Reisenovellen von Heinrich Laube.   Wer nicht Lust hat an einem raschen Pferd, Und nicht Lust hat an einem blanken Schwert, Und nicht Lust hat an einem schönen Weib, Der hat kein Herz in seinem Leib. Doctor Luther .   Erster Band.     Leipzig, 1834. Verlag von Otto Wigand.     Inhalt des ersten Bandes.                 Breslau Anhalt Magdeburg Braunschweig Halberstadt Halle Leipzig 1813 Das Rosenthal Die Nikolaistraße Reichels Garten und das Hôtel de Bavière Rumohr Altenburg Die Novelle Zwickau Schneeberg und die Böhmen Karlsbad Marienbad Franzensbrunn     Breslau. Und ich zog aus der Heimath und suchte das Glück, Und kam am Ende zur Heimath zurück – Ach die Heimath, die Heimath ist schon ein Glück. Es war ein schöner Sommertag, und ich saß unter dem Schatten eines Birnbaumes am Weiher, und sah den Schwänen zu. Schwäne sind grobe Hautrelief-Gedanken, von weitem viel hübscher als in der Nähe. Sie waren gerade weit genug vor mir unter einer kleinen, gewölbten Brücke, und tändelten und klapperten mit den Schnäbeln um einander her. Wenn ich aber Schwäne sehe, so denke ich an den Süden, und wenn ich an den Süden denke, so denke ich an's Glück und an's Reisen, denn das Reisen selbst ist ein Glück, und nur auf der Reise kann man einmal plötzlich das Glück finden. Das Glück ist nämlich jener einzige Vers, aus welchem der liebe 6 Gott die ganze Erde gemacht hat, und der flattert herum auf der Oberfläche hierhin und dorthin, und wer ihn einmal erhascht, dem stehn alle Seligkeiten der Erde zu Gebote. Da ich nun aber niemals glauben kann, daß ein so schöner Gedanke, wie der Gedanke unsrer ganzen Erde, sich anderswo aufhalten könne, als wo die Natur fortwährend empfängt und gebiert, nämlich im Süden, so sehn' ich mich von Jugend auf nach dem Süden. Oft mit großen Schmerzen. Es hat Zeiten gegeben, wo mich keine blauen oder schwarzen Augen ausschließlich beschäftigten; in solchen Zeiten gaben mir die Namen Italien, Bosporus, Libanon, Fez und Marokko, Biledulgerid, zu Teutsch: Dattelland, einen Stich in's Herz. Dattelland! wo diese üppige Frucht wächst wie bei uns die ordinaire Kartoffel, ist der Name nicht verführerisch süß! Und in Fez, der soll der ganze Livius zu finden sein, weil ein Bischof oder Erzbischof aus Byzanz sich dahin begeben in Begleitung des Livius. Ich habe nun zwar meine schwachen Stunden, wo ich mich nicht so leidenschaftlich nach dem totalen Livius sehne, aber die geheimnißvollen berberischen Mädchen, und die vortrefflich trabenden berberischen Pferde – wie locken sie mit ihren langen Schleiern, den hochfliegenden Schweifen und Mähnen, dem üppigen Wiehern, wie locken sie einen armen Deutschen, welcher Schöpsenfleisch und weiße Rüben gegessen hat, und am Weiher 7 sitzt, wo die Schwäne ihr verführerisch südliches Spiel treiben. Ach, und das Hauptwort verschweig' ich noch immer, denn dann ist es gleich mit dem Schreiben aus, und ich muß das Fenster aufmachen, Luft schöpfen und tiefe Seufzer hinausschicken in die Luft. Dann erfaßt mich eine krankhafte Sehnsucht. Warst du, jugendlicher Leser, niemals im Theater, wenn Mozarts Don Juan aufgeführt wurde, hast du nie den Cid gelesen, sind dir nie die Namen Donna Anna, Guadiana und Cordova geheimnißvoll über die Lippen geflossen? Hast du nie einen zauberischen Schauer empfunden, wenn ein Mädchen mit ihren weichen Lippen vom Schatten am Guadalquivir sprach? »Aber in Spanien! « – Ja Spanien, das ist das Zauberwort des Südens, wornach meine Seele lechzt von früher Jugend auf. Im alten Maurenreiche Granada unter den vornehmen Granatbäumen zu liegen, auf dem Rücken zu liegen, und die Zegris und Abencerragen vorüber reiten zu hören, am Thore des Alhambra zu stehn gegen Abend, wenn der Maurenkönig herausreitet auf dem ächten Raçepferde mit stahlschlankem Fuß und arabisch geistreichem Stutenkopfe. Der König sieht ernsthaft, weise und schön aus wie der Koran, und neben ihm reitet seine goldne 8 Tochter mit der überirdischen Schönheit, und sie läßt leise eine Rose bei dir herabgleiten, und in der weichen, maurischen Nacht, wo alle Sterne heiße Liebesverse herunterhauchen, wo die Springbrunnen schwellende Küsse brüseln, in solcher Romanzen-Nacht giebst du der goldnen Tochter in den mysteriösen Gärten des Alhambra die Rose wieder, die Rose von Damascus. – – Da kam schweißtriefend der Breslauer Briefträger über die Brücke, gab mir einen Brief, verscheuchte die Schwäne, verlangte zwei und einen halben Silbergroschen, und sagte, der Sommer sei doch eine schlechte Jahreszeit von wegen der Hitze. Das Postzeichen war nicht Spanien, sondern Leipzig, und ein Freund schrieb mir, ob ich denn nicht bald käme, die ganze scharmante Weltgeschichte ginge vorüber, und wir würden am Ende gar nichts mehr sehen, vor einigen Tagen – es war im Juni 1831 – sei erst wieder eine ganz erkleckliche Revolte in Paris gewesen. Statt bei solchen Dingen gegenwärtig zu sein, säßen wir in Teutschland, und ich wohnte oben ein an der polnischen Grenze, wo die Bauern kaum noch teutsch verstünden; ob ich mich denn nicht schämte! Ich lief hastig aus mein Zimmer, und schrieb dem Alphons, ich schämte mich. Dann packte ich 9 meinen Koffer und war nur unschlüssig, ob ich meine unsterblichen Manuscripte mit den Weltverbesserungsgedanken auch einpacken sollte. Denn die Welt ging also im Galopp, daß ich mich immer wunderte, wie man noch Bücher schreiben könne, und während ich selbst welche schrieb, dachte ich immer: das kommt ja doch Alles zu spät, deine Reformgedanken werden nicht so schnell gedruckt werden können, als die Reform eintritt, es wird moutarde après diner sein. Aber der kleine Paul, mein neunjähriger, leider auch schon revolutionairer Stubenbursche, gab den Ausschlag, und sagte, es sei ja Schade um die viele Philosophie, welche ich geschrieben hätte, ich sollte sie doch mitnehmen. Und am andern Tage nahm ich Abschied, auch von meinen kleinen Litthauer, der mich so oft getragen, von der Bibliothek, namentlich von der schönen Gräfin Agnes in den Memoiren des Freiherrn von S—a, von den Schwänen an den Trauerweiden am Weiher. Sie hatten mich immer an die Weiden von Babylon erinnert, an denen die Juden, das unglücklichste Volk der Erde, ihre Harfen aufhingen, unter denen sie weinten. Und als man mich fragte, wohin ich denn eigentlich reisen wollte, so sagte ich »nach Babylon zu den Harfen,« denn in jenen Harfen hängen noch große, mark- und welterschütternde Lieder, welche nie ein Mund ausgesprochen hat, ob ihrer zerschmetternden Kühnheit und Traurigkeit. Ich 10 habe Muth, und will sie holen, um den Juden wenigstens ihr Testament zu retten. Das Christenthum geht bereits zu Grunde, und dann verschwinden auch die letzten Juden, denn sie haben zu Jerusalem einen fürchterlichen Schwur gethan, die Christusreligion bis auf den Tod und bis an's Ende der Welt zu verfolgen; und nun können sie nicht eher sterben, als bis der Schwur erfüllt ist. Die Juden sterben nur mit den Christen. Die armen Juden! Ihre Erlösung ist nahe. Am letzten Rachegedanken Jehovah's müssen sie Jahrhunderte lang sterben, und auch den Jehovah müssen sie jämmerlich untergehen sehen, die Juden und die christlichen Juden, d. h. unsre Dogmatiker. Er stirbt nicht in einem muthigen, wilden Kampfe, der alte Jehovah mit dem Zorn und den Höllenstrafen stirbt an der Auszehrung, bleich, abgemagert und jämmerlich, an der Gleichgültigkeit, dem hohlwangigen Indifferentismus. Darum will ich eiligst noch gen Babylon reisen, und retten, was zu retten ist. So schied ich, versprach dem Paul , ihm Wasser aus dem Euphrat mitzubringen gegen die Sommersprossen seiner Schwester, und fuhr neben der Oder hin die kurze Strecke nach Breslau hinein. Der Süden, der Livius in Fez, Spanien, ach Spanien, das purpurgoldne Paris, Babylon, 11 Leipzig, Alles das trieb sich bunt in meinem Herzen um, nur eins wußte ich: das Glück wollt' ich suchen, und zu dem Ende mir einen Platz auf der Schnellpost bestellen. Der Wagen rollte am Dome vorbei, das ist ein eignes katholisches Stadtviertel, menschenleer und still im Verhältniß zum übrigen wogenden und fluthenden Breslau. Hier steht immer eine große Kirche nur funfzig Schritt von der anderen, gekreuzigte Christusbilder verkümmern den Sonnenschein; purpurrothe Meßner kriechen wie gekochte Krebse an den Mauern hin, die kleinen blauschwarzen Kirchenfenster blinzeln wie falsche tückische Augen, die christliche Verzweiflung ist rings verbreitet. Wenn ich nicht sehr frischer Laune war, so wagte ich mich in Breslau niemals hinaus auf den Dom; es fiel mir immer ein Verbrechergefühl auf die Brust, wenn ich diese steinerne Betrübniß und Zerknirschung sah, es war mir, als hause die Pest in diesem Stadtviertel. Ein eintöniger Sonnennachmittag auf diesen Domplätzen kann einen verstockten Sünder mürbe machen, er wird unwillkührlich an ein langsames, rettungsloses Sterben erinnert. Ein gutes Christenthum war von jeher ein mit leinwandnen Blumen ausgeputzter Kirchhof; ich kam von Gottes gesundem Lande und war nicht daran gewöhnt: es schüttelte mich wie ein afrikanischer Wüstenschauer. 12 Aber hundert Schritt weiter umfängt Einen das rauschende Breslauer Straßenleben, man wirft den Alp von der Brust. Ich sprang vom Wagen und lief auf die Promenade, ich wollte Alles noch einmal sehen, ich wollte Abschied nehmen von all' den Plätzen und Aussichten, wo ich mich gefreut oder gelangweilt hatte. Denn Alles, was man verliert, ist sehr schön. Die Breslauer Promenaden sind poetisch, in Teutschland sind vielleicht nur die Frankfurter schöner, und der Hamburger Stieg und die Wiener Bastionen sind vielleicht allein so Gedanken weckend, Wünsche hebend als die Breslauer hochgelegenen Anlagen. Auf der einen Seite schwimmt der Dom mit seinen Kreuzen, seinen Pfaffen, seinen platt viereckigen Thürmen mit seinem ganzen Katholicismus in der breit hinschwellenden Oder. Eine gebrechliche Brücke verbindet ihn noch mit der lebendigen Welt, sonst ist er isolirt von der Menschheit. Diesseits der Brücke ist der Breslauer Katholicismus, ein munterer Weltgeistlicher mit nachgiebigen vernünftigen Ansichten, der des Nachts die Augen beide zudrückt. Man lebt fein munter zu Sanct Breslau. Die Kopfhängerei hat trotz Steffens und Scheibel nicht gedeihen wollen, und die fleischlichen Verbrechen sind ein gesuchter Artikel. 13 Das sind Rücksichten, welche ich dem Dome schuldig bin; ich wende mich aber nun auf die andere Seite der Promenade um vorwärts zu sehen. Da gießt sich aber von der Taschenbastion meine ganze schöne Heimath, das bergblaue Schlesien von Morgen nach Abend, und lehnt liebeslustig das Haupt an den geharnischten langen und hohen Sudetenritter, der ausgestreckt liegt von den Karpathenpässen bis an die sächsische Grenze. Schlesien gehört von Natur unzweifelhaft zu Polen, es ist nur ein Glückskind Teutschlands. Die Oder ist fast durch ganz Schlesien ein polnischer Fluß, an seinen Ufern, auf seinen Wellen vernimmt man lauter polnische Worte, die ihr zu Ehren wasserpolnische genannt werden. In Breslau selbst spricht man so viel polnisch, als in Straßburg teutsch. Das wissen die Breslauer gar nicht, weil sie teutscheitel sind; sie haben die Polen niemals geliebt, und das alte Sprichwort geht in Schlesien nicht unter. »In Polen ist nicht viel zu holen.« Aber die polnische Sprache klingt wirklich bis an's Breslauer Universitätsgebäude; das ist der teutsche Markstein. Ich habe mich auch nie der trüben historischen Ahnungen entschlagen können, wenn ich auf leichtem Wagen mit rastlos eilenden sarmatischen Pferden ostwärts über die Fläche hinfuhr. Da herüber aus dem tiefen Osten sind die Hunnen, die Alanen, die 14 Vandalen, die Gothen, die Tartaren und die Kosaken gekommen, Flüsse sind keine Grenzen, die Kosaken schwimmen durch die Flüsse, der ganze preußische Staat, mit Ausnahme der Rheinprovinzen, schläft bei offnen Thüren, erst das übrige Teutschland ist durch Berge verschlossen. Es ist ein wehrloses Land und Warschau ist am achten September gefallen. Auf den Ebenen zwischen Stettin, Königsberg und Breslau wird über Kurz oder Lang der vorletzte große Krieg geschlagen werden, hier wird der Ost und West zusammentreffen. Ebenen sind ein Uebelstand, Flächen ein Unglück. Es ist in Preußen sehr viel Intelligenz aber der Boden ist flach, es fehlt an Höhen; der Krieg hat den gefährlichsten Instinkt. Ach, und auch der Krieg wird prosaisch, alles Heldenthum hört auf: ein wenig realistische Wissenschaft und Geld thut Alles. In einigen Jahren werden Eisenbahnen und Dampfwagen die Kriege entscheiden, und der letzte Tropfen Blut wird der Welt ausgepreßt. Es war Zeit, daß ich auf Reisen ging, die weiten unbekannten Länder sind der letzte Athemzug der Poesie, die Poeten gehen rettungslos unter. Ehre, Ruhm, Liebe, die ganze Romantik, welche sonst Staaten und Menschen hob und hielt, ist verbraucht, die alte Poesie ist an Entkräftung gestorben, 15 das neue Lebenselement ist das Geld, und noch einmal das Geld. Das Gold ist Mittelpunkt, das Gold ist Blut geworden. Wem es gelingt, Poesie daraus zu machen, der ist unser modernster Dichter. Dieser letzte Gedanke peinigte mich, als ich zu Breslau von der Taschenbastion herabsah auf den im Abendroth blitzenden Pallast eines schlesischen Grafen, welcher dicht an der Bastion steht, und glatt und stolz hinausblickt in das gesegnete, in grüner Ueppigkeit wogende Land. Auf dem Balkon, welcher mit einem purpurn und goldnen Baldachin bedeckt ist, stand ein stolzes adliges Frauenbild. Ich kannte sie, und wußte, daß sie von der adligen Herrlichkeit des Pallastes und von dem nobeln Geschlechte der Ritter und Barone träumte. Von der Promenade herein aber bog ein schwerer Mann in schwarzem Frack. Aus seiner Weste quollen dicke goldne Uhrgehänge, die bis zu mir heraufblitzten, und er blieb stehn vor dem großen Palais und besah es aufmerksam, zählte an den Fingern und nickte mit dem Kopfe. Auch ihn kannte ich. Es war ein sehr bürgerlicher Banquier, und man sagte, daß er damit umginge, gelegentlich den Pallast zu kaufen. Als ihn das adlige Frauenbild erblickte, griff sie hastig nach ihrem Taschentuche und verschwand. Die Sonne ging eben unter, und der alte Zobten vor mir dampfte 16 dunkelblau, das ferne Riesengebirge lächelte unverständliche Worte. O, die Berge sind gar klug: sonst klangen nur Rittersporen auf ihnen, jetzt verkaufen sie Kaffee und Weißbier, sonst waren sie unzugänglich, jetzt betastet jeder Terrianer ihre keuschesten Stellen. Die Aristokratie ist todt, der Verstand und das Geld, zwei platte Gesellen, ziehen in die Schlösser, regieren die Welt. Die Berge wissen's und schweigen, die Adligen wollen's nicht wissen, und gehen zu Grunde, denn vom Adel kann man nicht mehr leben, wie sonst; die adligen Frauen weinen, und werden interessant. Wenn sie aufgeht und wenn sie sinkt, ist die Sonne am Schönsten. Ein romantischer Dichter muß heut zu Tage adlige Damen lieben; in solcher Liebe allein wohnen noch Romanzen und Balladen. Und es ward dunkel auf der Bastion. Die ausländischen Bäume auf der Promenade sprachen mit ihren Blüthen und Düften herauf zu mir wie mit Liedern in fremden Sprachen. Die Blüthe ist des Baumes Gesang. Eine Nachtigall fing langsam an zu singen in den nahe liegenden Gebüschen. Liebespaare strichen küssend an mir vorüber, in dem Pallaste drüben sang eine schöne Stimme zum Klavier. Ich glaube es war Hektors Abschied, und der dicke Banquier mit den strotzenden Uhrgehängen erschien mir als Achill mit den unnahbaren Händen. Mir ward so fremd heimathlich zu Muthe, der Mond 17 ging auf über die Sündenstadt und das weiche, fruchtbare Schlesien, ich hätte weinen mögen, daß ich Abschied nehmen sollte von dem lustigen teutschen Winkel zwischen Böhmen, Ungarn und Polen, von dem Lande, wo ich zuerst geathmet, zuerst geliebt, zuerst gedichtet hatte. Ich stieg in die Gassen hinab, wo es wimmelt und fluthet von weißen Schürzen, fragenden Augen, trotzigen Waden, durch welche die Jünglingsblüthe Breslaus prüfend mit halbgeschlossenem Augenliede hinstreicht. Ernst wandelt der Nobili, den Hut tief im Gesicht der hoffende Referendarius, dreist Bruder Studio, schüchtern der Theologe durch die Ohlauer Straße und hält nächtliche Heerschau, und erspäht die Räumlichkeit und die Gelegenheit, durch den Wink der Parole einen Deserteur zu gewinnen. Da kam auch Julia mit den schwarzen Capulettiaugen, ein elegisches Mädchen mit christlichen, sanften Gefühlen allgemeiner Menschenliebe. Sie lispelte »Romeo!« Schweig Julia, sagte ich; Romeo ist todt; er ist in Spanien, ich kaufe dir heute die letzten Bonbons. Sie sah mich fragend an, und wollte wissen, wie weit es bis Spanien sei, und ob sie mitreisen könne. Nein, mein Kind, sagte ich ihr, es ist sehr weit – »Weiter als Mezibor?«– Weiter als Mezibor, und auf einer ganz andern Seite, und es ist auch sehr lange her, Julia, daß ich für dich schwärmte. 18 Die Zeit ist lang und der Weg ist weit, Gott schütze dir Haupt und Schooß, schwarzäugige Julia, hier sind die letzten Bonbons. Und wenn sich wieder Einer so thörigt in dich verliebt, wie ich es that wegen der Madonnenfalschheit deiner Züge, und dir auch Bonbons schenkt, so denke mein; ich küsse dann andalusische Mädchen. Sollte dir's aber schlecht gehn, so vergiß mein, denn ich habe dirs prophezeiht; zerre nicht so an meinem Rock, und weine nicht italienische Thränen, mein Herz ist längst todt, und liegt mit meinem Glauben im Sarge. Ich bog in die Bischofsstraße hinein, Julia stand an der Ecke des rothen Hirsch, und streckte bittend die Hände aus, und ich sah's beim Mondschein, daß ihr die Thränen über die Wangen liefen. Sie trug das historische schwarz seidene Kleid, von welchem so viel gesprochen worden war, und nach dem dunkeln Shawl, welcher ihre blendende Schulter bedeckte, schmachtete mancher Jüngling des lustigen Breslau. Ich hörte es, wie ihr die letzten Bonbons auf die Steine fielen, als sie die Arme ausstreckte, aber ich hüllte mich in meine unwandelbare Tugend und schritt weiter, dem Hôtel de Pologne vorüber. Dieses Hôtel de Pologne denkt traurig seines Pillmeyer, wie Athen seines Perikles. Es war eine klassische Zeit, wenn Pillmeyer, moralischen Angedenkens, in schneebleichen, lautlosen Wintertagen 19 die erheiternden Zettel an die Straßenecken kleben ließ, worauf mit römischen Lettern stand: Grand bal masqué . Da hob sich das Herz des schlesischen Jünglings und das Herz der Grisette beim Anblick dieser Zettel. Denn Pillmeyer war der entschlossenste Demokrat Breslau's, und lächelnd wie Leporello im Don Juan stand er des Abends an der lampenerhellten Pforte, und sang: »Hier gilt kein Stand, kein Alter – immer näher, schöne Damen!«, und hinter ihm tönte aus den hellen Zimmern: »Hussah, die Freiheit!«, und die Zerlinen in freisinnigem Kostüm huschten hinter ihm vorüber. Es war aber ein sehr seltner Fall, daß eine mit den Sitten des Pillmeyerschen Spanien unbekannte Zerline aufschrie im bekannten hohen As beim dreisten Gesange Don Juan's; das war ein sehr seltner Fall, und die übrigen Spanierinnen lachten dann, und Pillmeyer zuckte verdrießlich die Achseln über diesen Mangel an Kultur, und öffnete der thörigten Dirne leise fluchend die Thür, und schob sie hinaus. Pillmeyer war ein klassischer Mann, ihm gebührt ein Platz im Pantheon. Ich hab' ihn gesehen, wenn in den Wochentagen diejenigen Leute bei ihm tanzten, und sich mit fünf Silbergroschen bei ihm zu amüsiren trachteten, welche man im gewöhnlichen, plumpen Volksdialekt »ordentliche, anständige Leute« zu nennen pflegt, und ich hab' ihn gesehen, 20 wenn die verführerische Grisette vor dem Büffet und vor seinem Blicke die Larve abnahm. Sie forderte Punsch und Pfannenkuchen, und ihr Begleiter, der zum ersten Mal voll Don Juan-Entzücken ihr Antlitz sah, rief: »Heda, Champagner! « Pillmeyer blieb wie Fanchon immer sich gleich. Er war ein Stoiker, der mir Bewunderung abnöthigte: wenn die »anständigen Leute« einander sauersüß bekomplimentirten mit einem kümmerlichen Gläschen Punsch, da lachte er nicht, und wenn der ganze schöne Teufel Mozart's mit heißer Lust in Champagnersätzen und galoppirenden Blicken um ihn herumsprang, wenn links und rechts die seidenen Domino's beider Geschlechter in die Seitenzimmer schlüpften – da lächelte er nicht. Pillmeyer war generis neutrius . Ich bin des Morgens um fünf Uhr mit ihm über das Schlachtfeld gegangen, wenn all' die verschiedenartigen Niederlagen der modernen Welt entschieden waren; auch dabei blieb er Stoiker, da lernte ich Pillmeyer achten, und er kam mir vor wie der Breslauer Plato. Ich kann sein Verdienst nicht genug würdigen, denn ich darf das Schlachtfeld nicht treu beschreiben wegen des Anstandes. In diesem Winkel lag eine verlassene Donna Elvira und der unklare Punsch schlief fieberisch zuckend auf den ausgereckten Zügen, aus dem halboffnen Munde stiegen 21 hohläugige, garstige Gestalten, das Gewand war verschoben, und gähnte übernächtig. Dort saß bald aufrecht in unruhigem Schlummer, die verstorbenen Augen bald öffnend, bald schließend, ein stolzer teutscher Ritter, und sein Kreuz auf der Brust war zerrissen; eine schwere bedenkliche Atmosphäre lag über dem Saale; ich entwich mit Grausen, nur Pillmeyer's Züge wankten nicht, und am nächsten Sonntage las man wieder an der Straßenecke: Grand bal masqué im Hôtel de Pologne bei Pillmeyer. Die Pfaffen gestatten zu Breslau kein legitimes Heidenthum, drum nimmt sich Alles, was ein gefühlvolles Herz hat, des verpönten Götterdienstes an, und Bacchanalien und Orgien aller Art erfüllen Breslau's Straßen und Nächte. Ein moralischer Protestantismus und gefälliger Katholizismus halten einander hier die Wage, und der letztere wiegt noch etwas schwerer – so ist Breslau eine der liberalsten Städte geworden. Sein Umfang ist groß, seine Häuser sind hoch, es giebt verborgene, weitabgelegene Straßen, es ist noch viel Romantik in den Mädchen aller Stände, alle dunkeln Hausthüren und Hausflure sind des Abends belebt, die Jünglinge suchen Abenteuer, die Mädchen erwarten sie, es werden plötzliche Bekanntschaften gemacht, wie in der buntesten Ritterzeit; man frägt nach keinem Namen, es 22 ist noch Duft, noch Straßenpoesie in Breslau. Die Geliebte wohnt draußen, weit draußen, jenseits der Oder, hinter der Elftausend-Jungfrauen-Kirche, der Geliebte schläft diesseits, weit drüben, hinter den »Barmherzigen Brüdern«, und des Abends reisen sie einander entgegen bis in den breiten Schatten des Jesuitenkollegiums, wo Tag und Nacht die sieben freien Künste und unfreien Wissenschaften gelehrt werden, was heut zu Tage Universität heißt. Sie wissen nichts von einander, als daß sie sich sehr lieben, und wenn die Liebe aufhört, so kommt einige Abende nur Eins von Beiden in den Schatten der Universität, und dann verschwindet auch das, und ein neues Paar erscheint. Das ist der Lauf der Welt. Haben sie sich aber vielleicht zwei Abende nur verfehlt, so hat das Schicksal sie getrennt, und sie suchen sich eine Zeitlang umsonst in dem weiten Breslau, und finden sich einmal zufällig nach einem Jahre wieder, und erkennen sich nicht mehr, oder beginnen als Fremde eine neue Liebschaft. Das ist Breslauer Straßenpoesie. Es werden unglaublich viel Verse in Breslau gemacht, die besten läßt man nur nicht drucken. Schlesien und Schwaben, die östlichen und westlichen Zipfel von Teutschland, produciren immer die meisten teutschen Dichter; nach den Grenzen hin sprechen die Leute immer am eifrigsten, um die Sprache zu retten, dort 23 im Westen vor den Franzosen in Paris, hier im Osten vor den Franzosen des Nordens. Und damit kein Unglück geschieht, hat man einen Abzugskanal gegraben und einen schlesischen Musenalmanach gestiftet, wo jeder brave Schlesier seine Verse loswerden kann für ein Billiges, und Dichtervereine und Künstlergesellschaften sind ein stehender Artikel in Breslau. Es wird gereimt, gedichtet, verdünnt, recensirt, geraucht, geschnupft, als müßte die ganze Welt damit versorgt werden. Namentlich blühen die Charaden und erfreuen sich enthusiastischer Theilnahme, und der Mond hat sehr großen Anhang. Er scheint aber auch sehr schön in Breslau zwischen die himmelhohen Häuser hinein, auf die breiten Wasserspiegel und die verschwiegenen Gebüsche um die Stadt herum. Wilhelm Wackernagel , der so charmante Lieder schreibt, versicherte mir immer, der Breslauer Mond sei von ganz besonderer Qualität, bei weitem nicht so abgenutzt, als an andern Orten. Und wenn ich zu ihm kam, das heißt zu Wackernagel , so schrieb er auch immer Gedichte an den Mond, und ihre Ueberschrift war immer: »Es spricht der Mond.« Nur in Breslau weiß man, wie der Mond sich äußert. Dabei saß Wackernagel immer in einem langen, höchst langen preußisch-Freiwilligen Mantel auf dem Sopha, die langen blonden Haare hingen ihm 24 mittelalterlich um Kopf und Gesicht, er sah aus wie ein Schüler Ofterdingens, der nur des Mondes wegen von Berlin nach Breslau gekommen war. In seinen großen, teutschen, harmlosen Zügen, in dem klaren, blauen Seherauge lagen alle die schönen Dichterworte, die er noch singen und schreiben wollte. Wenn ich zu Wackernagel kam, da sind mir immer die reichen, fahrenden Poeten Teutschlands eingefallen, welche, die Goldgruben des poetischen Geheimnisses in der Brust, mit leerer Tasche und singendem Munde durch die Welt ziehn, Mangel leiden, und doch Alles lieben, immer die süße, göttliche Ahnung in den Augen tragen. Wackernagel ist einer von denen, welche mit brünstiger Liebe und gesundem Kopfe die alte teutsche Poesie studirt und durchgesungen haben. Er ist eine Autorität im Altteutschen, und auf einer Kegelbahn ist's gewesen, wo er das Nibelungenlied und den Percival und Titurel bis in die innersten Falten gelesen hat, auf einer Kegelbahn in Berlin hat er sich, in Ermangelung einer andern Wohnung, häuslich einrichten müssen, dort hat er, in seinen Freiwilligen-Mantel und seine langen Haare gehüllt, Tag und Nacht gesessen und studirt und gedichtet, trotz Hunger und Kälte. Einen alten schwarzen Rock hat er zuweilen vorsichtig abgestäubt, und ist hinaufgestiegen in die goldnen Säle 25 der vornehmen Berliner, um sich zu wärmen, und die Bibliotheken zu ordnen, und die alten, schweren Bücher zu stellen, von denen sie nichts verstanden. Ich habe auch in Breslau nie Geld bei ihm gesehen, und doch war er immer glücklich, das heißt poetisch, und litt nur zuweilen an Vollblütigkeit, doch schrieb er mir immer die heitersten, vornehmsten Billets auf spiegelglattes Papier mit saubern römischen Buchstaben, nahm Holteis Liederspiele gegen mich in Schutz, und träumte von einem griechischen Lustspiele, das er nächstens in teutscher Sprache schreiben wollte. Der liebe Wackernagel! Ich war damals ein dummer Mensch, der ihm nicht glauben wollte, daß Göthe's Tasso mehr werth sei, als Schiller's Braut von Messina, und ich hatte mich deshalb ein Vierteljahr lang auf Tod und Leben mit ihm herumgeschlagen in den Breslauer Zeitungen. Da erweichte er eines Tags mein vandalisches Herz durch eine schöne, innige Ghasele, und ich ging, um ihm meinen ersten Besuch zu machen. Er wohnte bei dem berühmten Chemiker Runge, und aß alle Tage Schöpsenfleisch mit ihm. Runge aß nämlich einige Monate lang nichts als Schöpsenfleisch, um zu sehn, was dabei aus seinem Magen würde, und Wackernagel litt geduldig mit, als Opfer der Experimentalchemie, aß mit Runge Schöpsenfleisch, und ließ den Mond sprechen. 26 Seit der Zeit denk' ich bei Schöpsenfleisch immer an Runge, der stets gesund war, wie ein geistreicher Quäker aussah, und aus einem kleinen Stummel heftig Tabak rauchte, wenn er nicht Schöpsenfleisch genoß; und an Wackernagel denk' ich, wenn mir der Breslauer Mond einfällt, der so schöne Lieder schien, als ich den letzten Abend durch die Breslauer Gassen schlüpfte. Auch damals fielen mir lauter süße Wackernagelsche Verse ein, und ich stand still am Graupenthurme, in dessen Nähe er gewohnt hatte, und dichtete mir im Mondscheine ein weiches Abschiedslied. Leider hab' ich's vergessen, es war aber sehr schön und ging nach der Melodie:     Nach Sevilla, nach Sevilla, Wo die letzten Häuser stehen, Sich die Nachbarn traulich grüßen, Mädchen aus den Fenstern sehen, Ihre Blumen zu begießen, Dahin sehnt mein Herz sich sehr. Ach, sehr! 27     O laß mich lauschen, laß mich lispeln, kosen Mit dir, du Geist der Mondscheinnacht! Du hast mit deinen Lilien, deinen Rosen Den Geist der Liebe mir gebracht. Hoffmann von Fallersleben. Wenn ich's beschreiben könnte, wie schön an meinem letzten Abende in Breslau der Mond schien, so hielten mich die Leute für Mond–süchtig. Denn ich empfand wirklich eine lebhafte Sehnsucht nach dem Monde, und ich hätte mich auf das Pflaster legen und den Schein küssen mögen. Aber es hatte kurz vorher ein Wenig geregnet, darum that ich's nicht. Die nüchternen Leute, welche in einer Passion für den Mond viel Ueberschwenglichkeit und wenig Vernunft finden, mögen sich beruhigen. Für gewöhnlich lieb' ich den Mond nicht: er ist mir zu bleich, zu schwindsüchtig, zu kraftlos, zu monoton, zu langweilig. Es stehen noch einige Adjektive zu Diensten, wenn's sein muß. 28 Aber wenn ich einen Raum zum ersten oder letzten Mal sehe, dann ist der Mondschein sein Himmelsnimbus, dann macht er Alles so weich, so fromm, so rührend. Es war mir damals am Graupenthurme in Breslau, als sähen mich all' die lieben Augen im Strahl des Mondes an, welche mir jemals in zärtlicher Neigung zugewendet waren. Ich konnte die Züge nicht ordnen, nicht unterscheiden, aber es war ein süßes Gewirr von all' den Mienen, welche meinem Herzen wohlthun, es in süßem Weh bewegen. Kuß auf Kuß warf ich dem Monde zu. Ich fühlte, daß der Abschnitt all' meiner Jugendneigungen mit diesem Mondschein zu Ende ging, des andern Tags reis'te ich in die Welt, nach Spanien, Babylon und Leipzig; ich mußte Abschied nehmen von all dem, was der Mond mich küssen sah. Hinter mir, im Schatten des Graupenthurmes, stand ein langer Mann mit gekreuzten Armen und sah ebenfalls in den Mond. Langsam kam er heraus in den hellen Schein. Wiederum das Bild eines Minnesängers. Breslau hat in vielen schweigsamen Winkeln ungewöhnliche, ernsthaft ganze Figuren, es hat viele Blätter, die noch Niemand umgewendet hat, noch viel unberührte Jugend. Der Mann war lang, unsicher lang, ein magrer grauer Mantel verhüllte kaum die Länge, und er 29 hatte einen Kopf wie ein ernsthafter Vogel, weit flogen im leichten Abendwinde die weichen Haare davon wie wogende Schwungfedern. Fein, spitz und klar wie Luft formten sich nach vorn die saubern Gesichtszüge voll kindlicher Unbefangenheit, und die sanften, ahnungsreichen Augen sahen mild wie zwei glückliche Sterne drüber hin. Ein schwarzes Napfmützchen deutete darauf hin, er sei ein Scholiastenvogel, der sich mit Weisheit nähre; aber in freien Stunden singt er, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, und der ist ihm schön gewachsen. Wir gaben einander die Hand, und sprachen über den Mond, und er konnte mir nicht genug beschreiben, wie schön sich der alte Mond ausnehme in der großen Bibliothek, in welcher er wohnte. Hoffmann von Fallersleben war damals Kustos der Breslauer Universitätsbibliothek, und er lud mich ein, mit ihm zu gehn. Da werden die alten Poeten alle unruhig auf ihren Repositorien, wenn ihr alter Bekannter, der Signore Mond, sie besucht, und es beginnt ein Flüstern von alten unbekannten Liebesgeschichten, daß man nicht Ohren genug hat zu hören. Namentlich spricht der heilige Augustinus von den warmen afrikanischen Abenden seiner Jugend, und der heilige Abälard beschreibt in süßen Stanzen die verführerischen fränkischen Nächte. Hoffmann konnte gar nicht fertig werden mit Beschreiben, und 30 da setze er sich in einen Winkel, mache die Augen zu, und lasse alle die alten Gedichte durch sein offnes Herz aus- und einziehn wie prächtige Brautpaare. Daher komme es denn auch zum Theil, daß er so schöne Gedichte schreiben könne; er habe ein sehr feines Gehör. Es that mir sehr leid, diese Einladung abschlagen zu müssen, aber ich hatte noch gar zu viel Besuche zu machen, und den Mond brauchte ich nothwendig dazu. Ich versicherte Hoffmann, daß es in Breslau sehr viel Fenster gebe, große und kleine, an welche meine Blicke und der Mond heut noch klopfen müßten. Er nickte mit dem Kopfe, denn er ist ein Dichter. Ach, die Geschichten von den Fenstern, aus welchen die Lockenköpfe und die weißen Hände sehen, diese Geschichten sind nicht eben lehrreich, aber sehr schön. Hoffmann sagte, das hätte seine Richtigkeit, und er freute sich immer, wenn er mich mit den unternehmenden Augen und Schritten sähe, die Klassiker aus der Bibliothek brächten zwar schöne Lieder, aber wenig reelle Küsse, der Mensch lebe doch nicht vom Brot allein – – Freilich, freilich – dies Kapitel würde uns zu weit führen, lieber Professor, mich rufen die Fenster! Und er wünschte mir glückliche Reise nach Spanien, und verlangte, ich solle ihm drei anständige 31 Balladenthemata aus Granada schicken mit der ordinairen Post, aber nicht zu leichtfertige, bat er noch hinterdrein. Ich hab's ihm versprochen. Damals blieb er noch stehn auf der kleinen Brücke am Graupenthurme, die großen Augen ernsthaft auf den Mond richtend. So ist er mir im Gedächtniß geblieben, die schöne Mondscheinstatue eines nordischen Sängers, an welcher kindliche Träume auf- und niederklettern. Ich weiß nicht, wenn er nach Hause gegangen ist. – Durch unterschiedliche Gassen ging mein Lauf, und der gute Mond lief wie ein lustiger Pudel mit mir, und blieb stehn, wenn ich stehn blieb. Ich blieb aber oft stehn. Ach, hinter den meisten Fenstern waren weiße Grabesgardinen; in ein Paar Jahren ändert sich viel. Man sieht sich, man begegnet sich, man sucht und findet sich – man verliert sich. Mein Gott, die Stadt ist groß, und das Auge ist kein Philister, es ist frevelhaft, die Schönheit der Welt nicht in ihrem größtmöglichen Umfange zu würdigen. Wie der Mond lachte vor einem großen Hause auf der Albrechtsstraße, der Schalk! Da wohnte einmal während eines milden Sommers, wo Alles reif ward, ein Mädchen, schlank und luftig wie ein Reh, im zweiten Stock, ich wohnte aber im dritten, und 32 ich war ein Student. Des Morgens machte sie mit Geräusch ihr Fenster im zweiten Stock auf, und nun öffnete ich das meine im dritten Stock, und sang hinab: Ich war, wenn ich erwachte \&c. Da sah sie herauf, und lächelte, und ich sah hinunter, und lächelte auch. Wenn wir aber ausgingen, so schlugen wir heftig die Thüren zu, und dann begegneten wir einander auf dem Saale. Dann sagte ich, »schön guten Morgen, mein Fräulein«, und sie erwiderte: »Ich wünsche Ihnen, wohl geschlafen zu haben«. Später im Laufe des Sommers sagte ich ihr mehr, unter Anderm auch, daß ich nicht wohl geschlafen habe. Wir begegneten uns auf dem Markte, und ich kaufte ihr verrätherische Blumen, es kamen die schönen Sommerabende, ich sang zur Guitarre himmlische Lieder an den Abendstern von Richard Roos, Theodor Hell, dem Naturdichter Hiller, oder sonstigen ausgezeichneten Teutschen, ich sang sehr, und spielte dazu die Guitarre. Zuweilen begegnete mir's in der Hitze des Gefechts, daß ich falsche Akkorde griff, aber solch ein gemeiner Vorfall störte unsere edleren Gefühle nicht, meine Geliebte hatte auch glücklicherweise ein verwahrlostes musikalisches Gehör, und konnte nichts singen, als: »Du, du liegst mir im Herzen«, und auch dabei erlaubte sie sich immer einige musikalische Freiheiten. 33 So kam der Spätsommer, und wir freuten uns schon sehr auf die langen Abende. Ich sang damals verführerische Lieder von Kuhn, dem Redakteur des Freimüthigen, welcher sich leider später dem unnatürlichen Laster des stillen Trinkens ergeben haben soll. Da näherte sich mir eines Abends auf eine ernsthafte Weise meine Wirthin, und erklärte, daß sich bedeutende Differenzen zwischen uns vorfänden, namentlich wegen der Miethe. Ich studirte zur damaligen Zeit Theologie, und äußerte mich sehr sanft. Die gute Frau hatte aber wenig Religion, sprach von Mangel an Solidität, und nöthigte mich, plötzlich auszuziehn. Sie war von sehr niedriger Gesinnung und ohne alle Poesie. Ich habe ihr das später vor dem Universitätsgerichte auseinander gesetzt, aber ausziehn mußte ich damals. Bei solcher Verwickelung der Verhältnisse vergaß ich meine gefällige Nachbarin mit den Rehaugen und dem schlanken Wuchse, ich kam in ein ganz andres Viertel der Stadt, wo ich an der weitern Ausbildung meiner frühern Gefühle behindert wurde. – – Der Mond trat ungeduldig hinter die Häuser der Albrechtsstraße, ich mußte weiter. Ich kann nicht im Detail fortfahren, sonst würde meine Abreise zu lange aufgehalten, ich kann nur bemerken, daß in jener letzten Breslauer Nacht der Nachtwächter manches abgelegenen Viertels unruhig wurde, weil 34 ein Mann so lange vor manchem kleinen Hause stehen blieb. Die Breslauer Nachtwächter sind berüchtigt wegen ihrer Disciplin und Tapferkeit, sie halten nichts von der Dichtkunst und verfolgen die Schwärmerei, sie sind ohne äußere Bildung, und schonen kein zartes Gefühl. Sie störten mich in meinen besten Empfindungen. So mußte ich denn auch flüchtig an einem Hause vorüber in der südlichen City, wo ich sonst ein ganzes Jahr lang nicht vorübergehen konnte, weil ich immer genöthigt war, einzutreten. In jenem Hause hatte ich viel ernsthafte Thränen geweint, und jenes Eckfenster war mir lieber gewesen, als die ganze Stadt Breslau. Hinter jenem Eckfenster saß sie alle Abende im Lehnstuhle, die Hände ruhten ihr im Schooße, die Augenlieder lagen wie geheimnißvolle Abendwolken über dem Himmel, und sie sah von unten auf verstohlen nach der Thür, ob ich eintreten würde. Sie hatte mir immer etwas Trauriges zu sagen, es ging uns sehr schlecht, und ich konnte ihr immer keinen andern Trost mitbringen, als alle Tage neue Gedichte. Die lasen wir miteinander und weinten ihre Melodie, und weinten wie die Kinder. An einem kalten Wintermorgen mußte sie fort, weit fort, »vielleicht gar über den See« – oh, das war ein sehr kalter Morgen. Und das arme Fenster, wo am Tage nicht mehr 35 ihr Kopf, des Abends nicht mehr ihr Licht hinter den Blumen zu sehen war, wie lange habe ich das arme, leere Fenster bedauert, diesen gläsernen Sarg! Jetzt wohnten fremde Leute da, und die Geschichte war schon sehr lange her, aber es fuhr mir doch wieder jener flüchtige Stich aus dem Herzen durch den Arm bis in die linke Hand, nur schwächer, wie es mir damals immer geschehen war. – – – – Immer weiter, immer weiter! Die Stadt ist groß, und das Leben ist lang. – – Der alte Pedell Frese war todt, der Sturm, sein Nachfolger, hatte die große eiserne Thür der Universität nicht zugeschlossen, ich trat hinein in die schallenden Korridore. Es war doch traurig, daß auch Frese hatte sterben müssen, er war so römisch lang, und sprach immer im plurali majestatis : »Wir haben beschlossen.« Die Jesuiten, die geistreichsten Schufte jener letzten Jahrhunderte, die ich niemals hassen kann, wegen ihres impertinenten Verstandes: die Jesuiten haben das stolze Gebäude erbaut, und die Jesuiten und Frese sind todt. Wir gehen Alle wie Schatten an dieser Sonne vorüber, und sollten doch nicht so viel Wesens von unserm Bischen Aerger und Zorn machen. Die breiten steinernen Treppen, die hohen, gewölbten Korridore gaben all' meinen Tritten laute Antwort. Der Mond fuhr unruhig an den Fenstern 36 hin und her; er konnte nicht zu mir. Es ist ein schöner Raum, um Weisheit zu hören und zu lehren, dies Breslauer Universitätsgebäude. Ich wollte mich schnell erinnern, was ich Alles hier gelernt hatte, ich drehte alle Taschen um, sie waren lächerlich leer. Außer Henrik Steffens war mir in diesen Räumen nicht einmal ein Interesse nahe getreten; die klingenden Sporen, die jungen Bärte, die bunten Mützen der Studenten waren mir in den hohen Bogengängen noch immer das Interessanteste gewesen. Die Theologen lasen drei Jahre lang über eine alte, abgedroschene Geschichte, und lasen noch dazu unzweckmäßiger als auf mancher andern Universität; die Juristen lasen drei Jahre über ein andres Buch, und die Philosophie war ganz abhanden gekommen, nur Henrik Steffens redete stürmisch poetische Gedanken über die Philosophie. Henrik Steffens ist ein sehr interessanter Mann. Sein Fehler ist's nur, daß er mehr sein will. Als ich seine erste Vorlesung im Musiksaale hörte, da war es mir, als stünde ich unter dem Wasserfalle des Niagara; betäubendes, überwältigendes Getöse, rings stäubendes Wasser, stockfremde breitblättrige Pflanzen, auf einem einzelnen Felsen ein Wilder der nach einem Wasservogel schießt und dann kopfüber mit der Flinte in's brausende Wasser springt. Es war mir urweltlich, flötzgebirgig, fabelhaft zu Muthe, und als ich hinaus kam an die frische Luft, da fing ich plötzlich 37 an, laut zu lachen. Was war das? Professor Henrik Steffens hatte über Anthropologie gelesen. In dieser Anthropologie fehlten nur die Menschen, aber die Berge, Pflanzen und Steine sprachen wunderbar interessante Dinge. Wie er so da stand der lange Norweger mit den irren blauen Augen, und der nach Himmel und Erde zeigenden weißen Hand, da dacht' ich fortwährend an einen alten Druiden, der die Natur belauscht hat in stiller Einsamkeit, und die Menschen und den gewöhnlichen Gang der Dinge vergessen hat, und nun zurückkommt in die Stadt, um über den Menschen zu sprechen, und Novellen zu schreiben. Er trug einen feinen blauen Frack mit gelben Knöpfen, in der einen Hand hielt er gegen Ende der Stunde seine goldne Uhr, ich dachte jeden Augenblick, wenn in irgend einem Flötzgebirge eine Schlucht sich öffnete, er würde sie einem der Zuhörer an den Kopf werfen, nämlich die Uhr. Er war eine schöne Erscheinung auf dem Katheder, dieser lang und gerad gewachsene Professor. Sein Kopf ist fein und scharf, die glatten grauenden Haare und einige frühe Falten geben ihm etwas Weises, und doch wird Steffens ebenso wenig jemals weise werden als der Sturm nach dem Takt sich bewegen lernt. Er ist ein Mann der strudelnden Bewegung, welcher sich die unnatürlichste Mühe giebt, fest zu stehen. Durch sein Gesicht laufen so viel zuckende, spitzige Linien, poetische List, 38 frommer Jesuitismus, ein unreifes Lächeln, Alles das stürzt sich über und durch einander, daß es mit Mühe von dem starken Geiste des Ganzen gebändigt wird, daß man in steter Erregung bleibt bei seinem Anblicke. Und nun kommen die Worte dazu, die sich wie eine unerschöpfliche Fluth aus seinem Munde stürzen, eine Welle will eher da sein als die andre, wie ausgerißne, fremdartig grüne Bäume fliegen auf den Wogenspitzen die ungewöhnlichen Gedanken mit herunter in's Auditorium, und das Gebrause, der fremdartige übervolle norwegisch-teutsche Ton, die zischenden Sprachfehler brausen, schäumen, toben rastlos, ruhelos durcheinander, nicht ein Sonnenstäubchen kann sich dazwischen drängen – man wird betäubt, bedeckt, man schnappt nach Luft. Es giebt vielleicht keinen Menschen, der eine solche enorme und schnelle Gedankenproduction besitzt als Steffens, die Gedanken gehen wie ein brausendes Viergespann mit ihm durch. Wenn er auf den Katheder steigt, so geht es ihm wie der Pythia, welche sich auf den Dreifuß setzt. Der Dampf der Weisheit und der Begeisterung umfängt seine Sinne, die Orakel zerwühlen seinen Körper, er wird herumgeschleudert von den Dämonen, er wird zerbrochen. Natürlich hält er, ein langer, starksehniger Norweger, das länger aus, als die Pythia, von welcher die Meisten ernsthaft versichern, daß sie ein Frauenzimmer gewesen sei. – 39 Steffens ist eigentlich ein Professor der freien Künste, und er trägt die Naturgeschichte und Philosophie und das heilige Donnerwetter der Poesie und die Menschenkenntniß, er trägt alles dies vor wie eine freie Kunst, er faselt über Alles. Aber er faselt im größten römischen Baustile, er faselt Riesenschnörkel. Bedeutende Poeten wie Heine sprechen ihm die Poesie ab; ich glaube, das rührt von einem Irrthume her: Steffens hat einen belebenden, einen erzeugend poetischen Blick für das Vegetabile, das Halbtodte, das Ganztodte, er macht den Schnee und die Steine und Berge lebendig, welche sich durch drei enge Druckbogen seiner Novellen erstrecken, aber er hat ein ganz ordinaires, zu unordentliches Auge für die Menschen. Und wir sind nun freilich der Ansicht, daß die Menschen in den Novellen die Hauptsache seien. Bei Steffens ist es aber immer der Boden, und die Menschen sind umgekehrt die Staffage, weil er sie nicht kennt. Doch bin ich der Meinung, er sei reich an Poesie, überreich, und Heine, der Verehrer Göthes, verwechselt bei Steffens die Poesie mit der Kunst; letztre lernt der teutsche Norweger in seinem Leben nicht. Es wird nie Maaß in ihn kommen, er wird nie ein Dichter werden; aber ein Poet, und obendrein ein gewaltiger bleibt er. Seine Novellen mit der altklugen oder im Traume sprechenden Natur sind Kolosse von Ungeschicklichkeit, große Schachtelkunststücke. 40 Aber ein Kunststück ist eben kein Kunstwerk, wird nie mündig; auch wenn er eine Novelle schreiben will, so gehen die Rosse mit ihm durch, tief in den Wald hinein, und wenn sie nun nicht weiter können, dann steigt er ab, bewährt seine Geschicklichkeit, und haut links und rechts Wege durch den Wald, bis er endlich schweißtriefend wieder heraus kommt; und diese Arbeit nennt er eine Novelle. Es fehlt ihm alle Kunst der Empfängniß, es fehlt ihm die Dichtkunst, aber nicht die Poesie. Das haben die Freiwilligen im Kriege herausgefühlt, und sie haben sein eisernes Kreuz verdächtigt, und nie etwas wissen wollen von seinen konkreten Thaten. Sie erzählen wunderliche Spottgeschichten vom Norweger und seinen langen Beinen, und der Schlacht bei Leipzig, die er so schön beschrieben. Darauf ist aber nicht viel zu geben, denn hinter einem ungewöhnlichen Menschen weis't der Haufe immer mit den Fingern her, und es ist auch nicht schwer herauszufühlen, daß Steffens kein Mann der That ist. Sein Geist ist ein bunter, ein herrlich bunter Renommist der Phantasie. Er ist ein speculativer Poet; wer ihm Alles glauben will, wird zuverlässig ein Dummkopf, wenn auch ein merkwürdiger. Seine politischen Bücher hab' ich immer wie geistreiche Karnevalsentwürfe gelesen; wenn Steffens einmal Minister des Auswärtigen würde, so könnte die 41 Politik auf 24 Stunden sehr amüsant werden, denn länger würde der Spaß nicht dauern. Der Mond wollte fort, die Korridore wurden finster, ich glaubte die Stimme des Henrik Steffens aus den Musiksaale zu vernehmen: »Meine Herren, betrachten Schie die Flötzgebirge.« Es war aber ein Irrthum; Steffens war schon nach Berlin gegangen, um von den Flötzgebirgen zu sprechen, und über den Opernplatz steuerte er mit dem breiten Quäckerhute und den starrenden Prophetenaugen. Wäre ich der König von Preußen, ich ersuchte den Professor Steffens, unbekannte Gegenden zu bereisen. Dann könnten wir interessante Bücher erwarten, er improvisirte neue Welten. Wenn sie sich auch später nicht als richtig erwiesen, so wären sie doch unterhaltend; denn er ist ein kleiner Schöpfer, es fehlt ihm nur das Bischen Ordnung, in welcher der Herrgott geschaffen hat. – – Draußen auf der Oderbrücke war viel Amüsement: die lustigen Burschen führten ihre lustigen Mädchen zum Tanz hinüber nach der goldnen Sonne. Durch den Dampf der Tänzer blinkten die erleuchteten Bogenfenster der »Sonne« herüber, und die Musik jauchzte und wieherte, und die Mädchen hüpften schon vor Vergnügen auf der Brücke. Es ist ein merkwürdig Institut, diese Sonne. Der Saal ist einer 42 der größten und schönsten in der Stadt, die Musik ist die beste, rauschend, berauschend und neu, die Gesellschaft – nun ja, die Gesellschaft ist die bunteste und harmloseste. Es ist eine demokratische, und das Entrée ist sehr wohlfeil, eigentlich nur ein Unterpfand, daß man sich mit irgend einem Genusse stärken wolle, mit einer gut gepfropften Flasche Bier oder einem Breslauer Liqueur. Für die an der Thür gezahlten zwei Silbergroschen wird dem Durstigen solch ein Genuß im Saale gratis verabreicht. Hier findet man nun jeden Sonntag und Montag die entschlossenste Gesellschaft, entschlossen, sich jeden Falls zu amüsiren, man findet die zuschauende Frau des Bürgers, den Tabak qualmenden Handwerker, die leichtfertig springende Dirne, man findet immer Lärm, und zu jeder Stunde und ohne viele Mühe die besten Prügel. Wie vom Blitz getroffen fliegt der Uebelthäter durch mehrere Zimmer, von Hand zu Hand, aus dem Hause hinaus. Aber, »in diesen heilgen Hallen kennt man die Rache nicht,« nachdem er die Busenkrause wieder hineingestopft hat, tritt der Deportirte ruhig wieder ein, als sei nichts vorgefallen. Als ich noch Student war, kam ich des Sonntags aus dem »blauen Hause« immer an der Sonne vorüber, und der Menschenkenntniß halber ging ich gewöhnlich hinein: damals lockten die neuen Oberontänze, damals war Oberon jung; es ist doch 43 entsetzlich, daß auch solch' ein Feenprinz altert – damals scheute ich auch eine massive Prügelei nicht für ein Paar schöne Augen. Ich trug noch keine Vatermörder, und haßte noch Hut und Frack. An einem solchen melancholischen Spätsommerabende war's, als ich jene schwarzen Augen, jene schöne andalusische Figur wild an mir vorübertanzen sah, welche im Ganzen Julia hieß. Mein Begleiter, ein alter, erfahrner Bursch mit bemoostem Haupte, machte mich aufmerksam, und rief: »Sieh um Gotteswillen diese Augen!« Sie waren wirklich erschreckend feurig und schön, wie ein schönes Buch, was mit vieler Freiheit geschrieben ist. Ich eilte, es ihr zu sagen, mein Begleiter desgleichen. O, wie sie lachte, und mir die heiße Hand auf den lobpreisenden Mund legte, – mein Begleiter war im Feuer dieser Augen grob gegen unsre Nachbarn gewesen, und ich sah eben noch in der Ferne sein ruderndes, kämpfendes Pfeifenrohr, er wurde just hinausgeworfen, oder wie die Schlesier sagen, hinausgeschmissen, als mir Julia ihren Arm gab. Ich geleitete sie nach Hause und kaufte ihr Bonbons. Ach, ich schmachtete in diesen Augen, und las um jene Zeit den Plato, und das war meine Dummheit, denn Julia wußte nichts von Plato. Ich glaubte noch an die Menschheit und an die Tugend, und eines Tags schenkte mir jener erfahrne, hinausgeschmißne 44 Student ein Bonbon, was ich den Abend vorher der Julia geschenkt und worauf ich geschrieben hatte »Romeo und Julia.« Das war ein merkwürdiger Tag in meinem Leben, das fühlte ich tief, als ich mich im Mondschein auf der Oderbrücke sein erinnerte. An jenem Tage verwünschte ich die Tugend und meine Dummheit in einem Athem. Es war ein schrecklicher Mittag, ich aß gerade Milchreis bei der Madame Lange im weißen Engel auf der Kupferschmiedstraße, und dort im weißen Engel verwünschte ich zum ersten Male meine burschenschaftlichen Grundsätze, die mich schon in Halle und sonstwo um so viel Vergnügen gebracht hatten; im weißen Engel auf der Kupferschmiedstraße schwor ich dir ab, o Plato! – Diese Erinnerungen trieben mich fort von der Oderbrücke, ich ging nach Haus und legte mich schlafen und »Plato oder nicht Plato?« beschäftigte mich bis zur Stunde der Abfahrt. Zwei Freunde geleiteten mich bis zum schwarzen Bären, dort tranken wir zum letzten Male eine Schale schlesischen Kaffee mit einander, sie segneten mich, und ich fuhr von dannen gen Babylon. Zuerst nach Leipzig. Ich sah mich nicht mehr um, denn ich fürchtete mich vor dem Abschiede, und ich fuhr ohne Gedanken durch das mädchenfreundliche Liegnitz, ohne Gedanken bis auf den Markt von Leipzig. 45 Bei freundlichem Nachmittagssonnenscheine trat ich in das Zimmer meines Freundes. Er saß hinter einem breiten Tische voll Landkarten, reichte mir trübselig die Hand herüber, und sagte es sei gut, daß ich käme, denn er könne Golkonda nirgends finden; ich möchte es ihm suchen helfen. Nach einigen Tagen erfuhr ich, daß er sehr hypochondrisch sei, und die Welt aufgegeben habe. Der einfache Grund davon sei folgender: Es gebe so erschrecklich Viel zu lernen in der Welt, daß es unmöglich sei, fertig zu werden, und deshalb habe er beschlossen, lieber unglücklich zu sein, als sich noch länger zu quälen. Während er auf das eifrigste Naturwissenschaften und Medicin studire, laufe ihm die Geschichte und Geographie davon, und während er diese einholen wolle, würden jene über Nacht ganz andre. Es sei zum Todtschießen, und ein ehrlicher Mensch müsse dabei zu Grunde gehn, und das wolle er denn auch. Dabei streckte er sich auf's Sofa, und machte die Augen zu. Ich sah ein, daß hier das Glück nicht zu finden wäre, weshalb ich auf Reisen gegangen, und am andern Morgen, als er noch schlief, packte ich wieder meinen Koffer und ging. Nur einen kleinen Zettel ließ ich ihm zurück, darauf schrieb ich: Freund, alles Wissen macht dumm und unglücklich, denk an den 46 Baum der Erkenntniß und Adam und Eva; nur die Sonne ist was werth in diesem Leben, geh spaziren, am besten recht weit, in die weite Welt. Wenn du kein Geld hast, so schreib mir's, ich werde wohl auch kein's haben, und dann reisen wir zusammen, und werden zusammen glücklich. Vor der Hand reis' ich allein. Nachschrift: Trink recht viel Wasser, alle Elemente sind gesund. Elemente sind aber: Luft, Wasser, Sonne, ausgebacknes Brot und roher Schinken, Homer, Shakespeare und theilweise Goethe. Verbrenne um Gotteswillen dein Tagebuch, so was kann einen gesunden Menschen krank machen, und thu' mir den Gefallen, und lebe wohl. 47     Anhalt. So saßen wir uns denn gegenüber im Wagen, es war noch morgendunkel, und ich wußte nicht, mit wem ich führe, ich war noch schlaftrunken, und konnte mich kaum besinnen, warum und wohin ich reiste. Manche Leute, wenn sich ihnen das Leben dehnt, und sie nicht recht wissen ob sie sich wohl oder übel befinden, suchen sich einen Weinkeller, um auf andre oder überhaupt auf Gedanken zu kommen, ich suche mir bei solcher Gelegenheit einen Wagen und einen Kutscher. Die teutschen Lohnkutscher sind eine wichtige Klasse von Diplomaten, die nicht leicht irre zu machen sind. Ich verblüffe sie aber immer, wenn sie sehen, daß es mir einerlei ist, nach welcher Richtung ich reise, diese Art Poesie ist ihnen zu hoch und zu dumm. Mit dem genialsten dieser Privat-Postmeister pfleg ich zu fahren. Ich streckte den Kopf zum Wagen hinaus, und bemerkte an den Himmelszeichen, daß wir 48 nach Norden fuhren. Unglückliche Genialität des Lohnkutschers! Ich liebe den Norden gar nicht. Ich bemerkte ferner an meinem Rückwärtssitzen, daß Frauenzimmer mit mir im Wagen seien. Das war mir sehr angenehm, denn ich liebe die Frauenzimmer, und möchte nicht acht Tage auf der Welt sein, ohne welche zu sehen. Es war aber Alles still und nichts zu entdecken, ein verrätherischer Husten schlug indessen die Hoffnung auf mein vis à vis nieder, selbiges hustete laut und grämlich, der kalte Morgenwind strich durch den schlecht verwahrten Wagen, ich holte ein großes Umschlagetuch aus meiner Reisetasche, was mir ein weiches Gemüth einst geschenkt hatte; es sind ägyptische Hieroglyphen darauf, und ich mache im Zwielicht oft bei seinem Anblick einen Kursus meiner historisch kabbalistischen Studien. Wenn ich das Wort Abraxas ausfindig gemacht habe, denk' ich an die Theologie und ihre neuesten Helden, und schlafe ein, und Tholuck segnet mich, und Wegscheider segnet mich, und Beides ist mir vollkommen egal. – So schlief ich auch hier ein, und erwachte erst, als die Sonne mir hell in's Gesicht schien. Eine alte Dame, die natürlich nicht schön war, und eine junge Dame, die gar nicht war, saßen mir gegenüber. Die junge nämlich war verschleiert. Ich machte mein Kompliment, wurde aber ignorirt. Mein Umschlagetuch mit ägyptischer Poesie hatte mir wahrscheinlich 49 abenteuerlichen Kredit verschafft. Ich trug Beides standhaft, und weil ich noch fror, blieb ich in Aegypten, und holte mir ein Buch aus der Tasche, um der Gesellschaft durch Lesen zu imponiren. Glücklicherweise war es ein französisches; tolle Geschichten von Herrn v. Balzac standen drinn. Nun ließ ich zuweilen nachlässig die Hand sinken, damit man die fremdartigen Lettern sehen könne, man mußte bemerken, daß ich Glacéhandschuh trüge, ich verfehlte auch nicht zuweilen nach der Lorgnette zu greifen und die uninteressante Gegend zu betrachten. Kurz, ich that Alles, um meine Reputation, die allem Anscheine nach auf dem Spiele stand, wieder herzustellen, und sah nun ernsthaft in den Balzac, da ich das Meinige gethan zu haben glaubte.   Herr v. Balzac ist des Abends ein geistreicher Taschenspieler, der unsre Nerven mit barocken Dingen zu beschäftigen versteht, in der Morgensonne ist er eine pudelnärrische Fratze, und seine entsetzlichsten Dinge sind lächerlich. Wer des Morgens Gespenstergeschichten mit Illusion lesen kann, der ist selbst ein Gespenst, des Morgens ist die Natur rationell und nüchtern, namentlich auf den Leipziger Blachfeldern; ein leidlich vernünftiger Mensch kann des Morgens nicht einmal romantisch sein, wenigstens nicht vor dem Kaffee. – 50 Den Vorposten, die alte Dame, hatte ich schon gefangen: sie fing an zu sprechen über den schlechten Wagen, die langsamen Pferde, die rauhe Witterung. Ich gab ihr Alles im Superlativ zurück, die Witterung sei sehr rauh, der Wagen unverzeihlich, die Pferde gingen nicht von der Stelle. Nun wußte sie, daß ich ein sehr wohlerzogener Mensch sei; ich nahm auch meinen verdächtigen Shawl ab und hüllte mich vornehm in den Karbonari. Sie rückte auf dem Sitze, und sprach etwas hochteutscher: Sie reisen wohl auch nach Magdeburg? Ich erschrak, als ich hörte, daß es dorthin ging: von der Universität aus brachte man immer unsre Demagogen auf die Magdeburger Citadelle und ich hatte mich früher auch mit Demagogie beschäftigt, ich hatte »das Wartburgsfest« und »Haupt« und »Herbst« »über Burschenschaft und Landsmannschaft« gelesen, ich hatte eine schwarz und rothe Mütze getragen, und dito Pfeifenquasten – das Gold war auf der Universität streng verboten – ich war sogar einmal beim alten Jahn gewesen. Aber es war Morgen, die Gespenster hatten keine Gewalt über mich, und ich nahm alle Kraft zusammen und sagte: Aufzuwarten, ich reise auch nach Magdeburg. »Es ist wohl nicht wahr, daß die Cholera in Magdeburg ist?« Das ist gewiß nicht wahr, in eine königlich 51 preußische Festung, in welcher königlich preußische unsterbliche Soldaten sind, wagt sich die Cholera nicht. »Giebt es denn wirklich unsterbliche Menschen?« Ei ja wohl: die Könige von Frankreich, die Landgeistlichen, die Solotänzer, die ersten Sängerinnen, die Poeten und die Gardeofficiere sind alle durch die Bank unsterblich. »Je, was Sie sagen! Wie sehen denn eigentlich die Unsterblichen aus?« Grau. »Ganz grau?« Ganz grau. Hier hustete die verschleierte Dame, und ich fragte sie nach ihrem Befinden. Sie murmelte unbefriedigenden Bescheid. Die ältere, welche durch ihren großen Hut verhindert wurde, sich umzusehn, erkundigte sich nach der Gegend. »Es ist hier gar keine Gegend,« erwiederte ich ihr, und sie beruhigte sich. Die jüngere ward nun allmählig etwas regsamer, sie zog den Handschuh aus, und machte sich unter dem Schleier an ihren Locken zu schaffen; die Hand war nicht allzuklein, aber voll, fleischig, weiß und schön. Sie lüftete einen Augenblick den Mantel, um eine Nadel festzustecken, ich durfte einen Blick auf die Figur werfen, sie war ebenfalls schön, hoch und voll. Nach diesen kleinen Entwickelungen ihrer Streitkräfte zog sie sich wieder in die frühere unangreifbare 52 Stellung zurück. Aber die Alte wollte schwätzen, und verwickelte sie in ein kleines Vorpostengefecht. Sie schienen mit einander verwandt zu sein; ich flog als Parlamentair hin und her. Endlich lüftete sie ihren Schleier, und gab sich Mühe, recht unbefangen dabei auszusehn. Das Gesicht war hübsch rund zum Küssen geformt, und von angenehmem, nördlichem Fleische gesättigt, die Augen waren groß, und wenn auch ein wenig leer, doch nicht ohne Sinnlichkeitsschmelz. Für die zufällige Begleitung im Lohnwagen war's eine glänzende Acquisition. Wer mit dem nordteutschen Lohnkutscher fährt, rechnet nicht sehr auf Diskretion, man kann nicht lange verbergen, wer man ist. Dies Mädchen oder die junge Frau – die Conturen um die Augen waren so zweifelhaft, unsicher – versteckte sich wie eine Schnecke, sobald sie berührt wurde. Neben mir saß ein junger Mensch, der bisher geschlafen hatte und jetzt beim Erwachen eine ächte nordteutsche Grobheit entwickelte, die man gewöhnlich Geradheit und Biederkeit nennt. Er fragte ohne Weiteres, wo sie her wäre, und was sie sei. Er hatte sich keiner Antwort zu erfreuen, und damit es nicht still würde, fing er an zu singen. Ich wußte aber genug, denn ich wußte nun, daß sie eine Schauspielerin sei. So derb verbarg sich keine andre; ich bemerkte nun auch, daß Shawl und Mantel von 53 sehr bunten Farben, und ihre Haare auf das modernste, wenn auch nachlässig, frisirt waren, ich sah, daß sie ihre Halskrause schon mehrere Tage im Stillen trug. Auch war ihre Frühstücksemmel, welche sie eben zum Vorschein brachte, in Müllners Schuld gewickelt. Das war der gestrige Theaterzettel. »Würden Sie lieber die Elvira oder die Jerta spielen?« fragte ich mit einem Blicke auf die Buttersemmel. Sie ward glühend roth, ich wußte, wie klug ich sei. Uebrigens entschied sie sich, wenn sie eine spielte, für die Jerta; Elvira sei zu leidenschaftlich. »Was halten Sie von der Leidenschaft?« fragte ich die Alte. Sie schämte sich, und meinte, ich solle den Anstand nicht verletzen. – Wir kamen an's preußische Zollhaus, und mußten uns visitiren lassen. Fräulein Jerta war in großer Verlegenheit, als sie der Preuße bat, den Mantel zu öffnen, und fragte, ob sie vielleicht etwas Steuerpflichtiges am Leibe trage. Zum Zeichen, wie weh ihr dies that, fuhr sie mit der Hand an's Herz. Der Visitator schüttelte den Kopf; die teutschen Schauspielerinnen sind entweder frivol oder prüde, sie finden selten eine bürgerliche Mittelstraße. Das ist aber natürlich: man erwartet sie nicht bei ihnen, und was man nicht erwartet, findet man selten. Der Charakter ganzer Stände ist 54 wie der Modekaufmann: einen Artikel, nach welchem nicht gefragt wird, führt er nicht. Auf dem Schooße Fräulein Jerta's fand sich im weiteren Verlaufe der Fahrt ein dicker Quartant ein. Ich erkundigte mich, und sie lispelte schüchtern: Es ist mein Lieblingsschriftsteller Heinrich  – – Der Lohnkutscher zerriß den Namen, und fragte, ob er den kürzeren Weg durch den schwarzen Boden über Calbe fahren dürfe, in Calbe sei sie aber – Wer denn? Nu, die Cholera! Ich war in süßer Erwartung, ob die sanfte Schauspielerin vielleicht meine Schriften so verehre, mein zarter Vorname hatte mich elektrisirt. Darum entschied ich despotisch ohne Zuziehung des Parlaments die Reisefrage, und hieß den Kutscher in Teufels Namen über Calbe fahren. »Also Ihr Lieblingsschriftsteller Heinrich « – »» Zschokke «« Mein Herz war erkältet, aber ich überlegte mir bei Zeiten, daß von meinen verführerischen Schriften noch nichts gedruckt sei. Sehr unbefangen und gründlich setzte ich ihr indeß auseinander, daß sie mit einem sittengefährlichen Schriftsteller verkehre. Ich erklärte ihr den feinen Materialismus Zschokke's, der wie Gift in die Poren dringe, die Sinne allerdings 55 schmeichelnd befange, aber Alles Höhere im Menschen verzehre. Sie war sehr erschrocken, und gab Zschokke für einen äußerst moralischen Schriftsteller aus, den sie eben darum so gern gelesen. Ich versicherte sie ihres Irrthums, und fragte, ob sie wohl eine große Idee nachweisen könne, die er in ihr angeregt habe. Darauf sprach sie große Worte, Houwald und Müllner waren die Quellen, aber es war keine Idee von einer Idee darin. Ich nahm ihren Müllner-Houwald'schen Worten die weiche, lange Allongenperrücke und die gefährlichen Mäntel ab, und sagte ihr, das seien nur Dinge für Lampen und Bretter, und sie ward wieder roth, und sagte am Ende, es wäre möglich daß ich Recht hätte, aber es wäre schrecklich. Dabei verlor Zschokke seinen Platz auf ihrem Schooße. Mit Bedauern erzählte ich ihr, wie sehr man allgemein ihren Irrthum theile, und wie namentlich Zschokke von Gymnasiasten gelesen und bewundert würde, die eine weichliche Freiheitsliebe daraus erlernten, und später egoistische, haltlose, schlechte Bürger würden. Die Alte war sehr unruhig geworden wegen der Cholera in Calbe, ich ließ aber ihre Unruhe nicht zu Worte kommen, sondern trug über Anhalt vor. Anhalt ist das Land der Hasen, der Mittelmäßigkeit und des Obstes. Gleich und gleich gesellt sich gern. Die Hasen sitzen in ganzen Friedensheeren 56 unter den Anhaltinern, und halten große Herbstlager und Manövers ab, und wenn man die Flinte bei zugedrückten Augen losschießt, so trifft man doch einen Hasen. Der ganze Ausdruck des Landes und der Bewohner ist so mittelmäßig ausdruckslos, daß er auch nicht den kleinsten Gedanken erzeugt. Die Lüneburger Haide hat doch einen Charakter, aber Anhalt mit seinen Bewohnern ist ein verwischtes Löschpapiergesicht. Das Land ist sehr fruchtbar, die Menschen sind's auch, es ist ein gesegnetes Land. Aber es ist ein Land ohne Kourage; es giebt eine gewisse Wohlhäbigkeit, die alle Spannkraft mit weichem Fleisch oder Fett bekleidet und erstickt. Wenn man ein Gesicht sieht, was von Haus aus wohlgebildet ist, das aber langweilig aussieht wie eine leere Landkarte von Afrika, wo die Augenlieder schlafsüchtig die halben Augen bedecken, so kann man immer von vornherein vermuthen, es gehöre einem Anhaltiner. Sieht man dabei noch müde, schläfrige semmelblonde oder braunblonde Haare, die sich gern krausen möchten, aber nicht Mark dazu haben, eine kraftlose längliche Figur, bei der die Schulter schmal und die Haltung schwach ist, so ist das Anhalt, und noch einmal Anhalt. Die Leute dort sind nicht dumm, sie sind nicht faul, nicht schlimm, aber sie sind mittelmäßig. Das Stück Teutschland vom Harze südöstlich aus bis 57 an die sächsischen und schlesischen Gebirge hat die Natur nach Tisch geschaffen, es ist ein reizloses Verdauungsland. Die Anhaltiner sind fast so höflich wie die Sachsen, aber ihre Höflichkeit ist Schwäche, ich glaube, sie haben kaltes Blut wie die Fische. Wenn man bedenkt, daß Wilhelm Müller , der liebenswürdige Waldhornist, aus Dessau ist, so schätzt man sein Talent noch einmal so hoch. Dessau ist der hübscheste Kirchhof in Teutschland, und wenn es nicht noch muntre Judenmädchen dort gäbe, so hörte man den ganzen Tag über nicht ein Wort. Es hat sehr anmuthige Familienbegräbnisse: den Park beim Schlosse, das Luisium und Georgium, und wenn man einen ganz aparten Gottesacker sehen will, so geht man einen schattigen Weg einige Stunden weit bis nach Wörlitz. Dort giebt es kleine Seen und Tempel und Raritäten, unter andern eine medicäische Venus, die schriftstellerisch dressirt ist, und auf einen Federdruck schamhaft erscheint. Damen werden dabei nicht zugelassen, die dürfen so etwas nicht sehen. Anhalt ist protestantisch, und wenn man eine schöne Frau lieben will, muß man mit ihr verheirathet seyn. Alle Jahre wird einmal versucht, ob die Todten in Dessau aufgeweckt werden können. Die Hallischen Studenten nämlich halten es wegen der israelitischen Kolonie daselbst für einen klassischen Punkt 58 aus dem alten Testamente, und zwar für die Schädelstätte, wo Simson mit dem Eselskinnbacken gewüthet hat. Zu Pfingsten unternehmen sie ihren Kreuzzug gegen die todten Philister, und kommen in großen Schaaren zu Fuß von Halle nach Dessau gewandert, mit großen Mäulern und kleinen Beuteln, und machen einen Spektakel, daß jeder halbweg honette Todte davon aufwachen muß. Sobald sie sich aber überzeugt haben, daß in Dessau an keine Auferstehung zu denken ist, ziehen sie nach zween Tagen wieder ab, und singen sehr malhonett die alten Spottlieder gegen die leblosen Philister. Denn man soll Niemand angreifen, der sich nicht wehren kann. Und jenes gesegnete biblische Land der Philister ist in Teutschland Anhalt. Charakteristisch ist es, daß Matthisson lange hier gelebt hat. Es ist das teutsche juste milieu , was manches Gute zum Vorschein bringt, aber nichts Großes. Sein Hauptrepräsentant in optima forma ist der ihm entsprossene Historiker Friedrich v. Raumer, Königlich Preußischer Regierungsrath und Professor in Berlin, wie auch weiland Censor und gelehrter Patriot. Aus seinem Gesicht und in seinen Schriften und in seinen Handlungen – denn er handelt mit der Geschichte – ist jenes Anhaltinische mittelmäßige Lächeln, was links und rechts kokettirt, und nicht süß und nicht sauer ist. Als ich 59 das Vergnügen hatte, ihm in einer Abendgesellschaft bei Herrn Brockhaus in Leipzig vorgestellt zu werden, entdeckt' ich sogleich die weichlichen, grün, roth und weißen Striche der Anhaltinischen Farben in seinem Gesichtchen, und erkundigte mich auf gut Glück, ob er nicht aus Anhalt sei. Er ist ein kleines, bewegliches, gläsernes Figürchen, womit man allerlei Rollen spielt zur Belehrung und Belustigung junger Mädchen. Ich habe gar nicht glauben können, daß der Mann für Männer zu schreiben habe, nachdem ich gehört hatte, wie er die Gesellschaft unterhielt. Die niedlichen Waden der Berliner Tänzerinnen hüpften in lüsternen Entrechats auf seinen Worten herum. Er ist auch ursprünglich ein belletristischer Schriftsteller, den sein Vater und die Dessauer gezwungen haben mögen, Geschichte zu schreiben, weil sie doch auch einen Historiker haben wollten. Dadurch hat man den Mann um seinen Ruhm bestohlen – man lese seine » Wilhelmine « in der Urania von 1833, und sage, ob ich Unrecht habe. Ist es nicht eine charmante liebenswürdig psychologisirende, reizend anspruchslos entwickelnde Novelle? Verräth der Verfasser nicht die beste Anlage zu solchen kleinen, rein gewaschenen Novellen-Gedanken. Man sehe in seine leider vergessenen »Briefe aus Paris« – steckt er nicht wie in der Zwangsjacke, daß er über Tagesgeschichte sprechen muß? 60 Die Toilette der Schauspielerinnen, die Beine der Tänzerinnen, die Postkutschen, das Wetter – wie sieht man sein Naturell aufathmen, wenn er das Alles der Madame Crelinger beschreiben kann? Das ist sein Fach. Hätte er das nicht verfehlt, so wäre vielleicht Dessau zu einem ausgezeichneten Manne gekommen. Ein kleiner teutscher Abbé mit gläsernen, fidelen Augen, der die Finger der Damen leckt, Stundenlang die interessantesten Strumpfbändergeschichten zu erzählen weiß, die Augen zudrückt, wenn eine Unanständigkeit unterläuft, und bloß mit Mund und Augenwinkeln lacht, eine neue Auflage der beaux esprits aus den Gemächern der Maintenon, die wie ästhetischer Kaviar herumpräsentirt werden, daß die stumpfen Kavaliere Appetit bekommen auf Küsse und Liebesallotrien. Ein kleiner, erfrorner Historiker mit rothgeleckten Wänglein und Naseneckchen, mit einem bis zur Farblosigkeit abgewaschenen, lichten Auge, ein Männlein zur Kurzweil, ganz und gar für Friedenszeiten, ein schlüpfriger, pikanter Theaterrecensent, affable, affable, charmant sogar, sonst nichts – ganz aus Dessau, ganz aus Anhalt, das ist Herr v. Raumer. Er hat die unglücklichste Aehnlichkeit mit Johannes v. Müller: er schreibt mit großen Buchstaben, und spricht ganz dünn, und windet, streicht sich wie ein Kätzchen um seinen Herrn, und schnurrt, 61 wenn ihm Brei vorgesetzt wird, und ist mäuschenstill, wenn man ihm selbigen nimmt. Müller war ein kleiner, vollständiger, gesellschaftlicher Geck, der krummgebuckelt in Berlin herumlief. Das thut, glaub' ich, Raumer nicht: er sündigt negativ, und hat keinen schlechten Charakter, sondern nur keinen Charakter – ein kleines Hinderniß für einen Historiker. Er ist aus Anhalt. »Leben und leben lassen«. Diese humane Indifferenz ist ganz Dessauisch, und dafür hat Raumer Alles geopfert, und, gutmüthig gegen sich selbst, ohne höhere, innere Religion, hat er sich's vergeben, was er sich und seiner Würde vergab. Er wollte einmal mit der Censur einen Anlauf nehmen, da streckte man ihm drohend aufgehobene Finger entgegen, und rief leise: »Willst du wohl« – »»ja so««, seufzte er, und ging nach Hause. Da kam er am Opernhause vorüber, man gab großes Ballet und Musikvergnügen, er ging hinein – damals hatte er noch sein Freibillet – und amüsirte sich deliciös, klatschte, und aß Eis. Und als er heim kam, erzählte er bloß vom sublimen Ballet, und hatte alles Andere rein vergessen. Das ist der Professor der Weltgeschichte aus Dessau, in dessen Gesicht nur eine hübsche Klatschgeschichte um die andere steht. Der Mann hat wie ein ächter Anhaltiner gar keine Leidenschaften, 62 nicht für's Gute, nicht für's Schlechte, höchstens kleine, artige Passiönchen, die man auf die Finger schlägt, wenn sie unartig werden. Heine erzählt von ihm, er habe ihn einige Königl. Preußische Amtsthränen weinen sehn, als er vom Tode Ludwig's XVI. gesprochen, und geht ihm mit unterschiedlichen Dolchkitzeleien an den Leib. Das sollte er nicht; solche Leute aus Dessau – es ist die Gattung aus den 100 Tagen, die Alles über sich ergehen lassen, die Dutzendmenschen – müssen in der Weltgeschichte vegetiren. Sie studiren mitunter Quellen und Kodices für uns, und sind in ihrer Gutmüthigkeit und Zahnlosigkeit doch immer besser, als tausend Andere. Wenn sie leichtsinnige Kompendien über »Recht, Staat und Kirche« schreiben, so muß man einmal gelehrt gegen sie auftreten, sonst aber nur dummes Zeug mit ihnen machen. Außerdem ist hier Herr Ritter, nicht der Geograph, auch kein Philosoph, sondern ein Professor der Philosophie, in Dessau groß und in Berlin klein geworden, und einige gute Landschaftsmaler und viel gute Marqueurs sind aus Anhalt gekommen. Zum Landschaftsmalen reicht Mittelmäßigkeit hin, reproduciren kann man mit einem guten Pinsel. Marqueurs widersprechen meiner Schilderung Anhalts nicht, denn sie sind gut, also nicht genial, sondern industriös. 63 Moses Mendelssohn hat ebenfalls nur das Geschick gehabt, in Dessau geboren zu werden; aufgewachsen ist er in Berlin. Man darf nur folgende Geschichte kennen, um darüber in's Reine zu kommen, daß er nicht aus Dessau war: Lessing, der gottverlassene Nicolai und er hatten eine Zusammenkunft anberaumt, in der sie über das Christenthum sprechen wollten. Der Tag kam, und es regnete heftig, Mendelssohn wollte nicht ausgehen, und schrieb an Lessing: »Da heut so schlecht Wetter ist, so wollen wir – wenn's Ihnen gefällig ist – die Verbesserung des Christenthums bis über acht Tage aufschieben.« So schreibt kein Anhaltiner. Es hat nur zwei geniale Männer hier gegeben: der eine war der Schuhsterssohn Wilhelm Müller, und der hatte auswärts singen gelernt, und starb bald in seinen besten Jahren an Dessau, als er zurückkam. Der zweite war aber der alte Dessauer mit dem Zopfe und den Kamaschen, und seine Genialität bestand darin, daß er alle Lieder, auch die Kirchenlieder, nach der Melodie des Dessauer Marsches sang. 64     Magdeburg. Und es war Mittag geworden im Lande Anhalt. Wir waren in ein kleines Städtchen gekommen, dort war Alles mittagsstill, und eine Katze lag auf dem Markt in der Sonne, und ein Soldat stand Schildwacht. Ich fragte ihn, was er hier im friedlichen Lande Anhalt bewache. Er verachtete mich und schwieg. Fräulein Jerta, die sich immer größer und gewaltiger entwickelte, je höher die Sonne stieg, ging mit mir spazieren. Die alte Dame trank Kaffee im Hausflur, unser Begleiter streckte sich auf die Bank vor dem Hause, und ließ sich von der Sonne bescheinen, die Pferde fraßen, der Kutscher pumpte Wasser – es war anhaltinisch. Ich sprach mit Jerta von der Liebe, aber sie traute mir nicht – ich führte im kleinen Obstgarten hinter dem Hause ihre schöne Hand an meine Lippen, sie sah mich bedenklich rührend mit ihren großen, schwimmenden 65 Augen an; aber sie traute mir nicht – sie legte sogar einen Augenblick ihre weiche Hand an meine Wange, und fragte mich ehrlich, wovon ich so heiß sei, aber sie traute mir nicht, und als ich ihre Hand fest halten wollte an meiner heißen Wange, da sprang sie in's Haus. – Und wir fuhren weiter, es ward dunkel, und Calbe, das verpestete Jaffa, näherte sich. Unsere Alte ward immer bewegter, und fragte zu wiederholten Malen, ob man denn auch im Wagen die Cholera bekommen könne. Ich versicherte ihr zu wiederholten Malen, kein vernünftiger Mensch bekomme im Wagen die Cholera. Das war ihr aber ein sehr unsichrer Trost. Indessen kam die Nacht und mit ihr der beruhigende Schlaf für meine Gefährten, Jerta erkundigte sich nach einigen Sternen – sie wollte schwärmen mit dem kleinen und großen Bär – und schlief auch ein. Die Nacht war ziemlich hell, und ich sah weit über die ausdruckslose Gegend hin, die in matter Fläche sich ausdehnt, ich gedachte des mittelmäßigen Pflanzenlebens, was die Leute auf diesem Strich Erde führen. Sie quälen sich für des Leibes Nothdurft, und das ist ihr Sinnen und Trachten, womit sie aufstehn und sich zu Bette legen, und des Sonntags lassen sie sich vom Pfaffen etwas über das Himmelreich sagen, und unter dem 66 Himmelreich denken sie sich Braten und Kuchen, und alle Tage Sonntag, die Weiber aber hoffen, das Kindergebären werde nicht mehr schmerzhaft seyn. Ein Hoffen und Fürchten, was über Nahrung und Schulden hinausgeht, kennen sie nicht, und doch sterben sie nicht gern. Ich sah hastiger zwischen die Sterne, ob ich des Herrgotts Gesicht nicht entdecken und aus seinen Augen die Absichten und Geheimnisse seines Treibens mit uns herauslesen könne. Da hielt der Wagen; ich hörte die Saale rauschen, wir waren an der Fähre; zehn Schritt neben uns lag Calbe mit der Cholera, zusammengeballt wie ein schwarzes Gespenst. Wie mancher arme Teufel mochte eben da drüben an der unanständigsten Krankheit seinen Todesschweiß schwitzen. Ich hatte das Ungethüm in Schlesien gesehn: mein Ekel davor war größer als meine Furcht. Und doch ist sie mit ihren schauderhaft komischen Waffen eine vollkommen moderne Pest, ein Pendant des Humors, ein Todeshumor. So wie dieser die gemeinsten Gegenstände für sich in Beschlag nimmt in seiner unwählerischen Demokratie, so tödtet sie die Menschen mit Dingen, die wir unanständig und lächerlich zu nennen übereingekommen sind. Sie ist todtesernsthaft und todtesspashaft, wie man es nennen will, mit Waffen, die uns bisher zum Spott und zum Gelächter dienten, sie ist der 67 populärste und wirksamste humoristische Schriftsteller, den wir je in Teutschland gehabt. Und was den großen Städten noch erlaubt war, ein zorniger Lärm gegen das Ungethüm, ein Aufstand, der, wenn auch dumm und nutzlos, doch den Alpdruck ein wenig lüftete – das ist solch' einem Städtchen an der Saale nicht einmal gestattet. Ruhmlos und ohne Versuch zum Widerstande stirbt der Calbenser in stiller Nacht, nicht einmal die Renommée der Cholera, die etwas episch Wichtiges über eine große Stadt verbreitete, entschädigt ihn. Arme Calbenser! ich weiß Euch nicht zu helfen, warum seid Ihr aus Calbe! Die Fährleute tranken schweigend ihren Schnaps, kauten Tabak und sprachen kein Wort. Daß ihre Gesichter bleich aussahen, mochte vom Laternenschein kommen. Mich fror, und ich drückte mich in die Wagenecke; es ging immer tiefer in's märkische Land, und ich verlor nichts, wenn ich schlief. Jerta schien gleiche Empfindungen zu theilen: sie griff im Schlaf herunter nach meinem Mantel, und deckte sich damit zu, ich ließ mir die intimere Annäherung duldsam gefallen, und träumte bunter, als der einförmige, nächtliche Weg verdiente. Als die Sonne kam, sahen wir von einer kleinen Anhöhe Magdeburg und das Elbthal. Das unscheinbarste Gesicht sieht leidlich interessant aus, 68 wenn es sich bis zum Morgen warm und roth geschlafen hat. Die stolze Magdeburgis ist der erste märkische Prahlhans: sie machte sich in dem Morgenscheine mit ihrem Dome und ihrer Elbe ganz hübsch, wie ein ärmlich montirter Soldat, dessen Gewehr durch den Nebel in der Morgensonne blitzt. Und ich wußte doch, daß nichts dahinter war, und sollte es bald erfahren. Und doch ist mir die Mark mit ihrer Renomisterei und ihrer Unverschämtheit lieber als Anhalt und was drum und dran ist mit seiner mittelmäßigen Gleichgültigkeit. Es ist doch Nerv und Spannkraft im Märker, und er hat doch Kourage, wenn auch bisweilen zu nichts weiter als zum Aufschneiden. Zum Aufschneiden gehört schon eine Art von Phantasie und speculative Thätigkeit. Der Märker braucht wenigstens bereits ein Interesse, und wenn er auch noch auf das Abgeschmackteste fällt, so bekundet sich doch schon ein geistiges Blut. Es ist auffallend, wie deutlich sich der Volkscharakter in den provinziellen Dialekten unsers Vaterlandes abstuft und ausdrückt. Der Schlesier spricht eine harmlose schwatzhafte Mundart, in welcher noch ein großer Rest österreichischer, heimlicher Gutmüthigkeit wohnt. Eine thörichte Bescheidenheit läßt den Accent nicht bis zur Höhe der vollen Doppelvokale aufsteigen, er spricht episch schnell und die vollen 69 Laute zerquetscht er zu kleinen Vokalen, die harten Konsonanten zerdrückt er zu weichen Stauden »'s is ihm firchterlich, die Leite mit hochen Worten zu erschrecken.« Bei dieser Schnelligkeit der Rede, welcher er alle Hindernisse aus dem Wege räumt, ist eine gewisse Rührigkeit und Behendigkeit im Schlesier geblieben, die ihn viel empfangen und in aller Eil verbrauchen läßt, es ist ihm indeß das vollere, derbere Nordteutschland nöthig, wenn sich etwas Ernstes, Schweres in sein Wort ansiedeln soll. Aber er hat eine große Bildungsfähigkeit vor dem Dialekte des Sachsen voraus, er ist ein junger Virtuos, der bequeme mittelmäßige Streicher auf den Kirchmessen spielt und viel neue Melodieen erlernen kann. Der Sachse aber ist ein alter Musikant, welcher immer und ewig »Blühe liebes Veilchen« aufgeigt. Und wenn er was Neues, Kräftiges, oder was Fremdes versuchen will, so schwänzelt immer wie ein kleines sentimentales Hündchen sein »Blühe liebes Veilchen« dazwischen. Ich glaube, es ist der Kapellmeister Schneider gewesen, der die Marseillaise und »Heil dir im Siegerkranz« ineinander hinein komponirt hat: unter den wildesten Revolutionsrhythmen geht in unerschütterlichem Schritte »Heil dir im Siegerkranz« einher. So mag der Sachse noch so kuriose Dinge sprechen, es geht immer der spaßhafte Grundton »Ach Herr Jeses, heeren Se« unter den 70 Worten her; er mag zürnen wie ein Titan, man glaubt's ihm nicht, weil der Dialekt den Zorn parodirt. Es ist ein Unglück, in Sachsen sprechen gelernt zu haben, denn der sächsische Dialekt schwemmt das Organ so tief aus, daß nie wieder etwas Anderes damit zu machen ist. Wenn beim Pfingstfest zu Jerusalem unter den andern heiligen Geistern auch ein sächsischer erschienen wäre, die Apostel wären zu Schanden geworden, und hätten sich blamirt. So hartnäckig selbstständig ist dieser Dialekt in seiner singenden Weichlichkeit, daß er wie ein neutrales Fluidum sich mit keiner andern Substanz verbinden läßt. Von jedem Worte schleift man die Ecken ab, und das ist seine Verwandtschaft mit dem Schlesischen, aber er begnügt sich nicht damit, sondern biegt den abgeschliffenen Ton noch in die Höhe und hängt ein flatterndes Schwänzchen daran. Er hat keinen sichern, festen Tritt, sondern geht trippelnd immer auf- und abwärts, er hat keinen Redefall, sondern den Singfall. Jeder Satz wird wie eine halbe Skala gesungen, und weil der Brustton zu jäh und unhöflich hervorkommt, so muß er immer erst die Werkstätten der Kopf- und Nasalstimmen passiren, eh er zum Vorschein kommen darf. Ein ächter Sachse in der Nähe von Dresden spricht mit lebendiger Beihilfe der Nase und leidet stets am Stockschnupfen. Es ist ein Dialekt völliger Unkraft 71 und Thatlosigkeit, und es ist den Sachsen hoch anzurechnen, daß sie ihm noch immer nicht ganz erlegen sind. Ich habe mich im Jahre der Revolutionen 1830 über nichts mehr gewundert, als über die Aufstände in Sachsen, und es hat mir keine Bewegung des Volks mehr imponirt als die sächsische; denn es war erst der gefährlichste Feind, eine thatlose, kraftlose, allen Enthusiasmus verkleisternde Sprache zu überwinden, was andern Nationen zur That behilflich, was bei so vielen schon die halbe That ist, das geflügelte Wort, die fortreißende Rede – das trat dem Sachsen wie ein Hinderniß in den Weg. Wenn ein Sachse auf gut Sächsisch begeistern will, so klingeln die kleinen naiven Schellen hinter jeder Komma, und man hält's für einen Spaß, wenn der Sprecher ein noch so ernsthaftes Gesicht macht. Der Dialekt hat keine Zähne. Und doch hat sich dieses Volk, die leere Höflichkeit abgerechnet, welche nirgends so abgenutzt wird als in Sachsen, eine Art von Zähigkeit, von hartnäckigem Willen, von eigensinniger Selbstständigkeit, ja von nachhaltiger Charakterstärke bewahrt, welche bei einer völlig charakterlosen Sprache, die gar keinen Willen hat, in das größte Erstaunen setzt. Der Sachse ist bei aller scheinbar willenlosen, windelweichen Artigkeit so charakterhartnäckig und konsequent, wie kaum irgend ein teutscher Volksstamm. Was müßte er 72 darum geben, wenn diese Selbstständigkeit in einer straffen, festen Schritts und Tritts einhergehenden Mundart erscheinen könnte. Das jüngere Geschlecht erkennt auch immer klarer dieses Hinderniß, und bestrebt sich, den Dialekt zu reinigen. Man braucht durchaus nicht darauf auszugehn, jede Schattirung der Stammeigenthümlichkeit zu verwischen, das hieße eben so viel mannigfachen Reiz vertilgen, als wenn man den Landleuten ihre Trachten nehmen und sie nach Pariser Moden kleiden wollte. Aber man kann ein Individuum bleiben, und doch allgemeinen Gesetzen huldigen. Bei dem jetzigen Dialekte ist dem Sachsen auch jede fremde Sprache verschlossen, er biegt die Redeorgane gewaltsam nach gewissen Winkeln und Richtungen, daß sie alle Unparteilichkeit einbüßen, und jede fremde Sprache sächsisch produciren. Es ist keine teutsche Mundart so eigensinnig, so antikosmopolitisch als die sächsische. Zwischen ihr und der schlesischen streckt sich die Stiefschwester beider Provinzen, die Lausitz, in sandigen Flächen und einförmigen Föhrenwäldern hin, ein unleserlich bedrucktes Blatt im Buche Teutschland. Diese Provinz hat seit mehrern Jahrhunderten still mit selbstgeschlossenen Augen dagesessen, eine Hand nach Schlesien, die andere nach Sachsen und das Ohr unmuthig nach der Mark hingestreckt. Eben 73 so hat sich auch die Sprache jener Leute. die nicht warm noch kalt sitzen, verhalten. Nach Sorau hinauf wird mehr geschlesiert, nach Cottbus und Guben hinüber mehr gemärkert, nach Görlitz und Spremberg hin mehr gesächsert. Aber das Herz der Lausitz was Liebe und Haß empfindet, hat sich lange Zeit zu Sachsen hingeneigt. Dies Land ist das teutsche Tomi, es fehlt ihm nur der Ovid. Wenn man das Wort Lausitz ausspricht, so denkt man an die Langeweile, und das Land wird am interessantesten, wenn's regnet. Die Theologen nennen es Patmos, und der alte, wackere Superintendent Worbs zu Pribus ist der mürrische Lausitzer Johannes, der alljährlich seine trocknen Geschichtsoffenbarungen über die provinziellen, vermoderten Herzöge und Fürsten schreibt. Aus Langeweile hat hier Ernst v. Houwald seine larmoyanten Dramen geschrieben, aus Langeweile ist Solger , ein halber Lausitzer, hier ein feiner Aesthetiker geworden, und hat so lange Briefe geschrieben, aus Langeweile schreibt Leopold Schefer in Muskau alle Jahre ein paar phantasiereiche Novellen, aus Langeweile ist sein Patronus, der Fürst Pückler , verstorben und nach England und Frankreich gereist, um seiner Julia, welche er liebt, und die sonst auch seine Gattin war, interessante Briefe zu schreiben, aus Langeweile betrachtet der Dr. Nürnberger in Sorau die Wolken und die 74 Sterne, und beschreibt sie im Morgenblatte. – Alles geschieht in der Lausitz aus Langeweile, und wenn's was Gutes ist, so kann die Lausitz nicht dafür. Sobald sie aber direkt in's Spiel kommt, begiebt sich auch gewiß etwas Langweiliges, davon weiß der Königlich Preußische Justizkommissarius zu Lübben, wie auch der Oberlaus. Gesellschaft für die Wissenschaften ordentliches Mitglied, Herr F. W. Neumann, zu erzählen, welcher den »Versuch einer Geschichte der Niederlausitzschen Landvögte« geschrieben hat. Ein Unternehmen, dem, beim Propheten, Keiner gewachsen ist, der nicht schon eine erkleckliche Zeit in der Lausitz gelebt hat. Ich werde bei der Lausitz immer an amerikanische Urstämme erinnert, welche die Kultur beleckt, aber noch nicht durchgebildet und geschwächt hat. Die Lausitzer erscheinen mir wie die letzten Mohikans eines alten verwüsteten Geschlechts: mitten unter ihnen, zum Theil jetzt schon in Sachsen, wohnen noch reine, unverfälschte Ueberreste der alten Wenden, ein nordheidnisch ernsthafter, verwildert hochgewachsener Menschenstamm, die mitten unter uns herumgehen mit einer stockfremden, unzufrieden murrenden, und doch an Arm und Bein zerschlagenen Sprache; das reine düstre Bild übereilter und überbauter Urstämme. Aber auch den Lausitzern selbst meinte ich in der Fremde stets etwas ähnlich Fremdes, Ursprüngliches, 75 Wendischromantisches anzusehen. Ein wenig kulturfremd und blöde verstecken sie das hinter eine ostentirte Kourage, die Lausitzer Studenten zeichnen sich auf den Universitäten immer durch ein forcirtes Wagen mit Becher und Klinge aus. Sie streben darnach, ihrem ausdruckslosen Lande eine auffallende Physiognomie der Menschen zu geben. Die Dialekte führten mich anfänglich nach Schlesien, der Lausitz und Sachsen, obwohl ich diese Provinzen natürlich auf der Reise nach Magdeburg nicht berührte. Es liegt aber auch noch eine tiefere Bedingung zum Grunde: ich bedurfte jener Länder, um den Begriff teutscher Zwischenländer aufzustellen, und unsre Mundarten stufenweise zu entwickeln. So wunderlich es klingen mag: Sachsen ist mit seiner teutschen Redeweise der Scheidepunkt von Nord- und Südteutsch: dieser Begriff Sachsen erstreckt sich aber in der Breite von Spremberg oder Torgau bis Eisenach. Er hat gar nichts mit der früheren Bezeichnung Niedersachsen zu schaffen, sondern ist eben das Grenzland Sachsen, was den Süden vom Norden scheidet. Von der Wartburg, den Thüringerwald und das Erzgebirg' entlang, über die Vorhügel bei Zittau hinweg nach den Lausitzer Föhren zieht sich die östliche Grenzlinie zwischen dem Süden und Norden der teutsch redenden Völker. Westlich wird sie fortgesetzt durch Hessen 76 Cassel und einen Theil der Rheinprovinzen, welche dort die Zwischenländer, die Brechung des teutschen Wortes bilden. In jenem Westen beginnt der Nord mit Westphalen und streng und plötzlich im schönen romantischen Mündner Waldgrunde mit Hannover, in unserm Osten mit der Mark im weitesten Sinne des Worts. Wo das Plattteutsche sich langsam erhebt, da beginnt überall schon Nordteutschland. Die nördlichen Thüringer, die südlichsten Harzbewohner, das Land Mansfeld, Anhalt, und weiter hinab die Lausitz, sind mehr oder minder das moderne Sachsen, das indifferente Scheideland zwischen dem Norden und Süden Teutschlands. Der bequeme, legère südteutsche Accent bricht sich in Hessen, im Voigtlande, an der böhmischen Grenze, in der Lausitz. An der böhmischen Grenze geht er durch die nicht teutschen Böhmen wie ein Fluß im Sande völlig verloren, und es beginnt darum diesseits des Erzgebirges die ganz originale, weichlich singende sächsische Mundart, welche sich nach den verschiedenen Seiten in mancherlei Schattirungen verbreitet. Hier bei Magdeburg nun ist eine ihrer Grenzgegenden, wo sie allmählig ganz von den nordteutschen vollen Vokalen und harten und starken Konsonanten verschlungen und zermalmt wird. Auf diesem Umwege sind wir wieder vor Magdeburg bei Fräulein Jerta angekommen, die mit 77 Hilfe des kleinen schmutzigen Spiegels im Wirthshause ihre Toilette macht. Die Alte ist durch die nächtliche Fahrt sehr erschöpft und lallt von der Cholera und lechzt nach Kaffee, unser Reisegefährte ist in der Nacht abhanden gekommen, der Herr Wirth im ledernen Schaafpelz, welcher nur ein Stück bis über die Kniee reicht, ist noch verschlafen, spielt aber als angehender Märker den geistreichen Galanten gegen die Damen. Halbblaue Strümpfe bedecken nachlässig das Unterbein, hölzerne massive Pantoffeln schlagen den Takt zu seinen massiven Komplimenten. Der sächsische Accent liegt in den letzten Zügen, das jlatte , märkische Fangmesser ist ihm an die Kehle gesetzt. Ein im letzten Stadium sich entwickelnder Dialekt ist wie junge Mädchen, die nahe daran sind, Jungfrauen zu werden. Alles ist noch eckig, hervorstehend, das Auge verletzend, unreif. In der Gegend von Wittenberg und Magdeburg sieht man das eckigste Mädchen dieser Art. Das Sächsische und Märkische haben sich grinsend in den Armen gelegen, und ein Idiom erzeugt, was dem buntesten Wechselbalge gleicht. – Magdeburg selbst hat drei Merkwürdigkeiten: den Bürgermeister Franke, den Dom und die Sage vom Weiberball. Der erste ist klassisch, der zweite romantisch christlich, die dritte romantisch heidnisch, weil ein keuscher Vorhang über ihrer Unkeuschheit 78 hängt. Dieser Weiberball – man nennt ihn auch den schönen Frauenverein – ist aber das Interessanteste von Magdeburg, der treffliche Bürgermeister und der christliche Dom müssen mir das gestatten. Sonst weiß man in Magdeburg Alles; es ist die erste preußische Stadt, preußischer noch als Berlin, und in Preußen weiß man bekanntlich schon lange Alles; in Magdeburg hat man das Schießpulver erfunden und in Berlin die Ironie; in Magdeburg giebt's jetzt auch einen Telegraphen, und man weiß in ein paar Minuten, ob man in Berlin gut oder schlecht geschlafen, und ob Mlle. Hagn ein rothes Kleid oder ein rosenrothes getragen habe; aber was es eigentlich für eine Bewandniß mit dem Weiberballe habe, das weiß man nicht. Er ist allein das Zauberwort, den Strom der märkisch-preußisch-magdeburgischen Allwissenheit zu stopfen. Die Magdeburger werden kleinlaut, wenn man das verhängnißvolle Wort ausspricht, und je vornehmer sie sind, desto kleinlauter. Man ist sehr fromm in Magdeburg, weil man sehr preußisch ist; die guten alten Reichszeiten leben wieder auf; ich war mit Fräulein Jerta in einer Gesellschaft, die meist aus Komödianten und Komödianten liebhabern bestand, und es war nicht von Kotzebue und Raupach und von gewissen Proben, sondern vom Bischof Dräseke und vom heiligen Geiste die Rede, und wir mußten uns dem guten Tone anschließen, und 79 mit in die Kirche gehn. Der Dom wird schon sehr lange restaurirt: man interessirt sich überhaupt in diesen Gegenden für alle Restauration, und die kirchliche kostet den König von Preußen viel Geld. Dafür liebt man ihn aber auch nirgends so industriös als in Magdeburg, das ist seine allergetreuste Stadt, ein modernes Saragossa, und man geht in den Dom, und hört lange Predigten. Der kleine nüchterne Tilly, welcher den sehr einfältigen Ruhm zu verlieren hatte, nie trunken gewesen zu seyn, nie ein Weib berührt, nie eine Schlacht verloren zu haben, hat bekanntlich den Dom einst stark beschädigt, diese Wunden hat man ächt protestantisch bis auf die neueste Zeit offen gelassen, und erst in dieser eine Heilung versucht. Friedrich der Große mag wohl Schuld an dieser späten Kur haben: er interessirte sich nicht für die Kirchen. Jetzt ist das Gebäude wieder recht stattlich geworden; ein Nibelungenreisender weiß nur nicht recht, was er damit anfangen soll, es ist nicht recht gothisch oder altteutsch, nicht mittelalterlich, luftig-schnörkelig; gegen einen mystischen alten Dom sieht es schon sehr naseweis aufgeklärt aus, es hat keinen tiefen Charakter. Jerta hing an meinem Arme, und war in großer Verlegenheit wegen des Windes, der sich zudringlich mit ihren Kleidern beschäftigte – es war Ziererei, denn sie hatte sich eines vollen schönen 80 Beines nicht zu schämen, und der Magdeburger heilige Geist wußte das am Besten, darum wehte er. – Um die Kirchen ist immer viel Wind. – Sie hätte mich beinahe aus Verlegenheit geküßt. In der Kirche war sie sehr andächtig, es wurde von den fünftausend Mann und den wenig Broten und zween Fischen gesprochen, eine Predigt für's Militair und die Officianten, die mit ihrem Brote zufrieden sein sollen. Heißhungrig hörten die Leute zu. Ich machte dem Herrgott im Stillen Vorwürfe, daß er es nicht umgekehrt und fünftausend Brote für wenig Menschen gäbe, was ihm offenbar doch eben so wenig Mühe machen würde. Der böse Kirchenrath Paulus in Heidelberg soll die biblische Geschichte für einen Schreibfehler halten, und wirklich der Meinung sein, die fünftausend gehörten vor die Brote. Es giebt recht schlimme und recht prosaische Menschen. Als die Gemeinde gesättigt war, und das Intelligenzblatt des Gottesdienstes, Todesfälle, Kindtaufen, Verlobungen und dergleichen materielle Dinge abgelesen wurden, faßte ich mir ein Herz, meine Nachbarin, die eigentlich polizeiwidrig ein weiches, schwelgerisch katholisches Gesicht hatte, anzureden, sie war so oft mit der Hand nach dem Herzen gefahren, wenn der Bischof von den fünftausend Männern gesprochen und in Begeisterung hinzugesetzt hatte, das sei nur eine Angabe in Bausch und Bogen, und es könnten ihrer 81 noch viel tausend mehr gewesen sein. Ich glaubte, ihren Schmerz zu erkennen, daß sie kein größeres Herz habe, und es schien mir am Passendsten, ein Gespräch über den Orient, den Herrn Muhammed und Monsieur Enfantin und die » femme libre « mit ihr anzuknüpfen. Aber sie erwiderte mir sehr protestantisch, in Magdeburg verachte man die fremden Zeitungen. Nun fragte ich sie natürlich nach dem Weiberballe, weil das eine wunderliche Tradition ist. Wie der Blitz schlug das ein, das Blut jagte stürmisch durch das Gesicht, sie faßte unten in der Dunkelheit der Bänke nach meiner Hand, ich hatte kaum Zeit, den Handschuh auszuziehen, drückte sie krampfhaft, und bat mich um Gotteswillen zu schweigen. Des Abends um acht Uhr solle ich sie auf dem breiten Wege vor der Stadt London erwarten, sie werde vorüberfahren, mich in den Wagen nehmen, und mir das Nöthige anvertrauen, aber ich solle ihr sogleich schwören, nie ein Wort von dem zu verrathen, was wir je mit einander gesprochen. Ich schwur in aller Eile. Sie hatte wahrscheinlich mit all' den Dingen so geeilt, weil der Bischof eben die Sünden vergeben wollte, sie war fertig, eh' das geschah, und schlürfte mit frommen, weit aufgeschlagnen, himmelsbuhlerischen Augen und mit leicht geöffneten, sehnsüchtigen Lippen die vollständige Absolution ein. Dann sah sie mir noch einmal eindringlich in 82 die Augen bis tief in das Hirn hinein, und ging. Die Kirche war aus, Jerta ließ sich nicht von mir führen, und sprach von schleuniger Abreise. Der griechische Argus ist kein Mann gewesen, sondern ein Weib. Ich stempelte unsern Kutscher, er erklärte, das Handpferd sei lahm, und er könne erst morgen früh fahren. Jerta ward stürmisch, und wollte Postpferde nehmen, ich mußte sie Elvira nennen. Der alten Tante setzte ich auseinander, daß die Poststraße drei Meilen weiter sei, und so und so viel koste. Darauf ging ich zu Tische. Ueber der geistigen Speise wird die irdische vernachlässigt, man iss't in Preußen mittelmäßig. Alles sprach von der Speisung der fünftausend Mann. Ich war sehr unglücklich, daß die Zeit in Magdeburg so langsam ging, und daß es nicht acht Uhr schlagen wollte, gab mir nach Tisch mit einigen Tischnachbarn große Mühe, mich auf einer Landpartie zu amüsiren, und stand ganz ausgetrocknet vor der Stadt London, als es ¾8 schlug. Sie kam, sie war sehr schön, sehr katholisch, aber vom Weiberballe wollte sie nichts erzählen, und ich vergaß am Ende, darnach zu fragen. Wir sprachen über Allerlei, wahrscheinlich war sie verheurathet, denn sie vertheidigte lebhaft das System der Nichtintervention. Vor einem großen Hause ließ sie halten, ein Wagen fuhr im Lohnkutschertrabe 83 vorüber – wahrhaftig, es war Jerta. Ich war unschlüssig, was zu thun sei. »Man ist zu Hause!« »»Gnädige Frau«« – referirte ein Diener – »»es ist beim Thee Bibelgesellschaft beliebt worden, und es war schon nach Ihnen gesendet, der Johann muß Sie verfehlt haben.«« » Demain comme aujourd'hui Msr. - bon soir. « Ich jagte meiner flüchtigen Jerta nach, dem verrätherischen Kutscher drohte ich mit der Polizei, wenn er nicht umkehre, und mich und meine Sachen mitnehme. Jerta schwieg, er that's. Als ich dem Kellner das Trinkgeld abzählte, fragte ich ihn nach dem Weiberballe. Er machte ein Faunengesicht, und zog Augen und Stirn in die Höhe. Drauf sprach er leise, wohl zehn Minuten lang, mein Kutscher rief, die Fremden klingelten, aber das Thema interessirte ihn. Meiner stockstummen Jerta gegenübersitzend, wußte ich, was der Weiberball sei. Aber ich darf nichts davon erzählen, und es ist eigentlich eine ganz alte Geschichte. Schon der verstorbene Geheimerath Göthe wußte davon, als er »Der Gott und die Bajadere« schrieb. Es war meine Schuld, daß ich nichts von Orgien der Venus gehört hatte, wo die Priesterinnen aus dem Meeresschaume in die Quadrille, den Kontretanz und die Galoppade fliegen, wo die plastischen 84 Künstler sich begeistern, wo das blühende Fleisch, welchem der christliche Glaube das Sonnenlicht genommen hat, beim Lampenscheine in die heißen Augen hüpft, wo es keinen Protestantismus giebt. Aber ich halte die Sage vom Weiberball für eine Verläumdung, und traue den Magdeburgern nicht so viel Genialität zu. Die Magdeburger sind keine Genies, sondern gute Christen. 85     Braunschweig. Jerta war sehr liebeweich, meine Anhänglichkeit mochte sie gerührt haben. Als wir zum ersten Mal anhielten, um auszusteigen, strich sie mir sanft die Haare vom Schlaf, und küßte mich flüchtig darauf. Ich war trotzig, ob es mir auch wohlthat, und erklärte, daß ich nicht wieder die Nacht hindurch fahren wolle. Das war nicht mein Ernst, ich wollte nur geschmeichelt sein. Man meinte leider, ich habe Recht, und blieb, und konnte nun nicht begreifen, warum ich nicht freundlicher würde. Jerta schälte mir Kartoffeln, und steckte sie mir in den Mund, milde, schöne märkische Kartoffeln; ich biß sie in den Finger, und schlief am Ende auf der Bank ein. Der Mond schien hell, als ich erwachte. Es war mir kalt, und ich konnte mich kaum besinnen, wo ich sei. In meiner Nähe hörte ich das Geräusch eines 86 Schlafenden, mein Gedächtniß wurde allmählig vernünftig, ich nahm meinen Mantel um, und versuchte es, mich zu orientiren. Die Sprache des nächsten Schnarchens kannte ich aus dem Wagen, sie interessirte mich nicht. Aber drei Schritt weiter stand, vom vollen Mondschein beleuchtet, ein zweites Bett. Halb angekleidet, unordentlich mit dem Mantel zugedeckt, lag Jerta darauf. Sie hatte sich die Haare aufgelöst, und lang und hellbraun waren sie von beiden Seiten der Schlafhaube entschlüpft; auch der Schuhe hatte sie sich entledigt, und der volle Fuß mit dem eng anschließenden weißen Strumpfe streckte sich ein wenig über das Bett heraus. Ich blieb eine Zeitlang vor ihr stehen, und betrachtete sie lächelnd. Da schien es mir, als zuckten ihre Augenwimper und ihre Lippen ebenfalls. Das Bett war breit, ich setzte mich neben sie, und näherte mich langsam ihrem Munde. Es schien mir zweifellos, daß sie wache, und ich wollte keinen Kuß stehlen, ich wollte sehen, ob sie sich küssen ließe. Sie ließ sich küssen, und es war mir, als ob sich ihre Lippen leis' öffneten, ich fühlte ihren warmen Athem. – Da ward plötzlich an die Thür geschlagen, die Alte kreischte auf, Jerta fuhr in die Höhe, ich war wie ein Blitz im Dunkeln, und streckte mich wieder auf die Bank. Die Alte ermunterte sich allmählig, und fragte. Es war der Kutscher, der uns zum Weiterreisen 87 weckte. Ich schlief unerschüttert, um die Weiber in ihrer Toilette nicht zu stören. Leider war die, welche viel Ursache dazu hatte, nicht blöde, und die, welche keine hatte, stellte sich in's Dunkel. Alte: Der Herr hat einen gesunden Schlaf. Jerta: So scheint es. Es ward Feuer im Kamin angemacht, Licht und Wärme spielten auf meinem Mantel hin und her. Mir war sehr behaglich. Jerta ging zum Feuer, um Kaffee zu kochen, sie streifte die Aermel des Kleides ein Stück über den weißen Arm in die Höhe, und ordnete das Geschirr auf einem Tischchen beim Feuer. Flüchtige Vorpostenblicke flogen über mich hin. Da ging die Alte aus dem Zimmer; es war ganz still, sie guckte in's Feuer, und ich lispelte ihren Namen. »Stehn Sie doch auf,« sagte sie ganz leise, ohne sich umzusehn. »»Ich kann nicht, mich hat der Schlag gerührt.«« »Ach, warum nicht gar.« Dabei wendete sie sich um, ich sprang auf, und eilte zu ihr, sie flüchtete hinter das Kaffeetischchen, die Alte trat ein. Es gab ein friedliches Vossisches Frühstück. Unterdeß kam der Morgen; wir fuhren weiter. Das Land und die Sprache fängt nun an, sich zu erheben, es kommt klingendes Laubholz, es kommen immer klingendere, vollere Vokale. Die Sprache vom O beginnt, der Accent, und die Menschen 88 nehmen einen entschiedenen Charakter an, es nähert sich das Land Braunschweig. Man kommt in das halb trockne, halb wunderlich blaugrüne Thal von Helmbstädt, und ist in Nordteutschland. Wie geographisch, so ist Helmbstädt auch historisch ein Grenzpunkt teutscher Aeußerungen. Es war eine Zeitlang der Mittelpunkt unsrer Gelehrsamkeit, namentlich der theologischen; was noch zu erklären war über die Poststationen des Himmels, das nahmen die protestantischen Helmbstädter vor. Und die Herren Professoren haben gearbeitet wie die Taglöhner, das muß ihnen der Neid lassen, sie haben ihre Besoldung abgedient. Die armen Erdgeister – jetzt zeichnet sich Helmbstädt, das gelehrte, durch guten Pfefferkuchen aus; dieser Pfefferkuchen kommt aber aus Braunschweig. Die Braunschweiger ganzen Gestalten zeigen sich immer mehr und mehr. Man sollt' es nicht glauben, daß sich die Provinzen so streng absondern könnten, aber der Braunschweiger scheidet sich wirklich, ein abgeschlossenes Individuum. Der Harz ist die letzte Anstrengung, Teutschland vor dem Meere zu retten; um ihn herum, als seine nähern oder fernern Vorposten sind die Braunschweiger gelagert, Hüter der Erde, Vertheidiger des reellen Bodens, Leute, welche fest auf ihren Füßen stehen. Der Braunschweigische 89 Stamm gehört zu den ehernsten in Teutschland: starke Muskel, solider Knochenbau, kalter, zweifelloser Muth, rücksichtslose Grobheit, sie sind das unveräußerliche Eigenthum dieser Guelfen. Es ist nie anders gewesen, als daß ihre Fürsten ächt Braunschweigisch mit der Faust drein schlugen, wenn es irgendwo stockte, und daß die übrigen Bewohner dies natürlich fanden, und ebenfalls die Fäuste erhoben gegen jeden etwaigen Widerspruch. Von Heinrich dem Löwen bis zu dem bei Quatre-bras gefallenen Friedrich Wilhelm waren die Fürsten tapfer, vom Brande Bardewiek's bis zur Einschiffung bei Elsfleth, bis zur überstürzenden Schlacht bei Ligny schlugen die Braunschweiger kühn und unerschrocken todt, was ihnen in den Weg kam, und ließen sich kühn und unerschrocken todt schlagen. Es gab im frühen Mittelalter keinen Staat, der sich so viel herumgebalgt hätte mit seinen Nachbarn, als Braunschweig, wie das Herr Blumenhagen aus Hannover in vielen Taschenbuchgeschichten eines Breiteren erzählt hat. Und so hat sich ein strenges, plumpes Selbstgefühl vom Vater auf den Sohn geerbt, daß jeder Einzelne mit einer gewissen innern Zuverlässigkeit dem Fremden imponirt. Braunschweig ist massiv. Früher war es die Hauptstadt des teutschen Nordens, der Mittelpunkt des Verkehrs, eine rauhe, starke Stimme unter den teutschen Reichsstädten. 90 Der Braunschweiger Bürger weiß vielleicht heute nichts mehr davon, aber er geberdet sich noch also. Der neue ernste, entschlossene Stamm kündigt sich schon in den Trachten der Landleute, in den Gesichtern, in den Augen an. Es sind die Kastilier des Nordens. Ein breit angekrempter, schwarzer Hut beschattet das dunkle, strenge Gesicht. Viel weniger als in den umliegenden Ländern, in Hannover, Meklenburg sieht man hier das nordteutsche Blonde. Dunkel sind alle Schattirungen des Braunschweigers, sonnverbrannt, schweigsam wie ein spanischer Brigand geht der Landmann in seiner düstern Tracht auf der Landstraße gen Braunschweig, einen nachlässigen Seitenblick auf den Fremden werfend, der an ihm vorübereilt. Jeder trägt ein schwarzes Halstuch, einen tief dunkeln Rock mit rothem Fries gefüttert und mit massiven Bleiknöpfen von oben bis unten besetzt. Nur im heißen Sommer wird über die schwarze Untertracht ein Leinwandkittel gezogen. Es ist eine kleine abgeschlossene düstre Nation, das Vaterland der teutschen Frachtfuhrleute, und Jedermann kennt den ungenirten Ton und die unzweideutigen Aeußerungen eines teutschen Frachtfuhrmanns. Sie sprechen nie ein Wort zu viel, und geben nie einen Schlag zu wenig, wohl aber machen sie's umgekehrt. Das Land wird hügelicht, ich glaubte in Spanien zu sein, und redete zur lächelnden Jerta lateinisch. 91 Sie schlug mich auf den Mund, und ließ die Finger so lange ruhen, daß ich sie küssen konnte, nämlich die Finger. Ich sah, sie machte Fortschritte, die Alte sah es auch, und fragte mich, da unsere Reise doch nun zu Ende gehe, nach meinem Charakter. Diese Frage hatte sie nämlich in Köthen gelernt; ich habe diese anhaltinische Begebenheit zu erzählen vergessen, zu Köthen nämlich, wo vor einigen Jahren eine katholische Kirche und eine sehr protestantische Heilmethode erfunden wurde, hielt man uns am Thore an. »Wie heißen Sie?« »»So und so.«« »Was haben Sie für einen Charakter?« »»Einen sanguinischen.«« »Wie?« »»Sanguiniker.«« Pause – der Korporal bemüht sich, das Wort zu schreiben, tritt zurück – das Studium malt sich in seinen provisorisch nachdenklichen Zügen, er versammelt die Wache um sich, und theilt seinen Kameraden das Wort mit. Sie nehmen die Pfeifen aus dem Munde, und bestreben sich nachzudenken. Jerta wirft unzweideutige Blicke des Mißtrauens auf mich, die Alte stößt sie wiederholt mit dem Ellenbogen an, und ist sehr blaß. Die Konferenz der Wache lös't sich kopfschüttelnd auf, der Korporal lies't noch immer an 92 dem Worte, und erklärt mir in langsamen Absätzen, er stehe da statt seines Fürsten, der alle Morgen zum Frühstück den Charakter der Durchpassirenden haben müsse, mein Charakter sei durchaus nicht gangbar, kein vernünftiger Mensch wisse was damit anzufangen, ich möchte mich deutlicher erklären. Ich schrieb ihm auf einen Zettel: » the ghost of Banquo « und befahl dem Kutscher, zum Teufel zu fahren. Der Köthenianer rief die Wache in's Gewehr, der Kutscher fuhr, die Musketen polterten, das Kriegsgeschrei lärmte, ein Gassenjunge schrie Hurrah, die Alte bat mich, auszusteigen, denn sie legten die Gewehre auf den Wagen an, der Kutscher lachte, ich lachte, und die Alte dachte jetzt vor Braunschweig noch, ich hätte keinen Charakter. Ich fragte sie, ob sie Herrn Peter Schlemihl kenne, der keinen Schatten, aber vortreffliche Stiefeln habe. Darauf sah sie mich so dumm wie möglich an, und Braunschweig erschien, und rettete mich vor der Inquisition. Seine Physiognomie ist in der Ferne sehr einfach; wenn nicht die Vorberge des Harzes einen Seitengrund gewährten, so wäre es ohne Anhalt, ein abgerißner, alltäglicher Gedanke. Durch Grün, neben Gärten, durch freie Thore fährt man hinein. Ich 93 drückte und küßte meiner Jerta die Hand, als wir schieden, sie war sanft und lieb, und wollte mir gewiß eben ihre Adresse mittheilen, als die Alte dazwischen fuhr, und sich direkt Herrn Peter Schlemihl empfahl. Ich dachte: Braunschweig ist nicht so groß, Jerta wird zu finden sein, und habe ich erst meinen weißen Hut und den Sammtrock und die Manschettenhemden ausgepackt, so wird die Alte gewiß mehr Respekt vor Peter Schlemihl haben. Es fing an zu dunkeln, ich dichte mich gern unklar in eine Stadt hinein, und vertiefe mich gern in unbekannte Straßengewinde. Das kann man nirgends so gut, als dort, Braunschweig ist ein kleines Gedärm; verworren, ordnungslos, mit republikanischer Willkühr, allen verliebten Launen nachgebend, laufen die Gassen durcheinander, kein Instinkt, kein Ortssinn hilft, man muß all' diese kleinen Därme aus Erfahrung kennen, sonst verirrt man sich. Ich stand plötzlich vor einem eisernen Gitter, das sich weit erstreckte; und einen großen Raum einzuschließen schien. Gelbe Fasces und Liktorenbeile erinnerten an Herrschaft, Prügel und Blut. Innen war es schauerlich still und leer, das Ganze sah wie der Käfig eines wilden Thieres aus, der leer geworden. Ich lehnte mich an das Gitter, es war noch fest, nächtliche Gedanken der Braunschweiger Revolution 94 gingen mir durch den Kopf. Der Mond kam und beleuchtete das Innere; in einiger Entfernung reckten eine Menge Pflöcke ihre kahlen Häupter empor – es sah aus, als wolle man ein Amsterdam bauen, im Hintergrunde standen leise flüsternd traurige, hohe Bäume, die Alles mit angesehen hatten und nächtliche Geschichten murmelten. Ich habe manches leise sprechende Blatt schon entziffert, denn ich kann schweigen, und wer Viel schweigt, hört mehr; aber diese Blätter lispelten zu weit von mir, und das war mir ernstlich leid. Mein historisches Herz fühlte es, dort werden nicht nur Geschichten, es wird Geschichte erzählt. – In einem Hause in meiner Nähe entstand Lärm, ein Windhund flog jämmerlich schreiend heraus, Prügel und Flüche hinter ihm drein. Der Hund flüchtete sich zu mir, winselte, schmiegte sich an mich, beleckte meine Hände; es war ein schöner Hund, und er hatte so schmerzlich historische Augen. Ich streichelte ihm den Nacken, und er war so innig dankbar, als sei ihm das lange nicht widerfahren. »Sie werden in schlechte Renomée kommen, das ist ein Karlist.« So sprach ein dicker, wohlhäbiger Mann, der auf sein starkes mit Elfenbein verziertes Bambusrohr gestützt, an mich herantrat, und mir gutmüthig in die Augen sah. Er hatte ein kultivirtes braunschweigisches Gesicht, wie man es nicht oft sieht, denn die rohe 95 Strenge überwiegt in Braunschweig noch bei Weitem das Weiche, Humane. Man ist mehr kräftig, als fein, es wird eine materielle Wurst da gegessen, und die Erinnerung an's Königreich Westphalen lebt in solidem Schinken fort. Und es war das Königreich Westphalen, das mich von moderner Zerstörung trennte. Ich lehnte an Jeromes Eisengitter, was er um das Braunschweiger Schloß gezogen hatte, dahinter lag die Nacht des siebenten Septembers, die Nacht der Braunschweiger Revolution. Der Mann hat mir wunderliche Dinge erzählt. Er führte mich auf dem Schlachtfelde herum, und ich erfuhr jetzt erst, wer da gekämpft. Das weiß die hohe Aristokratie in Braunschweig am Besten, und die Aristokratie war immer klug genug, sich ihrer klügsten Thaten nicht zu rühmen. Nur arme Leute klappern mit ihrer Kupfermünze. – Der schöne Herzog Karl v. Braunschweig hatte es redlich verdient, daß man ihn aus seiner Väter Schloß vertrieb: er brachte seine Hunde mit in's Theater und zwickte sie in den Schwanz, daß sie Bravo heulten, er trat die Gesetze mit Füßen, er betrog die Seifensieder und Tischler, er haßte die Leute, welche viel Vermögen hatten, und confiscirte es, er spielte wie Nero Komödie, und war in vielen andern Dingen ein Nero. 96 Leider ist er nicht deshalb verjagt worden; er mißhandelte besonders einen Stand, und das war sein Unglück. Bei all seinen Unfläthereien ging die große Masse gewöhnlich unberührt aus, und er repräsentirte den völligen Braunschweigschen Miguel; das Volk war für ihn. Sogar die Maitressen wählte er aus der bürgerlichen Klasse – auch diese gewöhnlichste Begünstigung verlor der Adel. Adlige waren's, welche er auf das Abscheulichste, Rechtswidrigste verfolgte und verfehmte, und der feine, satirische Herr v. Sierstorpf und der kluge Herr v. Kramm haben zuerst darauf aufmerksam gemacht, daß er anderswo besser aufgehoben sei, als in dem Schlosse zu Braunschweig. So kam denn das schlimme Semester von Johannis bis Weihnachten 1830 heran, wo die Revolutionskollegien so zahlreich frequentirt wurden. Auch hochgeborene Herren entschlossen sich zu diesem plebejen Mittel. Schon am sechsten Abende ließen sich unheimliche, verkappte Gestalten auf dem Bohlwege und in der Nähe des Theaters sehen, man lauerte dem Herzoge auf, wenn er aus dem Theater kommen würde. Darin erkennt man adlige Kürze bei solchen Dingen. Jeder gute Aristokrat sieht sich für einen Pair des Reichs an, die Souverainetät der Mediatisirten schwellt immer noch sein Herz, die Augustnacht in Paris, das Jahr 1803, 1806 und den Wiener Congreß 1815 hat er nie in sein Gedächtniß 97 aufgenommen. Und es ist recht, nur so liegt eine Art Poesie im Adel, eine Größe des gesellschaftlichen Verbrechens ist auch eine Größe, Popilius Länas ist durch die römische Frechheit berühmt geworden, mit der er einen Kreis um den syrischen König zog, und Krieg oder Frieden aus der Toga geschüttelt haben wollte, so wie der König aus dem Kreise trete. Und einen stolzen, nackten Feind besiegt man eher, als einen flanellnen wie der gewöhnliche Adel, der mit französischen Brocken, Kammerherrnschlüsseln, Gouvernanten und Reitknechten sich vertheidigt. Es ist kaum zu bezweifeln, daß man an jenem Abende das Blutigste gegen Herzog Karl im Schilde führte; man wollte klassisch ernsthaft sogleich an die Hauptperson. Es mißlang. Das Glück führte den Herzog zur unerwarteten Stunde aus dem Theater, man gewann kaum Zeit, Steine nach seinem Wagen zu schleudern. Karl war nicht der Mann, steinernen Angriffen muthig in den Weg zu treten, er verkroch sich so gut es ging in seinem Wagen, die Menge lärmte hinterdrein, die Pferde hatten rasche, gesunde Knochen, es ging rasselnd in's Schloßthor hinein, das Gitter ward zugeschlagen, die Menge gaffte die Eisenstäbe an; der Herzog war in Sicherheit. Wäre er nun ein entschlossner Tyrann gewesen, hätte er nicht ein böses Gewissen gehabt, so war mit drei raschen Griffen das hereinbrechende feindliche 98 Geschick zermalmt. Aber er war auch feig wie Nero. Hatte er auch die Soldaten vielfach sich abgewendet, durch knickrige Kleinlichkeit sie beleidigt, sie waren ihm dennoch in gewöhnlicher soldatischer Stumpfheit, die nichts kennt als das Kommandowort, so weit ergeben, daß sie seine Sache ohne Widerrede mit Leib und Blut vertheidigten. Klug genug war aber Herzog Karl, um seine Feinde zu kennen. Er war nicht minder schriftgelehrt wie Nero, dieser componirte Schauspiele, Karl schrieb raisonnirende Briefe an eine fürstliche Person in Gotha; er war ein systematischer Absolutist, und wenn man ihn recht mild beurtheilen will, so kann man einen Grad seines ausgebildeten, widerwärtigen Charakters auf Verhältnisse seiner Minderjährigkeit wälzen. Er war ein Jahr zu lange unter Vormundschaft gehalten worden; das war die erste Grundlage seines Ingrimms. Darüber schrieb er giftige Memorialien, und ließ welche schreiben. Aber zwei Hauptfehler, unköniglich vor allen andern, die Furcht und der Geiz, kosteten ihn in jenen verhängnißvollen 24 Stunden das Herzogthum Braunschweig. Er fürchtete sich, etwas Entschlossenes zu thun, er wollte kein Geld ausgeben. Der siebente brach an, die Menschen liefen hin und her, man wußte nicht, was geschehen sollte, unbekannte Gesichter mischten sich unter die Gruppen, sprachen von Tyrannen, vom Sturme des Schlosses. 99 Der Abend kam, die Menschenmasse wuchs, verlarvte Personen eilten hin und her, in den Wirthshäusern wurde getrunken, und die Trinkenden hatten nichts zu bezahlen, man sprach von Freiheit und Lafayette – die guten Braunschweiger kamen zu einer Revolution wie Saul zur Krone. Das Militair hatte sich in's Schloß zurückgezogen, der Lärm davor ward immer größer, die Masse drang in den Hof; man will an die funfzig Aexteträger gesehen haben, eine organisirte Macht, von welcher Niemand wußte, woher sie kam. Die schwarzen Braunschweiger Schützen standen in den Gängen, an den Fenstern, den Kolben am Backen, den Hahn gespannt und warteten auf Kommando, Karl rannte hin und her, entschloß sich endlich, Champagner bringen zu lassen, die Officiere zu bewirthen. Es war die letzte Scene Don Juan's, der Teufel hob die Hand nach seinem Schopfe aus; nur die Hälfte von Don Juan's Kourage, und das Gericht ward aufgehalten. Er strich sich die Locken und den Angstschweiß von der Stirn, ließ seine Hemden und Kostbarkeiten packen, und gerieth um 150,000 Thaler mit einem Wechsler in den peinlichsten Streit. Es kam Rapport auf Rapport, die Soldaten drängten ihn, den Kampf eröffnen zu lassen, er hatte keine Zeit, der Wechsler bewilligt nicht Procente genug – da kracht die erste Thüre. Die Aexteträger waren gut gewählt und gut bezahlt – 100 über Hals und Kopf stürzt der Herzog zur Hinterthür hinaus, wirft sich auf's Pferd, läßt sich von seinen Reitern umringen, wirft einen ängstlichen Blick auf seine Geldwagen, und mit ihnen geht's in sausendem Trabe hinaus aus der Stadt, nach dem Augustthore hin, seinem schönen Herzogthume kehrt er feig für immer den Rücken; er hat Braunschweig nie wieder gesehn, und wird's nie wieder sehn. »Jetzt fiel die Masse über das alte Guelphenschloß her« – so schloß der dicke Herr aus Braunschweig – »und der kahle Fleck hinter diesem Bonapartistischen Gitter ist der Rest davon. Dies geschah in der Nacht des siebenten Septembers, die hohe Lohe leuchtete weit in die Flächen, ja in die Harzschluchten hinein, das alte hölzerne Schloß brannte so vortrefflich wie eine Theaterdekoration. Dieser Schluß ging überraschend schnell. Noch war es nicht Morgen, so waren die schwarz und rothen Landleute vor den Thoren, und fragten, ob ihrem Herzoge etwas geschähe. Man sagte ihnen, es sei ein Irrthum vorgefallen, und am neunten wieß man ihnen den neuen Herzog. Sie zogen ihren breitkrempigen Hut vor ihm eben so tief, und freuten sich, daß sie so schnell wieder einen Herzog hätten, denn das Land Braunschweig müsse doch einen Herrn haben. Und sie rückten ihre schwarzen Halsbinden, und bekuckten ihre massiven Bleiknöpfe, und gingen nach Hause, 101 denn sie hatten nichts mehr zu thun. In Braunschweig war Alles in Ordnung: am siebenten war's los gegangen, und am neunten war wie gesagt, der neue Herzog schon eingerichtet. Er war in Berlin gewesen, und er stammt aus demselben alten und geliebten Geschlecht der Guelphen, es war nur eine Namensänderung. Sie schüttelten die Köpfe, daß sie sich ein neues Bild vom neuen Landesherrn kaufen sollten, besonders da das, was sie hatten, noch so jung aussah, weiter war nichts einzuwenden. So, mein Herr, war die plötzliche Revolution in Braunschweig. Dies arme Windspiel hat sich in jener Nacht des Siebenten verirrt, und läuft nun herrn- und brotlos herum. Es ist einer von den Theaterhunden, welche sich das öffentliche Mißfallen zugezogen haben, das arme Thier ist exkommunizirt. Niemand wagt's, dasselbe aufzunehmen, nur sentimentale Karlisten werfen ihm im Dunkeln ein Stück Fleisch zu. Des Abends treibt er sich immer hier um das Gitter herum, und heult, zuweilen nehm ich ihn im Vorübergehen mit nach Hause, damit er sich einmal wärmt. Aber es ist eine gefährliche Sache. Komm, Mustapha. Ich wünsche Ihnen einen vergnügten Abend!« – Damit verschwand der Herr sammt seinem Hunde; ich habe ihn trotz vielen Bestrebens nicht wieder gefunden. Er hatte einen vollen, schön gepflegten dunkeln 102 Backenbart, ein Paar royalistisch ergeben flimmernde braune Augen und glänzend weiße Zähne. Unter einem feinen braunen Rocke trug er einen sehr feinen blauen Frack, und um die Halsbinde und das Hemd sah er mir so diplomatisch aus, ich weiß nicht mehr, war ein Orden da, oder fehlte einer. Ich war noch lange in Braunschweig, und es wurde mir sehr klar, daß der Mann sehr gescheidt gewesen sei. 103     Für die Unterhaltung in Braunschweig war jene Revolution ein eminentes Ereigniß. Denn Braunschweig ist sonst eminent langweilig, die Langeweile geht Arm in Arm mit Regen und Sonnenschein in den uninteressanten Gassen spaziren, die Stadt gefiel mir immer des Abends am besten, wenn ich nicht viel von ihr sah. Am Tage geschieht nichts: Frühmorgens kaufen die Weiber Gemüse ein, und Nachmittags reiten die Reitknechte mit den Herrn vom Adel um's Thor spaziren. Es ist bekannt, daß der hannöversche Adel am meisten von Adel ist, und sein Alter bis zur Größe treibt. Sein gelehrigster Schüler ist sein Nachbar Braunschweig – Teutsch-Kastilien in allen Theilen. Aber man muß ein spanisches Stück von Lopez de Vega sehn, um mit solch' einem Braunschweigschen Junker, der alle Morgen vom Steinthore nach 104 dem Wendenthore, und vom Wendenthore nach dem Steinthore galoppirt, auf's Reine zu kommen. Es ist eine verführerische Idee um den Begriff einer vorzüglichsten Klasse der Gesellschaft, es schleicht sich so viel Poesie hinein, und reckt und dehnt die Muskeln zu größeren Thaten, entzündet das Auge zu hellerem Glanze, daß ein schwaches Herz nicht leicht widersteht. Als ich die ersten spanischen Stücke sah, da hab' ich für den Adel geschwärmt, jener Royalismus mit seiner Aristokratie war mir der Jupiter mit seinem Olymp. Es schien mir göttlich, Götter zu improvisiren auf Erden. Und wer ist solch' ein Klotz, daß ihm das spanische System in seiner kolossalen Ganzheit, in seinem romantischen Zauber von göttlicher Manifestation und gebieterischer Vasallenunterwürfigkeit nicht imponire! – Der König ist der verkörperte Gott des Landes, er ist allgegenwärtig, er ist die Luft. Ihn sehn, wo er nicht gesehen werden soll, ist tödtlich, er irrt nie, sein Wort ist über allem Gesetz, sein Wort ist das höchste Gesetz, das Auf- und Niedergehen seines Augenliedes ist wie bei Jehovah Leben oder Tod, seine That ist über aller Prüfung, sie ist immer recht, sein Gedanke ist unfehlbar, ist untastbare Gottheit. Es giebt spanische Stücke, in welchen der König nicht zum Vorschein kommt, nur die Idee von ihm regiert wie das Fatum die ganze Begebenheit zum Glück oder Unglück. Und neben ihm, dem all' 105 diese Kräfte zugestanden sind, so lange Jemand denken, sich erinnern kann, neben diesem königlichen Gott, an welchem nicht das Sonnenstäubchen eines Traums zu zweifeln wagt, steht der Adel, der Halbgott des Landes. Der König ist über die Wolken gehoben, damit der Adel auf den Wolken sitzt, tief unten kriechen Menschen. Und Eins hat sich der Adel vorbehalten, darin weicht er auch nicht dem Könige, das ist der Sonnenstrahl, der auch ihn jeden Tag auf den Thron heben kann – das ist die Ehre . Der König ist die Atmosphäre, die Ehre das Licht, er liebt sie wie seine Augen, und er stirbt nicht nur, er mordet für sie. Und groß wie die Titanen gehen diese spanischen Edeln herum, unter den blitzenden Begriffen von Glanz und Göttlichkeit. Sie sind dem gewöhnlichen Kreise entrückt, man mißt sie nicht nach Alltagsbegriffen: sie messen sich selbst nicht darnach, und ihr Denken und Thun ist großartig und Halbgöttern ziemend, die nicht um niedre Güter sorgen und feilschen. Sie fragen nicht nach Geld und Schätzen, sie haben Beides, sie streben nicht nach Rang und Auszeichnung, ihnen gebührt Beides – sie haben sich hinausgestellt über alle kleinen Bedürfnisse. Man hat Mühe daran zu glauben, daß sie essen und trinken müssen, solch materiell Irdisches erscheint auch auf der spanischen Bühne nimmer, denn was nicht edel ist, wird nicht einmal in der Komödie Hauptperson. 106 Und nun stelle man unsern Adel daneben, der mit den Juden um die Wolle und um das Rindvieh feilscht, der ein Bauer ist, oder ein Beamter, als Adliger aber nichts, – nichts; und man gestatte nun dem Herzen den Aufwand, diesen lächerlichen Hebräern eines frühern Testaments zu zürnen, oder gar, sie zu hassen. Lächerlichkeiten muß man nicht hassen, aber wenn sie unfläthig werden, muß man sie verachten und ihnen ins Antlitz spucken. Gegen historische Bestialität ist ein Kampf mit humanen Waffen Inhumanität. Ich habe unsern sogenannten Adel immer von ganzem Herzen verachtet, wenn ich aus einem spanischen Stück kam, und ich würde es immer für eine Beschimpfung angesehn haben, hätte mich Jemand in den sogenannten Adelstand erheben wollen. Daß der Spanier Cervantes die Idee des Don Quichote schon in dem sechszehnten Jahrhunderte fassen, daß ein Spanier damals auf dem klassischen Boden des Adels diesen Adel verhöhnen konnte, ist ein Bürge für des Cervantes welthistorischen Verstand. Hab' ich auch das Buch nie geliebt, so ist mir doch seine Intention immer werth gewesen, und Cervantes war mir stets so theuer, wie ein weiser Vater. In allen Anfängen liegt die meiste Poesie, denn wenn etwas fertig ist, so bleibt nichts mehr zu dichten übrig. Diese Anfänge der spanischen Gesellschaft 107 werden immer poetisch bleiben; auf diese zwei Begriffe von Liebe und Ehre haben sie alle ihre Gedanken und Thätigkeiten gethürmt, da müssen Wunderwerke entstehen. Je mehr die Bildung steigt, desto mehr verschwinden die Unterschiede, dem Hervorragenden wächst das Uebrige nach, die Kontraste hören auf, und diese überraschenden Kontraste sind ein Wesentliches der spanischen Poesie. Unser ausgebildetes gesellschaftliches Leben, in welchem kaum noch die Polizei und die Nachtwächter unwandelbare spanische Grundbegriffe bilden, kann nicht so imponiren, weil es seine Rücksichten und Gesetze auf's tausendfältigste zerspalten hat. Im Spanischen gab es nur drei Rücksichten, den König, die Ehre und die Liebe; man sah die Angeln, um welche sich Alles bewegte, die einfache plastische Schönheit lag vor Augen. Bei uns verkümmern sich jene Statüen zu Sandkörnern. Bei größerer Kultur und komplicirteren Verhältnissen geht die Einfachheit, und darum der Zauber der ungeschminkten Schönheit verloren, das Interessante kommt an die Reihe. Denn das Interessante ist jene glückliche Hand, welche glücklich auswählt. Was früher klassisch, romantisch war, das ist im modernen Leben interessant geworden. Der bleibt aber auch unser größter Künstler, welcher die tausend Fäden unsers Lebens zu den 108 wenigsten Hauptfäden zusammenzuraffen weiß, und in Einfachheit das Ganze erschöpft. Das hat von seiner Zeit, dem Ende des 18. Jahrhunderts, nur Wolfgang Göthe vermocht. Der Monarchismus, der Absolutismus ist die wohlfeilste, nächste Poesie, er überwältigt immer durch Einfachheit, er überwältigt nicht mit Argumenten, sondern durch seine specifische Schwere, darum überwältigt er schneller, plötzlicher, und dies Plötzliche ist das Geschäft der Poesie. Darin ruht auch der Zauber des spanischen Theaters. Seit jenem Sturze des monarchistischen Lehnswesens ist aber der europäische gesellschaftliche Zustand nicht mehr zu einer steinernen, abgeschlossenen Ruhe gekommen, dadurch ist das Dichten so erschwert worden, und nur die größten Genies wie Shakespeare und Napoleon haben sich der Bewegung bemächtigen und hie und da bemeistern können. Was Andere schön gedichtet, wie Göthe und Tieck, ging auf Nebenverhältnisse, und beruhte, namentlich bei Letzterem, auf Täuschung und Lüge, Dichtkunst und Poesie beruht aber, wie schon die Worte sagen, nicht bloß auf Fiktion. Die Geschichte ist immer der größte Dichter, und je schöner wir sie lesen, desto besser dichten wir. Wir harren annoch jenes glücklichen Auges, was die tausend Charaktere unsrer neuen Dinge zu einem 109 Zauberworte zusammenrafft – aber spanische Stücke wird das glücklichste Auge nicht wieder erblicken, so schön sie auch sind, denn das, was nicht mehr ist, kann nicht wieder herausgelesen werden. Der Absolutismus unsrer Poesie ist noch unentdeckt, und nur die reproduktive Mittelmäßigkeit behilft sich mit einem alten. Das Genie, was die modernen Zustände seit dem Untergange der Lehensherrlichkeit zusammengedichtet , soll noch ausstehn, sein Fackelträger war Henry Heine. – Das Geberden unsres Adels, dessen Existenz-Bedingungen in der Wirklichkeit des Staates längst begraben sind, der so wenig existirt wie der Vogel Rok, ist darum nichts als ein Plagiat aus alten Chroniken, womit sich Schwachköpfe spreizen, wie beschränkte Professoren mit Brocken verstorbener Sprachen. Der Don Quichote des Cervantes ist eben unser Adel. Und war er damals so reif zum Spotte – schon im Jahre 1616 starb Cervantes, in einem Jahre mit dem englischen Genie William Shakespeare, es war ein Unglücksjahr, und in barocker Laune ließ die Natur in selbigem Herrn Andreas Gryphius in Gr. Glogau als Ersatz zur Welt kommen – war er's damals schon, wie muß er's jetzt zweihundert Jahre später sein. Das kann man in Braunschweig und Hannover sehen, wenn Einem der Ekel die Augen 110 nicht schließt. Ich habe oft darüber nachgedacht, wie schön eine schöne Aristokratie sei, die den Kulminationspunkt ihrer Zeit repräsentirt, die stolze Ottaverimenform des Gedichts vom laufenden Jahrhundert. Bis auf den Grund meines Herzens reichen meine demokratischen Gesetze, aber ich fürchte mich wie vor dem Winter vor dem uninteressanten Aussehen dieser Nordamerikanischen Prosa. Jene Aristokratie müßte Volksblut in den Adern, aber freie, vornehme Schönheit auf Stirn und Schultern tragen. Ich wüßte wohl etwas, aber wahrhaftig ich weiß nichts – und man muß seine Freunde in Graccho nicht allzusehr necken, sonst werden beide Parteien irr, und man setzt sich zwischen zwei Stühle, wie Herr v. Raumer, gebürtig aus Dessau. All' diese Betrachtungen machte ich zu Braunschweig, denn zu Braunschweig kann man nichts Besseres machen als Betrachtungen. Es war Zeit, daß ich meinen Wanderstab weiter setzte, denn die Leute wurden schon unruhig, was mich so lange in ihrer guten Stadt beschäftigen könne, sie suchten nach verborgenen Motiven, denn offne sind dem Braunschweiger selbst am unwahrscheinlichsten. Er kennt den Weg zum Jäger, kennt Huchs Kaffeehaus und die Straße nach Wolfenbüttel, er weiß am besten, wie lange ein gesunder vernünftiger Mensch diese Vergnügungen aushält. 111 Man schlich mir bereits des Abends nach; es wurde unheimlich in Braunschweig, ach, und mein Herz trug so sehnsüchtiges Verlangen nach Jerta und ihren weichen, leis' geöffneten Lippen. Ach, und Niemand kannte Jerta. Umsonst ging ich mit Todesverachtung alle Abende in's Theater, streifte auf allen Gallerien herum, beschrieb jedem Eckensteher ihr Aeußeres. – Das Volk hat keinen plastischen Sinn, Niemand erkannte sie. Jetzt ärgerte es mich, daß die Braunschweiger den Mund so voll nehmen, wenn sie sprechen, daß ihre Sprache wie ein rollendes Donnerwetter einher poltert, daß ein gedrücktes ò auf allen ihren Worten liegt wie ein vollgeblasener Alp, es ärgerte mich das ewige Geschwätz von der Gräfin Wrisberg, einer revolutionairen Koquette, die eine dumme Verschwörung angezettelt, um arretirt zu werden. Es ärgerte mich, daß die Braunschweigsche Konversation noch immer an den alten Knochen nagte. Vier und zwanzig Stunden sprach man darüber, daß die Wrisberg wie eine büßende Magdalena ganz schwarz im Kerker herumgehe, den zweiten Tag, warum sie schwarz gehe, und den dritten, daß Schwarz eine Magdalena sehr schön kleide. Ach, mich ärgerte Alles, namentlich, daß die Weiber immer erst Magdalenen würden, wenn auch diese Koquetterie nicht mehr 112 reizte – die Braunschweiger konnten nicht dafür; ich suchte meine Jerta. Es war heller Mittag, ich blieb plötzlich auf der Wendenstraße vor einem hübschen Hause stehen. Eine Dame stand neben einem Herrn im offenen Fenster. War das nicht Jerta – beim Propheten, das war ihr voller Nacken – sie drehte mir den Rücken zu – so bogen sich ihre Schultern, diese üppige Taille war die ihre, so weiß und verführerisch war nur ihr Fleisch, so lockten nur ihre dunkeln griechischen Locken, die von den Schultern nach mir aufhüpften. Sie wendete sich ein wenig nach dem Mann hin – ja wohl, es war ihr Profil, sie fuhr mit der schönen, vollen Hand dem Nachbar um die Locken nach der Stirn, o, sie küßte ihn auf die Augen, und ich stand einsam auf einer Straße, und zwar auf der Wendenstraße in Braunschweig. Oh, oh, es war mir schlecht historisch zu Muthe. – Ich gebe den Tag nicht eher auf, als bis es Nacht ist, spornstreichs ging ich auf die Hausthür los: sie war verschlossen, eine Klingel nicht zu sehn, mein Rütteln umsonst: leider war ich kein Simson, obwohl mich eine Treppe hoch Delila quälte, wie ihn. Sie sah herunter mit ihrem Schatz, wir sahen einander in die Augen, wahrhaftig, sie kannte mich nicht mehr, weil sie heute so schön war, und doch trug ich meinen weißen Hut, den Sammtrock 113 und ein Manchettenhemd. Ich sah's mit Entsetzen, der Mann neben ihr war viel hübscher als ich, ich sah's, wie ein wunderliches Lächeln über ihr Gesicht flog – ich wußte nicht, was ich wußte; ich war Hamlet. Blöde bin ich nicht, namentlich wenn mich ein überflüssiger Liebhaber reizt, ich sah die beiden Leute keck an, und fragte, ob nicht hier ein Zimmer zu vermiethen sey. Jerta lachte laut – wahrhaftig, das war ein ausländisches mir unbekanntes Lachen – der Mann antwortete aber, in der Schützenstraße Nr. 17 wohne der Arzt. Da ich sah, daß der Mensch auch mit Witz sich beschäftigte, so ging ich und suchte die Post; ich suchte sie, denn trotz meines instinktartigen Lokalsinns konnt' ich in Braunschweig nie bestimmen: ich gehe da- oder dorthin. Hinter den »Brüdern« schiffte ich immer unsicher, wie Kapitain Roß. Ich mußte fort, mein Herz mußte anderweitig zu hoffen und zu fürchten haben, denn mein Herz braucht Mädchenaugen, wie mein Kopf Bücher. Die Post war bestellt, ich wollte noch Lessings Grab sehn und zu Mittag essen, und dann muthig nach Hannover, wo der teutsche Adel und die englischen Pferde gezogen werden. Literarische Notabilitäten giebt's in Braunschweig nicht; Klingemann, zwar nicht Teutschlands bester Dichter, aber 114 Teutschlands bester Theaterdirektor, war todt, Griepenkerl, der harmonistische Aesthetiker, mit den feinen paradoxen Worten war nicht zu Hause, Jerta war mir ausgetauscht – was sollt' ich noch zu Braunschweig. Ich aß erst, Lessing war kein Schwärmer, und nahm mir das nicht übel, drauf kam ich an einem schönen Hause an der Promenade vorüber, in dessen Antlitz hatte man einen Schnurrbart gemalt, der hieß »Husaren« – ich segnete den Geschmack von Lessings Nachkommen und eilte weiter. Man weiß es nicht genau, wo Lessing liegt. Teutschland hat sich nie viel um seine berühmten Männer bekümmert, es war immer der Chronos, welcher seine eignen Kinder verschlingt. Die besten Teutschen sind an der teutschen Krankheit gestorben. Der Küster muthmaßte nur den Ort, wo Gotthold Ephraim Lessing, der genialste Poeten-Schulmeister. verscharrt sei. Das gießt eine Art Romantik über den unromantischen Didaktiker. Es ist vielleicht in unsrer ganzen Literatur Niemand ohne Poesie so poetisch berühmt geworden, als Lessing, der Herkules der teutschen Halbgötter, denn auch dieser war die poetische Prosa der griechischen Heroen. Jedes Wort Lessings ward eine That, und die Summe der Thaten gab einen großen Mann. Lessing hatte die stärksten Nerven unter den teutschen Schriftstellern, er ist der Artillerie- und Genie-General unsrer 115 beginnenden Literatur, er hat unsre Poesie formirt, er hat die Faulheit besungen, und den Rationalismus in Verse gebracht, er hat in Breslau täglich Faro gespielt, um Bewegung zu haben, und ist nie spazieren gegangen: die Natur ist ihm stets gleichgültig gewesen. Es war Gotthold Ephraim Lessing, welcher einst zu einem Freunde sagte, als ihn dieser zur Frühlingszeit bis vor's Thor gebracht hatte und ihm mit Entzücken das schöne Grün wies: »Ich wollte, es würde einmal Roth,« es war Lessing, der das erste teutsche Lustspiel schrieb, was heut noch nicht übertroffen ist, es war Lessing, an dem jeder Zoll vernünftig war, es war Lessing, der die teutsche Barbarei wie einen sumpfigen Wald niederschlug, und unsre Bildung kurfähig machte in den europäischen Salons, – Lessing war der erste Klassiker. »Erlauben Sie,« sagte der Küster – »er war Bibliothekar in Wolfenbüttel, zwei Stunden von hier.« – 116     Halberstadt. Ging sie nicht da vor mir her am Arme jenes langröckigen Mannes – war das nicht Jerta, die um die Ecke bog? Ich stürzte hinterher, sie gingen rasch, sie traten in ein Haus. Athemlos kam ich davor an – ich wollte warten bis sie wieder herauskämen. Es war die letzte Viertelstunde vor Abgang der Post; ich überlegte, ob ich mein Postgeld, meine Sachen im Stich lassen sollte, und ich faßte den heroischen Entschluß, setzte mich auf die Bank vor dem Hause, und hüllte mich in meine Träume und meine Tugend. Es gingen viele Leute in das Haus, endlich auch der Postbote, der meinen Mantelsack aus dem Gasthofe geholt hatte. Er ermahnte mich dringend zur Eil und ging in's Haus. Kühn folgte ich ihm, vielleicht half er mir an's Ziel. Plötzlich stand ich vor dem Postwagen, das Haus war ein Durchweg, 117 Jerta saß im Postwagen und lachte. Ich stürzte hinein, machte mein Kompliment, fragte, wie es ihr ginge, und warum sie mich vorhin nicht gekannt hätte, erzählte eine Viertelstunde lang ununterbrochen. Wir waren vor der Stadt, sie hatte mich noch nicht angesehn, noch nicht ein Wort geantwortet. Ich war noch mitten im Erzählen, da nahm sie ein Buch aus ihrem Strickbeutel und fing an zu lesen. Meine Nachbarn sahen mich besorgt an, Jerta's Begleiter war eingeschlafen – ich verstummte. »Werden Sie in Halberstadt bleiben?« fragte Einer den Andern. Halberstadt? Ich fuhr nach Halberstadt statt nach Hannover. Ich fühlte mir an den Kopf, den Puls, ich schlug mir eine Ohrfeige, um zu erfahren, ob es seine Richtigkeit mit mir habe. Mein Nachbar rückte noch weiter von mir, und sah mich scheu an, und ich bemerkte es, wie jammervoll er den Uebrigen winkte. Damit ich ihm beweise, die Dinge seyen verrückt, nicht ich sey's, fragte ich ihn höflichst: »Wohin reisen Ew. Wohlgeboren?« »»Nach Constantinopel,« stammelte er. Großer Gott, ich war in einen Narrenkasten gerathen. Wer nie daran geglaubt hat, daß er wohl verrückt sein, oder werden könne, in dem war nichts zu verrücken, der war sehr simpel. Shakespeare ließ seine besten Leute verrückt werden, und Jerta's langer Begleiter da drüben schlief höchst großbritannisch; ich war am Ende der Held einer neuen Tragödie, deren letzter Akt auf dem Postwagen zwischen Braunschweig und Halberstadt spielte. Ich zählte meine Rockknöpfe, ich rechnete mit Brüchen, was ich nie ordentlich konnte, ich sagte das hebräische Alphabet her, was nie glatt zum Vorschein kam – mein Zustand ward immer schrecklicher: ich rechnete fehlerlos, ich alphabetisirte in einem Zuge bis zum Thau. Als wir nach Wolfenbüttel kamen, war mir's klar, daß eine unnatürliche Clairvoyance eingetreten sey, und ich dachte mitleidig an Lessing, der dort oben auf der Bibliothek nichts Derartiges geglaubt hatte. Erschöpft lehnte ich mich zurück und schloß die Augen; ich war entschlossen, die Welt gehn zu lassen, wie sie wollte, ich mochte nicht mehr regieren helfen. Lange schwieg die Gesellschaft, ich lauschte aus einer Ritze der Augenlieder, und sah an des Constantinopolitaners Pantomime und den zustimmenden der Uebrigen, wofür man mich hielt. Es wirbelte in mir. Jerta's Nachbar erwachte, strich sein Gesicht, das ausdruckslos aussah, wie ein Spiel Karten, in Ordnung, und rauchte sich eine Cigarre an. Jerta sah ihm gleichgültig in's Gesicht, er ihr wieder, aber keins sprach ein Wort. 119 Er trug drei Röcke, sah unanständig gesund aus, hatte öde Augen ohne Blick, wie die lichtblaue Luft, den reinsten Teint, die schönsten Zähne, gar keinen Bart, dünnes rothbraunes Haar, unter sich ein Sitzkissen, und sonst gar nichts Merkwürdiges – war ich nicht wirklich verrückt, so mußte er ein Engländer sein. Gott, und was war aus Jerta's Augen geworden, auch in ihnen war die einfachste Frage und Antwort gestorben, auch sie hatten keinen Blick mehr. Der Constantinopolitaner erzählte von Peru und wie oft er da spaziren geritten sei, er sprach vom König von England, in dessen Kabinet er lange gearbeitet habe, er brachte einen Kreditbrief an den Sultan Mahmud aus der Tasche. Hörte ich denn das Alles wirklich, oder war ich denn wahrhaftig um meinen charmanten Verstand gekommen, von dem ich bis dahin gelebt hatte! Was sollte denn aus mir werden! Ich sah den Kreditbrief, er war, weiß es Gott, vom König von England, der Ueberbringer sollte ein Klempnermeister aus Hannover sein. Herr, in des Teufels Namen, sagte ich, wer sind Sie? Und rückte ihm auf den Leib. Er kroch in den Winkel, und streckte mir zitternd seinen Paß entgegen. Der Kerl war wirklich ein Klempnermeister aus 120 Hannover, sein Paß war auf Constantinopel ausgestellt. Ich war erschöpft – meine Tollheit oder Verzauberung war evident, mein anderer Nachbar sah sich nach dem Kondukteur um. Jerta und ihr Begleiter sahen mich noch immer nicht an. Aus Verzweiflung schlief ich ein. Die Träume spielen heut zu Tage eine Hauptrolle in den teutschen Schriften, es wird entsetzlich viel geträumt, und es befällt mich stets eine Angst, wenn solch ein Romanheld nur die Augen schließt – ich glaube, diese vielfache Träumerei wirkt nachtheilig auf den Volkscharakter. Deshalb nahm ich mir vor, als ich unter die Schriftsteller ging, nie Träume zu haben oder zu beschreiben. Das mochte wohl ein Grund sein, warum ich sehr fest und vernünftig schlief, und sehr vernünftig erwachte. Ich dachte nicht mehr an die mögliche Verrücktheit, und es existirt ja nur das, was man denkt. Der Klempnermeister zog eben mit einem Janitscharen über den Balkan. Ich bitte meine Leser, diese Figur für kein Gebild eines novellistischen Gehirns anzusehn, es müßte mich und ihn wegen beiderseitiger Realität sehr schmerzen. Dies Individuum existirt wirklich und ist wirklich als Klempnermeister in Hannover habilitirt; er hatte in vollem Ernste die fabelhaftesten Reisen gemacht, hatte die 121 wunderlichsten Naturmerkwürdigkeiten gesammelt, und stand mit Cuvier, Humboldt, Brougham in speciellem Verkehr; er war zu dumm zum Lügen und zur Eitelkeit, und sprach von Cuvier und Brougham wie von seinen Kollegen, den übrigen Herrn Klempnermeistern in Hannover. Mit des englischen Königs Kabinet hatte es ebenfalls seine Richtigkeit, es bedeutete nur ein Naturalienkabinet; eben so mit Peru. Ein teutscher Kaufmann, der in London angesessen ist, und direkt von Lima kam, stellte ein Examinatorium an, und es ergab sich bald, daß der Klempnermeister in Lima specieller bekannt war, als jener. Er redete alle Sprachen, erzählte ohne Aufhören die interessantesten Dinge auf die uninteressanteste Weise, hatte Alles in der Welt gesehn, was weit, schön und theuer ist, und war so langweilig, daß eine Revolution gegen sein Schwatzen auszubrechen drohte, im Postwagen auszubrechen drohte, wo man so Viel verbraucht. Der Mann hatte so Viel gelernt, und war so bornirt, daß er bald der schwarze Peter der Gesellschaft wurde. Sein Wissen hatte keinen Charakter, und wenn man die kleine Klempnerfigur, das erfrorne blecherne Gesicht, den ausdruckslosen, viel gelesen braunen Frack, die naturwissenschaftlichen dünnen Beine, den friedfertigen grauen Regenmantel und die ganz häusliche hannöversche Mütze ansah, und hörte die stolzen Worte Lima, Elektrizität, 122 Cuvier, Platina, Constantinopel, so mußte man lachen. Er hatte Empfehlungen an die Gesandtschaften in Wien und Herrn von Hammer, die ihm zur Reise in die Türkei behilflich sein sollten, und das kursirte Alles auf dem Postwagen, als wären's Passagierzettel von Delitzsch nach Bitterfeld; es war etwas Fabelhaftes um diesen Klempnermeister. Auf den Stationen stieg er auch nicht aus, sondern er brachte ein kalt Stück Braten in die hannöversche Zeitung gewickelt, vielleicht also ein Stück Haidschnuckenkeule aus der Tasche, nagte einige Minuten daran, wickelte es sorgfältig wieder ein, und steckte es in die Tasche, als wolle er bis Constantinopel davon leben. Der Harz, an dem wir vorüber flogen, ward sehr verächtlich von ihm traktirt, er sei zu nahe, meinte er. Das war das erste Mal, daß ich dem Klempnermeister Recht gab. der Harz ist ein unvollständiges Gebirg, er hat seine Studien nicht vollendet, und die Nordteutschen machen nur so viel Wesens davon, weil sie nichts Besseres haben. Teutschland hat eigentlich nur ein Gebirg, und wenn man dem Seume glauben soll, so ist in Europa nur der Aetna schöner, das ist das Riesengebirge – alles Uebrige sind Waldberge oder Gebirgsversuche. Es ist eine wunderlich unordentliche Wirthschaft in diesem Harze, Alles liegt durch und übereinander, wie 123 in einer Stube, in welcher eben Handwerksburschen vom Lager aufgesprungen sind. Hier liegt ein Stück Wald, hier faullenzt ein Hügel Steine, dort braust auf eigne Hand ein Fluß, es ist keine reizende, sondern eine platte Unordnung, ein Stück ist dem andern im Wege, man sieht das Eine vor dem Andern nicht, es ist keine Harmonie darin. Ich bin einmal vierzehn Tage darin herum gereis't, und habe immer gefragt: wann kommt denn der Harz? Man sieht den Wald vor Bäumen nicht. Und steigt der Wandrer, der von Hoffen und Harren matt ist, endlich auf den Brocken hinauf, so hat er eben auch weiter nichts, als einen wüsten Ueberblick über die unordentliche Stube, die besten Geräthschaften stehn aber unter den Tischen, den Bänken, er schüttelt den Kopf, und ein warmes Glas Grog im Brockenhause ist ihm interessanter, als der verworrene, nebelhafte Kram. Es liegt Alles umgestülpt, verdrießlich, arbeitsbedürftig da: ein Gebirg, was nicht fertig geworden ist. Nur kleine Proben, wie die Roßtrappe geben eine Andeutung, was daraus werden sollte. – Noch hatten Jerta und ihr Begleiter kein Wort gesprochen. Ich war vollkommen unsicher geworden, und es stieg mir zum ersten Male der Gedanke auf, daß ich mich irren könne. Schon lange saß sie verschleiert mir gegenüber. Ich suchte ihren Fuß, um 124 eine Korrespondenz anzuknüpfen – vergeblich umkreis'te ich ihn von allen Seiten, er war unzugänglich. Allerdings kam er mir kleiner vor, als da ich ihm hinter Radegast im Lande Anhalt zum ersten Male begegnet war. Indeß lag hier der Irrthum sehr nahe, wer kann sich so genau auf das Pedalgefühl verlassen. Aus Aerger setzte ich den meinen auf den ihren. Sie regt sich nicht. Nach einer kleinen Weile zieht sie den ihren langsam zurück, und setzt ihn tapfer auf den meinen. Wir schaukeln einander, der hannöversche Klempner spricht von der Polarität, die er dem Sultan vortragen wolle. Die Cigarre von Jerta's Begleiter ist aus, er wirft sie aus dem Wagen, und legt sich wieder in die Ecke zum Schlafen zurecht. Es ist ganz dunkel geworden. Ich lege mich vorn über, als wollte ich köpflings schlafen oder träumen, und erobere zwischen den beiderseitigen Mäntelflügeln eine Hand Jerta's. Sie widerstrebt nicht, als ich ihr den Handschuh herunterstreife, und sie küsse. Wahrlich, auch die Hand war feiner und zarter, als die zu Radegast. Kein Gegendruck, obwohl sie warm wird unter meinen Küssen. – Halberstadt war da; wir mußten aussteigen, um die Post weiter zu bezahlen. Ein Wenig hatte sie den Schleier zurückgeschlagen – es war Jerta. Ich fragte sie dringend, warum sie denn nicht sprechen wolle. Zum ersten Male sah sie mich an, so 125 gleichgültig wie der ausdruckslose Mondschein. Aber den Mund öffnete sie nicht. Ihr Begleiter legte stumm ein Goldstück hin, und strich ein, was man ihm dafür herausgab. Ein Teutscher konnt' es unmöglich sein, der hätte seinen Paß gewiesen, und um den Postschein gebeten, welchen dieser ohne ein Wort erhielt. – Gegen die Polizei und sonstige Behörden spricht der Teutsche nie ein Wort zu wenig, wohl aber manches zu viel. Es war Nacht in Halberstadt, ich hätte den Poetengang und Gleims Wohnung, dies Stammbuch teutscher Dichter, aufsuchen können, aber mein Konstantinopolitaner war schon langweilig genug. Er kam mir eben in den Wurf, ich nahm ihn unter den Arm und führte ihn an einen kleinen Bogengang. Signore di Annovera, sprach ich, seien Sie andächtig, das ist ein klassischer Punkt, nehmen Sie ihre vermaledeite, unklassische Klempnermütze ab. Da, wo Sie mit Ihren unwürdigen naturwissenschaftlichen Beinen stehn, stand einst alle Abende, wenn es dunkel wurde, der berühmte Fabeldichter Lichtwer, und ersann nicht ohne Anstrengung eine seiner unsterblichen Fabeln, und wenn Gleim vorüber kam, Papa Gleim, der preußische Grenadier mit dem großen spanischen Rohre, und ihn anreden wollte, so streckte er seine rechte Hand vor sich hin, und sprach wie Archimed: Störe mein Kreisen nicht, ich bin dabei, 126 die Moral zu gebären. Da nahm Papa Gleim seinen dreieckigen Hut ab, salutirte und sprach: »Teutschland, ich bringe dir dies Opfer« und ging vorüber in's Bierhaus. Den nächsten Morgen aber schrieb er nach Berlin an seinen Freund, den königlich privilegirten Odendichter Herrn Ramler: Gestern Abend, Geliebter in Apollo, war Lichtwer, der vortreffliche, wiederum thätig für vaterländische Poesie zur Beförderung der Tugend.« Auf diesem Fleck, fabelhafter Klempnermeister, stand Lichtwer, und Arm in Arm gingen hier die Unsterblichen all, welche den sehr ehrenwerthen Vater Gleim besuchten, vorüber, unter ihnen auch der gefühlvolle Herr v. Matthisson. Darum heißt dieser Platz der Poetengang.« Der Hannoveraner schauerte vor epischer Andacht, zog seine braunlederne Schreibtafel, und stellte sich unter eine Stadt-Halberstädtsche Laterne, die sehr stätisch brannte, um die merkwürdigen Namen zu notiren. Seine Literaturgeschichte begann und endigte mit Benjamin Schmolke, und er war sehr erfreut, so viel neue Namen für den Sultan erbeutet zu haben, wenn er diesem den Zustand unserer Literatur entwerfen würde. Mit der bestehenden Orthographie lag er in einigem Widerspruch und den Namen des Odendichters wollte er verbessert dem Sultan mittheilen. Ich konnte nichts dawider haben. Es ist wirklich Schade, daß der brave Gleim 127 Verse hat drucken lassen, er ist sonst ein so durchweg liebenswürdiger Kauz, und obwohl er nicht eigentlich wußte, was Poesie sei, so liebte er sie doch wie ein Jüngling die nie gesehene Geliebte seines Herzens, und liebte sie nicht so wohlfeil wie die meisten Teutschen, d. h. er gab den Poeten zu essen und zu trinken, wenn's ihnen, wie gewöhnlich, daran gebrach. Wie manchem armen teutschen Dichter hat der Postbote einen Brief mit dem Postzeichen »Halberstadt« gebracht, worin Vater Gleim preußische Thaler zur Leibes Nahrung und Nothdurft schickte. Ja, was noch mehr war; er bettelte für die armen Poeten, wenn er selbst nichts hatte. O, er war ein wackrer Grenadier, und sein Herz war voller Gedichte, diese besten hat er nur Niemand erzählt. Der gute Mann, ich wollte er lebte noch – da hätte ich ihm meinen naturhistorisch merkwürdigen Klempner gebracht, den hätt' er gewiß besungen. Wenn der alte Wachler in Breslau auf ihn zu sprechen kam, nicht auf den Klempner, sondern auf den Gleim, so wackelte sein weißer Kopf vor Rührung und Freude noch mehr, und seine kleinen, strahlenden schwarzen Augen funkelten noch heller, und seine schnarrende Stimme erhob sich noch schnarrender zu den Worten: »Der alte Vater Gleim dichtete fortwährend Weinlieder, und trank dabei klares Wasser.« Und das war dem guten Wachler so spaßhaft, daß 128 er sehr lachte, und aus Gefälligkeit lachten wir alle mit, obgleich wir die Geschichte aus der Lektüre von Gleims Weinliedern schon lange kannten. Die alten Literaturhistoriker sind wie die alten Soldaten: sie sprechen nur mit Begeisterung von den Kriegen, welche sie selbst mitgemacht haben. Der Krieg und die Kritik braucht am nöthigsten stets ergänzende Jugend. Der alte Wachler giebt sich redliche Mühe, die neuen Schriftsteller kennen zu lernen, aber es gelingt ihm nicht, er hat kein Herz für sie, so wie ein Soldat aus dem siebenjährigen Kriege eine unzufriedene Rolle in den Revolutionskampagnen gespielt hätte. Wachler ist nur klassisch, wenn er von der Klopstock-Lessingschen Periode spricht, und es ist das Tragische dabei, daß er eben diese Periode für klassisch hält. Er weint nur, wenn er Klopstocks Ode an Ebert: »Sind sie nun Alle dahin« vorlies't, und ich habe einmal herzlich mit ihm geweint.   Ist es nicht beweinenswerth, daß funfzig Jahre hinreichen, das glänzendste Streben vergessen, ja lächerlich zu machen. Das Buch von Klopstock, was man vor funfzig Jahren nur mit Andachtsschauern in die Hand nahm, worüber man so wenig zu kritisiren wagte wie über die Bibel, dasselbe Buch ist jetzt ein halbes Spottwort, nur sogenannte Philister sprechen noch von Klopstock, und wenn man einen 129 thörichten langweiligen Dichter bezeichnen will, so sagt man. er schreibt Klopstocksche Gedichte. Ist es nicht Grauen erregend, wenn man an einem solchen Manne die sausende Schnelligkeit der Civilisationsbewegung sieht. Man möchte eiligst im Schlafrock hinunter laufen auf die Straße und etwas Großes thun, weil man fürchtet, morgen sei es zu spät. Ja wohl, nur 365 kurze Tage braucht die Erde zum Laufe um die Sonne. Der poetische Prediger Klopstock war dem dürren achtzehnten Jahrhunderte ein ächter Sprößling des alten Messias, er hatte ein liebevoll religiös fanatisches Herz – zu Begeisterungspoesie gehört immer ein Grad von Fanatismus – und wie dem Worte Gottes lauschten die Teutschen seinen Offenbarungen, die Bibelkundigen glaubten, die alten Propheten stünden wieder auf, und der ernsthafte Norden, von dem er hersang, erhöhte die Illusion. Und das Alles hat sich nicht seit funfzig Jahren, nein, seit weniger denn zwanzig Jahren so verändert. Ich weiß mich zu erinnern, daß der stolze Name Klopstock an mein Ohr schlug, als ich ein kleiner strebender Bube war: alle Anwesenden machten dabei ein feierliches Gesicht, als wären sie in die Kirche getreten, und es sprach eine Zeitlang kein Mensch. Als ich meinen Vater zupfte, und ihn leise fragte, wer das sei, sagte er mir eben so leise in's Ohr: das ist 130 Teutschlands größter Dichter. Und er ging zu seinem Schreibtisch, worin die theuersten Bücher mit großen architektonischen Kupfertafeln lagen, die ich nur an Feiertagen in gehöriger Entfernung sehen durfte, und gab mir ein Buch, darin standen Klopstocks Oden. Ich eilte in unsern Hof und setzte mich in einen schattigen Winkel; es war ein schöner Sommertag, und der Sonnenschein lag innerlich lachend weit und breit auf den Dächern. Da las ich denn und las, und verstand wenig, aber es war mir so, als stünd' ich in der Kirche, wo ich auch nichts verstand, und doch sehr glücklich still und andächtig war. Ich hatte nicht viel weniger Respekt vor Herrn Klopstock, als vor dem Herrgott, und als ich zu der Ode »an Ebert« kam, und sah, daß auch Herr Klopstock so traurig sein könne, da weinte ich bitterlich, die Stelle aber, wo er durch den Nebel auf ein geliebtes Wesen hindeutet und spricht: »Ist dann auch die nicht mehr, die einst mich lieben wird –« ging mir wie ein Sonnenriß durch's Herz, der eine sanft und warm regnende Wolke theilt. Ich wußte noch nichts von der Liebe, war ein Bube, der die ersten Jahreszahlen lernte, aber ich ahnte plötzlich, daß es etwas Süßes, sehr Süßes sein müsse. Und das Buch sank mir auf's Knie, und ich sah sinnend in 131 den Sonnenschein hinauf, was der Herr Klopstock wohl damit meinen könne. Bei jeder schönsten Liebe, die mir später begegnete, das heißt bei jedem Liebesweh, dachte ich an Klopstocks Ode und seinen Schmerz, und an die Worte: »hat mich auch die schon geliebt, die einst mich lieben wird« – und es hegt Niemand so viel Pietät für Klopstock als ich, denn die erste Ahnung von Liebens- und Achtenswerthen ist die Pietät – und demnach schüttelte ich zu Wachlers veraltetem, historisch erstarrtem Enthusiasmus den Kopf, und seine begeisterten Worte fanden nur zu einer kleinen Ritze meines Herzens den Eingang, wo jene Odenworte hingefallen waren. Als Socrates starb, sprach er von der Unsterblichkeit, als Klopstock auf dem Sterbebette lag, sprach er auch darüber, und recensirte sich besser als irgend Jemand es vermag. Er sagte nämlich sterbend: diese eine Ueberzeugung nehm' ich mit mir, daß Shakespeare kein Dichter war. Und er starb. Die Welt geht. Wer sich nicht an die unwandelbarsten Dinge hält, vergeht mit ihr, und wir Zeitschriftsteller, die wir unsre Rosse an die Interessen des Tages binden, vergehen um so schneller mit ihnen, je eher unsre Wünsche befriedigt werden. Nur gutmüthige Literaturgeschichten werden die besten der jungen Namen eine Zeitlang aus Erkenntlichkeit 132 nennen, so lange der Sieg unser Dings regiert. Es werden neue Forderungen aufwachsen, und all die geschäftigen Leute, welche jetzt handthieren als geschähe es für die Ewigkeit, sinken in ein ewiges Vergessen. Aus dem großen Wirrwar von Namen wird nur unangetastet nach Jahrhunderten noch Wolfgang Goethe bestehen, der sich in die Felsen der festeren Natur gegraben hat. Nur mancher Schriftkundige wird vielleicht dann noch den Namen seines Bewegungssohnes nennen, den er in fröhlicher Stunde unbewußt gezeugt, den er nicht anerkannt hat, weil er sich dieser Verwandtschaftskräfte nie bewußt geworden ist, den Namen dessen, der einer modernen poetischen Schule den Namen gab, den Namen Henry Heines. – Und auch Du, liebenswürdigster aller Dichter, mit dem heißesten menschlichsten Herzen, den man liebt allerwegen, sobald man zu fühlen beginnt, auch du, Friedrich Schiller, wirst vergessen werden, und das ist etwas, worüber ich noch heute die bittersten Thränen weinen kann, denn ich liebe dich wie meine erste Liebe. Die Welt geht. Wer sich nicht an ihre unwandelbarsten Dinge hält, vergeht mit ihr – – »Er bläs't zum dritten Male« schrie mit der Kraft der Verzweiflung mein Klempnermeister, riß sich los, und stürzte davon. Ich hatte ihn nämlich am Arme festgehalten und ihm all' das vorgesprochen. Lange hatte er gezappelt und aus Respekt nichts 133 einzuwenden gewagt. Jetzt stand das Messer an der Kehle, und sein Postgeld war ihm wichtiger, als Klopstock, Goethe und Schiller. Und er hatte Recht; ich rannte auch. »Meine Herren, sagte der Kondukteur, die Welt geht und die Zeit rennt, wer zu spät kommt ist verloren.« Der Konstantinopolitaner sah mich erstaunt an, und sagte: Der Kondukteur ist auch gegen Klopstock. 134     Halle. Ein dunkler, tiefer Schlaf legte sich über den Postwagen. Auch ich vergaß Jerta, Klopstock und Konstantinopel. Wer mit der Schnellpost gefahren ist, erinnert sich gewiß mit Interesse des höchst charakteristischen Anblicks, wenn die ersten Tagesstrahlen in den qualmenden Kutschenkasten fallen. Die Hand Jehova's liegt zornig über Aegypten, alle Häupter der Passagiere hangen welk vorn herunter auf die Brust oder auf die Seite. Selten schläft einer des Morgens im Postwagen mit Energie, er müßte denn ein sehr routinirter Musterreiter sein. Alles baumelt am Körper, der Mund ist halb geöffnet, damit kein Atom der noch rückständigen, geringen Lebenslust dem Schläfer entgehe, die Gesichtsfarbe ist offenbarungsbleich in's trockne Gelb spielend, die Haare sind garstig verwirrt, die Lippen unnatürlich geschwellt, alle kurzgeschürzten Sorgen, die den Passagier in den 135 letzten Tagen beschäftigt haben, laufen hastig durch die Stirnfalten, und arbeiten an dem Kummerstriche zwischen Mundwinkel und Nasenflügel. Halbtrunkne Träume stolpern an dem wankenden Körper auf und nieder. Niemand schläft mehr recht eigentlich, aber Niemand hat ausgeschlafen, Niemand hat den Muth zu erwachen. Der und Jener riegelt das Augenlied ein Wenig auf, um zu sehen, ob der Tag schon unanständig hereinscheint. Es ist das Bild eines teutschen Philisters, der die Freiheit sieht, aber den Fuß unentschlossen heben muß, um zu ihr zu kommen; es gefällt ihm nicht absonderlich in dem alten Schlendrianszustande, aber – aber er soll sich entschließen, er soll etwas Bestimmtes thun, er weiß auch nicht einmal genau, ob das Bein nicht gar eingeschlafen ist, er träumert weiter und die Zeit verstreicht. – Der Klempner machte einen flinken Versuch, die Augen zu öffnen, machte sie aber schnell wieder zu, und drückte das Gesicht in die Ecke. Die Energie eines Einzelnen pflegt wie überall das Reich zu allarmiren. Einer macht entschlossen Tag, und die übrigen unterwerfen sich. Ich hatte keine Lust dazu, die schlaffen Gesichter amüsirten mich. Sah ich recht? Wahrlich, hinter dem Schleier lebten Jertas Augen, und richteten sich starr auf mich. Es war etwas Gespensterhaftes darin, mit diesen Augen, von denen ich noch keinen Buchstaben 136 kannte, allein im Wagen zu sein. Sie zog den Handschuh aus, und fuhr sich mit der Hand über Augen und Gesicht, wie eine Mohamedanerin, die sich pantomimisch wäscht. Ich schwieg, und sah ihr entschlossen zu. Und siehe da, sie schlug den Schleier zurück: es war ein junges, frisches Mädchen, das den Postgesetzen nicht verfiel: sie sah frisch wie Morgenthau über gerötheten Wangen aus klaren Augen. Offenbar war sie seit Radegast jünger geworden. Die Züge waren heut viel weicher, oder es kam daher, daß ich mich in das Buch ihres Gesichts schon ein Wenig hineingelesen hatte und bekannter geworden war. Ein plötzliches Leuchten ging durch den Stern ihres Auges, sie streckte mir die warme Hand hin, und sah mich groß an. Ich führte sie langsam an meinen Mund, und berührte sie kaum mit den Lippen, darüberhin aber drückte ich centnerschwer meinen Blick in den ihren, und schüttelte den Kopf. Nichts veränderte sich in ihrem Gesicht. Ihr Begleiter regte sich; die Hand floh, der Schleier fiel. Mit Erstaunen sah ich, daß der naturwissenschaftliche Klempnermeister aus wässrig lachenden Augen zusah. So wie er sich überrascht merkte, kniff er sie wieder ein, gab sich die überflüssige Mühe, ein einfältig Gesicht zu machen, und ließ den kleinen Körper wie einen Eierkuchen zusammenfallen. Ich gab ihm einen Rippenstoß, daß er in die Höhe fuhr, und drohte ihm mit 137 unzweifelhafter Geberde. Er deprecirte durch verneinendes Schütteln aller Glieder, nahm meine Hand, und drückte sie hannoverisch. Es ging den Berg nach Bernburg hinunter. Die Saale und ein Paar Berge von Gerüll versuchen's hier, sich über anhaltinische Ausdruckslosigkeit zu erheben, die Frau Wirthin hilft den Herren, der Herr Wirth den Damen aus dem Wagen – Anhalt wird ausschweifend. Wir tranken Kaffee, schüttelten den Schlaf aus den Haaren, ich ging an Jerta vorüber, und drückte ihren heißen Arm, daß sie zuckte, und fragte den Wirth, ob Anhalt noch nicht preußisch sei. Er verneinte kleinlaut, und ein blonder anhaltinischer Blick schweifte matthissonwehmüthig über die Wand hin, an welcher die großen Gesichter der regierenden, wie man zu sagen pflegt, Häupter hingen. Sind Sie ein Preuße? fragte mich der teutsche Kaufmann aus London. Zuweilen, sagte ich, denn in poetischen Stunden bin ich für den Zollverband, weil ich glaube, daß der Kyffhäuser mit dem rothbärtigen Barbarossa im Zollverbande liegt. Und eigentlich bin ich aus Schlesien, was früher österreichisch war, ferner glaubte ich früher, das Wort Preußen heiße so viel als Jugend und Spekulation, und ich bin kaufmännisch gesinnt, und liebe die Spekulation. 138 »Lieben Sie treu?« Nein, aber oft. »Sie haben wohl kein Amt?« Doch; ich reise. »Für welches Haus?« Für Otto Wigand in Leipzig. »Was für Artikel?« Papier, Druckerschwärze, Humanität, Länder- und Menschenkunde, Wissenschaft en gros und en détail , Langeweile und kurze Waaren. Er schüttelte den Kopf, und erkundigte sich nach dem Chef des Hauses. Ich bat um Entschuldigung, wir seien Lessingsche Republikaner, und ließen uns nichts befehlen. Wir legten nie Rechnung ab, und hierin seien wir Royalisten: unser Louis d'or von Frankreich sterbe nie. Im Allgemeinen sei ich überhaupt für Gütergemeinschaft, und obwohl ich das Stehlen noch nicht sanktioniren könne, so sei ich doch überzeugt, daß, wer entschlossen Geld brauche, immer welches finden könne. Und er entsatzte sich, und schwieg. In der Nähe von Giebichenstein liegt Halle, denn Giebichenstein ist einer der schönsten Punkte in Teutschland, und Halle einer der schlechtesten. Himmel und Hölle liegen hier nahe bei einander, und der Weg zwischen beiden ist die sogenannte grüne Wiese, wo die Leute hin 139 kommen, die nicht recht gut und nicht recht schlecht sind, deren Poesie aus Dresden stammt, welche sich zum sächsischen Protestantismus bekennen, die auf den Börne schimpfen, und theologische Bücher lesen. Auf diesem Wege wohnt der alte Schriftsteller Eberhard: es ist ein schmaler Mann, von dem ich nichts Merkwürdiges zu sagen weiß, als daß er alle Tage nach Tisch einmal zum Fenster heraussieht, ob es regnen wird, und wenn's schon regnet, ob es aufhören könnte. Ferner wohnte hier der an Familienromanen verstorbene Lafontaine, der eine Lorbeerkrone für die Bescheidenheit verdient, mit welcher er sich in den letzten Jahren zurückgezogen hielt. Ein guter Rückzug ist ein untergeordnetes Verdienst, aber ein Verdienst, sind doch Xenophon und Krug durch Rückwärtsgehn berühmt geworden. Die Anabasis wird noch zu wenig von den teutschen Schriftstellern gelesen. Damen von Welt und Schriftsteller müssen in einem gewissen Alter der Schönheit und des Verstandes Spiegel und Freunde am eifrigsten befragen, ob es gerathen sei, auf den Ball zu gehn. Es konnten sich nur wenige rühmen, in Lafontaines Gartenhaus gedrungen zu sein; ich bin oft daran vorüber gegangen, als ich noch jünger war, und vor jedem schriftstellerischen Namen das Knie bog, oft des Abends, wenn es so recht familienfleißig regnete. Ich hoffte immer, einmal Etwas von Lafontaine zu 140 hören, oder zu sehn, aber ich habe nichts gehört, als eine eintönige Klingel. Lafontaine hat still seinen Hut genommen, als der Lärm für seine Familiengeschichten zu groß wurde, und ist still hinausgegangen, hat dem Portier ein kleines Trinkgeld gegeben, er möge der Gesellschaft seine Abwesenheit nicht verrathen, man werde sie nicht bemerken, und ist nach der grünen Wiese bei Halle gewandert. Dort hat er seine Thür zugeschlossen, und rührt sich nicht mehr; und wenn er ein Glas Wasser oder eine Tasse Thee haben will, klingelt er seiner alten Köchin, die früher jünger war, und in der Familie Halden figurirt. Ich finde das so rührend bescheiden an Lafontaine, daß ich ihm kein böses Wort sagen möchte. Zur Zeit, als man ihn gern las, hatte er die Verpflichtung zu schreiben, und er hat sie redlich erfüllt – jeder Roman hatte drei Bände. Als er die Abnahme seiner Kräfte und der Liebeskräfte des Publikums merkte, da setzte er sich in sein Ausbedinghäuslein, und schwieg, und schwieg sich zu Tode. Lafontaine ist Teutschlands Ritter Toggenburg, die Liebe zu ihm war eine thränenreiche; noch heut schluchzen die alten Frauen, wenn man seinen Namen nennt. Giebichenstein aber überraschte mich durch seine Schönheit; die kleinen Felsen, die Saale, die weichen Aussichtsstriche in's Land – Alles paßt so gut zu einander, daß es ein charmantes kleines Gedicht 141 giebt. Viele teutsche Gegenden, welche einen viel größeren Aufwand machen, erfreuen weniger, weil man bei den größeren Ansprüchen auf Schönheit viel eher das vermißt, was allen fehlt, die Färbung. Zwischen dem eigentlichen Norden und dem eigentlichen Süden ist Teutschland die farblose Mitte; es hat nicht die dunkeln, romantischen Farben des Süden, es hat nicht die lyrischen hellen Striche, nicht die duftigen phantastischen Konturen des Nordens. Hier ist das Fenster, von welchem Ludwig der Springer in die Saale hinabgesprungen sein soll – den Sprung bezweifelt man nicht; denn Todesgefahr ist Kleinigkeit gegen Gefangenschaft, aber das Gelingen bezweifelt man. Die jetzige Welt ist sehr unromantisch, und man bewundert der Herren Schlegel und des Herrn Hengstenberg Kourage, die Romantik und den Glauben in den Ländern wieder einführen zu wollen, wo die Bibelübersetzung, der Rationalismus und die Hundesteuer erfunden worden ist, man bewundert sie, wenn man die Spaziergänger über Ludwig den Springer reden hört. Von Natur ist leider Gottes in Nordteutschland kein Mensch romantisch. Auch die Saale, ein schwarzer, merkantilischer Fluß, ist so prosaisch, und hat sich so weit vom Fuße des Giebichenstein entfernt, daß Ludwig sie nicht erreichen könnte, wenn er selbst beim alten Jahn turnen gelernt hätte. 142 Solche platte Zweifel haben vielleicht denselben Jahn auf die Erfindung des Turnens gebracht. Denn schief gegenüber vom Ludwigsfenster ist eine kleine Höhle in den sogenannten Trojanischen Felsen, welche die Saale bespült, und in dieser Höhle soll jener teutsche Renommist eine Zeitlang gelebt haben. Er hat mir selbst davon erzählt, und da es ihm gelungen ist, eine historisch physikalische Merkwürdigkeit zu werden, so will ich ein neues Kapitel mit ihm anfangen. Hat doch Cervantes ein ganzes Buch über den spanischen Don Quichote geschrieben, Jahn ist aber der demokratische Don Quichote der Teutschen. Ich werde noch oft des Don Quichote gedenken müssen, so lange ich in Teutschland reise, denn er manifestirt sich nirgends so mannigfach, als bei uns. Ein Volk, das nicht muthig und inhuman genug ist zum Todtschlagen, ein Volk, das nicht rasch in seinen Bewegungen ist, behält immer eine große Menge Nachzügler verlassener Epochen. Daher kommt es auch, daß kein Volk eine so verwickelte Geschichte hat, als das teutsche. Hölderlin sagt einmal: »Es ist ein hartes Wort, und dennoch sag' ich's, weil es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, daß zerrissener wäre, als die Teutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine 143 Menschen, Herren und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen«. – Alle diese Handwerker verlangen aber ihren Platz in der Geschichte, und die Handwerker haben ihren Zunftstolz. So reicht es nicht aus, einfache Menschen zu beschreiben, auch Jahn, der Cherusker, will beschrieben sein. 144     In leinene Staubhemden gehüllt, mit leuchtenden Augen und schreienden rothen Mützen zogen wir Brüder Studios von Halle nach Jena. Wir hatten wenig Geld, aber viel Worte, viel guten Muth und wenig Bedürfnisse. – Ein Glas Bier, ein Stück Brot genügte uns Söhnen der teutschen Wüste. Wir sprangen wie die Böcklein, jubelten wie die Lerchen, balgten uns mit einander auf der Straße herum, um unserm Uebermuthe einen Ausweg zu schaffen, und sangen vollen Ernstes: »Wir sind die Könige der Welt«. Noch heut denk' ich mit Entzücken daran, wie viel Selbstbewußtsein und Kraft in jedem Einzelnen ausgebildet wurde, weil er auf dem unerschütterlichen Grunde akademischer Freiheit zu ruhen glaubte. Wir bildeten uns ein, die Krieger und Braminenkaste der Hindus in uns zu vereinen, und Brama dürfte die 145 Wäsche nicht wechseln, wenn wir nicht wollten. Wir waren komplette Narren, aber unsere Narrheit ruhte auf Stahlfedern. Wenn von einem feindlichen Staate die Rede war, so bedurfte es nur unsrer übereinstimmenden Meinung, er sei ein Feind, und dann gab's keinen Zweifel an dem Siege mehr. Für wen die Studenten sich erklärten, der war geborgen, wir waren uns ein Ritterbund, wo jeder Mann ein Held ist, wir waren die große Armee Teutschlands, wir hatten den Napoleon überwunden, uns widerstand nichts. Ein großes Stück Poesie geht mit den Studenten verloren. Es war ein melancholischer, wollüstiger Wolkentag, und als wir nach Lauchstädt kamen, und sahen die rosenrothen Mädchen mit den weißen Schultern und Armen wandeln unter den flüsternden, schwatzhaften Bäumen, da beschlossen wir, uns niederzulassen, denn unsre Herzen lachten beim Anblick der rosenrothen Mädchen. Es wagte es aber keiner, laut zu sagen, daß die süßen Kinder unsern Augen so fürtrefflich schmeckten, denn wir waren Burschenschafter, und diese haben den einzigen dummen Streich Josephs in Aegypten in ein System gebracht. Auf der Dresdner Gallerie ist dieser Streich konterfeit, und mein burschenschaftliches Herz seufzte immer schwer, wenn ich das schöne Weib mit dem schwelgerisch bittenden Auge und den umrankenden vollen Armen sah. 146 Ein alter Bursch fing an, von der teutschen Kaiserwahl zu sprechen, und war durchaus für den König von Würtemberg, ich kämpfte aber mit unbeschreiblicher Leidenschaft für den König von Preußen, denn ich fühlte eine peinliche Opposition in mir: Ein rosenrothes Mädchen hatte sich mit anderen neben mich gesetzt; ihr langer Handschuh, den sie vom schönen Arme gestreift, mit dem sie gespielt hatte, flog zu mir. Ich stürzte auf sie zu, und überreichte ihr die Trophäe, und sagte in der Eil, daß ich sehr glücklich sei. Dabei berührte ich aber ihre warmen Finger – beim Teut, ich war unschuldig daran, und es schlug eine warme, weiche Flamme durch mich, den Burschenschafter. Das Mädchen war roth geworden, und hatte gar nichts gesagt, der alte Bursch aber sah mich sehr bedenklich an, und citirte den sechsten Paragraphen unsers Komments, denn wir lebten nach den zehn Geboten, und sprach vom Weitergehn. Die Mehrheit war aber dagegen, denn es waren viel rosenrothe Mädchen da, und des Abends sollte Ball sein. Und wir blieben. Bei den Marqueurs borgten wir uns Fracks und Vatermörder, und gingen auf den Ball. Auf dem Wege zum Saale stritten wir uns über die Grenzen des teutschen Kaiserthums, wir waren aber alle sehr nachgiebig, und es kam uns auf ein Stück Land nicht an. 147 Sie sagte, tanzen würde sie nicht viel, aber auf einen Galopp solle es ihr nicht ankommen. Aus Merseburg sei sie gebürtig, und die Studenten möchte sie gern, weil sie so lustig wären. Sie trug ein morgenröthliches Kleid von Aether und eine Rose im wallenden Haar. Ich sagte ihr, die Geliebte des Properz habe solch ein Kleid getragen, und sei das schönste Mädchen in Rom gewesen, und daher komme der Name Rosa, denn Rosa sei lateinisch. »Ich heiße aber Minna«, sagte sie. Um uns abzukühlen, gingen wir unter den Bäumen spaziren. Es war dunkel, und eine Lampe nach der andern verlosch. Ich durfte sie am Arm führen, sie war warm wie ein neapolitanischer Abend vom Tanz, und aus einer kleinen Stadt, denn Merseburg hat mehr Häuser als Menschen. Darum war sie menschenfreundlicher als die verwöhnten Mädchen aus den großen Städten, und wenn sie mir eifrig demonstrirte, daß sie noch keinen Geliebten habe, da lehnte sie sich so unbefangen menschenfreundlich an mich, daß mir unbeschreiblich süß zu Muthe wurde, und ich das ganze deutsche Kaiserthum vergaß. Wir standen eben still, es war eine Pause im Gespräch eingetreten, sie hatte das Köpfchen gesenkt, spielte mit den Locken, und lauschte unter den Wimpern herauf, ob ich wirklich den Properz gelesen. 148 »Liebste Minna,« sagte ich, und legte meinen Arm um ihre Taille. – – Da trat ein Mann unter den Bäumen hervor, und sagte: »der sechste Paragraph aber spricht« – – Minna floh, ich stand wie ein Schulbube vor dem alten Burschen, und wußte nichts zu sagen, als daß ich noch immer entschieden gegen den König von Würtemberg sei. Ich mußte ihm die Uebrigen suchen helfen; das war eine schwere Arbeit, und als wir am Morgen gen Freiburg zogen, fehlte uns doch noch einer. Warum die Regierungen nicht bedachten, daß strebende Jünglinge einen großen Hintergrund brauchen, an welchen sie ihr loses Treiben anlehnen, daß sie aber Jünglinge bleiben, wenn man sie gewähren läßt, die am Ende nichts brauchen als Küsse und Sonnenschein. Als man uns zu wichtigen Personen machte, da machten wir uns auch wichtig, und affectirten eine Ernsthaftigkeit, über welche wir jetzt lachen. – Wenn die deutschen Philister Abends zusammenkommen, um ihren Whist, Schaafkopf oder Solo zu spielen, so geberden sie sich manchmal auch sehr gefährlich über die Politik, und schwören und verschwören sich, und es ist ihnen doch um nichts, als um einen Stich mehr zu thun, und läßt man sie gehn, so geht das Jahr aus Jahr ein so. 149 Verbietet man's ihnen aber, so hören sie plötzlich auf, Schaafkopf zu spielen. Es war um die neunte Stunde, als Jahn zu uns in's Zimmer trat. Das Städtchen Freiburg war sein Exil, und er gab sich die redlichste Mühe, allda seine klassische Rolle zu spielen. Vom Grafen Brühl in Berlin hatte er sich das Kostüm dazu erbeten. Man mußte den ganzen Tacitus mit Aufmerksamkeit gelesen haben, um zu wissen, wer da zur Thür herein trat. Es war ein Mann von mäßiger Größe, aber von unmäßiger Breite, eine vortreffliche Kanonierfigur, eine ganze Kanone sammt Lafette und Pulverkasten hatte auf seinen Schultern und Hüften Raum. Und das war sein Stolz; ich weiß, daß er wohlgefällig lacht, wenn er das lies't; eigentliche Kultur war gar nicht in ihm, er interessirte sich nur für die Masse, die Materie, das Gewicht, er bestrebte sich, ein Urbewohner, ein Autochthone zu sein, und die Vortheile der Kultur vergessen zu machen. Ich bin immer für das Turnen gewesen, es ist eine nothwendige, ja eine blühende Grammatik des Körpers, aber die Turner waren zumeist künstliche Pferdeknechte, raffinirte Barbaren, die sich alle ersinnliche Mühe gaben, jede Kulturregung zu vergessen. Ludwig Jahn trug eine doppelte Stirn, deren zweiter Theil sich leer und dumm rückwärts 150 hinaufstreckte bis in den Teutoburger Wald. Er sah überhaupt nur rückwärts, obwohl er klare Turneraugen hatte. Jene Stirn und ein schöner herabwallender Bart, der aschgrau auf sein blaues Hemd fiel, bildeten eigentlich sein Gesicht, was dazwischen lag, war unbedeutend. Unter dem schlotternden blauen Oberhemd sah man eine behaarte Brust, und ahnte ein Paar kurze unbedeutende Beine, um welche teutsche weite Leinwand-Hosen flatterten. Auch hatte er, wie das männiglich weiß, ein großes Maul und große Füße, und so ausgerüstet, und mehr merkwürdig als interessant aussehend, ließ er sich auf einem harten Gestell nieder, was wir in seiner Gegenwart nicht Sofa zu nennen wagten. Denn die alten Teutschen lagen auf Bärenhäuten und nicht auf Sofas. Auf Tischen, an der Erde, auf den Sofalehnen saßen wir um ihn herum, und er fing an vorzutragen, und trug vor zwölf volle Stunden bis Abends um neun. Hätte ich nicht ein böses Gewissen gehabt wegen der rosenrothen Minna aus Merseburg, mir wäre die Zeit sehr lang geworden. Daß er zu Jedem von uns Du sagte, verstand sich von selbst, und das hat mir bei der ganzen teutschen Wirthschaft immer am besten gefallen. Er erzählte aber von den Cheruskern, vom Minister Stein, von seinen Feldzügen auf der Universität und mit den Alliirten – er selbst hielt sich für den 151 vierten Alliirten, und Rußland, Preußen, Oesterreich und Jahn hatten die große Armee geschlagen. Er erzählte von Napoleon, der eigentlich keine Kourage gehabt habe, von Ludwig Jahn und dessen unsterblichem Muthe, von einer eisernen Stange, womit er seiner Zeit die Studenten geprügelt habe, von den erzgebirgischen Klößen und den pommerschen Gänsebrüsten, welche die Einheit Teutschlands aufhielten, auch viele kleine Geschichten, wo er natürlich immer die Hauptrolle spielte. Da war er eines Tags während des Krieges nach Frankfurt gekommen, und hatte die Stadt ganz bestürzt gefunden. Es sei ein französischer Spion da und Niemand könne ihn ausfindig machen. Er beruhigt die Frankfurter und geht aus. Auf der ersten Straße begegnet er ihm, geht auf ihn zu, und tritt ihm auf den Fuß. Und das ist nicht unbedeutend, wenn Jahns Fuß sich entschieden irgendwo niederläßt. »Pardon« ruft der höfliche Mann – »Pardon«, also Franzos; Jahn allarmirt Frankfurt, der Mann hat in der Ueberraschung französisch gesprochen, es ist der Spion, er wird arretirt. Frankfurt staunt, Jahn, der unaufhaltsame geht weiter. – In einer andern Stadt sucht man ebenfalls einen Spion; man weiß, daß er als Frauenzimmer verkleidet ist. Er beruhigt die Einwohner und geht aus. In's erste Haus tritt er ein, findet eine Damengesellschaft, beginnt ein 152 Gesellschaftsspiel »Thaler du mußt wandern,« wirft den Thaler, jede will ihn fangen. Wenn Damen etwas mit dem Schooß fangen wollen, so breiten sie die Beine aus, eine von der Gesellschaft thut's nicht. Jahn arretirt sie, denn Männer, die mit dem Schooß fangen wollen, drängen die Beine zusammen. Die Dame muß ein verkleideter Mann, also der Spion sein. Er übergiebt sie den Behörden, und unter dem Hurrah der Stadt reis't Jahn der unaufhaltsame weiter. Er sprach vom Supernaturalismus, und gab uns ein Recept mit, was ihn ausrotte, denn er haßt Alles was nicht reell ist, er sprach von den Juden, die er haßt, weil sie nicht aus Teutschland stammen, er sprach von einem Marsche von Berlin nach Breslau, den er einst mit einer Depesche Steins, die das ganze Wohl und Wehe Europas enthalten, zu Fuß in 48 Stunden gemacht. Postreisende und Zeitungsleser bei Stehely in Berlin und Herrn Schrinner in Breslau wissen, daß es 43¾ Meilen sind. Seine Erzählungen drehten sich überhaupt meist um's Laufen und um Prügel. Nur wenn man von der deutschen Kaiserwahl sprach, war er etwas ruhiger, zuckte zum König von Würtemberg und zum König von Preußen die Achseln, bedauerte daß Schill gestorben sei und Theodor Körner, und daß noch so wenig Aechte aus jener Zeit übrig wären, welche auf die 153 Frankfurter Krone Anspruch machen könnten; er habe Frankfurt große Dienste geleistet. Fürwahr, es klänge biderb, wenn es hieße: »Es lebe Jahn der Erste,« fing der alte Bursche an. Beifallsgemurmel, Jahn schwieg, und rückte den Kopf auf und nieder. Es schlug neun Uhr; ich stahl mich hinaus, und lief was ich konnte nach Merseburg zu, das teutsche Reich lag mir auf der Schulter, ich hatte einen angestrengten Marsch, verirrte mich und schlief auf dem Felde ein. Hier könnte ich nun einen schönen Traum anbringen von der teutschen Herrlichkeit, wenn Niemand Vatermörder, Jedermann aber lange Haare trüge und das Bärenfleisch wieder Mode würde, und der Kaiser die Uebelthäter selbst abprügelte, und Kaffee und Zucker abgeschafft würden. Aber ich schlief wiederum fest, und erwachte erst, als mich fror. Die gestrige Geschichte kam mir bei nüchternem Magen wie eine alberne Gespenstergeschichte vor, Jahn der Erste aber wie der Knecht Ruprecht, mit dem man die kleinen Kinder erschreckt. Er ist die äußerste Linke aus jener unheilvollen Zeit, die uns durch ihre Spielerei um so Vieles betrogen hat. Er schreibt jetzt Briefe, die einen klassischen Werth haben. Herrmann der Cherusker würde ungefähr so an seinen Schwiegervater Segestes 154 geschrieben haben, und damit wir jungen Uebelthäter sie lesen, schickt er sie uns in's Haus. Mein Name ist immer grün darauf geschrieben, dazu nimmt er Grünspan, um mich gleich durch den Anblick zu vergiften. Dieser Jahn ist auf Teutschlands großem Maskenballe erschienen, vor dem Glanz der Lichter ist er erblindet, als man den Saal gefegt, hat man auch ihn hinausgeworfen. – Die Zeit ist vorwärts gegangen, die Maskeradenkleider sind alle verschwunden, der Mann ist alt geworden, er geht noch in seiner phantastischen Tracht einher, er spricht noch die kauderwelsche Sprache, seine Uhr steht seit 17 Jahren still, und zeigt unverrückt 1817. Ein Wort hab' ich mir aus seinen Briefen behalten: statt ennuyirt sagt er »vermißquemt.« Es ward allmählig Morgen und ich kam in die Vorstädte Merseburgs, die eigentlich Merseburg sind. Mit Entsetzen gewahrte ich, daß ich keinen Pfennig Geld besäße, meine Gefährten hatten die Kasse gehabt, und ich hungerte nachdrücklich. Minna, das war hart. Ein romantischer Liebhaber darf nie an einem so reellen Hunger leiden. Erschöpft setzte ich mich auf einen Stein vor dem Landhause, an welchem ich eben vorüberkam. Eine Magd öffnete bald darauf die Thür, und sah sich nach dem Tage um. Sie schien eben aufgestanden zu sein, drängte eine Fülle von braunen Haaren 155 unter ein grobes rothes Tuch, rieb sich die Augen, und zog sich eine Jacke an. Ich verhielt mich ruhig, um ihren Charakter zu studiren, und wurde nicht sogleich von ihr gesehn. Große Sorglosigkeit lag mit ausgestreckten Armen und Beinen auf dem Gesicht. Sie sah wie alle teutschen Mägde aus, das heißt: der Charakter der Arbeit und Mühe lag sechs Tage in der Woche mit bleiernem Gewicht auf ihr, und ich sah es ihr an, daß sie Sonntags Nachmittags zur Erholung an ihren Hemden nähe, und Abends zwei Stunden in die Schenke gehe, wo sie alle drei Wochen einmal einen Tänzer findet, der ihr einen Trunk Bier schenkt. Bei dieser Klasse rührt nur Krankheit und der Herr Christus. In seinem Namen bat ich sie um ein Stück Brot und einen Trunk warme Milch, weil ich am Heißhunger litte, und nicht weiter von der Stelle könne. Sie hätte ja fromme blaue Augen, die gottesfürchtig aussähen wie Kirchenlieder, und ich wollte ihr auch aus dem Gesicht wahrsagen, was sie für einen Mann kriegen werde. Sie brachte Brot, machte Feuer und kochte Milch. Als ich gesättigt war, zupfte sie an der Schürze, und fragte verschämt, ob ich was von ihrem zukünftigen Manne wüßte, und ob sie wirklich einen bekäme. Ich rückte ihr das Kinn in die Höhe, streichelte 156 ihr die Backen, und sprach: Im Thale Josaphat bauen sie eine reinliche Herberge, und es wird eingehen allda ein gottgefälliger Mann, mit Cognac, Breihan, Butter, Brot und Käse, der wird herkommen in des Morgens Frühe nach Merseburg, und wird sich auf den Stein setzen, wo ich eben sitze, und wird sprechen »Schnur, meine liebe Schnur, erscheine.« Darauf werde Sie aus dem Schatten des Hauses hervortreten, und ihm folgen nach dem Thale Josaphat als züchtige Hausfrau. Sie sah mich möglichst einfältig an. »Weißt du nicht, wo Fräulein Minna wohnt?« Sie wußte es, ich ging. Dem Hause gegenüber, das sie mir bezeichnet hatte, setzte ich mich auf eine Bank. Mein Vis à Vis hatte drei Fenster, die Rouleaus waren noch alle niedergelassen. Nach einer Weile kam ein kleiner Mops hinter einem hervorgekrochen, und sah sich verdrießlich um. Es öffneten sich die Hausthüren, die Merseburgerinnen gingen im Negligee nach Milch und Kaffee und Semmel aus. Man sah mich verwundert an. Das Rouleau hinter dem Mops ging in die Höhe, Minna öffnete das Fenster, und streckte eine blasse weiße Hand heraus, um die Luft zu untersuchen. Ach, das war nicht meine Minna, denn sie fuhr sogleich in das Zimmer zurück, als sie mich erblickte, und hatte unter der weißen Schlafhaube blaßgelbe 157 Wickeln aufgesteckt, und ein mattes, resignirtes altteutsches Mariengesicht und träge bläuliche Augen wie der teutsche Himmel. Seufzend ging ich fürbaß, und verzweifelte zum ersten Mal daran, meine Minna eher wieder zu sehn, als bis ich wieder Hunger hätte. Ich fragte hier, und fragte dort, ob Niemand die Minna kenne, welche vorgestern in Lauchstädt gewesen und außerordentlich schön sei. Die Leute gaben mir keine Antwort, und sagten ich sei verrückt. So kam's, daß ich Mittag wieder in Halle war, ich hatte lauter sehnsüchtige Lieder unterwegs gesungen, und es schmeckte mir das Mittagsessen vortrefflich. Das war jetzt viele Jahre her, damals lebten die trojanischen Helden noch, und die Straße, die nach Leipzig führte, hieß noch mit Recht die Galgstraße, denn es wohnten lauter arme Sünder und Galgenstricke da, und jede Straße in Halle sieht aus wie der Weg zum Galgen. Damals, ach damals war Alles schöner, weil's damals war. Die Zeit ist der beste Künstler, sie heilt nicht nur am besten, sie malt auch am schönsten. Der ist ein Maler, der's mit den zauberhaften Farben der Vergangenheit aufnehmen könnte! Alles, was war, ist schön. Jetzt dacht' ich mit Neid an jene Tage zurück, und doch hatte ich damals nichts, wenn ich meine Schulden nicht rechnete, 158 und jetzt hatte ich die Taschen voll Geld. Damals konnte ich aber auch noch so lange und innig von Giebichenstein in die Gegend hinaussehen, bis mir vor Rührung, Sehnsucht und Andacht, ich wußte selbst nicht, warum, das Wasser in die Augen trat; ich hatte ein jüngeres Herz, ich liebte noch Hölty, der da drüben an den Felsen eine Bank hat, die Jedermann Höltys Bank nennt. Ach, ich hatte noch keinen Menschen recensirt, ich liebte noch so hübsch en détail und unbewußt im Großen, jetzt that ich mir viel darauf zu Gute, das ich so universell zu lieben verstünde. Nebenher gesagt, es ist nichts so undankbar, so unersprießlich, als Massen zu lieben, und für Massen zu arbeiten: wer sich ihnen opfert, wird ausgelacht, wer nicht, wird geschmäht, gesteinigt, und ich hebe selbst so manchen Stein auf. Herr von Raumer, ich bitte Sie um Entschuldigung; es ist Krieg. Warum fand ich die beschränkte kleine hannöversche Schwermuth Hölty's nicht noch so liebenswürdig, wie sonst! Was war ich oft so bös', daß der sanfte Hölty ein so grobes, großes Gesicht gehabt, das an all' seiner Schwermuth schuld war, und aus welchem all' seine Lieder wuchsen, wie kleine Waldblumen aus unebnem, unkultivirtem Erdboden. Hatte ich nicht auch ein Liebesunglück mit Jerta, und brachte mir's wohl noch ein einziges vernünftiges 159 Lied. Mit allen honetten Gefühlen wird heutiges Tages dummes Zeug gemacht. Es geht Alles in's Große, und dabei geht alle kleine, putzige Freude verloren. Der Leser weiß noch gar nicht warum ich so in die Kreuz und Quer springe, und welch' Malheur ich mit Jerta gehabt. Als wir in Halle vor der Post ankamen, erwachte Jerta's Begleiter, und stieg aus. Ich fragte den Kondukteur, ob er mir nicht aus dem Personenzettel Bescheid sagen könne über die beiden zweifelhaften Größen. Es fanden sich zwei ungenießbare Plumppuding-Namen. Nun faßte ich mir ein Herz, und fragte den Begleiter in bescheidenem Englisch, ob er ein Engländer sei. Er sah mich lange, sehr lange an, und sagte endlich: Yes . Das war das einzige Wort, das ich von ihm gehört. Nun ging er in's Postzimmer; ich nahm Jerta bei der Hand, und führte sie in den Flur hinein, wo wir allein sein konnten, besann mich peinlichst auf einige nothwendige, großbritannische Worte, und fragte sie, ob sie nicht die Jerta aus Radegast sei. Endlich, endlich schüttelte sie das Haupt, nahm mich beim Kopf, gab mir einen heißen, heftigen Kuß und sagte, sie heiße Jenny und sei from Bristol , und ich wäre ein guter Bursch. Mir fielen alle fremden Worte aus dem Gedächtniß durch die Finger, ich fing immer an you are - you are, 160 und da ich nicht sprechen konnte, so steckte ich all' meine englischen Gedanken in die Augen und sah sie an als wollte ich ihr ganzes schönes Gesicht zerstören. Und jetzt kam auch Bewegung in die schönen Züge – aber es kam auch der Begleiter aus dem Postzimmer, und als ob nichts vorgefallen sei, ließ sie mich stehen, und ging zu ihm. Bald darauf fuhr eine Postchaise vor, sie setzten sich hinein, ich eilte verzweiflungsvoll an den Schlag, nahm meine Mütze ab, und besann mich, wie ich in's Teufelsnamen fragen wollte – da hieb der Postillon in die Pferde, und blies rücksichtslos: »Und wenn die letzte Kugel komm' In's preuß'sche Herz hinein.« Und sie rollten dahin auf der alten Galgstraße, ich aber stand abgebrannt mitten in Halle, und es war mir, als sähe ich ringsum ebenfalls nichts als abgebrannte Feuerstellen. Halle war von jeher eigentlich immer nur ein Brandplatz mit einigen Köhlerhütten. In der Stadt selbst giebt es nur Studenten, Torf, schmutziges Volk, Professoren und Dreck. Und doch hing mir über dem hallischen Schmutz ein romantischer Nebel. Ich hatte den Traum meiner jugendlichen Ritterlichkeit hier verlebt, war hier Student geworden, hatte für die Einheit Teutschlands, für Schwarz Roth Gold für die Tugend, für eine sündhafte Keuschheit, für eine kindische Freiheit, schöne 161 Bärte und eine aromatische Pfeife Tabak geschwärmt. Ich hatte anderthalb Jahr da studirt, darunter 15 Monate keinen Groschen Geld gehabt, kaum hundert Thaler Schulden gemacht und halb Teutschland durchreist – das schien mir Alles wie fabelhaft, wie aus der Zeit vor dem Sündenfalle, wo man noch kein Geld brauchte, wo Gütergemeinschaft herrschte. Auswendig war Alles noch, wie ich's gelassen, nur stiller, todter, und ich fürchtete, wenn ich die Sachen angriffe, so fielen sie in Staub zusammen. Die Cholera war dagewesen, und hatte mit einer Art von Sorgfalt gewüthet; sie haßte bekanntlich den Schmutz, und schon seit 1694 war die Universität in Halle. Ich sah auch nicht mehr so viel wie damals, wo ich nur Studenten sah, aber der Dreck und die schmutzigen Gesichter waren geblieben. Ich stellte mich auf den Markt, unser geliebtes Forum, wo all' unsre Helden täglich erschienen, ich wartete auf die alten Fabier und Scipionen – da kam der alte Stallmeister der seine türkischen Pferde höher hielt, als mancher Theologe sein Christenthum, er war noch gerade und steif wie früher, aber im Gesicht lag ein ganzer russischer Feldzug mit Eis, Schnee, Hunger und krepirtem Pferdefleisch. Die dünnen Beine stapften noch mehr als früher, es war ein Kavalleriegespenst von der Schlacht bei Mosaisk. Neben mir stellte sich der alte Ausrufer hin, mit dem wir rhetorische 162 Experimente machten; er machte den Mund so weit auf wie früher, und drückte die Augen zu wie früher, aber hinter diesen Anstrengungen kroch eine zerbrochene Stimme hervor, die tonlos war wie ein zerbrochner Topf. Ein Bettler stellte sich anständig, und darum mit gezogenem Degen gegen mich, und als ich ihm in das verwitterte, mit Rasen überwachsene Gesicht sah, da fand ich unter den zerbröckelten Zügen das Antlitz des humansten Pumpphilisters unsrer damaligen Zeit, der die Studenten mit offnen Händen wie Rothschild die Könige behandelte. Die Könige waren Landgeistliche, Legationsräthe, Kreisphysici, Justizkomissarien, Bettelleute und gentlemans independent geworden, und alle hatten ihren Rothschild vergessen, und das that ihm so weh, daß er jetzt bettelte. Er sah aus wie eine akademische Tragödie. Der Undank ist ein so garstiges Laster; und doch hat die Weltgeschichte selten Zeit, alten Dank abzustatten, und sie hält sich damit auf. Unter der alten Wage war es so leer, so todt, ich suchte umsonst die rothen, gelben und grünen Mützen, und die unternehmenden Gesichter, in denen tausend Cooksche Erdumsegelungen lagen. Ein Paar dünne, dürftige Studenten, denen der Freitisch aus den leeren Backen sah, flüsterten sich etwas über ein Memorandum von Herrn Makeldey zu, den jeder Jurist kennt, wenn er sich vor dem Examen fürchtet. Ich trat 163 zwischen sie, und sagte: Meine Herrn, es schadet nichts wenn die Universitäten aufgehoben werden, aber das alte Teutschland hat dann ganz ein Ende, und leider ist das junge noch nicht geboren. Sie wünschten mir gesegnete Mahlzeit, zogen die Mützen und gingen nach verschiedenen Seiten ab. Ich hatte die Mütze nie abgenommen, so lang ich Student war, wir waren die teutschen Granden, die auch in den Audienzen, d. h. den Auditorien, bedeckten Haupts erschienen, manche meiner Kommilitonen schliefen sogar damit, auf daß ihnen nicht über Nacht die Grandezza abhanden komme – ich sah's, daß Teutschland gestorben sei. Nun stieg ich hinaus in das große Auditorium, wo Wegscheider und Gesenius, die rationellen Dioskuren, die Jungfrau Maria zu entkleiden pflegten, wie leer, wie hölzern kam mir Alles vor, wie nackt und prosaisch. Wie vernünftig gespensterhaft erschien mir der kleine Wegscheider mit seinem langen grünen Rocke und den blanken Steifstiefeln. Er saß noch wie damals da mit dem kleinen reinlichen Kopfe nach vorn gebogen, die Haare waren noch eben so kurz und aus dem Gesicht gestrichen. Er hat einen kleinen vornehmen Mund, und poetische Augen, nur wenn er dem Christenthum bis auf den Magen sehen will, setzt er eine große Brille auf, und verdeckt seine Poesie. Er sprach noch jene prosaisch vernünftigen Dinge, und lachte noch immer 164 nicht. Lessing hat ihn gewiß auch mit auf dem Gewissen, da oben in Helmbstädt ist er so vernünftig geworden. Aber, wie gesagt, das Lachen überließ er noch immer seinem Kollegen Gesenius, der einen glatten Kopf hat wie ein verschmitzter, oberflächlicher Kaufmann, welcher aus dem Lande Judäa kommt und kleine schnurrige Geschichten erzählt, die er am Wege aufgelesen. Darunter sind die unanständigsten Klatschereien aus Nazareth, und er verschont nicht den guten Ruf der schönen Maria und die Gutmüthigkeit des Tischlermeister Joseph. Nicht einmal dem Propheten Daniel läßt er sein Bischen Renomée, und wenn er von seinem Logis in der Löwengrube spricht, so erzählt er, daß sich auch Löwen vor einem langen Judenbarte fürchteten und eine Aversion vor Leuten hätten, die nach Knoblauch stinken. Von Gesenius selbst sagen die Studenten, daß er zuerst im theologischen Examen durchgefallen sei wegen mangelhafter Kenntniß im Hebräischen. Da habe er sich in enormer Malice hingesetzt, und so lange hebräisch studirt, bis er ein ganz neues Lexikon und sieben Auflagen einer neuen Grammatik herausstudirt habe, und daraus sei seine malitiöse Theologie entstanden. – Ach, Halle that mir so weh, das schöne englische Gesicht Jennys war unbewegt von dannen gefahren, eine einzige Thräne von ihr wäre mir trostreicher gewesen, als die ganze Theologie, die um mich 165 her ihr Wesen trieb. Ach, und ich und Halle, wir waren Beide so alt geworden? Man muß alte Plätze und alte Liebe nicht wiedersehn, wenn man rückwärts sieht, muß man nicht genau hinsehn, dafür haben die Gebrüder Schlegel die Romantik erfunden. Ich stieg wieder hinunter auf den Markt, und da sah ich ihn noch einmal vorüberarbeiten, der den Herrn Christus am meisten inkommodirt, den modernen Propheten Obadja; – Tholuck, der Gespensterhafte, steuerte mit all seinen Gliedmaaßen durch die Wüste des hallischen Marktes und mit ihm seine schlotternden, zerbrochenen Beine und seine großen Füße. Es wackelte noch wie sonst jedes einzelne Glied unheimlich an seinem Körper, es war noch die ganze Gespensterwirthschaft im ganzen Aeußeren des Mannes, und das magere Knochengesicht nickte noch immer schauerlich auf und nieder; ich glaube, er wird im Sarge noch nicken, und sein Auge wird im Sarge nicht verstorbener aussehen als jetzt. Früher hatte ich gelacht, und ich dachte, mit der Zeit wird er sich wohl aussöhnen mit Gottes schöner Natur und den hallischen Eierkuchen, und wird sich ein Weib nehmen, und die Freude nicht mehr für eine Sünde halten. Jetzt schauerte ich beim Anblick dieser apokalyptischen Figur, dieses christlichen ewigen Juden. Es war ein nebliger, garstiger Tag in der guten Stadt Breslau, als des Goldschmieds Tholuck 166 eheliche Frau statt eines gesunden Jungen ein vergelbtes Blatt der Offenbarung Johannis aus dem Mutterleibe gebar, worauf Himmel- und Höllenfratzen beschrieben stehn. Wenn das Wissen und der Verstand und die Phantasie dieses Blatts in einem gesunden Menschen wohnten, dacht' ich bei mir, er müßte ein scharmanter Bursch, ein ungestümer Poet sein. Und ich ging wieder traurig hinaus nach Giebichenstein, um mich von Halle zu erholen. 167     Ich weiß nichts auf der Welt, was die Wissenschaft so verleidet als die ächten Professoren, namentlich die Theologen und recht systematisch berühmte Philosophen. Wenn die kleinen Kinder spielen, und darüber uneins werden, ob's im Himmel rosenroth oder himmelblau aussieht, so ist das spaßhaft, wenn aber die alten großen Kinder mit grauen Haaren bei heutiger aufgeklärter Zeit einander tödtlich befehden, weil der Eine sagt, der Himmel sei rosenroth, der Andre, er sei himmelblau, so ist das langweilig und schmerzlich. Die Menge braucht Beschäftigung; wir müssen für uns etwas zusammenkonstruiren, was hinter dem Blute und über der Luft ist, der gescheidteste Mensch braucht seine Poesie, wie der stärkste Mann der süßen Ruhe bedarf. Aber diese Armuth an Phantasie, sich Jahrhunderte lang mit denselben Bildern herumzuschlagen, diese Armuth an Kultur, sich um des 168 Kaisers Bart, den Keiner gesehen – tödtlich anzufeinden, ist doch maaßlos betrübend. Herr Tholuck und Herr Wegscheider wiesen sich heut noch, wie vor sieben Jahren die Zähne, weil der letztere den Teufel nicht leiden, der erstere ihn durchaus nicht fahren lassen wollte. Und nun werden die armen Teufel am Ende drehend vom immerwährenden Kreislaufe, ein Paar hundert Leute sperren die Mäuler dazu auf, oder schreiben gar darüber, und jene gerathen immer tiefer in ihre Teufeleien, und halten sie für unumgänglich nöthig für's Bestehen der Welt, und so entsteht die Theologie. Es konnte einst ein Hofnarr durchaus nicht sterben, weil er der Meinung war, das heilige römische Reich ginge zu Grunde, wenn er nicht mehr drüber spräche. Man wußte ihn nicht eher zu beruhigen, als bis man ihm einen neuen Hofnarren zum Einsegnen gebracht hatte, aus den er seine Narrheit übertragen konnte. Er band aber diesem seinen scheckigen Mantel um, und setzte ihm die Schellenkappe auf, und nun war das Werk vollbracht, und er entschlief getröstet. Es kommt nur auf die Mode an: hier ist ein buntes Kleid, dort ist ein schwarzes an der Tagesordnung. Früher wollte ich immer einmal nach Ispahan oder Ellore oder nach Palmyra reisen, um einmal 169 auf den Trümmern einer wunderlichen Vorzeit einzuschlafen, es war mir nur zu weit bis Asien. Jetzt habe ich Halle wiedergesehn, und ich verlange nicht mehr nach Trümmern, sie sind hier so groß wie zu Palmyra, Ellore oder Ispahan, man kann sie bei einem langen Tage auf einem schnellen arabischen Pferde nicht umreiten. Sie sind nur nicht so schön, denn die Schönheit ist in Halle polizeiwidrig, aber was thut das! Eine fressende, bleiche Armuth schleicht durch alle Häuser, die meisten Partien der Stadt sehen lehmern zusammengekrümmt aus, wie vom Schlage getroffen, der braune Torfstaub liegt auf den Straßen, auf den Gesichtern, den Busenkrausen, auf den Kathedern. Jehovahs Fluch ist über die Stadt gegangen. Schon vor sieben Jahren war nicht ein hübsches Mädchen da, und in langen sieben Jahren hat in der verpesteten hallischen Atmosphäre nicht eins gedeihen können. Nicht mit Kaiser Max, Franz v. Sickingen und Götz von Berlichingen schied das Mittelalter, mit den Studenten scheidet es, und ich habe es mit Thränen romantischer Erinnerung gesehen: die Studenten schnüren ihre Bündel. Auf dem Fechtboden war es still wie auf einem Schlachtfelde, worüber Gras gewachsen ist. Gleich einem alten Todtengräber ging der alte Urban im leeren Raume auf und nieder, und sah mit schmerzlichem Auge die leer gewordenen Wände 170 an, wo nur sparsam hie und da noch ein Rappier hing. Wir begrüßten uns wie ein Paar alte Spartaner nach der Schlacht von Chäronea, er sprach nicht mehr vom Spaniol, dem genialsten Hiebe, welchen Miltiades erfunden habe, er sprach von Auflösung der Verbindungen, und das hieß ihm so viel, als Auflösung der Universitäten. Urban war sentimental, das bedeutete ein welthistorisches Unglück. Es giebt keinen peinlicheren Zustand, als wenn man nicht weiß, ob man sich freuen oder sich betrüben soll. So geht mir's mit den Studenten. Ich möchte eine Reform mit ihnen vorgenommen, ich möchte sie nach moderner Freiheit trachten, nicht in der rohen mittelalterlichen sich herumwälzen sehen. Und doch schmerzt es mich, diese jugendliche Poesie den steifen Schulmeisterhänden zum Zerzupfen hinzugeben. Nach dreißig Jahren wird man von fabelhaften Wesen, Studenten geheißen, erzählen, welche Kourage hatten wie die Löwen, und um das Leben und die Freude spielten wie um Spielpfennige. Unsre Studiosen werden die letzten Ritter gewesen sein. Alle Reform, welche die Furcht gebeut, ist eine zitternde, und mit wankender Hand zerschlägt sie die besten Geräthschaften. Auch moderne Ritter könnte es geben. Ja, man baut ein neues Universitätsgebäude in Halle; ich bin darin hinaufgestiegen bis zu den 171 Karzern, deren Anlage allerdings von Humanität zeugt, denn man hat eine bessere Aussicht darin, als in den Auditorien. Früher hatte man in beiden keine, und die Karzer waren raffinirt grausam. Als ich zwanzig Jahr alt war, interessirte es die Universität Halle lebhaftest, von mir zu erfahren, ob ich es wohl für wünschenswerth hielte, daß Teutschland ein Kaiserthum sei, und man holte mich von der Schlittschuhbahn auf der Saale, wo ich ganz anderen Dingen als der teutschen Krone nachjagte, und setzte mich ein halbes Vierteljahr auf's Karzer, und verhörte mich Tag und Nacht wegen der Konstruktion des teutschen Kaiserthums. Da ich aber so wenig davon wußte, wie von dem privaten Lebenswandel der eilftausend Jungfrauen, so folterte man mich mit einer Genialität der Erfindung, wie sie dem besten Novellenschreiber Ehre gemacht hätte. Ich war nämlich von aller Welt abgesperrt durch doppelte Thüren, alle Bedürfnisse mußten innerhalb der vier Wände ihre Endschaft erreichen, sogar vom Fenster und vom Sonnenlichte schied mich ein Gitter, wie man es vor die Kasten wilder Thiere zu machen pflegt. Ich studirte den ganzen Tag des alten Eichhorn Einleitung in's alte Testament, Ségurs russischen Feldzug und Tomes Jones von Fielding, und wenn es dunkel ward, spielte ich wie ein rechtschaffner Romantiker auf der Guitarre, und sehnte mich inbrünstig nach Menschen; 172 ach, die Sehnsucht nach Menschen ist stärker als die Liebe, wer nie gefangen war, ahnt und kennt ihre Stärke nicht. Den schauderhaften Karzerfritz habe ich oft in Ermangelung eines menschlichen Wesens umarmt, und ihn beschworen, mir seinen spanischen Feldzug noch einmal zu erzählen, den er mir schon funfzehnmal erzählt hatte. Und ich warf alle Bücher fort, wenn er von den Todten sprach, die bei Salamanka hoch wie die Häuser gelegen hätten, und vom unmenschlich langen Herzog v. Wellington, der des Nachts auf diesen Häusern spaziren gegangen sei und eine spanische Cigarre geraucht, und gar nicht englisch, sondern teuflisch ausgesehen habe. Der Kerl log ärger als Don Quichote, und was noch mehr sagen will, er log unerhört dumm, aber er log mit einer menschlichen Stimme.   Doch das war nicht die hallische Folter. Wenn ich Guitarre spielte, da eröffnete sich diese bodenlose Raffinerie. Schwermüthig sang ich »Ein Mädchen oder Weibchen, wünscht Papageno sich« und die Riegel klirrten und es huschte eine Gestalt herein, die im Dunkeln Aehnlichkeit mit einer weiblichen hatte. Es war aber die muthmaßliche Tochter des Pedells Seebach, ein von allen Göttern verwahrlos'tes Geschöpf, die Ahnfrau der hallischen Karzer, welche die Geständnisse auspreßte – ach, ich denke nicht gern daran zurück. 173 Es war eine Dummheit, daß ich so schwach war, sie nicht wenigstens im Dunkeln zu lieben! Aber diese Barbarei hat aufgehört, in dieses heitre Licht der neuen Karzer wagt sich kein Fräulein Seebach, das neue Gebäude steht da, wo jene liebenswürdige Kirche stand, welche man zum Schauspielhaus gemacht hatte. Ich hoffe, dieser einzige Gedanke wird Halle unsterblich machen. Es giebt in Halle viel Pietisten. Das find' ich sehr natürlich; den braunen Torfgesichtern, dem Hunger und dem Fräulein Seebach gegenüber verzweifelt man leicht, und läßt den Kopf hängen. Die Hypochondrie und der Pietismus kommen von Stockungen im Unterleibe, der letztere hat es nur mehr unmittelbar, jene mehr mittelbar mit dem Magen zu thun. »Hunger lehrt beten« ist ein altes Sprichwort, und in Preußen, wo der Pietismus eine Zeitlang mehr in der Mode war als die Ueberschuhe von Gummi, die sich nach dem Fuße richten, giebt es viele Arten Hunger. Die Erfinder dieser neuen freien Kunst, des Pietismus, sind nur schlechte Historiker: sie hätten sich eine gelegnere Zeit aussuchen sollen. Es soll ein gottesfürchtiger Jubel ausgebrochen sein, als man die religionslästerliche Theaterkirche niedergerissen, und Tholuck soll allnächtlich mit seiner Schaar eine Stunde am Einsturze gearbeitet haben. Anfänglich hat er es mit stürmischen Reden versucht, und die Mauern wie 174 die von Jericho durch Posaunenschall einzustürzen getrachtet. Aber die Steine sind ohne biblische Bildung gewesen, durch frivole Komödienworte verhärtete Herzen, die Arbeit ist trotz aller Teufelsbeschwörungen immer langsamer und schwerer gegangen. Seit jener Zeit ist der Pietismus etwas in Mißkredit gekommen. die Klassensteuer ist nicht ermäßigt worden, man nimmt wieder freundschaftlicheres Interesse am Teufel. – – Wenn ich nur schon Studenten in diesem Hause sähe. Ein Aufseher des Baus, der einen genialen grünen Flauschrock mit einem Aermel trug, weil der Träger nur einen Arm besaß, wußte Rath. Er sprach im plurali majestatis : »Wenn wir etwas nicht anders zu gebrauchen wissen, so machen wir eine Kaserne draus.« Ach, die Kasernen! Auch eine Promenade wird angelegt. Ich fürchte, Halle soll ernstlich verschönert werden. Das könnte ein ernstliches Unglück geben. Es ließ sich einst eine alte, schmutzige Frau, die viel historische Freunde hatte, jung machen, und nun kannte sie Niemand mehr, und es liebte sie Niemand, weil sie nicht hübsch genug war. Viele Dinge haben nichts zu verlieren als ihre Geschichte. Die Professoren haben die Geschichte ihrer Unfehlbarkeit verloren, und haben nur ihre Besoldungen noch, und wenn auch die aufhören, dann wehe den 175 Liberalen: die ganze Scholastik stürzt sich mit ihrem unersprießlichen Gequäk unter sie, und wo diese Lohnbedienten der Wissenschaft auftreten, da bleibt wenig Freude übrig. Sollten die Universitäten aufgehoben werden – woran ich für meine Person in einer gewissen Ausdehnung nicht zweifle, – so ist das so wichtig, als die Abdankung des letzten römisch-teutschen Kaisers, Franziskus des Zweiten. Und eine neue Klasse von Armagnacs entsteht in den eigentlichen Universitätsphilistern, teutsche Guerillas voll gefährlicher Intrigue, denen man das Schlachtfeld genommen hat, und welche sich vom studentischen Umgange Kourage und Unternehmungslust angewöhnr haben. Wäre es noch möglich, daß der Liberalismus der Welt entwendet werden könnte, diese akademischen Armagnacs würden an ihn erinnern wie graue Sturmvögel auf dem Meere an die Nähe des Landes. O, in diesem unersprießlich breiten Halle liegt ganz Teutschland mit seinen kreisenden Wehen: mir graut vor seinem Schmutz auf Straßen, auf Gesichtern und auf Kathedern, mir bangt vor dem Reinwaschen. Was wird für eine trockne Nüchternheit zum Vorschein kommen, wenn der langsame Sieg endlich ein vollständiger wird. Nur der Kampf ist interessant, der Sieg ist noch langweiliger als die Unterdrückung. Wenn man um mich herum flucht, so segne ich die jetzige Reaktion, welche einem guten Verstande, wenn auch nicht dem besten, Ehre macht. Unsere Truppen sind auch gar zu undisciplinirt, und ein frühzeitiger Triumph hätte vielleicht breite Prosa und jakobinische Unflätherei zum Vorschein gebracht. Das Todtenlied der unsterblichen Gironde hat auch mir oft um die Ohren geheult. Und doch wächs't uns mit der Verzögerung eine lange Waffe entgegen – die Gleichgültigkeit. Wer interessirt sich Jahrelang mit Feuereifer für die häusliche Einrichtung. Und doch muß man Gestrüpp nicht scheuen, um zur Aussicht zu kommen, und doch ist es wie die ewige Roma eine markerschütternde Poesie, der himmelstürmende Gedanke der Freiheit, der uns immer wieder emporhebt, sobald man ihn ausspricht, und doch ist es ein ganzes Leben werth, für etwas zu leben. Ich will sie nicht fragen, die eisgrauen Hallenser Gesichter, welch' einen Mittelpunkt ihr Dasein gehabt, ich will nicht für sie erröthen, will diese aufgeputzte Armuth nicht sehen. Aber ich drücke auch die Augen zu über Halle: nichts soll mir die Freude verkümmern, daß es Dinge giebt, für die wir unser Herzblut vergießen, daß es Lieder giebt, für die wir sterben, daß es viele tausend 177 Teutsche giebt, welche die Freiheit anbeten, ohne für sie zu sündigen. Und die süßen Girondistennamen, der Feuer redende Vergniaud, der königlich schöne Buzot, der Jugend blühende Barbaroux, ich habe sie in Halle nicht vergessen. Wer bist du langer, unbeweglicher Mann mit dem grauen Barte und dem leblosen Gesichte, der du wie der steinerne Gast halbe Tage lang am Fenster stehst, und herübersiehst auf den Embryo der hallischen Promenade und das Haus von rothen Ziegeln, was sie die neue Universität nennen? Ich sehe keine Girondistenhumanität in deinem Gesicht, der harte, unverbesserliche Emigrantenzug starrt um deine Lippen, der alte Egoismus des Adels sitzt auf deinen grauen Augenwimpern, und läßt sich auf- und niederheben. Steht mir bei, ihr langweiligen, nordischen Götter – es ist Friedrich, Ritter de la Motte Fouqué! – An der Beresina soll Napoleon ein Gespenst erblickt haben, ich weiß, wie es ausgesehn hat. Die Gespenster sind keine Geister, und Geister sind keine Gespenster. Friedrich, Ritter de la Motte Fouqué, du hast den »Zauberring« gefunden, und er läßt dich nicht wieder los. Du bist unschuldig an deiner Thorheit. Wo sich unter den Föhren des 178 Oderufers in Schlesien das Kloster Leubus erhebt, da ziehe hin, dort weilt Undine, dort seufzt die Quadratur des Staates, welche du statt des Schießpulvers erfunden hast; ich hege keinen Groll gegen dich, ich kämpfe nur mit Lebendigen. Vier berühmte Restaurateurs lesen nichts von dem, was über sie geschrieben wird: Carl v. Bourbon, sonst genannt der zehnte, Wilibald Alexis, ein junger Anfänger, bei dem man auch nach der Charte speisen kann, Henrik Steffens, der philosophische Dichter aus Norwegen, der auf schönsten und gewaltigsten Pferden ohne Zügel reitet, und darum nimmer reiten lernt, und Herr v. Fouqué aus dem Stamme der Nibelungen. Eine hohe fürstliche Person war kurz vorher durch Halle gereis't, und hatte sich sehr angelegentlich mit dem Rittmeister, Herrn v. Fouqué unterhalten. Sollte der Rittmeister v. Fouqué je sterben, was ich mir zu bezweifeln erlaube, so stirbt er gewiß an keiner ordinären bürgerlichen Krankheit, an welcher jeder Lump sterben kann; er stirbt am Adel, wie Abälard an der Liebe. Beide glaubten an die Auferstehung ihrer Krankheit. Der Don Quichote hat mich nie amüsirt, und ich hab' es immer meinen Freunden nicht geglaubt, wenn sie sagten, er mache 179 ihnen Spaß. Zum kindlichen Spaße war mir die Sache zu ernsthaft, und zum Ernste zu kindisch. Aber ich habe dem Don Quichote auch nie gezürnt, und der Ritter Friedrich de la Motte Fouqué ist der Don Quichote der nordischen Ritter und Edelleute, Peter von Kobbe aber aus dem Lande Hannover ist sein Sancho Pansa. 180     Leipzig. Die Straße von Halle nach Leipzig ist so zweifellos und uninteressant, daß sich auf ihr durchaus nichts ereignen kann. Und Leipzig hat auch die Merkwürdigkeit, daß man das Meiste darüber zu schreiben vermag, wenn man es nicht gesehen hat. Je länger man da lebt, desto weniger weiß man darüber zu sagen. Wenn man ein bürgerlich hübsches Mädchen sieht, so kann man allenfalls hinterdrein mit ihr schwärmen, falls man gerade nichts Besseres zu thun hat; kommt man aber öfterer mit ihr zusammen, so bleibt nichts Besseres übrig, als sie zu heurathen. Und von solch' einer Heurath weiß Niemand viel zu erzählen. Ich wollte nach Paris reisen, und blieb in Leipzig, und schrieb über die teutsche Literatur und das Leipziger Theater, und wurde kein Revolutionair, wie meine Mutter hoffte, sondern leider ein solider Mensch, 181 der zwei und zwanzig Stunden auf seinem Zimmer ist, wenn's regnet; spaziren geht, wenn die Sonne scheint, vor jedem anständigen Menschen den Hut abnimmt, seine Miethe richtig bezahlt, und hoffentlich einen guten Ruf hat. Dieses ist aber die Hauptsache in Leipzig, denn die Stadt ist sehr gottesfürchtig und hat viel Religion, namentlich grassirt das sechste und siebente Gebot.   Das öffentliche Leben einer Handelsstadt sind die Course, die Preise der Waaren, der größere oder geringere Transito. Der Kaufmannsstand ist einer der nützlichsten, aber die Beschreibung seines Lebens ist die langweiligste, denn das Einmaleins ist seine wenig variirte Grundform, die Wechsel sind seine Poesie, aber nicht wirkliche Wechsel, sondern – nicht doch, wirkliche, richtige Wechsel. Die Poesie selbst, vorzüglich die romantische, ist sein baarer Gegensatz – von den Dichtern Phöniziens, Karthagos, des alten wimpelreichen Venedigs sogar, des reinlichen Hollands meldet uns die Geschichte nichts; ewig wiederkehrende Ordnung ist des Handels Grundlage, die der Poesie aber reizende Verwirrung, Abwechselung, bunte Unordnung. Dort der Vortheil, ein vertrockneter Gesell in dauerhaften Lederhosen, hier die Lust im bunten, fliegenden Gewande. Nur England macht im Einzelnen von den Handelsnationen 182 eine Ausnahme, im Ganzen ebenfalls nicht, denn seine Poesie gehört den Individuen, nicht der Nation. In Leipzig hat man Zeit zu weitläufigen Exkursionen, die Novellen und Begebenheiten, welche Einem unter den Augen herumlaufen, sind so dünn und unscheinbar, daß man sie leicht übersieht. Vielleicht fallen später, wenn ich mein Gedächtniß umschüttle, ein Paar kleine Bettelgeschichten heraus; bis dahin halte ich's dem Charakter Leipzigs für homogen, mich in eine Parallele der teutschen Handelsstädte mit dem Handelsstande Englands zu vertiefen. Wenn die Lokrer zu den olympischen Spielen kamen, so sangen sie nicht von Lokris, sondern von sonst etwas, damit sie doch einige Aussicht hätten, den Preis zu erringen. Es hat sich Vieles zusammengefügt, um in England mehr Poesie zu erzeugen. Die verschiedenartigen Bestandtheile des Landes, die abwechselnden Eroberungen, der große Besitz Einzelner, die dem Vortheile nicht mehr nachzujagen brauchen, der Torysmus, haben Viel dazu beigetragen, daß ein Handelsstaat wie England so reich an Poeten geworden ist. Und es wäre vielleicht ebenfalls niemals dahin gekommen, wenn sein Handel nicht erst der Schutzgeborne der letzten Jahrhunderte wäre. Alle Elemente englischer Poesie datiren von früher; Leipzig könnte höchstens seine Schlachtfelder daneben stellen, 183 und das verschmäht es. Ich habe alle Winkel dieser Felder von Breitenfeld bis Wachau, von Liebertwolkwitz bis Möckern und Waaren bei Sonnen- und Mondschein durchkrochen, nirgends erinnert ein Zeichen daran, daß hier Europas Schicksal zweimal gewendet, daß das ultramontane Römerthum, und das halbmodernde Franzosenthum hier besiegt worden ist. Und doch hält man viel auf die Konstitution, und den Protestantismus, und doch waren die Schlachten bei Leipzig immer protestantische Schlachten, die sogar noch mehr versprachen, als die —sche Konstitution. Nur bei Schönfeld, in dessen Nähe die sächsische Armee überging, und Bernadotte gegen seine Landsleute schießen ließ, steht noch ein zerschossenes Gebäude, was mit seinen offnen Wunden an die Schlacht der blutigen Octobertage erinnert, in welcher man um die teutsche Freiheit focht, und von welcher Kohlrauschs Geschichte für die Jugend erzählt, daß sie vorzüglich durch die Preußen, die Sachsen und Bernadotte gewonnen worden sei. – Das zerschossene Haus bei Schönfeld, und Poniatowskis Denkmal im früher Reichenbachschen Garten, was jetzt für vier gute Groschen angesehen werden darf, sind die einzigen poetischen Erinnerungen Leipzigs an seine Schlachten. – In Irland, dem alten grünen Erin, sang der Katholizismus, sang ein lebendiges trotz der 184 nördlichen Lage heißblütiges Volk schon von früh auf, die Davidsharfe ist sein altes Wappen und noch viele der heutigen Herren englischer Dichtkunst sind Irländer, wie Thomas Moore, der die Muthlosigkeit hatte, Lord Byrons Leben zu verfälschen. Der schwellende grüne Rasen, der duftige melancholische Nebel, die Einsamkeit der großen Insel, das ewige Meer, dessen Gunst und Willkühr das Land fortwährend Preis gegeben war, der gesangesreiche Katholizismus, dem das Volk sich schwärmerisch hingab, weil seine Nachbarn ihn verfolgten, die scharf geprüfte Nationalität, lange Zeiten politischer Unterdrückung – Alles das half den Iren dichten, ein über die gewöhnlichen Bedürfnisse des Essens und Trinkens erhöhtes Leben führen. Nichts von alle dem wurde Leipzig. Seine Natur ist platt und gewöhnlich, mit Mühe werden ihr einige Gedanken anerzogen, kein Berg begränzt die Aussicht, und läßt Schönheiten jenseit seiner Höhe ahnen, keine Höhe gewährt einen weiten Blick, der in seiner unbestimmten Begränztheit Träume, Wünsche, schweifende Gedanken erregte. Man weiß, wohin man rings gehe und das Auge sende, man weiß, was man hat, es ist nichts zu hoffen, nichts zu fürchten, und Alles was fertig ist, wird prosaisch, nur das Werdende reizt. Frühzeitig sind auch die besten Elemente des 185 Katholizismus ausgerottet worden, die Kinder sind schon im Mutterleibe vernünftig, und verstehen die vier Species, wenn sie auf die Welt kommen. Nichts blieb von jener Mystik mit den Engelsstimmen, denen der Bürger an trüben Sonntagen horcht, nichts blieb von den Gesängen mit den Zauberworten eines verhüllten Jenseits, nichts von dem Zauber der geheimnißvollen Kirchen. Die letztern sind protestantisch weiß angestrichen, und der Himmel ist aufgeklärt wie eine Wassersuppe. Man erwartet sicherlich von mir keine Klage über das gestürzte Schicksal der Hierarchie, des Katholizismus, der in seiner Stabilität alle Vernunftthätigkeit aufhob, ich spreche nur von seinem, das Maaß überschreitenden Gegensatze, dem nüchternen Protestantismus. So wie die nächsten Schüler eines Meisters des Meisters Lehre am weitesten übertreiben, so ist der Umkreis Luthers, wo er sein Reinigungswerk begann, der Strich zwischen Elbe und Saale, am dürrsten protestantisch geworden. Da werden alle höheren Begriffe zu kleinen Nürnberger Holzpuppen gemacht, die man auf den Glasschrank stellen, allen Besuchern zeigen und bis in die kleinsten Theile erklären kann, man hat das ganze Bischen Religion auf einem Papierstreifchen in der Tasche, neuere Zehn-Gebote, meist Verbote, man weiß alle Poststationen, Meilensteine, Wirthshäuser 186 im Himmel auswendig, man weiß ganz genau, wie viel der Herr Petrus Trinkgeld verdient. Man strotzt von moralischen Grundsätzen, von frommer Gewissenhaftigkeit. Und jede äußerste Richtung führt die Intoleranz an der Hand, und streichelt ihre grämlichen, runzlichen Wangen, der Zelotismus ist ihr Laufbursche. Da wird schonungslos geurtheilt über das, was aus dem breit getretenen Gleise herausschreitet, ohne Erbarmen verdammt; ein zelotischer Protestantismus ist schlimmer als die spanische Inquisition. Diese richtete die Menschen nur einmal hin, jener aber thut's alle acht Tage einmal. Weil jede Thätigkeit der Phantasie von vornherein abgeschnitten ist, bleibt auch keine übrig für Auffassung von Erscheinungen, die nicht in das gewöhnliche Rechnungsexempel gehören. Der Schauspieler und der Markthelfer werden nach demselben Katechismus gerichtet. Die Freiheit des Individuums geht unter, Alles wird Schema. Die meisten norddeutschen protestantischen Handelsstädte sind Lykurgs eingeengtes kastrirtes Sparta mit der schwarzen Suppe übelschmeckender Moral. Wie kann bei solcher zusammengeschnürten Gemüthsthätigkeit einer Stadt je das Herz warm aufgehen! Es ist auffallend, wie viel mehr Blut, Wärme, Leben in Städten gefunden wird, welche einem gemäßigten Katholizismus, oder einem mehr indifferenten Protestantismus 187 angehören. Bei heutiger Zeit, wo man mehr und mehr die dogmatistische Thorheit einsieht, in religiösen Dingen scharf zu bejahen und scharf zu verneinen, ist der sonst so tadelnswerthe Indifferentismus ein Fortschritt der Bildung. Das Pfaffenthum jeder Art, was allein Recht haben will, gehört zu den Emigranten und den alten Moden; und das dogmatistische Pfaffenthum ist ein weiter Begriff, alle supernaturellen Systematiker haben Platz darin. Wollte ich jene Parallele mit Irland auch rücksichtlich der ausgeprägten Nationalität fortsetzen, so würde ich auch nicht viel Erfreuliches sagen können. Teutschlands Allgemeinbildung hat durch unsre Menge Natiönchen außerordentlich gewonnen, die dadurch immer wach erhaltene Eifersucht hat viele Thätigkeiten geweckt, der Grad von wissenschaftlicher Freiheit, den Teutschland noch immer gehabt, ist vielleicht nur dadurch erhalten worden, daß sich die verjagte in dreißig verschiedene Schlupfwinkel retten konnte. Aber das Wohlbefinden und Gedeihen der Einzelnen hat sicher dadurch gelitten – ich gedenke dessen hier natürlich gar nicht, was wir als politischer Körper dadurch eingebüßt haben, das weiß Gott und der Freiherr von Gagern am besten, oder richtiger der Freiherr von Gagern und der Herr Gott, denn der Freiherr von Gagern weiß Alles besser. Wie viele Unarten sind durch diese kleinen 188 Nationalitäten erzeugt worden. Die Kleinstaaterei ist das Vorbild der Kleinstädter geworden; sie ist vielleicht der Ursprung des teutschen Philisterthums. Das Philisterthum ist aber ein ächt teutsch nationaler Begriff. Die Leute werden gewöhnt, ihren Ideenkreis nicht über einen kleinen Raum, oft nicht über ein Paar Meilen weit auszudehnen. Sie lernen in Duodezschrittchen leben und denken, und wenn man das auf die meisten Geistesthätigkeiten ausdehnt, so ist der Philister fertig; denn Philister ist eben der, welcher mit dem kleinen, ihm angelernten Maaßstabe Alles, auch das Größte, mißt. Und nah bei einander wohnen jene rationellen Thätigkeiten, wenn zehn Gedanken immer nur von Leipzig nach Dresden fahren, so thun es bald auch hundert. Und wie viel Menschen sind froh, wenn sie ihr ganzes Leben über nur zehn Gedanken gehabt haben, lebt doch hier ein stiller Schriftsteller, Ernst Ortlepp, schon mehrere dreißig Jahre von dem Gedanken, daß er ein verkannter Klopstock sei. Ich habe lange nicht daran glauben können, daß ein kleiner Staat wie Sachsen sich so streng sächsisch erhalten, sich so bestimmt absondern könne von seinen Umgebungen, und doch ist es so. Es liegt nicht blos daran, daß die angränzenden Staaten unter andern Formen regiert werden, wie wohl das einen anders sich gestalteten Haß erzeugt hat, es liegt 189 ursprünglich nur daran, daß es keine Sachsen sind. Ist es doch zwischen Bayern und Würtemberg, ja zwischen den andern noch kleinern Staaten ähnlich. Wie wird dadurch der menschliche Geist, der unaufhörlich die Schwingen nach größerer Ausdehnung lüftet, zusammengedrückt. Es ist eine so eifersüchtige Familienwirthschaft in Teutschland, und unser Erbvater hat uns ein so verwickeltes Testament mit allerlei Kodicillen hinterlassen, daß kein fröhliches Zusammenleben abzusehen ist, bis einst über Nacht Belsazars Hand erscheint, und das alte Testament mit schwarz und rother Tinte ausstreicht. Wir sollen Brüder und Schwestern bleiben in Teutschland, und nicht alle ein Gesicht bekommen, aber wir sollen eine einige Familie werden, die ein Herz hat. Es bleibt mir noch Schottland, es bleiben die Eroberungen und der Torysmus übrig, mit denen ich beweisen soll, daß England, obgleich Handelsstaat, nicht so merkantilisch verkümmert sei, als teutsche Handelsstädte, namentlich Leipzig. Schottlands historische Erinnerungen und sein Hochland mußten das Herz frisch erhalten, und gestatteten nicht, daß es zu Guineen verschlagen, zu Banknoten verschrieben würde. Der Fingalsgesang Ossians, der im Volke fortklingt, erlaubt dem Münzenklange nicht die Alleinherrschaft. Ein Land mit Bergen kann 190 niemals völlig platt werden. Handelsstädte haben keine historischen Erinnerungen, hie und da erinnert sich höchstens ein alter Buchhalter, ob diese oder jene Firma auch vor funfzig Jahren schon solid gewesen sei; damit stärkt man höchstens eine Spekulation aber kein Herz. England wurde von Römern, Dänen, Sachsen, Normännern abwechselnd erobert, die innersten Interessen der Bewohner wurden bis in die Grundfesten erschüttert; solche Bewegung des Herzens erfrischt eine Nation, Bewegung ist zu allen Dingen gut, und wenn nur die Erinnerung an solche Bewegung da ist, so kann das Gemüth nicht ganz verkümmern. Eine Handelsstadt aber haßt jede Bewegung in ihrem Innern, das Schwanken der Kourse, die Unsicherheit des Transitos ist die gefährlichste Krankheit. Und was teutsche Handelsstädte in dieser Rücksicht erlitten haben, das traf die Dächer der Häuser, einige Mobilien und die Geldbeutel. Solche Bewegungen, die nicht in's Mark gehn, regen auch keine tief greifenden Erinnerungen auf, und bringen dem hergebrachten trocknen Geschäftsleben nicht die kleinste Blume. Die Tories in England, vielleicht wie Makintosh vermuthet, die reinen Nachkommen der zuletzt herrschenden Eroberer, der Normänner, müßten nun in Vergleich gebracht werden mit den Nationalitäten in unsern Kaufmannsstädten, und was jene im Großen 191 zur Belebung der geistigen Richtungen ihres Landes gethan, das sollte nur im Kleinen von diesen gefordert werden. Man zeihe mit Recht jene Tories des ekelhaften aristokratischen Stolzes, man gestatte aber das Zeugniß, daß sie jede Ausbildung der höheren Thätigkeiten freigebigst unterstützt haben. Sie sind die Mörder Napoleons und Lord Byrons, und dennoch war es immer ihr Ehrenpunkt, Englands rationelle Notabilitäten zu begünstigen. Wo haben sich das die Millionairs der teutschen Handelsstädte je zu Schulden kommen lassen! Es ist möglich, daß die Tories nicht so großmüthig geworden wären, hätten ihnen nicht die sogenannten Nachkommen der alten Sachsen, die Whigs gegenüber gestanden, von denen sie sich nichts zuvorthun lassen wollten. Aber findet man nicht in den Handelsstädten alte und junge Reichthümer, Häuser der Tories und Whigs; macht die Eifersucht aus Filzen humane Menschen? Kinderlosen unfruchtbaren Neid gebiert sie, größere Habsucht. All diese Anregungen führen bei uns zu garstigen Uebeln, wie ein Spieler, der einmal im Verlust ist, immer mehr verliert, je höher er pointirt. England ist also kein Widerspruch, daß in Handelsstaaten die besseren Beschäftigungen des Geistes und Herzens verkümmern. Zu Leipzig genirt allerdings kein Adel, hier ist er 192 todt, aber hier ist das Terrain, was die Civilisation betrifft, wenn jene Geburtsvorzüge abgethan sind, hier kann man die zunächst eintretende Geschichtsphase studiren. Die Ahnen sind ausgelöscht. Das Reich der Bildung sollte anheben, dazwischen schiebt sich plötzlich noch jenes Etwas, was so wichtig und merkwürdig geworden ist, das Geld . Es ist die ewige Verwechselung zwischen Mittel und Zweck, Weg und Ziel, Kleidung und Mensch – die Industrie wird nicht befördert, um das Leben zu sein, sie soll nicht an die Stelle des Lebens treten: sie soll das Leben erleichtern, und das erleichterte Leben sollen wir dann erst verschönern lernen. Alles was wir jetzt erstreben, ist erst das Werkzeug zum Glücke, die Kaufleute machen aber das Werkzeug zum Zwecke. Sie betrügen uns um unsere Civilisationsarbeit, sie müssen bereits eben so bekämpft werden, wie der Adel. Und sie sind schwerer zu bekämpfen, weil sie jünger und dümmer sind. Ihre Waffen, die gelben Louisdor, weiß jeder feige, dumme Kopf zu führen, die des Adels, die Ambition und die Erinnerungen bedurften der Uebung. Ihre Verdienste sind keine Vermächtnisse auf späte Zeiten, die man studiren muß, ihre Wechsel lauten au porteur und müssen auf Sicht gezahlt werden. Sie gewinnen in einem Jahre so viel Terrain, als der Adel in einem Jahrhunderte. 193 Der Ursprung des Adels war doch eine Art von Poesie, glänzende Vorzüge sollten doch wenigstens sein Vater sein – die Fratze entstand erst dann, als die Vorzüge allgemeiner geworden und die Adeligen in dem lächerlichen Irrthume waren, sie noch allein zu besitzen. Aber selbst der Schatten dieser Tendenz hob doch oft noch die Einzelnen dieser Kaste aus der Masse, Einzelne wollten wenigstens edler sein. Aber der Kaufmann will nur reich sein, zum Reichwerden braucht er keinen inneren Vorzug, und er will nichts mit dem Reichthume als den Reichthum. Er ist der neue Philister, der bis jetzt Frankreich betrogen hat, und uns Alle auf lange Zeit betrügen wird, wenn wir ihn nicht im Schach erhalten. Für die Komptoirs haben wir den Adel und die Regierung des Herkommens besiegt. Freut Euch das, Ihr revolutionairen Sünder und Götter? Ich glaube kaum, daß bei diesen bockledernen Herzen etwas Anderes, als »der Schrecken,« das historische Wort Dantons » la terreur « verfängt. Sie müssen so lang eingeschüchtert bleiben, bis sie lieben gelernt haben. Sagt man doch, daß die Weiber den Mann am innigsten lieben, den sie vorher am meisten gefürchtet – die Kaufleute sollen die Menschen fürchten, um sie zu lieben. Solche bedenkliche Dinge kommen Einem zu Sinne, wenn man lange in Leipzig lebt. 194     1813. Wenn man stetig in einer Stadt lebt, so schickt sich's nicht mehr, auf Abentheuer und Novellen auszugehn. Die Leute nehmen das übel, wenigstens die Leipziger. Sie meinen, der gute Ruf litte darunter. Ich glaube das gern, denn die Leute verstehen sich auf den Ruf, der Ruf ist ein Artikel. Aber Leipzig hat auch vor den Thoren ein Schlachtfeld, wo viele tausend Leute mit gutem und schlechtem Rufe todtgeschossen worden sind. Zu denen geh' ich, mit denen unterhalt' ich mich über vergangene Zeiten, und was die Welt gehofft und gefürchtet hat bei der Schlacht bei Leipzig. Es ist nur traurig, daß die Todten, so laut sie reden, doch nicht verstanden werden. Und es ist so traurig – ach, ich mache mir oft Vorwürfe darüber, – daß ich immer die Plätze der französischen Marschälle suche, die doch meines Vaterlandes Feinde waren, und auf meine Brüder 195 einhauen ließen, und namentlich den Platz des Marschalls der Marschälle, der so viel teutsche Mädchen unglücklich gemacht hat. Kann ich dafür, daß die Poesie die Tochter des Genies ist, daß sie nur die Größe und den Glanz und die Herrlichkeit liebt, und dem guten Willen, ja dem besten Willen den Rücken wendet? Ist es meine Schuld? Ich hab' es lang mit den Alliirten gehalten, aber sie konnten mir nichts mehr zu essen geben, sie waren fertig mit ihrem Bischen Ruhm; ich werde sie immer mit Pietät behandeln, mehr kann ich als rechtschaffner Poet nicht versprechen. Der Himmel weiß es, wie ich mir die wackern preußischen Freiwilligen vergegenwärtige, so oft ich nach Möckern komme, wo sie gefochten haben wie die Helden, oder wenn mich gar das Pferd nach Lützen hinüber trägt, wo sie gefallen sind wie die Helden. Aber es fehlt ihnen das historische Fundament für mein Gedächtniß. Die plötzlichen Dinge der Geschichte gehen auch plötzlich vorüber. Preußen und Berlin sind nie so liebenswürdig gewesen als im Jahre 1813, wo sie den Muth hatten, zu zürnen, und die besten Söhne hinzuschicken unter die Kugeln. Und wenn man das teutsche Philisterleben kennt, so weiß man, daß solch Verdienst zehnfach anzuschlagen ist. Ich weiß noch, wie wohl es 196 uns that, als nach der Schlacht an der Katzbach die ersten Freiwilligen zu uns in's Quartier kamen: die Figuren schwankten noch wie die Gerten, es war noch keine empirische Konsistenz darin, die dünnen Stutzbärtchen kamen erst schalkhaft schüchtern zum Vorschein, die Hände waren noch fein und weich, sie waren noch nicht durchgegriffen, die Wäsche war viel zu fein für das Feldlager, sie trugen noch Ringe an den Fingern und goldne Uhrketten und weiche Papierstiefeln, und sangen Körner'sche und Schenkendorf'sche Lieder. Ich sah meinen Vater den Kopf schütteln zu den weichen Rittern, er hatte die Schwülenhand manches alten Franzosen, der in Italien und Spanien mitgefochten, gefühlt, er hatte die verwitterten Gesichter, die undurchdringlichen Bärte der alten Kerntruppen, er hatte ihre klassischen zweifellosen Augen gesehn, und er schüttelte den Kopf zu unsrer jungen Romantik. Damals betete ich alle Abende vor'm Schlafengehn und wenn der Vater am Tage die Zeitungen bekam, da betete ich noch einmal für unsre Freiwilligen, und ich habe an jedem neuen Morgen gefragt, ob ich die Nacht über nicht groß geworden sei, um auch mitzugehn mit den blanken Reitern. Und wenn ich heut aus den Thoren von Leipzig gehe, so wendet sich mein Fuß immer nach Probsthaide und jenem Thonberge hin, wo die Franzosen 197 so fürchterlich nicht mehr um den Sieg, nein, um ihr Leben und um ihr Frankreich fochten, wo Er saß mit dem Fernrohre und dem ruhigen Gesichte. – Ich muß mich erinnern lassen, wenn ich einmal auf der andern Seite über Möckern und Waaren hinausgehen soll, wo die liebenswürdigen Freiwilligen standen und fielen und standen. Es fällt mir wohl ein, wie sie den Livius und Ovid und sonstige Klassiker bei sich geführt und im Bivouak lateinisch gesprochen und ein klassisch Leben extemporirt haben, aber wenn ich zurücksehe und mein Auge in der Runde umherjage, da schwinden diese kleinen Dinge wie lustige Morgenträume vor der steinernen Wirklichkeit jener Heldenrunde. Dicht hinter mir seh ich den Ney, le brave des braves , eisernen Fürsten von der blutigen Moskwa, den neuen Bayard, le chevalier sans peur et sans reproche, drüben am Konnewitzer Holze, den schönen, schlanken Poniatowski ritterlich und unglücklich wie sein Volk, der nur einen Tag lang Marschall von Frankreich war, drüben bei Wachau fliegt der fabelhafte, närrisch tapfere neapolitanische König Murat daher vor den galoppirenden Schwadronen, mit den triumphirenden Straußfedern auf dem Barett, dem leichtsinnig fliegenden spanischen Mantel, dem orientalisch prächtigen Kamisole, den schreiend rothen Hosen, den kecken persischen Stiefeln. Er war der Komödiant der großen Armee; er spielte 198 seinen Helden konsequent im dichtesten Kugelregen, und der Feind wurde blaß, wenn der bunte Charlatan, in seinen goldnen Bügeln sich wiegend, heranstürmte. Und weiter hin findet mein Auge die stolzen, marmornen Köpfe Augeraus und Victors bei Probsthaide und Regniers bei Stötteritz, und auf dem Thonberge da drüben sitzt stumm und schweigend der Gott dieser Helden, und regt sich nicht, ob Alles um ihn erschüttert wird von der doppelten Ueberzahl des Feindes, und regt sich nicht, und zuckt mit keiner Miene, als neue Kanonen von Taucha her ihre gefährliche Melodie anfangen, und der fluchende Lärm durch die französischen Bajonnette springt »das sind Bernadottes Kanonen,« und zuckt mit keiner Miene, als die Adjutanten melden, daß die Sachsen unweit Schönfeld übergehn und die Kanonen gegen die Franzosen wenden, und steigt stumm auf den Araber, und winkt den Garden, und fliegt hin über Stötteritz unter die Kugeln. – Da wird mein Auge mit ehernen Banden gefesselt, und der Fuß wird nachgezogen, und ich eile hastig zurück durch Leipzig nach dem Thonberge, und wenn mir Bekannte begegnen und fragen, so erwidre ich eiligst: »Ich führe meinen Unterleib spaziren, und mein Auge findet Poesie.« Dort find ich freilich nicht Livius noch Ovid, aber die Bulletins von Montenotte bis Dresden liegen 199 schlagfertig auf allen Lippen, und wenn ich auf dem Thonberge ankomme, wo er saß, und der Mond geht auf und gießt sein Dämmerlicht über die Leipziger Ebene, die auf lauter tapfren Leichen schläft, da geht das Jahr 1813 und meine Kindheit vor mir auf, mein Auge füllt sich mit Thränen über das Gemisch von kleinen und großen Erinnerungen, und ich spüre es nicht, daß ich mich erkälte und den Schnupfen bekomme. Auf dem Thonberge bei Leipzig saß er zum letzten Mal auf dem Throne, der Napoleon, der jetzt todt ist. Es wird nur diejenigen Leute wundern, welche keine Poesie der Geschichte ahnen, welche für ihre kleinen Augen nichts Großes brauchen, daß jetzt so Viel über Napoleon geschrieben wird. Es wird eine Zeit kommen, und sie ist nicht weiter als der Tod der jetzigen Mannesgeneration, wo man meilenweit wallfahren wird, um einen von uns aufzusuchen, die wir in frühen Jahren den Napoleon noch gesehen haben. Diejenigen von uns, welchen die Natur silberweiße Haare gewährt, sehe ich auf den Plätzen der freien Städte sitzen und wie die alten griechischen Rhapsoden die große Zeit und den großen Mann erzählen, wie jene Griechen die irdischen Thaten ihrer Götter auf den Plätzen sangen. Die Erscheinungen jener donnernden Jahre sind so fabelhaft, daß sie mit Sturmeseil in den fernen Nebel weiter Vergangenheit 200 zurückeilen, daß schon jetzt eine blau und rothe Romantik sie verherrlicht, und über wenig Jahre wird man uns nicht glauben wollen, daß wir die Garden nach Rußland marschiren, daß wir jene Titanenschaar der Marschälle, daß wir ihn gesehen haben. Unter den letzten Regierungsjahren des Tiberius wohnte unweit Roms in kleinem Landhause ein alter Römer, der hatte in seiner Jugend den Julius Cäsar gesehen, als er aus Afrika und Spanien zurückkam, wo er die letzten größten römischen Männer überwunden; er konnte die Erdkreisstirn, die Imperatorennase und den geschlossenen, verschwiegenen Mund beschreiben, und sonst konnte der alte Römer nichts. Und doch gab's keinen beliebteren Mann als ihn zu Rom: vom Morgen bis zum Abende kamen die jungen Römer zu ihm und er mußte erzählen von Cäsars Stirn und seiner schweigsamen Lippe: und mit Ehrfurcht betrachtete man ihn, der den Julius Cäsar gesehen. Cäsar gab allen Herrschern seinen Namen, bis auf die heutige Stunde nennen sich die Mächtigsten nach ihm Kaiser, das heißt Cäsaren, sogar Napoleon that's – könnte die Zeit noch einmal so zurückfallen, daß Einzelne sie beherrschten, sie würden nicht mehr Kaiser, sondern Napoleons heißen. – Und man wundert sich, daß wir erzählen, was wir von ihm gesehn! Das Bedürfniß eines Gottes liegt tief in der menschlichen Brust, und wenn's auch 201 Voltaire nicht just so meint, wie ich's hier anführe, so war es doch sein größtes Wort: »Wenn's keinen Gott gäbe, so müßten wir einen erfinden.« Und allüberall suchen wir die Manifestation dieses Gottes, unser Herz braucht etwas, das es verehre, und wenn wir nichts Größeres haben, so erwählen wir uns ein Mädchen, und beten dies an, und überschütten das Kind mit allen göttlichen Eigenschaften. Und wenn der Verstand auch über das Götzenthum hinaus ist, das Herz liebt und braucht seine Irrthümer, und die Mutter läßt sich ihr Kind nicht nehmen, wenn man's auch besser erziehen will. Die Poesie des kleinen menschlichen Herzens rankt sich gern an Personen, Blut liebt Blut, und der größern Poesie der Weltgeschichte bleiben jene gewaltigen Dinge, die größer sind als Personen. Ich glaube nicht, daß unsere Gedichte je der Persönlichkeit werden entbehren können. – Auf der Reise, die ich hier erzähle, habe ich außer Luft und Erdboden nichts so oft gesehen, als Napoleon, ja an manchen Stellen ist er noch heute Luft und Erdboden. Von der Moskwa bis an's Kap Vincent, und von den Eisbergen Norwegens bis an die Quellen des Nils, ja bis tief in den stillen Ocean, bis zu jener einsamen Insel, dem steinernen Sarge des modernen Gottes, kann man nicht einen Tag lang reisen, ohne dem Cäsar Napoleon zu begegnen. 202 Wo sein Fuß nicht hinkam, da sieht man die Spuren seiner Hand, jener schönen weißen Hand, auf die er so eitel war, und Frankreich, Teutschland und Italien waren seine Wohnzimmer, warum soll ich an all' den klassischen Stellen vorübergehn, ohne seiner zu erwähnen, da ich doch einer der letzten Römer bin, welche den Cäsar gesehen, als er aus Afrika und Spanien kam. Jene saueren zusammengeschrumpften Gemüther, denen die Napoleonspoesie ein Gräuel ist, werden sich trösten, wenn sie hören, daß ich Napoleon gehaßt habe, so lange er lebte, und zwar so gehaßt habe, wie ich ihn jetzt liebe. Findet man's doch oft, daß aus den Gegensätzen die größten Bäume wachsen. Wenn man Napoleons Geschichte schreibt und kein Gedicht schreiben will, so soll und muß man auch anders sprechen, als wir von ihm reden. Nur mit innerem Grimm hatte ich ihn bewundert, denn ich war ein guter Patriot, so lange ich jung und dumm war; als ich aber seine helenischen Memoiren las, da stürzten mir die Thränen aus den Augen: da sah ich jener klassischen Weisheit auf den Grund, da erkannte ich, daß der größte Mann vieler Jahrhunderte gestorben sei, den man lieben müsse, auch wenn man ihn bekämpfe. Ich werde nie seine Geschichte schreiben, denn Liebe kann man nicht unbefangen beschreiben, aber ich werde ihn besingen, wo ich kann. 203 Wenn man mich peinlichst inquirirte. so könnte ich's nicht beschwören, daß ich ihn gesehen habe. Und doch hab' ich ihn gesehn. Das Gerassel der Kanonen, das Gebraus der Heeressäulen, als er nach Rußland ging, liegt nur wie eine dumpfe militairische Masse in meinem Gedächtniß. Von der Schlacht bei der Moskwa, vom Brande der Czaarenstadt, von der gräßlichen Beresina, dem entsetzlichsten Bilde des Kriegs, was je den Fuß aufs Auge meiner Seele gesetzt, habe ich erst viele Jahre nach der Schlacht bei Waterloo etwas erfahren. Aber in hellem Sonnenscheine liegen die Kriegserscheinungen nach der Bautzner Schlacht in meinem Gedächtnisse, wie sie in Sprottau, einer kleinen Stadt im Lande Schlesien, meiner Vaterstadt, auftraten. Mein Vater nahm lebhaftes Interesse an den Begebenheiten und haßte die Franzosen mit Energie, ich machte ihm Alles nach und haßte sie mit. Eines Tags ging ich mit ihm vom Felde nach Haus, da legte er sich plötzlich auf die Erde und drückte das Ohr an den Rasen, und bedeutete mir, still zu sein, und es auch so zu machen. Ich hörte ein dumpfes Geräusch und es schien mir die Erde leis zu beben. Das ist Kanonendonner, mein Sohn, wahrscheinlich eine große Schlacht. Von diesem Moment an nahm ich zum ersten Mal Interesse an der Welt, ich war erst sieben Jahr 204 alt, und konnte noch nichts als lesen und ein Wenig schreiben. Es war mir so wunderbar feierlich zu Muthe, und ich sah mich nach allen Seiten um, ob keine Soldaten zum Vorschein kommen würden. Die waren aber in gerader Linie wohl an die zwölf Meilen entfernt, und schlugen die erschütternde Kanonenschlacht bei Bautzen. Bald vergaß ich über meinen Spielen die Franzosen. Es kam der Himmelfahrtstag des Jahres 1813, die Sonne schien rührend warm, ich kletterte mit Buben meines Gelichters auf allen Leitern herum, uns war so wohl, als wollten wir in den Himmel steigen. Da warf man uns plötzlich von den Leitern herab, jagte uns aus dem Hause und schloß die Thür zu. Wir waren bei fremden Leuten gewesen. Ich wußte nicht, wie mir geschah – drüben am Markte sprengte ein Kosack mit eingelegter Lanze, das kleine Pferd streckte sich so gewaltig, daß der Bauch das Pflaster zu berühren schien. Das freute mich, ich klatschte in die Hände – meine Mutter, die vorüber kam, faßte mich hastig, und schritt auf unser nahes Haus zu. Ich sah sie fragend an »die Franzosen kommen,« sagte sie, und bald schrie Alles in unsrer Nachbarschaft »die Franzosen kommen« und warf die Thüren zu, verhüllte die Fenster, und der 205 Markt war wie ausgestorben; er hatte keine Augen mehr. Mein Vater ging rekognosciren, und trotz meiner Mutter Flehen nahm er mich mit. Ein Kosackenpiquet ritt vor uns her, einzelne Männer schlossen sich ängstlich fragend an uns an. Als wir über die Brücke kamen, wo sich die Aussicht öffnet, hörten wir ein verwirrtes Brausen, Pistolenschüsse – plötzlich wimmelte Alles, was wir vor uns sahen, von grünen Reitern. Die Kosacken hatten ihre Pistolen abgefeuert, ein erschrecklicher Lärm wie Meeresbrausen erscholl von drüben, wo die grünen Reiter kamen, eine Menge Schüsse knallten, die Kugeln pfiffen über uns hin, die Kosacken ras'ten zurück, einzelne grüne Reiter an uns vorüber ihnen nach. Wir eilten, was wir vermochten. Meine kleinen Beine reichten nicht aus, mein Vater schalt, ich weinte, wir flüchteten uns in ein Seitengäßchen. Da sah ich den ersten Franzosen deutlich an mir vorübersprengen: er saß auf einem großen, braunen Pferde, hatte eine erschreckliche Bärmütze auf dem Kopfe, unter einem breiten Schnurrbarte im Munde steckte der Säbel, in der Hand hielt er den Karabiner, und im Augenblicke des Vorübersprengens schoß er ihn ab hinter einem flüchtigen Kosacken her. Es war ein Chasseur. Jetzt wußte ich, wie die Franzosen aussahen, ich lief nun vortrefflich. Bald waren wir durch die 206 Hinterthür in unserm Hause. Ueber der Hausthür war ein kleines Fenster, ein großer Tisch ward hinter die verschlossene Thür gesetzt, ich holte mir noch ein kleines Bänkchen, von da kuckte ich mit meinem Vater hinaus auf den Markt. Die Mutter bat uns fortwährend, in die Hinterstube zu kommen, sie dachte wie der Strauß: wenn wir nur die Feinde nicht sähen, so sähen sie uns auch nicht. Aber wir hatten eine gefährliche, neugierige Kourage, und wichen nicht von unserm Posten. Vorsichtig sprengten einzelne Chasseurs bis auf den Markt, sie wußten nicht ob sie trauen durften. Das kam mir gerad so vor, als ob ich mit meinen Kameraden hinten auf dem Brauplatze Räuber und Gensd'armes spielte; ich lachte sehr über die furchtsamen Chasseurs, als sie ihre Karabiner luden und ganz langsam in die Glogauer Gasse hineinritten. Eine Stadt, die plötzlich vom Feinde genommen wird, liegt zusammengekauert da wie ein armselig Thier, dem die Klapperschlange langsam näher kommt. Wenn sich, wie hier, auch der Feind fürchtet, so ist der Anblick noch beängstigender. Plötzlich donnerte von der Glogauer Seite eine fürchterliche Kanonenladung. Die Chasseurs, welche eben vorüber trippelten, standen mit ihren Pferden plötzlich elektrisirt, ich purzelte von meinem Bänkchen und klammerte mich an meines Vaters Rockschoß. 207 Auf jener Seite stand nämlich eine russische Batterie; die fing ihr Spiel an, daß mir die kleinen Ohren brummten. Bald antwortete von der andern Seite, von wo die Franzosen kamen, eine noch gröbere Stimme. Da hatte ich den Krieg, und hinter meinem Hausthürfenster fand ich das sehr vergnüglich. Laut flogen einige französische Worte von Reiter zu Reiter, sie schienen von zurücksprengenden Chasseurs auszugehn. Ein fürchterlicher Lärm, der wie Jubel klang, entstand, sie schossen ihre Büchsen in die Luft, ich hörte Fenster klirren, manche Kugeln mochten sich verirrt haben; es begann die Plünderung. Ich wurde mit allen Frauenzimmern des Hauses in den Keller geworfen, das war mir sehr fatal. Die Weiber jammerten, nur unsre alte Köchin war gutes Muths. Sie hatte eine große Kanne Kaffee und eine Tasse in aller Eil gerettet, und tröstete die Gesellschaft mit ihrer Tasse. Das Mitglied was trank, konnte nicht winseln, sie ließ so schnell wie möglich ihre Tasse die Runde machen. Ich lauschte an der Thür; oben gingen klirrende Säbelscheiden auf und ab. Herr Gott, sie kamen die Treppe herunter, die Weiber sanken wimmernd zusammen, meine Mutter gebot mir leise, von der Thür wegzugehn. Es war eine schlechte Bretterthür, herunterkommendes Licht schimmerte durch ihre breiten Ritze, ich konnte mich nicht enthalten, noch 208 einmal durchzusehn, eh' ich der, meinen Namen immer dringender wispernden Mutter gehorchte. Mein Vater leuchtete, bärtige, wie mir's schien, himmelhohe Gestalten von Chasseurs folgten ihm. Jetzt waren sie an unsrer Thür, unsre alte Köchin neben mir betete leise vor sich hin ein Vaterunser, und goß sich eben so leise die letzte Tasse Kaffee ein. Heftige französische Worte, wie Flüche klingend. Sie gehen vorüber nach dem großen Keller. So wie wir deß gewiß sind, hält uns nichts mehr, hinauf in's Haus fährt Alles, und zerstreut sich nach allen Seiten, Einen Blick in's Zimmer werfend, seh' ich einen langen Chasseur die Kommode meiner Mutter ausräumen, eben steckt er das braunseidne Kleid meiner Mutter, was ich so liebte, in den Sack. Das überwältigte mich, und ich schrie: Mutter, der Kerl nimmt dein braunseidnes – – hastig reißt mich meine Mutter von dannen, daß ich auf das steinerne Estrich des Hauses schlage. Die Nase blutet, aber auf und fort gehts nach dem Gartenhause hinter unserer Wohnung. Meine Mutter ist in jäher Hast: der plündernde Chasseur hat sie gesehen, sie war eine junge schöne Frau mit schwarzem Haar und blauen Augen und einer weißen Haut. Wir hörten eine Zeitlang seinen zögernden Schritt hinter uns. Er mochte unsicher sein, ob er eine gewisse Beute der ungewissen opfern sollte. Das Sichre hatte ihn gelockt, wir 209 hörten ihn nicht mehr. Da saßen wir denn in dem weiten leeren Gartenhause, die Mutter, meine kleine Schwester, ich und die alte Hanne mit dem leeren Kaffeekruge, den sie in der Angst nicht aufgab. Die Sonne schien warm und lieb, die grünen Bäume sahen unschuldig und stumm herein durch die hohen Fenster, sie wußten von nichts, dicker Pulverdampf wälzte sich zuweilen zusammengeballt vorüber. Die Mutter ängstigte sich um den Vater, ich fing an, mit meiner Schwester Bohnen zu schieben. Da donnerte und krachte es plötzlich dicht hinter uns, daß die Fenster klirrten. Funfzig Schritt von uns, jenseits des einen kleinen Flusses, der rings um die Stadt fließt, auf einer kleinen Anhöhe, blitzten und leuchteten aus dem dichten Pulverdampf helle Kanonen. Und zu gleicher Zeit erhob sich vorn am Garten, wo unser langer Pferdestall stand, in dem ich immer Wischemann gespielt hatte, weil nie Pferde drin waren, ein toller Spektakel, Pferde stampften, fremde Stimmen lärmten, gelbe Gesichter, wie ich sie in meinem Leben nicht für möglich gehalten hätte, mit krausen Haaren und Bärten, die schwärzer als schwarz waren, streiften im Garten herum, Futter für die Pferde zu holen. Wir waren zwischen zwei Feuern. Nun fing ich an, mich jämmerlich zu fürchten, die gelben Kerle, die wie unsers alten Grabebitters Citrone aussahen, wenn er zum Begräbniß 210 einladen kam, entsetzten mich und raubten mir das Gleichgewicht. Es waren Provencalen, wie ich später erfuhr; wegen dieses unangenehmen Eindrucks habe ich lange nicht daran glauben können, daß die provencalischen Lieder süß und schön schmeckten. Ich dachte immer an jene Citronengesichter mit der schwarzen Einfassung am Himmelfahrtstage. Der alte Grabebitter mußte auch erst sterben, eh ich unbefangen wurde, denn er erinnerte mich immer wieder daran. Und Alles, was sich mit dem Tode beschäftigt, hab' ich von Jugend auf nicht leiden können. Ich glaube, ich würde eher selbst sterben, als mich mit Sterbenden abgeben. Es ist leichter, zu leiden, als leiden zu sehn. –   Bald weint ich aber damals nicht mehr bloß aus Furcht, sondern vor Hunger und Grimm über die garstigen Franzosen, und den garstigen Krieg, meine Schwester weinte vor einfachem Hunger. Die alte Hanne flennte, daß gar keine Aussicht zu neuem Kaffee da war, meine Mutter weinte leise über Alles. Als ich das sah, da schwur ich mir, wie ich später hörte, daß es der kleine Hannibal gethan, die schlimmen Franzosen zu verfolgen und zu hassen, bis sie alle todt wären. So hat Mancher geschworen, der nicht mehr älter werden konnte, als ich, und so ist die Masse 211 altbackner, verstorbener Feindschaft entstanden, die sich noch immer stellt, als hätte sie Fleisch und Blut. Ach, es giebt recht viel unnützen Haß in der Welt; meiner hatte doch einen Anschein von Gerechtigkeit, denn Hunger thut weh, und unser Jammer war sehr groß. Da hörten wir des Vaters Stimme, und Alles jauchzte. Er sagte uns, die Infanterie käme, und die Plünderung sei zu Ende; da habe er uns ein Brot gerettet. Wir kauten und kehrten zurück in unser Haus, wo Alles leer war; nur Hanne weinte noch, weil es keinen Kaffee gab. Später betete sie alle Tage beim Frühstück, und mehrere Mal nach Tisch, »Gott bewahre uns vor der Himmelfahrt der Franzosen« und sie wußte am besten warum. Auf dem Markte ging die Trommel, und Alles lag voll Stroh, und blaue, blasse Soldaten fielen darauf, und baten um ein Stück Brot. Das waren auch Franzosen, ich ward ganz verwirrt. Als ich dem nächsten ein Stück von meinem Brote gab, streichelte er mich, ich erschrack, und verwunderte mich, daß mir nichts geschah, denn ich hatte geglaubt, wo solch' ein Franzose hingriffe, da geschähe ein Unglück. Nun ließ sich auch unser alter Rathsdiener sehn, vor dem wir uns Alle fürchteten, und jetzt dachte ich: nun ist's gut, der wird die Franzosen schon Raison lehren, und wenn sie mucksen, so wirft er sie in den schwarzen Prison. Er sah zwar heute sehr blaß 212 aus, aber als er ganz sanft sprach, was er doch sonst gar nicht that, als er sogar bei einigen Rippenstößen, die ihm verabreicht wurden, sein spanisches Rohr nicht hob, sondern sogar seine Mütze abnahm und ein Kompliment machte, was sonst nur dem Herrn Bürgermeister und dem Herrn Polizeiinspektor widerfuhr, da war ich ganz verdutzt, und bekam durch eine unbewußt in mir vorgehende Schlußfolge einen grausamen Respekt vor den Herren Franzosen, die ja so viel wie unser Herr Bürgermeister und der Herr Polizeiinspektor sein mußten. Er trug Billets in der Hand, die Soldaten kriegten mich beim Ohr, ich mußte ihnen lesen, und die Hausnummern zeigen. Ich führte alle zu uns, weil ich mich auf die Zahlen noch nicht recht verstand, vor den fremden Franzosen mich aber nicht blamiren wollte. Warum meine Mutter kein freundlich Gesicht dazu machte, konnte ich nicht begreifen, je mehr, je besser, dachte ich. Der mich gestreichelt hatte, weil ich ihm ein Stück Brot gegeben, war auch dabei, und hieß Gardy, und war aus dem Elsaß. Er gehörte nicht zur Infanterie, sondern zu den Reitern; man hatte ihm aber bei Bautzen sein Pferd todtgeschossen, und er hatte noch kein neues. Gardy unterrichtete mich zuerst von der großen Armee, er war mein erster Geschichtslehrer. Bald kam ein Rittmeister zu uns 213 in's Quartier, der hatte ein Beutepferd, das bekam Gardy; dafür mußte er die Sorge der Pferde über sich nehmen. Ich ritt mit ihm in die Schwemme, ich saß bei ihm oben auf dem Futterboden, wo er den Häckerling schnitt, was sie in Schlesien »Siede« nennen – paille hachée , sagte Gardy – und hörte mit offnem Munde zu, wie er erzählte. Eigentlich erzählte er gar nicht, sondern er schimpfte und fluchte nur. Er konnte den Kaiser nicht leiden, aber er betete ihn an wie einen Gott, wie die Juden den Jehovah nicht liebten aber fürchteten. Gardy war einer von den jungen Konscribirten, bei Vittoria lag sein ältester Bruder begraben, in der Donau sein zweiter, der dritte war nicht aus Rußland zurückgekommen, »meine Marion wird mich wohl auch nicht wiedersehn«, sagte er, stampfte mit dem Fuße, und fuhr sich mit der Hand über die Augen. So viel ich mich erinnere, war er nicht hübsch, eine kleine, knorrige Gestalt mit einem zugehäkelten Gesicht; er trug einen grünen Husarenpelz, und selten eine Mütze. Mit seinen Kameraden sprach er gar nicht. Durch ihn erfuhr ich denn, daß Napoleon die Schlacht bei Bautzen gewonnen habe. Wenn aber Gardy von den Schlachten erzählte, da war er ein ganz andrer Mensch, da nannte er den Kaiser nur Napoleon, und er sprach das Wort so stolz aus, wie 214 unser alter Rathsdiener, wenn er »Donnerwetter« sagte. Sprach er aber sonst vom Kaiser, so nannte er ihn » l'empereur « und biß die Lippen dabei zusammen, als schmerze ihn etwas auf der Zunge. Ich fragte ihn, wie's denn der Kaiser mache, daß er immer die Schlachten gewinne, und daß er wieder die bei Bautzen gewonnen habe. » Sacre nom d'Dieu! « – rief Gardy – »dafür ist er der Napoleon.« Und nun sagte er unter Fluchen, Napoleon habe bei Bautzen so viel Kanonen zusammenfahren und auf einmal losschießen lassen, daß sie alle gedacht hätten, der Mond fiele herunter. » Ah « – fuhr er ärgerlich fort, und kratzte sich in dem schwarzen dichten Haare – » il est trop grand «. Gardy hielt den Kaiser für ein überirdisch Wesen, und das belegte er durch die Schlacht bei Bautzen. Da habe Napoleon mitten in der Schlacht geschlafen. Als man ihn endlich aufgeweckt, da habe er seine Hand an's linke Ohr gelegt, und den Kopf nach der Seite gebogen, dann genickt, und mit der Hand » oui « gesagt. Und gleich darauf habe man weit links drüben Kanonendonner gehört, und das sei der Ney gewesen, der beste Soldat der großen Armee, den auch keine Kugel tödte, und nun habe Napoleon angreifen lassen, und wie man eine Hand umdrehe, sei die Schlacht gewonnen gewesen. 215 » Ah - sacre nom d'Dieu - il est trop grand «. Von da war das Corps des Herzogs v. Belluno und die Reiterei des General Sebastiani durch die Görlitzer Haide gekommen, dort sei nichts zu essen gewesen, und in Sprottau, dem ersten Städtchen, hätten sie erst wieder Brot gefunden, und ich hätte ihm den ersten Bissen gegeben. Sebastiani's Reiter waren also jene grünen Chasseurs, die ersten Franzosen gewesen, welche ich sah. Später, wenn ich von diesem Männchen aus papier maché mit den Schönpflästerchen und dem glatt gewichsten Gesichtchen, wenn ich von diesem schlüpfrigen Sebastiani die neuen zitternden Erklärungen der Nichtintervention las, da hab' ich's immer nicht glauben können, daß jene ersten französischen Reiter mit den grimmigen Bärmützen, vor denen ich mich so gefürchtet, seine Reiter gewesen sein könnten. Als ich später unsern gewaltigen Rathsdiener morsch und weiß und ohne sein spanisches Rohr wiederfand, da glaubt' ich's wohl, daß allenfalls die beiden Sebastiani's eine Figur sein möchten. Für eine statistische Verläumdung halt' ich's aber heute noch, daß der Herzog v. Belluno, jener kühne Marschall Victor, ein Judenjunge aus Dessau gewesen sei. Denn, wie die Leser wissen, bin ich später in Dessau gewesen, und ich weiß, was aus Nazareth kommen kann. Ich kann das durchaus nicht zugeben, um die anhaltinischen 216 Charaktere nicht zu verwischen. Oder ich muß darauf fußen, daß Victor ein ächter, unverfälschter, Jerusalemscher Judensproß gewesen, denn ein solcher ist überall ein neutraler Gegenstand, und wird von keiner andern Nationalität afficirt. Diese furchtbare Konsequenz ist eine historische Größe der Juden, wie mancher andre hartnäckige Jahrtausendfehler, und ich nehme diesen Ausweg auch nachträglich für den in Dessau gebornen und beschnittnen Mendelssohn in Anspruch. Ich wußte aber trotz Gardys Mittheilungen immer noch nicht, was ich mir unter dem Worte »große Armee« denken sollte; da kam der fünfzehnte August, wo Madame Lätitia in größter Eil auf Corsika den Napoleon geboren hatte, und ich erfuhr's auf einmal. Da marschirte Alles, was in der Umgegend von Soldaten lag, über den Markt, und ich sah zum ersten Male die roth, blau und weiß schimmernden Massen, ich sah zum ersten Male hier jene Adler, welche räuberisch unternehmend die Flügel anziehn, als wollten sie über die Sonne hinausfliegen, ich hörte die berauschende Janitscharenmusik des Ruhms, ich sah die ersten Mohren mit den verstorbenen, unerklärlichen Gesichtern, und sie schlugen die Becken zusammen, daß mir die Glieder bebten, ich sah die braunen Sappeurs mit den orientalischen Bärten und den blitzenden Beilen, den unnahbaren Schurzfellen und 217 dem barbarischen Ernste der Gesichter. So hatte ich mir aus Kindergeschichten die alten Rittergespenster und Zauberer gedacht, und ich entsetzte mich, wenn die Kerle ausspuckten, denn dunkelbraun war ihr Speichel und ich wußte noch nichts davon, daß man Tabak kauen könne. Da drückte ich mich furchtsam in den Winkel des Rathhauses, von wo ich zusammengekauert zusah. Und das Marschiren und das Trommeln und das Trompeten, und das Fenster erschütternde Geschrei » vive l'empereur « nahm kein Ende, und immer neue Generale in Gold genäht, kamen vorüber, und der ernste Mund Bertrands, der nicht weit von mir zu Pferde hielt, ward nicht müde, immer mit zu rufen » vive l'empereur «, und Alles hob die Säbel und die Bajonette so hoch die Arme reichten; sogar Gardy kam vorüber im stattlichen Husarenpelz, sein Pferd war blank gebürstet, daß man sich darin spiegeln konnte, und er schrie auch wie besessen, der fluchende Gardy: » vive l'empereur .« Es marschirten die Kolonnen, es flogen die Adler, es jauchzten die Becken, es schrien die tausend Kehlen bis es dunkel ward. Und nun entzündeten sich zu meiner größten Verwunderung über und neben mir alle Fenster des alten Rathhauses; die Lichtsäulen liefen an den Thürmen in die Höhe, durch alle Fenster, über alle Dächer so weit ich sah, und an 218 des gestrengen Herrn Bürgermeisters Haus brannte unter einem 13. August ein strahlendes –  N  – so was hatte ich nie gesehn. Nun war das Defiliren zu Ende und die Soldaten zerstreuten sich jubelnd. Der Wein sprützte über die Straßen, die silbernen Napoleonsstücke flogen, meine armen Landsleute, die eine klägliche Rolle dabei spielten, fingen sie auf, ich selbst eroberte ein Frankenstück und kaufte mir lauter Pfannenkuchen dafür, und schmauste und sah zu. Auf dem Markte, auf allen Straßen lagen die bunten, jauchzenden Krieger vor großen Weinfässern, die Illumination leuchtete dazu, und wo ein Mädchen sich sehen ließ, da mußte sie auf's Wohl des Kaisers trinken, und sich zu ihnen setzen und küssen lassen ohne Ende. Alle Häuser standen offen, und wo man hintrat, da trällerten sie Lieder, da umarmten sie einander, da waren sie dünkelhaft, übermüthig und liebenswürdig, da brauste plötzlich immer einmal dazwischen wie ein Windstoß » vive l'empereur ,« und das war die große Armee. Eines Tags sagte Gardy ganz geheimnißvoll, als er mich auf's Pferd hob: Er ist da, du sollst ihn sehn. Als wir nach Hause kamen, wusch er sich, zog seine beste Uniform an, und bedeutete mir, ich möge mein Sonntagsjäckchen holen, das war aber sehr schön, nämlich von grauem Nanking, um die Taille 219 mit einer schwarzen Sammtborde besetzt. Es war gegen Abend und meine Mutter sah mir lächelnd zu, und fragte, warum ich mich so spät noch putzte. Ich durfte nichts sagen, legte den Finger auf den Mund, und zog geheimnißvoll die Augenbrauen in die Höhe. Sie sah mir kopfschüttelnd nach, und erfährt es erst jetzt, zu welcher Kour ich damals gelangt sei, denn ich habe immer davon geschwiegen, wie von einer heiligen Handlung, die nicht entweiht werden dürfe. Ich ging aber damals mit Gardy vor jenes hohe Haus an der Ecke der Herrngasse, wo General Bertrand wohnte. Es wurde, wie gesagt, schon dunkel, und es half mir nicht viel, daß Gardy mich auf ein offnes Fenster im ersten Stock hinwies. Ich sah allerdings eine Figur, die uns den Rücken kehrte, ich sah ein Paar breite Atlasschultern – plötzlich verschwanden diese vom Fenster, ein Wagen fuhr vor's Haus, Gardy nahm mich hastig bei der Hand und zog mich ungestüm an die Hausthür. Hinten an der Treppe erschienen Lichter, zwei Männer kamen langsam den Flur entlang auf die Thür zu. Gardy stieß mich in die Rippen. Der kleinere blieb einen Augenblick auf der Schwelle stehn, und sah nach dem Himmel. Ich machte es ihm nach, und sah auch nach dem Himmel, es zog weicher, seidner Sommer vom Firmamente nach dem Abende hin 220 in das erblassende Abendroth. Dessen erinnere ich mich deutlich; das Gesicht des Mannes gefiel mir indeß damals nicht besonders, es sah wie von Wachs aus und hatte keinen Bart. Der kleine dreieckige Hut, der auf dem Kopfe saß, mißfiel mir entschieden. Aber dennoch rieselte mir ein solcher Respekt durch alle Glieder, daß ich der festen Meinung wurde, der Mann sei ein Verwandter vom lieben Herrgott. Wäre er nur größer gewesen, hätte er einen langen Bart gehabt und keinen Dreimaster getragen, so hätte ich ihn für den lieben Gott selbst gehalten, denn als er das Auge niederschlug, sah er mich einen Augenblick an. Da wußt' ich nicht, wie mir geschah; es war mir, als sei ich in der Kirche, und als bekäme das braunschwarze gemalte Auge Gottes, was oben an unserm Altar in einem Dreieck hing, Leben und Bewegung. Es war Alles ganz still, auch der Mann mit dem Auge Gottes sprach nicht. Plötzlich wendete er sich zum General Bertrand, sagte » bon soir, mon cher ,« stieg eiligst in den Wagen, und fuhr davon. Wir standen noch lange da, und rührten uns nicht. Gardy war sogar mehrere Tage hinterher ganz still. Als ich nach Hause kam zog ich sacht mein Sonntagsjäckchen aus, ging nicht zum Abendessen, sondern legte mich in's Bett, machte die Augen zu 221 und sah unverwandt in das Auge Gottes, und hörte fortwährend: » bon soir, mon cher .« Meine Mutter, die sich gewundert, daß ich nicht gegessen, kam mit Licht, und sah, ob ich schliefe. Ich machte die Augen nicht auf, ich regte mich nicht. Am andern Morgen wußt' ich nicht, ob die Sache wirklich passirt sei, und darum weiß ich's auch heut nicht ganz gewiß, daß ich's beschwören könnte, ob ich den Kaiser Napoleon gesehen. Ich weiß zwar noch, daß meine Mutter fragte, warum ich nicht zur Nacht gegessen, und weshalb ich mir das Sonntagsjäckchen angezogen habe, der braun schwarze Glanz vom Auge Gottes schimmerte ebenfalls heut noch in meiner Seele; ich will's aber der Romantik halber unentschieden lassen. Gardy mußte bald darauf marschiren, ich ging neben seinem Pferde bis vor's Thor und weinte sehr. Die Franzosen gingen alle fort, auch der große Sergeant, der bei unserm Nachbar im Quartier lag, und der einen so großen rothen Backenbart hatte, immer schneeweiße Hosen trug, kerzengerade ging, fortwährend von der großen Armee sprach, uns Alle auf das übelste behandelte, kurz, der ein unausstehlicher Mensch war, um dessentwillen ich lange Zeit die Franzosen gehaßt habe. Auch der mußte 222 marschiren, und bald war kein Soldat mehr bei uns; mein Vater sagte, der Waffenstillstand sei zu Ende. Ich spielte nun mit meinen Kameraden Soldaten; wir hatten aus einer alten Rumpelkammer einen dreieckigen Hut erbeutet, den kriegte immer der Anführer des Spiels, und hieß dann »der Napoleon.« Wir haßten ihn alle sehr, gehorchten ihm aber ohne Widerspruch. Eines Tags ward plötzlich ein großer Trupp Gefangener in die Stadt gebracht, wir hörten, daß an der Katzbach unter dichtem Regen und dichten Mänteln eine Schlacht geschlagen und von den Franzosen verloren worden sei. Ach sie sahen so jämmerlich aus wie unser alter Bettler vor'm Thore. Sie waren so schwach, daß sie immer niederfielen, und wenn sie fielen, da schlugen sie die Gensdarmes mit den blanken Klingen. Ich mußte bitterlich weinen, und hätte den armen Leuten gern geholfen. Zu meinem Schrecken erkannte ich auch den garstigen Sergeanten unter ihnen, und ich wußte gar nicht, wie ich mich dabei benehmen sollte. Er war todtenbleich, und ein rother Säbelhieb, den ein kleines Tuch schlecht bedeckte, ging über sein ganzes Gesicht. Aus allen Häusern brachte man große Körbe Brot, die garstigen Gensdarmes wollten auch das nicht einmal. Freilich waren's dieselben Franzosen, die uns Alles, auch meiner Mutter das braunseidne Kleid 223 genommen hatten. Aber die armen Menschen winselten vor Hunger. Ich bat meine Mutter um einen großen Korb, und stahl mich hinter einem Gensdarmes mitten in den Haufen hinein. Ach, was sah' ich da für blutige, verschwollene, von Jammer auseinandergeschnittne Gesichter. Ein armer Franzose, dem eine Kugel im Halse steckte, schrie unaufhörlich vor zerstörendem Schmerz, es hätte die Pflastersteine erbarmen mögen. Seine Augen und Hände krümmten sich nach einem Stück Brot, ach und er konnte den Mund nur öffnen zum herzzerschneidenden Jammergeschrei. O, was bin ich da böse auf den Krieg geworden. und ich habe jene Scenen nie vergessen können, und meine Civilisationsgedanken haben sich immer unwillig gesträubt gegen die rohe Waffenentscheidung. Henri, Henri! rief's hinter mir. Himmel, jenes abgerissene Gesicht, in welches die verwüsteten Haare hineinhingen, war es nicht Gardy! Ach, leider war er's. Oh, wie verhungert fiel er über das Brot her. »Er hat uns verlassen,« sagte er, »darum hat man uns geschlagen.« In der größten Bewegung lief ich nach meinem Vater. Wir wollten ihn losmachen, um ihn bei uns zu behalten, wir sagten, daß er den Napoleon hasse, und ein halber Teutscher sei, ach, sein Gesicht bat so kläglich um Freiheit. Umsonst. – Noch heut seh' ich die schwindelnde 224 Hoffnung in seinem Gesicht jählings kopfüber herunter auf das Pflaster stürzen, noch hör' ich die Schmerzensworte » Oh Marion, j'avais raison! « Wie eine Heerde Vieh wurden sie fortgetrieben, laut schluchzend lief ich mit, den armen Gardy im Auge. Vor'm Thore stieß mich ein Gensdarmes mit der Säbelscheide, daß ich niederstürzte, und lang nicht aufstehen konnte. Fort ging der Zug, und ich hörte noch lang sein jämmerliches Winseln. Seit jener Zeit kann ich die Gensdarmes nicht leiden. Den armen Gardy hab' ich nicht wieder gesehen; wenn ich einmal nach Frankreich komme, will ich mich nach seiner Marion erkundigen. – – Es war schon lange hohes Gras über diese meine Kriegserinnerungen gewachsen, als ich auf dem Thonberge bei Leipzig bei dämmerndem Mondscheine wieder lebhaft des Jahres 1813 gedachte. Jetzt übersah' ich ihn im Ganzen diesen vierten Akt der großen Napoleonischen Tragödie, das Jahr 1813. Ich sah's, wie die Waffen von allen Seiten gegen ihn herandrangen, wie Duroc neben seiner Seite bei Reichenbach erschossen wird, ohne daß er es gewahrt; ich sah seinen Schmerz, mit dem er sich einschließt und keinen Menschen zu sich und zu den Gedanken an die Leiche seines Freundes läßt. Die ganze Armee erhält keine Befehle, weil der Kaiser 225 um einen Freund trauert. Ich erkannte jetzt jenen düstern Waffenstillstand, mit dem er selbst die Zeit gewährte, daß sein Unglück reif werden konnte. Während ich die ersten Franzosen sah, grub man bereits ihrem Kaiser das Grab. Damals wohnte er in einem kleinen Hause zu Dresden und regierte zum letzten Male halb Europa, verschanzte sein letztes Bollwerk, die Dresdner Gegend, wünschte zum ersten Male lebhaft den Frieden, weil er ihn brauchte, und sprach zum letzten Male den Metternich. Als der Kaiser lebhaft mit ihm im Zimmer herumgeht, fällt ihm sein kleiner Hut auf die Erde, und Metternich hat die Kühnheit, jenen kleinen Hut, vor dem Europa sich gebeugt hatte, nicht aufzuheben. Napoleon muß sich selbst darnach bücken. In diesem Vorfall mit dem kleinen Hute liegt die Schilderung des ganzen damaligen Zustandes. Man bückte sich nicht mehr vor Napoleon, sein vorletzter Akt war da. Ich weine aber nie so beim Tode selbst, als wenn ich die Anzeichen sehe, daß ein großer Mann sterben wird . Die Todesangst ist schlimmer als der Tod. Und nun brechen die letzten Scenen donnernd herein. Kaiser Franz verläugnete seine Liebe zu Napoleon und zu seiner Tochter, Oestreich trat zu den Alliirten. Sieg und Niederlage des Hauses Habsburg gegen Frankreich waren immer gleich 226 schmerzhaft: für die Revolution fiel Marie Antoinette, für den Frieden zu Wien Marie Louise, die beide in der Burg zu Wien blond und schön geworden waren. Aus Schlesien drängte Blücher, le sabreur , aus den böhmischen Engpässen die Haupt-Armee der Alliirten. Napoleon schien's zu ahnen, daß ihm einst Blücher ein Hauptstein des Anstoßes werden könne, – er eilte über die schlesische Grenze, und immer noch wird der Strom aufgehalten, wo er sich zeigt. Die Hauptarmee der Alliirten ist auf dem Anzuge gegen Dresden, dem damaligen Schlüssel zu Teutschland und Frankreich. Napoleon kommt bis Pirna zurück. Schon wird Dresden angegriffen, der Marschall St. Cyr schickt die drängendsten Boten, Dresden ist verloren, und der Kaiser ist nicht da. Es war der sechsundzwanzigste August, ein Tag der tödlichsten Angst für Dresden; schon waren die Preußen bis in den großen Garten gedrungen, der alte König von Sachsen, Napoleons treuester Freund, der den Helden liebte wie seinen Sohn, sah trostlos aus dem Fenster seines Schlosses, die ganze Ebene am linken Elbufer war von Alliirten bedeckt, die Kanonen reichten schon bis in die Stadt, die ersten westphälischen Regimenter gingen über, man sprach von Kapitulation und der Kaiser ist nicht da. Zehn Uhr schlägt's in der Stadt, da erscheint im 227 Galopp auf der Elbbrücke Napoleon, hinter ihm kommen die Kürassiere Latour-Maubourgs und die Garde im Sturmschritt, und als ob ein Gott erschienen sei, lebt Alles auf, er ist da, und das Vertrauen ist da. Er eilt, Friedrich August zu umarmen, und die Schlacht zu ordnen, die unglaubliche Schlacht bei Dresden. Man gab die Franzosen auf, und die Alliirten drangen schon zu den Thoren herein. Napoleon wußte es besser, und sagte zum König von Sachsen, er möge ruhig in seinem Schlosse bleiben. Nun stürzen aus allen Thoren die todesentschlossenen französischen Ausfälle. Alles ändert sich wie mit einer Handbewegung. »Der Kaiser ist in Dresden,« ruft Fürst Schwarzenberg, »der günstige Augenblick ist vorüber, denken wir nur daran, uns zu sammeln.« So dachten die Troer nur an Rettung, nimmer an Sieg, wo sie den Wagen des Achilles sahen. Und der Hektor, Karl v. Oesterreich, lag still und verstorben auf seinem Schlosse Weilburg im schönen Helenenthal bei Baden. – Und noch hielt es Napoleon nicht einmal für nöthig, selbst in den Kampf zu reiten, er erwartet auf der Elbbrücke mit Ungeduld die Herzöge von Belluno und von Ragusa. Rings um ihn hielt man Alles für verloren, aber er sagt mit geisterhafter Ruhe 228 und Gewißheit: »Meine Freunde, der Feind wird nicht wieder stürmen.« Und nun reitet er im Galopp nach dem Dippoldiswalder Thore. Wie mit einem Zauberschlage wird Dresden frei, die Alliirten weichen zurück. Es wird Nacht auf der Dresdner Ebene, und der Regen fällt stärker und stärker, die Wachtfeuer leuchten matt wie kümmerliche Siegeshoffnung – einsam reitet Napoleon über das Feld, um den folgenden Tag zu ordnen. Der Tag kommt, und es regnet und regnet unaufhörlich. Um sechs Uhr rückt Napoleon aus dem Freiberger Thore; die gegenüber liegenden Höhen sind noch leer, sein Auge lacht durch den Regen, von jenen Höhen wird die Schlacht gewonnen, von da herunter wird Murat kommen. Die Kanonade beginnt, der Kaiser ist vor dem Dippoldiswalder Thore, das Wasser stürzt vom Himmel, er läßt ein großes Feuer anzünden, und leitet von da die Schlacht. Murat ist auf den Höhen angekommen, der Kaiser läßt die Kanonade in seinem Centrum verdoppeln, die Wolken werden davon in die Höhe gejagt, die Sonne scheint einen Augenblick, man sieht auf den nächsten Höhen viele Handpferde – die Regenten Europas sind einander gegenüber. Die Batterien beginnen auf des Kaisers Befehl neue Lauffener, da die Aufmerksamkeit des Feindes auf diese Seite 229 gelenkt werden muß. Man sieht auf jenen Höhen die lebhafteste Bewegung, ein bedeutender Mann muß getroffen sein. Die Franzosen glauben, es sei Schwarzenberg. Erst am folgenden Tage findet man in Nöthnitz ein zurückgelassenes Windspiel, auf dessen Halsbande steht. »Ich gehöre dem General Moreau.« – Der König von Sachsen schickte dem Kaiser dies Halsband – Moreau, sein gefährlicher Widersacher muß von weit her über's Meer kommen, um von einer Kanonenkugel des Kaisers zerrissen zu werden. Moreau hatte kein Glück. – Unterdeß kommen Murats Kanonen näher, Napoleon sprengt durch einen Kugelstrich nach seinem linken Flügel auf die Pirnaer Straße, und befeuert ihn durch drei Worte. Er kommt zurück – da erscheint der fliegende goldgestickte Mantel und die Reiherfeder Murats, und er stürzt mit Karabiniers und Kürassieren wie das geflügelte Unglück auf die Oestreicher herab. Auf allen Seiten entzündet sich des Kaisers Schlacht aufs Neue, die Artillerie der Alliirten wird schwächer, sie hört auf, es ist erst 3 Uhr, der Sieg ist da. Napoleon ertheilt noch rasch Befehle, und reitet nach Dresden hinein. Das Wasser läuft in Bächen vom grauen Rock und den steifen Stiefeln, die durchnäßten Hutkrempen hängen ihm auf die Schultern, so umarmt ihn, den triefenden Sieger, der König von Sachsen vor seinem Schlosse, 230 wo er vor 24 Stunden nicht mehr sicher zu sein glaubte. Die Schlacht bei Dresden war der letzte flüchtige Kuß des Glücks. Der vierte Akt ging seinem Ende zu. Vandamme verwickelte sich in den Strudel des Rückzugs auf den Nollendorfer Höhen, statt ihn aufzuhalten, und kam drin um. Die Weisheit Napoleons ward vom Unglück zertrümmert. Sein Zug nach Berlin stockte in der Unlust seiner Krieger, welche nach Paris schmachteten, und nur zögernden Fußes die Straße nach Frankreich aufgaben, die Elasticität des Kriegs und Glücks war dahin, und ein verlassener Gott saß er am 18. October auf dem Thonberge bei Leipzig. 231     Das Rosenthal. Es wird in Leipzig sehr viel spaziren gegangen und geritten, die Promenaden sind zwischen den Vorstädten und der Stadt; die Reit- und Fahrwege gehen daneben her, der Reiter kann seiner Dame die Hand reichen, die Dame kann ihr neues Kleid binnen einer halben Stunde mehreren hundert, civilisirten Augen präsentiren. Auch giebt es sehr viel Kinder in Leipzig, ich glaube mehr als Erwachsene, König Herodes hätte hier entsetzliches Unglück anrichten können. Auf der Hainstraße gedeiht eine »Viehversicherungsanstalt für Teutschland.« – Uebrigens hat sich diese Stadt, welche durch viele Jahrhunderte immer der Rücken Europa's wurde, auf dem man von allen Seiten die weltgeschichtlichen Schläge austheilte, wie eine vorsichtige Schöne konservirt. Sie ist ein sein ordentlich, solides Mädchen ohne Leidenschaften, welche Teint und Züge verwüsten, sie hat die Kisten voll weißer Leinwand, den Kopf voll alter guter Hausmittel und Gleichnißreden, 232 das Herz voll polizeigemäßer Zuneigung, die Hand voll zweifelloser, überall gültiger Münze, sie ist um und um eine gute Partie, die junge, erbauliche Kaufmannswitwe Leipzig. Mit roher Hand des Krieges hat man ihr so oft alle Reize angetastet, nach einer Entsagungskur von einigen Jahren ist sie immer wieder hübsch geworden. Nur muß man nicht weit mit ihr schwärmen wollen, sie ist eine Kaufmannswitwe ohne Perspektive. Die Promenaden und vielfachen Gartenanlagen haben wirklich aus der von der Natur sehr mittelmäßig bedachten Stadt einen Ort geschaffen, in dem sich der Frühling passabel ausnimmt. Von der Westseite zwischen den Flußnetzen, welche die Leipziger selbst größtentheils erst seit der Schlacht kennen gelernt haben, ist klingender Laubwald, sein nächster Ausdruck an der Stadt ist das Rosenthal, der einzige Gedanke natürlicher Poesie, der auf das ärgerlichste von allen andern Seiten der Stadt neidisch angesehen wird. Im Rosenthale sitzen die Musen und Grazien Leipzigs, die Musen rauchen Cigarren, echauffiren sich durch Marseiller Märsche und Lorgnetten, kühlen sich durch Eis ab, und sind liberal bis zum Teufelholen, namentlich wenn's kühler wird und sie anfangen Grog zu trinken. Seit den Bundestagsbeschlüssen spielen sie aus Oppositionsgeist täglich Domino. Die Grazien sind sittsam und schlagen die Augen nieder. 233 Mit einem Maskulinum gehn sie nicht eher spaziren, als bis sie mit ihm verlobt sind. So darf Niemand den König von Spanien anrühren, auch wenn er brennt, als sein erster Kammerherr. Solche Gesetze sind aber den Leipziger Grazien eine Kleinigkeit; das Brennen ist ein extremer Zustand, der sich nicht schickt. Ich habe noch keine brennen sehn, wenigstens noch nirgends Feuer und Wärme verspürt. Man kann lodernde Gedanken unter sie werfen, sie blasen sie lächelnd aus, und sagen ernsthaft: das schickt sich nicht. Brave, sittsame Grazien; wegen des Spazirengehns sind auch alle Hübschen verlobt. Wenn man ein schönes Mädchen sieht, so fragt man nicht: wie heißt sie? sondern: mit wem ist sie verlobt? Sachsen ist berühmt wegen seiner hübschen Mädchen, vielleicht hat der bequeme Reim »In Sachsen wo die schönen Mädchen wachsen« dazu beigetragen. Aber vor mehreren Jahren war wirklich eine schöne Generation hier, und wir wallfahrteten von Halle nach Leipzig zum Meßsonntage, um unsern ästhetischen Ideen auf die Beine zu helfen, die in Halle verlahmten. Man reiste wie zu einem orientalischen Bazar und in Rudolph's Garten erschienen die Leipziger Türkinnen unverschleiert, und machten die neueste Mode für Teutschland; man sah ihnen das weltgeschichtlich schaffende Behagen an. Manche mochte 234 sich Wochen lang nicht satt gegessen, und Tag und Nacht Clauren gelesen haben, um in's Modejournal zu kommen. S'ist keine Kleinigkeit in dem Hinterstübchenleben eines Mädchens, abgemalt zu werden wie Fräulein Sonntag und der türkische Sultan, und zwar bloß der Schönheit halber. Daß die Gesichter in den Modebildern alle gleich sind, darauf kommt's nicht an, man erkennt doch das Kleid oder die Frisur, und einst in späten Tagen, wenn der Mann nicht mehr dran glauben will, daß die Frau schön gewesen, da holt sie unter alten vertrockneten Blumen das Kupfer aus der Modezeitung und reicht's ihm mit verwelktem siegreichem Blicke, und der Mann wird wieder stolz darauf, das er eine historische Frau besitzt, und erzählt die Geschichte des Abends in der Ressource oder in der Harmonie oder im Tunnel. Man erzählte mir, als ich auf die verschlechterte Generation anspielte, daß in den letztvergangenen Jahren sehr viel große Häuser fallirt hätten, das wirke stark auf die Schönheit ein. Und die Erklärung ist gar nicht übel. Ueberfluß, Reichthum, Sorglosigkeit, lauter sammtne Tapetenverhältnisse fördern das Gedeihen der Schönheit. Die Kinder rücksichtsloser Liebe sind nicht nur meist Genies, sondern sie sind auch schöner als die Sprößlinge des mühsam geordneten Ehebettes. Ein guter Kalkulator kann keine schöne Tochter haben; wenn der Chef des 235 Rechnungshofes schöne Kinder zeugte, so setzte ich ihn ab, wär' ich sein Herr, denn es wär' mir ein sichres Zeichen, daß er nicht für sein Amt taugte. Es ist traurig, daß die Schönheit so wenig mit dem Gedanken zu thun hat; daß sie eine Entschädigung für die Dummheit zu sein scheint, denn unter zehn schönen Mädchen sind immer neun dumm, und das Land, was am ungebildetsten ist, hat die schönsten Weiber. Wir kommen im Verlauf der Reise hin. Ich spreche natürlich nur von der Formenschöne, denn die Natur hat ein Einsehen gehabt, um die Thätigkeit zu wecken. Die geistige Schönheit läßt sich erzwingen. – Ein Schauspieler, der gern gelobt sein will, nennt mir Leipzig immer »den Mittelpunkt der teutschen Literatur.« Dabei drückt er mir die Hand, und ich verstehe ihn, und schreibe den andern Tag. »Herr X ist ein historischer Schauspieler, dessen Vorzüge nicht bekannt genug sind.« Das Centrum dieses Mittelpunkts der teutschen Literatur ist Kintschy's Schweizerhüttchen im Rosenthale, wenn Nachmittags die Musen Cigarren rauchen und Domino spielen. Von da aus geht Teutschlands Kultur, und die Fremden kommen und sehen sich diese Kultur für einen sächsischen Groschen an, den sie dem Musiker verabreichen. Wenn sie zwei Groschen dafür geben, so ist das schon Luxus. Ist 236 nun gar Buchhändlermesse, so findet man bei Kintschy die literarische Börse; es finden sich auch die ausländischen Schrift-Notabilitäten ein aus den sächsischen, anhaltinischen und Reußischen Herzog- und Fürstenthümern, aus dem Harzgau, aus der Lausitz, aus Berlin, aus Gattersleben, wo Krug von Nidda wohnt. Alte Häuser, die keinen Kurs mehr haben wie Langbein, Müchler und Andre, welche sich im Sterben verspäten, schicken Abgeordnete. Der Kurs der teutschen Literatur wird gemacht. Die Schriftsteller erscheinen in den besten Röcken und den nachlässigsten, genialsten Physiognomien, die sie auftreiben können. Der humoristische Autor notirt seine besten Witze für diese Nachmittage, er hält einen Kreis hungriger Bekannten frei, daß sie um ihn her Spektakel machen, und lachen helfen, er stülpt einen Vatermörder um, und grüßt alle Welt. Der Dichter legt das Halstuch ab, sieht keinen Menschen an, durchwacht einige Nächte, um die materielle Röthe seines unanständig gesunden Antlitzes zu bändigen, und durchsichtiger, lyrischer auszusehn. Er lehnt sich an eine Säule und sieht über das Gewühl hinweg nach den Wolken; wenn ein Sperling zwitschert, so belebt sich sein Gesicht süßsauer auf einen Augenblick, man sieht eine Hymne auf die Natur entstehn. Er raucht nicht, und vergißt zu bezahlen. Der Publizist trägt einen langen verschwiegenen Rock, drückt 237 den weißen Republikanerhut tief in die Stirn, sieht malkontent aus wie eine losbrechende Revolution, streicht sich den Schnurrbart, daß allen soliden Leuten bange wird, geht forschend, aber todtenstill unter den Gruppen herum, drückt hier und da Einem ernsthaft die Hand, und wenn man ihn nach Politik fragt, lächelt er höhnisch wie Robespierre, und spricht: »Wie ich's vor einem Vierteljahre prophezeihte!« Redet ihn ein Buchhändler an, so spricht er ihn sogleich an einen Baum fest, und schweigt nicht eher, als bis der Mann um Gnade bittet. In Teutschland und bei Kintschy ist das Verhältniß umgekehrt: die Buchhändler sind die Herren der Literatur und die Schriftsteller ihre gehorsamen Diener. Es ist wie in den blühenden Zeiten der römischen Hierarchie: nur diejenigen Entdeckungen werden gemacht, nur die Gedanken erfunden, welche die Pfaffen erlauben. Außerhalb der Kirche konnte man nicht leben, jetzt kann's der Schriftsteller nicht außerhalb des Buchhandels. Nur der zahlt einige Thaler Honorar für die sublimsten Gedanken. Das wird nie anders werden, so lange unser Publikum nicht kauft . Man kauft Bänder, aber keine Bände, so geräth unsre Literatur immer tiefer in Schulden, und das Centrum bei Kintschy schlägt immer lebhafter Chamade. – 238 Es wissen's wenig Leute, daß hier am Ende des Rosenthals Seume seine derben Lieder gedichtet hat, und drüben in einem äußersten Häuschen von Gohlis hat Friedrich Schiller das Lied an die Freude gemacht und den letzten Akt des Carlos geschrieben. Das Zimmer ist so niedrig, daß König Philipp nicht aufrecht stehen konnte, und jetzt hängt unter jenen spanischen Fenstern ein betrübtes schwarzes Schildchen mit den teutschen Worten »Bier und Branntwein bei Johann Gottlieb Nietzschke.« – Nördlich und östlich vom Rosenthale der Musen und Grazien strecken langweilige Flächen gähnend ihre bleifarbigen Zungen dem Beschauer entgegen. Um so liebenswürdiger ist es, daß man die Toilettenkünste der Natur erschöpft, um die nächste Umgebung so hübsch als möglich zu machen, und unermüdlich bürstet und putzt, die Reize der spröden Dirne zu kultiviren. Sogar einen kleinen Park hat man zusammenaddirt, mit unglaublicher Anstrengung einen Berg aus Makulatur erbaut und Rasen darüber gedeckt und streng kritisch die Meßdichter hergenommen, um einen Wasserspiegel zu Stande zu bringen. Der Mond lies't darin die schlechtesten Verse, und die einsamen Liebespaare, welche am Ufer wandeln, schöpfen daraus ihre überflüssige Unterhaltung, da es für unanständig gehalten wird, stumm zu küssen. 239 Die gutmüthige Natur borgt ihr Grün, verdeckt Blößen mit freigebigen Aesten und Zweigen, und das Ganze sieht jetzt schon so naiv hübsch aus, als man von einer Gegend nur verlangen kann, welcher die karge Erde kaum die Fähigkeit zum Brotstudium verstattet, alle Genialität aber versagt hat. Einem unermüdlichen Fleiße ist es gelungen, daß man nach zwanzig Jahren nichts mehr davon sieht, wie der Kampf eines ganzen Welttheils seine Zerstörung hier umhergetragen habe. Ein Denkmal im hiesigen Park nennt den verstorbenen Bürgermeister Müller als einen Hauptlenker dieser verschönerten Ausgabe Leipzigs. Solche Leute sollten Plätze in einer Literaturgeschichte der tellurischen Aesthetik erhalten. Sie haben wirksamer für Schönheit gesorgt, als mancher Poet sein Lebenlang. Sie sind die plastischen Künstler des Frühlingsgrüns und Sommerschattens. Die abenteuerliche, romantische Liebe, welche sich auf den Straßen begegnet, die Liebe aus dem Stegreif, erholt sich jetzt allmählig in Leipzig, seit die Kaufleute ärmer und die Bäume und Sträucher reicher geworden sind. Sonst wollte und konnte sie sich nirgends verbergen, jetzt gedeihen schon immer mehr Schattenpartien, und je dichter der Park wird, desto dünner wird die Leipziger protestantische Moral. Die Natur ist den Moralisten nie grün gewesen. Wird gar noch das Rosenthal der Stadt einverleibt, und 240 sein kleines Thor nicht mehr des Abends geschlossen, dann seh' ich tibetanische Rosenfeste beginnen, und ich weiß, was man in den Kirchen predigen, und umsonst predigen wird. Wären die protestantischen Leipziger Historiker, sie ließen das Rosenthal ausreuten, denn von dorther, von jenem immer wiederkehrenden Liebesgrün, jenem beglückenden säuselnden Schatten droht ihrer Armuth das Verderben. Das Rosenthal ist viel zu katholisch, als daß es gelitten werden dürfte. 241     Die Nikolaistraße. Seit anderthalb Jahren bin ich zu wiederholten Malen durch Leipzig gereis't, und ich bin über viele Monate lang da über Nacht geblieben, was Wunder, daß meine Reise hier ein Wenig anhält. Ich muß erst all' die Wirthshauszettel zusammensuchen, welche ich hier bezahlt, damit ich erfahre, was ich hier genossen, sonst fällt mir's nicht ein. In Leipzig hab' ich immer viel Zeit gefunden, nachzudenken, obwohl ich daselbst eifrig an der Weltgeschichte mitgearbeitet, und ein Journal redigirt habe. Ich gebe in dem Buche, was der Leser eben die Güte hat, in der Hand zu halten, und wofür ich ihm meine große Freude ausdrücke, ich gebe in dem Buche allerlei Gedanken und Geschichten, die an meinen muntern Augen seit langer Zeit vorübergegangen sind, ich will ihm auch das nicht vorenthalten, was ich seit Neujahr in Leipzig gedacht und gelitten habe. Denn 242 wenn man eine Zeitlang in Leipzig lebt, so fängt man ein Neujahr an, es ist Alles anders hier, als sonstwo, nämlich die Polizei ist sehr gut, und genirt Niemand und heißt auch nicht mehr Polizei, sondern Sicherheitsbehörde, und des Sonntags, wo andre vernünftige Leute und schlechte Christen lustig sind, da sind die Leipziger gute Christen, und gehen in die Kirche, und lassen Ketten über die Straße spannen, und Wachen ausstellen, daß kein Frevler Gottes Wort störe, und sind sehr still und feierlich, und sprechen vom jüngsten Gericht und vom Teufel und seiner Großmutter, und es ist überhaupt noch sehr viel Religion im Munde der Leute, was doch nirgends mehr vorfällt, und es kommt hier die Leipziger Zeitung heraus, welche selbige doch an andern Orten nicht geduldet würde, wo weniger auf Religion, aber auf Geschichte und Reputation gehalten wird. Es ist Alles anders in Leipzig. Wenn man über eine andere Stadt schreibt, so schreibt man eben über die Stadt, um sie zu charakterisiren, man charakterisirt aber Leipzig, wenn man über alles Andre, nur nicht über Leipzig schreibt. Ich will nicht sagen, daß Leipzig keinen Charakter hätte, im Gegentheil, es ist in Leipzig Hauptsache, einen Charakter zu haben, denn wer keinen Charakter hat, das ist ein schlechter Mensch, und wer seine Miethe nicht bezahlt, der hat keinen Charakter. Ich habe nur sagen wollen, daß 243 Leipzig eine sehr artige Stadt ist, und Einen durchaus nicht nöthigt, über etwas Bestimmtes, Interessantes zu schreiben, es hat so verschiedene Interessen: dreiprozentige, vier-, fünf-, sechsprozentige, die Auswahl ist nur so schwer. Sollten meine Leser nie eine von jenen wohlkonservirten Kaufmannsfrauen gesehen haben, die ein schwer seidnes Kleid, eine schwer goldne Kette und eine schöne Haube, eine sehr schöne Haube tragen, die äußerst höflich, verbindlich, freundlich sind, die Alles vortrefflich finden, was Ihr sagt, ja das Ungezogenste schalkhaft und liebenswürdig nennen, und die, sobald man zur Thür hinaus ist, vom Stuhle aufspringen, entsetzt zum Spiegel gehen, und nicht begreifen können, daß die Polizei, oder richtiger die Sicherheitsbehörde, solche verworfene Menschen, wie Ihr seid, 24 Stunden in der Stadt dulde, daß solche Leute in respektable Gesellschaft geladen werden können. Sollten sie solche Frauen noch nicht gesehen haben, so wissen sie freilich nicht, was es heißt, eine Kaufmannsstadt zu schildern, welcher die Elle aus der Tasche kuckt, auch wenn sie Boston spielt und über das Christenthum oder das Gewandhauskonzert spricht. Liebe und Poesie sind Einseitigkeiten, darum sind sie so schön; weil Leipzig keine Augen und kein Herz hat, darum weiß man nicht, was man darüber sagen soll. Eh' ich nach Leipzig kam, machte ich alle Tage, 244 wenigstens alle Wochen mein Gedicht, wenn's auch nur ein Gedicht für's Haus war. Seit der Zeit, wo ich so lange in Leipzig übernachte, hab' ich keinen Vers gemacht. Aber heroisch wird man; man fürchtet den Tod nirgends so wenig, als hier. – Leidenschaft und Gleichgültigkeit haben oft ein und denselben Ausgangspunkt, Verzweiflung, und wirken darum oft gleich. Ob noch Niemand eine Verzweiflung aus Langerweile gesehen hat? O, ich weiß es jetzt, was englischer Spleen heißt, und ich glaub' es jetzt aus Eitelkeit, daß es die geistreichsten waren, welche sich aus Langerweile erschossen. Ein Dummkopf langweilt sich nicht. Ich war nur noch nicht geistreich genug in Leipzig, sonst säß ich lang nicht mehr drinn. Als einen Beitrag zur Weltgeschichte geb' ich jetzt Gedankenscenen aus meinen drei Absteigequartieren in Leipzig. Ich hatte ein Stück des Nordens gesehn, wie in den vorhergehenden Kapiteln zu finden, und war an keinen Ort gekommen, wo ich hätte bleiben und lachen und sterben mögen. Da kam ich wieder nach Leipzig, und ich nahm mir ernsthaft vor, es solle mir sehr gut gefallen. Es war ein regnerischer Winterherbsttag, die Gasthöfe hatte ich satt, ich nahm einen Eckensteher, belud sein einrädriges Fuhrwerk mit meinen Habseligkeiten, spreizte den Regenschirm aus, und wir stiegen und rollten selbander die Straßen 245 entlang, um eine Wohnung zu suchen, der Eckensteher und ich. Es regnete gräulich, alle Straßen sahen gleich aschgrau, regenverdrießlich aus; der Eckensteher meinte, die Habseligkeiten würden immer schwerer, ich trat in ein Haus, dessen vergelbte Zettel oft verschmähte Wohnungen ankündigten, der Himmel selbst trieb mich hinein. Es war eine Stube wie eine Reitbahn, ich dachte an meine weitläufigen Gedanken – damals wollte ich noch die ganze Welt reformiren helfen – ließ auspacken, zog Schlafrock und Pantoffeln an, und schrieb gegen Ludwig Philipp, der damals schuld war, daß es so garstig regnete in der Welt. Bald ward ich inne, daß es eine garstige Straße sei, aber ich hielt damals entschieden zur Opposition, der Aerger, den ich über die unreinlichen, unersprießlichen Gesichter der Häuser und Hausthüren empfand, war mir willkommen. Ich war noch recht dumm, und ärgerte mich noch über die Welt, und hatte nichts als Liberalismus und Freiheit im Kopfe. Ein Mensch von Bildung ärgert sich aber nicht. Die Straße verengte sich ein Wenig bei meinem Hause, und ganz nahe und mir gegenüber wohnte ein schlankes Mädchen, was sich Wochenlang wunderte, wer der wildfremde Mensch sein möge, der den ganzen Tag lese und schreibe und so grimmige Gesichter schneide. Sie hatte sehnsüchtige Augen, so gewiß 246 supranaturelle Augen, die nach dem Himmel lechzen, aber nach dem muhamedanischen Himmel, wo es alle Tage Ball oder wenigstens Thé dansant giebt, wo lauter junge männliche Engel Galoppade und Kontretanz aufführen, und die Mädchen küssen und drücken, damit diese inne werden, sie seien im Himmel. Und ihre Wangen waren so resignirend röschenroth, wie ich mir immer die Marie Beaumarchais gedacht hatte. Sie saß den ganzen Tag am Fenster, und war immer glatt geputzt, und nähte fortwährend, wenn sie nicht zu mir herübersah. Das arme Mädchen konnte nirgends anders hin sehen, die Straße war zu eng. Solch' ein Mädchen, was ihr ganzes Leben lang näht, ist ein arbeitsames Idyll. Wenn wir auch so genügsam Tag um Tag nähen könnten, ach, wie runde, kunstvolle Bücher könnten wir da schreiben. Wer ein guter Schriftsteller werden will, muß viel bei Mädchen sitzen, die ununterbrochen nähen, und dabei doch guter, sanfter, zufriedner Laune sind. Da gedeiht die Form, welche unser buntes, zerrissenes Leben zerstört. Und dann muß man sehen, was solch' ein anspruchsloses Kind für einfache Bücher lesen und schön finden kann. Der kleine Bruder sitzt auf dem Fensterbrett und liest ihr vor, und die fremden Namen lies't er alle falsch, das schadet aber nichts, sie näht immer fleißig dabei, und versteht ihn schon, und wenn er fertig ist, küßt sie ihn dankbar auf den 247 kleinen Krauskopf, nimmt ihm das Buch ab, schlägt die hübscheste Stelle noch einmal auf, liebt den Verfasser recht herzlich, und trägt die einfache Geschichte acht Tage lang mit sich herum, erzählt sie ihrer Freundin, und je einfacher die Erzählung ist, desto hübscher, einfacher erzählt sie selbige wieder. Solch' ein Mädchen näht und strickt ihre ganze Lebensgeschichte; bis zum dreißigsten Jahre und oft noch länger Brauthemden, durchsichtige Busentüchlein, durchbrochene Strümpfe, nach dem dreißigsten aber dichte, warme Strümpfe, breitgeränderte entsagende Hauben, lange gottesfürchtige Todtenhemden. Ein stilles Mädchen kennt nur zwei Perioden im Leben, auf diese freut sie sich, vor diesen fürchtet sie sich in einem Athem: das ist die Hochzeit und der Tod. Wenn sie eine alte Jungfer wird, so schmerzt es sie am meisten, daß die schöne Hochzeitwäsche, die Aussteuer, umsonst und ungesehen, unbewundert im Kasten liegen soll. Und wenn sie heurathet, so näht und strickt sie ihre neue Geschichte in Kinderwäsche hinein. Meine schlanke Marie Beaumarchais mir gegenüber war nahe am Ende ihrer ersten Periode, ich sah's an dem kleinen Sapphozuge um ihre schmalen Lippen, der oft traurig und voll Cölibats-Ahnung zitterte. 248 Ich schlage mein Leipziger Reisejournal auf, um treuer zu berichten. Das besteht aber aus lauter Briefen an eine »gnädige Frau«, welche sich lebhaftest für Weltgeschichte interessirte und der Meinung war, ich würde ein sehr berühmter Mann werden. Damals schrieb ich den ganzen Tag Briefe über die Menschheit und das Ende der Welt und die teutsche Literatur und meine Leberkrankheit, und über den europäischen Krieg, der kommen müsse; es war so viel Gelehrsamkeit darin, daß ich sie selbst nicht zweimal lesen mochte, und so viel Ingrimm, daß ich jetzt davor erschrecke, aber für die Nikolaistraße in Leipzig find' ich diese Gedanken heute noch sehr natürlich. »Ein Firmament ohne Sonne, wie trostlos – ein Land ohne Freiheit, wie viel trostloser! dort sind doch blinkende Sterne mit Poesietaschen, hier Ordenssterne, womit die Thoren ihre Thorheit zur Schau tragen, und aller Welt verrathen, daß sie kleine Kinder sind, die man auf die Finger schlagen und in den Winkel stellen muß. Ich würde mich nie herablassen, einen Orden zu tragen. Midas war der Ahnherr der Ordensritter, er trug den ersten. Den Trost hab' ich, ich sehe hier in Leipzig keinen Menschen mit dem bunten Spielzeug, ihr Kours steht sehr niedrig.« – – »Ich soll humoristisch sein, schreiben Sie, ich soll spotten und scherzen; – es ist nichts an sich, es 249 ist Alles nur etwas im Verhältnisse, ja als Gegensatz. Wer immer lacht, ist nicht spaßhaft, ein Meer ohne Tiefe lockt nicht – ich bin seit langer Zeit sehr seicht und langweilig. Der Humor ist der Schaum des Herzblutes, ich hab seit langer Zeit nicht Herz, noch Blut. Seit ich die Wasserkur gebrauche, bin ich eine vollständige Amphibie, reif für ein Naturalienkabinet.« – – – »Die Erde bewegt sich, nur wer's zu spät einsieht, und auf Treue und Stetigkeit hofft, wird sehr unglücklich, weil er sehr irrt, und alles Unglück ist ein glücklich gebornes Kindlein des Irrthums. Das größte Unglück aber ist, nicht mehr irren zu können. Ich kenne alle meine Gräber, und um diese Kenntniß bin ich nicht zu beneiden. Diese Anschauung ist theologisch häßlich, ich tadle sie, und schreibe überhaupt ganz andre Dinge, als ich wollte – so wenig kann der Mensch, der Geist knechtet den Geist, die nächste Minute straft die frühere Lügen, Niemand hat Recht, als wer nicht Recht haben will.« – Sieht nicht aus jeder dieser Zeilen die Nikolaistraße in Leipzig, ist nicht die Wasserkur sehr charakteristisch. An mancher Zeit ist's das Beste, daß sie vergangen ist, an mancher Stadt das Beste, daß eine kleine Geschichte darin spielt. 250 In jener Nikolaitenzeit war eine meiner interessantesten Bekanntschaften ein kleiner Kaufmann, von dessen Aermel und Schürze der ganze Viktualienladen widerglänzte. Er hatte gar keine Meinung, als daß man höflich sein müsse, und wollte von Gottes weiter Welt nichts, als alle Tage um einen Groschen mehr verkaufen, wie er den vorhergehenden Tag verkauft hatte. Meine Wirthin holte alles Oel für meine Lampe bei ihm, und weil ich damals noch so viel in Europa und der menschlichen Bildung überhaupt zu ordnen hatte, so brauchte ich sehr viel Oel, weil ich sehr viel schreiben mußte. Dafür hatte er ein Einsehn, und zog sein schwarzes Käppchen, wenn ich an's Fenster trat, um von meinen schwierigen Staatsgeschäften zu verschnaufen. Bald ging er noch weiter, und zuckte die Achseln, und bedauerte mich pantomimisch wegen des schlechten Wetters. Ich ward genöthigt, das Fenster zu öffnen, jetzt sprach er täglich drei Worte zu mir wegen des Wetters. So kam Weihnacht und der Sylvestertag auf der Nikolaistraße heran. Da trat der Mann mit dem höflichen Gewissen in mein Zimmer, machte einige allgemeine Bemerkungen über Kindererziehung und Zudringlichkeit, und lud mich ein, den Sylvesterabend bei ihm zuzubringen. Erstens verbrauchte ich sehr viel Oel und sonstige Gegenstände von ihm, zweitens müsse man den 251 Abend doch einmal reichlicher kochen lassen, und da er von meiner Wirthin wisse, daß ich die Wasserkur gebrauche, so schließe er auch, daß ich keinen Wein tränke, drittens bringe Gastfreundschaft am Sylvesterabende Glück in Handel und Wandel, und viertens sei auch seine weitläufige Verwandschaft, mein Vis à vis da, und man könnte ja nicht wissen \&c. – Das war noch kein Kaufmann, er war erst auf dem Wege, einer zu werden, und darum noch so offenherzig. Ich verstehe nichts vom Handel, und bin ein schwacher Anfänger im Skizziren, aber ich werde mich üben. Das ganze Kapitel gehört zur Handelsstadt Leipzig. – – – Marie Beaumarchais war sehr sittig weiß und schwarz gekleidet, als ich bei ihrem weitläufigen Verwandten in's Zimmer trat, und ward jungfräulich roth, als ich sie begrüßte. Sie dachte gewiß an die Hochzeitswäsche im Kasten, und beklagte mich schüchtern, daß ich so fleißig sei, und mich doch auch noch um häusliche Angelegenheiten, wie Wäsche, Kleider und dergleichen kümmern müsse. Ich lächelte ihr in die supranaturellen Augen und sagte, daß sie Recht habe. Die kleinen Rangen des Krämers machten zwar einen ungezogenen Spektakel bei Tische, aber es thut einem einsamen Nikolaiherzen wohl, in einer Familie zu sein; das Geschrei der Rangen gehörte ja 252 auch zur Familie. Die Feiertage und Sylvester sind die Geburtstage der Familien, man kommt sich verstoßen vor, wenn man sie nicht mitfeiern und Kinder schreien und Klagen über schlechte Zeiten hören darf. Marie Beaumarchais schlug vor, Blei zu gießen; es hatten sich noch einige wahlfähige Mädchen aus der Nachbarschaft eingefunden. Wir gossen Blei und ließen Nuß-Schiffe schwimmen mit Wachslichtern. Man läßt zwei solche Schiffe in's hohe Meer der Schüssel laufen, die neidischen Zuschauer rütteln am Tische, daß sie weit von einander verschlagen werden – das sind die Verhältnisse und die störsamen Menschen – und wenn sich die Schifflein mit ihren Lichtern trotz dem in irgend einem Winkel wiederfinden, so ist der Jubel groß, es geschieht ein Unglück im nächsten Jahre, und die Leute heurathen sich. Wenn sie sich aber nicht finden, und eins oder das andere untergeht, oder einsam bis zu Ende brennt und schwankt, so heurathen sie sich nicht. Und dann ist irgend etwas Unregelmäßiges geschehen, und man fängt die Sache von vorn an, bis sie glückt. Wenn man spielt, so spielt man immer doppelt: mit sich und mit dem Spiele. Die kleine Beaumarchais hatte auch kein Glück. und das freute mich eigentlich, da ich auch mitunter 253 abergläubisch bin, und hierbei nicht ohne Angst war. Ich forderte sie auf – – Jetzt begegnete mir das Unglück, dem ich bei solcher Gelegenheit oft erliege: ich wurde so zerstreut, daß ich mitten im Satze stecken blieb. Ich dachte an das neue Jahr mit aller Kraft meiner Phantasie, und an all seine Schatten, denn Freuden wußt' ich mir nicht zu denken, und nur einer war's, vor dem ich bleich wurde: das ist die Leere des Herzens, mit einem Worte die Langeweile. Und man pumpt einen Brunnen aus, und ich pumpte fortwährend für ganz Europa, und wohnte auf der Nikolaistraße – wo sollte das anders enden als bei der langen Weile. Ich wollte mir durchaus etwas wünschen, und wurde nicht einig darüber, denn ich mochte auch nicht ein so gar nicht beunruhigter König sein, es wäre ja doch auch nichts als eine königliche Langeweile. Da fiel mir ein, ach und die Thränen traten mir in die Augen, weil ich die hinterher kommende Großmuth und Rührung schon mit empfand, ich wünschte mir alle Macht und Herrlichkeit der Erde, kurz ich wünschte Napoleon zu sein, und zwar nur – um aufzuhören Napoleon zu sein, oder was ein und dasselbe ist, ihn zu übertreffen. Nicht wer die Welt erobert, ist der Gott der Welt, wer die Besiegte den Besiegten wieder giebt, der ist es. Aber 254 nicht schenken , nein, als Recht wiedergeben – o wenn der König kommt, den will ich anbeten. Bald zerplatzte dieser Seifenblasenwunsch, und ich knöpfte in der Zerstreuung, um allen weiteren Wünschen den Ausgang zu sperren, meinen langen Ueberrock bis an das Halstuch zu. Und jetzt erwachte ich und sah, was ich angerichtet hatte. Meine Blicke waren fortwährend auf die kleine Beaumarchais gerichtet gewesen, auch meine Thränenvorposten. Sie war verlegen und roth und muthig geworden, und faßte meine Hand – es schlug eben zwölf am Nikolaithurme – und lispelte: Lieber Herr Doctor, was wünschen Sie mir? In der Eil wünschte ich ihr das Nöthigste und Nützlichste, »einen Mann.« – Die andern Mädchen, die mich auch fortwährend angesehen haben mochten, steckten zischelnd die Köpfe zusammen, und Marie Beaumarchais war nicht böse, sondern lächelte wie ein absolvirter Sünder, der seinen Passirzettel für den Herrn Petrus bekommen hat. Mir fiel es aber schwer auf's Herz, wie Irrthum beglücken könne, und daß ich gleich das neue Jahr mit einer Täuschung anfinge. Wer am Besten zu täuschen versieht, ist am liebenswürdigsten, und es übertrifft ihn nur einer: wer am besten zu lieben weiß, denn der braucht nicht zu täuschen. 255 Ach, ich wohnte auf der Nikolaistraße, und durfte keinen Anspruch auf Liebenswürdigkeit machen. Wir gingen nach Hause. Ich war sehr froh, als das Mädchen hinter ihrer Hausthür war; wenn man nicht täuschen will, so ist der Getäuschte ein schmerzhafter Anblick. Sie hielt mich gewiß für sehr blöde, daß ich ihr an der dunkeln Hausthür nur ein steifes Kompliment gemacht hatte. Ich öffnete mein Fenster, um zu sehen und zu hören, was Leipzig mit dem neuen Jahre anfinge. Es fing nichts an, auch die Studenten, die auf allen Seiten wohnten, waren nicht zu hören. Die teutschen Studenten sind gestorben, und zwar aus schuldigem Respekt, weil man ihren Tod dekretirt hat. Es schien mir, als ob eins der zischelnden Mädchen aus unsrer Sylvestergesellschaft an den Häusern hinschlüpfe. Gewiß hatte sie sich von ihrem Studenten ein fröhliches Neujahr wünschen lassen. Die Studenten sind in Leipzig die Hauptquelle des einstigen Ehestandes für die Mittelklasse der Leipziger Mädchen. Die armen Mädchen und die armen Studenten! Zum Lieben passen sie für einander, aber nicht zum Heurathen! Das Herz des Studenten braucht bunte Beschäftigung, und wo er sie findet, da wird er alsbald festgesponnen mit bürgerlichen Verlobungsnetzen, der arme junge Vogel, der noch Jahrelang 256 fliegen möchte. Eiligst wird er zum halben Hausvater gemacht, und was ihm nun noch Schönes begegnet, das ist für ihn verboten, und zwanzig Jahre ist er vielleicht alt. So wird die Jugend frühzeitig gebrochen, und gerade die Besten haben zur Untreu den geringsten Muth – so bäckt man die teutschen Helden, die mit zwanzig Jahren nichts sehnlicher wünschen als ein Aemtchen, sei's um welchen Preis es wolle. Und die armen Mädchen, die Jahrelang warten und hoffen und zagen und darüber vertrocknen müssen wie die Herbstblumen! Wie kann bei unsern bürgerlichen Eheverhältnissen eine starke Generation entstehen! Und diese Studentenheurathen sind namentlich in Leipzig zu Hause. Schon ein altes Sprichwort sagt. Wer von Leipzig kommt ohne Weib, Von Jena mit gesundem Leib, Und von Halle unzerschlagen, Der kann von großem Glücke sagen. Es war eine finstre, ernsthafte Nacht, die Neujahrsnacht; es verlosch immer ein Licht nach dem andern auf der Nikolaistraße, ich hatte lauter schriftliche Gedanken, die gedruckt werden können. Hier folgen sie. Solch' ein Neujahrswechsel ist der deutlichste Beweis, wie die Menschen der Poesie bedürfen, wie 257 sie darnach rennen – sie machen einen willkührlichen Schnitt in die Zeit und heute begeistern sich alle mit Erinnerungen, Vorsätzen. So viel Anlage zu Maschinen, und das Regieren sollte so schwer werden! Ich bin immer frech mit dem Schicksal umgegangen, ich bin nie ein guter Christ, niemals demüthig gewesen, es hat mich oft schon in der Jugend geärgert, daß ich ohne mein Wissen und Willen auf der Welt sei, ich forderte denn auch in jener Nacht auf der Nikolaistraße das Schicksal heraus, und sah ihm stolz in's Gesicht wie einem Polizeikommissarius. Es ist eine Kleinigkeit, die uns die Herrschaft über Leben und Geschick, über das Widerspenstigste, das Ich, also über Alles verschafft, diese Kleinigkeit ruht in dem Worte »den Tod nicht fürchten, zu jeder Stunde sterben können.« Das wissen die Völker der Erde nicht; die Furcht ist die Mutter alles gemeinen Unglücks, und auch die Knechtschaft ist ein solches, nur die Armuth ist ein vornehmes Malheur. Der Muth aber ist das Mysterium der Herrschaft; wer einen ordentlichen gesunden Muth hat, dem würden selbst Gott und Teufel nichts anhaben, wenn sie ihm nicht eben den Muth nehmen könnten. Ein Muth, der dem äußersten Schrecken in's Auge sieht, ohne bleich zu werden, das ist die höchste Potenz der Erde. Das haben unsre Vorfahren gewußt, als sie ihre Söhne nicht blos um Jura, sondern auch um 258 Muth zu studiren, auf die Universitäten schickten. Der Muth ist die Luft des Geistes, der die Fäulniß abhält, der Muth – – Da drüben öffnete Marie Beaumarchais das Fenster, sie hustete leise – mein Muth war hin. Ich stand da mit meinen erschrecklichen Gedanken, wie ein Rekrut, der den ersten Kanonenschuß hört. Sie hustete zum zweiten Male, ich rührte mich nicht. Es war wie gesagt seriös finster, sie konnte nicht genau wissen, ob ich da sei – sie gab mich auf, und schloß ihr Fenster. Ich schämte mich meiner wilden Gedanken, und sagte vor mich hin: Ach wenn die Menschen nur die Freiheit lieben wollten, das wäre genug; denn die Liebe überwindet Alles. Genug davon, ich drückte einen andern Zug meines Gedankenklaviers. Worin liegt denn die Poesie des zwölften Glockenschlages in der Sylvesternacht? – In der Demokratie dieses Glockenschlages. Millionen denken in diesem Augenblicke dasselbe – in der Oeffentlichkeit dieser weltgerichtlichen Verhandlung – Alle wissen , daß Alle dasselbe denken. Es ist der einzige Augenblick, wo man bestimmt weiß, daß Millionen eben in Liebe bewegt werden, sei's auch nur in Eigenliebe – so wohlfeil könnten die Leute die festlichen Stunden haben, sie dürften sich nur lieben und nicht beherrschen wollen. 259 Da schritt unten in einem langen Mantel eine lange Gestalt vorüber, und sagte mit dumpfer Stimme: »Heurathe Marien, und ich werde sagen, du bist ein ganzer Kerl, aber entschließ' dich!« Clavigo, seufzte ich entsetzt, und machte das Fenster zu, und ließ alle Gardinen herunter, und beschloß, sie nie wieder aufzuziehen, so lang' ich auf der Nikolaistraße wohnte. Ob jener lange Mantel mit seiner Carlosstimme, ob er mein oder Mariens Freund war, mocht' ich nicht untersuchen; denn es war mir einerlei. Ich habe jene Nikolaistraße, das heißt symbolisch das Studenten-, Heuraths- und Krämerviertel Leipzigs nie wieder mit aufgeschlagnen Augen angesehn, und es war Winter als ich dort wohnte, ich kann also irren, wenn ich es immer kothig da gefunden habe. Ich habe auch Marie Beaumarchais nie wieder gesehen, und ich weiß nicht, ob sie noch lebt und ihre Wangen noch röschenroth sind, und ob sie je gelebt hat, denn ich hatte mich an jenem Sylvesterabende so tief in Göthe's Clavigo hineingelesen, daß mir ganz dumm war, ich erinnere mich nur noch, daß es mir an Oel zur Lampe fehlte. Zur damaligen Zeit las ich auch alle zehn Bände, ein großes Buch des kleinen Thiers über die französische Revolution, und die hat schon manchen 260 verrückt gemacht. Herr Thiers hatte sie zudem geschrieben, ehe er Minister war. Allmählig merkte ich, daß mein Neujahrsschrecken sich vor und nach Neujahr erfüllt hatte, und daß ich an Leipzig oder mit andern Worten an der Langenweile darniederlag. Ich esse sehr gern Rebhühner. – Mais toujours perdrix! – und alle Leute und Bücher und Blätter, welche zu mir kamen, sprachen von Liberalismus, und von der Freiheit und der Konstitution. Es ist so viel zu reden, und ein halbes Leben dasselbe, das macht stumpf. Die Freiheit ist ja auch erst der Sonnenschein, die Gegend, die wir suchen; wie wir uns in diesem Sonnenschein, in dieser Gegend amüsiren werden, das wissen wir ja noch gar nicht. Wer hält es aus, so lange nach einem lichten Tanzsale herumzustöbern, auf welchem man ein hübsches Mädchen suchen kann, was uns vielleicht erhört. Ich bin nie teutsch genug gewesen, um mit Schillers Mädchen aus der Fremde und mit Glaube, Liebe und Hoffnung zufrieden zu sein. Als die warme Feuchtigkeit von den Fenstern an die Gardinen schlug, und sie anfeuchtete wie Freudenthränen die Taschentücher eines Mädchens, da dacht' ich, es wird wohl Frühling draußen sein, und du wirst dir eine grüne Wohnung miethen gehn, um Leipzig von einer andern Seite zu sehn. 261 Und ich ging und miethete, gab mir Mühe, jene winterliche Seite dieser Stadt und den tödtlich tugendhaften Robespierre, die ich beide damals genauer kennen gelernt, zu vergessen, und diese Mühe ist in vorstehendem Kapitel verzeichnet, welches ich nicht liebe. 262     Reichels Garten und das Hôtel de Bavière . Jetzt sah ich Leipzig von einer ganz andern Seite an, und dabei gewannen wir beide sehr, Leipzig und ich. Zu meinem Erstaunen wurde es Tag, ich hatte immer vergessen, daß meine Gardinen an dem grauen Kummerscheine des Tages schuld gewesen, zu meinem noch größern Erstaunen wurden die Bäume grün, und die Vögel kamen wieder. Es waren dieselben kleinen schwatzhaften Vögel, die sonst auf dem großen Kastanienbaume vor dem Fenster meines Mädchens weit, weit draußen in Schlesien gesessen und gesungen hatten. Die waren gar nicht älter geworden, und wußten noch all' jene alten Geschichten, und schwatzten noch eben so fleißig wie damals. Wenn ich sie fragte, ob man mich noch liebe da draußen, weit in Schlesien, wo der Kastanienbaum steht, da zwitscherten sie immer noch wie sonst. 263 »Tschitscheri«, das heißt »freilich«. Die guten Dinger; ich wußt' es zwar besser, aber wie gern glaubte ich ihnen nicht. So wie mittelmäßige Christen alle Jahre einmal zum Abendmahl gehen, so bin ich auch alle Jahre einmal andächtig, wenn der Frühling kommt. Und wenn uns der Herrgott das ganze Jahr vergessen hat mit großen und, was noch schmerzhafter ist: mit kleinen Freuden, eines Morgens, wenn Ihr den Kopf aus dem Fenster steckt, da hat er sein großes, allgütiges und glücklicherweise auch allmächtiges Herz geöffnet. Es wehen die weichen lyrischen Lüfte, und das sind die schönsten Blicke aus den Augen alter Liebe, ringsumher sproßt Grün und Knospe des Grüns, das wollüstige Auge übersieht den ungemessenen Reichthum nicht, wie die junge Liebe jenen Blumenwald von Küssen nicht zählen kann, wenn Euch das blöde, frische Mädchen zum ersten Mal geküßt. Ach, es wurde ja auch in Leipzig Frühling, und nun war Alles, Alles gut, und die Nikolaistraße war vergessen. – An jenem Morgen, wo der Frühling über Nacht nach Leipzig gekommen war, saß ich im Reichelschen Garten am Fenster, am offnen Fenster, und ich nahm mir vor, von nun an Leipzig zu lieben. Man ist ja schon glücklich, wenn man nur lieben will. Wenn wir lange Zeit mit einem gewöhnlichen, 264 gleichgültigen Weibe zusammenwohnen, das nicht schön und nicht interessant, auf deren Gesichte es alle Tage Werkeltag ist, so gewinnen wir am Ende auch dieses arbeitsame Gesicht lieb. Die Liebe hat ihre Anciennität, wie das Avancement beim Militair. Ich habe eine Zeitlang, als ich nichts Besseres zu thun wußte, Schellers Lexikon geliebt, weil ich Jahre lang darin aufgeschlagen hatte. Der Frühling sagte: du bist lange genug in Leipzig für die Liebe, und ich nickte mit dem Kopfe, und er streckte seine grünen Arme in mein Fenster, um mir die Hand zu drücken und die Augen zu stärken. An jenem Tage war's, als die ersten Mädchen in weißen Kleidern über die Brücke unter meinen Fenstern gingen; ich sah's mit Freuden ein, daß ich sie verläumdet hatte, und daß sie alle schön seien. Sie haben schöne Taillen, eine weiße, europäisch süße Haut, volle Haare und große Augen. Sogar die Bankiers, welche vorüberkamen, hatten die Ueberschuhe ausgezogen, und knöpften die Fracks auf, und stellten sich wenigstens, als ob noch empfindendes Leben unter der Kasimirweste sei. Der russische Konsul wohnte zwar trotz des Frühlings noch immer da drüben in dem großen Hause, von wo er mit einem mäßigen Fernglase auf meinen Schreibtisch sehen, und mich an einem russischen Morgen mit einer guten Kugelbüchse todt schießen konnte, wenn ich eben 265 wieder über Polen schreiben wollte. Aber ich wußte daß der Frühling morgen und übermorgen die Bäume so breit gemacht haben würde, daß ich Rußland nicht mehr sähe, ich hoffte, der Frühling werde auch die Russen mit Liebe überwinden, und die Lindenauer Allee, die Straße nach Frankreich, blieb mir immer noch offen; der Frühling liebte sie, und verbarg sie mir nicht. Dort drüben hatte Bertrand, sein letzter Freund, den Rückzug geleitet, dort an jener Mühle bei Lindenau hatte Napoleon Leipzig und Teutschland zum letzten Male gesehen, denn er wandte sein Gesicht nicht eher wieder gen Osten, als bis er die erste Nacht in den Tuilerien geschlafen hatte. Die Baiern schlug er bei Hanau zur Seite mit verschloßnem Mantel und Augenliede. – Das war Alles so lange her, und doch kam heute wieder der Frühling von Frankreich herüber aus der Lindenauer Chaussée hereingelaufen. – Zudringlich und liebenswürdig fällt der Frühling auf Leipzig. Die Bäume strecken ihre Hände bis an die innersten Thore der City hinein, ganz Leipzig wird von Grün und Schönheit belagert, die Promenade umfängt die ganze innere Stadt mit Spaziergangarmen, ich wußte nicht, wie viel Knöpfe ich aufmachen sollte, um den schönen Leipziger Frühling einzulassen, zum ersten Mal wollte ich Mittags nicht in mein 266 getreues Hôtel de Bavière hinein, was mich so lange geschützt hatte vor Unglück und Verzweiflung durch die frischen Fremden und Teutschlands ersten Wirth. Das Hotel mit wechselnden Fremden ist ein erfrischendes Bad in trägen Städten, welche nur mit Waaren, nicht aber mit Thaten handeln, welche in der Weltgeschichte blos zusehen. Engländer waren alle Tage, Amerikaner alle Wochen, Franzosen alle vierzehn Tage bei Tische. In Hamburg haben die Kaufleute aus England ihre Wohnung, in Leipzig ihr Absteigequartier auf dem Kontinente. Die Freiheit des Engländers ist so kompakt und wahrhaft wie sein Rindfleisch; je mehr man Engländer sieht, desto mehr Respekt bekommt man davor. Auch die Kaufleute lieben sie nicht blos darum, weil sie reich macht, auch die Kaufleute sind nicht bloß independent weil sie Geld haben, sondern weil sie frei sind. Je unerwarteter mir das kam, da ich bloß teutsche Kaufleute kennen gelernt hatte, desto mehr imponirte mir's. Der Mann ist ein Mann; das weiß ein englischer Krämer besser, als ein teutscher Millionair. Unser Hutabnehmen und unsre Kratzfüße versteht er nicht, aber er versteht die teutschen Zeitungen besser als die Teutschen. Es giebt in Teutschland viel mehr Schulen als selbst in England, aber die Engländer, 267 selbst die Franzosen lernen besser lesen als wir. Die Engländer im Hôtel de Bavière verbrauchten mehr Zeitungen an einem Tage, als die ganze übrige teutsche Tischgesellschaft in der ganzen Woche; sie lernen fast Alles aus den Journalen, und lesen alle Tage ein Buch. Die Times enthalten alle Tage so viel Worte als ein ganzes teutsches Buch. Wenn der Engländer aus Teutschland fortreis't, so kennt er unsre Verhältnisse besser als die Meisten von uns: und er hat immer das neueste Wissen, wie sich's für einen Kaufmann schickt. Wir kennen den dreißigjährigen Krieg vortrefflich, und hungern und dürsten dabei, er kennt den laufenden portugiesischen vortrefflich, und läßt sich seinen Portwein schmecken; er ist zum Theil darum so praktisch, weil er immer weiß, was gestern geschehen ist, während wir immer die Helden von vorgestern bleiben, Europa's Historiker, welche zu beschreiben, aber nicht zu genießen verstehen. Der Engländer hat nie ausstudirt, wie der Teutsche; er geht fortwährend in die Schule; die englischen Kinder, das heißt die Nordamerikaner, besuchen oft mit 40 Jahren noch eine Knabenschule, wenn sie merken, daß ihnen diese oder jene Kenntniß fehlt, welche da gelehrt wird. Die Engländer haben noch eine Aristokratie, sie ist aber selbst für den Tory nur noch eine 268 Staatseinrichtung, keine gesellige mehr. Im geselligen Leben gilt nur der Mann, nicht das, was er heißt, unsere Titel versteht er nicht, unser Adel ist ihm lächerlich. Wenn er von unsern kleinen Polizeimassregeln hört, so ist er anfänglich dumm und findet in der Irre gehend, keinen Standpunkt der Beurtheilung, gelingt es, ihm das Verhältniß klar zu machen, so lacht er, und verachtet uns. Je öfter ich mit Engländern aß, desto weniger liebte ich die Nation, sie wurde mir immer respektabler, aber immer weniger liebenswürdig. Ihre Humanität ist hart und rauh wie die Hand ihrer Matrosen. In ihrer vortrefflichen, soliden Freiheit ist kein Glanz, keine Schönheit, keine Liebe. Ihr Exempel ist unumstößlich richtig, das französische ist lückenhaft, aber reizend. Sie haben einen robusten Knochenbau der Freiheit, aber ohne eine poetische Leidenschaft, die Franzosen sind voll Blut, und machen ihre dummen Streiche. Selbst die Freiheit ohne dumme Streiche ist langweilig. Der Stolz des Engländers ist unnahbar, ohne Beschönigung wie der spanische Absolutismus. I am an Englishman heißt eben so viel, als Yo el Rey ; Beides steht über dem Streite. Der Franzose kämpft mit einem teutschen Lump um die Richtigkeit seines französischen Nationalstolzes, der Franzose unsrer Tage, nicht der alte Geck, ein Sohn des großen 269 Ludwig. Die französische Humanität ist weich und geschmeidig. Das sind Skizzen von der Wirthstafel im Hôtel de Bavière , sonst nichts. Ich habe die Franzosen immer nur übermüthig, die Engländer aber stets hochmüthig gefunden, und beim Uebermuth kann man liebenswürdig sein, beim Hochmuth aber nicht, und die Liebenswürdigkeit ist auch eine Aufgabe der Kultur. Die englische Freiheit ist egoistisch, illiberal, sie gewährt kein Opfer , sie ist ohne Lebensart. Auf diese Weise wird die Freiheit so gut eine Last wie die Sclaverei. Die englische Freiheit hat nur einen Kopf, aber kein Herz, und darum keine Poesie. Hie und da fand sich auch ein Holländer bei unsrer Tafel ein, und so uninteresssant mir der Begriff Holland immer gewesen ist, so interessant waren mir in jetziger Zeit die holländischen Individuen. Als die Holländer plötzlich mit ihrer unanständigen Sprache, die nicht anders klingt, als wenn ein Wagen durch ein kothiges, aufgelös'tes Steinpflaster fährt, auf dem europäischen Theater zu agiren anfingen, und zwar mit Leidenschaft zu agiren anfingen, da fiel ich anfänglich in ein unauslöschlich Gelächter. Ich hielt nämlich ihre Leidenschaft für eine kaufmännische Spekulation. Als ich aber sah, daß die Sache wirklich durch ihr Fett gedrungen und die 270 kleinen Venen angegriffen hatte, da fiel ich aus einer Verwunderung in die andere. Die Holländer waren jetzt wirklich voll Rachsucht und Zorn, und zwar so sehr, daß sie sich diese Rachsucht und diesen Zorn selbst Geld kosten ließen. Das ist das Aeußerste. Das Blut was sie opferten und opfern wollten, hat mich nicht irr gemacht; ich halte jedes Volk, was irgend etwas ernstlich will, für tapfer, also auch die Holländer; ich glaube nicht, daß Industrie und Handel die Tapferkeit beeinträchtigt. Wer gewohnt ist, mit Ernst und allen Sinnen nach Etwas zu streben, verfolgt das auch mit dem Schwert in der Hand. Der Ritter gab für Ehre und Liebe das Leben, der Kaufmann giebt's für Geld, es hat jeder also einen Mittelpunkt. Nur der Indifferentismus ist feig. Aber die Begeistrung halte ich beim Holländer für einen Irrthum, denn saure Elemente erzeugen sie nicht, und es wird nach einigen Jahren ein tragikomischer Anblick sein, wenn die älter gewordnen Holländer ihre Begeisterung desavouiren werden, wenn sie das schöne Gold reuen wird, das ihr Heldenthum kostet. Es hat in neuer Zeit Niemand so scharf und treffend über Holland geschrieben als Wienbarg , und ich glaube ihm mehr als mir, da ich die Holländer nur an der Wirthstafel gesehen habe. Er läßt nichts 271 an ihnen als Geld, und hält sie eigentlich nur für eine Waare mit Menschenverstand. Um so mehr verwunderte ich mich, als mir in kurzem Zwischenraume mehrere holländische Individuen gegenüber saßen, von denen zwei mitunter Blut und Leidenschaft hatten. Der Eine sah gar nicht aus wie ein Holländer: er war nicht klein und hatte ein geistreiches, civilisirtes Gesicht; nur um den Mund spielte jener fatale Diskontozug, den man hassen muß, weil er das Geld höher stellt, als die Schönheit. Der Mann war vierzehn Tage lang artig und still gewesen, hatte mit Industrie gegessen, und mit Geduld die Leipziger Zeitung gelesen. Er fing an, mir Achtung einzuflößen. Da kam eines Tags ein schwarzäugiger Franzose mit propagandistischen lebhaften Zügen an den Tisch, und warf aus Brüssel kongrevsche Raketen nach dem Haag, und jetzt entwickelte sich der moderne Holländer, der Bissen stand ihm im Munde still, der Aerger zog wie eine Heuschreckenschaar verheerend über sein Gesicht, die Hände hielten krampfhaft Messer und Gabel, er drängte mit Mühe hier und da einige verstorbene, tödtliche Worte aus der Kehle, er sah aus wie ein Italiener. Als der Franzose von der Schuld sprach, welche Holland fortwährend allein zahlen müsse, da glaubte ich, es rühre ihn der Schlag, so fieberisch zuckte Alles an ihm. Er ließ die 272 Mittelspeise und den Braten im Stich, und ging davon. Das hätte ich nie einem Holländer zugetraut.   Der Zweite war sogar ein fahrender holländischer Enthusiast, der zu seinem Vergnügen reis'te. Es klingt unglaublich, daß ein Holländer zu seinem Vergnügen reis't und Enthusiasmus mit sich herum führt. Aber ich habe diese Seltenheit wirklich gesehen. Der Mann war klein wie alle Holländer und er hatte auch so kurze Beine wie alle Holländer, und ein eben so ausgewischtes, unleserliches Gesicht, auf welchem kein Signalement steht. Die holländischen Gesichter, welche ich gesehen, eigneten sich alle vortrefflich für Spitzbuben, sie waren gar nicht zu beschreiben, denn es stand gar nichts darin. Man sieht ihnen nicht einmal an, wie alt sie sind, viel weniger, ob dumm oder klug. Dieser kleine Mann war zu Leyden geboren, hatte zu Leyden studirt, kam von Leyden, und trug das schmutzig orangegelb und schwarze Heldenband, und war sehr beweglich. Er war ein moderner Holländer, das heißt ein Irrthum. Die Interessen der belgischen Schuld waren ihm in die Phantasie gefahren, dazu war er kein eigentlicher Kaufmann, noch völlig unbekannt mit der übrigen Welt, von Mutterleib aus gutmüthig und verliebt. Sein Entrée bei Tische war, daß er uns versicherte, die holländische Sprache sei die schönste auf 273 der Welt, und Holland sei das freiste Land. Wegen der ersten Behauptung wurde er ausgelacht; alsbald sprang er auf – er war noch bei der Suppe – und verließ den Tisch. Beim Rindfleisch kam er wieder, und vertheidigte es mit republikanischer Offenheit, daß die Holländer frei, sehr frei, ganz frei seien. Es ließ sich wirklich nichts dagegen einwenden, sogar die Engländer schwiegen, nur König Wilhelm würde sich schlecht dabei erbaut haben. Er war noch weniger geworden, als die früheren Stadhouder. Der Holländer schnitt herzhaft in's Rindfleisch. Ich sagte ihm, daß Wienbarg erzähle, sie verehrten, wie die Aegyptier, einen Ochsen, der im Haag einen Stock hoch vortrefflich gepflegt, und wie der holländische Gott behandelt werde. Er stand wieder auf wie Petrus und ging hinaus und weinte sehr. Bei der Mehlspeise kehrte er zurück, und sagte: die holländische Literatur sei die erste in Europa, und über ihre Poesie ginge nichts. Zum Beweise deklamirte er ein Gedicht. Allgemeines Gelächter. Er lacht mit. Ein holländisches Gedicht klingt nämlich, als wenn ein Unglück passirte. Zum Beweise der vorzüglichen Literatur führte er den Erasmus an, und als ich ihn bat, fortzufahren, so sagte er wieder Erasmus, und fügte hinzu, man verachte auch in Holland die Homöopathie, der Holländer liebe die reelle Wissenschaft. 274 Neues Gelächter. Er verachtet uns und ißt mit Leidenschaft Schöpsenbraten. Ich sagte, Erasmus sei ein Schleicher und Hungerleider, ein Discontogelehrter gewesen, und fragte ihn, ob er wohl wisse, wie lange Erasmus schon todt sei, und ob sich eine Nation nicht schäme, seit dreihundert Jahren nichts erfunden zu haben, nicht einmal einen Schnaps. »Nicht einmal den Genèver?« sagte er stammelnd. Nein, sagte ich unerschütterlich. Und Petrus warf mir den ganzen spanischen Erbfolgekrieg in einem Blicke zu, und ging hinaus, und weinte bitterlich. Mit einem Waterloogesicht kam er wieder, lächelte siegestrunken, machte die Weste zwei Knöpfe weiter auf, und sagte vor sich hin: »Chassé.« – Neues Gelächter. Er fragte beleidigt, warum wir lachten. Ein französischer Engländer nahm das Wort. »Ich denke immer bei Chassé an den Byron, als er von Blücher sagte, er sei der Stein gewesen, über welchen Napoleon gefallen. Ich gebe nichts für passive Größe, und die Alternative gestatte ich nicht, bei Vollbringung einer That ein großer Mann, bei Unterlassung ein Schuft zu sein. So war's aber mit Chassé. Wenn er das Aeußerste that, so erfüllte er seine Schuldigkeit; in Ermangelung eines freien, originalen Helden ward er ein Held, so wie ein 275 Soldat des Cortez, der reiten konnte, ein Halbgott war, weil die Mexikaner nicht reiten konnten. Die Verhältnisse machten ihn bedeutend, ein großer Mann macht aber seine Verhältnisse bedeutend. Er mag ein recht braver Soldat sein, man ist aber heut zu Tage sehr wenig, wenn man ein braver Soldat ist. Alles Uebrige ist Sache des Zufalls. Der Thurmknopf einer Dorfkirche glänzt charmant und bleibt unbemerkt, weil Niemand hinsieht – man setze den Knopf auf den Citadellenthurm, man lenke die Blicke von ganz Europa darauf, und er wird gleich absonderlich glänzen, und ist doch nicht anders geworden.« »Dieser Thurmknopf ist Chassé.« »»Aber Mynheer – –«« »Wenn man nichts braucht, als Gehorsam, um berühmt zu werden, so ist das ein redend Zeichen, daß im ganzen Lager nichts Großes ist. Dieser holländische Ruhm hat erst gezeigt, wie arm die Leute sind. So lange man das Vermögen eines Mannes nicht kennt, mag er für reich gelten, weiß man erst genau, wie Viel er hat, dann ist es mit dem Glauben schnell zu Ende, denn die Phantasie ist immer der Gläubiger der Wirklichkeit. So ist die Ehe ärmer als die Liebe. Nur die Ungewißheit ist reich, alles sichere Wissen arm, denn es hat ein Ende, jenes aber nicht. Darum ist das reichste Alter bettelarm neben der ärmsten Jugend, denn jenes ist fertig, diese aber nicht.« 276 »Ach,« sagte der Franzos mit den propagandistischen Gesichtszügen und den schwarzen Augen, der dazu gekommen war, – »Chassé ist ein Narr, wie ich noch keinen gesehn. Die Geschichte bringt ihm ein Blatt persönlichen Ruhms auf dem Präsentirteller, er darf nur zugreifen, ein Paar alte langweilige Jahre dafür hingeben und in einem einzigen Momente die Quintessenz eines ganzen Lebens genießen – dazu hatte er nicht den Muth. Wenn er mit Leib und Seele für seine Partei ist, so konnte er ihr wirklich einen großen Dienst erweisen, er konnte sie moralisch auf vier Wochen zu Ansehn bringen – Tausende wurden bestürzt, wenn sich Jemand für eine Sache aufopferte, die man nicht der Aufopferung werth hielt. Ich glaube, das haben die Klügeren auch gewollt, als sie ohne Aufhören von dem Luftsprunge Chassé's sprachen.« »»Aber Mynheer«« fing immer weinerlicher der Holländer an. »Ich will nicht sagen,« fuhr das propagandistische Gesicht fort, »daß ich dem Chassé gerathen hätte, mit einer solchen romantischen Fratze zu endigen – ich liebe diesen Aufwand nicht – aber ich meine, er sei ein prosaischer Nußknacker. Quel bruit pour une omelette. Wollte er nichts weiter thun als was er gethan, so mußte er vornweg ganz still sein, nicht renommiren wie ein teutscher Student; jetzt wird er 277 ausgelacht. Fing er doch die Vertheidigung so unvorsichtig an, ließ unsre Truppen ungestört die ersten Parallelen eröffnen, daß Jedermann glaubte, es gehe auf einen Heldenkoup hinaus. Oh - Monsieur Hollandais, cela n'est rien. « Der Holländer that mir in der Seele leid; es ist ein Zauber um jede Art von Liebe, sei's auch was Unschönes, dem sie gilt. Und der Untergang der Nationalitäten, der letzte Ritter unsrer Tage, ist so poetisch weil er so viel Thränen kostet. Ich wärmte eiligst Hollands protestantisches Heldenthum auf, und das schmeckt wie Schöpsenbraten und Sauerkraut aufgewärmt am Besten, und erzählte von der Schlacht bei Gravelingen und den Wassergeusen, und den heldenmüthigen belagerten Städten, in denen man lieber Pferde- und Rattenfleisch gegessen, als die Spanier geduldet hätte, ich sprang zu Ruyter hinauf, und sagte den Engländern, wie er einst bis in die Themse gedrungen sei und die City gebebt habe vor dem holländischen Namen Ruyter, ich citirte den alten Rembrand und Jan Steen mit ihren derben Bildern, ich sagte, daß nur zwei Millionen Holländer existirten, und daß es aller Ehren werth sei, daß sie sich immer noch gegen das Meer und die übrigen 233 Millionen Europas vertheidigt und selbstständig erhalten hätten, und um ihn ganz glücklich zu machen, stimmte ich leise sein » Oranje boven « an. Da trommelte er 278 mit Händen und Füßen, und war ganz glücklich, und hatte Alles vergessen. Der Glaube an die Nationalität ist wie der Glaube an Vater und Mutter, dem einzelnen Sohne muß man nicht die Gebrechen der Eltern auferzählen, das schmerzt zu tief. Ich greife oft ganze Völker und Distrikte und Korporationen an, aber da trägt nicht Einer Alles, die Last vertheilt sich unter Viele, und keiner wird niedergebeugt, aber Viele werden aufgeregt. Und das Letztere will ich: wenn das Blut rasch fließt, da entspringen die besten Gedanken, da entstehen die jüngsten und frischesten Thaten. Man mag sich noch so sehr kosmopolitisiren, man wird ein Heimweh, ein Vaterlandsweh nicht los, und das wird vielleicht immer bleiben, auch wenn die Völker viel mehr in einander aufgegangen sind, es ist der erste Vers des empfundenen Daseins. Wenn ich im Zorne die Teutschen schmähe, und es schmäht ein Fremder mit, da klopft jener Vers an mein Herz, und all' unsre Vorzüge fallen mir plötzlich ein, das Schmähen des Fremden drückt schmerzhaft auf meine Seele, und ich fange an, meinen Vers zu singen, bis das Schwert aus der Scheide springt, und ich dem Fremden damit blut'ge Antwort gebe auf meine eignen Worte. Wir wissen oft nicht, daß wir lieben, bis wir das schmähen hören, was wir im Herzen tragen. 279 So lernt man an der table d'Hôte im Hôtel de Bavière die stillen Liebeszimmer der Weltgeschichte. Wenn ich in Leipzig zwischen Engländer, Franzosen, Holländer und Amerikaner gerathe, da erfahre ich's erst, daß ich ein Teutscher bin, und ob ich auch nicht immer Freude daran gehabt habe, so lieb' ich doch auch um dieser Erfahrung willen das Hôtel de Bavière , in welchem ich Geographie und Völkergeschichte studire, und zu Mittag esse. Alle diese Dinge und Gedanken ereigneten sich aber am ersten Frühlingstage in Leipzig, und die Repräsentanten der vier Völker gingen nach geschlossenem Waffenstillstande in den großen Kuchengarten, und tranken Kaffee im Freien und fanden es sehr hübsch, daß die Welt wieder schön würde, und der Franzos und ich waren der Meinung, daß der Frühling doch die beste Erfindung sei. Der Engländer entschied sich aber für die Dampfmaschinen und der Holländer schüchtern für den Genèver. 280     Rumohr. Der Frühling ging, der Sommer kam; es war kühl und behaglich im Hotel, und objektiv ruhig in meinem Herzen. Es kamen Macaronis auf den Tisch, und ich beschloß nach Italien zu reisen, und theilte das meinem Nachbar mit, den ich nicht kannte. Ich hatte mir schon lange vorgenommen, wenn es einmal friedlich, menschenfreundlich in mir aussähe, und ich nichts als Luft und Sonne, und Gegend und schöne Augen brauchte, nach Oberitalien zu reisen. Die Reisebeschreibungen hatten mich immer abgeschreckt, aber schon in Tertia hatten mich stets die Hohenstauffen darnach lüstern gemacht. Sie hatten Alles dafür hingegeben, um sich die eiserne Krone aufzusetzen, es schien mir eine Art Verzauberung darin zu liegen, daß sie immer wieder hinzogen in das Land, wo sie schon so viel rothes teutsches Blut vergossen hatten, wo schon so viel schöne blasse, 281 teutsche Leichen lagen. Wenn ich von den Hohenstauffen hörte, so dachte ich an die zauberhaft schönen, goldnen Lombardischen Ebenen. Auch Goethe hatte mich sonst davon abgeschreckt, aber er hatte zwei Verse geschrieben, die mein Mund oft in warmen Nächten unwillkührlich sprach, wenn ein inniges Wohlsein durch mein Herz ging, eine Sehnsucht nach Schönheit, eine Liebe zu fernen unbekannten Menschengesichtern meine Seele schwellte, diese zwei Verse überfielen mich in jedem weichen Sommer zur Nachtszeit, wie liebenswürdige Diebe, heut sogar am Tage, als ein seidner Wind durch den Saal des Hotels strich. Es sind aber die Worte jenes wunderschönen Liedes, aus welchem tausend schöne Augen Italiens sehen: »Ein leichter Wind vom blauen Himmel weht, Die Myrthe still, und hoch der Lorbeer steht.« Mein Nachbar hatte bloß mit dem Kopfe genickt, er war in ein Frikassée vertieft und hatte keine Zeit. Ich wollt' es ihm eben noch einmal sagen, als mir der Wirth vom Hause, mein ritterlicher Freund, mit Hand und Auge winkte. Ich kannte jenen Wink, er sagte: Dein Nachbar ist ein berühmter Mann, und nun betrachtete ich ihn. Es war ein großer dicker Mann mit schmutziger Leibwäsche, der sehr angelegentlich zu Mittag aß. In seinem Gesicht fehlte alle Klarheit, der Frack war mit rothem Schnupftabak inficirt, und wenn er sich etwas vom Essen erholte, so stopfte er 282 solchen garstigen, unanständigen Tabak in eine weiche kraftlose Nase. Die ganze Person kam mir ungewaschen vor, denn ich mag nie begreifen, wie ein reinlicher Mensch, oder ein Liebhaber, oder Dichter, oder wer noch ein Stück Spiegel im Hause hat, Tabak schnupfen, ein Kothreservoir in seinem Gesicht anlegen kann. Das starke, in saftlosem Fleische baumelnde Gesicht hatte von edlem Ausdruck nur eine kultivirte Schlauheit, und eine fein fidele Gourmanderie. Als die Tafel zu Ende war, holte er Athem, nahm eine Prise, sah mich an, und sprach: »das machen Sie recht, nach Italien zu reisen, das muß jeder Mann von Bildung, man muß seine Saison da zubringen, statt in den Bädern.« Die kleinen Augen lächelten dazu, als zerdrückte die Zunge süße Konfitüren. »Sind Sie nicht ein Herr von Uckermann,« fragte er. Nein, mein Herr, ich bin kein Herr von Uckermann. »Ach, Sie lächeln, Sie sind ganz gewiß ein Herr von Uckermann.« Nein, mein Herr, ich bin ganz gewiß kein Herr von Uckermann. Pause. Man flüstert mir in's Ohr, daß es Herr v. Rumohr sei. 283 Richtig, tief in den halbkahlen Kopf schlich die Stirn hinein, und da waren alle die feinen, glatten Gedanken zu sehen, die sich in Rumohrs Schriften finden. Das kleine Volk spielt Ecarté unter sich. Nun entwickelte sich das Gespräch. Seine Manieren sind die eines sicheren Weltmannes, der Manieren hat, und gern herzlich thut, seine Sprache ist geräuschlos und ohne Prätension, wie sie ein objektiver Mann haben muß, und die Unterhaltung mit ihm ward sehr amüsant, wie sich das erwarten ließ. Ich liebe es sehr, wenn man die einzelnen Dinge, ja oft die größeren Interessen, leicht, nebenher abmacht, nur berührt, und sich im eigentlichen Leben nicht stören läßt. Ich halte das Leben, das Dahingehn für die Hauptsache, und hasse die Geschäfte. Nichts ist mir widerwärtiger, als wenn unsre großen Interessen als Geschäfte betrieben werden, wenn man feierlich wird, sich erst räuspert, das Taschentuch herauszieht, eine Stelle citirt, oder den lieben Gott um Beistand bittet, den überhaupt die Leute sehr inkommodiren. Man darf nach meinen Sympathien höchstens etwas davon thun, wenn man unter lauter Gegnern lebt, wo man fortwährend um Leben und Tod seiner Ansichten besorgt sein muß. – Wenn man die groß und kleine Erfahrungs- und Wissenswelt durchrennt, so kommt man allmählig 284 zu der Einsicht, daß jedes Jahrhundert für irgend ein neu gewonnenes Terrain leidenschaftlich Partei nahm, daß dieses Terrain in Kurzem wie eine bekannte Gegend durch die vielen Reisenden abgenutzt war, daß eine neue Jugend der Weltgeschichte kam, daß das Neueste alt wurde. Darüber soll man nicht die Empfänglichkeit verlieren, man soll in jedem Frühlinge poetisch sein, und mit den Vögeln singen, aber man soll – human werden. Humanität ist das Ziel aller Civilisation in allen einzelnen Radien, und Humanität ist mehr als strenges Rechthaben. Ich weiß, daß die Forderungen, welchen wir Leute der brausenden Jugend uns anschließen, gerecht, tugendhaft sind, ich weiß es, daß ich dafür sterben werde, wenn es Noth thut, denn sie sind meine Religion; aber ich weiß auch, daß sie mein spekulatives Interesse bereits nicht mehr befriedigen, daß sie für mich bereits Geschichte sind, obwohl die Wirklichkeit noch lange nachhinken wird, ich weiß, daß sie darum an sich meine Leidenschaft nicht mehr erregen, denn nur das Werden und Entstehen verbündet sich mit der Leidenschaft, und daß jenes nur der Fall ist, wenn ich sie von arroganter Dummheit oder egoistischer Böswilligkeit angegriffen sehe. Es ist mir indeß nicht unbekannt, daß man nicht in seidnen Strümpfen mit seidnen Handschuhen und 285 einem Paradedegen durch einen Wald geht, in welchen man erst einen Weg bahnen will, darum lieb' ich meine rauheren Kampfesbrüder, welche die hart ledernen Stiefel und den rauhen Filz tragen und schonungslos die große Holzaxt schwingen; um das Gestrüpp aus dem Wege zu räumen. Während einer Entwickelungsperiode gilt das Martialgesetz in der Weltgeschichte, und es bedarf der schonungslosen Richter, aber es giebt kein Gesetz, das nicht zu streng wäre; ich würde auch an Septembertagen das leichte Leben eines Herrn v. Rumohr in Schutz nehmen. Auch die demokratische Gesellschaft soll nicht tyrannisiren; es muß auch Jedem frei stehn, sich kein Verdienst um die Gesellschaft zu erwerben. Die Leichtigkeit Rumohr's, über Alles Wichtige hinzugleiten, war mir angenehm. Er treibt's bis zur Koquetterie. Meinethalben. Er lies't keine Zeitung, sondern sein Jokey thut es für ihn, und referirt ihm nur, wenn etwas geschieht, also oft sehr lange nicht. Und es muß etwas Reelles geschehen, eh dieser Referent dran glaubt. Seit dem Falle Warschau's – an den Polen nehmen alle modernen Edelleute lebhaftes Interesse – hatte er bis zum Juni 1833 fast gar nichts geschehen lassen. Uebrigens gab Rumohr der alten Zeit nur ungefähr noch drei Jahre zum Leben, »in zwei Jahr, 286 elf Monaten ist's mit ihr vorbei«, sagte er. Ich schreibe dies im December, also nur 29 Mal vier Wochen Geduld, das kann eine Welt schon aushalten, die bereits so viele hundert Jahre gewartet hat. Freilich sind die letzten Minuten im Kerker schlimmer und länger, als die ersten Jahre. Er spricht mit liebenswürdiger Wegwerfung und erlaubter Selbstschätzung von seiner Schriftstellerei. Jetzt wird er Novellen schreiben und lauter Novellen, ich hab' ihm mit Eifer zugeredet. Wir saßen nebeneinander auf dem Fensterbrett, es lachte ein kultuvirter Fuchs dabei aus seinen Augen, und er wies auf eine schlanke Dame, die eben vorüberging, und sagte: »Die hat mir auch so zugeredet, und ist schuld, daß ich jetzt lauter Novellen schreiben werde«. Ich sagte es ihm voraus, daß er unsern teutsch-lyrischen Kritikern mit seiner Formeneinfachheit nicht zusagen würde. Er zuckte die Achseln, und lächelte. Der Kellner George ward gerufen, wußte aber auch nicht, wo die teutsche unbefangene Kritik zu finden sey. Wir haben beide Recht gehabt, sie tasten mit Nebelhänden seine steinernen Gestalten an. Uebrigens bin ich mit keinem seiner Bücher zufrieden, er weiß sie bloß anzufangen. Aber dieser Anfang eines plastischen Geschmacks ist schon der Rede werth. 287 Rumohr ist ein bequemer Mann, nicht geschaffen, um die Welt zu fördern in großen Schritten, aber doch, sie auf kleinen Promenaden zu begleiten, wo sie ihre Gesundheit stärkt zu spätern Reisen. Ich glaube, er ist ohne aristokratischen Beikram, bin aber nicht ganz sicher und äußerst mißtrauisch, da ich in neuerer Zeit so viel derartige Pferdefüße aus der unscheinbaren Verhüllung habe hervorkucken sehen. Dahin gehört die ganze südteutsche Schule der Aretin , Wangenheim , ein Mann mit schönem Geist und schlechtem Stil, der widerwärtige, breitmäulige, vorlaute, altkluge Gagern , eine publicistische Köchin Kotzebue's, die »Knochenzulage zum Fleisch«, die über Politik wie über Pfarrhausküchenangelegenheiten spricht, dahin gehört der berühmte Herr v. Stein . Rumohr sagte, ich sollte mich jetzt nicht von ihnen stören lassen, wenn ich nach Südteutschland käme, würde ich ihnen doch nicht aus dem Wege gehn können. Wir blieben noch eine Weile auf dem Fensterbrett sitzen, und kamen auf Heine zu sprechen. Von dem hatte er nichts als einen Aufsatz über eine Gemäldeausstellung gelesen. Daran war nun der Jokey schuld; meine 29 Mal vier Wochen wurden aber sehr dadurch erschüttert. Wie kann Einer die Zeit berechnen, der nicht einmal ihre bedeutendsten 288 Beweger kennt, wie kann eine Uhr richtig die Zeit weisen, wenn man bei'm Aufziehn nicht genau weiß, wie spät es ist. Was er über Heine sprach, war vornehm artistisches tohu wahohu , ich gab ihm keine Antwort darauf, sondern rief den Jokey, und trug ihm auf, Herrn Henry Heine zu kaufen. Ich glaube aber nicht, daß Rumohrs einfach plastische, konservative Richtung des Schreibens Heine's revolutionaire Form je verstehen wird. Und doch haben Beide einen Vereinigungspunkt in Göthe, aber von da aus gehen sie nach entgegengesetzten Seiten. Es ist in Rumohr das Göthesche behagliche Wesen, und sobald das nichts Pretiöses zur Schau trägt, mag ich es gern leiden; es ist ein angenehmer, vornehmer Materialismus, der Wohlbehagen erzeugt. Göthe hat auch nur seinem Wohlbehagen all die Philosopheme angepaßt, die an ihm vorüber gegangen sind. Er war im Grunde der subjektivste Mann, aber er war ein Weltmann, der sein Gelüst zu verbergen wußte, und seiner Ton ist immer Objektivität. So ist der Faust, der Spiegel von Göthes Innerlichkeit, eine verkörperte Entwickelung der philosophischen Ideen, wie sie eben im Schwunge waren. Das wird im zweiten Theile bis zur Fratze klar. – Wenn die Isabella in der Braut von Messina nur 289 einen Sohn gehabt hätte, so wäre das ganze Unglück nicht geschehen. Mein ganzer Traum von der Schönheit des unvollendeten Faust ist vernichtet, meine Freude über die Poesie der Nichtvollendung dahin – o Göthe, warum hast du mir das gethan, und dir so viel Mühe gegeben, einen Schluß des Faust zu schreiben, und so gute Verse dafür zu machen! Rumohr glitt herunter vom Fensterbret, und sagte schüchtern: »Sie sind doch wohl ein Herr v. Uckermann?« Nein, mein Herr, sagte ich, ich bin kein Herr v. Uckermann, aber ich bin des Teufels. »Das thut nichts«, erwiderte er, »darf ich fragen, warum?« Nein, mein Herr, das dürfen Sie nicht; denn Sie würden meinen Teufel nicht erkennen, Sie sind ein Artist, und was die teutschen Lyriker zu Viel haben an nebelhafter Poesie, das haben Sie zu Wenig. Der Faust ist zu tief für Ihre Statuen, Sie gehen darin unter. Ach, der arme Faust, das objektivirte Ich Göthe's, wird ein Geheimerrath, und bekommt Orden, und wird alt mit dem Geheimenrathe und den Orden, und die zauberhafte Form der revolutionairen Tragödie ist zertrümmert, und er appellirt an die Gnade, oder mit andern Worten an die Laune der Gottheit, denn Gnade ist ja doch nur gute 290 Laune. Was? – Nein, nicht was? ich will keine Antwort. »Reisen Sie vielleicht mit nach Berlin?« Nein, ich reise nach Italien; wenn ich nach Berlin ginge, könnte ich's vor'm Börne nicht entschuldigen, daß ich mich jetzt mit Humanität beschäftigte. »Berlin ist ein hübscher Ort.« Berlin ist mehr als ein hübscher Ort, es ist ein liebenswürdiger Ort, es ist der Faust unter den Städten, aber man hat ihn fortgesetzt, und ich liebe die Gnade nicht. »Wissen Sie, was Le Telletier über die Jesuiten sagt?« Ja. Die Jesuiten waren gewiß ehrliche Leute, aber es hat seit dreihundert Jahren keine Schurkerei gegeben, wo sie nicht dabei gewesen wären. »Was halten Sie von den Jesuiten?« Ich liebe sie, weil sie die einzigen Menschen ihrer Zeiten waren, in denen Geist steckte; und es ist eben mein Unglück, daß sie nicht nur geistreich, sondern auch Schurken waren. »Leben Sie wohl.« Gott stärke Ihre Schönheit. 291     Altenburg. Als Mann von Bildung schickte ich auf die Post und ließ mir auf dem nächsten Wagen nach Italien einen Platz bestellen, das Scepter, womit ich die unruhige teutsche Literatur regieren helfe, legte ich nach einer salbungsvollen Rede in eines Freundes Hände, steckte mir für den Nothfall einige Bücher in die Tasche, kaufte mir eine Mütze, und ging nach der Post, fest entschlossen, mich glücklich zu reisen. Als gutes Omen, daß ich wenigstens viel Schönes hören würde, begegnete mir auf dem Thomasgäßchen der Komponist Marschner , der aus Hannover gekommen war, um seinen Hans Heiling aufzuführen. Wir sagten uns in aller Eile, daß wir sehr berühmte, vortreffliche Menschen seien, wir näherten uns einander mit beispielloser Schnelligkeit, denn es fing an zu regnen, und wir hatten beide nur einen Regenschirm. Auf diese Weise schied ich noch mit 292 einer historischen Arbeit von Leipzig, und sah Marschner , dem Vampyr, dem Templer, tief in's Gesicht. Man hatte mir gesagt, er wisse sehr, was er wisse, er wisse sich zu schätzen. Das hab' ich auf dem Thomasgäßchen unter dem Regenschirm gar nicht so arg gefunden. Er wußte es, daß er beliebte Opern geschrieben, er wußte es, daß wir keinen Ueberfluß an Komponisten haben, er wußte es, daß es eine Hauptsache sei, dramatisch zu komponiren, er wußte es endlich, daß er mit Eifer, Fleiß und großem Interesse bei seiner Kunst verweile. Ich würd' es ihm übel nehmen, wenn er das nicht wüßte – warum soll einer barhäuptig gehn, der sich einen Hut kaufen kann? »Nur die Lumpe sind bescheiden.« Ich hatte mir Marschner größer und ernsthafter gedacht, er ist ein kleiner, feister, fixer Mann mit einem behaglichen, schlauen Gesicht, spricht wie ein Buch, und trägt weiße Halstücher, weil er beinahe blond ist. Wenn ich ihn in großer Toilette des Abends auf dem musikalischen Gerüst bei Lampenschimmer gesehen hätte, so wäre er mir wahrscheinlich äußerlich wie der teutsche Rossini vorgekommen. Auf dem Thomasgäßchen ist aber die Illusion sehr schwierig. Er hat wie jener etwas vornehm, wohl Genährtes im Gesicht, ein gewiß behagliches Adagio. Seine Opern sind aber teutsch bis auf den letzten Strich. 293 Die klugen Leute sagen, er sei ein Nachahmer von Weber. Die Aehnlichkeiten in allen Kunstproduktionen sind in Teutschland das Studium der mittelmäßigen Richter. Sie jagen vielmehr nach Aehnlichkeiten, als nach Genuß, und »Reminiscenzen« ist das Zauberwort, womit sie sich und Andere täuschen. Diese Art wird noch lang nicht aussterben, weil es das bequemste Mittel ist, sich selbst mit all' seiner enormen historischen Kenntniß zu bespiegeln. Ich sehe diese Helden, mit der Opernguckerbatterie bewaffnet, das Haupt hin- und herwiegen, und bei jeder neuen Nummer der schönen Nachbarin so gewiß »o mein Gott« zuflüstern, »Euryanthe – Freischütz – Oberon«. Es singt eine Nachtigall wie die andre, und sie ahmen einander nicht nach. Der gelbe Schwager blies, ich fragte eiligst Marschner, wie, bei welcher Gelegenheit, in welcher Situation, um welche Zeit er seine Opern komponire, ob vor oder nach Tisch, im Negligée oder im Frack, im Bett oder im Freien, sitzend, stehend oder gehend. Das ist mir sehr interessant, seit ich weiß, daß der berühmte Philolog Reisig zum Beispiel seine besten und tiefsten Studien, an der platten Erde auf dem Bauche liegend, machte. Mein Stubenkamerad auf der Universität, mit dem zugleich ich jene wichtige Notiz hörte, fing von da an, auch Philologie zu 294 studiren, und sich auf den Bauch zu legen; ich erwarte alle Tage, daß er berühmt werden wird. Beethoven komponirte im Schlafrocke, und zwar in einem sehr schlechten Schlafrocke, den er mit einem Stricke zusammenband; Marschner gestand mir, daß er seine besten Gedanken auf dem Spaziergange in einer Pappel-Allee habe. Der Schwager blies zum zweiten Male. Für die Pappeln kann ich nicht stehn, es kann auch eine Lindenallee sein, mein Gemüth ward bewegt durch die Fanfare des Schwagers und durch das Scheiden, aber für die Allee bürg' ich. Der Schwager blies zum dritten Male, ich mußte den Regenschirm und Marschner verlassen. Die Freunde gaben mir ihren Segen, denn ich zog hin in's Land Gosen, und wenn ich eine schöne Aegyptierin fand, die mich lieben wollte, so kam ich nicht bald wieder. Das wußten sie. Der Sorglichste von ihnen fragte, ob das auch die Post nach Italien sei. »Ne«, sagte man ihm, »die geht nach Borne.« Er rief erschreckt, der Wagen flog fort. Es regnete fleißig und unverdrossen, wie sittsame Mädchen des Nachmittags unaufhaltsam spinnen: die Räder schnurren, der Regen klatscht an die Fenster, es ist aschgrau teutsches Wetter. In solchem grauen Reitermantel lag das Leipziger Schlachtfeld da, so verließ ich Teutschland, machte die Augen zu, und rekapitulirte mein ganzes Leben, wie ich beim Antritt 295 jeder großen Reise zu thun pflege, und, erschöpft von meinem Leben und von Teutschland, schlief ich ein. Als ich erwachte, sah ich die kleinen Landvierecke an beiden Seiten des Wagens, von kleinen Gräben eingeschlossen, mit kleinen muntern Bäumen bepflanzt. Hie und da nickten harmlos die einzelnen Wäldchen, die nicht breiter und nicht länger sind, als ein bescheiden Bauerhäuschen. Ich erkannte das Land an seinem Kleide, es war Altenburg. Bald kamen auch die uniformirten Landleute hie und da zum Vorschein. Die Frauenzimmer müssen einmal im Altenburgischen großes Unglück angerichtet haben: seit der Zeit hat man ihnen eine Zwangstracht angelegt, die sie garstig macht. Vor der Brust tragen sie ein Brett, damit Herz und Busen verkümmere, die Röcke reichen nur bis an's Knie, um plumpe Gebirgswaden zu zeigen. Das Erzgebirge streckt einen seiner letzten Zweige in das Ländchen, und es ist merkwürdig, wie sich dieser kleine Distrikt absondert von seinen Nachbarn. Es ist Charakter im Altenburger, sollt' er auch nur in der kurzen Jacke liegen, deren Taille unter den Armen steckt. Die Hauptfarbe ist noch schwärzer, als die bei den Braunschweigern, aber sie ist trauriger, geschmackloser, nicht so muthig, als bei jenen, sie sieht mehr leidend, gottesfürchtig aus. Auf dem Kopfe trägt der Altenburger ein kleines unreifes Filznäpfchen, um die Beine 296 weite schwarze Lederhosen, die aber nur bis an's Knie reichen; es muß viel lederne Hanthierung in Altenburg geben: auch das Berühmteste in der Stadt sind schöne, solide und wohlfeile Handschuhe. Die Tracht der Landleute, von welchen hier nur die Rede ist, sieht steif, gemacht und geschraubt aus, es ist keine Leichtigkeit und Bequemlichkeit darin, die Leute sehen auch trübselig ernsthaft daraus hervor, obwohl es ihnen gut geht, und sie meist wohlhabend sind. Es ist kein Feuer, keine Genialität in ihnen. Aber treuherzig sind sie und gut, und lieben ihre niedrigen Berge und ihre Kröpfe. In die Stadt selbst, Altenburg, rollt man bergab schnell hinein, und kommt langsam wieder hinaus. Das ist ein gutes Zeichen, es ist nicht übel Wohnen da; man findet viel Liberalismus, viel Essen und Trinken, viel Gesundheit und viel schlechtes Wetter. Wenigstens regnete es immer, wenn ich nach Altenburg kam, darum liegt die Stadt naß in meinem Gedächtnisse. Aber immer guckten hübsche Mädchenköpfe aus den Fenstern, und heute war das Glück und Unglück gar zu groß. In einer engen Straße, durch welche der Postwagen donnerte, kam ein dunkelgelocktes Mädchenhaupt aus einem Fenster, und zwar so nahe an meinem Kutschenschlage, daß ich muthwillig hinausfahren und ihr wenigstens eine Locke küssen wollte. 297 Sie fuhr zurück, aber das frische Gazellenauge lachte, ich streckte die Hand aus, das schalkhafte Kind that's auch – wie ein Blitz schlug die Hand in mein Gedächtniß. Ich kannte diese volle, weiße Hand, ich kannte jene Gazellenaugen und jene fliegenden Locken, ich kannte sie aus Anhalt und Magdeburg. Vorüber flog der Wagen, der Eilwagen ist das moderne Fatum, nichts hemmt seine Speichen. Vergeblich sprang ich auf und nieder, bergauf, bergab ging's weiter durch das romantische Altenburg. Die Stadt ist wirklich in sich romantisch, Höhe und Tiefe, Begeisterung und Koth wechseln schnell wie ein Windstoß. Prächtig verlassen steht jenseits eines kleinen Wassers das Herrenschloß. Ein Professor neben mir, der bereits die Homöopathie, das öffentliche Gerichtsverfahren, die Dampfwagen, die neuesten geographischen Entdeckungen und die preußische und sächsische Politik erschöpft hatte, detaillirte der Gesellschaft mit jener todesverachtenden Redseligkeit teutscher Professoren den Prinzenraub, welcher da drüben im Schlosse vollendet worden war. Er kannte jedes Fenster und jeden Absatz, dessen sich Kunz von Kaufungen bedient hatte, und er beschrieb so lebendig und so genau, daß wir zehnmal fragen mußten, und als der Wagen rechts einbog und das Schloß verschwand, nicht klüger waren als vorher. Ich theilte ihm die Notiz mit, daß Kunz von 298 Kaufungen zur damaligen Zeit stark an Hämorrhoidalbeschwerden gelitten habe, und daß es nur deshalb mit seiner Flucht so mangelhaft gegangen und er später erwischt worden sei. Der Professor war sehr dankbar für diese Notiz, und fragte hastig nach der Quelle. Ich citirte ihm den Codex Clermontanus , den er zu Leipzig auf der Schweizer Bibliothek zu jeder Stunde einsehen könne. Er war noch einmal sehr dankbar. Nach funfzig Jahren werden es die Leute, welche keine Historiker sind, gar nicht glauben können, daß einst der Raub von zwei kleinen Buben ganz Teutschland in Allarm gesetzt und Krieg und Noth und Jahrhunderte lange Verwirrniß habe erzeugen können; sie werden das Wort »Prinzenraub« nicht mehr verstehn. So geht die Kultur verloren. – Ich fragte den Professor, ob er in Freiberg den blauen Stein gesehn, auf welchem der Kaufungen hingerichtet worden, und der eben von Kunzens hämorrhoidalischem Blute blau geworden sei – der Professor war außer sich vor Neugierde, der Wagen hielt, »10 Minuten meine Herrn,« schrie der Konducteur, ich mußte wissen, ob es Jerta gewesen, ich fühlte die warme, weiße Hand an meinem Munde, ich rannte davon. Der Professor schrie, ich rief im Laufen, daß ich wiederkäme, er schrie jammernd, daß er nicht weiter mit uns fahre – ich hörte nichts mehr. 299 Schicksal, Schicksal, ich verirrte mich, und konnte die Straße nicht finden, sieben Minuten waren um, ich wußte auch nicht mehr, wo die Post war. Kunz von Kaufungen, doch warst du glücklicher, ich fand nicht einmal meine Prinzessin. Ich mußte mir für einen altenburgischen Sechser einen Buben gewinnen, der mich im Trabe zur Post zurück brachte. Es war der Moment des Abfahrens. Wie ein Paquet ward ich hineingeworfen, händeringend stand der Professor am Schlage, eine antiquarische Thräne stand auf seinem wissenschaftlichen Auge, »der blaue Stein,« wimmerte er. Ich konnte ihm nicht helfen, die Pferde zogen an, ich schrie, als ob ein Menschenleben auf dem Spiel stünde. »Reisen Sie nach Freiberg,« ob er's aber gehört hatte, wußte ich nicht. O, Jerta, deine Gesichtszüge sind mein Malheur! Als ich noch jung, sehr jung war, und den ersten gründlichen Unterricht im Christenthume erhielt zu Sprottau in der kleinen gewölbten Sakristei, wo es immer schmählig kalt war, da saß mir gegenüber ein schlankes Mädchen im grauwollenen Ueberrocke die war größer als ich, und ich liebte sie schon damals mehr als das Christenthum. Aus ihren großen blauen Augen, die so tief waren wie der See Genezareth, las ich alle die Antworten christlicher Liebe, welche ich dem Herrn Pastor Primarius zu 300 seiner größten Zufriedenheit gab, und um ihre Lippen hatte sie einen schalkhaften, liebenswürdigen Zug, der mein Herz zerschnitt mit der Seligkeit des Himmels. Ach, ich hätte immer weinen und sterben können, wenn sie mich ansah mit diesen lieben, lieben Augen und jenem Zuge und Ausdruck, der mich so namenlos glücklich machte. In jenem Zuge mußte wohl das ganze Geheimniß aller irdischen Freude liegen, die mir zu Theil werden könnte, ich wüßte sonst nicht, woher diese überwältigende Himmelsseligkeit über mich gekommen. O, es ist ein groß Mysterium, die erste Liebe, und alle späteren Leidenschaften borgen ihren Reiz von ihr. Wie wußt' ich nichts von Kälte, obwohl mir die Hände erstarrten, wenn Sie da war, und wie langweilig war das Christenthum, wenn es ihr einmal zu kalt war, und sie nicht kam. Sie trat immer erst später mit dem Herrn Primarius in die Sakristei, und ich glaubte lange den Herrn Primarius allein zu lieben, und irrte mich doch so sehr. Ach, mit welcher Angst bemerkte ich's, wie wir immer mehr lernten, und die dümmsten Bauerjungen schon wußten, daß der Apostel Paulus früher Saulus geheißen und daß er das Heurathen vertheidigt habe, wenn's einmal sein müßte, denn je höher unsre Gelehrsamkeit stieg, desto näher kam das Ende meines Glücks, das Ende des Unterrichts. 301 Und das Ende kam wirklich, es war gar zu traurig, und ich sah sie nur noch von Weitem hinter dem Fenster, und begegnete ihr manchmal, wenn sie in die Stunde ging zum Herrn Primarius, als ich schon ein kleiner Christ, und sie noch eine liebe, halbe Heidin war. Daher mag's wohl kommen, daß mir mein ganzes Lebelang das Heidenthum so viel schöner erschienen ist. Ich lebte acht Tage und acht Nächte von einem einzigen Blicke, und wenn es Abend ward, da schlich ich um ihr Haus, und wartete so lang bis in dem untern Geschoß Licht ward, dann aß die Familie zu Abend und Sie auch. Das Fenster war hoch und mit Eisengittern versehen, aber ich kam hinauf, und hing so lang an den Eisengittern, als es meine kleinen Kräfte erlaubten und sah ihr zu, wie sie zu Abend aß, und sah ihr in das himmlische Gesicht, und die Thränen liefen mir über die Backen. – So kam denn auch der letzte Abend, den andern Tag sollte ich weit fortgebracht werden auf eine größere Schule, damit ich auch Griechisch und Hebräisch erlerne, was in Sprottau Niemand konnte. Oh, ich war so böse auf das Griechische und Hebräische, und habe in Beiden aus Haß niemals was Ordentliches gelernt. Ich sollte den letzten Abend feinartig zu Hause bleiben, die Mutter wollte noch viel mit mir sprechen, und ich sollte packen helfen, aber ich stahl mich immer 302 einmal fort, und sah ob bei ihr im Erdgeschoß kein Licht sei. Umsonst, der erste Stock war erleuchtet und unten blieb es finster. Ich war so traurig, als sollt' ich sterben. Da kam ein kleines Licht; – husch hinauf an's Fenster, wahrhaftig sie war's, war allein und suchte etwas im Zimmer. In der finstersten Nacht am besten, und auch am hellsten Tage weiß ich noch, wie das Licht ihr mildes Antlitz beschien, alle Herrlichkeit der Erde lag auf diesem kleinen lieben, süßen Angesichte. Ich hätte nicht gewagt, ein Zeichen meines Daseins zu geben, meine Liebe war eine schweigsame Religion, Sie hat nie eine Sylbe davon erfahren, und es fiel meinen kühnsten Träumen nicht ein, daß sie in das untere Zimmer gekommen sein könne, um meinen Augen einen Abschied zu gönnen. Ich wollte nichts von ihr, sie hatte nichts zu thun für mich, als zu existiren. Den andern Tag reiste ich in einem verhangenen Korbwagen an ihrem Hause vorbei auf die ferne Schule, es regnete wie heute, und ich habe sie nie wieder gesehn. Aber ihr süßes Angesicht ist für immer die Romantik meiner Liebe geworden, und jener Zug um den lieben Mund, der mein Herz mit Seligkeit durchschaut, ist noch heut der Typus jenes Zaubers, den man Liebeszauber nennt, und er hat mich oft unglücklich glücklich gemacht. Sein gedacht ich jetzt im Postwagen, denn jenes 303 Mädchen in Altenburg glich ebenfalls jener lieben, kleinen Heidin aus Sprottau, und glich doch auch der Jerta, und warf mein Herz Fangball und quälte mich auf das Süßeste. Es war glücklicherweise finster geworden, da geht das Liebesträumen so vortrefflich; ich drückte mich in die Ecke, und schwelgte wie ein türkischer Opiumesser, und selbst die Erinnerung störte mich nicht, wie man mir einst erzählt, die kleine Heidin sei sehr groß geworden, und habe einen dicken Justizrath geheurathet. – 304     Die Novelle. In Altenburg waren zwei Damen eingestiegen, und erst vor der Stadt hatten sie sich in die Gesichter gesehen und sich erkannt. Es schienen herzliche Freundinnen zu sein, die weit entfernt von einander gewesen waren, aber der Ausdruck ihrer Freude kam mir so dumpf gemäßigt vor, wie man die Trommeln schlägt, wenn ein Soldat begraben wird. Sie küßten sich und drückten sich die Hände; genauer schaute ich nicht hin, ich war zu sehr beschäftigt, ihre Gesichter hatte ich auch nicht gesehn. Ich saß neben ihnen auf dem hintersten Sitz, und als es ganz finster war, und sie mich gewiß fest eingeschlafen glaubten, erzählte die eine mit leise flüsternder Stimme folgende Geschichte. Vorher hatte ich auf ihr Gespräch nicht Acht gehabt, der epische Ton aber, welcher plötzlich anhub, weckte mich alsbald. Die erzählende Dame halte eine schöne Altstimme, welche 305 zuweilen über das Flüstern heraustrat. Sonst sprach sie Alles ohne Modulation, eintönig, und das erhöhte mir den Eindruck außerordentlich. Die Nacht und der Wagen war übrigens finster und still, ununterbrochen, aber in gleichmäßigem Tempo, regnete es draußen. Ich hörte halb wachend, halb träumend zu, doch werd' ich kaum etwas Wesentliches geändert haben, wie ich die Erzählung aus meinem Gedächtniß objectivirt hier wiederbringe. 1. Draußen am Rhein in einem mäßigen Städtchen saß eine bürgerliche Familie beim Frühstück. Es war noch sehr früh, die Morgennacht sah grau zu den Fenstern herein, das Kaminfeuer brannte, und auf dem Tische standen zwei brennende Lichter. Um den Tisch herum saßen der Vater in einem warmen Schlafpelze, die Mutter mit der weißen Nachthaube, und der Sohn, ein stattlicher Bursch, zur Reise gegürtet. Ferdinand wollte in der Frühe fort, er sollte bis nach Rußland reisen. Am Kamin stand die Schwester, einen frischen Topf Warmbier kochend, denn es war kalte Frühjahrsluft draußen. Das Mädchen war hoch und schlank gewachsen, sie hatte ein großes Tuch umgeschlagen und auf dem Rücken die Zipfel zusammengebunden. Unverwandt 306 sah sie in's Feuer hinein, und langsam glitten die Thränen ihr über die Wangen. »Aber Mathilde« – rief der Vater, »die Kanne ist leer, und Ferdinand hat erst zwei Tassen getrunken.« Da fuhr sie erschrocken zusammen, und die weißen schönen Arme kamen aus dem Tuche heraus, und legten frisches Holz an, die Thränen fielen in's Feuer, und sie nahm sich kaum die Zeit, die Wange mit dem Tuche abzutrocknen. Das Warmbier kochte, sie brachte es auf den Tisch, schenkte dem Bruder die Tasse voll, und fuhr ihm dann mit beiden Händen über Kopf und Gesicht, und leise weinend drückte sie ihr Gesicht an seine Augen. »Und du gehst nun auch fort, Ferdinand.« – – Mehr konnte sie nicht sagen. Der Bruder schlug den Arm um sie, der Vater stellte die Pfeife weg, und ward unruhig, die Mutter weinte sehr, und trat hinzu und nahm den Sohn bei der Hand. Endlich that der Vater, als sei er verdrießlich, und schalt, daß man den Jungen nicht wenigstens in Ruhe frühstücken ließe. Da knallte es laut im Hausflur, und Alle riefen: »der Kutscher.« Ferdinand sprang auf, küßte den Vater. Des Alten Gesicht war in stürmischer Bewegung. Er küßte die laut weinende Mutter; unter lautem Weinen band sie ihm einen Fuchsschwanz um den Hals, 307 und wollte ihn nicht mehr loslassen. Sie steckte ihm noch das Taschentuch, was er auf dem Stuhl hatte liegen lassen, in die Brust hinein. Nun wollte er von der Schwester scheiden. Sie legte den Arm um seine Schultern. und bat innig. »Noch nicht!« – Die Eltern durften nicht mit vor die Thür, es sei zu kalt für sie draußen. Und draußen am Wagen, da drückte sie dem lieben Bruder noch einmal die zitternden, warmen Hände in's Gesicht, und bat ihn von Herzen, er möge ja recht glücklich leben. »Und wenn du ihn in Riga triffst, so bitte ihn, daß er treu ist.« Der Wagen rollte fort. Mathilde sah ihm mit schmerzlichem Gesicht nach, und flüchtete ihre schönen Arme unter das Tuch. Es war kalt, die Straße sah noch todt aus wie eine graue Stube, deren Decke abgetragen ist. Der Nachtwächter auf der Bank gegenüber war aufgewacht, half sich langsam am Spieß in die Höhe, lüftete seinen breiten Hut und pfiff fünf Uhr. Langsam, schauernd vor Frost und Trauer ging Mathilde in's Haus zurück. Das Kaminfeuer war ausgegangen, die Eltern saßen im Dunkeln. Sie setzte sich still in einen Winkel am Ofen, wo sie oft mit dem Bruder und dem gesessen hatte, den sie in Riga grüßen ließ. – 308 2. Eines Abends kam Ferdinand in Riga an. Er hatte in Heidelberg seine Studien vollendet, und sollte jetzt eines reichen Banquiers Kinder erziehn. Deshalb war er hier, und schritt über die Schwelle des hell erleuchteten Hauses. Es war Theegesellschaft da, man nahm ihn vornehm freundlich auf, der Banquier machte ihn mit seiner Familie bekannt. Die Frau vom Hause hatte ein eitles aufgeblasenes Gesicht, es war viel Schönheit in den Formen, aber eine gewisse Unordnung in dem Zügen, sie behandelte Ferdinand mit jenem Gemisch von Kaufmannsdünkel, Geldstolz und halbgebildeter Artigkeit. Ihr Anzug war reich, aber ohne Geschmack, die Toilette üppig und frei. Hinter ihr, zum Theil auf ihre Schulter gelehnt stand die älteste Tochter Emilie, und sah den Ankömmling neugierig mit ihren brennenden Augen an. Das Mädchen trat eben in's Alter der Jungfrau, wie junger Reif lag ein frisches Verlangen auf den festen jugendlichen Formen, auf dem kecken Roth der Gesundheit. Sie hatte rabenschwarzes Haar und schwarze Augen, und war schon so groß wie ihre Mutter. Ferdinand sollte sie französisch und Musik lehren. Sie fiel wie Feuer in seine Augen, und er sah sie mit leuchtenden Blicken an. Die Mutter begegnete seinen Blicken und lächelte. Man fragte ihn, ob er vorlesen könne, und gab ihm Goethes Stella. 309 Ferdinand las, Emilie saß neben ihm, er fühlte ihren Athem, ihre Augen auf den Buchstaben und las heiß und leidenschaftlich. Das Mädchen hörte mit großer Theilnahme zu, und nach den Akten war sie erhitzt und holte tief Athem und lächelte dem Leser dankbar in die Augen. Die Mutter applaudirte, der Papa ging langsam im Nebenzimmer auf und ab, und sprach leise mit einem Fremden über Geschäfte. Nur zuweilen blieb er in der Thür stehn, und sah die Gruppe an, aber man konnte leicht unterscheiden, daß er auf Stella nicht höre. Zwei jüngere Brüder Emiliens waren bei Beginn der Lektüre von der Mutter entfernt worden, weil das Buch nicht passend für sie sei. Als das Buch zu Ende war, glühte Ferdinand, und war sehr glücklich. Die Mutter trat nahe an ihn heran, lächelte zutraulich, und meinte, es sei charmant, daß er so hübsch und mit so viel Gefühl lese. »Ach ja!« setzte Emilie schnell dazu, und stand mit niederblickenden Augen sinnend neben ihm. 3. Am folgenden Tage traf Ferdinand auf der Straße seinen Universitätsfreund Richard, und die Freude war groß, sie hatten mit einander studirt, und Richard war einst in den schönen Pfingstfeiertagen mit 310 Ferdinand nach Haus gereis't, hinaus an den Rhein in jenes kleine Städtchen, wo es still und hübsch ist, und wo Mathilde vor der Thür saß, und ihrem Bruder einen bunten Studentenbeutel stickte. Im Frühlinge, da kamen die Blumen all, und auch die Liebe, und Richard hatte Mathilden geküßt, eh' die lustigen Freunde wieder von dannen zogen, es war große Freude draußen am Rhein gewesen. Später war er wieder gekommen, und war Arm in Arm mit dem lieben Mädchen spazieren gegangen, und die Leute hatten gesagt: das ist ein schönes Paar, Vater und Mutter aber hatten sie gesegnet. – Jetzt richtete Ferdinand Mathildens Gruß und Sorge aus, und Richard fragte zurück, wie es ihr ginge. Darauf ließ er sich von Ferdinand in das Haus des Banquiers einführen. Er spielte besser Klavier als jener, und übernahm zum Scherz und aus Freundschaft die Musikstunden für Emilien. Die Mutter war es zufrieden, denn Richard war ein sehr artiger Mann, und ein geliebter Gesellschafter in Riga; er hatte so viel Verbindliches, und war auf dem besten Wege, eine glänzende juristische Karriere zu machen. Der Banquier machte ihm sehr freundliche Verbeugungen und Ferdinand stieg im Preise, daß er so respektable Konnexionen besäße. In den Morgenstunden unterrichtete Ferdinand Emilien und ihre Brüder, die Mutter schlief da noch, 311 oder machte Morgentoilette, der Vater hatte Geschäfte und ließ sich auch niemals sehn. Ferdinand lehrte Alles so innig und eindringlich, daß Emilie die Stunden immer lieber gewann. Wenn nach Tisch die Eltern ausfuhren, blieb sie jetzt immer zu Hause, um bei den Stunden ihrer Brüder zuzuhören, und selbst noch Manches mitzulernen. Wenn die Sonne schien, ließ Ferdinand die Knaben in den Hof springen, und der Winter begann zu scheiden, die Sonne schien oft. Da sprachen sie stille, herzliche Dinge mit einander, Ferdinand und Emilie. An einem solchen sonnigen Nachmittage war's, als er sich ein Herz faßte und sie bei der Hand nahm, und die frische, pulsierende Hand heiß und lebhaft küßte. Sie legte in Freude und Schreck zusammenschauernd die andre Hand auf die seine, und sie sahen sich endlich in die Augen, und fielen sich in die Arme. Es begann ein Küssen und Drücken, sie wußten nicht, wie ihnen vor Seligkeit geschah. Da stieß ein Frühlingswind das Fenster auf, das nach dem Hofe ging, einer der Brüder unten rief. »Kuckuck,« und sie sprangen erschreckt tiefer in die Stube. Ferdinand sagte im Taumel seines Glückes zu Emilien, er wolle den Vater, sobald er nach Hause komme, bitten, ihm seine schöne Tochter zur Frau 312 zu geben. Gestern habe er Briefe vom Rheine bekommen, und die Pfarrstelle in seiner Vaterstadt sei ihm angetragen. Emilie küßte ihn dafür, der Wagen fuhr vor, sie sprang in den Hof, um den Bruder von losem Geschwätz abzuhalten. Ferdinand ging hinter dem Banquier her, und bat um eine Unterredung. 4. Richard war im Hofe und spielte mit den Buben. Der älteste erzählte ihm, was er heut gelernt, und wie lange er jetzt schon gespielt habe. Als Richard nach Emilien fragte, antwortete er ihm leise, sie küßte sich eben mit Herrn Ferdinand. Darauf ging Richard eiligst zur gnädigen Frau vom Hause, und Ferdinand war kaum beim Banquier eingetreten, so erschien auch jene mit zornflammendem Gesicht, und unterbrach den Vortrag Ferdinands, welcher eben begonnen hatte. Halb zu ihm, halb zu ihrem Manne gewendet, sagte sie mit schneidenden Worten, daß der Herr Hauslehrer sich Vertraulichkeiten mit seiner Schülerin erlaube, welche sich durchaus nicht schickten. Mühsam schob Ferdinand dazwischen, daß er eben den Vater aufgesucht habe, um Emiliens Hand zu erbitten. Da schrie die Mutter laut auf, höhnisch und 313 schneidend, der Vater aber, welcher bis dahin nur mit halbem Auge aufgesehen hatte, sah ihn plötzlich groß an, runzelte die Stirn, und sprach mit fester Stimme: »Mein Herr, davon kann nicht die Rede sein.« – – Auf dem Korridor fand der zurückkehrende, zerschmetterte Ferdinand Emilien, die in Freude, Liebe und Angst bebend seiner harrte. Er reichte ihr die Hand, und sagte ihr mit weicher, von heftigem Schmerz bewegter Stimme, daß Alles verloren sei. Sie fiel ihm um den Hals, überschüttete ihn mit heißen Thränen und Küssen. »Laß uns nach Teutschland fliehn!« bat sie. »»Du willst?«« »Ich will Alles, was mich mit Dir vereinigt, ich liebe Dich sehr.« Und nun besprachen sie, wie das zu beginnen sei, denn es war nicht wahrscheinlich, daß man Ferdinand noch länger im Hause dulden werde. Thüren wurden geöffnet, sie waren nicht sicher an dem Orte, und verabredeten ein Rendezvous. Emilie wollte sich den Schlüssel zum Gartenhause verschaffen, dort würden sie, wenn Alles im Hause schliefe, das Nöthige besprechen. Sie schieden unter Küssen, ermuthigt durch ihre Pläne. Denselben Abend war Thé dansant im Hause. 314 Emilie erschien geschmückt, und war ausgelassen und schön und lachte und scherzte und tanzte wild und lustig, vorzüglich mit Richard. Ferdinand stand in einem Fensterwinkel, und sah ihr mit Entzücken zu; seine Seele war mit der Liebe für das schöne, frische Mädchen und mit Besorgniß wegen der Flucht erfüllt. Er tanzte nicht. Als sich die Gesellschaft trennte, flüsterte sie ihm zwei Worte in's Ohr, und eilte auf ihr Zimmer. 5. Es war eine mondhelle Nacht. Die Gartenthür knarrte, und eine verhüllte weibliche Gestalt huschte unter dem Schatten der Bäume hin. Es war Emilie. Ferdinand schlich drüben an der Gartenmauer entlang. Sie mußten vorsichtig sein, denn der Mond schien verrätherisch klar, und in des Vaters Schlafzimmer, was auf den Hof herausging, war noch Licht. Plötzlich schrie Emilie laut auf – rücksichtslos sprang Ferdinand über die Beete herbei. Sie zitterte am ganzen Körper, und deutete auf eine dunkle Stelle des Gartens, von dort habe sie ihren Namen nennen hören. Rücksichtslos ging Ferdinand auf die Stelle los – er fand nichts. Sie gingen in's Gartenhaus, und küßten sich, und kamen in Folgendem überein: Ferdinand sollte aus dem Pavillon, der in's Freie führte, sogleich nach dem Hafen eilen, 315 zwei Plätze auf einem Schiff bestellen, und dann an denselben Ort zurückkehren. Emilie werde ihre Habseligkeiten und Kostbarkeiten zu einem Bündel schnüren, und ihn reisefertig erwarten. Ferdinand geleitete sie erst zurück in's Haus, nahm seinen Mantel um, steckte ein neues Testament in die Tasche, und ging. Am Hafen war's still, ein Schiffer schlief auf dem Damme. Er weckte ihn, und begann seine Unterhandlung. Der Schiffer blieb liegen, stemmte seine Arme unter, ließ ihn ausreden, stand dann auf und ruderte, ohne ein Wort gesprochen zu haben, Ferdinand hinüber an's Schiff. Der Kapitain ward gerufen, das Geschäft war bald abgemacht, um 6 Uhr wollte das Schiff in See gehn. – Ferdinand eilte zurück, fand Emilien harrend, und trat den Weg zum Hafen mit ihr an. Sie wollte immer bemerken, daß ihnen in weiter Entfernung eine Figur gleichmäßig folge, aber Ferdinand nannte es Träumerei. Erst am Hafen schien es auch ihm, als folge ihnen Jemand, das Boot, was sie übersetzen sollte, zögerte, er ward unruhig. Drüben von den Häusern her näherte sich eine Figur. – Aber das Boot war da – sie segelten hinüber, und bestiegen das Schiff. Beide holten tief Athem und fühlten sich in Sicherheit. 316 6. Es war noch nicht Tag, da begann eine große Verwirrung im Hause des Banquiers. Ein Mann, in einen langen Mantel gehüllt, hatte heftig an der Hausthür geschellt, und darauf bestanden, den Herrn vom Hause augenblicklich sprechen zu müssen. Der Wagen des Banquiers rollte nach dem Polizeihause, die Polizei eilte bald darauf nach der Richtung des Hafens hin. Der Dreimaster hob eben die Anker, in Riga schlug es sechs, als der Polizeihauptmann auf einem Boote am Schiffe ankam, und im Namen des Kaisers den Kapitain zu sprechen verlangte. Die Matrosen schrieen, die Anker würden gelichtet, es sei zu spät, »Im Namen des Kaisers« klang es verhängnißvoll in das Gewirr. Der Kapitain kam. Bald darauf sah man Emilien und Ferdinand die kleine Schiffstreppe herab klettern in's Boot. Richard, der in seinen langen Mantel gehüllt, auf dem Steindamme stand, führte Emilien an des Vaters Wagen, hob sie hinein, küßte ihr die Hand, und rief dem Kutscher zu, nach Haus zu fahren. Ferdinand ward in's Gefängniß gebracht, und es begann ein Kriminalprozeß. In den ersten Tagen hatte Emilie oft geweint; Richard war aber redlich bemüht, sie zu trösten. 317 Nach einiger Zeit sagte man ihr, Ferdinand sei nach Teutschland entlassen und die Sache sei aus. 7. Draußen am Rhein in dem kleinen Städtchen blieben nun auch die Briefe von Ferdinand aus, denn Briefe von Richard erwartete man schon nicht mehr. Mathilde war sehr blaß geworden und noch ernsthafter als früher. Eines Tags sagte sie dem Vater, sie wolle mit der Post nach Riga reisen, Ferdinand sei gewiß krank und habe in der Fremde keine Pflege. Der Vater sagte nichts, und machte ihr das Reisegeld zurecht. – – In Riga hörte sie auf der Polizei, Ferdinand sei nach Sibirien transportirt worden. Sie weinte nicht, sondern traf Anstalten, nach Petersburg zu reisen, um dem Kaiser einen Fußfall zu thun. Als sie nach dem Hafen ging, um einen Platz auf dem Schiff zu bestellen, ging ein eleganter Mann vor ihr her, der ein teutsches Lied sang, was man bei ihr zu Hause am Rheine oft zu singen pflegte. Sie ging etwas schneller; vielleicht hatte der Mann Ferdinand gekannt. Er wendete sich um. Mathilde stand still wie eine Bildsäule, sie kannte den Mann; er hieß Richard. Er kannte aber sie nicht, und ging weiter, und trällerte sein rheinisches Lied. 318 8. Mit vieler Mühe war sie in Petersburg zur Audienz gekommen, mit vieler Mühe hatte sie ihres Bruders Begnadigung erhalten. Jetzt fuhr sie über die weite Eisfläche Sibiriens hin, sie hatte schon viele hundert Werste zurückgelegt, das Städtchen lag vor ihr mit seinen Hütten, wo sie Ferdinand finden, ihm seine Befreiung ankündigen würde. Man trug eine Leiche an ihrem Schlitten vorüber, und als sie in den Ort kam, erfuhr sie, daß es Ferdinands Leiche gewesen war. – – Mathilde weinte nicht. Sie wollte zurück nach dem Rheine; um ihre alten Eltern zu pflegen. – – In der Nähe von Riga begegnete ihr eine schöne Equipage. Der Kutscher des schönen Wagens fuhr heftig gegen einen Stein, es krachte ein Rad, die Darinsitzenden stiegen aus, der Postillon, welcher Mathilden fuhr, hielt still, um dem Kutscher behilflich zu sein. Der Herr und die Dame, eine junge schöne Dame, baten Mathilden, sie mitzunehmen nach der nahen Stadt. Mathilde erkannte den Herrn, und ließ ihren Schleier über das Gesicht fallen, es war Richard. Er saß ihr gegenüber und scherzte mit ihrer Nachbarin. Die Nachbarin war aber seine junge Frau, und als sie nach Riga kamen, sagte ihr der Postillon, die 319 junge Frau wäre die Tochter eines reichen Banquiers, welche einmal mit einem jungen Teutschen hätte fortfahren wollen. Mathilde sagte nichts, und fuhr weiter nach Teutschland hinein. In diesem Augenblicke hielt der Wagen vor dem Posthause in Zwickau. Man leuchtete mit einer Laterne hinein, und ein Lichtstrahl fiel über die Erzählerin. Ich erbebte wie zum Tod erschrocken: Das waren die verstorbenen großen Augen Mathildens, auf diesen blassen edlen Zügen lag die ganze Leidensgeschichte des unglücklichen Mädchens aus jenem Städtchen draußen am Rhein. Ach, es schien mir ein erschreckliches Unglück auf diesen todtgeweinten Mienen still und stolz zu ruhen, lange, lange schon mochten es keine Thränen mehr befeuchtet und geschmeidigt haben. Ein strenger Weibesschmerz sah heraus, trocken war das Auge eines Mädchens nach solch trauriger Geschichte. Meine Nachbarin, an welche die Erzählung gerichtet worden war, bedeckte das Gesicht mit dem Taschentuche und schluchzte innig, und die erschütterte Seele drängte sich in den bebenden Körper heraus. Bei Erzählung solches Unglücks konnte nur ruhig und thränenlos sein, wer das Unglück selbst erlebt hatte. 320 Keinen Augenblick zweifelte ich mehr, daß es Mathilde selbst sei. Ich hob sie aus dem Wagen, ihre Hand, ihr Arm war kalt, sogar ihr Athem, der mich berührte, schien keine Lebenswärme mehr zu haben. Es war eine hohe Gestalt. Sie vergaß mir zu danken, und reichte stumm der nach ihr kommenden weinenden Freundin die Hand. Als diese beim Heruntersteigen beide Hände bedurfte, und einen Augenblick das Tuch vom Gesicht nahm, sah ich auch ihr Gesicht – ich war versteinert von den verschiedenartigsten Eindrücken. Es war der schöne Mädchenkopf aus Altenburg, es waren die verweinten Augen, die schmerzlich verzogenen Züge meiner kleinen Heidin aus Sprottau. Umsonst hatte ich sie gesucht, ohne es zu ahnen hatte ich eine Poststation neben ihr selbst gesessen und mit ihrem Bilde geschwelgt, und jetzt weinte sie und war schmerzerfüllt; ich konnte sie nicht anreden, wenn es mein Leben gerettet hätte, sie gehörte dem Schmerz und Mathilden. Mein Weg führte über Schneeberg, der Postwagen ging aber gerade fort über Plauen nach Baiern hinein. Eh' ich meine verwirrten Affekte geordnet hatte, waren die Reiseeffekten geschieden, die Mädchen fuhren von dannen, ich hatte nicht den Muth gehabt, ein Wort an sie zu richten, hinaus in die Nacht fuhr 321 das Mädchen mit dem süßen Gesicht meiner Jugendliebe. Ich stand schmerzlich bewegt, voll Trauer und Sehnsucht im Thorwege, und sah der Laterne des Wagens so lange nach, bis sie verschwand. All' die süßen Liebesschauer aus der Sakristei, all' das Liebessehnen der frischen Jugend ging durch mein Herz – ich hatte ein altes Gedicht gelesen, und hätte wie damals als Knabe bitterlich weinen mögen, daß es zu Ende war. 322     Zwickau. »Und nahm ihm ein Stück seines Lebens, und lachte dazu.« Aus der verlornen spanischen Tragödie. Nach allen Seiten hatten sich die Reisenden aus dem Posthause zu Zwickau zerstreut. Ich saß mit einem ruhigen, behaglichen Nordteutschen am Ende allein in dem winkligen Gastzimmer auf einem versteckt liegenden Sofa. Es war in der zweiten Stunde der Nacht, ein einsames Licht brannte träg auf einem entfernten Tische von lang gebranntem Dochte beschattet. Der Nordteutsche rauchte seine Pfeife und sah zufrieden vor sich hin, meine Gefühle schlugen auch allmählig immer kleinere Wellen, es war so fein still in Nähe und Ferne, der Morgenwind schüttelte leise zuweilen an den Fenstern, man hörte es, wie er den erschöpften Regen fortblies, ein früher Hahn begann schüchtern und wie unsicher probirend sein erstes Signal eines neuen Tages. 323 Ich wollte auch einen neuen Tag anfangen, und verschloß die Thür zu den Gedanken des vorigen Tages, und wendete mich an meinen Nachbar. Ein neuer Mensch auf einer Reise erschließt immer wieder ein ganz andres Terrain, wenn man seinen Geist und sein Herz nur ein wenig zu öffnen weiß. Der Nordteutsche war einer von denen, welche nach zehn Minuten so bekannt und offenherzig sind, als wäre man schon Jahrelang mit ihm umgegangen. Das ist bei vielen Menschen eine Schwäche, bei ihm aber war es Stärke; er war sich seiner Kraft bewußt, die ihm begegneten, mochten mit dem, was er ihnen gab, machen was sie wollten, das war ihm einerlei. Er hatte ein gutes Gewissen, wie denn ein starker Mann, dessen Unterleib gesund ist, selten ein schlechtes hat. Denn an einem schlechten Gewissen sind immer zwei Dritttheil Angst und Schwäche. Es ergab sich, daß wir zusammen über Schneeberg nach Carlsbald reisen wollten. Er sah stämmig und robust aus wie eine gesunde Kiefer, und ich fragte ihn natürlich, was er denn in Carlsbad wolle, da er nicht vornehm genug aussähe, um diese Frage überflüssig zu machen. Da zog ein liebenswürdig Lächeln um seinen Mund, wie wenn in den letzten Tagen des April die Sonne zum ersten Male wieder oben über dem Kieferwalde zum Vorschein kommt, und die wenigen 324 Aeste einander zuraunen. »Seid munter, sie ist da.« Er nahm die Pfeife aus dem Munde, und konnte sich gar nicht mehr aus dem Lächeln herausfinden, ich war ernstlich besorgt, daß es sich in ein Lachen verwandeln, und ich gar nichts erfahren würde, und unterbrach ihn deshalb, als er lächelnd aufstand und das Licht schneuzen ging. »Sie müssen nicht davon sprechen« – So fangen alle Leute an, die in Teutschland mündlich etwas erzählen wollen. Die jungfräuliche kindische Scheu vor der Oeffentlichkeit ist immer so groß, daß sie roth werden, wenn sie ihren Namen gedruckt sehen, und bleich, wenn etwas dabei steht, was sie selbst gesprochen. Ich machte ihn sicher, und nun erzählte er wie ein langsames, aber regelmäßiges Mühlrad. Jetzt sei er zwar ein tiefer Dreißiger, aber er sei einst auch jung gewesen, und habe sich auf der Schule mit dem Cornelius Nepos und andern wichtigen Dingen beschäftigt. Und nun begann er eine Detailerzählung, und stopfte sich dazu eine neue Pfeife. Ich erinnerte ihn, daß wir keine volle Stunde mehr übrig hätten, dann ginge der Wagen nach Schneeberg ab, und ob er wohl bis dahin fertig zu werden gedächte mit dem Cornelius Nepos und andern wichtigen Dingen, um derentwillen er nach Carlsbad reise. 325 Eine Zeitlang mußte ich auf Antwort harren, da die Pfeife eben in Brand gesetzt wurde, dann zog er einen tiefen Schluck Rauch, und sagte: Wir können ja im Wagen fortfahren. Nach diesen Worten setzte er sich und erzählte. Er hatte auf der Schule zwei Treppen hoch hinten hinaus in einer kleinen Stube mit einem langen, sehr langen Theologen und einem sehr kleinen ABC-Lehrer zusammengewohnt. Selbiger letztere habe sich sehr viel auf seine Schwester, die einen Goldschmidt geheurathet, und auf das Perfectum des Verbums ferre zu Gute gethan, was er als ehrwürdigen Rest sonstiger klassischen Bildung, die ihm geblieben, allen andern Perfectis der Welt vorzog. Deshalb nannten wir ihn Tuli, – »Herr Tuli,« fiel ich dem Nordteutschen in's Wort, und war äußerst bewegt, denn das war ja meine Geschichte, jener Tuli war mein Stubengenoß gewesen, jener Schüler war ich. Der Nordteutsche ließ sich aber nicht stören, sagte. »Sehr richtig, deshalb nannten wir ihn Tuli;« und fuhr gleichmäßig fort zu erzählen. Mich überlief es eiskalt, alle Geschichten von Doppelgängern, von gestohlnen Spiegelbildern kamen mir in den Sinn, es war spät in der Nacht, ich war allein mit dem Manne im Gastzimmer zu Zwickau, ich träumte vielleicht, war auf dem dunkeln Sofa eingeschlafen, 326 ich fragte den Nordteutschen, ob er gewiß wüßte, daß ich wachte. »Ja,« antwortete er trocken, und fuhr fort in seiner Geschichte. »Tuli hatte die ganze Stube voll Vögel hängen, und wenn sie alle sangen, so hörte man sein eigen Wort nicht. Hinter dem Ofen aber befand sich eine Hecke von Kanarienvögeln, auf welche Tuli all seine Erwartungen baute. Wir führten ein sehr stilles, gottseliges Leben: am Tage lehrten und lernten wir, Tuli das ABC, ich Lateinisch, der Theologe las hochbeinige Classiker, und sammelte sich schöne Redensarten für zukünftige Predigten. Gegen Abend fanden wir uns alle zusammen, Tuli versuchte es, eine seiner verstopften Pfeifen in Brand zu stecken, was nicht immer gelang, der Theologe, der nebenbei mein Vetter war, zog sich seinen alttestamentarischen Schlafrock an, der grau wie Buße und lang wie die Ewigkeit aussah, und ging mit großen Schritten nicht ohne Schwierigkeit im kleinen Zimmer auf und ab, ich saß im Winkel und dachte an den Epaminondas, der die Flöte so schön gespielt habe, und beschloß, meinem Vater zu schreiben, daß ich auch Flöte spielen wollte, um ein Epaminondas zu werden, meiner Mutter aber mitzutheilen, wie fleißig ihr Rath befolgt werde, und wie ich mich alle Tage am Treppengeländer baumle, um zu wachsen. Denn 327 ich sah wohl ein, daß ich größer werden müsse, um den Epaminondas zu spielen, und meinen langen Vetter beneidete ich in solchen Augenblicken immer sehr.« »Jetzt räusperte sich Tuli und stellte mit schüchterner Stimme die Motion, ein Uebriges für den schönen Winterabend zu thun und eine Bretzelsuppe zu kochen oder Kartoffeln in Speck zu braten, da die Herren – das war mein Vetter und ich und das schmeichelte mir sehr – von der letzten Sendung der respectiven Eltern wohl noch Speck besäßen.« »Der Antrag ging durch, es ward Licht gemacht, Tuli zog seinen blaugestreiften leinwandnen Schlafrock an, gab die Versuche mit seiner Pfeife auf, und hinkte hinunter zum Bäcker, um Bretzeln zu kaufen, und versprach den Sechser auszulegen und aus dem Keller Kartoffeln mitzubringen.« Der scharfsichtige Leser wird bemerken, daß ich zuweilen dem Nordteutschen das Wort abnehme, und in der Erzählung seiner Veranlassung, nach Carlsbad zu reisen, selbst fortfahre. Das verwundert ihn gar nicht, es ist eine schreckliche Lage, schrecklicher als die des Lesers, der nicht absieht, wie wir nach Carlsbad kommen werden. Den Leser kann ich trösten, denn ich ahne es, wo es hinaus will, und mich quält nun auch schon die Eifersucht, aber wer tröstet mich, dem in der Nacht zu Zwickau auf dem dunkeln Sofa ein Theil seines Lebens abhanden gekommen ist! 328 Wir fuhren fort: Aus einer Schüssel, die auf einem nackten Tische von weißgewaschenem Fichtenholze stand, aßen wir alle drei friedlich und besonnen Bretzelsuppe oder Speckkartoffeln. Dann spielte ich mit Tuli eine Partie Dame, die er mich selbst gelehrt, und wenn er zu viel Schweinchen bekam, so hörte er verdrießlich auf, und setzte sich auf die Ofenbank, die kurzen Beine horizontal so lang wie möglich vor sich hinstreckend. Da sah er aus wie ein Indianerhäuptling von einem verwahrlos'ten Stamme, und sprach drei Stunden lang kein Wort und regte kein Glied, und, wie ich gewiß weiß, dachte auch nicht den kleinsten Gedanken. Der Vetter excerpirte von Neuem klassische Stellen, ich las alle epischen Gedichte, deren ich habhaft werden konnte, und Alringers Doolin von Mainz, und Bliomberis und Schulzes Cäcilie und bezauberte Rose waren noch lang nicht die schlechtesten. Es war todtenstill im kleinen Zimmer, die Vögel schwiegen schon lang, und gespenstisch hingen die Bauer da, und von meinem Vetter und mir hörte man die Blätter umwenden, bis es zehn schlug. Ich segne aber jetzt die Zeit, denn ich brauche sie nothwendig für meine literaturhistorischen Kenntnisse, später wäre ich nimmer im Stande gewesen, so viel Heldengedichte mit durchzuschlagen. Schon gegen zehn tummelten sich die Helden 329 verworren vor meinen müden Augen. Sobald es schlug, schleifte Tuli seine Elementar-Glieder von der Ofenbank herunter bis in's Bett. Auch ich schlüpfte hinein, und in bunten Träumen schlug ich mich herum mit dem anfänglichen Gesichte Tulis, das einem Albino, einem weißen Neger, angehört hätte, wär' er in Afrika geboren gewesen. Auf seinem Scheitel hatte er nur zwanzig lange Haare, welche aus dem Hinterkopfe entsprangen, und mit ökonomischer Benutzung einen ganzen Haarwuchs vorstellen mußten. Sie waren nämlich durch vorsichtige und sanfte, aber unausgesetzte Erziehung daran gewöhnt, gegen ihre natürliche Neigung vorn nach der faltenreichen Stirn zu, glatt und bescheiden anzuliegen. Die Stirn war kurz wie Tulis Verstand, um die Gegend, wo Augen sein sollten, schwebte ein beständiges Abendroth, in dem Allerheiligsten des muthmaßlichen Auges thaute und regnete es aber beständig, und kein Wald von Wimpern schützte die löschpapierne Wange vor Ueberschwemmung, jenen Schutz halte ihm die Natur völlig versagt. Daher kam seine boshafte Katzennatur, welche sich bald offenbaren wird, denn er ward alle Morgen blind wie die Katzen geboren, und erst nach langen Anstrengungen mit Schwamm und Tüchern, gelang es ihm, den Tag zu gewinnen. 330 Nimmer, Tuli, vergeß ich deinen Anblick, wenn du am hellen Morgen tastend bis zum Handbecken stolpertest, in welchem dein Tageslicht verborgen lag. Du warst im tiefsten Negligée, aber auch im Negligée schamhaft, nimmer vergeß' ich deine bräunlichen, flanellnen Untermodesten, aber auch nimmer den Morgen, wo du mich unbarmherzig aus meinen Träumen von dir rütteltest, der Fink hatte noch nicht gepiept und mich geweckt, ich träumte von dir und der bezauberten Rose. Wie ein rachelustiger Gnom stand er an meinem Bett, und klagte mich der fürchterlichsten Frevelthat an, die sein ABC-Herz zu ersinnen vermochte, der Frevelthat, seine Kanarienhecke vergiftet zu haben. Am Abende hätte ich ihm alle fetten Kartoffeln von seiner Seite wegstibitzt, ich sei überhaupt ein junger Bösewicht. Entsetzt fuhr ich auf, mein Vetter, dem ich einige schlechte Witze in sein Heft großartiger Redensarten geschrieben, was er eben entdeckte, sprang aus dem Bette, und überschüttete mich mit einer Rede des Demosthenes, ich kam nicht zu Worte, und entfloh mit Mühe in die Schule zum Cornelius Nepos, wo ich mich ein Wenig mit dem leidenden Aristides tröstete. Nun kamen trübe Zeiten, ich lebte in unserm kleinen Zimmer wie ein Ausgestoßener, sogar die Vögel konnten mich nicht mehr erfreun, denn sie 331 erinnerten mich an die Kanarienhecke – ich glaubte am Ende selbst an meine Schlechtigkeit, und hielt mich für ein verwahrlos'tes Gemüth, wie mich mein langer Vetter immer nannte. Ach, ich war sehr betrübt. In dieser traurigen Stimmung saß ich eines Abends einsam am blassen Tische von Fichtenholz – die Zeit der Bretzelsuppen und mit Speck gebratenen Kartoffeln war vorüber – und lernte mit schmerzlich bewegtem Herzen die Präfatio im Cornel auswendig: » Non dubito, fore plerosque « – ich zweifelte aber und verzweifelte an Allem. Es war recht teutsch unheimlich heimlich um mich, ein kleines Sechserlicht brannte matt, der Wind warf murrend den Schnee an die Fenster, hie und da schlug gespenstisch ein Vogel leise mit den Flügeln, wenn er vom Aar, oder Geier, oder von Leimruthen, oder auch von einem fern fliegenden Liebchen träumte, dessen Untreue ihm natürlich schien, da Schlegel den Vögeln keine Romantik hat beibringen können. Mich schauerte vor Einsamkeit. – – Da klopfte es dünn und furchtsam an die Thür. Ich hatte Niemand kommen hören, und erschrak sehr, das dünne Klopfen klang so geisterartig. Kein Ton war in meiner Kehle – es klopft wieder, ich ermanne mich zu einem jämmerlichen »Herein«. Ein junges blondes Mädchen öffnet die Thür, und bittet schüchtern, ob sie ihr Licht bei mir anzünden könne. 332 Das Mädchen prägte sich mir schneller ein, als die Präfatio im Cornelius Nepos; sie machte einen wunderbaren Eindruck auf mich, und ich hielt sie für einen Engel, trotz des reellen Talglichtes, daß sie in der Hand hielt, und das ich mit meinem Sechserlichte in Brand steckte. Bei dieser Gelegenheit zitterte meine Hand, und ich erinnerte mich nach vielen Wochen, als ich wieder etwas zur Vernunft gekommen war, daß der Engel damals ein Wenig schalkhaft lächelte. Sie war zwar auch schüchtern, aber wir waren beide vierzehn Jahr, also war sie älter und hatte schon mehr Geistesgegenwart. Ich fand sie sehr schön, und ich habe fünf Jahre lang geglaubt, jedes Mädchen, was hübsch sein wolle, müsse blonde Haare haben, und ein weißes Kleid tragen und ein himmelblaues Halstuch. Alles Andere fand ich fünf Jahre lang ordinair. Sie fragte mich, was ich so allein machte, und ich sagte ihr, daß ich die Präfatio im Cornelius Nepos lernte. Als sie nicht wußte, was das sei, wies ich sie ihr, und als sie ungläubig den Kopf schüttelte, wuchs mir der Muth, und ich wiederholte mit Nachdruck, das sei wirklich die ächte praefation Cornelii Nepotis . Zum Beweise las ich ihr vor: » Non dubito, fore plerosque, Attice, qui hoc genus scripturae leve, ac non satis dignum « – 333 Aber sie unterbrach mich mit der Frage, ob ich schwarzen Peter spielen könne. Vortrefflich. Und nun ging ich mit ihr, sie wohnte mit ihrer Mutter nur fünf Schritt von mir auf demselben Saale, aber vornhinaus. Es waren noch einige Mädchen da, und wir spielten schwarzen Peter, ich war aber der einzige Peter, weil ich fortwährend in die großen blauen Augen meiner kleinen Führerin sah, und wurde vielfach in's Schwarze gemalt. Ein solcher Peter blieb ich fünf Jahre lang, wir wuchsen neben einander auf, und meine Liebe zu dem blonden Mädchen wuchs immer größer, ich wußte nicht mehr, wo ich sie beherbergen sollte, und theilte sie allen Winden und allen Wolken mit, die vorüberzogen, und strömte sie aus in drangvolle Gedichte, in melancholische Charaden, aber dem blonden Mädchen sagte ich nie etwas davon. Jetzt weiß ich, daß sie's wußte, denn ich erinnere mich, daß sie sehr kluge blaue Augen hatte. Als die fünf Jahre um waren, verließ ich die Schule, und wollte die Universität beziehen, obwohl mir Tuli, als einem vermeintlichen Giftmischer noch immer nicht vergeben hatte. Da kam ich Abschied nehmen zu ihr. Die Mutter, welche sonst immer, wenn ich da war, verdrießlich nach der Wanduhr hinter'm Ofen gesehn, und des Abends immer gesagt hatte: »Hören Sie, es muß bald zehn sein, und 334 Sie sind noch zu jung«, die Mutter war heut freundlich, und sagte, ich könnte ihnen schreiben, und sollte die Briefe nicht frankiren. Das war sehr Viel. Ich hatte mir zwar fest vorgenommen, meinem Liebchen nach fünf Jahren zum erstenmale beim Abschiede die Hand zu küssen, aber es gelang mir nicht, und so ging ich von ihr, und hatte ihr nie ein Wort gesagt, daß ich sie seit jenem Abende der Präfatio vor fünf Jahren schwärmerisch liebe. Hier ward uns gemeldet, daß der Wagen nach Schneeberg bereit sei. Der Morgen war frisch und blies von meinen Schläfen das Haar, von meinen Augen die nächtlichen Schatten. Ich sagte meinem Begleiter, daß er mir auf unbegreifliche Weise ein Stück meines Lebens, und zwar nicht das schlechteste, nämlich meine romanhafte Liebe auf der Schule entwendet habe, daß ich mich durchaus nicht erinnerte, sie jemals einem Menschen im Zusammenhange erzählt zu haben, daß ich ihn aber jetzt am frühen Morgen für einen Spaßvogel halte. Er breitete seine Füße aus im Wagen, bedeckte sie mit dem Mantel, rückte den Oberleib bequem in die Ecke, und ignorirte abermals meine Einrede. Mit gleichmäßiger Stimme fuhr er nach einer kleinen Pause in seiner Erzählung fort: Ich fand im nördlichen Teutschland eine Anstellung, und im Wirbel der Geschäfte hatte ich nicht die Zeit, an die Liebe 335 zu denken, ich wurde bequem, und brauchte viel Geld, so wurde das Heurathen verschoben. Halbe Nachrichten, die mir zukamen, erzählten übrigens, mein blondes Mädchen habe auf Drängen ihrer Mutter einen trocknen Lieutenant geheurathet, und nun begab sich noch obenein das Unglück, daß ich nach einer heftigen Erkältung ein starkes Nerbenfieber bekam, was alle früheren Gemüthseindrücke aus meinem Gedächtnisse verwischte. Ich hatte vergessen, daß ich jemals einen Vater und eine Mutter gehabt, denen ich mit Liebe zugethan gewesen, ich wußte nichts davon, daß ich Brüder habe, bis sie an mich schrieben, und mir's sagten, daß sie meine Brüder seien. Mein Gedächtniß war gleich einer abgewischten Tafel, mit mäßiger Mühe stoppelte ich mir wieder die nöthigsten juristischen Kenntnisse zusammen. In den ersten vierzehn Tagen mußt' ich Visitenkarten um meiner selbst willen bei mir tragen, weil ich meinen Namen vergessen hatte. Von meiner blonden Liebe wußte ich kein Wort mehr. In diesem Frühjahr schrieb mir mein Bruder, seine Frau habe ein Mädchen kennen gelernt, was sich meiner mit großer Theilnahme erinnere. Die Mutter dieses Mädchens habe ihr eine vormalige Liebesgeschichte von mir erzählt, und vielfach gefragt, ob ich denn noch immer so blöde sei. Meine Schwägerin, eine red- und schreibselige Dame, die 336 Komödien und Novellen schreibt, hat mir alle früheren Details mitgetheilt, und befindet sich jetzt mit dem blonden Mädchen in Carlsbad. Deshalb, mein Herr, reis' ich jetzt auch nach Carlsbad, und wenn ich dem Mädchen gefalle, und sie mir noch gefällt, so hab' ich sie zu heurathen beschlossen. Ich weiß zwar durchaus nicht mehr, wie sie aussieht, ich wüßte überhaupt ohne meine Schwägerin nichts von dieser meiner schwärmerischen Jugendliebe, nichts von Tuli, dem Finkler, ich bin auch dafür, daß mein blondes Mädchen für ein Mädchen schon etwas hoch in Jahren sein müsse, wenn ich mich anders recht erinnere, daß sie gleichen Alters mit mir gewesen sein soll – aber ich werde sie doch wahrscheinlich heurathen. Ich liebe so etwas Historisches vor der Ehe, und ich habe immer gefürchtet, daß ich einmal so kahl vom Fleck weg ohne Einleitung und Begebenheit heurathen müßte. Was meinen Sie, mein Herr, dazu, und worin bestanden Ihre Unterbrechungen meiner Geschichte? Sie müssen mich entschuldigen, daß ich keine Notiz davon genommen habe, mein Gedächtniß ist noch sehr unsicher, und wenn ich mich auf Nebenwege und Berichtigungen einlasse, so verliere ich leicht die ganze Geschichte unter den Händen, oder erzähle die zweite Hälfte einer ganz andern an meine angefangene. Das begegnet mir leider sehr oft, ich habe vor Kurzem unsere Familienpapiere 337 durchstudirt, um doch wieder etwas von meinen früheren und jetzigen Angehörigen zu wissen, da haben denn die Heurathsschicksale meiner Großmutter einen so lebhaften Eindruck auf mich gemacht, daß ich sie sehr oft in andre Angelegenheiten mische, namentlich in die meinen. Wenigstens versichern mich dessen meine Umgebungen, ja, und was ich Ihnen erzählt habe von meiner Cousine mit der schönen Taille – – – Da schlief er ein. Wäre es nicht am frühen Morgen gewesen, ich hätte mich vor dem Manne gefürchtet, diese Verwirrniß, in welche meine eignen Jugendleiden verwebt waren, verhäkelte mir selbst Verstand und Gedächtniß. Ich beschloß, den verworrenen Knäul von Dingen bis Karlsbad in die Tasche zu stecken, vielleicht ließ er sich dort mit Hilfe jener Schwägerin entwirren, die am Anfange dieser Fäden zu stehen schien. Und doch lag auf dem Gesichte des Schläfers solch klare Ordnung, solch' ein besonnener Schalk, daß es mir manchmal schien, als sei ich in den Händen einer überlegenen Fopperei. Der Schwager blies sich ein Morgenlied, ich freute mich der Fahrt. Das Land ist hier bergig, der Weg ist einer von den Pässen, welche durch das sich absenkende Erzgebirge nach Böhmen führen. Die Berge recken und dehnen ihre Glieder durch das sogenannte Voigtland bis an die thüringschen und bairischen 338 Fuhrthen, bis dahin, wo 1806 die ersten Franzosen den Preußen begegneten. Dort finden sie neue Unterstützung, und nehmen einen höhern Flug, auf der einen Seite als Thüringerwald, auf der andern als Fichtelgebirge. Die Berge sind eine Aristokratie der Erde, und es findet sehr innige Verbindung zwischen ihnen statt. Sie hängen wie die höhere Klasse durch die ganze Welt zusammen vermittelst höherer Civilisationsgedanken, und wo man Flächen sieht, da geht die Konspiration unter der Oberfläche weiter, und es ist längst bekannt, daß unter dem Meere die Gebirge sich fortziehn von einem Welttheil zum andern. Ich meine nicht die sogenannte Aristokratie, sondern eine bessere. Eine Aristokratie hat aber jede Zeit, auch die äußerst demokratische, und ich liebe sie sehr, denn sie ist mir die Bürgschaft der fortschreitenden Kultur. Diese große Familie der Berge und Höhen hat ihre eignen Geheimnisse und ihre eigne Poesie. Ueber Alles liebt sie die Menschen, und trachtet sie zu beglücken. Sie sendet ihnen die Quellen, und öffnet ihnen ihre goldnen und silbernen Herzen. Ich bin oft der Meinung, die Berge seien die alten Titanen, welche einst gegen die egoistischen Götter den großen Krieg geführt haben, und leider überwunden worden sind. Damals ist ihnen das glühende Erz und das quellende Wasser in den Mund gegossen worden, daß 339 sie für ewige Zeiten die Sprache verlören, und stumm blieben bis an der Welt Ende. Das ist das große Unglück der Berge: sie dürfen nicht reden von all' den skandalösen Dingen der Olympier und von den Handgriffen der Weltregierung, deren Unkenntniß uns in Dummheit und Schwäche erhält. Nur zuweilen versuchen es die feuerspeienden Brüder, die alte Titanenrede wieder zu gewinnen, und unter dem furchtbaren Röcheln sterbender Riesen werfen sie ihren feurigen Zorn in die Luft, vielleicht sind es auch Worte, welche der Aetna, der Vesuv, der Hekla und der Krabla sprechen, aber das Lexicon dafür ist uns verloren gegangen, und wir erschrecken vor ihnen, statt ihrem Sinne nachzuspüren. In den Bergen liegen gewiß tiefere Worte, als in den Pyramiden, und ich habe oft gewünscht, daß Champollion, eh' er starb, lieber die Hieroglyphen der Berge, als die der Pyramiden entziffern möge. Denn die Felsen liegen gewiß nicht verworren auf ihnen, sondern enthalten im Titanenalphabet das große Weltgeheimniß. Ich kann es auch nie unterlassen, mein Ohr an die Berge zu legen. Erinnern sich nicht viele meiner Leser, die das auch gethan, daß es ihnen immer vorgekommen sei, als hörte man inwendig ein dumpfes Stimmengewirr, und als würde eine große Revolution vorbereitet gegen den despotischen Jupiter, den Sohn des verstorbenen Jehovah, und wenn einmal 340 ein Erdbeben ausbricht, so sind das gewiß immer die geheimen Agenten Jupiters, welche von den Titanen entdeckt und fortgejagt sind, und sich heraufflüchten. Denn wären es Revolutionsmanövres der Titanen, wie ich in meiner Jugend glaubte, so würden nicht so viel Menschen dabei zu Grunde gehn, da die Titanen die Menschen lieben, wie ich das gewiß weiß. Dem Jupiter aber gelten sie nicht mehr, als Pfennige einem Könige, weil er alle Tage ihrer viel tausend machen lassen kann, ohne eine Hand zu rühren. Seit einigen Jahren arbeiten die Berge mit viel größerem Eifer an einem Ausbruche der großen Erdrevolution, wo der Jupiter gestürzt wird und alle Gesetze aufhören, weil man keine mehr braucht, und die Menschen unsterblich werden, Tuli der Triefäugige nicht ausgenommen. Denn seit einigen Jahren haben sie sich in allen Welttheilen verständigt, und ein neues gewaltigeres Oberhaupt gewählt, den eisgrauen Dhavalagiri in Tibet, und den Chimborasso abgesetzt, weil er faul war, und die peruanischen und mexikanischen Gräuelthaten ruhig geschehen ließ. Und sie müssen einen neuen Weg der Verständigung mit vorzüglichen Menschenkindern gefunden haben, denn sie jagen Kouriere auf der Oberfläche, und lassen ihre Streitkräfte berechnen, und wir kennen fast die Höhe aller Spitzen. Sie haben ihre überirdischen Geschäftsträger, wie Alexander v. Humboldt , und ihre 341 oberflächlichen wie Henrik Steffens , die nach Kräften ihre Geschäfte besorgen. Es muß etwas Großes im Werke sein, und ich kann es nie unterlassen, meinen Hut abzunehmen, und »Gehorsamer Diener« zu sagen, wenn mir plötzlich so ein alter graubärtiger Berg in den Weg tritt, der vielleicht im Titanenkriege unter der alten Garbe gedient hat, und dessen Steine Ehrenlegionskreuze bedeuten, und der im nächsten Kriege Marschall werden kann. Darum bin ich immer sehr vergnügt, wenn ich zwischen Berge hineinfahre, denn ich erwarte von ihnen das tausendjährige Reich; ich habe von Jugend auf die Gesetze nicht leiden mögen, schon das Gesetz des Buchstabirens und des Haselnußstocks ennüyirte mich, da ich zum ersten Mal in die Schule kam, und wenn man einmal anfängt zu buchstabiren, so hört's mit den Gesetzen nicht eher auf, als bis man die Seele aushaucht, und die Begräbnißgesetze nicht mehr hört. Das Leben ist eine tausendfache Sklaverei – von den Bergen hoff' ich dann immer Besserung. Bin ich dann aber eine Weile in ihnen herumgekrochen, so fällt mir der Muth, sie kommen mir wie wachsende Gräber vor, und wenn ich in ein Bergwerk gerathe, so ist mir's, als stieg' ich in die Gruft eines ganzen Volks; die bleichen Bergknappen erscheinen mir immer wie Leichenträger und Todtengräber, es 342 überläuft mich stets ein Grausen, wenn ich sie sehe. Uf! – Es fällt mir Alles auf den Kopf, die Gedanken der christlichen Pfaffen wachen plötzlich auf in den Särgen meines religiösen Herzens, und die ganze Welt kommt mir wie ein großer Jammer vor, ob dessen ich mich entleiben möchte, weil das Wasser meiner Thränen nicht zureichen, mein Geist dem Schmerze erliegen würde. Da muß ich eilig hinausflüchten in die Ebene, und da athmet meine Brust wieder auf. Wenn ich dann zurückblicke auf die Berge, dann werden sie mir wieder lieblich, hoffnungsreich blau und grün, und ihre Poesie wird mir wieder erquickend. Das ist die Schwäche des menschlichen Herzens und die Poesie von der Ferne und Weite und Ungewißheit, die wir kurzweg Hoffnung nennen. 343     Schneeberg und die Böhmen. Die Berge zwischen Zwickau und Schneeberg sind allerdings nicht so bedeutend, daß man sich dabei so erhitzen könnte, wie ich im vorigen Kapitel gethan. Das verehrungswürdige Publikum möge es entschuldigen, mein Begleiter schlief, ich hatte nichts Besseres zu thun. Für eine mittelmäßige Gebirgsgegend ist's ein ganz hübscher Weg, und es darf nicht verwundern, wenn man von Zwickauern hört. »Ach, mei gutes Herrchen, 's is a eenziger Weg«. Man sieht jene unvollkommnen teutschen Hügel von unklarer Farbe, mit einigen Steinen und ein Paar Fichten oder Birken bedeckt, das Bergtheater einer herumziehenden Truppe, der man tief in den schlanken Beutel hineinsieht. Ein muntrer, schwatzhafter Fluß bringt noch das meiste Leben in die Gegend. Von Zwickau selbst war mir nichts Merkwürdiges im Gedächtnisse, als 344 Weisflog's »treue Seele von Zwickau« und die kleine Taschenausgabe der Gebrüder Schumann von Walter Scott, welche unsrer ganzen Gymnasiastengeneration die Augen ruinirte. Der Weg nach Schneeberg geht allmählig aufwärts, kurz vor dieser Stadt aber fährt er plötzlich erschrocken zurück, und fällt steil bergab nach Schneeberg hinein. Die Stadt hat ein verschollenes, ärmlich-wohlhabendes Ansehn, auf allen Hügelspitzen kriechen breit die Häuser herum, und ihre verwitterten, sorgfältigen Holzdächer sehen Einen an wie überwachte historische Augen. Man gräbt hier nach edeln Metallen. Das ist sehr edel, denn man hat nicht viel davon. Als ich das im Gasthofe sagte, wurde ich mit Leidenschaft eines Besseren belehrt; aber Leidenschaft paßt nicht zu einem guten Gewissen. Ich halte Teutschland für so trocken und erschöpft, daß ich an seine edlen Metalle nie recht glauben mochte, das kommt vielleicht von den unedlen falschen Groschen, die früher so vielfach in Schlesien kursirten, und ich habe Unrecht, wie oft. Silber wird hier gewonnen – Silber, wie nobel! Sehr unglaublich. Man wollte mich einfahren, und meinen Unglauben blamiren, aber ich hasse die Bergwerke mehr als den Tod – ohne Sonne und Luft kein Leben! Die sogenannte Bergmannspoesie ist eine 345 abgequälte. Ich glaubte lieber an ihr Silber. Natürlich wissen sie auch unglaubliche Geschichten, und haben barbarische Zahlen im Munde, die alle da herausgewachsen sein sollen, denn jeder Krämer lobt seine Waare. Das ganze Städtchen lebt vom Bergbau, er ist darum nicht bloß ihr Gewerbe, sondern auch ihre Religion geworden, und bekanntlich lebt der Gott eines guten Glaubens, eines Glaubens, der einmal guten Klang hat, auch noch einige hundert Jahre nach seinem Tode. Jetzt erst fiel mir ein, warum das Gebirge Erzgebirge heiße. Ich habe es indessen immer mehr wegen der Erzgebirgischen Klöße geliebt, jene Klöße imponirten mir durch Größe und Solidität. Es sing an zu regnen, aber mit unterirdischem Heldenmuthe marschirte die Kommunalgarde Markt und Straßen entlang auf und nieder. Bis tief in der Erde Schooß ist die vorübergehende Sage vom konstitutionellen System gedrungen, auch die Bergknappen mit ihren bleichen Gnomengesichtern spielten ihre melancholischen Klarinettenmärsche, trugen lange Piken und Napfmützen wie die ägyptischen Sterndeuter, wenn sie auf dem Theater vorkommen. Solch' ein Bergknappe muß von Haus aus, oder von der Grube aus fromm sein, denn er sitzt ja fortwährend dem Tode im Rachen. Spätere Geschichtsforscher werden einst in einem tiefen Stollen die letzten Reste 346 des Christenthums und der teutschen Konstitutionen finden. Beides sind schmerzhafte Uebergänge zu einem besseren Leben, wo die Sonne scheint, und die Freude erlaubt ist. Der Regen und die Kommunalgarde ward immer heftiger, und ich erfuhr zugleich, daß aller Boden unter der Stadt hohl sei. Da eilt ich so viel als möglich, der Postillon blies das propagandistische Mantellied, und fuhr bergauf, bergab aus der Stadt hinaus, und es kamen mir auf einen Augenblick meine historischen Visionen, welche mir immer die preußischen Adler an den Thoren von Leipzig zeigen und schwarz und weiße Schlagbäume. – – Auf der Höhe sah ich zurück nach der silbernen Stadt, der Regen stürzte mit ausgebreiteten Armen auf sie hinunter, sie sah aus mit ihren grauen Dächern, als hätte sie sich eine Regenkaputze über den Kopf gezogen, die Häuser drängten sich in einander und in die Berge hinein. Sie fürchten sich vor der Zukunft: wenn ihnen das Silber ausgeht, und Jedermann weiß aus der eignen Tasche, wie leicht das geschieht, so ist der Hunger ihre beste Beschäftigung. Die Stadt liegt schon sehr hoch, die Vegetation ist dürftig, und wenn's einmal anfängt zu schneien, so giebt's ein halbes Jahr Schnee und weiter nichts; darum heißt die Stadt Schneeberg. 347 Hier im Gebirg findet man übrigens die sächsische Gutmüthigkeit, deren Name und Gesicht tiefer unten im Lande übrig geblieben ist. Die Leute sind freundlich und lieb. Ueber Berg und Thal und rauschende Waldwasser geht es nun rasch der österreichischen Grenze zu. Ueberall sind Bäume und doch ist's kein eigentlicher Wald, Vorpostenforst, Schutz für die Schmuggler, deren Weiber und Kinder nach Brot verlangen. Nachts gehen hier auf den Fußpfaden lange Reihen von solchen Schwärzern, die das Douanengesetz schwarz machen, auf den Fußsteigen, je einer hinter dem andern über die Berge. Auf dem Rücken tragen sie die verbotene Gottesgabe: Zucker, Kaffee, Tabak, in den Händen eisenbeschlagene Stöcke, wie der Hirsch sein Geweih, um sich im äußersten Nothfall gegen den Jäger zu vertheidigen, das bleiche Gesicht, von dem der Angstschweiß in kalten Tropfen rinnt, streckt Aug' und Ohr ängstlich nach allen Seiten. Da fällt ein Schuß, der Vorderste stürzt, die Andern werfen ihre Bürden weg und zerstreuen sich hinter die Bäume, und lugen, ob die Feinde zahlreich sind, oder ein Kampf zu wagen ist. Da fliegen neue Kugeln zwischen die Bäume, hier und da hört man noch einen Todesseufzer, und es wird still. Die Grenzjäger kommen hervor, und theilen sich in die Beute. Am grauenden Morgen aber klopfen die entronnenen bleichen Gestalten an 348 ihre Hütten, das Weib macht auf, und mit leisem Jammer läßt sie den Mann in die Stube, sie weiß, wie lang sie umsonst spinnen oder Spitzen klöppeln muß. Der Mann setzt sich auf die hölzerne Bank, er spricht kein Wort, die Augen sind starr, die Hände ruhn ihm regungslos im Schooße. Das Weib weint still vor sich hin: Nun giebt Er keine Waare mehr. Es wird Morgen, die Kinder wachen auf, und weinen, sie bekommen heut kein Frühstück. Die Nachbarin tritt ein, sie sieht den Schmuggler sitzen, mit dem ihr Mann ausgezogen, der Tod läuft ihr über den Körper, sie fragt nur mit einem Blicke, er antwortet nur mit einem Blicke, und sie wendet sich langsam, und geht starr und kalt wie eine Leiche nach Hause. Da wirft sie sich auf's Bett und stirbt einen langen Tag, die Kinder wimmern vor Hunger, aber sie hört sie nicht. Und es wird dunkel, da erhebt sie sich, holt in der Kammer den Spaten, geht an des Nachbars Haus vorüber, fragt mit einem kleinen Worte durch's Fenster, und geht nun schweigsam wie das Grab den Fußsteig entlang in den Wald hinauf, und sucht nun im Dunkeln so lange, bis sie über ihres Mannes Leiche fällt. Sie tastet nach dem Gesicht, und ihre Finger, die ihn oft gestreichelt, erkennen den Gatten. Sie gräbt ihm ein Grab, zieht ihm die Jacke aus und legt ihn hinein, und erst wenn sie die Erde darauf geschüttet, da bricht sie in bittern, 349 entsetzlichen Thränen zusammen. Die Jacke nimmt sie mit nach Haus, um ihrem Buben ein Jäckchen draus zu machen, es ist das Erbtheil, was ihm der Vater hinterlassen. Beim letzten Backofen, an dem sie vorüberkommt, stiehlt sie das erste Brot, denn sie besinnt sich, wie ihre Kleinen hungern. Nach einigen Wochen führt man sie in's Zuchthaus, das kleine Bübchen mit dem schmucken Jäckchen bettelt am Wege, und wird mit den Jahren ein trefflicher Landstreicher. – Das sind Skizzen zu Douanennovellen. – Das Erdreich ist hier wunderlich roth, als ob schon viel Blut darauf geflossen wäre. In einem unordentlichen, zerrissenen Walde stößt man plötzlich auf die Grenzsäule, wo Oesterreich beginnt. Es hebt so ganz unscheinbar an, wie ein Priester im Romane auftritt: in schäbigem Gewande, aber unter der Kutte trägt er den ganzen blendenden Bischofsornat und die inquisitorische Gewalt und das Herz voll Absolutismus. Bald lichtet sich der struppige Forst, und die erste halbwüste böhmische Ansicht tritt vor's Auge. Auf Hügellehnen, die aus einem breiten Thalkessel nach allen Seiten aufsteigen, steht hier und da ein blaugraues Haus am Holz, es beginnen die nomadischen böhmischen Dörfer, wo sich die Wohnungen zerstreuen, 350 und jede einzeln ihre Nahrung sucht wie das Vieh auf der Weide. Die Häuser laufen auseinander, sie sind nicht zu fassen, darum sagt der Schlesier bei unbegreiflichen Dingen, die er nicht fassen und ordnen kann: »Es sind mir böhmische Dörfer,« wie der Franzos von »spanischen Schlössern« spricht, die unzugänglich, uneinnehmbar sind für Fuß und Verstand. Der ganze Anstrich der Landschaft ist der eines müßigen Landes, das die Leute nur hier und da bebauen, um nicht zu verhungern. Beim Eintritt in's Böhmerland denk' ich immer an Irving und an die Ansiedelungsdörfer in Amerika. Die Wälder scheinen erst vor einem Jahre abgebrannt zu sein, hier und da steht auf einem Berggipfel eine verwais'te Baumfamilie, hier und da stirbt langsam am Abhange noch ein Stamm, sonst ist Alles wüste Wiese, selten leuchtet einmal ein kleines Kornfeld heraus, und auch dies hat mehr das Ansehn, als sei es von selbst aus der Erde gewachsen. Pflug und Egge scheinen unbekannt zu sein. Auf all' den Abhängen ist es menschenleer, man glaubt auf ein hohes Gebirg versetzt zu sein, wo die Bewohner in den einzelnen Bauden Butter und Käse machen. Aber die Bewohner in den Häusern thun nichts, sie faullenzen und brüten. Sobald ich mich besann, daß ich in Europa sei, 351 so ward mir's auch alsbald klar, daß ich in einem slavischen Lande sein müsse, denn der Slave ist überall faul, er thut nur das, was er muß. Er ist der zuletzt nach Europa hereingedrängte Stamm, er ist den nomadischen Gelüsten noch am nächsten. Dazu ruht ein europäischer Fluch auf allen slavischen Völkern, sie sind alle unglücklich, und darum hängen sie mit um so größrer Vorliebe an ihren alten Sitten, an ihrer nomadischen Faulheit. Sie sind genügsam aus Faulheit, sie stehlen viel eher als andre Völker, denn ihre ursprünglichen Begriffe von Eigenthum sind wandernder, sie sind tapfer, weil sie von Jugend auf Zorn gegen ihre Unterdrücker in der Brust tragen, oft ohne es zu wissen; weil sie entfernter von der Civilisation, stets auf einer Art von Kriegsfuße leben, weil sie Wenig zu verlieren und Alles zu gewinnen haben. Alle slavischen Völker sind tapfer, denn sie sind alle stolz und unglücklich. Dergleichen prägt sich aus, sobald man nach Böhmen hineinkommt, man sieht bald einen bleichgelben Czechen hinter einem Hause vorbeischleichen, geräuschlos wie einen gewandten Irokesen. Er ist lang, schmal, sein Blick ist scheu, aber es ist tief glimmendes Leben in dem scharfen, versteckten Auge, nirgends erblickt man Heiterkeit auf seinem Gesichte. Und lernt man sie näher kennen, so findet man sie wortkarg, verschlossen, mit allen Fähigkeiten 352 und Kniffen eines unterdrückten Volkes, und gelingt es, einen von ihnen zu erwärmen, daß er gegen Gewohnheit seine Brust aufthut, so rührt er mehr als ein andres, laut klagendes Volk. Sein Inneres ist zerbrochen, der slavische Muth ist dahin, jemals in die Höhe zu kommen, es ist nur thatlose Thräne in der innersten Hülse. Das erste Haus ist ein Zollhaus, und es offenbart sich alsbald ein ganz anderer Regierungstypus, die baare Kehrseite des preußischen. Dort gilt kein Ansehn der Person, streng und ehern herrscht das Gesetz, und wenn es verletzt, so kann man nur dem blut- und auglosen Buchstaben, nicht aber den Menschen zürnen. Hier gilt Alles. Der Rang und das Gold zuerst, und das Gesetz ist ein Reisebuch, was unaufgeschnitten in der Tasche ruht, ohne jemals geöffnet zu werden. Es beginnt der Staat, in dem Alles feil ist. Ein garstiger Orangutang fragte uns, ob wir etwas Steuerbares bei uns hätten, und dabei krümmte er sich und seine Hand. Sekretair Wurm, eine lange, stangenartige Figur, stand an der andern Seite des Tisches und lächelte Zwanzigkreuzer, als wir die Hand des Orangutangs schlossen. Er hatte zwar zwei Augen, aber er sah nur mit einem, das andre kroch wie ein furchtsamer Hund in den Winkel, seine 353 Finger waren länger als die des Kaisers Artaxerxes Longimanus, und sie waren mager und klapperten wie ein Bund Schlüssel, was begierig ist, die Geldkasten aufzuschließen. An der Thür schlug er uns mit den Schlüsseln an die Beine, und wir mußten ihn beruhigen. Vor dem Hause erwartete uns Franz Moor – in den österreichischen Zollhäusern sind alle Schillerschen K . . . . . . . . angestellt – und wollte trotz unsrer Vorkehrungen über unsre Koffer herfallen. »Franz heißt die Kanaille,« murmelte der Nordteutsche vor sich hin, und griff mürrisch in die Tasche. Nach empfangenen Beweisen, daß wir gebildete Menschen seien, zog er sich zurück, rieth uns jedoch mit leiser Stimme, obigen gemurmelten Ausdruck in den österreichischen Staaten nirgends hören zu lassen, denn er sei sogar streng auf den Theatern verboten, weil der Kaiser auch Franz heiße. Dabei grins'te er, und kroch in die Zoll-Barake. Mein Nachbar schüttelte sich; wir hatten nicht Zeit zum Lachen und Reden, denn von allen Seiten, von den Bergen herunter, aus den Winkeln hervor stürzten große und kleine Kinder; streckten die Hände aus, und trabten im Kothe neben den Wagen her, und ihre Zahl wuchs wie eine Lawine. Lauter schlanke, dürftige aber behende Gestalten, alle nur mit einem Fähnchen bedeckt, breit und traurig sah das 354 gelbblasse Czechenfleisch an fünf, sechs Stellen hervor, und bettelte mit, die braunschwarzen Slavenhaare fielen ihnen über die Gesichter, hoch hoben sie die nackten Beine, und rannten einander in den Koth. Es ist ein herzzerschneidender Anblick. Ein lang aufgeschossenes blasses Mädchen sprang wohl eine Viertelstunde weit neben dem Wagen her, obwohl sie schon mehrmals ihre Kupfermünze aufgefangen hatte. Ich ließ den Postillon halten; ihre bleichen Wangen waren von der Anstrengung ein Wenig geröthet, mit schmutzigen aber schön gebildeten gelben Fingern strich sie die langen Haare aus dem Gesicht, die Augen flehten so kläglich, als gälte es das Leben, und die andre Hand streckte sie uns entgegen. Ihr zerrissenes, fahlblaues Kleid reichte nur auf einer Seite über das Knie, am obern Beine war ein großes Loch, und man sah's, daß sie kein Hemd darunter hatte. Ich fragte sie, was ihr fehle, daß sie so hartnäckig mit uns laufe, aber die schön gebildeten Züge waren stumpf, und die schmalen Lippen stumm, ein unsichrer, wüster Blick flog aus den schwarzen Augen über uns hin, dann wendete sie sich mit der Gabe und schoß zurück. Vielleicht konnte sie auch nicht teutsch, es war auch kein teutscher Schmerz, aller Ausdruck war asiatisch. Aus einem Thalkessel fällt der Weg in den andern, und man kommt bald zu dem ersten 355 böhmischen Städtchen Neudeck. Wenn nicht in der Mitte eine Straße wäre, so dächte man, eine Nomadenhorde hätte sich auf ein Paar Jahre hier niedergelassen und Baraken erbaut, in welchen der Koth und die Genügsamkeit mit einander wohnen. Jene Straße hält man für eine eingewanderte Kolonie und glaubt noch immer nicht, in Europa zu sein, der kleine Kinder-Patriotismus beginnt, über jeder Hausthür steht K. K., und der Doppelgreif erinnert erst daran, daß man zwar in Europa, aber in Oesterreich sei. Ich trieb eiligst nach frischen Pferden, Chateaubriand wartete auf mich in Karlsbad, oder, was ich mehr befürchtete, er wartete nicht. Man gab mir keine Antwort, die nordteutsche Postordnung war zu Ende; wir wurden eine Stunde lang auf offner Straße unserm Schicksal überlassen, dann kam ein kleiner Bub mit zwei Pferden, zog sich eine historische rothe Jacke an, und fuhr uns weiter. Es ist wenig Gesetz in der österreichischen Post, aber es wird rasch gefahren, und die Chausseen sind sehr wohlfeil. Die Sonne goß eine plötzliche Fröhlichkeit über die Gegend, der Wagen und unsere Blicke rollten lustig bergauf, bergnieder. Ringsum sind Bergesanfänge, faule böhmische Berge, etwas romantischer als das matte Erzgebirge, 356 aber unreif, Studien der Natur, welche die Anfangsgründe des Zeichnens lernt. Wegen des geringen Anbaues ist indeß eine ursprüngliche, lyrische Ruhe über das wellige Hügelland ausgegossen, daß man in lauter stillen Gedichten umhersieht. 357     Karlsbad. Es öffnete sich die Thalschlucht zur Linken; da kroch es hin, das wunderliche unschöne, aber pittoreske Carlsbad wie ein Regenwurm an dem indifferenten Flüßchen Tepel, an beiden Seilen eingeengt von Bergen, hinten verschlossen wiederum von einer dunkeln Höhe, so daß man meint, da sei die Welt zu Ende. Vom kleinen Thurme herab erscholl ein entschlossenes Trompetengeschmetter, als zögen neue Kämpfer in eine alte Ritterburg ein, die wacker gleich den alten Ahnherrn saufen, fechten und stehlen könnten; so begrüßt die böhmische moderne Ritterwirthschaft zu Carlsbad die Fremden mit mittelalterlicher Sitte. Ich glaubte, in einen Spindlerschen Roman hinein zu fahren. Es war ein buntes wirres Treiben auf der schmalen Egerstraße, der Wagen konnte kaum hindurch, so drängten und wogten die Menschen und Fuhrwerke. 358 Nothwendig mußte ein Fest in der Nähe gewesen sein. An der nächsten Hausthür klimperte und jubelte eine Harfenspielerin, und wucherte mit dem letzten Rest ihres Schauspielvermögens, ein Paar großen schwarzbraunen Augen, die schon viel gesehen hatten, und einer weißen Hand, einer verführerischen, empirischen Hand. Ich stieß meinen Nordteutschen an, der sehr begierig auf all die Dinge war, welche ihm hier in Carlsbad kommen sollten, und sagte, ob das vielleicht sein verkleidetes Mädchen der schwarzen-Peter-Bekanntschaft sei. Er setzte seine massive Brille mit großen, runden Gläsern auf, der Wagen mußte in dem Gedräng einen Augenblick halten, die Dirne lächelte, mein Nachbar lächelte auch, und er sagte leise, es sei doch nicht wahrscheinlich, daß blonde Haare und blaue Augen so unverschämt schwarz würden in einigen Jahren. »Man hat Beispiele.« – »»Wirklich?«« – – Das Mädchen trat mit dem Notenblatte vor den Wagen, und streckte es mit ihrer weißen Hand hinein. Mein Nachbar fuhr nicht ohne Verlegenheit in die Tasche, und ehe er den Beutel geöffnet und ein Zwanzigkreuzerstück – er war schon in der Illusion – gewählt hatte, flüsterte ich ihm zu, es sei 359 gewiß etwas dahinter, und er solle ihr unter dem Notenblatte die schönen Finger drücken. Er faßte sich ein Herz und that's, das Mädchen schlug wie ein buhlerischer Vollmond die Augen lächelnd auf, und warf den schelmischsten Blick auf seine Brille. Da rollte der Wagen weiter – »Schaafkopf« schrie der Nordteutsche und der Postillon sah sich um, sich genauer zu erkundigen, wie der Gasthof hieße, in welchem wir absteigen wollten, er habe es nicht recht verstanden. Vergnügt stieß er mich an, und sagte, »'s ist was dahinter.« Ich wußte bereits, daß seine Schalkhaftigkeit nicht so riesenplanig war, ich wußte also auch, daß nicht ich, sondern er bei der zu verhoffenden Carlsbader Geschichte der Gefoppte sei, mein Dichten und Trachten ging nun auf seine Schwägerin. Hinter allen Jalousieen kukten lockige Mädchenköpfe hervor, die blinkenden Equipagen mit strahlenden Damen braus'ten vorüber, auf allen Trottoirs hüpften die leicht- und hochgeschürzten – es lag noch ein feiner Thau von Regen auf dem Pflaster – wir wußten nicht, wohin wir sehen sollten, und trunken kamen wir vor dem »Schilde« an. Ich eilte sogleich zurück nach der Egerstraße; hinter dem »Paradiese« fand ich die lilienhändige, harfenspielende Nausika, streichelte ihr die Wangen, 360 und bestellte sie mit einem allen, sehr alten Liede, was sie glücklicherweise kannte, Abends um neun in den Garten vor dem »Schilde.« Ich mußte meinen Romantiker durchaus gleich vornherein kopfüber in Verwirrniß stürzen, denn ich war noch immer nicht ganz ohne Besorgniß wegen meines blonden Mädchens. Und es ist eine meiner Schwächen: ich seh es nicht gern, wenn Mädchen heurathen, die ich lange und treu geliebt habe, und fünf Jahre kommen mir länger, viel länger vor, als der tollste Romantiker verlangen kann. Es ist dies nicht bloß eine Schwäche, es ist ein lasterhafter Wunsch, denn ich beabsichtige keineswegs, sie selbst einst gelegentlich zu heurathen, und dies ist also ein ganz artiges Stückchen von rothem, lasterhaftem Despotismus. Aber bei unsern meisten Sympathien ist etwas Laster. Selten ist Jemand so tugendhaft, daß er die Suppe ohne Salz äße; ein wenig Sünde ist zu jedem Interesse nöthig. Ich instruirte das Harfenmädchen, halbe Antworten sollten sie meinem Nachbar romantisch machen, und wenn sie seufzte, so müßte sie nie anders seufzen als »Tuli.« Es war ein gefälliges Mädchen, und ich eilte zurück, und sagte meinem Gefährten, daß ich überall von dem geheimnißvollen Harfenmädchen sprechen gehört, die man für mehr als ein Harfenmädchen 361 hielte. Er machte Toilette, und lächelte. Als er seine neue seidne Weste anzog, da flog ein freudiger, unausbleiblicher Sieg über sein gutmüthig Gesicht, er wußte es, was diese Weste vermochte, er baute auf sie, wie Cäsar auf seine vierte Legion. Nun führte ich ihn aus, mit Staunen sah er das Stück großer Stadt, das ich ihm auf den Wiesen und am Markte zeigte, hohe steinerne Häuser, von innen und außen geputzt wie Hochzeitgeräth, fortwährender Sonntag, Jahrmarkt, Bazar, flüsternde Kastanienbäume, unter denen die verrätherischen weißen Kleider sitzen, mit hohen Bergwänden rings Alles verschlossen, vor aller Störniß der Welt geschützt, angefüllt mit allerlei Menschenbildern aus Süd und Nord, der schönste Winkel der Erde zum stillen, behaglichen Glück mit dieser oder jener. – Und er nickte mit dem Kopfe, und freute sich, besonders da es Abend ward. Ich begrüßte meine Sechs-Wochen-Freunde, die alle Jahre in's Bad kommen, und Freunde brauchen, um beim Brunnen mit ihnen zu reden, wenn's regnet Whist mit ihnen zu spielen, und von den vielen und interessanten Bekanntschaften zu sprechen, wenn sie nach Hause kommen. Es sind die Meubles der Brunnenorte, und ich begrüßte sie mit demselben Interesse, wie ich die Brücken und Straßen von Carlsbad wiedersehe, sie gehören dazu, sonst ist der Ort nicht mehr der alte; 362 wenn ich nichts Besseres zu thun habe, so interessire ich mich für sie. – Ein weicher, üppiger Sommerabend hing wie ein seidner dunkler Mantel über dem Thale, die wenigen kranken Gäste aßen im Garten, welcher vor dem »Schilde« ist, und wir setzten uns auch dahin. Es schlug neun, und allmählig ward es stiller. Da erklangen Harfentöne, nicht weit von uns. Nach einem kurzen Präludium mit der verwitterten Melodie. »Hier ruhst du Carl, hier werd' ich ruhn,« änderte sich die Weise, und eine klare, böhmisch teutsche Stimme sang das alte Lied. »Heinrich schlief bei seiner Neuvermählten.« – Der Nordteutsche stellte die Pfeife bei Seite, und faßte mich kräftig und bewegt bei der Hand. »Heinrich schlief bei seiner Neuvermählten,« o, ich kenne das Lied, obwohl ich nicht musikalisch bin lispelte er. »»Es geht auf den liebesabeuteuerlichen Henri quatre «« sagte ich, und ging leise auf Recognoscirung aus. »»Sie ist's,« flüsterte ich zurückkehrend – »»Sie sind ein Glückskind – auf!«« Er zog seine seidne Weste gerade und warf einen forschenden Blick darauf, dann schlichen wir nach verschiedenen Seiten fort. Plötzlich blieb ich wie vom Blitz getroffen vor einer andern Laube stehn, 363 und in dem Augenblicke schnappte drüben das Lied von Heinrich mit der Neuvermählten in der Mitte ab. Vor mir aber speis'ten zur Nacht mein antiquarischer Professor aus Altenburg, und das reizende Mädchen, das aus dem Fenster gesehn, das neben mir im Postwagen geweint hatte und Nachts in Zwickau von dannen gefahren war mit der unglücklichen Mathilde, das Erinnerungsbild meiner Liebe aus der Sakristei. Himmel, was war die Erde und das Mädchen schön in diesem Augenblick, was sprang mir für eine Freude vom Auge in's Herz, und auch der Professor sprang mir entgegen und fragte mich nach dem hämorrhoidalischen blauen Steine in Freiberg. Und als ich ihn mit Mühe zufrieden gestellt, erzählte er mir, daß ihm in dem Gewirr des Prinzenraubes an der Post in Altenburg seine Nichte abhanden gekommen sei, die er dort habe abholen wollen. Selbige Nichte hätte aber beabsichtigt, ihn zu überraschen, da sie ihn beim Vorüberfahren im Postwagen gesehen, und sei vor seinen Augen eingestiegen, in der Meinung, er folge ihr. Das habe er aber Alles in der Angst um den blauen Stein nicht bemerkt, sondern habe hinterdrein sogleich Extrapost nehmen müssen, als er inne geworden, was vorgegangen sei. Die Nichte aber durch eine äußerst unglückliche Freundin, die sie auf dem Wagen getroffen, 364 völlig in Beschlag genommen, habe erst bei grauendem Morgen erkannt, daß der Onkel fehle, habe sich ein Herz gefaßt und sei allein hinübergefahren nach Carlsbad, vor einer Stunde sei sie angekommen, vor zwei Stunden er, und die Nichte sei die junge Dame, welche er mir vorstellte. Sie sah mich mit jenen klaren, fragenden Augen an, welche die Unbefangenheit so gefährlich machen – ach, das ganze Mädchen war ein so frisches, glänzendes Jungfrauenauge, daß meine in dichtem Papierstaub lange verhüllte Seele hoch auf die Flügel schlug, und ich mußte es ihr sagen, wie wohlthuend ihr Anblick auf mich eindringe. Ich wußte mir nicht zu helfen, aber sie mußte mich ihre Hand küssen lassen. Und sie ward nicht einmal roth, so harmlos und natürlich war sie, und gewährte mir lachend beide Hände, und als ich's zu arg machte, schlug sie mir eine charmante Ohrfeige. Sie meinte, mich schon gesehen zu haben, ich meinte es noch viel mehr, und erzählte ihr mit unendlicher Seligkeit meine Liebschaft während des Christenthums in der Sakristei, und dabei wurde ich so gerührt, daß mir das Wasser in die Augen trat, und aus liebenswürdiger Gefälligkeit ließen sich's ihre Augen auch gefallen, und ich sagt' es ihr rund und aus ganzer Seele, daß sie auch in einer Sakristei 365 das Christenthum gelernt haben müsse, und daß ich ihr sehr gut sei. »Sie sind gewiß auch ein guter Mensch,« erwiderte sie, und fuhr mir leise und sanft mit ihrer flachen Hand über den Mund. Der Papa, der dabei stand, und gedankenvoll mit Kreide auf den Tisch Figuren malte, richtete sich jetzt auf, und meinte, wir möchten schlafen gehn. »O, Professor,« sprach ich, »warum sind wir keine vernünftigen Heiden, und ihre erste Person Pluralis würde eine Wahrheit, sei's auch nicht länger als die französische Charte.« – Marie unterbrach mich; ich fürchtete, Marie sei ein sehr kluges Mädchen. Wir gingen durch den Garten, und begegneten plötzlich dem ganz von mir vergessnen Harfenpaare. Zu meinem Erstaunen ging der Nordteutsche ernsthaft mit dem Mädchen auf und ab. Das »Auf« und das »Und« schien mir sehr überflüssig. Er sagte sogar laut und vernehmlich »Guten Abend.« Marie fragte mich, ob ich denn schon Bekannte habe. Ich erzählte ihr mancherlei von Zwickau bis Karlsbad. Sie sah mich mit großen Augen an, und der Professor sagte, sie erwarte auch ihren Bräutigam hier. »Nicht doch Papa!« Wir schieden. – Das verzweifelte Heurathen, die Menschen morden also meine Freuden mit dem 366 Worte. Nur ein Volk, was nicht frei sein will, spricht bei jedem schönen Mädchen dieses Bannwort, diese Exkommunikationsformel aus, damit ich alsbald mein erfreutes Auge wie ein armer Sünder niederschlage. Da sprang sie nun im Galopp hinein, in meine junge Neigung zur rosenfrischen Marie, jene Hast, welche die Schönheit und die Ruhe und des Olympos Glück zu Tode hetzt, und welche nichts dafür gewährt als eine schwindsüchtige modern-romantische Spannung, einen nervenquälenden Wechsel. Ich lief hinaus über die Wiesen, hinaus auf die Berge, das ganze Thal, meine Seele war mir zu eng. Alle Augen schliefen, die letzten lichten Fenster schlossen ihre Lieder, in Karlsbad hebt der Tag mit der Sonne an, und schließt mit der Sonne, es sind da lauter Sonntage. Ich wollte meinen Körper ermüden und stieg immer bergauf, bergauf. So kam ich mit dem Monde zu gleicher Zeit auf dem Dreikreuzberge an. Der Herr Christus, leider Gottes einziger Sohn, hängt dort zwischen den beiden Schächern. Ich, ein dritter Schächer, setzte mich auf die Bank an den Kreuzen, und dachte an mein Kreuz, und der Mond blies seine lichten Backen heller auf – an das Kreuz der Menschen, die da unten in den Thälern und auf den Bergen wohnten, und fragte den schwarzen Himmel: »warum 367 Kreuze? Sind die Sterne, das heißt die Glückssterne, nicht eben so wohlfeil?« »O Jupiter, warum logst du einst Unsterblichkeit, wenn du wirklich nichts weiter warst als ein Don Juan, den am Ende der christliche Teufel holte. Da unten ihr Schläfer aus Rußland und Frankreich und England und aus Grusien und Armenien, und vor allen Ihr Schläferinnen, die ich noch mehr liebe, weil Euch die passive Unterwerfung natürlicher ist, wacht auf, reklamirt die unbeschönigten olympischen Freuden, die ihr als Sünden stehlt, kommt heran, ich bin über Euch, laßt uns die Schächer in's Thal Hinnon werfen, emancipirt nicht blos die Juden, sondern die natürliche Kraft, vertilgt die Furcht und ihre Tochter, die Heurath von der Erde. O, Jungfrau Maria, die du eben erst schlafen gegangen, die du keine Heurathspedantin warst und bist, stehe Du mit auf, und tröste mich auf dem Dreikreuzberge, den Professor nehm' ich auf mich. Mond leuchte ihr bei Gruithuisens Zorne. Ich will dich küssen, Mädchen, daß deine Seele jauchzt in Beethovenschen Melodien, und dein Auge untergeht in Seligkeit, daß dein Herz reicher wird und klüger als aller Professoren Weisheitsmund, denn ich fühle Kraft und Reichthum in mir, mehr als die arabischen Zahlen zählen, und wir wollen auf dem Dreikreuzberge ein neues Liebesreich stiften, in 368 welchem die Furcht unbekannt sei, und in welchem die gestorbenen Worte: »Freuet Euch unter Furcht und Zittern« umgewandelt werden in die lebendigen: »Freuet Euch unter Jauchzen und Küssen und mit Kourage.« – – – Diese frevelhaften Worte schreibe ich an Christi Geburtstage, den wir Weihnacht nennen, in der christlichen Stadt Leipzig, und wenn ich mit dem Kapitel fertig sein werde, so gehe ich in's Hôtel de Bavière , und esse unbefangen Rossbeaf und brennenden Pudding, und es wird mir schmecken, als sei nichts vorgefallen, und Niemand wird mir's ansehn, was ich begangen. Ich sehe aber auch das Geschriebene nicht mehr an, sondern gebe es mit abgewandtem Gesicht dem Burschen für die Druckerei, denn ich habe mir gelobt, die Wahrheit zu sagen, sie mag klingen, wie sie will. Es trieb mich der Geist, also zu sprechen in jener schönen Nacht auf dem Dreikreuzberge, und wenn ich nicht das Beste vergessen hätte, so spräche der Geist noch tollere Dinge. Wahrscheinlich war ich trunken von Maria's Augen, und die guten Freunde der Knechtschaft, welche von mir sagen werden, ich sei ein besoffner Frevler, dürften nicht ganz Unrecht haben. Aber besser bin ich doch, als sie gern die Leute glauben machten, denn ich schreibe dergleichen nur, damit sie etwas Neues haben zur Verketzerung meiner Sippschaft. 369 Bin ich nicht sehr menschenfreundlich. O, ich habe immer ein königlich Ergötzen an den plumpen dicken Fingern, mit denen sie unsere zweischneidigen Worte anfassen, denn nur die Klügsten unter ihnen wissen, daß sie zweischneidig sind, und daß man Handschuhe dazu anziehen müsse, und daß ich endlich ein Wolf in Schaafskleidern sei, und unter der schwarzen Robe einen düstern Karbonarimantel trage. Die Zeit und das Tuch ist theuer, wer wird sich alles stehlen lassen, namentlich unter stumpfen Gesellen, die auch das Gestohlene nicht reizt. Und wer mich nicht im Dunkeln an der Stimme kennt, der versteht mein Wort auch nicht am Tage. Die faulen, bequemen Bäuche bewegen kein Sandkorn, und die schlanken haben seine Sinne. Ich bin auch schlank, und sah tief hinein in das mondhelle Karlsbad, dessen vornehme, egoistische Augen aus der Tepel verdrießlich herausblinzelten. Es sieht von der Höhe des Dreikreuzberges aus wie ein christliches Jerusalem, das sich vor den Muselmännern versteckte mit seinem weißen, reinlichen Viereck der beiden Wiesenstraßen, welche schlanke Brücken verbinden, wie eine zierliche Stadt von Pappe. Als kleine Buben bauten wir uns sogenannte Krippel, das heißt, wir steckten auf grünes Moos ein papiernes 370 Jerusalem und Bethlehem. Da durfte der Tempel Salomonis nicht fehlen und der Stall mit dem Ochs und dem Esel und den drei Königen aus dem Morgenlande und mit dem Stern darüber, und die Hirten bei ihren Hürden knieten auf dem Felde, und die Engel, auf langen Drähten in der Luft fliegend, bliesen lange Trompeten mit unglaublich dicken Backen. Eine Straße mit weißem Küchensand legte ich immer an, welche nach dem Tempel führte, es mochte eine dunkle Ahnung in mir sein, daß man nur mühsam in der Welt zum Allerheiligsten käme, und blasse, schweigsame Menschenbilder steckten wir an die Wege, welche Schafe, Tauben und anderes unschuldiges Vieh zum Opfer nach der Stadt trugen, und dazu sangen wir, wenn die dünnen Wachslichter brannten, und düster christlich das Stück Palästina erhellten, melancholische Weihnachtslieder von der Krippe und den Windeln. Wie jenes Krippelbild lag Karlsbad in christlicher Mondbeleuchtung unten, und die Tepel war die weiße Straße von Küchensand, und die Menschenbilder mit den schuldlosen Thieren im Arm sah ich hinter den schwarzen Fenstern schlafen. Das kleine Christkind aber sah mich aus dem Dämmerlichte mit der Ahnung seiner grundlosen Liebe und den schmerzlich süßen Augen der Kindheit so tief beweglich an, daß ich die Gedanken meines frivolen Bluts vergaß, und still 371 hinabstieg, und, Marias gedenkend, wie eines jungen Engels, mich zu Bett legte. Und so beweglich ist des Menschen Herz, so romantisch sind wir gewöhnt, daß ich jetzt andächtig und mit geringem Appetit in's Hôtel de Bavière gehe zu Rossbeaf und brennendem Pudding, was doch so gesunde englische Gerichte sind. 372     Am andern Morgen verschlief ich's natürlich, zu rechter Zeit an den Brunnen zu kommen. Die Brotstudenten des Karlsbader Wassers gingen schon heim, als ich mich einfand; doch wogten noch große Massen auf dem kleinen, mit zierlichen Quadern belegten Platze vor dem Mühlbrunnen, und die Treppen hinauf, die lange Wandelbahn entlang, auf den Terrassen des Theresienbrunnens, und die Musik spielte noch rauschend die verführerisch sinnliche, spanische Wollust athmende Ouvertüre zum Don Juan. Es ist mir immer, wenn ich diese Musik höre mit ihren weichen und doch hie und da so stolzen, zierlichen, übermüthigen Rhythmen, als müßte ich das nächste schöne Mädchen bei der Hand nehmen, und sie da hinführen in gemessenen, hüpfenden Tanzschritten, wo man die Schönheit der Welt übersieht, und sie küssen mit Lichtstrahlen und 373 Freude, daß die Gottheit uns aus Augen und Lippen sprüht. Der Morgen war hochgolden, seine blaue Nebel flohen wie verspätete nächtliche Träume vor der Sonne hin durch die Thalschluchten, die alten morschen Berge trockneten sich die bärtigen, bethauten Gesichter in der sich ausbreitenden Morgenwärme, auch der Dreikreuzberg sah verjüngt aus, und als wüßte er nichts mehr von der wüsten, unchristlichen Nacht. Er hatte Alles vergessen, und das ist so schön an der Natur, das ist ihre romantikfeindliche Romantik, daß sie Alles vergißt, und alle Morgen frisch, jung und neu aussieht. Sie ist der Phönix der Alten, die Poesie der Jugend, und das ist noch mehr werth, als die Poesie des Alters, die wir Romantik nennen. Ich sah mit jenem jungen Morgenbehagen in die wogenden Gruppen, was so viel Lust zum Leben in sich trägt. Groß und Klein, Hoch und Niedrig strich nebeneinander hin, als sei die gestrige Welt zu Ende, als hätten Staaten und Gesetze, die Krücken der Menschen, aufgehört, nöthig zu sein. Neu-Griechenland sah ich vor mir, und unter den Säulengängen Athens das alte Geschlecht, was all seine Sünden vergessen hatte, und wiedergeboren war. Ich stand einen Augenblick still, um das nächste Mädchen, was kommen würde, zu umarmen. Einem 374 katholischen Priester mit den blanken, steifen Stiefeln, den kurzen, prallen, verschwiegenen schwarzen Beinkleidern, dem neugierigen, weltlich lüsternen, schmalen weißen Streifchen über dem schwarzen Halstuche, einem solchen Priester mit dem glatten, glänzenden Gesichte, von dem die Enthaltsamkeit in ächt katholischem Fett widerstrahlte, wünschte ich Glück, daß der Cölibat zu Ende sei – da kam Maria in einem fliegenden schwarz seidnen Ueberrocke; frei wie eine übermüthige neue Griechin trug sie auf dem schönen weißen Halse den schalkhaften, blitzenden Kopf. Ich wollte hastig auf sie zu, der Nordteutsche trat zwischen uns, und hinderte mich an dem dummen Streiche, den ich gewiß gemacht hätte. Er sagte mir, ich sei ein Träumer, der den Tag verschliefe, und Maria sei die romantische Liebe seiner Jugend, und die Dame im bunten Mantel mit dem behaglichen Gesichte sei seine Schwägerin, und der Professor, der dort drüben seinen Brunnen trinke, sei sein baldiger Schwiegervater. All' die Erkennungsscenen hätte ich verschlafen. Neu-Griechenland ging mir unter. Ich hatte kaum die Kraft, leise nach dem Harfenmädchen zu fragen, er runzelte die Stirn, und meinte, da liege der Mittelpunkt des Gewirr's, er ahne eine tiefe List, Maria sei schön, aber zu jung, und blondes 375 Haare würden schwarz, das Harfenmädchen sei die Hauptperson, und so leicht sollte man ihn nicht täuschen, er werde seine Rolle spielen, und Alle überlisten. Ach, ich hatte alle Spannkraft zum Scherzen verloren, und ließ ihn gehn, und lehnte mich an die Mauer. Manchmal hab' ich mich gewundert, wie die Poeten ihre größten Menschen, die nach der Welt Wurzeln und äußersten Gipfeln jagen, die den Gott mit Steckbriefen verfolgen, gleich dem Faust und seinen Genossen, wie die Dichter bei solchen Leuten der Liebe so großen Einfluß gestatten, ja wie sie ein Paar blaue Augen zum Mittelpunkte eines Lebens machen konnten, das nach dem Urquell alles Lebens lechzt. Was ist eine kleine warme, weiße Hand, was ist sie einem Himmelsstürmer. Ich hatte meine dummen Stunden, wo ich, angesteckt von meinen Umgebungen, solche Fragen aufwerfen konnte. Jetzt weiß ich's besser, denn ich weiß, daß ein geheimnißvolles Mädchenauge, und eine kleine, warme, weiße Hand mehr sind, als Alles Andre, denn sie sind das Geheimniß des Glückes. Ich frage nicht mehr: warum immer und immer wieder Mädchen und Liebe? wie mancher gute Bürger fragt, ich frage nur: Warum nicht mehr Liebe? 376 Wie war nur eben Karlsbad und der Morgen und die Welt schön gewesen, wie waren die Gedanken von meinem neuen Griechenland in mir herumgehüpft – jetzt war Alles vorbei, weil man einen bunten, liebenswürdigen Vogel in ein plumpes Bauer sperren wollte. Ach, die dummen, dummen Menschen, Alles ist Geschäft, Geschäft und Berechnung. Tief verstimmt, ja traurig drängte ich mich durch die Massen hinauf nach der Terasse über dem Theresienbrunnen. Dort ging ich auf dem dritten Einschnitte langsam auf und ab. Das ist den Leuten zu hoch, und man kann ungestört hin- und hergehen. Unter sich sieht man die murmelnde bunte Masse hin- und herziehen. Drüben, hoch oben über Karlsbad am steilen Bergesabhang kommt in drohendem Sprunge die Straße von Prag daher, und beherrscht wie ein vorüberfliegendes stolzes Mädchen das ganze Thal. Viele meinen deshalb, man müsse nur nach Karlsbad reisen, um da anzukommen, denn es muß ein überraschender Siegestaumel sein, wenn man plötzlich aus den Bergschluchten heraus auf diese übermüthige Abhangsstraße gelangt, und ein fabelhaftes Thal mit einem Stück Residenz und hin- und herfluthenden, geputzten Menschen zu seinen Füßen sieht. Ach, ich wollte mein Herz zerstreuen mit der 377 Prager Straße, aber ich sah Niemand davon fahren, und in den Bergschluchten verschwinden, als Maria, die morgenfrische, an der Seite des Nordteutschen mit der seidenen Weste. Und Maria hatte einen dichten weißen Schleier über das Gesicht gezogen, ich sah dies tröstliche Antlitz nicht wieder. – Nur die verheuratheten Leute werden sich wundern, wie Romeo und Julie so schnell sich finden konnten, ich hatte Maria kaum gesehen. Eben darum war ich doppelt unglücklich. Ich war an jenem Morgen auf der Theresienterasse nicht mehr so jung, daß ich vorher noch kein Mädchen geküßt, kein Glück erfahren hätte, aber der Strahl hatte nie so plötzlich gezündet, ich hatte meisthin lieben gelernt. Nun ist das zwar eine schöne Wissenschaft, aber die plötzlich empfangene Kunst, das blitzschnelle Genie ist mehr als Wissenschaft. Bei Marias Anblick hatte mein Herz wie ein Genie empfangen, und das war meine unendliche Freude, die mich trieb, das Mädchen mit Gefahr des Lebens an meine Brust, an meine Lippen zu reißen, und sie vor allen gewöhnlichen, tugendhaften Händen zu bewahren. Mein Herz und meine Lippen waren aber besser als alle andern Marien gegenüber, denn sie hatten die Schönheit und Liebenswürdigkeit des Mädchens am schnellsten empfunden. Ich hätte weinen mögen, ob aus Trauer oder 378 Aerger wußt' ich selbst nicht. Voll Vorwurf und Betrübniß sah ich starr in den Morgen hinein. Da stand Maria vor mir mit des Nordteutschen Schwägerin, und Maria redete mich an, und mein Herz brach zusammen vor ihren frühlingsweichen Worten, ich hatte Mühe, meiner Thränen Herr zu werden. Als die Schwägerin sich nach einer Blume bückte, flüsterte ich ihr liebesfeucht, wie sie mir aus dem Herzen kamen, die Worte zu: Mädchen, ich liebe Dich unsäglich. »Das weiß ich,« sagte sie laut, und stellte mir die Dame als eine Landsmännin vor, mit der sie alle Wochen lustige Briefe wechselte. Und diese Dame war wirklich ein heitres, witziges Wesen, mit einem jener unveränderlich hübschen Frauengesichter, von denen Alles spurlos abgleitet, wie von glattem Marmor. Sie behauptete, mich zu kennen, und nannte mir den Ort, wo ich auf der Schule gewesen sei, nannte mir dasige Familien, mit denen ich verkehrt, unter andern auch jene, wo ich schwarzen Peter gespielt und fünf Jahre stumm geliebt hatte. Das überraschte mich nicht wenig, und bunte Kombinationsgedanken fingen an, in mir zu schwirren. Aber das nahe Unglück verscheuchte Alles: der Nordteutsche und der Professor traten heran, und jener geberdete sich wie ein Bräutigam, dieser wie ein besorglicher Schwiegervater. Maria fragte mich, ob das 379 nicht der Herr sei, welcher gestern Abend mit dem Harfenmädchen promenirt wäre. Ich wußte nicht, ob ich die Kameradschaft verletzen sollte, und zögerte, der Nordteutsche bejahte aber selber lächelnd. Der Professor machte ein aufmerksames, die Schwägerin ein ernstes Gesicht, man sprach aber nicht mehr darüber. Wir gingen frühstücken. Auf der alten Wiese war unter den Kastanienbäumen eine lange Reihe von buntbedeckten Tischen aufgeschlagen, der Kaffee dampfte, die weißen Brötchen lockten, Alles genoß; das Frühstück ist in Karlsbad der erste und schönste Kuß des Tages nach der Sehnsucht der Morgenfrühe. Der Brunnen erzeugt nämlich einen energischen Hunger. Auch wir ließen uns da nieder, und genossen. Ich konnte meine Traurigkeit nicht überwinden, und sah Marien oft mit schmerzensreichen Blicken an. Als wir aufstanden, flüsterte sie mir zu, ich möge mich nicht so jämmerlich geberden, und mich umsehen, an jedem Tische säße etwas Schönes, dem die Liebeshoffnung auf den Augenwimpern ruhe. Man ist wirklich wie auf einem fortwährenden Balle in Karlsbad. Da ließ sie einen kleinen seidnen Shawl, den sie in der Hand trug, entgleiten, ich hob ihn auf, sie faßte beim Hinnehmen einen Finger von mir und kniff ihn unter schalkhaftem Lächeln mit ihrer kleinen Hand und sprach: » Courage, Monsieur! « 380     Am andern Tage hatte ich's wieder verschlafen, und zu meinem Schrecken erfuhr ich, daß die Gesellschaft eine Partie unternommen, und vergeblich auf mich gewartet habe. Das Fräulein habe vorgeschlagen, mich wecken zu lassen, der Vorschlag sei aber verworfen worden. Der Kellner sagte, sie habe in aller Eil' auf ein kleines Zettelchen für mich geschrieben, und suchte darnach in allen Taschen. Ich brannte vor Ungeduld, hoffentlich stand das Ziel ihrer Reise darauf, was die Domestiken nicht kannten, und ich konnte ihnen nacheilen, oder es war ein freundliches Wort des Trostes – endlich fand der unanständige Mensch das Papier. Mit Bleistift geschrieben fand ich die kaum leserlichen Worte: » Vous êtes du genre des sept dormans. « Ich war so verdrießlich, daß ich alle Brunnengäste hätte durchprügeln mögen. Den ganzen Tag über 381 schlenderte ich herum; es ward Abend und sie kamen nicht, es ward noch einmal Abend, und sie kamen nicht. Aus Langerweile und Verzweiflung machte ich lauter Bemerkungen über die Brunnengäste, und schrieb sie auf. Wenn man unbefangen ist, kann das Zusehn in Karlsbad auf ein Paar Tage interessant sein, denn man sieht alle Parteien unsrer stürmischen Tage durch einander laufen, bald wird das Interesse aber matt, weil alle Parteien hier faullenzen. Es stumpft sich ab, wie das für einen Dichter, mit dem man täglich verkehrt, und der nichts mehr producirt. Es ist eine allgemeine europäische Klage, daß Parteien die Welt zerrissen, sie unruhig, ungenießbar machten. Aber Stahl allein erzeugt kein Feuer, man braucht Stahl und Stein, die Parteiungen fördern eine Entwickelungsepoche, welche das zu erobernde Terrain theoretisch absteckt. Nur der That, der Eroberung selbst sind sie nachtheilig; alle europäischen Länder, Polen voran, sind dafür der sicherste Beweis. Ihr Treiben hält den Sieg einer Wahrheit auf, aber es klärt, läutert die Wahrheit selbst. Die betheiligte Generation verliert immer durch Parteiungen, die Weltgeschichte gewinnt. In einer Aeußerung der Gesellschaft aber, in der Geselligkeit, bleiben sie unter allen Umständen Gift. Man sieht das nirgends deutlicher als in Karlsbad. 382 Dieser Brunnenort ist das millionenfach verkleinerte Spiegelbild, das Schachbrett Europas. Karlsbad ist Klein-Indien; es theilt sich nicht nur Adel und Bürgerthum, sondern beide zerfallen wieder in eine Menge Schubladen. Ich habe auch Unrecht, wenn ich sage, daß alle Parteien faullenzen: Die höhere adlige ist hier sehr thätig, das heißt sie thut das, was heutiges Tages That bei ihr genannt wird: sie reitet, fährt, tauscht Pferde, spreizt sich, ist bauernstolz, und doch wohl am Ende dabei gutmüthig. Ein moderner Christus würde ebenfalls diesen Jehoviten gegenüber lehren: Leute vergebt ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun. Wenn diese Partei auch längst vergessen sein wird, in Karlsbad wird man Exemplare davon finden, denn hier ist ihre teutsche Zufluchtsstätte. Und ich hoffe es mit all' meinen Sympathien, in welchen der reiche Adel seine Kinder aufzieht, daß ihr Depot so lange aushält, als ich nach Karlsbad pilgre, denn ich brauch sie äußerst nothwendig. Erstlich lieb' ich die schönen Mädchen, und unter der göttlichen Faulheit und Behaglichkeit gedeiht das Mädchenfleisch vortrefflich. Es giebt eine Schönheit, welche ohne einen gewissen Grad von Dummheit nicht bestehen kann. Diese schönen adligen Mädchen zu Karlsbad will ich nimmer lieben, ich will sie nur sehen, mein Schönheitsgefühl daran weiden. Wenn mir das 383 Unglück begegnete und ich alt würde, so zög' ich doch noch gen Karlsbad, und setzte mich auf jene Bank beim Elephanten auf der Wiese, um mein altes ästhetisches Herz zu erfrischen für's ganze Jahr an adligen Formen. Denn – und das ist zweitens – das Bürgervolk, wofür man arbeitet, denkt, und über Kurz oder Lang auch stirbt, das taugt zur Schönheit nicht; man braucht nicht nur Muth, man braucht Kühnheit um schön zu sein und schön zu erscheinen. Ich reise zweitens nach Karlsbad, um die Kaufleute, und alle die Rechenmeister zu vergessen, welche keinen andern Genuß als den Vortheil kennen, und Gottes Welt, und die Freude und alles Große zerrechnen und zerkalkuliren, ich reise nach Karlsbad, um dreisten Adel zu sehn, der nach fröhlichem Genuß trachtet, um dem beginnenden, trostlos vernünftigen Nordamerika, was sich zu bilden anfängt, zu entrinnen. Im Emigrantenasyl zu Karlsbad spiegelt sich die römische Aristokratie, als sie nahe am Verscheiden war, und die ersten Triumvirate entstanden. Es steht hier obenan der französische, russische und böhmische Adel. Am ungeberdigsten ist der russische: er poltert mit scythischer Rohheit, ungebändigtem Uebermuthe, plumpem Reichthume, häßlicher Pracht hier herum, man wird an die Völkerwanderung, den säbelbeinigen schmaläugigen Attila und seinen Neffen Suwarow, 384 an Genserich den Vandalen erinnerte, welche Italien, das Land der Kultur geplündert haben, und mit schmutzigen Händen aus goldenen hetrurischen Schüsseln essen, mit ungewaschnen Mäulern aus Bechern von Kapua oder Sybaris schlürfen. Eine gewaltige Masse solcher Tartarkhans giebt's gewöhnlich in Karlsbad; man hört Namen, die sich grollend wie die Wolga um's Ohr wälzen. In blitzenden Equipagen jagen die Gallizin, Trubetzkoi, Razomowkoi, und wer weiß wie viele Koi und Kow vorüber, und die kleinen kothigen Pferde mit dem unartigen Geschirr klappern wie spöttisch lächelnde Kommentarien vor der Herrlichkeit einher, und erinnern an die süßen Kosacken und Kalmücken. Die bestialischen Kutscher und Pferdeknechte bekunden den ungeleckten hunnischen Ursprung. Nur was zur Diplomatie gehört, hat in Paris studirt und glänzt in Civilisationsfirniß. So Ribeaupierre, sonst Gesandter in Konstantinopel, jetzt in Berlin, also des Czaaren Liebling, ein wohlbeleibter, feiner, hübscher Mann mit einem verbindlichen Gesicht trinkt langsam in kleinen Zügen von seinem Becher Neubrunn, und spricht links und rechts artig und freundlich. Und ich glaub' es nimmermehr, daß jene graziöse Dame mit der bezaubernden Romantik im dunkel beschatteten Auge, mit der blendend weißen Schulter, mit der verführerischen Hand und dem französischen 385 Fuße, mit der civilisirten Melancholie in den weichen Zügen und der schlanken Figur, daß jene liebreizende Stroganof eine Russin sei. Und doch versichern mich gründliche Kenner, daß man in Rußland neben der niedrigsten Rohheit die größte Schönheit, und was mehr sagen will, die allergrößte Liebenswürdigkeit finde. Es sei ein Land der Pole. In ihrem schönen, elegischen Gesichte habe ich täglich gelesen wie in Tiecks Genofeva, und ich glaubte die ganze stürmische Geschichte darin zu finden, als ihr Gatte Gesandter zu Stambul war bei Ausbruch des Griechenkrieges, und die wuthschäumenden Moslems den russischen Adler von seinem Hotel reißen und den Ambassadeur stranguliren wollten. Ich glaubte immer Thränen in der Schönheit ihres Gesichts zu sehen, und ich komponirte mir ein Gedicht, wenn ihr Gatte die Thür des Balkons aufreißt und hinaustritt vor die Augen der brüllenden Menge in den Bereich der auf seine Brust angeschlagenen Janitscharenröhre, und das Volk haranguirt – da sah ich das schöne, liebende Weib in Verzweiflung auf die rothseidnen Polster fallen, ich sah's wie sie sich aufrichtete bis auf die Knie, wie sie die schwarzen Flechten zurückwarf in den Nacken, und die weißen, schönen Arme ausstreckte nach ihrem Gatten, und die Gefahr mit ihrer Schönheit beschwor. Ich 386 sah's, wie sein Muth gesiegt, und er unverletzt zurück in's Zimmer trat, sah's, wie sie ihm in die Arme stürzte und die Thränen heiß und unaufhaltsam aus den Augen brachen. O, ich wollte, alle Staaten hätten immer so entschlossene Männer, wie sie Rußland an allen wichtigen Punkten hat, und ich wollte, es liebte mich ein so schönes Weib, und weinte wollüstige Thränen um mich, um dieser Thränen willen würd' ich tausend Janitscharenröhren trotzen. Das Weib und die Liebe, das ist ihr Blut, erzeugen die Heldenthaten, nur die Begeisterung für die Kultur gehet noch darüber, und zeugt die großen Thaten, aber es ist dieselbe Familie, auch die Begeisterung stammt von der Liebe. Bei solchen Gedanken sah ich der schönen Frau unverwandt in's Gesicht, und wie ein Heiligenbild ließ sie es geschehen, bis sie lächelte. Da ward ich vernünftig, und nahm meinen Hut ab, und sie sagte mit ihrer schönen Stimme: » Bon jour Monsieur! « Dieses » Bon jour Monsieur! « tröstete mich ob Maria's, und ich vergaß meiner Sehnsucht, wenn ich dies Frauengedicht mit dem lieben, durch und durch gebildeten Antlitze unter den plumpen Landsleuten umhergehen sah, wie Eurydice unter den Fratzen des Orkus. Uebrigens ist diese russische Partei der Meinung, 387 sie herrsche in unsern Bädern wie zu Moskau; in ungeschickt schwer seidnen und sammtnen Gewändern schleifen und schleppen sie ihre Herrlichkeiten um die Brunnen her, und lassen sich von der hohen böhmischen Noblesse und den Altfranzosen den Hof machen. Letztere anlangend, so ist Böhmen allerdings Neu-Koblenz geworden. Der Erkönig Karl zieht von einem Orte zum andern, um den regierenden Herrn aus dem Wege zu gehn – es ist ein tragischer Anblick, daß der alte Mann der Kirche und des Throns nicht einmal das entblößte Haupt ruhig niederlegen darf, selbst hier ist er überall im Wege. Sogar die Gläubiger verfolgen ihn von allen Seiten, Pfaffenhofen war mit schweren Forderungen im Anzuge, und der österreichische Kaiser, der kein leichtes französisches Schuldengewissen hat, und seine Privatbedürfnisse, die Schuster- und Schneiderrechnungen u. s. w. prompt bezahlt, soll sehr lebhaft wünschen, daß solche fatale Geldverhältnisse nicht in seinem Lande zur Sprache kämen. All' das erträgt nur ein ächter Bourbon mit stoischem Gleichmuthe, der auch in Schmach und Elend weiß, daß er der ächte König Frankreichs sei. Man verfolgt und verspottet den Wahn dieser Bourbonen, und vergißt, daß es seine Religion ist, man vergißt, daß alle Kämpfe unsrer Tage die alten Glaubenskämpfe in neuen Kleidern sind. Dort ist absoluter Katholizismus, hier neu 388 gestalteter Protestantismus; der zehnte Leo hieß diesmal der zehnte Karl, Wittenberg Paris, Tetzel Polignac, die Bullen hießen die Ordonanzen, das alte Pariser Stadthaus ward die Wittenberger Schloßkirche und Lafayette spielte den humanern, und darum unkräftigern Luther. Und auf Religionskriege meinten wir doch immer vorbereitet zu sein, und wir wollten nicht mehr fanatisch mit einander umgehen, und einander nicht todtschlagen, weil wir über Dies oder Jenes verschiedene Gedanken hätten. Und doch – – – Es wäre doch sehr traurig, wenn man den Mord und Todtschlag durch Politik und Justiz noch lange bestehen ließe. Chateaubriand, der Karl X. in Töplitz besucht hatte, um die Entbindungshochzeit, das geborne Impromptü der Herzogin von Berry auszugleichen, hatte sich nur einen Tag in Karlsbad aufgehalten, und war fort – fort war mit ihm das schöne silberne Trinkgeld, was ich auf den letzten Stationen verschwendet hatte, um ihn noch anzutreffen. Er kostet mich zwei Gulden Münze, wie soll ich die aus ihm herausschreiben! Wenn ich den Namen Chateaubriand höre, so denke ich immer an einen der zwölf kleinen, und wenn ich etwas von ihm lese, an einen der vier großen Propheten im alten Testament. Es ist ein französischer Jeremias oder Daniel, der unter Ludwig Philipp unangetastet in der Löwengrube sitzt 389 und sich den Bart wachsen läßt. Wie jene Juden konstruirt er den Staat aus Traumgespinnsten der Gottheit, und eine gesalbte Macht der Rede besitzt er wie jene für den Theokratismus begeisterten Poeten, welche unter den Oelbäumen saßen und hineinschauten in den mysteriösen blauen Himmel und das schweigsame Dunkelgrün des Landes Palästina, und welche man Propheten nannte. Denn in der alten Zeit war alle Dichtkunst Weissagung, wie sie's denn auch wirklich ist. Daß man nicht allen Weissagungen glaubt, ist etwas anderes, und gar nicht so dumm. Bei dem Worte Chateaubriand denke ich auch immer an Heinrich Heine, und wenn ich an Heine denke, so sehe ich eine indisch wollüstige Welt, welche ein kleiner Despot regiert, der all seinen bezaubernden und peinigenden Launen den Zügel schießen läßt, und dem ein schönes Wort mehr gilt als ein gutes, und der deshalb die Monarchie liebt. Alles in jener Welt spricht aber in stolzversigen Worten, an allen Wegen blühen Lotosblumen, und unter den Palmen und Cedern liegen purpurne und goldne Gewänder, und auf diesen die reizendsten Bajaderen, welche Goethesche Lieder singen und die Cymbel spielen, und das Tamburin schlagen. Heine kann nämlich so schön schreiben als Chateaubriand, ja wenn er eben gut geschlafen hat, noch 390 schöner, denn er ist offenherziger, und sein Herz ist an kleinem lieben Spielzeuge noch reicher. Heine hat auch zwei Vorzüge, die Chateaubriand nicht erreichen kann, selbst wenn er noch einmal zum Jordan reiste: er ist witzig und hinkt nicht. Palästina war immer poetisch, aber niemals witzig, der Witz ist unchristlich; und der Teich Bethesda ist vertrocknet. – Die französische Adelspartei hat sich völlig in Böhmen angesiedelt, die Prinzen Rohan haben sich Güter gekauft, und sind der sehr richtigen Meinung, besser nach Böhmen als nach Frankreich zu passen. Sie halten mit dem böhmischen Adel alljährlich die Saison in Karlsbad ab, wie der spanische Hof alljährlich einige Monate nach Aranguez ging. Was von guter Familie aus Frankreich kommt, schließt sich all' den erwähnten Notabilitäten an, und spricht von der Vergangenheit. Sie tragen auch noch Ludwigskreuze und schreiben das Imparfait und den Conditionel mit oi . Als Maria auch den zweiten Tag nicht kam, entschloß ich mich, mit einer Karlsbader Rarität im sächsischen Saale zu essen, wo die haute société an kleinen Tischen speis't. Diese Rarität ist ein vergessener Kammerherr mit einem großen Umfange an Leibesbildung, er trägt einen Orden, zu dessen Erkenntniß man einen Almanach braucht, und spielt, so lange er sich erinnern kann, täglich Whist und ißt täglich zu 391 Mittage. Er kommt alljährlich nach Karlsbad in Begleitung seiner Schwester und einer großen goldnen Tabakdose, aus welcher er nie schnupft. Seine Schwester unterscheidet sich nur dadurch von ihm, daß sie weiblichen Geschlechts sein soll, und die Dose hat ihm der verstorbene teutsche Kaiser Leopold durch die Post geschickt, der Kammerherr ist aber so stolz darauf, weil er heue noch nicht weiß, warum sie ihm der Kaiser Leopold geschenkt hat. Er stellt sie immer neben seinen Teller, damit sie Jedermann sehe und ihn um eine Prise bitte. Alsdann entschuldigt er sich, greift nicht ohne Unbequemlichkeit in die Tasche und präsentirt eine andre Dose, erzählt aber zugleich die Geschichte von der unbegreiflichen Gnade des Kaiser Leopold. Der Kammerherr ist mein guter Freund, weil ich ihn stets, ich mag ihm begegnen wo ich will, zuerst nach der Dose, und dann nach seinem Befinden frage, und ohne Murren die lange Geschichte anhöre. So saß ich denn mit dieser Rarität und seiner Dose im sächsischen Saale, der Kammerherr sprach, wie er bei öffentlichen Gelegenheiten immer zu thun pflegte, französisch, so sauer es ihm auch ward, als ein starker, mäßig bejahrter Mann eintrat, und mit weiten, nachlässigen aber festen Schritten durch die Gesellschaft bis in eine entfernte Ecke des Saales schritt. Zu meiner Verwunderung stand jeder vom 392 französischen Adel, bei dem der Mann vorüberkam, ehrerbietig auf und grüßte. Der Kammerherr erzählte eben die Dosengeschichte, ich durfte uns're Freundschaft nicht durch eine Zwischenfrage auf's Spiel setzen, und mußte meine Neugier zügeln. Der Herr mit dem teutschen Schritt und dem teutschen Gesicht setzte sich allein an ein kleines Tischchen und begann seine Mahlzeit, ohne sich um die übrige Gesellschaft zu kümmern. Sein Aussehn hatte etwas demokratisch Liebenswürdiges, das kurze Haar fing schon an, weiß zu werden, das Gesicht sah aber noch gesund roth, und scharf gezeichnet aus. ein kräftiges blaues Auge blitzte manchmal harmlos und ohne Gedanken über den Saal hin. Bald vertraute mir der Kammerherr, der Mann mit dem feinen weißen Teint und dem grauen Backenbarte sei Marschall Maison . Er wird auch von den Altfranzosen mit fernbleibender Artigkeit behandelt, weil er von guter Familie, ein wohlrenommirter Napoleonide mit der Restaurationstaufe, und als designirter Gesandter in Petersburg eine wichtige politische Person ist, und ein Paar Hauptleinen des europäischen Gespanns in Händen hat. Wenn er auch nicht allein vom Bocke fahren darf, so weiß man doch, wie viel auf einen sanften Druck, eine leise Fühlung bei kitzlichen Dingen ankommt. 393 Am andern Morgen traf ich ihn in seinem groben Brunnenrocke beim Sprudel. Hier stach seine Napoleonische Ungenirtheit noch auffallender von dem Wesen der übrigen Franzosen ab: zum Glück liegt der Sprudel mit seiner Promenade von den übrigen Brunnenplätzen abgesondert, und die Emigranten kommen somit wenig mit ihm in Berührung. Sein unbekümmertes Wesen treibt er so weit, daß er mit einem Wiener Freudenmädchen, was er zu seiner Unterhaltung bei sich hatte, öffentlich ausfuhr und mit sonst Niemand umging. Am Brunnen sprach er hie und da leicht, behaglich, bequem, fast humoristisch. Es war namentlich interessant, wie leicht, scherzhaft und sicher er mit den ihm begegnenden Russen verkehrte. Die ganze französische Bravour mit ihrer unermeßlichen kriegerischen Zuversicht lag in dieser wohlklingenden, sorgenlosen Baßstimme und in der Nonchalance seines Wesens. Er hatte die erste Nachricht von Napiers kolossalem Seesiege am Cap Vincent, und theilte sie beiläufig mit, als er einen Becher Sprudel aus der Kelle hob. Die hiesigen Aerzte sollen sehr unzufrieden mit dieser Mittheilung gewesen sein; es ward ein schlechter Brunnentag, voll Diätfehler. Der dritte Theil, der böhmische Adel, ist alle Jahre derselbe; kommt man oft nach Karlsbad, so wird er allerdings langweilig, aber mit wenig 394 schwerwiegenden Ausnahmen, ist er doch der angenehmste und liebenswürdigste. Er ist zwar ganz von Adel, aber er ist artig, und weil er eigentlich immer in einer mehr oder weniger verdeckten Opposition gegen Wien, das heißt gegen Metternich lebt, so findet man größere Regsamkeit, als man im Allgemeinen erwarten sollte. Man darf aber doch nirgends die Opposition des Adels mit dem der böhmischen Nation verwechseln, jener hat immer ein kleineres Herz als diese. Die Nation würde frei sein wollen, wenn sie etwas wollte, der Adel will herrschen, und es kommt ihm nicht darauf an, ob das zu Wien in der Burg oder zu Prag auf dem Hradczin geschieht. Er hätte nichts gegen Metternich, wenn das ein böhmischer Kavalier wäre, er haßt ihn nur, weil Metternich kein Böhme ist. Der Adel bringt es nirgends weiter als zu einer Art Brotneid, er will keine Nationalfreiheit, sondern höchstens eine Nationalherrschaft. Und von diesem Gesichtspunkte aus nehmen sie auch Partie für die Polen, alle alten Adeligen Europas. Man darf sich ja nicht täuschen lassen, als hätten sie einmal im Rausche der Tapferkeit für die Freiheit geschwärmt, es war nichts als eine gottlose Adelsromantik, welche ihnen in die leeren Köpfe stieg. Die Ministerstellen in Wien und das böhmische Vicekönigthum in Prag sind ein starkes Band, was 395 den böhmischen Adel an Oesterreich fesselt, und in diesem Augenblicke nehmen sie um ihres Landsmanns, des Ministers Collowrath willen Interesse am Kaiserthume. Der Sturz Metternichs beschäftigt die böhmische Partei am Hofe und in der Provinz schon seit vielen Jahren, und von Zeit zu Zeit trösten und stärken sie sich mit einem voreiligen Triumphe. Auch vor Troja war unter den Argivern ein ewiger Neid um die Gewalt des Achilleus, und der schlaue Diomed, der eifersüchtige Ajax, der klugheitmächtige Odysseus trachteten, ihn zu stürzen; aber keiner entdeckte seine Ferse, und als Achilleus endlich vom Feinde fiel, da war auch die Heldenzeit zu Ende. Wenn der Peleide Metternich einst dem belagerten europäischen Troja gegenüber fallen sollte, so wird ihn kein schlauer Böhme ersetzen, mit einem Helden aus göttlichem Stamme fällt auch sein Jahrhundert, und wenn die tausendjährige Ceder auf dem Libanon unter dem Sturme zusammenstürzt, so zerbricht sie mit dem Sturme Alles, was in ihrer Nähe ist. Ich will indeß darüber nicht zu bemerken vergessen, daß der böhmische Verstand schlau und empfänglich ist, daß er mit Gewandtheit zu spähen und zu forschen versteht. Aber die Größe erfindet . – 396 Sonst schritten im Gedächtnisse meines Herzens schlanke, hohe Böhminnen einher, mit geheimnißvollem Reiz, verstohlnen kühnen dunkeln Augen, mit verschwiegener Freude eines innerlichen Sinnenfeuers. Dies Jahr war wenig wohlthuende Schönheit unter ihnen zu finden, und die Toilettenkunst entsprach den Anforderungen der Künstlerinnen durchaus nicht. Ich hatte seit langer Zeit nicht so dreist Rouge et Noir spielen sehn, und wenn man in einem Beutel mehrere unächte Münzen findet, so traut man dem ganzen Beutel nicht mehr; eine falsche Karte verdirbt ein ganzes Spiel. Diese erste Abtheilung verdirbt denn hier auch das ganze Sommerspiel. Nur der beste Adel und bedeutende diplomatische Notabilitäten der konservativen Partei bilden die haute société ; schon der zweite Rang des Adels spielt eine ärmliche Genitivrolle und der gewöhnliche Adel fällt der großen Masse anheim. Eine abgesonderte Partei bilden ferner die unglücklichen Polen mit ihren Häuptern Chlopicki und Skrzynecki, die kurze Zeit zusammen hier waren. Skrzynecki mit seiner hohen, imponirenden Figur, die sich in heroischen Rhythmen vornehm einherbewegt, mit der ganzen einschmeichelnden Romantik seiner weichen, milden Stimme und des humanen Gesichts, mit dem forschenden aber blöden Auge 397 habe ich schon früher beschrieben. Er ist das Bild eines weichen civilisirten Polen, aber die Weisheit ist im Revolutionskriege ein Unglück. Chlopicki ist auch im Aeußeren nichts weiter als ein straffer Soldat, wie er uns zu Warschau erschienen ist. Er hat eine hohe tüchtige Figur, kurzes, weißes Haar und ein sehr bedeutendes rothes Gesicht, auf welchem statt der Gedanken rasche Kommandowörter, schnelle Schwerter ruhen. Mit kurzen polnischen Schritten geht er kerzengerad soldatisch einher, spricht Wenig und geht gleichgültig herum. Von der Granate, welche ihn bei Grochow vom Pferde warf, sieht man nichts mehr, unter der straffen weißen Hose scheint die Wunde vernarbt zu sein, wohl ihm, wenn auch die tiefere unter der Weste verharscht ist. Er verkehrte nur mit einigen seiner Landsleute, und tändelte viel mit einer kleinen, lachlustigen polnischen Frau, und mit der lächelte er auch zuweilen. Sein großes Unglück mag mit seiner Diktaturuniform in irgend einem Koffer liegen; man sieht nichts davon und ist dumm genug, sich zu wundern, daß man nichts davon sieht, daß er wie jeder Andere schlechten Melnicker trinkt und seine weiße Semmel zum Frühstück isst. Er war immer arm wie der Römer Fabricius, der daheim seine Rüben aß; vor der Revolution wohnte er in einer kleinen Dachstube, und trug wie Napoleon einen schlichten grauen Rock. 398 Den Dienst hatte er quittirt, weil man seinen polnischen Stolz beleidigt hatte; aber Constantin, der wilde Korporal, hatte großen Respekt vor ihm, und war sehr artig, wenn er zuweilen auf den sächsischen Platz kam, und die Parade ansah. Die Polen glaubten alle großen und tiefen patriotischen Tugenden Kosciuskos in ihm zu verehren, und holten ihn nach der siegreichen Novembernacht aus seiner kleinen Dachstube, zogen ihm den grauen Rock aus, und bekleideten ihn mit dem glänzenden Rocke der Diktatur. Aber nicht alle stillen Wasser sind tief, und seine einsame Zurückgezogenheit hatte ihn interessanter gemacht, als er's verdiente, er war nicht mehr als ein jähzorniger, gefährlich tapferer Soldat, in seinem Kopfe klapperten nur Bajonette, in seinem Herzen dröhnten nur Kanonen, aber keine moralischen Kräfte, die mehr sind als Bajonette und Kanonen. Es ging ein einfältiges Gerücht um, er habe als armer Mann nur die einfache Kurtaxe gezahlt, und vier Gulden Conv. Münze, die ganze, für sich zu hoch erachtet. Zu gleicher Zeit erzählte mir ein Mann, der aus Warschau kam, es habe ihn in der Gegend von Kalisch ein Kutscher gefahren, der aller civilisirten Sprachen mächtig und zu seinem Erstaunen von großer Bildung gewesen sei. Nach einigen Stationen habe er erfahren, daß sein Kutscher noch 399 vor zwei Jahren als reicher Edelmann gelebt, und nichts gerettet habe, als zwei polnische Klepper, mit welchen er jetzt durchreisende Kaufleute von einem Orte zum andern fahre, und sein Leben friste. Aber was ich von Chlopicki gesehen habe, deutete auf zureichende Wohlhabenheit. Der Stolz seiner Landsleute würde auch schwerlich jemals eine solcherweise ostentirte Armuth dulden, sie würden ihrem früheren Diktator vier Gulden Konventions-Münze zusammenbetteln. Jener Mann, der aus Warschau kam, erzählte mir ferner, daß jetzt nur die Freudenmädchen dort vergnügt seien, wenn der Fürst Paskewitsch einen Ball ankündigte, denn in Ermangelung anständiger Tänzerinnen würden die Tanzsäle aus den Bordellen gefüllt. Auch der gebrechliche alte Klicki war in Karlsbad, und es macht anfänglich einen wunderbaren Eindruck, wenn man die polnischen Feldherren bei den russischen Generalen, unter denen nur Pahlen einen Namen hat, vorüberstreichen sieht; man glaubt immer, nun müsse etwas geschehen. Bald aber gewöhnt man sich daran, daß diese Leute ohne Aufmerksamkeit neben einander hergehen: es ist hier europäischer Comment suspendu , man ist auf einem neutralen Boden, auf einem andern Sterne, Streit und Zwist bleibt jenseits der Berge, alle fühlen dieselbe Wirkung vom Brunnen. Dies warme Wasser, 400 das wie Hühnerbrühe schmeckt, ist die moderne Lethe. Nur der Stein der Stände widersteht ihm. Die Klassen der Bürgerlichen falten sich zwar ebenfalls gleich einem Fächer vielfach aus einander, aber sie sind doch durch einen Griff verbunden. Der Kammerherr verkehrt mit dem Kandidaten, und Kandidat heißt doch so viel als: Einer der nichts ist; der Bürgermeister mit dem Schneidermeister. Auffallend ist es, wie viel Patienten Preußen beisteuert; die eminente Regelmäßigkeit seiner inneren Verwaltung muß den Unterleib über die Gebühr anstrengen; es scheint kein Land so reich an ärgerlichen, gallichten Personen zu sein. Es ist sehr zu bedauern, daß jene äußere Demokratie der Bäder immer mehr verschwindet, nach welcher die Gäste blos als Menschen, so oder so viel Schuh hoch, herkamen, und alle gleich waren vor dem gleichmäßig wirkenden Brunnen, der kein Ansehn des hoch oder niedrig gebornen Magens kennt. Damals, erzählten mir ältere Leute, wo noch alles in Friede und Ruhe bestand, der Vornehme vornehm und der Niedrige niedrig war, da brachte man keine Orden und Auszeichnungen in die Bäder, solche Sachen waren selten und sicher. Jetzt glaubt Jeder, man könnte nicht wissen, ob er morgen noch ein ausgezeichneter Mann sein werde, und man sieht immer nach zehn Schritten einen aufgeklebten Orden 401 oder sonst ein Aushängeschild. Sie nützen die Dinge ab, und machen's wie die Verschwender, welche den Erben nichts lassen wollen. Ohne Aufhören sieht man, daß in dem gelben Manne und in jenem ein grandioses Verdienst an Leberschmerzen leide. Teutschland strotzt von großen Leuten. Diese großen Leute sollten officiell verboten werden, ein kleiner Laie, der in keinen Orden aufgenommen ist, kann leicht durch Reue, Neid, Aerger, Ehrsucht oder sonst eine andere Karlsbader Krankheit heimgesucht werden beim Anblick solcher Verdienste, und das stört die Kur. Aber dem Gedeihen sehr zuträglich ist die Brunnenliste mit ihren ächt teutschen, wirklich ingeniosen Titulaturen. Sie quetschen den Paß eines armen Privatmanns so lange, bis etwas aus diesem wird, und mancher hat erst in Karlsbad erfahren, was er eigentlich sei. Ein gewöhnliches Kouvert reicht für die Titel und Würden nicht aus, an welchen ein ächter Kurgast leidet, und mancher ehrliche Mann mit schwachem Gedächtnisse ist nicht im Stande, während eines langwierigen Nachmittags seine Titulaturen auswendig zu lernen. Da giebt es »Kaiserlich Königliche privilegirte Gubernial-Kassen-Rendantur-Assistenten Gattinnen« mit ihren Söhnen, die noch einige Adjuncturen und Adspektanzen anzuhängen haben, es laufen Rentiere aus allen Zonen herum, mit und ohne Moos, und wenn Einer gar 402 nichts ist, so ist er ein Privatier, oder seine öffentliche Ehehälfte wenigstens eine Privatiersgattin. Auch die Weiber müssen etwas sein. Ich habe die Drucker in Verdacht, daß sie ein gut Theil Schuld dabei haben, es ist meist an den Leuten so wenig, und ein österreichischer Drucker, der sonst nichts zu drucken hat, muß etwas aus ihnen machen. Darum hassen sie die französischen, kurzgeschößten citoyens . Carlsbad ist ein Ferienpunkt der europäischen Notabilitäten. Wenn es auf Erden nichts zu thun gab, oder wenn sie des Thuns satt waren, gingen die Götter in den Olymp, um sich zu restauriren. Carlsbad ist die Restauration mancher europäischen Götter in Ermangelung der olympischen; ich hoffe, man besingt es auch einmal, ein guter Romantiker findet alle Sorten von Recepten. Bequem genug lebt sich's da; dafür sorgt höchst lobenswerth Regierung und Brunnenkommission, die Fremden werden wie kranke Kinder behandelt, denen man mit Verläugnung mancher Prinzipien allen Willen thut. Und Kinder sind wir doch alle gar zu gern; da dürfen wir wieder an eine Liebe glauben, wo's keine Eifersucht, keinen Wechsel, keine Treue, keinen Eigennutz giebt, an die Mutterliebe, an das erste und letzte Gefühl des Lebens. 403     Die Zeit ist eine Last, wenn man wartet; die Erwartung selbst ist eine nachhaltigere Staatsgewalt als der Schrecken, der Schrecken tödtet, wie die Erwartung mordet, der Schrecken ist ein Meuchelmörder, der bald mit seinem Geschäft fertig ist, die Erwartung ein Giftmischer, der Zeit braucht. – Und Maria, die charmante, war betheiligt bei diesem Mordversuche: sie kam nicht wieder. Es ist allerdings eine akutere Glückskrankheit, ein Mädchen zu lieben, als in weiterer, breiterer Liebe zu leben; durch die schlafende im Monde träumende oder erwachende Natur hinzustreifen, in ihrem Odem zu weben, die Gottheit mit Wollust tief einathmen. Aber die Liebe ist eine Einseitigkeit. Einseitige Menschen werden große Männer, und namentlich Künstler, drum hat die Liebe mit jeder Art von Kunst so viel zu thun. Einen großen Theil der heutigen 404 Liebesarten verdanken wir dem Christenthume: die romantische, die sentimentale, die eheliche und die uneheliche. Es ist eine liebe und schöne Sache um die Liebe aber keine große, dachten die Griechen und Römer, und wir können heut doch noch größere Dinge haben als jene. Ein Bischen Vaterlandsliebe gehört doch jetzt zur bourgeoisie der Empfindungen, und ist bei der Masse nicht viel mehr als Philisterei und Barbarei, darin hat's die pommersche Landwehr so weit gebracht wie die Athener. Wo steckte denn die große Sache der Alten, welche sie für die Flitterwochen des Herzens entschädigte? Mit der Natur hatten sie sich ein für allemal abgefunden durch Mythen und Sagen und Religion und Kultus, sie nahmen weiter keine Notiz von derselben, sie hatten ihre Pedanterien wie wir; hätte nicht Lucrez so hübsche Dinge darüber geschrieben, man müßte glauben, es sei früher in Italien und Griechenland eine ganz andere Natur gewesen ohne Reiz und Freude. Wo steckte denn die große Sache der Alten? Lesen wir irgendwo, daß Alcibiades, der Suitier, in einer Mondnacht sanfte Lieder gesungen? und doch war er, waren die Griechen so glücklich. – – Ja, unsre Liebe ist eine christliche Einseitigkeit aber nur die Gegensätze schaffen die Dinge; wir wüßten ohne jene Einseitigkeit nichts von der großen 405 kolossalen edlen Liebe, deren wir fähig sind, wenn wir uns in keinem verliebten Stadio befinden! Was ist es für eine Seligkeit, über Land zu fahren oder zu reiten, wenn kein unbequemer störsamer Wind weht, kein ungezogener Regen stört, und unser Herz langsam und melodisch seine Pforten öffnet der Schöpfungs-Harmonie, wenn der Geist Gottes um unsere Schläfe säuselt, oder seine geschäftigen glühenden Boten sendet aus der sammtschwarzen Gewitterwolke. Und all die großartige Herrlichkeit bläs't ein Mädchen mit rothem Munde auseinander – Herrgott, was willst du mit der Mädchenliebe sagen?! Solche zerrissene Wolkengedanken trieben mich eben über den Theresienbrunnen auf dem kleinen Plateau des Berges umher, ich konnte das Badeleben mit seiner bunten, murmelnden Monotonie nicht brauchen, Marie fehlte mir, meine Seele war verdrießlich, mein Herz seekrank. Je bunter die Gesellschaft, je größer die Stadt, je bewegter die Zeit, je reicher, sehnsüchtiger das Herz, desto größer die Langeweile. So viel Dinge, so viel Bedürfnisse dehnen das Herz aus, und die große, wüste Masse des Stoffs füllt es nicht immer. In einem kleinen Städtchen oder Dörfchen, wo wir mit den kleinsten Freuden groß werden, da giebt es 406 keine Langeweile, denn es giebt keinen leeren Platz für das Verlangen und die Sehnsucht. Und ist man gar im Begriff zu lieben, und die wachsende Göttin verläßt uns, so ist das ganze Herz ausgehöhlt für das Meer des Glücks, das eindringen soll, aber das Meer bleibt aus – wer zu lieben beginnt, und die Liebe nicht findet, kann vor Langerweile des schmerzhaftesten Todes sterben. In dem Apfel der Erkenntniß, von welchem die blonde Eva naschte, ruhte nicht blos die sogenannte Sünde, welche wir Freude nennen, sondern auch jene göttliche Sehnsucht, die durch alle Freuden der Erde nicht befriedigt wird, die Ahnung überirdischen Glücks, welche tief unglücklich macht, menschlich unglücklich, welche in weichen Gemüthern die Religion und Poesie, und in harten, störrischen die Langeweile erzeugt. Und doch blonde Eva hast du wohl gethan, zu naschen, dreist und opponirend will der Herrgott seine Menschen, will ich meine Schwestern und Brüder. Ich bin auch der Meinung, die Weiber hätten ursprünglich frischere, natürlichere Kourage als wir. Das hat Moses durch die Eva angedeutet. Die Weiber sind durch das Menschengebären der Gottheit näher. – – Maria, ich fing an, dich immer heftiger zu lieben, deshalb langweilte ich mich, und das kann man 407 nirgends besser als in einem Badeorte, denn sein buntes Geräusch gestattet keinen erquickenden Schlaf und Tod, es tödtet durch fortwährendes Wachen. Wie viele Novellen liefen hinter den verbleichenden Mädchengesichtern herum, die hier gesund werden wollten, wie viel Schauerromane gähnten hinter den leberwüsten Gesichtern der Männer. Denn Karlsbad ist der Abzugskanal aller gallichten Kritik Europa's. Sogar Amerikaner waren da, und hatten ihre traurige Unterleibsgeschichte über's Weltmeer gefahren, um sie dem heißen Brunnen zu erzählen. Der Adel aus Süd und West, lauter historische und chronische Leiden finden sich hier ein. Geschichten von gebrochenen und zerstörten Herzen und Lebern und Magen tief aus der Wallachei, oben aus Schweden streichen mit ihren hängenden Augenliedern an mir vorüber, tausend Gedanken wurden in mir aufgeregt, und wer kennt nicht das Elend, unter der Gedankenfülle, der man nicht Herr werden kann, zu stöhnen – all meine Gedanken hatte Maria. Es war wieder ein Tag und eine Nacht um, und sie war noch nicht zurück. Ich stand in tiefen Gedanken am Sprudel, und sah in die emporspringende und niederstürzende siedende Fluth, und meine Gedanken verloren sich in dem durcheinander brausenden Geschäum, und stiegen hinunter in die Mährchen der Erde. Die Gnomen und Erdgeister sind 408 doch immer am schlechtesten weggekommen: zusammengeschrumpft, bleich, klein, machtlos werden sie geschildert, sie haben nie Glück in der Liebe, machen schlechte Verse, und sehen keine Sonne. Arme Gnomen, pauvre Demokraten, die man unter die Erde gebracht hat. Wo jetzt der Sprudel und Karlsbad ist, da hat man früher nichts als einen dichten undurchdringlichen Wald gesehen. Mitten in diesem Walde hat eine kleine Elfenfamilie ein lüderliches Leben geführt; ihr großes Reich war schon zerstört durch die Aristokraten, das heißt: die Menschen, und die ganze Elfensippschaft war in die babylonische unterirdische Gefangenschaft getrieben. Hier in diesem unzugänglichen Thale lebte nur noch ein kleiner Ueberrest, und hatte sich aus Verzweiflung über das Schicksal seiner Brüder einem leichtsinnigen Lebenswandel ergeben, trank den ganzen Tag Champagner und sang und lärmte Vaterlandslieder aus Körners Leier und Schwert, die einige Jahrhunderte später durch den Druck bekannt wurden. Eines Tags stürzt athemlos hoch vom Felsen herab ein Hirsch mitten unter sie – in Ermangelung besserer Gesellschaft hatten sie sich mit den Thieren des Waldes familiär gemacht – bricht ein Bein, und schnauft sehr jämmerlich. Sie versuchen es, ihn mit Champagner zu sich zu bringen, man übergießt, man ersäuft ihn in schäumendem Weine. 409 Da knistern die Gesträuche, ein böhmischer Herr, der Jäger des Hirsches, erscheint, heulend stürzen die Gnomen all in einem Knäul in die Erde hinein, und aus der Oeffnung beginnen sie eine Kanonade mit Champagner. Im ersten Schreck ruft der böhmische Herr »Heiliger Aeskulapius steh' mir bei,« der heilige Aeskulapius hat aber die größte Macht über die Gnomen in Teutschland, er hat sie einst alle unterworfen, deshalb sind die Elfen von Nothwendigkeit und Rache gezwungen, ihre Champagnerkanonade ununterbrochen durch alle Jahrhunderte fortzusetzen. Das macht ihnen so unsäglich viel zu thun, daß sie kaum Zeit haben, sich fortzupflanzen, und nun weinen sie über ihr großes Unglück ganze Ströme von Thränen in die Fluth. Also ist der Sprudel entstanden, der von den heißen Thränen der Elfen einen feinen salzigen Beigeschmack hat, aber auf dem Berge zeigt man noch heute den Hirschensprung. Einigemal haben die Elfen versucht, in ihrer Pflicht nachzulassen, und erst vor einigen Jahren verschwand einmal plötzlich der Sprudel; da erscheinen aber nur die Herren von Böhmen mit ihren Trabanten, und sprechen ihre Beschwörungsformel, und lassen Keile in die Erde schlagen auf die Häupter der Gnomen; da thun diese alsbald wieder seufzend ihre Schuldigkeit. Ein leichter Schlag auf die Achsel weckte mich 410 aus meinen Sprudel-Träumen. Der Nordteutsche stand neben mir mit der seidnen Weste. Ist sie da? »Wir sind alle da, nicht bloß sie«, sagte er sehr ernsthaft. Ich eilte fort, hinüber zum Mühlbrunnen, wo ich sie zu finden hoffte. Um die Ecke biegend, prall' ich überrascht zurück, denn Jerta, Jerta vom Postwagen, die englische Jerta stand vor mir, roth und weiß und schön wie damals. Aber wiederum nicht die kleinste Miene von Bekanntschaft war in ihrem Gesicht. Ich machte ihr in der Eile ein Kompliment, sie that, als gälte das sonst Jemand, und ging wie ein Gerichtsgang unbetheiligt, unparteiisch weiter. Mit offnem Munde, staunend sah ich ihr nach, und vergaß den Hut aufzusetzen. So unbedeutend war ich mir noch nie vorgekommen. »Herr Ritter, ist das Eure Treu?« Maria stand neben mir. Ich faßte mich, denn die Freude meines Herzens unterjochte eiligst das Erstaunen – ach, Maria sah aus wie das Mädchen aus der Fremde, in einem Auge lauschte der sehnsüchtige Frühling, in dem andern der glückliche Sommer. Und ich hub an, mein Herz in Worte zu bringen, – da hielt ein Postwagen neben uns, man rief meinen Namen heraus, es war der Starost der mich zur Reise nach Italien abholen wollte. Ich mußte hin, ihn zu begrüßen, ich mußte sehn, wie der Nordteutsche 411 ihren Arm nahm, und sie von dannen führte, auf ihrem Gesicht lagen die Gedanken in der Sanskritssprache, ich begriff sie nicht. Die Interessen hetzten mich todt, es war nicht eine Minute Zeit mehr übrig zur langen Weile. Den andern Tag schon wollte der Starost fort; meinetwegen war er da, er hatte mein zuverlässiges früheres Versprechen; wenn ich ein ehrlicher Mann sein wollte, mußte ich ihm folgen, aber ich wollte kein ehrlicher Mann sein, sondern ein glücklicher. Ueber die englische Jerta mußte ich auch nothwendig auf's Klare kommen, das war eine zu wichtige psychologische Aufgabe, denn das Mädchen war sehr hübsch. Der Professor sagte mir ferner, er habe beschlossen, übermorgen die Hochzeit seiner Tochter hier in Carlsbad zu feiern, der Pastor seines Orts sei angekommen, und da es hier keine protestantische Kirche gebe, so werde er sie im Zimmer trauen. Herr, sagte ich, ich bin auch Protestant, und ich werde bis zu meinem letzten Athemzuge protestiren. – – Von Sinnen war ich, ein zerrütteter Mann. Und aus Malice wurde das Wetter wunderschön, ich hätte mich mit dem Herrgott schlagen mögen. 412     Ich rannte, der Tag rannte, denn der Tag thut uns Alles zu Gefallen. Der Starost lächelte verneinend, als ich meinte, es wäre hübsch, wenn wir noch ein Paar Tage blieben. Verdammtes aristokratisches Lächeln bei dem Jammer eines armen Teufels. Mit fliegenden Händen packte ich dies und Jenes ein, und packte es immer wieder aus, es war nicht das Rechte, ich hätte weinen mögen vor Zorn, Verlegenheit und Liebe, namentlich fluchte ich jeder Delikatesse. Wäre es ein anderes Hinderniß gewesen, ein thurmhohes, ich hätte einen kühnen Anlauf genommen, ein delikates, wie das diesmalige, lähmte all' meine Kräfte. Dabei saß der Starost unbefangen, höchst unbefangen auf meinem Fenstertritt, und rauchte mit empörender Behaglichkeit seine lange türkische Pfeife, strich sich den Stutzbart, besah sich im gegenüber hängenden Spiegel, murmelte in halbem 413 Gesange Opernarien, deren Melodie aber immer ganz falsch war. Lauter Dinge zum Aergern. Falsch Singen kann den besten Humor vertreiben, und nun gar – ich hätte ihn gern zum Fenster hinausgeworfen, den Störenfried, aber er war ein großer, breitschultriger Mann, ich wäre wahrscheinlich eher draußen angekommen als er. Wagen, Reiterinnen und Reiter braus'ten vorüber, das amüsirte ihn sehr, aber es hielt ihn nicht. Ich wußte, daß er viel muhamedanische Inklinationen hatte, ich machte ihn auf die ergiebige Saison aufmerksam; er lächelte wieder, aber es half nichts. Ich rannte hinaus, Maria wollte ich sehn, ihre Knie wollt' ich umschlingen, mein thränenvolles Gesicht einmal in ihren Schooß drücken, ihr sagen, daß sie ein Engel an Schönheit sei, und dann scheiden. Aber in Gedanken stürmte ich ganz wo anders hin, ich lief vielleicht an ihr vorüber, und als ich endlich in's »Schild« kam, war sie nicht zu Hause. Ach, es war trostlos! der Tag neigte sich schon gegen den Abend, es war mein letzter Abend, und am Ende sah ich das Mädchen nicht mehr. Zerknirscht setzte ich mich auf eine Bank, und es fiel mir plötzlich ein, daß ich wohl nur wegen der vielen Hindernisse so viel Interesse an dem Mädchen nähme, und ich wußte selbst nicht, wie es kam, daß ich plötzlich laut auflachte. Aber meine Ungeduld 414 blieb dieselbe, ich hätte vergehen mögen vor prickelnder Qual. Es ward dunkel, und ich saß noch auf derselben Bank am »Schilde«. Plötzlich erhalte ich einen leichten Schlag auf den Kopf, ich fahre auf, Maria steht am offnen Fenster und lacht. In meine Träumereien versunken, hatte ich sie nicht in's Haus gehen sehen, ich hatte sogar vergessen, daß ich unter ihrem Fenster saß. Sie wohnte zu ebner Erde. Hastig griff ich nach der Hand, die mich geschlagen, sie zog sie weg, und trat einen Schritt in's Zimmer zurück. Sie bat mich mit leiser Stimme, nicht so viel Geräusch zu machen, sonst mache sie augenblicks das Fenster zu, der Vater lese im Nebenzimmer. Ich versprach, mich ruhig zu verhalten, und bat sie nur innig um eine Hand. Scherzend gewährte sie endlich, und nun war sie gefangen. Auf dem Fenstersims sitzend, zog ich sie dicht an's Fenster, und ließ sie nicht wieder los. Zwar that sie böse, aber sie war es nicht, und nun sah ich erst, wie schön sie eben war. Vom Spaziergange leicht erhitzt, glühten Augen und Wangen, die Locken flatterten wie lose Vögel um Nacken und Schultern, da ich ausgelassen genug war, ihr den Kamm aus den Haaren zu ziehn. Sie trug ein weißes luftiges Nachtkleid, und sie war warm und lieb wie eine blumige Frühlingsgegend, die den Tag über im Auge der Sonne geruht hat. Ich 415 bedeckte ihre Hände mit Küssen, und flehte um ihren Mund, aber sie neckte mich nur, blies mir den blühenden Athem über den Mund, und entwich stets. Jetzt erst besann ich mich, daß es die letzten Augenblicke seien, daß mein Starost mich morgen von dannen zerre, daß ich zu fragen habe, ob sie wirklich den Mann mit der seidenen Weste heurathen werde. Aber über all' das sprang sie hinweg: morgen dürfe ich nicht fort, sondern müsse sie zum Heilingsfelsen begleiten, ihre Verheurathung ginge mich nichts an, und ich würde doch Zeit meines Lebens ein Vagabond bleiben – – »Still« – sagte sie plötzlich zusammenschreckend, und drängte ihr Haupt ängstlich horchend an meine Schulter – »man öffnet über uns ein Fenster – es kommen Schritte durch den Garten« – In diesem Augenblicke regte sich auch der Professor in der Nebenstube, und kam auf die Thür zu. Wir rührten uns nicht; es war stockfinster geworden. Oben am Fenster blieb Geräusch, die Schritte aus dem Garten kamen direkt zu uns, der Professor war an der Thür – er öffnete, es fiel ein Lichtschein aus dem Nebenzimmer in das Maria's. »Ich gehe zu Bett, Papa«, sagte das böse Mädchen leise, und regte sich nicht. Der Professor war sehr kurzsichtig, sagte gutmüthig: »Gut Nacht, mein Kind«, und ging wieder. 416 Die Schritte aus dem Garten endigten dicht vor mir. Eine Baßstimme begann ein zärtliches französisches Gespräch, noch zärtlicher wurde von oben geantwortet. Maria kniff mich mit unterdrücktem Lachen in die Wange, ich küßte sie auf's Auge, sie konnte nicht entrinnen, meinte ich. – Da fiel mir von oben ein Schlüssel auf den Rücken, er hing an einem Bande, und ich schleuderte ihn eiligst meinem unbekannten Nachbar zu. Dieser schien darauf zu warten, fing ihn glücklich, und entfernte sich nach einer andern Thür hin. In diesem Augenblicke entglitt mir Maria, ich kam durch die unvermuthete Bewegung völlig aus meiner Position, und hatte Mühe, mich auf der Bank zu erhalten. Blitzschnell hatte sie unterdessen die Fenster geschlossen. Ich war ausgesperrt, und es fing an zu regnen. Jetzt fiel mir's erst schwer auf's Herz, daß sie meine Abreise fortwährend scherzhaft aufgenommen hatte, und nicht daran glaubte, daß es der letzte Moment gewesen, in welchem ich sie gesehn. Angst und Unruhe kam über mich, ich klopfte stärker und immer stärker an die Scheiben. Sie antwortete nicht. »So wahr Gott lebt, ich reise morgen«, rief ich endlich mit lauter Stimme; ich erschrak selbst davor. Im obern Zimmer antwortet ein durchdringender Schrei, ich höre Geräusch, ich höre den Professor, 417 oben sehe ich Lichter hin- und herfliegen, am Gartenzaune vernehm' ich Stimmen – ich stürze nach der andern Seite, und will über die Planken. Eine Kartoffelfaust packt mich beim Kragen, als ich auf der Erde ankomme. An den Fingern fühl' ich, daß es eine Hand ist, die sich einigen Zwanzigkreuzern krümmen werde; stumm greife ich in die Tasche, und stumm empfängt er, und läßt mich ziehn. Wahrscheinlich war es ein gebildeter Nachtwächter. – – Am andern Morgen weckte mich der Starost, er war reisefertig, der Postwagen stand vor der Thür, es galt kein Zögern, über Hals und Kopf mußte ich packen, bei jedem Kleidungsstücke seufzte ich. »Maria«. Kaum gewann ich so viel Zeit, den Postillon zu bestechen, daß er den Umweg nach dem Heilingsfelsen zu einschlage. Es regnete mit sommerlicher Arbeitsamkeit; Karlsbad sah grau und feucht wie eine trauernde Wittib aus, mein Herz war voll trauriger Sehnsucht. An einer Ecke sahen wir unter dem Regenschirme eine feine, schmiegsame Gestalt hintrippeln. Die hob ihr seidnes Kleid regenfurchtsam hinten auf, und der Starost stieß mich vergnügt an, und deutete auf den schönen Fuß und das runde, lockende Bein mit dem engen schneeweißen Strumpfe. Seufzend sagte ich ihm, daß er heut noch das schönste Mädchen sehen 418 sollte, wenn der Himmel ein Einsehen hätte, und sich die Wolken aus dem Gesicht striche. Er horchte hoch auf. Das Mädchen aber vor uns war die englische Jerta, und heute lächelte sie; es stand auch ein kleines Wörtchen vom hallischen Posthause in diesem Lächeln. Aber vorüber, vorüber, hinaus tobte der Wagen; ich hätte mich in Regen auflösen mögen, um die Menschheit zu ennüyiren. Draußen sahen die Thäler und die bewachsenen Höhen silbergrau aus, und wenn die Sonne manchmal einen verstohlnen Blick hineinwarf in die Regendämmerung, da glänzten und glitzerten über weite Strecken hin lauter hüpfende Augen. Es ist ein halbwüstes, halbverwachsenes, stummes Waldgebirg nach dem Heilingsfelsen hin. Eine halbe Stunde davon hört die Straße auf, und wir mußten aussteigen. Der Postillon sollte uns erwarten, wir machten uns auf, die Sonne jagte die letzten Wasserschauer in's Land hinüber nach Sachsen zu. Ueber eine schweigsame Hochebene, die an Walter Scotts Plateaus in Schottland erinnert, geht es nach dem Heilingsthale. Ich bildete mir ein, zu Robin dem Rothen zu gehen, und schottische Träume sanken wie weiche Decken aus mein krankes Trennungsherz. Langsam öffnet sich ein unordentlich zerrissenes Thal. Es ist keine Unordnung der Größe oder Schönheit darin, es ist eine wüste Wirthschaft von 419 schlanken Tannen, durcheinander gestürzten Felsblöcken, kahlen Strichen: dazwischen geht mit raschen ernsten Augen der Fluß. Körner erzählt eine lange Geschichte von Heiling, und benutzt dabei fleißig den Teufel. Ich hatte sie früher gelesen, und nahm ihm die unnütze Teufelei übel, denn der Teufel muß überall herhalten, wo man nichts Besseres weiß, und er hat die poetische Spekulation sehr gehemmt. Der Teufel war ein Monopol der Poeten. Als ich indessen dies Thal sah, ward ich viel milder gesinnt gegen Theodor, der so glücklich gewesen ist, in allgemeiner Begeisterung zu singen und zu sterben; der Teufel hat allerdings hier und überhaupt in Böhmen arg gewirthschaftet. Der gelbe Salpeterathem liegt überall noch auf den Steinritzen, es ist wie eigensinnig durcheinander geworfenes, revoltirtes Erdreich. Böhmen ist eine der besterhaltenen Barrikaden aus der Revolution der Erde. Da ich der Meinung bin, daß Alles so lange besteht, bis es zu einer gewissen Schönheit oder Vollkommenheit gediehen ist, so glaube ich, die Erde werde sich noch lange in den jetzigen Sonnenkreisen und Verhältnissen befinden, es ist noch gar zu Viel auszuräumen, einzurenken, einzurütteln. Das Heilingsthal stärkte mich solchergestalt in einem stillen Lieblingsglauben, welcher mich oft hinter dem warmen Ofen erquickt hat, daß nämlich die 420 Menschen noch viel vollkommener werden, als sie's jetzt sind. »Den Kindern ist das Himmelreich,« man verhöhnt immer diejenigen Leute, welche alle Menschen für vortrefflich halten, es giebt nun sogar welche, die alle Menschen noch viel vortrefflicher glauben als sich ein Mensch vorstellen kann: diese Leute besitzen die meiste Poesie, und die klugen Leute, die Alles besser wissen, also auch Dieses, sollten sie sehr um das Seherglück beneiden. Unweit des Ufers lag ein großer Stein im Flusse, darauf saß ein Mann und angelte. Leute, die angeln können, sind geborne Philosophen, oder süße poetische Träumer; ein andrer vernünftiger Mensch hält das Geschäft nicht aus. Ich sprang auf einzelnen hervorragenden Steinen hinüber zu ihm, ich stand hinter ihm und er regte sich nicht. Ein Stoß von mir, und das Wasser verschlang ihn, und er dachte im schnellen Scheiden, die Gottheit habe ihn plötzlich hinweggerissen. So wohlfeil ist oft die Gottheit. Langsam und still schlich ich zurück; ich wollte ihn nicht erschrecken. Jetzt zeigten sich am jenseitigen Ufer die Heilingfelsen, es sind senkrecht aufgestellte Steinblöcke von mäßiger Größe, die für eine bewegte Phantasie wunderliche Figuren bilden. Der Starost meinte, dergleichen sehe man in Adersbad an der schlesischen Grenze viel schöner, und er hatte Recht, unser Führer, ein 421 moderner Tischler aus Aich, hatte aber auch Recht. Den ersten ungeschlachten Block nannte er den Kapuziner, und den folgenden einen Brautzug, welcher dem Kapuziner zur Kirche folgend, plötzlich versteinert worden sei. In der Jugend hatte der Tischler diesen Brautzug ganz bis in's Detail kennen gelernt, denn da hatte er noch frische, junge Augen gehabt, und von daher kannte er noch die erste und zweite Brautjungfer und den Hochzeitsvater, die lustige Person des Zuges, ja er hatte den Busen der schönen Braut sich heben sehen. Später aber war der Mann gebildet worden, jetzt mischte er hochteutsche Worte in seinen böhmischen Jugend-Dialekt, trug des Sonntags und wenn er Fremde führte, Handschuhe und Vatermörder, jetzt war sein Auge blöde geworden, er sah keine Geister mehr, und erzählte uns nur aus Führerschuldigkeit das Mährchen von Hans Heiling, eine sehr aberglaubige Geschichte, wie er sie nannte. Hans Heiling hat als ein Knabe am Ufer gelegen und mit den Wellen geplätschert, und mit flachen Steinchen sogenannte Butterbröte über die Oberfläche hingeworfen. Das Thal ist tief und eng, wenn es draußen, jenseits der Berge noch goldner Tag ist, da sinkt hier schon ein rother Abend in den Fluß. Als der gekommen, hat sich Hans aufmachen und heim schlendern wollen, aber er ist plötzlich stehn geblieben. Eine übermäßig schöne Göttin hat sich nämlich auf 422 einmal aus den Wellen erhoben, und ein wunderschönes Lied gesungen, dazu hat sie mit runden weißen Armen das goldne Haar aus dem göttlichen Gesicht gestrichen, und das ist hinuntergefallen über die weißen, vollen Brüste tief in's Wasser hinein. Ihre großen, blauen Augen haben ihn aber hingezogen bis dicht an's Ufer. Nun hat sie ihm mit einer Stimme, die wie Harfen geklungen, versprochen, sie werde ihn heurathen und zum Könige machen, wenn er warten wolle, bis ihr schneealter Vater gestorben sei, wenn er ihr treu bleiben wolle, bis sie ihn abholen werde. Heiling hat vor lauter Glück und Vergnügen nicht sprechen können, sondern nur mit dem Kopfe genickt. Darauf hat die Göttin ihm einen Kuß mit der Hand zugeworfen und ist unter den Wellen verschwunden, Heiling aber ist seelenvergnügt nach Hause gegangen. Es sind einige Jahre verflossen, Heiling ist täglich in's Thal hinuntergestiegen, die Göttin hat sich aber nicht mehr sehen lassen. Auf dem Rückwege ist er immer bei einem Hause vorbeigekommen, an dessen Thüre stets ein blondes Mädchen gestanden, welche seiner Göttin sehr ähnlich gesehen und ihm sehr gefallen hat. Sie hat immer auf seinen Gruß erwidert »Guten Abend, Hans,« und nach einigen Wochen »Guten Abend, lieber Hans.« So ist es wieder einmal Herbst geworden, und 423 eines Abends hat das Mädchen sogar gesagt »Guten Abend, liebster Hans,« und ihre Augen sind voll Thränen gewesen. Da hat sie Heiling bei der Hand genommen, und sie ist ihm weinend an's Herz gefallen, und Heiling hat ihre volle Brust warm an der seinen gefühlt. Und nun ist er heiter geworden, »sie bleibt mir zu lang,« hat er gesagt, und ist mit dem Mädchen in's Haus getreten, um sie von ihrem Vater zum Weibe zu verlangen. Drunten im Thal hat eine Kirche gestanden, da hinab ist einige Tage drauf der Brautzug gewallt, der Kapuziner voran. Und als der Zug dahin gekommen ist, wo Hans der Göttin Treue versprochen hat, ist ein fürchterlich Wetter losgebrochen, und der ganze Brautzug, der Kapuziner voran, ist in Stein verwandelt worden. »Es ist eine sehr aberglaubige Geschichte,« wiederholte der Tischler von Aich, und der Starost schlug sich lächelnd Feuer, und sagte: In Rußland haben wir viel solche dumme Geschichten. Ich aber dachte an unsre Historiker, denen die Göttin einen Pallast von Begriffen gebaut, denen sie versprochen hat, das weiche, warme Lager mit ihnen zu theilen, wenn sie unverzagt den Tag ihrer Ankunft erwarten wollen. Wenn sie sich aber ungeduldig geberden, und sich trauen lassen mit gleißenden 424 Zugeständnissen, so werden sie versteinert, wie der Brautzug Hans Heilings. Wir gingen langsam zurück, der Mann mit der Angel schritt vor uns her, und bemerkte uns wieder nicht, obwohl der Tischler von Aich laut sprach und demonstrirte. Als wir an ihm vorüber kamen, streckte er uns lautlos einen großen Fisch entgegen, den er gefangen, und verzerrte das Gesicht widerwärtig dazu. Der Starost fragte ihn etwas, er nahm keine Notiz davon, und antwortete nicht, es war ein unheimlich Wesen. Erst als der Tischler herankam, der, um einen Stein aufzuheben, einige Schritte zurückgeblieben war, erfuhren wir, daß der Mann taubstumm sei. Ein Blinder erregt Mitleid, ein Taubstummer Grauen; es ist etwas Bestialisches um den gelagert, der die Hauptsinne der Civilisation, das Gehör und die Sprache nicht besitzt. Der Starost fragte mich, wo das schöne Mädchen bleibe, das ich verheißen habe. Ich zuckte traurig die Achseln, und deutete auf die Regenwolken, die wie Gespenster vorüberflogen. Heiling und Maria erfüllten mein Herz, als der Wagen immer weiter forteilte von ihren Stätten. Ach, Scheiden und Meiden thut weh. Lebe wohl, Maria mein, rief ich zum Wagen hinaus, und wenn Du mich liebst, so denke mein! »Ich denke, sie heurathet?« – sagte der Starost. 425 Wenn ich nur wüßte, wer das erfunden hat; es ist ein kluger, aber ein langweiliger Gedanke, das Heurathen. Der Starost sprach: »Sehr richtig,« und weiter sprach er nichts. Wir fuhren aber weiter, und es war sehr viel Dreck und schlechter Weg allda, und der Postillon meinte, das käme vom Regen und von der Feuchtigkeit. 426     Marienbad. Die Gegend hat fortwährend jenen böhmischen, halb nomadischen Charakter; sie sieht halbwüst aus. Hier und da ist der Pflug darüber hingezogen. Man sieht wenig Menschen, wenig Dörfer, das Ganze ist eine niedrige Hochebene. Unbedeutende Berge und Waldungen ziehen sich bald hier bald da im Lande herum. Vornehme Reisewagen flogen zuweilen an uns vorüber, die Gegend schien nur zum Durchpassiren für die Badegäste da zu sein, denn sonst fuhr Niemand. Ich machte die Augen zu, drückte mich in die Ecke des Wagens, und dachte an Maria und ihre warme schöne Wange, der Starost sprach von den polnischen Juden. Man halte ihn oft wegen seines russischen Barts und orientalischen Ansehns für einen Israeliten. In Teutschland habe man überhaupt gar keinen asiatischen Geschmack, und Alles, was orientalisch aussehe, nenne man Juden. Man verstünde auch wenig von orientalischer Schönheit, die klaren, 427 ausgeprägten Menschenzüge, welche den scharf abgeschnittenen Sternbildern am morgenländischen Himmel glichen, wüßte man gar nicht zu würdigen; weil die Juden Unarten hätten, die ein Ergebniß jeder Sklaverei seien, haßte man Alles an ihnen, auch ihre Schönheit. Die kleinen verwischten Züge unsers Geschlechts hätte nur die Romantik genießbar gemacht; ein gesunder, plastischer Schönheitssinn werde sich immer zum Armenier, Türken, Juden flüchten, wo er vollständige, reife Menschenbilder fände. In Teutschland seien alle Gesichter stumpf; es habe kein Land die Emancipation der Juden so nöthig, als dieses, damit die deutlichen Menschengesichter gediehen; nur Rußland habe es noch nöthiger, sich mit den Juden zu vermischen. Jehovah habe auch gewiß eine solche Racen-Verschönerung beabsichtigt, als er ein asiatisches Volk vom Jordan in alle Winkel zerstreut habe. Aus Asien komme die Schönheit, aus Amerika das Gold, Europa sei eigentlich bettelarm, und um doch etwas zu besitzen, habe man hier die Gelehrsamkeit erfunden. Nur wolle die herrschende Religion nicht dazu passen, denn das Christenthum befördre sie weniger als der Mosaismus. Die Juden seien von Religionswegen klüger als die Christen, der Talmud lehre nachdenken, er entwickle , die Bibel gebe historische Data und Resultate, Christus habe sich zu lange präparirt: die Lehre sei zu fertig 428 und die Leute hätten nichts mehr zu thun. Der Talmud und die Unterdrückung sei Schuld, daß die Juden scharfsinniger seien, als die Christen. Ich fragte ihn, ob er Wurst und Schweinefleisch äße. »Mit Vergnügen« – erwiderte er – »ich gebe mich zwar gern für einen Juden aus, um die Leute herauszufordern, aber ich theile die Thorheiten ihrer klimatischen Gesetze nicht.« Der Starost ging augenscheinlich darauf aus, ein großer Mann zu werden, namentlich da er eben nichts Besseres zu thun hatte, denn es regnete nicht nur industriös, sondern hastig. Der Wagen rollte in ein waldiges Thal hinein, kerzengerad und triefend standen an beiden Seiten die jungen schlanken Tannen wie ein Heer römischer Jünglinge in der Schlacht. Sie begleiteten uns treu auf einem im Kreise hinabeilenden Wege, in dessen Kessel plötzlich Marienbad die nassen Dächer zeigte. Stärkere Bäume gruppiren sich bis unten an die Häuser, und es gewährt den Anblick, als führe man in ein altes Theater hinein, die terrassenförmig aufsteigenden Bäume seien die Zuschauer. Die reducirten Adligen etabliren in Oestreich Gasthöfe, und ihre Titel dienen als Schilder. Der Postillon fragte, ob er uns zum Grafen oder zum Baron fahren sollte, der Baron sei aber besser. Wir schlüpften in's Zimmer und ließen Feuer 429 anmachen, obwohl es mitten im Sommer war. Nachdem wir uns umgekleidet und in die weichen Schlafröcke gewickelt hatten, öffneten wir die Fenster, und ließen die Reiselust dampfen aus den frischgewaschenen Gesichtern und Augen. Die Wärme strich uns um die Schläfe nach der Regenluft hinaus, vor unserm Hause war ein abschüssiger freier Platz, weit drüben an seinem Ende öffneten sich die Waldberge, und große Christuskreuze heben sich in dem Passe empor. Dahinter aber öffnete sich licht das Land mit unbestimmter matt schimmernder Ferne, durch den dunkel regnerischen Vordergrund sahen wir in ein süß dämmerndes Jenseits. Der ganze Anblick war süß katholisch, die fächelnde Wärme flüsterte stille lateinisch-italienische Worte, große Parteien von stolzen Gebäuden sahen uns nun mit dunkeln, vom Regen geschwärzten Augen an. Alles war todtenstill. Leidende Herzen, hoffende Unterleiber aus Norden und Süden saßen hinter den stummen Mauern, aber kein Laut verkündete, daß ein Mensch in Marienbad wohne. Als es dunkel wurde, schlug ich dem Starost vor, eine Partie Whist mit mir zu spielen, die Postpferde zu bestellen, und nichts mehr von Marienbad zu sehen, sondern diesen Eindruck stummer, italienischer Villen mit uns zu nehmen. Er war's zufrieden, und wir ließen uns Karten bringen. Die Karten bedecken 430 die Stimmungen ohne sie zu zerstören, ich mochte mir's kaum gestehen, wie die kleinen Hände der schönen Maria an meinem Herzen zerrten. Ich erzählte dem Starost die Geschichte vom Nordteutschen, und daß er mir ein Stück Jugend gestohlen, und all' die beunruhigenden Verhältnisse, für welche ich keinen Schlüssel fand. Völker, welche in einfachen Situationen groß geworden sind, die wenig mit komplicirter Gesellschaft verkehren, sehen schnell und scharf, sie müssen in öden Steppen und verwickelten Wäldern oft den Weg suchen, ihr Blick ist unbefangener – der Starost sagte, jener Nordteutsche mit der seidnen Weste habe uns alle düpirt. – In diesem Augenblicke ging die Thür auf, ein um und um zugeschlagener Mantel trat ein, und der Wolf in der Fabel war's. Er legte stumm Mantel und Hut ab, setzte sich lächelnd zu uns, und bat sich einen Strohmann aus. Wenn wir eine Stunde gespielt hätten, wollte er uns mancherlei erzählen. Als abgehärtete Lebemenschen zeigten wir gar keine Verwunderung, und spielten ruhig Whist. Da er den Rock aufknöpfte, sah ich, daß er heute die seidne Weste nicht trug. Da wir aufhörten, bestellte ich Thee, der Nordteutsche rauchte sich eine frische Cigarre an, räusperte sich, faßte meine Hand, und sprach: Sie sind ein Novellist, und können eine Novelle nicht übel 431 nehmen, wenn Sie nicht voll Handwerksneid sind. Hören Sie mich an, und erlauben Sie, daß ich nicht um Verzeihung bitte. Und er sprach wie folgt. »Meine Schwägerin ist ein naseweises Weibchen, die gern alle Welt verwirrt und auslacht. Sie hatte in ihren Briefen schon allerlei Wege versucht, mich zum Narren zu haben; ich beschloß, ihr selbst einen zu öffnen, und schrieb ihr die Geschichte von meinem Nervenfieber, und daß ich das Gedächtniß verloren hätte, und nichts mehr von meiner Jugend wüßte. Darauf hatte sie die Güte, mir jene Schulbegebenheiten mit Julie und die fünfjährige stumme Liebe zu dem blonden Mädchen mitzutheilen, und mir ihre lebhafteste Verwunderung darüber auszudrücken, daß ich so tiefe Eindrücke hätte vergessen können, das blonde Mädchen gedenke noch lebhaft meiner. Mein Bruder aber, der mit mir unter einer Decke spielte, hatte den Herrn Tuli leicht aufgefunden, und kam mit leichter Mühe dahinter, daß Sie, Herr Doktor, jener vogelmörderische, schweigsam liebende Jüngling gewesen seien. Nun ließ ich Sie in Leipzig aushorchen, ob und wann Sie in ein Bad reisen würden, oder ob die Intrigue in Leipzig abgesponnen werden müßte. Gegen meine Schwägerin hatte ich mich nämlich höchlichst erfreut gestellt, und lebhaft von ihr mir ein Rendezvous mit meiner Jugendliebe erbeten. Ich erfuhr, daß, und wann Sie nach Karlsbad gehn 432 würden, und bestellte sie dahin. Zu rechter Zeit war ich in Leipzig und stieg mit Ihnen auf den Postwagen; eine Stunde vorher hatte ich noch von meinem Bruder die Nachricht erhalten, das Mädchen, was mir seine Frau in Karlsbad vorstellen würde, sei nicht Ihr blondes Wesen, was Sie im Quinquennium angebetet, sondern eines Professors Tochter, ein loses Kind, mit welcher meine Schwägerin in Briefwechsel stünde. Der Professor habe bereits die Einwilligung zur Hochzeit mit mir gegeben. Das Mädchen wollte sich aber erst den Bräutigam ansehn. In Zwickau trat die Novelle in's Leben, in Karlsbad ist sie vor wenig Stunden zu End' gegangen. Maria wollte heut Morgen trotz des Regens nach dem Heilingsfelsen fahren, meine Schwägerin und der Professor, denen Sie, lieber Doktor, im Wege waren, wollten nichts von der Partie wissen. Es gab eine häusliche Scene, da ich mich dem zukünftigen Schwiegervater anschloß, und Maria erklärte, daß sie mich nimmermehr heurathen wolle. Darauf zog ich lachend den Schleier von der Geschichte, und theilte unter Anderm meiner Frau Schwägerin mit, daß ich schon lange verheurathet sei. Sie wollte mir die Augen auskratzen, der Professor war sehr ärgerlich, und erinnerte sich, daß Sie sehr schöne antiquarische Kenntnisse besäßen, Maria lachte ohne Aufhören, und schickte nach Postpferden, 433 damit ich Ihnen nacheilen und Mancherlei sagen könne, z. B., daß man Sie im September in Wien erwarte, und dort im Erzherzog Karl wohnen werde. Ich hatte aber die Pferde sogleich selbst bestellt, als ich Ihre Abreise erfuhr – und nicht wahr, Sie nehmen die Novelle nicht übel.« Der Erzherzog Karl war mir immer der liebste Oesterreicher, ich fragte nur noch nach dem Harfenmädchen. »Die brauchte ich nur zum Recognosciren,« erwiederte er, »und zu einer andern Novelle, die ich Ihnen in Wien erzählen werde.« Dabei umarmte er mich, sagte »Maria ist ein schönes Mädchen,« und ging und verschwand. Das war der Mann mit der seidnen Weste. Der Starost ging schlafen, ich aber rannte hinaus bis zu jenen Kreuzen, und sah in's Land, über welches der Mond zuweilen mit flüchtigem Blicke hinweglief. Es regnete noch sanft, und immer sanfter sprach mein Herz »Maria ist ein schönes Mädchen.« Mit denselben Worten erwachte ich am andern Morgen. Der Starost war schon reisefertig und ging sehr bewegt im Zimmer auf und nieder. Neben mir, sagte er, habe ein junges, rothes Mädchen aus Baiern geschlafen, das heut Morgen ebenfalls nach Eger und so weiter reisen werde, er habe eben auf dem Vorsaale ihre Bekanntschaft gemacht und ihr 434 gesagt, daß wir auch sogleich nach Eger fahren würden, und darauf habe sie erwidert, das sollten wir nur thun. Er rieb sich sehr vergnügt die Hände und trieb mich zur Abreise. Es war noch grau draußen über Marienbad, die Fenster des Himmels waren noch geöffnet, dieser Brunnenort wollte durchaus katholisch in meinem Gedächtniß zurückbleiben. Zwei Reisewagen standen vor der Thür, wir wollten langsam vorausfahren, damit uns die kleine Baierin zum Mittagsessen in Franzensbrunn oder Eger nicht entging. Unser Wagen schleppte sich am Brunnen vorüber, da schlug Musik herauf an unser Ohr, süße überschwenglich süße Jessondastimmen an einem erst aufwachenden aschgrauen regnerischen Morgen. Der Kutscher mußte halten. O, sie lockten so indisch in der Morgenstille die unerfahrnen Liebestöne: »Laß uns dahin, dahin ziehn, wo die Herzen höher schlagen.« Ich sprang aus dem Wagen und eilte hinunter; in dem Augenblicke flog die Chaise mit dem bairischen Mädchen vorüber, tödtliche Unruhe, sie möchte ihm entfliehen, bemächtigte sich des Starosten, er bat, er flehte hinter mir her, diese fabelhaften indianischen Herzen zum Teufel schlagen zu lassen, da uns darüber ein reelles bairisches zum Teufel fahre – umsonst – in jenen hüpfenden Flöten: »Dahin – dahin« hört ich Marias lockende Stimme, in jenem 435 jubelnden Ensemble alle die zarten Stimmen, welche mir jemals gesagt hatten, daß sie Herzen besäßen. Es klang daher wie Liebesandacht durch den schweigenden grauen Morgen. Grollend folgte mir der Starost. Man tritt in den langen Brunnensal, wie in ein Klosterrefectorium, reizlos und wüst sieht er aus. Schwere Mäntel und Ueberschuhe schleppten die Leute, welche so früh an ihre Gesundheit und die Vergeistigung des Unterleibs gedacht hatten, auf und nieder. Sonst betete man in einer so frühen Stunde nur für das Wohl der Seele, jetzt und hier betete man für das Wohl des Unterleibs, für eine gesegnete Leibesöffnung. Statt der Gebetbücher und Rosenkränze verkaufte ein stiller Mann in einer Fensterbrüstung weiche Quartblätter sanften Druckpapiers, und lächelte dabei still und innerlich, als ich mir ein Blatt kaufte und lesen wollte. Nicht zu so gemeinen Zwecken waren die Blätter bestimmt. Aber wer war jener große Mann mit dem großen, weitläufigen Gesichte, welcher entblößen Hauptes in einem Winkel lehnte! Die Züge schienen mir so bekannt, wie die Melodien der Jessonda mit ihren sehnsüchtig einherziehenden Rhythmen, und diese Melodien schwebten in gebahnten Gleisen auf und nieder durch des Mannes große heroische Züge, die Melodien schienen alle in dem Gesichte zu Haus zu sein. Und wenn der Rhythmus wechselte, da lenkte 436 er ihn mit den Augenlidern, welche sich fest auf die weiten lyrischen blauen Augen drückten. Er bemerkte es nicht, daß ich vor ihm stehen blieb, und ihn anstarrte, als fände ich einen alten Bekannten. Selbst ein Mädchen, was sich an ihn lehnte, und mit eben solchen musikalischen Augen schwelgend an ihm hinaufsah, beachtete nichts als ihn. Sie schien ihn eben so zu lieben wie jene Musik, und die keusche Liebe, mit der sie ihn ansah, deutete darauf, daß sie seine Tochter sei. Als jenes schöne Liebesduett dem Ende zueilte, da schlug er die Arme unter der Brust zusammen, und das Haupt, das so groß und so rund war, wie man's den Halbgöttern giebt, nickte schneller und triumphirender. Alle Halbgötter haben nämlich volle, runde Schläfe, während die der gewöhnlichen Menschenkinder eingedrückt sind von irdischen Sorgen. Man erkennt an diesem Zeichen antike Köpfe, ich erkannte auch den meinen daran, es störte mich nicht, daß nur dünne, glatte braun-blonde Haare ihn spärlich bedeckten. – Es war Jessondas Vater – es war Spohr . Alle Formen an ihm sind kolossal, und man sollte glauben, er müsse schon der Proportion halber statt der Geige wenigstens ein Violoncell in den Arm nehmen und an das breite übernapoleonische Kinn drücken. Trüge er nicht unter dem bloßen Halse eine altmodische Busenkrause, man hielte ihn für einen alten 437 romantischen Recken, der wiedergekommen wäre, um Nibelungenstücke zu geigen und zu komponiren, und der nur immer noch nicht den rechten Stoff gefunden hätte. Alle Züge seines Gesichts sind schweigsam, aber musikalische Titanenworte ruhen in diesem Schweigen, und in seiner Musik ist Alles keusch und von der Erde Regungen ist nur die Verwandtschaft mit den Göttern wiedergegeben. Der Starost bat mich flehentlich von dannen zu fahren, Spohr's Gesicht entging' uns nicht, aber wohl das bairische Mädchen. »Herr,« sprach ich, »haben sie Erbarmen gehabt mit meinem Faible für Maria, haben Sie nicht selbst das bis in's zehnte Glied rachsüchtige Judenthum in Schutz genommen? was ist so ein bairisches Mädchen, das Bier trinkt, gegen Maria, die von Aether und Sonnenschein lebt. Aber ich will Sie beschämen – Adieu Spohr, ich will nichts von Marienbad sehen, als dich.« Und wir fuhren weiter. Der Wagen mit dem bairischen Mädchen war nicht mehr zu sehen, der Starost war sehr unruhig, und versprach immer höheres Trinkgeld. Die Gegend blieb wüst und unordentlich wie vor Marienbad; jenseits der Waldberge lag das Schloß Hohenwart, wo Metternich mit seiner jungen schönen Frau ausruhte von der Regierung des konservativen Europa's. Die 438 Diplomaten seiner Partei kommen tausend Meilen weit her in das wilde, abgestorbene Böhmen, um ihn zu befragen über die Maaßregeln gegen das unbändige neue Geschlecht. Er spricht französisch mit seiner schönen Frau beim Lever, und beim Souper sagt er mit eben den französischen Worten den Diplomaten, wie die Freiheit zu besiegen sei. Es ist nur andere Interpunktion dazwischen, und seine junge schöne Frau lächelt des Abends dazu, wie sie des Morgens gelächelt hat. Dort drüben hält man die Flitterwochen des Kongresses zu Münchengrätz. Endlich kamen wir nach Eger , wo man den Wallenstein ermordet hat. Es sieht unordentlich in und bei der Stadt aus, wie bei einer armen schmutzigen Familie. Es muß sich sogar fatal hier sterben. Auch die alten Trümmer sind nordisch heidnisch, unerfreulich. So wie das nordische Heidenthum mit seinen Nebelgestalten und erfrornen Augen ein unerquicklich Gebräu ist. Wenigstens hat es seit Ossian keinen interessanten Dichter gefunden, denn die matten, frierenden Darstellungen Oehlenschlägers, Fouqués, und ähnlicher mittelmäßiger Poeten wecken kein Interesse. Es existirt in Scandinavien nur Auktoritätspoesie; je langweiliger die Sachen sind, für desto besser gelten sie. Ossian warf wenigstens Eisgebirge, und man erstarrte vor der entsetzlichen Natur und den ungeheuren Menschen: wenn Fingal 439 den Mund öffnete, so bebten die schottischen Ufer; aber was mich hier in Eger an den Norden erinnerte, war augloses, heidnisches Gerüll. Steingebröckel ohne Grün. Es ist ärgerlich, daß Wallenstein in solch' einem Loch zu Grunde gehen mußte – Wallenstein, ein Name, der immer wie Stahl in meinen Ohren klingt, Wallenstein, eine Tragödie, die ich dem Schiller nie vergeben hätte, wäre sie nicht seine schönste, wäre nicht jede Zeile darin schön. Denn die ganze Anlage ist doch verteutscht, teutsch unthätig, teutsch träumerisch, wie's nur irgend geschehen konnte, sie ist ein Traumbild von jenem schneidend thätigen, gespenstisch wagenden, wie der Blitz hin und her fahrenden Friedland, von jenem eiskalt verständigen Manne, dem der Kampf um Glaubensdinge Kinderspiel, dem die Macht, die Macht – o die Macht Alles, Alles war. Jener Wallenstein mit dem Dolchauge, mit dem grausam kurzhaarigen röthlichen Schopfe, dem höhnischen irreligiösen Kinn, mit der zermalmenden, eckigen, langen Knochengestalt, jener Wallenstein mit der Ahnung Napoleonischer Kraft, wo ist er hingekommen?! Ist er nicht ein Professor geworden? O, Friedrich Schiller war viel zu tugendhaft, um eine große historische Tragödie zu schreiben, er hätte aus dem Napoleon einen Ideologen gemacht, ihn kümmerte nicht die Handlung, sondern der Grund der Handlung, nicht die That, sondern 440 ihre Beschreibung, er war zu weich, zu gut, und saß zu viel in der Stube. Da gedacht' ich William Shakespeare's, als ich in den Kirchhof Wallensteins, in's alte Eger hineinfuhr, welch' einen Feuergeist hättest du aus jenem dolchaugigen Friedland gemacht! Wie viel größer waren seines Herzens frevelhafte Wünsche als die deines dritten Richard, und was hast du aus ihm geschaffen! Ein historischer Tragöde muß kein befangenes Auge haben, auch kein durch die Tugend befangenes, er muß kühn und ohne Zucken hinsehen können, wenn auch das Blutigste geschieht. Solch' ein Auge hat Shakespeare so groß gezogen. Man hat neuerdings den Wallenstein wieder ehrlich gemacht, und Beweise aufgefunden, daß er ein legitimer Mann und kein Empörer gewesen sei. Wo irgend eine historische Albernheit geschieht, da ist auch Friedrich Förster thätig, er ist immer thätig bei den Beweisen, daß es wahre Dummheiten giebt, um nicht zu sagen dumme Wahrheiten. Sie werden über Kurz oder Lang auch sicher noch auffinden, daß Napoleon eigentlich ein sehr guter Christ und ein rechtschaffener Mann gewesen sei. Glücklicherweise ist dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen, die frommen Raupen kröchen auch da hinauf, und machten uns den Himmel tugendhaft. Wallenstein soll sich auch viel mit 441 konstitutionellen Einrichtungen befaßt haben, das sieht ihm just so ähnlich wie die Gründung einer Bibelgesellschaft, er ist auch wahrscheinlich ein sehr guter Ehemann gewesen, und hat seine Frau immer erst um Erlaubniß gebeten, wenn er einmal hat spaziren gehn wollen. Kurz, das garstige Eger und jene klugen Leute störten meine Wallenstein-Illusionen auf das Aergste. Da das bairische Mädchen solche Gefühle mit mir getheilt haben mochte, und auch sogleich weiter gefahren war, so eilten auch wir stracks von dannen. Der Starost war sehr bewegt, und erleichterte sein Herz durch ein leises Fluchen. Des Anstands halber ersuchte ich ihn, seinen Gefühlen russisch Luft zu machen, und diesen Gefallen erwies er mir. 442     Franzensbrunn. Ueber eine belebte Fläche ging's nach dem eine kleine Stunde entfernten Franzensbrunn. Das ist ein kleiner saubrer Ort mit lauter massiven, hübschen Gebäuden. Es sieht so ausgekehrt und zierlich ausgeräumt aus, als käme man in eine alte Jungfern-Stube. Jenen Bildern von französischen Lustschlössern gleicht es; Klein- und Groß-Trianon und dergleichen fielen mir ein. Französisch munter ist der Ort ohne Humor und Wärme und ohne Schatten. Unsre Aufgabe war aber nicht gering, das Mädchen aufzufinden, da wir nicht den kleinsten Anhaltspunkt wußten. Aber der Starost war fest entschlossen, sie zu finden. Wir fingen also unsre Untersuchung beim ersten Hause an, und unsre löbliche Absicht erstreckte sich auf ganz Franzensbrunn. Es ist ein Novellenstoff, welchen ich hiermit sehr empfehle, zwanzig bis dreißig verschiedene Wohnungen 443 hintereinander zu betreten: hier wird geschlafen, dort geweint, hier geliebt und dort geprügelt, und die Novelle geht wie ein verbindender Gedanke hindurch. Wir traten in ein halbdunkles Vorzimmer; nach dem Lichte zu waren zwei große Glasthüren mit dünnem Flor verhangen, welcher die Durchsicht wenig hemmte. Vor dem hohen Spiegel sahen wir ein Mädchen stehn; sie war nur mit einem blendend weißen Unterröckchen bekleidet, und flocht sich mit vollen, frischen Armen die schwarzen Flechten des Haars. Ihr Kopf nach vornhin niedergebeugt, ein voller Nacken und feiste Schultern sahen uns lachend und keck in die Augen. Lautlos standen wir, mit halber Stimme sang sie vor sich hin: So viel Vöglein, als da fliegen, Als da hin und wieder fliegen, So viel Grüße send' ich dir! Jetzt wendete sie sich nach einem Seitentisch, um etwas an sich zu nehmen, wir sahen das Profil – es war unser bairisches Mädchen. Der Starost drückte mir krampfhaft die Hand. Das hieß so viel, als bleibe zurück. Ich ließ mich still auf einen Stuhl nieder. Er schlich leise hin, öffnete die Thür, und trat ein – sie erblickt ihn im Spiegel, ruft seinen Namen, und schreit laut auf. Der Starost hält einen Augenblick inne, und das verwunderte 444 mich – sie spricht französisch, das verwunderte mich noch mehr. Jetzt eilt er zu ihr, ergreift ihre Hand, und küßt sie lebhaft, ich seh' noch einmal ihr volles Gesicht, aber es ist ein andres, es ist nicht das des bairischen Mädchens, inniges Bitten liegt darauf, ich höre deutlich die Worte, daß sie jeden Augenblick ihren Gemahl erwarte. Wirklich kommen hastige Schritte die Treppe herauf, der Thür des Vorzimmers zu – hastig rufe ich: »Er kommt«, setze meinen Stuhl dicht vor die Thür, und mich auf meinen Stuhl. – Stürmisch rennt der Eintretende an mich und meine Verschanzung, ich springe auf, um ihm die Aussicht zu benehmen, er fragt entrüstet, wer ich sei. Pantomimisch suche ich ihm begreiflich zu machen, daß ich stumm wäre, und hier auf Jemand warte. Er stößt mich bei Seite und eilt nach dem Zimmer, in welchem Niemand mehr zu sehen war. Diesen Moment aber benutze ich zum Entschlüpfen. Als ich auf die Straße komme, tritt eben aus dem Nachbarhause der Starost. Ohne zu wissen wohin, gehen wir eine Strecke fort, und er erzählt mir, daß die Dame eine alte Bekanntschaft aus Teplitz sei, und er in großer Eil durch Seitenzimmer, welche sich bis in das anstoßende Haus erstreckten, entkommen wäre. Ich mahnte ihn daran, daß ich es durchaus nicht für gerathen hielt, dem Herrn Gemahl noch einmal zu begegnen, da meine stumme Rolle einige 445 Unannehmlichkeiten mit sich bringen könne, daß ich es also für besser erachtete, die Bairin aufzugeben, und nach Eger zurückzufahren. Aber er war durchaus nicht dahin zu bewegen, und zog mich in den Cursaal, wo eben gespeis't wurde. Wir setzten uns an die Tafel – neben uns saß das bairische Mädchen mit ihrer dicken, harthörigen Mutter. Der Starost erneuerte mit Feuer die Bekanntschaft, und überschüttete das gesunde, natürliche Kind mit Liebeserklärungen. Sie kam nicht aus dem Rothwerden heraus, und beide Theile versäumten das schlechte Mittagessen. Nach aufgehobener Tafel ging man im Saale auf und nieder; ich nahm mich der harthörigen, bairischen Mutter an, und ließ mich angelegentlichst in alle Mysterien ihrer gestörten Verdauung einweihen, um welcher willen sie Ferdinandsbrunnen trinke. Sie liebte wie all' solche Figuren das Leben über Alles, und ich konnte nichts Besseres thun, als ihr mit rationellen, physikalischen und kabbalistischen Gründen zu beweisen, daß sie sehr, sehr alt werden müsse. Der Starost war mit der Tochter in ein Seitenzimmer getreten, ich stellte mich vor die halb offne Thür, und verhinderte durch lebhafte Unterhaltung die Mutter am Eintreten, und damit sie nicht hineinsehen könne, deutete ich auf einen erkältenden Zug, der aus dem Zimmer dränge. Sie trippelte auf die Seite, und ich ersuchte sie nun 446 um eine vollständige Geschichte ihrer Krankheit, damit ich ungestört nach der Scene in der Stube horchen könne. Das Gespräch in jener Stube aber ward immer weicher, und stockte zuweilen; als ich mich einmal schnell umwendete, sah ich, daß der Starost seinen Arm um die Taille des Mädchens geschlungen hatte, daß die Tochter der dicken Mutter nur nachgiebig wehrte. Ihr Gesicht konnte ich nicht sehen, denn sie kehrte mir den Rücken zu. Kaum zu meiner Magenstörung zurückgekehrt, sah ich jenen Herrn Gemahl mit seiner Frau in den Saal treten, und, Plätze suchend, langsam auf uns zu kommen. Ich stand auf Kohlen, denn meine stumme Rolle konnte arge Unannehmlichkeiten bringen. In diesem Augenblicke schrie das Mädchen im Nebenzimmer laut auf, und stürzte heraus in die Arme ihrer Mutter. Ich hörte nur noch ihre leise klagenden Worte: »Ach Gott, Mutter, er ist ein Jude!« Der Herr Gemahl kam direkt auf mich los, ich zog mich eiligst in's Nebenzimmer zurück, Hut und Ueberrock im Stich lassend. »Fort, fort«, rief ich dem Starost zu, »der Gemahl kommt.« Wir eilten in's nächste Zimmer, in's dritte, die Schritte kamen hinter uns; die Zimmer waren zu Ende, der Ausgang verschlossen. Im Hui sprangen wir durch die offenen Fenster; der Saal und die Zimmer waren 447 auf ebner Erde. Entblößten Hauptes kamen wir beide zu unserm auf der Straße haltenden Postillon, und sprangen in den Wagen. Ich nahm dem Hansel die Zügel ab, mit einigen Zwanzigkreuzern bewehrt, wurde er abgeschickt, um das im Stich gelassene Material durch einen Kellner zu gewinnen. Ich fuhr uns eiligst aus der Schußweite bis vor das Städtchen. Hansel ging lachend, und nach einer Viertelstunde kam er lachend wieder, und brachte Rock, Mantel und Mütze. Nur mein Hut fehlte; ich hatte den Kopf verloren, und barhäuptig kam ich nach Eger zurück. Dort ging eben eine Post ab, ich requirirte eiligst eine Mütze, und fort ging's nach Baiern. Ich dankte es meinem Vater innig, daß ich kein Jude sei.