Reisenovellen von Heinrich Laube. Fünfter Band. (Neue Reisenovellen, erster Band)     Mannheim. Verlag von Heinrich Hoff. 1837.     Inhalt I. Eine Fahrt nach Pommern.   Bis Stettin Bis Swinemünde Swinemünde Die Saison Nach Rügen Auf Rügen Rügen Nach Arcona und Stubbenkammer Die Seefahrt Schill Der Sturm II. Berlin. Berlins Geschichte Berliner Berühmtheiten Die Maske Heine bei Stehely und im Kasino Hegel in Berlin Die Novelle in der Theaterloge Potsdam     I. Eine Fahrt nach Pommern. Bis Stettin. Der Kondukteur war ein dicker, leidenschaftsloser Mann, der ein wenig schwer hörte. Ich saß dicht neben ihm, und die vorfallenden Rippenstöße wurden keines Wortes gewürdigt. Solch eine abgehärtete Reisegleichgültigkeit, ich möchte sagen: diese Objektivität der Post ist Leuten sogar sehr angenehm, die viel gereis't sind, jedenfalls angenehmer als die Süßlichkeit einer sorglichen Theilnahme, deren Ursprung selten anderswo als in ausgewaschener Manier oder in Hoffnung auf ein Trinkgeld zu suchen ist. Die meisten Damen denken anders darüber, sie wünschen Sympathie quand même , Sympathie um jeden Preis. 2 Es war Abend und dunkelte schon, als wir aus Berlin heraus kamen, und ein witzloser Spaßvogel, der mit uns im Kabriolet saß, fragte den Kondukteur, ob wir auch in Pommern sicher wären. Da er den schlechten Spaß wegen Harthörigkeit des Empfängers wiederholen mußte, so wurde er noch schlechter, denn Scherz und Witz sind wie weiße Wäsche, sie können nur einmal auftreten. Der Kondukteur hob blos die Hand und sagte oh! Man kann auch den Pommern eher alles Andere zutrauen, als Spitzbüberei, dafür sind sie zu einfach. Wir waren auch noch lange nicht in Pommern, und hatten gar keine Aussicht, des Nachts hinzukommen. Der Kondukteur nahm aber hiervon Gelegenheit, das Wort zu ergreifen, und ein für allemal zu sprechen. Früher nämlich habe er den Cours von Koblenz nach Gießen gemacht, und da habe wohl so etwas passiren können, da sei der Kondukteur seines Lebens nicht sicher gewesen. Es muß vorausgeschickt werden, daß er Kondukteur und Man und Ich für gleich bedeutend hielt; er hatte sich streng in den absoluten Begriff 3 eines Kondukteurs hineingereis't. Was also irgend einem Kondukteur in der Welt begegnet war, das erzählte er in der ersten Person. Also: Ich hatte viel Geld auf der Post, und fuhr wie heute in die Nacht hinein; meine guten Talglichter brannten in der Laterne, wir fuhren an einem Waldrande hin, und ich dämmerte so, wie man zu sagen pflegt, mit halb zugemachten Augen. Da ging's rak – rak – rak, die Laterne klirrte und war aus, ich kriegte einen Ruck an der Schulter, der Wagen stand still, der Postillon war vom Pferde. Das waren drei Schüsse gewesen, einer hatte das linke Vorderpferd nieder geworfen. Der zweite war in die Laterne gefahren, der dritte hier in's Polster neben mir, das Polster hatte seine Schuldigkeit gethan und den Schuß vortrefflich gedämpft. Der Schuft von Postillon war gleich ausgerissen, die Herren Passagiere thaten ein Gleiches; sonst muß man zehn Tritte und Thüren aufmachen, ehe sie 'rauskriechen, diesmal waren sie wie 'n Donnerwetter alle zum Teufel, und die Kanaillen von 4 Spitzbuben waren gleich bei der Hand und fielen über mich her. Laut Instruktion wehrte ich mich bis zum letzten Athemzuge, und als sie mich halb todt geschlagen, krumm gebunden und geknebelt hatten, steckten mir meine dreiunddreißig Poststücke noch in der Kehle. Sterben ist 'ne Kleinigkeit, aber sein Eigenthum ausräumen zu hören, eins, zwei bis dreiunddreißig, das ist für 'nen rechtschaff'nen Kondukteur – nu, die Kanaillen räumten Alles fort, ich blieb wie 'n zusammen geschnürtes Felleisen am Wege liegen, und die bitterlich kalte Nacht zerfror mir das Bischen Besinnung, ich hab' den Morgen nicht erlebt, wie meine Passagiere mit Gensdarmes gekommen sind, und die Bescherung gefunden haben. Was, rief mein Nachbar, Sie sind schon einmal todt gewesen? Wie? rief der harthörige Erzähler, der sich ungern gestört sah – Sie sind gestorben? Ja, maustodt war der Kondukteur; aber nun sehn Sie diese rechtschaffene Watte an, die hat die 5 Spitzbuben 'raus gekriegt, hier war der Pfropfen – oder wie er sagte: der Pfropf – vom niederträchtigsten Schusse stecken geblieben, der dem Kondukteur gegolten hatte; den wickelte ein Gerichtsschreiber heraus, und es fand sich, daß es das Schreibeblatt aus einer Kinderschule war, was der Schulmeister mit rother Tinte korrigirt hatte. Man untersuchte im ganzen Kreise die Handschriften und der Schuft von Schulmeister ward Nachts aus dem Bette geholt, er gestand seine fünf Helfershelfer ein, baumstarke Bauern, die gute Kugelflinten hatten; sie hatten die dreiunddreißig Poststücke vergraben, und das Postamt hat alle dreiunddreißig wieder gekriegt, die Kanaillen hängen im Nassau'schen – da sieht man, daß kein Schurke die königliche Post unrespektabel traktiren darf. Ich aber hatte freilich das Meinige weg, aber ich war auf dem Schlachtfelde geblieben, und die Meinigen beziehen eine Pension. Hiermit war seine Pfeife aus, er drückte sich in die Ecke, zog den Mantel über das Kinn und sprach nicht wieder. 6 Zu meinem Erstaunen fuhren wir einen tiefen Berg hinunter – sind wir irre gefahren? Wie kommt Moses unter die Propheten, ein Berg in die Mark Brandenburg? Wir kamen nach Neustadt Eberswalde, welches da grenzt an die märkische Schweiz, deren Berner Oberland Freienwalde sammt Umgegend. Die Schweiz ist in neuerer Zeit ein Luxusartikel geworden, der nachgemacht wird, wie Brüsseler Spitzen und Eau de Cologne nachgemacht werden. Merkwürdigerweise ziehen sich wirklich bis an die pommersche Küste hinab Hügel und Höhen in Menge, die freilich etwas dürftig und pauvre wie unnütze Grillen der letzten Erdüberschwemmung aussehn, aber doch Hügel sind. Man kommt gegen Mitternacht auf fünf Minuten in Neustadt an, also im ersten, träumerischen Postwagenschlafe, und es wird Einem in der Passagierstube zu Neustadt Kaffee, sage Kaffee präsentirt. Verschiedene Generationen von Postreisenden wundern sich seit Jahren über dies ungewöhnliche Phänomen, und stellen Forschungen darüber an, jeder nach Pommern Reisende stellt 7 eine Hypothese darüber auf, wie sonst jeder nach Afrika Kommende eine Vermuthung über den Ausfluß des Nigers zu Markte brachte. Für auswärtig Beflissene diene noch die Notiz, daß selbiger Kaffee von ungewöhnlich fremdartigem Geschmacke ist, das will sagen, er kann sehr gut schmecken, und schmeckt nur ganz anders als guter Kaffee. Eine heurathsfähige Dame – mit Respekt zu sagen aus Hinterpommern – welche in ihre Heimath reis'te, that einen lauten Schrei, als sie den ersten Schluck von diesem Kaffee genossen hatte, und man ist doch in Hinterpommern nicht gar zu asiatisch gewöhnt. Kaffee macht munter, und von diesem Axiome ausgehend kam unsere Gesellschaft zu der Hypothese, man werde in Neustadt um Mitternacht damit bewirthet, um die Nähe der märkischen Schweiz nicht zu verschlafen. Mondschein, Erlengebüsch, Hügel auf, Hügel ab, frische Luft – so weit gehn meine Erinnerungen an diese Naturreize, ich schlief ein trotz des Neustädter Kaffees, und erwachte erst wieder auf der 8 nächsten Station. Es hat einen eigenthümlichen Reiz, Nachts, bei Mondschein in einer schlafenden, schwarzen Stadt aufzuwachen, deren Existenz und Namen uns unbekannt sind – die Welt bedünkt Einen so reich, so unauslernbar an stillen Plätzen, wo Menschen neben einander sich freuen, intriguiren, leiden und lieben. Ich fragte den ausspannenden Leinwandkittel – Angermünde, beschied er mich. Es kann in Angermünde außerordentlich schön sein, und das schönste Mädchen von der Welt kann dort leben und schlafen. Der polternde Postwagen stört ihren süßen Traum, in welchem sie den Sultan – er ist bei Tageszeit Registrator oder Kanzellist am Stadtgerichte zu Angermünde, und hat sein Auskommen – also, in welchem sie dem Sultan mit dem Pfauenwedel sanft über das Gesicht streicht; sie lächelt Glück und Liebe, und fährt eben mit dem weißen Arme nach dem Schlafhäubchen, erschreckt von unserm Gerassel. Dämmern, Einschlafen, Träumen, halb Poesie, halb Ewigkeit, halb Glück, halb Nichts – »fünfzehn Minuten, meine Herren!« ich 9 hatte wieder geschlafen, der Wagen hielt bei grauer Morgendämmerung in Schwedt. Schwedt, Schwedt, dacht' ich, das Wort hast Du oft in Tertia gehört auf dem Gymnasium zu Glogau in der Brandenburgischen Geschichtsstunde, wie man sich kurzweg ausdrückt. Es hat Markgrafen von Schwedt gegeben, die haben Reiter und Fußleute gehabt, und Kriege geführt, auch giebt es Tabakpakete mit der Firma »Kanaster von Schwedt.« Also orientirt über Geschichte und Geographie des Terrains setzte ich mich neben die Dame aus Hinterpommern, die laut zugeflüsterter Nachrichten hartnäckig geschwiegen hatte, seit die Aeußerung gefallen war »mit Respekt zu sagen aus Hinterpommern.« Ich präsentirte ohne Unterlaß Zwieback, gnädiges Fräulein, Sie befehlen? sprach von gemischter Gesellschaft, und lös'te den Zorn in so weit, daß sie etwas von Vorurtheilen fallen ließ. Bei Schwedt hat man die Oder erreicht, läßt sie aber auf dem ganzen Wege nach Stettin rechts liegen; der Charakter ihrer Ufer ist gegen Schlesien 10 wenig gesteigert, wenn auch ein Wenig verändert, es bleibt ein armer Taglöhnerfluß, der es nie zu einer glänzenden Umgebung bringt; statt des Weiden- und Waldufers, das er oben in seiner Jugend sieht, hat er hier in der nördlichen Mark und in Pommern einen mit Schilfgras bewachsenen Strand, der eigentlich gar kein Ufer, sondern nur eine Begrenzung ist. Er gleicht in diesem Mangel scharf geschnittener Abgrenzung den traurigen, kriechenden Binnenseen der Mark, die ohne Muth daliegen wie dunkles Wassergewürm. Dieser triste Charakter, welchen die Berliner bei Trextow so emphatisch übersehen, verleidet die Wassermassen, welche ein Hauptreiz dieses östlichen Nordens von unserm Vaterlande sein könnten. Die Post fliegt am Markgrafenschlosse von Schwedt vorüber, und durch eine breite Lindenallee, die Berliner Linden von Schwedt, dahin. Das könnte hier recht hübsch sein, wenn hübsche Menschen darunter spazieren gingen, so in der Morgendämmerung und wahrscheinlich auch sonst bei einer kleinen 11 Provinzialstadt, neben einem verlassenen Fürstenschlosse hat das Ganze ein öd historisches Ansehn. Als die vielen hundert kleinen Souverainetäten noch bestanden haben, da müssen die Länder allerdings viel interessanter, charakteristisch gefärbter und belebter gewesen sein – wo man jetzt auf solche Rester stößt, da haben sie so etwas von alten Bibliotheken oder Bücherschränken, in denen Chroniken stehn. Ewig jung und blühend ist nur der Tabak; dies moderne Gewächs, vaterländisch Blatt, gedeiht hier bei Schwedt in fetter, grüner Ueppigkeit, durch eine stolze Allee führt der Weg nach dem tabakklassischen Vierraden, berühmt durch seine Blätter wie Arabien durch seinen Weihrauch; der Vierradener stinkt nur ein Wenig. Ueppige Aussicht links und rechts für einen Schmaucher, und in Vierraden trocknen aus allen Bodenlucken heraus die langen Blätter dem Genusse oder Genossenwerden entgegen. Vierraden, das duftende, soll früher kriegerisch gewesen sein. Ein miserabel zerfallenes Gemäuer um einen kleinen brutalen Thurm am Ende des Oertchens ist Sitz 12 der Kampfeslustigen von Vierraden gewesen, und sie haben mit denen von Schwedt in vielen Fehden gelegen. Von allem Ruhm ist jetzt nichts übrig als Tabak. Aber in unsrer Zeit der großen Reiche, der Allgemeinheit, der gleichen Militairpflichtigkeit sind mir die Erinnerungen an die Selbstständigkeit der vielen einzelnen von Soundso immer sehr interessant, und wenn man ein Edelmann ist, so mag es von ganz angenehmem Reize sein, just einen Namen zu haben, der in Chroniken und Sagen also selbstständig genannt wird; es ist so etwas homerisch Episches darin im Gegensatze zu denen von Müller, von Schmidt, von Hoffmann. Es wäre schade, wenn der Schriftsteller Maltitz keine Nachkommen hätte, weil die Erinnerung an jene römische Antwort verloren gehen könnte, die er einst gegeben hat, als er wegen eines Schauspiels mit der Berliner Polizei brouillirt gewesen ist. »Wenn die von Maltitz,« hat er gesprochen, »dreimal hunderttausend Mann kommandirten, so würden sie den von Zollern eine andre Antwort geben.« Dieses phantasiestarke 13 Ignoriren einiger Jahrhunderte, diese unabhängige, von allen Möglichkeiten unabhängige Kombination ist mir viel interessanter gewesen, als alle Schriftstellerei des Herrn von Maltitz, welchem Eindrucke unbeschadet dessen »Pfefferkörner« und Sonstiges sehr schön und lehrreich sein können. Bei den Tabakspflanzungen und denen von Vierraden kam ich auf solche Abwege. Hinter Vierraden ging die Sonne tönend auf, das Land dampfte, aus der Tiefe neben einem erhöhten Städtchen blinkte silbern hie und da die Oder auf, wir waren an der Grenze von Pommern, das vor uns liegende erste pommersche Städtchen heißt Garz. Hügelzüge nach mehreren Seiten geben der Aussicht Abwechselndes. So denkt man sich Pommern gar nicht. Freilich muß man überhaupt dreierlei Pommern unterscheiden: dasjenige, in welches wir eben hineinfahren, ist Vorpommern, ein fruchtbares, wohlhabendes Land mit der lebhaften, thätigen Haupt- und Handelsstadt Stettin; nordwestlich davon das sogenannte schwedische Pommern, jetzt 14 Neuvorpommern, mit der stipendienreichen, studentenarmen Universitätsstadt Greifswald und dem durch Wallensteins Renommage berühmtem Stralsund. Dieser Strich Landes hat noch heute von seiner früheren schwedischen Zeit eine abstechend fremdartige Färbung; nordöstlich das betrübte Hinterpommern, das eigentlich arme, traurige Land, was man mit dem Ausdrucke meint: er ist ein armer Pommer. Hinter Stargard, einer artigen, rührigen Stadt, dem Gemüsegarten Pommerns, beginnt Hinterpommern. Die Stargarder mögen durchaus nicht zu Hinterpommern gerechnet werden, und gehören immer zur lebhaftesten Opposition, wenn das melancholische, tiefsinnige Volkslied gesungen wird: »Maikäfer flieg! Mein Vater ist im Krieg, Meine Mutter ist im Pommerland Und's Pommerland ist abgebrannt, Maikäfer flieg!« Nein! schrieen sie in Passendorf, dem mon sacer der neuen Römer, nein, 's ist nicht wahr, 15 Pommerland ist nicht abgebrannt! – Das Ding mag wohl aus dem dreißigjährigen Kriege stammen, wo in Pommern oft Nachtquartier gemacht wurde. Wenn man von Garz aus noch einige Male die Hügel hinauf und herunter gefahren ist, sieht man Stettin mit einem breiten Thurme auf einem der höchsten liegen. Da die Stadt sich mehr nach der Ostseite zur Oder hinabzieht, so zeigt sie dem von Berlin Kommenden mehr eine feste Burgspitze; wie bei allen Festungen und spröden Jungfern muß man lange und durch mancherlei Biegungen sich wenden, eh' man ihm Aug' in Auge gegenüber kommt. 16     Bis Swinemünde. Stettin ist zu großer Wichtigkeit erhoben worden, da es der Hauptort des Ausgangs und Eingangs für die preußische Schifffahrt ist. Die Zeiten der Hanse sind vorbei, wo Danzig eine Rolle spielen konnte, jener abgelegene Theil der Ostsee mit den kärglichen Beziehungen zu Rußland, dem Verkehre mit Thran und kleinen Kaviarfäßchen ist eben ein abgelegener worden. Es ist von da keine kourante Straße in's Herz des Landes, die Weichsel verirrt sich zu weit nach Osten, der Landweg ist zu weit und zu theuer, jene altpreußischen Provinzen sind durch zufällige Konstellationen viel unbedeutender, und für 17 eignen Markt viel unwichtiger geworden, als sie es einmal gewesen sind. Stettin aber hat die Oder, den rein preußischen Fluß, es grenzt näher an England, an dieses Alpha und Omega alles dessen, was Geld, Erwerb und Handel heißt. »Stettin ist der erste Seeort Preußens,« obwohl es gar nicht an der See liegt. Bald hinter der Stadt dehnt sich die Oder in's Haff aus, und mündet im Hauptarme Swine in's Meer. Sie ist glücklicherweise bis Stettin so tief, daß sie große Schiffe trägt, und am Bollwerke von Stettin sieht man Fahrzeuge von allen Kalibern. Freilich müssen die schweren einen Theil ihrer Ladung vorher auf die sogenannten Lichter schaffen; indessen hat das ungeheure Werk schon lange begonnen, allmählig ein so tiefes Fahrwasser zu gewinnen, daß dies Ausladen oder Lichten erspart werde. Zu dem Ende arbeiten die Bagger Tag um Tag – dies sind plumpe, breite Fahrzeuge, in welchen eine Dampfmaschine stöhnt, und an beiden Seiten eine Reihe kupferner Kessel in Bewegung setzt. Diese scharf geränderten Halbkessel schneiden 18 in den Wassergrund ein, schöpfen sich damit voll, steigen wieder auf, schütten den Boden in ein Behältniß, gehen dann von Neuem hinab, und vertiefen auf solche Weise den Grund. Man sieht dieser theuren Instrumente von Stettin bis jenseits des Swinemünder Hafens mehrere, und es steht zu erwarten, ob die Natur den Baggern weichen wird. Ich hab mir dies Oder- und Swine-Seewesen mehr wie einen Dilettantismus vorgestellt, hab' aber doch viel mehr gefunden, als ich erwartet hatte. Stettin hat einen sehr respektablen Wasserverkehr, und Theer und Masten; gekauter Tabak und Waarentonnen, Matrosenlärm und kräftiger Geruch sind in Genüge zu finden, wenn man von der obern Stadt nach dem Wasser hinabsteigt. Die Pommern und Stettiner sind sehr stolz auf Stettin, und finden es sehr schön gelegen und mit schöner Gegend umsäumt – das hügelige Terrain am Wasser ist auch wirklich für diesen sonst magern Theil unsers Vaterlandes ganz artig; objektiv betrachtet ist es freilich nicht viel. Frauendorf, ein 19 am Bergeshange seitwärts des linken Oderufers gelegenes Oertchen ist der besondere Stolz Stettin's. Die Verläumdung sagt, es laure ein fanatischer Stettiner an der Luisenstraßen-Ecke dicht bei der Post allen Reisenden auf, und falle sie meuchlings mit dem Vorschlage an, Frauendorf zu sehen, um jeden Preis Frauendorf zu sehen. Unweit Frauendorf liegt eine Villa auf dem Hügel dicht in Bäumen, und ich muß gestehen, daß dies der einzige Punkt gewesen ist, der mir einen Reiz gewährt hat. Wenn man in solcher Gegend lebt, dann mag es recht und nothwendig sein, sich die vorliegenden Gaben so günstig als möglich in's Auge zu stellen; in jedem Kreise lassen sich auch wohl Verhältnisse ausfinden, die uns behaglich sind, es mag auch dies gar nicht so schwer sein bei dieser Gegend, aber ohne Weiteres will ich nicht zu den Stettinern stimmen. Wenig Farbe, bis auf das melancholische Grün des Flußufers, was so niedrig ist, daß der schmale Fluß jeden Augenblick in unserm Glauben überlaufen kann, gleich einer 20 Suppenmasse in grün glasirtem Topfgeschirre, keine Gruppirung, ungleiche, fast immer unbequeme Temperatur vom Wasser her – nur wenn man lange Zeit keine weckende, schwunghafte Gegend vor Augen gehabt, wenn man lebhaft dessen eingedenk bleibt, es sei ein nordisches, weniger zeugendes Klima ringsumher, nur dann streift man mit »O ja, hem, hem, ganz artig« durch all diese nördlichen Partieen. Die rücksichtslosen Lobpreiser haben ihnen freilich am meisten geschadet. Stettin ist bis jetzt die einzige Stadt in Preußen, welche eine Statue Friedrich's des Großen besitzt – hatten die Engländer doch lange Zeit Shakespeare vergessen, und Garrick mußte ihn aufwecken. Es ist ein Bild aus weißem Marmorsteine, auf einem hübschen Paradeplatze aufgestellt, welcher davon »der weiße« genannt wird. Ueberhaupt lehrt es hier jeder Schritt, daß Preußen seinen markigsten Kern in diesem Pommerlande besitzt – ein einfach, treues und der tüchtigsten Aufopferung fähiges Volk sind diese Pommern. Braucht nicht nach entfernten 21 Gebirgsländern zu reisen, um offne Biederkeit zu suchen, ohne Affektation haben die Pommern alle Tüchtigkeit der Tyroler – die Gesinnung dieses Volksstammes im Ganzen, im Durchschnitte hat mir einen durchweg lieben, überaus wohlthätigen Eindruck gemacht. Mag es einige Beschränktheit abgeben, mag Spekulation ein ganz wo anders herkommendes Wort sein, das Herz behält doch ewig seine Macht und Rechte, und das Herz erhält die besten Eindrücke unter den einfachen, redlichen Pommern. Daß dieser Eindruck gehoben wird durch das Aeußerliche dieses Volksstamms, durch die kräftigen, tüchtigen Leiber, die vorherrschend wohlgebildeten Gesichtszüge, durch den allgemeinen gesunden Anstrich der Generation, das ist natürlich und eine Bezeichnung mehr. »Haben Sie Löwe gehört? haben Sie die neue Börse gesehen, – nicht wahr, der schlechte Platz dafür blamirt uns auf 150 Jahre und länger? Sind Sie in Frauendorf gewesen?« Diese Fragen, Stettiner Fragen, die jedem Reisenden zukommen, der einen Frack besitzt, waren 22 vorüber, und ich schwamm auf dem Dampfboote die Oder hinab, vorüber an den unzähligen Schiffen und Kähnen, Holzplätzen, kleinen Fabriken und sonstigen Betriebsamkeiten, die der Philister Handel und Wandel nennt, nach dem Haff hinaus. Hier hat man eben zur linken Seite etwa eine Viertelstunde vom platten Ufer jene kleinen Hügel, der Stolz Stettins, wo Frauendorf des Bewundertwerdens harrt, hier kommt auch jene Villa, deren ich oben gedachte. Ein stattlich italienisch Haus, reich und gestaltig von Bäumen umgeben macht sie allein jenen Eindruck, den man reich nennen dürfte, und der im Allgemeinen hier vermißt wird. Sie gehört auch einer reichen Wittwe, bei der die angenehmste, bedeutendste Gesellschaft, also auch wirklich reicherer Lebensreiz zu finden sein soll. Der bekannte Componist Löwe ist öfters in der Woche hier anzutreffen; seine Stellung in Stettin ist die eines Organisten an der Jacobikirche, seine Stellung in der musikalischen Welt eine fast einzige; der Uebergang vom Poeten, welcher mit Worten und Gedanken den bewußten Menschen 23 bewegen will, zum Musiker, der mit Ausdrücken wirkt, welche Empfindungskräfte berühren, Empfindungskräfte, deren die Geistesoperation nicht habhaft werden kann, – mit Tönen. Löwe steht mitten inne: seine Kompositionen haben noch so viel Geistesoperation des Poeten, daß die Musik nur ein Begleitendes, Untergeordnetes wird, und doch so viel des Eindrucks aus der geheimnißvollen Tonwelt, daß der bewußte Weg des Poeten umschleiert ist. Man sollte ihn vorzugsweise statt Musiker – Komponist nennen; er stellt zwei große Welten zusammen, und ist mehr ein Talent, als ein Genie. Das hier vermißte musikalische Genie, ist freilich bei den meisten Musikern nur ein Instinkt, der nur im musikalischen Elemente eine Existenz hat, und sein Verhältniß zur übrigen Welt nicht versteht, wer will aber etwas sagen gegen solche Kapricen der Gottheit, man nimmt sie hin wie eins der vielen Mysterien, in denen wir weben, und vergißt es gern, daß der unser Innerstes bewegende Musiker außer seiner Kunst ein Dummkopf sein könnte. 24 Die überwiegende Richtung nach Goethescher Poesie bei Löwe ist aus Obigem erklärt, und daß er die Musik nur als eine Hilfskunst betrachtet eben daher. Diesem Rationalismus der Musik steht als baarer Gegensatz Mendelssohn-Bartholdy gegenüber, welcher die musikalische Welt als eine vollkommen selbstständige geltend machen will, und Lieder ohne Worte schreibt. Dies gilt bei Löwe für baaren Unsinn; ein solcher Vorwurf müßte aber dann freilich alle blosse Instrumentalmusik treffen. Ich glaube, wir werden wohl daran thun, uns beider Weisen zu erfreuen, bis einmal ein großer Geist die Geheimnisse der musikalischen Kunst definirt, und wir dann paragraphenweise darthun können, was unser Herz bewegen soll, was nicht. Löwe selbst soll ein einfacher, bedeutender Mensch sein, der sich wie die meisten derartigen Figuren mehr in kleine Kreise und wenig Menschen zurückzieht. In der That gibt es wenig Anlagen zu innerlich bedeutender Wirksamkeit, welche nicht eine Concentrirung auf einzelne Menschen nöthig machten; 25 in dieser Gedankenrichtung liegt wohl auch die Monogamie, es liegen darin die gerechten und ungerechten Vorwürfe gegen den Goethe'schen Umgang. Gesellige Genies werden selten historische. Wo der schmale Oderfluß aufhört, diesen Namen zu tragen, wo sich die Wasserfläche zuerst mehr ausbreitet, da wird es Paxenwasser genannt; ist es zum weiten, kaum übersehbaren See ausgedehnt, dann heißt es Haff. Hier beginnen schon meerartige Erscheinungen: die kartoffelfesten Landbewohner werden mitunter seekrank, hier und da erblickt man einen Heineschen Vogel, eine Möve. Dieser Vogel ist wirklich durch ihn und seine Gedichte zu einer anständig und allgemein honorirten poetischen Figur geworden. Ich zog mich indessen in die Kajüte zurück, um mir den Meeresgenuß nicht durch diese Haffanfänge verkümmern zu lassen. Dort in der Kajüte saß im Winkel, abgewendet von aller Welt, ein Bekannter aus Berlin, der mich nur etwa des Jahres einmal erkannte, ein Muster-Hypochonder, der sich darin von den 26 gewöhnlichen unterscheidet, daß er sich seit mehreren Jahren für hergestellt ansieht und ausgiebt. Ich befinde mich außerordentlich wohl, pflegt er zu sagen, wenn er etwas sagt, seit ich nux vomica brauche, außerordentlich wohl. Die erste Pflicht, die man jedem Hypochonder zu erweisen hat, besteht darin, ihn nicht eher wirklich zu kennen und anzureden, als bis man deutliche Anzeichen hat, er wolle es selber. Daß er antworten, auf etwas eingehn, sich betrachtet sehn muß, das ist ihm bereits eine gewaltige Anstrengung, deren er Kräfte und Nerven nicht immer fähig fühlt. Stumm neben Jemand sitzen, der ihm nicht stockfremd ist, macht ihm schon Arbeit und Mühe, denn der neben ihm Sitzende ist ja doch der stumme Gläubiger eines Gespräches. Jede Nähe nimmt in Beschlag; das empfindet der Hypochonder bis in die feinsten Nüancen – wer nie hypochondrisch gewesen ist, kennt das feinste Gewebe von Combinationen gar nicht, dessen der Mensch fähig ist. 27 Mein Schöneberger – in Schöneberg bei Berlin hatte ich mit ihm Kegel geschoben, als die nux vomica in glänzendster Blüthenwirkung bei ihm stand – schien keinen ganz schlechten Tag zu haben, obwohl er im Winkel saß; es war zwar nicht der kleinste Buchstabe in seinem Gesicht, als ob er mich jemals gesehen; aber ich sah schärfer, seine Augenlieder verriethen mir, daß es heute seine Hypochondrie erregen würde, wenn ich ihn ignorirte. Diese Gegensätze liegen einmal in dem Zustande: jetzt um keinen Preis gekannt sein, im nächsten um jeden Preis, weil man sonst Verachtung, Feindschaft, im Stillen schleichende Intrigue und alles Schlimme dahinter tragen kann. Kurz, sein linkes Augenlied sagte mir: heut will ich gegrüßt sein, und dann werd' ich mich besinnen, wo wir uns gesehen haben, und dann werd' ich nach einiger Zeit Schöneberg errathen mit dem Kegelschieben, und dann werd' ich sehr lächeln. So geschah's. Er wollte nach Copenhagen reisen – Brechmittel haben etwas Vehementes, sagte er, obwohl sie eine vortreffliche Erschütterung des 28 Organismus erzeugen, eine gelinde Seekrankheit muß ausgezeichnet wirken, ich hoffe darauf – den Ocean hab' ich erschöpft, die langen ungeschickten Wellen vermögen nichts mehr über meinen Magen, aber ich hoffe noch Alles von den kurzen, unregelmäßigen Stoß-Wellen der Ostsee – Sie fahren also blos nach Copenhagen, um – Bitte ergebenst, der Herr hinter Ihnen wünscht Sie zu sprechen – pah! Ein richtiger Hypochonder läßt große Zwecke niemals bei ihren blanken Namen nennen. Der Herr hinter mir wollte L'hombre spielen; da es aber auf dem Verdecke etwas Regen warf, so ließ sich nichts dagegen sagen, der Herr schlug aber dermaaßen hohe Sätze der Points vor, daß ich so lange äußerst erstaunte, bis ich mit einigem Detail dieses Herrn bekannt wurde. Er war nämlich bei der Post angestellt, und hatte nur drei Tage Urlaub, drei Tage Urlaub sind aber in einem Postofficiantenleben schon eine so außerordentliche Seltenheit, daß während derselben alles mögliche 29 Außerordentliche versucht wird – ist's schon gefährlich, mit einem Commis zusammenzutreffen, der nach vierzehn Tagen oder gar drei Wochen seinen Sonntag-Nachmittag hat, so kann die ganze Existenz auf's Spiel kommen bei einem Postofficianten, der nach so und so viel Monaten einige Stunden Urlaub hat. Alles an Wagniß und Genuß soll da zusammengedrängt werden, was sich klein, einzeln, unscheinbar in unserem stets offen stehenden Leben herausmacht und verliert. Der Hypochonder lächelte zum L'hombre : Kartenspiel kümmert sich um Nachbarn und Zuschauer nicht, der Nebensitzende ist leicht beschäftigt, und doch nicht in Anspruch genommen, bleibt stets ein Freiwilliger. Dieser Zustand ist das Ideal eines Hypochonders. Er flüsterte zuweilen seinen Lieblingsspruch: »das Leben ist wenig, das Leben ist blutwenig«, und daran war zu erkennen, wie vortrefflich er sich befand, denn der eigentlich schlimme Hypochonderzustand hat keine Worte. 30 Wir waren mitten im riskanten L'hombre , als der Postofficiant erfuhr, das Dampfschiff gehe am andern Morgen schon wieder von Swinemünde ab, dann pausirte es zwei Tage, ehe es wieder ankäme und abführe. Dies war gegen den Plan seiner dreitägigen Ferienzeit, und er war nun genöthigt, des andern Morgens wieder zurückzureisen, wenn er zur rechten Zeit hinter'm Brieffenster sitzen wollte. Dies machte ihn noch verwegener, und er paßte gar nicht mehr, sondern entrirte jedes Spiel, um die Zeit auszubeuten – die Situation mochte den Hypochonder amüsiren, er flüsterte immer lebhafter: das Leben ist wenig! Da wechselte die Scene: der Postbeflissene vollendete die stehende Formel »ich entrire« nicht mehr, die Karten entsanken seiner Hand, er neigte sein Haupt – das Haff war unruhig geworden, und stieß unser Schiff heftig in die Rippen, Neptuns Opfer begannen ringsum – mit dräuender Miene blieb nur der Hypochonder aufrecht sitzen – jeder 31 Lump wird seekrank, sprach er vor sich hin, nur ich nicht. Man erzählt, daß alte, ausgepichte Matrosen, lebenslange Indienfahrer, denen der Ocean die Magenheiterkeit keinen Augenblick trübt, daß diese Auktoritäten des Schönebergers auf dem Haff und der Ostsee krank werden wie Landratten; ich machte die entsprechende andre Erfahrung: auf dem adriatischen Meere straften mich die Meeresgötter in den ersten fünf Minuten, hier fühlte ich nur den Kopf ein wenig belegt. Da ich ausgestrecktes Liegen, besonders wenn der Kopf sich ebenfalls horizontal fügt, als probat erfunden hatte, so nahm ich eine Kajütenbank in Beschlag, und das stille Schaukeln, das gleichmäßige Aechzen und Stöhnen der Opfernden, der unverrückbar in der Mitte des Zimmerchens sitzende, vergebens den Meereszorn herausfordernde Schöneberger wirkten so einförmig, schläfernd auf mich, daß ich bald bewußtlos auf den Wogen schwamm. Behält es nicht immer etwas tief Erschreckendes, wie unser Leben fortwährend an unermess'nen 32 Abgründen schlummert! Wir haben uns so hinein gelebt in die gröbsten äußerlichen Gesetze der Dinge und Kräfte, daß wir die Furcht vergessen, weil wir nicht mehr nachdenken. Es ist auch das Beste, da gar nichts zu fürchten, wo man Alles fürchten müßte – man denkt nicht daran, daß die See einmal senkrecht, aufwärts strömen könnte statt horizontal, dann verschlänge sie solch Dampfboot wie einen Tropfen, man schläft ein im unbewußten Vertrauen auf herkömmliche Gesetze. Ich hatte lange geschlafen, aber der Hypochonder saß noch unverrückt dräuend da, ein kugelfester Held, um den rings Alles gefallen war – nicht seekrank? fragte ich – ein verachtendes Schweigen antwortete – die Ostsee macht mehr Wirthschaft, tröstete ich, und zum Zeichen des Empfangens solcher Tröstung puhstete der Schöneberger. Ich stieg auf's Verdeck – kalter Wind und Regen schmissen darüber hin; an der Backbordseite war ein Raum den Seebrüchigen angewiesen; Matrosen führten allerlei Kandidaten dahin, 33 namentlich eine alte Stettinerin hatte fest wie an der Farobank Posto gefaßt, mit beiden magern Händen den Rand des Schiffes haltend, und in gemessenen Pausen sich vom Sitze nach dem Wasser zu erhebend. Sie hat ihren Posten bis wir landeten unverrückt bewahrt wie der Steuermann. Eine Dame jüngerer Zeit verdeckte das Gesicht mit schönen weißen Händen, die Augen schienen geschlossen zu sein, sie regte kein Glied – der Postbeflissene, welcher sich herauf geschleppt hatte, kauerte nicht weit von ihr, und genoß in Angstschweiß gebadet seine Ferien. Kleine Hügel rechts vom Schiffe flogen dicht am Ufer vorüber, die Lebbiner Berge, noch weiter rechts zeigten sich die Wolliner, Swinemünde war nahe. Mittelmäßigen Geographen wird es bekannt sein, daß in der Schule gelehrt wird, die Oder bilde bei ihrem Ausflusse zwei Inseln, Usedom, oder vollständiger Uisedom und Wollin; heißt nun auch das Wasser nicht mehr Oder, und datirt es auch nur zum geringsten Theile von ihr, die Sache hat doch ihre ziemliche Richtigkeit, und als wir um eine kleine, 34 mit Fichten sparsam bewachsene Landzunge gebogen waren, lag die östliche Ecke von Usedom vor uns, und darauf mit leuchtenden weißen und gelben Häusern Swinemünde. Es erinnert an die Landhäuserreihe, welche zwischen Padua und Venedig am Ufer der Brenta liegen. Von den vielen Kauffahrern im Hafen schallte jener monotone Matrosengesang, der uns noch zu sprechen geben wird; was noch von Badegästen in Swinemünde war, kam an den Quai, Bolwerk hier genannt, um das Dampfschiff landen zu sehn; dunkelnd fiel der Abend nieder; der Postbeflissene sah's mit Schmerz; nur dieser Abend, den ihm die Nachwehen der Seekrankheiten füllten, war der stille Genuß seiner Reise, den andern Tag mußte er fort; der Schöneberger erschien auf dem Verdecke und sagte »Pah!« 35     Swinemünde. Swinemünde ist das Seebad von Berlin wie Scheveningen vom Haag, Havre de Grace und Boulogne von Paris. Obwohl es etwa dreißig Meilen von Berlin entfernt liegt, so kann man doch mit Schnellpost und Dampfschiff in vierundzwanzig Stunden da sein. Nächst den Berlinern sind natürlich die Pommerschen Leiber vorherrschend in diesem Seebade, auch die Schlesier, tief eingekeilt in's Binnenland, wenden sich meist hierher, wenn sie Meereseinflüsse brauchen. Was weiter nach Westen in Deutschland liegt, sucht die Nordsee. 36 Wie das Volkslied sagt »es fiel ein sanfter Regen«, als wir an's Land stiegen, der Schöneberger verließ uns brüske ohne Abschied, der Postbeflissene schüttelte sich, und vertraute mir, es sei ihm noch so jämmerlich zu Muthe, daß er sich gleich zu Bett legen müsse, und nicht einmal in's Gesellschaftshaus kommen möge. Dies Gesellschaftshaus liegt wenige Schritte abgesondert von der Stadt, aristokratisch allein, einige hundert Schritte vom Landungsplatze und diesem gegenüber. Es ist der Mittelpunkt fashionabler Badewelt, und auf ganz stattlichem Fuße eingerichtet. Man findet Mittags dort eine große table d'hôte und Abends Gesellschaft, die sich mit Essen, Trinken, Spiel, Musik und Tanz unterhält. Ein Schiffer wies mich mit Gepäck und Wohnungsgesuch an sein reizloses Weib, und wir stiegen am Bolwerke hinab auf festem feuchtem Sande – dieser solide Dünensand vertritt hier die Stelle des Pflasters. Eine lange artige Reihe Häuser mit der Aussicht auf den inneren Hafen, welchen die Swine 37 bildet, zieht sich im stumpfen Winkel an diesem Quai hinunter, langsamen Ganges fast eine kleine Viertelstunde einnehmend. Hinter dieser ersten Reihe finden sich noch zwei, drei Straßenschichten, und diese nicht unbedeutende Masse, hinten an einen Föhrenwald und an Sandfläche gelehnt, bildet Swinemünde. Vom Meere ist nichts zu sehn. Es war in den letzten Tagen des August, und ich konnte annehmen, daß die Wohnungen bereits zum größten Theile verlassen seien; suchte mir also die hübscheste mit einem Treppenaufgange und breit rankenden Pfirsichbäumen geschmückte Villa aus und trat hinein. Da fand sich denn auch eine sehr noble Wohnung, ein großes, gut möblirtes, sogar mit einem Fortepiano geschmücktes, dreifenstriges Zimmer und ein geräumig Schlafgemach. Das gilt in der Saison wöchentlich fünfzehn Thaler, daraus kann auf den Preis-Courant im Allgemeinen geschlossen werden; er ist ganz solid und tüchtig, gestattet indessen bei der außerordentlich großen Anzahl von Wohnungen – fast zwei Drittheile des Orts sind 38 zur Aufnahme eingerichtet – die Jedem zusagende Modification. Jetzt, außer der kouranten Badezeit, kostete meine Wahl auch nur den dritten Theil des Saisonpreises. So saß ich denn bald eingerichtet im großen Zimmer einsam und allein, und wie es zu gehen pflegt, wenn man sich auf einige Zeit in neue Räume und neue Zustände einsetzt, das ganze Leben mit seinen tausend Anfängen und Versuchen tritt wie eine Summe vor die Seele. Man übersieht wie eine fremde Geschichte die kleinen und großen Wehen, die uns nahe getreten sind, und für welche wir kein glücklich Ende zu hoffen wußten, oder gar kein Ende; alle die Lagen und Verhältnisse, für welche unsre Phantasie das Bunteste, Kühnste komponirte, alle die außerordentlichen Wünsche, die wir für unser verborgenes Privatglück erzogen, deren Erfüllung uns für unmöglich galt – Alles das übersehen wir und lächeln, als ob das Alles klein und unbedeutend gewesen sei. Zusammengeschrumpft ist es in die Jahre vertrocknet. Von geheilten Schmerzen entdecken wir kaum noch die 39 Narben, und wundern uns höchlich, wie das hat quälen können; das Bunteste und Kühnste ist geworden; nur weil wir's auf andern Wegen, als uns vorschwebte, erreicht haben, sieht es nicht mehr bunt und kühn aus; Werken unserer stolzesten Phantasie sind wir so nahe gekommen, um sie als unwesentlich, unhaltbar, nicht mehr zu begehren. Und doch erkennen wir schmerzlich – der Schmerz hat eine sichre, ewige Jugend – daß sich Anderes geöffnet hat von Wünschen und Perspektiven, und daß wir fortringen werden bis zur Bewußtlosigkeit. Diese luftgraue Ewigkeit des Lebens taucht auf wie der alte Chronos mit grauem Wellenbarte vor unsrer Seele – ich hatte die Fenster geöffnet, es regnete leise draußen, die weißen Raaen der Schiffe leuchteten aus dem Hafen; links und rechts, wo noch Badegäste wohnten, klang Gesang und Saitenspiel, frische Mädchenstimmen flogen wie Vögel durch den dunklen Abend. Und all das Menschliche rings um Dich her hat auch solche Geschichte, hofft und zweifelt und erlebt die Zeit, und hofft und zweifelt 40 weiter, und Alles sucht das Glück, und findet Etwas, und stirbt darüber. Unruhiger ward der Regen, Wind und Sturm erhob sich von der Meerseite her, bald hörte ich das Brausen und Toben der See, die nördlich hinter Swinemünde an die deutsche Küste pocht. Dazwischen klang zu meinem Erstaunen ein gedämpftes polnisches Lied: vier bis fünf Gestalten, dicht von Mänteln verhüllt, strichen schattenhaft durch den Regen vorüber – wie auseinander gerissene Atome fliegt diese Nation mit ihrem Weh in Europa umher, überall begegnet man ihr. Der Sturm verschlang ihre leisen Stimmen, der Regen rauschte, kalt wehte es aus dem Wasser herüber, ich schloß das Fenster, und horchte im Bett dem Toben weiter – vielleicht, dachte ich, ringt ein Schiff draußen auf Tod und Leben mit diesem Wetter, während Du ausruhst von Reise und Drang; das ist die Welt. Am andern Morgen derselbe graue Regentag, von dem alten Schifferweibe geleitet, welche die 41 Reisetasche und den Regenschirm trug, schlich mit fest umgeschlagenem Mantel der Postbeflissene trübselig vorüber, um sich wieder einzuschiffen und seinen Genuß von Swinemünde heimzuführen unter die Briefbücher. Als der Regen etwas nachließ, wollte ich das Meer suchen gehn – ein oberflächlicher Bekannter, oberflächlich für mich und für sich, mit dem ich Gott weiß in welches Herren Land Wein oder Kaffee getrunken hatte, begegnete mir, und suchte mich zu orientiren. Fast vor allen Häusern in Swinemünde sind kleine Leinwanddächer, sogenannte Marquisen, angebracht, die Sonne mag vom Wasser und Dünensand arg zurückprallen, und schattende Bäume fehlen – unter solchem Dache saß ein weißgekleidet Mädchen, ihre dunklen Haare hingen aufgelös't über Schultern und Rücken, ihre Hände waren in den Schooß gelegt, sie sah unverwandten Blickes über die kleine fichtenbewachsene Landzunge nach dem Haff hinaus, wo vor wenig Stunden die Rauchsäule des 42 Dampfschiffes verschwunden war. Was will diese weiß und schwarze Desdemona-Romantik hier im gesunden, sandigen Pommerlande und bei diesem Regenwetter? Das aufgelös'te Haar hätte mich nicht verwundern sollen, alle Damen tragen es nach dem Seebade so, und man sieht sie links und rechts in dieser Manier, als ob Scipio vor Carthago läge, und die Frauenhaare zu Bogensehnen dargebracht würden, wie dort geschehen sein soll. Auch baden die Damen Sturm und Wetter zum Trotz viel hartnäckiger und beständiger als die Männer – Weiber fürchten die Idee der Gefahr mehr als wir, aber der Gefahr selbst stehen sie entschlossener; und was sie angefangen, treiben sie konsequenter zum Ende, vielleicht schon darum, weil es der Formel gewordene Glaube ihnen nicht zugestehen will. Offenbar giebt es viel mehr treulose Männer als Frauen, wenigstens ist der Mann öfter untreu als das Weib – fragt unsre Liebeshelden auf's Gewissen; sie wechseln schon mehr, weil es bei ihnen leichter und spurloser geschehen 43 kann, bei der Frau macht es mehr Eklat, und darum bemerken wir's öfter, und man zählt nur das, was bemerkt wird. Mit diesem weißen Mädchen hatte es aber eine andere Bewandniß. Noch vor einem Monate war sie ein heiteres, lebensfrohes Kind gewesen, und ein schöner Kavalier hatte sich um ihre Gunst beworben, und sie erhalten. Man fragte, ob sie sich verloben würde, dazu lachte sie. An einem sonnenhellen Abende hatte sie mit dem Kavalier unter der Marquise gesessen, das Dampfboot kommt an, und das Mädchen sagte: Dort kommt mein Schatz; der Kavalier küßt ihr die Hand und fragt: Soll der erst kommen? Die Passagiere ziehen mit ihrem Gepäck vorüber, um Wohnungen zu suchen, einer von ihnen, ein junger stattlicher Mann, betrachtet stehen bleibend das Paar durch seine Lorgnette, und es ist ihm anzusehen, daß er die Dame interessant oder schön findet; er beordert die Schiffsfrau, mit dem Gepäck vorauszugehen, und zum Erstaunen des Paares tritt er unter die Marquise, sagt dem Herrn: »Ich heiße 44 Soundso, haben Sie die Güte mich der Dame vorzustellen,« er setzt sich neben sie, erzwingt mit großer Geläufigkeit ein Gespräch, sagt ihr die unumwundensten Artigkeiten, ja Liebeserklärungen, und veranlaßt am Ende den begünstigten Kavalier, der nichts zu sprechen, keine Theilnahme in Anspruch zu nehmen findet, von dannen zu gehn. Das Mädchen, muthig und muthwillig, hat solcher Eigenschaften wegen die Partie nicht ergreifen wollen, welche der Kavalier bei der Zudringlichkeit des Fremden erwarten mochte. Er geht also, dieser bleibt, sein Ton wird dreist wie Romeo's, den er zu seinem Gewährsmann aufführt, aber auch so fesselnd, daß die Dame nicht zum ernstlichen Abweisen gelangen kann – er kommt Mittags wieder, kommt Abends, Tag für Tag, und jedes Kommen ist ein Sturm, der Kavalier, nicht einmal zu einer Vertheidigung gelassen, ist verdrängt, reis't ab, man fragt die Dame wieder, ob sie sich verloben werde – sie schweigt, sie hat den schönen Fremden den ganzen Tag nicht mehr gesehn. Des Morgens, als das Dampfboot zur 45 Abfahrt fertig gewesen, ist er in demselben Rocke, den er an jenem ersten Abende getragen, vorüber gegangen, er hat nur gefragt, wie es ihr ginge, und ob sie ihn noch liebe, und ist lächelnd fürbaß geschritten. An diesem Morgen war er abgereis't, und das Mädchen hat nichts mehr von ihm gesehen und gehört. Ihre Wangen sind noch roth, die schwarzen Augen noch glänzend, wenn auch nicht so glänzend wie früher, nur ihre Munterkeit ist hin, und sie starrt oft nach dem Haff hinaus, wieder jetzt, es gehen auch nicht mehr viel Leute, besonders wenig Damen mit ihr um. Das arme Mädchen soll von ihrer Mutter sehr gescholten und hart behandelt werden. – Freilich ist es den Leuten stets interessanter, die Verwüstungen eines Schlachtfeldes, Unglück und Elend zu lesen, an dessen Mitempfindung sie nicht vorüber können, weil es thurmhoch im Wege liegt, oder schreit. O, seht mitunter auch die kleinen Blumen an, unter deren Kelchblatte der schlimme Wurm nagt. Was war denn das für ein Wurm, den wir da 46 gesehen? Die Dreistigkeit verwöhnter Kräfte, durch steten Erfolg, durch freche Erziehung verwöhnter Kräfte, oder die Waffen und Schutzlosigkeit des Weibes? Ich bat meinen Begleiter, nicht zu anatomiren, und mir den Weg nach dem Meere zu zeigen. Dem fernen Donnern nachgehend kam ich in einen Föhrenwald, welcher drei Schritt hinter Swinemünde beginnt, und bis an die Dünen geht. Man nennt ihn Plantage – der Name zerstreute mein Interesse, und führte mich in die Jugendzeit zurück, nach Glogau auf's Gymnasium, und auf die dürren Spaziergänge um die Festung, wo wir uns von der Wenck'schen Grammatik erholten. Da war eine grüne Gartenanlage, viel schattiger denn Alles ringsum, mitten drinnen stand ein Kaffeehaus von Baumrinde, da saßen die Honoratioren, rauchten Tabak und erholten sich ebenfalls – das Ganze hieß die Plantage. Wir kleine Brut durften uns nicht hinein wagen, und lauschten und kuckten heimlich über den niedrigen Zaun, die vornehmen Mädchen in schönen 47 Kleidern anstaunend, seufzend und weiter springend. Die vornehmen Leute haben's doch gut, sagten wir, und besonders die Mädchen, sie brauchen keine Vokabeln zu lernen, überhaupt nichts zu lernen, hübsch sind sie ja von Natur alle. – Die vornehmen Leute waren Rendanten, Lieutenants und Capitains, Kanzlei-Inspektoren, Gymnasiallehrer – jetzt konnt' ich viel vornehmere Leute haben, und sie interessirten mich nicht – das Verhältniß ist Alles, Alles liegt nur in uns, alle Färbung, aller Reiz, draußen ist Alles und draußen ist nichts. Mit aufgelös'tem Haare fuhren schöne Mädchen an mir vorüber – was kümmerte mich's! Es war kein Glaube in mir, kein Vertrauen, gereizt zu werden. – Da glaubt man, das bischen Mädchenherz mit der Neigung hierhin, der Neigung dahin auswendig zu wissen; und die Männer! der will Politik, der Geld, der Titel, und Jeder will es matt, und wenn er ganz will, und mit dem Kopfe anrennt, so heißt er ein Narr – wozu reden mit diesen Leuten, welche vom Bade zurückkehrten! 48 Man sieht, es war eine ganze Gegend des Schönebergers wie ein braunes Moor mit Heidekraut in mir aufgeblüht. Dann hofft man thöricht auf Masseneindrücke, ich dachte: das Meer wird Dich zwingen. So kam ich an die Dünen. Das sind kleine Sandhügel, drei, vier, fünf Schritt hoch, welche das Land vom Meere scheiden. Sie haben den schönsten Streusand, und sind offenbar für die Kanzleien und Sekretairs geschaffen; traurig, halmartig vereinzeltes Struppgras sprießt aus ihnen, so daß sie ganz das Ansehn eines alten, grauen Mannskopfes gewähren, der schlecht barbirt ist. Es ist einzugestehn, daß die See viel zu thun hatte, wenn sie auf einen so Vorbereiteten, dermaßen Profanen erklecklich Eindruck machen wollte. Ich trat auf die Dünenspitze – Meer! Ostsee! Schwarzgrün, mit weißem Schaum bedeckt, kam sie daher, als wollte sie weit hinein in's Land, wenigstens bis Angermünd oder Neustadt Eheswalde, hielt aber still an dem ebenen Sandufer, noch eine ganze Strecke jenseits der Dünen. – 49 Von Ewigkeit, von Unendlichkeit, von Menschenkleinheit, von wüster Absolutheit sollt' ich durchdrungen sein, das gilt für die kourante Art, wie man empfindet beim Anblick des Meeres, und wer dergleichen Empfindung nicht zur Hand hat, das ist ein verwahrlos'tes Geschöpfe. Ja, ich war ein verwahrlos'tes Geschöpfe, aber ich trug die Schuld nicht allein, sondern der Schöneberger und die Ostsee selber. Der Schöneberger nämlich ging am Strande spazieren, um erquickende Seeluft zu genießen, hatte sich aber gegen etwaige Erkältung dermaßen in Pelzmütze, Mantel und Wasserstiefel eingepackt, daß schier allein die gesunde Schnupftabaksnase der Seeluft theilhaftig werden konnte. Und die Ostsee war mir zu genirt, um einen überwältigenden Eindruck ohne Weiteres auf mich zu machen. Rechts laufen die sogenannten Molen ein langes Stück hinaus in's Meer, an deren Spitze der Leuchtthurm, links tritt die Küste mit den rothen Dächern von Häringsdorf auch ein wenig vor, aufdringlich für das Auge – 50 was den Eindruck der Unermeßlichkeit betrifft, da ist das Meer nur Meer, wenn man eben nirgends einen Maaßstab sieht. Sobald man wegdenken, hinzudenken muß, da ist eine kombinirende Thätigkeit von uns in Anspruch genommen, und die unmittelbare Illusion ist gestört; Illusion ist eben etwas Unmittelbares. Weiß ich doch, wie es mir mit Venedig ergangen ist: eine Wasserstadt fand ich, aber Meer, Meer, das Meer der Dichter suchte ich umsonst. Dann, als ich des Morgens auf dem Schiff erwachte, was mich nach Triest trug, und mit dem grau dämmernden Tage auf das Verdeck kletterte, und nichts erblickte als Himmel und Wasser, da fiel der Göttergedanke des Meeres wie eine neue Welt auf mein Herz, da sah ich mich Aug in Auge mit der ewigen Gottheit, ein Menschenflocken mit ohnmächtigen Gliedern und einem allmächtigen Geiste, einem Geiste, der sterben kann still und fest – das war Meer. Auch die roth aufgehende Sonne wohnte nur im Meere, und sah nichts als Meer. Alles war Meer 51 – der Vogel, den man sieht, braucht keinen Zweig, um darauf auszuruhn, er schläft auf der Woge; dann ist es eine selbstständige, ungeheure Welt, die mit ihrer ganzen Masse uns befängt, weil wir allein nicht hinein gehören. Wenn ich links und rechts Land sehe, wie hier auf einer Düne bei Swinemünde, wer bürgt mir denn dafür, daß da hinten der Wasserhorizont meeresweit hinausreiche? Kann nicht gleich dahinter Land sein? Muß ich denn der Landkarte aus dem geographischen Institute zu Weimar glauben? In Weimar kann man sich ja auch mal irren. Meer ist nur das Zweifellose; was ich vor mir sah, war nicht die See, sondern nur die Ostsee. Aber auch eine bloße See, eine mediatisirte, die keine Souverainität besitzt, hat ihre großen Reize: ich habe doch stundenlang an ihr gesessen und ihrem einförmigen Treiben zugesehn, und gefühlt, wie sehr man sie lieben kann. Aus dem Philisterthume, den kleinen Verhältnissen und Bewegungen, aus der trivialen Duodezwelt ist man gerettet, die uns mit 52 Nasenstübern tödtet, dem ächten, ursprünglichen Pulsschlage der Schöpfung ist man näher – da, mit den Meereswogen kommt nichts Verbrauchtes, Destillirtes, nur Elementarisches bewegt sich, was direkt aus Gottes Schooß entsprungen ist; der Meeresstrand ist das schönste und größte Kämmerlein, wo nichts Gemeines stört. – Unter die Badehütten, welche vor mir lagen, hatte sich aber zu abscheulicher Ironie ein kleiner hoffnungsvoller Pommerknabe geflüchtet, um den Gesundheitsgöttern sein Frühopfer zu bringen, der Bademeister, welcher so etwas wittern mochte, umkreis'te die Anstalt und überraschte den offenen Pommeraner in Flagranti – es sollte mir heute auch keine Gedankentäuschung verstattet sein. Die vor mir liegenden Hütten sind nur das, was man ein Seebad nennt: auf hölzernen Stegen findet sich ein Quantum Kammern zum Auskleiden, und offene Stege führen etwas weiter in's Meer hinein; in weiße Tempelherrnmäntel gehüllt wandeln die Entkleideten da umher, bis ihnen der Moment 53 kommt, hineinzuspringen. Kränkere, oder die sich sonst mehr separiren wollen, finden zwei große Badekutschen, das heißt mit Leinwand überzogene, auf 4 Rädern stehende Kasten; diese sind schon so weit hineingeschoben in See, daß man von ihnen aus gleich in eine genügende Tiefe des Wassers steigen kann. Wer bei mangelndem Wellenschlage das Wasser stürmischer auf den Leib oder auf bestimmte Theile des Leibes haben will, den versehen Badediener mit genügenden Kübelstreichen, das heißt sie versetzen ihm aus ledernen Kübeln, die etwa wie Feuereimer aussehn, so geschickte Wasserstreiche, als man nur verlangen kann. In der See selbst ist Hauptsache, die heranbrausenden Wellen da aufzufangen, wo sie sich am stärksten brechen. – Das ist alle Verrichtung und Wissenschaft eines Seebades. 54     Die Saison. Die war vorüber in Swinemünde, aber der Nachsommer war noch zu finden. Equipagen, Krankheits- und Gesundheitsklatsch, Geschichten, recht viel Geschichten, Partieen, Sonnenschein und Regen. Darin besteht Saison und Badeleben. Im Seebade ist aller Mittelpunkt der Wellenschlag: erst spricht man davon, ob welcher sein wird, dann ob welcher ist, zuletzt, ob welcher gewesen ist, und dann geht's wieder zum Futurum. Das hat sein Einfaches. Für die ersten Tage ist auch die Gesellschaft ohne Ertrag für den einzelnen Ankömmling, denn sie hat auch einen Haupttheil ihres Reizes in ihrer Geschichte, 55 man muß erst Neigung oder Abneigung oder Gleichgültigkeit für Diesen oder Jene in sich aufgefunden, man muß erst irgend einen Bezug haben, ehe man einen Reiz gewinnt. Also Partieen und Geschichten waren der mir angedeutete nächste Beruf – die ersten Seebäder wirkten aber Schönebergisch auf mein Gemüthe, ich war stumm, einsiedlerisch, braunmelancholisch. Was Partieen! Sand, Fichten, Fläche, Wasser, was für Partieen kann solche Komposition geben? Es passirte also in den ersten Tagen nichts als Schwermuth, Lectüre, Betrachtung über die Nachbarschaft, und der unerwartete Besuch einer Dame, welche mich für einen Doktor der Medizin hielt, und mir all ihre epileptischen Leiden bis in's Detail zur Kur vorlegte. Ihr Vortrag war von jener Art, wie Wieland zwei eiserne Drescher schildert, die am Eingang des Thores so schnell und dicht arbeiten, daß sich kein Sonnenstrahl zwischen ihre Schläge drängen kann – meine Bemerkung, ich sei ein unglücklicher Philosoph, welchem die Enthüllung solcher vierzigjährigen Mysterien ebenfalls nur Unglück brächte, 56 war auf keine Weise einzuschieben, und ich mußte mich schweigend in das epileptische Schicksal ergeben. Als die Dame so weit erschöpft war, für meinen Rath eine Pause zu gestatten, sagte ich ihr, sie solle heurathen. Darauf lächelte sie, und ließ sich dahin vernehmen: Bisweilen habe sie auch wohl daran gedacht, aber sie sei es bis jetzt allein gewesen, welche diesen Gedanken empfunden habe. – Mit aller Anerkennung dieses letzten Ausdrucks wünschte ich ihr Besserung und empfahl mich und meine Ruhe. In meiner Nachbarschaft war auch nicht viel Freude: es gab da ein ganz artig schwarzäugiges Mädchen, aber sie war blos da, wie die Mutter sagte, um auf andere Gedanken zu kommen. Das ist immer übel, wenn es darauf abgesehen ist, denn die Gedanken eines Mädchens sind zärtliche Empfindungen, und daran ändern zu müssen ist ein Uebelstand. Das Mädchen liebte nämlich einen Künstler, und die Mutter sagte, ihre Tochter habe sich in einen Komödianten vergafft, und es gäbe kein 57 größeres Kreuz. Gegen diesen Komödianten sollte nun Swinemünde auch helfen; bekanntlich hilft das Seebad gegen Alles. Ich hatte das Unglück, diesen dramatischen Künstler auch zu kennen, und diese Bekanntschaft mußte ich mit dem etwaigen Interesse bezahlen, welches mir das schwarzäugige Mädchen hätte gewähren können. Für mich war Alles unliebenswürdig an diesem Liebhaber – es ist solch ein alter trivialer Kram, aber er ist noch immer von unermeßlicher Wichtigkeit, daß der öffentlich auftretende Mensch einen außerordentlichen Reiz ausübt auf die Mädchen. Sie hüllen ihn verschwenderisch in alle schön gefärbten Luftschichten der inneren Romantik, welche ihrer Ahnung und ihrer Wunscheskraft zu Gebote steht. Wenn ich so fort laborirte, kam ich aber auch nicht einmal zu Badegeschichten; ich schloß mich also an einen rüstigen Badegast, machte Partieen und ließ mir erzählen. Es war ein Buchhändler, der schon ein bewegtes, erfahrungsreiches Leben durchgemacht, zur 58 Napoleonischen Zeit mit Noth und Gefahr der Konskription sich entwunden hatte, und auf dieser Flucht nach Oesterreich und bis tief nach Ungarn hinein gerathen war. Diese Schöpfung eines eignen Lebens übt stets ihren Eindruck, weil wir die ursprüngliche, selbsteigne Kraft des Menschen, die eigentliche Produktion wirksam sehen: Der Vater, ein leidenschaftlicher Franzosenfeind, hatte den Knaben bis an's Thor geleitet, ihm vier Thaler gegeben, den Weg aus dem Königreiche Westphalen gewiesen, und ihn dann mit seinem Segen entlassen. Gott allein, dem weiten Himmel heimgegeben, war der Knabe hineingezogen in's Blaue, Aehrenfelder und Gräben hatten ihn vor den Franzosen verbergen müssen, und so war er glücklich bis Leipzig gekommen; eine Dresdner Krämerin, beschäftigt, Kaffee zu paschen, hatte ihm bis Dresden einen Sack zu tragen und dafür ein Paar Mahlzeiten gegeben, in Dresden war beim österreichischen Gesandten weitere Hilfe nachgesucht und gefunden worden. – 59 Jetzt wanderte er mit mir durch den tiefen Sand nach einem Walde, hinter welchem Corsuand, eine gepriesene Swinemünder Partie liegen sollte– dieser erste Besuch ist mir auch der liebste geblieben: ein prächtiger voller Wald führt eine Stunde weit zu einem schweigenden, an schwarzen Seen gelegenen Dorfe, wo ein trefflich Unterkommen zu finden ist. Der Wald ist nur außen mit trocknen, inproduktiven Kiefern umkränzt, wie man ein reich Geschmeide in unscheinbares Futteral verbirgt, innen locken dunkel und erquickend die tief gefärbte Laubbäume, es klingt der ruhende Wald, es herrscht die schattige, flüsternde Lebensstille, die so kräftig zum Einkehren in sich selbst ladet, zum Verkehr mit dem Weltgeiste, zum Gedächtniß an ferne Liebe, an unbefangenes Kindesgefühl, zum Glauben an's Gute, zum Glauben an Ruhe und Glück, zum Glauben an Ehe, zum Glauben an Geister. Wald, prächtiger, klingender Wald, du bist ein Element von ewig thätiger, ewig schöner Kraft; du bist des Nordens schönster Reiz, der Schooß unsrer 60 Gemüthswelt, die einen poetischen Ausdruck sucht – unsere und Englands grüne Wälder mag uns der sonst reicher beglückte Südländer beneiden. Und wir haben's erkannt, was wir daran besitzen, wir haben das Wort dafür erfunden, ruft »Wald« hinein unter die Bäume, alle die schönen natürlichen Reime darauf rufen Euch hell zurück, daß Ihr das rechte Wort, den klaren Namen gefunden habt, auf welchen das Kind der Natur hört – Rufet hinein in den dunklen Wald, Horcht, wie klar es zurücke schallt, Gleich Gottes ew'ger Stimme hallt: Ich bin der Wald, der ew'ge Wald, Bin immer alt, erfrischen kalt, Bin immer jung. Sucht Dämmerung, Sucht Ahnung und Erinnerung, Und Harzes Duft, der kräftig wallt, Des Echo's Lust, die widerprallt Der Hoffnung süßes, schönes »Bald!« Des Lebens innerste Allgewalt Im Wald, bei mir, im ew'gen Wald! 61 Nur ein bornirter Literarhistoriker wird es übersehen, wie reizend und trefflich die romantische Schule dieses schöne Stück Welt uns aufgeschlossen, den Wald mit seinen Stimmen und Geistern, seinem stillen rastlosen Leben und Weben; wenn ich ein Buch von Eichendorff in die Hand nehme, da dringt mir frisch dieser Waldgeruch entgegen, das Wild ruft, an seine fröhliche, gesunde Existenz mahnend, die Vögel singen, die Blätter flüstern alle die ahnungsschwangeren Lieder, welche die süße Sehnsucht unsers Herzens wecken. Mag gesagt werden, daß diese Poeten darin des Guten zu viel gethan, daß sie sich in der dämmernden Naturwelt verschlummert haben, geht's uns nicht mit allen Dingen so, haben sie nicht alle ihre Spitze in dieser Endlichkeit, kann die Liebe nicht Liebelei, der Reiz nicht Ueberreiztheit werden? Wenn wir in den Wald treten, in den ächten, tiefen, dunkelgrünen, geheimnißreichen, dann laßt sie unbefangen heraus aus Eurem Gedächtnisse, alle die Lieder, die alten – 62 – »Da rauschten Bäume, sprangen Vom Feld die Bäche drein, Und tausend Stimmen klangen Verwirrend aus und ein.« »Kennst du noch die irren Lieder, Aus der alten schönen Zeit? Sie erwachen alle wieder Nachts in Waldeseinsamkeit, Wenn die Bäume träumend lauschen, Und der Flieder duftet schwül, Und im Fluß die Nixen rauschen – Komm herab, hier ist's so kühl.« – »Nächtlich macht der Herr die Rund', Sucht die Seinen unverdrossen, Aber überall verschlossen Trifft er Thür und Herzensgrund, Und er wendet sich voll Trauer: Niemand ist, der mit mir wacht – Nur der Wald vernimmt's mit Schauer, Rauschet fromm die ganze Nacht.« – Hat doch die Nachtigall auch nur ein Lied, was sie immer wieder singt – Ihr sollt sie ja 63 nicht Tag und Stunde hören, der Himmel, der das Alles wohl am Besten weiß, hat's auch nicht so eingerichtet, sie schweigt gar lange, aber wenn sie singt, ist's Euch auch ein Zeichen, daß linde Lüfte und grüner Drang gekommen sind. Singt mir im Walde die Dichter, und kritisirt sie nicht. Seid Ihr nie mit Eurer Liebe durch den Wald gegangen? O, wie werdet Ihr Euch daheim fühlen, in der Welt ohne Arg und ohne Feinde, in dem Rauschen von tausend Freudesahnungen, für welche wir Armen noch keinen Ausdruck gefunden haben; und wenn Ihr küßt und Euch dann umschaut, so nicken alle Zweige, und der Liebe Odem und Gottes Odem sind Eins und spielen wie ein weicher Aethertraum um Eure Sinne, und wenn es regnet, wie wird Euch heimlich unter den Buchen! – Der Buchhändler sagte: Aber warum schreiben Sie nicht über meine Verlagswerke so, wie Sie diesen Wald bei Swinemünde betrachten und durchspringen? 64 Ach, wirklich, wir sind in der Nähe von Swinemünde, das hatte ich ganz vergessen – wer vermuthet hier, weithin von Waldrändern umsäumt, eine verschwiegene Landschaft mit dunklen Seen! Schauen Sie, da hinten fliegt ein Reh durch die Buchen, und dort, wirklich, als hätten wir uns die Romantik bestellt, dort hinten im Einbug des See's geht ein Fischreiher seinem Fange nach, der Gänsehirt am Waldeshange schläft mitten unter seinen Pflegbefohlnen. Da uns der Weg nach Corsuand so gut gerathen schien, machten wir uns anderen Tages zu einer neuen Partie auf, nach dem Golm. Das ist ein Berg, von welchem die Aussicht rings auf die Gewässer zu finden sein sollte. Der Weg führt durch einen sandigen Kieferforst, und läßt wenig erwarten – da zeigt sich rechts, hinter einer Moorwiese, ein grün bebuschter Hügel. Dorthin fochten wir uns durch sumpfige, extemporirte Pfade, und 65 eine Laubholzung bergauf passirend, die frisch und kräftig war, erreichten wir bald die mäßige Höhe. Ein feiner Staubregen perlte auf die Blätter, ein Wagen, für den die Straße bis hierauf gangbar ist, stand unter den Bäumen, eine Dame saß unter einer großen Bude, welche für die Besucher errichtet sein mochte, die aus einer nahe liegenden kleineren mit Kaffee und Imbiß versorgt werden konnte. Auf dem Gipfel des Berges, denn das eben Beschriebene fand sich auf der letzten Lehne desselben – steht eine kleine gemauerte Warte, oder ein Tempelchen, wie man es nennen will, eine Mauer nach der Rückseite des Berges, ein Paar schmale Seitenwändchen, ein Paar Säulen, wenn ich mich recht erinnere. Dort war die Aussicht und ein interessant aussehender Herr zu finden, wahrscheinlich die Ergänzung der unten sitzenden Dame; denn unsre Damen haben sich so sehr alle Selbstständigkeit entwinden lassen, daß man sie immer nur halb zu sehen glaubt, wenn sie uns in freier Natur allein begegnen. Die Aussicht ist ganz 66 besonders: rechts hinter Bäumen, welche diesen Augenblick verregnet waren, das Haff mit breitem, nebelbedeckten Wasserspiegel, links wiederum Wald, und dahinter der Swinespiegel und die gelben und weißen Häuser Swinemündes, dann ein neuer Waldstreifen, und über diesen hinaus als Horizont das Meer, rückwärts nach allen Seiten Bergwald. Vom Lande zu fegten Regenwolken, nach Swinemünde und dem Meere zu war es licht, als ob da Hoffnung und Rettung von den Kümmernissen und Beschwernissen des Landes zu finden sei, bei Madame Hannemann in der Lootsenstraße, welche der Herr Major als eine sehr preiswürdige Conditorin zu empfehlen pflegte. – Die können auch wirklich Rettung und Hoffnung brauchen, flüsterte mein Begleiter, und wies auf den Herrn und rückwärts auf die einsame Dame. Der Herr sah wirklich auch besonders aus: groß, blaß, phantastisch bärtig, fliegendes Halstuch, schmerzhaft gekniffene Lippen; sah starr über das Haff hinein, und mochte vielleicht mit 67 mir den Gedanken haben, wie viel Weh dort hinter dem weiten Wasserspiegel wohnen und sprützende Regenwolken senden möge. Rasch ging er an uns vorüber und rückwärts in den Wald, die Dame blieb einsam unter der Bude, hatte sich tief in ihr Umschlagtuch gehüllt, und den Kopf auf die Brust gedrückt. Dies war die Situation, als ich folgende Geschichte erfuhr – damit der Leser nicht für unsre Gesundheit fürchte, sei noch bemerkt, daß ich und mein Begleiter in dem halbwüchsigen Tempelchen saßen und nur von vorne naß wurden. Drinnen im Laube, in einer fruchtbaren Marschgegend liegt ein wohlhäbig Dörfchen mit weißer Kirche und sicher und reichlich gebautem Pfarrhause. Die Pfarre ist gut und bringt mehr als das Nöthige, der Pfarrer ist von jener gutmüthigen patriarchalischen Beschränktheit, welche alles Genüge in einer dreißig Jahre unveränderten Thätigkeit findet. Er predigt, wie es ihn auf der Universität gelehrt ist, er hat für jeden vorkommenden Fall seinen guten 68 Spruch, er hält die Menschen bis auf ein Bischen Erbsünde alle für sehr gut und brav; was die Weltleute die Welt nennen, das kennt er nicht, und er sagt von ihnen: sie werden wohl auch mit einander und mit dem lieben Herrgott fertig werden. So beschaffen sitzt er am Sommerabende vor seiner Hausthür unter dem Kirschbaume und raucht Tabak aus einer dicken Pfeife; seine älteste Tochter sitzt neben ihm und näht, die jüngste springt singend ab und zu. »Man kann doch wirklich drüber nachdenken« sagt er zur neben ihm sitzenden Tochter Elisabeth, wie er das alle Jahr ein Paar Mal zu sagen pflegt, »ich sage, und wiederhole es, man kann darüber nachdenken, und zwar ernstlich und bedächtig, woher Hannchen das viele Temperament hat. Eure selige Mutter war eine stille Frau, und ich habe auch nie Veranlassung in mir wahrgenommen, so beweglich, zum Singen und Springen aufgelegt zu sein, wie unser fröhliches Mädchen da.« – Damit wollte er keinen Tadel ausdrücken, er hatte gar nichts dawider, und Elisabeth liebte 69 Hannchen auch sehr, der Herr Pastor gab nur eine seiner oft wiederkehrenden Notizen, welche diesmal durch das Hervorspringen und unausgesetzte Bellen des Hausspitzes unterbrochen wurde. Ein junger Wandersmann zog des Wegs daher, und dadurch wurde Spitz beunruhigt, seine Unruhe zog auch Hannchen an die Thür, und so sah der Wanderer, ein junger Maler, eine Gruppe unter dem Kirschbaume, welche ihn festhielt. Er blieb stehn, Spitz vom Herrn Pastor gerufen, knurrte nur noch, und ging vielfach umblickend bei Seite. Die Gruppe interessirte den Maler: es war ein Kirschbaum, ein alter Herr mit schwarzem Rocke und weißen Haaren, die älteste Tochter mit blaßem Antlitze, schwarzen Locken und dunklem Kleide und das siebzehnjährige Hannchen, weiß gekleidet, mit fliegenden nußbraunen Haaren, frisch und fröhlich aus glänzend braunen Augen lachend. Diese letztere interessirte auch den jungen Mann, der nicht bloß ein Maler war. Nach einigen Tagen ist er ganz heimisch, er malt ein Altarblatt für die Kirche, und er und 70 Hannchen lieben sich, sie sitzen heut allein unter dem Kirschbaume, und sie erzählt ihrem Guido, was sie getrieben habe die siebzehn Jahre hindurch. Der Vater hat nichts gegen die Liebe einzuwenden, was sollt' er auch? Guido ist ein schmucker junger Mann, bemittelten Standes, malt schon sehr schön, und wird nach zwei Jahren in Italien seine Kunst studiren, dann Hannchen heurathen und in der Residenz sich niederlassen. Schwester Elisabeth, ein wenig an der Brust leidend, ist ein sehr gutes Geschöpf, und freut sich über Hannchens Glück. Der junge Maler malt und liebt, der Winter vergeht, der Frühling kommt, das junge Liebespaar streicht durch Felder und Wälder, und freut sich der schönen Welt; als der Abschiedstag da ist, wird heftig geweint und tüchtig gehofft und versprochen. Es kommt der Sommer, und Hannchen wird traurig, sie fühlt sich krank, und der Vater schickt seine beiden Kinder nach der Residenz, um einen alten Universitätsfreund, der ein berühmter Arzt geworden ist, zu fragen, was ihr fehle, denn sie 71 wußte selbst nicht, was es sei. Auch Elisabeth hustet mehr, der Herr Doctor soll beiden helfen. Das ist ein liebenswürdiger, freundlicher Mann, welcher sich der Sache nach Kräften annimmt: Elisabeth schickt er gleich wieder zum Vater zurück, mit der Weisung, Molken zu trinken, Hannchen soll bei ihm bleiben, bis sie genesen sei, des Arztes Frau, eine sehr verständige Dame, welche aus Neigung mit keinerlei Gesellschaft verkehrt, nimmt sich mit mütterlicher Theilnahme des Mädchens an. Im nächsten Frühjahre ist Hannchen wieder gesund und munter, ihr Aussehen ist wunderbar gereift, und der Vater ist sehr erfreut, sie wiederzusehn. Zum Winter aber will sie der alte ärztliche Freund so gern wieder bei sich haben, sie fehlt ihm, das heitre, gelehrige Mädchen, und besonders seiner Frau, von der sie so Vielerlei lernt. So vergeht der nächste und noch ein Winter, Hannchen ist bald in der Stadt, bald auf dem Lande, sie ist eine reizende, von aller Welt gesuchte, sehr unterrichtete, liebenswürdige Dame geworden, der 72 alte, einfache Papa weiß sich manchmal gar nicht in das kluge Kind zu finden, und sagt nur immer: Was wird sich der Guido freun! Und schreibt er auch fleißig? Das Altarblatt ist noch immer so schön wie damals – Er schrieb nun eben nicht fleißig, und wenn er es that, so war immer viel von andern Frauen die Rede, bei welchen er Glück machte, die ihn auszeichneten. Anfangs schmerzte das Hannchen, später verdroß es sie, und es ereignete sich nun gar Folgendes: Ein junger Arzt, der bei ihrem Pflegevater aus- und einging, bewies ihr jene innere Freundlichkeit, welche der Vorbote stärkster Gefühle ist, und selten verfehlt, auch das Herz zu bewegen, welches den Eindruck geschaffen hat – kurz, die beiden Leute waren bald ein Herz und eine Seele und liebten sich sehr. Der junge Arzt war reich, und hielt um Hannchen an; sie erschrack zum Tode; jetzt erst fiel ihr Guido ein – nicht daß sie Gedächtniß oder Gefühl für diesen gestört und gehindert hätte, nein; aber sie weinte bitterlich. und 73 erklärte, Gustav, den jungen Arzt, nicht heurathen zu können. Dabei fiel sie ihm um den Hals, und wiederholte unter Schluchzen die innigsten Liebesversicherungen. Das ging so eine Zeitlang hin, bis Gustav es nicht mehr trug, und auf das Entschiedenste drängte. Hannchen fuhr hinaus zum Papa, und ließ ihrem Liebsten ein Billet zurück: »Sprich mit dem Onkel und der Tante, und frag' sie über mich – wenn sie Dir Alles gesagt haben, und Du willst mich noch heurathen, dann hole mich nach der Stadt –« Der alte Freund des Vaters und seine Frau hatten allmählig die Namen Onkel und Tante von ihr erhalten. Gustav eilte zu ihnen, Hannchen saß beim Papa im Zimmer, und weinte; ach, was hatte sie Alles zu weinen! Schwester Elisabeth, die gute, war gestorben, Guido hatte plötzlich seit langer Zeit wieder einmal geschrieben, und mit den Worten seine nahe Ankunft gemeldet, daß er sein Versprechen zu halten komme; es war der zweite Tag schon, 74 den sie aus der Hauptstadt war; wenn Gustav sie holen wollte, so konnte er schon sechs Stunden lang da sein, sie sah unverwandt auf die Landstraße. – So vergingen sechs Tage, da kam ein Reiter, der hieß aber Guido. Guido hatte gerade so viel Erziehung, daß er's für seine Schuldigkeit hielt, Hannchen zu heurathen, obwohl er diese Jugendliebe lang vergessen hatte – nach einiger Zeit geschah denn auch die Hochzeit, und Hannchen holte das kleine blonde Mädchen nun herbei, was sie damals im Winter bei der Tante geboren hatte, dessen Vater Guido war, und welches all das Unheil verschuldet hatte, was nun hereinbrach. Denn Guido und Hannchen liebten sich schon lange nicht mehr; die Dame unten in der Bude war Hannchen. – 75     Nach Rügen. Ein gefälliger Hausgenosse weckte mich mit der Nachricht, es liege ein kleiner Schooner zur Abfahrt nach Rügen bereit, in zehn Minuten gehe er in See. Ich entschloß mich schnell, flog in die Kleider, steckte ein Paar Bücher in die Manteltasche, wie arme Leute ein Stück Brot überall mitnehmen, und sprang an's Bollwerk. Das Dampfschiff ging nicht mehr, eine Privatfahrt auf kleinem raschem Schooner war das einzige Mittel, die gepriesene Insel, Deutschlands Thule, zu sehn, und es wäre mir doch eine Schande für die Abendzeitung gewesen, hätte ich mich an der Ostküste herumgetrieben, und 76 die officielle Insel der Reisenden nicht besucht. Luisa, die dienstbare, stürzte mit zween Buttersemmeln hinter mir drein, denn ich hatte das Frühstück im Stich gelassen, aber wie Ariadne streckte sie erfolglos die Arme nach dem Wasser, wir lavirten bereits aus dem Hafen; wenn Theseus auch gewollt hätte, und er verlangte wirklich nach den Buttersemmeln, das Geschick und Schiffer Ulrich wollten nicht. Das kleine Fahrzeug war ganz vollgepfropft von Reisenden, kaum fand ich einen bescheidnen Platz, und dachte, zurückgezogen mich in den Mantel hüllen und den Elementen wie dem kleinen Menschenhäuflein ungestört zuschaun zu können. Aber Schriftsteller sind wie Gebrandmarkte oder Lorbeerbekränzte – in diesen Extremen bewegt sich ja auch zumeist ihre Existenz: sie sind nirgends unbekannt. Aus diesem fremden chaotischen Knäul wickelte sich schnell ein muntrer Sachse, dem ich schon einmal begegnet war, und der mich begrüßte. Die Gesellschaft, meist aus Studenten und jungen Gelehrten bestehend, diesen privilegirten Reisenden unsers Vaterlandes, 77 war sehr munter, wenn es auch nur eine angewöhnte Munterkeit war – namentlich die Studenten lärmen vielfach in einer Tradition unächter Lustigkeit – und erklärte, das junge Deutschland sei nur auf dem Lande verboten, und auf der See könnte man's leben lassen. Oeffentliche Personen erkaufen den etwaigen Ruhm, oder die Renommée, wie man das Wort schattirt hat, immer mit verletztem Schamgefühl, die Welt rächt alles Heraustreten auf irgend eine Weise. Das leichtblutige Mädchen bezahlt seine Lust mit Flüstern und Fingerzeigen, was ihr begegnet; die Cavallière fiel darüber in's Kloster und in den Tod, und seit einigen Jahrzehnden behandelt man die kouranten Schriftsteller eben auch wie Maitressen des Publikums. Aber auch das wirkliche, heraustretende Glück findet seinen Neid, findet sein Lob – Lob ist ja auch eine Verletzung, wenn auch mit Blumen. Indessen früh auf dem Meere gibt's erquickendere Gedanken – die Sonne stieg glänzend über das Wasser empor, frisch und voll blies der Südost in 78 die getheerten kleinen Segel, die pommersche Küste sah grüßend mit dunklem Walde nach uns her, die weißen Häuser von Häringsdorf, was eine Stunde nordwestlich von Swinemünde auf einer Strandhöhe liegt, glänzten und lachten. Dieses kleine Seebadetablissement nimmt die Ruhesuchenden freundlich auf, hier stört kein Gesellschaftshaus, keine eigentliche Saison, das Meer ist im Gegensatze zu Swinemünde dicht dabei, Poeten, die keine bewegte Welt brauchen, die eine halbe Einsamkeit suchen, das Langweiligste für Andere, die Genrebilder wünschen und Sonnenaufgänge nach der Melodie: »Flammenhufig erhebt sich das Gespann Der Sonnengott kommt tönend an« solche Poeten, resignirt habende Mädchen, welche deklamiren: »Nur die Natur ist ewig gerecht«, Professoren – Frauen mit vieler Familie, die einer Seewäsche bedarf, Diätetiker mit starken Grundsätzen und andre ehrliche Leute, alle die mit einem Worte, welche nicht in Swinemünde oder sonst wo baden 79 wollen, wohnen in Häringsdorf. Man lasse sich nicht verleiten, den Namen von Wilibald Alexis herzuleiten, weil er im bürgerlichen Leben schlechthin Häring heißt und in Häringsdorf ein Haus besitzt; dieser Name hat eine andre Geschichte: ein Fürst hat hier gefrühstückt, und man hat ihm als Landesprodukt Häringe vorgesetzt, dafür hat er dem Oertchen solchen Namen verliehen. Uebrigens ist's einer von den Orten, an welchen sich seit Jahren ein und dieselbe Drohung knüpft, man sagt nämlich in jeder Saison: Häringsdorf wird Swinemünde vernichten. Dies soll ein Hauptgenuß in Häringsdorf sein. Immer weiter linksab blieb uns die Küste, keck und kühn ging's mitten in See hinein, und die waldigen Uferberge von Usedom wurden ferner und blauer. Wenn ich in eine unbekannte Gesellschaft trete, so stellt sich mir oft das Bild der blos idealistischen Poesie entgegen, die in ihrer Phrasenunbestimmtheir gar keinen Eindruck gewährt; solch eine Gesellschaft 80 ist ein Chaos, aus welchem sich erst nach und nach die Einzelnheiten absondern, und durch ihre Einzelnheit werden die Gestalten erst Gestalten. Einer spricht viel, der Andre wenig, Einer hat eine große Nase, der Andre rümpft eine kleine, Jener zeigt seine Wäsche, Dieser gar keine. Jener sagt Deutschland und seine Bewohner, Dieser »Teutschlands Söhne.« Auch auf dem Schooner sonderten sich mir die Figuren erst, als wir schon auf hohem Meere waren. Zunächst unterschied sich ein Privatdocent als sehr ruhmredig, und das Thörichte wagend, um einen Theil seiner Versprechungen wahr zu machen: er wollte auf allen Meeren gewesen und auf den Schiffen ganz zu Hause sein. Dies zu beweisen kroch er am Hauptmast in die Höhe, die Strickchen benutzend, welche das Segel daran befestigen, und bald saß er denn auch zu Ulrichs kopfschüttelndem Mißbehagen über dem Segel in einer sehr unbequemen Stellung, die er uns als sehr genußreich anpries. Dergleichen erwartet man von einem Schiffsjungen und dem sehen wir ruhig zu, 81 aber ein Privatdocent mir langem schwarzen Rocke nimmt sich ganz schlecht dabei aus, weil es immer eine Gefahr für ihn bleibt, und der Gedanke daran die Zuschauer stört. Wer unnütze Gefahr aufsucht, blos um die Augen auf sich zu ziehen, ohne daß man ihm ein freches, wirklich innerliches Behagen am Gefahrvollen ansieht, der erreicht auch nicht einmal den nächsten Zweck der Prahlerei. Weil die Spannung zu lang dauerte, vergaß man am Ende den Privatdocenten und sah nicht mehr hinauf; dies bewog ihn, seinen genußreichen Sitz aufzugeben, und am Spiegel des Schiffes mit Ueberbaumeln sein Heil zu versuchen, welcher Versuch auch nicht die genügende Würdigung fand. Plötzlich wurde der Polytropos von der Seekrankheit überfallen, und verschwand vom Schauplatze, das heißt, er legte sich den Umständen angemessen nieder. Neben mir arbeitete ein kleiner renommistischer Fuchs aus Halle, welcher wie gewöhnlich seine große Unkultur und große Muthlosigkeit hinter großen 82 Worten zu verbergen suchte. Wollen diese Flegeljahre deutscher Bildung, die Studentenjahre, in späterer Zeit überhaupt nicht mehr gefallen, weil sie sich abgerissen von aller Gesammtheit als eine forcirte Idealistik hinstellen, wo für den Erfahrenern die Illusion abgeht, so macht ein Fuchs unsrer Tage, der bei einigem Verstande gar nicht mehr an die Tradition seiner Freuden glauben kann, den Eindruck einer kompleten Karrikatur. Er erinnert an die jungen Schauspieler oder Schauspielliebhaber, welche pathetisches Deklamiren ungenossener Stellen für poetischen Reiz ausgeben. Dieser Fuchs, dem, wie der Student sich ausdrückt, der Rand nicht stille stand, schwatzte und spektakelte so ununterbrochen, daß ich ihm von Herzen die Seekrankheit an den Hals wünschte. Man hatte ihm gesagt, sie sei dadurch zu vermeiden, daß man fleißig esse und ununterbrochen die Bewegung des Schiffes mitmache: er verzehrte also ein Weißbrod nach dem anderen, und rutschte wie ein Perpendikel an der Banklehne hin und her – je größer die Verhöhnung von seinen 83 Reisegefährten war, desto mehr hielt er seine Tüchtigkeit und Consequenz für gefährdet, desto lebhafter rutschte er, der Schweiß stand ihm auf der Stirn, er schrie aber doch nach Kräften mit, da seine Genossen allerlei Lieder durcheinander sangen – endlich blieb er auf dem Schlachtfelde. Aber er konnte nicht sterben, und noch im tiefsten Jammer schrie er wieder einmal auf: Mein Lebenslauf ist Lieb und Lust – Die unermüdlichsten Sänger waren übrigens ein Paar Studenten aus Siebenbürgen – zu Hause, meinten sie, ist nicht vom Singen die Rede, besonders solche Freiheitslieder sind nicht statuiret, da müssen wir uns die Zeit in Deutschland zu nutze machen. Einer von ihnen war ganz bartverwachsen und sah lebensgefährlich aus. Also auf der Ostsee, dachte ich, mußt Du solch einen ganzen Demagogen wiederfinden, der für einen schwülstigen Vers von Follenius Mond und Sonne mit Pulver auseinander sprengt; aber ich hatte mich arg getäuscht: erstens war er ein Theologe, der in Ermangelung einer 84 Dogmatik sich an's Moralprinzip hielt und die Liebe zu einem Mädchen für höchst frevelhaft ansah; zweitens hatte er nicht die allerbürgerlichste Courage, fürchtete sich auf der Ostsee vor'm Gubernium in Siebenbürgen, vor dem Wasser, vor dem Winde und vor allen Elementen, die man etwa noch erfinden möchte; aber er trug einen eisernen Ring, einen eisernen Stock und kein Halstuch, und sang in allen Pausen: Steig aus der Nacht, O Hermannsschlacht! Sein schlankerer, jüngerer Landsmann war etwas frischer, und offenbar ein muthigeres Naturell, aber auch wie die tugendhaften Französinnen auf der einen Seite, und wie die leichtsinnigen auf der andern: jusqu'à un certain point , eine Redensart bekanntlich, ohne welche es in Frankreich keine Unterhaltung, keine Tugend, keine Liebenswürdigkeit, kein Gesetz, keinen Geist, und in Siebenbürgen keine Courage giebt. Wie verkümmertes Haidekraut blühte 85 mir auf Ulrichs Schooner und im weiteren Verlauf der Reise siebenbürgische Nationalität entgegen. Zwischen Armuth, öde, barbarische Nachbarschaft, straffes Regiment von außen und eigne Schwäche eingewürgt, machte mir das Bild dieses Ländchens den traurigsten Eindruck. Eine Nationalität, die aus den fremdartigsten Elementen zusammengewürfelt ist, und ihre Ehrenstandarte so mit verliert, um welche sich Stolz und Muth stets wieder zusammenfindet, wird immer einschrumpfen in kleine, niedrige Bezügnisse, vor allen Dingen das kleine Bischen Leben und das nothdürftige tägliche Brod zu erhalten suchen. Von Ausgleichung der Nationalität kann immer erst die Rede sein, wenn die edlen und hohen Beziehungen, das stolze innere Lebenselement erst sicher gestellt sind. Unsre Landsleute, Tuchmacher und Krautpflanzer, welche in die siebenbürgischen Berge eingewandert sind, und dort als Sachsen und Schwaben ihre Plätzchen gefunden, haben sicher reichlich dazu 86 beigetragen mit ihren Nothdurftsanforderungen, die Atmosphäre jenes Landes abzuschwächen. Von ihnen stammte auch der Ostseebramarbas, und das Obige fand eine traurige Bestätigung darin, daß ein Paar Ungarn auf dem Schiffe waren, und zornig die Frage zurückwiesen, ob sie auch Siebenbürgner seien – Sind wir Ungarn, ächte Ungarn sagten sie, stolz sich aufrichtend im schwersten Seejammer. Der Bramarbas flüsterte uns zu, daß diese Ungarn, unter denen oft der Schweinehirt ein Edelmann sei, sich immer übermüthig appart hielten – dabei sah er sich aber ängstlich um, ob ihn der kranke Ungar etwa am Kragen packe. Alles Mögliche bei Seite gesetzt, bewiesen die Ungarn offenbar einen vollen inneren Kern neben diesem holen, muthlosen Gesellen. Es darf nicht in Verwunderung setzen, daß auf ein scheinbar so Alltägliches, wie der ordinaire Muth, solcher Werth gelegt sei – in dem Worte Muth liegt eine ganze Welt, eine Welt des Willens, der Fähigkeit und schöpferischen Kraft. Zugestanden, daß 87 diese moralische Thätigkeit, welche mit dem Namen Muth benannt wird, oft nur der Instinkt eines starken Körpers, oft wirklich nur ein materielles Häuflein Sehnen und Muskeln sei; zugestanden, daß zwei Drittheile der Muthigen nur darum vorwärts gehen, weil sie durch die Nebenleute, die Redensarten, die Terminologie des Lebens so gewöhnt worden sind; zugestanden also, daß der Muth großen Theils eine Sache des Körpers und eine des Herkommens, der Sitte ist – läge darin ein Vorwurf? Ist unser Leib nicht ein Bedingendes für das Außerordentliche selbst, was ein Mensch leisten kann? und wo hört er auf, wo fängt er an, wo stehen die weißen Grenzfarben des reinen Geistes? Eine schlechte Leber, eine verstopfte Milz, welche Gedanken und Gefühlsrichtungen können sie in Bewegung setzen, wenn sie sich bei einem sonst gewaltigen Menschen und mit diesem an einem gewaltigen Orte vorfinden! Werdet Ihr deßhalb das Recht haben, eine welthistorische Epoche leber- oder milzkrank zu nennen, weil diese körperlichen Organe 88 auf den Urheber der Epoche einen starken Einfluß geäußert? Alle Leute, die an der Leber leiden, zum Beispiel, sind leicht grillig, hypochondrisch, in diesem übeln Zustande gehen sie allen Dingen mehr an die Spitze, die Anfänge, auf diese Weise erfinden sie – ist das Verdienst des Erfinders geringer, weil er durch Leberkrankheit dazu gekommen ist? Eine frische Lunge und Leber unterstützen den Muth, das ist wahr, wer Beides schlecht hat, wird doppelten Aufwand nöthig haben, um eben so viel Muth zu gewinnen – thut dies der Absolutheit des Muthes etwas? Gewiß nicht – bei Beurtheilung der Personen mögen wir darauf Rücksicht nehmen, der Muth an sich bleibt uns ein außerordentliches Moment, und seine Zeitigung im Menschen bleibt etwas Nothwendiges und Verdienstliches. Was haben wir denn ursprünglich? Anlagen. Alles muß gelernt werden, und auch der Muth läßt sich lernen. In jedem Helden steckt ein Hundsfott; daß der nie zum Vorschein komme, ist eben Sache des Helden. – 89 Daß Herkommen und Sitte ein Theil des Muthes sind, ist gewiß wahr. Verschiedene Völkerschaften haben sehr verschiedene Aeußerungen des Muths, was diesen für Feigheit gilt, ist es Anderen nicht – ist der Muth darum ein Geringeres, weil er ein Uebereinkommen menschlicher Gemeinschaftlichkeit ist? ruht nicht in Sitten und Gebräuchen das Wesentlichste gemeinschaftlicher Seele? Eine tiefe Bedeutung liegt darin, daß ihr bei den ordinairsten Menschen, welche nicht durch Nahrungssorgen entmannt sind, allen Bezug der Achtung und des Werthes auf den Muth koncentrirt findet, daß der Muth beim einfachsten Mädchen zuerst und am sichersten die Liebe zum Manne weckt. Die Oesterreicher haben seit einiger Zeit die Erlaubniß, in Deutschland die Berliner Universität besuchen zu dürfen. Von dort bekommen sie denn auch wohl die Erlaubniß zu kleinen Reisen in Preußen; wenn nun diese zum Beispiele in die Nähe von Hamburg fuhren, so ist wohl auch bei einem Siebenbürgner das Verlangen natürlich, und nicht 90 so ganz strafwürdig, Hamburg zu sehen, besonders wenn sich der Siebenbürgner so innig seiner Unbedeutendheit und des bloßen Verlangens bewußt ist, den Jungfernstieg betrachten zu wollen, und einmal Austern in der Nähe zu sehn. Der Bärtige hielt aber diesen Wunsch für unmoralisch und frevelhaft, weil er die österreichische Studienfreiheit kompromittiren könne. Die Nothwendigkeit eines Passes hat nur die Bedenken, daß guterzogene Menschen am Ende noch weniger und noch papierner werden können als ein Paß. Mein Heimathsstolz ward durch das Schicksal eines andern Reisegenossen sehr verletzt; ich halte es aber doch für meine Schuldigkeit, nicht darüber hinwegzugehn: ein kleiner Breslauer nämlich, mit einem kleinen blauen Röckchen angethan, ward viel gehänselt, er trug unter dem kleinen Röckchen einen kleinen Ueberfluß auf dem Rücken, fror immerwährend, und rauchte trotz Seebeschwerden unermüdet aus einer kleinen Pfeife Tabak. Sein Accent war mit all den 91 kleinen, behenden Breslau'schen Worten eingefleischt schlesisch, und weil er alle Maasstäbe von der Breslauer Oder und den Breslauer Bierbrauern hernahm, übrigens auch in stetem Frost und Tabakrauchen nicht den kleinsten Reisegenuß dokumentirte, so war er wirklich wie ein kleiner Ableger des Dr. Syntax, eine komische Figur; ein Reisender quand même , der unter allerlei Unbehaglichkeit doch reis'te, obwohl er nicht das geringste Vergnügen davon hatte, dem es anzusehen war, wie er von den Reizen seiner großen Reise erzählen und rühmen werde, sobald er erst wieder das warme Stübchen »auf der Hummorei« in Breslau erreicht hätte. Gott schütze die Reisenden, die um jeden Preis reisen, sie haben's nöthig. Ich sehnte mich sehr nach dem offnen Meere, das heißt nach einem Meere, wo nichts zu sehen ist, als Himmel und Wasser. Unsre Illusion ist noch eigensinniger als ein Frauenzimmer: ein Frauenzimmer ist zufrieden, wenn sie keine Nebenbuhlerin der Liebenswürdigkeit sieht, die Illusion aber ist 92 zerstört, sobald eine Grenze geahnt werden kann; ein schlechtes Auge, was nichts als Himmel und Wasser sieht, bringt doch keine Illusion, sobald der Schiffer sagt: Bei gutem Wetter sieht man in Südost diese Küste, in Nordwest jenes Eiland; und nach Rügen hin wird selbst ein mittelmäßig Gesicht die brutalsten Störungen nicht los. Rückwärts verläßt Einen der blaue Streif und die Spitze von Usedom nicht, heillose Spitze, wo ich später einen direkten Blick in den Acheron thun mußte, und rückwärts erhoben sich bald aus den Wogen zwei Eilande, Ruden und die Die, genannt die Greifswalder Die, zwischen welchen hindurch die Fahrt sich wendet. Hinter ihnen erblickt man bereits den blauen Punkt von Mönchgut, dem südlichen Theile Rügens. Diese östliche Meeresküste Usedoms, aus welcher wir herausgesteuert waren, hat den pommerschen Historikern viel zu schaffen gemacht mit den Geheimnissen der Unterwelt. Da sollen versunkene Städte schlafen von wunderbarer Pracht und Herrlichkeit, mit goldnen Thoren und silbernen Thürmen, die 93 sollen in Handelsverkehr gewesen sein mit den Griechen, das heißt mit den ordentlichen Griechen, mit den Häusern Solon, Cimon und Comp., aus welcher Zeit der klassische Hauch noch stammen soll, der über Pommern, respektive Hinterpommern lagert. So tief liegt der Autoritätstrieb in uns, daß Länder, sonst so unbefangen und genügsam wie Pommern, in den Meeresgrund steigen, um Gewährniß zu holen für alte, historische Verbindung. Man wird mich im Verlauf dieser Reise schiffbrüchig, in großen Filzschuhen, den Mantel statt des gewünschten Schlafrocks umschlagend, auf einem sandigen Eilande liegen sehn, wo ich nichts zu genießen finde als etwas Rauchfleisch und eine von Fliegen beleidigte pommersche Monatsschrift. In dieser stehen alle Nachrichten, Sagen, Scholien und Glossen von den versunkenen Städten Vineta und Julia, welche Städte auch eine Stadt gewesen sein können, da es an Taufzeugnissen aus jener heidnischen Zeit fehlt und Saxo Grammatikus nicht vereidigt und klar genug geschrieben hat. Kurz: an hellen, stillen Sonnentagen will 94 man die Glocken von Vineta unter'm Meere läuten hören und die Thurm- und Kirchendächer durch das Wasser leuchten sehn; die größte Handelsstadt des Nordens von außerordentlichem Umfange und Reichthume sei dort von den Fluthen verschlungen worden, und wenn heutiges Tags ein Schiffer drüber fahre, der gottlos und schlechtdenkend sei, da passire ihm dort das größte Unglück. Wenn ihm zum Exempel seine Liebste nicht mehr gefallen, und er sie verlassen habe, so finde er sie dort wieder – dies erzählte Ulrich, der Schiffer und sagte Brr! dabei, schüttelte den Kopf und nahm einen Schluck aus der Strohflasche. Wie überall hin, haben denn auch hier in's Meer die Stationalisten ihre Laternen gesteckt und die unterirdische, wie sonst die überirdische Welt vernichten wollen mit der Bemerkung, die goldnen und silbernen Mauern, Thore und Thürme der klassischen Handelsstadt Vineta seien einfache Felsenriffe, die man bei gutem Sonnenscheine sehen könne. Als ob die wichtigsten Dinge mit einer Bemerkung zu 95 erledigen wären – das Wort Bemerkung ist überhaupt schon ein naseweises Wort. Ferner: als ob an einer Küste, wo mit vortrefflichstem Auge gar kein Felsencharakter, sondern nur Sand, Düne, Sandbank zu entdecken ist, als ob an solcher Küste eigensinnig allein Felsen etablirt sein würden, lediglich, um den Leuten eine klassische Anknüpfung zu rauben! O, pfui! Wenn man artig wäre, gäben die Pommern sicherlich die alten Griechen drein, und begnügten sich mit einer überschwemmten Wendenstadt, Heide ist Heide, indessen, ich will kein historisches Recht vergeben, und fahre mit Ulrich weiter. Artig braun und blau hob sich die Küste von Mönchgut immer deutlicher vor uns aus den Fluthen; unser Südost war stetig und frisch, und legte sich mit vollen Armen in die Segel; die bebuschte Insel Vilm, welche in der Bucht von Putbus liegt, stieg ebenfalls aus der See, und bei einer kleinen Wendung nach Rechts sahen wir auf der Strandhöhe hinter dem Vilm die weißen Punkte, welche in der 96 Nähe die weißen Häuser von Putbus sind. Es liegt eine kleine halbe Stunde vom Strande, und hat mit den schneeweißen, in einzelnen Partieen etwas kahl sich bietenden Häusern ein wunderlich Ansehn von frischer Wäsche, die auf's Plätten wartet. Die Küste, zwischen welcher und dem Vilm zum Landungsplatze gesteuert wird, ist schön bewaldet, im Meere stehen bunt wie stille Pagoden die Badehütten, durch die Büsche winkt lockend ein stattlich weißes Badehaus. Ich verhandelte mit Ulrich, daß er drei Tage und drei Nächte auf mich warten soll, unverführt von etwaigem günstigem Nordwest, der eintreten könne, und wendete mich zu Fuße mit dem muntern Sachsen, einem jungen rüstigen Pommer und den trübseligen Siebenbürgern rechts nach dem Badehause, um in der See zu baden. Die Ungarn und der Bruder Breslauer, dessen Pfeife noch brannte, ließen sich vom Privatdocenten gen Putbus leiten. Er hatte wie Columbus und Wilhelm Tell einige unbequeme Begrüßungsversuche mit dem Rügenschen 97 Erdboden vorgenommen, und sich den schwarzen Rock dabei beschmutzt, sonst schien ihm der ganze Meeresmuth wieder gekommen zu sein, wir hörten ihn noch weithin lärmen. 98     Auf Rügen. Es war in der ersten Hälfte des Monats September, auf dem Felde erntete man in dieser nördlichen Gegend noch, die Sonne schien noch ganz flanellartig warm, als wir dem großen, weißen Badehause zuschritten. Es hat ein sehr stattliches, mit Säulen geschmücktes Ansehn, und weckt große Erwartungen. Die Siebenbürgner fanden es leichtsinnig, in einem unbekannten Meere zu baden, und ließen uns allein durch den Eichenwald nach dem Strande schreiten. Tafeln an den Bäumen, Inschriften auf Inschriften, wo die Damen gehen und die Herrn gehen sollten, bekundeten uns, in welch ein civilisirtes Ländchen 99 wir gekommen seien, wo anständiger Scham gehuldigt, im passenden Falle auch ein Casino und eine Partie Boston zu finden sei. Der junge Sachse seufzte, alte, wendische Zustände wären ihm lieber, Opferfeste Czernebogs, keine Inschriften mit römischen Lettern »Weg für Herren« »Weg für Damen« wären ihm erwünschter gewesen, da er in vielen Dingen den Weg selber suchen wollte, und es ihm auf eine kleine Verirrung durchaus nicht ankam. Unten am Meeresstrande ist ein artiger Blick zwischen dem Vilm und der schrägüber liegenden Küste hinaus auf's Meer geöffnet, und man sieht weit draußen auf der Wasserfläche die Thürme von Greifswald schimmern. Für jeden armen Studenten ein sättigender Anblick, denn es fallen ihm Stipendia und gebratene Häringe ein, deren Auswahl in Greifswald zu haben ist, und zwar die beste Auswahl von der Welt: man kann nämlich wählen was man will, man bekommt immer Beides, kein Stipendium ohne Häring, kein Häring ohne Stipendium. Jedem gebildeten Topographen ist bekannt, daß man sonst in 100 Greifswald am Thore angehalten und gefragt wurde, ob man ein Stipendium nehmen wolle, nur unter dieser Bedingung war der Eintritt gestattet. Das Abschaffen der Thorsperre mag auch diese Zudringlichkeit gemildert haben; im Correspondenten sah ich zwar, daß sie in Hamburg noch existirt, die Thorsperre nämlich, nicht etwa die Zudringlichkeit, weil aber dort keine Universität ist, mag wohl mit den Einpassirenden ein andres Abkommen getroffen sein. Angesichts jener Stipendienstadt, wo trotz Häring und Stipendium immer so wenig Studenten gewesen sind, daß die Professoren äußerst ökonomisch mit ihnen umgehn mußten, um lesen zu können, wo auch der mathematische Grundsatz erfunden worden ist »Drei machen ein Collegium,« Angesichts dieser edlen Stadt stürzten wir uns in's Meer. Ich kann es mir wohl denken, daß diese Thürme, welche man bei gutem Wetter und mit guten Augen am Horizonte sieht, dem Seebade von Putbus nachtheilig geworden sind: es hat etwas schamverletzendes, von Thürmen im Stande der Unschuld betrachtet zu 101 werden. Wie leicht können Studenten, die nächst den Referendarien und Damen des Serails die meiste Zeit übrig haben, tubusbewaffnet auf diesen Thürmen erscheinen, und das größte Unglück anrichten! Sonst ist das stille Meer, das heißt die stille Ostsee daran schuld, daß dies Seebad nicht so gesucht wird. Einmal nämlich ist die Bucht überall vom Lande eingeschlossen und nur nach Süden zu theilweise offen, die Südwinde sind ferner an sich seltner und immer schwächer und kommen obenein vom Lande, vom friedlichen Greifswald her – es fehlt also ganz und gar an Wellenschlag, diesem geheimnißvollen, über alles gesuchten Etwas eines Seebades, die Oberfläche des Wassers ist glatt wie ein Teich. Daß die Entfernung von Putbus eine halbe Stunde weit ist, mag auch hinderlich sein, selbst wenn man zugiebt, daß die See von guter Familie ist, und mehr als jedes andere Wasser nur mit wohlhabenden Leuten verkehrt. Man hat wegen des mangelnden Wellenschlages schon vorgeschlagen, und ich glaube, auch versucht, 102 an der Ostküste, an der sogenannten Granitz, wie dieser waldige Theil der Insel genannt wird, ein Seebad einzurichten, indessen paßt aller übrige Zuschnitt, der mit großem Aufwande für Putbus geschehen ist, nicht dafür. Wer mag es dem Fürsten von Putbus verargen, daß er nicht die außerordentlichen Opfer, welche er mit großartigster Liberalität für Putbus gebracht hat, in ihren Ergebnissen vernichte, und seine artige Residenz dadurch veröde. Denn Putbus würde verödet, wenn man an der Granitz eine Saison veranstaltete. Es hat sich denn nun so gestellt, daß Putbus ein heitrer Sommeraufenthalt ohne besonders nachdrückliche Rücksicht für das Seebad geworden ist: die begüterte Welt dieser nördlichen Striche, vorzüglich Neuvorpommerns und Mecklenburgs kommt in großer Zahl mit Equipagen, schönen Pferden und blanken Friedrichsdor's nach Putbus, ergötzt sich am gegenseitigen Verkehr, an der Aussicht, am Park, an Partieen, am Faro, an einem kleinen, artigen Theater. Dobberan und Putbus theilen sich in die reichere Badewelt dieses 103 westlicheren Ostseestrichs. Wie dort der regierende Fürst seine Goldstücke der Bank nicht vorenthielt oder hält, so erfreut der hiesige besitzende die Table d'hôte mit seiner Person, und seine Gemahlin thut ein Gleiches. Mit einer solchen halben Officialität halten diese Herrschaften das Badeleben in einem lebhaften Schwunge und verleihen ihm für viele Besucher einen familiaren Reiz. Daß die Insel preußisch ist, und der Fürst von Putbus, wie Pückler, ein gefürsteter Graf, der als Privateigenthum einen großen Theil des Ländchens besitzt, bemerke ich für oberflächliche Statistiker. Als wir nach dem Badehause zurückkamen, waren die Siebenbürgner mit ihrer Leibeswäsche noch nicht fertig. Zu unserm Erstaunen fanden wir in dem imponirenden Gebäude nur einen ganz kleinen Salon, und gar keine Wirthschaft, da diese nur für die Saison besteht, und um die Septemberzeit aller Badebesuch die Insel schon verlassen hat. Das ist charakteristisch für das eigentliche Bademoment: in den andern Ostseebädern ist der 104 Septemberanfang wegen frischen, bewegten Meeres noch sehr beliebt. Ueber die Zweckmäßigkeit solcher Bauart, links und rechts von dem kleinen Saale viereckige, halbdunkle Plätzchen übrig zu lassen, die von Mauern eingesperrt waren, und auf welchen Grasgestrüpp wuchert, hab' ich mich nicht so schnell unterrichten können. Man fängt es sonst einfacher an, wenn man nur einen kleinen Saal haben will. In dem großen, stillen Gebäude kam endlich ein Mädchen zum Vorschein, was sich eben den Haarzopf aufsteckte, und in flüchtiger, sinnlicher Persönlichkeit etwas von Flämmchen aus Immermanns Epigruen hatte. Die stille Abgelegenheit des weißen Hauses, das stille Innere hätte einen ganz hübschen Hintergrund abgegeben, fremd und unerwartet ein zärtliches, sinniges Auge zu finden, von der Welt und ihrem Geräusch zu erzählen und den Abend mit solcher Einsamkeit auf sich herabsinken zu lassen. Ich weiß 105 nicht mehr genau, ob der Sachse auch so dachte, der Siebenbürgner im Barte hatte Grundsätze. Eine mächtige Anhöhe hinauf, zwischen Feldern führt der Weg nach Putbus, was mit seinen weißen Häusern wie eine Theaterdekoration herunter leuchtet. Wir traten sogleich in den Park- und Schloßbereich, der sich an den Hügellehnen hinzieht; es war ein milder sonniger Tag des Frühherbstes, die Luft war still, unter den schönen großen Bäumen war es still, das stattliche Schloß war ebenfalls still, die Besitzer saßen bei Tafel, alle Entréen und Wege waren fein und rein, dick und behaglich lehnte der bordirte Portier am Schloßeingange, und ein großer, neben ihm ruhender Hund blinzelte uns schläfrig an; sammtgrün lockte von der Seite ein schöner Grasabhang, auf welchem das Gewächshaus steht, und von wo das Auge sanft hinabgeleitet wird auf Strand und Meer – aller Reiz vornehmer reicher Existenz, welche sich auch die Natur zu poetischer Lockung bilden kann; alle Ruhe und Behaglichkeit einer schönen, sorgenlosen Erde 106 wehte uns an mit weichem Hauche, wir legten uns auf den Rasen und träumten von Gottes Stille, von schönen Versen, von treuen Augen, von weichen streichelnden Händen, von sanfter Musik, besonders von den elegischen Anfängen des verstorbenen Bellini. Der tiefe Schatten des schönen Parks mit allerlei schönen Baulichkeiten geht noch weit hinüber zum Thiergarten, wo schöne Hirsche in bequemer Gefangenschaft ihr Leben verträumen. Diese ganze Anlage ist noch ziemlich jung: es war ein Wald, in welchem das Putbusser Steinhaus lag; daraus ist ein Schloß gewachsen, der Wald ist zum Park gelichtet worden, erst im Jahr 1810 ist der Ort Putbus angelegt worden. Und jetzt bewegt man sich unter diesen Bäumen, als sei man in Alt-England auf dem müßigen, reichgepflegten Boden eines Millionenlords, welcher Wald und Meer zu seinem Behagen nöthige. Auch der innere Raum des Schlosses soll angemessen, geschmackvoll und reich ausgestattet sein; wir hatten die Stunde nicht getroffen, wo es zu sehen ist, und 107 so nöthig und passend solche Einrichtung mit Bildern, Büchern und Kunstwerken natürlich ist, ich beklage es selten, wenn ich den Anblick verliere. Die Vorstellung füllt mir's genügend aus, und ich habe nicht den störenden, ungerechten, aber natürlichen Einwurf zurückzuweisen, daß ich dieß da und dort, wo die Mittel und die Absicht größer waren, vollständiger gesehen habe. Historisch-charakteristisches trifft da immer noch am eindrücklichsten: ein glücklich gewordenes Ensemble solcher Oertlichkeit mahnt am nachhaltigsten an historische Figuren, historische Momente, in denen eine Schöpfung versucht worden ist, oder an die sich eine knüpfet. Ein kleines Gebetbuch Philipps II. ruht in diesem behaglichen Putbusser Schlosse, eine Beute Wrangel's. Die violetten Pergamentblätter mit kostbaren Miniaturgemälden, mit goldnen, weißen, rothen und schwarzen Buchstaben, auf denen einst das harte Auge betend geruht hatte, liegen hier in Frieden, nur die Neugier fällt zuweilen auf sie. 108 Und ihre Charaktere haben einst den Schlüssel zu Himmel und Hölle gehabt. – Auch eine Gipsmaske vom Antlitze des erschossenen Schwedenkönigs Karl XII. mit der Kugelwunde am rechten Schlafe schläft hier ihre gespenstige Existenz. Ich ließ mir das erzählen, und blieb still auf dem prächtigen Rasenabhange, grün, wie England in meinem Sinne ruht, auf diesem prächtigen Aussichtspunkte liegen, dachte an die Welt, die so Vieles versucht, und an den Tag, der mit seiner goldnen Sonne unpartheiisch darüber hingeht, an die Welt, die nach all den Andeutungen zunächst kommen könnte, und sang, und klagte und hoffte in meinem Herzen – was finden wir? Ein kleines Wort, das Wort heißt »Weiter!«, weiter! riefen sie, nach dem Fürstenhofe! Das ist ein Wirthshaus, da wollen wir Beefsteak essen. Nach der Saison hat dieses weiße Städtchen in seiner Leere etwas Verstorbenes, man hört seine Tritte schallen, man zählt die Leute – ich kaufte mir für zwei Silbergroschen einen Eichenstab, und 109 schritt sammt meinen Gefährten aus dem offenen Oertchen hinaus, nach dem Walde zu, um gegen Bergen zu gelangen. So wie man den Menschen handlicher bekommt, wenn man erst weiß, ob er von Jugend auf Hofrath oder Kanzleiinspektor gewesen ist, ob er niemals Anlage zu Polizeiwidrigem, zu Eigenem bewiesen hat, ob er in Liebe oder Haß befangen war, so verständigt man sich auch erst mit der Auffassung eines Landes, wenn man einen Blick in dessen Geschichte werfen kann. Da hat man nun hier große Noth! Was ist wendisch, was ist germanisch auf Rügen? Das hat schon heiße Mühe gekostet, wenn's irgend angeht, entscheid ich's nicht, das getraue ich mir zu versprechen; was soll ich mir um der alten Wenden halber Ungelegenheiten machen, der ich um der neuen halber schon genug habe? Ruhe und Genuß meiner Reise ist durch diese Unzulänglichkeit unserer Historiker sehr gestört worden. 110 Natürlich ist Rügen den Klassikern bekannt gewesen, sie haben sich nur nicht die Mühe genommen, dafür einen Namen auszusuchen, und man begnügt sich nicht mit dem Bernsteinlande der Römer, womit diese den grauen Norden abfinden, sondern auch die Phönizier müssen da gewesen sein. Da wir nun aus Phönizien alle möglichen Vermuthungen und sehr wenig Bücher gezogen haben, so ist es besonders der Insel Rügen wegen sehr zu bedauern, daß der Hannöversche Sanchuniathon abortirt worden ist. Das war nämlich der Versuch, in einem nicht existirenden Kloster Oporto's ein Manuscript aufgefunden zu haben; der Versuch hat sein Möglichstes gethan, Hannover hat aber kein Glück mit Oporto; wir sind auf dem alten Punkte mit Rügen und den Aufklärungen durch die Phönizier. Etwa dreißig Jahre nach Karl dem Großen soll die Insel in einer wirklichen Urkunde zum ersten Male erwähnt sein, das genügt für unsern Zweck. Man hat sie früher Reidgodland und Raneninsel 111 geheißen, wie denn Ranen überhaupt ein alter, beliebter Ausdruck für Rügener ist, und ähnlich klingende und nicht minder wohlklingende, nach Fischthran schmeckende Namen, wie »Ratze« ein Fürst, Bog, Bialbog, Czernebog, die Namen diverser Götter auf einen sehr kräftigen Geschmack deuten. Die alten Römer nannten es, wie sie, glaube ich, mit den meisten Inseln thaten, Rö oder Roe . Der Name Rugia kommt später vor, und wechselt auch noch mannigfalt; kein Mensch weiß, ob er von den germanischen Rugiern herrührt, von denen uns in Tertia erzählt worden ist, daß sie mit den Herulern beliebte Soldaten in Rom gewesen, und durch ihren Führer, Herrn Odoaker, das weströmische Reich gestürzt haben. Kurz, es sind mir wenig Forschungen auf meiner Durchreise gelungen, und ich folge zumeist dem Herrn von Schönholz, welcher unter der bescheidenen Chiffre Fr. v. Sch. und unter steter Verehrung der Insel das neuste und beste Reisehandbuch über Rügen herausgegeben hat. Außerdem habe ich auch 112 das dicke Buch des Herrn Pastor Grämbke gelesen, welches zum Theil auch die Quelle des Herrn v. Schönholz und ein sehr dankeswerthes, mit Pastorenfleiß und reicher Kenntniß gearbeitetes Werk ist. Die Ranen waren denn also unverschämte Seeräuber, die mit Mecklenburgern, Pommern und Dänen in steten Kriegen lagen, und eine Zeit lang auch vom Christenthum und Dänemark, besonders von Kanut dem Großen unterjocht wurden. Bekanntlich war die Nordküste Deutschlands am widerspenstigsten und feindseligsten gegen das Christenthum, da gab's viel Schlachten und Blutvergießen, das in uninteressanter Weise durch einander geht, die Kraft der Insel bricht, deutsche Einwanderungen nöthig macht, und so am Ende den wendischen Schlag vermischt. Man erzählt sogar detaillirt romantisch, daß die letzte Wendin auf Rügen, die noch wendisch gesprochen habe, Madame oder Mamsell Gülzin, im Jahr 1804 verstorben sei. Item, Rügen war eine pommerische Provinz geworden. 113 Die alten rügenschen Wenden genießen einen schlechten Ruf, sie gelten für grausam und räuberisch, dem Fraß und Soff ergeben; ihre Sprache soll sich noch ziemlich rein bei den Cassuben in Hinterpommern erhalten haben. Eine Gattung derselben findet man noch in einzelnen Strichen der Lausitz, wo sanftgebildete Reisende noch heute vor diesen heidnischen Lauten erschrecken. Gegen den eingelernten blondblauen Begriff der Germanen werden uns auch diese Wenden blond mit blauen Augen geschildert. Man möchte sagen, die nordische Lust erzeuge in ihrer Schärfe und Herbe solche blasse Farben, lasse satter Gefärbtes nicht zu, denn der lichte Charakter geht noch heute durch, die preußische Armee aus den alten nördlichen Provinzen ist beinahe ganz blond, und erinnert in Deutschland damit zum stärksten an die alten Germanen. Freilich sind unterdessen die Haarschneider erfunden worden, die Todfeinde geschichtlicher Sitte; ferner Holstein, Dänemark, England sprechen im Ganzen noch heut für den lichten Charakter; aber Schweden 114 mit seinen dunklen Köpfen, mit seinem durch Schönheit berühmten brünetten Menschenschlage macht alle Regel zu Schanden, wenn man selbst für die dunklen Irländer zugäbe, daß sie ein ursprünglich südlicher Schlag seien. Die alten blendend weißen, wie alle nordischen Völker hoch gewachsenen Wenden auf Rügen sollen lange Bärte, und kurze Röcke von Tuch oder Lein, kurze Mäntel, kleine Mützen mit einer Feder getragen haben. Daneben sind die Frauen schlecht bedacht gewesen mit einem langen, grauen Kleide aus Flachs, ohne Aermel – die Weiber haben überhaupt durch die moderne Geschichtsentwicklung das meiste gewonnen; die Weiber und die Kaufleute; die Galanterie des Mittelalters war doch nur Zuckerwerk, und wenn es kein Zuckerwerk gab, da gab's viel Langeweile. Interessant scheint mir's, daß die alten Ranen ächt nordisch, wo es mehr Nacht als Tag ist, die Zeit nach Nächten und nicht nach Tagen gezählt haben; auch haben sie von dem erfrornen Frühlinge und dem 115 rheumatischen Herbste keine Notiz genommen, sondern nur Sommer und Winter unterschieden. Wenn Einem warm ist, da giebt's Sommer, wenn man friert, Winter. Ihre zwölf Monate haben sie auch viel eigenthümlicher benannt als wir mit unsern romanischen Namen, die uns nichts bedeuten, sie hatten folgende Monate: Winter, Krähen, Tauben, Kukkuks, Birken, Saat, Linden, Getreide, Brunst, Blätterfall, Erdfrost, dürrer Mond. Damit weiß man doch gleich, was in der Natur vorgeht, und mit ein Paar kleinen Geschmacksänderungen wäre die ächteste Poesie in den Kalender eingeführt. Gegen die Frauen waren diese Wenden keineswegs blöde, sie durften deren drei heurathen, und der Pantoffel war auf Rügen unbekannt: die erkaufte Frau war dem Manne leibeigen, eine Magd, sie durfte nicht mit am Tische essen und mußte dem Manne und seinen Gästen die niedrigsten Dienste verrichten. Nur an den zweiten Frauen entschädigte sich die erste und knechtete sie. Jede Braut sang 116 ein Klagelied, wenn sie das Elternhaus verließ, angeblich, weil sie das heimische Feuer auf dem Heerde unbehütet verlassen müsse, dann stieg sie auf den Wagen, welchen der Bräutigam sandte. Er bewillkommte sie an der Grenze seines Eigenthums mit einem Feuerbrande und einem Trinkgefäß. Jener war Symbol, daß sie nun den neuen Heerd hüten solle, aus diesem durfte sie trinken. Dieß geschah, wenn sie die Wohnung betrat, noch einmal, und darauf wurde ihr das Haar abgeschnitten und der Brautkranz aufgesetzt. Kinder gehörten dem Vater, er machte mit ihnen, was er wollte, nur Söhne erbten gesetzmäßig, mißgestaltete Kinder durfte der Vater tödten, auch Töchter, wenn sich deren zu viel einfanden. Die Erbschaft der Söhne ging nach dem Verdienste im Wettlauf, Laufen war also die erste Tugend und das einträglichste Geschäft. Die Griewen, oberste Priester, waren Hauptpersonen, sie machten auch die Gesetze, vor denen nichts rettete. Ehebrecher wurden von Hunden zerrissen, Jungfrauenverführer starben in den 117 Flammen, Weiber, die nach dem Manne schlugen, büßten ihre Nase ein, auf Verläumdung stand Stäupung oder Tod, auf Diebstahl Prügel oder Tod durch wilde Hunde, wer den Gastfreund beleidigte, mußte sterben, gegen Mord stand die Blutrache offen. Man sieht, die Gesetze waren nicht viel weniger als die Drakonischen mit Blut geschrieben, und man konnte leicht zu einem Schaden kommen, der keinen zweiten zuläßt. Ihre Religion war heidnische Vielgötterei, und hier spielen die Bog's, Bog als Hauptgott, Bialbog als weißer und Gott des Guten, Czernebog als schwarzer und Gott des Bösen ihre Rollen. Dreieinigkeit und persischer Dualismus beisammen. Nun gab's aber noch viel apanagirte Gottheiten, die Vit's, Swantevit, Rugevit, Borevit und Poromur, von denen Swantevit mit sehr gesuchten Eigenschaften der bei Weitem beliebteste und auf Arcona, an der Nordspitze, zu Hause war. Er hatte ein weißes Pferd, welches mit den Priestern die einflußreichste, prophetische Rolle spielte. 118 Wie sie ihre Todten begruben, interessirt uns indeß am meisten, da hiervon allein noch die Spuren in den verschiedenen Grabmälern übrig sind. Die Leichname wurden verbrannt, oft in Gesellschaft mit Gesinde und sonstigem Zubehör des Herrn, da die naive Ansicht, wie bei den alten Germanen vorherrschend war, im neuen Leben finge man Geschäfte und Interessen just wieder da an, wo man sie hier gelassen habe. Die Asche ward in eine Urne gethan, und diese auf verschiedene Weise bedeckt, entweder mit Steinblöcken oder mit Erdhaufen. Davon finden sich nun viele Variationen, und dieser Reste sind noch so viele übrig, daß man wie durch einen großen Begräbnißplatz durch diese Insel reis't. Frei liegen die alten Recken in Gottes Welt, das Meer kann oft zu ihnen aufsehen, die Vögel des Himmels umkreisen sie in weiten Bogen, der Wind trägt ihnen ungehindert von allen Seiten Nachrichten und Grüße zu, kein Dorfschulmeister hat mit dem Tischler seine Lamentationen auf ein schwarzes Täfelchen geschrieben, und den Tod 119 eingeengt in alltägliche Beziehungen, die alten Rügener schlafen frei und groß wie die Elemente. Daß sich auch bei den Lebenden noch deutliche Zeichen einer uns fremdartigen Nationalität vorfinden sollen, mag ich nicht ohne Weiteres zugeben, noch auch in Abrede stellen, da ich die eigentlichen officiellen Striche der alten Rügener, wo sie sich am deutlichsten erhalten haben sollen, nicht gesehen habe. Dies ist der südliche Theil Rügens, das sogenannte Mönchgut, und es sind einige Inseln, besonders Hiddensö und Ummanz. Was übrigens dem aus Mittel- und Süddeutschland Kommenden Fremdartiges hier entgegentritt, scheint sich nicht allein auf Rügen zu beschränken: es ist entweder ein derbes, biederes, halb seemännisches Wesen, was dem Norddeutschen im Allgemeinen eigen sein mag, oder es ist jener Anstrich von Dänemark und Schweden, der sich wie eine Lufttinte bis hierher erstreckt. Besonders von Schweden. Das frühere Schwedisch-Pommern mit Greifswalde, Stralsund und dem anliegenden Striche bietet heut 120 noch mancherlei Sitte und Aeußerung, welche aus der früheren Herrschverbindung übrig geblieben ist. Rührend ist die aristokratische Absonderung solcher kleinen Inseln, wie Hiddensö und Ummanz: so wie der Neapolitaner und der Pariser stolz auf die übrigen Italiener und Franzosen sieht, so nennen die Ummanzer ihr Inselchen vorzugsweise »das Land«, verkehren ungern mit den Rügenern, und sehen es sehr ungern, wenn einer von ihnen eine Rüg'nerin »friet« (freit) Die Hiddensöer nennen ihre kleine Insel das süße Ländchen, »söte Länneken,« und manche von ihnen kommen ihr Lebtag nicht nach Rügen. Auch die Sprache sondert sich ab als rein seemännisch-plattdeutsch, sie fertigen sich, ganz unabhängig von aller Nachbarwelt, auch ihre Kleidung selber, und sind ein hoch und schlank gewachsener Stamm mit blauen Augen und blonden Haaren. Ganz verschieden von ihnen sind die groß und starkknochigen Mönchguter mit vorherrschend dunklem Haare. Ihr verdorbenes Plattdeutsch wird selbst von den andern Rügenern schwer verstanden, sie recken die Worte 121 aus wie die Meereswelle, welche sich breitet: Milch nennen sie Mellek, Kalb – Kallef, der Seehund heißt bei ihnen Sahl, die Gerste – Gaß, die Semmel – Peit, Worte, die nur bei ihnen gekannt sind. Nur schwedische Anklänge finden sich auch hier: Königin heißt bei ihnen auch de Dronning, König – de Köning; ihr eigen Land nennen sie Mönnichgaud. Vor Allem charakteristisch ist ihre Tracht, die noch vom Fürst Ratze herzustammen scheint: Schwarz ist vorherrschend Alles, eine selbstgewebte weite Jacke, zwei Paar Beinkleider über einander, und darüber noch weite Fischerhosen. Die Frauen tragen eine hohe, kegelförmige Mütze, in welcher so viel Zeug steckt, als eine Grisette zur ganzen Bekleidung ihres muntern Körpers braucht; darüber wird noch ein Strohhut gestülpt. »Ehefrauen und Jungfrauen unterscheiden sich durch das Band an der Mütze.« Der Busenlatz ist bei Festkleidern roth und mit Silber oder Goldspitzen besetzt, dieser und die weiße, steif gestärkte Schürze stechen allein vom schwarzen 122 Grundton ab. Wie die Männer ihre Beine, verwahren die Frauen den Busen mit doppelten Tüchern. In ihren sehr niedrigen Wohnstuben leben sie höchst einfach, meist von Fischen, – wir Binnenleute könnten bezweifeln, daß diese Nahrung für so weitläufige Gestalten ausreiche. Ihre Antipathieen sind das Kalbfleisch und der Putbusser. Jenes essen sie nie, und mit diesem verkehren sie höchst ungern. Sie unterschreiben fast nie ihren Namen, sondern malen statt dessen ein Hauszeichen hin, was ihnen heiliger ist denn Alles. Fr. v. Schönholz erzählt, daß die Frauenzimmer das Recht haben, den Mann, welcher ihnen gefällt, selbst anzusprechen, »na ehn' utstellen« (nach Einem ausstellen) wie sie's ausdrücken. Dies will mir zu einer originellen Landessitte nur halb passen, welche unsern jungen Dichtern zu einem Gedicht empfohlen werden kann: Wenn ein Mädchen nämlich heurathsfähig ist, so hängt sie ihre Schürze an's Fenster, und darf nur unter den Männern wählen, welche vorübergehn. Sind nun Eltern und 123 Verwandte gegen eine Liebschaft, so wählen sie den Zeitpunkt, wo der Liebste zur See ist, und den Schürzengang nicht mitmachen kann. Da steht nun das arme Mädchen weinend hinter der Schürze und schilt das Meer und hofft, es werde hereintreten in's Land und das Boot des Geliebten im Bereich der Schürze stranden. Weinend kuckt sie aber doch durch die Lücke, ob nicht wenigstens ein leidlicher Stellvertreter gewählt werden könne. Diesen abscheulich modernen Zusatz werden die Dichter weglassen mögen. Der Hauptfeind Mönchguts ist der Seehund, der zahlreich an der Küste streift. Ist einer in die Netze gebrochen, so gibt's ein Landesaufgebot, ihn zu fangen, Weiber und Männer tanzen am Strande, und singen einen uralten Reigen, ehe sie an den Feind gehen: Hahl mi den Sahlhund ut'n Stranne To Lanne! He hett mi all de Fisch ux fräten, Hett mi't ganze Nett terräten, 124 Hahl mi den Sahlhund ut'n Stranne To Lanne! Man sieht, es ist wenig Idealistik in dieser Poesie. Ich habe oft gedankenvoll auf diese Küste hinübergesehen, und den Reiz eines solchen Lebens ohne Kalbfleisch und mit der einzigen Feindschaft gegen den Seehund vorzustellen gesucht – es kommt Alles auf die Frage hinaus: Viel oder wenig Bedürfnisse? Mein Glaube hält es durchweg mit den Bedürfnissen, je mehr, je besser; Herz, Geist und Leib, je mehr sie wollen, desto reicher sind sie mir, denn desto mehr haben sie. Wer viel braucht, entbehrt mehr, aber er hat auch mehr. Doch will ich Euer Glück nicht antasten, schwarze Mönchguter! Das Essen schmeckt Euch, Eure niedrigen Stuben wärmen Euch zum Behagen, die stille Gewohnheit macht Euch einander lieb und werth, Ihr hofft für's nächste Jahr auf reichen Häringsstrich, und lebt mit drei Interessen des Jahres siebzig Jahre hin und sterbt auch nicht gern. 125 Aber Alles kommt sicher nicht in gleiche Verhältnisse auf einer andern Welt – des Mönchguters Seele hat ja doch eine ganz andere Geschichte und ist deßhalb eine ganz andere als die des Parisers. Und so wird der Unterschied fort gehn in andre Welten, und das von der Erde gleich Zusammenkommende wird sich wieder in neue Unterschiede sondern. Das ist die Welt. 126     Rügen. Es war ein stiller niedriger Wald, durch den wir nach Bergen wanderten. Hinter ihm öffnete sich ein hügliges Land, in welchem hie und da wie Ruheplätze einzelne Gehöfte, mit Bäumen umgeben, lagen. Dies ist der vorherrschende Charakter des Ländchens: Kleine Städte, wenig größere Dörfer, aber viel solche einzelne Höfe. Gegen Sonnenuntergang sehen wir vor uns auf einer mäßigen Höhe das Städtchen Bergen. Ein Landstädtchen ohne besondern Charakter, Mittel- und Hauptpunkt des Landes, dicht bei ihr liegt der Rugard, die gepriesenste Höhe der Insel. Die Sonne 127 neigte sich zur Rüste, wir eilten also hinaus. Wenn von Bergen und Höhen die Rede ist, so erhebe man hier ja nicht etwa seine Illusion besonders, die Unterschiede sind hier sehr gering, und nur im Verhältniß unter sich von Bedeutung – mäßige Erhöhungen, das ist Alles, was man von Rügen erwarten darf. Da nun Bergen schon der höchste Punkt ist, so darf man kein besonderes Aufsteigen nach dem Rugard gewärtigen. Es ist der Erdrest einer alten Wallburg auf einer kleinen Anhöhe. Um Wälle und einzelne Theile der Befestigung auszufinden, muß man sehr speciell zu Werke gehen und mancherlei specielle Phantasie mitbringen. Das ist um so nöthiger, da das Ganze durch kleine moderne Zusätze bereichert und zu einem Spaziergange gemacht ist. Das alte Residenzschloß der Rügenschen Fürsten soll hier gestanden sein – wir ließen das auf sich beruhn, und vertieften uns in die Aussicht. Es ist dies der Punkt des Rügenschen Panoramas, und Herr v. Schönholz wird sehr schelten, daß wir damit angefangen haben, statt damit zu schließen. 128 Er hat auch vollkommen Recht: man muß sich diese Totalübersicht Rügens bis zuletzt aufsparen. Das ganze Ländchen, getheilt und durchwässert durch die Binnenwasser, die Bodden, liegt vor uns, ein Edelstein, gefaßt in eine Silbersee, wie Shakespeare im König Richard II. von England sagt, nur die nahe Pommersche Küste mit den Thürmen von Stralsund stört den Vergleich mit England. Nach Nord und Ost jenseits des offnen Wittow und des bebuschten Jasmund, der dunklen Granitz die uferlose, in's All verschwimmende See, mit dem Hauch des Abendrothes, was über Pommern herüber glimmt, auf der andern Seite Küsten und Inseln, Einschnitte und Buchten, Thürme und Kirchen, zunächst Stralsund mit hohen Kirchen, weiter hinab Greifswald, noch weiter Wolgast, die blaue Spitze von Usedom, dazwischen die Stationen unsrer Fahrt: die Die, Ruden, der Vilm. – Hierbei kann dem Leser ein geographisches Bild der Insel gegeben werden: sie ist in vier Theile geordnet, und man geht weiter südlich von Bergen 129 an einem Wegweiser vorüber, wo alle vier Namen zusammentreffen. Der Theil, in welchem wir uns jetzt befinden, und welcher sich südwestlich zunächst nach Pommern drängt, wohin man über den Pommerschen Sund in zehn Minuten vom Segelboot getragen wird, heißt Bergen , der nördliche Theil dieser Inselhälfte, der bis in das Nordkap Arkona ausläuft, heißt Wittow – der nach Südost hinüber liegende Theil tritt etwas zurück, und ist bis unterhalb Bergen durch einen großen Bodden von diesem geschieden; seine nördliche Hälfte heißt Jasmund , seine südliche Mönchgut , zwischen beiden liegt die schon erwähnte waldige Granitz, welche keinen officiellen Theil ausmacht, im nördlichen Jasmund die Stubnitz, welche auch nicht besonders gezählt wird. Dieser jenseitige Theil, Jasmund und Mönchgut mit der Stubnitz und Granitz, mit den Stubbenkammern, dem Garthasee, den schönen Wäldern, dem Jagdschlosse der Granitz, der charakteristischen Eigenthümlichkeit der Mönchguter, dieser Theil drüben, 130 von welchem uns hier auf Rügard der Boden schied, wie vom gelobten Lande, ist der bei Weitem sehenswerthere und interessantere. Außer Putbus und dem Rügard enthält die westliche Hälfte nur den Leuchtthurm in Arcona und ist offnes, uninteressantes Land. Es müßte sich denn Jemand besonders für den verstorbenen Dichter Kosegarten interessiren, der aber in Wittow, im Dorfe Altenkirchen begraben liegt. Dort war er Prediger – der Ort hat, nebenher gesagt, die älteste christliche Kirche auf Rügen, und davon seinen Namen, auch lebt Swantewit der Heidengott als Sanct Veit hier christlich weiter – von dort aus hat er – nicht Swantewit, sondern Kosegarten – so fleißig Reisende für Rügen geworben, er hat Rügen zuerst als ein unerläßliches Reiseziel angepriesen, von dort aus sind seine »Inselfahrt, sein »Eusebio« \&c. Rügen empfehlend zum Druck gewandert, und auf Subskription in Leipzig herausgekommen. Süße naive Zeit unsrer Literatur! Wir fanden in einem ganz leidlichen Wirthshause einen trefflichen Thee gerüstet, mit gutem Fleisch, 131 Seefisch und vielerlei Sonstigem garnirt. Ueberhaupt wird der Leib hier in Norden viel kräftiger und tüchtiger versehen als in Mitteldeutschland, und es ist mir jetzt erklärlich, wie die Pommern und Meklenburger die Halle'sche Küche so ungemessen plattdeutsch schmähen konnten. Halle zeichnet sich auch allerdings darin auf's schlechteste aus, dies Statistikum darf aber auf die Länge nicht mehr verschwiegen werden, daß man in Sachsen und besonders in Schlesien am geschmacklosesten und dürftigsten gespeis't wird. Hier in Bergen fanden wir denn auch Kosegartens Gedichte, die so geeignet sind, in jene literarische Epoche zurück zu versetzen, wo neben Schiller und Goethe die Poesieen des Pfarrers von Altenkirchen und Aehnliches noch mit großer Theilnahme aufgenommen wurden, wo er die harten Verse, in denen er Arcona propagandistisch besingt, dreimal verbessert, oder wenigstens verändert herausgeben konnte, wo er seines Töchterchens Alwina Bildniß vorstechen ließ, in sichrer Gewißheit, das Vaterland 132 nehme auch an der Physiognomie seiner Familienglieder das größte Interesse. Da finden sich denn auch drei Lieder auf den Rügard. Das erste beginnt: »Auf Deinem schroffen Felsenscheitel Empfange mich alter Rügard, Empfange mich, Hehrer! Mich lüstert, zu schauen, Mich lüstert, zu fassen \&c. Der Rügard ist aber alles Mögliche, nur kein schroffer Felsenscheitel – das ist nun auf der einen Seite für Rügen stolz gesteigert, und vielleicht die Grundlage zu den irrigen Vorstellungen, die man jetzt noch vielfach von der Insel hat, als sei dies sanfte, anspruchslose Eiland eine wilde, pittoreske Felseninsel; auf der andern Seite vergegenwärtigt es ganz und gar das Antlitz einer aus Worten zusammenaddirten Poesie. Hohe Felsen, tiefe Schluchten, immer Sturm und dergleichen Extreme waren stets erforderlich, um eine Gegend poetisch zu finden, und das gefiel noch zu einer Zeit, wo Goethe schon 133 so viel für den einfachen Geschmack am Wahren und Aechten geschrieben hatte. Diese Kosegartenschen Poesieen mit seinem und Alwina's Bildnisse und vielen andern Bildern sind 1798 erschienen. Das zweite Lied an den Rügard beginnt wiederum: Hinan den Fels! Hinan im heulenden Sturm! Was strebest du, Starker, mit mächtiger Schwinge Dem Klimmer entgegen? Ich will, Ich will ihn erklimmen, – Wieder Sturm und Fels und Anlauf! Wir mußten uns besinnen, ob wir denn auch nur eine Anhöhe zu ersteigen gehabt; nur der Siebenbürgner nahm Kosegartens Partie, weil fast in jedem Gedichte die Unsterblichkeit empfohlen werde. Der Sachse dagegen lachte wie ein Recensent darin umher und las einzelne Verse vor: »Mit herrlichen Narben die Stirne beblümt« »Nur Eines, Ida, altre nie, »Es ändre und es kränkle nie »Das süße Band, das uns umflicht, »Das fas're und das reiße nicht.« 134 Dann fand er mehrere »Thränchen« und trieb arges Zeug. Man kann pietätslos damit viel Unrecht thun, und muß sich meistens begnügen, die historische Vergleichung zu gewinnen. Der Siebenbürgner im Barte führte uns diesen Abend noch ein wunderliches Schauspiel auf: Das stille friedliche Bergen, was in der Sonntagsruhe um uns her lag, unsere sanfte, lachende Stimmung und ein schönes Rügensches Mädchen mit vollen, wohlgebildeten Formen und den artigsten Lustspielaugen, das Alles hatte wohl den Paroxysmus veranlaßt, welcher sich seiner bemächtigte. Er stand nämlich auf und ging heftig im Zimmer auf und nieder, lange Zeit unbemerkt von unserm Treiben. Sein Landsmann, dem die Erscheinung nicht mehr neu war, machte uns aufmerksam. – Der Akteur hatte die Arme gekreuzt, trat stark und imponirend auf, machte ein sehr böses Gesicht, und ballte mitunter schnell eine Faust in die Luft. Das Mädchen räumte den Tisch ab, und sah 135 mitunter von dem mit ihr scherzenden Sachsen nach dem Bärtigen zurück, und kicherte. – Warum lachen Sie, warum erdreisten Sie sich zu lachen, bedenkliches Geschöpf? wandte er sich plötzlich mit einer Donnerstimme an sie. – Wie ein Pfeil entwich die Dirne, an der Thür dem Hauswirth begegnend, welchen ein Geschäft zu uns führte. Gegen diesen richtete sich der neue Angriff. – Herr Wirth – die Stimme war gedämpft – besorgen Sie mir ein Glas Wasser und einen Stiefelknecht, oder ich renne Ihnen meinen eisernen Stock durch den Leib. – Der Wirth prallte zur Thüre hinaus, und brachte in Kurzem zaghaft und schüchtern das Verlangte, Wasser und Stiefelknecht. – Herr, wie konnten Sie sich erlauben, was Sie sich erlaubt haben? ich werde blutige Rechenschaft von Ihnen fordern. – Darf ich fragen – Schweigen Sie, thörichter Mann, ich weiß, was ich sage, und ich sage, was ich weiß, das 136 Unglaubliche wird bei der Sittenverderbtheit möglich, aber ich werde ein schreckliches Gericht halten – Aber ich erinnere mich durchaus nicht, und muß tausendmal um Verzeihung – Ich mache Sie kalt, furchtsamer Mann, bewegt sich Ihre Lippe noch weiter – Sie haben vor einer halben Stunde vor der Hausthür gepfiffen , gepfiffen haben Sie, dreister Mann – Ein allgemeines Gelächter veranlaßte den Wilden, gegen uns Front zu machen, er maß uns mit stolzem Blicke, und da unser Lachen nicht aufhören wollte, wendete er uns den Rücken und schritt hinaus. Sein Landsmann schien mehr verlegen, als erschreckt zu sein, und was er uns endlich zögernd von ähnlichen Vorfällen zugestand, deutete wirklich auf einen Paroxysmus renommirender Kourage, der unter gewissen Verhältnissen bei dem bärtigen Manne einzutreten pflegte. Die hauptsächlichsten Bedingungen schienen zu sein, daß er kurz vorher in mehrerlei Situationen ein Benehmen gezeigt habe, was die nöthige Kourage allenfalls vermissen ließe, daß ein 137 schönes Mädchen in der Nähe sei, und sich einem muntern Scherze mit andern Männern nicht abgeneigt zeige. Dazu gab er die sehr überflüssige Versicherung, sein Landmann thue auch in diesem Paroxysmus keinem Menschen einen Finger weh. Wir hatten also eine vollständige Monomanie vor uns gehabt, wo der mangelnde Muth, Muth zu Gedanken, zur That, zur Liebe auf gefahrlose Weise eine Explosion erzeugt, ein blindgeladenes Losschießen, um irgend ein verlorenes Gleichgewicht mit sich und der Umgebung wieder herzustellen. Ich sprach mit dem Sachsen vor'm Einschlafen noch über Menzels Literaturblatt, sonst thaten wir nichts mehr. Den andern Morgen, als wir in der Frühe aufbrachen, war unser Held ganz still und sanft, und wandelte langsam mit uns zum Thore hinaus. Niemand erinnerte ihn an seine Schlacht von gestern, wir behandelten ihn wie einen Nachtwandler. Wir schritten durch sanfte Hügelschluchten, an Berglehnen hin, über kleine stille Plateaus; die Sonne schien freundlich, der Thau blitzte, ein Schäfer 138 grüßte freundlich neben seiner Heerde. So kamen wir an die Abdachung, welche nach dem Jasmunder Bodden abfällt, und sahen mit Freuden den matteren herbstlichen Sonnenstrahl auf der breiten ruhigen Wasserfläche tanzen, einen gemessenen Adagiotanz. Die Luft war still und Alles ladete zur Beschaulichkeit. Das Meer ausgenommen, ist aller Eindruck und alles Verhältniß auf Rügen in dieser kleinen, gefälligen Weise, die Berglehnen sind niedrige, sanfte Hügel, das Gestein ist weich, bröcklig, kaum zum Kreideartigen gedichtet, die Wälder, denen man weiter drüben im Osten und Südosten begegnet, sind freundlich und in mäßiger, halbjunger Stammesstärke, meist aus Buchen bestehend. Wir haben uns gewundert, keinen eigentlich tiefen, alten Wald, keinen bejahrten Hain der alten Wenden und Germanen zu finden, er muß mit der alten Vorzeit geschieden sein. Alle die Redensarten von erhab'ner, wilder Natur, von pittoresker Gestalt der Insel, wie sie gäng und gäbe, sind übertrieben, und stammen vom 139 täuschenden Idealismus, der nach dem Schema alter Poeten beschreibt, sind Kosegartensch. Wir schifften über den seichten Bodden, schritten über die Hügel, welche Jasmund schützen, und gelangten durch breite Hügelbecken gegen Mittag in das Städtchen Sagard. Dieses krummstraßige Oertchen hat zwei todte Merkwürdigkeiten, und eine lebendige. Diese ist der Wirth des Gasthofes, dessen Namen ich leider vergessen habe, der aber in seinem grünen Rocke, in seiner ganzen rüstigen Wohlgenährtheit und taktfesten Geschäftigkeit, mit seiner schwedischen Physiognomie noch lebendig vor mir steht. Der Mann gewährt mir die beste Erinnerung: er betreibt nämlich einen kleinen Gasthof auf's rührigste, ausbeutendste, und befriedigend für alle Gäste, liebt und pflegt seine hübschen Kinder, und ist über alle historische und Naturmerkwürdigkeit Rügens auf das beste unterrichtet. Ganz mit eigner Hand hat er sich im Wirthszimmer eine Sammlung aller rügenschen Merkwürdigkeiten angelegt, giebt Auskunft und die 140 kundigsten, besonnensten Hypothesen über alle Steine, Muscheln, Opfermesser, Streitäxte von Stein, Urnen, die sich auf, bei und unter Rügen irgend vorfinden. Das Meiste hat er selbst zusammen gesucht, und besonders seine naturhistorische Kenntniß ist von solcher Bedeutung, daß er mit den berühmten Forschern unsers Vaterlandes in dem freundlichsten Verkehre steht. Das flicht sich Alles so anspruchslos und doch bewußt mit der ordinairsten und beflissensten Gastwirthssorge für ein Beefsteak, für ein Glas Bier durch einander, daß es das wohlthuendste Ensemble einer erfüllten Menschenfigur gewährt, und wirklich an ein Ideal erinnert, wie wissenschaftliche Kenntniß und Forschung mit alltäglicher praktischer Wirksamkeit verbunden sein könne. Ein sehr schmerzhaftes Gegenbild, wie der Mensch nicht wohlthuend gebildet sein könne, bildet der Barbier von Sagard, den Gott und die Kunst bessern mögen. Eigentlich ist er kein Barbier, sondern ein weibliches Wesen, des Barbiers Frau, was mit Seife und Barbiermesser schmerzhaft handthieret. 141 Diese Manier erinnert auch an Schweden, wo eine Amazonen-Domestikenschaft herrscht, wo die Weiber nicht nur Weiber, sondern auch Hausknechte, Postillone und Barbiere sind. Ich war der erste, welcher unter ihren Händen weinte, aber ich verbarg meine Rührung, um die Genossen keines Reiseeindrucks verlustig zu machen, das nächste Schlachtopfer, der Sachse, wollte zwar nach den ersten Annäherungen dieser Damenhand sprunghafte Beweise einer ungewöhnlichen Betheiligung dokumentiren, aber ein Wink von mir auf den bärtigen Siebenbürgner ließ ihn ausharren, er ruckte und zuckte nur einige Male wie ein Karpfen, der geschuppt wird, trug's aber für die Aussicht des nächsten Anblicks. Man konnte nicht sagen, daß die grausame Dame schön sei, sie hatte im Gegentheil zum wahrscheinlichen Leidwesen des wirklichen Barbiers von Sagard die Zeit des Paradieses, die Zeit der »zarten Sehnsucht und des süßen Hoffens« hinter sich, und deßhalb nahm der Siebenbürgner keinen Anstand, mit ihr in ein Verhältniß zu treten, ein Verhältniß, 142 was seiner Tugend gewiß auf viele Jahre förderlich sein wird. Ich schweige von dieser unchristlichen Scene, von den Schlangenwindungen und dem Gestöhn, unter welchen er für die Erbsünde der Männer, für den Bart, zu leiden hatte. Verklärt, geläutert durch Weh ging er hervor, kein erklärendes Wort entweihte die Scene, die Dame von Sagard hat nie erfahren, was sie angerichtet. Die erste todte Merkwürdigkeit des Städtchens ist ein Gesundbrunnen, der vor dreißig Jahren gesund gemacht haben soll, jetzt aber wie ein entlarvter Wunderthäter ignorirt wird; möge die wackere Barbiersfrau sein Schicksal theilen, Sagard wird glücklicher sein. Die zweite ist der Dubbenworth, das größte Hünengrab der Insel: ein abgestumpfter Kegel mit Dorngebüsch bewachsen, der dicht bei Sagard liegt, und neben seiner Antiquität auch eine Aussicht gewährt. Die Landleute glauben, unter diesen Gräbern lägen Riesen, und wenn beim Unwetter die Erde bebt, da schnarchten sie, oder wendeten sich um. 143 Das ist ganz gut, was machen aber wir, die wir keine Hünengräber haben? Auch mit einer Sage wartet der Dubbenworth auf: In Jasmund hat eine große Riesin gehaus't, denn es giebt auch große und kleine Riesen, die hat über den Bodden hinüber zum Fürsten von Rügen geschickt mit dem Bemerken, sie wünsche ihn zu heurathen. Dies hat selbigem aber nicht wünschenswerth geschienen, da er zufällig gar kein Riese und ohne Verlangen nach so großen Gliedmaaßen gewesen ist. Er giebt ihr also einen Korb, und sie nimmt das natürlich sehr übel, und rüstet einen Krieg. Um schneller über den Bodden zu kommen, will sie ihn eiligst mit Sand ausfüllen. Sie trägt eigenhändig Sand in ihrer Schürze zu, und bei dieser Gelegenheit sehen wir, daß die Schürze ein sehr altes, ästimirtes und nicht blos Grisetten, sondern auch großen Damen zukommendes Kleidungsstück ist – die Schürze aber platzt in der Nähe von Sagard, und der Haufe Sand, welcher herausfällt, liegt noch heute da, und heißt jetzt, wo's an Riesen fehlt, der Dubbenworth. 144 All dies erlebten und erfuhren wir in dem kleinen Städtchen, und es war noch nicht zu Ende – es fuhren zwei lange, unbedeckte Korbwagen vor, die Pferde waren ziemlich ordinair aufgeschirrt, aber prächtige Thiere, deren reines Blut auch in der unscheinbaren Tracht und Umgebung leicht erkannt wurde. Solche Korbwagen hat man in Mecklenburg, und die Heimath derselben ist Holstein; es fahren in jenen Gegenden ganz noble Leute darauf; solche Pferde hat man nur in Mecklenburg; die Gesellschaft, welche aus einem Zimmer trat, was wir noch nicht gesehen hatten, mußte also nothwendig aus Mecklenburg sein. Mecklenburg, welche solide, schrotige, viereckige Gedanken steigen Einem auf bei diesem Namen! ich denke stets dabei an Kutschenpferde, große Klöße, Fleischtöpfe und wasserdichte Stiefeln; ich bin immer satt, wenn mir das Land einfällt, es muß sich derb und gesund dort leben. Und so hatte ich mir die Mecklenburg'schen Damen gedacht, wie ich deren zwei hier vor mir sah: von großem, vollem Wuchse, mit weiten blauen Augen, mit festem, weißem, luftig 145 geröthetem Fleische, nicht fein, aber üppig, kräftig, mit tüchtiger Gutmüthigkeit in den Zügen, mit großen, weißen Zähnen und dichtem, braunblondem Haar, mit starker, aber fleischesvoller, weißer Hand. Die eine trug ein weißes Kleid, die andre ein schwarzes, und sie gefielen uns sehr. Nach Unbefangenheit der nordischen Art gingen sie leicht sammt ihren Begleitern in Anknüpfung und Gespräch ein; wir waren im Begriff nach Arkona zu fahren, sie stiegen eben auch auf den Wagen: von allen Herrlichkeiten der Welt hatten wir im Augenblicke nichts anders zu wünschen, als daß diese freundlichen, schönen Mecklenburgerinnen – klingt das nicht so gewiß handfest und zuversichtlich, und ganz gewiß kochverständig und treu und gut, das Wort Mecklenburgerin – als daß sie auch nach Arkona fahren würden. Und so lieb und zutraulich fragten sie auch: Sie fahren gewiß ebenfalls nach Stubbenkammer? Herr Gott, nein, wir thörichten Menschen haben einen Wagen bestellt – geschwind, läßt sich das nicht ändern? 146 Da rasselten sie fort, die im weißen Kleide, die wirklich prächtig drein sah mit dem gutmüuthig-innigen Ausdrucke sah sich so ermunterungsvoll um – meine Herrn, ändern wir den Plan – aber die Siebenbürgner waren ungerührt, der Sachse war nicht da, und hatte keinen Drang, da ihm der Eindruck entgangen war; ich mußte mitpoltern auf dem harten Wagen über die Schabe nach Arkona, das that weh! Die Schabe ist zwar sehr merkwürdig, aber es giebt doch bessere Dinge als Merkwürdigkeiten. 147     Nach Arkona und Stubbenkammer. Um nach Arkona zu kommen, mußten wir wieder zurück nach der westlichen Hälfte, an deren Nordspitze das Vorgebirge liegt, an der Spitze von Wittow. Und dies sollte zu Lande bewerkstelligt werden, obwohl der Jasmunder Bodden zwischen Jasmund und Wittow liegt. Da nämlich, wo das Meer beginnt, und der Bodden stolz und wohlgemuth der großen Wassermutter, der See, in die Arme eilen könnte, da drängt sich wie eine skurrile Ironie eine schmale, klägliche Landzunge zwischen den Bodden und das Meer, und zieht sich von Jasmund bis nach Wittow hinüber, wohl zwei 148 gute Secunden Wegs lang. Dazu sieht diese Landenge höchst plebejisch aus und man begreift das Meer und den Bodden nicht, wie sie solch ein gemeines Hinderniß dulden können – ein Schwert zwischen den Ehegatten mag respectirt werden im Nachtlager, aber eine dürre Gerte! Ich habe das Meer und den Bodden im Verdacht, daß sie keinen guten Willen zu einander haben: der Bodden mag vielleicht lieber ein kleiner, aber selbstständiger Herr sein, und das Meer vergißt hier in der tiefen Bucht den seichten, schwachen Gesellen, den kleinen Tausendsappermenter eines Provinzstädtchens, der die Cotillons aufführt. Wie dem sei, diese Landenge ist ein schmaler, kaum ein wenig über den Wasserspiegel erhöhter Sandstrich, und heißt die Schabe. Vielleicht seiner schäbigen, ganz unproduktiven Beschaffenheit wegen, die Seeraben halten hier kleine Casinos, aber sie genießen nichts da, sie kosten nur einmal die Landruhe. Nirgends hab' ich so viel Möven gesehn, als auf der Schabe, von allen Farben, schwarz und weiß, grau und weiß, grau, weiß 149 sitzen sie hier und konspiriren. Der Wagen, um festen Boden zu haben, fährt meist mit einem Rade in der See, und sie lassen ihn oft ganz nahe kommen, sie fliegen und schwimmen ein ungestörtes, sichres Leben. Der Siebenbürgner war nicht so ruhig wie die Möven, und die tiefe Zuneigung der einen Wagenhälfte zum Meere beunruhigte ihn. Er versicherte den Kutscher, nicht schwimmen zu können; der Sagarder aber lachte bloß; hier giebt es keine Unebenheiten, der Meeresstrand ist gleichmäßiger Sandboden. So fuhren wir denn halb im Wasser und fortwährend zwischen zwei Wassern, an einigen Stellen ist die Schabe nicht breiter als zwei, drei Chausseen– wie die Kinder Israel durch's rothe Meer. Der Siebenbürgner sagte: wenn nun plötzlich eine Ueberschwemmung einträte, was geschähe mit uns auf diesem Sandgrat? wir ersöffen, erwiderte der Sagarder, sein Nachbar. Im Winter mag wohl diese Passage durch das Eis gehemmt sein, was sich aufschiebt. 150 Die Meeresbucht, Wilk wird es hier genannt, auf deren inneren Landesbogen wir fuhren, hat auf der östlichen Inselhälfte das breiter mit der Brust sich bietende Jasmund zur Grenze, und schief vor uns liegend auf Wittow die eigentliche Spitze der Insel, Arcona zum Brechpunkte. Beide Gestade glänzten wie Kreidefelsen aus der Ferne, und der Leuchtthurm von Arkona, in dessen Nähe noch einige Wallreste einer alten Jaromarsburg sich finden, sah wie ein Castell über das Meer herüber zu uns. Die Sonne schien freundlich, wir ließen zu großer Beunruhigung des Siebenbürgners den Wagen etwas weiter in's Meer fahren, machten ihn zur Garderobe und wateten in die See hinein. Auch das Wasser hält nicht einmal Wort, wenn der Anblick von Reinheit der Gesinnung spricht, schwarzer Schleim wie Rogen von schwarzen Fischen erfüllt die Strandwellen, und macht den Badenden schwarz statt weiß, in großer Masse schwimmt das merkwürdige Wasserphänomen, der Seestern, 151 medusa aurita darin umher, der aus der Ferne einer kleinen platten Muschel gleicht, in der Nähe eine weißliche Gallertmasse zeigt mit dunklem Mittelpunkte. Dieser kleine, wunderliche Teller ist ein lebendiges Wesen, was sich selbst befruchtet, ein abgeschlossener Staat, der millionenfach in der Ostsee schwimmt. Es war gegen Abend, als wir den Leuchtthurm dicht vor uns sahen; der Himmel hatte sich bedeckt, die Sonne ging roth unter, wir stiegen aus, und traten an die nördlichste Spitze Deutschlands; vor einigen Jahren war ich an der südlichsten, bei'm adriatischen Meere gewesen, wie viel Schicksal lag dazwischen, Schicksal, was mich seitdem betroffen, Schicksal aller der Länder vom Rügener bis zum halbdeutschen Dalmatier. Von Rügen bis Triest, von Riga bis Straßburg und Genf wird deutsch gesprochen– wahrlich, der Burschenschaftstraum war als Traum ein artiger, daß eine Macht erweckt werden möge, so weit die deutsche Zunge klingt, wir wären auch politisch das Herz von Europa, wie wir der Magen sind, der Alles verarbeiten muß, was der lüsterne 152 Mund Frankreichs und die langen Arme Englands bringen. Aber die Geschichte nimmt keine Rücksicht auf sanguinische Combinationen, die Macht der Völkerschaft ist nicht mehr ihr Typus, der Staatsbegriff ist ein anderer worden, und just die gemischten Staaten haben sich herausgestellt, als die von der Geschichte begünstigten. Und wie abgelöst von Deutschland ist mehr und mehr der Staat, aus welchem Jahrhunderte lang unsere Kaiser kamen, wie bildet sich die Herrsch- und Kulturaufgabe Oesterreichs immer mehr dahin aus, den gemischten Bereich hinab an der Landkarte zu bilden und zu regieren! Aber wenn die Politik, wie es sich jetzt ankündigt, eine total andere Wendung nimmt, wenn die jetzt mehr und mehr lallenden Fragen der letzten Zeit von ganz andern ersetzt sind, da kann der deutsche Norden eine Herrschbestimmung gewinnen, wie sie den hochgewachsenen Nordländern immer bestimmt gewesen scheint. Der Norden, mäßig und karg im Genießen und in den Sinnen dafür, 153 nüchtern und besonnen, billig und stark, ist zum Herrschen berufen, er hat Rom zweimal gestürzt, die Imperatoren und die Päpste, er hat Napoleon gestürzt, er ist noch heute stark und muthig in seiner dünnen, kühlen Luft. Die Schweden und Dänen haben ihre Zeit gehabt, und sie nicht dauernd benutzen können; der Boden, auf dem ich bei Arkona stand, hat ihnen Jahrhunderte lang gehört, jetzt sind sie Provinzialstädte geworden unter den europäischen Mächten. Schweden verarmt und verkümmert immer tiefer in Haferbrot und Kälte, der Nordpol ist sein immer näher rückender Feind – aber Norddeutschland, was eigentlich noch nie kompakt in der Geschichte aufgetreten ist, hat noch eine große Zukunft. Wie kräftig sind seine Versuche mit Kultur, mit Friedrich dem Großen, mit Blücher gewesen – wir haben noch Gußeisen genug zu neuen Statuen. Süddeutschland hat seine Hohenstaufen, seinen Schiller und Uhland gehabt, ist reich aber nicht mächtig. 154 Treten Sie nicht so nahe an den Strand, der Boden bröckelt – dieß Nordkap Deutschlands fällt ebenfalls nicht so imponirend ab, als man's zu beschreiben pflegt: es ist allerdings eine Bergspitze, aber nur in der mäßigen kleinen Weise, wie alles Derartige auf Rügen, es ist auch kein stolzer Fels, an dem sich die Brandung bräche, sondern ein Geröll aus Lehm und Erde, am Fuße sind Steine, und wenn das Meer ruhig ist, spielt es nur an diese heran und bedeckt sie nur zuweilen mit einer Sprungwelle. Wahrscheinlich lös't es auch von Jahr zu Jahr ein wenig vom Boden, die runden beras'ten Filzkegel, die noch von der Jaromarsburg übrig sind, mögen eben so durch Meer und Wetter verloren haben, und in Rechnung auf das gefräßige Meer und den nachgiebigen Boden hat man auch den Leuchtthurm eine Strecke zurück erbaut. Solch ein Leuchtthurm ist ein kostspielig Möbel; eine Meerbeleuchtung, die Meilen weit gesehen werden muß, hat ihre Schwierigkeit. In alter Zeit, wo das Holz noch wohlfeil war, machte man dies 155 Geschäft mit Holzstößen ab; unterhielt doch mancher Rittersmann, dem die dicken Forste zu Gebote standen, allnächtlich auf seiner Burg eine Feuerwacht. Jetzt werden die Leuchtthurme ganz modern versehen mit saubern Oellampen, deren Schein von einem dreifachen Kranze blankschimmernder Kupferkessel zurückprallt, und das sauberste Licht gewährt. Wir sahen in dem verglas'ten obersten Raume des Thurms dem Anzünden zu, bewunderten die rein gehaltenen, glänzend polirten Geschirre, und ließen uns durch den knochigen, kurz gebundnen Pommer erzählen von den Schiffen, die zu Sturmeszeit in wilden Nächten aus der See herauf um Hülfe donnerten. Der Mann hatte Ordenszeichen und Medaillen, besonders von den Schweden, denen er mehrere bedrängte Schiffe gerettet hatte. Er versprach uns zur Nacht einen soliden Sturm. In schmalen Stübchen wurden wir eingeschachtelt wie auf dem Schiffe, und noch waren wir nicht eingeschlafen, da erwachten draußen die Wetter, und spielten auf in allen Tonarten. 156 Ich suchte mir eine Lücke zum Hinausblicken, und dankte Gott, daß ich ein Schriftsteller und kein Leuchtthürmer sei, der hinaushorchen muß, ob ein Nothschuß mit den Winden kommen werde. Schwarz kam das Meer aus der Finsterniß in den bleichen Lichtschimmer hereingestürzt, welchen der Leuchtthurm auf die nächste Tiefe machte; daß es unten in der Tiefe lag und bäumte, gischte und tobte, erhöhte noch das Unbehagen, wenn man sich zu Boot hinein genöthigt dachte. Der Siebenbürgner machte die triviale und doch in vieler Weise richtige Bemerkung, Uebung thue Alles, und huschte sich tiefer in die Bettdecke, um den Sturm nicht heulen zu hören, und die Erschütterung des Thurms weniger zu empfinden. Uebung gebiert auch den Muth der Gewohnheit, und der Siebenbürgner ward auch durch Uebung täglich furchtsamer. Mögt Ihr Russen-, Schweden- und Dänenfahrer Gott befohlen sein da draußen in der peitschenden Meeresnacht, sprach ich am Ende auch, ich 157 kann nichts thun, als Euer Geschick beschreiben, wenn Ihr eins erlebt oder nicht erlebt. So auf dem egoistischen Standpunkte rücken sich die Menschen Tag um Tag weiter, was Gutes davon abfällt, kommt von den Besten in unbesprochner Stille, übrigens waltet für die Indolenten der bequeme Glaube an eine wohl administrirende Weltordnung, und so lassen sie's gehn, und suchen ihre Bequemlichkeit. Wir haben auch gut geschlafen, und als wir zum Sonnenaufgang geweckt wurden, war Alles vorbei, und wir hörten's eben mit an, daß ein Sturm gewesen sei, wie wir's in den Zeitungen lesen. Die Menschen können sich nur an sehr einzelnen Punkten der Geschichte bemächtigen, die sie selber mit erleben, ja machen helfen. Den Lesern wird hier die Beschreibung eines Sonnenaufganges erlassen, den sie in jedem leidlichen Romane nachlesen können. Gewöhnlich geht die Sonne in den Romanen stets interessant auf – wir fuhren durch die vom nächtlichen Regen 158 eingewässerten Wege eiligst zurück nach der Schabe. Da ich eben Altenkirchen in der Ferne liegen sehe, so sei noch erwähnt, daß hier am Strande von Wittow die berühmten Uferpredigten gehalten werden, in welche Kosegarten so viel Schwung gebracht hat. Der Häringsfang nämlich drängt sich auf wenige Tage zusammen, und die Leute wohnen da ganz und gar am Strande, und haben auch keine Zeit in die Kirche zu kommen. Die Kirche nimmt dann ein Einsehen und kommt zu ihnen; eine gute Kirche hat, man mag sagen was man will, immer die beste Lebensart. Der Herr Pastor kommt an den Strand – die Häringe warten das Stündchen, um dann gefangen zu werden – und predigt unter freiem Himmel, Angesichts des Meeres und der Häringe. Das mag sehr gut sein, und liegt auch auf der andern Seite; aber wenn man die Schabe an einem rauhen Herbstmorgen, in dessen Backen noch kleine Regenwetter nisten, auf einem offenherzigen Holsteiner Wagen zum zweitenmale passirt, da wird Einem 159 diese Naturmerkwürdigkeit allgemach unbequem und langweilig. Endlich waren wir wieder auf Jasmund, und die Sonne brach auch wieder durch – über kleine Hügel und Thäler gings weiter, wir kamen in den lichten, grünen Wald der Stubnitz, und hofften bald Stubbenkammer und unsre Mecklenburgerinnen zu sehen. Wir hatten kein Glück mit Mecklenburg: mitten in unserm hoffnungsreichen Morgenliede rollten die Wagen mit Mecklenburgs Stolze an uns vorüber, verschlafen und melancholisch grüßte Coeur- und Pique-Dame, besonders Coeurdame; ein ganz niedliches Gedicht mit schmollenden Vorwürfen lag auf ihrem Antlitze. Wir bildeten uns natürlich ein, es gälte uns, denn wo sich junge Männer und Mädchen begegnen, da findet auch sogleich ein officielles Verhältniß statt, wie Studenten überall Brüder finden, Officiere überall Kameraden, Referendarien überall Referendarien. Nun werden die Leute sagen, wenn uns Stubbenkammer nicht gefällt, Coeurdame aus 160 Mecklenburg sei schuld – Stubbenkammer hat uns aber gerade zum Possen sehr gut gefallen, der schöne Wald geht bis an den Abhang des Strandes, der hier, wenn auch nicht hoch, doch steil und zu wirklichem Kreidematerial verdichtet ist. Aus dieser grünen Waldeshöhe sieht es sich prächtig in's Meer hinaus. Die Waldpartie ist hier auch artig kultivirt, und ein geschmackvoll Wirthshaus, wo Coeur Dame übernachtet hatte, liegt lockend in der Mitte. Der Sachse erkundigte sich, und trank auf ihre Gesundheit; die Sachsen bleiben die höflichsten Deutschen. Lauter lichtgrün schöner Wald ist diese Stubnitz, und da die Sonnenstrahlen den ganzen Tag über durchtändelten, so sprangen und sangen wir lustig darin umher. Hier, unweit der Stubbenkammer, liegt die in allen Geschichtskompendien erwähnte Herthaburg und der Herthasee, von welchem Tacitus erzählt, wie der Herr Conrektor in Groß-Glogau versicherte. 161 Es ist ein schlimmer, schlimmer Punkt, diese Burg und dieser See, und er hat schon viel Kummer gebracht: Germanisch oder wendisch, Tempel oder Burg, Natur oder Kunst? Das sind die Fragen. Vergessen wir einen Augenblick dies schwere historische Problem, – ich fürchte auch, wir lösen's nicht – und sehen wir uns unbefangen um. Es ist ein schmaler, ziemlich hoher Damm, den die officiellen Beschreibungen durchschnittlich zu achtzig bis hundert Fuß, ja an einigen Stellen zu zweihundert Fuß angeben. Besonders hoch erscheint er Einem eben nicht, der ringsum gelagerte Forst mag wohl zur Verkleinerung beitragen. Die Form dieses Dammes oder Walles ist ungefähr eiförmig, und plattet sich nach einer Seite tief ab, an dieser Seite schließt sich der See an, kreisrund, wie man sagt unendlich tief, kohlschwarz. Wir wollten unsre freveln Gebeine in diesem heiligen Wasser baden, aber es war uns zu kalt – dies soll nun der See sein, welcher schauerlich einsam, todtenstill von Buchen und Schilf umsäumt, 162 wie ein Gewässer der Unterwelt tief im Walde ruht, von welchem Tacitus erzählt wie folgt: Auf einer Insel des Oceans ist ein heiliger Hain, und es ist nur den Priestern gestattet, den darin stehenden heiligen Wagen zu berühren, welcher mit einem Gewande bedeckt ist. Wenn dieser Priester die Gegenwart der Göttin im Heiligthume wahrnimmt, und darauf ihrem von Kühen gezogenen Wagen nachfolgt, dann gibt es frohe Tage und Feste an den Orten, die ihrer Gegenwart geweiht sind. Kein Krieg wird geführt, keine Waffe erhoben, alle Eisenwehr ist verwahrt, nur dann sind Friede und Ruhe bekannt und geliebt, bis eben der Priester die Göttin, satt vom Umgange mit Sterblichen, dem Tempel wiedergiebt, dann werden Wagen und Gewänder, ja die Gottheit selbst, wenn man dies glauben will, in einem verborgenen See abgewaschen, und derselbe See verschlingt die Sklaven, welche diesen Dienst verrichtet haben. 163 Also Tacitus, den Herr v. Schönholz einen römischen Heerführer und Schriftsteller nennt, der uns aber nur bekannt ist als ein vorsichtiger Senator, welcher mit Heerführern nichts zu schaffen hatte, sondern, außen demüthig und fügsam gegen die römischen Despoten, nur in der Stille seines Gemaches gegen sie schrieb. Dazu wählte er besonders eine Schilderung Germaniens, weil ihm die Zustände dieses Landes das beste versteckte Paroli gegen die römischen abgaben, und bei dieser Gelegenheit hat er auch vorstehende Mittheilung gemacht, welche auf die Stubnitz in Rügen bezogen wird. Ist der Herthadienst hier wirklich gefeiert worden, so ginge dies beinahe zweitausend Jahr zurück, und findet sich nicht durch Ausgrabungen ein Dokument, so müssen wir äußere Beweise aufgeben. Der Wald nämlich hat wohl mehrmals gewechselt, er ist nicht einmal ein alter, noch weniger ein uralter Buchenhain, einem bloßen Erdwalle, wie der vorliegende, was kann dem in ein Paar tausend Jahren begegnen, und das Wasser ist stumm. 164 Uebrigens macht der See einen bei Weitem tieferen und geheimnißvolleren Eindruck in seiner schwarzen, schweigenden Rundung, die mysteriös und todt wie das Alterthum daliegt. Vom Walle gewinnt man auch keinen so heraustretenden Anblick, da die behenden jüngeren Buchen an vielen Orten hinan und hinauf streben. Die Rügener haben ihn immer den »Borgwall« genannt, darauf ist aber kein Nachdruck zu legen, da sie alles Aehnliche so nennen, deßhalb könnte es immer noch eine Tempelwehr sein, wofür unsre antiquarische Liebhaberei durchaus gestimmt ist. Der innere Raum ist hundert Schritte lang und zweiundvierzig breit, und drängt an einer Seite auch wirklich ein Stück in den Damm, so daß der Raum für einen Tempel damit gegeben sein könnte. In aller Weise war dies derjenige Ort, welcher uns in seiner absonderlichen Einsamkeit und Originalität zum ersten Male die frivole Anschauung vertrieb, welche uns bei diesen meist kleinen, von Reisebeschreibern sehr übertriebenen Dingen nicht 165 verlassen hatte, der Ort, welcher uns eine sinnende Geschichtsstimmung aufnöthigte, welchen wir ernst und gedankenvoll verließen. In Sagard, wohin wir jetzt wieder zurückkehrten, verließ ich meine Reisegenossen, und wünschte dem Siebenbürg'ner statt einer glücklichen Reise die beste Courage. Gott sieht auf's Herz, Freund, nicht auf die Orthographie, und ich fuhr nun allein die schmale Haide entlang an der Granitzgrenze hin nach Putbus zurück. Die schmale Haide ist eine etwas breitere Landenge als die Schabe zwischen dem untern Theile des Boddens und dem Meere. Der Kutscher mußte noch ein Stück in die Granitzforsten einlenken, und erquickt von Wald und Luft kam ich gegen Abend in das todesstille, weiße Putbus. Rasch eilte ich nach dem Stranddorfe hinab, um nach dem Schiffer Ulrich zu fragen, der auf mich gewartet hatte, nach dem Winde, der nicht zu warten pflegt. Ulrich stand auf seinem Schooner, und sah sehr mürrisch aus, er begriff nicht, wie man bei so vortrefflichem Nordost, wie gemacht 166 nach Swinemünde, mehrere Tage lang auf der Insel herumlaufen könne – solch 'n Nordost – ohst zu sprechen – krieg ich mein Lebtag nicht wieder. Es flatterte ein flauer Südwind; dennoch ward beschlossen, am andern Morgen zeitig in See zu gehn. Erich, der zweite Schiffer, welcher dem Besitzer des Schooners, dem kurzstämmigen Ulrich zur Hand war, versprach, den lieben Herrgott die Nacht über fleißig zu bitten. Beim Abendessen in Putbus fand ich einen hohen, breitschultrigen Herrn, der sehr gesprächig war. Nebenher war er neugierig und offenherzig, und ich wußte bald, daß ich's mit einem Meklenburg'schen Edelmann zu thun hatte, der die preußische Staatszeitung läse, den Revolutionskrieg in der Champagne mitgemacht und bei dieser Gelegenheit sechs Wochen lang Kleider und Stiefel nicht vom Leibe gekriegt, noch weniger ein Bett gesehen habe, daß er übrigens nicht Erfinder des Schießpulvers noch weniger der Buchdruckerkunst, sonst aber ein wackrer Mann sei. Mit den Zollgesetzen und dem 167 ganzen Laufe der Politik war er unzufrieden, aber das geschah blos der Unterhaltung wegen, sein eigentlich merkwürdiger Mittelpunkt lag darin: er war im Interesse des Adels und des Bestehenden aufgezogen, das war seine ursprüngliche Natur, in den langen Jahren, die er mitgelebt, in den langen Zeitungen, die er mit gelesen, war aber so viel Neues über ihn gerathen, und das Ordinairste hatte sich so harmlos wie eine dichte Masse von Redensart und Folgerung über ihn gelegt, daß sein Gespräch wie eine Guitarre klang, die auf Moll gestimmt und in Dur begleitet wurde. Er schwärmte für's Manifest des Herzogs von Braunschweig und tadelte die jetzigen Regierungen, daß sie Bücher verböten, wie ein Bonapartist, der die Continentalsperre eifrig vertheidigte, seinen Kaffee aber über London bezog und seiner Frau zum Oefteren ostindische Stoffe schenkte. Diese Unterhaltungspolitiker sind die gefährlichsten Feinde des Bestehenden; der Ernst, auch der 168 verwerfliche, bekräftigt, die Salbaderei, auch die gutmüthige, schwächt. Wir freuten uns sehr, einander kennen gelernt zu haben – ich heiße von – –, und habe die Ehre gehabt, mit Herrn von –? Es that mir leid, ihm nicht dienen zu können; wir schieden noch höflicher, als wir angesetzt hatten, und ich fürchte, sein Schlaf ist nicht so gut gewesen als der meinige, denn er hatte sehr viel gegessen. 169     Die Seefahrt. In stiller, durch keinen Applaus beleidigter Pracht leuchteten noch die Sterne, als ich zum Strande hinabschritt, um mich dem Meere anzuvertrauen. Die Luft war ruhig, um so unruhiger war Ulrich, Erich's Beten hatte nichts geholfen: wir puhsteten uns langsam aus der Bucht heran hinter den Vilm, und hofften auf die Zukunft, was bekanntlich die Menschen immer thun, wenn sie nichts Besseres thun wollen oder können. Drei Viertheile der kouranten Hoffnung sind nichts als wackre Trägheit, die Wenigsten hoffen mit Kraft und Nachdruck, 170 nachdem sie das Ihrige gethan, um dafür berechtigt zu sein. Außer den beiden Schiffern und mir fand sich noch ein kleines Männchen im Schiffe vor, das war ein Uhrmacher, der einen grün karirten Schlafrock und ein grün gesticktes Mützchen trug. Der Schlafrock war sehr lang, länger als der Uhrmacher, und ganz zugeknöpft; vorn auf den Beinen hatte er zwei Taschen, in welchen sich stets die Hände des kleinen Mannes aufhielten, wenn er sie nicht nothwendig zum Feuerschlagen oder zum Schneuzen brauchte. Denn er rauchte Tabak und hatte den Schnupfen. Als wir abfuhren, nahm er zärtlich Abschied von einem kleinen Hunde und beiläufig von einer Frauensperson, die allem Ermessen nach seine junge Ehehälfte war, dann sang er ein aufrührerisches Lied mit einigen irrthümlichen Ausdrücken, producirte starke Rauchwolken, und versprach den Schiffern Wind zu machen, kurz er war sehr guter Dinge, und außerdem aus Potsdam gebürtig. Dies sagte er mir nebenher, und in Putbus sei er jetzt 171 etablirt, wo es ihm sehr fidel gehe. In diesem Augenblicke mache er eine Besuchsreise, und zwar diesmal zu Schiffe, weil sich's damit schneller abmachen ließe; zu Lande sei er schon weit herum gewesen in der Welt, in Crossen unweit der schlesischen Grenze, und in Torgau bei Leipzig. Ich machte ihn aufmerksam, daß es vielleicht sehr langsam ginge, weil wir schlechten Wind hätten, und daß es auf der See auch gefährlich werden könnte. – Pah – larifari, ich habe Viel mitgemacht und immer Glück gehabt, ich trinke Abends meine drei Boddellen Bier, und spüre nichts – das ist paperlapap mit der See. – Ulrich lächelte zum ersten Male. Des kleinen Uhrmachers Stimmung hielt auch nicht lange an, es kamen einige Windstöße, das Schifflein schwankte, und das Tabakrauchen des Uhrmachers wurde blöder, kopfschüttelnd wurde endlich gar die Pfeife bei Seit gestellt, und unter steter Versicherung, daß ihm dergleichen unerklärlich 172 sei, stolperte der erblassende Held bei Seite und that das Gebräuchliche. Die Windstöße waren den Schiffern eben noch bedenklicher, Ulrich kratzte sich in den Haaren, und der alte Erich zog seine schwarze Pelzmütze tief über die Ohren, faltete die groben Hände und bewegte die Lippen wie ein Italiener, welcher eiligst etwas von der Frau von Loretto zu wünschen hat. Die Besorgniß wurde denn auch schnell wahr – klatsch fiel das Segel zusammen, und wedelte passiv um den Mastbaum, wir hatten totale Windstille, und lagen unbeweglich auf einem Flecke. Die Sonne schien mild und warm, der grün belaubte Vilm, das weiße Putbus sahen unverrückt auf uns her, wir waren noch mitten im Rügenschen Busen, und es war bereits Mittags. Der Uhrmacher war todt, die Schiffer krochen in die kleine Kajüte, um Kartoffeln zu kochen, das Schöpsenfleisch, was sie aus Rügen mitgenommen hatten, sollte noch nicht angegriffen werden, ich saß in stiller Mittagseinsamkeit auf dem Vordertheil des Schooners, und sah 173 in's dunkle Wasser hinab: Geheimnißvoll lockte es mit seiner Tiefe, all die Geschichten von Wasserfeen summten wie singende Mittagswärme in meinem Kopfe, die Kleider fielen, ich sprang hinab in das lockende Element. Aber ach, es gibt keine Feen mehr, wenigstens mochten sie nichts mit einem Reisenden zu thun haben, der beim Haloren schwimmen gelernt hatte. Heutiges Tages muß man ersaufen, um mit den Wassergöttern in Berührung zu kommen. Als Ulrich meines Treibens inne wurde, erhob er ein groß Geschrei und lief nach einem Taue – »wenn der Wind sich erhebt, sind Sie verloren, Herr, wir erreichen Sie gar nicht, oder nicht eher, als bis Ihnen Hören und Sehen und Schwimmen vergangen ist. –« Man kann auf offenem Meere auch bei Grabes-Windstille nicht ohne Tau baden, ohne das Aeußerste zu riskiren. Die Wellen und kleine Strömungen schaukelten uns nach der Küste von Mönchgut hin, ein Frauenzimmer saß am Strande, und winkte 174 mit einer dunklen Flagge – Gott steh uns bei, Unglück über Unglück, das ist die alte Fretten, die auf ihren versoffenen Liebsten wartet, heiliger Jakob, habe ein Einsehn mit uns! Erich bewegte noch lebhafter die trocknen Lippen, und ich erhielt mit Mühe die nöthige Auskunft. Die alte Fretten nämlich war vor vielen Jahren ein sehr schönes Mädchen gewesen, und hatte einen Liebsten gehabt, der sich durch Geschicklichkeit und Wildheit vor allen Mönchgutern ausgezeichnet. Weil er aber in seiner Wildheit tolle Streiche machte, und zu viel Branntwein trank, so waren die Eltern des schönen Mädchens gegen die Heurath, und nöthigten die arme Tochter, ihre Schürze auszuhängen, um die Freite anzukündigen. Um dieselbe Zeit war der wilde Liebste auf einer Fahrt nach Bornholm begriffen, und konnte nicht am Hause vorübergehn – so wurde denn der kleine Fretten ihr Mann, der ein stilles, manierliches Ansehn hatte, aber ein Schleicher und Duckmäuser war. Von da an sei es schon mit dem Mädchen nicht recht richtig 175 gewesen, und wie nun gar die Nachricht eingetroffen, daß der wilde Hans auf der See zu Grunde gegangen, da habe sie kein vernünftig Wort mehr geredet. Das ist dreißig Jahre her, setzte Erich hinzu, ich ging gerade damals zum ersten Mal 'naus in die spanische See, und so oft ich wieder nach Rügen komme, und 's scheint die Sonne, da seh ich die Fretten, die mit ihrer Schürze winkt, und das bringt mir jedesmal Unglück, der Teufel hol' die – Gott verzeih mir die Sünde, und schenk' uns en Betchen (Bischen) Nordohst! Erich wurde wieder andächtig, und wirklich wachte auch der Wind ein Wenig auf, und wir trieben wieder in die See hinaus. Die alte Fretten mit ihrer traurigen Flagge war aber noch lange zu sehn – 's geht eben mit Liebe und Heurath unter den patriarchalischen Mönchgutern um kein Haar besser, wie bei den ersten, besten Geheimenraths, man will die Kinder mit Gewalt gut unterbringen, und läßt zwei Armeen gegen einander 176 operiren, Verstand und Herz, wo die letztere nicht die kleinste Waffe hat, um die erstere einen Ritz tief zu verwunden. Die Natur hilft sich dann auch hier gewaltsam, und nimmt dem besiegten Theile auch das Restchen Verstand noch, was Bewußtsein der Niederlage bringen könnte, der Blödsinn rettet wie der Tod, er ist ein böses Gewissen für gewaltsame Eltern. Arme Fretten, der Hans liegt tief, und Du siehst obenein nach einer falschen Seite, da drüben vom andern Strande aus geht's nach Bornholm. Gott sei Dank, nun sehen wir die alte Fretten nicht mehr, sagte Erich, und der Wind – pst, pst. Die Schiffer loben niemals den Wind, um ihn nicht zu erschrecken. Der Wind war etwas lebendiger geworden, aber freilich noch kontrair, wie sie's nennen. Man glaubt indessen nicht, wie ökonomisch und geschickt der Seefahrer allen Wind zu benützen versteht, er wirft die Segel rechts und links und manövrirt so geschickt damit, bis er den kleinen oft einzigen Punkt gefangen hat, der nach seiner 177 Richtung treibt, er schneidet ihn scharf zu seinem Besten wie mit einem Messer. Es geht mit den Schifffahrtsangelegenheiten wie mit der Liebe; alle Beschreibung hilft wenig oder nichts zur Kenntniß, die flüchtigste eigene Betheiligung darin hilft mehr als die Lektüre von zwanzig Büchern. Wie viel Seeromane hat man lesen müssen, wo oft das Schicksal der Helden von Backbord oder Steuerbordseite, von Bramsegel oder Topsegel abhängt, man überläßt das dem Autor, der es verstehen muß. Wir kamen bei dem steten Südwinde wenig von der Stelle, und konnten namentlich die Meeresfluth zwischen Ruden und der Oie nicht gewinnen, sondern wurden immer noch westlich von Ruden getrieben. Darüber verging die Zeit, es ward später Nachmittag, und ich hatte nichts zu essen, Erich wollte durchaus noch nicht an's Kochen des Schöpsenfleisches gehn, und eröffnete mit der Besorgniß, daß es uns noch nöthiger sein werde, die traurigste Perspektive. Der kleine Uhrmacher, welcher kleinlaut geworden war, fühlte keinen Beruf, mir von einem 178 Paket kalter und zerbröckelter Beefsteaks mitzutheilen, die er bei sich führte, und von den er üblen Appetites wegen nur wenig genießen konnte. Ich bot große Summen für ein Brot, aber das Geld hatte wenig Werth bei der drohenden Hungersgefahr, es ward mir nur schnittweise die karge Nahrung zugestanden, und das Verhältniß wurde unbequem. Ein Bäcker- oder Fleischerladen in der Nähe wäre mir viel erwünschter gewesen, als Erich's Erzählung von der spanischen See, mit der er mich bei Gelegenheit des Hungers regalirte. Wenn man den Fuß hinein steckte, berichtete er, so klebte ein Teller voll Salz daran, das in einer Minute am Sonnenschein getrocknet war. Zur Hungersnoth gesellte sich bald auch andre Noth: der Wind erhob sich voll und ruckweise bald von dieser, bald von jener Seite, der Uhrmacher seufzte aus der Kajüte vernehmlich, denn der Schooner machte sehr störsame, fatale Bewegungen, Erich mußte die Segel bald hierhin, bald dorthin werfen, der lange, magre Alte mit der kurzen Jacke machte 179 ein kläglich Gesicht, und seine Lippen fingen während der heftigen Arbeit das alte Geschäft an, selbst Ulrich sah sich unruhig und besorgt nach dem aufsteigenden Meere um. Ulrich war der Besitzer des Schooners, bewies sich aber in aller folgenden Fährlichkeit kaltblütiger und gefaßter als Erich, der zweimal reicher Schiffsherr gewesen war, und zweimal allen Besitz verloren hatte, so daß er jetzt gelegentliche Matrosendienste verrichten mußte. Das zweite Mal war ihm während der Kontinentalsperre sein Fahrzeug, aus der spanischen See kommend – den Meerbusen von Biscaya nannte er so – von den Engländern genommen worden, er nannte deßhalb diese stolze Nation nicht anders als »Spitzbuben«. Der Gebrannte scheut das Feuer; obwohl keine Engländer in der Nähe und in dieser Weise nichts zu fürchten war, zeigte er doch lebhafte Besorgniß vor dem herannahenden Sturme, und der heilige Jacob oder Jago, wie er variirte, den er sich aus der spanischen See angewöhnt hatte, fiel hundertmal von seinen Lippen. – 180 Auf einem so unsichern Elemente, wie das Meer ist, blüht der Aberglaube, wie der niemals ausbleibt, wo man ganz dem Glück und Zufall preisgegeben ist. Waghalsige Krieger, Spieler, Schiffer werden diese freie Poesie der Götterwelt nie aussterben lassen; auch diese nüchternen, protestantischen Nordländer haben ihr gut Theil: Erich hatte heimischen und auswärtigen durcheinander, um seine Reisen nicht zu vergessen; der ernste Ulrich hatte auch seinen, und verwies mir's ernstlich, wenn ich den Wind schelten wollte. Wenigstens sollte ich es leise thun; ich stärkte mich statt am Schöpsenfleische an einem verwandten Irländischen Bull, über den auch Ulrich lachte, obwohl er ihn in seiner Weise eben ganz und gar kopirte und mich darauf gebracht hatte: ein Irländer treibt Schweine nach Cork und es begegnet ihm ein Bekannter; geht's nach Cork? fragt dieser – nein, nach Limerik! schreit der Treiber, und leise setzt er hinzu: Freilich geht's nach Cork, aber wenn ich's diesen eigensinnigen Rackern sage, so gehen sie schon darum nach Limerik. 181 Und die Winde haben doch wohl noch feinere Ohren als Schweine. Sie wurden immer unbändiger, die Schwenkung links hinüber nach Swinemünde zu gewinnen, ward ganz unmöglich, und es wurde Schiffsrath gehalten, woran nur der Uhrmacher als stimmunfähig ausgeschlossen blieb, ob wir blos die Schutzseite von Ruden, oder die Bucht von Wolgast suchen sollten, um dem stets ungestümer heraufwühlenden Sturme auszuweichen. Der Nahrungsmittel wegen stimmte ich für Wolgast, und Erich, um sein Schöpsenfleisch zu sparen, stimmte mir halb unentschlossen bei, aber der Wind kam mit Courierpferden, wir mußten Hals über Kopf das nähere Ruden zu gewinnen suchen. Die Aussicht auf Speis' und Trank fiel dadurch freilich unter Null, und ich war nicht besonders auf das unwirthliche Meer zu sprechen: ein Boot nämlich besaßen wir nicht, und der Schooner konnte, auch wenn wir das Eiland glücklich erreichten, nicht 182 bis dicht an den Strand, weil dafür das Fahrwasser nicht ausreichte. Lange schon hatten wir ein kleines Fahrzeug in der Ferne kämpfen sehn, jetzt ward es deutlicher, wir erkannten einen Logger, und sahen, daß er ebenfalls den dürftigen Schutz unter dem Ruden suchen möchte. Die Schiffer kennen sich mit ihren luft- und wasserklaren Augen auf außerordentliche Strecken, und wie die Fuhrleute einander am weißen Vorderfuß des Pferdes, am schnellern oder langsamern Vorrücken unterscheiden, so wissen diese auf dem Meere alle kleinen Bewegungsnuancen der Fahrzeuge, ob es flach oder tief segelt, wie sich's im Winde hält und dergleichen, kurz Ulrich erkannte den Logger genau, eh' ich die Umrisse ordentlich zusammensetzen konnte. 's ist der lüderliche Störte, sagte er mir zum Trost, er lungert nach Seegras herum, und der hat ein Boot, was Sie landen kann. Die ärmeren Leser mögen sich der unsanften Seegrasmatratzen erinnern, welche eigentlich für Klosterzellen erfunden sind, wo man das Fleisch kasteit. 183 Die Bekanntschaft derselben ist am Mannigfaltigsten in der Berliner Hausvoigtei zu machen, wo sie in allen Spielarten von Berg und Thal vorkommen, und mit Gestöhn und Fluchen vertraut sind. Die Heimath dieser Aschenbrödel, welche so verkannt und gemißhandelt werden, sah ich vor mir, Störte war einer von den merkwürdigen Schlafsorgern vom nordöstlichen Deutschland. Tief in's Binnenland dringt diese Seegraserfindung nicht. – Aber das gab noch Wogen und Sprützregen und Arbeit, eh' wir dem Logger unser Verlangen zurufen konnten. Sieht man die rohesten Fuhrleute bei schlimmem Wege und schlimmem Wetter aufopfernd gefällig gegen den Hilfsbedürftigen, dem ein Riemen gerissen, die Deichsel zerbrochen oder so etwas Hinderliches begegnet ist, sieht man diese Gattung, welche aus Wagenpech und Stricken zusammengeknetet scheint, bei solcher Gelegenheit wirklich ein eigentliches Objekt respektiren, eines kleinen Opfers fähig, so kann man dies in noch viel bedeutenderer Art bei Schiffern finden. Ihr gemeinschaftlicher Feind ist noch größer, 184 sie sind mir in diesem Punkte wie eine Ordenskorporation vorgekommen, die sich zuversichtlich gegenseits in Anspruch nimmt, und gegenseits diese Ansprüche erfüllt. Ulrich und Störte schienen keine besondern Freunde zu sein, aber Störte setzte auf den durch Wind und Gebrause kümmerlich zu ihm dringenden Ruf ungesäumt sein kleines Boot aus, nachdem der Anker des Loggers gefaßt hatte, und arbeitete sich mit seinem kleinen Burschen wogauf, wogab mühselig zu uns heran. – Harriadden, der Seeräuberkönig, Störtebeck, der rügensche Rinaldini, vielleicht ein Ahnherr Störte's, konnten nicht seeräubermäßiger aussehn, als dieser verwilderte Schiffer mit zerwühlten, groben Gesichtszügen und dem braunen Tabaksmaule. Die Schiffer riefen sich einige plattdeutsche, nicht eben tröstliche Notizen über Meer und Sturm zu, der kleine Uhrmacher, welcher in seiner Kajütenangst Land gewittert hatte und vorgekrochen war, wurde mit in Störte's nassen Kahn gewälzt, wo ein nasses Brett die einzige trockne Stelle war, und so ging's dem Strande zu. 185 Ruden, ein kleines, steriles Eiland, an der breitesten Stelle etwa wie drei Berliner Straßen breit, ist eine ganz unfruchtbare, baumlose Dünenbank, auf welcher sich, zu unserm Glück, mehrere Menschen angesiedelt haben. Das sind eigentlich keine Menschen, sondern Lootsen, die nur ihres Amtes wegen, nicht weil es ihnen ein besonders romantisches Vergnügen macht, hier wohnen. Sie haben die Schiffe in die Häfen von Peenemünde, Wolgast; auch wohl noch weiter hinüber zu führen, und mitten unter ihnen ist zugleich ein Zollposten – zum Zöllner und Sünder dieser Kolonie, als der Hauptnotabilität, welcher zunächst ein Stück Fleisch zugetraut werden konnte, wateten wir durch den Dünensand. Lieber, biblischer Patriarchalismus, den ich mir in diesen sechs Lootsenhäusern vorgestellt hatte, wie charakteristisch begrüßtest Du mich bei diesem Zöllner, der kein Sünder, sondern ein gutmüthiger, braver Mann war. In der Hausflur saß eine alte Hausfrau mit hellblauen, gläsernen Augen, und verspann 186 Ziegenhaare; sie sah uns mit keinem Blicke an, fragte nichts, sprach nichts, sondern zündete auf des Mannes Geheiß ein Feuer an, um Eier und Kaffee für uns zu rüsten. Es fand sich ferner ein stattliches, blondes Mädchen, mit festen weiß und rothen Backen und festen weißen Armen, aber sie war eben so still und todt, nicht klosterstill, eine Stille, in der etwas begraben oder verborgen liegt, nein, ich möchte sagen, elementarisch still, als wenn der Schöpfungsfunke noch niemals da gewesen wäre. Diese weiblichen Wesen zogen wie gelbe Schatten hin und her, und der Uhrmacher, welcher moderne Forderungen an sie stellte, wie er im Wirthshause zu machen gewohnt war, Forderungen nach Wurst und Sauerkraut, nach einer Flasche Doppelbier, nach Salat und Apfelmuß, sah' wie ein Skandal daneben aus. Wie auf dem großen Schiffe war nur Pökelfleisch zu haben, dies Ruden ist auch ein mitten im Meere stationirtes Schiff, was sich mit seinen nothwendigen Ranzionen stets auf längere Zeit von Wolgast her versehen muß. 187 Item, ich saß mit dem Uhrmacher im kleinen Stübchen, und wir schnitten eben in's Pökelfleisch, der Kleine bekam allmählig sein Kourage wieder, da er Land unter sich fühlte, er nannte das Meer eine schlechte Tabagie, die er in seinem Leben nicht mehr besuchen würde – da stürzten ein Paar polternde Windrücke an die kleinen Fenster, der Uhrmacher sah mich wie ein Sünder an, und sein offner Mund wagte nicht, in's Pökelfleisch zu beißen, die Thür ward aufgerissen, und Störte stürzte wie ein Räuber herein, dem die Polizei auf der Ferse ist. Fort, fort, schrie er, wenn wir die Schiffe wiedersehen wollten, es bräche ein Orkan los. – Ich fühlte gar keinen Beruf, selbigen Orkan in allen Nuancen auf unserm Schooner zu genießen, da ich diesen Genuß ohne weitere Unbequemlichkeit eben auch auf Ruden haben könnte. Aber der Uhrmacher konnte vor lauter Angst nicht eilig genug hinein kommen, ich kann doch nicht meinen Frack und meine gestreiften Hosen im Stiche lassen, rief 188 er verzweiflungsreich, und stürzte davon, Pökelfleisch und Ruhe im Stiche lassend. Mein sanfter Wirth, der gute Zöllner, sah kopfschüttelnd zu, und führte mich hinaus auf seine kleine Sandwarte, um mir den Aufruhr des Meeres zu zeigen, den blonden Weibern vorüber, die sich nicht im Geringsten darum kümmerten. Die abgeschiedne gar so einfache, reizlose Existenz verdichtet sich über gewöhnlichen Menschen zu einem förmlichen Stumpfsinn, die rauhe, unproduktive Natur kommt mit keiner selbstständigen Zeitigung zu Hilfe, dergleichen dumpf hingehende, erstarrte Wesen mögen eine öftere Schattirung des Nordens sein. Des Nordens – puff! diese kleine Schönheit Rügens weckte mir wieder den alten Glauben, die alte Antipathie auf: der Norden ist traurig, und es ist eine geschickte Uebereinkunft zum Besten der Nordländer, eine Phrasenverschwörung, von der Schönheit und Tüchtigkeit des Nordens zu reden. Es mag den Leuten gut und nöthig sein, auch dieser dürftigen Natur einen Reiz anzudichten, und diesen 189 charakterstischen Reiz, den alles Wirkliche und Selbstständige hat, für etwas Absolutes auszugeben, Gott gebe, daß er ihnen nie zerstört werde. Was ist Schönheit ohne Farbe, ohne voll und reich aufgehende Form? Bleich ist Luft und Himmel, wenn sie nicht grau sind, nur der magere Baum gedeiht mager, die Existenz ist ein steter Kampf – wo der Mensch lebt, ohne daß er zu schützen, zu sorgen braucht, wo er Alles vergessen kann, da ist eine schöne Erde, wo von außen die Anregung zur Freude kommt, nicht von innen hinausgebracht werden muß, da ist wirkliches, elastisches Leben. Gott beschütze Euren Flanell, Eure Oefen und Ueberschuhe, all' Eure Mittel gegen erfrorene Ohren und Rheumatismus. Die Dunkelheit fiel nieder auf das schwarze Meer, das mit donnerndem Geheule seine Wogenberge schleuderte, und den Schaum sprühte über die kleine Sandinsel; der Zöllner ging zurück und ich empfand ungestört die schwere Einsamkeit, welche ein tosendes Element bedrängte. Wer denken will und ahnen 190 und kombiniren, der stelle sich Nachts auf einen kleinen, unsichern Sandhaufen mitten im Meere, wenn alle die Wasser in ihrer Entsetzlichkeit losgelassen sind, der trockene Sandfleck erscheint wie eine zufällige Laune des Meeres, die jeden Augenblick zurückgenommen sein könnte, unter dem elementarischen, alles Menschliche wie ein Nichts zerstörenden Lärmen, der eine Armee verschlingt, ohne daß ein deutlicher Klageton durch den Sturm bräche, unter dem Gebrülle eines bewußtlosen ungeheuern Stoffes schrumpft man zusammen, und die Seele verkümmert zu einem kleinen Lichtlein, was die niedrigste Welle auslöscht. Nun erwachte dazu der Donner des Himmels, und fiel wie ein erschreckendes Paukengedröhn in das Gebrause, die Blitze kreuzten nicht zickzack und einzeln die schwarze Luft, sondern stürzten sich breit wie Feuerwolken in's Meer, über die weite See brannte fast ununterbrochen ein zuckender blaurother Feuerschein, und das vor Zorn gischende und schäumende Wasser sah wie ein besiegter Feind in 191 diesem Lichte aus. Man glaubte überhaupt leicht, Feuer komme aus der Oberwelt, Wasser gehöre in die Unterwelt – wie einen schwarzen Punkt erblickt' ich zuweilen den kleinen Schooner, den das Meer auf und nieder schleuderte, den der Anker kaum halten mochte, und dahin hatte sich der kleine Uhrmacher gerettet, um einen Frack und ein Paar gestreifte Hosen bei der Hand zu haben. Wie oft stürzen sich die Leute in größere Gefahr, um einer kleineren Angst zu entgehn, wie oft gebiert die Angst den Muth, oder die bornirte Liebe des Besitzes! – Ich saß darauf bei'm Zöllner in der Stube, die Blitze leuchteten uns, und der treuherzige Mann erzählte mir sein Leben – reise an den Nordpol, wenn Du einem Menschen begegnest, wird er Protektion brauchen können. Der Mann hat ein schlimmes Geschäft, er muß mit den Lootsen hinaus, wenn Schiffe kommen, um ihre Waare zu vermerken, und er wünschte manchen kleinen Wunsch, wie er jedem Menschen auch außer der 192 Weihnachtszeit das Leben fristet, und ich war aus Berlin, dem preußischen Rom, von wo die Statthalter in die Provinzen gehn und die Zöllner besoldet werden. Ich hatte aber nur einen großen Chef, den er nicht kannte, und der ihm nichts helfen konnte, das Publikum. Dennoch erzählte er mir gutmüthig weiter, besonders vom Treiben auf der Ostsee, als die Franzosenzeit gewesen, von Diesem und Jenem. Die Weiber lebten in einem andern Winkel des Hauses wie eine gute Art Hausgeflügel. 193     Schill. »Es zog aus Berlin ein tapfrer Held!« »Das Bett, in welchem Sie da liegen, sagte der Zöllner später, ist dasselbe, und es steht noch auf dem alten Flecke, wo Schill damals gelegen hat, als er hier in Ruden war mit seinem verwundeten Arm. O, das war ein hitziger Herr, um den es schade war; – ich hab' ihm manchmal den Arm verbunden!« Was ist für hohes Gras über jene Zeit gewachsen, Schill in der schwarzen Husarenjacke ist nur hie und da noch auf einem Pfeifenkopfe zu sehn; es berührte mich wunderbar, hier in der Meer- und 194 Sturmeseinsamkeit in solchen Bezug zu dem kühnen Partisan zu treten, der über den großen Geschichtsstrichen mehr und mehr vergessen wird. Nicht einmal in unsre Jugend reicht er herein, da sein Leben noch ein Paar Jahre vor den russischen Feldzug zurückging, bis wohin höchstens unsre Kindeserinnerungen reichen. Aber die schwarzen Husaren, die Todtenköpfe, welche der Braunschweiger Herzog berühmt machte, galten uns immer für übermenschlich tapfer, und bei den schwarzen Husaren wurde denn Schill auch mitgenannt. Ein schwarzer Reiter mit einem Todtenkopfe sei er auch gewesen, so viel wußten wir. Noch weniger ahnten wir, daß er gar unser schlesischer Landsmann sei, im Jahr 1775 ist er in Schlesien geboren worden, und mit seinem Vater, der preußischer Obrist-Lieunant war, später nach Pommern gekommen. Pommern war denn auch seine eigentliche Soldatenwiege und sein Soldatengrab. Bei Jena ward er verwundet, kam nach Colberg, und unternahm von hier seine militairischen 195 Streifzüge, die etwas so Romanhaftes an sich tragen, wie man's der soliden Provinz Pommern gar nicht ansehn sollte. Aber die Pommern sind einer der tapfersten Stämme, Tapferkeit ist Schwertpoesie und immer blutverwandt mit einer Gattung von Romantik. Mit zwei Dragonern von seinem Regimente begann Ferdinand von Schill seinen Privatkrieg gegen Napoleon. Der Kommandant von Colberg, dem für den Krieg die Romantik weniger empfehlenswerth schien, ließ Schill's Mannschaft auch nicht leicht über fünfzig bis sechzig Mann wachsen, damit schlug er eine kleine Schlacht bei Neugardt, und nahm den General Victor gefangen, der zur Auslösung Blüchers benutzt wurde. Der Tilsiter Friede unterbrach seine streifende Ritterschaft. Die preußische Regierung war nicht so betäubt von ihrem ungeheuren Verluste, – das Wort Tilsit bedeutete den Verlust von halb Preußen – daß sie nicht Schill gewürdigt und belohnt hätte: er bekam ein Husarenregiment und sonstige Ehren. 196 Außerdem war er der norddeutsche Volksheld geworden, und lebte in jungen Liedern, in den hoffnungsbedürftigen Herzen, auf den Leierkasten, besonders in Berlin; hier hat er denn auch einen Moment des Ruhmes erlebt, der ein ganzes Leben von Bestrebungen aufwiegt – Ruhm ist ja immer nur ein Symptom von wenig Punkten, der Hauch einer Atmosphäre, der nur in einzelnen Augenblicken genossen werden kann, darum existirt er nicht für grobe Materialisten, welche Speisen vorzugsweise lieben, an welchen man lange kaut, und von denen man lange satt bleibt. Jener Hauch, der edle Naturen entzückt, wurde ihm, als er 1808 an der Spitze seines Regimentes in Berlin einrückte; dieser Tag war der Glanzpunkt seines Lebens. Obwohl man mitten im traurigen Frieden war, stürzte ihm doch Alles entgegen, Groß und Klein, Jung und Alt, Vornehm und Gering, aus den Fenstern wehten die Flaggen der Weiber. Hoch lebe Schill! rief man von allen Seiten. Die Thränen der Freude und Rührung, welche Ferdinand Schill damals 197 weinte, sind der größte Genuß, welchen sein Vaterland zahlen konnte; Thränen sind ja immer das Höchste und Beste von Leid und Freude. Damals fand man den Husarendegen in allen Salons, schöne Frauen, Officiere und Gesandte machten ihm den Hof, in schöne Seide gewickelt ward ihm der Lohn seines harschen Reiterlebens. Als nun im Jahre 9 der schwere Krieg Oesterreichs mit Napoleon ausbrach, hofften die Preußen, sie würden ebenfalls zu Kampf und Auswetzen der jüngsten Scharte kommen, und er ward von Vielen zu einer Expedition gedrängt, weil sie hofften, sein Losschlagen werde eine Nothwendigkeit des allgemeinen Losschlagens werden. »Schill muß fort, damit wir Alle fort müssen« war damals in Berlin die Loosung. Schill war bereit: statt zum Exerciren führte er sein Regiment in einem Zuge von Berlin bis über die Grenze. Man hat in dieser Aktion die Wirksamkeit des »Jugendbundes« sehen wollen, und so viel man auch jetzt seit einiger Zeit dagegen 198 gesagt hat, eine lebhafte Einwirkung dessen ist schwer abzuläugnen. Mitglieder des Bundes waren in seinem Zuge, wenn auch leicht zu glauben, daß der hitzige Partisan selbst nicht dazu gehörte, daß er den Eintritt mit den bekannten Worten abgelehnt: »ich bin ein Hitzkopf, und könnte leicht einen dummen Streich machen, was ich thun will, werd' ich allein thun, aber auch allein verantworten.« Das Wagniß ward aber schnell durch den Schlag bei Regensburg ein verlornes, Napoleon drang nach Oesterreich hinein, Preußen trat nicht feindlich heraus, und mußte in die Achtserklärung Schills willigen, der allein den Krieg gegen den siegreichen Kaiser führte. Jérome, der König von Westphalen, in dessen Gebiet der Husar zunächst drang, setzte einen Preis von 10,000 Franken auf seinen Kopf, Napoleon ließ schonungslos jeden Gefangenen von Schills Truppen erschießen. Ein norddeutscher Aufstand in Masse war nicht reif; er focht an der Elbe umher, schlug das Treffen bei Dodendorf, mußte 199 sich aber, obwohl sein Corps auf 6000 Mann angewachsen war, über Mecklenburg nach Pommern zurückziehen. Hier warf er sich nach Stralsund, und befestigte und schützte seine Reiter, so gut es für Reiter gehen konnte. Napoleon mochte keine so herumfliegende Lunte um keinen Preis dulden, zehntausend Dänen und Holländer unter Gratien und Ewald legten sich vor Stralsund; Schill wollte sich und seine kühnen Leute der günstigeren Zeit oder einem günstigeren Terrain aufsparen, er trat unter sie, und schlug ihnen vor, in See zu gehn. Aber die Reiter hielten nichts vom Meere, das war ihnen ein fremdes unheimliches Element, auch mochten sie, die aus rein deutschem Patriotismus zu Pferd gestiegen waren, nur in Deutschland sich am Ort glauben, kurz entweder in Bornirtheit oder tollkühnem Muthe riefen sie ihm zu: so weit die Erde fest und der deutsche Himmel über uns ist, wollen wir ziehn, aber nie zu Schiffe! 200 So mußte denn Stralsund ein großes Reitergrab werden, die übermächtigen Feinde drangen nach wüthendem Kanonen- und Gewehrfeuer in die Stadt, und es entstand ein verzweiflungsvolles Säbelgemetzel in den alten pommerschen Straßen. Schill war hoch zu Roß mitten im Getümmel, und sein Säbel arbeitete wie der Spaten des Gärtners, den holländischen General Carteret hieb er zusammen, und gab ihm unter dem Schießen, Säbelklirren und Pferdetrampeln die Worte mit auf die letzte Reise: »Hundsfott, bestell' mir Quartier!« Er brauchte es schnell, mein Zöllner erzählte Schills Tod specieller dahin: ein Landsmann habe unvorsichtig, erfreut über den Anblick des Tapfern, als dieser mit wenigen Reitern auf eine Lichtung der Straßen herausgesprengt sei, ausgerufen: »Sieh da, Schill, Schill!« es sei die Ueberzahl auf ihn eingestürzt, und unter den zahlreichen Säbeln sei er gefallen. Ein stampfender Reitertod, der in den Demagogenliedern von Anno 17 mit dem alten, 201 unheilsvollen »Stralesund!« noch heut von den Studenten gesungen wird. Der Rudner Zöllner sagte: »Er war gar nicht besonders groß und stark, der Herr Major, sondern ein blasser, schmächtiger Herr, aber rasch und ungeduldig, und Säbelhiebe hatt' er überall. Als er damals hier auf Ihrem Bette lag, o, da war er manchmal böse, daß er den Arm nicht brauchen, und den Säbel nicht halten und nicht reiten könne. Jetzt ist's stille auf der Ostsee gegen damals.« In jener Zeit erwarteten Viele in Schill einen patriotischen Helden in großem Stile, und Manche sagen es wohl heute noch – das heißt aber Schill's Wesenheit völlig verkennen. Mittelmäßige Leute pflegen sich bei historischen Erscheinungen immer an diejenigen Personen zu halten, welche in einem kleinen Verhältnisse sich auszeichnen und früh sterben. Sie ergehen sich dann in Möglichkeiten, was Alles daraus hätte werden können, diese Möglichkeiten rechnen sie sich selbst 202 mit an, weil sie ihre Erfindung sind, und so haben sie nicht nöthig, etwas Anderes anzuerkennen, als was halb ihr eigenes Machwerk ist. Diese Classe pries Moreau über Alles, der für seinen Ruhm zu lange lebte, sie sagt, Joubert und Désaix, die in Italien fielen, wären größer als Napoleon geworden, Theodor Körner hätte der größte deutsche Dichter werden können, Schill ein moderner Arminius. Für sie existirt keine charakteristische Größe, die in ihrem Kreise beurtheilt und geschätzt werden kann, weil sie darin eine Mahnung finden, im eigenen Kreise mehr zu leisten, weil das Hinausschweifen in unklare, phantastische Möglichkeit keine Forderung an sie macht. Schill hat sich selbst am Besten charakterisirt, als er bei Arneburg seine Soldaten mit den Worten anredete: Kameraden! Insurgenten sind wir nicht, wir wollen blos für unser Vaterland streiten, und unserm Könige die verlornen Länder wieder 203 gewinnen; und wenn er das letzte Dorf hat, dann gehen wir alle nach Hause, und ich schwöre bei meiner Ehre, ich will nie mehr werden als preußischer Officier! 204     Der Sturm. Mit dem Zöllner war der Conversationsstoff bald zu Ende, die Weiber waren noch aus jener Zeit, wo die Rugensche Frau am Heerde und Spinnrocken saß, die Sprache aber für sie noch nicht erfunden war; den ganzen Zustand einer bleiernen Eilandsstille und Antheilslosigkeit hatte ich übersehen, das einzige Buch im Hause, eine pommersche Broschüre über Vineta und Julin gelesen – was sollt' ich länger hier? Fort! dachte ich am finstern, frühen Morgen, als ich auf Schills Lager erwachte. Die Blitze leuchteten noch im Meere, die Wogen tobten 205 noch, als könnten sie sich nicht erschöpfen, im Hause war's noch grabesstill. Wenn ein leichtsinniger Bonvivant eine Nacht hierher verschlagen würde, dachte ich im halben Morgenschlummer, und das blonde Mädchen, das neben dir in der Kammer schläft, in einer stürmischen Nachtliebe zu entzünden wüßte, von dannen reis'te und nach mehreren Jahren erst wieder an Ruden gedächte, was müßte das für eine tragische Novellensituation werden! Das blonde Mädchen sitzt blaß mit aufgelös'ten Haaren vor der Hütte und sieht starr in's Meer hinaus, ein halbnackter Bube spielt auf ihren Knieen, Niemand weiß, wie er heißt, auch die Mutter nicht, das benachbarte Lootsenweib, und das Meer, und der gefleckte kniebeinige Haushund sehen scheu nach ihr, sie hat schon viel Aehnlichkeit mit der alten Fretten. – Ein Sturmschlag an's Fenster weckte mich; es war noch immer ein schwarzgraues Wetter, aber meinen Entschluß, um jeden Preis von dannen zu gehn, hatte ich nicht verschlafen. Der Schooner 206 lag noch hoch geschleudert vor Anker, und mein Wirth gab mir die Versicherung, daß er bei stetem stürmischem Südwinde, der in's Meer hinauswerfe, nicht an einen Versuch nach Swinemünde denken könne. Ich wollte also versuchen, an den nächsten besten Punkt des Festlandes zu kommen; über den Wellenbergen sah man im Süden die Waldspitze von Usedom, und da man darüber hinaus nicht kommen könne, so wollte ich diesseits, wenn möglich, bis Peenemünde gebracht werden. Er schüttelte den Kopf, führte mich aber doch in einige Lootsenwohnungen: die Leute saßen behaglicher als ich erwartet hatte – ihr schlimm Geschäft wird reichlich bezahlt – strickten Netze und zimmerten und hobelten. Auf meine Anfrage kratzte sich der Hauptführer in den Haaren, und ging vor die Thür, um nach Wetter und Wind zu sehen. Als er wieder eintrat, kratzte er noch, sagte aber Ja. Ich nahm also Abschied von meinem Zöllner und den stumpfäugigen Weibern, von den niedrigen, braun- und aschfarbigen Hunden des Eilands, 207 welchen das Klima keine eigentliche Farbe gestattet, ja sogar die Augen mit Grau anstreicht, und watete zum Strande. Puh, das Wetter und Meer war ein Vergnügen! Es mußte aber doch nicht so große Gefahr drohen, da die Lootsen noch ein zweites Boot vom Sande in's Wasser schoben, um nach den Netzen zu sehn: die straffen Kerle in kleinen Glanzhüten, kurzen Jacken und großen Wasserstiefeln wateten bei dieser Gelegenheit bis über die Kniee in's Wasser, der Sturm warf kalten Regen in's Gesicht, es war die unbehaglichste Existenz, die rothbackigen Lootsen trieben das aber, und ruderten in das tobende Element hinein, als wäre das ganz in der Ordnung und ganz scharmant. Ich ward dann auch in ein nasses Fahrzeug gewiesen, und konnte mich wie ein Huhn auf die Latte flüchten, um nicht ganz in Sauce eingetaucht zu sein. So erfreulich situirt winkte ich dem Zöllner und seinem aschgrauen Hunde Abschied, und das donnernde Bergauf, Bergauf des sturmbewegten Meeres nahm mich auf. Zum Regen gesellten sich jetzt 208 die Sprütz- und Sturzwellen, welche sich meinem Antlitz und Mantel zugethan bewiesen, der Wind brüllte, das Segel ward alle fünf Minuten anders geworfen, weil wir fast direkten Gegenwind hatten, und dies nöthigte zu immerwährendem Sitzwechsel – der Zustand war äußerst heiter, und wenn man ein Liebespaar in Seenoth schildern und ihnen dabei allerlei sentimentale Zärtlichkeit beilegen hört von unsern Romantikern, so mögen diese es hinter ihrem warmen Ofen verantworten. Maria Stuart hätte in ihrer Blüthezeit neben mir sitzen können, es wäre mir etwas ganz Anderes wünschenswerth gewesen, als zärtliche Beschäftigung mit ihr. Ulrichs Schooner lag etwa einen halben Büchsenschuß von dem Punkte entfernt, wo ich mit den Lootsen in See ging, und nachdem unser Fahrzeug eine volle Stunde gegen Sturm und Wogen gearbeitet hatte, waren wir noch nicht in der Linie des Schooners. Dabei waren wir ununterbrochen tüchtig gesegelt, bald scharf rechts, bald scharf links, so klein ist der objektive Gewinn beim Laviren. 209 Plötzlich schrien meine Lootsen »Westsüdwest!« – sie bemerken das so schnell als wir den Regen entdecken, wenn er uns auf die Nase fällt. Das war ein brauchbarer Wind nach Swinemünde, ich drang also darauf, bei meinem Schooner angelegt zu werden. Die Arbeit begann, und nach Verlauf einer zweiten Stunde drückte Ulrich unsern Bord an den seinen, und ich mußte in dem Unwetter so und so viel Thaler und Groschen zusammen suchen – der Geldverkehr ist mir nie so gemein vorgekommen: in einer Situation, wo jeder Fehlgriff oder Fehltritt das Bischen Leben kosten kann, muß nach Geld gesucht werden; der natürliche Bezug zwischen Menschen ist dem feindlichen Elemente gegenüber so dringend heraus gestellt; sie bezahlen sich aber selbst die Lebensgefahr, in welche sie für einander gehen. Und Papiergeld ist noch viel ärger, und ich hatte blos solches zur Hand, das erinnert an ein noch künstlicheres Verhältniß – aber der Staatskredit schwankte im Sturme nicht, wir 210 einigten uns schnell, ich kletterte in den Schooner, die Lootsen flogen davon. Erich sah blaß aus, und war mit dem heiligen Jakob sehr unzufrieden, und der Uhrmacher, ach, wie äußerst alterirt sah dies kleine Gesicht aus, welches er wehmuthsvoll-neugierig aus der Kajüte steckte. »Mir blüht kein Frühling, mir lacht keine Sonne,« dieser beliebte Vers eines Guitarrenliedes, was von anfänglichen Dilettanten besonders geschätzt wird, lag mit schwarzen Buchstaben auf der Augenpartie des Putbussers. Er litt sehr, besonders am Magen und an der Trostlosigkeit, noch mehr aber, wie er sich ausdrückte, an der unzarten Behandlung. Der Schooner selbst hatte sein gut Theil Schuld daran, er hatte sich sehr unruhig verhalten, der Sturm hatte während der Nacht eigenmächtig den Anker gelichtet, und Ulrich war sehr eilig nach dem zweiten geeilt – »Sie glauben gar nicht, was das für 'ne Behandlung bei dem Nachtlager war! Zwei kleine Bänkchen, wie Sie sehn, und ein Stückchen Fußboden sind nur disponibel, und ich wünschte 211 mich als Passagier natürlicherweise die Bank, dat ewige Hin- und Hergeschmeiße brachte mir aber immer wieder auf den Fußboden, und der unanjenehme Ulrich äußerte endlich, ich sollte doch liegen bleiben, wo mir – ach!« Wenn's nur das eine Mal vorüber wäre, keinen Fuß wollte er wieder auf's Wasser setzen, für einen gebildeten Menschen sei doch das gar keine schickliche Reisemanier. – Aber wie wollen Sie denn ohne Wasser auf die Insel Rügen zurückkommen? Ach Herr, das weiß ich jetzt noch nicht, aber ich geh' nicht mehr auf's Wasser, und dieser Kaffee, den der abergläubische Erich kocht! Dieser Kaffee! Sehn Sie, ich halte viel aus, aber Kaffee mit Syrup in solcher Witterung, und bei der Sorte Geschmack, wie ich seit gestern habe, oh, ich leichtsinniger Mensch! Und mein schöner Schlafrock, wie sieht der aus! und das Schöpsenfleisch kocht er noch immer nicht – ach, und das Gefühl, was in mir ist, mein Lebtag ist mir's nicht vorgekommen, 212 regulären Hunger kann man's nicht nennen, aber wenn der Kerl nur Schöpsenfleisch kochte, Kartoffeln sind noch da. – Zu meinem Schrecken erfuhr ich von Ulrich, daß er sich jetzt trotz des günstigeren Windes nicht hinauswagen könne, und zwar aus folgenden Gründen: das sei kein Wind, sondern Sturm, in der See draußen wären so viel Wellen, daß an ein Strichhalten nicht zu denken sei, und weil wir wegen des Peenemünder Hakens tief in See hinaus müßten, so könnten wir leicht nach Schweden verschlagen werden. Außer andern Gründen sei dies aber schon darum nicht zu wagen, weil wir nur zwei Pfund Schöpsenfleisch an Proviant besäßen. Das war nun zum Verzweifeln; das wissend wäre ich mit meinen Lootsen weiter gegangen. Ich äußerte mich denn auch sehr ungeduldig, denn hungernd und auf den verstörten Uhrmacher beschränkt, wurde mir Stunde auf Stunde immer langweiliger; Herr von Raumers Beiträge zur Geschichte Friedrich's des Großen, die ich in der Manteltasche entdeckte, 213 erhöhten mein Mißbehagen, weil ich eitel bekannte Dinge fand, und mich ärgerte, daß ein Historiker dergleichen dreist und selbstgenügsam für Neues ausgeben könne; ich stachelte und turbirte Ulrich, und warf ihm vor, er habe wie der Siebenbürgner keine Kourage. Ulrich aber erwiderte, ich sollte ihn nicht tück'sch machen, das müsse er besser verstehn, wie er denn das vor mir verantworten solle, und was ich denn dazu sagen würde, wenn wir in Sünden versöffen? So war es über Mittag geworden, der Wind war noch sehr heftig, aber nicht mehr eigentlicher Sturm, und zu meinem Erstaunen lichtete Ulrich den Anker. Nach mir sich wendend stieß er einige Vorwürfe aus, und ich sollte es nun vertreten, wenn uns ein Unheil passirte, jetzt gingen wir direkt über den Haken. Er brauchte wohl, wie die meisten Menschen, auch nur den Schein einer fremden Verantwortlichkeit im Hintergrunde; mir war indessen damit gar nicht gedient, da ich fürchten konnte, er ließe sich zu einer Gefahr durch mein Stacheln verleiten, der wir am Ende nicht gewachsen seien. Ich 214 fühlte auch nicht den mindesten Beruf, in diesem kalten, unbehaglichen Wasser unterzugehen. Wenn sich Einer das Leben nehmen will, so kann er nicht vorsichtig genug zu Werke gehn, wenn man aber am Leben bleiben will, noch mehr; ich ermahnte Ulrich dringend, den »Siebenbürgner« nicht so genau zu nehmen, umsonst, er hatte etwas Stierartiges: wenn der Kopf einmal zum Anlauf gesenkt ist, dann sieht er nichts mehr, der Refrain war: 's geht über den Haken. Der Anker wich, wie eine Nußschale flogen wir in die stürzenden Wogen hinein, Erich arbeitete mit höchst sorgenschwerem Antlitze, der Uhrmacher öffnete den Mund. Mit dem Peenemünder Haken hat es aber folgende Bewandniß: Von der Spitze Usedoms geht eine Sandbank unter der Wasserfläche weit in See hinaus, die schon ziemlich weit im Meere außen von nicht mehr als zwei Fuß Wasser bedeckt ist. Dieser Strich ist natürlich sehr gefürchtet; eine Landphantasie denkt sich das weniger bedenklich, und ein Lohnkutscher würde sagen: Wenn wir auffahren, machen 215 wir uns wieder flott, oder wir waten nach dem Lande, was man ja in weiter Ferne sieht, und was nicht viel über eine Meile entfernt sein kann. Das ist aber ein wenig anders: sitzt das Schiff fest, so sind einige Keulenschläge der Wogen, wie sie eben in schönster Ausgabe vorhanden waren, vollkommen genügend, um den nicht mehr nachgiebigen und weichenden Holzkasten in Trümmer zu schlagen; kommt nun obenein der Wind, oder gar ein halber Sturm vom Lande her, so gelingt kein Schritt nach dem Lande zu, sondern man wird unrettbar nach dem offnen Meere hinausgeschleudert, wo Jeder nach seiner Weise ertrinken kann – selbst wenn man glauben wolle, daß der Sandstrich ganz regelmäßig wie ein Exempel immer auf zwei Fuß eingerichtet wäre. Zwei Fuß im Meere sind auch mit gutem, bäumendem Wellenschlage vier Fuß; ist man aber erst einmal ohne Schiff im Meere draußen, so rettet wohl ein Romanschreiber gewöhnlich, aber die Wirklichkeit nicht; ohne Planke oder Balken geht's mit dem besten Schwimmen eine ganz kleine Strecke und 216 mit solchem Anhalt auch nur ein Weilchen länger, da das Wasser für keine menschliche Gliedmaaße, am wenigsten im September auf die Länge brauchbar ist. Dies Alles erwägend sah ich wehmüthig nach dem immer ferner versinkenden Ruden zurück; da gab's wohl Langeweile, aber doch keine Lebensgefahr. Ich habe meine Manschetten wie jeder Andere, besonders wenn ich mit der Leber brouillirt bin, aber ich fand es doch wirklich wünschenswerther, den Weg selbst durch eine Gefahr aus diesen unzulänglichen Zuständen aufzusuchen. Ueber den Ruden öffnete sich mir jetzt ein kleiner Gedächtnißkasten, dessen Existenz mir bisher völlig entgangen war, wie es ja überhaupt mit einzelnen Dingen geht, die als Notiz einmal in unsern Sinn geprägt worden sind, und gestorben scheinen, bis sie just von diesem oder jenem Worte oder Gedankengange aufgeweckt werden. Ich erinnerte mich plötzlich klar, daß Gustav Adolph, als er mit dem schwedischen Heere nach Deutschland segelte, auf dem Ruden gelandet und niedergekniet ist. Das 217 hätte mir um so weniger entgehen sollen, da Gustav Adolph einer meiner intimsten Blutsverwandten ist, den ich zu Breslau im ersten Dichtungsdrange für eine fünfaktige Tragödie binnen zehn Tagen verarbeitet hatte. So vergißt man seine nächsten Angehörigen, weil das Leben stürzend weiter geht und Neues heischt, und die Leute hören doch nicht auf zu klagen über das Vergessenwerden. 's ist unser Loos unter einer Sonne, die täglich untergeht. Das war sehr passend, der brausende Wind trieb uns heftig in die Gefahr hinein, die Ostsee konnte bald meinen Leib und Namen bedecken. Ulrich drückte das Steuer bald rechts, bald links, er kam nicht zur Entscheidung, ob die Meeresströmungen, die uns hinaus gen Schweden werfen konnten, wünschenswerther seien, als die seichten Stellen des Hakens, die nach dem Lande zu bedenklicher waren. Erich maß die zwei ein halb Fuß, die unerläßliche Tiefe, welche der Schooner brauchte, an einer Stange ab, und bezeichnete sie durch ein umgebundnes Strickchen; der Haken war nahe; er schickte 218 sich mit bebenden Lippen an, die Tiefe zu messen, und dem steuernden Ulrich zuzurufen. Sechs Foot! (Fuß), sechs Foot, fünf ein halb Foot! Das hatte gute Wege, und wir kamen in den guten Glauben, uns weit genug hinaus nach dem Meere gehalten zu haben. Vier Foot! vier Foot! knappe vier Foot! drei ein halb Foot! drei Foot! Ulrich drückte stark am Steuer, um das Schiff weiter hinaus zu halten, es wurde keine Sylbe gesprochen – knappe drei Foot! zwei ein halb Foot! Der Uhrmacher hielt sich den Kopf und stürzte in die Kajüte, er hielt es wie der Strauß für hinreichend, den Feind nicht zu sehen. Der Schooner schrammte bereits den Meeresgrund, und hinter ihm her zog ein breiter brauner Strich im Meere von dem aufgewühlten Boden; mit einer wirklichen, kalten Grabesstimmung sah ich dem bleichen Erich zu, ob das Wasser einen Finger breit unter die zwei ein halb Foot treten werde, dann half uns selbst der brausende Wind nicht mehr, welcher uns jetzt durchschleuderte, Ulrich drückte aus Leibeskräften mit dem Steuer hinaus. 219 Die drohende Spannung dauerte eine ganze Weile – es schien mir etwas Verhöhnendes darin zu liegen, auf dem Meere den Mangel an Wasser fürchten zu müssen, so weit man sah Wassers in Hülle und Fülle, um ganze Nationen zu verschlingen, Wasser just wegen seiner Ausdehnung und Tiefe dem Menschenleben gefährlich, und hier gerade nicht genug, um ein kleines Fahrzeug zu tragen. – Knappe zwei ein halb Foot! Auf's Hintertheil Alles! Her an's Steuer! schrieen die Schiffer. Ich mußte den halb ohnmächtigen Uhrmacher aus der Kajüte reißen, er begriff nichts mehr, und es handelte sich jetzt darum, die Spitze des Schooners so flott und hochgehend zu machen, wie nur möglich. Der Wind war à propos , er warf uns wie ein konsequenter Freund in der Noth hindurch, der Haken ging zu Ende, wir fanden tieferes Wasser, und nach überstandener Gefahr kam wie immer die beste Lustigkeit. Erich kochte nun endlich sein Schöpsenfleisch und der Uhrmacher mußte Kartoffeln dazu 220 schaben; entschlossener Seehunger würzte das kleine Mahl, was türkisch mit den Fingern genossen wurde. Gegen Abend hatte sich der stürmische Wind zu einem artigen Fahrwinde besänftigt; das Dampfboot Dronning Maria strich mit seiner fliegenden Rauchsäule nach Copenhagen an uns vorüber; bei tieferem Dunkel leuchtete uns der Swinemünder Leuchtthurm; das Meer nahm Abschied von uns, als wären wir ununterbrochen die besten Freunde gewesen. Das erste Wort des Uhrmachers auf festem Boden war ein herzhafter Fluch, er hatte seine ganze Person wieder, und schnaubte rachedurstig nach einem Stück gebrat'nen Fleisches – o Torgau, Torgau! hätte ich deinen schwarzen Bären in der Nähe! Ich setze voraus, daß in Torgau ein schwarzer Bär ist, obgleich man sich in keiner Weise auf den Uhrmacher verlassen konnte. Er schied mit einer Rede von mir. Im Gesellschaftshause war glänzende Erleuchtung; bei näherem Zusehn fand sich ein Ball; ich eilte nach Hause, Luisa schlug die Hände über'm Kopfe 221 zusammen, und wußte nicht genug von den vergessenen Buttersemmeln zu sagen, und sich zu verwundern, daß ich Frack und Schuhe heischen könnte, Abends um halb Neun. Ein schönes Mädchen im Tanzsaale trug rothe Schleifen und tanzte vortrefflich Galopp; sie fragte, warum ich so spät käme? Mein Fräulein, der Peenemünder Haken hat meine Toilette verzögert, und der gemeinste Hunger nach einem Beefsteak hat mich im Nebenzimmer aufgehalten. 's ist erschrecklich heiß im Saale. – Draußen auf der Ostsee war's sehr kalt. So stürzen die Menschenleben in einander, und wenn man's nicht aufschreibt, vergißt man's, und Viele wissen's gar nicht, was sie Alles erlebt haben. Namentlich denken die Leute, in Pommern sei nichts zu erleben; die Thörichten! – 223     II. Berlin. Berlins Geschichte. Wenn die deutschen Schriftsteller über Berlin schreiben, so sprechen sie von den Eckenstehern und von Wien, und schimpfen auf den Witz. Mit Wien und Berlin geht's wie mit Schiller und Goethe: statt daß wir uns nach Goethe's Ausdrucke freuen sollten, »zwei solche Kerle« zu haben, vergleichen wir sie, streiten uns, was vorzüglicher, was geringer sei. Ueber die Eckensteher, welche Glaßbrenner für die Literatur erfunden hat, lachen sie, wenn ihnen der Accent verständlich ist, entschuldigen sich aber wegen des Lachens, und jeder Hansnarr, der Alles 226 für Gemüth hält, was langweilig ist, spricht ein Wort von der Gemüthlichkeit, und bedauert, daß der Berliner Witz kein Gemüth habe. Franz Horn, der Klassiker aller Gemüthlichkeit, ist in seinem Leben noch nicht witzig gewesen, und es läßt sich kein Mensch eine spanische Fliege setzen, um einer gemüthlichen Empfindung theilhaftig zu werden. Das Wort Witz hat schon im Tone seinen spitzen Stachel, wer sich davor fürchtet, der hat eben nichts mit dem Witze zu thun. Daß man so viel Animosität gegen das Berlinische findet, davon liegt der Grund in ganz andern Dingen: der Witz, welchen man tadelt, ist nur ein Symptom, an welches man sich zunächst hält; die Dornen des Busches schlägt man, aber der ganze Busch mit Keim und Wurzel ist gemeint. Berlin ist ein Herrschgedanke, welcher seit Friedrich dem Großen den Nachbarländern zum unklaren Bewußtsein geworden ist; dieser Gedanke einer jungen Macht, welche mit historischer Energie befruchtet ist, wird gefürchtet und befehdet wie alle neu geahnte 227 Herrschaft; dies klare, norddeutsche, preußische, entschlossene, scharfe Element wird gemeint, und das Bischen Witz muß seinen Buckel bieten für den Widerwillen. Nun, der Buckel ist eckig und kantig, er verträgt's. So hängt der Eckensteher mit der europäischen Staatenentwickelung zusammen. Man soll übrigens nicht läugnen, daß dies energische Wesen des Nordens, was aus Marken und Grenzländern, aus Gebieten und Anlagen entstanden ist, die noch in unabgebrauchter Frische strotzen, man soll nicht läugnen, daß dies Wesen koncentrirt und beleidigend im Berliner sich auspräge, man soll eine Opposition dagegen ganz natürlich finden. Roma, die schon übermüthig war, als sie erst ein klein Gebiet beherrschte, hat den Samnitern und Volskern und wie sie weiter heißen, die Meinung nie streitig gemacht, daß Roma übermüthig sei, damit hat es sich nicht abgegeben. Jeder Staat von neuerem Datum, und besonders der Mittelpunkt desselben, beleidigt, die bloße Existenz desselben wird für eine Beleidigung gehalten – wer sich in der Geschichte 228 darum kümmern wollte, der würde ein höflicher Mann, ein Hofrath, ein guter Gesellschafter, aber sonst nichts. Karl der Große war für die Römer ein barbarischer Parvenü, den sie zu Hause verspotteten, dem sie auf der Straße das Knie beugten; Napoleon war für seine Zeitgenossen ein Parvenu, und für die Geschichte ist er ein Halbgott – wenn Berlin seit hundert Jahren seine Statthalter zu Copenhagen, zu Amsterdam, zu Genf und zu Triest hätte, so wären seine Witze vortrefflich. Man sagt in der Geschichte, daß die Völker in Kultur und Herrschaft sich erschöpften, und daß die alten stets abgelös't würden von neuen, frischen, denen alle vorhergehende Bildung fremd sei. So wäre Babylonien von Persis, Persien von Griechenland, Griechenland von Rom, Rom von Gothen und Germanen besiegt worden. Nach dieser Rechnung wären jetzt die halb slavisch, halb deutsch entstandenen Völker an der Reihe, welche niemals zur Innerlichkeit des deutschen Reiches gehört haben: 229 Schlesien hätte einen Versuch gemacht mit Dichterschulen, mit Opitz und Hoffmannswaldau, die Mark hätte den siebenjährigen Krieg geliefert, Ost- und Westpreußen hätten die Kantische Philosophie geschaffen, welche von manchen Leuten der deutsche Nationalkonvent genannt wird, und Pommern, Pommern sei noch nicht ganz darüber einig, wodurch es sich eklatant auszeichnen werde, es habe sich etwas verspätet und wolle jetzt nicht stören, und all diese Länder hätten im Befreiungskriege ein entscheidendes Ganze gebildet. Ihnen gehörte nach jenem historischen Kalender die nächste Zukunft; später kämen die reinslavischen Völker an die Reihe. Da auf der Geschichtsuhr das Wort »Spätere« mehrere und einige Jahrhunderte zu bedeuten pflegt, so wollen wir das abwarten. Es ist aber im Ernst nicht zu läugnen, daß bei der Anlage Berlins zu einer neuen welthistorischen Hauptstadt auf diese Theorie stark Rücksicht genommen und ein Fleck Landes ausgesucht worden ist, welcher durch keine verführerische Kultur 230 verdorben war, und an welchem viele Jahrhunderte gearbeitet und gebildet werden kann, ehe er in dieser Weise verdorben und durch allzu großen Reiz zur Schwächlichkeit verlockend wird. Es ist erstens gar keine Gegend bei Berlin, zweitens kein Rasen, drittens kein Vergnügen und viertens kein Schatten. Der Thiergarten, in welchem wir heute schwärmen, hilft uns für die Geschichte nichts, wir dürfen ihn nicht auf die Rechnung setzen, er ist jung, noch im frühsten Frühlingsalter, kein Schöpfer, sondern eine Schöpfung Berlins, bereits ein Denkmal der Bildung, und deßhalb so konservirt, daß noch heute in seinen Hallen kein gemeiner und kein feiner Tabak geraucht wird, er ist ausgehauen von den Kurfürsten und Königen, er ist gepflegt und erzogen. Man veranstaltete Bärenjagden in seinem Bereiche; bei Berlin hat man sich überhaupt viel mit den Bären zu schaffen gemacht, der Name soll durchaus von solcher Bestie abstammen, besonders da ein Bär im Wappen der Stadt, und Albrecht der Bär ein Markgraf von 231 Brandenburg gewesen ist, Bärlin so wahrscheinlich klingt, und der jetzige Bewohner die erste Sylbe just so betonet; das Wort Berlin ist aber wahrscheinlich viel zahmer. Nämlich: wendische Stämme saßen in der Mark und legten ein Fischerdorf an »to dem Berlin«; Berlin bedeutet ein Stück wüstes Land. Der Name ist also dergestalt richtig, daß heute noch Jedermann davon leicht zu überzeugen ist, der von Groß Beeren oder Tempelhof oder von sonst einer Seite to dem Berlin gewandert kommt, das wüste Land ist nicht zu verwüsten, der Streusand für unsere Büreaus ist ewig. Merkwürdigerweise ist über Gründung und Ursprung Berlins gar nichts Sicheres zu sagen, man weiß über Athen und Palmyra mehr; wir können also mit Bequemlichkeit eine Mythe erfinden, daß der erste Berliner von einer Bärin gesäugt, von Adlern gespeis't, von wilden Männern erzogen worden sei; damit sind die Wappen erklärt, und der junge Konditor angelt alsdann in der Spree und fängt da die meisten Fische, wo heutiges Tages die 232 Stadtvogtei steht. Dort baut er sich eine Hütte, es kommen Wenden zum Besuche, und so entsteht ein Fischerdorf, daraus wird Berlin, daneben wächst aus dem morastigen Spreedistrikte Kölln, es wächst der Werder, am Ende gar die Friedrichsstadt, und so ist es dahin gekommen, daß uns jetzt die Droschke gedankenlos vom Brandenburger Thore in die Königsstadt fährt, eine Viertelstunde weit aus einem viel späteren Jahrhunderte in ein viel früheres. Man glaubt es gar nicht, wie viel man thun und leben kann ohne Wissenschaft: im Berlinischen Kölln wohnen reiche Kaufleute, die sich ihr Lebenlang nicht darum gekümmert haben, auf welchem historischen Boden ihr Haus steht, und wie Kölln entstanden ist; und gerade deßhalb haben sie keinen Groschen weniger und manchen Groschen mehr verdient. Um die Vergangenheit kümmern sich meist nur die Leute, welche nichts haben. Und was ist das für eine Unsicherheit mit der Stadt Kölln! Am Rheine gibt's ein Kölln, in Thüringen gibt es das berühmte Kuh-Kölln, welches 233 die Geographen Kölleda nennen, mitten in Berlin gibt's ein »Kölln am Wasser«! Koll heißt im Wendischen ein in's Wasser geschlagener Pfahl, Kollne aber sind Gebäude auf solchen Pfählen. Dies kann aber eben so gut falsch wie richtig sein, und die Köllnischen Kaufleute – Kuh – Kölln treibt städtische Viehzucht – an der Spree und dem Rheine haben den sicherern und besseren Theil erwählt, sich um historische Hypothesen nicht zu bemühen. Daß man gerade an diesem bescheidenen Spreeufer eine Stadt angelegt hat, dagegen läßt sich nichts sagen, denn erstens sind die Leute todt, und zweitens hilft es nichts, und drittens hat ein Ort an sich ja nicht so viel Verantwortlichkeit; daß man die Stadt aber so gepflegt und begünstigt hat, bis sie eine imposante Hauptstadt, die stattlichste Metropolis des eigentlich deutschen Landes geworden ist, darüber mag man sich billig und bescheiden verwundern. Die Erklärung ist nun einmal des Menschen geistiges Brod, also gestatte man den Historikern den geschwätzigen Kommentar: Wo die Situation 234 einer wichtigen Stadt vortheilhaft ist, da rechnen sie Gedeihen und Macht eben auf die vortheilhafte Situation, wo sie dies nicht ist, da rechnen sie großen Erfolg auf die unvortheilhafte Situation. Sagte doch einst die Geistlichkeit: Nur was von der Kirche ausgeht ist gut, was nicht von der Kirche ausgeht, der Kirche aber zu gute kommt, das ist auch gut. Also ist anzunehmen, daß eine schlechte Lage Volk und Land zu größerer Thätigkeit nöthigt und spornt, Verführung und Erschlaffung nicht aufkommen läßt, und um so gewaltigere Hülfsquellen in sich aufbringt, je weniger außen gewährt sind. Mitten in einem höchst magern Binnenland, kapriciös fast eben so weit entfernt von einem Hauptstrome, der Elbe, wie von einem anderen, der Oder, hat sich die Hauptstadt angebaut, sogar die mächtigere, besser umgebende Havel verschmähend, welche nur ein Paar Meilen entfernt ist. Diesem tiefschwarzen, still-ernsthaften Flusse, der Spree, hat sie sich ganz hingegeben, einem Flusse, welcher 235 durch den »Beobachter an der Spree« bekannt ist, und welcher zum Theil dieser Bekanntschaft halber, und weil er bei Berlin fließt, eine so geplagte Stellung in der deutschen Literatur trägt. Die Spree leidet unschuldig; sie war früher da, denn Berlin, sie hat sich Berlin nicht angemaßt, und sie ist ein viel würdigerer Fluß als man denkt; ich habe sie früher auch en bagatelle behandelt, und sie hat mich in stiller Größe gezwungen, ihr das abzubitten. Sie ist ein bescheidnes Veilchen unter den Flüssen, nicht des Geruches halber am Unterbaume, sondern stiller Vorzüge halber; sie ist von gleichmäßiger, sehr achtungswerther Tiefe, und in diesem Punkte ein viel zuverlässigerer Charakter als mancher große Prahler, zum Beispiel die Elbe, welche an manchen Stellen sich ganz vergißt und die Schiffahrt von Jahr zu Jahr schwieriger macht, gleich als ob sie in die versagenden und versiegenden Jahre hohen Alters geriethe; sie, die Spree, ist geachtet von den Obst- und Holzkähnen, und zwar sehr; sie trägt Dampfschiffe und ist 236 fruchtbar und schöpferisch wie ein Kaninchen. Es stehe der Fluß auf, welcher so reich an Fischen aller und der besten Art wäre, wie die Spree! Das stolze Geschlecht des Aals, verschwenderisch gedeiht es in der Spree, und der Berliner Bürger spricht von diesem Adel der Fische mit sicherem Gleichmuthe, wie jedes andere ordinaire Gericht kann er ihn täglich auf dem Tische haben. Und welch eine verdienstliche, wohlthuende Jugend hat die Spree! Der Jüngling tobt und zerstört, sie aber segnet bereits in diesem Alter – verkannte, hausmütterliche Nymphe vergieb den spottenden Frevlern! Kennt Ihr den Spreewald, den Sitz der Lausitzer Romantik? Kennt Ihr ihn, Ihr Leichtsinnigen? Aus den böhmischen Bergen neben Bautzen herabkommend kämpft dieser Fluß seine kümmerliche, enthaltsame Jugend durch die Niederlausitz, durch dieses Land, was ein Mensch in Heidelberg für unmöglich hält, wo eine schöne Gegend für Erfindung der Dichter gilt. Dort bildet die Spree etwa zwischen Cottbus und Luckau einen Waldsee von sechs Meilen 237 Länge, was man einen Bruch nennt, mit dem Pluralis Brücher, worin Laubholz, Wiesen, Huthungen und fetter Acker und Viehzucht und Fischerei das Land Gosen der Niederlausitz bilden. Von dieser Spreeschöpfung lebt man dort weit und breit, und in Cottbus, wo lauter Tuchmacher wohnen, singt man das Lied: »Kennst du das Land, wo die Citronen blühn?« zur Verherrlichung des Spreewaldes, die Citronen und Goldorangen für eine poetische Licenz haltend. Verkannte Spree! Die frühen Herrscher der Mark, aus dem anhaltischen, bayrischen und luxemburgischen Stamme, nahmen anfänglich wenig Notiz von Berlin, besonders die Anhaltischen, ihr Hauptsitz war Salzwedel; die Luxemburger kamen zumeist nach Frankfurt, und der Ort wuchs in mannigfacher Opposition auf, ein Charakter, welcher ihr stets verblieben ist. Der Berliner ist noch heute jederzeit oppositionslustig, dreist und herausfordernd. Beim Tode des letzten Askaniers, Waldemar's, im Jahre 1319, wo Berlin vielleicht schon zweihundert 238 Jahre alt war, überbot sie indessen bereits die meisten Städte der Mittelmark an Bedeutung; der wendische Schlag, durch Christenthum und Colonisten verändert, hatte sich tüchtig gerührt, und am Ausgange des vierzehnten Jahrhunderts sehen wir es mit mehrern Städten in ein Schutz- und Trutzbündniß gegen den Adel treten, der den Handel störte. All die Bundesstädte sind aber bis auf Potsdam und Frankfurt sehr zusammengeschrumpft, man sieht den Bernau, Nauen, Rathenau, Strausberg und Brandenburg die damalige Pairschaft mit Berlin nicht mehr an. Brandenburg besonders führte in früherer Zeit, als Sitz des Bischofs, das große Wort, und war wichtiger und mächtiger als Berlin. Unter jenem Waldemar hatte übrigens das Markgrafenthum Brandenburg eine große Ausdehnung erreicht, südlich bis in die Spitze von Schlesien, nördlich bis Pommern, Mecklenburg und Braunschweig hinein, westlich bis in die Pfalz Sachsen. 239 Aber jetzt begannen die Stürme, als die bayerischen Fürsten es in Beschlag nehmen wollten, der sogenannte falsche Waldemar stand auf, und hierdurch erhielt Treuenbrietzen seinen Namen; diese sehr zufällige Stadt, die ohne Grund auf einer Haidebene liegt, hatte den historischen Blick, treu zu bleiben, und Waldemar nicht zu huldigen. Jene und die nächstfolgende Zeit, wo der Adel räuberisch haus'te, und eine große Räuberbande, die Stellmeiser, nächtlicher Weile die Mark regierten, und keineswegs die Bildung der Schiller'schen Räuber oder die romantische Großmuth Rinaldo's und Aranzo's besaßen, störte natürlich das Gedeihen der Städte sehr, und von dem, was man so eigentlich Kultur nennt, war in Berlin so viele erste Jahrhunderte lang gar nicht die Rede. Für die Berliner selbst sei bemerkt, daß sie die Hauptsitze ihrer Ahnen auf der heutigen Poststraße und in diesem Terrain zu suchen haben, daß der Mühlendamm, als Uebergang nach Kölln, 240 frühzeitig entstand, daß der Molkenmarkt von einer wirthschaftlichen Fürstin Katharina den Namen hat, welche die Milch von ihrer Meierei auf diesem ersten Markte verkaufen ließ, wo überhaupt der erste Fischmarkt und Mittelpunkt war. 241     Die bayerischen Fürsten, welche die herrenlose Mark in Besitz nahmen, aber nicht darin gedeihen konnten, sind wie Schatten über das Land geeilt: der Kaiser Karl IV, der kluge Luxemburger, hatte einen gescheidten Erbvertrag geschlossen, und zur rechten Zeit und am rechten Orte auf Pfand geliehen, im Jahre 1373 kam das Land an die Luxemburger. Sie versäumten und verschleuderten es, Berlin ward von einem fürchterlichen Brande, den vielleicht die romantischen Stellmeiser angelegt hatten, verwüstet, Alles ging einer völligen Auflösung entgegen. 242 Da erhielten die Hohenzollern das Land, und die vorsündfluthliche Zeit Berlins ward mit Anfang des funfzehnten Jahrhunderts, mit dem Herrschantritt dieser Familie geschlossen. Sie ist allerdings darin sehr vom Glück begünstigt worden, daß sich die Eigenschaften dieser Herrscher in wunderbar regelmäßiger Weise ergänzten: der unternehmende fand einen haushaltenden, beschränkenden zum Vorfahr oder Nachfolger. Dadurch ward ein solches Gleichgewicht in den Staat gebracht, daß ihn die heftigsten Stürme nicht umwerfen konnten, und daß dies Haus der Hohenzollern ein wesentlicher Wendepunkt der neuen europäischen Geschichte wurde, der Schöpfer und Anhalt einer großen Macht, welche aus dem verlebten deutschen Reiche wuchs, und die halb deutschen, halb slavischen Völkerschaften mit ihrem bis dahin unberührten Geschichtsblute in die europäische Bedeutung einführte. Die starken schöpferischen Persönlichkeiten dieses Hauses haben dafür Außerordentliches geleistet; Friedrich der Eiserne, Johann Cicero, Joachim Nestor, 243 Joachim der Zweite, der große Kurfürst, der große Friedrich treten geharnischt heraus wie aus Felsen gewachsen, und es sind durchweg wenig Häuser in der Geschichte aufzufinden, wo eine in verschiedener Weise dargethane Tüchtigkeit und Solidität so regelmäßig wiedergekehrt wäre. Es war ein so starker Guß in diesem Geschlechte, daß sich sogar diese Regenten vom ersten Burggrafen herunter bis in die neueste Zeit in den normal ausgeprägten, regelmäßigen Gesichtszügen fast alle gleichen, und für Söhne einer einzigen schönen und starken Mutter gelten könnten. Wenn man weiß, wie überwiegend sonst die Natur der Mutter im Kinde ausgedrückt ist, wie nur in seltnen Fällen das Charakteristische des Vaters vorherrschend im Kinde heraustritt, so erkennt man bei einer Jahrhunderte hindurch so gleichmäßigen Reihe, daß ein überaus gewaltiger Kern in den Stammvätern geruht haben muß, ein Kern, der von den verschiedenartigen Müttern stets nur eine Schattirung, und nicht mehr für die nächsten Kinder zurückgelassen hat. 244 Bekanntlich ruht die Entstehung der Hohenzollern auch in dem Urstamme Schwaben; von wo aus so verschiedenartige große Potenzen über unser Vaterland gekommen sind. Das Stammschloß derselben liegt unweit von dem der Hohenstauffen. Eine Linie der Hohenzollern ward frühzeitig in Franken vom Kaiser belehnt, und von dort aus, von der Burggrafschaft Nürnberg, kam sie zum Besitze der Mark, die ihr für einige tausend böhmische Schock verpfändet war. Dieser erste Friedrich, der nur noch die Alt-, Mittel- und Uckermark sammt der Priegnitz von der früheren Ausdehnung vorfand, nahm auch wenig Notiz von Berlin: die störrigen Bewohner mochten dem Süddeutschen wenig Freude machen. Sein Sohn Friedrich der Eiserne brach mit starker Hand diesen Trotz, drang durch das Spandauer Thor mit seinen Reitern in die Stadt, welche man ihm nicht öffnen wollte, vernichtete die städtischen Privilegien, und begann den Bau der Burg auf der köllnischen Seite. Die Berliner und Köllner schossen die Arbeiter todt 245 und fünf Jahre hindurch dauert' der Kampf, ehe sie gebändigt worden. Dann ward es friedlicher, den städtischen Behörden ward erlaubt mit rothem Wachs zu siegeln, und Johann Cicero, der 1486 Kurfürst ward, machte es zu seiner wirklichen Residenz. Aber wild genug ging es noch immer her, und die Wissenschaften fanden wenig Platz, die erste Buchdruckerei war nicht in Berlin, sondern in Stendal angelegt, und Jochim Nestor, der Nachfolger gründete 1506 die Universität des Landes in Frankfurt. Er errichtete, um das wilde Wesen mit Gerechtigkeit zu zwingen, zu Anfang der Reformation um 1517 das Kammergericht, was jetzt noch besteht, wie legalen und illegalen Leuten bekannt ist. Unter Joachim dem zweiten bricht die Reformation in diesen Gegenden wie ein neues Tageslicht plötzlich überall durch, und da Berlin hierbei mit seinem Beispiel vorangeht, da diese historische Erscheinung auch ein Hauptmoment der Hohenzollern wird, so beginnt eigentlich mit ihr die historische Bedeutung der Stadt. Sie ist also trotz ihres Alters 246 um und um eine moderne Stadt, ihr Lebensathem datirt aus jener neuen Zeit, und so hat Luther unter Anderem auch Berlin geschaffen. Jetzt, um's Jahr 1540, ward auch die Burg des eisernen Friedrich niedergerissen, und der Schloßbau vom Baumeister Kaspar Theiß bewerkstelligt. Der Regent dieser Zeit, Joachim II., siedelte nun auch allerlei Kunst und Schönheit an, ja er war ein solcher Kenner und Ueber der Musika, daß er oftmals in eigener Person den Gesang in der Domkirche leitete, was allerdings mit der heutigen Sitte nicht ganz harmoniren möchte. Es gab damals einen Dichter Sabinus in Berlin, den die Literaturgeschichte leichtsinnig vergessen hat, einen Historiker Engel, Haftitz, Garcäus und Leutinger, und den berühmten Staatsmann Lamprecht Distelmeier, die alle gestorben sind. Um diese Zeit ward auch die Stechbahn, ein Turnierplatz, eingerichtet, aus welchem später die Kaufhalle entstanden ist, wo jetzt Josty Kaffee kocht, Mittler Bücher und manch edle Berlinerin Aepfel 247 und Aepfelsinen verkauft, und welche vom ächten Berliner höher gehalten wird als der Arkadengang am venetianischen Marcus. Damals ging der Thiergarten bis in die Nähe des Zeughauses, ein Bretterzaun trennte ihn von der Stadt, und große Jagden wurden darin gehalten. Was man in der Welt jetzt Berlin nennt, die eigentlich politische Kapitale, wo die großen Herrn wohnen, das war damals eitel Wald und die Wohnung der Bestien. Dies mußte Alles niedergeschlagen werden, um die Friedrichsstadt zu bauen. Monbijou, einer der frühesten Gärten, lag ein ganz Stück außerhalb der Stadt, und die Linden sind erst hundert Jahre später unter Regierung des großen Kurfürsten, 1640 angelegt. Man erzählt von Paris, daß es unter Ludwig XI. noch nicht gepflastert gewesen sei, Berlin war schon reformirt, und hatte noch kein Pflaster. Der Unrath war in dem jetzt so reinlichen Orte so groß und zudringlich, daß er sich zuvorkommend mit allen ansteckenden Krankheiten verband, und die Pest und 248 der Aussatz zu wiederholten Malen ihre gefährliche Visite machten. Karl Fischer, der Verfasser einer gründlichen preußischen Geschichte, dessen Chronikenstudium ich die meisten Details entlehne, erzählt von den heiteren Mädchen Berlins aus jener Epoche, daß sie trotz der noch so geringen Einwohnerzahl, eine ganze Gasse eingenommen hätten. Diese Gasse, in welcher noch heute der arabische Weihrauchsgeruch vermißt wird, und welche sonst ohne weitere Umstände nach ihren Bewohnern genannt wurde, heißt jetzt zart und schmeichelnd die Rosenstraße. Auch die Polizei kann ironisch sein, und dies wird den Historikern sehr zu statten kommen, welche durchaus der Meinung sind, die Ironie sei in Berlin erfunden worden. Diese unternehmenden Damen hatten die Verpflichtung, den Gassenkoth, so weit es möglich war, wegzuschaffen, und zu diesem Ende schloß man sie an zweirädrige Karren. Die Behörde derselben war der Henker, der in ihrer Nähe wohnte. Daraus ist 249 ersichtlich, wie viel auch diese Klasse von der Civilisation gewonnen hat. Ein Kulturfortschritt, der ebenfalls gegen das Ende des sechszehnten Jahrhunderts fiel und der nicht eben erfreulich ist, aber in Berlin und unserem Norden überhaupt tiefe Wurzel gefaßt hat, ist der Gebrauch des Branntweins. Man sagt, die Araber hätten ihn erfunden; die Entdeckung Amerika's, Reis, Rum, Zucker, welche in den Verbrauch kamen, hatte wohl einen Hauptschwung für dies Feuerwasser gegeben, der Norden bedarf eines Anregungsmittels, man ließ den begonnenen kargeren Weinbau liegen und schwor zur Schnapsfahne, die heute noch über das nördliche Europa flattert. Aus all der Erweiterung mache man sich indessen keine zu stattliche Vorstellung von diesem Berlin am Schlusse des sechszehnten Jahrhunderts, es hatte sich niemals über12000 Einwohner erhoben, und es brach eine so schwere Prüfungszeit mit George Wilhelm herein, daß es bei dessen Tode 1640 nur noch die Hälfte davon besaß. Die Gründe waren folgende: 250 George Wilhelm ging zur reformirten Religion über, dagegen gab es flammenden lutherischen Eifer und mannigfaches Aergerniß, der dreißigjährige Krieg brach aus, Schweden und Kaiserliche kamen als Feinde, da der Kurfürst nicht entschlossen Partei nahm, ansteckende Krankheiten wütheten, von 1200 Häusern Berlins standen beinahe 400 leer. Unter solchen Umständen bestieg Friedrich Wilhelm der große Kurfürst 1640 den Thron, und begann die eigentlich preußische Periode, den reißenden Fortschritt. Als er starb, hatte Berlin 20000 Einwohner. Er schuf und eroberte nach außen hin, und dennoch ward im Innern, besonders in Berlin das Meiste von ihm gethan. Er ließ zum Theil pflastern, ließ anbauen, brachte Garnison, sein Baumeister Memmhardt schlug Häuser und Palläste aus der Erde, der eigentliche Schloßbau ward nun im Großen vorgenommen, der große Marstall errichtet, ja Festungswerke wurden angelegt, von denen jetzt noch die damaligen Wallgräben der neueren Stadt als 251 Kanäle zu Dienst kommen, durch welche die Spree so mannigfaltig in der Stadt umher geleitet wird. Eine Hauptrichtung der Festungswerke hat man heute hinter dem Namen »Wallstraßen« aufzusuchen. Der große Kurfürst begann auch das bereits erwähnte jetzige Berlin der vornehmen schönen Welt, was man mit einem Worte die Friedrichsstadt nennt. Sie trägt zwar ihren Namen von seinem Sohne, dem ersten preußischen Könige Friedrich I., und dieser legte sie allerdings im Großen und Glänzenden erst nach dem jetzt fertig prangenden Plane an, aber der große Kurfürst brach den Uebergang durch Gründung der Dorotheenstadt und Ausbreitung des Friedrichswerder, durch die erste, wenn auch beschränktere Anlegung der »Linden.« Unter ihm kamen auch die ersten französischen Emigranten nach Berlin, welche des Religionsdrucks halber aus Frankreich gewandert waren, und eine bereitwillige Freistadt fanden. Man nennt alles dahin Gehörige mit einem Worte »die Kolonie,« und von dieser Kolonie datiren so viel französische Namen, 252 denen man heut noch begegnet, die vielen Institute, welche das Beiwort »französisch« tragen, französische Kirche, französisch Gymnasium, französische Straße. Diese zahlreichen Emigranten sind Veranlassung, daß in Berlin mehr als in irgend einer deutschen Stadt französisch gesprochen und mancherlei Französisches gepflegt wurde. Sie haben sich natürlich ganz amalgamirt und sind sehr gut preußisch gesinnt, man erkennt sie weniger am Deutschen, was sie gut Berlinisch sprechen, aber wohl am Französischen, was sie schlecht sprechen. Für Wissenschaft und Kunst that der große Kurfürst das Außerordentliche und von ihm eigentlich stammt aller Kern und Grund feinerer Civilisation Berlin's, durch ihn rückt die Stadt zuerst Sturmschritts in die Reihe vorgeschrittener Städte, welche in langsamer, begünstigter Entwickelung an die Spitze ihrer Zeit gekommen waren. So wies er dem Joachimsthalschen Gymnasium, ehe ein Haus dafür bereitet war, die Lehrzimmer im eignen Schlosse an, und nahm die ungezogene, lärmende Jugend geduldig 253 in seine Nähe. Er gab das Privilegium zur ersten Zeitung; Peter Silverdingen durfte ein Theater errichten, und wöchentlich ein Spiel aufführen in der Pulcinellomaske; in feineren Gesellschaften trank man vorzugsweise Thee, was man sammt dem Tabakrauchen von den Holländern gelernt hatte; mit den Emigranten kamen die Schnupftabakdosen und die französischen Anzüge. Es darf übrigens nicht geläugnet werden, daß der eigentliche Berliner immer noch ein toller, arger Geselle blieb, der seine derbe Faust und grobe Zunge zu den wilden Gelagen brachte, der dramatische Eckensteher ist eine stehende Figur gewesen vom ersten Wenden an bis auf Nante Nummero 22. Friedrich III., der sich als Friedrich I. die preußische Königskrone aufsetzte, ist von den Historikern oft scheel angesehen worden, weil seine Schöpfung durchaus nur auf äußere Pracht, auf Titel und schimmernden Glanz gegangen sei, ohne Nachdruck für inneren Gehalt und wirkliches Wachsthum – man thut seiner historischen Stellung damit oft großes 254 Unrecht. Sein Naturel und Wesen war durchaus auf eine glänzende Repräsentation und eine äußere Darstellung dieser Art gerichtet, er hätte seiner derartigen selbstständigen Anlage nur Gewalt angethan und dadurch nach außen Schaden angerichtet oder wenigstens seine Bedeutung verloren, wenn er diesem eigensten Triebe nicht gefolgt wäre. Eine naive Handlungsweise ist stets wichtiger und folgenglücklicher als eine gemachte. Dazu war sein Hang zu Glanz und Pracht sorgfältig gebildet und geläutert durch eine reiche Erziehung in Kunst und Wissenschaft, angeregt und begünstigt durch den Umgang einer schönen, geistreichen Gemahlin, der Sophie Charlotte von Hannover, welche Charlottenburg den Namen gegeben hat, und dieser erste König ist um und um ein richtiger Ausdruck Berlins gewesen. Es besteht eine intime Wahlverwandtschaft zwischen ihm und dieser Hauptstadt eines jungen Reiches, die von größter Bedeutung ist: der Berliner nimmt voraus, was er erst langsam zu erwerben hat, der Gedanke des Besitzes ist seiner Zuversicht bereits der Besitz 255 selber. Das stört wohl den Soliden, verletzt den sorgfältig Strebenden, wird lächerlich, wenn es mißlingt, aber es ist ein Eigenthümliches aller Eroberung. Die Eroberung greift stets über die Kräfte hinaus, welche ihr der Anschein zutraut, Alexander mußte verlacht werden, als er mit einer handvoll Reitern das persische Reich stürzen wollte, die ersten Päbste wurden verhöhnt, als sie sich die ersten Statthalter Gottes nannten, Friedrich der Große ward verspottet, als er mit der sogenannten Potsdamer Wachtparade gegen Europa in die Schranken treten wollte – die Idee der Größe wird nie erworben, man findet sie, man raubt sie scheinbar aus dem Nichts. Nennt's Arroganz! Mit diesem Worte muß sich das Existirende schützen vor der Macht, die sich rücksichtslos nähert, und mit der Arroganz muß auf der andern Seite das Erobernde auftreten, es muß sich anmaaßen, denn Niemand schenkt das Wesentliche. Siegt sie nicht, so bezahlt sie's mit Leib und Seele, mit dem Spotte, der sie trifft, und gegründeter Spott ist das Schmerzlichste. 256 Der stolze Gedanke eines neuen Reichs war offenbar in Friedrich dem Ersten, er trat nur elegant, geputzt statt geharnischt, heraus, und weil man das Letztere gewohnt ist, so fiel er auf. Aber die Form, welche mit dem Königstitel geschaffen wurde, war ein unberechenbarer Gewinn, ein großer Bauplatz war abgesteckt und war Pallast genannt, schon der Enkel begann die Ausführung, den Bau selbst, ganz in dem vorgezeichneten großen Stile, ein späterer Enkel setzte ihn fort. – Dies hat auf Berlin den größten Einfluß gehabt; der vorgreifende Gedanke des Berliners stimmte ohnehin dazu, und diese Unterstützung steigerte die Zuversicht, es gibt jetzt kaum einen zuversichtlicheren Menschen als den Berliner. Durch ihn erhielt nun Berlin den ersten Stempel einer glänzenden Residenz, der Genosse Memmhardts, Nering, welcher den Plan der Friedrichsstadt entworfen hatte, begann die Ausführung, begann das Zeughaus, Schlüter, der berühmte, bildete später die Verzierungen darauf, als es Johann 257 de Bodt gegen Nerings Plan abgeschlossen hatte; Schlüter schuf die prächtige Reiterstatue des großen Kurfürsten, und seine Schüler machten die vier Gefesselten am Fuß derselben, Schlüter baute das Schloß weiter, und vereinte die vielen Bauten desselben zu einem Ganzen. Leider ist es nicht nach seinem Plane vollendet worden, sondern ein Herr Cosander von Goethe, der weniger Geschmack hatte als der spätere Namensvetter Wolfgang, veränderte unpassend den Schlüterschen Plan. Im Jahre 1709 wurden alle die einzelnen Städte zu dem gemeinschaftlichen Namen Residenzstädte Berlin vereinigt. Dies war auch die Regierungszeit, in welcher Leibnitz, welcher mit der Kurfürstin Sophie Charlotte von Hannover gekommen war, in Berlin lebte und die Societät der Wissenschaften gründete. Bekanntlich ist dieser große Philosoph neuerdings von Dr. Guhrauer entdeckt worden, und zwar als körniger deutscher Schriftsteller und Charakter entdeckt worden. Es ist dies kein Spott, oder er trifft nur die unaufmerksame Zeit, welche ohne Charakteristik 258 ihre Zeitgenossen betrachtete, und uns Leibnitz als ein lateinisch-französisches Abstraktum überliefert hat, so daß Dr. Guhrauer mit größter Mühe aus dem Bibliothekenstaube einen nationalen Klassiker herausschütteln mußte, der deutsche Interessen und deutsche Sprache in dem sorgsamsten Herzen getragen, für letztere sogar Außerordentliches gethan, in ihr Mannigfaltiges geschrieben und auf's entschlossenste gearbeitet hat. Außer ihm lebten in jener Uebergangsperiode unsrer Literatur im Anfange des achtzehnten Jahrhunderts, wo man sich mit ein wenig Geschmack, aber sehr geringer Schöpfungskraft, aus den versauerten Resten der zweiten schlesischen Schule herausarbeiten wollte, zu Berlin: der Freiherr von Canitz, der Herr Besser und Benjamin Neukirch, der Liederdichter; Spener predigte, Puffendorf und Beckmann schrieben Geschichte. Der Herr Propst Spener, welcher zu den damaligen Pietisten gezählt wurde, hat übrigens eben so wenig mit den jetzigen Pietisten zu schaffen wie mit 259 den »Spenerschen Nachrichten«, aus welchen die jetzige Spenersche Zeitung erwachsen ist, und jener Beckmann war nicht so komisch wie der jetzige, er hat wenig Leute amüsirt, und eine märkische Geschichte abgefaßt. Als Friedrich I. 1713 starb, hatte Berlin 50000 Einwohner, es war aber so eingeleitet, daß nach hundert und einigen Jahren mehr als fünf mal so viel gezählt werden; der Schatz war leer, aber das Glück der Hohenzollern brachte wie durchgehends in dem Leben derselben die ergänzenden Nachfolger: der Sohn, Friedrich Wilhelm der Erste, sparte beinahe neun Millionen Thaler und 80000 Kerntruppen, womit der Enkel, Friedrich II, beinahe anderthalb tausend Quadratmeilen eroberte, und die Thaten des Königstitels, die Anmaaßung einer vorgreifenden Residenz reichlich bezahlte. Was oben über Friedrich den Ersten und seinen Bezug zu Berlin angedeutet war, und was ich über Friedrich den Großen in Bezug auf Berlin sagen möchte, läßt sich eigentlich sehr kurz ausdrücken: 260 außerdem, daß sie Könige waren, waren sie Berliner. Wesentliches vom Berliner Charakter ist in ihnen ausgeprägt, in jenem die vorausnehmende Repräsentation, in diesem noch weit mehr: er unternimmt einen gefahrvollen Krieg, und übernimmt die Führung, ohne etwas Anderes für sich zu haben, als ein fragloses Selbstvertrauen. Dies Vertrauen ist ein so in's Allgemeine hin gerichtetes, man darf sagen, solch ein Unternehmungsvertrauen in Bausch und Bogen, wie es eben den rücksichtslos Wagenden eigenthümlich ist, wie es durchweg am Berliner gefunden wird. Man soll dem Berliner heute sagen: »Wenn Du Dies oder Jenes thust, so erklärt Dir ganz Europa den Krieg«, er thut's doch und erwidert: Mit dem Entdecken Europa wollen wir schon fertig werden. Er hat eine so gute Zuversicht, daß er nie eine Gefahr detaillirt, und deßhalb leicht die größten Erfolge gewinnt, denn bekanntlich hilft die Berechnung wohl, aber sie erschafft wenig. Ganz in diesem Unternehmungssinne en gros ritt Friedrich der Große nach Schlesien in den Krieg hinein, und 261 war über sich selbst erstaunt, in der Schlacht bei Mollwitz die Sache schwieriger und verwickelter und sich mit dem langen Schimmel auf der Flucht zu finden. Schwerin gewann bekanntlich die Schlacht noch; der König lachte sich nun auch selber aus, und die neue Erfahrung, welche einen Andern bestürzt hätte, ward Stoff zu neuem Muthe, sie belehrte ihn, daß man sich auch für so etwas gefaßt halten müsse, und da er's nun wußte, so ist es ihm nie wieder begegnet. Um so viel größer ist der Muth und die Unternehmungsdreistigkeit im Allgemeinen, der Charakterzug, die Atmosphäre des Muthes, als der einzelne, muthige Anlauf, wenn sich der Gefahr nicht mehr ausweichen läßt. Und diese Atmosphäre ist ganz die des Berliners – Goethe, der wenig mit Berlin verkehrt hat, erkannte diesen Mittelpunkt vortrefflich, und bezeichnete die Berliner als eine verwegene Nation. Es ist wohl möglich, daß die Marken überhaupt, mehr blos gestellt, und weniger in die Sicherheit eines umfriedeten Reiches aufgenommen, von Jugend 262 auf an eine dreistere und waglustigere Existenz gewöhnt wurden. Der Märker ist halb aus Berlin, und Berlin ist ganz der Mittelpunkt einer stets schlagfertigen, nach allen Seiten hin unternehmenden Mark. Bekanntlich lebte Lessing unter Friedrich des Großen Regierung eine Zeitlang in Berlin, verkehrte mit Mylius, Nicolai, Mendelssohn und mit Schauspielern, ja, hatte die beste Lust, mit einer wandernden Bande in die Welt zu ziehen. Hätte Friedrich der Große damals mehr Zeit gehabt, wäre seine erste Richtung literarischer Kultur nicht in eine Periode deutscher Magerkeit gefallen, wäre Lessing ihm deutlich vor Augen gekommen, Berlin wäre damals vielleicht die wunderbarste Pflanzschule einer neuen Epoche geworden, denn Lessings gebieterisches Talent paßte so ganz und gar zu diesem vorgreifenden Wesen einer Stadt wie Berlin, eines aufspringenden Staates wie Preußen. Er kam zu dreien Malen immer wieder nach Berlin, und es gelang ihm nicht, sich zu begründen; in die Stille von Potsdam zog er 263 sich eine zeitlang zurück, um seine Miß Sara Sampson zu schreiben; also wenig Schritte vom Könige saß er, dachte und schrieb, und trug einen solchen Umschwung der Literatur im Herzen, wie jener einen des Kriegs und des Staates, und sie sprachen und kannten sich nicht. Er sah den König oft vorüberreiten, der König sah ihn nicht! Von Lessing's Spuren in Berlin ist wenig aufzufinden; Herr v. Sternberg hat eine Novelle über ihn geschrieben, wo er mit den Schauspielerinnen in Berlin herumgeht, aber es ist nicht wohl auszufinden, wie viel der Novellist, wie viel Lessing gethan habe. Voltaire war bekannter, sein Haus auf der Taubenstraße wird noch heute gewiesen. Soll ich noch der Anekdoten und Witze Friedrichs gedenken, welche ein stehender Artikel des deutschen Lebens geworden sind, und eine Popularität genossen wie Schillers Verse? Der Kriegsrath Müchler lebt seit Jahren von den Anekdoten Friedrichs, und er ist ein wohl genährter Mann. Tritt Euch nicht interessant genug auch darin die Vergleichung mit dem 264 jetzigen Berlin entgegen? Ist's nicht ganz Berlinisch, mit einem kurzen Geschichtchen, mit einer Scene, mit einem Witze, die man dreist aufgreift von der nächsten Straße, von der nächsten Begegnung, eine Charakteristik zu liefern? Ist nicht auch darin ein dreistes, entschlossenes Leben, was dem wirklichen ohne weiteres den frechen Spiegel vorhält? Es klänge frivol, wenn man sagen wollte, die Berliner Witze datirten von Friedrich dem Großen, aber ein nahes Verhältniß zwischen seinem stets kampffertigen Geiste und der jetzigen Nationaleigenschaft, für Alles sogleich eine scharfe Fassung zu gewinnen, dies nahe Verhältniß übersieht nur der Flüchtigste. Soll ich nicht auch eine Anekdote erzählen? Dieser Theil der Berliner Geschichte wäre unvollständig ohne sie. Sie spielt zwar in Potsdam, aber Potsdam ist bekanntlich eine Vorstadt von Berlin. Eine Höckerfrau saß unweit des Schlosses mit ihrem kleinen Krame, und der König stapft eines Tages mit der Krücke an ihr vorüber, und sagt: 265 Nun, Mutterchen, wie ist's gegangen während des Krieges? Wat? Krieg hat's gegeben? Nu freilich, wir haben ja den siebenjährigen Krieg geführt. Ach, was weeß ich! Pack schlägt sich, Pack verträgt sich. Diese rücksichtslose Antwort ist dem ächten Berliner wie aus dem Gesicht geschnitten, er würde dem Herrgott, wenn er ihm noch so sehr ergeben wäre, einen solchen Bescheid geben, sobald ihn dieser nach etwas fragte, was just nicht in seinen Kram paßte. Unter Friedrichs des Großen Nachfolger, unter Friedrich Wilhelm II. wurde das Landrecht eingeführt, was Friedrich schon beabsichtigt hatte, und das prächtige Brandenburger Thor ward erbaut. Der Baumeister war Langhans, und das Vorbild gaben bekanntlich die Propyläen der Akropolis zu Athen. Der Bau hat anderthalb Millionen gekostet, die Quadriga darauf mit der Siegesgöttin, welche jetzt 266 in ihrem Kranze das Landwehrkreuz trägt, seit man sie in Paris wieder eingelös't hat, ist von Schadow modellirt, »von den Gebrüdern Wohler zu Potsdam in Holz groß nachgearbeitet, und endlich von Jury, einem Kupferschmiede aus derselben Stadt, in Kupfer ausgetrieben.« Der Berliner höherer Klasse nennt das Gebilde kurz weg die Viktorie, der gemeinere die Siegesgöttin, wie er den schwieriger zu bewerkstelligenden Namen des Hippogryphen auf dem Schauspielhause, den Friedrich Tieck gebildet hat, mit der deutscheren Benennung »Heuschrecke« abspeis't. Schauspiel und Oper war um diese Zeit immer mehr eine nothwendige Liebhaberei geworden; das deutsche Theater behalf sich lange mit Privatgesellschaften und Privattheatern, die Drebbelinsche Truppe, welche in einem Hause der Behrenstraße agirte, ist noch manchem alten Herrn erinnerlich. Jetzt verwandelte der König das französische Schauspielhaus auf dem Gensdarmenmarkte in ein Nationaltheater. 267 Es ist oft gefragt worden, warum der Platz Gensdarmenmarkt heißt, da doch keine Gensdarmen dort verkauft würden, so viel man ihrer auch sähe; dieser Wißbegierde soll geholfen werden: Unter Friedrich Wilhelm I. waren merkwürdig genug die Ställe der Gensdarmerie an den beiden Kirchen dieses Platzes angebracht, und daher jene Thränen. Für die Oper hatte Friedrich der Große bereits das Opernhaus errichtet, dies ward jetzt im Inneren dergestalt ausgeschmückt, wie wir es heute noch sehen. Die berühmtesten Musiker aus dem Schlusse des vorigen Jahrhunderts zu Berlin waren Reichardt, Righini, Himmel, Benda; Vorliebe für Musik, eigne Ausübung oder doch Förderung derselben ist fast im Durchgehen der Zug der Hohenzollern. Wir haben in der früheren Zeit schon einen Leiter des Kirchengesanges unter ihnen gesehen, wir finden den großen Kurfürsten unter aller übrigen Sorge höchst thätig dafür, er sendet Künstler auf Reisen, damit sie Musik übten und lernten, er hielt und 268 pflegte eine große Kapelle, die ganz im Widerspruche mit dem jetzt so unmusikalischen England größtentheils aus Engländern bestand. Friedrich der Erste errichtete die Oper, ließ Lautenspieler aus Paris, Hautboisten aus Polen kommen, Händel trat damals in Berlin auf, die Kurfürstin Charlotte komponirte selbst. Daß Friedrich der Zweite die Flöte blies, ist bekannt, und es wird immer ein höchst wunderlicher Zusatz für den berühmten König bleiben, wenn man ihm, dem nüchternen und spottenden, dies Instrument des sentimentalen und melancholischen Tones in die Hand giebt, wenn man ihn die alten bescheidenen Melodieen blasen läßt. Vielleicht durch sein Beispiel war die Flöte noch zu Anfange dieses Jahrhunderts sehr in Aufnahme, man las noch Geßner und hielt sich Wäldchen, und blies – in der modernen Frivolität ist dieser sanfte Hauch verschwunden. Schon der Nachfolger Friedrichs hatte eine viel komplicirtere Neigung, Friedrich Wilhelm II. spielte das Violoncell. 269 Man muß gestehen, daß Flöte ganz wie Klassik, Violoncell ganz wie gewürzte Modernität klingt, 's ist schon ein romanisches c in diesem Worte, und das Wort Flöte flötet selber, man denkt an Pan, an die Rohrpfeife, die Syrinx, der Mond geht auf, die Lüfte säuseln; beim Violoncell denkt man an's Concert. Ganz Berlin lebt und richtet sich nach einer einzigen Uhr, die gar nicht einmal schlägt, sondern nur zeigt: der Kaufmann, der Student, der Barbier und der Dandy bleibt vor der Akademie stehen und richtet seine Uhr nach dem Zifferblatte der academischen, sie stammt aus der Regierung Friedrich Wilhelms II., unter welchem auch die Kunstausstellung in demselben Gebäude ihren Anfang nahm. Als er 1797 starb, hatte Berlin über 180000 Einwohner; die letzten vierzig Jahre haben hingereicht, es um 100000 reicher, und aus all den Einzelheiten eine kompakte Residenz im größten Stile zu machen. Sie hat ihre großen Ansprüche in der französisch deutschen Zeit ununterbrochen bewährt, es hat 270 keine Hauptstadt in Deutschland gegeben, welche sich entschlossen feindlicher gegen fremde Tyrannei gezeigt hätte als Berlin. Man täuscht sich sehr, wenn man hinter den Witzen und Uebermüthigkeiten, hinter dem aufgeblasenen Plunder und Wortgefechte nichts als leeren Dünkel und Hochmuth sehen will. Es wird an diesem auch nicht fehlen, aber es fehlt auch nicht an dem klaren oder unklaren Bewußtsein, daß man das Herz eines muthigen Staates sei. Vielleicht ist in Europa keine Hauptstadt, die im Charakter der Bevölkerung so viel Anlage zu den Vorzügen und Unarten der Pariser hat. Der Uebermuth, die Herausforderung vor 1806, über welche so viel erzählt und gespottet worden ist, war wichtiger, als daß man blos darüber spotten durfte. Allerdings hat man die Säbel auf den Straßen gewetzt, und den Krieg herausgefordert mit allem Uebermuthe – wer wagte dies denn damals in Deutschland, wer hatte Muth zum Uebermuthe? Und für das Unglück bei Jena und Auerstädt konnte 271 Berlin und Auerstädt keinesweges; aus dem unschätzbaren Gentzschen Memoriale ergiebt sich unwiderlegbar, daß eine muthvolle tüchtige Armee knirschend durch eine verwirrte Oberleitung gefesselt, unmächtig, verloren gemacht wurde. Wie hat sich Berlin wenige Jahre darauf gegen Schill benommen! Mit Enthusiasmus empfing es ihn, und Berlin eigentlich war es, was ihn zu dem romantischen Zuge ausschickte, zum Stegreifkriege gegen Napoleon; Berlin war der eigentliche Heerd des Befreiungskrieges, welcher nur der Situation wegen nach Breslau verlegt wurde; schaarenweise strömten die Freiwilligen aus Berlin zu der extemporirten Armee; bei Lützen hat Napoleon mit Erschrecken gesehen, daß er selbst im Feuer nöthig sei, um diese todesverachtende Jugend zu besiegen, dort schlafen auf der großen Fläche lange Reihen Berliner Söhne. Die tiefen Wunden jenes Kriegs findet ihr nirgends so zahlreich als in den Berliner Familien, die schwere Narbe des einzigen Sohnes, 272 die Narben aller Söhne, die größten Lücken des Befreiungskrieges, Berlin trägt sie. Blücher, zwar aus Mecklenburg gebürtig, war ganz ein Berliner, insoweit die Atmosphäre dieser Stadt sich charakteristisch äußert; seine Bildsäule, der Hauptwacht gegenüber am Opernplatze, wird wie das Bild eines speziellen Landsmanns angesehn, der von der Friedrich- oder Kommandantenstraße stammt. All die harschen Aeußerungen, welche von ihm bekannt sind, gehören mitten in die Berliner Redeweise. Als Talleyrand ihn beschwören ließ, den pont de Jéna nicht in die Luft zu sprengen, da hätten von zehn Berlinern zehne so geantwortet wie Blücher. Wenn sich der Herr Talleyrand noch selber mit drauf setzen wolle, so wird es mir sehr angenehm sein. Allerdings gehört auch alles Rüde des alten Soldaten in diesen Vergleich; aber nicht aus Porzellanerde, sondern aus schwarzem Boden wachsen die starken Bäume; der feine Sinn mag für das 273 rohe Element einer energischen Stadt Bildung und Milderung wünschen, aber der schildernde Autor darf durch die rauhe Schaale nicht über den gesunden Kern getäuscht werden. Starke Menschen sind ihrem innersten Sinne nach überall Pairs, sie denken nicht darüber nach, sie wissen es oft nicht, sie gehorchen, wo es eine Form verlangt, die ihnen geläufig ist, aber ihr eigentlich unbefangner Mensch stellt sich neben Alles, neben die höchst gestellten Personen, neben die höchsten Institute, er dünkt sich für nichts zu gering. Dieser ächt berlinische Zug war bis zur Gedankenlosigkeit in Blücher ausgeprägt, und man hat die wunderlichsten Geschichten darüber. Der jetzige König von Preußen, welcher dem alten, spiel- und verschwendungssüchtigen, Feldmarschall Alles gab, und mit Langmuth und unwandelbarer Erkenntlichkeit immer wieder gab, wenn das durchlöcherte Faß wieder ausgelaufen war, lud den alten Degen nach dem Feldzuge oft zu Tische. Es wird 274 beim Könige regelmäßig Jahr aus, Jahr ein um zwei Uhr gespeis't, und er sieht es natürlich sehr ungern, wenn ein Gast später kommt; Blücher kam gewöhnlich zu spät. Eines Tages auch; der König rügt es, Blücher noch stehend, sieht sich erstaunt um, zieht seine Uhr aus der Tasche, und sagt: Weeß es Jott, 's is en Viertel uf Drei! 275     Berliner Berühmtheiten Die Linden sind eine der schönsten Straßen in Europa, der Cours in Marseille ist noch länger und wohl eben so breit, aber es fehlen ihm die stattlichen Häuser zu beiden Seiten; die Pariser Boulevards sind interessanter, aber sie sind nicht eine so imposante Straße; die große Petersburger Straße ist noch pallastschwerer, aber sie hat nicht den Reiz der Linden. Wenn Ihr des Abends von der Charlottenburger Chaussée nach Berlin kommt, so habt ihr einen prächtigen Anblick und glaubt in eine tadellos vornehme, grandiose Stadt zu kommen. Es ist 276 warmer Frühling, die Bäume des Thiergartens, durch welchen mitten hindurch die Chaussée führt, duften und flüstern, mit seinen fünf hohen Passagen lockt das Brandenburger Thor, und weit hinauf zwischen den Oeffnungen sieht man innen die breite Stadt ziehn mit den hundert Gaslichtern. Man tritt ein, der Pariser Platz empfängt uns: rückwärts läuft die weiße Heerstraße in den dunklen Wald hinein; vorwärts in sehr breiter Straße, die am Schluß des Pariser Platzes anhebt, zieht sich ein hoher vierfältiger Lindenkranz hinauf. Seine Mitte, über welcher die Zweige sich entgegen ranken, wandelt der müßige Spaziergänger, dicht daran auf jeder Seite unter dem dunkelsten Schatten sprengen die Reiter, weiter nach Außen kommt links und rechts die gepflasterte Fahrstraße, und endlich an den Häusern liegen die Steinplatten, über welche die geschäftige Menge hin und her trabt. So stellen sich sieben Bäche und Ströme dar, von denen jeder seine eigne Menschenwelle führt, 277 das Gaslicht schimmert, der Mondesstrahl blitzt durch die Baumkronen, das Menschengewühl murmelt, die Pferde sprengen, die Wagen rasseln, still und vornehm sehen die stattlichen Häuser in die lange Flucht herab. Zwei Hauptstraßen durchschneiden die Linden: die schweigende Wilhelmsstraße, breit und ruhig, wo Pallast an Pallast steht, von wo die großen, prächtigen Kutschen kommen, und weiter oben die geräuschvolle Friedrichsstraße, welche eine Stunde lang schnurgerade durch die ganze Friedrichsstadt läuft, und ein dichtes Fußgängergewühl unter die Linden gießt. Wie Zauberlichter aus den Mythen des befreiten Jerusalems locken die unabsehbaren Gasflammen, welche in diese Straßen hinausirren. Wo die Linden aufhören, beginnt der Opernplatz, der schönste Platz Berlins, einer der schönsten in der Welt. Oben, weit oben schließt ihn die hohe breite Schloßfaçade, tief unten hinter und über den Zweigen der Lindenbäume seht Ihr noch das 278 Brandenburger Thor und die einhersprengende Viktoria. Neben Euch das neue Palais des Prinzen Wilhelm, von dessen Firsten Adler in die Luft streben, das alte Prinz-Ferdinands-Palais, was jetzt Universität ist, von dessen Giebel keusche Statuen blicken, das Opernhaus mit dunklem Säulenportal, die dunkle Bronzegestalt Blüchers, das kleine Palais, worin der König wohnt, das Zeughaus mit seinen weißgrauen Kriegswappen auf dem Scheitel, welche Schlüter gebildet hat, die neue Hauptwache, vor ihr die schneeweißen Bildsäulen Bülow's und Scharnhorst's von Rauch, dahinter ein dunkles Wäldchen, aus welchem unsicher die Singakademie, Zelters Sitz, hervorblickt. Das Alles überseht Ihr mit einer Wendung. Schreitet Ihr nun weiter dem Schlosse entgegen, wenige Schritte, so steht Ihr auf der breiten, breiten Schloßbrücke, über welche fünf Wagen neben einander fahren können, ohne die Fußgänger zu stören, vor Euch liegt der breite Platz am Schlosse, welcher Lustgarten heißt, das goldne Kreuz des Domes flimmert, die Wasser des Springbrunnens rauschen 279 in der Luft, das Museum mit seiner gebieterischen Säulenhalle, mit den springenden Rossen auf seinen Ecken, tritt stolz wie eine Erinnerung Griechenlands vor Euch, die steinernen Quais des Flusses, weithin mit leuchtenden Gebäuden besetzt, winken herauf, die Bauakademie, deren Erdgeschoß erleuchtende Bazars füllen, tritt nach der anderen Seite. Laßt Euch hier die spätere Stunde der Nacht übereilen, der Menschenlärm schweigt, das Getreibe verliert sich in die Häuser, die Lichter verlöschen, aber im Mondesschimmer plätschert die hohe Fontaine fort, ein eintönig frisches Geräusch, was die Stille belebt, setzt Euch auf die hohe Treppe des Museums, wo die Träume erwachen an klassische Zeit und Kunst, das Kreuz der Christenheit ist dicht daneben, das Schloß der Monarchie ist gegenüber, die moderne Börse zehn Schritte von Eurer Linken, der Mondesstrahl ist weiß und silbern, wie er einst vor vielen tausend Jahren auf die erste Pyramide Aegyptens fiel – da kommt Euch die geschichtliche Frage und Betrachtung in langem, weißem Ta1are. 280 Wie ist das Alles so geworden? Wer hat's geschaffen? Was wird es noch sehen und werden? Welche Namen werden noch im Triumph einhergetragen sein durch diese Straßen, über diese Plätze? Wie heißt der Gedanke, welcher dies Alles aus der öden Sandfläche emporgeschlagen hat? Berlin? Berlin ist ein Vorname von Preußen. Und sollte dieser Gedanke Preußen ein ganz neuer Gedanke der Historie werden? An die bewegenden Denksprüche der Geschichte, zwischen denen es aufgewachsen, hat es sich gar nicht, oder nur ablehnend angeschlossen, der Reformation, die sein Pathentag wurde, hat es sich nicht bemächtigt, den dreißigjährigen Krieg hat es nicht ausgebrütet, Friedrich der Große hat eine eigene Idee extemporirt, gegen Napoleon, der ihm in's Leben griff, hat es einen entscheidenden Schlag geführt, um sich wiederum eigen zu erhalten, ablehnend, eigen hat es sich in den neueren Stürmen gefaßt, wird über Kurz oder Lang dieser eigne preußische Gedanke in europäische Geschichte heraustreten, die herkömmliche 281 Terminologie verläugnend, aus welcher die Welt nicht herauszufinden weiß? Mondesnacht antworte! Die Leute wissen ja nicht einmal den Berliner Witz einzuordnen, weil er nicht klassisch, nicht romantisch sei; ich greife ordnungslos nach den berühmten Namen Berlin's, und da ich noch auf der Treppe des Museums sitze, so ist der berühmteste, ein europäisch berühmter gleich zur Hand; der Mann welcher ihn trägt, wohnt dicht hinter dem Museum. Man kann auch überall mit ihm anfangen, da er in ganz Deutschland keinen Nebenbuhler hat, keinen Neid weckt, und ohne Opposition berühmt ist. Von einem einzigen Manne kann dies gesagt werden, und diesen einzigen meine ich – Humboldt. Die Humboldt sind die modernen Dalberg, untadelhafte Kulturritter, denen bei allen Staatsaktionen der Ritterschlag geboten sein sollte. In jeder höheren Schule müßte wöchentlich einmal gerufen werden: Ist kein Humboldt da? 282 Es sind ihrer zwei; der Leib dessen, der schon in kühler Erde ruht, war Wilhelm's, des sogenannten Ministers, des Aelteren. Sie stammen beide aus Berlin. Wilhelm von Humboldt, Schillers Herzensfreund, ist vorzugsweise als Denker, als Staatsmann der äußeren Welt bekannt: er schrieb über Poesie und Sprachen, und das Herz und die Zunge der Menschheit waren seine Sorgen. Er besaß jene olympische Ruhe, Tag und Jahre lang still auf ein Wort, auf eine Fiber der Sprache oder des Gedankens zu blicken, um zu erlauschen, ob und wie sie sich bewege, er verfolgte eine Präposition durch Jahrhundert lange Häutung und Umpuppung bis in den Samenkern, er stand Schildwacht an den Wegscheiden aller Sprachen der Welt, um das Geheimniß der schöpferischen Kultur, der menschlichen Gemeinsamkeit und Möglichkeit zu ertappen. Ein Torso seines großen Gedankens, die Gottheit und den Menschen da zu finden, wo sie sich zuerst und, leider für uns! auch zuletzt begegnen, in der Sprache, ein 283 solcher Torso ist in seinem großen Buche »über die Kawi Sprache« zurückgeblieben. Der großen Welt, die eben auch über Alles mitspricht, ist von den Namen Humboldt eben der Name bekannt, wie Herodot oder Newton als große Schriftsteller im Munde geführt werden, ohne daß man weiß, was sie geschrieben haben. Die politische Welt indessen, obwohl sie wenig Interesse für die Kawi Sprache hat, und nicht mit Bestimmtheit weiß, in welchem Welttheile sie gesprochen wird, kennt Wilhelm von Humboldt durch politische Aemter, welche er bekleidet hat. Er war Gesandter in Rom, war eine zeitlang Kultminister, und sonst als Staatsminister im Diplomatischen sehr thätig und bedeutend: auf dem kurzen Kongresse zu Prag, auf dem versuchten in Chatillon, beim Frieden zu Paris, beim Kongresse in Wien war er überall einer der ersten preußischen Vertreter. Die Befreiung vom französischen Joche lag ihm nahe am Herzen, er soll der Erste gewesen sein, der auf einen Widerstand Spaniens und auf große Folgen von dort aus 284 gerechnet habe. Man erzählt Abenteuerliches, was er unternommen, um gegen Napoleon zu werben: eine Dame besaß große Macht über einen wichtigen Staatsmann, die Dame sollte und durch sie der Staatsmann gewonnen werden. Humboldt und ein anderer berühmter Mann hatten es eingeleitet, in Mäntel gehüllt warteten sie auf der Straße den Erfolg ab, sie gingen auf und nieder, und sahen besorgt nach den lichten Fenstern, und fragten sich, ob die Liebenswürdigkeit des Weibes siegen werde. In solcher menschlichen Romantik beschleicht man gern den abstrakten Denker. Einzelnheiten seines Lebens und seines Todes sind in den »Charakteristiken« beschrieben. Hier handelt es sich mehr um den Lebenden, welcher unweit des Museums wohnt, um Alexander von Humboldt, der zur Unterscheidung meisthin »der berühmte Reisende« genannt wird; solch einen Ausdruck wissen die Journale zu schätzen. Er hatte in Frankfurt und Göttingen studirt und machte im Jahre 1790 mit Forster die erste 285 Reise, die jetzt jeder gebildete Mensch nachmacht, nach dem Rheine, Holland und England. Aber er schrieb ein kleines Buch darüber, nicht wie Karl Geib über die Burgen und Sagen, sondern über die Basalte am Rheine, was weniger anmuthig aber etwas schwieriger ist. Dann ging er nach Freiberg in Sachsen auf die Bergakademie, studirte und beschrieb Botanik und eroberte Herzen. Er ist von Jugend auf heiter, frisch, witzig, höflich und zuvorkommend gewesen. Preußen stellte ihn an als Oberbergmeister im Ansbach-Baireuthischen, aber die Entdeckungen, die Pflanzen und Steinschichten der Tropenländer, welche noch Niemand kannte, pochten an sein Herz. Bald sehen wir ihn zu Paris mit allerlei Plänen nach dieser oder jener fernen Welt; er will mit den Franzosen über Aegypten weiter, das stört Nelson durch die Schlacht bei Abukir. Endlich wendet er sich wie Columbus nach Spanien, und von hieraus unternimmt er mit Bonpland die berühmte Reise nach Südamerika, wo er wirklich eine neue Welt im 286 Einzelnen entdeckt, den Chimborasso besteigt, mit Menschenfressern verkehrt, in Vulkane kriecht, einen neuen Ofen für's Zuckersieden erfindet, über die Katarakten fährt, ein Thal entdeckt, wo Regen und Donner unbekannt sind. Nach fünf Jahren – 1804 – kam er aus dieser wunderbaren neuen Welt zurück. Seit 1810 erschien seine Reise in Paris: » Voyage de Humboldt et Bonpland « in groß Folio, und seit der Zeit ist er, wie billig, der in groß Folio berühmte Reisende, die Universität aller Naturforschung in einer Person. Alles Interesse naturwissenschaftlichen Trachtens ist in ihm bethätigt, eingefleischt, und er ist wirklich eine europäische Behörde. Aus Quito, aus Bombay, aus Torneae, vom Schwanenflusse sendet man Bemerkungen, Beobachtungen an Herrn Alexander von Humboldt nach Berlin oder Paris. Daß er von da aus, wo sein Ruhm täglich um einige Zoll wuchs, auf der weitschallenden französischen Schriftkugel stand, daß er alle Folgezeit hindurch immer mit einem Fuße in Paris stehen blieb, daß 287 er eben so französisch schreiben konnte wie deutsch, und alle die Hauptsachen französisch publizirte, das war allerdings ein nicht geringes Hilfsmittel zur europäischen Berühmtheit. Man hat diese Gebrüder die Dioskuren Preußens genannt, wie man immer geneigt ist, das Ungewöhnliche durch Uebertreibung dem gelegentlichen Spotte auszusetzen. Ein schönes Bild gegenseitiger Ergänzung bieten sie aber in Wahrheit: Wilhelm concentrirte sich oft Jahre lang auf einen einzigen, scheinbar ganz kleinen Punkt, auf ein Wort, auf ein Wörtchen, eine Partikel; Alexander fuhr über alle Interessen der Erde hin, gleichzeitig mit hundert Augen rechts und links sehend. Und wenn er auf's Einzelne sich wandte, so bewies er auch dafür die größte Fertigkeit: er hat weitläufig über die »Steppen« geschrieben, über Steppen, wo man weit und breit nichts sieht als die unergiebige Eintönigkeit, und er hat so viel Reichthum und Schönheit entwickelt, daß man einen farbigen Roman zu lesen glaubt. War Wilhelm 288 die eherne Festigkeit, so ist Alexander die elastische Hervorbringung mit ihrem unberechenbaren Reichthume, forschte jener nach dem Herzen der Welt, so suchte sich dieser aller Muskeln des ganzen Leibes, mit allen Lebensgesetzen des Leibes zu bemächtigen. Alles das wußte ich, ich wußte, daß er bei großen Krisen als geschätzter und gewandter Diplomat benützt worden, daß er sich mannigfach an Höfen herumbewegt habe, daß er den Ruf eines feinen taktvollen Kavaliers genieße, der seine Ueberlegenheit auch im geselligen Verkehr fein und doch nachdrücklich bethätige. Ich hatte mir also eine feine, Respekt gebietende Erscheinung gedacht. – Es war eine große Gesellschaft, in welcher er ebenfalls erwartet wurde, man hatte sich in mehrere Zimmer vertheilt, betrachtete die geschmackvolle Einrichtung, wandelte umher, unterhielt sich in Gruppen oder einzeln, wie es sich fügte; ich stand mit Mundt im ersten Zimmer, und wir beschauten einen Marmortisch, der aus Carthago geschickt worden war, da trat ein Mann 289 ein, machte uns mehrere feierliche Komplimente, und schritt unter vielfach wiederholter, respektuosester Begrüßung in die anderen Zimmer. Er war von kleinster Mittelgröße, abgetragen schwarz gekleidet, mit altmodischer Busenkrause, und da das Haupt sich so vielfach tief neigte, so hatte ich mich in dem grauröthlichen Kopfe nicht orientiren können. Mundt kannte ihn auch nicht, wir hielten ihn für einen höflichen Hofrath, der sich's zur besondern Ehre schätzte, eingeladen zu sein, achteten nicht darauf, und sahen wieder auf die karthagischen Mosaikbilder. Später trat ich in ein anderes Zimmer, und fand alle Anwesenden aufmerksam horchend in einen Kreis geschaart, und auf denselben Mann horchend, als ob ein Bülletin mitgetheilt würde. Ist ein Kourier aus Paris gekommen? Ist der Commissionsrath Cerf geistreich gewesen? Nichts da, von den Pferden in Amerika war die Rede, daß sie in großen Heerden existirt hätten, ehe die Spanier gelandet wären; von China: daß man im ganzen himmlischen Reiche keine Milch trinke; von Hegel: daß er 290 gesagt habe, ein Berliner Witz sei mehr als eine schöne Gegend; von der Pest in Constantinopel; von der Naturbetrachtung: daß in den Schriftstellern des Alterthumes keine einzige specielle Schilderung der Natur und des Genusses an derselben vorkomme – und Alles sprach der eine Mann im abgeschabten schwarzen Leibrock, und wie ein aufgezogenes Uhrwerk sprach er, kein »Ei!«, kein »Wahrhaftig?«, kein Staubatom konnte dazwischen; Leute, von denen ich wußte, sie schwiegen nicht leicht bei einer Nachricht, bei einer Meinung; Professor Hans und Andre schwiegen völlig und hörten, und Alles hörte mit jener Beflissenheit, welche ausdrückt: Sprechen Sie, sprechen Sie, ich höre mit Hand und Fuß, ich höre doppelt! Der Bediente, welcher ankündigen wollte, daß servirt sei, verstummte, da er über die Schwelle trat, und schnelle Pantomimen seine profane Zunge in Fesseln warfen. Mein Gott, wer ist der Mann? Pst! Aber sagen Sie doch – pst! 291 Humboldt! flüsterte mir endlich eine Dame zu. Nicht möglich! der veritable, ächte Humboldt, was man so unter gebildeten Leuten Humboldt nennt? Freilich, hören Sie doch! Was man erlebt! Schweigen Sie still, Herr, jagte mir ein Banquier im stillen Galopp zu, er spricht von die Pest, man kann sich zehn Bücher sparen, wenn man den Mann ene Viertelstunde sprechen hört, er spricht nicht wie en Buch, er spricht wie zehn Bücher, was man erlebt! schweigen Se still, Herr! Ach, mein Junge, mein Aeltester, Sie wissen's, wie mer's mit ihm geht, Sie wissen's nicht? Denken Sie, der Junge ist unter die Räubers gegangen, wie ich Ihnen sage, unter de Räubers; 's ist ene ganze Bande, bei Moabit fallen se die Marktweiber an, nehmen se die Marktpfennige ab und bei die Zelten geben sie ihnen Silberjroschen zurück, und sagen, sie wären nur jegen's Eigenthum und wollten sie nichts duhn. Mein Sohn ist dreizehn Jahr, zwei Monate alt, 292 wie soll ich's erleben, daß er über de Pest und die Milch von de Chinesen spricht. Was sagen Se? Er ward durch allgemeine Verachtung zum Schweigen gebracht, überhaupt war er wie das Mädchen aus der Fremde, man wußte nicht, woher er kam. Dergleichen passirt in jeder großen Stadt und Gesellschaft. Humboldts Fluß war aber dadurch nicht behindert worden; es ist nicht zu sagen, mit welcher Volubilität dieser Mann producirt. Und so ist er zu Hause, wenn man ihn besucht, so ist er bei Hofe, man begreift nicht, wo er hört, wo er einnimmt. Wenn Jemand ein Geschäft bei ihm hat, so muß er es um Gotteswillen gleich beim Eintritte anbringen, ehe all die Maschinen dieses Kopfes in Bewegung gekommen sind, wozwischen hinein kein Lüftchen unzermalmt sich drängen mag. Wo er hört? Wie den Propheten in der Wüste kommen ihm die Raben von aller Welt Ende, und bringen ihm Speise und Trank; er ist so tief eingenistet in die geistige 293 Welt, daß ein Wort, ein Komma hinreicht, ihn über Neues zu orientiren. Der Kopf Alexanders v. Humboldt gleicht allerdings den Bildern, welche man von ihm sieht, nur ist er etwas größer, etwas älter und etwas weniger gefaßt und glatt als ihn die Kupferstiche zeigen. Er ist bereits ein hoher Sechziger, der gedrungene Körper hat bewundernswerth fest gehalten, die kleinen Augen sind noch frisch, und wenn er so dasteht, den Hut unter einem Arme, die andere Hand auf der Busenkrause, unerschöpflich gebärend, so macht er den Eindruck einer lange, lange dauernden Figur, die einst, nicht durch Krankheit gestört, sondern in der Menschendauer abgelaufen sein, aufhören wird, ohne gekrankt zu haben. Seine Artigkeit, seine Höflichkeit, Freundlichkeit, seine Bereitwilligkeit zu jedem Dienste, für jeden Fremden, soll über alle Beschreibung sein, und manche Leute petitioniren nicht bei ihm, weil er niemals abschlägt. 294 Ehe er an jenem Abende eintrat und Alles absorbirte, sah man wechselnde, immer sehr betheiligte Gruppen um einen ebenfalls unscheinbar schwarz gekleideten Mann mittler Größe, der in ganz andrer Weise interessirte. Wenn ein Stoff angeregt war, so bemächtigte er sich seiner auch gewaltsam nach den Richtungen, welche sich ihm dabei öffneten, aber er faßte sein Interesse scharf und kurz, er hörte dazwischen, und erwiderte noch schärfer, so daß es allerdings eine lebhafte Unterhaltung gab, wenn auch kein eigentlich Gespräch. Der Mann, welcher einen blauen Orden am Halse trug, und mit einem kleinen Stöckchen wie Chateaubriand spielte, hatte einen feinen Diplomatenkopf, kummervolle Züge waren darauf eingegraben, und lagen sogar in dem ergrauten feinen Haare, sahen bleich aus der schmalen, blaugeäderten Hand, welche mit der goldnen Kette des Stöckchens tändelte. Um die Mundwinkel hatte sich Weh eingegraben, und die blauen Augen blickten oft ermüdet von der Erde und deren gestorbenem Reize über die Brillengläser hinweg. Sobald das 295 Gespräch indessen eine Spannung brachte, glitt ein lächelnder Sarkasmus, eine spottende Verschlagenheit über Mund und Wange, und oft, wenn er die Unterhaltung dem allgemeinen Gespräche überlassen und mit schmerzlichem Ausdrucke still gesessen hatte, trat er plötzlich wieder ein, und warf kleine Geschichten und Spitzen hierhin und dorthin, wo Einer sehr laut und zuversichtlich geworden war. Es war leicht zu sehn, daß er leidend sei; er ist auch selten in großen Gesellschaften zu finden. Varnhagen von Ense heißt er. Seine Geburt und Jugend stammt aus Westphalen. Er hat anfangs Medicin studirt, dazu ist die Poesie und die Zeit gekommen, wo aller Bezug vom Vaterlande und dem Kampfe dafür in Anspruch genommen wurde. Nach dem Frieden sehen wir ihn auf diplomatischer Laufbahn, sehen ihn als preußischen Gesandten in Carlsruhe, eine glückliche Existenz führend neben Rahel. Er ward abberufen und lebte seit der Zeit in Berlin; Rahel starb, er sammelte ihre reiche Verlassenschaft und übergab sie zum Theile 296 dem Publikum. Er selbst kränkelt schwer, und erhält sich karg vom Interesse an Literatur und deren specieller Geschichte, an Weltentwickelung, und vom Umgange mit einigen Freunden. Seine nächsten wichtigsten Freunde sind todt, Goethe ist todt, Rahel, Wilhelm Neumann, auch der Ruhm reizt nicht mehr, was soll er dem Einsamen, der keinen Aufschwung, keine neue Entwickelung mehr aus dem Ruhme hofft! Wenn der Ruhm wohlschmecken soll, muß er befruchten. So stirbt Varnhagen seit Rahels Tode, und schreibt lauter Testamente. Und er hat nie so viel geschrieben, und ist nie so anerkannt worden, als eben jetzt, wie man immer das am reichlichsten erhält, was man nicht zu brauchen glaubt. Wer weiß! Ein glücklicher Wurf der Weltgeschichte, ein kräftigender Frühlingsmonat, eine ächte, gesunde Spannung, und die Nerven erheben sich wohl noch einmal zu neuem Leben. Seine mündliche Unterhaltung ist eine so glückliche Ergänzung zu seinen Schriften, wie man sie 297 äußerst selten findet. Die meisten Autoren sind in den Schriften reicher und interessanter als im Leben, weil sie ihr Bestes für die Feder bewahren und zusammendrängen. Bei Varnhagen ist es fast umgekehrt: er beschränkt sich durch Geschmacksrichtung und durch eine Form, welche aus der Diplomatie ein ganzes Arsenal von Rücksichten mitgebracht hat, dergestalt, daß seine geübte Darstellung eigentlich aus lauter negativen Vorzügen besteht. Es ist Alles vermieden, was nicht gesagt sein soll, und in dieser geschmackvollen Negative beruht für Kenner der Reiz seiner Schreibart. Dabei geht aber von dem Eigenthümlichen, dem Kräftigen, dem unbefragt Knospenden, dem Grünen und Ueppigen sehr viel verloren, was hinter jeglicher Form ruhen muß, wenn sie selbstständig reizen soll. Die Naivetät, welche unmittelbar wirkt, ist in seiner Schreibart durch die Kunst verdrängt, Alles durch eine dritte objektive Person und Anschauung sagen zu lassen; er sucht die Objektivität nicht blos im Ganzen und Großen, sondern auch im Einzelnen, und beraubt sich dadurch 298 des eigentlichen Gegenüber, des Aug in Auge, wodurch die Schrift nicht blos langsam wirkt, sondern auch augenblicklich trifft. Seine Schrift reizt darum nur als Gattung, und darum nur den Kenner, eine vortreffliche Erziehung, die dann noch viel interessanter berührt, wenn sie sich zuweilen vergißt. Wenn ich die Korrektheit hier tadelnd berühre, so will ich keineswegs dem ordnungslos Bunten das Wort reden, es soll nur ein Beispiel genannt sein, wie man durch Bildung ärmer werden kann, sobald man den persönlichen Genius zu weit von ihr unterjochen läßt. Dieser Genius ist bei Varnhagen in mannigfaltigstem und schönstem Reichthume vorhanden, seine mündliche Unterhaltung strotzt davon, aber er läßt die Farbigkeit desselben allzu schwach oder gar nicht in die Schrift, er schreibt zu keusch. Wenn Jemand seine Unterhaltungen niederschriebe und drucken ließe, er brächte das interessanteste Buch von der Welt, was neben Varnhagens übrigen Schriften stünde wie ein strotzender, blühender Frühlingsbaum neben einem halb entlaubten. So geht es 299 uns: Nach dieser oder jener Richtung hin werden wir zufällig Autoren, das dahin Gehörige bilden wir aus, in Kurzem sind wir uns selbst eine Norm, ein Gefängniß, und das reichste und beste in uns, sei's Manier, sei's wesentliche Eigenschaft, bringen wir nie in unsre Schriftstellerei. Lächelt der Leser? Allerdings ist solche Lotterie das Geschick aller Menschheit: der Verlassenste, Unliebenswürdigste hat eine überschwenglich reiche Gegend in sich, der erste Schritt, das erste Verhältniß zur Welt hat unglücklich darüber entschieden, daß just diese Gegend immer ungesehen tief in ihm ruhen soll. Darum ist alles Genie und alles Gelingen ein Glück. Varnhagen hat noch Viel, noch Vortreffliches und Wesentliches von dem eigentlichen Varnhagen für den Schriftsteller gewonnen, aber den ganzen und besten Varnhagen nicht. Hier ruht ein feines Lebensgeheimniß, das Geheimniß der Wahl; wenn der Mensch für seine Kräfte und Fähigkeiten denjenigen Ausdruck, denjenigen Stand, dasjenige Geschäft findet, wo Alles thätig werden kann, was er besitzt, und so, 300 wie es in ihm gegliedert und abgestuft ist, dann ist das wunderbarste Gelingen sein. Könnten wir nur eben eine Welt erfinden, wo sich jeder Mensch ohne die Fessel des Herkommens seine eigenthümliche Thätigkeit wählen könnte, wir würden Millionen von Genies erblicken, und es muß den Simonisten zugestanden sein, daß sie so etwas ahneten. Aber wir haben uns von vorn herein durch unsere Rangunterschiede beraubt; ich meine hier nicht den Hofrath und Thorschreiber, den Herrn und Diener, ich meine Folgendes: Wir halten den Handwerker für etwas Besseres als den Bauer, den Studirthabenden für etwas Besseres als den, welcher nicht studirt hat, und so ferner; wir haben einzelne Aeußerungen, die für das Beste gelten, was der Mensch thun kann, zum Beispiele gilt es der Mehrzahl für das Vortrefflichste, ein ausgezeichneter Schriftsteller sein zu können. Diese Rangunterschiede schaden sehr. Leute, welche durch die Ausbildung einer Fertigkeit unübertrefflich sein könnten, versäumen sie, weil sie nicht so hoch angeschlagen ist, 301 und dadurch verliert die Welt. Besonders gilt dies von den guten Gesellschaftern, den Gelegenheitsdichtern, den Tausendsappermentern eines kleinern oder größeren Kreises: weil man da eine Fertigkeit sieht, die sich im Verkehr so ausnimmt wie das Talent des Autors, des humoristischen Schriftstellers im Buche, darum sollen diese Leute durchaus schriftstellern. Als ob nicht die Fassung für eine Geselligkeit und für ein Buch oft so verschieden wären wie Tag und Nacht, selbst wenn beide auf Eins, zum Beispiele auf den Humor hinausgehn! Die besten Gedanken werden mündlich fortgepflanzt; und die besten Gedanken kommen nie in die Schrift, denn die Schrift hat keinen Ton, und der Ton ist oft das Beste, die Schrift verlangt eine Form, und jede Form muß grausam sein gegen den Stoff; der Weg von innen bis auf das Pergament und Papier ist auch Meilen weit, alle Schriftsteller schreiben ganz andere Dinge, als sie eigentlich schreiben wollen. Die Schrift selbst ist wieder eine selbstständige Macht, die ihre selbstständigen Forderungen 302 schonungslos zur Geltung bringt, das zu Schreibende muß sich der Schrift erst unterwerfen, ehe es zur Erscheinung kommt, und schon dadurch wird es ein Anderes, als wir beabsichtigen. Von diesem Standpunkte aus kann man über Varnhagen selbst und dessen feine, kunst- und gehaltreiche Schriften ein dreist mäkelndes Wort sprechen, denn es wird unterstützt durch die strotzend reiche Persönlichkeit dieses Mannes. Diese besitzt all die Farbe, Frische, Bewegung, ja die Laune, den Humor, welche in der mittelbaren Schrift nur fern, und dem ersten Blicke ganz unerkennbar hervortreten. Solch ein Mann müßte darum bei einer vollkommneren Welt Sprecher werden, um seine ganze Kraft zu entwickeln, ich sage ausdrücklich nicht Redner, weil darunter eine andere Fertigkeit zu begreifen ist. Ein wenig säuerlich aussehend steht da neben Herrn von Humboldt ein voller, wohlgerundeter Mann, mit einem gefüllten, lebhaft gefärbten Antlitze, welches von schwarzem, krausem Haare beschattet 303 und von hervortretenden immer glänzenden Augen dunkler Farbe belebt wird. Dieser ist der geborene Redner, und er sieht wohl eben darum heut etwas säuerlich aus, weil seiner Neigung und seinem Talente keine Gelegenheit geboten ist. Er hört nicht gern, dafür ist zu viel eigne Arbeit in ihm, er giebt lieber, und doch fügt sich seine Billigkeit der Autorität Humboldts, die Alles in Beschlag nimmt. Daß dies nicht ganz ohne Verdruß abgeht, ist natürlich, auch wenn er selbst nichts davon wüßte, übrigens ist auch die große vornehme Gesellschaft zu rückhaltend, als daß sein charakteristisches Talent hier seinen Beruf, sein Terrain und seine Anregung fände. Er ist durchaus der glänzende und entschlossene Redner einer französischen Kammer, der Verfechter einer lebhaften Politik, welcher als Professor der Jurisprudenz nach Berlin gerathen ist. Man muß Eduard Gans in einen kleineren Salon eintreten sehn: mit unbefangener Sicherheit nimmt er den ersten, fernsten Stuhl, welcher sich bietet, und von da aus beginnt er seinen Vortrag über das Nächste der 304 Tagesgeschichte in einer so sicheren, vollen Form, mit so viel scharfem Nachdruck und rascher Wendung, daß man sich urplötzlich nach Frankreich versetzt glaubt. Sind nun gar Ausländer zugegen, und man spricht gruppenweise französisch, so ist die Täuschung noch größer, denn er spricht die Sprache Odillon Barrots so geläufig und national accentuirt, wie man es nur in der Deputirtenkammer verlangen mag; er kennt Paris selbst und alle französischen Notabilitäten und Renomméen, er hat immer Briefe aus Paris, er kennt die Geschichte jenes Landes von Ludwig XIV. bis zum Disjunktionsgesetze ganz im Detail, kennt alle neuen Bücher auch aus der französischen, englischen und italienischen Literatur, redet auch diese Sprachen mit Leichtigkeit und hat neben Allem ein festes Fundament in deutscher Philosophie und Rechtswissenschaft. Was Wunder, wenn sich daraus eine geharnischte, stets kampffertige Figur bildet, die noch von der Jugend eines etwa sechsunddreißigjährigen Alters, von der begabtesten, natürlichsten Suada 305 und von der feinsten Kenntniß und stärksten Herrschaft des sprachlichen Ausdrucks getragen wird. Das sind drei Männer, welche die Anknüpfung und Bedeutung Berlins nach verschiedenen Seiten darstellen. Humboldt mit den Forschungen der ganzen Welt, Varnhagen mit mancher interessanten Persönlichkeit des letzten Staatslebens und mit allen kourfähigen Autoren unsrer Literatur seit Anerkennung der Goetheschen Herrschaft, seit dem Interregnum der Romantiker und allen dem, was in neuerer Romantik nachfolgte, Gans mit dem Hegelschen Kreise, mit den bewegten Dingen und Personen des Auslandes und der politischen Aeußerung des Auslandes. Ein Repräsentant der Kunst war in Rauch zugegen, welcher lächelnd und sicher, eine schlanke Gestalt mit edlem, leise und anmuthig alternden Kopfe, dreinsah. Berlin hat fünfhundert Schriftsteller, darunter, wie billig, 450 bis 460 gemeine Soldaten. Der fünfhundertste Schriftsteller Berlins ist Heinrich 306 Smidt, ein sehr dicker Mann, welcher »durch Wort und Schrift bewiesen hat, daß er nicht zum jungen Deutschland gehört.« Er schreibt wie Walter Scott täglich sechzehn Stunden lang Romane, hat ferner auch die Aehnlichkeit mit dem großen Unbekannten, daß er unbekannt bleibt, und unterscheidet sich nur dadurch, daß seine Romane nicht ganz so gut sind wie die Scottschen. Im Jahre 1838 hofft er sich zu entschleiern, und entschieden berühmt zu werden. Uebrigens ist Heinrich Smidt sein ehrlicher, holsteinscher Name. Kennt Ihr alle die Stübchen einer großen Stadt, wo die schreiendsten Ansprüche auf literarischen Ruhm in der Einsamkeit darben, wo dem Vaterlande die stillen Opfer gebracht werden, die stolzen Gedichte, die humoristischen Aufsätze, die Abhandlungen, welche der Menschheit so höchst nöthig sind, die Trauerspiele, kurz alles das, was nicht gedruckt wird vom schnöden Buchhändler, kennt Ihr sie? Jede Stadt hat deren, jede große hat mehrere, Berlin hat Legionen; die ganze 307 Literatur kann an einem röthlichen Abende sterben, am nächsten Morgen stellt Berlin einen dicken Meßkatalog. Und nicht bloß Titel, nein, reelle Bedienung, Alles liegt parat, jedes Genre ist wohl versehen, und der Beweis wird gratis zugegeben, daß Alles nichts taugt, was jetzt gedruckt wird. Die Macht wird immer und allerwege angefochten, auch in der Literatur; wer einen Vers machen kann, will auch sein Amt haben, und bekanntlich ist beim Zusehen Alles leichter. So erinnre ich mich aus Breslau: da ist ein lang gewachsener Mann, er geht sehr sauber gekleidet, hat einen Backenbart und zwei rothe Wangen, die beide nicht ächt aussehn, es aber doch wol sind, der Mann soll ein ganz gescheidter Mann sein, und er zuckt schon seit funfzehn Jahren die Achseln über die deutsche Literatur. Warum? weil er sagt, es sei eine Kleinigkeit, sie ganz anders und viel besser zu machen; man glaubt ihm das, man bedauert ihn und die Literatur, ihn besonders, denn er leidet darunter, obwohl er sich bei dem 308 Aerger die rothen Wangen und den Backenbart konservirt. So wie der Mann aber einmal daran geht, selbst etwas zu schreiben, wozu ihn das Mißvergnügen sehr selten kommen läßt, da wird's ein geziertes, klein, schrumpfig Ding, was nicht den Abdruck lohnt. Ja, klingt die Entschuldigung, er versitzt sich, er ist nicht im Zuge, nicht im Strome – ja wohl, das ist's. Der Weltstrom ist noch etwas ganz Anderes, als was man so vom Ufer aus sieht, wie der Krieg, wie die Ehe, wie die Reife, wie das Regieren ist er eine Sache, die sich nimmermehr erschöpfend durch's bloße Zusehn abmachen und erklären läßt. Die Welt selbst, die wogende, ist eine unbekannte Macht, jeden Tag, für jeden Menschen eine andere – roth springt ihr hinein, roth wollt Ihr durchaus bleiben und bleibt's auch mit aller Anstrengung für Euch, aber nur für Euch, für die Welt habt Ihr vom ersten Anfange Eures Erscheinens an blau ausgesehn, die Strahlen und Farben, welche über Euch zusammenschlagen, kennt Ihr nicht, sie 309 sind ein neu Gesetz außer Euch, eine Macht, die ihr nie bekämpfen könnt, weil Ihr sie niemals seht, Ihr seht nur die Wirkung derselben und nennt dies Euer Schicksal, und weil dies oft gar nicht passen will, so hat es eben schon Manchen toll gemacht – es ist das Geschrei der nicht herrschenden, nicht aufgenommenen Literatur ein stets unbedeutendes, und die Weisheit derselben gleicht auf ein Haar der bekannten Aeußerung: ich gehe nicht eher in's Wasser, als bis ich schwimmen kann. Dieses zweite und dritte Aufgebot der Literatur, was die Druckpraxis nicht recht gewinnen kann, hat sein Hauptquartier in Berlin; hier sind die Helden ohne Heldenthaten schaarenweise, und die nationale Dreistigkeit ist hierzu sehr behilflich. Auf allen Straßen, in jeder Tabagie wird über die Literatur gesprochen und über die Kleinigkeit, sie umzuändern; in keinem Winkel des Thiergartens seid ihr vor der Literatur sicher und vor den unbegünstigten Prätendenten derselben. 310 Aber Berlin hat auch so viel wirklich berühmte Männer, daß Ihr nicht die Salons zu suchen, sondern nur auf die Straße Acht zu haben braucht. Unter den Linden seht Ihr oft einen schlanken Mann mit gebleichtem Haare, aber jugendlich lebhaftem Auge, sein Antlitz hat etwas Nordasiatisches und doch Reines und Freies: es ist Schinkel, von welchem die neuen, schönen Bauwerke stammen. Draußen vor dem Brandenburger Thore rüstet ein Mann mit schlichtem, blondem Haare seine Cigarrenpfeife zurecht, über den treuherzigen Augen liegt eine Brille, Alles ist einfach an ihm wie am bescheidensten Bürgersmanne, er scherzt mit Gans, der ihn auf dem Spaziergange nach Charlottenburg begleitet – hinter dem harmlosen Aeußeren ruht ein eisenfester Charakter und eine eisenfeste Wissenschaft, es ist der berühmte Philologe Bökh, vor dessen Alterthumskunde eine ganze Nation sich beugt. Auf jener Chaussée begegnet Ihr täglich einem wunderlichen Paare, es ist ein Mann mit 311 schlechtem grauem Mantel, schlechtem auf dem Hinterkopfe hängenden Hute, der eine ältliche kleine Dame führt. Ihr haltet ihn für einen alten kranken Juden, der nichts von der Welt weiß als ein Paar Gebete des Talmud, den Niemand kenne als die Sippschaft und der nächste Nachbar, und Ihr ahnt nicht, daß eine ganze Bibliothek von Gelehrsamkeit, Kenntniß und Gemüth an Euch vorüberschlürfe, und Wissenschaft die Fülle, wie sie in der Bibliothek noch nicht zu finden ist. Er trägt unter dem Mantel hohe Steifstiefeln, und schiebt mühsam die schwachen Beine fort, sein Kopf reckt sich eben so mühsam und müde in die Luft, die kleinen Augen sind wie abgestumpft zugeblinkt, Viertelstunden lang ist der Mund unbeweglich, das nach der Seite gebeugte, gelbe Antlitz ist lebensöde und erstarrt, alle Physiognomik wird daran zu Schanden, denn es zeigt nichts als ein unthätiges häßliches Gesicht aus Palästina. Dieser Mann aber ist der berühmte Theologe Neander, der mit seiner Schwester spaziren schleicht. 312 Das so gar nicht kouromte Aeußere hat oft zu den komischsten Scenen Veranlassung gegeben, und es hat nicht leicht Einer in Berlin Kirchengeschichte gehört, der nicht auch die Geschichte von Neanders Hosen gehört hätte. Diese Hosen nämlich bezeichnen ganz und gar sein Verhältniß zur bekleideten Welt, zur Welt des Umgangs und der Mode. Daß Neander in seinem Leben ein Modejournal gesehen hat, ist durchaus nicht wahrscheinlich; die aramäischen Charaktere kennt er, aber Humanns Charakter kennt er nicht, und er würde schwer begreifen, wie ein Mensch sein Leben darauf verwenden kann, Leibröcke und Beinkleider zu erfinden. Was des Morgens durch Fürsorge seiner Schwester an Kleidungsstücken auf seinem Stuhle zu finden ist, das zieht er an, weil er sich das so allmählig angewöhnt hat, ein Gedanke fällt nie darauf. Nun erzählt der Student, der Herr Professor habe Jahre lang nur ein Beinkleid besessen, und es sei heute noch unerklärt, wie ohne Vorwissen der Schwester ein zweites, neues habe entstehen können. Kurz, 313 eines Morgens findet sie, die sorgliche, die alte würdige Modeste unberührt auf dem Stuhle, der Bruder aber ist bereits in der Universität auf dem Katheder. Man denke sich das Erschrecken! Offenbar ist das treue Beinkleid vergessen; zwar trägt er auch auf dem Katheder den grauen Mantel, aber ein Mantel verkehrt direkter mit der leichtsinnigen äußeren Welt, er kann zurückschlagen, und man sieht das Unglück. Die Magd wird gerufen, das vergessene Schicksalspaar ihr eingehändigt, sie keucht damit in die Universität – malt Euch den seltnen Anblick! – sie klopft am Auditorium, sie bittet den über das schüchtern herabhängende Beinkleid staunenden Studenten, den Herrn Professor herauszurufen. Er kommt. »Jemine, Herr Professor, Sie haben ja Ihre Hosen vergessen.« – Herr Gott! Verzagte Oeffnung des Mantels – »Herr Jeses, der Herr Professor haben ein Paar neue!« – So? – Der Herr Professor ist eben so erstaunt darüber, und rudert unsichern Triumphes nach dem Katheder zurück. 314 Tretet in ein anderes Auditorium. Ein großer, stark ausgearbeiteter Mann docirt frei, er hat ein kräftiges Gesicht, eine hohe Stirn und eine geübte Rede, welche oft in die Massendarstellung seine Bezügnisse und Wendungen flicht. Dieser stattliche Mann hat die Geographie erfunden, es ist Carl Ritter. Vor ihm war sie eine Tabellenkenntniß, ein Wissen, durch ihn ist sie eine Wissenschaft geworden, und zwar die interessanteste von der Welt, denn die Idee der Welt ist in ihr geweckt, in sie getragen worden, die Erde hat das tausendfache geistige Leben gewonnen, was so zaubervoll alle Poesie und Kenntniß zu neuer Schöpfung weckt. Der Baum spricht, das Blatt lehrt, der Stein, der Hügel, die Staude, das Kraut der Steppe giebt Kunde, das fremde Thier weckt den Gedanken, die fremde Völkerschaft hilft forschen, und so wächst ein neuer, reicher Baum in die Geschichte der Menschheit und breitet dichter und größer seinen Schatten über eine neue Einsicht des Weltgedankens. Carl Ritter, der Schöpfer dieser neuen Geisteswelt, 315 ist 1779 zu Quedlinburg geboren, in Schnepfenthal ward er erzogen, und dort hat der bekannte Guts-Muths den Keim in ihm gepflanzt. Guts-Muths soll reiche Embryonen dieser Schöpfung in sich getragen, und nur die Kraft nicht besessen, das Belebungswort nicht gewonnen haben, wie man daraus eine neue Welt erschaffen könne. Ritter studirte in Halle, ward dann Erzieher, lebte in Frankfurt, reis'te, durchzog Deutschland und Italien, durchstrich zum Beispiele bis in die verborgensten Winkel die Schilf- und Rohrwälder der pontinischen Sümpfe, das Albanergebirge. Er trat eigentlich mit pädagogischen Beiträgen auf. Dazwischen erschien 1804 sein »Europa«, was zum ersten Male der Geographie ein so unerhörtes Gesammtleben gab, ein Gesammtleben, wo die Erde Alles aus sich heraus erzählt, das Wissen, die Kunst, die Bewegung, die Sitte und Sprache. Noch fünf und zwanzig Jahre nach dieser Erscheinung gaben die Franzosen jenen Ritter-Atlas von 316 Europa als das Beste heraus, was in diesem Fache geboten sei. 1817 und 18 erschien das Alles zu einem überwältigenden Ganzen verdichtet in seinem Hauptwerke: »Erdkunde oder allgemein vergleichende Geographie«, die Afrika und Asien vor uns aufrollte, wie wir es nie gesehn. 1820 wurde Ritter nach Berlin berufen, und jetzt kann ihn Jeder hören, der just Nachmittags über den Opernplatz geht, und sich erinnert, daß der hoch gewachsene Mann im schwarzen Frack in die Universität hineinschreitet, um die Erde vor seinem Auditorium so zu beleben, wie es in so interessanter Weise nicht die üppigste Idealistik vermag. Er handhabt sie wie eine leichte Kugel auf dem Katheder, mit einem Stückchen Kreide zeichnet er ferne Länderstriche rasch und charakteristisch an die Tafel, die Nachrichten darüber aus der ältesten und der neusten Literatur, aus indischen, griechischen und englischen Quellen wachsen unterdeß wie belebendes Gesträuch zwischen der zeichnenden Hand empor, die 317 Kriegs-, die Völkerzüge, welche den Landstrich je belebt haben, hört man rasseln und klirren, Alexanders Generale, Dschingiskan's, Tamerlan's Speerwälder sieht man vorüberziehn, der Vogel jener Gegenden schreitet, oder fliegt, blendet oder erschreckt, der Mensch tritt auf in seiner Besonderheit, und wie er zu Gott redet, der eigene Himmel, des Tages Schein, die Sternenwelt, die Nebel, Regen oder Winde werfen die Farbe über das ganze Bild, und eine gefärbte, schattirte, fleischige Welt ist Euch in einer Viertelstunde geboten; der Weg geht weiter, der Schwamm fährt darüber hin, eine neue entsteht mit ganz anderen Beziehungen. Ihr seid auf dem Schiffe, erfahrt, wie die Winde an jener Landspitze streichen und wechseln, wie die Strömung des Meeres nach Indien, fünf mal, sechs mal wechselt und wendet – große, wohl versorgte Städte verwüsten ihren Reichthum, weil sie ihn nicht genug benützen, viele tausend Berliner gehn um diese Stunde über den Opernplatz, und wissen nicht, wohin mit der Zeit! 318 Da kommt aber ein kleiner Mann die Charlottenstraße herauf, der muß es verstehn, man sieht ihn stets auf der Straße, im Theater und sonstwo, und dennoch hält er Vorlesungen und schreibt, wer weiß wie viel und wie dicke Bücher. Ich habe schon früher einmal in jugendlichem Muthwillen, der kein Ende finden kann, zu viel über ihn gesprochen, aber wenn ich auch glaube, daß der Muthwille einem Historiker zu viel anthun mag, liebenswürdig erscheint mir diese historische Muse, dieser Herr von Raumer mein Lebtag nicht. Man hat in Norddeutschland ein kleines Wort, was nach welken, feuchten Lippen klingt, und »labbern« heißt, das Unglück dieses Wortes hat sich der Geschichtschreibung dieses Mannes bemächtigt, möge Andern wohl dabei werden! Der kleine Historiker im blauen Röckchen, im breitgerandeten Hute, mit den rothbetupften Bäckchen und den hellblauen Glasaugen darf aber in Berlin nicht übergangen werden, er ist die eigentliche Notabilität des Berliner tiersparti , zu welcher alle die ganzen und halben Talente gehören, welche dreist 319 sind, ohne die höheren Gesichtspunkte der Spekulation und des Urtheils zu kennen und zu würdigen, welche die bürgerliche Klasse des Geschmacks für sich haben, wie Gleiches stets das Gleiche wittert, welche die Mittelmäßigkeit in all den verschiedenen Abstufungen dieser Eigenschaft darstellen. Das beste Talent dieser Pflanzengattung märkischen Sandes ist Wilibald Alexis, ein kurzer, eckiger Mann mit einem ganz kleinen Schnurrbärtchen, ganz so klein wie die Kourage seines Talents, was gar nicht nöthig gehabt hätte, hinter die Leihbibliotheken zu kriechen; das selbstgefälligste und bei aller Fruchtbarkeit dürrste ist Raupach, das fraglichste Gustav Nicolai, der bis jetzt nur dadurch merkwürdig ist, daß ihm Italien nicht gefallen hat, und das schwatzhafteste und unbedeutendste ist Rellstab, der Stolz des Berliner Philisters. Die Mittelmäßigkeit ist aber stets am sichersten in ihrer ausgezeichneten und berühmten Haut, das Genie mag an sich zweifeln, die Mittelmäßigkeit nie, und nun wird unser Raumer wieder nach 320 England reisen, und da wird die Welt wieder sehn, was eine Harke ist. Ich schätze diese »Briefe aus England« stets als eine Sammlung englischer Zeitungen, die man verdeutscht und in Octav geheftet bekommt, während sie sonst leicht verloren gehen, ich wünsche dem Herrn von Raumer stets eine glückliche Reise, wenn ich ihn die Charlottenstraße herauf kommen sehe. Da spaziert aber ein kleiner Mann etwas nach der Seite die Linden hinab, das ist ein Historiker, wie er das Herz erfrischt und den Geist erweckt, Leopold Ranke ist's. Er führt ein Junggesellenleben in Berlin, verkehrt viel mit Staatsmännern, besonders war er oft bei dem verstorbenen Ancillon zu finden; sein Kopf ist klein und rasch, eben so rasch sind die lebendigen Augen und die schnell entstehenden Worte des Angeredeten, seine Gesichtsfarbe ist zart. Der Accent seiner Rede erinnert noch ein wenig an Thüringen, und weil er die Schwäche seiner Landsleute mit dem harten und weichen p t und b d wohl kennt, nicht aber die wunderliche 321 Bezeichnung brauchen will »hartes b und weiches p«, so hat er die griechischen Bezeichnungen oft im Munde, und sagt: Man schreibt's mit Pi oder mit Beta oder mit Delta. Das kleine Städtchen Wiehe, was nach der güldnen Aue liegt, ist seine Vaterstadt. Chamisso, den langhaarigen, kennt Ihr aus dem Musenalmanache, er hustet langsam nach dem Tode hin, hat aber noch ein lebhaftes Interesse am Leben, ein neues Buch, was von Chamisso erscheint, wie seine letzte Sammlung, weckt und gewährt ihm den lebhaftesten, frischesten Antheil. Nehmt Euch ein Beispiel an ihm: er ist ein emigrirter Franzose, mit französischer Zunge kam er nach Berlin, ward Page und Officier, radebrechte deutsch, ließ seine Familie wieder heimkehren, blieb, radebrechte weiter, und ist jetzt, da er sich zum Sterben anschickt, ein deutscher Dichter erster Größe! Nehmt ein Beispiel daran und radebrecht ebenso! Da schlüpft durch's Thor noch ein anderer Dichter, den ihr nicht in Berlin vermuthet, aus grünem Wald und grauer Welt klingen seine Lieder, wer 322 sucht dahinter und hinter dem Titel eines Regierungsraths den Dichter Eichendorff! Schlank, mittlern Wuchses und Alters, zugeknöpften Rockes, kleiner Mütze, als ging's zur Jagd, würdig und schnell verschwindet er hinter dem Thore zwischen den Bäumen. Verschwinde eben so zwischen den Bäumen, Schattenspiel, ich will nur locken, nicht erschöpfen, und mancher große, mancher kleine Mann bleibe in der Feder. Auch Clauren? Schämt Ihr Euch jetzt Eures Heißhungers nach dem Vergißmeinnicht? Wenn ich den kleinen Mann nickenden Schrittes unbekannt durch die Menge rudern sehe, das Gesicht ist abgespannt, der Nase sieht man die Schnupftabakdose an, so ergreift mich ein starkes Gefühl. Clauren kann nicht dafür, er ist die unschuldige Veranlassung. Wie oft betrübt mich der Gedanke, wenn ich mit einem Freunde die Linden entlang unter der bunten, bewegten Menge promenire, wenn wir uns ergehn in Klage oder Erwartung, in Theilnahme an der Geisteswelt unserer Tage, wie oft schlägt mich kalt 323 der Gedanke: alle die Leute ringsumher kennen nichts von dieser Sorge, es kümmert sie nicht solch Interesse, und sie leben auch, sie haben auch Recht. Sprich zum Nächsten von Objektivität der Literatur, von Tendenzen, von Perspektiven, er hält Dich für verrückt oder für einen Ausländer, oder weis't Dir Petitpierre's Laden, wo Perspektive zu kaufen sind. H. Clauren aber ist für diese Gedanken ein Trost, er ist ein Opfer der Kritik, ihn anbetreffend ist die Kritik selbst bei den Nähtermamsells wirksam geworden; wenn die Kritik heutiges Tags auch eine Bildsäule kriegt, so muß H. Clauren, der bei der Post angestellte Herr Carl Heun, ein Plätzchen dabei finden. Der arme Mann, er hat schwere Tage gehabt: seinen Ruhm und seinen Sohn hat er verloren, den Ruhm leichten Sinnes, den Sohn mit schweren Thränen. An Mimili denkt er nicht mehr, und schreibt seine Postzettel richtig und sauber. Schade, sehr schade um das starke Erzählungstalent, was der Eifer gewöhnlich vergißt, an ihm herauszuheben, schade daß er keine Bildung und keinen 324 Geschmack hatte, und nur mit den materiellsten Dingen lockte, mit hunderttausend Thalern, mit hübschen Waden, mit Sillery mousseux und mit Austern – ein Berliner aus der Weinstube. 325     Die Maske. Eine Silhouette. Die große Stadt hat allerdings ihre kleinen, verborgenen Zimmer, wo es Zeit und Ruhe gibt für Gefühle und tiefe dauernde Leidenschaften. Im quartier latin zu Paris findet man die bürgerlichsten, solidesten Leute, die alte, stille französische Familie, welche sich verwahrt um und um gegen Zudrang und Eile. Auch in Berlin ist das zu Hause, besonders in den stilleren Seitenstraßen der Königsstadt, man entdeckt nicht leicht anderswo eine langsamere, zuverlässigere Familie wie in Berlin, die Treue ist in einem solchen Kreise ein ewiges 326 Religionsgesetz, einmal blickt man auf in die Welt, erwählt sich das Seine, und kein Zweifel darf mehr nahen, dies Mädchen, diese Farbe bleibt die unwandelbare für's Leben. Just im Trubel der großen Stadt hüllt sich die einsame, gesammelte Familie, das bescheidene Gefühl fester, unzugänglicher in seinen Kreis. Aber im Trubel selbst erscheint das Unglaubliche, wie auf bewegter Landstraße rennt Leben und Neigung und Schicksal durcheinander, der Großstädter wohnt halb auf der Straße, auch wenn er sie in der ganzen Woche nicht beträte, das bunte Gewirr trabt fortwährend durch seinen Kopf, durch sein Herz. Neigungen verschiedenster Art begegnen sich, sie haben keine Zeit zur Prüfung, der nächste Augenblick kann sie für immer auseinander reißen, sie verbinden sich, im Gedränge entgeht es ihnen eine Zeitlang, daß sie nicht zusammen gehören, sie werden's gewahr, lassen sich los, der Strom führt das Eine hierhin, das Andere dahin, kein's hat Zeit, seine Wunde zu betrachten. 327 1. Es giebt vielleicht so vielerlei Liebe, wie es Blumen gibt, und es mag wohl manchen Uebelstand erzeugen, daß wir unter dem Worte Liebe meisthin ein und denselben Begriff von starker gegenseitiger Zuneigung verstehn, so stark, wie wir eben im Stande sind, ihn bei uns selbst als möglich zu denken. Entsprechend ist der Frühling – ist ein Frühling wie der andere? Leben und Fruchtbarkeit beginnt und steigt oft unter wenig erfreulichem Wetter; aber es gibt gewisse Folgegesetze, nach denen es doch grün wird, nach denen die Liebesleute doch küssend zu einander gezogen werden, – der Sommer weist es dann aus, und sicher bringt es der Herbst an den Früchten deutlich zu Tage, ob die Empfängniß in Wahrheit glücklich gewesen sei. Vielleicht gäbe es glücklichere Menschen, wenn sie sich weniger blindlings auf einen allgemeinen Begriff verließen, wie die Liebe durch schlechte Romane einer geworden ist, wenn sie schonungsloser 328 in sich aufsuchten, was ihnen wirkliches Herzensbedürfniß ist, und was sie als bloße Empfindungsphrase in sich zu einer künstlichen Höhe ausbilden. Eine ganze, durch und durch nothwendige, volle Liebe ist vielleicht so selten, als ein ganzer, durch und durch schaffender und schöner Frühling. – Der schönen Aurelie wären diese Gedanken wunderlich und fremd vorgekommen, weil sie niemals von ähnlichen, von nur entfernt ähnlichen überrascht worden war. Liebe ist Liebe, hätte sie gesagt, und ich weiß wohl, wenn ich liebe. Ein zufriedenes Lächeln zeigte, daß es damit sehr gut bestellt sein möge – sie saß an einem sehr großen Blumenfenster, und sah auf die schneebedeckte, aber von Schlitten, Reitern und Vorübergehenden reichlich belebte Straße hinab. Die willkommene Wintersonne schien freundlich in das behaglich und reich eingerichtete, von reiner Wärme durchströmte Zimmer, ein Kanarienvogel, der im großen metallenen Bauer neben ihr stand, mitten in Blumen, beleuchtet von den 329 Sonnenstrahlen, sang und schmetterte, als ob es der Frühling sei. Aurelie war zwanzig Jahre alt, und ihr Leben war in den Hauptzügen folgendes gewesen. Die Eltern hatten eine günstige Stellung in der Welt, und erzogen die einzige Tochter auf eine dieser Stellung angemessene Weise. Aurelie war sanft, gelehrig, wußte sich leicht zu schicken, zu fügen, ward stattlich und schön, und hatte Jedermann zum Freunde, und Ferdinand, ein junger glänzender Mann, weihte ihr die ganze schwärmerische Neigung erster Liebe. Wie reizend fand sie das; Ferdinands Blut und Miene, seine Munterkeit, seine Gewandtheit waren das Ideal ihrer Wünsche – wie liebte sie ihn. Da trat der Vater eines Tages zu ihr und sprach: Liebe Aurelie, ich habe starke Verluste erlitten, meine Existenz ist bedroht, du kannst helfen; schlag dir die Jugendtändelei mit Ferdinand aus dem Sinne, Herr von Real hat um dich angehalten, er ist ein reicher, braver Mann, gieb ihm deine Hand! 330 Aurelie weinte und gehorchte. Ferdinand ging auf Reisen. Ein Jahr verging besser, als sie gedacht hatte. Herr von Real war ein guter, liebenswürdiger Mann. Aureliens milder, fügsamer Charakter, unterwarf sich erst geduldig den auferlegten Pflichten, und fand am Ende eine stille, ziemlich zufriedene Existenz, die bald gar keine Erinnerung mehr daran hatte, daß sie eine resignirte sei. Herr von Real stürzte mit dem Pferde und starb. Aurelie kam nach einer Zeit, als schöne, junge Wittwe nach der Stadt zurück und war umschwärmt von Verehrern und Bewerbern. Ihre Eltern waren in der Zeit auch gestorben, sie war mit ihrem Reichthume allein und unabhängig. Natürlich tauchte Ferdinands Bild in ihrer Seele auf, aber, dachte sie, der ist jetzt, Gott weiß wo, und sein Herz hat Trost gesucht. Sie gab sich also ziemlich unbefangen den Verehrungen hin, welche man ihr zollte, spielte mit den Freiwerbern, und befand sich wohl. Da traf sie in einer Abendgesellschaft Ferdinand; er war zurückgekehrt, sah ernst und reisebraun aus, und 331 begrüßte sie ziemlich kühl, jedenfalls viel förmlicher, als er nach ihrem Ermessen nöthig gehabt hätte, und als er mit mancher anderen Dame verkehrte. Sie selbst hatte wieder jenen elektrischen Schlag bei seinem Anblicke gefühlt, der sie früher oft so entzückend betroffen hatte; größere Wärme, regerer Antheil an Allem schien ihr ausgegossen über Herz und Sinne – aber mit Ferdinand schien es ganz anders zu sein. Es vergingen mehrere Tage, und er besuchte sie nicht; als sie ihm wieder in Gesellschaft begegnete, schien er ihr sogar auszuweichen. Himmel, in welche Bewegung versetzte sie das! als der Zufall ihn neben sie führte, mochte so etwas von der innern Aufregung heraustreten und irgend ein verrathendes Wort finden, wenigstens fand er schnell eine Erwiederung, die eben dahin schattirte; man fand sich näher zu einander gestellt, als man vermuthet hatte, den nächsten Abend erwartete Aurelie seinen halb erbetenen, halb angekündigten Besuch. Sie saß in ihrem schönen Zimmer, und harrte seiner mit klopfendem Herzen; die Erwartung ließ 332 ihr keine Ruhe, bald stand sie auf, ging hin und her, bald setzte sie sich wieder, bald eilte sie zum Spiegel: »Meine Haut ist nicht mehr so weich und schön wie früher, meine Augen liegen etwas tiefer, mein Mund ist nicht mehr so schmal und geschlossen – werd' ich ihm noch gefallen? Als könnte Liebe vergleichen! – Sie war aber in der That von einnehmender Schönheit. Schlank und hoch gewachsen, und doch von leichter, fester Fülle der Umrisse war sie eine lockende Erscheinung, und das seidne dunkle Gewand, das sie trug, hob die Weiße ihrer Haut und das mit leichtester und feinster Röthe angehauchte Gesicht, in welchem unter dunklen Haar und fein geschweiften dunklen Braunen, ein großes tiefblaues Auge lebte, und dem ganzen Wesen ein süß Geheimnißvolles gab, was man oft Romantik nennt. Der spröde Reiz des Mädchens, der weiche Schmelz einer jungen Frau sahen noch vereint aus ihren Zügen, jener war noch nicht ganz überwunden, dieser hatte noch nicht völlig gesiegt. 333 »Wenn mich nur nicht die Blatternarbe hier am linken Schlafe entstellt! Betty streicht mir auch den Scheitel immer noch nicht tief und fest genug darüber. –« »Aber wo er bleibt! Es ist ihm gar nicht eilig,« da hörte sie schnelle, leichte Schritte aus dem Vorsaale, und wie tief erschreckt floh sie auf's Sopha, und griff mechanisch nach der Handarbeit. 2. Sie hatten sich gefunden; aber im Grunde nur so weit, daß Ferdinand hoffen konnte, über kurz oder lang eine volle, gewährende Liebe in Aurelie zu finden. Aurelie gehörte zu den Frauen, welche mehr zu geben und gewinnen glauben, wenn sie wenig und öfter geben, als wenn sie eine ganze Seele ohne Rückhalt öffnen und im aufopfernden Selbstvergessen darbieten. In jenem Verfahren liegt Klugheit oder Mangel; es fesselt geschickter, aber es fehlt ihm jener Hauptmoment der Liebe, in welchem alle Beschränkung und Berücksichtigung aufhört, um 334 dessentwillen die Liebe ein voller, selbstständiger Himmel genannt wird. Das Verhältniß ging in dieser halben Entschiedenheit länger fort, als Ferdinand gehofft hatte. Kluge Leute behaupteten, es gewinne dadurch mehr Reiz, andere meinten, der Reiz sei weniger als das Glück. So war es Winter geworden, und Aurelie sitzt, wie zu Anfang gesagt wird, am Fenster, und sieht mit Behagen dem Treiben auf der Straße zu; es ist um die Mittagszeit, Ferdinand kann jeden Augenblick vorbeireiten. Bunte Schlitten mit Herren und Damen klingeln vorüber. »Wenn Ferdinand galant wäre, so könnte er mich wohl auch zu einer kleinen Fahrt abholen!« und wie ein Tischleindeckdich kam der Geliebte mitten in den Wunsch hineingeschwirrt mit einer prächtigen Equipage. – »Ich finde es sehr liebenswürdig, guter Ferdinand, daß Sie mir den Vorschlag machen; aber es würde doch zu sehr auffallen, es geht nicht –« »»Meine Cousine ist bereit, uns zu begleiten.«« 335 »Nein lieber Ferdinand, es geht nicht; aber ich dank's Ihnen bestens.« Kein Bitten half, verletzt stürmte er fort, warf sich in den Schlitten und fuhr davon, als wollte er sich und was ihm in den Weg käme zu Grunde richten; Aurelie schrie aus am Fenster. Da er verschwunden war, reute es sie. – Du wirst ihn ermüden, und er wird dich aufgeben. Rasch wurde ihm ein Billet geschrieben: Sein Sie nicht böse und kommen Sie ja heut Abend auf die Redoute, ich bin an rothen Schleifen zu kennen und finde Sie sicher heraus. Ich möchte gut machen, was ich wohl heute schlecht gemacht; im Maskenkleide kann ich das vielleicht am besten, weil ich mich leider ewig vor der blanken Wirklichkeit genire. Die Redoute war im lustigsten Treiben, ein blauer Domino verfolgte eine weiße mit rothen Schleifen geschmückte Dame – sie sah reizend aus mit dem stolzen Wuchse, dem stolzen, weißen Nacken, den blendenden Schultern, den vollen, schönen Armen, es mußte Aurelie sein, obwohl die Maske nicht 336 darauf eingehen wollte. Am Ende mußte sie denn doch dem unablässig drängenden Ferdinand nachgeben, mußte sprechen und damit das halbe Geheimniß aufgeben. Eine Weile scherzten und tändelten sie nun unbefangen und glücklich im Saale herum, und genossen den kleinen Reiz deutscher Maskenbälle. Wenn sich nicht ein solches Einverständniß gebildet hat, kann man bei diesen Vergnügungsanstalten dem unerquicklichsten Zustande anheim fallen; man ist in enge Räume gedrängt, die Witterung verbietet das Draußen, ein wirklich interessantes Suchen und Finden und Verkehren ist schon darum nicht möglich, unsre Gewohnheit mit der unvermeidlichen Mutter am Arme, mit der ganzen idealen Schamhaftigkeit der Germanen, bilden einen baaren Gegensatz zum Romantischen; was der Kern eines Maskenballs sein soll, das Fremde, das Unbekannte ist uns feindlich in der Gesellschaft, unsere Laune, unser Humor sind niemals so eigenwüchsig aus unbefangenem, halbmateriellem Uebermuthe, daß wir uns Stunden lang darin herumtreiben, daß wir für ein Scherzwort, 337 was nur ein Erkünsteltes betrifft und von einer Larve ausgeht, zu der wir keinen geschichtlichen Bezug haben, Empfänglichkeit oder gar Entgegnung haben könnten. Sind wir auch sonst objektiv genug, für das, was man Amüsemant nennt, brauchen wir unsere Gewohnheiten, unsere Umgangsgeschichte mehr als andere Völker. Deshalb werden die Redouten bei uns immer etwas Forcirtes, Ungenügendes bleiben. Ein Liebender, wie Ferdinand, hätte am wenigsten auf solche Gedanken kommen sollen, Aurelie hatte ihm aber doch dazu verholfen. Sie war nun einmal von den Frauen, welche eine Furcht davor haben, sich an den Mann zu verlieren; so war es ihr denn auch bald eingefallen, daß die Maske keineswegs verberge, daß sie auch von andern Bekannten Notiz nehmen müsse, und was dergleichen Bedenklichkeiten mehr waren, die einen Liebhaber in Conversationsschranken weisen. Er lehnte sich, in seinen blauen Domino gehüllt, an eine Säule, und ennuyirte sich herzlich über das Maskentreiben; die Spässe kamen ihm albern vor, unnatürlich widerlich, 338 besonders die Harlequins mit ihrer dem Deutschen so unangemessenen Beweglichkeit, waren ihm ein Gräuel. Und Eifersucht, das trockne Feuer, das nur sticht und brennt, ohne jemals zu wärmen; der Baum, welcher nur Ruthen trägt, aber niemals Blätter, quälte ihn prickelnd. – Aurelie war umschwärmt von Masken und Dominos; mitunter strich sie wohl an ihm vorüber, und versuchte es, ihn in den Kreis zu ziehen; aber ein Eifersüchtiger, der Alles haben kann und will, weis't trotzig alles Halbe von sich, selbst Gunstbezeigungen, womit er einen Augenblick vorher, in größerer Unbefangenheit, glücklich gemacht worden wäre. So verging der Abend; Aurelie fühlte sich auch beunruhigt, einmal durch das Verhältniß zu Ferdinand, dem Mann ihrer Liebe, welchem sie lauter Qual bereitete, ferner durch eine zudringliche Maske, die sie unablässig verfolgte; sie sah sich ängstlich nach dem blauen Domino um. Er hat kein Glück, sagte sie ärgerlich vor sich hin, ich bin in einer 339 Stimmung ihm um den Hals zu fallen, und jetzt ist er nirgends zu sehen. Die Maske ward immer dreister, Aurelie wollte fort; Musik, Tanz, Schmeicheleien, das Zurücktreten Ferdinands hatte sie aufgeregt, daß sie hätte weinen, oder, ja wohl, gestand sie sich leise, küssen mögen zum Vergehen – das da ist der blaue Domino? He, Ferdinand, bringen Sie mich nach Hause, – sie reichte ihm den Arm – den ersten besten Wagen, ich habe nicht Zeit noch Lust, meinen Bedienten zu suchen. – Es war eine stockfinstere Nacht, der Miethwagen hatte keine Laternen, die Fahrenden nahmen ihre Larven ab. Aurelie, die vielleicht just ein solches Nichtgesehenwerden brauchte, um sich endlich einmal hinzugeben, umarmte ihn feurig und innig, und bat ihn auf das Zärtlichste, er möge ihr Liebe bewahren, auch wenn sie ihrem Naturell nach nicht immer so wäre, wie er es gern haben möchte; ihr Drang war diesmal so eifrig, daß sie ihn gar nicht zu Worte kommen ließ. 340 Sie waren an der Hausthüre; die Lampen waren eingebrannt, auch im Portierfenster war es dunkel, aber mechanisch an sein Geschäft gewöhnt, mochte dieser auf den Klingelzug am Drahte ziehn; die Thür öffnete sich. Um Gotteswillen, Ferdinand, was machen Sie, Sie sind mit eingetreten! Nur um's Himmelswillen nicht sprechen, man kennt Ihre Stimme. Seine Küsse verschlossen ihr den Mund – sie wollte selbst nicht viel sprechen, um Niemand zu wecken – und was braucht auch die Liebe Worte und Reden, sie sind ihr nur ein Ausfüllmittel, wie das französische Sprechen in deutscher Gesellschaft. 3. Sie waren verheurathet, und lebten eben wie andere junge Eheleute, umgaukelt von neuen Reizen und Zuständen, in den Tag hinein. »Aber sag' mir Aurelie, was dich damals am Tage nach dem Maskenballe bewog, ein so reizendes Billet an mich zu schreiben, und mir anzukündigen, daß wir verlobt wären?« 341 »»Schweig, Ferdinand, du bist abscheulich!«« Er schwieg aber nicht, und nach einigem Hin- und Herreden mußte Aurelie glauben, er sei damals in seinem blauen Domino allein nach Hause gegangen. Kalt überlief es sie, aber sie schwieg. War es ein thörichter Scherz von ihm, oder sollte wirklich ein anderer blauer Domino – entsetzlich, – er hatte kein Wort gesprochen! In Sachen der Liebe sind Frauen viel feinere Diplomaten, als unsere Politiker in Sachen des Staates, weil ihnen das Herz zu Hilfe kommt; Ferdinand ahnte nichts von dem, was in den Fragen war, und Aurelie hatte dennoch bald die unumstößliche Gewißheit, er sei nicht der heimbegleitende blaue Domino gewesen. Nun zeigte sich's, was es für ein Frühling, für eine Liebe gewesen sei: sie hatte nicht die Kraft, den Vorfall einzutauchen in jenes Meer von Neigung, das eine ächte Liebe besitzt, in jenes grundlose Meer; denn es existirt eine Liebe, die Alles vergiebt auch das Schlimmste, die auch den 342 Verbrecher gegen sie selbst niemals verlassen kann, eine Liebe ohne Rücksicht, eine Liebe quand même . Eine solche war Aureliens keinesweges; sie sah sich jetzt durch einen Irrthum an Ferdinand gerathen, diese Eine Täuschung warf ihre Schatten über die ganze Neigung, und machte ihr dieselbe fraglich. Aber sie liebte auch nicht so kräftig, um jetzt zu hassen, um wenigstens das Begehren zu empfinden: du möchtest ihm weh thun bis in's innerste Herz. Bei starken Naturen springt das Gefühl von einem Pole zum andern, – nichts davon fand sich bei Aurelien vor: die Neigung war ihr zweifelhaft geworden, die Gleichgültigkeit folgte diesem Zweifel auf dem Fuße, das Verhältniß, das scheinbar so tief und stark einhergebraus't kam, verlor sich wie der Fluß, der zeitig an den Meeresstrand sich verirrt; sein Wasser, sein Wesen verliert sich in die große Masse hinein. Ferdinands Verwunderung über die gar so indifferent gewordene Frau wurde Trotz, da die Verwunderung unbeachtet blieb; der Trotz, da er sich 343 ebenfalls ignorirt sah, flüchtete sich zur Gleichgültigkeit, und diese war gefällig und ließ sich wirklich finden. Man vergaß sich, vergaß seine Geschichte, und haschte nur darnach, irgend ein kleines Interesse an Diesem oder Jenem zu haben; sie wohnten nach wie vor in demselben Hause, und wurden viel artigere Weltleute, als sie früher gewesen waren. Wenn die innere Welt zu Ende ist, da hilft die äußere am liebsten; wer nicht dichten kann, verspottet am schnellsten die Dichter. – »Eine ganze, durch und durch nothwendige volle Liebe ist vielleicht so selten, als ein ganzer, durch und durch schaffender, schöner Frühling.« – 344     Heine bei Stehely und im Kasino. Es war gegen Abend. Um diese Zeit geht in Berlin derjenige junge Mann; welcher bei Jagor oder Meinhardt zu Mittag ißt, und welcher der Unterhaltung wegen an Journalliteratur Interesse nimmt, um diese Zeit geht er zu Stehely. Es müßte ihm denn auf dem Wege von den Linden bis zum Gensdarmen-Markte ein anmuthiges Abenteuer aufstoßen, dessen geheimnißvolle Couleur ihn verlockt – Leben ist immer mehr als Papier; dann kommt der junge Mann nicht bis an das niedrig graue Haus an der Jägerstraßenecke, oder streicht zerstreut vorüber. In jenem grauen Hause, dreißig 345 Schritte vom Schauspielhause, ist ein kleines Büffet, hinter welchem erfüllte Gestalten mit grauen Jäckchen, weißen Schürzen und römischen Physiognomien stehn – in dem Winkel des kleinen Zimmers sitzen Officiere, Herren mit Ordensbändern, welche sich unterhalten oder lesen. Aus diesem Büffetzimmerchen tritt man in ein langes niedriges Gemach, die Gasflammen leuchten links und rechts, der Wand entlang stehen lauter kleine Tische, auf diesen liegen lauter Journale, an ihnen sitzen lauter Leser. Es ist ganz still; nun der durchschreitende Garçon mit grauem Jäckchen und weißer Schürze ruft dazwischen: Caffee! Chokolade! Hinten am Ende des Zimmers führen drei oder vier Stufen in die Höhe – ein symmetrisch hohes Gemach empfängt Einen – in allen Winkeln, mitten im Zimmer sogar wieder Leser; sprechen hört man wenig, doch mehr als unten. Das Zelt ist ein Kabinet, das mit einer buntgestreiften Zelttapete drappirt ist; beim Kaffeetrinken eine Illusion mit Arabien, da Stehely schönen Kaffee reicht, und bei Gelegenheit der Politik manches Mährchen aus tausend und einer Nacht hier verbraucht wird – unsere Kannegießer sind Scheherezades Kinder. Ich trat in's Zelt – ein blasser Herr saß im Winkel; es war ein bedeutendes modernes Gesicht, das heißt ein solches, was nicht durch Umriß und Einzelnes für den ersten Augenblick Beachtung erheischt, in welchem sich aber bei längerem Einblick fein schattirte, interessante Partien, wunderbar halb gefärbte, reizende Scenen entwickeln. Der Mann hatte eine zartgebogene römische Nase, um den Mund saßen scharf markirte Gedanken, die schlanke kleine Figur hatte just so viel Feistes, um anzudeuten, daß er die irdischen Herrlichkeiten der Welt, den weißen Fasan und die rothe Rebe vom Schlosse la Rosa zu würdigen verstehe, daß einzelne schwermüthige Gedanken nicht von reizloser Zunge und tonlosem Magen herrührten. Er erinnerte auf keine Weise an die Trivialitäten 347 des politischen Lebens: nicht an Stubenwirthe, an Abonnement beim Garkoch, an Silbergroschen oder Viertelfranks. Ich trat zu ihm und sprach: Madame, ich liebe Sie – Sie haben's getroffen, sagte er, deshalb bin ich hier, ich mußte Sie einmal wiedersehen, der ich einst jene Liebeserklärung machte, welche die Deutschen coquett gefunden haben – keine Vorwürfe, keine Besorgniß, ich heiße Henri Heise, Mrs. tailor from London , ich will eine Tragödie meiner Jugend zurechtschneiden, dazu mußte ich Berlin im Mondscheine wiedersehen, mußte diesen blanken dreisten Accent wiederhören, der einst auf meine heiße Liebeserklärung die besonnenen Worte äußerte: »Sie müssen ein Glas Wasser trinken« – all diese süßen Kontraste meines jungen Herzens, schöner Baukunst, grober Grisetten und Gassenjungen, schwärmender Damen, welche die Wohnung des Viertelskommissarius kennen, Raupachs Stücke loben, die Musik-Recensionen der Vossischen Zeitung 348 lesen, und doch für Tieck's Phantasus Enthusiasmus hegen, all diese reitzenden Gegensätze muß ich wiedersehen, muß jener Madame ein Ständchen bringen, und vom Nachtwächter, dem dicken, großen auf der Charlottenstraße, fortgejagt werden, wenn ich meine Tragödie gebären soll. Lassen Sie uns zu dem Ende promeniren, sagte ich; hier bei Stehely finden Sie nicht das reine Berlin, auch spricht man hier zu wenig; unter die Linden wollen wir gehen, die im Spätsommer jrien werden. – Ach, wat jehen mich die jrienen Beehme an, die Charlottenstraße hat mich hergerufen, kommen Sie. Wir gingen. Der Mond lag weiß und schön auf dem Gensdarmen-Markte, ein Mädchen trällerte an uns vorüber und sang die Worte: Es war ein schöner Page, Blond war sein Haupt, leicht war sein Sinn; Er trug die seid'ne Schleppe Der jungen Königin. – 349 Wackres Mädchen, wackres Mädchen! sagte Henry, drängte mich am Arme still zu stehen, und wir horchten. Das Mädchen verlor sich in dem Schatten des Schauspielhauses; aus weiter Ferne hörten wir noch: An Deinen blauen Augen Gedenk ich allerwärts, Ein Meer von blauen Gedanken Ergießt sich über mein Herz. – Wackres Mädchen! Wissen sie nun, warum ich nach Deutschland gekommen bin? ich brauche die Stimme meiner Heimath, wenn ich ein Dichter bleiben, ich muß das Echo meiner Lieder hören, wenn die Stimme des Gottes in mir wieder klingen soll; ach Freund, ja wohl rudern wir in einem reizenden Unglück umher – wir verbergen es nur, und Sie, mein Freund, haben Recht, wenn Sie mal irgendwo sagen: wir haben kein Geschick, unglücklich zu sein. Aber die Ingredienzien sind alle da: Wer dichtet ihnen die Lieder, mit denen sie das müde Herz aufwecken, wer reicht ihnen den 350 mannigfach geschliffenen Spiegel, von welchen ihnen Zeit und Kultur gefällig, zum Verständniß lockend wiedergespiegelt wird – und weil Einzelnes an uns mißfällt – ach – Soll ich ihnen die Mondesabende beschreiben, an welchen ich zu Boulogne am Meere saß? Wie schwarze Seidenberge, mit goldner Stickerei des Himmels lag und drängte das Ewige zu meinen Füßen, dumpf grollend fragte es zu mir herauf: Hast du keine Heimath, keinen Muth eine Heimath zu haben, Heimath ist ein süßer Kulturbegriff, Hintergrund aller Poesie, Dein Herz wird verdorren in der Fremde, Deine Tragödie wird kalt bleiben, wenn du ihre Helden nicht wiedersiehst – die Franzosen sind Deine Helden nicht, sie können nicht lachen, wenn ihnen die Thräne im Auge steht, sie können nicht weinen in stiller Kammer über das Unglück eines verborgenen, unbedeutenden Menschen, sie sind über das Moderne hinaus; die Wehmuth desselben, die schwarze Folie desselben, die Vergangenheit erweckt ihnen keine Pietätsgefühle; 351 mache Dich auf nach der Heimath! Und ich mich auf die Maille, kam Abends über die erleuchteten lärmenden Boulevards des rauschenden Paris, und ließ mich nicht halten; am hellen Mittage fuhr ich durch das grüne Frankfurt, an einem andern Mittage saß ich im freundlichen, lichten, deutschen Leipzig auf der Petersstraße bei Julius Kistner im Hôtel de Bavière , Deutschlands erstem Gastwirthe. Sie haben Recht ihn zu preisen, diese liebe Artigkeit und Freundlichkeit brachte mir alle Ahnungen und Reize der Heimath wieder, und auf's Beste vorbereitet kam ich so nach Berlin – hier, Freund, ist das Haus, hier wohnte sie, zu der ich sagen mußte, Madame, ich liebe Sie! Wir stiegen die Treppe hinauf und klingelten – drinnen war laute Musik, man hörte die Glocke nicht, die Thür des Entrées war nicht verschlossen, wir traten ein, weiblicher Gesang ward verständlich, Gesang, wie ihn nur deutsche Weiber haben: einfach, rührend, innig, mitten aus dem Herzen: 352 »Weißt Du, was die hübschen Blumen Dir Verblümter sagen möchten? Treu sein sollst Du mir am Tage, Und mich lieben in den Nächten.« Ja wohl, ja wohl, flüsterte Henry, that ich auch nicht das Eine, so that ich doch das Andere – treten wir ein. Es war eine hohe, schöne Dame in weißem Gewande, welche am Flügel saß, ganz die Berlinische schöne Figur, das vornehme Gesicht von stolzen Formen, das große, ruhige Auge. – Ach, es ist eine Andere, flüsterte Henry, Madame, pardonnez , ich habe das Lied gedichtet, was Sie eben sangen, und suche Madame ***, die sonst hier wohnte. – Die Dame sah nicht eben freundlich drein, griff nach der Klingelschnur und sagte: Jene Dame, die einst hier gewohnt haben kann, kenne ich nicht, Sie, mein Herr, eben so wenig, auch finde ich es sehr sonderbar – Sie klingelte. 353 Bon soir, Madame! Die Zofe kam mit Licht. Sie sagen in Deutschland, meinte Henry, als wir die Treppe hinabstiegen, bei solcher Gelegenheit: man leuchtet ihm heim, hier leuchtet man uns aber in die Fremde. Wie heißt Du, schönes Kind, mit den schönen dunkelblauen Augen? Dörtchen, mein Herr! Adieu, Dörtchen, Du sollst eine Rolle spielen. Nun, mein Lieber – wir waren auf der Straße, ich habe genug für meine Tragödie, dort kommt auch der dicke Nachtwächter, ich will noch ein friedliches Gespräch mit ihm anknüpfen, und dann wieder abreisen. Ueberlassen Sie mich meinem Schicksale, auf jenem Sterne über der französischen Kirche finden wir uns wieder. Wir schieden. Dies ward geschrieben, da das junge Deutschland so eben als politischer Körper anerkannt und ihm der Krieg erklärt worden war. Wir durften 354 in diesem ersten Blokadezustande nur als Gespenster, als schwarze Striche existiren, als abgeschiedene Geister, die keine Eigennamen, sondern nur den leichenweißen, schreckenden Titel: »Geister« führen, die beim Hahnenschrei des Polizeikommissarius von den Bücherbretten, aus dem Salon verschwinden mußten. Und doch hatten wir privatim unsre menschlichen Bedürfnisse, wir wollten Kaffee trinken, Bücher schreiben, uns miteinander unterhalten. Deßhalb erfanden wir uns eine Chiffrensprache, und ich citirte Henry Heine mit dem dreisten Rufe H.H! Heine hat so viel mit Berlin zu schaffen, er hat lange hier gelebt, sein Wesen ist oft geschwängert von Berliner Schärfe. Es wäre ihm eine Erfrischung nach der langen Fremde, alljährlich ein Paar Monate in Berlin zu leben, bei Stehely die Flohstiche der deutschen Journale zu genießen. Merkwürdig genug stammt diese ganze stürmische Literatur aus diesem Bereiche des Nordens und der Völkermischung, besonders aus der Mischung des Deutschen und Slavischen; Gutzkow ist mitten aus Berlin, aus einem 355 kleinen Häuschen auf der Mauerstraße; sein Name ist ganz wendisch-märkisch, still und fleißig ist er bis zum Schlusse seiner Universitätszeit hier in die Schule gegangen; Mundt ist ebenfalls ein Berliner. Wienbarg, aus Altona, hat mit den nahen Dithmarsen Verwandtschaft und Berührung; Laube, um objektiv zu sprechen, ist aus dem schlesischen Theile, wo schon die polnische Sprache herüberreicht, und Heine ist das Ergebniß einer noch großartigeren Mischung: die Ahnen seines Vaters stammen von den Propheten des Jordans, die seiner Mutter sind deutsche Edelleute, er selbst ist von Jugend auf Christ gewesen, das heißt, wie wir alle, einige Tage des ersten Schreiens nach der Geburt ist er getauft worden. Dies Gefas'le also, das kreirte junge Deutschland sei eine jüdische Kolonie, gehört in den Jargon jener Mittelmäßigkeit, welche sich vor der Regsamkeit des jüdischen Geistes fürchtet, und mit dem Wort »Jude« bei der Hand ist wie der Professor Krug mit dem Worte »Jesuit.« Ehe die Juden Mode wurden, hieß bekanntlich jeder ungewöhnliche 356 Geist Jesuit, und wie die alten Weiber bei jedem Erschrecken »Feuer« schrein, auch wenn sie in's Wasser fallen, so lebte Madame Krug viele Jahre lang von dem Schreckensrufe »Jesuiten«, und die kleinen Krüge unserer Zeit, welche so lange zum Wasser gehn, nennen es jetzt Juden. Jede Zeit erzieht sich ein Schreckwort: die wirklichen Juden hatten die Philister, die Griechen hatten die Tyrannis, die Römer den Hannibal und die Cimbern, das deutsche Reich hatte den Türken, jetzt haben wir die Juden. Heine hat sehr viel bei Stehely gesessen und ist dort auch einmal von der rohen Lebensart Grabbes mißhandelt worden. Grabbe's dissolutes Wesen kennend, hat er weiter keine Notiz davon genommen, und dies hat Grabbe so gewurmt, daß er noch kurz vor seinem Tode sich darüber beschwert hat. Aber was sollte Heine mit Ihnen thun? fragte der Besucher, welchem er den Vorfall erzählt, sollte er Sie fordern? Nein, derartig war die Sache nicht. 357 Sollte er Sie prügeln, oder, da er körperlich schwächer war denn Sie, prügeln lassen? Nein, das war Alles unzureichend, er mußte mich morden . Sonst wird Heine's Wesen in Berlin wie ein noch einsylbigeres geschildert als jetzt, da er im rollenden, durcheinander werfenden Paris etwas geläufiger, ausgebender geworden ist. Er hat sich äußerst schweigsam verhalten, und dadurch leicht das Ansehn gehabt, als sei die Erfindung des Schießpulvers nicht von ihm ausgegangen, während er doch wirklich eine Art Schießpulver – Literatur erfunden hat. In Gesellschaft von Konsorten hat der koncentrirte poetische Geist oft dieses Ansehn, besonders ein solcher, welcher von Hause aus auf einen schlagenden nachdrücklichen Ausdruck gestellt ist – das Massengespräch hat durchweg etwas Verwaschendes, die ungewählte Woge verschlingt das Absonderliche; die Nüance, die Spitze, in welcher ein breiter Redekreis enthalten und zur Waffe gefügt sein kann, geht verloren im Schwall, welcher Raum und 358 Ausdehnung braucht, Zeit füllen, objektiv Unnützes berühren will. Eine prächtige Muschel in der Brandung! was ist sie dort? Aber im Zimmer, auf unsrer Hand ist sie ein Wunder. Auch die Gesellschaft ist grausam, wie alle Masse; wer sich ihr ganz anheim gibt, wird ausgehöhlt, verliert die Sammlung und Jungfräulichkeit, welche alle Schrift erheischt. Anders ist es mit dem intimen Gespräche, das erschließt und lohnt, da ist auch die Verschwendung Gewinn, weil die Gedanken und Einfälle in ein scharfes Verhältniß nahe zu einander treten, und für die wenigen Theilnehmer eine wirkliche Existenz gewinnen. Davon hat man auch aus jener Zeit schlagende Proben des Heineschen Genius; besonders der Rahel gegenüber, die Heine sehr verehrt hat, sind ächt Heinesche Aeußerungen noch bekannt. Aus seiner Berliner Zeit findet sich in einem alten »Gesellschafter« ein großer Artikel »über Polen«, den er 1822 geschrieben, und später nie wieder zum Abdruck oder auch zur bloßen Erwähnung benutzt 359 hat. Von Berlin aus hat er den preußischen Theil von Polen speciell und sorgfältig bereis't, hat auf den Schlössern mit den Magnaten geschmaus't und gezecht, in den Wäldern, auf den Angern mit dem Bauer sein Stück Brod getheilt, in den kleinen Schmutzstädten dem polnischen Juden zugesehn. Dieser Artikel ist bescheiden und schüchtern mit ....e unterzeichnet, trägt aber alle Keime der Reisebilder, sogar die artigsten Knospen derselben, und wo es an der späteren springenden Genialität fehlt, da entschuldigt eine noch jugendlich-sorgfältige Ordnung im Stoffe, ein komisch-würdevolles Trachten nach ernsthafter Gründlichkeit. Sein sorgloses Wesen hat auch in der letzten Periode des polnischen Interesses diese Berliner Arbeit nicht beachtet. Schnabelewopski allein setzte einmal an zu einem Rückblicke auf jene Reise, für den Literarhistoriker und für Heine's Freunde ist es aber vielleicht nicht ohne Interesse, an kleinen Proben zu sehn, wie dieser schimmernde, viel besungene und viel beschriene Stamm ausgesehen hat als junges 360 Stämmchen. Ein Artikel, der fünfzehn Jahre in einem Journale liegt, ist ja auch in ein tiefes, feuchtes Archiv vergraben; man hat einmal aufgestellt, daß nirgends etwas besser versteckt werden könne, als was man in dem Winkel eines Journals abdrucken lasse. Wenn nicht das Interesse stark und plötzlich beim ersten Erscheinen durchschlägt, so ist der Druck das beste Mittel, ein Geheimniß zu bewahren; alte Briefe lies't man, alte Geschichten hört man mit Neugierde, aber altes Druckpapier, Makulaturhoffnung, wird zu allen Dingen mehr gebraucht, als zum Lesen, drum wird das Interessanteste oft beim dringendsten Geschäfte entdeckt. »Hier gibt es«, sagt der Artikel »dicke, mürrische Fichtenwälder.« – Bekanntlich hat Heine den todten Gegenständen die Persönlichkeit erfunden, er hat ihnen die Zunge gegeben und gelös't, und auch den Baum und den Stein mit Stimmungen beschenkt, welche sie sonst nur hervorriefen. »Mürrische Fichtenwälder« gab's vor Heine nicht; wenn sich die Fichtenwälder 361 wegen Injurien über ihn beschweren, so ist das ganz gerecht. – Sonntags geht der polnische Bauer nach der Stadt, »um dort ein dreifaches Geschäft zu verrichten: erstens, sich rasiren zu lassen, zweitens, die Messe zu hören, und drittens, sich voll zu saufen. Den durch das dritte Geschäft gewiß Seliggewordenen sieht man des Sonntags, alle Viere ausgestreckt, in einer Straßengosse liegen, sinneberaubt und umgeben von einem Haufen Freunde, die, in wehmüthiger Gruppirung, die Betrachtung zu machen scheinen: daß der Mensch hienieden so wenig vertragen kann!« Auch Censurstriche finden sich schon vor, obwohl sich der junge Heine sehr sorgsam und bedächtig anstellt; Genies kommen immer mit Oppositionszähnen auf die Welt, wie es Mirabeau in der Wirklichkeit begegnet ist. Dem Witze die Opposition nehmen, heißt den Reiter tadeln daß er zu Pferde sitzt. Witz ist eben der Krieg des Lachens, zu Krieg gehören Feinde, oder doch Gegner, oder wißt Ihr das besser? 362 Solch eine bessere Erfindung würde knieend gedankt, es ist eben das Unglück der jetzigen Schriftstellerei, daß man den Witz so ernsthaft nimmt, und niemals glaubt, er mache sich zuweilen nur einen Strohmann zum Gegenstande, weil er einen Gegenstand für den schriftstellerischen Prozeß braucht. Versteht Ihr das? Hierin ist ein Mittel gegeben, diejenigen zu retten, welche aus Versehen witzig sind an Gegenständen, die keinen Witz haben und vertragen, die unschuldigen Uebelthäter würden gesondert von den schuldigen. Versteht Ihr's nicht? Nein? Das ist freilich schlimm, wenn die Justiz nicht in das Geheimniß des Witzes einzuweisen ist, dann bleibt der Witz ein Feind, ein Bösewicht. Die Politik anlangend, gibt Heine Anno 22 auf der Behrenstraße das Juliprogramm im Voraus, was Ludwig Phillipp 1830 durch den Redakteur Lafayette veröffentlichte, er sagt bei Gelegenheit der polnischen Bauern, daß er einen monarchischen Thron mit Washingtonschen Institutionen wolle, einen König, vor dem sich Alles beuge, übrigens 363 Bequemlichkeit – im Ganzen also ist der gescholtene Poet Heine, der wie ein Deputirter sein konsequentes politisches Glaubensbekenntniß für unsere Journale haben soll, er ist bei aller poetischen Licenz konsequent geblieben. Die Juden nennt er den dritten Stand Polens, und erzählt, daß einst jeder zum Christenthum übertretende Jude dadurch eo ipso polnischer Edelmann geworden sei. »Ich weiß nicht, ob und warum dieses Gesetz untergegangen, und was etwa mit Bestimmtheit im Werthe gesunken ist.« Als einen Grund des nothwendigen polnischen Unglücks führt er die fehlerhafte geographische Kenntniß der Polen an, sie glaubten immer, ihr Land liege zwischen Rußland und – Frankreich. Bei den polnischen Frauen hält er sich sehr lange auf, Luther nennt er einen Mann Gottes und Katharinas, und am Ende verliert er sich unter die wandernden Schauspielerinnen der Stadt Posen, und unter die Abschriften Schottky's, der seit einigen Jahren in der größten Verlegenheit lebt, weil 364 Gutzkow 1834 in der eleganten Zeitung einen Nekrolog über ihn geschrieben, den Widersprechenden todt gesagt, und ihn bei lebendigem Leibe unter die verlor'nen Heiligen kanonisirt hat. Die Recensions-Dilettanten können hier vom Posener Theater manche Wendung erlauschen, denn Heine war damals Berliner, und hatte Andacht für die Künstler. Von einer Demoiselle Franz sagt er, sie spiele blos aus Bescheidenheit schlecht, sonst habe sie etwas Sprechendes im Gesichte, nämlich einen Mund. Madame Carlsen sei die Frau von Herrn Carlsen. Des Abends ging Heine in Berlin oft in's alte Casino, das heißt in's alte alte, nicht in's neue alte, und auch nicht in's Casino, sondern nur in das Haus, wo das Casino war, und wo es noch andere Zimmer gab. Einen Theil der anderen Zimmer bewohnte der große Philologe Friedrich August Wolf; ein anderer Theil der anderen Zimmer war der Sammelpunkt junger Genies, die heute noch jung sind. Das Haus war sehr vielseitig gebildet, 365 und lag auf der Behrenstraße; dort liegt es noch. Die Behrenstraße in Berlin gilt für fashionable, sie ist dicht bei den Linden, und geht von der Ministerstraße, welche Wilhelmsstraße geschrieben wird, bis hinauf zur kleinen, runden katholischen Kirche. Dies ist die einzige Kirche in Berlin, welche sich durch ihre Bauart auszeichnet, das heißt: außer ihr ist die Werdersche Kirche noch die zweite einzige als sehr hübsche Taschenausgabe der gothischen Bauart. Die kleine runde, katholische Kirche ist wie billig aus Rom, wo ihr Vater, das Pantheon, steht; sie hat etwas mürrisch Zusammengekrochenes, wenn man vorbeigeht, und kann Abends von Landleuten für einen großen Backofen angesehn werden. Dagegen ist sie im Innern vielleicht sehr schön. Berlin hat sehr viel redenswerthe Frömmigkeit, aber wenig redenswerthe Kirchen. Es ist selten ordinaires Geräusch auf der Behrenstraße, sondern meist nur vornehmes Wagenrasseln zu hören, oder Hufschlag eines Pferdes, was der Roßkamm vorbeireitet. Die Wohnungen sind theuer: besonders Damen und Fräuleins, die auf Liebe resignirt haben, werfen sich hier leidenschaftlich auf die Miethe, nehmen Stockwerke in Pacht, meubliren sie appetitlich, hängen Zettel über die Hausthüren » Chambres garnies à louer «, welches Französisch sie aus Carlsbad, Wiesbaden oder Baden-Baden erfahren, und verlangen den monatlichen Preis mit wegwerfender lispelnder Stimme in Louisdor. Sie haben nach Gerlach in Halle die geistreiche Logik: wer nach einem französisch angekündigten Zimmer fragt, muß immer mehr Geld haben, als wer blos deutsch lesen kann. Mancher schüchterne Student, der sich nach einer Wohnung hierher verirrt, kriegt einen Schreck für seine Lebenszeit, und erzählt's noch als Pfarrer, fünfzig Jahr später; das Quartier der haute volée in Berlin ist ein gar nicht großes Quadrat in der Friedrichsstadt, sechs Straßen breit, von den Linden bis an die Friedrichsstraße, und nur viere breit von der Markgrafen- bis an die Wilhelmsstraße; ein Paar angrenzende Punkte ausgenommen ist alles Uebrige nicht wählbar; das alte Berlin, 367 Kölln und die Königsstadt gehört dem Kaufmann, dem Handel und Wandel, und dort ist auch eigentlich nur der Eckensteher zu Hause, dort findet der Schnaps seine Anerkennung und hat einige sogar glänzende Hotels. Uebrigens ist er gar nicht so zudringlich, arg und verbreitet, wie die Rede geht. Zwei schwarze Riesen stehn vor dem ehemaligen Kasino auf der Behrenstraße; erzählt Ihr Riefen! Zwei Treppen hoch fanden sich zur Abendzeit die jungen Poeten ein, darunter Heine und Grabbe und die weniger bekannten Uechtritz, Köchy und Andere. Ernste und lustige Thorheiten wurden da gelärmt. Da, wenn es recht toll her ging, saß Heine zusammengeklappt im Winkel, schwieg, lächelte, schlürfte aus dem Punschglase, vergoldete und schärfte die Pfeilspitzen seiner Lieder; der ungebärdige Grabbe sprang auf den Tisch, hielt eine Rede an Mamsell Franz Horn, an seinen Freund, den Pfandjuden Hirsch in der Jägerstraße, an Herklots und Gubitz, an den blinden Weinhändler Sisum; da wurde gelesen »Godwin, der Philister, Trosteinsamkeit, die 368 Versuche und Hindernisse Karls,« kleine literarische Bosheiten wurden ausgeheckt, mit Adam Müller ward korrespondirt und für die Juden geschrieben. Köchy hatte ein portatives Theater da, führte Holberg und Shakespeare und Parodieen auf. Zuweilen steckte der feine Wolf den Kopf in die Thür, um eine Visitenkarte abzugeben, oder Ludwig Devrient kam, und trug in trunknem Muthe eine Rolle vor, einst, Riesen gedenkt Ihr dessen noch? Goethe's Mephisto. Eine hübsche Brünette aber bereitete und kredenzte Punsch, und wurde dafür belohnt mit Küssen und Gedichten. Wo ist sie hingekommen, was ist aus ihr geworden? Ich weiß es nicht, jung ist sie nicht geblieben – Jugend vergeht. Die Poeten wechseln, die Poesie geht Morgens und Abends auf und unter, stets eine neue, stets die alte, volle Welt! Die Casinoabende Shakespeare's schauen dreist mit einzelnen Blicken aus Heinrich VI., unsere Dichter schreiben die Dreistigkeit selten auf. 369 Ueber den Riesen auf der Behrenstraße ist's jetzt still. Wie viel solche entstehende Dichterzeiten hat Berlin aufzuweisen; in der Straßen Weite und Einförmigkeit liegen sie versteckt, wer weiß, wie nahe die Zeit ist; wo poetischer Glanz sich in Blüthe und Reife hier zusammen finden; in dem Mittelpunkte eines großen Landes häuft sich Saame für weite Länder und Zeitstrecken, und Berlin ist ja doch der Mittelpunkt deutscher Modernität. Wie ist der Strom gewachsen, der von dem alten Casino ausgegangen ist! in jedem Winkel Deutschlands zwitschert jetzt ein Schriftsteller, hinter jeder Hecke ein Dichter. Auch das Theater betreffend: die Döbbelin'sche Schauspielertruppe, das erste deutsche Schauspiel in Berlin, hat auch hier dicht in der Nähe des alten Casino auf der Behrenstraße gespielt, als unsere Komödie noch tief in der Kindheit war, und auch der Würgengel noch schlief. Raupach war damals noch in Rußland, und docirte den Bären. 370 Schlagt auf eure Schilde, Ihr schwarzen Riesen. Aus jenen ersten zwanziger Jahren müssen an vielen Ecken unsers Vaterlandes noch Talente verkrochen sein; es ist gar zu auffallend, wie wenig just aus jener Zeit herausgetreten sind mit Leier und Lorbeer. Es ist bemerkenswerth, daß unsere letzten Literaturperioden so weit abgeklüftet von einander liegen, daß so wenig Zusammenhang in der äußeren Geschichte da ist – mühsam müssen wir die Genossen vergangener Literatur-Campagnen aufsuchen, um die Schlachtpläne und die ganze innere Diplomatie aufzufinden. Wo ist die Verbindung der wilden Gesellen auf der Behrenstraße mit den glücklichen Heroen am Graben zu Jena, an der Esplanade zu Weimar? Ist kein großer, kein kleiner Staat da, oder nur eine Stadt, ein Städtchen, die ein ungestörtes Archiv für Literatur errichten will, ein Archiv, wo das Tollste und Bescheidenste innerlicher Geschichte niedergelegt werden kann! Wie manche Stadt hat 371 nichts zu thun; ich denke an Coethen, an Dessau, an Lüneburg. Mit der politischen Geschichte da ist's viel leichter: das allgemeinere Interesse, die zudringliche Zeitung spürt alle Spezialität auf, die Aemter und Pensionen lassen auch ihre Geschichte nicht leicht untergehn; die Literargeschichte aber, die keinen polizeilichen Nachdruck hat, sondern nur schwäbischen, ist immer vogelfrei. So ist das neue alte Casino auf der Behrenstraße weiter oben an der Charlottenecke gesicherter vor Vergessenheit, weil es politisch interessant ist: Auf dem Grunde, das heißt par terre haus't Eduard Gans, der juristische Radikale, welcher gegen die historische Schule ficht; zwei Treppen über ihm arbeitet Tag und Nacht ein direkter Gegensatz, ein wichtiger Staatsmann des Conservatismus, und zwischen beiden in der Mitte, im ersten Stocke, wohnt ein berühmtes juste milieu , der bekannte Dichter Stägemann, ein grauer, sanfter Held aus des Kanzlers Zeiten, der seit mehreren siebzig Jahren 372 den kleinen, festen Körper auf lahmen Füßen trägt, immer ernsthaft und mild reagieren hilft, immer dichterischen Herzens bleibt und die weiche schöne Stimme heute noch besitzt, mit welcher er die ersten Sonette seiner Geliebten vorsprach. Still ruht das große Haus auf festen Pfeilern, die verschiedensten Gedanken wirken darin, die stille Räumlichkeit der Welt, welche uns gebären läßt auf mannigfachste Weise, wie mag sie über uns lächeln, die wir stets Eins Dies oder Jenes für unerläßlich halten! Vielleicht sieht auch Heine einmal bei Tage Stehely und das Kasino wieder! 373     Hegel in Berlin. Er hat eine Aristokratie des Geistes gebildet, welche wie ein modernes Ritterthum sich absondert, ein Ritterthum des Urtheils, der Wissenschaft, was alle übrigen literarischen Stände für niedriger, für unreineren Blutes erachtet. Der Sitz dieser neuen Pairie ist Berlin; die Macht derselben wächst von Tage zu Tage, ihr Reichsgrundgesetz ist großartig in weiten stählernen Kreisen geschlossen, hält sich wie jede gewaltige Institution für fertig und beendet, den Gedanken der Welt erschöpfend, und wird auch sicherlich durch nichts Einzelnes besiegt werden. Nur die Erfindung des Systems, was in so großen 374 Verhältnissen eine geschlossene Wissenschaft des Weltmittelpunktes erfindet, und was dem Hegel'schen Riesen auf Schulter und Herz tritt, entweder um ihn durch eine größere Erfindung ganz zu tödten, oder auf seinen Schultern höher zu steigen; nur eine solche kann die Hegel'sche Philosophie verdrängen. Nicht der Tadel, sondern eine Schöpfung kann Hegel tödten; der gute Tadel wird von ihm zum eignen Besten des Getadelten eingeschlurft, wie der große Strom den frischen kleineren verschlingt. Das wirklich Große hat jene Dosis Ewigkeit, alles Kleinere, auch das gute zu überschwemmen, in sich zu bergen; der triviale Ausdruck sagt: Wo viel Geld ist, da findet sich immer mehr ein. Nur das Kleine kann durch Angriff und Tadel vernichtet werden. Die Hegelianer lächeln zwar mitleidig, wenn von einer Möglichkeit die Rede ist, dies System zu überbieten, und dies Lächeln ist allerdings eine ganze Straße von Berlin, und trägt viel dazu bei, Berlin denen zu verleiden, welchen der Schlüssel fehlt zu dieser Stadt und zu diesem Lächeln. 375 Aber ist dies anders möglich? Das System ist eben darum so gewaltig, daß es zu einem ringsum verwahrten, gefesteten Pallaste ausgebaut ist, alle Möglichkeit des bisher manifestirten Weltgeistes in sich gedrängt, kurz, daß es sich fertig gemacht hat. Darum lächelt es zu einer Ueberbietung, und der Hegelianer ist somit systematisch verpflichtet, zu lächeln, selbst der übrigens selbstständige, geistreiche. Die Bornirung ist das Loos aller menschlichen Erfindung, sie ist die Nothwendigkeit derselben; wir sind alle bornirt, es handelt sich nur um das Mehr oder Minder. Die Systematischen gehören von vornherein immer zur Abtheilung »Mehr,« denn sie haben sich selbst der Freiheit begeben, deßhalb erschrecken so viel kluge Leute vor dem bloßen Worte Professor, weil sie dahinter sehr viel systematische Gelehrsamkeit, will sagen, einen Mann vermuthen, der Alles verkehrt angreift. Die Staatsregierung gehört doch zu unserm wichtigsten Interesse, es ist ihr Alles untergeordnet, die Pfarrstelle und die Besoldung des Philosophen, und die Staatsregierung 376 kann einen Professor der systematischen Philosophie nur in sich aufnehmen, wenn er erst das System aufgiebt, dann die Philosophie, dann die Professur. Vielleicht wird's anders: Guizot ist der erste Professor-Minister, aber er eklektisirt, wie alle Franzosen thun, in der Philosophie, sie verehren das Linné'sche System, aber sie begnügen sich mit einer Blumenlese. Wir haben noch wenig Aussicht, daß unsere Ministerien philosophisch werden, Gott schützt uns auch vor der Aussicht; wenn die Gensdarmen auch noch Alles beweisen könnten, dann wagte sich kein naturalistischer Mensch mehr auf die Straße. Man sagt dem preußischen Kult-Ministerium nach, es sei nicht nur ein preußisches, sondern auch ein Hegel'sches, es regiere nicht blos, sondern es studire auch; man sagt's ihm nach! Als ob das etwas Unschickliches wäre, systematisch gebildet zu sein! Ja, heißt es, diese Philosophie ist zu ausschließend, und das giebt dann eine einseitige Wirkung; um die Lehre von den Partikeln 377 vortragen zu dürfen, möchte man Hegelscher Philosoph sein. Es sind nie einem Ministerium ungerechtere Vorwürfe gemacht worden; unter den Händen desselben ist eine Schöpfung hervorgegangen, wie sie kein Staat Europa's aufzuweisen hat, eine dreifache Brustwehr von Bildung; Preußen ist so reich an feld- und schlachtfähigen Gelehrten, daß wenn heute das ganze jetzt wirksame erste Glied abtreten sollte, morgen ein vollzählig, vollkräftig zweites und drittes eintreten kann; alle Stellen sind in Wahrheit doppelt und dreifach zu besetzen, und alle diese Leute besitzen eine ringsum erfüllte, nach mancher grünen Außenseite gestärkte Schulbildung. Und wie thöricht ist jener Vorwurf der Hegelschen Einseitigkeit! Einmal ist er darin unwahr, daß irgend ein Ausschließliches bei diesem Ministerium stattfände, und ferner: wer muß nicht seine Gesichtspunkte beschränken, um ein Urtheil zu gewinnen? nur in dieser Begränzung existirt ein 378 Menschliches – ist's etwa vortheilhafter, wenn nach dieser oder jener Sympathie gewählt, oder nach einer Antipathie verworfen wird? Rennt gegen die eherne Wand des menschlich Unzulänglichen, sie ist der gemeinschaftliche Feind; wenn Eure Köpfe halten, soll es uns lieb sein, wir erkennen dann noch einmal, daß Ihr harte Köpfe habt, die den Zugang streng vertheidigen. Harte Eier und harte Köpfe sind schwer verdaulich. Allerdings hat Rom auch rauhe Steine und schlechte Bilder, und es giebt der Hegelianer schaarenweis, die eine so große Gedankenwelt in sich gestopft und bei ungenügender Verdauung nicht gut untergebracht, oder wenigstens nur so untergebracht haben, daß es für alle übrige Menschheit sehr unbequem ist. Ist das Hegels Schuld? Ein System ist an sich eine Beschränkung, kommt nun noch eine specielle Beschränktheit des respektiven Individuums hinzu, dann entsteht freilich die Hegelsche Karrikatur, welche aus Klugheit 379 immerfort lächelt, und darum den Eindruck macht, welchen man sonst bei der intimsten Gegnerin aller Klugheit vorfindet. Es ist nicht zu leugnen, daß diese Philosophie in einem Erfolge die kritische Philosophie noch weit übertrifft, welcher oft als Vorwurf genannt worden ist, nämlich darin: die Frische und das Grün des Lebens zu tödten, die Poesie, weil sie ein Willkührliches, aufzulösen, die freie Schönheit des Lebens, weil sie nicht systematisch erkannt wird, zu verleiden. Nichts blasirt schneller als die Altklugheit, und die systematische Philosophie ist eine Cousine derselben, eine Philosophie aber, die streng und kontumazartig aus dem Gedanken entwickelt wird, ist gar eine leibliche Schwester der Jungfer Altklugheit, und es hat deshalb allerdings keine so viel blasirte Zöglinge aufzuweisen als die Hegelsche; Berlin hat natürlich davon einen starken Beigeschmack erhalten. Denn Hegel ist das Gas aller höheren Kultur dieses Ortes, was von hier unscheinbar ausströmt in 380 alle Wissenschaft und Provinz, und das Kriterium durchdringt, welches vielleicht für ein ganzes, nächstes Jahrhundert Kriterium sein wird. Wie eine diplomatische Karriere nicht ohne Kenntniß der französischen Sprache zu machen ist, so wird in Kurzem kein literarischer Erfolg möglich sein, wenn nicht eine derartige philosophische Herrschaft auf dem Grunde liegt und mit Klammern und Wällen jeden Einzelangriff abweis't. Dies zukunftschwangere Herrschelement, verbunden mit einem ähnlichen politischen, was seit langer Zeit keinen siegreichen und kühnen Ausdruck gefunden hat, sie bilden das verhüllte Etwas, wogegen sich das Nichtberlinsche wehrt, wogegen der Vorwurf »Arroganz« geschleudert wird, um deßwillen Berlin so viel Antipathie weckt. Ein Herrschatom, was im gemeinen Berliner liegt, was elektrisch aus dem höhern Berliner schlägt, und was noch nicht die Gelegenheit ergriffen oder erblickt hat, sich geltend zu machen, dies Atom ist das unklar gehaßte. Der Ausdruck »höherer Berliner« heißt 381 so viel wie höherer Preuße, denn es ist dies wie einst von Rom Atmosphäre geworden. Dies Herrschatom ist nun durch einen Wissenschaftsmittelpunkt, wie die Berliner Universität, der sich keine in Deutschland vergleichen kann, es ist durch Hegels Philosophie nach der geistigen Welt hin bereits tyrannisch aufgetreten; der Eckensteher, der Berliner Reisende, welcher überall zu finden ist, überall tadelt, haben dem Eindrucke äußeres Material genugsam zugebracht – was Wunder, daß bei dem Worte Berlin so viel Animosität geweckt wird! Ist daran Hegel Schuld? Kann er zum Beispiele dafür, daß so viele seiner Schüler blasirt werden? Er war es gar nicht, er war just in Berlin ein vergnüglicher Lebemann geworden. Leute, die ihn früher gekannt, erstaunten höchlich, wenn sie ihn zu Berlin wiedersahen: er las »die Schnellpost« von Saphir, ja er gab Artikel hinein, und quälte seine Schüler, auch welche zu schreiben, er ging fleißig in's Theater, er machte 382 Schauspielerinnen und Sängerinnen die Cour, es hatte allen Anschein, als ob namentlich Madame Milder seinem Herzen gefährlich sei; es war ein großer Reiz für ihn, bei Hofe zu erscheinen, wie es ihm als kourfähigem Rector magnificus zu Theil wurde. Daß ihn Saphir ergötzte, war doch wirklich ein Zeichen, wie er lustigen Theil an der Tageswelt nahm, an der Tageswelt quand même ; umsonst opponirten seine Schüler, umsonst riefen sie: Meister, wir blamiren uns mit diesem Eskamoteur, der an den Worten geschickt herum zu klettern weiß wie Jocko an den Kulissen, hinter dem kein Werth, kein Interesse steckt, als die Beweglichkeit des Ausdrucks, der Skandal des Wortes. Es dauerte lange Zeit, bis Hegel dem damals jungen und frischeren Journalspringer seine Huld und Fürsprache entzog. Folgender Vorfall schloß die Karnevalszeit für immer, wo der Löwe mit dem Böcklein spielte: Karl Schall, dem meine Leser in meinen Charakteristiken begegnet sind, schwärmte für das Frauenzimmer im Allgemeinen, und damals für 383 Henriette Sontag speciell; Saphir, der Oppositionsstoff brauchte, denn der Witz ist ein geschworner Feind der Freundschaft, wie der Mensch ein natürlicher Feind des Todes ist, schrieb Tag und Nacht gegen die Sontag. Daß er auch des Nachts gegen sie schrieb, war natürlich, er schlief unruhig, und wenn er nichts Besseres thun kann, so schreibt der Autor. Schall aber betete Henrietten an bei Tag und Nacht, und sein Kultus blieb immer unentweiht, deshalb immer leidenschaftlich. Er hatte Visite bei ihr gemacht, sie hatte über Saphir's Angriffe geklagt – ein Schatten auf diesem Auge! Ferdinand hätte gelegentlich ermordet für einen Schatten, der auf Louisen fiel, Schall nicht minder, Schall, obwohl kein schlanker Offizier, konnte ganz Ferdinand sein. Im Café royal , wohin er zornschnaubend kommt, um heftig zu diniren, begegnet ihm der unglückliche Frevler, dieser will entweichen, Schall aber stellt ihn wie ein Wild mit unausweichbarer Parole, er überschüttet ihn dreifach mit alle dem, was sonst einfach hinreicht, 384 einen Menschen toll zu machen und auf die Mensur zu stellen. Saphir liebte diesen äußersten Ausweg nicht, wozu das ernsthafte Leben riskiren für ein spaßhaftes Leben! Wenn ich Saphir wäre, so dächte ich um kein Haar anders, aber, Gott sei Dank, um Schall's willen vergeb' ich es Saphir nicht, daß er damals zu Hegel-Protektor stürzte, blaß, mit gelös'ten Locken wie Jaromir, den die Ahnfrau verfolgt, um Schutz, um Hilfe flehend, ich kann es in Ewigkeit nicht vergeben! Um ein solches Tableau hat er die Literaturgeschichte betrogen: der lange Saphir und der dicke Schall auf der Mensur mit Pistolen! Schall so dick und breit wie eine runde Stadtmauer, die man trifft, man mag hinschießen wohin man will, und Saphir, die schmale Wendung, die nirgends feststeht, nirgends zu treffen ist. Herr, Sie riskirten gar nichts, wenn Sie damals Ihr Leben riskirt hätten, und die Scene wäre erlebt, und man hätte Schall in dieser Situation gesehen, in der unlösbaren Bestrebung, die schmalste Seite seines Leibes 385 herauszukehren! Zwei Leute, die nur zum Spasse auf der Welt waren – die Sprache tödtet hier den noch Existirenden, nicht ich – auf Tod und Leben gegenübersehn! Dies Drama, es ist im Embryo erstickt worden. Hegel ließ sich damals wirklich verleiten, nach Hilfe umzuschaun für den Flehenden, aber die Schüler ließen den Meister im Stiche, und der Meister ließ nun am Ende auch den Journalisten seinem Schicksale. Das Schicksal aber hält immer Wort. Es ist keine Frage, daß die große Stadt auf Hegel den stärksten Einfluß äußerte, vielleicht nicht durchweg den günstigsten: viele Resultate seines Systems hätten sich anders gewendet an den Punkten, wo die Theorie in die praktischen Formen mündet, wenn er ein unbefangener fränkischer Lehrer oder gar ein schwäbischer Magister geblieben wäre, ein unbefangener Mann, der nach keinem Gefallen fragt. Die große Welt, die Welt der Welt, hat ihm sicherlich große Aufschlüsse gegeben über diese und jene sittliche Schattirung, aber sie hat ihn auch mit jener 386 unsichtbaren, artig duftenden Fessel gebannt, welcher ein Plebejer nicht entrinnen mag, weil er die Gefahr verlacht, und welcher ein vornehm Geborener nicht entrinnen wird, weil er die Gefahr nicht kennt. Die Atmosphäre bringt bis in die versperrtesten Gemächer, und wirkt auf einen sensiblen Leib; die Konvenienz, dies gewaltige, ererbte Wort, dringt in die scheinbar rücksichtslosesten Geister, und stumpft und wendet, und erweicht die Feder. Die Visitenkarte, worauf eine hübsche Edelmannskrone in goldnem Abdrucke flimmert, und welche die bestürzte Köchin à propos auf den Schreibtisch des Philosophen legt, hat auf das Staatsrecht einen entscheidenden Einfluß. Hegel, der stolze Gedankenmensch, der gelesen, studirt und gedacht hatte, was im Himmel und auf Erden geschrieben und gesagt worden war, der kühl und kräftig Alles in sich ordnete zur großen, unwiderstehlichen Schlacht des Systemes, der sich stolz und herrschtüchtig darin fühlte, eine feste schwäbische Natur, der seinen Werth in Ehren kannte ganz 387 und gar – Hegel ließ sich von der Formenwelt imponiren wie irgend Einer. Die Kategorien, diese Himmelssäulen seines Systems, wuchsen selbstständig aus seinem Geiste, aber das Lächeln und Zürnen der Welt fiel auf sie, Sonne und Regen der Welt ruhten zeugend auf dem Gipfel dieser Säulen, von wo die Stauden, Blätter und Blüthen nach aller Richtung wuchsen und rankten, die Religion, der Staat, die Sitte. Es sei nicht gesagt, Hegel hätte andere Resultate gegeben , als sein Systemsgang andeutete von Hause aus, er hätte andere gegeben, weil die Rücksicht ihn befing, nein, aber er hat andere gefunden . So grob verführt die Welt nicht leicht einen gefesteten Mann. Hier in Berlin sind hagelnde Gefechte in stillen Zimmern vorgefallen, wo sich der alte Löwe auf Leben und Tod wehren mußte gegen die andrängenden Freunde und Schüler, welche ihm mit eigenen Waffen vorfochten: Wie kommst Du zu Deiner spielerischen Dreieinigkeit, Deinem kraus gewundenen 388 Staate, was hat Deine Kategorie mit allerlei Arabesken zu schaffen, warum krümmst und windest Du Dich bei der Namensnennung des Resultates, warum glitschest Du auf dem Parquet der vornehmen Welt und verlierst den ursprünglichen, stolzen Gang? Aber er war ein gedankenharter Kopf, der sich nach allen Seiten verschanzt, und Ballen von Waffen stets zur Hand hatte, und links und rechts schleuderte, wenn man ihm zu Leibe ging. Es ist viel davon die Rede gewesen, wie tyrannisch er gehaus't, wie despotisch neben seinem Gedanken das Betragen aufgetreten sei – der Erfinder einer neuen Welt muß despotisch sein, oder er beherrscht seine Erfindung nicht, oder er hat sie gestohlen oder irgendwo am Wege gefunden. Das erworbene Große macht das Gefäß, den Menschen, auch gewaltig, und für die kleine Welt und die kleinen Maaßstäbe ungebührlich. Dazu hatte Hegel wirklich keine sogenannte Erziehung, die wie ein zweites Naturel immer mildert 389 und beschwichtigt, er war ein Schwabe, er war in Tübingen im Seminar gewesen – wißt Ihr, wie ein Tübinger Seminarist erzogen wird? Er geht schwarz, damit er nach Theologie aussähe, trägt schwarz wollene Strümpfe und ein dreieckig Hütlein, speis't schwäbische Knödel in Gesellschaft der übrigen Schwarzen, und trabt in den Freistunden die Bergstraßen des düsteren Tübingen auf und ab nach dem Bierhause, was weiß er von Erziehung! Da giebt's ein Paar Professoren, bei denen das Theetrinken für eine Ziererei gilt, die Töchter müssen vor den Schwarzen gehütet werden, guten Tag! und guten Weg! ein ehrlicher Handschlag, ein ehrlich und gescheidtes Wort, das ist der Umgang, etwas ganz Respektables, wornach man oft unter der sogenannten Erziehung verlangt, aber keine Erziehung. Bis vor ganz kurzer Zeit war in Schwaben die sogenannte vornehme Gesellschaft nur am Hofe zu finden – die vielen kleinen Höfe hatten nichts mit Schwaben zu thun, die waren aus Frankreich, und wo der dahin gehörige Adel in seine eigne Existenz 390 zurücktrat, da war er wieder Schwabe, nichts von jenen Formen mit sich nehmend. Wie in Oesterreich geht darum auch die Provinzialmundart bis zu den höchsten Ständen hinauf, und man fand überall alltäglichen, bürgerlichen Gebrauch. Beim Worte Erziehung hielt man sich an das schöne Sprichwort: »Wohl erzogen hat nie gelogen«, das ist sehr wacker, aber unter dem Worte Erziehung versteht die übrige Welt noch eine besondere Kulturbranche, nicht blos ein moralisch Ding, sondern auch eine gesellige Uebung und Form, die ihre selbstständigen, mannigfachen Beziehungen hat, und dem Tübinger Schwarzen das Leben erschwert, statt zu erleichtern, wenn er aus der rauhen Alp und dem Schwarzwalde heraus in die Welt tritt. Diese Erziehung gebrach Hegel, und das war ein Hauptgrund, warum ihm Vieles imponirte, wie es ein hoher Rang, ein vornehmer Orden, eine exklusive Gesellschaft that. Diese Erziehung ist wie die Kenntniß einer fremden Landessprache, in deren Bereich man geräth, Schutz und Waffe, und wenn 391 man geschützt und gewaffnet ist, so ist man ein anderer Mensch. Hegel war nun allerdings ein so stolz und bewußt in sich ruhender Mann, daß die Magister-Verlegenheit ihm nicht zwischen die Beine lief, aber die Unbeholfenheit des Tübinger Magisters hokte an ihm herum, und wenn sie auch vom starken Geiste siegreich links und rechts bei Seite geschleudert wurde, so erkannte man doch, daß eine solche Arbeit statt fand. Dahin gehörte auch eine schreiende Rede, die sich keiner besonderen Fügung unterwarf. Er war ein Mann von mittler Größe mit einem altmodisch starkzügigen schwäbischen Gesichte, was in späterer Zeit tief durchwirkt und zum ehernen Antlitze eines bedeutenden Menschen gefugt und gefaltet war. Seine Gewohnheiten waren einfach, und trugen nichts Besonderes an sich; er arbeitete viel, schrieb eine große Handschrift, und korrigirte in seinem Manuskripte durch Einschaltungen dergestalt, daß die nach allerlei Richtung auf und ab weisenden Striche und Haken das unerfreulichste Ansehn gaben. Sein 392 Geist war so voll von Wissen und Beziehung, und deßhalb war der Fluß seiner Schrift durch tausendfache, einschränkende Bezugnahme so gehemmt, daß ein glattes Fortschweifen derselben unmöglich war. Obwohl er sich beim Vortrage im Kollegium des ausführlichen Heftes bediente, so fügte er doch so viel Augenblickliches hinzu, daß ein nachgeschriebenes Heft durchaus nöthig ist, um diesen Vortrag im vollständigen Drucke wiederzugeben. Daraus ist ersichtlich, welch eine Arbeit seine Schüler mit Herausgabe seiner Werke übernommen haben. Jegliches Buch, was aus solch herumfliegenden Fahnen zusammengebracht werden muß, erfordert die Arbeit eines halben, eines ganzen Jahres; diese Papierfahnen, in deren vergilbter Unscheinbarkeit eine neue Welt ruht, sind's allein, was er mit seinem Ruhme Weib und Kindern hinterlassen hat. Der Ruhm ist schön, ein Held lebt davon, aber eine Familie nicht, und die That der Schüler, eine so seltne That in unsrer egoistischen und geldbedrängten Zeit, eine That, des Alterthums würdig und an die Schüler des 393 Sokrates erinnernd, sollte hoch gewürdigt werden. Diese Michelet, Gans, Hotho, Marheineke opfern Zeit und Muhe unentgeldlich, damit der volle Hegelsche Bau aller Mit- und Nachwelt vor Augen komme, und das Vermächtniß des Alten mit fünfzehntausend Thalern bezahlt werde. Fünfzehntausend Thaler für eine neue Philosophie! Kein großes Ganze neuer Wissenschaft ist mit Millionen aufzuwiegen, die meisten Leute von guter Erziehung geben nicht ein Theaterbillet dafür, – und item, die Weisheit verdient doch schon Geld, und wird schon viel besser bezahlt als sonst. Er hat eine Wittwe und zwei Söhne hinterlassen; diese studiren Jurisprudenz und historische Wissenschaft und sollen scharfsinnige junge Leute sein. Die Frau, aus Nürnberg, wo Hegel eine Zeitlang Rektor am Gymnasium war, hat sich in seinen damals noch jungen Ruhm verliebt, und als junges Mädchen, die Tochter eines dortigen Patrizierhauses, den schon dreiundvierzigjährigen Herrn geheurathet. Sie hat, ohne Philosophin zu sein, im Ganzen 394 glücklich mit ihm gelebt, wenn auch unter dem Pantoffel, den der Herr Professor, ein gebieterisches Gemüth, zu schwingen beliebte. Nur in Sachen der Eifersucht, welche der Frau in Berlin zweimal nahe getreten ist, hat er klein zugegeben, einmal als plötzlich ein leiblicher junger Hegel im Hause erschien, der aus der Privatdocentschaft in Jena stammte, und zum Zweiten, als Hegel für's Theater so empfänglich wurde, und den Künstlerinnen seine Aufmerksamkeit schenkte. Der arme Junge, die Pflanze jener üppigen Jenazeit, wo so viel schöpferische Menschen in Jena lebten, hat wohl keinen Vortheil von diesem Verhältnisse und von der Schwäche seines Vaters gehabt, der ihn nicht genügend anerkannte, und ist am Ende in die Welt gelaufen, erst nach Holland, in die kleine Welt, dann ist er nach Batavien in eine neue Welt verschwunden. Gott weiß, ob der Name Hegel dort auch Glück macht. Hegel war im gewöhnlichen Leben kein schwerer Philosoph, sondern ein ganz vernünftiger Mann, 395 wie die Leute sagen, ja er hatte sogar eine stehende Whistpartie mit rechtschaffenen handfesten Herrn, und er spielte sehr ordentlich – kann man von der Philosophie mehr verlangen? vor einer Gefahr war man indessen nicht sicher, wenn man ihn des Abends besuchte, es war die, daß er leicht einschlief, und insofern die Unterhaltung wenig beförderte. Daß eine hübsche Geschichte über die andere von seinem Wesen erfunden worden ist, das verwundert billigerweise Niemand: große Berge sind reich an Sagen, und die großen Menschen sind zum Theil dafür da, daß die kleinen ihre Geschichtchen an ihnen aufhängen. Wer nicht selbst groß werden kann, der rächt sich am Großen, diese Malice ist ein altes Erbtheil – ein halbes Jahrhundert mußte Friedrich der Große alle Anekdoten und Witze machen, die Norddeutschland brauchte. Eine der komischsten wurde dem alten Hegel auf's schmerzensreiche Sterbebett geworfen, und da ein großer Meister, der ein Werk mit tausend Nothwendigkeiten erfunden hat, und das Wichtige jeder 396 kleinsten Nothwendigkeit empfindet, niemals einen Schüler erzieht, der ihn befriedigt, denn ein Schüler, welcher völliges Echo des Meisters wäre, müßte ein Papagei sein, so könnte diese Anekdote wirklich statt gefunden haben. Man erzählt nämlich, Hegel habe sich beschwert: Von all meinen Schülern hat mich nur ein einziger verstanden! und sich auf die andere Seite kehrend habe er hinzugesetzt: ach, und der hat mich mißverstanden. Er starb bekanntlich an der Cholera; weil nun diesen Opfern der Pest kein öffentliches Begräbniß gestattet werden konnte, so verhehlte man die Todesart, und veranstaltete die berühmte Leichenfeier, leuchtete dem großen Todten mit Fackeln zu Grabe und hielt Reden. An demselben Abende ereignete sich Folgendes, was ich darum nicht verschweige, damit dasjenige, was ich oben über Erziehung gesagt, seine Folie erhalte, und das ebenfalls erwähnte »höhere Berlin« nicht mißverstanden werde. Die gute Erziehung nämlich vergißt zuweilen eine Kleinigkeit, 397 und der geistige Fortschritt und besonders die spekulative Philosophie entgeht ihr leichtlich – es war an jenem Abende, wo bei düstrem Himmel der Herr einer neuen Gedankenwelt unter die Erde gescharrt wurde, im Hause des Grafen von der Golz eine zierliche Gesellschaft versammelt. Die Wachslichter brannten, man wußte sehr viel Interessantes vom letzten Balle, man erwartete einen Herrn, der sich mit Literatur beschäftigte, und der versprochen hatte, diesen Abend etwas vorzulesen. Er kam nicht und kam nicht, man erschöpfte sich in Vermuthungen, plötzlich rief eine Dame: Ach Gott, er wird bei Hegel's Begräbniß sein, Hegel wird heut Abend begraben. – Hegel, Hegel? Wer ist Hegel? fragt die Hausfrau; wer ist Hegel? fragt der Hausherr; wer ist Hegel? fragt die Gesellschaft im Chore. Die Dame war verrathen, man sah, daß sie Bekanntschaften habe, die nicht in den recherchirten Kreis gehörten; nicht ohne einige Verlegenheit 398 antwortete sie: Hegel war ein berühmter Philosoph an der hiesigen Universität. Ein Philosoph? So? Man bedauerte, daß deshalb nicht gelesen wurde, und suchte eine andere Unterhaltung. Diesem Abende waren übrigens die großen Streitfragen in Berlin vorausgegangen, ob diese Philosophie zu dulden, ob sie nicht dem Christenthume oder dem Staate gefährlich sei? Schmalz, der Einzige, Schmalz, der scharfsinnige, welcher mit Leichtigkeit ein Brett durch sah, sobald dem gemeinen Wesen eine Gefahr drohte, Schmalz hatte das Wort schon von sich gegeben, was ihm Nachruhm sicherte, er hatte die Hegel'sche Philosophie für verrückt erklärt. Es war also einigermaaßen erschwert worden, den Namen Hegels gar nicht zu kennen. Schließlich sei noch gesagt, daß Hegel und Schelling gleichzeitig in Tübingen Schwarze gewesen sind, ja auf einem Zimmer gewohnt haben. Für die Recherchirten die Erläuterung, daß dieser noch in München existirt, auch ein Philosoph ist, und seit 399 einiger Zeit von dem Vorwurfe lebt, Hegel habe ihm seine Gedanken gestohlen. Hotho hat in seinen »Vorstudien für Kunst und Leben« das Erschöpfendste über Hegels Persönlichkeit gebracht, es sei mir erlaubt, einen Theil davon wörtlich anzuführen, einen anderen mit eigner Zuthat auszubeuten. Es war eines Morgens. »Er saß vor einem breiten Schreibtische, und wühlte so eben ungeduldig in unordentlich übereinander geschichteten, durcheinander geworfenen Büchern und Papieren. Die früh gealterte Figur war gebeugt, doch von ursprünglicher Ausdauer und Kraft; nachlässig bequem fiel ein gelbgrauer Schlafrock von den Schultern über den eingezogenen Leib bis zur Erde herab; weder von imponirender Hoheit noch von fesselnder Anmuth zeigte sich eine äußerliche Spur, ein Zug altbürgerlicher ehrbarer Gradheit war das Nächste, was sich im ganzen Behaben bemerkbar machte. Den ersten Eindruck des Gesichts werde ich niemals vergessen. Fahl und schlaff hingen alle Züge wie erstorben nieder, 400 keine zerstörende Leidenschaft, aber die ganze Vergangenheit eines Tag und Nacht verschwiegen fortarbeitenden Denkens spiegelte sich in ihnen wieder; die Qual des Zweifels, die Gährung beschwichtigungsloser Gedankenstürme schien dieses vierzigjährige Sinnen, Suchen und Finden nicht gepeinigt und umhergeworfen zu haben; nur der rastlose Drang, den frühen Keim glücklich entdeckter Wahrheit immer reicher und tiefer, immer strenger unabweisbarer zu entfalten, hatte die Stirn, die Wangen, den Mund gefurcht. Schlummerte diese Einsicht, so schienen die Züge alt und welk, trat sie erwacht heraus, so mußte sie jenen vollen Ernst, um eine in sich große und nur durch die schwere Arbeit vollendeter Entwickelung sich genügende Sache aussprechen, der sich lange in stiller Beschäftigung in sie versenkt. – Wie würdig war das ganze Haupt, wie edel die Nase, die hohe, wenn auch in etwas zurückgebogene Stirn, das ruhige Kinn gebildet; der Adel der Treue und gründlichen Rechtlichkeit, im Größten wie im Kleinsten, des klaren Bewußtseins mit besten Kräften 401 nur in der Wahrheit eine letzte Befriedigung gesucht zu haben, war allen Formen aufs individuellste sprechend eingeprägt. Ich hatte ein wissenschaftlich herumtastendes oder anfeuerndes Gespräch erwartet, und verwunderte mich höchlich, grade das Entgegengesetzte zu vernehmen. Von einer Reise nach den Niederlanden so eben zurückgekehrt wußte der seltne Mann nur von der Reinlichkeit der Städte, der Anmuth und künstlichen Fruchtbarkeit des Landes, von den grünen weitgestreckten Wiesen, den Heerden, Canälen, thurmartigen Mühlen und bequemen Chausseen, von den Kunstschätzen und der steifbehaglichen Lebensweise einen breiten Bericht zu erstatten, so daß ich mich nach Verlauf einer halben Stunde schon in Holland wie bei ihm selbst ganz heimisch fühlte.« »Als ich ihn aber nach wenigen Tagen auf dem Lehrstuhle wiedersah, konnt' ich mich zunächst weder in die Art des äußeren Vortrags noch der inneren Gedankenfolge hineinfinden. Abgespannt, grämlich saß er mit niedergebücktem Kopf in sich 402 zusammengefallen da, und blätterte und suchte immer fortsprechend in den langen Folioheften vorwärts und rückwärts, unten und oben; das stete Räuspern und Husten störte allen Fluß der Rede, jeder Satz stand vereinzelt da, und kam mit Anstrengung zerstückt und durcheinandergeworfen heraus; jedes Wort, jede Sylbe lös'te sich nur widerwillig los, um von der metallenen Stimme dann in schwäbisch breitem Dialekt, als sei jedes das Wichtigste, einen wundersam gründlichen Nachdruck zu erhalten. Dennoch zwang die ganze Erscheinung zu einem so tiefen Respekt, zu solch einer Empfindung der Würdigkeit, und zog durch eine Naivetät des überwältigendsten Ernstes an, daß ich mich bei aller Mißbehaglichkeit, obschon ich wenig genug von dem Gesagten mochte verstanden haben, unabtrennbar gefesselt fand. Kaum war ich jedoch durch Eifer und Consequenz in kurzer Zeit an diese Außenseite des Vortrags gewöhnt, als mir die innern Vorzüge desselben immer heller in die Augen sprangen und sich mit jenen Mängeln zu 403 einem Ganzen verwebten, welches in sich selber allein den Maßstab seiner Vollendung trug.« »Eine glatthinströmende Beredsamkeit setzt das in- und auswendig Fertigsein mit ihrem Gegenstande voraus, und die formelle Geschicklichkeit vermag im Halben und Platten am anmuthigsten geschwätzig fortzugleiten. Jener aber hatte die mächtigsten Gedanken aus dem untersten Grund der Dinge herauszufördern, und sollten sie lebendig einwirken, so mußten sie sich, wenn auch jahrelang zuvor und immer von neuem durchsonnen und verarbeitet, in stets lebendiger Gegenwart in ihm selber wieder erzeugen. Eine anschaulichere Plastik dieser Schwierigkeit und harter Mühe läßt sich in anderer Weise, als dieser Vortrag sie gab, nicht ersinnen. Wie die ältesten Propheten, je drangvoller sie mit der Sprache ringen, nur um so kerniger was in ihnen selber ringt bewältigend halb und halb überwunden hervorarbeiten, kämpfte und siegte auch er in schwerfälliger Gedrungenheit. Nur in die Sache versenkt, schien er dieselbe nur aus ihr, ihrer selbst willen, und 404 kaum aus eignem Geist der Hörer wegen zu entwickeln, und doch entsprang sie aus ihm allein, und eine fast väterliche Sorge um Klarheit milderte den starren Ernst, der vor der Aufnahme so mühseliger Gedanken hätte zurückschrecken können. Stockend schon begann er, strebte weiter, fing noch einmal an, hielt wieder ein, sprach und sann, das betreffende Wort schien für immer zu fehlen, und nun erst schlug es am sichersten ein, es schien gewöhnlich, und war doch unnachahmlich passend, ungebräuchlich und dennoch das einzig rechte; das Eigentlichste schien immer erst folgen zu sollen, und doch war es schon unvermerkt so vollständig als möglich ausgesprochen. Nun hatte man die klare Bedeutung eines Satzes gefaßt, und hoffte sehnlichst weiter zu schreiten. Vergebens. Der Gedanke, statt vorwärts zu rücken, drehte sich mit den ähnlichen Worten stets wieder um denselben Punkt. Schweifte jedoch die erlahmte Aufmerksamkeit zerstreuend ab, und kehrte nach Minuten erst plötzlich aufgeschreckt zu dem Vortrage zurück, so fand sie zur Strafe sich aus allem 405 Zusammenhange herausgerissen. Denn leise und bedachtsam, durch scheinbar bedeutungslose Mittelglieder fortleitend, hatte sich irgend ein voller Gedanke zur Einseitigkeit beschränkt, zu Unterschieden auseinander getrieben, und in Widersprüche verwickelt, deren siegreiche Lösung erst das Widerstrebendste endlich zur Wiedervereinigung zu bezwingen kräftig war. Und so das Frühere sorglich immer wieder aufnehmend, um vertiefter umgestaltet daraus das Spätere entzweiender und doch stets versöhnungsreicher zu entwickeln, schlang sich und drängte und rang der wunderbarste Gedankenstrom bald vereinzelnd, bald weit zusammenfassend, stellenweise zögernd, ruckweise fortreißend, unaufhaltsam vorwärts. Doch wer auch mit vollem Geist und Verständniß ohne rechts noch links zu blicken nachfolgen konnte, sah sich in die seltsamste Spannung und Angst versetzt. Zu welchen Abgründen ward das Denken hinabgeführt, zu welch unendlichen Gegensätzen auseinander gerissen, immer wieder dünkte alles bereits Gewonnene verloren, und jede Anstrengung umsonst, denn auch 406 die höchste Macht der Erkenntniß schien an den Gränzen ihrer Befugniß verstummend stille zu stehn genöthigt. Aber in diesen Tiefen des anscheinend Unentzifferbaren grade wühlte und webte jener gewaltige Geist in großartig selbstgewisser Behaglichkeit und Ruhe. Dann erst erhob sich die Stimme, das Auge blitzte scharf über die Versammlung hin und leuchtete in still aufloderndem Feuer seines überzeugungstiefen Glanzes, während er mit nie mangelnden Worten durch alle Höhen und Tiefen der Seele griff. Was er in diesen Augenblicken aussprach, war so klar und erschöpfend, von solch einfacher Wahrhaftigkeit, daß Jedem, der es zu fassen vermochte, zu Muthe war, als hätte er es selber gefunden und gedacht, und so gänzlich verschwanden dagegen alle frühern Vorstellungsweisen, daß keine Erinnerung der träumerischen Tage übrig blieb, in welchen die gleichen Gedanken noch zu der gleichen Erkenntniß nicht erweckt hatten.« »Nur im Faßlichsten wurde er schwerfällig und ermüdend. Er wandte und drehte sich, in allen 407 Zügen stand die Mißlaunigkeit geschrieben, mit der er sich mit diesen Dingen herumplagte, und dennoch, wenn er das tädiose Geschäft zu Ende gebracht hatte, lag wieder alles so klar und vollständig vor Augen, daß auch in dieser Beziehung nur die lebendigste Eigenthümlichkeit zu bewundern war. Dagegen bewegte er sich mit gleicher Meisterschaft in den sinnlichkeitslosesten Abstraktionen wie in der regsten Fülle der Erscheinungen. In einem bisher unerreichten Grade vermochte er sich auf jeden, auch den individuellsten Standpunkt zu versetzen, und den ganzen Umkreis desselben herauszustellen. Als sei es seine eigne Welt, schien er damit verwachsen, und erst nachdem das volle Bild entworfen war, kehrte er die Mängel, die Widersprüche heraus, durch welche es in sich zusammenbrach oder zu andern Stufen und Gestalten hinüberleitete. In dieser Weise Epochen, Völker, Begebnisse, Individuen zu schildern, gelang ihm vollkommen; denn sein tief eindringender Blick ließ ihn überall das Durchgreifende erkennen, und die Energie seiner ursprünglichen Anschauung 408 verlor selbst im Alter nicht ihre jugendliche Kraft und Frische. Bei solchen Schilderungen wurde seine Wortfülle sprudelnd, mit treffend malenden Eigenschaftswörtern konnt' er nicht enden, und doch war jedes nothwendig, neu, unerwartet und so kernhaft in sich selber beschlossen, daß sich das Ganze, zu welchem die einzelnen bunt durcheinander gewürfelten Züge vollständig sich rundeten, um nie wieder entschwinden zu können, dem Gedächtniß einzwang. Solch ein Bild selbstständig umzuändern blieb unmöglich; in so feste Formen war es ein für allemal ausgegossen. Und dieser Darstellungsgabe vermochten sich selbst die eigensten Sonderbarkeiten und Tiefen des Gemüthes, welche in Worte zu fassen vergeblich scheint, nicht zu entziehen. Unersättlich war er in preisender Anerkennung des lobenswerth Tüchtigen und Großen, doch auch in Schärfe und Bitterkeit der stachlichsten Polemik bewies er die gleiche Gewalt. Wie freundlich dagegen verklang das Liebliche und Zarte zu anmuthigsten Tönen! das Starke braus'te gewaltig hin; ordnungslos verwob sich das 409 Verworrene, das Barocke und Lächerliche widerte an und ergötzte; das Hassenswerthe schreckte in dem gleichen Maaße zurück, als das Sittliche und Gute hob und erquickte; das Schöne leuchtete in mildem Glanz; das Tiefe vertiefte sich in seiner Rede, und wie das Erhabene über alle Schranken hinaus ragte, gebot das Heilige die ewige Scheu der Ehrfurcht. Und doch bei aller Vollendung ließ es sich schwer entscheiden, ob er sich mehr der Dinge, oder die Dinge sich seiner mehr bemeistert hatten. Denn auch hier blieb das Ringen nicht aus, und das Gefügige und Fertige selber verläugnete das saure Mühen trotz aller Erleuchtung des Genius nicht.« – Seine Gedanken, die Hegel'schen Gedanken, waren übrigens eingefleischt in Hegel, er war durch und durch eine geschlossene Einheit. Diese Größe hat den witzigen Leuten viel zu schaffen gemacht, welche eben gewohnt sind, ihre Nahrung in Einzelnheiten zu suchen. Wenn also Hegel über ein Alltägliches, über einen Berliner Witz sprach, oder über sonst 410 etwas, was man für ein Aphoristisches hält, und wenn er auch dies in die Bedeutsamkeit seines ganzen Gedankenwesens einfügte und ihm ein wichtiges Ansehn gab, so galt dies den Leuten des augenblicklichen Beliebens für ein verirrtes Wild, für eine gute Beute, sie griffen es als Witz auf, und hatten Recht und guten Erfolg für ihre Beliebigkeit, und doch Unrecht gegen Hegel. Wie viel richtige Witze hat man dem Napoleon angehängt, und doch dem eigentlichen Napoleon nichts damit gegeben oder genommen. Hegel selbst war darüber harmlos, den Widerspruch und die Neckerei der Schwachen belachte er gutmüthig mit, nur der freche Tadel des Unverstandes erzürnte ihn, und Schellings Art und Weise, welche that, als ob Hegel nicht existire, kränkte ihn wirklich, da er sich eines schweren Sieges bewußt war, und den früheren Genossen und großen Geist in Schelling immer hoch verehrte. 411 Obwohl er in der Religion die Orthodoxie seinem Systeme einfügte, so bestand er doch fest auf größter Freiheit der Forschung; obwohl er die blos leidenschaftlichen Demagogen über alles haßte, und allem wirklich und fest Bestehenden von vornherein stets das Recht der Existenz einräumte, so war er doch, der stets Forschende und Bildende, nichts weniger als stabil. Bei der Mannigfaltigkeit des jetzt Bestehenden ist ja ohnedies noch gar keine Bezeichnung und nähere Charakteristik gegeben, wenn man sagt: er hielt zu dem Bestehenden. Am meisten neigte er sich mit specieller Vorliebe zur englischen Verfassung, und die Reformbill erschien ihm als ein höchst gefahrvolles Unternehmen; ein auf bestimmten Körperschaften ruhender Staat war ihm der sicherste; die Rechte der Erstgeburt vertheidigte er streng, für den Höhergestellten verlangte und gab er unbedingten Respekt. Aus alle dem ergiebt sich, welche Macht das eigentlich Systematische in ihm behauptete. Es wäre 412 ein Mißverständniß, ihn ohne Weiteres mit den dreist Spekulirenden anderer Art zusammenzustellen, welche nicht für ein ausgebildet System erfinden und fordern. Eben so hielt er sich bei den moralischen Fragen persönlich streng an das Positive, an die Institute, und vertheidigte sie quand même : er verlangte, die Ehe der Ehe wegen einzugehen, um einem festen Institute anzugehören, nicht weil sich da eine Seelenharmonie oder so was Aehnliches zusammenfinde. Dabei geschah nun freilich das Meiste des Systems wegen, und die Hegelsche Einheit ward auf Kosten Hegels behauptet und durchgesetzt, denn in den moralischen Fragen zum Beispiel interessirte und lockte ihn Göthe mit seiner Freiheit am Meisten; er hielt nebenher solche Richtungen für nothwendig und groß, damit das Bestehende nicht versumpfe, sie waren seinem alle wahrhaftige Innerlichkeit prüfenden Geschmacke viel zusagender, als die meist unzulängliche Polemik dagegen, aber er 413 mußte sich dem Despotismus des eignen Systems fügen. In den letzten Jahren ward er darin starrer, als seine eigne Lehre heischt, und es hat, wie schon oben bemerkt, über die Konsequenzen des Systems mit Schülern und Freunden heftige Kämpfe gegeben. Das wiederholt sich in der Geschichte bei allen Gattungen neuer geistiger Welt: die Lutheraner wollten mehr und weniger als Luther. Ist die Erfindung des Geistes frei und hinaus gegeben, so gewinnt sie ein selbstständig Leben und Wesen, hat sich nach eignem neuen Gesetze zu wehren und zu bilden; der Baum, den ich gepflanzt, hat es nun selbst und eigen mit Sonne, Wind und Wetter zu thun; der Sohn, den ich gezeugt und erzogen, wird mit meinem Blute, meinem Geiste, doch ein eignes, selbstständiges Geschöpf. Besonders leidenschaftlich war Hegel zuletzt gegen die Entstehung Belgiens, und Kampfesworte dagegen und gegen die Reformbill sind wohl das Wichtigste gewesen, was er zuletzt geschrieben hat. 414 Bei diesen Sachen der Politik ist nicht zu übersehen, daß Hegel zwei Jahre lang Redacteur einer weniger bekannten politischen Zeitung gewesen ist, der Bamberger Zeitung. Mit was Allem dieser Mann sich beschäftigt, und gründlich beschäftigt hat, ist nicht zu sagen; bei einem Einblick, besonders in die Geschichte der Philosophie, schwindelt dem Zuschauer vor den weit oben und tief unten kriechenden Büchern, welche der Mann gelesen und studirt hat. Wie ein Titan sitzt dieser steinerne Geist unter den Felsblöcken und dem Gerümpel aller Zeiten. Auch in Kunst und Poesie kannte er Alles; sein Urtheil über Baukunst, Skulptur, Malerei war scharf geübt und begründet; er saß aufmerksam und andächtig in den Opern. Sein Geschmack neigte durchaus zu den Griechen, vom Mittelalter mochte er nichts leiden als die großen Gebäude. Scherz und Laune liebte er sehr, wenn die Gelegenheit paßte; den eigentlichen Humor verstand er gar nicht, dafür, und noch mehr 415 für die Ironie neueren Datums, besaß er gar kein Organ der Auffassung, die Ironie war ihm geradezu unangenehm. Er hatte sich auch mühsam durch's Leben gearbeitet, mit Freunden Unglück gehabt, langsam erobert. In Frankfurt, wo er eine Zeitlang Hauslehrer war, lebte er intim mit Hölderlin und mit Sinklair, dem Verfasser des Cevennenkrieges. Hölderlin ward verrückt, Sinklair starb früh. Schelling, mit dem er so lange zusammengewirkt, verhüllte sich ihm später vornehm. Zwei Jahre in Heidelberg nennt Gans mit Recht Hegels Flitterjahre 1816–18: da blühte sein Ruhm auf, da hatte er Daub und Creutzer, und Voß war noch umgänglich. Seine Schüler von Jena aus, Troxler in Basel, Gabler in Baireuth waren noch jung und warm und schrieben ihm viel Briefe, Deutschland war überhaupt verjüngt, die schönen Neckarberge um Heidelberg lockten und entzückten. Und auch zum Antritte in Berlin, Herbst 416 1818, fand er noch an Solger einen Beförderer. Dann aber war er lange, lange allein, und mußte langsam die Schüler heranziehn, die ihn unterstützten. Er ging in Berlin täglich spaziren, schlaff zog er sich vorwärts, hielt aber tüchtig aus; ging man indessen mit ihm, so stockte die Promenade sehr; er ließ sich mit dem größten Antheil das Alltägliche, die Neuigkeiten erzählen, blieb stehen, lachte, verwunderte sich, widersprach. Dabei und bei allen Lustpartien, die er später eifrig suchte, war ihm das leichte Gespräch das erwünschtere, das stete Debattiren und Suchen in Ernst und Eifer war nicht seine Sache. Auch im Theater war er sehr munter und sehr leicht befriedigt; in Geschäften langsam und peinlich, für alles Leichte war er am schwerfälligsten, weil er sich durchweg für das Schwere mit Leichtigkeit eingerichtet hatte. Deshalb täuschte er sich vielleicht auch oft über leichte Menschenwaare, denn die unbedeutendsten 417 waren ihm oft sehr willkommen; oder er brauchte wie schwer reiche Leute solcher kräuselnden Bewegung, und sah gern die leichte Waare um sich hüpfen, um zu ruhen, und das Leben in seinem luftigen Zuge zu athmen. 418     Die Novelle in der Theaterloge. Das Theater, unser Theater, unsre Schauspieler, unser Bader, unsre Seidler, das ist in Berlin Frühstück und Abendbrod, ganz Deutschland bringt nicht so viel Rekruten zur Bühne als Berlin, mehr als die Hälfte aller deutschen Schauspieler ist aus Berlin. Alles urtheilt über das Theater, Alles bespricht das Theater. In Wien sind die Theater die Hauptsache, in Berlin ist's das Theater. Ueber das Schauspielhaus am Gensdarmenmarkte ist man nun ziemlich beruhigt; es hat allen Witzen 419 und Ausrufungen Stand gehalten, jetzt wird es wetterdunkel und hart. Es ist im Ganzen eine großartige Konstruktion Schinkels; daß seine vielen Fensterlatten an ein Trockenhaus erinnern, stört allerdings, und der Tunnel-dunkle Eingang, der Mangel lichter, lockender Eintrittshallen mag Tadel wecken, der grandiose Treppenaufgang, oder richtiger Untergang, der edle stolze Stil des Uebrigen entschädigt reich. Jene Treppe, von wo aus die Mondabende wie gemalt aussehen, um mit unsern Künstlern zu reden, ist darum ein Untergang zu nennen, weil Niemand hinausgehen, sondern die Menschheit zur Sommerszeit nur herunter gehen darf. Während der anderen Saisons konservirt sich diese jungfräuliche Treppe und ist blos zum Ansehn da. Hoch über ihr auf dem Frontengiebel fährt Apollo von dannen, oder wie der Berliner sagt, auf und davon mit zwei schwarzen, fabelhaften Bestien. Daß auf der anderen Seite die Heuschrecke, der Hippogryph, ebenfalls vom Hause fort galoppirt oder wenigstens trabt, ist natürlich von der Witzhypochondrie 420 ausgebeutet worden, und man sagt, von der alten Kunst sei nur Herr Schneider übrig auf dem Schlachtfelde geblieben. Darin übertreibt Berlin, denn dieser Herr Schneider ist weder so gut, noch so schlecht, ein geborner Bediente, der für alles Gemeine und Freche ein recht hübsches Talent hat; daß er in seinen Rollen immer Herr Schneider ist, begegnet manchem großen Künstler. Wo soll denn aber auch Apoll und das Musenroß hin! Besser doch, sie entfernen sich, als daß sie dem Publikum den Rücken kehrten und noch Schlimmeres, und solchergestalt die Giebel und das Haus verunzierten. Das Gespann Apollo's, ein Paar krummbeinige und krummgeflügelte Drachen, ist glücklicherweise vom Publikum noch nicht enträthselt, und die deßfallsigen Witze sind uns bis jetzt geschenkt, denn es sind »Chimären«, mit denen der Pythische Gott in die Luft reis't, ein sinnig erdachtes und vortrefflich ausgeführtes Symbol für das Theaterhaus. Glückliche Zeit, wo die Chimären einen Gott ziehen konnten, 421 in unsrer vernünftigen Welt erziehen sie keinen Viertelsgott mehr – wirklich? Ohne Chimäre lebt die Welt nicht vier und zwanzig Stunden mehr, sie entleibt sich in Masse bis zum gemeinsten Philister herab, welcher die Chimäre verachtet als unsolid. – Die Baukunst ist in unsrer Natur und in unsrer Zeit übel daran, und deßhalb auch die Besprechung derselben; einen eignen schöpferischen Geschmack haben wir seit der Kirchenzeit nicht gehabt, und wir haben ihn heut noch nicht, es handelt sich immer nur um einen nachgemachten und angewandten, es fragt sich, ob griechisch oder römisch, oder byzantinisch oder gar maurisch. Sind wir doch einmal gar in einen schnörkelnden französischen gerathen, und daß wir uns da heraus und zu besseren Vorbildern gearbeitet, rechnen wir uns an wie eine Originalschöpfung. Erst beklagt unser Klima, das sieben Monat ordentlichen Winter und außerdem zwei Monate außerordentlichen hat, dann beklagt unsere Kunst, daß sie keine eigenthümlich schönen, selbstständigen Gebäude erfinden kann. Wir kennen 422 noch keine Architekturschönheit ohne Luft- und Himmelsblicke, ohne Luftfreiheit, dergleichen können wir aber gar nicht brauchen, wenn wir nicht Schnupfen und Rheumatismen anbaun, oder Gebäude hinstellen wollen, die blos zum Ansehn aus der Ferne sind. Ein wirklich nordischer Geschmack war also nur der gothische Bau, eine wirklich selbstständige, nationale Erfindung; aller andere Stil ist nur mehr oder minder glücklich nachgebildeter Geschmack, und wir haben sonst noch immer keinen Stil, als den für den Süden, für Länder wo es warm, und die Erkältung nicht das dritte Wort ist, wie bei uns. Können wir mit Oefen und Witterungsrücksichten einen großen Stil haben, so soll es uns lieb sein, bis jetzt ist er noch nicht da. Man hat Schinkel den Bramante Berlins genannt, und hinzugesetzt, daß er den Italiener übertreffe; sicherlich ist er bis jetzt der geschmackvollste Baumeister Berlins. Das Glänzendste im Innern des Schauspielhauses ist der Concertsaal, welcher in prächtiger Weiße 423 schimmert, und wo die Künstlerbüsten aus vielen Nischen in's moderne Licht hereinsehn. Das Theater selbst ist sehr behaglich und ohne Prätension hübsch; die Novelle passirte aber nicht hier, sondern in dem dunkler und anspruchsvoller geschmückten Opernhause. Als ich in die Loge trat, saß vorn an der Brüstung eine verschleierte Dame. Sie war schwarz gekleidet, in ein großes Umschlagetuch gehüllt und verhielt sich ganz still, übrigens war die Loge noch leer. Sie glauben gar nicht, wie entschlossen stolz und abweisend die Weiber Berlins waren, als die Franzosen im Jahre 6 und im Jahre 12 hier einrückten; aber lieber Gott, das Weib ist schwach, sagt Salomo; es waren schöne Leute bei der großen Armee, ein schöner Italiener hat besonders viel Liebe angerichtet. Solch ein Soldat hat doch auch wahrhaftig nicht Zeit, sich um Alles zu kümmern, das kommt, das geht. Hulda hieß das Mädchen, was 1814 ganz klein war, sie hat ihren Vater ihr 424 Lebtag nicht gesehen, und den fremden Namen hatte sogar die Mutter vergessen. Aber das Mädchen wuchs doch schlank auf, hatte dunkle Augen, und weil sie halb italienisch Blut war, trug sie im Körbchen Orangen umher, und mit der Zeit war sie die hübsche Orangen-Hulda. Sie kam eines Tages in ein schönes Parterrezimmer unter den Linden, in eins der chambres garnies , wo noch heute bewegliche Garçons zu finden sind. Ein langer junger Herr saß in seidnem Schlafrocke auf dem Sofa und frühstückte, obwohl es schon elf Uhr war. Er stand spät auf, und die Orangen paßten noch nicht recht, obwohl ein warmer Sonnentag draußen auf den Linden glitzerte. Aber ein hübsches Mädchen, wenn es auch ein schmutzig kattunen Fähnchen trägt, und der Teint vom Straßenleben sonnverbrannt ist, paßt einem frischen jungen Herrn immer. Und Cäsar war sehr hübsch und sehr munter. Hulda mußte sich zu ihm setzen und ihre Geschichte erzählen. Auf dem Tische lagen ungezählt in Häufchen große und kleine Goldstücke 425 unordentlich umher – »ich habe kein Silbergeld, schöne Hulda, für Deine Orangen; nimm Dir da ein Paar Goldstücke, und setz Deinen Vorrath hin!« Hulda hat in ihrem Leben erst ein einziges Mal solch ein Goldstück in der Hand gehabt, um es für einen reichen Herrn wechseln zu lassen, und sie war damals förmlich erschrocken, als sie so viel Thaler und Achtgroschenstücke für das gelbe Ding erhielt. Sie hatte seit der Zeit jene angenehme Furcht vor Goldmünzen, welche ein verliebtes Mädchen empfindet, wenn sie an den nahen Hochzeitstag denkt. Cäsar war ein Spieler; er reis'te Ostern und Michael nach Leipzig zur Messe, im Sommer nach Dobberan, oder wenn das Jahr sich arrangirte, gar bis hinaus nach Baden-Baden. Den Winter vertändelte er mit diesem und jenem Privatjeu in Berlin. Es machte ihm Spaß, aus dem armen Orangenmädchen eine schöne Dame zu machen, er nahm sie sogar einen Sommer mit nach Dobberan, und hatte die Dreistigkeit, sie in der Badeliste seine Geliebte 426 zu nennen, und in Berlin offen und ehrlich am hellen Tage Arm in Arm mir ihr spaziren zu gehn. Die Spieler sind unsere modernen Rinaldinis, großmüthig, dreist, nach Umständen liebenswürdig, auf gute Manier von fremden Börsen lebend, und weil sie nichts Anderes sein können, starke Geister. Ich empfinde eine Art Respekt, ich staune den Muth an, wenn ich solch einen Gentleman des dreisten Stegereifs offen und ehrlich mit seiner Maitresse promeniren sehe; er genießt auch den Frühling im Thiergarten, spricht mit seinem Mädchen über die Schönheit der Witterung, ein Familienbezug zwischen ihm, zwischen dem Mädchen und der Welt existirt nicht, ein innerer Bezug zwischen ihm und dem Mädchen ist ebenfalls nicht da; morgen kann er ein ganz anderes eben so führen, sie kann von einem ganz anderen eben so geführt werden; sie sind eben eine Gestalt mit einer anderen, welche diesen Augenblick Sinne für einander haben, und äußerlich eben so aussehn, wie alle übrigen Leute, die eine 427 durchwirkte, beziehungsreiche Geschichte der Gegenseitigkeit haben und am Arme umherführen. Dieser Respekt, den ich empfinde, kann ein ganz falscher sein, es imponirt aber Alles, was man außer der Gesellschaft dreist und selbstständig auf sich beruhen und bestehen sieht. Der Mann hat vielleicht eben nur den leichten Sinn, keine Gedanken zu haben; er vergleicht nicht, und eine bürgerliche Schaam ist nur möglich, wo eine Vergleichung geweckt wird, es ist nicht die stolze Frechheit, ein eignes, einzelnes Recht sich anzumaaßen, denn dazu gehören auch Gedanken, es ist nicht die Freiheit des stolzen Menschen, der kein Opfer bringen will, es ist vielleicht nur die brutale Sorglosigkeit. Ob ihn die Leute kennen oder nicht kennen, was kümmert's ihn! Kennen sie ihn, so wissen sie: das ist seine Maitresse, das macht in der großen Stadt Jeder so, der das Geld dazu hat. Ob die andern Leute zu ihrer Begleiterin etwas Anderes sagen als das Nichts, was er der seinigen sagt, was kümmert's ihn! Er weiß davon nichts, er hat kein solches 428 Interesse und er weiß auch, daß es ein Wort gibt, welches Vorurtheil heißt, und über welches sich starke Geister hinwegsetzen. Er weiß, daß er bequemer lebt, als andere Leute, und darum ein starker Geist ist; ob dies bequemere Leben aus einer Operation seines Geistes entspringt, oder aus dem Zufalle, dem Leichtsinne, das ist ihm einerlei. Item, Hulda ward in dieser sorglosen Sinnenwelt geschaukelt, bis Cäsar eine hübschere fand, ihr seine Wohnung bis zum Ablaufe des Monats überließ, wo anders hin zog, mit einer Andern promeniren ging. Sie konnte ja wieder Orangen herumtragen; es waren mehrere Goldstücke im Sekretair liegen geblieben; sie konnte machen, was sie wollte. Dies Mädchen nahm sich das zu Herzen, wie man sagt, kaufte sich einen schwarzen Schleier, ging einsam spaziren, machte die Bekanntschaft einer alten Gräfin, die sehr fromm ist, zog zu ihr, ging nur verschleiert aus, und da sitzt sie – diese Dame in der Loge ist Hulda. 429 Der Herr, welcher mir leise aus der rechts angrenzenden Loge dies erzählt hatte, wies mit dem Stöckchen auf sie. In diesem Augenblicke entstand lebhaftes Geräusch an der Thür, ein schöner Herr mit einem schwarzen Backenbarte trat mit einer Dame ein. Die Dame setzte sich vorn neben Hulda, der Herr hinter seine Dame. Er schwatzte sehr lustig mit ihr, und die verschleierte Hulda sah sich nur ein einziges Mal flüchtig nach ihm um. Im Parterre stand ein junger Mensch, der unverwandt nach der Loge und nach Hulda's Schleier blickte. Es war ein Student bärtigen Angesichts, im bloßen Halse, mit einer großen Brille auf der Nase. Ein blondes Madonnengesichtchen saß neben ihm, die Tochter seiner Wirthin, das Mädchen verehrte und liebte ihn, er nahm aber aus Grundsatz wenig Notiz davon, und sagte dies auch mit vielen Redensarten täglich dem blonden Kinde. Aber just wegen der Redensarten verstand sie ihn nicht recht, lächelte dazu und litt ein wenig. 430 Guido nämlich war aus der Provinz, und hatte vielerlei schwierige Dinge eifrig studirt, mitten aus diesen heraus war er in die große Stadt gerathen, und um recht großstädtisch zu sein, dachte er sich alle Verhältnisse derselben erstaunlich groß. Solch 'ne kleine Neigung zu einem Bürgermädchen war ihm das unbedeutendste Sandkörnchen einer Hauptstadt, sie mußte sich seines Erachtens verlieren wie ein Tropfen im Meere, sonst hielte sie ab, trennte von der stürmischen Allgemeinheit, machte kleinstädtisch. Dazu gerieth er obenein in die Lektüre moderner Schriftsteller, und stellte die dreisten Forderungen derselben auf die Spitze; nichts von Reiz und Glück, dessen ein junger Mensch nur habhaft werden könnte, wollte er sich entgehn lassen. Nur um Gotteswillen nicht am Einzelnen kleben, um Gotteswillen nicht von einer Spezialität sich verschlingen lassen, die Spezialität möge sein, was sie wolle. Zu diesen auseinandergehenden größtstädtischen Tendenzen brachte er leider die kleinststädtische 431 Gewohnheit; seine Spekulation; die er sich anlernte, war dreist und sorglos, sein eigentliches Wesen aber war schüchtern. Er hatte Hulda am Arme Cäsars gesehen, er hatte sie schön gefunden, er wollte ihr seine Maximen vortragen, ging ihr zu Gefallen, versäumte seine Studien, hatte aber nicht den Muth zu einer Anknüpfung. Er sah sie allein promeniren, als sie von Cäsar verlassen war, er vermuthete die größte tragische Heldin, er schwärmte in Kombination und Plänen; warum sie ihn nur nicht anredete! In fünf Minuten hätte sie sein ganzes System gewußt, in zehn Minuten wäre sie mit ihm einig gewesen, denn mehr Zeit mußte für eine Dame der großen Welt, für einen jungen Helden der neuen Welt nicht nöthig sein. Sie that es leider nicht, sie war noch nicht genug modern ausgebildet. Du mußt ihr schnell die letzten Aufschlüsse über Menschenverkehr geben, gleich bei der ersten Begrüßung, dachte er, wenn sie nur wenigstens einmal grüßte. Himmel, was ist sie interessant, in diesem schwarzen Thränenschleier, sagte er zu sich im Parterre, 432 wie vornehm und wie unglücklich mag sie sein, und gewiß um die Kleinigkeit der Liebe zu einem einzigen Menschen. Mit zwei Worten könntest Du sie bilden und aufrichten, heut willst Du's thun! Aber, lieber Guido, warum antworten Sie mir denn gar nicht? fragte das Madonnengesichtchen – Liebste, wie kann ich mich im Opernhause so vereinzeln, die hundert Eindrücke und Lockungen ringsum wie ein beschränkter Barbar ignoriren, wir können ja zu Hause reden – traurige Beschränktheit! Es war ein prächtiger Sommervormittag in England, die Sonne warf eben die aufgestiegenen Nebel aus den höheren Luftkreisen und fiel mit jubelndem Glanze auf die hohen Bäume eines Parkes und auf die sammtgrünen Rasenplätze desselben. Zwei junge Damen, welche dort ihr Frühstück verzehrten, setzten ihre Strohhüte auf, und die eine sprach. Es wird warm, Flipp; warum zögern wir, nach Deutschland zu gehn, und uns Männer zu suchen 433 in der Nation, die uns interessirt, weil wir ihre Literatur verstehen. Es ist hier Alles todt, was uns band, die Deutschen sind transcendental und doch auch witzig, sie sind die besten Ehemänner. Yes , Mab, sprach die angeredete, und sie reis'ten auf der Stelle nach Deutschland, kamen in Dobberan an die Bank, und Mab verlor tausend Pfund und ihr kleines Herz an Cäsar. Man ging nach Berlin, um Hochzeit zu machen; Polterabend war ihnen nicht wünschenswerth, und so kamen sie in die Theaterloge, und Mab setzte sich neben Hulda. In der Nebenloge links saß eine starke Dame mit stolzem Federhute; der Ausdruck ihres Gesichts war sehr verdrießlich, wenn sie aber grüßte, – und dies geschah nach einigen Seiten – so lächelte sie süß auf saurem Grunde; die Begrüßten erhielten ein Glas Essig, aber ein Stückchen Zucker dazu, was sie in den Mund nehmen konnten. Die Dame war von Stande, und war nur des Winters in der Hauptstadt, im Sommer gebar sie ihre Kinder und erzog sie, und ging in's Bad, um eine schlechte 434 Taille zu konserviren. Sie war grau und gelb gekleidet, was man sagt sehr recherchirt, und hatte einen außerordentlich großen Opernkucker. Lange Zeit sah sie gegenüber auf einen leeren Platz, und es stand der Physiognomik nach Alles zu befürchten für den schüchtern hinter ihr stehenden magern Gemahl. Endlich erschien ein kompakter Dandy auf dem leeren Platze, die Dame setzte nun ihren Opernkucker auf die Brüstung, und sagte, beinahe lächelnd, über die Schulter zum Gatten: Der Baron hat wieder die schönste Weste im ganze Hause – ja, meine Geschätzte, oui, oui, immer besten englischen Gout – A propos englisch, sagte die Gattin, und erkannte jetzt Cäsar, und winkte mit der Fingerspitze, sein Ohr zu nähern. Sie wollen solid werden, Vetter, hör' ich, und eine reiche Engländerin heurathen? Cäsar lächelte blos. Sie Schalk! Viel Geld? Er nickte. – Aber die Familie? Er zuckte mir den Achseln. – Besuchen Sie uns auf dem Lande gelegentlich. 435 In dem Augenblicke wendete sich Mab zu ihr herum, die Dame griff nach ihrem Opernkucker, und Mab stand dicht an der Batterie. Zu ihrer Schutzwehr streckte sie die Zungenspitze ein klein wenig über die Lippen heraus und parirte damit. Mab sagte dann zu Cäsar, er möge ihr ein Glas Eis besorgen. Ein junger, etwas verlebt, aber interessant aussehender Mann trat für einige Augenblicke in die Loge. Er schließt sich mit einem sehr langen, sehr nachgiebigen Bande von Amtlichkeit entweder an's Auswärtige, oder an's Kammergericht oder an die Regierung, die in Potsdam ihre Sessionen hat, ich weiß es nicht, aber er hat immer Zeit zu seinem Vergnügen, aber nicht immer Interesse genug, er kennt alle hübschen Mädchen, alle Opern, alle Weinhäuser, er wäre blasirt, wenn er Geist und Anspruch genug hätte, dies zu sein, und so geht und lacht er halb interessirt weiter. Er begreift es nicht, wie 436 man in der einförmigen Provinz leben kann, er reis't auch nie. Wenn ich nicht irre, lebt er vom Kapitale seines bereits sehr angegriffenen Vermögens, wenn das zu Ende sein wird, lebt er noch eine Zeit lang vom Kredite desselben, was dann kommt, das findet sich, hält er's in der Misère nicht aus, so schießt er sich eine Kugel durch den Kopf. Das neue Gesicht Mab's hatte ihn diesmal in die Loge gelockt – »er will sie, oder richtiger, sie will ihn wahrhaftig heurathen? Nun, das muß ich sagen, die englischen Guinéen werden unser jeu animiren. Nicht übel, gar nicht übel! Schönes Profil. A propos , Doctor, was sagen Sie zur Minna im Cirkus draußen? Straf mich Gott, das ist ja Hulda, die der Cäsar einmal hatte, ich erkenne sie am Nacken! Nun, das ist viel Liberalismus, diese beiden neben einander zu setzen, Hulda erzählt ja im lebhaften Feuer, und die Engländerin hört andächtig zu. Ob sie ihr die Nächte schildert, wenn wir bei Cäsar spielten, und sie Punsch einschenkte? Wahrhaftig in Gott, das ist bemerkenswerth!« 437 Er ließ die Lorgnette am Bande hinunter fallen und ging lächelnd. An der Thür begegnete ihm ein Officier. – »Wer ist die Dame mit dem englischen Gesichte? straf mich Gott, ein Vollblutgesicht, Sie kennen meine Fuchsstute, die Kitty, finden Sie nicht eine sprechende Aehnlichkeit? Eine komplett neue Erscheinung, sprechen Sie!« Die Thür fiel in's Schloß, man hörte Cäsar hinzutreten, hörte Lachen und Bewegung. Und über all dies zerknitterte Flittertreiben rauschte und wogte eine lebendige Opernmusik, die Tänzerinnen mit den kurzen, aufgebauschten Röckchen drehten sich und ihr stehendes Lächeln umher. Die große Oper, welche der Klassiker so vortrefflich findet, ist sehr geschickt erfunden für die große Welt im besseren Sinne des Wortes. Sie ist nicht da, um bestimmte, gesonderte Eindrücke, gesammelten Nachdruck einer Situation, eines Charakters 438 hervorzubringen, sie soll nichts sein, als ein großer bewegter Hintergrund, eine Anregung, eine beliebige phantastische Welt neben der begrenzten, abgezirkelten Welt der bürgerlichen Gesellschaft. Die Fülle, der ungezählte Glanz, der mannigfache Reiz, Alles, was einzeln in gewöhnlicher Form nicht bewilligt ist, der ganze leichtsinnige Apparat der Sinne flüchtet sich in ein Ensemble hierher, und ist in den geordneten, den fleißigen, den mit Geschäft und Spekulation überladenen Leuten eine Erholung, man giebt sich einmal ohne Nachdenken der himmelblauen Woge des Beliebigen hin. Ihr wundert Euch, daß geistreiche, daß bedeutende Leute öfters in der großen Oper zu finden sind, als im Schauspiel, die gelernt dogmatischen oder nachsprechenden Kritiker haben ihr gerechtes Aergerniß an der großen Oper – seht doch tiefer hinein. Der Staatsmann, der Denker, der Dichter, der aus Geschäften Hervorkriechende, was findet er bequemer? Die bunte Farbenwelt einer wechselnden Oper ober das dürre Gerüst eines 439 Drama's, was über abgestandene Interessen des Gedankens erbaut ist, worin er noch alle die Latten des beschwerlichen eignen Treibens wiedersieht, was er eben selbst verlassen hat? Erst wenn Ihr ein Drama erfunden habt, welches den wirklichen schönen Kern, den Aetherschaum unseres Lebens gefällig darlegt und damit reizt, dann fordert die Theilnahme der bewegten, großen Welt dafür. Und daneben laßt der mächtigen Stadt diese Geburt der freien Phantasie, die Schöpfung des Blutes, was in den Adern hüpft, was Glanz und Reiz und bunte Fernsicht wünschet, laßt ihr Oper und Ballet. Sie sind die heitere Verspottung der Convenienz, der engen Regel, der Polizeilichkeit, man sieht, man hört, man träumt, man läßt den Sinn spielen, man vergißt, man ist nicht in Anspruch genommen und doch nicht müßig, man empfängt Mährchengebilde, phantastische Reiche. Womit könnt Ihr das sonst zu Stande bringen? Etwa mit Raupach oder mit der Orthographie? Geht! 440 In unsrer Loge war auch sehr unerwartet ein Mährchengebild empfangen worden. Mab blieb bis zu Ende der Oper die Liebenswürdigkeit selbst gegen Cäsar; als man aufstand, um fortzugehen, als Cäsar mit schäkernder Sicherheit ihr den Arm bot, lächelte sie, deutete auf Hulda, hob dieser den schwarzen Schleier auf, und sagte: Lieber Cäsar, diese Dame ist so hübsch wie ich, und die Oper hat mir unerwartete Nachrichten aus England gebracht, ich reise sogleich und habe keine Zeit zum Heurathen. Damit schlüpfte sie nach der Thür. Cäsar, man muß es gestehen, war ein Mann von Fassung, er hatte sich daran gewöhnt, mit einer einzigen Karte Alles umschlagen zu sehn, er sah Hulda lachend an, bot ihr den Arm und sagte: Du hast dies wahrhaftig gescheidter angefangen, als ich Dir zugetraut hätte. Vor der Logenthür war wirklich der Student aufpostirt, und er gab sich mühsam ein Ansehn, als ob er Muth hätte. Mab fragte ihn schnell, ob 441 er englisch verstünde, er antwortete in der Geschwindigkeit »Bitte recht sehr,« ob er sie hinunter zu ihrem Wagen führen wolle? Da diese Frage ebenfalls englisch geschah, so antwortete er noch einmal dasselbe; Mab's Diener war aber zur Hand, und sie verschwand mit diesem. Hulda ging an Cäsars Arm vorüber, es war dem Studenten zu verzeihn, daß er sich nicht schnell orientiren konnte. Die starke Tante trat auch aus der Loge, lächelte entschieden süß dem herbei eilenden Baron entgegen, und fragte, auf Hulda weisend: Ist denn diese die Engländerin? Nein, meine Gnädige, dies ist eine parvenue , ein Orangemädchen von Geburt. Fi donc, mon époux, wandte sie sich zum schüchternen Gatten, zu welchen Betisen verleiten Sie! Die arme kleine Madame im Parterre war durch das moderne Streben ihres Begleiters ohne Führung, der zweifelhafte Referendarius, welcher einen Augenblick in der Loge gewesen war, hatte dies mit seiner guten Lorgnette bemerkt, er eilte hinzu, bemächtigte sich ihres Armes, tröstete, und unterrichtete sie. 442 Der Student, als er sich allein auf der Straße fand, begriff äußerst deutlich, daß es zur völligen Modernität und zum Leben in der großen Stadt unerläßlich sei, englisch zu verstehen. Er nahm sich das ernstlich vor, und als er auf Umwegen spät nach Hause kam, fand er seine Wirthin und das Ausbleiben der Madonnentochter sehr sonderbar. 443     Potsdam. Die Leute haben sich etwas Wegwerfendes über Potsdam angewöhnt, weil es nur das Komma sei, was zu Berlin, der Residenz gehöre. Ich bin immer ganz andrer Meinung gewesen, ich habe nie begriffen, warum Potsdam nicht Berlin sei: es ist an einem See, an der bedeutenden, direkt in die Elbe mündenden Havel gelegen, es hat eine schöne Gegend, und ist vier kleine Postmeilen näher am deutschen Reiche. Man vergleicht es gewöhnlich mit Versailles, und der französische Geschmack, in welchem Anlagen und Schlösser erbaut sind, das Residenzverhältniß berechtigt vollkommen dazu, aber als 444 Position ist Potsdam viel mehr als Versailles. Versailles ist blos ein Audienzsaal, Potsdam kann eine Handelsstadt sein; die Kaufleute sagen: wenn die Eisenbahn fertig ist, so wird Potsdam der Hafen von Berlin. Ich verschweige indessen nicht, daß erfahrene Leute die anspruchslose Spree der Havel vorziehn, sie ist ein bescheidenes, stets zuverlässiges, stets fahrbares Wasser; die Havel wird am meisten von den Malern verehrt, Malerei und Schifffahrt harmonirt doch aber selten in den Ansprüchen. Ich war immer nur mit der Post durchgefahren, und kannte nur einen Ausschnitt dieses Seethals, jetzt wollte ich mir einen ganzen Potsdamer Tag machen, da die Maisonne schien und Pfingsten etwas Besonderes verlangte. Es ging rasch über die Berliner Gebirge – westlich von Berlin steigt auf aus gutem Streusande der Kreuzberg, welcher die Eisenpyramide der Befreiungsschlachten trägt; dessen Verlängerungen beunruhigen das Dorf Schöneberg mit kleinen Hügeln, und jeder Postillon klagt darüber; Schöneberg mit seinem Bergwappen im Namen ist 445 einzig weit und breit; nur ganz unaufmerksame Reisende übersehen diese Berge völlig. Es erinnert mich diese Gegend bis an den Wald von Potsdam, welche man in Ermangelung eines geringeren Ausdruckes Gegend nennen muß, an alte Damen welken Antlitzes, die auch existiren wollen, aber der Frühling mit Saat und frischem Laube hat ihnen so viel Kouleur gegeben, daß man ungestört vorüberziehen kann. Alsdann beginnt ein wirklich hügliges Land mit bewaldeten Bergen und dunklen Seen, und wenn sich die Höhe hinunter öffnet nach Potsdam selbst, so sieht man überrascht eine andere Welt: ein See, eine prächtige Brücke drüber hin, Bergeshänge rings umher, darauf Lustschlösser alten und neuen Stils, Thürme, Palläste, lieblich verstreut, nicht massenhaft aber mannigfaltig entgegentretend – die Welt Friedrichs des Großen. Er ist bekanntlich in Berlin immer nur zum Besuche gewesen, und hat in Potsdam gewohnt. Diese Stadt mit ihren Kanälen, Brücken, stolzen Straßen und Gebäuden ist eine Schöpfung Friedrich Wilhelms 446 des Ersten und besonders seines Sohnes, Friedrichs des Großen. Er hat ganze Straßen erbauen und die Häuser dann vertheilen lassen, nichts ist so theuer in Potsdam als der Mensch; denn eigentlich voll ist es noch immer nicht, obwohl auch die folgenden Regenten es reichlich bedacht haben. Das ist ein Naturgesetz, was Niemand brechen kann: wo Viel ist, da sammelt sich auch mit Leichtigkeit Mehr, der große Staat, die große Stadt entziehen den benachbarten kleinen auch das Verhältnißmäßige, weil die Anziehung in geometrischer Progression wirkt neben der arithmetischen alles Mittelmaaßes. Anfänglich war das überwuchernde Binnenwasser zu überwinden, was die Gegend in Sumpf und Bruch verdünnte; dies ist besiegt, und aus dem Siege wuchert jetzt eine um so reichere Gras- und Baumvegetation; später müßte Berlin überwunden werden, und die Hoffnung darauf hält wohl noch eine zeitlang vor. Was man übrigens erzählt hat, daß manche Straße Potsdams blos Façaden enthielte, hinter welchen kein eigentliches Haus zu finden 447 sei, das ist eine Verläumdung. Wenn auch nicht viel dahinter ist, ein Haus und ein Bewohner doch. Vielleicht in dieser Ideenverbindung heißt das erste Gasthaus »der Einsiedler«, das bescheidenste und angemessenste Schild, wenn man Langeweile und schlechte Bedienung finden sollte. Uns wurde es besser, der Tag hatte sein Ereigniß: die Prinzessin Helene von Meklenburg war eben eingetroffen auf ihrer Reise nach Frankreich, wo sie Ludwig Philipps Sohn, den Herzog von Orleans heurathen wollte. Da gab's Vergleiche und Muthmaßungen in Fülle, das Schicksal der deutschen Prinzessinnen in Frankreich, der Anna von Oesterreich, der Marie Antoinette, der Marie Luise kam in Rede, und der Muth einer neuen Braut ward hin und her besprochen. Angesichts jenes Paradeplatzes, nach welchem man unglücklich spöttisch Friedrichs des Großen Armee die Wachtparade von Potsdam genannt hatte, sind politische Combinationen zuerst am Platze, und man läßt sich an der Wirthstafel im Einsiedler mehr als anderswo gefallen. Es cirkulirten Briefe von der 448 muthmaßlich nächsten Königin von Frankreich, welche von einem fest gebildeten Charakter zeugten und von ungewöhnlicher Theilnahme an Literatur. Ein politischer Enthusiast aus der Priegnitz war zugereis't, um sie zu sehen, er war sehr unruhig, und trieb, hinüber auf den Paradeplatz zu eilen; »der erste Stock, wo eben Kour gehalten wird, ist niedrig, man kann sie am Fenster erblicken, und bedenken Sie, welch eine wichtige historische Figur kann die Dame werden! Man müßte sich später Vorwürfe machen, hätte man's versäumt. Hätt' es oft haben können, Meklenburg ist nur einen Katzensprung von mir, aber bis jetzt waren ja nur die Pferde Meklenburgs ein historischer Moment, ich thörichter Mensch, aber lassen Sie uns eilen.« Das Schloß in der Stadt ist ebenfalls, wie alles Uebrige, in französischem Geschmacke erbaut; durchbrochne Säulengänge umkreisen es und bilden die interessanten Durchsichten, rahmen die artigen Bilder der Umgegend ein, werfen ein belebtes Schattenspiel auf die Gebäude. 449 Allerdings hat diese Bauweise etwas vom Detailgeschmack der Chinesen, der Stil ist nicht groß und erhaben, aber es ist ein Stil, und ein ächter. Der Anfang des modernen Lebens unter Ludwig XIV., wo sich die Geschichte aus der überlebten Allgemeinheit in tausend neue Besonderheiten rettete, ist darin ausgeprägt; das spielende Gefallleben, was doch Millionen kostete, das Kokettiren mit Gelehrsamkeit, was doch geistreich war, die moderne Bequemlichkeit, die doch auch glänzen wollte, es ist Alles ausgedrückt in diesen niedrigen aber steinernen Häusern, die halb Fenster, halb Durchsicht sind, in diesen Zimmern, welche mit hundert kleinen Goldleisten und Schnörkeln die Summe verbergen, welche darauf verwendet ist. Möge der Werth dieser Bauweise herabgesetzt sein, sobald man den Maaßstab des klassischen Geschmackes daran legt, sie behält immer den Werth des Charakteristischen, und sie ist mir darum oft interessanter als manche jetzige, weil sie doch 450 wirklich ein wahrer Spiegel ihrer Zeit, weil sie deshalb ein wirklich lebendiges Gesicht ist. Jede Nachbildung, auch die des sogenannten Klassischen ist eine schöpferische Armuth – wir müssen so lange betteln, bis wieder ein überwältigendes Dogma durch all' unsere Lebenskreise gebrochen ist. Was hilft es Euch jetzt Kirchen und Schlösser zu bauen! seid noch so rein gothisch oder byzantinisch, oder so geschickt durcheinander griechisch, römisch und italienisch, ein wirklich herrschend Gebäude bringt Ihr nicht zu Stande, denn die heutige Weltseele ist noch zersplittert; erst wenn alle die Einzelnheiten wieder zu einem Glauben verdichtet sind, erst dann werdet Ihr ein Haus finden. Denn auch das Haus muß mitten aus der Seele einer Zeit wachsen, wenn es ächt und gewaltig sein soll. Jetzt baut Ihr nichts als Studien, und in diesem Betrachte mögt Ihr Klenze loben, daß sein Talent eine gebieterische Darstellung im Ganzen zu bilden versteht, und mögt Schinkel preisen, daß er im Einzelnen fein und schön zu ordnen weiß; Originale habt Ihr nicht. 451 Bildende Talente, bearbeitende Talente gehen jetzt durch alle Fächer unsrer Geistigkeit, durch die Kunst der Schrift, durch die Kunst der Farbe und des Steins und durch die Kunst des Tones, aber das Genie ist noch in den tausend neuen Atomen unsrer Zeit verstreut, es hat noch keinen Leib gefunden. »Das ist sie! Nein, auch nicht – aber dieser Rücken gehört ihr! Nein, nein!« Der Priegnitzer hatte viel Noth, wir sahen vom Paradeplatze aus den Hof an den Fenstern stehn, oder in den Gemächern hin- und herziehn, aber die Dauphine ließ sich nicht entdecken; endlich verschwand Alles zum Dejeuner, und der Priegnitzer ward schwermüthig. Er ließ sich in eine Verschwörung mit dem Lohnbedienten ein, um ein Attentat des Anblicks auszuführen, wir aber fuhren nach dem neuen Schlosse hinaus, was jenseits Sans souci hinter einem weiten, grünen Parke liegt. Friedrich der Große hat es nach dem siebenjährigen Kriege erbaut, um der Welt zu zeigen, daß er noch stark bei Kasse sei, und es ist wirklich das brillanteste Schloß von allen. Drei 452 Damen, welche rücksichtslos aller Welt das hintere Profil zeigen, tragen auf dem Gipfel des Schlosses die Krone. Sie sind eine verkörperte Anekdote des alten, derben Herren, dem die Weiber nicht mit Liebe aber mit Haß viel zu schaffen gaben, und der deshalb statt der Sonette Witze auf sie zu machen pflegte. Bekanntlich soll er einst zu seiner Wirthin in Leipzig, als er das Winterquartier bezog, gesagt haben: Wie soll's Einem gehn, der zwei Weiber auf dem Halse und die Franzosen obendrein hat! Und hier auf dem Gipfel des neuen Palais soll er denn auch zu Trägern seiner Krone die Maria Theresia, die Katharina und die Pompadour erwählt haben. Die artigere Deutung von heute sagt natürlich, es seien die drei Grazien. Nur in der Manoeuvrezeit hat er hier gewohnt, und seine Generale beherbergt. Ich erzähle nichts von den prächtigen Sälen, von der stillen poetischen Aussicht – auf der einen Seite stehen jenseits eines großen Platzes als Vorhallen dieses Schlosses zwei schlanke Schlösser, zu welchen hoch hinauf kühn 453 gewundene Steintreppen à jour gefaßt springen, ein hohes gedankenleichtes Portal verbindet sie, und rahmt in seiner runden Lichtung das fernehin laufende grüne Land zum luftigsten Bilde. Vom Schlosse aus, was nur lange Fenster zu Thüren hat, sieht man hindurch in den ruhigen Abendglanz, Wölkchen segeln, die Havel mit Schiffen glänzt am Horizonte, die lebendige Tagesruhe lagert frei und lockend vor dem Auge. Auf der andern Seite schlummert ein grüner Platz bis an den grünen singenden Park nach Potsdam hinüber. Mitten darin schläft das kühle Marmorhaus mit Rauch's schneeweißem Steinbilde der Königin Louise. Dies tadellose Kunstwerk, eine moderne Göttin, die von einem lachenden Himmel träumt und keinen Tod kennt, erfrischt wie das Weben einer andern Welt. Als die Franzosen nach Potsdam gedrungen sind, ist ihnen dieser stille Tempel lange Zeit völlig entgangen, die Bäume haben sich so hoch und so dicht mit ihren Aesten drum geschaart, um dies Heimathsgut vor Fremdlingen zu schützen, daß Niemand das 454 Dasein dieses Heiligthums geahnet hat. Ein Potsdamer soll es verrathen haben. Mein Interesse ging nur auf die Zimmer des alten Friedrich. Auf gleicher Erde sind sie in einer Ecke des Schlosses, eben auch nur eine bis unten gläserne Glasthür trennte den König von demjenigen, der hier promeniren wollte. Ein Paar Schritte nur von des Königs Fenstern schwanken die grünen Sträucher und Aeste des Parks, fast unmittelbar im jungen Walde saß er und regierte. Ich muß gestehn, daß ich bei diesem ungemeldeten Besuche den alten Fritz ganz anders gefunden habe, als ich mir vorgestellt hatte. Man trägt vielerlei kindische Antipathien durchs Leben, deren äußere Narbe die Einsicht wohl schließen, deren eigentliche Wunde aber keine Belehrung heilen kann. So ist es mir immer mit Karl dem Großen und lange Zeit auch mit Friedrich dem Großen ergangen; jener behält stets etwas unbesiegbar Philisterhaftes für mich, und ich werde die Vergleichung eines stark gewachsenen Hausvaters nicht los, der im Hause eine 455 kurze Jacke trägt und den Tag über tüchtig wirthschaftet und kalfatert, Abends aber beim Kaminfeuer noch etwas Belehrendes aus der Postille vorlesen läßt; die Töchter und Dienstboten machen dabei Rüben rein fürs nächste Mittagessen, und Meister Karl schilt sie mitunter, wenn sie sich etwas zuflüstern und nicht recht aufpassen. Ehe sie schlafen gehn, examinirt er sie, dann zieht er sich eine Zipfelmütze über die Ohren, zieht die Schwarzwälder Uhr auf, stellt den Wecker, legt sich schlafen, und schläft, unbeweglich auf dem Rücken liegend, die Hände auf der Brust kreuzend, bis Morgens halb Vier der Wecker lärmt. Anders freilich, interessanter, aber unbehaglich dachte ich mir die Existenz des alten Fritz: der Spaniol, den er aus der Tasche schnupfte, das strenge Gesicht, die kurze schneidende Abfertigung, das immerwährende Beschäftigtsein, die dürren Windhunde an allen Ecken, das einsame Junggesellenleben, die französischen Bücher, das Französisch-Schreiben, der Krückstock, Alles zusammen schuf mir eine 456 Unbehaglichkeit, ein gewisser Eindruck der Dürre verließ mich nicht beim Gedanken daran. Die schlesische Heimath, wo er die meisten Verehrer hat, wie der Liebhaber von seiner Eroberung am meisten lieb gehabt wird, mochte wohl gegensätzlich dazu beitragen; wo man hinsah hing der Schimmelengländer mit dem alten Herren; ein Prediger meiner Vaterstadt, Buguvi, hatte vier magre Bände über den siebenjährigen Krieg geschrieben, die mußt' ich immer wieder lesen, wenn ich gern etwas anders gelesen hätte, ich verwünschte den siebenjährigen Krieg so gut ich konnte, obwohl ich nie begriff, wie man bei uns jemals hätte östreichisch sein können, obwohl mir die Oestreicher so fremd und fern vorkommen wie die Aegyptier. Ich hatte nun einmal die Antipathie. Als mir der Großvater erzählte, daß ihn der alte Fritz bei Glogau einmal umgeritten, und ich wegen des hartnäckigen Nichtbegreifens, daß dies eine angenehme historische Erinnerung sei, gar Prügel bekam, da nistete sich das Vorurtheil erst recht fest. 457 Später, bei genauerer Kenntniß dieses Geistes, der sich einem wie eine eiserne Stange in die Hand druckte, kam wohl der Respekt, aber mehr nicht. Hierbei mochte nun die Literatur mit einwirken, welche den Idealismus in uns prägte und keine Charakteristik verstand und gab; welche sich auch nebenher beschwerte, daß der alte König von unsrem Dichterfrühling keine Notiz genommen und immer nur die französischen Alexandriner gelobt habe. Noch später erstaunte ich über den schöpferischen Nerv des Mannes auf dem Schimmel, begriff ich das Ganze, Geschlossene seines Wesens aus seiner französischen Verstandesbildung – und dennoch war mir für diesen Besuch eine große Ueberraschung vorbehalten: ich fand die beiden Wohnzimmer des Königs behaglich, comfortable. Das hatte ich durchaus nicht erwartet. Alle Ueberlieferung ging auf cynische Gewohnheiten, und was entferntere äußerliche Umgebungen beträfe, dafür dachte ich mir die Repräsentativwohnung des geputzten Frankreich, in 458 der man sich nicht anlehnen darf, in welcher das Gemach wichtiger ist als der Bewohner. Nichts davon! Das Wohnzimmer des Königs im neuen Schlosse ist ein kleines lauschiges Kabinet, ein Arbeitstisch vor bequemem Sofa, bequeme Lehnstühle stehn an der Wand; handlich vom Sitze aus zu erreichen, lächelt die kleine Handbibliothek; ein großer zerwühlter Sessel für die Windspiele steht neben dem Kamine; eine Büste Ciceros winkt über der Thür; der Schatten des Gebüsches spielt im Zimmerchen umher; ein ganz behaglich deutsches Wesen webt und weht, die stille deutsche Muse lockt, sich niederzusetzen, deutsche Gedanken zu schreiben. Im kleinen Nebenzimmer steht der kleine Schrank, welcher sonst die unscheinbare Garderobe des großen Königs enthielt. Kein bescheidner Referendarius unsrer Tage, welcher einige Familienbekanntschaften hat, brächte seine Equipage darin unter; lachend hüpfen alle die kleinen Geschichten auf unsre 459 Schulter, daß für die gewöhnliche Benutzung nur zwei Beinkleider vorhanden gewesen, daß es einst ernste Debatten gegeben habe, ob ein neues angeschafft oder das alte gewendet werden solle. In einem kleinen Bezirke drängen sich diese Appartements, ein Schlaf-, Wohn-, Musik- und Audienzzimmer zusammen; von dem großen Schlosse hat der Herr für sich nur einen kleinen Winkel benutzt, aber dieser Winkel ist so gemüthlich deutsch, wie man ihn nur bei einem deutschen Schriftsteller suchen möchte, der Lieder und historische Romane schreibt, und von Durchreisenden eine Visite annimmt. Und es hat alljährlich zur Herbstzeit der Herr damaliger deutscher Historie selbst hier gewohnt. Ein kleines Theater, was in diesem Schlosse ist, hat mich eigenthümlich angemuthet: der alte Fritz nämlich hat hier oft allein gesessen, und einer Komödie zugesehn, höchstens hat er einige oder eine Anzahl der Offiziere und was eben vom Mannspersonale dagewesen ist, zugelassen, eine 460 Dame hat niemals ihre Toilette hier entfaltet in jener Zeit. Napoleon ist zweimal in diesem Schlosse gewesen, das zweite Mal hat er es ganz allein durchstrichen; bekanntlich hegte er stets ein großes Interesse für den alten Friedrich. Als Vandamme vielerlei weggenommen hatte an Kostbarkeiten und Merkwürdigkeiten, um Paris damit zu bereichern, befahl der Kaiser die sofortige Zurücksendung der Gegenstände. Sie waren schon in Magdeburg, und Vandamme, in äußerstem Grimme über den Befehl, versprach dem Schloßkastellane eine Kugel vor den Kopf, sobald er wieder nach Potsdam käme. Das Schicksal brachte ihn auch wirklich noch einmal hin, aber er war gefangen, und reis'te nach Sibirien. Der Kastellan hat seinen Kopf bis heute behalten. Auch die französischen Officiere bewiesen ein specielles Interesse für den alten König, wie es sonst gar nicht ihre Weise mit Ausländern ist. Der kleine Arbeitstisch des Königs ist mit einem graugelben Sammtstoffe überzogen, und mit einem 461 großen Tintenflecke gezeichnet, der dem alten Herrn einmal passirt ist – von diesem Tintenflecke hat sich der Franzose ein Stück ausgeschnitten, und dies derbe Facsimile als Beute mitgenommen. Einen kleinen Kanonenschuß abwärts, nach der Stadt zu, liegt auf dem Parkhügel Sanssouci. Als wir hinfuhren, begegnete uns der Priegnitzer, ganz in Schweiß gebadet, dem Lohnbedienten vorauseilend; er jagte im Schweiße seines Angesichts nach dem historischen Momente, nach dem Anblick der Dauphine. Zum Sprechen hatte er nicht Zeit, er deutete nur auf einen in der Ferne haltenden Sechsspänner, drückte mit einer Kreisbewegung des Zeigefingers aus, daß die Prinzessin Schlösser und Anlagen in Augenschein nähme, und flog fürbaß. Der Lohnbediente lächelte; ich fürchte, er trieb sein Spiel mit dem historischen Enthusiasmus der Priegnitz. Ich sage nichts von der bekannten Windmühle bei Sanssouci, sie existirt wirklich, und geht noch, wenn der Wind geht; auch ist sie ein monstreuses, 462 größtentheils gemauertes großes Ding, ein Denkmal plebejischen Eigensinns. Auch Sanssouci, wie ganz anders habe ich mir's vorgestellt! versteckt, bescheiden, unscheinbar, bürgerlich. Bescheiden ist es, aber die Bescheidenheit inmitten des größten Reichthums: der schönste Punkt von Nordostdeutschland, den ich noch gesehen. Terrassen heben sich vom Parke zu einem hohen Hügel hinauf, hier ruht es lächelnd, ein großer einstöckiger Pavillon mit Glasthüren, ein Sommerhaus, in welches die Wache hineinblicken konnte, um zuzusehn, wie man ein Reich schuf und regierte: Und doch hat keine recht aufgepaßt, es hat's dem alten Könige noch Niemand abgesehen und nachgemacht. Von diesen Fenstern, von dieser obersten Terrasse aus hinab über Wald, Wiese und Wasser bis an die im Mittag abschließenden Brauhausberge das geschlossenste Bild einer vollen, dicht besetzten Landschaft. Vorn unter den Terrassen, wo hinter dem Treibfenster die Weine Siciliens reifen, lachen die grünen Plätze und die weißen Statuen des 463 Parkes, links im Grunde treten neugierig Thürme und Palläste Potsdam's hervor, frischer Wald und dunkler Wasserspiegel locken das Auge weiter und weiter. Und wie wohnlich ist der alte Herr hier eingerichtet: ein großes Zimmer ist das seine, die Möblirung ist einfach, aber bequem, über dem Polstersofa hängt das einzige Bild, es ist der lebensgroße Gustav Adolph, in Rüstung herabblickend. Zwischen zwei Säulen hindurch, welche ein Vorhang verbindet, sieht man in einen breiten Alkoven, dort stand sein Bett, in welchem er nur fünf Stunden ruhte, am Kamin stand der Lehnsessel, in welchem er krank saß, auf's Thal hinunterblickte zum letzten Male, und mitten in einer warmen Sommernacht am 15. August 1786 verschied. Eine zierliche Uhr steht noch heut' im Zimmer, welche bei seinem letzten Hauche stehn geblieben und seit jener Zeit nicht mehr aufgezogen ist; sie weis't wie ein Todesfinger heute noch die Sterbeminute, fünf Minuten über ein Viertel Drei. 464 Solche Anzeichen, wenn ein Cäsar stirbt, rächen sich gern an unserm nüchternen Gesetze; wir erzählen sie und leben nüchtern weiter. Früher war der Sturm, ein Rabe oder Geier oder ein Himmelszeichen sehr beliebt, in moderner Zeit haben sich besonders die Uhren, die aus Genf und von Breguet in Paris, mit den Geistern associirt und spotten unsrer. Starke Menschen sterben nicht gern im Bett, der alte Friedrich verschied auch halb aufrecht, noch als zusammengeschrumpfte Leiche ein herrschend, gebieterisch Bild. Er soll seinem Kammerdiener befohlen haben, die entkleidete Leiche Niemand sehn zu lassen, und nur ein einziger Mensch, dem der Kammerdiener nicht wehren durfte, habe das Leichentuch auf einen Augenblick gelüftet. In diesen Zimmern steht noch Alles unverrückt, wie es der Herr verlassen hat. Der jetzige Kronprinz bewohnt öfters zur Sommerzeit die anstoßenden Gemächer. An das Wohnzimmer des allen Königs stößt ein kleines Bibliothekzimmer, was ganz mit 465 Zedernholz getäfelt ist, und die französischen Bücher enthält, von denen in all seinen Wohnungen ein Exemplar stand. Es gibt einen ganz eigenen Eindruck, wenn man auch die alten griechischen und römischen Bücher, unsre Schulfreunde, französisch vor sich sieht, Cicero de officiis als Cicéron sur les offices und Aehnliches, als wären die Herren aus Sekunda und Prima in gestickte Kleider und Perücken gerathen, um nach Hofe zu fahren. Wenn man mit dem Rücken nach der Aussicht vor Sanssouci steht, so ist des Königs Wohnung auf dem rechten Flügel des Hauses; das Eckzimmer des linken Flügels war Voltaires. In der Täfelung desselben hat der König all seiner Schalkslaune den Zügel gelassen: grüne Papagaien öffnen ihre geschwätzigen Schnäbel, Eichhörnchen knubbern umher mit ihrer Naschhaftigkeit, der magere Affe selber, der lüsterne und bewegliche, hüpft bald hier, bald da. Zum Erstaunen ist's übrigens, wie nah gerückt die berühmten Männer gewohnt haben, wenn sie 466 in Sanssouci wohnten: dies luftige Sommerschloß ist etwa zwölf breite Fenster und einige Glasthüren breit, wenn Einer aus seinem Zimmer heraustrat auf die Terrasse, so sah er den Andern, und wurde sicherlich gesehn. Es gehörte zu solcher Existenz die ganze Bewaffnung französischer Kultur, welche das kleine Esprituhrwerk den ganzen Tag über aufgezogen hält, jeden Augenblick die Tasche voll kleiner Gedankenmünze hat, und die deutsche und englische zurückgezogene, spinnende, ruhende Sinnigkeit nicht braucht. Solche Existenz gehört auch durchweg in diese à jour gefaßten Schlösser, die jedenfalls nur für einen König oder sonst große Herrn taugen, der Wachen ausstellen und sich vor Zudringlichkeit schützen kann. Aber auch unter diesem Schutze fehlt's an poetischer Verborgenheit. Die Wachen sind ja doch auch lebende Wesen, und die besten und tiefsten Einfälle und Stunden kommen dem Menschen nur, wenn sonst Niemand kommen kann, auch nicht ein gleichgültiger Blick, auch nicht die Möglichkeit eines 467 Blickes. Das Innerlichste ist schamhaft, was nur im Dunkeln heraus tritt; so ist das Herz, so ist das Herz des Geistes, denn der Geist, welcher in Deutschland Geist genannt wird, hat auch ein Herz. Dies harmonirt aber genau mit der französischen Wohn- und Lebensweise jener Zeit: der Geist war nur ein Gesellschafter, auch wenn man in eine sogenannte Einsamkeit ging; man spielte nur Einsamkeit, oder brauchte sie nur als Gegensatz von Besuch. Man wollte nicht eine Welt finden, sondern nur eine verbrauchen oder beschreiben, die man sehr gut kannte, jusqu'au fond kannte. Soll ich noch einer römischen Ruine gedenken, die künstlich erbaut ist auf einem noch höheren Hügel hinter Sanssouci? Die französische Bildung hat immer eine alte Vetterschaft für Rom in Anspruch genommen, handelnd, im alltäglichen Sinne des Worts prosaisch, kurz und schmal im eigentlichen Kulturleibe, hat der Franzose viel Aehnlichkeit mit dem Römer; der Gedanke Roma heißt jetzt Paris, 468 auch wenn die Legionen nur Modekupfer wären. Die Corneille, die Racine, die heroischen Vergleiche, sie hielten sich meist im alten Rom auf – so sind die römischen Mauerstücke auf einen Potsdamer Berg gekommen. Es ist ein Aquädukt damit in Verbindung gewesen, der märkische Neptun hat's aber nicht gewollt, und die Instrumente sind beim ersten Versuche zerplatzt. Ich kann das dem Neptun nicht verdenken, denn Kühlung braucht man in einem Lande wenig, wo acht Monate lang eingeheizt werden muß, und obwohl der römische Berg kahlrömisch genug aussah, und die dürren Nadelholzbäume aus der Entfernung für Piniengebüsch passiren konnten, es wehte doch ein so flanellbedürftiger, erfrorner Frühling, daß man die Lenzgenüsse im Mantel suchen mußte. Ungedeihlicher Norden! Wenn man aus dem Thale hinaus wieder auf dem Wege nach Berlin ist, da erstaunt man von Neuem über den preußischen Gedanken. Dieser Staat ist ein unverfälschter Triumph des energischen Gedankens, mitten aus 469 der Sterilität heraus ein starkes Reich zu schaffen. Es ist wohl erklärlich, daß der Südländer, welcher in feister, schaffender Natur sitzt, und diese Natur allnächtlich das zeugen und darbieten sieht, was er selbst versäumt, daß der Südländer Friedrichs Armee die Wachtparade von Potsdam nennen konnte, daß ihm der Glaube abging, aus der Unergiebigkeit werde eine Macht wachsen. Aber der Mangel ist noch immer erfinderischer, thätiger und unternehmender gewesen als der Reichthum, die erste kühne Eroberung ist stets von den mageren Ländern ausgegangen, aus dem gebirgigen, sterileren Persis, aus Macedonien, aus dem wüsten Norden, aus der wüsten asiatischen Steppe. Ich habe mit vielem Lichte gemalt, deßhalb soll der Schatten Berlins nicht geläugnet werden, ich hielt es aber für die eigentliche historische Physiognomie nicht nöthig, ihn stark hervorzuheben. 470 Der Berliner ist grob, zanksüchtig, ohne Sentimentalität, eitel, exklusiv. Das letzte Wort liebt er sehr, ohne zu wissen, was es bedeutet; »dies find' ich sehr exklusiv« ist ein gewöhnlicher Ausdruck, wenn er sich in die Brust wirft. Die ganze nordische Volksgemeinschaft hat nicht Fülle und Unterstützung gehabt von Außen, um alle Innerlichkeit eines Menschen zur weichen, wohlthätigen Gestalt auszubilden, ihr Verhältniß zur Erde ist von Hause aus ein Kampf; so ist alle Existenz eine geharnischte, der Geist ein Despot geworden, das Herz macht sich nur im Gedichte geltend, oder als eine Erwähnung, nicht als eine Thatsache, oder bei den Zurückstehenden als ein Extrem, nämlich als Sentimentalität. Auch die Sentimentalität in unsrer Literatur war aus dem Norden; diejenigen Volksstämme, wo das Leben ein natürlicher, von Blut und allerlei Nahrung durchströmter Körper ist, gerathen nicht auf solche Krankhaftigkeit. Eben so wie sie am andern Pole niemals zu so großer Kraftanstrengung des Willens, des Geistes, der That 471 gedrängt sind; ihr Leben ist eine erfüllte Uebereinstimmung mit einer vollen, reichen Welt, die sie nährt und trägt. In den Wüsten entsprang von jeher auch die Weltspekulation; von den zurückgezogenen, einsam büßenden und entbehrenden Brahminen stammt das innere Leben Asiens, aus dem todten, traurigen Aegypten stammt das Judenthum und Griechenland. Christus sammelte in der Wüste den Gedanken einer neuen Welt, der entbehrende Stoiker schuf Rom, das Kloster Luther's die Reformation, in der sandigen Mark wuchs ein straffer Staat auf. Allerdings vermißt man hier mit Recht und gutem Grunde die vollsaftige, gemüthliche Menschenart Süddeutschlands, die Gesellschaft, wo der Mensch nicht mehr geben will, als eben sein Individuum, wo man nicht gemacht zu sein braucht, oder geistreich, oder durch Stellung wichtig, um gern gesehen zu werden. Allerdings begegnet man durchschnittlich jenem weißblutigen Elemente, was man blos Verstand, Geist oder gar Raffinement nennt, und worin die eigentliche Zeugung umsonst gesucht wird. 472 Aber ist dies jetzt an allen herrschenden Punkten Europas anders? Herrscht etwa Paris nicht? Der Gedanke des Pariser Autors findet seinen Leser am Fuße des Urals und am Fuße der Kordilleren. Ist Paris nicht im Grunde eben so zeugungslos? Ist der Esprit nicht am Ende noch unfruchtbarer als der norddeutsche Geist? Das Geheimniß liegt wohl anderswo: Stoffliches ist so viel aufgehäuft, daß der energische Verstand für die nächste Herrschaft ausreicht, denn er weiß das zu verarbeiten; ein allgemeiner Glaube, was Gott, Staat und Herz anbetrifft, scheint noch nicht im Durchbruch begriffen zu sein, unsre Berge von Detail heischen noch ihre Verarbeitung, wir müssen uns also wohl begnügen mit Verstandesenergie, und ihr Blätter und Blüthen andichten so viel als möglich. Vollere, mannigfaltigere Menschen bietet unser Süden, aber wie das Verhältniß geht und steht, hat der Norden mächtigere. Es ist auch fast immer so in der Welt gegangen: der energische Verstand, welchem man die 473 Zeugungskraft abspricht, hat für die politische Welt die größte Macht erreicht, so viel der Professor dagegen sagen mag. Rom war der energische Verstand. Der Grieche, wo alle Beziehung, aller menschenmögliche Reichthum des Menschen am mannigfachsten gepflegt wurde, er ist für die Weltkultur der Jahrhunderte die erste Macht geworden, aber seine politische war eine sehr kurze. Dergleichen sei eine Tröstung, wenn der eigentlich unschöpferische, aber schneidende, dreiste, absprechende Berliner lästig wird. Wer nicht selbst ein Interesse für das Wachsthum der norddeutschen Macht mitbringt, und darum auch die störenden Symptome einer Thatkräftigkeit gern aufnimmt, für den ist der Berliner das unausstehlichste Geschöpf, für den ist dies vorlaute Wesen eine Qual, die Dante für seine Unterwelt gebrauchen könnte. Mit Berlin und dessen Weise ist für den Berliner Alles erschöpft, er hat keinen Maaßstab als diesen, er weiß nicht nur Alles, sondern er weiß Alles besser, Alles, was anders ist, ist schlecht, ein Bayonnet 474 des schnellsten, willkührlichsten Urtheils geht durch alle Berliner, und in gewisser Art sind sie auch eigentlich alle Soldaten. Sie greifen Alles an, der gemeine Berliner schlägt sogleich zu, und sagt hinterdrein: »ich werde Dir eenen Jedankenstrich in's Jesicht bewejen«, seine That ist der Ankündigung vorausgeeilt; Goethe nennt sie sehr richtig eine verwegene Menschenart. Diese Verwegenheit kann man bis zum kleinsten Buben herab verfolgen: stört im Vorübergehen unversehens seinen Kreisel, und er hängt Euch ohne Weiteres Eins an. Seht den zehnjährigen Jungen von einem stärkeren verfolgt, niedergeworfen, zerbläut, daß Ihr glaubt, es müßten einige Gliedmaaßen dabei in Irrthum gerathen, der Junge müsse halb des Todes sein, er springt auf, wenn er losgelassen ist, schüttelt sich, wischt das Blut auf die Seite und droht und trotzt eben so, als ob er einen glänzenden Sieg erfochten. Ein grober Witz spielt dabei immer herüber und hinüber, und zwar ein Witz, der stets eine Ohrfeige vom Humor hat, der beim dissolutesten Kerl auf eine 475 innere Behaglichkeit deutet. Ueber diesen Punkt sind Glasbrenners Hefte die erschöpfendste Quelle. Man wird mit Leichtigkeit darin erkennen, daß eine starke, komplete Nationalität dahinter liegt, und diese Witze nicht eine fahrige aphoristische Natur haben; mitunter ruhen sie auf dem scharmantesten, humoristischem Aplomb, zum Beispiele, wo eine Frau die andere tröstet. Sie hat einen Sohn in der Schlacht bei Leipzig verloren, und klagt; die andere tröstet, und fügt hinzu, daß es ihr leider auch so gegangen sei. Wie so? fragt Nummer eins, Nummer zwei sagt, ihr Sohn sei bei belle alliance geblieben, na, sagt Nummer zwei, des is och ene hübsche Jejend. In dies Genre schlägt ein Ausdruck, der mir zu wiederholten Malen begegnet ist, wenn sie Jemand verhöhnen wollten: Denken Se, diesem armen Jeschöpfe haben se jestern Nacht für fünfdausend Dahler Sand hinter'm Hause wegjefahren. So bildet sich auf dem alten Meeresgrunde – denn ein solcher ist wohl dieser ganze Strich 476 von Norddeutschland – allmählig ein mannigfach gegliedert Leben, und man darf das wohlfeile Urtheil beim ersten Anblicke nicht unvorsichtig aussprechen.