch einmal aus seinem Bierkrug. Da kommt aus der Ecke, wo die Arbeiter sitzen, der Zuruf einer hellen Stimme: »Zum Wohlsein!« »Danke!« sagt Fritzsche und trinkt noch einmal. Darauf heben alle ihre Krüge und trinken sich zu. Nun muß Fritzsche noch einmal: »Zum Wohlsein alle miteinander!« sagen; dann dauert es eine Zeit, lang, ehe die allgemeine Fröhlichkeit in Stille übergeht. Fritzsche beginnt mit leiser, aber klarer Stimme: »Werte Mitbürger Eilenburgs! Ich brauche mich euch nicht vorzustellen; wir sind Eilenburger. Links neben mir sitzt Herr Sekretär Wagner, rechts neben mir der Schuhmachermeister Stolle! Färbermeister Vogel ist auch bekannt. Den Mann zu seiner Linken, den muß ich euch extra vorstellen, das ist Paul Zöckler, der Sohn des Schmiedemeisters; er ist vor einigen Wochen erst aus Amerika wiedergekommen. Die Sache ist die: seit vielen Jahren sind wir Handwerker ohne ausreichende Arbeit und den Leuten in den Fabriken geht es, trotz vielem Schaffen, jämmerlich schlecht. Das Einkommen ist so gering, das Brot so teuer. Bis jetzt haben wir nichts anderes getan, als unter dem Elend gestöhnt und auf die Kapital- und Maschinenbesitzer geschimpft. Wir haben auch nach dem Staat gerufen; doch was weiß der Staat von uns? Da kommen die Reisenden und Zeitungsleute in unsre Stadt, sie schreiben von dem großartigen Eindruck des Maschinenbetriebs und des machtvollen Handels. Wunderbar reden sie über das Rasseln der Dampfwerke und die überaus sinnreiche Mechanik des unermüdlichen Räderwerks! Schreiben: es wird nicht lange dauern, daß der Kleiderschrank des Weibes eines einfachen Gewerbemannes den Neid einer angelsächsischen Königin erregen wird. Freunde, was ist denn tatsächliche Wirklichkeit? Unser leerer Brotschrank erregt nicht einmal mehr den Neid eines aus Hunger davongelaufenen Kettenhundes! Daß wir aber unter der Segnung dieser gewaltigen Industrie und der arbeitfressenden Maschine in unerträglicher Armut seufzen, das sagt dem Staat niemand! Nun ist im Volk die Meinung, daß die Fabrikanten an unserm Elend schuld sind! Ist das nun so? Die Verhältnisse in der Industrie haben sie dazu gebracht, daß sie nicht mehr an das Volk denken, sondern bloß noch an Kapital und Konkurrenz. Ich glaube fest und bestimmt, wenn sie das Elend des Volkes spürten, so würden sie bessere Verhältnisse schaffen. Weil sie es nicht mehr fühlen, darum haben sie kein Interesse mehr für das Volk. Hier muß ich einige unserer Mitbürger ausnehmen, der Fabrikant Degenkolb, er hat es bewiesen, will gerne die Verhältnisse ändern. Auf der Nationalversammlung hat er Rechte für die Arbeiter, und Pflichten für die Fabrikanten in solchem Ausmaß gefordert, daß man Herrn Degenkolb für verrückt erklärte . Er hat eine Krankenkasse gegründet und ist die treibende Kraft zur Schaffung von Assoziationen unter den Handwerkern. Doch, was hat Herr Degenkolb für einen Einfluß bei den Fabrikanten? – Gar keinen! Er kann, sagen wir es frei heraus, nicht einmal in seiner Fabrik Ordnung schaffen. Er ist an die andern Fabrikanten, die Konkurrenz, gebunden. Das Land leidet, also muß der Staat es schaffen. Was der Staat ist, hat unser Mitbürger, der Doktor Bernhardi, uns ja so erklärt: » Der Staat ist der gesetzliche Vormund aller unmündigen Staatsangehörigen, der natürliche Schutz aller unterdrückten Schwachen !« »Es ist seine natürliche Pflicht, uns, seinen Landeskindern, beizustehen. Er soll durch die Machtmittel, die wir ihm zur Verfügung stellen, mittels des Militärs, das aus unseren Söhnen besteht, und den Waffen, die wir mit unsern Steuern bezahlen, er soll mit seiner ganzen Autorität, die in den Gesetzen Kraft hat, uns, den Armen, beistehen. Dafür heißt er ja der Vater Staat und nennt sich das ›Vaterland‹.« »Sehr richtig!« ruft es aus dem Hintergrund. Fritzsche spricht diese Worte über den Staat sehr langsam aus und spricht unwillkürlich leise, denn er gedachte der Folgen, die daraus erwachsen könnten. »Der Staat aber tut es nicht und wir können nicht darauf warten, bis er ein Machtwort spricht. Das Volk ist arm und einsam, die Starken haben sich losgesagt von uns. Jetzt müssen wir wieder feststellen, was eigentlich noch zum Volk gehört. Denn wir müssen wieder als Volk zusammentreten und unser Recht auf das Brot und das Leben verteidigen. Volk heißt in diesen Tagen Arbeitsvolk, das wie eine Familie zusammensteht, in der einer dem andern hilft, in der entweder alle zu essen haben, oder alle hungern! Wer aus dieser Familie ausgetreten ist, mag wieder zu uns kommen, er sei willkommen, wer nicht will, bleib da. Wir scheiden uns nicht nach Rang und Stand, bekämpfen nicht Arbeiter noch Handwerker. Wollen auch das Wort Fabrikant nicht. Brotherr! Das ist gut. Wir wollen keine Fabrikanten mehr haben, sondern Brotherrn! das ist ein deutsches Wort und deutsch soll es bleiben: Wer Herr sein will, muß Brot schaffen. Hier, an diesem Ort und in dieser Stunde wollen wir es entscheiden. Meine Freunde und Nachbarn, ihr seht, wir beginnen einen Kampf; es sind viele, die in unsrer Vaterstadt leben, aber nicht Vater der Stadt sein wollen. Die sollen nicht mehr sagen dürfen: Vaterstadt, sondern die sollen: Verdienerstadt, sagen. Also, ich rufe die Vaterstädter zusammen, um das Brot zu seinem Recht zu bringen. Wir kämpfen gegen das Recht des Geldes für das Recht des Brotes. Das Brot also ist das Element, daß dem Volk zeigt, wer zum Volk gehört. Die Fabrikanten können es uns nicht geben, der Staat kann es auch nicht, also schreiten wir zur Selbsthilfe und zeigen dem Staat, wie wir als Volk tun, was er nicht kann. Wenn ich Brot sage, so meine ich natürlich auch die andern Viktualien, alles, was zur Ernährung dient. Jetzt sag ich es von vorneherein, es wird unser Vorhaben schwer bekämpft. Denn, es haben sich in diesen schweren Jahren uralte, in früheren Zeiten nützliche und fast unantastbare Rechte gebildet, die wir, wenn auch nur vorübergehend, angreifen müssen. Ich meine hier ganz klar und ausdrücklich das Recht des Handelsstandes auf den Verkauf von Lebensmitteln. In diesen Tagen ist das Recht hinfällig geworden, denn es verkürzt dem armen Volk das so karge und teure Brot. Wir alle sind in Borg-Schulden verstrickt; das ist ein gewaltiger Mißstand. Dadurch bekommt der Handelsstand ein Recht auf den einzelnen, den er bei Barzahlung gar nicht hätte. Jetzt wird der arme Mann aus dem Volk an den Händler gekettet und der Händler verliert sein Geld. Das durch Borg verlorene Geld muß aber auf andre Weise wieder eingeholt werden und das geschieht durch höhere Preise, damit die Verluste wieder einkommen. So muß auch der Mann, der nicht auf Borg kauft, höhere Preise zahlen. Jetzt sind die Verkaufspreise so hoch, daß die Arbeitsmänner für ihren Lohn sich nur halbsatt essen können. Darum ist eine heimliche Feindschaft ausgebrochen: Jeder muß den Handelsstand hassen, weil er das Brot und die Lebensmittel mit hohen Preisen kürzt. So ist der Handelsstand jetzt das trennende Element geworden; die Verhältnisse haben es mit sich gebracht, daß er zwischen dem armen Arbeitsvolk und seinem Brot steht. Diese Auswüchse eines altehrbaren Gewerbes zu bekämpfen, ist unsre Pflicht. Wir fürchten nicht den Kampf und die Leiden, die uns daraus erstehen. Wir führen den Kampf so lange, bis das auch der Handelsstand einsieht, daß der arme Arbeiter auch zum deutschen Volk gehört und nicht ausgestoßen werden kann. Wir wollen den ehrlichen Händler, der in der Tat handelt, nicht verachten. Aber er soll kein Krämer sein und im Handel vorangehn. So werden wir, ein ehrliches Volk, uns zusammenschließen und zeigen, daß der Mensch stärker als die Verhältnisse ist: wir ändern die Mißwirtschaft durch die Errichtung einer Genossenschaft, in der jeder für den andern, alle für einen und einer für alle verantwortlich ist! Wie wir das machen wollen, das wird euch der Paule Zöckler erzählen, der solche Einrichtungen deutscher Männer in Amerika gesehen hat.« Es dauert eine Weile, bis die Zuhörer begriffen haben, daß Fritzsches Vortrag zu Ende ist; die älteren Anwesenden klatschen Beifall, die jüngeren, nachdem sie einen Schluck getrunken haben, hämmern aus Lust und Freude am Klatschen die Hände zusammen, so daß sie alle befriedigt zum Schluß die Krüge heben und trinken. Da steht Paule auf, steht stolz und aufrecht in seinem besten Rock, das glattrasierte Gesicht glänzt vor innerer Erregung, die Augen aller Eilenburger sehen zu ihm hinauf: »Liebe Eilenburger Kollegen! Wenn ich auch nur seit einigen Monaten im Land bin, so habe ich mich genug umgesehen, und kann mir ein Bild machen von dem, was sich in den zehn Jahren, die ich fort war, ereignet hat. Ihr habt es schwer, meine Freunde, ich darf nichts darüber sagen, ich hab es nicht miterlitten und darum darf ich nur von einer ähnlichen Zeit sprechen, die ich in Boston mitgemacht habe. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie zu guten Zeiten dort Handwerker gesucht und bezahlt werden, nicht vorstellen, wie dort Geld verdient – und ausgegeben wird. Auf einen Hieb hatte die gute Zeit ein Ende. Ich war in einer landwirtschaftlichen Maschinenfabrik, ein Aufstand im Absatzgebiet kam und aus war die ganze Herrlichkeit. Zuerst haben wir eine Zeitlang von den Ersparnissen, wie die Herren gelebt. Dann ging das Geld aus, zu Hunderten, zu Tausenden standen die Herren von gestern an den Fabriktoren und verlangten Arbeit. Die Fabrikanten mußten auf Lager arbeiten und boten uns den halben Lohn. Daraufhin liefen wir wieder weg, Leute wie wir und halben Lohn? Ausgeschlossen! Nach einigen Wochen schlimmster Hungerzeit gingen wir wieder vor die Fabriken und jetzt erklärten die Fabrikanten, sie könnten nur noch die Hälfte vom halben Lohn geben, die Konkurrenz habe sich des Absatzes bemächtigt. Ob es wahr oder gelogen, das End vom Lied hieß: Arbeit um jeden Preis. Wir schafften wie die Wilden, es nützte nichts, wir konnten kaum die nötigsten Lebensmittel kaufen, denn die Preise standen immer noch auf dem alten Stand. Wir konnten nur den vierten Teil vom Nötigsten kaufen. Nun ist Boston eine richtige Handelsstadt; die Händler hatten riesige Kapitalien hinter sich und waren nicht auf die kleinen Groschen der Arbeiter gestellt. Uns aber fraß der Hunger die Därme aus dem Leib. Da wurde eines Tages ein krummer Mechaniker, dem ein Formkasten ins Kreuz gefallen war, mit einem Transport Ersatzteile aufs Land geschickt. Schon am dritten Tag erhielten wir einen Brief, wir sollten doch Geld sammeln und ihm schicken, er könne dort die Lebensmittel bei den Bauern zur Hälfte des Preises kaufen. Am nächsten Lohntag schickten wir einen Mann hin und der kam gleich wieder zurück, die Ochsenkarren hoch mit allem beladen, was zum Leben nötig ist. Der Fabrikant erlaubte uns, die Sachen in seiner Fabrik zu verteilen. Er freute sich, als er von dem Gewinn hörte, jetzt brauchte er nicht die heftigen Klagen zu hören, er bot uns Vorschuß an und setzte uns in den Stand, einen regelrechten Austausch zwischen Stadt und Land durchzuhalten. Der krumme Mechaniker kam nur noch zurück, um von uns die Erlaubnis zu großen Verträgen in Verpflichtungen und Unterschriften zu bekommen. Wir gründeten eine Lebensmittelassoziation, richteten eine Abgabestelle ein und da wir selber nach Feierabend die Waren verteilten, brauchten wir nur den Mechaniker und seine Familie zu unterhalten. Diese Tat des krummen Mechanikers wurde im ganzen Land bekannt und in kurzer Zeit gab es 40 solcher Vereine, die sich im Jahr 47 zu einer Vereinigung zusammenschlossen. Das wirkte auf den Handel so ein daß in kurzer Zeit die Lebensmittel und Bedarfsartikel um ein Viertel bis ein Drittel im Preise sanken. Dadurch stieg der Umsatz wieder und der Wohlstand stieg, auch ohne die Löhne auf die alte Höhe zu bringen. Alle Welt sprach von der genialen Tat des Mannes. Seitdem heißt es in Amerika, wenn etwas Neues gemacht werden muß, noch öfter, dringender als früher: ›Wie machen es die Deutschen!‹ Denn der Mechaniker war ein Landsmann von uns. Aus dem verbitterten Krüppel war ein weitblickender Kaufmann geworden, der im letzten Jahr eine halbe Million Dollar für die Mitglieder verwaltete. Die Mitglieder ersparten dadurch ¼ bis 1/3 Lohn, mehr als 140 000 Dollar. Meine Freunde, nun braucht ihr nicht zu glauben, dieser Mechaniker wäre ein besonders gerissener Kaufmann gewesen, nein, es war genau so ein einfacher Arbeiter wie wir es alle sind. Schaut auf die Auslandsdeutschen! Sie vergessen den alten Bruderzwist und sind im Lande Amerika nur noch Deutsche, Landsgenossen, Brüder des großen Volkes in Europa! Es wär eine Schande, wollten wir hier nicht von ihnen lernen. Hier, im Vaterland, schafft das Volk das Brot, und das Brot soll wieder zum Volk hinkommen! Trennt uns der Hunger, soll uns das Brot wieder zusammenbringen. Nicht als grimmige Hungerfeinde, die sich darum zerfleischen, sondern als vernünftige Menschen, die sich als Volksgenossen erkennen. Der Handwerker hat seine Konkurrenz in der Maschine, der Handelsstand soll seine ebenbürtigen Gegner in der Assoziation finden: Bringt der Handel eine neue Idee auf, zeigt er mit der Tat, wie das Volk zu seinem Brot kommt, dann können wir uns wieder ganz auf unsre andern Arbeiten beschränken. Jetzt aber die Genossenschaft gegründet. Da kann man nicht lange beraten, das muß man praktisch beginnen! Denkt, was jetzt nicht von Euch und für uns getan wird, das tun die Kapitalisten bald für sich und gegen uns. Eure Kinder und Kindeskinder werden dann nicht nur in den Fesseln der Produktion schmachten, sondern auch noch in den Ketten der kapitalistischen Verteilung. Die Zukunft schaut auf euch hernieder, Freunde, es ist eine historische Stunde, ihr habt es in der Hand, ob Eilenburg den Ruhm hat, die erste Lebensmittelgenossenschaft in Deutschland zu haben. Wächst sie hier nicht auf, dann wird die Idee weiterwandern und irgendanderswo aufwachsen. Aber wachsen wird sie, groß werden und mächtig, die Genossenschaft der vereinigten, schaffenden Stände!« Diesmal gab es direkt und unmittelbar ein Gewitter von Händeklatschen, eh Paule sich noch gesetzt hat, ein Bravorufen und immer wieder Händeklatschen. Der Vorsitzende der Schmiedegilde steht auf und klopft Paule mit seinen schweren Händen auf die Schultern, daß Paule, der ein bißchen sich nach vorne geneigt, auf den Stuhl schießt, daß die Lehne bricht. Die Schmiede nehmen die Ehre, die Paule zugedacht ist, stolz auch für sich in Anspruch, sie lassen das große, zinnerne Trinkgerät, einen Amboß in Lebensgröße, aus der Lade holen und machen einen gewaltigen Umtrunk. Paule geht, nachdem er als Erster getrunken hat, zu Glubsch hin und stellt ihn der Versammlung vor. Auch der könne von Amerika reden, trotzdem er schon zehn Jahre dort fort sei. Paule gibt den Trinkamboß an Glubsch weiter und dann läßt dieser ihn der Reihe nach weitergehen. Der Schmiedemeister macht ein verblüfftes Gesicht, Paule sieht es und ruft: »Es lebe die Genossenschaft aller schaffenden Stände!« Nun steht ein Mann auf, etwas erregt und sagt überlegen: »Liebe Leute, wer garantiert denn, daß der Mann, der Geld und Ware verwaltet, nicht die Finger zuerst und zutiefst ins Fettöpfchen steckt? Es könnten ihm gut die mit unserm sauren Schweiß verdienten Silbergroschen daran kleben bleiben!« Fritzsche antwortet: »Der Mann, der Geld und Ware verwaltet, wird von den Mitgliedern kontrolliert. Jeder, der glaubt, es sei etwas nicht in Ordnung, kann die Mitglieder zu einer Versammlung zusammenrufen. Und jederzeit kann der Kontrollausschuß in die Bücher, Kassa- und die Warenbestände hineinblicken. Außerdem muß ja der Mann im Lager eine Kaution, ich denke, so an 200 Taler, stellen.« Da sieht ein anderer Arbeiter auf und sagt: »Da möcht ich fragen, woher kommt das Geld, um die ersten Anschaffungen zu machen? Soviel wie ich gehört habe, soll nicht auf Borg abgegeben und nicht auf Rechnung eingekauft werden. Die zehn Silbergroschen machen doch auch den Bock nicht fett! Und dann: habt ihr schon ein Lokal in Aussicht? Das muß doch auch gemietet werden. Dann denk ich an die Auslagen für die Einrichtung: Waage und Kästen. Dazu gehört, mein ich, viel Bargeld. Unsereins ist doch froh, wenn er die zehn Silbergroschen leisten kann und sich auf Barzahlung einrichtet. Wollt ihr darüber nicht ein paar Worte sagen?« Herr Wagner sieht auf: »Da hat der Kollege ganz recht, über diese Sache zu sprechen. Zum ersten: der Buchbindermeister Fritzsche hat mittlerweile ein Kapital von nahezu 200 Talern, teils erborgt, teils aus seinen Ersparnissen, für diese ersten Anschaffungen bereitgestellt. Außerdem will er noch, um bei den Lieferanten große Einkäufe zu machen, 420 Taler zugunsten der Genossenschaft auf seinem Erb und Eigen eintragen lassen. Die Lokalfrage haben wir so geregelt: Herr Fritzsche stellt die beiden Zimmer in seinem Unterhaus zur Verfügung. Wenn unsere Vereinigung gedeiht, ist es ein Kleines, ihn durch Prozente vom Umsatz zu entschädigen und ihm auch Miete für das Lokal zu bezahlen. Habt ihr sonst noch etwas zu fragen?« »Bravo! Fritzsche!« ruft es aus der Versammlung heraus. Händeklatschen und Beifall zeigen, daß diese Lösung befriedigt. Herr Wagner spricht weiter: »Meine Freunde und Kollegen, nachdem Fritzsche euch und uns solches Vertrauen erwiesen hat, ist es recht und billig, daß auch wir ihm unser Vertrauen beweisen. Ich schlage vor, daß sich die Mitgliedschaft solidarisch für dieses geliehene Kapital haftbar macht, wie es die Schuhmacherrohstoffgenossenschaft auch getan hat. Wer dafür ist, erhebe seine Hand!« Fast einstimmig wird dieser Vorschlag angenommen. Nun wird von Herrn Vogel die Wahl des Vorstandes angesagt. Er schlägt Fritzsche als Geschäftsführer vor. Da sich niemand meldet, steht er auf und ruft mit starker Stimme: »So nehme ich an, daß Herr Buchbindermeister sein Amt mit dem Vertrauen der Versammlung übernimmt.« Im allseitigen Beifall sieht Fritzsche auf, dankt der Versammlung und sagt: »So schlagen wir euch noch vor, als Vorsteher und Kontrolleur Herrn Färbermeister Vogel zu wählen. Wer für Herrn Vogel ist, siehe auf!« Über dreiviertel der Anwesenden sind einverstanden. Nachdem Herr Vogel sich bedankt hat, schlägt er für das Amt des Schriftführers Herrn Friedrich Wagner vor; es ergeht keine Einwendung. Der Schuhmacher Stolle erhebt sich: »Werte Anwesende! Ich konstatiere, daß der Vorstand zu allseitiger Zufriedenheit gewählt ist und daß die Herren die Ämter annehmen.« Der Vorstand steht auf, Vogel macht eine Verbeugung und sagt: »So hoffen wir, dem Wohl der Mitglieder zu dienen. Ihnen lege ich ans Herz, auf das nötige Eintrittsgeld, zehn Silbergroschen zu sparen und für die Genossenschaft zu werben. Alles Weitere erfahren Sie aus den Zeitungen.« Der Wirt und seine Helferin tragen Bier heran; von den Tischen der Jungen schallt ein Rundgesang. Bekannte setzen sich zu kleinen Gruppen zusammen. Einige Eiferer und Neugierige scharen sich um den Tisch des Vorstandes, hören Zahlen und Summen mit einer Andacht an, als ertönte dort eine herzbezwingende Musik. Es ist ein Lärm, wie nach dem Schützenfest. Fast ungesehen von den meisten ist ein Herr gekommen, hat sich durch die Tischreihen gezwängt und sieht auf einmal vor Herrn Fritzsche. Er reicht ihm die Rechte, legt ihm die Linke auf die Schulter und sagt: »Lieber Freund und Kamerad, ich kann Euch von Herzen gratulierenl« »Danke! Ich danke Euch!« sagt Fritzsche. »Doch mir nicht allein gebührt die Ehre und der Ruhm, sondern ich teile ihn freudig mit den Mitarbeitern, den Freunden und Kameraden, besonders aber mit dem verehrten Kollegen Paule, dem doch wohl der Löwenanteil gebührt! Bitte, Herr Doktor Bernhardi, die Kameraden dort!« Wieder schüttelt der Doktor die Hand des Buchbinders und sagt: »Was? Nicht Ihr allein seid der Vater dieses Kindes, das soeben das Licht der Welt erblickte?« »Aber, Herr Doktor, wie soll ich allein die Ehre auf mich nehmen? Die Vaterschaft an diesem stattlichen Wesen kommt gleicherweise der tätigen Hilfe und Mitarbeiterschaft der Freunde zu; ich habe nur, wie diese Männer, mich in den Dienst der öffentlichen Sache gestellt. Darum nehme ich die Gratulation im Namen meiner Freunde an!« »Zum Teufel, Fritzsche! Wovon, von welchem Kinde redet Ihr denn?« schreit der Doktor; er lacht, daß ihm der Zwicker von der Nase fällt. »Ich rede von der soeben stattgefundenen Gründung der Lebensmittelgenossenschaft!« sagt Fritzsche und kommt sich zum erstenmal in diesen Tagen wirklich ein wenig wichtig vor. »Und ich rede von dem kleinen Mädchen, Tochter einer gewissen Frau Juliane, das soeben das Licht der Welt erblickt hat!« sagt der Arzt. »Hoch leben sie beide! ruft Paule und schwenkt sein Glas. Die ganze Versammlung stimmt freudig ein in den Ruf und sitzt noch lange zusammen. Neuntes Kapitel Das Haus des Großhändlers Neer leuchtet beim Beginn der Dunkelheit mit allen Fenstern in den Garten hinaus; breitkronige Blutbuchen, wohlgewachsene Linden und Gesträuch ziehen einen schützenden Wall gegen die Stadt. Hart und drohend sperrt eine eisengegitterte Mauer das Eigentum ab. Nun wird das eiserne Pförtchen von einem Herrn aufgezogen, hinter dem eine zierliche Dame wartend einen Augenblick verweilt. Der Herr bietet der Dame den Arm, geht mit ihr über den beleuchteten, weißglänzenden Kiesweg in die weitoffene Pforte. Eine dienende Frau nimmt den Hut des Herrn und löst die Mantille vom Hals der Besucherin. Ein junges Dienstmädchen sieht bereit und führt das Paar mit ehrerbietigem Gruß in das Empfangszimmer. Sie sehen gleich in das große Wohnzimmer hinein, in dem Herr Neer mit seiner Familie sitzt. Das Ehepaar Neer sieht auf, um den Schwager, Herrn Fabrikanten Rüschenbach, zu begrüßen, die Kinder rufen, ohne den Kopf aufzuheben, »Guten Abend« und gleich beugen sich die Neuangekommenen über den Tisch, auf dem Mappen mit Zeichnungen, Alben mit Steindrucken, Stahlstichen und sonstigen Gravüren liegen. »O Tante Sabine, o Onkel Luzius! Das müßt ihr sehen, es sind die Schätze, die die Eltern von der Reise mitbrachten!« »Das muß man sehen!« sagt Onkel Luzius und blättert die Mappe nach vorn zurück, um alle Zeichnungen zu betrachten. »Lieb seid ihr aber nicht!« sagt Mutter Neer, »ihr könnt die Bilder immer noch sehn! Wenn ihr doch Raum geben wolltet! Tante Sabine ..« »Ach, Mutter, warum habt ihr uns die Bilder bis jetzt vorenthalten? Haben wir Kinder nicht das erste Anrecht darauf? Wenn ihr uns schon nicht mit auf die Reise genommen habt, wollen wir wenigstens sehen, wie die Welt auf dem Papier aussieht!« Agathe mault: »Warum habt ihr bloß Bauwerke zeichnen lassen? Ich dachte, ihr brächtet die lustigen und bunten Volkstypen mit, wie ich sie bei Buchhändlers sah. Du willst doch keine Architektursammlung!« »Kind! Wie unbotmäßig! Was haben die drei Monate, in denen deine Mutter nicht hier war, aus dir gemacht!« »Drei Monate ist eine lange Zeit!« sagt Agathe und hockt sich in die Ecke des Sofas, »im übrigen ist der deutsche Wald mir lieber, der Wald ....« »Frau von Rauchhaupt! Herr von Rauchhaupt! Willkommen in unserm bescheidenen Hause!« begrüßt Herr Neer das Landratsehepaar, das soeben eintritt, »haben Sie eine gute Fahrt gehabt?« »Wunderbare Fahrt! Sommerabend, flinke Pferde! Segen der Landwirtschaft auf Feld und Flur, fleißige Leute im Muldetal! Stadtleute wie Sie tun mir immer leid!« sagt der Landrat. »Die Schönheit einer kleinen Kreisstadt verzieht sich in Industrie, Manufaktur und Commerz; anstatt Altertümer: neue Maschinen, anstatt Idylle: Arbeit; anstatt Traulichkeit der Enge: weltweiter Umschlag in Kattun und Strümpfen!« lacht Herr Neer: »Ha! Schönheit, Herr Landrat, Schönheit gibt es nur in klassischen Gefilden: Paris, Venedig, Madrid! Außerdem brauchen die Südlandskinder freudig gefärbte und bedruckte Stoffe; die drei Monate haben sich ästhetisch, und ich glaube, auch kommerziell rentiert.« »Gräßlich, diese Kaufleute! Es ist grade, als wenn wir bei der Ausübung des Jagdvergnügens an den Geldwert von Hirsch und Rehbock dächten!« sagt der Landrat bewundernd und pikiert zugleich. »Da sieht man, wie die Zeiten sich geändert haben!« »Jawohl, Herr Landrat, die veränderten Zeiten zwingen uns, das Angenehme mit dem Nützlichen in weit größerem Ausmaß zu verbinden, als jemals!« sagt der Handelsherr verbindlich und stolz. »Ich nehme Sie beim Wort!« Der Landrat beugt sich ans Ohr des Herrn Neer und sagt leiser: »Darf ich Sie bitten, einige öffentliche Dinge im stillen mit mir zu besprechen? In fünf Minuten sind wir fertig!« »Aber selbstverständlich, Herr Landrat!« Herr Neer erhebt sich und weist auf die gegenüberliegende Tür: »Durch das Damenzimmer, rechts im Flur, erste Tür, mein Privatkonto!« Herr Neer folgt dem Landrat. Die beiden Frauen sehen den Männern nach. »Ist was Schlimmes passiert?« fragt Frau Neer. »Was kann passieren?« sagt Frau Landrat sorglos. »Die schlimmen Zelten sind Gottlob vorbei!« flüstert Frau Neer. Der Apotheker kommt, der Pastor, die beiden Herren vom Gericht, kollegial auch hier. Sie begrüßen die Anwesenden, lassen sich von Frau Neer einige Zeichnungen erklären und kehren an die Tür zurück. Sie begrüßen die Neuankommenden, Herrn Bürgermeister Brunner, den Ringofenziegeleibesitzer Schulte vorm Walde, Eltern, Söhne, Töchter. Frau Neer schätzt mit einem Blick, daß ungefähr die sechzehn Personen zusammen sind. Der Herr Pastor fühlt sich als Fachmann, er steht am Tisch und beginnt einen Vortrag über die mittelalterlichen Bauten in Rom. Das ist so interessant, daß selbst der eben aus dem Privatkontor gekommene Landrat zuhören muß. Frau Neer erhebt ihre Augen zum Ausgang, da späht die Aufwartefrau, die auf das Zeichen für die Küche wartet. Man darf Herrn Pastor nicht unterbrechen! Frau Neer wartet schmerzlich auf das Ende der Erläuterungen, denn die Suppe steht bereit. Ein Glück, daß gerade Herr Neer, ohne zu sehen, was da vor sich geht, aus dem Damenzimmer kommt und in die Hände klatscht: »Wenn ich bitten darf, Frau, so sorge..« Der Pastor bricht seine Rede ab, Herr Neer entschuldigt sich, doch, schon macht der Herr Pastor der Frau des Landrats eine Verbeugung und führt sie, hinter Herrn Neer her, zum Speisezimmer. Die Tischkarten, groß und klar beschrieben, erleichtern es den Gästen, ihre Plätze zu finden. Sogleich bedient Herr Neer Frau Landrat mit Rheinwein, hellrotem Rüdesheimer, den er noch mit Mineralwasser bekömmlicher macht. Ihre Gesundheit ist zart; Frau v. Rauchhaupt hat fast nie richtigen Hunger, drum muß sie sich zum Essen leicht anregen. Dann wird die Suppe gereicht, Herr Neer reibt die schmalen Hände und sagt wie entschuldigend: »Herr Pastor, darf ich Sie bitten, ein recht inniges Tischgebet zu sprechen. Seit drei Monaten lebten wir unter den wilden Heiden in Gasthöfen und Pensionen.« Der Pastor spricht den Psalm Davids von der Fruchtbarkeit der Felder, der Öl- und Weinberge, spricht den letzten Vers, zu Herrn Neer gewendet: »Und vom Fette der Erde mögst Du gesegnet sein!« Die goldgelbe Hühnersuppe ist gegessen. Kaum sind die Teller abgenommen, klopft der Hausherr ans Glas. »Fürchten Sie nicht, meine Gastfreunde, daß ich Ihnen mit einer langen Tischrede zur Last falle; es freut mich herzlich, daß ich Sie wieder um mich sehe, und ich danke Ihnen, daß Sie mir diese Freude machen. An der Table d'hôte saßen wir ziemlich einsam, zwischen ekelhaften Globetrottern und enthusiastischen Kunstfreunden; nun freuen wir uns, meine Frau und ich, daß Sie uns das Vergnügen Ihrer Gegenwart schenken! Ihr Wohl, meine Damen! Meine Herren, Ihr Wohl!« Eine Riesenplatte, Hahn und Hühner, wird aufgetragen. Allgemeines Anstoßen und Zutrinken, Geklinge der Gläser, stumme Dienstbereitschaft der Mädchen. »Schade, daß Sie diesen Hahn nicht haben krähen hören, Herr Landrat!« Freundlich, wie immer, wendet er sich an den Freund: »Er begann um 4 Uhr sein Tagewerk, darum mußte er dran glauben! Er hielt die ganze Nachbarschaft wach!« »Wetter, ja!« nickte der Landrat zustimmend. »Unverschämt! Hätte auch Todesstrafe plädiert!« Frau Neer läßt sich vom Pastor nachträglich über die Katakomben belehren; als er den Aufstieg der Christusreligion zur Kirche an Hand dieser Baudenkmale und den Niedergang des römischen Staates schildert, kann sich der Assessor nicht verkneifen, diesen Weg der Kirche mit dem Aufstieg Preußens in eine Parallele zu bringen. Der Apotheker muß schnell einen Witz erzählen, damit der Herr Pastor nicht auf diesen Einwurf eingeht. »Die Kirche hat sich auch großgehungert!« sagt der Pastor und zeigt damit, daß er den Berliner Assessor wohl verstanden hat. Die älteste Tochter Neers, Agathe, die rechts von ihm sitzt, lacht mehr, als es der Mutter angenehm ist; ihr linker Tischherr, der Apotheker, erzählt die drolligen Äußerungen seines Vierjährigen. Der Vater freut sich, daß Agathe fröhlich ist. Seine befriedigte Stimmung schlägt sofort um, als er vom Apotheker das Wort »Assoziation« hört. Er sieht in Agathes Gesicht. Ihre Augen blicken verträumt und verschwärmt. Sie antwortet dem Apotheker, deutlich hört es Herr Neer: »Amerika.« Da spricht Herr Neer zum Apotheker hinüber: »Herr Nachbar, ich glaube, es nistet sich in unserm Eilenburg eine neue Art Ratten ein. Sie verschonen, wie ich höre, auch mein Haus nicht. Sie müssen ein neues Gift mischen, damit wir diese Plage loswerden, ehe sie sich für immer einnistet!« »Sie meinen eine Dosis Anti-Assoziation?« »Genau das«, sagt Herr Neer grimmig; Agathe duckt den Kopf, als suche sie etwas unter dem Tisch. Sie schluckt und weint, wischt sich die Augen, stieht auf und will zu einer der Schwestern. »Setz dich, Agathe! Ich wollte eine neue Geschichte erzählen! Vielmehr über ein Kochrezept berichten. Ein französischer Marquis empfahl es seinem Freunde: Man nehme ein Spanferkel ...!« Da unterbricht Agathe den Vater: »Vater, ich kenne die Assozisten, es sind brave Leute, und wenn du so davon sprichst, dann soll einem ja angst und bange werden, es ist ja nur ein Scherz von dir, aber er schneidet mir in die Seele!« Agathe steht aufrecht hinter ihrem Stuhl, sieht, wie ihre erregten Worte den Vater zornig machen. Sie hört die Mutter beschwichtigend dem Vater zureden. Sie weiß nicht, soll sie davonrennen oder sich wieder hinsetzen. Da spricht der Vater: »Setze dich! Zur Sache: Spanferkel! Hab ich gesagt, a propos , Spanferkel. Also man nehme eine Olive, entferne den Kern und tue ein Nachtigallenherz hinein, diese Olive kommt in das Hirn eines Hasen, welches als Füllung eines Krammetsvogels dient. Der Krammetsvogel muß in ein Rebhuhn und dies wiederum in eine Poularde gesteckt werden. Die Poularde tut man in eine junge Ente und das Ganze wird in das Innere eines Spanferkels gefüllt, welches nach allen Regeln der Kunst Brillat-Savarin langsam dünsten muß. Als Gewürz lasse man einen jüdischen Koch dreimal darüber hauchen. Dann entnimmt man dem Spanferkel die Ente, schäle die Poularde heraus, entferne das Rebhuhn und lege den Krammetsvogel an die Seite. Nachdem man durch das Hasenhirn, welches so weich geblieben ist, daß man es wegblasen kann, an die Olive kommt serviere man diese als Gemüse, das Herz als Fleisch und esse es am Morgen als Erstes, da, mit man den möglichst höchsten Genuß hat, der von keiner andern Speise getrübt werden darf.« »Und wo bleibt das Ferkel? Die Poularde, die Ente? Das Rebhuhn?« fragt Agathe Neer den Vater. »Das bekommt die Jagdmeute, denn es ist weder ein Essen für Herren, noch für Dienstboten, für die einen zu schlecht«, erläutert Herr Neer, »für die andern zu aufreizend.« Im allgemeinen Disput über andere Schlemmereien hat niemand bemerkt, daß Fräulein Agathe den Kopf über den Teller gebeugt hält und die Ellenbogen, gegen Sitte und Gebrauch, höher gezogen hat, als es sich gehört. Die sorgliche Mutter schickt eine alte Aufwärterin zu ihr, sie möge ihre sonderbare Haltung ändern. Kaum hat Agathe die geflüsterten Worte gehört, da springt sie auf, stampft mit dem Fuß und sieht mit ihren zornfunkelnden Augen den Vater, die Mutter, die Herren und Damen an, die Tränen rinnen ihr noch über ihre Wangen. Sie faßt sich mit ihrer ganzen Kraft zur Stille, dann sagt sie, anfänglich leise und gepreßt: »Und darüber könnt ihr so herzlich lachen! Es ist eine Gemeinheit und eine fürchterliche Blasphemie, mit Nahrungsmitteln so infam umzugehen! In einer Zeit, wo so viele und so arme Menschen nicht wissen, woher sie schwarzes Brot bekommen, lacht ihr über solche sündhafte Verschwendung! Ich bin empört! Ich weiß mich vor Empörung nicht zu lassen! Diese hassenswerte und verdammenswerte Schlemmerei verstehe ich wohl von diesen entarteten Menschen, aber, den Hunden vorwerfen, weil es ...« Ein neuer Tränensturz erstickt diese fast herausgeschrienen Worte. Agathe dreht sich auf dem Fuß um und geht. Schon steht ihr Vater auf, legt den Arm um ihre Schulter und begütigt die Aufgeregte: »Aber, liebes Kind, das ist doch mehr als 50 Jahre her! Das ist ja eine Geschichte, die nur erzählt wird, vielleicht ist sie gar nicht einmal wahr! Sie wird nur erzählt, um die Verderbnis der französischen Sitten zu schildern. Bitte, beruhige dich und iß weiter! Dein gutes Herz ehrt dich, aber es hat dich diese Geschichte mißverstehen lassen! Komm, sei vernünftig, großes Kind, laß dir unsere weitaus bescheidenere Tafel munden!« »Ich bin beruhigt! Vater! Aber ich esse nicht weiter. Ihr und Sie alle haben so herzlich über die Geschichte gelacht. Fühlten Sie nicht, wie das ganze Menschengeschlecht durch diese Handlung und auch – über das Gelächter beleidigt ist. Eher geh ich zu den Diakonissinnen, ehe ich das Volk so verachten lerne, das arme Volk, das kaum trocknes Brot für alle Arbeiter hat. Nicht vor 50 Jahren, nein, vor zwei, drei Jahren, da war eine so bittere Hungersnot – anstatt den Leuten Brot zu geben, hat man die Bürger gegen die Armen bewaffnet und jetzt, jetzt kämpft ihr gegen die Assozisten!« »Aber Agathe, Agathe, was soll das hier! Was soll das heißen? Bist du krank?« Über die Tochter zu den Gästen gewandt, reckt der Vater sich auf und sagt: »Entschuldigen Sie, ich führe meine Tochter, die von einem Fieber befallen sein muß, in die Obhut der Kinderfrau!« Frau Neer hält die Serviette vors Gesicht und schluchzt. Frau Bürgermeister Brunner tröstet sie: »Laßt es gut sein, Base, sind so Zufälle, die sich aus dem Wachstum ergeben! Kennen wir alle, die Krankheit des Idealismus!« »Ganz recht, sie geht mit dem Wachstum schon wieder vorüber!« pflichtet der Apotheker bei, während der Pastor aufsteht und sich bei Frau Neer die Erlaubnis holt, mit dem Kinde einige seelsorgerischen Worte zu wechseln. Frau Neer nickt, der Vater kommt zurück und lächelt: »Nichts von Belang, meine Freunde, sorgen Sie sich so wenig, wie ich es tue, Herr Pastor, lassen Sie sich nicht unterbrechen. Nach dem Kaffee ist es noch Zeit, das heißt, wenn sie dann nicht schon schläft.« »Es liegt immer noch so was in der Luft von 48«, meint der Bürgermeister Brunner, »nicht wahr, Herr Richter: die Jugend hat den idealistischen Schwarm noch immer nicht ganz abgestoßen, zum Beispiel die Studenten ...« »Es ist gefährlich, wenn die Jugend im Idealismus stecken bleibt!« sagt der Richter. »In der gebildeten Jugend hängt so was länger nach, weil in Liedern und Gedichten die Sache verherrlicht wird. Wenn man aus Dichtern Märtyrer macht, so folgt ihnen die Jugend noch lange. Jugend muß eben etwas zum Schwärmen haben!« »Bis sie in den Stand der heiligen Ehe tritt und die eigenen Sorgen, die Sachen des sogenannten Volkes, vergessen machen«, sagt der Apotheker, »was wir eben sahen, sind nichts als Nachwehen einer Zeit, die man auf einer Seite die große, auf der andern die peinliche nennt. A propos , Sie hätten doch Ihre Tochter Agathe mitnehmen sollen! Reisen lenkt ab!« »Ja, da haben Sie recht. Doch nehmen Sie Gebäck, Frau Landrat! Ich habe mit Schmerzen gesehen, daß Sie von allem nur soviel nahmen, wie ein Schwalbenjunges braucht, um satt zu werden. Vielleicht ein Glas Milch? Anstatt Kaffee, Schokolade?« »Ach, Herr Neer, ich bin wirklich nicht hungrig und die geistige Nahrung befriedigt mich mehr; wenn man so alleine auf dem Lande wohnt, nur die ›Gartenlaube‹ hat, nur die Romanzeitung und das Novellenblatt, – Herr Neer, der Geist prickelt mir angenehmer im Kopf als dem Sekttrinker das kostbare Naß auf der Zunge. Wenn die Herren vom Idealismus reden und der Jugend, stundenlang könnte man überm Zuhören die leibliche Atzung vergessen!« »Soo? Soo?« sagt der Landrat, »Frau, nun hab ich doch zufällig in einer deiner Zeitschriften ein Gedicht gelesen, das heißt: ›An das Landleben‹. Ich vergesse es nie, es fing so an: ›Wunderseliger Mann, welcher der Stadt entfloh!‹ Na ja, wenn die Dichter das Landleben besingen, dann bist du doch an der Quelle der Kunst, da darfst du dich doch nicht beklagen!« »Bravo, ich will nicht ungalant sein, Frau Landrat«, der Assessor macht eine Verbeugung, »da hat doch die Droste-Hülshoff die schönsten Gedichte vom Land geschrieben. Früher, da kannte man doch noch gar kein Naturgedicht, nun dichten sie alle Natur. Das heißt, wenn sie keine politischen Lieder verbrechen. Sie sind tatsächlich an der Quelle, die Gottesnatur, so nennt man die landwirtschaftliche Gegend jetzt!« »Na, was willst du mehr!« sagt Herr Landrat zu seiner Gattin und niemand kann sagen, ob er es spöttisch oder ernst meint. Nach dem Essen verteilen sich die Herrschaften, die Damen gehn wieder in den Salon, die Herren trinken im Privatkontor einen Kognak. Über den Möbeln schwebt bald der blaue Dunst der Zigarren, die Kerzen auf dem Schreibtisch erhellen nur die Hälfte des großen Raumes. Der Bürgermeister hat mit dem Landrat ein paar Worte gesprochen, da sagt der Apotheker: »Meine Herren, es ist doch keine Privatsache, reden Sie frisch von der Leber weg, – Herr Neer ist noch nicht ganz im Bilde, denn heute Nachmittag erst bewies uns ein Menschenauflauf, wie recht die Skeptiker und Pessimisten haben!« »Ich bin soweit wohl informiert, daß die Fritzschesache mehr als ein Bluff ist!« sagt der Handelsherr Neer. Der Bürgermeister ist etwas erregt, er lehnt an einem Schrank und spricht: »Ich hab mich vom Wachtmeister Hanisch unterrichten lassen. Über hundert Menschen standen in der Töpfergasse und wollten alle bei der Assoziation eingeschrieben werden. Mit fünfzig, so wird gesagt, haben sie angefangen; ich muß, wenn das so weitergeht, diese Ansammlungen zerstreuen lassen. Tu ich es, so macht das wie ein Lauffeuer die Runde, und das Interesse für die Sache des Fritzsche wird noch größer!« »Die Assoziationsfrage muß vor ein ordentliches Gericht kommen!« meint der Assessor, »wer klagt?« Herr von Rauchhaupt, der Landrat zu Delitzsch, steht auf und kippt den Kognak hinunter, stellt sich in die Mitte des Raumes und sagt fest und energisch: »Ich werde mit diesen Kriegskassen der Demokratie fertig, so oder so! Nur nicht aus Angst und Mißtrauen die Leute auf die Schlingen, die ihnen das Gesetz legt, aufmerksam machen oder sie davor hüten. Ruhe soll sein und Ordnung, dafür sind wir da! Bisher haben wir uns bewährt, meine Herren Richter, Sie auch! Wer aus der Reihe tanzt, wie dieser Fritzsche, dem werden wir den Weg weisen! Verflucht, daß wir uns einen so schönen Abend verderben müssen um diese Assozisten!« Herr Neer öffnet Herrn von Rauchhaupt die Tür, sie gehen rangmäßig, der Stellung nach, hinaus: der blaue Qualm zieht hinter ihnen her. Die Herren kommen in den Salon, die jüngeren Kinder Neer sind schon zu Bett, der Tisch mit den Zeichnungen liegt in friedlicher Unordnung. Der Pastor sieht seine Frau in eifriger Unterhaltung mit Frau Apotheker, Frau von Rauchhaupt sieht auf und drückt der Gastgeberin herzlich beide Hände: »Leider müssen wir nach Delitzsch zurück, ich komme einmal am Nachmittag zu Ihnen, dann haben wir mehr Zeit!« Herr Landrat grüßt militärisch, knapp und kurz. Herr Neer geleitet das Ehepaar hinaus. Er steht noch einige Augenblicke am Schlag des Wagens und wünscht eine gute Heimfahrt. Der Wagen rollt davon, verschwindet in der Dunkelheit. Herr Neer geht nicht sogleich ins Haus, er geht in den Garten hinterm Haus, sieht auf die Burg und den klaren Sternenhimmel, der den Frieden der Sommernacht über die Erde gießt. Herr Neer wendet die Augen zur Fassade seines Hauses, sieht in Agathens Zimmer noch Licht; er preßt den schon schmalen Mund noch fester, seine langen, beweglichen Hände lösen sich voneinander; sie waren, solange er keinen klaren Gedanken fassen konnte, in reibender Beschäftigung ineinander verkrallt. Vom Fenster des Tochterzimmers geht Herr Neers Blick wie auf ein Gedankenkommando zum Garten hinaus; er sieht auf die Parzelle, die er zur Erweiterung des Gemüsegartens braucht. Der Eigner dieses Stückes ist der Schmiedssohn. Er legt einen Augenblick die Rechte vor die Augen, er erinnert sich der Verhandlungen mit dem Agenten Kanitzky. In Gedanken sieht er Agathe und diesen jungen Mann zusammenstehen: »Der Verführer!« zischt er durch die Zähne. Mit einem energischen Schritt stößt Herr Neer vor, – er erinnert sich der Szene im vergangenen März. Agathe erzählt, wie der Sohn des Schmiedes sie zufällig aus großer Gefahr gerettet hat. Wildgewordenes Pferd, umgekippter Wagen, die Tante, der Meierhof! Ha! Dieser Schmied! Außerdem soll er der intellektuelle Urheber der Assoziation sein. Er ist ja aus Amerika gekommen, dem bankrotten Vater bei der Ordnung seiner Schulden zu helfen; aus Rache und Haß gründete er mit diesem Fritzsche die Assoziation. Herr Neer geht, wie ein Soldat vorm Schilderhaus, zehn Schritt her, zehn Schritt hin. Seine Agathe, diese zierliche, seine, etwas altkluge und frühreife Tochter, und dieser grobe Schmied, den selbst Amerika ausgestoßen hat. Sicher ist er ein Anarchist, den die Behörden dort ausgewiesen; wer kommt sonst aus Amerika ohne Vermögen heim? Nur ein Anarchist ist außerstande, in diesem Land kein Geld zu erwerben. Herr Neer bläst Luft durch die schmalen Lippen. Nein, Agathe muß fort! Es ist Herrn Neers fester Entschluß. Sie bekommt zuerst Stubenarrest, bis die Beziehungen zu dem Kerl und der Demokratie geklärt sind. Dann kommt sie nach Barmen zum Bruder. Mit leisen Schritten geht Herr Neer zu seiner Tochter hinauf. Sie liegt im Bett, der Kopf ruht auf dem Arm, die Kerze brennt auf dem Nachttisch, ein Buch liegt auf dem Boden. Er nimmt es auf, blickt hinein, sieht mit Blei dünne Striche gezogen, ließt am Rande den Namen: »Werner« geschrieben. Herr Neer ließt mit steigender Neugier die eingeklammerte, unterstrichene Zeile: ,› Verwendet der Vater nicht jährlich einen wesentlichen Teil seines Handelsgewinnes zur Verschönerung der Zimmer? Diese seidenen Tapeten, die englischen Mobilien, sind die nicht auch unnütz? ‹ Herr Neer atmet hart über das Buch her, wendet es und liest den Titel: Wilhelm Meister von Johann Wolfgang v. Goethe. Wieder blättert er, findet eine neue Seite angestrichen, findet wieder den Namen Werner und wieder angestrichen die Zellen: › Es gehört schon etwas dazu, wenn ein einziger Mensch klug und reich werden will und meistens wird er es auf Unkosten der Anderen .‹ Nun liest er noch einen Satz, liest ihn zweimal: › Löblicher als Besitz und Gut an die Armen zu geben, ist: Sich für sie als Verwalter betragen. Dies ist der Sinn der Worte, Besitz und Gemeingut. Nun entdeckt Herr Neer, daß ganz hauchdünn der Name ›Fritzsche‹ gekritzelt; er muß die Seite hart an den Kerzenschein halten, seine Hand zittert vor Wut und Grimm. Er bläst ununterbrochen Luft durch die schmalen Lippen, er ist willens, Agathe zu wecken, sie zur Verantwortung zu ziehen, doch er beherrscht sich und geht, das Buch wie eine Pistole auf die Tochter gehalten, rückwärts zur Tür hinaus. Kaum hat er die Tür geschlossen, hebt sich Agathe aus den Kissen, nimmt aus dem Nachttisch einige Blätter, faltet sie zusammen und steht auf. Neben dem Fenster hängt ein frommes Bild, sie nimmt es von der Wand, schiebt hinter dem losen Pappdeckel die Blätter hinein und hängt es wieder auf. Dann sieht sie hinunter in den Garten. Ihre kleinen Fäuste ballen sich, ihr trotziger Mund flüstert: »Allen Gewalten zum Trotz sich erhalten, rufet die Arme der Götter herbei!« »Ihr Götter« wiederholt sie und breitet die Arme gegen die Sterne. Da hört sie Schritte auf dem Flur; sind es die Schritte der Mutter? Sie schlüpft ins Bett, legt ihren Kopf auf den Arm, atmet langsam und tief, hebt die Augen noch einmal in das Licht der Kerze, dann wird die Tür geöffnet. Die alte Wartefrau tritt ein, geht ans Bett, sieht auf die Schlafende und bläst das Licht aus. Dann verschwindet sie, wie sie gekommen ist. Herr Neer kommt lächelnd in den Salon. Er preist die duftige Nachtluft, die ihn verlockt hat, in den Garten zu gehen, in den deutschen Garten, in dem richtige Bäume wachsen, nicht das Palmen- und Piniengewächs des Südens, diese Friedhofsbäume, die Zypressen. Wenn er nicht seine Besuche bei den Handelshäusern gehabt hätte, seine geschäftlichen Absichten, er wäre aus Heimweh nach Hause gekommen. Am andern Tag ist Herr Neer pünktlich um 8 Uhr in seinem Privatkontor. Er hat Anweisung gegeben, ihn nur in den dringendsten Fällen zu stören. Gleich um 8 ¼ Uhr wird Herr Schmidt gemeldet. Wortlos legt Herr Schmidt ein Schriftstück vor, welches mit vielen Unterschriften versehen ist. Herr Neer liest den Brief durch, legt ihn auf den Tisch, überlegt eine Zeitlang; dann steht er auf und bietet Herrn Schmidt einen Stuhl an. Mit dem Brief geht er ins Nebenzimmer, läßt den Sekretär eine Abschrift machen und geht wieder zurück: »Alles sehr richtig und klar!« sagt Herr Neer und fügt seine Unterschrift zwischen Herrn Hauffes und Kieswetters Namen bei: Ludwig Neer. Er gibt Herrn Schmidt das Dokument zurück und sagt leutselig: »Es geht um Kopf und Kragen; Herr Schmidt. Sagen Sie, welche Gedanken machen sich unsere Kleinhändler im allgemeinen über die politische Seite der Sache?« Herr Schmidt ist sehr erregt. »Es ist nicht unsre Kompetenz, über diese Seite zu urteilen, es wäre dringend angezeigt, die Behörde schlüssig zu machen. Hier ist Gefahr im Verzuge, – läuft die Maschine des Herrn Fritzsche einmal richtig und die höhere Instanz spricht kein Machtwort, dann schaffen wir die nicht mehr aus der Welt! Wie urteilt Herr Neer?« »Ich fühle mich gleichfalls nicht kompetent, mit meinem Urteil Hoffnungen zu wecken. Wenn der Gewerberat zusammentritt, wird er sein Urteil einer kleineren Öffentlichkeit wohl nicht vorenthalten. Ich habe mir die Zeitungen der letzten Monate holen lassen. Da, Herr Schmidt, sehen Sie selbst!« Herr Neer blättert in dem Stoß ›Eilenburger Volksblatt‹ herum und weist auf die rot angestrichenen Stellen: »Artikel, nichts als Artikel über den Zusammenschluß der Handwerker zu Assoziationen und Vorschläge zur Errichtung einer Gewerbehalle! Das hätten Sie doch verfolgen sollen!« »O, Herr Neer, wir haben sie verfolgt und haben uns berichten lassen von der Uneinigkeit untereinander; es hat doch niemand daran gedacht, daß diese Sache einmal auf Lebensmittel hinaus, lief und sich die Arbeiter daran beteiligten. Das deutsche Erbübel der Uneinigkeit steckt dem Volk im Blut, sagte Herr Roeber, solange die Handwerker gründen, kann nichts passieren; er aber rechnete nicht mit den Arbeitern. Sie sollen einmal sehen, wie voll die Töpfergasse steht, als wäre das Kalb mit den zwei Köpfen umsonst zu sehen!« »Herr Schmidt, rechnen Sie denn nicht die Arbeiter zum Volk? Werden die sich nicht auch uneins? Am Ende schlagen sie sich die Köpfe ein!« »Geb Gott, daß es so wird!« sagt Herr Schmidt und macht eine Verbeugung. »Verzeihung, ich muß noch einmal zu Herrn Hauffe und Lorenz zurück, dann trag ich das Schriftstück zum Magistrat. Empfehlung an Frau Gemahlin, Adieu!« »Gruß an Herrn Lorenz, Empfehlung an die Herren Roeber! Adieu!« Der hastige Schmidt verschwindet. »Wenn sie von selbst nicht uneins werden, die Arbeiter, dann muß man sie uneins machen!« sagt sich Herr Neer und denkt nach. Wer anders als Paule kann die Person sein, die sie auf die revolutionären Stellen in »Wilhelm Meister« aufmerksam gemacht hat? Es gehört doch eine große Portion Verderbnis dazu, dem Vater die englischen Möbel und die guten Tapeten vorzuwerfen und das Ideal für den weisen Menschen, den Goethe da schilderte, in diesem Fritzsche zu sehen! Neer will es genau so machen: er will ihr die Geschichte des alten Fritz geben, das Schicksal dieses ungehorsamen Sohnes mit doppelter Kreide anstreichen, rot und blau. Er wird, solange Agathe nicht bereut, mit ihr nur noch schriftlich verkehren. Die Dichter sollen für ihn mit ihrer Autorität Erziehungsmittel sein. Es ist ein schwieriger Fall. Von ihm, dem Vater, kann Agathe unmöglich die Veranlagung haben. Von der Mutter? Nein, ausgeschlossen! In beiden Familien war so etwas nicht vorgekommen. Aus diesen traurigen Gedanken reißt ihn der Besuch des Agenten Kanitzky. Dieser weiß eine Menge über den Fritzsche und die Sache zu erzählen; er erzählt so interessiert, daß er bei Herrn Neer in Verdacht gerät, gemeinsame Sache mit diesen Verbrechern zu haben. »Geht so etwas vielleicht aus meinen Antworten hervor?« fragt Kanitzky auf den Vorwurf des Paktierens mit dem Feind. »Herr Neer, ich muß notgedrungen mit Herrn Fritzsche verkehren! Mein Beruf als Vermittler bringt das mit sich! Ich habe mit ihm gesprochen, ich war bei ihm im Haus, so muß mir wohl von seinem Wesen etwas anhängen, wie nach einem Spaziergang im Walde man den Duft der Tannen mit sich in die Stadt trägt.« »Ums Himmels willen! Kanitzky! Sind Sie betrunken? Woher kommt die Poesie, am Ende auch durch den Verkehr mit dem Herrn Buchbindermeister; a propos , ist der Mann vielleicht Idealist?« »Herr Neer, wohin denken Sie! Er ist ein klardenkender Handwerksmann, der aus Überlegung handelt und nichts mit Idealismus zu tun hat. »Es ist eine rein ökonomische Angelegenheit, die die Verzehrer unter sich ordnen!« sagt er, »wir gewinnen zweimal, zuerst, indem wir bei den Produzenten einkaufen und den Großhändler umgehen, zu zweit, indem wir die Waren verteilen und den Gewinn der Kleinhändler in die Tasche stecken! Ist das Idealismus, Herr Neer? Ich mein, das sind Tatsachen!« »Er soll persönlich nichts dabei verdienen? Er macht es für die Mitglieder umsonst? Er bekommt keinen Lohn für seine Tätigkeit?« fragt Herr Neer. »Das nennen Sie nicht ideal? Ich wollte, ich hätte solchen Geschäftsführer!« »Er bekommt ein Prozent vom Umsatz!« »Ich wollte, auch ich könnte meine Vorsteher mit einem Prozent entlohnen! Das ist doch gefährlicher Idealismus!« sagt Herr Neer. »Ich weiß nicht, was Herr Neer mit dem Idealismus hat. Wenn jedermann Herrn Neer seine Dienste umsonst zur Verfügung stellen wollte, wär' das auch Idealismus?« widerspricht Herr Kanitzky. »Das ist etwas ganz anderes, wir sind auch ein ordentliches Geschäft!« belehrt ihn Herr Neer mit Nachdruck. Zehntes Kapitel Es ist ein heißer Tag im Juli. Auf dem Straßengraben vor der Fabrik sitzen die Arbeiterkinder, zwischen den Knien einen Beutel oder ein Körbchen; sie tragen den Vätern das Essen zu. Die Augen stieren durch die Sonne, auf die weiße Dampfwolke, die über dem Dach in harten Stößen pufft. Solange der Dampf in solch dickem Geklumpe hochstiegt, sind die Webmaschinen noch nicht abgestellt, wird das Tor nicht aufgemacht. Nun kommen auch einige Frauen und alte Mütterchen, an 40 Essenträger warten schon. Die Alten hocken im Schatten der Chausseebäume, die noch von anno tobak stehen geblieben sind. Die Jungens haben auf das Gepuffe der großen Maschine einen Reim gefunden und singen ihn in monotoner Eintönigkeit: »Degenkolb, zohlst nur holb, Degenkolb, zohlst nur holb!« Unermüdlich, wie Bienensummen und Gesirre der Heuschrecken: »Degenkolb, zohlst nur holb!« Schwarz liegen die Dächer in der Sonne, ein vielgestaltiger Bau, ineinandergeschachtelt hoch und tief, alte und neue Betriebe. Der Heizer Glubsch klettert auf das Kesselhausdach, er steigt die eiserne Leiter zum Wasserbassin hoch, hakt die Schwimmerkette neu ein. Er sieht es, dieser Haken ist losgeschlagen worden; wenn er nicht an der langen Pumpzeit gemerkt hätte, daß da oben etwas in Unordnung sein müßte, wäre das Wasser übergelaufen und die Stücke, die unten lagern, durchnäßt worden. Glubsch sieht über die Fabrikdächer hin und sieht in das Tal der Mulde. In der Ebene weit leuchten die gelben Kornfelder, der rote Klee, der grüne Wald unterm silberblauen Himmel. Da hört er wieder den durchdringenden Ton. Der kommt vom Websaal her. Glubsch hat keine Ruhe, er steigt hinunter und trifft den Webmeister, der aus der Schlosserei mit einer neugefeilten Kurbel kommt. »Ist was los Meister?« ruft ihn Glubsch an. »Seit Stunden junkt und jault das Lager«, sagt verdrießlich der Meister. »Schon dreimal hab ich den Leuten gesagt, sie sollten nachsehen; ich hab' auch soviel Zeit nicht, mich darum zu kümmern, Glubsch! Die Leute sind rabiat, wohin ich komme, fällt eine Kiste um, schlägt ein Kettenbaum auf die Erde. Ich sag dir's, es ist was los. Hüt dich, Glubsch!« Der Heizer geht in die Weberei, sieht mit einem Blick rund: an der langen Wand qualmt ein Lager, natürlich, es ist heißgelaufen. Als er an die ersten Stühle kommt, brüllen ihm Weber und Spuljungens entgegen: »Stell deine Karre ab. Glubsch, es ist Mittag!« »Noch zwei Minuten!« ruft Glubsch durch das Geklapper der Stühle, »aber, schmeißt den Riemen ab, denn die Achse läuft heiß!« Der Betriebsleiter kommt mit dem Färbermeister. Die Gesichter der Weber hängen über den Kettbäumen, das Kreischen ist jetzt lauter als das Geräusch der Schläge auf den Spulen, doch niemand kümmert sich darum. »Wenn Ihr den Riemen nicht abschmeißt, mach' ich das Tor nicht auf, hier soll was aufgesteckt werden!« schreit der Betriebsleiter mit einer Stimme wie ein Feldwebel; umsonst, nicht ein Auge sieht auf, nicht ein Ohr hört hin. Der Betriebsleiter geht und kommt nach einigen Augenblicken mit Herrn Degenkolb zurück. Herr Degenkolb schreckt auf: Pfiffe gellen. Herr Degenkolb hat seit zwei Jahren diesen Pfiff nicht gehört, es ist der Pfiff der Revolte. Aus den weitesten Ecken wird Antwort gegeben. Da heult das große Doppelhorn auf dem Dach des Heizraumes, die Maschine geht langsamer. Die Achsen rollen aus, die Webstühle werden abgesetzt, das kreischende Pfeifen des Achsenlagers erstirbt, wie ein Mensch, der seinen letzten Hauch ausstößt. Es ist Mittag. Die Arbeiter gehen hinaus. Herr Degenkolb horcht. »Haut ihn!« Eine fürchterliche Stimme schlägt über, »haut ihn!« drei, zehn Stimmen zugleich stoßen diesen Ruf aus, »haut den Schmidt, den Antreiber!« Auf der langen Hofstraße tobt das Schreien, und Brüllen. Der Betriebsleiter, erregt und blaß, schreit: »Hierbleiben! die Weber!« Die Weber gehen weiter und lachen. Glubsch sagt zum Betriebsleiter: »Schmidt soll zum Herrn in die Weberei kommen!« Glubsch geht zu seiner Frau, die ihm den Essentopf reicht: »Geh nur wieder heim!« rät er ihr, »hier ist heut was los, ich eß im Kesselhaus.« »Mußt Mittag durcharbeiten?« fragt sie sorgenvoll. »Wie immer!« Glubsch klopft ihr auf die Schulter, nickt ihr zu und geht in die Fabrik. Der Betriebsleiter ist zu Herrn Degenkolb gegangen, ein wenig beschämt, weil seine Autorität nicht Gewalt genug hat. »Bestrafen müßte man sie alle, ohne Ausnahme, alle!« sagt er; ehrerbietig steht er vor Herrn Degenkolb, hält die Mütze in der Hand. »Nein, auslaufen lassen, Schmidt, auslaufen lassen! Wenn die Leute was wollen, schicken Sie sie zu mir auf's Büro, ich komm auch herunter, wenn's not tut! Gewalt ist zwecklos! Drohungen sind überflüssig! Wenn wir nur wissen, was sie wollen, dann werden wir mit ihnen schon fertig!« »Haben nichts zu wollen! Haben zu müssen! Ich muß auch!« sagt der Betriebsleiter und stockt einen Augenblick, »da hör ich sie im Kesselhaus bei Glubsch reden, ich will einmal lauschen!« Eben hat er den Kopf in die Tür gesteckt, da fliegt ihm auch schon ein Scheit Holz entgegen, die Tür prallt zu und der Betriebsleiter ist draußen. Er läuft zu Herrn Degenkolb und sagt heiser: »Dürfen wir uns so was bieten lassen?« »Ich bin auf dem Kontor!« sagt Herr Degenkolb, zuckt die Achseln und geht. Im Heizraum, dessen Tür sich hinter dem Betriebsleiter verschlossen hat, steht ein Weber und schreit: »Einmal muß die Quälerei ein Ende haben! Es geht nicht mehr! Entweder hau ich alles kaputt oder sie können mich kaputthauen! Es muß was gemacht werden!« Der Weber läuft, wie ein Besessener, durch den Heizraum. Er greift einen Holzknüppel, haut ihn auf die Fellbank, daß die Werkzeuge hoch aufspringen, brüllt und schreit immerzu: »Totschlagen! Totschlagen!« Glubsch geht an seinen Kessel, nimmt die Schaufel, schwingt sie über dem Kopf des Webers und sagt mit lauter Stimme: »Raus! Raus! Der Aufenthalt im Kesselhaus ist verboten!« »Was? Was? Wer schlägt dort, wer verbietet?« Zehn, zwanzig Männer kommen ins Kesselhaus, sie schwingen ihre Eßnäpfe und umringen die beiden: »Ruhig! Wir stehen auch für dich ein! Ruhig, dir soll keiner was tun!« »Stell den Knüppel hin und nimm den Löffel!« Die Kollegen reden aus den Wütenden ein. Auch Glubsch stellt seine Schaufel in die Ecke. Da kommt Bittkow an, er hat seinen Essentopf vom Wärmeofen geholt und stochert mit dem Löffel in ihm herum. Enttäuscht ruft er: »Verdammt! Nun hab ich meinen Kartoffelsalat angewärmt, ich meint, es wären Feldhühner gewesen!« Glubsch lacht ihn aus und sagt: »Nun ja, freu dich, daß du wenigstens Feldkartoffeln hast. Sieh da, der Kurt Micke hat nichts als eine alte Zeitung. Er liest die fettgedruckten Buchstaben, die schmälzen ihm den Hals!« Die älteren Leute haben es sich auf Klötzen und Kloben bequem gemacht, die jüngeren auf der blanken Erde. Eigentlich ist es verboten, während der Mittagszeit sich im Kesselhaus aufzuhalten. Glubsch läßt sie aber heute in Ruh. »Verdammt, nun muß ich noch das Lager nachsehen«, sagt er laut über die Köpfe hin, »warum habt Ihr kein Öl daran getan?« »Glubsch, du kümmerst dich heut mal nicht um das Lager!« ruft der alte Bettke, »die Geschichte mit dem Lager mach' ich in Ordnung! Das soll solange pfeifen und kreischen, bis Herr Degenkolb es in seinem Kontor nicht mehr aushalten kann. Das soll trockenlaufen, bis es verbrennt!« »Eure Sache!« meint Glubsch und schüttelt den Kopf. Er hat seinen Napf zwischen den Knien und löffelt den Haferbrei. Ein Halbwüchsiger blinzelt ab und zu gegen ihn. Glubsch merkt, der Junge beneidet ihn um die Speckstückchen, die er gelegentlich herausfischt und mit einem Stück Brot genießerisch kaut. Glubsch fühlt die Augen auf seinen Händen wie heiße Sonnenstrahlen brennen. Er nimmt die große Speckschwarte, die noch am Boden des Topfes liegt. Legt sie zwischen zwei Brotscheiben und reicht sie dem Jungen. Der alte Bettke hat es gesehen, er geht zu dem Jungen, haut ihm das Brot aus der Hand und tritt die Speckschwarte unter die Feilbank. Dann schreit er den Kleinen an: »Verflucht und verdammt, was hab ich dir gesagt: ›Brülle mit‹, hab ich gesagt! Aber, wenns drauf ankommt, hältst du das Maul! Wenn der Betriebsleiter kommt, machst du Augen wie ein neugeborenes Kalb!« Der Junge holt die schmutzige Schwarte unter der Feilbank weg, der Alte tritt ihm auf die Hand. »Hunger hab ich!« sagt der Junge, »laß sie mir doch!« »Sag das Herrn Degenkolb, nicht uns!« ruft der Alte, reißt ihm die Schwarte aus der Hand und wirft sie ins Kesselfeuer. »Herr Glubsch«, entschuldigend naht der Junge sich dem Heizer, »ich hätt sie so gerne gegessen!« »Ich bin kein Herr!« sagt Glubsch, »der Herr ist zu Halle in die Scheiße gefallen!« »Wir alle würden gern Speck fressen, wir haben bloß ...« sagt Bettke. »Kartoffelsalat!« ruft Bittkow, lacht und stößt den Löffel in den Topf. »Verdammt, hat die Alte das Öl dran vergessen!« »Such dir ein paar dicke Schnecken, so recht fette, rote, Paderbörner mit Kreuzen auf dem Rücken! Was meinst du, was die dir die verrostete Kehle hinabglitschen!« rät ein anderer. »Mensch, das ist doch ne Delatesse! Bei Mitscherlich haben die Meister das Staufferbüchsenfett wegschließen müssen! Das schmierten sich die Weber aufs Brot. Da sagt der Meister: ›Dies Staufferfett ist aus den Kadavern von solchen Pferden und Kühen geschmolzen, die am Milzbrand kaputtgegangen sind.‹ ›Ihr habt gut reden‹, sagen die Weber, kratzten aus allen Staufferbüchsen die Reste und taten sie in die Essenskessel. Damit haben sie zu Haus die Kartoffeln braten lassen. Nun glaubt Glubsch, er könnte mit seiner Genossenschaft bessere Verhältnisse schaffen?« Glubsch geht hinaus. Er kann diese bitteren Gespräche nicht hören. Er weiß, überall, wo die Arbeiter zusammensitzen, da wird die traurige Lage besprochen. Draußen hat er keine Ruhe. Er möchte helfen, aber mit den schönen Reden kann er das nicht. Er will Hoffnung säen, aber er erntet nur Enttäuschung. Er kommt zurück, setzt sich auf seinen Feilbankplatz. »Ich bin bald so schlapp, daß ich mich selber nicht mehr tragen kann«, sagt der alte Bettke, »wie soll ich da noch Arbeit leisten können? Das geht Tag um Tag schwerer, ich brauch für den Weg von zehn Minuten schon eine halbe Stunde, bald ist es mit mir zu Ende, dann lieg ich zu Haus, den Kindern zur Last und muß mich treten lassen. Hier steh ich wenigstens keinem in den Füßen!« Glubsch steht auf, langsam, wie ein Mensch aus dem Schlaf sich erhebt. »Kollegen, was sollen wir denn tun? Wir sind noch jung, aber der Bettke ist alt. Nun, was sollen wir tun? Redet!« Er geht langsam mit hängenden Schultern an die Uhr. Neben der Tür hängt ein Draht vom Dach herunter. Er wartet, bis der Zeiger genau auf eins sieht dann zieht er an dem Draht. Ein gurgelndes Röcheln knurrt, fauchendes Zischen, dann tönendes Heulen, und mit einem machtvollen Einsatz braust ein Doppelton aus dem Dampfhorn, daß die eisernen Gegenstände im Kesselhaus mitzittern. Die Fensterscheiben schwirren, der ganze Raum hat sich mit Brausen gefüllt. Glubsch zählt bis zwanzig, dann läßt er den Draht los, der Dampfhahn schnappt wieder zu und nur das Echo schallt zurück. »Arbeiten! Das sollen wir tun! Das ist ja deine Antwort! Arbeiten sollst du, Arbeiterpack! Ob du satt bist, danach fragt keine Sau! Mittagspause: Hungerpause!« so schreit der alte Bettke dem Heizer ins Gesicht und niemand hat ein Wort für den Alten. Mann an Mann geht hinaus. Bald ist Glubsch mit Bittkow allein. Glubsch geht ins Maschinenhaus, dreht das große Ventil auf und läßt den Dampf auf den Kolben gehen, der Dampf stößt die Stange in die Höhe, der schwere Balancier, der am entgegengesetzten Ende die Pleuel bewegt, neigt sich, sinkt, hebt sich wieder und fängt an zu schaukeln, wie der Balken, den die Kinder zu einer Wippe über den Bock legen; die wippende Bewegung wird durch die Kurbel in eine drehende verwandelt und das Wunder der Maschine ist ein sausendes Schwungrad, sind verbindende Riemen, drehende Achsen, rollende Bänder, Webstühle, Roleaux, Waschmaschinen, Spülbänke, Spindeln. »Lauf, alte Karre!« sagt er, als er die Zylinderhähne der Dampfmaschine schließt. Da beginnt die Achse im trockenen Lager zu knirschen, sie gellt durch das Toben der Webstühle, das Rasseln des Balanciers, durch das Rauschen des Dampfes. Der Heizer wirft Holzscheite auf die Glut des Kesselfeuers, Bittkow bringt neue Kloben heran. Der Betriebsleiter stößt die Tür auf; sieht sich vorsichtig im Heizraum um und schreit: »Nun? Ist das Lager immer noch nicht fertig?« Glubsch knallt die Feuertür zu, winkt den Betriebsleiter zu sich. Der kommt langsam, Glubsch geht ihm entgegen und sagt: »Freundchen, erst habt Ihr die Weber rebellisch gemacht mit Eurer Schnauzerei, Euren Treibereien, jetzt habt Ihr Angst vor ihnen, vor den armen braven Leuten! Ihr wollt nicht mal hinein zu ihnen. Auch der Schlossermeister geht nicht! Da soll ich wohl wieder dran! Behandelt die Menschen anständig!« »Herr Degenkolb wird Euch helfen, auch noch aufsässig zu werden!« sagt der Betriebsleiter und verschwindet. Glubsch kann das Schreien der malträtierten Achse nicht länger anhören, er geht in die Weberei, stellt sich vor das Lager und besieht den Schaden. Gleich fährt ihn der alte Bettke an: »Die Achse läuft trocken, bis Herr Degenkolb selber Öl daran macht!« »Eure Sache!« sagt Glubsch. »Ehe es aber Brand gibt, schmeiße ich den großen Riemen ab, Eure Webstühle stehn still und Ihr verdient nichts!« Als Glubsch wieder bei der Feuermaschine sieht, kommt der Schlossermeister. »Ich geh zu Herrn Degenkolb«, sagt er bedrückt, »ich geh gleich! Als ich durch die Wäscherei komme, da sehe ich, wie die Leute das gute, reine Wasser aus dem oberen Bassin in den Abfluß laufen lassen! Glubsch, die ganze Bude stinkt nach Sabotage und Resistenz! So können wir nicht weiter! Weißt du auch, daß du schuld dran bist, du und dein Verein? Nun haben sie gesehen, was Ihr da mit Eurem Zusammenschluß gemacht habt, gleich wollen sie auch was machen. Hast du wieder schlimm geredet? Du meinst es nicht so, aber es wirkt wie Wasser in gebranntem Kalk, es macht Hitze!« »Kalk, Wasser und Sand dazu, das gibt erst guten Mörtel!« sagt Glubsch. »Bestell das auf dem Kontor! Ich weiß es besser, die Weber kriegen für die schlechte Ware denselben alten Akkord, sie können nichts dran verdienen. Darum sind sie rebellisch!« Der Schlossermeister geht; im Hof trifft er mit dem Betriebsleiter und Herrn Degenkolb zusammen. Nach einigen Minuten kommt Bittkow mit einer Karre Holz. Glubsch hört ihn: »Achtung!« brüllen, doch schon ist er dem Betriebsleiter, der auf Herrn Degenkolb einredet, in die Rippen gefahren. Glubsch sieht die Drei zur Weberei gehen. »Bittkow«, sagt er zu seinem Helfer, »bleib mal hier, ich will mal ein wenig laustern gehn!« »Na, glaubst wohl, mir würd's keinen Spaß machen, wenn der freche Schmidt eins in die Schnauze kriegt!« sagt Bittkow; Glubsch hat es nicht gehört, er ist schon in der Weberei. Die Achse heult, der Qualm stinkt durch den ganzen Saal; Herr Degenkolb geht voran, hinter ihm der Betriebsleiter, dann der alte Schlossermeister Münster. Die Weber sehen nicht auf, der alte Bettke, der seinen Stuhl abgestellt hat, starrt in's Riet, nun stehn die Drei an dem rauchenden Achslager. »Abstellen!« sagt Herr Degenkolb, »Schmidt, schicken Sie doch zur Maschine!« Der verlegene Betriebsleiter sagt zögernd: »Wen soll ich schicken? Es geht ja keiner, wenn wir es ihm auch befehlen! Schon den ganzen Morgen hab' ich gesagt: ›Macht das Achslager in Ordnung!‹ Ungehorsam! Und dabei wollen Sie ja nicht, daß ich die Kerls hinausschmeiße!« »Mensch, Schmidt, wenns nach Ihrem Willen ginge, hätten wir längst Streik und Aufruhr! Was haben Sie aus den braven Leuten gemacht? Dann gehen Sie doch selber und stellen die Maschine ab!« befiehlt Herr Degenkolb. »Was sollen die Leute von mir denken, nein Herr, ich muß Gehorsam von den Leuten verlangen!« zetert der Betriebsleiter. »Gut, dann mach ich es!« sagt Herr Degenkolb und will in den Maschinenraum. Da kommt Bettke, der alte Weber, und stellt sich ihm entgegen, die Mütze in der Hand, wie es sich gehört: »Herr Degenkolb, warum soll die Achse nicht noch ein paar Stunden so weiter laufen? Kann der Herr das eklige Gekreisch nicht vertragen? Oder stinkt die Schmiere zu sehr? Oder hat der Herr Angst vor einem Brand? Hundert Lager laufen in der Fabrik, nur das eine kreischt, weil es ohne Öl läuft. Kann das Herr Degenkolb nicht anhören? Nicht für fünf Minuten, für fünf Stunden? Herr! Herr, hört doch! Lauft nicht fort! Dem Lager fehlt nur so viel Öl, als in diese hohle Hand geht, Herr, es ist doch nur ein eisernes Lager und eine Achse. Hat der Herr schon mal gehört, wie Kinder vor Hunger heulen, wie die Weiber kreischen, wenn das Geld auf ist? Herr, wir arbeiten so gut wie die Achse und das Lager und alle Maschinen; aber uns fehlt auch soviel Öl, als in diese hohle Hand geht! Wir braten unsre Kartoffeln ohne Öl, wir kochen unsre Suppe ohne Fett, wir schmieren unser Brot mit kaltem Grützebrei, anstatt Schmalz und Butter, Herr! Seit vielen Jahren hören wir unsre Kinder heulen, unsre Weiber kreischen. Wir müssen sagen: ›Heult nur, das legt sich!‹ Die Kinder hören von selbst auf, wenn sie müde sind, den Weibern schlagen wir eins aufs Maul. Herr, da kommt kein Herr Schmidt und gibt uns Fett und Öl und Butter. Warum hört die Achse nicht zu heulen auf? Der Achse und dem Lager kann man in die Fresse schlagen, soviel man will, sie heulen, bis sie Öl kriegen. Herr, wir tun das gleiche, wie die Achse. Wir heulen auch, bis es Öl gibt. Wir heulen vor Hunger!« Dieses Wort ist von den Webern der nächsten Stühle verstanden worden, weil Bettke es herausgeschrien hat; ein Junge stößt einen Pfiff aus und nun stellen alle auf einen Hieb die Stühle ab, nur noch das Lager heult. In Schreien und Brüllen tobt der ganze Saal. Herr Degenkolb legt dem Alten die Hand auf die Schulter und will etwas sagen, da strömen die Arbeiter zusammen und stellen sich im Gang zuhauf. Das Schreien hört auf, nur einzelne, gellende Pfiffe lassen Herrn Degenkolb zusammenzucken. Da stoppt die Maschine ab und mit einem gräßlichen Ausklang erstirbt der Ton des Achslagers. »Herr, gleich wird der Schlosser kommen, das Lager aufschrauben und abkühlen, er wird tüchtig gutes Öl hineinschmieren und das Schmierglas füllen. Herr, dann ist der Achse und dem Lager ihr Recht gegeben. Herr wer gibt uns recht? Wer schmiert die hungrigen Mäuler unserer Kinder? Wer versorgt die kreischenden Weiber mit Fett? Sind wir weniger als Maschinen?« Herr Degenkolb fährt sich über die Stirne, ballt die Fäuste und ruft über die Menge her: »Leute, das könnt Ihr mit mir machen! Ihr wißt, daß ich ein Ohr und ein Herz für Euch habe, aber ich habe keine Gewalt, diese Welt zu ändern. Ich habe diese neue Ware in Lohn zu weben angenommen, es ist weder mein Schuß noch meine Kette. Sie ist schlecht, die Ware, sie verarbeitet sich noch schlechter, als man vorher annehmen mußte. Ich werde den Vertrag zu unsern Gunsten zu ändern suchen, ich zahl Euch nach, was dabei herauskommt. Leute, wir haben auch bessere Ware gemacht, da habt Ihr mehr verdient, da hab ich auch nicht abgezogen. Ich will versuchen, eine Ausgleichskasse einzurichten, damit Ihr jede Woche euren festen Lohn habt. Tu ich nicht schon mehr, als einer der Fabrikanten in Eilenburg! Kann ich mit meinen Kunden machen, was ich will? Bin ich zu teuer, krieg ich doch gar keine Arbeit. Also muß ich zu genau denselben Bedingungen arbeiten, wie meine Konkurrenz, die zahlt bestimmt niedrigere Löhne als ich Euch, verlaßt Euch drauf! Ich weiß das ganz genau, Leute, ich kann es Euch bloß sagen, ich tue, was ich kann! Tut Ihr, was Ihr nicht lassen könnt, laßt die Webkarren stehn oder arbeitet, geht nach Haus oder bleibt hier! Feiert oder schafft! Wenn einer Unglück in der Familie hat, der kann zu mir kommen, ich kann für den einzelnen Rat schaffen, aber nicht für alle!« »Schmeißt den Treiber raus! Der Kerl von Betriebsleiter hats verpfuscht!« ruft einer der Arbeiter, »raus mit ihm, der ist schuld!« »Betriebsleiter raus! Schmidt raus!« »Kennt nichts von Ware und Weben, der Schinder!« Viele Stimmen riefen durcheinander. »Ich habs Euch schon einmal gesagt, bringt mir einen Besseren. Er versteht seine Sache!« sagt Herr Degenkolb. »Ihr auch!« schreit der Jüngere. Herr Degenkolb geht. Die Weber machen ihm die Bahn frei, ein großer, bärtiger Mann folgt ihm und hält ihn an der Tür mit guten Worten an: »Dem Bettke, Herr, geht es nicht gut, tut was für ihn!« »Jeder kann zu mir kommen, hab ich gesagt, auch Bettke, selbstverständlich!« erwidert Herr Degenkolb. Der Bärtige spricht weiter: »Er ist zu stolz, er kann es nicht. Ich bin sein Nachbar!« »So kommt Ihr zu mir!« sagt Herr Degenkolb, »ich weiß, er ist ein Radikaler, gut –« Es schallt aus der Menge: »Klugscheißer, Arschkriecher, Liebediener!« Herr Degenkolb geht, der große Bärtige wird beschimpft. »Und Ihr, was macht Ihr jetzt?« sagt er zu den Kollegen, »wird nun weitergearbeitet oder nicht? Soll der Nachmittag kaputtgemacht werden oder nicht? Was hat jetzt die ganze Heulerei genützt?« »Gesagt hats ihm der Bettke, richtig gesagt! So hats ihm noch keiner gesagt!« ruft jemand. »Das hat der Bettke gut gemacht. Du kriegst so was doch nicht fertig!« Der Bärtige ruft in den Saal hinein: »Ich geh zum Glubsch, er soll die Maschine wieder anstellen, wir sind keine Junggesellen, die sich auf die faule Haut legen können!« »Richtig und vernünftig!« sagt ein Weber. »Weiterarbeiten! Es hilft alles nichts!« Die Weber gehen an die Stühle, der Webmeister, der den ganzen Tag in der Passiererei war, kommt mit Glubsch und sie sehen das Lager nach. Glubsch ruft sogleich in den Saal hinein: »Feierabend! Achse verbrannt! Morgen früh wieder in Ordnung!« Nun drängen sich die Meister um die Leiter, sie wollen es nicht glauben, daß es so schlimm mit der Achse sieht. Glubsch wirft ihnen den Lagerdeckel hinunter, löst die Schrauben vom Lagerbock und nach ein paar Minuten fliegt auch der hinunter. Die Achse ist um einen halben Zoll eingefressen, die Lagerschalen ausgeschmolzen; Glubsch ruft: »Ich muß den ganzen Lagerstuhl um einen Fuß versetzen, neue Löcher in die Wand schlagen, neu verschrauben, Lager frisch ausgießen, das ist Arbeit bis Mitternacht!« Es dauert lange, ehe sich der Saal beruhigt hat. Eine große Anzahl Weber werken an ihren Stühlen, gehen in die Schlosserei und feilen, schleifen, ersetzen schlechtgewordene Schrauben, säubern und schmieren, solang das Taglicht scheint. Glubsch hat dem Schlossermeister das Lager zum Ausgießen gegeben. Er selber muß immer wieder an die Maschine. Ein Maurer schlägt die Löcher durch die Wand. Herr Degenkolb kommt und besieht sich die Achse; er steht auf der Leiter und reibt mit dem Zeigefinger über die noch immer warme Stelle. Sie ist in der Breite, wo sie trocken im Lager lief, um einen Finger dick abgefressen. Eine tiefe, breite Narbe, blau und gestriemt, für alle Zeiten sichtbar, glänzt in dem geschundenen Eisen. Herr Degenkolb fragt: »Macht es nichts aus, daß die Stelle hier dünner ist als anderswo?« »Nein, Herr Degenkolb, an und für sich ist es gleichgültig. Es kann aber sein, daß das Eisen von dem Glühn und Reiben krank geworden ist, eigentlich sagt man: gekränkt. Das sieht man nicht und kann man auch nicht kontrollieren. Dann bricht sie eines schönen Tages an der Stelle einfach ab!« »Und was machen wir dann?« fragt Degenkolb weiter. »Dann setzen wir an jedem Ende eine Kuppelung auf und schrauben die Stücke wieder zusammen!« Der Heizer steht auf dem Gerüst und sieht Herrn Degenkolb gerade ins Gesicht. Auch der Herr sieht ihn an. Glubsch hat weiter nichts zu tun, als daß er den Schlüssel am Schraubenknopf festhält, derweilen der Maurer von der anderen Seite die Mutter festdreht. Es ist das erste Mal, daß er dem Herrn so nahe ist, das erste Mal, daß er ihm ins Gesicht sieht. Glubsch ist etwas geniert, aber er will auch jetzt den Blick nicht abwenden; er hat zuerst in dieser Richtung gradaus gesehen, erst, als der Herr die zwei Sprossen hinaufstieg, kamen die Gesichter sich blicknahe. Nun sehen sie sich schon wer weiß wie lange an. Keiner will zuerst den Blick fortwenden. Glubsch hat das Gefühl, es sind Herrenaugen, es ist ungehörig, ihnen so zu begegnen. Dann aber spürt er, der Herr will ihn mit Gewalt weggucken, er weiß, jetzt beleidigt er seinen Herrn. Einen Augenblick lang sagt er sich: Du bist der Knecht. Doch unentwegt sieht er ihm in die grauen Augen, den dunklen Stern darin, alles andere ist ihm gleichgültig. ›Mag er mich rausschmeißen, mag er seine Gewalt brauchen.‹ Er spürt eine gewaltige Überlegenheit, er sieht ihn mit den Augen Bittkows an, mit den Augen Bettkes, mit den Augen der ganzen Arbeiterschaft. Er fühlt den Schlüssel in der Hand zucken, der Maurer an der anderen Seite reißt stoßweise, Glubsch hebt, ohne den Kopf zu wenden, die linke Hand von der Leiter und bringt auch sie an den Schlüssel. Die Schultern des Heizers zucken, so reißt der Maurer an der Mutter. Ein Knall, der Schraubenschlüssel schießt voran, die Schraube ist zersprungen. Immer noch sieht er in die Augen seines Herren. Auch dann, als er die zerbrochene Schraube aus dem Mauerwerksloch nimmt. Er hält sie jetzt zwischen seine und des Herrn Augen. »Muß das immer auf Biegen oder Brechen gehen?« fragt Herr Degenkolb. »Auf Biegen oder Brechen! Auch Menschen werden zu Eisen und Maschinen, Eisen und Maschinen kann man nicht betrügen!« Nun sieht Herr Degenkolb den Heizer wieder an, der Heizer sieht ihn an, Herr Degenkolb hat eine Hälfte der Schraube in der Hand, besieht den Bruch, sieht den Heizer an: »Was wird damit gemacht?« »Schrott!« sagt Glubsch, »schlechtes Eisen! Hielts nicht aus!« Herr Degenkolb geht die Leiter hinunter, Glubsch sieht ihm einige Augenblicke nach. Wahrhaftig, der Herr hat das Schraubenstück noch in der Hand und nimmt es mit. »Glubsch!« redet er sich selber an, ›Ottokar, entweder kommt er dir nie im Leben mehr auf Reichweite zu nahe – oder er schmeißt dich raus!‹ Inzwischen ist der Maurer mit dem andern Teil der zerbrochenen Schraube zurückgekommen. »Wo ist deine Hälfte?« fragt er. Glubsch nimmt das andere Schraubenstück, geht ins Kesselhaus, legt es in seinen Schrank, »wir wollen doch die Stücke zusammenschweißen!« sagt der Maurer. »Nein!« sagt Glubsch. »Wenn die zwei Brocken wieder zusammenkommen, giebts ein Unglück. Die kannst du zehnmal schweißen, die brechen zehnmal auseinander – das ist zweierlei Eisen! Komm mit! Wir machen eine neue!« Sie gehen in die Schmiede. Elftes Kapitel Das war ein Gerede und Geschwatze in der Töpfergasse: der Malermeister Möller hat am Montag früh mit Herrn Fritzsche an seinem Haus gestanden, und mit der Leiter sind sie an der Fassade hochgestiegen. Meister Möller hat den Raum über der Tür ausgemessen. Jetzt sieht eine große Eisentafel auf seinem Hof. Da malt er in großen Buchstaben ein Schild: Lebensmittelassoziation. Im Gasthof Krieger lachen die andern Meister: »Grad Möller muß es malen, der Möller, der am Heftigsten gegen die Gründung geredet hat. Der Fritzsche hats dick hinter den Ohren!« Es ist der 25. Juli, vor 14 Tagen hat Fritzsche das erste Pfund Reis ausgewogen. Er hat heute das 300. Mitglied eingetragen. Es ist Samstag, in den Fabriken war der Lohn ausgezahlt worden. Da häufen sich die Silbergroschen, da leeren sich die Säcke. Draußen auf der Straße gibts ein Hallo: Die Jungens kommen mit großem Geschrei die Gasse hinunter, Möllers Gesellen tragen das sechs fußlange und zwei fußbreite Schild heran. Herr Fritzsche liegt im offenen Fenster des ersten Stocks und lacht übers ganze Gesicht. Vogel, Stolle und Herr Wagner, die eben den Kassenbestand kontrolliert haben, gehen hinaus. Fritzsche erscheint im Flur, er holt die große Leiter, sein Töchterchen trägt die kleine, hinterher kommt die Mutter mit der Treppenleiter; schon fragen die Gesellen nach den Haltfastern. Nein, Haltfaster sind keine da. Es stimmt, der Paule sollte sie schmieden. Ein Junge wird zu ihm hingeschickt, Mutter Zöckler sucht überall herum, weder Paule noch die Haltfaster sind zu finden. Da nimmt Herr Wagner den zugebundenen Geldsack, fischt ein paar Silbergroschen heraus und schickt einen Jungen damit zum Eisenwarenhändler. »Dazu haben wir nun einen Genossenschaftsschmied!« sagt Fritzsche, »das fängt er nett an!« In ein paar Minuten kommt der mit den eisernen Haken an; Stolle holt den Hammer vom Hof, ein Seil wird um das Schild geschlungen, und Fritzsche steigt wieder in den ersten Stock. Er öffnet das Mittelfenster, der Lehrling trägt ihm den Strick hinauf und mit »Hohup!« und »Holzkomm!« heben sie das Schild über die Türe, genau unters Fenster. Der Malergeselle schlägt die Haken ein. Vorsteher und Kontrolleure treten bis ganz an das Ende der Gasse, um die Wirkung des Schildes zu prüfen. Der Lehrjunge muß nach Haus gehen, die Rechnung holen. Herr Möller kommt selber an und wird von Herrn Wagner ausbezahlt. Die Assozisten wollen schließen. Da kommt eine Frau von fast vierzig Jahren, sie trägt einen großen Korb. Sie legt einen langen Zettel auf den Ladentisch, Herr Fritzsche überliest ihn und schüttelt den Kopf. »Das habt Ihr ja alles schon zweimal geholt heute,– da stimmt was nicht, Frau Hoyer! Ausgeschlossen, Ihr holt für Nichtmitglieder, das darf nicht sein.« Die Frau wirft ihm einen gehässigen Blick zu und geht. Inzwischen sind noch andere Frauen und wieder eine Anzahl Männer aus der Fabrik heimgekommen. Fritzsche bedient sie, doch er sagt: »Einschreiben tu ich Euch erst morgen früh. Wir dürfen nur an Mitglieder Ware abgeben. Ich notier Euch der Reihe nach auf, und geb Euch, was ich noch in den Säcken hab. Aber Barzahlung, ohne die gehts nicht! Das sagt überall herum bei allen, die davon reden, Mitglied zu werden: ›Hütet Euch, die Genossenschaft borgt nicht!‹« »Ich habe heute zwölf neue Mitglieder aufgeschrieben«, sagt Fritzsche, »nun muß ich wieder den Pappdeckel hinaushängen: »Wegen allzu großem Andrang Aufnahme neuer Mitglieder nur Sonntags!« Endlich hat er die letzten Schreibereien getan. Nun sieht er, sich die Haare krauend, mit scherzhaft sorgenvoller Miene vor seinen leeren Kisten. »Ist das eine Abgabestelle für Seine Majestät das Volk?« sagt er. »Ein Krauterladen ist das, eine Baracke, ein Notstall! Ist das ein Ladentisch? Nein, das sind Kleisterbretter aus der Werkstatt, puh, wer eine gute Nase hat, der riecht den Kleister noch! Freunde, auch Herr Kanitzky war wieder hier. Er hat einen Leipziger Großhändler in Lebensmitteln, Spezereien und Kolonialwaren getroffen. Dem hat er von unserm Unternehmen erzählt. Dieser gute Herr will einen Vertrag mit uns machen. Wenn er für ein Jahr alle Waren liefern kann, so gibt er uns eine sehr anständige Einrichtung, leihweise für ein Jahr, indem er liefert! Was sagt Ihr davon?« »Das finde ich sehr nett!« sagt Stolle. »Nichts als ein gutes Geschäft für Herrn Kanitzky!« meint Herr Wagner. »Finger draus lassen«. »Rücken freihalten!« donnert der Barbier Böhler hervor, »sowas machen Kreaturen, wenn sie auf dem letzten Loch pfeifen! Wir wollen doch zu den Produzenten kaufen gehen!« »Richtig, Böhler!« sagt Meister Stolle, »da müssen wir, wenns noch so schwer fällt, doch treu zu Bauer und Müller halten, zum Ölschläger und Dochtenweber, aber mit Reis und Gewürzen, mit Kaffee und Tabak, da könnten wir doch einmal den Versuch machen, ein Jahr ist schnell vorbei!« Stolle geht zu Fritzsche und klopft ihm auf die Schulter. »Nein!« sagt Fritzsche, »vorläufig bin ich für Freiheit, ich geb keinem ein Monopol. Ich mein, grad wir müßten mal was Neues machen!« »Etwas wagen und riskieren!« sagt Stolle, »dafür sind wir doch die neuen Leute!« »Das sagt Paule auch immer!« entgegnet Fritzsche, »jetzt muß ich an Paule denken,– wo ist er eigentlich? Nicht einmal die Haltfasterhaken hat er gemacht!« Der Barbier schlägt auf den Tisch. »Richtig, wo ist er? Er hat mir seine Kundschaft versprochen; er weiß doch, daß mir alle Händler und besseren Leute abgesagt haben, weil ich zu Euch gekommen bin. Ich warte grad nicht auf Paules Bart, doch auf seine Treue warte ich!« »Dazu hat er verdammt wenig Talent!« lacht der Schuster. »Als ich beim Gerber war, wurde er grade durch die Zähne gezogen. Er soll in der Nachbarschaft vom Großhändler Neer einen Garten haben, in dem er von früh bis spät promeniert, ja, auch arbeitet; aber die Arbeit besteht im Aufessen der Himbeeren und Erdbeeren. Gradaus sagten sie: er schmachtet um die schöne Agathe herum. Da lachte mein Kollege, der Winternitz, hellauf. Was? Stimmt es oder stimmt es nicht?« fragte der Gerber. »Soviel ich weiß, promeniert er fast jeden Abend auf Wölpern zu, er bringt die Fabrikmädels nach Haus, er kalbert mit ihnen gotteslästerlich auf der Landstraße herum und letzten Sonntag hat er mit ihnen auf der Au getanzt, den ganzen Abend nur mit Fabrikmädeln, so sagt Winternitz, dessen Töchter mit Paules Schwester doch auch bei der Strumpfwirkerei sind!« »Aber, er hat doch die Maschine für den Doktor gemacht!« sagt Fritzsche, »die wächst doch nicht von selber; er probiert sie jetzt aus und baut von den ersten Steinen in der Parzelle, die allerdings in der Nachbarschaft des Herrn Neer liegt, sich ein Haus. Die Erfindung von Bernhardt ist, daß sich jedermann die Steine aus Sand und Kalk selber fertigen kann. Erst aber will Paule zeigen, daß die Steine gut sind und die Fertigung möglich ist.« Fritzsche ist froh, daß die Rede von Paules persönlichem Verhalten auf seine Arbeit gekommen ist. Es stimmt leider, daß er sich nächtlicherweise viel herumtreibt, es stimmt, daß er die Neertochter anschmachtet. Es stimmt, daß er aus Mitleid und Trotz, aus Spott und Hohn, den Bauern und Dorfleuten gegenüber, die nicht mit den Fabrikmädchen sprechen und verkehren wollen, getanzt hat. Seine Schwester war dabei und es ist alles, der Sitte entsprechend, verlaufen. »Laßt uns noch einmal ans Fäßchen gehen!« sagt der Barbier, »ich glaube, es ist noch ein Restchen drin. Herr Wagner, nehmt schon Platz, ich bringe die neue Flasche sogleich zurück.« Natürlich muß Herr Wagner noch einmal zapfen, der Schuster legt die drei Silbergroschen zu Fritzsche auf den Ladentisch und nun trinken die Branntweinliebhaber am Fläschchen, ohne hinauszugehen. Das Haus des Buchbinders muß sich noch viele Änderungen gefallen lassen, ehe es ganz der neuen Sache dienen kann. Das vordere Stübchen, in dem die Waren abgegeben werden, ist zu klein geworden. Der Barbier und Fritzsche beginnen eines Abends, die Zwischenwand, die das Lokal vom Lager trennte, auszubrechen. Am andern Morgen kommt Meister Möller und streicht diesen vergrößerten Raum an. Zuerst hat er ein Schild malen müssen: »Wegen Vergrößerung geschlossen«. In den Pausen zu Mittag und am Abend kommen doch die Arbeiterkunden; sie werden auf dem kleinen Höfchen bedient. Meister Möller, der sonst nur in besseren Bürgerhäusern arbeitet, hört sich die Klagen der Leute an. Zwar tut er, als ob er taub sei und geht auf kein Wort ein. Er ist über die leidenschaftlichen Verwünschungen, die bitteren Flüche entsetzt, welche von den Arbeitern gegen die Fabrikanten, die Reichen, den Staat, die Welt und Gott geschleudert werden. Es ist ihm unheimlich in der Nähe solcher Leute. Am Nachmittag kommt der Polizeisekretär Hanisch und bringt einen Brief. Fritzsche liest das Schreiben einmal, zweimal und sagt dann: »Der p. p. Fritzsche wird ersucht, am 5.8. vor dem Magistrat zu erscheinen.« Herr Möller sieht ängstlich auf. »Ja, ja, Herr Möller, ich werde ersucht! Am 5.8. muß ich vor den Göttern des hohen Rates erscheinen: Wahrscheinlich, um mich über das Verbrechen, das ich an den Kleinhändlern begangen habe, zu verantworten, ja, die Kleinhändler! Wenn sie etwas gegen mich haben, so sollen sie doch eine öffentliche Versammlung machen, dazu ganz Eilenburg einladen und mit mir abrechnen! Dann könnte ich nämlich dem Volk die Wahrheit über einen ehrlichen und wahrhaftigen Handel sagen. Daß sie das scheuen, tut mir sehr leid. Sie haben keine Courage! Darum stecken sie sich hinter den Magistrat und dort soll, hinter verschlossenen Türen mit dem Fritzsche abgerechnet werden. Schade, daß ich da für nur ein paar Bürokratenohren reden muß. Ich würde mich gern vor dem ganzen Volk verantworten!« Herrn Möller ist diese Sache sehr peinlich. Er hat sich nun einmal mit Fritzsche eingelassen und arbeitet für die Vereinigung. Er arbeitetet schnell, denn er möchte gern heraus aus dieser Räuberhöhle. Fritzsche sitzt indessen an einem Tisch und kritzelt auf einem Blatt Papier. Da Herr Möller doch etwas sagen muß, fragt er: »Herr Fritzsche, Sie setzen wohl das Konzept für den Magistrat auf?« Fritzsche sieht auf und zeigt ihm die Skizze der Hausfront: »Herr Möller, wir haben da ein Schild hängen, das paßt dem Magistrat nicht. Mir paßt es auch nicht, denn es ist mir viel zu klein. Ihr malt jetzt ein neues Schild, welches die ganze rechte Seite dieses Hauses einnimmt, also drei Fenster lang. Heute ist der erste August. Am Abend des vierten August muß es schon aufgehangen sein.« Herr Möller nimmt die Skizze in die Hand und sagt: »Das wird aber viel Geld kosten!« »Dann könnt Ihr auch viel daran verdienen, Herr Möller!« entgegnet Fritzsche. »Überdies habe ich noch eine Bestellung für Euch, Ihr müßt mir ein Bild rahmen. Arbeitet nur ruhig weiter, ich komme gleich wieder!« Indessen kommen Herr Wagner, Meister Stolle und der Färbermeister Vogel. Vogel und Wagner haben noch etwas zu rechnen, – sie gehen hinauf in die Wohnstube. Glubsch erzählt aus der Fabrik, während der Meister Möller die Türrahmen streicht. Da sagt der Schuster zu Glubsch: »Ihr habt ja auch schon Mitglieder in Kasba, Wölpern und Hainichen! Die Arbeiter, die vom Land nach Eilenburg kommen, tragen die Mär von der Erfindung dieser wunderbaren Einrichtung überall hin. Wie früher von Amerika, so schwärmen sie jetzt von der Genossenschaft. Die Leute haben nur noch Zahlen im Gehirn, sie lassen Zahlen hecken; wie Kaninchen springen sie hervor, springen übers Land, bis Halle und Leipzig weiß man von Euch!« »Das braucht Ihr nicht so verbissen zu sagen, Stolle,« sagt Glubsch. Da kommen die andern wieder herunter. Fritzsche hängt das Bild seines Freundes auf die frischgestrichene Wand. Als Herr Möller das Bild von der Pferdeherde, wie sie im Kampf mit den Wölfen steht, betrachtet hat, schwört er in seinem Herzen, den nächsten Auftrag nicht mehr anzunehmen. Dieser Entschluß ist nicht leichtherzig oder aus Angst geboren. Es wird ihm unerbittlich klar: Fritzsche ist der Anführer dieser Assoziationshengste, die den Feind mit den zubeißenden Zähnen packen, in die Höhe schleudern und mit den Füßen zertrampeln. Möller zerbricht sich den Kopf über diesen ordentlichen Familienvater. Er hat sein Kind taufen und sich selbst nichts zuschulden kommen lassen. »Großes Kunstwerk!« sagt Herr Möller, »das muß in einen Goldrahmen gefaßt werden!« »Besser in Eichenholz!« sagt Fritzsche und geht zu Stolle, Böhler, Glubsch und Vogel. Sie sitzen im Hof um einen Tisch herum, kleine Kisten dienen als Schemel. Glubsch und Böhler trinken Branntwein aus der Paradefeldflasche, die der Barbier von der Soldatenzeit aufbewahrt hat. Endlich ist Herr Möller fertig, er nimmt das Bild von der Wand, hilft dem Lehrjungen das Werkzeug und die Farbtöpfe einpacken. Dann verabschiedet er sich. Inzwischen ist die Feldflasche leer. Böhler geht selbst ans Fäßchen, sie zu füllen. Dann trägt er sie hinein, schenkt ein und singt: »Wenn die Kanonen im Felde krachen Und dem Soldaten nach dem Leben trachten, Dann sitzt der Bürgersmann vergnügt zu Haus, Raucht seinen Pfeiftabak zum Fenster hinaus!« Nun hat Frau Fritzsche den Fußboden geputzt, – jetzt können die Männer mit der Einrichtung des Lokals beginnen. Sie arbeiten bis in die tiefe Nacht. Ehe Fritzsche die Tür verschließt, geht er hinaus auf die Gasse, er bringt die Kollegen ein Stück Weg fort. Es ist eine warme, klare Sommernacht. Fritzsche bedenkt auf dem Heimweg die Schwierigkeiten, die ihm die Kaufmannschaft machen könnte. Lange steht er noch in der Haustür. »Wenn wir nur erst ein Jahr weiter wären, dann hätte es sich entschieden!« denkt Fritzsche. Er spürt, daß er einen Kampf begonnen hat, in dem es nur Sieger und Besiegte gibt. »Ich!« sagt Fritzsche vor sich hin, »ich, nur ich kann unterliegen. Niemals die Idee, die Sache. Wenn ich unterliege, wird es davon kommen, weil ich wohl noch etwas falsch gemacht habe. Gut, ich werde die Folgen tragen, aber, die nach mir kommen, die sollen daraus lernen.« Er geht in die Küche, verzehrt sein Abendbrot und trinkt eine Satte Dickmilch. Dann legt er sich hin und versucht zu schlafen. Zwölftes Kapitel Herr Bürgermeister Brunner kommt vom Gericht. Er mußte eine Sache mit seinem juristischen Kollegen besprechen, mit deren Materie sich in Deutschland noch kein Beamter hat abquälen müssen. Er glaubte sich in Gesetz und Verwaltung so wohlerfahren. Heut ist er vor eine merkwürdige Entscheidung gestellt; bisher gab es solche Fragen nicht: Handel oder?? Ja, was dann? Wenn jemand kauft und verkauft, so ist das Handel. Die Sache Fritzsche steht zur Beurteilung. Der Mann tut das Gleiche, wie ein Händler und behauptet, keiner zu sein. Geld gegen Ware, Ware gegen Geld. Das erste nennt er einkaufen, das zweite nicht verkaufen, sondern verteilen. Der Bürgermeister hat sich vorher mit verschiedenen Fachleuten ausgesprochen. Der Richter hält für ausschlaggebend, daß beim Handel Ware gegen Geld, des Gewinnes halber, getauscht wird. Der Gewerberat hingegen findet, daß am Handel der Austausch, – und nicht der Gewinn das Ausschlaggebende sei, daß also auch die Lebensmittelassoziation ein Handelsgewerbe ist. Unter den vielen Deutungen und Auslegungen hält Herr Brunner diese beiden als die wichtigsten fest. Da kann man in den Pandekten, im römischen und deutschen Recht, keine Erklärung finden, denn das, was die Fritzscheleute machen, das ist bisher noch nicht dagewesen. Sein Urteil schafft einen Prezedenzfall, also können fernerhin sich alle Leute, die eine Assoziation schaffen wollen und den Handel schädigen, sich auf Herrn Brunner, Bürgermeister zu Eilenburg, berufen. Der Stadtvater Brunner, so nennt er sich selbst, hat ja kein Sonderinteresse. Ihm ist der Arbeiterstand genau so wichtig, wie der Stand der Kaufleute. Eine Bevorzugung der Händler kann man von ihm nicht verlangen; wenn das Gesetz die Besteuerung verlangt, gut, der Magistrat wird die Steuer einziehen. Das Verruchte ist wieder die Frage: Ist es ein Gewerbe oder nicht? Ehe er mit dieser Frage fertig ist, sieht er: von allen Enden rücken diese unfaßbaren Kolonnen an, erobern jedes Dorf, jede Stadt, rücken enger und enger auf Berlin zu, und dann erhebt sich in Berlin selbst die Arbeitermasse in der gleichen Form der unbegreifbaren Organisation. Jetzt muß er als Staatsmann handeln. Das Staatsinteresse steht über dem Gewerbe, über der landläufigen Moral. Nun hat sich Herr Brunner entschlossen, er wird die Sache vom Staatsgedanken aus erfassen und behandeln. Der Weg sinkt in die Gärten hinunter. Herr Brunner tritt aus dem Schatten der Bäume in die pralle Sonne, – da qualmen und rauchen von ferne die Schornsteine. Von diesen Schornsteinen gehen seine Blicke über die Dächer der Fabriken zu den Arbeitern, die für ihn eine große Masse sind, eine Herde, die von Arbeit und Familie zusammengehalten wird. Welch ein schöner Ruheposten könnte diese Stadt sein, wenn das Pulverfaß Industrie nicht wäre! Zwar stammt der Reichtum der Stadt aus diesem Pulverfaß; doch, so sagt sich Herr Brunner, lieber arm in Ruhe, als reich in Unrast. Herr Brunner macht noch einen Umweg, er geht den Gärten zu. Nun sieht er schon das Haus des Herrn Neer; in den Obstbäumen glänzen die roten Äpfel, leuchten die gelben Pflaumen. Der Gärtner besprengt die grünen Rasenflächen. Zwei Jungen hängen an dem Balken einer Pumpe und treiben den Wasserstrahl in die Luft, der vor dem weißen Haus hellauf sprüht und in Regenbogenfarben erglänzt. Aus dem Fenster im ersten Stock grüßt ihn Agathe Neer. Er zieht den Hut und erinnert sich der sonderbaren Szene beim letzten Essen dort. Hammerschläge lassen ihn zur anderen Seite umsehen: in der Tiefe des Gartens treibt ein Mann Pfähle in die Erde. Er schwingt einen großen Hammer, ein grünes Hemd leuchtet in der Sonne; die weißen Arme, die auf der Oberseite brandrot scheinen, recken sich hoch und reißen den Eisenklotz immer wieder auf den starken Pfahl. Herr Brunner traut seinen Augen kaum: immer noch winkt Fräulein Neer dem arbeitenden Mann zu, dieser wendet seine Augen dem Fenster hin; er hebt, wie zum Gruß, den Hammer mit dem großen Stiel hoch in die Luft, reckt seinen Körper auf und mit einem gellenden »Hohei!« reißt er den Hammer hinunter, auf einen neuen Pfahl. Herr Brunner sieht dem Spiel des schwingenden Hammers zu, der wohl hundert Schläge auf den Pfahl tut, bis dieser auf eine Handbreit nah, im Erdboden verschwindet. Dann setzt sich der Schläger auf die kleine Bank unter dem Birnbaum, holt eine Flasche aus dem Körbchen und trinkt einen langen Zug. Der Bürgermeister kann sich nicht enthalten, dem Mann ein »Prosit!« zuzurufen. »Dank, Herr«, sagt der Mann. »Darf man fragen, was Sie dort einzurichten gedenken?« »Ich schlage Pfähle in die Erde, um eine Presse aufzustellen. Zwei Fuß unterm Mutterboden liegt guter Kiessand, – ich werde mit einer neuen Maschine versuchen, Steine zu pressen. Kalksandsteine, die nicht gebrannt zu werden brauchen.« »Haben Sie die Maschine erfunden?« »Leider nein!« Die Erfindung stammt von Herrn Doktor Bernhardi, ich habe die Maschine nur gebaut. Zöckler ist mein Name, Paul, Sohn des alten Zöckler-Schmieds.« »Ich bin Bürgermeister Brunner; sehr interessant, was Sie da sagen! Na, soll eine neue Industrie damit geschaffen werden;« »Vielleicht, Herr Brunner, das kann man noch nicht wissen. Es wird schon vielerlei herumgeredet, der Zweck der ganzen Sache ist, den Arbeiterstand auf dem Gebiet des Hausbaues zur Selbsthilfe anzuregen. So meint es Doktor Bernhardi!« Der Bürgermeister ärgerte sich, daß der Mann ihn mit Herrn Brunner anredet. Das Wort »Selbsthilfe« kränkt ihn auch. »Selbsthilfe, sagen Sie, Selbsthilfe? Das klingt ja, als wenn – nein, Selbsthilfe – ja, ja, so, Sie meinen, wenn jemand sich selbst ein Haus baut, so ist ihm geholfen?« Der Mann lacht. »Herr Brunner, Selbsthilfe ist nicht die Angelegenheit eines Mannes und nicht der Besitz eines Hauses, – ist der Wille eines Menschen, der sich mit Gleichgesinnten zusammengeschlossen zur gegenseitigen Hilfe.« »Nein, Herr Zöckler, nein, da bin ich nicht im Bilde! Vielleicht werden wir uns darüber ein andermal unterhalten – ich muß jetzt aufs Rathaus, – guten Tag!« Herr Bürgermeister geht nun schnell fort. In seinem Amtszimmer wartet sein Sekretär auf ihn. Er hat schon die Akten zurechtgelegt. Als der Bürgermeister kommt, sieht der Sekretär auf, schließt die Tür zu und stellt sich neben das Pult. Bereit, jeden Befehl auszuführen. »Sind die Akten Röber und Konsorten vorhanden?« »Sehr wohl, Herr Bürgermeister. Herr Fritzsche ist auf elf Uhr hierher befohlen.« Der Sekretär kommt mit den Papieren an. »Wie habe ich den Brief der Kleinhändler an uns beantwortet?« Der Sekretär liest die Antwort vor und fährt dann fort: »Dazu liegen beifolgende Anzeigen, die Herrn Bürgermeister wohl bekannt sein dürfen, – ich habe sie vorgelegt am ersten August.« »Wovon handelt die Sache?« fragt ungeduldig der Bürgermeister. »Herr E.E. Baumann zeigt dem Magistrat an, daß der Borstenbinder, Herr Ullrich, konstatiert hat, wie der Nachtwächter Lehmann in der Fabrik von Herrn Bodemer seine Mitgliedskarte andern Personen zwecks Einkauf der billigen Lebensmittel weggelieh ...« »Genug, genug!« sagt der Bürgermeister, »im Bilde: da kommt noch eine Schuhmachersfrau, ein Stiefsohn derselben, ein Barbier Böhler und noch ein halbes Dutzend Übeltäter vor. Da haben wir den Händlern angeraten, uns wirkliche Gesetzesübertretungen der Fritzscheleute zur Anzeige zu bringen, jetzt kommen sie so! Wenn wir das annehmen, werden wir bald wissen, ob sich der Weber Zollnick mit der rechten oder linken Hand den Kopf kratzt. Nebenbei gehört dieser E.E. Baumann zu Röber und Konsorten?« »Eigentlich nein! Aber der Zweck der Anzeige ist derselbe, wie der von Röber und Genossen.« »Gut! Sollten noch mehr Beschwerden über die Fritzscheleute eingehen, so lesen Sie sie durch und zeigen mir nur wirkliche, verstanden, Straftaten! Das andere legen Sie zu den Akten! Mit Gewäsch will ich verschont werden!« »Jawohl, Herr Bürgermeister! Sodann ist gestern die Antwort der Regierung über das Schreiben der Röber und Konsorten eingetroffen. Herr Bürgermeister müßte es zur Kenntnis nehmen, ehe der Fritzsche verhört wird. Er wartet draußen.« »Röber hin, Konsorten her, ich hab mich jetzt lange genug mit ihnen herumgeschlagen, ich will den Fritzsche doch mal selber sehen und hören; es kommt alles auf den Mann an. Welchen Eindruck macht er?« »Ein Biedermann, Herr Bürgermeister, genau ein Biedermann; grad, daß er, als ich ihn nach seinem Begehr frug, sehr despektierlich tat und unter Lachen: ›das muß der Magistrat doch wissen!‹ sagte. Ich wies ihn gehörig in die Schranken.« »Und was sagte der Biedermann da?« »Nichts, Herr Bürgermeister, nichts, er schnupfte sich in sein Tuch, ohne zu schneuzen, ich glaube gar, er lachte.« »Also den Brief an die Regierung! Holen Sie Fritzsche heran!« Der Sekretär verschwindet. Der Bürgermeister liest den Brief durch und macht Notizen. Das kennt der Bürgermeister ja schon alles. Es ist der lange Klagebrief der Kleinhändler, indem sie alles, was sie von ihren Gegnern zu hören bekamen, kontrollierbar oder nicht, der Regierung berichteten. Die Händler klagen in Merseburg auf dem Umweg über den Eilenburger Magistrat, daß ein Schankwirt Heringe, einzeln als Mitglied der Assoziation entnommen, und, statt sie selbst zu essen, sie andern Personen abgelassen hat. So geht es drei Seiten lang. Die Regierung empfiehlt dem Magistrat, dem Treiben der Assozisten die größte Aufmerksamkeit zu widmen, da die Bestrebungen der Arbeiter aus der inzwischen verbotenen Zeitschrift der Arbeiterverbrüderung »Prometheus« dieser Regierung bekannt sind. Außerdem sei den Assozisten der Verkauf von Branntwein gänzlich zu verbieten. Der Bürgermeister ruft dem Sekretär zu: »Also, Herrn Buchbindermeister Fritzsche!« Indessen der Sekretär hinausgeht, blättert der Bürgermeister in den Akten und sieht auch nicht auf, als Fritzsche an den Tisch des Sekretärs geführt wird und schon eine Weile dort steht. Dann schlägt er den Aktendeckel zu und sagt: »Bitte, treten Sie näher!« Fritzsche geht bis auf drei Schritt an den Tisch des Bürgermeisters heran, der sich erst nach einiger Zeit zu Fritzsche wendet und sagt: »Sie sind der Buchbindermeister Fritzsche. Wir sind gezwungen, uns mit Ihnen zu beschäftigen. Seit Wochen bringen Sie die Stadt Eilenburg in Unruhe! Meines Erachtens entspringt Ihre Handlungsweise dem Wunsch, der Kaufmannschaft zu schaden. Die heute vorliegenden Gesetze sind, wie alles Menschenwerk, unvollkommen; Ihre Spekulation ist, auf Grund dieser Unvollkommenheit dem Handelsstand den Todesstoß zu geben. Auf diesen Handel ist nun einmal ein Erwerbszweig aufgebaut, der der Allgemeinheit große Dienste leistet. Der Staat und die Behörden sind verpflichtet, das Gewerbe und die Personen zu schützen.« Der Buchbinder sieht dem Herrn Bürgermeister in die Augen hinein und sagt mit fester Stimme: »Wenn es die Aufgabe des Staates und der Behörden ist, bedrängte Gewerbepersonen zu schützen, so freue ich mich, Sie, Herr Bürgermeister, als Vertreter dieses Staates und seiner Behörden, auf den großen Notstand von tausenden verarmten Handwerkern und unbegüterten Arbeitern hinweisen zu können. Es hat sich im Laufe der Zeit durch die Erfindung der Maschine das ganze Kapital eines arbeitsamen Volkes in wenigen Händen gesammelt. Diese benützen die Macht, um mit brutaler Gewalt das letzte Eigentum der Handwerker an sich zu reißen und die schon verarmten in die gesundheitsverderbende Hölle der Fabrik hineinzupressen; dort werden sie mit all zuviel Arbeit und viel zu kleinem Lohn schlimmer wie Sklaven ausgebeutet. Das alles geschieht unter den Augen der Behörde und des Staates. Wenn Herrn Bürgermeister das Wohl des größten Teiles unserer Bevölkerung – und nicht nur eines kleinen Teiles begüterter Händler am Herzen liegt, bitte ich im Namen von tausenden Eilenburgern, den Staat und die Behörden auf diese bisher von ihnen versäumte Pflicht aufmerksam machen zu dürfen!« »Steht hier nicht zur Debatte! Herr Fritzsche, ich frage Sie, ist Ihnen bewußt, daß Sie die Eilenburger Bevölkerung gegen einen ehrenwerten Stand aufhetzen und ihm zu schaden suchen!« »Jawohl, ich weiß das! Weil Herr Bürgermeister aber vom Schutz des Gewerbes und seiner Personen durch den Staat sprechen, erlaube ich mir darauf hinzuweisen, daß wir verarmten Handwerker und unbegüterten Arbeiter vom Schutze des Staates ausgeschlossen sind. Dazu kommt, daß die hiesigen Materialwarenhändler, die zugleich die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln in die Hand genommen haben, sich durch unmäßig hohe Preise am Schaden der Einwohnerschaft mit gutem Verdienst freuen!« »Falsch! Wird nicht die große Konkurrenz dafür sorgen, daß die Preise in einer erschwinglichen Höhe bleiben? Da haben Sie falsch gedacht! Das kann Ihnen jeder erfahrene Mann sagen! Ein Geschäftsmann wird es lächerlich finden, es stellt eine Beleidigung Ihrer andern Mitbürger dar, – diese darf ich nicht durchgehen lassen!« Während der Bürgermeister dies sagt, geht er zum Tisch des Sekretärs und bietet Fritzsche den Stuhl an. Fritzsche setzt sich und hält den großen Sonntagshut auf den Knien. »In der Theorie stimmt die Annahme des Herrn Bürgermeisters. Doch die Praxis ist anders! Hier steht es schwarz auf weiß: Einmal die Eilenburger, dann die Leipziger und Torgauer Preise, so wie sie in den Zeitungen offeriert werden.« Der Buchbinder legt drei Blätter mit Zeitungsausschnitten auf den Tisch und schiebt sie dem Bürgermeister unter die Augen. Herr Brunner weist auf die andern Blätter in der Hand des Meisters und fragt: »Was haben Sie denn da noch für Zettel, nur immer her damit, es ist ein Nachprüfen!« »So sieht die Praxis aus, Herr Bürgermeister: hier sind die Großhandelspreise und daneben stehen die Preise der Kleinhändler. Im oberflächlichen Überschlag ersieht man gleich, wie da 25 und 30 Prozent draufgeschlagen sind. Auf dem dritten Blatt stehen die Preise in unserm Verein!« »Das ist doch wohl nicht möglich –« der Bürgermeister stottert – »das sind ja viel niedrigere Einkaufspreise, wer verkauft Ihnen die Ware so billig?« »Wir kaufen gegen bar beim Produzenten. Wir holen unsern Bedarf selber ab, das Auswiegen und Verteilen besorgen wir nach Feierabend, es entstehen keine Handlungskosten, die die Waren verteuern. Darum wirft uns der Händlerstand vor, wir verkauften unter Einkaufspreis. Wahr ist, daß der Händlerstand an viele Armen auf Borg abgibt und dadurch die Käufer an sich fesselt, so daß sie die schlechteste Ware um den teuersten Preis kaufen müssen! Wir geben beste Ware zum billigsten Preis ab. Da ist jede Hausfrau im stande, meinen Worten von den unmäßig hohen Händlerpreisen recht zu geben!« »So will ich diese Beleidigung nicht annehmen. Doch, ich laß Ihre Angaben von berufenen Fachleuten prüfen. Hm, und sie fühlen sich vom Staat ausgeschlossen, merkwürdig! Sehr merkwürdig!« »Ja, und da haben wir erklärt, wir arbeitslosen Handwerker und unsre Schicksalsgenossen, die armen Arbeiter, wollen uns zu einer großen Familie zusammenschließen, weil unsre Mutter, die gemeinsame Not, unser Vater, der alles verderbende Hunger ist. Es werden drei befähigte Brüder als Bevollmächtigte herausgestellt, die verwalten das Einkommen der großen Familie insgesamt; wie die Hausfrau für die kleine Familie im kleinen, so kaufen die drei für die große Familie ein und geben es gegen einen kleinen Zuschlag zur Deckung der Unkosten an die einzelnen Glieder ab.« »Einfältig, sehr einfältig gedacht! Aber interessant!« sagt Herr Bürgermeister. »Herr Bürgermeister, das ist für uns gar so interessant nicht! Wir tun nur, was die Behörden und der Staat an uns versäumen; wir wissen, was Gerechtigkeit ist und haben als Volk das Recht, die Ungerechtigkeit zu bekämpfen.« Da steht der Meister auf und legt noch ein Blatt Papier auf den Tisch: »Wenn Herr Bürgermeister sich überzeugen wollen, es ist in dieser Urkunde die Erlaubnis und die Berechtigung zum gemeinsamen Einkauf und zur gemeinsamen Verteilung zu finden; ausgestellt als Privileg von Seiner Gnaden des Kurfürsten von Sachsen. Der Landesherr selber hat in Notzeiten den Handwerkern den gemeinsamen Einkauf und Verteilung empfohlen und gestattet. Sie können dem Landesherrn keine undeutsche und landesfremde Gesinnung unterschieben! Nach diesem landesherrlichen Dokument ist die zeitweise Ausschaltung des Privathandels gestattet!« Der Bürgermeister liest die Urkunde, prüft das Siegel und liest es wieder. Geht durch das Zimmer, sieht wieder vor dem Meister und sagt: »Ich meine es besser mit Ihnen, als Sie glauben. Ich halte Sie nicht für einen kommunistischen Revolutionär, ich gebe Ihnen Gelegenheit, mir Ihre Gesinnung zu beweisen. Wollen Sie von Ihrem Tun ablassen, wenn es das Wohl Eilenburgs erheischt?« »Es kommt darauf an, wen Sie, Herr Bürgermeister, mit Eilenburg meinen? Wenn ich Eilenburg sage, so benenne ich damit die 2000 Familien, die unter der schrecklichen Not erbärmlich leiden! Die Kaufleute, Händler und Fabrikanten leiden keine Not. Für deren Wohl ist herrlich gesorgt. Ich werde sofort von meinem Tun ablassen, wenn der Staat und die Behörden sich der von mir betreuten 2000 armen Familien annimmt!« »Da Sie unter Brüdern Ware abgeben, so wird doch wohl auch unter Brüdern mit dem Kredite, dem Abholen auf Borg, nicht engherzig verfahren!« »Muß Herrn Bürgermeister noch einmal ausdrücklich versichern, daß unser erster Grundsatz im Austausch von Ware und Geld, Abgabe nur gegen bar ist!« »Aus alledem, was Sie erzählt haben, Meister Fritzsche, geht nur hervor, daß Sie im guten Glauben handeln, daß Sie und Ihre Konsorten sich subjektiv im Recht fühlen. Trotzdem kein direkter Verstoß gegen ein Gesetz vorliegt, schädigen Sie die Allgemeinheit. In diesem Falle hat der Magistrat keine Handhabe, Sie mit der Gewerbesteuer zu belegen. Da Ihr Verein jedoch nicht eine Person allein, sondern ein ehrbares Gewerbe angreift, so wird die Kaufmannschaft sich höheren Ortes wohl um die Schaffung eines Gesetzes bemühen; der Magistrat hat die Verfügungen höherer Behörden zur Ausführung zu bringen. Nun, Meister Fritzsche, Sie haben durch den Verkauf und Ausschank von Branntwein ein Gesetz direkt übertreten. Bekennen Sie sich schuldig?« »Herrn Bürgermeister zur Kenntnis, daß der Branntwein für die Arbeiter zu den Viktualien gehört. Mit der gleichen Konsequenz, die Herrn Bürgermeister gezwungen hat, einen Handel in unserm Verteilungssystem nicht zu erblicken, es mit Gewerbesteuer nicht belasten zu können, mit derselben Konsequenz muß Herr Bürgermeister zugeben, daß auch hier ein Verstoß gegen ein Gesetz nicht vorliegt, weil innerhalb einer Familie das Schankgesetz keine Wirkung hat!« »Es wär angezeigt, wenn Sie als Leiter des Vereins den ungehemmten Verbrauch des Branntweins gewöhnlicher Qualität einzudämmen versuchten. Es ist Ihnen doch bekannt, daß der Fusel keine guten Wirkungen auf den Menschen hat.« »Herrn Bürgermeister zur Kenntnis, daß ich es lieber sähe, wenn der Arbeitsmann westfälischen Korn und Schwarzwälder Kirsch trinkt. Leider sind die Löhne der arbeitenden Bevölkerung derartig miserabel, daß es ein Wunder ist, wie sie zu den nötigen Viktualien den Branntwein überhaupt noch kaufen können.« »Dann privatim noch eine Frage: Warum machen Sie mit Ihrem zweifellos großen rednerischen Fähigkeiten die arbeitende Bevölkerung nicht darauf aufmerksam, daß der Branntweingenuß ein Krebsschaden am Mark des Volkes ist? Warum leisten Sie der volksvergiftenden Wirksamkeit Vorschub?« »Wenn der Bürgermeister die Ansicht eines erfahrenen Volksmannes hören will, so will ich sie ihm nicht vorenthalten, auf die Gefahr hin, unliebsam zu werden. Der fressende Krebsschaden ist nicht der Konsum des Branntweins, sondern die unglaubliche, durch keine Sklavenherrschaft zu überbietende Ausnützung der eilenburgischen Arbeiter. In unseren Kattunfabriken verrichten die Arbeiter Beschäftigungen, unterm freien Himmel, im Sturm, in Hitze und Nässe, sowohl als auch in bedeckten Räumen, die ein Mensch nur annimmt, wenn er am Hungerknochen nagt. Hunderte von Eilenburgern haben keine Wahl, sie müssen jede, noch so gesundheitsraubende Arbeit annehmen; würde er es nicht tun, so siechten sein Weib und seine Kinder vollends dahin, so würde er ein Faulenzer und Tagedieb gescholten. In dieser ungesunden Fabrikluft müssen die schweren Krankheitsfälle, Lungenentzündung, Asthma ober Schwindsucht entstehen. Herr Bürgermeister müßte einmal die ekligen Geschwüre, die Haut- und Fleischschäden betrachten, die im Umgang mit Säuren und Dämpfen, Farben und Laugen entstehen. Dessen ungeachtet, muß der Arbeiter schonungslos die Schmerzen unterdrücken, den Ekel überwinden und das kann er nur, wenn er sich des an und für sich schädlichen, aber betäubenden Branntweins bedient.« Der Bürgermeister geht auf und ab, zieht die Uhr und bleibt im vorübergehen wieder vor Fritzsche stehen. »Ja, da ist das, was ich zu fragen habe, getan. Indessen der Bericht darüber aufgesetzt wird, können Sie draußen ein wenig warten.« Der Sekretär steht auf, öffnet die Tür des Vorzimmers und weist Fritzsche einen Stuhl an. Fritzsche setzt sich. Als der Sekretär das Zimmer verlassen hat, steht Fritzsche auf, geht ans Fenster, öffnet beide Flügel weit und atmet die schöne frische Luft ein. Er sieht auf den Hof hinunter, wo die kleinen Häuschen stehen; die Kinder des Polizeisekretärs spielen im Schatten. Dann sieht er über die große Nikolaikirche hin; das kleine Stück Himmel glänzt blau über dem braunen Dach. Im Arbeitszimmer des Bürgermeisters wird ebenfalls ein Fenster geöffnet. Er hört den Bürgermeister mit schweren Schritten über den Fußboden gehen und diktieren. Fritzsche geht zurück an den Tisch, setzt sich, lehnt den Kopf an die kühle Wand und hört wieder den wandernden Schritt im Nebenzimmer. Der Hut, den er bisher auf den Knien gehalten hat, löst sich aus den Fingern und rollt auf die Erde. Fritzsche ist eingeschlafen. Nach einer halben Stunde kommt der Sekretär zurück. Er muß Fritzsche an der Schulter schütteln. Fritzsche steht auf und folgt dem Schreiber ins Amtszimmer. Er bekommt wieder einen Stuhl angeboten, der Sekretär liest ihm einen drei Seiten langen Bericht über seine Vernehmung vor. »Dies müssen Sie unterschreiben!« endet der Sekretär. Nun kommt der Bürgermeister von seinem Pult und sagt: »Ich hoffe, daß Sie den kurzen Sinn der langen Vernehmung verstanden haben! Herr Fritzsche, sollte in der Folge eine Redewendung oder ein Satz nicht der Sache entsprechen, so stehe ich nicht an, einer Korrektur zu folgen; nachträglichen Beschwerden kann nicht entsprochen werden. So mache ich Sie ausdrücklich darauf aufmerksam, daß Sie unter keinen Umständen Branntwein verkaufen oder ausschenken dürfen. Ein regierungsseitiges Verbot geht Ihnen später zu. Sie werden bestraft, sobald Sie dieses Verbot übertreten. Vorläufig kann Ihnen die Verteilung von Waren nicht verboten werden. Jedoch verfolgen die geschädigten Einzelhändler ihre Beschwerden weiter. Sie werden höheren Ortes als Merseburg, Beschwerde führen, die Resolutionen sind daher noch nicht abgeschlossen. Bitte, unterschreiben Sie!« Fritzsche liest es in aller Ruhe durch, unterschreibt und geht. »Wenn Sie etwas zu erwidern haben, bitte schriftlich! Adieu!« Schon ist der Bürgermeister mit andern Arbeiten beschäftigt, Fritzsche sagt dann auch einfach in das Lokal hinein: »Adieu, Herr Bürgermeister!« Dreizehntes Kapitel An einem Donnerstag gegen Anfang September stehen die Frauen der Mitglieder noch spät am Abend im Hofe der Genossenschaft und warten auf die Müllerfuhre. Inzwischen kommen die Männer aus den Fabriken und warten mit. Verschiedene vertreiben sich die Zeit, indem sie sich von ihren Frauen die Branntweinflasche geben lassen und trinken. Der Wagen kommt nicht. Alles, was der Müller, der auch mit Fourage handelt, bringen soll, ist ausgeblieben, Graupen und Grütze, Erbsen und Bohnen. Frau Fritzsche war heute zweimal beim Müller. Doch er war nicht anzutreffen. Der alte Schreiber hatte den Befehl seines Herrn: kein Lot wegschicken. Die Leute drängen Fritzsche, doch einem andern Lieferanten ihren Auftrag zu geben. Fritzsche verspricht ihnen, morgen gleich beim Müller die Sache klar zu machen. Er hat Mehl und Hülsenfrüchte nun einmal bestellt und will sie auch abnehmen. »Das erheischt der geschäftliche Anstand«, sagt er. Es ist fast elf Uhr. Er besieht die großen leeren Stellen in seinem Lager, hier fehlen zwei Säcke Mehl, dort zwei Sack Erbsen, zwei Sack Linsen, die Kisten mit Grütze und Graupen sind leer. Das war noch nicht vorgekommen, – und da Fritzsche keine Erfahrung hat, grübelt er über die Handlungsweise des Müllers nach. Am andern Morgen ist er selbst beim Müller. »Grad ist er mit dem Ponywägelchen nach Leipzig gefahren«, sagt die Müllerin, und auch der alte Schreiber kann ihm keine andere Auskunft geben. Schweren Herzens entschließt sich Fritzsche, die Bestellung rückgängig zu machen und geht zu dem zweiten Müller. Der erklärt mit viel gewundenen Worten, daß er keinen Auftrag annehmen könne, die lagernden Vorräte seien bestellte Ware und auch für die nächsten Wochen sei seine Mühle ganz an ältere Abnehmer vergeben. Da läßt Fritzsche sich nicht lange aufhalten und geht zum dritten. Dieser, unwirsch und polternd, sagt ihm grad ins Gesicht: »Ich lass' mich auf Eure Armleutshöckerei nicht ein! Woher sollt Ihr haushalten lernen? Ihr verarmten Weber und Färber, Schuster und Blechschlosser! Dank für Eure Kundschaft!« Fritzsche ist zum Mittag im Haus sorgenvoll und bedrückt. Er kann nicht einmal für gute, blanke Taler Ware bekommen. Er sagt es seiner Frau. Frau Juliane rät ihm, doch zu Kanitzky zu gehen, der würde ihm wenigstens aushelfen. »Und wenn er es nicht tut, dann schwätzt ers morgen in der ganzen Stadt rund!« Fritzsche ballt die Fäuste: »Dann haben wir zum Schaden auch noch den Spott!« »Als wenn er das auch nicht so täte!« meint Frau Juliane, »ich bin gewiß, daß er die Finger dazwischen hat!« »Woher soll er die Macht über die reichen Müller haben? Die lachen den Kerl ja aus! Wenn ich zum Kanitzky geh, dann bindet er mir einen Klotz ans Bein, den ich lange zu schleppen habe. Ich gehe heute noch nach Delitzsch!« Während Fritzsche in seine Kammer geht und sich umzieht, übergibt Frau Juliane das Handtuch dem Kind zum Abtrocknen des Geschirrs. Sie geht zu ihrem Vater, dem alten Stellmacher Prentzel, und bittet ihn, dem August das leichte Fuhrwerk zurechtzumachen. Fritzsche könne doch nicht zu Fuß laufen. Der Vater läßt den Gesellen sofort den kleinen Wagen mit dem Braunen fertigmachen, Frau Juliane fährt vor, Fritzsche steigt ein, der junge Geselle klatscht mit der Peitsche. »Ich komm mit den Waren heim oder überhaupt nicht!« sagt Fritzsche. Solange er durch die Straßen der Stadt fährt, ist ihm der Anblick der Häuser ein einziger, großer Vorwurf: dreihundert Familien sind durch deine Schuld ohne Brot! Er weiß, die Mitglieder zögern, nun bei den verfeindeten Krämern und Bäckern einzuholen, wo sie schon seit vielen Wochen nichts mehr gekauft haben. Sie werden sich untereinander helfen; doch sehr viele müssen auf ihn und sein Mehl warten. Nun begreift er, wie verschiedene Mitglieder so dringlich fragten: »Ist es auch sicher, daß Ihr auch immer Alles abzugeben habt? Sonst müssen wir beim Krämer weiterkaufen. Wenn wir denen nachher für die Sachen, die Ihr nicht habt, kommen, dann schicken sie unsre Kinder nach Haus!« So schlimm war es doch nicht geworden. Sein Töchterchen und seine Frau holen vieles in den anderen Geschäften; denn Fritzsche konnte doch nicht die hundert Kleinigkeiten auf Lager halten, die zur Führung eines Haushaltes gehören. Die andern Frauen hatten auch weiter keine Klagen vorgebracht. Vielleicht hofften die Händler auf einen baldigen Zusammenbruch der Genossenschaft. Fritzsche hat weiter nichts tun können, als seinen Mitgliedern auch weiterhin gute Waren zu billigen Preisen auf Lager zu halten. Jetzt ist er auf einem etwas ungewöhnlichen Wege, die Waren zu beschaffen; er hat Zeit, über die Mittel nachzudenken, mit denen er in Zukunft arbeiten muß. Vorerst gilt es, sich von den Lieferanten in Eilenburg frei zu machen. Er muß nach Leipzig hin, nach Torgau. Wenn es nötig ist, feste Abschlüsse mit andern Großhändlern machen. Er hätte lieber gesehen, daß die Produzenten in Eilenburg die Lieferungen behalten hätten. Nun muß Fritzsche tun, was die Großen auch taten: Das Eilenburger Geld nach Leipzig verschleppen! Ein Unterschied ist doch: die Kaufleute in Eilenburg tun es freiwillig und des Übergewinns halber, während Fritzsche es aus purer Not muß. Aus diesen Überlegungen wird er von einem freudigen Rufen des Kutschers aufgeschreckt, der den Trab des Pferdes bremst, und sich mit einem Mann unterhält. Die Stimme kommt Fritzsche bekannt vor, – das ist ja der Paule! Fritzsche springt aus dem Wagen und begrüßt den Paule. Er erklärt ihm den Zweck dieser Fahrt und lädt ihn ein, mitzukommen. Das kann Paule nicht, er will nur einen Gang in den herbstlichen Wald tun. Paule flucht auf die Müller, die sich dem Komplott der Großhändler unterwerfen. Ein paar Bemerkungen von Kanitzky fallen ihm ein. Schon in den ersten Tagen nach der Gründung hat der Agent von der Abhängigkeit der Müller gesprochen, die von den Großhändlern und Bäckern in den Preisen so gedrückt wurden, daß sie sich durch eine Genossenschaft zu helfen gedachten. Doch der Landrat duldete es nicht. Soviel weiß Paule: Die Müller Troitsch, Freiwald, Klepzig und Schröter hatten im »Adler« zu Delitzsch mit ihm über die Gründung gesprochen; doch als er zum zweiten Male im »Adler« war, sei nur Troitsch gekommen. Vorerst wollten sie eine große Dampfmühle bauen und ein gemeinsames Mehllager errichten. Fritzsche sollte nur zu Troitsch fahren. Paule reicht Fritzsche die Hand. Mit Riesenschritten geht er fort und Fritzsche sieht, daß das Gefährt mit den beiden Damen auf ihn wartet. Er steigt ein, der Wagen rollt davon. Der Stellmachergeselle sieht, genau wie Fritzsche, nach Paule und dem Wagen aus. Fritzsche beginnt, sich vorsichtig nach den Damen zu erkundigen. Da lacht der Geselle verschmitzt auf und kitzelt den Gaul mit der Peitsche in einen guten Trab hinein. Dabei singt er laut, daß Fritzsche nicht nur die Melodie, sondern auch die Worte versteht: »Es waren zwei Königskinder...« »Da wohnt wohl eins auf dem Meierhof?« ruft Fritzsche, und der Bursche winkt mit der Peitsche auf das weiße Gebäude am Waldrand. Paule ist glücklich! sagt sich Fritzsche, glücklich, wenn er auch nicht weiß, wie seine Sache endet. Ein solch entzückendes Mädchen lieben, von ihr geliebt zu werden, ist vergnüglicher, als für das bettelarme Arbeitsvolk zu kämpfen. Jetzt ist er wieder bei seinen Feinden: alle Mächtigen sind gegen ihn verschworen. Ehe er sich bewußt ist, spricht er die Bitte des Vaterunsers aus, die mit seinem Kampf zu tun hat: »unser tägliches Brot gib uns heute!« Er erschrickt: bitten sollen wir um das tägliche Brot! Ja, er wiederholt es, von kämpfen steht nichts darin. – Er muß also Gott bitten! Fritzsche schauert: er, ein Mann allein, steht jetzt zwischen dem Volke, das hungert und vor Gott, der das reichste, gütigste und gerechteste Wesen ist. Er fühlt sich wie ein Mittler, ein Priester vor dem Volke. Sein Gebet ist das Gebet des ganzen armen Volkes: »unser täglich Brot gib uns heute!« Stunde um Stunde durchfluten ihn diese Empfindungen. »Unser täglich Brot gib uns heute!« Nicht: mein Brot mir. Jetzt fühlt er die 300 Familien hinter sich stehen, nach ihm aufsehn, und ihm wünschen, daß er sein Ziel erreicht: Brot! Brot! Fritzsche wendet seine Augen in den blaßblauen Himmel, in dem ihn nichts ablenkt; er fühlt, es muß einen Ausweg geben aus dieser friedlosen Geschichte. Er fühlt die Lösung in sich, er findet keinen Ausdruck, keinen Gedanken. Er blickt nur in den Himmel hinein, während der Wagen fährt. Als der Kutscher sich einmal umsieht, ist Fritzsche eingeschlafen. Kein Peitschenknallen vermag ihn zu wecken. Erst, als der Wagen über die tiefe Rinne am Eingang der Stadt stolpert, wird Fritzsche wach. Er fährt zu Troitsch und dann gehen sie zusammen zu Schröter. Dort besprechen sie die Sache, und Fritzsche merkt, daß sie schon längst Bescheid wissen, sie dürfen nur nichts sagen. Doch sie wollen ihn zu Recht und Waren kommen lassen; deshalb bestellen sie ihn auf den Abend zu Klepzigmühle. Schon beim Eintreten hört er den Mahlgang poltern, das Wasser rauscht in der Schlucht neben dem Gemäuer. Eine kleine Öllampe brennt, Mehlstaub durchglimmt den Schein und flimmert in einem rötlich leuchtenden Kreis. Der Mahlknecht rumort auf den Planken über ihnen. Er läßt Sack um Sack im Trichter herablaufen. »Vor zwei Jahren haben wir uns hier gegen die Regierung verschworen,« sagt Troitsch, »hier haben wir die geheimen Botschaften gelesen. Hier erstatteten später die Flüchtlinge und Boten Bericht. Nun müssen wir uns wieder in den Mahlgang verkriechen!« Troitsch sagt es frei heraus, daß es ihnen bei Verlust ihrer Lieferungen an die Eilenburger Großhändler verboten ist, an ihn, Fritzsche, zu verkaufen. Zwar steht das nirgendwo schwarz auf weiß, doch haben die Zwischenträger und Aufkäufer so vieles durchblicken lassen, daß sie genugsam Bescheid wüßten. Jetzt weiß Fritzsche, daß es der Kanitzky ist, der für die Großhändler den Boykott gemacht hat. Der Agent gehört nicht zu ihnen, er darf machen was er will. Er muß wissen: Wer an die Assozisten liefert, verzichtet auf die Kundschaft des Kleinhandels. Nun weiß Fritzsche den Feind in den eignen Reihen. Die Müller gehen abseits. Sie beraten sich. Auf fünf Schritte sind sie ihm nah, doch er versteht kein Wort. Der Mühlgang donnert die Worte fort. In diesem dunklen Warten schließt Fritzsche für ein paar Minuten die Augen. Da sieht er über sich wieder den blauen Himmel von heute Nachmittag. Da fängt es in ihm weiter zu denken an und mit einem Male weiß er: Du hast dir den Handel dadurch zum Feinde gemacht, daß du die Waren zu billig abgabst! Du hättest zum gleichen Preise wie die andern, abgeben müssen und den Überschuß aufsparen sollen. Nun hast du für 400 Taler Waren, hast 60 Taler erübrigt, ja, aber das ist nur der Betrag, den die 5% Aufschlag hineinbrachten. Weggegeben hast du mit 15 und 25% unter dem ortsüblichen Verkaufspreis. Du hättest sonst für 1500 Taler Waren und 500 Taler Reinüberschuß. Nun haben die Mitglieder wohl billige Lebensmittel gehabt, aber die Genossenschaft hat die Abwehr des Handels zu leiden. Hier ist der Fehler: zu billig verteilt, zu billig weggegeben! Wir hätten es genau so machen müssen wie die Schuhmacher zu Delitzsch, die alle Vierteljahre den Überschuß in Form einer Rückvergütung nach dem Umsatz verteilen. Die Müller wundern sich, daß sie einen ganz andern Fritzsche vorfinden, als sie vor ein paar Minuten verließen. Da war nichts mehr von der Niedergedrücktheit, der peinlichen Sorge eines Mannes, dem geholfen werden muß. Sie wundern sich, daß er auch nicht die Stirn runzelt und sorgenvoll den Kopf schüttelt, als sie ihm sagen, daß sie ihm heute noch keine Ware verschaffen können, er müsse bis morgen hier bleiben, sie würden ein paar Dörfer weitergehen und dort mit den Kollegen reden. Es wäre eine schwierige Sache, die den Müllern großen Schaden zufügen könne, wenn sie nicht zur allseitigen Zufriedenheit ausgeführt werde. Troitsch hält Fritzsche zum Nachtessen da. Fritzsche erzählt von allem, nur nicht vom Geschäft, und Troitsch weiß, daß dem Mann geholfen werden kann, weil er sich selber hilft. Am andern Morgen läßt Fritzsche sich die Namen der Müller geben, bei denen er vorsprechen soll. Da ist der Zielitz, der auf einer Windmühle sitzt und von den Bauern gemieden wird, weil er einmal Getreide unterschlagen hat. Er ist durch den Prozeß bettelarm – und mißtrauisch geworden. Als Fritzsche mit einem Gruß von Troitsch kommt, horcht Zielitz auf. Fritzsche legt ihm Bargeld auf den Tisch, schreibt ihm eine große Bestellung auf und am gleichen Morgen noch rollt ein Wagen mit Mehl nach Eilenburg. Frttzsche fährt mit dem Müller über Land. Der Müller kauft für ihn Produkte und Brotfrucht ein; Zielitz verspricht, sobald alles zusammen ist, mit den Waren zu kommen und sich die Eilenburger Sache anzusehen. Später geht Fritzsche zum Ortsvorsteher und erfährt, daß der Müller Zielitz durch einen ungeratenen Sohn in die Schande gekommen ist; nicht er, sondern der Sohn hat das Getreide der Bauern verkauft und der Vater hat die Schuld auf sich genommen. Weil Fritzsche nicht ganz von der Unschuld des Vaters überzeugt ist, hinterlegt er einen weiteren Betrag beim Ortsvorsteher, der dem Müller nach Vorlegung der Ablieferungsquittung ausgezahlt wird. Der Ortsvorsteher geht mit Fritzsche persönlich zur Windmühle und Fritzsche hat das Gefühl, die Sache geht gut. Als er zu Troitsch zurückkommt, haben sich die Müller nochmals getroffen und ihm eine Reserve von Mehl versprochen. Ein Bäcker im Ort macht den Mittelsmann. Auch dieser Bäcker ist dem Bankrott nahe. Fritzsche spürt Eilenburger Luft: wenig Arbeit, viel Sorge, keine Hoffnung! Der Bäcker weiß nicht, warum gerade ihm das Geschäft für Eilenburg zufällt, warum jemand aus Eilenburg kommen muß, um ihm zu helfen. »Nur die Armen können den Armen helfen!« sagt Fritzsche. Nun macht er, daß er aus dem Bannkreis von Elend und Not hinaus, kommt. Er fährt nach Delitzsch in den Gasthof »Zum Adler« zurück. Am andern Morgen, es ist der dritte Tag, kommt eine Fuhre von der Zielitz-Mühle und wartet am »Adler« zu Delitzsch. Zwei weitere Wagen mit Bohnen, Erbsen, Grütze und Linsen fahren an. Von einem Bauer hat Fritzsche zehn Seiten guten Speck so lächerlich billig kaufen können, daß es ihm eine Sünde schien, den Speck nicht mitzunehmen. Der Bauer hatte eine schlechte Ernte. Die Fuhrleute stehen bei ihren Pferden und trinken ihr Bier. Die Lieferanten haben im »Adler« ihr Geld bekommen. Fritzsche setzt sich in die Kutsche und reicht dem Stellmachergesellen eine Zigarre. Der Braune zieht an; Fritzsche verläßt Delitzsch glücklich und zufrieden. Auf dem Heimweg fällt ihm das Gebet ein, welches ihm die Erleuchtung gebracht hat und von selber klingt es weiter in ihm: vergib uns unsre Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. So kommt Eilenburg bald in Sicht. Als er in die Torgauer Straße kommt, sieht er einen großen weißen Flecken auf dem Pflaster, als hätte jemand einen Eimer Kalk ausgegossen. Als das Fuhrwerk darüberwegfährt, sieht er, es ist Staub. Vielleicht Gips oder auch Mehl. Er kommt an einem zweiten, gleichen Flecken vorbei und an einer Straßenecke sieht er knieende Kinder, die etwas aufheben. Eine scheltende Frau hält eine Tüte in der Hand. Da sind es Erbsen, die im weiten Kreise herumliegen; im Weiterfahren sieht er den Polizeisergeanten, wie er eine Jungensschar gestellt hat. Fritzsche läßt halten und erfährt, daß seit einigen Tagen die Ferien begonnen haben. Solange Eilenburg bestehe, habe es immer Jungenskriege zwischen den einzelnen Stadtteilen gegeben, die Schützenhöfer gegen die Muldentäler, die Mauerwegkinder gegen die Burgberger. In diesem Jahre seien die Kinderstreitereien nicht so sehr nach den Bezirken, als nach den Vätern eingeteilt. Die Assozistenkinder hätten die anderen Jungens mit »Krämerpack« und »Händlersack« beschimpft. Diese wiederum schimpften mit »Fabrikpöbel« und »Assozistenbälge« zurück. Bei den Steinwerfereien und Raufhändeln zerplatzten einige Tüten. Herr Fritzsche solle nur nicht annehmen, die Kinder seien von den Kindern aufgestachelt, wie Herr Stolle das auf dem Platz am Magistrat ausgeschrieen hat. Es sei reine Kinderei, sonst nichts! Herr Fritzsche sei ja einige Tage verreist gewesen, Herr Stolle habe ihn vertreten, nicht ohne ein großes Durcheinander zu schaffen. Er möge nur schnell zur Töpfergasse fahren, da könne er sehen, was Herr Stolle angerichtet hat. Im Trab geht die Fahrt zur Töpfergasse. Fritzsche ist nun wirklich neugierig. Viel Volk sieht vor seinem Haus. Aus der Türe drängen Frauen und Kinder, die Waren eingeholt haben. Der Flur steht voll. Seine Frau und Stolle stehen hinter dem Ladentisch. Im Höfchen ist ein Gefeilsche wie bei einer Kirmeß. Auf Kisten und Kasten stehen die Kiepen der Hausierer, die mit lautem Rufen ihre Ware ausbieten. Es ist noch nicht zwei Uhr, die Verkaufsstunde noch nicht zu Ende. Immer noch kommen klagende Frauen, die Fritzsche sprechen wollen. Fritzsche müsse sofort zum Magistrat. Ihre Kinder dürften nicht einmal mehr in die Stadt. Aus allen Ecken wird ihnen aufgelauert, ihnen die Waren abgenommen und über die Straße gestreut. Da müsse die Polizei für Ordnung sorgen und die Bürgerschaft für den Schaden aufkommen. Fritzsche holt den Polizeidiener ins Lokal. Der erklärt, er habe sein Bestes getan. Er könne doch diesen Kinderstreit nicht allein schlichten, die Eltern müßten vernünftig sein und in der Vakanzzeit eben selber einholen. Die Arbeiterfrauen gehen mit Fäusten auf Herrn Hanisch los: »Wir dürfen doch noch unsere Kinder in die Stadt schicken!« Nun ruft der Polizeidiener mit lauter Stimme auf die anrückenden Frauen ein. Die Frauen drängen auf den Polizisten zu, der zieht sich zurück und Fritzsche springt zwischen die Parteien, die auf der Straße schon zu johlen anfangen. »Mitglieder, Freunde! Es darf nicht zu Tätlichkeiten kommen! Vor allen Dingen muß unser Polizeidiener nach bestem Willen und Gewissen seine Meinung sagen dürfen; geht Ihr gegen ihn an, so ist das Widerstand gegen die Staatsgewalt!« »Müssen wir uns denn unsere sauer erworbenen Pfunde Mehl unter die Füße treten lassen!« ruft eine Frau. »Was stehen da all die Männer? Unsere Männer sind in den Fabriken!« Sie macht eine Faust gegen die Leute auf der Straße: »Wartet, bis unsere Leute von der Arbeit kommen! Die werden Euch helfen, an Kindern und Frauen sich auszulassen! Häh!« Die Frau bekommt einen Wutanfall und will sich mit geballten Fäusten in die Menge stürzen. Herr Hanisch sieht einen alten Mann über die Straße rennen: »Polizei! Polizei!« gellt seine Stimme. Der Polizist geht dem Mann entgegen. »Herr Polizeidiener, am Schloßberg haben die Taugenichtse meinen Garten ausgeräubert, die Birnen, die Äpfel, alles ist weg! Die Lümmels wissen genau, wo Ihr am Mittag und Abend seid, und weil Ihr immer in der Töpfergasse bei den verfluchten Assozisten liegt, drum scheuen sie sich nicht vor Gewalt und Raub, – wir alten Leute können gar nichts mehr machen!« Da ruft eine Frau von der Straße her: »Die Assozisten sollen ihren Jungen Äpfel kaufen, dann brauchen sie nicht in anständiger Leute Gärten einzubrechen!« Ein Mann aus der Menge schreit: »Schnaps saufen, das können sie, aber ihren Kindern was zu fressen geben, das können sie nicht!« Herr Hanisch weiß nicht, wohin er sich wenden soll. Der Alte verlangt, daß er sofort zu ihm in den Garten am Schloßberg kommt. Herr Hanisch sieht, daß es notwendiger ist, hier zu bleiben. Der Polizist wendet sich an die Eilenburger auf der Straße: »Liebe Leute! Was sieht ihr hier herum? Geht doch mit Herrn Wittsche und treibt die Jungens aus den Gärten hinaus! Ich kann doch nicht überall sein!« »Es sind Fabrikarbeiterkinder! Daran dürfen wir nicht rühren, sonst heißt es: ›Das Händlerpack schlägt unsere Kinder!‹« ruft eine Bürgerfrau. Da drängt eine Frau aus der Menge vor: »Schandweib!« brüllt die Arbeiterfrau: »Wenn es Räuber sind, dann haben sie Prügel verdient! Es werden wohl eure Jungens ebensogut dabei sein als unsere! Kinder sind Kinder! Wenn sie räubern, dann müssen sie alle ihre Prügelsuppe bekommen!« Die Arbeiterfrau weint und ballt die Fäuste: »Ihr habt Geld, ihr habt Zeit, ihr habt alles und schimpft uns aus in unserm Elend!« »Hö, die ist am lichten Tag besoffen!« spottet ein Halbwüchsiger. »Nun macht euch heim, alle heim! Weg von der Straße, alle weg! Schämt euch, hier zu stehen und zu schimpfen! Geht doch und helft Herrn Wittsche, die Räuber und die Diebe fangen! Bringt sie zum Magistrat, damit sie die Namen aufschreiben; dann wird sich ja finden, wessen die Kinder sind!« Herr Hanisch drängt in die Menge hinein. »Untersteht euch!« ruft die Arbeiterfrau. »Dann laßt ihr die euren laufen und schleppt die unsrigen zum Magistrat, wir sollen dann Strafe zahlen! Kommt, wir können unsern Jungens selber die Jacken vollhauen!« »Wenn ihr sie fangen geht,« ruft eine andere Frau, »dann laßt ihr die euren laufen und schleppt die unseren zum Magistrat! Ihr spielt euch nur auf, freches Pack!« »Um Himmels willen! Was soll die Zankerei? Ist Eilenburg denn ganz verrückt geworden? Was können die Fritzscheleute dafür, wenn Jungens die Gärten plündern? Das ist doch jedes Jahr so! Seid vernünftig, Leute! Sonst muß ich euch alle aufschreiben!« »Hö, hö, hö, hö, hö! Herr Hanisch hält es mit den Assisten!« gellt eine Stimme. »Ich halt es mit der Ordnung, Ordnung muß unter den Bürgern sein! Oder seid ihr keine Bürger, seid ihr hergelaufenes Gesindel?« Herr Hanisch schreit mit seiner ganzen Lungenkraft. »Alles, was zu mir gehört, kommt ans Haus!« ruft Fritzsche. Er ist zwischen die Menge auf der Straße und zwischen die vor seinem Haus getreten. »Geht alle so lange hinein, bis Herr Hanisch mit denen auf der Töpfergasse fertig ist.« »Zum Burgberg! Zum Burgberg!« schreit ein Junge und läuft zur Seite. Eine Schar Jungens rennt hinter ihm her. Langsam verziehen sich die Leute. Nun geht Hanisch umher, er ohrfeigt einige Jungens, Heulen und Schreien gellt, die Burschen nehmen reißaus. Als Herr Hanisch zurückkommt, hat Fritzsche seine Leute auf der Schulgasse versammelt. Fritzsche hält ihnen eine Rede, sagt, daß es ihm gelungen sei, das Fehlende an Waren aus der Umgebung herbeizuholen. Weder er noch sonst jemand habe das voraussehen können. Das Kapital habe eben alle Produzenten am Gängelbande und könnte ihren Kunden befehlen, an wen sie zu liefern haben oder nicht. Genau so, wie es viele Handwerker gäbe, die nicht wagen, in der Genossenschaft einzuholen, genau so gibt es Händler und Müller, die nicht wagen, an uns zu liefern. Vorübergehend hätte er die Waren ein wenig teurer erwerben müssen und die Mitglieder sollten nicht murren, wenn dieser Zustand noch einige Wochen anhielte. Nun fragt Fritzsche, warum die Hausierer anwesend seien. Stolle will ihm nachher Antwort geben. Vorher sagt er den Hausierern, sie sollen morgen mittag um zwölf Uhr wieder hier sein und möglichst mit den Artikeln, die ihnen aufgegeben worden sind. Fritzsche entläßt nun seine Leute: Über die Schulgasse, als auch über die Töpfergasse gehen sie in ihre Häuser zurück. Fritzsche ist mit Stolle in die Stube gegangen, er bekommt von seiner Frau ein Butterbrot. Er ist hungrig und kaut mit vollen Backen, während Stolle erzählt: »Also, vor drei Tagen, als Ihr wegfuhrt, da kamen mit einem Male die Frauen unserer Mitglieder an und klagten, daß ihre Kinder in den Läden ungebührlich lange, oft eine halbe Stunde, haben warten müssen, obgleich sonst kein Käufer anwesend war. Als endlich dann der Händler nach ihren Wünschen frug, so schnauzte er: ›Die Sachen haben wir nicht!‹ oder er sagte: ›Sind ausverkauft!‹ Wenn die Kinder dann auf diejenigen Artikel, die da lagen und sie haben wollten, zeigten, raunzte der Verkäufer: ›Diese Waren sind schon verkauft und werden abgeholt!‹ Schließlich sind die Frauen selbst hingegangen zu den Läden, wo sie bisher ihre Einkäufe gemacht haben; da begegnete es ihnen, daß man sie überhaupt nicht anhörte, sondern sie wie Luft behandelte. Schließlich ist es den Frauen nicht anders ergangen, als den Kindern auch. Weder Strick- noch Nähgarn, Nachttopf oder Muskatreibe, Mehlbesen oder Viehsalz haben sie mit gutem Geld kaufen können! Als ich diese Klagen hörte, packte mich die Wut. Ich bin gleich auf die Herberge gegangen, wo die Hausierer übernachten. Und habe jeden, den ich unterwegs traf, hierhin bestellt. Diese Hausierer sind nun einmal unterwegs; sie haben die Erlaubnis, Handel zu treiben. Es ist ihnen nicht verboten, auch unsere Mitglieder hier oder in ihren Häusern zu bedienen. Die Mitglieder sagen ihnen die Artikel an, die sie brauchen und die wir wegen Mangel an Raum noch nicht führen. Ich habe ihnen geradeheraus gesagt: ›Die hiesigen Händler wollen 300 Familien nicht bedienen, sie wollen unsere Genossenschaft kaputtmachen.‹ Nun sind sie, die Hausierer, schon den zweiten Mittag hier; unsere Mitglieder werden vorläufig ohne unsere Kleinhändler fertig! Ist das nicht ein gescheiter Einfall von mir gewesen?« Fritzsche lacht, daß ihm die Krümel aus dem Munde fallen, denn der Schuster wirft sich mit dem Stolz eines Siegers in die Brust und droht mit der Faust gegen die Stadt: »Nun habt ihr vor der Genossenschaft Ruh! Jetzt könnt ihr den ganzen Tag schlafen und braucht euch gar nicht mehr über uns aufzuregen! Bald werdet ihr eure Läden zehn Stunden am Tag schließen und wir werden den unsrigen zehn Stunden öffnen!« Vierzehntes Kapitel Kanitzky hat durch seine Mittelsleute herausbekommen, daß zwar nur 350 Familien eingeschriebene Mitglieder sind, doch der Umsatz ist größer. Was da mit Karren angefahren und in Körben herausgetragen wird, reicht für 1000 Familien. Nicht umsonst haben die Kleinhändler zu dem stärksten Mittel gegriffen, das ihnen zur Verfügung steht: dem Boykott. Kein Händler der Stadt verkauft mehr an die Mitglieder der Genossenschaft. Die Tatsache, daß Fritzsche nicht alle Dinge, die ein Haushalt benötigt, führen kann, muß ihn jetzt zugrunde richten. Bisher haben die Händler den Mitgliedern die Kleinigkeiten verkauft. Kanitzky stellt fest, daß in seinem eigenen Laden der Umsatz zu steigen anfängt. Nach vielen Vergleichen wird ihm klar, daß die einen Eilenburger Tauschhandel miteinander treiben: die Mitglieder geben Konsumwaren her und bekommen dafür Einzelartikel. Kanitzky sieht eine neue Gefahr: Hausierer. Er weiß, Stolle hat sie bestellt, um den wirksamen Boykott der Kleinhändler abzuwehren. Die Tage vergehen. Das Genossenschaftslokal hat vom Morgen bis zum späten Abend die Türe für die Mitglieder offen stehen. Unmerklich vermehrt sich die Zahl der Hausierer, mit jedem Tag kommen neue an. Sie dringen mit den Kästen voll Kleinwaren, Schuhschmiere, Bandlitze, Nadeln und Gummistrippe, Seife, Putzpulver, Messer und Scheren, Haarlemer Öl und Scheuerleinen, Nägelpäckchen und Häkelgarn in alle Eilenburger Familien ein. Ihre Artikel sind etwas billiger; viele Hausfrauen kaufen. Die Kleinkramhausierer von gestern kommen heute mit Töpferwaren als Kiepenkerle wieder; tatsächlich geht keiner aus einem Hause, ohne einige Kleinigkeiten dazulassen. Am dritten Tage laufen die Savoyardenknaben mit Murmeltier und Drahtwaren, Mausefallen und Mehlbesen, Papierhaltern und Tischtuchklammern, verzinnten Waren und Blechkram dieselben Straßen, Häuser und Wohnungen ab; die Hausfrauen haben schon bei den ersten Hausierern mehr Geld ausgelegt, als ihnen gelegen ist. Dies merken die Spätergekommenen bald und verlegen sich vom Anpreisen aufs Klagen, sie lassen aus purer Not von ihren Preisen bis ein Drittel und Viertel ab, weil sie nun einmal hier sind und den weiten Weg nicht umsonst gemacht haben wollen. Es werden wohl die Letzten sein, denken die Hausfrauen. Sie holen die kleinen Ersparnisse aus den Truhen und kaufen. Am nächsten Tag kommen Händler mit Siamosen und Hemdenstoffen, Seide und Samt. Die Sachen sind so billig, als hätten sie die Waren gestohlen. Zu solchen Preisen müssen sogar Händler in diesen Artikeln zugreifen; es ist, als wolle Magdeburg, Berlin, Halle und Chemnitz zeigen, was die neue mechanische Fabrikation an Preisen und Waren leisten kann. Mit einemmal erscheint ein Trupp Frauen aus dem Erzgebirge. Aus den schöngeschnitzten Kiepen holen sie Handarbeiten: Klöppelspitzen, Filets, Knüpfereien Wirkwaren, die manche Jungfrau bewegen, ihre Aussteuerpfennige und Groschen jetzt anzulegen; besonders, da die Frauen versichern, daß diese Arbeiten Musterstücke sind, die es nur einmal gibt! Wenn im Erzgebirge nicht die hungrigen Kinder auf schwarzes Brot warteten, würden sie niemals ihre Meisterwerke hergeben! So etwas hat Eilenburg noch nicht gesehen. Zum großen Erstaunen der Bürgerschaft kommen nun aus den weiter entfernten Dörfern Bauern mit kleinen Fuhrwerken und bieten Brot an; sie hatten gehört, in Eilenburg sei Hungersnot. Sie bringen Pfefferkuchen und Salzbrezeln mit, außerdem handeln sie mit Honig und Wachs. Aus noch weiter entlegeneren Tälern kommen Kuckucksuhrenhändler mit Holzschnitzereien, Spielzeugverkäufer und sogar eine alte Frau mit Puppen, lauter Neuigkeiten, die auch nach Amerika ausgeführt werden. Es scheint, als sollten die Augen und Herzen der Eilenburger von der bösen Fehde zwischen Kaufladen und Genossenschaftsmagazin abgelenkt werden. Auf einmal erschallt eine silberhelle Trompete; eine Musikbande zieht mit klingendem Spiel über den Marktplatz. Die blinkenden Instrumente der Musikanten leuchten in der Sonne, die feurig, bunten Farben ihrer Phantasieuniformen locken die Kinder an. Auch mancher altgediente Soldat ergötzt sich an den Militärmärschen, nach denen er einst in Berlin und Küstrin, Magdeburg und Torgau, Breslau und Posen in Parade und Manöver marschierte. Wer hat das fremde Volk gerufen? Niemand kann es sagen. Vielleicht haben enttäuschte Hausierer in gehässiger Weise die Parole vom kauflustigen Eilenburg weitergegeben. Von allen Seiten bewegen sich über die Straßen die fahrenden Leute, die Korbflechter mit ihren Wägelchen, mit verlausten Kindern und wildernden Hunden, die Kesselflicker mit Blasbalg und Feldschmiede kommen und schlagen ihr Lager unter den Muldebäumen auf. Schirmflicker, Zigeuner und Pferdehändler siedeln sich an. Sie alle senden ihre Weiber und Kinder in die Stadt, um Arbeit für die Männer zu holen; die lümmeln am Tag faul im Schatten der Wagen, am Abend gehen sie in die Herbergen und Gasthöfe, geben Kartenkunststücke und Zaubervorstellungen zum Besten. Die Schlosser haben viel zu tun: die Türen der Eilenburger müssen auf einmal mit Schlüsseln versehen werden, denn keine Kirmes und Schützenfest hat je so viel gefährliche Existenzen herbeigelockt. Es war den Gendarmen gelungen, die größere Masse der Zigeuner auf dem Weg in die Stadt abzudrängen und nach Süden zu lenken. Dennoch sprechen weissagende Frauen die Bürger auf der Straße an und dringen in zufällig offenstehende Häuser ein. Da ist kein Halten und Zurückdämmen mehr, wie eine Heuschreckenschar überschwemmt das fahrende Volk die Stadt, je weniger man sie mit Kauf und Bestellungen anzieht und festhält, um so hitziger werben sie und locken das letzte Geld aus den Taschen und Schubladen der Eilenburger. 14 Tage lang wimmelt die Stadt, fluchen und jammern die Einwohner; die Parasiten des Handels saugen das letzte vorhandene Kleingeld, das Blut des gewerblichen Lebens, auf. Zuletzt kommen mit Affen und Kamelen die Bärenführer, die Drehorgelmänner, das niedrigste Volk, welches die Straßen, Häuser und Börsen nach den kleinsten Pfennigen auskämmt und leerkratzt. Für Fritzsche ist die Überschwemmung der Fahrenden in dem Augenblick gerade recht gekommen. Es standen tatsächlich zwei aufgebrachte Parteien nebeneinander, die auf dem besten Wege waren, ihre Meinungsverschiedenheiten über Obstplündereien und Kinderzank mit Knüppeln auszutragen. Er hat in der Zeit des Wirrwars in aller Ruhe die Lebensmittel besorgt, die ihm die Großhändler verweigerten. Eines Tages bringt ihm Herr Hanisch eine Vorladung zum Magistrat. Fritzsche schreibt das Datum, 18. September, mit Kreide groß auf die Küchentür. »Dir werden sie doch nicht die Schuld an diesem Durcheinander, der da draußen tobt, aufhalsen?« fragt Frau Juliane ängstlich und sieht bestürzt ihren Mann an. »Natürlich sind an allem die bösen Genossenschafter schuld! Natürlich haben sie die Hausierer herbeigeholt! Natürlich geht das auf meinen Buckel! Gottlob habe ich an 300 Zeugen, daß die Händler den Mitgliedern die Ware verweigert haben, da blieb uns nichts anderes übrig, als die Selbsthilfe durch die Hausierer.« »Aber, die hat doch Stolle gerufen!« wirft Frau Juliane ein. »Ich bin der Verantwortliche! Ich wette, diese Affäre wird einen Grund für das Verbot abgeben. In diesen 14 Tagen haben die reisenden Händler ein Vermögen aus Eilenburg weggeschleppt. Dafür wird man einen Sündenbock suchen. Erst der Kinderkrieg, dann die Hausiererplage und zuletzt die Pest des fremden Packs, – da werden sie wohl uns verbieten. Jetzt hilft kein Maulspitzen mehr, jetzt muß gepfiffen werden!« Genau 14 Tage dauerte die Hausiererplage. So, wie die Stadt leer und kahl gefressen ist, verschwindet sie. »Verlierst du viel an Bargeld, wenn sie euch das Magazin schließen?« fragt die Frau angstvoll. »Kann ich jetzt noch nicht sagen!« antwortet er. »Liebe Frau, ich laß mich nicht ausschalten; ich werde genau an dem Tag, wenn sie die Genossenschaft verbieten, ein offenes Handelsgeschäft anfangen. Nur, daß ich nicht, wie Reeder und Comp. einen Genossen, sondern deren Hunderte habe. Es muß einen Weg zur Selbsthilfe geben. Und wenn der erste Weg nicht der rechte war, so finden wir einen andern. Man muß lernen!« Als am Abend die Frauen zum Einholen kommen, hört Fritzsche, daß die Händler wieder, wie vorher, an die Mitglieder verkaufen. Es freut ihn, daß er das Magazin nicht mit dem kleinen Kram zu belasten braucht: »Wir können doch nicht jeden Hosenknopf und Jackenlitze führen!« sagt er befriedigt. Er erzählt, daß er morgen zum Magistrat muß; die Arbeitermitglieder verstehen nicht, was der Magistrat in ihre Genossenschaft hineinzureden hat: »Der soll sich um die schlechten Löhne und die Teuerung in Eilenburg kümmern!« sagen sie. Der 18. September ist gekommen, Fritzsche will zum Magistrat. Diesmal ist er nicht so siegesbewußt. Beim erstenmal hat er Herrn Brunner versichert, es könne durch die Genossenschaft keine Störung der öffentlichen Ordnung hervorgerufen werden. Fritzsche, den Zylinder auf dem Kopf, den Rock am Leib festgezogen, den Stock in der Hand, geht in der Küche auf und ab. Dann nimmt er das Handtuch vom Haken, wischt die Zahl auf der Tür fort. Als er die Tür zur Straße aufzieht, empfängt ihn großes Gebrüll. Eine Schar von Halbwüchsigen und Jungens erwarten ihn. Woher wissen die, daß er diesen schweren Gang tun muß? Ach ja, er hat es selber seinen Leuten gesagt, die Jungens haben es gehört und weitergetragen; nun singen die Bengels: »Da sitzt der August Fritzsche mit seiner kleinen Klitsche, Bankrott die Assion, das hat er nun davon!« »Bravo, bravo! Jungens! Das habt ihr gut gesungen! Dafür sollt ihr auch was haben!« ruft er und geht zurück; er nimmt eine Pfundtüte, gefüllt mit braunem Kandis und bietet ihnen die Spende an. Im ersten Augenblick wollen die Jungens nicht ran, da sieht er den blondroten Schimmelmannsjungen. »Du, Kurtchen, da nimm doch! Verteils, – aber gerecht!« Kurt nimmt die Tüte und verzieht sich schleunigst in die Mitte des Trupps. Kaum ist Fritzsche 20 Schritt weitergegangen, da hört er Schreien und Schimpfen. Aus den Fenstern rufen Mütter herunter, Frauen kommen auf die Gasse. Fritzsche braucht sich nicht mehr umzudrehn, er weiß Bescheid: sie hauen sich um die Beute. Den ganzen Weg zum Magistrat begleitet ihn zwischen Fensterklirren und Türenöffnen das Gerufe der Frauen: »Fritzsche kommt!« Die Kinder singen hinter ihm her. Es schallt bis in den Flur des Rathauses hinein. Erst, als Fritzsche die Tür des Zimmers drei hinter sich zugezogen hat, ist große Stille um ihn. Der Sekretär kommt auf sein Klopfen heraus; er besieht die Vorladung und weist Fritzsche einen Stuhl an. Endlich führt ihn der Sekretär ins Zimmer des Bürgermeisters. Er grüßt. Auf das »Guten Morgen« des Bürgermeisters tritt Fritzsche einen Schritt vor. Herr Brunner verläßt sein Pult, an dem er, den Kopf auf die verschränkten Arme gestützt, einige Augenblicke verweilte, geht dann zu dem Tisch des Sekretärs; er blättert in dem Aktenstoß und schiebt ihn zum Schreiber hin: »Fritzsche und Konsorten! Es sind wieder einige Beschwerden über die Assoziation eingelaufen. Im allgemeinen und besonderen sind es dieselben Fragen, die ich beantwortet haben muß, damit sie zu Protokoll gegeben werden können. Also –« Jetzt sieht der Bürgermeister den Meister scharf an: »Stimmt es, daß ein jeder seine Bedürfnisse zum Einkaufspreise in dem Assoziationsgeschäft kaufen kann?« August Fritzsche sagt laut und ruhig: »Es ist ›Geschäft‹ und ›kaufen‹ nicht der treffende Ausdruck, dieweil wir doch keine Geschäfte machen, sondern Waren verteilen. Gegen die Ausdrucksweise protestiere ich. Zur Sache: die Waren werden um fünf Prozent über den Einkaufspreis erhöht abgegeben!« Der Bürgermeister macht eine Notiz am Aktenrand und legt ein anderes Papier auf den Tisch. Dann fragt er: »Stimmt das, daß sich an 400 Familien haben einschreiben lassen und ihre Einkäufe machen?« Fritzsche nimmt sein bestes Militärdeutsch zusammen und sagt scharf: »Bitte hinweisen zu dürfen, daß in einer Assoziation keine Einkäufe gemacht, sondern die Waren entnommen werden. Zur Sache: es sind bis jetzt 350 Familien!« Wieder notiert der Bürgermeister und fragt: »Ist es möglich, Herr Fritzsche, daß nicht nur Mitglieder, sondern auch viele, fast alle Einwohner Eilenburgs, indirekt, sozusagen durch eine Hintertür, bei Ihnen Waren erstehen?« Fritzsches Gesicht leuchtet vergnügt auf: da ihm niemand etwas nachweisen kann, sagt er: »Soviel ich kontrollieren kann, haben nur eingetragene Mitglieder ihren Bedarf bei uns gedeckt!« »Nun möchte ich wissen, was mit den fünf Prozent über Einkaufspreis geschieht!« »Der Geschäftsführer wird mit zwei Prozent entschädigt, mit zwei Prozent Kontrolleur und Schriftführer, – der Rest wird als Ersparnis zurückgelegt!« Nun schlägt der Bürgermeister einige Seiten nach, schüttelt den Kopf und den Deckel zu. Dann steht er auf, geht im Zimmer auf und ab. »Sekretär, von wem stammt diese Eingabe?« Unmittelbar und laut schnurrt der Sekretär das Datum ab: »9. August 1850, gezeichnet im Auftrag: Friedrich Wilhelm Kanitzky, Christian Kloß und Heinrich Jope.« »Weiterlesen!« »Mit dem Handelsumtriebe des Lebensmittelvereins sind uns unsre Erwerbszweige gänzlich entzogen, denn wenn auch aus freundschaftlichen Verhältnissen wenige Kunden ihre Waren noch von uns kaufen, so sind wir doch genötigt, dieselben zum Einkaufspreise, also ohne den geringsten Nutzen, zu verkaufen; wir sind daher nicht mehr imstande, in Zukunft Steuern und Abgaben aufzubringen und müssen daher unsern Untergang mit Riesenschritten entgegenkommen sehen, wenn nicht die w. Regierung Mittel anordnet, wodurch diesem Umtrieb Einhalt getan werden kann. An die w. Regierung erlauben wir uns daher das ebenso gehorsame als dringende Gesuch zu richten: Hochgeneigtest dahin zu wirken, daß das Assoziationsgeschäft in unserm Orte möglichst bald aufgehoben wird.« Nach langem Überlegen sagt Herr Brunner: »Das Gewerbe hätte angemeldet werden müssen, wie jede Neugründung und Aufrichtung. Aus welchen Gründen ist das unterlassen worden?« »Da wir unsere Genossenschaft nicht als ein Gewerbe ansehen, und wir nicht zusammengetreten sind, ein Gewerbe zu betreiben, sondern lediglich eine Ersparnis unter uns herbeizuführen, haben wir es, da Ersparnismaßnahmen doch nicht höheren Orts angemeldet und eingetragen werden müssen, es nicht für nötig gehalten!« »Sekretär, es wird aufgenommen: »Verhandelt zu Eilenburg, Rathaus, den 18. September, 1850. Halt, noch eins, Herr Fritzsche: also kann ich den Antworten auf meine Frage entnehmen, daß sich an der Art der Assoziation nicht viel mehr, als die Zahl geändert hat, – wir haben ja am, na, Sekretär, am ...« »5. August!« ruft der Sekretär, »ja, am 5. August ein gleiches Protokoll geschrieben!« Der Bürgermeister diktiert das neue Protokoll. Dann wird es noch einmal vorgelesen und Fritzsche vorgelegt. Da fällt dem Bürgermeister ein anderes Schreiben ein, es war an der Rückseite befestigt: »Ach so!« sagt er, nachdem er es überflogen hat, »im Nachtrag wird der Assoziation attestiert, daß sie oft minderwertige Waren in den Verkehr bringt. So lag der Regierung eine Probe trockenes Gemüse vor, welches inzwischen verwest ist. Stimmt das?« »Wenn es sich um Trockengemüse handelt, ist das ein Posten, den uns der Groß- und Kleinhändler Agent Kanitzky auf seine Anpreisungen hin verkauft hat.« »Also, Sekretär, hinzufügen: »So viel die Beschwerde der Viktualienhändler betrifft, so müssen wir bemerken, daß unsere Trockengemüse von dem Beschwerdeführer Kanitzky selbst erkauft worden sind.« Endlich unterzeichnet Fritzsche dies Schriftstück und auch der Bürgermeister setzt seinen Namen darunter. In einer Pause, in der der Bürgermeister hin und her gegangen ist, sagt er zum Sekretär: »Ist jetzt die Sache in Ordnung?« »Soviel ich übersehen kann, jawohl, Herr Bürgermeister!« »Dann bedarf es Ihrer Anwesenheit nicht mehr!« Fritzsche weiß nicht, geht es den Sekretär oder ihn an, da der Sekretär nicht weggeht, grüßt er: »Adieu, Herr Bürgermeister!« und wendet sich. Der Bürgermeister unterbricht seinen Gang und geht hinter Fritzsche her, geht bis in das Nebenzimmer und sagt, als Fritzsche schon die Klinke in der Hand hat: »Ah, Herr Fritzsche, wie denken die andern, zum Beispiel Herr Wagner, über die Assoziation?« »Sollte Herr Wagner nicht mit meiner Handlungsweise einverstanden sein, so ist es ihm verstattet, durch eine Mitgliederversammlung meine Absetzung zu bewirken.« »Sind Sie so sicher, daß die Assoziation auch ohne Sie, Herr Fritzsche, bestehen wird?« »Der Lebensmittel-Verein besteht aus 350 Familien, aus der Notwendigkeit, sich für ihre sauer erworbenen Hungergroschen möglichst viel Viktualien zu beschaffen. Solange das Volk sich die Gerechtigkeit in ökonomischen Dingen selber erzwingen muß, wird die Genossenschaft vorläufig das einzige Mittel sein.« »Ich fürchte nur, daß Sie das Volk auf Jahre hinaus rebellisch machen. Sie reden immer von Selbsthilfe! Sie haben die Bürgerschaft entzweit; die Arbeiter-Assozisten wollen nicht nur billige Lebensmittel, sie wollen auch die Übermacht!« »Erlaube geziemend darauf hinweisen zu dürfen, daß von einer Macht, geschweige einer Übermacht, keine Rede sein kann. Vergleichsweise kann man behaupten, daß die Genossenschaft die Kette der Armut, an die sie durch die Verhältnisse gefesselt sind, um einige Glieder, um ein paar Zoll verlängert hat. Der Kettenhund »verarmtes Volk« ist dadurch in den Stand gesetzt, einen halben Schritt weiterzubeißen!« »Es ist nicht statthaft, vom Volk in solcher Art zu sprechen; die Behörden und die Königliche Regierung werden durch solche Ausdrucksweise in Mißkredit gezogen! Ich warne Sie dringend vor dergleichen Ausdrücken.« »Herrn Bürgermeister in Respekt, doch halte ich, als Handwerksmeister und Bürger dieser Stadt, die Lebensweise der Armen und Arbeitsleute von jedem Standpunkt aus für unstatthaft; es müßten die wohllöblichen Behörden das Entsetzen über die grauenhaften Zustände in unserer Stadt solcherart packen, daß sie sich an höchster Macht einsetzen, das maßlose Elend zu lindern.« Fritzsche sieht Herrn Brunner in die Augen: »Und da sich die Behörde die Kraft nicht aneignet, da geht sie auf das Volk über und erzeugt den Zustand, der noch von 48 her in unliebsamer Erinnerung ist. Solang es uns Handwerkern gut ging, Herr Bürgermeister, wußten auch wir nichts von dem Arbeitervolk in den Fabriken. Nun haben wir dieses Volk kennengelernt und unser Glaube ist von ...« hier stockt Fritzsche einen Augenblick – »ist von den Behörden auf das arbeitende Volk übergegangen!« »Das ist eine offene Kriegserklärung!« sagt Herr Brunner und weicht einen Schritt zurück, als fürchte er, von Fritzsche angegriffen zu werden. »Der Krieg gegen den Hunger und das Elend, der Kampf gegen die Verarmung ist im vollen Zuge!« sagt Fritzsche, »ich hoffe bei Gott, in Herrn Bürgermeister Brunner einen tüchtigen Verbündeten zu finden!« Der Bürgermeister geht wieder ein paar Schritte auf und ab, dann streckt er dem Buchbindermeister die Hand entgegen und sagt: »Gott sei's geklagt, Herr Fritzsche, wenn die Industrie nur besser gegen die englische Konkurrenz könnte; Herr Degenkolb, der doch Volksmann genug ist, beklagt sich, daß er wieder eine Anzahl Handwerker abstellen und neue Maschinenstühle kaufen muß. Ja – und mit ihnen? Was wird das werden? Einstweilen – na, Adjö, Herr Fritzsche.« Der Buchbindermeister grüßt, geht und stößt beim Davongehen den Stock lauter auf, als er sonst zu tun pflegt. Er wundert sich, daß der Bürgermeister in so freundschaftlicher Weise die Sache erledigte. In den nächsten Wochen trägt er täglich neue Arbeiter ein; jetzt sind sie auf 450 gestiegen. Trotzdem die Handwerker größeres Einkommen haben, setzen die Arbeiterfamilien mehr um. Die Armen sind beim Einkauf nicht bei Händler-Nachbarn und Krämerkundschaft verpflichtet. Fritzsche merkt das sehr am Umsatz, der dann auch nicht sinkt, als sich viele Handwerkermitglieder abmelden. Auf den Kartons, die als Ausweis dienen, werden die lieben, bekannten Freundesnamen überklebt. Mit neuer Nummer und anderem Namen versehen, werden sie den Arbeiterfrauen in die harten Hände gegeben. Für jeden der 50 Handwerker, die ausgetreten sind, hat er neue Arbeiter eingetragen. Fritzsche hat die Aufträge, die seine Delitzscher Vertrauensmänner nicht ausführen konnten, einem Magdeburger Lieferanten übergeben müssen. Dieser Großhändler ist persönlich nach Eilenburg gekommen und hat, als er von den behördlichen Schwierigkeiten hörte, ihm ordentlich den Rücken gestärkt. »Eilenburg ist ein kleines Nest. Die Regierung wird sich den Teufel um Eilenburg scheren. Die Eilenburger, die sich vorstellen, es würde wegen dreißig Kleinhändlern ein neues Gesetz eingebracht und beschlossen, diese Leute leiden an Größenwahn: Im Gegenteil, die Regierung ist liberal geworden, sie will die Kräfte in Handel und Gewerbe spielen lassen und sich möglichst wenig einmischen.« Da hat Fritzsche wieder Mut bekommen, da sind ihm Herrn Wagners große Bedenken wieder klein geworden. Herr Wagner weiß zwar sehr viel, doch weiß er nicht einmal, daß selbst der König den Darlehenskassen und Rohstoffassoziationen der Handwerker Zuschüsse geleistet hat. Um der Sache sicher zu sein, ist er mit Herrn Wagner zu Dr. Bernhardi gegangen; der Doktor hat einen Brief von seinem Freunde Schulze in Delitzsch aus einem der neuen Kästen geholt und es ihnen schwarz auf weiß gezeigt. Leider stand die Summe nicht angegeben, sondern nur die Tatsache; auch, daß seine Majestät einen Herrn Professor Huber empfangen hat, der als Leuchte der Wissenschaft für die Gründungen der Genossenschaften sehr begeistert ist. Wenn also der König selber einen Beweis für die Notwendigkeit der Genossenschaften im allgemeinen gegeben hat, so können seine Beamten doch nicht das Gegenteil tun und sie vernichten. Zwei Wochen sind vergangen; er hat mit dem Schuhmachermeister Stolle die Statuten für eine Darlehnskasse ausgearbeitet. Am 30. September holt er Fritzsche zur Gründungsversammlung ab; Bürmann und Doktor Bernhardi haben sie einberufen. 180 Leute sind zusammengekommen; es wären sicher mehr erschienen, wenn Fritzsches Teilnahme nicht viele Handwerker eingeschüchtert hätte. Auf dieser Versammlung ist der Doktor für Fritzsche eingetreten und hat den Eilenburgern bewiesen, daß Fritzsche Pionierarbeit leistet. Alle Handwerker seien ihm zu Dank verpflichtet: »Fritzsche hat uns gezeigt, wie man für das Einstehen von Allen für Einen und Jeder für Alle, für die solidarische Selbsthilfe kämpft. Sein Wirken soll uns als leuchtendes Beispiel vorangehen. Möge aus der Tätigkeit von Fritzsche und Genossen recht viele Männer die Anregung zu genossenschaftlichem Vorgehen nehmen! »Es lebe der Pionier von Eilenburg!« so hatte er ihn hochleben lassen! Das war eine Ehrenerklärung für Fritzsche, besonders wohltuend für ihn, weil gerade seine Standesgenossen ihn und die Genossenschaft verlassen hatten. In den ersten Oktobertagen kommt Herr Wagner, wie so oft, zu Fritzsche ins Lokal. Der Meister bemerkt sein Hereinkommen nicht. Er steht breitbeinig da und liest in einer dicken Aktenschrift. Da wirft er sie zu dem erstaunten Herrn Wagner auf den Ladentisch, nimmt eine Zigarre und pafft wild und wütend. Wagner liest in dem Schreiben. Fritzsche wendet ihm die Blätter, eins nach dem andern, in den Händen um und weist mit dem Finger auf den letzten Satz, den er schon auswendig kann und seinem Freund in die Ohren ruft: »Gutachten des Gewerberates zu Eilenburg! Hört bloß den Schluß an: ›Vermag der Gewerberat das Bestehen dieser Assoziation nicht zu befürworten. Degenkolb.‹ Herr Wagner, was sagt Ihr nun? Erst fünf Seiten schönen Schmus über die Nützlichkeit der Assoziation! So lobt er uns kaputt; was nützt uns die schöne Theorie, die der Herr Fabrikant Degenkolb da entwickelt, wenn er alle Assoziationen lobt und nur uns verdammt, indem er am Schluß sagt: ›überhaupt das Bestehen dieser Assoziation nicht zu befürworten!‹ Das nennt man also ein Gutachten des Gewerberates!« Fritzsche stampft mit dem Fuß auf: »Der Pessimist hat recht gehabt, Wagner, das ist das Todesurteil! Erst haben sie uns noch eine Weile zappeln lassen! Denn, ha, sie wußten genau, wir entrinnen ihnen nicht! – Ich geh zu Herrn Degenkolb, ich sag's ihm, er muß das zurücknehmen, – dieser Brief darf nicht an die Regierung! Ich geh zum Magistrat! – Grad jetzt, wo sich fast 100 Mitglieder haben neu eintragen lassen! Jetzt sollen wir verboten werden! Gleich geh ich!« »Nein, Fritzsche, Ihr geht nicht hin; werdet Ihr befohlen, dann macht Ihr eine Reise oder legt Euch ein paar Tage in's Bett. Ich geh dann für Euch! Vorläufig nehme ich dieses Schreiben mit, diesmal werde ich darauf antworten, nämlich, indem ich diese Herrschaften als parteiisch ablehne!« »Ja, Wagner, aber was nützt das? Herr Degenkolb, ich meine der Gewerberat und auch der Magistrat wissen, daß sie kein Gesetz haben und uns nicht verbieten können. Die Fachleute handeln gegen das Recht! Das Volk will und muß zu seinem Brot kommen! Da gehn die Fachleute hin und suchen nach einem Gesetz. Es gibt kein Gesetz, das sich zwischen Volk und Brot zwängt. Was tun die Fachleute? Sie untersuchen, ob wir für den Handel nützlich oder schädlich sind. Was wir für das Volk sind, danach fragen sie nicht!« Wagner unterbricht den wütenden Meister: »Als wenn es nicht vollkommen gleichgültig wär, aus welchen Gründen wir verboten werden. Wenn die Behörden das Recht brechen, machen sie das Volk aufmerksam, dann brauchen wir es nicht zu machen. Nichts klärt das Volk besser auf als die behördliche Schikane! Zur Sache! Ich rufe den Vorstand zusammen, wir wählen ein paar ganz neue Leute und rücken in die Verteidigung. So sparen wir unsere Kräfte! Ihr bekommt Bescheid!« Nachdem Wagner gegangen ist, schmeckt Fritzsche das Essen nicht mehr, die Nachmittagsarbeit kommt ihm zwecklos vor, immer noch muß er neue Mitglieder nachtragen. Er mag ihnen nicht sagen, daß die Vereinigung so gut wie verboten ist. Vorläufig muß er den Einkauf von Waren weiterhin betreiben. Fritzsche geht durch den Garten, es ist stockfinster, kein Mond, kein Stern scheint. Ihm wäre es nicht unheimlich gewesen, jetzt diesem Zukunftsgespenst in Gestalt des Knochenmannes zu begegnen. Er hat diesen Unhold schon lange gespürt, alle fühlen sie die kalte Todeshand der Geld- und Maschinenmacht. Alle Handwerker und Arbeiter ahnten, daß so ein Ungeheuer über Deutschland sich ausbreitet und dem deutschen Volk das Blut aussaugt. Der Schuster hat das Wort dafür ausgesprochen, es begleitet Fritzsche, wohin er auch geht: das Maschinengespenst, der Geldvampyr, der Machtdrache! Fritzsche legt sich zu Bett, er kann nicht schlafen; wie grauenhaft, nicht auszudenken, wenn Stolle und seine Freunde recht behielten? Das arme Deutschland, das vor ein paar Jahren vergebens versuchte, zu einer Einigung in seinen Stämmen zu kommen, wird es von dem Ungeheuer verschlungen? Dann hatten die Revolutionäre von 48 doch eine Ahnung von dem, was über ein uneiniges Deutschland kommen kann. Adel und Bürger, Bauer und Arbeiter, von oben nach unten zerreißt das Geld das Volk, querhin kämpfen Sachsen und Preußen, Hannoveraner und Bayern, über's Kreuz dazu Westfalen und Schwaben, zickzack dadurch blitzen aus unzähligen Fürstentümern feindliche Strahlen. Der Buchbinder denkt nicht mehr an Eilenburg, er denkt an Deutschland. Immer wieder fällt ihm ein, was er Herrn Wagner gesagt hat: Auch in Eilenburg gibt es Maschinen und bittere Not, Fabriken und Hunger. – Eilenburg ist die Welt! Er ist Bürger von Eilenburg, er hat versucht, die Eilenburger zum Kampf für die Eroberung des Brotes zusammenzurufen. Nun sieht er, daß es zwei Eilenburg gibt: das Eilenburg der Schaffenden, der Arbeiter und Handwerker, die da hungern und kämpfen, – und das andere Eilenburg, das der Händler und Verdiener. Die Behörden, der Staat und die Regierung steht auf der andern Seite, auf der Geldseite. Auf der Brotseite kämpft das schaffende Volk. Ob die Arbeiter sich wohl im Kampf um das Brot einig werden? Oder ob sie, unselige Deutsche, im Bruderkrieg die Waffen gegen sich und untereinander führen müssen, weil sie eben Deutsche sind? Die Nacht vergeht, Fritzsche kann nicht schlafen. Er erinnert sich eines sonderbaren Buches, das sein Freund, der Maler, ihm zu lesen gegeben hat, als er mit gebrochenem Bein im Bett lag. Es war ein Heldenlied aus alten Tagen und beschrieb in Versen das Schicksal des Recken Siegfried. Dieses Buch hat ihn damals so traurig gemacht, weil am Schluß alle Helden tot dalagen. Nun weiß er, warum er so lange darüber nachgedacht hat. Er hat das Geheimnis des Buches nicht finden können. Jetzt sieht er es wieder durch diese Dichtung: wenn die Deutschen keine Brotsorgen haben, dann schlagen sie sich gegenseitig tot! Muß da nicht dieses greuliche Gespenst der Maschine über sie kommen! Diese unsichtbare Macht, die sie alle bedrängt und zum Kämpfen zwingt? Müssen die Deutschen nicht von einer größeren Kraft zur Einigung gezwungen werden? Werden die Deutschen nicht gegen den fürchterlichen Feind, der da naht, den Bruderzwist vergessen und sich miteinander erheben? Fritzsche denkt über sich selbst nach: er ist doch auch ein Deutscher. Er hat keinen Haß gegen seine Landsleute. Er sieht den größten Feind. Darum will er die Deutschen miteinander verbünden. Nun fühlt Fritzsche sich beglückt, daß der Kampf um das Brot anbricht. Vielleicht eint dieser Kampf die Deutschen. Er hat für Eilenburg eine Truppe aufgestellt, in der sie sich alle einigen können. Es gibt für ihn keinen Ausweg, es gibt nur dies: aus den sich bekämpfenden Brüdern Kampfgenossen gegen den größeren Feind zu formen. Er muß aus der deutschen Not eine deutsche Tugend machen. Als die Sonne aufgeht, hat er noch nicht geschlafen. Er steht wieder auf, er spricht beim Anziehen laut vor sich hin, daß sein Weib sich erschreckt nach ihm umwendet: Die deutsche Zerrissenheit ist der Krieg. Die deutsche Genossenschaft ist der Friede. Fünfzehntes Kapitel Herr Brunner kommt am nächsten Tag von einer Dienstreise zurück. Er war in Torgau und Leipzig. Es war ihm, als ginge er in Ferien. Zwar hatten alle Freunde in den Verwaltungen und den verschiedenen Ressorts ihre Sorgen und Nöte, doch Brunner belächelte den geschäftigen Ernst, mit dem sie diese Alltäglichkeiten zu enormen Leistungen aufbauschten. Die »neue Zeit«, die »veränderten Verhältnisse«, die »größeren Anforderungen« waren beliebige Redewendungen. Er erkundigte sich gelegentlichst nach den Bestrebungen der Industriearbeiterschaft. Er hätte gern über Genossenschaften und Assoziationen Neues erfahren. Die Kollegen mußten alte Akten hervorholen, um überhaupt darauf antworten zu können. So war es in Torgau, so war es in Leipzig. Bürgermeister Brunner begnügte sich darum nicht, die Genossenschaften und Assoziationen einfach rücksichtslos zu bekämpfen, er muß diese neue Sache gründlich studieren. Es ist ihm klar geworden, daß er sich nicht einfach gegen die Hälfte seiner fabrikatorisch und handwerklich tätigen Einwohner stellen kann. Es ist das Volk, arbeitsames, fleißiges, sparsames Volk, das Gerechtigkeit im Handel sehen will; darum hilft sich das Volk durch diesen ökonomischen Zusammenschluß auch ohne und gegen die Behörden. Dagegen klammern sich die Kaufleute mit Gewalt an den Magistrat fest und bestürmen ihn täglich mit Klagen und Forderungen. Jeder für sich glaubt einen Antrag stellen zu müssen und im Gefühl ihrer Schwäche legen sie den selben Antrag noch einmal als die »vereinigten Kaufleute« vor. Und jetzt wollen sie ihm sogar diktieren. Sie stellen ihm ein Ultimatum. Sie drohen mit hohen und höchsten Stellen. Sie haben vollkommen den Kopf verloren. Nun ist Herr Brunner wieder drei Tage in Eilenburg. In seiner Abwesenheit hat sich nichts zu Gunsten der Kaufleute geändert. Er hat keine Freude mehr an dem Betrieb im Rathaus, der aus einem steifen Brei von Not und Angst, Konkurrenzneid und Machtbegier, Brotnot und Gewinnsucht besieht, gewürzt mit böswilligen Verdächtigungen und raffinierten Intrigen. Es ist ungemütlich im Rathaus. Die Maler sperren Tür und Fenster auf, der nasse Oktoberwind kommt, auf einmal ist der Schnupfen da, und die Grippe mit Müdigkeit, Gliederreißen und Kopfschmerzen zwingt Herrn Brunner ins Bett. Drei Tage hat er den Sekretär nicht vorgelassen; ehe er mit den Interessenten weiterverhandelt, stellt er seine Ansicht über die Assoziation in einem Schreiben auf, dem er den Titel » Votum separatum « gibt. Der Oktober ist schon zur Hälfte vorüber; Herr Brunner ist noch nicht gesund, er läßt den Sekretär in die Wohnung kommen und diktiert ihm nach reiflicher Überlegung einen Brief in Sachen der Lebensmittelassoziation an die Regierung. Als ihm tags darauf der Sekretär den abgeschriebenen Brief zum Unterzeichnen vorlegt, ist Herr Brunner mit seinem Votum separatum gerade fertig. Er gibt die Schrift dem Sekretär, läßt sich die Akten betreffs Fritzsche bringen, und als er in der Stille seines Hauses, unbehelligt von den kleinen Störenfrieden des Amtes, einen frischen Überblick bekommt, da erscheint ihm die mechanische Erledigung beinahe wie ein Verbrechen wider den gesunden Menschen, verstand. Im Verlauf der Arbeit am Votum separetum wird ihm klar, daß die Assoziationen im allgemeinen und die Fritzsche-Sache im besonderen tatsächlich von außerordentlicher Wirkungskraft sind; er ist sicher, daß auch regierungsseitig kein Verbot ausgesprochen werden kann, es wäre ungerecht. In dieser Bewegung fließt die Kraft des Volkes. Es ist doch wirklich so: die große Masse ist es, die da wirkt, schafft und herstellt; der Arbeiter ist Produzent und hat das Primat! Dieses Primat ist jetzt neu festzustellen. In der Geschichte war der Hersteller zuerst Produzent und Verbraucher in einer Person; dann erst später kam der Händler – ein Verlegenheitsprodukt, der Hausknecht der Produktion, Vermittler derer, die selbst nicht schaffen konnten. Der sollte jetzt die Herrschaft über Produktion und Verbrauch beanspruchen? Jetzt hat Herr Brunner die ganze Sache Fritzsche nach allen Seiten hin durchforscht und überarbeitet. Er ist befriedigt. Der Oktober ist fast zu Ende, am 23. kommt der Sekretär mit der Abschrift. Herr Brunner liest es noch einmal genau durch: » Votum separatum. In der Frage der hier gebildeten Assoziation zu gemeinschaftlicher Beschaffung von Consumtibilien verschiedener Art weichen meine Ansichten von denen der Mehrheit des Kollegiums des Magistrats in einiger Beziehung ab, und ich finde mich dadurch veranlaßt, meine Ansichten besonders darzulegen. Über die Frage, ob nach der bisherigen Gesetzgebung eine solche Assoziation erlaubt sey, war die Mehrheit des Kollegiums zweifelhaft. Zu solchem Zweifel sehe ich keinen Grund. Die Gesetze, sowohl die Zivilgesetze über Gesellschaftsverträge als diejenigen über Vereine enthalten überall kein Verbot und keine Beschränkung, welche hier Anwendung finden könnte. Ich bin daher nach dem Grundsatze: ›Was nicht verboten ist, ist erlaubt‹ nicht zweifelhaft, daß eine solche Assoziation nach den damaligen Gesetzen erlaubt ist. Ferner hat die Mehrheit des Collegiums dem Gutachten des Gewerbe Rathes beigestimmt, welches dahin geht, daß das Geschäft dieser Assoziation ein Gewerbe sey. Dieser Ansicht kann ich aber nicht beistimmen. Zu einem Gewerbe gehören zwey Theile, namentlich beim gewerbsweisen Verkauf ein Käufer und ein Verkäufer in verschiedenen Personen. Hier ist Verkäufer und Käufer eine Person, denn der Verkäufer representiert die Gesellschaft und sein Geschäft ist, wenn er auch Remuneration erhält, zwar ein Erwerb, wie der eines Commis oder Beamten, aber kein Gewerbe. Der Käufer ist wieder nur als Gesellschaft Mitglied, als solcher zugelassen. Ferner ist der Zweck der Gesellschaft nicht Gewinn von außen, sondern Ersparung unter sich selbst. Bei den Assoziationen einiger Professionen zu gemeinschaftlicher Anschaffung der Materialien zu ihrem Gewerbe hat der Gewerbe Rath diese Grundsätze anerkannt, welche folgerichtig auch bei der Assoziation für Lebensmittel Platz ergreifen müssen. Denn die Nützlichkeit- und Bedürfnisfrage, welche der Gewerbe Rath hier am unrechten Orte eingemischt, kann auf die folgerichtige Anwendung eines Rechts Prinzips nicht von Einfluß sein, eben so wenig, als die Behauptung, daß der Verkauf direkt oder indirekt an solche Personen geschehe, welche dem Vereine nicht angehören. Denn hier kann nur die Rede sein von einem Geschäftsbetriebe, welcher den vom Vereine angegebenen Grundsätzen entspricht. Etwaige Überschreitungen sind besonders anzuzeigen und zu verfolgen. Wohl aber ist die Nützlichkeit- und Bedürfnisfrage entscheidend, wenn es sich darum handelt, ob auf Seiten der Gesetzgebung Veranlassung vorliege, mit neuen und abändernden Bestimmungen einzuschreiten. In dieser Beziehung bin ich mit den Ansichten meiner Kollegen und des Gewerbe Rathes dahin einverstanden, daß eine dergleichen Assoziation, wenn sie nach den angenommenen Grundsätzen durchgeführt werde, für das Gewerbewesen des Ortes nur höchst verderblich werden müsse, und daher zu wünschen sey, daß durch die Gesetzgebung die nötigen Schranken gezogen werden.« Nachdem die Abschriften den Akten beigeheftet, die Briefe unterwegs sind, ruht sich der Bürgermeister noch einen Tag aus. Er sitzt untätig in der Veranda und läßt sich von den Strahlen der Herbstsonne erwärmen, die den Garten und die Windstille mild durchglühn. Jeder Atemzug dieser Herbstluft macht ihn wehmütig. Er klingelt, der Diener kommt, Brunner bestellt ihm Kognak und Zigarren. Damit vertreibt er Wehmut, verlorene Lust und die Sorge des Amtes, bis das Mittagessen ihn an den Tisch ruft. Nachdem er mit gutem Appetit seine magere Krankenkost gegessen hat, läßt er sich den Kaffee wieder in der Veranda servieren und nützt die noch schönen Stunden, indem er im Garten spazierengeht. Als die Sonne sinkt und aus der Tiefe des Gartens der Nebel aufsteigt, geht er ins Haus. Auf dem kurzen Weg hat er in Gedanken einen Schlußstrich unter die Fritzsche-Sache gesetzt. Es ist ihm, als höre er durch die Stille des Abends die Maschinen rumoren und sähe die Tausende von Arbeitern in den Fabriken stehen. Er hört seinen Namen aussprechen, von Mund zu Mund wird er weitergegeben, inmitten des Tosens der Webstühle, der Druckmaschinen und der Strumpfwirkereien. Es hat ihm eigentlich nie so klar vor Augen gestanden, daß dort ein anderes Eilenburg lebt, das durch die neue Sache von seiner Kraft zeugt. Als Herr Brunner ins Haus kommt, ist die Vesper hergerichtet. Mit starkem Rum würzt er den heißen Tee, streicht sich den Zwieback mit Honig und neuem Brombeermus. Der Sekretär kommt mit einem wichtigen Schreiben. Er gibt die Unterschrift, ohne die drei Seiten durchzulesen, es ist eine alte Grundstücksache. Herr Brunner ruht aus. Gegen acht Uhr meldet der Diener Herrn Neer. Herr Brunner hat nun keine Lust, heute schon von den Dingen zu hören, die ihn morgen erwarten. Wiederum, ein Gast ist ihm zum Essen angenehm und er könnte ja Herrn Neer zu einer Partie Schach einladen. Herr Neer wird hereingebeten; er sieht das Essen im Nebenzimmer unter den Kerzen leuchten und entschuldigt sich, will sich zurückziehen. Doch Herr Brunner bittet: »Leisten Sie mir doch Gesellschaft! Frau und Kinder sind heute und morgen nach Torgau. Ich bin allein!« Herr Neer nimmt an und Herr Brunner stellt geschickt die geschäftlichen Dinge mit einem Kognak zurück. Dann fragt er nach seiner Familie. Herr Neer äußert sich sehr zufrieden. »Sagen Sie mal, Herr Neer, wie geht es denn Ihrer Tochter Agathe? Ich erinnere mich ihrer temperamentvollen Äußerungen und ihres lebendigen Wesens. Leider hab ich sie nicht mehr gesehen! War sie nicht schon so um die Zwanzig?« »Neunzehn, Herr Bürgermeister, aber, sie ist viel älter, als ihre Jahre. Wir hatten sie für ein halbes Jahr nach Barmen getan. Seit einiger Zeit nun ist sie in Montreux. Ihre Nachrichten sind so begeisternd, daß wir nicht übel Lust haben, im nächsten Frühjahr hinzureisen. Leider sind die Aussichten für unsere größeren Pläne von einer Sache abhängig, über die ich mit Ihnen reden möchte. Die Lebensmittelassoziation ...« »Lieber Herr Neer, einen Augenblick noch! Ich sah in der Parzelle an Ihrem Hause gegenüber einen jungen Mann mit merkwürdigen Arbeiten beschäftigt. Ich habe verschiedentlich mit ihm gesprochen, – interessanter Kerl! Haben Sie die Parzelle von ihm jetzt gekauft?« »Gewiß, Herr Bürgermeister, seine Mutter hat sie mir, zwar sehr teuer, doch überlassen. Er ist nach Amerika gereist. Gottlob, die Sorge bin ich auf einen Tag losgeworden.« »Darf man fragen, welche Sorge Sie um den jungen Zöckler hatten?« fragt der Bürgermeister und lauert über sein Teeglas in das schmale Gesicht des Kaufherrn. »Ähhh, wegen der Parzelle natürlich; hätte doch nicht haben wollen, daß mir grade der Schmiedssohn vielleicht auch noch eine lärmende Werkstatt vor die Nase setzte!« sagt zögernd Herr Neer. »Warum denn grade der junge Zöckler nicht? Ob nun der oder ein anderer ...« »Sie werden doch wohl wissen, Herr Bürgermeister, daß dieser Paul Zöckler geistiger Urheber der Fritzsche-Sache ist, über die ich gern mit Ihnen gesprochen hätte, Herr Brunner!« »Einen Moment noch, Herr Neer, dann steh ich zu Ihrer Verfügung! Vielleicht weiß ich noch mehr, wie Sie! Es dürfte Ihnen nicht unbekannt sein, daß ein gewisses Fräulein Agathe Neer korrespondierendes Mitglied eines revolutionären Zirkels ist, dessen Häupter sowohl in Zürich, als in London, wie auch in Paris und Amsterdam sitzen. Durch einen Zufall ist der politischen Behörde ein Brief in der Korrespondenz eines berüchtigten Schriftstellers auf diesem Gebiete in die Finger gefallen, auf Grund dessen eine Nachfrage an den Bürgermeister der Stadt Eilenburg über die Persönlichkeit der jungen Dame einlief. Ein anderes Mitglied ist der Schmied Zöckler, der sich gegenwärtig in England aufhält. Ich möchte Sie fragen, ob Sie mit einer Ehe zwischen den jungen Leuten rechnen? Gegebenenfalls bitte ich Sie um Direktiven, die ich bei dieser delikaten Sache nicht entbehren kann.« Bürgermeister Brunner wartet auf Antwort. Er setzt umständlich eine Zigarre in Brand und wartet. Herr Neer steht auf und sagt sehr betont: »Entschuldigen Sie. Dies trifft mich zwar nicht ganz unvorbereitet. Ich muß gestehen, der Aufenthalt meiner Tochter in Barmen hatte verschiedene unbeaufsichtigte Reisen nach Köln zur Folge und daraus erwuchs die Bekanntschaft mit den Schriftstellern. Doch nun liegt eine halbe Welt zwischen Köln und Montreux. Wir haben dafür gesorgt, daß unsere Tochter streng an die ihr vorgeschriebenen Studien gehalten wird!« »Daraus kann ich noch nicht entnehmen, wie Sie zu einer Verbindung mit den jungen Leuten stehen! Für unsere Regierung steht der Begriff revolutionäre Umtriebe einmal fest. Ich habe nicht nach Recht oder Unrecht zu forschen, sondern Befehle auszuführen. Wenn Ihre Tochter sich mit Assoziationen, in denen sich Arbeiter organisieren, abgibt, so ist sie dem Gesetz verfallen. Ihre Rückkehr ins Elternhaus gleicht der Verhaftung. Es wäre eine andere Sache, wenn Sie, Herr Neer, als Vater dekretieren, daß es sich um Studien handelt und Ihrem zukünftigen Schwiegersohn eine bürgerlich einwandfreie Position schafften; denn, soviel weiß die Behörde auch, die Bestrebungen der jungen Leute erstrecken sich nicht allein auf wissenschaftliche Arbeiten. Soviel könnten Sie, als Vater dieser temperamentvollen jungen Dame, wohl wissen!« »So, Herr Bürgermeister, und der Klatsch der Straße? Es wird erzählt, ich hätte den Zöckler angestiftet, diese Lebensmittelgenossenschaft zu gründen, um alleiniger Lieferant zu werden, um alle Kleinkaufleute an Viktualien auszuschalten und ihm dafür das ganze Geschäft zu übertragen. Herr Bürgermeister! Meine Ehre als Kaufmann fordert, daß ich das Schild meines Hauses reinhalte!« »Und in welchem Sinn soll ich den Bericht abfassen?« Herr Neer antwortet mit leiser, jedoch fester Stimme: »In Anbetracht dessen, daß ich nur eine Geschäftsehre, jedoch vier Töchter habe, versichere ich Ihnen, daß ich meine Tochter lieber in den Händen des Staatsanwalts und vor den Schranken des Gerichts, als in den Klauen des Schmiedsohnes, vor dem Standesamt, sähe. Ich opfere meine Tochter. Herr Bürgermeister, der Staat kann sich auf mich verlassen, sowie ich mich in jeder Beziehung auf den Staat verlasse!« Die Aufwartefrau meldet sich. »Darf ich zum Essen bitten, Herr Neer?« Da der Bürgermeister keine Frage mehr stellt, nimmt auch Herr Neer schweigend das Essen ein. Dann bittet der Gastgeber um eine Partie Schach. Zuerst rauchen sie eine Zigarre, inzwischen erzählt Herr Neer von seinem Besuch in Merseburg. »Sie waren auf der Regierung, Herr Neer!« »Gewiß, Herr Bürgermeister, doch auf den Schreibstuben erfuhr ich nicht viel. Um so mehr mußte ich den Herren erzählen, als wir uns am Abend bei einer Flasche Wein trafen. Denken Sie, Herr Bürgermeister, von den vielen Merseburger Herren war nicht einer, der sich auch nur erinnerte, daß bei uns in Eilenburg durch die Fritzsche-Leute ein Kampf auf Leben und Tod besteht. Wohin, glauben Sie, daß mich die Herren verwiesen haben? Ans Finanzministerium in Berlin! Wir könnten dort erreichen, daß der Verein unter die Steuer genommen werde. Herr Bürgermeister, was ist die Steuer für die Fritzsche-Leute? Gar nichts! Herr Bürgermeister, was sollen wir tun?« Herr Brunner hat, auf die Gefahr hin, unhöflich zu erscheinen, die Gläser mit Rum gefüllt. Er räuspert sich und besänftigt den noch von der Erkältung rauhen Hals. Er sagt leichtherziger, als es der peinlichen Sachlage entspricht: »Lieber Herr Neer, die Königliche Regierung hat auf den Fortschritt ein wachsames Auge, sie überwacht in selbsteigenem Interesse nicht nur die politischen, sondern auch die kommerziellen Dinge. Nun hat sie einmal den Industrien nicht verboten, Maschinen in ihren Räumen aufzustellen und ein Heer von Webern brotlos zu machen. Ganze Gewerbezweige sind dem Verderb anheimgefallen und unser blühender Handwerkerstand verdorrt, stirbt aus, wenn die Entwicklung so weitergeht. Die alten Handwerker können nicht in den Fabriken als Maschinenarbeiter verwendet werden, sie haben zum Teil sich ihres Erbe und ihrer Werkstätten zur Fristung des Lebens entäußert, sozusagen aufgegessen und stehen in ihrem Alter brotlos da. Die Söhne der Handwerker gehen als Arbeiter in die Fabriken. Dieser Vorgang hat sich unter den Augen der Regierung abgespielt. Doch sie hat jede Einmischung abgelehnt. Die alten Handwerker leben nicht ewig, in einer Generation sind sie vergessen. Die neuen Arbeiter werden sich zu wehren wissen. Da muß die Regierung loyal sein. Das ist die neue Zeit, die neue Verhältnisse bringt.« »Dann empfehlen Sie uns also, getreu dem Beispiel der Handwerker, unsere Söhne in die Fabriken zu schicken, unser Eigentum aufzuessen und dann sich dem Hungertod zu übergeben? Herr Bürgermeister, das kann doch nicht Ihr Ernst sein! Sie können mit einer einzigen Unterschrift diese Verwaltungsfrage lösen!« »Nein, es ist eine Machtfrage, die wird nicht mit Tinte gelöst!« »Das ist unser Todesurteil!« sagt Herr Neer. Seine Stimme wird hart und entschlossen: »Da sind wir also auf uns selbst angewiesen?« »Werter Herr Neer! Die Zeiten ändern sich. Die Maschinen haben über die Hände gesiegt, die Organisation über die Tradition. Wenn jetzt die Eisenbahn nach Eilenburg kommt, soll ich sie, der Fuhrhalter wegen, verbieten? Was werden die Fuhrhalter tun? Maschinisten auf den Lokomotiven werden? Nie! Sie werden zurück aufs Land gehen, woher sie gekommen, sie werden unter dem höllischen Hohngebrause der Lokomotiven aussterben. Die Führer der Lokomotiven und Eisenbahnen werden die Schlosser und Schmiede sein, – nie die Fuhrleute. Wenn die Assoziationen überall aufkommen, werden sie von Kaufleuten eingerichtet? Nein, aber von denen, die in ihrem Kopf den neuen Plan aufgebaut haben!« Der Bürgermeister sieht den Kaufmann an, der sich wie ein Gegner benimmt; er preßt seine schmalen Lippen zusammen und kann zu den Worten, die der Bürgermeister kalt und klar, wie eine Feststellung einer längst erkannten Tatsache, ausspricht, keine Entgegnung finden. Herr Brunner hat noch immer das Wort von der eigenen Hilfe im Ohr; Herr Neer scheint nicht mehr darauf zurückzukommen. Da hilft der Bürgermeister ihm aus seiner Verlegenheit: »Und was gedenken Sie zu tun?« »Das kann ich allein nicht sagen, es hängt von der gesamten Kaufmannschaft ab, denn die gesamte Kaufmannschaft ist bedrängt. Sie wissen wohl auch nicht, daß Herr Fritzsche das Eilenburger Geld nach Magdeburg, nach Delitzsch und nach Leipzig trägt und daß kein Eilenburger Großhändler an die Assoziation liefern kann? Da muß der Magistrat ein Machtwort sprechen, denken Sie, die Konsumtion für 300 Familien! Selbst Fleisch holen sie vom Lande!« »Sie vergessen, Herr Neer, zu sagen, warum Fritzsche nach auswärts gehen und kaufen muß! Der Eilenburger Großhandel boykottiert ihn. Was tun die Kleinkaufleute? Sie verweigern den Fritzsche-Leuten die Abgabe der in ihrem Laden vorrätigen Artikel: ebenfalls organisierter Boykott! 300 Familien konnten für ihr Geld in Eilenburger Läden nichts kaufen! Dadurch wurden die Hausierer nach hier gezogen und überschwemmten die Stadt mit den nötigen und unnötigen Waren. Wer hatte den Schaden? Die Kaufmannschaft, deren Läden tatsächlich kein Käufer mehr nahte. So sah die Selbsthilfe Ihrer Freunde aus. Sie arbeitete für Fritzsche und wandte sich gegen die Urheber.« Herr Neer sieht Herrn Brunner in die Augen und sagt mit verhaltener Empörung: »Die Fritzsche-Leute haben einen glänzenden Vertreter in Ihnen! Wie sollen wir dagegen ankommen!« »Mit Taten, Herr Neer, mit Taten! Für Sie, mein Freund, ist die Stunde gekommen! Retten Sie die Ehre der Kaufmannschaft! Retten Sie die Ehre der Stadt! Und nicht zuletzt auch die Ehre Ihrer Familie! Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Lassen Sie Ihre Tochter und Herrn Zöckler zurückkommen! Lassen Sie die jungen Leute heiraten! Der Effekt: das Volk von Eilenburg behält recht, wenn es sagt, die Genossenschaft für Lebensmittel ist von einem Abenteurer, einem Emporkömmling, ins Leben gerufen worden. Seht, er heiratet die Tochter des größten Feindes der Assoziation! Er hat einen amerikanischen Bluff gemacht, um uns Dumme mit seinen scheinrevolutionären Reden der Regierung ans Messer zu liefern. Er hat seinen Freund Fritzsche verraten, Vogel, Stolle und Wagner. Das Volk wird sich von der Vereinigung wieder abwenden. Die alten, guten Verhältnisse kehren zurück. Herr Neer, bedenken Sie, was für uns alle auf dem Spiel steht! In Ihrer Hand liegt die Entscheidung!« Herr Neer antwortet nicht darauf. Herr Brunner klopft aufs Schachbrett und sagt: »Wollen wir nicht ein Spielchen zwischen diesen Vorschlag und die Antwort legen?« Der Bürgermeister hält die Figuren hinter dem Rücken: »Wählen Sie, rechts oder links?« »Rechts, Herr Bürgermeister!« Sie setzen ihre Figuren auf. Sie spielen. Herr Neer gewinnt und gibt Herrn Brunner Revanche. Sie spielen, bis die alte Hausuhr elf schlägt. Herr Brunner hat noch kein Spiel gewonnen. Er schiebt das Schachbrett zur Seite und gießt die Kognakgläser wieder voll. Dann stößt er mit seinem freundschaftlichen Gegner an und möchte, daß dieser sich zu seinem Vorschlag äußert. Herr Neer aber schweigt. »Überlegen Sie es sich gut!« sagt der Bürgermeister und lehnt sich in den Sessel zurück. Dann spricht er, als rede er mit sich selber: »Taten müssen es sein, nur Taten ändern die Dinge! Unsere Feinde begannen mit einer Tat und so gerieten wir in die denkbar schlechteste Verteidigung. Wer sind denn unsere Feinde? Es sind bettelarme Handwerker und schlechtgelöhnte Arbeiter. Hoffnungslos sahen sie ihr schwerverdientes Geld in die Kaufmannsläden hineinfließen. Sie hatten keine Macht, weder den Preis der Ware, noch ihr Quantum zu bestimmen. Sie haben nicht wegen der schlechten Löhne und hohen Preise an den Magistrat petitioniert, obgleich ihnen der Weg offen stand. Die Regierung hätte es gern gesehen, wenn die Arbeiterschaft zu ihr das Vertrauen gehabt hätte, – leider war das nicht der Fall! Anstatt aussichtslose Beschwerden abzufassen, haben sie eine Idee ausgearbeitet. Sie müssen einmal das Programm der Arbeiterverbrüderung lesen! Ideen, mit denen sie in 100 Jahren nicht fertig werden können, – man muß staunen! Wo ist die Idee der Kaufmannschaft! Sie will Geld verdienen, – das ist keine Idee. Herr Brunner gießt noch einen Kognak ein und präsentiert ihn. »Sehr wohl! Ihr Wohl! Herr Bürgermeister!« sagt Herr Neer und sieht ihm über das Glas in die Augen. Herr Brunner trinkt und läutet den Diener heran. Dieser hat die Laterne schon gerichtet und hängt Herrn Neer den schweren Regenrock um. Dann verabschiedet sich Herr Neer, der Diener begleitet ihn bis an seine Villa. Als er zurückkommt, fragt ihn Herr Brunner: »Auf den Straßen nichts Auffälliges?« »Nein, Herr Brunner, sondern nur, – bei Herrn Neer war das ganze Haus erleuchtet, – einige Herren empfingen ihn mit großer Erwartung an der Haustüre!« »Gut! Keine verdächtigen Personen auf der Straße bemerkt?« »Nichts, Herr!« »So, dann kannst du schlafen gehen! Gute Nacht!« Herr Brunner schreitet langsam durch das Zimmer und schüttelt den Kopf: »Warum so wenig Vertrauen zu mir, Freund Neer, warum haben Sie mich nicht eingeladen, warum blieben Sie zum Schach? Sie konnten mir doch sagen: Bedaure, ich habe die Herren Röber und Konsorten zu Hause sitzen!« Sechzehntes Kapitel Vor Weihnachten sind die großen Tage der Genossenschaft. Fritzsche hat schon seit Wochen ein Schild ausgehangen; er bittet, die Wünsche für Weihnachten zeitig zu äußern und die Sachen zu bestellen. Den ganzen Tag muß er Waren abwiegen und hat das Lokal voller Leute; da reicht der Vorrat nicht aus. Zu guter Letzt besorgt – Kanitzky die fehlenden Mengen. Die Frauen haben die Freude zu sehen, daß ihnen die früher unerreichbaren guten Dinge fast so billig kommen, wie das grobe Brot und die tägliche Grütze. Vom Land her ist der schönste Speck gekommen, Fritzsche staunt, wie die Familien, die bisher nur das Notwendigste kauften, sich wirklich ein Fest leisten. Einige Frauen erklären ihm, sie hätten ihren Männern nicht gesagt, daß sie in die Genossenschaft eingetreten sind und das Ersparte an die Seite gelegt haben. Nun braucht der Mann nicht, wie sonst vor Weihnachten, in der Fabrik um Vorschuß zu bitten; sie können drei Tage festlich leben, wie es sich für einen Menschen zu Weihnachten gehört. Seinen Plan, durch die Erhöhung der Preise einen Grundstock zum Ankauf der Mühle einzurichten, hat Fritzsche vorläufig aufgeschoben. Wenn die Genossenschaft doch verboten werden soll, dann sollen es die Arbeiter auch wieder direkt am Brotschrank spüren; selbst von den ersparten 300 Talern hat er 100 mit in das Betriebskapital gesteckt und solche Dinge, dem Volke sonst unerreichbar, wie Schinken und feinsten Käse zum Preise von gewöhnlichem Speck und Landkäse abgegeben. Wie ein Abschiedsfest kommt ihm dies Weihnachten vor: »Freut euch Leute, einmal sollt ihr euch sattessen nach Herzenslust!« Zu dem Zweck hat er sogar einigen ganz armen Familien Pakete ins Haus bringen lassen, jedes Stück im Wert eines Talers. Er hat die Freude, zu sehen, wie auch in den andern Geschäften die Preise sinken: in den Nachbarschaften wird erzählt, im neuen Jahre könnten Fritzsche und Genossen nicht mehr konkurrieren, denn der Handel hat sich ebenfalls fest zusammengeschlossen und will die Preise so billig setzen, daß die Lebensmittelgenossenschaft gänzlich überflüssig wird. Fritzsche lacht diese unkenden Genossen aus und sagt: »Überflüssig sind nie die Konsumenten, aber Leute, die das Volk nicht kennen!« Nach dem Fest kann er die Mitglieder wie mit Schaufeln aufnehmen: bis Neujahr sind 200 neu Einzutragende auf einem Wust von Zetteln eingereicht. Jetzt versucht Fritzsche einen neuen Schlag: er will dem Magdeburger Kaufherrn für das nächste Jahr einen Vertrag vorlegen, nachdem er als alleiniger Lieferant für die Genossenschaft die vorgeschriebenen Waren in bestimmter Menge und Güte liefern soll. Dafür muß er ihm mit dem Preis entgegenkommen. Er legt ihm in einem langen Brief auseinander, daß er, nachdem er nun 600 Familien hat, es mit Leichtigkeit so weit bringt, eine Bevölkerung, so stark wie die Stadt Eilenburg, zusammenzuschließen. »Knapp 10 000 ist die Zahl der Einwohner, die ihren Bedarf bei uns decken werden,« schreibt er, »die restlichen Eilenburger, die nie und nimmer bei uns eintreten, werden durch den Anschluß von drei großen Dörfern wettgemacht. Es wird dann in der Folge das Geschäft der vorhandenen Kaufleute ohne Ertrag und ohne Gewinn sein, es wird kein Kleinhändler mehr in Eilenburg bestehen können. Dann fallen uns auch die restlichen Personen, wie Beamten- und Fabrikanten-Familien zu.« Er läßt dem Kaufherrn durchblicken, daß der kräftige Schlag nur für einmal durchgeführt werden müsse; ein Risiko sei nicht dabei, weil die Mitglieder sich an den Kauf gegen bar überraschend schnell gewöhnt hätten und durch die billigeren Preise auch dazu in den Stand gesetzt wären. In einem Vierteljahr sei dann aller Handel auf die Genossenschaft und durch diese auf ihn übergegangen. Zwei Tage nach Neujahr kommt der Kaufmann, er verspricht sich den großen Erfolg, weil er ja die Mengen, die der bisherige Handel von ihm bezogen hat, kennt. Ein bißchen neugierig besieht sich der Händler das Fritzsche-Erbe samt Garten und Wiesen und fragt ungeniert nach seinem sonstigen Eigentum, nach Hypotheken und sonstigen Privatschulden. »Denn,« sagt er ganz offen, »wenn Sie, lieber Meister, daran bankrott gehen, muß ich ja doch die Genossenschaft und Ihr Haus übernehmen!« Da weiß Fritzsche, daß er zu weit gegangen ist. Von dem Augenblick an ist er entschlossen, die Verbindung mit dem Herrn abzubrechen. Der Kaufmann merkt es und verabschiedet sich mit höflichen Redensarten. Fritzsche muß nun doch wieder mit seinen Leuten aus Delitzsch arbeiten. Er kutschiert an einem klaren Wintermorgen nach Delitzsch, stellt im »Adler« ein und besucht seine Freunde. Als er zu Mittag in das Gasthaus zum Essen kommt, liegt da ein Schreiben des Landratsamtes; Fritzsche wird höflichst gebeten, bei Herrn Landrat von Pfannenberg vorstellig zu werden. Nach dem Essen findet sich im »Adler« eine Anzahl armer Handweber ein, die sich nach dem Stand der Genossenschaft erkundigen. Sie kommen überein, daß Fritzsche ihnen bei dem Bäckermeister Klotzte eine Abgabestelle einrichtet. Es müßten nur einige Delitzscher Leute in den Eilenburger Vorstand gewählt werden. Am nächsten Sonntag wollen sie die Eilenburger Genossen besuchen. Die Weber bringen ihn bis ans Amt; er wird sogleich in das Büro des Herrn Landrats geführt. Als Fritzsche dieses glattrasierte Gesicht, die strengen Falten und den höflich lächelnden Mund sieht, erinnert er sich der Warnung Wagners, aus einem Behördezimmer keine Volksversammlung zu machen, sondern diplomatisch zu antworten. Leider stellt ihm der Landrat keine Fragen, sondern bittet ihn sehr höflich, etwas aus seiner Praxis als Geschäftsführer zu erzählen. Fritzsche hat dazu eine halbe Stunde nötig. Zum Schluß spricht er vom Weihnachtserfolg und überzeugt den Landrat, daß nur die Genossenschaft dem Volk die Schwierigkeiten dieser schlechten Zeit überwinden hilft. Als er den Warenbestand mit 3000 Talern angibt, da unterbricht ihn der Landrat und meint, es könnten auch wohl 4000 sein. Fritzsche überkommt der Gedanke, daß der Landrat ja viel mehr weiß, als er vorgibt. Auf die Frage nach dem Barbestand der Überschußkasse gibt Fritzsche die tatsächliche Höhe von 75 Talern an. Da schüttelt der Landrat den Kopf und schlägt eine Aktenmappe auf, sagt gleich: »Waren es nicht vor Weihnachten 375 Taler?« Da muß Fritzsche bekennen, daß er 100 Taler für die Prozente des Geschäftsführers, weitere 150 für Miete und Licht fürs vergangene Jahr, noch 50 Taler für die Bemühung des Kontrolleurs und des Vorstandes, abgerechnet hat. 50 Taler hat er für die Verbilligung eingesetzt, außerdem von dem Betrag einer Anzahl von ganz armen Familien, in denen Krankheit und Not herrscht, zu Weihnachten Lebensmittelpakete gesandt. Wenn er diese Summen hinzurechnet, würden es an 400 Taler sein. Der Landrat liest ein Schreiben der Merseburger Regierung, das vor einem halben Jahr an das Landratsamt ging und sucht in diesem eine Verbindung mit Fritzsche. Er liest da »staatsgefährlich, kommunistisch-demokratische Lehren und Bestrebungen –« Und nun steht solch ein Agitator vor ihm, ein ganz gefährlicher, der sogar diesen Hochverrat unter der Maske eines gemeinnützigen Vereins betreibt und hier, unter seinen Augen, in Delitzsch ein ebensolches Proviantamt der Revolution und eine Kriegskasse des Kommunismus errichten will. Wahrlich, die Demokraten haben sich da einen braven Mann ausgesucht; der Landrat möchte gern untersuchen, ob er sich dieses Hochverratsversuches bewußt ist, er will ihn aber auch nicht vorzeitig warnen. Dann fragt er, ob in der Vereinigung zu Eilenburg die Handwerker oder die Fabrikarbeiter überwiegen. Darauf muß Fritzsche erklären, daß im neuen Jahr sich so viele Arbeiter neu gemeldet hätten, daß die Handwerker nun in der Minderzahl seien. Jetzt kommt das von Fritzsche gefürchtete Frage- und Antwortspiel: »Ist Ihnen bekannt, daß es einen Verein »Arbeiterverbrüderung« gibt?« »Jawohl, Herr Landrat! Aber er ist aufgelöst.« »Sind Mitglieder dieses Vereins Mitglieder der Lebensmittelgenossenschaft? Und wie groß ist der Prozentsatz!« »Die ehemaligen Mitglieder der Verbrüderung sind nicht festzustellen. Da unser Verein 610 Familien als Mitglieder hat, kann ich nicht wissen, welche davon in die Verbrüderung gehört haben!« »Besteht eine Verbindung zwischen Verbrüderung und Lebensmittelgenossenschaft?« »Wie soll ich das verstehen?« Hier weiß der Landrat im ersten Augenblick auch nicht die Art der Verbindung zu benennen. Er blättert in den Akten und sagt: »Besteht eine Vereinbarung, nach der die Mitglieder des einen Vereins auch Mitglieder des andern sein müssen? Oder angehalten werden, gegenseitig sich in die Vereine hineinzuagitieren?« »Nein, Herr Landrat!« »Sind Sie über die Ziele der Arbeiterverbrüderung unterrichtet!« »Ich interessiere mich nicht für aufgelöste Vereine, doch es besteht eine gewisse Feindschaft zwischen den ehemaligen aus der Verbrüderung und uns.« »Geht oder ging die Feindschaft gegen eine Person oder gegen die Sache?« »Gegen beides. Wir sind Handwerker; ich bin der Meinung, daß unsre Sache eine rein ökonomische darstellt und nur den Zweck verfolgt, die Mängel der schlechten Löhne durch eine geeignete Verwendung dieses Arbeitslohns etwas auszugleichen. Auf die Höhe des Lohnes und des Ertrages, respektive Gewinns, an der Handwerksarbeit, haben wir keinen Einfluß. Wohl aber sind wir imstande, durch geeigneten Einkauf und Verteilung ein Viertel bis ein Drittel am Konsum zu ersparen. Um nichts anderes sind wir zusammengetreten. Ich habe auf die Gefahr hin, die Mitglieder abzuscheuchen, darauf gedrungen, Erörterungen politischer, sozialer und religiöser Natur nur außerhalb unserer Lokalitäten und Versammlungen zu machen.« »Und das geschieht?« »Jawohl!« Jetzt sieht der Landrat wieder in die Akten, blättert herum und steckt sich eine Zigarre an. Dann fragt er: »Gesetzt den Fall, es werden durch ökonomische Bestrebungen die Inhaber der Kaufläden nicht mehr imstande sein, die Existenzmittel zu erwerben, was sollen diese zweifellos ehrlichen und schuldlosen Menschen beginnen?« »Sie werden dasselbe tun müssen, was wir Handwerker tun, die durch die mechanischen Industrien brotlos geworden sind. Sind wir nicht auch ehrliche und schuldlose Menschen, deren Existenz untergraben ist? In Eilenburg sind allein 150 Schuhmacher, deren Erwerb zu wenig zum Leben einträgt, es sind an 200 Weber da, die durch die Tuchfabriken am Hungerknochen nagen, ohne die Drucker und Färber, denen es schlechter geht, als den Bettlern auf den Straßen. Herr Landrat, da wäre es angezeigt, der hohen Regierung diese Mißstände zu Ohren zu bringen. In Anbetracht, daß es der Kaufleute nur 30 oder 40 sein können, der Handwerker aber Hunderte sind ...« »Sind sie fest überzeugt, daß Sie die ganze Stadt erobern werden?« »Jawohl, Herr Landrat, das bin ich!« Nun schlägt Herr Landrat wieder die Akten auf und liest für sich den letzten Brief des Eilenburger Magistrats. Dann steht Herr von Pfannenberg auf und geht in großen Schritten durch das Zimmer, bleibt vor Fritzsche stehn und sagt, indem er ihm voll ins Gesicht sieht: »Ich gehe nicht fehl in der Annahme, daß Sie zu dem Zwecke hierhergekommen sind, eine gleiche Sache, wie in Eilenburg zu gründen. Ich sage: wir werden dieses Vorhaben nur ungern sehen; es wird sich, wie in Eilenburg, keiner Sympathie erfreuen. Ich lese soeben, daß sogar in der Zeitung gegen die Assoziationen die Hilfe der Legislaturen angerufen wird. Also wird das Gesetz nicht lange ausbleiben, und ich sehe mich veranlaßt, so zu tun, als sei das Gesetz schon in Kraft und Wirksamkeit. Die Weiterungen werden uns durch das Inkrafttreten dieses Gesetzes erspart. Wir kommen Ihnen durch diese Mitteilung sehr entgegen und haben, Ihrer Persönlichkeit wegen, Gnade für Recht ergehen lassen! Also, Adieu, Herr Fritzsche, lassen Sie sich nicht wieder blicken!« »Auf Wiedersehn!« sagt der Meister und geht hinaus. Siebzehntes Kapitel In der Degenkolbschen Weberei ist über den Herbst hin wieder ein neuer Saal gebaut worden. Gegen Anfang Januar kommen zwei Dutzend neue Webstühle an. Der Schlossermeister, sein Geselle, der Webmeister und der Betriebsleiter stellen sie auf. Anfang Februar werden die besten Weber darangestellt. Glubsch hat schon bei der Ankunft dem Betriebsleiter klargemacht, daß die Dampfmaschine diese Last nicht mitschleppt und wie er voraussagte, geschieht: die Umdrehungen der Dampfmaschine sinken von 55 in der Minute auf 35. Die übrigen Betriebe schleppen, so daß trotz der neuen Anlage weniger produziert wird. Jede Stunde erscheinen Antreiber im Kesselhaus: »Stärker feuern! Stärker feuern!« Glubsch und Bittkow wechseln sich ab, keine Minute lassen sie das Feuermaul in Ruhe. Das Sicherheitsventil bläst mit fürchterlichem Getobe. Endlich erscheint Herr Degenkolb selber mit Herrn Schmidt. »Macht mal zuerst dem entsetzlichen Dampfgeheul ein Ende, was soll das Fauchen und Zischen, – der Dampf geht ja in die Luft, anstatt auf die Maschine!« »Mehr als 4 Atmosphären darf ich dem Kessel nicht geben!« schreit Glubsch, »jetzt sind es 4 ½. Er wird zerspringen, wenn das Ventil nicht bläst!« »Aber, das Gebrüll ist ja nicht auszuhalten! Außerdem ist es Kraftverschwendung! Was Neues ausprobieren! Wie kann man das Blasen des Dampfes verhindern?« Glubsch hört seinen Namen. »Ich muß an's Feuer!« Er verschwindet. Herr Degenkolb fragt den Betriebsleiter: »Einfach, Herr Degenkolb! Man legt noch ein Gewicht zu dem andern auf den Hebel des Sicherheitsventils!« Der Herr muß es sich lange erklären lassen. Glubsch ist wiedergekommen. Er heizt. »Haben wir solche Gewichte? Ranholen!« kommandiert Herr Degenkolb. Der Betriebsleiter brüllt Bittkow in die Ohren: »Hol zwei Roststäbe aus dem Seilgang!« Als Bittkow mit ihnen ankommt, sagt Glubsch: »Herr Degenkolb, wenn wir das machen, bringen wir uns alle in Gefahr! Wenn der Kessel zerspringt, verrecken wir alle!« »Übertreibung! Anpacken! Entweder hinauf auf den Kessel oder hinaus auf die Straße! Ich gehe mit! Ich lege sie selber auf!« »Herr Degenkolb! Sie machen uns alle unglücklich!« sagt Glubsch. »Was wissen Sie davon!« sagt Herr Degenkolb, nimmt einen Roststab, klettert hinauf und schreit: »Schmidt, wohin damit?« Schmidt steigt auf den Kessel, nimmt die Last aus der Hand des Herrn, geht an den Dampfdom, hinein in den bläulich-fauchenden Strahl und versucht, sie auf das Gewicht des Ventils zu legen: das Gewicht kippt zur Seite, drohender faucht der Dampf. Schmidt nimmt einen anderen Stab, zerhaut mit ihm den einen und legt die beiden Stücke rechts und links auf das Gewicht. Fftt – Ruhe. Das Ventil ist geschlossen. Die Männer sehen sich an. Schmidt schreit Bittkow an: »Sieh nach dem Manometer! Wieviel hat es?« »Viereinhalb, vierdreiviertel, fünf, fünf und ein Strich ... fünfeinhalb.« Nach einer Pause: »Höher geht's nicht!« Glubsch horcht auf die Dampfmaschine: tuk, tuk, tuk, tut, – er fühlt seinen Puls und zählt: »60 Touren, fünf mehr, als sonst!« Herr Degenkolb wendet sich an Glubsch!« »Ich will Ihnen etwas sagen, Glubsch! Der Kessel platzt nicht, das ist Gerede von den Kesselschmieden, die haben natürlich das höchste Interesse, sobald wie möglich einen neuen Kessel zu liefern. Nur keine Angst, alles muß sich fügen! Ob das nun vier oder fünf Atmosphären sind, der Kessel dehnt sich ein bißchen mehr und die Sache bleibt, wie sie war. Im nächsten Jahr bekommen wir neue Webstühle und eine neue Lokomobile, der Eisengießer Wolf in Burg, drüben bei Magdeburg, hat ein Patent auf ein Dampfwerk, das Kessel und Maschine in einem ist, ähnlich einer Lokomotive, – ich habe sie schon bestellt. Überdies, wenn wir jetzt mit Steinkohle, die ich auch bestellt habe, heizen, gehts wieder besser!« »Mit Menschen kann man das machen, Herr Degenkolb! Denken Sie an die Schraube! Zu fest angezogen – sie zerspringt!« »Kein Wort mehr! An die Arbeit!« sagt Herr Degenkolb und geht mit Schmidt fort. Herr Degenkolb sitzt allein in seinem Kontor. »Herr im eigenen Hause!« von diesem Standpunkt geht er nicht ab. Was geht der Regierung sein Kessel an? Herr Degenkolb ist müde. Die schlechte Luft im Maschinenhaus, das Herumstehen und das Sehen hat ihn zermürbt. Er muß sich ins Bett legen. Ehe er heimfährt, geht er noch einmal ins Kesselhaus. Glubsch ist nicht da. Kurz entschlossen geht er noch einmal an die Leiter, steigt hoch. Da brüllt eine Stimme: »Verfluchter Hund, Schmidt! Du hast ja wieder das Ventil belastet! Ich schlag dich tot, du Schuft! Glubsch rast an die Leiter, – läßt den geschwungenen Hammer sinken. »Ich bin Herr Degenkolb! Glubsch! Was ist los?« ruft ihm der entsetzte Fabrikant entgegen. »Herr! Der Herr selbst! Ein Verbrecher, wie der Schmidt!« Glubsch wirft den Hammer hin. »Der Herr hat's gemacht!« »Aber Glubsch!« sagt Herr Degenkolb. »Bittkow, hol du schnell den Betriebsleiter!« ruft Glubsch seinem Kollegen zu. »Was soll das, Glubsch, ich habe doch nichts gemacht, was soll das?« »Zum Teufel, Herr! Das Manometer hat wieder 5, das Ventil ist beschwert! Ich hatte die Eisen wieder runter getan!« »Was ist los, Glubsch?« ruft Schmidt durch die Tür. »Mit rauf kommen!« schreit Glubsch so herrisch, daß Schmidt und der Herr gleich folgen. Sie steigen hoch. Da zeigt Glubsch auf das Sicherheitsventil, – die beiden Roststabstücke liegen wieder auf dem Gewicht. »Und ich hab unten fünf Atmosphären und die Maschine läuft mit 55! Ich sag's vor Zeugen: Herr Degenkolb hat wohl das Eisen aufgelegt, er kam grade herunter, als ich hereinkam. Mich dürfen Sie nicht ins Zuchthaus bringen!« Glubsch sieht, mit der Mütze in der Hand, bittend vor Herrn Degenkolb. »Was? Ich war grad im Moment ins Kesselhaus gekommen, als Sie kamen«, sagt Herr Degenkolb, – »ich hab's nicht gemacht!« »Und Bittkow weiß, daß ich nicht oben war! Nein, ich hab's nicht gemacht!« beteuert Glubsch, »bei der Verantwortung! Ich müßt' ja verrückt sein!« »Ich auch nicht! Auf mein Wort!« sagt Herr Degenkolb. »Dann hat der Betriebsleiter es getan!« Glubsch droht ihm mit der Faust. Der aber weist die Schuld von sich ab: »Ich? Ich hab grad mit Herrn Degenkolb ausgemacht, ich werde Tag- und Nachtschicht einführen, färben und dämpfen nach Feierabend! Herr Degenkolb kann's bezeugen!« »Das muß ausgemacht werden, wer's getan hat!« sagt Glubsch. »Wollen wir uns hier gegenseitig anschwindeln?« fragt Herr Degenkolb. »Glubsch! Lassen Sie die Sache, wie sie ist, – morgen schaff' ich Rat!« meint der Betriebsleiter. »Und wenn mich heut' jemand bei den Behörden anzeigt, flieg ich raus, ins Zuchthaus, ich kann dann nie mehr Heizer sein, nein! Das macht der Glubsch nicht mit!« »Gut! Herr Schmidt ist von heut ab Kesselwärter und hat die Verantwortung!« sagt Herr Degenkolb. »Und Sie, Glubsch, sind Feuermann! Bittkow wird Kohlenfahrer!« Der Betriebsleiter sieht finster unter den Augenbrauen hervor, sagt nichts und geht hinunter. Herr Degenkolb fühlt die Augen des Heizers auf sich gerichtet. Glubsch stiert ihn, als er sich wendet, an. »Was wollen Sie?« fragt Herr Degenkolb. »Feigling, der er ist!« stößt der Heizer hervor, »der Schmidt hat's gemacht!« »Ich will nichts gehört haben!« sagt Herr Degenkolb und verläßt das Kesselhaus. Am nächsten Mittag streicht Bittkow um die Schenke der Fabrik herum. Er sucht den Führer der Arbeiterverbrüderung, der einmal in der Woche zu den Degenkolbsarbeitern in das Gasthaus kommt. Endlich sieht er ihn und geht ihm entgegen. Er erzählt ihm von der Aufstellung der neuen Webstühle, die Geschichte mit dem beschwerten Sicherheitsventil. »Also, Brade, der Herr zwingt den Kollegen Glubsch, Ungesetzliches zu tun und dadurch bringt er die ganze Fabrik in Gefahr. Der Glubsch muß sich fügen, er hat Weib und Kinder, drei Stück, wir aber müssen so für ihn eintreten, daß ihm nichts passieren kann!« »Gut, Bittkow, da werden wir sehen. Wir haben zufällig das Gesetz für uns. Bittkow, weißt du, bei welcher Firma der Monteur angestellt war, der mit Glubsch darüber gesprochen hat?« »Von Wolf in Buckau oder Magdeburg. Der arme Glubsch macht sich viele Gedanken und weiß nicht ein noch aus. Sagen darf er nichts, sonst schmeißt ihn der Herr hinaus. Wir Kollegen müssen etwas für ihn tun!« »Gut! Bittkow,« sagt Brade. »Ich werde über die Sache mit den Arbeitern sprechen. Ich habe eine ganze Liste von Kesselexplosionen und die Namen der Verunglückten, Toten und Verletzten. An 100 Mann! Das wird den Webern und andern Degenkolbschen Arbeitern schon zu denken geben!« »Es ist recht, Brade, nur sag meinem Kollegen Glubsch nichts davon!« bittet Bittkow, »er weiß nicht, daß ich bei dir bin!« »Kannst dich auf mich verlassen!« versichert Brade. Sie trennen sich. Bittkow geht ins Kesselhaus, Brade auf die Schenke zu. Was der Bürgermeister für die Bürger von Eilenburg ist, das ist Brade für die Arbeiterschaft. Er geht jeden Mittag und Abend in die Schenken um die Fabriken herum, setzt sich zu den Arbeitern und hört sie an. Er beantwortet ihre Fragen, sagt ihnen, wie sie es machen müssen, eine Beschwerde bei dem Fabrikanten richtig anzubringen und setzt ihnen Schriftstücke auf. Wenn sie nicht zu klagen haben, läßt er sich von allen Neuerungen an den Maschinen und Methoden erzählen. Er selber kommt nicht mehr in eine Fabrik hinein. Auch in dieser Schenke hat er einen bestimmten Tisch, abseits der Esser und Trinker. Hier ist er für jeden zu sprechen. Er ist heute nicht erstaunt, daß Glubsch auf ihn wartet. Als er kommt, gibt Frau Glubsch ihrem Mann den Essenkessel und geht. »Na, Glubsch, was gibt es Gutes, Neues?« fragt Brade. »Ich wollte dich wegen der Genossenschaft etwas fragen. Vorher mußt du mir sagen: Bist du jetzt wieder Freund mit uns? Sonst hat es keinen Zweck!« »Unsinn, Glubsch, ich hab' keine Feindschaft mit Fritzsche. Ich wollte nämlich schon mal zu ihm gehen und fragen, ob er mir aus der Genossenschaftskasse nicht fünf Taler leihen will. Ich muß einmal nach Berlin. Unsere Verbrüderungskasse ist zur Zeit leer. Ich möchte mir die Assoziationen in Berlin ansehen, falls überhaupt etwas daraus geworden ist. Das Schreiben ist eine unsichere Sache! Da wird Fritzsche auch wohl Interesse haben!« »Ja, das ist richtig!« erwiderte Glubsch. »Und was ich dich fragen will, hör mal zu! Bei Mitscherlich hat ein Arbeiter aufhören müssen, angeblich, weil er zuviel schlechte Ware gemacht hat, der Webstuhl müsse repariert werden. Als er in einer anderen Fabrik frug, konnte er gleich Arbeit haben. Doch, als sie seinen Namen hörten, da sagten sie: »Nein, Sie können wir nicht gebrauchen!« So ging es ihm in allen Fabriken. Nach ein paar Wochen schickte sein alter Meister von Mitscherlich privatim einen Kollegen. Der bestellte einen schönen Gruß von seinem alten Webstuhl. Denk mal den Hohn! Er ließ ihm sagen, der Webstuhl wolle sich nicht von einem Genossenschaftsmann bedienen lassen. »Was soll ich tun? Was soll ich tun?« schreit der Weber. Ich habe dem Manne gesagt, er solle sich von dir beraten lassen.« Doch, da hat er mit beiden Händen abgewinkt. »Wenn man mich mit dem Brade zusammensieht, dann ist es ganz aus!« sagte er. »Nun will er nicht aus der Genossenschaft raus, kann aber auch nicht zu den Meistern zurück. Jetzt kommt er zu mir und verlangt, ich soll bei Degenkolb ein gutes Wort für ihn einlegen. Das werde ich selbstverständlich tun und dann – will ich dich noch etwas fragen: Kann man dem Mitscherlichmeister nichts machen? Das muß man dem Mann abgewöhnen, ich meine, das ist doch keine Sache nicht, die Genossenschafter so aus der Arbeit zu bringen!« »Lieber Glubsch! So ist es den Leuten aus der Arbeiterverbrüderung auch gegangen, ganz egal, ob die Meister aus sich oder im Auftrage der Fabrikanten handeln. Du weißt, wer in diesen Tagen Meister wird, der wird das nur, weil er jedem Wink seines Herrn wie ein Hündlein folgt und nicht aufzumucken wagt. Übrigens, wir als Arbeiterverbrüderung gehören doch zu den verbotenen Organisationen!« Glubsch holt sich ein Glas Bier und trinkt es in zwei Zügen leer. Brade schreibt in sein Notizbuch. Glubsch erzählt weiter: »Ja, und heute morgen früh ging ich mit einem Kameraden aus der Genossenschaft zur Fabrik; es war der Maurer Kerna, den ich bei Fritzsche öfters gesehen hatte. Bei dem sind es die Kollegen, die ihm schon seit Wochen empfehlen, bei Fritzsche wegzugehen und bei Göllners zu kaufen. Sie kauften auch alle bei Göllners und wenn er nicht auch bald mache, so könne er nicht mehr lange bei ihnen arbeiten. Nun ist ein Handlanger bei ihm gewesen; in der Nacht traf er ihn, als es stockfinster war. Er sagte, die Kollegen machten das nicht aus sich, sie hätten keine Schuld. Dahinter stecke der Polier. Der aber tut so, als ginge ihn die ganze Streiterei nichts an. Göllner, der Kleinhändler, sei ein Schwager von dem Polier. Sieh mal, Brade, das fühlt doch ein Blinder mit dem Krückstock, die Sache geht doch gegen den Maurer, weil er Mitglied ist und in der Genossenschaft kauft. Kann man da gar nichts machen?« »Heißt der Mann nicht Göllnitz?« fragt er. »Kann sein!« antwortet Glubsch, »ich habe Göllner gehört, es kann aber auch Göllnitz heißen. Da frag ich noch einmal nach.« »Ja, Glubsch, was soll man tun? Seit acht Tagen hab ich,« er sieht in seinem Buche nach, – »hab ich an 22 Namen von Arbeitern, von denen ich weiß, daß ihnen der Austritt aus der Genossenschaft abgefordert worden ist. Der Göllnitz will die Kunden all für sich haben.« Glubsch ist ehrlich erbost und sagt: »Dann sollten wir doch auch hier zur Selbsthilfe übergehen und diesem Kerl eine ordentliche Tracht Prügel verabreichen, aber ganz genau dabei sagen, warum er sie bekommt!« »Lieber Glubsch, das haben die Kollegen auch vorgehabt. Ich meine, das nützt nichts. Nein, mit Stockprügel ist da nichts geändert. Wir müssen ehrlich kämpfen! Es ist zum verzweifeln, wenn man sieht, wie ein Arbeiter den andern verrät! Ich weiß nicht, wie soll das weitergehn, wenn wir Arbeiter nicht zu einer großen und starken Einigung kommen! Ich quäl mich Tag und Nacht, – alles umsonst! Wenn – –« »Du bist ein armer Kerl, Brade!« unterbricht ihn Glubsch, »alle Arbeiter laden ihre Sorgen auf dich ab. Der Doktor Bernhardi, zu dem die Kranken kommen, der sagt: Die ganze Menschheit ist krank. Die Gesunden, die sieht er ja nicht. Du sagst: Die ganze Welt ist voll Ungerechtigkeit, weil du nur die schlimmsten Dinge zugetragen bekommst. Die Gerechtigkeit, die siehst du ja nicht!« »Aber die Gerechten, das sind die Schlimmsten!« sagt Brade mit finsterem Gesicht. »Ha! Es müßte einmal eine ganz große Ungerechtigkeit an den Tag kommen. Wie ein Blitz müßte sie auftauchen, mit einem Schlag die Köpfe erhellen, die Herzen anfeuern!« Glubsch schweigt eine Weile, dann sagt er: »Was soll ich denn mit dem Maurer tun? Soll ich ihm raten, er soll bei Fritzsche austreten? Oder kann ich ihm sonst helfen?« fragt er. »Das muß Jeder mit sich selbst abmachen, Glubsch. Ich besehe mir die Leute und weiß sogleich, ob sie Kämpfer sind oder arme Kreaturen, die sich nicht wehren können – oder – wollen. Dem einen liegt mehr an der Gerechtigkeit, dem andern mehr an einem ruhigen Leben. Ein Kerl, der von seiner Sache überzeugt ist, läßt sich nicht zwingen, der setzt sich durch. Dem andern liegt mehr am Brot allein, der muß sehen, wie er die Vorzüge der Mitgliedschaft behält und doch arbeiten kann. Nur die ganz Schlappen, die lassen sich ins Bockshorn jagen und tun, was jeder kleine Tyrann will. Schick mir die Leute, dann sag ich ihnen Bescheid. Und du? Hast du keine Sorgen?« Brade sieht Glubsch in die Augen. »Sorgen? Wohl! Aber jetzt muß ich gehen!« sagt Glubsch. Er hört am lauten Schwatzen der Kollegen, daß sie mit ihrem Essen schon fertig sind. Er muß zeitig ans Feuer. Glubsch nimmt sein Essen im Kessel mit, zahlt und verabschiedet sich bei Brade, der heute nur noch zwei »Kunden« hat. Brade sagt dringend und bittend: »Du, geh doch bald zu Fritzsche und red mit ihm wegen ... du weißt ja was. Vergiß es ja nicht!« ruft er hinter ihm her. »Wird besorgt! Ich treff' ihn dieser Tage!« sagt Glubsch und schlägt die Schenkentür hinter sich zu. Bittkow hat über Mittag das Feuer instand gehalten und sieht Glubsch den Essenkessel wärmen. Er fragt leichthin: »Warum hast du nicht gegessen? Kam deine Frau so spät?« »Ich hatte mit Brade zu reden!« sagt Glubsch. Bittkow bückt sich in dem Augenblick nach der Schaufel. Ob der Brade es ihm gesagt hat? denkt Bitttow. Oder ob Glubsch ihm die Geschichte selbst erzählt hat? Dann hat er, das merkt Bittkow nun, eine große Dummheit gemacht. Bittkow ist bedrückt, er möchte dem Freund, der so gut gegen ihn ist, nicht schaden. Er quält sich und hat ein schlechtes Gewissen. Als er das Kesselfeuer voll Kohle geworfen hat, sieht er sich nach Glubsch um. Der ißt unbekümmert drauflos. Vielleicht hat er ihm gar nichts davon gesagt und Brade hat auch nichts gesagt. Glubsch sieht nach der Tür und löffelt. Jetzt sieht er auf und zieht das Heulhorn. In fünf Minuten stellt er die Maschine an, dann geht die Arbeit weiter. Glubsch fühlt sich von Brades Wort: Die Gerechten sind die Schlimmsten! getroffen, – wegen dem Sicherheitsventil. Er denkt an Bittkow, wie der damals die Maschine, die Walze kaputtschlagen wollte. Er kriegt Respekt vor ihm, der sich nicht unterkriegen ließ, sondern einen gewaltigen Haß im Leibe hatte. Glubsch hat jetzt gegen den Dampfkessel ebensolchen Haß. Glubsch ist genau so überspannt mit Wut, wie der Kessel mit Dampf. Er merkt erst in diesen Minuten: der Brade hat ihn doch ins Gewissen getroffen. Ihn überfällt glühende Wut. Er kann vor Wut kaum atmen. In diesem Augenblick ist es, als gehe Glubsch ein Licht auf. »Eine ganz große Ungerechtigkeit schlägt den Blitz hervor!« hat Brade gesagt. Er selber hat sie, die große Ungerechtigkeit, erlitten, und seitdem lebt er in einer ganz großen Ungerechtigkeit; er übertritt das Gesetz des Staates und was noch schlimmer ist: das Gesetz der Kameradschaft! Über zweihundert Arbeiterleben bringt er in Gefahr, weil er es duldet, daß auf dem Sicherheitsventil die Eisenstücke liegen. Den Profit davon hat Herr Degenkolb und der Glubsch trägt die Verantwortung. Das Staatsgesetz straft ihn, wenn es herauskommt, mit Zuchthaus, das Gesetz der Kameradschaft mit Verachtung der Kollegen. Er, der Glubsch, ist ein Verräter; erst in diesem Augenblick kommt ihm das richtig zum Bewußtsein. Er sitzt auf einer Kiste und atmet, als hätte er Leibschmerzen. Bittkow sieht vor ihm und fragt: »Hast du was? Ist dir nicht gut? Es ist Zeit, die Uhr steht auf eins!« »Laß du den Bären brummen!« versucht Glubsch zu scherzen, aber es kommt ihm bitter aus dem Hals. Als der Heulton das Kesselhaus erfüllt, legt sich die Wut. Glubsch steht auf. »Hattest du was?« fragt Bittkow, als er zurückkommt. »Hab wohl das Glas Bier zu schnell herabgeschlungen, eiskalt in den leeren Bauch, das wird's wohl sein!« antwortet Glubsch. »Soll ich aufwerfen?« Bittkow nimmt die Schaufel. »Fahr Kohlen an!« sagt Glubsch, »ich mach weiter.« Den ganzen Nachmittag geht Glubsch und Bittkow sich aus dem Wege. Nach Feierabend gibt es kurz vor dem Tore noch eine Rauferei. Der Maurer Saalbach, der in der neuen Weberei arbeitet, hat dem Weber Zollnick, der ihm Steine zuträgt, die Mitgliedskarte entliehen. Zollnick bittet ihn nun schon drei Tage, sie ihm zurückzugeben. Nun, am Tor, lacht ihn der Maurer aus, zerreißt die Karte in Fetzen. Mit schmähenden Worten verhöhnt er den Weber und seine Genossenschaft. Der kleine, etwas bucklige Weber kann sich gegen den großen Maurer nicht wehren und klagt den andern sein Leid. Da kommt Glubsch. »Was hat's mit dem Zollnick?« fragt er. »Sieh da, wieder so'n Genosse! Man kann mit Assozisten ja die Schweine streuen, so viel gibt's derer! Na, wann beginnt der Bürgerkrieg und der Zukunftsstaat?« Statt der Antwort bekommt er von Glubsch eine Ohrfeige. Bittkow, der hinter Glubsch sieht, packt den Maurer bei Genick und Hosenboden, trägt ihn steif durchs Tor. Der Kontorschreiber, der grade die Treppe herunterkommt, sieht, daß einer geohrfeigt wird und läuft zurück zu Herrn Degenkolb. Als Herr Degenkolb herunterkommt, hört er vor dem Tor auf der Straße wüste Schimpfworte und sieht ein Dutzend Leute beieinanderstehen. »Demokratenhunde! Ihr kommt alle noch auf Festung!« Als Antwort klatschen Schläge. »Wer hat Assozistengesindel gesagt?« brüllt Glubsch, »melde dich, du Feigling! Ich gebe dir für jeden Buchstaben eine aufs Maul!« »Noch nicht, wenn du mir drei für jeden Buchstaben gäbst!« ruft jemand aus der Wirtshaustür und ein Hohngelächter für Glubsch hallt durch den Abend. Herr Degenkolb fragte den Pförtner: »Was ist los?« »Herr, es ist seit acht Tagen jeden Abend dasselbe. Die Assozisten werden beschimpft. Herr Glubsch sah, wie der Maurer Saalbach den Weber Zollnick verschimpft, da ist er für ihn eingetreten und wurde auch von ihm beschimpft. Herr Glubsch aber hat ihm eine Ohrfeige gegeben. Bittkow hat ihn zum Tor hinausgetragen.« »Wer ist Herr Glubsch?« fragt Herr Degenkolb. »Das ist doch unser Heizer!« entgegnet der Portier und sieht Herrn Degenkolb an, »ein gesetzter Mann von mehr als 40 Jahren, er ...«« »Schon gut!« sagt Herr Degenkolb und geht hinauf. Kaum sind die Arbeiter nach Hause, wird der Pförtner hinaufgerufen. Er sieht vor Herrn Degenkolb, die Mütze in der Hand, soldatisch stramm. »Hat der Heizer öfter Streitigkeiten gehabt, ich meine, hier in der Fabrik?« »Wo er doch meistens als Erster kommt, Herr Degenkolb, nein. Auch geht er immer als Letzter heim, weil er das Feuer besorgen muß. Heute ist er seit langer Zeit einmal mit den Andern fortgegangen.« »Mit wem verkehrt Glubsch sonst? Hat er eine Freundschaft in der Fabrik?« »Ja, Herr Degenkolb: mit Bittkow, dem Holzspalter, der jetzt Kohlenfahrer geworden ist.« »Ist das der Mann, der den Maurer hinausgeworfen hat?« »Hinausgeworfen nicht. Er nahm ihn beim Hosenboden und Halskragen, hob ihn hoch und trug ihn mit steifen Armen hinaus.« »Ist Glubsch verheiratet? Hat er Kinder?« »Jawohl, drei Kinder!« »Wissen Sie, ob er bei den Fritzsche-Leuten ist? Wollen Sie mir das nicht sagen?« »Vielleicht fragen Sie Herrn Glubsch selber; ich weiß nicht, ob es recht ist, wo der Streit um die Genossenschaft geht.« »Zum Teufel! Was hab ich damit zu tun! Ist er es oder nicht? Wissen Sie es oder nicht? Wollen Sie es sagen oder nicht?« »Gewiß haben Sie, Herr Degenkolb, damit zu tun! Es wird gesagt ...« »Was wird gesagt? Reden Sie doch, es passiert Ihnen doch nichts – frei heraus, es passiert dem Glubsch auch nichts!« »Aber den Mitgliedern der ...« »Setzen Sie sich!« unterbricht ihn Degenkolb und schiebt ihm einen Stuhl hin. Der Portier setzt sich. »Prinzmann! Sie können wirklich frei reden. Ich werde Ihre Worte nicht benützen, um Ihnen oder Ihren Freunden einen Strick zu drehen, das glauben Sie mir doch!« »Mit Erlaubnis, nein!« »Was sagen Sie da? Sie glauben mir nicht?« »Mit Erlaubnis, nein, Herr Degenkolb! Auch ich bin seit sechs Wochen bei den Fritzscheleuten und seit 14 Tagen erzählen die Arbeiter, wir Mitglieder würden alle aus den Fabriken entlassen, das wäre schon abgemachte Sache. Herr Degenkolb, sagen sie, schmeißt sie zuerst raus, dann die andern Fabriken auch. Denn Herr Degenkolb, der hohe Gewerberat, hat von der Regierung den Befehl bekommen, jeden, der auf der Mitgliederliste sieht, zu entlassen!« »Und solcher Unfug, solches Lügenblech wird geglaubt? Das glauben auch Sie, Prinzmann? Die Regierung soll mir den Auftrag gegeben haben? Woher wissen Sie das?« »Das wird seit acht Tagen erzählt. Es soll auch in der Zeitung gestanden haben!« »Das wird ja immer schöner! Glaubt der Glubsch das auch?« »Ich hab mit Glubsch noch nicht darüber gesprochen, ich hör' mir nur alles an. Weil ich ja doch selber in der Genossenschaft bin, darf ich bei den Leuten ja nichts sagen. Darum fangen sie immer bei mir mit Streitigkeiten an, damit Sie, Herr Degenkolb, mich zuerst wegen dem, daß ich mein Amt nicht richtig versorgen kann, hinauswerfen.« »Wer hat das gesagt?« »Die Maurer vom Neubau, von denen der Saalbach übrig ist. Die andern sind ja, seit der Bau fertig ist, weg. Saalbach ist noch beim Verputzen.« »Und die Assozisten, was sagen die?« »Was sollen die sagen? Es haben sich schon einige abgemeldet. Die meisten sagen, es sei Schwindel, weil es ja immer nur von den Krachmachern und Zankfritzen, auch von den Frauen aus der Spulerei, ausgeht.« »Und Sie, Prinzmann, was glauben Sie?« »Jetzt glaub ich, wenn Sie es sagen, daß alles gelogen ist.« »Und vorher, was glaubten Sie da?« »Weil Herr Degenkolb kein Demokrat mehr ist, weil Herr Degenkolb gesagt hat, nein, gesagt haben soll, die Assozisten müßten vom Erdboden verfolgt werden, da hab ich's auch geglaubt.« »Können Sie mir sagen, wer das zuerst ausgesprochen hat?« »Der Saalbach von Kültzschau, der Maurergeselle, der mit Zollnick Streit hatte.« »Woher hat er diesen Ausspruch?« »Von seiner Schwiegermutter, sagt er, seine Schwägerin ist ...« »Ach, Dienstbotenklatsch, darauf kommt's heraus! Gut! Prinzmann, Sie können gehen! Ah, haben Sie sich schon bei Fritzsche abgemeldet? Nein? Dann beruhigen Sie sich nur. Von mir aus wird Ihnen deswegen nichts geschehen!« »Nein, Herr Degenkolb, der Saalbach hat auch gesagt: ›Du fliegst heraus, well du deinen Posten als Portier nicht mehr vollhalten kannst. Dafür werden wir schon sorgen!‹ Seitdem macht er mir vorne immer Krach. Er ist ja nicht bei uns beschäftigt, sondern bei Maurermeister Haberkorn. ›Euer Degenkolb kann mir nichts machen!‹ sagt er.« »Ist so wenig Vertrauen unter den Arbeitern? Ist so viel gegenseitiger Haß im Volk? So viel Zwietracht; man sollte meinen, ihr Arbeiter müßtet euch doch einig sein!« »Arbeiter, Herr Degenkolb; die möchten sich so gern einig sein, aber sie haben viel zu viel Angst ums tägliche Brot, wo doch ein unvorsichtiges Wort genügt und sie fliegen auf die Straße. Einer zittert vor dem Andern, Jeder zittert vor Jedem, Alle haben ihre Not um Arbeit und Brot, Herr Degenkolb, – und nun kommt noch die Genossenschaft dazu ...« »Was war denn vorher?« »Nun, die Arbeiterverbrüderung. Sie ist ja auch verboten, Herr Brade hat schon seit Jahren keine Arbeit mehr.« »Schon gut! Prinzmann. Von mir aus braucht Ihr Lebensmittelverein nichts zu befürchten. Am besten ist, Ihr haut den Zankhasen und Streitstiftern auf's Maul! Guten Abend, Prinzmann!« Der Portier geht in seine Bude, verschließt das Tor und sein kleines Fenster. Dann geht er zu seiner Frau in die Küche. Er hat Hunger. Er wird zum erstenmal, seitdem der Streit um die Genossenschaft geht, wieder mit Lust und Vergnügen essen. Er darf wieder frei von dem, was ihn bewegt, reden, Mitglieder werben, für die Sache der Kameradschaft eintreten, er kann mit seinen Freuden zur Generalversammlung gehen, die Mitte Januar geplant ist. Achtzehntes Kapitel Fritzsche wartet jeden Abend auf Glubsch. Es sind acht Tage her, seitdem er bei ihm war. Er hat es nun schwarz auf weiß gelesen, was Herr Degenkolb über die Assoziation geschrieben hat. Fritzsche kann es sich nicht erklären, was Glubsch mit den Worten sagen wollte, die er beim Abschied herausstieß: »Das soll er mir büßen! Wenn er unsre Genossenschaft in die Luft fliegen läßt, laß ich ihm seine Fabrik explodieren!« Fritzsche darf sich eigentlich um all das nicht kümmern, – immer mehr Arbeit lädt ihm die Genossenschaft auf. Weder er noch sonst jemand konnte voraussehen, was es mit dem Beschaffen von Waren, Abwiegen und Einkassieren auf sich hatte. An den Tagen nach Lohnzahlung ist es am schlimmsten. Zu viert müssen sie Ware heranholen, abzählen, auswiegen. Will er seine Bücher fertigmachen, weil er doch jeden zweiten Abend abrechnen muß, so erscheint Wagner oder Vogel und legen ihm andre Arbeit vor. Fritzsche findet kaum Zeit, die neuen Mitglieder einzutragen. Eines Tages bringt ihm Herr Wagner das fertig abgeschriebene Statut, – es sind über 50 Paragraphen. Nachdem er eine halbe Stunde darin studiert hat, gibt Fritzsche es auf. »Hier, Wagner, habt Ihr es zurück! Ist es nicht grauenhaft, für so'ne einfache Sache 12 Seiten zu beschreiben und in einem Deutsch, das kein gewöhnlicher Mensch versteht?« »Wie soll man's anders machen? Ihr wart' doch mit dabei und habt manchen Satz geändert!« »Ja, es müssen die Grenzen abgesteckt sein, in denen Rechte und Pflichten festgelegt sind. Eigentlich brauchte man bloß zu schreiben: »Was du nicht willst, das man dir tu, das füg' auch keinem andern zu!« »Ja, wenn die Menschen einmal so weit wären, dann hätten wir auch weniger Arbeit!« sagt eine wohlbekannte Baßstimme. »Guten Morgen, die Herren! Der Magistrat läßt fragen, wann und wo die nächste Versammlung stattfindet; es ist verfügt, Herr Assessor Färber solle ihr beiwohnen!« Polizeisekretär Hanisch sieht breit vor dem Ladentisch. »Freut uns außerordentlich!« sagt Herr Wagner. »Wir wollen am 17. Februar in Kriegers Gasthaus, abends um neun Uhr, unsre neue Satzungen vorlegen und zur allgemeinen Unterschrift geben.« »Seid so freundlich und schreibt mir das auf!« bittet Hanisch jovial. »Augenblick!« ruft Herr Wagner, schreibt es auf,– Herr Hanisch nimmt das Papier und geht wieder. Wagner und Fritzsche sehen sich verblüfft an, dann lachen sie beide aus vollem Hals. »Ich glaub, Herr Bürgermeister traut seinem Polizeischreiber nicht mehr, da muß er schon einen Fachmann schicken!« sagt Herr Wagner. »Ich meine, er will Material suchen, um den Bericht des Herrn Degenkolb, diesem Schlechtachten, wollt sagen: Gutachten, beizulegen. Vielleicht will er auch bloß die Mitglieder einschüchtern lassen, – hu, ein leibhaftiger Herr Assessor! Da werden die braven Untertanen sich geschmeichelt fühlen!« »Lieber Fritzsche, und die Arbeiter? Die bleiben aus! Darauf könnt Ihr Euch verlassen! Wenn es bekannt wird, daß der Magistrat einen Assessor schickt, kommen sie nicht!« »Ich wollte grade die Einladung mit diesem Vermerk so geschrieben haben, daß jedermann vom Beisein des Assessors Bescheid weiß. Die Gelegenheit werden die Arbeiter benützen, einmal in der Gegenwart einer Magistratsperson kräftig auf den Tisch zu schlagen und den hohen Herren gründlich die Meinung zu sagen. Kollege Stolle zum Beispiel würde ...« »Um Gotteswillen! Er würde am selben Abend wegen Majestätsbeleidigungen und hochverräterischen Reden ins Loch stiegen!« »Also, dann macht, was Ihr für gut anseht!« giftet Fritzsche und arbeitet unmutig weiter. Plötzlich nimmt er die große Mitteilungstafel von der Wand und legt sie Herrn Wagner auf den Tisch: »So! Seid so gut und schreibt die Ankündigung für die Versammlung. Aber bitte genau, den 17. Februar, sonst geht es wieder wie im Oktober. Da hatte ich dem Polizisten den 15. angegeben und er mußte umsonst bei Krieger warten.« Herr Wagner malt in wunderbar verschnörkelter Schrift die Ankündigung. So fein kann nicht einmal der Herr Lehrer. Fritzsche mahnt: »Und dann sagt dem Vorstand Bescheid. Ehe die Versammlung beginnt, soll er bei mir, Fritzsche zusammenkommen. Ich will noch die schon lange strittige Miete für das Lokal auf die Tagesordnung haben!« Am 16. Februar treffen sich die Vorstandsleute. Fritzsche beginnt gleich mit seiner Mietforderung. Wagner ist für die Einberechnung in die Prozente: aber Fritzsche will Entschädigung und Miete, eine Summe, die noch gar nicht festgelegt ist, getrennt haben. Darin sind Vogel und Stolle sich einig, vorläufig soll die Genossenschaft nicht mit der Summe belastet werden. Das muß die ganze Mitgliedschaft beschließen. Solange ist es gegangen, es wird auch wohl noch bis zum Juli weitergehn. Fritzsche widerspricht, wird heftig, sagt es vorwurfsvoll und verbittert, daß er nicht einmal so viel an Prozenten herausbekomme, als der Lohn eines gewöhnlichen Tagelöhners ausmacht, der weder Axt noch Spaten zu stellen hat. Er aber gebe sein ganzes Hauswesen hin, seine Nachtruhe kürze er mit Schreib- und Rechenarbeiten, seine Frau müsse mitschaffen, er stelle Licht und Brand, Reinigung und Instandhaltung immer noch ohne Entschädigung. Endlich schlichtet Herr Wagner den Streit und versichert Fritzsche, an dem Tag, wo der Entschluß der Regierung über Verbot oder Weiterbestehen der Genossenschaft bekannt wird, wird sofort mit der Entschädigung begonnen. Alle verpflichten sich, für Fritzsche einzustehn. Nach dieser erregten Auseinandersetzung gehen sie um acht Uhr zu Kriegers Gasthaus. Bis halb neun warten sie, es sind über 50 Leute da. Bei der Rechnungsablage werden sie lebendig und klatschen jubelnd in die Hände, als sie so hohe Zahlen hören: Ersparnis 400 Taler, Umsatz 3000 Taler. Dann spricht Färbermeister Vogel und mahnt die Anwesenden, doch alle Waren im Genossenschaftsmagazin zu holen. Wenn das so weiterginge, müßten die säumigen Mitglieder ausgeschlossen werden. Er wisse zwar ganz genau, daß sehr viele Familien sich zum Einholen Mittelspersonen bedienten und sich selber nie im Lokal sehen ließen, aus Furcht, ihren guten Ruf zu verlieren. Das sei eben verkehrt. Grade die Handwerker wollen nach außen hin nichts mit der Genossenschaft zu tun haben, weil ihnen die Kaufleute dann keine Aufträge mehr gäben. Die Kaufleute wüßten doch genau Bescheid über den Mehr- und Mindereinkauf der Kunden. Die Handwerker sollten sich offen und ehrlich zur Genossenschaft bekennen! Während Vogel dies spricht, wird die Versammlung unruhig; es meldet sich, trotz Wagners Aufforderung, niemand mehr zum Wort. Herr Wagner will beim Drucker Ossenhauer einige Tausend solcher Zettel bestellen. Diese würden im Lokal aufgelegt und wer sie verteilen wolle, könne sie dort mitnehmen. Ein junger Handwerker steht auf und schlägt vor, als weiteres Mittel zum Bekanntmachen der Genossenschaft ein großes, öffentliches Stiftungsfest zu feiern, natürlich mit anschließendem Tanz. Schon am Nachmittag müßten die Kinder eingeladen werden; jedes bekäme einen großen Kringel aus Backwerk und die wohlhabenden Familien sollten Preise für Topfschlagen und Sackhüpfen stiften. So ein öffentliches Fest mache die Genossenschaft rühmlichst bekannt und so lernten viele Leute den Zweck des Vereins kennen. Herr Wagner dankt auch diesem Mann und bittet die Leute, mit Erfahrungen auf diesem Gebiet zwecks sofortiger Vorbereitung eines solchen Festes am nächsten Sonntag Morgen bei Herrn Fritzsche zu erscheinen. Von zehn bis zwölf Uhr würden sie sich dann bereden können. Dieser Vorschlag ermuntert die bisher stille Versammlung, es werden noch einige Ratschläge aus der Mitgliedschaft vorgebracht, dann schließt Herr Wagner die Tagesordnung. Viele Leute gehen heim, eine große Gruppe Arbeiter geht noch an den Vorstandstisch; Herr Fritzsche bekommt noch einen ganzen Stoß Zettel von Leuten, die Mitglied werden wollen. Es ist Mitternacht, als auch die Letzten nach Hause gehen. Neunzehntes Kapitel Nun wird es Frühling; Fritzsche erinnert sich an die ersten Lenztage im vorigen Jahre. »Wenn wir erst einmal ein Jahr weiter sind!« so hat er oft zu seiner Frau und den Freunden gesagt. Nun ist dieses Jahr vorüber. 1851 soll das Jahr des Sieges sein, doch dieser Frühling ist das leibhaftige Gegenteil von dem des letzten Jahres. So unglücklich, wie in diesem Frühjahr, ist Fritzsche nie gewesen. Der Monat März kommt; die Menschen haben in Feld und Garten mehr Vergnügen, als am Haus- und Stadtklatsch. Es wird wieder still um die Genossenschaft. Es scheint, als hätten auch die Kaufleute sich beruhigt; er braucht nicht mehr zum Magistrat zu kommen, es laufen keine Beschwerden mehr ein. Er wartet auf die Bestätigung von der Merseburger Regierung. So lange die hohen Behörden das Machtwort nicht gesprochen haben, kann er nichts tun, kann er nicht werben, nicht von neuem einbrechen in die Bevölkerung, die zur Genossenschaft gehört und nicht in die Läden der Kaufleute. Er wartet: sobald diese Bestätigung da ist, wird Wagner auch für die Miete sorgen, für die Rückerstattung der Auslagen, für Licht und Heizung. Er möchte auch den Leuten, von denen er das Geld geliehen hat, auf Tag und Stunde ihre Summe wiedergeben. Fritzsche haßt die Schulden wie nichts auf der Welt. Er hat als Buchbinder zu lange mit Schulden bei Großhändlern arbeiten müssen. Die Zinsen fressen den Verdienst auf. Nun ist die Genossenschaft sein Schuldner, er kann sein Geld nicht vom Vorstand bekommen; er muß aber Kohle und Licht bar bezahlen. Er hat die Hausreparatur bezahlt, er hat überall klare Bahn. Gewiß sagt er sich, die andern rechnen mit dem Verbot und der Auflösung, darum schieben sie die Abrechnung hinaus. Fritzsche weiß ganz genau, daß die Regierung kein Verbot aussprechen wird, das hat er im Gefühl; er lacht über die ängstlichen Kollegen, er beginnt, seine Rechnung an die Genossenschaft auszuarbeiten, berechnet die Lokalmiete. Sie muß 35 Taler ausmachen. Er möchte sich einen neuen Rock anschaffen. Zu Ostern kann er sich unmöglich in dem abgeschabten, unmodernen Anzug sehen lassen. Er könnte ihn ja jetzt bestellen und später bezahlen, denn das Geld ist ja sicher. Er tut es nicht. Der Anzug würde ihm keine Freude machen, würde ihn immer an die Schuld erinnern. In der Woche vor Ostern bekommt er einen Brief von Paule. Es war ein Glück, daß seine Frau ihn nicht gesehen hat, sie würde Mutter Zöckler davon erzählen und dann wäre der Krach da; bald würde es jeder wissen: der Paule heiratet die Agathe. Sie sind in der Schweiz, sie können nicht voneinander lassen. Dieses Jahr noch soll Agathe in der Pension am Genfer See bleiben, dann will der Vater sie heimholen. Paule wohnt bei einem Schlossermeister, der ein Patent auf eine neue mechanische Druckmaschine genommen hat. Diese Maschine arbeitet Paule aus. Sie stellen auch Drucksachen her. Dann beschreibt er das freie Leben in der Schweiz, wo man unbehelligt sich versammeln dürfe und alles bereden könne, ohne Angeber in den Reihen zu wissen; darum seien viele freiheitliche Menschen als Gast in diesem schönen Lande. Auch Agathe nütze diese Gelegenheit aus; in Barmen sei sie wie in einem Gefängnis gehalten worden. Sie habe eine Freundin, die Arzt werden wolle. Agathe würde nie mehr in die Enge von Eilenburg zurückkehren. So haben sie beschlossen, im nächsten Jahre nach England zu fahren und sich dort zu verheiraten. Dann wollten sie nach Amerika, er spare schon wieder für das Reisegeld. In einem andern Briefe würde er über die große englische Lebensmittelassoziation berichten. Die von Rochdale haben dort seit sieben Jahren die besten Erfolge. Auch in Frankreich sind viele Versuche im Gange. Alles kämpft für die Befreiung des Volkes aus den Banden des Kapitals und sehen in den Genossenschaften die kommende Form für die neue Gemeinschaft. »Ich war in Köln, Antwerpen, London, in Brüssel, Zürich und Genf; überall angesehen, weil ich ein Schmied und ein Arbeiter bin. In all diesen großen Städten leben Gelehrte, Schriftsteller und Künstler, die für eine kommende Welt schaffen, – sie sind alle miteinander überzeugt, daß die kommende Welt wohl ohne Kapitalisten und Händler, aber nicht ohne ein tüchtiges Arbeitervolk, Maschinen und Organisationen bestehen kann. Wenn ich so in Versammlungen und Besprechungen die Redner höre, so muß ich immer an euch, Fritzsche und Vogel, Stolle, Glubsch und Bittkow, Bernhardi, Bürmann und Wagner denken. Und wenn sie von der neuen Organisation reden, so weiß ich, alles das besteht ja schon in Eilenburg, besteht durch die kühnen und tapferen Männer, die meine Freunde sind. Wenn ich von euch rede, bin ich stolz auf euch!« Fritzsche ist ebenfalls stolz auf Paule, er nimmt den Brief mit in die Buchbinderwerkstatt und legt ihn in einen Koffer, der einen doppelten Boden hat. Er ist überzeugt, wenn der Staatsanwalt dieses Schreiben zu lesen bekommt, macht er ihm einen Hochverratsprozeß. Am Samstag vor Ostern leiht er sich von seinem Schwiegervater das kleine Gefährt, packt Frau und Kinder hinein und kutschiert zu seinen Freunden nach Delitzsch. Von allerorts sind Verwandte und Bekannte bei den Freunden angekommen. Sie machen Besuche und werden besucht. Oftmals hört er hinter sich her seinen Namen sprechen. Er weiß, sie reden von ihm, dem Gründer der Lebensmittelgenossenschaft; er geht sogar öfters, als notwendig, am Landratsamt vorbei, aus dem ihn damals Herr von Pfannenberg auf Nimmerwiedersehn verabschiedete. Es wundert ihn auch nicht, daß am Abend, so wie es dunkel geworden ist, Delitzscher Arbeiter bei seinem Freund, dem Bäckermeister, anklopfen, um Fritzsche zu sprechen. Es sind so viele geworden, daß er nach dem Abendessen eine kleine Versammlung in der Werkstätte des Webers Hohneck vor sich hat. Er beantwortet ihnen alle Fragen, die sie über die guten und bösen Erfahrungen in der Genossenschaft stellen. Fritzsche rät ihnen, schon jetzt Mitgliederlisten anzulegen, monatliche Beiträge zu erheben und nach einem kleinen Kapital Ausschau zu halten. Die Regierung in Merseburg müsse sich bald entscheiden und ihm, er zweifle keinen Augenblick daran, bestätigen, daß die Einrichtung einer Genossenschaft von Staats- und Gesetzeswegen nicht behindert werden kann. Dann hätten sie die Vorarbeiten geleistet und könnten sofort mit der Verteilung der Waren beginnen. Gleich nach den Feiertagen besucht er den Müller Troitsch und den Fruchthändler, er erneuert mit ihnen Verträge über die Lieferung von Lebensmitteln. Jetzt reut es ihn, daß er nicht alles vorhandene Kapital in den Ankauf größerer Mengen Mehl, Grütze und Hülsenfrüchte gesteckt hat, denn die Waren sind gewaltig im Preise gestiegen. Die Freunde raten ihm, doch soviel einzukaufen und einzulagern, als eben gehe, denn bis zur neuen Ernte gäbe es sicher großen Mangel, ähnlich wie 1847. Fritzsche kann nur in Gemeinsamkeit mit dem Gesamtvorstand handeln; so verspricht er, sogleich nach seiner Rückkehr mit Vogel und Wagner die Aufträge schriftlich zu übersenden. In Vorsorge und Umsicht holt Fritzsche das Versäumte nach. Wunderbar ist es zu sehn, wie die Leute freundlich sind, wenn Einer kommt und kauft. Er nimmt alles Geld, leiht, wo er kann, sichert sich Ware. Natürlich muß es nicht so werden, wie alle fürchten. Es kann auch anders kommen. Er bespricht diese riskanten Dinge mit seiner Frau. »Unsinn, billiger werden die Lebensmittel nicht! Es sei, der König befiehlt es. Doch der König hat andere Sorgen!« So versucht ihn die Frau zu ermuntern. »König? Wenn ich mit Geld komm und kaufe, bin ich König! Will ich verkaufen, bin ich wie ein Bettler!« Fritzsche wird sich langsam der Macht bewußt. Frau Juliane muß in diesem Frühling allein den Garten hinterm Wald bestellen; der alte Nachbar Roßlau macht die schwere Gartenarbeit, sie pflanzt Salat und frühes Gemüse. Fritzsche hat in dieser Zeit sein Magazin geordnet, Regale angebracht und Kästen gefertigt. Er mußte viele Gänge tun, um die Großhändler und Produzenten herauszufinden, die noch zu alten Preisen lieferten. Jetzt stellt sich heraus, wie recht der Delitzscher Müller hatte! Schon sind die Preise so gestiegen, daß er für den Einkauf genau so viel geben muß, wie damals der Verkaufspreis betragen hat. Wagner und Vogel wollen ihm nicht glauben, daß diese neuen Preise bis zur Ernte bleiben werden. Sie schieben die Teuerung auf Spekulation der Händler, die nach den neuen Preisen massenhaft Ware auf den Markt werfen werden. Die Mehlpreise steigen in den ersten Maitagen wieder um 3 Pfennige das Pfund. Wagner und Vogel wollen, daß Fritzsche die Ware nach dem Stand des Einkaufspreises abgibt, denn die Mitglieder sollen spüren, daß die Genossenschaft das Geld gut verwaltet. Natürlich widerspricht Fritzsche und sagt, er könne aber von dem Erlös keine neue, teure Ware taufen. Die Beiden vertrösten ihn auf baldigen Preisabschlag. Wagner und Vogel sehen heute den Erfolg ihrer Starrköpfigkeit: Fritzsche weiß sich vor Käufern nicht zu retten! Alles, was jemals eine Karte erworben hat, verlangt Ware. Fritzsche müht sich, so gut er kann, den alten treuen Kunden ihre zustehenden Mengen zu verabfolgen. Schon erscheinen Frauen, die sich benachteiligt sehen und mit dem Finger auf die Personen zeigen, die sonst alle Ware beim Krämer holen. Diese zeigen hämisch und trotzig ihre Karte und trotz aller Gerechtigkeit, die Fritzsche walten läßt, gibt es unschönen Zank um die Genossenschaftswaren. Die Mitglieder belagern das Magazin. Fritzsche schickt zu Vogel und Wagner, sie kommen und helfen; dennoch bleibt ihnen nichts übrig, als eine Versammlung einzuberufen. Am 10. Mai steht die Anzeige im Eilenburger Volksblatt und auf der Tafel prangt, groß geschrieben, die Einladung zum 19. Mai. Vorher fährt Fritzsche noch einmal nach Delitzsch, kauft, was zu kaufen ist; auf das Versprechen hin, auch zur neuen Ernte gute Kameradschaft zu halten, bekommt er Ware zum alten Preis. Vor der Versammlung stellt er dem Vorstand die Tagesordnung auf: 1. Rechnungsablage für das 3. Quartal. 2. Beratung über die Feier des Stiftungsfestes. 3. Feststellung der Lokalmiete. 4. Beschluß wegen auszuschließender Mitglieder, welche ihre Waren nicht abholen. Nun stehen Wagner und Vogel vor der Entscheidung: sie haben Schuld, daß kein Geld in der Kasse geblieben ist, weil sie nach dem Einkaufspreis verteilt haben wollten, sie haben Schuld, daß die auszuschließenden Mitglieder wieder im Sturm die Ware abholen, sie haben Schuld, daß nun Fritzsche seine 35 Taler Miete nicht bekommt. Damit solches nicht wieder geschieht, verlangt Fritzsche in Sachen des Einkaufs und der Preise freie Hand. Die Mitglieder geben Fritzsche die Vollmacht, nach seinem besten Wissen zu handeln. Diesmal ist die Versammlung mit dem Schlußwort Vogels wirklich zu Ende, schon um 11 Uhr ist der Saal leer und nur die unentwegten Stammtischhelden gehen, lautredend, in ihre Wirtshäuser, um das Ergebnis zu verkünden. Das Echo dieser Stammtische und Winkelberatungen dringt bald zu Fritzsche; die Schmarotzer haben nun, nach den Preiserhöhungen, nicht nur kein Recht, sondern auch kein Interesse mehr an den Waren. Der Umsatz sinkt doch nicht in dem Maß, wie Fritzsche nach den eingezogenen Karten und ausgestrichenen Namen berechnet hat. Er muß einigen Familien die Anzahl der Pfunde, die sie verlangen, verringern. Bald sind nicht nur Kisten und Kasten leer, sondern es liegen wieder eine Anzahl von Beschwerden beim Magistrat vor. Die Preise steigen weiter. Ehe er noch zum Magistrat geht, läßt er folgende Anzeige in den Zeitungen erscheinen: Warnung an unsere Mitglieder. So sehr Sie alle von der Wohltat unsres Instituts überzeugt sind, so beklagens- und rügenswert sind neuere Vorfälle, welche von Angehörigen einiger Mitglieder herbeigeführt, unsern reinen Zweck besudeln können. Wir warnen Sie pflichtgemäß, sich nicht von gewissen Wölfen in Schafskleidern zu einem Mißbrauche Ihres Rechtes verleiten zu lassen. Nur zu Ihrem eigenen Bedürfnis dürfen Sie die Ihnen in unserm Magazin zugeteilten Waren verwenden. Den Zuwiderhandelnden werden wir nicht nur streng mit sofortigem Ausschluß bestrafen, sondern auch den Behörden zur Untersuchung überweisen. Sie können unmöglich verlangen, daß der Vorstand für ihre Vergehen büße. Keinem Mitglied wird je wieder Ware zugeteilt, wenn es nicht stets seine Karte vorzeigt. Eilenburg,den 11. Juni 1851.                          Der Vorstand. Herr Wagner will Fritzsche auf dem Magistrat vertreten. Er hat nun die feste Gewißheit, daß eine organisierte Hetze gegen Fritzsche betrieben wird: Fritzsche täte sich ein gutes Leben auf Kosten der Käufer an. Mit Arbeitern könne er jeden kaufmännischen Kniff machen. Darum sei Fritzsche auch so eilig mit dem Ausschluß der Bessergestellten und Handwerker gewesen: er wolle keinen Fachmann über sich und dulde keinen Intelligenten in seiner Nähe, aus Angst, sie könnten ihn kontrollieren. Fritzsche kann nichts gegen diese Angriffe unternehmen, weil sich kein Verantwortlicher stellt; wenn er durch die Stadt geht, grüßen ihn frühere Freunde mit gutgespielter Herzlichkeit; indem sie auf die Klatschmäuler schimpfen, sagen sie ihm die infamsten Gemeinheiten wieder. Indessen sie den Führer verleumden, loben sie die Genossenschaft als Segen für die armen Leute. Fritzsche sieht: der Kampf geht nicht mehr gegen sein Werk, sondern nur gegen seine Person. Darüber macht er sich keine Gedanken mehr. Er fühlt sich stark genug, auch diesen Kampf durchzuhalten. Hat sich das Werk Anerkennung errungen, so wird auch der Führer die Widerstände besiegen. Wieder bekommt er eine Einladung zum Magistrat; am 20. Juni geht Fritzsche aufs Rathaus. Der Schreiber liest ihm einen Brief der königlichen Regierung voll umständlicher Formeln vor. Dann aber hört er einfach, klar und unzweideutig: »Dem Magistrat eröffnen wir, daß die Assoziation zur Beschaffung von Lebensmitteln in ihrem statutenmäßigen Bestande nicht verhindert werden kann!« Fritzsche bittet um eine Abschrift. Er geht sofort zu Wagner auf die Rechtsanwaltsstube; selbst der Notar beglückwünscht ihn und erklärt die Anerkennung als einen großen Sieg. Herr Wagner schreibt auf die Mitteilungstafel, kalligraphisch schön, wie immer: »Die Königliche Regierung hat entschieden, daß die Assoziation zur Beschaffung von Lebensmitteln in ihrem statutenmäßigen Bestande nicht behindert werden kann.« Diese Kunde durchzieht die ganze Stadt: in allen Handlungsgeschäften, Gasthäusern, Arbeitsstätten wird das Ereignis besprochen. Es fluchen die einen, die andern jubeln: die Krämer haben diese Schlacht verloren, der Fritzsche und die Seinen haben gesiegt. Nun kann Fritzsche, der juristischen Ordnung halber, die 400 Taler Kaution auf sein Erb und Eigen eintragen lassen. Mit Wagner, dem Fachmann, bespricht er die Sache. Wagner macht ihn darauf aufmerksam, daß bei der Eintragung für die Genossenschaft das Einverständnis und die Unterschrift aller gegenwärtigen Mitglieder vonnöten sind. Da gleicherweise auch wieder bei der Löschung derselben alle diese Unterschriften aller derzeitigen Mitglieder auf dem Antrag stehen müssen, so sieht jeder ein, das dies nicht geht. Wie sollte man nach Jahren späterhin von jedem einzelnen Mitglied die Unterschrift einholen? Sollte ein einziger Name fehlen, so bekommt Fritzsche die Hypothek nie wieder von seinem Haus herunter. Dem Sinn nach soll die Kaution für die Genossenschaft genügen und für Fritzsche erträglich sein. Also hat Wagner einen verzwickten Vertrag ausgearbeitet, der für beide Teile annehmbar ist: Sicherheit für die Genossenschaft und Garantie der Löschung für Fritzsche. Am 24. Juni gehen Vogel und Fritzsche zum Notar Hanke, der diese knifflige Sache mundgerecht gemacht hat. Sie hören hier den Wortlaut in etwas geänderter Form zum letzten Mal. Dann gehen die beiden zum Kreisgericht, um dort die Eintragung ins Grundbuch machen zu lassen. Doch der Richter kann sich nicht entschließen, einfach Lebensmittelgenossenschaft hinzuschreiben. Nach langen Verhandlungen einigen sie sich auf diese Formel: »Für den Vorsteher der sogenannten Lebensmittelassoziation, zur Zeit Färbermeister Friedrich Vogel, eine Kaution von 400 Talern auszustellen!« Am 10. Juli ist die Urkunde, der Hypothekenbrief, in die Hände des Vorstehers Vogel gelegt worden. So kann denn die Generalversammlung auch hiervon Kenntnis nehmen. Herr Wagner kann den Verdächtigungen, die von den Händlern ausgestreut sind, entgegentreten. Am Vorabend der Versammlung trifft sich der Vorstand. Mit allen nötigen Dokumenten ausgerüstet, übernimmt Wagner den Vorsitz. Das erste Jahr ist zu Ende. In der Kasse sind genau 400 Taler Überschuß, der Umsatz beträgt 8000 Taler, die Mitgliederzahl beträgt 399 Familien. Fritzsche fühlt sich durch diesen Abschluß für alle Leiden und Mühen entschädigt. »Bis morgen Abend bei Krieger!« so verabschieden sie sich. Sie freuen sich alle auf den Triumph, den der 14. Juli der Genossenschaft bringt. Zwanzigstes Kapitel Am 14. Juli steigt die Sonne strahlend aus den Feldern. In den Sonnenaufgang hinaus tritt Glubsch aus seinem Häuschen, den Topf mit Grütze unterm Arm. Seine Augen suchen den Horizont nach einer Wetterwolke ab: nirgend ein Zeichen für kühlenden Regen. »Da wird es heute wieder hübsch heiß werden am Kessel!« denkt er. Auf den Straßen ziehen die Schnitter zu den Feldern, Erntewagen rollen über die Muldebrücke, Bauernkarren hoch mit frischem Klee beladen, kommen ihm entgegen. Glubsch sieht nicht mehr gern in die bunte Fröhlichkeit des Morgens hinein. Er ist, seitdem der Monteur und Herr Degenkolb ihm mit dem beschwerten Sicherheitsventil die Ruhe raubten, wie im Kreuz zerbrochen. Da hört er im Felde, 100 Schritte von der Straße, Geschrei und Rufen. Ein Mann ist aus einem Strohhaufen aufgestanden und hebt flehentlich die Hände. Die Knechte und Mägde schreien, bilden einen Kreis um ihn und johlen, daß Glubsch es bis auf die Straße hören kann. Er rennt hinzu. Er tritt in den Kreis und stellt sich neben den Mann, der in einfachen Kleidern, blaß und elend, sich mit gefalteten Händen zu Glubsch kehrt. »Er ist aus der Festung entsprungen. Hat Verwandte in Eilenburg. Er ist ein Verbrecher, gestern ist es vom Polizisten ausgeschellt worden. Wir liefern ihn beim Gendarmen ab, dann bekommen wir eine Belohnung«, sagt der Oberknecht. »Stimmt das?« wendet sich Glubsch an den Mann. »Glaubt es nicht! Glaubt es nicht! Ich bin ein redlicher Arbeiter, der kein Geld hat, in der Herberge zu schlafen. Ich reise nach Chemnitz, um dort Arbeit zu suchen. Ich komme von Berlin; hier meine Papiere!« »Komm mit! Ich geh nach Eilenburg. Ist deine Jacke rein, so wird dich auch der Eilenburger Gendarm laufen lassen müssen!« sagt Glubsch. Seine bestimmte Art schüchtert die andern ein. »Wär' er ein Bauernknecht, wie ihr, so sagte ich: ›Nehmt euch seiner an und macht mit ihm, was ihr wollt!‹ Weil er aber ein Arbeiter ist, wie ich, so übernehm' ich ihn!« Tatsächlich lassen die Knechte die beiden gehn. Kaum sind sie an der Straße, da sagt der Fremde: »Du, die Bauern haben recht. Ich bin aus Küstrin entsprungen. Man sucht mich. Ich hab Verwandte in Eilenburg; die möcht' ich besuchen. Wollte zur Nacht hin, war zu müde, hab mich verschlafen. Wo kann ich mich verbergen, bis es wieder Nacht wird?« »Wie lange mußt du noch sitzen? Weswegen haben sie dich verurteilt?« fragt Glubsch. »Zwei Jahre hab ich nun um, acht Jahr soll ich noch büßen, nein, eher verreck ich! Ich hab' in Dresden für die Freiheit gekämpft!« »Gut! Ich werde dich mit in die Fabrik nehmen. Wir gehen durch das Hintertor, kannst dich im Holzlager verkriechen!« »Habt Ihr einen Bissen zu essen? Ich bin krumm vor Hunger!« »Hier nimm! Es ist zwar kalte Grütze, aber gut mit Speck gekocht!« Glubsch reicht ihm sein Kesselchen. Der Mann setzt den Topf an den Mund und schlürft den dicken Brei herunter, bleibt einen Augenblick stehen, geht dann weiter, saugt, kaut, schlürft, bis nur noch Reste an den Kesselwänden und am Boden hängen. Glubsch reicht ihm einen Kanten Brot, gierig streicht der Fremde im Gehen den Topf aus. Glubsch überlegt, ob sie nicht lieber auf den schmalen Wegen zwischen den Gärten gehen sollen. Da rollen die ersten Fuhrwerke heran. Sie werden von Landleuten in kleinen Wägelchen überholt. Ein anderer Arbeiter kommt, er besieht den Fremden scheu von der Seite: »Du bist kein Eilenburger?« »Ich hab' Verwandte hier!« sagt der Mann, »die unterstützen mich.« Sie gehen eine Weile zu dritt. Plötzlich springt der Fremde mit einem großen Satz in den Straßengraben, rennt übers Feld und will in dem kleinen Wäldchen verschwinden. Zwei Reiter kommen an. Einer ist der Gendarm, der andere scheint ein Soldat zu sein. Sie haben den Flüchtigen erspäht und sind in wenigen galoppierenden Sprüngen über den Graben. Der Gendarm überreitet den Fliehenden; der wälzt sich auf der Erde, springt auf und will mit Gewalt weiter. Der Gendarm ist mit einem gewaltigen Satz vom Pferd und hat den Flüchtigen beim Arm gepackt. Mit der Linken schlägt er ihm zwischen Hals und Nacken, stößt ihn über den Graben zurück auf die Straße. »Such' den zweiten!« ruft er dem Reiter zu; der galoppiert davon. Der Gendarm nimmt einen Riemen vom Sattelgepäck. Nun begreift der Fremde erst, daß es mit seiner Freiheit zu Ende ist. Er steht zwischen den beiden Arbeitern und dem Gendarmen. Verzweifelt sieht er die beiden an. Er sackt in die Knie, als wolle er in die Erde sinken. Faßt die Arme und hält die Hände unter den Achseln. Der Gendarm schlägt ihm mit dem Riemen um den Kopf. Der Fremde will einen Sprung machen, doch die Schlinge hängt ihm schon um den Hals. »Macht, daß ihr fortkommt!« schreit der Gendarm die Arbeiter an; er hat schon einen Fuß im Steigbügel. Der Gaul bäumt sich ungeduldig auf, der Aufsprung reißt die Leine hart an, der Gefangene wird an die Hinterbeine des Tieres geschleudert. Er würgt in der Schlinge, will mit den Händen an den Riemen. Da ruft der Gendarm: »Knochen runter! Sonst mach' ich Galopp!« Er trabt auf Eilenburg zu. Der Fremde rennt hinter dem Gaul her. Die beiden Arbeiter sehen dem Unglücklichen nach, bis er hinter den Häusern verschwindet. Nun hören sie nur noch von fern das Geklapper der Pferdehufe. Glubsch steht da, die Fäuste geballt, die Augen auf den Boden gerichtet, der andere Arbeiter spuckt aus, klopft Glubsch auf die Schulter und sagt: »Dem ist nicht mehr zu helfen. Gott bewahr uns vor allem Übel!« Glubsch knirscht mit den Zähnen und geht langsam voran. Als Erster ist er vor dem Tor und sagt dem Nächsten, der ankommt, daß heute nicht gearbeitet wird. Glubsch erzählt Gleichgültiges. Es kommen immer mehr Leute. Der Pförtner schließt auf; Glubsch steht mit dem Rücken vor dem Törchen und redet den Arbeitern zu. Sie sollen warten, bis sie alle zusammen sind. Einige sind ungeduldig, doch sie kennen Glubsch als einen ruhigen und besonnenen Mann. Sie warten; der Pförtner brüllt die Leute an. Glubsch zieht das Törchen zu und stellt sich auf einen der großen Prellsteine. Dann sieht er über die Köpfe der 200 Leute, Arbeiter, Arbeiterinnen hin und fängt an zu sprechen. Er erzählt, wie der Betriebsleiter das Sicherheitsventil beschwert hat. Er erklärt ihnen die Wirkungen eines explodierenden Kessels und bekennt seine Schuld. Er bittet die Arbeiter um Verzeihung und fleht sie an, ihm beizustehen, daß diese fürchterliche Verantwortung von ihm genommen wird. Einer der Kontorschreiber, der nur wenige Worte gehört hat, ist unbemerkt zurückgelaufen und klopft Herrn Degenkolb wach. Ein Arbeiter ist zu Brade, dem Führer der Verbrüderung, gerannt. Fast gleichzeitig kommen Degenkolb und Brade an. Herr Degenkolb hört noch, wie Glubsch sagt: »Nun habe ich mein Gewissen von diesem Verbrechen befreit, nun kann Herr Degenkolb mich hinausschmeißen. Jetzt macht, was euch recht dünkt!« »Augenblick! Leute, ich erkläre euch das Gesetz und die Vorschriften. Dem Glubsch darf nichts geschehen! Er ist im Recht!« ruft Brade, »er hat uns verraten, ja, er tat es, um Weib und Kinder zu erhalten. Doch sein Arbeitergewissen hat ihm keine Ruhe gelassen. Ihr müßt nicht glauben, daß es allein bei Degenkolb so ist, nein, in allen Fabriken wird das Gesetz mißachtet, werden die Kesselmänner gezwungen, wider die Sicherheitsvorschriften zu handeln und das Leben der Arbeiter in Gefahr zu bringen. Die Feuerleute müssen sich fügen, weil sie sonst nirgends mehr eine Stelle als Heizer bekommen.« »Wir streiken!« ruft ein Arbeiter, »bis alles in Ordnung ist!« »Wir gehen zu Mitscherlich!« schreit ein junger Mann, »auf! In die Fabriken! Noch ist es Zeit! Sie müssen mittun!« »Wir gehen zu Prentzel!« ruft eine andre Gruppe. »Nach Bodemer wir!« »Zu Danneberg!« Fast die Hälfte der Arbeiter zieht, erregt durcheinanderrufend, ab. Brade beginnt das Gesetz vorzulesen: »Mit Zuchthaus bis zu zehn Jahren wird bestraft, wer...« »Halt! Kein Wort! Wer sind Sie? Ich bin der Fabrikbesitzer Degenkolb, der Angeschuldigte, – ich habe wohl das Recht, mich zu verteidigen!« »Es hat niemand Herrn Degenkolb angeklagt. Lediglich hat sich der Heizer Glubsch selbst beschuldigt, ein Staatsgesetz übertreten zu haben; und wenn Herr Degenkolb glaubt, sich verteidigen zu müssen, so mag er zum Königlichen Gericht gehen. Hier hat nur ein Arbeiter seine Schuld gegen seine Kollegen bekannt.« »Und die Folgen davon?« fragt Herr Degenkolb. »Die tragen wir! Wir stehen für unseren Kollegen ein!« ruft Brade. »Bravo! Richtig! Machen wir!« ruft es aus der Menge. Herr Degenkolb widerspricht: »Liebe Leute! Ihr wißt ja gar nicht, worum es sich handelt. Ich bin überzeugt, ihr seid irregeführt! Er war von Sinnen, der Heizer! Wenn er etwas wollte, so konnte er ja zu mir kommen! Von mir ist noch keiner weggegangen, dem ich nicht geholfen habe.« »Sie hätten zu uns kommen müssen! Es ist Ihr Kessel, es ist Ihr Heizer, den Sie gezwungen haben!« erwidert Brade. »Es geht um unser aller Leben, es geht um das Recht. Wenn er zu Ihnen gekommen wäre, dann hätten Sie ihn vertröstet. Wenn er sich gewehrt hätte, dann hätten Sie ihn herausgeworfen!« »Freiwillig hat er weitergearbeitet, nie hat er sich beschwert!« ruft Herr Degenkolb. »Niemand hat ihn gezwungen!« »Aber der Hunger, den Sie über ihn verhängen und die Liebe zu seiner Familie ließ ihn so handeln!« ruft Brade. »Doch gehen Sie und klagen uns bei Gericht an! Holen Sie doch die Polizei, die ja wohl gleich erscheinen wird!« Nun wird Herr Degenkolb ärgerlich: »Wer sind Sie überhaupt? Was wissen Sie? Nichts! Sie Fremder! Hergelaufener! Sie wiegeln mir die Leute auf und machen ganz Eilenburg rebellisch! Das kostet Sie Gefängnis!« »Ich bin Brade, ein Eilenburger, genau wie Sie! Nicht ich habe die Menschen rebellisch gemacht, sondern die Tatsache, daß Ihr Kessel jeden Augenblick durch Überlastung zerplatzen kann und dann 200 Arbeitern das Leben und die Gesundheit kostet. Vom ersten Tag, von der ersten Stunde an habe ich das gewußt. Ich habe nichts sagen dürfen, um Glubsch zu schonen. Ich habe inzwischen alles Material gesammelt, das der Willkür und dem Eigennutz der Herren den Hals brechen wird. Hier! Hier!« Brade hält eine Mappe mit Papieren in die Höhe: »Hier sind die Anklagen von mehr als 100 solcher Feuerleute, wie Glubsch einer ist. Hier sind die Gesetze und da, da –« Jetzt zeigt Brade mit dem Packen auf Herrn Degenkolb, »da steht der geistige Urheber eines solchen Verbrechens!« »Uhhhh! Bahhhhh! Uchuch!« Unartikuliertes Gebrüll läuft durch die Reihen der Arbeiter. Sie haben das Wort »Verbrechen« gehört, die Geste des Brade gesehen, obwohl die meisten nicht verstehen, was Brade meint. »Nieder mit den Herren!« schreit jemand; da rennen schon die ersten Fabrikjungen heran: »Die von Prentzel kommen, die von Danneberg kommen! Von Mitscherlich auch!« schreien sie. Jetzt marschieren die Gruppen heran, sie sind von Fabrik zu Fabrik gezogen und haben die Arbeiter zusammengeholt. Herr Degenkolb will ins Törchen, doch die Arbeiter lassen ihn nicht hinein. »Platz für Herrn Degenkolb! Keine Gewalt!« schreit Brade. Unterm Gejohle der Halbwüchsigen verschwindet Herr Degenkolb. An 300 Arbeiter kommen an. Sie wissen schon, worum es sich handelt. Brade rät ihnen zu einem Spaziergang durch die Felder, da unangemeldete Versammlungen verboten sind! Nun brüllen von den andern Fabriken die Sirenen. »Sie haben die Maschinen still gesetzt!« ruft ein Arbeiter. »Bei Prentzel ist es genau dieselbe Geschichte wie hier!« »Bei Ehrenberg auch!« schreit ein anderer. Zwei Mann bleiben, um den Späterkommenden Bescheid zu sagen. Die andern marschieren. Nach einer Viertelstunde gehen sie in einen Hohlweg hinein, lagern unter einer Eiche zwischen Heidekraut und Ginstergestrüpp, rekeln sich in der Sonne und warten auf eine große Rede des Führers. Der steht mit Leuten aus andern Fabriken zusammen. Sie beschließen, von jedem Betrieb einen Vertrauensmann zu wählen, sie sollen bei den Fabrikherren verlangen, daß man ihnen die Kontrolle über die Sicherheitsventile gibt. Freiwillig melden sich die, die diese Forderung überbringen wollen. Brade schreibt sie in sein Buch. Zugleich sollen sie auch die Aborte nachsehen und die Ankleideräume für die Frauen, die Waschgelegenheiten und die Sicherheitsvorrichtungen. »Dies müssen wir alles unter unsere Kontrolle bringen, wir müssen unablässig darauf bestehen, daß da keine Unordnung herrscht.« Da drängt sich ein Mann von 60 Jahren zu Brade hin, sieht ihm ins Gesicht und schreit: »Seid Ihr verrückt? Glaubt Ihr, wir wären wegen Scheißhaus und Waschtopf aus der Fabrik gegangen und Euch nachgelaufen! Kollegen! Es geht gegen die Herren: Weniger Arbeit! Kollegen! Es geht für uns: für höheren Lohn!« »Bravo! Bravo! Mehr Lohn!« Hunderte scharen sich dicht um Brade und machen eine Gasse auf, durch die der Mann bis an die Eiche geht. Der Mann geniert sich nicht, er ruft in die Menge hinein, die jetzt wie aus einem Munde antwortet: »Mehr Lohn! Mehr Lohn!« »Platz für Herrn Hanisch! Platz für die Polizei!« rufen nun die Leute. »Herr Hanisch will reden!« »Nieder mit der Polizei! Mehr Lohn! Mehr Lohn!« Ununterbrochen, ohne Ende, schreien mit voller Lungenkraft 300 Männer: »Mehr Lohn! Weniger Arbeit! Mehr Lohn!« Da hebt der alte Mann seine Hände und sagt: »Kollegen! Leute! Seit vielen Jahren hab ich gehofft, daß ich den Tag noch einmal sehen würde! Aber nun möchte ich weinen vor Freude und vor Zorn. Vor Freude, weil sich die Arbeiter einmal zusammengefunden haben, um für einen bedrängten Kollegen einzustehen und vor Zorn möchte ich weinen, daß ihr die Hauptsache vergessen habt! Wir müssen bei dieser Gelegenheit unser Elend und unseren Hunger in die Welt hinausschreien; denn, was helfen uns alle Verbrüderungen und Assoziationen, wenn unsre Fäuste nicht hinter unserm Willen und unserm Verlangen stehn! Kollegen, weniger Arbeit! Kollegen, mehr Lohn!« »Mehr Lohn! Mehr Lohn!« Heulend und brüllend schreit es der Kreis der Dreihundert. »Der Brade führt uns in die Stadt, wir schreien es auf allen Straßen aus, wir rufen es vor der ganzen Gemeinde aus. Wir gehen vor die Fabriken und ziehen vor das Rathaus, alle, aber auch alle, Herren und Knechte, sie sollen hören, was wir wollen und was wir haben müssen!« So spricht der Alte und geht voran. »Mehr Lohn! Mehr Lohn!« schreit die Menge. »Bravo! Bravo! In die Stadt! Alle vor die Fabriken!« rufen einige Leute. »Und unsre Vertrauensleute?« fragt Brade, »was sollen die tun?« »Das kann man morgen sehn und übermorgen und noch lange! Denn die Arbeit ist immer!« Glubsch ruft es über die Menge hin. »Es wird noch lange gewebt und gedruckt, auch, wenn wir alle nicht mehr sind! Aber jetzt: In die Stadt! Vor die Fabriken!« »Bravo, Glubsch, Bravo, Alter!« Mit Gesang marschieren schon die Truppen zu sechs und acht der Stadt zu. Da kommt ihnen ein neuer Arbeiterzug entgegen. Eine Wolke Staub legt sich auf die Felder. »Ins Wäldchen dort! Da ist es kühl!« ruft der Führer. »Da wollen wir auf die andern warten!« Sie gehen alle auf das Wäldchen zu, klettern auf die Bäume, sehen neue Trupps anmarschieren. Die Jungen rennen den Kommenden entgegen, es sind wieder 100, die nachträglich die Fabriken verlassen haben. Sie entzünden sich gegenseitig mit Ausrufen und Grüßen, stehen in Gruppen, liegen auf dem Boden. Nun fangen einige an zu singen, es ist das Arbeiterlied, das seit ein paar Jahren nicht mehr erklungen ist. Das Lied findet ungeheuren Beifall, immer wieder wird es gesungen; die Alten, die die Verse aus Angst und Not vergessen haben, erinnern sich plötzlich wieder der Worte. »Noch einmal warne ich euch vor Gewalttaten!« sagt Brade, »was auch kommt, über alles die Ehre der Arbeiterschaft! Zuerst ziehen wir durch die Hauptstraßen, nicht militärisch, sondern in losen Gruppen, über den Rathausplatz und gehen später an den Fabriken vorbei.« Sie marschieren durch die Hauptstraßen, Brade voran, dann die Vertrauensleute und hinterher die riesige Menge. Ganz Eilenburg weiß schon, daß die Arbeiter unterwegs sind. Der Magistrat hat ausschellen lassen, daß keiner der Bürger die Arbeiter anrufen oder hindern dürfe, und daß die Kinder in den Häusern gehalten werden sollen. Tatsächlich ist die Stadt wie ausgestorben. Hinter den Fenstern stehen die Bürger, die wenigen Fuhrwerke halten. Wenn Arbeiter vorüberkommen, schließen sie sich an, andere werden mit Zuruf begrüßt. Das Schreiten der nun auf 500 angewachsenen Menge dröhnt wie ein Gewitter durch Eilenburg. Am Rathaus zischt eine helle Stimme: »Mehr Lohn!« wie ein Blitz, dann donnert der Chor rollend, ununterbrochen: »Mehr Lohn! Mehr Lohn! Mehr Lohn!« Ungehindert ziehen sie wieder den Fabriken zu, um von dort an den Lehmberg zu gehen. An den Fabriken ist es unruhiger. Wer auch reden will, er wird von dem rufenden Schrei: »Mehr Lohn!« überdröhnt. Sie schreien es in die Fenster der Büros hinein, da sich kein Fabrikant kein Meister sehen läßt. Sie müssen schreien und schreien mit viel Begeisterung: »Mehr Lohn! Mehr Lohn! Mehr Lohn!« An der letzten Fabrik stehen über 100 Frauen und Mädchen. Sie schließen sich an, lassen sich erzählen, was geschehen ist und was geschehen soll. Die Straße und der Zug laufen auf ein Feld aus. Brade fragt die Arbeiter, ob sie den Streik durchhalten, eine Woche, vielleicht zwei oder mehr. Er macht sie auf die Gefahr der militärischen Besetzung aufmerksam. Zuletzt fordert er die Arbeiter auf, ihre Meinung auszudrücken: »Wer für die Durchführung eines Streiks ist, der bleibe auf dem Platze, die andern gehen auf die Straße, zur Stadt hin!« Die Menge bleibt geballt stehen. Keiner tritt aus der Reihe. »So seid ihr alle für den Streit?« »Nein, nein, nein!« Viele Stimmen rufen immer wieder: »Nein!« »Warum geht ihr denn nicht auf die Straße? Wer mit ›Nein‹ stimmt, der gehe auf die Straße !« Kein Bein hebt sich, um diesen Befehl zu befolgen. »Ihr könnt doch nicht: ›nein‹ sagen und doch stehen bleiben!« ruft Brade. »Also, wer mit: ›Nein!‹ stimmt, der bleibe hier, wer mit ›Ja‹ stimmt, der gehe auf die Straße!« Brade, Glubsch und eine Reihe Vertrauensleute gehen. Sie müssen weit vorangehen, denn alle folgen. Auf der Straße angekommen, ruft Brade: »Also nehme ich an, daß ihr alle für den Streik seid !« »Nein! Nein!« Hunderte von Stimmen rufen: »Nein!« Brade ringt verzweifelt die Hände, er geht auf das Feld zurück. Die Menge folgt ihm. Da tritt der alte Mann zu Brade und sagt: »Lieber Kollege ! Die Weigerung der Arbeiter, sich von den Kollegen zu trennen, müßt Ihr richtig verstehen; es will sich keiner von den andern trennen lassen, gleich, ob er für den Streik stimmt oder nicht! Sie möchten alle zusammenbleiben, alle stehen sie zu ihrem Führer, trotzdem sie seine Parole nicht annehmen können. Ob wir nun streiken oder nicht, das ist Sache der Fabrikanten; vielleicht sperren sie die Tore zu. Tun sie es, auch gut! Mögen die Vertrauensleute mit klaren Forderungen in die Fabriken gehen. Wir müssen nur noch das eine beschließen: Sollen wir morgen an den Toren sein?« Die Hunderte von Stimmen rufen: »Ja« und »Nein« durcheinander. »Wenn die Fabriken aufgemacht werden, ruf ich mit dem großen Heulhorn punkt ½ 5 Uhr«, sagt Glubsch. »Dann werden wir sehen, was zu tun ist!« sagt Brade. Nun zerstreuen sich die Arbeiter, erregte Gruppen reden. Singende marschieren, keiner spricht davon, aber alle denken sie im geheimen: »Wird morgen früh das Fabrikhorn tuten, wie alle Tage?« Fritzsche und der Vorstand sind mit im Zug. Herr Wagner sieht sie vorüberziehen. Der Notar steht hinter dem Fenster und sagt immerzu: »Das durfte nicht kommen!« Als die Leute vorbei sind, setzt er sich in einen Sessel und ballt die Fäuste auf den Tisch. »Warum durfte das nicht kommen?« fragt Herr Wagner. »Warum müssen die Arbeiter für die Versammlung solch einen Aufzug machen! Morgen weiß das Berlin! Morgen wird die Stadt zur Rechenschaft gezogen! Der Magistrat ist bis in die Knochen blamiert, – Eilenburg ein Aufrührernest! Ich gehe heut abend zu Herrn Bürgermeister!« Um drei Uhr schickt Herr Wagner den Jungen zu Fritzsche, ihn zu holen. Er kommt mit Glubsch an. Der Notar verbirgt seine Erregung hinter der einfachen Frage: »Warum muß die Genossenschaft den Sieg mit solchem Aufzug feiern?« Fritzsche sagt klar und einfach: »Der Streik hat nichts mit der Genossenschaft zu tun. Glubsch kann es Ihnen sagen!« Glubsch antwortet, klagt sich an. Erzählt die Sache mit dem Sicherheitsventil, dem Monteur und Herrn Degenkolb. Der Notar wird fahl vor Schrecken. Er fragt dreimal jeden einzelnen: »Und der Zug, der Streik, hat nichts mit der Genossenschaft zu tun?« Alle drei versichern ihm die Wahrheit. »Ich muß es glauben. Die Bürgerschaft kann es nicht glauben. Welch ein Unglück, daß diese zwei Ereignisse zusammenfallen. Herr Glubsch, warum haben Sie es nicht länger verschwiegen! Warum nicht noch acht Tage? Was hat Sie bewogen, der Arbeiterschaft grade heute die Sache mitzuteilen?« Glubsch zuckt die Achseln, er weiß nicht warum. Der Notar bittet ihn, nochmals den Hergang zu erzählen. Als er die Begegnung von Arbeiter und Gendarm schildert, springt der Notar auf: »Aus Küstrin entsprungen? Ein kleiner, schwarzköpfiger Mann? Verwandte in Eilenburg? Seit zwei Jahren gefangen, – acht Jahre muß er noch büßen? Wie sprach er: sächsisch oder berlinerisch?« »Er sprach hochdeutsch!« Da sinkt der Notar in den Sessel und reicht Glubsch die Hand: »Mann, Sie haben – meinen Sohn gesehen! Ich wußte; daß er unterwegs zu mir war. Sie wollten ihn retten! Nun wird er zum Tod verurteilt, er hat auf der Flucht einen Wächter erschlagen!« »Herr Notar, er ist nochmals entkommen – er war mit im Zug – verbirgt sich, bei – Brade. Heut Nacht will er weiter.« Der Notar wirft sich auf die Tischplatte und stöhnt vor Glück und Elend, weint und lacht, ist wie von Sinnen. Herr Wagner hat die Tür verschlossen, holt eine Likörflasche und gießt seinem Herrn ein Glas ein. Der trinkt es wie Wasser herunter, – er ist wie irrsinnig vor Freude und Angst. Er will seinen Sohn sehen. Wagner schlägt vor, sich bei ihm im Hause zutreffen. Fritzsche soll die besten Kleider hinbringen. Glubsch schlägt vor, ihn als reisenden Buchbinder zu maskieren, der bei Fritzsche um Arbeit anspricht. Der Notar ist krank vor Aufregung. Sie müssen Doktor Bernhardi holen. Der schickt alle Anwesenden fort. Wagner wird wieder gerufen, er muß seinen Herrn zum Doktor fahren. Dann bekommt Glubsch den Auftrag, seinen Sohn als verletzten Arbeiter von Brade zum Arzt zu bringen. Fritzsche muß heim, er hat noch viel zu besorgen. Er schickt nochmals zu Wagner, er läßt Glubsch suchen, geht zu Brade. Er kommt in die Versammlung, ein Handwerkerredner spricht. Dieser fordert offen den Austritt Fritzsches und derer, die mit den Arbeitermitgliedern halten; er beschimpft die Streiker. Er schlägt die Einsetzung von wirklichen Bürgern und die Kontrolle durch den Magistrat vor. Fritzsche fordert und bekommt das Wort zur Entgegnung: »Verräter und Lügner wollen die Versammlung beherrschen, ehe sie noch eröffnet ist, ehe die beschimpften Mitglieder hier sind. Ich weiß, der Vorredner spricht nicht aus sich, er ist von Interessenten vorgeschoben. Ich wende mich zu diesen Feiglingen, die in seinem Namen fordern. Aus welchem Grunde fordert und verlangt ihr? Verfügen wollt ihr! Für wen wollt ihr das! Meine Herren! Wer ist ihr Auftraggeber? Bekennt offen und ehrlich, wer hat Interesse daran? Hörtet ihr in der Frühe die Heulhörner? Saht ihr die Gestalten der Arbeiter herankommen? Aus den Fabriken unterm Schloßberg? Hörtet ihr, wie sie über die Brücke marschierten? Hinein in die Stadt? Was riefen sie? ›Höhere Preise? Mehr Arbeit? Weniger Brot?‹ Viele Hunderte haben gezeigt, daß sie in guter Ordnung und bester Disziplin zusammenstehn; sie haben ihren Willen ausgesprochen in dem Ruf: ›Mehr Lohn! Mehr Brot!‹ Die Schritte auf dem Pflaster von Eilenburg klingen in den Zeitungen wieder, hallen bis an den Thron des Königs! Aber das sag ich: wird ein Fabrikant fähig sein, dem Volk mehr Brot zu verschaffen? Würden hundert Fabrikanten es können? Wird unser Magistrat die Kraft haben? Werden die Behörden, Legislaturen, Regierungen, Fürsten und Könige die Macht haben, dem Volk mehr Brot zu geben? Ich frage, wer antwortet?« Fritzsche steht aufgereckt am Tisch, sieht über die hundert Köpfe, die sich unter seiner Rede niedergeduckt haben, hin. Er erwartet einen Zwischenruf, einen Widerspruch. Er schlägt mit der Faust auf den Tisch: »Nun, Antwort! Hier die Frage: Wer kann Brot schaffen?« Wieder schweigt er eine Weile, hebt die Hand, wirft sie mit auffordernder Geste in diese, in jene Richtung – und als sich niemand meldet, spricht er in die drückende Stille hinein: »Wir können es! Wir haben bewiesen, daß das arbeitende Volk sich nur durch die Vereinigung aller Kräfte selber die Macht gibt. In der Genossenschaft wird die vereinigte Kraft des einzelnen zu Brot!« »Wo sind sie denn, eure Arbeiter?« ruft jemand, ohne aufzustehen. »Sie haben bessere Dinge zu tun, als eure Verleumdungen zu hören! Sie haben Tag um Tag 14 Stunden in düstern und rumorenden Fabriken schwerste Arbeit zu tun. Heut haben sie sich einen Tag frei gemacht, um ihren Willen zu bekunden. Ihr Herren, laßt euch gesagt sein, die Kraft der Arbeit ist das Blut und Leben des Vaterlandes, sie pumpen es hinein in alles das, was man Industrie und Handel nennt. Sind sie nicht auch die treuesten Mitglieder unserer Vereinigung? Setzen sie nicht am meisten an Geld und Waren um? Und ihr, meine Herren? Ihr steht bloß auf dem Papier und mit 10 Silbergroschen im Buch, – ihr holt die Ware bei den Händlern! Ihr seid bloß hier, um den Gewinn der Arbeiter mit zu teilen! Ich weiß genau, wer von ihnen bei uns eingeholt hat und wieviel! Ich weiß, wer nur ein Schmarotzer ist! Ich höre, daß die Schmarotzer am lautesten schreien! Ihr Schreihälse und Arbeiterverleumder, was habt ihr denn getan? Ihr tyrannisiert hier eine ordnungsmäßige Versammlung, wo ihr, eurem Wirken nach, gar nichts zu suchen habt. Ich protestiere gegen diese Beschimpfungen und gebe dem Herrn Wagner das Wort, damit die Versammlung satzungsgemäß beginnen kann.« »Namen nennen! Großhälse, Schwätzer! Aufhören!« Pfiffe, Johlen, Rufen. Fritzsche setzt sich und bespricht mit Wagner, ob die Versammlung nicht wegen dem Fehlen der Arbeiter vertagt werden kann. Seit sieben Uhr ist der Vorstand schon im Saal, langsam kommen weitere Mitglieder an, nun sind weit über 100 Personen, auch einige Frauen, anwesend. Es ist gegen neun Uhr, die Arbeiter fehlen immer noch. Tatsächlich gibt Wagner, ehe er in die Tagesordnung eintritt, den Antrag zur Abstimmung, – es sind kaum zehn Hände für die Vertagung. Nun begrüßt Herr Wagner die Mitglieder, entschuldigt sich wegen der unbeabsichtigten Einleitung und berichtet das Geschäftliche. Dem Geschäftsführer, dem Vorsteher und dem Kontrolleur werden die Richtigkeit der Abrechnungen und Bücher bestätigt. Nun meldet sich der Malermeister Bläske zum Wort. Stürmischer Beifall der Versammlung, der noch anhält, als er schon zur Rede fertig dasteht. Herr Bläske entschuldigt sich zuerst bei den Mitgliedern des Vorstandes, daß er gezwungen ist, die Opposition zu vertreten. Er läßt sich durch die Zurufe bestätigen, daß die Mehrheit mit ihm einverstanden ist. Zögernd und doch siegessicher erklärt er, daß die Handwerkerfamilien mit dem Kurs des Herrn Fritzsche nicht einverstanden seien. Die Absicht, eine eigene Mühle zu kaufen, könnten sie nicht gutheißen. Weder zu diesen noch zu sonstigen Produktionen, die die Lieferanten überflüssig machen, würde er noch seine Freunde zustimmen. Brausender Beifall. Die wenigen Stimmen der Gegner können nicht durchdringen. »Ich beantrage: Das Amt des Geschäftsführers ist von Fritzsche auf Wagner zu übertragen. Begründung: Jeder sieht es klar, daß Fritzsches Sympathie mit den Arbeitern keine guten Früchte gezeitigt hat. Der Haß der ganzen Bürgerschaft ist auf Fritzsche gefallen, er überträgt sich durch ihn auf die Mitglieder! Der Sache wegen muß Fritzsche zurücktreten! Grade jetzt, da die Regierung uns die Genossenschaft nicht verboten hat!« Tobender Beifall, Händeklatschen und Trampeln. Da bittet Färbermeister Vogel ums Wort. »Also, Herr Bläske! Gegner unsres Geschäftsführers Fritzsche! Was hat denn Fritzsche getan? Zuerst hat er, als er vor anderthalb Jahren begann, lange nachgedacht, wie dem verarmten Volk in etwas zu helfen sei. Als er dann endlich den Plan zusammenhatte, fehlte es an Geld! Es waren über 220 Taler nötig, um die notwendigen Waren zu kaufen, in bar natürlich, denn er wollte nicht den Wucherern in die Hände fallen. Wißt ihr, was 200 Taler sind? Das ist der ganze Jahresarbeitslohn eines fleißigen Mannes! Diese für uns unerschwingliche Summe hat er sich für uns zusammengeliehen. Er hat die Verantwortung für das Geld auf sich genommen. Dann hat er sein Haus als Lokal zur Verfügung gestellt, er hat von früh bis spät gearbeitet, – seine Frau und seine kleine Tochter haben ihm geholfen. Nach 14 Tagen haben 300 Mitglieder von dieser segensreichen Einrichtung Gebrauch gemacht. Die Händler haben jedes einzelne Mitglied boykottieren, durch Hunger zwingen wollen, Fritzsche und der Genossenschaft untreu zu werden. Kein Wunder, denn es waren schon 6000 Taler, die nicht durch die Läden gegangen sind und ihre Prozente daließen. Als nun vor wenigen Wochen die Regierung endlich die schriftliche Bestätigung an den Magistrat sandte, daß ein Grund zum Verbot für die Regierung nicht vorliegt, da hat Fritzsche gleich zur größeren Sicherheit der Mitglieder und der Lieferanten 400 Taler Kaution auf sein Eigentum eintragen lassen. Nun sagt mir doch, was habt ihr gegen den Mann? Er opfert sich, – nicht für das Wohl einer kleinen Gruppe, nicht für einen Stand: Er arbeitet, um dem armen, deutschen Volk zu zeigen, daß man nur durch Selbsthilfe bessere Zustände schaffen kann. Fritzsche hat den Besserwissern im Land und bei den Behörden gezeigt, daß dieses von ihnen verachtete deutsche Arbeitsvolk sich selbst eine höhere Ordnung schafft als die der Hungerpeitsche und die des Sklavendaseins. Hunderttausende, Millionen armer Arbeiter und verarmter Handwerker werden diesem Beispiel folgen, das unterdrückte deutsche Volk wird diesen Gedanken der Selbsthilfe aufgreifen und im Kampf gegen die brutale Macht des Geldes benützen, um endlich einmal frei zu werden!« Wütendes Schreien unterbricht den Redner: »Abstimmen lassen! Zur Tagesordnung!« »Weiterreden lassen!« »Schluß mit Fritzsche!« »Abstimmen!« Vogel brüllt mit aller Macht: »Wer sich an dem Mann vergreift, der ist ein Söldner des Geldes und ein gekaufter Agent! Pfui und Schande über diese erbärmliche Kreatur!« Da steht Herr Bläske erregt auf und ruft die Versammlung zur Ruhe. »Wort erteilen lassen!« hallt ein Zwischenruf. »Wir geben uns selbst das Wort! Was Vogel sagt, das ist eine Beleidigung, das ist eine Schmach! Fritzsche hat uns bei den Behörden bis nach Berlin als aufrührerische und undankbare Stadt unbeliebt gemacht! Man nennt diese Genossenschaft eine ›perfide Erfindung des Kommunismus, eine perverse Ausschweifung der demokratischen Machtbegier, eine Kriegskasse des Sozialismus!‹ Fritzsche mag das alles nicht gewollt haben! Unsere Aufgabe ist, der Stadt Eilenburg den guten Namen bei den Behörden wieder herzustellen.« Pfui-Rufe. »Nieder mit ihm!« Herr Bläske ruft: »Ich bin dafür, daß ...« »– ich bin dafür ...« Jemand aus der Gegend an der Eingangstür unterbricht ihn. Bläske ruft noch mächtiger und lauter: »Ich bin dafür, daß ...!« Die Tür fliegt weit auf, großer Lärm dringt herein, Scharren, Rufen, eine Stimme dröhnt durch den Saal, daß viele erschreckt auf, springen: »Ich bin dafür, daß Fritzsche Dankbarkeit erntet«, – alle sind aufgestanden und sehn zur Tür hin. »Ja, ich bin der Heizer Glubsch, Mitglied vom ersten Tag an, hier ist meine Nummer. Hinter mir kommen noch hundert und mehr Mitglieder, die bisher verhindert waren.« Der Saal füllt sich mit Leuten, lärmenden, rufenden Arbeitern; sie bestellen Bier und setzen sich mit ungenierter Gemütlichkeit auf Stühle und Bänke. Die Versammlung wird auf fünf Minuten unterbrochen. Die Arbeiter bekommen ihr Bier und trinken. Herr Bläske verzichtet unter diesen Umständen aufs Wort. Der Färbermeister Vogel, gegen den auch ein Antrag vorliegt, nimmt nun das Wort und bespricht kurz den Verlauf der Versammlung, knüpft an die Worte des Herrn Bläske an und bringt den Antrag: »Fritzsche ist durch einen andern Herrn zu ersetzen« zur Abstimmung. Nun stehen 200 Arbeiter gegen 100 Handwerker auf, viele Handwerker verlassen den Saal. Wagner legt die Kasse samt den Papieren wieder in die Hände Fritzsches zurück. Nachdem ein Handwerker den Wunsch seiner Genossen ausgedrückt hat, daß trotz aller Schwierigkeiten die Genossenschaft weiterhin zur Stärkung der nichtfinanzkräftigen Stände beitragen solle, geht ein weiterer Teil der Handwerker ab. »Bei uns bleiben! Mit uns kämpfen!« ruft eine Stimme. »Wenn nun wirklich ein großer Teil der Fabriken die Tore zumacht, was dann?« fragt Fritzsche Herrn Wagner. Färbermeister Vogel geht zu den Arbeitern: »Es ist am besten, wir schließen die Versammlung.« »Wenn nichts dazwischen kommt, auf Wiedersehn in diesem Saal heute in drei Monaten!« sagt Herr Wagner. Die Arbeiter disputieren eifrig. Niemand weiß, was morgen sein wird. Fritzsche und Wagner hören auf die Arbeitsleute; es ist eine rauhe Sprache. Die Arbeiter reden weniger von dem, was morgen kommen wird, als von den Zuständen, die sie so lange stumm getragen haben. Sie reden von Maschinen, Webstühlen, schlechten Waren, Vorarbeitern und Meistern, Lohnabzügen und schlechtem Akkord, von Kisten schleppen, Ballen schleifen, Nässe und Hitze, dampfenden Kesseln und verschmierten Farbtrögen, schlechtem Lohn und hohen Preisen. An einem Tische werden die Unfälle und Fährnisse der letzten Zeit besprochen: Verbrühungen, zerplatzende Rohre, zerreißende Riemen, in Zahnrädern zerquetschte Hände, Webschiffchen, die aus der Schmette fliegen, Augen aushauen, Zähne einschlagen. Da webt, spult, tobt eine andre Welt, von der zu hören Fritzsche und Wagner früher gegraut haben. Sie sehen, hier wird sich des Lebens gewehrt, hier ist Kampf auf Leben und Tod, von dem das andre Eilenburg nichts weiß. Fritzsche und Vogel hören zu. Hier lernen sie verstehen, daß jedes Mittel der Arbeiter, sich zu helfen, sich gegenseitig beizustehen, grade gut genug ist. Hier lernen sie Menschen kennen, die vor Kraft überschwellen, trotzdem sie arme, ausgemergelte Tagelöhner sind vor Gott, aller Welt, leben und Taten keine Angst mehr haben. Stehen sie morgen vor dem Nichts, es ist ihnen gleichgültig. Stehen sie morgen vor den Maschinen, es ist ihnen auch egal. Fritzsche weiß, wo sie auch stehen, sie stehen ihren Mann. Bis 2 Uhr sitzen sie noch bei den Arbeitern. Sie haben heute gefeiert und sind nicht müde. Fritzsche geht mit seinen alten Freunden nach Hause. Frau Fritzsche hat das Abendessen noch auf dem Tisch stehen. Sie trägt für die Freunde mit auf. Um 4 Uhr gehen sie hinaus; um ½ 5 Uhr blasen die Heulhörner zur Arbeit. Also keine Aussperrung! »Aber der Kampf geht weiter!« sagt Vogel und stößt Wagner an: »Da mögen die Fabrikanten wohl alle schweren Geschütze aufgefahren haben, wenn sie mit den Vertrauensleuten verhandelten. Das wär ein Arbeit für Fritzsche gewesen!« »Nein, die Arbeiter haben die Maschinen hinter sich, ihr schweres Werk, ihre Familien, die Lasten alle – die rammen besser in alte Vorurteile und private Gesinnungen ein als gut gesetzte Worte.« Fritzsche geht noch bis auf die Torgauer Straße, an der Glubsch vorüberkommt, wenn er zur Fabrik will. Er verabschiedet sich von den Freunden: »Der Kampf geht weiter!« Spät in der Nacht schickte Brade den Heizern einen Jungen mit dem Bescheid, daß die Kessel wieder angeheizt werden sollen. So findet Glubsch den Weg in die Fabrik zurück, von der er schon im geheimen Abschied genommen hat. Heute muß er noch früher als sonst da sein, weil das Feuer ausgegangen ist. Eine halbe Stunde vor Beginn zieht er das Heulhorn; das ist der Ton, auf den ganz Eilenburg wartet. Genau so, wie sonst, gehen die Arbeiter in die Fabriken, genau wie sonst geht das Geräder los. Bei Degenkolb finden viele von den Webern an ihrem Stuhl den Riemen abgeschlagen und fortgenommen, andere finden an ihren Farbkufen und Werkplätzen einen Zettel, der sie bis zum Abend nach Hause schickt. Der Betriebsleiter hat, damit Dampf gespart wird und das Sicherheitsventil nicht unter der Beschwerung steht, eine Kolonne Weber, eine Reihe Färber und sonstige Arbeiter zur Nachtschicht ausgewählt. Eine große Umwälzung: es wird nur noch zwölf Stunden, aber in zwei Schichten, von 6–6 Uhr, gearbeitet. Die Nachtschichtkolonne sammelt sich am Tor. Der Betriebsleiter sagt ihnen, daß dies eine Verabredung mit den Vertrauensmännern sei. So geht die Kolonne still und nachdenklich aus der Fabrik fort. Unterwegs überschlagen die Arbeiter die Stunden, die sie täglich verlieren, rechnen sie auf den Wochenverdienst zusammen und sind mit der Neuordnung gar nicht einverstanden. Am Ende sind sie froh, daß es nicht zur Entlassung gekommen ist, von der man sprach. Dann müßten an 50 Mann zu Hause bleiben. »Es sind ja 18 Stunden, die uns jede Woche verloren gehen!« klagt ein alter Weber, »wie sollen wir da den verlorenen Lohn herausholen!« »Dann nur alle Mann in die Lebensmittelgenossenschaft hinein! Wenn ihr alle wieder mit hingeht, dann gehe ich auch!« sagt ein Weber. »Der Prinzmann hat gesagt, Herr Degenkolb schmeißt deshalb keinen aus der Arbeit!« »Es ist auch nicht wegen Herrn Degenkolb«, widerspricht ein Färber dagegen, »es ist wegen der Polizei. Auf einmal wird der Liste nach verhaftet und wir sitzen drin!« »So ist es! Die Polizei ist klüger als wir!« rät ein anderer, »sie läßt uns aufs Eis gehen und wenn wir da tanzen, schnappt sie uns. Ich mach nicht mit!« »Ach was, Leute! Etwas riskieren müssen wir schon!« widerspricht der Vertrauensmann. Sie gehen an den andern Fabriken vorbei, nirgendwo ist etwas zu sehen. »Da können wir gleich wieder eine Parzelle pachten und in den freien Stunden gärtnern!« sagt der alte Weber. Sie trennen sich. In der Fabrik sucht Glubsch nach dem Vertrauensmann; er will wissen, was da gestern gesprochen worden ist. Erst zu Mittag, als eine Reihe Arbeiter ins Kesselhaus kommen, trifft er Freunde des Vertrauensmanns. Sie sagen überall: »Wer etwas wissen will, soll zur Versammlung kommen, die Brade einberufen hat!« Die große Menge ist gar nicht neugierig auf die Erfahrungen der Vertrauensmänner; sie haben genug mit der Arbeitsverkürzung zu schaffen. Glubsch wird für den Schaden verantwortlich gemacht. Die Sache mit dem Sicherheitsventil hätte so lange gut gegangen, es würde auch weiterhin gehen, wie es bei Prentzel und Dannebaum geht. Glubsch erinnert sich, wie Wagner bei Fritzsche einmal über die Stimme des Volkes sagte: »Gestern Hosianna, heute kreuzige ihn!« Da kann Glubsch nichts machen, er kann nur sehen, daß er den Dampf immer auf der Vier hält, keinen Strich drunter, damit die Maschine nicht an Touren verliert. Er muß jetzt die Kohlen selber fahren, denn Bittkow ist Nachtheizer geworden. So sehen sich die Beiden nur noch bei der Ablösung und am Sonntag. Zwischendurch werben sie für die Genossenschaft. Sie preisen als neue Ware die Steinkohle an, die Fritzsche seit einiger Zeit aufgestapelt hat. Da der Vorstand beim Steinkohlenhandel ein zu großes Risiko befürchtet, verkauft Fritzsche sie auf eigne Rechnung. Es haben sich eine Reihe Familien zu einer Kohlensparkasse zusammengeschlossen. Fritzsche liefert ihnen Steinkohle wagenweise. Die Sparer teilen sie unter sich auf. Diesem Steinkohlenverein schließen sich eine große Anzahl Leute an, die nichts mit der Genossenschaft zu tun haben wollen. Die Furcht vor den Listen und der Polizei ist zu groß. Fritzsches Sorge ist der Rückgang der Mitgliederzahl. Seit dem Streik und Feiertag ist es bei den Bürgern eine ausgemachte Sache, daß die Bildung des Lebensmittelvereines von den radikalen Elementen ausgeht. Am 13. September bekommt Fritzsche eine Einladung vom Magistrat. Der Sekretär liest ihm ein Schreiben des Königlichen Finanzamtes vor. Fritzsche versteht von dem zwei Seiten langen Briefe nur den einen Satz: »Die Assoziation ist als ein gewerbliches Unternehmen anzusehen und muß daher 18 Taler Steuer zahlen.« Der Bürgermeister fragt: »Was haben Sie zu diesem Beschluß zu sagen?« Fritzsche sieht auf und drückt die Knöchel auf die Tischplatte und sagt: »Da beantrage ich die allgemeine Handelserlaubnis, damit ich, wie jedes andere steuerzahlende Geschäft, an jede Person verkaufen kann. Ich ersuche also um die Erlaubnis zum Handel mit den bisher geführten Waren; außerdem bitte ich um die Konzession zum maßweisen Verkauf von Branntwein!« Fritzsche spricht, ohne sich auch nur einen Augenblick zu besinnen, diese Worte dem erstaunten Bürgermeister entgegen. Der Sekretär bringt die Anträge zu Papier. Fritzsche verlangt vom Schreiber, daß er die Steuer, die er für sein Steinkohlenlager entrichte, in Abzug zu bringen hätte; die sechs Taler seien bezahlt und da er nun ein öffentliches Geschäft hätte, so gehörten die Steinkohlen mit zu den Materialien. Da widerspricht der Bürgermeister und sagt, das müsse er ebenfalls einer kompetenten Behörde überlassen. Fritzsche ist unmutig; er will die Sache jetzt entschieden haben, denn wenn erst die Behörden sich klar werden müssen, dann kann es Jahre dauern. »Leider ist es im allgemeinen so, jedoch bei Ihrer Sache nicht der Fall!« sagt der Bürgermeister. »Wenn etwas die Aufmerksamkeit der Behörden erregt hat, dann sind Sie es mit Ihren Leuten!« »Danke!« sagt Fritzsche und verabschiedet sich. Auf dem Heimwege geht er zu Frau Zöckler und erkundigt sich nach Paule. »Er hat noch nicht geschrieben. Wenn er noch in England wäre, müßte Post hier sein!« meint die Mutter. Zum Mittag muß Fritzsche wieder im Magazin sein. Das weiß Frau Zöckler und darum hält sie ihn nicht auf, trotzdem sie gern mit dem Nachbar über Paule gesprochen hätte. Bei den ersten Mitgliedern, die ins Lokal kommen, ist Frau Wagner. Sie ist furchtbar erregt. Fritzsche geht mit ihr in die Stube. »Denkt: die Polizei ist in unserm Hause!« beginnt Frau Wagner. »Alle Papiere werden durchsucht, alle Schränke, alle Laden. Sie suchen nach Schriften sträflichen Inhalts! Ach Gott! Nun verhaften sie ihn! Fritzsche! Kommt schnell mit und helft!« stößt sie hervor. »Hat Wagner Euch geschickt?« »Nein, nein! Aber ich weiß mir nicht zu helfen! Ich hörte den Herrn Hanisch sagen von den Schriften und der Haussuchung – da bin ich schnell hergelaufen!« »Dann geht nur getrost nach Hause, liebe Nachbarin! Es kann nichts passieren. Wagner hat keine sträflichen Ansichten und auch keine solchen Schriften. Überdies weiß er sich in diesen Dingen besser zu helfen, als ich es vermöchte!« Als Frau Wagner heimkommt, sieht sie eine Menge Leute vor ihrem Haus stehen. Die Frau aus dem Erdgeschoß sagt ihr: »Warum brauchtet Ihr auch so laut zu schreien! Die Klatschmäuler haben's gehört und gleich durch die Straßen getragen – jetzt weiß es fast die ganze Stadt!« Die Polizei hat anderthalb Stunden gesucht und muß mit leeren Händen abziehen. Herr Wagner läßt sich das Essen wärmen und beruhigt seine Frau. Als am Abend die Arbeiter zu Fritzsche kommen, erzählen sie, in den Fabriken sprächen die Leute schon von der Verhaftung des ganzen Vorstandes. »Jawohl, Freunde!« sagt Fritzsche immer wieder, »verlaßt euch drauf: wir stellen uns vor euch und nicht hinter euch! Verbieten können sie uns nicht! Jetzt sucht man uns so zu verdächtigen. Solch ein Unsinn wird von unsern Feinden ausgestreut, nur zu dem Zweck, uns bei den Arbeitern und den armen Handwerkern zu schädigen.« Glubsch und seine Freunde verteidigen in den Fabriken ihren Verein, so gut sie können. So lange sie beim Frühstück oder beim Mittagessen mit ihren Kollegen zusammensitzen, widerspricht ihnen niemand. Sie geben ihnen sogar recht. Doch wenn die einfachen Arbeiter allein sind, dann kommt ein Meister oder Vorarbeiter, und das Gestichel gegen die Genossenschaft geht los. Einmal steht Glubsch in der Vesperpause bei den Färbern; da hält Schmidt, der Betriebsleiter, eine große Rede über die Fritzscheleute und ihre geheimen Beziehungen zur Umsturzpartei. »Stellt euch vor: unser gutes Deutschland ist wie ein Felsengebirge mit vielen Tälern und Kuppen – das sind die Reichen und die Armen. Und nun kommt die neue Lehre und bohrt die Felsenhäupter an, schiebt wie Sprengstoff die revolutionären Gedanken hinein und, wenn die Umstürzler das Feuer des Aufstandes entzündet haben, geht die Pulverladung mit einer fürchterlichen Explosion in die Höhe. Den Trümmerhaufen von gestürzten Bergeshäuptern und zugeschütteten Tälern nennen sie dann Sozialismus.« »So ein Quatsch!« ruft Glubsch in die Färber hinein. »Ihr vernünftigen Leute hört euch das an!« Glubsch wendet sich an den Sprecher: »Herr Betriebsleiter! Könnt Ihr uns sagen, wer Euch diese Wissenschaft verzapft hat?« »Im Schützenverein haben wir darüber gesprochen!« Zögernd bringt der Redner dies Bekenntnis heraus. »Dann gehört diese Weisheit wohl auch zum Anbringen eines guten Schusses auf die Scheiben. Kollegen, laßt euch von mir sagen, daß Herr Schmidt diesmal trefflich daneben geschossen hat. Wenn ihr euch für die Genossenschaft interessiert, so kommt zu uns – wir können euch die Wahrheit zeigen, nämlich, daß ihr den Segen der Genossenschaft direkt am Brotschrank spürt!« Ein paar richtige Worte klären die Färber auch über diesen Schwindel auf. Glubsch kann sie wohl überreden, ihr Geld in die Kohlenkasse zu tun; aber zum Eintragen in die Liste der Mitglieder haben sie keinen Mut. »Eine Sache und eine Frau, von der soviel gesprochen wird, taugt nichts!« erklärt ihm ein Vorarbeiter nachher geradeheraus. Im Frühjahr erwägt der Vorstand, ob sie die Hebung der Mitgliederzahl doch noch einmal mit der Geselligkeit versuchen wollen. Auch Herr Wagner ist dafür. Vogel rät ab, Herr Bläske ist begeistert, allerdings fordert er von der Kasse einen großen Zuschuß für Freibier und Musik. Einundzwanzigstes Kapitel Am 16. Oktober ist der Gesamtvorstand zusammengetreten; auch Brade ist gekommen. Zuerst sprechen sie über das zu feiernde Fest. Brade, Vogel, Fritzsche und selbst Herr Rudolph stimmen dagegen. »Wenn nicht jetzt schon die Frühjahrsbestellungen einlaufen«, berichtet Herr Rudolph, »muß sogar Herr Degenkolb die Hälfte seiner Arbeiter entlassen!« Das Fest wird also bis zum nächsten Sommer aufgeschoben. Nun beantragt Fritzsche eine Erhöhung der Prozente von 2 ½ auf 3; außer Wagner stimmt niemand dafür. Er droht, auf der nächsten Generalversammlung die Sache öffentlich zu besprechen. Die Kollegen bitten ihn, doch bis zum nächsten Jahr zu warten. Fritzsche begründet seinen Wunsch durch die Mehrarbeit mit den kaufenden Nichtmitgliedern. Über eine Stunde lang geht der Kampf her und hin, bis Herr Vogel vorschlägt, den Verkauf an Nichtmitglieder wieder einzustellen. Sie können sich nicht einig werden. Da wird Fritzsche unmutig und beantragt, die Sache der Generalversammlung vorzulegen. »Der Führer stellt sich dem Volke! Ich verantworte mich der Allgemeinheit!« so ruft Fritzsche, lauter, als notwendig ist. »Morgen schon lade ich die Mitglieder ein. Heute ist Samstag, der 16. Oktober, also nächsten Samstag, den 23. Oktober bei Krieger; ist es euch recht?« Sie verwarnen ihn, alle reden ihm gut zu. Er solle doch das Schicksal nicht herausfordern. »Ihr kennt das Volk nicht! Ihr kennt nur unsre Feinde, die uns verderben wollen. Soll denn die Stimme des Volkes gegen mich sein, so bin ich schon abgesetzt. Aber ich vertraue den Mitgliedern!« ruft Fritzsche. »Wer sagt Euch denn, daß die Mitglieder, die Euch vertrauen, in die Versammlung kommen? Erinnert Euch doch, daß der junge Arbeiter sagte: ›Plagt uns nicht mit zu viel Versammlungen! Wir vertrauen Euch ja!‹ Wer aber in die Versammlung kommt, das kann ich Euch jetzt schon sagen: Die Feinde! ›Fällt der Fritzsche, so fällt die Genossenschaft!‹ so kalkulieren sie!« Herr Wagner redet ihm gütlich zu. Fritzsche ist fanatisch und sagt nur: »Entweder am 23. die Versammlung oder ich trete gleich zurück!« Da bleibt ihnen nichts anderes übrig, als die Tagesordnung zu beschließen. »Nun müßt ihr mir schon helfen, die Freunde der Genossenschaft herbeizuholen!« sagt Fritzsche. »Wenn es so hart auf hart geht, werdet ihr mich doch nicht im Stich lassen! Morgen früh geh' ich zu den Zeitungen und gebe die Anzeigen auf. Tagesordnung: 1. Beschlußnahme über das Stiftungsfest. 2. Beschlußnahme über den Verkauf an Nichtmitglieder.« »Streicht Nummer 2!« sagt Brade, »Kollege Fritzsche, im Namen der Arbeiterschaft, streicht diesen Punkt und lockt durch diesen Köder nicht den ganzen Krämeranhang in die Versammlung. Jetzt muß die Genossenschaft geschlossen dastehen, jetzt können wir keinen Streit brauchen! Fritzsche!« Brade geht zu ihm hin, legt ihm die Hände auf die Schulter und schüttelt ihn, redet eindringlicher noch: »Lieber Fritzsche, keine Halsstarrigkeit! Bisher haben die Arbeiter treu zur Genossenschaft gestanden! Setzt Ihr diesen Punkt durch, so bedeutet dies das Ende! Freunde, helft mir, Fritzsche von diesem Irrtum zu befreien! Vorläufig in diesem Jahr keine Paktierung mit den sogenannten Nichtmitgliedern! Später! Aber jetzt nicht!« Fritzsche, verbissen und hartatmend, sitzt in der Mitte der Stube auf einem Stuhl, die Freunde stehn um ihn herum, vor ihm steht Brade und hält ihm die Hand hin: »Schlagt ein, Fritzsche, sagt alles ab! Nimm von uns die Entschädigung zu drei Prozent, wir verantworten es später! Gib unter der Hand, du darfst es ja, an alle ab, die Ware verlangen! Aber mach es ohne öffentliche Bekanntgabe! In dieser Minute entscheidest du über das Schicksal der Genossenschaft!« Eine Minute verstreicht, Fritzsche sitzt nun, den Kopf zu den Augen der Freunde erhoben, aufgerichtet auf seinem Stuhl; er sieht in den Gesichtern überall Abweisung, nirgendwo Zustimmung. »Immer hab' ich nach dem Fehler in mir, nach meinen Ungeschicklichkeiten gesucht!« sagt er stolz und unerschütterlich, »jedoch ich bin der festen Meinung, daß ich im Recht bin. Davon kann ich nicht ablassen!« »Dann ist beiden nicht zu helfen, dem Führer und seinem Werk!« Brade zieht die Hand zurück und nimmt seine Mütze. »Wenn ich dir helfen kann, du weißt, wo ich zu finden bin! Geschäftsführer Adieu, Auf Wiedersehen, Kollege Fritzsche!« Brade geht. »Sollen wir auch gehen?« fragt Wagner. »Wenn ihr so halsstarrig wie Brade seid«, antwortet Fritzsche. »Du bist fanatisch!« spricht Vogel und geht, ohne ein Wort zu sagen. Wagner redet ihm noch einmal zu: »Beschlaft es! Eh' Ihr zur Zeitung geht, kommt zu mir herein! Und sprecht mit mir! Wir achten auch Eure Sinnesänderung! Wir glauben, daß Ihr alles in gutem Sinn tun wollt! Doch bedenkt: Sieben Mann gegen einen!« Als Wagner sich umsieht, sind die andern schon gegangen. Da kann Wagner sich nicht halten, er legt die Arme um die Schultern des alten Freundes und rüttelt ihn, packt ihn fest und zieht ihn hoch, dann nimmt er seine Hände, drückt sie, so fest er kann und geht langsam zur Tür hinaus. Da geht die Kammertür auf, Frau Juliane stellt sich neben ihn und sieht ihn fest an: »Kopf hoch! Fritzsche! Was kommt, das kommt! Tu, was du mußt! Was auch kommt, ich bleib bei dir!« Fritzsche ballt die Hände, legt die Fäuste auf den Tisch und knirscht mit den Zähnen. Dann sagt er langsam: »Wenn sie nun recht haben? Dann siegt der Krämer! Ich muß doch auch wohl wissen, was not tut. Ich kann nicht anders!« Am andern Morgen nimmt Fritzsche die Mitteilungstafel vom Haken und schreibt mit ungelenken Buchstaben auf: »Am 23. Oktober Mitgliederversammlung in Kriegers Gasthaus. Beginn 8 Uhr. Tagesordnung. Beschlußnahme über die Abgabe auch an Nichtmitglieder. Verschiedenes.« Dann geht er zur Zeitung. Geht hart an Wagners Büro vorbei, geht zum Redakteur und gibt die Anzeige ab. Er hat sich vorgenommen, seine freie Zeit mit Buchbinderarbeiten auszufüllen. Seine alte Kundschaft ist verloren. Er muß zu Herrn Degenkolb wegen eines Auftrags und geht gleich. Als er in der Fabrik Herrn Rudolph sieht, dem er sein Anliegen, den Herrn zu sprechen, vorbringen muß, wirft er sich noch stolzer in die Brust. Herr Degenkolb empfängt ihn freundlich, freut sich, daß Fritzsche seine Freizeit mit Handwerksarbeit verbringen will und erkennt es ihm hoch an; er zeigt ihm ein Prachtexemplar von Mustermappe, wie ein Foliant, mit ledergepreßtem Deckel. Er ist zwar von der Konkurrenz, doch Herr Degenkolb muß auch solche Musterbücher haben, anstatt der heraldischen Wappenverzierung soll ein chinesisches Muster, ein auf Seide gedrucktes Bild vorne auf prangen. Zweihundert Seiten soll der Band fassen, ein Riesenwerk also. Inzwischen wird ihm das aus China stammende, echte Vorsatzpapier sorgfältig eingepackt, Herr Rudolph übergibt es ihm selbst, er führt ihn in den Betrieb, wo die Rouleau diese merkwürdigen chinesischen Muster auf Eilenburger Kattun drucken. Herr Rudolph zeigt ihm die schon fertigen Vorräte und kommt auf das große Geschäft zu sprechen. Er ist, wie Herr Degenkolb, voller Vertrauen; sie rüsten einen Reisenden aus, der Degenkolbsche Waren in dem großen, unentdeckten Erdteil China einführen soll. Darum drucken sie für diese Rasse und ihrem Geschmack angepaßte Muster mit Drachenbildern und Götzentempeln. »300 Millionen Einwohner hat China. Wenn jeder Chinese nur ein einziges Kleid aus Eilenburger Kattun kaufen wird, so muß das eln Absatz von 300 Millionen mal sieben Meter werden. In Zukunft wird Herr Degenkolb nur noch für China arbeiten!« »Aber die Engländer machen auch diese Stoffel« meint Fritzsche. »Die Engländer sind zu teuer. Die müssen viel höhere Löhne zahlen. Wir schlagen mit unseren Preisen alle Konkurrenz aus dem Felde!« Nun geht Fritzsche, weil er einmal in der Fabrik ist, noch einmal in die Maschinensäle und kommt an den donnernden Kalanderwalzen vorbei, sieht die Rouleau ununterbrochen Stoff bedrucken, dann landet er bei Glubsch im Heizraum. Das Rauschen des Betriebes, das Gedröhne der Maschinen, die vielfältigen Arbeitsfunktionen erfüllen ihn mit Vorwärtstrieb und Kraftgefühl. Er träumt in die Zukunft hinein und sagt zu Glubsch: »Ottokar, was meint Ihr, wenn wir mal so eine Fabrik genossenschaftlich betreiben, was für eine Freude wär' das!« Glubsch unterbricht ihn: »Stimmt schon! Doch ich muß Euch sprechen; eine ekelhafte Geschichte! Die mit Paule und dem Frauenzimmer, es wird erzählt, – habt wohl schon davon gehört? Ich komm' einmal nach Feierabend herein. Was wißt Ihr davon?« »Die Wahrheit ist: sie lieben sich!« sagt Fritzsche. Glubsch schmeißt die Schaufel in die Kohle und lacht grimmig: »Die verfluchte Liebe! Also doch die Tochter des Herrn Neer, Fräulein Agathe! Fritzsche, was tun wir, wenn diese Affäre in die Mäuler der Leute gerät?« »Ich muß an Paule schreiben! Ich sag' Euch dann sofort Bescheid.« »Verrückt und verliebt kommt auf eins heraus!« Glubsch spuckt auf die Erde. Er wirft Kohlen auf das Kesselfeuer, schmeißt mit einem gewaltigen Schlag die Feuertüre zu, schmettert die Schaufel wieder in die Kohlen und lacht höhnisch: »Ja, Fritzsche! Ich hab' es dem Paule gleich gesagt: Halt dich von den Weibern ab! Du hast zehn Jahre keine Frau gesehen, – du verliebst dich in die erste beste! Verdammt! Daß es grad die Tochter unseres Feindes sein muß, ist ja lächerlich! Der Alte wird genau so wütend sein wie wir!« Fritzsche sieht sich um: »Kommt hier keiner herein?« »Kommt mit in den Seilgang!« Glubsch zieht ihn an der Hand hinter sich her. Im Düster dieser brausenden Zelle, umklatscht von den schwingenden Seilschlössern, erzählt ihm Fritzsche, was in dem Brief von Paule stand. Als sie wieder hervorkommen, ballt Glubsch die Fäuste, bückt sich wieder nach der Schaufel und muß unzählige Schaufeln Kohle aufwerfen; zwischendurch flucht er: »Könnt man doch die verfluchten Weiber verfeuern! Wie Holz und Kohle! Verdammte Liebesgeschichte! Über alles kommt ein Mann weg, bloß über die Weiber nicht!« Als Glubsch sich nach Fritzsche umsieht, ist er allein. Fritzsche ist zur Druckerei gerannt, zu Herrn Ossenhauer, und verlangt die Anzeige zurück. Der Druckereibesitzer geht in die Werkstatt: zu spät, die Zeitung ist fertig. »Die Nummer war bereit, als Ihr kamt, ich hab noch ein Gedicht herausgetan und Eure Anzeige hineinpraktiziert!« sagt der Meister. »Dann kann ich auch nichts ändern!« sagt Fritzsche und geht heim. Wagner und Vogel kommen, wie jeden Dienstag, zu Fritzsche ins Magazin, um abzurechnen. Fritzsche gibt ihnen Auskunft, spricht aber nicht mehr, als nötig ist. Trotzdem sie am Samstag abend vom Lokal aus gleich zur Versammlung gehn, sind sie nicht wieder Freund geworden. Punkt acht Uhr sind sie bei Krieger. Herr Hanisch ist schon da, es haben sich 35 Leute eingefunden. Wagner bespricht das Einnahmen- und Ausgabenkonto, gibt dann Fritzsche das Wort. Als er von den 18 Talern Steuer spricht, schlagen ein Dutzend Fäuste auf die Tische, gellen Ho-Ho-Rufe, krampfhaftes Lachen unterbricht den heftig redenden Führer. In einer Atempause ruft jemand: »Bezahlt die 18 Taler, aber nicht aus unserer Kasse!« »Soll ich sie denn aus meiner Tasche bezahlen?« antwortet Fritzsche. »Selbstverständlich! Ihr seid auch schuld, daß wir nicht steuerfrei geblieben sind!« Nun versucht er, der Versammlung klarzumachen, daß durch die Steuerzahlung die Beschränkung der Abgabe nur an Mitglieder fortgefallen ist, also die Möglichkeit gegeben, den Umsatz zu vervielfachen, ohne daß diese neu zu werbenden Käufer mit an der Dividende teilten. Zwar müsse er darum etwas billiger abgeben, die Preise niedriger halten. Das könne er sehr gut verantworten, denn der Umsatz würde enorm steigen und dadurch der Gesamtgewinn. Er habe sich dieser Versammlung gestellt, weil der Vorstand es ablehne, die Abgabe an Nichtmitglieder durchzuführen. Sein Schlußwort geht in lautem Gelärme unter. Herr Wagner bittet, sich nacheinander zu Wort zu melden. Jeder soll für sich sprechen, damit Ordnung bleibe. »Vorstand abtreten! Es gibt keinen Vorstand mehr!« ruft Herr Mandel. »Alles liegt unter einer Decke!« »Billig verkaufen, Schundpreise machen! Bürger verhöhnen!« schreit ein Unbekannter. Herr Wagner bittet eindringlich, sich ordentlich zu Wort zu melden. »Herr Fritzsche ist ja noch nicht zu Ende!« ruft Herr Mandel wieder. Fritzsche redet nun, als könne er mit Wortkraft die Widersacher besiegen. Er bringt die Frage: Abgabe an Nichtmitglieder zur Abstimmung vor, – zum großen Erstaunen des Vorstandes bekommt er 28 Stimmen dafür. Die Unterlegenen schreien gegen den Entschluß, sogar die, die mit dafür gestimmt haben. Jeder kann nun sehen, daß es den Leuten nur auf Geschrei und Spektakel, Verwirrung und Unordnung ankommt. Fritzsche hat gesiegt. Er redet weiter von der unzulänglichen Entschädigung. Er fordert die Versammlung auf, die zweieinhalb Prozent auf volle drei zu erhöhen. Seine Begründung zerflattert in Für- und Gegengeschrei. Herr Wagner will der Komödie ein Ende machen und fordert die Vertagung dieses Punktes. Herr Mandel beantragt die Abstimmung. Alles steht auf und stimmt mit: Ja! Herr Mandel ruft: »Ich stelle fest, daß die Versammlung einstimmig die Prozente für Herrn Fritzsche auf drei erhöht hat.« Er klatscht in die Hände. Großes Gejohle, Beifallsgeschrei, Getrampel, Rufe: »Warum nicht zehn Prozent. Meinthalb 50! Soll alles nehmen! Weg mit dem Schwindel!« Herr Mandel klettert auf den Stuhl und spricht über die immer noch Stehenden hin: »Die Mehrzahl der Mitglieder erkennen den derzeitigen Vorstand nicht mehr an! Ich stelle hiermit fest, daß die Versammlung beschlußunfähig ist!« Fritzsche springt ebenfalls auf seinen Stuhl und ruft: »Ich bitte, die renitenten Herren Mitglieder, ihren Austritt zu erklären. Im andern Fall schließe ich sie wegen unwürdigen Benehmens aus. Unser Statut, das die Herren unterschrieben haben, bindet sie. Ich habe ihre Unterschrift. Ohne Unterschrift und Anerkennung des Statuts gibt es keine Mitgliedschaft!« Da nun Herr Mandel, wenn auch noch etwas spöttisch, die wiederhergestellte Ordnung konstatiert, erklärt Herr Wagner die Sitzung für geschlossen. Der Vorstand geht. Er muß an einer Gruppe Mitglieder vorbei, die eine Gasse bilden und höhnische Bemerkungen hinter Fritzsche herlachen. Der ballt die Faust und spuckt aus. Es ist zehn Uhr, als sie auf den Marktplatz kommen. Vogel und Wagner wollen sich, wie jeden Dienstag, zur Abrechnung bei Fritzsche treffen. Sie sehen Fritzsche, unbekümmert über die Niederlage, weiterschaffen. »Die paar Krakeeler sind nicht die Genossenschaft!« sagt er, »ihr sollt sehen: ich lache zuletzt! Ich biete beste Ware gegen billigere Preise, – ich seh' es doch, die Genossenschaft ist der Umsatz! Der Umsatz und nicht das Geschwätz.« Seit der unglücklichen Versammlung ist ein Monat vergangen, der Umsatz steigt. Fritzsche drängt die Freunde, ihren Namen doch mit unter die Veröffentlichung zu setzen. Fritzsche legt den Kollegen eine Liste von Waren mit den Preisen vor. Er will sie jede Woche in den Blättern anzeigen. Beim erstenmal soll am Schluß der Anzeige dieser Zusatz gedruckt werden: »Nachdem unser Verein vor kurzem zur Gewerbesteuer verpflichtet worden ist, dient auf die vielen Anfragen zur Nachricht, daß außer unsern Mitgliedern auch das übrige geehrte Publikum seine Bedürfnisse aus unserm Magazin entnehmen kann. Der Vorstand.« »Diese Preisliste lasse ich in der Druckerei auf Handzettel in tausend Exemplaren anfertigen, – die rührigen Mitglieder nehmen sie mit in die Fabriken und verteilen sie dort.« Schweren Herzens setzen Wagner und Vogel ihre Unterschriften hin. Am 29. November erscheint die Anzeige in den Zeitungen. Drei Tage später kommt Wagner und hat über ein Dutzend Beschwerden von Mitgliedern, die zehn und einmal sogar zwanzig Unterschriften tragen. Alle beantragen sie eine neue Generalversammlung. »Eigentlich brauchen wir keine!« sagt Fritzsche. »Ich verteile die Dividende hier ordnungsgemäß im Lokal. Wenn ihr aber wollt –?« Vogel und Wagner sind für die Versammlung; sie setzen sie auf den elften Dezember fest. Außerdem hat die Werbung noch einen andern Erfolg, den Fritzsche nicht voraussehen konnte. Herr Kanitzky erscheint in höchsteigner Person und redet ihm freundlich zu: Fritzsche sei jetzt genau so gut Kaufmann, wie die andern Kleinhändler, er müsse fortan in Einigkeit mit ihnen gehen: »Die Warenpreise steigen wieder an. Die Preise der Genossenschaft sind zu niedrig! Erhöhen Sie die Preise!« »Und wenn ich das nicht tue?« fragt Fritzsche. »Dann bleibt uns nichts übrig, als ebenfalls die Preise, besonders für das Weihnachtsgeschäft, herunter zu setzen, und sie genau wie Sie, öffentlich bekannt zu geben!« sagt wohlwollend der Agent. »Es gehört zu der Aufgabe unserer Bewegung, die allerorts unrechtmäßigen, heraufgeschraubten, unmäßigen Preise auf ihre wahrhaft rechtmäßige Stufe zu bringen. Ich und wir alle würden es uns als einen großen Erfolg anschreiben, wenn uns gelänge, der ganzen Bevölkerung gute Ware zu wohlfeilen Preisen zu beschaffen!« sagt Fritzsche. »Dann müssen wir annehmen, Ihre Genossenschaft ist nur zu dem Zweck ins Leben gerufen, den wohlehrbaren Kaufmannsstand durch schmutzigen Preisdruck die Existenz zu vernichten. Als Maske für das einen ganzen Stand abträgliche Gebaren benützen Sie die Phrase vom allgemeinen Wohl! Pfui! Herr Fritzsche!« »Sehr geehrter Herr! Ich vermute, Sie kommen nicht nur im eigenen Auftrag, Sie kommen als Gesandter der Kaufleute!« »Sehr wohl, Herr Fritzsche! Indem die Kaufmannschaft Ihre Intelligenz und Fähigkeit anerkennt, rücken Sie in den höheren Stand ein, Ihre bisherigen Konkurrenten sind also nun Ihre Freunde. Wir werden Ihnen als standesgemäßes Mitglied jeden Schutz unserer Macht angedeihen lassen; wogegen, wenn Sie dieses Angebot ausschlagen, der Haß und die Verachtung, die Ungnade eines ganzen, den Behörden wichtigen Standes auf sich ziehen. Ich biete Ihnen das Bündnis an. Zu Weihnachten werden Einladungen gesellschaftlicher Art Ihnen meine Worte beweisen, – Sie können versichert sein, daß Sie immer und zu jeder Zeit auf die Solidarität Ihrer neuen Standesgenossen rechnen können! Im andern Fall –« »Herr Kanitzky! Ich habe mich dem aufstrebenden Stande, dem der Arbeiter, verbündet!« Der Agent lächelt verbindlich: »Hochmut kommt vor dem Fall! Wir sind auf diese Ablehnung gerichtet. Da Sie sich selbst als unsern Feind bekennen, und uns herausfordern, so brauchen Sie über unsern Angriff nicht zu zetern: Sie arbeiten mit allen Mitteln, – wir tun das Gleiche!« »Also beginnen Sie schleunigst, Herr Kanitzky, – Sie haben sich lange nicht blamiert, – verlieren Sie keine Minute, – ich zeig' Ihnen den Weg!« Fritzsche zeigt auf die Tür. Kanitzky bleibt gemütlich sitzen und zündet sich eine Zigarre an. Dann sagt er in einem gänzlich veränderten Ton: »Die Leute erzählen, daß die Agathe Neer sich mit Herrn Zöckler verheiraten will. Was werden die Arbeiter sagen, wenn der Beweis geführt ist: Herr Zöckler hat lediglich solch' eine Genossenschaft für Lebensmittel aufgebaut, um einen Druck auf Herrn Neer, seinen widerwilligen Schwiegervater, ausüben wollen! Als dies nicht genügte, hat er die ehrbare Tochter des Herrn Neer durch den Verkehr mit Revolutionären kompromittiert und unmöglich gemacht! Sie darf nie wieder ins Elternhaus zurückkehren! Zu politischen Verbrechen hat sie der Herr Zöckler verführt, sie für ewige Zeiten dem Schutz des Elternhauses und des Vaterlandes entzogen. Nun betreibt er seine Pläne weiter: Er will große Geldmittel vom Vater seines Opfers erpressen, ansonsten er die Tochter dem Staatsanwalt ausliefert. Herr Fritzsche, ich sage Ihnen als Standesgenosse und guter Freund: Hier im Privaten liegt die Entscheidung. Sagen Sie sich jetzt, solange es noch Zeit ist, von allem los, was mit dieser Gründung zu tun hat! Nehmen Sie Ihr ehrliches Gewerbe wieder auf! Ich verspreche, Ihre Person und Existenz wird gesichert sein, wenn Sie dies tun! Im andern Falle werden Sie vernichtet sein, Ihre Gründung und Existenz, Ihr Ruf und Ihr Ansehen! Kanitzky ist Ihnen gewogen, Kanitzky weiß alles, kann und tut alles. – Er liquidiert auch Ihre Geschäfte, verschwiegen und rentabel. Er hat keinen Anlaß, sich den tüchtigsten und modernsten Mann in Eilenburg zum Feind zu machen. Hab ich Ihnen nicht vom ersten Tag an geraten: ›Lassen Sie sich von Kanitzky helfen!‹ Sie wollten nicht, gut, Sie haben gesehen, wohin diese Starrköpfigkeit führte. Es gibt nur eine Rettung, Herr Fritzsche, und vertrauen Sie Ihrem guten Stern, der Sie grade in diesen Tagen zu uns führte!« Fritzsche ist aufgestanden und geht durch die Stube. »Umsonst bemüht, Herr Agent!« Fritzsche macht eine Verbeugung und weist zur Tür: »Gestatten Sie, daß ich Sie auf die Straße führe!« »Wie Sie wollen, Herr Fritzsche!« Auch er macht eine Verbeugung, »aber bitte nach Ihnen!« »Selbstverständlich!« sagt Fritzsche; er geht die Treppe hinunter, öffnet die Straßentür und schlägt sie so heftig hinter dem Agenten zu, daß die Scheiben in allen Fenstern klirren. An einem späten Abend kommt der Schuhmacher Stolle zu Fritzsche. Er nennt die Bemühungen der Handwerker verzweifelt; nun könne man überall klar ersehen, daß die Meister, die sich ein wenig wohlhabender als die Ärmsten dünken, nur lässige Mitglieder sind. Es hat sich herausgestellt, daß die, die wirklich vermögend sind, sich aus allen Genossenschaften mit der zynischen Bemerkung zurückziehen, daß sie es ja nicht nötig haben, auf Groschen zu spekulieren, wenn ihnen die Taler zufließen. Darauf kommt Stolle wieder auf sein Lieblingsthema, die Eroberung der Massen. Fritzsche hört gern von den Arbeitern. »Ja, da sieht man, wo die beste Kraft steckt. Die Handwerker und Händler schielen nach den Mächtigen, erhoffen nur von den Gesetzen und Verboten Besserung. Die Arbeiter besinnen sich auf sich selber, sie wollen durch eigne Kraft vorwärtskommen!« sagt Stolle. »Wenn doch erst die Kraft der Massen einmal zusammenfließen möchte!« sagt Fritzsche. »Seitdem ich die Arbeiter kenne, muß ich sie immer mit meinen Handwerkskollegen vergleichen! Die Arbeiter haben, weil sie kein versinkendes Erbe zu retten brauchen, ihre Augen nach vorne gerichtet: sie sehen, wie sie ihr Kinderland erobern können. Uns Handwerkern hat man das Vaterland gestohlen; nun glauben wir immer noch, von den großen Räubern ein Stückchen erbetteln zu können!« »Ja, das Vaterland ist im Besitz der Reichen ein Zuchthaus für uns geworden. Wir müssen es wieder erobern durch die Politik. Es gibt kein Kinderland! Hoho! Amerika meint ihr? Das ist ein Land für ausgerissene, wilde und dumme Jungens. Das Vaterland muß wieder unser Land sein!« Die Unterredung bestärkt Fritzsche in dem Glauben an die Genossenschaft. Der Erfolg gibt ihm recht. Der Umsatz ist gewaltig gestiegen, trotzdem nun mit großer Offenheit die Affäre von Paule und Agathe breitgetreten und mit viel Schauergeschichten ausgeschmückt wird. Die große Masse des Volkes, auch die Mitglieder, sind an dem Bürgerklatsch wenig interessiert. Es genügt ihnen, wenn sie billige Lebensmittel bekommen. Sie haben andere Sorgen; ihre Tage sind ausgefüllt mit Arbeit und Not, mit der Beschaffung von Hausbrand, Schuhwerk und Kleidung, da die Kälte in die schlechten Häuser eindringt und die Menschen mit Angst vor dem Erfrieren erfüllt. Fritzsche wird in diesen Tagen dringend von Wagner gemahnt, sich auf die Versammlung besser vorzubereiten. Immer wieder sagt Fritzsche: »Die Bücher sind in Ordnung, – dort die Ware, hier das Geld! Paßt es Euch und den Mitgliedern nicht, gut, so gebt mir mein erborgtes Kapital zurück und ich gehe! Ich habe Besseres zu tun, als für die Versammlungen der Mißgünstigen und Störenfriede zu arbeiten! Das Magazin und der Umsatz ist die Genossenschaft, nicht die Versammlung!« Zum allgemeinen Staunen sehen die Mitglieder, die sich am 19. Dezember einfinden, den Herrn Bürgermeister Brunner mit in das Versammlungszimmer gehen. Er setzt sich mit Herrn Hanisch an eine Ecke des Tisches; einige Arbeiter, die erst vor kurzem zugezogen sind, und ihn nicht kennen, reden ihn jovial an und gehen harmlos auf die Antworten ein. Sie hören aufmerksam dem Berichte Wagners zu. Der Herr hat ein Buch herausgezogen; als Wagner die Zahlen bekanntgibt, schreibt auch Herr Hanisch mit: Umsatz im Halbjahr 8000 Taler, Vermögen des Vereins 400 Taler, Mitgliederzahl 420 Familien, Zu Weihnachten verteilt 87 Taler, Einlage der Mitglieder 10 Silbergroschen, Guthaben dazu am Vermögen pro Mitglied 17 Silbergroschen. Weiterhin erklärt Herr Wagner, daß der Geschäftsführer 2 ½ Prozent vom Umsatz erhält, außerdem die Entschädigung für das Geschäftslokal in der Höhe von 35 Talern im Jahr. Da Herr Fritzsche seit Monaten für seine Arbeit höhere Entschädigung verlangt, schlägt der Vorstand vor, diese auf 3 Prozent zu bemessen. Es meldet sich der Knopfmacher Mandel und spricht gegen die Erhöhung. Er spricht aus, daß 2 ½ Prozent gleich 200 Taler im Jahr, eine große Summe sei und eine Genossenschaft der Armen könne unmöglich mehr ausgeben. Bei der Abstimmung wird die Erhöhung nicht bewilligt. In einer kurzen Schlußrede betont der Geschäftsführer, daß das nächste Halbjahr ertragreicher werde, weil vom vorhergehenden Halbjahr die Anschaffungen für das Magazin gemacht worden wären und die Ware erworben sei. So geht diese Versammlung unter den Augen des Stadtvaters friedlich zu Ende. Eine Woche später wird Herr Wagner durch die Polizei aufgefordert, jede Versammlung mindestens 24 Stunden vorher anzumelden. Er geht auf das Rathaus und erkundigt sich nach dem Grunde dieser Verordnung; Herr Bürgermeister Brunner erklärt ihm, nicht ohne Spott, daß er die Polizei in Alarmbereitschaft haben wolle, da die vorletzte Versammlung einen sehr eigenartigen Charakter gezeigt hätte. Im allgemeinen behält Fritzsche recht: die Tagesumsätze steigen. Die Drohung der Kaufmannschaft, sie wolle die Preise ebenfalls herabsetzen, hat sich nicht erfüllt. Nur einer hat die Preise radikal herabgesetzt, – und das ist Kanitzky. Die nächste Versammlung ist im Schützenhaus; verwundert sehen die Mitglieder, daß außer Herrn Hanisch noch der Polizeidiener Leib an der Tür steht. Punkt 8 Uhr sind noch nicht 15 Leute anwesend. Herr Wagner geht in die Schenke und fordert Herrn Mandel auf, mit seinen Leuten hereinzukommen, doch dieser erklärt im Auftrag seiner Freunde, nicht unter Polizeiaufsicht reden zu wollen. So erklärt Herr Wagner die Versammlung für beschlußunfähig und nach einiger Beratung vertagt er sie auf den 16. Januar. Zweiundzwanzigstes Kapitel Der Januar hat mit frischer Kälte begonnen, mit jedem Tage sinkt das Thermometer; so viel Tage, so viel Grade unter Null. Die Mulde ist zugefroren, der Mühlbach gibt nur wenig Wasser für den Antrieb der großen Fabrikmühlräder her. Immer mehr Weber und Färber, Tuchmacher und Wirker müssen feiern. In den Fabriken erfrieren die Röhrenleitungen, platzen die Behälter. Der Wagenverkehr stockt in den Schneetagen vollständig. Die Kohlen für Degenkolbs Fabrik werden auf Schlitten herbeigeholt. Da spricht ein Mann in Kültzschan, ehe er in der Frühe aus dem Haus geht, zu seiner Frau: »Ja, ich war gestern in der Versammlung bei den Fritzscheleuten. Da sagte der Knopfmacher: ›Der Geschäftsführer erhält 200 Taler im Jahr. Er wollte noch was dazu haben! Kann das ein Mensch begreifen! 200 Taler im Jahr!‹« Er spricht noch vielerlei, aber in den Gedanken seiner Frau bleiben die 200 Taler hängen. Er geht auf die Straße, trifft seine Kollegen; sie gehen mit, kommen über die Lissa und dann die Muldenbrücken, von dort aus treffen sie noch andere auf dem Weg zu den Fabriken. Der Mann aus Kültzschau muß des öfteren antworten: »Ja, hab ich auch gehört! 200 Taler! Und noch nicht zufrieden!« Die 200 Taler beginnen zu rollen. Wenn es nicht Winter wär und 17 Grad Kälte, so wären sie gar nicht weit gekommen. Nun rollen sie von einem Ende Eilenburgs ans andere, rollen durch die Köpfe der Armen und werden dort zu Überfluß und Wohlleben, zu Heizmaterial und Speck, zu Branntwein und warmen Kleidern. »Wenn wir eine ganze Woche 14 Stunden am Tag gearbeitet haben, so kriegen wir zwei Taler Lohn, das sind gerad 100 Taler im Jahr! Nun hat ein Mensch, der nichts anderes tut, als unsere zwei Taler zu verwalten, dafür vier Taler Lohn!« »Und ist damit nicht zufrieden!« »Er gibt zwei Taler die Woche aus und hat dann noch zwei Taler übrig! Er kann doppelt so viel kaufen, wie wir, nochmal so viel Brot, Branntwein; er kann doppelt so viel Fleisch essen, doppelt so viel Fett brauchen! Unbegreiflich? – und noch nicht zufrieden!« Wie eine Litanei betet die hungrige Inbrunst der Armen die heiligen Dinge der Notdurft herunter. Als Dremus ertönt das Gemurmel: »Ach, wenn wir doch auch nur 200 Taler hätten!« Einen Tag rollen die Taler durch das dunkle, frierende, arbeitende, hungernde Eilenburg, dann drängen sie schon vor in das Haus in der Töpfergasse. Schon um acht Uhr, als Fritzsche den ersten Kunden bedient hat und noch weiter nach Wünschen fragt, sagt die abgehärmte Arbeiterfrau: »Was sonst noch? 200 Taler im Jahr! Ich mein', wenn wir soviel hätten, dann schlügen wir uns eher mit Fäusten auf die Schnauze, bis sie geschwollen wie ein Rotkohl wäre, ehe wir uns wegen zu wenig beklagten!« Ehe der erstaunte Fritzsche begreift, daß es sich um seine 200 Taler handelt, ist die Frau schon wieder gegangen. Fritzsche starrt ihr nach. Nun hört er diese Worte nachhallen: »200 Taler im Jahr!« Am Abend geht er früher zu Bett, er liegt lange wach. Die 200 Taler rollen von allen Seiten auf ihn ein, aus allen Häusern derer, die nur 100 Taler haben, brechen sie über Fritzsche zusammen. Er wird von der Phantasie gequält, er erstickt unter der Last von rollenden Talern, die alle ein Gesicht zeigen, das Gesicht der armen Frau. Ein großer Taler steht auf seiner Brust, darin höhnt ihn das ernsthafte Gesicht des Knopfmacher Mandel, der zuerst diese Worte gesprochen hat. Die 200 Taler quälen ihn die ganze Nacht. Fritzsche hat nicht viel Zeit zum Nachdenken; das Wetter geht ab, es regnet Tag und Nacht, die Überschwemmung der Mulde macht viel Arbeit, viele Leute haben das Wasser noch nicht aus den Kellern, da beginnt der Frost wieder und alle Wintersaat, alles stehende Gemüse, alle Kartoffeln und Fruchtmieten erstarren zu Eis. Fritzsche muß so manche arme Familienmutter mit nur einem Teil der geforderten Ware zurückschicken, weil er nicht anschreiben darf. Es gibt öfter am Tag Auftritte, herzzerreißende Szenen, in denen die Menschen vor Not, Hunger, Sorge und Angst aufschrein, zuerst Fritzsche, dann die Welt und Gott verfluchen. Einmal hat Fritzsche ein paar begütigende Worte gesagt, Hoffnung machen und einen Teil der Ware umsonst hergeben wollen. Da schrie die Frau auf: »Ja, Ihr! Ihr sitzt mit 200 Talern dick im Fettöpfchen drin! Von wem habt Ihr sie? Von uns armen Teufeln!« Fritzsche hält diesen Jammer nicht aus. Er schickt seine Frau ins Magazin. Er beschließt, durch die Buchbinderei hinzu zu verdienen, um der Genossenschaft keine weiteren Unkosten aufzuerlegen. Der Klatsch wegen Paule ist gar nicht mehr wichtig, die Not wächst; Paule ist ja fort, aber Fritzsche steht verantwortlich da. Frau Juliane sagt ihm nichts von den schlimmen Dingen, die sie im Lokal hören muß. Sie haut oftmals mit der Faust auf den Tisch und schreit die aufgeregten Frauen an: »Beklagt euch bei den Fabrikanten, ereifert euch über den Magistrat, verflucht die Regierung, aber laßt den Fritzsche aus dem Spiel! Es gibt reichere Leute, es gibt höhere Beamte, die das Geld scheffeln! Schulden hat Fritzsche wegen euch gemacht!« »Der Fritzsche, das ist unser Führer!« sagt ein Mann. »Er hat uns gesagt, wir würden durch die Genossenschaft aus der Not kommen! Wir würden durch die Genossenschaft von der Sorge befreit! Nun ist es ärger als früher!« »Ist Fritzsche schuld an der Kälte, an der Überschwemmung, an der Arbeitslosigkeit, an der Teuerung, an euren kranken Kindern? Ist Fritzsche denn ein lieber Gott?« sagt Frau Juliane. »Nein, aber er ist unser Führer!« hartnäckig bleibt der Mann dabei, »und wer Führer ist, der hat die Verantwortung für alles!« »Dann stellt Ihr Euch doch dahin und macht den Laden weiter!« erklärt Juliane. Noch einmal kommt mit Tauwetter und Regen die große Wassernot, – die Wohnungen der Armen sind wieder voll Nässe und Krankheit, die Schränke und Töpfe leer. Es ist März. Sonst beginnen die Leute, ihre kleinen Gärten zu bearbeiten. Doch der Boden ist noch durch naß, die Pflänzlinge verfault, das Saatgut an Erbsen und dicken Bohnen aufgegessen. Zum Neukaufen ist kein Geld da, kein Geld für Dung. Die Genossenschaft verteilt Saatgut an die Ärmsten. Fritzsche hat an die ganz Armen viele Waren umsonst abgegeben; die Unglücklichen können ihren Mund nicht halten, und bringen Fritzsche in große Unangelegenheit. Er bevorzuge seine Günstlinge, die Fabrikarbeiter, er beschimpfe die Fabrikanten als Ausbeuter, schmähe die Kaufleute als unbarmherzige Wucherer. Bei Wagner kommen anonyme Briefe an, voll Klagen über ihn. Fritzsche tut, was er für richtig hält: er hat, im Einverständnis mit Wagner und der andern eine Anzeige aufgesetzt; Wagner verlangt, daß einige Worte gestrichen werden. Da steht an einer Stelle: »Das wucherische und unbarmherzige Handelsinteresse ...« Um die Kaufleute nicht zu beleidigen, wird das Wort »wucherische« gestrichen. So erscheint die Anzeige am 12. März in den Blättern. »Abermals hat Gott uns eine Prüfung gesandt. Der Arme leidet Not. Mit unsern geringen Mitteln wollen wir jedoch eine kleine Hilfe zu bringen suchen; möge sie durch Nachahmung sich vergrößern. Zugunsten unserer armen Mitbürger haben wir uns die Aufgabe gestellt, zu den äußerst billigen Preisen und nur zur Deckung der eignen Auslagen unsere Waren abzulassen. Das unbarmherzige Handelsinteresse hat zwar auch die wohlgeratensten Gemüsearten verteuert, dennoch aber wollen wir diese, namentlich Erbsen, Hirse, Grieß, Graupen, Grütze, Bohnen usw. und auch Kartoffeln zu solchen Preisen hiermit offerieren, wie sie niemand außer uns gewähren kann und so den kleinsten Nutzen entbehren, um manchen bedrängten Familienvater seine Last zu erleichtern. Eilenburg, den 12. März, 1852.                             Der Vorstand.« Daraufhin wird der Schriftführer angegriffen. Auch die Mitglieder beschweren sich über diese Anzeige, verlangen, daß auf einer Generalversammlung Rechenschaft darüber gegeben wird. Natürlich muß der Vorstand die fällige Vierteljahrsversammlung einberufen und ladet zum 20. April die Mitglieder ein. Immer wieder drängen Wagner und der Vorstand den Geschäftsführer, die Abgabe von Lebensmitteln zu Einkaufspreisen zuzulassen. Fritzsche sagt: »Jeder Kaufmann hat ein Verlustkonto durch Borgschulden; bisher habe ich nicht zu verborgen brauchen!« »Eben, weil du so viel weggeschenkt hast!« sagt Vogel, »nun sieh auch zu, daß du diese Leute in die Versammlung bekommst, damit sie für dich einstehen! Es wird uns immer schwerer, die Nörgler und Stänker vom Leib zu halten!« In diesem Frühjahr hat Fritzsche es bewiesen, welche große Wohltat die Genossenschaft für die Käufer ist; wären es normale Zeiten, ein Jahr mit guter Ernte, milderem Winter und besserem Verdienst, so würde er jetzt schon eine Mühle haben. Die Anzahlung dafür haben nun die Armen bekommen; die Genossenschaft hat eine ganze Reihe Familien durchfüttern können. Wenn erst drei, vier, ja zehn Jahre einen Fond an Geld und Vertrauen gesammelt hätten, wie würde sie leistungsfähig sein! Alle andern Assoziationen liegen in schwerer finanzieller Bedrängnis. Nur die Lebensmittelgenossenschaft, der Konsumverein, steht mit Vermögen, Reingewinn und Überschuß da. Was Wunder, daß die Händler wüten: zu den 8000 Talern Umsatz sind wieder 2000 hinzugekommen. In den letzten Tagen vor der Versammlung stellt Wagner den Bericht zusammen und findet bei der Aufnahme der Bestände, daß Fritzsche an die Armen insgesamt für 94 Taler Lebensmittel abgegeben hat. Als der Vorstand am Abend zur Versammlung geht, sieht er zu seinem Erstaunen das Schützenhaus mit Gästen gefüllt, als sei eine Festlichkeit im Gange. Als sie zur Gaststube hineinkommen, hat ein Spaßvogel das Schild, auf dem der Wirt Frühlingsbowle empfiehlt, herumgedreht. Auf der Rückseite sieht, vom Winter her, die Ankündigung: »Heute Schlachtfest: Metzelsuppe!« Der Witzbold hängt es an die Tür des Sälchens, – Wagner und der übrige Vorstand wollen gerade eintreten. Ein unbändiges Gelächter bricht los, die Gäste an den Tischen stehen auf. Sie sehen, wie Glubsch dem Burschen das Schild abnimmt und ihm mit der Faust droht: »Prima Ochsenmaulsalat mach' ich von deiner Schnauze!« brüllt er in die Menge. Über 120 Mann sind versammelt. Zu den Nachzüglern gehört auch Herr Hanisch, der Polizeisekretär. Um ein halb neun erst kann der Schriftführer beginnen. Schon bei der Begrüßungsrede wird Wagner unterbrochen: »Tatsachen raus!« Bald folgt der Bericht, der mit Johlen und Gelächter aufgenommen wird. »Ich gehöre zu den ältesten Mitgliedern und heiße Alfred Pietsch.« Mit diesen Worten drängt ein gutangezogener Mann an den Vorstandstisch und bittet ums Wort. Ohne abzuwarten, dreht er sich um, machte eine Verbeugung in den Saal hinein und ruft: »Eine unwürdige Konsorte hat unsern guten Eilenburger Namen zum Gespött gemacht. Eine Assoziation, wie es derlei hier fast ein Dutzend gibt, hat es fertig gebracht, an 10 000 Taler Umsatz dem ordnungsgemäßen Verkehr zu entreißen, nur, um mit dem Erlös daraus das Volk aufzuwiegeln. Ich habe schon lange die Nase voll von dem Assoziationsgestank. Nichts von dem, was Herr Fritzsche uns versprochen hat, ist aus der Gründung des Vereins geworden, es ist auch nicht geblieben, wie es war, sondern, es ist, alles in allem, nur schlechter geworden. Meine Herren! Früher haben wir einen großen Feind gehabt: das allmächtige Kapital. Meine Herren, es ist in Eilenburg durch das Gebaren dieser Konsorte der Schuhmacher mit dem Gerber Feind, der Glaser mit dem Schreiner, der Schreiner mit dem Anstreicher, der Anstreicher mit dem Maurer, der Maurer mit dem Zimmermann; alle miteinander sind sie wieder extra verfeindet, zwischen Verbraucher und Produzenten, zwischen Käufer und Verkäufer, zwischen Mieter und Vermieter, es ist, als ob uns Herr Fritzsche erst gelehrt hätte, in wie vielen Feindschaften ein Gemeinwesen sich bekriegen kann. Ich will nicht vom Nutzen der Genossenschaft reden, zweifellos hat sie großen Nutzen gestiftet – « Zwischenruf: »Für die Gründer!« »Ja, mein Herr, das wollte ich grade sagen! Diese Gesellschaft kann nur im Trüben fischen, darum hat sie Eilenburg erst aufgewühlt und eine Finsternis hervorgerufen, in der der eine den andern nicht mehr kennt. Der Vater schimpft den Sohn: ›Assozistenpack‹, der Sohn schreit: Händler, oder Krämersack!« Zwischenruf: »Aufhören, aufhören! Kennen wir längst!« »Wer hat Euch zu all dem Gequassel beredet?« ruft Herr Vogel. Die größere Anzahl fordert einen andern Redner. Wie auf ein Kommando schallt der Name Koch durch den Raum. »Drahtzieher Koch!« Er sitzt ganz vorne, nahe dem Vorstandstisch, hat einen langen Zettel vor sich liegen und sieht langsam auf. Er redet gegen die niedrigen Dividenden, gegen die billigeren Preise. »Wir sparen und ihr schenkt unsern Gewinn euren Lieblingen, den Aufwieglern!« Zwischenrufe, Lärm, erneut Zwischenrufe: »Tatsachen!« Der Redner Koch erbittet sich Ruhe und beginnt mit leiser Stimme und geheimnisvollen Gebärden von der Kontrolle der Entnahme des Vorstandes zu reden. Es sei unmöglich, daß jemand sagen kann, Frau Fritzsche hätte ihren entnommenen Bedarf nicht bezahlt!« Gegen diesen Verdacht protestieren eine Anzahl Mitglieder, Wagner schlägt auf den Tisch. Vogel will reden, – Zwischenrufe: »Jeder muß mal drankommen, ans Verteilen!« »So wird man gesund!« »So bleibt man dick und fett im schlimmsten Winter!« Herr Wagner schwingt die Schelle, ein Mann ruft: »Schellt nur, es weiß jeder, in Körben schleppt euer Weib unser Eigentum nach Haus!« »Beweise! Beweise!« rufen Wagner und Fritzsche zugleich. »Ihr habt gewußt, daß wir euch absetzen, drum habt ihr euren Aufwieglerfreunden ein ganzes Lager eingerichtet, voll bester Lebensmittel uns mit der Wohltätigkeit belastet!« »Auch Schwindel, die Armen haben nichts gekriegt, bloß angeschrieben haben sie 92 Taler, aber genommen haben sie es selber!« »Beweise! Beweise!« rufen die Vorstandsmitglieder unaufhörlich. »Beweist mir das Gegenteil!« ruft der Ankläger. »Wir machen die Leute namhaft, die verbilligte Lebensmittel bekommen haben! Mit Stück und Pfund steht's aufgeschrieben. Vor Gericht werden wir es beeiden können!« schreit Fritzsche, maßlos erbost über die Flut von Verdächtigungen. Der Knopfmacher Mandel ruft: »Hab' ich nicht gleich gesagt: ›Wer kontrolliert das Fettöpfchen!‹« »Lügner! Verleumder! Ans Gericht mit den Lumpen!« ruft Glubsch und steht auf, packt einen der Zwischenrufer und verlangt seinen Namen festgestellt. Da springt Herr Hanisch zu und erklärt, er müsse allen Tätlichkeiten einen Riegel vorschieben. Herr Glubsch sei verwarnt. Herr Wagner bittet die Zwischenrufer, die solche Beleidigungen ausgestoßen haben, namhaft zu machen, – doch nun steht niemand mehr auf, um seine Worte zu wiederholen. Nun bekommt Fritzsche von Wagner das Wort. Jeder, der noch einmal ohne Beweise solche Behauptungen aufbringe, sei hiermit öffentlich als ein schuftiger Verleumder bezeichnet und wird hiermit gebeten, ihn bei Gericht zu verklagen! »Der Staatsanwalt!« »Ho! Der Staatsanwalt! Wir sind Richter über unsre Genossenschaft!« unterbricht ihn Herr Pietsch. Fritzsche schweigt einen Augenblick und hebt die Hände: »Meine Herren Kritiker, Verleumder, Ehrabschneider und Beleidiger! Mit diesen Händen habe ich Pfunde und Lote abgewogen, durch diese Hände sind fast 10 000 Taler Geld gegangen. Warum sind die Menschen nicht hier, die für mich zeugen können? Die es jeden Tag am Brotschrank, am Eßteller, an Leib und Leben spüren? Diese Leute sind müde von schwerster Arbeit, voll Vertrauen zu ihrem Führer und legen sich zur wohlverdienten Ruhe. Ihr aber, soviel ich sehe, gehört nicht zu den Arbeitern, ihr braucht nicht in die Fabriken, habt Zeit zuviel! Die Genossenschaft lebt trotz euch und gegen euch, sie wird immer leben, trotz aller Verdächtigungen und Anfeindungen, sie wird immer da auf dem Plan sein, wo der arme, fleißige Arbeiter und Handwerker sein sauer erworbenes Geld ehrlich verwaltet haben will. Diese Hände werden den Handel auch weiterhin zwingen, gerechte Preise einzuführen; nur die Wucherer, Ausbeuter und Verführer werden die Genossenschaft bekämpfen; die Nutznießer der Zwietracht sollen die Genossenschaft verfluchen, weil an einer geeigneten Arbeiterschaft kein Überfordern und Preisbetrügen möglich ist! Die Genossenschaft –« »Zum Teufel mit der Genossenschaft! Zum Teufel mit Fritzsche! Zum Teufel mit dem Vorstand!« schreit der Kattundrucker Thiele und stößt einen Stuhl auf die Erde, daß er zerbricht. Er bückt sich, nimmt ein Stuhlbein und droht gegen Fritzsche: »Du hundsgemeiner Lump! Du Generalbetrüger, du Erzspitzbub! 10 000 Taler sind durch deine Finger gegangen. Wieviel ist daran kleben geblieben? Betrogen hast du die ganze Stadt! Die Schnauze müßt man dir einschlagen, frecher Hund! Du Geschäftsführer einer Gaunerbande! So was lassen wir uns doch in Eilenburg nicht bieten!« Der Drucker Rauschenbach hebt einen kleinen Tisch auf und brüllt: »Ich schlag' die ganze Bande platt!« »Einen Pechdraht um die Hälse dieser Beleidiger!« Über ein Dutzend Mann stehen vor dem Vorstandstisch, die Mitglieder schreien durcheinander. »Hoch die Genossenschaft! Hoch Fritzsche!« »Hoch an die Bäume gehören sie aufgehangen!« Mit rasender Gebärde stürzt der Schuhmachermeister Barth auf Fritzsche zu: »Dann fängts beim Hauptmann an! Fangt den Fritzsche!« Da springt der Polizeisekretär Hanisch zwischen die Bedrohten und Angreifer: »Im Namen des Gesetzes! Ich erkläre die Versammlung für aufgelöst! Kein Wort mehr! Alles hinsetzen! Zehn Mann um zehn Mann hinausgehen! Wer widerspricht, verfällt dem Gesetz!« Einen Augenblick Schweigen. Alle setzen sich nieder. Der Polizeisekretär steht auf einem Stuhl und kommandiert: »Tür auf! Zehn Mann antreten zum Abmarsch!« Murren, Scharren, Stühlestoßen, Tischrücken. Die ersten Zehn nehmen die Mütze und starren, als sie durch die Tür sind, in das Gästezimmer. Sie werden mit schallenden Zurufen begrüßt, werden eingeladen, noch ein Glas zu trinken, nur wenige haben so viel Geistesgegenwart, der Einladung gleich zu folgen. Sie zahlen ihr Bier, schon werden sie von den Nachdrängenden weitergestoßen. Als Letzter schließt Herr Hanisch die Tür, der Vorstand geht die dunkle Straße hinunter bis an das Kornhaus zur Töpfergasse. Sowohl Fritzsche und die Seinen, wie auch die Händler holen ihre Kunden aus. Der große Teil der kaufenden Bevölkerung interessiert sich nicht so sehr für die Streitigkeiten der Parteien, als für die Preise. Immer noch hat Fritzsche diesen Hebel in der Hand. Er benützt ihn: der Umsatz steigt täglich. Fritzsche hat durch die Arbeiter erreicht, daß ein großer Teil der Genossen sich zu der von den vereinigten Webern auf den 4. Juni einberufenen Versammlung einfinden will. Die Weber müssen, da sie für ihren Hauswebstuhl keine Arbeit mehr haben, eine Genossenschaftsweberei aufrichten. Schon haben sie an den Magistrat einen Antrag auf die Herleihung eines Kapitals gestellt. Eine Anzahl Weber wollen selber Kapital einbringen. Fritzsche und Wagner, Stolle und der Färbermeister Vogel sind als genossenschaftliche Fachleute eingeladen. An 150 Leute sind gekommen. Der Vorsteher der Weberverbrüderung begrüßt die Erschienenen und erklärt die Lage. In Rede und Gegenrede wird es selbst dem einfachen Fabrikweber klar, daß die noch vermögenden Weber nach der Höhe des einzubringenden Grundkapitals die aufzunehmenden Aufträge verteilen wollen. Da kommt für den Armen gar nichts heraus. Wieder muß Fritzsche sagen, daß er als Vorsteher 600 Taler Kapital eingebracht habe, ohne jedoch mehr als dieselben Dividende zu erhalten, wie jeder bekommt, der 10 Silbergroschen eingezahlt hat. Die kapitalistisch denkenden Webermeister bestehen auf ihrem Recht. Über diese eindeutige Herrschsucht sind sogar die Kleinmeister so empört, daß sie einen Ausschlußantrag einbringen. Der Antrag wird von den Webern angenommen, die Abstimmung durchgeführt, die Herrschsüchtigen werden mit großer Mehrheit ausgeschlossen. Vorläufig bleibt die Brüderschaft der Armen noch bestehen. Zscherpe ist überzeugt, daß es dennoch zu einer Vereinsweberei kommt. Nachdem die Weber mit ihrer Beratung zu Ende sind, fordert Fritzsche die Anwesenden auf, noch eine Weile zu bleiben. Er gibt einen Bericht über die Zusammenstöße in der letzten Versammlung. Fritzsche macht den Arbeitern klar, daß sie sich mit dem Fernbleiben von den Versammlungen ihrer Rechte entäußern; ein Weber antwortet: »Laßt doch die Schwätzer schwatzen! Was haben wir damit zu tun?« »Und wenn sie euch mit ihren Abstimmungen ganz herausdrängen? Was dann?« fragt Fritzsche. »Ha! Dann lassen wir sie sitzen und gründen eine Arbeiterkonsumsgenossenschaft!« »Und unser Erspartes, unsre Waren, unsre Anschaffungen, es sind an 800 Taler! Durch unser Fernbleiben gehen sie uns verloren!« »Das wäre noch schöner! Nötigenfalls gebrauchen wir unsre Fäuste. Wir werden unser Recht schon zu wahren wissen!« Fritzsche erklärt ihnen, daß sie sich durch die Unterschrift unterm Statut zur genossenschaftlichen Handlung, – dazu gehört auch Versammlungsbesuch, verpflichtet haben. »Ihr habt von euren Rechten ja niemals Gebrauch gemacht! Es sind von Mitgliedern Beleidigungen gegen euch und den Vorstand gemacht worden. Wie gerne hätten wir die Beleidiger zur Rechenschaft gezogen; aber, auf den Versammlungen wart ihr nicht, sondern nur der Anhang der Beleidiger! Wir sind im Konsum in der Überzahl, in der Versammlung in der Minderzahl, das heißt: Ihr wart nicht da. In der Solidarität kann sich keiner vertreten lassen, da muß der Mann selber einstehen! Dafür hat er die Stimme.« »Wenn ihr alle dagewesen wärt, dann hätten wir sie ausschließen können. Nun ist es zu spät! Jeder muß alles tun, was zur Sicherheit des Rechts dient. Die Zeit, in der man sich einfach an den Kartentisch setzt und andere für sich schaffen läßt, wird für den Arbeiter nie kommen! Er muß außer seiner Arbeit an der Maschine für seinen Stand arbeiten, lernen, schaffen!« Fritzsche redet eindringlich zu den wenigen. Er sieht, er hätte es alles schon zu Beginn der Assoziation sagen müssen, nun ist es zu spät! »Wir wollten die Genossenschaft am Brotschrank spüren, – wir wollten keine Paragraphen!« erklärt ein Arbeiter von Mitscherlich. »Ich kann es nicht begreifen, daß der Weg zum Recht über Papier und das Gedruckte gehen soll!« sagt ein Arbeiter. »Der Reichtum der Welt geht von unsern Knochen aus ebenfalls übers Papier und das Gedruckte: Paragraphen, Gesetze, Gebote, Verbote; es gibt Leute, die alle Gesetze kennen, nicht, um sie zu befolgen, sondern, sie zu umgehen! Wenn wir nicht auch alles studieren, alles Wissen erwerben, so werden wir nie vorankommen!« »Und dazu sollen wir die Genossenschaft gegründet haben?« fragt der Mann ungläubig. »Ich meine, die Hauptsache sei die Ersparung!« »Aber selbstverständlich ist die Ersparung die Hauptsache!« sagt Fritzsche. »Ich hoffe aber, ihr lernt auch was dabei! Auf jeden Fall macht ihr Erfahrungen!« Die Weber tragen die traurige Nachricht der Schwierigkeiten, die der Entstehung der Vereinsweberei erwachsen, durch die Fabriken; die Fritzscheleute werben um den fleißigen Besuch. Sie hoffen, daß jetzt erst recht alle Mitglieder zu der am 13. Juli stattfindenden Generalversammlung kommen. Schon treffen bei Wagner Anträge für die Tagesordnung ein. Sie tragen die Unterschriften von 30 bis 50 Mitgliedern und fordern die Ersetzung Fritzsches durch einen anderen. Eines Abends, als Wagner diese Stimmen zusammenzählt, sind es fast die Hälfte der Mitglieder, und Glubsch, der sich eine Liste ansieht, sagt erstaunt: »Das sind ja Kollegen von Degenkolb! Wahrhaftig, wie kommen sie dazu, diesen Antrag zu unterschreiben? Die muß ich doch einmal fragen; bei mir tun sie als treue Mitglieder und jetzt kommen sie so heraus!« Am nächsten Tag kommt Glubsch zurück: »Ha, Fritzsche! Ich hab mich nicht getäuscht; ein Kollege sagte: ›Wenn doch der Hausbesitzer mit der Liste kommt und fordert meine Unterschrift? Wenn ichs nicht tu, wirft er mich aus dem Haus, das ich seit zwölf Jahren wie mein eigenes, sauber und ganz gehalten, – und meinen Garten, in dem ich soviel Arbeit, Dung, Geld für Bäume und Sträucher gesteckt habe! Was sollt ich da machen? Ich unterschreibe! Da ist der Schwiegervater, der die Familien zum Unterschreiben zwingt, hier ein Handwerker, dem er eine Rechnung schuldet, – pfui Teufel, wie nutzen sie die Abhängigkeit aus!« »Leider!« sagt Fritzsche und fragt nach seiner Meinung. »Ja, Fritzsche, ich sage, was ich auch schon öfters gesagt und immer empfohlen habe, wir müssen nicht nach der Kopfzahl abstimmen lassen, sondern nach dem Umsatz. Wir, die wir doch alles unserm Magazin entnehmen, was wir verbrauchen, und keinen Pfennig zum Händler tragen, haben doch mehr Wert für den Verein, als die Schwätzer, die grade so viel holen, um nicht ausgeschlossen zu werden! Und die sollen dann genau eine Stimme haben, wie wir!« Fritzsche bedenkt dies lange und sagt dann langsam: »Um diese Stimmbewertung auszuführen, muß das Statut mit Zweidrittelmehrheit geändert werden. Bis es aber zur Versammlung kommt, haben sie euch den Versammlungsbesuch so verekelt, daß ihr wahrscheinlich kaum die Hälfte der Stimmen habt!« »Das werden wir aber sehen!« sagt Glubsch und verspricht, noch mehr wie sonst für die Versammlung im Juli zu werben. Dreiundzwanzigstes Kapitel Am 13. Juli abends 9 Uhr sehen sie sich in Kriegers Saal wieder. Genau, wie vor einem Jahr: die Arbeiter sind ausgeblieben, obgleich heute kein Streiktag ist. Heute kann Herr Wagner keinen Vertagungsantrag stellen. Er hält einen Vortrag über die geschäftliche Entwicklung des letzten Jahres und bedauert den Verlust von nahezu 100 Mitgliedern. Dann gibt er über die Vermögensverhältnisse, die trotzdem nach wie vor ausgezeichnet sind, Auskunft und einen Überblick über die Inventur. Der Vorsteher bezeugt die Richtigkeit, die Kontrolle bestätigt sie. Zum Schluß des ersten Punktes der Tagesordnung kommen eine Anzahl Mitglieder an den Vorstandstisch und machen von dem Recht der Einsicht Gebrauch. Nachher muß für die ausscheidenden Mitglieder der Kassenanteil bereitgestellt werden. Wagner hat ihn mit 25 Silbergroschen pro Kopf veranschlagt, die Ausscheidenden werden gebeten, anstatt des Geldes in bar Waren zu nehmen. Es sind Zweidrittel der Stimmen für die Entnahme in Waren. Er bedankt sich für die Einsicht; er sagt, es sei für die Fortführung des Geschäftes in diesen schweren Zeiten von großer Wichtigkeit, daß der Barbestand nicht so sehr angegriffen würde. Nun erklärt der Schriftführer, es sei für ihn sowohl wie für den Schriftführer und Rendanten je eine Person zu wählen. Wenn er jedoch der Versammlung einen Vorschlag machen dürfe, so gäbe er die Anregung, diese drei Funktionen in einer zu vereinigen. Dadurch würde der Gang der Geschäftshandlungen keine Verzögerung erleiden. Die Versammlung möge Vorschläge machen. Herr Wagner setzt sich. Es werden Namen gerufen, aber nicht von der Mehrheit aufgenommen oder bestätigt. Es dauert eine Viertelstunde, da steht Herr Bläske auf und bietet Herrn Wagner diese drei Funktionen in einem an. Die Versammlung verhält sich ungewöhnlich still. Herr Bläske bittet um Gegenvorschläge. Auch bei dieser Aufforderung kommt es zu keiner Einigung. Nun mehren sich die Stimmen für Herrn Wagner. Herr Bläske läßt abstimmen. Da bringen einige Tische mit großem Stimmenaufwand einen Gegenkandidaten auf, Herrn Kolschbach. Bei der Abzählung ergibt sich jedoch die große Mehrheit für Wagner. Herr Wagner nimmt das Amt an. Um den schon vorliegenden Anträgen zur Verbilligung der Geschäftsführung entgegenzukommen, erbittet er sich von den durch Zusammenzählung ergebenen Entschädigungen nur ein Prozent. Nun bittet Herr Wagner um Vorschläge für den neuen Geschäftsführer. Jeder weiß, es geht jetzt gegen Fritzsche, doch keiner weiß, wer diesen Posten übernehmen kann. Auf den ersten Antrag, der vorliegt, hat eine Gruppe den Drahtzieher, Herrn Koch, vorgeschlagen. Genau sechs Mann erheben sich. Der zweite Antrag lautet auf Herrn Zimmermann Thiele. Er unterliegt mit vier Stimmen gegen Koch. Ein dritter Vorschlag: Herr Knopfmacher Mandel. Er erhält 13 Stimmen. Der Antrag Nummer vier geht von Glubsch und Genossen aus: Wiederwahl des bisherigen Geschäftsführers. Dagegen geht ein Entrüstungssturm durch die rechte Ecke des Saales, in der Mandel, Thiele, Koch und Genossen das Wort führen. Sie rufen einen neuen Namen: »Herr Schneidermeister Ossen!« Aus der Ecke um Glubsch herum kommen erregte Zwischenrufe: »Krämerknecht! Liebediener! Verräter! Hat hier nichts zu suchen! Vorgeschobener Strohmann!« Herr Wagner bittet um die Stimmzettel. 32 gefaltete Zettel gehen ein, davon sind 10 ungültig, weil der Name kreuzweise durchstrichen ist; auf zweien ist der Name bis zur Unleserlichkeit mit nassen Fingern ausgewischt. Wagner nimmt die Zettel und spricht von den merkwürdigen, ungültigen Stimmzetteln. Er liest der Reihe nach, gibt die Ungültigen dem Kontrolleur zur Linken, die Gültigen nach rechts. Es kommen auf Schneidermeister Ossen 18 gültige Stimmen. Wieder erheben Glubsch und seine Freunde wildes Protestgeschrei, Herr Wagner muß sie beschwichtigen. Er ruft den Schneidermeister auf, der ist nicht da. Weil er einmal gültig gewählt ist und niemand eine Entschuldigung von ihm vorbringen kann, entsteht eine peinliche Pause. Selbst die Gegner sind des Sieges nicht froh, da das Fernbleiben ohne Entschuldigung und Bescheid nicht von sehr großem Mute zeugt. So schlägt Wagner vor, vier Leute zu wählen, welche Herrn Schneidermeister Ossen das Amt anbieten und ihn nach den Bedingungen fragen sollen, unter denen er das Amt anzunehmen gedenkt. Falls Schneidermeister Ossen nicht annehme, ist Herrn Mandel das Amt anzutragen. Auch damit ist die Versammlung einverstanden. Nun werden sechs Mitglieder gebeten, das Protokoll zu unterschreiben. Von den Handwerkern melden sich nur zwei, die angerufenen Arbeiter lehnen ab. Es dauert über eine Stunde, bis sich die Männer stellen. Es sind die Handwerker Kuhnert und Kögel, die Arbeiter Raphan und Rauschenbach, der Maler Schneider und der gewesene Eisenhändler Riedewald. Jetzt erwartet die Versammlung im Schlußwort eine große Rede des Herrn Wagner. Sie sieht, wie er sich Notizen auf ein Blatt macht, wie er seine Papiere zurechtlegt. »Ehe ich diese General-Versammlung der Lebensmittelgenossenschaft schließe, bitte ich die verehrlichen Mitglieder, ihr Einverständnis mit der statutarischen Vorschrift zu erklären und die Gültigkeit des Verlaufs ausdrücklich zu bestätigen.« Kein Wort mehr? Die Versammlung reckt die Köpfe und jeder wartet auf die Zustimmung des andern. Langsam erheben sich die neugewählten Vorstandsmitglieder, die Leute der Kommission, erhebt sich die rechte Ecke, wo die Handwerker sitzen. Herr Wagner bestimmt den Weber Schneider zur Stimmzählung. Während dieser Tisch um Tisch abzählt, stehen im Hintergrunde immer noch einige Leute auf. Nun hofft Wagner noch, daß bei der Gegenprobe die Arbeiter-Opposition gegen die neue Richtung aufsteht und die Wahl für ungültig erklärt. Bei der Gegenprobe erheben sich 50 Arbeiter. 60 Stimmen sind für die Gültigkeit der Wahl, mit 10 Stimmen ist Glubsch unterlegen. Fast unmerklich ist der alte Vorstand im Saal bei den Mitgliedern untergetaucht; die Neuen begeben sich an den Tisch, an dem Wagner allein übriggeblieben ist. Gelächter wird laut, unbekümmertes Geschwätz der Arbeiter. Da zur Sache nichts mehr zu sagen ist, bittet Herr Wagner, seine Meinung aussprechen zu dürfen. Er wolle es aber nur dann tun, wenn alle einverstanden sind. Beifall der Versammlung. Er steht auf: »Liebe Freunde! Mitglieder! Vor unsern Augen tut sich ein neues Geschäftsjahr auf, das ungeahnte Möglichkeiten in sich birgt. Mit wechselndem Glück hat unsere Genossenschaft ihr Ziel verfolgt, hat auf dem Weg in die Zukunft zeitweise wie auf einem Schlachtfelde kämpfen müssen. So friedlich und friedfertig, so wenig zu kriegerischem Kämpfen gerüstet, ist wohl nie eine Menschengruppe aufgebrochen, um sich zu wehren. Es handelt sich bei diesem Recht nicht bloß um ein moralisches, von Gott und der Natur gegebenes, nur mit dem Gefühl erfaßtes Recht, sondern auch um ein juristisches Recht, von dem jeder Bürger und Bettler in Eilenburg und der ganzen Welt selbstverständlich Gebrauch macht. Es ist das Recht auf die persönliche Verfügung über wohlerworbenes Eigentum, das Recht auf die ungezwungene Verwendung des rechtmäßig erarbeiteten Lohnes. Werte Freunde, bedenkt! Kein Gesetz kann einem Bürger vorschreiben, wo und bei wem er sein geldliches Eigentum in Ware umsetzt oder verzehrt. Nur uns, den Mitgliedern der Genossenschaft wird es als ein Verbrechen angerechnet, wenn wir von diesem, durch Staatsgesetze verbürgten Recht Gebrauch machen. Hat je einer gehört, daß vom Staat verlangt wird, ein neues Gesetz zu erlassen, das den Kurt Meyer, den Hans Schulz oder Paul Schmidt zwingt, auf dem Marktplatz oder in der Töpfergasse sein Geld in Ware umzusetzen? Das hat noch niemand gehört, und wer diese Tatsache als Wahrheit aus einem fremden Staate erzählen würde, dem würde man sagen: ›In diesem Staate müssen die Leute verrückt sein!‹ Nun ist dieser einzigartige Fall geschehen, nicht in Honolulu oder Kamtschatka, sondern er ist bei uns in Eilenburg eingetreten. Für einen Menschen, dessen Denken nicht getrübt ist, ist das ein ganz sonderbarer Fall. Ich bin fest überzeugt, daß man später in anderen Gegenden von dieser Stadt und von diesem Streiche erzählen wird, wie von einem gewissen Schilda, über dessen Einwohner die Schild- oder Spießbürger heute mit Recht gelacht wird. Dieser traurige Ruhm ist der berühmten Industriestadt Eilenburg zugefallen. Sehen wir uns die Tatsache an: mit welchem Gelde arbeiten wir in unserer Genossenschaft? Mit eigenem, wohlverdientem Lohngeld. Was tun wir damit? Kaufen wir vielleicht damit Bomben und Granaten ein, um damit Könige und Minister zu ermorden, oder Pulver und Blei, um verbrecherische Verschwörungen anzuzetteln? Nein, wir kaufen mit unserm Lohngeld Lebensmittel ein, genau, wie das alle Menschen auf der Welt tun. So, dann wird man fragen, sind es vielleicht geschmuggelte oder gar gestohlene Lebensmittel, die da heimlich verkauft werden? Nein, es ist reelle Ware, gewachsen auf gutem, sächsischem Grund. Nun ja, wird jeder Nicht-Eilenburger fragen, warum soll es denn den Eilenburgern verboten sein, gerade an einem bestimmten Platz zu kaufen? Warum? Die Antwort: weil dort die Waren billiger sind. Und wiederum wird jeder Nicht-Eilenburger fragen: ›dann ist es selbstverständlich, daß die Schulze, Schmidt und Meyers dort beziehen, wo es am billigsten ist. Das tut doch jeder vernünftige Mensch!‹ Meine Freunde! Es ist hier in Eilenburg der Fall, daß von den ortsansässigen Kaufleuten nach einem Staatsgesetz gerufen worden ist, das uns das Recht auf unsre freie Verfügung über unser Geld nehmen soll. Es wird heute noch von Eilenburg nach Berlin die Hilfe der Legislatur angerufen! Dies ist der Tatbestand! Was sind nun die Umstände, was ist geschehen? Reden wir frei heraus! Die Handwerker, die wirklich am Hungerknochen nagen, waren auch einst freie Leute in gutem Verdienst. Jetzt freilich sind sie arme Lohnarbeiter. Die Händler ...« Zwischenruf: »Laßt sie, wie wir, in die Fabriken gehen!« »Die Händler wollen die Vereinigung zum gemeinsamen Bezug der Lebensmittel zerstören. Sollten wir die Läden der Händler stürmen, die Einrichtungen zerschlagen, die Händler verjagen, um uns der Teuerung zu wehren? Nein, wir schlossen uns zusammen, dachten uns diese unsichtbare Maschine Lebensmittelgenossenschaft aus und sahen, daß sie um 15 bis 30 Prozent billiger arbeitet, als der Handel es kann. Das haben wir erreicht, das haben wir geschafft. Meine Freunde! Es wird den Händlern so wenig gelingen, die Genossenschaft zu zerstören, wie es unsern Vorfahren gelungen ist, den Siegeszug der Maschine aufzuhalten. Mögen die Reichen und Gebildeten eingedenk sein, daß sich das Schicksal oft der Einfältigen und Einfachen, der Armen und Unbekannten bediente, um seine großen Pläne zu verwirklichen. Und so finde ich unsre Aufgabe darin, als ein Zeichen brüderlicher Hilfe im wilden Konkurrenzkampf dazustehn zur Wohlfahrt derer, die sie am meisten nötig haben. Möge die Genossenschaft wachsen, blühen und gedeihen!« Zum ersten Male wagen sich die Stimmen und Hände der Gruppen hervor, die in gepreßter und erzwungener Gleichgültigkeit dieser Versammlung folgen. Wie auf einen Alarm hin bricht auch plötzlich der Beifall an den Tischen der Opposition aus. Wie um die große Verlegenheit mit Gedröhne und Geschrei von sich abzuwälzen, stimmen sie in die Rufe: »Hoch Fritzsche! Hoch Wagner!« ein. Mitten im Tumult beginnt der Abmarsch. Der Wirt steht mißvergnügt an der Tür; es ist wenig verzehrt worden. Unten im Gasthaus erwarten viele Eilenburger wie unauffällig das Ergebnis der Versammlung. Trotz des unzweifelhaft errungenen Sieges können die neuen Leute nicht froh werden. Fritzsche und die Seinen besprechen mit Wagner den Fortgang der Geschäfte. Am nächsten Abend treffen sich Brade, Stolle, Böhler, Vogel und Glubsch in der Töpfergasse. Stolle bittet Fritzsche, die Warenabgabe weiter zu führen, bis der neue Geschäftsführer sein Lokal in Ordnung hat. Als sie durchs Magazin gehen, streicht Fritzsche zärtlich über die vollen Säcke; er hält eine kleine Abschiedsrede an die Waage, die ihm so lange treu gedient hat. Frau Fritzsche bewirtet die Freunde. Während sie sich zusammensetzen, spricht Fritzsche von dem Branntwein, der samt dem Fäßchen, damals nach dem Verbot des Magistrats, aus dem Lokal entfernt wurde. Er geht in den Keller und findet nur das leere Tönnchen. Das ist eine arge Enttäuschung. »Das Faß ist leer!« ruft er voll Zorn und tritt an die Böden und Dauben. »Ja, es ist leer! Aber auf den Borden stehen Flaschen, verkorkt und versiegelt, – die kannst du nehmen!« ruft Frau Juliane herunter. Sie müssen den Schnaps durch ein Sieb gießen, denn die Flaschen sind voller Stengel und Blätter. Sie trinken und verziehen die Gesichter. Frau Juliane lacht: »Ich habe den Branntwein auf Kräuter gesetzt! Ihr habt zuerst den Wermut erwischt! Der ist zwar bitter, doch er stärkt den Magen und macht Appetit! Trinkt, Freunde! In einer andern Flasche steht der Schnaps auf Kalmuswurzeln, schmeckt ebenfalls bitter! Meerrettich heißt der dritte und er verscheucht die bösen Blähungen! Wollt ihr eine Herzstärkung, so geht nochmal hinunter und nehmt die letzten Flaschen: Wacholder und Anis! Trinkt und vergeßt die Sorgen!« Sie trinken der Reihe nach von den bunten Schnäpsen, sie werden fröhlich und ausgelassen. Der Barbier Böhler singt sein Lied vom ausgedienten Soldaten; als er an die letzte Strophe kommt, legt er Fritzsche die Hand auf die Schulter und dirigiert mit der Pfeife in der Rechten: »Und ist der Feldzug dann zu Ende, Und der Soldat marschiert in sein Quartier, Dann sieht er nichts, als Hunger und Elende, Er hat kein Geld, kein Brot, nichts mehr!« Nun singen alle den letzten Vers mit: »Dann tut man den Soldat verfluchen. Er soll sein Brot wohl auf dem Schlachtfeld suchen. Ja, so ein Dank hat der Soldat, Der für das Vaterland gestritten hat!« Wagner kommt von Ossen und sagt, es würde noch bis August dauern, bis der neue Geschäftsführer sein Lokal in der Pfarrgasse eröffnen kann. Fritzsche hat nicht eher Ruhe, bis die Freunde die Inventur fertig haben. Es ist schon früher Morgen, ehe sie weggehen. In den letzten Tagen des Juli kommen die Herren vom neuen Vorstand. Sie prüfen die Listen und vergleichen die Waren. Am 31. Juli ist Schluß: die Kolonialwaren werden eingepackt, in Kisten und Kasten verstaut, schon am frühen Morgen laden die Männer auf. Das kleine Straßenpublikum rennt hinter der Fuhre mit zur Pfarrgasse und fährt auf den leeren Wagen zurück. Da geschieht ein kleines Unglück: eine Korinthenkiste fällt und platzt; die Kinder stürzen über den süßen Inhalt hin, füllen die Taschen und erzählen es rund. Am Nachmittag ist die ganze Jugend versammelt. Am Abend steht das kleine Kindervolk vor dem Haus. Sie sehen zu, wie das große Schild abgenommen wird. Wie auf ein Kommando beginnen sie mit hellen Tönen ihr kleines Liedchen: »Nun sitzt der August Fritzsche In seiner leeren Klitsche, Fort ist die Assion, – das hat er nun davon!« Fritzsche ist in den ersten Tagen seiner erzwungenen Muße richtig übermütig geworden. Frau Juliane freut sich, daß er seiner Arbeit nicht nachtrauert; doch bald muß sie einsehn, daß die Fröhlichkeit nicht echt ist. Eines Tages sagt er: »Ich fang jetzt irgendwo anders an. Eilenburg ist nicht das ganze Deutschland. Ich geh nach Berlin, unter den Augen des Königs fang ich an, mitten unter Arbeitern. Oder wir ziehn zum Westen. Überall ist Hunger und Not. Was wir getan haben, war echt und gut, ist für das ganze Land gut. Gehn wir dahin, wo die Maschinen das Arbeitsvolk lebendig machen! Dort, wo das große Elend ist, ist auch Sehnsucht nach Besserem. Jetzt muß es durchgeführt werden. Jetzt muß der Staat eingreifen: er hat die Macht. Die Arbeitsarmee ist genau so wichtig wie die in der Kaserne. Damit das Vaterland sich großarbeiten kann, muß dem Arbeitssoldaten genau die Existenz gesichert sein wie dem Feldsoldaten. Erst, wenn der Kampf um das Allernotwendigste aufhört, dann kann der Arbeiter erst seine Arbeit für das Gemeinwohl tun!« Frau Juliane stimmt ihm zu. »Doch bedenk, wir haben nicht bloß kein Geld, sondern auch noch die Hypothek stehn: 400 Taler!« Entgeistert, als hätt' er nichts davon gewußt, stiert Fritzsche sie an. »Die Eintragung! Ach ja! Nein, dann können wir nichts machen!« Wagner geht nun nicht mehr am Mittag zu Fritzsche, sondern zu Ossen, der ihn überaus freundlich empfängt. »Lieber Wagner!« sagt er einmal, »warum tust du so, als wenn wir uns erst heute kennengelernt hätten? Wir sind doch beide aus Hainichen, waren zusammen in der Schule, haben zusammen gegen die Zscherpliner an der alten Ziegelei Krieg geführt und erst unsre Heirat brachte uns auseinander. Jetzt bringt uns die Genossenschaft wieder zusammen. Wir zwei sind sogar der ganze Vorstand. Wir sollten Freunde sein! Der frühere Vorstand hat sich mit Bäcker und Bauer, mit Küper und Krämer, mit ganz Eilenburg verfeindet! Die Feindschaft kommt von den niedrigen Preisen, die Fritzsche eingeführt hat. Wir müssen die Preise heraufsetzen! Sonst kommen wir nicht durch. Die Händlerschaft hat nun mal kein anderes Ziel, als unsre Genossenschaft und mit ihr die niedrigen Preise auszurotten. Es gibt nur ein Mittel, mit Eilenburg im Frieden zu leben, und das ist: angemessene, erhöhte Lebensmittelpreise!« Wagner ist im ersten Augenblick verblüfft, – dann sagt er: »Gut! Erhöhen wir die Preise; doch dann zahlen wir das zuviel abgenommene Geld vierteljährlich wieder zurück.« Ossen blättert unausgesetzt in seinen Listen. Wagner nimmt ihm die Listen fort und sagt hart: »Meine Freunde, nicht bloß die vom Vorstand sagen, daß du mit Hilfe der von den Händlern beeinflußten Mitglieder gewählt bist.« »Wagner!« Ossens Faust saust auf den Tisch: »Mißtraust du mir so?« »Lieber Ossen, es liegt an dir, dies Mißtrauen verschwinden zu lassen! Es würde mich freuen, wenn es dir gelingt. Das mit den anständigen Preisen, – das heißt doch höhere, – hat Fritzsche auch schon vorgeschlagen. Er wollte jedem Mitglied ein Büchlein geben, in das jede Warenentnahme mit Tag und Datum eingetragen wird. Umständlich, aber gerecht; denn Fritzsche wollte, daß jedem Mitglied nach der Höhe seiner Entnahme das Zuvielgezahlte am Ende des Quartals zurückvergütet wird. Bis jetzt ist es so, daß jeder, gleichgültig, ob er viel oder wenig, für 10 Silbergroschen oder 10 Taler, eingeholt hat, den gleichen Anteil bekommt, – das ist ungerecht! Außerdem hält es die Mitglieder ab, alle Bedürfnisse bei uns zu decken. Wenn wir es so machen, wie Fritzsche es wollte, bekommen wir zuerst etwas wie einen gerechten Handel in Deutschland. Sag, Ossen! Ist so was dagewesen, solang die Welt besteht? Handel hieß doch immer: ›Nimm, was du kriegen kannst!‹ Habe ich recht oder nicht?« Ossen hebt langsam die Augen zu Wagner und sagt: »Damit verurteilst du auch uns Handwerker. Denn, auch wir handeln mit der Ware sowohl, wie mit der Arbeit. Wenn du mich und uns beschimpfen willst, kann ich mit dir nicht zusammenarbeiten. Mich dünkt, wir reden jetzt etwas weniger von der Gerechtigkeit und etwas mehr von den anständigen Preisen. Wir müssen die Preise erhöhen, damit sie gerecht werden. Denn, das ist kein gerechter Preis, der den ganzen Händlerstand bankrott macht. Die ungerechten Preise sind doch nur auf unserer Seite!« Wagner hat schon die Hand an die Klinke gelegt und will gehen. Ossen stürzt hinter ihm her und sagt schnell: »Aber, Wagner, mir war es doch bloß um den Frieden zu tun! Ich bin als Schneidermeister auch gegen den Handel. Es gibt ja jetzt Kleiderhändler, die lassen von ganz verarmten Teufeln, die nicht einmal das Geld zum Gesellenstück haben, nach der neuesten Fasson Anzüge zusammenpfuschen. In Leipzig sind schon die Preise für Meisterarbeit über die Hälfte herunter, alles Volk kauft in den Kleidermagazinen: Fertig für jedermann, wie Würste und Schinken, hängen die Anzüge an einer Stange. Hast du noch nichts davon gehört?« »Nein! Ich war lange nicht da!« sagt Wagner. »Brauchst auch nicht hin!« eifert Ossen, »in Eilenburg will der Kanitzky auch so eine Mordbude einrichten!« »Warum sagst du Mordbude?« fragt Wagner. »Ein einziger Kleiderhändler verkauft mehr, als zehn Meister arbeiten können! Die Handwerksmeister und Gesellen können Handelsware fabrizieren, im Akkord, wie wie ...« »Wie gewöhnliche Arbeiter, von denen es hier Tausende gibt!« sagt Wagner. »Also, verstehst du, Wagner, unter diesen Umständen kann ich den Handel nicht schätzen und schützen, sondern nur –« »Bekämpfen!« entgegnet ihm Wagner, »wirklich, das solltest du tun! Aber, du hast zu viel Angst vor deinen ehemaligen Freunden und dann hoffst du noch immer, daß es mit den Genossenschaften nichts wird! Denn du glaubst, in ihnen die großen Verderber eures Standes zu sehn, – eure Verderber aber sind nicht die Genossenschaften, sondern der Handel! Ich hoffe, daß du das begreifst! Adieu!« Als Wagner eines Sonntags mittags vom Kirchgang kommt, hört er schon an der Tür den Namen Ossen; er tritt ein und findet diesen mit seinem Schwager, dem Schuster aus Delitzsch. Wagner setzt sich zu ihnen. Ossen tut, als könne er die Rückvergütung nach dem Umsatz nicht begreifen. In Wagners Gegenwart kann er sich nicht länger dümmer stellen, als er ist. Jetzt weicht er seinem Schwager so aus: »Ja! Ihr Schuster habt es gut! Ihr habt in Delitzsch die Rückvergütung gleich eingeführt! Wenn ich das so Knall und Fall in Eilenburg tue, reize ich nur die Bürgerschaft zum größten Widerstand gegen uns auf! Es ist bestimmt nicht im Interesse der Mitglieder. Du und auch Wagner können sich nicht vorstellen, wie erbost ganz Eilenburg auf die Genossenschaft ist: sie hat die Bürgerschaft in zwei Teile gespalten: Händler gegen Arbeiter! Schließlich kommt es noch zu Mord und Todschlag!« Wagner sagt ärgerlich: »Mord und Totschlag gehören nicht zur Praxis einer Genossenschaft.« Auch der Schwager ist aufgeregt: »Du scheinst deine Feinde besser zu kennen, wie unsre Freunde! Glaubst du wirklich, daß sie den Polizeisäbel selbst in die Hand nehmen?« Als Ossen nun radikal gegen den Handel redet, sieht sein Schwager plötzlich auf und sagt: »Du bist ein Komödiant! Seit gestern abend läßt du mich über die Rückvergütung reden, tatest so, als verständest du sie nicht. Als Herr Wagner kommt, tust du, als wenn du schon lange darum wüßtest! Du willst mich verdummteufeln! Ich gehe! Mein Kollege Stolle hat mich zum Mittagessen eingeladen! Adieu, Schwager!« Auch Ossen ist aufgestanden. »Da fällt mir ein, ich habe Dora versprochen, zeitig zum Essen zu sein, ich kann ja gleich mitgehen! Auf Wiedersehen, Wagner, du kommst doch morgen, die neuen Listen einzusehen?« Wagner bringt sie bis an die Tür und sieht ihnen nach. Langsam kommt er zurück zu seiner Frau. »Nun, Lina, wer ist dir lieber von den beiden, – der dumme Schuster oder der kluge Schneider?« Frau Lina eifert drauflos: »Solch einen Anzug müßtest du haben! Und wenn du nicht in deinen Ansprüchen an die Genossenschaft so bescheiden wärst, so könntest du ihn dir gut leisten! Du bekommst für zwei Posten bloß ein Geld, für die doppelte Arbeit nur eine Entschädigung! Dem Ossen, wett ich, geht nichts ab. Der wahrt seinen Vorteil! Du bist und bleibst der Dumme!« »Aber, liebe Frau, ich hab dich nicht nach seinem Anzug gefragt, ich meine: hat der Schuster aus Delitzsch nicht ehrliche Augen?« »Selbstverständlich!« sagt Frau Wagner, »weil er vom Lande kommt; dafür ist sein Anzug so komisch. Was für ein feiner Kerl ist gegen ihn der Ossen! Ja, Kleider machen Leute!« »Dann wär ich ja besser auch Schneider geworden! Pfarrer wollt ich werden! Als Rechtsverdreher muß ich mein Brot verdienen. Irgendwo muß man doch seine Gesinnung und sein gutes Gewissen zeigen dürfen!« »Ha, ein schöner Anzug, neumodisch, macht mehr Effekt! Darüber unterhalten sich die Leute in der Öffentlichkeit. Du bist von Natur ein feiner Kerl, darum müßtest du auch einen feinen Anzug haben! Und mit dem Gewissen, da ist es wie mit den Unterkleidern. Da schaut nur die Waschfrau hin! Das wett ich doch, dem Schneider wird es immer gut gehen, besser als dem armen Fritzsche, der auch seinen Kopf für die armen Leute ins Loch gesteckt hat!« »Soll ich nun auf seiten Fritzsches oder Ossens stehen?« fragt Wagner. »Freunde sind Männersachen! Kleider sind Frauensachen! Fritzsche geht dich an!« sagt Frau Lina und deckt den Tisch. Am 1. September rechnet Wagner den Anteil aus, den Ossen als Geschäftsführer bekommt. Im Quittungsbuch sieht er den ungelenk geschriebenen Namen Fritzsches, der bisher den Anteil bekam. Wagner denkt zum ersten Male über die Geldverhältnisse seines Freundes Fritzsche nach. Seit zwei Monaten hat er kein Einkommen mehr! Hat er einen Kredit aufgenommen? Sein Herz bekommt einen Stoß, daß es für einen Augenblick stillesteht. Er, Ossen, Vogel und Rudolph, sie alle haben im Trubel der Ereignisse vergessen, den Antrag wegen der Löschung von Fritzsches Kaution einzubringen. Diesen Antrag muß er, der Schriftführer, ja stellen, das hat er bis jetzt versäumt. Zu Haus angekommen, holt er noch vor dem Essen die Papiere heraus, liest nach und findet in dem Vertrag eine Klausel, an die er nicht mehr gedacht hat: »Nach Vereinbarung soll der jedesmalige Vorsteher berechtigt sein, die Löschung zu bewirken, wenn zuvor der Magistrat attestiert, daß nach eingezogener Erkundigung der Herr N. N. Vorsteher ist.« Also er, Wagner, und nicht mehr Vogel, ist der Vorsteher; also er, Wagner allein, kann und muß die Löschung bewirken. Sofort nach dem Essen schreibt Wagner den Antrag, nimmt die Papiere und geht zum Magistrat. Er ist der Hoffnung, daß er die Bescheinigung gleich mitnehmen kann. Der anwesende Polizeikommissar war ja bei seiner Wahl zugegen und er muß Herrn Wagner bestätigen, daß er in der Generalversammlung nicht geschlafen, sondern die Ohren gespitzt hat. Da kann es ihm nicht entgangen sein, daß Wagner gewählt worden ist und an Vogels Stelle getreten. Trotzdem bekommt er die Bescheinigung nicht. Mißmutig geht er zu Fritzsche. Sie beschließen, gleich noch einen zweiten Antrag, diesmal von Fritzsche aus, zu stellen. Sofort setzt Wagner das Schriftstück auf und gibt es Fritzsche zur Unterschrift. Wagner hat keine Ruhe mehr, er muß dem Freunde Geld besorgen, wenigstens einen Vorschuß auf die eingetragene Kaution. Darum geht er, ohne Fritzsche erst lange Bescheid zu sagen, zu Herrn Bürmann, dem Vorsitzenden des Darlehenskassenvereins und erzählt ihm die Sache mit dem Attest. Er bittet für Fritzsche um Darlehen von vorläufig 100 Talern, bis die Löschung der Kautionshypothek getätigt sei. Herr Bürmann kann natürlich nicht allein bestimmen, er muß erst den Vorstand fragen. Kaum ist Wagner von Bürmann zurück bringt ihm der Magistratsbote schon die Antwort auf seinen Brief. Sollte das schon das Attest sein? In kurzen Worten fordert Herr Brunner ihn auf, dem Magistrat das Dokument zu senden, aus dem die Wahl hervorgeht. Gleich holt Wagner seine Akten heraus. Er nimmt das Wahlprotokoll. Richtig, hier steht es schwarz auf weiß: Einstimmiger Beschluß der Versammlung! Er schreibt das Protokoll erst einmal ab. Wenn er das Original hingibt, wird er es im Leben nicht mehr wiedersehen. Gibt er die Abschrift, so wird sie als nicht genügend verworfen. Also gibt er beides und bittet Herrn Hanisch, die Abschrift zu stempeln. Damit schickt er den Lehrjungen zum Magistrat. Zu seinem großen Erstaunen kommt dieser gleich mit der Antwort zurück, – Wagner muß es zweimal lesen, was der Bürgermeister ihm mitteilt: der Magistrat erklärt sich für nicht kompetent und verweist auf ein ordentliches Gericht. Mit dieser Antwort geht Wagner gleich zu Fritzsche, wirft ihm den Brief auf den Tisch und sagt verbittert: »Da, seht mal, wie feige sich der Bürgermeister an der Entscheidung vorbeidrückt!« Fritzsche liest den Bescheid, schüttelt den Kopf: »Verdammt! Herr Brunner will sich rächen! Er weiß, wenn ich keine neue Hypothek bekomme, kann ich die Buchbinderei nicht mehr aufnehmen! Wenn es nach ihm geht, soll ich die ganze Genossenschaft verklagen oder auf die 400 Taler verzichten. Pah! Er ist ja Herr Bürgermeister, der jeden Monat sein festes Einkommen hat! Das ist kein Recht, das ist Rache! Er weiß, daß ich ohne Kapital nichts anfangen kann!« »Ruhig, langsam!« unterbricht ihn Wagner. »So leicht geb ich die Sache nicht verloren. Die Hypothek muß gelöscht werden. Und da es keinen andern Weg gibt, müßt Ihr die Genossenschaft verklagen!« »Ich? Einen Prozeß gegen euch bei Gericht machen? Das ist ja zum Lachen! Ich die Genossenschaft verklagen! Ich? Mit Advokaten bei diesen Rechtsverdrehern Gerechtigkeit suchen? So verrückt bin ich denn doch nicht!« »Aber, Fritzsche, Ihr müßt nicht alles gleich auf die Spitze treiben! Das Gesetz und dessen berufene Vertretung: das Gericht muß Euch beistehen!« Da springt Fritzsche auf, ballt beide Fäuste vor Wagners Gesicht und schreit: »Muß! Tut es aber nicht! Ich bin doch ein Störenfried und ein Schädling! Wer den Handel schädigt, ist ein Landesverräter! Den König darf man absetzen, aber den Handel nicht!« »Lieber Fritzsche! Da seht Ihr zu schwarz. Vielleicht weiß Herr Brunner gar nicht, wie wichtig Euch diese Hypothek ist! Ich will einmal zu ihm gehen und mit ihm deutsch reden! Der Brunner ist doch kein Unmensch. Fritzsche lacht höhnisch: »Herr Brunner nicht, nein! Sie sind überhaupt alle so gute Menschen! Warum denn diese verfluchte Schweinerei! Übrigens habt Ihr Recht: man müßte den Brunner in einem Brief ganz persönlich um das Attest bitten. Ich will ihm, – und das ist das letzte, – einen anständigen Brief schreiben! Ha! Einen Bettelbrief!« »Ich will Euch den Brief aufsetzen«, sagt Wagner, ehe er geht. »Nein, ich mach es selbst heut noch! Wenn Ihr mir einen Gefallen tun wollt, so hört Euch bei Bürmann nochmal wegen des Darlehns um!« Als Wagner gegangen ist, geht Fritzsche zu seiner Frau in die Küche. Sie fragt ihn gleich: »Hattest du mit Herrn Wagner Streit?« »Nein, Wagner kann nichts dafür! Die verdammten Rechtsverdreher haben mir die Hypothek so fest auf das Haus geschrieben, daß selbst Blücher mit einem Regiment Husaren sie nicht mehr herunterreitet. Da müßte der Alte Fritz schon mit dem Krückstock dreinschlagen!« Frau Juliane geht, denn sie hört in der Küche ihr Kindchen weinen. Fritzsche setzt sich in die Stube und schreibt. Er arbeitet bis in die Nacht an diesem schwierigen Schriftstück. Am liebsten möchte er mit Stuhlbeinen und Ochsenziemern seine Meinung den Herrschaften auf die Leiber hauen; doch, er darf nicht auftrumpfen, noch dem Magistrat den leisesten Vorwurf machen. Er schreibt sich in eine versöhnliche Stimmung hinein. Die Frau wartet mit dem Abendessen. Als er fertig ist, geht er zu ihr in die Küche. Während des Essens denkt er immer an einen neuen Weg zu einem andern Kapital. Er sagt es zu seiner Frau und beschließt die Gedanken so: »Wir werden die 400 Taler Kaution als Hypothek wohl niemals herunterbekommen. Die Gesetze sind alt, die Genossenschaft ist neu. Da stehen Magistrat, Kreisgericht, Katasteramt und ich, alter Esel, wir alle, vor einer neuen Tür, zu der es keinen Schlüssel gibt. Jeder hat Angst vor dem andern! Und eh sie das Rechte ausgemacht haben, leben wir alle nicht mehr! Wenn Herr Brunner es nicht ohne Gericht tut, so gibt es kein Geld und ohne Kapital ist es auch mit der Buchbinderei nichts mehr.« »Lieber August!« sagt Frau Juliane, »wir haben bisher gegessen, wir werden auch fürderhin essen. Mache du dir nur keine Sorgen. Ich werde dich und die Kinder schon satt kriegen! Laß uns in unserer kleinen Familie treu zusammen halten!« Vierundzwanzigstes Kapitel Eines Abends sitzt Fritzsche in Kriegers Gasthaus und liest die Zeitungen. Der Wirt bringt ihm den zusammengehefteten Jahrgang, Fritzsche blättert nach und findet manchen Artikel, der von andern Interessenten angestrichen und mit Randglossen versehen ist. Er merkt nicht, wie am Nebentisch einige Innungsmeister zusammensitzen und sich über ihn unterhalten. Endlich ist er bei den letzten Nummern angekommen. Das Volksblatt hat sich bisher von aller Polemik ferngehalten, in seinem letzten Bericht hat es lediglich über die Versammlung das Notwendige mitgeteilt und die Namen der neuen Leute gebracht. Nun hört er, wie vom Nachbartisch der Malermeister Möller den neuen Vorstand lobt und den umsichtigen Herrn Ossen als tüchtigen Mann darstellt. Fritzsche braucht nicht darauf zu antworten, denn der Böttchermeister Schimmelmann fragt ihn: »Warum seid Ihr denn nicht wieder Mitglied geworden, Meister Möller?« Da lacht der laut auf: »Nein, nein, die neuen Leute haben ihren Verein ein Jahr lang schlecht gemacht und nur Übles über ihn geredet. Solange Herr Fritzsche ihn geleitet hat, soll er die Kriegskasse der Demokratie, eine perfide Erfindung der Demagogen gewesen sein. So sehr ich unsern Kollegen, Herrn Ossen, schätze, das eine kann ich nicht ohne weiteres glauben: wie aus solch einem teuflischen Verbrecherklub, nur durch ein paar neue Leute, eine staatserhaltende Institution werden soll? Wenn Herr Ossen mir beweisen kann, daß er mit den Behörden im guten Einklang steht, werde ich selbstverständlich wieder Mitglied! Und wenn ich wieder dabei bin, kann Herr Bürgermeister Brunner, ungefährdet seiner Stellung, ebenfalls Mitglied werden!« Fritzsche juckt es in den Knochen, aufzuspringen und dem Schwätzer eins aufs Maul zu geben. Voll Überraschung hört er nun, wie Möller sich an den Wirt wendet: »Herr Krieger, man sagt, der Zöckler Paule sei wieder zurück. Habt Ihr was von ihm gesehen?« Möller wartet gar keine Antwort ab und redet weiter: »Tolle Sache! Die Leute sagen, er wollte mit Herrn Neer, seinem zukünftigen Schwiegervater, das große Geschäft machen!« »Schwiegervater! Zöckler Paule? Unmöglich!« Drei, vier Stimmen werden laut. »Das ist doch nur der alte Klatsch! Von wem kommt die Parole?« »Vor einem Jahr schon hat Kanitzky sie zusammen gesehen. Dann hat Herr Neer das Fräulein ins Rheinland und von dort in die Schweiz geschickt, damit sie bei den russischen Studenten, die ja in der Mehrzahl Weiber sind, das revolutionäre Genossenschaftswesen studiern soll.« Dröhnendes Gelächter unterbricht ihn. »Seid Ihr gut unterrichtet, Meister Möller?« ruft der junge Bäckermeister Firle. »Ja! Und wenn alles klappt, wird ein gewisser Buchbindermeister wohl Präsident der großen Republik Europa werden, in der es weder selbständige Meister und ausbeuterische Händler, noch schmarotzende Beamte ...« Weiter kommt er nicht. Meister Fritzsche ist aufgestanden, tritt von hinten an den redenden Möller heran, hebt ihn mitsamt dem Stuhl hoch und trägt ihn durch die offenstehende Tür hinaus auf die Straße. Langsam sind die Gäste aufgestanden, schauen hinter Fritzsche her, der zurückkommt und den Wirt nach seiner Schuldigkeit fragt: »Zwei Silbergroschen!« Fritzsche wirft einen Taler auf den Schenktisch und geht. »Das Geld! Herr Fritzsche!« ruft der Wirt. »Gebt's dem Meister Möller für seine lustigen Witze! Hab lang keinen dummen August mehr albern hören! Jetzt soll er auf der Gasse weitermachen, damit die Eilenburger auch was zu lachen haben!« sagt Fritzsche. Herr Möller erscheint in der Tür. Fritzsche tut, als packe er einen Tisch, ihn hinauszutragen. »Wart', ich werde dich auf dem Markt tanzen lassen, du Kasperl! Du Marionettenheld!« »Herr Fritzsche!« ruft ihn jemand aus der Meisterschar. »Der Herr ist zu Halle in die Sch.... gefallen! Doch, ihr Knechte könnt mich mit Herr anreden, jawohl! Ich werde mir eine Peitsche schaffen! Herr Sattlermeisier Reibitz, ich bestell Euch eine, lang genug, um gleich drei solcher Clowns scherzhafterweise um die Ohren zu klatschen. Von morgen ab werdet ihr mich bloß noch mit einer Peitsche sehen. Und wenn die Leute fragen, ›was will der Fritzsche mit der Peitsche?‹ sagt getrost, ›die Affen tanzen lassen!‹ Gute Nacht, ihr Herren!« Als Fritzsche gegangen ist, geht Herr Reibitz an die Tür und kommt mit dem Stuhl zurück: »Zu Hilfe! Ihr Herren! Ich glaube, er mordet ihn! Ich hör Herrn Möller schreien!« Alle drängten in die Tür, alle schauen die Gasse entlang, hören die schrille Stimme ihres Herrn Kollegen und das Lachen des wildgewordenen Buchbinders. »Kommt herein! Ihr Herren!« sagt der Wirt. »Ich seh Herrn Hanisch herbeikommen. Wir wollen nichts gesehen haben, dann haben wir auch keine Schererei!« Die Gäste setzen sich wieder und reden miteinander. Jeder hat etwas Neues zu sagen. Bei jeder Neuigkeit, die sie verraten, sehen sie nach der Tür und wundern sich, daß der Buchbinder noch nicht zurück ist. Nach Mitternacht nimmt Herr Krieger den Türschlüssel vom Haken: »Meine Herren! Ich glaube, daß Herr Fritzsche nun zu Hause ist! Es besteht keine Gefahr mehr, auch Sie können heim gehen!« Fritzsche ist tatsächlich zu Hause angekommen; nachdem er Licht gemacht hat, findet er das Schreiben des Kreisgerichtes. Trotzdem er es dreimal liest, begreift er nicht, was das Gericht mit den vielen Paragraphen, Fremdwörtern, Daten will, und so hält er sich an den letzten Satz, der besagt, daß die eingetragene Kaution der 400 Taler auf seinem Wohnhaus nicht gelöscht werden kann, weil das Attest des Magistrats nicht beigefügt ist. Fritzsche geht am andern Morgen, noch vor der Arbeitszeit, früh zu Wagner in die Wohnung. Der Freund setzt sich gleich hin und teilt dem Magistrat mit, daß die zur Löschung notwendigen Quittungen und Unterlagen beim Kreisgericht eingereicht und die dazugehörigen Zeugnisse der früheren Vorsteher abgenommen sind. Die Löschung der Hypothek mache das Kreisgericht von der Beibringung des Attestes abhängig, in dem lediglich das schon Dokumentierte magistratlicherseits bescheinigt werden müsse. Auf dem Weg ins Büro bringt er den Brief zum Magistrat und dann geht er auf sein Büro. Fritzsche ist allein; er beschließt, seinen Schwiegervater, den Stellmacher Prentzel, zu besuchen. Nachdem er ihm seine Lage geschildert hat, bittet er ihn um ein Darlehen von 100 Taler. Er zeigt ihm den Brief der Darlehenskassengenossenschaft, die ihm die 400 Taler Hypothek fest zusagt. Sobald er diese größere Summe bekommt, kann der Schwiegervater die 100 Taler zurück haben. Der alte Prentzel setzt sich ans Fenster und pafft den Rauch seiner Pfeife in die frische Morgenluft hinein, dazu summt er einen alten Militärmarsch und klopft mit dem gesunden Fuß den Takt auf dem Boden. Fritzsche denkt nach, ob dieses ein gutes oder schlechtes Zeichen sein könnte. Aus dem einen Marsch wird ein ganzes Potpourri, indessen Fritzsche auf seinem Stuhl wie ein ungeduldiger Junge herumrutscht. Er schneuzt sich geräuschvoll die Nase und glaubt, daß der Alte ihn tatsächlich vergessen hat. Da auf einmal, ohne ihn anzusehn, sagt der Alte: »Du hast jetzt genug Pulver gegen die Händler verschossen! Jetzt müssen die andern ran! Der famose Ossen hat doch auch noch ein ganzes Magazin in Reserve, der Wagner hat auch noch nicht geblutet. Die Assion ist doch keine Privatsache von dir, sie ist doch eine Sache der Genossen! Und da müssen sie doch auch genossenschaftlich den Feind bekriegen! Du hast deine eiserne Ration schon aufgebraucht. Jetzt ist es Zeit, daß die Genossen dir Kameradschaft erweisen! Tun sie das nicht, sind sie schlechte Kameraden, feige Hunde und aller Verachtung wert. Mit denen schlägst du keine siegreiche Schlacht. Wenn ich dir die 100 Taler gäbe, würden mich diese gerissenen Zivilisten auslachen. Das kannst du von einem alten Soldaten nicht verlangen! Du bekennst dich also von deinem Feind besiegt, von deinen Verbündeten hintergangen und bettelst in deiner Schwäche bei den Neutralen um Aufbesserung der Kriegskasse?« »Also gibt es keine Bedingungen, unter denen du mir das Geld gibst?« fragt Fritzsche ernüchtert und verzweifelt. »Aber, selbstverständlich! Du brauchst dich bloß als ein tapferer und aufrechter Soldat zu beweisen!« sagt der Alte und lacht ihm breit und überlegen ins Gesicht. »Und, wie stellst du dir das vor?« fragt Fritzsche schnell. »Du willst von mir das Geld, gut! Kannst du haben! Ich brauche als Neutraler eine Garantie!« »Ich habe dir doch gesagt, daß die Hypothek noch nicht gelöscht ist.« »Ha ! Ha, ha, ha, ha!« lacht der Alte, »glaubst du denn, ich gäbe etwas auf papierne Balken! Geh mir mit deinen zivilen Attrappen! Die Garantie muß der Mann sein, der Kerl, der Charakter! Damit ich dir vertrauen kann, mußt du mir beweisen, daß du ein Kerl bist!« »Lieber Schwiegervater! Nun sag mir doch endlich, was ich tun soll!« Da steht der Alte auf, stellt sich vor ihn hin: »Damit du es weißt, deine wirklichen Feinde sind die feigen Kameraden! Mit denen mußt du abrechnen. Hole mir deine Genossen: Wagner, Ossen und wie sie heißen, hierhin! Erzähle ihnen, was du mir erzählt hast und bitte sie um 100 Taler Darlehen, Kredit oder Geld, damit du deine Werkstatt wieder hochbringen kannst. Kommen sie mit Ausflüchten, lassen sie dich sitzen, so hau' ihnen in meiner Gegenwart zwei rechts, zwei links in die verlogenen Fressen und gib ihnen einen Arschtritt, daß sie auf die Gasse fliegen. Dann kannst du von mir nicht bloß 100, sondern 400 Taler, ohne Gericht, papierne Balken oder Schuldscheinfetzen haben!« Der Alte zündete sich eine neue Pfeife an. Fritzsche sitzt ruhig auf seinem Stuhl. Wieder fängt der Alte an, den Marsch zu summen und zu trommeln. Fritzsche hat sich von seiner Verblüffung erholt und gibt jetzt still für sich zu, daß der Alte vollkommen im Recht ist. Natürlich müßte die ganze Genossenschaft für den Mann eintreten, der für sie den Kampf begonnen hat und alles geopfert hat: Stellung, Geld, Kredit, Arbeitskraft, Ansehen und Auskommen. Jetzt müßte sich die Solidarität bewähren. Bisher hieß es für ihn: Einer für alle! Das nahmen sie gerne an: nun, wie es heißt: Alle für einen, da verleugnen sie die Solidarität, die sie von ihm angenommen haben. Jetzt sieht er, daß er mit Brunner und dem Gericht gar nichts zu tun hat. Die Kameraden und Genossen müssen für ihn eintreten. Da sind 600 Mitglieder, da ist eine Kasse, da ist Vermögen, Überschuß. Warum kam niemand auf die Idee, diese Kräfte für ihn einzusetzen? Nun sieht er den Fehler, den er gemacht hat. Er sieht ein, daß er ungerecht ist, wenn er die andern von seinem Fehler profitieren läßt. Dann gäbe er zu, das dies der umgekehrte Kapitalismus ist: nämlich, daß die Vielen den Einen straflos ausbeuten dürfen. Auch das ist eine Ungerechtigkeit; er sieht es jetzt ein, nachdem sie ihn in Armut und Not gestürzt haben. Die andern können das nicht einsehen, weil sie es nicht erleiden. Also muß er es ihnen klarmachen. Fritzsche hört, wie der Alte den Pfeifenkopf aufs Fensterbrett ausklopft. Er steht auf. »Du läßt mich aber lang auf Antwort warten!« sagt der alte Prentzel. »Na, setz dich doch! Ich habe ja Zeit genug! Du mußt es dir überlegen! Du brauchst bloß ›ja‹ zu sagen, dann kriegst du die 400 und ›nein!‹, dann behalt ich sie. Deine Gründe will ich gar nicht wissen! Reden verfangen bei mir nicht! Du willst ja auch Taten sehen! Glaub es mir, wo tausend lange Reden nicht helfen, bringt ein vorbedachter, gutgezielter und rechtgetroffener Faustschlag Ordnung in eine hoffnungslos verschwommene Sache. Das kannst du mir schon glauben, denn ich habe es erprobt!« »Lieber Vater Prentzel! Was du mir da gesagt hast, ist genau so viel wie die 400 Taler wert, die ich von dir haben kann! Schade nur, daß ich mir die Ohrfeigen nicht selber geben kann. Das müßtest du schon tun, damit ich deine Worte nicht wieder vergesse. Die Schuld liegt bei mir wie bei den Genossen! Tät ich, was du sagtest, so wär das einfach Rache!« Ein Stuhl fliegt krachend auf den Fußboden: »Du Scheißkerl! Mir kannst du das sagen. Wenn du es irgendwo anders gesagt hättest, schlüg ich dir mit solch einem alten Stuhlbein deine jungen Knochen zusammen! Selbstverständlich machen wir Fehler! Aber das dürfen wir doch nicht den Schlappschwänzen draußen auf die Nase binden! Einen Sündenbock gesucht und den in die Wüste gejagt, aber sich selber freigehalten! Sonst verliert die Bande den Respekt! Sie verliert das beste, wenn sie den Respekt verliert! August, Mann! Reiß dich zusammen! Blamiere die andern, aber dich nicht! Du hast etwas getan, darauf kannst du stolz sein! Deine Tat wiegt tausend Fehler auf! Du bist der Pionier, der die Bresche in die Schanze der Krämer gesprengt hat. Meinst du, mir hätte das keinen Spaß gemacht? Wie du ihnen Fuß um Fuß das Terrain abgenommen hast! Diese hochmütigen und feigen Banditen hast du mit ihren eignen Waffen geschlagen! Diese Freude, daß dies mein Schwiegersohn tat, ist mir mehr als 400 Taler wert! Nun mach mir doch die Freude und verdresche die Krämerseelen in euren eignen Reihen! Die sind schlimmer wie deine Feinde! Die Feiglinge übergeben kampflos dem Feind, was der Tapfere mit Hieb und Schlag, unter Verachtung seines eignen Wohlseins, erfochten hat. Glaub mir: ich bin dein Freund, der dich nicht im Stich läßt! Aber du bist verpflichtet, dein Regiment zur Verantwortung zu ziehen oder es aufzulösen! Dir, dem Hauptmann, kann ja gar nichts passieren! Wer den ersten Sieg über die Krämer erfochten hat, der wird auch mit dem bißchen Fressen fertig, daß die Leute Leben nennen!« Der Alte ist aufgestanden und klopft ihm auf die Schulter: »Rührt euch!« Fritzsche gibt dem Alten die Hand: »Ich komm noch mal wieder, wenn ich dich nötig habe! Adieu, Schwiegervater!« Er geht hinaus. Als er am Fenster vorbeikommt, salutiert er und geht in strammer Haltung vorüber. In Fritzsches Haus ist das letzte Brot nun aufgegessen. Wenn doch Herr Wagner einmal käme! denkt Frau Juliane. Sie will ihn bitten, daß er für sie im Genossenschaftsmagazin einen Kredit erwirken soll. Die Genossenschaft ist doch zu 400 Taler gesichert, sie kann doch nichts verlieren! Sie weiß, daß Ossen vom Standpunkt der baren Zahlung nicht abgeht. Soll sie tun, was so manche arme Frau bei Fritzsche getan hat, um Fett oder Öl, Grütze, Reis oder Mehl betteln. Wie oft hat sie selbst den armen Frauen, auch ohne Fritzsches Wissen, die Körbe gefüllt. Daran ist die Genossenschaft nicht bankrott gegangen. Eines Tages, als sie Fritzsche wieder sein Abendessen vorsetzt, schüttelt er den Kopf und sagt: »Das ist doch keine Sache! Ich esse und esse und werde nicht satt! Die Kartoffeln werden auch immer mehr gebrannt als gebraten, und mit der mittäglichen Tunke könnte ich gut auf meiner Bude Pappdeckel kleistern gehn!« Nun hat Frau Juliane das Wort auf der Zunge: »Schaff' du Geld, dann schaff' ich zu essen! Speck in die Pfanne und Fleisch ins Gemüse!« Stattdessen sagt sie: »Wir müssen sparen, August, bis du wieder etwas verdienen kannst oder die Hypothek frei wird. Du solltest den Kohlenhandel größer betreiben, eine Anzeige ins Volksblatt bringen, damit wir die alten Kunden wieder bekommen!« Fritzsche hat die Fäuste geballt, weithin auf den Tisch geschoben und sieht vor sich in den leeren Teller. »Das Kohlengeschäft, ja! Es ist November und die höchste Zelt, – wenn ich doch bloß noch zwei oder drei Fuhren bekäme! Halt! Ich könnte ja Holz anfahren lassen! Selber spalten, sägen und im kleinen abgeben. Die Arbeiter in den Fabriken haben ja nicht einmal mehr Zeit, ihr Holz zu klopfen. Ich kann ihnen auch Heu und Stroh in kleinen Bündeln für ihre Geißen und Karnickel verkaufen! Ja, ja! Auch Kalk, Dachziegel und Mauersteine, alles, was die Leute nötig haben, um an ihrem Stall und Häuschen zu flicken, werde ich einführen. Nur ein paar Taler, um anfangen zu können! Ich sorge immerzu! Jetzt will ich einmal ins Kornhaus gehen, nachsehen, ob der Platz, den ich mir für das Heu ausgesucht habe, auch trocken ist. Dann geh ich zur Ziegelei und bestell' eine Fuhre Steine. Bis Neujahr, wenn die Rechnung kommt, werde ich sie wohl umgesetzt haben. Was soll ich auf die große Hypothek warten, die doch nicht kommt!« Er nimmt seinen Hut und geht. Frau Juliane weiß, wie es ihm zumut ist. Sie will ihm das Herz nicht schwerer machen. Sie nimmt ihren Korb und geht zur Kirchstraße ins Magazin. Herr Ossen bedient, nicht sonderlich freundlich, ein paar Arbeiterfrauen. Sie wartet, bis diese gegangen sind. Dann trägt sie ihm ihr Anliegen vor und bemerkt so ganz nebenbei, daß die Genossenschaft noch die Kaution von 400 Taler schuldig sei. Eigentlich könne sie für diese ganze Summe Waren verlangen. »Gut, dann werde ich Euch wohl etwas zurechtmachen müssen! Ihr seid die erste, die ein solches Ansinnen an mich stellt. Die Verantwortung werde ich ja allein tragen müssen. Habt Ihr mir aufgeschrieben, was Ihr nötig braucht? Ich weiß nicht, was man so an Almosenempfänger gibt.« Frau Juliane hebt den Deckel von ihrem Körbchen, fährt mit der Hand auf dem Boden umher als suche sie etwas. Dann zieht sie plötzlich die Hand heraus und schlägt sie Herrn Ossen ins Gesicht: »Herr Almosengeber! Außer dieser Quittung habe ich leider nichts bei mir!« sagt sie, – »darauf könnt Ihr Euch beim Vorstand bar Geld geben lassen! Habt Ihr sonst noch Wünsche, Herr Geschäftsführer? Ich hoffe, daß Ihr nun Bescheid wißt!« Inzwischen ist die Tür aufgegangen und zwei Arbeiterfrauen sind eingetreten. »Entschuldigt mich!« sagt Herr Ossen, »Nasenbluten! Meine Frau wird euch bedienen!« Er geht ins Nebenzimmer. »Auf Wiedersehen!« ruft Frau Juliane ihm nach und will gehen. »Wir können ja etwas warten!« sagt die eine Frau. »Ihr habt ja auch keine Ware!« »Ach, ich habe nur etwas abgeliefert!« meint Frau Juliane. Aus dem Nebenzimmer klingt die unterdrückte Stimme von Ossens Frau: »Und du läßt dich von einer Frau ins Gesicht schlagen?« »Frau Ossen! es sind noch andere Kunden da!« ruft Frau Juliane. Die beiden Arbeiterfrauen fangen hell auf zu lachen an, klopfen auf den Tisch und rufen: »He da! Wirtschaft! Ware! Ware!« Frau Juliane hat die Tür hinter sich zugezogen. Frau Ossen kommt und fragt die Kundinnen nach ihren Wünschen. Nachdem sie abgefertigt sind, eilt sie wieder zu ihrem Mann. »Gemeingefährlich ist die Familie!« klagt er, »der Malermeister Möller ist von dem Buchbinder in einem öffentlichen Lokal angefallen worden. Herr Möller in seiner Anständigkeit verzichtete auf gerichtliche Sühne. Ich werde auf Gerechtigkeit halten!« »Das dumme Maul wirst du halten und uns nicht vor der Öffentlichkeit blamieren! Wie blöd mußt du dich angestellt haben, daß ein armes Weib, das von der Genossenschaft eine Unterstützung erhoffte, dich ohrfeigt. Sei nur froh, daß die Fritzsche es nicht rundbringt!« »Die Fritzsches haben andre Sorgen! Und nagen bereits am Hungertuche!« »Mit armen Menschen hat man anständig zu sein!« sagt die Frau Schneidermeister, »du solltest deine Frechheit da anbringen, wo sie uns nützlicher wäre, zum Beispiel bei Herrn Kanitzky, dem du in deinen freien Stunden für ein Spottgeld Hosen à la Confection zurechtpfuschen mußt!« Die Tür klingelt. Frau Ossen geht zu den Kunden. Als sie wiederkommt, sitzt ihr Mann über Listen und Formulare gebeugt. »Nach Mittag kommt Herr Wagner«, sagt er, ohne aufzusehen, »du mußt, solange ich zu schreiben habe, die Kundschaft bedienen!« Tatsächlich kommt Wagner direkt vom Büro zu Ossen hin und legt ihm eine Anzahl Papiere vor, die Briefe von und an den Magistrat zwecks Löschung der Hypothek. »Ich denke, die Sache ist erledigt!« sagt Ossen, »wir waren doch am Kreisgericht und nach dem, was der Richter uns sagte, muß ich annehmen, die Hypothek ist gelöscht.« Wagner antwortet ihm: »Ich bin fest überzeugt, daß Herr Brunner dem Gericht einen Wink gegeben hat, denn jetzt verlangt das Gericht nachträglich vom Magistrat das Attest. Nachdem ich zwei Briefe an den Magistrat geschrieben habe, krieg ich zur Antwort: ich solle ihm den Inhalt des Attestes angeben. Das war am 1. Oktober. Da die Akten noch auf dem Kreisgericht lagen, bekam ich erst am 6. Oktober das Dokument. Die Stelle lautet: »Nach der Vereinbarung soll der jedesmalige Vorsteher berechtigt sein, die Löschung zu bewirken, wenn zuvor der wohllöbliche Magistrat attestiert, daß nach eingezogener Erkundigung N. N., das heißt in diesem Fall Wagner, Vorsteher der Lebensmittelassoziation ist.« Ich schreibe hin. Schon zwei Tage später bekomme ich Antwort. Herr Brunner schreibt: ›Wenn dem Gericht das Wahlprotokoll nicht genügend erscheint, so kann der Magistrat das gewünschte Attest auch nicht ausstellen. Du siehst also, lieber Ossen, dein Vorgänger hat seine 400 Taler Kredit restlos für die Genossenschaft eingesetzt. Er muß nun die Genossenschaft verklagen. Ich habe mich erboten, ihm die ganze schriftliche Arbeit zu machen, so daß er weiter keine Unkosten und Lasten davon hat. Er sagt: ›Die Genossenschaft ist ein Werk des Volkes! Dafür opfere ich die 400 Taler!‹ Er will eben nicht, daß von ihm aus die Vereinigung Schaden leidet. Übrigens ist meine Meinung, daß wir reich genug sind, ihm einen Teil dieser nun so festgelegten Hypothek in bar auszuzahlen. Ich sprach auch mit Schneidermeister Bürmann. Er sagt: ›Wir haben hier 400 Taler für Fritzsche liegen. Sein Eigentum ist für eure Vereinigung verpfändet. Unsre Satzungen, die der Darlehnskassengenossenschaft, lassen nicht zu, daß wir Geld auf zweite Hypothek geben. So nehmt doch ihr, als Genossenschaft, das Geld, schreibt uns einen Schuldschein aus und gebt es Herrn Fritzsche.‹ Dazu bedarf es natürlich deiner und meiner Unterschrift. Auf der nächsten Versammlung, – nebenbei, die längst hätte sein müssen, könnten wir den Mitgliedern davon Mitteilung machen. Zu befragen brauchen wir sie eigentlich nicht, denn Fritzsche ist da eingesprungen, als die Mitglieder ihn und seinen Kredit nötig hatten. Es ist nicht in der Ordnung, daß die Vereinigung einem Mann sein Vermögen ableiht, es zwanzigfach vergrößert und ihn dann ohne einen Pfennig Ersatz abschiebt. Das ist im Juli vergessen worden. Es war deine Sache, die Kaution abzulösen, denn du hast alle seine Rechte und Pflichten für die Genossenschaft übernommen. Von den Rechten machst du Gebrauch. Die Pflichten hast du, anständig ausgedrückt, vergessen. Du mußtest die Kaution übernehmen!« Ossen schiebt mit einem Ruck die Papiere von sich fort und sagt mißmutig: »Wenn ihr mir das sofort gesagt hättet, daß ich Kaution stellen müßte, hätt' ich niemals angenommen!« »Lieber Ossen! Die Genossenschaft ist nach den Statuten und dem Vertrag verpflichtet, die Löschung vorzunehmen. Deine Parteigänger haben dich gewählt! Du bekommst jetzt zweihundert Taler. Wovor hast du eigentlich Angst? Sieh mal: begonnen hat Fritzsche, ein armer Teufel, mit viel Mut und einer Idee. Er hat ein Stück Welt in Bewegung gesetzt. Er hat dem alten Trott einen Arschtritt gegeben, daß selbst den königlichen Regierungen von Merseburg bis Berlin die Tintenfässer wackelten. Er hat nicht bloß gegen das Geld geredet, sondern aus dem Geld, das sonst der Versklavung des armen Mannes diente, eine Armee, schlagkräftig und kampffähig aufgestellt: Genossenschaftsgeld gegen Kapitalistengeld. Die Armee marschiert, nimmt ein, erobert. Du bist nun der General geworden, der ökonomische Schlachten schlägt und siegen muß, weil er mit einem neuen Prinzip kämpft! Aber ich fürchte, das sage ich dir nochmal, du hast Angst, daß von dieser Idee etwas in dir lebendig wird!« »Wagner! Ich verbitte mir in meinem Hause solche Reden!« »Gut!« sagt Wagner und packt seine Papiere ein, »wenn du mich nicht hier hören willst, so rufe ich als Vorsteher und Schriftführer durch Zeitungsanzeigen die nächste Generalversammlung auf den 1. Dezember ein. Grund? Amtsmüdigkeit des derzeitigen Geschäftsführers! Dann mußt du in aller Öffentlichkeit Rechenschaft geben!« Fünfundzwanzigstes Kapitel Sonntag um Sonntag vergeht, Ossen kommt nicht zu Wagner. Er hat von seinen Prozenten bei der Volksblattdruckerei Handzettel bestellt; er hat einen Plan entworfen, nach dem sie vorgehen wollen, um die guten Mitglieder zurückzuwerben. An einem Sonntagmorgen findet Wagner den Geschäftsführer auf dem Schneidertisch. »Die Arbeiter bekommen wir nicht wieder! Wir halten es nicht lange mehr aus!« sagt Ossen. »Wenn sich bis Ostern die Sache nicht bessert, dann gebe ich den Posten auf!« »Wie können denn die Mitglieder Mut bekommen, wenn du so mutlos bist!« redet Wagner ihm ins Gewissen, »du bist das Aushängeschild der Genossenschaft. Man muß in deinem Gesicht sehen, aus deinen Worten hören, daß du deinen Glauben hast! Du treibst ja mit solchen Gesichtern die Kunden aus dem Haus!« »Augenblick! Komm herein!« Ossen macht die Tür zum Nebenzimmer auf und sagt: »Wenn du wüßtest, was mir damals für Aussichten gestellt worden sind! Es ist eine Lust, die Mitglieder täglich seitenweise aufzunehmen, wenn nur der Fritzsche und die Arbeiter nicht mehr die Hauptrolle spielten. Ich habe nie etwas gegen Herrn Fritzsche gehabt, nie etwas gegen Vogel eingewendet. Ich wußte doch gar nicht, daß es so eine Feindschaft zwischen den Mitgliedern gab. Das alles hab ich erst hinterher erfahren!« »Laß gut sein, Ossen, wir fangen noch einmal, wie von vorne, an. Unsere Genossenschaft soll nicht untergehen! Laß uns nicht mehr zurückschauen, sondern vorwärts! Wir helfen mit!« Wagner reicht dem verbitterten Schneider die Hand und sagt ihm ein paar ermunternde Worte. Dann fragt er, warum er nicht mehr an die Arbeiter glaubt. »Das weißt du nicht? Ich war zufällig einmal bei Brade; Hochbetrieb in Verschwörung, eine neue Assoziation, für die sich die Arbeiter mehr als für uns interessieren. Die neue Arbeiterassoziation greift die Fabrikanten an und verlangt mehr Lohn! Das Wort Streik fiel alle zwei Minuten. Da machte ich, daß ich fortkam, – um alles in der Welt geh ich nicht mehr zu den Arbeitern!« Ossen schweigt einen Augenblick und fragt: »Was sollen wir tun, Freund Wagner!« »Wir werden zu den Handwerkern gehen, in die Innungslokale. Jeden Abend irgendwo anders. Verlaß dich drauf, – schon morgen abend. Zuerst bei den Schuhmachern, die haben mich gefragt, ob wir überhaupt noch existierten. Das wollen wir ihnen zeigen! Wenn wir nur 100 Mitglieder neu aufnehmen könnten, will ich zufrieden sein. Hol mich morgen abend ab, wir werden gehen!« Als sie am nächsten Abend bei den Schuhmachern erscheinen, werden sie zuerst nach Stolle gefragt; sie können getrost sagen, daß er nicht mehr dabei ist. Von den Anwesenden nehmen sie fünf Mitglieder auf. Ossen und Wagner bitten sie, so viel wie möglich im Genossenschaftsmagazin zu holen. Dann kehren sie noch bei den Schreinern ein. Es ist nur ein Meister da, er sagt, daß sie übermorgen, am Sonntag, eine große Zusammenkunft haben. Wagner und Ossen werden eingeladen. An diesem Abend schreiben sie neun Schreinerfamilien ein. Nun gehen sie in den Gasthof Krieger, – hier ist alles durcheinander, – gute Bürger, Handwerker, Arbeiter. Sie werden begrüßt, als sei nie ein Streit gewesen. Die Meister freuen sich, daß Herr Wagner und Ossen so gut Freund geblieben sind. Sie gehen von einem Tisch zum andern, verweilen dort zehn Minuten, hier eine halbe Stunde und erzählen mit großem Stolz, daß sie seit Neujahr über 50 neue Mitglieder bekommen haben. Als sie bei Krieger weggehen, haben sie 28 neue Leute aufgenommen. Jeden Abend treffen sie sich wieder. Bei den Schreinern haben sie noch acht Eintragungen hinzubekommen. Sie bieten ihnen an, auf ihrer Vereinstafel ihre Versammlungen bekanntzugeben. Die Genossenschaft bekommt wieder Vertrauen; mit Ossen gehen sie zu den Schneidern. Die sind, soweit sie nicht an die Geschäftskundschaft liefern, an die Händlerkundschaft gebunden. Doch die Lohnschneider haben keine Rücksicht zu nehmen, – sieben Mitglieder sind der Erfolg. Nun sind im ganzen wieder über 300 Mitglieder eingetragen, doch der Umsatz läßt sehr zu wünschen übrig, – er erreicht nicht den dritten Teil des Umsatzes vom Gründungsjahr. Wagner malt ein Plakat, auf dem er die Mitglieder bittet, doch alle Waren in ihrem Magazin zu entnehmen, damit am Ende des Jahres eine möglichst große Ersparnis verteilt werden kann. Wagner versucht, die Mitglieder mit dem Hinweis auf größere Gewinne und außerordentliche Wohlfeilheit von neuem zu interessieren. Am nächsten Sonntagmorgen hat Wagner keine Ruhe. Er geht zu Fritzsche, den er seit dem mißglückten Löschungsversuch nicht mehr gesehen hat. Das schlechte Gewissen treibt ihn, ebenso die Neugier auf die Aktion unter den Arbeitern. Als er bei Fritzsche ankommt, platzt er zurück, sieht den alten Freund erstaunt an und kann sich nicht an diesen Anblick gewöhnen. Fritzsches Gesicht ist bartlos, mit weißlichem Schorf und Pflastern bedeckt, rötlich glänzen die übrigen Stellen des Gesichtes. »Wenn nur das Lachen nicht so weh täte!« wiederholt Fritzsche immer wieder ob des erstaunten Freundes, – »ja, Wagner, ich bin es doch! Ich war in einer Dampfexplosion drin, in der Fabrik bei Degenkolb, mit Glubsch und Bittkow, – das war ein Schlag! Kommt! Schaut nicht so geisterhaft drein, – wir trinken noch einen Bittern! Es ist Sonntagmorgen! Ausgehen kann ich sowieso nicht, und um zehn Uhr kommen Brade und die Kollegen hierhin. Na, wie geht es mit Ossen rund?« »Später! Später!« beschwichtigt Wagner den Freund, »doch erzählt, wie kamt Ihr in solch eine gefährliche Sache hinein? Ist jemand tot geblieben?« »Dann hättet ihr es in der Zeitung gelesen. So kleine Sachen, wie unsre, gibts alle Tag! Es war vor zwei Wochen!« »Ich wollte immer schon gekommen sein, mußte mit Ossen zu den Handwerkern, ich habe bei meinen drei Funktionen genug zu tun. Mit der Genossenschaft geht es schlecht, – der Ossen ist weder ein Kaufmann, noch ein Assozist, – bloß Schneider und sonst nichts!« »Bloß bestochen, bestochen!« sagt Fritzsche. »Er ist ja dein Schulkamerad, den durchschaust du nicht, weil du ihn von Kind an kennst!« »Nein, ich glaub, es war ihm nur um deinen Posten zu tun; der sollte ja so fett sein, daß der Bürgermeister neidisch sein könnte! Jetzt hat er von dem miserablen Umsatz nur miserable Prozente! Doch, wie war das bloß mit dem Unglück?« »Wieder war ich einmal bei Degenkolb, um Musterkarten abzuliefern. Weil ich auf die neue Bestellung warten mußte, benutzte ich die Gelegenheit, Glubsch Guten Tag zu sagen. Er ist nämlich so stolz auf seine Maschine; weil ich den neuen Regulator noch nicht gesehen hatte, nahm er mich mit ins Maschinenhaus, wo der mächtige Kolben auf und ab den riesigen Balken schaukelt und mit furchtbarem Getöse ein Schwungrad bewegt. Ich sehe Rohre und Stangen, sehe zwei schwingende Kugeln, einen Riemen, der sie in Bewegung setzt und höre ab und zu einige Worte von Glubschs Erklärung. Da zeigt er auf die Kugeln, die steigen in die Höhe, er sagt: ›Jetzt stehen die Webstühle still!‹ Sie steigen noch höher, der sagt: ›Färberei, Rouleaux, – jetzt steht alles still, drum können sie nicht mehr höher.‹ Und die Maschine fängt zu sausen an, schnell und schneller. Bitttow steckt seinen Kopf durch die Tür und schreit: ›Glubsch: 4 und ½ !‹ ›Mach Feuertür auf!‹ ruft Glubsch ihm zu. Bittkow ist kaum eine Viertelminute fort, da zischt's, klatscht ein Schlag, ich fliege auf die Erde, alles ist glühend heiß um mich, ich rolle mit fort, sehe nichts mehr, alles ist voll weißem Dampf, fürchterlich faucht's, ich will fortlaufen, steh hoch und wieder bekomm ich einen Schlag glühend heiß ins Gesicht, daß ich mich wieder hinlege. Ich schreie, höre nicht einmal vor lauter Dampfgebrüll mein eigenes Schreien; platzt jetzt der Dampfkessel, denk ich, – letztes Stündlein? Ich warte, ich schreie, hör nichts als den furchtbaren Dampf. Ich wickele meinen Rock ums Gesicht und lege mich fest an die Erde. Auf einmal hör ich, wie jemand meinen Namen ruft; ganz dicht steht ein Mann bei mir, der will mich aufheben; ich merke auch, es faucht nicht mehr so gewaltig, es ist immer noch dunkel. Da brüllt der Mann: »Glubsch!« Der antwortet mit lautem Schreien: ›Schlag die Fenster ein!‹ ›Bist du in Ordnung?‹ ›Jawohl! Such Fritzsche!‹ ‹Der ist hier!‹ ›Hau's Fenster ein!‹ ruft Glubsch wieder. Das Dampfheulen wird immer weniger, – da kommt jemand angetastet, brüllt mich an: ›Was fehlt?‹ Es ist Glubsch. ›Heiß!‹ schrei' ich, ›sonst alles ganz!‹ Da klirren die Scheiben, – ich hebe zum erstenmal den Kopf, sehe an der Tür einen großen Feuerschein. »Hierhin! Hier ist die Tür!« Das ist die Stimme des Herrn Degenkolb. Nun setzt mit einem Male das Dampfblasen aus. Der Betriebsleiter kommt und beleuchtet mich mit einer Fackel aus Lappen und Öl. Da heben sie mich zu zweit hoch, ich sehe wieder ein paar Maschinenteile, sie bringen mich in den Heizraum, da qualmt vor dem Kessel ein großer Kohlenhaufen, – sie ziehen mir die Arme vom Gesicht. Ich hatte sie immer noch, wie zum Schutz, hochgezogen. Ich kann die Augen immer noch nicht aufmachen. ›Das glaub ich! Eine ganze Ladung Rost ist davor geschlagen!‹ sagt Glubsch, ›und das Gesicht verbrannt‹ – ›er stand gerad an der Leitung!‹ – Da kommt Herr Degenkolb. ›Um Gottes willen! Was war nun eigentlich passiert,–sonst noch jemand im Dampf darin? Der Fritzsche muß zum Arzt! Sofort den Wagen anspannen!‹ – Glubsch hat inzwischen seine Jacke ausgezogen und bekommt von Bittkow ein Hemd gereicht; während des Anziehens sagt er: ›Einfach nichts anderes, als das Hauptdampfrohr geplatzt, – eine schlechte Schweißstelle in der Naht; hab's oft genug dem Herrn Schmidt gemeldet, es war schon lange nicht geheuer. Auf einmal kommt's!‹ Da kam auch schon der Wagen an. Herr Degenkolb fragt: ›Und dem Glubsch ist nichts passiert? Da unterm Bart ist alles rot, – Stirn auch! Beide zum Doktor Bernhardi! Glubsch! Kommt Ihr nachher wieder, macht mit Schmidt aus, wann gearbeitet wird!‹ ›Moment!‹ sagt Glubsch, geht noch mal ins Kesselhaus, nimmt den Betriebsleiter mit und kommt nach einer Weile heraus: ›Vorläufig machen wir mit Eisenplatten und Rohrschellen, Mennige und Leinwand eine Bandage; für heut nachmittag müssen alle Maschinen still stehen; Färber, Bleicher und Wäscher können hier bleiben. In den nächsten Tagen machen wir eine Zeichnung zu einem neuen Rohr, das wird in Leipzig fertiggemacht und am Sonntag montiert! Bis nachher!‹ ›Glubsch bringt mich in den Wagen, er geht wieder zurück, um das Dampfrohr zu flicken. Ich komme zum Doktor Bernhardi, der schneidet mal zuerst das Haar, dann legt er das Gesicht in Salbe und Verbände. Ich fahre wie ein großer Herr hier vor, verbreite zuerst Angst und Schrecken, dann nur noch stille Trauer um einen schönen Bart! Ein paar kleine Stellen noch, dann ist alles wieder heil! Der Glubsch aber hat eine böse Narbe am Kinn behalten!‹« »Das muß ja eine nette Aufregung gewesen sein, nicht, Frau Juliane?« sagt Wagner, als er ein Glas Wermut aus ihrer Hand nimmt. »Wenn man ihn so verbunden gesehen hat, nur die Augen kamen heraus! Der Schrecken!« »Schlimmer war die Predigt, die ich wegen meiner Neugier gehalten bekam!« Fritzsche trinkt mit. »Was hat er sich auch in der Fabrik herumzutreiben! Auf dem Büro, wo er warten sollte, wär ihm nichts passiert!« antwortet Frau Juliane. Fritzsche lacht und erzählt, bis sie Schritte auf der Treppe hören. Da fragt Wagner noch: »Was hört Ihr von Paule?« »Ja, daran hättet Ihr mich eher erinnern müssen!« bedauert Fritzsche, »da schwatz ich drauflos! Einen langen, prachtvollen Brief schrieb er, ich les' ihn Euch nachher vor. Da kommen die Kollegen schon!« Glubsch kommt herein, den Kopf mit einer schwarzen Binde umwickelt, begrüßt Fritzsche, besieht seine gutverheilte Haut und grüßt Wagner. Brade kommt mit 15 Mann an. Sie verteilen sich in der Stube und Kammer. Brade selber steht im Türrahmen, so daß beide Gruppen ihn sehen können. »Nun wollen wir uns auch nicht lange aufhalten. Ich wollte dem Kollegen Fritzsche nur im Namen der Arbeiter gute Gesundheit wünschen. Die Kollegen haben es sich nicht nehmen lassen, selber zu kommen, um ihn zu begrüßen. Viele Hunderte von armen Menschen sind ihm dankbar, weil er ihnen die Mägen gefüllt und viele kleine Sorgen von ihnen genommen hat. Wir aber, wir Arbeiter, wir danken ihm darüber hinaus, weil er uns gezeigt hat, wie stark die gesammelte Kraft des einzelnen ist! Er hat uns gezeigt, wie die arbeitende Welt nach einer Vereinigung verlangt, wie sehr sie fühlen, daß das Heil ihres Lebens in der Vereinigung mit den Schicksalsgenossen liegt. Fritzsche hat uns auch gezeigt, welche Widerstände der Vereinigung der Arbeiter gegenüberstehen; er hat es uns bewiesen, daß unsre Behörden alles zu tun gewillt sind, wenn es heißt, die Organisation der Arbeiter zu zerstören. Er hat uns auch mit seinem Beginnen gezeigt, wie sehr die Arbeiter noch in egoistischen Anschauungen befangen sind: wir verstehen, daß er die Kraft der Vereinigung zuerst und immer wieder am Brotschrank, und zwar sofort, spüren wolle. Der Arbeiter ist arm, zu geknechtet, um zu begreifen, daß er für eine neue Zukunft den Grundstein legen muß. Freund Fritzsche, Ihr wißt nicht, wieviel in den verachteten Kreisen der niedrigsten Arbeiter, in den schmutzigsten Fabriken und ärmlichsten Häusern von den höchsten und heiligsten Dingen gesprochen wird. Und er sieht, wie sich alles gegen ihn verschworen zu haben scheint: Militär und Bauernschaft, Adel und Handwerker, Gewerbe und selbst die Kunst. Der deutsche Arbeiter glaubt immer noch an Gottes Gerechtigkeit, trotzdem er nicht sieht, wo sie einmal auf Erden beginnen soll. Mir kommt vor, als sagte der Arbeiter: ›Gut, wenn die Großen und Mächtigen nicht mehr wissen, daß auch wir Menschen und Christen sind, so wissen wir es, wir wollen danach handeln. Wir gönnen euch ja eure schönen Häuser, eure feinen Möbel, eure gute Küche, ja; doch laßt uns nicht verkommen, laßt unsre Kinder nicht verhungern! Dann könnt ihr ja machen was ihr wollt. Wir wollen ja gern arbeiten, aber auch einen gerechten Lohn. Wir wissen genau, wir können mit der Gewalt unsrer Arme alles formen und bilden, bauen und herstellen. Wir können Reichtum schaffen und Wohlstand. Bloß harte und verstockte Herzen menschlich machen, das können wir nicht. Wir sind immer noch Christen, wir wollen nicht euren Tod und wollen nicht einmal euer Eigentum. Wir wollen, daß wir uns gegenseitig helfen, wir mit unsern Fäusten und Leibern, ihr mit eurem großen Verstand, mit eurer Kunst. Ja, einer von den Arbeitern sagte es frei heraus, wir müssen uns zusammenschließen und die Herren bitten, in unsre Wohnungen zu kommen, zu sehn, wie wir leben, zu sehn, wie wir essen und wie unsre Kinder angezogen sind. Wir müssen Briefe an die Herrn schreiben, darin wir unsere Meinung ausdrücken, wir müssen diese Briefe in die Zeitungen drucken lassen, wir müssen Bücher schreiben, in denen gezeigt wird, was wir sind, was wir leisten und was wir wollen. Freiwillig müssen sie uns helfen, in freiwilliger Landsmann- und Christenschaft. Denn zwingen können wir sie nie und nimmer; je mehr wir Gewalt anwenden, um so verstockter werden sie, sie werden uns nachher noch hassen, wie sie uns jetzt verachten.‹ Böh, sagen viele, was gehts mich an, ob mich jemand achtet, ich achte mich selbst! Mir ist gleich, was andre tun! Doch die meisten fühlen diese Verachtung bitter. Wenn sie Sonntags in der Predigt sind, da gehen gar manche der Vornehmen an uns vorbei, und man sieht es ihren Mienen an: Ach ja, das Arbeitsvolk ist auch da! Das ist es, was den meisten bis in das Herz weh tut, denn sie sind ja früher alle einmal achtbare Handwerker gewesen! Das...« »Davon kann ich ein Lied singen!« sagt Glubsch und steht auf. »Ja, was haben die Leute eigentlich an uns zu verachten? Sie behandeln uns ja wie Ausgestoßene. Es gibt arme Mädchen und Frauen, die keine andre Möglichkeit haben, als mit ihrem Leib Geld zu verdienen. Haben wir eine andere? Nein! Ehrlos nennt die Gesellschaft die Frauen, die ihren Leib verkaufen. Ehrlos gelten auch die Arbeiter, die in den Fabriken dienen, weil wir uns das gefallen lassen und uns nicht wehren. Wir müssen uns Achtung und Geltung verschaffen. So ist es richtig, packt die Arbeiter an ihrer Ehre! Sein einziges Eigentum! Eher werden auch wir Arbeiter nicht eher die Ehrlosigkeit unseres Daseins mit allem Ekel empfinden, bis einmal gezeigt ist, daß unsere jetzige Art: heiliges Arbeits- und Menschenleben verkäuflich gegen Meistbietende, ein Dirnendasein ist, ehrlos und minderwertig. Wir Arbeiter wollen nicht länger in der Ehrlosigkeit leben. Nein, wir wollen unsern Leib, unser Leben in eine höhere Gemeinschaft emporringen, eine Art Ehe, mit den Menschen, mit Stadt und Land. Solange wir uns diese Erniedrigung gefallen lassen, müssen die Kapitalsbesitzer ja glauben, wir seien zu nichts Höherem geboren. Es ist ein Kampf um die Ehre, der von uns ausgefochten wird, und das ist, weiß Gott, keine ökonomische Sache!« »Das geht mich wieder an!« sagte Fritzsche; er sprach aber nichts dagegen, wie auch Glubsch und die andern lange stillschwiegen. Sie verstanden die Worte ja mehr mit dem Herzen als dem Verstand. »Wir sind merkwürdige Leute!« sagt Herr Wagner, »da haben wir uns zusammengesetzt, um unserm Freund Fritzsche unsre Freude über sein Glück im Unglück auszudrücken, und gleich kommen wir von der Genossenschaft, dem allernächsten, zur Moral und zur Ehre, dem allerfernsten. Müssen wir denn immer so, auch in Gedanken, durch die Ferne schweifen. Das Gute liegt so nah!« »Was ist schon Gutes in der Nähe? Elend und Not. In der Ferne steht ein wunderbares Bild von der Zukunft, davon träumen wir und daran denken wir. Wovon das Herz voll ist, läuft der Mund über!« sagt Brade und Glubsch pflichtet ihm bei: »Ihr sollt mal hören, wie wir uns über solche Sachen unterhalten. Aber, wenn ein Herr Wagner dabei ist, dann tut kein Arbeiter den Mund auf!« »Natürlich auch in der Nähe liegt das Gute, nämlich in unserer Genossenschaft!« Jetzt hat sich Meister Schuhmacher Stolle in die Tür gestellt und spricht: »Ich muß noch mal auf die Worte von Glubsch zurückkommen, der mit dem Ehrenstandpunkt das Richtige getroffen hat, nämlich, als er von der käuflichen Liebe und den Dirnen sprach. Wir wollen nicht, daß unsre menschliche Arbeitskraft für ewige Zeiten eine käufliche Ware bleibt. Etwas anderes ist unser Lohnsystem ja nicht als ein Fleischhandel, ein Sklavenmarkt, eine Muskelbörse.« »Doppelt und dreifach muß ich dem Brade recht geben, wenn er sagt, daß es für einen Christenmenschen unerträglich ist, so wie eine Dirne behandelt zu werden. Das macht eben, weil wir uns als Menschen und Christen, als Kinder Gottes fühlen. Mit Sklaven darf nicht einmal Handel getrieben werden. Der Glubsch hat uns Schauerliches genug vom schwarzen Sklavenhandel in Amerika erzählt. Wenn nun auch der Neger Gottes Kind ist, und selbst die größte Fabrik nicht einmal einen zwergenhaften Buschmann herstellen kann, ja, dann sagt mal, was kann die Maschine denn herstellen? Vielleicht ein Tier? Nein. Nicht den kleinsten Grashalm kann sie wachsen lassen. Ja, wer schafft denn die belebte Welt? Gott! So sind die Tiere die stummen Brüder des Menschen und vom Korn oder Brot sagt man: Tritt es nicht mit Füßen, denn es ist eine Gottesgabe. Ja – und die Bäume? Unsere Altvordern haben die großen Eichen als Heilige Bäume verehrt. Die Götter wohnten darin. Ja, was will denn die sogenannte Herrenwelt? Hat sie den Boden geschaffen, die Erde, die Gebirge, die Wälder, die Tiere! Nein, der Boden und alles was wächst, das ist Gottesgut, den Menschen gegeben. Wir brauchen keinen Mittler zwischen Gott und dem Menschen; keinen, der da steht und sagt: Wollt ihr von eures Vaters Fruchtbarkeit leben, bitte, bedient euch, kostet aber soundso viel Prozente! Der Teufel hol's! Die Erde ist für den Menschen da! Zum Teufel mit allem und allen, die sich zwischen uns und die Erde und den Schöpfer stellen, zum Teufel mit den Prozentemachern! Wir wollen die Gottesgaben aus den Klauen der Räuber – nicht kaufen, Gott behüte, nein; entreißen können wir sie ihm auch nicht. Aber ihm, dem Prozentenquetscher, sagen, daß wir als arbeitende Menschen wie eine große Familie fühlen und als deutsches Volk Gottes. Und darum müssen wir die Erde, die größte aller Gottesgaben, für das Volk zurückerobern. Später, in der Zukunft, werden wir, Arbeiter alle, ob mit oder ohne Geld, unsere Arbeit eintauschen gegen lebenserhaltendes Brot. Wir tauschen dem Landmann Korn gegen Werkzeuge, Kleider, Möbel, Baustoffe. Wir haben dann keine Not zu leiden, weil wir zuerst für den Bedarf produzieren. Assoziationen tauschen mit Assoziationen: das Wort »Handel« streichen wir aus und setzen an dessen Stelle: »Verteilung!« Der Schuhmachermeister spricht diese Worte so überzeugt und so voll Sicherheit aus, daß die andern ihm alle Beifall klatschen. Brade sagt: »Aber auch wir müssen weitergehen: Nicht aufhören mit dem Glauben an die Kräfte, aus denen das alles entstand. Das Göttliche im Menschen zeigt sich in der gegenseitigen Hilfe! Gegenseitige, das heißt nicht einseitige Hilfe! Gibt das Schicksal heute den Reichen die Macht, und diese benützen sie nicht für die gegenseitige, alle Stände durchdringende Hilfe, so verkümmern sie in der Einseitigkeit und verlieren alle Kraft. Streben nach Schönheit heißt die Sehnsucht der Arbeiter. Ja, und was ist die Schönheit? Es ist die größte Harmonie. Wo haben wir in unserer armen Welt so eine vollkommene Schönheit? In der Musik. Meine Freunde, wir haben doch in Eilenburg schöne Musik gehabt! Seht einmal eine Musikkapelle an, erst alle Instrumente geben den richtigen Klang und die schöne Harmonie. Ist da eine Klarinette weniger als die Baßgeige? Grade, weil es 20 verschiedene Instrumente gibt, darum ergreift uns die Musik als eine wunderbare Ordnung von menschlich geführten Klängen. Einen ganzen Abend kann man zuhören. Aber 30 Hörner oder 30 Brummbässe, oder 30 Klarinetten oder 30 Geigen, von Trommeln ganz zu schweigen: das gibt bloß einseitig ermüdende Musik. Sie spielen alle nach einem Plan, den hat der Komponist entworfen; der nimmt die Melodien aus dem Gefühl und oft aus dem Schatz des Volksliedes. Aber der Plan muß zuerst sein, dann richten sich die Instrumente darnach. Und dieser Plan ist die genossenschaftliche Idee, wie die Musiker doch auch nur Genossen sind, die einander durch den Plan verstehn. Da ist Hoch und Tief, Laut und Leise, Klang und Pfiff kein Gegensatz, nein, es ist dadurch die Möglichkeit einer Harmonie gegeben. So muß auch das menschliche Leben zu einer harmonischen Gemeinschaft werden. Das wird sie aber erst durch einen Plan, eine Komposition. Das ist es, was ich den neuen Leuten mit der gebildeten Revolution zum Vorwurf mache: Sie wollen eine neue Musik machen, indem sie die Harmonie abschaffen, ich meine, sie heben das Naturgesetz der Harmonie auf: bloß noch eine einzige Stimme: die Stimme einer Klasse. Das ist überhaupt ganz unnatürlich; die Natur zeigt, daß nur die Vielfalt und die Abwechslung lebendig macht.« Gepolter und Getrappel auf der Treppe, Lärm, Rufen, da, in der Tür erscheint Herr Ossen. Der Schneidermeister ruft erregt: »Beschütze mich, Wagner, beschütze mich! Der ..« Ossen kann vor Aufregung nicht weiter. »Da haben wir die Harmonie und die Vielfalt, die lebendig macht!« sagt Stolle und tritt an den Schneider heran: »Was ist denn los?« »Wagner, beschütze mich vor dem Pöbel! Sie haben mir gedroht, sie wollen mir ans Leben!« Mit flatternden Händen und trippelnden Schritten zittert der Schneider durch das Zimmer. Nach vielen Fragen hört er, daß Glubsch mit seinen Freunden bei ihm war und ihm das Lager kontrolliert haben. Von den Papieren hatten sie nicht viel verstanden und gleich wieder herausgegeben. »Acht Tage Frist!« haben sie gesagt, »acht Tage, dann soll alles in Ordnung sein oder sie schlagen mich tot! Beschütze mich! Wagner!« Wagner tröstet ihn, so gut er vermag und verspricht, gleich am Abend zu kommen. Brade und Stolle lachen, drängen den Schneider zur Seite und geben Fritzsche die Hand; die Arbeiter verlassen die Stube, sie nehmen den Schneider in die Mitte und versprechen ihm, ihn bis an seine Haustür zu begleiten. Nicht ganz zart bringen sie ihn die Treppe hinunter. »Die werden ihn auch nicht mit Zuckerkant dekorieren!« sagt Fritzsche. Wagner sieht bekümmert zum Fenster hinaus. Fritzsche hat indessen den Brief von Paule herausgeholt. »Kommt, ich les euch einen Brief von Agate vor.« Bei diesen Worten verfinstert sich Wagners Gesicht. »Das ist doch wohl nichts Schlimmes, was sie da berichtet?« »Hört zu und urteilt!« sagt Fritzsche, setzt sich zu Wagner und liest: »Lieber Freund! Ich möchte, daß ich öfter einen Brief aus der Heimat zu lesen bekäme. Die Briefe von meinem Vater sind Verhöre und Drohungen; ein Staatsanwalt kann nicht eisiger schreiben. Sie, Fritzsche, sollen nicht glauben, daß ich im Auftrag meines Vaters den geistigen Urheber eurer Sache, Paule, durch das Vermögen der Familie Neer erkauft habe, um die neuerstehende Genossenschaft schon im Keime zu korrumpieren; Sie sollen wissen, daß ich bei den Armen und den Arbeitern stehe, weil mir mein Herz das zu tun vorschreibt. Darum muß ich gegen die Anschauungen meines Standes kämpfen. Sie gönnt mir nicht das Recht auf die Liebe. Sie wollten mich an jeden andern Herrn verheiraten, der ins Geschäft paßt: bloß nicht an den Schlosser Paule! Der Kampf geht ja nicht allein um mich, sondern auch noch um das große Vermögen, daß ich von meinem Onkel geerbt habe und das mir erst ab meinem 21. Geburtstag zusteht. Ohne dies Vermögen bin ich ärmer als die ärmste Arbeiterin. Ich habe bisher nichts Vernünftiges gelernt, ich kann mich nicht mal als Köchin oder Magd verdingen; gäbe ich den Kampf um mein Vermögen auf, würde es in den Händen des Vaters dem Kampf gegen die Armen und Mühseligen dienen. Ich will studieren und lernen. Meine Kenntnisse sollen dazu dienen, dem arbeitenden Volke zu helfen. Darum werde ich nach Deutschland zurückkehren und mich dem Staatsanwalt stellen, damit mein sogenanntes Verbrechen vor einem ordentlichen Gericht klargestellt wird; ich habe keine Angst. Wir sind doch alle nur darum so rebellisch geworden, weil unsre Gebildeten, auch meine Eltern, nicht einsehen wollen oder können, daß sie das Volk nicht mehr kennen, keine Liebe mehr zu diesem so geknechteten Volk aufbringen, sondern nur auf ihre sorgenlose Ruhe bedacht sind. Weil sie aus der Knechtschaft und der Armut noch Kapital schlagen wollen, empören wir uns. – Ich gehöre zu euch, ich, und noch viele, die ihr nicht kennt. Darum laßt uns zusammen die Knechtschaft zerschlagen, wir »Gebildeten«, und ihr »Arbeiter«, die wir vor allem Deutsche sind, laßt uns zusammen kämpfen, bis die Freiheit erstritten ist! Eure Agate wird –« »Nun schreibt Paule noch ein paar Worte!« sagt Fritzsche und dreht die Seite um, – »Ja, ja, Agate wird in ihrer Begeisterung noch ein ganzes Buch schreiben und vergißt zu berichten, was in den nächsten Wochen geschieht. Also, wir werden aus der schönen Schweiz nach England reisen, uns verheiraten und eine Zeitlang dortbleiben. Ich richte mich nicht mehr auf Amerika, dazu ist Agathe keine Person, – sie hat jetzt schon Heimweh genug zu leiden, trotzdem hier viele Deutsche sind ...« Da ruft eine helle Stimme im Flur: »Herr Wagner möchte heimkommen!« Die kleine Martha kommt die Treppe herauf, hinterher Frau Juliane. Sie hat Frau Wagner getroffen. Ossen sitzt nun bei ihnen zu Hause und wartet auf Wagner; er muß ihn in einer dringenden Sache sprechen. Wagner fragt nach seinem Hut, bekommt ihn und wendet sich zu Fritzsche: »Den Schluß lest mir ein andermal vor, ich komm dieser Tage wieder!« Wagner geht heim. Ossen will, daß Herr Wagner gleich mit zu seinem Hause kommt. Trotz des Sonntags erschienen zu den Rohlingen, die ihn angebrüllt haben, noch weitere Mitglieder, die ihn mit Prügel drohen. Es bleibt Wagner nichts anders übrig, er muß den Meister zum Essen dabehalten. »Jetzt kannst du getrost allein gehen, es wird niemand mehr da sein!« sagt er, als sie eine Zigarre anzünden. »Ich bin überzeugt, es tut dir keiner was zuleide.« »Aber wenn sie es doch tun? Ich habs immer gesagt, die Arbeiter sind zu roh, sie lassen sich nicht ...« »Von Bangbüxen einschüchtern! Das ist wahr!« unterbricht ihn Herr Wagner. Sie gehen. »Einen Stock nimmst du nicht mit?« fragt Herr Ossen. Jetzt sieht Wagner seinen Schützling einmal groß an und verzichtet auf weitere Erklärungen. Sie gehen zur Pfarrgasse. Es ist niemand da. »Da ist meine Frau sicher zu ihrer Mutter gegangen!« sagt Ossen, »laß uns mal hingehen.« Auch diesen Gefallen tut ihm Herr Wagner. Sie treffen Frau Ossen, Herr Wagner fragt nach der Bedrohung. »An mir hat er keinen Schutz, im Gegenteil!« erklärt die resolute Frau. Nun weiß Herr Wagner Bescheid. »Am Dienstag komm ich zur Abrechnung!« sagt er. Als er im Flur nach der Klinke sucht, macht Frau Ossen ihm die Tür auf: »Kommen Sie lieber unangemeldet, sonst treffen sie ihn nicht!« sagt sie. Herr Wagner hat nun kein Mitleid mehr mit ihm. Sechsundzwanzigstes Kapitel Als Herr Wagner zu Ossen zum Abrechnen kommt, findet er eine große Menge neuer Waren, die er unmöglich aus dem Barbestand bezahlen konnte. Er läßt sich die Rechnungen geben, ist aber überzeugt, daß noch andre unbezahlte Rechnungen vorhanden sein müssen. Ossen sagt: »Kleinigkeiten!« Doch Wagner dringt auf Abgabe aller Schuldbelege. Da er dem Geschäftsführer keine Ruhe läßt, gibt dieser endlich den Grund an. »Ich will bis zur nächsten Generalversammlung genügend Geld im Hause haben, damit ich den austretenden Mitgliedern ihren Anteil geben kann. Die Leute, die wir neu aufgenommen haben, rücken nicht alle mit ihrem Einstandsgeld heraus; woher soll ich denn, wenn über hundert oder mehr ihr Geld fordern, die Summen hernehmen? Also muß ich verkaufen! Verkaufen! Verkaufen! Kredit auf drei Monate ist mir zugesagt, indessen werden wir wieder glatt sein!« »Und wenn wir es nicht sind?« Ossen hebt die Schultern und schüttelt mit dem Kopf: »Ich weiß nicht, wie es kommt: je mehr wir umsetzen, desto mehr verlieren wir!« »Du kaufst zu teuer ein!« »Du vergißt, daß uns die Kiste mit Rosinen faul geworden ist und eine Tonne Nudeln muffig,– das taugt noch grad zu Schweinefutter! Das ist ein Verlust von mehr als 17 Talern! Bis wir die eingeholt haben –« Wagner schlägt mit der Faust auf den Tisch: »Ja, warum sagst du mir nicht, daß du solche Mengen Rosinen gekauft hast und nicht los wirst, daß du Nudeln in Reserve hast. – Wie können die denn schlecht werden!« »Ich hatte sie in den Schuppen getan und da lag Stroh darüber, und das Dach war nicht dicht – und –« »Was haben die denn im Schuppen zu tun!« »Ich hatte sie nicht gleich bezahlt und dachte, du wirst böse, wenn ich ohne deine Einwilligung kaufe, – der Reisende hat sie mir aufgeschwätzt, – ich wollte immer mit fünf Pfund da herausnehmen, – auf einmal war's zu spät. Bezahlt sind sie jetzt!« »Und woher ist das Geld? Hast du's vom Eigenen genommen?« »Ich habs von der Sparkasse geholt!« »Mensch, das sind doch die Einstandsgelder unserer Mitglieder, – die dürfen wir doch nicht anrühren! Wieviel hast du geholt?« Ossen gibt keine Antwort mehr. Er holt eine Mappe mit Zetteln und Bogen, legt sie auf den Tisch und sagt verbissen: »Wenn du es besser kannst, da! Mach alles alleine! Dann bin ich ja überflüssig!« Wagner hat acht Tage nötig, um sich durch diesen Wust von Notes, Lieferungsbescheinigungen, Rechnungen und Quittungen durchzuarbeiten. Zwar hat er das Konto gesperrt, – es war nur noch das Geld für 30 Mitglieder da. Dann hat er doppelte Rechnungen mit zweimal gleichen Quittungen gefunden; in seiner Verwirrung hat Ossen die schon inzwischen bezahlten Rechnungen noch einmal bezahlt. Die Verluste durch Borgkunden gehn in die 40 Taler. Nachdem Wagner die Ordnungsarbeit hinter sich hat, sieht er, daß kein Wirtschaften mit Ossen möglich ist. Nun muß Wagner sein Amt niederlegen, um zu zeigen, daß er nicht mehr mit ihm arbeiten kann und will. Er setzt eine Anzeige auf, lädt die Mitglieder zur Versammlung ein und teilt gleichzeitig seinen Rücktritt mit; Tagesordnung: Wahl eines neuen Geschäftsführers. Sofort gibt Ossen eine Gegenanzeige auf, erklärt, daß Wagner kein Recht hätte, eine Versammlung einzuberufen und daß von der Wahl eines neuen Geschäftsführers keine Rede sein könne. Daraufhin bringt Wagner seine Bücher und alles Schreibwerk ins Magazin, erklärt der zusammengerufenen Kommission die von Ossen angerichtete Luderwirtschaft; dennoch bleibe er bis zum Letzten. Er wolle den Namen der Genossenschaft nicht in den Schmutz getreten haben. Gegen die Beweise Wagners und die Geschäftsbücher kann selbst der beste Freund Ossens keine Entschuldigung finden. Sie räumen Wagner das Recht ein, als ein freies Mitglied nach seinem besten Wissen und Willen mitzuarbeiten. Ossen und seine Freunde bekommen es trotzdem fertig, die Januarversammlung auf den Februar zu verschieben und vom Februar durch den März hin aufzuhalten. Mit vieler Überredungskunst kann er Ossen bewegen, in die Versammlung, die er zum 24. April angesetzt hat, zu kommen. Die Versammlung wird von kaum zehn Personen besucht. Somit ist das Interesse für den Bestand der Genossenschaft geschwunden. Herr Wagner schreibt auf die Mitteilungstafel: »Bis auf weiteres werden nur noch vorhandene Waren abgegeben!« Eine Liste der Artikel hängt daneben. Damit nun endlich Ordnung in die Verhältnisse kommt, bittet Wagner durch Aushang alle Mitglieder zum 30. April ins Schützenhaus. Andernfalls müsse, auch ohne ihre Zustimmung, am 1. Mai geschlossen werden. Eine Ankündigung bringt nicht mehr als 25 Leute hin. Wagner will denen, die es verlangen, ihr Eintrittsgeld wiedergeben; nur 14, und zwar Arbeiter, nehmen ihre Silbergroschen gleich mit. Wagner hofft, nach einer Pause von einem Monat durch Hineinnahme von neuem Betriebskapital und neuen Mitgliedern die Abgabe wieder zu beginnen; vorläufig wird das Magazin geschlossen. Wagner hat keine Zeit, Fritzsche zu besuchen. Er hat mit Ossen die noch vorhandene Ware in einzelne Tüten verpackt, die jede genau den Wert von zehn Silbergroschen darstellen. Den Mitgliedern, die nicht auf der Versammlung waren, wird anstatt des Geldes solch ein Beutel mit Ware angeboten. Einige erbitten sich leere Kisten und Tönnchen als Abfindung, und so bekommt Herr Wagner bis zum Monatsende die Ware aus dem Lokal und die Mitglieder aus den Listen. Am 30. April, abends 8 Uhr, schließt das letzte Mitglied die Tür hinter sich zu. Frau Ossen weint in der Stube, sie weiß, jetzt kommt die Abrechnung. Herr Wagner übergibt die letzten Warenreste der Frau Ossen und läßt sich das vorhandene Inventar quittieren. Die letzte Abrechnung soll auf einer Versammlung stattfinden. Sie setzen als Tag den 1. Juni fest. Auf der Tagesordnung steht nur ein Punkt: »Auflösung des Vereins.« Im Hinausgehen schließt er die Blenden vor den Fenstern. Es ist ihm, als hätte er einem toten Freund die Augen zugedrückt. Auf dem Heimweg sieht Wagner sich immer wieder nach dem Lokal um. Er kann es nicht begreifen, daß nun alles wieder so sein soll, wie es vor drei Jahren war. Zwischendurch haben Tausende und aber Tausende von Menschen einen Mittelpunkt in diesem Genossenschaftsmagazin gehabt. Viel Segen ist ausgegangen, viel Hoffnung drängt sich um die Organisation, viel Glaube! Viel Kampf: bis nach Merseburg und Berlin, durch die Zeitungen hin, durch vielleicht Millionen Köpfe drang die Idee vom genossenschaftlichen Zusammenschluß der Arbeiter zur gemeinschaftlichen Verwaltung des Konsums. »Und es wird doch noch werden!« sagt er, als er vor Fritzsches Haus steht, vor dem Haus in der Töpfergasse, wo zum erstenmal in Deutschland das Schild gehangen hat mit dem nun fast vergessenen Namen: »Lebensmittelgenossenschaft.« Er tritt ein, trifft Fritzsche und seine Frau am Tisch. »Hol einen Krug Bier, Juliane! Herr Wagner hat's nötig. Er kommt vom Genossenschaftslokal, setz ihm einen Teller auf, er muß mit uns essen! Er hat bis zur letzten Stunde treu gedient!« Wagner spricht wenig von der Arbeit der letzten Tage. Er spricht nur von der Kaution und hofft, daß nun die Hypothek bald gelöscht wird, weil die Auflösung nur noch eine Frage der Zeit ist. »Jetzt hab ich keine Eile mehr!« sagt Fritzsche vergnügt. »Ich fange das Buchbindergeschäft nicht mehr von vorne an. Was ich zu arbeiten bekomme, genügt mir. Vielleicht glückt es, das Inventar zu kaufen, da werde ich einen einfachen Laden aufmachen. Kenntnisse hab ich ja jetzt und unser Mädchen kann ebenfalls etwas lernen!« »Das könnt Ihr ja auf der Versammlung ansteigern!« sagt Wagner, »doch, warum braucht Ihr Eure Hypothek nicht?« »Das will ich Euch sagen, Wagner, übrigens hättet Ihr das längst wissen können. Der Paule hat mir doch den Brief geschrieben, von dem Ihr nur den Anfang gehört habt. Ihr mußtet ja plötzlich weg!« »Hat der Paule Euch vielleicht ein Darlehen besorgt?« Wagner sieht Fritzsche groß an. »Was hat der Paule mit der Hypothek zu tun?« »Nein, er schrieb mir nur, ich solle mich frei halten und nichts Neues gründen, weil er mich irgendwo anders brauchen kann. Wenn ich die Hypothek nehme, dann geht das Geld doch drauf und ich sitz wieder fest. Ich soll mich freihalten, schreibt er, um mit ihnen genossenschaftlich zu arbeiten. Da brauch ich dann entweder die Hypothek als Einlage – oder ich verkauf das Haus, bekomm dann Geld!« »Hätt ich das nur gewußt!« sagt Wagner und schüttelt traurig den Kopf, »da hab ich mir die bittersten Vorwürfe gemacht wegen der Kaution. Ich bin doch der Verantwortliche! Ich bin doch der Mann, der Euch die Hoffnung auf das Darlehen von Bürmann nicht erfüllen konnte!« »Lieber Wagner! Eine größere und schönere Hoffnung hat Paule mir gegeben! Wartet, ich hol Euch den Brief! Den Schluß müßt auch Ihr lesen, damit Ihr nicht glaubt, die Sache der Genossenschaft sei mit unserm Magazin zu Ende! Und alles nur ein Traum gewesen! Wartet, ich hol in der Kammer meinen Brief!« Er kommt, schlägt sofort die dritte Seite auf, weil er genau weiß, wo jedes Wort sieht. »Hab ich damals von der Druckerei gelesen?« fragt er. »Nein, Ihr hört« damit auf: Agathe hat viel Heimweh, trotzdem sie in der Schweiz viel unter Deutschen sein kann!« »Also, dann hört mal zu, was Paule für eine Botschaft für mich hat: ›Ich bin überzeugt, wir werden doch eine genossenschaftliche Druckerei einrichten. Wir müssen noch viel Hefte, Bücher, Broschüren und Aufklärungswerke, ja, auch Monatshefte drucken, um dem arbeitenden Volk in seinem Gefühl recht zu geben; denn, um nichts anderes handelt es sich: aus den Gefühlen müssen Gedanken werden, Überzeugungen, erst aus Überzeugungen entstehen Taten. Ich bitte Dich, lieber Fritzsche, warte ein Jahr auf mich, ehe Du Dir eine neue Existenz mit einem neuen Unternehmen gründen willst. Ich brauche einen Genossenschaftsmenschen wie Dich. Du mußt uns die Bücher einbinden, mußt eine wirkliche Genossenschaftsbuchbinderei einrichten und leiten. Vielleicht in Leipzig, vielleicht auch in Berlin oder Halle. Die Zeit beginnt für uns zu arbeiten; die Eisenbahnen bringen die Köpfe beieinander, die Industrie die Menschen. Du mußt einmal das Land an der Ruhr sehen, wie da Bergwerk um Bergwerk entsteht, wie da im Siegerland Eisenhütten arbeiten, wie feurig in der Nacht die Landschaften aufleuchten! Wahrlich, die große Industrie bringt gigantische Werke in die Höhe, und merkwürdig, je höher sie sich recken, um so tiefer stößt sie den arbeitenden Menschen. Gegen Berg- und Hüttenmännerfron ist Eure Arbeit noch erträglich zu nennen. Du kannst Dir denken, wie hoch hier das Feuer der Empörung flammt! Ich bin so manchmal mitten in den Versammlungen der Bergmänner gewesen und weiß ganz genau: aus dem Kampf dieser Männer entsteht die neue Welt! Warte auf mich, Fritzsche, warte auf mich! Und auch Ihr, Wagner, Vogel, Stolle, alle, die in der Assozierung von Menschen und Dingen eine bessere Gesellschaftsform sehen, – und dafür eintreten; wartet; vielleicht schon in einem Jahr haben sich die Verhältnisse geklärt. Ich sage Dir nichts anderes, als: Wartet und vertraut! Mit Euch, Ersten in Eilenburg, will ich gern das Werk beginnen, darum lerne ich ja und auch Agathe will die Verhältnisse studieren, um an der rechten Stelle ansetzen zu können. Das Kapital jagt nach Absatz in der ganzen Welt umher, – vielleicht braucht es sogar noch blutige Kriege, um sich halten zu können, doch eines Tages bricht sein Gebäude und sinken die unterhöhlten Fundamente in die Erde. Denn, diese Ordnung ist nicht auf den Glauben und Vertrauen, sondern auf die brutale Macht gebaut. Indessen wachsen die Arbeiterheere, sie müssen unterwiesen, belehrt, angeregt und ausgebildet werden. Jeder einzelne muß wissen, um was es sich handelt, jeder einzelne muß geschult werden. Wir werden beginnen, das arbeitende Volk in unserm Sinne zu schulen. Wir rechnen mit gewaltigen Auflagen, da die Werke durch die Genossenschaften billigst verbreitet werden. Die einzelnen Gruppen werden unsere Genossenschafter sein, unsere Abnehmer, in deren Dienst wir arbeiten. Also, warte auf mich, auf uns, lege Dich nicht fester, als Du für das tägliche Brot tun mußt. Wenn auch Deine jetzige Existenz schwankend ist, halte aus und warte! Trauere nicht, wenn die Lebensmittelgenossenschaft sich nicht hält, Du, Fritzsche und Ihr all, seid zu weit, zu einseitig vorgestoßen. In England, in Rochdale, sind die redlichen Pioniere ganz langsam zu einer großen Genossenschaft geworden, in sieben Jahren erst sind sie so weit gekommen, wie wir in einem halben Jahr. Uns ist dies schnelle Wachstum nur schädlich gewesen, es rief alle, aber auch alle unsre Gegner auf den Plan. Denn Ihr habt keine Zeit gehabt, Erfahrungen zu sammeln. Es sind sicher Fehler gemacht worden, dennoch: nichts umsonst. Beginne also nichts Neues mehr und warte auf mich! Schreib Du mir wieder, schreib von allem, – Agathe liest so gern, was Du berichtest, auch, wie es Deiner Familie geht und was das Kleinchen macht.‹ Sei Du und Ihr alle gegrüßt. Paule und Agathe« »August! Benimm dich doch!« ruft Frau Juliane aus der Küche. Fritzsche hat die Fäuste geballt und haut sie in einem Paukenwirbel auf den Tisch, daß die Teller und Kumpen rasseln. »Also, was sagt Ihr nun? Hat der Stolle nicht recht gehabt? Hat der Brade nicht recht gehabt? – Nun, wer weiß, was die Zeit bringt! Aber wir haben in unserm Herzen recht gehabt, freut Euch das nicht, Wagner? Freut Euch das nicht, daß wir in dem deutschen Eilenburg nicht zurückstehen? Freut Euch das nicht, daß unsre sächsischen Gedanken in der Schweiz, in Holland und Belgien, im Rheinland und überall, wo große Industrie großes Leben mit sich bringt, gedacht werden? Mensch! Wagner! Wir marschieren vor! Freut Euch das nicht? Ihr Pioniere von Eilenburg!« »Freut Euch aufs Essen, Männer und laßt die großen Reden!« sagt Frau Juliane. Sie bringt das Essen herein und schöpft aus. Doch Wagner nimmt den Teller fort und setzt ihn auf den Schrank. »Ich muß ja zu meiner Frau essen gehen. Ich kam nur hierhin, um Fritzsche etwas Mut zuzusprechen, um ihn nochmal wegen der Kaution zu vertrösten, um ihm etwas über die letzten Wochen zu berichten, – und nun hat er meinen Trost gar nicht nötig, ja, er hat mir neuen Mut gemacht und mich in die Zukunft sehen lassen; er hat mir die große Welt gezeigt, die über meinen kleinen Sorgen steht. Ich dank Euch, Fritzsche, Frau Juliane, besten Dank! Eßt nur allein, ich muß doch zu meiner Familie essen gehen!« In den ersten Tagen des Monats Mai läßt Wagner öffentlich das Inventar des Magazins versteigern. Fritzsche hat einen Schreinermeister hingesandt, der um 12 Taler die ganze Einrichtung kauft. Da die Mitglieder nicht mehr auf der Tafel einberufen werden können, müssen sie durch die Zeitung benachrichtigt werden: »Einladung zur Versammlung am 1. Juni. Tagesordnung: Auflösung des Vereins.« Herr Wagner will Fritzsche bereden, mit hinzugehen und dort eine Rede zu halten. Fritzsche wehrt ab. »Ich löse nicht auf! Ich werde von Neuem anfangen, ich warte auf Paule und dann geht wirklich unsre Sonne von Neuem auf! Bekennt Ihr Euch geschlagen? Ich halte fest!« Der 1. Juni ist ein unglücklicher Tag; ein fürchterliches Gewitter ist niedergegangen. Wagner findet sich mit Ossen, Mandel und anderthalb Dutzend Mitgliedern allein. Sie trinken ein Glas Bier, vertagen die Versammlung und gehen heim. Am 15. Juni sieht wieder eine Anzeige in den Blättern. »Generalversammlung am 30. Juni. Tagesordnung: Auflösung des Vereins und Verteilung der Vermögensbestände.« Diese Versammlung ist besser besucht. Herr Wagner behält nach der Abrechnung immer noch die Einlage von 35 Mitgliedern übrig, die weder im Magazin noch auf der Versammlung erschienen sind. Wagner bemerkt, daß wohl sehr wichtige Gründe vorliegen müssen, daß 35 Leute auf ihr Eigentum von zehn Silbergroschen und den entfallenden Anteil verzichten, nur, um nicht in der Gesellschaft der verhaßten Genossenschaftler gesehen zu werden. Er bittet die Versammlung, über diese Summe verfügen zu wollen. Es wird vorgeschlagen, sie gleichmäßig zu verteilen. Herr Wagner verlangt einen einstimmigen Beschluß. Ein paar Querköpfe bestehen auf die nochmalige Benachrichtigung der Mitglieder. Die Anwesenden nehmen ihren Anteil mit. Eine Kommission, unter dem Vorsitz Mandels, will für die gerechte Aufteilung der Restsumme garantieren. Dann fordert Wagner für sich und Herrn Ossen eine schriftlich gegebene Entlastung über ihre Tätigkeit und die vollzogene Auflösung. Nachdem diese von allen Anwesenden unterschrieben ist, steht er auf und sagt: »So erkläre ich denn die Konsumgenossenschaft für Lebensmittel als aufgelöst, diese Versammlung ist geschlossen!« Wagner geht bis zum Markt mit den andern, denn er hat den gleichen Weg mit Herrn Hanisch, dem Polizeisekretär. Wagner kann es nicht unterlassen, ihn zu fragen, was er denn am Schluß der Versammlung in sein Buch geschrieben habe. »Mein Herr Wagner, ich kann es Ihnen wohl verraten, obgleich es eigentlich ein Amtsgeheimnis sein soll. Ich werde es morgen früh in die Akten dieses, gottlob, aufgelösten Vereins nachtragen. Ich hoffe, daß zu meinen Lebzeiten mir keine Assoziation mehr solche Beschwerden und Unannehmlichkeiten bringen wird, wie die Ihrige. Ich schrieb: ›In der heutigen Versammlung ist etwas Gesetzwidriges nicht vorgekommen!‹«