Guy de Maupassant Der Liebling frei übertragen von Georg Freiherrn von Ompteda Erster Teil I Georg Duroy wechselte bei der Kassiererin ein Fünffrankenstück, zahlte und verließ das Restaurant. Von Haus aus ein hübscher Kerl, sah er besonders gut aus in der militärischen Haltung, nach der er sich als ehemaliger Unteroffizier trug. Er warf sich in die Brust, wirbelte schneidig seinen Schnurrbart und ließ über die Verspäteten rings an den Tischen einen schnellen, aber umfassenden Blick gleiten, dem nichts entging. Die Frauen hatten ihm nachgeschaut, drei kleine Arbeiterinnen, eine Musiklehrerin von mittlerem Alter, die schlecht frisiert war, etwas vernachlässigt aussah, einen immer staubigen Hut auf hatte, und deren Kleid schief saß; und dann zwei Bürgerfrauen mit ihren Männern, die für gewöhnlich hier ihr Mittagsessen im Abonnement einzunehmen pflegten. Als er hinausgetreten war, blieb er einen Augenblick auf dem Trottoir stehen und überlegte sich, was er thun sollte. Es war der achtundzwanzigste Juni und er besaß gerade noch drei Franken vierzig, womit er den Monat auskommen mußte. Das bedeutete soviel, wie zwei Mittagessen ohne Abendbrot oder zwei Abendessen ohne Mittag, je nach Wahl. Er überlegte, daß, da das Mittagessen ihm zweiundzwanzig Sous kosten würde, während er dreißig für sein Abendbrot anlegen mußte, ihm ein Frank zwanzig Überschuß bliebe, wenn er sich mit zweimal Mittagessen allein begnügte. Der Überschuß reichte noch für zwei Portionen Brot und Wurst und zwei Glas Bier, die er irgendwo auf dem Boulevard zu sich nehmen könnte. Das war seine einzige Ausgabe und sein einziges Amüsement. So bummelte er denn die Straße Notre Dame de Lorette hinab. Er ging genau so, wie er früher einst das Pflaster getreten in seiner Husarenuniform, die Brust herausgedrückt, die Kniee ein wenig nach außen, als ob er eben vom Pferde gestiegen wäre. Und rücksichtslos schritt er in die Menschenmenge hinein, streifte die Schultern, rempelte hier und da einmal jemanden an und machte nicht einen Zoll breit Platz. Den Cylinder, der etwas ramponiert war, hatte er schief auf's Ohr gesetzt, und seine Schritte klangen laut auf dem Pflaster. Er sah aus, als blickte er alles herausfordernd an, die Vorübergehenden, die Häuser, die ganze Stadt, wie's eben ein schöner Husar thut, der zu seinem Leidwesen den Civilrock tragen muß. Obgleich er nur einen Anzug für sechzig Franken trug, hatte er doch eine gewisse, etwas aufdringliche Eleganz an sich, die zwar ein wenig ordinär war, doch thatsächlich bestand. Er war groß, gut gewachsen, blond, von einem kastanienfarbenen leicht rötlichen Blond, mit aufgedrehtem Schnurrbart, der sich auf seiner Oberlippe zu kräuseln schien. Er hatte blaue, klare Augen und eine ganz kleine Pupille, natürlich-gelocktes Haar, das in die Mitte gescheitelt war und sah so ein wenig aus wie die Schwerennöter in den Schundromanen. Es war einer jener Sommcrabende, wo man das Gefühl hat, als wäre nicht genug Luft in Paris. Die Stadt war glühend heiß und schien zu schwitzen bei der erstickenden Hitze. Die Schleußen strömten durch ihren granitnen Mund ihre verpesteten Dünste aus und die Küchen im Untergeschoß hauchten auf die Straße durch ihre niedrigen Fenster die gräßlichen Gerüche von Anfwaschwasser und alten Saucen hinaus. Die Portiers saßen in Hemdsärmeln rittlings auf ihren Rohrstühlen und rauchten unter dem Hofeingang ihre Pfeife. Und die Vorübergehenden gingen mit müden Schritten barhäuptig, den Hut in der Hand. Als Georg Duroy an den Boulevard kam, blieb er noch einmal stehen, unschlüssig, was er thun sollte. Er hatte jetzt eigentlich Lust, in die Champs - Elysses und in die Avenue du bois de Boulogne zu gehen, um unter den Bäumen ein Wenig frische Luft zu schöpfen. Aber es quälte ihn auch ein anderer Wunsch: irgend ein Liebesabenteuer zu erleben. Wie das kommen sollte, wußte er noch nicht. Aber er wartete seit drei Monaten darauf, jeden Tag, jeden Abend. Dank seines guten Aussehens und seines galanten Wesens, stahl er wohl hier und da ein bißchen Liebe, aber er hoffte doch immer noch auf mehr und Besseres, Mit seinem leeren Portemonnaie und heißen Blut regte er sich auf, wenn die Mädchen vorüberstrichen und an der Straßenecke zu ihm sagten: – Komm mit, Kleiner! Aber er wagte nicht, ihnen zu folgen, denn er konnte sie nicht zahlen. Und dann hoffte er doch auch auf etwas anderes, auf eine andere, weniger gemeine Liebe. Und doch liebte er die Orte, wo die öffentlichen Mädchen herumwimmelten, ihre Balllokale, Cafés, ihre Straßen. Er traf sie gern, und es machte ihm Spaß, mit ihnen zu schwatzen, sie zu duzen, ihr starkes Parfüm zu riechen, ihre Nähe zu fühlen. Es waren doch immerhin Frauen, Frauen, die Liebe geben konnten, und er verachtete sie nicht mit jenem Gefühl, das dem in der Familie aufgewachsenen Manne angeboren ist. Er wandte sich zur Madeleine-Kirche und folgte dem Menschenstrom, der, von der Hitze bedrückt, dahin flutete. Die großen Cafés waren Menschen-überfüllt. Die Leute faßen bis auf das Trottoir, beim hellen scharfen Licht, das durch die erleuchteten Spiegelscheiben fiel. Auf kleinen viereckigen Tischen standen Gläser mit roter, gelber, grüner, brauner Flüssigkeit, alle Farbenspiele waren vertreten. Und in den Karaffen glänzten die großen, durchsichtigen Eiskrystalle, die das schöne klare Wasser abkühlen sollten. Duroy hatte seinen Gang verlangsamt, seine Kehle war wie ausgetrocknet und das dringende Bedürfnis etwas zu trinken quälte ihn. Ein brennender Durst, wie er sich an heißen Sommerabenden einstellt, hielt ihn gefangen, und er dachte immer wie wundervoll erquickend es doch wäre, wenn ihm das kalte Getränk durch die Kehle laufen würde. Aber wenn er an diesem Abend auch nur zwei Glas Bier trank, mußte er auf sein mageres Abendbrot morgen verzichten. Und die Hungerqualen der letzten Tage des Monats kannte er zu genau. Er sagte sich: bis zehne muß ich mich hinschleppen, dann trinke ich im Americain mein Bier. Gott verdamm mich noch mal, hab' ich einen Durst! Und er betrachtete all die Menschen, die dort an den Tischen saßen und tranken, all diese Menschen, die ihren Durst löschen konnten, soviel sie nur mochten. Wenn er an den Cafés vorüberkam, nahm er eine renommistische kecke Haltung an, und mit einem Blick taxierte er nach Aussehen und Kleidung die einzelnen Leute, die da ruhig saßen. Wenn man ihnen die Taschen leerte, würde man schon Gold finden, Silber und Kupfer; durchschnittlich hatte Wohl jeder gewiß zwei Zwanzig-Frankenstücke bei sich. In dem Café saßen mindestens hundert, hundert mal zwei Zwanzig-Frankenstücke das gab viertausend Franken. Er brummte in sich hinein: Schweinebande! und wiegte sich in den Hüften. Wenn er nur an der Straßenecke im Dunkeln einen von den Kerls hätte anhalten können, dem hätte er den Hals umgedreht, weiß der Teufel, ohne irgend welche Gewissensbisse, wie er's früher im Manöver mit den Hühnern beim Bauer gethan. Und er dachte an die beiden Jahre, die er in Afrika gestanden, wie er damals in den kleinen Garnisonen im Süden die Araber ausgeplündert. Ein grausam-lustiges Lächeln lief über seine Züge, als er sich eines tollen Streiches erinnerte, der drei Mann des Stammes der Ouled-Alane das Leben gekostet und ihm wie seinen Kameraden zwanzig Hühner, zwei Schafe und eine Menge Gold eingebracht hatte, sowie Lachstoff auf mindestens ein halbes Jahr. Die Thäter hatte man nie entdeckt, die man übrigens auch weiter nicht gesucht hatte, denn der Araber wurde mehr oder weniger als selbstverständliche Beute des Soldaten angesehen. In Paris war das ganz was anderes. Dort konnte man nicht den Säbel an der Seite, den Revolver in der Hand, weit von jeder bürgerlichen Gerichtsbarkeit, frei wie man war, auf Plünderung ausgehen. Er fühlte sich wie ein Unteroffizier im eroberten Lande. Ach, er dachte doch mit Bedauern an die zwei Jahre zurück, die er in der Wüste zugebracht. Es war eigentlich schade, daß er nicht dort geblieben war. Aber er hatte gehofft, sich verbessern zu können, wenn er zurückkehrte. Und nun? Na, das war eine schöne Bescheerung! Er wälzte die Zunge im Munde herum und schnalzte, als ob er die Trockenheit seines Gaumens feststellen wollte. Die Menge bewegte sich um ihn herum, matt und langsam, und er dachte immer: elendes Pack, diese ganzen Rindviecher da, haben nu Geld in der Tasche. Er stieß die Leute beim Gehen mit der Schulter an und pfiff sich eine lustige Weise. Ein paar Herren, die er angerempelt, drehten sich schimpfend um und ein paar Frauen riefen: – So ein Flegel! Da kam er am Vaudeville vorbei und blieb vor dem Café Americain stehen. Er fragte sich, ob er nicht doch ein Glas Bier trinken sollte, der Durst quälte ihn zu schauderhaft. Ehe er zu einem Entschluß kam, blickte er noch einmal nach dem erleuchteten Zifferblatt der Uhren auf der Straße. Es war ein viertel auf zehn Uhr. Er kannte sich genau: wenn einmal das Glas Bier vor ihm stand, hatte er es auch schon 'runtergeschüttet, und was sollte er dann bis elf Uhr anfangen? Er ging weiter und sagte sich: ach, ich gehe lieber bis zur Madeleine und dann bummele ich ganz sachte zurück. Als er an die Ecke des Opernplatzes kam, begegnete ihm ein dicker, junger Mann, dessen Gesicht er meinte schon einmal irgendwo gesehen zu haben. Er folgte ihm und suchte in seinem Gedächtnis, indem er halblaut zu sich sagte: Teufel noch mal, wo bin ich nur dem Kerl schon mal begegnet? Er suchte hin und her, aber es fiel ihm nicht ein. Dann plötzlich durch ein eigentümliches Spiel des Gedächtnisses stand derselbe Mann vor ihm, weniger dick, jünger, in Husarenuniform und er rief ganz laut: – Herr Gott, Forestier! Er verlängerte seine Schritte und klopfte dem Herrn, der vor ihm ging, auf die Schulter. Der andere drehte sich um, blickte ihn an und fragte: – Bitte, was wünschen Sie? Duroy fing an zu lachen: – Was, Du kennst mich nicht mehr? – Nein. – Georg Duroy. Sechster Husar. Forestier streckte ihm beide Hände entgegen: – Alter Kerl! Wie geht Dir's denn? – Ausgezeichnet! Und Dir? – Na, nicht besonders. Weißt Du, ich bin nicht ganz taktfest auf der Brust. Sechs Monate im Jahr huste ich. Das kommt von einem Bronchialkatarrh, den ich mir in Bougival jetzt vor vier Jahren, als ich nach Paris zurückkam, geholt habe. – Aber Du siehst doch ganz gesund aus! Und Forestier nahm den Arm seines Kameraden und erzählte ihm von seiner Krankheit, von den Konsultationen, den verschiedenen Meinungen und Reden der Ärzte. Er sagte, Wie schwierig es sei in seiner Stellung ihren Verordnungen zu folgen. Er sollte den Winter im Süden zubringen, aber das könnte er doch nicht. Er war nämlich verheiratet, Journalist und hatte eine vorzügliche Stellung. – Ich redigiere den politischen Teil der ›Vie francaise‹ , besorge beim ›Salut‹ den Artikel Senat und schreibe ab und zu literarische Feuilletons für den ›Planeten.‹ Ja! ja! Ich habe meinen Weg gemacht. Duroy blickte ihn erstaunt an. Er fand ihn sehr verändert, sehr viel fertiger geworden. Er hatte eine Art und Weise, Haltung und Anzug wie ein Mann in guter Stellung, der seiner selbst sicher ist und war wohlbeleibt wie jemand, der gut zu essen pflegt. Früher war er mager, dürr, gelenkig, ein Leichtfuß, ein Lärm- und Radaumacher, der immer in der Fahrt war. Und ein dreijähriger Aufenthalt in Paris hatte aus ihm einen ganz anderen Menschen gemacht, einen wohlbeleibten, gesetzten Herrn mit einigen grauen Haaren an der Schläfe, obgleich er erst siebenundzwanzig Jahre zählte. Forestier fragte: – Wo gehst Du hin? Duroy antwortete: – Nirgends. Ich bummle bloß noch einmal herum, ehe ich nach Hause gehe. – Schön. Weißt Du was, komm' doch mit zur Vie francaise . Ich habe nämlich Korrekturen durchzusehen Und dann trinken wir ein Glas Bier zusammen. – Gern! Und sie gingen Arm in Arm davon, mit jener leichten Familiarität, wie sie zwischen Schulfreunden und Regimentskameraden besteht. – Was machst Du denn so in Paris? fragte Forestier. Duroy zuckte die Achseln: – Nu, ich krepiere einfach vor Hunger. Als ich meine Zeit abgerissen hatte, wollte ich hierher kommen, um – na Gott, um mein Glück zu machen oder vielmehr um eben Pariser Pflaster zu treten. Und jetzt bin ich seit anderthalb Jahren bei der Nordbahn im Bureau angestellt und kriege fünfzehn hundert Franken jährlich, keinen Deut mehr. Forestier brummte: – Verflucht, das ist nicht gerade viel! – Ja, das finde ich auch. Aber was soll ich machen. Ich stehe allein, kenne niemanden, und kann mich bei niemandem in die Wolle bringen. Am Willen fehlt's nicht, aber es geht eben nicht. Sein Kamerad sah ihn von Fuß bis zu Kopf an, als praktischer Mann, der jemanden sofort beurteilt, und sagte dann in überzeugtem Ton: – Weißt Du, Alter, hier hängt alles vom Auftreten ab. Ein Kerl, der ein bißchen gerissen ist, wird hier eher Minister als Büreauchef. Man muß sich einfach den Leuten aufdrängen und nicht erst groß fragen. Aber Teufel noch einmal, hättest Du nichts Besseres finden können, als eine Beamtenstelle an der Nordbahn? Duroy antwortete: – Ich habe mich überall umgethan, aber nichts gefunden. Allerdings jetzt grade habe ich was in Aussicht, ich soll nämlich als Bereiter in den Tatterfall von Pellerin eintreten. Dort kriege ich wenigstens dreitausend Franken. Forestier blieb stehen: – Thu bloß das nicht! Das wäre zu dumm. Und wenn Du zehntausend Franken verdientest! Aber damit riegelst Du Dir die Zukunft zu. In Deinem Bureau bist Du wenigstens verborgen. Kein Mensch kennt Dich und wenn Du sonst das Geschick hast, Deinen Weg zu machen, gehst Du eben eines Tages einfach fort; aber bist Du einmal Stallmeister, dann ist's aus, das ist genau so, als ob Du Diener werden wolltest in irgend einem Haus, wo Ganz-Paris verkehrt; wenn Du erst mal den Herren aus der Gesellschaft oder ihren Söhnen Reitstunden gegeben hast, sehen sie Dich niemals mehr als ihresgleichen an. Er schwieg, dachte ein Paar Augenblicke nach, dann fragte er: – Hast Du eigentlich das Abiturientenexamen gemacht? – Nein, ich bin zweimal durchgefallen. – Das macht nichts, wenn Du nur so weit gekommen bist; wenn man von Cicero spricht oder Tiberius, so wirst Du doch so etwa wissen, wer das ist? – O ja, so ziemlich. – Also gut, eigentlich weiß doch niemand mehr von ihnen, höchstens so zwei Dutzend Kamele, die doch nicht im stande sind, sich aus der dümmsten Sache herauszusitzen. Ach, weißt Du, schwer ist das weiter nicht, für einen riesig klugen Kerl zu gelten. Man muß sich nur nicht gerade mit Dummheit klappen lassen. Man redet so 'rum, vermeidet die Schwierigkeiten, umgeht jedes Hindernis und macht kolossalen Eindruck, indem man das Thema, über welches man quasseln will, vorher genau im Konversationslexikon nachliest. Die Männer sind alle dumm wie die Gänse und unwissend wie Karpfen. Er redete wie ein ruhiger vernünftiger Mensch, der das Leben kennt wie es eben ist. Und wie die Menge so an ihm vorüberflutete, lächelte er. Aber plötzlich fing er an zu husten, blieb stehen, um den Anfall vorübergehen zu lassen und sagte dann mutlos: – Ist das nicht zum Verzweifeln, daß ich diesen verfluchten Katarrh nicht los werden kann und dabei ist's jetzt Sommer. O, diesen Winter gehe ich unbedingt nach Mentone. Der Teufel soll den ganzen Kram holen, die Gesundheit geht mir vor. Sie kamen auf dem Boulevard Poissonnière an eine große Glasthür, hinter der eine auseinandergefaltete Zeitung angeklebt war. Drei Leute standen davor und lasen. Ueber der Thür stand, wie ein Aufruf an das Volk, in großen feurigen Buchstaben, durch Gasflammen gebildet, die Inschrift: La vie française. Und die Vorübergehenden, die unvermutet in den Lichtkreis traten, den die drei leuchtenden Worte warfen, erschienen plötzlich hell bestrahlt, scharf und deutlich wie am lichten Tage, um dann wieder in das Dunkel zurückzutauchen. Forestier öffnete die Thür und sagte: – Komm! Duroy trat ein, ging eine schmutzige Treppe hinauf, die man von der Straße aus sehen konnte und kam in ein Vorzimmer, wo sich zwei Büreaudiener befanden, die seinen Begleiter begrüßten. Dann machten sie Halt in einer Art von Wartezimmer, staubig und schlecht gehalten, das mit unechtem, gelblich grünem Sammt tapeziert war, voller Flecke, hier und da abgestoßen, als ob die Mäuse daran herumgeknabbert hätten, – Setz Dich, sagte Forestier, ich komme in fünf Minuten wieder. Und er verschwand durch eine der drei Thüren, die in den Raum führten. Ein seltsamer eigentümlich-unerklärlicher Geruch, der Geruch der Redaktionszimmer, lag hier in der Luft. Duroy blieb unbeweglich, ein wenig eingeschüchtert, vor allem aber erstaunt stehen. Ab und zu kamen Leute, die eilig durch eine Thür eintraten und durch die andere, ehe er sie recht betrachten konnte, den Raum wieder verließen. Es waren bald sehr junge Leute, die thaten, als ob sie sehr beschäftigt wären und in der Hand ein Blatt Papier hielten, das beim Gehen im Luftzug flatterte. Bald kamen Setzer vorbei, aus deren Druckschwärze-bespritzten Blousen ein leuchtend weißer Hemdkragen herausschaute und unten eine Hose, wie sie nur ein Herr trägt. Vorsichtig hielten sie Papierstreifen in der Hand, frische Korrekturen, die noch ganz naß waren. Ab und zu trat ein kleiner Herr ein, elegant aber zu auffallend gekleidet, die Taille eng im Gehrock zusammengeschnürt, die Hose zu prall sitzend, die Stiefel zu spitz – irgend ein Reporter für die feine Welt, der die Neuigkeiten des Abends überbrachte. Dann kamen noch andere, ernst, mit wichtiger Miene, einen Cylinder mit flacher Krempe auf dem Kopf, als ob diese Form des Hutrandes sie von der ganzen übrigen Menschheit unterschieden hätte. Forestier erschien wieder. Arm in Arm mit einem großen hageren Herrn zwischen dreißig und vierzig in Frack und weißer Kravatte, von dunkler Hautfarbe, den Schnurrbart spitz gedreht und mit ungezogener selbstzufriedener Miene. Forestier sagte zu ihm: – Adieu, lieber Meister. Der andere drückte ihm die Hand: – Auf Wiedersehen, lieber Freund! Und vor sich hinpfeifend, den Stock unter den Arm geklemmt, ging er die Treppe hinab. Duroy fragte: – Wer ist denn das? – O, das ist Jacques Rival, weißt Du, der ausgezeichnete Plauderer, der immer so viele Duelle hat. Er hat eben die Korrektur durchgesehen. Garin, Montel und er sind die drei einzigen Feuilletonisten in Paris, die wirklich Geist haben. Er verdient bei uns dreißig tausend Franken jährlich für zwei Artikel die Woche. Wie sie fortgingen, begegneten sie noch einem kleinen Mann mit langen Haaren, dick, etwas unsauber, der keuchend die Treppe herauf kam. Forestier zog tief den Hut und erklärte: – Norbert von Varenne, der Dichter, der Verfasser der ›erloschenen Sonnen‹. Das ist auch so einer, der viel Geld verdient! Jede kleine Erzählung, die er uns giebt, kostet drei hundert Franken und die längsten sind noch nicht zwei hundert Zeilen lang. Aber wir wollen doch in den Neapolitaner gehen, ich verdurste bald. Sobald sie im Café am Tisch saßen, rief Forestier: – Zwei Bier! Und er schüttete auf einen Zug das seine hinunter, wahrend Duroy das Bier langsam in kleinen Schlückchen kostete und schlürfte, wie etwas Köstliches, Seltenes. Sein Begleiter schwieg, er schien nachzudenken, dann sagte er plötzlich: – Wie wärs, wenn Du's mal mit dem Journalismus versuchtest? Der andere blickte ihn erstaunt an: – Ja aber hör' mal, ich habe noch nie eine Zeile geschrieben. – Ach was, das versucht man eben, man muß eben anfangen. Ich könnte Dich vielleicht verwenden, Du müßest mir Nachrichten holen, allerlei notwendige Gänge und Besuche machen. Für den Anfang könntest Du zweihundertfünfzig Franken monatlich bekommen, außerdem kriegst Du die Auslagen für Wagen ersetzt. Was meinst Du, soll ich mal mit dem Chefredakteur sprechen? – Ja, gewiß, mir ist's schon recht. – Dann will ich Dir einen Vorschlag machen. Komm morgen zu mir zu Tisch. Wir haben fünf oder sechs Personen zum Diner: den Besitzer des Blattes, Herrn Walter, seine Frau, dann Jacques Rival und Norbert von Varenne, die Du eben gesehen hast, endlich eine Freundin meiner Frau. Einverstanden? Duroy zögerte und ward rot. Schließlich sagte er: – Ja weißt Du, ich habe keinen anständigen Anzug. Forestier war sehr erstaunt: – Du hast keinen Frack? Verflucht! Das ist allerdings durchaus nötig. Weißt Du, in Paris braucht man lieber kein Bett zu haben, als keinen Frack. Dann suchte er in der Westentasche, holte eine Anzahl Goldstücke hervor, nahm zwei Zwanzig-Frankenstücke, legte sie auf den Tisch vor seinen alten Kameraden und sagte herzlich und familiär: – Weißt Du was, Du giebst mir's mal wieder wenn Du's kannst. Jetzt pumpe Dir oder kaufe Dir gegen monatliche Abzahlung den Anzug, den Du brauchst. Kurz, Du mußt dich eben so einrichten, daß Du morgen zu mir zum Diner kommst, ein halb acht Uhr, Rue Fontaine 17. Duroy war verlegen. Er steckte das Geld ein und stammelte: – Du bist ja aber zu liebenswürdig, ich danke Dir tausend Mal, ich werde es gewiß nicht vergessen. Der andere unterbrach ihn: – Ach, laß doch gut sein. Du trinkst doch noch ein Glas Bier, was? Und er rief sofort: – Kellner, zwei Bier! Als sie dann ihr Bier getrunken hatten, fragte der Journalist: – Wollen wir ein bißchen herumbummeln, vielleicht noch ein Stündchen! – Gewiß, sehr gern. Und sie gingen der Madeleine zu. – Was sollen wir los lassen? fragte Forestier. Man behauptet, in Paris kann sich ein Bummler stets unterhalten, aber das ist nicht wahr, wenn ich herumbummle abends, weiß ich nie, wo ich hingehen soll. Ins Bois de Boulogne fahren, hat doch nur einen Zweck mit Frauenzimmern und man hat doch nicht immer gleich eine bei der Hand. Tingeltangel, ist doch bloß was für den Bierphilister und seine Frau, aber nicht für mich. Also was soll ich machen? Nichts. Es müßte hier irgend einen Sommergarten geben wie den Park Monceau .... der die ganze Nacht offen ist und da müßte man gute Musik hören, bei irgend einem guten Getränk im Freien. Es dürfte kein eigentliches Vergnügungslokal sein, sondern ein Ort um herumzubummeln. Der Eintritt müßte natürlich hoch sein, damit die hübschen Damen kämen, dann könnte man sich dort auf Kies-bestreuten Wegen ergehen, die das elektrische Licht bestrahlen, sich irgendwo hinsetzen, wenn man die Musik hören will, weit oder nah. Weißt Du, das gabs früher so ungefähr bei Musard. Aber es hatte doch ein bißchen einen Kneipenanstrich und war mehr Tanzlokal und dann war's auch nicht groß genug, nicht genug Schatten und Dunkelheit! Es müßte ein sehr schöner, sehr großer Garten sein, das wäre doch reizend. Sag mal, wo möchtest Du denn hingehen? Duroy wußte nicht, was er antworten sollte. Endlich entschied er sich: – Ich kenne die Folies-Bergère nicht. Da ginge ich ganz gern einmal hin. Sein Begleiter rief: – Die Folies-Bergère, verflucht noch einmal, da schwitzen wir aber wie im Backofen. Na, aber meinetwegen, dort ist's immer ganz ulkig! Und sie wandten sich auf dem Absatz herum, um nach der Straße des Faubourg-Montmartre zu gehen. Die erleuchtete Front des Etablissements warf einen breiten Lichtschein auf die vier Straßen, die dort zusammenstoßen. Und eine ganze Reihe Droschken wartete am Ausgang. Forestier trat ein. Duroy wollte ihn zurückhalten: – Wir müssen doch erst an die Kasse. Der andere antwortete wichtig: – Wer mit mir geht, zahlt nicht. Als er an den Eingang kam, grüßten die drei Kontroleure und der in der Mitte streckte ihm die Hand entgegen. Der Journalist fragte: – Haben Sie noch eine gute Loge? – Natürlich, Herr Forestier. Er nahm den Coupon, den man ihm hinhielt und stieß die gepolsterte Thür mit den zwei Leder-bezogenen Flügeln auf. Dann standen sie im Saal. Tabakrauch verschleierte wie feiner Nebel die entfernter liegenden Gegenstände, die Bühne und die andere Seite des Theaters. Von all den Cigarren und Cigaretten, die all die Menschen rauchten, stieg er in feinen, weißlichen Wolken hinauf, immer höher, sammelte sich an der Decke und bildete unter der großen Kuppel rings um den Kronleuchter über der Galerie des ersten Ranges, die vollgepfropft von Menschen war, einen Wolkenhimmel. Im weiten Eingangs-Korridor, der an den rund umlaufenden Promenadengang führte, wo die geputzte Horde der Mädchen herumstrich, mitten zwischen den dunkel gekleideten Männern, warteten ein Paar Frauenzimmer auf die Ankommenden vor einem der drei Ladentische, hinter denen drei geschminkte und verlebte Verkäuferinnen von Liebe und Getränken thronten. Die hohen Spiegel hinter ihnen warfen ihre Rückansichten und die Gesichter der Vorübergehenden zurück. Forestier drängte sich schnell durch die Menge, wie ein Mann, der Rücksicht beanspruchen kann. Er trat zu den Logenschließern: – Loge Nummer siebzehn! – Hier, mein Herr! Und man schloß sie in einen kleinen offenen Holzkasten ein, der rot tapeziert war und vier Stühle von derselben Farbe enthielt, die so nahe beieinander standen, daß man kaum dazwischen vorbei konnte. Rechts wie links lag eine lange Reihe ähnlicher kleiner Abteilungen, die sich von einem Ende der Bühne bis zum andern im Bogen herumzogen und wo ebenfalls Menschen saßen, von denen man nur Kopf und Schultern sah. Auf der Bühne arbeiteten drei junge Leute in enganliegendem Trikot, ein großer, ein mittlerer und ein kleiner am Trapez. Zuerst trat der große vor, kurzen schnellen Schrittes, lächelnd mit einer Handbewegung die Menge grüßend, als wollte er einen Kuß hinüberschicken. Unter dem Trikot sah man die Muskeln der Arme und Beine sich abzeichnen. Er blies die Brust auf, um den zu starken Leib zu verbergen. Dabei sah er wie ein Friseur aus, denn ein sorgfältig gezogener Scheitel teilte oben auf der Mitte des Kopfes sein Haar in zwei gleiche Hälften. Mit einem graziösen Sprung schwang er sich ans Trapez und an den Händen hängend drehte er sich im Kreise herum wie ein Rad, oder hing unbeweglich mit steifen Armen und gradeaus gestrecktem Leibe, horizontal im leeren Raum am Trapez, nur durch die Kraft der Fäuste gehalten. Dann sprang er zur Erde, grüßte noch einmal lächelnd unter dem Beifall des Publikums, und blieb seitwärts an der Coulisse stehen, indem er bei jeder Bewegung möglichst die Muskulatur seines Beines zeigte. Nun ging der zweite, der untersetzt und kleiner war, seinerseits vor und machte dieselbe Übung, die dann auch der letzte wiederholte unter immer größerem Klatschen des Publikums. Aber Duroy kümmerte sich nicht weiter um das Schauspiel. Er wandte den Kopf ab und blickte unausgesetzt hinter sich auf die große Wandelbahn, wo lauter Herren und Halbweltdamen auf und niedergingen. Forestier sagte zu ihm: – Sieh mal, das Parquet. Alles brave Bürgersleute mit Kind und Kegel, die herkommen, um etwas zu sehen. In den Logen dagegen sitzen nur Boulevardbummler, ein paar Künstler und ein paar Mädchen so zweiter Güte und hinter uns siehst Du die sonderbarste Mischung von Menschen, die man in Paris finden kann. Wer mögen die Männer wohl sein? Sieh sie Dir mal genau an. Da ist alles vertreten, alle Berufe und Klassen, obgleich allerdings die meisten mehr oder weniger Gesindel sind; da giebt's Commis, Bankbeamte, Ladenschwengel, Leute aus den Ministerien, Reporter, Zuhälter, Offiziere in Civil, Dandies im Frack, die eben im Restaurant gegessen haben oder aus der Oper kommen, und dann noch eine ganze Menge zweifelhafter Existenzen, die man nicht recht unterbringen kann. Die Frauenzimmer dagegen sind zweifellos nur von einer Klasse, die, die vom Souper im Americain kommt, das Mädchen für ein oder zwei Zwanzig- Frankenstücke, das dem Fremden fünf abluchst und es seine regelmäßigen Kunden wissen läßt, wenn es gerade frei ist. Die kennt man alle schon seit zehn Jahren. Jeden Abend sieht man sie das ganze Jahr hindurch am selben Ort, sie fehlen höchstens mal, wenn sie in Saint-Lazare oder Lourcine im Lazaret liegen. Duroy hörte nicht mehr zu. Eins jener Frauenzimmer hatte sich an ihre Loge gelehnt und fixierte ihn. Es war eine dicke Brünette, mit weißgeschminkter Haut, schwarzen länglichen Augen, einem Kohlestrich darunter und mächtigen falschen Augenbrauen darüber. Der zu starke Busen spannte die dunkle Seide ihres Kleides, und ihre gemalten Lippen, rot wie eine blutende Wunde, gaben ihr etwas Viehisches, Glühendes, Uebertriebenes, das aber dennoch reizte. Durch ein Zeichen mit dem Kopfe rief sie eine ihrer Freundinnen, die gerade vorüberkam, herbei, eine Blonde mit roten Haaren, dick wie sie, und sagte ihr laut genug, um verstanden zu werden: – Sieh mal, der Kleine da, ist ein hübscher Junge. Für zehn Louis ginge ich gleich mit. Forestier drehte sich herum, lächelte und schlug Duroy auf den Schenkel: – Das gilt Dir, Du hast aber Ankratz, mein Alter, ich gratuliere! Der ehemalige Unteroffizier war rot geworden und tastete mechanisch mit den Fingerspitzen nach den beiden Goldstücken in der Westentasche. Der Vorhang hatte sich gesenkt und die Musik spielte einen Walzer. Duroy schlug vor: – Wir wollen doch mal 'n bißchen 'rumbummeln. – Wie Du willst. Sie traten aus der Loge und wurden sofort von der flutenden Menge mit fortgerissen, gestoßen, geschubst, gedrückt, hin und hergeworfen, ließen sich treiben, immer vor Augen einen ganzen Wald von Cylindern. Und unter dieser Herrenmenge liefen die Mädchen zu zwei und zwei hin und her, schoben sich mit Leichtigkeit hindurch, glitten zwischen den Ellbogen, den Vorder- und Rückseiten hin, als wären sie ganz zu Haus, als fühlten sie sich sehr behaglich, wie der Fisch im Wasser, mitten in dieser Flut von Männern. Duroy war entzückt, ließ sich gehen und sog mit Wonne die schlechte Luft ein, die Tabak, allerlei menschliche Ausdünstung und die Parfüms der Mädchen verdorben hatten. Aber Forestier war in Schweiß geraten, atmete schwer und hustete. – Wir wollen doch in den Garten gehen, sagte er. Sie wandten sich nach links und kamen in eine Art bedeckten Garten, wo zwei große ordinäre Springbrunnen die Luft verbesserten. Dort standen Lebensbäume und Taxus in großen Töpfen und in ihrem Schatten saßen Männer und Frauen an Tischen und tranken. – Willst Du noch ein Glas Bier? fragte Forestier. – Ja gern. Sie setzten sich und sahen die Leute vorübergehen. Ab und zu blieb ein Mädchen stehen und fragte mit albernem Lächeln: – Wollen Sie mich nicht auf was stoßen? Und als Forestier antwortete: – Gewiß, ein Glas Wasser frisch vom Brunnen! lief sie davon und brummte: – Alberner Fatzke! Aber die große Braune, die sich vorhin an die Loge der beiden Freunde gelehnt, tauchte wieder auf und ging, den Arm in den der dicken Blonden geschoben, in unverschämter Haltung vorbei. Die beiden sahen wirklich nicht übel aus und paßten gut zu einander. Als sie Duroy sah, lachte sie, als ob ihre Blicke sich bereits süße Heimlichkeiten gesagt hätten. Sie nahm einen Stuhl und setzte sich ganz ruhig ihm gegenüber, ließ auch ihre Freundin Platz nehmen, und befahl dann mit lauter Stimme: – Kellner, zwei Syrup. Forestier sagte erstaunt: – Na, Du genierst Dich wirklich nicht! Sie antwortete: – Dein Freund hat mirs angethan. Der ist weiß Gott ein hübscher Mann, ich glaube um den könnte ich schon 'ne Dummheit machen. Duroy war verlegen und wußte nicht, was er antworten sollte. Er drehte den Schnurrbart und lachte nichtssagend. Der Kellner brachte die Syrupliköre, die Mädchen leerten sie auf einen Zug. Dann standen sie auf und die Braune sagte zu Duroy mit kleinem freundschaftlichen Gruß und einem leichten Schlag mit dem Fächer auf den Arm: – Na Kleiner, wie ein Wasserfall redest Du gerade nicht. Und sie gingen davon und wiegten sich in den Hüften. – Sag mal, Alter, weißt Du, daß Du wahrhaftig Riesenankratz bei den Weibern hast. So was muß man pflegen! Damit kannst Du weit kommen! Er schwieg eine Sekunde, dann fuhr er fort in einer Art träumerischem Ton wie Leute, die laut denken: – Durch die Frauen kommt man doch am weitsten. Und als Duroy noch immer lächelte ohne zu antworten, fragte er: – Willst Du noch hier bleiben? Weißt Du, ich gehe nach Haus, ich habe weiß Gott, genug davon. Der andere murmelte: – Ja, ich bleibe noch ein bißchen hier, es ist noch nicht spät. Forestier stand auf: – Also gut. Dann sage ich Dir Lebewohl. Morgen auf Wiedersehen. Vergiß nicht Rue Fontaine Nummer siebenzehn um halb acht. – Abgemacht. Auf Wiedersehen morgen. Danke schön. Sie gaben sich die Hand und der Journalist ging. Sobald er verschwunden war, fühlte sich Duroy frei und nun tastete er noch einmal glückselig nach seinen beiden Goldstücken in der Tasche. Dann stand er auf und stürzte sich in den Menschenstrom, indem er ihn mit den Blicken durchsuchte. Bald entdeckte er die beiden Weiber, die Blonde und die Braune, die immer noch mit ihrem Bettelstolz durch den Haufen Männer dahin steuerten. Er ging gerade auf sie zu, aber als er ganz nahe war, wagte er nicht zu sprechen. Die Braune fragte: – Na, hast De denn die Sprache wieder gefunden? Er stammelte nur: – Bei Gott, ja. Mehr brachte er nicht heraus. Nun blieben sie alle drei stehen, den Vorüberschreitenden im Weg, sodaß eine Stockung um sie herum eintrat. Da fragte sie plötzlich: – Kommst Du mit? Er zitterte vor Begier und antwortete brutal: – Ja. Aber ich habe nur einen Louis bei mir. Sie lächelte gleichgiltig: – Das schadet nichts. Und sie nahm seinen Ann zum Zeichen der Besitzergreifung. Als sie hinaus gingen, überlegte er sich, daß er mit den ihm verbleibenden zwanzig Franken sich leicht einen Frackanzug für den folgenden Abend würde borgen können. II – Bitte, wohnt hier Herr Forestier? – Dritter Stock links. Der Portier hatte mit liebenswürdiger Stimme geantwortet, aus der eine gewisse Achtung für seinen Mieter klang. Und Georg Duroy stieg die Treppe hinauf. Er fühlte sich noch ein wenig eingeschüchtert und etwas unsicher. Zum ersten Mal in seinem Leben trug er einen Frack und er hatte einiges Bedenken gegen seine Toilette. Er fühlte, daß sie doch etwas mangelhaft sei. Seine Stiefel waren kein Lack, wenn auch ganz sein gearbeitet, denn er liebte es, einen hübschen Fuß zu zeigen. Und dann war das Hemd, das er heute morgen für vier Franken fünfzig im Louvre gekauft hatte und dessen zu dünne Hemdenbrust bereits zerknitterte, eben nicht ganz auf der Höhe. Seine andern Hemden, die er für gewöhnlich trug, hatten alle mehr oder weniger Defekte. Nicht einmal das verhältnismäßig beste von ihnen hätte er gebrauchen können. Seine Hose war ein wenig zu Weit und saß schlecht, es war, als schlüge sie eine Falte an der Wade. So sah man ihr sofort das Verbrauchte, Getragene an, das eben solche Mietanzüge haben. Nur der Frack saß ganz gut. Es hatte sich gerade einer gefunden, der ihm ziemlich genau paßte. Er stieg langsam die Stufen hinauf, sein Herz klopfte, ihm war doch etwas ängstlich zu Sinn. Vor allen Dingen fürchtete er, lächerlich zu sein, und plötzlich bemerkte er sich gegenüber einen Herrn im Frack, der ihn anblickte. Sie waren so nah von einander, daß Duroy eine Rückwärtsbewegung machte und dann ganz verdutzt stehen blieb – er war es selbst, dessen Bild ein hoher Spiegel zurückwarf, der auf dem Treppenabsatz des ersten Stocks stand. Er fuhr zusammen vor Freude, soviel besser aussehend fand er sich, als er gedacht hatte. Da er zu Haus nur seinen kleinen Rasierspiegel besaß, hatte er sich nicht in ganzer Figur betrachten können, und weil er die verschiedenen Stücke seines improvisierten Anzuges nur schlecht sehen konnte, meinte er, daß sein Anzug schlechter sei, als er wirklich war. Der Gedanke, er spiele eine lächerliche Figur, hatte ihn fast außer sich gebracht. Aber als er sich nun plötzlich im Spiegel entdeckte, hatte er sich gar nicht wieder erkannt. Er meinte, ein Fremder stünde da vor ihm, ein Herr aus der Gesellschaft, ein Herr, von dem er auf den ersten Blick fand, er sehe sehr gut und sehr chic aus. Und wie er sich nun sorgsam betrachtete, fand er, daß er im ganzen wirklich einen guten Eindruck machte. Da studierte er sich, wie es die Schauspieler thun, wenn sie ihre Rollen lernen. Er lächelte sich an, streckte sich die Hand entgegen, machte Bewegungen und drückte Gefühle aus: Erstaunen, Vergnügen, Zustimmung. Dann probierte er verschiedene Abstufungen des Lächelns und allerlei Augenverdrehungen, mit denen man sich bei den Damen niedlich macht und ihnen zeigt, daß man sie bewundert und sie begehrt. Im Treppenhaus ging eine Thür, und da er fürchtete, in dieser Stellung überrascht zu werden, lief er schnell die Stufen hinauf, denn er hatte Angst, von irgend einem der Gäste seines Freundes hier vor dem Spiegel gesehen zu werden. Als er an den zweiten Stock kam, bemerkte er wieder einen Spiegel; er verlangsamte seinen Gang, um sich zu betrachten. Sein Anzug und Äußeres schienen ihm wirklich elegant. Es paßte doch alles sehr schön und eine übermäßige Sicherheit bemächtigte sich seiner. Mit diesem Äußern und mit dem festen Vorsatz Carrière zu machen, mit der Energie, die er an sich kannte, und mit seiner Skrupellosigkeit, würde es ihm schon glücken. Eine Lust überkam ihn zu laufen und in ein paar Sätzen den letzten Stock zu erreichen. Vor dem dritten Spiegel blieb er stehen, drehte sich den Schnurrbart in der Art und Weise, wie er es immer that und nahm seinen Hut ab, um seine Frisur zu ordnen; dann murmelte er vor sich hin, wie er's auch oft that: – Famose Erfindung. Dann streckte er die Hand zur Glocke aus und klingelte. Beinahe sofort ging die Thür auf, und vor ihm stand ein Diener in schwarzem Frack, der sehr würdig aussah, glattrasiert und so vorzüglich angezogen, daß Duroy wieder eine Verlegenheit beschlich, ohne daß er wußte, woher das eigentlich kam. Vielleicht verglich er unbewußt den Schnitt ihrer Kleider. Dieser Diener, der Lackschuhe an hatte, fragte, indem er Duroy den Überzieher abnahm, den er auf dem Arme trug, damit man die Flecken darauf nicht sehen sollte: – Wen darf ich melden? Dann schlug er die Portière zur Seite, und rief den Namen in den Empfangs-Salon. Aber plötzlich verlor Duroy seine ganze Haltung. Er war wie gelähmt vor Furcht. Jetzt sollte er den ersten Schritt in das neue geträumte und erwartete Leben thun. Aber er trat trotzdem ein. Da stand eine blonde junge Frau ganz allein in einem großen, hell erleuchteten Zimmer, das voll Blumen und Pflanzen war, wie ein Gewächshaus und erwartete ihn. Er blieb kurz stehen, ganz außer Fassung. Wer mochte die Dame sein, die ihn da anlächelte? Dann erinnerte er sich, daß Forestier ja verheiratet war. Und der Gedanke, daß dieses junge blonde Wesen die Frau seines Freundes sein könnte, machte ihn vollends verlegen. Er stammelte: – Gnädige Frau, ich bin – Sie streckte ihm die Hand entgegen: – Ich weiß, Herr Duroy. Karl hat mir erzählt, wie Sie sich gestern getroffen haben und ich freue mich sehr über seinen guten Gedanken, Sie zu bitten, heute bei uns zu essen. Er ward rot bis über die Ohren und wußte nicht, was er sagen sollte. Er fühlte, wie sie ihn beobachtete, musterte von Kopf bis zu Füßen, ihn einschätzte und beurteilte. Er wollte sich eigentlich entschuldigen und irgend einen Grund erfinden, um das Mangelhafte seines Anzuges zu erklären. Aber er fand nichts und wagte nicht an dies peinliche Kapitel zu rühren. Er setzte sich in einen Stuhl, auf den sie deutete. Und als er fühlte, wie unter ihm der weiche Sammt des Sessels sich niederbog, als er fühlte, wie er versank und die Lehnen dieses weichen Stuhles ihn umfaßten und stützten, dieses Stuhles, dessen Rücken und Seitenarme ihn weich in ihren Polstern hielten, da war es ihm, als träte er wirklich in ein neues schönes Leben, als ob er etwas Köstliches in Besitz nehme, als würde er nun erst Mensch, als wäre er jetzt gerettet nnd geborgen. Und er blickte Frau Forestier an, welche die Augen nicht von ihm gewandt hatte. Sie trug ein Kleid von blaßblauem Cachemir, das ihre schlanke Figur und ihren starken Busen gut abzeichnete. Das Fleisch ihrer Arme und der Brust leuchtete aus einer Flut von weißen Spitzen, mit denen die Taille und die kurzen Ärmel besetzt waren. Ihr Haar war auf dem Kopf zusammengerafft, fiel hinten ein wenig in Löckchen herab und bildete eine leichte Wolke von feinem Flaum im Nacken. Duroy ward wieder sicherer unter ihrem Blick, der ihn, ohne daß er wußte warum, an den des Mädchens erinnerte, das er am Abend vorher in den Folies-Bergère getroffen. Sie hatte graue Augen von einem bläulichen Grau, das einen ganz eigentümlichen Eindruck hervorbrachte, eine schmale Nase, kräftige Lippen, das Kinn ein wenig fleischig und ein unregelmäßiges verführerisches Gesicht, liebenswürdig und boshaft zugleich. Es war eines jener Frauenantlitze, in denen jede Linie einen besonderen Reiz besitzt, eine besondere Bedeutung zu haben und bei der jede Bewegung irgend etwas zu sagen oder zu verbergen scheint. Nach kurzem Schweigen fragte sie ihn: – Sind Sie schon lange in Paris? Er antwortete und gewann allmählich wieder die Herrschaft über sich selbst: – Gnädige Frau, erst seit ein paar Monaten. Ich bin an der Eisenbahn angestellt, aber Forestier hat mir Hoffnung gemacht, daß ich vielleicht Dank seiner Hilfe zum Journalismus umsatteln könnte. Sie lächelte etwas mehr, etwas wohlwollender und murmelte, indem sie die Stimme senkte: – Ich weiß schon. Die Glocke war von neuem erklungen. Der Diener meldete: – Frau von Marelle. Es war eine kleine brünette Dame. Sie trat lebhaft ein; von Kopf bis Fuß war sie ganz einfach gekleidet, nur eine rote Rose im dunklen Haar zog sofort die Blicke an, und schien ihre Art und Weise festzustellen, ihr etwas Besonderes zu geben, einen lebhaften und energischen Ton, wie er zu ihr paßte. Ein kleines Mädchen in dunklem Kleide folgte ihr. Frau Forestier ging ihr entgegen: – Guten Tag, Clotilde! – Guten Tag, Magdalene! Sie umarmten sich, dann bot das Kind mit der Sicherheit eines Erwachsenen Frau Forestier die Stirn und sagte: – Guten Tag, Cousine. Frau Forestier küßte sie. Dann stellte sie vor: – Herr Georg Duroy, ein guter Freund von Karl. – Frau von Marelle – meine Freundin. Wir sind so ein bißchen verwandt. Sie fügte hinzu: – Wissen Sie, wir sind hier ganz unter uns und machen gar keine großen Geschichten, nicht wahr? Der junge Mann verbeugte sich. Aber die Thür öffnete sich von neuem und ein kleiner, dicker Herr, gedrungen und rund, erschien, der eine große schöne Frau am Arm führte. Sie war größer als er, viel jünger und hatte ein gemessenes vornehmes Auftreten. Es war Herr Walter, Abgeordneter, Finanz- und Geschäftsmann, Jude, Südfranzose, Herausgeber der › Vie française ‹, und seine Frau, eine geborene Basile-Ravalau, Tochter des Bankiers dieses Namens. Dann erschienen kurz hinter einander Jacques Rival, sehr elegant und Norbert von Varenne, dessen Rockkragen speckig glänzte, weil die langen Haare, die ihm bis auf die Achsel fielen, abgefettet und einen weißen Schuppenregen darauf hinterlassen hatten. Seine Kravatte war unordentlich gebunden und schien nicht gerade frisch zu sein. Er trat auf sie zu mit der Geckenhaftigkeit eines alten Lebemannes, nahm Frau Forestiers Hand und küßte sie. Bei der Bewegung fiel, als er sich bückte, seine lange Mähne herab und umrieselte wie ein Wassersturz den bloßen Arm der jungen Frau. Nun trat Forestier ein und entschuldigte sich, daß er zu spat gekommen. Aber er war wegen des Falles Morel in der Redaktion ausgehalten worden. Der radicale Abgeordnete Morel hatte nämlich die Regierung interpelliert wegen einer Kreditforderung bezüglich der Kolonisation Algeriens. Der Diener meldete: – Es ist angerichtet. Und man ging ins Eßzimmer. Duroy saß zwischen Frau von Marelle und ihrer Tochter. Er war wieder etwas verlegen. Er hatte Angst, sich irgendwie bei der Handhabung von Messer und Gabel, Löffel oder der Gläser nicht richtig zu benehmen. Es gab vier Gläser, das eine hatte einen leicht bläulichen Schein. Was trank man wohl daraus? Während der Suppe wurde nicht gesprochen. Dann fragte Norbert von Varenne: – Haben Sie den Prozeß Gauthier gelesen? Das ist doch eine eigentümliche Sache. Und nun sprach man über diesen Ehebruchsfall, der noch verwickelter geworden war durch eine Erpressung, aber man sprach nicht davon, wie man sich in Familie wohl von Ereignissen unterhält, die in der Zeitung gestanden haben, sondern wie Ärzte unter sich über eine Krankheit oder Grünwarenhändler über Gemüse reden. Man war weiter gar nicht empört und nicht erstaunt über das, was zu Tage gekommen. Man suchte nach den tieferen geheimen Ursachen mit professionsmäßiger Neugierde und einer vollkommenen Gleichgültigkeit gegen das Verbrechen selbst. Man suchte die ersten Anfänge genau zu erklären und wie die Gemütsverfassungen gewesen, denen das Verbrechen entsprungen. Bei diesen Auseinandersetzungen fingen auch die Damen Feuer und da wurden andere kürzlich stattgehabte Ereignisse untersucht, besprochen, von allen Seiten betrachtet, auf ihren Wert abgeschätzt mit jenem praktischen Blick und jener ganz besonderen Manier der Neuigkeitskrämer, wie man beim Kaufmann die Gegenstände, die verkauft werden sollen, betrachtet, umdreht und bewertet. Dann war die Rede von einem Duell und Jacques Rival nahm das Wort. Das war sein Fach, kein anderer hätte darüber sprechen können. Duroy wagte es nicht, ein Wort zu sagen. Ab und zu blickte er seine Nachbarin an, deren runde Büste ihn anzog. Am Ohr hing ihr ein Diamant, der nur durch einen kleinen Goldfaden gehalten wurde, wie ein Wassertropfen, der auf die Haut hinabgeglitten. Ab und zu machte sie eine Bemerkung, die stets die andern zum Lachen brachte. Sie hatte eine nette, komische Art, ganz unerwartete Wendungen anzubringen, einen schelmischen Geist, der die Dinge sorglos betrachtet und sie mit wohlwollendem, leichtem Skepticismus beurteilt. Duroy suchte vergebens, ihr irgend eine Artigkeit zu sagen. Er fand nichts und beschäftigte sich mit ihrer Tochter, der er zu trinken einschenkte, die Schüsseln reichte und vorlegte. Das Kind, das ernster war wie die Mutter, dankte mit gemessener Stimme und kurzem Kopfnicken: – Sie sind sehr liebenswürdig. Dann hörte sie mit nachdenklicher Miene den Erwachsenen zu. Das Diner war ausgezeichnet und alle gerieten in Entzückung. Herr Walter fraß wie ein Wolf, sprach fast nichts und betrachtete nur von der Seite mit einem Blick unter den Brillengläsern die Schüsseln, die man ihm präsentierte. Norbert von Varenne half ihm dabei und ließ ab und zu einen Tropfen Sauce auf seine Hemdenbrust fallen. Forestier überwachte lächelnd und ernsthaft das Diner, tauschte ab und zu mit seiner Frau einen Blick des Einverständnisses, wie zwei Genossen, die eine schwierige Arbeit miteinander abzuwickeln haben und froh sind, daß alles klappt. Die Wangen röteten sich, die Stimmen wurden lauter. Ab und zu flüsterte der Diener den Gästen zu: – Corton – Chateau-Larose? Duroy hatte der Corton geschmeckt und er ließ sich jedesmal das Glas wieder füllen. Eine köstliche Lustigkeit durchströmte ihn, eine warme Fröhlichkeit, die ihm vom Leib zu Kopfe stieg, ihm über die Glieder lief und ihn völlig durchdrang. Er fühlte sich unendlich wohl, körperlich wie geistig, an Leib und Seele. Und nun überkam ihn die Lust zu sprechen, sich bemerkbar zu machen, angehört zu werden und beachtet von diesen Männern, deren geringste Äußerung man wie eine Offenbarung entgegennahm. Aber das Gespräch, das immer hin und her flog, einmal hier und einmal dort hängen blieb, sprang von einem Gegenstand zum andern, kam auf irgend einen Ausdruck, ein Nichts. Nachdem die Tagesereignisse durchgehechelt waren und dabei tausend Fragen gestreift worden, kehrte man zur Interpellation Morel über die Kolonisation zurück. Herr Walter machte zwischen zwei Gängen ein Paar Witze, denn er nahm nichts ohne Zweifel hin. Forestier erzählte seinen Artikel für morgen, Jacques Nival verlangte Militärgewalt und daß allen Offizieren, nach dreißig Jahren Kolonialdienst, Land überwiesen werden sollte. Er sagte: – Auf diese Art würde man eine thatkräftige Kolonie schaffen, die seit langer Zeit das Land kennen und lieben gelernt hat, die die dortige Sprache spricht und über alle jene wichtigen Lokalfragen unterrichtet ist, bei denen Neuangekommene zweifellos Schiffbruch leiden. Norbert von Varenne unterbrach ihn: – Jawohl, sie werden alles verstehen, nur nicht das Land zu bebauen. Sie werden arabisch reden, aber keine Ahnung davon haben, wie man Zuckerrüben pflanzt und Getreide sät. Sie werden vorzüglich mit den Waffen umgehen können, aber wenig Ahnung vom Dung haben. Im Gegenteil, man müßte das neue Land jedermann im weitesten Umfange öffnen, dann werden die intelligenten Leute ihr Fortkommen finden und die übrigen zu Grunde gehen. Das ist einmal soziales Gesetz. Man schwieg einen Augenblick und lächelte. Georg Duroy öffnete den Mund und sagte, selbst erstaunt über den Ton seiner Stimme, als ob er sich noch nie hätte sprechen hören: – Was da drüben am meisten fehlt, ist guter Boden. Wirklich fruchtbarer Grund und Boden kostet genau soviel wie in Frankreich und wird als Geldanlage von reichen Parisern gekauft; die wirklichen Kolonisten, die Armen, die in die Kolonien gehen, weil sie nichts zu essen haben, sind dadurch auf die Wüste angewiesen, wo nichts wächst, weil das Wasser fehlt. Alles blickte ihn an und er fühlte, wie er errötete. Herr Walter fragte: – Sie kennen Algerien, wie es scheint? Er antwortete: – Gewiß, ich bin über zweieinviertel Jahr dort gewesen und habe mich in allen drei Provinzen aufgehalten. Da befragte ihn plötzlich Norbert von Varenne, indem er ganz das Gesprächsthema Morel beiseite ließ, über Einzelheiten der Gebräuche, die er von einem Offizier hatte. Es handelte sich um Mzab, diese eigentümliche, kleine arabische Republik mitten in der Sahara in dem ödesten Teil dieser glühenden Gegenden. Duroy war zweimal in Mzab gewesen und erzählte nun von Sitten und Gebräuchen in diesem eigentümlichen Lande, wo ein Tropfen Wasser mit Gold aufgewogen und jeder Bewohner zu allen öffentlichen Diensten herangezogen wird und wo Rechtschaffenheit in Handel und Wandel stärker entwickelt ist als bei den civilisiertesten Völkern. Er redete mit einer gewissen großsprecherischen Art: der Wein war ihm zu Kopf gestiegen und er wollte gefallen. Er erzählte Soldatengeschichten, Züge aus dem arabischen Volksleben und Kriegserlebnisse. Ihm standen sogar einige beschreibende Worte zu Gebot über diese gelben, öden Sandflächen, die trostlos unablässig in der glühenden Sonnenhitze liegen. Alle Damen blickten ihn an. Frau Walter sagte in ihrer langsamen Sprechweise: – Sie könnten eigentlich aus Ihren Erinnerungen eine Reihe reizender Artikel machen. Da sah Walter den jungen Mann über die Brillengläser an, wie er es immer that, wenn er Gesichter genau betrachten wollte. Forestier benützte den Augenblick: – Verehrter Chef, ich habe Ihnen schon einmal von Herrn Georg Duroy gesprochen und Sie gebeten, ihn mir zur Verfügung zu stellen als Adlatus für die Politischen Nachrichten. Seitdem uns Marambot verlassen hat, habe ich niemanden, um dringende und vertrauliche Erkundigungen einzuziehen! Unser Blatt leidet darunter. Der alte Walter wurde ernst und schob seine Brille hinauf, um Duroy zu mustern. Dann sagte er: – Herr Duroy hat unbedingt eine sehr originelle Anschauungsweise, er soll doch mal morgen um drei Uhr zu mir kommen. Wir können uns dann darüber unterhalten und werden die Sache schon in's Reine bringen. Dann sagte er nach einem Augenblick Pause, indem er sich zu dem jungen Mann wandte: – Aber schreiben Sie uns doch jedenfalls gleich einmal eine Reihe von kleinen phantastischen Artikeln über Algerien. Erzählen Sie Ihre Erlebnisse und bringen Sie doch die Kolonisationsfrage hinein, so wie wir eben davon gesprochen haben! Das ist aktuell, sehr aktuell und ich glaube bestimmt, daß das unseren Lesern gefallen wird. Aber beeilen Sie sich, ich muß den ersten Artikel morgen oder übermorgen haben, während man noch in der Kammer über das Thema debattiert. Das zieht Publikum an. Frau Walter fügte mit jener ernsten Liebenswürdigkeit hinzu, die sie allen Dingen entgegenbrachte und die ihren Worten den Stempel einer Gunsterteilung aufdrückte: – Ich wüßte einen famosen Titel: Erinnerungen eines Chasseur d'Afrique. Nicht wahr Herr Norbert? Der alte Dichter, der spät zu Ruhm gelangt war, haßte und fürchtete alle neu Auftauchenden. Er antwortete in trockenem Ton: – Gewiß, ausgezeichnet, vorausgesetzt daß der Schluß in der richtigen Stimmung bleibt, denn darin liegt die große Schwierigkeit. Das ist genau wie in der Musik der Ton, die richtige Note. Frau Forestier ließ auf Duroy mit lächelnd gönnerischer Miene den Blick ruhen, den Blick eines Menschen, der den Rummel kennt und damit sagen will: du wirst schon deinen Weg machen. Frau von Marelle hatte sich verschiedene Male zu ihm gewandt und der Brillant in ihrem Ohr zitterte unausgesetzt, als ob der seine Wassertropfen sich ablösen würde und herabfallen. Das kleine Mädchen blieb ernst und unbeweglich sitzen, die Blicke auf den Teller geheftet. Aber der Diener ging um den Tisch herum und goß in die farbigen Gläser den Johannisberger und Forestier brachte ein Hoch aus, indem er sich gegen Herrn Walter verneigte: – Auf langes Gedeihen der ›Vie française‹! Alle tranken dem lächelnden Chef zu. Und Duroy, der sich in seinem Triumph ganz berauscht hatte, schüttete das Glas auf einmal hinab. Ihm schien, als hätte er genau so gut ein ganzes Faß austrinken, als hätte er einen Ochsen verzehren oder ein Löwen erwürgen können. Er fühlte in den Gliedern übermenschliche Kraft und in seinem Gehirn unbesiegbare Energie, unendliche Hoffnung. Hier unter diesen Leuten saß er jetzt fest, er hatte sich schon eine Stellung gemacht und seinen Platz erobert. Mit ganz neuer Sicherheit blickte er die übrigen an und zum erstenmal wagte er es, ein Wort an seine Nachbarin zu richten: – Gnädige Frau, Sie haben die schönsten Ohrringe, die ich je gesehen habe. Lächelnd wandte sie sich zu ihm: – Das ist aber auch eigene Erfindung, die Brillanten so aufzuhängen, nur an einem Fadchen. Sieht das nicht aus wie ein Tautropfen? Er murmelte etwas befangen über seine Verwegenheit und in der Befürchtung, er möchte eine Dummheit sagen: – Reizend! Wirklich reizend! Aber das Ohr hebt auch den Stein! Sie dankte ihm mit einem Blick, mit einem jener leuchtenden Frauenblicke, die zum Herzen gehen. Und wie er den Kopf wandte, trafen seine Augen die der Frau Forestier, die immer wohlwollend ihn anblickten, aber er meinte in ihnen etwas Heiteres, Lustiges zu lesen, eine Art Bosheit, eine Ermutigung. Jetzt sprachen die Herren alle zu gleicher Zeit mit lebhaften Armbewegungen und lauter Stimme. Man redete über das große Projekt einer Stadtbahn. Der Gesprächsstoff ging erst mit dem Dessert zu Ende, denn jeder wußte eine Menge zu sagen über die Langsamkeit der Verbindungen in Paris, die Unbequemlichkeit der Pferdebahnen, das Unpraktische der Omnibusse, die Grobheit der Droschkenkutscher. Dann verließ man das Eßzimmer um den Kaffee zu trinken. Duroy bot zum Scherz dem kleinen Mädchen den Arm. Sie dankte ernsthaft und reckte sich auf den Fußspitzen in die Höhe, um ihre Hand auf den Unterarm ihres Nachbars zu legen. Als sie in den Salon traten, hatte er wieder das Gefühl, als käme er in ein Gewächshaus. Große Palmen sandten ihre Zweige in den vier Ecken des Raumes bis zur Decke hinan, und teilten sich oben in langen Wedeln. Zu beiden Seiten des Kamins befanden sich Gummibäume mit runden Stämmen wie ein paar Säulen und streckten eins über das andere ihre langen, dunkelgrünen Blätter hinaus. Auf dem Klavier standen zwei exotische Pflanzen ganz bedeckt mit Blüten, die eine rosa, die andere schneeweiß. Sie sahen wie künstliche, seltsame Blumen aus, viel zu schön, um natürlich zu sein. Die Luft war frisch, und ein süßer, unbestimmter Duft zog durch das Zimmer, ein Duft, den man nicht hätte erklären, nicht bei Namen nennen können. Und der junge Mann, der mehr Herr seiner selbst geworden war, betrachtete aufmerksam das Gemach. Es war nicht groß und nichts zog außer den Blumen in der Mitte auf dem Klavier die Aufmerksamkeit auf sich. Keine lebhafte Farbe traf sein Auge. Aber man fühlte sich wohlig, ruhig und beruhigt. Das Zimmer mußte gefallen, es hatte etwas Gemütliches und umfing einen wie mit einer Liebkosung. Die Wände waren mit alten Stoffen bespannt von verschossenem Violett; kleine gelbe Blumen nur so groß wie Fliegen fanden sich eingestickt darauf. Die Thüren waren durch Portieren in grau-blauem Soldatentuch verhüllt, auf die mit roter Seide Nelken gestickt waren. Und Sitzgelegenheiten von allen Formen, von allen Größen standen zerstreut in den Räumen herum, Chaiselongues, riesige oder winzige Stühle, Puffs; alle mit Seide im Stil Ludwig XVI. oder mit schönem crêmefarbenem Utrechter Sammt mit Granatmuster überzogen. – Trinken Sie Kaffee, Herr Duroy? Und Frau Forestier brachte ihm eine volle Tasse mit liebenswürdigem Lächeln, das auf ihrem Gesicht stehen blieb. – Ja wohl, gnädige Frau, ich danke vielmals. Er nahm die Tasse in Empfang und wie er sich ängstlich vorbeugte, um mit der silbernen Zange ein Stück Zucker aus der Zuckerdose, die das kleine Mädchen trug, zu nehmen, sagte die junge Frau mit halber Stimme zu ihm: – Machen Sie doch Frau Walter ein bißchen den Hof! Dann ging sie davon, ehe er ein Wort erwidern konnte. Er trank zuerst seinen Kaffee, weil er fürchtete, er möchte ihn auf den Teppich schütten. Dann ward er sicherer und suchte irgend eine Gelegenheit, sich der Frau seines neuen Chefs zu nähern um mit ihr in's Gespräch zu kommen. Plötzlich entdeckte er, daß sie in der Hand eine leere Tasse hielt, und da kein Tisch in der Nähe war, wußte sie nicht, wohin sie sie stellen sollte. Er stürzte auf sie zu: – O bitte, gnädige Frau. – Danke sehr! Er setzte die Tasse fort und kehrte dann zu ihr zurück: – Gnädige Frau, wenn Sie wüßten, wie oft mir die ›Vie française‹, damals, als ich dort in der Wüste war, die Zeit vertrieben hat. Sie ist die einzige Zeitung, die man im Auslande lesen kann, denn sie ist litterarischer, geistreicher und vielseitiger als alle andern. In dem Blatt findet man alles! Sie lächelte mit liebenswürdiger Gleichgiltigkeit und antwortete ernst: – Ach, mein Mann hat auch große Mühe gehabt, um diese Art Zeitung zu schaffen, die wirklich einem Bedürfnisse entsprach. Und sie fingen an sich zu unterhalten. Es wurde ihm leicht, banale Dinge zu sagen, seine Stimme hatte etwas Angenehmes, in seinem Blick lag etwas Liebenswürdiges und sein Schnurrbart hatte etwas unwiderstehlich Anziehendes. Er war über der Lippe wie ganz zerzaust, kraus, lockig und hübsch, von einem leicht rötlichen Blond, das an den Spitzen der Haare etwas heller wurde. Sie sprachen von Paris, von der Umgegend, von den Ufern der Seine, von Badeorten, Sommervergnügungen, von allem Möglichen, was in der Luft liegt, worüber man reden kann, ohne sich gerade zu sehr anzustrengen. Dann trat Herr Norbert von Varenne heran, ein Likörglas in der Hand und Duroy entfernte sich taktvoll. Frau von Marelle, die mit Frau Forestier gesprochen hatte, rief ihn heran: – Nun? sagte sie plötzlich. Sie wollen's mit dem Journalismus versuchen? Da sprach er von seinen Projekten mit ungewissen Ausdrücken und dann fing er mit ihr dieselbe Unterhaltung an, die er eben mit Frau Walter gehabt. Aber da er nun den Gegenstand besser beherrschte, so konnte er es auch mit größerer Sicherheit thun und wiederholte all die Dinge, die er eben gehört, als ob er sie aus sich selbst hätte. Und immer fort blickte er ihr in die Augen, als wollte er dem, was er sagte, einen tieferen Sinn verleihen. Sie erzählte ihm nun ihrerseits Anekdoten mit der Leichtigkeit einer Frau, die weiß, daß sie geistreich ist und die immer gern etwas komisch sein will. Dann wurde sie familiär, legte ihm die Hand auf den Arm, senkte die Stimme und sagte ihm wieder kleine Nichtigkeiten, die aber auf diese Weise einen intimen Charakter annahmen. Es regte ihn auf, die junge Frau zu streifen, die sich mit ihm beschäftigte. Er hätte sofort sich in ihren Dienst stellen mögen, sie verteidigen gegen alle Welt, um sich ins rechte Licht zu setzen. Und das Zögern in seinen Antworten deutete an, wie sehr sie ihm im Kopfe herumging. Aber plötzlich rief Frau von Marelle ohne irgend welchen Grund: – Laurachen! Und das kleine Mädchen kam. – Setz Dich mal dahin, mein Kind, Du erkältest Dich am Fenster. Und Duroy packte eine tolle Lust, das kleine Mädchen zu küssen, als ob von diesen Küssen etwas auf die Mutter hätte zurückfallen müssen. Mit väterlichem, liebenswürdigem Ton fragte er: – Nun Fräuleinchen, darf ich Ihnen einen Kuß geben? Das Kind blickte ihn erstaunt an und Frau von Marelle sprach lachend: – Sage ihm doch: – Jetzt meinetwegen, aber später nicht mehr. Duroy setzte sich sofort, nahm die kleine Laura auf die Knie und berührte leise mit den Lippen die gewellten, feinen Haare des Mädchens. Die Mutter war erstaunt: – Nein, so was, das ist ja ganz sonderbar, sie ist wahrhaftig noch nicht ausgerissen! Sonst läßt sie sich nur von Damen küssen. Herr Duroy Sie sind unwiderstehlich! Er errötete ohne zu antworten und mit leichter Bewegung wiegte er das Kind auf den Knieen. Frau Forestier kam dazu und rief erstaunt: – Nein, so was! Laurachen ist ja ganz zahm geworden! Nun näherte sich auch Jacques Rival, eine Cigarre im Munde und Duroy stand auf, um zu gehen. Er hatte Angst, durch irgend ein ungeschicktes Wort den guten Eindruck, den er bisher gemacht, zu zerstören. Er empfahl sich, nahm und drückte leise die entgegengestreckte Hand der Damen und schüttelte kräftig die Hand der Männer. Dabei bemerkte er, daß die von Jacques Rival trocken und warm war und seinen Druck herzlich erwiderte, die von Norbert von Varenne naß, kalt und ihm kraftlos zwischen den Fingern entzogen ward, die des alten Walter dagegen kühl, weichlich, ohne Energie, ohne Ausdruck, die Hand Forestiers aber fett und lauwarm. Sein Freund sagte zu ihm halblaut: – Morgen um drei Uhr vergiß nicht! – Nein, nein. Du brauchst keine Angst zu haben. Als er auf der Treppe stand, hatte er Lust die Stufen hinunter zu rasen, so groß war seine Freude und er setzte sich in Gang, indem er immer zwei Stufen auf einmal nahm. Aber plötzlich bemerkte er im großen Spiegel im zweiten Stock einen Herrn, der eilig ihm entgegensprang und er blieb kurz, stehen, etwas beschämt, als ob er bei etwas Unrechtem ertappt worden sei. Dann blickte er sich lange an, ganz verblüfft, wirklich ein so hübscher Kerl zu sein. Darauf lächelte er sich wohlgefällig zu, nahm dann Abschied von seinem Spiegelbild, indem er sich selbst eine tiefe, förmliche Verbeugung machte, so wie man irgend eine hochstehende Persönlichkeit grüßt. III Als Georg Duroy wieder auf der Straße stand, war er unschlüssig, was er thun sollte. Er hatte Lust zu laufen, zu träumen, seines Weges zu gehen, indem er an die Zukunft dachte und die milde Luft der Nacht einsog. Aber der Gedanke an die Reihe von Artikeln, die der alte Walter haben wollte, ließ ihm keine Ruhe. Und er entschloß sich, sofort nach Haus zu gehen, um sich an die Arbeit zu setzen. Mit langen Schritten ging er nach dem äußeren Boulevard und verfolgte ihn bis zur Rue Boursault, wo er wohnte. Sein Haus war sechs Stock hoch und ward bewohnt von zwanzig kleinen Parteien, lauter Arbeiter und Bürgersleute, und er empfand, als er mit einem Fünf-Minutenbrenner in der Hand die schmutzigen Stufen hinanstieg, auf denen Papierwische herumlagen, Cigarettenstummel, Küchenabfälle, ein fürchterliches Gefühl des Ekels und das drängende Bedürfnis hier fort ziehen zu können, zu wohnen wie ein reicher Mann in einem reinlichen Hause mit Treppenläufern. Ein dicker Essensduft, Klosetgestank und ein dumpfiger Geruch von Schmutz und altem Gemäuer, den kein Luftzug hätte hinaustreiben können, erfüllte das Haus von oben bis unten. Das Zimmer des jungen Mannes im fünften Stock ging, wie auf einen tiefen Abgrund, hinaus auf den mächtigen Einschnitt der Ostbahn gradeüber dem Tunnelausgang beim Bahnhof von Batignolles. Duroy öffnete sein Fenster und stützte sich auf das rostige Gitter. Unter ihm, tief unten, in dem dunklen Loch sahen drei rote, unbewegliche Signallaternen aus wie die Augen eines mächtigen Tieres, und weiterhin erblickte man noch andere und immer wieder andere ganz weit draußen. Jeden Augenblick klangen Lokomotivpfiffe lang oder kurz durch die Nacht, die einen näher, die anderen kaum mehr zu vernehmen. Die von da drüben kamen von der Seite von Asnières. Sie hatten verschiedenen Ausdruck wie Menschenstimmen, einer kam immer näher wie ein schmerzensvoller Schrei, der von Sekunde zu Sekunde wuchs, und bald erschien ein großes, gelbes Licht, das mit mächtigem Lärm dahin schoß. Und Duroy sah die lange Reihe der Eisenbahnwagen im Tunnel verschwinden. Dann sagte er sich: also nun los, an die Arbeit! Er stellte seine Lampe auf den Tisch. Aber als er sich zum Schreiben niedersetzen wollte, bemerkte er, daß er nur im Besitze von Briefpapier war. Ach was, er wollte einfach ein Blatt ganz auseinander schlagen und es so benutzen. Er tauchte die Feder in die Tinte und schrieb oben darüber mit seiner schönsten Schrift: ›Erinnerungen eines Chasseur d'Afrique.‹ Dann suchte er nach einem Anfang, die Stirn in die Hand gepreßt, starr die Augen auf das weiße, auseinandergefaltete Papier vor sich gerichtet. Was sollte er sagen. Nun konnte er durchaus nichts mehr von dem wieder finden, was er noch eben erzählt. Keine Anekdote kam ihm wieder ins Gedächtnis, nichts, nichts. Plötzlich dachte er: ich muß mit meiner Abreise anfangen. Und er schrieb: »Es war im Jahre 1874 gegen Mitte Mai, als das erschöpfte Frankreich sich erholte von dem Zusammenbruch des furchtbaren Jahres....« Er hielt inne, denn er wußte nicht, wie er nun das Folgende, seine Einschiffung, seine Reise, seine ersten Eindrücke daran knüpfen sollte. Nachdem er zehn Minuten nachgedacht, entschloß er sich, die Einleitung morgen zu machen und jetzt gleich mit einer Beschreibung von Algier zu beginnen. Und er schrieb: »Algier ist eine ganz weiße Stadt.« Aber wieder wußte er nicht weiter. Er sah in Gedanken die hübsche, hellglänzende Stadt, die Häuser mit den platten Dächern, die sich, wie ein Wasserfall von der Höhe der Berge 8 zum Meere herabzogen. Aber er fand keine Worte, um auszudrücken, was er gesehen und gefühlt. Nach einem mächtigen Anlaufe setzte er endlich noch hinzu: »Sie wird teilweise von Arabern bewohnt.« Dann warf er die Feder auf den Tisch und stand auf. Auf dem kleinen eisernen Bett, wo sich an der Stelle, an der sein Körper immer ruhte, eine Vertiefung gebildet hatte, sah er seinen Anzug liegen, den er täglich trug, leer, müde, schlaff, wie ein Bündel alte Lumpen aus dem Leichenschauhaus. Und auf einem Strohsessel stand sein Cylinder, sein einziger Hut, mit der Öffnung nach oben, als wollte er um Almosen bitten. An den grauen, blaugeblümten Wänden waren soviel Flecke wie Blumen, alte, verdächtige Flecken, deren Ursprung, man nicht mehr hätte feststellen können, totgedrückte Wanzen oder Ölklexe, Abdrücke von fettigen Händen oder Seifenschaum, der beim Waschen aus der Waschschale gespritzt war. Alles machte den Eindruck von gräßlichem Elend, dem Elend der Pariser chambres garnies, und plötzlich ergriff ihn eine Verzweiflung über sein armseliges Leben. Er sagte sich, das müßte ein Ende haben und zwar sofort: von morgen ab mußte er mit seinem dürftigen Dasein abschließen! Da ihn plötzlich wieder die Arbeitswut gepackt hatte, setzte er sich an den Tisch und fing an, ein paar Redensarten zu suchen, um den seltsamen und reizenden Eindruck festzuhalten, den Algier macht, Algier, dieses Vorzimmer des mysteriösen, tiefen Afrika, des Afrika der herumziehenden Araber und unbekannten Negerstämme, des unerforschten, lockenden Afrika, dessen seltsame märchenhafte Tierwelt, Strauße, wunderliche Hühner, Gazellen, prachtvolle Ziegen, groteske und staunenerweckende Giraffen, würdevolle Kamele, riesenhafte Flußpferde, unförmliche Rhinozerosse und diese schrecklichen menschenähnlichen Gorillas, die man uns in den Zoologischen Gärten vorführt. Er fühlte verschwommene Gedanken kommen; er hätte sie vielleicht aussprechen können, aber vermochte nicht, sie zu Papier zu bringen. Seine Unfähigkeit machte ihn rasend. Er stand wieder auf mit vor Schweiß nassen Händen, während ihm das Blut in den Schläfen hämmerte. Und als seine Augen auf die Rechnung der Wäscherin fielen, die an demselben Abend der Portier heraufgebracht, packte ihn plötzlich eine fürchterliche Verzweiflung. In einer Sekunde war all seine Freudigkeit vorbei und dazu sein Glauben an sich selbst und an die Zukunft. Es war aus, alles aus, er würde nichts fertig kriegen, nichts werden, er fühlte sich leer, unfähig, unnütz, klein und völlig niedergeschmettert. Er lehnte sich wieder ans Fenster gerade in dem Augenblick, als mit heftigem Getöse ein Zug aus dem Tunnel fuhr. Der strebte dort hinaus durch die Felder und Ebenen dem Meere zu. Und der Gedanke an seine Eltern schlich sich in Duroys Herz. Der Zug mußte in ihrer Nähe vorbeifahren. Ein Paar Meilen nur von ihrem Haus. Und er sah das Haus wieder, das kleine Haus, hoch über Rouen und dem mächtigen Seinethal, am Eingang des Dorfes Cantelen. Seine Eltern hatten ein kleines Wirtshaus, eine Schänke »Zur schönen Aussicht«, wohin die Leute aus den Vororten Sonntags frühstücken gingen. Sie hatten aus ihrem Sohne einen großen Herrn machen wollen und ihn aufs Gymnasium geschickt. Als seine Schulzeit vorüber und er im Abiturientenexamen durchgefallen war, trat er in die Armee mit der Absicht, Offizier, Oberst, General zu werden. Aber ehe seine fünf Jahre um waren, hatte er den Kommiß über und träumte davon in Paris sein Glück zu machen. Er war nach der Hauptstadt gekommen, nachdem er seine Zeit abgedient hatte, trotz aller Bitten seiner Eltern, die den Sohn jetzt wenigstens bei sich behalten wollten, nachdem ihre Pläne nicht in Erfüllung gegangen waren. Er aber hoffte auf eine Zukunft. Er sah seinen Triumph durch irgend welche Ereignisse, über die er sich noch nicht klar geworden, aber die er bestimmt herbeiführen würde und die ihn schon vorwärts bringen sollten, voraus. Beim Regiment hatte er Glück in der Garnison gehabt, allerlei gewöhnliche Liebschaften, die nicht viel wert waren, aber auch ein Abenteuer aus einer etwas höheren Sphäre, denn er hatte die Tochter eines Einnehmers verführt, die alles im Stich lassen wollte, um sein zu werden, und darauf die Frau eines Rechtsanwalts, die sich aus Verzweiflung, daß er sie verlassen, zu ertränken versucht hatte. Seine Kameraden sagten von ihm: er ist ein Luder, ein gerissener Hund, der sich schon herausfitzen wird. Und er hatte sich vorgenommen, in der That ein Luder und gerissener Hund zu sein. Angefressen durch die tägliche Praxis des Garnisonlebens, durchlöchert durch die vielfachen Beispiele von Plündereien in Afrika, durch allerlei unerlaubte Vorteile, verdächtige Durchstechereien, überspannt durch den militärischen Ehrbegriff, durch soldatischen Übermut, patriotisches Gefühl, durch Geschichten von Mut und Seelengröße, womit die Unteroffiziere renommierten, sowie durch den Nimbus seines Standes, war sein angeborenes normannisches Gewissen eine Art von Kiste mit doppeltem Boden geworden, in der man alles nebeneinander fand. Aber der Wunsch, etwas zu werden, beherrschte alles andere. Ohne es selbst zu merken, war er in Träumereien versunken, wie jeden Abend. Er erfand sich eine wunderbare Liebesgeschichte, die mit einem Schlage alle seine Hoffnungen verwirklichte. Er heiratete die Tochter eines reichen Bankiers oder irgend eines großen Herrn, die er auf der Straße getroffen und auf den ersten Blick erobert hatte. Der durchdringende Pfiff einer Lokomotive, die allein aus dem Tunnel gekommen war, wie ein großes Kaninchen aus dem Bau, und die nun mit vollem Dampf auf den Schienen dahinjagte, um zum Maschinenhaus zu fahren, wo sie eingestellt werden sollte, störte ihn aus seinen Träumen auf. Da packte ihn wieder die unbestimmte freudige Hoffnung, die immer seinen Geist umfing. Und er warf ins Blaue hinein eine Kußhand in die Nacht, einen Kuß der Liebe, dem Bilde der ersehnten Frau zu, einen Sehnsuchtskuß nach dem Glück. Dann schloß er das Fenster und fing an sich auszuziehen, indem er brummte: – Ach was, morgen geht mir's besser von der Hand. Ich habe heute Abend keinen freien Kopf und dann habe ich vielleicht etwas zuviel getrunken. Da soll der Teufel arbeiten! Und er legte sich zu Bett, löschte die Lampe und schlief fast sofort ein. Zeitig schon erwachte er, wie man an Tagen erwacht, wo einen irgend ein Glück oder Unglück erwartet. Er sprang aus dem Bett und öffnete sein Fenster, um eine »volle Tasse« frischer Luft zu schlürfen, wie er es nannte. Die Häuser der Rue de Rome, grade ihm gegenüber auf der andern Seite des breiten Bahnkörpers, glänzten im Lichte der aufgehenden Sonne und sahen aus, als wären sie mit leuchtendem Weiß bemalt. Rechts in der Ferne erblickte man die Hügel von Argenteuil, die Höhenzüge von Sannois und die Mühlen von Orgemont in bläulichem, leichten Duft wie durch einen schwebenden, durchsichtigen Schleier, den man über den Horizont gebreitet. Duroy blieb ein paar Minuten in den Anblick der Landschuft versunken und brummte: – An so einem Tag wie heute muß es verdammt schön da draußen sein! Dann dachte er daran, daß er arbeiten mußte und zwar sofort, und zu gleicher Zeit für zehn Sous Botenlohn den Sohn der Portiersfrau nach seinem Bureau schicken, um sich krank melden zu lassen. Er setzte sich an den Tisch, tauchte die Feder ins Tintenfaß, stützte die Stirn in die Hand und dachte nach. Es war umsonst, er konnte auf keinen Gedanken kommen. Aber trotzdem verlor er nicht den Mut; er dachte: – Ach was, ich bin's eben nicht gewöhnt. Das ist ein Beruf, den man lernen muß wie jeden andern. Die ersten Male muß ich mir helfen lassen. Ich werde zu Forestier gehen, der stutzt mir in zehn Minuten meinen Artikel zurecht. Und er zog sich an. Als er auf der Straße stand, dachte er, es wäre doch noch zu zeitig, um bei seinem Freunde vorzusprechen, der wahrscheinlich lange schlief. Er bummelte also noch ganz langsam ein wenig unter den Bäumen des äußeren Boulevards hin und her. Es war noch nicht neun Uhr und er ging in den Park Monceau, der ganz frisch war, noch feucht vom Sprengen. Er hatte sich auf eine Bank gesetzt und fing an zu träumen. Ein junger Mann schritt vor ihm auf und ab, sehr elegant angezogen; wahrscheinlich erwartete er eine Dame. Sie erschien auch, tief verschleiert, in großer Hast. Nach kurzer Begrüßung nahm sie seinen Arm und sie gingen davon. Da zog in Duroys Herz ein stürmisches Liebesbedürfnis, ein Bedürfnis nach vornehmer, zärtlicher, parfümierter Liebe. Er stand auf und fetzte sich wieder in Gang, indem er an Forestier dachte. Hatte der Kerl ein Glück! Er kam gerade an dessen Thür, als sein Freund ausgehen wollte. – Du? So zeitig! Was willst Du denn? Duroy war verlegen, ihn gerade beim Ausgehen zu treffen, und stammelte: – Ja weißt Du – weißt Du – ich kann meinen Artikel nicht fertig kriegen. Weißt Du – den Artikel, den Herr Walter von mir über Algerien verlangt hat. 's ist nicht weiter wunderbar, ich habe doch nie etwas geschrieben! So was muß man eben lernen wie alles in der Welt! Ich werd' schon bald dahinter kommen, das weiß ich bestimmt. Aber nur der Anfang – weißt Du, ich weiß nicht, wie ich das anstellen soll, ich habe wohl Gedanken, ich weiß alles, was ich schreiben will, aber ich kann's nicht ausdrücken. Er blieb stehen und zögerte ein wenig. Forestier lächelte boshaft: – Kennen wir. Duroy begann von neuem: – Ja, das wird wohl jedem so gehen, der anfängt, Nun – ich bin gekommen.... ich bin gekommen, um.... von Dir .... eine kleine Hilfe zu erbitten.... In zehn Minuten renkst Du mir die Geschichte ein. Weißt Du, Du mußt mir bloß zeigen, wie man's anfängt. Du könntest mich ein bißchen belehren über den Stil, ich krieg sonst ohne Dich die Geschichte nicht fertig. Der andere lächelte immer noch, klopfte seinen ehemaligen Kameraden auf die Schulter und sagte: – Weißt Du was, geh mal zu meiner Frau, die hilft Dir ebenso gut wie ich. Ich habe sie schon darauf eingefuchst. Ich habe heute morgen keine Zeit, sonst thäte ich's gern selbst. Duroy war plötzlich verlegen, zögerte und wagte es nicht: – Ja aber so früh kann ich mich doch nicht bei ihr melden lassen? – Aber natürlich! Sie ist schon auf. Du wirst sie in meinem Arbeitszimmer finden, sie stellt eben ein paar Notizen für mich zusammen. Der andere wollte nicht hinaufgehen: – Nein, das geht nicht. Forestier nahm ihn bei den Schultern, drehte ihn auf den Absätzen herum, stieß ihn zur Treppe und rief: – Aber so geh doch, Du Dümmlack! Du kannst doch gehen, wenn ich Dir's sage. Du wirst doch nicht verlangen, daß ich, um Dich vorzustellen und die Geschichte auseinanderzusetzen, wieder die drei Treppen hinaufklettere. Da war Duroy entschlossen: – Danke, ich gehe. Ich werde ihr sagen, daß Du mich gezwungen hast, einfach gezwungen, sie aufzusuchen. – Gewiß, sie wird dich schon nicht auffressen, sei nur ganz ruhig. Vor allen Dingen vergiß nicht heute nachmittag um drei. – Nein, keine Bange! Und Forestier ging in seinem eiligen Schritt davon, während Duroy langsam Stufe um Stufe die Treppe hinaufstieg, indem er sich überlegte, was er wohl sagen sollte. Er war doch etwas in Unruhe über die Aufnahme, die er finden würde. Der Diener machte auf, eine blaue Schürze vorgebunden und einen Besen in der Hand: – Der gnädige Herr ist aus, sagte er, ohne die Frage abzuwarten. Duroy ließ sich nicht abweisen: – Fragen Sie die gnädige Fran, ob sie mich nicht annehmen kann und sagen Sie ihr, daß mich ihr Herr Gemahl schickt, den ich eben auf der Straße getroffen habe. Dann wartete er. Der Mann kam wieder, öffnete eine Thür rechts und sagte: – Die gnädige Frau läßt bitten. Sie saß in einem Schreibtischstuhl, in einem kleinen Zimmer, dessen Wände gänzlich versteckt waren unter ganzen Reihen von Büchern auf schwarzen Holzgestellen. Die Einbände, in verschiedenen Farben, rot, gelb, grün, violett und blau, brachten Farbe in den Raum und etwas Abwechselung in die monotonen Reihen der Bücher. Sie drehte sich lächelnd um, in ihrem weißen, spitzenbesetzten Morgenrock und reichte ihm die Hand, wobei ihr nackter Arm sich aus den weiten Ärmeln vorschob. – Schon? – fragte sie. Dann fuhr sie fort: – Das soll kein Vorwurf sein, nur eine Frage. – O gnädige Frau, ich wollte nicht heraufkommen, aber Ihr Herr Gemahl, den ich unten traf, hat mich dazu gezwungen. Es ist mir so peinlich, daß ich gar nicht wage, Ihnen zu sagen, was mich herführt. Sie bot ihm einen Stuhl an: – Bitte, nehmen Sie Platz und reden Sie. Zwischen den Fingern drehte sie einen Gänsekiel und vor ihr lag ein großes Blatt Papier, schon halb beschrieben: beim Eintritt des jungen Mannes hatte sie aufgehört. Sie machte den Eindruck, als wäre sie ganz zu Haus am Arbeitstisch, wie in ihrem Salon, bei ihrer gewöhnlichen Beschäftigung. Ein leichter Duft entströmte dem Morgenrock, der Duft frischer Wäsche. Und Duroy suchte zu erraten und glaubte den jungen, weißen, runden, warmen Leib, den der weiche Stoff umschloß, zu sehen. Da er nichts sagte, begann sie: – Nun, was wünschen Sie? Er stammelte zögernd: – Ja, ich wage es wirklich nicht... ich habe nämlich gestern bis sehr spät noch gearbeitet... und heute morgen... sehr zeitig... um diesen Artikel zu schreiben... den Herr Walter über Algerien haben will – aber ich kriegte nichts Rechtes fertig und habe meine Versuche zerrissen! Ich bin eben an diese Arbeit nicht gewöhnt, und ich war zu Forestier gekommen, um ihn zu bitten, mir zu helfen! Nur das eine Mal! Sie unterbrach ihn herzlich lachend, glückselig, fröhlich und geschmeichelt: – Und er hat Ihnen gesagt, Sie sollen zu mir kommen? Das ist wirklich sehr nett! – Ja, gnädige Frau, er hat mir gesagt, daß Sie mich aus der Verlegenheit ziehen würden, besser als er selbst. Aber wissen Sie, ich wagte es doch nicht, ich wollte es nicht, Sie werden begreifen... Sie stand auf: – Das wird reizend, wenn wir so zusammen arbeiten. Das ist eine wundervolle Idee von Ihnen. Da kommen Sie mal her, setzen Sie sich hier auf meinen Stuhl, denn bei der Zeitung kennt man meine Handschrift. Und ich werde Ihnen einen Artikel zurechtdeichseln, einen Artikel, Sie sollen mal sehen. Er setzte sich, nahm die Feder, breitete vor sich ein Blatt Papier aus uud wartete. Frau Forestier, die stehen geblieben war, sah seinen Vorbereitungen zu. Dann nahm sie eine Cigarette vom Kamin und steckte sie an: – Ich kann nicht arbeiten ohne zu rauchen! Also nu sagen Sie mal, was wollen Sie denn erzählen? Er blickte sie erstaunt an: – Ja... das weiß ich eben nicht... deswegen bin ich doch zu Ihnen gekommen! Sie meinte: – Na ich werde Ihnen die Sache schon machen. Ich braue die Sauce, aber den Braten müssen Sie schon geben. Er war in großer Verlegenheit. Endlich sagte er zögernd: – Ja, ich möchte nämlich meine Reise von Anfang an erzählen. Da setzte sie sich ihm gegenüber auf die andere Seite des großen Tisches und blickte ihm in die Augen: – Gut, dann erzählen Sie mir's zuerst, mir ganz allein. Wissen Sie, ganz gemütlich, vergessen Sie nichts, ich werde schon das aussuchen, was wir brauchen können. Aber da er nicht wußte, wie er anfangen sollte, fing sie an, ihn auszuhorchen, wie ein Priester bei der Beichte, stellte bestimmte Fragen, die ihm gewisse Einzelheiten wieder ins Gedächtnis führten, die er vergessen, und Leute, die er kennen gelernt, Menschen, denen er einmal begegnet. Als sie ihn dazu gebracht hatte, daß er so während einer knappen Viertelstunde gesprochen, unterbrach sie ihn plötzlich: – Nun fangen wir an, ja? Wir wollen so thun als teilten Sie einem Freunde Ihre Eindrücke mit. Auf die Art können Sie eine Menge Unsinn reden und allerlei Bemerkungen einflechten, die sehr natürlich klingen und komisch dazu. Also nun los: »Mein lieber Heinrich! Du willst gern etwas über Algerien wissen. Also hör zu. Ich werde Dir, da ich in der kleinen Lehmhütte, die mir als Wohnung dient, doch nichts anzufangen weiß, eine Art Tagebuch senden, Tag um Tag. Stunde um Stunde. Es wird zwar manchmal etwas gepfeffert werden, na – aber Du brauchst es ja nicht gerade den Damen Deiner Bekanntschaft zu zeigen.« Sie unterbrach sich, um ihre ausgegangene Cigarette wieder anzustecken. Und sofort hörte das Kreischen der Gänsefeder auf dem Papier auf. – Wir wollen fortfahren, sagte sie. »Algerien ist ein großer, französischer Besitz an der Grenze jener mächtigen unbekannten Gegenden, die man die Wüste nennt, die Sahara, Zentral-Afrika u.s.w. u.s.w. Algier ist die Eingangspforte, die weiße reizende Eingangspforte zu diesem merkwürdigen Erdteil. Aber man muß erst herkommen und das ist nicht gerade jedermanns Sache. Du weißt, daß ich ein ausgezeichneter Reiter bin, da ich doch des Obersten Pferde zureite, nun man kann wohl ein guter Reiter sein und doch ein schlechter Seemann. Und das trifft bei mir zu. Erinnerst Du Dich des Oberstabsarztes Simbretas, den wir immer Doktor Kotze nannten? Wenn wir uns gern mal vierundzwanzig Stunden im Lazarett jenes gesegneten Landes ausruhen wollten, so meldeten wir uns krank. Er saß auf seinem Stuhl, die mächtigen Schenkel in seiner roten Hose auseinandergesperrt, die Hände auf den Knieen, die Arme im rechten Winkel, die Ellbogen in der Luft, rollte seine großen, runden Augen und kaute an seinem weißen Schnurrbart. Du erinnerst Dich wohl noch seiner Verordnung: Soldat so und so hat eine Magenstörung. Man gebe ihm Brechmittel Nummer drei nach meiner Verordnung, dann zwölf Stunden Ruhe und er ist gesund. Dieses Brechmittel war totsicher, totsicher und unwiderstehlich. Man würgte es also hinunter, weil man mußte, und wenn man das Rezept des Doktor Kotze im Leibe hatte, genoß man seine schwer verdienten zwölf Stunden Ruhe. Also lieber Freund, um nach Afrika zu gelangen, muß man während der Dauer von vierzig Stunden eine andere Sorte von unwiderstehlichen Brechmitteln überwinden, nach Verordnung der Compagnie Transatlantique.« Sie rieb sich die Hände und war ganz entzückt über ihren Einfall. Sie stand auf, ging hin und her, nachdem sie sich eine andere Zigarette angesteckt und diktierte, indem sie Rauchringel blies, die zuerst ganz gerade aus einer kleinen, runden Öffnung zwischen den zusammengepreßten Lippen aufstiegen, sich dann erweiterten, verflüchteten und hier und da in der Luft graue Linien zurückließen, eine Art von durchsichtigem Dunst, ein Nebelgespinst wie Spinnenfäden. Ab und zu schlug sie mit der offenen Hand auf die leichten Ringe, oder sie schnitt sie mit einer scharfen Bewegung des Zeigefingers entzwei und sah dann mit ernster Miene die beiden getrennten Dampfringe langsam verschwinden. Und Duroy blickte auf und folgte allen ihren Handbewegungen, allen Bewegungen ihres Körpers und ihrer Züge, mit denen sie dem nichtigen, gedankenlosen Spiel folgte. Sie erfand nun Reiseabenteuer und beschrieb ein Paar erdichtete Reisegefährten. Endlich fügte sie noch eine Liebelei mit der Frau eines Infanteriehauptmanns, die ihrem Mann nach Algerien nachreiste, ein. Dann setzte sie sich und befragte Duroy über die Topographie Algeriens, von der sie keinen Schimmer hatte. Nach zehn Minuten wußte sie ebensoviel davon wie er und gab nun eine kleine Abhandlung über politische und koloniale Geographie, um den Leser zu orientieren und für die ernsten Fragen vorzubereiten, die in den späteren Artikeln behandelt werden sollten. Dann unternahm sie einen Ausflug in die Provinz Oran, einen phantastischen Ausflug, in dem hauptsächlich von Frauen die Rede war, von Maurinnen, Jüdinnen und Spanierinnen. – Das ist das einzige, was die Leute interessiert! sagte sie. Sie schloß mit einem Aufenthalt in Saïda am Fuße der Hochebenen und mit einer netten kleinen Geschichte zwischen dem Unteroffizier Georg Duroy und einer spanischen, in der Alfa-Manufaktur von Aïn el Hadjar beschäftigten Arbeiterin. Sie erzählte ein nächtliches Stelldichein in den felsigen, kahlen Bergen zur Zeit, wo die Schakale, die Hyänen und die arabischen Hunde zwischen den Felsen heulen und bellen. Dann sagte sie in fröhlichem Ton: – Fortsetzung folgt. Nun stand sie auf: – Lieber Herr Duroy, sehen Sie, so schreibt man einen Artikel. Jetzt unterzeichnen Sie bitte. Er zögerte. – Unterschreiben Sie doch! Da fing er an zu lachen und schrieb unten auf die Seite: Georg Duroy. Sie rauchte weiter und lief auf und ab. Er blickte sie immer an, aber er fand kein Wort, um ihr zu danken. Er war glücklich, in ihrer Nähe zu sein, Dankbarkeit und sinnliches Wohlbehagen über diese beginnende Freundschaft durchströmte ihn ganz. Ihm schien es, als ob alles, was um sie herum war, zu ihr gehörte, bis auf die Wände, die mit Büchern bedeckt waren. Die Stühle, die Möbel, die Luft, durch die der Tabakrauch zog, hatten etwas Besonderes, Angenehmes, Süßes, Reizendes, das von ihr kam. Plötzlich fragte sie: – Was halten Sie von meiner Freundin Frau von Marelle? Er war erstaunt: – Nun, ich finde sie – ich finde sie sehr verführerisch. – Nicht wahr? – Gewiß. Er hätte am liebsten hinzugefügt: aber nicht so wie Sie. Doch das wagte er nicht. Sie begann von neuem: – Sie wissen gar nicht, wie komisch, wie originell, wie gescheit sie ist! Sie ist so eine Art Zigeunernatur, eine rechte Zigeunerin. Deswegen liebt sie ihr Mann nicht sehr. Er sieht nur an ihr das Schlechte und weiß ihre guten Eigenschaften nicht zu würdigen. Duroy war ganz erstaunt zu hören, daß Frau von Marelle verheiratet sei, und doch war es ja ganz natürlich. Er fragte: – So, sie ist verheiratet? Was ist denn ihr Mann? Frau Forestier zuckte leicht die Achseln und zog die Augenbrauen in die Höhe mit einer einzigen bedeutungsvollen Bewegung, die ihm nicht recht verständlich war: – O er ist an der Nordbahn angestellt. Er ist immer nur eine Woche im Monat in Paris. Seine Frau nennt das »ihre Dienstzeit« oder »ihre Frohn«, oder auch »die heilige Woche.« Wenn Sie sie näher kennten, würden Sie sehen, wie fein und reizend sie ist. Machen Sie ihr doch mal einen Besuch dieser Tage! Duroy dachte gar nicht daran fortzugehen. Es war ihm, als sollte er immer hier bleiben, als wäre er zu Haus. Aber die Thür öffnete sich geräuschlos, und ein großer Herr trat ein, den man gar nicht angemeldet hatte. Als er einen Mann im Zimmer sah, blieb er stehen. Frau Forestier schien einen Augenblick verlegen zu sein, dann sagte sie in natürlichem Tone, obgleich sie ein ganz klein wenig errötet war: – Aber kommen Sie doch, lieber Freund. Darf ich Sie bekannt machen, ein guter Freund von Karl, Herr Georg Duroy, zukünftiger Journalist. Dann sagte sie mit einem ganz anderen Ton: – Unser bester und intimster Freund, Graf Vaudrec. Die beiden Herren verneigten sich vor einander, blickten sich scharf an und Duroy zog sich sofort zurück. Er ward nicht aufgefordert zu bleiben, sagte irgend ein paar Dankesworte, drückte die entgegengestreckte Hand der jungen Frau, verbeugte sich noch einmal vor dem Neueingetretenen, der das kühle, unbewegliche Antlitz des Weltmannes behielt und ging dann ganz verwirrt hinaus, als ob er eben eine Dummheit gemacht hätte. Als er auf der Straße stand, war er unmutig. Irgend ein geheimer Kummer war über ihn gekommen. Er ging seines Weges und fragte sich, warum ihn eigentlich plötzlich diese Schwermut überfallen. Er wußte keine Erklärung. Aber das ernste Gesicht dieses schon etwas ältlichen Grafen Vaudrec, mit dem ergrauten Haar und dem ruhigen, unverschämten Aussehen eines sehr reichen und sehr sicheren Mannes, kam ihm fortwährend wieder in den Sinn. Und er merkte, daß der Eintritt dieses Unbekannten, der das reizende Zusammensein gestört, an das sich sein Herz bereits gewöhnt, ihn angeweht hatte mit jenem Gefühl von Kälte und Verzweiflung, das in uns manchmal irgend ein Wort, das wir gehört haben, ein Elend, in das wir geblickt, der geringste Umstand erwecken kann. Und ohne daß er recht wußte, warum, schien es ihm auch, als ob jener Herr mißvergnügt darüber gewesen sei, ihn dort zu treffen. Bis drei Uhr hatte er nichts mehr zu thun und es war noch nicht Mittag. Er besaß noch sechs Franken fünfzig, und ging zum Frühstück in ein Bouillon Duval; dann bummelte er auf den Boulevards herum, und als es drei Uhr schlug, stieg er die Haupttreppe der ›Vie française‹ hinauf. Die Zeitungsboten saßen auf einer Bank, mit gekreuzten Armen und warteten, während hinter einer Art von Katheder ein Diener die eben eingetroffenen Briefe sortierte. Es war alles vorzüglich eingerichtet, um den Eintretenden gleich zu imponieren. Alle zeigten eine gewisse Haltung, ein Benehmen, eine gewisse Würde, einen gewissen Schmiß wie es für das Vorzimmer einer großen Zeitung notwendig schien. Duroy fragte: – Ist Herr Walter zu sprechen? Der Diener antwortete: – Der Chef hat eben eine Sitzung. Wollen Sie nicht einen Augenblick Platz nehmen. Und er wies ihn in ein Wartezimmer, in dem sich eine Menge Leute befanden. Dort saßen würdig aussehende Männer, mit Ordensband im Knopfloch, und daneben etwas vernachlässigte Existenzen, bei denen man keine Wäsche sah, deren Rock, bis zum Kragen zugeknöpft, auf der Brust voller Flecken war, die aussahen wie die Umrisse der Kontinente und Meere auf einer Landkarte. In der Menge befanden sich auch drei Frauen, die eine war hübsch, lächelte, hatte sich hergerichtet und sah etwas nach Halbwelt aus. Ihre Nachbarin zog ein tragisches Gesicht, sie war runzelig, auch etwas zurechtgemacht, aber mehr ernst und hatte etwas Abgetakeltes, Unnatürliches, Gekünsteltes, wie gewöhnlich ehemalige Schauspielerinnen, so ein Duft von künstlich aufgefrischter Jugend, wie ranzig gewordenes Liebesparfüm. Die dritte Frau, in Trauer, drückte sich in eine Ecke. Man sah ihr die Verzweiflung der Witwe an. Duroy dachte: die wird wohl um ein Almosen bitten. Aber man ließ niemand eintreten und über zwanzig Minuten waren schon verstrichen. Da kam Duroy auf einen Gedanken und trat wieder an den Diener heran: – Herr Walter hat mich um drei Uhr bestellt. Sehen Sie doch mal nach, ob mein Freund Forestier nicht da ist. Sogleich führte man ihn durch einen langen Korridor, der auf einen großen Saal mündete, wo an einem grünen Tisch vier Herren arbeiteten. Forestier stand am Kamin, rauchte eine Zigarette und spielte Fangball. Er war sehr geschickt dabei und fing mit großer Sicherheit die Kugel aus gelbem Buchsbaum in dem kleinen Holzbecher. Er zählte: – 22 – 23 – 24 – 25 – Duroy sagte: – 26 – und sein Freund blickte auf, ohne in der regelmäßigen Bewegung seines Armes inne zu halten: – Gott da bist Du ja! Gestern bin ich auf 57 hinter einander gekommen. Von uns hier spielt nur Saint-Potin besser. Hast Du den Chef gesehen? Ist das Ulkigste, was man sehen kann, wenn die alte Kracke, der Norbert, Fangball spielt. Er macht immer dabei 's Maul auf, als ob er die Kugel 'runterschlucken wollte. Einer der Redakteure wandte sich zu ihm: – Hör mal Forestier, ich weiß ein Fangballspiel, das zu verkaufen ist, es hat, so behauptet man wenigstens, der Königin von Spanien gehört. Sechzig Franken soll es kosten! Gar nicht teuer. Forestier fragte: – Wo ist's denn zu haben? Und da er den siebenunddreißigsten Wurf verfehlt hatte, öffnete er einen Schrank, wo Duroy etwa zwanzig wundervolle Fangballspiele sah, die der Reihe nach standen und Nummern trugen wie Kostbarkeiten in einer Sammlung. Dann stellte er sein Spielzeug an den gewöhnlichen Platz und fragte noch einmal: – Wo soll denn dies Juwel zu haben sein? Der Journalist antwortete: – Bei einem Billethändler vom Vaudeville. Wenn Du willst, kann ich's Dir ja morgen mitbringen. – Schön, einverstanden. Wenn es wirklich schön ist, nehme ich's. Man kann nie genug Fangbälle haben. Dann wandte er sich zu Duroy: – Komm mal jetzt mit, ich werde Dich zum Chef bringen, sonst kannst Du hier vermodern bis heute abend. Sie gingen durch den Wartesaal, wo immer noch dieselben Leute in derselben Reihenfolge warteten. Sobald Forestier erschien, standen die junge Frau und die alte Schauspielerin schnell auf und näherten sich ihm. Er trat mit einer nach der andern in die Fensternische und, obgleich sie möglichst leise sprachen, merkte Duroy, daß er sie beide duzte. Nachdem sie dann zwei gepolsterte Thüren aufgestoßen, traten sie beim Chef ein. Die Sitzung, die bereits seit ein Uhr dauerte, bestand in einer Partie Ecarté mit einigen jener Herren, die Duroy tags vorher gesehen hatte. Herr Walter hielt die Karten und spielte mit schärfster Aufmerksamkeit und vorsichtigen Bewegungen, während sein Gegner die bunten Kartenblätter auf den Tisch warf, aufhob und mischte mit der Geschicklichkeit und Schnelligkeit eines alten Spielers. Norbert von Varenne schrieb einen Artikel. Er saß im Schreibstuhl des Chefs. Jacques Rival lag der Länge nach auf einem Sofa und rauchte mit geschlossenen Augen eine Zigarre. Das Zimmer roch, als wäre es nie gelüftet worden, nach den Lederstühlen, nach altem Tabak, nach Druckerschwärze. Es schlug einem sofort jener besondere Geruch der Redaktionszimmer entgegen, den alle Journalisten kennen. Auf dem Tische aus schwarzem Holz, der mit Messing eingelegt war, lagen ganze Stöße Papiere herum, Briefe, Karten, Zeitungen, Monatsschriften, Rechnungen von den Lieferanten, Drucksachen aller Art. Forestier drückte den Herren die Hand, die hinter den beiden Spielern standen, um zu wetten und sah, ohne ein Wort zu sagen der Partie zu. Sobald dann der alte Walter gewonnen hatte, sagte er: – Hier ist mein Freund Duroy. Der Chef musterte schnell über die Brillengläser den jungen Mann und fragte: – Bringen Sie mir den Artikel? Heute würde er sehr gut passen. Gerade zur Debatte Morel. Duroy zog die Blätter des Manuskriptes, die zweimal gefaltet waren, aus der Tasche: – Zu Diensten. Der Chef schien sehr erfreut zu sein und meinte lächelnd: – Gut, sehr schön, Sie halten Wort. Muß ich's erst durchsehen, Forestier? Aber Forestier antwortete schnell: – 's ist nicht nötig, Herr Walter. Ich habe die Sache mit ihm zusammengestellt, um ihm beizubringen wie man's machen muß. Der Artikel ist gut. Und der Chef, der eben die Karten bekam, die ein großer magerer Herr, ein Abgeordneter vom linken Zentrum gab, fügte gleichgiltig hinzu: – Schön, das ist also in Ordnung. Forestier ließ ihn die neue Partie nicht beginnen, sondern beugte sich zu seinem Ohr: – Wissen Sie, Sie haben mir doch versprochen, Duroy an Stelle von Marambot zu verpflichten! Kann er unter denselben Bedingungen eintreten? – Gewiß. Dann nahm der Journalist den Arm seines Freundes und zog ihn fort, während Herr Walter wieder anfing zu spielen. Norbert von Varenne hatte den Kopf nicht erhoben. Er schien Duroy entweder nicht gesehen oder nicht erkannt zu haben. Jacques Rival dagegen schüttelte ihm mit demonstrativer Kraft die Hand wie ein guter Kamerad, auf den man sich wenn's nötig ist, verlassen kann. Sie kamen wieder durch den Wartesaal, und da alles aufblickte, sagte Forestier zu der jüngeren der Frauen laut genug, daß die anderen Leidensgefährten es hören konnten: – Der Chef wird Sie sofort empfangen. Er hat eben eine Konferenz mit zwei Mitgliedern der Budget-Kommission. Dann ging er eilig mit wichtiger Miene weiter, als ob er sofort eine Depesche von allergrößter Wichtigkeit zu erledigen hätte. Sobald sie wieder im Redaktionszimmer standen, nahm Forestier augenblicklich seinen Fangbecher wieder vor, und indem er das Spiel von neuem begann und ab und zu sich unterbrach, um zu zählen, sagte er zu Duroy: – So, jetzt mußt Du also täglich um drei Uhr hierher kommen, und ich sage Dir dann, welche Wege und Besuche Du zu machen hast, sei's nachmittags, sei's abends oder am nächsten Morgen – 1 – zuerst gebe ich Dir ein Empfehlungsschreiben mit für den Chef der Abteilung I des Polizeipräsidiums – 2 – der wird Dich an einen seiner Beamten weisen und mit ihm mußt Du Dich dann ins Einvernehmen setzen wegen aller wichtigen Nachrichten – 3 – die von der Präfektur kommen, offizielle Neuigkeiten wie halboffizielle. Weißt Du, dann mußt Du Dich wegen aller Einzelheiten an Saint- Potin wenden, der alles schon weiß – 4 – Du wirst ihn nachher treffen oder morgen. Vor allen Dingen mußt Du lernen, aus den Leuten, zu denen ich Dich schicke, alles herauszupressen, was wir brauchen – 5 – und überall reinzukommen, auch wenn Du verschlossene Thüren fändest – 6 – dafür bekommst Du zweihundert Franken Fixum und dann für die interessanten kleinen Neuigkeiten, die Du selber aufgabeln mußt, zwei Sous für die Zeile – 7 – und dann ebenfalls zwei Sous für die Zeile für alle Artikel, die man noch außerdem über verschiedene Themate von Dir haben will – 8 – Dann achtete er nur noch auf sein Spiel und zählte langsam weiter: – 9 – 10 – 11 – 12 – 13. Der vierzehnte Wurf mißlang und er fluchte: – Diese Gott verdammte Dreizehn bringt mir immer Pech! Verdammtes Aas. Ich sterbe sicher noch an einem Dreizehnten! Einer der Redakteure, der mit seiner Arbeit fertig war, nahm nun auch einen Fangbecher aus dem Schrank. Es war ein kleiner Mensch, der wie ein Kind aussah, obgleich er wohl fünfunddreißig Jahre zählen mochte. Und ein paar andere Journalisten, die hereingekommen waren, holten sich einer nach dem andern das Spielzeug, das ihnen gehörte. Bald standen sechs neben einander, den Rücken an der Wand und warfen mit ganz regelmäßiger Bewegung die, je nach dem Holze, roten, gelben oder schwarzen Kugeln in die Luft. Und als sie sich stritten, erhoben sich die beiden Redakteure, die noch arbeiteten, auch noch, um das Schiedsrichteramt zu übernehmen. Forestier gewann mit elf Punkten. Da klingelte der kleine Herr, der wie ein Kind aussah und eben verloren hatte, dem Bureaudiener und befahl: – Neun Bier! Und sie fingen dann wieder an zu spielen, indem sie auf die Erfrischung warteten. Duroy trank ein Glas Bier mit seinen neuen Kollegen, dann fragte er seinen Freund: – Was hast Du für mich zu thun? Der andere antwortete: – Ich habe heute nichts für Dich! Wenn Du willst, kannst Du fortgehen. – Und unser Artikel? Kommt der heute abend? – Ja wohl, aber Du brauchst Dich nicht darum zu kümmern,ich lese schon die Korrektur. Mach nur die Fortsetzung für morgen und dann kommst Du wie heute um drei her. Und Duroy ging, nachdem er allen, ohne zu wissen, wer sie eigentlich waren, die Hand gedrückt, die schöne Treppe wieder hinab, munter und glückselig. IV Georg Duroy schlief schlecht, so erregte ihn der Wunsch, seinen Artikel gedruckt zu sehen. Sobald es Tag geworden war er auf und irrte in den Straßen umher, längst ehe die Zeitungsträger mit den Blättern im Laufschritt von Zeitungskiosk zu Zeitungskiosk eilten. Da lief er zum Bahnhof Saint-Lazare, denn er wußte daß die ›Vie française‹ dort eintreffen würde, ehe sie in sein Stadtviertel kam. Da es immer noch zu früh war, irrte er auf dem Trottoir umher. Er sah die Zeitungsverkäuferin kommen, die ihr Glashaus öffnete und dann erschien ein Mann, der auf dem Kopfe einen Haufen großer, zusammengefalteter Papiere trug. Er stürzte sich auf ihn. Es waren Figaro, Gil-Blas, Gaulois, Evenement und zwei oder drei andere Morgenblätter, aber die ›Vie ´française‹ war nicht dabei. Da packte ihn eine Furcht. Wenn man etwa die »Erinnerungen eines Chasseur d'Afrique« bis zum andern Tag verschoben oder vielleicht zufällig der Artikel im letzten Augenblick dem alten Walter nicht gefallen hätte! Er kehrte zum Kiosk zurück und sah, daß man die Zeitung nun verkaufte, ohne daß er sie hatte bringen sehen. Er eilte hinzu, faltete das Blatt auseinander, nachdem er die drei Sous hingeworfen und durchflog die Kolonnen der ersten Seite – nichts – sein Herz fing an zu schlagen. Er öffnete das Blatt und war ganz erregt, als er unten auf einer Spalte in großen Buchstaben las: »Georg Duroy.« Da war's. Welche Wonne! Die Zeitung in der Hand, den Hut schief aufgesetzt, fing er an, ohne an irgend etwas zu denken, seines Weges zu gehen und immer überkam ihn dabei die Lust, die Vorübergehenden anzuhalten, um ihnen zu sagen: – Kaufen Sie das! Kaufen Sie's! Es steht ein Artikel von mir drin. Er hätte am liebsten aus vollen Lungen gerufen wie gewisse Leute des Abends auf den Boulevards: – Lest die ›Vie francaise‹ ! Lest den Artikel von Georg Duroy: »Erinnerungen eines Chasseur d'Afrique«! Und plötzlich empfand er den Wunsch, den Artikel selbst zu lesen, ihn zu lesen an einem Ort, wo andere Menschen waren, in einem besuchten Café. Und er suchte ein Lokal, wo schon Menschen saßen. Er mußte weit gehen. Endlich setzte er sich in eine Art Weinstube, in der schon mehrere Leute Platz genommen hatten und verlangte in demselben Ton wie er etwa einen Absynth verlangt hätte, einen Grog, ohne an die frühe Stunde zu denken. Dann rief er: – Kellner, geben Sie mal die ›Vie française‹ ! Ein Mann mit weißer Schürze erschien: – Thut mir sehr leid, die halten wir nicht. Wir haben blos Rappel, Siècle, Lanterne und Petit Parisien. Duroy erklärte wütend in empörtem Ton: – Das ist ja 'ne schöne Bude. Holen Sie mir mal das Blatt! Der Kellner lief davon und brachte es. Duroy fing an, seinen Artikel zu lesen und sagte dabei mehrmals ganz laut: Ausgezeichnet! Ausgezeichnet! um die Aufmerksamkeit seiner Nachbarn auf sich zu ziehen und bei ihnen die Neugier auf den Inhalt des Blattes zu erregen. Dann ließ er die Zeitung auf dem Tisch liegen und ging davon. Der Wirt bemerkte es und rief ihm nach: – Mein Herr! Mein Herr, Sie haben Ihre Zeitung vergessen! Und Duroy antwortete: – Ich habe sie gelesen, ich will sie Ihnen da lassen. Uebrigens steht heute eine riesig interessante Sache drin. Er bezeichnete sie nicht näher. Aber als er fortging, sah er, wie einer der Gäste die ›Vie française‹ vom Tische nahm, wo er sie hatte liegen lassen. Er dachte: was soll ich jetzt machen. Und er entschloß sich, ins Bureau zu gehen, um sein Monatsgehalt in Empfang zu nehmen und um seine Entlassung zu bitten. Er zitterte schon im voraus vor Freude bei dem Gedanken an das Gesicht, das sein Chef und seine Kollegen machen würden. Vor allen Dingen belustigte ihn der Gedanke, wie außer sich der Chef sein würde. Er ging langsam, um nicht vor halb zehn Uhr da zu sein, da die Kasse erst um Zehn geöffnet wurde. Sein Bureau war ein großes dunkles Zimmer, wo während des Winters beinahe den ganzen Tag über Gas gebrannt werden mußte, da die Fenster auf einen schmalen Hof und andere gegenüberliegende Bureaux gingen. Es waren acht Angestellte und in einer Ecke saß noch ein höherer Subalternbeamter hinter einer spanischen Wand. Duroy holte sich zuerst seine hundertachtzehn Franken und fünfundzwanzig Centimes, die in einem gelben Umschlage im Tischfache des Kassirers lagen. Dann trat er mit Siegermiene in den großen Arbeitsraum, in dem er schon so viele Tage zugebracht. Sobald er eingetreten war, rief ihn der Sekretär, Herr Potel: – Ach, Sie sind's, Herr Duroy. Der Chef hat schon ein paar Mal nach Ihnen gefragt. Sie wissen, er duldet es nicht, daß man zwei Tage hintereinander ohne ärztliches Attest fehlt. Duroy der mitten im Zimmer stand, hielt den Augenblick jetzt für gekommen und sagte laut: – Das ist mir höchst wurst. Die Beamten waren ganz erschrocken und Herrn Potels verdutztes Haupt erschien über der spanischen Wand, hinter der er wie in einem Kasten saß. Er schloß sich darin ein, weil er immer Zug fürchtete, denn er litt an Rheumatismus. Er hatte nur ein paar Löcher in den Überzug des Wandschirmes gemacht, um seine Leute überwachen zu können. Alles war totenstill. Man hätte eine Fliege summen hören. Endlich fragte Herr Potel zögernd: – Was haben Sie gesagt? – Ich habe gesagt, daß mir die Geschichte ganz wurst ist! Ich bin nur hergekommen, um meinen Austritt anzumelden. Ich bin als Redakteur in die ›Vie française‹ eingetreten mit fünfhundert Franken monatlich. Zeilenhonorar extra. Ich habe schon heute den ersten Artikel im Blatt. Er hatte sich eigentlich vorgenommen, sich noch länger so seinen Jux zu machen, aber er konnte doch nicht der Lust widerstehen, mit der Thür ins Haus zu fallen. Übrigens war es ein richtiger Knalleffekt. Kein Mensch regte sich. Da erklärte Duroy: – Ich werde noch Herrn Perthuis in Kenntnis setzen, dann komme ich, um Ihnen Adieu zu sagen. Und er ging davon zum Chef, der sofort rief, als er seiner ansichtig ward: – Aha, da sind Sie! Hören Sie mal, Sie wissen, daß ich keinesfalls ... Der Untergebene schnitt ihm das Wort ab: – Ach, was, deshalb brauchen Sie mich doch nicht gleich so anzufahren! Herr Perthuis, ein dicker Mann, mit einem Gesicht rot wie ein Hahnenkamm, schnappte vor Schreck nach Luft. Duroy fuhr fort: – Ich habe die alte Bude hier satt bis daher! Ich habe heute morgen als Journalist mein Debüt gemacht, und habe eine sehr schöne Stellung. – Empfehle mich! Damit verschwand er. Er war gerächt. Er ging wirklich wieder ins Zimmer, um seinen ehemaligen Kollegen die Hand zu drücken, die kaum mit ihm zu sprechen wagten, weil sie sich nicht kompromittieren wollten, denn man hatte seine Unterhaltung mit dem Chef wohl gehört, da die Thür nur angelehnt gewesen. Nun war er wieder auf der Straße, das Gehalt in der Tasche. Und er leistete sich ein ordentliches Frühstück in einem ihm bekannten guten Restaurant mit mäßigen Preisen. Dann kaufte er wieder die ›Vie française‹ und ließ sie abermals auf dem Tische liegen, wo er gegessen, und besuchte darauf verschiedene Läden, wo er eine Anzahl Gegenstände erwarb, nur um sie sich zuschicken zu lassen unter seinem Namen Georg Duroy, wobei er hinzufügte: – Ich bin Redakteur der ›Vie française‹ . Dann nannte er Straße und Hausnummer mit dem Bemerken: – Bitte, lassen Sie's nur beim Portier abgeben! Da er noch Zeit hatte, ging er zu einem Lithographen, der binnen fünf Minuten Visitenkarten lieferte, auf die man gleich warten konnte. Und er ließ sich sofort hundert Stück machen mit der neuen Würde unter seinem Namen. Dann begab er sich in die Redaktion. Forestier empfing ihn etwas von oben herab, wie einen Untergebenen: – Ah, da bist Du ja schon! Ich habe gerade ein paar Gänge für Dich. Warte mal noch zehn Minuten, ich muß erst meine Arbeit fertig machen. Und er schrieb an einem eben begonnenen Brief weiter. Am andern Ende des großen Tisches arbeitete ein kleiner, blaßer, aufgeschwemmter, fetter, kahlköpfiger Mann, dessen Kopf ganz weiß war und schon von weitem leuchtete. Er hatte beinahe die Nase auf dem Papier, weil er so kurzsichtig war. Forestier fragte ihn: – Sag mal, Saint-Potin, um wieviel Uhr wirst Du die Leute interviewen? – Um vier! – Hör mal, nimm doch den jungen Duroy hier mit, und weihe ihn in die Geheimnisse der Zunft ein. – Schön. Dann wandte sich Forestier zu seinem Freunde und fügte hinzu: – Hast Du die Fortsetzung von dem Artikel über Algerien mitgebracht? Der erste Artikel heute früh hat großen Beifall gefunden. Duroy stotterte erschrocken: – Nein, ich dachte, ich hätte heute nachmittag Zeit. Ich habe so viel zu thun gehabt. Ich konnte nicht. Der andere zuckte mit unzufriedener Miene die Achseln: – Weißt Du, wenn Du nicht pünktlicher bist, wirst Du noch Deine ganze Zukunft verfahren. Der alte Walter hat bestimmt auf die Fortsetzung gerechnet. Ich werde ihm sagen, sie kommt morgen. Wenn Du denkst, Du wirft umsonst bezahlt, so irrst Du Dich aber gründlich! Dann fügte er nach einem Augenblick Pause hinzu: – Zum Donnerwetter noch mal, man muß das Eisen schmieden, solange es warm ist! Saint-Potin stand auf und sagte: – Ich bin bereit. Da lehnte sich Forestier im Stuhl zurück, nahm eine fast feierliche Miene an, um seine Instruktionen zu geben, und sprach zu Duroy: – So. Also in Paris befindet sich seit zwei Tagen der chinesische General Li-Theng-Fao, der im Continental-Hotel abgestiegen ist, und der Rajah Tapojahib Ramaderao Pali im Hotel Bristol. Ihr müßt mit beiden eine Unterredung haben. Dann wandte er sich zu Saint-Potin: – Und vergiß nicht die Hauptpunkte, wie ich Dir's angegeben habe. Frage sowohl den General wie den Rajah, was sie zu dem Vorgehen Englands in Ostasien meinen. Dann über das englische Kolonisations- und Zwangssystem, was sie von einer eventuellen Intervention Europas, speziell aber Frankreichs erhoffen. Er schwieg. Dann fügte er hinzu, indem er gewissermaßen zum Fenster hinaus sprach: – Es wird unsere Leser besonders interessieren, zu gleicher Zeit zu hören, was man über diese Fragen, die so lebhaft die öffentliche Meinung in diesem Augenblick beschäftigen, in China und in Indien denkt. Er fügte für Duroy hinzu: – Paß mal auf, wie Saint-Potin die Sache managed. Er ist ein ausgezeichneter Reporter! Sieh zu, daß Du ihm den Kniff absiehst, wie's gemacht wird, jemanden in fünf Minuten auszuquetschen. Dann begann er mit großer Würde wieder an zu schreiben, indem er sich offenbar bemühte, den Abstand zwischen ihnen fühlen zu lassen, um den ehemaligen Kameraden und neuen Kollegen auf seinen Platz zu verweisen. Sobald sie draußen standen, fing Saint-Potin an zu lachen und sagte zu Duroy: – So ein Fatzke! Sogar vor uns spielt er sich auf, als wenn wir seine Leser wären! Dann gingen sie auf den Boulevard, und der Reporter fragte: – Wollen Sie etwas trinken? – Gern. Es ist sehr heiß. Sie traten in ein Café und ließen sich ein kaltes Getränk geben. Saint-Potin fing an zu sprechen. Er erzählte von allem möglichen, vor allem aber von der Zeitung und zwar die unglaublichste Menge erstaunlichster Einzelheiten: – Der Chef? Das ist der richtige Jude! Und wissen Sie, Juden ändert man eben nie. Gott, ist das 'ne Rasse! Und nun zählte er wundersame Züge von Geiz auf, jenes Geizes, der den Söhnen Israels besonders eignet, Knausereien um zehn Centimes, Abhandeln wie eine Köchin, schmutziges Schachern und Feilschen, die richtige Wucherer- und Pfandleiher- Art. – Und dabei ist er ein Kerl, der an nichts glaubt und alle'rein legt. Seine Zeitung ist offiziös, katholisch, liberal, republikanisch, orleanistisch – Sahnentorte und Kommißbrot – und nur gegründet, um Börsenoperationen und allerlei Geschäftchen zu machen. Seine eigentliche Stärke besteht darin, Millionen mit Gesellschaftsgründungen zu gewinnen, die nicht vier Sous Kapital haben. So erzählte er immer weiter und nannte Duroy dabei ›lieber Freund‹. – Der Lump hat Einfälle wie Balzac. Denken Sie nur, neulich war ich in seinem Arbeitskabinet mit diesem antiken Jammerknochen Norbert und dem alten Don Quixote dem Rival,und da kommt Montelin, unser Administrator, herein, sein Saffianportefeuille unter dem Arm, dieses Portefeuille, das ganz Paris kennt – Walter blickt auf und fragt: ›Was giebts?‹ Montelin antwortet ganz naiv: ›Ich habe eben die sechzehntausend Franken bezahlt, die wir dem Papierhändler schuldig waren.‹ Der Chef springt mit einem fürchterlichen Satz auf: ›Was sagen Sie da!‹ ›Daß ich Herrn Privas bezahlt habe.‹ ›Sie sind wohl toll!‹ ›Warum denn?‹ ›Warum! warum! warum!‹ Er nimmt die Brille ab, wischt daran, und sagte dann lächelnd mit jenem komischen Lächeln, das um seine dicken Wangen spielt, wenn er etwas Boshaftes oder etwas Bedeutendes sagen will, in höhnischem und überzeugtem Ton: ›Warum – weil wir mindestens vier bis fünf Tausend Franken Rabatt hätten kriegen können!‹ Montelin antwortet erstaunt: ›Aber Herr Direktor, die Rechnungen stimmten genau. Ich hatte sie durchgesehen, und Sie hatten sie anerkannt.‹ Da erklärt der Chef, der wieder ernst geworden: ›Sie sind aber wirklich naiv! Wissen Sie, Herr Montelin, man muß seine Schulden anwachsen lassen, um akkordieren zu können!‹ Und Saint-Potin fügte hinzu, indem er eine Kennermiene aufsetzte: – Nun? Ist das nicht der reine Balzac! Duroy hatte nie etwas von Balzac gelesen, aber er antwortete überzeugt: – Gott verdamm' mich, ja! Dann sprach der Reporter von Frau Walter, die eine dumme Pute sei, von Norbert von Varenne, der ein alter impotenter Narr wäre, von Rival, der nichts sei als ein dritter Aufguß von Fervacques. Dann kam er auf Forestier zu sprechen: – Na der, der hat eben Schwein mit seiner Frau gehabt. Weiter nichts. Duroy fragte: – Wie ist denn eigentlich so die Frau? Saint-Potin rieb sich die Hände: – O, die ist gerissen, fein, fein! Sie ist die Maitresse eines alten Lebemannes, der Vaudrec heißt, Graf Vaudrec. Er hat ihr die Ausstattung geschenkt und sie verheiratet. Duroy überlief es kalt, eine Art von Nervenschauer. Er hatte das Bedürfnis, diesen alten Schwätzer zu beschimpfen und zu ohrfeigen. Aber er unterbrach ihn einfach und fragte: – Heißen Sie eigentlich wirklich Saint-Potin? Der andere antwortete: – Nein, ich heiße Thomas. Ich werde nur bei der Zeitung Saint-Potin genannt. Und Duroy fagte, indem er zahlte: – Aber ich glaube, es ist schon spät, und wir müssen zwei hohe Herren aufsuchen. Saint-Potin fing an zu lachen: – Na, Sie sind aber noch naiv! Glauben Sie denn wirklich, daß ich diesen Chinesen und den Indier fragen werde, was sie über England denken? Ich weiß doch viel besser, wie die, was sie denken müssen für die Leser der ›Vie française‹ . Ich habe mindestens fünfhundert solcher Chinesen, Perser, Hindus, Chilenen, Japaner und andere Kerle interviewt. Wie ich's mache, antworten sie alle dasselbe. Ich brauche bloß meinen letzten Artikel wieder vorzunehmen, ihn Wort für Wort abzuschreiben. Man braucht nur ihr Äußeres, Namen, Titel, Alter, Gefolge und so weiter zu ändern. In so was darf man sich nicht irren, denn das würden sofort Figaro oder Gaulois aufstechen. Aber darüber erfahre ich binnen fünf Minuten von den Portiers vom Bristol und vom Continental alles. Kommen Sie, wir gehen zu Fuß hin und rauchen noch eine Zigarre. Der Hauptwitz ist, daß wir hundert Sous für Wagen unserem Blatt anschmieren. Sehen Sie lieber Freund, so wirds gemacht, wenn man praktisch ist. Duroy fragte: – Na wenns mit dem Reporter-sein so ist, dann bringts ja was ein. Der Journalist antwortete geheimnisvoll: – Ja wissen Sie, das bringt aber noch lange nicht so viel ein, wie die versteckten Reklamen unter Lokales. Sie waren aufgestanden und gingen den Boulevard hinab der Madeleine zu, und Saint-Potin sagte plötzlich zu seinem Begleiter: – Wissen Sie, wenn Sie etwa irgend was vorhaben, ich brauche Sie nicht. Duroy drückte ihm die Hand und ging. Der Gedanke an den Artikel, den er heute abend noch schreiben mußte, quälte ihn und er fing an nachzusinnen. Er sammelte allerlei Gedanken, Überlegungen, Urteile, Anekdoten, während er die Straße bis ans Ende der Avenue des Champs-Elysées verfolgte. Man sah dort nur wenige Spaziergänger, denn während der heißen Jahreszeit war Paris leer. Nachdem er in der Nähe des Arc de Triomphe in einer Weinhandlung gegessen hatte, kehrte er langsam zu Fuß über die äußeren Boulevards nach Haus zurück und setzte sich an seinen Tisch, um zu arbeiten. Aber sobald er das große weiße Blatt vor Augen hatte, war alles, was er an Material gesammelt hatte, aus seinem Geist wie weggeblasen, als ob sich sein Gehirn verflüchtigt hätte. Er versuchte die letzten Brocken seiner Erinnerungen zusammenzuhalten und niederzuschreiben. Aber je mehr er sich bemühte sie zu sammeln, desto weiter entwichen sie ihm oder kamen ihm so im Kopfe durcheinander, daß er nicht wußte, wie er sie anführen und anbringen, noch womit er anfangen sollte. Nachdem er sich eine Stunde abgequält und fünf Bogen Papier voll geschmiert mit lauter Anfängen, die nicht weiter gingen, sagte er sich: ich bin eben noch nicht geübt im Beruf. Ich muß noch eine Stunde nehmen. Und sofort überkam ihn zitternd vor Begierde das Verlangen nach einem Morgen gemeinsamer Arbeit mit Frau Forestier und die Hoffnung auf ein langes, intimes, herzliches, so süßes Alleinsein. Er ging schnell zu Bett, er hatte jetzt Angst, es möchte etwa plötzlich gehen, wenn er sich wieder an die Arbeit setzte. Am nächsten Morgen stand er etwas spät auf, denn er wollte das Vergnügen, das ihm dieser Besuch bereitete, möglichst hinausschieben, um es in Gedanken durchzukosten. Als er an der Thür seines Freundes klingelte, war es zehn Uhr vorüber. Der Diener antwortete: – Der Herr ist eben bei der Arbeit. Duroy hatte gar nicht daran gedacht, daß der Mann da sein könnte. Aber er blieb dabei: – Sagen Sie ihm nur, ich wäre es, es handelte sich um eine wichtige Angelegenheit. Er mußte fünf Minuten warten. Dann wurde er in das Zimmer geführt, wo er eine so schöne Morgenstunde verlebt hatte. An der Stelle, wo er gesessen, saß nun Forestier in Schlafrock und Pantoffeln, eine englische Reisemütze auf dem Kopf und schrieb, während seine Frau wieder in demselben weißen Morgenrock am Kamin lehnte und ihm, eine Zigarette im Munde, diktierte. Duroy blieb auf der Schwelle stehen und murmelte: – Ich bitte sehr um Entschuldigung, wenn ich störe! Und sein Freund, der ihn wütend angeblickt, brummte: – Was willst Du denn nur? Mach schnell, wir haben keine Zeit! Der andere stammelte verlegen: – Nein, es ist nichts, pardon .... Aber Forestier ward böse: – Himmelsakrament! Nu verlier doch keine Zeit! Du wirst doch nicht hier hereingeplatzt sein, bloß um guten Morgen zu sagen. Dann entschloß sich Duroy, der sehr verwirrt war, zu sagen: – Nein – aber – nämlich – ich kriege meinen Artikel nicht fertig, und Du bist – Sie sind so reizend das letzte Mal gewesen, daß – daß ich hoffte, – daß ich's gewagt habe – Forestier schnitt ihm das Wort ab: – Zum Donnerwetter! Du machst Dich wohl über uns alle lustig! Du denkst wohl, ich werde Deine Arbeit machen und Du brauchst bloß am Ersten das Gehalt einzuziehen. Nee, so haben wir nicht gewettet! Die junge Frau fuhr fort zu rauchen, ohne ein Wort zu sagen. Sie lächelte immer mit unbestimmtem Lächeln, das wie eine liebenswürdige Maske ihre ironischen Gedanken zu verbergen schien. Und Duroy stammelte errötend: – Entschuldigen Sie, ich hatte geglaubt – ich hatte gedacht – Dann sagte er schnell lauter: – Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, gnädige Frau, und ich danke Ihnen noch vielmals für den famosen Artikel, den Sie mir gestern gemacht haben! Dann verbeugte er sich und sagte zu Karl: – Ich werde um drei Uhr auf der Redaktion sein. Damit ging er davon. Er kehrte mit eiligen Schritten nach Haus zurück und brummte vor sich hin: – Na gut. Ich werde die Geschichte schon deichseln! Ganz allein. Die sollen mal sehen! Und kaum war er zu Haus, so packte ihn die Wut und er fing an zu schreiben. Er setzte das Abenteuer, das Frau Forestier begonnen, fort, indem er alle möglichen romanhaften Einzelheiten häufte, ganz plötzliche unerwartete Verwicklungen, schwülstige Beschreibungen im ungeschickten Stil eines Schülers, in Ausdrücken wie aus der Kasernenstube, wiedergab. Und nach einer Stunde hatte er einen Artikel fertig gebracht, einen wahren Rattenkönig von Blödsinn, den er mit größter Seelenruhe zur ›Vie française‹ brachte. Der erste Mensch, dem er begegnete, war Saint-Potin, der ihm kräftig, wie einem Mitschuldigen, die Hand drückte und fragte: – Haben Sie meine Unterhaltung mit dem Chinesen und dem Hindu gelesen? Ist das nicht ulkig? Ganz Paris hat darüber gelacht, und ich habe nicht die Nasenspitze von den beiden Kerls gesehen. Duroy, der nichts gelesen hatte, nahm sofort die Zeitung in die Hand und durchlief einen langen Artikel mit der Ueberschrift »Indien und China«, während der Reporter ihm die interessanten Stellen zeigte und anstrich. Forestier kam dazu, außer Atem, sehr eilig und verstört: – Ah gut, schön, daß ich euch finde, ich brauche euch alle beide. Und er nannte ihnen eine ganze Reihe von politischen Erkundigungen, die noch bis zum Abend eingezogen sein mußten. Duroy gab ihm seinen Artikel: – Hier ist die Fortsetzung über Algerien! – Schön, gieb her. Ich werde es dem Chef geben. Das war alles. Saint-Potin schleppte seinen neuen Kollegen mit sich und als sie im Korridor standen, sagte er: – Sind Sie schon an der Kasse gewesen? – Nein, warum? – Warum? Um Ihr Gehalt zu holen. Wissen Sie, man muß damit immer einen Monat im Voraus sein, man weiß nie, was passieren kann. – Ja, mir soll's recht sein! – Ich will Sie dem Kassierer vorstellen, da wird er weiter keine Schwierigkeiten machen. Bei uns wird sehr gut bezahlt. Und Duroy erhob seine zweihundert Franken und dann achtundzwanzig Franken für seinen Artikel vom Tage vorher, so daß er, mit dem, was ihm von dem Gehalte von der Eisenbahn blieb, dreihundertvierzig Franken im Vermögen besaß. Er hatte noch nie eine so große Summe in der Tasche gehabt, und er meinte, sie könnte nie alle werden. Dann nahm ihn Saint-Potin mit in die Redaktion von vier oder fünf Konkurrenzblättern, um dort ein wenig zu schwatzen. Er hoffte, daß die Erkundigungen, die sie einziehen sollten, vielleicht schon dort von anderen eingezogen waren. Wenn es so war, würde er sie schon herauskriegen, dank seinem Redefluß. Als es Abend geworden war, ging Duroy, der nichts mehr zu thun hatte, wieder in die Folies-Bergère und mit ziemlicher Dreistigkeit sagte er dem Kontroleur: – Ich heiße Georg Duroy, Redakteur von der ›Vie française‹ . Ich bin neulich mit Herrn Forestier gekommen, der mir versprochen hatte, mir Eintritt zu verschaffen. Ich weiß nicht, ob er daran gedacht hat. Man sah in einem Verzeichnis nach, aber sein Name fand sich nicht eingetragen. Doch der Kontroleur, ein sehr zuvorkommender Mann, fagte: – Bitte, gehen Sie nur immer hinein und tragen Sie Ihre Bitte dem Herrn Direktor selber vor, der sie sicher genehmigen wird. Er ging hinein und begegnete fast augenblicklich Rahel, dem Mädchen, das er den ersten Abend mitgenommen hatte. Sie näherte sich ihm: – Guten Tag, Kleiner. Geht Dir's gut? – Sehr gut. Und Dir? – Mir nicht schlecht. Denk Dir mal, ich habe seit neulich zwei Mal von Dir geträumt! Duroy lächelte geschmeichelt: – Ah, und was bedeutet das? – Das bedeutet, daß Du mir gefallen hast und daß Du zu mir kommen kannst, wenn Du Lust hast. – Heute, wenn Du willst. – Schön, meinetwegen. – Heute – aber hör erst mal – Er zögerte, denn er war doch ein wenig verlegen über das, was er thun wollte: – Weißt Du, heute abend habe ich nicht einen roten Heller, ich komme eben aus dem Klub und habe alles verjeut. Sie blickte ihm forschend in die Augen. Sie ahnte, daß er löge, mit dem praktischen Instinkt der Dirne, die an allerlei Betrügereien und Versuche abzuhandeln von seiten der Männer gewöhnt ist und sagte: – Hör mal, nicht sohlen! Weißt Du, bei mir zieht das nicht. Er lächelte verlegen: – Wenn Du zehn Franken haben willst, das ist alles, was ich noch besitze. Sie murmelte mit der Gleichgiltigkeit einer Dirne, die sich mal einen Spaß leisten will: – Wieviel Du geben willst, Kleiner. Ich will nur Dich. Und sie blickte den Schnurrbart des jungen Mannes begehrend an, nahm seinen Arm, stützte sich verliebt darauf und sagte: – Komm, wir wollen erst mal einen Syrup trinken. Und dann bummeln wir noch 'n bißchen zusammen. Ich möchte gern in die Oper gehen, so mit Dir, um mich mit Dir zu zeigen. Und dann gehen wir zeitig nach Haus, nicht wahr?   Er schlief bis spät in den Tag hinein bei dem Mädchen, Es war schon hell, als er fortging und ihm kam der Gedanke, sofort die "Vis francaise" zu kaufen. Mit fiebernder Hand öffnete er die Zeitung, sein Artikel stand nicht darin. Er blieb auf dem Trottoir stehen und durchlief mit ängstlichem Auge die Druckspalten, in der Hoffnung, endlich das zu finden, was er suchte. Plötzlich fiel es ihm wie eine Last auf die Seele, denn nach den Anstrengungen der Nacht traf ihn dieses Ereignis, bei seiner Müdigkeit, wie ein reines Unglück. Er stieg in seine Wohnung hinauf und schlief angekleidet, wie er war, auf dem Bett ein. Als er ein paar Stunden später in die Redaktion kam, ließ er sich bei Herrn Walter melden und sagte: – Ich bin ganz erstaunt gewesen, heute früh meinen Artikel über Algerien nicht gefunden zu haben. Der Chef blickte auf und meinte trocken: – Ich habe ihn Ihrem Freunde Forestier gegeben mit der Bitte, ihn durchzulesen. Er fand ihn ungenügend, Sie müssen ihn noch einmal machen. Duroy ging wütend hinaus, ohne ein Wort zu sprechen und trat hastig in das Zimmer seines Kollegen: – Warum hast Du denn heute früh meinen Artikel nicht erscheinen lassen? Der Journalist rauchte eine Zigarette, lag im Lehnstuhl, hatte die Füße auf den Tisch gelegt, indem er mit den Absätzen einen eben begonnenen Artikel beschmutzte. Er sagte ganz ruhig in gelangweiligtem Ton, dumpf, als spräche er aus einem Loch heraus: – Der Chef hat ihn schlecht gefunden und hat mir aufgetragen, ich solle ihn Dir wiedergeben, damit Du ihn noch einmal machst. Na, da ist er! Dabei deutete er auf die unter einem Briefbeschwerer liegenden Blätter. Duroy wußte nicht, was er darauf sagen sollte, und wie er seine Arbeit in die Tasche steckte, fuhr Forestier fort: – Heute mußt Du zuerst auf die Präfektur gehen. Dann bedeutete er ihm eine ganze Anzahl von Geschäftsgängen und von Neuigkeiten, die einzuholen waren. Duroy ging, ohne die boshafte Antwort gefunden zu haben, die ihm auf der Zunge lag. Am nächsten Tag brachte er seinen Artikel wieder. Er bekam ihn von neuem zurück. Dann machte er ihn ein drittes Mal und als er abermals abgelehnt wurde, begriff er, daß er zu schnell hatte vorwärts wollen und daß nur Forestiers Unterstützung ihm den Weg ebenen könnte. Er sprach also nicht mehr über die »Erinnerungen eines Chasseur d'Afrique,« nahm sich vor, möglichst geschmeidig und schlau zu sein, weil er mußte, und, bis sich Besseres böte, eifrig seinem Reporterdienst nachzugehen. Er lernte die Kulissen des Theaters und die der Politik kennen, die Vorzimmer und Korridore der Staatsmänner, die Abgeordnetenkammer, die wichtigen Angesichter der Kabinetssekretäre und die verschiedenen mürrischen Mienen verschlafener Thürsteher. \<\</p\> Er hatte unausgesetzt zu thun mit Ministern, Portiers, Generälen, Polizeiagenten, Prinzen, Zuhältern, Dirnen, Botschaftern, Bischöfen, Kupplern, Emporkömmlingen, Herren von Welt, Falschspielern, Droschkenkutschern, Kellnern und einer Menge anderer Menschen. Er war der treue und verschwiegene Freund all dieser Leute geworden, er warf sie in seiner Achtung durcheinander, maß sie alle mit dem gleichen Maß, blickte sie mit denselben Augen an, da er sie täglich sah, zu jeder Stunde, ohne Veränderung und da er mit ihnen allen von denselben Dingen sprach, die seinen Beruf betrafen. Er verglich sich selbst mit einem Manne, der nach einander Proben der verschiedensten Weine kosten muß und bald dahin gelangt, den Chateau-Margaux vom Pariser Vorstadtgewächs nicht mehr zu unterscheiden. Mit der Zeit ward er ein vorzüglicher Reporter, der seine Erkundigungen sicher einzog, er ward gerissen, schnell, fein, eine wirkliche Perle für die Zeitung, wie der alte Walter meinte, der sich auf seine Redakteure auskannte. Aber da er nur zehn Centimes für die Zeile bekam außer seinen zweihundert Franken Fixum, und da das Leben auf den Boulevards, in den Cafés und Restaurants teuer ist, hatte er nie einen Sou in der Tasche und war außer sich über seine Dürftigkeit. Und er dachte, als er sah, wie verschiedene seiner Kollegen immer Geld vollauf besaßen, ohne daß er begreifen konnte, welche geheimen Mittel sie nur anwendeten, um es sich zu verschaffen: den Kniff muß ich auch 'rauskriegen. Und neidisch ahnte er allerlei verdächtige, ihm unbekannte Manipulationen, erwiesene Dienste, ein ganzes Schleichhandelsystem auf Gegenseitigkeit. Dahinter mußte er noch kommen, er mußte in diese unter einer Decke steckende Geheimzunft aufgenommen werden und die Kollegen zwingen, mit ihm zu teilen. Und oft zerbrach er sich abends, wenn er von seinem Fenster aus die Züge hin und her eilen sah, den Kopf, wie er das wohl anstellen könnte. V Zwei Monate waren vergangen. Der September nahte, und das Glück, das Duroy schnell erhofft, schien recht langsam zu kommen. Vor allen Dingen ärgerte ihn die untergeordnete Stellung, die er einnahm, und er sah noch keinen Weg, wie er die Höhen des Lebens erklimmen könnte, wo Ansehn, Macht und Geld winkten. Er war verdammt zu diesem höchst mäßigen Reporterberufe, eingemauert darin, einen Ausgang suchend und sah keinen. Man schätzte ihn zwar, aber man achtete ihn doch nur seiner Stellung gemäß. Selbst Forestier, dem er Dienste leistete, lud ihn nicht mehr zum Essen ein, behandelte ihn im ganzen wie einen Untergebenen, wenn er ihn schon als alten Freund duzte. Ab und zu allerdings bot sich Duroy die Gelegenheit, einen kleinen Artikel einzuschmuggeln. Und da er durch seine Lokalnachrichten einige Federgewandtheit und einen gewissen Takt sich erworben, der ihm noch gefehlt, als er seinen zweiten Artikel über Algerien schrieb, lief er nicht mehr Gefahr, daß man seine aktuellen Arbeiten nicht annahm. Aber von dieser Thätigkeit bis zu Feuilletons oder bis zur kritischen Beleuchtung politischer Tagesfragen in Leitartikeln ganz nach seiner Phantasie und nach seinem Wunsch, war ein Sprung wie vom Kutscher, der durch das Bois de Boulogne fährt, bis zum Herrn, der das eigene Gespann lenkt. Was ihn vor allen Dingen demütigte, war das Gefühl, daß ihm die Gesellschaft verschlossen blieb, daß er keine Beziehungen hatte, wo er als Gleicher unter Gleichen galt, daß er den Damen nicht näher kam, obgleich ihn hier und da einmal eine bekannte Schauspielerin aus Berechnung etwas familiär empfangen hatte. Dabei wußte er aus Erfahrung, daß er über alle Damen von Welt wie Halbwelt eine gewisse Gewalt besaß, eine plötzliche Sympathie, die jedesmal für ihn erwachte, und, ungeduldig wie ein Pferd, das der Zügel zurückhält, grollte er darüber, daß er diejenige nicht kennen lernte, in deren Hand seine Zukunft lag. Er hatte oft daran gedacht, Frau Forestier einen Besuch zu machen. Aber der Gedanke an ihre letzte Begegnung hielt ihn ab und demütigte ihn. Auch erwartete er eine Aufforderung des Mannes. Da dachte er wieder an Frau von Marelle und erinnerte sich, daß sie ihn doch gebeten hatte, sie zu besuchen. Und eines Nachmittags, als er gerade nichts vorhatte, ging er zu ihr. – Bis drei Uhr bin ich immer zu Haus, hatte sie gesagt. Sie wohnte in der Rue de Verneuil im vierten Stock. Er klingelte an ihrer Türe um halb drei. Ein Mädchen machte auf mit etwas unordentlichem Haar; sie band sich erst die Haube fest, während sie antwortete: – Ja, die gnädige Frau ist zu Haus. Aber ich weiß nicht, ob sie schon auf ist. Und sie öffnete die Thür des Salons, die nicht geschlossen war. Duroy trat ein. Der Raum war ziemlich groß, mit wenigen Möbeln ausgestattet und sah etwas lüderlich aus. Die etwas verbrauchten Stühle mit ihrem abgenutzten Überzug, standen längs der Wände in einer gewissen Ordnung, wie sie eben die dienstbaren Geister gestellt. Nirgends merkte man etwas von der Hand einer Frau, die auf ihr Heim hält. Vier armselige Bilder, ein Boot auf dem Fluß, ein Schiff auf dem Meer, eine Mühle in der Ebene und Holzfäller im Walde, hingen an ungleichen Schnuren schief an der Wand. Man ahnte, daß sie schon seit langer Zeit so hingen, weil es dem Auge der Herrin gleichgiltig war. Duroy setzte sich und wartete. Er wartete lange. Dann öffnete sich eine Thür und Frau von Marelle stürmte herein in einem japanischen Morgenrock aus rosa Seide, auf den in Gold Landschaften gestickt waren, blaue Blumen und weiße Vögel. Und sie rief: – Denken Sie bloß, daß ich noch zu Bett war! Das ist aber nett von Ihnen, mich zu besuchen. Ich dachte schon, Sie hätten mich vergessen! Sie hielt ihm mit freudiger Miene beide Hände entgegen, und Duroy, dem die mäßige Eleganz der Wohnung eine gewisse Sicherheit gab, nahm sie und küßte die eine, wie er es von Norbert von Varenne gesehen. Sie bat ihn, Platz zu nehmen. Dann musterte sie ihn von Kopf zu Fuß: – Nein, wie Sie sich verändert haben! Aber zum Vorteil! Paris scheint Ihnen gut zu thun. Nun erzählen Sie mir aber etwas Neues. Und sofort fingen sie an zu schwatzen, als ob sie alte Bekannte wären, indem eine plötzliche Familiarität zwischen ihnen erwachte, und sie fühlten, daß sie ein Strom von Vertrauen, Intimität und Zuneigung zusammenband, der Wesen vom selben Charakter und derselben Art binnen fünf Minuten zu Freunden macht. Plötzlich unterbrach sich die junge Frau und sagte erstaunt: – Es ist doch sonderbar, wie ich mit Ihnen bin. Mir ist´s, als kennte ich Sie schon seit zehn Jahren. Wir wollen gute Freunde sein! Wollen Sie? Er antwortete: – Aber natürlich! – mit einem Lächeln, das noch mehr bedeutete. Er fand sie sehr verführerisch in ihrem Morgenrock, so leuchtend und weich, weniger fein als die andere in ihrem weißen Morgenkleide, weniger zart, weniger Katze, aber aufregender, gepfefferter. Wenn er Frau Forestier neben sich fühlte, mit ihrem stereotypen, graziösen Lächeln, das anzog und abstieß zugleich, das zu sagen schien: du gefällst mir, aber im selben Atem: hüte Dich, dessen wahren Sinn man nie verstand, dann überkam ihn vor allen Dingen der Wunsch, ihr zu Füßen zu stürzen oder die seinen Spitzen an ihrem Halse zu küssen und langsam den warmen, parfümierten Duft einzuatmen, der aus ihrem Busen strömte. Bei Frau von Marelle empfand er ein gröberes, bestimmteres Gefühl, einen Wunsch, der durch seine Finger zuckte, angesichts ihrer unter der leichten Seide hervortretenden Formen. Sie sprach immer noch und aus jedem Satz leuchtete die Grazie ihres Geistes, die ihr zur zweiten Natur geworden, wie ein Arbeiter die schwierigsten Dinge mit spielender Leichtigkeit vollbringt, zum größten Erstaunen der Zuschauer – weil er es eben gewöhnt ist. So hörte Duroy ihr zu und dachte: das müßte man sich aufschreiben, man brauchte die bloß über die Tagesereignisse ein bißchen schwatzen zu lassen und könnte daraus reizende Pariser Feuilletons machen. Aber es klopfte leise, ganz leise an der Thür, durch die sie eingetreten, und sie rief: – Du kannst 'rein kommen, Kleine! Das kleine Mädchen erschien, ging sofort auf Duroy zu und reichte ihm die Hand. Die Mutter sagte erstaunt: – Da haben Sie aber eine Eroberung gemacht! Ich kenne sie ja gar nicht wieder. Der junge Mann hatte das Kind geküßt, ließ es an seiner Seite niedersitzen und erkundigte sich nun mit ernster Miene und ein paar spaßigen Fragen darnach, was Laurachen getrieben, seit sie sich nicht gesehen. Sie antwortete mit leise flötender Stimme und dem Benehmen einer Erwachsenen. Die Uhr schlug drei. Der Journalist stand auf. – Kommen Sie doch öfters, sagte Frau von Marelle. Dann schwatzen wir wie heute. Ich werde mich freuen, Sie zu sehen. Aber warum sieht man Sie denn nicht mehr bei Forestiers? Er antwortete: Ach, ich weiß nicht, ich habe viel zu thun. Vielleicht treffen wir uns dort an einem dieser Tage. Und er ging; in gehobener Stimmung, ohne daß er wußte warum. Forestier sagte er nichts von dem Besuch. Aber die folgenden Tage erinnerte er sich noch daran. Ja, es war mehr als Erinnerung. Er hatte eine Art von Gefühl, als sei diese Frau im Geiste beharrlich in seiner Nähe. Es war ihm, als hätte er etwas von ihr mit fortgenommen. Das Bild ihres Äußeren stand ihm noch vor Augen, und die ganze Anmut ihres Seins und Wesens hatte sich in sein Herz tief eingeprägt. Er blieb in ihrem Bann, wie es einem manchmal geht, wenn man ein paar schöne Stunden mit einem Menschen verlebt. Man meint ganz besessen zu sein von diesem seltsamen, intimen, köstlichen, verwirrenden Reiz, weil er etwas wie von einem Geheimnis hat. Nach ein paar Tagen machte er einen zweiten Besuch. Das Mädchen führte ihn in den Salon und die kleine Laura erschien sofort. Sie streckte ihm nicht bloß die Hand entgegen, sondern bot ihm gleich die Stirn und sagte: – Mama läßt Sie bitten, zu warten. Es dauert noch eine Viertelstunde, sie ist noch nicht angezogen. Ich werde Ihnen inzwischen Gesellschaft leisten. Duroy machte die förmliche Art des kleinen Mädchens Spaß: – Sehr wohl, gnädiges Fräulein. Ich bin glücklich, eine Viertelstunde mit Ihnen verbringen zu dürfen. Aber das sage ich Ihnen gleich: ich bin gar nicht etwa sehr ernst aufgelegt, ich mache nur Dummheiten! Wollen wir nicht haschen spielen? Das kleine Mädchen war ganz betroffen, dann lächelte sie wie eine Dame über diese Idee, die sie ein bißchen kränkte und in Verwunderung setzte. Und sie sagte: – Im Zimmer kann man das nicht spielen. Er antwortete: – Das ist mir ganz gleich. Ich spiele überall. Also nun los. Jetzt haschen Sie mich mal. Und nun lief er um den Tisch und reizte sie, ihn zu verfolgen, während sie ihm lächelnd mit einer Art herablassender Artigkeit folgte, ab und zu einmal die Hand ausstreckte, um ihn zu berühren, aber sich doch nicht herbeiließ, auch nur einen Schritt zu laufen. Er blieb halten, duckte sich, und als sie mit ihrem kleinen, zögernden Schritte näher kam, schnellte er empor, wie der Teufel aus dem Kasten springt, und machte dann ein paar mächtige Sätze bis zum andern Ende des Salons. Sie fand das komisch, lachte endlich, wurde angeregt und begann hinter ihm herzulaufen, indem sie einen fröhlichen oder ängstlichen Ruf ausstieß, wenn sie glaubte ihn zu fangen. Er schob die Stühle hin und her, baute Hindernisse damit, und zwang sie darum herumzulaufen, rannte dann davon und nahm wieder einen anderen Stuhl. Die kleine Laura sprang jetzt hin und her und war ganz Feuer und Flamme im neuen Spiel. Mit rosigem Gesichtchen stürzte sie sich wie ein glückliches Kind mit einem großen Satze auf ihn, jedesmal, wenn er floh, jedesmal, wenn er eine List gebrauchte, jedesmal, wenn er sie angeführt. Da plötzlich, als sie meinte, jetzt hätte sie ihn gleich, nahm er sie in die Arme, hob sie bis zur Decke empor und rief: – Gefangen! Das kleine Mädchen war glückselig, strampelte mit den Beinen, um sich loszumachen und lachte aus vollem Halse. Da trat Frau von Marelle ein und rief ganz erstaunt: – Aber so was! Laurachen ... Laurachen spielt! Nein, Herr Duroy, Sie sind wirklich ein Hexenmeister! Er setzte das kleine Mädchen wieder zu Boden, küßte die Hand der Mutter und sie nahmen Platz, das Kind zwischen sich. Sie wollten schwatzen, aber Laurachen, die immer noch beim Spiel war, obwohl sonst so stumm, schwatzte nun fortwährend und mußte auf ihr Zimmer geschickt werden. Sie gehorchte ohne Widerrede, aber sie hatte Thränen in den Augen. Sobald sie allein waren, ließ Frau von Marelle die Stimme sinken: – Denken Sie mal, ich habe einen großen Plan und habe dabei an Sie gedacht. Es ist nämlich Folgendes. Ich esse jede Woche einmal bei Forestiers und ab und zu revanchiere ich mich und lade sie ins Restaurant ein. Ich liebe es nicht, bei mir Gesellschaften zu geben, ich passe nun mal nicht dazu. Übrigens verstehe ich auch nichts von der Wirtschaft, und gar von der Küche, aber auch garnichts. Ich liebe es, ungebunden zu leben. Also ich lade sie ab und zu ins Restaurant ein. Aber wenn wir bloß zu dritt sind, ist's nicht gerade sehr lustig! Und meine übrigen Bekannten passen nicht recht zu ihnen. Ich sage Ihnen das, um Ihnen eine Einladung, die etwas außergewöhnlich ist, zu erklären. – Sie begreifen, nicht wahr, – also wollen Sie nächsten Sonnabend im Café Riche um halb acht mit uns essen? Sie kennen doch das Restaurant? Er nahm mit großer Freude an und sie fuhr fort: – Wir sind bloß zu vieren! Zwei Herren und zwei Damen. Solche kleinen Feste sind riesig spaßhaft für uns Damen, die wir das nicht gewöhnt sind. Sie trug ein dunkelbraunes Kleid, das kokett und herausfordernd ihre Taille, ihre Hüften, ihre Brust, ihre Arme abzeichnete. Und Duroy empfand etwas wie ein verlegenes Staunen, beinahe ein Geniertsein, dessen Grund er nicht begriff, darüber, wie wenig die raffinierte und gewählte Eleganz ihrer Kleidung zu der offenbaren Gleichgiltigkeit, die sie für ihre Wohnung an den Tag legte, paßte. Alles, was sie an hatte, alles, was direkt ihren Körper berührte, war zart und fein, aber was um sie herum war, schien ihr gleichgiltig zu sein. Er verließ sie, indem er wie damals das Gefühl ihrer Nähe, wie eine Art Sinnestäuschung, in seiner Seele behielt, und er erwartete den Tag des Diners mit wachsender Ungeduld. Zum zweiten Mal hatte er sich einen Frack geborgt, denn seine Mittel erlaubten ihm noch nicht, dieses Kleidungsstück zu kaufen. Er war der erste beim Stelldichein. Ein paar Minuten vor der festgesetzten Stunde. Man wies ihn zum zweiten Stock in einen kleinen rottapezierten Salon, dessen einziges Fenster auf den Boulevard ging. Ein viereckiger Tisch, vier Gedecke darauf, stand da mit feinem weißen Tischtuch, das leuchtete als wäre es lackiert. Und die Gläser, die Bestecke, der Speisewärmer glänzten lustig beim Schein von zwölf Lichtern auf zwei hohen Armleuchtern. Draußen sah man einen großen, hellgrünen Fleck: die Blätter eines Baumes, den das Licht aus den Cabinets particuliers bestrahlte. Duroy setzte sich auf ein niedriges Sofa, das rot war wie die Tapete und dessen lahme Federn sich tief unter ihm bogen, so daß er ein Gefühl empfand, als sinke er in ein Loch. Man vernahm in dem ganzen, großen Hause einen unbestimmten Lärm, jenes Geräusch der großen Restaurants, von hin- und hergetragenem Porzellan, Gläsern, Silber, vom eiligen Hin- und Hergehen der Kellner, das durch die Teppiche auf den Gängen gedämpft wird, von dem Schlagen der Thüren, die einen Augenblick offen gelassen und aus denen man dann das Stimmengewirr aus all den Räumen, wo Leute bei Tische sitzen, hört. Forestier trat ein und drückte ihm freundschaftlich die Hand, wie er es in der Redaktion der ›Vie française‹ nie that. – Die beiden Damen kommen zusammen, sagte er. Diese kleinen Diners sind sehr nett. Dann musterte er den Tisch, drehte die Gasflamme, die klein brannte, ganz aus, schloß einen Fensterflügel aus Furcht vor Zug und wählte sich einen recht geschützten Platz, indem er sagte: – Ich muß mich sehr in Acht nehmen. Jetzt ist mir's vier Wochen lang besser gegangen, aber vor ein paar Tagen habe ich wieder was erwischt: ich muß mich am Dienstag erkältet haben, als ich aus dem Theater kam. Die Thür ging auf, und vom Oberkellner gefolgt erschienen die beiden jungen Frauen tief verschleiert, und mit jener gewissen Heimlichkeit, die Damen annehmen, wenn sie in solche Lokale treten, wo Begegnungen zweifelhafter Art nicht ausgeschlossen sind. Als Duroy Frau Forestier begrüßte, machte sie ihm Vorwürfe darüber, daß er sie nicht wieder besucht hatte. Und dann fügte sie hinzu, indem sie ihre Freundin lächelnd anblickte: – Sehen Sie, Sie ziehen mir eben Frau von Marelle vor. Für die haben Sie Zeit. Dann setzte man sich und Frau von Marelle rief dem Oberkellner zu, der Forestier die Weinkarte gereicht hatte: – Bringen Sie den Herren, was sie wünschen. Uns aber Sekt und zwar vom besten und süß muß er sein. Weiter nichts. Als der Kellner hinausgegangen war, sagte sie mit übermutigem Lachen: – Heute abend trinke ich mir einen Schwips an. Kinder, heute abend müssen wir uns amüsieren, mal wirklich amüsieren! Forestier, der es nicht gehört zu haben schien, fragte: – Ist's Ihnen gleich, wenn ich das Fenster schließe? Ich bin seit einigen Tagen erkältet. – Gewiß! Er schloß also auch noch den anderen Flügel und setzte sich zufrieden und beruhigt. Seine Frau sagte nichts, sie schien in Gedanken, und den Blick auf den Tisch gerichtet, starrte sie mit jenem unbestimmten Lächeln, das immer etwas zu versprechen schien, ohne je etwas zu halten, auf die Gläser. Es wurden Ostender Austern gebracht, klein und fett, wie winzige Ohren in einer Muschel, die gleich salzigen Bonbons auf Gaumen und Zunge schmelzen. Dann wurden nach der Suppe Forellen serviert, rosig wie die Haut eines jungen Mädchens. Und man fing an, sich zu unterhalten. Zuerst sprach man von allerlei Klatsch, der herumgetragen ward, erzählte von einer Dame aus der Gesellschaft, die von einem Freunde ihres Mannes dabei erwischt worden, wie sie im Cabinet particulier mit einem ausländischen Prinzen zu Abend speiste. Forestier lachte laut über die Geschichte. Die beiden Frauen erklärten, daß der indiskrete Schwätzer ein Schuft sei und ein Feigling dazu. Duroy war ganz ihrer Ansicht und erklärte mit Betonung, daß ein Mann, sei er nun der Schuldige, der Vertraute oder der einfache Zeuge, in solchen Fällen die Pflicht habe, zu schweigen wie das Grab. Er fügte hinzu: – Was für nette Sachen könnte man erleben, wenn man immer gegenseitig auf absolute Diskretion rechnen könnte. Ich glaube, was die Frauen oft, sehr oft, beinahe immer zurückhält, ist die Furcht, das Geheimnis möchte nicht gewahrt bleiben. Dann schloß er lächelnd: – Habe ich nicht recht? Wieviele würden einem plötzlichen Wunsche folgen, der aufsteigenden zwingenden Laune einer Stunde, einem Liebestraum, wenn sie nicht fürchteten, ein kurzes, flüchtiges Glück mit einem nicht wieder gutzumachenden Skandal und schmerzlichen Thränen zu bezahlen! Er sprach mit einer überzeugenden Wärme, als plädiere er für einen bestimmten Fall, in eigener Sache, als ob er sagen wollte: bei mir wäre so etwas nicht zu befürchten, versuchts nur einmal. Sie betrachteten ihn beide mit verständnisinnigen Blicken, fanden, daß er sehr recht hätte und bezeigten durch ihr freundschaftliches Schweigen, daß ihre schwache pariserische Moral bei der Gewißheit, das Geheimnis gewahrt zu wissen, vielleicht nicht lange Widerstand leisten würde. Und Forestier, der mit untergeschlagenen Beinen beinahe auf dem Sofa lag, die Serviette in der Weste, um den Frack nicht zu beschmutzen, erklärte plötzlich mit einem halbüberzeugten, halb skeptischen Lächeln: – Zum Donnerwetter ja, man würde sich schon was leisten, wenn man aufs Schweigen rechnen könnte. Verflucht noch einmal, die armen Ehemänner! Nun fing man an, von der Liebe zu sprechen. Duroy wollte nicht gerade behaupten: sie sei für die Ewigkeit geschaffen, aber meinte doch, sie wäre von Dauer, wenn sie ein Band von zarter Freundschaft, von Vertrauen schüfe. Die sinnliche Liebe sei nur das Siegel auf den Herzensbund. Aber er war empört über quälerische Eifersucht, über die Dramen, die Szenen, all das Elend, das einen Bruch fast immer begleitet. Als er schwieg, seufzte Frau von Marelle: – Ja, das ist das einzig Schöne im Leben, und wir verderben es uns immer, indem wir Unmögliches fordern. Frau Forestier fügte, mit ihrem Messer spielend, hinzu: – Ja, es ist schön geliebt zu sein! Und sie schien ihre Träume noch weiter zu spinnen und an Dinge zu denken, die sie nicht zu sagen wagte. Als der folgende Gang auf sich warten ließ, tranken sie von Zeit zu Zeit einen Schluck Champagner, zu dem sie kleine Stückchen Brot knabberten. Der Gedanke an die Liebe, die sich langsam nähert und einen erfaßt, drang in sie hinein und machte ihre Seelen allmählich trunken wie der helle Wein, der Schluck um Schluck durch die Kehle rann, ihnen das Blut hitzte und das Hirn verwirrte. Der Kellner brachte zarte, kleine Hammelkoteletts, die auf einer dünnen Schicht von Spargelspitzen ruhten. – Verflucht, das schmeckt fein! – rief Forestier. Und sie aßen langsam und genossen das zarte Fleisch und das Gemüse, das weich war wie Butter. Duroy fuhr fort: – Wenn ich eine Frau liebe, versinkt die ganze Welt um sie. Er sagte das ganz überzeugt, indem er sich am Gedanken dieses Liebesgenusses begeisterte und sich wohlig fühlte bei den Tafelfreuden, die er genoß. Frau Forestier murmelte in ihrer Art, als ginge es sie gar nichts an: – Es giebt kein Glück, das man jenem ersten Händedruck vergleichen kann, wenn die eine Hand fragt: liebst du. mich und die andere sagt: ja, ich liebe dich. Frau von Marelle, die eben auf einen Zug wieder ihren Champagnerkelch geleert, sagte fröhlich, indem sie das Glas hinsetzte: – Ich denke weniger platonisch. Alle fingen an zu lächeln, und ihre Augen glänzten, indem sie diesem Worte zustimmten. Forestier streckte sich auf dem Sofa aus, öffnete die Arme, stützte sie durch Kissen und sagte ernsthaft: – Diese Offenheit gereicht Ihnen zur Ehre und beweist, daß Sie eine praktische Frau sind. Aber darf man vielleicht wissen, wie Herr von Marelle darüber denkt? Sie zuckte langsam die Achseln mit unendlicher Verachtung und antwortete dann bestimmt: – Herr von Marelle denkt darüber überhaupt nicht. Er kennt nur, nur .... Entsagung. Und das Gespräch sank von höheren Gesichtspunkten über die Liebe nun in den Blumengarten kleiner Zötchen. Jetzt wurden geschickt kleine Zweideutigkeiten angebracht und durch Worte Dinge entschleiert, wie man ein Kleid etwas lüftet. Nun begannen Wortspiele und hübsch eingekleidete Dreistigkeiten, allerhand Unkeuschheiten, und mit versteckten Anspielungen wurden die unerhörtesten Dinge gesagt, die vor Augen und Geist plötzlich die Vorstellung von dem erwecken, was man nicht sagen kann, und den Leuten der Gesellschaft eine Art verfeinerter, geheimnisvoller Zärtlichkeit gestatten, den Austausch schmutziger Gedanken durch die gleichzeitige Erzeugung des aufregenden sinnlichen Bildes des Geschlechtsverkehrs und all der heimlichen, unanständigen Dinge, die mit dem Wunsch der körperlichen Vereinigung verknüpft sind. Man hatte den Braten gebracht, Rebhühner mit Wachteln garniert, dann Erbsen, darauf Gänseleberpastete mit einem Salat kleiner gezackter Blätterchen, die wie grünes Moos eine große Salatschüssel, einer Waschschale gleich, füllten. Sie hatten von allem gegessen, ohne eigentlich etwas davon zu schmecken, ohne es zu merken und nur mit dem beschäftigt, worüber sie sprachen, wie in ein Bad von Liebe getaucht. Die beiden Frauen fingen nun an, noch stärkere Dinge zu sagen. Frau von Marelle mit natürlichem Wagemut, der beinahe wie eine Herausforderung klang, Frau Forestier mit reizender Zurückhaltung, einer Scham in Ton, Stimme, Lächeln, in der ganzen Haltung, die doppelt unterstrich, während sie doch die gewagten Dinge, die sie sagte, abzuschwächen schien. Forestier wälzte sich auf den Kissen, lachte, trank, aß ununterbrochen und warf ab und zu eine so unglaubliche Redensart dazwischen, daß die Frauen doch ein wenig verletzt waren durch die Form, und der Form wegen auf ein paar Augenblicke eine genierte Miene annahmen. Als er ein paar zu grobe Späße losgelassen, fügte er selbst hinzu: – Kinder, Kinder, wenn's so fort geht, macht ihr noch Dummheiten! Das Dessert kam, dann der Kaffee. Der Likör brachte in die erregten Geister eine schwerere und schwülere Trunkenheit. Frau von Marelle war, wie sie es schon vorausgesagt, als sie sich zu Tisch setzten, ein bißchen angeheitert: und mit der lustigen, schwatzhaften Liebenswürdigkeit einer Frau, die, um ihre Gäste zu erheitern, einen ganz kleinen Schwips übertreibt, gestand sie es auch ein. Frau Forestier schwieg jetzt, vielleicht aus Vorsicht, und Duroy, der zuviel getrunken hatte, blieb, um sich nicht zu kompromittieren, in geschickter Reserve. Zigaretten wurden angesteckt, doch plötzlich fing Forestier an zu husten. Er bekam einen schrecklichen Anfall, der ihm die Brust zerriß, und mit rotem Gesicht, Schweiß auf der Stirn, hielt er sich die Serviette vor. Als der Anfall vorübergegangen war, rief er wütend: – Ich kann nun mal solche Sachen nicht vertragen! Es ist zu dumm! Seine gute Laune war verschwunden bei dem Schreck über seine Krankheit, der alle seine Gedanken beherrschte. – Wir wollen gehen, sagte er. Frau von Marelle klingelte dem Kellner und verlangte die Rechnung. Sie bekam sie fast augenblicklich. Sie versuchte sie zu lesen, aber die Zahlen tanzten vor ihren Augen, und sie gab das Papier an Duroy: – Da bitte, bezahlen Sie für mich, ich kann nichts mehr sehen, ich habe einen zu großen Schwips. Zu gleicher Zeit schob sie ihm ihr Portemonnaie in die Hand. Die Rechnung betrug im ganzen einhundertdreißig Franken. Duroy prüfte sie, fand, daß sie stimmte, gab zwei Kassenscheine, nahm das Geld, das er herausbekam, und fragte halblaut: – Wieviel Trinkgeld? – Ach, was Sie wollen, ich weiß nicht! Er legte fünf Franken auf den Teller und reichte dann der jungen Frau das Portemonnaie zurück mit den Worten: – Soll ich Sie bis an Ihr Haus begleiten? – Natürlich. Ich finde mich absolut nicht mehr nach Haus. Sie drückten Forestiers die Hand, und Duroy war allein mit Frau von Marelle in einer Droschke, die die Straße hinabrollte. Er fühlte sie an seiner Seite so nahe, eingeschlossen mit ihr in diesem dunklen Kasten, den ab und zu während einer Sekunde die Gasflammen vom Trottoir her erleuchteten. Durch den Ärmel hindurch empfand er die Wärme ihrer Schulter. Er wußte nichts, aber auch gar nichts zu sagen, denn sein Geist war wie gelähmt von dem Wunsch, sie in die Arme zu schließen. Er dachte: wenn ich´s nun riskierte, was würde sie wohl thun? Und der Gedanke an all die Zweideutigkeiten, die sie während des Essens gesagt, gab ihm Mut, aber zu gleicher Zeit hielt ihn die Furcht vor einem Skandal zurück. Auch sie sprach nicht und lehnte unbeweglich in der Ecke. Er hätte denken können, daß sie schliefe, wenn er nicht jedesmal, wenn ein Lichtstrahl in den Wagen siel, ihre Augen hätte leuchten sehen. Was dachte sie? Er fühlte wohl, daß er nicht sprechen durfte. Ein Wort, ein einziges Wort, das die Stille unterbrach, konnte alle seine Aussichten zerstören. Aber der Mut fehlte ihm, der Mut zur That. Plötzlich fühlte er ihren Fuß sich bewegen. Sie hatte eine kurze, nervöse Bewegung ungeduldig oder herausfordernd gemacht, und bei der fast unfühlbaren Berührung lief ihm von Kopf bis zu Füßen ein Schauer über die Haut. Da plötzlich drehte er sich herum, warf sich über sie und suchte mit dem Munde ihre Lippen und ihren bloßen Körper mit der Hand. Sie schrie nur ganz schwach, wollte sich aufrichten, sich wehren, ihn zurückstoßen, dann gab sie nach, als ob ihr die Kraft gefehlt, länger zu widerstreben. Aber der Wagen hielt bald vor ihrem Hause, und Duroy konnte in seiner Überraschung nicht gleich Worte der Leidenschaft finden, um ihr seine dankbare Liebe auszudrücken. Aber sie erhob sich nicht, bewegte sich nicht, sie war ganz verstört durch das, was geschehen. Da fürchtete er, der Kutscher möchte Verdacht schöpfen und stieg zuerst aus, um der jungen Frau die Hand zu reichen. Endlich kletterte auch sie stolpernd, ohne ein Wort zu sprechen, aus der Droschke. Er klingelte, und da sich die Tür öffnete, fragte er zitternd: – Wann werde ich Sie wiedersehen? Sie murmelte so leise, daß er es kaum verstand: Kommen Sie morgen zu mir zum Frühstück. Sie verschwand im Dunkel des Flurs; hinter ihr fiel der schwere Thürflügel mit lautem Krach ins Schloß. Er gab dem Kutscher fünf Franken und ging seines Weges, schnell und triumphierend, unsägliche Wonne im Herzen. Endlich hatte er eine erwischt, eine verheiratete Frau, eine Dame der Gesellschaft, der wirklichen, der Pariser Gesellschaft. Wie das leicht und plötzlich gegangen war! Er hatte sich bis dahin eingebildet, daß, um sich einem der so begehrten Geschöpfe zu nähern und es zu gewinnen, lange Mühe, unendliche Geduld, eine geschickte Belagerung mit allerhand Artigkeiten, Liebesworten, Seufzern und Geschenken nötig sei. Und nun ergab sich ihm plötzlich beim ersten Angriff die erste, der er begegnet, so schnell, daß er ganz paff war. Sie war betrunken, dachte er, morgen wird's ganz anders klingen, morgen wird sie wohl heulen. Dieser Gedanke beunruhigte ihn etwas. Aber dann sagte er: na meinetwegen, jetzt habe ich sie nun mal und lasse sie nicht, wieder los. Und in den verrückten Phantasien, die seine Hoffnungen annahmen, seine Träume von Größe, Erfolg, Berühmtheit, Glück und Liebe, sah er plötzlich, etwa so wie ganze Reihen von Tänzerinnen, in der Theaterapotheose, eine ganze Prozession von eleganten, einflußreichen Frauen vor sich, die lächelnd vorübergingen, um eine nach der andern in den goldenen Wolken seiner Träume zu verschwinden. Als er am nächsten Tag die Treppe zu Frau von Marelle hinaufging, war er etwas erregt. Wie würde sie ihn empfangen? Und wenn sie ihn nicht annahm, wenn sie verboten hatte, daß er angenommen würde! Wenn sie erzählte, – aber nein, sie konnte nichts sagen, ohne die ganze Wahrheit erraten zu lassen. Er war Herr der Situation. Wieder öffnete das kleine Dienstmädchen die Thür. Sie machte ein Gesicht wie sonst. Und er wurde ruhiger, da er sich eingebildet hatte, das Mädchen müsse erschrocken dreinschaun. Er fragte: – Ist gnädige Frau wohl? Sie antwortete: – Jawohl, wie immer. Und sie ließ ihn in den Salon treten. Er ging gerade auf den Kamin zu, um seine Frisur und seinen Anzug zu mustern; als er vor dem Spiegel seine Kravatte zurecht zog, sah er die junge Frau darin, die ihn anblickte, von der Schwelle ihres Zimmers aus. Er that, als hätte er sie nicht bemerkt, und sie beobachteten sich ein Paar Sekunden im Spiegel, belauerten sich, ehe sie vor einander standen. Er drehte sich herum. Sie war nicht von der Stelle gewichen und schien zu warten. Er trat vor und stammelte: – Ich liebe Sie so sehr! Ich liebe Sie – ich liebe Sie! Sie öffnete die Arme und sank an seine Brust. Dann hob sie den Kopf zu ihm und sie küßten sich lange. Er dachte: das ging leichter als ich geglaubt hatte, es fluscht! Und als sich ihre Lippen trennten, lächelte er ohne ein Wort zu sagen, indem er versuchte, in seinen Blick unendliche Liebe zu legen. Auch sie lächelte, mit jenem Lächeln, mit dem die Frauen ihre Wünsche, ihr Gewähren, ihre Bereitwilligkeit, sich hinzugeben, auszudrücken pflegen. Sie flüsterte: – Wir sind allein. Ich habe Laurachen zum Frühstück zu einer Freundin geschickt. Er seufzte und küßte ihr die Hand. – Tausend Dank, ich bete Dich an! Dann hakte sie sich in seinen Arm, als ob er ihr Mann wäre, und führte ihn ans Sofa, wo sie sich Seite an Seite niederließen. Er wollte das Gespräch auf geschickte, verführerische Weise beginnen. Aber da er nichts fand, wie er es sich wünschte, stammelte er: – Du bist also nicht zu böse? Sie legte ihm eine Hand auf den Mund: – Sei ruhig! Sie blieben schweigend Hand in Hand sitzen und blickten sich an, und er sagte: – Wie ich mich nach Dir gesehnt habe! Sie wiederholte: – Sei ruhig! Man hörte, wie das Mädchen im Nebenzimmer mit Tellern klapperte. Er stand auf: – Ich will nicht so nah bei Dir bleiben, ich verliere ganz den Kopf. Die Thür öffnete sich: – Es ist angerichtet. Und er bot ihr förmlich den Arm. Sie frühstückten, einander gegenübersitzend, und blickten sich unausgesetzt lächelnd an, nur mit sich selbst beschäftigt, ganz gefangen von jenem süßen Netz einer beginnenden Liebschaft. Sie aßen, ohne zu wissen was. Er fühlte einen kleinen Fuß unter dem Tisch und nahm ihn zwischen die seinen und behielt ihn, indem er ihn mit aller Kraft drückte. Das Mädchen kam und ging, brachte die Schüsseln und nahm die Speisen wieder fort mit gleichgiltigem Gesicht, sie schien nichts zu merken. Nachdem sie mit essen fertig waren, gingen sie in den Salon und setzten sich wieder Seite an Seite aufs Sofa. Allmählich schmiegte er sich an sie an, und versuchte sie zu umarmen. Aber sie wehrte ihn ruhig ab. – Vorsicht! Es könnte jemand hereinkommen. Er flüsterte: – Wann könnte ich Dich einmal allein sehen, um Dir recht zu sagen, wie ich Dich liebe? Sie neigte sich zu ihm und sagte ihm leise ins Ohr: – Ich mache Dir dieser Tage einen kleinen Besuch. Er fühlte, wie er rot ward: – Aber bei mir – bei mir ist es sehr bescheiden – Sie lächelte: – Thut nichts. Ich will doch Dich besuchen und nicht die Wohnung! Da drang er in sie, wann sie kommen würde; sie bestimmte einen Tag in der folgenden Woche, und er bat sie mit stotternden Worten, leuchtenden Augen, indem er sie befühlte, ihr die Hände drückte mit rotem, fieberhaftem Gesicht, durchwühlt von Begierde, von jener ungestümen Begierde wie sie nach einer Mahlzeit zu Zweien erwacht, sie solle doch einen näheren Termin bestimmen. Es machte ihr Spaß, daß er mit solchem Ungestüm bat, und bei seinen Worten ließ sie in Zwischenräumen immer einen Tag ab. Endlich rief er: – Morgen, sage doch morgen! Sie war einverstanden: – Gut, morgen um fünf! Er stieß einen langen Freudenseufzer aus, und sie schwatzten nun fast ruhig mit solcher Vertraulichkeit, als kennten sie sich schon seit zwanzig Jahren. Es klingelte und sie fuhren zusammen. Wie auf Kommando entfernten sie sich ein Stück von einander. Sie murmelte: – Das wird Laurachen sein. Das Kind erschien, blieb verwirrt stehen, lief auf Duroy zu und klatschte ganz glückselig vor Freude, als sie ihn sah, m die Hände, indem sie rief: – Ach, der Liebling! Frau von Marelle fing an zu lachen: – Nein, so was, der Liebling! Laurachen hat Sie getauft, das ist ein wunderhübscher Freundschaftsname für Sie, ich werde Sie auch »Liebling« nennen. Er hatte das kleine Mädchen auf die Kniee genommen und mußte mit ihr all die kleinen Spiele spielen, die er sie gelehrt. Gegen drei Uhr erhob er sich, um in die Redaktion zu gehen, und auf der Treppe, an der halb offenen Thür, flüsterte er ihr noch zu: – Also morgen um fünf! Die junge Frau antwortete: – Ja. Mit einem Lächeln verschwand er. Sobald er seine tägliche Arbeit vollendet hatte, überlegte er sich, wie er wohl sein Zimmer herrichten könnte, um die Geliebte zu empfangen und die Armseligkeit seiner Wohnung möglichst zu verbergen. Und er kam auf den Gedanken, allerlei kleine japanische Spielereien an die Wand zu heften. Für fünf Franken kaufte er einen ganzen Haufen solcher winziger Nichtse, kleine Fächer, kleine Schirmchen, und mit ihnen verbarg er die zu auffälligen Flecken der Tapete. An die Fensterscheiben klebte er durchsichtige Bildchen, ein Boot auf dem Flusse darstellend, oder ein paar Vögel, die durch einen roten Himmel schossen, Damen in allerlei Farben auf dem Balkon, und dann eine ganze Reihe von kleinen, schwarzen Männchen auf weiten, schneebedeckten Ebenen. Sein Zimmer, das gerade groß genug war, um darin zu schlafen und sich zu setzen, sah bald aus wie eine gemalte Papierlaterne von innen. Er meinte, es wäre so gut genug und brachte noch den ganzen Abend damit zu, auf die Decke Vögel zu kleben, die er aus den bemalten Bilderbogen geschnitten, die ihm noch übrig geblieben waren. Dann ging er zu Bett, und das Pfeifen der Züge unter ihm sang ihm das Wiegenlied. Am nächsten Tage kehrte er zeitig heim mit einer Düte Kuchen und einer Flasche Madeira, die er gekauft. Er mußte noch einmal ausgehen, um sich zwei Teller und zwei Gläser zu besorgen. Und den kleinen Imbiß stellte er auf den Waschtisch, dessen schmutziges Holz mit einer Serviette bedeckt ward. Waschschale und Wasserkrug wurden unten versteckt. Dann wartete er. Sie kam um ein viertel sechs. Und als sie das bunte Gewirr der Schmetterlinge und kleinen Dinge sah, rief sie: – Nein, das ist ja reizend bei Dir! Aber auf der Treppe in diesem Haus begegnet man so viel Menschen – Er hatte sie in die Arme geschlossen und küßte ungestüm ihr Haar zwischen der Stirn und dem Hut durch den Schleier hindurch. Anderthalb Stunden später brachte er sie zum Droschkenhalteplatz an der Rue de Rome zurück. Als sie in der Droschke saß, flüsterte er ihr zu: – Dienstag um die selbe Zeit! Sie sagte: – Um dieselbe Zeit Dienstag. Und da es dunkel geworden war, zog sie seinen Kopf in den Wagen und küßte ihn auf die Lippen. Als der Kutscher sein Tier angetrieben hatte, rief sie: – Adieu, Liebling! Und der alte Schimmel zog in müdem Trabe den alten Kasten davon. So kam drei Wochen lang alle zwei bis drei Tage, bald morgens, bald abends, Frau von Marelle zu Duroy. Als er eines Nachmittags auf sie wartete, entstand auf der Treppe ein großer Lärm, sodaß er den Kopf zur Thür heraussteckte. Ein Kind heulte, und eine wütende Männerstimme rief: – Was heult denn dat verfluchte Wurm da! Die kreischende, verzweifelt klingende Stimme einer Frau antwortete: – Dat Saumensch, dat immer zu den Zeitungsschreiber ruffkommt, hat Nikolaus uf de Treppe umjeschmissen. So'ne Frauenzimmer, die nich mal ufpassen un die Kinder aus dem Weje jehen können, sollte man mal jehörig uf den Kopp kommen! Duroy zog sich erschrocken zurück, denn er hörte das Rauschen eines Kleides und einen eiligen Schritt auf der Treppe unter ihm. Gleich darauf klopfte es an seiner Thür, die er eben wieder geschlossen. Er öffnete; Frau von Marelle stürzte ins Zimmer, verzweifelt, außer Atem und rief: – Hast Du's gehört? Er that, als wüßte er von nichts: – Nein, was? – Wie sie mich beschimpft haben? – Wer denn? – Die gräßlichen Leute, die unten wohnen! – Aber nein – was ist denn nur? Sie fing an zu schluchzen und konnte nicht sprechen. Er mußte ihr den Hut abnehmen, ihr das Kleid aufmachen, sie aufs Bett legen, und ihr die Schläfen mit einem nassen Taschentuch reiben. Sie stöhnte. Als ihre Aufregung sich etwas gelegt hatte, entlud sich ihre ganze empörte Wut. Sie wollte, daß er sofort hinunterginge und sich mit ihnen schlüge, sie tötete. Er sagte: – Aber das sind Arbeiter, grobe Flegel; man könnte höchstens zur Polizei gehen und dann würde Dein Name festgestellt, Du würdest arretiert werden. Mit solchen Leuten muß man sich nicht einlassen. Sie ging auf etwas anderes über: – Wie wollen wir's jetzt anfangen. Ich kann nicht mehr hierher kommen. Er antwortete ganz einfach: – Ich ziehe aus. Sie meinte: – Ja aber das wird doch lange dauern. Dann plötzlich hatte sie einen Einfall und sagte, wieder heiterer werdend: – Nein, weißt Du was, ich hab's gefunden. Laß mich nur die Geschichte machen, Du brauchst Dich um gar nichts zu kümmern. Ich schicke Dir morgen früh einen Rohrpostbrief. Nun lächelte sie im stillen über ihren Plan, den sie nicht verraten wollte und hatte tausend Liebesworte und Scherze. Aber sie war sehr erregt, als sie die Treppe wieder hinunterging und stützte sich mit aller Kraft auf den Arm ihres Geliebten, so zitterten ihr die Kniee. Doch sie begegneten niemandem. Am andern Tage um elf Uhr, als der Briefträger ihm den versprochenen Rohrpostbrief brachte, lag er noch im Bett, da er spät aufzustehen pflegte. Duroy öffnete und las: »Stelldichein fünf Uhr Rue de Constantinople 127. Laß Dich in die Wohnung führen, die Frau Duroy gemietet hat. Es küßt Dich Clo.« Punkt fünf Uhr trat er beim Portier eines großen Hauses, in dem möblierte Wohnungen zu vermieten waren, ein und fragte: – Hat Frau Duroy hier eine Wohnung gemietet? – Jawohl. – Bitte, führen Sie mich hin. Der Mann, der wohl an heikle Lagen, bei denen Vorsicht von Nöten, gewohnt war, blickte ihn scharf an, dann suchte er den Schlüssel im großen Schlüsselbunde und fragte: – Sie sind doch Herr Duroy? – Gewiß. Und er öffnete eine kleine Wohnung, die aus zwei Zimmern bestand, der Portiersloge gegenüber im Erdgeschoß. Der Salon, dessen großblumige Tapete ziemlich neu war, enthielt Mahagonimöbel mit grünlichem, gelbgemusterten Rips überzogen. Den Boden deckte ein bescheidener, geblümter Teppich, der so dünn war, daß man den Fußboden darunter fühlen konnte. Das Schlafzimmer war so klein, daß das Bett drei viertel des Raumes füllte; es stand im Hintergrund und reichte von einer Wand bis zur andern, ein großes Bett, wie man es in den möblierten Wohnungen findet, mit schweren, blauen Rips-Vorhängen und einem Federbett mit rotem Seidenüberzug, der einige verdächtige Flecken zeigte. Duroy blickte sich beunruhigt und mißvergnügt um, indem er bei sich dachte: die Wohnung wird mich ein Heidengeld kosten. Da muß ich schon wieder pumpen. Das ist wirklich ein verrückter Gedanke! Die Thür ging auf und Clotilde stürmte wie ein Wirbelwind herein, mit rauschenden Röcken. Sie öffnete die Arme und rief glückselig: – Ist das nicht nett! Nu sag mal, ist es nicht nett? Und keine Treppe! Gleich unten im Parterre! Man kann zum Fenster heraus und herein, ohne daß der Portier einen sieht. O, hier werden wir uns lieb haben! Er küßte sie kalt, er wagte nicht, die Frage, die ihm auf den Lippen brannte, zu thun. Sie hatte auf das runde Tischchen, das in der Mitte des Zimmers stand, ein Paket gelegt. Sie öffnete es und zog daraus Seife, eine Flasche Eau de Lubin, einen Schwamm, eine Schachtel mit Haarnadeln, einen Stiefelknöpfer und ein Brenneisen hervor, um die Spitzen ihrer Haare wieder zu kräuseln, die immer aufgingen. Und es machte ihr einen Riesen-Spaß, einzurichten und für jeden Gegenstand seinen Platz zu suchen. Sie sagte, während sie die Fächer aufzog: – Ich muß ein bißchen Wäsche mitbringen, um im Notfall wechseln zu können; das wird sehr angenehm sein. Wenn ich zum Beispiel Besorgungen mache und regne dabei in der Stadt ein, dann komme ich her, um mich zu trocknen. Wir müssen jeder einen Schlüssel haben und einer muß in der Portierloge bleiben, falls wir unseren vergessen. Ich habe auf ein viertel Jahr gemietet, natürlich auf Deinen Namen, denn ich konnte doch meinen nicht angeben. Da fragte er: – Nicht wahr, Du sagst mir's, wann ich zahlen muß. Sie antwortete ganz einfach: – Ja – aber es ist ja bezahlt! Er sagte: – Da bin ich's also Dir schuldig? – Nein Liebchen, das geht Dich nichts an, den kleinen Scherz erlaube ich mir! Er that, als wäre er böse: – Nein, nein, das gebe ich nicht zu! Sie kam zu ihm, flehte und legte ihm die Hände auf die Schultern: – Ich bitte Dich, Georg, es macht mir ja soviel Spaß, soviel Spaß! Gerade, daß es mir gehört, unser kleines Nest, nur mir! Das kann Dich doch nicht kränken? Weshalb denn? Ich möchte das zu unserer Liebe beitragen. Sag ja, bitte, sag ja! Und sie flehte ihn mit Blicken, mit Worten und ihrem ganzen Wesen an. Er ließ sich bitten und lehnte mit erregtem Ausdruck ab. Endlich gab er nach und fand es im stillen eigentlich ganz richtig. Und als sie gegangen war, brummte er, indem er sich die Hände rieb und sich nicht weiter fragte, woher ihm gerade heute diese Meinung käme: – Sie ist doch riesig nett! Ein Paar Tage später bekam er wieder einen Rohrpostbrief des Inhalts: »Mein Mann kommt heute abend von der sechswöchentlichen Dienstreise zurück. Wir müssen also acht Tage Pause machen. Ich bin trostlos, mein Liebling! Deine Clo.« Duroy war ganz erstaunt, er dachte wirklich gar nicht mehr daran, daß sie verheiratet sei. Den Mann hätte er gern mal gesehen, nur einmal, um zu wissen wie er wäre. Indessen wartete er geduldig die Abreise des Mannes ab, besuchte aber inzwischen zweimal die Folies-Bergère und beschloß die betreffenden Abende bei Rahel. Dann kam eines Morgens ein neues Telegramm mit den vier Worten: »Heute fünf Uhr Clo.« Beide erschienen etwas früher zum Stelldichein. Sie fiel ihm mit großem Liebesungestüm um den Hals und küßte ihn leidenschaftlich, dann sagte sie: – Wenn Du's willst, kannst Du mich nachher, nachdem wir uns ordentlich geliebt haben, in irgend ein Restaurant zum Essen führen. Ich habe mich frei gemacht. Es war gerade in den ersten Tagen des Monats, und obgleich sein Gehalt längst vorgegessenes Brot war und er Von einem Tage zum andern von dem Gelde lebte, das er sich hier und da verschaffen konnte, hatte Duroy doch zufällig etwas bei sich. Und es war ihm angenehm, daß sich die Gelegenheit fand, mal etwas für sie auszugeben. Er sagte: – Natürlich, Liebchen, wohin Du willst. Gegen sieben Uhr gingen sie also nach dem äußeren Boulevard. Sie lehnte sich auf seinen Arm und flüsterte ihm ins Ohr: – Wenn Du wüßtest, wie glücklich ich bin, mit Dir auszugehen, ich fühle Dich so gern an meiner Seite! Er fragte: – Willst Du zum alten Lathuile? Sie antwortete: – Nein, das ist zu gut. Ich möchte mich amüsieren! Es kann ein bißchen gewöhnlich sein, weißt Du – so ein Restaurant, wo kleine Commis und Arbeiterinnen verkehren. Ich habe die Kneipen so gern. Ach wenn wir doch aufs Land gekonnt hätten! Da er aber ein Lokal dieser Art in der Gegend nicht kannte, so irrten sie auf den Boulevards herum und traten endlich in eine Weinstube, wo man in einem Extrazimmer etwas zu essen bekommen konnte. Durch die Fensterscheiben hatte sie zwei kleine Mädchen ohne Hut gesehen; ein paar Soldaten ihnen gegenüber. Im Hintergrunde des engen, langen Zimmers saßen drei Droschkenkutscher beim Essen, und ein Mensch, dessen Beruf man nicht recht angeben konnte, rauchte seine Pfeife, während er, die Hände im Gürtel seiner Hose, sich auf einen Stuhl flezte, den Kopf hintenüber gegen die Stuhllehne gelegt. Sein Rock sah aus wie eine ganze Fleckensammlung, und in den bauchartig angeschwollenen Taschen sah man einen Flaschenhals, ein Stück Brot, irgend etwas in eine Zeitung gewickelt und ein Bindfadenende, das heraushing. Er hatte dichtes, gekräuseltes Haar, das ganz grau war vor Schmutz. Seine Mütze lag an der Erde unter dem Stuhl. Clotildes Eintritt erregte, wegen ihres eleganten Äußeren, Aufsehen. Die beiden Paare hörten auf zu flüstern, die drei Kutscher zu diskutieren, und der Raucher nahm die Pfeife aus dem Mund, spuckte und blickte sie an, indem er ein wenig den Kopf zu ihnen wandte. Frau von Marelle flüsterte: – Das ist sehr nett hier, hier befinden wir uns Wohl. Ein anderes Mal verkleide ich mich als Arbeiterin. Und ohne Verlegenheit, ohne Ekel, setzte sie sich an den Holztisch, der glänzte von Fettflecken und auf dem man noch die Spuren verschütteter Getränke sah, weil er nur durch den Kellner einmal flüchtig mit der Serviette abgewedelt ward. Duroy genierte sich ein wenig. Er schämte sich etwas und suchte einen Haken, um seinen Zylinder daran zu hängen. Da er keinen fand, stellte er ihn auf einen Stuhl. Sie aßen Ragout, ein Stück Hammelkeule und Salat. Clotilde meinte: – Ach ich habe das zu gern, ich habe eigentlich einen plebejischen Geschmack! Mir gefällt's hier besser als im Café Anglais. Dann sagte sie: – Wenn Du mich ganz glücklich machen willst, so nimm mich jetzt auf den Tanzboden mit. Ich kenne ein sehr spaßiges Lokal ganz nah von hier, es heißt: »Zur weißen Königin.« Duroy fragte erstaunt: – Wer hat Dich denn dorthin gebracht? Er sah sie an, gewahrte, wie sie rot ward, ein wenig verlegen, als ob die plötzliche Frage eine zarte Erinnerung in ihr wach gerufen. Sie zögerte nur einen Augenblick, wie es Frauen manchmal thun, so kurz, daß man es kaum merkt und antwortete: – Ein Freund. Dann machte sie eine Pause und fügte hinzu: – Er ist tot. Sie schlug mit natürlichem Ausdruck der Trauer die Augen nieder. Und Duroy dachte zum ersten Mal an all das, was er aus dem vergangenen Leben dieser Frau nicht wußte, und sann nach. Sie hatte gewiß schon Liebhaber gehabt. Aber welche? Aus welcher Gesellschaftsschicht? Und eine unbestimmte Eifersucht, eine Art Feindschaft stieg in ihm empor, gegen sie, gegen alles, was er nicht wußte, gegen alles, was ihm von diesem Herzen und diesem Menschendasein nicht gehörte. Er sah sie an; das Geheimnis dieses stummen, hübschen Köpfchens, das vielleicht in diesem Augenblick an den anderen, an die andern mit Bedauern dachte, quälte ihn. Ach, er wäre zu gerne in ihre Vergangenheit eingedrungen, um darin zu wühlen, alles zu erfahren, alles zu wissen! Sie sagte noch einmal: – Willst Du mit mir in die »Weiße Königin« gehen? Das wird ein richtiges Vergnügen! Er dachte: ach was geht mich die Vergangenheit an. Ich bin schön dumm, mich darum zu kümmern. Und lächelnd antwortete er: – Aber gewiß, liebes Kind. Als sie auf der Straße standen, fing sie wieder ganz leise mit jenem geheimnisvollen Ton an, in dem man Geständnisse macht: – Ich habe bis jetzt nicht gewagt, Dich darum zu bitten, aber Du weißt gar nicht, wie gern ich tolle Jungenstreiche mache und dorthin gehe, wo man als anständige Frau nicht hingehen kann. Weißt Du, wenn erst Karneval ist, verkleide ich mich als Student. Ich sage Dir, als Student bin ich furchtbar komisch! Als sie den Ballsaal betraten, schmiegte sie sich an ihn, etwas ängstlich, aber doch zufrieden, und betrachtete mit Entzücken die Mädchen und Zuhälter, und ab und zu sagte sie wie wenn sie sich gegen eine mögliche Gefahr schützen wollte, indem sie auf einen ernst und unbeweglich dastehenden Polizisten deutete: – Der Schutzmann da sieht aber stramm aus. Nach einer Viertelstunde hatte sie genug und er brachte sie nach Hause. Von da an unternahmen sie Ausflüge in alle möglichen verdächtigen Lokale, wo sich das Volk amüsiert. Und Duroy entdeckte bei seiner Geliebten eine unglaubliche Leidenschaft für diese fidelen Bummelreisen. Sie kam zu ihrem gewöhnlichen Stelldichein, im Waschkleide, ein Zofenmützchen auf dem Kopf; aber trotz der zierlichen und gesuchten Einfachheit ihres Anzuges behielt sie Fingerringe, Armbänder und Brillant-Ohrringe, und wenn er sie anflehte, sie abzulegen, sagte sie: – Ach was, man wird sie doch für Glas halten. Sie glaubte, sie wäre vorzüglich verkleidet, obgleich sie in Wirklichkeit sich nur wie der Vogel Strauß versteckt hatte. So gingen sie in die anrüchigsten Lokale. Sie wollte durchaus, daß Duroy sich als Arbeiter anziehen sollte, aber er wehrte sich dagegen und behielt seinen gewöhnlichen Boulevardanzug, er wollte sogar nicht einmal statt des Cylinders einen weichen Filzhut aufsetzen. Sie tröstete sich über seine Weigerung indem sie sich sagte: man denkt eben, ich bin ein Dienstmädchen, das Glück gehabt hat mit einem Herrn aus der Gesellschaft. Und sie fand diese Komödie köstlich. So gingen sie in allerhand gewöhnliche Kneipen, setzten sich in verräucherte dunkle Löcher, auf wackelige Stühle an einen alten Holztisch. Eine dichte Rauchwolke, in der noch vom Mittag her der Geruch von gebackenen Fischen schwebte, lagerte über dem Lokal. Blousenmänner saßen da vor ihrem Glas und gröhlten. Und der Kellner blickte ganz erstaunt das seltsame Paar an, als er den Kirschschnaps vor sie hinstellte. Zitternd vor Furcht und Entzücken nippte sie den roten Saft mit kleinen Schlückchen und blickte ängstlich und aufgeregt um sich. Jeder Schnaps, den sie trank, kam ihr wie ein Verbrechen vor, jeder Tropfen der brennenden gepfefferten Flüssigkeit, der ihr die Kehle hinabrann, machte ihr unendliches Vergnügen, die Freude am sündhaften Genuß der ververbotenen Frucht. Endlich sagte sie halblaut: – Wir wollen gehen. Und sie gingen. Sie lief schnell, mit gesenktem Kopf und kleinen Schritten wie eine Schauspielerin, die die Bühne verläßt, und ging so zwischen den Zechern hindurch, die, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, ihr mit argwöhnischen, unzufriedenen Blicken nachschauten. Und wenn sie dann draußen stand, seufzte sie erleichtert auf, als ob sie einer furchtbaren Gefahr entronnen wäre. Manchmal fragte sie zitternd Duroy: – Was würdest Du thun, wenn man mich hier beleidigte? Er antwortete in renommistischem Ton: – Nu Donnerwetter, ich würde Dich verteidigen! Und glückselig preßte sie seinen Arm, vielleicht mit dem unbestimmten Wunsch, angegriffen und von ihm verteidigt zu werden, mit dem Wunsch, zu erleben, wie die Männer sich ihretwegen schlügen – sogar solche Kerle mit ihrem Geliebten. Aber als diese Ausflüge zwei, sogar drei Mal in der Woche einander folgten, wurden sie Duroy lästig, der nebenbei seit einiger Zeit noch große Not hatte, sich auch nur die zehn Franken zu verschaffen, die jedesmal Wagen und Getränke kosteten. Er hatte es jetzt sehr sauer, es wurde ihm schwerer auszukommen als zu der Zeit, wo er Eisenbahnbeamter gewesen. Da er während der ersten Monate seines Journalistentums ohne zu rechnen darauf los gewirtschaftet hatte, immer in der Hoffnung am nächsten Tage viel Geld zu verdienen, hatte er nun alle Möglichkeiten sich Geld zu verschaffen und alle Hülfsquellen erschöpft. Das einfache Mittel, sich an der Kasse Vorschuß geben zu lassen, war schnell verbraucht. Er hatte bei der Zeitung sein Gehalt schon vier Monate im voraus erhoben, dazu sechshundert Franken Zeilenhonorar. Dann war er noch Forestier hundert Franken schuldig, Jacques Rival, der sehr freigebig war, dreihundert Franken, und eine Menge kleiner Schulden, die er sich gar nicht einzugestehen wagte, nagten an ihm, von zwanzig Franken bis herab zu hundert Sous. Er hatte Saint-Potin gefragt, wie er es anstellen könnte, noch hundert Franken aufzutreiben. Aber obgleich jener ein erfindungsreicher Kopf war, wußte er kein Mittel. Und Duroy war außer sich über dieses Elend, das er stärker empfand als früher, weil er mehr Bedürfnisse hatte. Eine stille Wut gegen alle Welt kochte in ihm. Und seine unausgesetzte Erregung entlud sich bei jeder Gelegenheit, in jedem Augenblick, wegen der unbedeutendsten Dinge. Manchmal fragte er sich, wie er es nur fertig gebracht, im Durchschnitt tausend Franken monatlich zu verbrauchen, ohne irgend welche Ausschweifung oder besondere Ausgabe. Und er stellte bei sich fest, daß allerdings, wenn man ein Frühstück für acht Franken mit einem Diner zu zwölf Franken, das er irgendwo in einem großen Restaurant auf dem Boulevard eingenommen, zusammenzählte, schon ein Zwanzigfrankenstück herauskam; zählte man dann bloß noch zehn Franken Taschengeld dazu, was sich so verkrümelt, wirklich ohne daß man weiß, wo es bleibt, so gab das schon dreißig Franken. Und dreißig Franken täglich wiederum ergaben am Monatschluß neunhundert Franken und dabei war noch nicht einmal Kleidung, Wäsche, Schuhmacher eingerechnet. So hatte er also am vierzehnten Dezember nichts mehr in der Tasche und sah keine Möglichkeit, Geld aufzutreiben. Da machte er das, was er früher schon oft gethan, er aß nicht zu Mittag, und die Nachmittage brachte er auf der Redaktion zu bei der Arbeit, wütend und allerlei Gedanken umherwälzend. Gegen vier Uhr bekam er ein Stadttelegramm seiner Geliebten des Inhalts: »Wollen wir zusammen essen und dann eine kleine Bummelreise machen?« Er antwortete sofort: »Essen unmöglich.« Dann überlegte er sich, daß es doch thöricht sei, nicht die schönen Stunden mitzunehmen, die sie ihm schenkte, und fügte hinzu: »Erwarte Dich neun Uhr in unserer Wohnung.« Und nachdem er einen der Zeitungsjungen mit der Nachricht fortgeschickt, um den Preis des Telegramms zu sparen, dachte er nach, wie er es anstellen könnte, um sich ein Abendessen zu verschaffen. Um sieben Uhr war er noch nicht schlauer geworden, und ein fürchterlicher Hunger peinigte ihn. Da kam er auf eine ganz verzweifelte List: er ließ seine Kollegen einen nach dem andern fortgehen, und als er allein war, klingelte er. Der Redaktionsdiener, der noch da geblieben war, erschien: Duroy stand da, suchte nervös in den Taschen und sagte kurz: – Hören Sie mal, Foucart, ich habe mein Portemonnaie zu Hause liegen lassen und ich muß im Luxembourg essen, borgen Sie mir doch mal fünfzig Sous, daß ich die Droschke bezahlen kann. Der Mann zog drei Franken aus der Tasche und fragte: – Herr Duroy, wollen Sie nicht mehr? – Nein, das genügt, danke sehr. Nachdem Duroy die Silberstücke empfangen hatte, lief er die Treppe hinab und ging in eine Garküche, wo er an Tagen, wenn es ihm schlecht ging, zu landen pflegte. Um neun Uhr erwartete er im kleinen Salon, am Kamin sitzend, seine Geliebte. Sie kam, war sehr angeregt, heiter und frisch von der kalten Luft. – Weißt Du was, sagte sie, wir wollen doch erst noch ein bißchen herumbummeln und um elf kommen wir wieder her. Es ist so schönes Wetter draußen. Er antwortete brummig: – Wozu denn fortgehen, hier ist es sehr gemütlich! Sie sagte, ohne den Hut abzusetzen: – Ach, es ist so wunderschöner Mondschein heute, es ist wirklich köstlich, heute abend spazieren zu gehen. – Das kann schon sein, aber ich mag nicht. Er hatte das wütend gesagt, sie fühlte sich gekränkt und fragte: – Was hast Du denn? Warum bist Du denn so grob? Ich möchte gern noch einen Spaziergang machen, weshalb ärgert Dich denn das so? Verzweifelt sprang er auf: – Es ärgert mich nicht. Es langweilt mich einfach, na! Widerstand erregte sie; Unhöflichkeit brachte sie außer sich, und sie sagte mit Verachtung, mit gedämpfter Wut: – Ich bin nicht gewohnt, daß man so mit mir spricht, dann gehe ich allein fort. Adieu! Er merkte, daß die Sache anfing ernst zu werden, ging lebhaft auf sie zu, nahm sie bei den Händen, küßte sie und stammelte: – Verzeih' doch, liebes Kind, ich bin heute abend sehr nervös, sehr erregt, weißt Du, ich habe Unannehmlichkeiten, Widerwärtigkeiten im Beruf. Sie antwortete ein wenig milder, aber noch nicht ganz versöhnt: – Das geht mich nichts an. Und ich dulde nicht, daß Du Deine schlechte Laune an mir auslässest. Da umarmte er sie und zog sie zum Sofa: – So höre doch, mein kleines Tierchen, ich wollte Dich ja nicht kränken. Ich habe nicht überlegt, was ich sagte. Er hatte sie gezwungen, sich zu setzen. Nun kniete er vor ihr: – Hast Du mir verziehen, sage mir, daß Du mir verziehen hast! Sie murmelte mit kaltem Ton: – Dies Mal noch, aber fange nicht wieder an. Und dann fügte sie hinzu, indem sie aufstand: – Aber nun wollen wir einen Spaziergang machen. Er war auf den Knieen geblieben und hatte seine Arme um ihre Hüften gelegt. Er stammelte: – Bitte, laß uns doch hier bleiben, ich bitte Dich darum, thu mir doch das zuliebe. Ich möchte Dich heute abend so gern allein hier für mich behalten, hier am Feuer, das so gemütlich brennt. Bitte sage ja, bitte sage ja! Sie antwortete kurz und hart: – Nein, ich will ausgehen; ich will nicht Deinen Launen gehorchen. Er bat von neuem: – Ich bitte Dich, ich habe einen Grund, einen ernsten Grund! Sie wiederholte: – Nein, und wenn Du nicht mit mir ausgehen willst, gehe ich allein. Adieu! Mit einem Ruck hatte sie sich frei gemacht und schritt zur Thür. Er lief ihr nach und nahm sie in die Arme: – Clo, hör´ mich doch an; meine kleine Clo! Hör´ doch, das kannst Du mir doch thun! Sie schüttelte den Kopf ohne zu antworten, wich seinen Küssen aus und versuchte sich freizumachen, um fortzugehen. Er stammelte: – Clo, meine kleine Clo, ich habe wirklich einen Grund! Sie blieb stehen und blickte ihn gerade an: – Du lügst! Welchen denn? Er ward rot und wußte nicht, was er sagen sollte. Und da antwortete sie empört: – Siehst Du, daß Du lügst! Du alter Betrüger! Und mit einer Bewegung der Wut, Thränen in den Augen, lief sie davon. Er packte sie noch einmal bei den Schultern und erklärte, bereit, alles zu gestehen, um einen Bruch zu vermeiden, im Tone der Verzweiflung: – Der Grund ist einfach: ich habe kein Geld. Sie blieb stehen, blickte ihm in die Augen, um die Wahrheit darin zu lesen: – Was sagst Du? Er war rot geworden bis an die Haarwurzeln: – Ich sage, daß ich kein Geld habe, verstehst Du? Aber nicht zwanzig Sous! Nicht zehn Sous! Ich habe nicht mal so viel, um, wenn wir in ein Café gehen, einen Schnaps zu bezahlen. Du zwingst mich, Dinge zu gestehen, deren ich mich schäme. Ich konnte also wirklich nicht mit Dir ausgehen und Dir dann, wenn wir im Restaurant etwas bestellt, ganz ruhig erzählen, daß ich's nicht bezahlen kann. Sie blickte ihn noch immer gerade an: – Ist das wirklich wahr? Sofort drehte er die Taschen um, die Hosentasche, die Westentasche, die Rocktasche und sagte: – Da. Bist Du nun zufrieden? Da öffnete sie jäh ihre Arme und warf sich ihm leidenschaftlich an den Hals, indem sie stammelte: – Ach mein armer Georg! Mein armer Georg! Wenn ich das gewußt hätte! Wie ist denn das nur gekommen? Er mußte sich setzen, und sie nahm auf seinen Knieen Platz, legte den Arm um seinen Hals, küßte ihm fortwährend den Schnurrbart, den Mund, die Augen und zwang ihn zu erzählen, woher sein Unglück käme. Er erfand eine rührende Geschichte. Er hatte seinem Vater helfen müssen, der in Verlegenheit war, und er hatte ihm nicht nur seine Ersparnisse gegeben, sondern sich noch dazu in Schulden gestürzt. Er schloß: – Jetzt kann ich wenigstens ein halbes Jahr Hunger leiden! Denn ich habe alles aufgeboten, um das Geld zusammenzukratzen. Ach was, es giebt eben im Leben auch böse Tage, schließlich ist's das Geld nicht wert, daß man sich weiter darüber ärgert. Sie flüsterte ihm ins Ohr: – Soll ich Dir was borgen? Er antwortete mit großer Würde: – Das ist sehr nett von Dir, Liebchen, aber wir wollen davon nicht weiter sprechen, bitte, das würde mich verletzen. Sie schwieg, dann umarmte sie ihn und murmelte: – Du weißt ja nicht, wie ich Dich liebe. Es war einer ihrer heißesten Liebesabende. Ehe sie fortging, sagte sie noch lächelnd: – Weißt Du, wenn man in so einer Lage ist wie Du, müßte es hübsch sein, in irgend einer Tasche ein Geldstück wieder zu finden, das vielleicht ins Futter gerutscht ist. Er antwortete überzeugt: – Ja, das wäre so was! Sie wollte zu Fuß nach Haus gehen unter dem Vorwand, daß der Mond so schön schiene, und sie ward ganz begeistert über seinen Anblick. Es war eine kalte, klare Nacht im beginnenden Winter. Die Menschen und Pferde gingen schnell wegen der Kälte. Die Schritte hallten auf dem Trottoir. Als sie sich trennten, fragte sie: – Wollen wir uns übermorgen wieder treffen? – Natürlich. – Zur selben Zeit? – Zur selben Zeit. – Adieu, mein Liebling! Sie küßten sich zärtlich. Dann kehrte er mit großen Schritten heim, indem er sich immer fragte, was er nur machen sollte, um morgen aus der Verlegenheit zu kommen. Aber als er die Thüre seines Zimmers öffnete und in der Westentasche nach einem Streichholz suchte, war er ganz erstaunt, ein Geldstück zu finden, das er mit den Fingern fühlen konnte. Sobald er Licht gemacht hatte, nahm er das Geldstück, um es anzusehen. Es war ein Zwanzig-Frankenstück. Er meinte, er wäre verrückt geworden. Er drehte es in den Fingern hin und her und überlegte, durch welches Wunder es wohl dorthin gekommen. Es konnte doch nicht vom Himmel in seine Tasche gefallen sein. Dann erriet er plötzlich, woher es kam, und empörte Wut packte ihn. Seine Geliebte hatte ja von Geld gesprochen, das in der Tasche zwischen dem Futter säße und das man wiederfände, wenn man nichts hätte. Also sie hatte ihm das Almosen gegeben! Welche Schmach! Er schwor: das werde ich ihr aber morgen eintränken, die soll mir nicht so leichten Kaufes davon kommen! Und er legte sich zu Bett, wütend und gedemütigt. Er wachte spät auf. Er hatte Hunger. Er versuchte wieder einzuschlafen, weil er erst um zwei Uhr aufstehen wollte. Dann sagte er sich aber: das hilft nichts, ich muß doch Geld suchen. Darauf ging er aus, in der Hoffnung, auf der Straße würde ihm etwas einfallen. Aber er fand nichts, nur vor jedem Restaurant, an dem er vorüberging, lief ihm vor Begierde das Wasser im Munde zusammen. Und als er um die Mittagsstunde noch immer keine Rettung aus der Not gefunden, faßte er schnell den Entschluß: Ach was, ich werde von Clotildens zwanzig Franken frühstücken, deswegen kann ich sie ihr ja doch morgen wiedergeben. Er frühstückte also in einem Bierlokal für zwei Franken fünfzig. Und als er auf die Redaktion kam, gab er davon noch dem Diener die drei Franken zurück: – Da Foucart, da haben Sie, was Sie mir gestern für die Droschke geborgt haben. Und er arbeitete bis sieben Uhr. Dann ging er essen und nahm von dem Gelde wiederum drei Franken. Mit den beiden Glas Bier, die er noch abends trank, stieg seine Tagesausgabe auf neun Franken dreißig. Aber da er keinen Kredit fand und binnen vierundzwanzig Stunden nichts auftreiben konnte, so nahm er am anderen Tage wiederum sechs Franken fünfzig von den zwanzig Franken, die er am selben Abend zurückgeben mußte, sodaß er zum verabredeten Stelldichein erschien mit vier Franken zwanzig in der Tasche. Er war in Hundelaune und nahm sich vor, gleich reinen Tisch zu machen und der Geliebten zu sagen: hör mal, ich habe die zwanzig Franken gefunden, die Du mir neulich in die Tasche gesteckt hast. Aber ich gebe Dir sie heute nicht wieder, weil meine Lage sich noch nicht geändert hat und ich noch keine Zeit hatte, mich nach Geld umzusehen. Aber ich werde sie Dir das nächste Mal geben, wenn wir uns wiedersehen. Sie kam voll Zärtlichkeit und geheimer Furcht. Wie würde er sie empfangen? Und sie umarmte ihn lange, um eine sofortige Auseinandersetzung unmöglich zu machen. Er sagte sich seinerseits: 's hat noch Zeit, darüber können wir später sprechen, wenn sich's gerade so macht. Aber er fand keine Gelegenheit dazu und sagte nichts, weil er sich fürchtete, die peinliche Frage zu berühren. Sie aber sagte nichts davon, daß sie spazieren gehen wollte und war in jeder Beziehung reizend. Gegen Mitternacht trennten sie sich, nachdem sie sich erst auf den Mittwoch der nächsten Woche verabredet, da Frau von Marelle die nächsten Tage eingeladen war. Als Duroy am nächsten Mittag sein Frühstück zahlte und die vier Geldstücke, die er noch haben mußte, in der Tasche suchte, entdeckte er, daß es fünf waren, davon ein goldenes. Im ersten Augenblick glaubte er, man könnte ihm am Tage vorher aus Versehen ein Goldstück herausgegeben haben. Dann begriff er, woher es kam und sein Herz klopfte beim Gedanken an dieses ihn demütigende, erneute Almosen. Es war zu dumm, daß er nichts gesagt hatte! Wenn er ein ernstes Wort gesprochen hätte, wäre es nicht wieder vorgekommen. Während der nächsten vier Tage machte er ebenso zahlreiche wie vergebliche Versuche, um hundert Franken zu borgen und verbrauchte das zweite Goldstück Clotildens. Und es gelang ihr, obgleich er mit wütender Miene gesagt: – Hör mal, fang nicht wieder die Späße an, wie neulich, sonst werde ich böse! – wiederum zwanzig Franken in seine Hosentasche gleiten zu lassen, als sie sich das nächste Mal trafen. Als er es endeckte, schimpfte er: – Gott verdamm mich! – und steckte es in die Westentasche, um es bei der Hand zu haben, denn er hatte keinen Pfennig mehr. Er beruhigte sein Gewissen durch die Überlegung: ich gebe ihr alles zusammen zurück. Es ist ja auch bloß von ihr geborgt. Endlich verstand sich nach verzweifelten Bitten der Kassierer der Zeitung dazu, ihm täglich hundert Sous vorzustrecken. Das war gerade genug zum essen, aber nicht genug, um die sechzig Franken zurückzugeben. Da nun aber Clotilde wieder ihre Bummelreisen in alle möglichen zweifelhaften Lokale anfangen wollte, so regte er sich weiter nicht mehr besonders auf, wenn er nach ihren abenteuerlichen Unternehmungen einmal in einer Tasche, einmal sogar in seinem Stiefel und endlich einmal in der Kapsel seiner Taschenuhr ein Goldstück fand. Sie wollte nun einmal Dinge unternehmen, die er augenblicklich nicht zahlen konnte, da war's doch ganz natürlich, daß sie sie lieber bezahlte, statt sie aufgeben zu müssen. Übrigens schrieb er auch alles genau an, was er von ihr bekam, um es ihr eines Tages wiedergeben zu können. Eines Abends sagte sie zu ihm: – Denk Dir mal, ich bin noch nie in den Folies-Bergère gewesen. Willst Du mich nicht mal hinführen? Er zögerte, denn er fürchtete, Rahel zu begegnen. Dann dachte er: ach was, ich bin ja nicht verheiratet, und wenn die andere mich sieht, wird sie schon merken, was die Glocke geschlagen hat und mich nicht anreden, und übrigens nehmen wir wieder eine Loge. Und dann gab noch ein Grund den Ausschlag: er freute sich bei dieser Gelegenheit einmal Frau von Marelle eine Loge im Theater anbieten zu können, ohne daß es etwas kostete, das war doch eine Art Revanche. Er ließ zuerst Clotilde im Wagen, um die Eintrittskarte zu holen, damit sie nicht sehen sollte, daß er ein Freibillet bekam. Dann holte er sie, und sie traten ein, von den Kontrolleuren begrüßt. Eine riesige Menschenmenge wälzte sich durch die Wandelgänge. Mit großer Mühe drängten sie sich durch die herumbummelnden Herren und Frauenzimmer und erreichten endlich ihre Loge, setzten sich, vor sich die unbeweglich dasitzenden Leute im Parkett, hinter sich die hin- und herflutende Menge. Aber Frau von Marelle sah kaum auf die Bühne, sie war nur mit den Mädchen beschäftigt, die hinter ihrem Rücken auf und ab gingen. Sie drehte sich unausgesetzt um, um sie zu sehen, als empfände sie die Lust, sie zu berühren, ihre Kleidung zu betasten, ihre Wangen, ihr Haar anzufassen, um festzustellen, woraus diese Wesen eigentlich gemacht waren. Sie sagte plötzlich: – Da ist eine dicke Brünette, die sieht uns fortwährend an. Vorhin dachte ich, sie würde uns anreden. Hast Du sie schon gesehen? Er antwortete: – Nein, Du irrst Dich wohl. Aber er hatte sie längst entdeckt, es war Rahel, die mit wütenden Blicken und ein paar empörte Worte brummend um sie herumstrich. Duroy hatte sie vorhin gestreift, als er durch die Menge ging und sie hatte ihm "guten Tag" zugeflüstert, indem sie die Augen zukniff, als wollte sie sagen: ich verstehe schon. Aber er hatte nicht darauf gezeichnet, immer in der Furcht, von der Geliebten bemerkt zu werden und war kalt, mit erhobenem Kopfe und verächtlichem Ausdruck vorübergegangen. Das Mädchen quälte schon eine unbestimmte Eifersucht, und sie kehrte noch einmal zurück, kam wieder dicht an ihm vorbei und sagte etwas lauter: – Guten Tag, Georg! Er hatte noch nicht geantwortet. Da hatte sie sich in den Kopf gesetzt, daß er sie erkennen und grüßen sollte, und sie kam nun fortwährend hinter die Loge, den günstigen Moment abzuwarten. Sobald sie bemerkte, daß Frau von Marelle sie ansah, tippte sie Duroy auf die Schulter: – Guten Tag, wie geht's? Aber er drehte sich nicht um. Sie fragte wieder: – Nun, Du bist wohl taub geworden seit Donnerstag? Er antwortete nicht, indem er eine verächtliche Miene aufsetzte, als wollte er sich nicht einmal durch ein Wort mit solchem Frauenzimmer kompromittieren. Sie fing an wütend zu lachen: – Du bist wohl stumm geworden! Die Dame hat Dir wohl in die Zunge gebissen. Er machte eine wütende Gebärde und rief verzweifelt: – Wer erlaubt Ihnen, mich anzureden! Machen Sie, daß Sie fortkommen, sonst lasse ich Sie festnehmen! Da brüllte sie mit wütenden Blicken, und ihr schwollen dabei die Adern am Hals: – Ah, so weht der Wind? Altes Kamel, wenn man mit einem Mädchen geschlafen hat, grüßt man sie wenigstens! Weil Du mit einer andern bist, das ist noch kein Grund, mich heute zu schneiden. Wenn Du mir, als ich vorhin an Dir vorbei kam, wenigstens ein Zeichen gemacht hättest, hätte ich Dich in Ruhe gelassen. Aber Du wolltest stolz sein, mein Alter, das werd' ich Dir eintränken! Was, Du sagst mir nicht mal guten Tag, wenn wir uns begegnen? Sie hätte noch länger weiter geschrieen, wenn nicht Frau von Marelle die Thür der Loge geöffnet und davon gelaufen wäre, durch die Menge hindurch, indem sie wie verzweifelt nach dem Ausgange stürmte. Duroy war ihr nachgestürzt und suchte sie einzuholen. Da heulte Rahel triumphierend: – Halt die Diebin! Halt die Diebin! Sie hat mir meinen Schatz gestohlen! Das Publikum lachte und zwei Herren packten die Fliehende im Scherz beim Arm und wollten sie festhalten, indem sie versuchten, sie zu küssen. Aber Duroy hatte sie eingeholt, befreite sie gewaltsam und zog sie auf die Straße. Sie sprang in eine leere Droschke, die vor dem Hause hielt, er ihr nach, und wie der Kutscher fragte: – Wohin fahren wir? – rief er: – Wohin Sie wollen! Langsam setzte sich der Wagen in Bewegung auf dem holperigen Pflaster. Clotilde hatte eine Art Nerven-Krise, sie barg das Gesicht in den Händen und schluchzte und stöhnte. Und Duroy wußte nicht, was er sagen sollte. Endlich stammelte er, als er sie weinen sah: – Hör' doch mal zu, Clo, meine kleine Clo! Ich will Dir ja alles erklären, ich kann ja nichts dafür. Ich habe das Mädchen früher mal gekannt, ganz im Anfang, vor langer Zeit. Sie zeigte plötzlich ihr Gesicht und die Wut der verratenen liebenden Frau, eine fürchterliche Wut gab ihr die Sprache wieder und sie stammelte nach Luft ringend in hastigen, abgehackten Sätzen: – O Du Elender! Elender! Du Lump! Ist's nur möglich! So eine Schmach und Schande! Mein Gott, so eine Schande! Dann wurde sie immer wütender, je klarer ihr die Sache wurde und jemehr Gründe sie fand: – Du hast sie wohl mit meinem Gelde bezahlt, und ich gab ihm noch Geld dazu ... für diese Dirne! Du elender Kerl! Sie suchte ein paar Sekunden lang irgend ein noch stärkeres Wort, das sie aber nicht fand, und dann rief sie plötzlich mit einer Bewegung, als wollte sie ausspucken: – Du Schwein! Schwein! Schwein! Mit meinem Gelde hast Du sie bezahlt. Schwein! Schwein! Sie fand nichts anderes mehr und wiederholte fortwährend: – Schwein! Schwein! Plötzlich beugte sie sich aus der Thür heraus. Packte den Kutscher am Aermel und rief: – Halt! Dann öffnete sie den Wagenschlag und sprang hinaus. Georg wollte ihr folgen, aber sie rief: – Ich verbiete Dir, auszusteigen! – so laut, daß die Vorübergehenden sich um sie zu sammeln begannen. Duroy blieb unbeweglich, er fürchtete einen Skandal. Darauf zog sie ihre Börse aus der Tasche und suchte beim Scheine der Laterne Geld, nahm daraus zwei Franken fünfzig, drückte sie dem Kutscher in die Hand und sagte mit bebender Stimme: – Da haben Sie Ihr Fahrgeld! Ich bezahle! Nun fahren Sie mal den Lumpen da nach der Rue Boursault in Batignolles. Allgemeine Heiterkeit erhob sich in der sie umringenden Menge, und ein Herr sagte: – Bravo Kleine! Und ein Straßenjunge, der neben den Rädern der Droschke stand, steckte den Kopf in den offenen Wagenschlag und rief laut und scharf: – Adjeh Sie! Dann setzte sich der Wagen wieder in Bewegung und allgemeines Gelächter klang hinterher. VI Georg Duroy fühlte sich unbehaglich beim Erwachen. Er kleidete sich langsam an und setzte sich dann ans Fenster, um nachzudenken. Seine Glieder waren steif, als hätte er Prügel bekommen. Endlich scheuchte ihn die Notwendigkeit, Geld aufzutreiben, in die Höhe, und er ging zuerst zu Forestier. Sein Freund empfing ihn in seinem Zimmer, am Kamin sitzend: – Nun was willst Du denn so zeitig? – Was sehr Wichtiges. Ich habe eine Ehrenschuld. – Jeu? Er zögerte, dann erklärte er: – Ja, ich habe gejeut. – Ist es viel? – Fünfhundert Franken. Er war ihr nur zweihundertachtzig schuldig. Forestier fragte mißtrauisch: – Wem bist Du denn das schuldig? Duroy konnte nicht gleich antworten: – Nun .. Herrn .. Herrn .. Herrn von Carleville. – Ah .. wo wohnt er denn? – In der .. in der .. Forestier fing an zu lachen: – Auf dem Monde, nicht wahr! Na, weißt Du, den Herrn kenne ich schon. Wenn Du zwanzig Franken haben willst, die stehen Dir noch zur Verfügung, aber mehr nicht! Duroy nahm das Goldstück an. Dann ging er von Thür zu Thür, zu allen Bekannten und hatte endlich gegen fünf Uhr achtzig Franken zusammengebettelt. Da er aber noch zweihundert Franken brauchte, so entschloß er sich, das zu behalten, was er nun einmal zusammen hatte und brummte: – Ach was, ich werde mir für das Biest kein Bein ausreißen. Ich zahle eben, wenn ich kann. Vierzehn Tage lang lebte er sparsam, ordentlich und keusch, nach den strengsten Grundsätzen. Dann packte ihn plötzlich eine mächtige Liebeswut und ihm schien, als wären schon Jahre vergangen, seitdem er eine Frau in den Armen gehalten. Und wie ein Matrose, wenn er an Land kommt, einen Koller kriegt, so überlief es ihn bei jeder Schürze, die er begegnete. Da kehrte er eines Abends in die Folies-Bergère zurück in der Hoffnung, Rahel zu finden. Schon im Eingang sah er sie in der That, denn sie ging fast nie wo anders hin. Lächelnd trat er auf sie zu und hielt ihr die Hand entgegen, aber sie maß ihn verächtlich vom Kopf bis zum Fuß: – Was wollen Sie von mir? Er versuchte zu scherzen: – Ach was, spiel' Dich man nicht auf! Sie wandte ihm den Rücken und sagte: – Ich mag keine Nassauer! Sie hatte die größte Beleidigung gesucht. Er fühlte, wie ihm das Blut ins Gesicht stieg, und er kehrte allein nach Hause zurück. Forestier, der krank und kribbelig war und immer hustete, machte ihm in der Zeitung das Leben sauer. Es war, als suchte er das Unangenehmste aus, um es ihm zuzuschanzen. Und eines Tages schimpfte er sogar, als er sehr nervös war, eben einen Hustenanfall gehabt hatte und Duroy eine ihm aufgetragene Erkundigung nicht brachte: – Jesses, Du bist aber dümmer, als ich dachte! Der andere wollte ihm eine herunterlangen, aber er beherrschte sich und ging davon, indem er bei sich dachte: – Na, Dir werde ich's schon eintränken! Ein plötzlicher Gedanke schoß ihm durch das Gehirn, und er dachte weiter: – Ich werde Dir Hörner aufsetzen, mein Alter! Sich die Hände reibend, froh über seinen Plan, ging er davon. Gleich am nächsten Tage wollte er an die Ausführung gehen. Und er machte Frau Forestier einen Besuch, um das Terrain zu rekognoscieren. Er fand sie der Länge nach auf dem Sofa ausgestreckt, lesend. Ohne ihre Stellung zu verändern, streckte sie ihm die Hand entgegen, wandte nur den Kopf und sagte: – Guten Morgen, Liebling. Es war ihm, als hätte er einen Schlag bekommen: – Warum nennen Sie mich so? Sie antwortete lächelnd: – Ich habe Frau von Marelle vorige Woche getroffen, und da habe ich gehört, wie man Sie bei ihr getauft hat. Da die junge Frau liebenswürdig lächelte, beruhigte er sich. Was sollte er auch fürchten? Sie sagte: – Sie verwöhnen Frau von Marelle. Und zu mir kommen Sie alle Schaltjahr. Er hatte sich neben sie gesetzt und betrachtete sie mit erwachter Neugierde, mit der Neugier eines Liebhabers von Nippsachen. Sie war reizend, von einem zarten, warmen Blond, wie zum Küssen gemacht, und er dachte: na, sie ist mir unbedingt lieber wie die andere. Er zweifelte gar nicht an seinem Erfolge, er brauchte nur die Hand auszustrecken, meinte er, um sie zu nehmen, wie man eine Frucht pflückt. So sagte er entschlossen: – Ich bin nicht gekommen, weil es besser für mich war. Sie verstand nicht. – Was, warum? – Warum? Erraten Sie's nicht? – Nein, gar nicht. – Weil ich Sie liebe. Nur ein bißchen, ein bißchen, aber es sollte nicht schlimmer werden. Sie schien weder erstaunt, noch empört, noch geschmeichelt zu sein, sie hatte noch immer dasselbe gleichgiltige Lächeln und antwortete ganz ruhig: – Ach, Sie können trotzdem kommen, mich liebt nie einer lange. Er war noch mehr über den Ton erstaunt, als über die Worte und fragte: – Warum? – Weil's ganz unnütz ist und das merkt jeder bald. Wenn Sie mir Ihre Befürchtung früher mitgeteilt hätten, hätte ich Sie beruhigt und im Gegenteil Ihnen geraten, möglichst häufig zu kommen. Er rief pathetisch: – Ja man kann doch nicht seinen Gefühlen befehlen! Sie wandte sich zu ihm: – Lieber Freund, für mich ist ein Verliebter aus der Reihe der Lebenden gelöscht, für mich wird er ein Idiot und nicht nur das, sondern geradezu gemeingefährlich. Mit Leuten, die mich lieben oder die wenigstens behaupten, es wäre so, gebe ich jeden nähern Verkehr auf; einmal langweilt es mich und dann sind sie mir einfach verdächtig, wie ein toller Hund, der plötzlich einen Anfall bekommen kann. Darum lasse ich sie eine moralische Quarantäne durchmachen, bis ihre Krankheit vorüber ist. Vergessen Sie das nicht. Ich weiß wohl, bei euch ist die Liebe nur eine Art von Mahlzeit, bei mir dagegen würde sie wie ein heiliges Abendmahl sein, und das paßt nicht in die Religion der Männer. Sie wollen den Buchstaben, ich den Geist. Aber sehen Sie mich einmal genau an .... Sie lächelte nicht mehr, sie hatte einen ruhigen, kalten Ausdruck, und nun sagte sie, jedes Wort einzeln betonend: – Ich werde niemals, niemals Ihre Geliebte sein. Hören Sie! Alle Bemühungen sind ganz unnütz und würden Ihnen sogar schaden. Na – nun denke ich, ist die Operation gemacht. Und nun frage ich Sie: wollen wir gute Freunde sein, aber wirkliche Freunde, ohne jeden Hintergedanken? Er hatte begriffen, daß hier jeder Versuch fruchtlos sein würde, darum fügte er sich sofort und streckte ihr erfreut, daß er sich diese Frau zur Bundesgenossin gemacht, beide Hände entgegen: – Gnädige Frau, ich gehöre Ihnen, wie Sie's wünschen! Sie fühlte aus seiner Stimme die Aufrichtigkeit seiner Gedanken und gab ihm beide Hände. Er küßte sie eine nach der andern, dann sagte er ganz ruhig, indem er den Kopf hob: – Weiß der Teufel, wenn ich so eine Frau wie Sie gefunden hätte, wäre ich glücklich gewesen, die zu heiraten! Diesmal war sie gerührt, diese Worte thaten ihr wohl, wie jeder Frau, der ein Kompliment einmal zu Herzen geht. Und sie warf ihm einen jener flüchtigen dankbaren Blicke zu, die uns zu Sklaven der Frauen machen. Na er nun keinen Übergang fand, um sich zu unterhalten, so sagte sie mit weicher Stimme, indem sie einen Finger auf seinen Arm legte: – Und ich werde gleich mein neues Verhältnis zu Ihnen, als Freundin, beginnen. Hören Sie einmal, lieber Freund Sie sind ungeschickt! Sie zögerte und fragte: – Kann ich ganz offen reden? – Gewiß! – Ganz offen? – Ganz offen! – Nun – wissen Sie was, machen Sie doch einmal Frau Walter einen Besuch. Sie schätzt Sie sehr, machen Sie sich einmal niedlich bei ihr. Der können Sie die schönsten Komplimente sagen, aber sie ist eine anständige Frau, absolut anständig. Auch bei der ist gar keine Hoffnung, sie zu gewinnen. Aber es ist viel schlauer, Sie lassen sich häufig da sehen. Ich weiß, daß Sie bei der Zeitung jetzt noch in einer untergeordneten Stelle sind. Aber Sie brauchen keine Angst zu haben, Walters sind gegen alle ihre Redakteure gleich liebenswürdig. Glauben Sie mir, gehen Sie hin! Er sagte lächelnd: – Danke, Sie sind wirklich ein Engel! Mein Schutzengel. Dann sprachen sie von etwas anderem. Er blieb lange Zeit, er wollte ihr zeigen, daß er sich freute, bei ihr zu sein. Und als er ging, fragte er noch: – Also nicht wahr, wir sind Freunde? – Natürlich! Da er gemerkt hatte, wie sein Kompliment vorhin ihr Eindruck gemacht, so fügte er hinzu: – Und wenn Sie jemals Witwe werden sollten, bitte mich vorzumerken. Dann ging er schnell davon, um ihr keine Zeit zu lassen,, böse zu werden. Frau Walter einen Besuch zu machen, genierte Duroy ein wenig, denn er war von ihr gar nicht gebeten worden zu kommen, und er wollte doch keine Unschicklichkeit begehen. Der Chef war sehr wohlwollend gegen ihn, schätzte seine Dienste und verwendete ihn bei schwierigen Aufträgen besonders gern. Warum sollte er diese Gunst nicht benutzen, um sich in seinem Hause einzuführen? Er ging also eines Tages, als er zeitig aufgestanden war,, in die Markthalle, wo gerade eine Versteigerung stattfand, und kaufte für etwa zehn Franken zwanzig Stück wundervolle Birnen. Er packte sie sorgfältig in ein Körbchen, um den Anschein zu erregen, als wären sie ihm zugeschickt worden, und gab sie dem Portier von Walters mit seiner Karte, auf die er geschrieben: Georg Duroy bittet Frau Walter ergebenst, diese Früchte die er heute morgen aus der Normandie bekommen hat, von ihm annehmen zu wollen. Am nächsten Morgen fand er in seinem Briefkasten auf der Redaktion, in einem Couvert die Karte der Frau Walter, die "Herrn Georg Duroy angelegentlichst dankte, und jeden Sonnabend empfing." Am folgenden Sonnabend ging er hin. Herr Walter bewohnte am Boulevard Malesherbes ein Doppelhaus, das ihm gehörte und von dem er, als sparsamer und praktischer Mann, die eine Hälfte vermietet hatte. Ein Portier, dessen Loge zwischen den beiden Eingängen lag, öffnete sowohl für den Besitzer, als für den Mieter, sodaß jede Hälfte den Eindruck eines vornehmen, herrschaftlichen Hauses machte, da der Portier wie der Schweizer in einer Kirche angezogen war, mit Kniehosen und weißen Strümpfen, einem reichbetreßten Rock mit Goldknöpfen und scharlachroten Aufschlägen. Die Empfangsräume lagen im ersten Stock. Vor ihnen befand sich ein Vorsaal mit stoffüberkleideten Wänden, und schweren Portièren. Zwei verschlafene Diener saßen dort; der eine nahm Duroys Überzieher, der andere seinen Stock, dann öffnete er eine Thür, schritt voraus, trat zur Seite, ließ ihn eintreten und rief seinen Namen in das leere Zimmer. Der junge Mann blickte sich verlegen nach allen Seiten um. Dann sah er im Spiegel eine Gruppe von Menschen, scheinbar sehr weit entfernt sitzend. Er irrte sich zuerst in der Richtung, wohin er gehen sollte, da ihn der Spiegel getäuscht. Dann schritt er noch durch zwei Salons, in denen sich niemand befand und war in einer Art von Boudoir, das mit blauer goldgeblümter Seide bespannt war. Dort unterhielten sich vier Damen, halblaut, an einem runden Tische sitzend, auf dem der Thee stand. Trotz der Sicherheit, die Duroy durch das Pariser Leben gewonnen, und vor allen Dingen durch seinen Reporterberuf, der ihn immer mit hervorragenden Persönlichkeiten in Berührung brachte, fühlte er sich doch ein wenig verlegen, wegen des ganzen Empfangs hier und weil man durch die leeren Salons gehen mußte. Er stammelte etwas, wie: – Gnädige Frau, ich habe mir erlaubt – und dabei suchte er unter den Damen die Frau des Hauses. Sie streckte ihm die Hand entgegen, die er mit einer Verbeugung nahm, und sagte: – Sie sind sehr liebenswürdig zu kommen. – Dann bot sie ihm einen Stuhl an. Er wollte sich setzen, aber er versank vollkommen, weil er gemeint hatte, daß der Sitz höher sei. Eine Pause entstand, und nun fing eine der Damen wieder an zu sprechen. Sie redete von der Kälte, die sich jetzt stark fühlbar machte, aber doch nicht stark genug, um die um sich greifende Typhus-Epidemie zu bannen oder um Schlittschuhbahn zu schaffen. Und jede Dame sagte ihre Ansicht über dieses erste Erscheinen des Frostes in Paris. Dann sprachen sie sich aus über die Jahreszeiten, die jede vorzog, mit allerlei banalen Gründen, wie sie sich in diesen Köpfen festgesetzt, gleich dem Staub, der sich auf die Möbel legt. Man hörte die Thür gehen, sodaß Duroy sich umblickte. Er bemerkte, durch zwei große Glasscheiben, eine dicke Dame auf sie zukommen. Sobald sie in das Boudoir trat, stand eine der Besucherinnen auf, drückte den andern die Hand und ging davon. Der junge Mann verfolgte mit den Augen durch die übrigen Zimmer ihr schwarzes Kleid, auf dem Schmelzperlen glänzten. Sowie nach diesem Personenwechsel wieder Ruhe eingetreten war, sprach man plötzlich ohne Übergang von Marokko und dem Kriege im Orient, sowie von den Schwierigkeiten, in die England auf der andern Seite Afrikas geraten. Die Damen redeten, als ob sie eine Gesellschafts-Komödie, die sie schon oft gespielt, aus dem Gedächtnis hersagten. Wieder erschien jemand. Eine kleine Blondlockige, die das Verschwinden einer großen, magern, mittelalterlichen Dame nach sich zog. Man sprach nun von der Aussicht, die Herr Linet hatte, in die Akademie aufgenommen zu werden. Die neu Angekommene glaubte bestimmt zu wissen, daß er von Herrn Cabanon- Lebas, der den Don Quixote in Versen für die Bühne bearbeitet, geschlagen werden würde. – Denken Sie, es wird nächsten Winter im Odeon gegeben werden. – Wirklich? O, dieses literarische Experiment muß ich mir doch ansehen! Frau Walter antwortete sehr liebenswürdig, ruhig, gleichgiltig, ohne einen Augenblick zu zögern, was sie wohl sagen sollte, denn ihre Ansicht stand immer schon vorher fest. Aber sie gewahrte, daß es dunkel ward, und klingelte nach den Lampen, indem sie immer der Unterhaltung zuhörte, die wie ein flüsterndes Wässerchen dahin glitt. Dabei dachte sie, daß sie ja vergessen beim Graveur vorzusprechen, wegen der Einladungskarten für das nächste Diner. Sie war ein wenig zu dick, aber noch schön, in dem gefährlichen Alter, wo der Zusammenbruch der Schönheit nahe ist. Sie hielt sich künstlich, durch allerlei Mittel, Teintsalben und so weiter in dem Zustand, wie sie war. Sie schien sehr unterrichtet zu sein, maßvoll und vernünftig. Eine jener Frauen, deren Geist geradlinig abgesteckt ist, wie ein französischer Garten, in dem man sich ergeht, ohne besondere Ueberraschungen, aber der doch immer einen gewissen Reiz behält. Sie hatte Verstand, feines, zartes, sicheres Urteil, das bei ihr die Fantasie, die Güte, die Hingebung ersetzte, und ein gewisses, ruhiges, allgemeines Wohlwollen für jedermann und für alle Dinge. Als sie merkte, daß Duroy nichts gesagt hatte, und daß man ihn nicht angeredet, wodurch sein Benehmen etwas Gezwungenes bekam, und da das Lieblingsthema der Akademie, das immer lange durchgehechelt ward, sie noch beschäftigte, so fragte sie: – Nun Herr Duruy, Sie sind ja am besten unterrichtet. Für wen sind denn Sie? Er antwortete ohne zu zögern: – Gnädige Frau, bei dieser Frage richte ich mich nie nach dem Verdienst der Kandidaten, das immerhin bestritten werden kann, sondern nur nach ihrem Alter und Gesundheitszustand. Ich frage nicht nach ihren Leistungen, sondern nach ihren etwaigen Krankheiten. Ich lege keinen Wert darauf, ob sie etwa eine gereimte Übersetzung des Lope de Vega gemacht haben. Viel wichtiger erscheint mir der Zustand ihrer Leber, ihres Herzens, ihrer Nieren, ihres Rückenmarks. Für mich ist eine ordentliche Hypertrophie, eine tüchtige Brightsche Nierenkrankheit und vor allen Dingen eine beginnende Lähmung hundertmal besser, als vierzig Bände Untersuchungen über die Vaterlandsidee in der barbarischen Poesie. Ein erstauntes Schweigen folgte auf seine Ansicht. Frau Walter sagte lächelnd: – Warum denn? Duroy antwortete: – Weil ich niemals an etwas anderes denke, als an die Frage, wird das auch die Damen interessieren? Und gnädige Frau, für Sie hat doch die Akademie nur Interesse, wenn ein Akademiker stirbt. Je mehr sterben, desto glücklicher sind Sie. Aber damit sie schnell sterben, dürfen nur solche ernannt werden, die alt und krank sind. Da die Damen doch etwas erstaunte Gesichter machten, fügte er hinzu: – Mir geht's ja genau so wie Ihnen, und im lokalen Teil der Zeitungen lese ich sehr gern, daß ein Akademiker gestorben ist. Da frage ich mich gleich, wer wird ihn ersetzen, und mache meine Liste. Das ist ein Spiel, ein nettes Spiel, das in allen Pariser Salons gespielt wird, sobald einer der Unsterblichen in's Gras beißen muß. Das Spiel heißt etwa: »Der Tod und die vierzig Greise.« Die Damen konnten sich noch nicht recht fassen, fingen jedoch an zu lächeln, so richtig war seine Bemerkung. Er schloß, indem er aufstand: – Meine Damen, Sie ernennen die Akademiker; und Sie ernennen sie nur, um sie sterben zu sehen. Also wählen Sie alte, sehr alte, so alt als möglich, um das übrige brauchen Sie sich gar nicht zu kümmern. Dann ging er mit größter Liebenswürdigkeit davon. Sobald er fort war, erklärte eine der Damen: – Das ist ein spaßiger Mensch! Wer ist denn das? Frau Walter antwortete: – Einer unserer Redakteure. Er macht bis jetzt nur so die kleinen Arbeiten an der Zeitung, aber der wird schon vorwärts kommen. Duroy ging guter Laune, elastischen Schrittes, zufrieden über seinen guten Abgang den Boulevard Malesherbes hinab, indem er vor sich hin brummte: »Guter Abgang«. An diesem Abend versöhnte er sich mit Rahel. Die folgende Woche brachte ihm zwei besondere Ereignisse. Er wurde zum Redakteur für den lokalen Teil ernannt, und von Frau Walter zu Tisch eingeladen. Er merkte sofort den Zusammenhang zwischen beidem. Die Vie française war in erster Linie ein Finanzblatt, denn ihr Besitzer war ein Geldmann, dem Zeitung und Abgeordnetenhaus nur als Mittel dienten. Seine Waffe war ein gewisses biedermännisches Auftreten, er hatte seine Spekulationen immer unter der lächelnden Maske des braven Mannes vollführt. Aber zu allen seinen Geschäften, welcher Art sie auch immer sein mochten, nahm er nur erprobte Leute, die er genau kannte, von denen er wußte, daß sie gerissen, rücksichtslos und geschmeidig waren. Duroy, den er nun zum Lokal-Redakteur ernannt, schien ihm eine besonders wertvolle Kraft zu sein. Bis dahin hatte diese Stelle der Redaktions - Sekretär Boisrenard ausgefüllt, ein alter, zuverlässiger Journalist, pünktlich und peinlich wie ein Beamter. Seit dreißig Jahren war er Redaktions-Sekretär bei elf verschiedenen Blättern gewesen, ohne im geringsten seine Anschauungs- und Handlungsweise zu ändern. Er ging von einer Redaktion in die andere über, wie man ein Restaurant wechselt und kaum dabei merkt, daß das Essen dort ganz anders schmeckt. Religiöse oder politische Ansichten hatte er nicht. Bei welchem Blatt er auch immer arbeitete, er war ihm ganz ergeben und äußerst brauchbar und wertvoll wegen seiner reichen Erfahrung. Er arbeitete wie ein Blinder, der nichts sieht, wie ein Tauber, der nichts hört und wie ein Stummer, der nichts sagt. Dennoch hatte er eine große Ehrlichkeit im Beruf und wäre für nichts zu haben gewesen, was er nicht für anständig und richtig gehalten hätte, nach seinen Standesansichten. Obgleich ihn Herr Walter schätzte, hatte er doch oft einen andern als Redakteur für das Lokale gewünscht, das, wie er sich ausdrückte, das Rückgrat der Zeitung ist. Denn im lokalen Teil konnte man Nachrichten lancieren, Gerüchte verbreiten, und auf Publikum und Kurs einen Druck ausüben. Zwischen die Beschreibung zweier Feste in der Gesellschaft muß man verstehen, ganz harmlos die wichtigste Sache einfließen zu lassen, nicht deutlich, nur andeutungsweise. Durch einen Doppelsinn muß man seine Absicht erraten lassen, indem man so dementiert, daß das Gerücht gerade Bestimmtheit annimmt, oder in einer Form etwas behauptet, daß kein Mensch an die Thatsachen glaubt. Im lokalen Teile muß jeder täglich mindestens ein paar Zeilen finden, die ihn interessieren, damit ihn jeder liest; an alle und alles, an alle Gesellschaftsschichten, an jeden Beruf muß gedacht werden, an Paris wie an die Provinz, an das Militär wie an die Geistlichkeit, an die Künstler wie an die Universitäts-Professoren, an die Stadtverwaltung wie an die Halbwelt. Wer den lokalen Teil unter sich hat, und damit einen ganzen Stab von Reportern, muß bei jeder Kleinigkeit auf seiner Hut sein, alles beobachten, vorhersehen, er muß gerissen sein, immer bei der Hand, zu allem fähig, und einen unfehlbaren Instinkt haben, um auf den ersten Blick das Falsche an einer Nachricht zu erkennen, und beurteilen zu können, was man sagen kann und was man lieber verschweigt, vor allem aber zu fühlen, was auf das Publikum Eindruck macht. Und das alles muß er in einer Form wiedergeben können, die die Wirkung davon noch erhöht. Herr Boisrenard, der eine lange Praxis für sich hatte, besaß doch nicht genug Blick und Chik, vor allen Dingen fehlte ihm die angeborene Schlauheit, um jeden Tag die geheimen Wünsche des Chefs zu erraten. Duroy würde sicher die Geschäfte vorzüglich leiten, und er würde ausgezeichnet den Redaktionsstab dieses Blattes ergänzen, das, wie Norbert von Varenne sich ausdrückte, »auf den Strömungen des Staates und den Unterströmungen der Politik schwamm.« Die eigentlichen geistigen Leiter und Redakteure der Vie française waren ein halbes Dutzend Abgeordnete, die bei Spekulationen, die der Chef unternahm, beteiligt waren. In der Kammer hießen sie die »Walterklique« und man beneidete sie, weil sie durch ihn viel Geld verdienen sollten. Forestier, der politische Redakteur, war nur der Strohmann dieser Geschäftsleute, der die Absichten, die sie ihm einbliesen, ausführte. Sie gaben ihm den Stoff für die aktuellen Artikel, die er immer bei sich zu Hause schrieb, »um mehr Ruhe zu haben,« wie er sagte. Aber um der Zeitung einen literarischen und pariserischen Anstrich zu geben, hatte man zwei berühmte Schriftsteller gewonnen, die ein verschiedenes Genre beherrschten, Jacques Rival und Norbert von Varenne, den Dichter und phantastischen Erzähler, oder besser Plauderer, wie er neuerdings Mode war. Und dann hatte man zu mäßigem Preise einen Kunstkritiker engagiert für Malerei, Musik und Theater. Dazu einen Kriminalredakteur und einen Redakteur für die Sportnachrichten. Der großen Masse der, um's liebe Brot schreibenden, Allerweltsjournalisten waren sie entnommen. Zwei Damen der Gesellschaft »Rosa Domino« und »Sammet-Pfötchen« schickten kleine Nachrichten aus der Gesellschaft, behandelten Mode und elegantes Leben, guten Ton, Lebensart, und gaben allerlei Indiskretionen über vornehme Damen zum besten. Und von allen diesen verschiedenen Händen geleitet, schwamm die › Vie française ‹ über die Strömungen und Unterströmungen dahin. Duroy war glückselig über seine Ernennung zum Redakteur, und da erhielt er auch noch eine kleine Einladungskarte, auf welcher stand: »Herr und Frau Walter geben sich die Ehre Herrn Georg Duroy auf Donnerstag den zwanzigsten Januar zum Diner einzuladen.« Diese neue Gunstbezeugung, die noch zur anderen dazu kam, erfüllte ihn mit solcher Freude, daß er auf die Einladung seine Lippen drückte, wie er es etwa bei einem Liebesbrief gethan hätte. Dann ging er zum Kassierer, um die wichtige Gehaltsfrage zu besprechen. Ein Lokal-Redakteur erhält gewöhnlich eine bestimmte Summe, von der er die Reporter und Nachrichten bezahlt, wertvolle und minderwertige, die dieser oder jener bringt, wie die Gärtner ihre Produkte zu den Blumenhändlern bringen. Für den Anfang bekam Duroy monatlich eintausendzweihundert Franken angewiesen, und er nahm sich vor, davon den Löwenanteil zu behalten. Der Kassierer hatte ihm endlich auf seine dringenden Vorstellungen vierhundert Franken Vorschuß gegeben, und im ersten Augenblick war er fest entschlossen, die zweihundertundachtzig Franken, die er Frau von Marelle schuldig war, zurück zu schicken. Aber sofort überlegte er sich, daß er nur noch einhundertundzwanzig Franken behalten würde, eine Summe, die ganz ungenügend war, um seine neue Thätigkeit in Gang zu bringen, und er entschloß sich daher die Rückerstattung des Geldes noch zu verschieben. Zwei Tage kümmerte er sich um seine Einrichtung, denn er erbte einen Schreibtisch und einen Briefständer für sich in dem gemeinsamen Redaktionsraum. Auf der einen Seite des Zimmers nahm er Platz, wahrend Boisrenard, dessen trotz seines Alters tiefschwarzer Kopf immer auf ein Blatt Papier niedergebeugt war, ihm gegenüber saß. Der große Tisch in der Mitte gehörte den fliegenden Mitarbeitern. Gewöhnlich setzte man sich darauf, entweder mit gekreuzten Beinen in die Mitte, oder an den Rand, und ließ die Füße herunter hängen. Manchmal saßen fünf oder sechs auf diesem Tisch und spielten Fangball, wie chinesische Pagoden. Duroy hatte endlich auch diesem Spiel Geschmack abgewonnen, und nach Saint-Potins Anweisungen begann er schon ganz gut zu spielen. Forestier ging es immer schlechter, und er hatte ihm seinen schönen Bambus-Fangball, den er zuletzt gekauft hatte, aber den er ein wenig zu schwer fand, überlassen. Und Duroy warf mit kräftigem Arm die große schwarze Kugel am Ende eines Strickes in die Höhe, indem er leise zählte: eins – zwei – drei – vier – fünf – sechs. An dem Tage, wo er bei Walters essen sollte, gelang es ihm zum erstenmal, die Kugel zwanzigmal hintereinander zu fangen. Das ist ein famoser Tag, dachte er bei sich, heute glückt alles. Denn nach der Geschicklichkeit im Fangballspiel wurde man auf der Redaktion der › Vie française ‹ wirklich beurteilt. Er verließ zeitig die Redaktion, um Zeit zum Anziehen zu behalten, und schritt dann die Rue de Londres hinauf, als er vor sich ein kleines Frauchen trippeln sah, die ganz den Eindruck machte wie Frau von Marelle. Er fühlte, wie ihm die Röte ins Gesicht stieg und sein Herz schlug. Er ging auf die andere Seite der Straße, um sie im Profil zu sehen. Sie blieb stehen, um auch hinüber zu gehen. Er hatte sich geirrt, er atmete auf. Er hatte sich oft gefragt, wie er sich ihr gegenüber benehmen sollte, wenn er sie zufällig träfe. Sollte er sie grüßen oder thun, als sähe er sie nicht? Ich werde sie nicht bemerken, dachte er. Es war kalt, in den Rinnsteinen war das Wasser gefroren. Die Bürgersteige waren trocken und grau beim Gaslicht. Als der junge Mann nach Hause kam, dachte er: ich muß eine andere Wohnung nehmen, die paßt jetzt nicht mehr für mich. Er fühlte sich aufgekratzt, lustig, fähig zu allem, und sagte laut, indem er von seinem Bett zum Fenster ging: »Das Glück kommt, das Glück! Das müßte ich mal dem Papa schreiben.« Ab und zu schrieb er seinem Vater. Und so ein Brief erregte immer stürmische Freude in dem kleinen normannischen Wirtshaus, das an der Landstraße oben auf der Höhe, die Rouen und das weite Thal der Seine beherrscht, lag. Ab und zu bekam er auch einen Brief im blauen Umschlag, dessen Adresse mit grober, zitternder Hand geschrieben war, und immer begann der väterliche Brief mit denselben Zeilen: »Mein lieber Sohn, ich schreibe Dir, um Dir zu sagen, daß es Deiner Mutter und mir gut geht. Hier ist nichts Neues geschehen, aber ich möchte Dir mitteilen ....« Und im Innern seines Herzens behielt er immer für alles, was das Dorf anging, für Nachrichten über das was die Nachbarn thaten, und wie die Ernte stand, sein Interesse. Als er vor dem kleinen Spiegel sich die weiße Kravatte band, sagte er sich von neuem: »Ich muß gleich morgen an Papa schreiben. Ah, wenn der gute Alte mich heute abend sehen könnte, der würde aber ein Gesicht machen. Verflucht nochmal, so ein Diner, so was kennt er gar nicht.« Und er dachte plötzlich an die schwarze räucherige Küche, da droben zu Hause hinter der leeren Gaststube, wo die Schüsseln, die längst der Wand aufgereiht waren, blitzten, die Katze am Herde saß und sich wärmte wie ein Gespenst, das dort kauerte. Er dachte an den Holztisch, der ab und zu durch verschüttete Getränke Flecke bekam, auf dem die Suppenschüssel in der Mitte dampfte, und zwischen zwei Tellern ein Licht brannte. Und dann sah er auch die beiden Eltern vor sich, Mann und Frau wie sie mit den langsamen Bewegungen der Bauern, ihre Suppe löffelten. Er kannte den kleinsten Zug in ihrem alten Gesicht, die geringste Art Kopf und Arm zu bewegen, er wußte genau, was sie sich jeden Abend sagten, wenn sie sich beim Essen gegenüber saßen. Und dann dachte er noch: »Ich muß sie doch unbedingt einmal besuchen.« Aber als er mit Anziehen fertig war, löschte er sein Licht und ging fort. Wie er den äußeren Boulevard hinunter ging, redeten ihn die Mädchen an, aber er antwortete, indem er sie mit dem Arm fortschob: »Macht, daß ihr weiterkommt!« mit so großer Entrüstung, als ob sie ihn verkannt und beleidigt hätten. Für wen hielten sie ihn denn, wußten denn die verfluchten Weiber die Männer nicht aus einander zu halten? Das Bewußtsein, den Frack an zu haben, mit dem er zum Diner gehen wollte, zu sehr reichen, sehr bekannten, sehr einflußreichen Leuten, gab ihm das Gefühl ein, als wäre er ein ganz neuer Mensch: das Bewußtsein, daß er ein anderer geworden, ein Mitglied der Gesellschaft, der wirklichen Gesellschaft. Er trat mit großer Sicherheit in das Vorzimmer, das durch große Bronzeleuchter erhellt war, und mit ganz natürlicher Gebärde gab er Stock und Überzieher den beiden Dienern, die auf ihn zukamen. Alle Zimmer waren erleuchtet. Frau Walter empfing im zweiten Salon, der der größte von allen war. Sie bewillkommnete ihn mit reizendem Lächeln, und er drückte den Herren, die schon da waren, die Hände, Herrn Firmin und Herrn Laroche-Mathieu, Abgeordnete und heimliche Mitarbeiter der › Vie française. ‹ Herr Laroche-Mathieu genoß bei der Zeitung eines besonderen Ansehens, weil er in der Kammer großen Einfluß besaß. Man erwartete unbedingt, daß er einmal Minister werden würde. Dann kamen Forestiers! Frau Forestier in rosa sah reizend aus. Duroy war ganz erstaunt, sie mit den beiden Abgeordneten so intim zu sehen. Sie sprach über fünf Minuten leise am Kamin mit Herrn Laroche-Mathieu. Karl machte einen erschöpften Eindruck; seit vier Wochen war er sehr abgemagert, er hustete fortwährend und meinte: »Ich sollte wirklich den Rest des Winters nach dem Süden gehen.« Norbert von Varenne und Jacques Rival erschienen zusammen, dann that sich eine Thür auf, und Herr Walter trat ein mit zwei großen jungen Mädchen, von sechzehn bis achtzehn Jahren, einer häßlichen und einer hübschen. Duroy wußte, daß der Chef Kinder hatte, aber er war doch ganz erstaunt. Er hatte an die Töchter nie anders gedacht, als wie an irgend ein fremdes Land, wohin man niemals kommt. Dann hatte er gemeint, sie müßten noch ganz klein sein, und nun sah er sie erwachsen vor sich stehen; das gab ihm eine leichte Verlegenheit, wie sie in uns hervorgerufen wird, wenn etwas anders ist als wir es uns gedacht haben. Sie streckten ihm, nachdem er vorgestellt worden, eine nach der andern die Hand entgegen. Dann setzten sie sich an einen kleinen Tisch, der wahrscheinlich für sie bestimmt war, wo sie anfingen eine Menge von Seidenwickeln in ein Körbchen zu räumen. Man erwartete noch jemand, und alles schwieg mit dieser Art von Verlegenheit, die gewöhnlich eintritt vor einem Diner, wenn Leute zusammenkommen nach ihren Tagesgeschäften, die nicht alle aus demselben Kreise sind. Duroy hatte aus Langeweile die Wände betrachtet, da rief ihm Herr Walter von weitem zu, weil er offenbar sein Licht nicht unter den Scheffel stellen wollte: – Sie sehen meine Bilder an? – Das »meine« hatte den Ton. – Ich will sie Ihnen einmal zeigen! Und er nahm eine Lampe, damit man die Einzelheiten besser sehen könnte. – Hier sind die Landschaften! Mitten an der Wand hing ein großes Gemälde, von Guillaumet, ein normannisches Strandbild bei Gewitterhimmel. Darunter eine Wald-Studie von Harpignies, daneben eine algerische Landschaft von Guillaumet, mit einem Kamel am Horizont, einem hochbeinigen Kamel, das aussah wie ein seltsames Monument. Herr Walter trat an die daran stoßende Wand und sagte mit ernsthaftem Ton, wie ein Zeremonienmeister: – Jetzt kommt die große Kunst. – Es waren vier Bilder. »Ein Besuch im Krankenhaus« von Gervex, dann »die Schnitterin« von Bastien- Lepage, »die Witwe« von Vouguereaux, und »die Exekution« von Jean Paul Laurens. Dieses letzte Bild stellte einen Priester dar aus der Vendée, den eine Abteilung Republikaner an die Mauer seiner Kirche gestellt hat, um ihn zu erschießen. Ein Lächeln lief über das ernste Gesicht des Chefs, als er auf die folgende Wand deutete. – Jetzt kommen die Genremaler. Zuerst betrachteten sie ein kleines Bild von Jean Béraud, genannt »Oben und Unten.« Es stellte eine hübsche Pariserin dar, welche die Treppe eines in Bewegung befindlichen Pferdebahnwagens, hinaufstieg. Oben an den Decksitzen erschien eben das Gesicht, und die Herren, die dort saßen, betrachteten mit großer Befriedigung die hübschen Züge, die vor ihnen auftauchten, während die Herren, die unten auf der Plattform standen, die Waden der Dame mit verschiedenem Ausdruck, teils unwillig, teils wohlgefällig in Augenschein nahmen. Herr Walter hielt die Lampe mit ausgestrecktem Arm hoch und wiederholte, indem er verschmitzt lächelte: – Nun ist das nicht amüsant? Ist das nicht amüsant? Dann beleuchtete er »die Lebensrettung« von Lambert. Mitten auf einem abgedeckten Tisch saß eine kleine Katze und betrachtete erstaunt und mit starren Blicken eine Fliege, die im Wasserglas ertrank. Die Katze hatte die eine Pfote erhoben, als wollte sie das Insekt mit einem Ruck herausziehen, aber sie war noch nicht entschlossen, sie zögerte noch. Was würde sie thun? Dann zeigte der Chef einen Detaille: »die Stunde.« Es stellte einen Soldaten in der Kaserne dar, der einem Pudel das Trommeln beibringt, und Herr Walter sagte dazu: – Das ist doch geistreich! Duroy nickte beifällig und ward ganz begeistert: – Das ist ja reizend, reizend, ganz rei .... – er unterbrach sich, denn er hörte plötzlich hinter sich die Stimme Frau von Marelles, die eben eingetreten. Der Chef beleuchtete noch weiter die Bilder und erklärte sie. Nun zeigte er ein Aquarell von Moritz Leloix das »Hindernis«. Eine Sänfte, deren Träger stehen geblieben waren, weil die Straße von zwei Kerlen versperrt ward, die wie die Ringer mit einander kämpften. Aus dem Fenster der Sänfte sah man ein reizendes Frauenantlitz herauslugen, das ihnen zusah ohne Ungeduld, ohne Angst, mit einer gewissen Bewunderung. Herr Walter fuhr fort: – Ich habe noch in den andern Zimmern eine ganze Menge Bilder, aber sie sind von weniger bedeutenden Malern, die keinen so großen Namen haben. Das ist der Glanzpunkt. Ich kaufe jetzt von jungen Künstlern Bilder, von ganz jungen, und hänge sie vorläufig in Zimmer, wo niemand hinkommt. Ich warte, bis die Maler berühmt geworden sind. Dann sagte er leise: – Jetzt muß man Bilder kaufen, die Maler haben nichts zu beißen, keinen Pfennig in der Tasche. Aber Duroy sah nichts und hörte zu ohne zu verstehen. Frau von Marelle war da, hinter ihm. Was sollte er thun? Würde sie ihm nicht, wenn er sie grüßte, den Rücken drehen, oder ihm irgend eine Beleidigung an den Kopf werfen? Und was sollte sie denn denken, wenn er sich ihr gar nicht näherte? Er sagte sich: – Ich muß Zeit gewinnen. Er war so aufgeregt, daß er daran dachte, ein plötzliches Unwohlsein vorzuschützen, um sich aus dem Staube machen zu können. Sie hatten jetzt alle Bilder angesehn. Der Chef setzte die Lampe wieder auf den Tisch, um die zuletzt Gekommene zu begrüßen, während Duroy die Gemälde ganz allein noch weiter betrachtete, als ob er gar nicht genug sehen könnte. Der Kopf war ihm wirr, er hörte Stimmen, er unterschied die Unterhaltung. Frau Forestier rief: – Sagen Sie mal, Herr Duroy ... er trat auf sie zu. Sie wollte ihm eine Freundin empfehlen, die ein Fest gab, das sie gern in der › Vie française ‹ besprochen haben wollte. Er stammelte: – Aber natürlich, gnädige Frau, natürlich. Jetzt stand Frau von Marelle ganz nahe bei ihm. Er wagte nicht, sich umzuwenden. Da plötzlich – war er denn verrückt geworden – sagte sie laut: – Guten Tag, Liebling! Kennen Sie mich denn nicht mehr? Sofort drehte er sich um, sie stand lächelnd vor ihm, und aus ihren Blicken leuchteten Heiterkeit und Liebe. Sie streckte ihm die Hand entgegen. Zitternd nahm er sie. Er befürchtete noch immer eine Falle. Sie fügte freundlich hinzu: – Wie geht es Ihnen denn? Man sieht Sie ja gar nicht mehr! Er stammelte, ohne seine Kaltblütigkeit ganz wieder gewinnen zu können: – O, ich habe viel zu thun gehabt, sehr viel zu thun. Herr Walter hat mir ein neues Ressort überwiesen, das macht Riesen-Arbeit. Sie antwortete und blickte ihn gerade an, ohne daß er in ihren Augen etwas anderes als Wohlwollen lesen konnte. – Ich weiß, aber das ist doch kein Grund, Ihre Freunde ganz zu vergessen. Sie wurden getrennt durch eine dicke Dame, die eben hereinkam. Eine dicke Dame mit entblößten Schultern, roten Armen, rotem Gesicht, in anspruchsvoller Toilette und Haartracht. Sie trat so schwer auf, daß man Gewicht und Umfang ihrer Beine förmlich fühlte, wenn sie ging. Da man sie offenbar mit besonderer Auszeichnung behandelte, so fragte Duroy Frau Forestier: – Wer ist denn das? – Die Vicomtesse von Percemur, die bei uns »Sammetpfötchen« zeichnet. Er war ganz erstaunt und hatte Lust zu lachen: – Sammetpfötchen, Sammetpfötchen, und ich bildete mir ein, das müßte so eine Frau sein wie Sie! Das ist das Sammetpfötchen! Na, das ist gut, die kann so bleiben! Ein Diener erschien in der Thür und meldete: – Es ist angerichtet. Das Diner war banal und heiter. Eines jener Diners, bei dem man von allem spricht und von nichts. Duroy saß zwischen der ältesten Tochter des Chefs, der häßlichen, Fräulein Rosa Walter, und Frau von Marelle, deren Nachbarschaft ihn ein wenig genierte, obgleich sie sehr vergnügt war und mit ihrem gewohnten Witz plauderte. Er war zuerst verlegen und tastete und zögerte wie ein Musiker, der aus dem Takt gekommen ist. Doch allmählich kehrte seine Sicherheit zurück, und ihre Augen begegneten sich fortwährend, befragten sich und tauchten vertraulich, fast sinnlich ineinander, wie früher. Plötzlich war ihm, als fühlte er unter dem Tisch etwas seinen Fuß berühren. Er streckte vorsichtig das Bein aus und begegnete dem seiner Nachbarin, das der Begegnung nicht auswich. In diesem Augenblick sprachen sie nicht, und wendeten sich beide zu ihren Nachbarn auf der anderen Seite. Duroy schob klopfenden Herzens sein Knie noch weiter vor. Ein leiser Druck antwortete ihm. Da begriff er, daß ihre zärtlichen Beziehungen wieder begonnen. Sie sprachen nicht mehr viel, aber ihre Lippen zitterten jedesmal, wenn sie sich anblickten. Ab und zu richtete der junge Mann, der gegen die Tochter seines Chefs liebenswürdig sein wollte, das Wort an diese. Sie antwortete genau wie ihre Mutter, die nie einen Augenblick verlegen war, was sie sagen sollte. Rechts von Herrn Walter saß die Vicomtesse von Percemur, wie eine Fürstin, und Duroy, dem es Spaß machte, sie zu betrachten, fragte ganz leise Frau von Marelle: – Kennen Sie auch die andere, die »Rosa Domino« zeichnet? – Natürlich, Baronin von Livar. – Ist das auch die Sorte? – Nein, aber ebenso komisch; groß, dürr, sechzig Jahre alt, falsche Löckchen, englische Raffzähne, Geist aus der Zeit der Restauration, Toilette so auch etwa um die Zeit. – Wo haben sie denn nur diese Litteraturwunder aufgegabelt? – O, der Abhub des Adels wird von bürgerlichen Parvenüs immer gut aufgenommen! – Ein anderer Grund ist nicht vorhanden? – Nein! Dann begann ein politisches Gespräch zwischen dem Chef, den beiden Abgeordneten, Norbert von Varenne und Jacques Rival. Das dauerte bis zum Nachtisch. Als sie wieder drüben im Salon standen, näherte sich Duroy von neuem Frau von Marelle und blickte ihr in die Augen. – Soll ich Sie heute abend nach Hause bringen? – Nein. – Warum nicht? – Weil Herr Laroche-Mathieu,, mein Nachbar, mich jedesmal an meiner Thür absetzt, wenn ich hier esse. – Wann sehe ich Sie wieder? – Kommen Sie morgen zum Frühstück zu mir. Und sie trennten sich, ohne ein Wort mehr zu sprechen. Duroy blieb nicht lange, er fand die Gesellschaft langweilig. Als er die Treppe hinunter ging, holte er Norbert von Varenne ein, der sich auch entfernt hatte. Der alte Dichter nahm seinen Arm. Seit er keine Rivalität bei der Zeitung mehr von ihm zu fürchten brauchte, da ihre Thätigkeit sich gar nicht berührte, hatte er für den jungen Mann eine Art von väterlichem Wohlwollen angenommen. – Nun Sie begleiten mich doch ein Stück? Duroy antwortete: – Aber gewiß, mit Freude! Und sie schritten langsam den Boulevard Malesherbes hinab. Paris war beinahe ausgestorben diese Nacht. Es war kalt, eine jener Nächte wo man meinen könnte, alles wäre weiter, größer, wo die Sterne höher stehen, wo die Luft in ihrem eisigen Hauch etwas daher zu tragen scheint, das noch weiter her kommt, als von den Gestirnen. Im ersten Augenblick sprachen die beiden Männer nichts. Dann meinte Duroy, um etwas zu sagen: – Dieser Herr Laroche-Mathieu scheint sehr gescheit und unterrichtet zu sein. Der alte Dichter brummte: – So, finden Sie? Der junge Mann hielt erstaunt inne: – Nun ja, er gilt doch auch für einen der fähigsten Leute in der Kammer. – Das kann sein. Unter den Blinden ist der Einäugige König. Wissen Sie, alle diese Leute sind ziemlich mittelmäßige Genossen; weil sie alle zwischen zwei Mauern verrannt sind – Geld und Politik! Es sind alte Pedanten, lieber Freund, mit denen man über nichts sprechen kann, über nichts was uns interessiert. Ihr Verstand ist ganz festgetrocknet oder vielmehr versumpft, wie die Seine bei Asnières. Ach es ist ja so schwer einen Menschen zu finden, der etwas weitere Begriffe hat, bei dem man so das Gefühl einer frischen Seebrise empfindet. Ich habe einige wenige gekannt, die sind aber tot. Norbert von Varenne sprach mit klarer aber verhaltener Stimme, die man weiter vernommen hätte im Schweigen der Nacht, hätte er sie nicht etwas gedämpft. Er schien traurig, von einer jener traurigen Stimmungen befallen, die manchmal die Seele ergreifen, daß sie zittert, wie die Erde unter dem Frost. Er sagte: – Aber es kommt schließlich nicht darauf an, ob einer etwas mehr oder weniger Geist hat. Es geht ja doch alles zu Grunde. Und er schwieg. Duroy, der den Abend in guter Laune war, meinte lächelnd: – Sie sehen ja recht schwarz, verehrter Meister. Der Dichter entgegnete: – Das thue ich immer, liebes Kind. Und in ein paar Jahren thun Sie es auch. Das Leben ist wie ein Berg, den man ersteigen muß. So lange man den Gipfel schaut, fühlt man sich glücklich. Aber wenn man oben angekommen ist, sieht man vor sich das Ende, den Tod. Langsam geht man den Weg hinauf, aber schnell geht man ihn hinab. In Ihrem Alter erscheint alles rosig. Man hofft noch so viel, was man übrigens niemals erreicht. In meinem hofft man nichts mehr ... als den Tod. Duroy fing an zu lachen. – Verflucht, dabei läuft's einem ja ganz kalt über den Rücken. Norbert von Varenne fuhr fort: – Nein, wissen Sie, heute verstehen Sie mich nicht, aber Sie werden sich später noch einmal an dies Gespräch erinnern. Sehen Sie, der Tag kommt, und für viele kommt er bald, wo Spiel und Tanz vorbei ist, wie man sagt, weil man hinter allem, was man sieht, den Tod erblickt. Ach, Sie verstehen ja nicht einmal das Wort Tod, in Ihrem Alter bedeutet es nichts, in meinem ist es furchtbar. Plötzlich begreift man. Man weiß nicht warum und weshalb. Aber mit einem Schlage gewinnt alles ein anderes Gesicht im Leben. Ich fühle den Tod seit fünfzehn Jahren in mir arbeiten gleich einem Tier, das an mir frißt. Ich habe ihn allmählich gefühlt, Monat für Monat, Stunde für Stunde, mich unterwühlen wie ein Haus, das bald einstürzen wird. Er hat mich so verändert, daß ich mich nicht wiedererkenne. Von dem lebenstrahlendsten, frischesten, kräftigsten Menschen, der ich mit dreißig Jahren war, ist nichts übrig geblieben. Ich habe ihn mein schwarzes Haar weiß färben sehen und mit welch schlauer boshafter Langsamkeit, ach Gott! Er hat mir die Straffheit der Haut, die Festigkeit der Muskeln, meine Zähne, meinen ganzen Körper, wie er einst war, genommen und ließ mir nur eine verzweifelte Seele, die er bald auch rauben wird. Der Lump hat mich zerbröckelt, hat sachte und fürchterlich Sekunde um Sekunde mein ganzes Sein zerstört, und jetzt fühle ich in allem, was ich thue – den Tod. Jede Stunde bringt mich ihm näher, jede Bewegung, jeder Hauch arbeitet an seinem furchtbaren Werk. Atmen, schlafen, trinken, essen, arbeiten, träumen, all unsre Thätigkeit bedeutet Tod, kurz – leben, heißt sterben. O, Sie werden das noch empfinden. Wenn Sie nur einmal eine Viertelstunde darüber nachdenken, spüren Sie den Hauch davon. Was erstreben, was erwarten Sie? Liebe? Noch ein paar Küsse, und Sie können nicht mehr. Oder Geld? Wozu? Um Weiber zu bezahlen? Ein schönes Glück! Um viel zu essen? Um fett zu werden, und dann zu schreien beim Reißen der Gicht? Und was dann? Ruhm? Was kann der helfen, wenn wir ihn nicht mehr einheimsen können in Gestalt von Liebe? Und dann? Immer wieder der Tod, am Ende aller Enden. Ich sehe ihn jetzt oft so nahe vor mir, daß es mir ist, als müßte ich die Hände abwehrend ausstrecken, um ihn von mir zu stoßen. Er beherrscht den ganzen Erdenkreis, den Weltenraum. Ich sehe ihn überall; irgend ein armseliger zertretener Wurm auf der Straße, der Blätterfall, ein weißes Haar im Bart des Freundes, alles zerfrißt mir das Herz und ruft mir zu: das ist er! Er verbittert mir alles, was ich thue, alles was ich sehe, was ich esse und trinke, was ich liebe, Mondschein wie Sonnenaufgang, das weite Meer, die schönsten Flußgestade, die mildeste Luft am schönen Sommerabend. Er ging langsam dahin, ein wenig außer Atem und träumte ganz laut, als vergesse er fast, daß man ihm zuhörte. Und er fuhr fort: – Nie ist noch ein Wesen wiedergekehrt. Die Form, in der man eine Bildsäule gießt – bleibt, jeder Stempel bleibt zu neuem Abdruck; aber mein Leib, mein Gesicht, meine Gedanken, mein Hoffen und Sehnen kehrt nie wieder. Und doch werden Millionen und Milliarden von Wesen kommen, die an derselben Stelle Nase, Augen, Stirn und Wangen und einen Mund haben werden wie ich, sogar eine Seele wie ich, ohne daß ich doch je wiederkehre, ohne daß sogar irgend etwas, woran man mich erkennt, in den unzähligen verschiedenen Geschöpfen wiederkehrt, die alle ganz verschieden sind, wenn sie sich auch ein wenig ähnlich sehen. An was sollen wir uns halten? Zu wem rufen in unsrer Angst und Not, woran glauben? Alle Religionen mit ihrer kindlichen Moral, mit ihren eigensüchtigen und darum thörichten Versprechungen, sind albern. Nur der Tod ist gewiß...... Er blieb stehen und faßte Duroy an den beiden Aufschlägen des Ueberziehers, indem er langsam sagte: – Junger Mann, denken Sie an das alles, denken Sie daran Tage, Wochen, Jahre hindurch, und Sie werden das Dasein mit anderen Augen ansehen. Versuchen Sie einmal, sich loszumachen von allem, was uns umschließt. Versuchen Sie einmal mit übermenschlicher Kraft, während Sie doch leben, aus Ihrer Haut zu fahren, aus Ihren Interessen, Ihren Gedanken, aus der ganzen Menschheit, um sich anderwärts umzuthun. Dann werden Sie begreifen, wie lächerlich winzig der Streit ist zwischen Romantikern und Naturalisten, oder der Streit um das Budget. Etwas schneller ging er wieder weiter: – Aber Sie werden auch die furchtbare Traurigkeit der Verzweiflung erkennen, Sie werden sich wehren dagegen, versunken, verloren in der Ungewißheit. Um Hilfe werden Sie rufen, und keine Stimme antwortet. Sie strecken die Arme aus und schreien nach einer Seele, die Ihnen helfen soll, Sie lieben, trösten und retten, aber keine Antwort– keine Antwort! Und warum leiden wir so? Wahrscheinlich weil wir geboren sind, um mehr der Materie und weniger dem Geist entsprechend zu leben. Aber Kraft unseres Denkens, hat sich eine Kluft aufgethan zwischen unsrer erweiterten Erkenntnis und den unerschütterlichen Gesetzen unsres Daseins. Sehen Sie sich einmal den Durchschnittsmenschen an. Wenn ihn nicht gerade irgend ein großes Unglück trifft, ist er zufrieden, und fühlt nichts von der Menschheit ganzem Jammer. Das Tier fühlt ihn ja auch nicht ..... Er blieb noch einmal stehen, dachte ein paar Sekunden nach und sagte dann lässig, wie ergeben in sein Schicksal: – Ich bin ein verlorenes Wesen, ich habe keinen Vater, keine Mutter, keinen Bruder, keine Schwester, keine Frau, keine Kinder, keinen Gott. Und er fügte nach kurzer Pause hinzu: – Ich habe nichts, als die Poesie. Dann hob er die Äugen zum Himmel auf, wo der Vollmond stand in fahlem Schein, und sprach die Verse: Wo droben schwimmt ein bleicher Stern Einsam am weiten Himmelszelt, Sucht' ich die Lösung, ach so gern Vom dunklen Rätsel dieser Welt. Sie kamen an die Konkordienbrücke, überschritten sie schweigend und gingen dann am Palais Bourbon entlang. Norbert von Varenne fing wieder an zu sprechen: – Heiraten Sie, lieber Freund, Sie wissen nicht, was es heißt, in meinem Alter allein zu sein. Die Einsamkeit erfüllt mich heute mit furchtbarem Entsetzen. Die Einsamkeit in meiner Wohnung: wenn ich abends am Kamin sitze, ist es mir, als wäre ich ganz allein auf dieser Erde, ganz allein. Aber es umgeben mich allerlei Gefahren, fürchterliche Dinge, die ich nicht kenne. Die Wand, die mich von meinem Nachbar, den ich nicht kenne, trennt, rückt ihn für mich ebensoweit wie die Sterne dort oben, die ich von meinem Fenster aus erblicke. Eine Art Fieber überfällt mich, ein Fieber vor Schmerz und Angst, und bei der Stille in meinen Räumen packt mich das Entsetzen. Das Schweigen eines Zimmers, in dem man allein lebt, ist so tief und traurig, es ist nicht bloß ein Schweigen um unseren Körper herum, sondern ein Schweigen um unsere Seele. Und wenn ein Möbel knackt, fährt man zusammen bis ins innerste Herz, denn in diesem toten Heim erwartet man ja keinen Laut. Er schwieg noch einmal und fuhr dann fort: – Wenn man alt ist, wäre es doch noch das beste, Kinder zu haben. Sie waren die Rue de Bourgogne zur Hälfte hinuntergeschritten. Der Dichter blieb vor einem hohen Hause stehen, klingelte, drückte Duroy die Hand und sagte: – Wein lieber Freund, vergessen Sie all das Gewäsch eines alten Mannes und leben Sie, wie es Ihre Jugend verlangt. Adieu! Und er verschwand im Dunkel des Flurs. Duroy ging mit gepreßtem Herzen weiter. Es war ihm, als hätte man ihm eine offene Grube voll Knochen und Gerippen gezeigt, einen Abgrund, dem auch er entgegenging, in den auch er eines Tages stürzen würde, und er brummte: – Verflucht nochmal, das muß nicht zum Totlachen bei ihm sein. Ich möchte nicht gerade im Theater sitzen, wenn seine Ideen über die Bühne gehen. Gott verdamm' mich! Er war stehen geblieben, um eine parfümierte Dame vorüberzulassen, die aus ihrem Wagen stieg und in ihr Haus ging; und nun sog er gierig den Geruch von Verbenen und Iris ein, der ihr folgte. Seine Lungen, sein Herz zitterten plötzlich vor Hoffnung und Freude, und mit einem Mal überkam ihn der Gedanke an Frau von Marelle, die er am nächsten Tage wiedersehen sollte. Alles lächelte ihm entgegen. Das Leben nahm ihn zärtlich auf. Wie schön war es, daß seine Träume in Erfüllung gingen. Mit dem Gedanken schlief er ein und erhob sich zeitig, um noch einen Spaziergang in der Avenue du Bois de Bologne zu machen, ehe er sich zu seinem Stelldichein begab. Da sich der Wind gedreht hatte, war das Wetter während der Nacht milder geworden. Die Luft war lau, und die Sonne schien wie im April. An diesem Morgen hatten sich alle ständigen Besucher des Bois, der freundlichen Lockung des schönen Wetters folgend, draußen zusammengefunden. Duroy ging langsam und sog die leichte, köstliche Luft ein, wie einen Leckerbissen, den der Frühling bot. Am Arc de Triomphe vorüber schritt er die große Allee hinunter, auf der dem Reitweg gegenüberliegenden Seite. Er blickte den vorübertrabenden oder galoppierenden Herren und Damen, den Reichen dieser Erde nach, und beneidete sie eigentlich kaum. Er wußte von beinahe allen die Namen, wußte wie viel Geld sie hatten und kannte die Heimlichkeiten ihres Lebens, da sein Beruf ihn tiefe Blicke hatte thun lassen in das Dasein der Berühmtheiten und in alle Pariser Skandalgeschichten. Reiterinnen kamen vorbei, schlank, in dunklen Reitkleidern, mit jenem stolzen, unnahbaren Blick, den viele Frauen zu Pferde haben. Und Duroy machte es Spaß, halblaut, wie die Litanei in der Kirche, Namen, Titel und Eigenschaften der Liebhaber, die sie gehabt hatten, oder die man ihnen nachsagte, für sich aufzuzählen. Und manchmal sogar statt: Baron de Tanquelet Prinz de la Tour-Enguerrand. murmelte er: – Fraction »Lesbos«. Luise Michot vom Vaudeville Rosa Marquetin von der Oper. Dies Spiel machte ihm Spaß, als ob er unter dem strengen, äußeren Schein die sich überall wiederholende tiefe Gemeinheit des Menschen erkannt, und als ob ihn das freute, ihn erregte und tröstete. Dann sagte er laut: »Heuchlerbande«, und spähte nach den Reitern, über die am meisten erzählt ward. Er sah eine Menge, die im Verdacht standen falsch zu spielen, und für die die Clubs die große Geldquelle waren, die einzige Quelle und jedenfalls eine ziemlich verdächtige. Dieser bekannte Mann da lebte nur vom Gelde seiner Frau, wie allgemein bekannt. Jener wie man behauptete vom Geld seiner Maitresse. Der da hatte seine Schulden bezahlt – was ja sonst ganz ehrenhaft – ohne daß man je hätte herausbringen können, woher er eigentlich das erforderliche Geld gekriegt hatte. Er sah Herren der Groß-Finanz, deren riesiges Vermögen von einem Diebstahl stammte, die man aber überall empfing, auch in den besten Häusern, und dann Männer, die sogar allgemeine Achtung genossen, so daß der kleine Mann, der ihnen begegnete, die Mütze zog, aber deren unverfrorene Finanzoperationen bei großen, nationalen Unternehmungen keinem unbekannt waren, der nur ein wenig tiefer blickte. Alle sahen stolz drein, blickten frech um sich, die mit Vollbart, wie die mit Schnurrbart. Duroy lächelte vor sich hin und sagte sich: – Eine nette Gesellschaft, verfluchtes Gesindel. Da kam ein offener reizender, niedriger Wagen vorüber, im schlanken Trabe von zwei kleinen Schimmeln gezogen, deren Mähne und Schwanz flatterten. Eine junge, blonde Dame kutschierte, eine bekannte Halbweltlerin, zwei Diener saßen hinten auf. Duroy blieb stehen. Er hatte Lust zu grüßen, um diesem Emporkömmling der Liebe, der unverschämt, öffentlich, frech den Luxus, den er sich auf der Matratze verdient, zeigte, seinen Beifall zu bezeugen. Vielleicht hatte er ein unbestimmtes Gefühl, als ob zwischen ihnen etwas Gemeinsames wäre, ein natürliches Band, als wären er und sie von der gleichen Art und Rasse, er der seine Erfolge einem ähnlichen dreisten Vorgehen zu verdanken hatte. Er kehrte langsam zurück, er fühlte sich befriedigt, und er kam etwas vor der Zeit an das Haus der ehemaligen Geliebten. Sie empfing ihn mit einem Kuß, als ob sie nie miteinander gebrochen hätten, und vergaß sogar ein paar Augenblicke die Vorsicht, die sie sonst zu Haus bei ihren Liebkosungen walten ließ. Dann küßte sie die gekräuselten Schnurrbartspitzen und sagte: – Nein, denke Dir bloß mal, Herzchen, was mir passiert ist, ich hoffte wir würden einen schönen Honigmond haben, da kommt plötzlich mein Mann auf sechs Wochen. Er hat Urlaub genommen. Aber ich muß Dich sehen in den sechs Wochen, vor allem nach unserem kleinen Zerwürfnis, und da habe ich mir etwas ausgedacht. Du wirst Montag zu Tisch eingeladen, ich habe ihm schon von Dir erzählt. Ich stelle Dich vor. Duroy zögerte ein wenig verlegen, denn er hatte noch nie einem Manne gegenüber gestanden, mit dessen Frau er intim verkehrte. Er fürchtete, er möchte sich durch etwas verraten, vielleicht durch Befangenheit, durch einen Blick, durch irgend etwas, und er stammelte: – Nein, ich möchte lieber Deinen Mann nicht kennen lernen. Sie war sehr erstaunt, blieb aber bei ihrem Wunsch, indem sie sich vor ihn hinstellte und ihn mit großen Augen naiv anblickte: – Aber warum denn nicht? Das ist zu albern! Das kommt doch alle Tage vor. Ich hätte Dich nicht für so thöricht gehalten. Duroy war beleidigt: – Gut, ich komme Montag zum Essen. Sie fügte noch hinzu: – Damit es nicht auffällt, sollen Forestiers auch da sein. Du weißt, ich liebe es sonst nicht, jemand bei mir zu sehen. Duroy dachte bis zum Montag nicht wieder an diese Begegnung; aber als er die Treppe zu Frau von Marelle hinaufstieg, war er doch etwas erregt, nicht etwa, weil er sich schämte die Hand des Gemahls zu nehmen, seinen Wein zu trinken und sein Brot zu essen, sondern er hatte eine unbestimmte Angst vor etwas, er wußte nur nicht wovor. Man ließ ihn in den Salon treten und er wartete wie immer. Da öffnete sich die Thür des Zimmers, und er erblickte einen großen Herrn mit weißem Bart, ein Ordensbändchen im Knopfloch, sehr würdig, der ihm artig entgegen kam mit den Worten: – Meine Frau hat mir oft von Ihnen erzählt und es freut mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen. Duroy ging ihm entgegen und versuchte sich besonders liebenswürdig zu geben. Er drückte übertrieben heftig die entgegen gestreckte Hand seines Wirtes, dann setzten sie sich, aber er wußte nicht was er sagen sollte. Herr von Marelle warf ein Stück Holz ins Feuer des Kamins und fragte: – Sind Sie schon lange Journalist? Duroy antwortete: – Erst seit ein paar Monaten. – O, dann haben Sie aber schnell Carrière gemacht. – Ja, sehr schnell; – und er redete drauf los ohne weiter zu überlegen, was er eigentlich sprach. Es fielen all die banalen Redensarten, die zwischen zwei Menschen gemacht werden, die sich nicht kennen. Allmählich ward er sicherer und fing an seine Lage ganz spaßhaft zu finden. Er sah das würdige, ernste Gesicht des Herrn von Marelle, und ihn kam die Lust an, zu lachen, indem er dachte: Na, mein Alter, Dir hab' ich aber tüchtige Horner aufgesetzt. Eine heimliche, niederträchtige Befriedigung durchströmte ihn, wie etwa ein Dieb sich freut, dem sein Diebstahl geglückt ist, ohne daß man ihn in Verdacht hat. Ein köstliche, schurkische Freude! Er empfand plötzlich die Lust, Freund dieses Mannes zu werden, sein Vertrauen zu gewinnen, und ihm allerlei Intimitäten seines Lebens zu entlocken. Frau von Marelle trat plötzlich herein, und nachdem sie Duroy lächelnd und undurchdringlich angeblickt, ging sie auf ihn zu, der angesichts des Mannes nicht wagte, ihr die Hand zu küssen, wie er sonst immer that. Sie war ruhig und heiter, wie jemand der sich in alles schickt und der diese Begegnung ganz natürlich findet. Die kleine Laura erschien und kam auf Georg zu, um ihm artig wie sonst die Stirn zum Kuß zu bieten. Die Gegenwart des Vaters machte sie befangen. Die Mutter sagte: – Nun, nennst Du ihn denn heute nicht mehr Liebling? Das Kind ward rot, als wäre der Ausdruck eine große Indiskretion, als hätte die Mutter den Schleier gezogen von einem intimen, und ein wenig strafbaren Geheimnis ihrer Brust. Als Forestiers erschienen, war man erschrocken über Karls Aussehen; er war binnen einer Woche entsetzlich mager und bleich geworden und hustete ununterbrochen. Übrigens erzählte er: Kommenden Donnerstag würden sie auf dringende Anordnung des Arztes nach Cannes reisen. Sie gingen zeitig und Duroy sagte kopfschüttelnd: – Ich glaube, der wird's nicht lange mehr machen. Frau von Marelle bestätigte ernst: – Ja, der ist verloren. Der hat mal Glück gehabt mit seiner Frau. Duroy fragte: – Hilft sie ihm viel? – Nun sie macht eigentlich alles. Sie weiß überall Bescheid, sie kennt jeden Menschen ohne so zu thun, als bemerke sie jemanden, sie kriegt fertig was sie will, wie sie es will, wann sie will. O, die ist schlauer, geschickter, intriguanter als irgend eine; die ist ein wahrer Fund für jemand, der vorwärts kommen will. Georg fragte: – Sie wird sich wohl bald wieder verheiraten? Frau von Marelle antwortete: – Gewiß, ich würde mich garnicht wundern, wenn sie schon jemand in Aussicht hätte. Einen Abgeordneten ... das heißt .... vorausgesetzt, daß er will .... denn .... denn ..... denn es könnte vielleicht ein großes Hindernis, ein ..... ein moralisches ..... nun, kurz, ich weiß nichts ... Herr von Marelle brummte mit leiser Ungeduld: – Du läßt immer eine Menge Dinge ahnen, die ich nicht mag. Wir wollen uns doch nicht um anderer Leute Angelegenheiten kümmern. Unser Gewissen soll die einzige Richtschnur für uns sein. Und sollte es für jeden sein. Duroy ging unruhigen Geistes und Herzens, und allerlei unbestimmte Pläne tauchten in ihm auf. Am nächsten Tage machte er Forestiers einen Besuch, und er fand sie beim Packen. Karl lag auf dem Sofa, that als könnte er gar keine Luft bekommen und sagte: – Ich hätte seit vier Wochen schon fortgemußt. Dann trug er Duroy eine Menge Dinge auf für die Zeitung, obgleich alles schon mit Herrn Walter geordnet und abgemacht war. Als Georg ging, drückte er seinem Kollegen kräftig die Hand. – Na mein Alter, auf baldiges Wiedersehen! Aber als Frau Forestier Duroy bis zur Thür brachte, sagte er lebhaft: – Sie haben doch unsern Pakt nicht vergessen? Wir sind Freunde, unverändert, nicht wahr? Wenn Sie mich also in irgend etwas brauchen, zögern Sie nicht, Telegramm oder Brief, ich thue was Sie wollen. Sie flüsterte: – Tausend Dank, ich werde daran denken. Und auch ihr Auge schien ihm tiefen und süßen Dank zu sagen. Als Duroy die Treppe hinabging, begegnete ihm Graf Baudrec, der langsam heraufkam und den er schon einmal bei ihr getroffen. Der Graf schien traurig zu sein, vielleicht wegen ihrer Abreise? Duroy wollte sich als Mann von Welt zeigen und grüßte überaus artig. Der andere gab den Gruß höflich, aber doch ein wenig stolz zurück. Das Ehepaar Forestier reiste Donnerstag abend ab. VII Karls Abwesenheit verlieh Duroy große Wichtigkeit in der Redaktion der › Vie française ‹. Er durfte ein paar Leitartikel schreiben, während er jedoch beim lokalen Teil blieb, denn der Chef wollte, daß jeder für seine Arbeit verantwortlich sei. Duroy hatte ein paar Zeitungspolemiken, aus denen er sich geistreich zu ziehen wußte, und seine fortdauernden Beziehungen zu Staatsmännern bereiteten ihn allmählich darauf vor, ein geschickter und umsichtiger politischer Redakteur zu werden. Er sah nur einen dunklen Punkt am Horizont. Der kam von einem kleinen Revolverblatt, das ihn fortwährend angriff, oder vielmehr, das in ihm den Chef des lokalen Teiles der › Vie française ‹ angriff. »Der Chef von Herrn Walters Lokalen Erfindungen« wie der anonyme Redakteur dieses Blattes sagte, das die »Feder« hieß. Jeden Tag standen Niederträchtigkeiten, Sticheleien und allerhand Verunglimpfungen darin. Jacques Rival sagte eines Tages zu Duroy: – Sie haben aber Geduld. Der andere stammelte: – Ja, es sind aber doch keine direkten Angriffe. Da hielt ihm eines Tages, als er in das Redaktionszimmer trat, Boisrenard eine Nummer der »Feder« entgegen: – Da steht wieder was recht Angenehmes für Sie drin. – In welcher Beziehung? – Wegen nichts, weil eine gewisse Aubert durch einen Sittenpolizisten festgenommen worden ist. Georg nahm das Blatt, das jener ihm hinhielt und las unter dem Titel: »Duroys kleine Scherze.« »Der berühmte Reporter der › Vie française ‹ weiß uns heute mitzuteilen, daß die Festnahme der Aubert durch einen Beamten jener verwerflichen Sittenpolizei nur in unserer Einbildung stattgefunden habe. Nun, die in Frage stehende Person wohnt im Stadtviertel Montmartre, Rue de l'Ecureuil Nummer achtzehn. Wir verstehen übrigens sehr wohl, welches Interesse, oder welche Interessen die Kulis der Walterbank daran haben, die Sache des Polizei-Präfekten, der sie duldet, zu unterstützen. Der Reporter dagegen, um den es sich handelt, sollte uns doch lieber eine jener sensationellen Nachrichten auftischen, die seine Spezialität sind: Todesmeldungen, die am nächsten Tage widerrufen werden, Berichte von Schlachten, die garnicht stattgefunden haben, wichtige Aussprüche die irgend ein Herrscher gethan haben soll, der keinen Ton geredet hat, kurz alle die Nachrichten, die Walters Profit dienen; oder irgend eine jener Indiskretionen über eine Soirée bei einer vielgenannten Dame, oder über die Güte irgend welcher Fabrikate, die für gewisse Kollegen eine Goldgrube werden.« Der junge Mann war mehr erstaunt als wütend, er begriff nur, daß darin etwas lag, was für ihn sehr unangenehm war. Boisrenard begann vom neuen: – Wer hat Ihnen denn diese Nachricht gebracht? Duroy überlegte, aber er wußte es nicht mehr. Plötzlich fiel es ihm ein: – Ach ja, Saint-Potin, – dann las er den Absatz der »Feder« noch einmal und ward plötzlich rot, so brachte ihn der Vorwurf, daß er käuflich sei, in Wut. Er rief: – Was, die behaupten, ich würde bezahlt? Boisrenard unterbrach ihn: – Allerdings, und das ist sehr fatal für Sie. Bei so etwas ist unser Chef höllisch hinterher, das könnte sonst in den lokalen Nachrichten öfter vorkommen. Da trat gerade Saint-Potin ein. Duroy ging auf ihn zu: – Haben Sie die Notiz der »Feder« gelesen? – Ja, und ich komme eben von der Aubert. Sie existiert tatsächlich, aber ist nicht festgenommen worden. Daran ist kein wahres Wort. Da ging Duroy zum Chef. Er fand ihn etwas kühl, und Herr Walter blickte ihn argwöhnisch an. Dann antwortete er, nachdem er die Sache gehört, um die es sich handelte: – Gehen Sie selbst zu dieser Frau Aubert, und dann widerrufen Sie auf eine Art, daß man nicht wieder solche Sachen über Sie schreiben kann. Ich meine das, was da noch steht, es ist für die Zeitung sehr unangenehm, für mich und für Sie. Der Ruf eines Journalisten muß ebenso unantastbar sein, wie der einer Dame. Duroy nahm eine Droschke; Saint-Potin fuhr mit ihm, als Führer und rief dem Kutscher zu: – Rue de l'Ecureuil 18, Montmartre. Das Haus war riesig. Sie mußten sechs Stock hinaufklettern. Ein altes Weib in wollener Blouse öffnete: – Na, wat woll'n Se denn schon wieder? sagte sie, als sie Saint-Potin gewahrte. Er antwortete: – Ich bringe Ihnen hier einen Herrn, der Polizei-Inspektor ist, er möchte gern die Geschichte mal hören. Da ließ sie sie eintreten und erzählte: – 'sind nämlich eben wieder Herren dagewesen, für eine Zeitung, ich weiß nich für welche. Dann wandte sie sich zu Duroy: – Also Sie wollen 's gern hören? – Ja. Sind Sie durch einen Sittenpolizisten festgenommen worden? Sie hob die Arme: – Aber kein Bein, kein Bein! Die Jeschichte war nämlich die. Mein Fleischer hat gute Ware, aber er wiegt manchmal knapp. Ick hab's oft schon jemerkt, aber habe nie wat jesagt. Aber neulich verlange ick zwei Pfund Koteletten, weil doch meine Tochter und mein Schwiegersohn zum Besuch kommen, und da sehe ick, daß er mir so'n paar Abfälle mit zuwiegt. Sie waren zwar von Koteletten, dat stimmt, aber nich von meinen. Ick hätte ja Ragout draus machen kennen, aber wenn ick Koteletten haben will, da mag ich doch nich haben, wat von andern übrig bleibt. Aber dat wollte er mir nich jeben, und schimpft mich alte Hexe; ick schimpfe und sage, er ist 'n oller Betrüger, kurz, ein Wort jiebt's andere und wir sind so aneinanderjekommen, daß wohl hundert Menschen vor'm Laden standen, und lachten; Jotte, haben die jelacht! Dat brachte eenen Schutzmann in die Nähe und der nahm uns mit auf die Revierpolizei, dat wir uns vor'n Polizeileutnant sollten auseinandersetzen. Wir jingen hin und jingen verzankt wieder fort. Ick koofe seitdem wo anders, und jehe auch jar nich mehr vorbei, weil ick nämlich keenen Skandal haben will. Sie schwieg und Duroy fragte: – Ist das alles? – Dat ist die reene Wahrheit lieber Herr! Und nachdem die Alte ihm ein Glas Schnaps angeboten, das er abschlug, bestand sie darauf, im Polizeibericht müßte von den Betrügereien des Fleischers die Rede sein. Als Duroy wieder in der Redaktion war, setzte er folgende Antwort auf: »Ein anonymer Zeilenschinder der ›Feder‹ hat sich eine ausgerissen um mich anzurempeln, wegen einer alten Frau, von der er behauptet, sie wäre von einem Sittenpolizisten arretiert worden. Das leugne ich. Ich habe selbst Frau Aubert aufgesucht, die wenigstens sechzig Jahre alt ist, und sie hat mir haarklein ihren Streit mit einem Fleischer erzählt, wegen des Abwiegens von Koteletten und das darauf folgende Verhör vor dem Polizeileutnant. Das ist die ganze Wahrheit. Was die übrigen Anrempeleien des Redakteurs der ›Feder‹ betrifft, so verachte ich sie. Auf solche Angriffe antwortet man auch nicht, wenn sie anonym gemacht werden. Georg Duroy.« Herr Walter und Jacques Rival, die eben gekommen waren, fanden die Entgegnung ausreichend, und es ward beschlossen, daß sie am selben Tage noch unter den lokalen Nachrichten erscheinen sollte. Duroy ging zeitig nach Haus, ein wenig erregt, und beunruhigt. Was würde der andere antworten? Wer war es? Wozu diese brutalen Angriffe? Bei den heftigen Gewohnheiten der Journalisten konnte der Unsinn noch zu Gott weiß was führen. Und er schlief unruhig. Als er am andern Morgen seine Notiz in der Zeitung las, fand er sie gedruckt schärfer klingend, als geschrieben. Er meinte, er hätte doch ein paar Worte mildern können. Er war den ganzen Tag fieberhaft erregt und schlief auch die folgende Nacht schlecht. Sobald es Tag geworden war, stand er auf, um sich die Nummer der ›Feder‹ zu holen, die die Antwort auf seine Notiz enthalten mußte. Es war wieder kalt geworden, es fror. Das Wasser in den Rinnsteinen war beim hineinfließen erstarrt, und zog sich nun längst der Trottoirs in zwei Eisbändern dahin. Die Zeitungen waren bei den Verkäufern noch nicht angelangt, und Duroy dachte an den Tag, als er seinen ersten Artikel geschrieben: »Erinnerungen eines Chasseur d'Afrique.« Hand und Fuß erstarrten ihm und begannen zu schmerzen, besonders seine Fingerspitzen, und er fing an rund um den gläsernen Zeitungskiosk herumzulaufen, in dem die Verkäuferin hockte, die Füße auf ihrem Wärmeapparat. Man sah durch das kleine Fenster nur ihre Nase und ihre beiden roten Wangen aus der Wollkapuze ragen. Endlich erschien der Mann mit den Zeitungen und steckte das erwartete Bündel der Tagesblätter durch die Öffnung in der Scheibe, und die brave Frau hielt Duroy die ›Feder‹ auseinander gefaltet entgegen. Er suchte mit einem Blick seinen Namen, aber sah zuerst nichts. Schon atmete er auf, da entdeckte er doch die Antwort, auffällig zwischen zwei Strichen gesetzt: »Der Duroy von der › Vie française ‹ dementiert uns, und indem er uns Lügen strafen will, lügt er. Er räumt aber ein, daß es allerdings eine gewisse Aubert giebt, und daß ein Polizist sie auf die Wache gebracht hat. Man braucht also nur noch daß Wort ›Sitten‹ vor Polizist zu setzen, und es stimmt eben. Aber die Wahrheitsliebe gewisser Journalisten, steht mit ihrem Talent auf gleicher Höhe. Damit unterzeichne ich Ludwig Langremont.« Da bekam Georg plötzlich heftiges Herzklopfen. Er ging nach Hause um sich umzuziehen, aber er wußte eigentlich nicht recht, was er that. Man hatte ihn also beleidigt und zwar so beleidigt, daß es kein Zögern mehr gab. Und warum? Um nichts! Wegen eines alten Weibes, das sich mit dem Fleischer gezankt hatte. Er kleidete sich schnell an und lief zu Herrn Walter, obgleich es kaum acht Uhr morgens war. Herr Walter war schon auf und las die ›Feder‹. – Nun, sagte er mit ernstem Ausdruck, als er Duroy erblickte – da können Sie nicht mehr zurück. Der junge Mann antwortete nichts, und der Chef fuhr fort: – Gehen Sie mal gleich zu Rival, der wird die Sache schon in die Hand nehmen. Duroy stammelte ein paar unbestimmte Worte und ging, um den Feuilletonisten aufzusuchen, der noch schlief. Beim Klang der Glocke war er aus dem Bett gesprungen, und als er dann den Artikel gelesen, sagte er: – Verflucht, da muß ich hin. Wer soll Ihr anderer Zeuge sein? – Ja, das weiß ich nicht. – Boisrenard, was meinen Sie? – Ja Boisrenard! – Sind Sie ein guter Fechter? – Nein, garnicht. – Teufel nochmal, wie steht's mit der Pistole? – Ich versteh' mich ein wenig auf's Schießen. – Gut, üben Sie sich ein, während ich die anderen Sachen besorge. Warten Sie eine Minute. Er ging in sein Toilettenzimmer und erschien bald wieder, gewaschen, rasiert, fertig angezogen. – Kommen Sie mit, sagte er. Rival wohnte im Erdgeschoß eines kleinen herrschaftlichen Hauses und führte nun Duroy in den Keller, einen riesigen Keller, der in einen Fechtboden und Schießstand umgewandelt worden, in dem man alle nach der Straße gehenden Öffnungen geschlossen hatte. Nachdem er eine Reihe von Gasflammen angezündet hatte, die bis in einen zweiten Kellerraum hinterführten, wo eine rot und blaugestrichene eiserne Scheibe stand in Gestalt eines Mannes, legte er ein paar Pistolen auf den Tisch. Es waren Hinterlader nach neuem System und er fing kurz an zu kommandieren, als ob sie auf dem Kampfplatz wären. – Fertig? – Feuer! Eins, zwei, drei. Duroy gehorchte ganz zerknirscht, hob den Arm, zielte, schoß, und da er mehrmals die Puppe mitten in die Brust traf – denn als Junge hatte er oft mit einer alten Pistole seines Vaters im Hofe Spatzen geschossen – erklärte sich Jacques Rival zufrieden gestellt: – Gut, sehr gut, sehr gut, es wird schon gehen, es wird schon gehen! – Schießen Sie so bis Mittag weiter. Hier ist Munition, Sie können sie ruhig verbrauchen; ich werde Sie zum Frühstück abholen und Ihnen berichten, wie die Sache steht. – Damit ging er fort und ließ ihn allein: Duroy schoß noch ein paar Mal. Dann setzte er sich hin und fing an nachzudenken. Es war doch zu dumm, alle diese Geschichten. Was sollte schließlich damit bewiesen werden? War ein Lump weniger ein Lump, wenn er sich geschlagen hatte? Was war es für ein Vorteil für einen anständigen Menschen, den man beleidigt hatte, sein Leben gegen einen Schuft einzusetzen? Und wie er sich so seinen Gedanken überließ, dachte er an all das, was Norbert von Varenne gesagt über die Erbärmlichkeit des menschlichen Geistes, über seinen geringen Horizont, über sein zwerghaftes Thun, über seine Vorurteile, über seine falschen Moralbegriffe, und er rief laut: – Verflucht, der hat so recht! Dann fühlte er Durst, und da er hinter sich Tropfen fallen hörte, bemerkte er einen Doucheapparat und trank am Wasserhahn. Dann fing er wieder an nachzudenken. Es war traurig in diesem Keller, traurig wie in einem Grabe. Das dumpfe, ferne Rollen der Wagen machte den Eindruck eines entfernten Gewitters. Wieviel Uhr mochte es sein? Hier verfloß die Zeit wie wohl im Gefängnis, nichts deutet sie an, nichts bezeichnet den Lauf der Stunden, als das regelmäßige Erscheinen des Wärters, der das Essen bringt. Er wartete lange, lange Zeit. Dann hörte er plötzlich Schritte, Stimmen, und Jacques Rival erschien mit Boisrenard. Sobald er Duroy sah, rief er: – Es ist alles in Ordnung. Georg meinte, die Geschichte sei etwa durch einen entschuldigenden Brief beigelegt. Er war glückselig und stammelte einen Dank. Der Feuilletonist sagte aber: – Dieser Langremont war wirklich sehr entgegenkommend. Er hat alle unsere Bedingungen angenommen. Fünfundzwanzig Schritt, einmaliger Kugelwechsel auf Kommando beim Heben der Pistole. Man kann nämlich dabei viel sicherer zielen, als wenn man den Arm senkt. Sehen Sie, Herr Boisrenard, Was ich Ihnen gesagt habe. Er nahm eine Pistole und begann zu schießen, indem er zeigte, wie man in der That viel sicherer zielen könne, wenn man von unten herauf in das Ziel ging. Dann sagte er: – So, nun wollen wir frühstücken gehen, es ist schon zwölf vorbei. Und sie begaben sich in ein benachbartes Restaurant. Duroy sprach kaum mehr ein Wort. Er aß, damit es nicht den Anschein haben sollte, als hätte er Angst. Später begleitete er Boisrenard in die Redaktion und erledigte zerstreut, mechanisch seine Arbeit. Man fand ihn riesig schneidig. Nachmittag kam Jacques Rival ihm die Hand zu drücken, und es ward verabredet, daß ihn am andern Morgen seine Zeugen um sieben Uhr mit einem Mietwagen abholen sollten, um nach dem Gehölz von Vosinet zu fahren, wo der Kampf stattfinden sollte. Das war alles so unvermutet gekommen, ohne daß er Teil daran genommen, ohne daß er ein Wort gesagt, ohne daß er seine Ansicht geäußert, ohne daß er irgend etwas angenommen oder abgelehnt, so schnell, daß er ganz überrumpelt, betäubt war, indem er kaum begriff, was eigentlich vor sich ging. Gegen neun Uhr abends kehrte er nach Hause zurück, nachdem er mit Boisrenard gegessen hatte, der ihn aus Freundschaft den ganzen Tag nicht verlassen. Sobald er sich allein befand, ging er einige Minuten mit langen Schritten im Zimmer auf und ab. Er war zu erregt, um irgend einen Gedanken fassen zu können, nur eins erfüllte ihn: er hatte morgen ein Duell. Diese Idee erweckte in ihm eine unbestimmte starke Nervenspannung. Er war Soldat gewesen, er hatte auf die Araber geschossen, übrigens ohne daß das gerade sehr gefährlich gewesen wäre, wie man etwa bei der Jagd einen Keiler schießt. Im ganzen hatte er sich richtig benommen, sich gezeigt wie es sich gehörte. Man würde davon reden, ihm Beifall zollen, ihn beglückwünschen. Dann sagte er laut, wie man es manchmal thut, wenn einen etwas sehr bewegt: – So ein Luder, dieser Kerl. Er setzte sich und fing an nachzudenken. Auf den kleinen Tisch vor sich hatte er die Karte seines Gegners gelegt, die ihm Rival gegeben, damit er seine Adresse besäße. Er las sie wieder, wie er sie heute schon zwanzigmal gelesen, dort stand nur. »Ludwig Langremont Rue Montmartre 176.« Er betrachtete die Buchstaben vor sich, die ihm ganz eigen erschienen, als läge irgend etwas Beunruhigendes darin. – Ludwig Langremont! Wer war das? Wie alt war er? Wie sah er aus? War es eigentlich nicht empörend, daß ein Fremder, ein Unbekannter, einem plötzlich ohne jeden Grund, aus einfacher Laune, wegen eines alten Weibes, das sich mit seinem Fleischer gezankt, so ins Leben griff? Er sagte noch einmal laut: – Luder, verdammtes. Er blieb unbeweglich und dachte nach, indem er die Karte betrachtete. Eine innere Wut stieg in ihm auf gegen dieses Stück Papier, ein Haß, in den sich ein seltsames Gefühl des Unbehagens mischte. Die Geschichte war doch zu dumm. Er nahm eine Nagelscheere, die auf dem Tisch lag, und durchstach mit ihr den Namen, als ob er jemanden erdolchte. Er sollte sich also schlagen, sich schießen. Weshalb hatte er nicht den Degen gewählt. Da wäre man mit einem Stich in den Arm, oder in die Hand davon gekommen, während man bei der Pistole nie die Folgen voraussehen konnte. Aber er sagte sich: – Ach was, jetzt heißt es schneidig sein. Er zitterte bei dem Ton seiner Stimme und blickte um sich. Er war doch sehr nervös. Er trank ein Glas Wasser und ging zu Bett. Sobald er lag, blies er das Licht aus und schloß die Augen. Ihm war fürchterlich heiß unter der Decke, obgleich es kalt war im Zimmer. Er konnte nicht einschlafen, warf sich hin und her, blieb einmal fünf Minuten auf dem Rücken liegen, legte sich auf die linke Seite und wälzte sich dann auf die rechte. Er hatte wieder Durst. Er stand auf um zu trinken, dann packte ihn die Unruhe: – Ich habe doch nicht etwa Angst? Warum klopfte sein Herz wie verrückt, wenn nur irgendwo im Zimmer ein Möbel krachte? Wenn seine Kuckucksuhr aushob, fuhr er beim Klang des Einschnappens der Feder in die Höhe. Und dann mußte er den Mund öffnen um ein paar Sekunden tief Luft zu holen, so bedrückt fühlte er sich. Er fing an philosophisch über die Möglichkeit nachzudenken, ob er Angst hätte. Nein, er konnte nicht Angst haben, denn er war doch entschlossen die Konsequenzen zu ziehen, sich zu schlagen und nicht zu zittern. Aber er war so bewegt, daß er sich fragte: Kann man trotzdem Angst haben? Und ein Zweifel überkam ihn, Unruhe, Entsetzen darüber. Wenn eine stärkere Gewalt als sein Wille ihn beherrschte und unwiderstehlich bezwang, was würde da Wohl geschehen? Auf den Kampfplatz würde er unbedingt gehen, da er es nun mal wollte, aber wenn er nun zitterte, wenn er das Bewußtsein verlor? Er dachte an seine Stellung, an seinen Ruf, an seine Zukunft, und ein eigentümliches Bedürfnis packte ihn Plötzlich, aufzustehen, in den Spiegel zu sehen. Er steckte sein Licht wieder an, und als ihm das glänzende Glas sein Gesicht zurückwarf, erkannte er sich kaum, und ihm war es, als hätte er sich nie gesehen. Die Augen schienen ihm riesig und er war bleich, unbedingt bleich, sehr blaß. Plötzlich schoß ihm der Gedanke durch den Kopf. Morgen um diese Zeit bin ich vielleicht nicht mehr! Und sein Herz fing wieder an gewaltig zu klopfen. Er wandte sich wieder zum Bett, und es war ihm, als sähe er sich ganz deutlich dort im Bett, das er eben verlassen, auf dem Rücken liegen. Er hatte jenes eingefallene Gesicht der Toten und jene wachsbleiche Farbe der Hände, die sich nicht mehr bewegen können. Da fürchtete er sich vor seinem Lager und um es nicht mehr zu sehen, öffnete er das Fenster und blickte hinaus. Eisig kalt traf es ihn vom Kopf bis zu den Füßen und er wich zurück. Er verfiel auf die Idee Feuer zu machen und er schürte es langsam, ohne sich umzublicken. Seine Hand zitterte ein wenig nervös, wenn er etwas berührte. Er verlor die Gedanken, sie verwirrten sich, brachen ab, entflohen ihm, sein Kopf schmerzte und eine Art Trunkenheit kam über ihn, als ob er Spirituosen zu sich genommen hätte. Ununterbrochen fragte er sich: Was soll ich thun? Was wird aus mir? Er fing wieder an, auf- und abzugehen, indem er immerfort mechanisch wiederholte: Mut! Mut! Mut! Da sagte er sich: Ich werde auf alle Fälle an meine Eltern schreiben. Er setzte sich wieder, nahm einen Bogen Papier und schrieb: Lieber Papa und liebe Mama! Dann fand er diesen Anfang zu familiär bei einem so tragischen Anlaß. Er zerriß das erste Blatt und begann von neuem: Mein lieber Vater, meine liebe Mutter! Wenn der Morgen graut, werde ich mich schießen, und da es geschehen könnte..... Mehr wagte er nicht zu schreiben und stand mit einem Ruck auf. Der Gedanke erdrückte ihn jetzt; er mußte sich duellieren, es war nicht mehr zu vermeiden; was ging nur in ihm vor? Er sollte sich schlagen. Er hatte die Absicht, die bestimmte Absicht, und es schien ihm trotz aller Anstrengung seines Willens, daß er nicht einmal soviel Kraft zusammenraffen könnte, um bis zum Kampfplatz zu gehen. Ab und zu schlugen seine Zähne aufeinander mit einen kleinen knirschenden Ton, und er fragte sich: Ob mein Gegner wohl schon mal ein Duell gehabt hat? Ob er gut schießt? Ob er etwa dafür bekannt ist? Er hatte seinen Namen nie gehört, und doch, würde dieser Mann wohl so ohne weiteres, und ohne zu zucken diese gefährliche Waffe angenommen haben, wenn er nicht ein vorzüglicher Schütze war? Da stellte sich Duroy ihre Begegnung vor, wie er sich benehmen würde und wie sein Gegner. Er zerquälte seine Phantasie, um sich die geringsten Einzelheiten des Kampfes auszumalen. Und plötzlich sah er vor sich das kleine, schwarze, tiefe Loch des Laufs, aus dem die Kugel ihm entgegenfliegen sollte. Da packte ihn fürchterliches Entsetzen. Er zitterte am ganzen Leibe, er biß die Zähne aufeinander, um nicht zu schreien. Und es packte ihn eine tolle Lust, sich am Boden zu wälzen, irgend etwas zu zerreißen, zu zerbeißen. Aber da sah er auf dem Kaminsims plötzlich ein Glas, und es fiel ihm ein, daß er ja noch eine volle Flasche Cognac im Schranke stehen hatte; denn er hatte von der Soldatenzeit her noch die Gewohnheit, jeden Morgen ein Gläschen hinter die Binde zu gießen. Er nahm die Flasche und trank, indem er diese an den Mund setzte, gierig mit langen Zügen; erst als ihm der Atem ausging, stellte er sie wieder hin. Sie war ein drittel geleert. Bald fühlte er eine Hitze im Magen, sie ging in seine Glieder über, und indem sie ihn berauschte, gab sie ihm Mut. Er sagte sich: So nun habe ich ein gutes Mittel! Und da ihm uun die Haut brannte, öffnete er das Fenster. Ruhig, eisig brach der Tag an. Dort oben am hellen Firmament schienen die Sterne zu sterben, und an den tiefen Einschnitten der Eisenbahn erblaßten die grünen, roten und weißen Signallichter. Aus dem Lokomotivenhaus kamen die ersten Maschinen und fuhren pfeifend davon, um die ersten Züge abzuholen, andere pfiffen in der Ferne kurz, scharf, wie die Hähne auf dem Lande bei Tagesanbruch krähen. Duroy dachte: Das alles sehe ich vielleicht nicht wieder! Aber da er fühlte, wie er wieder schlapp zu werden begann, gab er sich einen Ruck. Ach was, bis es losgeht, muß ich an so was gar nicht denken, nur so kann ich wirklich schneidig sein! Und er begann sich anzuziehen. Während er sich rasierte hatte er nochmal eine Anwandlung von Schwäche, als er daran dachte, daß es vielleicht das letzte Mal wäre, daß er sein Gesicht vor sich sähe. Aber er nahm noch einen Schluck Cognac und zog sich fertig an. Die nächste Stunde ward ihm sauer zu überwinden. Er ging immer auf und ab und mühte sich, seine Seele zu beruhigen. Als es an der Thür klopfte, wäre er beinahe hinten über gefallen, so groß war seine Erregung. Es waren seine Zeugen. – Schon? Sie waren in Pelze gehüllt. Rival sagte, nachdem er seines Mandanten Hand gedrückt: – Es ist eine Kälte, rein wie in Sibirien. Dann fragte er: – Nun, wie geht es? – Gut! – Sind Sie ruhig? – Ganz ruhig! – Na, es wird schon alles gut ablaufen! Haben Sie schon etwas gegessen und getrunken? – Ja, danke, ich brauche nichts. Boisrenard hatte zu dieser Gelegenheit einen ausländischen Orden mit grün und gelbem Bande angelegt, den Duroy noch nie bei ihm gesehen. Sie gingen die Treppe hinab. Ein Herr erwartete sie im Wagen. Rival stellte vor: – Doktor Le Brument. Duroy gab ihm die Hand und stotterte etwas wie: – Ich danke Ihnen. Dann wollte er auf dem Rücksitz Platz nehmen und setzte sich auf etwas Hartes, sodaß er empor fuhr wie von einer Feder geschnellt. Es war der Pistolenkasten gewesen. Rival sprach: – Nein, bitte in den Fond. Der Duellant und der Arzt im Fond. Duroy begriff endlich und ließ sich an der Seite des Doktors nieder. Die beiden Zeugen stiegen nun auch ein, und der Kutscher fuhr fort. Er wußte wohin. Aber der Pistolenkasten war allen im Wege, am meisten Duroy, der ihn am liebsten gar nicht gesehen hätte. Man versuchte ihn sich in den Rücken auf den Sitz zu legen, aber er war unbequem beim Anlehnen. Dann stellte man ihn zwischen Rival und Boisrenard aufrecht, aber er kippte immer um. Endlich legte man ihn auf den Boden des Wagens. Die Unterhaltung war nicht sehr lebhaft, obgleich der Arzt Anekdoten erzählte. Nur Rival antwortete. Duroy hätte gern seine Geistesgegenwart bewiesen, aber er fürchtete, wenn er spräche, den Faden zu verlieren und die Erregung seiner Seele zu verraten. Dabei überfiel ihn fortwährend die Furcht, er möchte etwa zittern. Der Wagen fuhr bald in die freie Ebene hinaus. Es war etwa neun Uhr, einer jener Wintermorgen, wo alles glitzert, und zerbrechlich und hart aussieht, wie Kristall. Die bereiften Bäume machen den Eindruck, als hätten sie Eis geschwitzt, die Erde klingt bei den Tritten, die trockene Luft trägt jedes Geräusch weit hinaus. Der blaue Himmel sieht aus wie ein Spiegel und ihn durchzieht die Sonne leuchtend und auch kalt, die auf die erstarrte Welt Strahlen niedersendet, die doch nicht wärmen. Rival sagte zu Duroy: – Ich habe die Pistolen bei Gastine Renette geholt. Er hat selbst geladen. Der Kasten ist versiegelt, übrigens werden wir losen, ob wir unsere oder die des Gegners nehmen. Duroy antwortete mechanisch: – Danke sehr. Dann schärfte ihm Rival allerlei Dinge nochmals ein, denn ihm lag daran, daß sein Mandant nicht etwa irgend einen Fehler beginge. Er wiederholte alles mehrere Male. – Wenn gefragt wird: Meine Herren, sind Sie fertig? So müssen Sie laut und kräftig antworten: Jawohl! und kommt das Kommando: Feuer! so heben Sie schnell den Arm und schießen, ehe bis drei gezählt ist. Und Duroy wiederholte sich im stillen: Und kommt das Kommando: Feuer! so hebe ich schnell den Arm ... und kommt das Kommando: Feuer! so hebe ich schnell den Arm ... und kommt das Kommando: Feuer! so hebe ich schnell den Arm und schieße. Er lernte das auswendig, wie die Kinder ihre Lektion im Überdruß hersagen, um sie sich recht einzuprägen: Und kommt das Kommando: Feuer! so hebe ich schnell den Arm ... Der Wagen bog in ein Gehölz ein und wandte sich in eine Allee rechts und dann links und nochmals rechts. Plötzlich öffnete Rival die Thür und rief dem Kutscher zu: – Da in den kleinen Weg hinein. Der Wagen folgte ein paar Räderspuren zwischen Unterholz rechts und links, wo welkes Laub bereift am Boden zitterte. Duroy wiederholte sich fortwährend: Und kommt das Kommando: Feuer! so hebe ich schnell den Arm ... Und er dachte, die ganze Geschichte würde vielleicht erledigt werden durch irgend ein Unglück mit dem Wagen. Ach wenn sie doch umschmeißen möchten, das wäre mal ein Glück! Wenn er sich doch ein Bein bräche! Aber da sah er am Ende einer Lichtung einen andern Wagen halten, und dort standen vier Herren, die hin und her traten um sich zu erwärmen! Er mußte den Mund aufmachen, so schwer ward ihm das Atmen. Zuerst stiegen die Zeugen aus, dann der Arzt, dann Duroy. Rival hatte den Pistolenkasten genommen und ging mit Boisrenard voraus immer den fremden Herren entgegen, die auf sie zukamen. Duroy sah, wie sie sich förmlich grüßten und dann zusammen auf die Lichtung schritten, indem sie ab und zu auf den Boden, und ab und zu nach den Bäumen blickten, als suchten sie etwas, das hingefallen oder fortgeflogen sein könnte. Dann zählten sie die Schritte ab und bohrten mit großer Mühe zwei Spazierstöcke in den gefrorenen Boden, darauf bildeten sie eine Gruppe und man sah wie sie ›Kopf oder Wappen‹ ausrieten wie spielende Kinder. Doktor Le Brument fragte Duroy: – Fühlen Sie sich wohl, brauchen Sie etwas? – Nein, danke sehr, nichts! Ihm war zu Mut, als wäre er verrückt geworden, als schliefe, als träumte er, als ob ihm irgend etwas Unnatürliches zugestoßen sei. Fürchtete er sich vielleicht? Aber er wußte es nicht recht, jedenfalls schien ihm alles verändert. Jacques Rival kam zurück und meldete mit Befriedigung: – Alles ist bereit. Das Loos hat für unsere Pistolen entschieden. Das war Duroy gang gleichgiltig. Man half ihm den Überzieher ausziehen, er ließ alles geschehen. Man befühlte die Taschen seines Rockes um sich zu vergewissern, daß er keine Briefschaften, oder eine Brieftasche bei sich hatte, die ihn hätte schützen können. Und innerlich sagte er sich wieder, als spräche er ein Gebet: – Und kommt das Kommando: Feuer! so hebe ich schnell den Ann ... Dann führte man ihn bis zu dem einen Spazierstock, der im Boden steckte und gab ihm seine Pistole. Da sah er vor sich einen Herrn stehen, gerade sich gegenüber, der zum Kampf bereit war, einen kleinen, dicken Mann mit Glatze und Brillengläsern. Das war sein Gegner. Er sah ihn wohl, aber er dachte nichts anderes als: Und kommt das Kommando: Feuer! so hebe ich schnell den Arm. Eine Stimme tönte in der großen Stille, es war als käme sie unendlich weit her und fragte: – Meine Herren, sind Sie bereit? Georg rief: – Jawohl! Da befahl dieselbe Stimme: – Feuer! Er hörte nichts mehr, er sah nichts mehr, er fühlte nur, daß er den Arm hob und mit aller Kraft auf den Abzug drückte. Er hörte nichts. Aber er sah eine ganz kleine Rauchwolke aus der Mündung seiner Pistole steigen. Und da der Herr ihm gegenüber ruhig stehen blieb, genau in derselben Stellung, so gewahrte er auch drüben eine kleine weiße Wolke über dem Kopf seines Gegners emporsteigen. Sie hatten beide geschossen. Es war aus! Seine Zeugen und der Arzt untersuchten ihn, öffnete seine Kleidung und fragten ängstlich: – Sie sind doch nicht verwundet? Er antwortete auf gut Glück: – Nein, ich glaube nicht! Übrigens war Langremont ebensowenig verwundet, wie sein Gegner, und Jacques Rival brummte mißvergnügt: – Mit den verfluchten Pistolen geht es immer so, entweder fehlt man, oder man schießt sich tot. Eine ekelhafte Waffe. Duroy bewegte sich nicht. Er war wie gelähmt vor Überraschung und Freude. Es war aus! Man mußte ihm seine Waffe abnehmen, die er immer noch in der Hand hielt. Er hatte jetzt ein Gefühl, als würde er es mit der ganzen Welt aufnehmen. Es war aus! Gott, war er glücklich! Jetzt fühlte er sich tapfer genug, um jeden Menschen herauszufordern. Die Zeugen sprachen ein paar Minuten miteinander und verabredeten ein Stelldichein im Laufe des Tages, um das Protokoll festzustellen. Dann stieg man wieder in den Wagen, und der Kutscher, der grinsend auf dem Bocke saß, fuhr mit der Peitsche knallend davon. Sie frühstückten alle vier auf dem Boulevard und sprachen von dem großen Ereignis. Duroy erzählte seine Eindrücke: – Mir war die Geschichte ganz wurscht, aber auch ganz wurscht. Sie haben es ja auch bemerkt? Rival antwortete: – Ja, Sie haben sich riesig gut benommen. Als das Protokoll aufgesetzt war, ward es Duroy übergeben, daß es unter die Lokalnachrichten aufgenommen werden sollte. Er wunderte sich zu lesen, daß er mit Herrn Ludwig Langremont zwei Kugeln gewechselt haben sollte und fragte Rival, ein wenig dadurch beunruhigt: – Aber wir haben doch bloß einmal Kugeln gewechselt? Der andere lächelte: – Nun ja, jeder eine Kugel – macht zwei. Duroy fand die Erklärung genügend und beruhigte sich dabei. Der alte Walter umarmte ihn gerührt und sagte: – Brav, brav, Sie haben die Fahne der ›Vie francaise‹ verteidigt. Georg zeigte sich diesen Abend auf den Redaktionen der großen Blätter und in den bedeutendsten, großen Cafés der Boulevards. Dabei begegnete er zweimal seinem Gegner, der sich ebenfalls zeigte. Sie grüßten sich nicht. Wäre einer von ihnen verwundet worden, so hätten sie sich die Hand gegeben. Übrigens schwuren beide hoch und heilig, daß sie die Kugel des Gegners hätten pfeifen hören. Am nächsten Morgen bekam Duroy gegen elf Uhr ein Stadttelegramm: »Gott habe ich Angst gehabt. Komm heute nachmittag Rue de Constantinople, daß ich Dich umarmen kann lieber Schatz. Du bist so tapfer, ich liebe Dich. Clo. Er ging zum Stelldichein. Sie stürzte ihm in die Arme und bedeckte ihn mit Küssen: – Du lieber, lieber Mann, wenn Du wüßtest, wie mich das erschreckt hat, als ich heute früh die Zeitung las. Aber Du mußt mir alles erzählen, alles, ich muß alles wissen. Er mußte jede Einzelheit berichten. Da sagte sie: – Aber die Nacht vor dem Duell muß schrecklich gewesen sein. – Durchaus nicht, ich habe fest geschlafen! – Ich hätte kein Auge zugethan. Und sag' mal, wie ging es denn draußen zu? Da erzählte er ganz dramatisch gefärbt: – Als wir uns gegenüberstanden, zwanzig Schritt, nur etwa viermal so weit, wie dies Zimmer, fragte Jacques, ob wir bereit wären, und kommandierte Feuer! Ich hab' sofort den Arm gehoben, scharf gezielt, aber dummer Weise wollte ich auf seinen Kopf abkommen – meine Waffe hatte einen sehr schweren Abzug – ich bin aber Pistolen gewöhnt, die leicht gehen – und so habe ich leider, durch den Widerstand beim Abdrücken, die Mündung in die Höhe gehoben. Aber weit wird die Kugel wohl nicht bei ihm vorbeigegangen sein. Und der Lump schießt auch gut. Seine Kugel hat mir fast die Schläfe gestreift. Ich habe sogar den Luftdruck genau gefühlt. Sie saß auf seinen Knieen und hielt ihn fest umschlungen, als wollte sie teilnehmen an seinen Gefahren, und sie stammelte: – O du armer Schatz, o du armer Schatz! Als er fertig erzählt hatte, sagte sie: – Weißt Du, ich kann gar nicht mehr ohne Dich sein. Ich muß Dich sehen. Aber wenn mein Mann in Paris ist, geht es schlecht. Ich hätte wohl mal ab und zu früh ehe Du aufgestanden bist, eine Stunde Zeit und könnte kommen, um Dir einen Kuß zu geben. Aber ich mag nicht wieder in das gräßliche Haus gehen. Was sollen wir thun? Er hatte eine Idee und fragte: – Was zahlst Du hier? – Hundert Franken monatlich. – Nun, so werde ich diese Wohnung nehmen und ganz hier wohnen. Meine Wohnung paßt überhaupt für meine neue Stellung nicht mehr. Sie überlegte einige Augenblicke, dann antwortete sie: – Nein, das will ich nicht. Er fragte verwundert: – Warum? – Weil ich nicht will. – Das ist kein Grund, die Wohnung paßt sehr gut für mich. Ich bin nun mal hier und bleibe hier. Er lächelte. – Übrigens ist sie ja auf meinen Namen gemietet. Aber sie wollte noch immer nichts davon wissen: – Nein, nein, das will ich nicht! – Aber warum denn nicht? Da flüsterte sie ihm ganz leise zärtlich ins Ohr: – Weil Du andere Frauen hierherbringen würdest, und das will ich nicht! Er ward böse: – Fällt mir gar nicht ein. – Nein, Du bringst doch andere her! – Ich schwöre es Dir! – Ist es auch wahr? – Die reine Wahrheit. Ehrenwort, es soll unsere Wohnung sein, nur unsere. Sie umarmte ihn plötzlich überglücklich: – Gut, Schatz! Dann bin ich einverstanden, aber wenn Du mich einmal hintergehst, nur einmal, dann ist es aus! Er verschwor sich nochmals mit Entrüstung. Dann kamen sie überein, daß er am selben Tage einziehen sollte, damit sie ihn sehen könne, wenn sie vorbeiginge. Darauf sagte sie: – Du mußt jedenfalls Sonntag zu uns zum Essen kommen. Mein Mann findet Dich reizend. Das schmeichelte ihm: – Wirklich? – Ja, Du hast ihn ganz gewonnen. Und dann höre mal, Du hast mir doch gesagt, daß Du in einem Schlosse auf dem Lande erzogen worden bist, nicht wahr? – Ja, warum denn? – Da mußt du doch so ein bißchen was von Landwirtschaft verstehen. – Ja! – Weißt Du, da sprich doch mit ihm von Landbestellung und Saaten, das liebt er sehr! – Gut, ich will dran denken. Sie verließ ihn, nachdem sie ihn stürmisch umarmt, denn dieses Duell hatte sie ganz rasend gemacht. Und Duroy dachte, als er in die Redaktion ging: – Sie ist doch ein wunderliches Ding. Was will sie nun eigentlich? Was liebt sie? Wie hat bloß dieser würdige Eisenbahnbeamte so ein Studentenmädel heiraten können! Es ist wirklich ein Wunder. Aber, wer weiß, vielleicht war es doch die Liebe? Und der Schluß seines Gedankenganges war: – Jedenfalls ist sie ein reizendes, kleines Verhältnis, und ich müßte schön dumm sein, sie nicht zu behalten! VIII Das Duell hatte Duroy zum selbständigen Feuilletonisten der ›Vie francaise‹ gemacht. Aber da es ihm unendlich sauer ward, Gedanken zu finden, so machte er sich eine Spezialität daraus, über den Verfall der Sitten zu klagen, über den Niedergang der Charaktere, das Erlahmen des Patriotismus und die Blutarmut des französischen Ehrgefühls. Das Wort Blutarmut hatte er erfunden und war stolz darauf. Und wenn Frau von Marelle, die jenen kecken, satirischen, beißenden Witz besaß, den man Pariser » esprit « nennt, ihre Glossen zu seinen Salbadereien machte, meinte er lächelnd: – Ach was, das macht mir einen guten Ruf für später. Er wohnte jetzt in der Rue de Constantinople, wohin er seinen Koffer geschafft hatte, seine Zahnbürste, Rasiermesser und Seife, denn darin bestand sein ganzer Umzug. Zwei- oder dreimal wöchentlich kam die junge Frau, ehe er aufgestanden war, entkleidete sich in einer Minute und glitt noch zitternd von der Kälte, die draußen war, in sein Bett. Duroy dagegen aß jeden Donnerstag bei dem Ehepaar und machte dem Mann den Hof, indem er mit ihm von Landwirtschaft sprach; und da er selbst dieses Thema liebte, vertieften sie sich beide manchmal derartig in das Gespräch, daß sie ganz ihre gemeinsame Frau vergaßen, die auf dem Sofa eingeschlafen war. Die kleine Laura schlief auch bisweilen ein, bald auf des Vaters Schoß, bald auf des Lieblings Knieen. Und wenn der Journalist gegangen war, verfehlte Herr uon Marelle nicht, mit lehrhaftem Ton, den er bei den geringfügigsten Dingen anwendete, zu sagen: –Der junge Mann ist wirklich sehr angenehm, er ist sehr unterrichtet. Der Februar ging zu Ende. Es duftete schon ab und zu nach Veilchen auf der Straße, wenn man morgens an den kleinen Wägelchen der Blumenhändlerinnen vorüberging. Duroy hing der Himmel voller Geigen. Da fand er eines Nachts, als er heimkehrte, einen Brief vor, den man ihm unter der Thür durchgeschoben. Er sah nach dem Poststempel: »Cannes!« Er öffnete den Brief und las: »Cannes, Villa Jolie. Mein lieber Freund! Sie haben mir gesagt, daß ich in jeder Beziehung auf Sie rechnen könnte. Nun muß ich Sie um einen schmerzlichen Dienst bitten, nämlich hierherzukommen und mich nicht allein zu lassen bei den letzten Augenblicken Karls, der im Sterben liegt. Vielleicht überlebt er die Woche nicht mehr, obgleich er noch auf ist. Der Arzt hat mich darauf vorbereitet. Ich habe nicht mehr die Kraft und nicht mehr den Mut, dies langsame Sterben Tag und Nacht mit anzusehen, und mit Entsetzen denke ich an die letzten Augenblicke, die immer näher rücken. Ich kann nur Sie darum bitten, da mein Mann keine Familie hat. Sie waren sein Freund, und er hat Ihnen zu Ihrer Stellung verholfen. Kommen Sie, ich flehe Sie darum an. Ich habe niemand, den ich rufen könnte. Ihre aufrichtige Freundin Magdalene Forestier.« Ein seltsames Gefühl zog wie ein Hauch in Georgs Herz. Das Gefühl der Befreiung, das Gefühl, als öffnete sich vor ihm eine unendliche Ferne. Und er murmelte: »Ich komme. Der arme Karl, es ist doch ein Jammer!« Der Chef, dem er den Brief der jungen Frau zeigte, gab brummend Urlaub, aber mit den Worten: »Kommen Sie schnell zurück, Sie sind unentbehrlich.« Duroy reiste den nächsten Tag mit dem Sieben-Uhr- Schnellzug nach Cannes, nachdem er das Ehepaar Marelle durch ein Telegramm von seiner Abreise in Kenntnis gesetzt. Andern Tages traf er um vier Uhr nachmittags ein. Ein Dienstmann zeigte ihm den Weg zur ›Villa Jolie‹, die auf halber Höhe lag, in jenem Nadelwald, der mit weißen Häusern besäet ist, und der sich vom Cannes bis zum Golf Juan zieht. Das Haus war klein und niedrig, in italienischem Villenstil erbaut, und lag an der Straße, die im Zick-Zack zwischen den Bäumen emporführt, und von der man bei jeder Kehre eine wundervolle Aussicht genießt. Der Diener öffnete und rief: »Ah, Herr Duroy, die gnädige Frau erwartet Sie mit Ungeduld.« Duroy fragte: »Wie geht es Herrn Forestier?« »Ach, nicht gut, er wirds nicht mehr lange machen.« Der Salon, in den der junge Mann trat, war rot mit blauem Muster, das hohe breite Fenster hatte die Aussicht auf Stadt und Meer. Duroy brummte: »Donnerwetter, das ist aber fein für ein Landhaus. Wo nehmen die bloß in aller Welt das Geld her.« Er hörte ein Kleid rauschen, sodaß er sich umwandte. Frau Forestier streckte ihm beide Hände entgegen: »Das ist nett von Ihnen, daß Sie gekommen sind.« Und plötzlich umarmte sie ihn; dann blickten sie sich an, Sie war ein wenig magerer, blasser, sah aber frisch wie immer aus, vielleicht noch hübscher und zarter als sonst. Sie sagte: »Es ist furchtbar, er weiß, daß er verloren ist und er tyrannisiert mich jetzt. Ich habe ihm gesagt, daß Sie kommen würden. Aber wo ist denn Ihr Koffer?« Duroy antwortete: »Den habe ich auf der Bahn gelassen. Ich wußte ja nicht in welchem Hotel ich absteigen sollte, um in Ihrer Nähe zu sein.« Sie zögerte, dann sagte sie: »Sie wohnen natürlich hier in der Villa. Ihr Zimmer wartet schon auf Sie. Er kann jeden Augenblick sterben und wenn das etwa in der Nacht geschähe, wäre ich ganz allein. Ich werde Ihr Gepäck holen lassen.« Er verbeugte sich: »Wie Sie wünschen!« »So, nun wollen wir hinauf gehen.« Sie öffnete eine Thür, und Duroy gewahrte in einem Lehnstuhl in Decken eingehüllt, fahl beim rötlichen Licht der untergehenden Sonne, eine Art lebende Leiche, die ihn anblickte. Er kannte ihn kaum wieder. Er riet eigentlich mehr, daß das sein Freund sei. Man roch förmlich im Zimmer das Fieber, Thee, Äther, Theer, diesen unerklärlichen schweren Duft der Zimmer, in denen ein Lungenkranker atmet. Forestier hob mühsam die Hand und sagte langsam: »Da bist Du ja, Du bist gekommen mich sterben zu sehen. Ich danke Dir.« Duroy that, als nähme er es nicht ernst: »Dich sterben zu sehen? Na, das war nicht sehr spaßig. Dazu bin ich doch nicht gerade nach Cannes gekommen. Ich will Dir bloß guten Tag sagen und mich ein wenig ausruhen.« Der andere murmelte: »Setz Dich!« Und er senkte den Kopf und vertiefte sich in verzweifelte Gedanken. Sein Atem ging keuchend, stoßweise, und ab und zu seufzte er laut, als wollte er den andern in Erinnerung bringen, wie krank er sei. Als sie sahen, daß er nicht sprach, lehnte sich seine Frau ans Fenster, deutete mit einer Bewegung hinaus und sagte: – Da sehen Sie mal, ist das nicht schön? Ihnen gegenüber zogen sich die Villen-übersäten Höhenzüge bis hinunter an die Stadt, die in einem Halbkreis am Gestade lagerte, mit dem Kopf so zu sagen am Hafendamm, über dem sich die alte Stadt erhob, von einem alten Wartturm überragt, die Füße an der Landzunge von La Croisette, den Inseln von Lérins gegenüber. Diese Inseln sahen wie zwei grüne Flecke aus, im tiefblauen Wasser. Es war als ob sie gleich zwei Riesenblättern auf dem Wasser schwömmen, so flach schauten sie von oben aus. Und ganz in der Ferne schloß auf der andern Seite des Golfes über Damm und Wartturm eine lange Reihe von blauen Bergen den Horizont. Sie zeichneten sich in bizarren, reizenden Gipfelformen vom hellen Himmel ab, bald in runden Kuppen, bald in Hörnern und Spitzen. Die Kette schloß mit einem großen, pyramidenförmigen Berg, dessen Fuß in's Meer tauchte. Frau Forestier zeigte daraufhin: – Das ist der Estherel. Der Himmel hinter den dunklen Bergen war rot, von einem blutigen, goldnen Rot, dessen Blendung das Auge nicht lange ertragen konnte. Dieser Sonnenuntergang machte sogar auf Duroy Eindruck. Und er sagte, weil er keinen besseren Ausdruck fand um seine Bewegung in Worte zu kleiden: – Ja, das ist kolossal! Forestier hob den Kopf gegen seine Frau und bat: – Etwas frische Luft! Sie antwortete: – Nimm Dich in Acht, die Sonne geht schon unter, Du wirst Dich wieder erkälten, und Du weißt, daß Du das bei Deinem Gesundheitszustand nicht darfst. Er machte mit der rechten Hand eine schwache, fieberhafte Bewegung, als wollte er die Fäuste ballen, und murmelte mit zornigem Blick und indem es wie Todesqualen um seine schmalen Lippen und die eingefallenen Wangen mit den vorspringenden Backenknochen zuckte: – Ich sage Dir, ich ersticke, es kann Dir doch ganz gleich sein, ob ich einen Tag eher oder später sterbe, wenn ich so wie so in die Binsen gehen muß. Sie öffnete weit das Fenster. Die Luft, die herein drang, berührte sie alle wie eine Liebkosung. Es war eine friedliche, warme, weiche Brise, ein Frühlingswind, der schon den berauschenden Duft der Sträucher nnd Blumen mit sich trug, die an diesem Gestade wachsen. Man konnte deutlich den strengen Harzgeruch und den scharfen Duft des Eukalyptus unterscheiden. Forestier sog die Luft mit kurzen, fieberhaften Atemzügen ein. Er krallte sich mit den Nägeln an der Stuhllehne fest und sagte mit leiser, pfeifender Stimme, aus der die Wut klang: – Mach's Fenster zu, es thut mir weh! Da will ich doch lieber noch im Keller krepieren. Seine Frau schloß langsam das Fenster, dann blickte sie, die Stirn an die Scheiben gepreßt, in die Ferne. Duroy war die Situation peinlich. Er hätte gern mit bem Kranken ein Wort gewechselt und ihn beruhigt; aber er konnte keine passende Anrede finden, und so sagte er stammelnd: – Also geht es Dir nicht besser seitdem Du hier bist? Der andere zuckte ungeduldig mit den Schultern: – Das siehst Du doch! – und senkte wieder den Kopf. Duroy meinte: – Ach im Vergleich zu Paris ist es hier wundervoll. In Paris ist noch voller Winter, es schneit, es hagelt, es regnet, es ist so dunkel, daß man schon um drei Uhr nachmittags die Lampe anstecken muß. Forestier fragte: – Giebt's bei der Zeitung was Neues? – Nichts Neues! Für Deine Arbeit hat man sich den kleinen Lacrin, der beim Voltaire war, geholt; aber der ist noch nicht so weit, es ist die höchste Zeit, daß Du wiederkommst. Der Kranke brummte: – Ich werde bald meine Artikel sechs Fuß unter der Erde schreiben. Die fixe Idee tönte wie eine Glocke bei jeder Gelegenheit aus allem, was er dachte und sprach: Es entstand eine lange Pause, ein schmerzliches, tiefes Schweigen. Langsam erlosch draußen die Glut des Sonnenuntergangs, und dunkel zeichneten sich die Berge an dem in gleißendem Rot versinkenden Himmel ab. Ein farbiger Lichtstreifen, der Anbruch der Nacht, bei dem die Helle noch einmal aufflackert wie das Feuer im Kamin, ehe es erlischt, fiel in das Zimmer und schien Möbel, Wände, Tapeten mit dunklem Purpur zu überziehen. Der Spiegel auf dem Kamin, der im Widerschein erglänzte, sah aus wie eine blutigrote Platte. Frau Forestier bewegte sich nicht. Sie stand noch immer, den Rücken zum Zimmer gewandt, die Stirn an die Scheiben gepreßt, am Fenster. Forestier fing an zu sprechen mit abgehackter Stimme, außer Atem, schrecklich anzuhören: – Wie oft sehe ich noch so einen Sonnenuntergang? Achtmal, zehn, vierzehn, zwanzig, vielleicht dreißig Mal, nicht mehr. Ihr habt noch Zeit, für mich ist es aus, und wenn ich einmal weg bin, geht's ruhig so weiter, als ob ich noch da wäre. Er schwieg ein paar Minuten, dann sagte er: – Alles, was ich sehe, erinnert mich daran, daß ich es in ein paar Tagen nicht mehr sehen werde! Es ist furchtbar. Ich werde nichts wiedersehen, nichts von allem, was es giebt, nichts von allem, was wir brauchen, Gläser, Teller, das Bett in dem es sich so schön ruht, der Wagen – ach, es ist so schön, abends spazieren zu fahren, ich hatte es so gern. Er machte mit den Fingern beider Hände eine leichte, nervöse Bewegung, als ob er Klavier spielte, auf der Stuhllehne. Wenn er schwieg, war es noch peinlicher, als wenn er sprach. Man fühlte, daß er an gräßliche Dinge dachte. Und plötzlich erinnerte sich Duroy, was ihm Norbert von Varenne vor ein paar Wochen gesagt: – Ich sehe jetzt den Tod so nahe vor mir, daß mir oft die Lust ankommt, die Arme auszustrecken, um ihn von mir zu stoßen. Überall gewahre ich ihn. Das Getier, das am Weg zertreten wird, der Bätterfall, ein weißes Haar im Bart eines Freundes zerreißen mir das Herz und rufen mir zu: Da ist er! Damals hatte er das nicht verstanden, heute begriff er es, als er Forestier sah, und eine fürchterliche Angst, die er noch nie gekannt, überfiel ihn, als ob er ganz nahe, auf diesem Stuhl wo dieser Mann keuchte, zum Greifen nahe, den entsetzlichen Tod gesehen. Er hätte aufstehen, davon laufen, und sofort nach Paris zurückkehren mögen. Wenn er das gewußt hätte, wäre er nicht gekommen. Über das Zimmer breitete sich die Nacht, wie eine vorzeitige Trauerdraperie für den Sterbenden; man konnte nur noch das Fenster erkennen, in dessen hellerem Raum sich die unbewegliche Gestalt der jungen Frau abzeichnete. Und Forestier fragte grillig: – Na, kommt denn die Lampe heute nicht? Das ist eine nette Krankenpflege! Der Schatten des Körpers, der sich vom Fenster abhob, verschwand, und man hörte im schweigenden Hause die elektrische Glocke. Kurz darauf trat der Diener ein und setzte eine Lampe auf den Kamm. Frau Forestier sagte zu ihrem Mann: – Willst Du zu Bett gehen oder kommst Du herunter zum Essen? Er brummte: – Ich werde 'runter kommen. Und auf das Essen wartend, blieben sie alle drei noch beinahe eine Stunde unbeweglich sitzen. Nur ab und zu fiel ein Wort, ein gleichgültiges, banales Wort, als ob sie sich fürchteten, zu lange zu schweigen und die stumme Luft dieses Zimmers erstarren zu lassen, dieses Zimmers, auf das der Tod niedersank. Endlich wurde das Essen gemeldet. Es kam Duroy lange vor, als wollte es gar nicht enden. Sie sprachen nichts, sie aßen geräuschlos, und ihre Finger spielten mit dem Brot. Der Diener servierte, kam und ging, ohne daß man seine Schritte hörte; denn da der Lärm der knarrenden Sohlen Karl nervös gemacht hatte, trug der Diener Filzschuhe; nur das Ticken einer Wanduhr unterbrach mit regelmäßiger, mechanischer Bewegung das Schweigen im Zimmer. Sobald das Essen zu Ende war, zog sich Duroy unter dem Vorwande, müde zu sein, auf sein Zimmer zurück. Er lehnte sich auf das Fensterbrett und sah, wie der Vollmond, der am Himmel gleich einer mächtigen Lampenglocke stand, auf die weißen Mauern der Villen sein verschleiertes, hartes Licht, und über das Meer weiche, bewegliche Lichter warf. Er suchte nach irgend einem Grund, um schnell wieder abreisen zu können, nach einer List, vielleicht ein Telegramm, das er bekommen, durch das ihn Herr Walter zurückrief. Aber als er am andern Morgen erwachte, schienen ihm seine Fluchtpläne doch etwas schwierig ins Werk zu setzen. Frau Forestier würde nicht darauf hineinfallen, und durch seine Feigheit würde er alles wieder verscherzen, was er durch seine Freundschaft gewonnen. Er sagte sich: Ach was, es ist unangenehm, na meinetwegen, es giebt auch böse Zeiten im Leben, und es dauert vielleicht nicht lange. – Der Himmel war blau und klar, von jener tiefen Bläue des Südens, die einem Freude ins Herz gießt. Duroy ging ans Meer hinunter, er fand, er würde Forestier noch zeitig genug sehen. Als er zum Frühstück heimkehrte, sagte der Diener: – Unser Herr hat nach dem gnädigen Herrn schon zwei oder dreimal gefragt. Wollen der Herr nicht hinaufgehen? Er ging. Forestier schien in einem Stuhl zu schlafen, seine Frau lag mit einem Buch auf dem Sofa. Der Kranke blickte auf. Duroy fragte: – Na, wie geht's denn, Du siehst ja heute früh ganz munter aus? Der andere brummte: – Ja, es geht besser, ich habe wieder Kräfte. Frühstücke mal schnell mit Magdalene, denn wir wollen ausfahren. Sobald die junge Frau mit Duroy allein war, sagte sie: – Ach Gott, heute denkt er, er ist gerettet, den ganzen Morgen hat er schon Pläne geschmiedet. Wir wollen nachher zum Golf Juan fahren, um Fayencen zu kaufen für unsere Pariser Wohnung, er will absolut heraus. Aber ich habe furchtbare Angst, daß etwas passiert, er wird die Stöße beim Fahren gar nicht aushalten. Als der Landauer erschienen, stieg Forestier, Schritt für Schritt vom Diener unterstützt, die Treppe hinab. Sobald er den Wagen sah, wollte er ihn geöffnet haben. Seine Frau widerstand: – Du wirst Dich erkälten! Das ist Unsinn! Aber er blieb dabei: – Nein, mir geht es besser, ich fühle es ganz genau. Zuerst fuhren sie durch jene schattigen Wege, die immer zwischen Gärten liegen, wodurch Cannes das Ansehen eines englischen Parkes gewinnt. Dann kamen sie auf die Straße von Antibes längs des Meeres. Forestier erklärte die Gegend. Zuerst hatte er die Villa des Grafen von Paris gezeigt, dann nannte er andere. Er war heiter, von einer absichtlichen, gemachten, kraftlosen Fröhlichkeit. Er hob nur den Finger, da er nicht die Kraft besaß den Arm auszustrecken: – Das ist die Insel Sainte-Marguerite und das Schloß, aus dem Bazaine entsprungen ist. Das hat uns eine Wirtschaft verursacht! Dann kam er auf alte Regimentserinnerungen. Er nannte Namen von Offizieren, von denen er allerlei Geschichten aufwärmte. Aber plötzlich bei einer Straßenbiegung lag der Golf Juan mit seinen weißen Häusern im Hintergrunde und der Spitze von Antibes am anderen Ende vor ihnen da. Forestier packte plötzlich eine kindliche Freude und er rief: – O, das Geschwader, Du wirst gleich das Geschwader sehen! Mitten auf der weiten blauen Flut sah man in der That ein halbes Dutzend mächtiger Schiffe liegen, die aussahen wie Felsen mit Ästen bedeckt. Sie waren seltsam, unförmlich, riesig, mit Ausbauen, Türmen und dem Bug der sich vorn ins Wasser bohrte, als wollte er Wurzel im Meer schlagen. Man begriff nicht, wie die Dinger von der Stelle kommen konnten, so schwer, so massig sahen sie aus. Eine ganze, schwimmende Batterie, in Gestalt eines Observatoriums machte den Eindruck, wie einer jener Leuchttürme, die man auf ein Wrack baut. Und ein großer Dreimaster kam bei ihnen vorüber, um in die Weite hinaus zu steuern. Lustig hatte er alle seine weißen Segel entfaltet. Er sah graziös und hübsch aus, neben den Kriegsungeheuern, jenen Eisenriesen, den häßlichen Ungetümen, die auf dem Wasser lauern. Forestier suchte sie zu erkennen, und er nannte ›Colbert‹, ›Suffren‹, ›Admiral Duperré‹, ›Redoutable‹, ›Dévastation‹, dann verbesserte er sich: – Nein, ich irre mich, das ist die ›Dévastation‹. Sie kamen an einen großen Pavillon am Strande mit der Inschrift: ›Kunsttöpferei des Golf Juan‹ und der Wagen der um einen Rasenplatz herumgefahren, hielt vor der Thür. Forestier wollte zwei Vasen kaufen, um sie auf seinen Bücherschrank zu stellen; da er aber nicht aussteigen konnte, brachte man ihm Muster zur Auswahl. Er wählte lange und fragte immer seine Frau und Duroy um Rat. – Weißt Du, das ist für den Schrank in meinem Arbeitszimmer. Von meinem Stuhl aus sehe ich ihn immer. Ich möchte gern eine antike Form haben, griechisch. Er betrachtete einzelne, ließ andere bringen, nahm die erste wieder in die Hand, und entschied sich endlich. Nachdem er bezahlt hatte, wünschte er, daß sie sofort abgesendet würden. – Ich fahre in ein paar Tagen nach Paris zurück, fügte er hinzu. Sie kehrten heim, aber längs des Golfes traf sie plötzlich ein kalter Windstoß aus einem Thal, und der Kranke fing an zu husten. Zuerst war es weiter nichts, ein kleiner Anfall, aber er wurde immer stärker und ging in ununterbrochenes Husten über, das mit Atemnot und Röcheln endigte. Forestiers Atem ging schwer, und jedesmal wenn er die Luft einzog, quälte ihn der Husten, der tief aus der Brust kam. Nichts beruhigte ihn, nichts linderte seine Qual, und er mußte aus dem Wagen ins Zimmer getragen werden. Duroy, der seine Beine hielt, fühlte bei jeder Zusammenziehung der Lungen, wie seine Füße hin und her schlugen. Die Bettwärme hielt den Anfall nicht auf, der bis Mitternacht dauerte. Endlich linderten Arzneimittel die tödlichen Hustenanfälle, und der Kranke blieb mit offenen Augen bis Tagesanbruch im Bette sitzen. Seine ersten Worte waren der Wunsch nach dem Barbier, denn er wollte täglich rasiert sein. Dazu stand er auf, aber er mußte sofort wieder hingelegt werden und fing an so kurz, so schwer, so röchelnd zu atmen, daß Frau Forestier in ihrem Entsetzen, Duroy der sich eben hingelegt, wecken ließ, um ihn zu bitten den Arzt zu holen. Beinahe sofort brachte er Doktor Gavaut mit, der etwas verschrieb und Verhaltungsmaßregeln gab; aber als der Journalist ihn ein Stück zurückbegleitete, um seine Meinung zu hören, sagte er: – Das ist das Ende, morgen früh ist er tot. Bereiten Sie die arme, junge Frau vor und schicken Sie nach einem Priester. Ich habe hier nichts mehr zu thun, obgleich ich natürlich gern zu Ihrer Verfügung stehe. Duroy ließ Frau Forestier heraus rufen: – Er wird sterben, der Arzt rät, nach einem Priester zu schicken. Sie zögerte lange, dann sagte sie, nachdem sie sich alles überlegt, langsam: – Ja, es ist besser in mancher Hinsicht. Ich werde ihn darauf vorbereiten und ihm sagen, daß der Pfarrer ihn sprechen möchte, oder irgend so etwas. Es wäre sehr liebenswürdig, wenn Sie einen Geistlichen holen wollten, aber sehen Sie ihn sich erst ordentlich an, und nehmen Sie bitte einen, der uns nicht zu viel Umstände macht. Sehen Sie doch zu, daß er es bei der Beichte bewenden läßt und uns das übrige schenkt. Der junge Mann brachte einen alten Diener der Kirche mit, der sehr entgegenkommend war und den Umständen Rechnung trug. Frau Forestier ging hinaus und setzte sich mit Duroy in das Zimmer nebenan. – Es hat ihn erschüttert, sagte sie. Als ich von einem Priester sprach, nahm sein Gesicht einen fürchterlichen Ausdruck an, als ob er etwas gefühlt hätte, wissen Sie, einen Hauch. Er hat begriffen, daß es aus ist und wir die Stunden zählen können. Sie war sehr bleich, und fuhr fort: – Ich werde nie den Ausdruck seines Gesichts vergessen, ich glaube er hat wahrhaftig in diesem Augenblick den Tod gesehen, er hat ihn gesehen! Sie hörten, wie der Priester, der etwas laut sprach, weil er schwerhörig war, zu ihm sagte: – Aber nein, so schlecht geht's Ihnen ja gar nicht. Sie sind krank, aber nicht in Gefahr. Der beste Beweis ist doch, daß ich ganz freundschaftlich als Nachbar zu Ihnen komme. Sie konnten nicht verstehen, was Forestier antwortete. Der alte Mann begann von neuem: – Nein, Sie brauchen nicht zu kommunizieren, davon wollen wir sprechen, wenn es Ihnen wieder gut geht. Aber wenn Sie die Gelegenheit, daß ich einmal hier bin, benutzen wollen, um zu beichten, so soll es mir recht sein. Ich bin Seelenhirt und bediene mich jeder Möglichkeit, die Schafe zur Herde zurück zu führen. Lange blieb alles still. Forestier sprach Wohl mit seiner tonlosen, zittrigen Stimme. Dann sagte plötzlich der Priester in ganz anderem Ton, wie der Geistliche am Altar: – Gottes Barmherzigkeit ist unendlich, sprechen Sie das Confiteor mein Kind. Sie haben es vielleicht vergessen, ich werde Ihnen einhelfen. Wiederholen Sie mit mir: confiteor Deo omnipotenti .... Beatae Mariae semper virgini . Ab und zu hielt er inne, daß der Sterbende ihm folgen könne, dann sagte er: – Nun beichten Sie ... Die junge Frau und Duroy bewegten sich nicht mehr, in eigentümlicher Verwirrung, in ängstlicher Erwartung. Der Krank hatte etwas gemurmelt, der Priester wiederholte: – Sie haben also sündiger Weise Gefälligkeiten geduldet? In welcher Art, mein Sohn? Die junge Frau erhob sich und sagte einfach: – Wir wollen etwas in den Garten hinunter gehen. Man muß seine Geheimnisse nicht belauschen. Und sie gingen hinab, setzten sich vor die Thür auf eine Bank, unter einen blühenden Rosenstrauch und vor ein Beet von duftenden Nelken, die in die reine Luft ihren starken, würzigen Duft ausströmten. Duroy fragte, nachdem sie ein paar Augenblicke geschwiegen: – Werden Sie noch hier bleiben, ehe Sie nach Paris zurückkehren? Sie antwortete: – O nein, sobald alles zu Ende ist, komme ich. – Vielleicht acht bis zehn Tage? – Höchstens! Und er begann wieder: – Hat er denn gar keine Verwandten? – Keine, außer ein paar Vettern. Sein Vater und seine Mutter sind gestorben, als er noch ganz klein war. Sie sahen beide einem Schmetterling zu, der auf den Kelchen der Blumen seine Nahrung suchte, indem er von einem zum andern mit schnellem Flügelschlag gaukelte, der nur lanasamer ward, wenn er sich auf eine Blume niedergelassen. Sie schwiegen lange. Der Diener kam, um ihnen mitzuteilen, der Herr Pfarrer wäre fertig. Und sie gingen zusammen wieder hinauf. Forestier schien noch mehr eingefallen zu sein, seit dem Tage vorher. Der Priester hielt seine Hand: – Auf Wiedersehen, mein Sohn, ich komme morgen wieder. Und er ging davon. Sobald er fort war, versuchte der Sterbende seiner Frau die Hände entgegen zu strecken und stammelte: – Rette mich! Rette mich, mein Schatz! Ich will nicht sterben. Ich will nicht sterben. Rette mich! Sagt mir nur, was man machen muß! Holt den Doktor! Ich will thun, was er verlangt! Ich will nicht sterben! Ich will nicht sterben! Er weinte. Dicke Thränen perlten ihm aus den Augen über die abgezehrten Wangen, und die eingefallenen Mundwinkel falteten sich, wie bei einem kleinen Kind, das einen Kummer hat. Da fingen seine Hände, die auf das Bett gesunken waren an, langsam und unregelmäßig hin und her zu tasten, als suchten sie etwas auf den Tüchern. Seine Frau, die auch anfing zu weinen, stammelte: – Nein, nein, es ist ja nichts, es ist nur ein Anfall. Morgen geht Dir's besser. Die Spazierfahrt gestern hat Dich müde gemacht. Forestiers Atem, der schneller ging als bei einem Hund, der gelaufen ist, raste so, daß man die Atemzüge nicht mehr zählen konnte, war aber so schwach, daß man ihn kaum hörte. Er wiederholte unausgesetzt: – Ich will nicht sterben. Was, mein Gott, mein Gott, mein Gott, was wird mit mir? Ich sehe das alles nie wieder, nie wieder. O mein Gott! O mein Gott! Er starrte vor sich hin, als sähe er etwas Fürchterliches, ihm Entsetzen Einflößendes, das die anderen nicht sahen, und seine beiden Hände setzten ihre fürchterliche, ermüdende Bewegung fort. Plötzlich zuckte er zusammen, ein Schauer lief ihm über den ganzen Leib, und er stammelte: – Der Kirchhof .... ich .... mein Gott .... Nun sprach er nichts mehr. Er blieb unbeweglich, scheu umherblickend, stöhnend. Die Zeit verstrich. Vom Turm des benachbarten Klosters schlug es Mittag. Duroy ging hinaus, um etwas zu essen. Eine Stunde später kam er zurück. Frau Forestier wollte nichts zu sich nehmen. Der Kranke hatte sich nicht bewegt, er tastete nur immer mit den mageren Fingern auf der Decke umher, als wollte er sie aufheben. Die junge Frau saß am Fußende des Bettes in einem Lehnstuhl. Duroy schob sich einen andern an ihre Seite, und sie warteten schweigend. Eine Krankenpflegerin war gekommen, die der Arzt geschickt hatte; sie schlummerte am Fenster. Auch Duroy fing an einzuschlafen; plötzlich hatte er die Empfindung, als geschehe irgend etwas. Er öffnete die Augen gerade zur rechten Zeit um zu sehen, daß Forestier die seinen schloß: wie zwei Lichter die verlöschen. Ein kleiner Seufzer kam noch aus der Brust des Sterbenden, dann färbten sich die Mundwinkel blutig, und zwei Bächlein rieselten auf das Hemd herab. Die Hände stellten ihre fürchterliche Bewegung ein: Forestier atmete nicht mehr. Seine Frau begriff, was vorgegangen, stieß einen Schrei aus, sank in die Kniee und verbarg schluchzend den Kopf in den Betttüchern. Georg war ganz verstört. Er schlug mechanisch ein Kreuz. Die Wärterin war erwacht, trat an das Bett heran und sagte: – Es ist zu Ende! Aber Duroy, der seine Kaltblütigkeit wiedergefunden hatte, brummte: – Das ist schneller gegangen, als ich gedacht hatte! Nachdem die erste Überraschung vorüber und die ersten Thränen geflossen waren, erwies man dem Toten die letzten Dienste. Duroy lief bis in die Nacht umher. Als er heimgekehrt war, hatte er großen Hunger. Frau Forestier aß nur wenig. Dann blieben sie beide im Sterbezimmer, um die Totenwache zu halten. Auf dem Nachttisch brannten zwei Lichter neben einem Teller, in dem in ein wenig Wasser ein Mimosenzweig lag, denn der übliche Buchsbaum war nicht aufzutreiben. Der junge Mann und die junge Frau waren allein mit dem, der da nicht mehr war; nachdenklich, ohne ein Wort zu sagen, starrten sie ihn an. Georg, den die Dunkelheit bei der Leiche beunruhigte, konnte die Blicke nicht abwenden. Sein Auge und Geist wurden angezogen, fasciniert beinahe durch dieses entstellte Gesicht, das das flackernde Licht noch eingefallener und hohler malte. Das war sein Freund, Karl Forestier, der gestern noch mit ihm gesprochen! Welches entsetzliche Wunder, dieses vollständige Aufhören eines Wesens! Wieder fielen ihm Norbert von Varennes Worte ein, die die Todesfurcht eingegeben: Niemand käme wieder. Millionen und Milliarden ungefähr gleiche Wesen würden geboren werden mit Augen, Nase, Mund, Kopf und Gedanken darin, ohne daß der, der hier auf dem Bett hingestreckt lag, jemals wieder erscheinen würde. Ein paar Jahr lang hatte er gelebt, gegessen, gelacht, geliebt, gehofft wie alle anderen, nun war es aus für ihn, auf immer aus. Ein Menschenleben! Wenig Jahre dauert es, und dann ist es aus. Man wird geboren, wächst, ist glücklich, hofft und stirbt. Mann oder Weib, fort damit, du kommst nie wieder auf die Erde; und doch trägt jeder Mensch in sich die fieberhafte, unstillbare Sehnsucht nach der Ewigkeit. Jeder ist eine Art von Welt in der Welt; und jeder geht bald wieder unter, um ein Fruchtboden zu werden für neue Keime. Pflanzen, Tiere, Menschen, Sterne, Welten, alle gewinnen sie Leben und sterben, um sich umzuwandeln. Insekt, Mensch oder Planet – niemals noch ist ein Wesen wieder gekommen. Ein unbestimmtes, starres, erdrückendes Entsetzen lastete auf Duroys Seele, die Angst vor jenem unbegrenzten Nichts, dem kein Erdensohn entgeht, das alle diese flüchtigen elenden Existenzen vernichtet. Auch er beugte schon den Nacken vor seinem Drohen. Er dachte an die Eintagsfliege, die ein paar Stunden lebt, an die Tiere, die ein paar Tage, an die Menschen, die ein paar Jahre, an die Welten die ein paar Jahrhunderte nur dauern. Was waren die einen anderes als die anderen, sie sahen ein paarmal mehr die Sonne aufgehen, das war der ganze Unterschied. Er wandte die Augen, um die Leiche nicht mehr zu sehen. Frau Forestier saß da, den Kopf gesenkt, auch sie schien schmerzliche Gedanken zu hegen. Ihr blondes Haar stand so hübsch zu ihrem traurigen Gesicht, daß ein süßes Gefühl, als hätte ihn eine zukünftige Hoffnung gestreift, dem jungen Mann ins Herz drang. Was wollte er verzweifeln? Er hatte noch so viele Jahre vor sich. Und er fing an sie zu betrachten. In Gedanken verloren, merkte sie es nicht. Er sagte sich: Das einzige was es im Leben giebt, ist doch die Liebe. Eine geliebte Frau im Arme halten, ist die Grenze menschlichen Glückes. Was der Tote da doch für ein Glück gehabt, diese kluge, reizende Lebensgefährtin zu finden. Wie hatten sie sich nur kennen gelernt? Wie nur sie sich entschlossen, diesen mittelmäßigen armen Kerl zu heiraten? Wie hatte sie es fertig gebracht aus ihm etwas zu machen? Da dachte er an all das Geheimnisvolle, das es im menschlichen Leben giebt. Er erinnerte sich dessen, was man sich über den Grafen Vaudrec zuflüsterte, der sie ausgestattet und verheiratet hatte, wie man sagte. Was würde sie jetzt thun? Wen würde sie heiraten? Einen Abgeordneten, wie Frau von Marelle dachte, oder irgend einen Mann der Zukunft, eine verbesserte Auflage Forestier? Hatte sie Pläne? Absichten? War sie schon zu etwas Bestimmtem entschlossen? Er hätte es zu gern gewußt! Aber warum kümmerte er sich um das, was sie thäte? Er fragte es sich und entdeckte, daß seine Unruhe von einem jener geheimen, unbestimmten Hintergedanken kam, die man vor sich selbst verbirgt und nur entdeckt, wenn man tief in sein Inneres hinabsteigt. Ja, warum sollte er nicht selbst versuchen sie zu gewinnen? Mit der wäre er stark. Eine Macht einfach. Mit der wollte er schon schnell und sicher und weit seinen Weg machen. Und warum sollte es ihm nicht glücken? Er fühlte wohl, daß er ihr gefiel, daß sie für ihn mehr als bloße Sympathie hegte. Eine jener Zuneigungen, die zwischen zwei verwandten Naturen entstehen, und die sowohl von einer gegenseitigen Anziehungskraft stammen, als aus einer Art uneingestandenem Bewußtsein einer gemeinsamen Schuld. Sie wußte, daß er klug, zähe und energisch war, sie konnte zu ihm Vertrauen haben. Hatte sie ihn nicht bei dieser so ernsten Veranlassung kommen lassen? Warum hatte sie ihn gerufen? Sollte er nicht darin etwas wie eine Wahl sehen, wie ein Geständnis, wie einen deutlichen Hinweis? Wenn sie an ihn gerade in diesem Augenblicke gedacht hatte, wo sie Witwe werden würde, so hatte sie am Ende darum auch daran gedacht, weil er ihr zukünftiger Lebensgefährte werden sollte. Und die Ungeduld packte ihn, es zu wissen, sie zu fragen, ihre Ansicht zu erfahren. Er mußte den nächsten Tag abreisen, da er in diesem Hause mit der jungen Frau nicht allein bleiben konnte. Er mußte sich also beeilen, ehe er nach Paris zurückkehrte, und mit Zartgefühl und Geschicklichkeit ihre Absichten heraus bringen und sie nicht heimkommen lassen, wo sie vielleicht einem andern nachgäbe und sich dann unlöslich bände. Tiefe Stille herrschte im Zimmer. Man hörte nur den Pendel der Stutzuhr auf dem Kamin hin und her gehen. Er flüsterte: – Sie müssen sehr müde sein. Sie antwortete: – Ja, aber ich bin vor allem wie zerschlagen! Der Ton ihrer Stimmen kam ihnen eigen vor, und klang seltsam in dem traurigen Gemach. Plötzlich blickten sie nach dem Gesicht des Toten, als hätten sie erwartet, daß er sich bewegen würde, da er sie sprechen hörte, wie er es noch vor ein paar Stunden gethan. Duroy sagte: – O, das ist ein schwerer Schlag für Sie, und eine völlige Änderung in Ihrem Leben, eine große Erregung für Ihr Herz, eine völlige Umwandlung in Ihren äußeren Verhältnissen. Sie seufzte tief ohne zu antworten. Er fuhr fort: – Für eine junge Frau ist es traurig, so allein zu sein, wie Sie sein werden! Dann schwieg er. Sie antwortete nicht, und er stammelte: – Na, jedenfalls wissen Sie, was wir zusammen abgemacht haben. Sie können ganz über mich bestimmen. Ich stehe zu Ihrer Verfügung. Sie streckte ihm die Hände hin, indem sie ihm einen jener melancholischen, süßen Blicke zuwarf, die uns bis ins Innerste treffen: – Danke, Sie sind gut gegen mich. Wenn ich irgend etwas für Sie thun könnte, zu thun wagte, würde auch ich sagen: Zählen Sie auf mich. Er hatte die entgegen gestreckte Hand genommen, hielt sie fest und drückte sie, während ihn der glühende Wunsch überkam, sie zu küssen. Endlich entschloß er sich dazu, zog sie langsam an den Mund und preßte lange seine Lippen auf die zarte, etwas warme, fieberhaft duftende Haut. Als er dann fühlte, daß diese freundschaftliche Liebkosung zu lange dauerte, richtete er es so ein, daß ihre kleinen Hände zurück sanken. Sie glitten langsam auf den Schoß der jungen Frau, die ernst sagte: – Ja, ich werde sehr allein sein, aber ich will mich zwingen Mut zu haben. Er wußte nicht, wie er es ihr begreiflich machen sollte, daß er glücklich sein würde, glückselig, sie zur Frau zu bekommen. Er konnte es ihr natürlich zu dieser Stunde, hier angesichts des Toten nicht sagen. Aber vielleicht konnte er einige vieldeutige Redewendungen finden, die passend waren und doch allerlei besagten, einen versteckten Sinn hatten, und mit schlau berechneter Zurückhaltung alles nach Wunsch ausdrückten. Aber die Leiche hinderte ihn, die starre Leiche, die dort vor ihnen ausgestreckt lag, und die er zwischen ihnen fühlte. Übrigens glaubte er, seit einiger Zeit in der Luft des geschlossenen Zimmers, einen verdächtigen Geruch zu bemerken, einen Hauch von Fäulnis, der aus dieser zerfallenden Brust kam, der erste Atem der Verwesung, den die armen Toten von ihrer Bahre den Verwandten zuwehen, die bei ihnen wachen, der fürchterliche Pestodem, mit dem sie bald den hohlen Raum des Sarges füllen. Duroy fragte: – Könnten wir nicht das Fenster aufmachen? Ich glaube es ist schlechte Luft hier. Sie antwortete: – Jawohl, ich habe es auch schon bemerkt. Er trat ans Fenster und öffnete es. Die frische duftende Nachtluft strömte herein, sodaß die Flammen der beiden neben dem Bett brennenden Lichter flackerten. Der Mond goß wie am Abend vorher sein ruhiges, weiches Licht über die weißen Mauern der Villen und auf die weite, leuchtende Meeresfläche. Duroy atmete tief, und plötzlich bestürmten ihn allerlei Hoffnungen, als ob das Glück ihm nahte. Er wandte sich um: – Kommen Sie doch ein wenig frische Luft schöpfen, es ist so wunderschön da draußen. Ruhig kam sie und lehnte sich an seine Seite. Da murmelte er mit leiser Stimme: – Hören Sie mich an und achten Sie genau auf das, was ich sagen will. Bitte seien Sie vor allen Dingen nicht empört, weil ich Ihnen dieses gerade in diesem Augenblicke sage; aber übermorgen verlasse ich Sie, und wenn Sie nach Paris zurückkommen, könnte es zu spät sein. Also ... ich bin nur ein armer Teufel ohne Geld, der erst sein Glück machen muß, das wissen Sie. Aber ich habe den festen Willen und wie ich denke einige Schlauheit, und ich bin auf dem besten Wege; bei einem Mann, der sich seine Stellung gemacht hat, weiß man was man hat, bei jemand der erst anfängt, kann man nicht wissen, wohin er gelangen wird. Es kann gut oder schlecht gehen. Kurz, ich habe Ihnen einmal gesagt, daß es mein schönster Traum wäre, eine Frau zu heiraten wie Sie. Und heute wiederhole ich Ihnen das. Antworten Sie mir nicht, lassen Sie mich fortfahren. Ich will gar nicht eine Frage an Sie richten, Augenblick und Ort wären schlecht gewählt, ich will nur, daß Sie es wissen: Sie KÖnnen mich mit einem Wort glücklich machen, Sie können an mir einen brüderlichen Freund oder einen Gatten haben, wie Sie wollen. Mein Herz und mein alles gehört Ihnen. Bitte antworten Sie mir jetzt nicht. Wir wollen hier nicht mehr davon reden. Wenn wir uns in Paris wieder sehen, sagen Sie mir, zu welchem Entschluß Sie gekommen sind. Bis dahin sprechen wir nicht mehr darüber. Abgemacht! Er hatte dies vorgebracht ohne sie anzublicken, als ob er seine Worte in die Nacht hinaus vor sich hingestreut hätte. Sie schien nichts gehört zu haben, so unbeweglich war sie geblieben, indem sie mit starren Blicken hinaussah in die weite mondbestrahlte Landschaft. Lange blieben sie so neben einander, Arm an Arm, schweigend in Gedanken. Dann murmelte sie: – Es fängt an kalt zu werden – wandte sich um und schritt auf das Bett zu. Er folgte ihr. Als er näher kam, spürte er, daß Forestier wirklich anfing zu riechen, und er rückte seinen Stuhl zurück, denn den Fäulnisgeruch hätte er nicht lange ertragen können. Er sagte: – Er muß morgen früh eingesargt werden. Sie antwortete: – Ja, das ist schon bestimmt. Der Tischler kommt gegen acht Uhr. Und als Duroy seufzend sagte: – Armer Karl! – stieß auch sie einen langen Seufzer trüber Resignation aus. Sie blickten ihn weniger häufig an, sie hatten sich schon an den Gedanken des Todes gewöhnt, indem sie anfingen sich damit vertraut zu machen, daß der dort gegangen war. Ein Gedanke der sie vorhin noch, sie, die auch sterblich waren, erschüttert und empört hatte. Sie sprachen nicht mehr; sie hielten auf angemessene Art die Totenwache, zuerst ohne zu schlafen; aber gegen Mitternacht übermannte Duroy der Schlaf. Als er erwachte sah er, daß auch Frau Forestier schlummerte. Er setzte sich etwas bequemer und schloß wieder die Augen, indem er vor sich, hinbrummte: – Verflucht nochmal, im Bett ist's doch molliger. Plötzlich fuhr er durch ein Geräusch auf: die Krankenwärterin war eingetreten. Es war hell. Die junge Frau, die ihm gegenüber saß, schien ebenso überrascht zu sein wie er. Sie war ein wenig bleich aber immer frisch, nett, reizend, trotz der auf dem Stuhl verbrachten Nacht. Da fuhr Duroy, der einen Blick auf die Leiche geworfen, plötzlich zusammen und rief: – Herr Gott, sein Bart! – In den paar Stunden war der Bart auf diesem Fleisch, das sich schon zersetzte, gewachsen, so stark wie er in einigen Tagen auf dem Antlitz eines Lebenden sproßt. Und sie erschraken über dieses Leben, das auf diesem Toten weiter blühte, wie vor einem schrecklichen Wunder, wie vor einer göttlichen Drohung der Auferstehung, vor einer jener übernatürlichen, fürchterlichen Erscheinungen, die Menschen um den Verstand bringen können. Dann gingen beide bis gegen elf Uhr schlafen. Um diese Zeit wurde Karl in den Sarg gelegt. Sie fühlten sich sofort erleichtert und beruhigt. Sie setzten sich einander gegenüber um zu frühstücken, indem ihnen das Bedürfnis kam von tröstlichen, heiteren Dingen zu sprechen, die sie in das Leben zurückführten, da sie mit dem Tode nun abgeschlossen. Durch das Fenster, das weit offen stand, zog die weiche Wärme des Frühlings ein, und die Luft trug den Duft der Nelken herein, die vor der Thür blühten. Frau Forestier machte Duroy den Vorschlag im Garten spazieren zu gehen; sie schritten langsam um den kleinen Rasenfleck herum und sogen mit Wonne die warme von Tannenduft und Eukalyptus geschwängerte Luft ein. Und plötzlich sprach sie mit ihm, ohne den Kopf zu ihm zu wenden, wie er es während der Nacht gethan dort oben im Zimmer, langsam ernst mit gedämpfter Stimme: – Hören Sie, lieber Freund! Ich habe schon nachgedacht über das, was Sie mir vorgeschlagen haben, und ich möchte Sie nicht abreisen lassen, ohne ein Wort zu erwidern. Ich will Ihnen nicht ›nein‹ und nicht ›ja‹ sagen, wir wollen warten, sehen wie es wird, uns besser kennen lernen. Überlegen Sie sich Ihrerseits ja die Sache genau. Gehorchen Sie nicht bei ersten Aufwallung. Aber wenn ich Ihnen davon spreche, ehe noch der arme Karl im Grabe ruht, so ist es deshalb, damit Sie, nach dem was Sie mir gesagt haben, genau wissen wer ich bin. Sie sollen den Gedanken an das, was Sie mir vorgeschlagen nicht nähren, wenn Sie nicht... nicht ... Manns genug sind, mich zu verstehen und mich so zu nehmen, wie ich bin. Hören Sie wohl, für mich bedeutet die Ehe keine Fessel, sondern ein Band. Ich will frei sein, thun und lassen können, was ich will, kommen und gehen wie es mir paßt. Ich leide keine Überwachung, keine Eifersucht, keine Vorwürfe über mein Benehmen. Und daß wir uns recht verstehen, natürlich verpflichte ich mich, nie den Namen des Mannes, den ich geheiratet habe, zu kompromittieren, ihn zu beschmutzen oder lächerlich zu machen. Aber dieser Mann müßte auch in mir eine gleich Berechtigte sehen, den guten Kameraden, nicht ein unter ihm stehendes Wesen oder nur die gehorsame, ergebene Hausfrau. Ich weiß wohl, daß ich darin nicht denke, wie alle Welt, aber ich ändere mich nun nicht mehr. Das wollte ich Ihnen nur sagen. – Und ich füge auch hinzu: antworten Sie mir gar nicht, es wäre unnütz und jetzt nicht passend. Wir werden uns schon wiedersehen und vielleicht später einmal davon reden. Nun gehen Sie spazieren, ich kehre jetzt zu ihm zurück. Heute abend auf Wiedersehen! Er küßte lange ihre Hand und ging davon, ohne ein Wort zu erwidern. Abends sahen sie sich nur beim Essen, und dann zogen sie sich beide auf ihre Zimmer zurück, sie waren beide totmüde. Karl Forestier wurde am andern Tage ohne Pomp auf dem Kirchhof von Cannes begraben, und Georg wollte den Schnellzug nach Paris benutzen, ein Uhr dreißig. Frau Foreftier hatte ihn an den Bahnhof gebracht. Sie gingen ruhig auf dem Bahnsteig auf und ab, warteten auf die Abfahrt und sprachen von gleichgiltigen Dingen. Der Zug kam, er zählte nur fünf Wagen, ein richtiger Eilzug. Der Journalist belegte einen Platz, und stieg dann wieder aus, um noch ein paar Augenblicke mit ihr zu sprechen. Plötzlich überkam ihn eine Traurigkeit, ein Kummer, die Angst sie zu verlassen, als ob er sie auf immer verlieren würde. Ein Schaffner rief: – Marseille! Lyon! Paris! Einsteigen! Duroy stieg ein und lehnte sich ans Fenster, um ihr noch ein paar Abschiedsworte zu sagen. Die Lokomotive pfiff, und der Zug setzte sich in Bewegung. Der junge Mann beugte sich aus dem Wagen und sah der jungen Frau nach, die unbeweglich auf dem Bahnsteig stand und ihm gleichfalls nachblickte. Plötzlich als er sie fast aus dem Gesichtstreis verloren, legte er die Finger an den Mund und warf ihr eine Kußhand zu. Sie erwiderte die Kußhand kaum merklich, zögernd, nur angedeutet. Zweiter Teil I Georg Duroy führte wieder sein altes Leben. In dem kleinen Erdgeschoß der Rue de Constantinople lebte er sehr solide, wie jemand der ein neues Leben beginnen will. Sogar seine Beziehungen zu Frau von Marelle hatten einen ehelichen Anstrich angenommen, als ob er sich schon im voraus auf das kommende Ereignis vorbereiten wollte; und seine Geliebte, die sich nachgerade über die ruhige Einförmigkeit ihres Verkehrs wunderte, sagte lachend: – Du bist wahrhaftig noch hausbackener, wie mein Mann, da brauchte ich wirklich nicht zu wechseln. Frau Forestier war noch nicht zurück gekommen. Sie blieb noch etwas in Cannes. Er bekam einen Brief von ihr, in dem sie ihre Rückkehr erst für Mitte April in Aussicht stellte, und mit keinem Wort ihren Abschied erwähnte. Er wartete. Er faßte jetzt den Entschluß alles in Bewegung zu setzen, um, wenn sie etwa zögerte, sie zur Heirat zu zwingen. Aber er vertraute auf sein Glück, vertraute auf die Verführungskraft die er in sich fühlte, jene unwiderstehliche Gewalt, der alle Frauen unterlagen. Ein paar kurze Zeilen benachrichtigten ihn, daß die Stunde der Entscheidung gekommen war: »Ich bin wieder in Paris. Ich erwarte Sie. Magdalene Forestier.« Mehr schrieb sie nicht. Der Briefträger hatte den Brief um neun Uhr gebracht. Am selben Tage trat er um drei Uhr bei ihr ein. Sie streckte ihm beide Hände entgegen, ein liebenswürdiges Lächeln auf den Lippen. Ein paar Sekunden lang blickten sie sich an, dann sagte sie: – Es war zu gut von Ihnen, daß Sie damals gekommen sind unter den fürchterlichen Umständen. Er antwortete: – Ich hätte alles gethan was Sie wollten. Und sie setzten sich. Sie fragte genau nach Walters, nach den Redaktionskollegen, nach der Zeitung. Sie dachte noch oft an die Zeitung: – Es fehlt mir doch viel in meiner Verlassenheit, ich bin wirklich ganz Journalist geworden, ich liebe nun mal diesen Beruf. – Dann schwieg sie. Er glaubte zu verstehen. Er meinte aus diesem Lächeln, aus dem Ton ihrer Stimme etwas zu hören, wie eine Aufforderung. Und obgleich er sich vorgenommen hatte die Dinge nicht zu übereilen, stammelte er: – Nun warum ... warum sollten Sie ... den Beruf nicht wieder ergreifen, unter ... unter ... dem Namen Duroy? Sie wurde plötzlich wieder ernst, legte ihm die Hand auf den Arm und sagte: – Wir wollen noch nicht davon sprechen. Aber er erriet, daß sie annahm, fiel ihr zu Füßen und küßte leidenschaftlich ihre Hände, indem er stammelte: – Dank, o Dank. Ich liebe Dich! Ich liebe Dich! Sie stand auf. Er auch, und er merkte, daß sie sehr blaß war. Da begriff er, daß er ihr gefiel, vielleicht schon seit langem, und da sie einander gegenüber standen, schloß er sie in die Arme, küßte sie auf die Stirn mit langem, zärtlichem, innigem Kuß. Als sie sich losgemacht, barg sie den Kopf an seiner Brust und sagte ernst: – Lieber Freund, hören Sie einmal. Ich bin noch zu gar nichts entschieden, vielleicht sage ich allerdings ›ja,‹ aber Sie müssen mir versprechen, unbedingt zu schweigen, bis ich Sie von dem Versprechen entbinde. Er schwur und ging glückselig davon. Und von nun an war er sehr zurückhaltend mit seinen Besuchen und drängte sie nicht zur Entscheidung, denn sie hatte eine Art und Weise von der Zukunft zu sprechen, immer zu sagen ›nachher‹, Pläne zu machen für sie beide, die eine bessere und zartere Antwort waren, als eine förmliche Verlobung. Duroy arbeitete viel, gab wenig aus, versuchte etwas zu sparen, um wenn er heiratete nicht ohne Mittel zu sein, und ward nun so geizig, wie er vorher verschwenderisch gewesen war. Der Sommer verstrich, dann der Herbst ohne daß jemand etwas ahnte, denn sie sahen sich wenig und nur auf die unschuldigste Weise der Welt. Eines Abends sagte Magdalene zu ihm und blickte ihm in die Augen: – Haben Sie von unseren Absichten nie etwas an Frau von Marelle gesagt? – Nein! Ich hatte Ihnen Verschwiegenheit gelobt und habe also keinem lebenden Wesen einen Ton gesagt. – Nun, dann wäre es an der Zeit sie zu benachrichtigen. Ich werde es Walters sagen. Es geschieht diese Woche, nicht wahr? Er war rot geworden: – Ja, schon morgen. Sie wandte langsam die Augen, als wollte sie seine Verlegenheit nicht bemerken und sprach: – Wenn es Ihnen recht ist, können wir Anfang Mai heiraten, das würde sehr schön passen. – Ich thue alles, was Sie wollen. – Den zehnten Mai, er fällt auf einen Sonnabend, hätte ich gern, denn es ist mein Geburtstag. – Gut, den zehnten Mai. – Ihre Eltern wohnen doch bei Rouen. Sie sagten mir's wenigstens. – Ja in Canteleu bei Rouen. – Was thun sie denn? – Sie sind ... sie sind ... kleine Rentner. – Ach, ich möchte sie gern kennen lernen. Er war sehr erschrocken und zögerte: – Sie sind nun mal ... sie sind ... Dann faßte er einen mannhaften Entschluß und sagte: – Liebe Freundin, sie sind einfache Bauern. Sie haben ein Wirtshaus und haben sich's am Munde abgedarbt, mich etwas lernen zu lassen. Ich brauche nicht über sie zu erröten. Aber ihre ... Einfachheit, ihre ... Bauernart würde Ihnen vielleicht peinlich sein. Sie lächelte reizend, und eine weiche Güte leuchtete aus ihren Augen: – Nein, ich werde sie sehr lieb haben. Wir wollen sie besuchen, ich will es, wir werden darüber noch sprechen. Ich stamme auch von kleinen Leuten, aber ich habe meine Eltern verloren. Ich habe niemand auf der Welt ... Sie streckte ihm die Hände entgegen und fügte hinzu: – ... als Sie. Er fühlte sich weich geworden, bewegt, überwunden, wie es ihm noch nie bei einer Frau geschehen. – Ich habe an etwas gedacht, sagte sie, aber es ist nicht leicht zu erklären. Er fragte: – Was denn? – Nun lieber Freund, ich bin wie alle Frauen, ich habe meine ... Schwächen, meine Kleinlichkeiten. Ich liebe alles was glänzt, was gut klingt, ich wär' zu gern adlig gewesen. Könnten Sie nicht bei Gelegenheit unsrer Heirat sich ... sich nobilitieren? Sie war nun ihrerseits rot geworden, als ob sie ihm etwas Taktloses vorgeschlagen hätte. Er antwortete ganz einfach: – Daran habe ich schon öfters gedacht, aber ich glaube, das ist nicht so leicht. – Warum denn? – Ich fürchte, mich lächerlich zu machen. Sie zuckte die Achseln: – Aber warum, warum? Das thun sie doch alle und niemand findet etwas dabei. Sie trennen einfach Ihren Namen und schreiben: »Du Roy!« Das geht doch sehr gut. Er antwortete sofort wie jemand, der die Sache bereits erwogen hat: – Nein, das geht nicht. Das ist zu gewöhnlich, zu gemein, zu abgedroschen. Ich hatte gedacht ich könnte vielleicht den Namen meiner Heimat annehmen, etwa zuerst als litterarisches Pseudonym. Dann könnte ich ihm allmählich meinen Namen hinzufügen und ihn später vielleicht, wie Sie mir vorgeschlagen haben, trennen. Sie fragte: – Ihre Heimat ist Canteleu? – Jawohl! Sie zögerte: – Nein die Endung liebe ich nicht. Wenn man aber das Wort Canteleu etwas änderte? Sie hatte eine Feder vom Tisch genommen und warf nun ein paar Namen hin, um zu sehen wie sie aussähen. Plötzlich rief sie: – Warten Sie, ich glaube, jetzt hab' ich's. Und sie hielt ihm ein Stück Papier hin, auf dem er las: ›Frau Duroy von Cantel‹. Er dachte ein paar Augenblicke nach, dann erklärte er mit Entschiedenheit: – Ja, das geht sehr gut! Sie war entzückt und wiederholte: – Duroy von Cantel, Duroy von Cantel! Frau von Cantel, Frau von Cantel! Das ist famos. Das ist famos! Sie fügte mit überzeugter Miene hinzu: – Und Sie werden sehen, wie leicht das die Menschen annehmen. Aber man muß die Gelegenheit beim Schopfe fassen. Später könnte es zu spät sein. Schon von morgen an müssen Sie Ihre Artikel unterzeichnen ›D. von Cantel‹, und die Lokalnachrichten einfach ›Duroy.‹ Das geschieht ja in der Presse immerfort und kein Mensch wird etwas dabei finden, wenn Sie einen Decknamen annehmen. Bei der Hochzeit können wir das dann noch ein wenig verändern, indem wir unseren Freunden sagen: Aus Bescheidenheit hätten Sie den Adel in Duroy wegen Ihrer Stellung unterdrückt, oder wir sagen überhaupt gar nichts. Wie heißt Ihr Vater mit Vornamen? – Alexander. Sie sagte zwei oder drei Mal hinter einander: – Alexander Alexander ... – dem Klang der Silben lauschend, und dann schrieb sie auf ein weißes Blatt: Herr und Frau Alexander du Roy von Cantel haben die Ehre Ihnen die Vermählung ihres Sohnes, des Herrn Georg du Roy von Cantel mit Frau Magdalene Forestier anzuzeigen. Sie hielt das Blatt ein Stück von den Augen, ganz entzückt von der Wirkung und sagte: – Wenn man es nur ein bißchen zu drehen und zu wenden weiß, kriegt man alles fertig, was man will. Als er auf der Straße stand und nun fest entschlossen war, sich von jetzt ab du Roy und sogar du Roy von Cantel zu nennen, war es ihm als hätte er nun wirklich eine besondere Wichtigkeit gewonnen. Er ging mit größerer Sicherheit dahin, den Kopf erhoben, stolzer den Schnurrbart gedreht, wie ein wahrer Edelmann, und es wandelte ihn die Lust an jedem Vorübergehenden zu sagen: – Ich heiße du Roy von Cantel. Aber kaum war er zu Hause angelangt, so beunruhigte ihn der Gedanke an Frau von Marelle, und er schrieb ihr sofort und bat sie um ein Stelldichein am folgenden Tage. »Das wird eine schwierige Geschichte werden«, dachte er, »das giebt einen ekligen Zusammenstoß.« Dann fand er sich mit jener natürlichen Leichtlebigkeit damit ab, die ihn über die unangenehmen Dinge des Lebens hinweghuschen ließ. Und er machte sich an einen Artikel über neue Steuern, die erhoben werden müßten, um das Gleichgewicht des Staatshaushaltes herzustellen. Er forderte für das einfache Adelsprädikat eine Steuer von hundert Franks jährlich und für die Titel vom Baron bis zum Prinzen Steuern von fünfhundert bis tausend Franken. Das unterzeichnete er: D. von Cantel. Am folgenden Tage erhielt er ein Stadttelegramm von seiner Geliebten mit der Nachricht, sie würde um ein Uhr kommen. Er erwartete sie mit einiger Erregung, jedoch fest entschlossen, die Dinge bis zum äußersten zu treiben und sofort mit der Thür ins Haus zu fallen und alles zu sagen, wobei er dann nach der ersten Erregung ihr genau alle Gründe auseinander setzen wollte, um ihr zu beweisen, daß er nicht auf ewige Zeiten Junggeselle bleiben könnte und er daran habe denken müssen, da nun einmal Herr von Marelle beharrlich leben blieb, eine andere zu seinem legitimen Ehegespons zu machen. Aber er war doch erregt, und als die Glocke klang, klopfte ihm das Herz. Sie fiel ihm um den Hals: – Guten Morgen, Liebling! Aber dann fand sie, daß er sie nur kühl umarmte, betrachtete ihn und fragte: – Was hast Du denn? – Setz Dich bitte, sagte er, wir müssen einmal was Ernstes reden. Sie setzte sich, ohne den Hut abzunehmen, schlug nur den Schleier auf und wartete. Er hatte die Augen gesenkt und suchte wie er anfangen sollte. Endlich begann er langsam: – Liebe Freundin, ich muß Dir etwas gestehen, was mich in große Verlegenheit setzt und mich sehr traurig macht. Ich liebe Dich! Ich liebe Dich aus tiefster Seele, und ich kann Dir sagen, daß die Befürchtung, Dir weh zu thun, mich trauriger stimmt, als das was ich Dir mitzuteilen habe. Sie ward bleich, zitterte und stammelte: – Was ist denn los? So sag doch! Er antwortete in entschlossenem Ton, mit jener geheuchelten Niedergeschlagenheit, die man annimmt, um ein glückliches Unglück mitzuteilen: – Ich will heiraten. Sie stieß einen Seufzer aus, wie eine Frau, die in Ohnmacht fällt, einen schmerzlichen Seufzer, der aus der Tiefe ihrer Seele kam, dann schnappte sie nach Luft und konnte nicht sprechen vor Atemnot. Als er sah, daß sie nichts sagte, begann er: – Du kannst Dir nicht vorstellen, was ich gelitten habe, ehe ich zu diesem Entschluß gekommen bin. Aber ich habe keine sichere Stellung, kein Geld, ich bin allein, verloren in Paris. Ich mußte jemand mir zur Seite haben, vor allem jemand der mir einen Rat geben könnte, einen Trost, eine Stütze. Ich habe sozusagen eine Verbündete, eine Genossin gesucht und gefunden. Er schwieg, in der Hoffnung sie würde antworten, und war auf einen fürchterlichen Wutausbruch, auf allerlei Gewaltthätigkeiten und Beschimpfungen gefaßt. Sie hatte eine Hand auf ihr Herz gepreßt, als müßte sie es halten, und atmete noch immer mühsam, stoßweise, daß ihre Brust arbeitete und ihr Kopf zuckte. Er nahm die andere Hand, die sie auf die Stuhllehne gestützt hatte, aber sie entzog sie ihm heftig; dann murmelte sie wie stumpfsinnig: – O ... mein Gott! Er kniete vor ihr hin, aber er wagte nicht sie zu berühren, und er stammelte mehr bedrückt durch ihr Schweigen, als er es durch einen Wutausbruch hätte sein können: – Clo, liebe kleine Clo, denke Dich doch einmal in meine Lage, überleg Dir einmal wie es mit mir steht. Ja, wenn ich Dich hätte heiraten können, Dich, da wäre ich ja so glücklich gewesen! Aber Du bist verheiratet! Was sollte ich denn thun? Überleg Dir doch einmal, bitte überleg Dir doch. Ich muß mir eine Stellung in der Welt machen, und so lange ich kein Heim habe, kann ich es nicht. Ach, wenn Du wüßtest .....es hat Stunden gegeben, wo ich Deinen Mann hätte ermorden können. Er sprach mit seiner weichen, verschleierten, verführerischen Stimme, die wie Musik ins Ohr klang. Er sah, wie zwei dicke Thränen langsam in die starren Augen der Geliebten stiegen und dann die Wangen hinabperlten, während sich schon zwei andere wieder am Lidrande bildeten. Er stammelte: – Ach weine doch nicht. Ich bitte Dich, weine doch nicht, es zerreißt mir das Herz. Da nahm sie sich zusammen, so sehr sie konnte, um stolz und würdig zu erscheinen und fragte mit jenem meckernden Ton einer Frau, die halb im Schluchzen ist: – Wer ist sie? Er zögerte eine Sekunde, aber dann sah er ein, daß er es ja doch sagen mußte und sprach: – Magdalene Forestier. Frau von Marelle bebte am ganzen Leib, dann blieb sie starr und stumm und dachte so angespannt nach, als hatte sie ganz vergessen, daß er ihr zu Füßen kniete. Und zwei helle Tropfen stiegen unausgesetzt in ihren Augen auf, fielen herab und bildeten sich wieder. Sie erhob sich. Duroy erriet, daß sie gehen wollte ohne ihm ein Wort zu sagen, ohne Vorwurf, aber auch ohne ihm zu verzeihn. Das verletzte ihn und demütigte ihn tief, er wollte sie zurückhalten, umfaßte ihr Kleid und umspannte ihre runden Beine, die er durch den Stoff sich strecken fühlte, um ihm zu widerstehen. Er flehte: – Ich beschwöre Dich, so darfst Du nicht fortgehen. Da blickte sie ihn an von oben bis unten mit jenem feuchten, verzweifelten Auge, reizend und traurig zugleich, das den tiefsten Schmerz eines Frauenherzens enthüllt, und stammelte: – Ich habe ... ich habe Dir nichts zu sagen ... ich will gar nichts ..... Du hast ganz recht ..... Du hast Dir das gewählt, was für Dich paßt. Und indem sie zurücktrat, machte sie sich frei und ging davon, ohne daß er versucht hätte sie länger zurück zu halten. Er war allein. Er erhob sich, ganz verstört, als hätte er einen Schlag auf den Kopf bekommen; dann fand er sich damit ab und brummte: – Ach was! Meinethalben, es ist 'runter von der Leber, es hat keine Szene gegeben, das ist mir noch das liebste! – Und plötzlich, wo ihm dieses Riesengewicht von der Seele gefallen, fühlte er sich frei und befreit, zufrieden mit seinem neuen Los und fing an mit den Fäusten gegen die Wand zu trommeln, in der Trunkenheit des Erfolges und einer Art überschäumenden Kraftgefühls, als hätte er sich mit dem Schicksal selbst geschlagen. Als Frau Forestier ihn fragte: – Hast Du es Frau von Marelle gesagt? – antwortete er ganz ruhig: – Gewiß. Ihr helles Auge ruhte forschend auf ihm: – War sie nicht sehr erregt? – Nein, durchaus nicht! Sie fand unsere Verbindung im Gegenteil sehr passend. Die Neuigkeit wurde bald bekannt. Die einen waren sehr erstaunt, andere behaupteten, das hätten sie vorher gesehen; wieder andere lächelten, indem sie durchblicken ließen, das wundere sie weiter nicht. Der junge Mann unterzeichnete von nun ab seine Feuilletons: D. von Cantel, die Lokalnachrichten: Duroy und die politischen Artikel, die er von Zeit zu Zeit jetzt schrieb: du Roy. Er verbrachte jetzt die Hälfte seiner Zeit bei seiner Braut, die ihn mit schwesterlicher Zärtlichkeit behandelte, in die sich jedoch wirkliche, wenn auch noch unterdrückte Liebe mischte, etwas wie ein heimlicher Wunsch, wie eine Schwäche. Sie hatte beschlossen, daß die Hochzeit ganz im stillen stattfinden sollte, nur in Gegenwart der Zeugen, und am selben Abend wollten sie nach Rouen fahren. Am nächsten Tage würden sie dann die alten Eltern des Journalisten aufsuchen und ein paar Tage bei ihnen bleiben. Duroy hatte sich alle Mühe gegeben, sie von diesem Plane abzubringen, aber da es ihm nicht gelungen, so hatte er sich endlich darein gefügt. Am zehnten Mai also kamen die jungen Leute, nachdem sie kurz auf dem Standesamt gewesen, nach Haus um zu packen. Sie hatten eine kirchliche Trauung, da sie doch niemand eingeladen hatten, für unnötig erachtet. Mit dem Sechs-Uhrzug abends fuhren sie vom Bahnhof Saint-Lazare nach der Normandie davon. Bis sie im Wagenabteil allein saßen, hatten sie kaum zwanzig Worte mit einander gewechselt. Sobald der Zug in Bewegung war, blickten sie sich an und fingen an zu lachen, um eine gewisse Verlegenheit zu verbergen, die sie nicht zeigen mochten. Der Zug glitt langsam durch den langgestreckten Bahnhof Batignolles, dann durcheilte er die kahle Ebene, die sich von den Festungswerken bis zur Seine erstreckt. Duroy und seine Frau wechselten ab und zu ein paar gleichgiltige Worte und blickten dann wieder aus dem Fenster. Als sie über die Brücke von Asnières fuhren, freuten sie sich über den mit Schiffen bedeckten Strom, an dem Angler saßen, auf dem Ruderer ihre Boote lenkten. Die leuchtende Maisonne fiel in schrägen Strahlen auf die Boote und auf den ruhig daliegenden Fluß, der unbeweglich schien, ohne Strömung, als sei er geronnen unter der Hitze und dem Licht des sterbenden Tages. In der Mitte des Stromes glitt ein Segelschiff dahin, das nach beiden Seiten zwei große dreieckige Segel entfaltet hatte um auch den geringsten Lufthauch aufzufangen. Es sah aus, wie ein riesiger Vogel, der davon ftiegen will. Duroy sagte: – Ach ich liebe die Umgegend von Paris so sehr. Ich denke noch immer an die Bratfische hier draußen, die besten die ich je gegessen. Sie antwortete: – Und die Boote! Ach es ist doch zu schön bei Sonnenuntergang über das Wasser zu gleiten. Dann schwiegen sie, als wagten sie nicht, diese Ergüsse über ihr vergangenes Leben fortzusetzen. Sie blieben stumm und genossen vielleicht schon leise den poetischen Zauber, mit dem die Reue Verlornes umkleidet. Duroy saß seiner Frau gegenüber, er nahm ihre Hand und küßte sie langsam: – Wenn wir wieder zu Hause sind, wollen wir manchmal nach Chatou zum Essen hinausfahren? Nicht? Sie flüsterte: – Ach wir werden so viel zu thun haben – in einem Ton, der soviel sagen sollte als: Wir müssen das Angenehme dem Nützlichen opfern. Er hielt noch immer ihre Hand und fragte sich ängstlich, wie er den Übergang zur Zärtlichkeit finden sollte. Die Unschuld eines jungen Mädchens hätte ihn nicht in Verlegenheit gesetzt, aber die Gerissenheit und Erfahrung, die er in Magdalene witterte, machte ihn befangen. Er fürchtete, ihr thöricht vorzukommen, entweder zu schüchtern oder zu roh vorzugehen, zu langsam oder zu schnell. Er drückte ab und zu ihre Hand, aber sie gab den Druck nicht zurück. Er sprach: – Es ist doch zu komisch, daß Du meine Frau bist. Das schien sie in Erstaunen zu setzen. – Warum denn? – Ich weiß nicht, mir kommt es komisch vor, ich möchte Dich küssen und ich wundere mich, daß ich das Recht dazu habe. Sie hielt ihm ruhig ihre Wange hin, die er wie die einer Schwester küßte. Er begann von neuem: – Weißt Du, das erste Mal als ich Dich gesehen habe, weißt Du bei dem Diner, zu dem mich Forestier eingeladen hatte, dachte ich: Donnerwetter! Wenn ich mal so 'ne Frau fände! Na, und nun ist sie da! Ich habe sie! Sie flüsterte: – Das ist nett von Dir. – Und blickte ihm mit immer lächelnden Augen gerade ins Gesicht. Er dachte: Ich bin zu kalt. Ich bin ein Stoffel! Ich müßte forscher sein. Und er fragte: – Wo hast Du eigentlich Forestiers Bekanntschaft gemacht? Sie antwortete boshaft und grob: – Fahren wir eigentlich nach Rouen, um von ihm zu sprechen? Er wurde rot: – Ja, ich bin wirklich dämlich! Weißt Du, daß Du mich furchtbar einschüchterst? Das freute sie: – Ich? Ist doch nicht möglich! Woher denn? Er hatte sich ganz nahe an ihre Seite gesetzt, da rief sie plötzlich: – O, da ein Hirsch! Der Zug eilte durch den Wald von Saint-Germain und sie hatte ein erschrockenes Reh gesehen, das mit einem Satz über den Weg sprang. Duroy hatte sich vorgebeugt, während sie durch das offene Fenster blickte, und drückte einen langen zärtlichen Kuß auf die Härchen hinten am Hals. Sie hielt ein paar Augenblicke still, dann bog sie den Kopf zurück: – Das krabbelt, laß doch! – Aber er blieb dabei und ließ langsam in entnervender, langer Zärtlichkeit seinen Schnurrbart über ihre weiße Haut gleiten. Sie schüttelte sich: – Laß doch! Er hatte mit der rechten Hand, die er hinter sie geschoben, ihren Kopf gepackt und wandte ihn sich zu. Dann warf er sich auf ihren Mund, wie ein Sperber auf seine Beute. Sie wehrte sich, drängte ihn zurück, versuchte sich los zu machen. Endlich gelang es ihr, und sie rief noch einmal: – Aber so laß doch! Doch er hörte nicht auf sie, umschlang sie, küßte sie mit gierigen zitternden Lippen, indem er versuchte sie auf die Polster des Coupés zu werfen. Sie machte sich mit aller Gewalt los und fuhr lebhaft auf: – Aber Georg, laß doch! Wir sind doch keine Kinder mehr, wir können doch warten, bis wir in Rouen sind. Er blieb mit rotem Gesicht sitzen, aber diese verständig kühlen Worte waren ihm wie ein Eimer kalten Wassers über den Kopf. Als er dann seine Ruhe wieder gewonnen hatte, sagte er heiter: – Gut, ich warte, aber bis wir ankommen, rede ich nicht zwanzig Worte mehr, und bedenke, daß die Station eben erst Poissy war! – So werde ich eben sprechen, sagte sie und setzte sich ruhig wieder neben ihn. Und sie redete ganz nüchtern über alles, was sie thun wollten, wenn sie erst wieder zurück wären. Sie mußten die Wohnung behalten, die sie mit ihrem ersten Mann bewohnt, Duroy erbte ja auch Posten und Gehalt Forestiers bei der › Vie française ‹. Übrigens hatte sie vor der Hochzeit mit der Sicherheit eines Geschäftsmannes alle pekuniären Angelegenheiten ihrer Ehe geordnet. Sie hatten sich unter dem Prinzip der Gütertrennung geheiratet. Alle Eventualitäten waren vorgesehen: Tod, Scheidung, Geburt eines oder mehrerer Kinder. Der junge Mann brachte viertausend Franken, wie er behauptete, in die Ehe, aber davon hatte er sich fünfzehnhundert Franken geborgt, das andere stammte von Ersparnissen, die er in Hinblick auf seine Ehe das Jahr über gemacht hatte. Die junge Frau brachte vierzigtausend Franken mit, die sie, wie sie behauptete, von Forestier geerbt. Jetzt fing sie auch von ihm an zu reden und stellte ihn als Muster hin: – Er war sehr sparsam, sehr ordentlich, sehr fleißig, der hätte in kurzer Zeit ein Vermögen erworben. Duroy hörte nicht mehr zu, ihm ging anderes im Kopf herum. Manchmal hielt sie inne, um ihren Gedanken still nachzuhängen, dann fing, sie wieder an: – In drei oder vier Jahren kannst Du ganz gut dreißig bis vierzigtausend Franken jährlich verdienen, das hätte Karl gehabt, wenn er am Leben geblieben wäre. Georg fand diese Betrachtungen etwas langweilig und sagte: – Ich dachte, wir führen nicht nach Rouen, um von ihm zu reden.. Sie gab ihm einen Klaps auf die Wange: – Sehr richtig, es war unrecht von mir! – Sie lachte. Und er faltete ganz still die Hände und that wie ein artiger, kleiner Junge: – So siehst Du aber dumm aus! – sagte sie. Er antwortete: – Das bin ich ja auch, Du hast mich eben noch daran erinnert, und ich werde es auch immer bleiben. Sie fragte: – Warum? – Weil Du die Leitung des ganzen Hauses in die Hand nimmst und sogar mich am Gängelbande führst. Als Witwe mußt Du ja den Rummel können. Sie fragte erstaunt: – Was soll denn das heißen? – Das soll heißen, daß Du eine Erfahrung besitzest, die meine Unwissenheit ausgleichen und eine Praxis in der Ehe, die meiner Junggesellen-Unbeholfenheit zu Hilfe kommen muß. So! Na, das ist es! Sie rief: – Das ist aber stark! Er antwortete: – Aber so ist es. Ich kenne die Frauen nicht. Ich meine, ich .... na, also ..... Du aber kennst die Männer, da Du doch Witwe bist. Du wirst mich also in die Lehre nehmen ... heute abend. Na, also! Und Du kannst sogar, wenn Du willst, gleich damit anfangen. Na also los! Sie rief fröhlich: – Na, höre mal, wenn Du Dich da auf mich verläßt ... Er antwortete im Ton eines Schülers, der seine Lektion hervorstottert: – Natürlich verlaß ich mich auf Dich. Ich zähle sogar darauf, daß Du mir einen vorzüglichen Unterricht giebst .... in zwanzig Stunden ....... zehn Stunden für die Anfangsgründe, Lesen und Gramatik ... zehn zur Vervollkommung und und für Rhetorik. Ich weiß gar nichts, also . . Na also! Das machte ihr großen Spaß und sie rief: – Du Dümmling! Er antwortete: – Na, da Du so zärtlich bist, will ich auch anfangen und Dir sagen, Liebchen, daß ich Dich immer lieber und lieber habe, von Sekunde zu Sekunde, und daß ich finde, Rouen ist noch verflucht weit. Er redete jetzt im Ton eines Schauspielers mit den entsprechenden Gesten, was der jungen Frau, die an alle Manieren und Scherze des Zigeunertums der Literaten gewöhnt war; großen Spaß machte. Sie blickte ihn von der Seite an, fand ihn wirklich reizend und kämpfte innerlich den Kampf um die Frucht, die man sich gern vom Baume pflückte, um doch der vernünftigen Überlegung nachzugeben, daß sie einem viel besser zum Dessert nach dem Diner munden wird. Da sagte sie und errötete ein wenig bei den Gedanken, die sie bestürmten: – Also mein kleiner Schüler, nun glaube meiner Erfahrung, meiner großen Erfahrung. Zärtlichkeiten auf der Eisenbahn haben keinen Zweck, davon kriegt man Magendrücken. Dann ward sie noch röter und flüsterte: – Man soll den Hafer nicht mähen, wenn er noch grün ist. Er lachte, und die Zweideutigkeiten, die aus diesem Munde kamen, erregten ihn. Er schlug ein Kreuz, indem er die Lippen bewegte, als hätte er gebetet, und sagte: – Der heilige Antonius schütze mich, der die Versuchung überwand. Ich bin von nun an aus Marmor. Langsam kam die Nacht und sank mit durchsichtigem, leichtem Schleier über die weite Ebene, die sich rechts von ihnen erstreckte. Der Zug fuhr an der Seine hin, und das junge Paar blickte auf den Fluß, der wie ein breites glitzerndes Metallband, in dem sich rote Reflexe spiegelten, vom Himmel gefallene Lichter, die die untergehende Sonne in purpurner Lohe herabwarf, neben der Eisenbahn hinzog. Allmählich erstarb dieser Schein, ward dunkel, und die Landschaft tauchte ins Schwarze hinab, mit jenem düsteren Schauer, jenem Schauer des Todes, den die Dämmerung immer auf die Erde wirft. Die Melancholie der Abendstimmung, die durch das offene Fenster fiel, drang in ihre Seelen, und die beiden, die noch eben so lustig waren, schwiegen nun. Sie hatten sich dicht aneinander gedrängt um das Sterben des schönen Maitages zu beobachten. In Mantes wurden im Zug die Lampen angezündet, und das gelbe, zitternde Lampenlicht fiel auf die gelben Polster. Duroy umarmte seine Frau und preßte sie an sich. Sein glühender Wunsch von vorhin wandelte sich in sanfte Zärtlichkeit, in eine erschlaffende Zärtlichkeit, die tröstende Liebkosungen begehrt, wie die, womit man ein Kind einschläfert. Er flüsterte: – Ich will Dich so lieb haben, meine kleine Magda. Der süße Ton seiner Stimme bewegte die junge Frau, daß ihr ein plötzlicher Schauer über den Leib lief und sie ihm die Lippen darbot, indem sie sich zu ihm herabbeugte, denn er hatte seine Wange an ihre Brust gelehnt. Sie fanden sich in einem langen stummen Kuß, fuhren dann auf, ein kurzer atemloser Kampf folgte, dann fanden sie sich, – überstürzt und unbequem. Darauf blieben sie eng umschlungen liegen, beide etwas enttäuscht, müde und noch zärtlich, bis der Pfiff der Lokomotive eine nahe Station anzeigte. Sie sagte, indem sie sich mit den Fingerspitzen die zerzausten Haare ordnete: – Das ist zu dumm, wir benehmen uns wie die Kinder. Aber er küßte ihre Hände abwechselnd, eine nach der andern mit fieberhafter Hast und sprach: – Ich liebe Dich zum Wahnsinnigwerden, meine kleine Magda. Bis Rouen blieben sie nun fast unbeweglich, Wange an Wange sitzen, durch das Fenster in die Nacht hinausstarrend in der ab und zu aus einem Haus ein Licht aufblitzte. Sie träumten, glücklich, einander so nahe zu sein und in steigender Erwartung einer zärtlicheren, freieren Liebe. Sie stiegen in einem Hotel ab, dessen Fenster auf den Quai gingen und legten sich zu Bett, nachdem sie nur eine Kleinigkeit zu Abend gegessen. Das Zimmermädchen weckte sie am andern Morgen, als es eben acht Uhr war. Nachdem sie eine Tasse Thee getrunken, die auf dem Nachttisch stand, blickte Duroy seine Frau an, dann packte er sie mit plötzlichem Ansturm, wie ein Glücklicher der einen Schatz gefunden hat, in die Arme und stammelte: – Meine kleine Magda, ich habe Dich so lieb. Ich habe Dich so lieb, so lieb! Sie lachte mit ihrem zutraulichen, zufriedenen Lächeln und flüsterte, indem sie ihm seine Küsse zurück gab: – Vielleicht ... ich Dich auch! Aber ihn beunruhigte dieser Besuch bei seinen Eltern. Er hatte schon längst seine Frau vorbereitet und ihr Reden gehalten; aber er meinte, es wäre gut, wieder anzufangen: – Du weißt, sie sind Bauern, einfache Landleute, wie sie wirklich sind, keine Theaterbauern. Sie lachte: – Das weiß ich. Du hast es mir doch oft genug gesagt! Aber nun steh mal auf, daß ich auch aufstehen kann. Er sprang aus dem Bett und zog die Socken an. – Weißt Du, bei meinen Eltern zu Haus ist es aber nicht elegant. In meinem Zimmer steht nur ein altes Bett mit Strohsack. Sprungfedermatrazen giebt es nicht in Canteleu. Sie schien glückselig zu sein: – Desto besser. Es ist reizend auch mal schlecht zu schlafen .. mit ... mit Dir, und wenn einen dann die Hähne wecken. Sie hatte einen Morgenrock übergeworfen, einen langen Rock aus weißem Flanell, den Duroy sofort wieder erkannte. Der Anblick berührte ihn peinlich. Warum? Seine Frau besaß, das wußte er ganz genau, wohl ein Dutzend Morgenkleider, da brauchte sie allerdings nicht ihre reiche Ausstattung fortzuwerfen, um ein neues zu kaufen. Aber trotzdem hätte er es gern gesehen, wenn ihre Wäsche, die sie am Tage und bei Nacht, in der Stunde der Liebe trug, nicht dieselbe gewesen wäre, die sie zu Lebzeiten des andern angehabt. Es war ihm, als ob der weiche, warme Stoff etwas von Forestiers Berührung behalten hätte. Er trat ans Fenster und steckte sich eine Cigarette an. Der Anblick des Hafens, des breiten Flusses, der von Schiffen wimmelte, mit schlanken Masten, von dickbauchigen Dampfern, die mit großem Lärm an den Quais mittels der Schiffskrahne gelöscht wurden, packte ihn doch, obgleich es für ihn ein altgewohnter Anblick war, und er rief: – Donnerwetter, ist das hübsch! Magdalene lief herbei, lehnte sich auf ihres Mannes Schulter und blieb so, zu ihm gebeugt, ganz starr, entzückt und bewegt von dem Anblick, indem sie fortwährend sagte: – Ach ist das hübsch, ist das hübsch! Ich habe ja gar nicht geahnt, daß es so viele Schiffe giebt! Eine Stunde später fuhren sie davon, denn sie wollten bei den Eltern frühstücken, die sie schon seit ein paar Tagen benachrichtigt hatten. Ein offener Wagen, dessen rostige Federn einen Lärm verursachten, wie in einer Kesselschmiede, brachte sie hin. Sie fuhren zuerst durch eine ziemlich häßliche, breite Straße, dann kamen sie durch Wiesen, die ein Bächlein durchfloß und fingen darauf an, die Anhöhe hinan zu fahren. Magdalene war müde. Sie war eingenickt bei den warmen Sonnenstrahlen, die sie so köstlich auf dem Sitz des alten Wagens wärmten, als läge sie ausgestreckt in einem lauen Bade von Licht und frischer Landluft. Ihr Mann weckte sie: – Sieh doch mal! sagte er. Auf zweidrittel der Höhe, an einem berühmten Aussichtspunkt, der allen Reisenden gezeigt wird, hielt der Wagen. Von hier aus hatte man den Blick über das langgestreckte, breite Thal, das der glitzernde Fluß in großen Windungen von einem Ende zum andern durchzog. Dort drüben kam er her, zahlreiche Inseln lagen in seinem Lauf, und ehe er Rouen durchfloß, beschrieb er einen Bogen. Dann sah man die Stadt auf dem rechten Ufer im Morgennebel halb versteckt, mit Sonnenreflexen auf den Dächern und ihren tausend schlanken Kirchtürmen, spitz oder gedrungen, zart und zierlich gearbeitet wie riesige Schmucksachen, mit den eckigen oder runden Zinnen die mit heraldischen Mauerzacken gekrönt waren; mit ihren Sturmglocken und Glockentürmen, ein ganzes Meer von gotischen Kirchenspitzen, die alle der schlanke Turm der Kathedrale überragte, eine wundersame Nadel aus Bronze, häßlich, seltsam und gigantisch, der höchste Turm der Welt! Gegenüber, auf der andern Seite des Flusses erhoben sich, rund und an ihrer Spitze ausgebuchtet, die schmalen Fabrikschornsteine der weiten Vorstadt Saint-Sever. Zahlreicher, als ihre Brüder die Kirchtürme, schoben sie weit hinaus in die ferne Ebene ihre langen Reihen von Ziegelsteinsäulen vor, und bliesen zum blauen Himmel schwarze Rauchwolken empor. Und am höchsten von allen, so hoch wie die Pyramide von Cheops, das zweithöchste Bauwerk von Menschenhand, beinahe ebenso hoch, wie seine stolze Schwester, die Kathedrale, reckte sich dort der große Schornstein von ›La Foudre‹ empor, wie der König des rauchenden Viertels der Arbeit; ebenso wie seine Nachbarin die Königin all der kirchlichen Bauten war. Dort hinten, hinter dem Arbeiterviertel, erstreckte sich ein Tannenwald, und die Seine setzte, nachdem sie zwischen den beiden Stadtteilen durchgeflossen, ihren Lauf fort längs der Ufer, die oben auf ihrem Rande bewaldet, ab und zu ihre weißen Felsenglieder zeigten. Dann verschwand sie am Horizont, nachdem sie noch einmal einen weiten Bogen beschrieben. Schiffe schwammen den Fluß hinauf und hinab, gezogen von Dampfern, die klein wie Fliegen aussahen, aber dicke Rauchwolken ausstießen. Inseln lagen im Wasser in einer Reihe, eine neben der andern oder auch durch weite Zwischenräume getrennt, wie ungleiche Perlen eines grünen Rosenkranzes. Der Kutscher wartete, bis die Reisenden den Anblick genug genossen. Aus Erfahrung wußte er genau, wie lange bei den verschiedenen Besuchern die Bewunderung anhielt. Aber als sie wieder weiterfuhren, sah Duroy plötzlich von weitem, ein paar hundert Meter entfernt, zwei alte Leute, ihnen entgegen kommen und sprang aus dem Wagen mit dem Ruf: – Da sind sie! Ich habe sie erkannt! Es waren zwei Bauern, Mann und Frau, die mit ungleichen Schritten daher kamen in wiegendem Gang, wobei sich ab und zu ihre Schultern berührten. Der Mann war klein, untersetzt, rot, mit leichtem Bauchansatz, kräftig trotz seines Alters; die Frau groß, trocken, gebeugt, traurig, die richtige Feldarbeiterin, die von Jugend auf geschafft hat und nie zum Lachen gekommen ist, während der Mann mit seinen Gästen schwatzte und trank. Auch Magdalene war ausgestiegen und sah nun diese beiden armen Wesen auf sich zukommen, mit einem Herzklopfen und einer Trauer, die sie nicht für möglich gehalten. Sie erkannten ihren Sohn gar nicht, den feinen Stadtherrn, und hätten nie diese schöne Dame im hellen Kleide für ihre Schwiegertochter gehalten. Ohne zu sprechen gingen sie schnell dem erwarteten Sohne entgegen und achteten gar nicht auf diese Stadtmenschen, denen der Wagen folgte. Sie wollten vorüber, als Georg sie lachend anrief: – 'n Morgen, 'n Morgen, Vater Duroy! Sie blieben beide sofort stehen, erst ganz erstaunt, dann wie betäubt vor Überraschung. Die Alte sammelte sich zuerst und sagte, ohne einen Schritt zu thun: – Du bist unser Sohn? Der junge Mann antwortete: – Na ja! Gewiß doch Mutter! Er ging auf sie zu, küßte sie kräftig auf beide Wangen wie ein Sohn; dann preßte er seine Backe an die des Vaters, der die Mütze abgenommen hatte, eine Mütze aus schwarzer Seide, hoch, wie man sie in Rouen trug, einer Viehhändlers-Mütze ähnlich. Dann sagte Georg: – Das ist meine Frau! – Und die beiden Landleute blickten Magdalene an. Sie betrachteten sie wie ein Wundertier, mit geheimer Furcht und Unruhe; der Vater – mit einer Art von zufriedener Genugthuung, die Mutter – mit feindlicher Eifersucht. Der Mann, der heiterer Gemütsart war und etwas von der Fröhlichkeit besaß, die süßer Apfelwein und Alkohol giebt, faßte Mut und fragte, indem er ein Auge zukniff: – 'nen Kuß wer' ich ihr wohl geben können? Der Sohn antwortete: – Na, das versteht sich! – Und Magdalene, der nicht angenehm zu Mute war, hielt ihre beiden Wangen hin, um die lauten, schmatzenden Küsse des Bauern zu empfangen, der sich dann mit dem Rücken der Hand den Mund wischte. Darauf küßte auch die Alte ihre Schwiegertochter mit feindseliger Zurückhaltung. Nein, das war nicht die Tochter, die sie sich gewünscht, ein frisches, dralles Landmädchen, rot wie ein Apfel und rundlich wie eine Zuchtstute. Diese Dame da machte mit ihren Falbeln am Kleide und dem Moschusgestank den Eindruck wie so was nicht Richtiges; denn jedes Parfüm hielt die Alte für Moschus. Man setzte sich hinter dem Wagen, der den Koffer des jungen Paares trug, wieder in Bewegung. Der Alte nahm seinen Sohn beim Arm, hielt ihn etwas zurück und fragte teilnahmsvoll: – Na, sag mal, geht denn bei Dir's Geschäft fein? – Ja, ausgezeichnet! – Na, das ist gut. Das freut mich! Sag mal, hat denn Deine Frau ooch was? Georg antwortete: – Vierzigtausend Franken! Der Vater pfiff leise vor Bewunderung und brummte nur: – Verflucht! – Solchen Eindruck hatte ihm die Summe gemacht. Dann fügte er in wirklicher Überzeugung hinzu: – Gott verdamm mich, das is 'n schönes Frauenzimmer! – Denn sie gefiel ihm. Er hatte seiner Zeit für einen Kenner gegolten. Magdalene und die Mutter gingen neben einander her, ohne ein Wort zu sprechen. Die beiden Männer holten sie ein. Sie kamen ans Dorf, einen kleinen Ort, der längs der Landstraße lag und aus zehn Häusern auf jeder Seite bestand, bald ansehnliche, bald elende Bauernhütten, die einen aus Ziegeln, die andern aus Stein. Diese trugen Strohdächer, jene waren mit Schiefer gedeckt. Das Wirtshaus des alten Duroy »Zur schönen Aussicht« genannt, war eine Bude, die aus einem Erdgeschoß und Bodenraum bestand. Es lag gleich am Eingang links, ein Tannenzweig über der Thür zeigte nach altem Brauch das Wirtshaus an. In der Wirtsstube war an zwei an einander gerückten Tischen, auf denen Tischtücher lagen, gedeckt. Eine Nachbarin, die gekommen war um aufwarten zu helfen, machte einen tiefen Knix, als sie eine so feine Dame vor sich sah. Wie sie dann Georg erkannte, rief sie: – Herr Jesses, bist Du's denn, Kleener? Er antwortete fröhlich: – Ja, ich bin's Mutter Brulin. Und er umarmte sie sofort, wie er Vater und Mutter umarmt hatte. Dann wandte er sich zu seiner Frau: – Komm in unser Zimmer, daß Du den Hut absetzen kannst. Und er ließ sie durch die rechte Thür in einen mit Fliesen belegten, ganz weißen, kalten Raum treten, dessen Wände kalkbeworfen waren und in dem ein Bett stand mit Wollvorhängen. Der einzige Schmuck dieses reinlichen, aber ärmlichen Raumes waren ein Crucifix über einem Weihwasserbecken und zwei bunte Bilder, Paul und Virginie unter einer blauen Palme darstellend, und Napoleon I. auf einem gelben Pferde. Sobald sie allein waren, küßte er Magdalene: – Willkommen Magda, ich freue mich doch die Eltern wieder zu sehen. In Paris denkt man nicht daran, aber wenn man sie wiedersieht, freut man sich doch. Aber der Vater brüllte, indem er mit der Faust an die Wand donnerte: – Vorwärts, vorwärts, die Suppe ist da! Und sie mußten sich zu Tisch setzen. Ein langes Bauernmahl folgte, mit einer Menge Gerichten in ungeschickter Zusammenstellung, warme Fleischwurst nach einem Hammelrücken und ein Eierkuchen nach der Wurst. Vater Duroy, den der Apfelwein und ein paar Gläser Landwein in Stimmung gebracht hatten, wartete mit seinen besten Witzen auf, die er für die großen Feste aufgespart, ziemlich gepfefferte, unanständige Geschichten, die wie er behauptete, seinen Freunden passiert waren. Obgleich Georg alle kannte, lachte er doch. Die Heimatluft, die angeborene Liebe zu seinem Vaterhaus packte ihn. Es rührte ihn, daß er wieder an dem Ort seiner Kindheit war. Alle die Eindrücke, die Erinnerungen die wieder auftauchten, alle die Dinge die er wiedersah, jede Kleinigkeit, ein Zeichen mit dem Messer in die Thür geschnitzt, das an irgend ein Ereignis von früher erinnerte, eine wacklige Stuhllehne, der Harzduft der von den Bäumen aus dem nahen Walde kam, der Geruch des Hauses, des Baches, des Mistes auf dem Hof, alles führte ihm die Kindheit zurück. Mutter Duroy sprach kein Wort. Sie blieb immer ernst und traurig und betrachtete die Schwiegertochter mit stillem Haß im Herzen, dem Haß, den die, die immer gearbeitet hat, die Bauernfrau mit den rauhen Händen, mit den durch schwere Arbeit gekrümmten Gliedern, gegen die Stadtfrau haben mußte, die ihr zuwider war als etwas Lasterhaftes und Verworfenes, als ein unreines Wesen, nur zum Faulenzen und zur Sünde gemacht. Alle Augenblicke stand sie auf, um die Speisen zu holen und das gelbe scharfe Getränk aus dem Kruge oder den roten, schäumenden, süßen Apfelwein aus den Flaschen einzugießen, bei denen beim Öffnen der Pfropfen sprang, als wäre Brauselimonade darin gewesen. Magdalene sprach kaum, aß kaum, blieb still, mit ihrem gewöhnlichen Lächeln auf den Lippen, das aber ein trauriges Lächeln der Ergebung war. Sie fühlte sich enttäuscht, traurig. Warum? Sie hatte ja hergewollt. Sie hatte gewußt, daß sie zu Bauern kam, zu kleinen Bauern! Wie hatte sie sich nur diese Leute vorgestellt? Sie, die doch real genug dachte. Wußte sie es? Träumen die Frauen nicht immer die Dinge anders, als sie sind? Hatte sie dies alles aus der Ferne poetischer angesehen? Nein! Aber doch vielleicht romantischer, vornehmer, feiner, dekorativer. Und doch hätte sie sie nicht gewünscht, wie Bauern in den Romanen. Woher kam es aber dann, daß diese Leute sie durch tausend unsichtbare Kleinigkeiten kränkten? Durch gar nicht zu bezeichnende Rohheiten, sogar durch ihre Eigenschaft als Bauern, durch ihre Sprache, durch ihre Bewegungen, durch ihre Heiterkeit. Dann dachte sie an ihre eigene Mutter, von der sie niemals gegen jemand sprach, eine verführte Lehrerin, die in Saint- Denis groß geworden und vor Elend und Kummer gestorben war, als Magdalene erst zwölf Jahr zählte. Ein Unbekannter hatte das kleine Mädchen erziehen lassen, wohl ihr Vater. Aber wer? Sie wußte es nicht, wenn sie auch wohl einen unbestimmten Verdacht hegte. Das Frühstück wollte kein Ende nehmen. Jetzt traten Gäste ein, drückten Vater Duroy die Hand, bewillkommeten den Sohn und blickten die junge Frau von der Seite an, indem sie boshaft ein Auge zukniffen, was so viel heißen sollte, als: – Verflucht nochmal, der Georg Duroy, ist nicht dumm gewesen! Andere die weniger bekannt waren, setzten sich an die Holztische und riefen: – Einen Liter! – Einen Schoppen! – Zwei Schnäpse! – und fingen an Domino zu spielen, indem sie mit den kleinen schwarz und weißen Steinen einen großen Lärm machten. Nun lief Mutter Duroy immer hin und her, mit ihrer traurigen Miene die Gäste bedienend, das Geld einziehend und ab und zu mit der blauen Schürze über den Tisch wischend. Der Qualm der Thonpfeifen und der Pfennigzigarren erfüllte den ganzen Raum. Magdalene fing an zu husten und fragte: – Können wir nicht mal hinaus gehen? Ich kann es nicht mehr aushalten. – Das Mahl war noch nicht zu Ende. Der alte Duroy war unzufrieden. Da stand sie auf und setzte sich auf einen Stuhl vor der Thür an der Straße und wartete, bis ihr Schwiegervater und ihr Mann ihren Kaffee und ihren Schnaps zu Ende getrunken. Georg kam bald zu ihr heraus: – Willst Du gern mal an die Seine runter laufen? Das nahm sie mit Freuden an: – Ja, ja komm! Sie stiegen den Berg hinab, mieteten in Croisset ein Boot und brachten den Rest des Nachmittags auf einer der Inseln zu, indem sie beide unter den Weiden in der süßen Frühlingswärme schlummerten, eingewiegt durch das Plätschern des Flusses. Als es dunkel wurde stiegen sie wieder hinauf. Für Magdalene war die Abendmahlzeit beim Schein einer Kerze noch peinlicher zu überstehen, als das Mittagsbrot. Vater Duroy war etwas angetrunken und sprach nicht mehr. Die Mutter behielt ihre ernste Miene. Das armselige Licht warf auf die grauen Wände die Schatten der Köpfe mit Riesennasen und übertriebenen Gebärden. Ab und zu hob eine Riesenhand eine Gabel, groß wie eine Heugabel zu einem Mund, der sich öffnete wie ein Scheunenthor, wenn jemand der gelben, zitternden Flamme gerade sein Profil zuwandte. Sobald das Essen zu Ende war, zog Magdalene ihren Mann ins Freie um nicht in dem dunklen Zimmer zu bleiben, in dem es immer nach Pfeifensatz und verschütteten Getränken roch. Sobald sie draußen waren, sagte er: – Du langweilst Dich schon! – Sie wollte antworten, doch er fiel ihr ins Wort: – Nein, ich habe es wohl gemerkt. Wenn Du willst, reisen wir morgen. Sie flüsterte: – Ja, das wäre mir lieb. Langsam gingen sie dahin. Die Nacht war lau, und in dem weichen tiefen Dunkel schienen allerlei leise Geräusche zu erwachen. Sie waren in einen schmalen Weg getreten und schritten unter hohen Bäumen dahin, zwischen undurchdringlichem, schwarzem Buschwerk. Sie fragte: – Wo sind wir? Er antwortete: – Im Walde! – Ist der Wald groß? – Sehr groß! Einer der größten von Frankreich. Ein Geruch nach Erde, Bäumen und Moos, jener frische und zugleich alte Duft dichter Wälder, erzeugt aus jungem Saft junger Schößlinge, und dem erstorbenen, welken Laub des Dickichts, schien über diesem Wege zu liegen. Magdalene hob den Kopf und erblickte zwischen den Wipfeln der Bäume die Sterne, und obgleich kein Hauch die Zweige bewegte, fühlte sie um sich das leise Zittern des Blättermeeres. Ein seltsamer Schauer zog ihr in die Seele und lief ihr über den Leib. Eine eigentümliche Angst bedrückte sie. Warum, begriff sie nicht, aber sie fühlte sich verloren, ertränkt, von Gefahren umgeben, von allen verlassen, allem, allein auf der Welt, unter diesem lebenden Gewölbe, das dort über ihr zitterte. Sie flüsterte: – Ich habe ein bißchen Angst. Ich möchte nach Haus. – Gut, gehen wir! – Und morgen reisen wir nach Paris zurück? – Ja, morgen! – Morgen früh? – Wenn Du willst, morgen früh. Sie kehrten heim. Die Eltern waren schon zu Bett. Sie schlief schlecht. Alle diese Geräusche auf dem Lande, die ihr neu waren, weckten sie auf, der Schrei der Eule, das Reiben eines Schweines im Verschlag gegen die Wand und der Hahnenschrei, der schon von Mitternacht ab begann. Bei Tagesanbruch war sie schon auf und zur Abreise fertig. Als Georg den Eltern mitteilte, daß sie schon fort wollten, waren sie beide ganz erschrocken, denn sie ahnten von wem dieser Entschluß kam. Der Vater fragte einfach: – Kommst Du bald wieder? – Gewiß, diesen Sommer! – Na, da ist's gut! Die Alte brummte: – Na, ich hoffe nur, daß Du den Schritt nicht mal bereust. Um ihre Unzufriedenheit zu besänftigen, schenkte er ihnen zweihundert Franken. Und als der Wagen, den ein Bekannter geholt hatte, gegen zehn Uhr erschien, umarmte das junge Paar die alten Leute und fuhr davon. Als sie den Weg hinunter rollten, sagte Duroy lächelnd: – Siehst Du, ich habe Dir's gleich gesagt, Du hättest lieber nicht die Bekanntschaft der alten Herrschaften, Herrn und Frau du Roy von Cantel, machen sollen. Sie fing auch an zu lachen und antwortete: – Ich bin aber sehr zufrieden, es sind brave Leute und ich glaube ich liebe sie schon sehr. Ich werde ihnen mal was aus Paris schicken. Dann murmelte sie: – Du Roy von Cantel! Du wirst sehen, kein Mensch wird sich über unsre Anzeige wundern, und wir werden erzählen, daß wir acht Tage auf der Besitzung Deiner Eltern zugebracht haben. Und indem sie sich ihm näherte, berührte sie mit einem Kuß seinen Bart: – Guten Morgen Schorsch! Er antwortete: – Guten Morgen, Magda, – und legte den Arm um ihre Taille. In der Ferne, unten im Thal lag der breite Strom im Schein der Morgensonne wie ein glitzerndes Band da, lagen alle die Fabrikessen, die zum Himmel hinauf ihre Dampfwolken sandten und alle die spitzen Kirchtürme, die sich emporstreckten über der Stadt. II Du Roys waren seit zwei Tagen nach Paris zurückgekehrt, und der Journalist hatte seine bisherige Thätigkeit wieder aufgenommen, bis er später die Redaktion des lokalen Teiles niederlegen könnte, um definitiv an die Stelle Forestiers zu treten und sich ganz der Politik zu widmen. An diesem Abend ging er nach seiner Wohnung, nach der seines Vorgängers, zum Essen. Er war guter Laune und freute sich seine Frau zu umarmen, deren Liebreiz er unterlag und die ihn ganz gefangen hatte. Als er bei einer Blumenhändlerin unten in der Straße Notre Dame de Lorette vorüber ging, kam ihm der Gedanke, Magdalene ein Paar Blumen zu kaufen, und er wählte einen großen Strauß von kaum erschlossenen duftenden Rosenknospen. Auf jedem Treppenabsätze seiner neuen Wohnung sah er sich wohlgefällig in dem Spiegel, dessen Anblick ihn immer an sein erstes Erscheinen hier im Hause erinnerte. Da er den Schlüssel vergessen hatte, klingelte er, und derselbe Diener, den er auf Rat seiner Frau behalten hatte, öffnete. Georg fragte: – Ist meine Frau zu Hause? – Jawohl! Aber als er durch das Eßzimmer ging, war er sehr erstaunt, drei Gedecke zu sehen und da die Portière vom Salon geöffnet war, erblickte er Magdalene, die einen Blumenstrauß, dem seinen ganz ähnlich, in eine Kaminvase ordnete. Das verstimmte ihn, als hätte man ihm seine Idee, seine Aufmerksamkeit und das Vergnügen, das er sich davon versprochen, gestohlen. Er fragte, indem er eintrat: – Hast Du denn jemand eingeladen? Ohne sich umzudrehen, ohne sich in ihrer Beschäftigung stören zu lassen, sagte sie: – Ja und nein. Mein alter Freund Graf Vaudrec pflegte jeden Montag bei uns zu essen, er kommt wie früher. Georg brummte: – Sieh mal an, das ist sehr schön! Er blieb hinter ihr stehen, den Blumenstrauß in der Hand. Eigentlich hatte er Lust ihn zu verstecken, ihn fort zu werfen, aber er sagte dennoch: – Da, ich habe Dir Rosen mitgebracht! Sie drehte sich schnell um und rief lächelnd: – Ach das ist aber nett, daß Du daran gedacht hast! Und streckte ihm mit offenen Armen die Lippen entgegen, mit einem so warmen Ausdruck der Liebe und der Freude, daß er sich getröstet fühlte. Sie nahm die Blumen, roch daran, glückselig wie ein Kind, und steckte sie in die zweite Vase, die neben der andern stand. Dann sagte sie, indem sie überblickte, wie es aussah: – Das macht mir großen Spaß, nun ist mein Kamin schön. Sie fügte fast sofort mit überzeugtestem Ton hinzu: – Weißt Du, Vaudrec ist nämlich reizend, Du wirst gleich ganz intim mit ihm sein. Der Glockenton zeigte die Ankunft des Grafen an. Er trat ruhig ein, als fühle er sich ganz zu Hause. Nachdem er galant der jungen Frau die Hand geküßt hatte, wandte er sich zu ihrem Manne und streckte ihm liebenswürdig die Finger entgegen mit der Frage: – Nun wie geht es, lieber du Roy? Er hatte nicht mehr sein steifes zugeknöpftes Wesen, wie einst, sondern etwas Zuvorkommendes, das wohl anzeigte, wie die Lage sich geändert. Der Journalist war erstaunt. Er wollte sich liebenswürdig zeigen diesem Entgegenkommen gegenüber, und nach fünf Minuten waren sie miteinander, als kennten und liebten sie sich seit zehn Jahren. Da sagte Magdalene mit strahlendem Gesicht: – Ich lasse euch allein. Ich habe noch in der Küche zu thun. Und sie ging, während die beiden Männer ihr nachblickten. Als sie wiederkam, sprachen sie vom Theater, über ein neues Stück und waren dermaßen gleicher Ansicht, daß eine Art von plötzlicher Freundschaft aus ihren Augen glänzte vor Freude über die Übereinstimmung ihrer Meinungen. Das Diner war reizend, sehr intim und herzlich, und der Graf blieb bis spät, so wohl fühlte er sich in diesem Hause, in dieser netten jungen Ehe. Sobald er fort war, sagte Magdalene zu ihrem Mann: – Nicht wahr er ist ein Kavalier? Er gewinnt sehr bei näherer Bekanntschaft, und er ist ein guter Freund, zuverlässig, ergeben und treu. Ach ohne ihn .... Sie beendigte ihren Satz nicht, und Georg antwortete: – Ja ich finde ihn sehr nett. Ich glaube wir werden uns gut vertragen. Aber sie gab sofort zurück: – Höre mal! Ehe wir heute abend zu Bett gehen, haben wir noch zu arbeiten. Ich konnte es Dir vor Tisch nicht mehr sagen, weil Vaudrec so schnell kam. Ich habe vorhin wichtige Nachrichten bekommen über Marokko. Laroche-Mathieu, der Abgeordnete, der zukünftige Minister, hat sie mir gebracht. Wir müssen einen großen Artikel, einen Sensationsartikel loslassen; ich habe lauter Thatsachen und Zahlen. Wir wollen sofort an die Arbeit, komm, nimm mal die Lampe. Er nahm sie, und sie gingen mit einander in das Arbeitszimmer hinüber. Dieselben Bücher standen auf demselben Büchergestell, das jetzt die drei Vasen, die Forestier am Tage vor seinem Tode im Golf Juan gekauft hatte, schmückten. Unter dem Tische erwartete der Fußsack des Verstorbenen Duroys Füße, der sich setzte und den Elfenbein-Federhalter in die Hand nahm, den der andere an der Spitze etwas abgekaut hatte. Magdalene lehnte sich an den Kamin und kramte ihre Neuigkeiten aus, nachdem sie eine Cigarette angezündet hatte. Dann verbreitete sie sich näher über ihre Ansichten und wie der Artikel, von dem sie geträumt, entworfen werden sollte. Er hörte ihr aufmerksam zu und notierte sich ein paar Sachen, und als sie fertig war, machte er seine Einwürfe geltend, nahm die Frage nochmals auf, erweiterte sie, und entwickelte nun seinerseits nicht bloß den Plan zu einem Artikel, sondern zu einem ganzen Feldzug gegen den gegenwärtigen Minister. Dieser Angriff sollte der Anfang davon sein. Seine Frau hatte aufgehört zu rauchen, und jemehr sie an der Sache Interesse gewann, desto mehr blickte sie, dem Gedankengange Georgs folgend, in die Weite. Ab und zu murmelte sie: – Ja, ja! Sehr gut! Ausgezeichnet! Das sitzt! Und als er nun fertig war, sagte sie: – So nun wollen wir schreiben. Aber ihm wurde immer der Anfang schwer und nur mühselig fand er die Worte; da beugte sie sich über seine Schulter und flüsterte ihm ganz leise die ersten Sätze ins Ohr. Ab und zu hielt sie inne und fragte: – Nicht wahr, das willst Du doch sagen? – Ja, ganz genau! Sie wußte kleine Stiche auszuteilen, mit weiblichen Bosheiten den Ministerpräsidenten zu verletzen, und Witze über sein Äußeres mischte sie mit solchen über seine Politik so drollig, daß man lachen und doch das treffende ihrer Beobachtungen bewundern mußte. Du Roy fügte ab und zu ein paar Zeilen ein, die die Tiefe und Wirkung des Angriffs erhöhten. Er verstand die Kunst perfider Anspielungen, die er bei der Redaktion der Lokalnachrichten gelernt hatte. Und wenn irgend etwas, das Magdalene als sicher hinstellte, ihm doch zweifelhaft oder kompromittierend erschien, so suchte er die Geschichte so zu wenden, daß man sie erraten konnte; so daß sie eigentlich größeren Eindruck machte, als hätte er sie geradezu gesagt. Als der Artikel fertig war, las ihn Georg noch einmal, indem er ihn mit lauter Stimme vortrug. Sie waren einer Ansicht, daß er vorzüglich wäre und lachten sich entzückt und überrascht an, als ob sie sich einer dem andern eben offenbart. Sie blickten sich tief in die Augen, ergriffen von gegenseitiger Bewunderung und Zärtlichkeit, dann küßten sie sich heftig, als ob die zärtliche Übereinstimmung ihrer Geister ihre Körper entflammte. Du Roy nahm wieder die Lampe und sagte mit feurigem Blick: – So nun gehen wir ins Bettchen. Sie antwortete: – Geh voraus, mein Herr und Gebieter, Du beleuchtest ja den Weg. Er ging, und sie folgte ihm ins Schlafzimmer, indem sie ihn mit den Fingerspitzen zwischen Haar und Kragen krabbelte, damit er schneller gehen sollte; denn er war kitzlich. Der Artikel erschien unterzeichnet: Georg du Roy von Cantel, und erregte großes Aufsehen. In der Kammer wurde darüber debattiert, der alte Walter beglückwünschte den Verfasser dazu und ernannte ihn zum politischen Redakteur der › Vie française ‹. Boisrenard mußte den lokalen Teil wieder übernehmen. Nun begann in der Zeitung ein geschickter, heftiger Kampf gegen den leitenden Minister. Die Angriffe, die immer saßen, sich immer auf Thatsachen stützten, ab und zu ironisch waren, dann wieder ernst, manchmal scherzhaft, manchmal giftig, trafen mit solcher Sicherheit und folgten einander so Schlag auf Schlag, daß alle Welt erstaunt war. Die anderen Blätter zitierten immerfort die › Vie française ‹, brachten manchmal ganze Artikel aus ihr, und die Männer am Ruder erkundigten sich, ob man diesem unbekannten, hartnäckigen Feind nicht durch Verleihung einer Präfektur den Mund stopfen könnte. Du Roy wurde berühmt bei den politischen Parteien. An der Art, wie man ihm die Hand drückte und ihn grüßte, fühlte er seinen wachsenden Einfluß und war ganz voll von Stolz und Bewunderung für seine Frau wegen ihres erfinderischen Geistes, der Geschicklichkeit ihrer Erkundigungen und der Zahl ihrer Bekannten. Alle Augenblicke fand er bei sich, wenn er heimkehrte, einen Senator, einen Abgeordneten, einen Staatsbeamten, einen General, die Magdalene mit wirklicher Zuvorkommenheit, wie eine alte Freundin, behandelten. Woher kannte sie nur alle diese Leute? Sie sagte, sie hätte sie in Gesellschaft kennen gelernt; aber wie hatte sie es nur fertig gebracht, ihr Vertrauen und ihre Zuneigung zu gewinnen? Das verstand er nicht. – Die würde einen famosen Diplomaten geben! dachte er. Oft kam sie zum Essen zu spät, zitternd, mit roten Wangen und sagte, ehe sie nur den Schleier abgelegt: – Na, heute habe ich aber mal was für uns. Denke Dir nur, der Justizminister hat eben zwei Leute, die in den gemischten Kommissionen waren, ins Ministerium berufen. Jetzt wollen wir ihm aber mal eins auswischen, daß er an uns denken soll! Und am nächsten Tage versetzten sie dem Minister eins, und den übernächsten wieder und am dritten noch einmal! Der Abgeordnete Laroche-Mathieu, der jeden Dienstag, nach dem Grafen Vaudrec, der die Woche begann, bei ihnen aß, drückte mit dem Ausdruck der größten Freude dem Ehepaar kräftig die Hand. Er sagte immerfort: – Verflucht! Ist das ein Feldzug! Na, wenns nun nicht glückt! Er hoffte nämlich, daß es glücken würde, das Portefeuille des Äußern frei zu machen, mit dem er lange liebäugelte. Er war einer jener politischen Mantelträger ohne Überzeugung, ohne wirkliches Talent, ohne Mut, ohne ernstes Wissen: eine in ihrer Provinzhauptstadt beliebte Advokatenseele, die zwischen den extremen Parteien das Gleichgewicht hielt, eine Art republikanischer Jesuit, eine liberale Giftpflanze unbestimmter Farbe, wie deren hunderte auf dem volkstümlichen Mist des allgemeinen Wahlrechts aufschießen. Unter seinen Kollegen, unter allen Deklassierten und den Berufsverfehlern, die man zu Abgeordneten wählt, gab ihm seine Bauernschlauheit Ansehen; und er war durch sein Äußeres, durch seine Manieren, durch seine Liebenswürdigkeit und Herablassung ganz der Mann etwas zu erreichen. Er machte eine gute Figur in der etwas gemischten, nicht gerade wählerischen Gesellschaft der augenblicklich am Ruder befindlichen höhern Beamten. Überall hieß es von ihm: »Laroche-Mathieu wird Minister« und er dachte noch bestimmter wie alle andern, daß Laroche Minister würde. Er war einer der Hauptaktionäre der Zeitung des alten Walter, sein Kollege und auch sein Teilnehmer bei vielen Finanz-Operationen. Du Roy unterstützte ihn vertrauensvoll, indem er sich unbestimmte Hoffnungen für später machte. Übrigens setzte er nur Forestiers Arbeit fort, dem Laroche-Mathieu, wenn einmal seine Stunde geschlagen, die Ehrenlegion versprochen hatte. Der Orden würde einfach auf die Brust von Magdalenes neuem Mann übergehen; weiter nichts. Und im Grunde war es ja auch dasselbe. Man fühlte so gut, wie alles beim alten war, daß du Roys Kollegen anfingen, ihn mit etwas aufzuziehen, worüber er sich ärgerte. Man nannte ihn nämlich nur noch: Forestier. Sobald er in die Redaktion kam, rief jemand: – Sag mal Forestier..... Er that, als hörte er es nicht und suchte Briefe in seinem Pult, aber nun klang es noch lauter: – He, Forestier! – Und man hörte ersticktes Lachen. Als du Roy zum Zimmer des Chefs ging, trat, der ihn vorhin gerufen hatte, ihm in den Weg: – Ach verzeih, ich wollte ja mit Dir sprechen. Es ist zu dumm, ich verwechsele Dich immer mit dem armen Karl, das kommt daher, weil Deine Artikel den seinen verflucht ähnlich sehen. Man verwechselt sie immer. Du Roy antwortete nichts, aber er raste, und eine stille Wut gegen den Toten stieg in ihm auf. Der alte Walter sogar hatte ihm gesagt, als man erstaunt war über gewisse ähnliche Wendungen und Gedanken in den Artikeln des neuen politischen Redakteurs mit denen des verflossenen: – Ja, das ist echter Forestier; aber nervöser, kräftiger, abgerundeter. Ein anderes Mal hatte Georg du Roy, als er zufällig den Schrank mit den Fangbällen öffnete, gesehen, daß die seines Vorgängers einen Flor am Griff trugen, und daß seiner, den er benutzte, wenn er unter Saint-Potins Leitung sich übte, mit einer rosa Schleife geschmückt war. Alle waren der Größe nach auf dasselbe Brett gelegt, und auf einer Tafel stand, wie auf den Anschlägen in den Museen: »Ehemalige Sammlung Forestier \& Co. Forestier – Du Roy, Nachfl. Gesetzlich geschützt. Unverwüstliche Gegenstände. In allen Lebenslagen, sogar auf der Reise.« Er machte den Schrank ruhig zu und sagte laut genug, daß man es verstehen konnte: – Schafsköpfe und Neider giebt's überall! Aber er fühlte sich in seinem Stolze verletzt, in seiner Eitelkeit, in jener argwöhnischen Schriftstellereitelkeit, aus der jene immer wache, nervöse Empfindlichkeit entspringt, die beim Reporter genau die gleiche ist, wie beim genialen Dichter. Das Wort »Forestier« beleidigte sein Ohr, er fürchtete sich, es zu hören und ward rot, wenn er es hörte. Dieser Name war für ihn ein beißender Spott, ja mehr als ein Spott, beinahe eine Beleidigung, denn er rief ihm zu: »Deine Frau macht Deine Geschäfte, wie sie einst des andern Geschäfte gemacht hat! Ohne sie wärst Du eine Null.« Er gab vollständig zu, daß Forestier ohne Magdalene nichts gewesen wäre; aber er, das war doch etwas verflucht anderes. Wenn er dann nach Hause kam, hielt ihn immer noch dieser Gedanke gefangen. Jetzt erinnerte ihn das ganze Haus an den Toten, alle Möbel, jeder kleine Gegenstand, alles, was er nur berührte. In der ersten Zeit hatte er daran nicht gedacht, aber die Hänseleien seiner Kollegen hatten in seinem Geist eine Wunde geöffnet, die tausend, bis dahin nicht bemerkte Kleinigkeiten nun vergifteten. Er konnte jetzt nichts mehr in die Hand nehmen, ohne daß er sofort meinte, Karls Hand darauf liegen zu sehen. Er erblickte ja nur Dinge um sich, und faßte nur Dinge an, die früher in seinem Besitz waren, die er gekauft hatte und die er besessen; und er fing an, selbst beim Gedanken an die einstigen Beziehungen seines Freundes zu seiner Frau, unruhig zu werden. Manchmal war er erstaunt über diesen Sturm in seinem Herzen, den er nicht begriff, und fragte sich: »Zum Teufel nochmal, wie ist das nur möglich? Ich bin auf Magdalenes Freunde nicht eifersüchtig, ich kümmere mich nie um das, was sie thut. Sie kommt und geht, wie sie will, und die Erinnerung an dieses Rindvieh, an diesen Karl macht mich ganz verrückt.« In Gedanken fügte er hinzu: »Er war doch eigentlich nur ein Trottel. Das verletzt mich wahrscheinlich. Ich ärgere mich, daß Magdalene ein solches Kamel hat heiraten können.« Und immer wiederholte er sich: »Wie ist es nur möglich, daß sich meine Frau nur einen Augenblick an ein solches Beest hat verkaufen können.« Und durch tausend unbedeutende Kleinigkeiten, die ihn wie Nadelstiche trafen, wuchs täglich sein Haß, durch die unausgesetzte Erinnerung an den andern, die durch irgend eine Äußerung Magdalenes geweckt wurde, durch ein Wort des Dieners oder des Mädchens. Eines Abends sagte du Roy, der das Süße liebte: – Warum essen wir nie eine süße Speise? Du setzest mir nie eine vor. Die junge Frau antwortete: – Gott, das ist wahr, ich denke nie daran. Das kommt, weil Karl sie nicht gern ... Mit einer ungeduldigen Bewegung schnitt er ihr das Wort ab, er konnte sich nicht mehr beherrschen: – Höre mal, Dein Karl beginnt mich zu langweilen. Karl hier und Karl da; er liebte dies und er liebte das, Karl ist krepiert, und wir wollen ihn in Ruhe lassen. Magdalene blickte ihn ganz entsetzt an, sie verstand diese plötzliche Wut nicht. Aber da sie feinfühlig war, erriet sie doch ziemlich, was in ihm vorging, das langsame Wühlen einer nachträglichen Eifersucht, die jeden Augenblick größer wurde, durch alles was ihn an den andern erinnerte. Sie fand es vielleicht kindisch, aber es schmeichelte ihr, und sie antwortete nichts. Er ärgerte sich über den Wutausbruch, den er nicht hatte zurückhalten können; und, da er diesen Abend nach Tisch seinen Artikel machte für den nächsten Tag, steckte er die Füße in den Fußsack. Als er aber mit seiner Arbeit gar nicht fertig werden konnte, stieß er den Fußsack fort und sagte lachend: – Fror denn Karl immer an den Pfoten? Sie antwortete gleichfalls lachend: – Er hatte ja immer Angst vor Erkältung und hatte eine schwache Lunge. Du Roy antwortete roh: – Na, das haben wir ja gemerkt! – Dann fügte er hinzu: – Zu meinem Glück! – und küßte seiner Frau die Hand. Aber als sie zu Bett gingen, ließ ihn der Gedanke noch immer nicht los, und er fragte noch einmal: – Trug Karl eine Nachtmütze, um keinen Zug an den Kopf zu bekommen? Sie ging auf den Scherz ein und antwortete: – Nein, ein Madrastuch um die Stirn gewickelt. Georg zuckte mit den Achseln und sagte in verächtlichem und überlegenem Ton: – So ein Gimpel! Und von nun an unterhielt er sich fortwährend über Karl. Alle Augenblicke sprach er von ihm und nannte ihn nur immer ,der arme Karl' mit dem Ausdruck unendlichen Bedauerns. Wenn er aus der Redaktion kam, wo man ihn zwei oder dreimal Forestier genannt hatte, rächte er sich dadurch, daß er den Toten mit hämischen Scherzen in seiner Grabesruhe störte. Er zählte seine Fehler auf, seine Lächerlichkeiten, seine kleinen Eigenheiten, es machte ihm Spaß sie breit zu treten, sie zu übertreiben, als ob er im Herzen seiner Frau den Einfluß eines gefährlichen Nebenbuhlers überwinden wollte. Er sagte: – Sag mal, Magda, weißt Du noch, wie das Rindvieh, der Forestier, behauptete, dicke Menschen wären kräftiger als magere? Dann wollte er eine Menge intimer und verborgener Einzelheiten über den Toten wissen. Der jungen Frau war es peinlich, sie mochte es nicht sagen, aber er blieb dabei und fragte wieder: – Ach was, nu erzähle mir mal, er muß doch furchtbar komisch dabei gewesen sein. Sie flüsterte nur: – Laß ihn doch in Ruhe! Er begann von neuem: – Nein, sag mal, der Kerl muß sich doch wie ein Runks im Bett benommen haben. Und das Ende war jedesmal: – Er war doch ein Fletz! Als er eines Abends gegen Ende Juni am offenen Fenster eine Cigarette rauchte, bekam er bei der großen Hitze Lust noch etwas spazieren zu gehen. Er fragte: – Meine kleine Magda, wollen wir noch ein bißchen ins Bois? – Gewiß, gern! Sie nahmen eine offene Droschke, fuhren zu den Champs- Elysées, dann die Avenue du Bois de Bologne hinauf. Kein Windhauch regte sich, es war eine jener heißen Nächte wo die glühende Pariser Luft wie Backofendampf in die Lungen strömt. Ein Heer von Droschken fuhr unter den Bäumen eine ganze Armee von Liebespaaren umher. Unausgesetzt folgten die Wagen einander. Georg und Magdalene machte es Spaß, die Pärchen zu sehen, die sich im Wagen umschlungen hielten, die Frauen in hellen Kleidern, die Männer in dunklen Röcken. Ein Riesenstrom Verliebter floß zum Bois, dahin unter dem sternenglitzernden Himmel. Man hörte nur das dumpfe Gerassel der Räder auf dem Boden. Sie glitten vorüber, die beiden Insassen jedes Wagens, stumm in den Kissen gegen einander gepreßt, in Gedanken an ihre Wünsche, in zitternder Erwartung auf die nächste Umarmung. Das warme Dunkel schien erfüllt von Küssen, etwas wie schwimmende Zärtlichkeit, wie schwebende tierische Liebe machte die Luft dick, daß sie schwer zu atmen war. Alle diese sich in den Armen liegenden Leute, die derselbe Gedanke entzündete und dieselbe Glut, strömten eine Art Fieber aus. Die mit Liebe beladenen Wagen, über denen die Zärtlichkeiten zu lagern schienen, ließen wenn sie vorüber fuhren wie einen sinnlichen, verwirrenden Hauch zurück. Georg und Magdalene fühlten sich selbst davon angesteckt. Ohne ein Wort zu sprechen, nahmen sie sich leise bei der Hand, etwas bedrückt durch die Schwere der Luft und durch die Gefühle, die sich auch in ihre Seele schlichen. Als sie an die Biegung bei den Festungswerken kamen, küßten sie sich, und sie stammelte ein wenig verlegen: – Wir sind genau so kindisch wie damals, als wir nach Rouen fuhren. Der große Wagenstrom hatte sich, sobald er die Anlagen erreicht, geteilt. Am See hin, wo das junge Paar fuhr, gewannen die Wagen einen etwas größeren Abstand; aber das Dunkel unter den Bäumen, die durch die Feuchtigkeit der Wasserläufe, die man unter den Zweigen rauschen hörte, abgekühlte Luft und die Frische unter dem weiten, sternenbesäten Nachthimmel gaben den Küssen der dahinrollenden Paare stärkeren und geheimnisvollen Reiz. Georg murmelte: – Ach meine kleine Magda. Er drückte sie an sich. Sie sprach zu ihm: – Weißt Du noch, der Wald bei euch, hu, wie das dunkel war! Mir war es, als wimmelte er von fürchterlichen Tieren und als hörte er gar nicht auf. Aber hier ist es reizend, der Wind thut so wohl. Ich weiß ja, Sèvres liegt auf der andern Seite des Gehölzes. Er antwortete: – Ach, bei uns im Wald da waren nur Hirsche, Füchse, Rehe und wilde Eber, und ab und zu ein Försterhaus. Dieses Wort, das an den Namen des Toten anklang, aus seinem Mund überraschte ihn, als ob ihn jemand aus dem Gebüsch angerufen. Er ward plötzlich still, und jenes seltsame unausgesetzte Unbehagen, diese quälende, unbesiegbare Eifersucht, die ihm seit einiger Zeit das Dasein verbitterte, packte ihn von neuem. Nach einer Minute fragte er: – Bist Du mit Karl manchmal abends so hierher gekommen? Sie antwortete: – Ja, oft. Und plötzlich packte ihn die Lust, sofort nach Hause zurückzukehren; eine fieberhafte Lust, die auf ihm lag wie ein Alb. Das Bild Forestiers stand ihm wieder vor Augen, nahm ihn ganz in Bann, und er konnte nur noch an ihn denken, nur noch von ihm sprechen. Er fragte in gehässigem Ton: – Sag mal Magda .. – Was denn lieber Freund? – Hast Du dem armen Karl Hörner aufgefetzt? Sie murmelte verächtlich: – Das ist zu dumm! Wärme doch nicht immer den alten Kohl auf! Aber er blieb dabei: – Na, meine kleine Magda, sei mal offen, gesteh, Du hast ihm Hörner aufgesetzt. Gesteh, daß Du ihn betrogen hast. Sie schwieg, verletzt durch dieses Wort, wie jede Frau gewesen sein würde. Aber er ließ nicht locker: – Verflucht nochmal, wenn einer so ausgesehen hat, so war er es, sicher! Ach je, ach je! Das würde mir Spaß machen, wenn ich wüßte, daß Du Forestier Hörner aufgesetzt hast, so einem leichtgläubigen Einfaltspinsel! Er merkte, daß sie lächelte vielleicht wegen irgend einer Erinnerung, und er fragte nochmals: – Ach Gott, sags doch! Es schadet ja nichts! Im Gegenteil, es wäre doch furchtbar komisch, wenn Du es mir gestündest, daß Du ihn betrogen hast! Gerade, wenn Du es mir sagtest. Er zitterte in der Hoffnung und Begierde, daß Karl, der gräßliche Karl, der Tote den er haßte, den er verfluchte, ein lächerlicher Hahnrei gewesen. Und doch ... und doch quälte ihn ein andres Gefühl, eine unbestimmte Empfindung noch mehr und stachelte ihn, die Wahrheit herauszubringen. Er wiederholte: – Magda, meine kleine Magda, bitte, bitte sag es mir. Der hätte es doch nur verdient. Du wärst zu dumm gewesen, wenn Du es nicht gethan hättest. Magda, gieb es doch zu. Jetzt fand sie dieses fortwährende Bitten wahrscheinlich komisch, denn sie lachte abgerissen in kurzen Zwischenräumen. Er hatte seine Lippen dem Ohre seiner Frau ganz nahe gebracht: – Bitte gieb es doch zu! Mit einer kurzen Bewegung fuhr sie zurück und erklärte plötzlich: – Aber das ist doch zu dumm. Auf so eine Frage antwortet man nicht. Sie hatte das in so eigentümlichem Tone gesagt, daß ihm ein kalter Schauer über den Leib lief und er ganz erschrocken schwieg, außer Atem als hätte ihn eine heftige Gemütsbewegung gepackt. Die Droschke fuhr jetzt am See hin, auf den der Himmel seine Sterne gestreut zu haben schien; zwei Schwäne, kaum noch zu erkennen, zogen langsam in der Dunkelheit auf der Flut. Georg rief dem Kutscher zu: – Nach Haus! Und der Wagen kehrte um, begegnete den andern, die Schritt fuhren, und deren große Laternen wie Augen durch das Waldesdunkel glänzten. Sie hatte das so eigentümlich gesagt! Du Roy fragte sich: »War es ein Geständnis?« Und nun plötzlich machte ihn der Umstand, daß es eigentlich fest stand, daß sie ihren ersten Mann betrogen, wütend. Er hätte sie am liebsten geschlagen, sie gewürgt, ihr die Haare ausgerissen. Ja, wenn sie ihm geantwortet hätte: – Siehst Du, mein Liebling, wenn ich ihn hätte betrügen wollen, hätte ich es doch mit Dir gethan, – da hätte er sie umarmt, getiebkost und bewundert. Er blieb unbeweglich mit gekreuzten Armen sitzen, blickte zum Himmel auf und war noch zu erregt, um nachdenken zu können. Er fühlte nur in sich jene Rachsucht gähren und jene Wut wachsen, die im Herzen aller Männer, angesichts der Launen weiblicher Begierde, schläft; zum ersten Mal empfand er jene unbestimmte Angst des Ehemannes, der einen Verdacht hat. Er war eifersüchtig, eifersüchtig für den Toten, für Rechnung des seligen Forestier, eifersüchtig auf seltsame bittere Art, zu der plötzlich der Haß gegen Magdalene trat. Da sie den andern betrogen, wie konnte er denn Vertrauen zu ihr haben? Dann ward er allmählich ruhiger, schämte sich seiner Qual und dachte: »Alle Frauen sind Dirnen. Man benutzt sie, aber man darf ihnen nichts von seinem Innern geben.« Die Bitterkeit seines Herzens trat in Worten der Verachtung und des Ekels auf seine Lippen, aber er sprach sie nicht aus und sagte sich: »Dem Mutigen gehört die Welt! Man muß stark sein und über den Dingen stehen.« Der Wagen fuhr schneller. Sie kamen wieder an den Festungswerken vorüber. Du Roy erblickte über sich am Himmel eine rote Helle wie den Feuerschein einer Riesenschmiede und hörte einen dumpfen, unausgesetzt fortdauernden Lärm, der sich aus verschiedenen unzähligen Geräuschen zusammensetzte, ein dumpfes, bald nahes, bald fernes Brausen, das unbestimmte, mächtige Branden des Lebens, den Atem von Paris, das in dieser Sommernacht schnaufte wie ein müder Koloß. Georg dachte: »Es wäre schön dumm von mir, mich zu ärgern. Jeder geht seinen Weg für sich. Dem Mutigen gehört der Sieg! Alles ist Egoismus, und der Egoismus um Ehrgeiz und Geld ist immer noch besser, als der Egoismus um Frauen und Liebe.« Der Arc de Triomphe tauchte auf am Eingang zur Stadt; auf seinen beiden mächtigen Füßen stand er da, eine Art ungefüger Riese, der aussah, als wäre er bereit sich in Gang zu setzen, um die breite offene Straße hinab zu schreiten. Georg und Magdalene kamen nun wieder in die lange Wagenkette, die nach Haus, auf das ersehnte Lager, die ewig stumm umschlungenen Pärchen führte. Es war, als glitte die ganze Menschheit, trunken vor Freude und Glück, neben ihnen her. Die junge Frau, die wohl etwas von dem empfand, was in ihrem Mann vorging, fragte mit ihrer weichen Stimme: – Woran denkst Du, lieber Freund? Seit einer halben Stunde hast Du nicht einen Ton geredet. Er antwortete lachend: – Ich denke an all diese dummen Leute, die sich hier abknutschen und sage mir, daß man wahrhaftig was anderes auf der Welt zu thun hat. Sie flüsterte: – Ja, aber manchmal ist es doch schön! – Schön . . Schön . . Wenn man nichts Besseres hat! Georgs Gedanken gingen immer weiter, indem sie das Leben seiner poetischen Verklärung entkleideten, und er sagte sich in einer Art boshaften Wut: »Ich werde nicht so dumm sein, mir Gedanken zu machen, mich schinden und mir die Seele zerquälen, wie seit einiger Zeit!« Forestiers Gestalt tauchte vor ihm auf, aber sie erregte ihn gar nicht. Es war ihm, als hätte er sich mit dem Schatten versöhnt, als würden sie wieder Freunde. Er hätte ihm am liebsten zugerufen: »Gute Nacht alter Freund!« Magdalene war das Schweigen unangenehm, und sie fragte: – Wollen wir nicht, ehe wir heimkehren, noch bei Tortoni Eis essen? Er blickte sie von der Seite an. Ihr feines blondes Profil erschien eben beleuchtet von dem hellen Schein der Gaslaternen, die ein Café chantant bezeichneten. Er dachte: »Hübsch ist sie! Na, desto besser! Gleich und gleich gesellt sich gern; aber wenn man mir zumutet, mich für Dich zu kasteien, ist man schief gewickelt!« Dann antwortete er: – Gewiß, liebes Kind! Und damit sie nichts ahnen sollte, gab er ihr einen Kuß. Es schien der jungen Frau, als wären die Lippen ihres Mannes von Eis. Aber er lächelte wie gewöhnlich und half ihr beim Aussteigen, als sie vor dem Cafe hielten. III Als Du Roy am nächsten Tag auf die Redaktion kam, suchte er zuerst Boisrenard auf. – Lieber Freund, sagte er, ich muß Dich um einen großen Dienst bitten. Seit einiger Zeit hält man es für einen guten Witz mich Forestier zu nennen, mir kommt das jetzt bald albern vor. Willst Du so gut sein und den Kollegen so ganz unter der Hand mitteilen, daß ich dem ersten, der sich diesen Scherz wieder erlauben sollte, ein paar runter haue; sie mögen sich überlegen, ob dieser dumme Witz ein Duell wert ist. Ich wende mich an Dich, denn Du bist ein gesetzter Mann, der vielleicht ärgerliche Folgen verhindern kann, und weil Du damals mein Zeuge gewesen bist. Boisrenard übernahm die Angelegenheit. Du Roy ging davon, um Besorgungen zu machen, eine Stunde später kam er zurück. Kein Mensch nannte ihn Forestier. Als er heimkehrte, hörte er Frauenstimmen im Salon. Er fragte: – Wer is denn da? Der Diener antwortete: – Frau Walter und Frau von Marelle. Das Herz klopfte ihm doch ein wenig, aber dann sagte er zu sich: »Ach was!« und öffnete die Thür. Clotilde stand an der Kaminecke, ein Lichtstrahl vom Fenster beschien sie. Es war Georg, als erbleiche sie ein wenig, als sie ihn sah. Nachdem er zuerst Frau Walter und ihre beiden Töchter, die wie zwei Schildwachen neben der Mutter saßen, begrüßt, wandte er sich an seine ehemalige Geliebte. Sie streckte ihm die Hand entgegen. Er nahm sie und drückte sie bedeutungsvoll, als wollte er sagen: Ich liebe Dich noch immer. Ihre Hand erwiderte den Druck. Er fragte: – Ist es Ihnen wohlergangen während dieses Jahrhunderts, daß wir uns nicht gesehen haben? Sie antwortete unbefangen: – Gewiß, und Ihnen, Liebling? Dann wandte sie sich an Magdalene und fügte hinzu: – Du erlaubst doch, daß ich ihn noch Liebling nenne? – Natürlich, meine Liebe, ich erlaube alles, was Du willst. Eine leichte Ironie klang aus diesen Worten. Frau Walter sprach von einem Fest, das Jacques Rival in seiner Junggesellenwohnung geben wollte, eine große Fechtvorführung, der Damen der Gesellschaft beiwohnen würden. Sie sagte: – Es wird sehr interessant werden, aber ich bin unglücklich, ich habe, da mein Mann verhindert ist, keinen Herrn der uns begleiten könnte. Du Roy erbot sich sofort dazu. Sie nahm an. – Wir werden Ihnen sehr dankbar dafür sein, meine Töchter und ich. Er sah sich das jüngste Fräulein Walter an und dachte: »Die ist gar nicht so übel, die kleine Susanne, gar nicht übel.« Sie sah wie eine zarte blonde Puppe aus. Zu klein, aber zierlich, mit schlanker Taille, schmalen Hüften und zarter Büste, eine Nippesfigur. Sie hatte graublaue Schmelzaugen, wie gemalt von der Hand eines peinlich sorgfältigen Miniaturmalers, zu weiße, zu glatte, sammetgleiche Haut ohne Fehler und ohne Färbung, und absichtlich zerzaustes, aufgebauschtes Haar, duftig wie eine Wolke, ähnlich der Haartracht hübscher kostbarer Puppen, wie man sie manchmal auf dem Arm kleiner Mädchen sieht, die nicht einmal so groß sind wie ihr Spielzeug. Die altere Schwester Rosa war häßlich, platt und nichtssagend, eines jener Mädchen, das man gar nicht bemerkt, mit dem man nicht redet und von dem man nicht spricht. Die Mutter erhob sich und wandte sich zu Georg: – Also für nächsten Donnerstag um zwei Uhr kann ich auf Sie zählen? Er antwortete: – Ich stehe zu Ihren Befehlen, gnädige Frau. Sobald sie fort war, erhob sich auch Frau von Marelle: – Auf Wiedersehen, Liebling! Und nun gab sie ihm die Hand und drückte sie stark und lange. Durch dies stillschweigende Bekenntnis fühlte er sich sehr erregt, und eine plötzliche Neigung für dieses kleine zigeunerhafte gutmütige Frauchen, das ihn vielleicht wirklich liebte, flammte wieder in ihm auf. »Ich besuche sie morgen,« dachte er. Sobald er mit seiner Frau allein war, fing Magdalene an zu lachen, offen und heiter, und blickte ihn an: – Weißt Du, daß Du auf Frau Walter Eindruck gemacht hast. Er antwortete ungläubig: – Ach nee! – Sicher! Sie hat mir von Dir gesprochen, mit einer ganz närrischen Begeisterung. Es ist ganz eigen von ihr! Sie möchte für ihre Töchter zwei Männer finden, wie Dich. Glücklicherweise haben diese Sachen bei ihr keine Bedeutung. Er begriff nicht was sie sagen wollte: – Wieso keine Bedeutung? Sie antwortete mit der Überzeugung einer Frau, die ihrer Sache sicher ist: – Ach Frau Walter ist eine von denen, der man nie hat etwas nachsagen können, aber niemals, niemals! Sie ist tadellos in jeder Beziehung. Ihren Mann kennst Du ja, so gut wie ich. Aber sie, das ist etwas anderes. Gelitten hat sie genug darunter, daß sie einen Juden geheiratet hat, aber sie ist ihm treu geblieben, sie ist eine anständige Frau. Du Roy war erstaunt: – Ich dachte, sie sei auch Jüdin. – Die? Nein, durchaus nicht! Sie ist Protektorin von allen Wohlthätigkeitseinrichtungen der Madeleine-Gemeinde, sie ist sogar kirchlich getraut. Ich weiß nicht, ob der Chef sich hat zum Schein taufen lassen, oder ob die Kirche ein Auge zugedrückt hat. Georg brummte: – Also, bei ihr habe ich einen Stein im Brett? – Unbedingt! Vollkommen! Wenn Du nicht gebunden wärst, würde ich Dir raten um ... Susanne anzuhalten. Susanne doch eher als Rosa, nicht wahr? Er antwortete und wirbelte sich den Schnurrbart auf: – Na, die Mutter lebt am Ende auch noch. Aber Magdalene wurde ungeduldig: – Weißt Du, lieber Sohn, die Mutter wünsche ich Dir, aber ich habe weiter keine Angst, in der ihrem Alter thut man nicht seinen ersten Fehltritt, das müßte früher kommen. Georg dachte nach: »Wenn es wirklich so wäre, daß ich hätte Susanne bekommen können.« Dann zuckte er die Achsel: »Ach das ist ja verrückt, der Vater hätte sie mir ja gar nicht gegeben.« Jedenfalls nahm er sich aber vor, das Benehmen der Frau Walter gegen ihn genauer zu beobachten, ohne übrigens darnach zu fragen, ob es ihm einmal Vorteil bringen könne. Den ganzen Abend peinigten ihn allerlei Erinnerungen an sein Verhältnis mit Clotilde, zarte und sinnliche Gedanken zugleich. Er dachte an ihr lustiges Wesen, an ihr niedliches Gethue, ihre tollen Streiche und sagte sich: »Sie ist wirklich reizend. Ich besuche sie morgen.« Sobald er am nächsten Tage gefrühstückt hatte, ging er wirklich zur Rue de Verneuil. Das Mädchen öffnete ihm die Thür und fragte familiär wie die Dienstboten bei kleinen Leuten: – Ach, wie geht's Ihnen denn? Er antwortete: – O mir geht es gut, mein Kind! Und er trat in den Salon, wo eine ungeschickte Hand auf dem Klavier Tonleitern übte. Es war Laurachen. Er meinte, sie würde ihm um den Hals fallen, sie stand ernst auf und grüßte förmlich wie eine Erwachsene, um sich dann würdig zurückzuziehen. Sie machte den Eindruck einer beleidigten Frau, sodaß er ganz erstaunt war. Ihre Mutter trat ein; er nahm ihre Hände und küßte sie. – Ich habe so viel an Sie gedacht, sagte er. – Und ich! antwortete sie. Sie setzten sich, sie lächelten sich an, Auge in Auge, und hatten große Lust sich zu küssen: – Meine liebe kleine Clotilde, ich habe Dich so lieb! – Und ich Dich auch! – Du bist mir also nicht zu böse gewesen? – Ja und nein. Es war mir sehr schmerzlich, dann aber habe ich Deine Gründe eingesehen und mir gesagt: Ach eines Tages kommt er doch zu mir zurück! – Ich wagte es nicht, wieder zu kommen; ich fragte mich, wie Du mich empfangen würdest. Ich wagte es nicht, aber ich hatte riesige Lust. Übrigens, was hat denn Laurachen? Sie hat mir kaum guten Morgen gesagt und lief wütend davon. – Ich weiß nicht, aber seit Du verheiratet bist, darf man nicht mehr von Dir sprechen. Ich glaube wahrhaftig, sie ist eifersüchtig. – Ach was? – Ja ganz gewiß! Sie nennt Dich nicht mehr Liebling, sie nennt Dich: Herr Forestier. Du Roy ward rot, dann näherte er sich der jungen Frau: – Laß mich Deinen Mund küssen! Sie beugte sich zu ihm. – Wo können wir uns wiedersehen? fragte er. – Nun... Rue de Constantinople. – Ach .. ist denn die Wohnung nicht vermietet? – Nein, ich habe sie behalten? – Du hast sie behalten? – Ja, ich dachte mir, Du würdest wiederkommen. Eine stolze Freude schwellte ihm die Brust. Diese da liebte ihn also, mit echter, standhafter, tiefer Liebe. Er flüsterte: – Ich habe Dich so lieb! Dann fragte er: – Wie geht es Deinem Mann? – Sehr gut! Er ist eben vier Wochen hier gewesen, und seit vorgestern fort. Du Roy mußte lachen: – Wie das gut klappt. Sie antwortete naiv: – Ja es trifft sich gut, aber er stört auch nicht, wenn er hier ist. Das weißt Du doch! – Das ist wahr! Übrigens ein reizender Mann. – Und wie hast Du Dich denn eingelebt? fragte sie. – Es geht! Meine Frau ist ein Kamerad und ein Verbündeter! – Mehr nicht? – Mehr nicht. Ihr Herz..... – Ich versteh schon, aber sie ist doch hübsch! – Ja, aber sie regt mich nicht auf. Er näherte sich Clotilde und flüsterte: – Wann sehen wir uns wieder? – Nun ... wann Du willst ... morgen! – Ja, morgen, um zwei Uhr. – Um zwei! Er stand auf, um zu gehen, und dann stammelte er etwas verlegen: – Weißt Du, ich will die Wohnung Rue de Constantinople auf meine Rechnung nehmen. Ich will es. Das geht nicht, daß Du das zahlst. Mit einem plötzlichen Gefühl, als betete sie ihn an, küßte sie ihm die Hand und flüsterte: – Thue was Du willst, ich habe sie wenigstens behalten, bis wir uns wiedersahen. Und Du Roy ging befriedigt davon. Als er bei einem Photographen vorüber kam, sah er im Schaufenster das Bild einer stattlichen Frau mit großen Augen, das ihn an Frau Walter erinnerte. »Na, jedenfalls,« dachte er, »ist die gar nicht so übel. Wie kommt es nur, daß ich noch nicht auf sie geachtet habe. Ich bin doch neugierig, wie sie Donnerstag gegen mich sein wird.« Er rieb sich die Hände, während er dahin ging mit tiefinnerster Freude, der Freude über seine Erfolge auf der ganzen Linie, der egoistischen Freude des geschickten Mannes der seinen Weg macht, der delikaten Freude, die Frauenliebe in uns erregt, die Folge geschmeichelter Eitelkeit und befriedigter Sinnlichkeit. Als der Donnerstag gekommen war, fragte er Magdalene: – Gehst Du nicht zur Fecht-Vorstellung bei Rival? Sie antwortete: – Ach nein, das macht mir keine Freude. Ich gehe in's Abgeordnetenhaus. Im offenen Landauer, denn es war wunderschönes Wetter, holte er Frau Walter ab. Er war ganz erstaunt als er sie sah, so schön und jung fand er sie. Sie trug ein helles Kleid, dessen halber Ausschnitt unter gelben Spitzen die Rundung der Brust verriet. Noch nie war sie ihm so frisch erschienen, er fand sie wirklich begehrenswert. Sie hatte ihre gewöhnliche, vornehme Gelassenheit. Das sichere ruhige Benehmen der »Mama«, über die achtlos die galanten Blicke der Männer hinweggleiten. Wenn sie sprach, sagte sie nur Dinge die man wußte, die Gemeingut waren, sehr vernünftig, methodisch, geordnet, ohne irgend etwas Außergewöhnliches. Ihre Tochter Susanne sah in ihrem rosa Kleid wie ein frischgefirnißtes Gemälde von Watteau aus, und die ältere Schwester machte den Eindruck, als wäre sie die Erzieherin, die diesem reizenden kleinen Mädchen Gesellschaft leisten sollte. Vor der Thür Rivals stand schon eine lange Reihe Wagen. Du Roy bot Frau Walter den Arm, und sie traten ein. Die Fechtvorführung sollte zu Gunsten der Waisen des sechsten Pariser Armenbezirks stattfinden, unter dem Patronat der Gattinnen aller Senatoren und Abgeordneten, die zur 'Vie française' Beziehungen unterhielten. Frau Walter hatte versprochen mit ihren Töchtern zu kommen, es jedoch abgelehnt Patronatsdame zu sein, weil sie ihren Namen nur von der Kirche veranstalteten Wohlthätigkeitsvorstellungen zur Verfügung stellte, nicht etwa weil sie sehr fromm gewesen wäre, sondern weil sie glaubte, daß ihre Ehe mit einem Juden sie zu einer gewissen religiösen Haltung zwänge. Das Fest, das der Journalist veranstaltete, hatte mehr einen republikanischen Anstrich, den man für antiklerikal hätte deuten können. Seit drei Wochen stand in den Blättern aller Richtungen zu lesen: »Unser berühmter Kollege Jacques Rival hat den ebenso geistreichen, wie edelmütigen Gedanken gehabt, zu Gunsten der Waisen des sechsten Armenbezirks eine große Fechtaufführung in seinem reizenden Fechtsaale, der zu seiner Junggesellenwohnung gehört, abzuhalten. Die Einladungen sind unterzeichnet von den Damen Laloigue, Remoutel, Rissolin, den Gattinnen der gleichnamigen Senatoren und von den Damen Laroche-Mathieu, Percerol, Firmin, den Gattinnen der bekannten Abgeordneten. Während der Pausen zwischen den Übungen wird eine einfache Kollekte veranstaltet und die eingegangene Summe sofort dem Vorsteher des sechsten Bezirkes oder seinem Stellvertreter übergeben werden.« Das war eine Riesenreklame, die der geschickte Journalist für sich ausgedacht hatte. Jacques Rival empfing die Angekommenen an der Thür, wo ein Büffet errichtet worden war, dessen Kosten von der Einnahme abgezogen werden sollten. Dann deutete er mit liebenswürdiger Handbewegung auf die kleine Treppe, die in den Keller führte, wo Fechtsaal und Schießstand eingerichtet waren, und sagte dabei: – Unten meine Damen, unten. Die Vorstellung findet in den unten gelegenen Räumen statt. Der Frau seines Chefs lief er entgegen und du Roy drückte er die Hand: – Guten Tag, Liebling. Jener war erstaunt: – Wer hat Ihnen denn gesagt, daß .... Rival schnitt ihm das Wort ab: – Bitte, hier Frau Walter, die diesen Spitznamen reizend findet. Frau Walter wurde rot: – Ja, ich gestehe, daß wenn ich Sie genauer kennte, ich es wagen würde, wie die kleine Laura, Sie auch Liebling zu nennen, das paßt so gut für Sie. Du Roy lachte: – Aber bitte, gnädige Frau, thun Sie es doch. Sie schlug die Augen nieder: – Nein, wir kennen uns nicht genau genug. Er murmelte: – Darf ich hoffen, daß wir uns naher kennen lernen? – Nun wir werden sehen, sagte sie. Er wandte sich dem Eingang der engen Treppe zu, die durch eine Gasflamme erleuchtet ward; der plötzliche Übergang der Tageshelle zum gelben Licht dort, hatte etwas Unheimliches. Ein dumpfer Kellergeruch stieg die Wendeltreppe herauf, ein Geruch von feuchter Wärme, von modrigen Wänden, die zur heutigen Gelegenheit abgewischt worden waren, und dicker Weihrauchduft, der an die Kirche gemahnte, mit allerlei weiblichen Parfüms, Iris, Veilchen, Eisenkraut vermischt. In dem Loch unten hörte man Stimmengewirr und das Brausen einer hin und her flutenden Menschenmenge. Der ganze Keller war durch Gaskandelaber und Papierlaternen erleuchtet, zwischen Laubgewinden mit denen die Mauern verdeckt worden; man sah nur Zweige, die Decke war mit Farrenkräutern garniert und der Boden mit Blättern und Blumen bestreut. Das fand man reizend und köstlich ausgedacht. In dem kleinen Loch hinten war für die Kämpfer eine Estrade erbaut, mit Sitzen für die Preisrichter. Zehn Reihen Bänke rechts, zehn links, boten etwa für zweihundert Personen Platz. Vierhundert waren eingeladen. Vor der Estrade zeigten sich junge Leute den Zuschauern in Fechteranzügen, mager, mit schlanken Gliedern und geschmeidigem Oberkörper, den Schnurrbart aufgewirbelt. Man nannte sich ihre Namen, bezeichnete die berufsmäßigen Fechter und die Amateure, alle Berühmtheiten der Fechtkunst. Um sie herum standen, sich unterhaltend, junge und alte Herren im Gehrock, die mit den kostümierten Fechtern eine gewisse Familienähnlichkeit hatten. Auch sie wollten gesehen sein, erkannt und genannt werden; es waren Ritter des Degens in Civil, Sachverständige in Fechtangelegenheiten. Auf beinahe allen Bänken saßen Damen, deren Kleider rauschten und die mit lauter Stimme schwatzten. Sie fächelten sich, wie im Theater, denn es war die reine Badehitze in dieser Blättergrotte. Ab und zu rief ein Witzbold: – Mandelmilch gefällig? Limonade! Bier! Frau Walter und ihre Töchter gingen zu ihren Plätzen, die auf der ersten Reihe für sie reserviert waren. Du Roy hatte sie hingeleitet und sagte nun: – Ich muß Sie jetzt verlassen, die Herren dürfen sich nicht setzen. Frau Walter antwortete zögernd: – Aber, ich möchte doch, daß Sie hier bleiben, Sie sollen mir die Auftretenden nennen. Sehen Sie, wenn Sie hier an der Ecke der Bank stehen bleiben, stören Sie doch keinen. Mit ihren großen süßen Augen sah sie ihn an und bat nochmals: – Ach bitte, bleiben Sie doch .. Herr .. Herr .. Liebling, wir brauchen Sie. Er antwortete: – Gnädige Frau, ich gehorche Ihnen mit Vergnügen! Von allen Seiten hörte man: – Nein, das ist komisch, dieser Keller, das ist reizend! Georg kannte den Ort wohl. Er erinnerte sich des Morgens, wo er hier am Tage vor seinem Duell ganz allein vor einer bemalten Figur-Scheibe zugebracht, die ihn wie ein riesiges, drohendes Auge aus dem Kellerraum drüben angestarrt hatte. Jacques Rivals Stimme klang von der Treppe her – Meine Damen, es geht los! Die sechs Herren in möglichst engem Kostüm, damit man den Brustkasten besser sähe, stiegen auf die Estrade und setzten sich auf die für die Preisrichter reservierten Stühle. Man flüsterte sich ihre Namen zu. General von Raynaldi als Präsident, ein kleiner Herr mit mächtigem Schnurrbart, dann der Maler Joseph Roudet, ein großer Mann mit kahlem Kopf und langem Bart, Matteo von Ujar, Simon Ramoncel, Peter von Carvin, drei junge, elegante Herren, und Kaspar Merleron ein Fechtmeister. Zwei große Plakate wurden rechts und links aufgehangen, auf dem rechten stand: Herr Crèvecoeur und links: Herr Plumeau. Es waren zwei Fechtmeister, gute Lehrer zweiten Ranges. Sie erschienen, beide hager, mit militärischem Äußern und ein wenig steifen Bewegungen. Wie Gliederpuppen machten sie die Fechterbegrüßung, dann begannen sie sich anzugreifen und sahen dabei in ihren leinenen Anzügen mit weißem Leder aus, wie zwei Kasperlefiguren, die sich aus Ulk schlugen. Ab und zu hörte man das Wort: »Getroffen!« Und die sechs Preisrichter neigten die Köpfe vor mit Kennerblick. Das Publikum sah nur zwei lebendige Marionetten, die dort mit ausgestreckten Armen gestikulierten, begriff nichts davon, war aber sehr befriedigt. Die beiden guten Leute erschienen jedoch wenig graziös und etwas lächerlich. Man mußte unwillkürlich an die kleinen hölzernen Ringer denken die zu Neujahr die Straßenhändler feilbieten. Nach den beiden ersten Kämpfern traten die Herren Planton und Carapin ein Civil- und ein Militärfechtmeister auf. Herr Planton war ganz klein und Carapin sehr dick, man hätte glauben sollen der erste Stich müßte diesen Ballon zum Platzen bringen. Herr Planton sprang wie ein Affe umher; Herr Carapin bewegte nur den Arm, sein übriger Körper blieb durch seine Wohlbeleibtheit unbeweglich und alle fünf Minuten fiel er mit solcher Schwerfälligkeit und mit solcher Anstrengung aus, als hätte er den schwersten Entschluß seines Lebens auszuführen; nachher konnte er sich kaum wieder aufrichten. Die Kenner erklärten, sein Fechten für sehr kräftig und scharf, und das Publikum glaubte ihnen und fand es auch. Dann erschienen die Herren Porion und Lapalme, ein Fechtmeister und ein Amateur, die wütend einer auf den andern losstürzten und die Preisrichter zwangen, unter Mitnahme ihrer Stühle, auszureißen. Sie rasten von einem Ende der Estrade zum andern; mit mächtigen, komischen Sätzen sprang der eine vor und der andere zurück. Manchmal machten sie kleine Sätze rückwärts, über die die Damen lachten, und dann Sätze vorwärts, die die Zuschauer doch etwas in Aufregung versetzten. Dieser Kampf im Laufschritt wurde durch den Ruf aus dem Publikum charakterisiert: – Reißt euch man bloß kein Bein aus! Durch diese Geschmacklosigkeit verletzt, rief man: – Pst! Das Urteil der Sachkundigen machte die Runde. Die Fechter hatten große Kraft gezeigt und nur ab und zu es an Exaktheit fehlen lassen. Der erste Teil wurde geschlossen durch einen schönen Waffengang zwischen Jacques Rival und dem ausgezeichneten belgischen Professor Lebègue. Rival fand bei den Damen großen Beifall. Er war wirklich ein schöner Kerl, gut gebaut, beweglich und graziöser als alle vorhergegangenen. Er hatte bei seiner Art zu parieren und auszufallen eine gewisse, gesellschaftliche Eleganz, die gefiel und von der energischen, aber gewöhnlichen Art seines Gegners vorteilhaft abstach. Man fühlt den gebildeten Mann, hieß es. Er siegte, man klatschte Beifall. Aber seit ein paar Minuten beunruhigte ein sonderbarer, immer stärker werdender Lärm über ihnen die Zuschauer. Es war ein mächtiges Getrappel, von tosendem Gelächter begleitet. Die zweihundert Eingeladenen, die nicht mehr in den Keller herunter gekonnt hatten, unterhielten sich jedenfalls auf ihre Weise. Auf der kleinen Wendeltreppe waren gegen fünfzig Menschen eingepfercht. Die Hitze wurde unten fürchterlich, man schrie: – Luft! – Zu trinken! Der Witzbold von vorhin kreischte hoch und spitz, daß es die Unterhaltung übertönte: Mandelmilch! Limonade! Bier! Rival erschien feuerrot, er hatte seinen Fechteranzug anbehalten. – Ich werde Erfrischungen bringen lassen, sagte er und lief zur Treppe. Aber alle Verbindung zum Erdgeschoß hinauf war unterbrochen, man hätte eben so gut ein Loch durch die Decke bohren können, als die Menschenmauer durchbrechen, die sich auf den Stufen drängte. Rival rief: – Eis für die Damen! Weitergeben! Fünfzig Stimmen wiederholten: – Eis! Dann erschien ein mächtiges Tablett, aber es standen nur leere Gläser darauf, da die Erfrischungen unterwegs verzehrt worden waren. Jemand rief laut: – Hier erstickt man ja! Schluß! Schluß! Wir wollen fort! Eine andere Stimme brüllte: – Die Kollekte! Und das ganze Publikum rief atemlos, aber doch vergnügt: – Die Kollekte! Die Kollekte! Dann begannen sechs Damen zwischen den Bänken hin und her zu gehen, und man hörte das Geld klimpern, das in die Beutel fiel. Du Roy zeigte Frau Walter die bekannten Persönlichkeiten: Leute aus der Gesellschaft, Journalisten von den großen Blättern, von den alten Zeitungen, die nach gemachten Erfahrungen die 'Vie française' mit einer gewissen Zurückhaltung betrachteten. Sie hatten so viele dieser politisch-finanziellen Blätter eingehen sehen, Produkte unsauberer Verbindungen, die der Sturz eines Ministeriums mitgerissen. Dann waren Maler da und Bildhauer, die gewöhnlich Sportsmen sind. Man zeigte sich einen Dichter, ein Mitglied der Akademie, dann zwei Musiker und viele vornehme Fremde, deren Namen du Roy ein 'Par.' folgen ließ, (was Parvenu heißen sollte) um, wie er sagte, die englische Manier nachzuahmen, auf den Visitenkarten ein 'Esqu.' hinzuzufügen. Jemend rief ihm zu: – Guten Morgen, lieber Freund! Es war der Graf Vaudrec. Du Roy entschuldigte sich bei den Damen und ging hinüber, ihm die Hand zu schütteln. Als er zurückkehrte erklärte er: – Vaudrec ist reizend, er hat so etwas Rassiges. Frau Walter antwortete nichts. Sie war etwas abgespannt, und bei jedem Atemzuge hob sich ihr Busen, was du Roys Blicke hinlenkte. Ab und zu begegnete er ihrem Blick, der etwas verwirrt und zögernd auf ihm ruhte und sich sofort wegwandte, und er fagte sich: »Potz tausend, sollte ich die etwa auch glücklich eingefangen haben?« Die Damen mit der Kollekte kamen vorüber. Die Beutel waren mit Silber und Gold gefüllt. Eine neue Tafel ward auf der Estrade aufgezogen: » Große Überraschung!« Die Preisrichter nahmen wieder ihre Plätze ein. Man wartete. Zwei Damen erschienen, das Florett in der Hand, im Fechteranzug, in dunklem Trikot, einem sehr kurzen Rock, der nur bis auf die Hälfte der Oberschenkel fiel und einem so dick gepolsterten Plastron auf der Brust, daß sie den Kopf hochhalten mußten. Sie waren jung und hübsch, lächelten als sie das Publikum begrüßten und erhielten lang andauernden Beifall. Und sie begannen unter gellenden Zurufen und unter geflüsterten Späßen. Ein liebenswürdiges Lächeln ruhte auf den Lippen der Preisrichter, die jeden Stich mit einem kleinen Bravo begrüßten. Der Kampf war nach des Publikums Geschmack, was es die beiden Fechterinnen auch merken ließ, die die Begierde der Männer entflammten und bei den Frauen den, den Pariserinnen eigentümlichen, Geschmack befriedigten nach anmutiger Frechheit, zweideutiger Eleganz, nach falscher Grazie und falscher Schönheit, wie sie bei Tingeltangelsängerinnen und Operettencouplets gang und gäbe sind. Sobald eine Fechterin ausfiel, lief ein freudiger Schauer durch die Reihen. Die eine, die dem Publikum den Rücken kehrte, und auch einen ziemlich starken Rücken hatte, brachte es zu Wege, daß alle Mund und Augen aufrissen, und es war nicht die Geschicklichkeit ihres Handgelenks, wonach man am meisten guckte. Sie fand donnernden Beifall. Dann folgte ein Säbelkampf, aber niemand achtete darauf, weil das ganze Interesse noch gefangen war durch das, was man eben gesehen. Ein paar Minuten lang hatte man einen mächtigen Lärm gehört von allerlei Möbeln, die auf dem Parkett hin und her gerückt wurden, als ob jemand umzöge. Plötzlich hörte man durch die Decke hindurch Klavierspielen und vernahm deutlich den rhythmischen Takt des Tanzens. Um sich zu entschädigen dafür, daß sie nichts sehen konnten, leisteten sich die da oben einen Ball. Zuerst erhob sich donnerndes Gelächter im Fechtsaal, dann bekamen die Damen auch Lust zum Tanzen. Sie kümmerten sich nicht mehr um das, was auf der Estrade vorging und sprachen ganz laut. Man fand den Gedanken der Zuspätgekommenen dort oben sehr komisch. Die langweilten sich gewiß nicht, jetzt wären sie gern alle oben gewesen. Aber zwei neue Fechter hatten sich begrüßt und fielen mit solcher Sicherheit aus, daß alle Blicke ihnen folgten. Sie legten sich aus und erhoben sich wieder, mit elastischer Grazie, mit wohlgemessener Kraft und mit einer solchen Sicherheit der Bewegungen, so korrekt im Äußern, so Schlag auf Schlag, daß die unwissende Menge ganz erstaunt und von dem Schauspiel gefangen war. In ruhiger Exaktheit, in weiser Geschmeidigkeit, die schnellen Bewegungen, die so sicher berechnet waren, daß sie beinahe einen langsamen Eindruck machten, zogen allein dadurch, daß sie vollendet waren, die Blicke auf sich und hielten sie auch fest. Das Publikum fühlte, daß da etwas Besonderes gezeigt wurde, daß zwei große Künstler in ihrem Fach ihnen das Beste vorführten, was es gab; alles was zwei Meister mit der Waffe an Geschicklichkeit, Verschlagenheit, berechnendem Können und körperlicher Gewandtheit nur zu bieten vermögen. Niemand sprach mehr, so sah man ihnen zu. Als sie sich dann nach dem letzten Stoß die Hände reichten, folgte allgemeines Geschrei und Hurrahgebrüll. Man trampelte und heulte, alle Welt kannte ihre Namen. Es waren Sergent und Ravignac. Die allgemeine Erregung machte streitlustig. Die Herren sahen ihre Nachbarn an, als wollten sie Händel suchen. Um ein Lächeln hätte man ein Duell haben können. Leute, die nie ein Florett in der Hand gehabt, versuchten mit ihren Spazierstöcken Stich und Parade. Aber allmählich kletterte die Menge die kleine Treppe hinan. Man wollte endlich etwas zu trinken haben, und alles war empört, als man feststellte, daß die Tanzenden oben das ganze Büffet geplündert hatten und dann fortgegangen waren mit der Behauptung, es sei unanständig, zweihundert Menschen her zu bemühen, ohne ihnen etwas fürs Auge zu bieten. Nicht ein Stück Kuchen, nicht ein Tropfen Champagner, kein Likör, kein Bier, nicht ein Bonbon, nichts, nichts war übrig geblieben. Sie hatten alles abgeräumt, geplündert und reingefegt. Man ließ sich durch die Diener alles erzählen, die ganz traurige Gesichter machten, um sich das Lachen zu verkneifen; sie sagten: die Damen waren noch eifriger wie die Herren. Sie haben gegessen und getrunken zum krankwerden. Es war, als hörte man die Klagen der Überlebenden aus einer Stadt, die belagert und geplündert worden war. Es blieb also nichts übrig als fort zu gehen. Die Herren bedauerten ihre zwanzig Franken-Stücke, die sie bei der Kollekte geopfert, und waren empört über die oben, die genassauert hatten. Das Komité hatte mehr als dreitausend Franken eingenommen, und es blieben nach Abzug der Kosten zweihundertundzwanzig Franken übrig für die Waisen des sechsten Bezirks. Du Roy geleitete die Familie Walter und suchte seinen Landauer. Als er bei der Heimfahrt Frau Walter gegenüber saß, traf ihn wieder flüchtig ihr zärtlicher, verwirrter Blick. Er dachte: »Verflucht, ich glaube die beißt an.« Er lächelte in der Erkenntnis wirklich Glück bei den Frauen zu haben, denn Frau Marelle schien ihn, seitdem ihre Zärtlichkeiten wieder begonnen, rasend lieb zu haben. Fröhlicher Laune kehrte er nach Haus zurück. Magdalene erwartete ihn im Salon. – Ich habe Neuigkeiten, sagte sie. Die Marokko-Geschichte wird immer ernster. In ein Paar Monaten muß Frankreich eine Expedition hinschicken; jedenfalls giebt das eine Handhabe, das Ministerium zu stürzen, und Laroche wird die Gelegenheit benutzen, um das Portefeuille des Auswärtigen zu bekommen. Du Roy that, um seine Frau zu ärgern, als glaube er nicht daran. Man würde doch nicht so verrückt sein, den Unsinn, den man einst in Tunis gemacht, in neuer Auflage heraus zu geben. Aber sie zuckte ungeduldig die Achseln: – Ich sage Dir: es wird! Verstehst Du denn nicht, daß es für sie ein Riesengeldcoup ist? Heutzutage mein Lieber, heißt es in der Politik nicht mehr: Wo ist die Frau? sondern: Wo ist das Geschäft? Er brummte verächtlich: – Bah, – um sie in Wut zu bringen. Sie ward böse: – Du bist ebenso dumm wie Forestier. Sie hatte ihn verletzen wollen, und erwartete einen Wutausbruch, aber er lächelte und antwortete: – Wie dieser Hahnrei Forestier? Das saß und sie sagte: – Aber Georg! Er machte ein freches, spöttisches Gesicht, und antwortete: – Nu was denn, Du hast mir's doch neulich gestanden, daß Du Forestier Hörner aufgesetzt. – Und mit dem Ausdruck tiefsten Mitleids fügte er hinzu: – Armer Teufel! Magdalene kehrte ihm den Rücken, sie hielt es für unter ihrer Würde zu antworten. Dann begann sie wieder nach einer Minute Stillschweigen: – Dienstag haben wir Gesellschaft. Frau Laroche- Mathieu kommt mit der Vicomtesse von Percemur zu Tisch. Willst Du noch Rival einladen und Norbert von Varenne? Ich gehe morgen zu Walters und zu Frau von Marelle. Vielleicht kommt auch Frau Rissolin. Seit einiger Zeit schuf sie sich Verbindungen, indem sie den politischen Einfluß ihres Mannes benutzte, um, ob sie wollten oder nicht, die Frauen der Senatoren und Abgeordneten, die die Unterstützung der › Vie française ‹ brauchten, an sich zu ziehen. Du Roy antwortete: – Gut, ich übernehme Rival und Norbert. Er war zufrieden, rieb sich die Hände, denn jetzt hatte er eine gute Manier gefunden um seine Frau zu ärgern und die stille Wut zu befriedigen, die unbestimmte beißende Eifersucht, die seit ihrer Fahrt ins Bois in ihm erwacht. Er wollte nie mehr von Forestier sprechen, ohne ihn »den Gehörnten« zu nennen. Er fühlte, daß das mit der Zeit Magdalenen rasend machen würde, und so brachte er wohl zehn Mal an diesem Abend mit ironischer Gutmütigkeit die Redensart an: »Forestier, der Gehörnte.« Er war auf den Toten nicht mehr böse, er rächte ihn. Seine Frau that, als hörte sie nichts und lächelte gleichgiltig dabei. Da sie am andern Morgen Frau Walter einzuladen beabsichtigte, wollte er ihr zuvorkommen, um die Frau des Chefs allein zu finden, um zu sehen, ob er sie wirklich gewonnen. Es machte ihm Spaß und schmeichelte ihm, und dann ... warum nicht ... wenn es ging! Um zwei Uhr trat er Boulevard Malesherbes bei ihr ein. Man führte ihn in den Salon. Er wartete. Frau Walter erschien und streckte ihm mit glückseligem Lächeln die Hand entgegen: – Welch glücklicher Zufall führt Sie hierher? – Kein Zufall, sondern der Wunsch Sie zu sehen. Ein unbestimmtes Gefühl treibt mich zu Ihnen, ich weiß selbst nicht warum. Ich wollte Ihnen nichts sagen. Ich bin gekommen und da bin ich! Entschuldigen Sie den frühen Besuch und daß ich das so offen sage. Er hatte dabei einen schnarrenden, galanten Ton angeschlagen, ein Lächeln auf den Lippen und Ernst in der Stimme. Sie war sehr erstaunt, errötete und stammelte: – Ja .. ich begreife aber nicht! Ich .. bin sehr erstaunt! Er fügte hinzu: – Es ist eine ernste Erklärung, nur in heiterm Tone, damit Sie nicht erschrecken sollen. Sie hatten sich neben einander gesetzt. Sie nahm die Sache von der scherzhaften Seite. – Eine ernste Auseinandersetzung? – Gewiß, ich wollte Ihnen das schon lange, sehr lange sogar schon sagen, aber ich wagte es nicht. Es heißt, Sie wären so ernst und streng. Sie hatte ihre Sicherheit wieder gewonnen und antwortete: – Warum sind Sie heute gekommen? – Ich weiß nicht! – Dann senkte er die Stimme: – Oder vielmehr, weil ich seit gestern immer an Sie denken muß! Sie stammelte und erblaßte dabei: – Ach jetzt wollen wir nicht mehr scherzen, reden wir von etwas anderem. Aber er war so plötzlich ihr zu Füßen gefallen, daß sie erschrak. Sie wollte aufstehen, doch er hielt sie mit beiden Armen, die er um ihre Taille geschlungen, auf dem Sitz zurück und wiederholte in leidenschaftlichem Tone: – Ja, wahrhaftig ich liebe Sie, liebe Sie seit lange, rasend. Antworten Sie mir nicht. Ach es ist ja verrückt! Ich liebe Sie, wenn Sie wüßten, wie ich Sie liebe! Sie rang nach Atem, versuchte zu sprechen, aber brachte kein Wort heraus. Mit beiden Händen stieß sie ihn zurück, indem sie ihn bei den Haaren packte, um die Annäherung seines Mundes, der, wie sie fühlte, sich dem ihrigen näherte, zu verhindern, und drehte den Kopf von rechts nach links, von links nach rechts, hastig hin und her mit geschlossenen Augen, um nichts zu sehen. Er betastete sie durch das Kleid hindurch und befühlte sie; und sie ward schwach unter dieser rohen, aufdringlichen Liebkosung. Plötzlich stand er auf und wollte sie umarmen, aber einen Augenblick frei geworden, war sie sofort entflohen, indem sie sich zurückwarf und entwich von Stuhl zu Stuhl. Er fand nun diese Verfolgung lächerlich und ließ sich in einen Stuhl fallen, das Gesicht in den Händen indem er wie im Krampf schluchzte. Dann erhob er sich und rief: – Leben Sie wohl, Leben Sie wohl! – Und er entfloh. Im Flur nahm er ganz ruhig seinen Stock und sagte sich, indem er hinab ging: – Donnerwetter nochmal, ich glaube die habe ich! Er ging auf das nächste Postamt, um Clotilde ein Stadttelegramm zu schicken, das sie für den folgenden Tag zum Stelldichein bestellte. Als er zur gewöhnlichen Zeit heimkehrte, sagte er zu seiner Frau: – Nun hast Du Dein Diner beisammen? Sie antwortete: – Nur Frau Walter weiß noch nicht bestimmt, ob sie kann, sie zögerte, sie hat mir von irgend was erzählt, von Verpflichtungen und Gewissen, sie machte einen sehr komischen Eindruck. Aber, ich denke sie kommt trotzdem. Er zuckte die Achseln: – Ach was, sie wird schon kommen. – Aber er war seiner Sache doch nicht sicher, und bis zum Tag des Diners war er sehr unruhig. Magdalene erhielt am Morgen selbst noch ein Paar Zeilen von der Frau des Chefs: »Ich habe mich mit vieler Mühe frei gemacht und komme, mein Mann ist aber leider verhindert.« Du Roy dachte: »Das hab ich verflucht schlau gemacht, nicht wieder hinzugehen, jetzt ist sie beruhigt, nun aber die Ohren steif gehalten.« Aber er war doch etwas unruhig, wie sie sein würde. Sie erschien, sehr ruhig, etwas kühl, von oben herab. Er kam ihr sehr ergeben und diskret entgegen. Frau Laroche-Mathieu und Frau Rissolin begleiteten ihre Männer; die Vicomtesse von Percemur erzählte allerlei aus der großen Welt. Frau von Marelle sah reizend aus in einem seltsam fantastischen Kleid, schwarz und gelb, einem spanischen Kostüm, das ihre hübsche Figur, ihre Büste und ihre runden Arme vorteilhaft hob und ihrem Vogelköpfchen etwas Energisches verlieh. Du Roy hatte Frau Walter rechts neben sich gesetzt und sprach während des Diners nur von ernsten Dingen mit übertriebenem Respekt. Ab und zu sah er Clotilde an. »Sie ist wirklich hübscher und frischer,« dachte er. Dann glitt sein Blick zu seiner Frau, die er auch nicht übel fand, obgleich er gegen sie eine stille hartnäckige, bösartige Wut behalten hatte. Aber die Frau des Chefs regte ihn auf wegen der Schwierigkeit, sie zu erobern und weil sie etwas Neues war, und das lieben alle Männer. Sie wollte zeitig heimkehren. – Ich werde Sie nach Hause bringen, sagte er. Sie wünschte es nicht. Aber er bestand darauf: – Warum wollen Sie nicht? Das verletzt mich wirklich, ich kann doch gar nicht glauben, daß Sie mir nicht verziehen hätten. Sie sehen, ich bin ganz ruhig. – Sie können doch Ihre übrigen Gäste nicht im Stiche lassen. Er lächelte: – Ach was, zwanzig Minuten bleibe ich weg, das merkt kein Mensch. Wenn Sie mir das abschlagen, bin ich aufs Tiefste verletzt. Sie flüsterte: – Gut, ich nehme an. Aber sobald sie im Wagen saßen, nahm er ihre Hand und küßte sie leidenschaftlich: – Ich liebe Sie. Ich liebe Sie. Ich liebe Sie, das darf ich Ihnen doch sagen? Ich thue Ihnen nichts. Ich sage Ihnen nur, daß ich Sie liebe. Sie stammelte: – Aber, das ist schlecht, nach allem, was Sie mir versprochen haben. Er that, als nähme er sich auf das Äußerste zusammen, dann begann er mit verhaltener Stimme: – Sehen Sie, wie ich mich beherrsche und dennoch .... ich möchte Ihnen bloß eins sagen ..... ich liebe Sie, und das möchte ich Ihnen jeden Tag wiederholen ...... lassen Sie mich bei Ihnen nur fünf Minuten Ihnen zu Füßen liegen und in Ihr geliebtes Antlitz blicken und immer nur die drei Worte wiederholen ..... Sie hatte ihm ihre Hand überlassen und antwortete stammelnd: – Nein, ich kann nicht, ich will nicht. Denken Sie doch, was man reden würde. Denken Sie, meine Leute, meine Töchter, nein, das ist ganz unmöglich. Er begann von neuem: – Ich kann ohne Sie nicht mehr leben. Ob ich Sie in Ihrem Hause sehe oder wo anders ist mir gleich, ich muß Sie nur sehen und wär's täglich bloß eine Minute. Ich muß Ihre Hand fühlen, ich muß sehen wie Sie atmen, die Linien Ihres Körpers betrachten und Ihre großen schönen Augen, die mich wahnsinnig machen. Sie hörte zitternd diese banalen Liebesredensarten an und stammelte: – Nein, nein, das ist unmöglich, schweigen Sie. Ganz leise flüsterte er ihr ins Ohr. Er begriff, daß er diese Frau ganz allmählich einfangen mußte. Diese einfache Frau mußte er dahin bringen, ihm ein Stelldichein zu geben. Zuerst wo sie wollte, dann wo es ihm paßte: – Hören Sie, es muß sein .. ich werde Sie sehen .. ich werde an Ihrer Thür auf Sie warten .. wie ein Bettler, und wenn Sie nicht zu mir herab kommen, komme ich zu Ihnen hinauf. Aber ich werde Sie sehen .. ich werde Sie sehen .. morgen. Sie wiederholte: – Nein, nein, kommen Sie nicht. Ich nehme Sie nicht an. Denken Sie an meine Töchter! – Dann sagen Sie mir, wo ich Sie treffen kann, auf der Straße oder irgendwo, ganz gleich wo. Zu jeder Stunde, wenn Sie wollen. Ich muß Sie nur sehen, Sie grüßen, Ihnen sagen »ich liebe Sie« und dann gehe ich davon. Sie zögerte, ganz hingerissen; und als der Wagen bei ihr vorfuhr, flüsterte sie schnell: – Gut, morgen um halb vier gehe ich in die Dreifaltigkeitskirche. Als sie dann ausgestiegen war, rief sie ihrem Kutscher zu: – Fahren Sie Herrn Duroy zu seiner Wohnung. Als er zurückkam fragte ihn seine Frau: – Wo bist Du denn gewesen? Er antwortete mit gedämpfter Stimme: – Ich bin auf dem Telegraphenamt gewesen wegen einer dringenden Depesche. Frau von Marelle näherte sich ihm: – Nicht wahr, Liebling Sie bringen mich nach Haus? Sie wissen, daß ich nur unter der Bedingung soweit hergekommen bin. Dann wandte sie sich zu Magdalene: – Du bist doch nicht eifersüchtig? Frau Du Roy antwortete langsam: – Nein, nicht allzusehr! Die Gäste gingen. Frau Laroche-Mathieu sah aus wie ein kleines Dienstmädchen aus der Provinz. Sie war die Tochter eines Notars, und Laroche hatte sie geheiratet, als er selbst noch ein armer Advokat gewesen. Frau Rissolin war eine alte Dame und trat mit einer gewissen Prätention auf, sie machte den Eindruck einer ehemaligen Hebamme, die ihre Bildung aus der Leihbibliothek hat. Die Vicomtesse blickte auf sie herab, ihr »Sammetpfötchen« berührte nur unwillig diese gemeine Hand. Als Clotilde in Spitzen gehüllt an der Flurthür stand, sagte sie zu Magdalene: – Dein Diner war reizend. Du wirst bald den ersten Politischen Salon in Paris haben. Sobald sie mit Georg allein war, umarmte sie ihn: – Ach mein süßer Liebling, ich liebe Dich täglich mehr. Die Droschke schwankte wie ein Schiff: – Ach so wie unser Zimmer ist das nicht. Er antwortete: – O nein. – Aber er dachte an Frau Walter. IV Der Dreifaltigkeitsplatz lag beinahe menschenleer in der brennenden Julisonne da. Eine drückende Hitze lastete auf Paris, als ob die Luft von dort oben schwer, brennend auf die Stadt herab gefallen wäre, eine dicke kochende Luft, die weh that einzuatmen. Die Kaskaden vor der Kirche plätscherten nur leise, als wären sie müde zu laufen, auch schlaff und weich und die Flut in dem Bassin, in dem Blätter und Papierfetzen herumschwammen, sah grünlich, dick und schlammig aus. Ein Hund war über den steinernen Rand gesprungen und badete sich in dem zweifelhaft reinlichen Wasser. Ein paar Leute die auf den Bänken des runden kleinen Gartens saßen, der an dem Portal liegt, sahen dem Tier fast neidisch zu. Du Roy zog die Uhr. Es war erst drei. Er kam eme halbe Stunde zu früh. Er lachte als er an das Stelldichein dachte. »Die Kirchen sind bei ihr zu allem gut,« sagte er sich. »Sie trösten sie, daß sie einen Juden geheiratet hat, geben ihr in der politischen Welt das Ansehen, als wehrte sie sich dagegen, heben sie in den Augen der guten Gesellschaft und dienen ihr bei galanten Abenteuern. Sie benutzt die Religion wie einen Entoutcas, bei schönem Wetter dient er als Stock, bei Sonnenschein als Sonnenschirm, wenn es regnet als Regenschirm, und wenn man nicht ausgeht, läßt man ihn im Corridor. Und so giebt es Hunderte die den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, aber nicht wollen, daß man ihn lästert, und die ihn bei passender Gelegenheit als Vermittler benutzen. Wenn man sie in eine Chambre-garni-Wohnung lootsen wollte, so fänden sie das empörend, aber ihr Techtel-Mechtel am Fuße des Altars abzumachen, da ist weiter nichts dabei.« Langsam schritt er am Bassin hin. Dabei sah er wieder nach der Uhr des Kirchturms, die gegen seine zwei Minuten vorging. Es war an ihr drei Uhr fünf Minuten. Er meinte drinnen wäre es doch noch eine angenehmere Temperatur und trat ein. Die Kühle eines Kellers schlug ihm entgegen. Er atmete erleichtert auf und ging um das Schiff herum, um sich genau zu orientieren. Ein anderer regelmäßiger Schritt, ab und zu aufhörend und wieder beginnend, klang im Hintergrund des weiten Raumes als Echo seinen eignen Schritten nach, die unter der hohen Wölbung schallten. Er war doch neugierig, wer das sein mochte, und suchte den Spaziergänger. Es war ein dicker Herr mit Glatze, der dahin schritt den Blick zur Decke gerichtet und den Hut in der Hand auf dem Rücken haltend. Hier und dort kniete ein altes Weib und betete, das Gesicht in den Händen vergraben. Das Gefühl der Einsamkeit, der Verlassenheit, des Friedens packte einen hier, und das durch die Scheiben fallende gedämpfte Licht that den Augen wohl. Du Roy fand es hier sehr mollig. Er kehrte wieder zum Portal zurück und sah von neuem nach der Uhr, aber es war erst ein viertel. Nun setzte er sich an den Haupteingang; er bedauerte nur, nicht rauchen zu können. Man hörte jetzt nahe am Chor, auf der andern Seite der Kirche, den langsamen Schritt des dicken Herrn. Jemand trat ein. Georg blickte sich schnell um. Es war eine gewöhnliche Frau in wollenem Kleid, die am ersten Betstuhl in die Kniee sank und unbeweglich, die Hände gefaltet, den Blick emporgerichtet, liegen blieb. Du Roy betrachtete sie mit Interesse. Er fragte sich, welches Leid, welcher Schmerz, welche Verzweiflung wohl dieses arme Herz zermalmten. Der Hunger sah ihr aus allen Zügen. Vielleicht hatte sie noch einen Mann, der sie prügelte, oder ein sterbendes Kind. Er murmelte still in Gedanken: »Ach es giebt doch viel Leid auf der Welt, und viel Unglück!« – und eine Wut gegen die unerbittliche Natur stieg in ihm auf. Dann dachte er daran, daß diese armen Menschen wenigstens meinten, daß man sich dort oben um sie kümmerte, und daß ihr Soll und Haben in den ewigen Himmelsregistern sorgfältig gebucht würde. – Dort oben? – Wo denn? Und Du Roy, den das Schweigen der Kirche träumen ließ, überschlug die ganze Schöpfung mit einem Gedanken und sagte vor sich hin: – Ach ist das dumm alles! Er fuhr zusammen. Er hatte ein Kleid rauschen hören. Sie war es. Er stand auf und ging auf sie zu. Sie gab ihm nicht die Hand und flüsterte leise: – Ich habe nur einen Augenblick Zeit, ich muß nach Hause. Knieen Sie neben mir nieder, daß man uns nicht sieht. Und sie ging in das Hauptschiff und suchte eine passende sichere Stelle, wie jemand, der die Kirche genau kennt. Sie hatte ihr Antlitz hinter einem dichten Schleier verborgen und trat leise auf, so daß man ihren Schritt kaum hörte. Als sie in die Nähe des Chores gekommen war, drehte sie sich um und flüsterte in jenem gedämpften Ton, in dem man in der Kirche spricht: – Auf der Seite ist es besser, hier wird man zu sehr gesehen. Sie verneigte sich vor den Heiligtümern des Hauptaltars mit tiefem Kopfneigen und einer leichten Biegung des Oberkörpers, dann wendete sie sich rechts, ging wieder ein bißchen in der Richtung auf den Eingang zurück, trat dann kurz entschlossen in einen Betstuhl und kniete nieder. Du Roy kniete im Betstuhl daneben und sobald sie unbeweglich thaten als ob sie beteten, sagte er: – Dank! Dank! Dank! Ich liebe Sie wahnsinnig! Ich möchte es Ihnen immer sagen! Ich möchte es Ihnen sagen, wie es kam, daß ich Sie liebe, daß Sie mich gewonnen haben auf den ersten Blick. Darf ich es Ihnen einmal sagen? Ihnen mein Herz ausschütten? Sie hörte ihm zu, in einer Stellung als wäre sie ganz versunken und hätte nichts vernommen; doch sie antwortete zwischen den Fingern sprechend: – Ich bin ja verrückt, Sie so sprechen zu lassen, verrückt, daß ich gekommen bin, verrückt, daß ich das thue, verrückt, Ihnen Hoffnung zu lassen, daß dieses ... daß dieses Abenteuer eine Fortsetzung haben könnte. Vergessen Sie alles und sprechen Sie niemals wieder mit mir davon. Sie hielt inne. Er suchte nach einer Antwort, nach ein paar leidenschaftlichen entscheidenden Worten, aber da er seine Worte nicht mit einer entsprechenden Geste begleiten konnte, so fühlte er sich wie gelähmt. Er begann: – Ich erwarte nichts, ich hoffe nichts. Ich liebe Sie: Sie können thun, was Sie wollen, ich werde es Ihnen so oft sagen, so laut, so laut, so heiß, daß Sie mich endlich verstehen müssen. Ich möchte alle meine Zärtlichkeit und Liebe Wort für Wort, Stunde für Stunde, Tag für Tag hinein gießen in Ihre Seele, daß Ihre Seele ganz davon durchdrungen wird, wie eine Flüssigkeit eindringt, die Tropfen um Tropfen niederfällt, daß sie Sie milder mache, weicher, und später einmal zwänge mir zu antworten: Auch ich liebe Dich! Er fühlte wie ihre Schulter zuckte an seiner Seite, wie sie zitterte. Und da stammelte sie hastig: – Ich liebe Sie auch! Er fuhr zusammen, als ob man ihn auf den Kopf geschlagen hatte und sagte: – O mein Gott! Sie begann wieder mit zitternder Stimme: – Darf ich Ihnen das wirklich gestehen? Ich fühlte mich so schuldbeladen und verächtlich. Ich, die ich zwei Töchter habe. Aber ich kann nicht, ich kann nicht anders. Ich hätte das nie gedacht, nie geglaubt, aber es überwältigt mich. Hören Sie mich an, hören Sie mich an; ich habe nie jemand geliebt, außer Ihnen, das schwöre ich Ihnen. Ich liebe Sie seit einem Jahr in der Stille meines Herzens. Ach ich habe gelitten, wenn Sie wüßten, wie ... und gekämpft, ich kann nicht mehr ... ich ... ich liebe Sie. Sie schluchzte in ihre Hände die sie vors Gesicht gelegt, und ihr ganzer Körper zitterte in tiefster Erschütterung. Georg flüsterte: – Geben Sie mir Ihre Hand, daß ich sie berühren und drücken kann. Langsam zog sie die Hand von ihrem Gesicht. Er sah daß ihre Wange feucht war und eine Thräne an den Wimpern hing bereit niederzutropfen. Er hatte ihre Hand genommen und preßte sie, indem er sagte: – Ach ich möchte Ihre Thränen trinken. Sie sagte mit leiser, gebrochener Stimme, die wie ein Stöhnen klang: – Schonen sie mich. Ich bin verloren! Er hätte am liebsten gelacht. Was konnte er ihr hier thun! Er legte die Hand, die er umfaßt hatte, auf sein Herz und fragte: – Fühlen Sie wie es schlägt? – Denn er wußte absolut nicht mehr was er sagen sollte. Aber seit ein paar Minuten kam der regelmäßige Schritt des Spaziergängers wieder näher. Er war um den Altar herum gegangen und ging nun mindestens das zweite Mal durch das rechte kleine Seitenschiff. Als Frau Walter ihn ganz nahe bei dem Pfeiler, der sie verbarg, hörte, entzog sie Georg ihre Hand und verbarg ihr Gesicht. Und sie blieben beide unbeweglich knieen, als schickten sie vereint heiße Gebete zum Himmel. Der dicke Herr kam bei ihnen vorbei, warf ihnen einen gleichgiltigen Blick zu und entfernte sich, immer den Hut in der Hand auf dem Rücken, nach dem Hauptschiff zu. Aber Du Roy, der gern ein Stelldichein wo anders als gerade in der Dreifaltigkeitskirche haben wollte, flüsterte: – Wo sehe ich Sie morgen wieder? Sie antwortete nicht. Sie schien wie leblos, wie zur Statue des Gebetes erstarrt. Er fragte von neuem: – Kann ich Sie nicht morgen im Park Monceau treffen? Sie nahm die Hände vom Gesicht, wandte ihm ihr blutloses, von furchtbarem Leid entstelltes Antlitz zu und sagte in abgerissenen Sätzen: – Lassen Sie mich .. lassen Sie mich jetzt .. gehen Sie .. gehen Sie .. nur fünf Minuten .. ich leide zu sehr in Ihrer Nähe .. ich will beten .. ich kann nicht .. lassen Sie mich Gott anflehen .. daß er mir verzeiht ... lassen Sie mich beten ... allein ... daß er mich rette ... lassen Sie mich nur fünf Minuten ... Ihr Gesicht war verstört, ihre Züge hatten einen so schmerzlichen Ausdruck angenommen, daß er aufstand ohne ein Wort zu sagen. Dann sagte er nach einem Augenblick Zögern: – Ich komme nachher wieder. Sie nickte, als wollte sie sagen: Ja nachher. Und er schritt die Kirche hinauf dem Chor zu. Da versuchte sie zu beten. Sie machte übermenschliche Anstrengungen Gott anzurufen und rief mit bebendem Leib und verzweifelter Seele um Erbarmen zum Himmel. Sie schloß krampfhaft die Augen, um den nicht mehr zu sehen, der eben von ihr gegangen. Sie verbannte ihn aus ihren Gedanken, sie wehrte sich gegen ihn, aber statt der erwarteten himmlischen Hilfe in der Angst und Not ihres Herzens, sah sie immer noch den emporgewirbelten Schnurrbart des jungen Mannes vor sich. Seit einem Jahr kämpfte sie so täglich gegen eine immer zwingender werdende Herrschaft, gegen sein Bild, das sie verfolgte in ihren Träumen, das sie erregte und ihr den Schlaf raubte. Sie fühlte sich gefangen wie ein Tier im Netz, gefesselt und jenem männlichen Wesen in die Arme geworfen, das sie überwunden hatte, besiegt nur durch den Bart über der Lippe und den Ausdruck in seinen Augen. Aber nun fühlte sie sich hier in der Kirche, in Gottes Nähe schwächer noch, verlorener, unglückseliger, als bei sich zu Haus. Sie konnte nicht mehr beten, sie konnte nur an ihn denken. Sie litt schon darunter, daß er fortgegangen. Aber verzweifelt wehrte sie sich und stemmte sich dagegen und rief mit aller Kraft ihrer Seele um Hilfe. Sie, die noch nie einen Fehltritt gethan, hätte eher sterben mögen, als so zu fallen. Sie murmelte verzweifelte Gebete, aber sie lauschte auf Georgs Schritt, der jetzt fern verhallte unter der hohen Wölbung. Sie fühlte, daß es aus sei, der Kampf war unnütz. Aber sie wollte nicht nachgeben, und eine jener nervösen Krisen packte sie, die die Frauen zitternd, heulend, in Krämpfen zur Erde wirft. Ihr schlugen alle Glieder, sie fühlte, daß sie fallen und sich mit lautem Schreien zwischen den Betstühlen am Boden wälzen würde. Jemand näherte sich schnellen Schrittes. Sie wandte den Kopf, es war ein Priester. Da erhob sie sich, stürzte auf ihn zu, hielt ihm die gefalteten Hände entgegen und stammelte: – Ach, retten Sie mich! Retten Sie mich! Er blieb erstaunt stehen: – Was wünschen Sie, gnädige Frau. – Sie sollen mich retten, haben Sie doch Mitleid mit mir. Wenn Sie mir nicht helfen, bin ich verloren. Er blickte sie an und fragte sich, ob sie nicht den Verstand verloren. Endlich antwortete er: – Was kann ich für Sie thun? Er war ein großer junger Mann, etwas stark, mit vollen hängenden Backen, die einen dunklen Schimmer hatten, weil er forgfältig rasiert war, ein schöner, ein gut repräsentierender Stadtvikar, aus einem wohlhabenden Viertel, der reiche Beichtkinder gewöhnt ist. – Ich will Ihnen beichten und dann raten Sie mir, stützen Sie mich, sagen Sie mir, was ich thun soll. Er antwortete: – Ich nehme jeden Sonnabend von drei bis sechs Uhr die Beichte entgegen. Aber sie packte ihn beim Arm, drückte ihn und wiederholte: – Nein, nein, nein, sofort, sofort! Es muß sein! Er ist da! Hier in der Kirche! Er wartet auf mich! Der Priester fragte: – Wer wartet auf Sie? – Ein Mann .. der mich verderben wird .. der mich in seine Schlingen zieht, wenn Sie mich nicht retten .. Ich kann ihm nicht mehr entfliehen .. Ich bin zu schwach! .. Zu schwach! So entsetzlich schwach! Sie sank ihm zu Füßen und schluchzte: – Haben Sie Mitleid mit mir, mein Vater, retten Sie mich im Namen Gottes, retten Sie mich. Sie hielt ihn an seinem schwarzen Priestergewand fest, daß er sich nicht losmachen konnte. Er blickte sich ängstlich nach allen Seiten um, ob nicht irgend ein gottloses oder frommes Auge diese Frau, hier zu seinen Füßen gesehen? Endlich kam er zur Überzeugung, daß er ihr nicht entgehen konnte und sagte: – Stehen Sie auf. Ich habe den Schlüssel zum Beichtstuhl zufällig bei mir. Er suchte in der Tasche, zog einen Schlüsselring hervor, wählte einen Schlüssel aus und ging mit eiligen Schritten zu einem der kleinen Holzhäuschen, in denen sich die Gläubigen ihrer Sünde entledigen. Durch die Mittelthür trat er ein und schloß sie hinter sich, und Frau Walter die in dem engen Raum daneben nieder gesunken war, stammelte mit der Leidenschaft der Hoffnung: – Segnen Sie mich, mein Vater, ich habe gesündigt ... Du Roy war rund um die Kirche gegangen und schritt nun das linke Seitenschiff herab. Als er eben in der Mitte stand, begegnete er wieder dem dicken Herrn mit der Glatze, der mit ruhigen Schritten seines Weges ging, und er fragte sich: was sucht der Kerl nur hier? Der Spaziergänger hatte seine Schritte verkürzt und blickte Georg an, mit dem sichtbaren Wunsche, mit ihm ein Gespräch anzuknüpfen. Als er ganz nahe war, grüßte er und sagte sehr höflich: – Entschuldigen Sie, wenn ich Sie störe, aber können Sie mir nicht sagen, in welcher Zeit diese Kirche gebaut worden ist? Du Roy antwortete: – Ja, das weiß ich selbst nicht, ich denke so vor zwanzig bis fünfundzwanzig Jahren ist sie gebaut. Ich bin auch zum ersten Mal hier. – Ich auch. Ich hatte sie noch nie bemerkt. – Da begann der Journalist Interesse zu schöpfen und sagte: – Sie scheinen sie ja sehr genau zu betrachten in allen Einzelheiten. Der andere antwortete ergebungsvoll: – Ach nein, ich sehe sie mir nicht an. Ich warte auf meine Frau. Wir wollten uns hier treffen, aber sie hat sich verspätet. Dann schwieg er und fuhr nach ein Paar Sekunden fort: – Es ist furchtbar heiß draußen. Du Roy betrachtete ihn. Er fand, daß er ganz gutmütig aussah, und plötzlich bildete er sich ein, er sähe Forestier ähnlich. – Sind Sie aus der Provinz? fragte er. – Ja, aus Rennes. Und darf ich fragen, ob Sie nur aus Neugier in die Kirche gekommen sind? – Nein, ich erwarte eine Dame. – Der Journalist grüßte und ging lächelnd davon. Als er wieder an das Hauptportal kam, sah er abermals das arme Weib, das noch immer kniete und betete, und er dachte: Donnerwetter, die ist aber zäh! Er war nicht mehr ergriffen und bemitleidete sie nicht mehr. Er ging langsam vorbei und schritt das rechte Seitenschiff wieder hinauf, um Frau Walter zu treffen. Von weitem suchte er die Stelle, wo er sie verlassen hatte und wunderte sich, sie nicht zu sehen. Er meinte, er habe sich im Pfeiler geirrt, ging nochmals bis zum letzten und kehrte zurück. Sie war also fort! Er war ganz erstaunt und wütend. Dann bildete er sich ein, daß sie ihn suchte, und schritt nochmals um die Kirche. Aber als er sie nicht fand, kehrte er zu dem Betstuhl zurück, den sie verlassen, in der Hoffnung sie würde wieder dort hin kommen. Er setzte sich hin und wartete. Bald zog ein leises Gemurmel seine Aufmerksamkeit auf sich. Er hatte niemand in jener Ecke der Kirche gesehen, woher kam also dieses Flüstern? Er stand auf, um Nachforschungen anzustellen, und in der Kapelle daneben entdeckte er, daß unter der Thür des Betstuhls ein Stück Kleid heraus lugte, das auf die Fliesen hing. Er näherte sich, um sich die Frau anzusehen; er erkannte sie. Sie beichtete. Die Lust überkam ihn, sie bei den Schultern zu packen, sie aus dem Kasten heraus zu reißen. Dann dachte er: – Ach was, jetzt ist der Pfarrer daran, morgen ich. Und er setzte sich ruhig der Öffnung der Beichtstuhls gegenüber, still wartend, indem er nun über das ganze Abenteuer lächelte. Er lauerte lang. Endlich stand Frau Walter auf, drehte sich um, sah ihn und trat auf ihn zu. Sie hatte kalte, strenge Züge und sagte zu ihm: – Ich bitte Sie, mich nicht zu begleiten, mir nicht zu folgen und nie wieder mich allein zu besuchen. Ich würde Sie nicht empfangen. Adieu! Und in würdiger Haltung ging sie davon. Er ließ sie fortgehen, denn aus Grundsatz erzwang er nie eine Sache. Aber als dann der Priester etwas verlegen selbst aus seinem Versteck herauskam, schritt er gerade auf ihn zu, blickte ihm in die Augen und rief ihm ins Gesicht: – Wenn Sie nicht den Rock trügen, würde ich Ihnen was auf Ihre dumme Schnauze geben. Dann wandte er sich auf dem Absatz herum und verließ pfeifend die Kirche. Im Portal stand der dicke Herr, den Hut auf dem Kopf, die Hände noch auf dem Rücken. Er war müde zu warten und übersah den weiten Platz und alle Straßen, die dort zusammen trafen. Als Du Roy an ihm vorbei kam, grüßten sie sich. Da der Journalist nichts zu thun hatte, ging er zur › Vie française ‹. Sobald er eintrat, sah er an der beschäftigten Miene der Angestellten, daß etwas Außergewöhnliches vorging, und schnell trat er beim Chef ein. Der alte Walter stand nervös da, diktierte in abgehackten Sätzen einen Artikel und erteilte zwischendurch den Reportern, die ihn umstanden, Aufträge, gab Boisrenard Ermahnungen und öffnete Briefe. Als Du Roy eintrat, rief der Chef freudig: – Ah, das trifft sich famos! Da ist der Liebling. Er hielt etwas verlegen inne und entschuldigte sich: – Verzeihen Sie, daß ich Sie so genannt habe, aber ich bin durch die Ereignisse sehr erregt und dann höre ich ja immer, wie meine Frau und meine Töchter Sie von Morgen bis Abend Liebling nennen, und da gewöhnt man sich selbst daran. Nicht wahr, Sie nehmen es mir nicht übel? Georg lachte: – Nicht im geringsten, der Spitzname verletzt mich nicht. Der alte Walter begann von neuem: – Schön, da nenne ich Sie also Liebling, wie alle Welt. Also denken Sie einmal, es haben sich große Ereignisse zugetragen. Das Ministerium hat ein Mißtrauensvotum mit 310 Stimmen gegen 102 erhalten. Es ist gefallen. Jetzt sind unsre Ferien wieder mal aufgeschoben ad calendas graecas , und dabei ist heute schon der 28. Juli. Spanien ist böse wegen Marokko und das hat Durand de l'Aine und seinen Gesellen das Genick gebrochen. Die Karre ist in Dreck gefahren bis oben rauf. Marrot soll das neue Kabinet bilden, er nimmt General Boutin d'Acre als Kriegsminister, unser Freund Laroche-Mathieu bekommt das Auswärtige, er selbst wird Präsident und behält das Portefeuille des Innern. Wir werden ein offiziöses Blatt. Ich habe eben einen Leitartikel entworfen. Ich setze nur unsre Grundsätze auseinander und weise den Ministern den Weg. Er lächelte und fuhr fort: – Den Weg den sie einschlagen wollen! Natürlich! Aber ich müßte irgend etwas Interessantes über Marokko haben, etwas Aktuelles, einen Sensationsartikel! Irgend so was, und das müssen Sie mir finden. Du Roy dachte eine Sekunde nach, dann antwortete er: – Ich habe es. Ich liefere Ihnen einen Aufsatz über die politische Lage unserer ganzen afrikanischen Kolonien, Tunis links, Algerien in der Mitte, Marokko rechts, einen Geschichtsabriß über die Rassen, die diese weiten Gebiete bewohnen und den Bericht über eine Reise an der Marokkanischen Grenze bis zur großen Oase Figuig, bis wohin noch kein Europäer vorgedrungen ist und die jetzt zu dem Konflikt geführt hat. Ist Ihnen das recht? Der alte Walter rief: – Wundervoll! Und wie soll er heißen? – Von Tunis nach Tanger! – Ausgezeichnet! Und Du Roy suchte in den alten Nummern der › Vie française ‹ seinen ersten Artikel wieder auf: ›Erinnerungen eines Chasseur d'Afrique.‹ Der Artikel würde unter anderem Namen, etwas aufgefrischt und umgearbeitet ausgezeichnet passen, denn darin war die Rede von Kolonial-Politik, von der Bevölkerung in Algerien und einer Reise in die Provinz Oran. In drei Viertelstunden war die Geschichte frisch gemacht, zusammen gestoppelt, gut umgearbeitet, mit einem aktuellen Beigeschmack und ein paar Worten des Lobes für das neue Kabinet. Als der Chef den Artikel gelesen hatte, sagte er: – Das ist ausgezeichnet! Ausgezeichnet! Ausgezeichnet! Sie sind ein großartiger Kerl! Allerhand Hochachtung! Und Du Roy kehrte zum Essen heim, sehr befriedigt vom Tageslauf, trotz seiner Niederlage in der Dreifaltigkeitskirche, denn er fühlte, daß er trotzdem gewonnen hatte. Seine Frau erwartete ihn fieberhaft erregt und rief, als sie ihn sah: – Du weißt doch, daß Laroche Minister des Auswärtigen ist? – Ja, ich habe sogar deswegen schon einen Artikel über Algerien gemacht! – Wieso denn? – Du kennst ihn, den ersten den wir zusammen geschrieben haben: ›Erinnerungen eines Chasseur d'Afrique‹. Ich habe ihn zu diesem Zweck durchgesehen und umgearbeitet. Sie lächelte und sagte: – Ja, das paßt ja ausgezeichnet! Dann sagte sie, nachdem sie einen Augenblick nachgedacht hatte: – Ich denke eben an die Fortsetzung, die Du damals machen wolltest und aus der .. nichts mehr wurde. Jetzt können wir uns ja daran machen. Das giebt eine ganze Reihe aktueller Artikel. Er antwortete, indem er sich zu Tisch setzte: – Sehr richtig. Jetzt steht dem ja auch nichts mehr im Wege, da Forestier, der gehörnte, krepiert ist. Sie antwortete lebhaft in trockenem verletzten Ton: – Der Scherz ist wirklich nicht am Platze, und ich bitte, das nun bleiben zu lassen. Es hat jetzt lange genug gedauert. Er wollte ironisch antworten, als man ihm ein Telegramm brachte, das ohne Unterschrift nur den einzigen Satz enthielt: »Ich hatte ganz den Kopf verloren, verzeihen Sie mir und kommen Sie morgen um 4 Uhr in den Park Monceau.« Er begriff und sagte ganz glückselig zu seiner Frau, indem er das Telegramm einsteckte: – Ich thue es nicht wieder, liebes Kind, ich sehe ein, daß es dumm ist. Und er begann zu essen. Während er aß, wiederholte er sich im stillen die Worte: »Ich hatte ganz den Kopf verloren. Verzeihen Sie mir und kommen Sie morgen 4 Uhr in den Park Monceau.« Sie war also besiegt, denn das hieß soviel als: »Ich ergebe mich. Ich gehöre Ihnen wann und wo Sie wollen.« Er fing an zu lachen. Magdalene fragte: – Was ist denn los? – Ach weiter nichts. Ich dachte an einen Pfaffen, dem ich vorhin begegnet bin, der so lächerlich aussah. Am andern Tag kam Du Roy pünktlich zum Stelldichein. Auf allen Bänken des Parkes saßen Leute, die die Hitze bedrückte, und nachlässige Kindermädchen, die zu träumen schienen, während die Kinder im Sand der Wege spielten. Er fand Frau Walter in der kleinen altertümlichen Ruine, wo eine Quelle plätschert. Mit unglücklichem, unsicherm Ausdruck machte sie die Runde in der engen Säulenhalle. Sobald er sie gegrüßt hatte, sagte sie: – Aber diese Menge Menschen hier! Er benutzte die Gelegenheit und sagte: – Ja, das ist wahr, wollen wir nicht wo anders hin? – Ja wohin? – Ganz gleich! Wir nehmen einen Wagen, wir ziehen auf Ihrer Seite die Vorhänge zu, da sieht Sie niemand. – Ja, das wäre besser. Hier sterbe ich vor Angst. – Schön, sagte Du Roy, kommen Sie in fünf Minuten an den Ausgang, der an den äußern Boulevard führt, dorthin hole ich eine Droschke. – Und er lief davon. Sobald sie ihn wieder getroffen hatte und das Fenster auf ihrer Seite verhüllt war, fragte sie: – Was haben Sie dem Kutscher gesagt? Wohin soll er fahren? Georg antwortete: – Kümmern Sie sich nicht weiter darum, er weiß schon Bescheid. Er hatte dem Kutscher die Adresse seiner Wohnung in der Rue de Constantinople genannt. Sie sagte: – Sie haben keine Ahnung, wie ich um Sie leide, wie mich das alles quält und peinigt. Ich war gestern hart gegen Sie in der Kirche, aber ich, wollte Sie fliehen um jeden Preis, ich hatte solche Angst mit Ihnen allein zu sein. Haben Sie mir verziehen? Er nahm ihre Hand und sagte: – Ja, ja, was sollte ich Ihnen nicht verzeihen, wenn ich Sie doch liebe, wie ich Sie liebe. Sie blickte ihn flehend an: – Aber hören Sie, schonen Sie mich, Sie dürfen nicht .. Sie dürfen nicht .. sonst kann ich Sie nicht wiedersehen. Zuerst antwortete er nicht. Jenes Lächeln spielte um seine Lippen, das die Frauen gewann, und er flüsterte endlich: – Ich bin Ihr Sklave. Da begann sie ihm zu erzählen, wie sie gemerkt, daß sie ihn liebe, als sie hörte, er würde Magdalene Forestier heiraten. Sie erzählte alle Einzelheiten, wann es gewesen und wie. Plötzlich schwieg sie. Der Wagen hatte gehalten. Du Roy öffnete die Thür. – Wo sind wir? fragte sie. Er antwortete: – Steigen Sie aus, und gehen Sie in dieses Haus, hier sind wir ungestörter. – Aber wo sind wir? – Bei mir! Es ist meine Junggesellenwohnung, die ich wieder gemietet habe .. auf ein paar Tage nur .. damit wir einen Winkel haben, wo wir uns sehen können. Sie hatte sich an die Polster des Wagens geklammert, entsetzt bei dem Gedanken, hier mit ihm allein zu sein und sie stammelte: – Nein, nein! Ich will nicht! Ich will nicht! Er sagte mit nachdrücklichem Tone: – Ich schwöre Ihnen, daß ich Sie schonen werde. Kommen Sie. Man wird ja auf uns aufmerksam. Die Leute werden gleich stehen bleiben. Schnell! schnell! Steigen Sie aus. Und er wiederholte: – Ich schwöre, daß ich Sie schonen werde. Ein Weinhändler stand unter seiner Thür und sah ihnen neugierig zu. Das Entsetzen kam über sie und sie huschte ins Haus. Sie wollte die Treppe hinauf. Er hielt sie am Arm zurück. – Hier unten ist es! Er stieß sie in seine Wohnung. Sobald er die Thür geschlossen hatte, packte er sie wie seine Beute. Sie wehrte sich, kämpfte und stammelte: – O mein Gott! O mein Gott! Er küßte ihr Hals, Augen und wütend die Lippen, ohne daß sie sich seiner heißen Liebkosungen erwehren tonnte. Und während sie ihn zurückstieß und seinem Mund auswich, erwiderte sie, ohne es zu wollen, seine Küsse. Plötzlich gab sie den Widerstand auf und besiegt und ergeben ließ sie sich entkleiden. Geschickt und schnell mit leichter Hand, wie eine Zofe, zog er ihr die einzelnen Kleidungsstücke aus. Sie hatte ihm ihre Taille entrissen, um ihr Gesicht darin zu verstecken und blieb so, ganz in weiß inmitten ihrer Röcke stehen, die zu ihren Füßen gesunken waren. Er ließ ihr die Schuh und trug sie auf den Armen zum Bett. Da flüsterte sie ihm ins Ohr mit gebrochener Stimme: – Ich schwöre Ihnen .... ich schwöre Ihnen ... ich habe nie einen Liebhaber gehabt. – Als ob ein junges Mädchen gesagt hätte: »Ich schwöre Ihnen, daß ich Jungfer bin.« Und er dachte: »Das ist mir höchst schnuppe!« V Es war Herbst geworden. Die Du Roys waren den ganzen Sommer in Paris geblieben und hatten in der › Vie française ‹, während der kurzen Ferien des Abgeordnetenhauses einen energischen Feldzug zu Gunsten des neuen Kabinets geführt. Obgleich eben erst der Oktober angebrochen war, sollte doch die Kammer wieder zusammen treten, denn die Angelegenheiten in Marokko nahmen einen drohenden Charakter an. Eigentlich glaubte niemand an eine Expedition nach Tanger. Obgleich an dem Tag, als das Parlament sich gespalten, ein Abgeordneter der Rechten, Graf von Lambert-Sarrazin in einer geistvollen Rede, die sogar beim Zentrum Beifall gefunden, seinen Schnurrbart, wie einst ein berühmter Vize- König von Indien, gegen den Backenbart des Minister-Präsidenten hatte einsetzen wollen, daß das neue Kabinet nichts anderes würde thun können, als eine Armee nach Tanger zu schicken, ein Gegenstück zu der in Tunis, nur der Symmetrie wegen, wie man auf den Kamin zwei Vasen stellt. Er hatte hinzugefügt: »Meine Herren, der afrikanische Boden ist in der That für Frankreich ein Kamin, der unser bestes Holz verbrennt, ein Kamin mit mächtigem Zuge, den man mit Banknoten heizt. Sie haben sich die künstlerische Laune geleistet, die linke Ecke mit einem tunesischen Kunstwerk zu verzieren, das Ihnen teuer kommt, und Sie werden sehen, daß Herr Marrot seinen Vorgänger nachahmen und auf der rechten Ecke ein marokkanisches Kunstwerk aufstellen wird.« Diese Rede, die gewissermaßen berühmt geworden war, hatte Du Roy die Unterlage gegeben zu zehn Artikeln über die Kolonie Algerien, für eine ganze Reihenfolge von Artikeln, die er damals, nach seinem ersten Auftreten in der Zeitung, unterbrochen hatte. Er hatte energisch den Gedanken einer militärischen Expedition verfochten, obgleich er überzeugt war, daß sie nie stattfinden würde, und er hatte die patriotische Saite erklingen lassen und Spanien mit allen niederziehenden Gemeinheiten bedacht, die man gegen Völker anwendet, deren Interessen den unsern entgegen stehen. Die › Vie française ‹ hatte wegen ihrer bekannten Beziehungen zu den Machthabern großen Einfluß gewonnen. Sie brachte die politischen Neuigkeiten vor den ernstesten Blättern und ließ die Ansichten der ihr befreundeten Minister durchblicken, und die meisten Blätter von Paris wie auch die Provinzzeitungen suchten bei ihr Neuigkeiten zu erfahren. Sie wurde fortwährend zitiert, man fürchtete sie und begann sie zu achten. Jetzt war sie nicht mehr das zweifelhafte Organ einer Gruppe von politischen Ränkeschmieden, sondern das erklärte Organ der Regierung. Laroche-Mathieu war die Seele des Blattes und Du Roy sein Sprachrohr. Der alte Walter wußte zu verschwinden. Er blieb der stumme Abgeordnete, der verschmitzte Herausgeber und betrieb im stillen, hieß es, eine riesige Kupferminen- Spekulation in Marokko. Magdalenes Salon war ein einflußreicher Mittelpunkt geworden, wo sich jede Woche mehrere Mitglieder des Kabinets trafen. Sogar der Minister-Präsident hatte zweimal bei ihr gegessen, und die Frauen der Staatsmänner, die früher gezögert ihre Schwelle zu betreten, rühmten sich nun ihre Freundinnen zu sein, und besuchten sie öfter, als Magdalene sie aufsuchte. Der Minister des Aeußeren war fast Herr im Hause. Zu allen möglichen Stunden kam er, brachte Telegramme, Auskünfte, Nachrichten, die er entweder dem Mann oder der Frau diktierte, als wären sie seine Sekretäre. Wenn dann Du Roy, nachdem der Minister fortgegangen war, mit Magdalene allein blieb, ward er wütend und schleuderte Drohungen und Verdächtigungen gegen diesen mittelmäßigen Emporkömmling. Aber sie zuckte verachtungsvoll die Achseln und meinte: – Thu es ihm doch nach! Werde doch Minister und dann kannst Du reden, aber bis dahin sei ganz still! Er drehte den Schnurrbart und blickte sie von der Seite an: – Wer weiß, was ich noch mal werde. Das wird sich schon eines Tages zeigen! Sie antwortete philosophisch: – Kommt Zeit, kommt Rat! Am Morgen der Eröffnung der Kammer lag die junge Frau noch im Bett und gab ihrem Mann noch allerlei Aufträge, während er sich anzog, um bei Laroche zu frühstücken, wobei er vor der Sitzung noch die Unterlagen bekommen sollte für ben Leitartikel des andern Tages in der › Vie française ‹ denn dieser Leitartikel sollte eine Art offiziöses Programm des neuen Kabinets werden. Magdalene sagte: – Vor allem vergiß nicht ihn zu fragen, ob General Belloncle, wie zuerst behauptet wurde, nach Oran geschickt wird. Das wäre natürlich sehr wichtig! Georg antwortete nervös: – Ich weiß doch eben so gut wie Du, was ich zu thun und zu lassen habe. Laß mich doch mal in Ruhe! Immer dieselbe Leier! Sie antwortete ruhig: – Lieber Freund, Du vergißt immer die Hälfte aller Aufträge, die ich für den Minister habe. Er brummte: – Ach, Dein Minister fängt an langweilig zu werden! Der Kerl ist ein Gimpel! Sie sagte ganz ruhig: – Er ist ebensogut Dein Minister, wie meiner; jedenfalls ist er Dir nützlicher als mir. Er hatte sich zu ihr umgewendet und lächelte: – Bitte, er macht mir nicht den Hof. Sie erklärte langsam: – Mir übrigens auch nicht! Aber unser Glück macht er. Er schwieg, dann sagte er nach einem Augenblick: – Weißt Du, wenn ich zwischen Deinen Anbetern zu, wählen habe, ist mir das alte Rindvieh der Vaudrec doch noch lieber. Was macht er denn eigentlich? Ich habe ihn seit acht Tagen nicht gesehen. Sie antwortete ohne Erregung: – Er hat mir geschrieben, er wäre bettlägerig. Er hat einen Gichtanfall gehabt. Du könntest Dich eigentlich nach ihm erkundigen. Du weißt doch, daß er Dich sehr gern hat. Es würde ihm Freude machen. Georg antwortete: – Gewiß, ich gehe nachher hin. Er hatte sich fertig angezogen, den Hut aufgesetzt und überlegte, ob er nicht etwas vergessen hätte. Er fand nichts, trat an das Bett und küßte seine Frau auf die Stirn: – Auf Wiedersehen, liebes Kind, ich kann vor frühestens sieben Uhr nicht zurück sein. – Und er ging davon. Herr Laroche-Mathieu erwartete ihn. An diesem Tage frühstückte er schon um zehn Uhr. Der Ministerrat sollte um zwölf Uhr zusammen treten, ehe das Parlament eröffnet würde. sie bei Tisch saßen – es war nur noch der Privatsekretär des Ministers da, weil Frau Laroche ihre Frühstücksstunde nicht hatte verlegen wollen – sprach Du Roy von seinem Artikel. Er gab den Gedankengang an, nach den Notizen, die er sich auf einer Visitenkarte gemacht. Als er fertig war, fragte er: – Ist irgend etwas zu ändern, Herr Minister? – Sehr wenig, lieber Freund. Vielleicht sind Sie in der marokkanischen Angelegenheit zu positiv. Sie können von der Expedition sprechen, als würde sie unternommen; aber es muß doch heraus klingen, daß sie nicht stattfinden wird, und daß Sie absolut nicht daran glauben. Richten Sie es so ein, daß die Leute zwischen den Zellen lesen, daß wir uns auf das Abenteuer nicht einlassen. – Ich verstehe schon, und ich werde es schon machen. Übrigens hat mir meine Frau aufgetragen, bei dieser Gelegenheit zu fragen, ob General Belloncle eigentlich nach Oran geschickt wird? Nach dem was Sie da sagen, denke ich Wohl, nein. Der Staatsmann antwortete: – Nein! Dann sprach man von der Kammereröffnung. Laroche- Mathieu fing an, eine lange Rede zu halten, indem er sich auf wirksame Redewendungen vorbereitete, mit denen er ein paar Stunden später seine Kollegen überschütten wollte. Er gestikulierte mit der rechten Hand, hob ab und zu die Gabel oder das Messer oder ein Stück Brot und wendete sich, ohne jemanden dabei anzublicken, an die unsichtbare Versammlung. So entlud sich seine süßliche Beredsamkeit. Sein winziger gedrehter Schnurrbart endete in zwei Spitzchen, gleich ein paar Skorpionenstacheln, und sein pomadisiertes Haar, das in der Mitte gescheitelt war, kräuselte sich an den Schläfen in zwei großen Bogen, wie bei einem Provinzdandy. Er war ein wenig zu dick, etwas aufgeschwemmt, trotz seiner Jugend; die Weste spannte sich über seinem Bäuchlein. Der Privatsekretär aß und trank ganz ruhig weiter, er war wohl diese Ströme von Beredsamkeit gewöhnt. Aber Georg, dem der Erfolg jenes am Herzen fraß, dachte: »Rede nur immer zu. Was seid ihr Politiker doch für Idioten.« Und indem er seinen eignen Wert mit der geschwätzigen Wichtigkeit dieses Ministers verglich, sagte er sich: »Verflucht, wenn ich nur hunderttausend Franken hätte, um mich in meiner schönen Heimat Rouen als Abgeordneter aufstellen zu lassen und meine braven, gerissenen, schwerfälligen normannischen Landsleute trotz ihrer Schlauheit reinzulegen! Was für ein Staatsmann würde ich werden, im Vergleich zu diesem impotenten Gesindel!« Bis zum Kaffee schwatzte Laroche-Mathieu. Als er dann sah, daß es spät geworden war, klingelte er nach dem Wagen und streckte dem Journalisten die Hand entgegen: – Lieber Freund, wir sind einig! Nicht wahr? – Vollkommen, liebe Exzellenz, zählen Sie auf mich! Und Du Roy ging langsam zur Redaktion, um seinen Artikel zu beginnen, denn bis vier Uhr hatte er nichts vor. Zu dieser Stunde sollte er in der Rue de Constantinople Frau von Marelle treffen, die er regelmäßig, zweimal wöchentlich, Montag und Freitag, sah. Aber als er auf die Redaktion kam, wurde ihm ein Telegramm überreicht. Es war von Frau Walter und lautete: »Ich muß Dich durchaus heute sprechen. Etwas sehr, sehr Wichtiges. Erwarte mich um zwei Uhr Rue de Constantinople. Ich kann Dir einen großen Dienst leisten. Bis in den Tod getreu Virginie.« Er fluchte: – Gott verdamm mich! So eine Klette! – Und von einem Anfall schlechter Laune gepackt, ging er sofort aus, denn er war zu wütend, als daß er hätte arbeiten können. Seit sechs Wochen versuchte er mit ihr zu brechen, ohne daß es ihm gelungen wäre, ihre zähe Zuneigung zum Wanken zu bringen. Nach jenem Tage hatte sie einen fürchterlichen Reueanfall gehabt und die drei nächsten Male, wo sie sich trafen, ihren Geliebten mit Vorwürfen und Verwünschungen überschüttet. Diese Scenen ärgerten ihn, und er hatte längst genug von dieser reifen, alles gleich tragisch nehmenden Frau, So hatte er sich einfach nicht mehr gezeigt und hoffte, daß dies kleine Verhältnis damit zu Ende sei. Aber da hatte sie sich an ihn gehängt mit der Kraft der Verzweiflung, indem sie sich in dieses Liebesabenteuer stürzte, wie man sich ins Wasser stürzt, einen Stein um den Hals. Aus Schwäche, aus Liebenswürdigkeit, aus Rücksicht hatte er sich immer wieder einfangen lassen, und nun bestürmte sie ihn mit maßloßen, ermüdenden Zärtlichkeiten und verfolgte ihn mit ihrer Liebe. Sie wollte ihn täglich sehen, bestellte ihn alle Augenblicke durch ein Telegramm, um ihn flüchtig an einer Straßenecke zu treffen, in einem Laden oder in den Anlagen. Da wiederholte sie immer mit denselben Worten, daß sie ihn anbete und verehre, und verließ ihn, indem sie schwur, sie wäre »glückselig gewesen ihn nur gesehen zu haben.« Sie zeigte sich ganz anders, als er sie gedacht, sie versuchte ihn mit allerlei kindischen und für ihr Alter lächerlichen Liebkosungen an sich zu fesseln. Bis dahin war sie durchaus rein gewesen, jungfräulichen Herzens, keinem Gefühl, keiner Sinnlichkeit zugänglich, und nun brach es bei dieser vernünftigen Frau – deren ruhige Vierzig wie ein blasser Herbst nach kühlem Sommer erschienen – hervor, gleich einem welken Frühling voll kleiner verkümmerter Blumen, verkrüppelter Johannistriebe: das seltsame Erblühen einer mädchenhaften Liebe, zögernd, glühend und harmlos zugleich, bald stürmisch, bald thränenreich wie bei einer Sechzehnjährigen, von lästiger Zärtlichkeit und einer Anmut, die alt war ohne jung gewesen zu sein. Sie schrieb ihm zehn Briefe täglich, albern und verrückt, in Poetischem und lächerlichem Stil, voll Tier- und Vogelnamen, in der bilderreichen Sprache der Indianer. Sobald sie allein waren, küßte sie ihn mit einem Gethue wie ein großes Kind, einer lächerlichen Art die Lippen zu spitzen und indem sie umher sprang, wobei ihr zu starker Busen unter dem Kleide auf und nieder wogte. Am meisten brachte es ihn zur Verzweiflung, wenn sie ihn »mein Hundel,« »mein Katzerl,« »meine kleine Maus,« »mein Kleinod,« »mein Schatz,« »mein Vögelchen« nannte, was jedesmal begleitet war von kindischem Zieren und kleinen Bewegungen der Aengstlichkeit, die sie offenbar für sehr nett hielt, und mit allerlei spielerigen Manieren eines verdorbenen Pensionsmädchens. Sie fragte:– Wessen Mund ist das? – Und wenn er nicht sofort antwortete: – Meiner! – wiederholte sie die Frage, bis er vor Nervosität rasend ward. Er meinte, sie müsse fühlen, daß die Liebe Takt, Geschicklichkeit, Klugheit und äußerste Richtigkeit im Benehmen verlange; sie, die ältere Frau, die Dame der Gesellschaft, die Mutter, müsse sich ihm hingeben mit würdigem Ernst, mit einer Art gehaltener Leidenschaft, streng, auch mit Thränen, ja, aber mit denen einer Dido nicht einer Julia. Sie wiederholte unausgesetzt: – Ich habe Dich so lieb, Herzchen! Liebst Du mich eben so sehr, mein Kindel? »Herzchen« konnte er schon gar nicht mehr hören, noch »mein Kindel«, ohne daß ihn die Lust anwandelte, sie »liebe Alte« zu nennen. Sie sprach zu ihm: – Ich bin ja verrückt, Dir anzugehören, aber ich bereue es nicht. Die Liebe ist doch so süß. Alles dies klang aus diesem Munde so, daß Georg jedesmal wütend ward. Sie sagte: »Die Liebe ist so süß,« etwa im Ton, wie eine Naive auf dem Theater. Und dann brachte ihn ihre Ungeschicklichkeit in der Liebe zur Verzweiflung. Sie, in der plötzlich die Sinnlichkeit erwacht war unter dem Kuß dieses schönen Kerls, der ihr Blut entflammte, zeigte in ihrer Hingabe eine kraftlose Glut, einen eifervollen Ernst, bei dem Du Roy einfach lachen und an Leute denken mußte, die im Greisenalter anfangen wollen, lesen zu lernen. Und statt ihn zu ersticken in ihrer Umarmung, statt ihn zu durchflammen mit jenem tiefen, fürchterlichen Blick, den gewisse Frauen haben, die, im Verblühen noch von stolzer Schönheit sind in ihrer letzten Liebe, – statt ihn mit stummem, zuckendem Munde zu beißen, während ihr üppiger, glühender Leib, erschlafft aber unersättlich, ihn umklammerte – hopste sie umher wie ein Gassenmädel und lallte gleich einen kleinen Kinde, um sich niedlich zu machen: – Is hab' Dis lieb, mein Kindel. Is hab' Dis so lieb. Gieb ein ßönes Tüßchen Deiner kleinen Frau! Da packte ihn eine tolle Wut zu fluchen, seinen Hut zu nehmen, fort zu laufen, und hinter sich die Thür zuzuschmeißen. In der ersten Zeit hatten sie sich Rue de Constantinople gesehen. Aber Du Roy fürchtete ein Zusammentreffen mit Frau von Marelle und fand jetzt tausend Vorwände, um ein solches Stelldichein zu hintertreiben. Dafür mußte er nun beinahe täglich zu ihr kommen, sei es zum Frühstück, sei es zum Mittagessen. Unter dem Tisch drückte sie ihm die Hand und hinter der Thür wollte sie ihn küssen. Aber ihm machte es vor allem Spaß, mit Susanne zu spielen, die ihn erheiterte durch ihr nettes Wesen. In ihrem Puppenleib steckte ein lebhafter schlauer Geist, der unvermutet aus seinem Versteck hervorbrach, wie der Bajazzo im Kasperletheater auf dem Jahrmarkte. Sie machte sich über alles und alle lustig, und Georg trieb sie noch mehr dazu an, und sie verstanden sich ausgezeichnet. Alle Augenblicke rief sie ihn: – Hören Sie mal, Liebling! Liebling, kommen Sie mal her! Dann verließ er die Mutter um zur Tochter zu laufen, die ihm irgend eine Bosheit ins Ohr flüsterte, über die er herzlich lachen mußte. Allmählich ekelte ihn die Liebe der Mutter geradezu und führte ihn zu unüberwindlichem Abscheu. Er konnte sie gar nicht mehr sehen, sie nicht hören, an sie nicht denken, ohne wütend zu werden. Er besuchte sie also nicht mehr, antwortete nicht mehr auf ihre Briefe und kam nicht mehr, wenn sie ihn bestellte. Endlich begriff sie, daß er sie nicht mehr liebte, und sie litt darunter fürchterlich. Aber sie war auf ihn versessen, lauerte ihm auf, folgte ihm, erwartete ihn in einer Droschke mit herabgelassenen Vorhängen, vor der Redaktion, an der Thür seines Hauses, in den Straßen, durch die er gehen mußte, wie sie hoffte. Er hatte Lust, sie zu mißhandeln, sie zu beschimpfen, sie zu schlagen und ihr ins Gesicht zu rufen: – Mach, daß Du fort kommst, ich kann Dich nicht mehr sehen. Aber er beherrschte sich noch immer in Rücksicht auf die › Vie française ‹ und versuchte durch Kälte, durch Härte unter dem Mantel äußerer Höflichkeit, ab und zu sogar durch grobe Worte ihr begreiflich zu machen, daß das aufhören müsse. Vor allen Dingen war sie nicht davon abzubringen, ihn in der Rue de Constantinople treffen zu wollen, und er zitterte unaufhörlich davor, daß sich die beiden Frauen eines Tages dort Auge in Auge gegenüberstünden. Seine Zuneigung zu Frau von Marelle war, im Gegensatz dazu, während des Sommers nur gewachsen. Er nannte sie: »Mein Bubi!« und sie gefiel ihm. Ihre Naturen paßten zu einander, sie waren aus demselben Holz geschnitzt und gehörten zu dem Abenteuerer-Geschlecht der Vagabunden des Lebens, jener Zigeuner der Gesellschaft, die, ohne es zu ahnen, den Zigeunern der Landstraße so ähnlich sind. Sie hatten einen wundervollen Liebessommer zusammen verlebt, die lustige Semesterehe eines Studenten mit seinem Mädel. Ab und zu kniffen sie aus und fuhren in die Umgebung von Paris, nach Argenteuil, Bougival, Maisons, Poissy zum Mittag- oder Abendbrot, zu stundenlangem Bootfahren und Blumenpflücken an den Ufern. Sie liebte die gebackenen Seinefische, die Kaninchenragouts und Fischgerichte, die es dort gab, die kleinen Lauben in den Kneipen, das Geschrei der Ruderer, über die Maßen. Ihm machte es Spaß an einem schönen Tage mit ihr oben auf dem Verdeck eines Vorstadtzuges hinaus zu fahren und unter Scherzen das häßliche Vorortgebiet von Paris zu durchfahren, wo die gräßlichen Landhäuser der Spießbürger liegen. Und wenn er heimkehren mußte, um bei Frau Walter zu essen, haßte er die hartnäckige alte Geliebte, indem er an die junge dachte, die er eben verlassen und die seine Begierde befriedigt, seine Glut gekühlt im hohen Ufergras des Flusses. Endlich meinte er, er sei die Frau des Chefs so ziemlich los; er hatte ihr ganz offen, beinah roh, seinen Entschluß, mit ihr zu brechen, mitgeteilt, und gerade da bekam er auf der Redaktion dieses Telegramm, das ihn nach der Rue de Constantinople rief. Als er auf der Straße dahin ging, las er es noch einmal: »Ich muß Dich durchaus heute sprechen. Ich kann Dir einen großen Dienst leisten. Bis in den Tod getreu Virginie.« Er dachte: »Was will denn nun wieder diese alte Nachteule von mir? Ich will doch wetten, sie hat mir gar nichts zu sagen. Sie will mir nur wiederholen, wie sie mich liebt, aber jedenfalls muß ich sie sehen. Sie spricht von einer wichtigen Sache, von einem großen Dienst, es könnte doch wahr sein. Aber Clotilde kommt um vier Uhr, spätestens um drei muß ich also die Alte rausschmeißen. Verflucht nochmal, wenn sie sich bloß nicht treffen. Verdammte Frauenzimmer- Wirtschaft!« Und er dachte daran, daß seine Frau eigentlich die einzige war, die ihn nie quälte. Sie lebte für sich, und scheinbar liebte sie ihn sehr, zu den der Liebe bestimmten Stunden, denn man durfte bei ihr niemals die Ordnung der gewöhnlichen Lebensverrichtungen stören. Mit langsamem Schritt ging er zum Stelldichein, indem er innerlich über die Frau des Chefs schimpfte: »Wenn sie mir aber nichts zu sagen hat, werde ich sie schön anlaufen lassen. Ein Bauerngeschimpf soll zahm sein gegen das, was ich ihr sage, vor allen Dingen werde ich ihr sagen, daß ich nie wieder einen Fuß zu ihr setze.« Und er betrat die Wohnung, um Frau Walter zu erwarten. Sie kam beinahe sofort, und sobald sie ihn sah, sagte sie: – Gott sei Dank, Du hast mein Telegramm bekommen! Er hatte einen bösen Ausdruck angenommen: – Ja, ich habe es auf der Redaktion gefunden, als ich gerade in die Kammer wollte. Was willst Du noch von mir? Sie hatte ihren Schleier in die Höhe geschlagen, um ihn zu küssen und näherte sich ihm mit furchtsamer, verschüchterter Miene, wie ein geprügelter Hund: – Du bist so hart gegen mich ... wie Du zu mir sprichst! .. Was habe ich Dir denn gethan? .. Du glaubst es nicht, wie ich durch Dich leide! – Geht es schon wieder los? – brummte er. Sie stand dicht neben ihm, nur ein Lächeln erwartend, um sich an seinen Hals zu werfen. Sie flüsterte: – Du hättest nicht mit mir anfangen sollen, Du hättest mich tugendhaft und glücklich lassen sollen, wie ich war. Weißt Du noch, was Du mir in der Kirche sagtest, wie Du mich hierher geschleppt hast? Und nun redest du so! Mein Gott! Wie thust Du mir weh! Er stampfte mit dem Fuße auf und sagte heftig: – Ach, ich habe genug davon! Wenn ich Dich eine Minute sehe, geht immer das alte Lied wieder los! Das ist ja wirklich, als hätte ich dich mit zwölf Jahren verführt und als wärest Du unschuldig gewesen wie ein Engel. Nein, meine Liebe, wir wollen mal bei den Thatsachen bleiben. Ich habe keine Minderjährige verführt. Du bist zu mir gekommen, als Du alt und vernünftig genug warst. Ich danke Dir, ich bin Dir äußerst dankbar, aber ich kann Dir doch nicht bis zu meinem Ende am Unterrock hängen. Du bist verheiratet und ich auch, wir sind beide nicht frei, wir haben zusammen einen Scherz gemacht und nun ist es eben alle. Sie sagte: – Aber bist Du roh! Bist Du grob und unglaublich gemein! Nein, ein junges Mädchen war ich nicht mehr, aber ich hatte noch nie geliebt, nie einen Fehltritt gethan .. Er schnitt ihr das Wort ab: – Das hast Du mir schon zwanzig Mal gesagt, und ich weiß es. Aber Du hattest doch schon zwei Kinder, also bin ich doch wohl nicht der erste gewesen. Sie wich zurück: – Georg, das ist schamlos! Sie preßte beide Hände auf die Brust, begann nach Atem zu ringen, und schließlich stiegen ihr die Thränen herauf. Als er die Thränen kommen sah, nahm er seinen Hut von der Kaminecke: – Ach so, Du willst heulen, na dann adieu! Zu so 'ner Komödie hast Du mich kommen lassen? Sie trat ihm in den Weg, zog schnell ihr Taschentuch hervor und wischte sich mit kräftiger Bewegung die Augen. Sie zwang sich, ihrer Stimme Festigkeit zu geben und sagte, nur einmal von einem Schmerzensausbruch unterbrochen: – Nein .. ich bin gekommen um Dir .. eine Nachricht zu bringen .. eine politische Nachricht! Um es Dir möglich zu machen fünfzigtausend Franken zu verdienen, oder wenn Du willst noch viel mehr. Er fragte plötzlich weicher geworden: – Wieso denn? Was meinst Du damit? – Ich habe gestern abend zufällig ein paar Worte meines Mannes gehört, die er mit Laroche wechselte; übrigens nahmen sie sich vor mir nicht sehr in Acht. Aber Walter legte dem Minister ans Herz, Dich nicht ins Vertrauen zu ziehen, weil Du alles enthüllen würdest. Du Roy hatte seinen Hut auf einen Stuhl gesetzt und wartete mit gespannter Aufmerksamkeit: – Also, um was handelt es sich? – Sie wollen Marokko nehmen! – Ach, ist nicht möglich? Ich habe mit Laroche gefrühstückt und da hat er mir die Absichten des Kabinets beinah in die Feder diktiert! – Nein, lieber Georg, sie haben Dich an der Nase herum geführt, weil sie Angst haben, daß ihr Coup bekannt würde. – Setze Dich, – sagte Georg. Und er setzte sich selbst in einen Stuhl. Da zog sie einen kleinen Schemel heran, ließ sich darauf nieder, zwischen den Knieen des jungen Mannes und begann schmeichelnd: – Da ich immer an Dich denke, achte ich jetzt auf alles, was um mich herum geflüstert wird. Und sie begann, ganz leise ihm auseinander zu setzen, wie sie seit einiger Zeit erraten hätte, daß man hinter seinem Rücken etwas plane und sich zwar seiner bedienen wolle, aber sich vor seiner Konkurrenz fürchte. Sie sagte: – Weißt Du, wenn man liebt wird man gerissen. Endlich gestern hatte sie die Sache verstanden. Es handelte sich um ein großes Geschäft, ein Riesengeschäft, das im stillen vorbereitet ward. Sie lächelte jetzt glückselig über ihre Geschicklichkeit, sie ward ganz aufgeregt und sprach wie die Frau eines Geldmannes, die gewöhnt ist Börsencoups anbahnen zu sehen, Schwankungen in den Werten, Hausse und Baisse, die binnen zwei Stunden tausende von kleinen Bürgersleuten und kleinen Rentnern ruinieren und um ihre Ersparnisse bringen, die sie in Papieren angelegt haben, deren Bonität von geehrten angesehenen Leuten, Politikern und Bankiers, garantiert ist. Nun fuhr sie fort: – O sie haben ein Riesengeschäft vor, Walter hat alles ausgeheckt und der versteht es. Es ist wirklich eine große Sache. Er wurde ungeduldig durch die lange Vorrede: – Sag doch. – Also, es handelt sich um folgendes: Die Expedition nach Tanger war zwischen ihnen beschlossene Sache vom Tage an, da Laroche das Auswärtige übernahm, und allmählich haben sie die ganze marokkanische Anleihe, die auf vierundsechzig oder fünfundsechzig Franken gefallen war, aufgekauft. Sie haben es sehr geschickt gemacht durch kleine Pfuschmakler, sodaß kein Mensch Verdacht schöpfen konnte. Sie haben sogar Rothschilds reingelegt, die sich wunderten, daß immer Marrokkaner gefragt wurden. Man hat sie beruhigt, indem man ihnen die kaufenden Makler namhaft machte, alles verkommene Subjekte oder outsiders Damit hat sich die große Bank zufrieden gegeben. Aber nun wird man die Expedition abschicken, und sobald unsre Truppen einmal dort sind, wird der französische Staat die Garantie für die marokkanische Schuld übernehmen. Dann haben unsre Freunde fünfzig oder sechszig Millionen gewonnen. Verstehst Du die Geschichte jetzt? Nun kannst Du auch begreifen wie man sich vor jedem Mitwisser fürchtet, wegen der Gefahr einer Indiskretion. Sie hatte den Kopf an die Brust des jungen Mannes gelehnt, und ihre Arme ruhten auf seinen Knieen, sie preßte und schmiegte sich an ihn, sie fühlte, daß sie ihm jetzt interessant war, und war bereit alles zu thun, alles zu begehen um einen Kuß, um ein Lächeln: Er fragte: – Bist Du auch Deiner Sache sicher? Sie antwortete bestimmt: – Ganz sicher: Da meinte er: – Das ist allerdings ein kolossaler Coup. Aber diesem Schmierfinken dem Laroche, dem werde ich eins auswischen. Der Lump, soll sich vor mir in Acht nehmen. Er soll sich bloß in Acht nehmen, den Ministerrock reiße ich ihm 'runter! Dann begann er nachzudenken und brummte: – Aber die Gelegenheit muß man benutzen. – Du kannst noch von den Papieren kaufen, sie stehen zweiundsiebzig. Er antwortete: – Ja, ich habe aber kein Geld zur Verfügung! Sie blickte ihn flehend an: – Daran habe ich gedacht, und wenn Du sehr, sehr nett zu mir bist, wenn Du mich nur ein bißchen lieb hast, da erlaubst Du mir, daß ich Dir etwas borge. Er antwortete ernst, fast hart: – Nein, das auf keinen Fall! Sie sagte mit flehender Stimme: – Höre, es giebt ja einen Ausweg etwas zu machen, ohne das Geld zu borgen. Ich wollte von den Papieren für zehntausend Franken kaufen um mir Nadelgeld zu schaffen. Nun so kaufe ich eben für zwanzigtausend Franken und Du beteiligst Dich zur Hälfte. Weißt Du, das bekommt natürlich Walter nicht. Wenn die Geschichte glückt, gewinnst Du siebenzigtausend Franken, wenn sie nicht glückt, bist Du mir zehntausend Franken schuldig, die Du mir wiedergeben kannst, wann es Dir paßt. Er sagte noch einmal: – Nein, solche Geschäfte liebe ich nicht! Da setzte sie ihm, um ihn zu überreden, allerlei auseinander, bewies ihm, daß es sich in Wirklichkeit nur um zehntausend Franken auf sein Wort handele, daß er infolgedessen auch Gefahr liefe es zu verlieren, und daß sie ihm persönlich nichts borge, denn das Bankhaus Walter lege doch die Summe aus! Unter anderem erklärte sie ihm, daß er es doch gewesen, der in der › Vie française ‹ die ganze politische Campagne geführt habe, die dieses Geschäft überhaupt bloß möglich mache und daß er zu naiv wäre, wenn er keinen Vorteil daraus ziehen wolle. Als er noch zögerte, schloß sie: – Aber überlege doch nur, daß Dir eigentlich Walter die zehntausend Franken borgt und daß Du ihm Dienste geleistet hast, die viel mehr wert sind, als das. – Gut, einverstanden! Ich mache Halbpart mit Dir. Verlieren wir, zahl ich Dir zehntausend Franken! Sie war so glücklich, daß sie aufsprang, seinen Kopf in beide Hände nahm und ihn glühend küßte. Zuerst wehrte er sich nicht, aber als sie zärtlicher ward, ihn an sich zog, ihn mit Liebkosungen bedeckte, dachte er daran, daß die andere nachher kommen würde, er Zeit verlor, wenn er schwach wurde und zugleich in den Armen der Alten eine Glut ließ, die er besser der Jungen aufhob. Darum stieß er sie leise von sich und sagte: – Ach was, sei vernünftig! Sie blickte ihn verzweifelt an: – Ach Georg, ich darf Dich nicht einmal mehr küssen? Er antwortete: – Nein, heute nicht. Ich habe Kopfschmerzen und dadurch wird's schlimmer! Da setzte sie sich wieder hin, ganz folgsam zwischen seine Kniee und fragte: – Willst Du morgen bei uns essen? Du würdest mich dadurch so glücklich machen! Er zögerte, aber er wagte nicht ›nein‹ zu sagen, und sagte zu: – Gut, ich komme! – Ich danke Dir, Du lieber Mann. Sie rieb zärtlich ihre Wange in regelmäßiger Bewegung an der Brust des jungen Mannes und eines ihrer langen, schwarzen Haare verfing sich dabei an seiner Weste. Sie bemerkte es und plötzlich kam sie auf eine tolle Idee, eine jener abergläubischen Ideen, die oft alles bei der Frau bedeuten. Ganz langsam begann sie dieses Haar um einen der Knöpfe zu wickeln, den nächsten Knopf umschlang sie mit einem zweiten, ein drittes Haar befestigte sie an einem andern Knopf und endlich an jedem Knopf eins. Wenn er nachher aufstand, würde er sie abreißen, er würde ihr weh thun, o welches Glück! Und ohne es zu wissen nähme er etwas von ihr mit sich, eine kleine Locke ihres Haars, um die er sie nie gebeten. Sie fesselte ihn durch ein geheimes, unsichtbares Band an sich, sie ließ einen Talisman an ihm zurück: ohne es zu wollen, müßte er an sie denken, von ihr träumen und sie vielleicht in den nächsten Tagen etwas mehr lieb haben. Da sagte er plötzlich: »Ich muß Dich jetzt verlassen, denn man erwartet mich in der Kammer für das Ende der Sitzung. Heute darf ich nicht fehlen.« Sie seufzte: »Ach, schon?« Dann sagte sie mit Ergebung: »Geh mein Liebling, aber Du kommst morgen zu Tisch.« Und plötzlich beugte sie sich zurück. Sie spürte auf dem Kopf einen heftigen Schmerz, als ob man sie mit hundert Nadeln gestochen. Ihr Herz schlug, sie war glücklich, durch ihn gelitten zu haben. – Adieu! sagte sie. Er schloß sie lächelnd in die Arme und küßte sie kalt auf die Augen. Aber sie, die durch diese Berührung wieder ganz erregt worden war, murmelte: »Schon? – Und ihr flehender Blick suchte das Nebenzimmer, dessen Thür offen stand.« Er schob sie von sich und sagte eilig: »Ich muß fort, ich komme sonst zu spät.« Da hielt sie ihm die Lippen hin, die er kaum berührte, und nachdem er ihr ihren Sonnenschirm gegeben, den sie vergessen, sagte er: »Nun, vorwärts! Schnell, es ist schon drei vorbei!« Sie ging vor ihm hinaus, indem sie nochmals sagte: – Morgen um sieben! Er antwortete: – Gut, ich werde kommen! – Sie trennten sich, sie wandte sich rechts, er links. Du Roy ging bis zum äußeren Boulevard, dann bummelte er langsam den Boulevard Malesherbes zurück. Als er bei einem Zuckerbäcker vorüber kam, sah er glasierte Maronen in einer Kristallschale und dachte: »Ich bringe Clotilde ein paar mit.« Und er kaufte eine Düte voll dieser gezuckerten Früchte, die sie so sehr liebte. Um vier Uhr kehrte er zurück, um die junge Geliebte zu erwarten. Sie traf etwas zu spät ein, weil ihr Mann eben auf acht Tage angekommen war. Sie fragte: – Kannst Du morgen bei uns essen? Mein Mann würde sich freuen. – Nein, ich muß beim Chef essen. Wir haben eine Menge politischer und finanzieller Geschäfte, die uns in Anspruch nehmen. – Sie hatte ihren Hut abgenommen und zog nun die Taille aus, die sie beengte. Er deutete auf die Düte auf dem Kamin: – Ich habe Dir glasierte Maronen mitgebracht! Sie klatschte in die Hände: – Das ist schön! Du bist nett! Sie nahm sie, kostete eine und sagte: – Ach, sie schmecken zu schön! Ich weiß schon, daß keine übrig bleiben wird! Dann fügte sie hinzu, indem sie lächelnd Georg sinnlich betrachtete: – Du leistest allen meinen Lastern Vorschub! Sie aß langsam die Maronen, blickte immerfort in die Düte, als wollte sie sehen, ob noch welche übrig blieben und sagte: – Da, setz Dich mal hier in diesen Stuhl, ich kauere mich zwischen Deine Kniee um meine Maronen zu knabbern. Das macht mir Spaß! Er lächelte, setzte sich und nahm sie zwischen die geöffneten Kniee, wie vorhin Frau Walter. Sie hob den Kopf zu ihm und, den ganzen Mund noch voll, sagte sie: – Denke Dir mal, ich habe von Dir geträumt. Ich träumte wir machten eine große Reise zusammen auf einem Kamel, das zwei Höcker hatte. Wir saßen jedes auf einem Höcker und so ging es durch die Wüste. Wir hatten in einem Stück Papier Butterbrote mit und Wein in einer Flasche. So frühstückten wir auf unserem Kamel, aber es paßte mir nicht, weil wir uns nicht nähern konnten. Wir waren zu weit von einander, und ich wollte von meinen Höcker herunter. Er antwortete: – Ich will auch herunter! Er lachte. Die Geschichte machte ihm Spaß, und er brachte sie dazu, allerlei Unsinn zu reden, zu schwatzen, all die Kindereien von Stapel zu lassen und all den Unsinn zu reden, womit Verliebte aufwarten können. Dieser Unsinn, der ihm reizend klang aus dem Munde der Frau von Marelle, hätte ihn rasend gemacht, wenn ihn Frau Walter gesprochen. Auch Clotilde nannte ihn: »Kleiner,« »Herzl,« »Mäuschen.« Aber diese Worte waren ihm wie eine Liebkosung, aus dem Munde der anderen vorhin hatten sie ihn wütend gemacht und ihm weh gethan; denn die Liebesworte nehmen den Geschmack der Lippen an, die sie aussprechen. Aber während er sich über ihre Scherze amüsierte, dachte er immer an die siebzigtausend Franken, die er gewinnen sollte, und plötzlich unterbrach er das Geschwätz seiner Freundin, indem er ihr zweimal auf den Kopf tippte: – Hör mal, Kleine, ich will Dir einen Auftrag für Deinen Mann geben. Sag ihm mal, ich ließe ihm sagen, er solle für zehntausend Franken marokkanische Rente kaufen. Sie steht auf zweiundsiebzig, ich verspreche ihm, daß er vor Ablauf eines Vierteljahres sechszig- bis achtzigtausend Franken daran verdient hat. Aber er muß absolut stillschweigen. Sag ihm, ich ließe ihm sagen, daß die Expedition nach Tanger beschlossene Sache ist, und daß der französische Staat die marokkanische Schuld übernimmt, aber verplappere Dich nicht mit andern, ich vertraue Dir da ein Staatsgeheimnis an. Sie hörte ihm ernsthaft zu und flüsterte: – Ich danke Dir, ich werde es gleich heute abend meinem Manne sagen. Du kannst auf ihn zählen, der schwatzt nicht. Er ist sehr zuverlässig, bei dem brauchst Du keine Angst zu haben! Sie hatte sämtliche Maronen gegessen, zerdrückte nun die Düte zwischen den Fingern und warf sie in den Kamin, dann sagte sie: – Nun wollen wir zu Bett gehen. Sie begann, ohne aufzustehen, Georgs Weste aufzuknöpfen. Plötzlich hielt sie inne und hielt mit zwei Fingern ein langes Haar hoch, das an einem Knopfe hängen geblieben war. Sie fing an zu lachen: – Da, sieh mal, Du hast ein Haar von Magdalene mitgeschleppt, das ist aber ein treuer Ehegatte. – Aber da ward sie ernst und betrachtete lange den dünnen Faden in ihrer Hand, den sie gefunden und sagte darauf: – Das Haar ist aber nicht von Magdalene, das Haar ist brünett. Er lächelte: – Wahrscheinlich von der Jungfer. Aber sie betrachtete die Weste mit der Aufmerksamkeit eines Polizisten und zog ein zweites Haar heraus, das sich um einen Knopf gewickelt, dann bemerkte sie ein drittes, ward bleich, erregt und rief: – Hör mal, Du bist mit einer Frau zusammen gewesen, die Dir ihre Haare an die Knöpfe gebunden hat. Er war erstaunt und stotterte: – Ach, Unsinn, Du bist verrückt! Plötzlich kam ihm die Erinnerung. Er begriff, war zuerst verlegen, leugnete dann lächelnd, eigentlich gar nicht böse, daß sie meinte, er habe Glück bei den Frauen. Sie suchte und fand noch immer Haare, riß sie mit einem Ruck ab, und warf sie auf den Teppich. Mit weiblicher Schlauheit hatte sie alles erraten und stammelte nun wütend den Thränen nahe: – Die liebt Dich .. Du solltest etwas von ihr bei Dir behalten .. O Du alter Betrüger! Aber plötzlich stieß sie einen gellenden Schrei nervöser Freude aus: – Nein, so was! Das ist eine Alte, da ein Weißes Haar. Jetzt nimmst Du schon alte Weiber! Sie bezahlten Dich wohl? Na, wenn Du schon auf die alten Weiber gekommen bist, da brauchst Du mich ja nicht mehr! Bei denen kannst Du bleiben! Sie erhob sich, lief zu ihrer Taille, die auf einem Stuhl lag und zog sie schnell an. Er wollte sie zurückhalten und stammelte beschämt: – Aber nein Clotilde, Du bist ja dumm. Ich weiß nicht, wo das Haar herkommt. Hör doch mal zu! Sei doch vernünftig! Bleib doch! Sie wiederholte: – Behalte doch Dein altes Weib! Du kannst Dir einen Ring aus ihren Haaren machen lassen, aus ihren weißen Haaren, die hier liegen, die reichen gerade .. Ruckweise, mit schnellen Bewegungen hatte sie sich angezogen, ihr Haar geordnet und den Schleier umgebunden. Als er sie zurückhalten wollte, gab sie ihm plötzlich mit aller Kraft eine Ohrfeige und während er noch ganz verdutzt dastand, öffnete sie die Thür und lief davon. Sobald er sich allein fand, packte ihn eine rasende Wut gegen die alte Kracke, die Frau Walter. Der wollte er es aber heimzahlen! Aber feste! Er badete seine rote Backe in der Waschschale, dann ging er auf Rache sinnend davon. Diesmal verzieh er ihr nicht! Jetzt war es aus! Er ging bis zum Boulevard, bummelte herum, blieb vor dem Laden eines Juweliers stehen, um einen Chronometer anzusehen, den er längst schon gern gekauft hätte, der aber achtzehnhundert Franken kostete. Plötzlich schwellte die Freude sein Herz als er dachte: »Wenn ich die siebzigtausend Franken gewinne, kann ich mir ihn kaufen« – und er überlegte sich, was er alles mit den siebzigtausend Franken anfangen konnte. Zuerst würde er sich zum Abgeordneten wählen lassen, dann den Chronometer kaufen, darauf an der Börse spielen und endlich ... Er wollte nicht in die Redaktion zurückkehren und lieber ehe er Walter sah und seinen Artikel schrieb, mit Magdalene Rücksprache nehmen. Und er machte sich auf den Heimweg. Als er schon bis zur Rue Drouot gekommen war, blieb er plötzlich stehen. Er hatte vergessen, sich nach dem Befinden des Grafen Vaudrec zu erkundigen, der Chaussee d'Antin wohnte. Er kehrte also bummelnd um, dachte in glücklichen Träumen an tausend süße Dinge, an zukünftiges Glück, und auch an diesen Schleicher Laroche und diese alte Klette, die Walter. Übrigens regte er sich über Clotildens Wut nicht weiter auf. Er wußte, sie verzieh ihm schnell. Als er den Portier des Hauses, das der Graf bewohnte, fragte er: – Wie geht es Graf Vaudrec? Ich habe gehört, daß er in den letzten Tagen leidend war. – Da antwortete der Mann: – Es geht dem Herrn Grafen sehr schlecht. Die Gicht ist aufs Herz gefallen. Die Nacht überlebt er kaum. Du Roy war so erschrocken, daß er nicht wußte, was er thun sollte. Vaudrec sterben? Allerlei Dinge, die er sich selbst nicht einzugestehen wagte, kamen ihm in den Sinn und verwirrten ihn. Er sagte: – Danke schön! Ich komme wieder. – Ohne eigentlich zu wissen, was er sprach. Dann sprang er in eine Droschke und ließ sich nach Haus fahren. Seine Frau war heimgekehrt. Er trat außer Atem ins Zimmer und teilte ihr sofort mit: – Weißt Du, daß Graf Vaudrec im Sterben liegt? Sie saß und las einen Brief. Sie blickte auf und sagte dreimal hinter einander: – Was? Was ist los? Was ist los? – Ich sage Dir, daß Graf Vaudrec im Sterben liegt, da die Gicht das Herz angegriffen hat. Dann fügte er hinzu: – Was gedenkst Du zu thun? Sie war totenbleich geworden, ihre Füße zitterten nervös. Sie hatte sich erhoben und fing nun fürchterlich an zu weinen, indem sie ihr Gesicht in den Händen verbarg. So blieb sie schluchzend stehen; aber plötzlich überwand sie den Schmerz und wischte sich die Augen: – Ich gehe hin. Ich gehe hin. Sei nicht besorgt um mich. Ich weiß nicht wann ich wieder komme. Du brauchst mich nicht zu erwarten. Er antwortete: – Gut, geh. Sie drückten sich die Hände, und sie lief so schnell davon, daß sie ihre Handschuh mitzunehmen vergaß. Nachdem Georg allein gegessen hatte, machte er sich an seinen Artikel. Er verfaßte ihn genau nach den Absichten des Ministers, indem er durchfühlen ließ, daß die Expedition nach Marokko nicht stattfinden würde. Dann brachte er ihn auf die Redaktion, sprach ein paar Augenblicke mit dem Chef und ging rauchend davon, erleichterten Herzens, ohne daß er eigentlich wußte warum. Seine Frau war nicht heimgekehrt. Er legte sich zu Bett und schlief ein. Gegen Mittemacht kehrte Magdalene zurück. Georg war plötzlich erwacht und richtete sich im Bett auf. Er fragte: – Nun? Er hatte sie noch nie so bleich und bewegt gesehen. Sie sprach vor sich hin: – Er ist tot. – Ach, hat er nicht mehr mit Dir gesprochen? – Nein! Als ich kam, hatte er schon die Besinnung verloren. Georg überlegte, allerlei Fragen kamen ihm in den Sinn, die er aber nicht auszusprechen wagte. – Geh zu Bett, sagte er. Sie zog sich schnell aus und glitt an seine Seite. Er fragte: – Waren Verwandte an seinem Krankenbett? – Nur ein Neffe. – Ah, besuchte ihn dieser Neffe häufig? – Nein, sie hatten sich seit zehn Jahren nicht gesehen. – Hatte er noch andere Verwandte? – Nein, ich glaube nicht. – Ist Vaudrec sehr reich? – Ja, sehr reich. – Was wird er denn so gehabt haben? – Ich weiß nicht recht, vielleicht ein, zwei Millionen. Er sagte nichts weiter. Sie blies das Licht aus, und sie blieben beide schweigend wach, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt Seite an Seite im Dunklen liegen. Er hatte keine Lust mehr zu schlafen. Jetzt fand er die siebzigtausend Franken die ihm Frau Walter versprochen, armselig. Plötzlich war es ihm, als weinte Magdalene, er fragte, um Gewißheit zu haben: – Schläfst Du? – Nein! Ihre Stimme zitterte thränenerstickt, und er sprach: – Ich habe Dir vorhin vergessen zu sagen, daß uns Dein Minister reingelegt hat. – Wieso denn? Und er erzählte ihr genau mit allen Einzelheiten den Coup, den Laroche und Walter vorbereiteten. Als er geendet hatte, fragte sie: – Woher weißt Du das? Er antwortete: – Wenn Du erlaubst, sage ich es Dir nicht. Du hast Mittel und Wege, Dich zu informieren, nach denen ich nicht frage, ich habe die meinen und möchte sie für mich behalten. Jedenfalls stehe ich für die Richtigkeit ein. Da flüsterte sie: – Ja, es ist schon möglich, ich ahnte, daß sie etwas im Schilde führen ohne uns. Aber Georg, der nicht schlafen konnte, hatte sich seiner Frau genähert und küßte sie leise aufs Ohr. Sie stieß ihn lebhaft zurück: – Bitte laß mich in Ruhe. Ich bin nicht in der Stimmung zu schäkern. Er ergab sich darein, wandte sich zur Wand, schloß die Augen und schlief endlich ein. VI Die Kirche war ganz mit Schwarz ausgeschlagen, und ein großes Wappenschild mit Krone deutete den Vorübergehenden an, daß ein Edelmann begraben wurde. Die heilige Handlung war eben beendet, die Teilnehmer gingen langsam davon, am Sarge vorüber, indem sie dem Neffen des Grafen Vaudrec ihr Beileid bezeigten. Er drückte ihnen die Hand und grüßte dankend. Als Georg Du Roy und seine Frau draußen standen, schritten sie nebeneinander nach Hause. Sie schwiegen, beide in Gedanken. Endlich sagte Georg als spreche er zu sich selbst: – Das ist wirklich sonderbar. Magdalene fragte: – Was denn lieber Freund? – Daß uns Vaudrec nichts hinterlassen hat. Sie errötete plötzlich, als hätte sich über ihren weißen Hals ein rosa Schleier gebreitet, der von der Brust ins Gesicht stieg. – Warum sollte er uns etwas hinterlassen, dazu liegt doch gar keine Veranlassung vor! – Dann fuhr sie nach kurzer Pause fort: – Vielleicht ist bei einem Notar ein Testament deponiert. Wir brauchen doch noch nichts davon zu wissen. Er dachte nach, dann brummte er: – Ja, das ist wahrscheinlich, denn er war doch eigentlich der beste Freund von uns beiden. Zweimal wöchentlich aß er bei uns, kam alle Augenblicke; er war bei uns eigentlich wie zu Hause. Er liebte Dich wie ein Vater, er hatte keine Familie, keine Kinder, keinen Bruder, keine Schwester, nur einen Neffen, einen entfernten Neffen. Ja, es muß ein Testament da sein. Ich erwarte gar nicht viel, nur ein Andenken, das uns bewiese, wie er die Zuneigung anerkannte, die wir für ihn hegten. Er war uns wohl einen Freundschaftsbeweis schuldig. Sie sagte gleichgiltig mit nachdenklicher Miene: – Es ist allerdings sehr möglich, daß ein solches Testament vorhanden ist. Als sie nach Hause kamen überreichte der Diener Magdalenen einen Brief. Sie öffnete ihn und gab ihn ihrem Mann. Er las: Dr. Lamaneur Notar 17 Rue Du Vosges. Geehrte Frau! Darf ich Sie bitten Dienstag, Mittwoch oder Donnerstag zwischen zwei und vier Uhr, in einer Angelegenheit, die Sie betrifft, in meinem Bureau vorsprechen zu wollen. Hochachtungsvoll ergebenst Lamaneur. Nun war Georg rot geworden: – Das wird es sein. Es ist komisch, daß Du hin zitiert wirst und nicht ich, der ich doch das Familienhaupt bin. Sie antwortete zuerst nicht, dann sagte sie nach kurzer Ueberlegung: – Wollen wir nachher hingehen? – Mir ist es recht! Sowie sie gefrühstückt hatten, gingen sie fort. Als sie das Bureau betraten, stand der Bureauvorsteher mit besonderer Zuvorkommenheit auf und ließ sie bei seinem Chef eintreten. Der Notar war ein kleiner, rundlicher Mann. Sein Kopf sah aus wie eine Kugel, die auf eine andere Kugel genagelt worden ist, welche von zwei so kleinen, kurzen Beinchen getragen wurde, daß sie eigentlich auch wie zwei Kugeln aussahen. Er grüßte, bat sie, Platz zu nehmen und wandte sich an Magdalene: – Gnädige Frau, ich habe Sie gerufen, um Ihnen das Testament des Grafen Vaudrec, das Sie betrifft, mitzuteilen. Georg konnte sich nicht enthalten auszurufen: – Das habe ich mir gedacht! Der Notar fuhr fort: – Ich werde Ihnen dieses, übrigens sehr kurze, Schriftstück, vorlesen: »Ich, Unterzeichneter, Paul Emil Cyprian Gontran Graf von Vaudrec setze bei vollem Bewußtsein meinen letzten Willen wie folgt fest: Da der Tod mir jeden Augenblick nahen kann, will ich mich darauf vorbereiten und schon jetzt mein Testament machen, das ich bei Dr. Lamaneur, Notar in Paris, hinterlege. Da ich keine direkten Leibeserben besitze, vermache ich mein ganzes Vermögen, bestehend aus Papieren und Effekten, im Werte von sechshunderttausend Franken, und Grundstücken im Werte von etwa fünfhunderttausend Franken an Frau Klara Magdalene Du Roy, ohne Lasten oder Abzüge. Ich bitte sie, diese Gabe eines toten Freundes anzunehmen, als Beweis tiefer und respektvoller Ergebenheit und Zuneigung.« Der Notar fügte hinzu: – Das ist alles, dieses Testament ist datiert vom letzten August und ist hinterlegt worden an Stelle eines andern, das vor zwei Jahren gemacht wurde und auf den Namen der Frau Klara Magdalene Forestier lautete. Ich bin im Besitze dieses ersten Testaments, welches im Falle einer Anfechtung von seiten der Familie beweisen könnte, daß sich der Wille des Grafen Vaudrec nicht geändert hat. Magdalene war bleich geworden und blickte zu Boden. Georg drehte nervös den Schnurrbart zwischen den Fingern, und der Notar fuhr nach kurzer Pause fort: – Natürlich Herr Du Roy, kann Ihre Ehefrau ohne Ihre Zustimmung das Legat nicht annehmen. Du Roy stand auf und sagte trocken: – Ich möchte Bedenkzeit haben. Der Notar lächelte, verneigte sich und antwortete in liebenswürdigem Ton: – Ich verstehe wohl das Bedenken, das Sie vielleicht haben. Und ich möchte noch hinzufügen, daß der Neffe des Grafen Vaudrec, der heute früh den letzten Willen seines Oheims eingesehen hat, bereit ist, ihn anzuerkennen, wenn ihm die Summe von hunderttausend Franken überlassen wird. Meiner Ansicht nach ist das Testament nicht anzufechten; aber ein Prozeß würde Lärm machen, den Sie vielleicht vermeiden möchten. Die Menschen sind oft scharf in ihrem Urteil. Jedenfalls können Sie mir wohl Ihre endgiltige Antwort bis Sonnabend zukommen lassen? Georg verbeugte sich: – Jawohl Herr Doktor. Dann machte er eine förmliche Verbeugung, ließ seine Frau, die kein Wort gesagt hatte, voran gehen, und schritt so steif hinaus, daß der Notar nicht mehr lächelte. Sobald sie zu Hause waren, schloß Du Roy heftig die Thür und warf seinen Hut aufs Bett: – Du bist Vaudrecs Geliebte gewesen, sagte er. Magdalene, die den Schleier ablegte, wandte sich heftig herum: – Ich? Oh! – Ja, Du! Man vermacht doch nicht einer Frau sein ganzes Vermögen, ohne daß .... Sie zitterte und brachte es nicht fertig, das durchsichtige Gewebe abzustecken, dann sagte sie nach kurzer Überlegung stammelnd und mit erregter Stimme: – Hör mal, Du bist .. Du bist .. verrückt! Hast Du .. hast Du .. hast Du .. denn nicht vorher selbst gehofft, daß .. er .. er Dir etwas vermachen würde? Georg blieb neben ihr stehen und verfolgte ihre erregten Gebärden wie der Richter, der die geringsten Blößen des Angeklagten zu erspähen sucht. Er sagte und betonte jedes einzelne Wort: – Ja, mir konnte er etwas hinterlassen, mir, Deinem Gatten .. mir, .. seinem Freund, aber nicht Dir, .. Dir, seiner Freundin, .. Dir meiner Frau. Das ist ein sehr wesentlicher, ein sehr bedeutender Unterschied vom Standpunkt des Taktes und der öffentlichen Meinung. Nun blickte ihm Magdalene fest in die Augen, forschend und eigentümlich, als wollte sie darin etwas lesen, als wollte sie darin das Innerste dieses Wesens entdecken, das man nie durchdringt, das man höchstens einmal eine kurze Sekunde flüchtig sieht, in jenen unbewachten Augenblicken des Sichgehenlassens, der Unaufmerksamkeit, die wie halb geöffnete Thüren sind zu den Geheimnissen der Seele. Und sie sagte langsam: – Ich denke doch, daß wenn ..... daß man ein so großes Legat an Dich mindestens ebenso seltsam gefunden haben würde. – Warum? – Weil .... Sie zögerte, dann fuhr sie fort: – Weil Du mein Mann bist, weil .. Du ihn eigentlich nur wenig kanntest, .. weil ich seit langer Zeit seine Freundin bin, .. weil schon sein erstes Testament noch zu Lebzeiten Forestiers, zu meinen Gunsten war. Georg lief mit großen Schritten hin und her und erklärte: – Du kannst es nicht annehmen! Sie antwortete gleichgiltig: – Schön, dann brauchen wir nicht bis Sonnabend zu warten, das können wir dem Notar gleich mitteilen. Er blieb vor ihr stehen, und wieder blickten sie sich einen Augenblick in die Augen, bemüht bis in die tiefsten Geheimnisse ihrer Seele zu dringen und ihre letzten Gedanken zu erraten. Sie versuchten in stummer brennender Frage ihre Seelen bloß zu legen: ein geheimer Kampf von zwei Wesen, die Seite an Seite leben und sich doch immer fremd sind, sich beargwöhnen, sich auflauern und spionieren, aber sich doch nie kennen lernen bis in den schlammigen Grund ihrer Herzen. Und plötzlich warf er ihr mit leiser Stimme ins Gesicht: – Jetzt gesteh, daß Du Vaudrecs Geliebte gewesen bist. Sie zuckte die Achseln: – Das ist lächerlich! Vaudrec hat immer eine große Zuneigung zu mir gehabt, viel .... aber nie mehr, ... nie! Er stampfte auf den Boden: – Du lügst, das ist unmöglich. Sie antwortete ganz ruhig: – Aber es ist so. Er begann wieder hin und her zu gehen und blieb dann von neuem stehen: – Dann bitte erkläre mir, wie er dazu kommt, Dir sein ganzes Vermögen zu hinterlassen. Dir? Sie gab gleichgiltig und uninteressiert die Erklärung: – Das ist sehr einfach. Wie Du vorhin gesagt hast, hatte er keine anderen Freunde als uns oder vielmehr mich, denn er kannte mich von Kindheit auf. Meine Mutter war Gesellschafterin bei Verwandten von ihm. Er kam immer hierher, und da er keine bestimmten Erben hatte, dachte er an mich. Vielleicht hat er auch ein wenig Liebe für mich empfunden, das ist wohl möglich, aber welche Frau ist nicht so geliebt worden! Und warum soll nicht diese geheime Zuneigung ihm meinen Namen, als er seinen letzten Willen aussetzte, in die Feder geführt haben? Jeden Montag schenkte er mir Blumen, darüber bist Du nicht weiter erstaunt gewesen. Dir hat er doch keine gebracht. Heute vermacht er mir aus demselben Grunde sein Vermögen und weil er niemand hat, dem er es geben könnte. Es wäre im Gegenteil sehr sonderbar, wenn er es Dir hinterlassen hätte. Warum Dir? Was warst Du ihm denn? Sie sprach so natürlich und ruhig, daß Georg zögerte zu antworten. Endlich sagte er: – Das ist ganz gleich, unter diesen Umständen können wir die Erbschaft nicht annehmen. Das würde einen sehr schlechten Eindruck machen. Alle Leute würden sich ihr Teil denken, alle Welt würde davon reden und mich auslachen. Die Kollegen sind so schon sehr eifersüchtig auf mich und warten nur auf den Augenblick mich anzugreifen. Gerade ich muß noch mehr als andere auf meine Ehre und auf meinen Ruf bedacht sein. Ich kann unmöglich zugeben, daß meine Frau ein Legat solcher Art annimmt von seiten eines Mannes, den der allgemeine Klatsch schon längst zu Deinem Liebhaber gemacht hat. Forestier hätte das vielleicht geduldet, aber ich nicht. Sie sagte ganz leicht hin: – Aber, lieber Freund, da wollen wir eben nicht annehmen. Eine Million weniger in der Tasche, was macht das? Er lief immerfort im Zimmer auf und ab und fing an laut zu denken, indem er für seine Frau sprach, ohne sich doch an sie zu wenden: – Nun schön! Eine Million, .. meinetwegen. Er hat nicht daran gedacht als er das Legat machte, wie taktlos er war, wie er den Anstand verletzte, er hat nicht überlegt in welche falsche lächerliche Lage er mich dadurch bringen würde. Im Leben kommt es immer nur darauf an, wie etwas gemacht wird. Hätte er die Hälfte mir hinterlassen, wäre es am Ende gegangen. Er setzte sich, schlug die Beine übereinander drehte den Schnurrbart, wie er es immer that, wenn ihm etwas Unangenehmes geschah, wenn er in Unruhe war, oder wenn er eine schwere Frage entscheiden mußte. Magdalene nahm eine Stickerei vor, an der sie ab und zu arbeitete und sagte, indem sie sich die Farben ihrer Wollfäden aussuchte: – Ich kann nur schweigen. Du mußt Dir die Sache überlegen. Er antwortete lange Zeit nichts. Dann sagte er zögernd: – Die Welt wird nie verstehen, wie Vaudrec Dich zur Universalerbin hat einsetzen können und wie ich es habe zugeben können. Das Geld auf diese Art bekommen, heißt einfach soviel als eingestehen, .. eingestehen: von Deiner Seite ein sträfliches Verhältnis, von meiner Seite ein niederträchtiges Augenzudrücken. Verstehst Du nicht, wie man die Annahme unsererseits deuten würde? Man müßte wenigstens ein Mittel finden, etwas vorzuschieben, die Geschichte zu bemänteln, verbreiten, daß er das Geld zwischen uns geteilt hat. Die Hälfte dem Mann, die Hälfte der Frau! Sie sagte: – Ich weiß nur nicht, wie man das machen sollte, da das Testament doch vorliegt. Er antwortete: – Ach, das ist ganz einfach. Du kannst mir die Hälfte durch Schenkung bei Lebzeiten übertragen. Wir haben keine Kinder, da ist das möglich. So würde den bösen Zungen das Maul gestopft. Sie antwortete etwas ungeduldig: – Aber ich sehe noch immer nicht ein, wie man dadurch den bösen Zungen das Maul stopfen kann, denn das Testament ist doch da, von Vaudrec unterzeichnet. Er antwortete wütend: – Wir brauchen es doch nicht zu zeigen und nicht gerade an alle Mauern anzuschlagen. Du bist doch zu schwerfällig! Wir sagen einfach, daß Graf Vaudrec sein Vermögen zwischen uns geteilt hat. Na, übrigens kannst Du das Legat ja ohne meine Zustimmung gar nicht annehmen, und ich gebe sie Dir nur unter der Bedingung, daß wir teilen, damit ich nicht zum Gespött der Menschen werde. Sie blickte ihn wieder durchdringend an: – Wie Du willst, ich bin einverstanden. Da erhob er sich und begann wieder seinen Rundgang, es schien, als zögerte er von neuem, und nun vermied er den forschenden Blick seiner Frau. Er sagte: – Nein, es ist doch vielleicht besser die Geschichte nicht anzunehmen, das ist ehrenhafter, korrekter, und so würde kein Mensch irgend etwas reden dürfen, und die korrektesten Menschen müßten vor uns den Hut ziehen. Er blieb vor Magdalene stehen: – Liebes Kind, wenn Du willst, werde ich allein zum Notar gehen, ich werde ihn nochmals um die Sache befragen und ihm unsere Ansicht auseinander setzen. Ich werde ihm meine Zweifel nicht verheimlichen und hinzufügen, daß wir schließlich uns auf den Gedanken einer Teilung aus Taktgefühl geeinigt haben, damit niemand das Maulreißen kriegen kann. Von dem Augenblick an, wo ich die Hälfte der Erbschaft annehme, ist es doch ganz klar, daß niemand mehr das Recht hat, auch nur ein abfälliges Wort zu äußern. Das heißt, laut erklären: »Meine Frau nimmt an, weil ich annehme, ich ihr Mann, der zu beurteilen hat, was sie thun kann ohne sich zu kompromittieren.« Sonst wäre ein Skandal nicht zu vermeiden. Magdalene sagte einfach: – Wie Du willst. Und er fing wieder an Reden zu schwingen: – Ja, bei einer Teilung ist das klar wie der Tag. Wir erben von einem Freund, der zwischen uns keinen Unterschied machen, der nicht sagen wollte: »Ich ziehe den einen dem andern vor nach meinem Tode, wie ich es während meines Lebens gethan.« Allerdings mochte er die Frau lieber, aber indem er sein Geld beiden gelassen hat, hat er klar ausdrücken wollen, daß seine Vorliebe rein platonisch gewesen ist. Du kannst ganz sicher sein, wenn er sich das überlegt hätte, hätte er es auch gethan. Er hat einfach darüber nicht nachgedacht, er hat sich die Folgen nicht klar gemacht. Du hast vorhin sehr richtig gesagt, Dir brachte er jede Woche Blumen: Dir sollte auch sein letzter Gedanke gelten, nur machte er sich nicht klar ...... Sie fiel ihm etwas erregt ins Wort: – Einverstanden! Ich habe es kapiert, Du brauchst gar nicht so viel Worte zu machen. Geh sofort zum Notar. Er stammelte errötend: – Du hast recht. Er nahm seinen Hut, dann sagte er, als er das Zimmer verließ: – Ich will doch versuchen die Geschichte mit dem Neffen mit fünfzigtausend Franken abzumachen. Sie antwortete stolz: – Nein, gieb ihm die hunderttausend Franken, die er haben will. Wenn Du willst, kannst Du sie von meiner Hälfte nehmen. Er antwortete sofort beschämt: – O nein, wir teilen, wenn wir jeder fünfzigtausend Franken abziehen, bleibt uns immer noch eine glatte Million. Dann schloß er: – Auf Wiedersehen meine kleine Magda! Er ging zum Notar, um ihm die Abmachung auseinander zu setzen, von der er behauptete, seine Frau hätte sie sich ausgedacht. Am andern Tage unterzeichneten sie eine Schenkungsurkunde über fünfhunderttausend Franken, die Magdalene Du Roy ihrem Mann überließ. Als sie das Bureau verließen, schlug Du Roy vor, da es schönes Wetter war, zu Fuß bis an die Boulevards hinunter zu gehen. Er war liebenswürdig, aufmerksam, voller Rücksichten und Zärtlichkeiten gegen seine Frau. Er lächelte, war glücklich über alles, während sie etwas ernst blieb. Es war ein ziemlich kalter Herbsttag, die Leute schritten eilig ihres Weges, Du Roy führte seine Frau an den Laden, wo er den ersehnten Chronometer gesehen. – Soll ich Dir einen Schmuck kaufen? Sie sagte gleichgiltig: – Wie Du willst! Sie traten ein und er fragte: – Was möchtest Du lieber? Ein Halsband, ein Armband oder Ohrringe? Der Anblick der Goldsachen und Edelsteine verscheuchte ihre gewollte Kälte, und sie überflog mit lebhaftem neugierigen Blick die mit Kostbarkeiten gefüllten Glaskästen, und plötzlich kam ihr ein Wunsch: – O, das ist ein hübsches Armband! Es war eine Kette von eigentümlicher Arbeit, und jedes Glied trug einen anderen Stein. Georg fragte: – Was kostet das Armband? Der Juwelier sagte: – Dreitausend Franken. – Wenn Sie es mir für zweitausendfünfhundert lassen, nehme ich es. Der Mann zögerte, dann sagte er: – Nein, das ist unmöglich. Du Roy antwortete: – Wissen Sie was, ich nehme noch diesen Chronometer dazu für eintausendfünfhundert Franken, das macht zusammen viertausend. Ich zahle bar. Sind Sie einverstanden? Wenn Sie nicht wollen, gehe ich wo anders hin. Der Juwelier war erstaunt und nahm endlich an: – Nun meinetwegen. Und der Journalist fügte hinzu, nachdem er seine Adresse angegeben: – Lassen Sie auf den Chronometer meine Initialen gravieren G. R. C. in verschlungenen Buchstaben und darüber eine siebenzackige Krone. Magdalene war erstaunt, lächelte, und als sie hinaus gingen, hing sie sich mit einer gewissen Zärtlichkeit an seinen Arm. Sie fand ihn doch geschickt und unternehmend. Es war ganz richtig, jetzt wo er Geld hatte, mußte er auch einen Titel besitzen. Der Kaufmann verneigte sich vor ihnen: – Sie können sich darauf verlassen, Donnerstag ist es fertig, Herr Baron! Sie kamen am Vaudeville vorüber, wo ein neues Stück gespielt wurde: – Wenn Du willst, gehen wir heute abend ins Theater, wir wollen versuchen eine Loge zu bekommen. Es war noch eine zu haben, er nahm sie und sprach: – Wollen wir nicht im Restaurant essen? – Ja, mir ist es recht. Er war glücklich wie ein König und überlegte, was er noch loslassen könnte. – Wir wollen doch Frau von Marelle abholen, um den Abend zusammen zu sein; ihr Mann ist hier, hab ich gehört, ich möchte ihm gern guten Tag sagen. Sie gingen hin, und es war Georg ganz angenehm, – da er das erste Wiedersehn mit der Geliebten fürchtete, – daß seine Frau dabei war, sodaß jede Auseinandersetzung wegfiel. Aber Clotilde schien gar nichts mehr davon zu wissen und zwang sogar ihren Mann, die Einladung anzunehmen. Das Diner war heiter und der Abend reizend. Georg und Magdalene kehrten spät heim, das Gas war schon ausgelöscht, und um die Treppe hinauf zu leuchten, entzündete der Journalist ab und zu einen Fünfminutenbrenner. Als sie auf den Treppenabsatz des ersten Stockes kamen, erblickten sie, als plötzlich das Streichholz aufflammte, im Spiegel ihre beiden erleuchteten Gesichter, vom sonstigen Dunkel scharf abgehoben. Sie sahen aus wie zwei plötzlich erschienene Gespenster, die wieder in die Nacht verschwinden. Du Roy hob die Hand, um ihre Gesichter recht hell zu beleuchten, und sagte mit triumphierendem Lächeln: – Da gehen sie hin, die Millionäre! VII Seit zwei Monaten war Marokko erobert. Frankreich hatte Tanger in Händen und besaß nunmehr die ganze Mittelmeerküste Afrikas bis Tripolis. Die Staatsschuld des neu annektierten Landes war von der französischen Regierung übernommen. Man sagte, daß dabei zwei Minister über zwanzig Millionen Franken verdient und nannte ganz laut Laroche-Mathieu. Von Walter aber wußte jeder Mensch in Paris, daß er zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen hatte und an der Anleihe dreißig bis vierzig Millionen verdient, dazu acht bis zehn Millionen an Kupfer- und Eisenminen, sowie an riesigen Länderstrecken, die er vor der Eroberung für ein Butterbrot gekauft, und nach der französischen Okkupation an die Kolonialgesellschaft wieder verkauft hatte. Im Handumdrehen war er einer der Herren der Welt geworden, einer jener allmächtigen Finanzmänner die stärker sind, als Könige, vor denen Rücken sich krümmen, in deren Gegenwart man nur flüstert und denen gegenüber sich Niedrigkeit, Feigheit und der ganze Neid, der im Menschenherzen schlummert, enthüllt. Er war nicht mehr der Jude Walter, Chef einer zweifelhaften Bank, Herausgeber eines zweifelhaften Blattes, ein Abgeordneter, den man im Verdacht hatte allerhand faule Sachen zu machen. Er war jetzt Herr Walter, der reiche Israelit. Und er wollte es zeigen. Da er die Geldverlegenheiten des Prinzen von Karlsburg kannte, der einen der schönsten Paläste der Straße Faubourg- Saint-Honoré besaß, mit einem Garten nach den Champs- Elysées, schlug er ihm vor, binnen vierundzwanzig Stunden das Grundstück zu kaufen, mit der gesamten Einrichtung, wie es stand und lag, ohne auch nur einen einzigen Stuhl von der Stelle zu rücken. Er bot dafür drei Millionen und der Prinz, den die Höhe der Summe lockte, nahm an. Am nächsten Tag zog Walter in seine neue Wohnung ein. Nun kam er auf einen weiteren Gedanken, einen wahren Eroberungsplan von Paris, eine Bonaparte-Idee. Ganz Paris drängte sich gerade dazu, ein großes Gemälde des ungarischen Malers Karl Markowitch zu sehen, das bei dem Kunsthändler Jakob Lenoble ausgestellt war und »Christus wandelt auf dem Meere« darstellte. Die begeisterten Kunstkritiker machten dieses Bild zum größten Meisterwerk des Jahrhunderts. Walter kaufte es für eine halbe Million und nahm es aus dem Ausstellungslokal fort, indem er es so dem Strom der Neugierigen entzog und ganz Paris zwang von ihm zu reden, neidisch, tadelnd oder billigend. Dann ließ er in den Zeitungen verbreiten, daß er alle bekannten Persönlichkeiten der Pariser Gesellschaft einladen werde, um eines Abends das Meisterwerk des fremden Künstlers bei ihm zu bewundern, damit man ihm nicht nachsagen könne, daß er ein Kunstwerk in seinem Paläste eingemauert hätte. Sein Haus stünde offen, es könnte kommen wer wollte, es genüge am Eingang die Einladungskarte vorzuzeigen. Sie lautete: »Herr und Frau Walter geben sich die Ehre Sie zu bitten, am 30. Dezember zwischen neun Uhr und Mitternacht bei elektrischer Beleuchtung, das Gemälde \>Christus wandelt auf dem Meer\< von Karl Markowitch besichtigen zu wollen.« Darunter stand in der Ecke in ganz kleinen Buchstaben: »Nach Mitternacht wird getanzt.« Wer also bleiben wollte, mochte bleiben, und unter diesen konnten sich dann Walters ihre künftigen Bekannte aussuchen. Die übrigen würden das Bild, das Haus und die Weiber betrachten, mit gesellschaftlicher Neugier, frech oder gleichgiltig und konnten dann gehen, wie sie gekommen waren. Der alte Walter wußte genau, daß sie sich später schon wieder einfinden würden, wie sie zu seinen Glaubensgenossen, die reich geworden waren wie er, auch gekommen waren. Zuerst mußten alle Leute von Adel, die in den Zeitungen genannt werden, in sein Haus. Sie würden kommen um zu sehen wie ein Mensch aussieht, der binnen sechs Wochen sechzig Millionen verdient hat, sie würden kommen nur um zu sehen, wer eigentlich auch noch gekommen wäre, und sie würden kommen, da er den Takt und die Geschicklichkeit gehabt hatte, sie einzuladen, bei ihm, dem Sohne Israels, gerade ein Christusbild zu betrachten. Es war, als sagte er ihnen: – Ich habe jetzt eine halbe Million für das religiöse Meisterwerk von Karl Markowitsch »Christus wandelt auf iem Meer« gezahlt. Dieses Meisterwerk wird nun immer bei mir, unter meinen Augen, im Hause des Juden Walter bleiben. In der vornehmen Welt, in der Welt der Herzoginnen und des Jockeyklubs hatte man diese Einladung, die ja übrigens zu nichts verpflichtete, viel besprochen. Man würde dahin gehen, wie man sich Aquarelle bei Herrn Müller oder Schulze ansah. Walters besaßen ein Meisterwerk, sie öffneten eines Abends die Pforten ihres Hauses, damit alle Welt es bewundern könnte. Weiter nichts! Seit vierzehn Tagen brachte die Vie française jeden Morgen im lokalen Teile eine Notiz über diese Abendgesellschaft am 30. Dezember und suchte die Neugier des Publikums anzufachen. Du Roy tobte über den Erfolg des Chefs. Er hatte sich für reich gehalten mit der halben Million, die er seiner Frau ausgeführt, und jetzt fand er sich arm, fürchterlich arm wenn er sein Lumpengeld mit dem Millionenregen verglich, der um ihn her niedergeströmt war, ohne daß er etwas davon abgekriegt hätte. Seine neidische Wut stieg täglich, er war bös auf alle Welt, bös auf Walter, der ihn nicht mehr besucht hatte, auf seine Frau, die, von Laroche betrogen, ihm widerraten hatte, marokkanische Papiere zu kaufen, und vor allen Dingen auf den Minister, der ihn hinein gelegt, der sich seiner bedient hatte und zweimal wöchentlich bei ihm aß. Georg diente ihm als Sekretär, als Agent, als Sprachrohr, und wenn er nach seinem Diktat schrieb, packte ihn die Lust diesen geschniegelten, triumphierenden Fatzke zu erwürgen. Als Minister hatte Laroche mäßigen Erfolg, und um sein Portefeuille zu behalten, ließ er nichts davon ahnen, daß seine Taschen voll waren zum Bersten. Aber Du Roy roch förmlich dieses Geld in der hochmütigen Sprache des emporgekommenen Advokaten, in seinem unverschämteren Gebahren, in seinen gewagteren Versicherungen, in seinem vollkommenen Selbstvertrauen. Laroche war jetzt Herr im Hause Du Roy. Er hatte genau die Stelle und die Tage des Grafen Vaudrec eingenommen und redete mit den Dienstboten, als wäre er der zweite Hausherr. Georg duldete ihn zitternd, wie ein Hund der beißen, möchte und nicht darf. Aber er war oft hart und roh gegen Magdalene, die ihn, achselzuckend, wie ein ungezogenes Kind behandelte. Sie wunderte sich über seine fortgesetzte schlechte Laune und sagte: – Ich begreife Dich nicht, Du beklagst Dich fortwährend, Du hast doch eine wundervolle Stellung. Er drehte ihr den Rücken und antwortete nicht. Er hatte zuerst erklärt, daß er das Fest des Chefs nicht besuchen und keinen Fuß mehr zu diesem dreckigen Juden setzen würde. Seit zwei Monaten schrieb ihm Frau Walter täglich und bat ihn zu kommen, oder ihr ein Stelldichein zu geben wo er wollte, damit sie ihm wie sie sagte, die siebzigtausend Franken geben könnte, die sie für ihn gewonnen. Er antwortete nicht und warf ihre verzweifelten Briefe ins Feuer. Nicht etwa, daß er seinen Teil des Gewinnes nicht hätte einstreichen wollen, aber er wollte sie zur Verzweiflung bringen, sie mit Verachtung strafen und unter die Füße treten. Sie war zu reich! Er wollte sich stolz zeigen. Am Tage, da das Gemälde gezeigt werden sollte, antwortete er, als ihm Magdalene vorstellte, daß es sehr unrecht von ihm wäre, nicht hinzugehen: – Laß mich ungeschoren, ich bleibe zu Haus. Dann erklärte er plötzlich nach Tisch: – Ich muß trotzdem die Schinderei abmachen, zieh Dich schnell an. Das erwartete sie. – Ich bin in einer Viertelstunde fertig. Er zog sich brummend an, und noch in der Droschke beruhigte er sich nicht. Der innere Hof des Karlsburg-Palais ward von vier elektrischen Kugeln erleuchtet, die aussahen wie vier kleine bleiche Mondscheiben in den vier Ecken. Ein wundervoller Teppich war die Stufen der Freitreppe herab gelegt und auf jeder Stufe stand, steif wie eine Bildsäule, ein Livréebedienter. Du Roy brummte: – So ein Trara! – Er zuckte die Achseln, und seine Züge waren ganz verzerrt von Neid. Seine Frau sprach zu ihm: – Sei doch still und mache es ihm nach! Sie traten ein und übergaben ihre schweren Überkleider den Dienern die sie in Empfang nahmen. Ein paar Damen, die mit ihren Männern da standen, legten ebenfalls die Abendmäntel ab. Man hörte von allen Seiten: – Es ist prachtvoll, prachtvoll, großartig! Das enorme Treppenhaus war mit Gobelins behängt, welche die Geschichte von Mars und Venus darstellten. Rechts und links stiegen zwei monumentale Treppen hinauf, die sich im ersten Stock trafen, das Geländer war ein Wunder der Schmiedearbeit, die alte, verblichene Vergoldung glänzte matt längs der Stufen aus rotem Marmor. Am Eingang zu den Salons überreichten zwei kleine Mädchen, eine in rosa, eine in blau, den Damen Blumensträuße. Das fand man reizend. Es waren schon eine Menge Menschen da. Die meisten Damen waren in Straßentoilette erschienen, um damit anzudeuten, daß sie hierher kamen, wie sie in alle Kunstausstellungen zu gehen pflegten. Diejenigen aber, welche zum Tanzen bleiben wollten, waren in ausgeschnittenen Kleidern. Frau Walter befand sich im zweiten Zimmer, von Freundinnen umgeben, und erwiderte die Grüße der Besucher. Viele kannten sie nicht und gingen spazieren wie in einem Museum, ohne sich um die Wirte zu kümmern. Als sie Du Roy sah, ward sie bleich und wollte auf ihn zugehen, dann blieb sie unbeweglich stehen und erwartete ihn. Er grüßte sie förmlich, während Magdalene sie mit Aufmerksamkeiten überschüttete. Da ließ Georg seine Frau bei der des Chefs und verlor sich in der Menge, um die Bosheiten zu hören, die hier sicher fielen. Fünf Salons folgten einander mit kostbaren Stoffen drapiert, italienischen Stickereien oder orientalischen Teppichen von verschiedenen Farben und Stilen; an den Wanden hingen Bilder alter Meister. Die meisten Menschen blieben stehen, um ein kleines Zimmer im Stil Louis XVI. zu bewundern, eine Art von Boudoir, das mit mattblauer rosageblümter Seide ausgeschlagen war. Die niedrigen Möbel aus vergoldetem Holz, mit demselben Stoff bezogen wie die Wände; waren wundervoll fein gearbeitet. Georg sah ein paar bekannte Leute: die Herzogin von Ferracina, Graf und Gräfin Ravenel, General Prinz von Andremont, die wunderschöne Marquise des Dunes, dann das ganze Premièren-Publikum der Theater. Jemand nahm ihn beim Arm, und eine junge, glücklich klingende Stimme flüsterte ihm ins Ohr: – Da sind Sie ja endlich, böser Liebling, warum machen Sie sich denn so selten? Es war Susanne Walter, die ihn unter der leichten Wolke des gelockten Blondhaars mit ihren feinen Schmelzaugen anblickte. Er war glücklich, sie wieder zu sehen und drückte ihr kameradschaftlich die Hand, dann entschuldigte er sich: – Ich konnte nicht, ich hatte so viel zu thun, daß ich seit zwei Monaten nicht ausgegangen bin. Sie antwortete ernst: – Das ist schlecht von Ihnen, sehr schlecht. Sie machen uns viel Kummer, denn wir mögen Sie beide so gern, Mama und ich. Ich kann ohne Sie gar nicht sein. Wenn Sie nicht da sind, langweile ich mich zum Sterben. Sie sehen, ich sage es Ihnen ganz offen, damit Sie kein Recht haben wieder so zu verschwinden. Geben Sie mir den Arm, ich werde Ihnen selbst den Christus auf dem Meer zeigen. Er hängt ganz hinten, hinter dem Palmengarten, Papa hat ihn dort hinten aufgestellt, damit man durch alle Zimmer muß. Es ist wirklich wundervoll, wie Papa mit dem Palais renommiert. Sie gingen langsam durch die Menge, alles blickte sich um nach dem schönen Kerl und der reizenden kleinen Puppe. Ein bekannter Maler sagte: – Da, das ist ein hübsches Paar! Sehr spaßig! Georg dachte: »Wenn ich wirklich gerissen gewesen wäre, hätte ich das Mädel geheiratet. Gekonnt hätt' ich's, wie ist's nur möglich daß ich daran nicht gedacht habe? Warum habe ich mich nur von der andern einfangen lassen? Zu dumm. Man handelt immer zu schnell und überlegt sich die Geschichte nicht genug.« Und der Neid, der bittere Neid, fiel Tropfen auf Tropfen in seine Seele wie Galle, die all sein Glück tötete und ihm sein Leben verekelte. Susanne sagte: – Ach bitte, Liebling, kommen Sie ja oft zu uns. Nun, wo Papa so reich ist, wollen wir lauter Tollheiten machen, wir wollen uns amüsieren wie verrückt. Er antwortete, immer noch in Gedanken: – Ach Sie werden sich jetzt verheiraten, Sie kriegen irgend einen schönen Prinzen, der ein bißchen ruiniert ist, und wir werden uns kaum mehr sehen. Aber sie rief mit ehrlichem Ton: – Nein noch nicht. Ich will einen, der mir gefällt, der mir sehr gefällt, der mir in allem gefällt. Ich habe Geld genug für beide! Er lächelte ironisch und überlegen und nannte ihr die Leute, die vorüber gingen, vornehme Leute, die ihr verrostetes Wappenschild durch Banquierstöchter wie sie, aufgefrischt hatten, und die nun mit ihren Frauen oder fern von ihnen lebten, aber frei, schamlos, bekannt und geachtet. Er schloß: – Passen Sie mal auf, in sechs Monaten sind Sie auf so einen reingefallen, dann werden Sie Marquise, Herzogin oder gar Prinzessin sein und mich kaum mehr angucken, mein Fräulein! Sie war empört und schlug ihm mit dem Fächer auf den Arm indem sie schwur, sich nur nach Neigung zu verheiraten. Er lachte: – Das werden wir ja sehen! Sie sind zu reich. Sie sagte: – Aber Sie auch, Sie haben ja geerbt! Er machte eine mitleidige Bewegung: – Ah bah, davon wollen wir lieber gar nicht reden, kaum zwanzigtausend Franken Rente, was will das heutzutage sagen? – Aber Ihre Frau hat doch auch geerbt. – Ja eine Million für beide zusammen. Vierzigtausend Franken Rente, davon können wir uns ja nicht mal Pferd und Wagen halten. Sie kamen an den letzten Salon, und vor ihnen lag das Palmenhaus, ein großer ausgedehnter Wintergarten voll mächtiger exotischer Bäume die sich über Beeten voll seltener Blumen erhoben. Wenn man unter dieses dunkle Blätterdach trat, über das das Licht wie eine Silberwelle glitt, atmete man die frischlaue Luft nasser Erde ein, einen schweren Hauch verschiedenster Düfte. Es war ein eigentümliches, süßes Gefühl, ungesund und doch reizend, das etwas Gekünsteltes, Entnervendes, Weiches hatte. Man schritt auf Teppichen dahin, wie auf Moos, zwischen zwei dichten Gebüschen. Plötzlich bemerkte Du Roy zu seiner Linken, unter einer hohen Palmengruppe ein Bassin von Weißen Marmor, in dem man hätte baden können und an dessen Rand vier große Schwäne aus Delfter Porzellan aus den halb geöffneten Schnäbeln Wasser in das Becken spieen. Der Boden des Bassins war mit Goldstaub bestreut, und es schwammen darin mächtige rote Fische, seltsame chinesische Ungetüme mit Stahlaugen und blau eingefaßten Schuppen, eine Art von Wasser-Mandarinen, die über dem Goldgrund schwebend oder hin und her eilend, die Erinnerung an die seltsamen Stickereien jenes Landes wach riefen. Der Journalist blieb klopfenden Herzens stehen. Er sagte sich: »Das nenne ich mal Luxus, in so einem Haus kann man leben. Er hat es fertig gekriegt. Warum ich nicht auch?« Er überlegte wie, sah nicht gleich einen Weg und ward wütend über die eigene Ohnmacht. Seine Begleiterin sprach nicht mehr, sie war nachdenklich geworden. Er blickte sie von der Seite an und dachte wieder: »Ich hätte ja bloß diese kleine lebendige Puppe zu heiraten brauchen.« Aber Susanne schien plötzlich zu erwachen. – Achtung! – sagte sie, drängte Georg durch eine Gruppe, die ihnen im Wege stand und führte ihn dann scharf nach rechts. Mitten in einem Haine seltsamer Pflanzen, die ihre zitternden Blätter geöffnet wie Hände mit schmalen Fingern, in die Luft reckten, stand unbeweglich ein Mann auf dem Meer. Der Eindruck war erstaunlich. Das Bild, dessen Ränder in lebendigem Grün versteckt waren, sah aus wie ein dunkles Loch mit phantastischer Ferne. Man mußte genau Hinsehen, um es zu verstehen. Der Rahmen schnitt die Barke in der Mitte durch, auf der, vom fahlen Scheine einer Laterne beleuchtet, sich die Apostel befanden; einer saß auf dem Schiffsrand und ließ das ganze Licht voll auf Jesum fallen, der dort wandelte. Christus hob den Fuß auf eine Welle, und man sah wie sie sich kräuselte, duckte, glättete und schmiegte unter dem Fuß des Heilandes. Um den Gottmenschen war Dunkel gebreitet, nur die Sterne glitzerten am Himmel. Die Gesichter der Apostel schienen bei dem matten Schein der Laterne desjenigen, der auf den Herrn deutete, erstarrt wie von plötzlichem Erstaunen. Das war allerdings das gewaltige erstaunliche Werk eines Meisters, eins jener Bilder, die einen packen und die man Jahre lang nicht vergißt. Die Leute, die das Bild betrachteten, schwiegen zuerst, dann gingen sie nachdenklich davon und sprachen später nur vom Preis des Bildes. Du Roy sagte, nachdem er es eine Weile betrachtet hatte: – Das ist chic, sich so'n Ding kaufen zu können. Aber als man ihn anstieß, da die hinteren vorwärts drängten um zu sehen, ging er davon, immer noch Susannes kleine Hand, die er leise drückte, im Arm. Sie fragte: – Wollen wir ein Glas Sekt trinken? Kommen Sie ans Büffet, dort ist Papa. Sie schritten langsam wieder durch alle Salons zurück, wo die Menge immer mehr anwuchs, hin und her wogte, sich wie zu Hause fühlend, ein elegantes Publikum wie auf einem öffentlichen Fest. Georg war es plötzlich, als hörte er eine Stimme sagen: – Das ist Laroche und Frau Du Roy! – Die Worte trafen sein Ohr wie ein entferntes Geräusch, das der Wind zuträgt. Wo waren die beiden? Er blickte sich nach allen Seiten um und gewahrte in der That seine Frau, die am Arm des Ministers vorüberging. Sie schwatzten leise, intim miteinander und lächelten Auge in Auge getaucht. Es war ihm, als flüsterten die Leute, indem sie das Paar betrachteten, und eine thörichte, rohe Lust stieg in ihm auf, sich auf diese beiden Menschen zu stürzen und sie nieder zu schlagen. Sie machte ihn lächerlich. Er dachte an Forestier. Jetzt hieß es vielleicht: »Du Roy der Gehörnte.« Wer war sie? Eine kleine Abenteurerin, zwar ganz geschickt aber eigentlich ohne jede Bedeutung. Man kam zu ihm, weil man ihn fürchtete, weil man wußte, daß er mächtig war, aber man nahm wohl kein Blatt vor den Mund, wenn man von dieser Journalistenehe redete. Mit dieser Frau würde er nie vorwärts kommen, durch sie hing seinem Hause immer etwas Zweifelhaftes an. Sie würde sich immer kompromittieren mit ihrer ganzen Art und Weise, der man die Intrigantin anmerkte. Sie würde ihm jetzt zur Fessel werden. Ach, wenn er alles geahnt, vorher gewußt hätte! Was für ein kühneres, größeres Spiel hätte er spielen können! Wie konnte er nur so blind sein, das nicht einzusehen? Sie kamen in das Speisezimmer, einen mächtigen, von Marmorsäulen getragenen Saal, an dessen Wänden alte Gobelins hingen. Walter gewahrte seinen Redakteur, ging ihm entgegen und drückte ihm freudetrunken die Hand: – Haben Sie alles gesehen? Sag mal Susanne, hast Du ihm alles gezeigt? Diese vornehmen Leute! Nicht wahr Liebling? Haben Sie den Prinzen von Guerche gesehen? Er kam vorhin her, um ein Glas Punsch zu trinken. Dann stürzte er sich auf Senator Rissolin, der seine ganz betäubte Frau mit sich schleppte, die aufgedonnert war wie in einer Jahrmarktsbude. Ein Herr grüßte Susanne. Ein großer hagerer Mensch mit blondem Bart, kleiner Glatze und jenem gesellschaftlichen Schliff, den man überall herausfühlt. Georg hörte seinen Namen, Marquis von Cazolles, und er war plötzlich eifersüchtig auf den Mann. Seit wann kannte sie ihn? Gewiß seit sie das viele Geld hatte. Er spekulierte wahrscheinlich auf sie. Jemand nahm seinen Arm, es war Norbert von Varenne. Der alte Dichter lief, mit seinem fettigen Haar und seinem abgeschabten Frack, müde gleichgiltig umher. – Das soll nun ein Vergnügen sein! sagte er. Nachher wird getanzt und dann geht's zu Bett und die kleinen Mädchen sind befriedigt. Trinken Sie doch Sekt, der ist ausgezeichnet! Er ließ sich ein Glas füllen und trank Du Roy, der ein anderes genommen hatte, zu. – Auf den Sieg des Geistes über die Millionen. Dann fügte er mit weicher Stimme hinzu: – Sie sind mir bei andern Menschen nicht unangenehm. Ich möchte sie gar nicht haben, aber ich protestiere grundsätzlich. Georg hörte ihm nicht mehr zu. Er suchte Susanne, die mit dem Marquis Cazolles verschwunden war. Er ließ plötzlich Varenne stehen und machte sich an die Verfolgung des jungen Mädchens. Ein Gewimmel von Menschen, die etwas trinken wollten, hielt ihn auf, und als er sich endlich durchgewunden hatte, stand er vor dem Ehepaar Marelle. Die Frau sah er immer, aber dem Mann war er lange nicht begegnet. Herr von Marelle nahm ihn bei beiden Händen: – Ich danke Ihnen tausendmal, lieber Freund, für den Rat, den Sie mir durch Clotilde gegeben haben. Ich habe mit der marokkanischen Rente gegen hunderttausend Franken gewonnen, die ich Ihnen verdanke. Sie sind wirklich ein kostbarer Freund. Ein paar Menschen drehten sich nach dieser hübschen eleganten Brünette um. Du Roy antwortete: – Als Belohnung für diese Gefälligkeit, lieber Freund, bitte ich um Ihre Frau, das heißt um deren Arm. Man muß immer die Ehepaare trennen. – Sehr recht! Wenn wir uns verlieren, treffen wir uns in einer Stunde an dieser Stelle wieder. – Einverstanden! Und die beiden jungen Leute tauchten in der Menge unter, von Marelle gefolgt. Clotilde sagte: – Solche Glückspilze, diese Walters! Ja, man muß nur das Geschäft verstehen! Georg antwortete: – Ach, Leute mit Energie und Willenskraft machen immer ihren Weg, so oder so! Sie fuhr fort: – Die beiden Mädchen kriegen mal jedes zwanzig bis dreißig Millionen, und dabei ist Susanne noch hübsch! Er sagte nichts. Der eigene Gedanke, den ein fremder Mund aussprach, erregte ihn. Sie hatte Christus auf dem Meere noch nicht gesehen, er schlug vor, sie dorthin zu führen, und sie unterhielten sich damit, von den Leuten möglichst viel Schlechtes zu sagen und sich über Gesichter, die sie nicht kannten, lustig zu machen. Saint-Potin kam an ihnen vorüber, er trug zahlreiche Orden auf dem Frackaufschlag, das machte ihnen großen Spaß. Ein Botschafter, der nach ihm vorbeikam, hatte eine viel geringere Zahl. Du Roy sagte: – Das ist der richtige Salat hier. Boisrenard, der ihm die Hand drückte, hatte wieder das grün und gelbe Band ins Knopfloch gesteckt, das plötzlich am Tage des Duells bei ihm aufgetaucht war. Die Vicomtesse von Percemur, mächtig aufgedonnert, sprach in dem kleinen Boudoir im Stil Ludwig XVI. mit einem Herzog. Georg flüsterte: – Ein Liebespaar! Aber als sie durch das Palmenhaus gingen, sah er seine Frau wieder, die, halb versteckt, unter den Blättern der Pflanzen neben Laroche-Mathieu saß, als wollte sie sagen: »Wir haben uns hier ein Stelldichein gegeben in aller Öffentlichkeit, denn wir pfeifen auf das, was die Leute sagen.« Frau von Marelle erkannte an, daß das Bild Karl Markowitchs schön sei. Sie kehrten zurück; Herrn von Marelle hatten sie verloren. Georg fragte: – Ist denn Laurachen immer noch auf mich böse? – Ja, immer noch. Sie will Dich nicht sehen und wenn man von Dir spricht, läuft sie fort. Er antwortete nichts. Die plötzliche Feindschaft des kleinen Mädchens that ihm weh und bedrückte ihn. Als sie durch eine Thür traten, kam ihnen Susanne entgegen und rief: – Ah, da sind Sie! Nun, Liebling, jetzt lassen wir Sie aber allein, ich muß der schönen Clotilde mein Zimmer zeigen. Die beiden Damen huschten eilig davon und glitten geschmeidig mit den ihnen eigenen schlangenhaften Bewegungen, sich windend und schlängelnd durch die Menge. Beinahe im selben Augenblick rief eine Stimme: – Georg! Es war Frau Walter. Sie fügte ganz leise hinzu: – Ach Sie sind fürchterlich grausam! Warum peinigen Sie mich unütz so sehr? Ich habe Susanne aufgetragen, daß sie die, die mit Ihnen ging, fortlocken sollte, damit ich ein Wort mit Ihnen reden kann. Hören Sie mich an. Ich muß Sie heute abend sprechen oder Sie wissen nicht, wozu ich fähig bin. Gehen Sie ins Palmenhaus, dort ist links eine Thür, die in den Garten führt. Gehen Sie dann die Allee hinunter, gerade aus. Ganz am Ende steht eine Laube, erwarten Sie mich dort in zehn Minuten. Wenn Sie nicht wollen, schwöre ich Ihnen, mache ich Skandal und zwar hier, sofort auf dem Fleck. Er antwortete von oben herab: – Gut, in zehn Minuten bin ich dort, wo Sie wollen. Sie trennten sich, aber Jacques Rival hielt ihn noch auf. Er hatte ihn beim Arm genommen und erzählte ihm, mit aufgeregter Miene, eine Menge Geschichten. Er hatte zweifellos das Büffet gründlich studiert. Endlich konnte ihn Du Roy Herrn von Marelle überlassen, den er in dem einen Thüreingange gefunden. Und er entfloh. Er mußte sich noch in Acht nehmen, daß ihn seine Frau und Laroche-Mathieu nicht sahen. Es gelang ihm, denn sie schienen sehr mit einander beschäftigt zu sein, und er stand im Garten. Die kalte Luft traf ihn wie ein eisiges Bad und er dachte: »Verflucht, hier erkälte ich mich aber!« Darum band er sich sein Taschentuch, wie eine Kravatte um den Hals. Vorsichtig schritt er in den Garten hinaus, denn nach dem Heraustreten aus dem hellen Licht der Säle, konnte er nur undeutlich sehen. Er unterschied rechts und links kahle Büsche, deren Äste zitterten. Graue Lichtstreifen fielen durch die Zweige aus den Fenstern des Palais. Er sah mitten auf dem Wege vor sich etwas Weißes, es war Frau Walter, die dort mit bloßem Hals und nackten Armen stand. Sie stammelte mit zitternder Stimme: – Ah da bist Du! Willst Du mich denn töten? Er antwortete frech: – Bitte, bloß kein Drama, oder ich reiße sofort aus. Sie war ihm um den Hals gefallen und, den Mund nahe dem seinen, flehte sie: – Was habe ich Dir denn nur gethan? Du benimmst Dich gegen mich unglaublich! Was habe ich Dir nur gethan? Er versuchte, sie zurück zu stoßen: – Du hast das letzte Mal, als wir uns gesehen haben. Deine Haare um meine Knöpfe gewickelt! Das hätte fast einen Bruch mit meiner Frau gegeben. Sie war ganz erstaunt, schüttelte den Kopf und rief: – Das ist Deiner Frau ganz gleich. Eine Deiner Geliebten wird Dir wohl eine Szene gemacht haben. – Ich habe keine Geliebten! – Aber so laß doch gut sein! Warum kommst Du nie mehr zu mir? Warum willst Du denn nicht einmal, einmal nur in der Woche, bei mir essen? Ich leide Höllenqualen. Ich liebe Dich so, daß ich an nichts anderes denken kann als an Dich. Du stehst überall vor meinen Augen, ich wage ja gar nicht mehr zu reden, weil ich immer fürchte Deinen Namen auszusprechen. Das begreifst Du nicht. Mir ist es, als wäre ich von ein paar Klauen gepackt, in einen Sack genäht, was weiß ich! Der ewige Gedanke an Dich schnürt mir die Kehle zusammen, zerreißt mir die Brust, lähmt mich, daß ich nicht mehr gehen kann, und ich sitze den ganzen Tag wie ein stumpfes Tier da, und immer, immer muß ich an Dich denken! Er blickte sie erstaunt an, das war nicht mehr das dicke verrückte Frauenzimmer, wie bisher, sondern eine verzweifelnde Frau, die ganz von Sinnen und zu allem fähig war. Ein unbestimmter Plan stieg in ihm auf. Er antwortete: – Liebes Kind, die Liebe dauert nicht ewig, man kommt zusammen und geht wieder auseinander, aber wenn das so lange dauert wie zwischen uns, dann wird die Geschichte eine fürchterliche Last. Ich hab's jedenfalls nun satt! Da hast Du die Wahrheit. Aber wenn Du vernünftig sein willst und mich wie einen Freund behandeln, will ich wieder kommen wie früher. Bist Du dazu fähig? Sie legte beide nackte Arme auf Georgs schwarzen Frack und flüsterte: – Um Dich nur zu sehen, kann ich alles thun. – Gut, sagte er, also wir sind Freunde und weiter nichts, abgemacht! Sie stammelte: – Abgemacht! Aber dann näherte sie ihm nochmals die Lippen: – Noch einen Kuß, den letzten! Er wehrte sie leise ab: – Nein, jetzt müssen wir unsern Vertrag halten. Sie wandte sich fort, indem sie ihre Thränen abwischte, dann zog sie aus dem Kleid ein Packet Papiere, die sie mit einem rosa Bändchen zusammen gebunden hatte, und gab es Du Roy: – Hier ist Dein Anteil an den marokkanischen Papieren. Ich freue mich so, daß ich das für Dich gewonnen habe. Aber so nimm es doch! Aber er wehrte ab: – Nein, ich nehme das Geld nicht! Da ward sie bös: – Aber das darfst Du mir jetzt nicht anthun, es gehört Dir, nur Dir! Wenn Du es nicht nimmst, werfe ich es in die Gosse. Das thust Du mir doch nicht an, Georg. Er nahm das kleine Packet und ließ es in die Tasche gleiten. – Wir müssen hinein, sagte er. Du kriegst sonst noch eine Lungenentzündung. Sie flüsterte: – Desto besser, wenn ich doch sterben könnte! Sie nahm eine seiner Hände, küßte sie leidenschaftlich mit Wut und Verzweiflung und kehrte ins Palais zurück. Er folgte langsam in Gedanken, dann trat er, den Kopf erhoben, lächelnden Angesichts wieder in das Palmenhaus. Seine Frau und Laroche waren nicht mehr da. Die Menge nahm ab, es zeigte sich, daß man nicht zum Ball bleiben wollte. Da erblickte er Susanne mit ihrer Schwester Arm in Arm. Sie kamen beide auf ihn zu und baten ihn mit dem Grafen Latour-Yvelin in der ersten Quadrille mit ihnen zu tanzen. Er war erstaunt: – Wer ist denn das nun wieder? Susanne antwortete boshaft: – Ein neuer Freund meiner Schwester. Rosa errötete und flüsterte: – Du bist schlecht, Susanne, der Herr ist ebenso sehr Dein, wie mein Freund. Der andere lächelte: – Ah, so! Ich verstehe! Rosa war böse, wandte ihnen den Rücken und ging davon. Du Roy nahm freundschaftlich den Arm des jungen Mädchens, das bei ihm geblieben, und sagte mit einschmeichelnder Stimme: – Hören Sie mal, liebe Kleine, glauben Sie, daß ich Ihr Freund bin? – Gewiß Liebling. – Haben Sie Vertrauen zu mir? – Vollkommen! – Wissen Sie noch, was ich Ihnen vorhin gesagt habe? – Was denn? – Über Ihre Heirat, oder vielmehr über den Mann, den Sie heiraten werden. – Ja! – Gut, wollen Sie mir etwas versprechen? – Ja, was denn? – Mich jedesmal erst zu fragen, wenn man Sie um Ihre Hand bittet, und niemandem Ihr Jawort zu geben, ehe Sie mich um Rat gefragt haben. – Ja, das will ich gern thun. – Aber, das bleibt unter uns, Sie dürfen keinen Ton, weder Ihrem Vater, noch Ihrer Mutter sagen. – Keinen Ton! – Ihr Wort? – Mein Wort! Rival kam ganz verstört an: – Gnädiges Fräulein, Ihr Herr Vater verlangt nach Ihnen wegen des Tanzes! Sie sagte: – Kommen Sie, Liebling. Aber er schlug es ab. Er wollte sofort gehen, er mußte allein sein, um nachzudenken. Zuviel verschiedene Dinge stürmten auf ihn ein, und er suchte seine Frau. Nach einiger Zeit entdeckte er sie: sie trank am Büffet mit zwei Herren, die er nicht kannte, eine Tasse Chocolade. Sie stellte ihnen ihren Mann vor, ohne ihm ihre Namen zu nennen. Nach ein paar Augenblicken fragte er: – Wollen wir gehen? – Wenn Du willst. Sie nahm seinen Arm, und sie kehrten durch die Salons zurück, in denen nur noch wenige Menschen waren. Sie fragte: – Wo ist Frau Walter? Ich möchte ihr gern adieu sagen. – Das ist nicht nötig. Sie würde nur versuchen, uns zum Ball hier zu behalten. Ich habe genug für heute! – Du hast recht. Während des ganzen Heimwegs schwiegen sie, aber sobald sie im Schlafzimmer standen, sagte Magdalene lächelnd, bevor sie noch den Schleier abgelegt hatte. – Weißt Du, daß ich eine Überraschung für Dich habe? Er brummte schlechter Laune: – Was denn? – Rate mal! – Ach, ich werde mich noch anstrengen. – Nun, übermorgen ist doch Neujahr. – Ja! – Da kommen die Neujahrsgeschenke. – Jawohl! – Gut, hier ist Deines, das mir vorhin Laroche gegeben hat. Und sie reichte ihm eine kleine schwarze Schachtel, die aussah, wie ein Schmuckkästchen. Er öffnete sie gleichgiltig und erblickte darin das Kreuz der Ehrenlegion. Er ward bleich, dann lächelte er und sagte: – Zehn Millionen wären mir lieber gewesen. Das Ding kostet ihn nicht viel! Sie hatte einen großen Freudenausbruch erwartet und ärgerte sich über seine Kälte: – Du bist wirklich unglaublich! Dir macht auch nichts mehr Spaß! Er antwortete ganz ruhig: – Der Mann bezahlt nur seine Schulden, und er ist mir noch viel schuldig. Sie war erstaunt über den Ton, in dem er das sagte: – Aber, das ist doch sehr viel für Dein Alter. Er meinte: – Alles ist nur relativ, ich könnte noch mehr haben. Er hatte das Kästchen genommen, stellte es geöffnet auf den Kamin und betrachtete ein paar Augenblicke den glänzenden Stern darin, dann schloß er den Deckel, zuckte die Achseln und legte sich zu Bett. Der Staatsanzeiger vom 1. Januar brachte in der That die Ernennung des Schriftstellers Prosper Georg Du Roy zum Ritter der Ehrenlegion für außerordentliche Verdienste. Der Name war in zwei Worten geschrieben, was Georg größere Freude machte, als der Orden selbst. Eine Stunde, nachdem er die Ernennung gelesen, bekam er einen Brief von Frau Walter, die ihn bat noch am Abend mit seiner Frau bei ihr zu essen, um die Auszeichnung zu feiern. Er zögerte ein paar Minuten, dann warf er die, in vieldeutigen Ausdrücken geschriebenen Zeilen ins Feuer und sagte zu Magdalene: – Wir essen heute abend bei Walters. Sie war erstaunt: – Ich denke, Du willst keinen Fuß mehr dort ins Haus setzen ? Er murmelte nur: – Ich bin anderer Ansicht geworden. Als sie ankamen, war Frau Walter allein im kleinen Boudoir à la Ludwig XIV., dort pflegte sie jetzt ihre näheren Bekannten zu empfangen. Sie war schwarz gekleidet und hatte ihr Haar gepudert, so daß sie sehr gut aussah: von weitem wie eine alte Dame, in der Nähe wie eine junge, und wenn man sie genau musterte, immerhin etwas fürs Auge. – Haben Sie Trauer? fragte Magdalene. Sie antwortete betrübt: – Ja und nein! Ich habe keinen meiner Angehörigen verloren, aber ich bin in ein Alter gekommen, wo man um sein Leben trauert. Heute fange ich damit an, und von heute ab trage ich Trauer im Herzen. Du Roy dachte: Ob sie dabei bleiben wird? Beim Essen ging es etwas still zu, nur Susanne schwatzte ununterbrochen. Rosa schien in Gedanken. Der Journalist wurde von allen Seiten beglückwünscht. Nach Tisch schlenderte man schwatzend durch die Salons und dann zum Palmgarten zurück. Als Du Roy hinter den andern mit der Frau des Chefs ging, hielt sie ihn beim Arm zurück und sagte leise: – Hören Sie, ich werde nie wieder mit Ihnen davon anfangen. Aber kommen Sie! Sie sehen, ich nenne Sie nicht mehr Du, aber ich kann nicht ohne Sie leben. Sie ahnen nicht, welche Qualen es mir verursacht. Sie stehen mir immer vor Augen, und ich fühle Sie immer vor meinen Augen und in meinem Herzen Tag und Nacht, als hätten Sie mir ein Gift eingegeben, das mich zerfrißt.Ich kann nicht mehr, nein ich kann nicht mehr, ich will gern für Sie nur mehr eine alte Frau sein. Ich habe mein Haar weiß gepudert, um es Ihnen zu beweisen. Aber kommen Sie her, kommen Sie von Zeit zu Zeit zu mir – als Freund. Sie hatte seine Hand genommen und drückte sie mit aller Kraft, und ihre Nägel gruben sich in sein Fleisch. Er antwortete ganz ruhig: – Einverstanden. Es hat auch keinen Zweck davon wieder anzufangen. Sie sehen, ich bin heute sofort gekommen, als Sie geschrieben hatten. Walter, der mit seinen beiden Töchtern und Magdalene vor ihnen war, erwartete Du Roy beim »Christus wandelt auf dem Meere«. Er sagte lächelnd: – Denken Sie nur, ich habe gestern meine Frau vor diesem Bilde knieend gefunden, wie in einer Kapelle. Sie betete davor! Ich habe zu sehr gelacht! Frau Walter antwortete in festem Ton, und aus ihrer Stimme zitterte geheime Bewegung: – Dieser Christus wird meine Seele retten. Er giebt mir Mut und Kraft jedesmal, wenn ich ihn betrachte. Und sie flüsterte, indem sie vor dem Heiland stehen blieb, der auf dem Meere wandelte: – Wie schön! Wie sie ihn fürchten diese Männer und wie sie ihn lieben. Sehen Sie nur seinen Kopf und seine Augen! Wie einfach und doch zugleich übernatürlich. Susanne rief: – Er sieht Ihnen ja ähnlich, Liebling! Aber sicher! Wenn Sie einen Vollbart trügen, oder er keinen Bart hätte, wären Sie wirklich zum Verwechseln. Es ist ganz frappant. Er mußte sich neben das Bild stellen, und in der That fand alles, daß die beiden Gesichter sich ähnelten. Sie waren erstaunt. Walter fand es sehr sonderbar. Magdalene erklärte lachend, Jesus auf dem Bilde sähe männlicher aus. Frau Walter blieb unbeweglich und betrachtete mit starren Augen das Antlitz ihres Geliebten neben dem Antlitz Christi, und dabei war sie so weiß geworden, wie ihre weißen Haare. VIII Den Rest des Winters ging Du Roy häufig zu Walters; er aß sogar alle Augenblicke allein dort. Magdalene war müde, oder wollte zu Haus bleiben. Er hatte sich ein für allemal Freitag angesagt, und Frau Walter lud an diesem Abend keinen andern ein. Er gehörte dem Liebling, ihm allein. Nach Tisch wurde Karten gespielt, man gab den chinesischen Fischen Futter, man lebte und unterhielt sich in der Familie. Manchmal packte Frau Walter hinter dichten Blättern im Palmenhaus, in einer dunklen Ecke plötzlich den Arm des jungen Mannes, drückte ihn mit aller Kraft an ihre Brust und flüsterte ihm zu: »Ich liebe Dich! Ich liebe Dich zum Sterben.« Aber immer stieß er sie kalt zurück und sagte trocken: – Wenn Sie wieder anfangen, komme ich nicht mehr. Gegen Ende März sprach man plötzlich von einer Verlobung der beiden Schwestern. Rosa sollte, wie behauptet wurde, den Graf Latour-Ybelin und Susanne den Marquis von Cazolles heiraten. Die beiden Herren waren Freunde der Familie geworden, denen man besondere Gunst, deutliche Vorrechte einräumte. Georg und Susanne lebten in einer Art brüderlicher, freier Intimität, schwatzten stundenlang zusammen, machten sich über alle Welt lustig und schienen gern beieinander zu sein. Sie hatten nie wieder von der Möglichkeit einer Heirat des jungen Mädchens gesprochen, noch von den Freiern, die etwa kamen. Als der Chef eines Tages Du Roy zum Frühstück mitgebracht hatte, wurde Walter nach der Mahlzeit abgerufen, um einen Lieferanten zu empfangen. Georg sagte zu Susanne: – Kommen Sie, wir wollen die Goldfische füttern. Sie nahmen jedes ein großes Stück Brot vom Tisch und gingen in das Palmenhaus. Rund um das Marmorbecken herum lagen Kissen an der Erde, daß man am Bassin niederknieen konnte, um die Tiere aus der Nähe zu betrachten. Die jungen Leute nahmen jeder ein Kissen, Seite an Seite und begannen Brotkugeln in das Wasser zu werfen, die sie zwischen den Fingern geformt. Sowie die Fische es merkten, kamen sie daher geschwommen, wackelten mit dem Schwanz, bewegten die Flossen, rollten die großen Stahlaugen, machten Kehrt, tauchten unter, um die runde Beute die zu Boden sank, zu erwischen und stiegen dann wieder in die Höhe um neue zu erwarten. Sie bewegten komisch den Mund, mit plötzlichem, heftigem Öffnen, wie seltsame kleine Ungetüme, und ihr brennendes Rot stach von dem Goldsand des Grundes ab, sie huschten Flammen gleich durch die durchsichtige Flut, oder zeigten, wenn sie still hielten, das goldblaue Geäder an den Schuppen. Georg und Susanne sahen ihre Gesichter umgekehrt im Wasser sich spiegeln und lächelten sich an. Plötzlich sagte er leise: – Susanne, diese Geheimniskrämerei ist nicht nett von Ihnen. Sie fragte: – Wieso denn, Liebling? – Wissen Sie nicht mehr, was Sie mir am Abend des Festes hier, gerade hier, versprochen haben? – Nein! – Mich jedesmal zu fragen, wenn man um Ihre Hand anhält. – Nun? – Man hat angehalten! – Wer denn? – Das wissen Sie sehr wohl! – Nein, ich versichere..... – Doch, Sie wissen es! Dieser lange Fatzke, dieser Marquis Cazolles! – Der ist gar kein Fatzke! – Das ist möglich. Aber er ist dumm, hat alles verjeut, und ist ganz verbummelt und verlumpt. Das ist eine nette Partie für Sie, die so hübsch, frisch und klug ist! Sie fragte lächelnd: – Was haben Sie denn gegen ihn? – Ich? Gar nichts! – Doch! doch! doch! Der ist gar nicht so wie Sie sagen. – O bitte, er ist ein Schafskopf und ein Intrigant. Sie wandte sich ein wenig um und blickte nicht mehr ins Wasser. – Aber was haben Sie denn nur? Er sagte, als risse man ihm ein Geheimnis aus der Seele: – Ich habe .... ich habe .... ich .. bin .. eifersüchtig auf ihn. Sie war etwas erstaunt: – Sie? – Ja, ich! – Warum denn? – Weil ich Sie liebe! Und weil Sie das sehr wohl wissen, Sie böses Kind! Da meinte sie ernst: – Sie sind verrückt, Liebling! – Ich weiß wohl, daß ich verrückt bin, weil ich Ihnen das sage, ich, der ich verheiratet bin, einem jungen Mädchen! Ich bin mehr als verrückt, ich bin ein Verbrecher, beinahe ein Lump! Aber ich habe keine Hoffnung und der Gedanke bringt mich geradezu um den Verstand, und wenn ich höre, daß Sie einen heiraten wollen, packt mich die Wut, daß ich ihn totschlagen möchte. Verzeihen Sie mir, Susanne, Sie müssen! Er schwieg. Die Fische, denen man kein Brot mehr zuwarf, blieben unbeweglich stehen, fast in einer Linie geordnet, wie englische Soldaten und betrachteten die beiden Köpfe derer, die sich nicht mehr um sie kümmerten. Das junge Mädchen flüsterte halb traurig, halb heiter: – Es ist schade, daß Sie verheiratet sind, ja, das geht aber doch nicht mehr zu ändern; das ist eben aus. Er drehte sich plötzlich um und sagte ganz nahe an ihrer Wange: – Wenn ich nun frei wäre, würden Sie mich zum Mann nehmen? Sie antwortete mit ernstem Ton: – Ja Liebling, ich würde Sie nehmen, denn Sie gefallen mir mehr als alle andern. Er stand auf und stöhnte: – Dank! Dank! Aber ich flehe Sie an, geben Sie noch niemandem Ihr »Ja«. Warten Sie noch ein kleines bißchen, bitte. Wollen Sie mir das versprechen? Sie flüsterte etwas erregt und ohne zu verstehen, was er eigentlich wollte: – Ich verspreche es Ihnen. Du Roy warf das ganze Stück Brot, das er noch in der Hand hielt, ins Wasser und entfloh ohne Lebewohl zu sagen, als ob er den Kopf verloren hätte. Die Fische stürzten gierig nach dem Stück Brot, das an der Oberfläche schwamm, weil es in den Fingern nicht geknetet worden war, und schnappten mit gierigen Mäulern danach. Sie schleppten es bis an das andere Ende des Bassins, drängten sich aneinander, bildeten einen hin und her rollenden Knäuel, der aussah wie eine bewegliche Blume, die mit dem Kelch nach unten ins Wasser gefallen ist, und zerrten es hin und her. Susanne erhob sich erstaunt und unruhig, und ging langsam fort. Der Journalist hatte sich entfernt. Er kehrte ganz ruhig heim, und als er Magdalene beim Briefschreiben fand, fragte er: – Wirst Du Freitag bei Walters essen? Ich gehe hin. Sie zögerte: – Nein, ich bin nicht ganz wohl, ich bleibe lieber hier. Er antwortete: – Wie Du willst, es zwingt Dich ja niemand. Dann nahm er seinen Hut und ging sofort aus. Seit langer Zeit lauerte er ihr auf, überwachte sie und folgte ihr; er kannte alle ihre Schritte. Jetzt war seine Stunde gekommen. Er hatte sich nicht getäuscht in dem Ton, wie sie gesagt: Ich bleibe lieber hier! Während der nächsten Tage war er gegen sie zuvorkommend, sogar heiter, was er sonst nicht mehr gewesen. Sie sagte zu ihm: – Du wirst ja wieder nett! Freitag zog er sich zeitig an, um ein paar Besorgungen zu machen, ehe er zum Chef ging, wie er behauptete. Dann ging er um sechs Uhr aus, nachdem er seiner Frau einen Kuß gegeben hatte, stieg am Platz Notre-Dame-de-Lorette in eine Droschke, und sagte zum Kutscher: – Bleiben Sie in der Rue Fontaine, gegenüber Nr. 17 halten und warten Sie dort bis ich Ihnen sage, daß wir weiter fahren wollen. Dann bringen Sie mich nach dem Restaurant »Zum Fasan« in der Rue Lafayette. Langsam zog das Pferd an, und Du Roy ließ die Vorhänge herunter. Sobald er seiner Thür gegenüber hielt, faßte er sie scharf ins Auge. Nachdem er zehn Minuten gewartet, sah er Magdalene herauskommen, die nach dem äußern Boulevard ging. Sobald sie fort war, steckte er den Kopf zum Fenster heraus und rief: – Nun weiter! Die Droschke setzte sich in Bewegung und brachte ihn »Zum Fasan«, einem in dem Stadtviertel bekannten Restaurant. Georg ging in den großen Saal und aß langsam, indem er von Zeit zu Zeit nach der Uhr blickte. Um einhalb acht Uhr, nachdem er seinen Kaffee und zwei Cognacs getrunken, sowie langsam eine gute Cigarre geraucht, ging er fort. Er rief einen andern Wagen an, der leer Vorüber kam und ließ sich nach der Straße La Rochelle fahren. Ohne den Portier zu fragen, ging er zum dritten Stock des Hauses hinauf, das er dem Kutscher bezeichnet, und als ihm ein Mädchen öffnete, fragte er: – Nicht wahr, Herr Guibert de Lorme ist zu Hause? – Ja wohl! Man ließ ihn in den Salon treten, wo er einige Augenblicke wartete. Dann kam ein großer Herr herein mit vornehm militärischem Äußern und schon ergrautem Haar, obgleich er noch jung war, das Band der Ehrenlegion im Knopfloch. Du Roy verbeugte sich und sagte: – Es ist so, wie ich es voraus gesehen habe,Herr Polizeikommissar. Meine Frau ist mit ihrem Liebhaber in der Chambregarnie,das sie in der Rue des Martyrs gemietet haben. Der Beamte verbeugte sich: – Ich bin zu Ihrer Verfügung. Georg antwortete: – Nicht wahr, nach neun Uhr dürfen Sie, um einen Ehebruch festzustellen, keine Privatwohnung mehr betreten. – Nein! Im Winter bis sieben Uhr, vom 31. März an bis neun Uhr. Heute ist der 5. April. Also bis neun Uhr. – Nun Herr Kommissar, ich habe unten einen Wagen, wir könnten die Schutzleute, die Sie begleiten sollen, gleich mitnehmen. Wir können ja etwas vor der Thür warten. Je später wir kommen, desto größer ist die Sicherheit, daß wir sie in flagranti abfassen. – Wie Sie wünschen! Dann ging er und kehrte mit dem Überzieher zurück, der seine dreifarbige Schärpe verbarg. Er trat zur Seite, um Du Roy voran gehen zu lassen, aber der Journalist sagte zerstreut: – Nach Ihnen! Nach Ihnen! Der Beamte antwortete: – O bitte sehr, ich bin hier zu Hause. Da ging der andere mit einer Verbeugung voran. Zuerst holten sie auf der Wache drei Polizisten in Zivil ab, die sie erwarteten, denn Georg hatte während des Tages sagen lassen, die Sache würde heute stattfinden. Einer der Leute stieg auf den Bock und setzte sich neben den Kutscher, die beiden andern nahmen im Wagen Platz, der nach der Rue des Martyrs fuhr. Du Roy sagte: – Ich besitze den Plan der Wohnung, sie befindet sich im zweiten Stock. Wir treten zuerst in einen kleinen Flur, dann kommt das Eßzimmer, darauf die Schlafstube. Die drei Räume gehen in einander, es giebt keinen andern Ausweg, durch den sie entwischen könnten. In der Nähe wohnt ein Schlosser, der sich bereit hält, für den Fall, daß Sie ihn rufen lassen. Als sie vor dem bezeichneten Haus ankamen, war es erst ein viertel neun, und sie warteten schweigend über zwanzig Minuten. Aber als Georg merkte, daß es bald drei viertel schlagen würde, sagte er: – Nun wollen wir gehen. Und sie stiegen die Treppen hinauf, ohne sich um den Portier zu kümmern, der sie auch nicht bemerkte. Einer der Polizisten blieb auf der Straße, um den Ausgang zu beobachten. Die vier Herren blieben im zweiten Stock stehen, und Du Roy legte sein Ohr an die Thür und horchte; dann guckte er durchs Schlüsselloch. Der Kommissar sagte zu seinen Beamten: – Bleiben Sie hier, bis ich rufe. Da Du Roy nichts sah und nichts hörte, klingelte er, und sie warteten. Nach zwei oder drei Minuten klingelte Georg von neuem, mehrmals hinter einander. In der Wohnung klang ein Geräusch, dann näherte sich ein leichter Schritt, es kam jemand um zu horchen. Da klopfte der Journalist mit gekrümmtem Zeigefinger, und eine verstellte Frauenstimme fragte von innen: – Wer ist da? Der Kommissar antwortete: – Im Namen des Gesetzes öffnen Sie. Die Stimme klang wieder: – Wer sind Sie? – Ich bin der Polizeikommissar, öffnen Sie, oder ich lasse die Thür mit Gewalt öffnen. Die Stimme fragte: – Was wollen Sie? Du Roy sagte: – Ich bins. Mach keine Geschichten, ihr entkommt uns nicht. Der leichte Schritt, – man hörte die bloßen Füße, – entfernte sich und kehrte nach ein Paar Sekunden zurück. Georg rief: – Wenn nicht geöffnet wird, sprenge ich die Thür auf! Er drückte den Messinggriff ´runter und legte sich mit der Schulter gegen das Holz. Da niemand antwortete, rannte er plötzlich so heftig gegen die Tür, daß das alte Schloß des Absteigequartiers nachgab. Die Schrauben wurden aus dem Holz gerissen, und der junge Mann wäre beinahe auf Magdalene gefallen, die im Flur stand, in Hemd und Unterrock mit offnen Haaren ohne Strümpfe und Schuh, eine Kerze in der Hand. Er rief: – Nun haben wir sie, – und stürzte in die Wohnung. Der Kommissar nahm den Hut ab und folgte ihm. Und die junge Frau ging bestürzt mit dem Licht hinterdrein. Sie kamen durch das Eßzimmer, auf dessen noch nicht abgedecktem Tisch die Überreste der Mahlzeit standen: leere Champagnerflaschen, eine offene Gänseleberpastete, das Gerippe eines Huhns und einige Stücke Brot. Auf dem Anrichtetisch standen zwei Teller mit Austernschalen. Das Schlafzimmer sah aus, als hätte ein Kampf daselbst stattgefunden. Ein Kleid war über den Stuhl geworfen, und auf der Lehne eines Armsessels hingen ein paar Herren-Unterhosen. Vier Schuhe, zwei große und zwei kleine, lagen zu Füßen des Bettes unordentlich umher. Es war die richtige Chambre-garnie mit gewöhnlichen Möbeln, und jenem entsetzlich-faden Hotelgeruch, den Vorhänge, Matratzen, Wände, Stühle ausströmten, dem Geruch von all den Menschen, die hier in dieser Allerweltswohnung geschlafen oder gelebt, einen Tag oder sechs Monate, und etwas von ihrer Ausdünstung zurückgelassen hatten, jener menschlichen Ausdünstung, die mit der des Vorgängers vereint einen unbestimmten süßlichen, unangenehmen Gestank hinterläßt, immer der nämliche in dieser Art von Zimmern. Auf dem Kamin stand ein Teller mit Cakes, eine Flasche Chartreuse und zwei Schnapsgläschen noch zur Hälfte gefüllt. Über die Kaminuhr war ein Cylinderhut gestülpt. Der Kommissar drehte sich schnell herum und blickte Magdalene an: – Nicht wahr, Sie sind Frau Klara Magdalene Du Roy, Ehefrau des Schriftstellers Herrn Prosper Georg Du Roy, der hier steht. Sie antwortete mit erstickter Stimme: – Ja wohl! – Was thun Sie hier? Sie antwortete nicht. Der Beamte fragte nochmals: – Was thun Sie hier? Ich finde Sie außerhalb Ihres Hauses, beinahe unbekleidet in einer möblierten Wohnung. Wozu sind Sie hierher gekommen? Er wartete einige Augenblicke, aber als sie immer noch schwieg, sagte er: – Gnädige Frau, wenn Sie nicht gestehen wollen, bin ich genötigt, den Thatbestand festzustellen. Man sah im Bett die Gestalt eines Körpers sich unter der Decke abzeichnen. Der Kommissar trat heran und rief: – Mein Herr! Der Mann, der dort lag, bewegte sich nicht. Er schien den Rücken nach dem Zimmer gekehrt und den Kopf unter dem Kopfkissen versteckt zu haben. Der Beamte berührte das, was wahrscheinlich seine Schulter war, und sagte nochmals: – Bitte, zwingen Sie mich doch nicht dazu, Gewalt anzuwenden. Aber der verhüllte Körper blieb unbeweglich liegen, als wäre er tot. Du Roy war vorgetreten, ergriff die Decke, zog sie fort, riß das Kopfkissen zur Seite, und das totenbleiche Gesicht Laroche-Mathieus kam zum Vorschein. Er beugte sich über ihn und sagte, die Zähne zusammenpressend, mit dem lebhaften Wunsch ihn zu erwürgen: – Haben Sie doch wenigstens den Mut Ihrer Gemeinheit! Der Beamte fragte wieder: – Wer sind Sie? Der erschrockene Liebhaber antwortete nicht, und der Beamte sagte nochmals: – Ich bin Polizeikommissar und fordere Sie auf, Ihren Namen zu nennen. Du Roy, den eine fürchterliche Wut überkam, brüllte: – Aber so antworten Sie doch, Sie Feigling! Sonst werde ich Ihren Namen sagen. Da stammelte der Mann, der da lag: – Herr Kommissar, ich bitte Sie, mich nicht von diesem Menschen beleidigen zu lassen. Habe ich mit ihm oder mit Ihnen zu thun? Habe ich ihm oder Ihnen zu antworten? Sein Mund schien ganz ausgetrocknet zu sein. Der Beamte anwortete: – Mit mir haben Sie es zu thun. Mit mir ganz allein. Ich frage Sie, wer Sie sind. Der andere schwieg, er hatte die Bettdecke bis zum Hals herauf gezogen und blickte erschrocken um sich. Auf seinem fahlen Gesicht, zeichnete sich der kleine gewirbelte Schnurrbart kohlschwarz ab. Der Kommissar sagte von neuem: – Wenn Sie nicht antworten wollen, muß ich Sie festnehmen lassen. Stehen Sie jedenfalls auf. Wenn Sie angezogen sind, werde ich Sie weiter befragen. Der Körper bewegte sich im Bett, und der Kopf brummte: – Das kann ich nicht, in Ihrer Gegenwart. Der Beamte fragte: – Warum denn nicht? Der andere stammelte: – Ich bin .. ich bin .. ich bin ja ganz nackt! Du Roy fing an zu lachen, hob ein Hemd auf, das an der Erde lag, warf es aufs Bett und rief: – Ach was, so stehen Sie doch auf. Wenn Sie sich vor meiner Frau ausgezogen haben, können Sie sich wohl vor mir wieder anziehen. Dann wandte er ihm den Rücken und ging zum Kamin. Magdalene hatte ihre ganze Kaltblütigkeit wiedergewonnen. Da sie alles verloren sah, war sie bereit alles zu riskieren. Eine Art höhnischer Trotz glänzte aus ihren Augen. Sie rollte ein Stück Papier zusammen, zündete es an und steckte dann, wie zu einem großen Fest die zehn Lichter an auf den häßlichen Leuchtern, die auf beiden Kaminecken standen. Dann lehnte sie sich an die marmorne Kaminbrüstung hob einen ihrer nackten Füße gegen die erlöschende Flamme, sodaß hinten ihr Unterrock, der nur lose auf den Hüften saß, heraufrutschte, dann nahm sie aus einem rosa Cigarettenpaket eine Cigarette, steckte sie an und fing an zu rauchen. Der Kommissar war an sie heran getreten, indem er abwartete, daß ihr Mitschuldiger sich ankleide. Da fragte sie ihn in unverschämtem Ton: – Machen Sie so was oft? Er antwortete ernst: – So selten wie möglich, gnädige Frau! Sie lachte ihm ins Gesicht: – Ich gratuliere Ihnen dazu. Das Geschäft ist nicht sauber! Sie that, als kümmere sie sich um nichts und sähe ihren Mann gar nicht. Aber der Herr im Bett zog sich an. Er hatte die Hosen angelegt, die Stiefel angezogen und kam nun herbei, indem er die Weste zuknöpfte. Der Polizeibeamte wandte sich ihm zu: – Wollen Sie mir nun sagen, wer Sie sind? Der andere antwortete nicht. Da sagte der Polizeikommissar: – So bin ich genötigt, Sie zu arretieren. Nun rief der Mann plötzlich laut: – Rühren Sie mich nicht an, ich bin unverletzlich. Du Roy stürzte sich auf ihn, als wollte er ihn niederschlagen und schrie ihm ins Gesicht: – Sie sind in flagranti ertappt, ja in flagranti. Ich kann Sie festnehmen lassen, wenn ich will, jawohl ich kann. Dann sagte er mit zitternder Stimme: – Dieser Mann heißt Laroche-Mathieu und ist Minister des Äußern. Der Polizeikommissar fuhr erschrocken zurück und stammelte: – Ja wollen Sie mir nun endlich sagen, wer Sie sind? Der Mann faßte einen Entschluß und sagte laut: – Diesmal hat dieser Mensch da nicht gelogen. Ich heiße in der That Laroche-Mathieu und bin Minister. Dann streckte er den Arm gegen Georgs Brust aus, wo wie eine kleine Flamme ein roter Punkt sichtbar war, und fügte hinzu: – Und der Lump dort trägt das Kreuz der Ehrenlegion, das ich ihm gegeben habe. Du Roy war totenbleich geworden, mit schnellem Griff riß er das schmale, rote Band aus dem Knopfloch und warf es in den Kamin: – So, das ist ein Orden wert, der von so einem Schweinekerl kommt, wie Sie. Sie standen einander gegenüber, Auge in Auge, wütend mit geballter Faust, der eine mager mit langem blonden Schnurrbart, der andere dick, den Bart nach oben gedreht. Der Kommissar trat schnell zwischen die beiden, schob sie auseinander und sagte: – Meine Herren, Sie vergessen sich, denken Sie an Ihre Würde! Sie schwiegen und wandten einander den Rücken. Magdalene rauchte noch immer, lächelnd und unbeweglich. Der Polizeikommissar sagte: – Herr Minister, ich habe Sie überrascht, allein mit Frau Du Roy, die hier steht, Sie im Bett, diese Dame da fast unbekleidet. Ihre Kleider lagen durcheinander im Zimmer, das genügt um einen Ehebruch zu konstatieren. Sie können die Thatsachen nicht leugnen. Haben Sie etwas zu entgegnen? Laroche-Mathieu brummte: – Ich habe nichts zu sagen, thun Sie Ihre Pflicht. Der Kommissar wandte sich zu Magdalene: – Gnädige Frau gestehen Sie, daß dieser Herr Ihr Liebhaber ist? – Ich leugne es nicht, er ist mein Liebhaber. – Das genügt! Dann machte der Beamte ein paar Aufzeichnungen über den Zustand, in dem er die Wohnung angetroffen. Als er mit Schreiben fertig war, fragte der Minister, der sich nun fertig angezogen hatte und, den Überzieher auf dem Arm, den Hut in der Hand, wartete: – Bedürfen Sie meiner noch? Was habe ich zu thun? Kann ich gehen? Du Roy wandte sich zu ihm und sagte unverschämt lachend: – Warum wollen Sie fort? Wir sind fertig! Sie können wieder zu Bett gehen. Wir lassen Sie jetzt allein. Und indem er den Finger auf den Arm des Polizeibeamten legte, sagte er: – Herr Kommissar, wir ziehen uns zurück, wir haben hier nichts mehr zu suchen. Etwas erstaunt folgte ihm der Beamte, aber an der Schwelle des Zimmers trat Georg zurück, um ihn voran gehen zu lassen. Der andere sperrte sich dagegen, aber Du Roy blieb dabei: – Bitte Sie haben den Vortritt! Der Kommissar erwiderte: – Nach Ihnen! Da verbeugte sich der Journalist und sagte mit ironischer Höflichkeit: – Jetzt sind Sie an der Reihe, Herr Kommissar. Ich bin ja hier beinahe zu Hause. Dann schloß er leise die Thür, als wollte er ganz zartfühlend sein. Eine Stunde später trat Georg Du Roy in die Redaktion der ,Vie francaise' . Herr Walter war schon anwesend, denn er leitete und überwachte noch immer sorgfältig seine Zeitung, die eine enorme Ausdehnung angenommen hatte und die immer größer werdenden Unternehmungen seiner Bank kräftig unterstützte. Der Chef blickte auf und sagte: – Ach, da sind Sie! Aber Sie sehen ja ganz sonderbar aus. Warum sind Sie denn nicht zum Essen zu uns gekommen? Wo kommen Sie denn her? Der junge Mann erklärte, seiner Wirkung sicher, indem er jedes Wort einzeln betonte: – Ich habe eben den Minister des Äußern gestürzt! Der Chef meinte, er mache einen Spaß: – Wieso denn gestürzt? – Ich werde einen Kabinettswechsel veranlassen, weiter nichts. Es war an der Zeit, das Aas hinaus zu schmeißen. Der Alte war ganz paff und dachte, daß sein Redakteur betrunken wäre: – Reden Se keinen Stuß! – Durchaus nicht. Ich habe eben Herrn Laroche- Mathieu beim Ehebruch mit meiner Frau ertappt. Der Polizeikommissar hat die Sache festgestellt. Der Minister ist futsch. Walter schob ganz erschrocken seine Brille auf die Stirn und fragte: – Sie wollen mich wohl zum Besten halten? – Durchaus nicht! Ich werde sogar sofort einen Artikel darüber schreiben! – Ja, was wollen Sie denn damit? – Ich will diesen Gauner, diesen Elenden, diesen gemeingefährlichen Verbrecher stürzen! – Er warf den Hut auf den Stuhl und fügte hinzu: – Wer mir ins Gehege kommt, der mag sich hüten! Ich verzeihe nie! Der Chef, der noch immer nicht begriff, brummte: – Aber .. Ihre Frau! – Meine Scheidungsklage wird morgen eingereicht. Ich schicke sie dem seligen Forestier zurück! – Sie wollen sich scheiden lassen? – Das will ich meinen! Ich war der Dumme, aber ich that nur so, um sie abzufassen. Nun ist es so weit, und ich habe das Heft in der Hand! Herr Walter konnte sich gar nicht erholen. Er blickte Du Roy erschrocken an und dachte: Verflucht, mit dem Kerl muß man sich in Acht nehmen! Georg sagte: – Jetzt bin ich frei, ich habe ein gewisses Vermögen. Nun werde ich in meiner engern Heimat, wo ich sehr bekannt bin, bei den Neuwahlen im Oktober als Abgeordneter kandidieren. Mit dieser Frau, die allen Leuten gleich verdächtig war, konnte ich mir keine Stellung erringen und zu nichts kommen. Sie hatte mich reingelegt wie man 'nen Dummen fängt, ganz einfach. Aber seitdem ich wußte, wie sie 's treibt, habe ich sie überwacht. Das Beest! Er fing an zu lachen: – Der arme Karl, der Forestier trug seine Hörner, ohne etwas zu ahnen in ruhiger Vertrauensseligkeit. Jetzt bin ich den Grind los, den er mir gelassen hat. Meine Hände sind jetzt frei, ich will schon meinen Weg machen! Er hatte sich rittlings auf einen Stuhl gesetzt und sagte, wie im Traume vor sich hin: – Ich will schon meinen Weg machen! Der alte Walter blickte ihn immer noch mit bloßem Auge an, die Brille auf die Stirn empor geschoben, und sagte sich: Ja der Kerl wird seinen Weg machen! Georg stand auf: – Ich werde jetzt den Artikel schreiben. Das muß sehr taktvoll gedeichselt werden! Aber wissen Sie, dem Minister kostet er den Kopf. Ein Mann über Bord, den man nicht wieder herausfischen kann. Die Vie française hat keinen Grund,ihn zu schonen. Der Alte zögerte ein paar Augenblicke, dann fügte er sich und sprach: – Na, immer los! Das kommt davon, wenn man sich in solche Geschichten einläßt! IX Ein Vierteljahr war vergangen. Du Roys Scheidung eben ausgesprochen. Seine Frau hatte den Namen Forestier wieder angenommen, und da Walters am 15. Juli nach Trouville gehen wollten, kam man überein vor der Trennung noch eine Landpartie zu machen. Ein Donnerstag wurde bestimmt, und schon neun Uhr morgens ging es fort mit einer Mail-coach zu sechs Plätzen, vier Pferden davor. Im Pavillon Heinrich IV. in Saint-Germain wurde gefrühstückt. Der Liebling hatte gebeten, als einziger Herr teilnehmen zu dürfen, denn er konnte Gesicht und Gegenwart des Marquis von Cazolles nicht ertragen; aber im letzten Augenblick entschlossen sie sich doch noch, den Grafen Latour-Yvelin zu Hause zu überfallen und mitzunehmen, was man ihm am Abend vorher mitgeteilt hatte. Im Trabe ging es die Avenue des Champs Elysées hinauf, dann durch das Bois de Bologne. Es war wundervolles Sommerwetter, nicht zu heiß, die Schwalben schossen am blauen Himmel in großen Bogen hin, daß man meinte sie noch zu sehen, wenn sie längst vorüber waren. Die drei Damen saßen im Fond, die Mutter zwischen den beiden Töchtern. Ihnen gegenüber die drei Herren, Walter zwischen seinen Gästen. Sie fuhren über die Seine, den Mont Valerien hinan, dann durch Bougival und endlich den Fluß entlang bis Pecq. Graf Latour-Yvelin, – ein nicht mehr ganz junger Mann mit dünnem langem Backenbart, dessen Spitzen der leiseste Wind bewegte, sodaß Du Roy sagte: – Der Wind im Bart steht ihm ganz gut! Er betrachtete zärtlich Rosa. Seit vier Wochen waren sie verlobt. Georg war sehr bleich und blickte oft Susanne an, die ebenso bleich war, wie er. Ihre Augen trafen sich und schienen sich Mut zuzusprechen, sich zu verstehen, geheime Gedanken zu wechseln und einander wieder zu fliehen. Frau Walter war ruhig und glücklich. Das Frühstück dauerte lange. Ehe sie nach Paris zurück fuhren, schlug Georg vor, nochmals auf die Terrasse zu gehen. Zuerst blieben sie stehen der Aussicht wegen, sie stellten sich alle neben einander an die Mauer und begeisterten sich an dem Blick. Zu Füßen eines langen Höhenzuges wand sich die Seine wie eine lange Schlange im Grünen nach Maison-Laffitte; rechts auf der Höhe hob sich der Viaduct von Marly am Himmel mit seinem Riesenbogen ab, wie eine Raupe mit langen Füßen, und darunter lag Marly im dichten Laub der Bäume verborgen. In der weiten Ebene, die sich gegenüber erstreckte, erblickte man hier und da Dörfer. Die Teiche von Vesinet zeichneten sich als glatte Flecken ab, aus der dichten Belaubung des kleinen Wäldchens; links lugte ganz in der Ferne der spitze Kirchturm von Sartrouville. Walter meinte: – So ein Panorama giebt es auf der ganzen Welt nicht wieder, nicht einmal in der Schweiz! Dann begannen sie langsam spazieren zu gehen, um die Aussicht zu genießen. Georg und Susanne blieben zurück. Sobald sie ein paar Schritte entfernt waren, sagte er zu ihr leise mit verhaltener Stimme: – Susanne ich liebe Sie, ich liebe Sie zum wahnsinnig werden. Sie flüsterte: – Ich auch, Liebling! Er sagte: – Wenn ich Sie nicht zur Frau bekomme, verlasse ich Paris, verlasse ich Frankreich. Sie antwortete: – Versuchen Sie doch bei Papa um mich anzuhalten. Vielleicht sagt er ja. Er machte eine ungeduldige Bewegung: – Nein, ich sage Ihnen zum zehnten Mal, das ist ganz unnütz, mir würde nur das Haus verboten werden, ich würde aus der Zeitung entfernt, und wir könnten uns nicht einmal mehr sehen. Wenn ich regelrecht anhalte, ist das die sichere Folge. Sie sind dem Marquis Cazolles zugesagt, man hofft, daß Sie doch noch mal ›ja‹ sagen werden, und man wartet. Sie fragte: – Was sollen wir denn thun? Er zögerte und blickte sie von der Seite an: – Lieben Sie mich genug um eine große Verrücktheit zu begehen? Sie antwortete entschlossen: – Ja! – Ein ganz große Verrücktheit? – Ja – Das ärgste, was Sie thun könnten? – Ja! – Wirklich? – Ja! – Nun, ein Mittel giebt es, nur eins! Sie müssen die Sache machen, nicht ich. Sie sind ein verwöhntes Kind, Sie dürfen alles, und wenn Sie etwas wagen, wird das Erstaunen nicht allzu groß sein. Hören Sie also: Heute abend, wenn Sie nach Hause kommen, suchen Sie Ihre Mutter auf, aber zuerst Ihre Mutter ganz allein, und gestehen ihr, daß Sie mich heiraten wollen. Sie wird sehr erzürnt sein und in fürchterliche Wut geraten. Susanne antwortete ihm: – Ach, Mama wird schon wollen. Er gab lebhaft zurück: – Nein! Sie kennen sie nicht. Sie wird viel wütender sein, als Ihr Vater, passen Sie mal auf, wie sie sich sträuben wird! Aber Sie dürfen nicht locker lassen, sich nicht werfen lassen, Sie müssen immer wiederholen, daß Sie mich heiraten wollen, nur mich und keinen andern. Wollen Sie das thun? – Ich werde es thun! – Und nachdem Sie bei Ihrer Mutter gewesen sind, sagen Sie es auch Ihrem Vater, ganz ernst und sehr entschieden. – Ja, ja! Und dann? – Ja und dann wird die Sache eklig! Wenn Sie ganz entschlossen sind, wirklich, ganz, ganz entschlossen, meine Frau zu werden, meine liebe, kleine Susanne, dann werde ich Sie entführen! Sie klatschte vor Vergnügen in die Hände. – Ach, wie hübsch! Sie wollen mich entführen! Wann werden Sie mich denn entführen? Die ganze Poesie vergangener Tage, wie sie in nächtlichen Entführungen, in Postkutschen und Dorfherbergen und romantischen Abenteuern sich in den Romanen spiegelt, tauchte vor ihr auf, wie ein herrlicher Traum, der zur Wirklichkeit werden sollte. Und sie fragte noch einmal: – Wann werden Sie mich entführen? Ganz leise antwortete er: – Nun, heute abend! Diese Nacht! Sie fragte zitternd: – Und wo gehen wir denn hin? – Das ist mein Geheimnis, überlegen Sie sich wohl, was Sie thun! Bedenken Sie, daß Sie nach dieser Flucht meine Frau werden müssen. Das ist das einzig mögliche Mittel und das ist ... sehr gefährlich ... für Sie! Sie erklärte: – Ich bin entschlossen ... und wo soll ich Sie treffen? – Können Sie allein das Palais verlassen? – Ja wohl! Ich kann durch die kleine Thür. – Nun gut! Wenn der Portier zu Bett gegangen ist, so gegen Mitternacht, dann kommen Sie auf den Konkordienplatz. Ich warte in einer Droschke, gerade dem Marineministerium gegenüber. – Ich komme! – Ist es auch sicher? – Ganz sicher! Er nahm ihre Hand und drückte sie: – Ach ich liebe Sie, Sie sind so gut und tapfer! Also, Sie wollen Cazolles nicht heiraten? – Nein, nein! – War Ihr Vater sehr böse, als Sie nein sagten? – Natürlich! Er wollte mich ins Kloster stecken! – Ja, sehen Sie also ein, daß wir energisch sein müssen? – Ich werde es sein! Sie blickte in die Weite, ganz erfüllt von dem Gedanken an die Entführung. Sie würde weiter fort gehen als dort, wohin der Blick reichte. Mit ihm! Sie sollte entführt werden! Sie war ganz stolz darauf. Sie dachte gar nicht an ihren Ruf oder was ihr Schlimmes zustoßen könnte. Wußte sie es? Ahnte sie es überhaupt? Frau Walter drehte sich um und rief: – Na komm doch. Kleine, was hast Du denn mit dem Liebling? Sie holten die andern ein, man sprach von dem Seebade, wo sie bald sein würden. Dann ging es über Chatou heim, um nicht denselben Weg zurück zu kehren. Georg sprach nicht mehr, er dachte: – Wenn die Kleine also nur ein bißchen Mut hat, wird die Geschichte klappen. Seit drei Monaten umspann er sie mit seiner unwiderstehlichen Zärtlichkeit, er verführte sie, schlich sich in ihre Seele und machte sie sich ganz zu eigen. Er hatte ihre Liebe gewonnen, wie nur er es konnte! Ihre kleine Puppenseele zu erobern war ihm nicht schwer geworden. Zuerst hatte er erreicht, daß sie Cazolles einen Korb gab, und eben hatte er es fertig gebracht, daß sie einwilligte mit ihm zu fliehen, denn ein anderes Mittel gab es nicht. Frau Walter, das wußte er wohl, würde nie ihre Zustimmung geben, daß er ihre Tochter heiratete. Sie liebte ihn noch und würde ihn mit der gleichen Glut weiter lieben. Er hielt sie durch seine berechnete Kälte im Bann, aber er wußte, welch' ohnmächtige wilde Leidenschaft in ihr tobte. Die konnte er nie gewinnen, nie würde sie zugeben, daß er Susanne bekäme. Aber, wenn er die Kleine erst einmal in seiner Macht hatte, dann konnte er mit dem Vater als Gleichstehender unterhandeln. Indem er sich alles das überlegte, antwortete er, wenn man ihn anredete, mit zusammenhangslosen Worten und hörte kaum zu. Als sie nach Paris zurück kamen, schien er wieder zu erwachen. Susanne war auch in Gedanken. In ihrem Kopf klingelten die Schellen der vier Postpferde, und im Geiste sah sie unendliche Landstraßen in ewigem Mondenschein vor sich liegen, dunkle Wälder, durch die sie fuhren, Wirtshäuser am Wegesrand und die Eilfertigkeit der Stallleute beim Wechseln der Pferde, denn natürlich ahnten alle, daß sie verfolgt würden. Als die Coach im Hofe des Palais hielt, wollte man Georg zum Essen behalten. Er lehnte ab und kehrte nach Hause zurück. Nachdem er etwas gegessen, begann er seine Papiere zu ordnen, wie vor einer großen Reise. Er verbrannte kompromitierende Briefe, versteckte andere und schrieb an ein paar Freunde. Von Zeit zu Zeit sah er nach der Uhr und dachte: – Na, jetzt raucht es bei denen – und eine große Unruhe kam über ihn. Wenn der Coup nun mißglückte! Aber was konnte er fürchten? Er würde die Sache schon machen, und doch spielte er heute abend ein gewagtes Spiel. Gegen elf Uhr ging er wieder aus, irrte eine Zeit lang umher, nahm dann eine Droschke, fuhr zum Konkordienplatz und ließ an den Arkaden des Marineministeriums halten. Ab und zu zündete er ein Streichholz an, um nach der Uhr zu sehen. Als Mitternacht nahe, war seine Unruhe fieberhaft, alle Augenblicke sah er aus dem Fenster. In der Ferne schlug eine Uhr zwölf Mal, dann eine andere näher, darauf zwei zu gleicher Zeit, endlich wieder eine sehr entfernt. Als der letzte Ton verklungen war, dachte er: – Nun ist es aus, jetzt ist alles futsch, sie kommt nicht! Aber er war entschlossen bis Tagesanbruch zu warten. In solchen Fällen muß man Geduld haben. Er hörte wie es ein viertel schlug, dann halb, dann dreiviertel. Und die Uhren schlugen wieder alle eins, wie sie vorhin die Mitternacht verkündet. Er erwartete sie nicht mehr, er blieb sitzen und zerbrach sich den Kopf, was nur hatte passieren können. Da erschien plötzlich ein Frauenkopf am Fenster und fragte: – Liebling, sind Sie's? Er fuhr auf und rang nach Atem: – Sind Sie's Susanne? – Ja, ich bin es! Er konnte nicht schnell genug öffnen und sagte noch einmal: – Ah, Sie? Sie? Schnell kommen Sie. Sie stieg ein und fiel ihm in die Arme. Er rief dem Kutscher zu: – Fort! Und die Droschke fuhr davon. Susanne war außer Atem und konnte nicht sprechen. Er fragte: – Nun wie ist es denn gegangen? Da flüsterte sie fast ohnmächtig werdend: – Ach das war furchtbar, vor allem bei Mama. Er ward unruhig: – Was, was hat denn Mama gesagt? Erzählen Sie mir. – Das war furchtbar! Ich bin zu ihr gekommen und habe ihr meine kleine Geschichte erzählt, genau so, wie ich sie mir überlegt hatte. Da ward sie bleich und schrie laut auf: »Niemals, niemals!« . . Ich habe geheult, bin wütend geworden und habe geschworen, daß ich niemand anders heiraten würde als Sie. Ich dachte, sie würde mich schlagen, denn sie war wie verrückt und sie hat gesagt, ich würde morgen ins Kloster gesteckt werden. So habe ich sie noch nie gesehen, noch niemals. Dann kam Papa, weil er sie so schimpfen hörte. Er war nicht so böse wie sie, aber er hat gesagt, Sie wären keine Partie, die gut genug für mich sei! Da ich aber auch wütend war, schrie ich noch mehr wie sie, und Papa befahl mir, hinaus zu gehen, mit einer dramatischen Gebärde, die ihm sehr schlecht stand. Dies alles hat nur den Entschluß, mit Ihnen auszureißen in mir befestigt. Da bin ich. Wo geht es hin? Er hatte langsam die Hand um ihre Taille gelegt und hörte klopfenden Herzens, angestrengt lauschend zu, während gegen diese Leute der Haß in seinem Herzen emporstieg. Aber die Tochter hatte er jetzt, nun sollten sie mal sehen! Er antwortete: – Es ist zu spät, um noch mit dem Zuge fort zu fahren. Der Wagen wird uns also nach Sèvres bringen, dort bleiben wir die Nacht und morgen fahren wir nach La Roche-Guyon. Das ist ein nettes kleines Dorf an der Seine, zwischen Mantes «nd Bonníères. Sie flüsterte: – Aber ich habe keine Kleider, ich habe nichts. Er lächelte sorglos: – Ach das wird sich schon dort finden. Die Droschke fuhr immer weiter, und Georg nahm die Hand des jungen Mädchens und fing an, sie langsam und respektvoll zu küssen. Er wußte nicht, was er ihr sagen sollte, an platonische Liebe war er nicht gewöhnt. Plötzlich war es ihm, als weinte sie. Er fragte erschrocken: – Was haben Sie denn, liebe Kleine? Sie antwortete mit Thränen in der Stimme: – Die arme Mama schläft jetzt nicht, wenn sie gemerkt hat, daß ich fort bin.   Ihre Mutter schlief allerdings nicht. Sobald Susanne ihr Zimmer verlassen hatte, war Frau Walter vor ihrem Mann stehen geblieben und fragte, wie niedergedonnert: – Mein Gott, was soll denn das bedeuten? Walter rief wütend: – Das soll bedeuten, daß dieser Intrigant sie rum gekriegt hat, er ist daran schuld, daß sie Cazolles nicht hat haben wollen. Er findet die Mitgift nicht übel! Er fing an, wütend im Zimmer auf und nieder zu gehen und sagte: – Aber Du hast ihn auch fortwährend heran gezogen, ihm geschmeichelt und schön gethan, Du konntest ihn gar nicht genug verziehen. Das war der Liebling vorn und der Liebling hinten von früh bis abends. Das hast Du nun davon! Sie antwortete erbleichend: – Ich ihn herangezogen? Er brüllte sie an: – Ja, Du! Ihr seid eine so verrückt auf ihn, wie die andere: die Marelle, Susanne und alle andern. Meinst Du denn, ich hätte nicht gemerkt, daß Du es ohne ihn gar nicht aushalten kannst? Sie nahm eine Pose an und richtete sich empor: – Ich erlaube Dir nicht, mit mir so zu sprechen, Du vergißt, daß ich nicht wie Du in einer Krambude groß geworden bin! Zuerst blieb er unbeweglich, ganz paff stehen, dann brüllte er wütend: – Gott verdamm mich! – lief hinaus und warf zornig die Thür zu. Sobald sie allein war, trat sie mechanisch vor den Spiegel, um sich zu betrachten, als hätte sie sehen wollen, ob sich nichts an ihr verändert, so unmöglich schien ihr, was da vorging, so haarsträubend. Susanne liebte den Liebling und der Liebling wollte Susanne heiraten! Nein! Sie mußte sich geirrt haben, das konnte gar nicht sein. Das kleine Mädchen hatte nur eine ganz natürliche Neigung zu dem schönen Kerl gefaßt und hoffte, ihn zum Mann zu bekommen. Sie hatte sich ihn in den Kopf gesetzt. Aber er? Er konnte doch nicht mit ihr unter einer Decke stecken. Sie sann nach, ganz verstört, wie man bei großen Naturereignissen zu sein pflegt. Nein, der Liebling wußte nichts von Susannes tollem Streich! Sie wog lange Zeit die Möglichkeit seiner Niederträchtigkeit oder seiner Unschuld gegen einander ab. Wenn er diese Geschichte eingefädelt hatte, war er doch ein Lump! O, was würde noch alles kommen? Welche Gefahren, welche Erschütterungen sah sie voraus! Wenn er nichts davon wußte, dann konnte noch alles gut werden; sie würde mit Susanne ein halbes Jahr auf Reisen gehen, und alles war vergessen! Aber wie sollte sie ihn dann wiedersehen? Sie liebte ihn ja noch immer! Ihre 21 Leidenschaft war wie einer jener Pfeile mit Widerhaken, die man nicht aus der Wunde entfernen kann. Ein Leben ohne ihn war unmöglich, dann lieber sterben! Ihre Gedanken irrten in diesen Ängsten und Zweifeln umher, und sie bekam Kopfschmerzen, daß sie kaum mehr nachdenken konnte, daß sich ihre Sinne verwirrten. Nervös suchte sie einen Ausweg zn finden – vergebens! Sie sah nach der Uhr, es war eins vorüber, und sie sagte sich: »So halte ich es nicht aus, ich muß die Wahrheit wissen! Ich werde Susanne wecken und fragen.« Ohne Schuh, um keinen Lärm zu machen, ein Licht in der Hand, ging sie zum Zimmer ihrer Tochter. Sie öffnete leise, trat ein und ging zum Bett. Es war unberührt. Zuerst verstand sie es gar nicht, und dachte, daß das Kind noch mit dem Vater spräche. Aber bald erwachte ein schrecklicher Argwohn in ihr, und sie lief zu ihrem Mann. Er lag im Bett und las noch. Er fragte verstört: – Nanu! Was hast Du denn? Sie fragte: – Hast Du Susanne gesehen? – Ich? Nein! Weshalb? – Sie ist .. sie ist . . fort! Sie ist nicht . . in ihrem Zimmer! Mit einem Satz sprang er aus dem Bett, fuhr in die Pantoffeln und stürzte, ohne Unterbeinkleider, in wehendem Nachthemd zum Zimmer seiner Tochter. Sobald er hinein geblickt, hatte er keinen Zweifel mehr. Sie war entflohen. Er sank in einen Stuhl und setzte die Lampe neben sich auf die Erde. Seine Frau war ihm gefolgt und stammelte: – Nun? Er hatte keine Kraft mehr zu antworten, keine Wut mehr in der Stimme, er stöhnte nur: – Vorbei! Er hat sie! Wir sind verloren! Sie begriff nicht: – Wie so denn, verloren? – Na, das ist doch klar, jetzt muß er sie heiraten. Sie schrie auf wie ein wildes Tier: – Er? Nie! Bist Du verrückt? Er antwortete traurig: – Das Jammern nützt jetzt nichts mehr, er hat sie entführt und entehrt. Jetzt ist es noch das Beste, wenn er sie kriegt; wenn wir es schlau anfangen, merkt wenigstens niemand etwas davon. Sie wiederholte, von fürchterlicher Erregung durchzuckt: – Nie! Niemals soll er Susanne bekommen! Das erlaube ich nie! Walter antwortete mit Mühe: – Aber er hat sie. Nun ist alles aus. Er wird sie behalten und sie verstecken, bis wir nachgeben. Wenn wir also Skandal vermeiden wollen, müssen wir sofort nachgeben. Die Frau wiederholte von einem Schmerz, den sie nicht eingestehn durfte, zerrissen: – Nein, nein, das erlaube ich nie! Er sagte ungeduldig: – Nu, da giebt es gar nichts weiter zu reden, es muß sein! Der Lump hat uns aber rein gelegt. Jedenfalls ist er ein toller Kerl! Wir hätten vielleicht ein bessern Mann finden können, aber nicht einen, der schlauer ist und eine glänzendere Carrière vor sich hat. Der ist der Mann der Zukunft! Der wird noch Abgeordneter und Minister! Frau Walter rief mit wilder Erregung: – Ich gebe nie zu, daß er Susanne heiratet, hörst Du, nie! Nun ward er wütend und nahm schließlich, als praktischer Mann, sogar des Lieblings Partei: – Aber so sei doch ruhig, ich sage Dir, es muß sein, es muß durchaus sein! Und wer weiß, am Ende bereuen wir es nicht. Mit einem Manne dieses Schlags weiß man nie, was geschehen kann. Du hast doch gesehen, wie er mit drei Artikeln diesen impertinenten Laroche-Mathieu gestürzt hat und wie er sich mit Anstand aus der Angelegenheit gezogen hat, was doch für ihn als Ehemann sehr schwierig war. Nun wir werden ja sehen. Die Hauptsache ist, wir sitzen drin und sitzen uns nicht 'raus. Es kam ihr die Lust an zu schreien, sich auf der Erde zu wälzen, sich die Haare zu raufen, und sie sagte nochmals mit verzweifelter Stimme: – Er wird sie nicht bekommen, ich ... will ... es ... nicht! Walter stand auf, nahm seine Lampe und sagte: – Ach, Du bist albern, wie alle Frauenzimmer, ihr handelt immer bloß aus Leidenschaft, ihr wißt euch den Umständen nie unterzuordnen. Ihr seid dämlich. Ich sage Dir, er wird sie heiraten ... er muß. Und mit den Pantoffeln klappend ging er davon. Wie ein lächerliches Gespenst durchschritt er im Nachthemd den weiten Flur des schlafenden Palais und ging lautlos in sein Zimmer. Frau Walter blieb stehen, unsäglicher Schmerz zerriß ihre Seele. Sie verstand noch immer nicht, sie litt nur. Dann war es ihr, als könne sie nicht hier bleiben unbeweglich, bis Tagesanbruch. Sie fühlte das Bedürfnis davon zu laufen, um Rettung und Hilfe zu suchen. Sie überlegte, wen sie sich zur Hilfe holen sollte, aber sie wußte es nicht. Einen Priester, ja einen Priester! Sie würde sich ihm zu Füßen werfen, ihm alles gestehen, in Verzweiflung beichten, und er würde es einsehen, daß dieser Elende Susanne nicht heiraten konnte und würde es hindern. Sie mußte einen Priester haben, sofort! Aber wo sollte sie einen finden? Wohin gehen? Doch so konnte sie es nicht aushalten. Da erschien vor ihr wie eine Vision das ernste Antlitz des Jesus auf dem Meere. Sie erblickte ihn vor sich, als sähe sie das Bild, er rief sie und sprach also zu ihr: – Komm zu mir, kniee nieder zu meinen Füßen, ich will Dich trösten und Dir sagen, was Du zu thun hast! Sie nahm ihr Licht und ging hinunter in das Palmenhaus. Der Jesus war ganz am Ende in einem kleinen Raum, den eine Glasthür abschloß, damit die Nässe dem Bild nicht schaden sollte. Das machte den Eindruck einer Kapelle in einem Walde seltener Bäume. Als Frau Walter in den Wintergarten trat, den sie nur in voller Beleuchtung gesehen, war sie erschrocken über das tiefe Dunkel. Die mächtigen Pflanzen des Südens strömten berückende Düfte aus, und da die Thüren nicht mehr offen waren, konnte man in der Luft dieses seltsamen Waldes, der unter einer Glashalle verschlossen lag, nur mühsam atmen, und das Atmen berauschte, verwirrte, that wohl und weh und hatte etwas von entnervender Wollust und vom Sterben. Die arme Frau ging in tiefer Bewegung langsam dahin durch das Dunkel, in dem beim Hin- und Herflackern des Lichtes die Pflanzen riesige Größe gewannen, wie mächtige Ungetüme, wie seltsame Verzerrungen. Plötzlich gewahrte sie das Bild, sie öffnete die Thür, die sie von ihm trennte, und fiel auf die Kniee. Zuerst betete sie wie wahnsinnig, stammelte Worte der Liebe, der Leidenschaft, der Verzweiflung. Als sie dann ruhiger ward, blickte sie auf und blieb erstarrt vor Angst. Beim zitternden Schein des einzigen Lichts, das nur schwach von unten auf das Jesusantlitz fiel, sah es dem Liebling so ähnlich, daß es nicht mehr der Gott war, sondern der Geliebte, der sie anblickte. Es waren seine Augen, seine Stirn, seine Züge, sein kalter hochmütiger Ausdruck. Sie stammelte: – Jesus, Jesus, Jesus! – Und das Wort »Georg« kam ihr auf die Lippen. Plötzlich dachte sie daran, daß in diesem Augenblick vielleicht Georg bei ihrer Tochter weilte, allein mit ihr, irgendwo in einem Zimmer. Er mit Susanne! Sie wiederholte: »Jesus, Jesus, Jesus!« Aber sie dachte an die beiden, an ihre Tochter und ihren Geliebten. Ja, sie waren allein in einem Raum ... und es war Nacht. Sie sah sie, sah sie so deutlich vor sich, daß sie sich hier an Stelle des Bildes vor ihr erhoben. Sie lächelten sich an, sie küßten sich, das Zimmer war dunkel, das Bett abgedeckt. Sie erhob sich, um auf sie zu zu gehen, ihre Tochter bei den Haaren zu fassen, sie dieser Umarmung zu entreißen; sie wollte sie an der Kehle packen, um sie zu würgen, ihre Tochter, die sie haßte, ihre Tochter, die sich diesem Manne überließ. Jetzt berührte sie sie, ... ihre Hände trafen die Leinwand, heftig stieß sie gegen die Füße Christi. Mit einem Schrei sank sie hinten über, fiel auf den Rücken und das umgestürzte Licht erlosch. Was geschah dann? Lange träumte sie von seltsamen, schrecklichen Dingen. Immer kamen Susanne und Georg an ihr vorüber, Arm in Arm mit Jesus Christus, und er segnete ihre furchtbare Liebe. Sie empfand, daß sie nicht in ihrem Zimmer war, sie wollte aufstehen, entfliehen, sie konnte es nicht. Sie war gelähmt, sodaß sie ihre Glieder nicht bewegen konnte und nur unbestimmte Gedanken hatte, von phantastischen entsetzlichen, unmöglichen Bildern gequält, einen Fiebertraum, den seltsamen und oft tötlichen Traum, den die einschläfernden Pflanzen des Südens in das Menschenhirn treiben, mit ihren phantastischen Formen und ihrem berauschenden Duft. Als es Tag geworden, fand man Frau Walter besinnungslos, halb erstarrt vor »Jesus wandelt auf dem Meere«. Sie war so krank, daß man für ihr Leben fürchtete, und erst am Tage darauf kam sie wieder zur Besinnung. Dann fing sie an zu weinen. Der Dienerschaft wurde das Verschwinden Susannes damit erklärt, daß man sie plötzlich ins Kloster geschickt, und Herr Walter beantwortete einen langen Brief Du Roys, indem er ihm die Hand seiner Tochter bewilligte. Der Liebling hatte diesen Brief im Augenblick als er Paris verließ, in den Kasten geworfen, denn er hatte ihn am Abend der Entführung schon vorher geschrieben. Er sagte darin mit respektvollen Worten, daß er das junge Mädchen schon seit langer Zeit liebe, daß zwischen ihnen nie ein Einverständnis stattgefunden, aber da sie zu ihm gekommen sei aus freiem Antriebe und gesagt habe: »Ich will Deine Frau werden,« er das Recht zu haben meine, sie zu behalten, sie sogar zu verstecken, bis er eine Antwort der Eltern erhalten, deren Zustimmung für ihn sogar einen geringern Wert besäße, als der Wille seiner Braut. Er bat, Herr Walter möge postlagernd antworten; ein Freund würde ihm den Brief zukommen lassen. Als er erlangt hatte, was er wollte, brachte er Susanne nach Paris zurück und schickte sie zu ihren Eltern. Er selbst blieb einige Zeit dem Hause fern. Sie hatten sechs Tage in La Roche-Guyon am Ufer der Seine zugebracht. Das junge Mädchen hatte sich noch nie so gut unterhalten. Sie hatte sich als Landmädchen verkleidet. Da er sie für seine Schwester ausgab, lebten sie in freier und keuscher Intimität wie ein paar zärtliche Kameraden. Er hielt es für klug, sie nicht zu berühren. Am Morgen, nach ihrer Ankunft, hatte er ihr Wäsche gekauft und bäuerliche Kleidung, und sie vergnügte sich mit Angeln, einen Riesenstrohhut mit einem Strauß Feldblumen auf dem Kopf. Sie fand die Gegend reizend, es gab da einen alten Turm und ein altes Schloß, wo wundervolle Stickereien zu sehen waren. Georg trug einen Matrosenkittel, den er dort bei einem Kaufmann erworben und machte mit Susanne zu Fuß oder zu Boot Ausflüge längs der Ufer. Zitternd umarmten sie sich immerfort, sie unschuldig, er nahe daran seine Zurückhaltung zu verlieren. Aber er wußte sich zu beherrschen, und als er zu ihr sagte: – Morgen kehren wir nach Paris zurück, Ihr Vater hat mir Ihre Hand bewilligt, – antwortete sie ganz naiv: – Schon? Es machte mir so viel Spaß, Ihre Frau zu sein! X Es war ganz dunkel in der kleinen Wohnung in der Rue de Constantinople, denn Georg und Clotilde von Marelle, die sich in der Thür begegnet, waren schnell eingetreten, und sie hatte ihm gesagt, ohne ihm Zeit zu lassen erst ein Licht anzuzünden: – Also Du heiratest Susanne Walter? Er bejahte ganz ruhig und fügte hinzu: – Wußtest Du das nicht? Sie sagte nochmals, empört und wütend, indem sie sich vor ihn hinstellte: – Du heiratest Susanne Walter? Das ist zu toll! Das ist zu stark! Seit drei Monaten bist Du nett mit mir, um es mir zu verbergen. Alle Welt weiß es, nur ich nicht. Mein Mann hat es mir gesagt. Du Roy lachte, aber doch etwas verlegen, und nachdem er seinen Hut auf die Kaminecke gestellt, setzte er sich auf einen Stuhl. Sie blickte ihn scharf an und sagte erregt mit leiser Stimme: – Du hast diese Geschichte seit Deiner Scheidung vorbereitet, nicht wahr? Und Du hast mich ganz ruhig als Deine Geliebte behalten, um die Zeit auszufüllen. So ein Lump wie Du bist! Er fragte: – Wieso denn? Ich hatte eine Frau, die betrog mich. Ich habe sie abgefaßt, die Scheidung durchgesetzt und nun heirate ich eine andere. Giebt es etwas Natürlicheres? Sie flüsterte zitternd: – O, was bist Du für ein gerissener gefährlicher Kerl! Er lächelte wieder: – Ach, weißt Du, die Guten sind immer die Dummen! Aber sie verfolgte ihren Gedankengang: – Ich hätte die Geschichte von Anfang an merken müssen, aber ich konnte doch nicht ahnen, daß Du so ein Lump wärst. Er nahm eine ernste Miene an: – Bitte, mäßige Dich in Deinen Ausdrücken. Sie empörte sich gegen diese Zurechtweisung: – Was, ich soll Dich mit Handschuhen anfassen? Du benimmst Dich gegen mich, seitdem ich Dich kenne, wie ein Lump, und ich soll es Dir nicht sagen dürfen? Du betrügst alle Welt, nutzt alle Welt aus, amüsierst Dich wo Du kannst und nimmst Geld woher Du es kriegst! Und ich soll Dich wie einen anständigen Kerl behandeln? Er stand auf und sagte mit zitternder Stimme: – Halte den Mund oder ich schmeiße Dich raus! Sie stotterte: – Rausschmeißen? Rausschmeißen? Hier, hier Du mich? Du mich? Du? Du? Sie konnte vor Wut nicht mehr sprechen und schrie ihm endlich, als ob plötzlich die Pforten ihres Zornes gesprengt wären, ins Gesicht: – Rausschmeißen? Du vergißt, daß ich die Wohnung hier bezahlt habe vom ersten Tage an! Ja, ab und zu hast Du sie wohl mal auf Deine Rechnung genommen, aber wer hat sie gemietet? Wer hat sie behalten? ... Ich! Und Du willst mich hier rausschmeißen? Halt Du den Mund, Du Taugenichts! Du denkst wohl, ich weiß nicht, wie Du Magdalenen die Hälfte von ihrer Erbschaft gemaust hast! Glaubst Du, ich weiß nicht, daß Du mit Susanne geschlafen hast, um sie zu zwingen, Deine Frau zu werden! Er packte sie bei den Schultern und schüttelte sie: – Von der wirst Du nicht sprechen! Das verbiete ich Dir! Sie rief: – Du hast mit ihr geschlafen, das weiß ich! Er hätte alles über sich ergehen lassen, aber diese Lüge brachte ihn in Wut. Bei den Wahrheiten, die sie ihm vorhin ins Gesicht geworfen hatte, hatte er innerlich gezittert vor Empörung, aber diese Unwahrheit über das kleine Mädchen, das seine Frau werden sollte, brachte ihn in solche Wut, daß es ihm in der Hand zuckte, und er rief: – Schweig still! Nimm Dich in Acht! halt's ..... Und er schüttelte sie wie einen Ast, von dem die Früchte fallen sollen. Sie brüllte, und ihre Frisur ging auf. Mit weit aufgerissenem Munde und ihn wie verrückt anstarrend, rief sie: – Du hast mit ihr geschlafen! Er ließ sie los und gab ihr eine solche Ohrfeige, daß sie gegen die Wand taumelte. Aber sie drehte sich um, reckte sich auf den Fußspitzen und schrie nochmals: – Du hast mit ihr geschlafen! Da stürzte er sich auf sie, drückte sie unter sich und schlug sie, wie er auf einen Mann eingehauen haben würde. Sie schwieg plötzlich und fing bei den Schlägen an zu stöhnen, sie bewegte sich nicht mehr. Sie hatte ihr Gesicht in der Ecke versteckt und stieß Klagelaute aus. Er hörte auf, sie zu schlagen und ließ von ihr. Dann machte er ein paar Schritte durch das Zimmer, um wieder ruhig zu werden, und kam plötzlich auf einen Gedanken. Er lief ins Schlafzimmer, goß kaltes Wasser in die Waschschale und steckte den Kopf hinein. Dann wusch er sich die Hände und während er sie sich sorgfältig trocknete, kam er zurück um zu sehen, was sie anfinge. Sie lag noch unbeweglich am Boden und weinte leise. – Hörst Du bald auf mit flennen? Sie antwortete nicht. Da blieb er mitten im Zimmer stehen, etwas verlegen und beschämt vor diesem Körper, der da vor ihm ausgestreckt lag. Dann faßte er plötzlich einen Entschluß, nahm seinen Hut vom Kamin: – Gute Nacht! Wenn Du soweit bist, kannst Du dem Portier den Schlüssel geben, fällt mir nicht ein zu warten, bis Du wieder geruhst, vernünftig zu sein. Er ging, schloß die Thür und trat beim Portier ein mit den Worten: – Die Dame ist geblieben, sie geht später fort. Sagen Sie dem Hausbesitzer, daß ich zum 1. Oktober kündige, heute ist der 16. August, es ist also vor dem Termin. Mit großen Schritten ging er davon, denn er hatte noch eilige Besorgungen zu machen für seine Hochzeit. Am 20. Oktober sollte sie stattfinden, nachdem die Kammern wieder zusammen getreten, und zwar in der Madeleine. Es war viel geredet worden, aber niemand kannte die Wahrheit. Verschiedene Gerüchte gingen um, man sprach von einer Entführung, aber keiner wußte etwas Gewisses. Nach dem was die Dienstboten erzählten, hatte Frau Walter, die mit dem zukünftigen Schwiegersohn nicht mehr sprach, an dem Abend, an welchem diese Verbindung beschlossen worden und nachdem sie noch um Mitternacht ihre Tochter ins Kloster gebracht, einen Vergiftungsversuch, gemacht. Beinahe sterbend hatte man sie gefunden, und sie würde sich wohl nie wieder ganz erholen. Sie sah jetzt aus wie eine alte Frau, ihr Haar wurde ganz grau, und sie ward fromm und ging jeden Sonntag zur Beichte. In den ersten Tagen des September kündigte die › Vie française ‹ an, daß Baron Du Roy von Cantel ihr Chefredakteur geworden, während Herr Walter Herausgeber blieb. Und nun wurde eine Menge von bekannten Feuilletonisten, Reportern, politischen Redakteuren, Kunst- und Theaterkritikern angeworben, die man mit der Macht des Geldes den großen, alten, bedeutenden Zeitungen weggekapert. Jetzt zuckten die alten hochgeachteten Journalisten nicht mehr die Achseln, wenn sie von der › Vie française ‹ sprachen. Der große, schnelle Erfolg hatte die anfängliche Mißachtung der ernsten Schriftsteller überwunden. Die Hochzeit ihres Chefredakteurs war ein großes Pariser Ereignis, da man in der letzten Zeit viel von Du Roy und von Walters gesprochen hatte. Alle Leute, die in der Rubrik »Aus der Gesellschaft« in den Zeitungen genannt zu werden pflegen, hofften dabei zu sein. Das Ereignis fand an einem klaren Herbsttage statt. Von acht Uhr morgens ab hatten die Angestellten der Madeleine über die Stufen der Kirche, die die Rue Royale beherrscht, einen breiten, roten Teppich gebreitet, sodaß die Vorübergehenden stehen blieben, denn das zeigte Paris an, daß eine große Hochzeit stattfand. Die Beamten, die in ihr Bureau gingen, die kleinen Arbeiterinnen, die Kommis, sahen zu und machten sich ihre Gedanken über die reichen Leute, die so viel Geld ausgaben, um sich zu verheiraten. Gegen zehn Uhr begannen die Neugierigen sich dauernd anzusammeln, ein paar Minuten blieben sie da und hofften, daß es vielleicht gleich losgehen würde. Dann gingen sie wieder fort. Um elf Uhr kam eine Abteilung Schutzleute, ordnete den Verkehr und befahl weiterzugehen, sowie ein paar Leute stehen blieben. Bald erschienen die ersten Eingeladenen, die gute Plätze haben wollten, um alles ordentlich zu sehen. Sie setzten sich längs des Hauptschiffs an die Ecken. Allmählich kamen noch andere, Damen mit rauschenden Röcken aus knisternder Seide, würdige Herren, beinahe alle kahlköpfig, mit gesellschaftlicher Korrektheit daherschreitend, die an diesem Ort noch würdevoller als sonst erschienen. Die Kirche füllte sich langsam. Die Sonne flutete durch die mächtige offene Thür herein und fiel auf die Freunde, die in der vordersten Reihe standen. Im Chor, der etwas dunkel war, sah der Altar mit seinen Kerzen gelb aus, ernst und bleich, dem großen Eingang gegenüber, durch den das helle Licht fiel. Man begrüßte Bekannte, nickte sich zu, fand sich in Gruppen zusammen. Die Schriftsteller, die weniger respektvoll waren, als die Leute der Gesellschaft, schwatzten halblaut. Man musterte die Damen. Norbert von Varenne suchte einen Freund; er entdeckte Jacques Rival in der Mitte der Stuhlreihen und trat nun auf diesen zu mit den Worten: – Den Gerissenen gehört die Zukunft! Der andere, der nicht neidisch war, antwortete: – Um so besser für ihn, er hat seinen Weg gemacht! Und sie erzählten sich, wer alles da wäre. Rival fragte: – Wissen Sie, was eigentlich aus seiner Frau geworden ist? Der Dichter lächelte: – Ja und nein! Sie lebt sehr zurückgezogen, wie man mir erzählt hat, im Montmartre-Viertel. Aber, ... es giebt nämlich ein ›Aber‹, . . ich lese seit einiger Zeit in der ›Feder‹ politische Artikel, die verflucht denen Du Roys und Forestiers ähnlich sehen. Sie sind von einem gewissen Johann Ledol, einem jungen, schönen Kerl, klug, so etwa dieselbe Sorte, wie unser Freund Georg, und der dessen ehemalige Frau kennen gelernt hat. Ich schließe daraus, daß sie die Anfänger liebt und sie ewig lieben wird. Übrigens ist sie reich, Vaudrec und Laroche-Mathieu sind nicht umsonst Hausfreunde gewesen. Rival erklärte: – Die kleine Magdalene ist gar nicht übel, fein und gerissen. Sie muß intim ganz reizend sein! Aber sag mal, wie kann sich Du Roy denn eigentlich kirchlich trauen lassen, nach einer Scheidung? Norbert von Varenne antwortete: – Er kann sich kirchlich trauen lassen, weil er für die Kirche das erste Mal nicht verheiratet war. – Wie so denn? – Ja, unser Liebling hat, sei es aus Gleichgültigkeit, sei es aus Sparsamkeit, das Standesamt für ausreichend erachtet, als er Magdalene Forestier heiratete. Die kirchliche Trauung hatte er sich geschenkt, und das bedeutet für unsre heilige Kirche einfach Konkubinat. Infolgedessen ist er für sie heute Junggeselle, und sie feiert seine Hochzeit mit allem Pomp, wozu übrigens der alte Walter tüchtig wird in die Tasche langen müssen. Das Summen der immer größer werdenden Menge ward vernehmlicher unter der Wölbung, man hörte Stimmen, die fast laut sprachen. Man zeigte sich die Berühmtheiten, die sich sehen ließen und glücklich darüber waren, daß sie gesehen wurden, indem sie ihre zur Schau getragenen Eigentümlichkeiten beibehielten, wie auf allen Festen, auf denen sie, wie sie meinten, unentbehrlich waren und sehr dekorativ wirkten. Rival begann von neuem: – Sagen Sie mal, lieber Freund, Sie verkehren doch so viel beim Chef, ist es denn wahr, daß Frau Walter und Du Roy nicht mehr mit einander sprechen? – Niemals mehr! Sie wollte ihm die Kleine nicht geben, aber er hatte den Vater in den Klauen, wegen all der Leichen, die, wie es scheint, in Marokko ruhen! Er wird wohl dem Alten mit furchtbaren Enthüllungen gedroht haben. Walter hat an Laroche ein warnendes Beispiel gehabt und hat gleich klein beigegeben, aber die Mutter, die eigensinnig ist, wie alle Frauenzimmer, hat geschworen, daß sie nie ein Wort mit ihrem Schwiegersohn sprechen würde. Es ist furchtbar ulkig, die beiden zusammen zu sehen, sie sieht wie eine Bildsäule aus, wie eine Statue der Rache, und er ist sehr verlegen, obgleich er seine Haltung vollkommen bewahrt, denn der Kerl kann sich beherrschen. Kollegen kamen, ihnen die Hand zu drücken. Es wurde über Politik gesprochen, und dumpf wie ein fernes Meer, kam mit den Sonnenstrahlen in die Kirche das Murmeln der Menge, die sich vor dem Portal angesammelt hatte, und das Geräusch stieg in der Wölbung empor über die Auserwählten, die sich in der Kirche drängten. Plötzlich stieß der Schweizer mit seiner Hellebarde dreimal auf die Steinfliesen. Alles wandte sich um, man hörte Kleider rauschen, Stühle rücken, und die junge Braut erschien, am Arm ihres Vaters, im hellen Licht des Portals. Sie sah immer noch wie ein Spielzeug aus, eine reizende weiße Puppe mit Orangenblüten im Haar. Ein paar Augenblicke blieb sie an der Schwelle stehen. Als sie dann die ersten Schritte in das Schiff that, fing die Orgel an zu brausen und kündigte mit gewaltiger eherner Stimme den Eintritt der Braut an. Mit gesenktem Kopf kam sie daher, aber nicht verlegen, sondern nur sehr bewegt, nett, reizend, wie eine Braut aus dem Puppenkasten. Die Damen lächelten und flüsterten, als sie vorüber kam, die Herren stießen sich an: – Wundervoll! Reizend! Herr Walter, der ein wenig bleich war, schritt, die Brille auf der Nase, mit übertriebener Würde einher. Hinter ihnen folgten vier Brautjungfern, alle vier in rosa gekleidet und alle vier hübsch, wie ein Gefolge hinter der reizenden Königin. Die Brautführer, sorgfältig dem Zweck entsprechend ausgewählt, gingen dahin, als wären sie von einem Balletmeister eingeübt. Hinterher kam Frau Walter, vom Vater ihres anderen Schwiegersohns, dem zweiundsiebzigjährigen Marquis Latour- Yvelin geführt. Sie ging nicht, sie schleppte sich, als wollte sie bei jedem Schritt ohnmächtig werden. Man fühlte, wie ihre Füße an den Fliesen klebten, daß ihre Beine nicht vorwärts wollten, daß ihr Herz in der Brust flatterte, wie ein Vogel, der dem Käfig zu entfliehen strebt. Sie war mager gewurden, ihre weißen Haare machten ihr Gesicht noch fahler und eingefallener. Sie blickte vor sich hin, um niemand zu sehen, vielleicht, um nur an das denken zu können, was sie quälte. Dann erschien Georg Du Roy mit einer alten Dame, die man nicht kannte. Er ging erhobenen Hauptes, indem er seine starren, harten Blicke unter den leichtgerunzelten Brauen nicht zur Seite wandte; sein Bart schien wie in Erregung sich auf der Lippe zu sträuben. Man fand, daß er ein sehr schöner Kerl sei, stolz, schneidig mit seiner schlanken Figur. Der Frack stand ihm gut, auf dem wie ein Blutstropfen das kleine rote Band der Ehrenlegion prangte. Dann folgten die Verwandten, Rosa mit dem Senator Rissolin. Rosa war seit sechs Wochen verheiratet. Dann der Graf Latour-Yvelin, der die Vicomtesse Percemur führte. Darauf kamen in bunter Reihenfolge die Bekannten und Freunde von Du Roy, die er in seiner neuen Familie eingeführt, in der zweifelhaften Pariser Welt bekannte Leute jener Sorte, die überall gleich intim ist. Und dann zum heutigen Fest entfernte Vettern der reichen Protzen, declassierte Edelleute, ruinierte, nicht ganz reinliche Leute, von denen einzelne, was erst gar schlimm, verheiratet waren, als da waren Herr von Belvigne, Marquis von Banjolin, Graf und Gräfin Ravenel, der Herzog von Ramorano, Prinz Kravalow, Ritter von Valreali, dann die Gäste Walters, der Prinz von Guerche, Herzog und Herzogin von Ferracina, die schöne Marquise des Dunes. Unter dieser Menge sahen ein paar Verwandte der Frau Walter wie anständige Provinzler aus. Und immer tönte die Orgel und schickte durch die gewaltige Kirche aus ihren glänzenden Kehlen ihre rauschenden, rythmischen Klänge, die zum Himmel empor Glück und Leid der Menschen rufen. Die großen Flügel des Portals wurden geschlossen, und plötzlich ward es dunkel, als hätte man die Sonne ausgesperrt. Nun kniete Georg neben seiner Frau am Chor dem kerzenflammenden Altar gegenüber. Aus der Sakristei trat der neue Bischof von Tanger, die Bischofsmütze auf dem Kopf, den Krumm-Stab in der Hand, um das Paar im Namen des Allmächtigen zusammenzugeben. Er stellte die üblichen Fragen, wechselte die Ringe, sprach die Worte, die gleich Ketten binden, und hielt dann an die Neuvermählten eine christliche Ansprache. Er redete lange von der Treue, in schwungvollen Ausdrücken. Er war ein starker hochgewachsener Mann, einer jener schönen Kirchenfürsten, bei denen die Leibesfülle etwas Majestätisches hat. Ein lautes Schluchzen klang, und man drehte sich herum. Frau Walter weinte, das Gesicht in den Händen. Sie hatte nachgeben müssen, was sollte sie thun? Aber seit dem Tage, wo sie ihre zurückgekehrte Tochter aus dem Zimmer gejagt und sich geweigert hatte, sie zu umarmen, seit dem Tage, an dem sie ganz leise zu Du Roy gesagt, der sie, als er wieder vor ihr erschien, feierlich grüßte: »Sie sind das verächtlichste Individuum, das ich kenne, sprechen Sie nie mit mir, denn ich werde Ihnen nicht antworten,« litt sie fürchterliche, nie sich besänftigende Qualen. Sie haßte Susanne mit wütendem Haß, entstanden halb aus verzweifelter Leidenschaft, halb aus herzzerreißender Eifersucht, der seltsamen Eifersucht der Mutter und der Geliebten, einer Eifersucht, die sie nie gestehen durfte, die aber brannte, wie eine offene Wunde. Und hier segnete ein Bischof den Bund ihrer Tochter mit ihrem Geliebten, in einer Kirche vor zweitausend Menschen und vor ihr. Und sie konnte nichts sagen, sie konnte es nicht hindern, sie konnte nicht schreien: »Dieser Mann gehört mir, er ist mein Geliebter. Dieser Bund, den Sie segnen, ist eine Todsünde!« Ein paar Damen waren bewegt und flüsterten: – Wie die arme Mutter ergriffen ist! Der Bischof predigte: – Sie gehören zu den Glücklichsten der Erde, zu den Reichsten und Angesehensten. Sie, junger Gatte, den sein Talent über die andern erhebt, Sie, der sie schreiben, lehren, beraten, der Sie das Volk leiten, Sie haben eine erhabene Mission zu erfüllen, ein wundervolles Beispiel zu geben ... Du Roy hörte ihm zu, ganz trunken von Ehrgeiz. Das sprach zu ihm ein Würdenträger der römischen Kirche, zu ihm! Und er fühlte hinter seinem Rücken die Menge, eine große, auserlesene Gesellschaft, die nur für ihn gekommen war, und es war ihm, als höbe und trüge ihn eine besondere Kraft. Er wurde einer der Herren der Erde! Er! Er! Der Sohn der armen Bauern aus Canteleu. Er sah sie plötzlich vor sich in ihrer bescheidenen Kneipe, oben auf der Höhe über dem großen Thal von Rouen, Vater und Mutter, wie sie den Bauern zu trinken brachten. Als er die Erbschaft vom Grafen Vaudrec gemacht, hatte er ihnen fünftausend Franken geschickt, jetzt wollte er ihnen fünfzigtausend schicken, dann könnten sie sich ein kleines Gut kaufen und würden zufrieden und glücklich leben. Der Bischof hatte seine Ansprache beendet. Ein Priester in vergoldeter Stola stieg zum Altar hinan, und die Orgel fing wieder an zur Ehre des jungen Paares zu spielen. Ab und zu erbrauste sie in langen gewaltigen Tönen, anschwellend wie Wogen, so voll und stark, daß man meinte, sie hätten das Dach der Kirche heben müssen, um in den blauen Himmel hinaus zu strömen. Ihr Brausen erfüllte die ganze Kirche, daß Leib und Seele bebten, aber plötzlich ward sie ruhig, zarte und heitere Töne drangen durch die Luft und trafen das Ohr wie ein leichter Hauch. Es waren Scherzos, verschiedenartige hüpfende Melodien, die wie kleine Vögelchen umher flatterten, und plötzlich schwoll diese Musik wieder, ward an Kraft und Fülle fast erschreckend, als ob ein Sandkorn zum Erdball geworden sei. Dann erhoben sich mit einem Mal Menschenstimmen über den gesenkten Köpfen. Bauri und Landeck von der großen Oper sangen, der Weihrauchduft verbreitete sich, und am Altar ward der Gottesdienst beendet. Der Gottmensch stieg auf den Ruf seines Dieners zur Erde herab, um zu segnen den Triumpf des Barons Georg Du Roy. Der Liebling, der neben Susanne kniete, hatte den Kopf gesenkt, in diesem Augenblicke fühlte er sich fast gläubig, fast religiös, voll Dankbarkeit gegen die Gottheit, die ihn so in ihren Schutz genommen und ihn so gnädig geführt; und ohne recht zu wissen, zu wem er betete, dankte er ihr dafür. Als der Gottesdienst vorüber war, erhob er sich, gab seiner Frau den Arm und ging in die Sakristei. Dort begann die unendliche Gratulationscour der Teilnehmer. Georg war vor Freude wie von Sinnen, er kam sich wie ein König vor, dem sein Volk zujubelte. Er drückte die Hände, stammelte Worte, die gar nichts bedeuteten und antwortete immer nur auf alle Artigkeiten: – Sehr liebenswürdig! Plötzlich gewahrte er Frau von Marelle, und die Erinnerung an all die Küsse, die er ihr gegeben und die sie erwidert, der Gedanke an alle ihre Zärtlichkeiten, an ihre nette Art, an den Klang ihrer Stimme erweckte in ihm plötzlich wieder die Sehnsucht nach ihr. Sie war hübsch, elegant, mit ihrer jungenhaften Art und ihren lebhaften Augen, und Georg dachte: Sie ist doch ein reizendes Liebchen. Etwas verlegen, etwas zurückhaltend, näherte sie sich ihm und reichte ihm die Hand. Er nahm sie und behielt sie in der seinen. Da fühlte er den leisen Druck dieser Frauenhand, den süßen Druck, der verzeiht und wieder in Besitz nimmt, und auch er drückte wieder diese kleine Hand als wollte er sagen: – Ich liebe Dich noch immer, ich bin Dein! Lächelnd, glänzend, liebevoll trafen sich ihre Augen. Sie flüsterte mit ihrer süßen Stimme: – Auf Wiedersehen, Herr Du Roy! Er antwortete heiter: – Auf Wiedersehen, gnädige Frau! Und sie ging davon. Andere Personen traten heran, die Menge in der Sakristei floß dahin wie ein Strom, endlich ward sie geringer, die letzten Teilnehmer gingen davon. Georg reichte wieder Susanne den Arm, um durch die Kirche zurück zu schreiten. Sie war voll Menschen, denn alle waren wieder auf ihre Plätze zurückgekehrt, um das junge Paar zu sehen. Er ging langsam, mit ruhigen Schritten, erhobenen Kopfes, die Blicke auf das weite, sonnenlachende Portal hinaus gerichtet. Er fühlte, wie ihm ein Schauer über den Leib lief, jener Schauer, den unendliches Glück erzeugt; er sah keinen Menschen. Er dachte nur an sich selbst. Als er auf die Schwelle trat, gewahrte er vor sich die dunkle lärmende Menge, die hier zusammengeströmt war, ihn, Georg Du Roy zu sehn. Das Volk von Paris betrachtete und beneidete ihn. Als er dann aufblickte, entdeckte er dort hinten, über dem Konkordienplatz das Abgeordnetenhaus, und ihm war es, als könnte er einen Sprung thun, vom Portal der Madeleine bis zum Portal des Palais Bourbon. Langsam schritt er die Stufen der Rampe, zwischen zwei dichten Reihen von Zuschauern, herab. Aber er sah sie nicht; seine Gedanken irrten jetzt zurück, und vor seinen durch die strahlende Sonne geblendeten Augen erschien das Bild der Frau von Marelle, wie sie vor dem Spiegel die kleinen gebrannten Härchen an den Schläfen zurecht zupfte, die immer in Unordnung waren, wenn sie sich vom gemeinsamen Lager erhob.