Hermann Löns Gesammelte Werke, Band 7 Inhalt Der letzte Hansbur Das zweite Gesicht Die Häuser von Ohlenhof Der letzte Hansbur Ein Bauernroman aus der Lüneburger Heide Der Bullerborn Es war meist noch Nacht, da warf der Storch den Tau von sich und flog los. Mitten in der Heide lag ein klarer Pump, der Bullerborn geheißen; da ließ er sich nieder. Die Nebelhexen verjagten sich, als der Adebar angebraust kam, und als ein heller Wind über die Heide lief und sie beiseite stieß, und als die Sonne über die Wohld stieg und sie scharf ansah, da gaben sie das Tanzen über dem Bullerborn auf und machten, daß sie in das Bruch kamen. Der Storch ging um den Born herum und nickte mit dem Kopfe. Fische gab es nicht in dem Wasser, dazu war es zu frisch, und Frösche erst recht nicht, denn dazu war es zu wild. Wer aber lange in den Born sah, in dem das Wasser immer um und um ging, daß der weiße Sand nur so mülmte, der wußte, was der Storch da suchte, und wenn der Pastor von Lichtelohe es auch einen Heidenschnack nannte, daß der Adebar aus dem Bullerborn die Seelen für die kleinen Kinder holen sollte, die Bauern wußten das besser. Als die Sonne so hoch stand, daß sie just in den Born hineinsehen konnte, nahm der Storch sich auf und flog über das Bruch und die hohe Heide und die Felder, bis er da war, wo er hergekommen war, auf dem Hehlenhof, der ganz allein für sich in seinem Hausbusche lag, so daß man vor lauter Eichen und Hülsen und Holderbüschen, die hinter der mächtigen Mauer aus Ortsteinen wuchsen, nichts von ihm sah, als den Herdrauch. Die Störchin stand auf, als der Storch kam; er aber flog über das Hausdach fort und ließ sich im Blumengarten hinter dem Wohnhause nieder, wo der Flieder durch den Tau roch und der Goldregen über den Zaun hing. Er stand zwischen den Buchsbaumrabatten und sah sich um; dann ging er bis zu der Ecke, wo das Fenster der Dönze offen stand. Das Totenhuhn, das auf dem Windbrett saß und einen Diener über den anderen machte, drehte sich bald den Hals ab, aber es konnte nicht sehen, was der Adebar da machte, denn er war hinter einem der spitzen Machangelbüsche, die rechts und links vor der Türe standen, kam aber bald wieder heraus, ging bis mitten in den Garten und flog fort. Adebarstag In der Schlafbutze der Dönze lag die Bäuerin und in ihrem Arme der Hoferbe und beide atmeten durcheinander. Als der Storch fortflog, schlug das Kind die Augen auf und meldete sich. Die Bäuerin seufzte den Schlaf fort, strich sich den Schweiß von der Stirn, sah um sich und lächelte, als sie das Kind sah, das mit den Händen nach ihrer Brust fühlte. Sie legte es an und sah zu, wie es trank. Im Flett gingen bedächtige Schritte, die Dönzentür ging leise auf und der Bauer kam auf Strümpfen herein. Seine Augen lächtelten, als er vor die Butze trat. Er strich mit seiner großen Hand über die Backe seiner Frau und mit einer Fingerspitze über den Kopf des Kindes, nickte und sagte: »Nötigen braucht man ihn nicht.« Im Flett kamen wieder Schritte näher, eine große, breite Frau mit schönem Gesicht stand in der Türe. »Komm man her, Großmutter,« sagte der Bauer, »ich muß jetzt nach den Wiesen. Bei Uhre elfe bin ich wieder zurück.« Er ging, aber in der Türe drehte er sich noch einmal um: »Es ist eine wahre Pracht, wie er trinkt.« Die Großmutter nickte und sah zu, wie das Kind trank, und als es die Mutterbrust von sich stieß, nahm sie es hin und wickelte es aus. Sie lachte, als sie die breite Brust und die geraden Glieder des Kindes sah. »Er ist fast zu schön für ein Dreitagekind, Detta,« meinte sie, »so schier und eben. Und welche Masse Haare er hat, als wenn er sechs Wochen alt wäre. Und hat man schon bei einem Kinde, das noch nicht wochenalt ist, solche festen Nägel gesehen?« Sie klopfte es zärtlich, aber dann nahm sie das rechte Händchen des Kindes zwischen ihre Finger: »Den alten dummerhaftigen Beifinger, den brauchte er nicht zu haben. Junge, Junge, was brauchst du elf Finger?« Ihre Tochter lächelte: »Ach, Mutter, das ist ja wohl kein Unglück! Wer lang hat, läßt lang hängen. Und sein Großvater hat ja sogar zwölf gehabt.« Die Großmutter machte eine krause Stirne: »Das ist es ja eben, das mit dem Großvater. Hätte er zehn Finger gehabt, dann hätte er wohl noch ein Enkelkind hüten können. Die alten vermuckten Beifinger! Alle Hehlmanns mit überzähligen Fingern hatten zuviel Hitze im Geblüt. Aber wenn man dieses Kind sieht, so hübsch, als wie es daliegt, mit Augen, wie der liebe Himmel, dann sollte man meinen, daß das bloß ein dummer Aberglauben ist. Die Zukunft liegt in Gottes Hand; wir wollen uns darüber keine Gedanken machen. Wer zu lang vorausdenkt, macht sich zu früh Sorgen.« Sie legte das Kind hin, rief die Kleinmagd, daß die das Wasserwarmbier bringe, und als die Wöchnerin die Suppe ausgelöffelt hatte, strich ihr die Mutter das Kissen zurecht, schloß das Fenster der Fliegen wegen dicht zu und mahnte: »So, nun schlaf' man, daß du bald wieder beinig wirst.« In der Tür blieb sie stehen: »Er sieht heute ganz anders aus den Augen, als wie die Tage vorher; er sieht einen heute schon ordentlich an, als wenn er einen kennen täte. Gestern hatte er noch keinen Blick in den Augen.« Ihre Tochter lächelte: »Ja, Mutter, das bedünkt mich auch so. Aber heute ist ja auch Adebarstag.« »Heidenschnack,« warf die Großmutter lächlend hin, und dann ließ sie Tochter und Enkel für sich. Der Beifinger Das Kind schlief, und Detta Hehlmann sah es an, bis daß der gelbe Vogel draußen so laut an zu pfeifen fing, daß sie nach dem Fenster sehen mußte. Im Garten ging der Wind; das Weinlaub war rege und ein weißer Nägelchenbusch ging immer auf und ab. Der jungen Frau bedünkte es, als hätte sie das alles noch keinmal gesehen. Vier Tage waren es erst her, daß sie von den Füßen mußte, aber ihr war zumute, als wenn ein Jahre darüber hin wäre. Noch keinmal war ihr das Weinlaub so schön vorgekommen und noch nie hatte der Wigelwagel so süß in den Hofeichen gesungen. Ihr wurde ganz weichmütig zu Sinne und die Augen gingen ihr über. Ihr war so wunderlich, daß sie die Hände falten mußte. Ihren Johann hatte sie, einen guten Mann, und dann dieses Kind, so schön und so gesund. Am ersten Maitage in der Frühe war es dagewesen, ein Morgenkind, ein Maikind, und darum war es wohl so schön. Die Mutter hatte recht; heute hatte der Junge ganz andere Augen. Detta lächelte und dachte an die Worte der alten Magd: »Am dritten Tage bekommt ein Kind die Seele. Der Adebar bringt sie ihm. Bis dahin ist es nicht mehr als ein unvernünftiges Vieh.« Das alte Mädchen steckte voll von Heidenglauben. Sie war manchmal nicht ganz bei sich, die alte Hermine; sie hatte auch ein trauriges Leben gehabt. Sie war mit einem Großknecht versprochen gewesen. Da kam der Bonaparte und nahm ihr den Bräutigam. »Ich wollte ihm etwas Gutes mitgeben,« hatte die alte Magd an Dettas Ehrentage erzählt, »und da konnte ich nicht anders, als meinem Karl zu Willen sein. Und das ist mir heute noch nicht gereut.« Der Bräutigam blieb in Rußland; es kam nie wieder eine Kunde von ihm. Sein Kind aber wuchs auf dem Hehlenhofe zu einem strammen Jungen heran und kein Mensch trug es ihm nach, daß er ein lediges Kind war. Zwei Jahre war er schon Kleinknecht, da schlug ihn der Schimmel tot. Das arme alte Mädchen! Die junge Frau sah zu ihrem Kinde hinab. Das rechte Händchen mit dem Beifinger lag auf dem Kissen. Ihr trat der Großvater ihres Jungen vor die Augen. Der wilde Hehlmann hatte er geheißen. Ein Kerl, wie eine Tanne war er, mit Augen, die einen hellen Blick hatten. Der war sogar mit zwölf Fingern auf die Welt gekommen und sein Haar hatte im Nacken just solchen Wirbel, wie sein Enkelkind, das er nicht mehr sehen sollte, denn er lag schon einige Jahre neben der Kirche. Durch eigene Schuld war er mit sechzig Jahren unter die Erde gekommen, denn von Rechts wegen mußte er es auf hundert bringen. Aber seine zwölfhundert Morgen Eigenjagd waren ihm zu wenig; er hatte immer den Grenzstein in der Tasche und jagte, soweit der Himmel blau und die Heide braun war. Als er wieder einmal im Königlichen jagte, hatten ihn die Förster spitz gekriegt und mit dem Hunde seine Spur ausgearbeitet. Aber der alte Hehlmann hatte es gemerkt, und obzwar es wintertags war, hatte er sich nicht besonnen und war drei Male bis an die Brust quer durch die Beeke gegangen und hatte dann naß wie eine Katze im Bruch den Abend abgewartet, ehe er auf Umwegen nach seinem Hofe ging. Acht Tage hinterher lag er steif und kalt auf dem Schragen; eine Lungenentzündung hatte ihn umgeworfen. »Bis auf das Letzte ist er gegen den Tod angegangen,« hatte die alte Hermine erzählt. »Er wollte und wollte nicht sterben. Noch nicht, noch nicht, schrie er immer; es war schrecklich anzuhören. Schlecht war er nicht, aber er gehörte hier nicht her. Er hielt den Kopf höher, wie ein adeliger Herr, und es war keine Frau und kein Mädchen, das ihm in die Augen sehen konnte, ohne daß ihr das Blut in die Backen sprang. Gegen Kinder und Hunde war er von Herzen gut, aber die Mannsleute kriegten gefährliche Augen, wenn die Rede auf ihn kam. Wo ein glattes Gesicht war, da war er nicht weit; in seinem letzten Jahre mußte seinethalben noch eine Magd vom Hehlenhofe. Er war kein Mann für geruhige Zeiten; es war ein Kerl, wie man sie braucht, wenn die Kriegsvölker zu Gange sind.« Dettas Gesicht wurde ernst. Der Beifinger ihres Jungen und der Haarwirbel im Nacken wollten ihre nicht aus dem Sinne. Und dann dachte sie an das, was man von dem Großvater des Großvaters erzählte, von Hans Detel Hehlmann. Mit dem hatte es ein schlimmes Ende genommen. Er hatte den Hut aufbehalten, als der adelige Herr vorüberging, denn er hatte einmal einen Ärger mit ihm gehabt. Da hatte der Herr ihn mit der Peitsche über den Hut geschlagen und gerufen: »Mach' dich bar, Bauer!« Und da war der Bauer zugesprungen und hatte den Ritter mit der baren Faust totgeschlagen. Bei Nacht und Nebel war er aus dem Lande gegangen und in dem Hausbuche stehen hinter seinem Namen die Worte: »Es kam niemals wieder eine Kunde von ihm. R.i.p.« Dettas Augen wurden wieder heller. »Die Welt geht jetzt einen geruhigeren Gang,« dachte sie. Und ist der Junge auch an der Reihe, daß das wilde Blut bei ihm hochkommt, Johann und ich, wir wollen schon dafür sorgen, daß es sich in Zucht und Sitte hält. Alle Mannsleute sind zuletzt von wilder Art, die besseren wenigstens.« Sie dachte an ihren Jochen, der ihr anfangs fast zu gut vorgekommen war. Eines Tages jedoch hatte der Knecht den Rappen mit dem Forkenstiel über das Maul geschlagen; da hatte der Bauer aber losgelegt; wie ein Ungewitter polterten seine Wort über den Knecht her. Und da wurde der Knecht frech und machte eine ausverschämte Redensart. Es sollte ihn bald bereuen. Hehlmanns Augen wurden rund und blank; mit einem Griffe hatte er den Burschen bei der Brust, und ehe der sich versah, lag er im Entenpump. Ganz voll von Entenflott kam er wieder heraus, nahm seinen Lohn, packte seine Sachen und machte, daß er weiter kam. Der Fink im Garten sang immer und immer wieder dasselbe Lied und der Wigelwagel flötete in einem fort auf die gleiche Art. Und immer und immer wieder gingen die grünen Blätter und die weißen Blumen hinter den kleinen Scheiben auf und ab. Der jungen Frau fielen die Augen zu. Aber mit einem Male seufzte sie auf und sah wild um sich. Sie sah nach der Wiege und dann hinter dem Traume her, der eben bei ihr gewesen war. Da hatten auf einmal zwei Frauen bei der Wiege gestanden. Die eine, die mit dem braunen Gesicht und den Augen, so schwarz und blank, wie der Ruß am Rehmen, war aus dem Moore gekommen, denn sie roch nach Post. Die andere, deren Gesicht wie Milch war, mit Augen, so blau, wie Bachblumen, war über die Wiesen gekommen, denn von ihren Kleidern kam der Geruch von Gras und Blumen. Sie standen bei der Wiege und besahen das Kind. Die Frau mit dem gelben Gesicht hatte gemurmelt: »Als wie ein Herr sollst du leben.« Dann machte sie das Hexenkreuz über dem Kinde und war verschwunden. Die andere Frau aber machte über dem Jungen das Zeichen, das die Bauern vom Hehlenhofe seit unvordenklichen Zeiten als Hausmarke hatten und flüsterte: »Und dein Knecht sollst du sein.« Dann war sie nicht mehr zu sehen. Die junge Frau dachte nach. Träume sind Schäume, sagt der Pastor, und dann fiel ihr die alte Hermine ein, die so fest an Träume glaubte, daß sie ihr eigenes Begräbnis voraussagte. »Mein Karl hat mich wissen lassen, ich soll Sonntag bei ihm sein,« hatte sie Freitag gesagt. Am Sonnabendmorgen lag sie tot im Bette. »Wer hat recht?« dachte die junge Frau und sah nach dem Fenster. »Hat der Pastor recht oder Hermine? Der Pastor hat die Wissenschaft, aber das alte Mädchen hatte den Glauben.« Wieder lächelte sie, es kam ihr in den Sinn, daß sie als Schulmädchen ein Buch gelesen hatte, in dem die Geschichte von der guten und der bösen Patenfee stand. Dieses alte Märchen war ihr im Schlaf wieder eingefallen. Das Hausbuch »Johannes Gotthard Georgius soll er heißen,« sagte der Hansbur. Den ganzen Sonntagnachmittag hatte er in der Dönze gesessen und in dem Hausbuche gelesen. Das war ein altes Buch in Schweinsleder gebunden und mit einem Schlosse aus Messing. Auf der ersten Seite war dieser Spruch zu lesen: »De Mensche van ejner Frouwen geboren leuet ejne Korte tidt unde is vull vnrowe«. Allerlei war darin zu lesen, von Kriegsnöten und Pest, Mord und Brand, von hungrigen Zeiten und fetten Jahren. Fromme Sprüche waren darin aufgezeichnet und alte Mittel, dem Vieh zu helfen mit Kräutern und Besprechung. Unterschiedlich war die Handschrift, bald kraus und bunt, bald steif und steil; hier wie gestochen, und da krumm und schief, wie Fuhrentelgen. Absonderliche Belebnisse standen darin: »Die Wölfe haben so gehecket, dieweil keiner ist, der ihnen zu Leibe gehen kann, daß wir uns deren nicht erwehren können. Gestern sind wieder drei Schafe weniger in den Kaben zurückgekommen, als morgens herausgelassen waren. Das sind siebzehn Stück in diesem Frühjahre.« Hehlmann blättere um, denn das war es nicht, was er suchte. Aber dieses hier mußte er doch lesen: »Der englische Schweiß geht wieder im Lande um. In Ohldörpe sind letzte Woche bei Zwanzig Leute abgestorben, die mehrsten vor dem dritten Tage. In Lichtelohe sind sieben neue Gräber bei der Kirche. Herr, halte deine Hand über uns!« Hehlmann blätterte zurück; da stand zu lesen: »Des Herrn Wege sind wunderlich. Johann Detel Georg Hehlmann hat uns ein Schreiben zukommen lassen. Zweimal zehn Jahre ist er verschollen gewesen für uns. Er hat mit Bravour gegen die Türken gefochten und ist immer mehr geworden, zuletzt ein hoher General und Anführer über viele Kriegsvölker. Der Kaiser hat ihm große Güter gegeben und einen Grafen aus ihm gemacht, so daß er jetzt Graf Hehlmann von Gollenstedt geheißen wird. Hier hatte er nicht taugen wollen.« Darunter stand: »Ohm Hein sagt, er hat sechs Finger an jeder Hand gehabt und sein Haar ist in zwei Wirbeln gelegen.« Hehlmann sah auf: das war der erste mit Beifingern und mehr als einem Haarwirbel. Der hatte es zu etwas gebracht, aber sein Geschlecht war bald ausgestorben und die Güter waren wieder dem Kaiser zugefallen. Ein Hehlmann hatte darum geklagt; die Herren vom Gericht hatten aber herausgefunden, daß die Verwandtschaft zu weitläufig war. Der Bauer dachte nach. »Detel soll er nicht heißen,« beschloß er bei sich. »Drei Namen haben wir alle. Der erste ist immer der alte Name, wonach die Bauern so lange Hansbur hießen, bis die Regierung befahl, daß sie sich nach einem Beinamen umsehen mußten. Auf den dritten Namen kommt es nicht an, aber auf den zweiten, denn mit dem wurden sie gerufen. Und Detel war kein guter Name.« Er las weiter. »Johann Hinrich Detel« stand da und ein Kreuz dahinter und die Worte: »Der Herr erbarme sich seiner armen Seele.« Weiter stand nichts da, aber mit anderer Schrift war an den Rand geschrieben: »Er hat im Kruge zu Eschede im Mai 1711 einen Handelsmann mit dem Messer beim Kartjen erstochen. Am 8. Juni mit dem Schwerte zu Zelle vom Leben zum Tode gebracht. In den Gerichtsakten steht als absonderliches Merkzeichen: Er hatte elifen Finger.« Hehlmann machte die Stirne kraus. Also Hinrich, das ging auch nicht. Und einen neuen Namen wollte er nicht haben für den Jungen. Er schlug weiter um. Über die Frauennamen las er weg. Aber bei dem einen blieb er doch hängen. »Dorothea Hille Sophia Hehlmann, geb. 13. Mai 1773. Gest. 13. Mai 1813. Sie hat sich weggeschmissen.« Mit roter Tinte stand in zierlicher Schrift am Rande: »Wir wollen keinen Stein auf ihr werfen. Sie soll ausnehmend schön gewesen sein und ist nach vielfachen Fahrten eines achtbaren Mannes ehelich Weib geworden, Gotth. H. Hehlmann, P.« Der Wigelwagel pfiff in den Hofeichen und schrie hinterher ganz unmäßig. Hehlmann war es so, als ob er Detel oder Hinrich schrie. »Nein, Detel und Hinrich sind keine Namen für meinen Jungen,« dachte er, »so scharf und spitz, das hat keine Art. So ein Name, der muß sein, daß er in sich selbst Bestand hat.« Er blätterte wieder weiter. »Johannes Gotthard Hinrich Hehlmann, Pastor zu Lichtelohe. Sein Andenken bleibt ewiglich in Ehren. Er war ein frommer Knecht des Herrn.« Hehlmann nickte. »Gotthard hört sich vortrefflich an, ruhig und sinnig. Das ist ein Name, der einem Manne zu Gesichte steht, wie ein ehrbarer Rock.« Er schlug weiter um: »Johannes Gotthard Antonius. Er war ein Mehrer des Hofes und hat ihn aus den Schulden herausgebracht.« Hehlmanns Augen wurden hell. Es kamen zwei leere Seiten, dann vier Seiten mit frommen Sprüchen und Heilmitteln für das Vieh, und dann stand wieder da: »Johann Gotthard Hermen; ist über achtzig geworden und hatte noch alle Zähne und solche Kraft, daß er das junge Volk bei der Arbeit hinter sich ließ. Er hatte für jedermann einen Rat und ein trostreiches Wort und wurde in allen Nöten des Leibes und der Seele um Hülfe angegangen. Wenn einer, so ruhet er in Abrahams Schoß.« Der Bauer tauchte die Feder ein und schrieb: »Johannes Gotthard«, dann besann er sich eine Weile nach einem dritten Namen und schrieb »Georgius,« denn so hieß der nächstverwandte Hehlmann, Ohm Jürn, der die Schnucken unter sich hatte. Hehlmann scharrte Sand von den Dielen, streute ihn auf die Schrift, las noch einmal, was er geschrieben hatte, und sprach vor sich hin: »Johannes Gotthard Georgius,« und nach einer Weile: »Gotthard Hehlmann.« Dann schlug er das Buch zu und legte es in die Beilade. Das Osterfeuer Göde riefen sie den Jungen, denn Gotthard nahm ihnen zuviel Zeit. Der Junge wuchs, daß es ein Staat war. Er hatte einen ansehnlichen Vater und seine Mutter war das glatteste Mädchen weit und breit gewesen. So war es kein Wunder, daß der Junge rundumher als das schönste Kind galt. Und gesund war er und kernfest, wie die Eichen auf dem Hofe. Er hatte Licht und Luft und gute Hut, und als seine Mutter mit ihm ging, hatte sie ihre Augen hell und ihr Herz rein gehalten. Keinmal hatte sie beim Nähen schwarzen Zwirn über den Hals gehängt, nie einen Faden abgebissen, niemals die Leinwand gerissen. Eins nur machte ihr Sorge: Als sie fühlte, daß sie guter Hoffnung war, war der Viehhändler Seligmann auf den Hof gekommen. Sie hatte ihn nie so recht leiden können. Als er ihr auf so wunderliche Art die Hand gab, sie mit Augen ansah, als hätten sie zusammen Holz gestohlen, und sie schmusternd fragte: »Nun, schöne, junge Frau, hat der Adebar schon geklappert? « Da hatte sie den Kopf geschüttelt. Wenn aber eine Mutter ihr Kind ableugnet, dann bleibt es nicht bei der Wahrheit. Aber das mochte nur wieder so ein Schnack sein von Mutter Griebsch, die der jungen Frau sagte, was sie tun dürfe und was nicht. Detta gab auf alle diese Dinge nicht so ganz viel, denn zu oft hatte der Pastor dagegen von der Kanzel geredet; deswegen stellte sie die Wiege aber doch immer fest, wenn das Kind nicht darin lag, damit sie nicht taub hin und her ging und der Junge Kopfweh bekam. Sie sorgte dafür, daß keine jungen Hunde auf dem Hofe waren und nahm nicht die Schere, wuchsen dem Kunde die Nägel über. Weil der Junge elf Finger hatte, zog sie ihn durch die Zwille einer jungen Eiche, und als der Finger trotzdem nicht zurückging, band sie ihn mit einem weißen Faden ab und tat den Saft von Jesuwundenkraut darauf, und es blieb nichts zurück, als eine kleine rote Stelle. Die große bunte Wiege von Eichenholz, die seit 1564 auf dem Hofe war, wurde zu kurz, als Göde ein knappes Jahr alt war, so wuchs der Junge. Durchschnittlich war er ein freundliches Kind, aber einmal, als seine Mutter sich verjagt hatte, als das Wetter in eine von den großen Eichen schlug und die ganze Deele voll von blauem Feuer war, mußte ihr wohl die Milch hart geworden sein, denn als der Junge trinken wollte, hatte er schnell losgelassen und ganz falsch mit der Hand nach der Brust geschlagen. »Du Untier,« hatte die Mutter gesagt, »noch nicht ein Jahr und schon schlägt er zu, wie ein Alter.« Sonst war er aber gutartig, lachte immer und wenn man ihn mitten aus dem Schlafe aufnahm. Er konnte drei Stunden allein liegen und mit seinen Füßen spielen oder lauthals über den Schatten juchen, den seine Hände gegen die Wand warfen. Wenn er einmal ein bißchen weinte, so wie einer mit ihm sprach, gleich lachte er wieder. Bloß wenn der Bauer vorbeiging, ohne mit ihm zu sprechen oder ihn auf den Arm zu nehmen, dann fing er ganz gefährlich an zu schreien, und Hehlmann lachte und sagte; »Eine Stimme hat er, wie ein Bullenkalb.« So blieb er auch; immer war er lustig und nie verzagt. Als er vier Jahre alt war, schnitt er sich zwei Finger bis auf den Knochen durch und kam mit Tränen in den Augen ganz still an und sagte: »Mutter, Lappen ummachen.« Mit sieben Jahren griff er den Marder, der in das Tellereisen getreten war, und brachte Marder und Eisen lachend in das Haus, und dabei hatte ihn das Tier durch den Daumennagel gebissen. Er hatte eine Art mit dem Vieh umzugehen, als wenn er schon ein Kerl von zwanzig Jahren wäre; alles, was auf dem Hofe an Getier war, mußte ihm untertänig sein, aber nie ging er hart damit um, außer, wenn eins nicht so wollte wie er. Dann aber wurden seine Augen blank und seine Stimme war wie ein Peitschenklappen, und der Bauer und die Bäuerin sahen sich an, machten enge Lippen und die Mutter rief über den Hof: »Göde, prahl nicht so!« Ein einziges Mal war der Vater böse zu ihm geworden. Die Kinder hatten sich ein Osterfeuer gemacht und waren über die Flammen gesprungen, Göde immer vornweg. Bloß Ludjen Wehmeyer, ein Häuslingsjunge, wollte nicht, denn er war bange. Da war Göde an ihm vorbeigelaufen, hatte ihn an den Ärmel gefaßt und war mit ihm über das Feuer gesprungen, das heißt, nur halb, denn weil Ludjen sich sträubte, fiel Göde, und nun lagen sie alle beide in dem Feuer. Göde hatte nicht viel abgekriegt, aber Ludjen um so mehr, und als Mutter Wehmeyer auf den Hof kam und dem Bauern die Ohren vollheulte, da hatte Göde abgestritten, daß er schuld sei. Aber die Lüttjemagd hatte über die Halbtür gerufen: »Doch hat er schuld, ich hab' es gesehen!« Der Vater hatte ihn mit in die Dönze genommen und gesagt: »Warum bleibst du mit der Wahrheit hinter dem Busche? Gehört sich das für einen Bauernsohn? Wie kann ich dir glauben, wenn du einmal gelogen hast? Und damit du dir das merkst, gehst du die erste Woche nicht mit in das Bruch.« Im Ruhhorn Das war ein harter Spruch. Schön war es auf dem Hofe unter den tausendjährigen Eichen; da flogen die Hirschkäfer um die olmige Eiche, und es sah putzwunderlich aus, wenn sie die kleinen Wagen zogen, die Göde ihnen machte. In dem alten Burgfried, der im Giebel noch drei Kugellöcher aus der Schwedenzeit aufwies, hatte die Hauseule ihren Unterstand, und es war rein zum Lachen, wenn Göde kam; denn dann machte sie sich ganz lang und wackelte just so wie Zitterfried, der Lumpensammler, wenn er einen Schnaps zuviel hatte. Unter dem Brennholze wohnten die Heermännken und wenn man sich still verhielt, liefen sie hin und her und brachten ihren Jungen Mäuse. Im Heidschauer hatte der Zaunkönig sein Nest und machte eine furchtbare Schande, wenn ein Mensch in die Nähe kam. Dann war da Matz, die Elster, die Göde aufgezogen hatte, die lauter Dummerhaftigkeiten im Kopfe hatte, indem sie bald wie eine Katze miaute oder wie ein Habicht schrie, daß die Hunde wie verrückt in ihre Kettten gingen und die Hühner für unklug unter das Holz liefen. Ein Hauptspaß war es auch, wenn Glocke oder Kiekebusch, die beiden jungen Bracken, die der Bauer für den Förster aufzog, sich mit einem Zaunigel befaßten und sich heiser bellten und so lange in das Untier hineinbissen, daß ihnen der blanke Schaum vor den Schnauzen stand. Außerdem gab es Ratten und Erdmäuse zu jagen, und das brachte etwas ein, denn für jede gab es vom Vater einen Pfennig. Und hatte Göde zum Rattenpassen keine Lust, dann nahm er das Pusterohr und wartete in der Laube, bis es im Kirschbaume knackte, und es war selten, daß die Tonkugel den Kirschfink nicht zwischen die Zwiebeln warf. Auch die Katteeker, die aus dem Holze kamen und an die Birnen gingen, hielt Göde mächtig im Schach, und manch einen holte er mit der Pistole herunter. Aber das alles war doch nichts dagegen, wenn es in die Wildnis ging. Was gab das für ein Peitschenklappen und Prahlen: »Willst du hier, Buntscheck! Zurück, Blöming! Geh zu, Wittkopp! Heraus, Kreih!« Wenn dann die Kühe vom Wege wollten, so wurden Strom und Pollis und Widu hinterhergeschickt. Dann war Göde auf der Höhe, wenn er drei, vier Jungens, die Hunde und das Vieh unter sich hatte und alle ihm gehorchen mußten, selbst Hannes, der Bulle, denn wo Gödes lange Peitsche hinkam, da zog es Blasen. »Wie der Junge das Regieren los hat!« meinte der Bauer, »ich habe das mit vierzehn Jahren noch nicht so gekonnt.« Am liebsten trieb Göde das Vieh in die Ecke des Hehlenbruches, wo die schnelle Bullerbeeke mit der langsamen Wittbeeke zusammenkam, denn da brauchte er nicht so viel aufzupassen, weil das Vieh nicht durch das Wasser ging. Das Ruhhorn hieß die Gegend und war das schönste Teil von dem ganzen Bruche. Viel altes Holz stand da auf den hogen Sandbrinken, die vor der Beeke lagen, Eichen und Fuhren und auch etliche Buchenbäume, und Fichten und Birken in Masse, und darunter wuchsen Machangeln, Hülsen und Haseln und wer weiß was alles. Erdbeeren gab es da die schwere Menge und später Bickbeeeren, Brombeeren und Kronsbeeren. Vielerlei Getier lebte da, Hirschböcke, Rehböcke und manchmal auch ein wildes Schwein. Der Habicht baute da und der Rabe und der schwarze Storch, und fast jeden Tag standen Reiher an der Beeke, und im großen Moore gingen die Kraniche auf und ab, klappten mit den Flügeln und bliesen wie Janpeter Luhmann, der Schweinehirt. Immer war es im Ruhhorn schön, trotz der Mücken und Gnitten und blinden Fliegen und der giftigen Addern. In der Bullerbeeke saßen Forellen, und wer sich darauf verstand, konnte sie leicht kriegen; in der Wittbeeke standen Hechte und wühlten Aale. Göde stellte Setzangeln, wie es ihm Tönnes Tielemann und Hein Gird Grönhagen, die Kleinknechte, beigebracht hatten. Er ging nicht gern mit den Knechten, denn dann mußte er tun, was die wollten, und das war ihm nicht nach der Mütze; lieber ging er hinter den Kühen, weil er dann allein das Wort hatte. Aber ab und an, wenn einer von den Kleinknechten eine andere Arbeit hatte, mußte er mit den Pferden zu Bruche, und dann lernte er jedes einzige Mal etwas Neues. Tönnes war faul und saß schmökend bei seinen Setzangeln, Hein Gird aber stokelte überall herum und bald kam er mit einer Mütze voll Enteneiern an, bald mit einem jungen Reh, und in der Schummerstunde brachte er das dann nach seiner Mutter. Das dauerte so lange, bis daß der alte Hagelberg, der Förster, sie dabei packte. Da mußten sie alle drei zum Vorsteher, und es gab einen heidenmäßigen Krach, als Göde mit der Sprache herauskam und sagte, daß Tönnes und Hein Gird ganze Mützen voll Enten- und Birkhuhneier und viele Aale und Hechte und Hasen und auch ein junges Reh nach Hause geschleppt hatten. Kein eines Mal hatte Göde seinen Vater so wild gesehen: »Junge,« hatte er gerufen und war ganz rot unter den Augen geworden, »machst du mir solche Schande! Vor dem Vorsteher stehen, wie ein Vagabunde, der an fremder Leute Eigentum gegangen ist! Die Fischerei in den beiden Becken ist dem Müller und die Jagd ist herrschaftlich. Du kannst heilsfroh sein, daß ich mit dem Droste gut stehe, sonst geht es dir, wie den beiden Unduchten, dem Tönnes und dem Hein Gird; die sind jeder zu zehn Peitschenhieben verdonnert! Wenn sie heute abend zurückkommen sag' ihnen, die sollen dir ihr Achterviertel weisen; da kannst du deine Freude an haben. Und das mit dem Bruche ist nun aus. Vom Montag ab gehst du zum Pastor in die Vormittagsschule. Und die Pistole gib auch her. Das Ding bringt dich bloß auf Dummerhaftigkeiten.« Der Junge war weiß wie eine Wand geworden. Daß er nicht mehr in das Bruch durfte, das war schon schlimm, die Pistole mißte er auch nicht gern, und die Vormittagsschule, davon hielt er erst recht nichts; aber wenn er daran dachte, daß jetzt beim Vorsteher Tönnes und Hein Gird auf der langen Bank lagen und Humpelhinnerk weifte sie mit dem Haselstocke, daß es nur so brummte, da wußte er: wäre es ihm so gegangen, er hätte sich einen Strick gesucht und es gemacht wie Töde Döbke, der Schneider, als er unter das Schnapsverbot kam. Ganz begossen stahl er sich ab und ging zu Ohm Jürn, der auf der Heide bei den Schnucken stand und an einem Strumpfe knüttete. Der freute sich, als er den Jungen kommen sah, über sein ganzes altes faltiges Gesicht, das so braun wie Ellernholz war, und hielt ihm eine Rede, eine große Rede für seine Verhältnisse, denn meist sprach er überhaupt nicht, höchstens brummte er so vor sich hin. »Ja, ja, Junge; laß den Kopp nicht hängen, Kind, sagte die Kuh, als sie mit dem Kalb durch die Beeke mußte. Ist man alles halb so schlimm. Und die Häuslingsjungen sind schon gar kein Umgang für einen Hoferben.« Das sah Göde denn auch ein, und das Herz tat ihm gar nicht weh, als abends die Jungens mit dem Vieh vom Bruche zurückkam und lauthals sangen. Die Grenze Die Vormittagsschule war lange nicht so schlimm, wie Göde sich das gedacht hatte. Der alte Pastor Rotermund sah nur von weitem so gefährlich aus, weil er so lang war und so dünn und weil ihm das weiße Haar über den Rockkragen hing. So ging denn Göde in das Pastorenhaus, obzwar er sich da nicht so fühlte, als wie in der Schule. Einmal wehte da eine andere Luft; auf dem Hansburhof ging es ja auch sinnig und anständig zu, aber bei dem Pastor war es, als wenn jeden Tag Sonntag war. Obzwar daß die Frau Pastor eine Bauerntochter war und Schultern hatte wie ein Mannsbild und meist Beiderwand oder Blauleinen trug und vor keiner Arbeit bange war, sie hatte etwas an sich, daß Göde jedesmal rot wurde, wenn er sie sah und den Hut noch einmal so tief abnahm. Aber die Hauptsache war, daß er hier nicht die erste Violine spielte, wie in der Übermittagsschule bei Lehrer Mackentun. Walter Vodegel, der Sohn vom Doktor aus Ohldorp, nahm es zwar an Kräften mit ihm auf, aber er hatte eine Art, an ihm hinunterzusehen, die Göde für den Tod nicht ausstehen konnte. Es hatte keine acht Tage gedauert, da waren die beiden aneinandergekommen. Walter hatte Göde damit aufgezogen, daß er noch nicht einmal wußte, wer Pipin war, denn wenn der alte Mackentun den Jungens Lesen, Schreiben, etwas Rechnen und eine Menge Bibelsprüche und Gesangbuchverse beigebracht hatte, das schien ihm schon reichlich für einen Bauern- oder Häuslingsjungen. Aus Niedertracht hatte Göde Walter gefragt, wieviel Vieh sein Vater habe, und ihn ausgelacht, als der ärgerlich sagte: »Wir brauchen keins; wir sind keine Mistbauern.« Da hatte Göde gesagt: »Und wenn der Mistbauer schickt, muß dein Vater ihm für einen Gulden in den Hals kucken oder Mutter Griebsch beim Kinderholen helfen,« und das hatte den Doktorsjungen so falsch gemacht, daß er Göde eins hinter die Ohren schlug. Göde wurde es heiß und kalt; es war der erste Schlag seit seinem fünften Jahre; es wurde ihm rot vor den Augen und es war, als hielt ihm jemand den Hals zu. So schrecklich sah er aus, daß Walter die Bank zwischen sich und ihn brachte. Es war aber auch die höchste Zeit, denn Göde, der an einem Stocke geschnippelt hatte, zischte wie eine Adder und stürzte mit dem blanken Messer auf Walter los. Zum Glück schrie Wolf von Hohenholte, der auch beim Pastor in die Schule ging, laut auf und streckte die Hand vor, sonst hätte es ein Unglück gegeben, denn Göde zitterte an allen Gliedern und der Schweiß stand ihm auf der Stirn. In diesem Augenblicke stand die Pastorsfrau bei ihnen und sagte: »Kommt mal alle mit!« Und als sie in der Waschküche standen, fragte sie: »Was war das mit euch? Erzähle mal, Wolf!« Das war ihr Liebling, weil er immer gelassen blieb. Da verwies sie Walter und Göde mit ruhigen Worten ihr Benehmen und ließ sich von allen dreien in die Hand versprechen, daß keiner darüber reden solle. »Mein Pastor regt sich sonst zu sehr darüber auf und bekommt am Ende sein Lungenbluten wieder,« setzte sie hinzu. Nach der Schule rief sie über den Hausflur: »Komm mal her, Göde, du kannst deiner lieben Mutter das Nähgarn mitnehmen,« und als der Junge in der Wohnstube stand, machte sie die Türe zu, legte ihm beide Hände auf die Schulter, sah ihm freundlich in die Augen und sagte: »Junge, ich glaube, du bist von Herzen gut, aber einen lütjen Satan hast du in dir. Denke bloß, was du hättest anrichten können. Es war sehr häßlich, daß Walter dich schlug, aber das Messer nehmen, mein Kind, das ist denn doch nicht Landesbrauch. Ein tüchtiger Junge wehrt sich mit der Faust, wenn es nicht anders geht; besser ist es aber, er läßt den Zorn nicht über sich Herr werden. Hüte dich vor dem Jähzorn, er hat schon einen Hehlmann in das Unglück gestürzt und Schande auf eueren Namen gebracht.« Dann legte sie ihm ihren Arm um die Schulter, streichelte ihm die Backen und erzählte ihm die schreckliche Geschichte von Hinrich Hehlmann, der im Jahre 1711 zu der Zeit, als das junge Birkenlaub über die Heide roch, mit dem Schwerte vom Leben zum Tode gebracht wurde, wie es in der Pfarrchronik und in dem Hausbuche vom Hansburhof aufgezeichnet war. Und sie redete so gut mit ihm, daß Göde die Augen überliefen. Draußen wartete Wolf auf ihn und sagte: »Unter uns bleibt die Sache; ob Walter schweigt, soll mich wundern. Übrigens hätte ich es gerade so gemacht, wie du. Schlagen? Pfui Deubel!« Dieses eine Wort brachte ihn Göde sehr nahe, dem er bisher etwas albern vorgekommen war, weil Wolf so achtsam auf seine Nägel war und immer einen Abstand zwischen sich und den anderen hielt, obzwar jeder wußte, daß der alte Freiherr seine liebe Not und Mühe hatte, sich und seine sieben Kinder mit seiner geringen Pension auf dem kleinen Gute, von dem in schlechten Zeiten die besten Stücke verkauft waren, durchzuschlagen. Als Müller Prasuhns Christian Wolf mit seiner Armut geneckt hatte, da hatte dieser ruhig gesagt; »Geld ist Dreck. Ich will lieber deutsch hungern als wendisch prahlen,« und dann hatte er sich umgedreht und Christian stehen lassen, der ihm mit tückischen Augen nachsah, denn wenn auch sein Vater stinkereich war, daß er aus dem Wendischen war, hing ihm überall nach, und der ärmste Häusling dünkte sich mehr zu sein, als der reiche Müller. Da nun Wolf mit Christian seit diesem Tage nie mehr sprach und Walter ihm auch nicht gefiel, so schloß er sich an Göde an, zumal sie beide denselben Weg hatten, denn Hohenholte lag hinter dem Hehlenhof nach Ohlendorp zu. Und da Wolf immer am Hansburhofe vorbeimußte, so machte es sich von selber, daß er Göde abholte, und als eines Tages ein mächtiges Wetter niederging, nahm er die Einladung der Bäuerin an und blieb zum Mittag da. Am anderen Morgen kam Herr von Hohenlohe auf den Hof geritten. Die Bäuerin fütterte gerade das Federvieh, als er aus dem Sattel sprang. »Guten Morgen, Frau Hehlmann,« rief er über den Hof. »Sie sollen auch vielmals bedankt sein, daß Sie gestern meinen Bengel beherbergt und verpflegt haben.« Die Bäuerin schlug errötend in die Hand ein: »O, da nicht für, Herr Rittmeister! Es war uns eine Freude.« Da kam Hehlmann aus dem Stalle, ein Wort gab das andere und der Bauer lud den Freiherrn ein, sich das Vieh anzusehen. Das Gesicht des Rittmeisters wurde immer länger, als er die Pferde, das Vieh und die Schweine sah. Er sah sich auf dem Hofe um und fragte: »Wieviel Gebäude stehen hier eigentlich?« denn überall zwischen den Eichen sah man einen Stall, einen Speicher oder Schuppen. »So alles in allem an fünfundzwanzig,« meinte Hehlmann. »Donnerstag und Freitag,« rief der Rittmeister, »und alles wie aus dem Ei gepellt! Und das nennt sich Bauer! Ach, ja wer es auch so hätte. Aber mein seliger Großvater konnte die Finger nicht zusammenhalten, dem gingen die Füchse immer durch.« Hehlmann sah ihn groß an: »Der Besitz allein macht es nicht, Herr Rittmeister, der Name ist auch etwas wert. Wenn die Hohenhölter Herren und andere vom Adel immer alle gute Wirtschafter gewesen wären, dann wären nicht so tüchtige Offiziere daraus geworden und sie hätten nicht dafür sorgen können, daß der Bonaparte zum Teufel gejagt wurde. Das soll ihnen unvergessen sein. Und Hohenholte kann noch einmal wieder werden, was es war.« Da bekam der Rittmeister blanke Augen, und als der Bauer ihm sagte: »Ja, Herr Rittmeister, ein bißchen frühstücken müssen wir nun wohl; ungebörnt kommt hier keiner vom Hofe,« lachte er und nahm an. Als Göde dem Rittmeister nachher die jungen Besamungen zeigte, fragte dieser: »Junge, du kannst lachen, einen Hof, wie du bekommst, zwölfhundert Morgen und schuldenfrei, das ist ein kleines Königreich. Und kein Deubel hat dir was zu sagen, Herr Freiherr von und zu.« Diese Worte gingen dem Jungen mächtig im Kopfe herum, denn wenn er auch schon seinen Bauernstolz hatte, wie er später einmal dastand, das wurde ihm jetzt erst klar und er sah den Hof und sich nun mit ganz anderen Augen an. Deshalb hielt er sich von den Lichteloher Jungens immer mehr zurück, denn das ging wie Kraut und Rüben durcheinander, Bauernsohn und Häuslingssohn und ewig gab es Widerworte und Prügeleien, weil einer sich immer besser dünkte als der andere. Auch mit den Häuslingsjungen gab er sich nicht mehr ab, denn wenn er sie mit Wolf verglich und mit seinen Eltern, dann kamen sie ihm zu minne vor. Auch als Göde schon aus der Schule war und als Kleinknecht auf dem Hehlenhofe arbeitete und Wolf auf der Militärschule war, blieben die Jungens gute Freunde, und Wolf, der immer so still und so sinnig war, hatte bei dem Bauern einen dicken Stein im Brette. »Du kannst wohl für Wolf einen Bock ausmachen, er kommt morgen wieder,« sagte Hehlmann zu Göde, »aber einen anständigen,« setzte er hinzu, als er sah, daß der Junge dunkle Augen bekam. »Weißt du einen?« »Gewiß,« sagte Göde und überlegte schnell. Der beste Bock ging am Totenort, aber den wollte er selber schießen. »Im Brammelkampe geht ein guter Sechser; er steht bei westlichem Winde schon bei hellichtem Tage draußen,« sagte er. »Na, dann kannst du Wolf führen,« befahl der Bauer. Drei Tage später gingen Wolf und Göde mit Tange, der hirschroten Teckelhündin, los. Als sie bei den alten Heidenbrinken waren, die rund um den Brammelkamp lagen, und sich bei einem breiten Machangelbusche angesetzt hatten, dauerte es nicht lange, und das Schmalreh trat aus der Fuhrendickung und gleich darauf der Bock. Der gelbe Neid stieg Göde in den Hals, als er sah, wie Wolf den Hahn überzog und das Zündhütchen aufsetzte, und es kam ihm in den Sinn, den Bock fortzuwinken. Aber da krachte es schon, der Bock machte kehrt und floh in die Dickung zurück. Den Hohenhölter schüttelte nachträglich das Jagdfieber, zumal er meinte, daß er daneben gehauen hätte. Aber Göde tröstete ihn: »Er hat die Kugel Blatt; er hat gut gezeichnet. Wir wollen ihn erst krank werden lassen und dann soll Tange ihn arbeiten.« So vesperten die Jungens denn über den Daumen, und als eine Stunde um war, wurde Tange zur Fährte gelegt. Sie führte die Jungens durch die Dickung, über die hohe Heide bis an die Ohlendorper Grenze. Am Grenzgraben macht Göde einen langen Hals und dann rief er: »Da liegt er!« So war es; zehn Schritte über den Graben lag der Bock vor einer rauhen Fuhre. »Halt den Hund,« rief Göde, »ich will ihn holen.« Doch Wolf wehrte ab: »Mensch, doch nicht über den Grenzgraben!« Der andere sah ihn verwundert an: »Die paar Schritt? Und es ist doch unser Bock! Und dann ist ja auch kein Mensch hier, der uns sieht, und überhaupt, die Ohlendörper, die nehmen es schon gar nicht so genau mit der Grenze.« Aber Wolf wollte mit Gewalt nicht, sondern ging nach Ohlendorp und kam mit dem Vollmeier Hohls zurück, der sich erst einen Augenblick besann, dann aber Wolf das Gehörn gab. Als Göde dem Vater die Sache erzählte und meinte, Wolf sein ein bißchen dumm gewesen, sah ihn Hehlmann ernst an und sagte: »Er hat getan, was recht und billig ist. Grenze ist Grenze. Wie sollte es wohl auf der Welt werden, wenn einer des anderen Eigentum nicht achtet!« Und dabei dachte er an seinen Vater, den es das Leben gekostet hatte, weil er das Grenzrecht nicht gewahrt hatte. Es lag ihm auf der Zunge, Göde die Geschichte zu erzählen, aber er konnte es nicht, da es sich um seinen eigenen Vater handelte. Am Toten Ort Der Tote Ort war ein alter Eichenbusch mit vielen frischen Quellen, der an der Grenze der Hehlenheide über der Hover Mühle lag, die dem Müller Beckmann zugehörte. Vom Hehlenhofe war es eine halbe Pfeife Tabak bis dahin. Der Ort war verschrien, denn es ging die Sage von ihm, daß zu Kriegszeiten die Bauern von Ohlendorp, Lichtelohe und Krusenhagen dort ein Kesseltreiben auf Marodebrüder abgehalten und ihrer dreißig erschlagen hätten. Die Heide bis zu dem Busche gehört noch dem Hehlenhofe, der Busch selber aber war des Müllers Eigentum, der seine kleine Eigenjagd verpachtet hatte. Schon im dritten Jahre war Göde hinter dem großen Bocke her, der im Toten Ort seinen Hauptstand hatte, und manchen tauben Gang hatte er ihm zuliebe gemacht. An einem schönen Maitage in der Unterstunde schlumpte es. Göde saß noch keine Viertelstunde, da trat der Bock aus und stellte sich breit und blank vor ihn hin. Der Junge nahm dem Bocke das Maß und sah, wie er im Feuer stürzte; als er ihn aber gnicken wollte, nahm der Bock sich auf und sprang in den Busch. Göde trat an die Grenze und hörte, daß der Bock nicht weit von ihm noch ein paar Male schlug. Der Junge sah sich um; es war kein Mensch zu sehen und zu hören. Bei der Mühle krähte ein Hahn, im Hehlloh rief der Schwarzspecht, ein Buchfink schlug und laut spielten die Quellen. Er steckte seine Büchse unter einen Machangel, sah sich noch einmal um und trat in den Busch. Das Herz klopfte ihm im Halse und er verjagte sich, als der Markwart ihn anmeldete. Aber dann schlich er vorwärts auf dem Schmoorboden, der laut quatschte, wenn Göde den Fuß aus dem Schlamm herauszog. Auf einmal wurden seine Augen groß; da lag der Bock vor einem breiten Hülsenbusch. Ordentlich schön sah er aus, wie er so dalag, feuerrot in der Sonne vor dem dunklen Busche. Er zog ihn bis an den Rand des Busches, ging dann zurück und deckte jeden Tropfen Schweiß mit altem Laube zu, und dann nahm er den Bock auf und ging damit über die Grenze bis hinter einen breiten Machangelbusch. Als er zurückging, um seine Büchse zu holen, stand ein Mädchen da und lachte ihn an. Göde kannte sie von Ansehen, es war Miken, die angenommene Tochter des Müllers, ein über ihr Alter großes, schönes Mädchen, die wildeste von allen, die in die Lichteloher Schule gegangen waren und von der es damals schon hieß, daß sie in manchen Sachen besser Bescheid wisse als andere Mädchen, die schon längst aus der Schule waren. Sie lachte, daß ihre Zähne blitzten, und fragte: »Na, hast'n endlich dot? Ich habe dich schon manchen Tag hier gesehen.« Göde murmelte etwas vor sich hin und überlegte, was er machen sollte. Hatte Miken gesehen, daß er den Bock aus dem Busche geholt hatte? Aber was wird das Mädchen wissen, wo die Grenze geht, dachte er und brach den Bock auf. Miken kniete bei ihm nieder und sah neubegierig zu. Göde sah sie von der Seite an und ihm wurde ganz absonderlich zumute. So dicht war eigentlich noch nie ein Mädchen bei ihm gewesen. Wie rot ihr Haar war, gerade so wie der Bock, und kraus war es und leuchtete, wie eitel Gold. Und ihre Haut war schier und so weiß, ganz anders wie bei den anderen Mädchen. Und was sie für einen roten Mund hatte. Als der Bock aufgebrochen war und Göde ihn an eine Fuhre gehängt hatte, wusch er sich die Hände und Miken trocknete sie ihm mit ihrer Schürze ab. Ihm wurde der Hals eng, als sie so dicht bei ihm stand und seine Hände rieb und ein Schudder lief ihm über die Brust. »Hast noch Zeit?« fragte sie und sah ihn mit kleinen Augen an. »Wollen uns noch was erzählen. Hier kommt meistens kein Mensch her.« Sie zog ihn hinter den Machangelbusch. »Mich wundert bloß,« sagte sie und sah ihn verliebt an, »daß du erst zwei Jahre aus der Schule bist, so groß wie du bist. Du siehst aus, als wenn du meist schon achtzehn wärst.« »Du auch,« lachte Göde und sah an ihrer Brust herunter und an den weißen Armen, die kaum ein bißchen verbrannt waren; »du könntest dreist für achtzehn gelten.« Das Mädchen lachte eitel. »Was du für schönes Haar hast,« sagte sie dann und ging ihm mit den Fingern über den Kopf; »so gelb wie Haberstroh.« »O, Junge, du hast ja zwei Wirbel,« fuhr sie fort und rückte immer näher an ihn heran, daß ihr Atem über sein Gesicht ging und ihm das Blut in die Backen sprang. »Brauchst kein Bange zu haben, daß ich was sage,« flüsterte sie; »dem Müller ist es gleich, wer den Bock kriegt, und der Hauptmann soll ihn nicht haben. Ich hab'n ihm schon zweimal weggejagt. Der tut so, als wenn ich gar nicht auf der Welt bin. Mußt aber auch mal wiederkommen. Hier ist es so langweilig. Lauter alte Leute!« Sie seufzte und schummelte sich immer dichter an ihn heran und sah ihm in die Augen. »Was für Augen sie hat,« dachte der Junge, »solche habe ich meinen Tag noch nicht gesehen. Grün und braun durcheinander.« Und dann ging er mit seiner Hand über ihren Arm, und wie Feuer lief es ihm über die Brust. Das Mädchen warf ihm die Arme um den Hals: »Komm, Junge, sei nicht dumm, du bist so'n hübschen Jungen. O was du für'n hübschen Jungen bist, mein Göde, so'n hübschen Jungen.« Mit trockenen Lippen und wildem Atem sprang Göde nach einer Weile auf; es sauste und brauste ihm in den Ohren und seine Brust flog. Das Mädchen hing an seinem Halse; »Wann kommst du wieder? Komm morgen. Ich mache dir noch einen Bock aus; ich weiß noch einen gehen. Und wenn du kommst, dann brauchst du nur zu flötjen wie der Wigelwagel, das kannst du doch? Paß auf!« Sie machte den Mund spitz, pfiff wie der Pfingstvogel und gab auch das Kreischen wieder. »So mußt du es machen, Göde, dreimal schnell hintereinander und dann das olle Schreien hinterher. Dann weiß ich, daß du da bist. Du kommst doch wieder, nicht? Alle Jungens sind hinter mir her,« setzte sie hinzu, »aber du bist doch der Beste. Ich hab' schon immer nach dir ausgesehen.« Als Göde über die Heide ging, den Bock über den Nacken geschlagen, wußte er nicht, ob er sich freuen oder schämen sollte. Diese Miken! Also so ist das mit den Mädchen und darum stellen sich die Jungens ihretwegen so an. Mancherlei ging ihm durch den Sinn, was ihm früher dunkel geblieben war. Auf einmal mußte er lachen: was wohl die anderen Jungens sagen würden, wenn die das wüßten! Aber dann war es ihm wieder, als wenn er sich schämen müßte. Wie Wolf das wohl aufnehmen würde? Er erinnerte sich, was für ein Gesicht der gemacht hatte, als ihnen in der Heide die beiden Celler Mascherweiber begegnet waren und gesagt hatten: »Deubel, was seid ihr für'n paar glatte Jungens! Fiken, was meinste, das wären so' n paar Äppel für' n Durst!« Da hatte Wolf die Nase hochgehalten und leise gesagt: »Pfui Deubel!« Als er nach Hause kam, fand er im Fleet ein Mädchen vor, das beim Feuer kniete, so daß ihr Gesicht ganz rot von den Flammen war. Als er eintrat, sah sie auf. »Gib deiner Kusine die Hand, Göde,« rief die Mutter; »das ist Meta Dettmer. Vertragen werdet ihr euch wohl.« Meta stand auf, wischte sich die Hand an der Schürze ab und streckte sie Göde hin. Der wunderte sich, wie kühl ihre Hand war; Mikens Hände waren heiß gewesen. Sie fegte die Asche zusammen, und Göde mußte sie ansehen, denn sie war so flink und doch so ruhig dabei. Als sie nachher zusammen sprachen sah sie nach seinem Arm und nahm ihm eine langes, rotes Haar, das an seinem Ärmel hing, fort. Und da steckte sich Göde rot an und ging schnell fort. Der Blumengarten Alle paar Tage pfiff der Wigelwagel am Toten Orte, sogar noch im Herbst. »Weißt du, Göde,« sagte Miken eines Abends, »du mußt anders flötjen. Der Müller sagte gestern: Weiß der Deuker, daß der Wigelwagel noch nicht fort ist.« Sie lachte und küßte ihn auf ihre verrückte Art. »Was für Stimmen kannst du noch? Das beste ist, am Tage machst du die Krähe, so ganz hell, mußt du wissen, wenn sie hinter dem Habicht her ist, und abends die Eule.« Sie machte den Mund auf und flötete: »Huhuu, huhuu, huhuu.« Sie sah ihn mit ihren bunten Augen an, daß es ihm heiß über den Hals lief: »Ich glaube, du flötjest abends gar nicht. Um Uhre neun schläft auf der Mühle alles. Dann brauchst du bloß mein Kammerfenster aufzustoßen. Die anderen merken nichts, die schlafen alle nach vorne. Komm gleich heute abend!« Göde kam. Er tat es nicht gern, aber er dachte daran, daß Miken um den Bock wußte. Heimlich stahl er sich aus dem Hause und heimlich stahl er sich wieder hinein. »Junge, was hujahnst du in einem Ende?« fragte der Bauer, als sie bei der Morgenzeit saßen. »Das kommt, weil daß er wächst,« sagte die Mutter und sah ihm nach, als er aufstand und dachte bei sich: »Bald ist er so lang wie der Vater. Und ein ganz anderes Gesicht hatte er gekriegt. Ja, ja, aus Kinderen werden Leute!« Eines Morgens, als Göde einmal wieder übernächtig auf dem Hofe stand und mit Meta sprach, sah er, daß sie nach seiner Schulter sah, ganz blaß wurde und wegging; auf seiner Achsel hing ein rotes Haar von Miken. Meta ging ihm hinterher augenscheinlich aus dem Wege, und als sie ihm beim Frühstück gegenübersaß, sah er, daß sie rote Augen hatte. Er dachte aber nicht weiter darüber nach, denn sein Sinn war bei der anderen. Bevor er am nächsten Morgen aber aus seiner Dönze ging, sah er erst seine Jacke nach, ob er nicht etwas mitgenommen habe vom Toten Ort, denn er hatte so das Gefühl, daß er sich vor Meta schämen müsse, wenn sie wüßte, mit wem er sich abgab. Vor Meta nahm er sich überhaupt zusammen, mehr als vor Vater und Mutter. Das Mädchen hatte Augen wie eine Heilige, und wenn sie in der Sonne über den Hof ging, so leicht und so schnell, dann mußte er immer hinter ihr hersehen. Meist war sie ernst und still, denn sie konnte es so leicht nicht vergessen, daß sie in drei Tagen Vater und Mutter hatte wegsterben sehen; wenn sie aber einmal lachte, dann war es, als wenn die Sonne in einen dunklen Wald kam. An einem Sonntagnachmittag, als Göde vom Lichteloher Kruge, wo er gekegelt hatte, nach Hause ging, um die Pferde zu füttern, hatte er eine große Unruhe in sich und dachte immer daran, daß es noch mehrere Stunden hin wären, ehe er bei Miken sein könnte. Aber dann trat ihm wieder Meta vor die Augen; er ging schneller und hatte dabei das Gefühl, als könne er die andere nicht mehr so gut leiden. Wenn er sie sich genau besah, so war ihr Haar meist unordentlich und Löcher hatte sie wohl immer in den Strümpfen. Meta war nun schon einige Jahre auf dem Hehlenhofe und noch keinmal hatte er gesehen, daß ihr Haar wild oder sonst etwas an ihr nicht in der Reihe war. Sie sah immer aus, wie aus der Beilade genommen, und wenn sie auch beim Schweinefüttern war. Es kam ihm lächerlich vor, wenn er sich denken sollte, daß Meta bei ihm im Busche längelangs auf dem Leibe liegen und an einem Reethalme kauen könnte, und es war ganz unmöglich, daß sie mit Küssen und Drücken den Anfang machen werde, wenn sie einmal eine Liebschaft hätte. Eine Liebschaft! Er blieb stehen und sah über die Heide, die ganz grün von dem jungen Birkenlaub war. Als er einmal in seiner Dönze war, hatte er gehört, was der Vater mit der Mutter redete: »Das Mädchen ist mir rein an das Herz gewachsen,« hatte der Vater gesagt; »ich wollte, sie bliebe auf dem Hofe.« Die Mutter nickte: »Das ist ganz meine Meinung; eine bessere Bäuerin kriegt der Hehlenhof nicht. Ich habe man Angst, daß der Junge anderswo was hat; ich wüßte bloß nicht wo. Mit den Mädchen auf dem Hofe hat er nichts.« Der Bauer hatte erst nichts gesagt, dann meinte er: »In den Jahren ist er. Aber wo sollte er etwas haben? Es kann ja auch sein, daß er im Dorfe einen Danzeschatz hat; aufgestoßen ist mir das aber noch nicht weiter. Aber wenn aus ihm und der Meta was wird, ich könnte keine größere Freude haben. Nach dem Alter passen sie gut zusammen und sonst stimmt auch alles.« Göde ging weiter. Nein, er wollte heute nacht nicht nach der Mühle. Die Geschichte mußte ein Ende haben. Er konnte heilsfroh sein, daß es bislang so gut abgelaufen war, denn wenn er sich denken sollte, daß er das rot Miken einmal freien müßte, nein, das war keine Möglichkeit. Die als Bäuerin da, wo seine Mutter war, das ging nicht. Da hörte ein Mädchen von einem großen Hofe hin, nicht so eine wie Miken, die das Magdsdenken nicht verlernen konnte, und die nur dann arbeitete, wenn sie mit Schimpfen dazu gekriegt wurde. Ihm war zumute, als habe er sich weggeschmissen, vorzüglich, wenn er daran dachte, wie vertraut die anderen Jungens mit ihr auf dem Tanzboden taten, sogar die Dragoner, die im Dorfe im Quartier lagen. Er klopfte seine Pfeife aus; sie wollte ihm mit einmal nicht mehr schmecken. »Morgen darfst du nicht kommen,« hatte sie ihm neulich gesagt, »morgen haben wir lange zu tun.« Das war in der letzten Zeit öfter vorgekommen. Da steckte etwas dahinter. Und wenn er es so recht besah, bald wollte sie dies und bald das, heute Haubenspitze und morgen ein Fürtuch und neulich hatte sie davon gesprochen, was Lischen Tünnermann für eine glatte Brustnadel habe. Es war ihm ja nicht um das Geld, aber es kam ihm doch wunderlich vor. Und jetzt fiel es ihm ein, das Brusttuch, das sie das letztemal in der Kirche umgehabt hatte, das hatte Krischan Holtmann für zwei Taler beim Krämer erstanden, just als Göde Balkennägel geholt hatte. Er mußte rein blind gewesen sein die ganze Zeit. Nun wollte er aber auch von dem Allermannslottchen nichts mehr wissen. Er ging noch schneller; er wußte, daß außer Meta niemand auf dem Hofe war, denn Vater und Mutter waren zur Freundschaft gefahren, und die Leute waren im Dorfe. Es war kirchenstill auf dem Hofe, als er über das Siegel stieg. Die Maisonne fiel durch das frische Eichenlaub, die Bienen waren im Gange, der Wigelwagel flötete und das Schwarzplättchen sang. Göde schüttelte den Pferden Futter auf und gab ihnen zu trinken. Gerade zog er die Stalljacke aus, da war es ihm, als wenn er einen Gesang hörte. Er trat aus dem Stall und hörte, daß es Meta war. Er hatte sie nur wenig vor sich hinsingen hören und immer ganz leise und bloß, wenn sie allein war. Heute aber war ihre Stimme klar. Sie kam aus dem Blumengarten hinter dem Hause, und das Lied, das sie sang, war ein Lied, das die kleinen Mädchen beim Spielen singen. Hell kam es über den Hof, und Göde fühlte, wie sein Herz unruhig wurde. Er ging nach dem Blumengarten und sah Meta bei den weißen Lilien stehen, die seiner Mutter die liebsten Blumen waren. Sie stand da und las die roten Käfer ab, und ihr Haar leuchtete in der Sonne. Göde wurde benaud zumute, als er sie so stehen sah, so frisch und sauber und so ruhig und bedachtsam. Der Gartenweg war ganz mit grünem Moose bewachsen und so vernahm sie es nicht, als er hinter sie kam, und erst als er den Arm um sie legte und sagte: »Na, Meta, ganz allein?« fuhr sie zusammen und wurde ganz rot im Nacken. Aber als sie sich umdrehte, war sie schon wieder wie sonst, nur daß ihre Augen noch blauer waren als gewöhnlich. Sie lächelte ihn an und fragte: »Willst du nicht wieder in den Krug?« Er drückte sie noch fester an sich: »Nein, Meta, ich will hier bleiben,« und dabei atmete er schwer. »Komm,« sagte er dann, als er sah, wie ihr Brusttuch auf und ab ging, und sie bald rot, bald weiß im Gesichte wurde, und zog sie auf die grüne Bank. Eine Weile saßen sie schweigend da, bis Meta sagte: »Das Moos muß auch mal weg. Es sieht so nüdlich aus, aber es hält das Wasser zu lange.« Er hatte seine Hand auf ihrem Knie liegen, und sie lachte: »Was du für eine Hand hast, Göde, als wie ein Heidbrink.« Er lachte auch und sagte: »Ja, deine sieht dagegen aus, wie das Kalb neben der Kuh. Aber arbeiten kann sie deswegen doch.« Meta sprang auf. »Ich dachte, es wäre einer auf der Diele gegangen.« Als sie sich wieder neben ihn setzen wollte, faßte er sie um, zog sie auf den Schoß, schlug seine Arme um sie und küßte sie ein über das andere Mal, bis ihr der Kopf hintenüberfiel und sie stöhnte: »Göde, Göde, nicht so wild; mir geht ja ganz der Atem weg. Und wie ich wohl am Kopfe aussehe!« Er aber lachte: »Fein siehst du aus, Meta; du siehst immer fein aus. Keine sieht so glatt aus als wie du,« und dann fing er wieder an, sie zu drücken und zu küssen, bis ihr mit einem Male die Augen überliefen und sie ihn umfaßte und ihm einen schnellen Kuß gab, der sein Blut ganz wild machte. Und dann sprang sie auf und ging in das Haus. Göde ging ihr nach und fand sie vor der Eimerbank stehen und aus der Schöpfkelle trinken. »Bist du auch so durstig?« fragte er lachend; »ich auch!« Sie hielt ihm die Kelle hin und er trank. Aber dann faßte er sie wieder um, küßte sie und flüsterte: »Ach Meta, meine Meta. Du glaubst gar nicht, wie gern ich dich habe. Hast du mich auch so gern?« Sie sah ihn mit hellen Augen an. Dann fiel sie ihm um den Hals und ließ sich von ihm küssen und lag an seiner Brust ohne eigenen Willen, und er fühlte, wie ihr Herz klopfte. Sie fuhren auseinander; draußen gingen Schritte. Der Bauer und die Bäuerin kamen zurück. »Sieh, habt ihr beide das Haus gehütet,« fragte die Mutter über die Halbtür; »das ist ja mal nett. Ich dachte schon, du wärest wieder im Kruge, Göde.« Hehlmann sagte nichts, aber als seine Frau ihn schnell von der Seite ansah, wußte sie, daß er ebensoviel gesehen hatte wie sie, und froh darüber war. »Ich habe gerade die Pferde gefüttert,« sagte ihr Sohn; »der Fuchs will immer noch nicht so recht fressen. Wo ist denn der Wagen?« »Der fährt den Pastor nach Ohlendörpe,« antwortete der Bauer. »Er ist zu Meyers gerufen, die Altmutter ist schwer krank geworden; wir trafen ihn gerade, als er auf dem Steinbrink war. Dem alten Mann wird der Weg hin und her zu weit.« Beim Abendbrot sah Meta nicht einmal auf, und als Göde sie anredete, wurde sie über und über rot. »Du, Mutter,« sagte der Bauer, als er im Bette lag, und dabei stieß er seine Frau an, »ich glaube, ich glaube, wir sind ein büschen zu früh gekommen.« Die Bäuerin schmusterte: »Na wenn sie sich erst beim Kopfe haben, das andere findet sich. Der Anfang ist das Schwerste. Du warst zuerst auch so ein Stoffel.« Hehlemann lachte: »Ja, Detta, so dumm als wie ich, wird der Junge sich wohl nicht anstellen.« Er schob sich näher an sie heran: »Weißt du noch damals?« Die Bäuerin lachte unter der Bettdecke: »Schweig bloß still; ich schäme mich heute noch halb tot, wenn ich daran denke. Jochen, was willst du,« wehrte sie halb ab, als ihr Mann den Arm unter ihren Hals schob, »wir sind doch reichlich alt genug für solche Dummheiten. Wenn das die Kinder wüßten!« Der Bauer sagte: »Mai ist Mai. Und wer weiß, was die jetzt tun.« Aber Meta lag mit großen Augen in ihrem Bette; sie hatte die Hände gefaltet und dachte weiter nichts, als: »Gott, o Gott, wie gern ich ihn habe!« Nebenan in der Dönze warf sich Göde in seinem Bette hin und her und wußte nicht, wo er den Schlaf hernehmen sollte. Er überlegte, ob er bei Meta anklopfen solle, aber er scheute sich davor, und so lag er mit offenen Augen da, drehte sich von einer Seite auf die andere und hörte immer das Lied, das sie im Blumengarten gesungen hatte: Ick set woll up den Breedensteen Un harr min Ogen so recht beweent. De annern Dirns kregen all 'n Mann Un ick müß sitten und seg dat an. Ick müß min Hoor up den Puckel slahn Un noch en Jahr as Jumfer gahn. Die Eule Zwei Heimlichkeiten waren von diesem Maitage an auf dem Hofe. »Hier ist eine geheime Braut im Hause,« sagte die Großmagd eines Abends zu der Bäuerin, »es brennen drei Lampen.« Dann wies sie auf ein großes Spinnennetz an der Dönzenwand: »Das große Brautlaken ist da auch schon.« Die Bäuerin lachte; »Das wirst du wohl wesen, Durtjen. Oder will Hermen nicht so, wie er soll?« Die Magd lachte: »Ach, der Fullar!« Meta hörte durch die offene Dönzentür das Gespräch und als sie in den Spiegel sah, sah sie, daß ihr das Blut im Gesicht stand. »Mädchen, du wirst von Tag zu Tag hübscher,« hatte vor ein paar Tagen der Rittmeister gesagt, als er sie in der Heide antraf. »Wahr ist es,« dachte das Mädchen und sah noch einmal in den Spiegel. Ein Wunder war es ja auch nicht. Es war zu schön, wenn immer, wo sie auch war, Göde hinter ihr stand und sie in den Arm nahm. Aber Göde gefiel ihr nicht; er sah meist etwas laurig aus und sah sie an, als wenn er etwas sagen wollte und könnte es nicht herausbringen. Sie nahm sich vor, ihn einmal zu fragen, was ihm fehlte. Aber noch eine andere Heimlichkeit war im Hause. Als der Juli kam, ging der Bauer mit seiner Frau an einem Sonntage durch das Feld und trieb seinen Roggen an. »Es ist eine wahre Pracht, wie dieses Jahr alles wächst. Das machen die Maigewitter. Mairegen bringt Wachstum.« »Was hast du, Mutter?« fragte er dann, denn als er sich umdrehte, sah er, daß sie heimlich lachte und bis in das Haar rot wurde. »Worüber lachst du?« fragte er noch einmal. Aber sie lächelte nur und sah fort: »Nichts,« sagte sie, »mir fiel bloß was ein.« Als sie aber abends neben ihm lag, schob sie sich nahe an ihn heran und sagte leise: »Jochen, ich muß dir was sagen.« Er faßte ihre Hand, denn sie sprach so schüchtern, und verwundert fragte er: »Na, Dirn, was hast du denn? Ist dir nicht gut?« Sie zog seinen Kopf an sich heran und flüsterte: »Mußt's aber auch keinem wiedersagen, Jochen, ich schäm' mich sonst tot. Weißt du doch noch den Maiabend, als wir die Kinder antrafen, wie sie sich umgefaßt hatten?« Er richtete sich auf: »Ist da was fällig? Ein Unglück wäre das ja auch nicht.« Sie schüttelte den Kopf und sprach noch leiser: »Ach nee, Jochen, da nicht, aber bei uns.« Er lachte: »Kiek, sieh, junge Frau, also auf die Art! Ja, wer A gesagt hat, muß B sagen. Na, dann hilft das nicht. Und auf dem Hansburhofe ist ja wohl noch Platz für ein zweites Kind. Man schade, daß es sich so versäumt hat, es konnte getrost ein Jahrzehner eher kommen.« »Sag' mal, du weinst doch nicht?« fragte er dann; »denke ja nicht, daß er mir nicht recht ist. Es ist mir nur so ungewohnt.« Zärtlich wischte er ihr mit der Hand über die Augen und als sie immer mehr an zu weinen fing, nahm er sie in den Arm und tröstete sie, wie ein Vater sein Kind. Am anderen Morgen aber, als er über den Hof ging, flötete er das Brummelbeerlied. Die Großmagd sagte zum Großknecht: »Was hat denn der Bauer? Den habe ich ja meinen Tag noch nicht flötjen hören!« Der Großknecht aber brummte: »Soll er dich erst um Verlaubnis fragen?« Als die Roggenernte vorbei war, stand Meta eines Sonntags früh bei der Bäuerin im Flett, als die Frau auf einmal weiß wie die Wand wurde, so daß das Mädchen schnell zusprang, sie umfaßte, ihr zum Stuhl hinhalf und ihr ein Glas Wasser gab. Die Bäuerin erholte sich schnell und als Meta ihr den kalten Schweiß von der Stirn wischte, zog sie sie herunter und gab ihr einen Kuß auf die Backe. Meta wunderte sich, sagte aber nichts. Nachmittags saß sie mit der Bäuerin im Blumengarten. Meta freute sich, daß die Tante wieder gut aussah. Nach einer Weile fing die Frau an: »Sag' mal, Meta, was hast du dir eigentlich gedacht heute morgen, als mir das zustieß?« Das Mädchen lachte: »Gar nichts, Tante, das kann ja wohl mal bei jedem kommen.« Die Frau seufzte: »Einmal mußt du es ja doch wissen, darum will ich es dir lieber gleich sagen, aber behalte es für dich. Beim Grummet kann ich nicht mithelfen, weil ich nicht auf freien Füßen hin, und du weißt, große Hitze vertrage ich so schon schlecht.« Meta faßte ihre Hand und drückte sie: »Ach Tante, das ist ja schön. Bloß ein Kind, das ist auch viel zu wenig für einen großen Hof. Freust du dich denn nicht? So spät, das ist doch ein doppeltes Gottesgeschenk!« Frau Hehlmann lachte auf einmal laut auf, faßte Meta um die Schultern, drehte ihr den Kopf herum und fragte: »Weißt du, was der Bauer gesagt hat, als ich ihm sagte, daß hier im Hause was fällig ist?« Sie sah dem Mädchen lustig in die Augen, zog ihren Kopf ganz dicht an sich heran und flüsterte ihr ins Ohr: »Er meinte, ich hätte dich und Göde im Sinne gehabt.« Und dann lachte sie ganz unbändig. »Tante,« schrie das Mädchen und sprang auf, über und über rot; Tränen standen ihr in den Augen. Die Bäuerin ließ ihre Hand nicht los, sondern zog sie wieder neben sich, nahm sie in den Arm und sprach leise auf sie ein: »Na, daß du und Göde einig seid, das kann doch ein Blinder mit dem Stocke fühlen. Umsonst würd'st du nicht von Tag zu Tag hübscher. Früher warst du man so'n Hering, aber jetzt bist du ganz komplett. Na, uns ist es recht; eine bessere Tochter wünschen wir uns gar nicht. Ein büschen jung seid ihr ja noch, aber das gibt sich ehe, als einem lieb ist. Also, wie ist es mit euch?« Das Mädchen legte ihren Kopf an die Schulter der Frau und sagte: »Ach ja, Tante, wir sind uns von Herzen gut.« Die Bäuerin streichelte ihr die Backen: »Das ist schön, meine Tochter.« Dann sah sie ihr listig in die Augen und sagte: »Na, und? Dann müssen wir ja wohl eine neue Wiege machen lassen, denn eine haben wir man. Na, na, schämen brauchst du dich nicht. Was der Pastor auch redet, das ist sicher: zur Eingehung einer christlichen Ehe reicht der feste Wille aus. Das hat Luther gesagt. Göde war auch schon drei Monate nach der Hochzeit da.« »Was hast du denn?« fragte sie ängstlich, als das Mädchen weiß und rot durcheinander wurde und ihm der Atem hin und her ging; »nu mal heraus mit der Sprache! So schlimm wird es doch wohl nicht sein, daß du zu liegen kommst, ehe du den Brautschatz fertig hast?« Meta seufzte tief auf: »Nein, Tante, es ist, es ist nicht an dem. Ich bin nicht anders, als ich aus der Schule kam.« Die Bäuerin machte runde Augen: »Also auf diese Art! Darum sieht der Junge so laurig aus. Was ist denn das für ein Werk? Traut er sich nicht oder was ist sonst?« Sie setzte an, als ob sie noch etwas sagen wollte, aber dann sagte sie nur: »Stell die Tassen hin und ruf die Mannsleute zum Kaffee, Meta!« Nach dem Kaffee fragte sie: »Na, Göde, willst du nicht nach Plesse hin, da ist heute Erntebier?« Göde machte eine krause Stirn: »Ach nee, was soll ich da?« Seine Mutter lachte: »Hat einer schon so was gehört? Was er da soll? Tanzen sollst du und lustig sein, alter Sauerpott! Siehst überhaupt jetzt meist als so'n Trankrüsel aus, Steck dir die die Taschen voll Taler und laß die Musiker spielen, bis ihnen die Arme runterfallen, und trinke eine Buddel Wein, daß du auf andere Gedanken kommst! Und nimm Meta mit, der tut es auch mal gut, wenn sie unter die Leute kommt. Ihr werdet mir sonst hier auf dem Hofe noch so krumm und schief wie die Machangeln auf der Heide. Meta, du gehst doch gern mit? Oder nicht?« Das Mädchen stand vor dem Fenster und bückte sich, als wenn sie etwas verloren hätte, damit keiner sehen sollte, wie sie im Gesicht aussah. »Wenn du meinst, Tante,« sagte sie dann. »Dirn, das hörte sich ja an, als wollte ich dir zumuten, du solltest heute am heiligen Sonntag den Schweinestall ausmisten,« rief die Bäuerin lachend. »Nu, macht man hille, zieht euch an und denn zu! Als ich noch Mädchen war, brauchte mich keiner zum Tanzen zu zwingen, Ich glaube, heute noch nicht!« Und dann lachte sie verlegen, denn Meta hatte ihr ein paar Augen gemacht, als wenn sie sagen wollte: »Wenn du nicht gleich aufhörst, dann sage ich, was ich weiß!« Als die beiden jungen Leute auf dem Plessenhofe ankamen, war der Tanz schon im Gange und vor all dem Schurren und Juchen und Mitsingen konnte man kaum die Musik hören. Es gab ein großes Hallo, als Göde mit Meta ankam, denn Göde machte sich seit dem Mai rar und Meta war ein seltener Vogel auf Tanzfesten, trotzdem sie besser tanzen konnte als die meisten Mädchen. Aber heute konnte sie gar nicht zugange kommen, weil ihr unfrei zu Sinne war, und Göde ging es auch so, und so setzten sie sich in die Dönze und tranken ein paar Glas Wein. Danach wurde ihnen leichter zumute. Göde warf den Musikanten einen Taler hin und bestellte einen Bunten, und hinterher einen Kontrazweitritt, und als sie erst einmal im Gange waren, kamen sie aus dem Tanzen nicht mehr heraus, und sogar Meta sang die Tanzlieder mit und trank mit Göde aus einem Glase den Muskateller. Es war schon Nacht, als sie nach Hause gingen. Der halbe Mond stand am hellen Himmel, an dem alle Sterne versammelt waren. Die Luft war weich und warm und kein Lüftchen rührte sich. Eng aneinandergedrückt gingen die beiden Liebesleute über die Heide, einer den Arm um die Lenden des anderen und die Hände ineinander. Lange sprachen sie nichts, bis Meta sagte: »Wie schön war es heute und wie schön ist es nocht!« Göde drücke sie noch fester an sich und sagte: »Und wird noch schöner werden, Meta,« und voller Freuden fühlte er, wie sie ihren Kopf noch mehr gegen seine Schulter lehnte. Schweigend gingen sie weiter; Göde streichelte ihre Hand und flüsterte ab und an: »Meta, meine liebe Meta!« Weiter konnte er nichts sagen. Ein Rehbock, der Wind von ihnen bekommen hatte, schreckte laut. Das Mädchen fuhr zusammen. »Ein Segen, daß du bei mir bist, Göde, was hätte ich mich sonst verjagt. Letzte Nacht, als die Eule so losprahlte, bekam ich es mit der kalten Angst.« Göde streichelte ihr die Backen: »Bei der diesigen Luft wird die Eule heute nacht wohl wieder den Hals aufreißen. Da ist es wohl besser, ich komme in deine Kammer mit, damit du dich nicht wieder so verjagst. Soll ich, Meta?« Das Mädchen legte den Kopf gegen seine Brust und nickte. Da faßte er sie um und küßte sie, daß sie stöhnte, und sagte nur: »Meta!« Und von da ab trug er sie mehr als daß sie ging, denn ihr war, als wenn sie keine Kraft in den Beinen hätte. Als er am anderen Tage zur Morgenzeit kam, sah seine Mutter mit einem Blick, daß er anders war als am Tage vorher. Als sie dann nachher Meta allein in der Dönze traf, nahm sie sie in den Arm, gab ihr einen Kuß und sagt: »Hör' mal, wie der Junge heute flötjet! Das hat er seit Wochen nicht getan.« Göde aber ging über den Hof, hatte blanke Augen und ein schieres Gesicht, wie lange nicht, und flötete wie ein Scherenschleifer den Walzer, den er gestern mit Meta getanzt hatte. Die Großmagd sagte zu dem Großknecht: »Hermen, hör bloß, was er flötjet!« Dann sang sie leise die Tanzweise vor sich hin, denn sie war gestern mit dem Großknecht auch bei Plesses gewesen und wußte nun, wer die heimliche Braut im Hause war. Der Großknecht aber brummte nur so vor sich hin, denn das Lied, das die Magd sang, lautete: Eija, poleija, wo weihet de Wind! Achter usen Hus' dor stünn so'n grot Ding, Harr sunn langen Snawel und harr sunn lange Been, Heff in min Leewen sunn' Dings noch nich sehn. Der Norweg Meta blühte immer mehr auf und wo sie ging und stand, da sang sie; die Bäuerin aber fiel immer mehr ab und man hörte sie an einem Tage mehr seufzen, als sonst in einem ganzen Monat. Sie trug eine große Angst mit sich herum und wollte es keinen Menschen merken lassen, vorzüglich ihren Mann nicht, der sich schon Sorge genug um sie machte. Sie konnte kaum gehen, so waren ihre Füße geschwollen, und jede Nacht hatte sie Atemnot und Herzspann. Es war eine stürmische Nacht im Christmond, als der Bauer in die Dönze seines Sohnes kam und rief: »Gotthard, steh schnell auf, du mußt nach Lichtelohe, den Doktor holen; unsere Mutter ist mir eben weggeblieben.« In diesem Augenblicke ging auch nebenan die Tür und Meta rief: »Ich komme auch schon.« Der Bauer nickte ihr zu: »Ja, tu' das Mädchen.« Als sie in die Ehedönze kamen, war die Bäuerin schon wieder bei sich. Meta machte ihr einen Umschlag und sagte: »Ohm, geht ihr man in meinem Bette schlafen; ich will hier bleiben. Ich weiß besser damit Bescheid.« Eine halbe Stunde schlief die Bäuerin ruhig, dann schoß sie in die Höhe und flüsterte; »O, Gott, was hab' ich für'n Herzspann!« Meta machte ihr einen frischen Umschlag und rieb ihr die Füße, aber es dauerte lange, ehe der Anfall fortging. Nach einer Weile sagte die Bäuerin: »Steck das Licht wieder an, mir ist im Düstern angst!« Das Mädchen erschrak, denn der Krüsel brannte ganz hell. Dann flüsterte die Kranke: »Meta, Kind, ich muß nun doch fort von euch. Sei still, ich weiß es besser! Göde und du, wenn ich das noch belebt hätte! Aber wenn ich nur weiß, daß ihr euch kriegt. Meta, du wirst ihm eine gute Frau sein. Er ist einer von der wilden Art. Alle Hehlmanns mit elf Fingern und zwei Wirbeln waren so. Sie waren alle gut, bloß so wild. Ich glaube, du und er, das ist das Richtige.« Sie sah mit Augen, die von der Erde fort waren, das Mädchen an. »Als er drei Tage alt war, da träumte mir, es standen zwei Frauen bei der Wiege; die eine gab ihm Böses in den Sinn, aber die andere wünschte es weg. Sei geduldig mit ihm, auch wenn er über die Stränge schlägt. Niemals schimpfen, das hat bei ihm keine Art; mit Güte kann man ihn hinhaben, wo man will.« Sie machte die Augen zu und lag eine ganze Zeit still da, bis ein neuer Anfall kam. Als der vorbei war, fing sie wieder an zu flüstern; »Ich glaube, er ist von der Art, die mehr als eine Frau brauchen. Eine Frau muß nicht immer alles sehen. Sein Großvater war auch so, und seine Frau hat immer gut mit ihm ausgekonnt.« Die Tür ging. Meta ging dem Doktor entgegen. Der setzte sich vor das Bett, klopfte der Kranken die Backen und sagte: »Na, Frau Hehlmann, was machen wir denn für Dummheiten! Sie sind zu sehr aus der Gewohnheit gekommen. Das erste ist schon ein Mann und nun kommt erst das zweite! Warten Sie, ich gebe Ihnen was gegen die Angst.« Er ging auf die Deele, schüttelte ein Pulver in eine Tasse und rief Meta: »So, Kind, das gib ihr,« sagte er laut und leise flüsterte er bei: »Sagt meinem Kutscher, er soll sofort nach dem Dorfe fahren und den Pastor und die Hebamme holen, aber schnell.« Das Mädchen riß die Augen weit auf. »Ist es so schlimm?« Der Doktor wiegte den Kopf hin und her: »Wissen kann man es nie. Da ist etwas gänzlich aus der Kehr.« Eine knappe Stunde war weggegangen, da kam der Wagen zurück. In demselben Augenblick, als der Pastor auf die Deele tat, wurde es so hell wie der Tag und ein Donnerschlag kam hinterher. Die Kranke schrie auf. Der Doktor ging in die Dönze. »Vielleicht ist Ihnen nun besser, Frau Hehlmann?« fragte er und bückte sich zu ihr nieder. »Viel, viel besser,« flüsterte sie. Der Doktor trat an die Tür und rief leise: »Hehlmann, Göde, kommt her. Ruhig, ruhig, ihr dürft sie nicht erschrecken.« Die Kranke lag ganz still da, kaum daß ihr Atem ging. Plötzlich schlug sie die Augen auf und sah klar nach der Tür. »Meta,« rief sie laut. Das Mädchen kam, »Gebt euch die Hände!« Sie lächelte. »Göde, das ist deine Frau. Halte sie in Ehren. Sie hat ein Herz von Gold!« Sie drehte sich nach der Wand und atmete so ruhig, als wenn sie schliefe. Der Doktor horchte lange. Nach einer Weile gab er Hehlmann die Hand: »Es ist vorbei,« sagte er. In demselben Augenblicke heulte draußen der alte Tyras auf und kratzte an der Türe. Hehlmann ging hinaus. Er fiel so schwer in den Spinnstuhl, daß der Doktor erschrocken hinging. Er redete auf ihn ein, aber der Bauer sah ihn ohne Verstand an. Der Pastor setzte sich neben ihn, nahm seine Hände und sprach ihm Trost ein. Hehlmann gab einen tiefen Seufzer von sich und flüsterte hohl, als wäre er ein Geist: »Es ist vorbei, es ist alles vorbei.« Dann fiel er wieder zusammen und sah in das Herdfeuer, ohne zu sehen und zu hören, was vorging. Am anderen Tage war er ganz vernünftig, bloß das er aussah, als wäre er aus dem Grabe genommen, und wenn er sprach, bellte Tyras, weil es ihm eine fremde Stimme schien. Als Meta dem Ohm sagte, daß das Kind, das die Frau erwartete, längst tot gewesen sei, hörte er kaum hin, aber er schloß das Notlaken, das seine Frau sich als Braut genäht hatte, aus dem Schranke, schnitt selbst den Namen aus dem Totenhemd, schickte den Kleinknecht nach dem Tischler, daß er aus dem schon lange zurückgelegten Notholze den Sarg mache, und nach der Totenfrau, und er aß auch die Mahlzeiten mit wie vordem. Aber eins war allen sonderbar: als die Bäuerin aufgebahrt war, sagte Meta: »Wie schön sie aussieht; es ist ordentlich, als wenn sie lacht.« Da sagte die Totenfrau: »Das ist schlimm; sie wird einen nachholen.« In diesem Augenblick trat der Buer aus dem Schatten, gab der Toten die Hand und sagte: »Ja, Mutter, das wirst du tun. Übers Jahr bin ich bei dir.« Dabei sah er ganz zufrieden aus. Als die Beerdigung vorbei war, ging das Leben auf dem Hehlenhofe wieder seinen alten Gang, bloß daß das, was die Bäuerin getan hatte, Meta übernahm. Zwischen ihr und Göde war es anders geworden. Einmal hatte der Tod einen Schatten auf sie gelegt und dann war es Göde, als sei ihnen, seitdem jeder auf dem Hofe wußte, wie es um sie stand, etwas genommen, und wenn der Vater fragte, wann sie heiraten wollten, dann wehrte er ab und Meta auch. Das Mädchen hatte Sorgen. Ihr Bruder war aus der Vormundschaft heraus und fand sich ohne Frau auf seinem großen Hofe nicht zurecht. Er kam so oft, bis Meta nicht anders konnte und ihm zusagen mußte, einige Wochen zu ihm zu ziehen. Sie tat es mit schwerem Herzen, aber sie durfte ihren leiblichen Bruder nicht im Stiche lassen, meinte sie. Nun wurde es noch stiller auf dem Hehlenhofe, es ging alles nach der Reihe, weil eine ältliche Witwe vorderhand die Wirtschaft führte, aber es fehlte die Sonne. Der Bauer sprach nur das Nötigste; seitdem die Frau tot war, wurde er immer kleiner und lachen hatte ihn kein Mensch mehr gesehen. Göde fror, wenn er über die Deele ging, wo es so still war, wie in einer leeren Kirche. Solange er Arbeit hatte, hielt er es noch aus, aber abends wurde es ihm unheimlich zu Sinne und ab und zu ging er nach dem Krug, wo er doch wieder eine laute Stimme und ein Lachen zu hören bekam. So ging der Sommer hin und der Herbst kam. Der Bauer fiel immer mehr ab und hustete Tag und Nacht. Einmal, als sie beide allein beim Feuer saßen, hatte er gesagt: »Meta bleibt aber lange fort,« Göde antwortete: »Ja, sie kann noch nicht abkommen, hat sie mich wissen lassen. Es ist da eine Luderwirtschaft auf dem Hofe gewesen. Und ihr Bruder geht ihr doch vor.« Der Vater hatte ihn angesehen: »Ich meine, ihr seid so gut wie Mann und Frau. Und hier muß eine Frau hin, meine ich. Das ist nichts für einen jungen Kerl, das einschichtige Leben; davon wird das Geblüt hart. Wenn Meta hier wäre, würdest du nicht so oft nach dem Kruge gehen.« Der Sohn nickte: »Wohl möglich, Vadder,« und von da ab war er nicht mehr nach dem Dorfe gegangen, außer wenn es ganz nötig war. Er lebte stumpf vor sich hin und ging ab und zu auf die Jagd. Wenn er an Meta dachte, dann war es ihm selbst verwunderlich, wie wenig bange ihm nach ihr war, vorzüglich, wenn er bedachte, wie glücklich er mit ihr gewesen war, ehe daß die Mutter fortstarb. Ein Gedanke war immer bei ihm, wenn er an sie dachte: wie ging es zu, daß sie nicht guter Hoffnung war? Er wußte keine, die er lieber mochte, aber eine Frau, von der er keinen Hoferben haben sollte, das wollte ihm nicht in den Sinn. Als der Dezember kam, hustete der Vater immer hohler, und eines Morgens blieb er in der Butze. Göde schickte nach dem Doktor, aber der Bauer sagte, der könne ihm doch nicht helfen, und der Doktor gab das zu. »Dein Vater geht aus, wie ein Krüsel ohne Öl; er hat keinen Willen zum Leben mehr.« Der alte Tyras lag den ganzen Tag vor der Butze des Bauern und fraß kaum mehr. Hehlmann wurde immer schwächer. Er sagte Göde, er solle den Advokaten holen lassen und als der da war, verschrieb er Göde den Hof unter der Bedingung, daß er und seine Rechtsnachfolger, solange Meta Dettmer leben sollte, eine Dönze für sie frei halten und sie kleiden und verpflegen sollten, wie es einem Mädchen von einem großen Hofe zukam. An diesem Abend ging Tyras auf den Hof, heulte nach dem Kirchhofe und ging nicht wieder in die Dönze, sondern legte sich auf seinen alten Platz im Pferdestall; als der Großknecht ihm am anderen Morgen eine Satte Milch hinstellte, sah er, daß der Hund tot war. Am Morgen darauf lag der Bauer tot in seiner Butze. Sein Gesicht war ernst und streng. »Der zieht keinen nach,« sagte die Totenfrau, als sie ihn in das Notlaken einnähte. Es war eine große Leiche, denn die Hehlmann hatten eine weitläufige Freundschaft, und die Hohenhölter waren da und sogar der Droste. Unter den Klageweibern, die in ihren weißen Notlaken bei dem Sarge saßen und nebenher gingen, fehlte Meta; ihr Bruder lag schwer an der Lungensucht. Göde ging hinter dem Sarge her und wunderte sich, wie wenig traurig ihm zumute war. Er hatte sich immer gut mit dem Vater gestanden, aber in dem letzten Jahre war dieser immer mehr von ihm abgerückt. Es war ihm so, als wenn der alte, kranke Mann, der jetzt den Notweg fuhr, ein ganz anderer war, als der, der bis zum Tode der Mutter auf dem Hofe war, und als bei der Trauerrede des alten Pastors ihm eine Träne über die Backe lief, da weinte er nicht um den Vater, da weinte er der Mutter nach und den hellen Tagen, die damals auf dem Hansburhofe kamen und gingen. Keinen Menschen hatte er, keinen Menschen. Mit düsterem Gesicht ging er durch das Dorf. Er dachte an Meta und wünschte, daß sie bei ihm wäre. Doppelte Liebe Wenn das so beibleibt," sagte Durtjen, die den Großknecht geheiratet hatte und jetzt dem Bauern die Wirtschaft führte, »denn setzt er sich noch was in den Kopp!« Hermen brummte; er war kein Freund vom vielen Reden, aber er nickkoppte wenigstens, damit seine Frau nicht, wie jeden Tag zwölfmal, ihn in die Rippen stieß und sagte: »Junge, sei nicht so faulmäulsch!« »Ach Hermen,« sagte die hübsche stramme Frau und setzte sich ihrem Manne auf den Schoß, worüber er sich so verjagte, daß ihm beinahe die Pfeife aus dem Munde fiel, »es ist doch schrecklich, wenn ein Mensch so allein ist.« Und sie nahm ihn an den Kopf und gab ihm einen Kuß, worüber er brummte, als wenn ihm das sehr unangenehm wäre. Er hatte es aber gern, nur kam ihm das immer etwas dumm vor, daß er jetzt ganz regelrecht eine Frau hatte. »Viel ist mit dir ja nicht aufzustellen, du Dössel,« lachte Durtjen und kitzelte ihn, daß er prustete wie ein Maikater; »aber es ist doch besser, als gar nichts. Nun sag doch auch mal was, du oller Schrapenpüster, oder ich kitzele dich, bis du das Elend kriegst!« Sie sprang von seinem Schoße, stellte sich vor ihn hin und tat so, als wenn sie ihre Worte wahr machen wollte. Er wand sich vor Verlegenheit, und je näher sie mit ihren runden Armen kam, um so brummiger wurde sein Gesicht, bis er endlich die Pfeife beiseite legte und ungschickt, wie ein Bär, seine junge Frau um den Hals faßte. Und als er erst im Zuge war, da wurde er ganz rechtschaffen zärtlich. Durtjen huschelte ganz sich fest an ihn heran: »Siehst du, du Hanns Taps, du bist grade so, wie das schwarzbunte Schwein: eh' man das nicht mit dem Maul in den Trog stößt, nimmt es nicht an. Aber nun wollen wir mal wie vernünftige Leute reden: was ist das mit dem Bauern? Man möcht' ja beinahe laut losheulen, wenn man das so mit ansehen muß. Kein einmal lacht er, hat an nichts Spaß, kaum daß er die Hunde ansieht, wo er doch früher immer mit zu Gange war, wenn er sonst nichts vorhatte. Nu rede doch mal, du Hammel!« Aber Hermen brummte bloß, und da er einmal warm geworden war, versuchte er, seine Frau wieder in den Arm zu nehmen. Sie aber wehrte ab: »Da hast du nachher noch Zeit zu. Weißt du was: sobald ich kann, fährst du mich nach dem Dieshofe. Ich will doch mal sehen, ob ich Meta nicht wieder herkriege. Ich möchte bloßig wissen, was mit den beiden Leuten los ist. Sie waren sich doch ganz einig.« Sie seufzte und nagte an ihren Lippen. Dann horchte sie auf. »Just kommt er!" sagte sie, »ich glaube, er will zu uns.« Dann schüttelte sie den Kopf, denn die Schritte gingen am Backhause vorüber. »Er geht jetzt meist jeden Abend nach dem Kruge,« sagte die Frau. »Gut ist das auch nicht, aber er kommt wenigstens auf andere Gedanken.« Als sie nacher neben ihrem Manne lag, stieß sie ihn an: »Hermen, hast du all gehört, Beckmanns Miken ist wieder da. Sie soll aussehen wie eine Gräfin. Vor Jahren soll der Bauer was mit ihr vorgehabt haben, als er noch ein halber Junge war.« Ihr Mann knurrte: »Wer hat mit der nicht was vorgehabt? Er war der erste nicht, und er wird der letzte nicht sein.« Dann schnarchte er los, daß die Butze dröhnte, denn er hatte den ganzen Tag Mist umgewendet. Am anderen Tage ging der Bauer nach der Hehlenheide, um nach seinen Pflanzfuhren zu sehen, denn der Förster hatte gemeint, er müßte nachpflanzen, weil über Winter eine ganze Anzahl abgestorben waren. Er hatte gestern im Kruge ein bißchen viel getrunken; der Schnaps steckte ihm noch im Geblüte und machte ihn übermütig, und darum ließ er, als er am toten Orte war, den Wigelwagel dreimal pfeifen und schreien, aber dann lachte er über sich selbst und schüttelte den Kopf. »Du kannst es ja noch, Göde,« rief es da hinter ihm, und als er sich umdrehte, sah er Miken dastehen. Er wurde ganz rot, als er sie sah, denn er hatte noch nichts davon gehört, daß sie wieder da war. Er sah an ihr herauf und herunter. Das war ja eine vornehme Dame geworden! Sie trug das Haar auf eine ganz hoffärtige Art und hatte ein Kleid und Schuhe an, wie er es nur in Celle bei den herrschaftlichen Leuten gesehen hatte. Sogar einen seidenen Sonnenknicker hatte sie. Göde wußte nicht, wie er sich zu ihr stellen sollte. Sie aber nahm in ohne Umstände an die Ohren und gab ihm eine Dutzend Küsse; dann lachte sie und sagte: »Du gefällst mir nicht, mein Junge! Früher sahst du viel graller aus den Augen. Was fehlt dir denn bloß? Hast einen großen Hof, keine Schulden, was willst du denn noch mehr? Du mußt sehen, daß du eine Frau kriegst, das einschichtige Leben ist nichts für dich. Aber hier sticht die Sonne zuviel; komm, laß uns in den Schatten gehen!« Sie drängte ihn nach dem Busche hin, und da, wo die weißen und gelben Blumen durch den blanken Efeu kamen, setzten sie sich hin. Miken riß eine weiße und eine gelbe Blume ab und warf sie in den Quellbach, der vor ihnen dahinschoß. Die weiße Blume blieb hängen, die gelbe trieb fort. »So ist es,« sagte das Mädchen und sah ihn an, und er sah, daß sie noch dieselben bunten Augen hatte wie vor Jahren; »der eine muß in die Welt und der andere bleibt da, wo er ist.« Sie seufzte, aber dann schüttelte sie den Kopf, daß ihr rotes Haar nur so leuchtete, lachte und sagte: »Magst du keine Weibsleute mehr, Göde?« und damit bog sie ihren Kopf zurück, bis er an seiner Brust lag, und ihre Augen wurden klein wie an dem Tage, als er hier den großen Bock geschossen hatte und dadurch mit ihr bekannt wurde. Als der Bauer zum Mittag kam, hatte er andere Augen als am Tage vorher, so daß Durtjen über das ganze Gesicht lachte. Als dann der Hund den Wassereimer herunterriß, daß die ganze Deele schwamm, mußte sie so lachen, daß sie ganz schwach auf die Bank fiel, und da der Bauer auch mitlachte, ließ auch Hermen sein Lachen vernehmen, das sich anhörte, als wenn der alte Schnuckenbock hustete. »Von heute ab wird einen anderen Weg gefahren,« sagte Durtjen zu ihrem Manne; »es wird gelacht, daß die Heide wackelt, wo es eben geht, und wenn du Ungetüm nicht mithältst, dann schmier dir man deine Rippen.« »Willst du wohl gleich lachen, du Töffel!« schrie sie ihn an und ging mit spitzen Fingern auf ihn los. Aber Hermen machte, daß er in den Stall kam, und da kratzte er sich hinter den Ohren und sagte zu Hans, dem Fuchs, den die Liese nicht in Ruhe ließ, stöhnend: »Die Frauensleute! Die Fraunensleute!« Durtjen hielt Wort. Wo sie ging und stand, hörte man ihr helles Lachen, bald im Stall, bald auf dem Boden, und dann wieder aus dem Backhause. Ihr Mann hatte schlimme Tage; wenn er sein gewöhnliches Gesicht machte, ging es ihm hundeelend, denn dann kitztelte sie ihn, daß ihm der Atem stehen blieb, so das er vor lauter Angst zuletzt immer gleich an zu lachen fing, wenn sie ihn bloß ansah. Sogar Ohm Jürn, der das Lachen für eine noch schwerere Arbeit ansah als das Reden, kriegte sie zum Schmustern, und als sie ihm eines Tages sagte, sie wolle ihm eine Frau anschaffen, denn ansonsten verpaßte er die besten Jahre, da lachte er regelrecht los, und hinter ihm her lachte Durtjen so laut, daß der Bauer aus der Dönze kam und mitlachen mußte. Und ehe Durtjen es sich versah, hatte Hehlmann sie im Arme und küßte sie auf den Mund. Sie sah ihn ganz erschrocken an, wischte sich den Mund ab und sagte: »Ach nee, Hansbur, das geht nun doch nicht. Wie sollte ich da wohl vor Hermen bestehen? Aber Hehlmann lachte sie an: »Es war man bloß Spaß, Durtjen, und Freude, daß es auf dem Hofe doch wieder anders ist als bislang. Und damit du siehst, daß ich es gut mit dir meine, komm her, ich habe da was hingelegt« und er gab ihr das ganze Kleinkinderzeug, das seine Mutter noch zuletzt genäht hatte, und da schossen Durtjen die Tränen aus den Augen; aber sofort lachte sie wieder und sagte: »Wenn dich das man nicht noch gereut! Aber dann kannst du es ja von uns lehnen.« Und nun lachten sie beide, daß alle Hähne an zu krähen fingen. So blieb es auch. Wenn der Bauer einmal wieder sein altes Gesicht hatte, lange hielt es nicht vor, dafür sorgte Durtjen schon; es war noch keine Woche dahingegangen, da hatte Hehlmann wieder das Gesicht, das er vor dem Tage an hatte, als er mit Meta beim Erntebier gewesen war. Das Essen schmeckte ihm wieder, die Arbeit flog ihm nur so von der Hand, und die Hunde gingen ihm nicht mehr aus dem Wege, wenn er nach Hause kam. Aber ganz lebte er erst auf, als Wolf von Hohenholte eines Tages angeritten kam. Der ganze Hof lief zusammen, als er aus dem Sattel sprang, und die Schruthähe fingen gefährlich an zu prahlen, denn der Leutnant hatte seien feuerroten Rock an. Er war nicht mehr der stille Junge, sondern ein forscher Kerl geworden. »Tag, Göde,« rief er über den Hof, »ich wollte mal wieder von deinem Schinken essen und Honigbier bei dir trinken. Und denn: morgen feiere ich meine Verlobung; da mußt du bei sein. Sträub' dich man nicht wie ein Borgfarken! Ja oder nein? Wenn nicht, klemm ich mir den Schinder wieder zwischen die Hosen und du siehst mich sobald nicht wieder. Donner, hier ist es ja noch gerade so, als wie zuvor! Für den Juni kannst du mir einen guten Bock kaltstellen, und wenn es nicht anders ist, bin ich auch mit zweien zufrieden.« »Was sagst du da? Herr Leutnant? Du bist wohl von 'ner alten Kuh gebissen? Hat der Mensch schon so etwas belebt? Du schämst dich wohl, einen hungrigen Leutnant zu duzen, großer Bauer, als wie du bist. Häh? Und das ist ja wohl Durtjen? Na, wohl schon im heiligen Ehestande? Aber, Mensch, sieh bloß zu, daß ich was zu essen kriege! Ich bin mit ledigem Leibe heute früh von Celle losgeritten.« Das wurde nun ein lustiges Frühstück. Der Bauer ließ auftragen, was im Hause war, holte den ältesten Korn und das hellste Honigbier aus dem Keller, langte die beiden schönsten Krüge vom Bört und nahm die hohen Gläser mit dem Goldrande, denn so hatte er sich lange nicht gefreut. Immer mußte er Wolf ansehen, der in seiner roten Uniformjacke mit der Narbe in der Backe, die er sich bei einem Zweikampfe geholt hatte, ganz prachtvoll aussah. Und lustig war er! Als er sich die Ställe ansah, während der Bauer mit einem Manne verhandelte, der Bauholz kaufen wollte, gab es überall Lachen und Quietschen, und die hübsche Lütjemagd, die Wolf in dem Heidschauer antraf, hatte noch den halben Tag einen roten Kopf und konnte die Augen gar nicht von der Erde kriegen. Am nächsten Tage nahm sich der Bauer doppelt so viel Zeit beim Bartabnehmen, zog sein Kirchenzeug an und ging nach Hohenholte. Der Rittmeister, der mittlerweile ein bißchen alt geworden war, freute sich über sein ganzes Gesicht und dutze Hehlmann wie zuvor, und die Freifrau schalt ihn aus, daß er noch keine Frau habe und fragte, ob sie sich nach einer für ihn umsehen sollte. Die junge Braut, ein Mädchen so schlank wie ein Tannenbaum, und mit Backen, wie Rosen so rot, sprach fortwährend mit ihm, wie sie sagte, Wolf ihr so viel von ihm erzählt hatte. So wurde es eine lustige Mahlzeit, und der Bauer merkte gar nicht, daß er nicht unter seinesgleichen war. Nach dem Essen gingen die älteren Herrschaften schlafen, der Leutnant blieb mit seiner Braut in der Fensterniche sitzen, und die Herren ginge mit ihrem Pfeifen und Zigarren in die große Laube. »Der Bengel kann lachen,« sagte der Forstmeister, »eine Braut, wie man sie nicht alle Tage findet, Geld wie Heu, dabei Waisenkind und ohne Anhang. Na, ich gönne es ihm und dem Alten auch. Sie haben es sich sauer werden lassen.« Er rauchte an seiner Holzpfeife, daß der Qualm ihm um die Ohren schlug, und drehte sich dann zu seinem Nachbar: »Bei der Hover Mühle ist jetzt ein Gerenne, als wenn da eine heiße Hündin ist. Ich habe gehört, das rote Miken ist wieder da.« Sein Nachbar, ein Herr vom Gericht in Celle, antwortete: »So? Na, dann kann Wolf sehen, daß er ihr nicht in die Quere kommt; das Frauenzimmer hat den dreifach destillierten Deuwel im Balge. Ich verstehe nicht, daß er sich mit der Personage abgeben konnte. Jung waren wir alle einmal, aber Hohenholte ist doch aus den Jahren heraus, wo man nicht danach fragt, wer alles aus dem Glase getrunken hat. Sie müssen das Besteck ja doch auch kennen, Herr Hehlmann; die Mühle liegt ja an Ihrer Grenze.« Der Bauer antwortete nicht und machte sich mit seiner Zigarre zu schaffen, aber er dachte bei sich: »Also so eine ist das! Darum die feine Kleedage!« Die anderen aber redeten weiter. Als ein dürrer, langer Mensch von mittlerem Alter, der Hehlmann aufgefallen war, weil er Zigaretten rauchte und ein viereckiges Glas mit einem goldenen Rande im Auge hielt, sagte: »Aber schneidig ist sie doch und hat Rasse und Feuer,« da redeten sie alle über Kreuz:»Schneidig, ja, Rasse, ja, Feuer, ja, aber ein Saumensch ist sie darum doch und von Rechts wegen gehörte sie an den Kaak! Warum ist der kleine Düweln vor die Hunde gegangen? Weshalb mußte er dolle Möllecke nach Amerika? Alles von wegen diesem Frauenziefer!« »Nun, aber Schluß!« dachte der Bauer, als er das hörte; es war ihm nicht so ganz sauber zumute. Immerhin, sie hatte ihm dazu verholfen, daß er das Lachen wieder lernte, und es tat ihm doch leid, daß sie vor die Pferde gekommen war. Als er gegen Abend über die Heide ging, fiel ihm Meta ein, und er sagte sich, daß es Zeit wäre, daß er sich nach ihr umsähe. Aber dann hatte er das zu tun und dann das, und so verblieb es, zumal er allerhand Anschluß gefunden hatte und bald hier, bald da im Kruge saß, wo eine hübsche Wirtsfrau oder sonst was Glattes anzutreffen war, und dann hörte er auch von Durtjen, daß Meta nicht gut vom Dieshofe fort könne, weil ihre Brudersfrau sich von den Wochen gar nicht erholen konnte. »Ordentlich elend und abgefallen sieht sie aus,« erzählte Durtjen, »als wenn sie zehn Jahre älter wäre, als ihr zukommen. Sie weiß ja auch vor Sorgen nicht aus und ein. Der Bruder kartjet, die Frau liegt, du lieber Himmel, ich war froh, als ich da wieder weg war.« Alles konnte Hehlmann vertagen, bloß kein Unglück; davon hatte er in den letzten Jahren mehr als genug zu schmecken bekommen. Er ging lieber dahin, wo es lustig zuging, und an Gelegenheit mangelt es ihm nicht. Am meisten war er im Piewittskruge zu sehen; da war ein lustiger alter Wirt und eine noch lustigere junge Wirtin, mit der sich schon ein Wort im Vertrauen reden ließ, denn der Wirt sah und hörte nichts, wenn nur gut verzehrt wurde. Daß das geschah, dafür sorgte Lischen Lustig schon, unter welchem Ekelnamen die Wirtin weit und breit bekannt war. Wenn gute Gäste da waren, ließ sich der Wirtsmann nicht sehen, und dann ging es hoch her, denn es war bald diese, bald jene Kusine von der Frau oder dem Manne da, und das Küchenmädchen verstand auch Spaß; so gab es manchen langen Abend bei Bier und Wein. Hehlmann war nach dem Piewittskruge gekommen, weil der Wirt bei ihm einmal angefragt hatte, ob er nicht einen Rehbock kriegen könne. Seitdem wurde er da alle sein Wild los, denn der Piewittskrüger handelte mit allem, was es gab, und da er dem Bauern auch seinen Wachs und seinen Honig abnahm und was es sonst gab, so hatte Hehlmann vor sich immer einen Grund, nach der Brücke zu gehen. Wenn er erst einmal da war, kam er so bald nicht wieder fort, denn zu Hause war es ihm zu langweilig den ganzen Abend. In dem Kruge lernte er auch Klas Kordes näher kennen, einen jungen Baueren, der früher in Lichtelohe als Knecht gedient hatte. Das war ein fixer Kerl, und wo er war, da ging es hoch her. Er hatte nicht weit vom Kruge auf einen guten Hof geheiratet, der einem wahren Ungetüm von Frau gehörte, so groß und so breit, wie es rundumher keine gab, aber eine fleißige und herzensgute Frau, die ganz verrückt in ihren hübschen Kerl war, der zwölf lahre jünger war als sie. Wenn auf dem Hofe die Arbeit nachließ, machte er allerlei Fuhren für den Krüger; auch wußte man, daß er ein gefährlicher Scharfschütze war. Er hatte sich eine kleine Jagd gepachtet, die vor dem königlichen Forst lag, und aus der er mehr Böcke herausholte, als andere aus zehnfach größeren Jagden. Er hatte eine Schwester, die bei ihm auf dem Voßhofe war, ein ansehnliches Mädchen, die Hehlmann mächtig in die Augen stach. Als im Piewittskruge Tanzefest war, tanzte Hehlmann nur mit Trina Kordes. Es ging lustig zu, denn bei dem Krüger gab es bessere Sachen zu trinken als in den anderen Wirtschaften. Als der wilde Meyer aus Krusenhagen, der am Abend vorher mit dem Schweinehändler im Kurge hoch gespielt und gefährlich gewonnen hatte, drei Buddeln Champagner ausgab, da war kein Halten mehr; überall knallten die Körke gegen die Decke und das Küssen und Drücken nahm kein Ende. Auch Hehlmann hatte ganz seine Ernsthaftigkeit verloren. Er hatte mehrere Flaschen Champagner ausgegeben und dazwischen noch eine Mischung nach der anderen getrunken, die aus viererlei Schnaps und Likör zusammengegossen war und die sie doppelte Liebe nannten. So sah er den Himmel für eine Baßgeige und Trina für einen Engel an, und als er sich vor Tau und Tag aus ihrer Kammer stahl und nach dem Hehlenhofe ging, war ihm, als habe er das große Los gewonnen. Er war nun öfter bei ihr, bis daß Klas ihm eines Abends, als die Köpfe alle heiß waren von Bier und Grog, fragte: »Wannehr wollt ihr denn freien?« Hehlmann wurde vor Schreck ganz nüchtern, denn als Frau war ihm Trina nicht so recht nach der Mütze. Aber das half nun nichts mehr; sie war eine anständige Kätnerstochter, und wenn er sie sitzen ließ, wurde er in allen Dörfern auf dem Burmal unehrlich gemacht. Und schließlich, es war auch Zeit, daß er freite. So wurde denn alles festgemacht, und vier Wochen nachher war die Hochzeit. Sehr groß war sie nicht, denn von der Hehlmannschen Seite blieben meist alle fort, weil es zu offenbar war, daß der mit Meta Dettmer versprochen war, und eine Kordes galt ihnen auch nicht für voll. Das fiel dem Bauern schwer auf die Seele. Als er am andern Morgen mit dickem Kopfe aufwachte, denn er hatte mehr als genug getrunken, und seine Frau, die noch schlief, ansah, gefiel sie ihm gar nicht mehr. Ihre Hübschigkeit lag zumeist in der Aufmachung, und wie sie jetzt so dalag, hatte sie einen ganz häßlichen Mund, und ihre Hände sahen gewöhnlich aus. Da fiel ihm Meta ein, die einen so schönen Mund und so feine Hände hatte trotz der groben Arbeit. Selbst wenn sie alt und krank wäre, würde Meta noch gut aussehen, dachte er. Aber diese Trina? Er mochte gar nicht daran denken. Und nun sang auch noch Durtjen im Hofe: Heinrich schlief bei seiner Neuvermählten, Einer reichen Erbin von dem Rhein, Schlangenbisse, die den Falschen quälten, Ließen ihn nicht ruhig schlafen ein. Auf der Wildbahn Wenn Hehlmann nicht die Jagd gehabt hätte, wäre ihm das Leben bald leid geworden. Es dauerte noch keine drei Monate, und es stieß ihm sauer auf, wenn er Trinas Stimme hörte. So scharf wie ein Messer war sie und so hart wie Stein. Noch schlimmer hörte es sich an, wenn sie lachte. Alles war gewöhnlch an ihr, ihr rappeliger Gang, ihr hastiges Arbeiten, ihr ewiges Klagen über die Leute. Wo Mutter Hehlmann gesprochen hatte, da schrie sie, und sie schimpfte, statt zu zeigen, wie es sein müsse. Sie konnte sich keine Stellung bei den Leuten machen; immer kam die Kätnertochter bei ihr heraus. Auf den Baueren nahm sie keine Rücksicht; er war ihr Mann und damit war es gut. Mit wildem Haar und schmutziger Schürze setzte sie sich zum Essen, und das war auch danach. Sie kochte ohne Liebe, und die schmälzt mehr, als der beste Speck. Den ganzen Tag schoß sie im Hause hin und her und putzte hier und wischte da, aber rein und ordentlich sah es nie recht aus. Hehlmann ließ sie im Hause machen, was sie wollte, und wenn er nicht bei der Arbeit war oder schlief, dann war er in der Wildbahn, entweder in seiner Eigenjagd oder bei Klas. Dem ging es auch nicht besser. Mit der Zeit war die Voßbäuerin dahinter gekommen, daß der hübsche Kerl hier und da nahm, was ihm geboten wurde, und war die Frau bisher lauter Honig und Sirup, so wurde sie jetzt eitel Gift und Galle. Und das schlimmste war, daß sie den Daumen auf den Beutel hielt. Auf die Art fand Klas immer mehr Gefallen am Freijagen, denn der Krüger war ein guter Abnehmer, und Kordes brauchte Geld für Bier und Wein, und für Brusttücher und Gürtelschnallen auch, »denn,« sagte er, »mit lütjen Happen macht man die Hunde kirre.« Bisher hatte er sich mit Hasen und Rehböcken zufrieden gegeben, und auf die gaben die Förster im Königlichen nicht viel, aber mit der Zeit ging er ihnen auch über die Hirschböcke. Es wurde so schlimm damit, daß von der Hofjägerei in Hannover ein heiliges Donnerwetter wegen der großen Abgänge an den Forstmeister kam, und der gab es weiter. Tag und Nacht lagen nun die Förster im Holze, aber immer waren sie betrogen. Wenn sie hier lauerten, knallte es da, und paßten sie da, so ballerte es hier. Daß Kordes der Freischütz war, daran dachten sie nicht; sie hatten die Celler Mascher im Verdachte, Völker, denen nicht recht zu trauen war. Dem alten Hegemeister Hagelberg schlug der Ärger so in das Blut, daß er sich in Pension gab. An seine Stelle kam ein Ostpreuße, Adomeit geheißen, ein langer Mann mit schlöfrigem Gesicht, über den die Bauern lachten, weil er keinen Bart trug, wie es bei den Grünröcken üblich war, so ganz anders sprach, als wie es Landesbrauch war, und nichts vertragen konnte. Er ließ sich blitzwenig im Kruge blicken, aber wenn er kam, dann war er nach einer Stunde voll, wie ein Entendarm, denn er trank immer nur Grog, auch bei der wahnsten Hitze; und dann saß er da, lachte wie ein Unkluger und machte kleine Augen, so daß das junge Volk seinen Hahnjökel mit ihm trieb und der Forstmeister ihm sagte, wenn er das Saufen nicht ließe, könne er machen, daß er wieder in die Kaschubei käme. Denn er war bloß auf Probe angestellt. Nun hatte der Hansbur einen hirschroten Dachshund, an dem sein ganzes Herz hing, weil der Hund so ausnehmend klug war und so vorzüglich jagte. An einem Morgen schoß Hehlmann im Hehlloh dicht am Königlichen einen Bock krank, der den Post annahm, so daß der Bauer den Hund schnallen mußte, und da jagte der Hund über und Adomeit schoß ihn vor den Kopf. Der Bauer rührte mittags nicht an und ging nachher nach dem Voßhofe, wo er Klas den Fall vortrug. Das kam dem wie gerufen, denn er hatte immer schon gewünscht, daß sein Schwager ihm beistehen solle. Er nahm ihn mit in den Krug und hetzte ihn so lange auf, bis Hehlmann einsah, besser könne er es dem Förster nicht geben, als wenn er ihm die Hirschböcke totschösse. Zudem freute es ihn, wenn er seinem Schwager helfen konnte, denn der hatte ein Mädchen mit einem Kinde sitzen und mußte ihr den Mund mit Talern stopfen. Sie fingen das nun ganz schlau an. Wenn Hehlmann im Piewittskruge oder im braunen Schimmel in Lichtelohe saß, dann schoß Kordes am Hehlloh herum, und wenn er im Kruge saß, dann knallte es im großen Moore, an das der Voßhof angrenzte, so daß die Förster nicht einen Augenblick daran dachten, daß der Hansbur und der Voßbur die Freischützen waren. Zudem diente bei dem Forstmeister ein Mädchen, das früher auf dem Voßhofe Magd gewesen war, mit der es Kordes immer noch hielt, und die ließ ihn wissen, an welchem Tage Försterappell oder wo Holzbeschau war, so daß Kordes immer wußte, wann die Luft rein war. Bisher hatten sie jeder für sich gewildert, aber als wieder einmal Försterappell angesetzt war, gingen sie zusammen, weil Klas sich einen guten Plan ausgedacht hatte. An das Hehlloh stieß nämlich eine mächtige Fuhrendickung, und darin steckte das Rotwild mit Vorliebe. Nun sollte Hehlmann ohne Gewehr die Dickung durchdrücken und Kordes wollte sich bei dem Wechsel hinter dem großen Windbruche anstellen. Sie besprachen sich das ganz genau, und als es an der Zeit war, ging Hehlmann los. Ihm war nicht ganz sauber zu Sinne, aber er schrieb es darauf, daß die Bäuerin ihm wieder wegen Durtjen in den Ohren gelegen hatte, denn die zeigte es ihr gerade heraus, wie wenig sie von ihr hielt. Sie hatte ihr, als die Fau über Gebühr Arbeit von ihr verlange, das rund abgeschlagen, und als die Bäuerin ihr an die Ehre ging, war sie ihr mit den Fäusten unter die Augen gegangen und hatte gerufen: »Du alte Gaffelzange, du bist doch man bloß hier auf den Hof gekommen, wie der Kuhdreck in die Dönze.« Hehlmann hatte im Halse gelacht, als er das anhören mußte; als ihm seine Frau aber auftrug, den Häusling zu kündegen, hatte er sie groß angesehen und gesagt: »Gewiß, wenn du die Arbeit machen willst.« Da hatte die Frau stillgeschwiegen; aber ab und an kam sie ihm wieder damit und nöhlte ihm die Ruhe fort. Der Honigbaum war am Anblühen, die Bienen flogen und die Luft roch süß, als Hehlmann über die Heide ging. Ein Hase sprang vor ihm auf und lief nach links. Der Bauer war nicht abergläubisch, aber er dachte daran, daß das ein schechtes Zeichen sein sollte. Auf dem Pattwege begegenete ihm eine alte Frau aus Horst, die für eine Hexe beschrien war und zu der die Mädchen spät abends in das Haus gingen, wenn sie in Nöten waren. »Das ist Nummero zwei,« dachte der Bauer, und dann lachte er sich die Angst weg. Aber es fiel ihm ein, daß er in der Nacht aufgewacht war, weil der Hund so scheußlich geheult hatte. Er trocknete sich den Schweiß unter der Mütze ab, denn es war diesige Luft, und dabei wurde es ihm klar, daß das mit dem Hund der erste Vorspuk gewesen war, und daß noch zwei hinterher gekommen waren. »Duffsinn,« dachte er und holte die Schnapsflasche heraus, die er jetzt immer bei sich hatte, wenn er losging. Als er bei der Dickung war, wartete er erst eine Weile hinter einem großmächtigen Machangel. In der Forst schrie der Schwarzspecht, erst lang und klar wie eine Glocke, und dann schnell hintereinander. »Das Wetter schlägt um,« dachte der Bauer. In der Birke bei dem Grenzsteine sprang ein kleiner, schmaler Vogel hin und her und gab in einem Ende einen Ton von sich, er sich ganz unglücklich anhörte, im Hehlenbruche schrie eine Kuh, als wenn sie zum Schlachter sollte, und mitten in der gewöhnlichen Heide am Grenzgraben stand ein Busch, der blühte weiß. »Das ist gerade, als wenn es nach Unglück riecht,« dachte Hehlmann; er nahm noch einen Schnaps und trat über den Grenzgraben. In der Dickung war es stickend heiß; es nahm ihm ordentlich die Luft weg. So manches Mal war er schon über die Grenze gegangen, aber so war ihm noch nie zu Sinne gewesen. Hin und her ging er durch die Fuhren, wo sie etwas raum wurden; oftmals mußte er fast kriechen, so rauh waren sie meist. Als er ungefähr in der Mitte war, hörte er, daß Wild vor ihm absprang; gleich dahinter meldete der Markwart in dem Windbruche, und nun wartete er, daß es knallen sollte. Aber es knallte nicht, und so drückte er die Dickung durch, bis ihm der Schweiß über den Rücken lief. Als er am Ende war, nahm er noch einen Schnaps, wischte sich den Schweiß und die Spinnweben aus dem Gesicht, holte tief Luft, denn von der Hitze war ihm ganz benaud geworden, und dann nahm er den Hut ab und ließ hinter den Zweigen her seine Augen über die Blöße gehen. Da war nichts, wie er erst meinte, aber dann sah er, daß halbrechts hinter einem Wurfboden sich etwas rührte; es waren die Köpfe von drei Stück Wildbret, einem alten Tiere und zwei Kälbern, die nach dem Stangenort hinäugten und spielohrten. »Warum schießt er nicht,« dachte er, sie stehen so schön breit, und er wollte gerade auf einen Stuken steigen, um weiteren Blick zu haben, da trat das Wild hin und her und bog dann nach links ab. »Sie haben eine Mütze voll Wind gekriegt,« dachte er, aber dann horchte er auf; drüben im Holze meldete der Specht und in demselben Augenblicke knallte es, das Hirschkalb stürzte im Feuer, das alte Stück und das Wildkalb machten kehrt und polterten in die Dickung zurück. Hehlmann wartete und wartete, aber es blieb alles still. So still war es, daß er vernahm, wie ihm das Herz in der Brust arbeitete; unheimlich still war es. Quer über den Windbruch flog der Schwarzspecht; jedesmal, wenn er einen Flügelschlag tat, schnurrte es laut. Ein Rotkehlchen setzte sich auf eine lose Wurzel, die aus einem Wurfboden heraushing, und Hehlmann war es, als wenn es ihn traurig ansah. Und dann war über ihm in den Fuhren wieder der kleine schmale Vogel mit seinem unglücklichen Gepiepe zu gange. Dem Bauern wurde es bald heiß, bald kalt, und als drüben der Markwart meldete, verjagte er sich. »Wir kriegen ein Gewitter,« dachte er bei sich; »ich habe es mit den Nerven.« Vom Hehlenbruche her zog ein Wetter herauf; es donnerte schon. Der Wind machte sich auf und stieß die Fuhrenzweige zusammen, und aus der großen Wolke blitzte es ein über das andere Mal. Immer schneller kam das Wetter herauf; die Ruhtauben flogen zu Holze, daß es klingelte. »Was das bloß ist, daß ich von ihm nichts höre und sehe,« dachte er, und dann überlegte er, ob er nicht nach der anderen Seite gehen sollte. Aber das war gegen die Abmachung, denn jeder sollte für sich seinen Weg gehen, und bei dem Immenschauer auf der Brandheide wollten sie sich treffen. Es wurde immer schwärzer in der Luft; aus dem Winde wurde ein Sturmwetter, es goß wie mit Mollen und blitzte und donnerte durcheinander. Als es gerade hell leuchtete, war es ihm, als ginge ein Mann über die Blöße, aber bei dem nächsten Blitz konnte er nichts mehr warhnehmen, und so machte er schließlich, daß er weiterkam. Gerade als er sich umdrehte, schien es ihm, als wenn er eine Stimme durch das Brausen hörte, und der nächste Donner klang ihm bald wie ein Schuß; er sah noch einmal über die Blöße hin, aber als da nichts war, kroch er durch die Dickung, sprang in guter Deckung über den Grenzgraben und kam gerade beim Immenzaun an, als das Wetter nachließ. Obzwar er durch und durch naß war, wartete er noch eine halbe Stunde, als es ihn aber gar zu sehr schudderte, ging er nach dem Hofe. Klas war nicht da. »Er wird wohl bei dem Wetter gleich nach Hause gegangen sein, naß wie er war.« Damit beruhigte er sich. Als er am anderen Morgen bei fünf Uhr nach den Stellen ging, kam der Kleinknecht vom Voßhofe angelaufen. »Die Frau läßt fragen, wenn der Bauer die Nacht über hier geblieben ist?« Hehlmann lief es kalt über. »Ist er denn die Nacht nicht inne gewesen?« fragte er. Der Junge schüttelte den Kopf: »Er ging gestern nachmittag bei fünfe weg und sagte, er wäre bei elfe wieder da. Er wollte nach den Kartoffeln, weil da das Wild Schaden gemacht hatte, und darum nahm er das Gewehr mit. Auf dem Piewittskruge war ich auch schon, da ist er auch nicht gewesen, und da mußte er doch vorbei, wenn er vom Felde zurück wollte, und zumeist kehrt er da ein. Der wilde Meyer war gestern abend da und da hat es bis nach eine gedauert.« Der Bauer wühlte in der Krippe, damit der Junge ihm nicht in das Gesicht sehen sollte, und überlegte, was zu machen war. Nach dem Windbruche konnte er nicht gehen; er hatte da nichts zu suchen, und wenn es ein Unglück gegeben hatte, dann machte er sich mit verdächtig, denn es war so gut wie sicher, daß die Förster die Blöße den ganzen Tag über im Auge behalten würden. Dreimal schickte die Voßbäuerin bis Mittag und ließ fragen, ob Kordes nicht da war. Als es bei vier Uhr war, konnte der Bauer sich vor Unruhe nicht mehr bergen; er hatte sich einen Plan gemacht. Er sagte dem ersten Kleinknecht, der ein Waisenkind war und an ihm hing wie ein Hund, weil er es noch nie so gut gehabt hatte, als wie auf dem Hansburhofe: »Tönnes, nimm die Schute mit, das Wasser hat mir den Abfluß bei dem Hehlloh zugeschwemmt.« Als sie dort waren, wies er ihn an, die toten Pflanzfuhren zu zählen, und er selber machte sich an dem Grabenkopf zu schaffen. Nach einer Weile meinte er: »Nun geh man wieder nach Hause. Ich will nach dem Förster gehen und ihn fragen, ob er mir mit Pflanzfuhren aushelfen kann.« »Na, kannst auch mitgehen,« rief er hinter ihm her; »wir haben auf dem Kruge noch einen Korb stehen und das vergißt sich sonst.« Sie gingen den Pattweg entlang, den Hehlmann gestern gegangen war. Als sie an dem Königlichen waren, blieb der Bauer stehen: »Ich glaube, am besten gehen wir über den Windbruch, das ist ein Richteweg.« Er wandte sich nach links, bis er an die verwachsene Bahn kam, und bald standen sie auf der Blöße. Heute sah es da anders aus. Die Grauartschen sangen und die weißen Buttervögel flogen um die Disteln. »Ich glaube, so gehen wir am besten,« rief er laut, und schlug die Richtung nach der Stelle ein, wo gestern abend das Wildkalb abgestürzt war. Aber da war nichts zu sehen. »Donnerschlag, was ist das hier für ein dummes Gehen,« rief er dann wieder laut; »wir müssen mehr nach links, hier füllen wir uns bloß die Schuhe voll,« und damit steuerte er nach der krausen Fichte, von wo der Schuß gefallen war. »Die Fliegen sind rein zu doll heute,« rief er und sah sich um; »ich will mir eine Pfeife anstecken. Der Förster wird uns ja wohl nicht gleich schnappen.« Er faßte in die Tasche. »Den Deubel, nun habe ich den Kopf verloren! Das ist mir sehr ärgerlich, der war noch von meinem Vater selig; den kann ich nicht missen. Wollen mal suchen, ob wir ihn nicht wieder kriegen. Wenn du ihn findest, kriegst du ein Kaßmännken. Es ist der weiße Kopf mit dem Bild von Eidig darauf.« Sie suchten hin, sie suchten her. Hehlmann ging das Ende zwischen der krausen Fichte und dem Wurfboden, wo das Wild gestanden hatte, ab und ließ dabei den Pfeifenkopf fallen. Er sah allerlei umgebrochene Himbeerruten, aber das konnte das Wild auch getan haben, denn alte Fährten waren da genug. Aber eine frische Menschenfährte oder Blut fand er nicht; es hatte über Nacht zu gefährlich nachgeregnet. Als er zum dritten Male zurückkam, sah er etwas Weißes im Grase liegen. Er ließ sein Taschentuch fallen und hob es auf. Es war ein Gewehrpfropfen aus Zeitungspapier. Er wischte sich die Stirn ab und steckte Tuch und Papier ein. Da hörte er den Jungen rufen: »Ich hab'n!« Er zwang sich zum Lachen und sagte: »Du bist ein ganzer Kerl! Dafür sollst du noch ein Glas Bier haben. Nu geh' man vor!« Als sie im Holze waren, holte er das Papier heraus und machte es auf. Es war ein Stück von der Zeitung, die der Förster hielt. Dem Bauern war zumute, als wenn er losweinen sollte. Also hatte er doch recht gehört; es war ein zweiter Schuß gefallen. Als er beim Forsthaus war, lief es ihm kalt über, aber er nahm sich zusammen und rief der alten Frau, die dem Förster die Wirtschaft führte zu: »Is er inne?« und als sie sagte: »Nee,« war er heilsfroh, denn mit dem Manne wollte er nicht gern zusammentreffen. Im Piewittskruge war es, als wenn eine Leiche im Hause war. Zwei Anbauern saßen still bei ihrem Schnaps. »Ist Klas noch nicht zurück?« fragte er sie. Die Männer schüttelten schweigend mit den Köpfen. »Trink erst, Junge,« sagte er dann, »und denn geh' mal nach dem Voßhofe, wenn der Bauer noch nicht da wäre.« Der jüngere von den beiden Gästen sah auf, als der Knecht fort war: »Der kommt nicht wieder,« und dann sprach er ganz leise: »Der Förster, der Pollack, alle glaubten sie, das ist ein dummer Kerl, weil er sich immer so anstellt. Ich habe ihn aber gesehen, als er dicht an mir vorbeiging und ich hinter dem Busche stand, und ich sage: der stellt sich bloß dumm. Und wer ihm in die Augen sieht, der weiß Bescheid: der hat ein Gewissen, wie ein Schlachterhund. Warum ist er denn gestern allein nicht zum Appell hingewesen. Die Olle, die er bei sich hat, sagt, er hat es im Leibe gehabt und hat den ganzen Tag im Bett gelegen. Na, und als ich bei zehn Uhr nach dem Wetter sehen wollte, ich müßte mich doch sehr irren, wenn er das nicht war, der über das Feld zu gehen kam.« Der Junge kam zurück: »Er ist noch nicht inne. Die Frau ist ganz von sich; sie schreit in einem fort nach ihm.« Hehlmann gab ihm das Fundgeld. »Wenn du ausgetrunken hast, laß dir den Weidenkorb geben und geh' zurück. Ich komme so bei neun, sag' man.« Die alte Kastenuhr ging hart und die Fliegen summten. Die Mäner sahen in ihre Gläser. »Als ich noch Hütejunge war,« fing zuletzt der ältere Mann an, »da hatten wir hier einen Förster, der wurde der schware Schmidt genannt, weil er einen Bart hatte wie Pech. Das war auch so einer. Er hielt sich immer für sich, und man sah ihn nicht kommen, noch gehen. Wie manches Mal habe ich mich verjagt, wenn er wie aus der Erde gewachsen da stand.« Er besann sich eine Weile, trank einen kleinen Schluck und fing wieder an: »Damals ist ein Bauernsohn und ein Knecht hier fortgekommen. Kröger hieß der eine und der andere, wie hieß der doch? Timmermann, glaub' ich. Das waren beide Freischützen. Man hat da nichts wieder von gehört. Was unser Vater war, der sagte: Der Förster hätte sie totgeschossen und ausgezogen und in den dichten Busch geschleppt für die wilden Schweine, und die lassen nichts von übrig, als die großen Knochen. So wird es mit Kordesklas auch sein.« Hehlmann schudderte es. Er trank seinen Schnaps aus und schenkte sich noch einen ein. Er saß bis neun Uhr im Kruge, aber von Kordes kam keine Nachricht. Am anderen Tage auch nicht. Und überhaupt nicht. Der Gendarm fragte überall um, konnte aber nichts herauskriegen. Von Celle kamen die Gerichtsherren; es war ihnen ein Brief ohne Unterschrift zugegangen, worin es hieß, daß der polsche Förster Kordes umgebracht hätte und darunter stand: »Auge um Auge, Zahn um Zahn!« Der Förster wurde vorgenommen, aber er blieb dabei, daß der das Laufen gehabt hätte und von Mittag an im Bett geblieben sei. Am anderen Tage lagen seine beiden Hunde tot im Stall. Als er abends den Laden zumachte, wurde nach ihm geschossen. Die Haushälterin sagte ihm auf. Kein einer Mensch bot ihm die Tageszeit. Wenn er durch das Dorf ging, schrie es von irgendwo her: »Bluthund, polscher Mörder, Kain, wo ist dein Bruder Abel?« Wo er sich sehen ließ, pfiffen die Männer das Lied von dem Freischütz, den der Jäger totschoß, und die Kinder schimpften hinter ihm her. Die Pflanzkämpe in seinem Belaufe waren in einer Nacht kurz und klein getrammpt und in der anderen brannte der Schuppen beim Forsthause, und keine Hand rührte sich, um beim Löschen zu helfen. Der Krämer und die Wirte verkauften ihm nichts mehr. Er mußte versetzt werden. Bei Nacht und Nebel zog er ab. Kordesklas aber blieb verschwunden. Grummer Die Bäuerin hatte sich zuerst um ihren Bruder ganz mächtig angestellt und Tag und Nacht gejammert, als aber eine Woche um war, konnte sie schon wieder schimpfen und lachen. Dem Bauern ging es viel näher. Nun war er so kahl wie ein Birkenbaum vor dem Winter. Er war nicht mehr der lustige Mann von früher; er hatte einen Mund und Augen wie ein alter Mann. Zu keinem Menschen konnte er sich aussprechen, und darum fraß es so an ihm. Mehr als sonst dachte er in dieser Zeit an Meta. Er hatte das Korn fortgeschüttet und das Kaff aufgehegt. Zu alle dem kam die Bäuerin mit einem Mädchen nieder. Er hatte es nicht anders erwartet, einmal, weil er nichts von ihr hielt, und dann, weil sie die ganze Zeit über so schlecht aussah. »Das habe ich davon,« sagte er sich, als er über die Heide ging, in der die Birken so gelb wie Gold waren. Der Wind riß die alten Blätter von ihnen ab und trieb sie über den Dietweg. »Was habe ich von dem wilden Leben gehabt?« Miken, die Piewittskrügerin Trina und die anderen, er hatte jetzt nichts davon als einen schlechten Nachgeschmack. »Das einzige, was sich gelohnt hatte, war die Zeit gewesen, wo er und Meta Liebesleute waren. Er war dumm gewessen, mehr als dumm und schlecht obendrein. »Nun habe ich meine Strafe weg,« dachte er. »Eine Frau, die ich nicht sehen kann, und keinen Hoferben.« Denn, wenn noch ein Kind kam, das wußte er, es würde auch ein Mädchen werden. So wurde es denn auch. Zwei Jahre später war noch ein Mädchen da. Er hatte es vorausgewußt, aber es war doch ein harter Schlag für ihn. Für die Bäuerin auch. Sie war die letzte Zeit immer stiller geworden; sie hielt sich ordentlicher und tat ihm Freundlichkeiten, wo sie konnte. Sie hatte einmal mit anhören müssen, wie die Großmagd zu Durtjen sagte: »Der Bauer kann einen dauern; was hat die Frau bloß aus ihm gemacht!« Diese Magd war hungriger Leute Kind, aber ein Bild von Mensch. Wenn sie mit hochgesteckten Röcken nach den Ställen ging, mußte der Bauer hinter ihr hersehen. Und sie sah hinter ihm her. Es war kein Mann auf dem Hofe, der gegen ihn aufkam. Der erste Knecht war versprochen, der zweite gehörte zu den Stillen im Lande und sah an jedem Kleiderrock vorbei; die Kleinknechte zählten nicht mit. Anna hieß das Mädchen, und sie hatte eine schöne Stimme. Wo sie ging und stand, sang sie, und der Bauer hörte es gern. Sie hatte das bald spitz, und sang nun noch mehr, mehrstens Liebeslieder, und wenn sie dem Bauern einen Blick zuwarf, dann war das, als wenn sie sagte; »Merkst du was?« Hehlmann aber biß die Zähne zusammen; er wollte keine neuen Heimlichkeiten, er hatte ganz genug an den alten; so wurde er von Tag zu Tag patziger zu ihr. Sie aber blieb sich gleich und war immer freundlich zu ihm, und wenn er es sich auch nicht eingestehen wollte, es tat ihm doch gut, wenn sie ihn anlachte, denn trotz allem: er war doch noch ein junger Kerl und die Bäuerin war wie Torfwasser für den Durst. Er war aber immer gut zu ihr, denn sie tat ihm leid, und er sah, daß sie alles tat, um ihm zu gefallen; sogar mit Durtjen hatte sie sich zu stellen gewußt und die war froh, daß es jetzt sinnig auf dem Hofe zuging. »Hermen, du Stoffel,« sagte sie und stieß ihren Mann in die Rippen, daß er vor Angst an zu lachen fing; »du weißt gar nicht, wie gut du es hast, daß ich dich genommen habe. Denk' mal bloß, du wärest der Bauer und hättest diese Frau! Sie gibt sich ja alle Mühe, aber man kann nicht recht froh darüber werden. Es ist ein Kreuz und ein Elend, daß Meta damals hier wegmußte.« Die war nicht wieder auf dem Hehlenhofe gewesen; Durtjen hatte sie noch einmal besucht und sie wohl und munter angetroffen. Sie hatte das Leit in die Hände genommen, und ihre Schwägerin, die immer noch nicht so ganz in die Reihe kommen wollte, war es zufrieden, und der Bauer war froh, daß Meta das Regiment führte. Von früh bis spät war sie im Gange: sie sorgte für das Vieh und nahm sich der Kinder an; bei der Arbeit war sie über ihre Gedanken weggekommen und war wieder so hübsch, wie früher; bloß ein bißchen voller war sie geworden. Von Hehlmann hörte sie selten, und was sie hörte, war nicht danach, daß sie Freude daran hatte. Sie wußte, daß er viel im Piewittskruge verkehrte, und das war keine Wirtschaft, in die ein ordentlicher Mann hingehörte; dann hatte sie auch vernommen, daß er zu viel auf die Jagd gehen sollte und oft mehr trank, als es gut war; und mit den Karten befaßte er sich auch. Einmal hatte sie seine Frau gesehen, und da wurde es ihr klar, warum ihr Göde, wie sie ihn bei sich immer noch nannte, auf die Rutschbahn gekommen war. »Freude kann er an der Frau nicht haben,« dachte sie; »vorzüglich, wo er noch nicht mal einen Erben von ihr hat.« Hehlmann aber hatte sich an Trina gewöhnt. Die beiden Kinder gediehen, aber da es keine Jungens waren, kümmerte er sich wenig darum. In den Piewittskrug ging er nicht mehr, weil von da aus das Unglück gekommen war; zudem verkehrten da jetzt meist nur Knechte und fremde Völker. Die Jagd war ihm halb und halb verleidet; er ging nur mit der Büchse los, wenn das Wild ihm zu viel Schaden machte oder wenn er einen Bock fortschenken wollte. Das Hehlloh hatte er an den Oberförtster verpachtet; er wollte damit nichts mehr zu tun haben. Ganz stumpf lebte er seine Tage hin. Wenn er in den anderen Wirtschaften einkehrte, trank er, bis ihm die Augen klein wurden, und ging dann ruhig nach Hause, und am anderen Tage schämte er sich. Als er im Bruche Grummet auflud, nahm Anna ab. Es war ein Hauptheuwetter an dem Tage, so eins, wo die Mädchen alle blanke Augen haben und das ganze Bruch voll von Lachen und Juchen ist. Jedesmal, wenn das Mädchen das Schoof annahm, sah sie ihm in die Augen. Der helle Fluckerhut stand ihr gut zu Gesichte und ihre Arme, das war eine wahre Pracht, wie rund die waren und so schön braun. Als der Wagen fortfuhr, vesperte er mit ihr unter einer krausen Fuhre und es fiel ihm auf, wie schöne Zähne sie hatte und wie gut sie aß, denn seitdem er die Hohenhölter Herrschaften hatte essen sehen, war es ihm zuwider, wenn einer hörbar oder hastig aß. Er hielt ihr die Flasche hin. »Ist es ein süßer?« fragte sie und sah ihn aus kleinen Augen an; »'n andern mag ich nicht.« Da stellte er die Flasche hin und nahm sie in den Arm. Hinterher war er es, der an die Folgen dachte, aber das hübsche Mädchen lachte und sagte: »Hab' man keine Bange, daß ich dir Ungelegenheiten mache; dafür kann ich dich viel zu gut leiden. Da hast du meine Hand drauf.« Er nahm sie wieder in den Arm und sagte: »Es ist nicht wegen mir, aber du bist zu schade dafür.« Sie drückte ihn an sich: »Schade, was ist schade? Soll ich warten, bis ich alt und kalt bin? Was sein muß, das muß sein.« Seitdem lebte er wieder mehr auf; die neue Heimlichkeit nahm die alte weg, und er hatte jetzt wieder einen Menschen, zu dem er vertraulich sprechen konnte. Seitdem das erste Kind gekommen war, schlief er wieder für sich und so war es ihnen leicht gemacht, zusammen zu sein. Manches Mal kam es ihm vor, als wenn die Bäuerin etwas merkte, aber sie sagte nichts. Zuerst war er froh darüber, aber hinterher kam er sich schlecht vor. An einem Sonntag war er ganz allein mit Anna auf dem Fleet und sie saß auf seinen Knien. Vor lauter Alberei hatten sie gar nicht auf die Zeit gepaßt, und so kam es, daß die Bäuerin die Halbtür aufstieß. Sie drehte sich sofort um und rief der Kleinmagd zu: »Sieh gleich mal nach, ob Eier da sind; wir wollen Pfannkuchen backen.« Nachher war sie so, als ob sie nichts gesehen hatte, nur daß sie den ganzen Abend nicht aufsah. Hehlmann konnte die Nacht nicht schlafen, er schämte sich vor seiner Frau. Hätte sie Schande gemacht, dann wäre ihm sein Unrecht nicht so aufgestunken. Am Morgen ging er der Magd in den Stall nach. Sie schlug die Augen unter sich, als der kam, und er sah, daß sie ganz blaß war. Ihr ging es nicht anders, als ihm. »Hör' zu, Anna,« sagte er, »das muß nun aufhören mit uns. Kommt es rund, dann bist du in schlechtem Ruf, und ich will ihr,« und dabei wies er mit dem Kopfe nach dem Wohnhause, »das Herz nicht noch schwerer machen. Sie trägt schon schlimm genug daran, daß wir keinen Jungen haben. Du mußt fort von hier.« Das Mädchen sah nicht auf. Ihre Brust ging auf und ab und die Tränen liefen ihr aus den Augen. »Ich will dir was sagen, Anna,« fuhr er fort, »du weißt, ich kann dich leiden; gerade deshalb mußt zu gehen. Es gibt noch mehr Männer auf der Welt und was ich dir an dem Tage beim Grummet sagte: du bist zu schade für eine Liebschaft mit einem verheirateten Kerl. Und nun nimm mir das nicht vor übel: du bis ein armes Mädchen; morgen fahre ich nach Celle und gebe durch den Advokaten auf der Sparkasse so viel für dich auf, daß du eine gute Aussteuer und noch was in der Hand hast, und das kannst du abheben, sobald du einen ordenlichen Kerl findest. Schwer wird dir das ja nicht fallen. Und heute gleich sagst du der Frau auf und siehst dich nach was anderem um.« Er gab ihr die Hand, drehte sich um und ging lauten Schrittes durch den Stall, denn wenn er sie weinen hörte, wußte er, verlor er die Macht über sich. Am Abend ging er in den Krug, trank aber so gut wie nichts und ging bei Dunkelwerden fort. Es war der erste schöne Märzabend und die Mädchen gingen untergehakt über die Straße und sangen eins von den Liedern, die der Pastor nicht haben wollte. Langsam ging er den Pattweg durch die Heide und dachte an die Nacht nach dem Erntebier, als er mit Meta hier gegangen war. Wie lange war das schon her! Damals sah er über die Fuhren weg; heute konnte er das nicht mehr. Auf der Höhe blieb er stehen und sah sich um. Am Himmel stand der halbe Mond und alle Sterne waren versammelt. Ein Reh schreckte vor ihm und polterte in die Fuhren, und vom Hofe her rief die Eule; es war ganz so wie an jenem Abend. Das Herz wurde ihm schwer; nun war er wieder ganz allein. Aber es mußte sein; zu sehen, wie sich seine Frau unter die Erde grämte, das ging nicht. Wenn sie von Anfang an so gewesen wäre wie jetzt, dann hätte er mit ihr ein ganz gutes Leben haben können. Jetzt war es zu spät dazu; sie hatten sich auseinandergewöhnt. Seine Schuld war es nicht, aber es traf ihn mit. Noch lange Zeit lag er wach und sah gegen die Deckenbalken. Sie waren so angeordnet, daß es wie ein AH aussah, und dem Bauern fiel es ein, daß das Mädchen eine Nacht, als es mondhell war, ihm zugeflüstert hatte: »Kieck, da steht Anna Hehlmann« und daß er ihr das barsch verwiesen hatte. Er seufzte tief auf und warf sich hin und her; das Lied, das die Mädchen im Dorfe gesungen hatten, wollte ihm nicht aus dem Sinne: Und du bleibst bei mir, schläfst bei mir, schläfst die liebe lange Nacht bei mir, ju, ja, Nacht bei mir, im dustern Kämmerlein. Der Blaurand Ostern ging Anna; sie sah wie die Wand aus, als sie der Bäuerin die Hand gab. Als das Mädchen aufsagte, meinte die Frau zu dem Bauern, ohne aufzusehen: »Sie wird uns schwer abgehen, so fix wie sie bei der Arbeit war.« Er aber wandte sich ab: »Es gibt mehr Mädchen, die arbeiten können. Wer fort will, den soll man nicht halten.« Er hatte seit jenem Morgen nicht mehr als das Nötigste mit ihr gesprochen. Acht Tage, nachdem sie fort war, ging Hehlmann durch das Dorf. Als er an dem Braunen Roß meist vorbei war, rief ihn der Wirt herein: »Weißt du schon, daß der junge Herr vom Gute sich umgebracht hat?« Der Bauer fuhr zurück: »Wolf?« Der Wirt nickte: »Müller Prasuhn hat es eben erzählt; er hat es gestern in Celle gehört. Es soll um das rote Miken gekommen sein. Mit der hat er es immer noch gehalten, auch nachem er schon befreit war, oder vielmehr, das Frauensmensch hat ihn nicht losgelassen, seitdem er zu Gelde gekommen war, und da hat sie ihm irgendeine Schweinerei gemacht. Schade, es war so ein freundlicher Mann! Zuletzt sah er ja meist was still aus.« Abends sah Trina ihren Mann immer von der Seite an, aber fragen mochte sie nicht, denn sie glaubte, er bange sich um Anna. Schließlich kam er von selber mit der Sprache heraus, und als wenn er zu sich selber redete, sprach er vor sich hin, indem er in das Feuer sah: »Das kommt von den Heimlichkeiten; ein verheirateter Kerl muß klare Bahn um sich haben, sonst tut das kein gut.« Von da ab sah ihm die Bäuerin wieder in die Augen und brachte es fertig, ihm die Kinder zu bringen und sich dicht bei ihn zu stellen, wenn er mit ihnen spielte, und so wurde es bei kleinem zwischen ihm und ihr halbwege richtig. Aber auch nur halbwege, denn die Liebe fehlte und das Vertrauen. Hehlmann konnte es sich gut denken, daß er Meta sein Herz ausschütten konnte, aber bei Trina brachte er es nicht fertig. So blieb er im Grunde ganz für sich und war ärmer als der ärmste Knecht. In der hillen Zeit merkte er davon wenig, wenn die Arbeit aber nachließ, kam die Unruhe wieder über ihn und dann blieb ihm nichts übrig, als zu trinken. Da er Kräfte hatte wie ein Bär, so vertrug er einen gehörigen Stiefel voll, aber unglücklich, wie er sich fühlte, vergiftete ihm das Bier und der Schnaps das Geblüt, und wenn er seine Ladung hatte, dann stieg ihm der Ekel über sich selber hoch, oder es schlug alles bei ihm um und warf er mit dem Gelde um sich und spielte bis in den hellichten Morgen. Am anderen Tage war ihm dann zumute, als müsse er sich in die Erde verkriechen und ihm wurde nicht eher beser, als bis er von neuem hinter dem Blaurand saß. Er hatte sein eigenes Schnapsglas im alten Kruge, einen gefährlich großen Wachtmeister mit doppeltem Blaurand und drei blanken Perlen im Fuße, der so dick war, daß schon eine Faust, wie der Hansbur sie hatte, dazu gehörte, daß er darin Platz fand. Dieses Ungetüm von Glas stand auf dem Bört über dem Tische, an dem er immer saß, und kein anderer durfte daraus trinken. Ebenso hatte er seinen eigenen Krug, auf dem zwischen zwei Palmblättern zu lesen stand: Liebe mich allein oder lasse ganz es sein. An einem schmählich kalten Dezemberabend war er nach der kalten Flage gegangen, um auf Sauen zu passen. Wenn er sich aus der Jagd auch nicht so viel mehr machte als vordem, er brachte doch den Abend damit hin, denn es war ihm schrecklich, zu Hause zu sitzen und nichts zu sagen; denn außer über alltägliche Sachen kam er mit der Bäuerin nicht in das Gespräch, weil sie keinen Verstand für seine Art hatte. Wenn sie sich auch noch so viel Mühe gab, sie blieb eine Kordes und dachte nicht weiter, als über eine Kätnerstelle hinaus. So saß er denn in seinem Anstandsloche und sah auf den Schnee, bis es ihm bunt vor den Augen wurde. Ihn fror, den der Wind kam scharf von Morgen, und um sich warm zu machen, nahm er ab und zu einen Schluck. Mit der Zeit wurde es ihm aber zu viel mit der Kälte, und da sich der Wind auch gedreht hatte, so hatte es keinen Zweck, daß er weiter auf die Sauen paßte, und deshalb ging er nach dem alten Kruge; da saß schon der wilde Meyer, der rote Schmidt und der Müller. Sowie er in die Tür trat, spang der wilde Meyer auf und hielt eine Rede auf Hehlmann und dann brachte er ihm eine Horüdho nach alter Art aus, daß ihm das Maul schäumte, und die anderen, die alle Jäger waren, gaben Hals wie eine vollzählige Meute. »Jetzt wird es erst lustig,« schrie der rote Schmidt, »jetzt wird Hatten Lena gespielt, daß die Heide wackelt.« Das war ein Kartenspiel, bei dem in einem fort gesungen wurde: »Hatten Lena mit de Newelkapp, kiek mal to'n Finster rut, mak apern mal din Etelschapp, min Magen bellt ganz lut; un wenn du noch wat owar hest, so lang man her den lesten Rest, Hatten Lena mit de Newelkapp, kiek mal to'n Finster rut.« Auf dem Tische stand eine Flasche oder ein Krug, je nachdem, was getrunken wurde, und da waren mit Kreide Striche angemacht, und wer verspielte, mußte bis zu dem nächsten Striche trinken und ein Stück Geld in die Pinke schmeißen. Na, das ging dann nun los und es traf sich, daß Hehlmann fünfmal hintereinander trinken mußte. Sie tranken aber Grog nach dem Rezept vom roten Schmidt: viel Rum mit'm lütjen Schuß Wasser. So kam denn ein großmächtiger Glasstiefel auf den Tisch und es dauerte nicht lange, da hatten sie alle Köpfe wie Legehühner, vorzüglich der Hanbur, der sich in der kalten Flage verkühlt hatte und bei dem der Grog ein doppeltes Loch riß. Als der Stiefel leer war, schrie der rote Schmidt, der mit Getreide handelte: »Auf einem Bein kann man nicht stehen, außer wenn'n Adebar ist,« und ein neuer Stiefel kam. Als der ledig war, hieß es: »Aller guten Dinge sind drei,« und der Krüger füllte von frischem auf. Es war schon bei elfe, da tat sich die Tür auf und der Sägemüller Vodegel kam herein, derselbe Vodegel, der in der Vormittagsschule Hehlmann eins hinter die Oheren geschlagen hatte, als sie noch Jungens waren, und auf den dieser immer noch einen Haß hatte, weil er die Ohrfeigen behalten mußte. Vodegel hatte auch einen sitzen, denn er hatte im Braunen Roß eine Wette mit vertrinken helfen, und dann stach ihn der Haber, so daß er seine Boshaftigkeit nicht bezähmen konnte. Gerade weil er wußte, daß Hehlmann so eigen mit dem Glase und dem Kruge war, langte er sich den Blaurand und den Krug von dem Bört, schenkte sich einen Schnaps und Bier ein und prostete die Gesellschaft an. »Kannst du nicht ein anderes Glas nehmen? Du weißt doch, daß das meins ist!« rief der Hansbur ihm zu. »Nanu, stell dich doch nicht so gefährlich an,« antwortete der Sägemüller, »das schadet dem Glase nicht und dir nicht.« Der Bauer bekam einen roten Kopf: »Ich sage, du stellst das Glas hin, ich trinke nicht mit jedwedem aus einem Glase!« Vodegel zeigte auf den Stiefel: »So, wohl bloß Grog?« »Das kann ich machen, wie ich lustig bin. Setz' das Glas hin!« »Das Glas ist dem Wirt, meine ich, und überhaupt, befehlen lasse ich mir von dir nicht.« Damit setzte er das Glas an den Mund, aber ehe er zum Trinken kam, schlug ihm der Hansbur das Glas in die Zähne, daß Vodegel längelangs auf den Estrich fiel. Er stand aber gleich auf, wischte sich das Blut von dem Munde und ging hinaus. Mit der Gemütlichkeit war es vorbei. Die anderen sagten nichts, denn Hehlmann sah zu gefährlich aus, und als der Müller aufstand, gingen sie alle. Als der Hansbur allein war, lachte er vor sich hin; nun hatte er die Ohrfeige bezahlt. Je länger er aber ging, um so mehr schlug es in ihm um, denn die scharfe Luft und der Grog hatten ihn zwischen sich, und als er in der Heide war, wo die Fuhren so schwarz im Schnee standen, war ihm hundeelend zumute. Wie ein Stromer hatte er sich benommen; ohne Not hatte er zugeschlagen, und einen Mann, der ihm an Kräften weit nachstand. Und dann sah er sich da sitzen und saufen und bölken wie ein Stück Vieh, und es ekelte ihn so, daß er nach seinem eigenen Schatten spuckte. Da sah er, daß der das Gewehr bei sich hatte; es wurde ihm schwarz vor den Augen, er nahm es von der Schulter, zog den Hahn über, stellte den Kolben in den Schnee, hielt die Mündung gegen seinen Schlaf und riß mit der Stockzwinge den Abzug durch. Nun war auf dem Hehlenhofe ein Hund, der hieß Widu und hing sehr an dem Bauern. Der hatte die Hasen aus dem Futterkohl gebracht, und als er zurücklief, kam er unter dem Winde da vorbei, wo Hehlmann lag. Er lief hin, roch an ihm herum, und als er das Blut spürte, heulte er los und lief so schnell wie er konnte nach dem Hofe und bellte den Knecht heraus. Der verwies ihm erst das Bellen, als der Hund sich aber immer gefährlicher anstellte, ging er hinter ihm her und fand den Bauern im Schnee liegen. Er ging zurück, weckte die anderen Knechte, und auf einer Wagenleiter trugen sie den Bauern in das Haus. Als sie ihn wuschen, kam Hehlmann wieder zu sich; er hatte nur einen Prellschuß über dem linken Auge. Er ließ sich verbinden und schlief bis in den hellichten Tag hinein. Als er sich vermuntert hatte, fiel ihm nach und nach alles ein, was sich begeben hatte, und er wünschte sich, daß er besser getroffen hätte, so schämte er sich, obzwar die Bäuerin und die Leute an ein Unglück glaubten und nicht daran dachten, daß er Hand an sich gelegt hatte. Nachmittags kam der Vorsteher und fragte, wie das mit der Schlägerei gekommen sei. »Der Sägemüller will dich verklagen, Hansbur,« sagte er; »er hat ein Maul wie ein Baumaffe!« Vodegel klagte nicht; es war Bauernmal abgehalten und folgender Spruch gefunden: »Der Sägemüller hat die Hauptschuld, dieweil er angefangen hat. Einen Leibesschaden von Bedeutung hat er nicht davongetragen. Item: es ist keine Ursache, das Gericht in das Dorf zu ziehen.« Aus dieser Gefahr war der Hansbaer also heraus; um so schlimmer ging er mit sich selbst zu Gerichte. Er sah seine Fäuste an; hätte er Vodegel so getroffen, wie er es vorhatte, dann lebte der nicht mehr, und weshalb? Um ein lumpiges Schnapsglas! Wer war daran schuld? Der Grog! Weswegen hätte er beinahe Schimpf und Schande auf seinen Namen gebracht, wenn er die letzte Nacht das Gewehr anders gehalten hätte? Weil er angetrunken war! Warum quälten Trina und er sich miteinander hin? Weil er damals beim Trinken nicht hatte Maß halten können. Es war ein Sonntag; der Wind trug das Kirchenläuten heran. Heute war die Reihe an ihm und der Bäuerin, zur Kirche zu gehen; aber so, wie er aussah, konnte er dem Pastor nicht unter die Augen gehen. Eine Schande war es für einen ausgewachsenen Mann, sich so aufzuführen. So dachte er, und als er allein war, schlug er die Beilade auf, um die Bibel herauszulangen. Die Bibel war nicht da; die Bäuerin las jetzt oft darin. Aber das Hausbuch lag da und das nahm er sich und setzte sich damit in den Backenstuhl hinter den Ofen. Er hatte es bislang bloß in die Hand genommen, um die Todestage der Eltern, seinen Hochzeitstag und die Geburt der Kinder einzuschreiben; jetzt las er es von oben bis unten, und immer mehr wurde es ihm sichtbar, daß er auf dem besten Wege war, einer von denen zu werden, deren Namen in dem Buche nicht mit Ehren genannt werden konnten. Er las von Heinrich Hehlmann, der im Jahre 1711 durch den Branntwein zum Mörder geworden war und dem der Henker den Kopf abgeschlagen hattte; er stellte sich vor, wie es an dem Tage wohl hier auf dem Hofe ausgesehen habe, und er machte einen neuen Strich in sein Leben. Seitdem Anna nicht mehr auf dem Hofe war, hatte er standgehalten, und wenn ihm auch noch so blanke Augen gemacht wurden; und so wollte er es hinfort auch mit dem Schnaps halten. Herzbube Leicht wurde ihm das nicht und zuzeiten meinte er, er müßte verrückt werden, oder etwas Schlimmes anstellen, wenn er sich nicht ab und an volltrinken könne. Er hatte dann eine Unruhe auf dem Leibe, die erst wegging, wenn er in lustiger Gesellschaft war. Ganz schlimm wurde es mit ihm, wenn Gewitterluft war oder das Wetter umschlagen wollte oder Vollmond war; dann hatte er dunkle Augen und einen unruhigen Blick und konnte um Kleinigkeiten ärgerlich werden, was sonst nicht seine Art war. Dann sagte er, er habe Geschäfte, und ritt fort, und wenn er im Galopp über die Heide ritt, daß es nur so mülmte, dann fiel ihm ein, was er damals bei der Verlobungsfeier in Hohenholte über sich gehört hatte. Er hatte sich den Gemüsegarten angesehen, und als er hinter der Hagebuchenhecke stand und sich seine Zigarre ansteckte, hörte er, daß die Herren über ihn redeten. »Ein großartiger Mann,« hatte der Forstmeister gesagt; »aber glücklich ist er nicht. Der müßte irgendwohin, wo er seine Kraft loslassen kann.« »Stimmt,« meinte der Rittmeister; »es ist, als ob man einen von den alten Longobarden sähe, wie sie aus Jütland hier herunter kamen, sich die Lappen und Eskimos ansahen, die hier herumkrebsten, und sagten: »So, nun willt wi erst dat Takeltüg dotslan und denn 'n reellen Betrieb infoihren!« Er hat das Zeug zu einem Eroberer in sich.« Es ist wahr, dachte er, als er so über die Heide ritt; Tag für Tag dasselbe, heute säen, morgen mähen, es ging nicht mehr. Wenn er nur einen Menschen hätte, dem er sagen könnte, wie ihm um das Herz war. An Meta dachte er nicht; das war lange vorbei. Zum Piewittskruge ging er nicht; da wollte der Mann sein Geld und die Frau, die war hübsch, aber schlecht und dabei dumm. Takelzeug war es. Kordesklas, ganz seine Art war es ja nicht gewesen, aber der hatte doch Verstand für ihn gehabt und hing an ihm. Anna? Wo mochte die jetzt sein? Wenn er an den Morgen dachte, als er ihr im Stall sagte, sie müsse vom Hofe, dann tat ihm das Herz weh. Da hatte er einen Menschen für sich gehabt, einen Menschen treu wie Gold, und er hatte ihn fortgejagt wie einen fremden Hund. Nun stand er da, allein, wie ein zurückgehender Hirsch, den die anderen vom Rudel abgeschlagen haben. Jetzt war es Krieg in der Welt. Er stellte sich in die Bügel und sah über das Bruch, das von dem blühenden Post rot und gelb war. Ihm war, als müsse er da einen Feind sehen und ihn über den Haufen reiten. Er ritt unter dem Uhlenbrink her und bog in den Kösterdamm ein, der in die Mordheide führte; da war es kahl und leer wie in einer Bettlerhand. Er gab dem Fuchs die Eisen und der ging in voller Fahrt erst über das blanke Heidfeld und dann durch die Machangeln, die vor den Bruchwiesen standen. Vor dem Kanal stutzte das Pferd; es schnaubte und ging zurück. Er gab ihm ein über das andere Mal die Eisen und zuletzt nahm der Fuchs den Kanal, sprang aber zu kurz, trat mit den Hinterfüßen in das Wasser und warf den Bauern über sich fort. Als der Hansbur sich aufrichtete, sah er, daß das Pferd das Gesicht hatte, was sie annehmen, wenn sie vor dem Sterben sind; es hatte die Nüstern weit auf und die Augen sahen schrecklich aus. Es lag mit dem Hinterleibe im Kanal, schlug mit den Vorderfüßen das Ufer in Stücke und schrie. Da sah Hehlmann, daß das Ufer voller Blut war, und als er näher ging, fand er, daß der Fuchs sich einen Pfahl, um den altes Reth stand, tief in die Brust gejagt hatte, und jedesmal, wenn er schnob, flog ihm das Blut hellrot aus Maul und Nase. Der Bauer sah, daß nichts mehr zu machen war. Er faßte nach der Hosennaht, aber er hatte das große Meser nicht bei sich und das Klappmesser dünkte ihm zu klein. Aber länger konnte er es nicht mit ansehen, wie der Fuchts sich zu Tode quälte. Er überlegte einen Augenblick, dann trat er dicht hinter das Tier, holte aus und schlug es mit der vollen Faust gegen den linken Schlaf, und so wie der Schlag gefallen war, ließ es den Kopf hängen. Der Bauer holte tief Luft und ihm war, als müsse er sich über seine Kraft freuen. Dann nahm er das Klappmesser, schnitt dem Fuchs die Schlagader am Halse durch und blieb so lange dabei stehen, bis er abgeblutet war. Einen Augenblick schämte er sich; er hatte das schöne Tier unnütz in den Tod gejagt. Aber dann bekam er blanke Augen; es war doch einmal etwas anderes, und wie er so dastand und das tote Tier ansah, das halb auf dem Ufer und halb im Wasser lag, da dachte er sich, wie einzig schön es sein müsse, so um diese Zeit, wenn der Himmel über dem Walde rot wird, langsam über das Schlachtfeld zu reiten und auf die hinzusehen, die steif und kalt neben ihren toten Pferden lagen. Das war denn doch noch ein Leben; wenn man auch selbst dabei vor die Hunde ging, das machte nichts aus. Wolf von Hohenholte hatte auch so gedacht. Der alte Pastor war beinahe umgefallen, als er Wolf fragte: »Was ist ein seliger Tod, mein Junge?« und Wolf geantwortet hatte: »Kugel vor den Kopf, Herr Pastor, und Salve über dem Grabe.« Die Kugel hatte er bekommen, wenn auch anders, als er sich das dachte, aber eine Salve nicht, bloß üble Nachreden und Tränen seiner jungen Frau auf sein Totenhemd; nun lag er in der Erde und fror, weil die Tränen nicht trocknen wollten, und seine Witwe ging stumm und steif über den Hof und konnte nicht mehr lachen. Immerhin, Wolf hatte etwas belebt. Hehlmann warf den Koppf in den Nacken: was man belebt, ist gleich, wenn man überhaupt nur etwas belebt. Und er wollte etwas beleben, koste es, was es wolle. Miken war jetzt wieder in Celle; der rote Schmidt hatte sie da getroffen. Er hatte Lusten, sie einmal wieder lachen zu hören. War es auch ein schlechtes Mensch, traurig konnte man bei ihr nicht sein. Hehlmann überlegte. Von hier bis zum Piewittskruge war es eine kleine Viertelstunde. Jawohl, das machte er! Der Krüger konnte ihn nach Celle fahren und auf dem Hehlenhofe Bescheid sagen lassen. Mit großen Schritten ging er durch das Bruch; die Postbüsche sahen in der Abendsonne so rot wie Blut aus. Die Mooreulen stiegen auf und ab und schrien, in der Luft waren der Bewerbock zu Gange und die Birkhähne balzten, daß es eine Art hatte. Rund und rot kam der Mond hinter der Wohld in die Höhe; Hehlmann meinte, so groß und rot hätte er ihn noch keinmal gesehen. Die Enten strichen hin und her, die Rehe standen im Nebel, und in der hohlen Grund rief der Moorochs. Jetzt war mitten in dem Mond querüber ein schwarzer Strich und darunter noch einer, und auf einmal waren es zwei Augen und Nase und Mund, und ein ganzes Gesicht war es, und das lachte. »Das sieht ja putzwunderlich aus,« dachte er und dann trat er über die Straße und stieß die Türe zum Piewittskruge auf. Da war lustiges Leben; der rote Schmidt war da und der wilde Meyer und Pohlmann und Schwen und Scheele und Drewes und Lühner auch. Sie saßen um den runden Tisch, tranken Wein und spielten Karten. Die Krugwirtin machte blanke Augen, als der Hansbur eintrat. Sie rückte ihm den großen Stuhl hin und daneben noch einen für ihre Nichte, ein hübsches Mädchen mit grallen Augen. Es dauerte nicht lange, da war Hehlmann in seinem Fahrwasser; er bestellte vom Besten, was im Keller war, warf eine Hand voll Taler auf den Tisch und schrie: »Nun wollen wir mal wie große Männer spielen und nicht um Bohnen und Pfennige!« »Das soll ein Wort sein,« rief der wilde Meyer, und das Spiel ging los. Als sie eine Stunde gespielt hatten, war Hehlmann sein ganzes Geld los. Er hatte viel getrunken, denn die Aufregung mit dem Pferd und das schnelle Gehen hatten ihm Durst gemacht, und so rief er dem Wirt, der auf einen Augenblick in die Stube kam, um Zigarren zu holen, zu: »Gib mal 'ne Hand voll Taler her!« Das tat der liebendgern, denn es war eine Ewigkeit her, daß der Hansbur sich dort hatte sehen lassen, und der Krüger war froh, daß er ihm gefällig sein konnte. Ehe das Spiel weiterging, hielten sie Uhlenvesper; Hehlmann aß, wie er lange nicht gegessen hatte. Da die Wurst scharf und der Käse alt war, so trank er tüchtig dabei, und es dauerte nicht lange, da hatte er die Alma auf dem Schoße sitzen. Das war ein Mädchen wie ein Baum und obzwar sie noch jung war, verstand sie doch schon gut mit Männern umzugehen, so daß der Hansbur ganz vergaß, daß er nach Celle zu Miken fahren wollte. Er nannte sie seine Coeurmadam und sie ihn ihren Herzbuben und sie nickte, als er ihr ins Ohr flüstere: »Wenn die anderen man erst weg wären.« Sie gingen auch, denn sie rochen Lunte, aber sie gingen erst, als er auch das Geld, das er von dem Krüger entlehnt hatte, quitt war, und da saß der denn mit der Alma auf der Faulbank, bis die Frau in den Keller ging, um Wein zu holen. Sie blieb lange aus, und als sie wieder kam, plinkte sie ihrer Nichte zu, und die verstand und trank ihrem Herzbuben so oft zu, bis eine Buddel neben der anderen bei dem Ofen stand. Als Hehlmann einige Tage später zum Piewittskruge ging, um seine Zeche glatt zu machen, die alles in allem so fünfzig Taler ausmachte, gefiel ihm die Alma kein bißchen mehr; sie hatte ausverschämte Augen und ihre Stimme hörte sich gewöhniglich an. Er blieb darum auch nicht lange und ließ sich nicht wieder sehen. Er hatte sich den anderen Tag weiter keine Gedanken gemacht, wie damals, als er Vodegel den Blaurand in das Maul geschlagen hatte, denn er sagte sich: Geschehen ist geschehen! Aber er sagte sich auch, daß er bei den Leuten keine Achtung mehr haben würde, wenn es herumkäme, wie er es getrieben hätte. Als seine zweite Tochter ihn eines Abends in den Arm nahm und ihm einen Kuß gab, da fiel ihm ein, daß er mit demselben Munde das Frauenzimmer im Piewittskruge geküßt hatte und die Wirtin auch; und die waren für jeden da, der Geld auf den Tisch warf. So beschloß er denn, nie wieder einen Fuß in den Krug zu setzen, und hielt Wort. Das wurde ihm nicht schwer, denn eines Abends kam der wilde Meyer zu ihm und sah ganz begossen aus; über den Piewittskrug war ein Donnerwetter heruntergegangen; der Krüger war wegen Hehlerei und wegen Duldens von Glückspiel und seine Frau wegen Gelegenheitsmacherei nach Celle gebracht. Der wilde Meyer hatte eine Hundeangst auf dem Leibe, daß er als Zeuge vor Gericht müsse. Acht Tage später kam ein Mann auf den Hehlenhof und wollte den Bauern sprechen; da er ihn nicht antraf, ging er ihm in das Holz nach. Es war Almas Vater; er war Lohndiener in der Stadt und sah wie nichts Gutes aus. Er redete erst lange hin und her und das Ende vom Liede war, daß der Bauer noch einmal fünfzig Taler herausrücken mußte, denn wie der Kerl, der sich groß beleidigt anstellte, sagte, war seine Tochter noch keine sechzehn alt und unbescholten. Hehlmann, der sonst für alles eintrat, was er getan hatte, und eigentlich nicht wußte, was Reue war, machte hinter dem Manne ein Gesicht, als wenn er in Unrat getreten hatte; ihm war ebenso scheußlich zumute wie damals, als er mit Tönnes und Hein Gird im Kuhhorn Fische gestohlen hatte und die beiden auf die lange Bank mußten. Noch dümmer aber kam er sich vor, als er nach der Gerichtsverhandlung, in der der Piewittskrüger zu Zuchthaus und seine Frau zu Gefängnis verdonnert waren, von dem wilden Meyer hörte, daß die Alma erstens über achtzehn Jahre alt war, und daß ihr Vater sowohl Meyer, wie den roten Schmidt und nicht minder Scheele und Drewes ebenso geleimt hatte wie ihn, und er dankte seinem Schöpfer, daß er davor bewahrt geblieben war, Zeuge spielen zu müssen. Als er hinterher eines Abends in Celle aus dem Ratskeller kam, wo er mit dem Vollmeier Mönchmeyer aus der Allermarsch über einen Pferdehandel einig geworden war, sah er Miken daherkommen. Sie war in Sammet und Seide und sah noch viel schöner aus als früher, aber er trat schnell hinter sein Gespann; er hatte genug von dieser Sorte Weibervolk. Ein Vierteljahr darauf erzählte ihm der rote Schmidt, daß er das Mädchen in Hamburg gesehen hatte; wie der halbe Tod hatte sie ausgesehen und ihn um Gottes willen um einen Taler angesprochen, weil sie am Verhungern war. Schmidt, der sonst kalt wie eine Hundeschnauze war, schüttelte sich und sagte: »Ich gab ihr zwei, denn ich sah, daß sie es nicht mehr lange machen konnte. Sie hatte die Auszehrung, und wenn sie hustete, kam ihr das helle Blut in den Mund.« Hehlmann sagte nichts, aber er mochte auf einmal kein Bier mehr. Er sah sie vor sich, wie sie siebzehn Jahre alt war. In Krusenhagen war Tanz gewesen; er hatte sie nach Hause begleitet, und sie hatte mit ihrer lustigen Stimme durch die Nacht gesungen, daß die Rehe in den Wiesen an zu schrecken fingen. Was konnte sie küssen und lachen und wählig sein! Und nun war sie elendiglich zugrunde gegangen. Ihm wurde erbärmlich zumute. Die Moosbank Das elendigliche Ende Mikens gab dem Bauern viel zu denken; sein Herz hatte er nicht an sie gehängt, aber es lief ihm kalt über, wenn er daran dachte, wie wohl ihr Ende gewesen war, und als er einmal über die Heide ging und eine Schnucke husten hörte, schudderte es ihn. In dieser Zeit mußte er Gerichtsgeschworener werden und in einem Falle ein Urteil abgeben, das ihm noch mehr zu denken gab. Ein Vetter von dem Halbmeier Scheele, mit dem er so manches Mal bei Bier und Karten lustig gewesen war, saß auf der Armensünderbank; er war durch das Kartjen in Bedrängnis gekommen und hatte einen Meineid geschworen. Er wurde schuldig gesprochen und erhängte sich in der Nacht darauf. Das ging Hehlmann nahe, aber noch schlimmer traf ihn die Rede, die der Staatsanwalt gehalten hatte, denn der hatte gesagt: »Leider können wir die Hauptschuldigen nicht fassen, zwei Männer, die durch ihr wüstes Legen schon mehr als einen Familienvater zum Luderleben verführt und ins Unglück gebracht haben.« Das ging auf den wilden Meyer und den roten Schmidt. Mit einem Schlage standen die beiden ganz allein; jeder, der etwas auf sich hielt, ging ihnen aus dem Wege. Hehlmann auch, denn er mußte dem Staatsanwalt recht geben. Daß er damals Vodegel das Glas in die Zähne schlug und hinterher Hand an sich legte, und daß er wegen des liederlichen Stückes, der Alma, beinahe in den Mund der Leute gekommen war, die beiden hatten die mehrste Schuld daran. Er hielt sich von da ab mehr an den Pastor Heuer, der ihn ab und an besuchte. Der Mann gefiel ihm, weil er aus seinem Herzen keine Mördergrube machte. Als er sich einmal den Hansburhof angesehen hatte, meinte er: »Hehlmann, Sie sind doch wirklich zu beneiden!« Da hatte der Bauer die Achseln gezuckt und gesagt: »Was hilft mir der ganze Kram, wo ich keinen Hoferben habe!« Aber wie hatte ihn der Pastor da heruntergekanzelt; so etwas war dem Bauern noch keinmal vorgekommen, seitdem er kein Junge mehr war. Ein Wort war es besonders, das ihm zu denken gab: »Ein Mann wie Sie nimmt sein Leben fest in die Hand, mag da kommen, was da will.« Breit hatte er sich vor ihn hingestellt: »Zwei gesunde Töchter haben Sie! Und ich? Mein gesundes Kind wurde mir genommen, das krüpplige blieb mir. Soll ich deshalb verzagen? Man muß nicht an das denken, was man wünscht, sondern an das, was man hat. Sie sind doch kein Schwächling! Jedem kann es der Herr nicht zu Passe machen. Das ist die wahre Lebenskunst, sich mit dem abzufinden, was man hat.« Mit dem Pastor kam er von da ab öfter zusammen; der baute nicht, wie der alte Pastor, eine Mauer zwischen sich und die Gemeinde, sondern hielt freundschaftlichen Verkehr mit den Bauern. Obzwar sie erst den Kopf darüber schüttelten, daß er sich in der Wirtschaft sehen ließ und sein Glas Bier trank, ohne viel danach zu fragen, wer bei ihm saß, mit der Zeit leuchtete es ihnen ein, daß das für beide Teile gut war, denn wenn der Pastor da war, ging es immer ehrbar zu, ohne daß es deshalb langweilig wurde, denn er war von lustigem Gemüt und es kam ihm selbst auf eine quante Redensart nicht an. Er hatte es bald spitz, wer in der Gemeinde Sinn für etwas anderes hatte, als bloß für Arbeit und Geld und Essen und Trinken; die holte er sich so bei kleinem zusammen. Erst wurde bloß Bier getrunken und Schafskopf gespielt; mit der Zeit blieben die Karten vom Tische, es wurde über Politik und andere Dinge geredet, und zuletzt wurde so eine Art Verein daraus, in dem der Pastor oder der neue Doktor oder der Lehrer, der mehr Bildung hatte als der alte Mackentun, der schon einige Zeit bei der Kirche lag, allerlei aus den Büchern vorlas. Der Aufmerksamsten einer war der Hansbur, der auf diese Art von seiner Unruhe abgelenkt wurde, und da der Pastor viele schöne Bücher hatte, so lehnte Hehlmann sich Bücher über Reisen oder Kriegsgeschichten und kam dadurch über seine dummen Stunden fort. Bislang war auf dem Hehlenhofe in der Ackerwirtschaft alles nach der alten Art gegangen und es dauerte eine Ewigkeit, bis daß sich eine neue Einrichtung einführte. Der Doktor besorgte dem Bauern auch Bücher über Landwirtschaft und Viehzucht und dadurch bekam dieser Lust, allerlei Versuche zu machen, und auf die Art kriegte er wieder Freude an seiner Wirtschaft. Er beschaffte sich Edelreiser und besserte seinen Baumgarten auf, bepflanzte den Mergelbrink, der sich an der Bullerbeeke entlang zog, mit Rotbuchen und hatte seine Freude daran, wie sie gediehen, er ging zur Gründüngung über und konnte mehr Land bestellen als mit der Stalldüngung, und schließlich ging er sogar an den künstlichen Dünger und brachte es auf geringem Boden bald zu guten Erträgen. Je mehr er sich mit Neuerungen abgab, um so weniger hatte er unter der inneren Hitze zu leiden, und die Unruhe, die ihn früher in den Krug trieb, spürte er kaum mehr. Er machte sich mit den Gutsbesitzern in der Umgegend und den Domänenpächtern bekannt und sah ihnen allerlei ab. Bei kleinem sprach es sich rund, daß er ein Bauer war, der mit der Zeit ging, und es ging keine Woche hin, daß er nicht Besuch von Bauern oder Landwirten bekam, die sich bei ihm umsahen und seinen Rat einholten. So machte es sich ganz von selbst, daß er Beisitzer im Vorstande des landwirtschaftlichen Vereins wurde. Als er die erste Scheu überwunden hatt, ergriff er bei den Besprechungen oft das Wort und schließlich ließ er sich von dem Freiherrn von Olighusen das Wort abnehmen, über seine Versuche auf der Hauptversammlung einen Vortrag zu halten. Hinterher tat ihm das leid, denn er wußte nicht, ob er imstande war, einen vernünftigen Vortrag zu halten. Aber Pastor Heuer redete ihm seine Bedenken aus, half ihm dabei, eine Übersicht auszuarbeiten, und riet ihm so zu reden, wie ihm der Schnabel gewachsen war, und so fuhr er getrost los. Es war ihm zuerst etwas bänglich zumute, als er in den großen Saal kam und die vielen Leute sah, und als der Vorsitzende sagte: »Das Wort hat jetzt unser zweiter Vorsitzender, der Vollmeier Hehlmann zu Hehlenhof,« und über vierhundert Gesichter in ansahen, da wünschte er, daß er ganz woanders war, und als er aufstand, hatte er erst einen roten Kopf; aber dann trat er hinter seinen Stuhl, legte seine Hände auf die Lehne und fing an zu sprechen. »Meine lieben Freunde, ich bin man ein einfacher Bauer und kann meine Worte nicht so setzen, als wie Pflanzfuhren oder Kartoffeln,« fing er an, und da wurden die vielen Gesichter auf einmal lachend und das gab ihm Mut. Schlicht und einfach trug er vor, wie er erst nach der Väter Art gewirtschaftet hatte, wie ihm das langweilig geworden war, und wie er dann seine Unzufriedenheit nicht mehr im Kruge, sondern in den Büchern gelassen habe und bei kleinem und ohne Eiligkeit von einer Neuerung zu der anderen gekommen war. Er kam so in Schuß, daß ihm die Worte von selber zuflogen, und alle Augenblicke klappten die vielen Hände oder es ging ein lautes Lachen durch den Saal, wenn er eine lustige Redensart gemacht hatte oder einen Vergleich, der zwischen seinen ruhigen Worten stand, wie ein grüner Birkenbaum auf brauner Heide. Über eine Stunde dauerte seine Rede, ohne daß er auch nur einen Blick auf die Ausarbeitung warf, die er sich gemacht hatte, und als er mit den Worten schloß: »Wenn sich einer aus meiner Rede etwas entnehmen sollte, was ihm von Nutzen ist, so wird mir das eine große Freude sein,« da gab es ein solches Händeklappen und Füßegetrampel, daß die Fensterscheiben beberten. Dann drückte ihm der Vorsitzende die Hand und hielt eine Rede, in der er ihm im Namen der Versammlung den Dank für den Vortrag aussprach und also schloß: »Doch das Wichtigste, was uns der Vortrag unseres Freundes gelehrt hat, das ist, daß wir sagen müssen: Und das alles hat er ganz aus sich selbst heraus!« Über die Besprechung des Vortrages ging noch eine Stunde hin, und mehrere Male mußte Hehlmann das Wort ergreifen, und wenn der Wirt nicht gemahnt hätte, daß das Essen fertig wäre, dann hätte man noch länger verhandelt, so viel Anregung hatte die Rede gegeben. Bei Tische mußte der Hansbur zwischen dem ersten Vorsitzenden und dem Ehrenvorsitzenden Platz nehmen, und obzwar er sich mächtig im Trinken zurückhielt, hatte er doch bald einen roten Kopf, denn von allen Seiten wurde ihm vorgetrunken, so daß er nicht wußte, ob er sich wegen der vielen Ehre freuen oder schämen sollte. Er war so glücklich, wie er es seit der Zeit, wo er es heimlich mit Meta hielt, noch nicht wieder gewesen war, und die Bäuerin bekam vor Freude nasse Augen, als er ihr erzählte, wie es ihm gegangen war, und sie sah zu ihm auf, wie zu dem Pastor auf der Kanzel. Die größte Freude aber hatte sie, als erst das Kreisblatt mit einem Bericht über die Rede und hinterher die landwirtschaftliche Zeitung mit der wortwörtlichen Rede kam, und da drückte es ihr auf das Herz, wie wenig sie neben einen solchen Mann paßte. Hehlmann ließ sie das aber nicht merken, und weil die Sonne nun wieder durch die Hofeichen schien, gediehen die Leute und die Frau wurde wieder meist so ansehnlich, wie sie als Mädchen gewesen war, als sie sich noch um die Mannsleute Mühe gab. Wenn sie jetzt beide zur Kirche gingen, sahen die Leute nicht mehr von ihm zu ihr und meinten: »Na, er ist da auch man so dran hängen geblieben.« Auch bei den Mädchen war sie in Ansehen gekommen, seitdem sie das Schimpfen aufgegeben hatte. Seitdem der Bauer in Haus und Hof seine Zufriedenheit fand, gewöhnte er sich auch mehr an die Kinder heran, auf die er früher wenig achtgegeben hatte. Detta, die älteste, die ganz nach ihrer Vaters-Mutter schlachtete, hatte an Hausarbeit und Blumen Freude. Sophie, die mehr auf ihre Großmutter von Mutterseite artete, war mehr für den Gemüsegarten und das Federvieh. Die eine freute sich über alles, was glatt und hübsch war, die andere hatte ihre Freude an dem, das etwas einbrachte. Jede zog es nach ihrem Widerpart; Detta war ein Mutterkind, Sophie hing sich an den Vater, und darum ging es ihm sehr nahe, als sie an den Masern zu liegen kam. Kaum war sie wieder auf den Füßen, da legte sich die älteste, und die Bäuerin kam durch das Wachen und Hüten sehr von Kräften, und als auch Detta wieder in der Sonne sitzen konnte, mußte sich die Bäuerin legen, denn sie hatte sich angesteckt. Die Krankheit setzte ihr so gefährlich zu, daß der Doktor jeden Tag kommen mußte, aber er konnte ihr nicht helfen; sie hatte nicht genug zuzusetzen, als das Fieber sehr schlimm wurde. Kurz bevor sie starb, wurde sie noch einmal klar im Kopfe, sah den Bauern freundlich an und tat so, als wenn sie ihm zunicken wollte. Sie hatte so gar nicht zu ihm gepaßt; aber als sie nicht mehr da war, merkte er doch, daß sie ihm mehr gewesen war, als er gewußt hatte. Er kam aber wenig zum Nachdenken, denn Detta, die sich um ihre Mutter sehr grämte, machte ihm zu viel Sorgen, und so gab er sie schließlich zu der Pastorsfrau, auf die das Mädchen große Stücke hielt. Sophie aber kam bald über den Tod der Mutter weg; sie ging dem Vater überall zur Hand und konnte so besinnlich über das, was sie in den landwirtschaftlichen Büchern gelesen hatte, reden, daß er sich abends keinmal mehr allein vorkam. Wenn er auf die Güter fuhr oder zum landwirtschaftlichen Verein, nahm er sie immer mit, und es war ein harter Schlag für ihn, als sie sagte, sie wolle gern eine Zeit auf ein großes Gut gehen, um mehr zu lernen. Anderseits freute es ihn, daß das Mädchen seinen eigenen Weg ging, denn sie war die erste Bauerntochter in der Gegend, die noch weiter lernte, als sie schon aus der Schule war. Und da Detta jetzt wieder im Hause war und viel um die Ohren hatte, ging ihm das Jahr schnell hin. Als er zum ersten Male wieder mit den beiden Mädchen zur Kirche fuhr, war er ganz stolz, so glatt sahen sie aus, eine ganz anders als die andere und beide doch so, daß die jungen Leute mehr nach der Hansburbank als nach der Kanzel sahen; und wenn sie abends zusammen in der Dönze saßen und lasen oder sich etwas erzählten, dann ging ihm nichts ab. Darum verjagte er sich, als bei einem Tanzefeste der Vorsteher zu ihm sagte: »Hansbur, den Freiwerber brauchst du nicht rundschicken und deine Mädchen anstellen lassen; wie die aussehen, werden sie bald genug beschrien sein. Und in die Milch zu brocken haben sie ja auch genug.« Am anderen Tage war er so ernst, daß Detta, die sich besser auf ihn verstand, wenn auch Sophie mehr um ihn war, ihn fragte: »Vater, was hast du heute? So bist du ja lange Zeit nicht gewesen.« Er hatte daran gedacht, was aus ihm werden sollte, wenn die Mädchen heirateten. Wenn auch Detta auf dem Hofe blieb, er war dann abgedankt, denn dann kam doch ihr Mann in erster Reihe. Eine Woche lang trug er seine Gedanken mit sich herum; am Sonntag aber sattelte er den Rappen und ritt nach dem Mittag los. Es war ein Herbsttag, zu dem man du sagen konnte; die Heide war abgeblüht und sah aus, als ob Silber darauf lag. Die Birken waren über und über gelb und brannten in der Sonne wie Flammen und der Altweibersommer hing in allen Fuhrenzweigen. Der erste Mensch, der ihm in der hohen Heide in die Möte kam, war die Jungmagd vom Voßhofe, ein Mädchen so schier und eben, daß ihm das Herz im Leibe lachte. »Das ist ein guter Vorspuk,« dachte er und rief ihr ein lustiges Wort zu. Als er über den Knüppeldamm ritt, standen an die hundert Störche im Bruche: »Auch nicht schlecht!« dachte er wieder. In den Wiesen sah er einen Hasen von links nach rechts laufen. »Heute geht nichts verkehrt,« sagte er laut und ritt im Galopp den Sommerweg entlang, daß es nur so mülmte, und als drei Handwerksburschen ihn um einen Zehrpfennig angingen, gab er ihnen einen heilen Gulden. Er machte runde Augen, als er auf dem Dieshofe ankam. Der Hof sah schnicker und ordentlich aus. Über der Einfahrt war ein Sprunchbrett und darauf stand: »Deinen Eintritt segne Gott,« und auf dem Torbalken war zu lesen: »Ich und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen.« Auf der Deele wurde ein geistliches Lied gesungen. Als Hehlmann vom Pferde stieg, hörte das Singen auf und der Diesbauer ging auf ihn zu. Hehlmann wußte nicht recht, was er sagen sollte. Er hatte Dettmer früher etliche Male gesehen, und obzwar er damals selber kein leeres und kein volles Glas sehen konnte, einen Säufer mochte er darum doch nicht leiden. Dieser Mann hier aber war ein anderer geworden. Es wurde erst über das Wetter und die Ernte geschnackt, und dann sagte Hehlmann, er müßte Meta sprechen, denn alle die Jahre habe er ganz vergessen, daß sie von seinem Vater in dem Testamente mit einer Stiftung bedacht war, und davon wollte er ihr die Abschrift bringen. »Ja, Meta ist nicht inne,« sagte die Bäuerin, »sie ist nach Brinkmanns gegangen; da ist die Frau zu liegen gekommen. Auf das versteht sie sich; ohne sie kröppelte ich heute noch zwischen Bett und Stuhl herum.« Der Diesbauer sah sie ernst an: »Sie war bloß ein Werkzeug des Herrn; ihm allein gebührt der Dank.« Hehlmann fragte, wann sie zurückommen wollte, und als er hörte, daß das nicht bestimmt wäre, ließ er sich den Weg zeigen und ging ihr entgegen. Als er in den hohen Fuhren war, wurde ihm das Herz schwer; Jahre lagen jetzt zwischen ihnen. Mai war es, als er sie im Grasgarten in den Arm nahm, und die weißen Lilien blühten, und jetzt waren die Krammetsvögel in den Ebereschen zu Gange. Sein ganzes Leben ging an ihm vorbei; es hatte ihm nicht viel Gutes gebracht und wer weiß, was ihm noch bevorstand. Die Mädchen freiten wohl bald; dann war er allein und ging als alter Mann auf dem Hofe herum und war jedem im Wege. Er ließ den Kopf hängen und ging langsam den anmoorigen Weg fürbaß und riß in Gedanken den Windhalmen die Köpfe ab. So tief war er in Gedanken, daß er sich ganz mächtig verjagte, als vor ihm jemand seinen Namen rief. Meta war es und »Göde« hatte sie gerufen, steckte sich aber rot an wie ein junges Mädchen und sagte: »Hehlmann, o Gott, wo kommst du bloß auf einmal her?« und dann wurde sie ganz weiß im Gesicht. Es war ihm warm um das Herz dabei geworden. »Meine Meta,« rief er und nahm sie um den Hals. Sie zitterte und fing an zu weinen. Da faßte er sie um und führte sie unter eine krause Fuhre am Grabenbord, unter der sich die Hütejungen eine Moosbank gebaut hatten. Eine ganze Zeit weinte Meta in ihr Fürtuch; dann trocknete sie sich die Augen: »Ich habe mich zu sehr verjagt, Göde; wer konnte sich auch sowas denken. Aber nun sag bloß, wie kommst du nach dem Dieshofe?« Er sah sie so lange an, bis sie über und über rot wurde: »Du hast dich gut gehalten, Meta, bloß daß du früher dünner warst.« Dann sah sie ihn auch an: »Du hast noch kein eines graues Haar, Göde, und die zwei Wirbel hast du immer noch.« »Und deine Hände, Meta, die sind noch ganz so wie früher, trotz der vielen Arbeit.« »Und deine, Göde, die sind noch immer wie zwei Heidbrinke,« sagte sie und lachte dabei. »Ja, und deine gegen meine, Meta, das ist wie ein Kalb gegen die Kuh,« und dann lachten sie beide, denn sie dachten an den Tag im Blumengarten, als seine Hand neben ihrer auf ihrem Kleiderrocke lag. Aber dann wurde ihr Gesicht anders; das war nun schon so lange her und was lag da nicht alles dazwischen. Er mochte ähnliche Gedanken haben, denn er seufzte auf und sah über die Buchweizenstoppel, die ganz rot aussah in der Sonne. Dann sah er wieder Meta an; gewiß, um den Mund und hinter den Augen hatte sie Falten und unter der Haube sah man ein paar graue Haare. Aber wenn sie auch noch mehr Falten und einen ganz weißen Kopf gehabt hätte, es war seine Meta mit den treuen Augen und dem schönen Mund und den guten Händen. Er holte das Papier aus der Tasche und hielt es ihr hin: »Da hatte ich ganz auf vergessen, Meta. Mein Vater hat das in seinem letzten Willen aufgegeben, daß auf dem Hehlenhofe für dich immer eine Stätte ist, wenn es dir woanders nicht mehr paßt.« Sie sah in das Papier und meinte leise: »O, hier habe ich es ganz gut.« »Ja, Meta, so meine ich das nicht. Du hast mich nicht nötig, aber ich habe dich nötig. Wie lange wird es dauern, und die Mädchen freien, und dann habe ich wieder keinen Menschen, wie so viele Jahre.« Sie legte ihre Hand auf seine: »Wenn das so ist, Göde, mich brauchen sie auf dem Dieshofe nicht mehr, und so kann ich ja nach dem Hehlenhofe ziehen.« Und damit schlug sie wieder ihr Fürtuch vor das Gesicht und weinte, daß es sie schüttelte, denn sie wußte nicht, war das nun ein Glück, um den einen Mann zu sein, dem ihr Herz von Anbeginn gehört hatte, oder war es schrecklich, da Wirtschafterin zu sein, wo sie von Rechts wegen als Bäuerin hingehört hätte. »Meta,« rief Hehlmann und faßte sie um, »Meta, glaubst du denn, ich wäre so ein grundschlechter Kerl, daß ich dich bloß für meine Bequemlichkeit haben wollte? Ich habe die ganzen Jahre an dich gedacht, wo ich ging und stand, und ich habe viel auszuhalten gehabt. Nein, Meta, auf die Art nicht, ich meinte das ganz anders. »So alt sind wir beide noch nicht, und wenn auch, wir sind regelrecht versprochen gewesen und du sollst meine Frau werden, denn so haben wir es uns gelobt.« Sie fiel ihm um den Hals und ihre Tränen liefen ihr über das Gesicht: »Göde, o Gott, Göde, mein Göde, und wenn es nur auf einen Tag wäre!« Sie weinte zum Sterben, und er drückte sie fest an sich und mußte auch weinen. »Nu kiek einer an! Hat man so was schon belebt,« schrie es hinter ihnen. »Wir warten und warten, aber keine Meta und kein Hansbur will kommen! Schämt ihr euch nicht? Meta schon so alt und noch so leichtsinnig, und Hansbur, redet lang und breit von Erbschaftssachen und nun sitzt das da und, nein, eher denke ich, daß unser alter Bolze Junge kriegt!« »Ein schade, daß Dettmer nicht da ist, denn dann könntet ihr was gewärtigt sein von Zuchtlosigkeit und weltlicher Fleischeslust und dem Strafgericht Gottes! Nun aber zu, Liebe zehrt und es ist lange Vesperzeit. Ich will man schon vorlaufen.« Wie eine Tüte witschte sie dahin. Göde und Meta aber hatten den Sturm hinter sich; er hielt sie umgefaßt und sie legte ihren Kopf gegen seine Schulter, und ihre rechte Hand war in seiner linken. So gingen sie langsam durch die hohen Fuhren, und es war ihnen, als wenn es Mai war und sie hatten noch die beste Zeit vor sich. Ein Knecht und eine Magd, die in dem Zuweg standen und sich abküßten, sahen ihnen verwundert nach, aber keins lachte, denn der Mann und die Frau sahen aus, als wenn sie geradewegs aus dem Paradiese kamen. Es war ein mondheller Abend, als der Hansbur nach Hause ritt; die Krammetsvögel zogen und oben in den Lüften flötjete der Regenpfeifer. Er ließ den Rappen Schritt gehen, denn zu viel Frieden war in ihm. Als er durch Lichtelohe ritt, sangen die Mädchen hinter ihm her: Jetzt geb' ich meinem Pferd die Sporen, Zu dem Tore reit' ich hinaus, Schatz, du bleibst mir auserkoren, Bis ich wieder komm' nach Haus. Das Altenteil Am Nachmittag rief er die beiden Mädchen in die Dönze: »Detta und Sophie,« sagte er und legte ihnen die Hände auf die Schultern, »was ich euch jetzt sage, wird euch schwer angehen. Ihr werdet bald freien und dann zieht eine von euch weg von hier und die andere hat ihren Mann. Bevor ich eure selige Mutter kannte, war ich mit einer anderen versprochen. Wie es kam, daß aus uns kein Paar wurde, das will ich hier nicht sagen. Sie ist unbefreit geblieben. Gestern war ich bei ihr, und in vier Wochen wird sie meine Frau." Er wartete einen Augenblick und sah aus dem Fenster, dann machte er es auf und rief hinaus: »Hinnerk, mach die Gartentür zu, die Schweine laufen ansonsten in den Blumengarten!« Dann ging er aus der Dönze. Die Mädchen standen da und sagten nichts. Zuletzt fing Sophie an zu weinen: »Es ist eine Schande.« Weiter kam sie nicht, denn Detta fiel ihr ins Wort: »Ja, das ist es, daß du gegen unseren Vater so ein Wort in den Mund nimmst. Was Vater tut, wird wohl seine Richtigkeit haben.« Die ganzen Kirchenleute horchten auf, als das Aufgebot erfolgte, und es gab viel Kopfschütteln und Gerede nach der Kirche. Als abends im Alten Kruge der Sägemüller seine Witze darüber machte, meinte der Müller: »Du hast wohl lange kein dickes Maul gehabt?« Und da lachte alles, aber nicht über den Hansbur. Der ließ sich wenig sehen und als er einmal in das Dorf kam und der Vorsteher ihm zu verstehen gab, daß es doch ein Unsinn sei, daß er noch freien wollte, lachte er und sagte: »Ein guter Rat ist des anderen wert; paß auf: behalte deine Meinung für dich, Burvogt, und wenn du das nicht aushalten kannst, so berede dich mit deiner Frau im Bette. Und wenn ich dir nicht passe, denn kann ja ein anderer meine Bruchwiesen in Pacht kriegen; es ist Nachfrage genug danach.« Da hatte der Vorsteher schnell zurückgezogen und so getan, als wenn er bloß Spaß gemacht hätte, und sich lang und breit entschuldigen wollen, aber der andere sagte: »Ja, sagte der Zaunigel, so bin ich nun mal: warum setzt du dich gerade auf mich?« Meta hatte gemeint, eine kleine Hochzeit wäre päßlicher, aber Hehlmann hatte gesagt: »Nix da! Brauchen wir uns denn was zu schämen? Wenn der Hansbur freit, soll man es zehn Meilen in die Runde hören.« So gingen denn die Hochzeitsbitter Hof bei Hof rund, und an die aus der Bekanntschaft, die zu weit abwohnten, schrieb der Bauer, und es wurde eine Hochzeit, wie man sie lange nicht belebt hatte, denn der ganze Vorstand von dem landwirtschaftlichen Verein war in zwei Kutschen gekommen und Gutsherrn und Pächter mit ihren Frauen, so daß es alles in allem an die dreihundert Menschen waren; und Vodegel saß allein im Kruge und ärgerte sich, denn er hatte nicht angenommen. Auf der Haupttafel auf der Deele stand eine großmächtige silberne Bowle mit einem Schilde und darauf war zu lesen, daß die der landwirtschaftliche Verein in Dankbarkeit seinem lieben zweiten Vorsitzenden zu seinem Ehrentage geschenkt hatte. Als das Essen meist zu Ende war, stand der Ehrenvorsitzende des Vereins, der Graf Kettenburg, auf und alle Augen wurden rund, als er eine schöne Rede hielt und zum Schluß im Namen des Königs dem Bräutigam einen Orden überreichte wegen seiner Verdienste um die Landwirtschaft, und als er zu der Braut ging und ihr die Hand drückte, da sagte sich Meta, daß dieser Tag viel von den traurigen Jahren gut machte. Wer sich aber am meisten freute, das war Durtjen; die saß auf ihrem Stuhle und weinte und aß abwechseld, und ihr Hermen bekam es mit der Angst, denn daß seine Frau das Weinen kriegte, das hatte er noch nie belebt. Detta hatte sich von Anfang an gut mit Meta gestellt und Sophie hatte die silberne Bowle und die Herren in den Fracks und der Orden zu sehr in die Augen gestochen, als daß sie noch länger die Kalte spielen konnte, zumal der Bäuerin die Gutherzigkeit aus den Augen sah. Außerdem war die Hochzeit für sie selber auch wichtig, denn beim Essen hatte der Sekretär des landwirtschaftlichen Vereins bei ihr gesessen, und einen so klugen und lustigen Mann hatte sie ihren Tag noch nicht kennen gelernt und noch mit keinem hatte sie so schön tanzen können. Weil es eine Zeitlang auf der Deele zu voll und zu heiß war, gingen sie in den Hof und vom Hof in den Grasgarten und vom Grasgarten in die Heide und hinterher wußte Sophie gar nicht, was sie von sich denken sollte, denn sie hatte sich von dem fremden Herrn küssen lassen und nicht bloß einmal, und sie hatte ihn wieder geküßt und auch nicht bloß einmal. Als nach der Hahnenvesper der Wagen vom Hofe fuhr, da winkte sie ihm aus ihrer Dönze nach und dann ging sie zu ihrer Schwester ins Bett und nahm sie in den Arm und weinte ganz gottesjämmerlich und sagte, sie sei ein schlechter Mensch und Vaters neue Frau sei herzensgut und so schön anzusehen. Am anderen Tage hatte sie einen Kater, der drei Tage anhielt, denn da kam ein Brief und nun war alles gut und sie lachte und sang den ganzen Tag und war zu ihrer Stiefmutter der reine Honig, so daß Hehlmann den Kopf schüttelte und dachte: »Frauensleute, Frauensleute,« wie Hermen es machte, wenn seine Frau verlangte, daß er lachen sollte. Es waren vier Wochen hin, da kam Sophie ihrem Vater in den Versuchsgarten nach und sagte; »Vater, ich muß dir etwas sagen: ich muß heiraten!« Der Bauer machte runde Augen und lachte: »Du mußt? Ich denke, ich habe eine feine Dame zur Tochter und nun freit sie ganz nach der alten Art! Bis wann mußt du denn freien?« Sophie trampte auf und gab ihrem Vater einen Schlag auf den Arm: »So ist das nicht, bloß ich möchte heiraten. Und damit du Bescheid weißt: der Sekretär Sunder und ich, wir sind uns einig und da haben wir uns das so gedacht: auf die Dauer hat er keine Lusten zu der Schreiberei. Nun liegt am Toten Ort doch die alte Mühle. Beckmann will gern verkaufen; er ist zu alt und Kundschaft hat er kaum mehr. Ich habe die Mühle und das nötige Land schon an die Hand gekauft.« Hehlmann machte noch rundere Augen, sagte aber: »Man weiter!« und Sophie fuhr fort: »Der Mühlteich hat bestes Forellenwasser, die Becke erst recht. Weiches Wasser ist auch da durch die Wittbeeke und dann ist allerhand Boden da, warmer und frischer, leichter und besserer. Nun haben wir uns das überlegt, daß wir einen besseren Platz gar nicht bekommen für das, was wir wollen, denn wir wollen etwas Landwirtschaft haben, in der Hauptsache aber Fische, Geflügel, Obst und Gemüse ziehen, alles nur beste Sorten.« »Karl,« sie wurde rot und Hehlmann lachte, »Herr Sunder sagt, in zwei Jahren spätestens bekommen wir die Bahn; bis dahin sind wir aus dem ersten Bröddel heraus. Wir wollen ganz langsam anfangen; die Brut- und Zuchtanlagen sollen erst aus lauter alten Brettern gemacht werden. Karl kriegt das alles billig. Einrichten tun wir uns erst ganz klein, denn unser Geld brauchen wir für die Wirtschaft. So, Karl hat dreitausend Taler auf der Sparkasse, und wenn seine Mutter sterben sollte, bekommt er noch etwas dazu.« Hehlmann faßte seine Tochter, die nur eine Puppe gegen ihn war, und kniff sie in die Backen: »Mädchen, Mädchen, das muß ich sagen: dumm bist du nicht. Und der Karl Sunder ist mir auch nach der Mütze. Ich habe seinen Vater gut gekannt; das war ein sehr ehrenwerter Mann und hat aus der alten Klippmühle, die er von seinem Vater hatte, etwas gemacht, trotzdem daß er vier Geschwister abzufinden hatte. Na, es ist man gut, daß ich mich vorgesehen habe, denn ihr wollt womöglich schon morgen heiraten, und Detta, ja, was machen wir mit der? Die können wir doch nicht so lange in den Backofen schieben? Na, dann schreibe man deinem Karl, er soll so bald wie möglich kommen, daß wir alles in die Reihe bringen.« Sophie legte ihren Kopf an seine Brust: »Er kommt heute nachmittag schon.« Der Vater sagte nichts als: »Na, das muß ich sagen: ihr habt 'n guten Schritt am Leibe; für euch brauch ich nicht bange zu sein.« Am nächsten Sonntag fuhr ein Wagen auf den Hof. Als Detta sah, wer darin war, bekam sie einen roten Kopf und lief in ihre Dönze. »Sieh, das ist mal schön,« rief Hehlmann, als er sah, wer der Besuch war. Es war der Vollmeier Mönchmeyer aus der Allermarsch, einer der besten Züchter im Lände, mit dem Hehlmann gut bekannt war. Er hatte seinen zweiten Jungen mitgebracht, der ebenso lang und ebenso ruhig war wie der Vater; der hatte mit Detta auf dem Balle des landwirtschaftlichen Vereins viel getanzt. Als das Vieh besehen war, sagte Mönchmeyer zu seinem Sohn: »Wenn alles glatt geht, kommst du fein zu sitzen. Aber ob Hehlmann jetzt schon den Hof abgibt? Er ist doch noch wie ein junger Kerl!« Fritz zuckte die Achseln: »Ja, wenn nicht.dann kann aus der Freierei vorläufig nichts werden.« Es wurde aber etwas daraus. Dem Hansbur gefiel der Freier, zumal Detta ihm sagte, einen anderen möchte sie nicht leiden. So wurde denn abgemacht, daß der junge Ehemann über den Hof und alles Land, was unter dem Pfluge war oder zu Wiese gemacht war, zu sagen haben sollte; das Unland aber behielt Hehlmann sich vor. Zwei Monate später wurde die Doppelhochzeit gefeiert; Mönchmeyer, jetzt Hehlmann genannt, trat den Hof an, Sophie zog mit ihrem Manne in die alte Mühle, und der Altvater Hehlmann und Meta richteten sich das Altenteilerhaus ein. Sie kamen sich nicht einsam vor; sie hatten genug zu tun, zumal Hehlmann ein Stück Heide nach dem anderen anforstete und Meta bald auf dem Hofe und in der Mühle Großmutter spielen mußte. Als sechs Jahre hin waren, da war sie sechsfache Großmutter. Sie hatte schon einen weißen Kopf und auch Hehlmann war nicht mehr so blond wie vordem, aber ihre Liebe blieb jung und die Großmagd sagte zu ihrem Hinnerk: «Junge, wenn du mal so alt bist, wie unser Altvater, ich möchte bloß wissen, ob du dich denn auch noch so hast, wie er sich mit seiner Meta. Erst dacht' ich, ich sollt' darüber lachen, aber wenn ich denke, wie andere Eheleute oft gegen einander sind, wenn sie alt sind, dann bedünkt mich, so ist es doch besser.« Als Hinnerk sie losgelassen hatte, nahm sie die Forke wieder zur Hand und warf weiter Mist aus und sang dabei das Lied von dem roten Husaren, der sein Liebchen bis über den Tod hinaus liebt. Als der siebente Winter zu Ende ging, wurde Meta krank; sie hatte sich schwer erkältet und wollte sich gar nicht wieder herausmachen. Sie behielt einen kurzen Atem und war schlecht auf den Füßen und die Besinnung ließ zuzeiten bei ihr nach; dann vergaß sie alles, was zwischen der Zeit lag, in der sie auf dem Dieshofe gelebt hatte. Aber sie war glücklich, vorzüglich, wenn ihr Mann bei ihr saß und sie im Arm hatte, was er viel tun mußte, da sie sonst nicht warm wurde. Gegen den Sommer wurde es besser mit ihr, so daß sie im Hause hin und her gehen und Kartoffeln schälen und Kaffee machen konnte; des Abends aber kamen ihr meist die Gedanken durcheinander und dann hatte sie sich, als wenn sie mit Göde Heimlichkeiten vorhatte und wenn er sie zu Bett brachte, lachte sie vor sich hin und sagte: »Nicht so laut, die anderen brauchen da nichts von zu wissen.« Als die Birken gelb werden wollten, kam Göde eines Abends nach Hause und fror; er hatte sich bei den Fischteichen schwitzig gearbeitet und in der Heide wehte eine scharfe Luft: Am anderen Tage ging es ihm sehr schlecht und als es am dritten Tage nicht besser mit ihm werden wollte, wurde nach dem Doktor geschickt. Der machte eine krause Stirn und als er an dem Kranken herumgehorcht hatte, sagte er: »Wenn nicht ein Wunder geschieht, kriegen wir ihn nicht durch; er hat eine ganz gefahrliche Lungenentzündung.« Es war, als wenn Meta dadurch, daß ihr Mann krank war, auf einmal ganz gesund wurde. Sie war von seinem Bette nicht fortzukriegen. »Heute ist mir besser, Meta;« sagte der Kranke am sechsten Morgen. »Wir haben doch noch schöne Tage miteinander gehabt, meine Meta,« und seine Hände, die ganz mager geworden waren in den Tagen, drückten ihren Kopf an seine Brust. »Meine Meta, meine gute Meta,« sagte er dann, und ihr war, als wenn er sie küssen wollte. Aber er schlief schon wieder ein. Als Detta nach ihrem Vater sehen wollte, lag er tot im Bette und hatte ein freundliches Gesicht; die Stiefmutter aber saß im Backenstuhl neben dem Ofen und schlief vor Schwäche. Die Bäuerin schlug die Schürze vor das Gesicht und ging schnell über die Deele und winkte der Großmagd, sie solle mit dem Singen aufhören, denn sie sang wieder: Es war einmal ein roter Husar, Der liebte sein Mädchen ein ganzes Jahr, Ein ganzes Jahr und noch viel mehr, Die Liebe nahm kein Ende mehr. Die beiden Tauben Der Hansbur hatte in seinem letzten Willen bestimmt, daß er ganz nach der alten Art begraben werden wolle, denn damals war schon die Mode aufgekommen, daß schwarz getrauert wurde. Um ihn aber sollte weiß getrauert werden, auch wollte er keinen hohen Sarg haben und keine Kränze, und auf seinem Grabe sollte ein Pfahl und kein Kreuz zu stehen kommen. Er wurde in das Notlaken eingenäht, das Meta aus selbstgesponnenem Flachse gewebt und genäht hatte; Detta setzte schwarze Atlasschleifen an den Sterbekittel und zog ihm die weiße Sonntagszipfelmütze über. Der Sarg stand auf zwei Stühlen auf der Deele und war mit dem Leichlaken zugedeckt, und davor lag der Sargdeckel, auf dem zwei alte hölzerne Leuchter brannten, deren Füße vier springende Pferde waren. Rechts von der großen Türe hingen die beiden Seelenlaken an der Wand herunter, damit, wenn der Tote noch einmal zurückkäme, er doch einen Platz für sich fände. Hermen sorgte dafür, daß im Altenteilerhause die Fenster der Schlafdönze nicht offen standen und daß das Bettstroh, auf dem der Altvater gestorben war, bis auf eine Handvoll verbrannt wurde, und daß der Backenstuhl, in dem der Alte neben dem Ofen gesessen hatte, umgestoßen wurde. Durtjen warf die Waschschale, aus der der Tote gewaschen war, entzwei und grub sie ein und legte Kamm und Waschlappen in den Sarg, denn Meta, die von Detta in das Wohnhaus gebracht war, war so hinfällig, daß sie an nichts denken konnte; sie saß neben dem Ofen in der Dönze und sang leise aus dem Gebetbuche, aber keine Sterbelieder, sondern Lobgesänge. Der Tag der Beerdigung kam. Das Leichlaken wurde heruntergenommen. Mit freundlichem Gesichte lag der Bauer in dem eichenen, mit Rehmenruß schwarz gemachten Sarge, Bibel und Gesangbuch unter dem Kinn. Einer nach dem anderen von der Freundschaft ging über die Deele, nickte dem Toten zu und ging nach der Dönze, wo das Frühstück stand. Sie sprachen alle leise, die Männer, und die Frauen flüsterten. Es war ihnen, als wäre dieses ein ganz besonderes Begräbnis. Der Großknecht kam und sagte: »Es ist wohl an der Zeit.« Da gingen sie alle aus der Dönze; einer nach dem anderen trat an den Sarg und gab dem Toten die Hand. Detta und Sophie, von Kopf bis zu den Füßen in dem weißen Klagelaken, weinten los, denn der Tischler stellte die Leuchter beiseite und schloß den Sarg. Er wurde aus der großen Tür getragen und auf das Wagenstroh gehoben. Durtjen reichte das Leichlaken her, und Detta und Sophie, die hinter dem Sarge saßen, zogen es darüber, daß es rechts und links lang herunterhing. Die Großmagd goß hinter dem Wagen eine Schale Wasser aus und lief dann in die Dönze, um die Kastenuhr abzustellen und den Spiegel zuzuhängen. Der Großknecht stellte sich an den Kopf des Sattelpferdes und die Pferde zogen an und schnaubten, als sie über das brennende Sterbestroh mußten, das der zweite Knecht ihnen vor die Füße warf. Die Frauen aus der nächsten Freundschaft, alle in weißen Trauerlaken, gingen hinter dem Sarge her, neben und hinter ihnen folgten die Männer, alle im Kirchenrock und hohem Hute. Es war ein prachtvoller Tag, als sie Johannes Gotthard Georgius Hehlmann, den letzten Hansbur, den Notweg fuhren. Die Birkenbäume waren so gelb wie Gold und der Himmel war hoch und hell. »Ein Prachtwetter,« sagte der wilde Meyer zum roten Schmidt, »ein Tag, der ihm passen konnte. Alles konnte er vertragen, bloß keinen tiefen Himmel.« Der andere nickte und wischte sich den Schweiß unter dem hohen rauhen Hute ab; er war recht alt geworden, und Meyer noch mehr und die Sonne war ihnen beschwerlich. »Eine Seele von Mensch war es,« flüsterte Schmidt; »weißt du noch den Abend, als er dem Sägemüller das Schluckgals in das Maul schlug? Was war das für ein Kerl! So einer kommt so bald nicht wieder.« Meyer lächelte: »Aber Vodegel ist auch mitgekommen, trotz der alten Feindschaft; das ist schön von ihm.« Als der Leichenzug meist bei der Kirche war, begab sich, etwas, worüber sich alle wunderten. Ein Stößer war hinter zwei Tauben her. In ihrer Angst setzten sie sich auf das Leichlaken; der Stößer nahm die schwarze Taube und flog mit ihr fort. Erst als der Sarg von dem Wagen gehoben wurde, flog die weiße Taube auf; sie flog steil gegen den Himmel und alle sahen hinter ihr her. Das Seelenlaken Der Hehlenhof lag wie ausgestorben da; im Wohnhaus war bloß die Magd und die Witwe des Bauern zurückgeblieben; Meta war in der Dönze und die Magd räumte auf der Deele auf. Dieweil die Luft so klar und hellhörig war, brachte der Wind das Läuten der Lichteloher Glocken bis auf den Hehlenhof; in diesem Augenblicke tat sich die Dönzentür auf und Meta kam heraus. Die Magd wußte nicht, was sie sagen sollte, denn die Frau hatte ihre Sonntagsjacke an und ihre Brauthaube auf; sie ging ganz gerade und hielt den Kopf hoch und horchte. Der Magd wurde unheimlich zu Sinne, denn die Fraz sah aus wie ein seliger Geist; ganz weiß war sie im Gesicht und ihre Augen waren hell und stetig. Langsam ging sie auf das rechte Seelenlaken zu, stellte sich dicht davor, lachte ihm zu, streichelte es und sagte mit einer Stimme, die sich anhörte, als wenn sie hoch aus der Luft kam: »Ja doch, mein Göde, ich komme ja schon!« Und da sah die Magd, daß das Tuch sich erst langsam und dann schneller bewegte und sie zitterte wie Espenlaub vor Angst und obzwar sie sah, daß eine Maus auf die Erde fiel und in den Hof lief, wurde das Mädchen den Schreck drei Tage nicht los. Die alte Frau ging wieder in die Dönze zurück und die Magd hörte, wie sie erst so sprach, als antwortete sie jemand anders; dann hörte sie singen und zuletzt wurde es still. Als der Bauer und die Bäuerin zurückkamen, war Doris noch ganz weiß um die Nase von dem Schreck und es schudderte sie, als sie erzählte, was sie belebt hatte. Die Bäuerin sah durch das kleine Fenster in die Dönze und sah die Frau mit dem Gesangbuch auf dem Schloß im Ofenstuhl sitzen. Sie ging hinein und sah, daß sie tot war. Ihr Daumen lag auf dem Buche bei dem Erntedanklied, das sie zuletzt gesungen hatte, und fing an: HERR im himmel, GOTT auf erden, Herrscher dieser ganzen welt! Laß den mund voll lobes werden; Da man DIR zu fuße fällt, Für den reichen ernte-segen Dank und opfer darzulegen. Das zweite Gesicht Eine Liebesgeschichte Vorspuk Die Brennhexe lag im Morre und schlief. Da kam der Südostwind angegangen und kitzelte sie mit einem Grashalm in der Nase, so daß sie niesen mußte, und davon wachte sie auf. Sie gähnte herzhaft, reckte sich, sprang auf, schüttelte ihre Röcke zurecht, klopfte sich die Schürze glatt, bückte sich über eine Torfkuhle, um zu sehen, ob ihr Haar noch in Ordnung sei und ob die Haube nicht schief sitze, stemmte die Hände auf die strammen Lenden, wiegte den Kopf hin und her, lächelte, summte eine frische Weise vor sich hin und tanzte los. Schön war das anzusehen, wie sie sich herumdrehte, daß der feuerrote Rock, die knallgelbe Schürze und die schwarzen Bindebänder an der goldenen Haube nur so flogen; so schön war das anzusehen, daß dem dürren Moose, dem mürben Wollgrase und dem trockenen Heidkraute ganz sonderbar zumute wurde, denn sie bekamen allerlei Hübsches zu sehen; die Schleifenschuhe mit den roten Absätzen, die weißen Strümpfe mit den grünen Zwickeln, die blauen Strumpfbänder und was es sonst noch gab. Darum verliebte sich alles, über dem der rote Rock und das weiße Hemd sich drehte, so sehr in sie, daß es auf einmal lichterloh brannte, sogar der stumpfsinnige Torf; aber als er mit heißen Händen nach den strammen Waden packte, juchte die Brennhexe auf und sprang ein Ende weiter. So ging es eine ganze Weile. Sie tanzte hier, sie tanzte da; aber sobald die Flammen sie in die Beine kneifen wollten, wipps war sie schon anderswo und drehte sich dort umher, und ging es da ebenso, wupps war sie wieder fort, un die Flammen machten lange Hälse hinter ihr her. Doch auf die Dauer wurde ihr das ledige Tanzen zu langweilig; sie blieb stehen, daß das weiße Hemd über der runden Brust auf und ab ging, hielt die Hand über die Augen und sah über das Moor, das ganz weiß vom Wollgrase war. Mit einem Male erblickte sie dort, wo hinter den Birkenbüschen Wasser blitzte, etwas Rotes, das hin- und hersprang, und das war ein menschliches Angesicht und es gehörte zu einem Manne im grünen Rocke, der ein Schießgewehr auf dem Röcken trug, an dem Rucksacke drei Birkhähne hängen hatte, und mit dem Springstocke über die Gräben und Abstiche hinwegsetzte. »Deubel auch!« sprach die Brennhexe und lachte; »Das ist aber ein glatter Danzeschatz für mich; der kommt mir gerade paßlich.« Sie ging schneller, aber sie konnte den Mann nicht einholen. Sie hielt die Hände um den Mund rief: »He, du!«, aber der Jäger hörte sie nicht. Sie versuchte zu flöten; doch damit hatte sie erst recht kein Glück. So lief sie denn, was sie laufen konnte, blieb ab und zu stehen und schrie: »He!« und »Holla!« oder »Teuf!«, bis der Mann, als sie schon ganz außer Atem war, sich endlich umdrehte und nach ihr hinsah. Sie winkte ihm zu, aber da merkte der Jäger, mit wem er es zu tun hatte, setzt den Springstock ein und machte, daß er weiter kam. »Du Flegel!« schimpfte die Brennhexe und lief wieder hinter ihm her, so daß er hin- und herspringen mußte, denn sie kam ihm immer dichter auf die Hacken. Als es gar nicht mehr anders ging, sprang er in einen alten Abstich, warf Gewehr und Rucksack von sich, duckte sich so tief, daß ihm das Wasser bis an die Brust ging und wartete, bis das verliebte Frauenzimmer an ihm vorbeigerannt war. Dann stieg er heraus, schüttelte sich, lachte, hängte den Drilling und den Rucksack um, nahm den Stock wieder zur Hand und sprang nach der anderen Seite hin über das schwelende Heidkraut, den glimmenden Torf, an den knisternden Wacholderbüschen und den lichterloh brennenden Krüppelkiefern vorüber, ab und zu hinter sich sehend, wo alles ein Rauch und eine Glut war; einmal blieb er stehen, verpustete sich und zog ein Büschel Torfmoos aus, das er aus einem Graben riß; aber da sah er auch schon das rote Gesicht der Hexe hinter sich und hörte die gemeinen Schimpfworte, die sie ihm nachschrie, und so sprang er dahin, wo der Bach an den Wiesen vorbeilief. Erst als er den hinter sich hatte und an dem großen Weidenbaume angekommen war, machte er halt, ließ den Stock fallen, hängte die Büchse an den Baum, legte den Rucksack ab, warf sich in das Gras, lehnte den Rücken gegen den Stamm und atmete tief, dahin sehend, wo die Brennhexe stand und ihm mit der Faust drohte, während um sie her allerhand schwarze und graue Gesichter nach ihm hinglotzten, ihm Fratzen schnitten, Ruß nach ihm spuckten, Rauch nach ihm pusteten und ihm ihre roten Zungen ausstreckten. Er lachte sie aus, machte ihnen eine lange Nase, steckte sich ein Pfeife an und blies dem Gelichter den Dampf entgegen, mit kleinen Augen nach ihm hinsehend. Die grauen Fratzen verzogen sich langsam, und auch die Brennhexe war verschwunden; aber nun kam ein Mädchen über das ausgebrannte Moor gegangen. Schlank war es und hatte einen stolzen Schritt; ihr aschblondes Haar sah sanft aus, ihre Augen hatten einen zärtlichen Glanz, und ihre Hände waren weiß und sehr klein. Sie nahm damit an beiden Seiten ihr Kleid auf; das war von weißem Wollstoffe und so lose geschnitten, daß es schöne Falten warf; der Halsausschitt und die halblangen, weiten Ärmel waren mit einer goldenen Borde besetzt. Immer näher kam das Mädchen, ging gerade auf ihn zu und blickte ihn mit freundlichen Augen an; die kamen ihm erst schwarz vor, dann meinte er, sie wären braun, und schließlich sah er, daß sie blau waren, blau mit goldenen Blumen darin. Da erkannte er das Mädchen, nickte ihm zu und rief: »Swaantje, wie kommst du denn hierher?« Davon wachte er auf und merkte, daß er eingeschlafen war und geträumt hatte; aber er war über den Traum so erschrocken, daß ihm das Herz bis in den Hals hinein schlug. Er sand auf, warf die Büchse über den Röcken, stellte den Springstock in den Busch und sah sich nach seinem Hute um, bis ihm einfiel, daß er ihm vom Kopfe geflogen war, als er vor der Brennhexe fortlaufen mußte. Er lache und ging langsam dem Walde zu, in dem der wilde Täuber ihn bedauerte; »O du, du, du!« rief er, aber der Häher lachte den Jäger aus, weil er so schwarz und schmierig im Gesichte aussah und nichts davon wußte; er flog vor ihm her und schrie in einem fort: »ätsch, ätsch, ätsch!« Doch als der Jäger ihm drohte und zum Spaß nach der Flinte griff, kreischte der bunte Vogel laut auf: »nein, nein!« schrie er und flog schnell in den tiefen Wald hinein. »Du lieber Himmel, Herr Hagenrieder,« rief die Wirtin vom Blauen Himmel und schlug die Hände zusammen; »wie sehen Sie denn aus!« Als der Jäger ein dummes Gesicht machte, drehte sie ihn an der Schulter um, daß er in den Spiegel sehen mußte, und da lachte er, denn er war schwarz und grau gestreift von Ruß und Schweiß. Die Wirtin hatte die Hände auf die Hüften gestemmt und lachte, daß ihre Zähne blitzten. »Auch noch auslachen!" rief der Jäger, faßte sie und küßte sie so lange, bis sie ebenso aussah, wie er, und ihn halb böse, halb verliebt ansah; er aber lachte und sagte: »So, nun haben Sie nichts mehr vor mir voraus, und jetzt muß ich für drei Taler Waschwasser und drei Handtücher auf mein Zimmer haben, und wenn ich wieder herunterkomme, ordentlich etwas zu essen und zu trinken, denn die Brennhexe hat mich über das ganze Moor gejagt." Da wurde die Frau ganz blaß und sagte: »Und ich dachte, Sie hätten bloß ein bißchen beim Löschen geholfen." Er stieg die Treppe hinaus und ging in sein Zimmer; legte sein Zeug ab und wusch sich von oben bis unten; dann zog er einen städtischen Anzug an. Als er vor dem Spiegel stand, die Halsbinde zur Schleife band und die gleichfarbige Schärpe um den Leib knüpfte, mußte er wieder an Swaantje denken. Er hatte sie einmal zu einem Ausfluge abgeholt, und weil es sehr heiß war, kam er in weißer Bluse mit gegürteten Lenden, die Jacke auf dem Arme. »Reizend siehst du aus, Vetter Helmold, ganz reizend,« hatte das Mädchen ausgerufen und vor Vergnügen in die Hände geklatscht; »ich finde, Westen sind scheußlich, und warum die Männer selbst bei dieser Hitze dreifaches Zeug anhaben, das verstehe ich nicht. Und sieh bloß, wir sind ja ganz auf eine Melodie gestimmte: beide in Weiß und Weinrot! Hast du dich vielleicht vorher bei Fride erkundigt, was ich anziehen wollte?« In der Eisenbahn saß ihm ein junges Mädchen gegenüber. Es war sehr hübsch; aber da es eine bräunliche Hautfarbe, dunkle Augen und schwarzes Haar hatte, so machte er sich aus dem anerkennden Blicke nichts, mit denen es ihn musterte. Ab und zu, wenn er aus den Fenster sah, mußte er mit den Augen über es hingehen, und dann fiel es ihm auf, welchen Gegensatz zu Swaantje es darstellte, mit den zackigen Bewegungen, dem grellen Augenaufschlag, den rastlosen Händen, der wirbelnden Stimme und dem klirrenden Lachen, denn es unterhielt sich eifrig mit einem alten Herrn, in dessen Begleitung es fuhr. Da hörte er Swaantjes milde Stimme und vernahm ihr weiches Lachen, sah ihre abgemessenen Bewegungen, und dachte an ihre kleinen, fast zu kleinen Hände, die niemals hin- und hersprangen, sondern still auf ihrem Schoße lagen oder bedächtig die Nadel führten, und ab und zu schlug sie langsam die Augen auf und sah ihn mit schwesterlicher Zärtlichkeit an. »Ich habe sie lange nicht mehrgesehen,« dachte er. Als er sein Haus aufschloß, fuhren ihm seine Hunde winselnd und kläffend um die Beine, und eine lustige Frauenstimme rief: »Schon da? Das ist ja prächtig!« Seine Frau kam ihm entgegen, frisch und fröhlich wie immer; sie hielt ihm den lachenden Mund hin, und er küßte ihn dreimal. Sodann fragte sie ihn: Wir haben Besuch, rate einmal wer es ist?" Er lachte: »Du weißt doch, Grete, der Verstand ist zum Glück meine schwache Seite!« Aber da tat sich die Tür zum Eßzimmer auf und Swaantje Swantenius stand vor ihm, genau so, wie er sie im Träume gesehen hatte, in dem weißen losen Wollkleide mit der goldenen Borde am Halse und unter den Ellenbeugen, goldene Blumen in den blauen Augen. Sie gab ihm die Hand und sagte: »Willkommen, lieber Helmold! Wie schön, daß du so früh kommst; da wird uns das Essen gleich dreimal so gut munden.« Seine Augen freuten sich, als er sie dastehen sah, und sein Herz lachte, als er ihre Stimme hörte. Er nahm seine Frau in den rechten Arm und ihre Base in den linken und sagte: »Das ist hübsch von dir, Swaantje, daß du einmal wieder hergefunden hast; dafür bekommst du auch ein Glas Sekt. Nicht wahr, Weibchen?« Seine Frau nickte eifrig: »Natürlich, wenn eine so liebe Kusine da ist!« »Kusine", scherzte ihr Mann und gab erst seiner Frau und dann Swaantje einen Kuß auf die Backe. Die Sektflasche Als die alte Kastenuhr auf dem Vorplatze zwölf Male geschlagen hatte, kam etwas über die Straßen getaumelt, wankte bald auf den Fahrdamm, bald auf dem Bürgersteige umher, rannte fast den Laternenpfahl um, der vor Helmhold Hagenrieders Hause stand, schob sich an der Mauer entlang, kehrte nach einer Weile um, sah nach den Hausnummern und Namenschildern, fand sich wieder zu dem Hause mit der Laterne vor der Türe hin, tippte sich vor den Kopf, murmelte etwas, langte in die Tasche, suchte mühsam darin umher, brachte einen Schlüssel zum Vorschein, besah ihn genau, steckte ihn wieder ein, fand endlich den richtigen, schloß die Haustür auf und trat ein. Die Hunde im Gange knurrten, als es bei ihnen vorüberschlich, aber wach wurden sie nicht. So konnte es mit dem Drücker, den es aus der Tasche nahm, die Türe des Windfanges aufmachen. Es trat ein, klinkte die Türe des Eßzimmers auf, schlug den Vorhang zum Nebenzimmer zurück, schlich sich hinein, wobei es gegen eine Truhe anlief und sich das eine seiner Beinchen so stieß, daß es zurückprallte, sich umdrehte und mit dem dicken Bäuchlein, das gleich unter dem Halse anfing, gegen den Nähtisch stieß, daß es krachte. Aber nun hatte es auch, was es wollte; denn es zog die Schieblade auf und suchte so lange in den Fächern umher, bis es ein Stück Kreide fand. Damit malte es eine gewaltige Sektflasche auf die Flügeltür, holte ein Messer aus der Tasche, klappte den Champagnerhaken auf, setzte ihn an den Stöpsel der Flasche, brach die Drahtverschlüssel auf, und buff flog der Kork heraus. Schäumend stieg der heitere Trank aus der Mündung, lief über, floß auf den Fußboden, quoll unter den Türen durch in die Schlafzimmer, in die Küche, in das Kinderzimmer, auf die Veranda, über den Vorplatz, tropfte die Treppenstufen hinunter, geriet in den Gang und von da in den Garten, erfüllte die Malwerkstatt, die an dessen Ende lag, kehrte wieder um, hüpfte die Treppe empor und krabbelte sogar in die Mädchenkammer. Als nun das ganze Haus nach Sekt roch, suchte der Eindringling mühsam den Propfen auf, quälte ihn ächzend in den Flaschenhals hinein, band ihn mit zwei Kreidestrichen, die er übereinander bog, fest, löschte die Flasche von der Tür weg und stahl sich kichernd wieder aus dem Hause heraus. Um sechs Uhr in der Frühe sprang die hübsche Dienstmagd trällernd die Treppe hinunter und ließ die Hunde auf die Straße, und die stellten sich ganz übermütig an. Dann erschien das Kindermädchen und summte ein fröhliches Liedchen vor sich hin. Um sieben kam die Hausfrau heiteren Angesichts aus dem oberen Stocke und hinter ihr ihr Mann, ein kecke Weise durch die Zähne flötend, und nun gab es im Kinderzimmer ein großes Lachen und Quieken. Als dann die ganze Familie am Kaffeetische saß, auf dem ein knallbunter Blumenstrauß stand, wurden die Vorhänge aufgeschlagen, und mit einem Lächeln, so freundlich wie die Sonne, die durch die offene Treppentür in die Veranda schien, trat Swaantje in ihrem weißen Kleide ein, küßte die Hausfrau und die Kinder und gab ihrem Vetter die Hand. Als der brummigen Gesichtes, aber mit lustigen Augen sagte: »Mich auch Kuß haben!« bekam er einen auf die Backe, sagte »Ah!«, strich sich den Magen und alle lachten. Es wurde viel gelacht bei Tische und nachher auch; denn als Swaantje hinter Helmold, der ihr seine neuen Bilder zeigen wollte, die Gartentreppe hinunterging, rief Frau Grete, die gesehen hatte, daß es über Nacht schwer getaut hatte, ihr besorgt nach: »Mach dich nicht naß!«, worauf das Mädchen sich entsetzt umsah und entrüstet ausrief: »Aber Greete!« Nun hallte der ganze Garten von Gelächter, und Swaantje nahm ihre Röcke zusammen und huschte in die Werkstatt. Dort aber vergaß sie das Lachen; sie ließ die Hände an den Hüften herabhängen, hob sie dann langsam wieder hoch, schlug sie vor der Brust ineinander, seuftzte tief auf, wandte sich nach ihrem Vetter hin und flüsterte: »O, das ist ja wundervoll, lieber Helmold; das ist das Schönste, was du bisher gemalt hast.« Sie nahm seine Hand in ihre beiden Hände, drückte sie und sagte: »Ich danke dir viele Male, und ich bin sehr stolz auf dich!« Der Maler betrachtete mit zugekniffenen Augen das Bild und lächelte. Es war von gewaltigem Umfange und stellte mehrere hünenhafte, unbekleidete Männer dar, die auf Tod und Leben mit bunten Tigertieren rangen. Die hell und dunkel gestreiften Körper der Riesenkatzen, die nackten Menschenleiber mit den bis auf das höchste angespannten, durch helle Lichter und dumpfe Schatten betonten Muskeln, das zertretene Gras, die wirbelnden Staubewolken, von schräg fallenden Sonnenstrahlen geteilt, das war eine Menge von scharfen Gegensätzen, die eine reife Anschauung durch einen starken Willen zu einer einheitlichen Wirkung zusammengefügt hatte. Swaantje hatte sich in den bequemen Ledersessel gleiten lassen, stütze ihre schmalen Schuhe, über denen das weiße Kleid ein Stück der seidenen Strümpfe sehen ließ, auf eine mächtige Elchschaufel, die als Fußbank diente, und vergrub sich ganz in die Stimmung, die von dem Gemälde ausging. Helmold stand am Fenster und freute sich über den stolzen Schnitt ihres Gesichtes, über den bescheidenen Glanz, der auf ihrem aschblonden Haare lag, über die vornehme Sprache ihres Unterarmes und fand, daß ihre Hände zu klein waren, und der unentschlossene Zug, der sich darin ausprägte, paßte schlecht zu der ganzen Erscheinung des Mädchens. Auch sah er, daß ihr Gesicht zu durchgeistigt war, und mit Betrübnis entdeckte er hinter ihren Mundwinkeln eine Falte, die er dort nicht haben wollte. Aber da fing Swaantje zu sprechen an: »Weißt du, Helmold, was ich mir bei dem Bilde denke? Ich ging unter den Rabenbergen her, wenn die Abendsonne darauf liegt. Dann sieht es dort genau so aus.« Ihr Vetter machte ein ganz ernstes Gesicht. Dann zeigte er auf das Bild und sagte: »Vorgestern war Frau Jucunda Othen-Othen hier, du weißt doch, die berühmte Kunstgewerblerin, um nicht zu sagen, die berüchtigte Eklektikerin, besser wohl Ekleptikerin. Sie rauschte mir hier mit ihren gräßlichen seidenen Unterröcken herum; schauderhaft, dies Seidenpapiergeraschel!, tat so, als interessiere sie sich für Kunst, wollte natürlich nur Technik schinden und Motive klauen; na, und als sie das Bild sah, steckte sie ihre Nase unter das Lorgnon, machte ihr überlegenstes Gänsegesicht und fragte: ›Was soll denn das bedeuten, Herr Hagenrieder?‹ ›Abendsonne auf der Heide, gnädige Frau,‹ sagte ich. Die Miene, die sie da aufsteckte, war zum Heulen, sage ich dir. Sie glaubte, ich wollte sie uzen. Na, das wollte ich ja auch wohl, denn sonst hätte ich ihr nicht die blanke Wahrheit gesagt. Das ist in manchen Fällen die höchste Raffiniertheit. Bismarck, der verstand sich großartig darauf.« Er warf die blonde Stirnlocke zurück. »Weißt du, die habe ich den Tag erst klug und dann wieder dumm gequatscht. ›Ja,‹ sagte ich zu ihr, ›wenn man den Eindruck einer Landschaft gänzlich falsch wiedergeben will, tut man am besten, sie zu porträtieren, vorausgesetzt, daß sie stille sitzt und nicht alle fünf Bierminuten ein anderes Beleuchtungsgesicht schneidet. Das tun die meisten sogenannten Landschafter, oder besser gesagt, Landschaftsschuster, und darum hängt überall so viel Schauderschund herum.‹ Sie machte ein Gesicht wie eine Meerkatze, die niesen muß. ›Ja,‹ sagte ich dann, ›wenn man das aber nicht will, dann muß man eben durch ganz etwas anderes sein Ziel zu erreichen suchen, oder vielmehr, man muß warten, bis das von selber kommt, denn mit Überlegung, Verstand und anderen billigen Malmitteln kommt man doch zu nichts.‹ Mit einem Male fuhr sie mir dazwischen: ›Danach müßten Sie ja einen Menschen durch eine Landschaft wiedergeben!‹ Ich nickte und bewies ihr das so scharf, daß Sie ganz begossen dastand, und da fragte sie: ›Wie würden Sie denn den Eindruck wiedergeben, den ich auf Sie mache?‹ Und da sagte ich zu ihr: ›Gnä' Frau, Sie haben doch schon gesehen, wenn bei windstillem Wetter auf einmal die Luft küsselt und Papier, Stroh, Blätter und Staub umeinander dreht und mit nach Hause nimmt, eine der lieblichsten Erscheinungen in der Natur, so flüchtig, so lustig, so entzündend vergänglich. So kommen Sie mir vor.‹« Er lachte unbändig und Swaantje ließ ihre Fröhlichkeit dazwischen läuten. »Was hat sie denn darauf gesagt?« forschte sie. »Gar nichts,« antwortete ihr Vetter. »Erst hat sie ein fuchtiges Gesicht gemacht und mit einem Male wurde sie wie Margarine; ich konnte sie hinschmieren, wo ich sie hier haben wollte. Aber ich mache mir aus Kunstbutter nichts; lieber schon Schmalz. Unsere Luise ist mir dreimal so lieb, als diese Donnja. Sie macht in Kunstgewerbe, wie andere in Heringen oder Flanell.« Er sah Swaantje an: »Weißt du, was ich malen würde, um den Eindruck wiederzugeben, den du auf mich machst? Weiße Heide, aber Sandheide!« Das Mädchen fuhr in die Höhe: »Aber weiße Heide bedeutet doch Unglück! Wirke ich so auf dich?« Er schüttelte den Kopf: »Im Gegenteil! Und warum bedeutet weiße Heide Unglück? Weil sie zu der Zeit, da unser ureigenes Wesen von der wälsch-fränkischen Vergewaltigung noch nicht vermanscht war, eine Glücksblume war, was sie in England heute noch ist und ebenso in der Heide. Der Freitag war der Tag der Frigge, der Friggetag, der Glückstag; an ihm wurden die Ehen geschlossen, und unsere Heidbauern heiraten heute noch möglichst an diesem Tage. Die Dreizehn war die heilige Zahl und die Sieben auch; unsere Ahnen liebten nichts, wars aufging, denn damit hörte es auf, ein Problem zu sein. Aber die Taktik der karolingischen Mönche verkehrte alles das ins Gegenteil, der brave Deutsche fiel darauf hinein und gab sein naturfreudiges Wesen gegen eine asiatische Naturentfremdung auf. Und daher unser tiefes, weites und hohes Unverständnis für alles, was Kunst heißt.« Er schob das Bild, das auf einer Rollstaffelei stand, zur Seite und sagte: »Bitte, setz dich einmal da hin, nein, da rechts von der Tür!« Dann zog er den goldbraunen Vorhang zurück, der die Hinterwand des Raumes verhüllte, und ein anderes Gemälde wurde sichtbar, doch nur in seinen großen Umrissen, da das Oberlicht abgeblendet war, und auch dem Seitenlichte war durch Vorhänge der Zutritt verwehrt. Das Mädchen richtete sich in den Sessel auf, beugte sich vor, öffnete ihre Augen ganz weit und fragte verwundert: »Seit wann malst du denn Dolomiten, Helmold? Du sagtest doch, bloß die Heide könne dir zur visionären Erscheinung werden? Aber dieses Bild gibt ganz und gar die Geheimnisse der Sellagruppe wieder. Das heißt, so ganz verstehe ich es doch nicht.« Der Maler lächelte, zog erst die Vorhänge von dem Seitenlichte fort und machte dann dem Oberlichte Platz, und da sprang Swaantje auf, brach in ein helles Jubellachen aus und rief: »Nein, nein, Helmold, du bist ja ein Zauberer! Das ist ja, ja das ist ja der Kreuzestod Christi!« Sie schüttelte den Kopf, bewegte die Lippen, als wenn sie etwas sagen wollte, und dann ließ sie sich wieder in den Sessel fallen, lehnte den Kopf gegen die alte Stickerei, die darüber hing, blendete sich mit den Händen das Ober- und das Seitenlicht ab und flüsterte: »Die Sella und die Kreuzigung; wie geheimnisvoll! Helmold, wo ist die Lösung?« »Ja, Swaantje,« antwortete er und ein bißchen Selbstverspottung lag in seiner Stimme; »ja, ich sage: ich will dies, und hinter mir steht wer und sagt: ›du sollst das!‹ Sieh mal, die Sellagruppe hat damals auf mich denselben blödsinnigen Eindruck gemacht, wie auf dich, aber mein bewußtes Ich sagte mir: du hast doch weiter nichts davon, als daß du durch die Komplementärwirkung zu einem tieferen Verständnis deiner Heimlandschaft kommst. Niemals habe ich daran gedacht, Dolomiten zu malen. Als ich dann eines Abends bei Hennecke saß, kam die Rede auf den Verlust der Überlieferung in der bildenden Kunst und auf das Effekthaschen und Sensationsmachen in der Wahl der Stoffe, und da sagte der Prinz: »Der Staat müßte einmal zehn Jahre lang verbieten, daß etwas anderes gemalt würde als Kreuzigungen; dann würde man bald sehen, wer wirklich etwas kann.« Dieses Wort juckte mich so lange, bis ich mir eines Tages sagte: So, jetzt wird eine Kreuzigung gemalt, damit du endlich Ruhe hast. Ja Kuchen: Als ich den Schaden besah, stand die schöne Frau Sella neben mir, machte mir eine lange Nase, knixte und sagte: Schau, da hast du mich doch malen müssen, ätsch! Na, und so war es; der lange schwarze Mann im Vordergrund wirkt als tiefe schmale Schlucht, die anderen Figuren und die Längsbalken der Kreuze geben die senkrechten, die Querbalken und die Arme der Gerichteten die waagerechten Linien der Sellaarchitektur wieder, und so hatte ich Dolomiten gemalt und keinen Dunst davon gehabt. Ja bei uns muß es wohl heißen: suchet nicht, so werdet ihr finden.« Das Mädchen nickte ernsthaft. »Ja,« meinte sie dann, »Kunst und Glaube sind zweierlei.« Ihr Vetter schüttelte den Kopf. »Nein, Swaantje, sie sind dasselbe, und deshalb sind alle wahren Künstler gottlose Menschen in landläufigem Sinne. Sie suchen Gott nicht; sie haben ihn in sich; ihn oder den Ungott.« Er drehte sich eine Zigarette, zündete sie an und blies den Rauch weit von sich, schob das Bild zur Seite, verhüllte es und desgleichen das andere Gemälde und machte die Tür zu dem Nebengemache auf. Das Mädchen stieß einen Laut aus, halb Seufzer, halb Schrei und sprang auf, die Hand auf dem Herzen und mit weit aufgerissenen Augen nach dem Gemälde starrend, das hinter dem Türloche stand. Als der Maler, den ihr jähes Erbleichen erschreckt hatte, neben sie trat, umklammerte sie seinen Arm, und er fühlte, wie ihr Herz zitterte, und er sah, wie ihr der Atem hastig über die Lippen spang. Er warf ebenfalls seine Augen auf das Bild, und da erschrak auch er, denn einen so gemeinen Ausdruck hatte er noch nie in den Augen des Weibes gesehen, das er da gemalt hatte. »Chali,« flüsterte es an seiner Schulter, und er murmelte: »Das ist es! Ich habe gedacht, es gibt keinen Namen dafür, aber du hast sofort den einzig möglichen dafür gefunden. Das höchste Prinzip des Weibes.« Sie ließ sich, wie vor Erschöpfung, in den Sessel gleiten, und fragte, immer das Bild anstarrend: »Wirst du es mir sagen?« Er nickte. »Ja, Kind, gern, soweit es sich um den äußeren Anstoß dazu handelt. Du weißt ja, wie der Prinz ist. Eines Tages kommt er hier angeautobt und stellt mir eine kostbare Schüssel vor die Nase, in der auf bleichem Moose dreißig unheimliche Blumen lagen und mich auf ganz hundsgemeine Weise anschielten. Ich machte ein dummes Gesicht und fragte: ›Bist du auf dem Mars gewesen?‹ Denn in meinem Leben hatte ich solche Satansblumen noch nicht gesehen. Da lachte er und sagte, es wären Stapelien, Kusinen von den Kakteen, und sie wären aus seinem Treibhause, und er kritzelt mir eine argentinische Stapelienlandschaft in das Skizzenbuch.« Er holte tief Atem und fuhr fort. »Den ganzen Tag war ich zu nichts zu gebrauchen. Wie ein Affe saß ich da und sah diese niederträchtigen Blumen an, diese Katerideen von Blumen, diese Antiblumen oder was weiß ich. Ein Vierteljahr war ich ganz elend. Erst dachte ich, es wäre die Grippe, nahm Dampfbäder, ließ mich massieren und trank Grog. Dann hielt ich es für einen Darmkatarrh, trank Boonekamp und ließ mir heiße Pottdeckel auf den Magen legen, wenn ich zu Bett ging. Dann wieder schien es mir Nervenüberreizung zu sein; ich aß Sanatogen, schluckte Hämatogen, verkniff mir den Tabak, den Kaffee und den Wein, trank abends Fliedertee und morgens Brombeerblätteraufguß und wurde immer elender, bis ich mich auf einmal benahm wie ein Brunnendelphin, der abends vorher zu viel Bier getrunken hat. Darauf schlief ich drei Tag, und dann malte ich das Bild aus dem Handgelenk in acht Tagen und war kreuzfidel, als ich es hinter mir hatte, denn mir fehlte gar nichts, mir hatte nur das scheußliche Bild verquer im Leibe gesessen, ein Meter vierzig zu eins zwanzig. Aber sieh es dir einmal genau an!« Swaantje stand auf, doch zögerte sie noch. Sie sah schweren, klobigen, in den massigen Formen der sumerischen Bauweise gehaltenen, reich geschnitzten, mit buntem Glasflusse ausgelegten und mit goldenen und silbernen Ziernägeln beschlagenen Rahmen und dann das unheimliche nackte Weib an, das vor einem unglaublich klaren und grundlosen Wasser, das eine unbekannte Farbe hatte und von der Abendsonne eiterrote Glanzlichter bekam, auf der Seite lag, die brutalen Knie gegen den üppigen Leib gezogen, den stützenden Arm halb überschüttet von einem Sturzbache straffen Haares von einer rohen roten Farbe, und daß sie mit seelenlosen Tigeraugen ansah, ebenso schrecklich, wie die unheimlichen großen Blumen, die an den starren Stämmen hinter ihrem Rücken hingen, aber auch ebenso schön, Chali, die Göttin des unblutigen Meuchelmordes, das greuliche Geheimnis des bengalischen Bambusdickichts. Langsam ging sie darauf zu und sah, daß das Weib keine Tigeraugen, sondern Menschenaugen hatte, doch mit dem Blicke des Tigers, oder vielmehr, mit gar keinem Blicke, aber dadurch wirkten sie gerade so tigerhaft. Als sie noch näher kam, nahmen ihre Züge den Ausdruck kindlicher Neugier und einer dummen Verwunderung an, denn das Bild war auf Holz gemalt und der Leib des Weibes war nicht gemalt, sondern ausgespart, so daß überall die Maserung und hier und da ein Astfleck zu sehen war. Der Gesamteindruck war aber so mächtig, daß diese Dinge vor ihm völlig zurückgingen. Helmold, der hinter sie getreten war, nickte ihr zu und sagte: »Ja, ja, es ist wunderlich, was man nicht alles macht, wenn man so dumm dahertollpatscht. Warum habe ich das auf Holz gemalt und nicht auf Leinwand? Im allgemeinen male ich nicht gern auf Holz, und wenn schon, so kleine Bilder. Aber dieses mußte ich auf Holz malen, scheinbar, weil das Brett gerade da stand, in Wirkleitkeit aber, weil dieses Weib nicht gemalt, sondern ausgespart werden mußte. Es verkörpert das negative Prinzip des weiblichen Wesens, konnte also am besten durch eine Negativität wiedergegeben werden. So ist es auch im Leben; das Schlechte, das Unheimliche, das Gemeine: tritt dicht davor und siehe, es ist ein Nichts, es ist Holz, dumm gemasert und mit Kienstellen durchsetzt. Ein wirkliches Weib, ein Weib von Herz und Gemüt, von Fleisch und Blut, das hat nicht hier mitten auf dem Bauche einen Leberfleck aus Kein und auf der Kalipygie eine Maserung, soweit meine geringen Erfahrungen auf diesem interessanten, aber schwierigen Gebiete reichen.« Er zog den Vorhang zu, nahm Swaantje um die Mitte, führte sie zu dem Ruhebett, stellte einen alten Bauernteller mit Äpfeln und eine Dose mit Biskuit vor sie hin und nötigte zum Zulangen: »Iß, Mädchen, desto eher wirst du elend! Und hier sind auch Nüsse.« Swaantje nahm eine, steckte sie dem wunderlichen Nußknacker in das Maul, zerbrach sie und rief dann: »O, ein Vielliebchen! Wer ißt es mit mir?« Ihr Vetter hielt die Hand auf. »Dir zuliebe tue ich alles,« lachte er; »Sonst esse ich nur Nüsse, wenn sie mir einer kaut, aber das will keiner. Wenn man nämlich nicht aufpaßt kaut man acht Tage lang an einer Nuß herum.« Er steckte die Nuß in den Mund, schluckte und sagte, indem er auf seine Weste zeigte: »Es geht auch ohne die alte Kauerei.« Da lernte Swaantje das Lachen wieder und vergaß das unheimliche Bild und den entsetzten Blick, den Helmhold daraufgeworfen hatte. Dann zeigte er ihr einige Porträts und eine Anzahl von den Studien, die er zu Hunderten in den Schiebladen der großen Schränke liegen hatte, schwatzte Kraut und Rüben durcheinander und hetzte einen Witz hinter dem anderen her, bis sie vor Lachen nasse Augen bekam und ihn händeringend bat, aufzuhören: »Denn ich habe nur ein Zwerchfell, Helmold, und das ist schon dreimal gestopft!« Sie kuschelte sich bequem auf das Ruhebett hin, biß in einen Apfel und sah zu, wie er überall herumkramte, und ihr allerlei zeigte, das bravste Gehörn von dem letzten fahre, eine Pfeilspitze aus Feuerstein, die er in der Heide gefunden hatte, eine alte Schnapsflasche mit einem himmelblauen Vogel Phönix darauf und der Inschrift: »So wie der Fönix der Flamme entspringt, so meine Liebe zu dir hin dringt« und ähnliche Seltsamkeiten, die er bei seinen Jagdfahrten in den Dörfern aufgegabelt hatte. Dann, als er eine Schieblade aus einem grell gestrichenen Schranke zog, rief er: »Holla! Beinahe vergessen!« Er langte ein Kästchen heraus, machte es auf, nahm etwas heraus drückte es dem Mädchen in die Hand. Es war eine Fibel aus dickem, gerieftem Silberdraht, aus zwei engen Spiralen gebildet, deren jede einen prachtvoll gebräunten Hirschhaken umschloß. »Da!« sagte er, »als Dank für diesen schönen Morgen!« Sie errötete und klatschte in die Hände: »Wie entzückend! So eine fehlte mir gerade. Die hast du doch selbst entworfen? Und wie reizend von dir, mir die zu schenken, mit den prachtvollen Kusen darin!« Sie drehte das Schmuckstück hin und her, nahm die Pfeilspitze von Flintstein von dem Tischchen, hielt beide Gegenstände aneinander und sagte: »Die gehörten einmal zusammen, paß auf: der alte Oberpriester war voller Wut, denn seine Tochter, Loide hieß sie, sah Wuni gern; aber der war ihrem Vater ein Greule, weil er die Kunst, Waffen und Geräte aus Metall zu schmieden, aus der Fremde mitgebracht hatte und deshalb der Priesterschaft als gottloser Mensch galt. Nun war noch jemand da, der die schöne Loide liebte; Ulahu hieß er, und war ihrem Vater genehm, dieweil er ein Steinschmied war und jede Neuerung haßte. Aber Wuni war stark und Ulahu schwach, und da sprach der Oberpriester, Krwo hieß er: »Der Rabe jagt dem Adler den Fraß ab, obwohl dieser siebenmal so stark ist.« Ulahu merkte sich diese Rede, und als er Loide einmal in das Haus ihres Vaters eintreten sah, mit flammenden Augen, brennenden Wangen und glühenden Lippen, und bemerkte, daß ihr Kleid vor der Brust mit einer silbernen Fibel, in der zwei Hirschhaken befestigt waren, geschlossen war, da ging er zu seiner Hütte, weinte, nahm den Eibenbogen und drei Pfeile zur Hand und schlich Wuni nach, als er in der Frühe auf Jagd ging, und schoß ihm den Pfeil von hinten durch das Herz, daß er sterben mußte. Ulahu aber freite Loide, doch am Morgen nach der Hochzeit lag er tot in seiner Hütte; Loide aber war verschwunden, und wenn die Nachtschwalbe rief, sagten die Mädchen: ›Da schreit Loide nach Wuni.‹« Während sie so sprach, verhärteten sich ihre Augen, so daß es Helmold, der ihr anfangs mit vieler Freude zugehört hatte, erschien, sie hätten ein wenig von dem, was die Augen der Chali aufwiesen, und sein Herz kehrete sich um. Doch er jagte die graue Fledermaus, die auf ihn zuflog, mit einer heftigen Bewegung fort, nickte, lächelte und sagte: »Das ist sehr schön, Swaantje, und du wirst das aufsschreiben und mir als Gegengeschenk verehren. Du solltest überhaupt deine Geschichte zu Papier bringen. Ich habe es schon oft gedacht: Du bist eine Künstlerin! Und wem eine Gabe ward, der soll ihrer pflegen, sonst bleibt er unfroh sein Leben lang.« Doch als er das gesagt hatte, schüttelte er in sich darüber den Kopf, denn er glaubte nicht an eine künstlerische Begabung des Weibes. Er hatte, als er einst einer schönen Frau, die acht gesunde Kinder besaß, einen Spruch in ihr Gästebuch schreiben sollte, folgendes eingetragen: »Der größte Künstler ist klein gegen eine Mutter; denn er kann keinen Menschen von Fleisch und Blut schaffen.« Während er nun Swaantje freundlich ansah, besah er ihr Geicht genau und dachte: »Ihr ganzes Wesen ist weiblich, aber ihr Geist ist männlicher Art. Am Ende ist sie kein völliges Weib; das wäre ein Jammer, denn dann wird sie das wahre Glück nie kennen lernen. Denn die Liebe ist alles, und das andere ist nichts.« Da kam Swaan angelaufen und rief: »Väterchen und Muhme Swaantje, ihr möchtet zum Essen kommen, aber schnell, sonst wird der Braten kalt!« Stolz setzte er hinzu: »Es gibt Brikhahn, den Vater geschossen hat.« Sweenechien aber, die hinter ihm hergetappelt war, rief: »Und Flammerie! Hast du das auch geschossen?« Da lachte Swaan sie aus und Helmold und Swaantje auch; unter viel Lachen und Scherzen ging es in in die Veranda, wo Frau Grete sie damit den Worten empfing: »Was ist das bloß heute? Alles im Hause lacht in einem fort! Die Mädchen sind aus Rand und Band und ihr auch. Der Sekt kann doch nicht nachspuken?« Das schien aber doch so, denn es blieb bei dem Lachen. Helmold lachte, wenn er zu Bett ging, und er lachte, wenn er aufstand. Die Arbeit flog ihm nur so von der Hand, und während der Pinsel bald langsam und vorsichtig, bald schnell und sorglos über die Leinwand ging, sang und pfiff er, daß man es über den ganzen Garten bis in das Haus hören konnte. Wenn aber aus der Werkstatt kein Singen und Pfeifen kam, so wußte Grete, daß Swaantje dort war. Die saß dann in einem der großen Sessel und arbeitete an einer Stickerei oder lag auf dem Ruhebett, sah ihrem Vetter zu und freute sich an seinen schnellen und doch so sicheren Bewegungen, an seiner frohen Laune und seiner Urwüchsigkeit; denn wenn er mitten in der Arbeit war, vergaß er alles um sich und konnte, fuhr er einmal gegen einen Baum, mit den saftigsten Ausdrücken um sich werfen, und Swaantje rief dann wehklagend: »Aber Herr Hagenrieder, ich bin eine deutsche Jungfrau!« Wenn er dann sagte: »Leider! Vergaßen Sie zu bemerken, mein allergnädigstes Fräulein«, dann lachte sie. Einmal wäre ihm beinahe die Antwort entwischt: »An mir liegt es wahrhaftig nicht«, doch er packte rechtzeitig den schlechten Witz noch am Nackenfell, den es war ihm wirklich nur Spaß damit gewesen. Mehr als einmal sagte er zu seiner Frau: »Es ist nun an der Zeit, daß Swaantje heiratet, sie bekommt sonst noch Druckstellen.« Das Stapelienbild Chali langweilte sich. Früher konnte sie fast den ganzen Tag mit dem Maler sprechen; seitdem aber das junge Mädchen da war, war es aus damit, denn Swaantje fürchtete sich vor ihr, und so hatte Helmold das Bild in den Nebenraum gestellt, wo es weiter nichts gab als Bilder, Rahmen, Kisten und Kasten, Töpfe und Kruken. Aber wenn Chali auch nicht dort hätte sein müssen, sondern in der Werkstätte hätte weilen dürfen, so hätte ihr das doch nichts genützt. Holz und Stoff boten ihren Blicken keinen Widerstand, und so mußte sie es einen Tag wie den anderen mit ansehen, wie der Maler sich mit dem blonden Mädchen unterhielt und ihm liebreiche Blicke zuwarf. Sie lag da und starrte auf die Tür; ihre Augen wurden von Tag zu Tag böser und leuchteten im Dunkeln grün. Eines Abends, als Helmold und Swaantje in der Werkstätte waren, holte der Maler sich aus der Vorratskammer ein neues Malbrett, was er immer tat, wenn er ein neues Bild begann, das ihm aus dem Herzen kam, und da er an das Bild dachte, das er angfangen wollte, so ließ er in Gedanken die Tür offen stehen. Er wollte nämlich Swaantje malen; er hatte es schon bei Tage mehrfach versucht, war aber nie über den Anfang hinweggekommen, bis ihm einfiel, daß er eine andere Beleuchtung haben müsse, als das Tageslicht, und er hatte gefunden, daß das Mädchen im Halbschatten sitzten müsse, während rings umher alles hell von Licht war. So setzte Swaantje sich also an das große Fenster, vor dem die Vorhänge zusammengezogen waren, und dreht der zweiten Tür den Nacken zu. »Heute wird es etwas, Swaantje," rief Helmold; »das kommt wohl daher, weil ich dich gestern eigentlich zum ersten Male in Erregung gesehen habe. Du bist übrigens der einzige Mensch, mit ich Walzer tanzen kann. Sonst liegt mir der Walzer nicht; mein Blut geht im Polkatakt. Hamburger, Schwedische Quadrille, der Achtturige, Schardas, Kasatschka und dergleichen, wobei man seine Knochen rühren und ordentlich trampeln kann, das ist mein Fall. Aber sich wie ein Brummkreisel andauernd um seine Perpendikulärachse zu drehen, das ist nichts für mich. Gestern bin ich aber auf den Geschmack gekommen. So wie du den Walzer tanzst, so glaube ich, tanzen die Nebelfrauen ihn auch. Ich will sie nächstens mal fragen.« Chalis Augen sprühten, als sie das mit anhören mußte, und sie stach mit spitzen Blicken nach dem Nacken des Mädchens; jedesmal, wenn Helmold hinzutrat und mit seiner Hand ihre Kopfhaltung ein wenig änderte, führen grüne Blitz aus dem Nebenraume dahin, wo die aschenblonden Nackenlocken auf der roten Stuhllehne schimmerten. Solange ihr Vetter mit ihr plauderte, merkte Swaantje nichts von dem, was hinter ihr vorging; aber nun fing Helmold an, eine neue Melodie zu suchen, indem er ganz leise durch die Zähne piff, und das bedeutete, wie sie wußte, daß er dem Reime zwischen Stoff und Form nahe war. Darum rührte sie sich nicht, sogern sie das auch getan hätte. Denn ihr war merksürdig schwach und hilflos zumute. Sie hatte ein bißchen viel getanzt und gelacht und vielleicht auch ein Glas Sekt mehr getrunken, als ihr gut war; aber es war so wunderschön auf dem Frühlingsfeste gewesen, so viele hübsche, fröhliche Frauen und Mädchen, und so viele nette, lustige Männer hatte sie noch nie beisammen gesehen, und so hatte sie mit den anderen getollt und sich prachtvoll vergnügt. Jetzt aber fühlte sie sich müde; sie hatte einen peinlichen Druck in der Herzgrube, und ihr war, als klemmte etwas ihre Halsschlagadern ein. Am liebsten hätte sie ihrem Vetter nicht gesessen, aber sie wußte, wie gern er sie malen wollte, und daß er endlich dazu kam; denn nun pfiff er nicht mehr durch die Zähne und trat nicht fortwähren vor und zurück, sondern er stand still, malte eifrig, summte erst eine Melodie vor sich hin, und dann sang er: »Rose Marie, Rose Marie, sieben Jahre mein Herz nach dir schrie, Rose Marie, Rose Marie aber du hörtest es nie.« Er war in voller Fahrt. Sie hielt still, obgleich ihr von Minute zu Minute hilfloser zumute wurde; denn Chali ärgerte sich über die zärtlichen Blicke, die der Maler fortwährend nach dem Mädchen warf, und über das Lied, das er sang, während er malte, und so wandte sie ihre Meuchelmörderaugen nicht einen Pulsschlag lang von dem Nacken Swaantjes. »Erzähle was, Maus!« sagte Helmold, und Swaantje war froh, aber ihr fiel nichts weiter ein, als das, wovon sie noch zu keinem Menschen gesprochen hatte, und was sie auch keinem sagen wollte. Aber da dachte sie an die Faschingsnacht in München, als ihr Vetter zwischen all dem tollen Lärm zu ihr gesagt hatte: »Kleine, wenn du einmal etwas hast, das dich drückt, und du magst es niemandem sagen, so sage es mir; wenn ich dir irgend helfen kann, so tue ich es.« Sie hatte ihm die Hand gereicht und gesagt: »Das werde ich, Helmold!!« Aber dann hatte sie lachen müssen, wie er so dasaß, vollkommen im Ballanzuge, aber mit einem Radieschen im Knopfloch, mit gebrannten, gepuderten Haaren, weißgeschminktem Gesicht und kohlschwarzem Schnurrbart und dazu die vergoldeten Ohren, das hatte zu närrisch ausgesehen, zumal seine blauen Augen so treuernst blickten. Weil sie nun an diese Augen dachte, fing sie an: »Lieber Helmold, ich muß dir jetzt etwas sagen, weil ich deinen Rat brauche: ich lieben einen Mann.« Helmold blieb ganz ruhig und malte weiter; ihm war zumute, als habe ihm jemand ganz heimlich sein Herz weggenommen und ihm nur den Verstand gelassen. Darum fragte er, ohne daß seine Stimme anders klang als sonst: »Weiß er es?« Swaantje sah geradeaus: »Nein, das glaube ich nicht.« Ihr Vetter fragte weiter: »Ist er deiner würdig?« Sie erwiderte: »Er ist viel besser als ich.« Er brummte: »Danach liebst du ihn also; deine Behauptung bezweifele ich übrigens. Kenne ich ihn?« Sie schüttelte den Kopf. »Darf ich wissen, wer es ist?« Sie nickte: »Professor Groenewold; bei dem ich Literatur und Kunstgeschichte hatte.« Er fragte weiter: »Wie alt ist er?« und als sie sagte: »Fünfundvierzig,« brummte er, eifrig weiter malend: »Zu jung für eine Backfischliebe! Verheiratet?« Swaantje sah ihn groß an: »Dann würde ich ihn doch nicht lieben können!« Er lächelte und dachte: »Heilie Einfalt!« Aber dann steckte er die Pinsel in das Glas, legte das Malbrett hin und sagte: »So, nun rüttele dich und schüttele dich, aber wirf nicht alle deine Blätter über mich, sondern behaltend noch ein paar für dich übrig. Wir wollen einmal eine Pause machen; mich rauchert.« Swaantje stand auf und reckte sich, und er holte sich eine Zigarre. Als er sie angezündet hatte, sah er, daß die Tür nach dem Nebenraume offen stand; Ghalis Augen starrten ihn höhnisch an. Wütend warf er ihr das Streichholz in das Gesicht und wunderte sich, daß es grüne Funken gab. »Helmold, um Himmels willen, was machst du?« rief Swaantje, »dein schönstes Bild.« Er zog die Tür zu, daß es krachte, und knurrte: »Schönes Bild? Scheußliches Bild! Chali? Schon mehr Zyankali!« Swaantje lachte und rief: »Das war aber ein echter Kalauer!« Er schüttelte den Kopf: »Das ist noch gar nichts; wenn mir ganz schlecht ist, setzt es nicht nur Kalauer, sondern sogar Kawärmer, wenn nicht Kabeißer.« Das Mädchen hielt sich die Ohren zu: »Kommt das noch schlimmer?« Dann lachten sie beide aus vollem Herzen, bis es Helmold einfiel, daß er sein Herz irgendwo haben liegen lassen müssen, denn ihm war so leer in der Brust und so schön leicht, als ob er tot wäre. Aber er dachte doch mehr an das Mädchen als an sich und sprach: »Ja, liebe Swaantje, das ist eine sehr traurige Sache. Du liebst ihn, und er weiß es nicht. Du liebst ihn seit sieben Jahren, und er ahnt es nicht. Entweder ist er blind, oder er liebt eine andere, oder aber, denn es gibt solche Männer, so unglaublich das auch klingt,« und er lachte, als er das sagte, »er hat kein Verlangen nach dem Weibe. Hier kann dir niemand helfen, sogar ich nicht, der ich doch verdammt dem Teufel die Zähne ausziehen würde, wenn ich dir damit einen Gefallen tun könnte.« Er ging mit großen Schritten auf und ab. »Sieh, mal Swaantje,« fuhr er dann fort, »Alles, was ich von dem Manne gehört habe, spricht für ihn. Er hat den Mut gehabt, eine Schrift herauszugeben, in der er den Unwert der karolingischen Zivilisation für uns nachweist. Wir Stedinger Blutsbrüder haben ihm damals ein Horüdhotelegramm geschickt und noch eins, als ihm die hochwohllöbliche Behörde in ihrer Eselhaftigkeit den Geschichtsunterricht abknöpfte, damit er nicht mehr in der Lage sei, gegen die Verherrlichung des Schlachterkarls und seines edlen Filiusses Louis des Frömmlers anzuarbeiten. Insofern freue ich mich, daß deine Wahl gerade ihn getroffen hat, abgesehen von dem famosen farbigen Namen, den u dir ausgesucht hast. Aber, wie gesagt, es ist nichts zu machen. Hingehen und ihm sagen: \>Bitte, seien Sie so gütig und heiraten Sie mich!\<, das kannst du nicht gut, und ich kann auch nicht zu ihm gehen und ihm sagen \>Heiraten Sie meine liebe Base, oder ich fordere Sie auf dreimaligen Kugelwechsel ohne Binden und Bandagen!\< Denn je besser ein Mann ist, um so mehr Verlangen hat er danach, sich das Weib seines Herzens zu erobern, und er wird sofort auf der Hinterhand Kehrt machen, wenn der Fall sich umgekehrt entwickelt. Daß auch gerade dir so etwas zustoßen muß! Wenn du dich wenigstens in mich verliebt hättest! Ich hätte es schon gemerkt. Ich schlüge sofort mein Zelt in der Türkei auf und betete zu Allah. Hol's der sogenannte Dieser und Jener!« Er warf seine Zigarre gegen den Ofen, daß es ein Feuerwerk gab, und steckte sich eine Zigarette an. Dann stellte er sich vor das angefangene Bild, auf dem Swaantjes Kopf schon deutlich vor einem Heidberge zu erkennen war, aus dessen rosiger Pracht ein Busch weißer Heide verschämt hervorschimmerte, und als spräche er zu dem Bilde, fuhr er fort: »Dein Fall ist so gut wie hoffnungslos, liebe Swaantje. Liebst du ihn wirklich so sehr?« Sie nickte. »Als Schülerin oder als Weib?« Sie wurde rot. »Nicht nur als Schülerin.« Er räusperte sich, und dann fragte er in trockenem Tone: »Enschuldige, Swaantje, und wenn es dir nicht paßt, so antworte nicht: Grete und ich glaubten bisher, du wüßtest noch nicht, daß du ein Weib bist; das kommt oft sehr spät zum bewußten Ausdrucke. Du kamest mir bisher gänzlich unsinnlich nach dieser Richtung hin vor. Für kalt von Natur hielt ich dich nicht, aber für unaufgewacht. Du weißt, ich spreche als Freund und Bruder, und darum darfst du mir diese Frage nicht übel nehmen: Wie steht es damit?« Sie sah ihn mit klaren Augen an. »Weißt du, Helmold, nach dem, was ich in den Büchern las und von anderen jungen Mädchen hörte, glaubte ich, daß ich anders bin als die anderen Menschen. Nur ein einziges Mal merkte ich, daß ich doch so bin. Das war,« sie wurde blaß und stockte, fuhr aber dann fort: »Doch das ist ja Nebensache!« Helmold runzelte die Stirn: »Leidest du sehr unter deiner Neigung?« Sie nickte: »Sehr; ich glaube, ich gehe daran zugrunde.« Ihr Vetter sah sie böse an: »Möglich, das heißt wenn du dieses zwecklose, unbefriedigte Leben weiter führst. Sieh mal, ich kenne dich ziemlich gut. Ich habe früher schon Grete aufgehetzt, sie solle Muhme Gesina so lange zwiebeln, bis sie dich aus dem Käfig läßt. Grete hat das auch getan; den Erfolg kennst du: es stellte sich glücklich der so bequeme Herzkrampf ein, und dann sprach die gute Swaantien: \>Nein, liebstes Tantchen, ich verlasse dich nicht!\< deine Muhme in Ehren; wäre sie nicht gewesen, so könntest du vielleicht als Gouvernante oder Gesellschafterin dich piesacken lassen, das weiß ich. Aber vielleicht wäre das besser gewesen; denn was hast du von deinem vielen Gelde? Du willst deinen Geist betätigen, möchtest schaffen; statt dessen mottet Muhme Gese deinen Geist ein und zwingt dich, zu murksen. Lauter dumme Arbeiten sind es, zu denen sie dich antriezt, und da keine davon dein Denken ausfüllt, zerfetzt dich diese hoffnungslose Neigung völlig. Daß deine Nervenschmerzen, die dich seit einigen Jahren quälen, einen anderen Grund haben, als weil du dir einmal beim Schlittschuhlaufen nasse Beine geholt hast, das ist mir und Grete schon lange klar.« Er setzte sich in den Vierländer Bauernstuhl, nahm die Laute und begann die Weise zu klimpern, die er vorhin gesungen hatte. »Sieben Jahr mein Herz nach dir schrie,« flüsterte es in ihm und dann: »Mensch, weißt du denn nicht, daß du sie liebst! Daß du sie zum Verrücktwerden liebst! Von dem Tage an liebst, als du sie zum ersten Male sahst, als sie ein Backfisch und du ein glücklicher Bräutigam warst?«" Sein Herz zuckte zusammen; das war wahr, war wirklich wahr. Er mochte nicht aufsehen und steckte sich aus Verlegenheit eine neue Zigarette an, denn wenn er jetzt, in diesem Augenblicke, das Mädchen ansah, dann, das fühlte er, lag er vor ihr, küßte ihre Hände und bettelte um einen Kuß von den Lippen, die nach einem anderen Manne seufzten. Er griff in die Saiten und spielte das fechtste von allen Liedern, die er kannte, und summte dabei halblaut die ersten beiden Verszeilen: »Auf der Lüneburger Heide ging ich auf und ging ich unter,« und dann setzte er das Singen durch Flöten fort. Als er in den Spiegel blickte, erkannte er, daß er tiefe Schatten unter den Augen hatte. »Swaantje,« rief er und legte die Laute fort; »hier gibt es nur ein Mittel: eine Tätigkeit für dich, die dir Freude macht. Dieser Kram da zu Hause, wo du nur die Rolle eines unmaßgeblichen Haushaltsreferendars spielst und nie eine freie Stunde für dich hast, das ist Gift für dich. Raus mußt du, auf einen verantwortungsreichen Posten, der dich müde, aber nicht matt macht, und auf dem du die Hauptperson bist und nicht bloß ein Tantenschwanz, der alles machen muß, aber nichts zu sagen hat. Entweder du verabschiedest die Tante, aber dann würde sie sich natürlich sofort einen ihr gut stehenden Sarg anmessen lassen, oder du kündigst ihr und ziehst mit lautem Hörnerklang in die Hinausferne, siehst dir die Welt einmal ohne die Tante an und siehst zu, daß du eine Arbeit findest, als Krankenschwester, als Redaktörin, meintwegen auch als sozialdemokrätzige Agittattersche oder Frauenbewegungspropagandame. Aber zu Hause sitzen, Strümpfe für Niggerblagen stricken, Missionspredigten anhören, Traktätchen verteilen und sonst die einmacherei Überwachen und die Eierproduktion des Federviehs statistisch aufnehmen und den ganzen Tag die Tante auf den Hacken haben mit ihrer kamigen Liebe, dafür halte ich mir keinen so hübsche Kusine!« Da lachte Swaantje wieder, stand auf und schüttelte die Falten aus ihrem Rocke, und wie ein Blitz schlug in Helmold eine Erinnerung ein. Er war vor Jahren einmal mit ihr Rad gefahren, und zwar an einem Tage, an dem seine Lippen abscheulich heißhungrig waren, denn er war seit drei Wochen Strohwitwer und sah, ohne sich viel dabei zu denken, allem nach, was Röcke trug und jung und hübsch war. Als er so mit Swaantje dahinradelte und ihr allerhand dumme Witze zuwarf, paßte sie nicht auf, fuhr gegen einen Stein und kippte um. Er sprang sofort ab, aber ehe er bei ihr war, stand sie schon wieder auf den Füßen, lachte, faßte ihren Rock und schüttelte ihn in der Aufregung so gehörig, daß er in die Höhe flog und er ihre Hosen bis oben hin sah. Nun konnte er alles vertragen, bloß keine weißen Mädchenhosen; aber das einzige Gefühl, das er damals gehabt hatte, war: »Wenn sie bloß nicht gemerkt hat, daß ich es gesehen habe!« Jetzt, wo sie mit derselben Bewegungen, wie an jenem Maienmorgen, ihre Röcke schüttelte, brannte ihn eine nesselnde Vorstellung. Ihm, das wußte er, konnte sie nie gehören, und er wünschte ihr alles Gute, und dazu gehört für ein Weib ein Mann; aber der Gedanke, daß ein Mann einmal so vertraut mit ihr stehen würde, daß er sie in den verschwiegensten Hüllen sehen durfte, diese Vorstellung flog ihm wie Schwefeldampf in den Hals und klemmte ihm die Lunge zusammen. Aber sobald er das Mädchen wieder ansah, wurde ihm leichter zumute, und während er sie in das Wohnhaus geleitete, fielen ihm schon wieder ein paar Schnurren ein, und lachend kam er mit ihr in das Wohnzimmer. Sie gingen alle früh zu Bett, und er schlief auch bald ein; aber am anderen Morgen sah er so wenig frisch aus, denn er hatte fast die ganze Nacht die quersten Sachen geträumt, daß seine Frau ihn fragte, ob er nicht wohl wäre. Da erzählte er ihr von Swaantjes tauber Liebe zu Professor Groenewold, und Grete, die den Mann kannte, meinte ernst: »Das ist eine ganz dumme Geschichte; nun wollen wir doppelt so lieb zu ihr sein und sie möglichst lange hier behalten.« Sie wunderte sich weiter nicht, daß ihr Mann nicht mehr sang und pfiff, wenn er malte, und nicht mehr so frisch und fröhlich aussah, außer wenn das Mädchen zugegen war, und dann dachte sie: »Er nimmt sich ihr Schicksal sehr zu Herzen.« Deshalb schickte sie die beiden möglichst oft allein aus und freute sich, wenn sie mit blanken Augen und roten Backen zurückkamen, und sie machte sich weiter keine Sorgen darüber, daß Helmold, wenn er im Garten bei den Blumen beschäftigt war, meist einen trüben Zug um den Mund hatte. Sie war nicht eifersüchtig veranlagt, hatte viel gelesen und scharf beobachtet. Nachdem ihre beiderseitige Liebe nicht mehr so toll schäumte, sondern ruhig weiterperlte, hätte sie ihrem Manne eine kleine grenzverletzung nicht weiter nachgetragen, wenigstens wäre ihr das lieber gewesen, als wenn er sich mit einer unglücklichen Neigung herumgeschleppt hätte. In einer rosenroten Stunde hatte sie einst seinen Kopf an die Brust gezogen und ihm gesagt: »Du, ich glaube, den meisten Männerchen fällt es sehr schwer, ihren Weiberchen treu zu bleiben. Wenn es dir einmal so geht, und du richtest weiter kein Unheil an, tu', was du willst, nur wissen möchte ich es nicht.« Da hatte er hellauf gelacht und gesagt: »Bist du aber gemein! Damit hast du mir den ganzen Ulk verdorben; denn wenn ich tun darf, was ich will, dann ist das Beste davon weg.« In den drei Jahren, da sie beide mit vielen Sorgen kämpften, und er noch obendrein in der ihm gar nicht liegenden Stellung als Lehrer an der Kunstgewerbeschule reichlich Ärger und Verdruß gehabt hatte, hatten sie ein Dienstmädchen gehabt, ein bildhübsches Menschenkind, das ihnen mit seinem Lächeln ein wahres Labsal gewesen war. Als sie den Dienst verließ, um zu Heiraten, seufzte Frau Hagenrieder lang und breit hinter ihr her; ihr Mann aber sagte: »Du hast am allerwenigsten Ursache, so zu seufzen. Danke Gott, daß sie fort ist; denn wenn sie noch lange hier gewesen wäre, wahrhaftig, ich hätte es nicht ausgehalten: ich hätte sie in den Arm nehmen und küssen müssen.« Seine Frau hatte ganz trocken geantwortet: »Das hätte ich dir weiter gar nicht übel genommen, und ich wundere mich bloß, daß du es nicht getan hast; denn du bist doch sonst nicht so.« Aber Helmold schüttelte den Kopf: »Erstens war sie verlobt, und zweitens mochte ich sie viel zu gern leiden, um sie in Verwirrung zu bringen. Aber offen gestanden, einen Kuß hätte ich als Andenken ganz gern behalten.« Von Swaantje bekam er auch keinen Kuß zum Andenken. Früher hatte er ihr immer einen gegeben, wenn sie kam oder ging. Dieses Mal war er dazu nicht imstande und küßte ihr noch nicht einmal die Hand, als sie in ihr Abteil stieg. Am Abend vorher hatte seine Frau nämlich etwas gesagt, das ihm wie ein Dachziegel auf den Kopf gefallen war. Er hatte sich alle Mühe gegeben, recht lustig zu sein, und wenn ihm auch gar nicht so zumute war, so gelang es ihm doch; es wurde ein so vergnügter Abend, daß seine Frau seufzend sagte: »Es ist ein Jammer, Swaantje, daß du morgen abreisen mußt; wie schön wäre es, wenn du immer bei uns bliebest. Helmold kann ganz gut zwei Frauen brauchen, und du paßt eigentlich besser zu ihm als ich. Außerdem habe ich mit dem Haushalte und mit den Kindern so viel zu tun, daß ich mich um den armen so gut wie gar nicht kümmern kann, überlege dir das einmal, Swaantje! Ich bin dann seine Sonnenfrau, die für den Leib sorgt, und du das Mondweibchen, daß seine Seele bescheint. Das Mädchen hatte gelacht und gesagt: »Wenn alle Stränge reißen, werde ich von deiner freundlichen Erlaubnis Gebrauch machen!« Als aber Grete lachenden fragte: »Und du, Helmold, wie denkst du darüber?« da ging er nach der Türe und ließ den Hund herein, obgleich der noch gar nicht gekratzt hatte. In der Nacht aber tat er kein Auge zu und sah am Morgen grün aus. »Sieh bloß, Swaantje, wie er sich grämt, daß du uns verläßt!« sagte Grete beim Frühstück. Das Mädchen wollte ihn ansehen, aber es sagte, ohne aufzusehen, denn er strich sich gerade ein Brötchen: »Ich freue mich auf das Wiedersehen; Swaantje will uns bald wieder besuchen.« Die nickte. »Ja, aber erst, wenn du bei uns gewesen bist. Nicht wahr, du kommst recht bald, lieber Helmold?« Das versprach er ihr; aber ein halbes Jahr verging, bis er sein Wort einlöste. Zu seiner Frau, die ihn oft genug quälte, hinzureisen, denn er gefiel ihr von Woche zu Woche weniger, sagte er, seine Pläne hielten ihn an beiden Händen fest. Das schien auch so; denn er arbeitete wie verrückt darauf los, und wenn er kaum über den Anfang bei einem Gemälde hinaus war, dann redete er schon von einer anderen Vorstellung, die er unter dem Herzen trüge, und seine Frau mußte ihm recht geben, wenn er sagte: »Du kennst mich doch! Ich würde doch keine Ruhe haben. Mich langweilt vorläufig alles, außer der Arbeit. Da kommt, weil ich mich jetzt endlich als Meister fühle. Stoff und Farbe gehorchen auf den Pfiff. Zudem fange ich an, berühmt zu werden, und ich muß das Publikum schmieren, solange es warm ist. Ich werde fünfundvierzig alt, und diese Jahre sind meine besten. Aber, du hast recht; ich habe zu viel getan. Sobald dieses Bild fertig ist, schnüre ich mein Wanderbündel und fahre los.« Doch als er soweit war, bekam er einen Auftrag von dem Prinzen, der endlich zu seiner größten Freude das Stapelienbild bekommen hatte, das sein Freund ihm früher nicht verkaufen wollte. Als der Prinz ihm den Gutschein gab, lachte Helmold und sagte: »Danke! übrigens neulich wollte ich es dir beinahe schenken, lieber Brüne. Leider kann ich mir solche Scherze nicht leisten.« Der Prinz, der seine Augen nicht von dem Bild losbrechen konnte, meinte: Geschenkt hätte ich es nicht genommen, und wenn ich armes Tier mehr Geld hätte, würde ich dafür bezahlen, was es wert ist. Aber warum magst du es eigentlich nicht mehr?« Der Maler sah das Bild böse an: »Weiß ich selber nicht; bin die Person leid geworden! Liegt mir zu offenbarungseidmäßig da. Sieh dich übrigens mit ihr etwas vor; sie hat den bösen Blick.« Als Gegengift bestellte der Prinz dann ein Gegenstück dazu. Der Maler sagte: »Pendants sind eigentlich Blödsinn; aber mir fällt zufällig eins ein.« Vier Wochen darauf hatte der Prinz das Bild, und da gerade eine alte Muhme ihm eine gehäufte Million und ein Gut hinterlassen hatte, gab er Helmold zwanzig statt der vereinbarten zehn Tausendmarkscheine. Das neue Bild zeigte in derselben Lage, aber als Spiegelbild, und in einem ähnlichen, nur in den Einzelheiten anders gehaltenen Rahmen, ein Mädchen, dessen Augen alle Süßigkeit, die von dem Weibe kommt, ausdrücken. Hier war nur der Akt gemalt und einiges an den Lilien und Rosen, die den Hintergrund bildeten; die Landschaft als solche aber war aus dem Holze herausgespart. Helmold fiel, als er das Bild malte, das ein, was er zu Swaantje über das Aussparen des Aktes der Chali gesagt hatte, und als er den letzten Pinselstrich tat, sagte er vor sich hin: »Die Liebe ist alles, das andere ist nichts.« Dann trat er vor den Spiegel und sah sich an. Grete hatte recht; er sah elend aus und hatte unruhige Augen. Er hatte zu viel gearbeitet, hatte gar keine Erholung gehabt als höchstens eine Abendstunde, wenn er mit den Kindern spielte. Das taube Spazierengehen hatte er immer gehaßt, und die Jagd reizte ihn augenblicklich nicht. Dazu aß er nicht genug, schlief vor drei Uhr nicht ein, rauchte viel zu viel, konnte keine Flasche Wein mehr vertragen; es war Zeit, daß er Schluß machte. Der Arzt hatte ihm geraten, eine Kuranstalt aufzusuchen, aber dazu hatte er keine Lust. »Geh zu Swaantje!« riet ihm seine Frau, »die bügelt dich wieder auf!« Aber das mochte er auch nicht; denn er sagte, die Muhme fiele ihm auf die Nerven. Er fuhr in die Alpen, kam aber bald zurück: »Die aufgedonnerte Landschaft mit ihrer Eiskonditorei und ihrer Fastnachtsstaffage macht mir Nesselfieber!« Er ging an die See und war nach acht Tagen wieder da: »Tortenbacken aus Sand, dazu bin ich denn doch schon zu ausgewachsen. Und dann das ewige Geschmatze von dem Meere! Ehe es sich keine besseren Tischmanieren angewöhnt, lasse ich da nicht mehr arbeiten!« Da schrieb Ohm Ollig, daß es mit Swaantje gar nicht gut stände; sie schliefe keine Nacht vor Schmerzen, sähe wie ein Kellertrieb aus und mache ihm wirklich Sorgen. »Fahr hin, und muntere sie auf!« sagte Frau Grete, und wenn es auch drei Tage dauerte, ehe er so weit war, schließlich fuhr er doch los. »Daß du sie mir aber mitbringst, Helmold« rief ihm seine Frau noch nach, als er auf der Treppe war; »Es ist doch niemals schöner bei uns, als wenn wir drei zusammen sind.« Er hätte nicht sagen können, was für Fahrtgesellschaft er gehabt hatte; er sah kaum die Landschaft, die er sonst immer zur Unterhaltung mitnahm. Er hörte nur, daß die Wagenräder fortwährend nach einer und der selben Melodie seiner Frau die Worte nachsangen: »Wir drei, wir drei und wir drei,« und als er sich besann, fand er heraus, daß es eine Singweise von ihm selber war, die nämliche, die er gefunden hatte, als er Swaantje vor der weißen Heide malte, das Lied von der Rose Marie, zu dem ihm noch folgende Strophe eingefallen war: »Jedwede Nacht, jedwede Nacht, es hat mir im Traume dein Mund zugelacht; kam dann der Tag, kam dann der Tag, wieder alleine ich lag." Er wollte etwas anderes denken, aber er konnte die Melodie nicht abschütteln, solange er in der Eisenbahn saß. Als er dann in dem Jagdwagen nach Swaanhof fuhr, rasselten auch die Räder des Wagens in dem Takte des Liedes. Der Mond aber stand hinter den hohen Pappeln und grinste. Der Vollmond Von allen Freunden, die Helmold hatte, war der Mond der älteste; ob er sein bester war, das erschien ihm freilich fraglich, als er in dem großen Himmelbette lag. Treu und anhänglich war er zwar, aber er hatte die dumme Angewohnheit, immer dann zu kommen, wenn es Helmold am wenigsten paßte. Jetzt zum Beispiel hätte er gern geschlafen, um die Gedanken loszuwerden, die ihn fortwährend bissen; aber es ging nicht. Schon dreimal war er aufgestanden und hatte in den Park gesehen, der taghell vom Mondlichte war, und immer hatte er sich wieder hingelegt und den Versuch gemacht einzuschlafen. Schließlich gab er es auf; er lag mit offenen Augen da. Der Rücken tat ihm weh, sein Herz ging bald laut, bald leise, eben war ihm die Steppdecke zu schwer, dann wieder zu leicht. Und dann war diese aufdringliche Erinnerung da mit ihrem abgegriffenen Bilderbuche. »Helmke, schläfst du noch nicht?« fragte ihn seine Mutter. Er sah sie vor sich mit ihren sanften Augen und vernahm ihre warme Stimme. Und er hörte, wie er ihr entgegenquiekte: »Ach, Muttchen, der Mond und ich, wir haben eben so prachtvoll zusammen gespielt.« Ja, der Vollmond, der war an vielem schuld gewesen, auch daran, daß Harmtien Hilgenberg auf einmal zu ihrer Muhme auf das Land mußte. Helmold lächelte. Harmtien Hilgenberg! Wenn die Mädchen Wadenmessen spielten, war sie immer die Beste gewesen. Als sie dann einmal im Kirschbaum saß mit ihren weißen Strümpfen und ihren weißen Hosen, damit fing es an. Und dann der Wassergang und der Schloßwall! Ach ja! Schön war es doch gewesen, trotzdem es eine Kinderei war! Na, und schließlich kam der alte Hilgenberg dahinter, und es gab einen großen Krach. Beinahe wäre Helmold von der Lateinschule gejagt, und bei allen Müttern der Stadt galt er als ganz verdorbener Junge. Er lächelte. Dafür galt er bei den Töchtern als gefährlicher Mensch, und das schadete ihm wenig. Er seufzte. Das Bild an der Wand, das Swaantjes Mutter darstellte, sah ihn freundlich an. Ob das Mädchen auch wohl wachte? Sie hatte den ganzen Tag nicht gut ausgesehen; auch sie litt unter der Zudringlickeit des Mondes. Ob er ihr auch Dinge erzählte, an die man sonst nicht denkt? »Kerl,« hatte der Mond oft zu Helmold gesagt, »Kerl, weißt du, wie dein Leben sein müßte: ein Gedicht von rot in Rot; rote Küsse auf rotem Blut! Die weite Heide, Kerl, ein blitzblanker Rappe zwischen den Beinen, den Bogen auf dem Rücken, den Köcher an der Seite, und in der Hand das Schwert, das mit dem damaszenischen Stichblatt, Kerl, hinter dir tausend Kerle, so wie du, Kerl, und die alle auf den Pfiff gehorchen, Kerl, und dann der Feind! Kerl, nichts, sieht doch feiner aus, als rotes Blut auf einer mit Gold ausgelegten Klinge! Und dann Kerl, das Haus am Berge, das weiße, du weißt doch, unter den Eichen, und die beiden schönen Frauen, die dir entgegenwinken, Kerl, und dir geben, was du haben mußt, laute und leise Küsse, und heiße und kühle, so viel du willst. Was hältst du davon, Kerl?« Helmold warf sich auf die andere Seite. Albernheit! Aber schön wäre es doch. Damals, in München, hatte er jeden Tag zweierlei Küsse bekommen, laute und leise, heiße und kühle. Wie Swaantje wohl küßte? Sicher leise und kühl. Er schüttelte den Kopf und wischte sich die Lippen ab. Würde sie ihn wohl küssen mögen, wenn sie wüßte? Die kleine sanfte Schneiderin, was war sie weiblich. Miezi hieß sie. Und das dicke heftige Tresl! Er wäre verhungert, hätte er die damals nicht gehabt. Sie hatte sich ihm aufgedrängt, und er hatte sich ihre heißen Küsse und ihre heißen Bockwürste gefallen lassen. Die Akademie hatte ihm den ehrenvollen Abschied gegeben, Schneeschüppen brachte nicht sehr viel ein, der Vormund schickte ihm kein Geld; eine schöne Patsche war es, in der er saß. Keine Wohnung und ein Hunger, ein Hunger! Kalte Pellkartoffeln hatte er einmal mit Wonne gegessen, zweiundzwanzig Stück, und amerikanisches Schmalz dazu. Wenn er gewollt hätte, konnte er damals Selchermeister werden, denn das Tresl hätte ihren Vater dazu herumgekriegt. Beinahe war er schon so mürbe, aber da traf ihn der Mond im englischen Garten: »Kerl, du wirst doch nicht? Bist wohl verrückt, Kerl! Würstemachen? Ja, wenn es in der Heide wäre! Aber hier, das hältst du nicht aus auf Dauer. Komm mit, Kerl, ich will in die Heide!« Helmold trat die Steppdecke von sich, aber dann zog er sie wieder über sich und streichelte sie; Swaantje hatte die Spitzenkante gehäckelt. Swanntje! Er sprach den Namen leise vor sich hin. »Du hast dich eigentlich noch so gut wie gar nicht erholt, lieber Vetter!«, hatte sie ihm gesagt; »Du mußt hier nicht an deine Bilder denken!« Verächtlich verzog er den Mund. Seine Bilder! Die quälten ihn nicht. Ein Dutzend hatte er im Kopfe fertig, ein ganzes Dutzend, in diesen vier Wochen, seitdem er auf Swaanhof war. Und was für Bilder! Schulze in Firma Schulze und Schulze würde sich alle seine zehn klebrigen Finger danach lecken. Sechsmal hatte er ihm schon geschrieben und gefragt, ob er nicht das nächste Bild haben könnte. Früher war das anders; da mußte Helmold im Vorzimmer warten, bis ihm der Magen knurrte, und nachher hieß es: »Herr Schulze ist leider abgerufen!« Jetzt konnte er Herrn Schulze warten lassen, und der nahm es ihm nicht übel. »Ich habe Zeit, verehrter Meister!« grinste er. Und Hennig Hennecke sagte ganz ernst: »Malermeister, Herr Schulze, Malermeister.« Und Schulze lächelte schlagsahing: »Ein Witzbold, der Herr Redaktör, ein geistreicher Kopf!« Ja, daß er und Hennig Freunde wurden, das hatte er auch wieder dem Monde zu verdanken. Eigentlich war es zu dumm. Auf der großen Frühjahrskitschausstellung hatte die Jury endlich ein Bild von ihm angenommen und in die Ecke gehängt, wo das Tageslicht seine blendenste Negativität entwickelte. Hennecke hatte sein Verzeichnis dort liegen lassen und es abends geholt, und dabei hatte ihm der Vollmond Hagenrieders Bild gezeigt. »Die Nebelfrauen« hieß es, aber der Mond hatte Leberwürste aus den Elfen gemacht, und Hennecke hatte in seinem Berichte also geschrieben. Helmold lachte. Wo er hinkam, hielt man ihm die Zeitung unter die Nase. Fuchsteufelswild hatte er Hennecke auf eine Postkare gemalt, wie der abends über eine Moorwiese lief und sich vor lauter gespenstigen Leberwürsten ängstigte, die ihre Mostricharme nach ihm ausstreckten, und die hatte er ihm geschickt. Am andere Tage klingelte es: »Sie sind Hagenrieder? Ich heiße Hennecke! Wo pflegen Sie sich zu betrinken?« Nach einer Stunde waren sie ebenso angeheitert wie angefreundet. Ach ja! Wer so sein könnte, wie dieser Mann! So ruhig, so bäurisch, so zielbewußt. Er hatte ihm das einmal gesagt. Hennig hatte gelacht, ein Buch aus dem Schranke gelangt, eine Stelle aufgeschlagen und gelesen: »Der wird nicht weit kommen, der von Anfang an weiß, wohin er geht.« Dann hatte er gesagt: »Also sprach der Korse. Merke es dir, du Dussel, und sei froh, daß du nicht diese verflucht übersichtliche Begabung hast, wie ich. Kognak oder Chartreuse?« Helmold langte nach der Wasserflasche. In seinem Wohnzimmer hatte er Kognak. Aber er wollte nicht trinken; nun gerade nicht. Jedesmal, wenn er nicht hatte Maß halten können, war es bei Vollmond gesesen. Auch damals, als ihm das Leben auf der Kunstgewerbeschule den Atem nahm. Der Direktor, dieser Professor Römer, er meinte es ja gut, als er ihm eine Schwungfeder nach der anderen auszog. Und dann kam der bewußte Abend. »Nun noch die Schwanzfedern, dann der Professortitel und dann bin ich so weit,« hatte Helmold gedacht und sich derartig unter Sekt gesetzt, daß er drei Tage schwänzen mußte. Er lachte, denn das Gesicht des Direktors war zu niedlich gewesen, als der ihn gefragt hatte, warum er weggeblieben war, und die Antwort bekam: »Ich hatte zu viel Sekt getrunken!« Na ja, und dann gab es Krach, und es war Schluß. Grete hatte erst ein langes Gesicht gemacht, sich aber bald sehr tapfer benommen. Tüchtiges Mädel! Schade nur, daß sie ihn so gar nicht verstand. Oder vielmehr, daß sie zu sehr auf sich gestellt war. Da war Swaantje anders. Die lehnte sich mehr an, gab sich mehr hin, war weniger Mensch für sich, mehr Weib. Der Goldrahmen an der Wand blitzte. Im Garten rief das Käuzchen. Mehr Weib? Vielleicht schien das nur so. Wenn sie an einem anderen Platze stände, würde sie vielleicht weniger weiblich-hilflos wirken; körperlich wenigstens, oder vielmehr: leiblich. Helmold nahm sein Tuch und trocknete sich die Stirne und die Brust. Er sah sie neben sich, den Kopf auf seinem Arme, und er nahm sie und küßte sie auf die Hände und den Mund und langte nach den Spitzen unter ihrem Kinn; aber da war sie verschwunden. Er lachte bitter. So ging das immer; Hände und Mund, mehr bekam er von ihr nie, auch in Gedanken nicht, und im Traume schon gar nicht. Seine Stirne bezog sich, seine Augen stachen nach dem Bilde ihrer Mutter hin. »Wenn ein Mensch einen anderen liebt, müßte er es doch merken,« hatte Swaantje neulich gesagt. Professor Groenewold merkte es nicht, und Swaantje auch nicht. »Vielleicht kommt das daher, weil ich sie gar nicht als Weib liebe,« dacht er. »Wie aber? Als Bruder, als Vater, als Künstler?« Er seufzte tief auf und fuhr sich über die Augen. Das ging nun Nacht für Nacht so: die eine Nacht las er, die andere dachte er. Wenn Grete da wäre? Aber nein! Liebte er sie noch? Düster sah er in die Falten der Vorhänge. Was ist Liebe? Zusammenklang, aber kein Nebeneinanderklang. Ebu Zeidun, du hattest recht, zu singen: ›Und wir brachen den Zweig der Liebe und wir rissen seine Blüten herunter.‹ Und Henry Beyle wußte es auch, als er seiner Schwester schrieb: ›Wenn wirklich Liebe in der Ehe besteht, so ist sie ein Feuer, das erlischt, und zwar um so schneller erlischt, je heller es gelodert hat. Die Natur läßt die Nerven nicht lange in derselben Spannung, und jeder häufig wiederholte Eindruck wird geringer und weniger fühlbar.‹ Als er jene Stelle zum ersten Male las, vor sieben Jahren, hatte er an ihrer Wahrheit gezweifelt; aber es stimmte schon. Eine Mücke summte über ihn hin. »Wir drei, wir drei, wir drei,« summte sie. Ganz deutlich war das zu hören. Eine Totenuhr klopfte: »Wir drei, wir drei, wir drei,« klopfte sie. Die Turmuhr schlug: »Wir drei, wir drei, wir drei,« schlug sie. Wieder rief das Käuzchen: »Wir drei, wir drei, wir drei,« rief es. Die Wildenten schnatterten auf dem Burggraben: »Wir drei, wir drei, wir drei,« schnatterten sie. Grete oder Swaantje? Grete und Swaantje! Rot und grün! Laut und leise! Licht und Schatten! Heiß und Kühl! Komplemente! Das eine ohne das andere nicht zu denken. Ergänzungen! Hälften! Nein, Drittel, erst ganz, wenn es hieß: Gretehelmoldswaantje! Swantjehelmoldgrete! »Wir drei, wir drei, wir drei!« klopfte sein Puls, schlug sein Herz, hauchte sein Atem. Vor seinen Augen jagten sich seine Bilder und sangen ihm die Lieder, die er noch nicht kannte. Hier Wode, da Christus, der eine schwarz, der andere weiß, und dazwischen als Mittelbild des Tripytchons die Hinrichtung der Sachsen, rot in Rot. Christus und Wode sahen sich über das Bild an; Christus lächelte verlegen, Wode überlegen. Und das Bild sang: »Rose weiß, Rose rot, wie süß ist doch dein Mund!« Er sang die Weise vor sich hin. Weg war sie, und eine andere kam angesummt, leise, wie eine Mücke. »Sie sangen ihm von Avalun, Gelb war sein Haar,« klang es. Und da war das Bild: schneeweiße Sandhügel mit kohlschwarzen Schatten, die Sahara; davor tote Männer, Kabylen, lang, mit edlen Gesichtern; der eine mit rotem Bart und blauen Augen, der andere schwarz, Beni Benjamin, der Doktor. Und daneben mit Zuhältergesichtern, grinsend, wie Mandrills, französische Offiziere, Dirnen am Arm. Und dann Swaantje vor weißer Heide, und die Heide sang: »Rose Marie, Rose Marie, sieben Jahre mein Herz nach dir schrie«. Und noch ein Bild, fruchtbar: Mönche vor einem Holzstoße, der brannte, und in den Flammen Frigges, der Süßen süßes Gesicht. Und eine weinende Stimme sang: »Dann blühen alle Blumen rot, so rot, so rosenrot.« Frigge verschwand, Chali sah ihn an, doch sie hatte Gretes Augen traurige Augen! Aber nein, Swaantjes Augen waren es, bitterböse Augen. Am Morgen war ihnen in der Stadt eine junge Frau begegnet; böse hatte sie nach Swaantje hingesehen, und deren Augen wurden zu Eis. »Kennst du die?« Swaantje nickte. »Du haßt sie?« Sie zuckte die Achseln. »Ich glaube.« »Weshalb?« fragte er weiter. Sie hob abermals die Schultern. »Ich weiß es nicht; ich glaube, sie haßt mich; das fühlt man. Gesprochen habe ich nie mit ihr.« Liebe und Haß, was ist das? Die Buddhisten glauben, daß man dem Tode die Seele zerreißt, und daß dann die Stücke neue Verbindungen eingehen, glückliche und unglückliche; daher kommt alle Wonne in die Welt und alles Weh, alle Liebe, aller Haß, jede Guttat, jede Bluttat. Ein schöner Gedanke und ein schrecklicher! Swaantje, gib mir das Stück meiner Seele, das du bekamst, als du geboren wurdest, und wenn du das nicht kannst, gib dich mir ganz! Kannst du das? Am Ende bist du zum Teil Mann! Unsinn! Aber nein: denn wenn eine Frau nicht etwas Mann wäre, wie könnte sie dann Knaben gebären, und wenn ein Mann nicht etwas vom weiblichen Wesen in sich hätte, wie wäre es ihm wohl möglich, ein Mädchen zu zeugen? Es gibt keine Grenzen zwischen den Dingen; sie werden gemacht! Es gibt keine Arten und Gattungen bei Pflanzen und Tieren; wir denken das System in die Natur hinein! Eine dumme Eselsbrücke ist das für uns einsichtloses Pack. Man kann Umrisse malen, aber wo sind sie in der Natur? Auch die Moral, auch die Gesetze, sie sind künstliche Konturen. Wer sich in sie hineinbegeben kann, wohl ihm, jeder kann es nicht. Der Mond, der hinter den hohen Pappeln herschielte, schüttelte mitleidig den Kopf, als er alles das mit ansehen mußte, was sein Freund sich dachte. Er tippte ihm auf die Schulter und flüsterte ihm zu: »Kerl, komm, wollen uns was erzählen! Kannst ja doch nicht schlafen.« Listig grinsend setzte er hinzu: »Sie schläft auch nicht.« »Was geht dich das an, alter Esel?« schnauzte der Maler, aber dann lachte er, stand auf, holte sich seine Zigarettendose und setzte sich in den einen Sessel, der in der tiefen Fensternische stand, und der Mond plumpste in den anderen. »Berühmt siehst du nicht aus, Kerl,« sagte der Mond; »regst dich viel zu sehr auf. Mußt es machen wie ich, immer kühl bleiben, das setzt an.« Dabei klopfte er sich auf die strammsitzende Weste. »Halt die Schnauze, du dämlicher Affe,« fuhr ihn sein Freund an, aber dann fragte er: »Schläft sie wirklich nicht?« Doch der Mond war beleidigt; er antwortete nicht, und als Helmold ihm eine Zigarette anbot, dankte er; er sei nur Russen gewohnt und möge keine Herzogowinas. Helmold grinste heimtückisch und dachte: »Warte nur, alter Kartoffelkopp, ich kriege dich schon! Ich packe dich bei deiner Künstlereitelkeit; darauf fällt unsereins ja immer hinein.« Er blies den Rauch der Zigarette so, daß es dem anderen in die Stubsnase zog; der atmete ihn verstohlen ein und schielte heimlich nach der Dose aus Tulasilber, die aufgeklappt auf dem Fensterborde lag. Der Maler sah in den Park, wiegte wohlgefällig den Kopf, nickte, sah den Mond an und sagte: »Kerl, so gut ist dir noch kein Gedicht gelungen, wie dieses da; allerhand Hochachtung!« Er zeigte nach dem Schloßgraben: »Köstlich, dieser trefflich gelungene Vergleich des Wassers mit einer silbernen Brücke, einfach köstlich!« Er steckte sich eine neue Zigarette an: »Du bist sonst sparsam mit Ausrufungszeichen, Kerl; aber wie du da mit der Pappel die hochpathetische Stelle zu betonen wußtest, das ist einfach Goethe!« Er nickte und ließ seine Augen über den Park gehen: »Und wie famos, daß du hier und da nicht das Letzte sagst, sondern dem denkenden Leser Gelegenheit gibst, weiterzudichten, so dort bei der Efeustrophe; erst alles ganz bestimmt und klar, und dann diese geheimnisvolle, vielsagende, andeutende Dunkelheit.« Dann setzte er hinzu: »Nur eine Kleinigkeit, Kerl, die stört mich. Der an und für sich ganz prächtige Vergleich des witzigen Baumschattens auf der Wand des Flügelgebäudes mit einem Wegweiser könnte fehlen; er ist überflüssig, und das überflüssige ist immer unkünstlerisch, ist das Unkünstlerischste. Du kannst ja diese Stelle auch leicht streichen.« Der Mond, der anscheinend gleichgültig, aber innerlich sehr gestreichelt das Lob hingenommen hatte, lächelte spitzbübisch. Er faßte erst in die eine, dann in die andere Tasche, machte ein ärgerliches Gesicht, und griff dann nach der Zigarettendose, indem er sagte: »Du erlaubst? Ich habe meine im Überzieher stecken lassen!« Er zündete sich eine Zigarette an, ließ den Rauch aus den Lippen in die Nase steigen, atmete ihn ein, ließ ihn in zwei Ketten winziger Kringel aus den Mundwinkeln quellen, lächelte seinen Freund schelmisch an und sprach: »Meinst du, daß der Vergleich so überflüssig ist? Du glaubst, ich hätte ein einfaches Stimmungsgedicht geschrieben. Nimm einmal deine zwei bis drei Sinne zusammen und lies es mit Verstand, so wirst du finden, daß es ein zweites Gesicht hat. Weißt du, was es ist, Kerl?« Er sang halblaut: »Ein Lied der Liebe, ein Sang der Sehnsucht, ein Gebet an die guteste aller Göttinnen, an Frigge, die fröhliche Frau.« Helmold zog die Augenbrauchen hoch: »Das ist mir zu hoch, Kerl; das mußt du mir verklaren!« Der Mond grinste: »Also du hast den Vergleich mit einem Handweiser glücklich begriffen?« Der andere nickte »Handweiser pflegen zu weisen.« Wieder nickte Helmold. »Na also!« lachte der andere, und als der Freund ihn dumm ansah, plinkte er ihm zu, und da schlug der Maler sich vor die Stirn, denn der blaue Schatten auf der weißen Wand zeigte nach dem Erker hin, hinter dem Swaantje schlief. Bittend sah er den Freund an: »Du hast sie gesehen?« Der andere nickte listig lächelnd. »Bitte, lieber Dicker, erzähle, erzähle; was tut sie? schläft sie? Und wie geht es ihr? Geht es ihr gut, oder hat sie wieder ihre Schmerzen? Ach, Kerl, du weißt doch! Los, erzähle! Ich tu auch alles, was du willst. Soll ich dich in Öl malen oder in Pastell? Halbnakt oder ganz? Kniestück oder stehend? Voll oder halbvoll?« Der Mond nahm sich eine neue Zigarette, zündete sie an dem Stümpfchen der ausgerauchten an, blies den Rauch von sich, sah den Maler ernst an und begann: »Sie ist jetzt eingeschlafen, jetzt eben. Sie hatte Schmerzen, aber nicht sehr schlimme. Sie sah sehr schön aus. Ich habe sie gesehen, als sie sich umzog. Na, du weißt, ich sehe nicht mit Menschenblicken,« setzte er schnell hinzu, denn Helmolds Augen bewölkten sich. »Sie zieht sich niemals bei Licht aus; sie ist vor sich selber keusch.« Er blies einen dicken Ring in den Park. »Sieh mal, Kerl, ich kenne alle Frauen, die da waren, und sämtlich die da sind. Ich sah noch wenige, die diesem Mädchen glichen. Bis vor zwei Jahren war noch kein Gedanken an einen Mann auf ihren Lippen zu sehen, ihre Brüste lebten still für sich hin, ihre Lenden schliefen, und ihr Schoß wußte nichts von sich selber. Das ist jetzt manchmal anders.« Er runzelte die Stirn: »Ein sonderbares Menschenkind! Sonst weiß ich stets, an wen eine denkt, hier nicht. Zu flüchtig ist die Schrift, kaum zu lesen. Anfangs glaubte ich, so solle es heißen, aber dann sah ich, daß ich mich geirrt hatte. Außerdem, was sie denkt, es ist so wenig bewußt, daß schwer dahinter zu kommen ist, sehr schwer. Wenn ein unberührtes Weib eines Mannes liebend gedenkt, wird sie seiner gleichzeitig als Mutter, Schwester und Braut gedenken. Darum, lieber Helmold, du weißt, wir haben uns Aufrichtigkeit gelobt: sie denkt an dich.« Der Maler sprang auf: »An mich?« Der andere drückte ihn in den Sessel zurück, »ja, aber in welcher Weise, das, mein Lieber, weiß ich nicht.« Helmold keuchte: »Und der andere? Wie ist es damit?« Der Mond wiegte den Kopf hin und her: »An den denkt sie auch noch, aber in verblaßter Weise; an dich denkt sie mehr. Sie trägt Sorge um dich; sie denkt immer an dich. Ob aber nicht nur als Schwester, oder in der Art, wie eine Mutter ihres Kindes gedenkt, das kann ich dir wahrhaftig nicht sagen. Ich weiß nur das eine: ich bin heilsfroh, daß ich kein Mensch bin, denn sonst müßten wir uns auf krumme Säbel schlagen. Sie ist ohne Fehl trotz ihrer Fehler. Deren hat sie mehrere an Leib und Geist. Du weißt ja: ihre zu kleinen Hände, ihre allzugroße Nachgiebigkeit, und die zu stark entwickelte Willensschwäche, und dieser gänzliche Mangel an Selbstsucht. Und dann dieses allzu bewußte Vertiefen in Philosophie, Geschichte, Kultur, Dichtkunst und andere Allotria. Das ist mir zu unweiblich. Die Mitgift von Mannestum, die jedes Weib hat, braucht sie für ihre Bildung, statt für ihr Leben. Sie ist ein Stück Künstler, leider! Künstertum verträgt sich nicht mit Vollweiblichkeit: das Erzeugen ist euer Vorrecht.« »Frauen haben etwas anderes zu tun; vielleicht besseres. Denn, wie du weißt: Kunst, was ist das? Ein Notbehelf für das Leben.« Er seufzte: »Keiner weiß das so gut wie ich. Alle meine Werke und meinen ganzen Ruhm, ich gäbe das sofort hin für ein Stück gelebtes Leben." Er stand auf: »Und nun, Kerl, es wird Zeit; ich muß fot. Und dir fallen ja die Augen zu. Bis morgen!« Helmold stand müde auf. Er warf seine Zigarette in den Garten; wie eine Sternschnuppe fiel sie im Bogen in das Buschwerk. Vier Jahre waren es her, daß er mit Swaantje den sterbenden Sternen zusah. Sie hatte ihn gefragt: »Was hast du dir gewünscht, lieber Helmold?« Er hatte sie angelacht: »Ich wünsch nie etwas; ich will etwas. Aber was hast du dir gewünscht?« Sie lächelte: »Nichts; ich dachte erst daran, als es zu spät war.« Ja, so war sie, wunschlos und unbegehrt. Und wenn er nur wußte, ob er selber sie begehrte! Er hatte vergessen, den Mond danach zu fragen. Seine Seele begehrte ihre Seele. Das andere? Er prallte vor dem Gedanken zurück. Seine Lippen flatterten nach ihrer Stirne, seine finger dachten an ihre Hände; aber scheu gingen sie an ihren Schultern vorbei und mieden ihre Hüften gänzlich. Wie oft hatte er sie nicht im Ballkleide gesehen! Niemals war sein Blut wärmer geworden, und sie war doch so schön an Hals und Schultern, und ihre Arme waren herrlich. Aber nie hatte sich die gemeine Habsucht neben ihn gestellt und mit dem Kopfe nach ihr gewinkt. Sogar damals nicht in jener schlaflosen Nacht, einer Nacht, voll von Rosenduft und Nachtigallenschlag, als er in den Büchersaal ging, um sich Angelus Silesius zu suchen, und sie plötzlich vor ihm stand, im Nachtkleide, das Licht in der Hand, und der Schatten der Palmblätter mit unverschämten Fingern über ihre Schultern nach ihren Brüsten wies, die aus den Spitzen hervorsahen, die sie mit der linken Hand schnell zusammenraffte, als ihr Vetter ihr plötzlich gegenüberstand. Nur Schreck war es gewesen, was sie damals in seinen Augen hätte lesen können, und vielleicht eine reine Freude an ihrer Schönheit. Möglichenfalls hatte auf dem tiefsten Grunde seiner Seele ein zaghafter Wunsch schüchterne Worte gestammelt; doch sie waren von dem Willen überhört worden. Nur wenn sie das weiche, lose Kleid aus weißer Wolle trug, hatten seine Arme zärtliche Gedanken gehabt, denn so verlockend fraulich sah sie darin aus. Einmal, als sie in rosenrot und weißgestreiftem, locker gerafftem Kleide vor ihm her durch die blühende Wiese schritt, hatten seine altgeschulten Augen sich auf die Meldodie ihres Leibes zu besinnen versucht; bis zu dem Texte hatten sie sich aber nicht hingetraut. Die Schleiereule flog an dem Fenster vorbei; die Turmuhr schlug fünfmal; da legte er sich nieder. Aber noch zwei Viertelstunden mußte er sich von seinen Gedanken stechen lassen, ehe sie fortflogen. Die Amsel sang schon seit Stunden, da tat sich die Tür leise auf, und Swaantje kam im Nachtkleid herein; unter dem weißen Gewände schoben sich ihre nackten Füße verstohlen über den Teppich. Sie hielt mit der einen Hand die Spitzen über ihrer Brust zusammen, die andere hatte sie vor den Augen liegen, so daß das Morgensonnenlicht warm auf ihrem gebogenen Arme spielte. Sie riegelte hinter sich die Tür ab, beugte ihr Gesicht über ihn und ließ ihre Lippen seinem Munde entgegenschweben; mit einem stummen Jauchzer legte er seinen Arm um Adda. Denn Swaantje hatte sich verwandelt; Adda küßte ihn, Adda mußte er liebkosen, Adda, die ihm nicht mehr war, als ein hübscher, kluger, kaltherziger Mensch, der zufällig ein Weib war, mit dem kein einziger seiner geheimen Gedanken sich je beschäftigt hatte. Wehrlos mußte er sich der ungeliebten Frau hingeben, machtlos war er in ihren Armen, ohne Widerstand duldete er ihre langweilige Leidenschaft. Mit einem Seufzer, aus Luft und Ekel gemischt, fuhr er in die Höhe, sah wirr um sich, sprang aus dem Bette, warf sein Nachtgewand von sich und stieg in das Bad. Erst als er fertig angezogen vor dem Spiegel stand, gelang es ihm, den Zug von Pein fortzuwischen, der um seinen Mund lag. Aber als er genauer zusah, erblickte er hinter seinem Speigelbilde einen anderen Mann, von den Füßen bis zum Kopfe in Eisen gehüllt, der ihn aus der Visierspalte mit herrischen Augen ansah, und als er sich die Augen näher anschaute, erkannte er, daß es seine eigenen waren, und er wunderte sich darüber. Doch da war das zweite Spiegelbild auch schon verschwunden. »Nervenüberreizung«, dachte er und ging in das gelbe Zimmer. Der eiserne Ritter Die Sonne spielte mit den Stäubchen Kriegen, als er durch das Treppenhaus ging; sie fiel durch die grünen und roten Fensterrauten und warf bunte Streifen durch den Raum, die als seltsame Flecke an den Wänden hängen blieben. Helmold ging auf dem Läufer; deshalb wunderte er sich, daß seine Schritte klirrten, als habe er Reitstiefel an. Er drehte sich um, denn er dachte, der Reitknecht sei hinter ihm; aber als er den Kopf wandte und sein Blick in den Pfeilerspiegel fiel, sah er den eisernen Ritter darin stehen und zu ihm herübernicken. »Kaltwasserheilanstalt!« dachte er. Swaantje stand am Fenster, als er in das Frühstückszimmer trat; sie hatte das gefährliche Kleid an. Als sie ihn anlächelte und ihm die Hand bot, wurde ihm weh um das Herz, und ein bitterer Geschmack war in seinem Munde. Er dankte stumm, als sie ihm in ihrer lautlosen Art die Brotschnittte zurechtmachte und hinreichte, ihm den Tee eingoß und freundlich sagte: »Nun iß, lieber Helmold, und erzähle mir, was dir geträumt hat!« Er sah sie so entsetzt an, daß sie erst auflachen wollte, aber dann neigte sie sich über den Tisch, griff seine Hand und fragte: »Was hast du für einen traurigen Mund? Wieder schlecht geschlafen? Du sollst hier nicht an deine Bilder denken; das hast du mir doch versprochen.« Ihr Vater und seine Schwester kamen; erleichtert atmete Helmold auf. Der alte Herr sah die Post durch. Er machte ein böses Gesicht, und Frau Gese fragte ihn besorgt: Sind die Kurse wieder gefallen, liebster Ollig? Ich habe es mir gleich gedacht, denn wir haben nun einmal kein rechtes Glück; mein Los hat auch wieder eine Niete gehabt. Und denke dir; Pinke hat sagen lassen, mehr als acht Pfennige gäbe es für die Eier nicht mehr! Das ist doch wirklich stark. Swaantien, hast du schon gefragt, wie viele heute da sind?« Das Mädchen nickte. »Und ob das weiße Perlhuhn noch immer nicht da ist?« Das Mädchen antwortete durch ein Kopfschütteln. »Vergiß ja nicht, Fenna zu sagen, daß sie nicht wieder von der besten Butter für die Leuteküche nimmt, und Janna soll keine Zeitungen mehr zum Feueranmachen nehmen, sondern Reisig. Das Mädchen bringt mich noch um mit ihrer Verschwendungssucht!« Sie wandte sich an Helmold: »Ich werde nach Adda schicken; die kann heute nachmittag mit euch gehen, wenn ihr nach dem alten Heidengrabe wollt. Denn so sagtest du doch gestern, lieber Helmold?« Er wollte schon sagen: »Sehr angenehm!«, aber da sah er in dem Pfeilerspiegel den Mann im Harnisch stehen und verächtlich lachend den Kopf schütteln, und so antwortete er: »Ich verzichte; ist für Adda kein Genuß und für uns erst recht nicht!« Die Tante seufzte: »Sie tut es ja nur Eurethalben.« Helmold sah erstaunt auf: »Unserthalben? Uns liegt gar nichts daran, daß sie neben uns hertappelt und andauernd über die Gefahr stöhnt, der sie ihren Teint aussetzt.« Die alte Dame machte ihre kummervollsten Augen: »Aber lieber Helmold, allein solltet ihr beiden nicht so viel ausgehen. Frau Bergedorf machte neulich schon eine Bemerkung darüber!« Der eiserne Ritter nickte; seine Augen funktelten höhnisch durch die Visierspalte. »Bist du derselben Ansicht, liebe Muhme,« antwortete Helmold höflich, »So füge ich mich durch Abreisen. Was die Gaffelzange vom Duttenhofe sagt, ist mir gleich. Übrigens hat sie recht, übel von ihren Mitmenschen zu denken; ihr Vorleben ist ja auch danach.« Er sah in den Spiegel; der gepanzerte Mann nickte beifällig. Die Muhme sank hinter der Kaffeemütze zusammen. Helmold warf leicht hin: »Na, sie kann sich beruhigen, in zwei, höchsens drei Tagen muß ich fort: ich habe ein dutzend Bilder im Leibe. Aber heute und morgen will ich Swaantje noch für mich haben. Also verschone mich mit Adda, bitte! Kommst du mit in den Park, Swaantje?« Das Mädchen nickte und stand auf. Im Hausflur schüttelte er sich wie ein nasser Hund und lachte: »Muhme Geses Piepmatz ist bald schlachereif; kommt sie mir noch einmal so dumm, dann male ich sie als Göttin der alles aufweichenden Philisterhaftigkeit und die Bergedorfen daneben als in der kleinstädtischen Niedertracht, aber beide als Ganzakte, die eine als Braten, die andere als Knochenbeilage. Und darunter schreibe ich: Hätt' Eva so oder so ausgesehn, brauchte Adam nicht aus Eden zu gehen!« ' Das Mädchen lächelte, aber dann flehte sie: »Bitte, Helmold, die Tante ist gut; und sie hat dich so gern. Gestern sagte sie es noch.« Er knurrte: »Ich verzichte auf eine Liebe, die mir nicht bekommt; Schwindel ist das. Bitte, laß mich ausreden! Deine Muhme, ich habe dir das schon einmal in scherzhafter Weise gesagt, ist ein Ungetüm, das inkognito reist, ein menschenfressendes, kannibalaisches Geschöpf. Gestern hat sie in einer Stunde achtzehn geschlagene Male gesagt: \>Swaantien, hast du dies getan? Swaantien, hast du auch daran gesacht?\< Hätte sie es noch einmal getan, so hätte ich gesagt, die Krebssuppe wäre nicht geraten oder sonst etwas bodenlos Ruchloses.« Er zischte durch die Zähne: »Vierundzwanzig Jahre bist du alt, sie behandelt dich, als ob du vierzehn wärest. Jede Spur von Selbständigkeit nöhlt sie dir fort. Sie hat es durchgesetzt, daß du nicht nach Rom kamest; sie hat es vereitelt, daß du Krankenschwester wurdest; sie hat dich glücklich so weit gebracht, daß du eine Art von besserer Großmagd geworden bist. Du mußt stundenlang dabeistehen, wenn die Renekloden oder irgendein sonstiges besseres Baumgemüse abgenommen wird, damit die Mägde ja keine essen! Keine Stunde am Tage hast du für dich. Der Deuwel soll darein schlagen!« Er faßte sie an der Hand und zog sie in die Ebereschenlaube, die ganz rot von den reifen Beeren war. »Sieh mal, liebes Kind, ich habe mich allein durchgerungen; ich habe mir ein Wissen angeeignet, das sich sehen lassen kann; ich habe vier Erdteile bereist, habe gehungert und verschwendet, beides reichlich; habe geliebt und gehaßt, und nicht zu knapp; habe mit Fürsten und Verbrechern an einem Tische gesessen; habe die ganze Weltgeschichte in mich aufgenommen; alle philosophischen Systeme durchgekaut; zu vielen Göttern gebetet und vielen entsagt; mehr Wonne und Weh erlebt, als tausend Menschen, und deine Muhme sieht von der Höhe ihres Unternivos auf mich herab, wie die Katze auf dem Dach auf den Löwen; denn: Renekloden einmachen, das kann ich freilich nicht so wie sie, und mir geht jedes tiefere Verständnis für die metaphysische Bedeutung der Muskatnuß bei der Zubereitung des Blumenkohls ab.« Er holte eine Zigarre heraus. »Du erlaubst, Liebe? Mit Dampf geht es besser. Du hast wegen deiner Neuralgie zehn Ärzte gefragt und zwanzig Kuren gebraucht. Ich werde dir etwas sagen: ich schlage Muhme Gese tot, wir beerdigen sie mit Musik, lassen die vorschriftsmäßigen drei Zähren auf ihr Grab tröpfeln, und ich wette: in vier Wochen bist du nicht mehr Swaantien, die arme, verwaiste, hilflos betantete Nichte, sondern Swaantje Swantenius, meine schöne, kluge und stolze Base. Bei der Sonnenrune und dem heiligen Kreis, meine Geduld hat ein Ende! Ich bin ja nur ein Schwippvetter, der hier nichts zu sagen hat, aber ich werde, bevor ich abreise, einen solchen Höllenlärm schlagen, daß Muhme Gesina drei Tage lang von Angst und Baldriantee lebt und alle ihre Kommodenschiebladen nach Herzkrämpfen durchkramt. Und wenn sie mir nicht bei en Manen ihres Mopses verspricht, dich auf zwei Jahre aus dem Stalle zu lassen, dann erzähle ich es überall, ich hätte abreisen müssen, weil Frau Gesina Stieghölter geborene Swanteniussen mir andauernd schmutzige Anträge gemacht hätte.« Swaantje mußte nun doch lachen; ihr Vetter aber fuhr fort, indem er dabei wütend paffte: »Der Mensch hat an erster Stelle Pflichten gegen sich selber. Deine Pflicht ist, aus dir das zu machen, wozu dich das Schicksal bestimmt hat, aber dich nicht selber im Grundrisse zu verzeichnen und in der Fassade zu verkorksen. Du mußt heraus aus deiner Watteverpackung, mußt etwas erleben, Gutes und Schlimmes, aber nicht dasitzen, bis du jenseits von Gut und Böse bist, dein Herz an einen Mops hängst und drei Stunden darüber redest, daß der Gerichtsrat Meyer seinen Lehnstuhl neu hat überziehen lassen. Ich mache Dir aus deiner Bibel nicht viel; sie liegt mir nicht, aber es steht doch manches vernünftige Wort darin, so von dem Pfunde Sterling, mit dem man wuchern soll. Glaubst du denn, ich weiß nicht, wie dir zumute ist? Nun bin ich bald vier Wochen hier, und in der ganzen Zeit habe keine Nacht mehr als drei Stunden geschlafen, und manche gar nicht. Heute war es halb sechse, als ich einschlief! Du meinst, weil ich an meine Bilder denke? Ich pfeife darauf! An dich habe ich gedacht, um dich mir Sorge gemacht; denn ich kann es nicht ansehen, wie die Frau dich auf kaltem Wege hinrichtet, und das tut sie. Aber ich kenne dich und weiß, bei dir hat alles Reden keinen Zweck, weil du verbrecherisch selbstlos bist. Und das macht mich so mutlos.« Beim Mittagessen war er von blendender Kälte, denn der eiserne Mann sah ihn fortwährend aus dem Spiegel an. Deshalb versalzte er der Muhme die Suppe mit gleißenden Widersprüchen, verpfefferte ihr den Braten mit funkelnden Vergleichen und übersüßte ihr den Schokoladenpudding mit irrlichternden Witzen, bewies ihr auf das höflichste, daß sie eine Gans in Großfolio sei, und überzeugte sie auf das verbindlichste, daß sie am besten täte, nichts zu sagen. So aß sie denn kaum so viel, wie die drei anderen zusammen, und war selig, sah Helmold sie einmal nicht spöttisch an. Auch sagte sie nichts, als er nachher in weißer Bluse, Kniehosen und langen Strümpüfen, die Jacke auf dem Arme, herunterkam, und sie seuftze noch nicht einmal, als er auf ihre Frage: »Wollt ihr denn kein Butterbrot mitnehmen?« antwortete: »Im Gegenteil; einmal ist das kleinbürgerlich, und dann wollen die Wirte auch leben.« Es war ein Tag in Blau und Gold. Der Himmel war hoch, die Sonne lachte über das ganze Gesicht, die Feuerbohnen, Sonnenblumen und Georginen hinter den Zäunen freuten sich ihres Lebens. Und Helmold auch. Er hatte den unbarmherzigen Zug um die Lippen verloren, und hinter dem frohen Leuchten seiner Augen schimmerte eine Zärtlichkeit, wenn er Swaantje ansah, die ihr rosenrotes Kleid, ihr Morgenrotkleid, wie er sagte, anhatte, und den weißen, weichen, mit einem rosenroten Bande umwundenen Hut. Tausende von goldenen Gedanken blitzten vor ihm über den Weg hin, und nur ab und zu summte ein schwarzer oder brauner dazwischen herum. Hinter ihm her aber schritt der eiserne Ritter; das Klirren seiner Sporen klang gut zu Swaantjes hellem Lachen, mit dem sie Helmold für sein fröhliches Geplauder dankte. Zwei Bauernmädchen kamen ihnen entgegen und boten ihnen die Tageszeit. Sie streiften ihn trotz seiner aufallenden Kleidung kaum mit den Augen, sahen Swaantje aber voll andächtiger Bewuunderung an. »Merkwürdig!" dachte er; »alle Frauen sehen sie an; jeder Mann blickt an ihr vorbei! Woher das wohl kommt? Sie ist ihnen zu geistig, zu hoch, zu unnahbar; ein goldenes Gitter von Reinheit ist vor ihr.« Der Fußweg unter den Hängebirken war so schmal, daß Helmold hinter ihr gehen mußte. Ein Fest war das für seine Augen, wie sie vor ihm herschritt, umflossen von dem leichten Kleide, dessen lose Formen ihren hochadeligen Wuchs geflissentlich hervorhoben. Der Ritter flüsterte ihm über die Schulter zu: »Sie ist die Schönste, die Allerschönste: wer sie lieben darf, den kann kein Himmel mehr lohnen und keine Hölle mehr schrecken.« Aber Helmold zuchte die Achseln. Eine Viertelstunde hatten seine Blicke nun schon die Locken ihres Nackens geküßt, ohne daß ihre Wangen roter wurden, ohne daß sie sich umwendete, und er wußte es: jedes Weib, dem er in den Nacken blickte, drehte sich nach ihm um. Er sah sich nach dem Ritter um; der lächelte und flüsterte: »Das Windröschen blüht in einer Stunde auf, die Rose braucht mehr Zeit dazu.« Aus den Zweigen der Birken lispelte die Hoffnung Helmold verheißungsvolle Worte zu; aber da flog ihm ein dicker, schwarzer Gedanken mitten in das Gesicht; er dachte an den Mann, den Swaantje liebte. Doch dann wiegten sich seine Blicke wieder in den Falten ihres Kleides, das über dem grauen Fußsteige schwebte wie Morgenröte über einem Flusse. Als sie vor dem Donnerkruge waren, setzte er die hohlen Hände vor den Mund und schrie wie ein Haupthirsch vom zwölften Kopfe. Die hübsche Wirtin schoß aus der Tür heraus, lachte, gab ihm die Hand und machte zu Swaantje dieselben andächtigen Augen wie vorhin die beiden Bauernmädchen. Sie deckte unter der Linde. Als sie den Kaffee herbeitrug, stellte sie in einen alten Krug, auf dem ein sringendes Pferd zu sehen war, einen mächtigen Busch von Astern, Ringenlblumen und Georginen auf den Tisch, so daß Helmold ihr eine Kußhand zuwarf und rief: »Großartig, Frau Trui; nun haben wir alles, was wir brauchen.« Er hatte seine lichte Laune wieder. Seine Augen lachten, als Swaantje ihm den Kaffee aus der bauchigen Zinnkanne eingoß, und er aß in einem fort, nur um sich an den leisen Bewegungen ihrer Arme zu erfreuen, wenn sie ihm vorlegte. Aber dann sah er ihre Hände an, und ein mütterliches Mitleid stieg in ihm auf: »Arme, kleine, müde, entsagungsvolle Hände!« dachte er, und ein bitterer Zug schloß seine Lippen; »Hände, deren Seele nur gedacht und nie gelebt hat, die von Sehnsucht erzählen, aber von keinem Wunsche; Hände, die im Schatten aufwuchsen!« Doch da flüsterte der Ritter ihm etwas in das Ohr. Ensetzt prallte er zurück und machte Kontrahieraugen; aber als er den eisernen Mann ansah und merkte, daß er keinen häßlichen Spott mit ihm trieb, da nickte er ihm verstohlen zu, gab ihm heimlich die Hand und war wieder der lustige Kamerad. Fortwährend erklang Swaantjes fröhliches Lachen, so viel bunte Witze und farbige Schnurren breitete er vor ihr aus, und die Falte der Entsagung zwischen ihren Brauen war nicht mehr zu sehen. Sie gingen dann die heiße Landstraße entlang, bogen zwischen den kühlen Wallhecken ein, kamen über die sonnenbeschienene Heide und durch Wiesen, glitzernd von Licht. Solgange sie nebeneinander gingen, blieb der Mann im Harnisch taktvoll zurück; wurde aber der Weg schmal oer morastig, so daß das Mädchen vorangehen mußte, sofort war der Ritter wieder neben Helmold und flüster ihm durch die Visiersplate zu: »Vergiß nicht, was ich dir geraten habe!« und Helmold sah ihn an und schüttelte den Kopf. Ja, er wollte es wagen, mochte daraus enstehen, was da wollte! Eine übermütige Luft überkam ihn. Mit schmetternder Stimme begann er ein schalkhaftes Volkslied; in den Schlußreim aber legte er jedemal alle Süßigkeit der Sehnsucht. Er sprang von Hott zu Hüh und kam immer wieder geschickt darauf zurück, daß Kunst, Wissenschaft, Religion und Philosophie nichts seien gegen ein bißchen erlebtes Leben; aber das beste an ihm sei und bleibe die Lieben zwischen Mann und Weib. Das Mädchen hörte aufmerksam zu, doch ihre Wangen blühten nicht voller auf, und ihr Atem ging seinen gewohnten Weg. Aber wenn er auf den wundersamen Zusammenklang von Schatten und Licht, auf die Unter- und Übertöne der Landschaft, auf den geheimen Sinn der Blumen und auf das beredte Schweigen der Bäume hindeutete, dann schenkten ihm ihre Augen zärtliche Blicke. Kalt durchschauerte es ihn, wenn bei jedem ernstgemeinten Worte ihr innerstes Wesen sich gegen seine Brust lehnte. Mit barschem Griffe faßte er mitten in ihr religiöses Gefühl hinein, als sie von der Seligkeit des Glaubens sprach. »Du verabscheust den Selbstmord, liebe Swaantje,« begann er, »aber was ist denn Glauben anders als Selbstmord? Wer glaubt, dem ist das Leben kein Problem. Er kann sich getrost begraben lassen; für ihn gibt es keinen Kampf mehr. Ich aber will kämpfen; sonst danke ich für das Leben. Wir Germanen sind niemals gläubig gewesen. Religion hatten wir immer, aber eine Diesseitsreligion; das Jenseits versparten wir uns für später: Mit beiden Beinen standen wir auf dieser lieben Erde, leben unser Leben in Zucht und Sitte, berauschten uns nicht an Wollust und Grausamkeit und brauchten daher auch nicht, wie die Asiaten, Opiate wie Reue und Buße. Zu unseren Göttern standen wir wie zu unseren Fürsten; wir zahlten ihnen pünktlich den Zins, machten Front, fuhren sie vorbei, und damit holla! In unser persönliches Leben durften sie nicht hineinreden. Ich habe mehr als einmal mit dem Tode Kugeln gewechselt; aber niemals ist mir dabei der Gedanke gekommen, daß ich vorher erst ein reines Hemd anziehen müsse, für den Fall, daß ich plötzlich vor jemand stehen würde, der erst meine Wäsche ansähe, ehe er mir die Tür aufmachen ließ. Wir sagen: wir sind Christen, aber wird sind es nicht; wir können es auch nicht sein. Christentum und Stammesbewußtsein vertragen sich ebensowenig, wie Sozialismus und Kultur. In der Theorie sind wir Christen; aber sobald es an die Praxis geht, in Politik, Geschäft und dergleichen, dann sind wir ganue solche Heiden wie die Männer, die dort schlafen gelegt wurden.« Er zeigte nach dem Tödeloh hin, der sich vor ihnen über der Kiefernheide erhob, und von dem das verbuhlte Gurren eines Ringeltäubers herüberklang. Die Sonne stand noch hoch, so daß die gewaltigen Wachholderbüsche halb schwarz, halb goldig aussahen; aber die Ferne war in dichten Duft gehüllt, und über dem Bachgrunde lag der Nebel wie der Atem eines Hünen. Der Fußweg war so schmal, daß Helmold die Gelegenheit benutzte, um hinter der heißgeliebten herzugehen. Er drehte sich um und nickte seinem Hintermanne zu. Ja, er wollte es wagen! Sie sollte etwas erleben! Er wollte sie umfassen und küssen und das Weib in ihr wecken; der Föhn seines Atems sollte das Gletschereis von ihrer Seele schmelzen und der Platzregen seiner Küsse den Staub von ihrem Herzen waschen. Sie sollte sein werden, ehe die Sonne hinter dem Wahrbaume zu Boden glitt. Er wollte jedes Gedenken an den anderen in ihr fällen, wollte Feuer in ihre Vergangenheit werfen und das taube Gekräut totbrennen, um Platz für die junge Saat zu schaffen. Absichtlich blieb er hinter ihr, mit Fleiß ließ er sie vor sich hergehen. Seine Lippen sollten dursten nach ihrem Munde und seine Hände hungern nach ihrem Leibe; sinnlos sollten sie vor Liebe werden. Er pflückte einen langen Halm und ließ dessen Spitze über ihre Wangen gleiten; läsig strich sie mit der Hand nach der Stelle hin. Als er zum dritten Male den Scherz mache, sah sie sich um und lächelte ihm schalkhaft in die übermütig funkelnden Augen. Er sang leise und mit aller Zärtlichkeit, die er in seine Stimme legen konnte, ein verträumtes Liebeslied, daß das Volk sich erdachte, und in dem das Allerletzte zwischen Mann und Weib gesagt wird, aber als er endete: »Denn deine Unschuld und die mußt du lassen bei dem Jäger auf der Lüneburger Heid«, da blieb sie stehen, sah ihn mit leuchtenden Augen an und sagte: »Das ist ja ein köstliches Lied; das habe ich noch nie gehört!« Ein kalter Schauder lief ihm über das Herz; sie sah das Kunstwerk in dem Liede und fühlte nichts dabei. Mutlos ließ er den Kopf hängen, schritt hinter ihr her; ihm war, als müßte er sie schlagen. Doch der Ritter flüsterte ihm zu: »Sie ist ein unberührtes Weib; wer sie zuerst küßt, den wird sie lieben. Und du willst sie küssen, wirst sie küssen, mußt sie küssen, schon ihretwegen, um sie zu erlösen, damit sie sich herausringt aus dieser blutlosen Nonnenhaftigkeit, aus diesem unmenschlichen Vegetieren, aus diesem geschlechtlosen Unleben. Das willst du, das mußt du, und das wirst du!« Der urzeitliche Friedhof lag in zufriedenem Schweigen da; der Stechpalmen Korallenschmuck leuchtete heiß aus dem kalten Blattwerke, das sich hinter dem grauen Seelenhause erhob. Swaantje nahm aus dem bunten Strauße, den ihr Frau Heinemann mitgegeben hatte, eine schneeweiße Aster, zwei blutrote Georginen und vier von den grellen Ringelblumen, band sie mit einem blonden Halme zusammen und legte sie vor die Tür der Urahnenkapelle hin. Dann ließ sie sich auf der Jacke nieder, die Helmold für sie über das schimmernde Moos gelegt hatte, und er setzte sich zu ihrer Linken. Sie saß ein wenig unter ihm, so daß er sie mit den Augen umspannen konnte. Wild schlug sein Herz und dann wieder zaghaft. Ein dumpfer Druck lag auf seinem Gehirne, und seine Kehle war wie eingeschnürt. Aber kein heißer Schauer lief ihm über die Brust, und keine süße Erwartung fieberte in seinen Lippen; nur eine bleiche Furcht hochte hinter ihm, und vor ihm kauerte die Hoffnungslosigkeit, von oben bis unten in Spinneweben gekleidet. Swaantje sah in die Sonne, die rot und rund über dem weiß atmenden Bruche stand. Sie wandte sich nach Helmold, sah ihn zärtlich an und sagte: »Vetter, wieviel Schönes habe ich dir doch zu verdanken; ich hätte nicht geglaubt, daß der Herbst mir so viel bringen würde.« Ihre Augen schimmerten feucht, als sie ihm die Hand gab; kühl lag sie in seinen heißen Fingern, so kühl, daß er sie nicht festzuhalten vermochte. Aber da flüsterte ihm der Ritter zu: »Jetzt sprich ihren Namen so zärtlich aus, wie du kannst, und sieh ihr so bitten in die Augen, wie du es vermagst, und dann nimm sie und küsse sie, bis ihre Seele in der deinigen ertrinkt.« Helmold nickte und sah das Mädchen an, das verträumt nach der Sonne hinblickte, die sich immer schneller dem Wahrbaume näherte, dessen schwarze Kronen wie eine böse Rune über dem Milchsee stand. »Swaantje,« begann er, und er erschrank, denn seine Stimme klang ganz blaß. »Vetter?« antwortete es ihm, aber dabei sah Swaantje unverwandt in die Sonne. »Liebe Swaantje«, begann er von neuem, und spottete in sich selber über die Farblosigkeit seiner Stimme; »Du hast mir kürzlich etwas gesagt; nun will ich dir auch etwas sagen: ich liebe dich.« Er sah scheu zur Seite, denn da stand der Ritter, stampfte mit dem Fuße, daß es klirrte, lachte verächtlich und fauchte durch das Visier: »Dümmer konntest du es gar nicht anfangen!« Swaantje war kaum zusammengezuckt; sie sah nach der Sonne, und Helmold fuhr fort: »Ich liebe dich seit sieben Jahren. Ich habe dich vom ersten Tage an geliebt. Ich habe dich schon geliebt, ehe daß ich dich kannte, ehe daß du lebtest.« Er seufzte tief auf: »Ich weiß das erst seit jenem Abend, als Grete sagte: Du müßtest immer bei uns bleiben, Swaantje; ich dächte mir das reizend, wenn wir drei immer zusammen blieben. Ich wäre dann deine Sonnenfrau, Helmke, und Swaantje wäre dein Mondweibchen.« Das Gesicht des Mädchens war blutlos geworden; geisterhaft hob es sich von dem dunklen Wacholderbusche ab; ihre Augen hingen fest an der Sonne, die mit bösem Blicke über dem Wahrbaume stand. Helmold half einem Käfer auf, der im Sande auf dem Rücken lag; dann sprach er weiter: »Du weißt, daß Grete am anderen Morgen fragte: \>Ist dir nicht gut?\< Ich hatte in der Nacht kein Auge zugetan. Ich habe seitdem überhaupt noch nicht wieder geschlafen. Es ist seither keine Stunde gewesen, daß ich nicht an dich gedacht habe. Und deswegen kam ich nicht zu euch. Aber schließlich sah ich ein, daß ich zugrunde ging, wenn ich dich nicht wiedersah. Ich habe wie ein Verrückter gearbeitet; sonst wäre ich irrsinnig geworden. Ich habe seitdem mehr gemalt, als andere in zehn Jahren zuwege bringen. Aber ich habe es als todkranker Mann gemalt. Schließlich mußte ich dich sehen und kam. Am Tage lebte ich; in jeder Nacht starb ich. Du weißt, wie ich des Morgens aussehe, und du weißt, wie anders mein Gesicht wird, wenn ich eine Viertelstunde bei dir bin. Ich habe mich ganz genaue daraufhin untersucht, wie ich dich liebe, ob als Bruder, ob als Vater; aber ich liebe dich als Mann; ich will dich. Und deshalb muß ich dir das alles sagen, denn sonst, ich bin meiner nicht mehr sicher, und wenn ich dein Vertrauen verlöre, dann müßte ich mein Leben fortwerfen. Denn das würde ich verlieren, hätte ich das getan, was ich mir vorhin vorgenommen hatte: dich in den Am zu nehmen und in mein Herz hinein zu küssen.« Der Ritter schüttelte mit dem Kopf und ging langsam von dannen. Helmold und Swaantje sahen nach dem Wahrbaume, dessen unheinmliche Zauberrune mit Gold unterlegt war. Dann sprach das Mädchen: »Helmold, das ist furchtbar, das ist entsetzlich. Ich wollte, ich könnte dir helfen, aber ich kann nicht. Selbst wenn das nicht wäre, wovon ich dir sprach, könnte ich dir nicht helfen. Ich bin sehr unglücklich darüber, denn du tust mir so unsäglich leid. Und auch bin ich stolz darauf, sehr stolz, und ich danke dir, du hast mir ein großes Leid geschenkt, und eine große Freude. Wenn ich dir nur helfen könnte, liebster Helmold! Aber du weißt es selbst, daß ich das nicht kann. Nicht wahr?« Sie sah ihn zum erstenmal wieder an; er nickte ihr mit ernstem Gesichte zu, bückte sich und küßte ihre Hand, und sie zuckte merkbar zusammen, denn sie fühlte, daß eine Träne darauffiel. »Armer Helmold!« flüsterte sie und sah dahin, wo die riesenhafte Rune stumpf und tot vor dem rosenroten Himmel stand, während darüber ein Stern aufgehen wollte. Der Ritter kam wieder herangeschlichen: »Noch ist es Zeit, noch ist es nicht zu spät!« raunte er heiser: »greif zu! Eine Stunde wie diese kommt niemals wieder. Küsse sie! Mein Wort darauf, sie ist dein.« Helmold sah ihn ungläubig an. Swaantje schauderte zusammen. »Steht hier irgendwo Irrkraut?« fragte sie und drängte sich ganz dicht an ihn heran, so dicht, daß ihre Backe an seiner Schulter lag und ihre Lende seinen Schenkel berührte. »Nun oder nie!« zischte der Mann im Harnische ihm zu, und Helmold näherte von hinten seine Hand, mit der er sich in das Moos gesützt hatte, der Schulter des Mädchens; aber da sah sie ihm ängstlich in die Augen und flüsterte: »Steht hier welches? Ich fürchte mich!« Er gab ihr die Hand und half ihr auf. »Feigling, Dummkopf!« rief ihm der Ritter zu und ging laut lachend durch den hohen Adlerfarn, daß es rauschte. Der Abendwind warf mit dem dunkelgrünen Gerüche des zertretenen Krautes um sich, und Swaantje schauderte abermals zusammen. »Schrecklich, wie das Farnkraut riecht! Hast du keine Angst davor?« Er lächelte: »Nein, ich habe vor nichts Angst!« Er legte ihr das Spitzentuch um die Schultern, zog die Jacke an und reichte ihr den Arm; ohne Zögern legte sie ihre Hand hinein und lehnte sich fest an ihn, wie er es liebte. Als er sich umdrehte, stand der Ritter an einen Baum gelehnt und blickte ihm höhnisch nach; er sah wie ein hoher, spitzer Wacholderbusch aus. Krähen flogen über sie hinweg und schrien sich heiser: schweigend ruderte ein Reiher dem Flusse zu. Der Himmel sagte einen zweiten Sonnentag an; hell stand der Liebesstern da. Lange Zeig sprach Helmold nicht, dann begann er: »Du verstehst doch, Swaantje, daß ich dir das alles sagen mußte?« Sie nickte ernsthaft. »Und ich muß es auch Grete sagen.« Sie nickte abermals. »Und obzwar ich mir dadurch, daß ich dir meine Liebe in dieser Weise offenbarte, alle und jede Hoffnung genommen habe, ich bin doch froh darüber, daß ich es tat. Und ich bin froh, daß es so gekommen ist. Ich hatte immer die Angst, daß ich alt und kalt geworden wäre; wer liebt, ist nicht alt. Ich weiß, daß ich noch jung bin und ein Herz habe; denn es blutet, und das danke ich dir. Ich war so hoffnungslos. Grete und ich, wir haben uns heiß geliebt. Das ist vorbei. Sie ist zu sehr selbsteigene Persönlichkeit, um in mir aufgehen zu können; alles in ihr wehrt sich gegen mich. Darum macht sie mir so oft, oder eigentlich immer, Opposition. Das kann ich nicht vertragen, denn ich bin eine Herrennatur und will keinen Widerspruch; von meinem Lebensgenossen wenigstens nicht. Wer mir widerspricht, ist mein Feind. Die Frau aber soll der beste Freund des Mannes sein. Grete kann mir das nicht sein; mein Wesen und ihres stammen aus verschiedenen Ländern, meines aus Nord, ihres aus Süd. Uns trennt eine Weltanschauung, eine Lebensauffassung. Ihr Wollen drängt von sich zur Welt; mein Wille geht von dem, was da ist, zu dem, was ich bin. Sie ist zentrifugal, ich zentripetal. Sie lebt; ich schaffe. Wir haben aneinander keinen Teil.« Er blieb stehen, zündete sich eine Zigarre an, und als er bemerkte, daß das Mädchen totenblaß aussah, strich er ihm sanft über die Backen, gab ihm den Arm und sprach im Weitergehen: »Trotzdem gehören Grete und ich zusammen, denn sie liebt mich, und ich liebe sie; und dann haben wir Kinder. Ich weiß, was du denkst, aber ich sage dir: trennte ich mich von ihr, und liebtest du mich auch, so wie ich dich liebe, du kämest dann erst recht nicht zu mir und solange Grete meine Frau ist, habe ich auch keine Hoffnung, daß du mein wirst. Das ist mir alles ganz klar. Zudem: du liebst einen anderen.« Der Arm des Mädchens zuckte in dem seinigen und er fühlte, wie sie sich fest er gegen ihn lehnte. »Friert dich?« fragte er. Sie schüttelte den Kopf, und er fuhr fort: »Wenn der, den du liebst, dich liebte, und er brächte dir das Glück, dann könnte ich wieder ein froher Mann sein.« Sie schauderte wiederum zusammen und lehnte sich noch fester an ihn. »Du frierst doch wohl?« fragte er; »willst du meine Jacke? Ich brauche sie nicht." Sie wehrte ab und flüsterte, und süßer als je zuvor, erschien ihm der Tonfall ihrer Worte: »Dann muß du mich aber sehr lieb haben, Helmold!« Er antwortete erst nicht, aber dann sprach er mit sanfter Stimme: »Mehr als meine Kunst.« Der Ritter flüsterte hinter ihm: »Aber Mensch, sie will ja, daß du sie küssest! Küsse sie! Sie liebt dich und nicht den anderen!« Doch Helmold, der bemerkt hatte, daß Schauer auf Schauer das Mädchen schüttelte, blieb stehen, zog seine Jacke aus und befahl: »So; kleine Mädchen haben zu gehorchen!« Und so verstand er nicht, was der Mann im Harnisch ihm zuraunte. Er half Swaantje, die mit niedergeschlagenen Augen da stand und beklommen atmete, in die Jacke, und dann sagte er: »Nun wollen wir etwas schneller gehen,« und eine lustige Weise flötend, schritt er, das Mädchen am Arm, an dem Ritter vorbei, der schwarz und gespenstig auf der Heide zurückblieb. Tief im Walde ließ der Kauz sein blutrotes Lied erschallen; vom Flusse her heulte ein Dampfer; es klang fast genau so. Der Mond kam hinter den Kiefern hervorgegangen; sie spannen lange Schatten über den weißen Weg. Helmold lachte auf: »Hör, Swaantje die beiden! Was sich liebt, das neckt sich. Denkt dir das Bild: Der Waldkauz balzt den Dampfer an! Findet er Gehör, so gibt es ulkige Küken: kleine Dampferschen, die auf die Mausjagd gehen, oder Ulenküken, die nach Steinkohlen piepen. Und nun reden wir nicht mehr davon.« Er schwenkte ihren Arm auf und ab und pfiff die Kasatschka. »H'ach!« fing er dann an: »Die möchte ich noch einmal tanzen. Das ist ein Tanz, der nach roten Küssen und nach roten Messerklingen riecht! Tanzen ist: trampeln, daß die Diele donnert, und die Mädchen hin- und herschmeißen, bis sie windelweich sind, aber nicht diese betutige Dreherei, wie sie jetzt in Mitteleuropa im Schwange ist. Überhaupt: Ballschleppe und tanzen! Das ist schon mehr Fesselballonbetrieb. Etwas angetrunken muß man auch sein, und die, mit der man tanzt, muß hinterher zu allem Ja sagen; sonst ist das einfach zuchtlos. In der Ukranja habe ich mit einer getanzt, Marja hieß sie und war ganz hellblond; aber sie hatte den Satan im Leibe!« So prahlte er und erzählte Kosakenschwänke und Witze, die er in der Herzegowina gehört hatte, und Schnäcke im Hamburger Ewerführerplatt und Schnurren in pfälzischer, und ostpreußischer, schlesischer und bayerischer, münsterischer und berliner Mundart, und eine immer toller als die andere, so daß Swaantje mehr als einmal hell auflachen mußte. Er blieb auch den ganzen Abend lustig und versöhnte Tante Gesina gänzlich wieder, denn er machte gar keine kecken Witze, sondern blieb völlig in der guten Weise des Marktfleckens. Um elf Uhr ging er zu Bett und las bis zwölf Uhr im Herodot. Dann blies er das Licht aus und sah gegen die Decke, die taghell vom Mondlichte war. Um ihn summte ein neues Lied, erst leise, dann laut, bis seine Lippen die Weise nachsummten: »Am Himmel steht ein goldener Stern, dahinten über dem Walde«. Und ein neues Bild reimte sich darauf; ganz kühl zog er es in den Vordergrund seines Bewußtseins: gelben Sand, weißglühende Sonne, ein Trupp französischer Fremdenlegionäre, alle blondbärtig und blauäugig, halb verrückt vor Durst durch den Sand stolpernd; neben ihnen, zu Pferde, ihre Zigaretten rauchend, die schwarzbärtigen Offiziere, darüber ein Aasgeier. Plötzlich warf er sich auf das Gesicht, biß in das Kopfkissen, weinte, daß es ihn schüttelte und flüsterte: »Swaantje, meine geliebte süße Swaantje!« Eine halbe Stunde lag er so da. Dann stand er auf, wusch sich das Gesicht, trank die Wasserflasche fast leer, sah in den Park, holte sich seine Zigarettendose und wollte sich damit vor das Fenster setzen. Aber als er an dem Spiegel vorbei kam, prallte er zurück: der Ritter stand da. Seine Rüstung blitzte weiß, das Visier hatte er heruntergeklappt; er sah an ihm vorbei, wie an einem wortbrüchigen Halunken und wies mit dem Finger nach dem Seelenhause im Tödeloh. Helmold stellte die silberne Dose hin und legte sich nieder. »Elende Hyperästhesie!« dachte er, als ihm die Augenlieder zufielen. Das Seelenhaus Das gelbe Zimmer war voll von der Vormittagssonne, als Helmold eintrat; zwei Sonnenblumen, die in einem blauen Zierkruge standen, starrten ihn mit toten Augen an. Swaantje kam herein; sie sah frisch und gehoben aus, erschrak aber sichtlich, als sie ihren Vetter ansah, und als der in den Spiegel blickte, erkannte er sich kaum wieder: er sah nicht angegriffen aus, aber seine Augen waren welk und seine Lippen abgeblüht. Er las die Briefe, die auf seinem Platze lagen, und reichte einen nach dem anderen dem Mädchen. Das nickte ihm bei dem ersten fröhlich zu, jubelte bei dem zweiten auf und klatschte bei dem dritten in die Hände. »Wie freue ich mich, wie freue ich mich! Drei große Bilder so gut verkauft; Aufträge über Aufträge, und nun noch erster Sieger in einem internationalen Ausschreiben!« Ihre Stimme fiel herab, als sie ihn ansah: »Aber freust du dich denn gar nicht ein bißchen, lieber Helmold?« Er nötige sich ein Lächeln ab und sagte gleichgültig: »Natürlich; Berühmtheit ist bar Geld.« Sie sah ihn enttäuscht an. »Lieber Helmold,« begann sie nach einer Weile schüchtern, »Sei nicht böse; heute kann ich dich nicht begleiten. Lies bitte!« Er nahm den Brief und seufzte: »Was fange ich nun ohne dich an? Aber den Vormittag, Swaantje, nicht wahr, den bekomme ich doch? Viel ist es ja nicht mehr.« Sie gingen nach dem Ausgang des Parkes. Da stand unter zwei ungeheueren Silberpappeln eine graue Steinbank; dort ließen sie sich nieder und sahen über die Wiesen, von denen der Maikrautduft des Grummets herkam. Beide waren still; Helmold war todmüde; es war schon hellichter Tag gewesen, als seine Augen das Sehen vergaßen, und swaantje war betrübt, denn unter seinen Brauen her flogen nur kalte Blitze über das lachende Land, und wenn er sprach, so hörte es sich an wie Herbstlaubgeraschel im Winde. Er sah dahin, wo unter einem breiten Weißdornbusche die Hütebude lag; mit ihren beiden kleinen Türen und ihrer stumpfen grauen Farbe sah sie aus wie das Seelenhaus in Tödeloh. »In den Büchern steht, in den großen Steinkammern hätten unsere Urahnen ihre Häuptlinge begraben,« fing Swaantje an; »glaubst du das?« Er nickte: »Ja, das schon, aber diese Hünenbetten sind auch Seelenhäuser gewesen, denn sie sind genau in der Art der Wohnhäuser erbaut. Alle Jahre am Todestage ihrer Lieben legten unsere Urahnen dort Wildpret hin und gossen Honigbier in die Schalen und zündeten ein Feuer darin an, damit die Seelen sich erquicken und wärmen könnten, kehrten sie einmal wieder zurück. Auch Blumen werden sie dort wohl niedergelegt haben.« Er sah mit verlorenen Blicken nach der Hütebude, und sonderbar klang es, als er fortfuhr: »Swaantje, wirst du mir auch Blumen bringen, damit ich mich darüber freuen kann, wenn ich einmal wiederkomme?« Das Mädchen sah in erschrocken an und faßt seine Hand: »Lieber Helmold, wie kannst du mich so ängstigen! Das war nicht hübsch von dir. Du bist überreizt, überarbeitet, nervös; du solltest einmal in ein richtiges Pussiersanatorium gehen, wie damals, als du so herunter warest.« Er sah sie spöttisch an: »Meinst du, daß mir heute noch ein Flirt hilft? Das glaubst du doch selber nicht.« Das Mädchen sah einem weißen Falter nach, der an ihr vorüber in die Wiese flog, die Weidenröschen am Grabenrand umflatterte und ziellos weitertaumelte. Dann sah sie die Hand ihres Vetter an, die auf seinem Knie lag; gestern war sie noch männlich und straff gewesen, nun sah sie weiberhaft aus und ermüdet. Verstohlen besah sie ihre eigene Hand; beide Hände waren sich jetzt ähnlich; früher waren es Gegensätze gewesen. Die braune, derbhäutige, großporige, haarige, in breiten, harten Nägeln endende Hand des Mannes erinnerte sie an den Vorsteher Groenhagen, hinter dessen derben Zügen, unter dessen harten Augen so sehr viel unausgesprochener Kummer lebte. »Ja, Swaantje, das ist nun so!« lachte Helmold und wies nach einem hohen Riesenampferbusche, der mit seinen feuerroten Blättern unbändig prahlte; »der rote Hinnerk da, so nennen die Bauern das Kraut, jeder freut sich darüber, wie er so knietschrot dasteht; aber ist er welk, er ist tot. Ein Meister der Farbe ist er, aber sein grünes Herz ist gestorben.« Er unterbrach sich, denn ihm war, als stände eine bleiche Gestalt in dem Seelenhause und winkte ihn zu sich heran. Dann lächelte er über sich; erstens war das kein Seelenhaus, sondern eine Hütte für Hütejungen, und die bleiche Gestalt, das war ein alter Lappen, der da hing. Er warf den Kopf in den Nacken, »du magst recht haben, Swaantien!« Sie lächelte ihn an, denn noch hatte er die Koseform ihres Namens gebraucht. Er pfiff eine leichtsinnige Weise vor sich hin. »Ich bin Überarbeitet, habe mich dazu um dich zuviel gesorgt. Nun verschieße ich mich noch dazu; das zieht in keinen hohlen Weidenbaum.« Er summte: »Und kann es nicht die Lilie sein, so pflück' ich mir ein Röselein.« Er machte ein säuerliches Gesicht: »Mein Herz heil pussieren, das wird schwer halten, aber als Heftpflaster hilft vielleicht so ein bißchen Eintagsliebe. Man weiß nur nie, was man sich damit für Löcher ins Gewissen läuft. Die andere hat sich vielleicht schon wer weiß wie lange getröstet und man meint immer noch, sie wankt mit durchgescheuerter Seele herum.« Er scharrte mit der Fußspitze im Sande umher: »Na, die Hauptsache ist, daß du dich heute Nachmittag in eurem Geisteslackierklub gut vergnügst. Wird Er auch da sein?« Swaantje wurde rot: »Ich glaube,« flüsterte sie, aber es lag keine Freude in ihrer Stimme. »Weißt du was Zuckerchen,« fuhr es Helmold heraus, »eigentlich müßte ich mit und dir dort in einer so feuergefährlichen Weise den Hof schneiden, daß dem Professor das Brett vor dem Kopfe aufbrennt; denn das hat er doch sicher dort, denn schließlich kein rechtschaffener Mann eine einem anderen, und tritt man ihn auf die Platzhirschhühneraugen, dann wetzt er sogleich die Kampfsprossen. Aber die Bergedorffsche ist da samt ihren üblen Töchtern, und so wie ich mich kenne, setzte es einen Heidenskandal, ginge ich mit. So will ich lieber zusehen, daß ich den Bock in der Wittenriede bekomme.« Nach dem Mittagessen bat er sich den Fuchs aus, hängte die Büchse über und ritt in das Bruch. Dort stieg er ab, ließ das Pferd bei den Hütejungen und waidwerkte zu Fuße weiter. Aber er spähte nicht nach dem alten Bocke, der dort umging, er träumte mit kalten Augen über das Land hin, das in der Sonne glitzerte. Schließlich setzte er sich bei dem Seelenhause an, rauchte und brütete vor sich hin. Immer wieder gingen seine Augen nach der Büchse. Er sah sich um: wenn er seinen einen Fuß in die Brombeerranken wickelte und sich durch das Herz schoß, dann nahm alle Welt ein Unglück an; denn das ein Künstler an dem Tage, der ihm den größten Auftrag seines Lebens gebracht hatte, Selbstmord verüben könne, das glaubte kein Mensch. Ein Druck, und er konnte endlich einmal wieder ausschlafen. Aber dann fiel ihm ein Wort Hennings ein: »Selbstmord wirkt niemals tödlich,« hatte der einst gesagt und hinzugefügt: »denn es ist keine organische Lösung.« Und dann waren die Kinder da, seine lieben Kinder, Swaan und Sweenechien, und Grete und Swaantje. Schon derentwegen durfte er nicht Hand an sich legen; sie würde vor Gram zerbrechen. Außerdem: er hatte den Auftrag vom Schicksal, seinem Volke viel Schönheit zu bringen. »Nein,« sagte er zu sich, »nein, das tust du nicht!« Er stand auf, entlud die Büchse, warf den Patronenrahmen in den Bachkolk und ging nach der Wittenriede. Der starke Bock äste sich auf dem Wiesenfleck; gleichgültig sah Helmold ihm zu. Ein dutzend Male war er hinter ihm hergepürscht; aber selbst, wenn er jetzt eine Patrone gehabt hätte, er hätte nicht schießen mögen. Ihm lag nichts mehr daran. Ihm war an nichts mehr etwas gelegen. Ihm war alles gleichgültig. Ihn langweilte sogar die Landschaft. So spitzdünkte ihm das Glitzern des Stechpalmenbusches, zu frech seine roten Beeren, und albern kam ihm des wilden Täubers Ruf vor. Er lag im Moose, auf derselben Stelle, auf der er tagszuvor gesessen hatte, rauchte und starrte ohne Blick über die Wiesen hin. Er sah sein zukünftiges Leben vor sich: wie ein Brandmoor würde es aussehen. Nur Nutzpflanzen würden darauf noch gedeihen. Moorkorn, Hafer, Kartoffeln, aber keine rosige Blüte mehr. Mit Hand und Kopf würde er große Werke schaffen, derweil sein Herz unter Ruß und Asche lag. »Alles müssen wir bar bezahlen,« hatte Henning gesagt; »alles!« So war es, alles gab ihm das Leben und nahm ihm alles, weil es ihm das eine nicht gab. Er versuchte, sich zum Weinen zu zwingen, in dem er den Namen der Geliebten vor sich hinflüsterte, und die Stelle streichelte, wo sie gesessen hatte; doch seine Augen lachten ihn aus. Müde stand er auf, ging langsam dahin, wo der Fuchs war, schenkte den Jungen eine Mark, saß auf und ritt die Landstraße entlang. In Mecklenhusen stand die Wirtin vor der Türe und lachte ihn einladend an. Er grüßte flüchtig und trabte weiter, obwohl ihn hungerte; aber er mochte mit niemandem sprechen, der ihn kannte. Deshalb schlug er die Straße nach Lüttgenhusen ein und stieg beim Taternkruge, wo er noch nie gewesen war ab. Das war eine schmierige Kneipe; aber das paßte ihm gerade. Er aß das Butterbrot, das ihm die schlumpige Wirtin brachte, mit dem Genuß des Ekels. Ein fünfzehnjähriges Zigeunermädchen mit hübschem Gesichte, bunt angezogen, kam herein, bettelte ihn an und machte ihm verheißungsvolle Augen. Er schenkte ihm ein blankes Markstück und einige Zigaretten, ging aber nicht auf sein Sprechen ein. Dreimal drehte es sich noch nach ihm um, als es dem Walde zuging, und als es unter den Kiefern stand, winkte es ihm schnell mit den Augen und lächelte. Er merkte sich den Fluß der Bewegungen und die ganze Erscheinung, aber nur mit den Augen, sein Blut blieb kalt, so kalt, daß es ihn fror. »Glas Grog!« befahl er. Die Wirtin sah ihn verwundert an, denn er hatte sein Bier noch vor sich stehen. »Noch eins!« rief er, als er es ausgetrunken hatte. Da wurde ihm besser. Farben und Töne brannten und klangen in ihm durcheinder; er sah ein Bild in Moll vor sich und hörte eine blaßrote Melodie. Er nahm sein Taschentuch heraus und schrieb ein Lied hin, las es durch, änderte eine Stelle, schrieb ein zweites, ein drittes und noch eins. Eine Kiepenflickerfamilie, die inzwischen eingetreten war, sah ihm neugierig zu, und zwei Handwerksburschen machten heimlich ihre Witze über ihn. Er sah es, kümmerte sich aber nicht darum. Ein Motorradfahrer kam herein, schimpfte mörderlich, weil er vor einem Hunde so schnell hatte stoppen müssen, daß er seine Maschine verdorben hatte, stampfte im Zimmer auf und ab und versuchte, mit Helmold ins Gespräch zu kommen; der antwortete nicht. Er trank noch zwei Gläser Grog und blieb sitzen, bis die Uhr die siebente Stunde angab. Dann stand er auf, zahlte seine Zeche und die der Handwerksburschen, die darüber ganz verlegen wurden, und ritt fort. Als er zu Tische kam, fielen seine Blicke, sogleich auf Frau Adda. Sie saß ihm gegenüber, machte ihre verwitwetsten Augen und sprach über bildende Kunst. Er hielt sie in höflicher Form zum Narren, bewies ihr, daß es gar keine bildende Kunst gäbe, sondern nur einzelne Kunstwerke, aß wenig und schützte nach aufgehobener Tafel vor, er müsse eilige Briefe schreiben. Er schrieb aber nur die vier Gedichte ab, gab sie Swaantje, die er auf der Treppe traf, sagte ihr, er wolle den Abend allein verbringen, und ging in den Ratskeller, wo er sich in die dunkelste Nische setzte, den Vorhang zuzog, dem Kellner verbot, Licht zu machen und irgend jemandem zu sagen, daß er da sei. Er starrte vor sich hin, trank aber nur wenig von dem Rüdesheimer und ließ seine Zigarre kohlen. ?Ein toter Mann trinkt nicht, ein toter Mann raucht nicht," dachte er und sah das Seelenhaus vor sich, neben dem er unter dem goldenen Moose lag, ein Häuflein Asche in einer schwarzgebrannten Deckelurne und vor dem Seelenhause lagen Blumen, weiße Rosen, Lilien, Astern, Maiblumen, wie die Jahreszeit sie bot, und die glitzerten im Mondenlichte; aber nicht Tau war es, der in ihren Kelchen schimmerte, Tränen, kalte Tränen der Reue. Er sah eine Gestalt neben dem Seelenhause stehen, in braune Gewänder gehüllt, Schleier vor dem Gesicht, einen Kranz von Ringelblumen im Haar. Sie winkte ihm und breitete die Arme nach ihm aus und flüsterte: »Sanft will ich dich betten, so sanft.« Schal kam ihm seine Kunst vor: gemaltes Leben, weiter nichts. Leinewand, stinkende Farbe, vom Keilrahmen gehalten, der sich feige hinter dem Prunkrahmen verkroch, eine Lüge das ganze! Und ein jammervoller Notbehelf statt des Lebens, das ihm gebührte, eines Lebens, das rot in Rot vor seinem Auge stand, hellrote Küsse auf einem Hintergrunde von dunkelrotem Blute. Das Ende? Ein Pfeil in der Brust, zwei Küsse auf den Lippen, und so, zwischen der Sonne und dem Mond, zwischen der lauten und leisen Geliebten, schnurstracks nach Walhall, und da: Fortsetzung folgt! Aber sein Leben würde fortan anders sein: Grau in Grau, hellgraue Sehnsucht auf dunkelgrauer Hoffnungslosigkeit. Malen, malen, malen, der Professortitel, ein paar Orden, eine Jubelfeier, wenn die nötige Knickebeinigkeit da ist, und ein sanfter Strohtod mit viel Gezappel und Äthereinspritzungen. Hol's der Teufel! Straffe Männertritte näherten sich seiner Koje, der Vorhang flog zur Seite und vor ihm stand Beni Benjamin. Unbefangen gab er Helmold die Hand; sein schmales Beduinengesicht leuchtete von herzlicher Freude. ?Ich hörte von der Wirtin, daß Sie hier seien," sagte er mit seinem dunklen Basse, ?und daß Sie allein sein wollten. Ich sah sie heute vom Kruge in Mecklenhusen aus, und Ihr Gesicht gefiel mir nicht. Deshalb dachte ich: laß ihn grob werden, das ist sein Recht als Patient! Und nun: Rüdesheimer verbiete ich Ihnen; wir trinken Sekt. Erstens ist mir gestern ein Sohn geboren, und zweitens bekommt Ihnen das besser." Als der Sekt da war, hob er das Glas: ?Auf das, was wir lieben!" Helmolds Gesicht bekam Schlagschatten, und seine Augen wetterleuchteten. Aber dann lachte er lebhaft. »Eine Gemeinheit ist der anderen wert,« sagte er, zog sein Skizzenbuch hervor, riß ein Blatt heraus, schrieb darunter: »H. H. s. l. B. B.« und gab es dem Arzte. Der besah es genau; Lichter und Schatten flogen über sein Gesicht. Er streckte dem Maler die Hand hin: »Dank, vielen Dank, Hagenrieder!« Er stellte die Skizze gegen den Kühleimer und sah sie eine Weile an. Dann flüsterte er, und seine Stimme klang noch dunkler: »Sie sind der einzige Mensch, der mich erkannt hat. Durch und durch haben Sie mich gesehen, lieber Freund, Sie, der Vollgermane, mich, den Ganzsemiten. Wissen Sie warum: weil wir im Grunde ganz das selbe sind, Sie in Blond, ich in Schwarz.« Er seufzte: »Die Leute glauben, ich bin glücklich.« Er mauschelte: »Der raaiche Doktor Benjamin!« Er warf seine Zigarre in den Kühleimer: »Na ja, so in epidermaler Hinsicht bin ich glücklich, aber die Intestina denken anders. Jeden Tag, wenn ich nach dem Essen lang mache und rauche, dann weiß ich, daß ich ganz woanders hingehöre, auf einen Pferderücken, oder ein Kamel, und um mich ist die weite Wüste. In meinem Zelte aber, das bei einer Quelle unter Palmen steht, ist nicht bloß eine Frau, die mich küßt, es sind deren zweie, eine laute und eine leise.« Er trank sein Glas aus und sah den Rauchringeln nach. »Eine für das Herz und für die Seele,« flüsterte er nach einer Weile, und seine Augen bekamen einen hungrigen Blick. Der Kellner kam und machte ihm eine Meldung. »Gehen Sie mit?« fragte er; »ich muß noch nach der Mühle hin; die Großmutter hat wieder einen Anfall. Das beste für die gute Frau wäre ja Morphium, denn diese Herzbeklemmungen sind schrecklich. Aber das dürfen wir ja nicht. Ist das eine verlogene Welt heute! Einer hetzt den anderen unbedenklich mit Geschäftspraktiken tot; aber ein elendes Geschöpf, das alle zwei Tage stirbt, zu erlösen, das erlaubt die Moral nicht. Ja, die Moral!« Sie gingen die mondhelle Landstraße entlang, die von den Schatten der Kiefern gestreift war. Der Vollmond dichtete die Wacholderbüsche auf der Heide zu bösartigen Gespenstern um. Helmold ließ den Arzt reden. Er sah sich mit Swaantje am Arm durch die mondhelle Heide gehen; ein kreischendes Verlangen von ihr sprechen zu können, überkam ihn. »Sie kommen oft nach Swaanhof, Doktor?« fragte er den Arzt. Der nickte. »Ja, ich tue so, als ob ich nach der alten Dame sehe, aber die junge meine ich. Es ist ein Skandal, was aus der geworden ist! Von dem bißchen Neuralgie ist sie nicht so herunter! Das ganze lavendelduftende Kommodenschubladenleben macht sie krank. Ist das ein Mädchen! Wissen Sie, die in Schwarz, das wäre meine leise Frau; Blond liegt mir so fern wie Ihnen meine Kulör. Aber in meiner ganzen Praxis ist kein Mensch, um den ich mich so ängstige, wie um sie. Gewalt! möchte man schreien, wenn man zusehen muß, wie sie zugrunde gerichtet wird. Natürlich in der besten Absicht. Ich kann reden, was ich will, immer heißt es: ›Lieber Herr Doktor, das viele Lesen und Malen greift meine Nichte zu sehr an‹, oder ›Sie hat doch alles, was ein junges Mädchen braucht!‹ Lieber Hagenrieder, machen Sie doch einmal Krach; vor ihnen hat die Alte einen Heidendampf. So, und nun gehen Sie so lange in die Schenkstube. Ich bin gleich wieder da und dann, wenn es Ihnen recht ist, trinken wir noch eine dicke Flasche oder zwei. Wissen Sie, bei Vollmond muß ich Bettschwere haben.« Helmold setzte sich unter die Linde auf den breiten Stein; allein mochte er nicht in der Schenke sein, weil er dort noch nie gewesen war und eine alberne Schüchternheit ihn lähmte. Er lächelte vor sich hin: »Solamen miseris«, dachte er. Aber ein mäßiger Trost, daß es dem Arzt ebenso ging, wie ihm! Und es ging ihm viel besser, denn er hatte seine leise Frau noch nicht gefunden; er aber hatte sie gefunden und hatte sie zur selben Stunde verloren. Im Grunde hatte Benjamin vielleicht nicht so unrecht; als er ihm vorhin sagte: »Frauenseele! ich glaube nicht daran; unsere heiligen Bücher wissen davon nichts. Frauen sollen ihre Seele ihren Männern und ihren Kindern geben; das ist ihr Zweck. Die das nicht können, sind mißlungen.« Eine furchtbare Angst befiel ihn. Gretes Seele hatte sich ihm entwunden, und Swaantjes Seele würde nie sein werden, wenn nicht Swaantje sein würde. »Aber wie ist das möglich,« dachte er, »Daß zwei Seelen sich voneinaner lösen, die einst eins waren, wie meine Seele und die von Grete.« Denn das hatte er oft gefühlt, wenn sie in seinen Armen zerschmolzen war, daß nicht nur ihr Leib ihm gehörte. Das war nun vorbei; er war hier, und sie war da. Sie war ihm Lebenskampfkamerad, Freund, ja; er wollte aber nicht gestützt sein, er wollte durchdrungen sein. Mann und Frau mußten den heiligen Kreis bilden, mußten sein, wie die beiden Dreiecke mit den fünf Spitzen, zwei und doch nur eins. Die Semiten waren klüger, die gaben sich nicht mit Idealen ab; darum war das Hexagramm ihr heiliger Kreis und nicht das Pentagramm, wie bei den Ariern. Und deshalb waren die Juden glücklicher im Leben, scheinbar wenigstens, denn schließlich: die besten unter ihnen schielten doch aus dem Sechsstern zum Fünfstern, wie er von Grete nach Swaantje. Warum: die eine ging in sich auf, war eine in sich geschlossene Natur, die andere ein problematischer Charakter. Die eine satt, die andere hungrig, unbewußt hungrig. Eine Meteorkugel zog ein himmelblaues Band über den mondhellen Himmel und fiel dahin, wo Swaanhof lag, oder wo das Tödeloh stand. Eine reisende Drossel flog über die Linde und pfiff verlassen; unsichtbare Brachvögel riefen trostlos. Helmold fror das Herz. Er stand auf und wollte in das Haus; da kamen harte Schritte näher, und der Arzt stand vor ihm. »Haben Sie eine Erscheinung gehabt?« fragte er, als er den Maler ansah. Der lachte: »Nein, eine Gänsehaut!« Aber Benjamin sah ihn besorgt von der Seite an. »Na,« meinte er dann, »die laute Janna und die leise Manna sind gut dagegen. Übrigens anständige Mädchen und nicht glücklich; ein und derselbe Mann hatte beiden die Ehe versprochen, und nun lachen sie sich am liebsten ihren Kummer fort, denn sie lieben ihn beide noch immer, trotzdem an dem Kerl nichts dran war.« Helmold fühlte sich in der gemütlichen alten Wirtsstube, in der es verstohlen nach Bratäpfeln roch, schnell heimisch. Er kam in die Ofenecke in den breiten Ledersessel hinein; rechts von ihm saß Janna und links Manna; sie sahen ihn mit Augen an, in denen eine mitfühlende Freundlichkeit lag. »Nach Sekt,« scherzte der Arzt, »Champagner am besten schmeckt.« Er nahm die Laute von der Wand und klimperte darauf herum, eine Weise dazu brummend, die nach Moschus und Ambra roch. Er stieß mit allen an: »Funditus!« befahl er und schenkte wieder ein, erzählte eine lustige Geschichte, füllte die Gläser abermals und bat die Mädchen um ein Lied. Sie zierten sich nicht; Janna spielte, und Manna sang dazu ein Lied, das wie Liebesgeflüster im Lindenlaubschatten war, und noch eines, hell wie ein Aufquietschen hinter einer Haustüre an einem dunklen Winterabend. »Nun Sie,« bat der Arzt und reichte Helmold die Laute; »Aber erst die Gläser aus und eine neue Flasche; unsere Köpfe kühlen wir nachher im Mondenschnee!« Helmold griff einige Akkorde und sang dann zu einer verschüchterten Begleitung das heimliche Lied an den Abendstern. Die Augen der Mädchen wichen nicht von seinen Lippen, und der Arzt sah ihn mit besorgter Miene an. »Bitte noch eins,« bat Janna leise, und Manna flüsterte: »Ach ja!« Helmold sang das Lied von dem goldlockigen Jüngling, der auszog, Avalun, das schöne Land, ganz und gar von Zuckerkand, zu suchen, und der es erreichte, als er unter dem Notlaken lag. Unaufgefordert sang er das dritte Lied, das so zart war wie perlgraue, mit Rosenrot gesäumte Abendwolken, und als er schloß: »Sag ja! dann ist das ferne, fremde Land so nah; dann singt der Vogel nimmermehr von Tod und Not, dann blühen alle Blumen rot, so rot, so rosenrot,« hatten beide Mädchen feuchte Augen, und auf der Stirne des Arztes lag eine Falte, die wie ein Hufeisen aussah. Die Mädchen baten stumm um ein viertes Lied. Helmold stellte erst die Laute hin, nahm sie aber wieder auf, stürzte ein Glas Champagner hinunter und begann leise, aber mit jubelnder Stimme: »Rose weiß, Rose rot, wie süß ist doch dein Mund, Rose rot, Rose weiß, dein denk ich alle Stund.« Die Augen der Mädchen erhellten sich; aber als die Laute einen wehen Ton gab, und es wie ein Weinen weiter klang: »alle Stund bei Tag und Nacht, daß dein Mund mir zugelacht, dein roter Mund,« da sahen sie ihn verängstigt an und atmeten beklommen. Jauchzend klang es wieder: »Ein Vogel sang im Lindenbaum, ein süßes Lied er sang, Rose weiß, Rose rot, das Herz im Leib mir sprang,« und abermals wimmerten die Saiten und wie ein Schluchzen war es in des Sängers Stimme: »sprang vor Freuden hin und her, als ob dein Lachen bei ihm wär, so süß es klang.« Die Uhr ging hart durch die Seufzer der Mädchen. Helmolds Stimme lachte wieder: »Rose weiß, Rose rot« und dann zerklirrte sie, als er fortfuhr: »Was wird aus dir und mir?« und schneidend, wie Glassplitter wurde ihr Ton bei den Worten: »ich glaube gar, es fiel ein Schnee, dein Herz ist nicht bei mir,« und es war bis auf das Geräusch der Uhr totenstill in dem Gemache, als er endigte: »nicht bei mir, geht ändern Gang, falsches Lied der Vogel sang von mir und dir.« Die Zwillingsschwestern waren ganz blaß, Benjamin schenkte stumm den Rest ein, und der Maler sah mit einem bewußten Gefühle von Scham vor sich hin. Der Arzt ging zuerst hinaus, dann folgte Helmold. Im Hausflur drückten ihm die Schwestern die Hand, und eh' er es sich versah, nahm ihn von jeder Seite eine in den Arm und küßte ihn schnell auf den Mund, ohne daß sie sich vor dem Arzte scheuten. Der nickte ihnen freundlich zu. Der Mond stand mitten über der schneeweißen Straße; taghell war zu beiden Seiten der Wald. Die Männer gingen schweigend nebeneinander her, trocken klangen ihre Schritte. Helmold war todmüde, aber vor dem Bette graute es ihm. »Von wem sind die Lieder?« fragte der Arzt. »Von mir,« antwortete der andere, und seine Stimme hörte sich staubig an. »Die Melodien auch?« fragte Benjamin weiter. Der andere nickte, aber er war schon wieder anderswo, denn der Wald trat angstvoll vor der Heide zurück, so unheimlich sah sie im Mondenlichte aus. Helmold aber schien sie süßer Heimlichkeiten voll zu sein; er sah über dem schmalen, weißen Weg, der zwischen den schwarzen Wacholderbüschen den Hügel emporschlicht, ein morgenrotfarbiges Kleid, das einen schlanken Leib umspielte, und in völliger Selbstvergessenheit summte er die Singweise des Rosenliedes vor sich hin. Plötzlich blieb er stehen und horchte in den Wind hinein, der in der Ferne sang; ein angstvolles, bitterliches, wehes Weinen war darin, und zum streicheln deutlich sah er vor sich ein weißes, tränenlose schluchzendes Gesicht und einen verwaisten Mund. »Was ist Ihnen?« fragte sein Begleiter und schob ihm die Hand unter die Achsel. »Sie fiebern ja! Drückt Sie etwas? Mir können sie getrost alles sagen.« Doch der Maler schüttelte den Kopf und lächelte gezwungen: »Halluzinationen, Übermüdung und Sekt, weiter nichts; ich habe oft dergleichen.« Aber er wurde wieder frischer, als der Arzt auf Swaantje zurückkam, ihm auseinandersetzte, daß das Mädchen in die Welt müsse, um sich einen Beruf zu suchen, Liebe und Leid zu finden, damit sie nicht am lebenslosen Leben verwelke. Und da Helmold straffer schritt, begann der andere das ganze Wesen des Mädchens zu schildern in den Farben der Bibel und mit einem Verständnis für ihre Eigenart, daß dem Maler das Herz schwoll. Als sie vor dem Gutshause Abschied nahmen, sah Benjamin, daß Hagenrieders Gesicht wieder fieberfrei war. Er blickte ihm nach, als er mit leichtem Schrittte über den Hof ging und so sicher, als wenn er nur Wasser getrunken hätte. »Auch nicht glücklich; einer wie der andere!« dachte der Arzt. Als Helmold um das Haus bog, sah er nach dem Erker hin; dort war noch Licht. »Sie schläft nicht,« dachte er und machte sich Vorwürfe, daß er ihr die Lieder gegeben hatte. In seinem Zimmer fand er eine dringende Depesche. Er packte seinen Koffer und legte sich nieder, den Herodot in der Hand. Er wollte nicht einschlafen, er hatte Angst davor, aber die Augen fielen ihm über dem Buche zu. Es war neun Uhr, als er erwachte; das Licht war bis auf den Halter heruntergebrannt. »Muß ich müde gewesen sein,« dachte er. Schnell badete er, und als er sich angezogen hatte, ging er in das gelbe Zimmer. Swaantje war nicht da; ihr Bedeck war unberührt; die anderen hatten schon gefrühstückt, denn ihre Plätze waren abgeräumt. Ohm Ollig kam herein; sein Gesicht sah noch zerknitterter aus als sonst. »Es hat Krach gegeben, deintwegen. Die Bestie, die Bergedorffsche, hat ihr Lästermaul wieder aufgemacht, und sie«, er zeigte mit dem Kopfe nach dem Zimmer seiner Schwester, »muß das natürlich weiterquackeln. Swaantje hat wieder ihre Schmerzen. Benjamin war schon da; er verordnete Ruhe und acht Tage Bett. Jetzt schläft sie.« Frau Gesina kam herein. »Du bist recht spät gekommen, lieber Helmold,« sagte sie süßlich. »Im Gegenteile,« antworte er, »Sehr früh sogar, denn es war erst halb vier Uhr morgens.« Er drehte sich absichtlich so um, daß er eine der schreiend bunten Erbvasen herunterwarf. »Ach meine Lieblingsvase,« rief Frau Gesina und hob ächzend die Scherben auf: »Die ist nun in Stücken!« Helmold lachte frech: »Wenn hier weiter nichts in Stücke geht, kannst du Gott danken! Hör' zu: ich muß mit dem Mittagszuge reisen; aber so viel Zeit habe ich noch, daß ich dir einmal die Wahrheit sagen muß. Setz dich bitte!« Er sprach das so, daß sie in den Sessel knickte und ihn hilflos ansah: »Also, ich reise. Ob ich je wiederkomme, weiß ich nicht; es ist mir zu mulsterig hier. Bitte, ich rede jetzt. Paßt dir das nicht, Muhme, da ist die Tür; ich bin nicht dein Gast, sondern Swaantjes, das bitte ich dich zu bedenken. Laß das, an deine Herzkrämpfe glaube ich nicht. Du solltest nicht so viel Kartoffeln essen, und nicht so viel Kuchen, und deinen Kaffee zu Hause trinken statt bei der verfluchten Klapperschlange vom Duttenhofe, die bei Gott verderben möge!« Die Tante fuhr auf: »Ich bitte dich, Helmold, lästere nicht!« Er warf den Kopf zurück: »Das war ein christliches Gebet und keine Lästerung. So, und nun kommt die Hauptsache: sobald Swaantje wieder in der Reihe ist, geht sie auf zwei Jahre aus dieser Mottenkiste heraus, versteht du mich? Oder dreie! Wohin ist mir Wurst, jedenfalls bleibt sie nicht hier, sonst komme ich hier, und dann sollst du mich einmal richtig kennen lernen. Du meinst, ich hätte hier nichts zu sagen? Stimmt, und darum nehme ich mir die Freiheit. Swaantje geht erst nach Berlin, dann nach Wiesbaden, dann nach München, dann wohin sie will, meintewegen nach dem Vetter in Rußland, vorausgesetzt daß die Esel von Letten sich bis dahin die Bombenschmeißerei etwas abgewöhnt haben. Drei Wochen habe ich deine pomadigen Reden und margarinenen Seufzer nun ausgehalten, um das Mädchen aufzumutern; dir hat es gefallen, mit einem Wort meine ganze Kur umzuknicken. Ist sie denn eine solche Sorte wie die Bergedorfer Blagen, die man nicht fünf Bierminuten mit einem Manne allein im Zimmer lassen darf? Hat sie ihr Geld dazu, daß sie hier versauert? Ihren Kopf, damit du sie so dämlich machst, wie das hier guter Ton ist? Siehst du denn nicht, wie du sie mit deiner Tanterei kaputt machst? Ohm Ollig, frage den, der ist ganz meiner Meinung; nur mag er nicht den Mund auftun, weil du ihm dann acht Tag lang Hammelbraten vorsetzt.« Der Ohm rutschte ganz tief in seine Vatermörder hinein, plinkte Helmold aber heimlich zu. Der ballerte weiter: »Glaubst du vielleicht, es ist eine Erquickung für sie, wenn sie den ganzen Tag in einem Ende gefragt wird: \>Swaantien, hast du dies gemacht? Swaantien, wie steht es damit? Swaantien, du hast doch nicht vergessen?\< Als ich vor drei Jahren hier war, hing mir dies Gefrage schon armlang zum Halse heraus, und deswegen bin ich so lange nicht hier gewesen. Da hieß es: \>Swaantje ist krank, nervenkrank!\< Weißt du, was ich da zu Grete sagte? \>Kein Wunder bei dem Zusammenleben mit der alten Schrammschraube!\< Jawohl, das habe ich gesagt, und hätte Grete damals nicht die Kleine an der Brust gehabt, sie wäre gekommen und hätte hier einmal gründlich ausgelüftet. Na, und dann durfte Swaantien«, er sprach es mit schmalziger Betonung, »ja endlich kommen. Swaantien kam, aber Swaantje nicht. Aus dem sonnigen, heiteren Mädel hattest du einen hysterischen, neurasthenischen Schatten gemacht. Das Herz im Leibe tat uns weh, als sie ankam. Na, wir fütterten und ulkten sie gesund, ließen sie treiben was sie wollte, und machten glücklich wieder Swaantje aus ihr. Nach einem halben Jahre komme ich hierhier, und wen finde ich? Swaantien", er sprach es wieder so niederträchtig wie möglich, »Swaantien mit dem Bindfaden am Bein, an dem die gute, die liebe, die mütterlich Tante Gese den ganzen Tag herumzockt.« Giftung funkelten seine Augen sie an. »Ja, weine nur, es wird dir ja leicht, bist ja am Wasser geboren, wenn auch an einem ziemlich trüben. Ich glaube dir gern, daß es keine Sauriertränen sind, sondern daß sie dir ehrlich abgehen. Sieh mal, Muhme,« seine Stimme wurde weicher, »eines schickt sich nicht für alle. Du weißt, ich bin ein abgesagter Feind des ganzen Weiberbewegungsschwindels, dem Steckenpferdchen von Grete. Deswegen sperrt man doch aber ein Mädchen, das nach Weiterbildung und nach Kunst hungert, und nach der Welt und ihren Menschen, nicht zeitlebens ein, bis sie eingeht. Denn das tut sie; Benjamin, mit dem ich die halbe Nacht durchgesumpft habe, ist ganz meiner Meinung, vielmehr, er fing zuerst davon an, und daß ich dir das alles jetzt sage, daran ist er schuld.« Er klingelte, und als der Diener kam, befahl er: »Ich fahre mit dem Mittagszuge; der Koffer ist fertig.« Dann sah er den Frühstücktisch, goß sich Tee ein, und während er auf und ab ging, würgte er ein trockenes Brötchen hinunter. Frau Gesina strich ihm eins und legte ihm mit ihrem demütigsten Lächeln Fleisch und Eier vor, und ohne zu wissen, was er tat, aß er. Dann riß er aus seinem Skizzenblocke zwei Blätter heraus, schrieb zwei Depeschen und schickte den Diener damit fort. Er sah ganz blaß aus, hatte blaue Schatten unter den Augen, einen engen Mund, und seine Hände zitterten. Die alte Frau goß ihm ein Glas Portwein ein; er drückte ihr die Hand und küßte sie auf die Backe. Sie fing von neuem zu weinen an. Er klopfte sie auf die Schulter: »Weiß ja, liebes Muhmchen, meinst es nicht so; bist ja von Herzen gut. Und ich glaube, du siehst auch ein, daß ich recht habe.« Sie nickte unterwürfig. »Na, und so lasse sofort die Näherinnen kommen und Swaantjes Kleider in stand setzen, und melde sie bei Ohm Otte an. Von Berlin kann sie dann erst zu uns kommen; Grete wird viel allein sein, denn ich habe den großen Auftrag zu erledigen und lebe dann ganz in der Werkstätte.« Er sah nach der Uhr: »Sieh bitte zu, daß ich Swaantje sprechen kann; ich will ihr Lebewohl sagen.« Die Tante ging hinaus und kam nach einer weile wieder. »Sie ist aufgewacht und möchte ein wenig gekochtes Obst essen und freut sich, dich zu sehen. Du mußt aber vorsichtig sein mit ihr; die Schmerzen können bei jeder Aufregung wiederkommen.« Er lächtelte: »Bedenke das bitte, so oft du Swaantien zu ihr sagst. Gib mir das Obst, ich bringe es ihr. Und nun: Lebt wohl! Dank für alles Gute, und seid nicht böse auf mich; einmal mußte die Sache besprochen werden. Ich hätte es ja anders sagen müssen, aber ich bin, wie ich bin. Adjüs, Ohm Ollig, adjüs, Muhme Gese! Und nicht wahr, ich verlasse mich auf dich? Großes Bierwort darauf? Und verschone mir das Mädchen mit allen Butternöten und Legehennensorgen und Negerkinderbekleidungsmanufaktur; laß sie machen was sie will. Sie redet dir in dein Ministerium des Innern ja auch nicht hinein. Also: Gehabt euch wohl, und grüßt mir den Doktor; das ist ein Prachtkerl.« Er ließ die beiden stehen und ging mit dem Tragbrette in der Hand aus dem Zimmer. Auf der Treppe traf er die Zofe. »Melden Sie mich bitte, Fride,« sagte er. Das Mädchen lächelte ihn an: »Das gnädige Fräulein warten schon.« Sie stockte einen Augenblick, dann griff sie nach seiner Hand, drückte sie und stammelte: »Herr Hagenrieder, ich war nebenan, ich horche sonst nie, aber die Hand könnte ich ihnen küssen! Sie sollen sehen, sobald Fräulein Swaantje draußen ist, wird sie wieder gesund. Gott,« sie klappte die Hände ineinander, »und ich komme dann mit!« Helmold klopfte ihr die Backe: »Das ist Ihnen wohl die Hauptsache? Na na, ich mache bloß Spaß. Aber, Fride, geht hier oder sonstwo etwas verquer, Eilbrief oder Telegramm! ich kommen dann sofort. Hier, das ist für etwaige Auslagen. Und bringen sie mir Ihre Herrin gesund wieder, dann gibt es einen blauen Lappen für die Aussteuer.« Er nickte ihr zu und ging die Treppe hinauf. Leise öffnete er die Türe zu Swaantjes Wohnstube. Der Vorhang des Erkerzimmers war zurückgezogen; das Mädchen lag halb sitzend im Bette. Als er eintrat, nahm sie schnell die Hand von der Schläfe. »Maria mit den sieben Schwestern,« dachte er, und er mußte sich auf die Lippen beißen, um nicht aufzuschreien. Ihr Gesicht sah so blaß aus, wie er gefürchtet hatte, nur ihre Augenlieder waren gerötet. Aber ein Leuchten lag in ihrem Blicke, wie er es noch nie bei ihr gesehen hatte, und eine Süßigkeit war in ihrem Lächeln und eine Hingebung, daß der Teller auf dem silbernen Tragbrette in seinen Händen an zu klirren fing. Doch er jagte seine Sehnsucht in die Ecke, stellte das Tragbrett auf den Nachttisch, setzte sich vor das Bett, gab seiner Base die Hand und sagte: »Arme kleine Swaantje, und daran bin ich nun schuld!« Sie lächelte lieblich und nickte: »ja, aber ich danke dir doch sehr; du hast mich unsagbar erfreut.« Sie gab ihm die Hand und flüsterte zärtlich: »Lieber Helmold!« Er lächelte freundlich, aber das ganze Zimmer drehte sich um ihn. »Einen Kuß, einen einzigen Kuß!« dachte er. »Komm,« sagte er, legte ihr das Händetüchlein hin und nahm den Teller und den Löffel, »jetzt muß die kleine Swaantje erst ein bißchen essen; und wenn sie sich nicht beschlappert, und wenn sie erst wieder gesund ist, darf sie zu Ohm Otte, und dann kommt sie zu Hagenrieders, und dann geht sie nach Wiesbaden und nach München, und im Sommer geht sie mit uns an die See, und nachher in den Harz.« Sie lächelte und die Augen wurden ihr feucht. Wie ein Kind ließ sie sich eine Pfirsischspelte nach der anderen zwischen die Lippen schieben. Helmold wunderte sich, daß ihm die Hände nicht zitterten. Auf die Knie hätte er fallen, ihre Hände mit Küssen bedecken, ihr den Schmerz abbitten mögen, den er ihr zugefügt hatte, und während er das dachte, stand der gepanzerte Ritter wieder hinter ihm, stieß ihn leise an und flüsterte: »Küsse sie doch, Mensch, küsse sie; sie wird dich wiederküssen. Mein Wort darauf!« Aber er küßte sie nicht, und keiner seiner Blicke sprach von mehr als von Bruderschaft. Er strich ihr leise die schmerzende Schläfe; sie sah ihn dankbar an und sagte: »Das hat mir mehr geholfen als die Pulver. Aber du mußt gehen, es wird sonst zu spät für dich, lieber Helmold!« Er stand auf und sah sich im Zimmer um; er selbst hatte die Einrichtung entworfen. Er sah das Mädchen an, ihre Hände, die aus den Spitzen hervorsahen, und ihr Gesicht, das eng von der Halskrause umschlossen wurde. Ihr Haar lag halbgelöst um ihre Schläfen, es hatte einen fettigen Schimmer. Langsam hob ihre Brust das weiße Nachtgewand. »Lebe wohl, liebe Swaantje,« sagte er; bröcklich klang seine Stimme; »werde gesund und komme bald!« Er bückte sich nieder und küßte ihre beiden Hände, und da fühlte er, daß ihre Lippen seine stirn streiften, und es schwindelte ihn, als er sich aufrichtete. Aber schnell nickte er ihr zu und verließ das Zimmer. Er wußte nicht, wie er zum Bahnhof gekommen war. Er nahm eine Karte erster Klasse; er wollte möglichst allein sein. Als ihm der Diener den Gepäckschein zurückgab, starrte er so dumm darauf hin, daß der Mann lächelte. Er hatte noch zehn Minuten Zeit; der Zug hatte Verspätung. »Zehn Minuten zu früh von ihr gegangen; sechshundert Sekunden fortgeworfen!« dachte er. Da ruschelte ein seidenes Kleid hinter ihm. Er trat zur Seite und sah Frau Bergedorf vor sich stehen. Sie erwiderte holdselig seinen Gruß und fragte ihn: »Schon fort? Ich dachte, Sie wollten noch ein Woche bleiben?« Er zuckte die Achseln: »Es ging nicht anders; ich habe in einem großen Ausschreiben gesiegt und muß nun mit den Auftraggebern verhandeln.« Die Frau wiegte den Kopf: »Das wird Ihre Kusine aber sehr bedauern; Sie beide sind doch ein Herz und eine Seele!« Er lächelte verbindlich: »Natürlich, soweit das bei dem großen Altersunterschiede möglich ist. Erwarten gnädige Frau jemanden?« Sie nickte: »Meine Olga.« Sie gingen den Bahnsteig entlang, bis dahin, wo sie allein waren. Helmold machte sein liebenswürdigstes Gesicht: »Meine Base ist leider recht krank; sie hat sich über das Geschwätz zu sehr aufgeregt, das ein Weibsbild aus der hiesigen Gesellschaft über sie aufgebracht hat. So etwas ist doch gemein, gnädige Frau, nicht wahr? Besonders wenn es von einer Person ausgeht, die als verlobte Braut abends verschleiert einen Leutnant so lange besuchte, bis es zum Skandal kam, und die Töchter hat, die es ähnlich treiben. Wenn ich nur den Namen wüßte, die könnte sich gratulieren. Vielleicht erfahren gnädigste Frau etwas darüber und haben die große Güte, es mich wissen zu lassen. Hier meine Adresse!« Er zog eine Karte heraus und gab sie ihr. Der Zug lief ein. »Empfehle mich gehorsamst, meine Gnädigste,« sagte Helmold mit dem Hute in der Hand und küßte seinen Daumen über ihrem Handschuh; »und ich bitte um gütige Empfehlung zu Hause.« Er verbeugte sich und ging auf den Zug zu. Vom Fenster aus grüßte er noch einmal; Frau Bergedorf dankte gütig. In dem Abteil saß ein Rittmeister von den Münsterschen Panzerreitern; er sah flüchtig auf und las weiter in seinem Buche. Helmold bleib am Fenster stehen, bis Swaanhof vor ihm auftauchte, und als er verschwand, setzte er sich und wartete, bis die Mecklenhusener Heide immer näher kam. Er sah den Weg, den er mit Swaantje gekommen war; das Tödeloh, wo der Tod ihn angebettelt hatte, flog schnell vorüber und langsamer der Wahrbaum. Er stützte den Kopf in beide Hände. Er dachte daran, daß er doch wenigstens ein Taschentuch oder einen Handschuh von ihr als Erquickung hätte mitnehmen sollen, oder ihr Bild. Nun hatte er nichts von ihr, als den verblühten Kuß auf seiner Stirn, den zerwehten Klang ihrer Stimme in seiner Seele, und ihr blasses Bild in seiner Erinnerung. Er liebkoste es mit den Augen, küßte es auf die Hände, aber jedesmal, wenn er die Lippen küssen wollte, verschwand es, und er sah nichts als das rote Polster vor sich und den langen Offizier. Dann sah er sich tot und kalt unter der Schirmfichte liegen; drei Männer kamen und begruben ihn hinter dem Walle im Tödeloh. Jede Nacht stieg seine Seele aus dem Grabe und ging in das graue Steinhaus, wo sie die Schatten anderer Männer traf, die vor vielen tausend fahren dort ihre Leiber vergessen hatten. Sie prahlten von Krieg und Sieg, schimpften darüber, daß kein Mensch mehr an sie denke und ihnen Wildpret und Honigbier hinstelle, und sie machten sich über ihn lustig, weil er ein jedes Mal jedweden von Ihnen fragte, ob nicht ein Kranz oder ein paar Blumen für ihn abgegeben wären. Es war aber niemals etwas da, und weinend stieg er wieder in sein Grab. Der Mohnblumenstrauß Am Abend aber lachte er sie alle miteinander aus, die Geister der sächsischen Männer, denn es waren auf einmal viele Blumen da, und die sahen ihn so herzlich an, daß seine Seele ihren Leib wiederstand und singend aus dem grauen Grabe zum grünen Leben hinaufsstieg. Es waren jedoch keine weißen Blumen, die vor seinem Grabe lagen, rote Mohnblumen waren es, und nicht Swaantje hatte sie dort niedergelegt, sondern Grete, seine kluge, gute und starke Frau hatte sie zum Kranze gewunden und zu Häupten seines Bettes aufgehängt; sie flüsterten ihm mit ihren leichtsinnigen roten Lippen so leise Schlummerlieder zu, daß er die ganze Nacht verschlief und den nächsten Tag, und nachdem er einen Bissen gegessen und einen Schluck getrunken hatte, schlief er abermals ein, denn ein frischer Kranz hing über seinem Bette, und den löste ein dritter ab, und so schlief Helmold Hagenrieder drei Tage und drei Nächte, und dann stand er in der Frühe auf und ging in seine Werkstatt, ging frisch und fröhlich an seine große Arbeit und pfiff ein Lied dabei. Es hatte eine seltsame, lustige Weise, das neue Lied; leichtsinnig war sie und doch so tief, froh, und doch so schwül, und die roten Mohnblüten hatten es ihn gelehrt. Helmolds Augen strahlten, blickte er seine Frau an; und er küßte sie, wie seit langem nicht, seine liebe, gute Grete, die sich seiner Not erbarmt hatte, als er krank und elend und zerbrochen von Swaanhof kam und ihr sein bitterliches Leid geklagt hatte. Sie hatte ihm das Haar gestreichelt und die Stirne geküßt wie eine Mutter, und ihm zugeflüstert: »Ja, ja, mein armer Junge; sie soll kommen; ich selber will sie rufen.« Deshalb konnte er mit einem Male wieder lachen und flöten und singen; darum aß er, wie lange nicht, und schlief fest und lange wie ein Kind, und küßte seine Frau, wo er sie zu fassen bekam, und sang ihr jede Nacht das Lied von dem roten Mohn in die Ohren; und wenn dann am anderen Morgen Frau Grete ihre Zöpfe flocht, dann lachte sie ihr Spiegelbild an und dachte: »Wie eine junge Frau seh' ich aus; wie eine ganzganz junge Frau!« Zum roten Mohn gehören blaue Kornblumen, und da Helmolds und Gretes Backen von Tag zu Tag mehr den roten Blumen ähnlich wurden, so sahen ihre Augen von Nacht zu Nacht blauer aus, denn die volle Sonne lag auf ihnen; rund herum war das Feld so gelb wie Gold und versprach eine Ernte, wie sie lange nicht gewesen war, reif und schwer. Kein Landregen schlug sie zu Boden, kein Sturm zerzauste sie, kein Schloßenfall knickte sie ab; jeden Tag hingen die Ähren tiefer, und wenn der Wind über sie ging, dann rauschten sie leise, rauschten ein heimliches Lied, bis Helmold es vernahm und es erst leise und dann immer lauter pfiff, und was er flötete, das malte er auf einen neuen Karton, erst in leisen Strichen, dann in halblauten Linien, und schließlich in hellklingenden Farben. Aus warmen Liedern, heißen Küssen und glühenden Farben waren die Entwürfe entstanden, die auf den drei großen Kartons an den Wänden zu sehen waren, und wenn Helmold, seine Frau im Arme, davor stand, dann schüttelte er den Kopf, lachte und sagte: »Jetzt weiß ich erst, daß ich etwas kann. Aber was kriege ich von dir dafür?« Dann nahm sie ihn in die Arme, reckte sich an ihm hinauf, zog seinen Kopf an ihren Mund und flüsterte ihm etwas zu, das kein dritter Mensch hören durfte, und es war doch weiter nichts als das Lied vom roten Mohn. Jeden Tag mußte sie es ihm in das Ohr summen, den einen Tag das eine, den anderen Tag das zweite, den dritten das dritte Stück, und als er in der Eisenbahn saß und dahin fuhr, wo aus den Entwürfen Werke werden sollten, sah er auf den kahlen Feldern lauter rote Mohnblumen vor sich, und als der Abend ihm die Landschaft vor den Augen fortnahm, blühten rote Mohnblüten in den Wolken auf, immer mehr, bis sie den ganzen Himmel erfüllten. Jedweden Tag bekam Frau Grete eine Karte mit roten Mohnblüten, eine einzelne oder ein ganzes Feld voll darstellend; sie legte sie alle der Reihe nach in einen Kasten aus kornblumenblauem Samt, besah sie jeden Abend, zählte sie immer und immer wieder und sang sich selbst mit dem Liede in den Schlaf. Doch am Tage vor dem Julfeste kam keine Mohnblumenkarte, da kam der, der mohnblumenrote Küsse zu verschenken hatte, und ganz Fäuste voll brachte er davon mit, drei große Sträuße, für jeden Feiertag einen. Und daran sahen sich ihre Augen, die vom vielen Sticken und Nähen und Kochen und Backen ein wenig blaß geworden waren, wieder so blau, wie Kornblumen, und auch die Augen ihres Mannes, die zu viel Farbe hatten hergeben müssen in den letzten Wochen, färbten sich voller. »Nun noch zwei oder drei Monate, Gretechien,« lachte er, »und dann singe ich wieder in meiner Werkstatt, denn ich habe noch manches Lied in den Augen, das du nicht gesehen hast. Ich bin froh, daß ich alle die drei Bilder auf einmal angelegt habe, und du solltest mich einmal bei der Arbeit sehen; ich sage dir, es ist die reine Kilometerfresserei! ›Sie müßten sich eigentlich Rollschuhe anschallen,‹ sagte der Herzog neulich. Ich hatte nicht gewußt, daß er kam, und achtete gar nicht darauf, daß mehrere Leute eingetreten waren, denn ich war in voller Arbeitsbrunst. Ich hatte gerade am rechten Seitenbilde gemalt, du weißt doch, das Kriegsbild, und da fiel mir etwas am linken Seitenbilde ein, und ich sauste das Hängegerüst entlang und malte an der anderen Seite und flötete dabei, wie ein Scherenschleifer. Wie ich nachher hörte, hat der Adjutant mich darauf aufmerksam machen wollen, daß der hohe Herr da sei, aber der hatte abgewinkt und mir lachend zugesehen, bis ich nach dem Mittelbilde hinlief, denn mir fiel ein, daß noch ein bißchen Schatten mehr das Gesicht der jungen Frau heller machen würde. Na, und da sagte der Herzog denn das.« Er lachte: »Du, ich glaube, der mag mich. Grade weil ich so demokrätzig-urwüchsig bin; die Pomadenmanieren hat er ja den ganzen Tag um sich. Ich habe Angst, daß ich mir den Professortitel zuziehe, und so was färbt auf das Talent ab. Ein Orden wäre mir lieber, dann würden die Leute doch sehen, daß ich ein ordentlicher Mensch bin.« Er lachte lustig. »Übrigens wird seine Hoheit mir sitzen. Ich hatte, als er das Triptychon besah, ihn schnell ein paar Mal auf den Hilfskarton skizziert, und das hatte man ihm gesteckt. Wenn ich nur wüßte, welches von seinen zwei Gesichtern ich nehmen soll, das Pflichtgesicht oder das Wunschgesicht, ob ich ihn als Landesvater oder als Heerführer male. Weißt du, der Mann tut mir leid! Bei dem Temperatment, bei der Unmasse von Willen immer und ewig den kühlen Herrn von Stande markieren zu müssen, hol's der Kuckuck, da ist es kein Wunder, wenn der Charakter allmählich etwas viereckig wird. Wenn unsereins am falschen Platze ist, na, dann dudelt er sich einmal einen an und schimpft sich die Wut vom Balge; das kann er sich natürlich nicht leisten. Ich habe mich früher manchmal über das Hin und Her bei ihm geärgert, aber als Hennecke mich damals bei der Hofjagd einmogelte und ich den Mann eine Stunde lang auf drei Schritt sah, da wußte ich Bescheid. Natürlich, er ist ein Mensch und hat Fehler; aber er hat Leidenschaft im Leibe und ist imstande, sich zu begeistern, also kein Philister. Philistern verzeihe ich eine Ziellosigkeit nie; Karrgengäule müssen ihren trott gehen; Rennpferde dürfen einmal ausbrechen.« Er sah seine Frau zärtlich an: »Wenn wir uns nicht gefunden hätten! Ich glaube; ich wäre vor die Hunde gegangen ohne dich. Ja, du hast erst etwas aus mir gemacht; mit einem Ruck kam ich von der Erde aus dem Naturalismus in den realismus, und nun stehe ich mit beiden Hinterbeinen im Idealismus, komme über mich hinaus. Herrgott, soll das jetzt ein Leben werden! Hätte ich nur erst die Bilder fertig! Denn was ich alles noch im Leibe habe, das ahnst du gar nicht, und reden kann ich darüber auch nicht eher, als bis ich der Sache in das Gesicht sehen kann. Nur das eine will ich dir verraten: ich male fortan nur Tendenz.« Seine Frau sah erstaunt auf, und er lachte: »Jawohl, Liebste, Tendenz, faustdicke Tendenz, so faustdick, daß sie mir keiner vorwerfen kann! Meine Tendenz ist: meinem Volke den Rücken mit Franzbranntwein einzureiben, es mit Freude und Grimm zu füttern und mit Wonne und Weh zu tränken, damit es so bleibt, wie es ist, sich nicht verplempert in fremder Art und nicht vergißt, daß es zwei Gesichter hat: ein gutmütiges und ein bösartiges; denn wir kriegen allmählich zu viel Gemütsembonpoint, seufzen, wird irgendwo ein Schweinehund geköpft, und stöhnen, wenn wir die Knarre zur Hand nehmen sollen." Er ballte die Hände, reckte die Fäuste und dehnte die Brust: »Einen Krieg, den möchte ich noch erleben, aber aktiv!« Seine Frau sah ihn entsetzt an, er aber lachte, drückte sie an sich und flüsterte: »Weißt du das Lied noch, das Lied von dem rotroten Mohn? Wir wollen es nicht vergessen; es ist das schönste Wiegenlied für große Kinder!« Sie vergaßen es nicht; als Helmold wieder abgereist war, flogen die Mohnblumenkarten jeden Morgen in das Haus. Manchmal war nur eine kleine, schüchterne Blüte in eine Ecke gemalt, während der übrige Raum voller Schrift war; dann kam eine, über die sich die Blüten von einer Ecke in die andere zogen, oder eine andere, auf der sie einen Rand bildeten oder einen Fries. Wenn aber eine eintraf, auf der ein Kranz von den glühenden Blumen zu sehen war, dann seufzte Frau Grete auf und ging abends nicht so früh schlafen, und wenn sie es tat, dann trat sie vorher in das Schlafzimmer ihres Mannes und streichelte das Kopfkissen. Aber als die Amsel schon übte und die Finken bereits stümperten, die Schneeglöckchen über den Buchsbaum sahen, und der Haselbusch mit goldenem Staube um sich warf, kamen die Karten immer spärlicher, und fast nie war eine rote Blume darauf zu sehen, und wenn das doch so war, dann war sie mit Rotstift flüchtig hingestrichen, und Frau Grete wurde wieder ganz traurig. Bis dann der Tag kam, an dem der Frühling sein erstes gelbes Extrablatt in den Garten flattern ließ, an dem der Fink sagte: »Jetzt kann ich es aber!« und die Amsel: »Und ich erst recht!« Da rollte ein Wagen vor das Haus, hielt mit einem Ruck, und Frau Grete stürzte die Treppe hinunter, denn Gift und Galle, die beiden Teckel, stießen den Ruf aus: »Herrchen ist da!« und jaulten und kläfften und winselten und kratzten die Ölfarbe von der Haustüre, und als die Frau die Türe aufriß, stand Helmold vor ihr, küßte sie, drückte sie, daß ihr schwach wurde, und rannte die Treppe hinauf, um Swaane und Sweenchien zu küssen. Dann lief er in die Werkstatt, atmete tief auf, ging in den Garten, liebelte die Hunde ab, sagte allen Blumen guten Tag und den Fischen in den Teichen auch. Dann wurde er allmählich vernünftig und ging in die Veranda, wo nach einiger Zeit seine Frau eintrat. Er drehte sie um und befahl: »So stehen bleiben!" und als sie sich umwenden durfte, sah sie, daß er einen Orden vor der Brust hatte. »Ja, weißt du, ich hatte die Wahl: Professor oder ordentlicher Mensch! Na, da sagte ich: Exzellenz, so'n Professortitel, wenn man den alle Tage trägt, der sieht dann schließlich so aus, wie ein alter Gehrock; dann bitte ich lieber um etwas, das sich nicht so leicht abträgt, weil man es bloß an hohen Tagen anzieht. Hat der alte Herr gemeckert! wie eine Bekassine! Ja, und nun habe ich nicht nur einen Vogel im Kopf, sondern auch einen vor der Brust, aber einen, der sich sehen lassen kann.« Sweenechien wollte gern den Vogel sehen, den der Vater im Kopfe hatte; da sich das nicht gut bewerkstelligen ließ und um sie auf andere Gedanken zu bringen, wurde der Koffer ausgepackt, und nun gab es ein Gequieke und Gejubel in der Veranda, daß der Buchfink beschämt den Schnabel hielt und die Amsel geärgert fortflog. Aber was hatte der Vater nicht auch alles mitgebracht! Das war noch viel schöner, als zum Julfeste, denn da wußte man im voraus, daß man etwas bekam. Swaan wußte nicht, bei welchem Buche er zuerst anfangen sollte zu lesen, Sweenechien sah ratlos von der blonden zu der braunen Puppe, und die Luise und die Minna standen da und machten ganz dumme Gesichter wegen der schönen Sachen, die sie bekommen hatten, und vergaßen beinahe, sich zu bedanken. Als sie im Hausflure waren, fielen sie sich um die Hälse und küßten sich, und vor einer Stunde hatten sie sich noch gefährlich gezankt. Frau Grete aber bekam ein Kästchen; als sie es aufmachte, jubelte sie hell auf, schlug die Hände zusammen und küßte ihren Mann auf beide Backen, denn in dem Schächtelchen lag ein Schmuck für ihren Hals, wie sie sich ihn in ihren waghalsigsten Träumen nicht gewünscht hatte. Aber als ihr Mann aus der Innentasche der Weste einen grünen Lederumschlag nahm und ihr gab und sie einen Tausendmarkschein nach dem anderen hervorholte, wurde sie mit einem Male feuerrot und steckte das, was unter dem letzten Scheine lag, schnell wieder in den Umschlag, denn das war eine roggengrüne Karte, und darauf war ein Kranz aus roten Mohnblumen gemalt. Helmold Hagenrieder fehlte es jetzt nie an einem Kranze aus Mohnblüten zu Häupten seiner Bettstatt, und so mangelte es ihm auch niemals an kühlendem Schlummer nach heißem Schaffen. Denn heiß waren seine Tage, heiß und lang. Schon in aller Frühe, wenn die Amsel zu singen begann, war er in seiner Werkstatt und malte. Bild um Bild entstand, nun ein lichtes, frohes, reines, ohne eine andere Tendenz, als so wirken zu wollen, wie eine lächelnde Blume oder eine lachende Frucht, und dann andere, die zwei Gesichter hatten und eine doppelte Sprache redeten. Seine beiden Saharabilder entstanden, die Söldner und die Sieger, die zum Tode ermatteten Fremdenlegionäre, im glühenden Sonnenschein durch den Sand watend, darstellend, und die erschossenen Kabylenhäuptlinge im grellen Mondenlicht. Dann wurde die Hinrichtung der Sachsen an der Halsbecke bei Verden beendet und gleichzeitig Frigges Flammentod, und hinterher kam das bitterböse Bild von Wodes Zorn. Auf einer dunkelgrünen Meldodie hatte Helmold den Stoff gepflückt, so verträumt, wie sie an einem weichen Sommerabend erklingt, wenn die Mädchen eingehakt über die Dorfstraße ziehen und so lange singen, bis es den Jungens unter dem Brusttuche brennt. Aus Lindenblüten und Blättergeflüster war sie gewebt, und das Lied, das ihm dabei kam, begann also: »Ach, ich war den ganzen Tag allein, denn mein Schatz der konnt nicht bei mir sein.« Das Bild aber stellte eine lachende pfälzische Landschaft dar, grüne Rebengärten an roten Felsenhängen; doch im Mittelgrunde brannte ein Dorf und im Vordergrunde lagerten Soldaten Turennes. Der Rahmen war dunkeleisengrau; er wies unten einen kaum sichtbaren Fries von Menschenschädeln auf, rechts und links den krähenden gallischen Hahn und oben zwischen zwei wütend schreienden Raben Wode Wutblick; der Gott aber trug die Züge des Fürsten Bismarck. Dazwischen entstand ein Bildnis nach dem anderen; denn seitdem Helmold den Herzog hatte malen dürfen, und in einer Auffassung, die allen Herkommen entgegen und dabei doch so schlicht und natürlich war, wollte alle Welt von ihm gemalt sein, und er konnte sich vor Aufträgen nicht retten, trotzdem oder weil er Preise nahm, daß Frau Grete oft sagte: »Du machst es ein bißchen zu grob.« Aber dann lachte er und sagte: »Bisher nahm ich Gesellenlöhne; jetzt lasse ich mir Meisterpreise zahlen. Das verlangt die Zunftehre.« Es kam ihm aber gar nicht darauf an, einen Menschen, den er gern hatte, oder dessen Kopf ihm gefiel, ohne Entgelt zu malen; wenn aber der Kunsthändler Schultze ihm sagte: »Machen sie es ein bißchen billiger, verehrter Herr Hagenrieder, dann nehme ich die doppelte Anzahl Studien,« so hieß es: »Wenn Sie mir noch einmal ein solches Angebot machen, dann sehe ich mich nach einem anderem Verhältnisse um.« Er hatte so viel zu tun, daß er wie ein spielendes Kind dahinlebte; er aß wie ein Drescher und schlief wie ein Dachs; wenn die Nacht auch manchmal nur drei oder vier Stunden für ihn hatte, weil es ihn in aller Frühe schon nicht mehr im Bette hielt, er schlief so fest und traumlos, daß die drei Stunden mehr Frische bei ihm ansetzten, als sonst deren neun. Das Wetter, von dem er im Sommer vorher immer bis zur Unerträglichkeit abhängig gewesen war, kümmerte ihn gar kein bißchen; der Vollmond war schlecht auf ihn zu sprechen, denn er hatte ihn links liegen lassen und war kein einziges Mal mit ihm losgezogen, wenn er ihn abholen wollte. Er trank überhaupt nur dann etwas, wenn es gar nicht anders ging, und wenn er im vorigen Jahre ohne die Zigarre oder die Zigarette nicht zu denken war, so rauchte er jetzt nur nach den Hauptmahlzeiten, wenn er mit seiner Frau plauderte. Die war jetzt viel bei ihm in der Werkstätte und freute sich über sein federndes Wesen und besonder darüber, daß er von Swaantje ganz selten sprach und dann nur wie von einer guten Freundin. Ganz langsam und vorsichtig versuchte sie, ihm den Gedanken an das Triptyhchonleben, den sie in ihm heraufbeschworen hatte, auszureden. Frau Gesina war krank gewesen, und Swaantje war deswegen nach Swaanshof gereist und hatte Grete eingeladen. Als Frau Hagenrieder wiederkam, brachte sie ihrem Mann einen schönen Gruß mit und sagte dann: »Wir haben sehr viel gelacht, denn Swaantje sagte: \>Daß ich simple Landpomeranze es noch einmal bis zur Romanheldin bringen würde, das hätte ich nicht gedacht.\<« Ihr Mann, der gerade die Zeitung las, hatte nicht mehr gezeichnet als ein Rehbock, an dem die Kugel vorbeiflötet, und hinterher hatte er ganz ruhig mit ihr über sein Verhältnis zu dem Mädchen gesprochen: »Sie war nötig für mich, liebe Grete,« sagte er, »und bleibt es wohl; doch nich als Weib, glaube ich. Damals, als ich ganz zerknittert von Swaanhof zurückkam, meinte ich, es wäre anders; aber das war wohl nur ein Ausfluß meines gebrechlichen Zustandes. von jeher wird mein Gefühl zu ihr auf einem anfangs unbewußten, dann klar sehenden Mitleid aufgewachsen sein, und wenn ich sie so recht von Herzen glücklich sähe, wird sie mir nicht mehr sein als Henning, denn auf dessen Liebste bin ich ja auch nicht eifersüchtig, und ich liebe ihn doch sehr. Freilich, er ist ein Mann, und sie, scheinbar wenigstens, ein Weib, und so hält es schwer für mich, daß ich mich ihr gegenüber von allgemein männlichen Vorstellungen frei mache. Aber selbst, wenn ich ihr gegenüber Wünsche hätte, so dumm bin ich nicht, daß ich ihnen grüne Blätter vorwerfe; denn erstens liebt sie einen anderen, und zweitens ist keine Möglichkeit vorhanden, daß sie mein sein könnte. Aber ich würde mich freuen, sie bald wieder zu sehen; wir haben ja auch einen Wechsel auf Sicht von ihr. Und jetzt habe ich bald Zeit für lieben Hausbesuch; denn sonst gewöhne ich mir das Malen noch so an, daß es ein Laster wird, wie einst meine Rauchsucht. Außerdem muß ich zur Brunft nach Stillenliebe, denn sonst wird der Prinz öde. Und ich merke es doch, daß auch Arbeit, die man mit Freude tut, schließlich die roten Blutkörperchen auffrißt. Solange man im Trott bleibt, weiß man nichts davon; sobald es aber prr heißt, klappt man um.« Das fand Grete auch, denn ab und zu sah sie in dem Benehmen ihres mannes leichte Schatten, die die heranziehende Nervenüberspannung vorweg warf. Er arbeitete schon unregelmäßiger, schaffte den einen Tag sehr viel, tat dann drei Tage nichts, stand den einen Morgen um fünf Uhr, den folgenden Vormittag um elf Uhr auf, wurde hier und da ungeduldig, und klagte darüber, daß die Nachbarn ihm zu laut wären, während er sonst gesagt hatte: »Je mehr in den Nachbargärten gelacht und gesungen wird, um so lustiger werde ich.« Wenn Swaan, wie es seine Art war, bei jedem Geschenk, daß ihm der Vater mitbrachte, fragte: »Was hat es gekostet?« so hatte dieser früher gelacht und gemeint: »Der wird wie sein Großvater und wird nicht erst kreuz und quer durch das Leben stolpern, ehe er sich zurechtfindet.« Jetzt zog er die Stirne kraus und fuhr auf: »Junge, was soll das heißen; vom Geld redet man in anständiger Gesellschaft nicht,« und zu Grete sagte er hinterher: »Der Junge rückt täglich nehr von mir ab.« Auch bei Sweenechien wollte er das finden; sie war ihm zu selbstbewußt: »Wird wohl später auch anfangen, den Vermännerungsschwindel mit machen,« brummelte er; »früh streckt sich, was ein tauber Halm werden will.« So war seine Frau recht froh, als Swaantje sich endlich anmeldete: »Ich muß Euch doch noch vorher wiedersehen, Ihr Lieben,« schreib sie, »denn ich will mit Tjark und Ilsabe nach Italien. Ich freue mich kindisch.« Auch Helmold freute sich: »Das wird ihr gut tun; sie braucht Sonne und Luxus. Es wird ihr spaß machen, einmal Geld zu vertun.« Er war so aufgeräumt, daß er kaum zusammenzuckte, als Grete ihm eines Morgens sagte: »Ich denke, es ist besser, Swaantse schläft nicht in dem großen Fremdenzimmer, sondern in dem kleinen, schon damit ich ihr beistehen kann, wenn sie ihre Schmerzen bekommt.« Nach dem Kaffee aber sagte Helmold, der mittags schlecht gegessen und dann geschlafen hatte, was ihm nie gut bekam: »Die Bemerkung von heute morgen hättest du im Munde behalten können, Grete; ich habe ihren Untersinn wohl verstanden. Wofür hälst du mich eigentlich? Glaubst du,« er machte eine zornige Handbewegung und warf seine Zigarre in den Garten, »ich bin ein Mann, der einem solchen Mädchen gegenüber sich von bequemer Gelegenheit bereden läßt?« Sie schüttelte unwillig den Kopf, er aber fuhr fort: »Überhaupt, deine Art und Weise, Swaantje in der letzten Zeit langsam bei mir abzubrechen, gefällt mir sehr wenig; ich bin doch nicht verliebt in sie, sondern ich liebe sie. Wie, das ist mir selber schleierhaft. Jedenfalls: tritt Verliebtheit in dem von dir befürchteten Sinne hinzu, ich würde nie etwas von ihr nehmen, was sie mir nicht mit beiden Händen schenken würde, noch nicht einmal einen Kuß.« Er steckte sich eine neue Zigarre an, die dritte seit einer Stunde, und sagte: »Bedenke, was du mir damit angetan hast, und wer die ganze Schuld trägt; ich sicher nicht! Hättest du damals nicht die fahrlässige Redensart von dem Tripythchonleben gemacht, so wäre ich wohl kaum darauf gekommen, daß mir das Mächen mehr sein könnte als eine liebe Freundin. Jedenfalls versuche nicht, die Sache so hinzustellen, als wenn ich den Stein in das Wasser geschmissen hätte.« Er sagte ihr, er wolle allein ausgehen. Das tat er denn auch, und er beruhigte sich durch einen strammen Marsch. Er dachte an die rosenroten Stunden, die er mit Grete verlebt hatte; er krempelte sich selber um und kam zu dem Ergebnisse, daß ihn zu Swantje weiter nicht hinziehe als eine rein seelische Neigung, und er trat in Gretes Spur und fand, daß sie alles, was sie gesagt hatte, aus ihrem leichtherzigen Denken hatte herausspringen lassen. »Aber,« sagte er sich, »ob mir nun einer einen Stein mit oder ohne Absicht gegen den Kopf wirft, eine Beule gibt es auf jeden Fall.« Wenn er sich das Herz auch noch so blank zu reiben suchte, etwas blind blieb es doch, und so war er ganz froh, als er im Osterkruge den Vorsteher und den Hegemeister traf, und es war fast zwei Uhr, als er nach Hause kam. Er wachte um sechs auf, aber da er müde war, drehte er sdich wieder um und schlief bis elf Uhr, und das war das Allerdümmste, was er tun konnte, denn immer machte ihm Nachschlaf Falten in die Stirne. So war auch dieser Tag verloren. Die Farben wollten nicht laufen, die Pinsel waren bockig, die Leinewand sträubte sich; wütend lief er aus der Werkstatt und ging mit Grete aus. Aber an jedem Worte, das sie sagte, stieß er sich die Schienbeine wund. Einige fortgeworfene Wiesenblumen, die zertreten auf dem Wege lagen, entlockten ihr den Ausruf: »Wie schade« Er lachte und zeigte auf eine Fichte, die der letzte Strum umgestoßen hatte: »Wenn etwas kleines kaputt geht, das beseufzt ihr; an der Leiche eines Riesen geht ihr gleichgültig vorbei.« Die Sonne verabschiedete sich in aller Form. »Welch ein schöner Sonnenuntergang!« rief Grete. »Ein Untergang kann nie schöner sein,« spottete er. Es wurde dunkel im Wald; Grete nahm seinen Arm. »Du erlaubst?« bat sie. »Natürlich,« lachte er; »es ist ja eine Wonne, einmal zu fühlen, daß du auch nur ein schwacher Mensch bist. Aber so seid ihr; in der Dämmerung laßt ihr uns an die Strippe.« Grete sprach nun kein Wort mehr, und stumm gingen sie nach Hause. Er ging auch diesen Abend wieder aus, kam aber bald zurück und begab sich in die Werkstätte. Um zehn Uhr hörte seine Frau von der Veranda aus, daß er flötete und sang. Sie freute sich, denn nun wußte sie, daß er malte. Die Melodie war ihr unbekannt und deshalb ging sie den moosigen Weg so weit entlang, bis sie die Worte verstand; die lauteten: »Und kann es nicht die Lilie sein, so pflück ich mir ein Röselein!« Ihr wurde traurig zumute, denn es schien ihr, als ob das Lied ihr mit der Faust droht; ihr war zu Sinne, als läge sie im Halbschlafe in einer Wiese und im langen Grase kröche etwas auf sie zu, von dem sie nicht wußte, was es war, eine harmlose Natter oder die böse Adder. Darum war sie froh, als am anderen Morgen ihr Mann im Jagdanzuge vor ihrem Bette stand, sie auf die Stirne küßte und sagte: »Ich bleibe vielleicht drei oder vier Tage fort; ich muß mal hinaus; ich fahre nach Ueldringen.« Sie wunderte sich, daß er reiste, weil am folgenden Tage Swaantje kommen wollte; aber sie dachte: »Er will sich auf sich selber besinnen.« Als sie nachher in die Werkstatt ging, um Staub zu wischen, sah sie einen Haufen Papierfetzen in der Ofenecke liegen. Sie hob einige auf und wurde erst rot und dann weiß; es waren die Reste von zwei Arbeiten, an denen er jahrelang geschrieben hatte, allerlei Gedanken über das Verhältnis der Kunst zum Leben und die Ergebnisse seiner Studien über die Technik des Malens. Sie sammelte die Fetzchen auf, Tränen in den Augen, verschloß sie in einer Truhe in ihrem Schlafzimmer und ging müde an ihre Arbeit. Dann kam Swaantje. Sie sah blaß und nervös aus, und als sie Grete ansah, fiel sie ihr um den Hals, küßte sie und fragte: »Aber, liebste Grete, wie siehst du aus? Was hat sich zugetragen?« Als sie hörte, daß Helmold zur Jagd gefahren war, drehte sie sich schnell nach Sweenechien um, die gerade in das Eßzimmer kam, nahm sie auf den Arm und küßte sie trotz deren Gestrampels ab, denn Kinder gingen nicht gern zu dem Mädchen, das von sich selber einmal gesagt hatte: »Kinder mögen mich nicht, und ich kann damit nichts anfangen.« Helmold hatte damals ganz ernst geäußert: »Bis du eigne hast; vernünftige Frauen machen sich aus anderer Leute Kindern nichts und sparen sich die Liebe für ihre eigenen auf. Grete ist es ebenso gegangen. Die Abknutscherei fremder Kinder ist eine Spezialität hysterischer Weiber!« Grete fand überhaupt, daß Swaantje ganz anders geworden war; ihr Mund sah aus, als schäme er sich, daß er noch nie geküßt war, ihre Augen hatten einen verlassenen Blick, und ihre Hände wirkten noch hoffnungsloser denn zuvor. Es dauerte auch eine geraume Zeit, ehe Swaantje den alten Ton wieder fand und mit Grete darüber scherzte, wie es nun werden sollte ob sie nun beide Helmolds wegen auf Säbel oder Pistolen, losgehen oder ihn ausraten sollten. Sie zogen das Letzte vor, doch Swaantje gewann immer, tröstete Grete aber und sagte: »In den Monaten mit R sollst du ihn haben, und in den anderen nehme ich ihn; ist das nicht lieb von mir?« Als sie aber ihre Koffer auspackte und Grete sie fragte: »Hast du das weiße Wollkleid nicht mir, in dem Helmold dich so gern sah?« da schüttelte sie den Kopf, wie ein Pferd, das sich der Bremsen erwehren will, und sprach schnell von etwas anderem. Am Abend des dritten Tages, daß Swaantje da war, sagte Grete: »Jetzt wird er gleich hier sein!« Aber er kam nicht. Am Abend des vierten Tages war sie sehr unruhig und brachte kaum einen Bissen herunter, und Swaantje ging es ebenso. Als die Uhr dreiviertel auf sieben schlug, sprang die Frau plötzlich auf, nahm das Mädchen in den Arm und schluchzte: »Ach, Swaantien, ich habe eben einen so furchtbaren Schreck gekriegt! Fühle nur, wie mein Herz klopft!« Aber als sie aufsah, bemerkte sie, daß auch Swaantje kreideweiß aussah, und sie fühlte, daß deren Herz ebenso sprang wie ihr eignes. Der Abend verlief trostlos; bis ein Uhr blieben sie auf, denn um dreiviertel auf eins lief der letzte Zug ein, mit dem Helmold kommen konnte; doch er kam nicht. Dann gingen sie zu Bett, ließen aber die Türen auf. Um zwei Uhr hielt Grete es nicht mehr aus; sie sah, daß Swaantje noch Licht hatte, ging zu ihr und sah sie so bittend an, daß das Mädchen ihre Decke zurückschlug und sagte: »Komm, liebe Grete!« Die Frau legte sich neben sie, nahm sie in den Arm und weinte so lange, bis sie einschlief. Swaantje drückte das Licht aus und sah in die Dunkelheit; das Bohren in ihrer linken Schläfe ging von Stunde zu Stunde tiefer; sie hielt aber stand, bis die Amsel zu singen begann und der Morgen ihr zunickte. Da endlich fielen ihr die Augen zu. Um acht Uhr wachte Grete auf und sah sich verwundert um. Dann sah sie Swaantje an und erschrak; das Mädchen war totenbleich und hatte ganz farblose Lippen. Sie stahl sich aus dem Bette und zog die Vorhänge fest zu; aber ehe sie das Zimmer verließ, bückte sie sich und küßte Swaantje ganz leise auf die böse Schläfe. Das Mädchen lächelte und flüsterte: »Guter Helmold!« Die Frau zuckte zurück. Kurz vor dem Mittagessen kam ihr Mann. Er sah ganz braungebrannt aus, hatte klare Augen und eine helle Stimme. Er küßte seine Frau herzlich und bewillkommnete Swaantje freundlich. Beim Essen sagte er: »Ihr seht beide wie die verhagelten Lohgerber aus, denen die Petersilie fortgeschwommen ist. Habt ihr gestern was gegessen, was euch unbemessen, oder was ist?« Swaantje sah auf ihren Teller, aber Grete sagte: »Ich habe mich gestern auf einmal so um dich geängstigt und Swaantje damit angesteckt.« Ihr Mann lachte: »Neuer Bacillus, Spirococcus terroris; den solltest du monographisch behandeln; dann bist du eine berühmte Frau.« Nach dem Essen sagte er: »Nun, damit du es weißt: ich habe mit einem Wilddiebe erst höfliche Redensarten und dann grobe Schrote gewechselt. Der Mann schoß Schwarzpulver; deshalb habt ihr den Krach bis hierher gehört.« Beide Frauen sahen ihn entsetzt an, er aber lachte: »Der dumme Kerl schießt mir den besten Bock vor der Nase zusammen, und als ich ihm sage, er solle mir wenigstens das Gehörn lassen, verjagt er sich so, daß ihm vor Bammel der zweite Schuß herausruscht und mir gerade in den Arm. Übrigens nicht der Rede wert! Na, wie man begrüßt wird, so soll man sich bedanken; ich schoß ihm die langen Stiebel voll Nummer drei, und da gab er mir vor Rührung gleich den ganzen Bock. Ich habe ihm die Leber und die beiden Blätter gelassen, und dann haben wir zusammen einen auf den Schreck genommen. Es ist ein ganz famoser Kerl!« Swaantje sah ihren Vetter an, lächelte und sagte: »Du bist doch wirklich ein zu guter Mensch, lieber Helmold!« Er lachte: »Das sagen alle Leute, die mich nicht genau kennen. Der Prinz sagt, ich wäre ein Biest, und gerade deswegen könne er mich so gut leiden. Na ja, er ist das nicht, und hätte das Geschick dem guten Samlitz nicht so und so viele Erbtanten in die Wiege gelegt, ich möchte wohl wissen, wie der sich durch das Leben schlängeln wollte. Ich behandelte ihn ja mehrstens etwas ruppig, schon damit er nicht noch millionärrischer wird. Ein wahrer Segen, daß er bloß seine Zinsen aufessen darf; sonst hätte er in drei Jahren alle meine Bilder und ich seinen Mammon nebst diesbezüglichen üblen Folgen. Scheußlich, mit einem Geldschrank um den Hals auf die Welt zu kommen!« Swaantje lächelte und fragte dann: »Bist du mit ihm so befreundet wie mit Hennecke? Und was ist es für ein Mann?« Ihr Vetter blies den Zigarrenrauch gegen die Decke: »Befreundet? Ja; aber mit einer Barriere darum; es bleibt immer eine Menge Form zwischen uns. Ich verstehe manches an ihm nicht.« Er sah den Rauchringeln nach: »Aber ich bin ihm Dank schuldig. Hätte er mir damals nicht meine alten Schinken abgekauft, dann hätte Grete waschen gehen können, und ich konnte mit meiner Leier von Destille zu Destille ziehen oder Schnellmaler im Tingeltangel werden.« Swaantje schüttelte den Kopf: »Allerdings, du brauchtest damals das Geld sehr nötig, und ich bin heute noch dir und Grete sehr böse, daß ihr euch nichts merken ließet; sehr böse! Aber bedenke, wer war der Mäzen? Doch wohl du, denn die Bilder sind heute das Zehnfache wert.« Helmold nickte, »Jawohl; aber erstens gab damals kein Mensch auch nur die Materialkosten dafür, und zweitens hatte der Prinz zu jener Zeit selber bloß lumpige fünfzigtausend Mark Jahreseinkommen; also hat er sie mir sehr gut bezahlt.« Swaantje gab ihm die Hand über den Tisch: »Helmold, ich freue mich über dich!" Zum ersten Male sah er sie jetzt in der alten Weise an, und fünf Minuten darauf hatte sie keine blauen Schatten mehr unter den Augen. Aber der alte Klang war doch nicht in seiner Stimme, wenn er mit ihr sprach; er hielt sich von ihr zurück, das merkte sie, und obgleich sie sich Gretes wegen darüber freuen wollte, so tat es ihr doch bitter weh, zumal sie fand, daß auch zwischen ihrem Vetter und seiner Frau eine Glasscheibe war. So beschloß sie, nach drei Tagen abzureisen; aber da schlugen Grete und Helmold einen solchen Lärm, daß nichts daraus wurde, zumal ihr Vetter noch sagte: »Ehe die weiße Heide nicht fertig ist, kommst du nicht fort; ich habe schon dein ganzes Schuhzeug eingeschlossen.« So saß sie ihm denn einige Vormittagsstunden, bekam das Bild aber nicht zu sehen. Ihren Augen gegenüber hing ein kleines Bild, das einen weiblichen Akt darstelle, der auf einer weiten, im Hintergrunde mit Birken besäumten Heide unter einem hellblauen, mit weißem Gewölk bedeckten Himmel stand. »Das ist ein entzückendes Bild, lieber Helmold,« sagte sie, »ein ganz entzückendes Bild.« Aber weiter sagte sie nichts; Sie wußte, Geld nahm er von ihr nicht. Sonst sprachen sie wenig miteinander, wenn er malte; auch flötete, summte und sang er nicht dabei. Sie wußte wohl, warum er das nicht tat, aber ihr Herz tat ihr doch weh. Sie schlief keine Nacht vor dem Morgengrauen ein und sah, daß ihr Vetter von Tag zu Tag ernster und blasser wurde; jede Nacht vernahm Sie, wie er sich leise im Bette herumdrehte, ab und zu hörte sie Papier rascheln; er las also. »Heute müßt ihr beide allein ausgehen, Kinder,« sagte Frau Grete, die inzwischen ihre Seelenruhe wiedergefunden hatte, als sie sah, wie Helmold sich zu Swaantje stellte; »Tante Rößler hat mich gebeten, zu kommen; ihr geht es nicht gut, und für Swaantje ist es kein Genuß, die Geschichte von dem offenen Bein von A bis Z anzuhören. Ich gehe aber erst um sieben Uhr hin, denn bis dahin habe ich zu tun. Also seht zu, wie ihr die Zeit totschlagt.« Da Helmold die letzte Hand an Swaantjes Bild legte, war er erst um vier Uhr zum Ausgehen fertig. Swaantje, die die ganze Nacht vor Schmerzen wieder nicht geschlafen hatte, sah sehr hinfällig aus. »Willst du lieber hier bleiben?" fragte er; »ich gehe nur deinetwegen. Du weißt ja, Spazierengehen, dazu bin ich zu sehr Bauer.« Swaantje wäre am liebsten daheim geblieben; aber Grete hatte sie gebeten: »Geh ja mit; er hat zuviel gearbeitet und muß hinaus; und dir ist es auch gut.« Sie fuhren mit der Straßenbahn in eine Gegend, die das Mädchen noch nicht kannte. Helmold stellte ihm die Landschaft in prickelnder Weise vor. Aber wenn auch das, was er sagte, wie Demanten funkelte, so klang es doch ebenso kalt. In der Gartenwirtschaft, in der sie einkehrten, war er von der höflichsten Besorgtheit für sie; aber die Zuneigung, die sonst seine Handlungen durchleutete, fehlte. Die Sonne schien hell, die Luft war warm und blitzte von allerlei winzigem Getier, ein neckischer Wind kraulte den Bäumen die Köpfe, der Himmel war hoch, und seine lichte Bläue hoben weiße Windwölkchen, so zart wie mit einer Schnepfenfeder gezogen; dazu lachten die bunten Herbstblumen nur so, und die Stare sangen, als wenn eben der Mai eingezogen sei; doch Helmolds Worte waren wie ein leiser Nordwind. Er erzählte, als wäre er der fröhlichste Mensch von der Welt; doch sein ganzes Geplauder war nicht das von Kamerad zu Kamerad, sondern von dem Herrn der guten Gesellschaft zu einer sehr geschätzten Dame aus denselben Kreisen. Kein einziger kecker Witz, kein gewagter Vergleich entschlüpfte ihm. Das Mädchen schauerte zusammen. »Friert dich?« fragte er. Ja, sie fror, sie fror sehr. Früher hatte er sie nie angesprochen, ohne hinzusetzen: »Liebe Swaantje« oder »Kleine« oder »Maus«; früher lachte er sie mit dem Herzen und den Augen an; jetzt lächelte er nur noch mit dem Gesichte. »Helmold,« begann sie mit einem unabsichtlich bittenden Ausdruck in der Stimme, als sie durch den Wald gingen, »lieber Helmold!« Er sah sie von der Seite an. »Und, liebe Swaantje?« fragte er und sie fuhr fort: »Was ich dir jetzt sage, ist vielleicht sehr töricht von mir, aber sage ich es nicht, so bin ich unehrlich. Das, was ich dir damals in deiner Werkstatt sagte, das ist vorbei.« Sie atmete schwer. Er blieb nicht stehen, er sah sie nicht an, er änderte auch seine ruhige Sprechweise nicht, als er fragte: »Wie ist das gekommen?« Sie zitterte, als sie antwortete: »Vielleicht nur, weil ich es dir gesagt habe.« Er nickte: »Wahrscheinlich; Sprechen und Weinen erlöst.« Er schwieg eine Weile. Sie sah ihn verstohlen von der Seite an; sein Gesicht zeigte keine Bewegung. Ein Herr mit grauem Vollbarte begegnete ihnen, sah Helmold aufmunternd an und grüßte, als dieser keine Miene machte, zuerst zu grüßen, ganz tief, und Helmold erwiderte gemessen. »Wer war das?« fragte das Mädchen. Ihr Vetter lachte: »Ein hohes Lokaltier, unser Oberbürgermeister. Er denkt, weil er Ober im Kunstverein ist, müßte ich zuerst grüßen, auch wenn ich mit einer Dame gehe. Na, jetzt braucht er sich den Knigge nicht zu kaufen.« Erst nach einer geraumen Weile begann er wieder: »Ja, Swaantje, ich weiß nicht, ist das nun gut für dich oder nicht? Einerseits bin ich froh, daß du diese taube Neigung zu den übrigen Pensionsandenken gepackt hast; anderseits: nun hast du gar nichts auf der Welt, noch nicht einmal einen Kummer. Ich hoffe, daß die Reise mit Terborgs dich aufrappelt; alle das viele Schöne aus alter und neuer Zeit, das du sehen wirst!« »Gib mir deinen Arm,« bat das Mädchen, »mir ist etwas schwindlig.« Er führte sie zur nächsten Bank: »So, wir sind ein bißchen weit gegangen«, sagte er und lächelte, aber nur mit den Lippen; »in fünf Minuten sind wir bei der Haltestelle.« Beim Abendessen mußte sie sich ein Kissen ausbitten, so schmerzte sie der Rücken, und nach dem Essen ging sie sofort zu Bett, so todmüde fühlte sie sich. Alle Glieder taten ihr weh, aber schlafen konnte sie nicht. Auch Helmold schlief nicht. Durch das Schlüsselloch kam ein dünner Lichtschein, ab und zu knarrte sein Bett leise, sie hörte, wie er in dem Buche blätterte, und dann roch sie, daß er rauchte. Sie wußte, daß er sonst nie im Bette rauchte; es mußte ihm also sehr schlecht gehen. Es war drei Uhr, da hörte sie, wie er leise aufstand und Wasser in ein Glas goß; ein Papierchen knitterte, ein Teelöffel klirrte in dem Glase. »Veronal,« dachte sie, und unter ihrem Mitleid glitzterte blanke Freude: »Er hat sich verstellt,« schrie es in ihr; »er liebt mich doch, denn sonst würde er schlafen.« Ihr Kopf fiel hintenüber, und sie schlief ein. Als sie am anderen Vormittag in der Werkstätte auf dem Ruhebette lag und ihrem Vetter zusah, der aus ihrem Bilde die letzten Spuren der Maltechnik entfernte, »denn, wo man noch Technik sieht, da ist keine, und deshalb ist Segantini viel früher gestorben, als er verantworten konnte,« hatte er gesagt, da fing er mit einem Male zu sprechen an, konnte aber nie den Weg zu dem Punkte finden, den er in der Nacht vor sich gesehen hatte, auch kam bald Grete, Sweenechien an der Hand, und dann Luise, die irgend etwas aus dem Nebenraum holen wollte, und so wurde es Mittag. Hinterher gingen sie selbdritt aus, und abends kam Hennecke. Er sah sich erst die neuen Bilder an, fand den Mädchenakt auf der Heide herrlich, aber als sein Freund fragte, was er von den Saharabildern und von Wodes Zorn halte, tat er, als habe er es nicht gehört, und ebenso verhielt er sich, als Helmold ihm sagte: »Du Henning, es ist ganz ulkig: zu jedem Bilde habe ich jetzt ein Lied.« Bei Tische war Helmold sehr aufgeräumt, doch sah er, wenn er sprach, meist seinen Freund an. Grete fand aber bald heraus, daß er nicht bei der Sache war, und wenn Helmold mit Swaantje sprach, ließ Henning einen kurzen Blick über das Paar fliegen, als suche er im Dunkeln den Weg. In dieser Nacht schlief Swaantje fast gar nicht; sie mußte immer an den einen heimlichen denken, den ihr Vetter ihr zugeworfen hatte, als sie mit Henning und Grete in eifriger Unterhaltung war; er hatte geglaubt, sie sähe es nicht, und so hatte er sich nackt ausgezogen. Als sie dann am nächsten Vormittag von Helmold in die Werkstatt gebeten wurde, mußte sie an sich halten, um sich nicht zu verraten, denn ihr Vetter sah ganz alt und krank aus. Er zeigte ihr mit erkünstelter Unbefangenheit einige Studien aus der Umgegend von Mecklenhusen, nötigte sie dann auf das Ruhebett, legte ihr die Schlummerrolle unter den Nacken, deckte sie warm zu und sagte: »Schlaf noch ein bißchen; du siehst müde aus, Kleine!« Sie schlief sofort ein, wachte aber bald wieder auf, und als sie unter den Wimpern nach ihm hinblickte, sah sie, daß er vornübergebeugt im Sessel saß und sie mit hoffnungsloser Zärtlichkeit anblickte. Sie schlug die Augen voll auf; er lächelte sie an, redete erst von diesem und jenem, und dann klagte er ihr mit gleichgültig klingender Stimme seine Herzensnot. Sie antworte, als Helmold endlich schloß: »Du tust mir sehr leid, Vetter, aber in diesem Punkte gibt es für mich keinen anderen Weg als den, den mir Religion und Sitte weisen; das wirst du selbst wissen.« Er nickte, und sein Gesicht sah ganz gleichgültig aus, auch klang seine Stimme alltäglich, als er leichthin sagte: »Natürlich weiß ich das; du bist Dame, bist höhere Tochter, verfügst also über einen mündelsicheren Fonds von Konventionsmoral. Ich verstehe dich nicht nur vollkommen, ich schätze dein Verhalten auch in vollem Maße, denn: entsetzlich wäre mir der Gedanke, eine angeheiratete Kusine zu besitzen, die selbst dann, wenn es auf Tod und Leben geht, ihre Ladyleikigkeit vergäße. Aber länger halte ich es nicht aus, und das beste ist, ich mache Schluß; für Grete und die Kinder ist einigermaßen gesorgt.« Swaantje sprang auf: »Auch das noch!« stöhnte sie und verließ müden Schrittes die Werkstatt. Helmold warf ihr einen bösen Blick nach und knirschte mit den Zähnen; dann aber zog er den Vorhang von ihrem Bilde und sah es lange an. Danach langte er den Mädchenakte auf der Heide von der Wand, suchte einen Grabstichel und stach in die Ecke des Rahmens die Buchestaben hinein: H. s. l. Sw., ging in das Wohnhaus, überzeugte sich davon, daß Swaantje in der Küche war, trat schnell in ihr Schlafzimmer, legte das Bild auf den Spiegeltisch und trat wieder in die Werkstätte. Als er zum Essen kam, bemerkte er einen harten Zug um den Mund seiner Frau, und daß Swaanjtes Gesicht vor Kälte starrte. Er aß fast nichts und sprach kein Wort, antwortete kaum, wenn er angeredet wurde und horchte noch nicht einmal auf das Geplauder der Kinder. Als Swaantje das Zimmer verlassen hatte, fragte er: »Gehen wir aus?" Seine Frau schüttelte den Kopf: »Ich habe keine Zeit.« Er sah aus dem Fenster, sprach längere Zeit nichts, und dann warf er über die Schulter hin: »Na, dann will ich mit Swaantje nach dem Billerloh.« Seine Frau legte ihm die Hand auf die Schulter und sah in bittend an: »Du, Helmold, sei nicht böse, aber du mußt das verstehen: Swaantje hat mich gebeten, sie nicht mit dir allein zu lassen; ihr ist das peinlich.« Er sah sie mit gleichgültigen Augen an: »So? schön; ich werde der Dame weitere Peinlichkeiten ersparen.« Damit ging er aus dem Zimmer und verließ gleich darauf das Haus. Er kam nicht zum Vesper, er kam nicht zum Abendessen. Grete und Swaantje saßen bis zwei Uhr auf, aber er kam nicht. Es war fünf Uhr, da hörte Grete die Haustüre gehen, sie horchte und vernahm, daß ihr Mann in die Werkstatt ging, und als sie an das Fenster trat, sah sie, daß er Licht gemacht hatte, und daß sein Schatten auf und ab ging. Um acht Uhr morgens ging sie zu ihm, um ihn zu fragen, ob er nicht frühstücken wolle; aber die Türe war verschlossen. Er erschien auch zum Mittage nicht, obgleich Sweenechien, die zu ihm geschickt war, lange an der Türe rappelte und in einem fort bettelte: »Väterchen, essen kommen!« Zum Vesper aber kam er, aß jedoch fast nichts, tat so, als wäre nicht das geringste vorgefallen, hatte aber flackrige Augen und ein welkes Gesicht. Er behandelte Swaantje höflich, doch wie einen Menschen, an dem ihm nicht ein bißchen gelegen war, und drehte seiner Frau mit liebenswürdiger Härte jedes Wort im Munde herum, bis sie aufstand und hinausging. »Lieber Helmold,« bat Swaantje, »sei doch nicht so zu Grete!« Er sah kalt an ihr vorbei, ging in sein Zimmer, zog sich um, verließ das Haus und kam erst am anderen Morgen wieder, ganz fahl im Gesicht und mit breiten Schatten unter den Augen, setzte sich an den Tisch, aß wieder fast nichts und sprach kein Wort, bis seine Frau an zu weinen fing. Da stand er auf und ging in die Werkstatt. Swaantje ging ihm nach. »Helmold,« bat sie und faßte seine Hand. Er sah sie kühl an und deutete auf einen Sessel; müde sank sie hinein. »Tut mir leid, Swaantje, daß du gekommen ist, sehr leid, deiner Nerven wegen. Aber schließlich: mir geht es ja nicht besser.« Er sah sie feindlich an: »Die arme Grete, nicht wahr? Und der böse Mann, nicht wahr? Die gute Frau hat ihrem lieben Mann die Augen geöffnet, und nun ist sie böse, daß er sehend geworden ist. Solche bodenlose Gemeinheit von dem Kerl! So ist nämlich die weibliche Logik. Erst heißt es: Mach was du willst! dann: wir drei! und schreit dann so ein dämliches Männerherz vor Glück auf, dann tritt man mit dem Absätze drauf und ist noch peinlich,« er sprach das Wort gallenbitter aus, »peinlich berührt, quietscht es.« Er sah das Mädchen spöttisch lächelnd an: »Fräulein Swaantje Swantenius ist es peinlich, mit ansehen zu müssen, wenn ein Mann sich zu ihren Füßen in Todeskrämpfen windet, denn sie hat die höhere Töchterschule besucht und ist in dem vornehmsten Pensionat der Residenz verbildet worden. Sie würde ja gern alles für ihn tun, nur das eine nicht, denn sie ist eben Dame. Und so läßt sie ihn sich totquälen, obgleich sie ihn liebt.« Swaantje sah an ihm vorbei, als sie mit blasser Stimme antwortete: »Ich habe dir doch nichts gesagt!« Er zwang sie, ihn anzusehen, und sagte in ruhiger Weise: »Danke, das genügt mir! Menschenskind,« fuhr er dann fort, und seine Stimme zitterte, »sollen wir denn alle dreie zugrunde gehen? Ich kann ohne dich nicht leben und du ohne mich auch nicht, und wärest du nicht so charakterlos charakterfest, so würdest du zu mir kommen und sagen: \>Da!\< Denn, das mußt du wissen, erbetteln will ich mir nichts von dir, und überrumpeln will ich dich auch nicht, denn ich bin nicht in dich verliebt, ich liebe dich eben nur, und ich will, daß du dich mir aus vollem Herzen schenkst.« »Swaantje,« bat er und trat auf sie zu, ihre Hand fassend, »sieh doch, du weißt, wer ich bin, daß ich meinem Volke etwas sein werde. Meinst du, es wäre so sehr schlecht, hülfest du mir dabei? Ich will ja nichts,« und dabei brach seine Stimme, und die Tränen kamen ihm in die Augen, »als ein ganz klein bißchen Hoffnung, weiter nichts. Und bedenke: Grete und ich sind geschieden; nur du kannst uns wieder verbinden. Ihr seid für mich eins; seid das Weib. Bist du nicht mein, kann ich Grete nicht mehr in Liebe ansehen. Glaube mir, ich handele nicht leichtsinnig; ginge es nicht auf Tod und Leben, ich hätte dich nicht in eine so schwierige Lage gebracht. Und du mußt daran denken, daß Grete alle, aber auch alle Schuld hat. Jetzt heißt es: ja, ich konnte doch nicht denken, daß du das ernst nähmest! Es ist schrecklich: da stößt einen die Frau mitten in das helle Feuer, und kriegt man Brandblasen, dann ist sie empört.« Mit düsteren Augen sah er aus dem Fenster, in das die Morgensonne hineinlachte. »Ich schlafe nicht mehr, ich esse nicht mehr; ich kann bloß noch malen und rauchen. Ich werde noch nicht einmal mehr betrunken. Noch eine solche Woche, und in mir zerreißt etwas. Ich bin ein ganz armer alter, kalter, toter Mann geworden, der um ein Bröckchen Hoffnung bettelt, und die beiden Frauen, die da vorgeben, sie lieben mich, schlagen mir die Tür vor der Nase zu.« Er lachte trocken auf und sang den Endreim des sozialdemokratischen Liedes: »Denn ich bin Mitglied von dem Verein gegen Verarmung und Hausbettelei.« Swaantje schüttelte sich. »Frierst du, liebe Kusine?« fragte er. »Da steht Kognak! Mir hilft er nicht mehr gegen die Gänsehautbildung auf dem Herzen. Vorige Nacht habe ich acht Kognaks, drei Grogs und unglaublich viel Sekt getrunken und bin doch nicht warm geworden, trotz der beiden zwar etwas leichten, aber bildhübschen und sehr lustigen Mädel, die rechts und links bei mir saßen und sich wie barmherzige Schwestern gegen mich benahmen. Die eine heulte sogar und sagte: ›Was fehlt Ihnen eigentlich? Ich möchte Ihnen so gern helfen!‹ Ja, eine Dame war das nicht, aber ein Weib, und darum tat ich ihr leid, und es war doch nicht viel mehr, als ein Allermannsliebchen.« Er rückte sich eine Staffelei zurecht und malte; barsch ging der breite Pinsel über die Leinwand. Dann lachte er: »Malen kann ich noch, sehr gut sogar; aber es langweilt mich. Hast du das Bild gefunden?« Swaantje nickte, sah aber nicht auf, als sie sagte: »Ja, und du wirst verstanden haben, warum ich dir nicht danken konnte.« Er lächelte freundlich und nickte: »Ja, so dumm ist er nicht. Hätte Fräulein Swantenius sich bedankt, so hätte sie Herrn Hagenrieder notwendigerweise in den Arm nehmen müssen, und das schickt sich doch nicht. Und so hat man sich den Dank erspart, an dem mir übrigens den Kuckuck etwas liegt.« Das Mädchen seufzte schwer auf. Er schüttelte den Kopf: »Helmold Hagerieder wird weiter malen; Swaantje Swantenius wird weiter als zweckloser Mensch dahinleben und langsam eine alte Jungfer werden, die nur etwas voll und ganz durchgelebt hat, nämlich ein Leben, das keins war. Und wenn sie alt und grau ist, dann wird sie doch einmal nachts in ihrem Bette weinen und wimmern: ›Ich habe es verpaßt!‹ Oder wie denkst du dir dein Leben?« Das Mädchen nickte: »Genau so!« Er sah sie herrisch an: »Und du glaubst, das werde ich dulden? Glaubst du, ich bin ein dummer Junge, der nach einem Küßchen gibbert? Ich will dich ganz haben, und du wirst dich mir ganz geben, und freiwillig wirst du das tun; denn obzwar du Dame bist, so bist du nebenbei doch noch etwas Mensch und ein wenig Weib geblieben und viel zu gebildet, um nicht einsehen zu müssen, daß Sitte und Gesetz Papier sind, und daß Not kein Gebot kennt. Ich will nicht in dich dringen, aber ich bitte dich, Swaantje: gib mir ein wenig Hoffnung, ein ganz klein wenig, nur so viel, daß ich mein Leben eben damit friste.« Er ging zu ihr hin und faßte ihre Hände. »Willst du das?« Sie sah an ihm vorbei und schüttelte leise den Kopf. »Kind,« flüsterte er, »ich brauchte dich ja nur umzufassen und zu küssen, denn ich sehe durch dich hindurch wie durch Glas. Aber ich will das eben nicht, denn ich liebe dich. Also du gibst mir keine, aber auch gar keine Hoffnung?« Abermals schüttelte sie den Kopf. »Na, dann vereinfacht sich der Fall, und die Sache liegt so: dann stehe ich hier ganz allein, Grete und die Kinder da, und du dort. Denn von dem Augenblick an, daß ich weiß, ich habe keine Hoffnung mehr, habe ich keine Verwendung mehr für das, was man Herz nennt. Also reden wir von etwas anderem.« Er pfiff leise vor sich hin und malte weiter. »Weißt du, Swanntje," fing er dann an, »was ich glaube? Du hast eigentlich recht! Im Grunde passen Männer und Frauen überhaupt nur so zueinander wie die Nuß und die Hülle. In der Jugend halten sie zusammen; sind sie reif, dann verlieren sie den Zusammenhang, weil jeder sich auf sich selbst besinnt. Wenn Stahl und Stein zusammenkommen, gibt es rote Liebesfunken; Stahl bleibt Stahl und Stein Stein; höchstens splittert der eine etwas ab, und der ander kriegt Kratzen. Zu was also das ganze Gehampel? Ich bin ein Mann von über vierzig, du gehst auf die dreißig; die schönste, dümmste Zeit liegt hinter uns. Darum tun wir gut, vernünftig zu sein. Der eine stickt sich ins Grab, der andere malt sich hinein, derweilen das junge Blut sich liebt und küßt und Wonne und Weh leidet. Ein Segen, daß wir beide klüger sind. Nicht, Swaantje?« Das Mädchen sah ihn hilflos an; ihr Gesicht war blaß und mager. Er ging zu ihr und streichelte ihr die Backen. »Arme Kleine! So quälen wir uns beide, aus Feigheit, aus Rücksicht, aus Mangel an Naivheit. Bald ist es Winter. Anstatt daß wir uns der letzten Blumen freuen, gehen wir daran vorüber. Nachher tut uns das leid.« Er steckte sich eine Zigarre an. »Na, vielleicht komme ich doch noch darüber hinweg, obgleich ich das nicht hoffen will, denn dann danke ich bestens für mich.« Swaantje sah ihn ernst an. »Helmold, du hast doch noch immer deine Kunst!« Er lachte lustig: »Ich pfeife darauf! Kunst, weißt du, was das ist? Ungelebtes Leben! Sieh dir die Griechen an; nie hat ein unglücklicheres Volk gelebt. Sie waren sehr unglücklich; sonst hätten sie es nicht in der Kunst so weit gebracht, die Römer hatten keine Kunst, die lebten ein lebendiges Leben, die Kunst ist wie ein Spiegel; vorne Farbe und Leben, hinten Pappe.« Er ging an den Bücherschrank, nahm den Angelus Silesius heraus, schlug ihn auf, reichte ihn Swaantje und sagte: »Lies die grün angestrichene Stelle.« Das Mädchen las und bekam ganz enge Lippen, denn da stand: »Die Braut verdient sich mehr mit einem Kuß um Gott, denn alle Mietlinge mit Arbeit bis in Tod.« Er nickte ihr spöttisch lächelnd zu: »Ja, der frumbe Mann wußte Bescheid; die Liebe ist alles, das andere ist nichts. Aber: wie du willst! Mögest du nie wissen, was Reue ist! Ich weiß es. Als ich ein junger Kerl war, gab ich unserem netten Dienstmädel mal einen Kuß, rein aus Übermut. Als ich zu Bette ging, machte sie leise ihre Kammertür auf und flüsterte: \>Gute Nacht, Herr Hagenrieder.\< Ich wollte aber keinen Unfug machen und nickte ihr nur zu. Am anderen Tage fuhr ich nach München. Die Augen, die das Mädchen mir machte, als ich an ihr vorbei aus dem Hause ging, vergesse ich mein Leben nicht, und wenn ich einmal in die Hölle komme, so ist es wegen einer Unterlassungssünde.« Seine Frau kam herein. Mit scheinbarer Unbefangenheit schlug sie für den Nachmittag einen gemeinsamen Spaziergang vor. Helmold nickte. »Mir ist alles gleich,« sagte er. Aber im Walde wuchs seine Übellaune von Minute zu Minute; die schlaflosen Nächte wirkten nach. So wurde es ein ungemütlicher Spaziergang. Mit zerfetzender Geistreichigkeit machte er sich über die Natur, das Wetter, die Menschen und die ganze Welt lustig, und quirlte auf dem Heimwege Ernst und Hohn so durcheinander, daß seine Frau und Swaantje die kalte Angst in das Genick faßte. »Weißt du, liebe Grete,« meinte er, »du müßtest eigenlich Romane schreiben, denn du hast ein bedeutendes Erfindertalent. Sieh mal, dieser hier, in dem wir drei Hauptpersonen sind, ist doch einfach eine glänzende Leistung. Sag' mal, wie hast du dir den Schluß gedacht? Blumentthal-Schönthansch oder Shakespeare-Sophokleisch? Hm? Denn du hast doch ein Ziel gehabt, als du das erste Kapitel anfingst?« »Wißt ihr was, Kinder,« und er nahm in den einen Arm Grete und in den anderen Swaantje, »wir wollen uns hinsetzen und jeder einen Schluß schreiben, oder habt ihr zwei beiden schon einen fertig? So scheint mir das wenigstens. Ich bin in der Beziehung etwas unbegabt. Bin überhaupt ein dummes Luder, das alles ernst nimmt, was seine Frau im Scherz sagt. Vor sieben Jahren sagte Sie: \>Die Hauptsache ist, Helmold, daß wir beide immer gute Freunde bleiben.\< Heute weiß sie nichts mehr davon, denn die Hauptwaffe der Frauen ist das abstellbare Gedächtnis.« »Übrigens: wie famos die Schatten da sind! Genau so wie die, die deine Worte über mein Herz warfen; das sieht wie ein rotes Zebra aus. Ihr könnt es später auf den Jahrmärkten sehen lassen. Und das da ist die Venus, der sogenannte Liebesstern. Sie zittert; ihr ist kalt. Mir auch. Ach, Kinder, ist das ein schöner Abend! Sieh, da ist ja auch der Mond. Na, Kerl, was sagst du nun? Jetzt habe ich die beiden Frauen, die laute und die leise; es fehlt nur noch der Schimmel und die Wölfe, die sich um Männerköpfe beißen. Kerl, es ist alles Schwindel, alles; ich habe überhaupt keine Frau, nur eine Frau Gemahlin, geborene Möllering.« Er pfiff sein frechstes Lied. Zum Abendessen kam Hennecke; Grete hatte ihn herbeigebeten und ihm gesagt, wie es um Helmold stand. Beim Essen wurde von der Sache nicht gesprochen. Hinterher sprach er erst mit Helmold und versuchte, ihn umzustimmen; das gelang ihm nicht. Dann ging er zu Grete. Swaantje kam in das Zimmer. Nach einem langen Schweigen fragte sie ihren Vetter: »Weiß er es?« Er nickte: »Ja, von Grete, von mir nicht.« Das Mädchen fragte weiter: »Was denkt er von mir?« Sie zuckte zusammen, denn ein Blick wie ein Messer streifte sie. Und abermals zuckte sie zusammen, als Helmold antwortete: »Das denkbar Schlechteste," und zum dritten Male, als er fortfuhr: »nämlich, daß du dich völlig als Dame benommen hast!« Er ging im Zimmer auf und ab: »Ich bin mit ihm fertig, denn er hat dich in meinen Augen herabgesetzt. Er sagte: ›Sie ist ein Weib, also auch nicht wert, daß man ihretwegen auch nur ein einziges Haar grau werden läßt.\< Er denkt nicht besonders von euch. Als ich ihm Gretes Verhalten darstellte, lachte er und sagte: \>Darüber wunderst du dich? Nimmst du denn Frauen ernst? Mein Lieber, du bist über vierzig! Freu' dich, daß es Kinder sind und bleiben, die nicht aus Gemeinheit unwahr sind, sondern aus Instinkt.‹ Na ja, die Mädchen, mit denen er verkehrt, mögen so sein. Ich denke besser von Grete und von dir, oder dachte so, und deshalb bin ich so elend geworden.« Er ging auf das Mädchen zu, gleich als wollte er sie anfassen; sie sprang auf und stellte sich hinter den Sessel. Er schüttelte belustigt den Kopf: »Habe keine Angst; ich will dich nicht mehr. Das eine Wort: \>es ist mir peinlich\< hat mir gezeigt, wer du bist. Und wenn wir beide eine Woche allein wären, und du trügest jeden Tag das weiße Kleid, ich würde stets die Dame in dir achten, die Dame, die umfällt, wenn ihr eine Maus über den Weg läuft, und die den einzigen Mann, der das Weib in ihr sah, und den sie zum Sterben liebt, aus ganz gemeiner Feigheit umkommen läßt. Ich will dir etwas zum Andenken schenken.« Er ging in das Atelier und kam mit einem gerahmten Pastellbildchen wieder. Es stellte einen Sarg dar, der auf zwei Stühlen mitten in einer Wiese stand; in dem Sarge lag Helmold Hagenrieder, wie er nun war, und sah spöttisch auf Helmold Hagerieder hinab, wie er einst war. Swaantje legte das Bild entsetzt fort und sah verstohlen ihren Vetter an. Sie fand, daß seine Schläfen ganz grau waren, und daß er Altemannsfalten über dem Munde und neben den Augen hatte. Sie stand auf und ging auf ihn zu, aber da kam Hennecke mit Grete. Um Mitternacht gingen Grete und Swaantje zu Bett; Helmold und Hennig saßen noch lange auf. Hennecke versuchte in seiner ruhigen Art dem Freunde aus dem Gestrüpp herauszuhelfen. Helmold hörte geduldig zu, aber dann sagte er: »Du hast vollkommen recht, und Grete hat recht, und Swaantje hat recht. Hier handelt es sich aber nicht darum, sondern darum: Soll ich leben oder Sterben? Ich glaube übrigens, es ist für das eine schon zu spät; denn ich bin bereits tot!« Er sah Hennig mit harten Augen an: »Sage mal, Grete sagte vorhin, du hättest gesagt: ›Wenn ich eine Schwester hätte, und ein verheirateter Mann näherte sich ihr in der Weise, wie es hier vorliegt, den schösse ich tot.‹ Ist das wahr? Hast du das gesagt?« Hennecke bekam einen schmalen Mund: »Muß ich antworten?" Der andere nickte, ihn starr ansehend, und Hennig antwortete: »Nein, das hat deine Frau gesagt, nicht ich; das konntest du dir doch wohl gleich denken.« Helmold holte schwer Luft: »Um dir zu beweisen, was aus mir geworden ist; als Grete mir das sagte, antwortete ich ihr: ›Hat er das gesagt, dann kenne ich ihn nicht mehr.‹ Wer nur im geringsten gegen mich ist, ist mein Feind. Pfui, wie kann eine Frau so handeln!« Hennecke zuckte die Achseln: »Was soll sie machen? Sie ist eine Frau! Sie hat andere Ehrbegriffe, sie kennt nur eine Moral: ihren und der Ihren Vorteil. Du hast deiner Frau viel zu danken und darfst ihr die Unbesonnenheit, die doch lediglich ein Ausfluß ihrer arglosen Natur ist, nicht übelnehmen.« Das hatte sich Helmold schon viele hundert Male selbst gepredigt; darum sah er seine Frau am anderen Morgen doch böse an, als sie sagte: »Swaantje fährt heute, sie leidet zu sehr.« Er sagte erst nichts, aber dann trat er auf sie zu und nahm sie in den Arm. »Grete,« bat er, und seine Stimme war wie eine Nacht ohne Mond und Sterne, »sei doch nicht so hart! Sieh mal, ich sterbe daran. Ich kann doch nichts dazu. Du sagst, du liebst mich; beweise es mir!« Seine Frau machte sich von ihm los; ihre Stimme klang spitz, als sie antwortete: »Was soll ich denn tun? Wenn es irgend jemand anders wäre; aber meine eigene Kusine?« Er sah sie starr an. »Erinnerst du dich, was du mir sagtest, als ich von Swaanhof zurückkam?« Sie zuckte die Achseln: »Was sollte ich machen? Du warest krank, und ich dachte ja auch, das deine Liebe zu Swaantje lediglich Mitleid sei. Ich habe nicht geahnt, daß du derartige Absichten hattest!« Da polterte er los. Er legte sich so wenig Zwang auf, daß Swaantje entsetzt hereingestürzt kam. Aber auch da bremste er sich nicht, sondern schüttelte alle die Angst und die Wut und allen Kummer und Grimm vor den beiden Frauen aus. Als er herauszischte: »So höre denn: ich liebe dich nicht nur nicht mehr, ich hasse dich. Du hast mich von oben bis unten belogen, hast kein Mittel gescheut, um mich zu zerbrechen, hast sogar meinen einzigen Freund gegen mich auszuspielen versucht. Ich bin fertig mir dir!« und seine Frau den Hieb damit zurückgab, daß sie ihm eine Scheidung vorschlug, da lachte er und sagte: »Schön!« Doch gehst du, so sieh zu, wie du leben willst. Mir ist es recht, aber ich kümmere mich dann in keiner Weise weiter um dich, und die Kinder bleiben bei mir. Oder sie können wählen, denn mir liegt jetzt an nichts mehr etwas, und sie ähneln ja auch dir mehr als mir. Sobald du den ersten Schritt tust, verkaufe ich alles, war mir gehört, und gehe irgendwohin, wo nicht Weiberköpfe, sondern Männerfäuste herrschen; denn dieses ganze verfluchte Land mit seinem verbildeten Gesindel ist mir ekelhaft.« Grete, die ganz weiß aussah, bekam einen roten Kopf, und ihre Augen funkelten, als sie rief: »Ich denke, du willst dir Swaantjes Liebe erringen; meinst du, daß dieses der Weg dazu ist?« Er lächelte freundlich: »Nein, denn ihre Liebe habe ich. Mir liegt übrigens nichts mehr daran. Jetzt kannst du sie mir schenken, und nehme sie nicht. Außerdem ist das meine ureigenste Angelegenheit, ob ich Swaantje liebe oder nicht, und geht weder dich noch sie etwas an. Überhaupt liebe ich sie nicht mehr; ich liebe das Gespenst meiner Liebe zu ihr. Ich kann keine Menschen mehr lieben, denn ich bin tot. Mein Herz ist nicht mehr da; ich habe eine Fiedel draus gemacht und spiele jede Farbe darauf, die es gibt. Ich bin Künstler geworden; aber ein Mensch bin ich nicht mehr. Das habe ich euch zu verdanken, dir, liebe Grete, und dir, Swaantje; ich danke euch herzinnig dafür.« Er küßte beiden die Hand und ging in die Werkstatt. Ruhig und besonnen arbeitete er an seinem neuesten Bildnisse weiter. Da fielen seine Blicke auf die Saharabilder, und auf Wodes Zorn. Er stutzte rückte die Bilder zurecht, trat zurück, und dann nahm er den breiten Pinsel, tauchte ihn in einen Farbentopf und strich mit festen Zügen die Bilder aus. Als er fast damit fertig war, trat Swaantje ein. Er ließ sich nicht stören und erst, als sie trocken aufschluchzte, sagte er: »Nun sag' bloß noch: ›Die schönen Bilder!‹, und dann müßte Grete noch sagen: ›das schöne Geld!‹, und dann hätte ich einen Grund, einmal wieder von Herzen zu lachen.« Aber als er das Mädchen genau ansah, sprang er zu, geleitete sie zu dem Sessel und rückte einen anderen daneben, in den er sich setzte. Er faßte ihre Hand: »Ich weiß, ich weiß, Kind, in welcher schweren Herzensnot du dich befindest, und wie sehr du darunter leidest, und daß Grete so unglücklich ist. Aber bedenkt ihr denn nicht, daß ich mehr bin als ein belieber Herr Soundso? und daß ihr, helft ihr mir, einem Manne das Leben neu schenkt, der dazu berufen ist, seinem Volke große Werte zu schaffen? Wiegt das nicht die ernstesten Bedenken auf? Und ich will ja so wenig, will weiter nichts als ein bißchen Hoffnung, mit offenen ehrlichen Händen gegeben. Und darum bitte ich dich: gib mir einen Kuß, einen einzigen, einzigen Kuß; ich will dir alles dafür geben, was ich habe: meine ganze Vergangenheit und alle meine Zukunft.« Bittend sah er das Mächen an; aber als sie schwieg und an ihm vorbeisah, stand er auf: »Swaantje,« rief er, »du weißt, meine besten Bilder habe ich behalten. Ich schenke sie dir. Mache damit, was du willst! Gib sie irgend einem Schuster; er darf auch sein Zeichen darunter setzen. Aber gib mir einen Kuß, oder laß dich von mir küssen! Nur ein einziges Mal, sonst geht es so nicht mehr weiter. Neulich, in der Bar, habe ich Heulkrämpfe gekriegt, daß alle die leichten Mädels und sämtliche schwergelandenen Gäste es mit der Angst bekamen. Ich bin fertig. Ich heule jede dritte Nacht mein Kissen naß. Grete merkt das nicht; aber sieh dir einmal die Augen an, mit denen unsere Luise mir nachsieht. Das Mädchen ist verlobt, und sie hat ihren Schatz gern. Aber, wenn ich winke, kommt sie; aus mütterlichem Mitleid. Alle Frauen und Mädchen sehen mich an, als wollten sie mich in den Arm nehmen, so dauere ich sie. Und ich komme mir vor, wie ein ganz kleines Kind, das liebgehabt werden will, weil es hungert und friert. Was habe ich früher die Leute beneidet, die sorglos leben konnten und die, die sich mit Lob wuschen und in Ruhm badeten. Jetzt bin ich so gut wie berühmt, was ich male, ist Gold wert; ich beherrsche die Technik autokratisch. Aber ich bin ärmer als damals in München, als ich mit der Miezi in einer Bodenkammer lebte und froh war, wenn ich Brot und Wurst hatte. Meine Haare sind grau geworden, meine Augen sind kalt, und mein Herz vereist langsam. Meine eigene Frau stieß mich in den Tod, und du stehst dabei und siehst zu. Hätte ich nicht diesen Indianerkörper, ich längst auch leiblich tot.« Er trat dicht vor das Mädchen hin und sah sie lange an; sie blickte an ihm vorbei. »Du leidest ebensoviel wie ich, Swaantje,« begann er endlich wieder; »vielleicht noch mehr, denn du hast Angst zu sprechen, und du wagst nicht mich anzusehen. Ich will dich auch nicht weiter quälen, denn du tust mir sehr leid, und ich liebe dich mehr als je zuvor. Was ich vorhin sagte, war nichts als Wut. Ich werde dich immer lieben, so oder so, auch wenn ich tot bin.« Sie zuckte zusammen. »Habe keine Angst, ich töte mich nicht. Es hätte gar keinen Zweck mehr; denn ich bin schon tot. Tote darf man küssen, Swaantje, darf man auf Nimmerwiedersehen küssen, denn sie küssen nicht wieder. So gib mir denn den einen Kuß.« Er beugte sich zu ihr, faßte sie um Kinn und Nacken und näherte seinen Mund ihren Lippen. Aber je näher er ihm kam, um so mehr versteckten sich ihre Lippen, um so starrer sah sie gegen die Wand, um so krampfhafter hielt sie den Atem an, und so streifte er mit den Lippen eben ihre Stirne, ließ sie los und ging aus der Werkstatt. Beim Mittag war er sehr ruhig, sprach auch ganz freundlich mit seiner Frau und scherzte mit den Kindern. Als Swaantje reisefertig war, fragte er: »Darf ich dir einmal schreiben?« Sie schüttelte den Kopf, ohne ihn anzusehen. Dann sagte er ganz geschäftsmäßig: »Dein Bild schicke ich dir, wenn es fertig ist. Die weiße Heide muß heraus; sie drückt zu sehr auf dein Gesicht. Überhaupt habe ich in der letzten Zeit viel Quatsch gemalt; ich hatte ja auch meist Fieber. Ich werde jetzt nach Stillenliebe fahren; vielleicht hilft mir die Jagd. Und nun, liebe Swaantje, verzeihe mir alles, was ich dir antat. Ich bin krank, sehr krank. Und ich will mir Mühe geben, daß hier wieder alles so wird wie früher. Lebe wohl; der Wagen ist da!« Er reichte ihr die Hand hin; sie legte die ihre lose hinein, ohne ihn anzusehen, und ging die Treppe hinab, wo Grete sie erwartete. Beide steigen ein, ohne sich umzublicken. Er sah dem Wagen so lange nach, bis er um die Ecke verschwand; dann ging er in die Werkstatt, und Gift und Galle, seine beiden Teckel, folgten ihm mit gesenkten Ohren und hängenden Ruten. Der Platzhirsch Am anderen Morgen fuhr er nach Stillenliebe; neben ihm auf der Bank lagen Gift und Galle, seine Hunde, und Gift und Galle waren auch in ihm. Er hatte, unterdes Grete und Swaantje zur Bahn fuhren und er in der Werkstatt mit Sweenechien Bilder besah, die Ereignisse der letzten Zeit überdacht und einen dicken Strich unter sich und Swaantje gezogen. »Das muß ein Ende haben," sagte er sich und nahm sich vor, recht nett zu seiner Frau zu sein. So nahm er sie in den Arm, als sie zurückkam, küßte sie und sagte: »Ich will morgen nach Stillenliebe; sonst wird der Prinz öde. Hör' mal, er schreibt: Die Hirsche schreien, wenn auch nicht, wie es fälschlich in der Bibel heißt, nach frischem Wasser, sondern nach passender Damenbekanntschaft, aber auch nach dir, vorzüglich der Schadhirsch vom Schandenholz, der schon letzten Herbst sterben sollte. Jetzt ist er aber reif; er hat einen braven Zwölfender zu Tode geforkelt. Also!« Helmold hatte gelacht, als er seiner Frau den Brief vorlas. »Dem will ich es besorgen, Grete! Er steht in der unzugänglichsten Ecke, und deswegen hat ihn mir der Prinz so lange eingemottet, denn er weiß, bei mir heißt es: je leichter, desto langweiliger! Das ist ein Hirsch, den man nur auf den Ruf schießen kann, denn er tritt niemals bei Büchsenlicht aus der Dickung. Na, dann machen wir es eben, wie Mohammed mit dem Berge! Es ist ein ganz alter Bursche, der aber nur ein Gabelgeweih trägt und deswegen jahrelang als Schneider durchgegangen ist, und keiner ahnte, daß er der Mordhirsch war. Und wir sind gute Bekannte; vor zwei Jahren schrie ich ihn mir bis vor die Stiefelspitzen; aber ehe ich den Finger krumm machen konnte, bekam er Wind. Dieses Mal aber soll er daran glauben, oder ich will die Kunst nicht verstehen.« Er legte die Hände vor den Mund und machte eine Brunft im vollen Gange nach, vom Mahnen des Kälbertieres bis zum Orgeln des Platzhirsches, so daß Luise, die frisches Trinkwasser brachte, entsetzt aufschrie und die Flasche fallen ließ. »Ich kann's noch,« lachte Helmold; »Demonstratio ad Luisam! Morgen früh ziehe ich zu Holze; ich habe nun doch ein bißchen zu viel Farben verblutet seit vorigem Herbste, und mein Vorrat von Arbeitslust ist alle. Und das ist ein Zeichen, daß die roten Blutkörperchen bei mir sparsam werden.« Als er so prahlte, bekam Grete ihre lichte Laune wieder. Sie holten den kornblumenblauen Samtkasten hervor und kramte die Mohnblumenkarten aus. »Bekomme ich dieses Mal wieder welche?« fragte sie, indem sie sich auf die Sessellehne setzte und ihm das Haar kraulte. Sein Herz beschattete sich; er dachte an die Mohnblumenkränze, die sie ihm über das Bett gehängt hatte. Aus Seidenpapier waren sie gewesen. Er machte seinen Kopf los und sagte kühl: »Gewiß, wenn dir an papiernen Blumen so viel gelegen ist.« Sie stand auf, und als er ihr Gesicht im Spiegel sah, bemerkte er, daß ihre Augen hart und ihre Lippen unbarmherzig aussahen; alle die guten Vorsätze, die er am Nachmittage gefaßt hatte, fielen zu Boden zerbrachen. »Bitte, sage dem Mädchen, sie solle mir einen Wagen zum Siebenuhrzuge bestellen und dieses Telegramm besorgen, und jetzt will ich packen. Zwei Wochen bleibe ich mindestens fort,« sagte er trocken und ging in die Werkstatt. Dort blieb er bis Mitternacht und ging schlafen, ohne seiner Frau den Gutenachtkuß zu bringen, über Nacht knabberten viele graue Gedanken an seiner Seele; drei Uhr wurde es, ehe er einschlief, und als er am anderen Morgen in das Zimmer seiner Frau ging, stand das harte Gesicht, das ihm am Abend der Spiegel gezeigt hatte, zwichen ihm und ihr, so daß er mit einem losen Händedruck Abschied nahm. Es war ein frischer, sonniger Herbsttag, und die Landschaft sah lustig aus. Sonst hatte er sie während der Fahrt immer liebkost; nun behandelte er sie schlecht; sie langweilte ihn. »Schwindel!« dachte er, als er sah, daß hier und da einzelne Büsche sich in schreiende Farben gehüllt hatten; »Plunder, nicht echt!« Selbst seine guten Freunde, die Kiefernwälder und Heidberge, zerfetzte er mit höhnischen Blicken, und als er die gewaltigen Schirmkiefern neben der alten Hammerschmiede sah, sonst sein Entzücken, lächelte er verächtlich. Auf einer Haltestelle stieg ein hübsches Bauernmädchen ein, das ihn mit unverschleiertem Verlangen ansah, denn keine Kleidung stand ihm so gut wie der verschossene Lodenanzug. Erst achtete er wenig auf sie, dann aber dachte er: »Und kann es nicht die Lilie sein, so pflück' ich mir das Röselein,« und da das Mädchen gegen die Sonne sehen mußte, machte er ihr neben sich Platz und sagte: »Komm hier sitzen, Mädchen, denn so hast du die Sonne nicht im Gesicht.« Sie wurde vor Verlegenheit ganz rot, setzte sich aber sofort zu ihm. Er dachte daran, daß er sich über Nacht gelobt hatte, sich fortan so viel Zucker in den Kaffee zu werfen, wie er kriegen konnte, denn ihm war eine der blödsinnigen klingenden Weisenheiten Henneckes eingefallen. Als sie eines Abends durch den Wald gingen, hatte Henning ärgerlich brummend den Kopf geschüttelt und als er ihn fragte, was ihm fehle, geantwortet: »Ich habe verdammt vergessen, mir heute morgen Zucker in den Kaffee zu schmeißen, und das kann ich mein Leben lang nicht wieder einholen.« Er sah das Mädchen genau an; sie strotzte vor Kraft und Frische und wurde jedesmal rot, wenn er sie anblickte. Er schlug sie auf die Lende: »Wo soll die Reise hin, Lüttje?« Sie wurde rot: »Nach Ohlenwohle!« Er sagte ganz trocken: »Hast du aber Dusel! Dann fährst du ja anderthalb Stunden mit mir zusammen!« Nun mußte sie lachen, und sie litt es, daß er den Arm hinter ihren Rücken schob und als er fragte: »Hast du auch keine Bange vor mir?« schüttelte sie lustig den Kopf. »Ich bin aber ein ganz gefährlicher Kerl,« flüsterte er und zog sie an sich; »glatte Mädchen mag ich zum Fressen gern. Paß mal auf, jetzt geht's los!« Er drückte sie und küßte sie. Die Hunde erhoben erstaunt die Köpfe; er warf den Jagdmantel über sie: »Das ist nichts für kleine Kinder,« sagte er, und zog das Mädchen auf den Schoß. »Magst mich leiden?« Sie nickte und sah ihn verliebt an. Sie blieben anderthalb Stunden allein, denn auf der nächsten Haltestelle steckte Helmold dem Schaffner einen Taler in die Hand. Als der Zug dicht vor Ohlenwohle war, sagte das Mädchen: »H'ach Junge! Na, wenn das unsere Mutter wüßte! Und nicht wahr, du besucht mich mal?« Er küßte sie und sagte: »Ich wäre schön dumm, wenn ich das nicht tät. Auf Wiedersehn, und schönen Dank auch, Marie!« Als er in Stillenliebe ausstieg, hatte er wieder einen frischen Mund und fröhliche Augen. Der Prinz erwartete ihn mit dem Jagdwagen. Er gab ihm die Hand und meinte: »Du wohnst am besten im blauen Himmel, von da hast du eine knappe Stunde bis zum Schandenholz; vom Jagdhause sind es anderthalb. Die Zimmer habe ich schon belegt, das heißt von morgen ab, denn heute mußt du mit zum Jagdhause. Der Wind ist für das Schandenholz nicht gut, und außerdem will ich dich einmal wieder für mich haben. Ist dir doch recht?« Frau Sophie Pohlmann, die Wirtin des Blauen Himmels, stand in der Türe des Kruges, als der Wagen vorfuhr; die junge Witwe sah in dem blauen Waschkleide mit der weißen Latzschürze zum Anbeißen aus. Sie lachte über das ganze Gesicht, als sie den Maler sah. »Das ist aber schön, daß Sie sich einmal wieder sehen lassen, Herr Hagenrieder!« rief sie, vor Freude errötend, als er ihr die Hand schüttelte; »ein ganzes Jahr sind Sie nicht hier gewesen. Ich dachte schon, Sie wollten uns untreu werden.« Sie machte ein enttäuschtes Gesicht, als er sagte, er bliebe den Tag im Jagdhause. Als er am anderen Mittag mit dem Prinzen in der Wirtschaft vorfuhr, lachte sie aber schon wieder. Sie ging ihm nachher in sein Zimmer nach und fragte: »Ist auch alles so richtig?« Er machte die Tür zu und sagte: »Jetzt ja!« und damit faßte er die Frau um und küßte sie. Sie stemmte ihre Hände gegen seine Schulter: »H' ach, Herr Hagenrieder,« stöhnte sie, »wenn aber jemand kommt!« Er lachte übermütig, ohne sie loszulassen: »Möchte das keinem raten, dem seine heilen Knochen lieb sind.« Er ließ sie los, stellte sich vor sie und befahl: »Kuß!« Mit niedergeschlagenen Augen, feuerrot im Gesicht, kam die hübsche Frau näher, legte ihm die Hände auf die Schultern, hob sich auf den Zehenspitzen und küßte ihn. »So recht, mein Mädchen, so schön, mein Kind, so brav, mein Zuckerchen!« lobte er, faßte sie um die Mitte und küßte sie, bis sie keinen Willen mehr hatte. »Mensch, du hast wohl seit acht Tagen nichts zu essen gekriegt!« sagte der Prinz, denn sein Freund kniete sich ganz gefährlich hinter die Mahlzeit. Der lachte und antwortete, indem er die Wirtin, die den Nachtisch hereinbrachte, einen kurzen Blick zuwarf, den sie mit einem langen zurückgab: »So hat es mir lange nicht geschmeckt, wie heute, und wenn ich nun den Hirsch nicht kriege, will ich Karl der Große geheißen werden.« In der Tür drehte die Wirtin sich um und warf ihm einen heißen Blick zu. Brüne bekam ihn durch den Spiegel zu fassen, lächelte aber kaum. Die Wirtin brachte dann den Kaffee und vielerlei Backwerk. »Frau Pohlmann,« meinte der Maler, »wenn ich vier Wochen bei Ihnen in Kost bin, passe ich in keinen Sarg mehr!« Die Wirtin lächelte ihn an: »Wie lange bleiben Sie denn, Herr Hagenrieder? Sonntag haben wir Danzefest!« Er schlug auf den Tisch: »Hipp hipp hurrje! Nun ist das Geschäft richtig!« Als der Prinz fortgefahren war; sagte der Maler zu der Frau: »Ich will jetzt eine Stunde schlafen; weck' mich um halbig dreie, Sophie! Aber erst will ich einen Schlafschönkuß haben; das ist bekömmlicher, als der Kürassao, den der Prinz nach dem Kaffee nimmt. Also!« Er ließ den Kopf auf die Sofalehne fallen und klopfte auf seine Knie; die Wirtin setzte sich auf seinen Schoß. »Ach, ich habe so viel gegessen, daß ich nicht küssen kann,« sagte er lachend; »das muß du besorgen. Und ich bin so müde und so faul, daß ich nicht allein ins Bett finde. Denn so wirst du mich wohl hinbringen müssen; hm?« Die Frau kuschelte sich an seine Brust: »Geh vor,« flüsterte sie heiser, »ich komme gleich nach; ich habe sowieso oben Wäsche fortzupacken. Jetzt muß ich erst eben in die Küche.« Laut flötend ging er nach zwei Stunden durch das Dorf, die Büchse über den Rücken geschlagen, für alle Menschen, die ihm begegneten, hatte er ein lustiges Wort, und für jedes Kind einen Apfel. Gift und Galle jagten kläffend die Spatzen von der Straße und trieben die Katzen über die Zäune, und Helmold fand, daß die Welt doch noch ganz nett sei. Er freute sich über die bunten Blumen hinter den Zäunen, über die Tauben, die vor ihm herflatterten, über den Turmfalken, der auf der Stoppel rüttelte, und dachte: »Hol's der Teufel; Gott gibt's reichlich wieder!« Er war auch gar nicht ärgerlich, als er spät abends zuückkam, ohne seinen Hirsch gehört zu haben. Als er am anderen Nachmittage dicht vor dem Osterhohl war, kam er an einem kleinen Hause vorbei, das halb versteckt hinter gewaltigen Stechpalmenhorsten lag. Ein Mädchen stand in der Tür und sah ihm mitten in die Augen. Sie hatte ein volles, aber feines Gesicht, und ihre Augen sahen halb wie die eines Kindes aus, halb wie die einer Frau, die allerlei erlebt hat. Er ging auf sie zu: »Willst du mir Glück bringen, Mädchen?« Sie lachte ihn an: »Gerne, wenn ich es machen kann.« Er legte die Büchse auf den Boden. »So, nun spring dreimal darüber!« Sie nahm ihre Röcke zusammen und sprang, daß ihre hübschen Waden zu sehen waren. »Danke schön!« sagte er, nahm sie um die Mitte und küßte sie. »So, und nun schenk mir noch ein Glas Wasser!« Sie ging vor ihm in das Haus er folgte ihr. »Wie heißt du denn Hübsche?" fragte er und setzte sich in den Spinnstuhl. »Annemieken Ahlmann,« antwortete sie und lächelte ihn an. »Hm,« meinte er; »Nun laufe ich schon sieben Jahre hier herum und habe dich noch kein einmal gesehen.« »Ich Sie aber schon oft!« erwiderte das Mädchen; »aber Sie gingen immer so stolz vorbei.« Eine alte Frau kam herein. Sie kicherte, als sie Helmold sah, und zwang ihm ein Glas Buttermilch auf. »Ja,« sagte sie, »wir sind froh, wenn sich hier mal ein Mensch sehen läßt. Seit das mit Abbe gewesen ist, will keiner was mit uns zu tun haben. Und es war doch man ein Unglück. Ja, ja, das hitzige Geblüt, wer das hat, der kommt leicht zu Schaden. Na, denn viel Glück auch, junger Herr, und lassen Sie sich mal wieder sehen. Annemieken, zeige dem Herrn den Richteweg über die Osterheide; das ist um die Hälfte näher.« Das Mädchen ging mit. Als sie im Holze waren, legte Helmold den Arm um sie und küßte sie. Sie wurde rot und weiß nacheinander und fragte dann: »Kommen Sie Sonntag auch zum Erntebier?« Er nickte. »Aber mittanzen tun Sie wohl nicht?« Er nickte wieder. Sie wurde feuerrot und flüsterte: »auch mit mir einmal?« »Aber sicher,« antwortete er; »ich glaube, mit dir tanzt es sich fein!« Sie nickte: »Ich kann mich tottanzen! Aber wir haben Unglück gehabt. Vater und Mutter sind an der Auszehrung gestorben und Abbe, mein Bruder, der hat den Verwalter von Ohlenhofen totgestochen, wo seine Braut diente. Würden Sie das nicht auch tun?« Er nickte: »Ganz sicher, wenn mir einer an meine Braut käme!« Da lachte sie und drückte sich fester an ihn. Als er eine Viertelstunde vor dem Schandenholze war, kehrte sie um. Er warf seinen Rücksack zu Boden und legte die Hunde ab. Er ging erst schnell über die Heide, aber je näher er dem Walde kam, um so kürzer wurden seine Schritte. Hinter einem mächtigen Wacholderbusche blieb er stehen und lauschte, es war alles still. Nur die Goldhähnchen piepten. Er schlich unter dem Winde von Busch zu Busch, bis er das Hauptgestell übersehen konnte. Eine halbe Stunde blieb alles still, dann meldete halb rechts ein geringer Hirch. Einen Augenblick später brach es dort und in voller Fahrt floh der Schneider über die Schneise; hinter ihm her dröhnte der Baß eines starken Hirsches. Von fern her schrie ein guter Hirsch, näher ein andrer. In der Dickung brach es, dumpfe Schläge erschallten; der Schadhirsch strafte ein Stück Wildbret ab. Helmold lachte; am liebsten hätte er geschrien: »So recht, mein Hirsch!« Seine Augen funkelten; halb vor Freude, halb vor Haß. Langsam raucht er und sah durch die Zweige des Wacholderbusches die Schneise entlang, die von den schrägen Sonnenstrahlen getigert war. Ein Fuchs schnürte dicht an ihm vorüber, ohne ihn zu wittern; ihm folgte ein Hase. Eine Weile saß er still, dann rückte er zu Felde. Tauben schwangen sich in ihren Schlafbäumen ein; der Schwarzspecht rief zum letzten Male. Helmold lauschte angestrengt. Ab und zu gab der Platzhirsch ein halblautes Knöten von sich. Die Sonne sank; hier und da glühte auf einem Kiefernstamme ein roter Fleck auf und täuschte ein menschliches Angesicht vor, verschwand und taucht an einer anderen Stelle wieder auf. Im Kienmoore schrie ein guter Hirsch herausfordernd; drohend antwortete der Platzhirsch. Ein Kälbertier trat über das Gestell; das Kalb folgte. Warnend rief der Hirsch und zog bis an den Rand der Dickung; sein Atem flog weiß vor ihm her. Das Tier machte kehrt und trat wieder zurück, und das Kalb trollte hinterher. Helmold lächelte kalt. »Der weiß mit den Weibsleuten umzugehen,« dachte er; »fällt ihm gar nicht ein, zu schmachten und zu betteln. Er nimmt sich, was ihm zukommt, kraft seines Geweihes.« Er überdachte das letzte Jahr. »Welch ein Narr bin ich gewesen! Hätte ich damals im Tödeloh zugepackt, so hätte ich nicht Nacht für Nacht in mein Kopfkissen hineinzuheulen brauchen. Und wäre ich Grete mit der Tatsache gekommen, so hätte sie sich geduckt.« Er schämte sich vor sich selber. Er hatte sich nackt vor ihr ausgezogen. »Ein schwerer Fehler! Frauen wollen den Mann über sich sehen; stellt er sich neben sie, so sehen sie auf ihn hinunter. Sobald sie wissen, man liebt sie wirklich, ist man schon verloren,« dachte er; »Mann und Wir sind Todfeinde; das ist es. Das Weib ist Realist, klebt an der Erde; der Idalismus, die Himmelssehnsucht des Mannes, ist ihm unbegreiflich, ja verächtlich. Urmensch ist es, handelt nur aus Instinkt. Ihre Hauptwaffe ist die Lüge, die Verstellung; unbewußt, darum so gefährlich, weil uns unlogisch erscheinend, unbegreiflich. Ihre Unwahrheithaftigkeit ist primitiv, ist naiv.« Er drückte die Asche in der Pfeife herunter. »Sie müssen gedrückt werden, soll ihre Liebe nicht ausgehen,« dachte er und lachte. »Auch Swaantje ist ein Weib; ich habe mir eine Göttin aus ihr gemacht. Magd soll das Weib dem Mann sein, nicht Herrin. Nie ist sie ihm Kamerad.« Es prasselte in der Dickung; der Hirsch trieb die Tiere zusammen. Dumpf schallte es; er forkelte ein störrisches Stück. »Ruppig muß man sie behandeln. Nietzsche hat recht: ›Wenn du zum Weibe gehst, vergiß die Peitsche nicht!‹ Erobert wollen sie sein, roh hingenommen. Wieviel Glück und Wonne hätte mir das Jahr bringen können, wäre ich meiner Natur gefolgt! Den Kameraden suchte ich in Grete; Wahnsinn! Suchte bei ihr Verständnis! Als ob es das zwischen Mann und Weib gäbe. Von Mann zu Mann, ja, und von Weib zu Weib, aber nicht über Kreuz. Der Hirsch ist klüger; er hält sich zum Hirsch, solange ihn die Liebe nicht zwickt, und ist es damit aus, läßt er das Frauensvolk stehen und sucht sich Kameraden, die so fühlen wie er selber.« Die Schlagschatten der Stämme fielen über das Gestell; hohl rief der Kauz; ein Bock schreckte in den Bleeken. Ganz selten schrie ein Hirsch; der Abend war zu lau und versprach Regen. Helmold stopfte sich eine neue Pfeife und steckte sie hinter dem Hute an. Er hielt Grete und Swaantje nebeneinander und schüttelte den Kopf. »Ein dreifacher Esel bin ich gewesen; eine Möglichkeit, die den beiden als eine Unmöglichkeit erscheinen muß, habe ich von ihnen erbeten. Ich war krank, sonst wäre ich nicht auf einen so irrsinnigen Gedanken gekommen. Bei beiden habe ich meinen Nimbus zerstört; Sie sehen auf mich hinab. Das muß anders werden, denn,« er reckte die Brust, »denn ich will meinem Wunsch nicht verhungern lassen.« Er bohrte seine Blicke in die Dämmerung. »Und Grete, sie ist eine kluge und eine gute Frau. Sie eben eine Frau und kann deshalb kein Mench in meinem Sinne sein; und die andere schließich auch nur so lange, als bis,« er stockte im Denken und sah mit harten Augen dem schwarzen Fleck, der auf der Schneise stand: Langsam hob er das Glas; es war ein Stück Wild, das sich dort äste; ein zweites und ein drittes trat dazu. Er nickte vor sich hin: Jawohl, so mußte es werden; er wollte sich mit Grete gut stellen, denn er liebte sie. Wenn er sie zuweilen zu hassen glaubte, so kam das daher, daß er ihr seine eigene Dummheit nachtrug. Er fuhr zusammen; mitten auf der Schneise stand ein Schatten, höher als die anderen. Das Glas versagte, aber es mußte der Hirsch sein. Dumpf dröhnte es, und die anderen Schatten zogen in das jenseitige Jagen, von den Geweihstößen ihres Gebieters getrieben. »Wie viele mag er bei sich haben?« dachte Helmold. »Sicher zehn bis zwölf. Das ist für ihn der Begriff des Weibes, wie für mich die Zusammenstellung Greteswaantje; aber Sophie und Annemiken und Marie runden den Vollbegriff Weib erst ab. Denn ich bin mehr wert als zehntausend andere Männer, kann deshalb auch mehr Ansprüche machen. Und das werde ich, so wahr ich Helmold Hagenrieder heiße!« Er erhob sich, ging einige hundert Schritte zurück und stellte sich unter einer Schirmkiefer auf der Heide an. Der Abendstern stand blank über dem Walde. Er dachte an Swaantje; kühl betrachtete er sie und lächelte. Sie hatte mit Grete über den Roman gelacht, dieweil er mit zerrissener Brust am Boden lag; sie empfand es peinlich, als er mit einem Weidewundschusse im Wundbette saß. Er lachte tonlos vor sich hin: ›Was denkt er von mir?‹ hatte sie gefragt. Ach ja, die Dame war stark in ihr. Eine kalte Wut schüttelte ihn. »Wenn sie jetzt hier wäre, würde ich ihr zeigen, daß ich ein Mann bin. Komm! würde ich sagen und sie würde kommen.« Kühl strich der Abendwind über die Heide und ruschelte in den gelben Moorhalmen. Helmold fröstelte es. Er knirschte mit den Zähnen; er dachte daran, wie erbärmlich er sich angestellt hatte; als er in der Werkstatt um einen Kuß bettelte. »Hätte ich zugepackt, stände ich anders vor ihr da. Jetzt bemitleidet sie mich, Pfui Teufel! Und sie? Auch an ihr habe ich gesündigt, schwer gesündigt. Ich habe ihr vorenthalten, was ihr zukam; krank und elend habe ich sie gemacht, ebenso wie mich. Gedichtchen habe ich ihr geboten statt Küsse, Seufzer anstatt Liebkosungen. Schöner Held, der ich bin mit meiner schlappen Rücksichtnahme auf ihre Seele, auf Grete, auf die Verwandtschaft, die Gesellschaft, meine Stellung und ähnliche Alberheiten!« Höhnisch lachte die Scham ihn an. Er dachte an den Mühlenkrug, an Janna und Manna, an sein Lautenspiel und an die Lieder, die er den Mädchen sang. »Pfui, pfui; wie ein Schuljunge benahm ich mich!« Der Hirsch im Kienmoore schrie; er schrie sich bis in die Bleeken hinein. Der Schadhirsch antwortete und zog ihm näher. Helmold lauschte; blanke Freude lachte ihm aus den Augen. Die Hirsche standen sich gegenüber, der eine schrie dem anderen in das Gesicht. »Wundervoll,« dachte er, und ihm war, als wenn der eine feuerrot, der andere blutrot schrie. »Ein Leben von rot auf Rot; rote Liebe auf rotem Mund; das ist Leben!" Er dachte an einen Mann, der ihm einst mitten in sein Leben hineingegriffen hattte. An einem klaren Wintermorgen standen sie sich im weißen Walde gegenüber. Wie blödsinnig das war: die Zylinder, die Pelze, die Gummischuhe, die rotbraunen Handschuhe, und darin die Pistolen, und vor allem: die glattrasierten, höflichen Gesichter der Zeugen und die verbindlichen Manieren des Unparteiischen! Sein Gegner ebenso, und er selber nicht anders. Und dabei: zehn Schritt Barriere mit Vorgehen und Kugelwechsel bis zur Kampfunfähigkeit. Er lächelte, denn er dachte daran, wie ihm sein Gegner den hohen Hut vom Kopfe schoß und in demselben Augenblicke mit einem schweren Schulterschusse umfiel. Hier der Seidenhut mit dem weißen Atlasfutter im Schnee, da der Arzt bei dem Verwundeten, alle Wipfel voll von Goldhähnchengezirpe, die Luft erfüllt von den Locktönen der Kreuzschnäbel, und der von himmelblauen Schatten gestreifte Schnee, von der Sonne mit Demanten besät, und mitten darin ein großer herzförmiger roter Fleck und ein kleiner, der wie ein Kreuz aussah, und von dem lauter rote Kleckse bis zu der Stelle führten, wo der Arzt arbeitete; eine schöne Erinnerung! »O, ich habe auch solche,« dachte er, als er, die Hunde hinter sich, über die Heide ging; »und sogar eine ganze Menge.« Vor seinen Augen stand ein Tanzboden niedrig und ganz mit Tabaksrauch gefüllt, und durch das Fenster flog, das Fensterkreuz und alle Scheiben mitnehmend, ein Gefreiter von den Oldenburger Dragonern, und der ihn so auf den Schwung gebracht hatte, das war der Einjährigfreiwillige Hagenrieder gewesen. Seine gewilderten Rehböcke fielen ihm ein und der Hirsch, den er auf einem Birkenbaume dreihundert Gänge weit über die Grenze geschleift hatte, und Tiedo Tiedsen, sein Konpennäler, der auszog, um den Buren gegen die Kahkis zu helfen, und der das redlich besorgte, bis eine Kugel sein heißes Herz zur Ruhe brachte. Eine unbändige Lust packte ich, die ganze Zivilisation auszuziehen und irgendwohin zu gehen, wo Kraft vor Recht geht und nur der Mann gilt, der am schnellsten im Anschlage ist. Aber dann dachte er: »Verpfuscht, zu spät!« Die drei wilden Blumen, die er die letzten Tage über am Wege gepflückt hatte, kamen ihm wertlos vor; er schlug einen Bogen, um nicht an Ahlmanns Hause vorbeizukommen, von dem ein kleines Licht herüberschimmerte, und er setzte sich im Krug in das Gastzimmer und nicht in die kleine Stube, wo er mit der Wirtin allein sein mußte. Es kamen nun einige regnerische Tage und die Hirsche schrien nicht. Vergebens umschlich er das Schandenholz und pürschte im Kienmoore; es blieb alles stumm. Jede Nacht trat der Schadhirsch aus, wie die Fährten auf der Heide wiesen, zog jedoch vor Tau und Tag wieder in die sichere Dickung. Am Sonnabend aber drehte sich der Wind und wurde hart und kalt, und sofort orgelten überall die Hirsche. Es war noch schwarze Nacht, als Helmold zu Holze zog, Gift am Schweißriemen. Unter dem Winde wartete er auf der Heide den Tag ab, in seinen Mantel gewickelt. Der Himmel war ganz hoch und sternenklar, und das Heidkraut starrte von Reif. Der Schadhirch schrie zwischen den Krüppelkiefern in den Bleeken und zog dem Hirsche vom Kienmoore entgegen. Helmold hörte, wie die Geweihe aneinanderprasselten, und das Keuchen der beiden Kämpen war deutlich zu vernehmen. Ein heller Wind bewegte die Kronen der Kiefern und flüsterte in dem Heidkraute; im Osten zerriß die Nacht über dem Walde; Wanderdrosseln pfiffen, und im Moore weckten sich die Kraniche auf. Die Sterne gingen langsam nach Hause, und aus den unheimlichen Gespenstern wurden harmlose Wacholderbüsche. Der zweite Hirsch schrie schon wieder im Kienmoore. Helmold merkte sich ganz seine Stimme, während er langsam und bedächtig Brot und Speck aß. Als er damit fertig war, prüte er mit nassem Finger die Windrichtung, nahm einen kleinen Schluck Kognak, zog den Mantel aus, legte den Rucksack ab, steckte den Hirschruf in die rechte Joppentasche, legte den Hund ab und deckte ihn mit dem Mantel zu, und sobald er Korn und Kimme zusammenbringen konnte, pürschte er sich an das Holz heran. Der Wind wurde noch schärfer; Helmold knöpfte die Joppe fest zu und zog den Gürtel enger. An der Ostseite bohrte der Morgen ein Loch in die Dämmerung und sah durch die Heide. Der Hirsch im Kienmoore schrie noch einmal und verschwieg dann. Helmold trat an den Rand des Hauptgestelles, prüfte den Wind und lauschte. Endlich hörte er es einmal linkerhand brechen; der Platzhirsch hatte seinen alten Stand eingenommen. Er hörte ihn ab und zu knöten und vernahm, wie ein Kälbertier mahnte. Es war mittlerweile ganz hell geworden; die Meisen wachten auf, die Goldhähnchen piepten in den Zweigen, eine Krähe zerkrächzte die Stille. Helmold sah sich um; ein Mutterreh mit zwei Kitzen zog über das Gestell, dicht an dem Hasen vorbei, der still wie ein Baumstumpf da saß und nur die Löffel aufrichtete, als Helmold in den Bestand trat. Da sah es wild und wüst aus; der Sturm hatte vor Jahren einen Teil der untergebauten Fichten umgeschmissen, und den Rest hatte die Nonne umgebracht. Die von allerlei Gestrüpp bewachsenen Wurfböden erhoben sich überall, zwischen ihnen lagen kreuz und quer die hohen Stangen, von oben bis unten mit silbergrauen Flechten bezogen. Behutsam das Geknick meidend, schob er sich von Stamm zu Stamm, die Büchse schußfertig in den Händen, mit den Augen das silbergraue Gewirr zerpflückend. Nichts entging ihm, weder die Fährte am Boden, noch der Dompfaff in dem Ebereschenbusch, nicht der Fliegenpilz unter der Birke, nicht die zerfetzte Rinde an den Maibäumen. Eine Stunde war vergangen, da hatte er erst zweihundert Schritte hinter sich, denn nach jedem Tritte machte er halt und lauschte mit offenem Mund oder prüfte den Wind. Da hörte er den Hirsch knören. Langsam schob er sich hinter einen Wurfboden, langte die Muschel aus der Tasche und quetschte einen neidischen Ruf heraus; von drüben kam eine mürrische Antwort. Er ging, den Schritt eines Hirsches nachahmend, rücksichtlos durch das Fallholz, sich immer in Deckung haltend und ab und zu einen Schrei aus der Muschel herausholend; der Schadhirsch antwortete schon ärgerlicher. Helmold machte das Mahnen eines Tieres nach und ließ einen herausfordernden Ruf hinterher folgen; gereizt erwiderte ihn der Mordhirsch und zog näher. Hinter einem Wurfboden trat Helmold laut hin und her, daß der anmoorige Boden quatschte und das Fallholz brach, und während ihn der Frost schüttelte, vernahm er, wie sein Hirsch immer näher kam. Er setzte die Muschel an den Mund und schrie ihm eine grobe Redensart entgegen, und abermals eine, die noch viel frecher war, und eine dritte, mehr als gemein. Der Hirsch meldete nicht; es schien, als ob er starr wäre über diese bodenlose Unverschämtheit des Nebenbuhlers. Helmold ließ den Hirschruf in die Tasche gleiten und machte scharf. Vor ihm war alles still, dann mahnte ein Schmaltier und darauf brach es laut; vor ihm stand der Hirch auf dreißig Gänge und schrie aus vollem Halse. Helmold sah nichts, als vier lange blanke Enden, ein graues Gesicht mit tief liegenden Lichtern und einen Strom weißen Dampfes. Die volle Brunftwitterung stank ihm in Nase und Mund hinein. Der Hirsch schrie noch einmal mit ganzer Kraft und wendete sich. Sowie er das Blatt freigab, hielt Helmold darauf und riß Funken. Er hörte Kugelschlag und sah durch das Feuer, daß der Hirsch stark zeichnete. Prasselnd fuhr er ab, daß das graue Geäst weit umherflog. Hinter ihm her polterte das Kahlwild. Helmold blieb eine Weile stehen, wischte sich den Schweiß von der Stirne, trank einen Schluck Tee, steckte sich eine Zigarre an und ging auf den Anschuß. Er brauchte nicht lange zu suchen; er fand Schweiß und Schnitthaar. »Tiefblatt,« murmelte er, als er die Schweißspritzer betrachtete und von einem Farnwedel einige Haare abblas. Er verbrach den Anschuß und ging dahin, wo er den Hund abgelegt hatte. Dort überlegte er; bis zu der Wirtschaft, das war reichlich weit. Da fiel ihm Annemieken ein, und er ging nach dem Osterhohl. Als er in das Haus trat, begrüßte ihn die alte Frau freudestrahlend. Dann trippelte sie nach der Halbetüre und rief mit ihrer brüchigen Stimme: »Annemieken, Mädchen, komm hille!« Das Mädchen kam herein, es hatte bloße Arme und vor dem Leibe einen alten Sack als Schürze. »Kann ich bei euch einen Teller Suppe haben,« fragte Helmold. Sie lachte glücklich; aber dann bekam sie einen roten Kopf und sagte: »Wir haben aber bloß Bohnensuppe und alten Speck.« Er lachte: »Das ist grade das Richtige; ich habe einen Hirsch geschossen und will ihn nachher nachsuchen und bis zum Kruge ist es mir zu weit.« Er ließ sich in den Spinnstuhl fallen und sah den Funken zu, die um den Kesselhaken spielten. Als die alte Frau hinausgegangen war, sagte das Mädchen: »Ich dachte, du würdest gestern abend hier noch einmal vorbeikommen.« Er antwortete: »Ich war sehr müde und hatte meine böse Stunde.« Das Mädchen sah ihn groß an: »So ein feiner Herr? Ich dachte, der hätte nicht Kummer noch Sorgen. Denn ist es wohl um ein Mädchen? Aber darüber mußt du dir keinen Kummer machen; wenn man nicht hat, was man lieben will, denn so liebt man, was man hat.« Er lachte: »Woher hast du denn diese Weisheit?« Sie bekam dunkele Augen: »Ich war eine Zeit in der Stadt.« Sie ging zu dem Kessel, rührte das Schweinefutter um und sah in dem kleinen Topf nach, ob das Essen bald fertig war. Dann ging sie in den Garten und kam mit einem Blumenstrauß zurück, den sie auf den Tisch stellte, über den sie ein weißes Tuch gelegt hatte, machte sich vor dem halbblinden Spiegel das Haar, band die Sackleinwandschürze ab, ließ ihren Rock herunter, wusch sich die Hände und band eine reine Schürze vor. Die Großmutter brachte die Suppe. Helmold holte, was er an Wurst und Schinken im Rucksacke hatte, heraus und legte es auf den Tisch, desgleichen eine Tafel Schokolade und stellte die Kognakflasche dazu, aus der die alte Frau ein Schlückchen bekam. Es wurde ein sehr gemütliches Essen, und die Großmutter gnickerte in einem fort über den lustigen Jägersmann, der so schöne schlechte Witze erzählen konnte. Nach dem Essen aber nickte sie sofort im Spinnstuhle ein und Helmold gähnte auch. »Kannst in meinem Bette schlafen gehen, Junge,« sagte Annemieken. »Und du mein Schatz, bleibst hier?« sang er. Sie schüttelte den Kopf und ließ sich mitnehmen. Um zwei Uhr wachte er auf und horte die Großmutter im Flett umhertrippeln. Annemieken stand vor dem Spiegel und kämmte sich. Er wunderte sich, daß ihr Spiegelbild ganz anders aussah als ihr Gesicht, bis ihm einfiel, daß Spiegel lügen. »Alle Reproduktion ist Schwindel,« dachte er. Die Großmutter klopfte an: »Der Kaffee ist fertig,« rief sie und als er auf die Diele kam, tat sie, als ob sie von nichts wüßte. »So, Gift, nun ist es aber Zeit, daß wir uns auf die Strümpfe machen,« sagte Helmold, als er gegessen und getrunken hatte. Als er den Anberg hinaufging, flötete er vor sich hin und dachte dabei: »So, daß war ein Tag, rot in Rot, den nimmt mir keiner mehr weg!« Lustig pfeifend schritt er über die Osterheide. Auf der Blöße äste sich vertraut ein guter Bock; er ließ ihn leben. »Annemiekens wegen,« dachte er, denn sie hatte ihm erzählt, daß sie sich jeden Morgen über den Bock freute. Vor dem Holze nahm er den Schweißriemen ab, dockte ihn halb auf, und als er bei dem Anschüsse war, legte er den Hund zur Fährte. »Such verwund't mein Hund,« rief er ihm zu; »weis'verwund't, mein Hund!« Der Teckel stieß einen dünnen Laut aus und tupfte mit der rotbraunen Nase auf einen Schweißspritzer. Dann legte er sich so stürmisch in den Riemen, daß sein Herr gänzlich aufdocken mußte. Es war eine wilde Nachsuche, denn der Hund schliefte fortwährend unter den gefallenen Fichten durch, so daß Helmold alle Augenblicke den Riemen fahren und über die toten Stangen hinwegsetzen und den Riemen wieder festtreten und greifen mußte. Nach fünfhundert Gängen wies der Hund das erste Wundbett vor. Das zweite kam, ein drittes in einem Tümpel und ein viertes; aber da brach es in der Dickung, der Hund rieß Helmold den Riemen aus der Hand und hetzte mit hellem Halse weiter. Sein Herr blieb stehen und atmete tief, auf den Hall des Teckels horchend. Seine Augen strahlten: »Wundervoll, ganz wundervoll!« dachte er, wischte sich Stirn und Hals ab, nahm einen Schluck aus der Kognakflasche und setzte sich auf einen Wurfboden, bis sein Herz sich beruhigt hatte. Dann horchte er auf; der helle Hatzlaut des Hundes brach mit einem Male ab und vertiefte sich zu tiefem Standlaut. Helmold lachte. »Hat ihm schon!« Er nahm die Büchse vom Rücken und ging schnell aber vorsichtig dem Halse des Hundes nach, der aus dem Nachbarjagen herüberläutete. Er trat über das Gestell und drängte sich durch die Fichtenleichen, ab und zu springend, wenn die grauen Stangen zu hoch lagen, oder sich zwischen zwei Wurfböden durchschwindend. Je näher der Standlaut klang, um so behutsamer schlich er, und dann blieb er auf einmal stehen und riß sein Gesicht zu einem breiten Lachen auseinander, denn mitten in einem quelligen Ellernsumpfe stand der Hirsch bis an den Leib in der Modder und versuchte, den Hund zu forkeln, der vor ihm auf einen zwei Fuß hohen Kissen von Silbermoos vorstand und ihn mit heiserem Halse verbellte, ab und zu den Versuch machend, ihn niederzuziehen, aber gewandt zurückzuckend, sobald der Hirsch das Haupt senkte. »Prachtvoll, ganz prachtvoll,« dachte der Maler, legte den Rucksack ab, langte vorsichtig das Skizzenbuch heraus und hielt mit dem Stifte Hund, Hirsch und Landschaft fest; dann stach er die Büchse, zielte auf den Halsansatz, und so wie es knallte, prasselte und quatschte es, der Hirsch war verschwunden und mit giftigem Laute sprang der Teckel zu. »Tot, tot!« rief Helmold ihm zu, liebelte ihn ab, brach sich einen Bruch, zog ihn über den Einschuß und steckte ihn an den Hut; dann setzte er das Horn an die Lippen und prahlerisch klang es über Wald und Heide: »Hirsch tot, Hirsch tot, Hirsch tot!« Er hob das Geweih aus dem Schlamm. »Donnerhagel!« sagte er, als er es sich ansah, »Donnerhagel, noch einmal, das ist mein bester Hirsch!« Er zog das Weidmesser und brach mit zwei Griffen die Kusen heraus. »Nummer eins,« lachte er, als er sie in die Hosentasche steckte. Aber dann strich er sich über die Stirn, als ob er da Herbstseide gefühlt hätte; er dachte an die silberne Spange mit den Hirschhaken, die er Swaantje verehrt hatte. Mit Mühe brachte er den Hirsch auf die Decke, brach ihn auf, machte den Hund genossen, schärfte die Mürbebraten heraus und die Zunge und tat sie in den Rucksack, während er das große Gescheide verscharrte und das kleine zum Ausschweißen an einen Ast hing. Dann zog er säuberlich das lange Gehörn aus der Brustmähne, wickelte es in ein Stück Papier, legte es in das Skizzenbuch, wusch sich die Hände und machte das Messer sauber, trank den Rest seines Tees aus, steckte sich eine Zigarre an, dockte den Schweißriemen auf und ging dem Gestelle zu, wo er sich der Länge lang an einen Jagenhaufen lehnte, gegen den Himmel sah und rauchte, während Gift in seinem linken Arme lag und schlief. Nach einer Viertelstunde knallte Peitschenschlag; der Wagen hielt vor dem Gestell. Helmold sprang auf und winkte den Wagen heran; der Prinz lenkte, und hintenauf saß der Jagdhüter und der Kutscher. »Weidmannsheil!« rief der Prinz, »ist es der Mörder?« Der Maler lachte: »Jawohlja, ein Haupthirsch; herzlichschönen Dank auch! Es ist mein bester Hirsch bis heute, obzwar er man vier Enden hat. Aber solche!« Er reckte den Arm und zeigte mit der Hand erst auf den Ellenbogen, dann auf den Schulteransatz. »Klobige Stangen und Enden so weiß wie ein Jungfembein.« Der Prinz sprang ab und folgte seinem Freunde, der ihn zu dem Hirsche führte. »Auf den Ruf?« fragte er. Helmold nickte und erzählte, wie er es angefangen hatte. Etwas wie Neid kroch um den Mund des anderen, als er das Geweih sah, doch dann sagte er: »Na, den wollen wir heute Abend im Jagdhause ordentlich tottrinken.« Der Maler schüttelte den Kopf: »Nee, im Blauen Himmel, da ist heute Erntebier!« Der Prinz faltete seine Stirne zusammen, aber dann meinte er: »Ich danke, bleibe lieber im Jagdhause. Willst da wohl Studien machen, Helmold?« Der lachte: »I wo, denke nicht daran; tanzen will ich, daß die Heide wackelt. Mir läuft jetzt schon das Wasser in den Tanzbeinen zusammen.« Der Jagdhüter und der Kutscher schleiften den Hirsch dem Gestelle zu. »Guter Schuß,« meinte der Prinz; »Blatt rein, Blatt raus.« Er sah sich das Herz an, dessen Spitze durchschossen war. »Unglaublich, daß der Hirsch damit so weit geflohen ist! Man sollte meinen, mit einem Schusse müßte er im Feuer bleiben. Und der Gift, daß ist ja ein Haupthund! Komm her, Kerlchen, hast brave Arbeit gemacht!« Aber der Teckel wich ihm aus. Helmold hielt das Herz des Hirsches in der Hand, und ihm war, als wäre es sein eigenes. Auch er hatte einen tödlichen Blattschuß bekommen und lebte noch. Floh durch Dorn und Dickung, schleppte sich von einem Wundbette zum andern, und war doch verloren, denn hinter ihm her hetzte mit hellem Halse das Gedenken an die eine. Mit einem Schlage sah er ein, daß seine Wunde nie verheilen würde, und wenn er sie noch so oft kühlen würde in allen Marien und Sophien, die er auf seiner Todesflucht antraf, denn immer kläffte die Erinnerung in seiner Rotfährte, und einmal würde sie ihn dort zustande hetzten und niederziehen. »Und wenn schon,« dachte er, und sah mit frechem Blicke hinter sich, als stände der eiserne Ritter da, »und wenn schon! Vorgestern die Marie, gestern die Sophie, heute Annemieken, und morgen,« er stockte, aber dann sprang er über den Graben, »und morgen Grete und übermorgen Swaantje. Blut um Blut; denn umsonst will ich nicht gestorben sein!« Sie brachten den Hirsch nach dem Jagdhause, wo der Prinz zurückblieb, während der Maler mit dem Kutscher und dem Jagdaufseher nach Stillenliebe fuhr. Helmold freute sich über den prachtvollen Nacken des Jagdhüters, über den festen Schnitt seines Gesichtes und den weit ausgreifenden Blick seiner ruhigen blauen Augen. Es war ein Mann der schnellen Tat, der nicht viele Worte machte und niemals lange facktelte, ganz gleich, ob es sich um Wild oder Weib handelte, oder um einen Wilddieb. Früher wurde in der Gegend viel gewildert; seitdem Moormann da war, hatte das fast ganz aufgehört, besonders seit der Zeit, daß er Sliekenhinnerk, einen Freischützen von Beruf, der im Verdacht stand, den Ohlenwohler Hegemeister totgeschossen zu haben, niedergeknallt hatte. Hagenrieder hatte ihn gefragt, wie ihm dabei zumute gewesen war, als der Mann tot zu seinen Füßen lag. »Großartig,« hatte Moormann gesagt und lachend hinzugesetzt: »Ein Schade, daß er nichts auf dem Kopf hatte zum An-die-Wand-Hängen: aber ich habe doch wenigstens seine Photographie.« Hagenrieder sah ihn sich genauer an. Er war fünfundvierzig Jahre alt, hatte aber keine einzige Falte in dem braunen, rotbäckigen Gesichte, und auf seinem Handrücken hatte kein unerfüllter Wunsch seine Fährte hinterlassen. Er hatte eine hübsche stramme Frau und einen Haufen Kinder; doch sagte man ihm nach, er ließe auch sonst nichts anbrennen. Die Blicke, die manche Frauen und Mädchen ihm gaben, waren wie ein verstohlender Händedruck; aber die von einigen Männern und Jungkerlen schmeckten nach Messerstichen. Wenn er anlegte, knallte es auch schon. Ob er nun Hageln oder Kugeln nahm. »Wer sich besinnt, der nicht gewinnt,« sagte er. Er hatte mehrerer solcher Sprüche: »Wer viel denkt, sich viel kränkt,« hatte er einmal zu Hagenrieder gesagt und ein anderes Mal meinte er: »Frauenvolk und Nesselkraut, wer sachte zufaßt, kriegt Blasen auf die Haut.« Dieser Spruch fiel Helmold nun ein. »Ach ja!"« dachte er und kam sich klein und feige vor. Als sie ein Weilchen gefahren waren, kamen sie an einem Trupp junger Burschen vorbei, die ihnen nachjohlten. »Sind das nicht Schadhörstener?« fragte der Kutscher. Der Jagdaufseher nickte, und der andere meinte: »Das ist eine ruhige Bande.« Moormann zuckte verächtlich die rechte Schulter. Helmold hörte kaum darauf, was vor ihm gesprochen wurde; er mußte wieder an Swaantje denken, an dem Tag, als sie krank im Bette lag und er die Pfirsichspäten zwischen die Lippen schob. »Nein,« dachte er, »es ist doch ein Unterschied zwischen diesen Weibsleuten hier und Grete und Swaantje; die einen kann man ganz hinnehmen und sie bleiben, was sie sind, und bei den anderen kann ein einziger Kuß die Seele bis auf den Grund aufwühlen.« Ein Schatten flog über sein Gemüt; er wußte: nie und nimmer würde er Swaantje so behandeln können, wie Marie oder die Krugwirtin, und deshalb würde er sich bis an sein Lebensende mit dieser tauben Liebe herumschlagen. Dann aber sagte er sich: »Und wenn Swaantje daran zerbricht, ich will meinen Willen haben, denn ich bin zu wertvoll, als daß ich an ihr umkommen darf. Was ist sie denn? Ein schönes Mädchen aus guter Familie! Es gibt mehr solche; aber Männer wie ich kommen nicht oft vor. Sobald ich nach Swaanhof komme, mache ich einen Bajonettangriff auf sie, denn zum Kuckuck noch einmal, es ist doch alles Unsinn, was ich in sie hineingeheimnist habe, auch ihre Schriftstellerei. Das war nichts als Widerhall meiner Seele, und es war schließlich nur ein Geständnis von ihr, eine feine Art der Hingebung. Sie hat von mir empfangen und brachte Novellen und Skizzen zur Welt. Aber so sind wir: schafft ein Mann etwas Mittelmäßiges, so verreißen wir ihn nach allen Regeln der Kunst; bei einem Weibe finden wir dieselbe Leistung riesig. Warum? Weil Weiber im Durchschnitt nicht produktiv sind bei ihrer rein rezeptiven Veranlagung und uns jede Ausnahme davon als Riesenleistung vorkommt.« Eine heiße Blutwelle brandete in seinem Gesichte; er schämte sich. »Verflucht!« dachte er, »ich machte sie zur mittelmäßigen Schriftstellerin, und sie rächte sich dadurch, daß sie mich auf Abwege brachte.« Seine Tendenzbilder fielen ihm ein; alle vier hatte er übergestrichen. Niemals hatte er früher eigene Verse und Singweisen bei der Arbeit gehabt; so sehr hatte ihn diese elende Verliebtheit zerrüttet, daß er alle Klarheit verloren hatte. Noch einmal schämte er sich, denn ihm fielen die zugeknöpften Augen Hennigs ein, mit denen der die Bilder betrachtet hatte. »Famoser Kerl!« dachte er, und ging in Gedanken alle seine Bilder aus der letzten Zeit durch. Aber er fand nur noch bei Swaantjes Bildnis einen Fehler; die Landschaft war zu aufdringlich, die Heide zu rosenrot, die Wacholder zu botanisch richtig. Das mußte alles zusammendämmern, ineinanderfließen, so daß nur das Gesicht allein wirkte. Er wischte in Gedanken alle Härten aus der Landschaft und arbeitete den Kopf mehr heraus. Dabei fiel ihm ein, daß er nur die halbe Swaantje gemalt hatte, die milde, weiche, selbstlose Swaantje mit den zärtlichen Augen und den liebevollen Lippen; aber sie konnte auch unbarmherzige Augen haben und grausame Lippen. Davon sollte das Bild auch erzählen, von ihrem zweiten Gesichte; aber nur ganz verstohlen durfte es aus dem Alltagsgesichte hervordrohen. »Alltagsgesicht, das ist es,« dachte er; »Maske ist ihre Weichheit, ihr feuchtschimmernder Blick, ihre hilflose Anschmiegsamkeit, mit der ihr Gesicht sich Tag für Tag schmückt; dahinter ist Starrheit, Kälte und Geiz. Ich will das alles in ihr zerbrechen, und wenn sie dabei zusammenkracht!« So dachte er, denn eine freche, schwefelgelb und feuerrot geringelte Tanzweise schallte vom Kruge herüber. Der Wagen hielt. Unter der Linde stand Hennig, seine Line neben sich. »Donnerwetter, Kerl, ist das ein blödsinnig vernünftiger Gedanke von dir!« rief Helmold, »und fein, daß du deine Lüttje mitgebracht hast. Tag, schöne junge Frau!« Das Mädchen schlug lachend ein. »Kinder, kommt mit rauf, ich muß mich erst noch umhosen und waschen.« »Du siehst großartig aus, Helmke,« sagte Hennig, als sie oben waren, ihn mit zufriedenen Augen ansehend. »Tja,« erwiderte der andere; »die gute Landschaft!« Er schrie die Treppe hinunter: »Mine, zwei Handtücher!« Das Mädchen kam heraufgestürzt. Es war ein blasses, dünnes, Geschöpf, aber sie sah in dem hellen Tanzkleide so niedlich aus, daß der Maler sie an das Ohr faßte und heranzog. »Kiek sieh, aus Kindern werden Leute! Hast'e schon'n Bräutigam?« Sie schlug die Augen unter sich. »Na, dann bring' ihm das mit und sag', ich lasse ihn schön grüßen!« Er küßte sie, daß ihr die Luft fortblieb. Mit feuerrotem Kopf schob sie sich aus dem Zimmer. »Na, Ihr seid gut!« sagte Line lachend; »die wievielte ist das denn hier? Aber alles was recht ist, so seid Ihr mir doch lieber, als wie neulich, wo Ihr aussahet wie eine kranke Katze.« Helmold wusch sich im Nebenraum. Er hatte nur die Kniehosen an, als er, das Handtuch in der Hand, hereinschoß. »Du, Hennig, ach so, na, Line, Sie sind ja schon etwas abgehärtet! Also warum hast du neulich nichts gesagt, als ich dir meine Saharabilder und so weiter zeigte?« Sein Freund schnitt sorgfältig die Spitze der Zigarre ein. »Muß man denn immer etwas sagen?« Helmold lachte. »Alter Poltikus!« Er ging in das Schlafzimmer und kam wieder heraus, nun mit einem grün und rot gestreiften Leinenhemde über dem Oberkörper. Er stellte sich vor den Spiegel, zog eine Halsbinde durch den Kragen, knöpfte ihn an und band sich eine unverschämte Schleife. Als er die Hosenträger über den Kopf schlug, fragte er: »Du, Hennig, ich male nicht mehr mit Orchesterbegleitung.« Der andere brummte etwas vor sich hin und Helmold fuhr fort: »Mir kommt das so vor, als wenn du mit der einen Hand schreiben würdest und mit der anderen malst du.« Hennig sah auf und nickte seinem Freunde in den Spiegel zu: »Sehr richtig!« Der lachte: »Ja, warum hast du das nicht eher gesagt, alter Heimtücker!« Der antwortete: »Ein Schwäre muß von selbst aufgehen!« Helmold platzte los: »Großartig; meine Lyrik als Abszeß! Aber du hast recht. Und nun höre: geh' morgen in meine Malstatt, und sieh dir die Saharabilder, Wodes Zorn und Frigges Feuertod an; ich glaube, jetzt werden dir die Bilder gefallen.« Er drehte sich um und sah Hennig listiglustig an, der machte sein dümmstes Gesicht. »Ich habe nämlich an allen eine Kleinigkeit geändert; rate mal, was?« Der andere nahm die Schultern auf und ließ sie wieder fallen. »Malgründe habe ich daraus gemacht, weggestrichen habe ich sie!« Er lachte ausgelassen. Hennecke sprang mit feuerrotem Gesichte auf: »Mensch,« rief er, »Helmke!« Nahm ihn an den Ohren und küßte ihn, daß es knallte; »das ist ja großartig!« Er faßte Line an den Arm und warf sie Helmold an den Hals: »Küsse ihn, Mädchen, küsse ihn, bis er nicht mehr Piep sagen kann! Wir haben unsern Helmke wieder! Er ist gesund! Er wird keine Heulkrämpfe mehr kriegen und anständige Leute im Ratskeller blamieren.« Er sauste aus der Türe und kam nach einer Weile mit einer Flasche Sekt und drei Gläsern zurück: »Kerl, darauf wollen wir aber mit dem Besten anstoßen, daß es in diesem Kreetscham gibt! heil, Heil und zum abermalten Male heil!« Er schenkte wieder ein und fröhlich paffend kramte er, Line neben sich in das Sofa ziehend, aus: »Was haben wir uns für Sorgen um dich gemacht? Nicht wahr, Linchen?« Das Mädchen nickte und lächelte ernsthaft. »Eine halbe Nacht heulte sie mir im Bette herum und wimmerte: \>was fehlt ihm bloß? was fehlt ihm bloß! wenn wir ihm doch bloß helfen könnten!\< Ich habe mich in meinem Leben noch nicht so erschrocken, als wie du uns sagtest, daß du bei jedem Bild jetzt ein Lied und eine Melodie hast! Und als ich dann deine gemalten Leitartikel sah, da war ich ganz zertrümmert; am liebsten hätte ich dir eins an den Hals gehauen! Kerl was bin ich froh, daß du diese schwere Infektion hinter dir hast! Denn ich war tatsächlich in Sorge um dich. Du kamest so fein in die Höhe, und mit einem Male fielest du die ganz Treppe wieder hinunter und fingest an zu malen, als läge dir etwas am schwarzen Adler. Übrigens: die weiße Heide ist auch fehlerhaft; es ist eine Tautologie,« Helmold nickte. »Das Dümmste ist schon heraus; das andere kommt noch. Ja ich war schön in den Dreck gefallen.« Er pfiff laut: »Das macht die Liebe ganz allein!« Hennig sah ihn von der Seite an, lachte dann und sagte: »Auf der großen Diele sieht es sengerich aus; die Schadhörstener Rauhbeine sind da; es riecht nach Kloppe!« Als sie auf die Diele traten, Line zwischen sich, kam von dem Ausschanke her ein heiseres Hohnlachen; da standen die Schadhörstener, prahlten und tranken sich Frechheit an. Helmold ging vorbei, ohne sie anzusehen und darauf zu achten, daß es hinter ihm herflog: »Kiek den Stadtjapper! Der hat sich die Waden ausgestoppt!« Brüllendes Hohnlachen folgte dem Witze. Die Freunde gingen auf die Stillenlieber Jungens zu; Helmold sagte ganz laut: »In Schadhorsten haben sie wohl kein Geld für ein eigenes Bier? Und da tanzen sie wohl bloß, wenn sie eine Hand voll Schrote auf den Hintern kriegen!« Die Stillenlieber lachten hell auf, die Schadhörstener brummten wie Dächse, denn zwei von ihnen hatten wegen Wilderns gesessen. Den Walzer ließ Helmold vorbeigehen; Hennig und Line tanzten ihn. Als sie zum vierten Male bei den Schadhörstenern vorbeikamen, wurde aus ihrer Mitte ein junger Bengel so gegen Line gestoßen, daß sie stolperte; aber Hennecke hielt sie und trat einen Schadhörstener mit Absicht so auf die große Zehe, daß der Mensch die Zigarre aus dem Munde fallen ließ. Helmold bestellte bei der Musik die Hamburger Polka; die Trompeter bliesen sogleich an. Er klatschte in die Hände und winkte Annemieken heran; mit hoch aufgerichtetem Kopfe ging sie quer über die Diele und stellte sich neben ihn. »Donnerkiel,« sagte Hennig zu Line; aber was er sich dachte, sagte er nicht. Die Musik legte los. Hastig liefen die verrückten Töne hintereinander her. Helmold und Annemieken tanzten vor, dann kam Klaus Ruter, der Sohn des Vorstehers, mit seinem Schatz, und darauf Hennig und Line und dann die anderen Stillenlieber. Die Schadhörstener machten lange Augen; solch tanzen hatten sie noch keinmal gesehen; aber Helmold hatte vorher eine Runde Portwein ausgegeben, und der hatte die Knochen geschmiert. Er tanzte auf die Schadhörstener los, schlug ihnen die Füße dicht vor den Gesichtern vorbei und sah durch sie durch, als wenn sie Luft waren. Sie ärgerten sich blau und blaß, trauten sich aber nicht aus ihrem Winkel heraus, denn die Stillenlieber Jungens hatten keine guten Augen und der Schadhörstener Hauptschläger sollte erst noch kommen. Mit dumpfem Getrampel und gellenden Aufjuchen brach der Tanz ab; die Stillenlieber Jungens hatten alle rote Köpfe, und ihren Mädchen gingen die Schürzenlätze auf und ab. »Kinder!« schrie Hagenrieder und schlug auf den Tisch, daß die Gläser Polka tanzten, »ich habe von Morgen den dicken Happbock vom Schandenholz dodegeschossen; darauf will ich einen ausgeben. Frau Pohlmann, sechs Buddel Rotkopp und eine Kiste Ziehgarr'n!« Die Schadhörstener, die sich erst alle umgedreht hatten, als er so losprahlte, machten schnell wieder kehrt, als der Wein herbeigeschleppt wurde. Aber dann lachten sie, denn Christel Remmert, der Sohn ihres Vorstehers und der Hauptschläger weit und breit trat ein, gerade als die Stillenlieber mit Hagenrieder und Hennecke anstießen und lauthals Hoch riefen, als Helmold schrie: »Hoch Stillenlieben und alles was sich dazu rechnet und die Knochen für die Hunde vor der Türe!« Christel Remmert ging quer über die Diele, warf der Musik einen Taler hin und schrie: »Solo für Schadhorsten!« Die Musiker standen auf und stimmten einen Walzer an. Die Stillenlieber tranken ihre Gläser aus und stellten sich vor ihre Mädchen. In der vordersten Reihe standen Hagenrieder, Hennecke und Ruter, die Hände in den Taschen, Zigarren in den Mundwinkeln. Remmert trat vor sie hin, klatschte in die Hände und winkte Annemieken, und zwei andere Schadhörsterener machten es bei Line und Ruters Mädchen ebenso, aber die Mädchen lachten sie aus. Da versuchte Remmert, sich zwischen dem Maler und seinem Freunde durchzudrängen, erst mit der Schulter, und als das nicht gehen wollte, indem er sie mit den Händen auseinanderschob. Aber Helmold stieß ihn vor die Brust, daß er zurücktaumelte. »Teuf, du Aas!« schrie der lange Kerl und sprang auf den Maler zu; der trat zur Seite und schlug ihm mit einer schnellen Fußbewegung unter dem Leibe weg, so daß er schwer auf die Diele hinstürzte. Auf ihn fiel ein anderer Bengel aus Schadhörsten, den Hennecke in die Herzgrube gebort hat, und da schrie Klaus Ruter: »Die Fenster auf!«, sprang mitten zwischen die Fremden, packte den Stärksten von ihnen an Brust und Hosenlatz, hob ihn auf, warf ihn zwischen die Stühle, daß es krachte, griff wieder zu, schleppte ihn zum Fenster und warf ihn in die Mistgrube. Die Stillenlieber brüllten vor Vergnügen und Helmold auch. Da hörte er hinter sich einen Schrei, und als er sich umdrehte, sah er Remmerts kreideweißes Gesicht und eine Hand, die ein Messer hielt. Im nächsten Augenblicke aber war das Gesicht rot gestreift und das Messer fiel zu Boden; Annemieken hatte dem Heimtücker eine Weinflasche so in das Gesicht geschlagen, daß ihm die Scherben Mund und Nase zerschnitten Im nächsten Augenblicke stand kein Schadhörstener mehr auf den Beinen. Moormann, der von der Saftstube aus zugesehen hatte, rief: »Sie gebrauchen das Messer!« Sofort standen die acht die Stillenlieber Bauern den jungen Leuten aus dem Orte bei, und nun flogen die Fremden kopfoberst, kopfunterst teils aus der großen Tür, teils aus dem Fenster, und die diesen Weg gehen mußten, lernten dabei, wie Stalljauche schmeckt. Helmold und Hennig halfen tüchtig mit und dabei bekam der erste einen Schlag mit einem Bierglase auf die Backe, daß er einen fingerlangen Schnitt davon behielt. Er ließ sich schnell nach Ohlenwohle fahren, wo der Arzt wohnte, und kam nach anderthalb Stunden geflickt und vernüchtert wieder, aß wie ein Wolf und tanzte bis in die zwölfte Stunde. Dann brachte er Annemieken nach Hause und saß hinterher mit Hennecke und den Bauern noch beim Biere. Frisch und munter wachte er am anderen Morgen um acht Uhr auf, frühstückte mit Hennig und Line und fuhr sie zur Haltestelle. Auf dem Rückwege fiel ihm ein, daß er seit dem vorigen Nachmittage noch nicht an Swaantje gedacht hatte, und nun er das tat, schien sie ihm nur noch ein Schatten zu sein. Als er nach dem Mittagessen auf dem Sofa lag und den Spielfliegen zusah, die unter den Deckenbalken tanzten, überlegte er sich seine Lage in aller Ruhe. »Sieben Jahre lang hat mir diese Liebe in den Knochen gesteckt; ein Jahr lang war sie akut. Das genügt mir; jetzt ist Schluß,« sann er. »Ein Loch behalte ich immer davon, das weiß ich; ungeküßte Küsse und ungeschlagene Schläge, das ist das bitterste Weh. Aber schließlich vernarbt alles und schmerzt nur noch ab und zu bei Wetterwechsel.« Er dachte geflissentlich an das Mädchen; aber seine Gedanken waren nicht hell und zart wie das Laub der Maibuchen, und nicht welk und mürbe, wie Fallaub, sie waren hart und fest, wie das Buchenblatt, das sich schon gewendet hat. »Im Grunde hat mir die Sache nur genützt,« überlegte er; »bisher war ich ein Junge, ein Kind; jetzt habe ich mich entweiblicht und vermännlicht. Ich will jetzt nur noch tun, was ich will, und mich unter keinen fremden Willen mehr ducken. Ich werde küssen, was mir gefällt, und zu Boden schlagen, war mir vor die Pferde kommt.« Es klopfte leise an die Tür. Er rief: »Herein, wenn es kein Geldbriefträger ist!« Die Wirtin kam mit dem Kaffee. Sie hatte den ganzen Tag mit ihm gemuckt, Annemiekens wegen, und als er sie vorhin in der kleinen Stube umfassen wollte, hatte sie sich ihm schweigend entzogen. Jetzt stellte sie ihm ihr feinstes Geschirr auf den Tisch und einen bunten Strauß dazu, und als er sich in der Sofaecke reckte und unter herrischen Augenaufschlage fragte: »Ist das alles?« da warf sie sich in seine Arme und küßte ihn, wie sie ihn noch nie geküßt hatte. »So werde ich das fortan immer machen,« beschloß er, als sie ihn verlassen hatte und er seine Zigarre rauchte; »den Hirschen und den Männern werde ich höflich entgegengehen und die Frauenzimmer auf mich zukommen lassen. Das Hinterherlaufen hat nun ein Ende. Moormann hat recht.« Ruhig und bedächtig machte er sich für die Nachmittagsbrunft zurecht, nachdem er Grete eine Mohnblumenkarte gemalt und in den Kasten gesteckt hatte. Die Wundfährte Seine Frau freute sich, als er braungebrannt und helläugig zurückkam. »Aber wie bist zu dem schönen Schmisse gekommen, Helmold?« fragte sie. »Ja,« sagte er und lachte, »bei der Schweißarbeit geht es oft nicht gerade säuberlich her, und die drei Geweihe sind den Kratzer schon wert.« Er schämte sich gar nicht, daß er um die Wahrheit herumging. Früher hatte er seiner Frau alles, aber auch alles gesagt und sich in Hemdsärmel und ohne Kragen vor ihr gezeigt; das sollte nicht wieder vorkommen. Nach dem Abendessen sagte er: »Ich muß noch ausgehen; wie lange ich bleibe, weiß ich nicht.« Seine Frau machte ein etwas beleidigtes Gesicht: »Gleich den ersten Abend?« Er faßt sie unter das Kinn und küßte sie: »Jawohl, mein Herze; es geht nicht anders.« Er ging erst ziellos auf der Hauptstraße hin und her, setzte sich dann anderthalb Stunden in ein Kaffeehaus, spielte mit einem ihm unbekannten Herrn Billard und ging gegen zehn Uhr nach Hause. Grete, die etwas blaß und ermüdet aussah, lachte vor Glück, als er so früh und mit so fröhlichen Augen zurückkam, rückte ihm den bequemsten Sessel hin, brachte ihm Wein und Zigarren und räumte dann auf. Er sah ihr nach und freute sich über ihre vornehme Erscheinung, ihr schönes Haar und ihre frischen Bewegungen. »Sie ist eigentlich doch die Schönste!« dachte er und machte so verliebte Augen, daß sie sich auf seinen Schoß setzte. Sie legte ihren Kopf an seine Schulter und meinte: »Ich danke auch sehr für die wunderschöne Karte; es war nur eine in zwei Wochen, aber es ist ja auch Herbst!« Sie besann sich einen Augenblick, unterdes sie ihm bald die Hände streichelte, bald den Nacken kraulte, und dann sagte sie mit etwas verlegener Stimme: »Ich habe dir auch etwas zu schenken: ich bin aus dem Verein ausgetreten. Weißt du, das ging mir doch zu weit: das ist kein Frauenbildungsverein mehr, das ist ein Vermännerungsklub. Und dann diese Geschichten, die vorgekommen sind! Die überspannte Frau Kelling ist mit einem Kalifritzen ausgerückt und hat ihren netten Mann und die reizenden Kinder sitzen lassen, und Frau von Besentzien läßt sich scheiden. \>Mein Mann ist mir geistig nicht gewachsen,\< hat die Gans gesagt. Aber das schlimmste ist die Sache mit Professor Detten, du weißt doch, der uns immer die glänzenden Vorträge über Frauenkultur hielt. Jetzt hat er einen Haufen Geld geerbt, und was tut er? Er heiratet die Köchin seiner Mutter!« Helmold lachte, daß ihm die Arme flogen: »Ja, das ist allerdings eine Gemeinheit sondergleichen, wo er doch in dem Vereine ein so wohlassortiertes Lager von ge-, ver- und überbildeten Dämlichkeiten hatte. Aber ich habe es dir ja früher oft gesagt: die radikale Frauenbewegung hat sehr viel Gutes; sie verekelt allen ernsthaften Männern die Damen und veranlaßt sie, Mädchen zu freien, die ihren Männern weiter nichts als Frauen sein wollen und ihren Kindern Mütter. Übrigens, so sehr ich mich freue, daß du aus der Blase heraus bist, in die du vernünftige Frau gar nicht hineinpaßt, meintwegen hättest du das nicht zu tun brauchen. So ein bißchen Sport will jeder Mensch neben dem Alltagsleben haben.« Es gingen einige schöne Wochen in das Land; Helmold arbeitete fleißig, aber ohne Überstürzung. Er malte den Hintergrund zu Swaantjes Bild um, gab ihrem äußeren Gesichte einen weichen Zug, brachte aber dahinter etwas rätselhaft Hartes an, das niemand fassen konnte, das aber jeder fühlte, und umgab das Bild mit einem dunkelgrünen, gleißenden, durch grellrote Perlen gehobenen Rahmen, der die Wirkung von reich tragenden Stechpalmen andeutete. Als er sein Malzeichen unter das Bild setzte, piff er das freche Lied von der Lüneburger Heide so laut, daß Grete angestürzt kam und ihn fragte: »Du pfeifst das üble Lied, und da denke ich, ich darf mal kommen!« Er nickte und sagte, auf das Bild weisend: »So! vorher war es wabbliger Kitsch, jetzt ist es etwas. Nicht wahr, Gretechien?« Sie nickte; frei wurde es ihr um das Herz. Seine Stimme war ohne Unterklang, seine Augen sprachen nur von dem Bildnisse und nicht ein bißchen von dem Mädchen, das es darstellte. Sie hätte aufschreien mögen vor Glück. Doch der Brief, den sie in der Hand hielt, verbot ihr das. »Helmold«, begann sie, und ihre Stimme duckte sich, »hier lies mal. Swaantje geht es nicht gut. Sie bittet mich, zu kommen, denn Muhme Gese, schreibt sie, fiele ihr doch etwas auf die Nerven. Was meinst du, soll ich fahren?« Sie setzte sich auf das Ruhebett, und er nahm in dem Sessel Platz. Langsam und bedächtig las er den Brief. Bei jeder Zeile wurde seine Stirne krauser; aber obwohl er tiefes Mitleid empfand, spöttelte er in sich doch über die verlogene, oder, wie er sich selber verbesserte, verbogene Schrift und den gequälten Humor, der den ganzen Brief durchzog. Er gab den Brief zurück und sagte: »Natürlich fährst du; sie braucht einen Menschen, den sie wirklich liebt; die alten Leute bieten ihr so gut wie nichts. Ich glaube, sie ist von ihnen mit Altersschwäche angesteckt, denn Ohm Ollig und Tante Gese sind, meine ich, schon mit Arterienverkalkung und Hämorrhoiden auf die Welt gekommen, in geistiger Beziehung wenigstens sicher. Fahre sofort und muntere sie auf. Übrigens Thorbergs fahren erst nach Neujahr; sein Prokurist ist krank, schreibt er mir, und es ist jetzt zu viel zu tun. Schade! Was Swaantje fehlt, ist frische Luft und neue Menschen.« Seine Frau hatte ihn aufmerksam angsehen, solange er sprach. War das derselbe Mann, der jüngst noch fast einen Tobsuchtsanfall bekommen hatte, als sie sich zwischen ihn und das Mädchen stellte? Ein sonderbares Angstgefühl hielt ihr den Atem fest. Sie betrachtete ihn, während er Swaantjes Bild an den ersten besten Nagel hängte, ganz aufmerksam. Es war ihr Helmke, aber er war es doch nicht; es lag eine Ruhe und eine Gelassenheit in seinem Gesichte, die sie erschreckte. Der dummejungenhafte Zug, der ihre Lust und ihr Leid gewesen war, fehlte gänzlich. Schon die Art und Weise, wie er schritt, befremdete sie, und als er ganz behutsam die Zigarre einschnitt, langsam das Streichholz entzündete, mit großer Aufmerksamkeit die Zigarre ansteckte, das Zündholz ausblies und in den Dreifuß fallen ließ, kam er ihr wie ein ganz anderer Mensch vor, wie ein Mann, der weit von ihr gerückt war und hoch über ihr stand. Wenn er früher eine Zigarre ansteckte, ging das immer hopphopp. Und wie er rauchte! wie ein alter Geheimrat. Und alt war er geworden; es war nicht das graue Haar über den Ohren, es waren nicht die scharfen Falten hinter dem Munde, und es war auch nicht ein Altern, sondern eine Ausgereiztheit. Niemals mehr würde er poltern, das sah sie, nie wieder grob werden, aber sich auch niemals wieder wie ein Kind an sie schmiegen. Die Angst drückte ihr die eiskalte Hand auf die Stirne. Sie stand auf, legte ihrem Manne die Arme um den Hals und flüsterte: »Helmold, fahre du hin!« Er machte eine abwehrende Bewegung. »Höre zu!« fuhr sie fort, »während du in Stillenliebe wärest, habe ich über die ganze Sache sehr viel nachgedacht. Du hast ganz recht gehabt; erst habe ich dich zu Swaantje hingestoßen, und dann riß ich dich zurück. Das war schlecht von mir, und dumm. Aber du verstehtst?« sie lehnte sich an ihn, »ich hatte solche Angst, daß sie dir mehr würde als ich, und wenn ich dich ihr auch sonst gern gegönnt hätte, und sie dir, Zweitfrau wollte ich doch nicht sein. Aber jetzt,« sie stockte und sprach heiser weiter, ohne ihn anzusehen, »jetzt weiß ich, daß du mir doch ganz und immer gehörst, auch wenn, wenn,« sie atmete erleichtert auf und hob ihr Gesicht zu ihm empor, und ihre Augen waren mit Tränen gefüllt, »wenn sie ganz dein geworden ist. Und deshalb, liebster Mann, fahre hin und denke, daß ich nicht deine Frau, deine Liebste bin, sondern dein bester Freund, der dir alles gerne gönnt, was dein Herz fröhlich macht. Denn ich habe dich lieb. Und Swaantje auch.« Helmold fühlte, daß ihm die Augen feucht wurden, aber er jagte die Tränen dahin, wo sie hingehörten. Er küßte seine Frau auf die Stirne, nahm sie um den Leib und zog sie, sich in den Sessel gleiten lassend, auf seinen Schoß. »Sieh mal, Grete," begann er mit etwas rauher Stimme, »hättest du eher so gesprochen, so hättest du mir viele bittere Wochen erspart, und dir auch. Aber alles auf der Welt hat seine Zeit. Zudem war ich damals so krank, daß du gar nicht wissen konntest, ob das, was ich wollte, einem zwingenden Grunde oder einer Einbildung entsprang. Wir wollen von dieser Sache nie wieder sprechen, denn ich glaube, ich bin darüber hinaus. Jedenfalls bin ich dir herzlich dankbar für deine gütigen Worte, und rechne dir die Selbstüberwindung, die sie dich auf jeden Fall kosteten, sehr hoch an. Was nun die praktische Seite deines Vorschlages anbetrifft, so kommt hier lediglich Swaantje in Frage, und Swaantje braucht, so scheint es mir, jetzt mehr eine Schwester, denn einen Bruder. Grüße sie herzlich von mir, und sage ihr, sie solle sich zusammenreißen und sich mit Italien und Spanien im voraus trösten, und schustere Tante Gesina einmal gehörig zurecht, das heißt, in Güte denn Grobheiten habe ich ihr damals so viele gesagt, daß ihr Bedarf vorläufig gedeckt sein wird.« Sie sah ihn ungläubig an. »Übrigens,« fuhr er fort, »mache nicht solch ein Passionsgesicht! So schlimm wird es mit ihr schon nicht stehen; Neuralgiker sind zähe, das sieht man an Bismarck. Der Tausend, du siehst ja wie Buttermilch aus! Lege dich einen Augenblick hin!« Er führte sie nach dem Ruhebette, deckte sie zu und streichelte ihr so lange die Stirne, bis sie einzuschlafen schien. Aber sie schlief nicht, sie dämmerte nur. Gespenstige Vorstellungen wisperten ihr seltsame Worte zu. »Wenn er sie nicht mehr liebt, liebt er dich auch nicht mehr,« flüsterten sie; »du bist rot und warm, sie ist grün und kühl; ihr seid ihm Komplemente, bildet eine Einheit in seinen Augen. Fühlst du nicht, daß er nur noch mit den Lippen küßt und nicht mehr mit der Seele? Daß bloß seine Hände dich streicheln, aber daß seine Gedanken nicht auf deiner Stirn sind? Daß nur seine Sinne noch leben, sein Herz aber das ist tot?« Sie fuhr in die Höhe, seufzte gequält und sah verängstet um sich. Ihr Mann streichelte ihr die Backen; sie blickte ihn verzweifelt an: »Helmold,« schluchtze sie, »ich habe so schrecklich geträumt! Ich möchte am liebsten nicht fahren Ich habe solche Angst, ich glaube du, daß du, du liebst Swaantje nicht mehr und mich auch nicht mehr. Wir haben dir das Herz zertreten. Du bist so ganz anders geworden, du bist mir so fremd, daß ich dich nicht ansehen kann, wie man seinen Mann ansehen soll. Du kommst mir so vor, wie damals, als du auf einmal ohne Bart nach Hause kamest. Helmold,« stöhnte sie und faßt seinen Kopf mit beiden Händen, »ist das wahr? Ich habe jetzt immer so viel Angst. Fühle, wie mein Herz klopft. Komm mit, du und ich und Swaantje, wir drei wollen uns so lieb haben, wie noch niemals Menschen sich lieb hatten.« Sie schluchzte fassungslos in das Kissen hinein. »Gretechien, mein dummes Gretechien,« scherzte er und liebkoste sie; »du siebst Gespensterchien! Oder willst du dich rächen? Denn genau solchen Unsinn habe ich damals auch von dir gedacht. Glaubst du, solche rosenroten Stunden, wie wir sie erlebten, könnten verblassen und verwelken? Waren diese Wochen nicht ganz so, wie vor acht Jahren, als wir Tag für Tag zu Frigge beteten, und sie lobten, wie sie gelobt werden will? Gewiß bin ich anders geworden, aber auch ohne das, was sich die letzte Zeit begab, wäre ich mehr Mann geworden, denn allzulange bin ich Junge gewesen. Und bist du nicht auch in den beiden letzten Wochen eine andere geworden? Glaubst du, daß du noch einmal wieder zu mir so ein hartes Gesicht machen kannst, wenn ich ein bißchen ungezogen bin?« Sie lächelte unter Tränen und schüttelte den Kopf und zog ihn fest an ihre Brust, hungrig seine Lippen suchend. Am Nachmittage brachte Helmold sie, Swaan und Seenechien samt der Kindermagd zur Bahn, denn er hatte bestimmt, daß die Kinder mitfahren sollten. »Sie haben Ferien, und Swaanhof ist für sie das, was für uns die Riviera. Und sonst bangst du dich nach ihnen. Außerdem hat Muhme Gese dann etwas mehr zu tun und läßt Swaantje in Ruhe. Und bleibe, solange es dir da gefällt. Sage aber nichts von dem Bilde; das soll sie als Julklapp haben.« Als er nach Hause ging, mußt er immer noch an das reizende Bild in dem Fenster des Eisenbahnwagens denken: seine schöne Frau zwischen den beiden Blondköpfen und dahinter das niedliche Mädchen, glühend vor Reisefieber. Und welche glücklichen Augen Grete gehabt hatte und welchen weichen bräutlichen Mund! Stolz leuchteten seine Augen, als er die Straße entlang ging, und alle Frauen und Mädchen, die ihm begegneten, sahen ihn an, als wollten sie sagen: »Muß der aber küssen können!« Er nahm alle diese Blicke dankbar hin, nutzte sie aber nicht aus, trotz des überlegenen Paschagefühles, das ihm die Muskeln schwellte. Er dachte an den neuen großen Auftrag, den er bekommen hatte. Anfangs hatte er sich darüber geärgert, denn es handelte sich um eine naturgetreue Wiedergabe von drei Landschaftsbildern für den Speisesaal auf Rottenwiede, dem Stammschlosse des Freiherrn von der Rotten. Er hatte angenommen, weil er den Preis bestimmen durfte, und er hatte sehr viel gefordert. Jetzt freute er sich über den Auftrag; »denn die enge stoffliche Begrenzung,« dachte er, »schließlich ist sie doch keine größere Einengung als die, die bei jedem Bildnisse Voraussetzung ist.« Und er wollte einmal den Nurlandschaftern zeigen, was es heißt, eine Landschaft wörtlich abzuschreiben und doch einen echten Hagenrieder aus ihr zu machen. Ein Wort Oskar Wildes über den Wert des Reimes fiel ihm ein, über den wohltätigen Zwang, den er auf das Gemüt des Dichters ausübt, und er sagte sich: »Künstler ist nur der, der vor keinem Auftrage zittert.« Er ging schneller, denn die Hand juckte ihn nach der Arbeit. Als er am anderen Morgen mitten im Schaffen war, fröhlich vor sich hinsummend, sah er, daß die Großmagd sich im Garten zu schaffen machte. Er hatte es mit Freude angesehen, daß große, schlanke, herrlich gewachsene Mädchen. »Sonnenschein über Apfelblüten,« dachte er, als er ihr goldenes Haar und ihr rosiges Gesicht ab und zu über das prächtig entwickelt Muskelwerk ihrer Unterarme und den guten Sitz ihres frischen Waschkleides, und er dachte, indem er dem Spiele der Schulterblätter und der Lenden unter dem rosenrot und weiß gestreiften Rocke zusah: »Muß die einen köstlichen, unverbildeten Akt haben.« Plötzlich fand er, daß das Mittelbild sehr gewinnen würde, wenn im Vordergrunde rechts Figuren wären, und er sah Luise da stehen und, ein Kind an der Hand, über die Heide nach dem Dorfe hinsehen. Er trat aus der Tür und rief das Mädchen in die Werkstatt. »Hören Sie mal, Luise,« begann er, sie mit Wohlgefallen ansehend. Sie wurde über und über rot und konnte ihn nicht anblicken. »Ich brauche hier für das Bild eine schlanke Figur, und Sie würden großartig dazu passen. Würden Sie so gut sein und mir dazu stehen?" Das Gesicht des Mädchens färbte sich noch roter: »Ich will alles tun, was Sie wünschen, Herr Hagenrieder,«" antwortete sie leise, und ihre Stimme zitterte. »Aber in dem Kleide geht es nicht,« meinte er, und da er gerade das Bild betrachte und dann in das Nebengemach ging, um sich Farbe und Pinsel herauszusuchen, sah er nicht, was hinter ihm vorging. Als er nun aus dem Vorratsraume zurückkehrte, stutzt er und stand mit heißem Gesichtes vor dem Mädchen, das gerade dabei war, das letzte Kleidungsstück, das ihren Leib verhüllte, abzulegen. »Halt!« rief er und hob die Hand; »so habe ich das nicht gemeint, Luise. Ich wollte, Sie sollten sich Ihr Dorfkleid anziehen; denn so brauche ich Sie hier und nicht in Ihrem städtischen Zeug.« Das Mädchen, dessen Gesicht aufgeflammt war, als es ihm gegenüberstand, wurde kreidebleich. Schlaff ließ es die Arme an den Hüften herabhängen, hielt den Kopf tief gesenkt und stotterte: »Ich, ich dachte, Sie meinten das so, weil doch die Modellmädchen und deshalb.« Ihr Herz suchte nach Luft. Das Blut kribbelte ihm unter den Haaren, der Atem wollte ihm nicht über die Lippen, und seine Augen klammerten sich an den Fußboden. »Luise,« sagte er, und heißer klang seine Stimme, »es wäre sehr freundlich von Ihnen, wenn sie mir einmal Akt stehen wollten, denn solche Figur, wie Ihre, die finde ich wohl nie wieder. Aber was wird Ihr Bräutigam sagen?« Das Mädchen nahm den Kopf in die Höhe und sah ihn an, und ihre Augen schienen ihm zu leuchten, als sie erwiderte: »Das ist aus.« Erstaunt fragte er: »Aus? Warum denn? Es war doch ein gute Partie für sie?« Kühl antwortete sie: »Ja, er war einmal eklig gegen seine Mutter, und er schämte sich, weil sie eine Waschfrau ist.« Ohne daran zu denken, daß das Mädchen nur noch das Hemd anhatte, trat er auf sie zu und faßte ihre Hand, denn er wollte sie trösten, und da kam in ihre Augen ein Glanz, daß ihm auf einmal einfiel, daß sie vorhin gesagte hatte: »Ich will alles tun, was Sie wünschen.« Dann war alles rosenrot um ihn, und im selben Augenblicke hing das Mädchen an seiner Brust, willenlos und willfährig. Ohne zu wissen, was er tat, nahm er hin, was sie ihm gerne gab. Freude war in ihm, als sie ihn verlassen hatte. »Du liebst sie,« dachte er; »und wer liebt, ist noch jung.« Die Blutsbrüderschaft der Stedinger, ein loser Freundschaftsverein, aus einer Mitschülervereinigung entstanden, hatte einen klobigen Häuptlingsstuhl, auf dessen riesiger mennigroter Lehne in knallweißer Pfefferkuchenschrift zu lesen war: »Der moralisch bessere Teil der deutschen Studentenschaft ist ein ganz rauhbeiniges und freches Gesindel, und dazu gehören wir!« An diesen protzigen Leitspruch mußte Helmold denken, und er lächelte dabei vor sich hin. »Ja, ich bin ein ganz unmoralischer Mensch,« dachte er, »und das bekömmt mich denn so schön!« Er besah sich ganz genau und lächelte wieder, denn ein Ausspruch von Hans von Bülow, den er sehr liebte, fiel ihm ein: »Die Kunst steht über der Moral," hatte er irgendwo geschrieben: »Der Künstler, der würdige Priester seiner Kunst, hat, sei er im übrigen auch, wie er wolle, gerechten Anspruch auf höhere persönliche Geltung, als der einfache gute Mensch und Bürger.« Er belehrte sich daraus also: »Ich bin äußerst schöpferisch als Künstler, also auch als Mensch. Ich habe eine Welt in mir, die ich nicht nur in Kunstwerken wiedergeben kann, sondern die ich auch durch mein Leben verkörpern muß. Ich liebe alles, was sehr schön und sehr gut ist, und eine große Zärtlichkeit drängt mich, es zu umfassen. Aus Weibes Schoße bin ich geboren und fühle mich in Dankbarkeit wieder dorthin gezwungen. Ein einziges Weib kann, ohne in Flammen aufzugehen, alle die Liebe nicht ertragen, die ich dem Weibe als solchem abzustatten mich für verpflichtet fühle, und verglimmen und verkohlen würde ich, dürfte ich meine Liebe nicht hellauf lodern und weithin leuchten lassen. Von jeher war, wo gesunde, einfache Sitten herrschten, die Magd die Zweitfrau des Hausherrn. Sie sorgte für ihn, sie schaffte für ihn, sie kannte alle seine Geheimnisse oft besser als seine Ehefrau, denn sie machte sein Bett und sah, ob er gut geschlafen hatte oder nicht. Er muß ihr dankbar sein, und wie kann ein Mann einem Weibe besser Dank abstatten als durch Kuß und Umarmung?« Er dachte an die reizende Magd, die ihm und seiner Frau in schweren Jahren das Leben verschönt hatte durch ihr sonnenhelles Wesen, und er sandte einen Seufzer der Reue dem Kusse nach, den er sich von ihr nicht hatte nehmen mögen, weil ihr Herz für einen anderen Mann schlug. Alles das dachte er, wenn er frisch und fröhlich an den drei gewaltigen Bildern malte. Er fühlte sich durchaus nicht minderwertig, weil seine Magd seine Geliebte war; im Gegenteil, sein Gesicht blühte von Tag zu Tag mehr auf, immer federnder wurde sein Schritt, und er schaffte wieder, wie vor der Zeit, da Märzenschnee die Jungsaat seiner Seele versengt hatte. Nie hatte er vor dem Jenseits gebangt, nie ein Dankgefühl einem höheren Wesen gegenüber empfunden, aber jetzt hatte er es in sich. »Gott," dachte er, »wenn du so bist, so bist, wie das Volk ihn sich denkt, gütig und voller Verständnis für alles, was deine Kinder tun, daß du mir, dem Manne, der die Höhe seiner Tage überschritten hat, so viel blühende Jugend an das Herz legtest, damit er sich daran erquicke, ich danke dir und will dafür zu dir beten, vorausgesetzt, daß dir daran etwas gelegen ist; denn ich glaube, dir genügt es, deine Geschöpfe glücklich zu wissen.« Er verhehlte sich gar nicht, daß sein Verhältnis zu Luise eine Gefahr für ihn wie für sie war. Sie entstammte einer hochachtbaren Arbeiterfamilie und war streng kirchlich; zudem war sie seiner Frau von Herzen zugetan. Doch sie war ebenso ganz und gar und nichts als nur Weib, daß der Gedanke, eine Sünde zu begehen, ihr die Küsse, die sie geschenkt bekam, auch nur ein ganz wenig vergällen konnten; denn sonst wäre sie nicht in den beiden Wochen des Alleinseins mit ihrem Herrn nur noch ansehnlicher geworden. Nie aber vergaß sie ihre Stellung, niemals war sie, außer, wenn sein Arm sie umschlungen hielt, etwas anderes als die Magd, die ihre Arbeit tat und dafür ihren Lohn erhielt. Als seine Frau wiederkam und das Mädchen es mehr als einmal ansehen mußte, wie die Ehegatten zärtlich zueinander waren, blieb ihr Benehmen sich gleich, nur daß es Helmold schien, als ob sie der Frau gegenüber noch mehr Willfährigkeit und Aufmerksamkeit darlegte, so daß diese sagte: »Das Mädchen wird mir von Tag zu Tag lieber; sie tut, was sie mir an den Augen absehen kann, und ich glaube, sie ist in dich gehörig verschossen.« Er mußte lächeln, als sie so redete; sie blieb trotz der schlimmen Erfahrung immer noch das harmlos Gretechien ohne Arg und Sorge und dachte sich nichts bei dem, was sie in ihrer frohen Art dahinplauderte. So hatte sie auch, als sie von Swaanhof zurückkam, in aller Unschuld von Swaantje ein so rührendes Bild gemalt, daß Helmold schnell von etwas anderem sprach, denn er fühlte, daß die Sehnsucht sich wieder vor ihn stellte und ihn bittend ansah, und so sagte er denn: »Ich will ihr einen hübschen Brief schreiben, wenn ich ihr ihr Bildnis schicke, und ein paar Bücher beilegen, die ihr Freude machen werden und sie zerstreuen, bis sie nach Italien fährt.« So kaufte er einige gute Werke, die ihr die Augen für alles das öffnen sollten, was sie in der Fremde sehen würde, wählte auch einige Bücher heiteren Inhalts, damit sie sich durch sie nötigenfalls über ihre Schmerzen hinweglesen sollte, die, wie Grete ihm erzählte, oft noch sehr arg waren, und an die er mit Bedauern dachte, doch ohne den Wunsch, sie mit leise streichelnden Händen von ihrer Schläfe zu entfernen. Dann und wann erhob sich zwar in seiner Seele das geheime Wünschen und flüsterte begehrliche Worte, aber da ihn sein Weib mit herzlicher Liebe erquickte und die Magd ihn mit untertäniger Hingebung erfrischte, so glaubte er herauszufinden, daß er in Swaantje weiter nichts gesehen habe als ein Sinnbild für seine starke Hinneigung zu dem Weibe an sich, dem er durch die Eingebung der Ehe hatte entsagen müssen. Das Gefühl von Gereiztheit seiner Frau gegenüber, unter dem er selber am meisten gelitten hatte, war völlig verschwunden, seitdem er vor ihr diese Heimlichkeit hatte. Er hatte vor ihr eine Schuld, aber eine Schuld, die ihn nicht drückte, die ihn nur dazu antrieb, doppelt so gut zu ihr zu sein, und mehr als je zuvor regelte er sein Benehmen ihr gegenüber, wurde zärtlich wie ein Bräutigam und aufmerksam wie ein Hausfreund. Vor allem hütete er sich, sie mit seinen eigenen Angelegenheiten zu behelligen, sobald diese unerquicklicher Art waren, und daran fehlte es ihm nicht. Der Oberbürgermeister hatte es ihm nicht vergessen, daß er ihn seinerzeit gezwungen hatte, ihn zuerst zu grüßen; er versucht es ihm heimzuzahlen, indem er die Ausschreibung eines Wettbewerbes für die Auschmückung eines neuen Rathauses hintertreib und es durchsetzte, daß die Aufträge unter der Hand vergeben werden sollten. So lag die Gefahr vor, daß die Hauptarbeiten recht mäßigen Malern zufielen, die es keine Überwindung kostete, den Rücken zu beugen und Vorzimmerlungerei zu treiben, worauf Helmold sich nicht einließ. Er tat überhaupt keine Schritte, einen Auftrag zu bekommen, und bat Hennecke sogar, in der Presse nicht für ihn einzutreten, zumal es ihm an Aufträgen nicht fehlte. Als er darum mit dem Oberbürgermeister bei dem Oberpräsidenten zum Abendessen geladen war, und der Oberpräsident sagte: »Wir freuen uns sehr auf das, was Sie im Rathause schaffen werden, lieber Herr Hagenrieder, denn die Hauptgemälde werden Sie doch wohl bekommen," lächelte er verbindlich und sagte: »Sehr schmeichelhaf, Exzellenz, aber in Hinsicht auf die vielen Aufträge, die ich anderweitig habe, war die Stadt so rücksichtsvoll, mich nicht aufzufordern.« Die Hausfrau lächelte, der Oberbürgermeister verschluckte sich und spielte während des ganzen Abends das Mauerblümchen, während Hagenrieder, den die Gastgeber sehr herangezogen, seinen Geist schillern ließ, so daß die Oberpräsidentin ganz entzückt von ihm war und ihn bat, ein für allemal sich als Gast an ihren offenen Tagen zu betrachten, eine Ehre, mit der sie recht sparsam umging. Drei Tage darauf schrieb das Stadtoberhaupt an ihn und fragte, ob er die Wandgemälde für Rottenwiede sehen könne. Er kam, lobte mit einem gewaltigen Aufwande von hohlen Redensarten das Werk, und als er ging, hatte Hagenrieder die vier Wände des Sitzungssaales in dem neuen Rathause und die Glasfenster im Treppenhause in der Tasche. Einige Monate später ernannten ihn die städtischen Körperschaften zum Beirat in Kunstfragen, nachdem ihm kurz vorher der Herzog den Professortitel verliehen hatte. »So,« sagte er zu seiner Frau, »jetzt gelte ich sogar bei den Stadtverordneten etwas, und das will etwas heißen, denn das mehrste sind Heuochsen mit Eichenlaub und Schwertlilien.« In voller Absicht stellte er sich jetzt in den Vordergrund der Gesellschaft, soweit es seine Zeit erlaubte. Während er früher am liebsten in Loden ging und sich halb bäuerlich trug, kleidete er sich nun derartig modisch, ohne die Albernheiten der Mode mitzumachen, daß er als einer der bestangezogenen Männer der Stadt galt und von allen Gecken studiert wurde, denn nie war ein Stilfehler in seiner Kleidung, obgleich, oder vielmehr, gerade weil er seine Kleidung ganz nach eigenem Ermessen zusammenstellte. »Der amüsanteste Mann, den wir haben,« sagte die Oberpräsidentin; »schon als Erscheinung ein Genuß.« Er war zu einer ihrer Gesellschaften in hochgeschlossener Weste gekommen, wie sie die Bauern trugen. »Wo haben Sie denn den famosen Westenschnitt her, Herr Hagenrieder?« fragte die Gräfin Tschelinski etwas spöttisch. »Von den Bauern, meine Gnädigste, den einzigen Leuten, die heutzutage noch Kultur haben,« versetzte er. Sie warf den Kopf zurück: »Und wir, Herr Professor?« Er lächelte: »Sind nur zivilisiert!« Der Bildhauer Professor Brambach, ein würdevoller Figurenfabrikant, versuchte ihn lächerlich zu machen, indem er sagte: »Sehr praktische Tracht!« »Jawohl,« antwortete er ihm, »man braucht nicht alle achte Tage ein reines Hemd anzuziehen.« Die Gräfin schrie vor Vergnügen, und es gab eine gepfefferte Toilettendebatte. »Sehen Sie, meine Herrschaften,« lehrte der Maler, »für den Pöbel ist es ja erziehlich, zwingt die Mode ihn, ein Teil seiner Leibwäsche zu zeigen; sonst läuft er am Ende vier Wochen in derselben Linnenhülle herum. Wir aber brauchen den Beweis, daß wir uns reinlich halten, nicht erst anzutreten; denn sonst müßten wir die umliegende Menschheit durch einen mit dem Westenausschnitt übereinstimmenden Ausschnit in unseren unaussprechlichen Hosen davon überzeugen, daß die noch unaussprechlicheren Unterbeinkleider ebenfalls durch Tadellosigkeit glänzen.« Professor Brambach war entrüstet, die anderen quiekten vor Vergnügen. Dann kam die Damenkleidung an die Reihe. Hagenrieder erklärte: »Nur im Reformkleid ist eine Frau angezogen; im Zweistöckigen ist sie kuvertiert.« Scharf wurde widersprochen. »Beweis?« hieß es. Mit todernstem Gesicht dozierte er: »Sie selber, meine Damen, denn Sie tragen alle Reform.« Sie lärmten, denn nur die Gräfin trug sich so. In lehrhaftem Tone fuhr er fort: »Dasjenige Kleidungsstück, das Ihnen am teuersten ist, weil es Ihrem Herzen am nächsten steht, ist soweit ich in den Auslagen der Wäschemagazine darüber Studien machen konnte, nicht zweistöckig, sondern besteht aus einem Stücke.« Die Gräfin schloß die Augen bis auf einen kleinen Spalt, sah ihn von oben bis unten an, und ihre Zungenspitze ging über ihre Lippen. Als er nachher im Wintergarten mit ihr allein war, fragte sie mit gemachter Harmlosigkeit: »Sie sagten vorhin, Herr Professor, schön sei der Mensch nur im Arbeitskleide.« Er nickte ernsthaft. »Ja, aber,« meinte sie, »eine Frau wie ich, in welchem Kostüm finden sie denn die am schönsten?« Er machte sein treuherzigstes Gesicht, als er antwortete: »Auch im Arbeitskleide.« Sie fragte neugierig: »Und das ist?« Mit kindlich naiven Augen sah er sie an, als er versetzte: »Das Nachtkleid.« Sie machte ein halb entrüstet, halb belustigtes Gesicht, als sie ihm mit ihrem Fächer einen Schlag auf die Schulter gab und zischte: »Unverschämter Mensch!« Aber als er sich glücklich lächelnd verneigte und fragte: »Ich danke gehorsamst, gnädigste Gräfin; ich darf diese Bemerkung doch wohl im Gewinnkonto eintragen?«, da lächelte sie, und ihre Augen sagten: »Ich will alles tun, was Sie wünschen, Herr Hagenrieder.« Dann meinte sie leichthin: »Ich habe zu Hause allerlei Ahnen hängen, die ein bißchen gichtbrüchig sind, und möchte von Ihnen wissen, ob das zu heilen ist. Vielleicht sehen Sie sich die Bilder einmal an und empfehlen mir einen Restaurator, wenn es sich noch lohnt.« Er sah ihr mit heißen Blicken in die Augen: »Muß das gleich sein?« fragte er und hielt ihr den gebogenen Arm hin. Sie drohte ihm mit dem Fächer, lachte und sagte über die Schulter: »O nein. Aber wenn Sie morgen nachmittag Zeit haben?« und ging dann zu den anderen Gästen. Als er am anderen Tage zu ihr kam, empfing sie ihn in einem weichen losen Kleide von weißer Wolle. Er erhob die Hände bis zu den Schultern: »Wie wundervoll Sie aussehen, Gräfin; der Künstler dankt Ihnen.« Als er ihre Handgelenkte küßte, flüsterte es über seinem Kopfe: »Nur der Künstler?« Er nahm sie in den Arm, raunte ihr in das Ohr: »O nein; der Mann dankt noch viel mehr,« und dabei küßte er sie. Die Gräfin blieb nicht die einzige Frau aus der Gesellschaft, die sein wurde. Wenn er gewollt hätte, konnte er jeden Tag im Monat einen anderen Mund küssen. Doch er ging auf Eroberungen nicht aus; wenn aber ein Weib ihm ihre Neigung mit lächelnden Augen kredenzte, und sie erregte sein Wohlgefallen, so nahm er dankbar die Labe hin. Mit jeder Frauenseele, die sich ihm erschloß, glaubte er ein Stück Jenseitsdasein mehr zu erwerben; wähnte er sein persönliches Leben zu verlängern. Wenn er malte, sah er sich oft dastehen, umdrängt von vielen schönen Frauen und Mädchen aus allen Kreisen, die ihre Herzen in den Händen hielten, Herzen, aus denen frohlockende Flammen schlugen, die einen Duft von Weihrauch verbreiteten. Nur eine Lücke wir in der Reihe der weißen Leiber, nur ein Gesicht fehlte, nur ein Herz flammte und duftete nicht zwischen den anderen. Denn je mehr rote Rosen er in seiner Erinnerung fand, um so stärker trat wieder der Gedanke an die eine weiße Lilienblüte vor ihn. Er wehrte ihn ab, trat ihn von sich, aber immer und immer wieder winselte er vor seiner Seele herum, stahl sich in seine Träume und trabte vor ihm her, wo er ging und stand. Er suchte sich dadurch von ihm zu befreien, daß er nach Stillenliebe fuhr, auf Sauen pirschte und bei Sophien und Annemieken Trost suchte. Er mietete sich in Ohlenwohle ein, angeblich um Studien zu machen, in Wirklichkeit, um sich an Mariens derber Art von der städtischen überfeinerung zu erholen. Es half ihm wenig; denn überall stand ein blasses, müdes Gesicht neben ihm und zwei dunkelblaue, tiefumhofte Augen sahen ihn bittend an. Er schloß alle Lichtbilder von Swaantje ein und jegliches Stück, das ihn an sie erinnerte; aber dadurch wurde es nur noch ärger. Er schrieb seinen Zustand auf das Übermaß von Arbeit und Geselligkeit, das er sich aufgeladen hatte, schaffte langsamer, zog sich mehr zurück, doch immer mehr nur quälte ihn Swaanjte Swaantenius, und ab und zu waren seine Nächte wieder ohne Schlaf und seine Tage ohne Frische. So setzte er sich denn kurz vor dem Julfeste hin und schrieb ihr einen langen Brief, einen Brief, in dem er nur heiter von seinem äußeren Leben plauderte, doch ihm war, als flüsterte jede Seite Worte der Liebe, und als wäre jeder Buchstabe ein verstohlener Seufzer. Mit eigenen Händen packte er Swaantjes Bild und einige Bücher ein, legte den Brief dazu und sandte die Kiste nach Swaanhof. Ihm war sofort leichter zumute, es schien ihm, als hielt er Swaantje bei der Hand und plauderte mit ihr, und fröhlich wartete er auf eine Antwort. Er hoffte auf weiter nichts, als auf einen im kameradschaftlichen Tone gehaltenen Brief, hinter dessen Gitterwerk von schwarzen Buchstaben vielleicht ein ganz klein wenig blumiges Hoffnungsgrün für ihn sichtbar wurde. Aber erst einige Tage nach dem Fest kam eine Sendung aus Swaanhof an ihn: sie enthielt eine lederne Zigarettentasche, verziert mit der Sonnenrune, und eine Karte, auf der die Worte standen: »Lieber Vetter, über die Bücher, das Bild und Deinen lieben Brief ganz besonders habe ich mich sehr gefreut. Wie schön, daß es Dir wieder gut geht! Hab tausend Dank. Dir und Grete herzlichen Gruß. Deine Swaantje.« Ganz fassungslos starrte er auf die Zeilen. Eine Absage für immer in aller Form, »laß mich in Ruhe!« hieß da. Er sah auf den Sessel, in dem Swaantje gesessen hatte, als er sie um einen Kuß anbettelte, und nickte mit dem Kopfe. Er holte sich alle Bilder des Mädchens aus Gretes Truhe, sah eines nach dem anderen genau an und schüttelte den Kopf. Er nahm wieder alles das durch, was er von Swaantje und sich gedacht hatte, und sagte sich: »Es hilft alles nichts; sie wird mein Tod sein, mein Vampir. Ich werde im Grabe keine Ruhe finden, wird sie nicht mein, und bleibt sie nicht die Meine.« Als Luise ihn zum Essen rief, sah sie ihn ganz erschrocken an, und seine Frau fragte ihn: »Was ist dir, Liebster? du siehst so krank aus.« Er lächelte ihr die Sorge fort: »Ich habe mich wohl erkältet, das Feuer wollte nicht brennen.« Er legte sich nach dem Essen zu Bett und stand erst am anderen Morgen wieder auf. Alle Arbeitslust war ihm vergangen, und eine beschämende Schlaffheit beugte ihn nieder. »Geh nach Stillenliebe!« riet ihm Grete. Er nickte. »Ja, Kind, ich muß hinaus; es war ein bißchen viel Anspannung in der letzten Zeit. Ich will mir die Knochen wieder munter pirschen.« Als er den Koffer packte, zitterten ihm die Hände, so setzte ihm das Fieber zu, und in der Eisenbahn lahmte ihn eine so ermattende Schüchternheit, daß er es sich nicht verbat, als zwei dicke Viehhändler, die einen frechen Schnapsgeruch verbreiteten, die Fenster auf beiden Seiten aufrissen. Völlig durchgefroren und ganz blaß kam er an, holte sich aus dem Grogglase wieder warmes Blut und setzte sich auf Sauen an. Gleich am ersten Abend erlegte er eine angehende Sau, und als er zurückkam, fühlte er sich wohl und munter. Aber wohl zehn Male wachte er in der Nacht vor Durst auf, und jedesmal, bevor er einschlief, sah er in seinem fierbhaften Zustande Swaantjes Gesicht auf sich zuschwimmen, weiß, kalt, ohne Haare und Augenbrauen, mit blicklosen Augen und einem Mund, dessen Lippen sich versteckten. Sehnsüchtig nannte er es bei Namen und versuchte es zu streicheln, aber sofort zerfloß es zu nichts. Müde und unfrisch wachte er um elf Uhr auf, und die Wirtin sagte bedauernd: »Sie gefallen mir gar nicht mehr; ich glaube, nach dem Essen bringe ich sie gleich wieder zu Bette, mache Ihnen einen Tee und decke Sie bis zum Hals zu.« Er ließ sich ihre Früsorge gefallen und fühlte sich dadurch erwärmt; doch bald darauf war ihm noch eisiger und unglücklicher zumute, und heftige Fieberschauer stießen ihn aus dem Halbschlafe. Sein Herz klopfte, sein Blut kochte, aus dem Muster der Tapete lösten sich fratzenhafte Gesichter los, jeder Laut von der Straße drang in zehnfacher Stärke zu ihm, und jede Farbe, die er um sich sah, sang ihm ein böses Lied. So stand er bald auf, zog sich an, ging aber nicht hinaus, sondern spielte mit Klaus Ruter und dem Förster Karten und trank sich das Fieber fort. Am anderen Morgen fühlte er sich besser. Es regnete nun drei Tage lang, und dann gab es Plattfrost. Eines Abends, als er reichlich müde von dem weiten Wege und durch und durch kalt vom langen Paffen bei Annemieken saß und sich die Füße am Roffeuer wärmte, klagte er ihr sein Leid, und als er sie dabei ansah, kam sie ihm ganz anders vor als sonst, und er fand, daß das junge Weib ein neues Gesicht und fremde Bewegungen hatte. Sah sie eben noch wie Sophie Pohlmann aus, so schien es ihm gleich darauf, daß sie ihn mit den Augen der Gräfin anblickte; dann wieder war sie Grete, gleich darauf Swaantje und hinterher Marie oder Luise oder eine andere, die er geküßt hatte. Außerdem war die Diele bald hoch und hell, bald niedrig und duster; eben brannte das Feuer blau, gleich darauf grün und dann gar nicht; war die Katzt jetzt ganz klein, so fing sie mit einem Male an, unheimlich zu wachsen, und während es vorhin nach Schweinefutter roch, war plötzlich ein strenger Duft von weißen Lilien da. Nun fing auch noch der Kesselhaken an, ihm böse Gesichter zu schneiden, um ihn sofort durch ein freundliches Grinsen zu versöhnen, aber da begann das Zinngeschirr an der Feuerwand, ihn auszulachen, das Spinnrad machte ihm einen albernen Knicks, der Tranküsel winkte ihm spöttisch zu, und die Möhrenköpfe am Herdrahmen wieherten und schnaubten gewaltig. Doch alle das ängstigte ihn kein bißchen, sondern machte ihm Vergnügen. Er trank ein Glas Grog nach dem anderen und erzählte seine tollsten Witze, bis ihm einfiel, daß er nun schon drei Tage auf Spurschnee wartete, und lachend befahl er Annemieken, ihm welchen zu besorgen. Das Mädchen, das tüchtig mitgehalten hatte und dessen Augen von dem heißen Grog und den wilden Witzen nur so blitzten, lachte und sagte: »Ich werde es Großmutter sagen, und die soll dir geben, was du haben willst; und dann werde ich dir sagen, was du mir dafür schenken sollst.« Da ging die Großmutter zu der Herdflamme und sagte ihr den Spruch, den ihre Mutter sie gelehrt hatte, ehe daß sie starb, und die Flamme lachte und nickte und wurde gleich siebenmal so lang und leckte mit sieben Zungen am Kesselhaken entlang. Dann warf die alte Frau die Schuhe hinter sich und winkte nach der Dönze. Da kamen drei Taubenfedern angeflogen und sieben Hühnerfedern und dreizehn Entenfedern und einundzwanzig Gänsefedern und dreiunddreißig Schwanenfedern, alle so weiß wie Schnee. Sie flogen um die rote Flamme, und die spielte Kriegen mit ihnen, bis sie eine nach der anderen fing und dem Rauche gab und ihm sagte: »Zeige ihnen, wo sie hinsollen, und sage ihnen, wie sie es machen müssen, und dann komme wieder und bring mir Bescheid.« Der Rauch aber machte einen Knicks, und dann wurde er wieder ganz lang und immer länger, bis er zum Dachloche hinausfuhr, und die siebenundsiebzig schlohweißen Federn nahm er mit. Nach einer Weile war er wieder da, warf sich vor der Flamme hin und sprach: »Ich habe alles getreulich ausgerichtet.« Und die Flamme erwiderte: »Denn so wollen wir schlafen gehen." Und da lachte Annemieke und sagte: »Und wir auch.« In der Nacht hatte Helmold einen blitzblanken Traum. Er sah Frau Holle auf der blauen Sternewiese stehen und die Betten sonnen, in denen die erdenmüden Seelen ausschlafen. Da kamen drei Federchen angetrippelt, drei schneeweiße Taubenfederchen, stahlen sich durch das Gras und suchten so lange, bis sie an einem Bette eine Naht offen fanden, und dann kicherten sie und krochen hinein. Und es dauerte nicht lange, und sieben weiße Hühnerfedern kamen angelaufen; die machten es ebenso, und nach ihnen die dreizehn Entenfedern und hinterher die einundzwanzig Gänsefendern und die dreiunddreißig Schwanenfedern kamen auch an und krochen in das Bett. »Was ist denn das?« sagte Frau Holle und stemmte die Hände in die Hüften, daß das weiße Fleisch ihrer Arme so reizende Falten in der Ellenbeuge schlug, daß gleich zwei Schmetterlinge kamen und sich dort niederließen. »Was ist denn das?« fragte Frau Holle, und ihr Kleid hüpfte vor der Brust, daß unten auf der Erde das Meer ganz still wurde, weil es solche Wellen nicht schlagen konnte. »Was ist denn das?« fragte Frau Holle und ihre Brauen wurden ganz schwarz, so sehr zog sie sie zusammen, und die Wetterwolken auf der Erde krochen vor Angst in die tiefsten Wälder. Aber dann lachte die schöne Frau, und der Sturm hörte sofort auf zu schmimpfen, und der Donner fluchte nicht mehr hinter den Bergen. »Ahlmanns Mutter, Ahlmanns Mutter!« lachte die Hunderttausendschöne, »was machst du mir für Geschichten!" Und dann nahm sie ihr blitzblankes Messerchen und ritzeratz war die ganze Naht auf und holterdipolter flogen die weißen Federn von der blauen Wiese nach der grauen Erde. »Hat dich was geträumt über Nacht, lieber Jägersmann?« fragte Annemieken. Sie stand vor dem Spiegel und machte sich ihr Haar. »Und was hat dich geträumt?« fragte sie und lachte Helmold mit ihrem Spiegelbilde an; das hatte dunkle Augen und schwarzes Haar und ein weißes Gesicht, und Helmold wußte es ganz genau, Annemiekens Backen waren rot wie Rosen, ihre Augen blau wie Bachblumen und ihr Haar sah aus, wie Haferstroh in der Sonne. Aber er schlief noch in sich, und da ging sie hinaus, und als sie wieder hineinkam, warf sie ihm eine Grabse voll Schnee auf den Mund, lachte und sagte: »Da hast du, was du haben wolltest. Und nun komm und iß; die Suppe schreit schon nach dem Löffel!« Als er wegging, nahm sie die Katze auf, daß die ihm nicht über den Weg laufen sollte, und sie spuckte ihm in die Hacken und warf ihm ihren Schuh in den Rücken und wünschte ihm Pech den ganzen Tag und Halsbruch, soviel es gibt, und lauter schlechten Anblick, und zwischen jedem, was sie tat und sagte, warf sie dreimal die Türe zu, und schließlich lief sie hinter ihm her, weinte zwei bittere Tränen über ihren süßen Mund und sagte: »Auf Wiedersehn, Nimmerwiedersehn, mein Jägersmann!« Drei Vögel sah er, als er durch die Feldmark ging. Das erste war ein Stieglitz; sein Scheitel war rot wie Blut. Das zweite war ein Dompfaff; seine Brust war rot wie Blut. Das dritte war ein Kreuzschnabel; der war von oben bis unten so rot wie Blut. Und als er in den Wald hineinkam, sah er im Schnee eine Fährte; in der war rotes Blut. Alle sieben Schritte stand sie wieder im Schnee, rot von Blut. Und er sagte: »Du edeles Wild, adelig Getier, kein anderes Wild, gemeines Tier will ich jagen noch fangen, ehe daß du nicht mein bist.« Da kam der Häher und sagte: »Nein!« Da kam der Bussard und sagte: »Niemals!« Da kam die Krähe und sagte: »Nimmermehr!« Er wurde traurig und sah, der Schnee war schwarz und die Tannen waren weiß, sein Herz wurde kalt und sein Gesicht wurde heiß, das Blut blieb ihm stehen, und der Atem flog vor ihm weg, bis er die Wundfährte wiederfand; da wurden Tannen schwarz und der Schnee weiß, sein Herz ward warm und sein Gesicht wurde kalt; sein Blut fing an zu gehen und sein Atem beruhigte sich, und er lachte und sagte: »Du edeles Wild, adelig Getier, mein wirst du sein, ehe daß die Sonne schlafen geht, ehe der Fuchs auf Raub ausgeht und die Eule umfliegt!« »Nein!« sagte der Höher, »Niemals!« der Bussard, »Nimmermehr!« die Krähe; aber er lachte sie alle drei aus. Und er ging und ging und ging den ganzen Tag. Er kam an den Teich, in dem die schöne Rosemarie sich ertränkt hatte, und nach dem Stein, wo der Förster erschossen wurde, und zu dem Kreuz, das da steht, wo die Nonne ermordet war, und er ging über die Heide und an dem Moore vorbei und durch den Wald, ließ den Morgen hinter sich liegen und den Mittag und den Abend, und alle seine Fußstapfen waren gefüllt, erst mit grüner Hoffnung, dann mit schwarzer Trauer und zuletzt mit grauer Angst. Seine Füße wollten ausruhen, seine Augen wollten schlafen gehen, sein Herz sprach: »Ich kann nicht mehr!« Er aber hörte nicht auf sie und ging weiter, immer dem roten Blute nach. »Ich will dir helfen!« sprach der Schnee und machte die Nacht heller, und der Mond kam auch und alle Sterne, die es gibt, und sie gingen rechts und links neben ihm, daß er die Fährte finden konnte. Er fiel hin und stand wieder auf, er setzte sich und ging weiter, er bückte sich über die Quelle und richtete sich empor, und blieb immer wieder stehen und redete seinen Füßen zu und seinen Augen und seinem Herzen und sagte: »Nur noch bis zum nächsten Blutsfleck, bitte nur noch dieses einzige Mal; dann sollt ihr auch schlafen; solange ihr wollt.« Aber wenn er da war und stehen blieb und um sich sah und horchte, ob er sein Edelwild nicht sah oder hörte, dann war nur der Wald da und der Himmel und der Mond, und der nickte ihm zu und sagte: »Immer weiter, immer weiter!« Da kam er in einen dunkelen Wald, und die Finsternis sprach zu ihm: »Siehe!« Da sah er, wie der Wind über den Berg gelaufen kam; in seinen Händen trug er zwölf Glockenschläge. Dann trat die Stille vor ihn hin und sprach: »Horch!« Da hörte er die Nacht über den Wald springen; in ihrem Mantel trug sie ein Weinen, das war ganz fern und doch so nah, war sehr leise und doch so laut, und so bitter war es und so süß. Seine Füße starben vor Angst, sein Herz fiel tot um, und seine Augen brachen. Aber als der Wind den letzten Glockenschlag vor ihn hingelegt hatte, gab ihm der Tod sein Leben wieder in die Hände; die waren so kalt wie Eis. Und kalt wie Eis war er ganz und gar und konnte nicht fühlen und nicht denken und stand da wie ein toter Baum, wie ein lebloser Fels, wie eine abgestorbene Blume. Doch der Sturm ermunterte ihn wieder; er hielt das Weinen über ihn, und daraus flössen Tränen auf ihn und weckten ihn auf, bis das Eis von seinen Augen schmolz, und seine Füße lebten wieder, und sein Herz stand auf, und da sah er, daß die rote Fährte im Schnee dort zu Ende war, wo er stand, und daß es zwei nackte Fußspuren waren, über und über rot von Blut. Seine Füße zitterten, sein Herz fing an zu bluten, und seine Augen weinten bitterlich, bis daß die beiden Fußspuren weißgewaschen waren. Das Alter lehnte sich gegen seinen Rücken, Falten krochen in sein Angesicht hinein, in sein Haar aber fiel der Schnee. Das Weinen über seinem Haupte wurde zu einem Lächeln und stellte sich über die weiße Fährte im Schnee und winkte seinen Augen zu. Als sie ihm folgten, kamen ihnen zwei andere Augen entgegen und gingen wieder zurück und blieben vor ihm stehen, weit genug von seinen Händen. Sie sahen ihn an und weinten Tränen, die fielen als Blut in die Fußspuren und füllten sie wieder bis zum Rande, und das Lächeln schlug die Hände vor das Gesicht und weinte leise, und das Weinen sah ihn mit Augen an, die voller Furcht waren und leer von Hoffnung, aber beladen mit Verzweiflung. Seine Seele zitterte und schrie: »Was soll ich tun, ihr beiden Augen, beladen mit Angst, gefüllt mit Trauer, beschwert mit Grauen, daß ihr wieder lächeln könnt? Und du Weinen, bitterliches Weinen, sage mir, was beginne ich, daß du nicht mehr im Sturm umherirren mußt und in Frost und Kälte und einsamer Nacht? Und du Lächeln, banges Lächeln, sprich, was muß werden, damit du dich nicht mehr zu bergen brauchst hinter den Dornen und in den Disteln und unter den Nesseln? Und du, nackte Seele, was ist es, das dir wieder Ruhe gibt, auf daß du nicht mehr mit bloßen Füßen wandern mußt über Berg und Tal und Stock und Stein und Feld und Flur, blutend aus sieben Wunden, kalt bis in das Herz und müde bis auf den Tod?« Da trat die Finsternis hinter ihn, die Einsamkeit winkte der Stille zu und die legte dem Sturme Schweigen auf. Der Mond ging zur Seite und nahm die Sterne alle mit; dunkel wurde es rund umher. Aber die Dunkelheit war klar, so daß er die rote Fährte im Schnee sehen konnte und die beiden Augen über ihr und einen blassen Mund und zwei Hände vor einer bangen Brust; die waren ineinander gefaltet. Eine Stimme, die war nicht hier noch da, nicht von gestern und nicht von heute, nicht leise und nicht laut, kam langsam aus den blassen Lippen zu ihm gegangen, stellte sich vor ihn hin und sprach: »Du, von dem ich nicht weiß, wer du bist, den ich niemals gesehen habe, und der immer vor meinen Augen steht, vor dem ich vor Angst vergehe und vor Sehnsucht nach ihm sterbe, du, o du und du, was habe ich dir getan, daß du mich jagst barfuß und barhaupt und bloß durch Nacht und Schnee und Frost und durch Dunkelheit und Einsamkeit und diese Totenstille? Siehe, meine Augen bluten, meine Füße sind wund, mein Leib ist vor Kälte erstarrt. Mein Lächeln habe ich im Schnee verloren, meine Ruhe rissen mir die Dornen vom Leibe, der Sturm trägt mein Weinen vor mir her. Ich bitte dich, bitte dich so sehr, bitte dich um alles in der Welt, höre auf, mich mit Furcht zu schlagen, mich mit Angst zu peitschen, mich mit Jammer zu geißeln, da ich dir doch nichts zuleide tat.« Seine Seele stöhnte auf; sie fiel auf die Knie, streckte die Arme aus, schluchzte auf und schrie: »So sage mir, arme Seele, gehetztes Herz, müder Geist, sprich, was soll ich tun, daß du dein Lächeln wiederfindest, die Angst aus deinen Augen verlierst und dem Sturme dein Weinen aus den Händen nimmst? Was ich dir antat, ich weiß es nicht; aber ich will es wieder gutmachen; büßen will ich es, wie du es mir sagst, mit Not und Tod oder einem Leben ohne Abend- und Morgenrot. Das schwöre ich dir bei den sieben Sünden, die bei mir stehen, drei zu meiner Rechten, drei zu meiner Linken und der einen, die über mir ist. Ich gelobe es dir bei allen Lüsten, die mich locken, und bei allen Süchten, die mich schrecken. Siebenmal schwöre ich es dir.« Da sah ihn die Stimme, die nicht von gestern war und nicht von heute, und nicht hier noch da, und weder laut noch leise, freundlich an, und also sprach sie: »Ich halte deine Schwüre in der einen Hand und deine Gelübde in der anderen, und ich sehe, sie sind wahr und ehrlich und treu; so wisse denn: lege deine grünen Hoffnungen alle ab, wirf deine blauen Träume hinter dich und tritt weit fort von deinen roten Wünschen. Das ist das eine; aber das zweite ist dieses: zertritt das bunte Gedenken, reiße ab die lachenden Erinnerungen und rotte gänzlich aus das Wissen von dem, was du nicht wissen durftest. Das ist das andere; aber das letzte ist dieses: laß dein Lachen hier im Walde liegen und dein Weinen, wo deine Füße stehen, und all dein Fühlen mußt du der Einsamkeit geben und der Dunkelheit und der Stille. Ohne Wehr und Waffen gehe von hier, daß ich nicht mehr zittern muß, wenn deine Schritte meine Gedanken kreuzen, wenn deine Augen Schatten auf meinen Weg werfen und deine Sehnsucht über mein Herz hinwegfliegt. Gelobest du mir das?« Seine Seele neigte ihr Haupt und gelobte es bei allem, was sie fürchtete, und da sprach die Stimme zu ihm, und noch freundlicher sprach sie, daß es wie Maiensonne auf seine Angst fiel, und also sprach sie zu ihm: »Siehe, meine Augen sie bluten nicht mehr so sehr, und meine Lippen röten sich ein wenig, und meine Hände zittern kaum noch, weil die Furcht sie nicht mehr so quält und die Angst und das Entsetzen; und nun höre: du hast gerufen heute: du edeles Wild, adelig Getier, mein sollst du sein, ehe daß die Sonne sinkt. Wenn die Sonne sank für dich wie für mich keine Blume uns mehr blüht und Schmerz und Lust uns nicht mehr ihre Lieder singen, dann will ich dein sein, ganz und gar dein sein, für immer und dein sein, du lieber, viellieber, geliebter Jägersmann.« Als er in das Dorf zurückkam, riefen im Kruge die Fiedeln, und die Trompeten schrien, und eine Flöte lachte: »Komm tanzen, junger Jägersmann!« Er ging in den Saal und sah sich um. Annemieken stand da, schön wie immer, aber sie kannte ihn nicht. Sein Freund ging an ihm vorüber, aber er sprach ihn nicht an, und sein Freund warf seine Augen auf ihn, doch ohne Haß. An der Wand hing ein Spiegel; der rief ihn zu sich hin. Er sah hinein und setzte sich auf die Bank der alten Leute. Der graue Engel Im blauen Himmel ging alles auf Strümpfen. Die Straße war auf drei Häuserlängen mit Stroh belegt und mit Kaff bestreut, und an der Haustüre hing ein Schild, auf dem zu lesen stand: Kein Ausschank. Alles Vieh und auch der Hund waren in der Nachbarschaft untergebracht, und die Pumpe war festgebunden, und auf der untersten Treppenstufe war mit Kreide die heilige Fünf hingemalt, denn der Tod stand hinter der Haustür. Er war wütend. Kinder, Greise und sonstiges Niederwild zu jagen dünkte ihm kein Weidwerk; nach Edelwild gelüstete ihn, nach einer hohen Beute. Diesen Mann da zu fällen, diesen großen Künstler, ehe er sein Bestes gegeben, ehe daß er Tausenden von Menschen das Herz gestärkt hatte, das war ein lohnendes Ziel, über die zwei Männer und die Frau, die zu seiten des Krankenbettes saßen und ihre Schilde vor den siechen Mann hielten, lachte der Tod; aber die eine, die nicht da war, die machte ihm schwer zu schaffen. Ingrimmig knirschte der graue Engel mit den Zähnen, daß es dem Förster, der in der Gaststube saß, eisig über den Rücken lief und er schnell seinen Schnaps austrank. Dann bückte der Tod sich, trat auf die Straße, von der die Spatzen entsetzt aufflogen, als sein Schatten auf sie fiel, und stellte sich vor das gegenüberliegende Haus, wo Lorenmutters Fuchsien sofort die Knospen verloren, denn die Augen des Todes hatten sie gestreift. Aber auf die alte Frau fielen seine Blicke nicht; er wandte sie dahin, wo Helmold lag, und stierte nach dem Fenster. Hineinsehen konnte er nicht, weil die Vorhänge zugezogen waren; aber er wollte doch wenigstens hinsehen. Der Kranke hatte ruhig dagelegen. Sein Gesicht sah wie eine Totenmaske aus; jede Spur von Leben hatte das Fieber aus ihm herausstilisiert. Regungslos saß der Arzt da, mit losen Fingern das Handgelenk des Freundes umspannend. Aber nun blickte er auf; die weiße Flaumfeder auf den Lippen des Kranken rührte sich hastiger. Frau Gretes Züge verzogen sich zum Weinen, Hennings Gesicht verdunkelte sich; die Augen des Arztes sahen starr nach dem Gesicht des Kranken. Im nächsten Augenblicke sprang er auf und hielt beide Hände über das Bett, denn Helmold hatte sich mit einem Ruck emporgeschmissen, sah ohne Verstand um sich, machte einen bittenden Mund und flehte: »Kuß, ein' einz'gen Kuß, Swaantje!« Sein Gesicht füllte sich mit Entsetzen; er fiel zurück und atmete schwer. Dann sprach er mit verdorrter Stimme: »Die Augen, nein die Augen; was sind das für Augen? Leg sie fort, ganz weit, nein, dahin, weg!« Seine Brust ging auf und ab; er röchelte: »Ist nicht wahr, hab' ich nicht gemalt, Lüge, alles gelogen. Die Augen, die Augen! Grete, du hast gelogen. Wir drei, wir drei, wir drei, hast du gesagt. Gemeine Lüge!« Er knirschte mit den Zähnen und stöhnte: »Tödeloh, da bin ich gestorben, ganz totgestorben. Ha la lit! Der gute Bock ist tot! Bock tot, will ich blasen. Mein Horn ist weg.« Er warf sich hin und her; dann sang er: »Rose weiß, Rose rot,« und flüsterte weiter: »Sophie, eine Runde! Deuwel auch, Klaus, laß dir das nicht gefallen; Wiebken mogelt.« Er lachte: »Es gibt viel Schönes, Wunderschönes; Maserholz, grobe Leinwand, so wie Annemiekens Hemden, rohes Kupfer, das heilige Dreieck. Ach ja, das heilige Dreieck, das dunkele Geheimnis, unser Anfang, Ende auch. Such verwundt, mein Hund, weiß verwund't, mein Hund! Szissa her mit'n Lüttjen, her mit'n lüttjen Schluck!" Er flötete den Jagdpiff, versuchte zu blatten, zog beide Hände vor das Gesicht, als wollte er in Anschlag gehen, und schrie; »Marie, Dicke, was hast du für Arme!« Wahre Pracht. Auf Chali pfeif ich; das ist ein Biest. Jawohl, gnädige Frau, künstlerische Reise ist Beginn der Fäulnis. Entweder leben oder Künstler sein. Die Atrappe ist höhere Gemeinheit. Hurra, es lebe der Öldruck! Hennig, deine Line ist keine Dame, darum mußt du sie heiraten. Damen sind inaktive Dirnen. Pfui Teufel! Hier habe ich voriges Jahr den Keiler geschossen. Nein, ich schieß ihn nicht, Swaantje, aber küssen will ich dich, wenn du auch noch solche Augen machst." Er griff mit den Händen umher! »Hilfe, Hilfe, tut mir nichts: ich will ja mein Herz wegschmeißen! Da, da liegt es, seht Ihr, im Dreck; der Hund hat es geholt! Seid ihr zufrieden, Grete und Swaantje? Nun bin ich ganz artig.« Er fiel zurück und schlief ein, wachte aber sofort wieder auf und schrie: »Schwindel! Alles Schwindel, Farbe, Liebe, alles, alles! Hennig, siehe den Schillerfalter; alle Farben hat er, hat er; also Schwindel. Hat überhaupt keine, tut bloß so. Nichts ist so, wie es aussieht. Swaantje sieht gut aus, Swaantje ist böse. Grete auch, Sophie auch, Marie auch, aber Annemieken ist gut. Soll ich dir helfen, Annemie? Was brauchen wir unsere Herzen? Weg damit! Ohne Herz liebt es sich bequemer. Wer hat den Hochsitz hierher gestellt? Senator, Sie irren sich, Sie sind Fachmann, verstehen also von der Sache nichts, sind darin, nicht darüber. Prinz, du schießt ja doch nur vorbei, ganz sicher; hast ja den Tatterich. Frau Trui, der Honig ist ausgezeichnet, süß, wie heimliche Küsse. Aber die Farbe ist Schwindel; Honig muß rot sein. Alles, was süß ist, ist rot. Rote Rosen sind schön. Wer hat die verdammten Nesseln mang die Küsse gebunde? Was sollen die Witze? Häh?« Er fiel abermals zurück. Der Arzt goß Arznei ein und flößte sie dem Kranken ein, der unwillig schluckte. Frau Grete sah wie der Tod aus, Hennigs Gesicht war wie aus Holz. Helmold schlug um sich. »Laß mich in Ruhe mit dem verdammten Kleide, hörst du? Es ist mit kalten Augen besetzt, gemeinen Augen. Fort damit! Ich hasse die Canaille und halt sie mir vom Balge, sagt Horaz. Prost, oller Römer! Janna, Manna, singt noch eins!« Er summte: »Meiner zu gedenken, das gebrauchest du ja nicht.« Starr sah er nach der Wand: »Ich habe deine Brüste gesehen, o wie schön, und ich will sie küssen. Gib sie her, sofort, hörst du! Ach laß auch, sie sind kalt. Siehst du, das hast du davon. Lauf mir nicht immer nach, Swaantje! überall bist du! Ich will den Bock haben, stell' dich nicht immer davor, sonst wahrhaftig, ich mache den Finger krumm. Frau Pohlmann, in meinem Bette waren Flöhe. Nein, bloß Spaß, waren gewissensbisse. Annemie, ich bin müde, du sagst, du willst nicht? Teuf, Lork! Hast auch zwei Gesichter, ein Taggesicht und eins in der Nacht, und das ist mir lieber. Er sang nach einer Tanzmelodie: »Beni Benjamin hat gesagt, ich hab' den Lungenkataharr! Hab' mir das Herz verkühlt, hat kalte Füße gekriegt. Heißen Pottdeckel darauf, das hilft. Ich will nicht mehr malen, ich male mir noch alles Blut aus dem Leibe. Und das brauch' ich noch 'ne Weile. Fritsche, alter Döllmer, trag' das Gewehr nicht so dämlich! Hennig, wo willst du hin? Ach so! Na, wenn das man gut geht! Nun hab' ich es dicke; überall stehst du mir im Wege, Swaantje! Komm her, Mädchen. Hoch lebe die Liebe und die umliegenden Bierdörfer!« Er murmelte: »Ja, ja, schon gut. Mein Bild, das kannst du küssen und mit ins Bett nehmen, aber mich, das fällt dir nicht ein! Ach Süße, komm her, einmal, o du, du, du!« Er schwenkte den Arm: »Tanzen sollst du, bist du weich, bist windelweich, und dann nehm' ich dir den Rosenkranz ab, Ringelringelrosenkranz ab. Ein bißchen welk ist er schon. Und nun haben wir die Bescherung. Siehst du, Prinz, du pürschst zu laut! Sekt her! Was kann das schlechte Leben helfen. Die alten Deutschen tranken noch eins!« Er lachte: »Ja, malen, das kann ich. Kranke Frauen kriegen ganz gesunde Kinder, gehen aber leicht hopps dabei. Amanda, was sagst du? Biermamsell, ja, mit Wurst, aber du kannst wenigstens küssen! Jawohl, Miezi, es ist noch etwas Leberwurst da, aber die Kohlen sind rein alle. Bete zu deiner Heiligen, und schaff sie ab, wenn sie uns keine Kohlen schickt. Swaantje, ich will meinen Kuß haben! Den hab' ich kontraktlich. Och Chott, Mensch, das ist ja viel zu weit! schießt ja doch daneben! Bei meiner Beerdigung muß ich aber dabei sein, diesmal wenigstens. Christus sagst du? Bin mehr für Wode. Ist ja auch gleich. Meinetwegen Maria; ich denke dabei an Frigge. Importen mag ich nicht, bekommen nicht. Frigge hilft uns schon; bete zu ihr. Du sollst sehen, sie hilft dir. Frigge fügt Hand zu Hand, Mund zu Mund, Schoß zu Schoß. Gelobt sei Frigge!« Er lächelte: »Mein Herz tanz auf einer goldenen Wiese, und mein Mund läuft hinter dir her. Siehst du, jetzt bist du hingefallen. Na, weine man nicht; komm her, ich heb' dich auf!« Er bewegte den Kopf in einem sanften Takte, als horche er auf eine ferne Melodie; dann fing er an zu summen, so seltsam, daß seine Frau ein Schauer schüttelte, denn die Singweise war aus Lust und Leid geweht, mit Übermut durchwirkt und mit Verzweiflung besäumt. »H'ach,« rief er dann, »H'ach du, du! Du hast es gesagt. Sagst: ich habe dir ja nichts gesagt!« Er lachte glücklich auf. »Du sagst, ich habe dir ja nichts gesagt! Habe dir ja nichts gesagt, nichts gesagt.« Er lachte belustigt: »Ich habe doch ein Gehör wie der Fuchs. Weiß schon Bescheid, weiß, was das heißt. An der Fährte spricht man den Hirsch an; das da ist sicher einer vom zwölften Kopfe. Und den will ich haben, oder ich will die Kunst nicht verstehen.« Er schauerte zusammen; der Arzt zog ihm die Steppdecke bis unter das Kinn. Er flüsterte: »Danke, danke!« Er küßte die Luft: »Ach wie schön warm! Das ist so lieb von dir, liebe Swaantje. So warm.« Er schnurrte wohlig: »Wie lange habe ich dich gesucht, wie lange, aber du hast die Fährte verwischt. Das ist sicher ein guter Bock. Gute Nacht, Herrschaften; ich gehe schlafen. Komm, Annemie! Mädchen, du hast ja Swaantjes Kleid an! Nein, das geht nicht; ist dir ja viel zu lang. Sofort ausziehen, hörst du! Na, weine man nicht, behalt's an; bist ja doch die beste, die allerbeste!« Frau Grete ging hinaus; kreidebleich im Gesichte; als sie wieder hereinkam, sah sie Hennecke an und schüttelte den Kopf. Der Kranke flüsterte: »Dein Herz ist von Gold, Swaantje, und du hast es an einer silbernen Kette unter den Spitzen auf deiner Brust. Das sieht doll aus, ganz doll.« Er schrie auf: »Wo bist du, Gottes willen komm her!« Sein Kopf fiel auf die Seite, und er begann rasselnd zu schnarchen. Der Arzt flüsterte: »Gehen Sie essen, ich bleibe so lange hier; er schläft. Das ist ein gutes Zeichen, ich habe Hoffnung.« Er zählte die Pulsschläge und nickte langsam. Dann lächelte er der Frau zu und zeigte mit dem Kopfe nach der Tür. »Erst etwas essen und dann ein bißchen hinlegen. Wir haben an einem Kranken genug. Hennecke, gehen Sie mit! Und daß es ja ganz stille im Hause ist.« Als Frau Grete draußen war, sah sie Hennig an und flüsterte: »Behalten wir ihn wohl, lieber Freund?« Er nickte: »Ich glaube es; seine Indianernatur wird ihm durchhelfen. Aber nicht wahr, jetzt essen Sie ein bißchen?« Sie nickte müde. Er führte sie in das kleine Zimmer, rückte ihr den Sessel und die Fußbank zurecht, goß ihr ein Glas Sekt ein und begann dann zu essen, ruhig und langsam, wie immer. Das half; sie aß ein Stückchen Brot und kaltes Fleisch und bekam wieder etwas Farbe. Hennecke tat, als kümmere er sich nicht um sie; aber wenn er etwas nahm, rückte er den Auflageteller immer so, daß die besten Stücke vor ihr lagen, und als ihr Glas leer war, füllte er es. Dann aber sagte er: »Nun schlafen, bitte, und sobald die Antwort kommt oder eine Änderung im Befinden eintritt, klopfe ich.« Die Frau nickte und stand auf; als sie schon die Türklinke in der Hand hatte, blieb sie stehen und hielt den Kopf schräg, als wenn sie lauschte. Dann lächelte sie Hennecke zu und sagte: »Sie kommt, wir werden gleich Nachricht haben. Sie hat das Telegramm selber aufgegeben.« Hennecke sah sie ernst an und nickte. Die Frau trat auf ihn zu, legte ihm die Hand auf die Schulter und sprach: »War es so schlecht von mir, was ich tat? Wenn er stirbt, so bin ich schuld.« Er antwortete: »Beruhigen Sie sich, liebe Freundin; Reue ist die größte Sünde, die es gibt, denn sie hat keinen Zweck. Sie haben gehandelt, wie Sie mußten.« Sie sah ihn ernst an und schüttelte den Kopf: »Nein, ich habe ihn belogen. Aber, nicht wahr, der Gedanke, er liebt eine andere, und ich, seine Frau, die zwei Kinder von ihm hat, soll entsagen, Sie begreifen, daß da zuerst alles Kleine und Enge in einem nach oben kommt. Und so bin ich hart zu ihm gewesen und schlecht, sehr schlecht. Erst habe ich gesagt: ›Ja ja, mein guter Junge, sie soll kommen! Wir drei, nicht wahr?‹ Und so nach und nach nahm ich alles zurück und dachte nicht daran, daß ich ihm zuerst die Augen geöffnet hatte.« Dann setzte sie sich an das Fenster. Düster sah sie vor sich hin, die Hände im Schoße faltend. »Ich bleibe hier; schlafen kann ich doch nicht, ehe das Telegramm da ist. Rauchen Sie bitte, lieber Hennecke. Aber erst sehen Sie zu, wie es oben steht.« Langsam gingen die Stunden dahin, Hennecke löste den Arzt ab. Der war zufrieden. »Er kommt an das Ufer, glaube ich, der Puls ist ganz ruhig. Er aß und ging nach oben, und Hennecke leistete der Frau wieder Gesellschaft. Sie sprachen wenig. Plötzlich seufzte Frau Grete erleichtert auf und lächelte gespannt. Männertritte kamen näher und erklommen die Treppe; die Haustür ging auf. Die Frau erhob sich, öffnete die Tür und nahm dem Briefträger das Telegramm ab, gab ihm den Taler, den sie schon bereit hielt, löste gelassen den Verschluß, faltete das Papier auseinander, las den Inhalt, ohne eine Miene zu verziehen, nickte, reichte Hennecke die Depesche und sprach: »Es ist so, wie ich sagte: sie kommt. Gott sei Lob und Dank!« Die Tür ging auf; der Arzt stand darin, helle Freude im Gesicht. »Sie haben Ihren Mann wieder, Frau Hagenrieder," sagte er ganz laut. Er sah erstaunt auf, als die Frau nur nickte und meinte: »Ich wußte es." Er trank ein Glas Sekt aus: »Merkwürdig," murmelte er dann; »eben erwachte er, seufzte sich den Schlaf fort, sah ganz klar aus den Augen, machte sie wieder zu und mit ganz fieberfreier Stimme flüsterte er: \>Sie kommt!\< Und dann schlief er wieder ein.« Am anderen Morgen lachte die Sonne, und die Amsel sang zum ersten Male. Helmold war sehr schwach, aber fieberfrei. Als er die drei Schneeglöckchen sah, die seine Frau ihm auf das Tischchen stellte, ging ein leises Lächeln über sein Gesicht. Er winkte mit den Augen, und sie bückte sich zu ihm nieder. »Näher!« hauchte er, »noch näher!« Sie küßte ihn auf den Mund. »Meine liebe Frau,« flüsterte er und schlief ein. Der weiße Garten Als Swaantje in Stillenliebe anlangte, war Helmold bereits aus aller Gefahr, aber noch so angegriffen, daß der Arzt jede Aufregung verbot. Er gestattete ihr nur, daß sie ihn sah, während er schlief. Das Mädchen mußte sich am Türrahmen festhalten, als sie ihren Vetter erblickte. Welk fiel ihm das fast völlig ergraute Haar in die Stirne, der Bart hing schlaff über die blutleeren Lippen, die Nase trat scharf hervor, unter den Augen waren tiefe Löcher, die in allen Farben spielten, die Ohren sahen wächsern aus, und die Hände waren leichtfarbig. Als sie das Zimmer verlassen hatte, fiel sie Grete um den Hals und schluchzte tränenlos, und die Frau sagte, als sie mit ihr in dem besten Zimmer saß: »Wir wollen Gott danken, daß wir ihn behalten haben, Swaantje; und sobald er kräftig genug ist, fahrst du mit ihm in irgendeine stille Ecke und pflegst ihn mir ganz gesund. Nicht wahr, Liebste?« Das Mädchen nickte, denn sie fühlte, daß die andere das im vollen Ernste sagte. Es wurde aber nicht so, denn je mehr sich Helmold körperlich erholte, um so mehr schien seine Liebe für Swaantje zu erkalten. Als ihm seine Frau einmal von dem Mädchen sprechen wollte, wehrte er ab. »Ich genese, Grete,« sagte er, »und auch davon.« Er sah sie voll an und fuhr fort: »Möglich, daß ich ihr später wieder kameradschaftlich näher komme; vorläufig wäre mir ein Zusammentreffen peinlich, und schädlich. Hennecke und Benjamin sind derselben Ansicht.« Wenn er, warm zugedeckt, auf dem Ruhestuhle im Garten lag, dem Schlage der Finken zuhörte und die knospenden Zweige betrachtete, dachte er noch oft an das Mädchen, aber nicht in Liebe. Etwas wie Unmut war in ihm; denn er fühlte sich beleidigt. Er hatte sich vor ihr erniedrigt, hatte um einen Kuß gebettelt, war fast irrsinnig vor Liebe geworden, und es hätte nicht viel gefehlt, daß er an seinem Verlangen zugrunde ging. Er wußte aber auch, daß dieses der letzte Rückfall war. »Was hat sie nicht alles aus mir gemacht,« dachte er; »einen Trinker, einen Wüstling, einen Salonaffen, einen Streber!« Er las in dem Buche, das Hennig ihm mitgebracht hatte, und lächelte belustigt, denn er war vorhin auf einen ausspruch Montanabbis gestoßen, der vortrefflich zu seinen eigenen Gedanken paßte, und der folgendermaßen hieß: »Viele Menschen waren gleich mir Opfer eines weißen Halses, eines rosigen Angesichtes und zweier Augen, die sanft blickten, wie die der Gazelle.« Er nickte und dachte: »Hast recht, beturbanter Philosoph; wir wollen den Fall zu den Akten in das Fach Erledigt legen.« Die Magd wusch in der Küche Gläser auf und sang. Er nickte lächelnd, pfiff leise die Singweise durch die Zähne und summte den Schlußreim: »Scher dich weg von mir, scher dich weg von mir, scher dich weg von meiner Tür.« So waren seine Gedanken, wenn er an Swaantje dachte. Mochte sie sich jetzt ebenso um ihn quälen, wie er es ihrethalben getan hatte; sie hatte es verdient durch ihre Feigheit. Mit Schadenfreude stellte er fest, daß er sie nicht mehr liebte. Das war nur natürlich; es entsprach seiner Veranlagung. Sein Vater hatte den Grundsatz gehabt, ihm niemals einen Wunsch sofort zu gewähren. So hatte er ihm, als Helmold zwölf Jahre alt war, verboten, sich eine Armbrust zu kaufen. Nach einem halben Jahr bekam er sie zum Geburtstage, rührte sie aber nicht an, denn er war schon darüber hinaus. Allmählich dachte er milder. Zu Hennig, der sich seinetwegen frei gemacht hatte, sprach er sich einmal, als er mit ihm vor das Dorf ging, darüber aus: »Weißt du, mein Lieber, ich zürne ihr auch nicht mehr, denn sie konnte schließlich nicht anders handeln, schon ihres Verhältnisses zu Grete wegen nicht. Ich weiß, das Ganze war Einbildung; aber daß ich das weiß, das ist eben das Schlimme. Ich bin doch jetzt körperlich schon wieder ganz rüstig; aber ich bleibe innerlich kalt und tot. Ich lebe in einem weißen Garten; wo ich hinsehe, verlieren die Blumen die Farbe und die Blätter das Grün. Mein Herz ist gefeit gegen jegliches Gefühl; es hat kein Teil mehr am lebendigen Leben.« Er schwieg und dachte an alle die Frauen und Mädchen, die er geliebt hatte. Aus Gewohnheit fühlte er ihnen gegenüber Dank, in Wirklichkeit waren sie ihm alle gleichgültig. »Ja, Hennig,« murmerlte er und nickte, auf das Dorf hinabsehend, wo alle Obstbäume blühten, »das ist nun so: Helmold Hagenrieder ist tot. Was da lebt, ist bloß noch der Professor gleichen Namens. Zwischen mir und der Welt ist eine Glascheibe. Ich habe noch Sinne, noch Sinnlichkeit; aber ich habe die alte kindliche Anteilnahme an den Menschen und den Dingen verloren. Ich sehe sie nur noch in ihren kalten Lokaltönen, nicht mehr in der warmen persönlichen Beleuchtung, die ich ihnen früher gab.« Er seufzte, aber dann lächelte er: »Ist übrigens das einzig Wahre. Der Künstler muß außerhalb der Welt stehen, wie Gott. Wer im Leben steht, bringt es nie zur Meisterschaft. War schon das beste für mich, diese dämliche Entgleisung. Wäre ich irgendein Soundsomensch, Beamter oder so was, Philister, so wäre ich daran eingegangen; so aber hat mich diese Geschichte gereinigt. Denn ich bin da, um zu wirken, nicht um zu leben, wie Hans X und Kunz Y.« Leise sprach er vor sich hin: »Künstler sollten nicht heiraten; sie können nicht treu sein, dürfen es nicht, sollen sie sich nicht selber untreu werden. Aber heiratet man nicht, so hat man keinen Zusammenhang mit dem Leben, lernt dessen tiefste Nöte nicht kennen. Wie man es auch macht, es ist immer verkehrt, und so wird das Allerverkehrteste wohl das einzig Richtige sein.« Er zündete sich die erste der zwei Zigaretten an, die Benjamin ihm gestattet hatte, sah den Freund an, legte ihm die Hand auf das Knie und sprach weiter: »Ich habe früher von der Philosophie niemals viel gehalten; sie ist noch ein viel lorbeernerer Ersatz für das Leben, als die Kunst. Jetzt aber, wo ich mit dem Leben innerlich nichts mehr zu tun habe, philosophiere ich. Höre zu: Nach Kant gibt es kein Ding an und für sich; ich aber sehe die Dinge an und für sich. Also gibt es kein Ding an und für mich, sondern nur Dinge an und für sich für sich. Also geht mich als Menschen nichts mehr etwas an. Also bin ich kein Mensch mehr; also bin ich tot!« Ein Goldammerhähnchen kam angeschnurrt, ließ sich auf einem Zaunpfahle nieder, sah die Männer zutraulich an, glättete seine gelbe Holle und begann zu singen. Helmold pfiff leise durch die Zähne das Lied des Vogels nach, nickte und murmelte: »Manche sagen, der Goldammer singt: ›Wie wie hab ich dich lieb, lieb.‹ Andere meinen, er sänge: ›Mein Nest ist weit weit, weit.‹ Alles auf der Welt hat ein zweites Gesicht, die Natur, die Kultur, die Religion, die Kunst, die Politik, die Liebe, alles, alles. Wer das nicht weiß, ist glücklich; ich weiß es. Ich habe es wohl immer gewußt, bloß manchmal vergaß ich es, und dann glaubte ich, glücklich zu sein. Im Sichselbstvergessen allein liegt das einzige Glück, also in der Narkose, durch Liebe, oder Haß, oder Arbeit. Der Mensch ist die Krone der Schöpfung, sagt man. Er ist und bleibt aber, wie alles Leben, eine dilettantische Leistung. In einem Buche über die Kultur der alten Assyrer steht folgender Vers eines Dichters jener Zeit: »Gewandert ist in Hast mein müder Fuß so viel; ich gönnt' ihm keine Rast, doch fern bleibt stets das Ziel.« Ein braunes Ding kam über den Zaun geschwenkt, streckte gelbe Krallen nach dem singenden Vogel aus und verschwand damit hinter der Hecke. Helmold sah Hennig an und lachte lustig: »Eine Gemeinheit sondergleichen; der gelbe Vogel singt von Liebe, und die Natur oder die Vorsehung schickt ihm den braunen Tod! Ich hatte einen Mitschüler, der hieß zwar Julius und noch dazu Müller, aber nie hat es ein so goldenes Herz gegeben, nie so viel Güte in einem Menchen. Er starb an Wundstarre, starb sieben Tage lang, lag da bei vollem Bewußtsein, konnte kein Glied rühren und mußte durch künstliche Atmung hingehalten werden, bis auch das nichts mehr half. Seine Mutter, eine Witwe, war eine gläubige Katholikin. Sie hat, nachdem ihr Julius tot war, keine Kirche mehr betreten und nie wieder gebetet. Ich war jeden Tag, solange mein Freund im Sterben lag, bei ihr, und mit jedem Tag bröckelte mein Gottsglauben mehr ab, bis nichts mehr davon übrig war, besonders seitdem ich vergleichende Religionsgeschichte gelesen hatte. Und dann kam ich an die Philosophie." Er schüttelte den Kopf: »Na, das ist erst der größte Blödsinn; Narkose im Quadrat; vierte Dimension des Stumpfsinnes.« Ein fast voll entwickeltes Mädchen von vierzehn Jahren mit hellblonden Flechten kam losen Ganges den Fußweg entlang, warf sich in die Brust, als sie die beiden Männer sah, machte ihnen einen Knicks und sah den Maler so heiß an, daß Hennig die Augenbrauen hochzog. Helmold bemerkte es und meinte: »Ein reizendes Geschöpf, und so sehr verliebt. Die am Herzen liegen zu haben, das brächte mir am Ende noch ein bißchen Glück. Aber das wäre unmoralisch. Früher lebte ich unmoralisch, und hielt darum von der Moral sehr viel. Jetzt werde ich wohl moralisch leben, denn ich weiß, daß die Moral Schwindel ist, besonders die Geschlechtsmoral; ihre Wurzel ist der Neid, und weiter nichts. Wenn ich mit den Augen winkte, flöge mir dieses Bild von Mädchen an die Brust, und gäbe mir alles, was sie zu verschenken hat. Und nähme ich es, so gäbe das ein schönes Geschrei; denn alle Männer sehen ihr mit denselben hungrigen Augen nach, wie ich, und wie du, lieber Hennig. Infolgedessen, darum und so weiter!« Er sah den Rauchringeln nach, blickte mit leeren Augen über das lachende Land und auf die kleinen Mädchen, die in der Wiese Blumen pflückten, und sprach vor sich hin: »Ich will hier fort. Mir ist es peinlich, die Anteilnahme in Frau Pohlmanns Augen zu sehen. Und dann ist Annemieken da. Allen bin ich Dank schuldig; aber wie kann ein toter Mann Dank abstatten? Höchstens durch kalte Worte. Laß uns irgendwohin fahren, wo kein Mensch mich kennt, und wo kein Mensch ist, den ich lieben muß.« Das taten sie denn auch; doch zuvor fuhr Helmold nach Hause, um einige Tage mit den Kindern zu verleben. Als er eines Morgens, während seine Frau ausgegangen war, in der Werkstatt seine Bilder betrachtete, um zu prüfen, ob nicht dort oder da Spuren einer krankhaft verzerrten Anschauung zu finden seien, klopfte es an der Tür und auf seinen Zuruf trat Luise herein. Sie war ganz blaß und hatte die Augen unter sich. Er hatte noch keine Gelegenheit gehabt, mit ihr allein zu sein, und er war sehr froh darüber gewesen; aber als er sie so dastehen sah mit auf den Estrich gerichteten Augen, wurde sein Herz doch ein wenig warm, denn sie sah so schön und dabei so magdlich demütig aus. »Nun, liebe Luise,« fragte er, und strich ihr mit der Hand über die Backe, »wo fehlt es? Denn du hast etwas auf dem Herzen, das sehe ich dir an.« Das Mädchen sah auf, schlug aber die Augen sofort wieder nieder, und ihre Brüste gingen auf und ab, als sie endlich herausstotterte: »Herr Hagenrieder, ich, ich, mein Schwager, Sie wissen doch, meine Schwester ist gestorben, und nun sitzt er da mit den beiden kleinen Kindern. Und er ist da und fragt mich, ob ich ihn nicht heiraten will.« Sie strich an ihrer Schürze entlang und schwieg. »Hast du ihn gern?« fragte er: Sie nickte: »Er ist ein guter Mann und fleißig, und er sagt, er hat mich von jeher gut leiden mögen, und denn sind die Kinder da, und die mögen mich gut leiden. Und so wie es ist, kann es doch nicht bleiben.« Sie stockte, fuhr aber gleich fort: »Aber ich meine, solche Eile hat das just nicht, und wenn Sie wollen, Herr Hagenrieder, so bleibe ich noch.« Eine warme Welle lief ihm über die Brust. Er faßte das Mädchen bei der Hand und sagte: »Nein, das will ich nicht; denn auf die Dauer durften wir nicht so weiter leben. Wenn Sie Ihren Schwager wirklich gern haben, ist es so das Beste.« Sie nickte und sah ihn dankbar an, Tränen in den Augen. Er gab ihr die Hand und sagte: »Ich wünsche dir viel Glück, mein liebes Kind. Und noch eins: jeder Mensch kann einmal Sorgen haben. Vergiß nie, daß ich dir sehr viel Dank schuldig bin.« Er sah ihr nach, als sie gerade und aufrecht durch den Garten ging, und als sie in der Haustür verschwand, dachte er: »Meine lugend hat mich verlassen; wohl mir!« Am anderen Tage fuhr er mit Hennecke fort. Als er nach einem Monde wieder kann, hatte er ein volles braunes Gesicht, klare Augen, eine feste Stimme und einen straffen Gang. Das Weiche, Zarte war ganz bei ihm verschwunden, doch auch das Harte und Eckige. Er sah seinen Kleiderschrank durch, tat alles beiseite, was nach gesuchter Eigenart schmeckte, hielt eine fürchterliche Musterung unter seinen Halsbinbinden und Handschuhen ab und gab dann der neuen Magd den Auftrag, das Moos, das er früher so sehr geliebt hatte, von den Wegen im Garten zu entfernen. Dann stellte er alle Bilder von Swaantje wieder an ihre Plätze und desgleichen die Geschenke, die er und seine Frau von ihr erhalten hatte, und schließlcih schrieb er ihr einen netten Vetternbrief, in dem er ihr in leichter Weise erzählte, wie sein äußeres Leben in der letzten Zeit gewesen war. »Denn,« sagte er sich, »sie ist nun doch einmal unser Bäschen.« Als Grete ihm erzählte, daß Swaantje Krankenschwester werden wolle, erwidert er: »na, dann wird sie hoffentlich über kurz oder lang Frau Doktor Soundso heißen. Das wäre auch das beste für sie.« Seine Frau stand auf, legte ihren Kopf an seine Schulter und flüsterte: »Ist das dein voller Ernst, lieber Helmold?« Er sah sie mit aufrichtigen Augen an, nickte und antwortete: »Jawohl, das ist es; ich werde nicht wieder rückfällig.« Er schwieg einen Augenblick; dann fuhr er fort: »Sie war mir ein leiser Oktavton; er ist in mir aufgegangen und klingt nicht mehr. Ich war C, sie eine Oktav tiefer. Es gab keine Dissonanz, aber auch keinen Akkord, denn sie war ein zu unselbständiger Ton neben mir. Ich liebte sie aus Angst vor dem Altwerden; jetzt habe ich vor dieser Angst keine Bange mehr.« Er sprach die Wahrheit; er wußte, daß er bereits alt war. In dem Luftkurorte, in den er sich mit Hennecke geflüchtet hatte, war er bald der Mittelpunkt der Geselligkeit gewesen, und wenn er gewollt hätte, so konnte er viele süße Küsse pflücken. Er hatte aber nur mit Worten getändelt und zumeist harmlos, bis sich aus dem Wortgetändel zwischen ihm und einer hübschen, sehr schlagfertigen Frau, die unter den Folgen eines Scheidungsprozesses litt, etwas entwickelte, das wie Liebe aussah, aber im grunde nur der Niederschlag der gepfefferten Wortgefechte war, die ihm neue Spannkraft gaben und ihr das zerdrückte Herz aufrichteten. Er war oft sehr weit in seinen Bemerkungen gegangen. Die Frau trug eines Tages seidene Strümpfe mit einem spiralig verlaufenden Muster. Als er mit lustigen Augen darauf hinsah, fragte sie ihn: »Interessieren Sie meine Strümpfe so sehr?" Er lachte: »Ja, freilich; das Muster eröffnet dem denkenden Leser die interessantesten Perspektiven?« Sie fuhr auf: »Aber, Herr Hagenrieder?« Er lachte wieder: »Na, was denn? Denkt man sich die Spriale fortgesetzt, so landet man schließlich bei,« er sah sie harmlos an, »dem klugen und schönen Gesichtchen!« Sie drohte ihm mit dem Finger. Drei Tage, bevor sie abreiste, sagte sie ihm: »Sie haben mein Herz wieder lachen gelehrt, Sie ganz frecher Mensch Sie; aber ich glaube, ich habe Ihnen etwas geholfen. Es ist übrigens gut, daß jetzt wieder jeder seinen eigenen Weg geht.« Sie sagte das mit lachendem Munde, aber dabei liefen ihr Tränen in die Augen, und sie drehte sich schnell um. Er hatte sich sehr an sie gewöhnt, und ihm war so, als müßte er ihr in den Laubengang nachgehen und sie in den Arm nehmen; aber er riß sich zurück. Als sie abgereist war, sagte er sich: »Herr Hagenrieder, Sie werden alt, oder vielmehr, Sie sind es schon.« Er war es; er wurde kühlverbindlich in seinem Benehmen, zurückhaltend im Reden und vorsichtig im Handeln. Er, der früher Gefahren und Verwicklungen suchte, schlug jetzt Richtwege ein, konnte er da durch eine Unannehmlichkeit vermeiden. »Passe!« dachte die Gräfin Tschelinski, als sie ihn wiedersah, und wich ihm aus, was ihm sehr lieb war, denn ihr übermodernes Wesen hatte ihm schön längst den Appetit verdorben. Noch roher war er, als der Prinz ihm erzählte, daß Frau Pohlmann ihr Anwesen verkauft und sich anderswohin verheiratet habe. Mit viel mehr Freude konnte er nun zur Pürsch auf den roten Bock fahren. Aber auch mit der Jagd war er auseinandergekommen; er schoß nach dem Bock, wie nach der Scheibe, und während er sich früher gänzlich der Stimmung der Landschaft hingegeben hatte, betrachtete er sie jetzt mit den selben Augen, mit der er seine entthronten Herzensköniginnen ansah. Er bemerkte ihre Schwächen, ohne daß er dadurch abgestoßen wurde; er hing nicht mehr an ihnen, und so beleidigte ihn das Fehlerhafte nicht. Seine Frau freute sich über ihn; er war jetzt immer gleichen Mutes, hatte nie üble Laune, vergaß kein einziges Mal den Morgen- und Abendkuß, gab sich viel mit den Kindern ab, war der rücksichtvollste und verbindlichste Kavalier in allen Gesellschaften, zu denen sie mit ihm ging, sah nie mehr mit langenden Augen nach anderen Frauen hin, aß stets mit Appetit, ging rechtzeitig schlafen und teilte sich Arbeit und Erholung gewissenhaft ein. Ab und zu wurde ihr die Abgeklärtheit und Durchsichtigkeit seines Wesens etwas unheimlich, aber bei ihrer frohherzigen Natur kam sie bald darüber hinweg, und sie sagte sich schließlich auch: »Ach was, es ist auch besser so!« Ganz dasselbe dachte er dann und wann auch. Wenn er beim Malen war, und er alle die Formen und Farben, die sein Herz ihm nicht mehr bot, aus seinem Verstand hervorholte und kühl und überlegen zu kraftvollen Werken zusammenklingen ließ, dachte er: »Ist das langweilig! Ich weiß ja, es gelingt: also lohnt es sich nicht mehr!« Er wünschte sich in solchen Augenblicken, er wäre tot, und seine Witwe fände einen netten, guten und klugen Mann; denn in Wirklich stand auch sie samt den Kindern fern von ihm. Mit Hennecke ging es ihm nicht anders; er liebte ihn nur noch in der Erinnerung und hatte ihm das einst gesagt. »Ist mir ganz schnuppe,« hatte Hennig geantwortet, und er setzte hinzu: »es freut mich aber, daß du es mir sagst; das ist eine Liebeserklärung in bester Form. Ich habe dir viel, du mir einiges zu danken; daran wollen wir uns genügen lassen. Schließlich bleibt doch jeder Mensch allein.« Auch er war ein kalter Mann geworden, seitdem ihm seine Line drei Tage, bevor er sich mit ihr trauen lassen wollte, von einem Kraftwagen totgefahren war. Nicht viel anders ging es Beni Benjamin. Er hatte die Stelle als Nervenspezialist am städtischen Krankenhause angenommen, den Professortitel bekommen, spielte eine Rolle in der Gesellschaft, und noch mehr seine schöne, lebhafte Frau, und er hatte auch die leise Frau, die er sich geträumt hatte, in einer Patientin gefunden, die er von jahrlangem Leiden gerettet hatte. Da starb ihm sein Sohn, und nach einem Vierteljahr war er ein stiller Mann mit toten Augen und lippenlosem Munde. »Tja,« scherzte Helmold Hagenrieder, als er mit ihm und Hennecke hinter einer guten Flasche saß, »hier sitzen wir drei Weisen aus dem Morgen- und Abendlande, hocherhaben über der blöden Menge und können singen: ,Guter Mond, du gehst so stille!' Ja, lieber Hennig, du hattest recht, als du mit zwanzig Jahren dichtest: ,Nichts hoffen, aber auch nichts fürchten, nie traurig, doch auch niemals froh; Ich möchte sein, was ich gewesen; ach was, es ist auch besser so!' Stoßt an, Brüder von der kalten Lamain; das Leben ist einer Hühnerleiter nicht unähnlich: ziemlich dreckig, oder noch mehr einem Kinderhemde: kurz und bescheiden. Na, wir haben es bald zur Strecke gebracht Ha la lit!« Das meinte er aber durchaus nicht im trübseligen Sinne, und gleich darauf erzählte er die tollsten Schnurren, ließ sich den Wein und die Zigarre schmecken und ging um halb elf Uhr heim; denn der Alkohol war ihm jetzt nur noch ein guter Freund, von dem er sagte: »Man darf die Freundschaft nicht zum Verkehr ausarten lassen.« Einmal in der Woche traf er sich mit Hennig und Beni beim Wein und einen anderen Abend ging er in den Künstlerverein, um Billard zu spielen und zwei Gläser Bier dabei zu trinken. Nur wenn Vollmond war, kam ab und zu die alte Unruhe über ihn; aber dann sah er sich vor und fuhr nach Stillenliebe, tobte sich mit Klaus Ruter, der inzwischen den väterlichen Hof übernommen hat, hinter den Karten aus und ließ sich von Annemieken die Brummfliegen wegjagen. Bei diesem Mädchen, das gar keine Bildung, aber ein Herz und einen scharfen, wenn auch nicht weiten Verstand und viel Takt hatte, wich alle seine Unruhe sehr bald. Zudem fesselte sie ihn, wenn auch wenig mehr als Weib und kaum als Einzelmensch, sondern als Typus; das Erdgebürtige, das Urwüchsige, Unverbildete ihrer Erscheinung und ihres Wesens sagte seinen Urmenschenempfinden zu, und mit stets neuem Erstaunen lauschte er den unwillkürlichen Offenbarungen, die ihrem Unterbewußtsein entsprangen. Sie konnte eben noch lustig lachen, aber dann begannen ihre Augen zu verschwimmen, und wenn sie sprach, hörte er nicht ein hübsches Landmädchen reden, sondern sein Volk sprach zu ihm. Stundenlang konnte er, die Pfeife im Munde, im Backenstuhle sitzen und in das offene Feuer sehen, während Gift und Galle sich zu seinen Füßen rekelten und die Katze auf seinem Schoße saß und schnurrte; ihm gegenüber saß dann Annemieken, spann und sang mit nur halb entfalteter Stimme ein altes Lied. »So kann man tausend Jahre sitzen,« sagte er, den Funken zusehend, die um den Dreifuß sprangen. »Ja, Feuer ist Gesellschaft,« antwortete das Mädchen und ließ das Rad weiter schnurren. Er sah sie groß an; dieses Wort, das einzig mögliche, um die Bedeutung des offenen Feuers für das Seelenleben eines ganzen Volkes wiederzugeben, eröffnete ihm einen Ausblick auf die Entstehung der gesamten Volksdichtung. »Weißt du, Mieken, daß du eine Dichterin bist?« fragte er sie. Sie nickte gleichmütig: »Ja, ich habe erst heute noch das Fenster im Ziegenstall gedichtet,« und dann lachte sie, weil er ein ganz verblüfftes Gesicht machte, denn das war der erste Kalauer, den er von ihr hörte. Doch so ging es ihm oft mit ihr; sie hatte tausend Schubladen und Geheimfächer in ihrer Seele, und manche davon waren so versteckt angebracht, daß sie sie nur ganz zufällig fand und selber erstaunt war über die alten Erbstücke, die darin herumlagen, einige noch gut erhaltene, andere vergilbt und stockfleckig, mottenfräßig oder schimmelig. Das Spinnrad schnurrte, der Tranküsel flackerte, rote Funken sprangen hin und her, und die gewaltigen Pferdeköpfe des Herdrahmens warfen unheimlich Schatten auf die Wände des Fletts. Mieken rührte die Arme fleißig, und Helmold betrachte mit zufriedenen Augen ihr reiches blondes Haar, ihr frisches Gesicht, das bei jedem Lächeln drei Grübchen vorwies, die vollen Brüste, die sich ungesucht unter dem weißen Hemde und dem roten Leibchen abzeichneten, und die prallen Lenden, die der blaue Rock umspannte, während die weiße Schürze sich im Schoße verführerisch knickte, und er ließ sich von der alten Weise streicheln, die der Kessel brummte und Annemieken summte, bis sie, mit verträumten Augen vor sich hinstarrend, zu erzählen begann und ihn in die Zeiten führte, da noch die Bäume rote Herzen hatten und jedes Tier eine Sprache besaß, die von Menschenohren verstanden wurde. Sein Volk, das einzige, das er auf der Welt noch liebte, saß vor ihm in Weibesgestalt, durchsichtig, wie ein tiefes Wasser, und ebenso unergründlich, schön anzusehen und doch schrecklicher Geheimnisse voll, und es blickte ihn mit hellen warmen Augen an, die einen Pulsschlag später kalt und dunkel aussehen konnten. Er zerfaserte sein Verhältnis zu dem jungen Weibe, das vor ihm saß und in völliger Selbstvergessenheit spann. Zu Bildern waren ihm die Frauen im allgemeinen nun geworden; er konnte sie nur noch flächig sehen. Bei Annemieken war das anders, die lebte um ihn; weniger sie selber, als das, dessen Sinnbild sie war, als sein Volk, mit dem er sich eins fühlte. Er dachte an die Stadt und lächelte in sich; Plunder, Volants, außen und innen, ein Staffeleileben, zweckslose Ornamentik, Künstelei, das Ganze ohne viel Sinn und Zweck. Er sah sich im Flett um; da war nur Zweck und gar kein Ornament. Selbst die Mährenhäupter des Rahmens war nur Zweck, eine Verbeugung vor Wode, dem entthronten Gotte. Aber wie schön war nicht der Kesselhaken in seiner ganz auf den Zweck gearbeiteten Form, wie schon jedes Stück Geschirr an der Feuerwand, wie sinngemäß die kunstvolle Pflasterung des Estrichs mit den geschwungenen Schmuckstreifen aus weißen Kieseln. Das war Kunst, Kunst im Leben, nicht neben dem Leben, keine Staffelei- und Atelierkunst. Überall lachte sie ihn an, die Seele seines Volkes, die ein Kunstwerk aus jedem Geräte gemacht hatte, und nur deshalb, weil sie an Kunst nicht dachte. Ob es nun der Kugelfußtisch war oder Stuhl mit dem Sitze aus Schilf, die Tranlampe oder der Tellerkranz, jedes Stück erzählte oder sang in seiner leisen Art; desgleichen der Rosmarinstock vor dem Fenster der Dönze und der grüne Topf, in dem das Allwundheil wuchs. Das war die Welt, in die er hineinpaßte, in der er hätte leben müssen, wenn auch nur als kleiner Handwerker. Hier tönte ihm noch ein Echo des wirklichen Lebens. Es war ihm ein Bedürfnis, Annemieken die schweren Arbeiten abzunehmen; er fühlte sich ganz hineingestimnmt in diese Welt, er, der Mann, der dem übrigen Leben gegenüber sich zum Außerhalbsbewußtsein hingefunden oder verirrt hatte. Da war Ruhe und Frieden und langsames, bedächtigtes Schaffen; da war nicht jeder Augenaufschlag mit einem Lächeln gewürzt, wurden Zärtlichkeiten nicht feilgeboten. Alles mußte erarbeitet oder erobert werden. Unglaublich tief war das Verständnis dieses einfachen Weibes für seine Art; denn es beruhte auf der uralten Überlieferung, auf nach Jahrtausenden zählenden Gewohnheiten, auf einer unermeßlichen Erfahrung. ,Hier ich, da du!' das war die Losung, und das Feldgeschrei hieß: Jedem das seine!' Da gab es keine Seelenvermanschung, Persönlichkeitsverquirlung, nur ein Zusammengehörigkeitsgefühl, wie zwischen dem Birnbaum im Grasgarten und dem Efeu, der ihn umwuchs. Vor allem! Man sprach nicht über Dinge, die mit Worten nicht zu ändern sind, wie man seit Jahrtausenden wußte; man war zu klug und zu gebildet und zu keusch. Man zog sich nie nackt vor einander aus, und man quälte sich nicht mit Unmöglichkeiten. Man gab sich keine Mühe, den anderen zu durchdringen; man wußte, jeder blieb doch für sich. So gab es keine Enttäuschung und kein Entfremden, keinen kalten Blick nach dem Nacken des anderen. Er trank den Rest Warmbier aus der zinnernen Kanne, die er neben dem Feuer stehen hatte, klopfte seine Pfeife aus, hängte sie an den Nagel, sah das Mädchen an und sprach: »Annmie!« Sie lächelte und ihre Augen leuchteten, denn wenn er sie so anredete, das wußte sie, mußte sie ihm irgendwie helfen. Sie sah ihn fragend an. Er fing an: »Annemieken, du hast sie doch gesehen damals, als ich so krank war?« Sie nickte. »Wie gefiel sie dir?« Sie wiegte den Kopf hin und her: »Ich weiß nicht; das war nicht Fisch noch Fleisch!« Er sah Swaantje vor sich. Ihre Augen hatten keine goldenen Blumen mehr, sondern gelbe Flecke; ihre Stimme war nicht mehr weich, sondern schwach; ihr Gesicht war zu sehr nach Mannesart geschnitten, und ihr Haar roch nicht wie Mädchenhaar; was sollt er also mit ihr? Aber er hatte ein Anrecht auf sie, er wollte seine Satisfaktion von ihr haben; wollte damit alles das, was er durch sie eingebüßt hatte, wieder in sich hineinzwingen. »Aber das wird doch nicht gehen,« überlegte er, nahm Annemieken in den Arm und küßte in ihr sein Volk, ließ sein Bewußtsein in ihr untergehen, wärmte sein altes Herz an dessen ewig jungem Leben. Als dann der Schlummer sein Denken schon zudecken wollte, war es ihm, als ob seine Ehefrau neben ihm atmete, und sehnsüchtig gedachte er ihrer. Er sah sie als Bäuerin im Hause walten, ruhig und bedächtig, nur ihm und den Kindern lebend, unbekümmert um das, was außerhalb ihres Hofes in der Welt vor sich ging, ganz und gar weiter nichts als Frau Hagenrieder, der von seiner selbstverständlichen Achtung umgeben, und seiner vollen Liebe um so sicherer, als davon niemals die Rede war. Als er nach drei Tagen in der zweiten Wagenklasse heimfuhr, hatte er ein Mädchen aus der ersten Gesellschaft zur Fahrtgenossin. Sie war einst seine Tischnachbarin gewesen, hatte ihm in allen möglichen Dingen widersprochen, bis ihm die Geduld riß und er freundlich antwortete: »Ja, über bildende Kunst kann ich nicht urteilen, gnädiges Fräulein; ich bin man bloß Maler.« Sie hatte erst einen roten Kopf bekommen und glühende Augen, war aber dann ganz weich geworden und hatte ihn in aller Form um Entschuldigung gebeten. Nun war sie wie Knetwachs in seinen Händen. Sie war sehr schön und von reizendem Wesen, und er wußte es: »Ein Wort, ein Griff und du hast sie.« Aber er hatte eingesehen, warum er noch vor kurzem jedes Frauenherz annahm, das ihm hingehalen wurde; Seelen hatte er sich vermählen wollen. Nun er einsah, daß das eine Umöglichkeit war, riß er sich zurück, unterhielt das hübsche Mädchen auf das beste, vermied jene innere Annäherung und schied von ihr mit einem höflichen Lächeln. Am nächsten Tage mußte er abermals ein Herzchen dankend ablehnen. Er war allein im Hause und Minna, das Kindermädchen, das mit einem Male einen prallen Schürzenlatz und verlangende Augen bekommen hatte, umgab sich, als er zu Abend aß, mit so durchsichtiger Hingebung, daß die Absicht mit Händen zu greifen war. Als er dann allein in der Werkstatt war, erschien sie zweimal dort, reizend anzusehen in dem Waschkleide, dem weißen Tändelschürzchen und dem Spitzenhäubchen in dem welligen hellen Haar. Sie tat ihm leid, denn allzu deutlich bot sie sich ihm an, von der Natur getrieben und aus dem Gefühle der Dankbarkeit heraus gegen denn allzeit gütigen Herrn; auch war er sich ganz klar darüber, daß er sie begehrte, einfach deshalb, weil die Natur den reifen Mann zu dem eben aufblühenden Weibe hinzwingt; aber er nickte ihr nur freundlich zu und sagte: »Danke, liebes Kind, nun habe ich alles; wenn du noch etwas ausgehen willst, so ist mir das recht. Es ist ein schöner Abend.« Rüstig arbeitete er an seinem Bilde weiter, denkend: »Ich bin nicht mehr jung genug für solche Dinge und habe also das Recht drauf eingebüßt. Und sie ist zu schade dafür, mir weiter nichts zu sein, als ein Spielzeug. Und sie wird nicht mehr an mich denken, sobald sie einen findet, der ihrer Art ist.« Die nächste Zeit hatte er sehr viel zu tun, einmal mit seinen großen Aufträgen und dann mit dem Doppelbildnis des Oberpräsidenten und seiner Frau. Als es fertig war, schickte er es ihnen hin, und als er am folgenden Tage dort eingeladen war und die Oberpräsidentin ihm sagte: »Sie haben uns hoch erfreut, lieber Freund; wie sollen wir das gutmachen?« lachte er und sagte: »Dadurch, daß Eure Exzellenz mir gestatten, noch oft kommen zu dürfen.« Im Verlaufe des Abends fragte der Hausherr: »Sagen Sie mal, Ihre Familie war doch einst von Adel?« Der Maler nickte. »Jawohl, von altem Bauernadel. Wir verarmten in Kriegszeiten völlig und legten die Standesbezeichnung ab, denn sie war zum störenden Ornament geworden, womit man überall anhakte. Ich besitze übrigens alle Papiere über mein Geschlecht; der Stammbaum weist keine Lücke auf über sechshundert Jahre.« »Ei, ei,« meinte der Gastgeber und sprach von etwas anderem. Einige Zeit darauf wurde Hagenrieder zum geheimen Hofrate ernannt. Um den Glückwünschen aus dem Wege zu gehen, und um sich von den gesellschaftlichen Anstrengungen zu erholen, fuhr er nach Stillenliebe. Er hatte sich in Annemiekens Hause eine Dönze eingerichtet und wohnte nicht mehr in der Wirtschaft. Die Bauern mieden jede Anspielung auf seine Stellung zu dem Mädchen; er gehörte so sehr zu ihnen, daß sie sein Eigenleben ebenso achteten, wie sie ihr eigenes schützten. Alle, die ihn näher kannten, fühlten heraus, daß er nicht mehr der lustige Mann war, als den sie ihn kennen lernten; aber da jeder von ihnen selber einen Packen auf dem Nacken hatte, erbot sich keiner, ihm den seinen tragen zu helfen, selbst der Vorsteher Klaus Ruter nicht, sein bester Freund im Dorfe. Als der Pfarrer vom Kirchdorfe einmal bei Ruter vorsprach, angeblich kirchlicher Angelegenheiten halber, und anscheinend beiläufig auf das Verhältnis Hagenrieders zu Annemieken zu sprechen kam, fragte ihn der Vorsteher: »Was trinken sie lieber, Herr Pastor, Bier oder Wein?« Da sprach der Geistliche schnell von etwas anderem. So hatte Helmold Hagenrieder zwei Gesichter, das des Jägers und Bauern, und das des Stadtmenschen und Künstlers. Er konnte die halbe Nacht mit den Bauern trinken und Karten spielen, und er brachte es fertig, vier Stunden lang im Frack der Glanzpunkt einer Tischgesellschaft zu sein. Die Bauern ahnten nicht, daß der Mann, der mit jedem von ihnen auf du und du stand, der bedeutendste bildende Künstler seiner Zeit war. Als ein Reisender eine Zeitschrift im Kruge liegen ließ, in dem der Geheime Hofrat Professor Hagenrieder beschrieben und abgebildet war, machten sie zwar den verlegenen Versuch, ihm seine Titel zu geben, aber da lachte er und sagte zu dem Wiebkenbauern: »Alter Döllmer! Soll ich zu dir vielleicht Herr Vollmeier oder Herr Jagdvorsteher oder Herr Gemeinderatsmitglied sagen? Professor und Geheimrat und das andere bin ich, wenn ich die Kellneruniform anhabe, hier heiße ich Hagenrieder und damit basta. Prost, Korl! Auf daß deine Kinder einen klugen Vater kriegen!« In der Stadt hinwiederum hatte man keine Ahnung davon, daß der Herr Geheimrat, der fesselnde Plauderer, da hinten in der Heide wie ein Halbindianer lebte und mit einem Mädchen, das mir und mich verwechselte, selbst wintertags keine Hosen trug und mit dem Messer aß, auf und du und so weiter stand und ihr beim Holzhacken und Stallausmisten half. Die einzigen Stadtleute, die darum wußten, Hennig Hennecke und der Prinz, sprachen darüber nicht. Mehr als einmal hatte Helmold es vorgehabt, sich seiner Frau zu entdecken; doch stand er davon ab, indem er sich sagte: »Wozu soll ich sie ärgern?« Und dann wußte er auch, daß er ihr eigentlich gar nichts verheimlichte, denn was war ihm Annemieken schließlich mehr als ein Teil des Dorfes, ein Stück der Landschaft? Die Zeit der Liebe war vorbei für ihn, also auch die Zeit der heimlichen Sünde. Er hatte sich jetzt völlig in der Hand; sein Herz lief Schritt und Trab, wie er es haben wollte. Nur ein einziges Mal schlug es noch etwas über die Stränge. Das war auf dem großen Maienfeste, das die Künstlerschaft im Hirschgarten veranstaltete. Es fiel gerade in die Zeit, in der sich Swaantje bei Benjamin einer Behandlung unterzog. Sie wohnte bei Hagenrieders. »Ist es dir auch nicht unangenehm?« hatte Grete gefragt. »Durchaus nicht,« antwortete ihr Mann. Mit einer gewissen Feindseligkeit im Herzen trat er ihr anfangs gegenüber, doch fand er bald, daß er sich unnütz in Paukwichs geworfen hatte. Ihre Stimme klang nicht mehr bis zu seiner Seele, und seine Augen streichelten sie weder, noch drohten sie ihr. Er vermied aus Nützlichkeitsgründen das Alleinsein mit ihr; ließ es sich aber nicht umgehen, so zwang er sich zu einem leichten freundlichen Plaudertone. Sobald sie aber eine ernste Frage anbrach oder an sein Innenleben heranging, machte er kehrt. Ganz kalt beobachtete er sie. Sie war noch ebenso schön, wie einst; aber er hatte zu lange hinter ihr hergeweint, als daß seine Augen für sie nicht erblindet wären. Er liebte sie nicht mehr, und fühlte auch keinen Haß gegen sie; sie war ihm nichts, als das Bild eines Menschen, den er einst heiß geliebt hatte. »Schade,« dachte er, »Daß es so ist; aber nichts ist überzeugender, als die Wucht der Tatsache!« Er sah sie im Garten neben Grete stehen. Er zog sie mit den Augen aus, betrachtete ihren Akt, gab ihr alle Stellungen und setzte sie jeglicher Beleuchtung aus, schüttelte den Kopf und dachte: »Es war einmal! Ein Segen, daß sie nicht meine Frau geworden ist.« Und mit einem Male mußte er auflachen. Er hatte Professor Groenewald kennen gelernt, einen Mann, der nach Eitelkeit und Kölnischem Wasser roch, Weiberhände hatte und einen Brillantring trug. »Schmalzlerche!« hatte Helmold gedacht, als er ihn sah. Nun aber dachte er: »Solche Männer, die keine sind, gefallen so'nen Weibern, die keine sind.« Bei der Tafel hatte er Swaantje halb rechts gegenüber sitzen; ein großer Strauß trennte zumeist ihre Blicke, so daß er sich völlig seiner Tischdame widmen konnte, eben jenem schönen Mädchen, das ihm einst in der Eisenbahn ihr Herz umsonst hingehalten hatte, und das den rosenroten Namen Meinholde Marten trug. Sie war glücklich, neben ihm sitzen zu können; ihre Augen funkelten noch mehr, als die Demanten in ihrem goldenen Haar und auf ihrem herrlichen Halse. Seine Blicke streichelten ihre Schulter und stahlen sich dahin, wo ihre Brüste im Schatten der Spitzen auf und ab hüpften, ab und zu freudig errötend, wenn eine zarte Schmeichelei oder ein kecker Vergleich sie in Erregung versetzte. Niemals war Helmold bezaubernder gewesen, als an diesem Abend: er focht Dessin mit seinen Worten, schlug ganz leichte Terzen an, gebrauchte listige Finten und setzte dann eine Tiefquart dahinter, daß Lappen und Knochensplitter flogen und die Abfuhr völlig war. Aber das war nichts als Schlägermensur; mit dem krummen Säbel trat er erst an, als er sich zum Trinkspruche erhob, denn da sah man den Renommierfechter. »Ich habe den peinlichen Auftrag erhalten, den Trinkspruch auf die Damen auszubringen,« begann er und sah kalt von rechts nach links in die vierhundert verblüfften Augen. »Ich denke gar nicht daran, den Auftrag zu erfüllen; denn,« er sprach es mit einem bösen Blicke, »den Frauen und Jungfrauen will ich ein Lobredner sein, so gut ich es kann.« Alle Augen wurden hell. »Dame, was ist das?« fuhr er fort; »ein welsch Wort, ein farblos Wort, ein Unwort. In der galanten Zeit kam es auf, und bedeutete nichts Sauberes, schmeckte nach Liebelei, aber nicht nach treuer Liebe, sagt doch der alte gute Friedrich von Logau: ›Was Dame sei und dann, was Dame wird verspürt, daß jene Hörner macht und dieses Hörner führt‹.« Er lachte lustig und rief: »Fort mit dem dämlichen Wort!« Und dann wand er den Frauen und Jungfrauen einen Kranz aus roten und weißen Blüten; er huldigte ihnen als Mann, nicht als Knecht; er gab ihnen die Hand, küßte ihre aber nicht, die Knie beugend; vergaß keine, weder die vornehme Frau noch die einfache Magd, und dann schwenkte er ab, näherte sich gefährlichen Punkten, daß die Männer unruhige Augen bekamen und den Frauen das Herz stille stand, weil sie ihn schon abstürzen sahen; doch mit einem harmlosen Lächeln gab er seinen Worten eine Wendung, die ihn rettete. So führte er seine Zuhörer ein dutzendmal an gefährlichen Abgründen vorbei, um sie schließlich zu einem Gipfel zu leiten, von dem aus sich ihnen eine Aussicht bot auf lauter Sonne und Wonne. Alle Augen an der Tafel waren erfüllt von dem Abglanze seiner Worte, als er endete und hinter einem Gitter weißer Arme verschwand, die ihm die Sektkelche entgegenstreckten, deren helles Klirren sich dem neidischen Beifallsgemurmel der Männer abhob, wie weiße Blumen von abendlich dunklem Gebüsche. Doch am meisten leuchteten die Augen seiner Tischnachbarin; als er mit ihr anstieß, hauchte sie: Du!" Swaantjes Augen aber standen schwarz in ihrem weißen Gesichte; ihr Mund war wie ein Strich, und ihre Hand lag geballt auf dem Tische. Sie hatte dasselbe Gesicht, wie an jenem Tage, als er in der Werkstatt um einen Kuß flehend vor ihr stand; Tränen in den Augen. Nun stieß er, sie unbefangen anblickend mit ihr an und setzte sich nieder, seiner Tischnachbarin ein Wort zuflüsternd, das Abendröte auf ihrem Gesichte hervorrief. Keinen Augenblick ließ Swaantje das Paar mit den Blicken los, solange die Tafel währte. Ihr Vetter merkte es wohl; als er sah, wie blaß sie war, stieg ein unbehagliches Gefühl in ihm auf. Aber da er rundumher nur zärtliche Augen erblickte, und der Sekt sein Blut erhitzte, und das Mädchen, das neben ihm saß, ihn ganz in Anspruch nahm, und zudem der Fliederstrauß Swaantje halb verbarg, so vergaß sein Herz sie. Und dann kam der Fackelreigen durch den dunkelen Wald, an dessen Rändern die Nachtigallen schlugen, und er hatte das wunderschöne Mädchen erst am Arm, und bald darauf, als der Zug sich auflöste, im Arm, und der Kauz rief und der Waldmeister und das junge Buchenlaub dufteten, und Helmold küßte Meinholde und sie küßte ihn wieder, bis sie aufseufzte und flüsterte: »Nun geh! Sonst reden sie über uns.« Dann aber fand er sich mitten im Trubel, stand vor Swaantje und bat sie um den Walzer. Sie tanzte schlechter als sonst, und sah so bleich aus, daß er sie zu einer Bank führte, sich zu ihr setzte und einen leichten Ton anschlug. Sie antwortete matt und lächelte kaum, wenn er etwas Lustiges sagte, und mit einem Male sah sie starr nach seiner Hemdenbrust, stand jäh auf und sagte: »Ich muß einen Auenblick allein sein; mir ist so sonderbar.« Als sie ihn verlassen hatte, nahm er das goldblonde lange Haar fort, das an der Perle hing, die sein Hemd zusammenhielt, und er wußte nicht, sollte er die Stirn runzeln oder lächeln. Aber dann erinnerte er sich an das, was er sich an dem Tage vorgenommen hatte, als er den Mordhirsch im Schandenholze geschossen hatte. »Blut um Blut!« dachte er. Am folgenden Tage fuhr er zur Jagd; absichtlich fuhr in aller Frühe fort, ohne Abschied zu nehmen. Als er nach einer halben Woche wiederkam, nach jungem Birkenlaube und Post duftend, drei Birkhähne in der Hand, traf er Swaantje ganz allein zu Hause, denn seine Frau hatte einen Besuch zu machen und die Mädchen waren mit den Kindern aus. »Du siehst nicht so besonders aus, Kleine,« sagte er und tätschelte ihr die Backen wie einem Kinde. Sie bediente ihn beim Kaffee; er freute sich der kraftlosen Anmut ihrer Bewegungen und nahm den Klang ihrer weichen Stimme dankbar hin, suchte aber vergebens nach den goldenen Blumen in ihren Augen und lauschte umsonst auf den Widerhall seiner Liebe in seiner Brust. Wenn er sie ansah, war ihm zumute, als käme er in eine Stadt, in der er einst viele lieben Freunde hatte, und nun waren sie alle tot. Doch als er dann in der Werkstätte war, dachte er: »Ich sie an ihre Schuld mahnen, jetzt gleich. Donnerwetter, sie ist und bleibt doch immer eine Lücke in meinem Leben, über die ich in Gedanken alle naselang noch stolpere!« Er gedachte der Nacht, in der sie in dem Büchersaale von Swaanhof vor ihm stand in dem weißen Nachtkleide, den hellen Schein der Kerze über ihrer Brust, auf die der Schatten des Palmenwedels mit kecken Fingern deutete, und des Maientages, an dem sie mit dem Rade fiel und ihre Röcke so schüttelte, daß ihre Hosen bis über die Hüfte sichtbar wurden, und er sagte sich: »Ich will mir holen, was mir zukommt; denn ich habe es mit meinem Leben erkauft. Also!« In diesem Augenblick kam Swaantje aus dem Wohnhause und ging in den Garten, ein Buch in der Hand. »Aha!« sagte er sich; »läuft der Hase so?« Denn sie hatte ein weißes loses Kleid an, fast ganz so wie jenes, das einst seine Hände hungrig gemacht hatte. Er ging ihr entgegen: »Du hat mein neuestes Bild noch nicht gesehen, Swaantien,« sagte er. Sie wurde rot und folgte ihm. »Ach, wie schön,« flüsterte sie und sah ihn mit hingebungsvollen Augen an. »Bleibe ein bißchen hier und erzähle mir was, Maus,« bat er und deutete auf das Ruhebett. Sie gehorchte und sah ihm zu, wie er an dem Bilde einige Stellen vollendete. »Ach was, malen!« rief er und stellte den Pinsel in das Glas; »ich habe keine rechte Lust dazu!« Er schob einen Sessel heran und setzte sich zu ihr. »Hast du nichts Neues geschrieben?« fragte er. Sie schüttelte den Kopf: »Ich habe es aufgesteckt; ich habe gar kein Talent.« Er lächelte in sich. »Ist auch besser so. Talentvolle Frauen sind keine.« Und dann fragte er weiter: »Hat dir Benjamin geholfen?« Sie nickte: »Etwas!« antwortete sie. Er strich über ihre Schläfe. »Immer noch die alte Stelle?« Sie nickte und sah ihn dankbar an, denn seine Hand war ihr eine Erquickung. Er legte den Arm um ihren Nacken, küßte sie auf den Mund und flüsterte: »Meine Swaantje!« Ihre Arme erhoben sich, als wenn sie seinen Hals umfassen wollten, aber dann stieß sie ihn zurück und rief: »Aber Helmold, schäme dich!« Er ließ sofort von ihr ab und lächelte: »Entschuldige, liebe Swaantje; das verflixte Kleid!« Als er zu Bette ging, fragte ihn seine Frau: »Hast du Swaantje etwas Böses gesagt? Sie war so sonderbar und will morgen abreisen.« Er errötete etwas, erwiderte jedoch ganz ruhig: »Ich! wie sollte ich dazu kommen?« Doch ehe er einschlief, schämte er sich, einmal, weil er seine Hände nach einem Weibe ausgestreckt hatte, an dem ihm nichts gelegen war, und dann, weil er fühlte, daß er sie doch noch liebte, wenn auch nicht als Weib. »Ich habe in ihrer Seele, die ich immer und ewig liebe und begehre, mein Bild zerschnitten,« dachte er und nahm sich vor, sie um Verzeihung zu bitten. Dazu kam er aber nicht, denn als er sie am Frühstückstische traf, sah sie nicht bleich und elend aus, wie er gefürchtet hatte, sondern eher froh und glücklicher, als in den letzten Wochen, und als sie abreiste, nickte sie ihm aus der Wagentür freundlich zu. »Der Teufel soll aus dem Frauenzimmer klug werden,« dachte er und kam sich wie ein dummer Junge vor, der eine kokette Abwehr ernst genommen hatte. Späterhin aber freute er sich des Mißerfolges. Was früher seine höchste Wonne gewesen wäre, nun wäre es besten Falles weiter nichts gewesen, als ein Vergnügen. »Ich hätte nicht mehr davon gehabt, als wenn ich die Zunge zum Fenster hinausgehalten hätte,« dachte er, suchte einen bespannten Keilrahmen heraus und entwarf ein Bild von ihr. Der Sarg Es wurde ein wahrhaftiges Kunstwerk; es war so schön, daß er dachte: »Eine Liebeserklärung auf Leinewand!« Dann aber lächelte er und meinte zu sich: »Nicht ganz, eher das Gegenteil.« Als er aber das Bild, bevor er es einpackte, noch einmal ansah, schien es ihm doch anders. Er setzte sich ihm gegenüber und sah ihm in die Augen, bis das weiße Mädchenangesicht, das hell und kühl aus dem Schatten des Kiefernwaldes hervordämmerte, zu lächeln begann und mit bittenden Lippen flüsterte. »Meine Nonne,« dachte er, »warum liebte ich dich so sehr, ohne dich zu begehren? und begehrte dich, ohne dich zu lieben? Weil ich der einzige Mann bin, der dich aus deiner Nonnenhaftigkeit erlösen konnte, aus deinem eiskalten Alleinsein, dir ein Kind schenken, ein warmes Leben, damit du des Nachts nicht frierst, wenn du erwachst?« Er dachte daran, daß alle Kinder Angst vor dem Mädchen hatten, oder wenigstens keine Zuneigung für sie, und daß kein Mann sie ansah, außer ihm selbst und Brüne. Und mit einem Male sah er den Freund, den einsamen, der keine Frau hatte, und der vielleicht nie eine Geliebte gehabt hatte, der zwischen seinen Büchern und Gemälden und Bildwerken das tote Leben des unfruchtbaren Ästheten führten, und erkannte, daß dieser Mann denselben unerfüllten Wunsch in den Augen hatte, wie Swaantje, und dasselbe hoffnungslose Bitten um die Lippen. »Was ist es,« dachte er, »das diese Menschen zu mir hinscheucht und mich zu ihnen, mich, dem alles Halbe, Unfertige, Dilettantische gleichgültig ist? dem das Problematische kein Problem ist, und dem das Rätselhafte nicht wert dünkt, es zu raten?« Er sah zwei Gärten vor sich, von Mauern umschlossen, alte stille Gärten, deren Blumen nur verstohlen dufteten, und in denen die Vögel ganz anders sahen als sonstwo, ohne Wunsch und Wille. Er sah Brüne in weißer Kutte und Swaantje in der steifen, kühlen Tracht der Bräute Christi, und beide blickten ihn an mit wunschleeren Augen, in denen ein hoffnungsloses Bitten lag. Er pfiff das frechste Lied von der Lüneburger Heide, steckte sich eine Zigarre an und dachte an die vielen, vielen schönen Frauen und hübschen Mädchen, die in seinen Armen zerschmolzen waren. »Restlos zerschmolzen,« dachte er und lächelte spöttisch »Weh und Wonne hinterlassen gleicherweise keine sichtbaren Spuren in der Erinnerung; wenigstens nicht auf die Dauer.« Früher hatte er sich in lauen Stunden gern der roten Küsse erinnert, die rechts und links in reicher Fülle neben seinem Wege blühten. Sie waren verwelkt; dürre Stengel waren alles, was von ihnen übrig geblieben war. »Das Leben lohnt sich wirklich nicht,« dachte er und folgte einem Winke des Standspiegels. Er besah sich von oben bis unten, kehrte sich um und um, zerpflückte sich und betrachtete die einzelnen Stücke. Seine Augen sprachen die Worte Antars, des Dichters: »Wir gehören zu einem Geschlechte, das nicht in seinen Betten stirbt,« tuschelten sie ihm zu. »Irrtum, Herrschaften,« sagte er, »zu dem Geschlechte derer, die nur dann glücklich werden, wenn sie nicht in ihren Betten sterben.« Er langte die Chronik derer von Hagenrieder heraus, ein Werk Henneckes, blätterte darin und sah, daß die Hagenrieder nur dann Glück fanden, wenn sie den Pflug oder das Schwert geführt hatten. Sein Vater fiel ihm ein, der strenge, gemessene, kühle Kaufmann, der daran gestorben war, daß er so oft verbindlich hatte lächeln müssen, wenn er lieber gebrüllt und dreingeschlagen hätte, und daß er selber, des früh Verstorbenen Sohn, niemals stolzer und froher gewesen war, als wenn er die Faust hatte gebrauchen können, als Werkzeug, wenn er den Garten grub oder Pirschsteige schlug, oder als Waffe. »So ist es,« sprach er vor sich hin, als er die Bilderkiste zunagelte; »Kunst ist ungelebtes Leben, ist ein Notbehelf dafür, ein ganz elender Ersatz!« Als er die Aufschrift auf die Kiste malte, mußte er lächeln; ihm war zu Sinne, als schicke er seine Liebe nach Swaanhof, damit sie dort an die Wand gehängt werde. »O, ich entbehre sie ja auch nicht mehr,« dachte er. »Einst, als ich jung und heiß war, suchte ich in Swaantje den Frieden des Schattens, seine kühle Ruhe, seine sanfte Stille; was soll ich jetzt mit ihr, jetzt, da ich alt und kalt bin? Glut brauche ich heute, sehr viel Glut und Licht und Farbe für mein kaltes Herz. Mein ganzer Leib ist mit Küssen bedeckt, wenigstens bedeckt gewesen, aber mein Herz hat keine davon abbekommen, mindestens lange nicht genug. Aber Tränen sind reichlich darauf gefallen, doch die wärmen nur einen Augenblick; sobald sie verdunsten, erzeugen sie Kälte. Das weiß ich noch aus der Physikstunde.« Er schrieb den Frachtschein und freute sich, daß seine Handschrift noch genau dieselbe war wie vor dreißig Jahren, anspruchslos, ohne Schnörkel und übersichtlich. »Im Grunde bin ich ein ganz einfacher Mensch,« überlegte er, »so gar kein bißchen kompliziert. Wenn ich mir und anderen manchmal so vorkam, so lag es dran, daß dies Leben, dies zivilisierte Leben von heute in diesem Koofmichzeitalter, in dieser Ära des geistigen Mittelstandes, in dieser Periode des bekömmlichen Durchschnittes, so kompliziert ist. Ach ja, die goldene Mittelmäßigkeitsstraße! Freiheit für alle Unfreien, Gleichheit zwischen groß und klein, Brüderlichkeit zwischen dem, was sich haßt; schöner Blödsinn, an dem wir vor die Hunde gehen werden.« Die Sonne fiel plötzlich so in die Werkstatt, daß die Büchse an der Wand grell funkelte. Er nahm sie herunter, spannte sie, stach den Hahn ein, suchte ein Ziel, drückte ab, repetierte, stach wieder, drückte wieder ab, schüttelte den Kopf und hängte sie an das Geweih. Sein Gesicht war ganz ernst geworden. Er dachte daran, daß er lange Zeit den heißen Wunsch gehabt hatte, eine Schlacht mitzumachen, aber vorne, in den ersten Reihen. Er lächelte und sagte sich: »Na die, in der ich mir damals den schweren Blattschuß, zwölf Ringe, faustgroßer Ausschuß, geholt habe, die war schon blutig genug; vollkommen invalide, knapp landsturmfähig kam ich nach Hause, und ohne Orden und Kriegsauszeichnungen.« Er lachte, zog ein Buch aus dem Schranke, schlug eine Stelle auf und nickte: »Hast recht, Tscheng ki tong, wenn du schreibst: \>Übrigens kann so etwas nie genug kosten, denn nur die Vergnügen, die uns ruinieren, haben wirklichen Reiz.\<« Er lächelte, als er das Buch wieder in die Reihe schob: »Stimmt, alter Chinese, und mit den Schmerzen ist es ebenso. Der Unterschied ist nur der, daß überstandenes Weh salzig schmeckt, verlorene Wonne aber bitter. Man kann jedes Leid wieder erleben, aber keine Lust.« Er ließ einen Dienstmann rufen, schickte die Kisten fort und vergaß Swaantje, bis ein Brief von ihr kam, oder vielmehr ein Kasten, in dem drei rote Rosen lagen, und eine Karte, auf der weiter nichts stand als die drei Worte: »Lieber guter Helmold!« Sie klangen ihm wie ein Schrei. Dabei freuten sie ihn wenig und schmerzten ihn kein bißchen, trotzdem er wußte, was sie bedeuten sollten, eine demütige Abbitte und eine Hingabe auf Gnade und Ungnade. Übrigens mangelte ihm auch die Zeit, sich mit ihnen zu beschäftigen; ein ganz großer Auftrag nahm ihn vollkommen in Anspruch, ein Auftrag, der sich nach jeder Seite hin lohnt: ihm war der gesamte Wandschmuck und die Innenausstattung für das neue Schauspielhaus übertragen worden, ohne daß er sich darum beworben hätte. Früher hätte er die Kasatschka getanzt, wäre ihm eine solche Arbeit angeboten worden; jetzt verzog er keine Miene und sagte beim Mittagessen so nebenbei: »Ich habe die Inneineinrichtung und alle Wände für das Schauspielhaus bekommen, Grete, will aber Kersten, Ludemann und natürlich für die Bildhauerarbeit Voß und Meinecke heranziehen. Mir bleibt ja so noch genug übrig.« Seine Frau sah ihn groß an: »Wann hast du den Auftrag bekommen?« und als er sagte: »Gestern abend,« wurde sie ganz blaß. Denn war das noch ihr Mann, dessen fernster Traum es einst war, einen solchen Auftrag zu bekommen? Und mit diesem Auftrag hatte er gut geschlafen und den halben Tag gearbeitet, und er sprach davon, als wenn er eine Kiste Zigarren geschenkt bekommen hätte. Angst und Trauer befielen sie, und nach dem Essen schrieb sie an Swaantje, die bei Thorbergs in Weddingen war, daß Helmold den Auftrag bekommen habe und für die nächste Woche in Stillenliebe zur Jagd sei. Warum sie ihr das schrieb, wußte sie nicht; sie fühlte nur, daß sie schreiben mußte. »Besucht ihn da doch einmal,« schrieb sie. Es war einige Tage später, da kam Helmold gegen Mittag von der Pirsch zurück. »Es ist auch ein Brief für Sie da, Herr Hagenrieder,« sagte der Wirt. Der Maler nickte und setzte sich, trank sein Bier und spielte mit den Kinder. Als er nach dem Essen auf sein Zimmer ging, um zu schlafen, sah er, daß der Brief, der auf dem Tische lag, von Swaantje war. Sie schrieb aus Weddinge: »Tjark und Ilsabe und ich kommen heute nach Ohlenwohle mit dem Mittagszuge; hole uns mit Gespann ab. Wir wollen gern einmal Stillenliebe sehen. Deine Swaantje.« Ein Gefühl peinlichen Unbehagens, durchduftet von etwas Genugtuung, überkam ihn. Aber als er über sich selber den Kopf schüttelte, fand er, daß es weniger Genugtuung war als Freude, und auch weniger Freude als Zärtlichkeit, und schließlich auch das nicht, sondern ein Gefühl, in dem allerlei sich mischte, und das er nicht genau betrachten konnte, weil etwas wie eine beschlagene Fensterscheibe davor war. Jedenfalls, das fühlte er, jauchzte sein Herz nicht, und seine Seele schrie weder Hurra noch Holdrio. Aber er war betrübt, daß er nicht gleich auf sein Zimmer gegangen war und den Brief aufgemacht hatte. »Nun sitzt das arme Mädchen in Ohlenwohle in der Kneipe und langweilt sich nach der Schwierigkeit,« dachte er. Daß Tjark und Ilsabe bei ihr sein mußten, daran dachte er nicht. Er zog sich seinen besseren Anzug an und war schon auf der Treppe, als Reimers vom Treppenfuße aus ihm zurief: »Sie werden von Ohlenwohle am Fernsprecher verlangt, Herr Hagenrieder, von einem Fräulein. Den Namen konnte ich nicht verstehen.« Ganz ruhig ging Helmold in die beste Stube und wunderte sich dabei, daß er so gelassen blieb. Aber sein Herz machte doch einen kleinen Sprung, als er anfragte: »Bist du das, Swaantje?« und er ihre Stimme und damit das ganze Mädchen dicht bei sich hatte. »Tjark konnte nicht, er hatte wieder einen Gichtanfall, und Ilsabe konnte deshalb auch nicht mit, und so bin ich allein gekommen,« antwortete sie. »Kannst du hier über Nacht bleiben oder nicht, und wann mußt du wieder zurück?« fragte er weiter. »Ich habe gesagt, ich führe mit dem letzten Zuge, und der geht um sieben Uhr,« kam es zurück. »Dann lohnt es sich nicht, daß du erst hierherkommst,« meinte er; »dann komme ich mit dem Rade dorthin,« setzte er hinzu. Eine Weile war es still. »Bist du noch da?« fragte er. »Ja,« rief sie; »dann komm, lieber Helmold; das wird das beste sein.« Es kam ihm vor, als wenn ihre Stimme mit einem Male ganz anders geklungen hätte. Er holte das Rad aus dem Schuppen und fuhr los. Er wunderte sich, daß er so unsicher war; sonst fuhr er den schmalen Fußweg neben der Heidstraße, ohne vor sich hinzusehen; nun mußte er die Lenkstange festhalten und bewußt aufpassen; und wo bei einem Querwege eine sandige Stelle den Pfad unterbrach, da wurde es ihm sauer, durch den Sand zu kommen. Er schrieb das erst der Hitze zu, bis ihm einfiel, daß er um drei Uhr aufgestanden war und seitdem keine Stunde gesessen hatte. Mit vor Schläfrigkeit gleichgültigen Augen sah er die herrlichen Wacholdergruppen und den über und über mit goldenen Blumen behängten Ginster an, der die Böschungen des Weges verbarg, und das Gezwitscher der Hänflinge und das Geschmetter des Baumpiepers kam ihm unbekannt vor, ja, er lachte nicht einmal, als ein Rehbock, der im Graben gestanden hatte, so dicht vor ihm absprang, daß er ihn beinahe umgefahren hätte. Erst als er im Schneekruge einen Schnaps und ein Glas Wasser getrunken hatte, wurde er einigermaßen munter und konnte wieder denken. »Was mag sie haben, daß sie mit dieser eleden Klingelbahn bei dieser üblen Hitze drei Stunden gefahren ist?« dachte er und stellte sich vor, wie sie angekommen war und allen Glanz aus den Augen verloren hatte, als sie ihn auf der Haltestelle nicht vorfand. Und nun saß sie in dem Kruge und wartete auf ihn. Aber warum hatte sie ihm auch keine Drahtnachricht geschickt, sondern erst am Abend vor der Anreise den Brief, der mit der üblichen Verspätung ankam? Und nun: was sollte es zwischen ihnen geben? Als er den Morgen vor dem Moore stand und sich über eine Fuchshetze freute, die mit vier Junghasen im Fange auf zwanzig Gänge bei ihm vorüberschnürte, hatte sein Gewissen ihm ganz gehörig die Leviten gelesen. Er hatte an alle seine Liebschaften gedacht und sich gesagt, daß er sich keine Vorwürfe darüber zu machen brauchte. »Banausen, Philister, Fünfgroschenmenschen scheuen sich durchaus nicht, ihrer Leidenschaft zu folgen; also warum soll ich, ein wertvoller Mensch, mich zum Verzichten nötigen?« Aber da hatte eine fremde Stimme gelacht und gesprochen: »Du kamst dir doch immer als Übermensch vor, mein Herze, nicht wahr, und billigst dir dabei die Untermoral des waschlappigen Gesindels zu? Glaubst du vielleicht, die Borgias und ähnliche Kerle waren Helden? Jämmerlinge waren es, die sich kratzten, sobald es sie juckte. Rede dir nicht selber etwas vor! Seinen Instinkten zu folgen, ist keine Stärke; Schlappheit ist es, urmenschenhafte Schwäche oder Neurasthenie. Außerdem warest du doch stets stolz darauf, ein Mann von Wort zu sein; war dein Treueschwur vor dem Altar nicht ehrlich gemeint? Du kannst dich vor dir entschuldigen, das kannst du, mit Schwäche, mit Gedankenlosigkeit, mit was du willst; aber wenn du versuchst, dich zu rechtfertigen, dann machst du dich einfach lächerlich. Du bist polygam veranlagt, sagst du. Schön, aber dann hättest du Junggeselle bleiben sollen. Du warst ja mehr als mündig, als du vor dem Priester dein Ehrenwort gabest. Also rede nicht!« So kam er mit einem Herzen voller verschiedenartiger Empfindungen vor dem Ohlenwohler Kruge an, grau und kühl wie der Himmel an einem toten Tage. Der Wirt stand vor der Tür, als er vom Rade sprang. »Das Fräulein ist rechts in der Stube,« sagte er. Swaantje saß auf dem unbequemen Stuhle, als er eintrat. Sie sah blaß und müde aus und hatte Schatten unter den Augen; aber noch niemals war sie ihm so schön und hilfsbedürftig vorgekommen. Sie errötete über das ganze Gesicht, als er ihr beide Hände gab, und ihm war, als verlangten ihre Augen, daß er sie in den Arm nehmen sollte, und daß er sie küssen möchte; aber er hatte die Tür hinter sich zugemacht und auf dem Gange standen Leute und vor dem Fenster auch, und da die Sonne darauf lag, hätten sie sehen können, was in der Stube vorging. So drückte er ihr die Hand, zwangs sie in das Sofa und fragte: »Hast du schon etwas gegessen?« Sie schüttelte den Kopf, und er ging hinaus und bestellte Kaffee und Zukost. Dann setzte er sich vor den Tisch auf den Stuhl. Es wurde ihm schwer, etwas Vernünftiges zu sprechen. Der pilzige Geruch des schlecht gelüfteten Raumes erstickte den Rest von Frische, der noch in ihm war, und ein Mitleid, stark mit Verlegenheit durchsetzt, machte ihn unsicher. Und Swaantje saß da, sagte nichts und sah ihn an, mit einem rührenden Lächeln um den blassen Mund, und ihre Augen schimmerten feucht. Endlich sprach sie mit einer weichen, farblosen Stimme, daß sie sich so sehr auf Stillenliebe gefreut habe, und daß sie vor Enttäuschung nicht habe schlafen können, als Tjark am Abend vorher seinen Anfall bekommen hatte. Und daß sie ihm für das Bild doch endlich ihren Dank sagen müsse. »Denn schreiben, lieber Helmold,« sagte sie und lächelte ihn an, als wäre sie eben mit ihm getraut, »das konnte ich doch nicht, wie sehr ich mich darüber gefreut habe.« Sie nahm seine Hand und drückte sie: »Bist du immer noch böse, lieber Helmold?« Er wußte nicht, was er sagen sollte, und war froh, als die Wirtin mit dem Kaffee hereinkam. Absichtlich bestellte er noch Brot und Butter und dann eine Postkarte, denn er wußte wirklich nicht, wie er sich verhalten sollte. Das weiße lose Kleid hatte sie nicht an, wie damals im Garten, als er hinterher den Bajonettangriff auf sie machte; aber sie war ihm nachgereist, die weiße Fahne in der Hand. Doch er traute ihr nicht und sich noch viel weniger. Ihr nicht, weil sie ihm heute mehr denn je als reine Seele, als Nonne, als unsinnliches Wesen erschien, und sich nicht, weil er sich nur als Bruder oder Vater ihr gegenüber vorkam, und so gar kein bißchen als begehrender Mann. Dabei war sie ihm noch nie so schön vorgekommen wie an diesem Tage. »Zum Erbarmen schön,« dachte er. Gar zu gerne hätte er sie in den Arm genommen, ihre Backen gestreichelt und ihre Stirn geküßt; aber er hatte Angst, daß sie seine Liebkosungen mißdeuten oder Erwartungen daran knüpfen könnte, die er nicht erfüllen konnte. So schleppte sich die Unterhaltung lendenlahm u nd langsam hin. Endlich hielt er es nicht mehr aus. »Komm, Swaantje,« sagte er; »wenn es dir recht ist, bummeln wir durch die Heide. In dieser Luft schrumpelt einem ja das Gemüt ein.« Sie nickte ihn lächelnd an und erhob sich, wobei sie ihm ganz nahe kam. Wieder wurde es ihm so zu Sinne, als sei es seine Pflicht, sie zu liebkosen, und ihre Augen sahen so aus, als sehne sie sich danach; doch abermals streckte der Gedanke, daß nur ihre einsame, verwaiste Seele geküßt und umarmt sein wolle und nicht ihr Leib, die Hand gegen ihn aus und hielt ihn zurück. Als sie vor dem Spiegel ihren Hut aufsetzte, sah ihr Spiegelbild ihn mit vieler Zärtlichkeit an, und er gab sich einen Ruck, um sie zu umfassen; doch da polterte eins von den Kindern in das Zimmer, blieb mit offenem Munde stehen, starrte das Mädchen an, wie einen Geist und stürzte wieder hinaus; er aber atmete erleichtert auf, als sei er einer Gefahr entgangen. Sie schlenderten durch die Felder und unterhielten sich mit Mühe. Erst als sie in die Heide kamen, frischte ihr Gespräch etwas auf, flaute aber immer wieder ab. Swaantje fragte, welcher Art die Bilder wären, die er für das Schauspielhaus male; dadurch kam etwas Zug in ihre Unterhaltung, so daß er schließlich, zumal er über die Schlafsucht hinaus war, ganz lustig wurde, und es zu einem ganz fröhlichen Geplauder kam, das aber rein äußerlicher Art blieb und sie im Grunde mehr auseinanderhielt, als zusammenführte. Es war ihnen beiden zumute, als schritte irgendein langweiliger Mensch zwischen ihnen, den sie nicht abschütteln konnten. Dazu begegneten ihnen fortwährend Leute, die vom Heuen kamen, darunter Marien. Seitdem sie verheiratet war, hatte Helmold sie nur einmal flüchtig gesprochen und sich darüber gefreut, daß sie tat, als kenne sie ihn nur ganz oberflächlich. Auch jetzt bot sie ihm mit unbewegtem Gesichte die Tageszeit wie einem fremden Menschen. »Hier sind so viele Leute,« klagte Swaantje. Er nickte und bog mit ihr in einen schmalen Pfad ein, der tief in das Heidkraut getreten war und nach einem kleinen Wäldchen führte. Ein weißer Bussard, der auf einem Irrsteine gefußt hatte, flog vor ihnen auf, und ein schwarzes Reh, daß sich am Zwergginster äste, sprang an ihnen vorüber. Da der Weg nur drei Hände breit war, ging Helmold hinter Swaantje. Sie trug ein Kleid von ähnlichem Schnitt wie an jenem Tage, als er mit ihr nach dem Tödeloh ging, doch war es nicht rosenrot, sondern mattblau, und auch das Band, das den weichen Strohhut umgab, war von derselben kühlen Farbe. Er nickte. »Ja,« dachte er; »damals erschien sie mir als rosenroter Traum; heute ist sie mir eine mattblaue Erinnerung.« Er sah sich um; der eiserne Ritter ging nicht hinter ihm. »Meine Liebe habe ich in der Bilderkist eingesargt,« dachte er, »und mein Verlangen; so blieb mir weiter nichts davon als das Gespenst. Aber ich glaube nun einmal nicht an Gespenster!« Hinter dem Wäldchen lagen unter einer krausen Eiche zwei gewaltige Findelsteine; auf den einen legte er seinen Mantel und wies ihn Swaantje als Sitz an, auf dem anderen nahm er selber Platz. Vor ihnen kroch der bleigraue Pfad durch die braune Heide und verlor sich zwischen hohen Wacholdern und Ginsterbüschen, die mit ihren gelben Blüten nur so prahlten; davor leuchtete das helle Grün einer quelligen Sinke. »Wie wunderschön ist das,« seufzte das Mädchen, und ihre Brust hob sich unter dem kühlen Kleide; »zum Weinen schön ist es,« fügte sie nach einem Weilchen hinzu. Ihr Vetter nickte und dachte: »Ganz wie du.« Er sah, daß ihre Hand zuckte, als wolle sie nach der seinen hin; aber da der Raum zwischen den beiden Steinen zu groß war, so glitt ihr Arm an dem Granitblocke herab und nahm eine Eulenfeder auf, die zwischen den grünen Ranken der Krähenbeere am Fuße des Steines lag. Das Mädchen drehte die bunte Feder zwischen ihren farblosen Fingern, besah sie mit gemachter Aufmerksamkeit und frage, ohne ihren Vetter anzusehen: »Von welcher Eule ist das?« Er antwortete: »Waldkauz« und flötete halblaut den Balzruf dieses Nachtvogels. Ohne ihn anzusehen, sprach sie: »Ich war neulich wieder einmal im Tödeloh.« Er erwiderte nichts und sah nach dem runden weißen, Fleck, der die Spitze des höchsten und schlanksten Wacholders krönte. Er deutete mit dem Finger danach: »Der große Würger,« sagte er. Das Mädchen nickte, räusperte sich und begann wieder: »Sage mal, Helmold, was hast du dir eigenlich damals gedacht,« Sie stockte, scheuchte eine Mücke fort, die auf ihrem Arm saß und sprach dann weiter, »Damals, als ich dir in dem Walde sagte, du weißt doch, als uns der Oberbürgermeister begegnete, daß,« sie stockte, »daß das, du weißt ja, vorbei sei?« Er sah nicht auf und erwiderte mit gleichmütigem Tone, über den aber ein tiefer Klang von Verständnis hinwegsah: »Das wußte ich schon vor dem.« Swaantje nickte, strich sich mit der Eulenfeder über die Stirne und fuhr fort: »Das war vorbei, seitdem du mir im Tödeloh das eine Wort sagtest.« Er nickte, sah nach einem blanken Raubkäfer, der eine Raupe umbrachte, und sprach leise: »Das schien mir damals auch schon so.« Der Würger verließ den Wacholderbusch, rüttelte eine Weile über der Sinke und strich mit klirrendem Rufe ab. Helmold sah hinter ihm her. Die Brust des Mädchens hob sich schwer. »Du verstehst doch, lieber Helmold,« sie sprach es matt, aber er vernahm die tiefe Zärtlichkeit, die dahinter lag, »nicht wahr, daß ich nicht anders handeln konnte?« Er nickte, sah sie aber nicht an. »Denn sieh mal, lieber Helmold, Grete, du weißt, das ging doch nicht.« Ihm wurde immer trauriger zumute und immer hilfloser, ihretwegen und seinethalben erst recht. Da hielt sie ihm nun ihr Herz auf den Händen hin, dieses arme, ledige, verwaiste Herz, und er konnte es nicht hinnehmen. Er wußte, was sie ihm gerne gesagt hätte, aber nicht sagen konnte, daß Grete ihr nämlich dasselbe gesagt hatte, wie ihm, daß sie an dem ganzen Unglücke schuld sei, das über ihn und das Mädchen und auch über die Frau gekommen war, und daß sie drei zusammengehörten, daß sie drei eins waren und sein sollten. Aber Swaantje wußte es nicht, und er konnte es ihr nicht sagen, daß es dafür zu spät sei. Er sah, daß die Mücken häufiger flogen, und war ihnen dankbar dafür, denn nun konnte er mit Anstand rauchen. Er scheuchte eine summende Mücke fort, langte sich eine Zigarre heraus und zündete sie an. Swaantjes Lippen versteckten sich. »Sieh mal nach der Uhr,« bat sie; »ich glaube, wir müssen gehen, denn ich möchte nicht zu spät kommen.« Sie fuhr heftig zusammen, denn in dem Gebüsch hinter ihnen schreckte laut ein Reh. Sie gingen einen anderen Weg zurück. Die Frösche prahlten in den Gräben, und eine helle Weihe schwebte über den Wiesen. Swaantje schritt vor ihm her. »Mein Gott, meint Gott,« klagte es in ihm; »wie schön ist sie, wie wunderschön!« Er sah ihre Nackenlocken an und den vornehmen Bogen ihrer Backen und dachte: »Warum lege ich nicht meinen Arm um sie, warum küsse ich sie nicht? Sie will es doch so gern.« Der Weg zwillte sich. Swaantje ging nach rechts. Er faßte sie unter den Arm und zog sie nach links. Er hatte vorgehabt, sie an sich heranzuziehen und ihren Mund zu küssen; aber als seine Hand wohl die Wärme ihres Armes spürte und sein Herz sich doch nicht regte, ließ er sie los und ging stumm hinter ihr her, bis der Pfad in den Weg einlief und sie nebeneinander gehen konnten. Da begann Swaantje wieder zu reden: »Du bist mir doch nicht mehr böse, lieber Helmold?« Sie errötete, als sie das sagte, und sah ihn halb von der Seite an und mit einem Blicke, in dem Sehnsucht und Verlegenheit miteinander rangen. Er lächelte sie an und versetzte: »Aber, Swaantje, wie kannst du das denken!« Und dabei keuchte es in ihm: »Ja, aber warum küsse ich sie denn nicht? Deutlicher kann sie es mir doch nicht zeigen, daß sie sich selber zürnt, weil sie mich damals zurückstieß.« Er kam sich vor wie ein rätselhaftes Tier, das ihm noch niemals über den Weg gelaufen war, ein Geschöpf, ebenso unheimlich, wie lächerlich. In dumpfem Schweigen schritt er neben ihr her und rauchte. »Und zwischen dir und Grete ist auch alles wie früher?" fragte endlich das Mädchen. Er seufzte und antwortete: »Ja, vollständig," Nach einer Weile fuhr er fort: »Das heißt, es bleibt doch ein Riß, Swaantje; denn sieh mal, ich bin damals zerbrochen, und wenn der Bruch auch wieder heilte, eine gewisse Schwäche blieb zurück.« Er räusperte sich, ehe er weiter redete: »Ich habe nämlich, versteht du? ich bin nämlich, ich werde nie wieder das sein, was ich war. Ich bin alt geworden damals, zum Greis geworden, wenn ich auch nicht so aussehe. Mein Mai ist vorüber, und der Sommer ist hin; ich bin beim Grummet, beim dritten Schnitt; ich bin kein voller Mann mehr.« Er stockte, warf seine Zigarre in einen Tümpel und sprach leiser: »Swaantje, ich, weißt du? ja, das ist nun so!« Er zeigte neben den Weg: »Ich bin wie die Heide hier, zertreten und kurz, weil lange Zeit Tag für Tag graue Gedanken auf mir herumtraten und mich kurz hielten.« Als er sah, daß das Mädchen ganz blaß war, setzte er hinzu: »Doch du, liebe Swaantje, meine Gefühle dir gegenüber sind dieselben geblieben; wenn ich auch ein anderer Mann geworden bin.« Sie antwortete nicht und hatte einen ganz engen Mund. Er sah nach der Uhr. »Wir haben noch reichlich Zeit, was sollen wir so lange in der muffigen Bude sitzen,« meinte er. »Wollen noch einen Umweg machen.« Er schlug den Weg nach einem Birkenwäldchen ein. Die Augen des Mädchens belebten sich, und ihr Mund blühte wieder auf. »So,« sagte er sich; »nun, sobald wir im Walde sind, und ich halte Wort, soll sie den Kuß haben, den ich ihr schuldig bin, und mir das geben, was sie mir schuldet.« Warm lief es ihm über die Brust, und mit heißen Blicken streichelte er ihren Nacken. »Sie mal, Swaantje,« sprach er mit zärtlichem Klange; »Als wir nach dem Tödeloh gingen, nahm ich mir fest vor, dich umzufassen und in mein Herz hineinzuküssen. Ich habe dir das schon einmal gesagt; ganz fest nahm ich mir das vor. Ich glaube, das wäre für uns beide gut gewesen. Vielleicht war es aber damals noch zu früh, weil du glaubtest, du liebest den andern noch, obgleich ich damals schon wußte, oder vielmehr ahnte, daß es nicht so war.« Sie antwortete ganz leise: »Aber ich habe dir doch niemals etwas gesagt, lieber Helmold.« Er schüttelte den Kopf: »Nein, so schwer dir das auch wurde.« Sie seufzte und er fuhr fort: »Das war stark von dir, und ich achtete dich darum hoch; aber klug war es nicht. Es hat uns beide zerbrochen.« Sie sah ihn demütig an: »Aber ich konnte doch nicht anders, Helmold!« Er lächelte sie zärtlich an, so daß sie rot werden mußte. »Nein, Geliebte, du hast keine Schuld, und ich auch nicht. Sieh mal, ich kann dich nicht so behandeln wie andere Frauen; du bist so ganz anders, und ich empfinde dir gegenüber auch ganz anders! Im Tödeloh solltest du mein sein, ganz mein sein, das hatte ich mir auf Ehrenwort versprochen, und ich mußte es brechen, denn mein inneres Wollen stieß meinen äußeren Willen beiseite.« Das Mädchen atmete schwer und drängte sich dichter an ihn, denn der Weg war nur eben breit genug für sie beide. Da, wo der Weg sich teilte, kam ihnen ein stattlicher, sehr anständig gekleideter Zigeuner zwischen zwei jungen, grell aufgeputzten Weibern, die beide guter Hoffnung waren, entgegen. Helmold kannte den Mann; er blieb stehen und rief: »Na, Jorgas Michali, wohin und woher?« Der Zigeuner lachte und sagte: »Von der Windwiege nach dem Windgrabe, Herr Maler!« Die Weiber sahen Swaantje an, wie ein Heiligenbild. »Na, welche von beiden ist denn deine Frau?« fragte Helmold. Der Zigeuner grinste: »Beide, Herr Maler!« Hagenrieder lachte: »Vertragen sie sich denn?« Jorgas' Raubtiergebiß blitzte aus dem schwarzen Krausbarte heraus: »Wollt' sie kuranzen, wenn nicht,« sagte er und macht eine Bewegung mit der Hand, als wenn er eine Peitsche darin hielte, und die Frauen lachten. Der Maler gab ihm eine Zigarre und jeder der Frauen ein blitzblankes Markstück. Sie küßten ihm die Hände. »Viel Glück, Herr,« riefen sie, verbeugten sich vor Swaantje und setzten hinzu: »und deiner scheenen Frau ville Kinder!« Als die Zigeuner hinter den Büschen verschwunden waren, fragte Swaantje leise: »Sind das wirklich beides seine Frauen?« Ihr Vetter nickte. »Natürlich; er hat vielleicht noch ein paar. Jorgas Michali ist einer der reichsten Häuptlinge; er hat drei große Häuser bei Berlin und Geld auf der Bank. Und er hat eine schwere Hand. Horch, wie schön der Kuckuck ruft! immer dreimal.« Er deutete nach dem Birkenwäldchen, in dem der Kuckuck läutete und die Zippe schlug. Vor seinen Augen tanzten goldene Flammen, sein Herz schlug fieberhaft, und der Atem pfiff ihm im Kelhkopfe. »Drei Schritte noch,« dachte er, »drei Schritte noch, und ich küsse sie, und nehme sie mir.« Gerade wollte er den Mund öffnen, um »Swaantje, meine Swaantje!" zu sagen, da stand ein alter Bauer vor ihnen, der ihnen freundlich die Tageszeit bot und sagte: »Na, dennso kriege ich noch eine Begleitung auf den Weg.« Helmold wußte nicht, ob er dem Manne danken oder fluchen sollte; er hörte nur mit einem Ohre auf das, was er erzählte, und wußte nicht, ob er sich bedauern oder beglückwünschen sollte. Mit Gedanken, so umrißlos wie Wacholderbüsche im Herbstnebel, kam er im Kruge an. Das Abendessen verlief anfangs recht still, obgleich Helmold sich alle Mühe gab, das Mädchen aufzumuntern; doch da er, wie er wußte, um das, was Swaantje am meisten am Herzen lag, herumgehen mußte, kam ihm jedes Wort, das er sprach, unerheblich und verlogen vor. So war er froh, als die Kastenuhr dreiviertel auf sieben meldete. »Noch zwanzig Minuten,« sagte das Mädchen, und er fügte hinzu: »Ja, es ist schade, daß wir nur die paar Stunden für uns hatten; wir haben uns so lange nicht gesehen.« Sie sah ihn an und ihre Augen fieberten. »Ja, wenn sie mir den Wagen nicht zur Bahn schickten,« sagte sie, schwieg einige Zeit und fuhr fort: »Ich hätte so gern einmal Stillenliebe gesehen und länger mit dir geplaudert. Wer weiß, wann wir uns nun wiedersehen. Muhme Gese will nach Karlsbad, und ich muß wohl mit.« Mit einer hastigen Bewegung, die so gar nicht ihrem wirklichen Wesen entsprach, haschte sie nach seiner Hand, die auf dem Tische lag, führte aber ihre Absicht nicht aus, da er vor sich hinbrütete, sondern drehte die alte Tasse um, als wollte sie sich die Aufschrift ansehen. »Wollen gehen,« sprach sie dann matt und sah nach der Uhr. Er half ihr in den Mantel hinein und klingelte dem Wirte. Der ließ die Türen hinter sich offen, und während Helmold bezahlte, klang aus der Gaststube lauter Gesang herüber. Swaantje wurde kreidebleich, als sie das Lied erkannte; es war das, was Helmold ihr gesungen hatte, als er mit ihr zum Tödeloh ging, das kecke Lied von dem Jäger und der Jungfrau im schlohweißen Kleid. Ihre Augen wurden starr, und ihre Lippen verkrochen sich, als es hinter ihnen herklang: »Denn deine Unschuld und die mußt du lassen bei dem Jäger auf der Lüneburger Heid, eins zwei.« Der Zug hatte Verspätung. Sie lehnten an dem Geländer. Swaantje sah nach der alten Kiefer hin, die ihr düsteres Haupt hinter einem moosigen Giebel erhob, und ihr Vetter betrachtete ihr Gesicht und wunderte sich über sich selber. Plötzlich kehrte sie sich zu ihm: »Nun habe ich die Hauptsache beinahe vergessen, lieber Helmold!« Sie drücke ihm die Hand. »Ich danke dir viele Male für das Bild, viele Male!« Ihr Augen wurden dunkel. »Du glaubst gar nicht, wie ich mich darüber gefreut habe!« Wieder drückte sie seine Hand. »Ich dachte, du wärest mir böse gewesen. Bist du das auch ganz gewiß nicht mehr?" Er wußte nicht, was er sagen sollte, und lächelte sie an, als er den Kopf schüttelte, und er wußte, sein Lächeln mußte gefälscht aussehen. »Ich bin dir nie böse gewesen, und wenn ich es einmal war, so redete ich mir das ein, weil ich dir einen Begriff unterlegte, der nicht auf dich paßte, dich als Weib schlechthin und nicht als das sehen wollte, was du bist!« Etwas heiser klang seine Stimme, als er das sprach. Der Zug lief ein. »Schade, daß du nicht mitkannst, lieber Helmold,« sagte Swaantje und umklammerte seine Hand; »in Bockshorn habe ich fast eine Stunde Aufenthalt.« Helmold fühlte, daß ihm das Blut in das Gesicht schoß. »Einsteingen!« rief der Schaffner. Helmold half dem Mädchen in das Abteil und stieg auf den Tritt. »Lebe wohl, lieber, guter Helmold,« flüsterte sie und beugte sich zu ihm herunter, als wollte sie ihn küssen. Aber da schrillte die Pfeife, und eine hatte Stimmer schnarrte: »Abfahren!« Er hatte eben noch Zeit, ihre Hand zu küssen, und er küßte sie, daß sie seine Zähne fühlte, dann schlug der Schaffner die Tür zu, und der Zug ruckte an. Swaantje stand an dem offenen Fenster, stützte den Ellenbogen auf die Fensterleiste und hielt den Rücken ihrer rechten Hand, den Helmold geküßt hatte, an die Lippen. Ihr Gesicht war ganz weiß, ihre Augen sahen schwarz aus, und sie lächelte, daß Helmold elend zumute wurde. Der Zug fuhr ab; das Mädchen nickte ihm zu, küßte ihren Handrücken und gab ihm so seinen Kuß zurück, und nickte und winkte, solange ihr Vetter in Sicht blieb, und ehe der Zug hinter den Bäumen verschwand, grüßte sie ihn noch einmal mit ihrem Tuche. Das Schlußlicht des Zuges war schon lange unsichtbar, da stand er noch auf derselben Stelle und starrte nach den Walde hin. Er ballte die Faust, denn er hätte sich am liebsten in das Gesicht geschlagen. Er warf sich rohe Schimpfworte zu. »Du Idiot,« schrie es in ihm; »du dreimal vernagelter Idiot, wie eine Dirne hast du sie behandelt! Warum fuhrest du nicht mit nach Bockshorn? Weil du kein Nachthemd und keine Zahnbürste bei dir hattest? Jahrelang wimmertest du hinter ihr her, und nun, wo sie daherkommt im Brautkleide, den Myrtenkranz im Haare, dachtest du daran, daß der Wagen sie in Weddingen erwarte, und daß du dich für morgen mit dem Prinzen verabredet hast, und dabei hatte sie gesagt: \>Ich möchte nicht gern zu spät kommen.\< Bist doch sonst so neunmalweise, und merktest nicht, daß das hieß: \>Vorausgesetzt, daß du mich daran nicht hinderst, Geliebter!\< Kauf dir einen Strick, und hänge dich an den ersten besten krummen Birkenbaum am Wege; mehr bist du wahrhaftig nicht wert.« Der ganze Bahnhof dreht sich mit ihm herum, so daß er erst, als er schon aus dem Dorfe heraus war, daran dachte, daß er sein Rad im Kruge hatte. Er ging zurück, suchte es im Hausflur und im Stalle, bis ihm einfiel, daß es im Schuppen stand. Endlich hatte er es. Ein quälender Durst trocknete ihm den Hals aus; er wollte schon in die Gaststube treten, ließ es aber und fuhr zum Dorfe hinaus. Ganz sicher fuhr er, ohne auf die Sandstellen und Löcher im Wege zu achten, und so rasend, daß die Leute, die ihm entgegenkamen, ihm verwundert nachsahen. Aber in der Heide mußte er stoppen; sein Herz schlug ihm zu grob gegen die Brust. Er sah über das dämmernde Land, an dessen Rande ein Ferngewitter seine blutigen Witze riß. In einem schwarzen Wacholderbusche war ein weißer Fleck; wie ein menschliches Gesicht sah es aus. »Das ist meine Swaantje,« dachte er, »meine geliebte Swaantje,« obgleich er ganz genau sah, daß es der Stamm einer Birke war. Einzelne warme Regentropfen fielen, »Jetzt weint meine Swaantje,« dachte er, »meine geliebte Swaantje.« Ein Windstoß bewegte die weißen Zweige der Birken. »Meine Swaantje ringt ihre Hände,« dachte er, »meine liebe, geliebte Swaantje.« Einmal befuschte so etwas wie Genugtuung über sein Herz, und es war ihm, als wenn er dachte: »Nun habe ich die Rache für meine Tränen«; aber dieser Gedanke wurde sofort vom Winde fortgewirbelt. Es begann stärker zu regnen; die Birkenbäume stellten sich wie wahnsinnig an, und die Wacholder taten so, als wenn sie weglaufen wollten; in der Ferne murmelte das Gewitter unverständliche Drohworte. Die Regentropfen klatschten Helmold auf das Gesicht und Hände und schlugen ihm durch die Hose. Siedehitze kribbelte ihm unter dem Hute, und über seinen Rücken lief ein eisiger Schauer. Vor sich sah er den Schneekrug; er blickte ihn mit zwei leuchtenden Augen so einladend an, daß er absprang und sein Rad hinter die Krippe stellte. Er besann sich einen Augenblick, ob er eintreten oder ob er weiter fahren sollte, aber der Regen stürzte nur so aus dem Himmel, und das Gewitter begann sich deutlicher auszudrücken. So schwenkte er seinen Hut aus und trat ein. Er hatte noch niemals im Schneekruge vorgesprochen, aber er war dort sofort zu Hause; es war eine Wirtschaft noch ganz von der alten Art, mit brauner Balkenecke, Kugelfußtisch und den bunten Bildern an den verräucherten Wänden, die des Jägers Hochzeit, Taufe, Grab und Auferstehung darstellten, und die noch nicht von Plakaten verscheußlicht und von einer Musikmaschine veralbert war. »'n Abend zusammen!« rief er, »binnen is 't besser als buten,« und nahm an dem Tische unter der Hängelampe, an dem schon drei Bauernsöhne saßen, Platz. »Mehrste Heu rein?« fragte er, als er seinen Kümmel und sein Bier getrunken hatte. Die Bauern nickten, und bald war er mit ihnen im besten Erzählen. »Ordentlich kalt geworden,« sagte der eine, und schüttelte sich. »Da ist Grog gut für,« versetzte er und bestellte eine Runde; »aber nicht mit so viel Wasser, sonst wird er zu kräftig," setzte er hinzu, und die Männer lachten. »Auf einem Glase kann man nicht gut stehen,« meinte er, als die Gläser leer waren und eine zweite Runde kam, und dann die dritte. »Haben Sie's große Los gewonnen?« fragte der eine Bauer, der ein Gesicht hatte, als trüge er für gewöhnlich den Offiziersrock. »Jawollja,« rief der Maler, »aber ich habe es vor der Ziehung verloren. Das macht aber nichts. Herr Gastwirt, noch ein' Rundgang!« Es kamen noch vier Gäste, die nach Ohlenwohle wollten, aber von dem Gewitterregen in den Krug gejagt waren, und nun wurde es ganz lustig, denn zwei davon kannte Helmold. Rundgesänge wurden angestimmt, und dazwischen Witze zum besten gegeben, daß der Saft bis an die Deckenbalken spritze. So wurde es fast zwei Uhr, als er fühlte, daß er nichts mehr trinken durfte, wollte er sich in der Hand behalten. Es regnete immer noch, und es war so dunkel, daß er nicht daran denken konnte, zu fahren; so blieb er im Kruge. Er schlief sofort ein, als er in dem Bette lag, und wachte erst auf, als die Uhr acht schlug. Frisch und munter kam er in die Gaststube, lachte den Wirt, der über Haarweh klagte, aus, aß tüchtig, trank einen großen Schnaps dazu, machte die Zeche glatt, steckte sich eine Zigarre an und fuhr mit leichtem Herzen davon. Es war ein bildschöner Morgen. Am Himmel war keine einzige Wolke, die Sonne lachte, die Vögel sangen, was sie nur konnten. »Heute müßte Swaantje kommen, heute,« dachte er, während er durch die Pfützen sauste, daß das Wasser spritzte; »Heute bin ich ein anderer Kerl!« Er kam sich gar nicht mehr so alt und kalt und abgestanden vor und stellte sich für sein gesteriges Verhalten ein gutes Zeugnis aus. »Denn,« sagte er sich, »gestern litt ich an allgemeiner geistiger Körperschwäche und war wirklich nicht hochzeitsmäßig gekleidet.« Dann dachte er, wie häßlich und dumm die äußeren Umstände waren, falls, ja, falls er Swaantje bei alle den deutlichen Worten genommen hätte, die sie nicht ausgesprochen hatte. Und er sah ein weißes Haus, das lag vor einem grünen Walde, in dem viele Nachtigallen schlugen, und oben in dem Hause war ein Zimmer mit roten Rosen auf den Fenstervorhängen, und in dem Zimmer standen zwei Betten nebeneinander, und weiter kam er nicht mit seinen Augen, konnte sich den Rest nur denken. Er schleuderte seine Zigarre in den Graben; sie schmeckte ihm bitter, und er lachte sich selber aus, weil er einsah, daß er blanken Blödsinn gedacht hatte. »Wenn du sie liebtest, mein Lieber,« so spöttelte er, »dann wäre es dir geich, ob das Haus weiß oder eselgrau wäre, und ob es im Walde stände oder zwischen Straßenbahngeleisen. Du würdest dann überhaupt nicht denken; nein, so unkeusch wärest du nicht; handeln würdest du. Du liebst ja Swaantje gar nicht mehr; Swaantje ist tot. Du hast sie in den Sarg gelegt, und den hast du zugenagelt und als Eilgut zur Eisenbahn geschickt, samt deiner Liebe; das, was du dafür hältst, das ist das Gespenst deiner Liebe, das auf dem Kirchhofe herumspukt und dein totes Herz beunruhigt. Streue Kümmelsamen hinter dich, damit der Spuk zurückbleiben muß!« Er nickte; es war so. Er sah sich in seiner Werkstatt stehen und Swaantjes Bildnis in einen Sarg betten, in einen flachen Sarg, der aus weißen Brettern zusammengeschlagen war; und ein Dienstmann mit roter Nase holte ihn ab, legte ihn auf einen Karren und fuhr ihn fort, den Sarg, Swaantje und Helmolds heiße Liebe zu ihr. Einst hatte er um Swaantje geweint; nun galten seine Seufzer seiner toten Liebe. Die Panne In der nächsten Zeit kam er aber nicht dazu, an Swaantje und an seine verstorbene Liebe zu denken und an sich selber, denn das Leben warf so schwere Wellen gegen sein Dasein, daß alle seine leisen Gedanken von dem Rauschen und Brausen überbrüllt wurden. Zuerst nahm ihn die Arbeit für das Schauspielhaus mit Leib und Seele in Anspruch. Wenn er sich auch manchmal vorgeredet hatte, daß seine Kunst ihn, seitdem er es darin zur Meisterschaft gebracht hatte, langweile, das war doch nicht der Fall, besonders bei diesem Auftrage. Er hatte völlig freie Hand, sowohl was den Inhalt anbetraf, wie in der Behandlung. Der Direktor Meier setzte ihm gar keine Schranken, und die Bankleitung, die hinter dem Unternehmen stand, erst recht nicht. »Machen Sie, was Sie wollen, Herr Geheimrat,« sagte Herr Meier, ein blonder Jude, einst ein beliebter Tenor, nun infolge einer reichen Heirat Millionär, »Sie werden schon das Richtige treffen.« Sie saßen hinter einer Flasche Wein, als Meier so sprach. »Sie haben gut reden,« meinte der Maler; »früher glaubte ich, Schrankenlosigkeit sei das beste für mich. Jetzt sehe ich ein, daß ein gewisser Zwang viel bequemer ist.« Der andere nickte: »Glaub' ich; geht mir auch so. Wissen Sie, was habe ich früher oft geflucht, wenn ich gerade das singen mußte, was zu meiner Stimmung so paßte, wie der Igel zum Schnupftuch. Jetzt, wo ich nur ab und zu in Konzerten singe, und singen kann, was ich will, macht mir die Sache eh' keinen Spaß mehr. Das ist genau so, wie mit der Liebe. Solange ich ledig war, konnte ich davon haben, soviel ich wollte, machte mir aber nichts daraus, und ich kann Ihnen sagen, es waren Weiber darunter, erstklassig! Na und jetzt? Der Mensch ist das meschuggenste Tier. Meine Sie nicht auch?" »Stimmt,« sagte Hagenrieder. Er wünschte, daß Meier ihm die Stoffe vorschriebe, meinte er dann. Aber der lachte und sagte: »Zerbrechen Sie sich Ihren Kopf gefälligst darüber, was Sie malen wollen, und nicht meinen; krieg ich das Honorar oder Sie? Malen Sie nur nicht so, daß jeder Esel glaubt, er müsse sich dabei wer weiß was denken. Im Theater soll das Volk nicht denken, sonst wird es gefährlich. Fühlen soll es und das bar bezahlen, im Vorverkauf mit Rabatt. Dann ist das Geschäft richtig.« Der Maler lächelte, weniger über das, was der andere sagte, als darüber, was diese Worte in ihm locker machten. Er war lange überzeugter Antisemit gewesen, bis er einsah, daß damit die Judenfrage nicht zu lösen wäre, und daß dieses Volk für die Germanen bitter notwenig sei, damit sie sich an dessen Emsigkeit aus ihrer angeborenen Trägheit emporärgerten. »Und außerdem,« fiel ihm nun ein, »Sie sind doch gewaltige Umwerter und Anreger trotz oder vielmehr wegen ihrer völligen Unproduktivität. Produktive Nichtproduzenten! Wie Figura zeigt.« Denn die Worte des Direktor hatten ihn auf den Weg gebracht. Er sah die Wände, die ihm zur Verfügung standen, sich mit Bäumen, Blumen und Gestalten beleben, bei deren Anblicke der Fröhliche noch fröhlicher wurde und der Betrübte seine Traurigkeit vergessen mußte. Eine Welt wollte er malen, die leichte Herzen noch höher hob und schwere von ihrer Unbeholfenheit befreite. Und das gelang ihm auf das beste. Als Meier die Entwürfe sah, bekam er einen ganz roten Kopf und sagte: »Hab' ich es Ihnen nicht gesagt, daß Sie was können? Wissen Sie was? Ihre Bilder sind allein das Entree wert! Wahrhaftig, wenn ich nicht solch Theaternarr wär', möchte' ich das Geld meiner Frau in Ihnen anlegen. Ob ich 'n Geschäft mach'?« Mit ganzem Herzen ging Hagenrieder an die Ausführung und hatte eine Freude wie ein Kind, als seine Vorstellungen Form und Farbe annahmen. Am meisten freute er sich darüber, daß er nur Schaffenslust, aber kein Arbeitsfieber beim malen hatte; er aß und schlief wie ein Junge, war ein netter Gatte und Vater und dachte an seinen Auftrag bloß, wenn er auf dem Gerüste stand. Alles, was er liebte und geliebt hatte auf der Welt, brachte er auf die Wände, und so bedeckten sie sich mit viel Licht und Sonne, und wer sie ansah, dem hob sich das Herz. »Herr Geheimrat,« sagte ihm eines Morgens einer der Tischler, »gestern hatte ich einen schweren Ärger gehabt und wollte mir eigentlich einen andudeln; aber da sah ich mir ihre Bilder an und mir wurde gleich besser, und so bin ich denn vernünftig gewesen.« Die Tage, Wochen und Monde flogen dahin, wie die Schwalben, und kaum einmal kam Hagenrieder dazu, auf sich und sein Leben hinabzusehen. Einmal war Swaantje auf einen Tag gekommen; Karlsbad hatte auch ihr gut getan, und sie sah frisch und blühend aus. Deswegen und weil er ganz in seiner Arbeit war, zerwehte der Besuch ihm die Stimmung nicht, zumal er keinen Augenblick mit ihr allein blieb. Als das Mädchen schrieb, sie käme, hatte er zu seiner Frau gesagt: »Tu mir den Gefallen, Grete, und laß mich mit ihr nicht allein,« und als seine Frau nickte, fuhr er fort: »Das arme Mädchen! So ganz allein zu sein, das ist eigentlich das Schrecklichste, was es gibt.« Einige Tage darauf hatte Direktor Meier ihn und seine Frau eingeladen. Als Helmold gerade den Frack anziehen wollte, kam Grete hereingestürzt, ganz unglückliche Augen in dem kreideweißen Gesicht, die linke Hand auf dem Herzen und ein großes Schriftstück in der anderen. »Nanu?« rief er, »was ist denn los?« Sie hielt ihm das Papier hin, setzt sich auf das Bett und fing hellauf zu weinen an. »Lieber Helmeke,« schluchte sie, »um Gottes willen, da, lies, ich habe, denke dir, wir haben, von Ohm Mette haben wir fünfhunderttausend Mark haben wir geerbt.« Kaum hatte sie das gesagt, so viel sie in Ohnmacht. »Verdammter Blödsinn,« knurrte ihr Mann; »mußte der Esel von Anwalt das auch jetzte gerade schicken!« Er klingtelte nach dem Mädchen und brachte mit ihr zusammen seine Frau zu Bett. Sie erwachte bald wieder, sagte aber, ihr sei so schlecht; daß sie ihn nicht begleiten könne. Er fühlte, daß ihr Herz zu eifrig arbeitete und ließ Benjamin rufen. Der kam sofort, untersuchte den Herzschlag und verordnete ein leichtes Schlafmittel, machte einen Umschlag und sagte lächelnd: »Na ja, liebe Frau Hagenrieder, wer kann für Malhör! Morgen werden Sie den Schlag verwunden haben.« Als er aber mit ihrem Manne allein war, sprach er: »Hagenrieder, sie hat kein gesundes Herz von Hause aus. Wer hätte das gedacht; solche blühende Frau! Also immer nett und freundlich zu ihr sein, und sie mit Ihren Privatsorgen verschonen! Sie hat reichlich viel Aufregungen und Kummer gehabt in den letzten Jahren.« Am anderen Tage war sie aber schon wieder ganz vergnügt und freute sich in ihrer kindlichen Weise über das viele Geld, und ihr Mann tat so, als ob ihm auch so viel daran gelegen wäre, obgleich das durchaus nicht der Fall war. Es war ihm natürlich angenehm, daß die Zukunft seiner Frau und Kinder gesichert war, aber die Menge von Schererei, die die Erbschaft mit sich brachte, weil ein Teil davon in Häusern und Grundstücken bestand, war ihm sehr lästig, und es war ihm äußerst unbequem, daß er deswegen mehrere Reisen machen mußte. Er hatte seine Frau gebeten, den Kindern nichts von der Erbschaft zu sagen, aber sie hatten es in der Schulte gehört, und Swaan sowohl Swenechien trugen die Nasen nun doch einmal so hoch. Das verdroß ihren Vater über die Maßen, und als der Junge eines Tages fragte: »Kaufen wir uns nun ein feineres Haus?«, da fuhr er ihn recht grob an und fauchte: »Wir? welcher wir? Glaubst du, das Geld gehöre dir mit? In diesem Hause ist deine Mutter zur Welt gekommen, und es entspricht der Stellung deines Vaters vollkommen. Glaubst du, wir sollen uns mit solcher Protzscheune lächerlich machen wie Noltens, als sie das große Los gewannen und gleich einen Nagel in den Kopf traten?« Swaan bekam einen feuerroten Kopf und würgte an seinem Bissen herum; dann aber sah er Swenechien an und lächelte heimlich. Hagenrieder hatte es schon öfter bemerkt, daß die Kinder über ihn lachten, wenn er ein derbes Wort oder einen klobigen Vergleich gebrauchte, und anfangs hatte er sich darüber gegrämt. Seitdem sein Herz aber kälter geworden war, war es ihm gleichgültig, wie seine Kinder sich zu ihm stellten; er wußte es, daß es sein Schicksal war, allein zu bleiben. In der ersten Zeit nach der Auszahlung der Erbschaft hatte Grete einen Anfall von Einkaufsfieber gehabt; das hatte sich jedoch sehr bald gelegt. Sie quälte ihn eine Zeitlang mit der Bitte, sich etwas zu wünschen, bis er schließlich sagte: »Eine gute Doppelbüchse mit Sicherheitsverschluß für rauchloses Pulver und Mantelgeschoß, elf Millimeter, Nickelmantel und Stahlkern, die hätte ich schon lange gern gehabt; war mir bloß immer zu teuer.« Er bekam sie zum Geburtstage, und er überlegte lange, was er seiner Frau schenken solle, bis er hörte, daß das Nachbargrundstück verkauft würde. Da erwarb er den größten Teil des Gartens von dem Gelde, das er für die Ausmalung des Schauspielhauses bekommen hatte, schickte seine Frau und die Kinder acht Tage nach Swaanhof, ließ den Zaun abreißen und die Neuerwerbung in den alten Garten hineinziehen. Grete bekam nasse Augen, als sie am Morgen ihres Geburtstages von ihm in den Garten geführt wurde, denn ihr Vater hatte einst, als der Verluste gehabt hatte, die Hälfte seines Grundstückes an den Nachbar abgetreten, und jedesmal, wenn sie über den Zaun sah, tat ihr das Herz weh, denn gerade das Stück jenseits des Gatters war früher ihre liebste Spielecke gewesen. »Du einziger Mann,« rief sie, und küßte ihn wie in der Flitterwochenzeit. »Aber nun darf ich dir auch etwas recht Schönes schenken, nicht wahr?« jubelte sie; »einen kapitalen Elch und einen Hauptbären? Bitte, bitte!« Er nahm lachend an, er wollte ihr die Freude nicht verderben. Vor fünf Jahren hätte er ein Indianergeheul ausgestoßen, hätte er auf Elch oder Bär jagen dürfen; nun weidwerkte er nur noch aus Gewohnheit, und um mit Anstand den Asphalt hinter sich liegen lassen zu können. Wenn er mit seiner Frau durch den Stadtwald ging, und die Ulenflucht kam heran, dann sagte er wohl aufseufzend: »H'ach, ich muß doch einmal wieder hinaus!« War er dann im Wald und auf der Heide, dann gab er sich wenig Mühe um Bock und Hirsch, und wenn er den Finger krumm machte, dachte er: »Hoffentlich hört es den Knall nicht mehr, daß ich es nicht abzufangen brauche!« Mußte er es dennoch tun, so ekelte ihn das auch nicht weiter; nur der Gedanke daran war ihm unbequem. Er fuhr schließlich mit dem Prinzen nach Rußland, legte auch einen sehr starken Elchhirsch auf der Pürsche aus freie Hand auf die Decke, schoß einen fast ebenso guten vor den Hunden, regte sich aber so wenig dabei auf und schoß so kalt wie auf eine Geltricke, so daß er sich sagte: »Den Bären will ich nun nicht mehr; erstens mache ich mir aus dem Totschießen gar nichts mehr, und zweitens hat mir der Bär zu viel Gemüt.« Der Prinz lächelte und sagte: »Du auch? Mir geht es ebenso.« Nach einer gut gelungenen Saujagd saß Helmold mit ihm im Jagdhause vor dem brennenden Kamine. Das Gespräch tropfte langsam. Mehrere Male schien es dem Maler so, als ob der andere etwas auf dem Herzen habe, aber fragte nicht; niemals waren zwischen ihnen persönliche Dinge zur Sprache gekommen; immer nur hatte sich die Rede um Jagd, Kunst, Literatur, Musik, Philosophie, Religion und Politik gedreht. Der Prinz wußte, daß Annemieken Hagenrieders Geliebte war; er ahnte auch, daß zwischen seinem Freunde und Swaantje ein Gewitter niedergegangen war; doch nie hatte er ein Wort darüber verloren. Helmold war manches rästselhaft an Samlitz, den er von der Quarta an kannte, aber er hatte niemals darüber nachgedacht. Jetzt, wo er in seinen Augen eine schüchterne Bitte zu sehen meinte, fiel ihm ein, daß er es noch nie bemerkt hatte, daß dieser große, ebenmäßig gewachsene Mann mit dem Apollogesicht einen weiblichen Mund und unmännliche Augen hatte, und es fiel ihm ein, daß Brüne so gut wie nie über Frauen sprach, ihre Gesellschaft möglichst vermied und auch von ihnen wenig beachtet wurde, und daß er ihn sich mit einer Frau im Arme schlechterdings nicht vorstellen könne. Er war aber von dem langen Wege im hohen Schnee so müde, daß der Gedanke, der in ihm aufstieg, verschwunden war, ehe er ihn genau ins Auge gefaßt hatte. Am anderen Morgen fand er die stumme Bitte nicht mehr in den Augen des Prinzen und wunderte sich auch nicht, daß dieser länger und fester, denn je, die Hand drückte und sagte: »Lebe wohl, und auf ein schönes Wiedersehen!«, denn Brüne hatte ihm gesagt, er habe ein längere Reise vor. Drei Tage später, als er mitten in der Arbeit war, hörte er, wie die vierschrötige Magd in ihrer groben Weise sagte: »Unser Herr ist für niemand nicht zu sprechen,« und als er aus dem Fenster sah, mußte er lachen, denn da stand Klaus Ruter, den Wolkenschieber auf die Nase gezogen, einen grünen Schal um den Hals und in Kniestiefeln, wischte mit einer einzigen Bewegung seiner ungeheuren Hand das Frauenzimmer beiseite und knurrte: »Ich bin auch kein Niemand nicht; ich bin der Vorsteher von Stillenliebe und ein Duzfreund zu deinem Herrn, daß Du's weißt,« und damit stieg er breitspurig quer über die verschneiten Beete, und die Magd machte Augen wie eine Kuh, wenn es donnert. Helmold rieß die Tür auf und rief: »Sieh, das ist ja fein, daß du dich wieder mal hergefunden hast, Rutersklawes; nun riecht es hier doch mal wieder nach Stillenlieber Torf!« Der Bauer sah sich um, stellte seinen Eichheister in die Ecke, drehte dann den Schal von dem Halse und sagte: »Du mußt nicht für ungut nehmen, daß ich hier so hereinkomme, wie ich bin; ich hatte ein eiliges Gechäft und konnte mich nicht erst fein machen.« Hagenrieder lachte, drückte ihn in einen Sessel und sagte: »Du bist mir in Joppe und Kniestiebeln lieber als der König von Spanien im Frack und Lackschuhen. Hast du schon gefrühstückt?« Ruter schüttelte den Kopf, und so bestellte der Maler ein handfestes Frühstück. Der Bauer sprach erst von der Jagd, dann davon, daß das Dorf im nächsten Jahre eine Haltestelle bekommen würde, und daß die Wirtschaft in Ohlenwohle abgebrannt sei, und der alte Hillmers vom Schneekruge hätte tags zuvor das Zeitliche gesegnet, und als er Messer und Gabel hingelegt und seinen Schlußschnaps getrunken hatte und die Zigarre anbrannte, sah er Hagenrieder etwas verlegen an, räusperte sich und sprach: »So, weswegen ich hergekommen bin: es hat sich etwas Unliebsames bei uns begeben, oder vielmehr ein Unglück.« Helmold riß die Augen auf: »Mit Annemieken?« Klaus schüttelte den Kopf. »Nein, der geht es gut, soviel ich weiß. Das heißt, ich habe sie manchen Donnerstag nicht gesehen; denn wann komm' ich mal nach Osterhohl!« Er drückte an seiner Zigarre, obschon die sehr gut brannte. »Es handelt sich um den Prinzen.« Hagenrieder wurde es leichter um das Herz; denn wenn Annemieken ihm seit längerer Zeit nur noch eine Freundin war, oder vielmehr eine Zuflucht, war ihm die Stadt zu bunt und ihr Volk zu laut, ihr Schicksal lag ihm doch sehr am Herzen, und er hatte sich etwas erschrocken, als er sie das letztmal blaß und mager vorgefunden hatte. Als Ruter nun ganz trocken fortfuhr: »Das heißt, ich glaube, daß es sich um ein Unglück handelt, und daß er nicht selber Hand an sich gelegt hat,« da wunderte Hagenrieder sich, wie wenig ihn das zuerst berührte. Als Ruter sich aber verabschiedet hatte, kam es Helmold kalt in seiner Werktätte vor. Er zog die Schieblade auf, in der er seine Skizzenbücher verwahrte, nahm ein grünes Heft heraus, schlug es auf, besah lange das Blatt, auf dem der Prinz in voller Gestalt zu sehen war, und die, auf denen sein Gesicht abgezeichnet war, setzte sich vor den Kamin, stützte den Kopf in die Hände und sann lange nach, sich dabei bittere Vorwürfe machend. »Ich hätte ihn doch fragen müssen; seine Augen baten so sehr darum,« dachte er; »Vielleicht lebte er dann noch.« Denn er wußte, es war ganz ausgeschlossen, daß ein Unfall vorlag; so sorgsam, wie Samlitz, ging kein Mensch mit Schußwaffen um. Ein einziges Mal hatte er ihn grob werden sehen; das war, als ein Jäger beim Treiben mit dem Gewehr durch die Schützenlinie zog. »Ist Ihre Waffe nicht geladen?« Hatte er den Herrn gefragt, und als der ein verwundertes Gesicht machte und sagte: »Natürlich!«, kam die eiskalte Antwort: »Na, dann benehmen Sie sich bitte dementsprechend!« Es stand für ihn fest, daß Samlitz Selbstmord verübt hatte. Er sann vergeblich darüber nach, was der Beweggrund dafür gewesen wäre. Mangel an Geld oder Schulden kamen nicht in Frage; seit fünf fahren war der Prinz sehr reich. Irgendeine schlechte Tat konnte auch nicht vorliegen, denn er war ein zu gefestigter Mann, um sich einer Leidenschaft hinzugeben. Helmold hatte ihn oft deshalb bedauert. Niemals hatte er bemerkt, daß Brüne mehr als drei Glas Wein auf einem Sitz trank, und über zwei Zigarren und eine Zigarette brachte er es keinen Tag. Auch konnte kein Weib die Ursache dieses unpathetischen Trauerspiels sein, weder mittelbar noch unmittelbar. »Vielleicht liegt doch ein Unglücksfall vor,« dachte er schließlich. Am folgenden Tage wußte er, daß das nicht der Fall war. Zwar war Samlitz unter einer Wildkanzel gefunden worden, aber gerade das machte Hagenrieder stutzig; denn daß der Prinz mit geladener Büchse den Hochsitz erstiegen haben könnte, das war undenkbar. Außerdem saß der Schuß zu gut, Mitte Blatt. Aber den Ausschlag gab der Brief, der auf dem Schreibtisch des Prinzen lag, und der an Hagenrieder gerichtet war, einen kleinen Schlüssel und folgende Zeilen enthielt: »Lieber Freund, in dem Geheimfache meines Schreibtisches, das du hinter der linken Schublade findest, liegt etwas für dich. Lies es, und sei gut zu mir, wenn wir uns wiedersehen. Dein Brüne.« In dem Fache lag ein versiegelter Umschlag, der Hagenrieders Namen trug und darin war ein schmales, in schwarzes Leder gebundenes Büchlein, dessen fünfzig Büttenpapierseiten mit der gesucht kräftigen Handschrift des Prinzen bedeckt waren. Als Helmold das Buch zu Ende gelesen hatte, schüttelte er sich; das Herz fror ihm. Er hatte geglaubt sein eigenes Schicksal sei schrecklich, das des Freundes war grauenhaft. Nun, da er tot und kalt war, fühlte er, daß er ihn liebte, oder daß er ihn jetzt erst lieben gelernt hatte. »Barmherzigkeit!« dachte er, »wenn ich das geahnt hätte! Wie gern hätte ich ihm, wenn ich ihm auch nicht helfen konnte, die Lippen geöffnet, daß er einmal in seinem Leben einem Menschen sein Elend klagen und einen Teil davon abgeben konnte.« Immer und immer wieder mußte er den Schluß der Niederschrift lesen: »Und weil mir das Schicksal bestimmt hatte: du sollst nicht wissen, was Liebe ist, und weil es mir keine Fähigkeiten gab, durch die ich der Menschheit nützten konnte, und mein Elend dadurch vergessen, so bin ich ohne Liebe und ohne Haß durch das Leben gegangen, ein überflüssiger Mensch, nicht mehr wert, als ein seiner selbst unbewußter Trottel. Ich hoffe, daß mir drüben das gegeben wird, was ich hienieden nicht kennen lernte: eine Liebe und ein Haß." Helmold ging an die Kredenz und trank drei Gläser spanischen Wein, so fror es ihn. Und dann fiel ihm Swaantje ein, und er fand, daß ihr Geschick dem des Toten ähnele, und er fühlte etwas wie Genugtuung, daß er ihr wenigstens eine unglückliche Liebe aufgezwungen hatte. »Das ist doch besser als gar keine,« dachte er und staubte den Rest der Vorwürfe, die er sich ab und zu ihretwegen noch machte, von seinem Gewissen herunter. Er besorgte alles, was der traurige Fall erforderte, und dann ging er zu Annemieken, um an ihrem stillen Wesen Beruhigung zu suchen. Die fand er bei ihr auch, so daß er am folgenden Tage dem Bruder des Toten gefaßt gegenüber treten konnte. Er fand einen großen, schweren Mann mit gutmütigem Gesichte, dem man es nicht ansah, daß er im französischen Kriege eine Batterie über den Haufen geritten und hundert Buschklepper hatte zusammenschießen lassen. Er hatte so etwas bestimmtes in seinem Wesen, daß Hagenrieder mit der Wahrheit nicht hinter dem Berge zu bleiben vermochte. Als der Fürst das Buch gelesen hatte, fragte er: »Darf ich es behalten?« Der Maler nickte: »Ich danke Ihnen, mein Freund,« sagte der andere ernst, indem er ihm fest die Hand drückte; dann legte er das Heft in das Kaminfeuer, und Hagenrieder schickte den Brief Brünes hinterher. »Daß etwas anderes als ein Unfall vorliegen könnte,« fing der Fürst nach einer Weile an, »vermutet hier niemand?« Als sein Gegenüber durch eine Kopfbewegung verneinte, murmelte er: »Um so besser!« Hagenrieder begleitete den Fürsten nach Hohen-Samlitz, wo die Beisetzung stattfand. Die Fürstin, eine sehr große und schöne Frau mit jungen Augen und ganz weißem Haare, empfing ihn, auf einem Ruhebett liegend. Nachdem sie dem vierten Kinde das Leben gegeben hatte, war sie leidend geblieben. »Also Sie waren unseres armen Brüne einziger Freund?« sprach sie leise, ihn voll ansehend; »Er hat sehr oft von Ihnen gesprochen und ganz anders als von seinen übrigen Bekannten. Sind Sie sehr vertraut mit ihm gewesen?« Der Maler verneinte. »Also auch Sie nicht, selbst Sie nicht! Er war so unglücklich sein Leben lang, denn ich kannte ihn von klein auf. Die Mutter hat ihm gefehlt; sie starb, bevor er sprechen lernte. Jetzt erst, wo er von uns gegangen ist, weiß'ich, wie gern ich ihn hatte aber er war so unnahbar. Erzählen Sie mir von ihm, wenn Sie mögen.« Obwohl Hagenrieder gleich nach der Beisetzung fortgefahren war, hatte die Fürstin einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht, daß er während der ganzen langen Fahrt ihr Gesicht vor Augen hatte. »Was ist das bloß wieder mit mir?« dachte er; »ich habe mich glatt in sie verliebt, in ihre Augen, ihr Haar, ihren Mund, ihre Hände und in ihre Stimme.« Es bekümmerte ihn sehr, daß diese schöne, stolze und gute Frau, einst eine der besten Reiterinnen im Lande, in deren Stimme so viel Kraft und Leidenschaft lag, seit langen Jahren mit hilflosem Körper dalag, ein Wrack am Strande. »Merkwürdig,« so sann er, »und ich liebe sie gerade deswegen. Und darum liebte ich Swaantje auch so sehr, und darum liebe ich nachträglich den armen Brüne, alles gefesselte Seelen, und das war es auch wohl, was mich zu Annemieken zog, das Leid, das hinter ihrem hübschen Kindergesichte lag.« Er hatte sie niemals gefragt, welcher Art das Unwetter gewesen war, daß sie erlebt hatte. Zwischen ihr und Helmold war aus der Liebschaft ein Verhältnis geworden, wie zwischen Bruder und Schwester. Er schlief jetzt immer im Kruge, denn das Mädchen sagte einmal: »Es könnte darüber doch einmal so laut geredet werden, daß es in der Stadt zu hören ist; na, und das willst du doch auch nicht gern!« Aber wenn er in Stillenliebe war, kehrte er zum Vesper immer bei ihr ein und blieb bei ihr, bis es Schlafenszeit war. Er saß dann im Backenstuhl am Feuer, rauchte, sah ihr beim spinnen zu, dachte an das, was ihm das Leben an Licht und Schatten gebracht hatte und fand, daß er damit eigentlich zufrieden sein könne. Ab und zu sah er in dem wirbelnden Herdrauche Swaantjes Gesicht. Ohne Eigenleid dachte er an sie; denn er war sich ganz klar darüber, daß er ihr mehr gewesen war als sie ihm. Er hätte ihr Leben ausfüllen können; sie wäre ihm nur eine Ergänzung gewesen. Überhaupt sah er jetzt ganz klar. Eines Tages fuhr er im Kraftwagen nach Stillenliebe, um den Pachtvertrag auf seine Person umschreiben zu lassen. Hennig begleitete ihn, wie jetzt öfters, wenn er auch kein Gewehr anrührte. Helmold hatte am Tage vorher einen langen Brief vom Fürsten bekommen, der den letzten Willen Brünes betraf, und wonach Hagenrieder mit der Bauleitung und Ausschmückung für ein Soldatenheim betraut wurde, das der Verstorbene seiner ehemaligen Garnison stiftete. Das Honorar war so hoch bemessen, daß der Maler dem Fürsten schrieb, er wolle erst persönlich mit ihm Rücksprache nehmen. Gerade setzte er Hennig die näheren Umstände auseinander, da gab es einen Stoß, und das Auto wollte nicht vom Flecke; die Vorderachse war gebrochen. Da Hennecke sich den linken Schenkel etwas verstaucht hatte, verbot es sich, daß er die zwei vollen Stunden nach Stillenliebe zu Fuß abmachte; darum schickte Hagenrieder den Wagenlenker nach einem Fuhrwerke. »Ein Segen, daß es sich aufgeklärt hat,« meinte Hennig und rekelte sich im Heidkraute; wenn es jetzt regnete, fände ich den Fall tragisch." Sein Freund lachte: »Optimist, der du bist!« Der andere zuckte die Achseln: »Na, und du bist es ja auch.« Der Maler steckte sich eine Zigarre an und sah gegen den Himmel, unter dem ein Gabelgeweih kreiste. »Hm,« meinte er dann, »anders bleibt einem ja schließlich auch nichts übrig, wenn man kein oberflächlicher Kopf ist. Sieht der Milan da nicht herrlich aus, und wie schön die Heidlerche singt!« Er streichelte ein goldrot blühendes Moospolster. »Du hast einmal gesagt, Hennig, man ist, wie man ist. Das stimmt. Was habe ich früher an mir herumgebogen; Zweck hat es nicht gehabt. Ich habe immer gedacht, als Bauer oder Trapper wäre ich glücklicher geworden; das war natürlich Unsinn. Ich habe auch geglaubt, ich sei ein Ausnahmemensch, eine untypische Erscheinung. Jetzt sehe ich ein, daß ich ein Typus bin und dessen Gesetzen unterliege, mir selber keine schaffen kann. Weil ich aber ein Künstler bin, bin ich stets unzufrieden gewesen. Zufriedene Maler und Bildhauer und Dichter und Musiker, die gibt es wohl, aber dann sind es eben Handwerker. Die Unzufriedenheit ist die Grundlage der Kunst und alles andern Schaffens.« Er sah Hennecke an, lachte süßsauer und fuhr fort: »Früher, hurra, was fühlte ich mich! Aber meine Kunst, die war doch eine künstliche Maschine, wie diese rote Karre da, die jetzt mit gebrochenem Schlüsselbein auf der Nase liegt. Vorzüglich in diesem Koofmichzeitalter ist die Kunst kein solides Lebensfahrzeug. Das Kunstwerk ist Ware geworden. Ich male ein Bild mit Hirn und Herzblut, und dann kommt irgendein weltfremder Kerl und kauft es, und ich und mein Volk haben das Hinterhersehen. Ach ja, man sieht mächtig klar, liegt man einmal neben der Karre im Straßengraben!« Er pfiff leise vor sich hin und fragte dann: »Stimmt das?« Sein Freund nickte. »Ja, und dann,« spann er weiter an seinen Gedanken, »in dieser barbarischen kulturlosen Zeit, in diesem exakten Präzisionszeitalter, wo alles Wertlose seinen festen Barwert hat, führt die Kunst nicht mehr, sie rennt hinterher und nebenher; sie schenkt nicht mehr, sondern sie schachert; sie ist nicht mehr Königin, sondern Konfektioneuse; dient nicht dem Volke, sondern dem Kapital. Das habe ich wohl immer gefühlt, aber nun erkenne ich es. Verfluchte Zucht!« Er warf seine Zigarre gegen den Erdboden, daß es sprühte. Sein Gesicht sah ganz gleichmütig aus, als er weiter sprach: »Irgendein zielbewußter Idiot hat gesagt, der Künstler müsse sich selbst genügen; das ist hervorragender Blödsinn! Der Künster will wirken! Wenn ich ein Mädchen in den Arm nehme, was suche ich dann: Vergnügen oder Fortpflanzung? Ich meine das letzte! Aber uns bildenden Künstlern von heute fehlt jede Fernwirkung; ein kleiner Zeitungsschreiber wirkt weiter als der größte Maler. Alles verhunzt uns dieses Jahrhundert der Schachermachei, Kunst, Liebe und Leben. Man existiert, aber man lebt nicht, und macht man mal den Versuch, schwupp, beißt einen das sogenannte Gewissen. Der Held dieses Jahrhunderts ist der Philister; sogar ein Bismarck strich sich demgemäß an, um sich in dieser halbseidenen Zeit durchsetzen zu können. Wir müßten einmal wieder einen Krieg bekommen und gründliche Keile, das ist das einzige, was uns helfen kann, damit wieder Männer oder besser, Kerle an die Spitze kommen, statt dieser Knechte, die sich Herren schimpfen.« Er nahm einen roten Feuersteinsplitter auf, besah ihn lange und murmelte: »Was hat uns bloß so minderwertig gemacht? Die Technik oder das Christentum? Oder der Protestantismus? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß: ich möchte Seeräuber gewesen sein oder Beduinenscheik und jetzt,« er lachte Hennig an, »Mönch, aber nicht in einem Kloster, in dem Schuhe und Stiefel unter demselben Bette stehen. Aber ich würde es doch wohl nicht länger als acht Tage aushalten!« Er legte den Stein wieder in den Sand. »Quatsch! Ich will lieber vespern; ich merke, mir wird flau. Vielleicht philosophiere ich dann etwas positiver.« Hennecke lächelte, als er sah, wie tapfer sein Freund aß und welchen gefährlichen Zug Portwein er hinterher nahm. »Das Essen schmeckt dir ja immer noch anscheinend und der Wein auch,« meinte er, »und ich glaube, ein junges Mädchen im Alltagskleide ist dir immer noch lieber, als ein alter Pastor im Sonntagsstaat. Hm?« Der Maler verlor mit einem Male jede Spur von Humor aus den Augen, lachte dann aber laut auf und sagte: »In der Theorie, ja! Sonst aber, weißt du, Hennig, die Frauen sind mir in der Hauptsache nur noch hübsche Bilder, und du weißt, ich mag in meinen Räumen keine Bilder leiden.« Er sah dahin, wo ein Turmfalkenpaar über einem Birkenwäldchen schwebte und laut kicherte, und er dachte an die junge frische Witwe, die ihn, den halbreifen Knaben, die Liebe gelehrt hatte, oder vielmehr die Lust. Früher hatte er immer gedacht, daß das ein Glück für ihn war; nun erkannte er, daß es sein Verderben gewesen war, denn seitdem hatte er kein hübsches Weib ansehen können, ohne es zu begehren. Nur in der Zeit, da er lichterloh für Grete brannte, hatte es für ihn keine Frauen gegeben; aber diesen Zustand der Reinheit hatte auch nicht lange gedauert. »Das kommt vom späten Heiraten,« dachte er; »stückweise habe ich mein Herz verschleudert und es unkräftig für eine große Liebe gemacht." Einst hatte es seiner Eitelkeit geschmeichelt, daß so viele Frauen und Mädchen seine Augen suchten; nun sah er den Grund dafür ein. »Sie sahen in mir den liebeshungrigen, ungesättigten Mann, den unglücklichen Mann, hatten Mitleid mit mir, und Mitleid und Zuneigung sind Zwillingsgeschwister.« Er schämte sich. »Pfui! Mitleid! Das empfindet man mit Krüppeln.« Ihm fiel der seltsame Blick ein, mit dem Prinzessin Almut ihn bei der Beisetzung angesehen hatte. Das hatte seiner Eitelkeit geschmeichelt, aber weiter keine Wirkung auf ihn gehabt, obgleich das junge Mädchen eine Schönheit war und Augen hatte, wie ihre Mutter. Der Blick, mit dem sie ihn ansah, hätte ihn früher in Brand gesteckt; jetzt wurde er kaum warm davon. Daß es so war, merkte er, während er eine Woche darauf auf Hohen-Samlitz zu Gaste war. Als er mit dem Fürsten und der Fürstin über Brünes letzten Willen sprach und meinte, daß das Honorar das übliche Maß weit übersteige, erwiderte der Fürst: »Ihre Kunst ist überhaupt nicht mit Geld zu bezahlen: bitte fassen Sie die Summe nur als Sinnbild der Wertschätzung auf, die mein Bruder Ihnen entgegenbrachte.« Da schwieg der Maler. Als der Fürst ging, fragte die Fürstin, ob Hagenrieder nicht Lust habe, sie alle zu malen, und da versetzte er: Durchlaucht verzeihen, aber ich glaube, daß ist nicht gut," und als sie ihn verwundert ansah, sagte er leise und er wurde ganz rot dabei: »Ich bin nicht eitel, Euer Durchlaut, aber ich habe ein sehr bitteres Erlebnis gehabt, und seitdem habe ich das Unglück, auf Frauen von Herz sonderbar zu wirken, und noch mehr auf ganz junge Mädchen, die Mitgefühl und Liebe verwechseln.« Die Früstin sagte nichts, hielt aber bei der Tafel die Augen offen, und so entgingen ihr die Blicke nicht, die ihre jüngste Tochter dem Maler schenkte. Geflissentlich fragte sie ihn nach seiner Frau und seinen Kindern, und von da ab sah Almut auf ihren Teller. Nach dem Essen bat die Fürstin ihn, ihr das Bild seiner Frau zu zeigen. Er holte es, und sie ließ es rund gehen. Die Prinzessin war ganz blaß, als sie es ansah, so daß ihre Mutter sie zu Bett schickte. Hatte auf der ersten Rückfahrt von Hohen-Samlitz die Fürstin Helmolds Gedanken beschäftigt, so sah er während dieser Reise das Gesicht ihrer Tochter vor sich und späterhin noch oft genug. Er stellte es sich vor, welche ein Glück es sein müßte, sie im Arme zu halten und küssen zu dürfen, aber es schien ihm doch, als wenn er sie nur wie ein Vater würde küssen können, und daß das zärtliche Verlangen, das ihn in der letzten Zeit ganz jungen Mädchen gegenüber beschlich, wohl darauf beruhte, daß es ihm an einer Tochter fehlte, die in ihm aufging; denn Swenechien entfernte sich immer mehr von ihm. »Ich habe zu spät geheiratet,« dachte er; »die Kinder haben keine Schuld, daß sie fern von mir stehen; ich bin zu alt für sie, zu alt und zu kalt. Und darum ist eine Kluft zwischen ihnen und mir.« Seine Augen verhärteten sich; denn sein Verstand raunte ihm zu: »Sie reden Unsinn, Herr Hagenrieder; jeder Mensch bleibt für sich allein; versuchen Sie logisch zu denken, und Sie werden einsehen, daß Sie vom Wege abgekommen sind und sich verbiestert haben. Solange man verliebt ist, ist es anders; aber das hält nicht vor, ist also ein plumper Schwindel von der Natur, die euch damit ihren Zwecken dienstbar macht. Und ist die heiße Liebe abgeblüht, dann gibt es einen Kompromiß mit den notwendigen Kompromißverständnissen. Kein Mensch kann aus seiner Haut heraus, keiner sein Ich dem anderen geben, Mann und Frau sich nicht, Eltern und Kinder sich nicht.« Sein Herz wehrte sich gegen diese Worte, aber es konnte nichts Triftiges darauf erwidern, und ihm wurde kalt vor Einsamkeit. »Leben wir den bloß, um uns fortzupflanzen?« fragte er. Das Soldatenheim brachte ihm aber so viele Arbeit, daß er keine Zeit behielt, sich zu bedauern. Auch Ärger brachte ihm der Auftrag, denn der kommandierende Genral, ein straffer, kurz angebundener Herr, machte wiederholt Versuche, ihn in der Wahl der Stoffe zu beeinflussen, bis Hagenrieder die Geduld riß und er sagte: »Nach dem letzten Willen meines Freundes habe ich unbeschränkte Vollmacht! lehne ich den Auftrag ab, so fällt das ganze Unternehmen.« Da ließ ihn der General in Ruhe. Hagenrieder arbeitete nun darauf los, wie es ihm gefiel. Er hatte in der Garnison einen tüchtigen jungen Baumeister gefunden, dem er trotz aller Quertreibereien der einflußreichen Klüngelkreise den Bau gab. Er hatte ihn gefragt, wie er sich das Haus denke: »Einfach und gemütlich,« hatte Kolden geantwortet, und der Maler erwidert: »Sie sind mein Mann.« Als der Bau fertig war, gefiel er ihm so sehr, daß er voller Freude an die Arbeit ging. Er verzichtete vollkommen darauf, die Wände mit Schlachtenbildern zu bedecken; er malte Landschaften mannigfachster Art, in deren Vordergründen der Bauer bei der Arbeit dargestellt war. Nur die Hauptwand des Vortragssaales bekam ein Bild anderer Art, eine weite Herbstheide, rechts und links von goldenen Birkem umschlossen, und über die Heide ritt an der Spitze seiner Reiter, die wie Schatten aus dem Frühnebel auftauchte, der König als oberster Kriegsherr. »Ich habe immer gedacht, Uniformen könne man nicht malen,« sagte Kolden; »ich habe mich geirrt.« Der Maler lachte: »Ja, ohne die Eselsbrücke mit dem Nebel wäre es auch nicht gegangen.« Aber er freute sich selber, daß das Bild ein Kunstwerk geworden war, und als der kommandierende General ihm die Hand schüttelte und sagte: »Ganz recht von Ihnen gewesen, daß Sie sich mein Dreinreden verbaten; Sie haben alle meine Bedenken schlank übergeritten,« da fühlte er, wie ihm das Gesicht heiß wurde. Am Tage darauf war er bei dem General zu Tisch geladen. »Sagen Sie mal, was haben Sie eigentlich,« fragte der ihn beim Braten; »machen immer so hinterhältsche Augen. Auf ihr Wohl!« Helmold lachte und sagte: »Schlechte Kinderstube, Exzellenz!« Nach aufgehobener Tafel überreichte er dem Gastgeber ein gestempeltes Schriftstück. Der alte Herr, der drei Feldzüge mitgemacht hatte, zog die Augenbrauen immer höher, je länger er las, und ließ sogar seine Zigarre ausgehen. Dann legte er das Aktenstück auf den Tisch, schlug mit der Hand darauf, sah seine Frau, den Adjudanten, den Baumeister und dann den Maler an, holte tief Luft und stöhnte: »na, das muß ich aber sagen; besser konnten Sie es mir gar nicht geben. Hört mal, Kinder: unser Freund hier verzichtet auf das ganze Honorar zugunsten des Militärhilfsvereins. Pff! Ich muß einen Kognak trinken. Erst Gänsebraten und dann der Schreck!« Hagenrieder hatte die Schenkung gemacht, weil eine wahrscheinlich von den Klüngelkreisen beeinflußte recht minderwertige Zeitung eine Andeutung gemacht hatte, als habe er Samlitz bewogen, ihm den Auftrag zuzuwenden, und dann war ihm auch zu Ohren gekommen, daß an einigen Stammtischen gesagt war, mit dem vierten Teile der Summe wäre seine Arbeit reichlich bezahlt. Er lachte aber nur, als er einige Zeit darauf das plumpe Lob las, das ebendiese Zeitung vor seiner Hoteltür ablud, und als er mit den Leuten zusammen kam, von denen er wußte, daß sie ihm von hinten gegen den Rock gespuckt hatten, ließ er es sie nicht merken, daß er genau darüber unterrichtet war. Aber als er mit ihnen anstieß und ihnen freundlich zunickte, dachte er: »Ach ja, ich kann mich sogar diesem Gesindel gegenüber beherrschen; was hätte es mir früher für einen Spaß gemacht, ihnen die Reißzähne zu zeigen. Man wird alt.« Zu der Einweihung des Soldatenheimes erschien der König selbst. Er zeichnete Hagenrieder sehr aus und ließ sich sagen, welche Absicht er gehabt habe, daß er bis auf das eine Bild lediglich bäuerliche Arbeit dargestellt habe. »Ja,« erwiderte der Maler, »Majestät, gedacht? Ich denke beim Malen nicht. Aber ich hatte so das Gefühl: du malst für Soldaten, und mußt ihnen das Komplement zum Soldatenleben geben.« Der König sah ihn ernst an, nickte mehrere Male und sagte: »Ich glaube, Sie haben das Richtige getroffen. Anfangs stutzte ich, als ich unter dem Hauptbilde im Lesezimmer den Spruch des großen Korsikaners las: \>Den Acker bestellen, das ist der wahre Beruf des Menschen\<, denn er wirkt unwillkürlich wie ein Witz, und ob der Mann das ehrlich gemeint hat, ist noch fraglich, denn seine Sankt Helenaer Aussprüche schmecken zum Teil sehr nach Kaptatio benevolentiae. Aber eine Wahrheit wird darum nicht entwertet, wird sie nicht aus ehrlicher Absicht gesagt.« Er betrachtete dann aufmerksam das Gemälde im Vortragssaale, sprach aber nur von der Landschaft und wandte sich zu dem Baumeister. Hagenrieder bekam die nächste Klasse des Ordens, den er schon besaß, und beim Geburtstage des Königs wurde ihm der Adel, den seine Vorfahren abgelegt hatten, wieder verliehen. Er holte Hennecke ab: »Komm mit nach Stillenliebe, Hennig.« bat er; »es ist nicht zum Aushalten; jeder Ochse tut so, als wenn ich auf einmal ein anständiger Mensch wäre. Ich komme mir wahrhaftig beinahe selber schon so vor.« Auf dem Bahnsteige begegnete ihm Kommerzienrat Britting mit seiner Frau Meinholde geborene Marten. Sie war noch schöner geworden und sah den Maler so an, daß Hennecke dachte: \>Dunnerkiel!\< Er sagte jedoch nichts. Er hatte seinen Freund und sie vor Jahren einmal im Walde getroffen, Helmold aber nie nach ihr gefragt. Der grüßte höflich wieder, ohne den heißen Blick zurückzugeben. Zwischen ihm und ihr hatte sich beinahe eine Liebschaft angeknüpft, und es wäre ihm leicht gewesen, das Mädchen ganz zu gewinnen. Da bemerkte er bei einer Gesellschaft, daß sie mit einem häßlichen Blick nach dem Nacken seiner Frau sah. »Unverschämtheit!« hatte er gedacht, und sie fortan gemieden. Während der Zug durch das herbstliche Land schnaufte, dachte er an alles das, was ihm im Leben entgangen war, aber mit demselben Gleichmute, wie an das, was es ihm beschert hatte. »Du,« sagte Hennig, und hielt ihm die Zeitung hin, »die Prinzessin hat sich verlobt.« Sein Freund nickte; das rührte ihn nicht mehr als das Adelsprädikat, als Meinholdes einladender Blick, als das ganze Leben mit allem seinem Drum und Dran. Er erschrak sogar recht wenig, als er Annemieken wiedersah; sie hatte eine verdächtige Glut in den Augen, auf jeder Backe einen kreisrunden roten Fleck, und ihr Husten war hart und trocken. Er sagte ihr, sie solle sich einmal gründlich untersuchen lassen, und er wollte sie gern nach dem Süden schicken, aber sie wehrte ab: »Das geht vorüber. Und mich vor dem Doktor nackig ausziehen, ich müßte mich ja totschämen. Und unter fremde Leute kann ich schon gar nicht gehen.« Als er abends mit Hennecke im Jagdhause vor dem Kamin saß, wunderte er sich, wie stumpf er geworden war. »Sehe ich sehr alt aus, Hennig?« fragte er ihn. »Du alt?« erwiderte der lachend: »Mann in den besten Jahren! Ordentlich heiratsfähig siehst du aus!« Helmold aber dachte: »Das ist bloß äußerlich; mein Herz wird immer knickebeiniger.« Nachtspuk Die Brennhexe lag im Moore und schlief; da kam der Südwestwind angegangen und kitzelte sie mit einem Grashalme in der Nase, so daß sie niesen mußte, und davon wachte sie auf. Sie gähnte, reckte sich, schüttelte ihre Röcke zurecht, klopfte die Schürze glatt, lächelte, wiegte den Kopf hin und her und begann zu tanzen, daß der feuerrote Rock und die gelbe Schürze wie Flammen leuchteten. Da sah sie dort, wo zwischen den Birkenbüschen Wasser blitzte, einen hellen Fleck, und das war ein menschliches Angesicht, und es gehörte zu einem Manne im grünen Rocke, der mit der Büchse auf dem Rücken langsam dahinging. »He du!« rief die Brennhexe und winkte ihm, aber Helmold Hagenrieder hörte nicht. Er blickte gerade aus, denn er sah einen mit Kienruß schwarz gemachten Sarg, und darin ein weißes Gesicht, und zwei wachsgelbe Hände, die einen Rosmarinstrauch in Händen hielten, Hände, die so ihn manche Nacht lieb gehabt hatten, wenn er des Stadtlebens unter dem Osterhol eingekehrt war. Es war keine Trauer in ihm, sondern nur ein Mitleid mit sich selber, daß er jetzt niemand mehr hatte, dem er sagen konnte, daß sein Herz unter der Erde läge, unter einem Hügel, auf dem ein Brett stände mit der Inschrift: »Es ruhe in Unfrieden.« Gleichmütig rauchte er seine Pfeife. »Herr Geheimer Hofrat Senator Professor Helmold von Hagenrieder, erster Vorsitzender des Kunstvereins, Ehrenmitglied der Kunstgenossenschaft, Inhaber von einem halben Dutzend goldener Ehrenmünzen und Staatspreisen, Ritter hoher Orden, wissen Sie, was Sie sind, Verehrtester?« sagte er zu sich und sah sich spöttisch an: »erinnern Sie sich noch jenes Ligusterschwärmerweibchens, das Sie als zwölfjähriger Bengel fingen, mit Schwefeläther töteten, nadelten und aufspannten? Als Sie nach vier Tagen das Spannbrett vom Schranke nahmen, bewegte der Schmetterling ruhig und besonnen den Hinterleib hin und her und entledigte sich seiner Eier, obgleich sein Vorderleib gänzlich abgestorben war. In dem selben Zustande, mein Lieber, befinden Sie sich; ruhig und besonnen schaffen Sie ein Kunstwerk nach dem anderen, aber nur mit Kopf und Hand, denn Ihr Herz ist längst tot.« Das sah die Brennhexe auch ein. Sie war ganz dicht hinter ihm gewesen, aber als sie sein Gesicht sah, machte sie eine verächtliche Bewegung mit der Hand und blickte sich nach einem anderen Tanzeschatz um, dessen Augen nicht so kalt aussahen, wie Moorwasser im März. Da sie aber immer noch so hübsche Beine hatte, wie damals, als sie denselben Mann quer durch das Moor gehetzt hatte, so war der Torf wieder lichterloh verliebt, geworden, und Helmold Hagenrieder mußte machen, daß er weiter kam, denn das Feuer rückte ihm von drei Seiten auf den Leib. Dieweil er aber den Springstock nicht bei sich hatte, so wurde es ihm schwer, die Moorgräben zu nehmen, so daß er schließlich in einem Abstich springen und bis an den Hals untertauchen mußte. Ziemlich lange mußte er im Wasser bleiben, obgleich ein Schauer nach dem andern ihn schüttelte, denn er war unfrisch und müde. Er war, nachdem er Annemieken die letzte Ehre erwiesen hatte, die ganze Nacht aufgeblieben und hatte sich mit dem Monde unterhalten; er hatte in der Backenstube neben der Feuerstelle gesessen und der Mond hatte sich in den Spinnstuhle niedergelassen. Es war kalt gewesen in der Nacht, denn das Feuer war ausgegangen, und das Spinnrad stand still. Es sah wie ein Gespenst aus, und der Kesselhaken hatte ein trauriges Gesicht. »Ja, ja, Kerl,« hatte der Mond gesagt, »es nimmt eben alles einmal ein Ende; auch ich war einst jung, hatte ein rotes Herz und Gedanken, so grün wie Maibaumlaub zur Pfingstzeit. Das ist schon manchen Donnerstag her, und mir ist so, als wäre das alles nicht wahr, die vulkanischen Träume meiner Jugend und meines Mannesalters Ebbe und Flut. Aber so stehe ich mich schließlich doch besser; man hat keine Hoffnungen mehr, aber auch keine Enttäuschungen. Sei froh, Kerl, daß es dir ebenso geht!« Sein Freund hatte sich eine neue Pfeife gestopft und nichts gesagt, so daß der Mond geärgert aufstand und fortging. Helmold hatte gegen Morgen ein Glas kalte Milch getrunken, ein Stück Brot gegessen und war auf die Frühpürsch gegangen; doch machte ihm das Weidwerken gar keine Freude. »Lebendiges Leben ist so schön,« sagte er sich, als er den Hauptbock in der Wiese stehen sah, wie eine Flamme in der ersten Sonne leuchtend; »lebe und liebe, du adelig Getier, bis deine Zeit um ist. Ich weiß, was es heißt, zu sterben vor der Zeit, die einem bestimmt ist!« Er hatte sich umgedreht und war weiter geschlichen. »Es ist immer dasselbe,« dachte er; »der Himmel ist blau und die Sonne gelb. Man müßte eigentlich einmal in ein Land gehen, wo der Himmel weiß und die Sonne schwarz ist, oder dahin, wo eine weiße Sonne in einem schwarzen Himmel steht. Ein wie das andere Jahr blüht das Moor im Spätsommer rosenrot; hinterher werden die Birken gelb; dann kommt der Schnee, und so geht es in derselben langweiligen Weise weiter. Das kenne ich nun ein halbes Jahrhundert lang und bin seiner satt. Und mit Liebe und Haß ist es ebenso: erst rot, dann gelb, dann braun und zuletzt weiß, immer in derselben eintönigen Art; ich mache mir nichts mehr daraus.« Er fuhr nach Hause. »Du siehst nicht gut aus, Liebster,« sagte seine Frau. »Bißchen erklältet,« antwortete er und ging an seine Arbeit. Er lebte in stiller Tätigkeit drei Tage hin, bis ein heftiges Kopfweh, Schüttelfrost und Fieber ihn zu Bette brachten. In der Nacht wachte er auf und sah den grauen Engel vor seinem Bette sitzen. »Meinetwegen!« sagte er zu ihm. Eine alberne Angst kniete ihm auf dem Herzen, würgte ihm am Halse und schlug ihn, daß ihm der Kopf zu zerspringen drohte, er weckte seine Frau aber nicht, um sie nicht zu ängstigen. Am Morgen sah er so elend aus, daß Grete Beni Benjamin herbeirief. Der untersuchte ihn, runzelte die Stirn und sprach nachher zu Frau Hagenrieder: »Es steht recht schlimm; doppelseitige Lungenentzündung. Bereiten Sie sich auf alles vor, liebe Freundin. Und lassen Sie Hennig rufen.« Am Nachmittage des dritten Tages, nach dem Helmold sich niedergelegt hatte, gab der Arzt keine Hoffnung mehr. »Trösten Sie sich, Frau Hagenrieder,« sagte er: »er hat alles erreicht, was einem Menschen beschieden sein kann, und mehr gelebt, als wenn er hundert Jahre alt geworden wäre.« Der Frau liefen stumme Tränen über das Gesicht. »Nein,« erwiderte sie und schüttelte den Kopf, »nein, das hat er nicht.« Sie seufzte auf begann wieder: »Lieber Hennig und bester Herr Doktor, was meinen sie, soll ich nicht Swaantje telegraphieren? Vielleicht ist es ihm eine Freude, sie noch einmal zu sehen.« Der Arzt sah Hennecke an und dieser ihn. »Er hat von ihr kaum mehr gesprochen,« antwortete Hennig, und Benjamin setzte hinzu: »Auch in seinen Fieberdelirien nicht. Ich glaube, er denkt nicht mehr an sie. So ist es wohl besser, wir stören ihn nicht beim Einschlafen.« Hennecke aber fragte: »Wann kann sie spätestens hier sein?« »Morgen mittag,« antwortete sie. »Dann hat es keinen Zweck mehr,« dachte der Arzt, »denn er überlebt die Nacht nicht mehr.« Dann schwiegen die drei Menschen und sahen mit leeren Augen aneinander vorbei. »Grete,« flüsterte es im Nebenzimmer. »Helmold?« rief die Frau, nötigte ein Lächeln auf ihr Gesicht und ging zu ihrem Gatten. Seine Augen waren ganz klar. Er griff schwach nach ihrer Hand; sie gab sie ihm, und er drückte sie. »Es ist alles in Ordnung,« murmelte er, »das Testament und das andere. Weißt du mit den Kindern,« er schloß die Augen, »nicht Bescheid, Hennig, hilft dir, und Beni auch.« Sie flüsterte ihm zu: »Sollen die Kinder kommen?« Er winkte mit den Augen ab und hauchte: »Schlafen lassen!« Er fing an zu keuchen und wand sich hin und her. »Kommen Sie,« sagte der Arzt und führte die Frau hinaus, denn er sah, daß es zu Ende ging. Der Kranke keuchte immer schwerer und murmelte bald laut, bald leise. »Alles in Ordnung, alles, alles,« flüsterte er; mündelsicher angelegt.« Seine Stimme starb, und sein Atem schlief ein. Noch einmal stieß sein Leben den Tod zurück: »Bravo, Prinz!« murmelte er; »er hat die Kugel zwölf Ring, der Hirsch. Frau Pohlmann, einen können wir noch!« Er hielt an und flüsterte: »Klaus, wollen eins singen!« Wie aus weiter Ferne klang es: »Ein Jägermädchen, das trägt ein grünes, grünes Kleid.« Sein Kopf fiel herum; der Arzt sah, daß die Augen gebrochen waren. »Annemieken!« flüsterte der Sterbende, und die Steppdecke zitterte. Der Arzt horchte eine Weile, murmelte etwas, drückte dem Toten die Augen zu, zog die Bettdecke zurecht und ging hinaus. Es war ein Uhr in der Nacht, als er das Haus verließ; Hennig blieb zurück, damit die Frau nicht allein mit dem Toten wäre. Als der Arzt am anderen Vormittage zurückkehrte, fand er Swaantje Swantenius bei Frau Hagenrieder. Er begrüßte sie kühl, und Hennecke, der bald darauf auch kam, benahm sich noch kälter gegen sie. Zwei Tage später wurde Helmold Hagenrieder begraben. Wagen auf Wagen folgte dem Sarge, und Hunderte von Männern zu Fuß gingen hinter ihm her. Als der Geistliche die Leichenrede hielt, wurde er fast verwirrt, denn noch niemals hatte er ein so verschiedenartiges Gefolge gesehen. Die höchsten Staatsbeamten, das ganze Stadtverordnetenkollegium samt dem Magistrate waren zugegen, viele Offiziere, Förster und Jagdaufseher und eine lange Reihe von Bauern und Landarbeitern mit ihren harten Gesichtern und unmodischen Hüten. Der Himmel war von einem abgeschmackten Grau, ein langweiliger Wind ging, und mit blassem Gesichte stand der Mond am Himmel und sah mit gleichgültigen Augen auf die Menschen, die das Grab umgaben, und als sie sich verkrümmelten, lächelte er ein bißchen spöttisch über den Wall von kostbaren Kränzen, der die Stätte bedeckte, wo Helmold Hagenrieders leerer Leib lag; denn dessen Seele war gänzlich verschwunden, weil sie schon vor dem Tode ihren Inhalt verloren hatte. »Ein schöner Blödsinn,« dachte der Mond, schüttelte den Kopf und verzog sich bis auf weiteres. In der Nacht aber suchte er Swaantje Swantenius auf. Sie lag ohne Schlaf in ihrem Bette und lauschte auf das, was die Stille sprach, und sah, was die Dunkelheit ihr ließ. Die Stille sang ein höhnisches Lied, und die Dunkelheit hielt ihr Helmolds Gesicht hin. Sie streckte die Hände danach aus und flüsterte: »Ich habe dich so oft heimlich lieb gehabt, so oft; hast du es nie gefühlt?« Aber das weiße Gesicht starrte sie an, als wäre sie nicht da. Bittend sah sie den Mond an: »Du warest sein guter Freund, du weißt alles von ihm; denkt er noch an mich, weiß er noch von mir?« Der Mond sah sie nicht einmal an. Sie schlief die ganze Nacht nicht und reiste am ändern Morgen ab, worüber Frau Hagenrieder sich sehr wunderte. Die Häuser von Ohlenhof Der Roman eines Dorfes Der neue Krug Gleich am Eingange des Dorfes hinter der Brücke zur linken Hand liegt, von vier schönen alten Linden halb verdeckt, ein großes, rotes, strohgedecktes Haus, der neue Krug genannt. Es ist schon fast ein Mandel Jahre her, daß dort Schankwirtschaft betrieben wurde, aber das Haus heißt heutigentags noch der neue Krug. Es ist jetzt Eigentum des Tischlers Bünger. Als der vorvorige Besitzer der Wirtschaft, der Krüger Tormann, und seine Mutter, Frau, Sohn und zwei Töchter hintereinander am Typhus wegstarben und weitläufige Verwandte das ganze Wesen erbten, kaufte ein Mann aus der Dannenberger Gegend namens Peter Lemke das Haus und den Garten mit etwas Land. Es war ein freundlicher Mann, und so, wie er, war auch seine hübsche, dicke Frau. Das Ehepaar führte das Geschäft in der alten Weise weiter, hielt sich vorsichtig zurück, bis zwischen ihm und den Bauern von selber ein freundschaftliches Verhältnis herauskam, und in fünf Jahren war es, als wenn Lemkes zu dem alten Stamme gehört hätten. Die Bauern waren mit ihrem neuen Krüger zufrieden, zumal es im Blauen Schimmel von Tag zu Tag ungemütlicher wurde. Ein vernünftiges Glas Bier gab es bei Schimmelberg nicht, immer nur Flaschenbier nach der alten Weise, der Schnaps war meist warm, und die Zigarren scheußlich. Ludjen Schimmelberg ließ es seine Gäste zu sehr merken, daß er die Schankwirtschaft nur betrieb, weil er sie erheiratet hatte, und daß ihm an seiner Ackerwirtschaft allein etwas lag; und seine Frauensleute hatten mit dem Vieh mehr als genug zu tun, so daß sie sich um die Gäste auch nicht viel kümmerten. Der neue Krüger kam langsam, aber sicher vorwärts. Er paßte scharf auf, und sah er, daß sich etwas für seine Wirtschaft oder sein Geschäft lohnte, so nahm er es an. Vorsichtig gewann er den Lehrer für die Gründung eines Gesangvereins; das gab einen Abend im Monat eine volle Gaststube mehr. Er steckte sich hinter den Schmied, der für alles zu haben war, was ihn vom Blasebalg abzog, und der brachte einen Kriegerverein zusammen. Das brachte wieder einen Abend im Monat eine volle Gaststube. Er stellte ein Musikinstrument auf, damit sich das junge Volk Sonntags die neuesten Walzer vorspielen lassen konnte, und schließlich baute er sogar einen Saal. Da er nach Wendenart in allem langsam und bedächtig vorging, stieß er niemand vor den Kopf. Um zehn Uhr war in der Woche für die Einheimischen Feierabend; darauf hielt er strenge; die Jäger und andere Fremde durften bis elf Uhr aussitzen. Wenn Kordes, der Schmied, seinen tollen Tag hatte, oder wenn der wilde Meyer aus Krusenhagen vorfuhr und mit dem Gelde um sich warf, so sorgte er dafür, daß es kein Ärgernis gab. Er behandelte alle Leute vom Landrat und Pastor bis zum Häusling und Knecht gleich freundlich, wußte aber, durch kleine Abstufungen in seinem Benehmen das richtige Maß zu halten; denn er war früher herrschaftlicher Diener gewesen. Waren gab er an sichere Leute auf Borg, Getränke an niemand. Er protzte nie, aber wenn es darauf ankam, knauserte er auch nicht. Mit der Zeit hob sich sein Geschäft so sehr, daß das alte Haus nicht mehr genügte. Da er als sicherer Mann galt, wurde es ihm nicht schwer, sich von Kassen, dem Müller, und von dem Vollmeier Hillmann den Rest des Baugeldes zu verschaffen. Er riß das alte, baufällige Haus ab und stellte einen stattlichen Neubau hin, der eine freundliche Gaststube, ein Vereinszimmer, einen hübschen Laden und im Dachgeschosse drei Fremdenzimmer enthielt, die er sofort an Sommerfrischler vermieten konnte. Zwei Jahre darauf getraute er sich, einen großen neuen Saal zu bauen. Auch hierzu gab ihm Hillmann eine Hypothek. Einer der Jagdfreunde des Pächters der Gemeindejagd war Schriftsteller. Dieser Herr verbrachte seinen ganzen Urlaub in Ohlenhof, und Lemke machte es ihm so gemütlich, daß der Gast durch einige Schilderungen, die in großen Zeitungen erschienen, viel Ausflügler und Sommergäste in das Dorf führte, darunter einen Maler, der seine ganze Schule, über zwanzig Menschen, mitbrachte, die nun drei Monate im Dorfe wohnten und bei Lemke Mittag aßen. Da es alles nette, sinnige Leute waren, hatten die Bauern ihre Freude an ihnen. Eines Tages, als Lemke in aller Frühe an dem Kanal entlang ging, um nach seinen Aalkörben zu sehen, hörte er am herrschaftlichen Holz einen Schuß fallen und sah nach einer Weile den Schmied Kordes, der die kleine Schimmelbergsche Eigenjagd in Pacht hatte, mit einem Rehbock im Rucksacke durch das Bruch kommen. Als Kordes schon dicht bei dem Dorfe war, kam der Kätner Oltmann aus dem herrschaftlichen Holze, und als der verschwunden war, kam der herrschaftliche Förster auf seinem Rade den Heidweg heruntergefahren, erkundigte sich danach, wie viel Aale Lemke gefangen habe, und meinte, nach dem über dieses und das geredet war: »Na, Kordes hat sich wohl heute morgen einen Bock geholt!« Lemke dachte nichts Arges und sagte, daß der Schmied mit einem Bocke auf dem Rücken durch das Bruch gekommen sei, und als der Förster weiter fragte, bestätigte er ihm auch, daß der andere Mann Oltmann gewesen sei. Eine Stunde später fuhr der Gendarm aus Krusenhagen an dem neuen Kruge vorüber, und bald darauf hörte Lemke, daß der Gendarm in Begleitung des Försters bei Kordes Haussuchung gehalten und den Bock beschlagnahmt hätte. Lemke wurde das Herz schwer, denn ihm war so, als habe er eine große Dummheit gemacht, daß er dem Förster seine Beobachtung offenbart hatte. Er hatte einmal so etwas gehört, als nähme es der Schmied mit der Grenze nicht so genau, trage vielmehr den Grenzstein in der Tasche, aber er hatte nicht weiter darauf zugeschlagen. Als nun der Gendarm und der Gutsförster bei ihm eintraten und ihn baten, ob sie ihn nicht einen Augenblick allein sprechen könnten, wurde er ganz blaß und führte sie schnell in das Vereinszimmer; denn in der Gaststube saß der Kätner Meyer, und was der hörte, das hörte auch Schmied Kordes, denn die beiden waren Vettern. Der Gendarm stellte ein kurzes Verhör mit dem Krüger an, und so sehr sich dieser auch wand, er mußte angeben, wo der den Schmied gesehen hatte. Dabei fiel es ihm ein, und sein Herz wurde ihm darüber noch schwerer, daß das Stück Bruch vor dem herrschaftlichen Holze nicht mehr zu der Schimmelbergschen Jagd gehöre, daß Kordes also gewildert hatte. Er sollte bald merken, daß ihn seine Ahnung nicht betrogen hatte. Zuerst fiel es ihm auf, daß Meyer sich nicht mehr sehen ließ, denn der kam sonst jeden Abend eine Stunde. Auch der Schmied ließ sich nicht sehen, sein bester Gast. Die anderen Stammgäste kamen wohl, aber sie blieben nur kurze Zeit und verhielten sich recht kühl, wie es den Krüger deuchte. Am nächsten Tage um drei Uhr, zu einer ganz ungewohnten Zeit, erschien der Müller, saß lange bei seinem Schnapse, sprach dann von der Heuernte, vom Wetter, von seinem Aalfang und von dem Schaden, den ihm die Rehe in seiner Besamung getan hätten und kam schließlich auch auf den beschlagnahmten Rehbock, wobei er so bei Wege meinte, man könne auch zu scharfe Augen haben, und es wäre schlimm, daß bei einem Manne aus dem Dorfe eine Haussuchung vorgenommen worden sei. Übrigens könne man vom Kanal aus nicht sehen, ob der Schmied aus dem herrschaftlichen Bruche gekommen sei. Dabei sah er den Wirt scharf an, was sonst nicht seine Art war, denn meistenteils sah Kassen mit kleinen Augen vor sich hin. So wie Kassen redeten in den nächsten Tagen die anderen gelegentlich auch, denn wenn der Schmied auch ein leichter Hund war, er stammte aus einer alten Familie und hatte eine große Freundschaft im Dorfe. Lemke nahm sich nun auch vor, seine Aussage möglichst so einzurichten, daß sie zugunsten des Schmiedes ausfalle. Er atmete auf, als alle seine Gäste wieder antraten, sogar der Schmied kam wieder, gab viel aus, schimpfte auf den Förster, der sich im Morgennebel versehen hätte, und meinte, Lemke hätte doch genau sehen können, daß der mindestens hundert Schritt von der Grenze weggeblieben sei. Schließlich glaubte der Krüger das selber. Aber als er auf dem Gerichte vernommen wurde, und der Förster einen genauen Plan des Tatortes vorlegte, da mußte er zugeben, daß Kordes hinter und nicht vor den Ellernbüschen über das Bruch gekommen sei. Vier Wochen hinterher fand eine Ortsbesichtigung statt, und in ihr mußte der Krüger trotz aller Ausflüchte und aller Hinweise auf den starken Nebel und sein Augenleiden zugeben, daß er den Schmied hinter den Ellernbüschen hatte gehen sehen. Sowohl nach der Vernehmung wie auch nach der Ortsbesichtigung konnte Lemke die Nacht nicht schlafen. Er merkte es auch sofort, wie die Stimmung im Dorfe war. Der Verkehr in der Gaststube ließ nach, im Laden wurde weniger gekauft, man grüßte ihn mit nachlässiger Kälte, übersah ihn auch wohl ganz. Als der Tag der Aburteilung herankam, war ihm sehr elend zumute. Es regnete, und der Wind pfiff, und so kam er naß und verfroren auf dem Gerichte an. Der Schmied war in bester Laune; er scherzte und versuchte sogar ein harmloses Gespräch mit dem Gutsförster und dem Gendarm, hatte aber bei beiden kein Glück damit. Sein Vetter, der Kätner Meyer, stand gedrückt neben ihm. Er war ebenfalls angeklagt. Ab und zu warf er dem Wirte einen prüfenden Blick zu. Endlich löste er sich von der Wand, trat an ihn heran und meinte leise, nach dem er erst von dem Wetter geredet hatte, daß das Schwören eine gefährliche Geschichte sei, und man tue am besten und lasse die Hand ganz davon. Und dann sprach er laut von den Schweinepreisen. Lemke verstand nicht, was Meyer eigentlich meinte, und als ihn der Richter aufforderte, seinen Zeugeneid abzulegen, tat er das, ohne zu wissen, was er tat. Alle seine Versuche, seine früheren Aussagen abzuschwächen, fielen unter dem Verhöre des Richters in das Wasser. Eine Ohnmacht aber kam ihn an, denn er hatte vor Aufregung so gut wie nichts gegessen, als er den Urteilsantrag hörte. Wie im Traum, wie aus weiter Ferne vernahm er, daß der Vertreter der Staatsgewalt von bandenmäßigem Wilddiebstahle sprach und Gefängnisstrafe beantragte, und als das Gericht dem Antrage stattgab, da war ihm zumute, als wäre er selber, und nicht der Schmied, abgeurteilt worden. Er war es auch. Auf dem Flure gingen die beiden Verurteilten an ihm vorbei, ohne ihn zu grüßen. Der Förster hatte das Urteil nach dem Gute telephoniert, und von da war es eher nach Ohlenhof gekommen als der Krüger. Als er über die Brücke ging, begegnete ihm Arbeiter Müller, der bei ihm einen ganz hübschen Posten Schulden hatte. Aber er grüßte so nachlässig wieder, als läge der Fall umgekehrt. Am nächsten Tage war Sonnabend; ein paar Bauernsöhne aus Moordorf, die zu Rad nach Krusenhagen wollten, tranken einige Glas Bier; sie sagten, auf der Rückfahrt sprächen sie wieder vor. Am Nachmittage aber fuhren sie vorbei, ohne einzukehren. Unterdessen kamen Lemkes Kinder weinend aus der Schule. Hillmanns Jungen hatten sie ausgeschimpft. Das war noch niemals vorgekommen. Späterhin fütterte ein Mann aus Horst, der Torf nach der Stadt gefahren hatte, seine Pferde vor dem Kruge und trank einen Schnaps. Gegen Abend kam der Gemeindehirt auf eine Viertelstunde. Sonst kam niemand als ein paar Kinder, die Petroleum und Streichhölzer auf Borg nahmen. Am Sonntagmorgen ließen sich nur auswärtige Radfahrer im neuen Krug sehen. Nachmittags kam Lemkes Kleinmagd und sagte: im Blauen Schimmel sei Bauerntag; alle Vollmeier seien mit ihren langen Stöcken in den alten Krug gegangen und die Halbmeier und Kätner und die Brinksitzer und Anbauern auch, und sogar von Krusenhagen und Moordorf und Horst und Howe und Fladder wären welche dabei. Es wäre wegen der Abgrenzung im Gemeinheitsmoor, habe Ludewigs Knecht gesagt. Den Krüger überlief es kalt; er wußte, um was es sich handelte. Nicht umsonst hatte Hillmann, als er zur Kirche fuhr, steif an der Wirtschaft vorbeigesehen, obwohl Lemke am offen Fenster stand und grüßte. Am Abend blieb der Krug leer. Der Krüger versuchte, sich Trost einzureden. Mit der Zeit, meinte er, würde sich alles wieder zuziehen. Aber es blieb in den nächsten Wochen, wie es war. Die Kinder weinten, wenn sie zur Schule sollten; die anderen Kinder gingen ihnen aus dem Wege oder ärgerten sie. Lemke sprach mit dem Lehrer darüber; der zuckte die Achseln und meinte: »Das ist ein Übergang.« Aber es war ein Übergang zum Schlimmen. Erst kündigte die kleine Magd den Dienst auf, dann die Großmagd. Beim Tanzfest in Moordorf hatte kein Mensch mit ihnen getanzt. Der Gesangverein ließ die Noten abholen; in Lemkes Saal sei keine Akustik, hieß es. Der Kriegerverein blieb fort und ging zu Schimmelberg, weil der drei Feldzüge mitgemacht habe und Lemke keinen. Lemke versuchte alles, um sich zu behaupten. Er sprach hier und da vor, aber er stieß auf kalte Gesichter und kühle Antworten. Er ging sogar zu dem Kätner Meyer und stellte ihm vor, daß er doch nicht anders habe handeln können. Meyer bot ihm noch nicht einmal einen Stuhl an und kramte in der Dönze herum. Beim Schmied fiel es nicht anders aus. Kordes spielte den unschuldig Verurteilten und warf dabei hin, wie er dazu käme, sein Geld dahin zu tragen, von wo sein Unglück gekommen wäre. Vollmeier Hillmann hörte ihn kaum an und hatte fortwährend den Knechten zu befehlen, und als Lemke gerade gehen wollte, sagte er ihm: »Daß ich es nicht vergesse: ich brauche dringend bar Geld und muß dir die Hypothek kündigen.« Und nach acht Tagen kündigte ihm der Müller die Hypothek auch auf. Bis zum Frühjahr schleppte sich der Krüger noch hin. Dann brach er zusammen. Eine Erkältung warf ihn auf das Bett. Seine Frau lief nach Krusenhagen zum Pastor und bat ihn, die Bauern umzustimmen. Das versuchte der Geistliche auch. Er lud am nächsten Sonntag die Ohlenhofer Vollmeier und den Müller nach der Kirche zu einem Glase Wein bei sich ein. Das war eine große Ehre, denn der Pastor war gerade so sparsam mit seinen Gunstbezeugungen wie die Bauern selber. Aber als er vorsichtig und von hinten herum, denn er war selbst Bauernsohn, mit seinem Anliegen herauskam, da wurden die Gesichter ernst und die Augen starr, und Dies sagte: »Herr Pastor, der Mann bildet sich was ein. Wir haben ihm die ganze Zeit Verdienst gegeben und Schimmelberg ganz abseits liegen lassen. Das ging so nicht weiter. Und das mit meiner Hypothek? Ja, Herr Pastor, ich habe meine Tochter freien lassen, und wenn das junge Volk freit, muß das alte Haare lassen.« Der Müller aber sagte: »Und ich habe bauen müssen, Herr Pastor, denn daß meine alte Mühle abgebrannt ist, das wissen Sie wohl. Und bauen kostet Geld. Und so dicke habe ich es nicht.« Und Lohmann sagte: »Überhaupt alle die Sachen, die Lemke angab, das mit dem Gesangverein und dem Kriegerverein, das bringt das junge Volk von der Arbeit und von der Religion ab.« Und Sweer stotterte: »Ja, und dann, Heheherr Pastor, und all das fffremde Vvvolk, das er uns in das Dorf schleppt, ist das wohl was? Diese Malersleute? Was sollen wir damit? Sie sind ja soweit ganz nett, aber sie bringen zu viel Unruhe in das Dorf. Wwwir wwwollen fffür uns bleiben.« Und Dies knurrte: »Sweer hat recht. All diese feinen Herren und Fräuleins setzen unsern Kindern Unsinn in den Kopf. Wir brauchen die Leute nicht; wir leben so. Es wäre besser gewesen, dieser Lemke wäre geblieben, wo er war, für uns war es besser und für ihn. All diese Witze mit nackigt baden am hellichten Tage, wie die Malers das betreiben, sie denken sich nichts dabei, aber wir sind das nicht gewohnt und nehmen ein Ärgernis daran. Nicht, daß ich sagen will, daß es nicht ordentliche Leute sind, aber sie sind von anderer Art. Und wir wollen unsre Art hochhalten.« »Und dann,« brachte Lohmann vor, »ist das wohl anständig, am Sonntag in der Kirchzeit das alte dummerhaftige Musikding gehn zu lassen? Da sitzen dann so ein paar Hahnjöckels von Radfahrern mit ihrer verrückten Kleedasche und singen unter der Kirche Schelmenlieder und prosten die Leute an, die aus der Kirche kommen. Wissen Sie, Herr Pastor, Sie sollten am ersten froh sein, wenn der Mann wieder aus dem Dorfe kommt. Früher hatte ich das ganze junge Volk Sonntag nachmittag auf meiner Deele; das machte mir Freude, wenn sie aus Harms seinem Buche vorlasen und geistliche Lieder sagen. Und jetzt? Wo sind sie? Ja, heute ist Gesangverein im Kruge oder Kriegerverein, und einen Radfahrerverein wollten sie auch gründen. Und an alledem ist der fremde Mann schuld. Der hat uns schön eingewickelt. Es ist ein wahrer Segen, daß sich die Geschichte mit Kordes begeben hat; denn auf die Art sind wir dahintergekommen, wie weit wir schon waren. An einem Wirt haben wir genug. Bei Schimmelberg war es langweilig, das stimmt. Aber schadet das? Nein, sage ich. Lemke ist gewiß ein ordentlicher Mann, alles, was recht ist, aber er ist hier übrig. Er will von seiner Wirtschaft und von seinem Laden leben, und das kostet uns unser Geld. Ich habe es doch an mir selber gemerkt, wie es geht. Früher, wann ging ich da in den Krug? Alle Monate einmal. Und jetzt fehlt mir was, wenn ich nicht jede Woche zweimal da war. Und von dem Bauer lernt es der Knecht, und nachher vertut so'n Junge sein sauer verdientes Geld, hört zu viel von der Stadt reden, und wir sitzen hinterher da und können unser Land zu Wiesen machen, weil wir keine Leute haben. So ist es, Herr Pastor, und nicht anders. Jeder ist sich selbst der nächste, und wir sind uns zu gut dazu, der Mist zu sein, mit dem Lemke seinen Acker düngt.« »Das stimmt,« fiel der Müller ein und schnitt dem Pastor das Wort ab, »das stimmt ganz genau. Lohmann hat recht. Und dann noch eins, Herr Pastor: wohin das führt, das haben wir ja in Hülsingen erlebt. Ist das noch ein Dorf? ein Dorf nach alter Art? Das ist es nicht! Eine Sommerfrische für die Stadtjapper ist es geworden. Ob der Bauer will oder nicht, er muß sich auf das Abvermieten legen und hat dann allerlei fremde Völker im Hause, die ihm im Wege herumstehn. Und ohne Liebschaften geht es nicht ab. Natürlich, wenn da solche feine Herren aus der Stadt kommen und machen die Mädchen verrückt, dann ist der Unfrieden im Dorfe da. Warum sind in Hülsingen keine Knechte mehr zu kriegen? Weil keine Mädchen da sind. Und warum sind keine Mädchen da? Die eine ist so einem jungen Kerl in die Stadt nachgelaufen, und die andern haben die städtischen Herrschaften weggemietet. Und so wäre es bei uns auch gekommen. Erst das Dorf, und dann der Wirt, aber nicht umgekehrt. Und nun seien Sie auch vielmals bedankt, Herr Pastor, und ich und meine Frau würden uns sehr freuen, wenn Sie uns mit Ihrer lieben Frau bald besuchen würden. Und nun ist es wohl Zeit, daß wir gehn.« Sie standen alle auf, die Bauern von Ohlenhof, drückten dem Geistlichen die Hand und schoben aus der Tür hinaus. Der Pastor machte ein ernstes Gesicht, und als seine Frau, mit der Frau Lemke den Fall besprochen hatte, ihn fragte, wie die Sache läge, sagte er: »Der Mann ist für Ohlenhof tot. Ich hätte nicht geglaubt, daß es noch eine Feme gäbe, und ich bin doch selber Bauernsohn, wenn auch aus dem Stifte Hildesheim. Es ist hart für Lemkes; es sind ordentliche Leute. Aber die Ohlenhof-Bauern haben recht: erst kommt das Dorf und dann der Wirt. Er muß sehen, daß er die Wirtschaft los wird. Hier kommt er doch nicht mehr weiter.« Lemke mußte verkaufen. Aber einen Wirt, der ihm Haus und Laden preiswert abkaufte, fand er nicht. Jeder Kauflustige fragte im Dorfe umher, wie die Sache stünde, und jeder zog ab, wenn der Vorsteher ihm sagte: »Eine zweite Wirtschaft brauchen wir nicht. Und wenn der Wirt auch die Konzession bekommt, wir gehn doch nicht hin.« So kam es schließlich zum Zwangsverkaufe. Mit dem Reste seiner Habe zog Lemke nach Hannover und übernahm nach langem Suchen eine elende Wirtschaft, starb aber schon nach zwei Jahren, wie die Lästerzungen sagen, am Schnaps, nach andern Leuten an gebrochenem Herzen. Was aus seiner Frau und den Kindern geworden ist, weiß man in Ohlenhof nicht. Tante Janna Schräg gegenüber dem neuen Kruge auf der anderen Seite der Landstraße steht ein Haus, das ungefähr so aussieht, wie die Brinksitzerhäuser von Ohlenhof, aber in mancher Hinsicht doch anders. Denn an seiner linken Seite sind Geflügelställe angebaut, an der rechten ein Hundezwinger, und hinter dem Hause befindet sich ein Anbau mit großem, meist mehr oder minder verhängten Fenstern und Oberlicht. Sodann ist das Anwesen ganz und gar von sehr ordentlich gehaltenen Gemüsebeeten umgeben, zwischen denen Zwergobstbäume und regelmäßig geschnittene Beerensträucher stehen. Die Wände des Hauses sind mit Spalierobst bezogen und mit Nistkästen behängt, und nach der Straße zu sehen viele bunte Blumen über den Zaun. Das Haus, nach dem jeder Fremde, der nach Ohlenhof kommt, hinsehen muß, und die Einheimischen nicht minder, gehört einer alten Jungfer, die im Dorfe allgemein Tante Janna genannt wird. Daß sie ein Freifräulein von Rullenbeck ist, wissen nicht viele Leute im Orte, und sie selber gibt sich alle Mühe, es zu vergessen und so wenig wie möglich an die Zeit zu denken, da sie als solches vor der Welt dastand. Sie ist jetzt Tante Janna und will weiter nichts mehr sein. Es gab einst eine Zeit, da trug sie das Haar hoch über dem Kopfe, hatte Perlen um den Hals und ließ sich ihre Hände, an deren Fingern Diamanten blitzten, küssen. Heute würde das keinem Menschen mehr einfallen, denn Tante Jannas Finger sind hart und rauh und braun, und die Nägel daran sind nicht anders, wie sie die Frauensleute auf dem Lande gemeiniglich aufzuweisen haben. Aber das ist ihr gleichgültig; sie ist nicht mehr das gnädige Fräulein von Rullenbeck, sie ist Tante Janna und weiter nichts. Einst wirkte sie in der großen Welt, ohne ihr Glück zu finden. Nun lebt sie in einer kleinen Welt, und wenn die ihr auch das Glück nicht brachte, so gab sie ihr doch Ruhe und Zufriedenheit. Sie hat so viel, daß sie auskommen kann, und noch mehr sogar; denn sie besitzt die Achtung der großen Leute und die Liebe der Kinder. Wo sie sich blicken läßt, da rennt das kleine Volk hinter ihr her. Das kommt vielleicht davon, daß sie ein bitteres Geschick hinter sich hat und dadurch um so gutherziger geworden ist, und daß sie so schöne blaue Augen hat, die genau so geradeaus in die Welt sehen, wie die von Kindern, die noch nicht wissen, daß die Welt voller Arglist und Tücke ist, oder wie die von ganz starken Männern, die keine Menschenfurcht kennen. Stadtleute, die ihr begegnen, wissen nicht, was sie aus der langen, hageren Frau mit dem Lodenhute auf den grauen Haaren machen sollen, und sehen sich meist lange nach der merkwürdigen Radfahrerin um, die mit dem vollgepackten Rucksacke auf dem Kreuz den Fußweg dahinfliegt. Ihr ist das gleichgültig. Sie weiß, daß sie manchmal ungefähr wie eine Vogelscheuche aussieht, aber sie weiß auch, daß die Leute, die sie kennen, darüber längst hinaus sind. Zuhause trägt sie sich meist ebenso, wie die Frauen im Dorfe, in Blauleinen oder Beiderwand, und nur, wenn sie mit dem Diesbauern zur Kirche fährt, zieht sie sich schwarz an, wie das in Ohlenhof gebräuchlich ist. Ab und zu geht sie in ihr bestes Zimmer, an dessen Wänden allerlei Bilder von vornehmen Leuten hängen und ein großer buntgemalter Stammbaum unter Glas und Rahmen, und wo auf den eingelegten Schränken, Tischen und Schiebetruhen allerlei Andenken an vergangene Zeiten stehen. Sie staubt Stück um Stück ab, läßt dann die Fenstervorhänge wieder herunter, schließt die Tür zu und geht in die Küche, um nach dem Essen zu sehen, oder in den Hof, um ihr Geflügel oder die Ziege zu füttern und die Hunde, lauter hirschrote Teckel, ihre Lieblinge, einer schöner als der andere, die sich Jahr für Jahr auf den Ausstellungen gute Preise holen. Niemals verkauft sie aber einen Hund; alle, die sie nicht behalten kann, verschenkt sie, am liebsten an Förster und Jagdaufseher. Wer aber von ihr einen Hund bekommt, der muß ihr hoch und heilig versprechen, daß er ihn nicht weitergibt. Als sie zuerst im Dorfe auftauchte und im neuen Kruge wohnte, grienten die Leute von Ohlenhof heimlich hinter ihr her; denn sie war das erste Stadtfräulein, das sich für längere Zeit da aufhielt, und es kam ihnen sonderbar vor, daß eine Stadtdame mit langem Rock und Blumenhut durch die Heide strolchte oder in die Ställe kam und den Mädchen beim Melken zusah. Als ihr dann der Wirt vom neuen Kruge das Grundstück jenseits der Straße verkaufte und sie dort zu bauen anfing, schüttelte man allgemein den Kopf über sie und munkelte, sie wäre nicht recht gescheit. Mit der Weile aber gewöhnte man sich an sie, zumal sie sich um keinen Menschen kümmerte, mit dem Gärtner aus Krusenhagen ihr Besitztum hübsch in Ordnung brachte und allen Leuten zeigte, daß sie ihr Leben für sich haben wollte. Außerdem half sie überall, wo Not war. Wenn jemand in der hillen Zeit krank lag, so bot sie sich von selbst zur Pflege an, fuhr auch bei Nacht und Nebel mit dem Rade zum Doktor und Apotheker; denn außer ihr hatte damals noch keiner ein Rad im Dorfe. Auch ließ sie sich, wenn die kleinen Leute auf dem Felde zu tun hatten, die Kinder bringen, behütete sie und brachte ihnen allerlei nützliche Dinge bei oder lehrte sie hübsche Spiele. Davon bekam sie mit den Jahren den Namen Tante Janna. Weiter will sie auch nichts sein. Sie denkt wohl noch einmal an die Zeit, da hübsche lange Leutnants vor ihr die Hacken zusammennahmen und sich auf ihre rosenroten und blitzblanken Nägel hinunterbeugten; aber sie lächelt dabei und empfindet keine Bitterkeit in ihrem Herzen, wenn sie auf ihre Hände sieht, die braun und dürr sind und verarbeitete Nägel haben. Sie ist über das Leben, das hinter ihr liegt, hinaus. Die Lohörster Baronin besucht sie ab und zu und ladet sie auch oft ein, aber nur, wenn auf Lohorst keine Gäste sind, oder höchstens eine von den Wienhäusener Klosterdamen. Denn sonst macht Tante Janna sofort kehrt, setzt sich auf ihr Rad und flitzt davon. Sie will von der Welt nichts mehr wissen; sie hat genug davon. Es wurde einmal auf Lohorst erzählt, ein Prinz sei in sie verliebt gewesen, als die bei dessen Schwester Hofdame war, und deswegen habe sie ihre Stellung aufgeben müssen. Sie weiß, daß man das sagt, und sie lächelt darüber. Sie hat etwas erlebt, das viel trauriger war. Ihr Vater hatte eine hohe Stellung bei Hofe. Da er nicht viel Vermögen besaß, ließ er sich zu Geldgeschäften verführen, die er nicht übersehen konnte, verlor alles, was er hatte und noch mehr, und nahm sich das so zu Herzen, daß er Hand an sich legte. Sein einziges Kind blieb mit einem kleinen Vermögen, das es von der längst verstorbenen Mutter geerbt hatte, allein in der Welt zurück; denn alle die guten Freunde und Bekannten hielten sich von ihm fern, auch der Mensch, den es von Herzen lieb hatte, der aber zu weich war und zu ängstlich, um bei ihm zu bleiben, und der es schließlich auch nicht konnte, weil er in seiner Stellung eine vermögende Frau nötig hatte. Da warf Janna von Rullenbeck alles hinter sich, war erst lange Krankenschwester und ging schließlich nach Ohlenhof, wo sie vor Jahren einmal mit dem Wagen gehalten hatte, und von wo sie eine freundliche Erinnerung bei sich trug. Nun lebt sie schon seit Jahren im Dorfe, hat viele Leute zu Freunden und keinen Feind. Im allgemeinen hält sie sich für sich selber und geht davon nur ab, wenn sie helfen kann, sei es, daß es sich um eine Wöchnerin handelt, die zu arm ist, um die rechte Pflege haben zu können, oder um kranke oder anderswie unglückliche Menschen. Näheren Verkehr unterhält sie eigentlich nur mit den Leuten vom Dieshofe, und es ist sonderbar anzusehen, wie der Diesbauer, der vor keinem Menschen zuerst den Kopf blank kriegen kann, noch nicht einmal vor dem Pastor und dem Landrat, sie immer mit dem Hute in der Hand begrüßt, und meist bei ihr stehen bleibt und ein Weilchen mit ihr schnackt, obzwar er sonst seine Worte ebenso ungern auszugeben pflegt, wie sein Bargeld. Alle die Leute aber, denen das Leben einen Stoß gegen das Herz gegeben hat, so daß sie hart und kalt oder morsch und welk werden mußten, weiß Tante Janna so zu nehmen, daß sie vor ihr auftauen, so Doris Amhorst, die durch ein scharfes Wort Mann und Kind verlor, Ohm Heim, dem die Sehnsucht nach der hohen Schule den Verstand aus der Reihe brachte, Vetter Philipp, der des Dorfes Spott ist, weil er bei seinen fünfzig Jahren sich immer noch nach einer jungen glatten Frau umsieht, Helmbrechts Vater, der an nichts mehr denkt, als an den Kirchhof in Krusenhagen, auf dem seine Erna liegt, und sogar Lütkensweer, den alle Männer im Dorfe von der Seite ansehen. Sie ist eben Tante Janna, auch für die armseligsten und verachtetsten Menschen im Dorfe, und deswegen scheut sie sich durchaus nicht, mit Sliekenmutter, der Hexe, auf offener Straße einen kleinen Klöhnschnack zu halten. Sie bringt es sogar fertig, daß Just Rust, der mit dem ganzen Dorfe auf Mord und Tod steht, ihr die Tageszeit bietet; und wenn Schneidersjohann, der Mann mit der ewigen Angst in den frommen Augen, ihr begegnet, so sieht er eine Weile weniger verhärmt aus. Man sagt ihr auch nach, sie sei etwas schuld daran, daß Hermine Beckmann sich wieder zu ihrem Herrgott zurückgefunden habe. Und Heinrich Rothe, der gewiß alle Ursache hat, an den meisten Leuten von Ohlenhof vorbeizusehen, bekommt so etwas wie ein Lachen in sein unbewegliches Gesicht, tritt ihm Tante Janna in die Möte. So ist das alte Freifräulein mit der verregneten Vergangenheit und der ausgewinterten Zukunft dem ganzen Dorfe zum Segen geworden und dadurch sich selber nicht zum wenigsten, zumal sie schließlich einen ganz bestimmten und sicheren Lebenszweck gefunden hat. Sie hatte bislang lauter kleine Zwecke, hier zu wehren, da zu lehren, dort zu sichten und da wieder zu schlichten. Sie hat den kleinen Leuten Gemüsezucht und Spalierobstbau beigebracht, hat mehr als einem Manne die Schnapsflasche und mancher Frau das böse Maul abgewöhnt; doch eins fehlte ihr immer noch dabei: ein Mensch, den sie ganz für sich hatte, wie eine Mutter ihr Kind. Auch den hat sie nun bekommen, und darum ist der Anbau hinter ihrem Hause mit dem Oberlichte und den mehr oder minder verhängten Fenstern; denn darin haust Tante Jannas Maler. Wie sie an den Mann gekommen ist, das weiß außer dem Diesbauern kein Mensch in ganz Ohlenhof. Eines Tages sprach es sich im Dorfe herum, daß Tante Janna Besuch von einem jungen Mann habe. Da das jedoch just in die Aust fiel, hatte kein Mensch Zeit, darüber viel Worte zu verlieren. Dann kam die Kartoffelzeit, und mittlerweile hatte man sich daran gewöhnt, daß auf Tante Jannas Wesen ein halbjunger Mann mit blassem Gesicht und langen Haaren herumging, die Hühner fütterte und die Hunde betreute und ihr bei der Arbeit an die Hand ging. Ab und zu kam der Mensch in den Krug, setzte sich in eine Ecke, trank sich in aller Stille einen an und ging mit, wenn Tante Janna kam, sich zu ihm setzte, sich einen Bittern geben ließ und; sobald ihr Glas leer war, dem Wirt die ganze Zeche bezahlte, ihrem Einlieger auf den Arm tippte und sagte: »So; das Essen ist fertig!« Mit der Zeit ließ sich der Fremde immer sparsamer im Kruge sehen, arbeitete fleißig im Garten und bei dem Immenschauer von Tante Janna, oder man sah ihn auf seinem dreibeinigen Stuhle unter einem großmächtigen Schirme in der Heide oder vor dem Moore sitzen und irgend etwas abmalen; und als der Anbau hinter dem Hause, eine richtige Malerwerkstatt, fertig war, da war aus dem blassen, schlottrigen Menschen ein Mann mit roten Backen und strackem Gange geworden, der nicht mehr die Augen unter sich schlug, wenn er sich in den Krug stahl und sich still in die dunkelste Ecke setzte, um einen Schnaps mit Selters nach dem andern zu trinken und immerlos Zigaretten zu drehen und aufzurauchen, sondern der frank und frei in die alte Schänke kommt, sich zu irgendeinem Bekannten hinsetzt, sein Glas Bier in aller Rechtschaffenheit trinkt und gemächlich dabei seine Pfeife schmökt. Daß er so weit gekommen ist, hat er Tante Janna zu verdanken, die ihn irgendwo, als er sich vor Herzenskummer und Seelenleid betrunken hatte, aufpackte und mitnahm und aus dem armen, kranken schwachen Menschen mit Ruhe und Güte einen Mann machte, der fest im Leben steht, nicht mehr fruchtlos davon träumt, daß er ein großer Maler werden wollte und es nicht werden konnte, sondern der sich daran genügen läßt, ein tüchtiger Zeichner und Formentwerfer zu sein. Er hat in sechs Jahren so viel hinter sich gebracht, daß er demnächst ein hübsches Mädchen aus Fladder, Holstensuse, als Frau heimführen wird, und darauf freut sich Tante Janna unbändig. Eigene Kinder konnte sie nicht haben, das wurde ihr nicht beschert; aber in Engelbart Dammann zog sie sich einen Sohn heran und hofft stark, daß er aus der Tante Janna demnächst eine Großmutter Janna machen werde. Deshalb sieht sie seit einiger Zeit immer jünger aus, trotzdem ihr Haar von Tag zu Tag weißer wird. Der Dieshof Dem neuen Kruge gegenüber, aber so weit abseits der Straße, daß man die Gebäude nur eben sieht, liegt der Dieshof, der größte Hof von Ohlenhof. Von den anderthalb Dutzend Gebäuden, die unter den siebenhundert Hofeichen stehen, tragen die meisten noch Strohdächer. Einer der Speicher, dessen altsilbergraue Eichenplanken beinhart sind, steht noch aus der Zeit vor dem Dreißigjährigen Kriege; die vier Löcher im Giebel rühren von den Kugeln eines Tillyschen Streifkorps her. Das Wohnhaus ist noch ganz in der alten Art gebaut, nur daß es vor Jahren einen Schornstein bekam; aber der Rehmen mit den gewaltigen Pferdeköpfen an den Enden der Balken wirft heute noch seine riesenhaften Schatten auf das Fielt, und in seiner steinharten Rußkruste, so blank wie Stahl, spiegelt sich das offene Herdfeuer. Es ist ein harter Schlag, der auf dem Hofe sitzt. Die Männer arbeiten viel, trinken wenig und sprechen gar nicht; sie befehlen nur. Ihre Nasen sind grade, ihre Augen kalt, ihre Lippen bilden einen scharfen Strich, ihre Knochen sind gewaltig und ihre Hände entsetzlich. Der Urahne des Bauern hat als junger Mann im Moore mit einem Griffe einen Strolch, der ihn anfiel, erwürgt. Die Frauen haben immer viel Geld und starke Knochen gehabt. Vom Dieshofe hat Deutschland tüchtige Leute bekommen: einen General, vier Geistliche, einen berühmten Anatom, alles Männer der Tat. Denn auch die Geistlichen waren Männer der Tat; ihre Worte fielen wie Donnerschläge von der Kanzel, und einer von ihnen hat in zehn Jahren aus einer verschnapsten Gemeinde ein anständiges Dorf gemacht, teils mit dem Worte Gottes, teils mit seiner Bauernfaust. Heute noch erzählt man sich in diesem Dorfe von einer wüsten Schlägerei an einem Sonnabendabend, die so schlimm wurde, daß die Wirtin in ihrer Angst zum Pfarrer lief. Der kam in Hemdsärmeln mit ihr, sprang mitten in den Knäuel der Trunkenen, bläute sie in alle Ecken, fegte den Schnaps vom Tisch und jagte sie zu Bette. Als er starb, weinten die am meisten, auf die seine Wort und seine Fäuste am schwersten herniedergefallen waren. Sie sind sehr hart, die Männer vom Dieshofe; man sagt ihnen nach, daß sie ihre schwächlichen Kinder nicht aufkommen lassen. Sie haben alle bei der Garde gedient. Und doch lebt auf dem Hofe ein Mann, der ist nicht hart. Er hat das Diesbursche Gesicht und er hat es nicht; denn die Züge sind fein und die Augen wie die eines Kindes. Das ist Ohm Hein. Wer ist Ohm Hein? Ohm Hein ist Ohm Hein, weiter nichts. Er geht in Pantoffeln, was sonst kein Diesbur tut, er hilft Kartoffeln schälen, als wäre er eine Magd, er schleppt sich mit den Kindern ab, er trägt sie in der Sonne umher, er bringt sie zu Bett, er wacht bei ihnen, wenn sie krank sind, und er erzählt ihnen Geschichten, sonderbare Geschichten, die einst Homer in Verse brachte und für die Herodot Worte fand. Wenn er sie in Schlaf singt, so singt er die Hexameter des Homer, und ärgern sie ihn, so schimpft er auf griechisch oder lateinisch. Sonntagnachmittag sitzt er in der Laube oder wintertags in seiner Dönze und liest in den vergilbten Büchern, die ihm von Odysseus und Ajax erzählen und von den Sitten der nubischen Völker, die Herodot uns aufbewahrte, und von dem, was Tacitus über die alten Deutschen schrieb. Er liest es, aber er versteht es nicht. Er liest das Griechische und Lateinische glatt herunter, aber der Sinn ist ihm entschwunden. Er mengt das, was der Pastor von der Kanzel spricht, mit den Gestalten Homers zusammen und formt krause Geschichten daraus, läßt Petrus den Hektar besiegen und die schöne Helena Christi Haupt mit köstlichem Öl salben. Meist sind seine Augen gut und fromm; nur wenn der Mai kommt, blicken sie kalt und hart, und wochenlang spricht er dann nur mit den Frauen und den Kindern. Denn im Mai war es, als sein Vater ihn vor dem Gymnasium erwartete und ihm sagte: »Ich habe dich abgemeldet; Johann ist tot; er hat das Nervenfieber gehabt. Deine Sachen sind alle im Wagen; ich habe sie von dem Pastor geholt. Und jetzt wollen wir Mittag essen.« Heinrich war damit Hoferbe, denn das Gesetz auf dem Dieshofe lautet: »Der Älteste wird Hoferbe; der zweite Sohn studiert; der dritte heiratet auf einen Hof.« Die erste Nach lag Heinrich schlaflos und dachte an seine Bücher und an die Kanzel, auf der er sich schon gesehen hatte; am andern Morgen war er bei der Arbeit. Er arbeitete wie ein Knecht; aber die Bücher vergaß er nicht. Halbe Nächte saß er mit Lexikon und Grammatik über dem Herodot und dem Homer oder dem Tacitus und dem Cicero; und wenn er beim Pflügen oder Säen daran dachte, daß er drei Jahre lang den ersten Platz in der Klasse gehabt hatte, dann wurde sein Gesicht heiß und seine Augen flogen mit Haß über das Feld. Aber nie klagte er dem Vater oder der Mutter seine Not, nie ließ er in der Arbeit nach, und noch vor den Knechten war er am Morgen aus dem Bette. Er weinte keinmal in seiner Kammer, aber er lachte auch nicht; er ging nur gezwungen in den Krug und die Mädchen behandelte er wie Luft. Das ging so sieben Jahre lang. Seine Hände wurden braun und breit und sein Gesicht schmal und blaß; um seinen Mund legten sich Falten, und seine Augen waren kalt und starr. Aber am ersten Mai des achten Jahres an dem Tage, als der Vater ihn mit den Rotschimmeln abholte, da lächelte er milde und freundlich, als er morgens aus seiner Kammer kam; und sein Vater wußte nicht, was er sagen sollte, als er ihn dastehen sah, angetan mit dem Kirchenzeuge und die alten Schulbücher unter dem Arme. Er wollte ihn anfahren, aber als er ihm in die Augen sah, da zitterte er und mußte sich setzen, und drei Tage darauf lag er auf dem Schrägen; ein Schlagfluß hatte ihn umgeworfen. Heinrich aber ging lächelnd an dem Sarge vorbei, sprach von dem guten Zeugnis, das er bekommen werde, und fragte den Pastor, ob die Griechen Thalassa oder Thalatta und die Römer Cicero oder Kikero gesprochen hätten, und bat ihn um die Deutung einer schwierigen Stelle im Livius. Er wurde nach Hildesheim gebracht. Nach einem Jahre wurde er als unheilbar entlassen. Seitdem lebte er als harmloser Irrer auf dem Hofe, den der jüngste Bruder antrat. Er schält Kartoffeln und wartet die Kinder, geht jeden zweiten Sonntag, in den langschößigen Kirchenrock gekleidet und in dem Knoten des Doppelbinders die goldene Nadel, zur Kirche, und liest nachmittags in seinen Büchern. Er kommt niemand in die Quer. Redet er krauses Zeug, so läßt man ihn reden, ohne darüber zu lachen. Man achtet überhaupt nicht auf ihn. Er zählt nicht mit. Er ist eigentlich gar nicht da. Er ist bloß Ohm Hein. Wiebenengel Von den Häuslingen in Ohlenhof ist der vom Dieshofe, Engelbert Wieben, der tüchtigste; die anderen Bauern beneiden den Vorsteher um ihn. Daß der Diesbur hinter seinem Rücken Bismarck genannt wird, das hat seinen Grund nicht zum wenigsten in der Weise, wie er Wieben-Engel bekam, denn das ist so vor sich gegangen. Zwischen Ohlenhof, Hülsingen, Krusenhagen und Moorhop lag ehemals der Wohlhof, der im Dreißigjährigen Kriege mit allem, was darauf lebte, in Asche fiel. Weil keine Erben dafür da waren, zog der Fiskus ihn ein und forstete ihn auf. Weil das Wohlloh, wie der Hof allmählich hieß, keine dreihundert Morgen groß war, so durfte der Staat ihn nicht bejagen, und da die benachbarten Gemeinden in der Nähe ebenfalls Stücke liegen hatten, die mit dem Gemeindebesitz keinen Zusammenhang hatten und gleichfalls zu klein waren, um als selbständige Jagd verpachtet zu werden, so waren sie mit dem Wohlloh als eine besondere Jagd zusammengelegt. Nun hatte der Vorsteher einen alten Freund in Bremen namens Wedemeyer wohnen, mit dem er in Berlin bei der Garde stand, und der es mittlerweile als Kaufmann zu Geld und Ansehen gebracht hatte. Der wollte gern eine Heidejagd mit Rotwild haben, schrieb deshalb an den Diesbur, und dieser wies ihn auf das Wohlloh hin. Wedemeyer kam herüber und pachtete die Jagd. Als er hinterher mit seinem Freunde zusammensaß, meinte er: »Ja, nun muß ich auch wohl einen Mann haben, der mir telegraphiert, wenn Hirsche da sind; denn zumeist wird das Wild da doch bloß durchwechseln.« Der Diesbur nickte: »Das stimmt, Korl. Wer hier am Platze ist, kann da leicht einen guten Hirsch schießen. Andererseits kannst du drei Dutzendmal auf tauben Dunst herreisen und kriegst keinen Schwanz zu sehen. So eine Art Jagdaufseher mußt du haben, das ist eine Notwendigkeit.« Als Wedemeyer ihn fragte, ob er nicht jemand wisse, der dazu geeignet sei, meinte er: »Ja, ich glaube, der Arbeiter Wieben hier im Orte, der ist wohl paßlich dazu. Der hat daherum viel zu tun und versteht vom Abspüren allerlei; denn er geht schon von klein auf ins Holz. Und es ist auch ein Mann, auf den Verlaß ist.« Sie beredeten sich nun, wieviel Wieben als Jahresgeld haben müsse, was nicht viel war, und wieviel für jeden Hirsch, der geschossen wurde, für jeden Bock, den er ausmachte, und für die Sauen; und dann gingen sie zu dem Arbeiter hin und wurden mit ihm bald handelseins. Drei Jahre gingen in das Land. Wenn Wiebengraphierte er nach Bremen: »Wind schlecht!« und wenn Sauen da waren: »Hirsche nicht da.« Sofort kam der Jagdpächter dann angereist; entweder allein, ging es auf Hirsche, oder mit zwei, drei guten Schützen, wenn es sich um Sauen handelte. So schoß er in den drei Jahren sieben Sauen, mehrere brave Böcke, drei jagdbare Hirsche, und schließlich auch einen von sechzehn Enden, einen Haupthirsch, hinter dem seit Jahren alles her war, was eine Büchse tragen durfte. Als Wedemeyer, der vor Freuden ganz außer sich war, am andern Morgen beim Diesbur frühstückte, klopfte es und Wieben kam herein. »Sieh, Engel, das ist recht,« sagte der Vorsteher, »kommst just paßlich. Nu' halt man auch mit.« Er rückte einen Stuhl hin, schenkte einen alten Korn ein und nötigte zum Zulangen. Der Arbeiter meinte zwar, er habe eigentlich schon gefrühstückt, aber Spielverderber wolle er auch nicht sein, und so hielt er sich tüchtig dazu, hörte aber nur oberflächlich hin, als Wedemeyer erzählte, auf welche Weise er an den Hirsch herangekommen sei. Als die drei Männer mit dem Frühstück fertig waren und sich Zigarren ansteckten, fing Wieben erst an, von dem Wetter und von den Schweinepreisen zu reden, dann sagte er, indem er an seiner Zigarre herumdrückte, obschon das durchaus nicht nötig war: »Du, Willem, der Oberförster hat mich rausgeschmissen.« Der Diesbur verzog keine Miene und fragte bloß: »So? Ja, weswegen denn, Engel?« Der Arbeiter machte eine Bewegung mit dem Kopfe nach dem Geweihe hin, das auf dem Stuhle lag, räusperte sich und sagte: »Darum! Er hat mir eine große Schande gemacht; denn hinter diesem Hirsche war er schon Jahre dreie her, und er meinte, solche Arbeiter, die dafür sorgten, daß andere Leute seine Hirsche schössen, die könne er nicht gebrauchen. Tja, und nun sitze ich da. Was soll ich nun anfangen?« Der Vorsteher rauchte langsam weiter und meinte dann: »Na, das kann dir doch keine großen Sorgen machen; Arbeit kriegst du wohl jeden Tag wieder.« Wieben zuckte die Schultern: »Ja, aber wo? Vielleicht bei der Bahn? Aber da will meine Frau nichts von hören und ich habe auch keine Lusten, mit Pollacken und Monarchen zusammen zu arbeiten und mich kommandieren zu lassen, zumal ich solche Arbeit nicht leiden mag, weil ich, seit ich aus der Schule bin, andere Arbeit gewöhnt bin. Und als Tagelöhner bald hier, bald da gehen, das ist mir auch nicht nach der Mütze. Beim Baron in Lohorst komme ich sofort an, aber mit dem neuen Förster komme ich auf die Dauer nicht aus, das weiß ich ganz genau, und mit Krempel und Klaater in dem Leutehaus wohnen, das ist schon gar nicht mein Gusto.« Er drückte wieder an seiner Zigarre, zog heftig daran und meinte, indem er erst an dem Diesbur vorbeiblickte und ihm dann in die Augen sah: »Ich habe mir gedacht, Willem, und ich wollte mal fragen, und darum bin ich hergekommen, ob ich nicht bei dir ankommen kann?« Der Vorsteher zog seine Lippen zwischen die Zähne. »Sollte sich die Sache nicht wieder zuziehen, Engel?« fragte er dann und klopfte die Asche von seiner Zigarre. Wieben schüttelte den Kopf: »Nee,« sagte er, »nee, und wenn der Oberförster auch wollte, ich komme ihm nicht wieder, und wenn er mir zulegt; er ist mir denn doch zu grob gekommen. Verdenken kann ich ihm das just nicht; denn ich habe das Maul auch nicht zubehalten, und denn, so'n Hirsch wie der, darüber kann einer es wohl schon mit dem Überkochen kriegen.«Er schlug mit der Hand durch die Luft: »Das ist aus und alle, Willem!« Der Diesbur überlegte einen Augenblick. »Ja, wenn das so ist, Engel, hm, einen Hausmann muß ich doch wieder haben, wenn auch eigentlich erst in zwei, drei Jahren. Klages wird von Tag zu Tag stümpriger, und was er beschafft, das ist nicht gerade mehr viel. Aber behalten muß ich ihn, bis er mir sagt, daß er nicht mehr kann; denn er hat schon unter meinem Vatersvater gedient. Ich will mal mit meiner Frau reden.« Er ging hinaus und kam nach einer Weile wieder herein. »Tja, Engel, sie meint auch so, wie ich, und wenn du willst, wie du eben sagtest, so wollen wir das andere nachher bereden, wenn mein Freund abgereist ist. Du kannst ja heute gegen abend wieder vorkommen.« Wieben war einverstanden damit und ging ebenso schnell fort, wie er langsam gekommen. So bekam der Diesbur den besten Hausmann im Dorfe, und ohne daß er ihm einen Antrag zu machen brauchte. Es hatte ja eine Reihe von Jahren gedauert, bis das so weit war, aber dafür konnte nun auch der Bauer die Bedingungen stellen. Schermennie Auf dem Dieshofe ist zurzeit Vetter Philipp wieder einmal zu Besuch, ein entfernter Verwandter der Frau namens Woltmann. Unter diesem Namen kennt ihn aber kaum ein Mensch, denn gemeiniglich wird er schlichtweg Vetter Philipp genannt oder scherzweise Schermennie. Er ist ein großer, breitschultriger Mann, der etwas krumm geht, nie einen Stock trägt und nur spricht, wenn er in das Gespräch hineingezogen wird. Dann erzählt er in einem merkwürdigen, halb englischen Plattdeutsch, daß es in Amerika, wo er lange Jahre gewesen ist und wo er letzthin auch wieder war, doch besser sei als in Schermennie, und deshalb hat er diesen Namen beigelegt bekommen. Als zwanzigjähriger Knecht ging er über das Wasser mit einem guten und einem schlechten Anzuge, einem Handstock, einem Sack voll Speck, Schinken, Wurst und Brot und zehn Talern. Zwanzig Jahre hörte seine Verwandtschaft nichts von ihm, bis er eines schönen Tages in Holtenbostel, von wo er gebürtig ist, wieder auftauchte. Er war gekleidet wie ein Stadtherr, trug eine goldene Uhr mit schwerer goldener Kette, Ring und Busennadel, brachte einen Koffer voller Kleider und einen Haufen Geld mit und sagte: »Ämerrikä habe ich dicke, ich bleibe jetzt in Schermennie!« Fast ein Jahr hielt er es auch aus. Er wohnte bald bei diesem, bald bei jenem Verwandten, am meisten aber auf dem Dieshofe, wo er gern gesehen war; denn er arbeitete unaufgefordert wie ein Knecht und war dem Bauer eine wertvolle Hilfe. Auch war er ein zufriedener und stiller Hausgenosse, der zudem die langen Winterabende angenehm verkürzen half. Er war in den ganzen Vereinigten Staaten herumgekommen und noch darüber hinaus bis tief nach Kanada und Mexiko hinein, und wußte allerlei zu erzählen. Alles mögliche war er gewesen. Als Kohlentrimmer hatte er die Überfahrt mitgemacht, war dann Hausknecht gewesen, Landarbeiter, Mississippischiffer, Holzhauer, Kuhhirt und wieder Holzhauer, hatte seine Taler zusammengehalten, bis er eine ganze Menge davon hatte, und hatte damit einen Kaufladen mit Schenkwirtschaft in einer Neusiedlung in Wildwest angefangen, durch den er in zehn Jahren ein reicher Mann wurde. Und nun war er zurückgekommen und wollte sich eine Frau nehmen. »Denn, Gents,« sagte er im Blauen Schimmel und steckte sich einen frischen Stift hinter die Zähne, »in Ämerrikä ist alles besser als in Schermennie, bloß die Lädies nicht, tja.« Und dann pflegte er, indem er mit seiner gefährlich großen Hand um den ganzen Tisch zeigte, der Wirtin zuzurufen: »Detta, noch'n Drink für jeden gesegneten Schentelmenn, der vorne 'n Loch im Koppe hat!« Nun hätte sich wohl manche Witfrau oder älteres Mädchen gefunden, die ihn genommen hätte, aber daran lag ihm nichts, denn es gelüstete ihn nach einer ganz jungen, wie er Jakob Bennewies verraten hatte; denn dem hatte er tausend Mark Vermittlungsgebühr zugesagt, wenn er ihm zu einer glatten jungen Frau, so zwischen achtzehn und zwanzig, verhelfen wollte. Dummerhaftigerweise hatte er das Jakob beim Erntebier in Krusenhagen verraten, als sowohl er selber, wie auch Bennewies gehörig einen sitzen hatte; denn Vetter Philipp hatte, wie immer, die Spendierhosen an, und Jakob ließ sich bei solchen Gelegenheiten auch nicht lumpen. Schließlich war das ganze junge Volk von dem vielen ungewohnten guten Weine und den teuren Likören lustiger, als es je der Fall gewesen war, und Jakob, der an solchem Tage vergaß, daß er seit langem Witmann war und seine fünfzig Jahre auf dem Buckel hatte, hielt nicht dicht und fragte bald dieses, bald jenes von den jungen Mädchen, ob es nicht Lust hätte, Woltmanns Frau zu werden. Vor allem hatte Wieschen Suhr, eine Brinksitzerstochter, ein bildschönes Mädchen, es Vetter Philipp angetan, der so oft und ohne erst lange zu fragen mit ihr tanzte, sie vor der Tür auch, als die Mädchen sich in der Pause abkühlten, umfaßte und zu küssen versuchte, bis das ihrem Schatz Heini Bockholt zu quant wurde und er sich das dadurch verbat, daß er Woltmann einen Stoß vor die Brust gab und sagte: »Hand von 'n Sack, is Haber in!« Nun ging der Spektakel los. Vetter Philipp wurde so braun wie Torf im Gesicht, zog die Jacke aus, krempte die Hemdsmaugen hoch, rollte die Augen gefährlich, schrie: »Komm' her, komm' her, du blutiger Hund; ich will einen Maispudding aus dir machen!«, ging auf Bockholt los und hielt ihm die Fäuste unter die Augen; aber ehe er zum Boxen kam, hatte Heini ihm einen solchen Schlag gegen die Nase versetzt, daß ihm das blanke Blut daraus lief. In seiner Aufregung versah er sich und boxte Johann Ulpers in die Rippen, einen Schlachtergesellen aus Krusenhagen, den stärksten Mann weit und breit, der nichts Schöneres kannte als eine tüchtige Prügelei, und nun ging es nach der Melodie: »Vom Himmel hoch da komm' ich her«, und Jakob, der seinem Freunde beistand, und Vetter Philipp wurden so zugerichtet, daß sie sich acht Tage nicht vor den Leuten sehen lassen konnten, so sahen sie aus, besonders Woltmann, dem das Nasenbein gebrochen war, so daß seine Nase seitdem nach links stand, was ihm ganz putzig ließ. Er wohnte während der Zeit, bis sein Mund abgeschwollen und die blauen Flecken in seinem Gesicht gelb geworden waren, bei Bennewies und hielt sich im Hause oder ging mit seinem Freunde auf die Jagd. Allmählich ließ er sich wieder in Horst oder Fladder in den Wirtschaften blicken, wurde aber teils offen, teils heimlich mit der großen Schlacht in Krusenhagen aufgezogen; denn die gesamte Jungmannschaft der Dörfer in der Runde hatte es übel genommen, daß er sich nach den jungen Mädchen umsah, und wo er sich blicken ließ, hieß es: »Schermennie, hör' mal zu; ich weiß dir ein Mädchen, großartig schönes Mädchen, noch keine fuffzehn. Das is so 'was für dich. Es ist Krügers Luise. Wenn Krüger seine Schweine killt, mußt du zum Wurstessen kommen, dann kann ich dich mit ihr zusammenbringen. Aber erst hundert Doohlar Vorschuß! Anders wird's nicht gemacht bei uns in Schermennie! Und 'n Drink mußt du natürlich auch ausgeben!« So und ähnlich wurde er überall begrüßt. Das gefiel ihm nun gar nicht, und er machte, daß er wieder nach Amerika kam. Zwei Jahre blieb er fort, und dann war er wieder da, noch großartiger im Zeug als vordem und mit einer fingerdicken goldenen Kette von einer Westentasche bis zur anderen. Er hielt sich aber nicht lange in Ohlenhof auf, sondern sagte, es sei ihm da zu klein und er wohne in Celle im Celler Hof. Eines Tages bekamen alle seine Verwandten und Bekannten eine mächtig feine Karte mit goldenem Rande von ihm geschickt, auf der zu lesen stand, daß er sich mit Fräulein Rosalie Schlufer verlobt habe. Ein Vierteljahr hinterher verschwand er ganz plötzlich wieder nach Amerika, und allmählich wurde es im Dorfe auch bekannt, aus welchem Grunde. Seine Verlobte und deren Mutter hatten ihn um einige tausend Mark leichter gemacht, und die schöne Rosalie, von der es in Celle bekannt war, daß sie so leicht keinem etwas abschlagen könne, war von ihm mit einem anderen abgefaßt worden. Es hatte einen großen Krach abgesetzt, denn er hatte dem jungen Manne, einem Oberkellner, allerlei Grobheiten gesagt, und der hatte ihn verklagt, und Woltmann wurde zu einer Geldstrafe verurteilt. Das hatte ihn so geärgert, daß er zum dritten Male über das Wasser ging. Seitdem sind drei Jahre ins Land gegangen. Im Herbst war er auf einmal wieder da, hielt sich bald bei diesem, bald bei jenem Verwandten auf, ließ sich aber wenig in den Wirtschaften sehen und lebt nun schon drei Monate auf dem Dieshofe, wo er meist in einer alten Manchesterhose und einer grünen Wollweste und barhäuptig herumgeht, alle Arbeit übernimmt, und, wenn es nichts zu tun gibt, genau so wie ehedem Jakob Bennewies mit Hammer und Nagelbeutel umhergeht und zusieht, ob nicht irgendwo etwas festzumachen ist. Auch bejagt er die Jagd vom Dieshofe und geht mit dem Schuster Matthies fischen. Sonntags aber zieht er sich fein an und geht hier und da in der Umgegend auf Besuch. Er hat immer noch nicht die Hoffnung aufgegeben, daß er eine glatte junge Frau, so eine zwischen achtzehn und zwanzig, es können auch einundzwanzig sein, kriegt, und es kommt ihm jetzt sogar nicht darauf an, dem, der ihm dazu verhilft, tausend Taler zu geben, denn Geld hat Vetter Philipp mehr als genug. Aber er wird wohl keine bekommen; denn so leicht nimmt ein junges Mädchen keinen Mann, hinter dem man hergrient. Die alte Schänke Wer in Ohlenhof nicht Bescheid weiß, der findet die Schänke zum blauen Schimmel nicht so ganz leicht, denn der Schimmelbergshof sieht genau so aus wie jeder andere Bauernhof, nur daß neben der großen Tür ein Schild aus Eisenblech angebracht ist, aus dem ein hellblau angestrichenes springendes Pferd ausgeschnitten ist. Der blaue Schimmel ist ein Erbkrug. Herzog Georg von Celle, den die Bauern Jürgen-Vadder nannten, ist dort oft eingekehrt, wenn er in der Gegend jagte, und bei einer solchen Gelegenheit hat er den Krug zum Erbkrug gemacht, wie es in der alten Beschreibung heißt, die in Glas und Rahmen zwischen den alten, stockfleckigen Bildern in der Gaststube hängt. Es ist viel Land bei dem Hofe. Als Jürgen-Vadder einmal guter Laune war, hatte er der Haustochter gesagt, soviel Land, als sie in einer Stunde auf dem alten Blauschimmel umreite, solle dem Kruge eigentümlich sein. Er soll hinterher ein langes Gesicht gemacht haben, als die schöne Regina den alten Hengst in eine Gangart brachte, als sei er ein Fünfjähriger; aber sie lachte bloß, als er sie danach fragte, und kam nicht mit der Sprache heraus. Und da ein Wort ein Wort ist, zumal wenn es ein Herzog und Landesfürst gegeben hat, so wurde der blaue Schimmel ein Erbkrug mit viel Land dabei. Vordem war er nur ein fürstlicher Pachthof gewesen. Der jetzige Besitzer ist ein langer, breitschultriger Mann mit langen, dünnen und etwas krummen Beinen und toternstem, faltigem Gesichte, Er hat in den Hof hineingeheiratet. Daß er Meyer heißt, hat er beinahe schon vergessen, denn er wird nach dem Hofe immer nur Schimmelberg genannt, zumeist aber Ludjen. Er spricht ganz wenig, aber was er sagt, das stimmt auf das Haar, und mit dem trockensten Gesichte macht er die großartigsten Witze. Aus der Gastwirtschaft macht er sich gar nichts; die überläßt er völlig den Frauensleuten. Kommt ein Fremder, der nicht weiß, daß der Mann, der bei dem alten Plaggenofen sitzt, kalt raucht und das hannoversche Pferd streichelt, das auf der Ofenplatte zu sehen ist, der Wirt ist, so kann er warten, bis er schwarz wird, ehe er etwas kriegt. Schimmelberg tut das nie. Lieber schreit er zwanzigmal »Detta!«, ehe er aufsteht und den Gast bedient. Wer im blauen Schimmel Bescheid weiß, schenkt sich darum selber ein und legt das Geld auf die Tonbank, und der Wirt tut so, als ginge ihn das kein bißchen an. Wenn er abends neben dem Ofen im Backenstuhle sitzt, hat er sein Teil Arbeit getan, gesät, gepflügt, geeggt, Plaggen gehauen oder Mist gefahren; denn er hat neben seiner großen Ackerwirtschaft durchschnittlich fünfzig Stück Vieh im Stalle, ungerechnet die Schweine und die Pferde, und er ist mit der beste Züchter im ganzen Gau. Deswegen kann er sich um die Gastwirtschaft nicht kümmern, abgesehen davon, daß er einen Haß auf alles hat, was Gastwirtschaft ist. Denn er ist selber Wirtssohn. Wäre er das nicht gewesen, so säße er auf seinem väterlichen Hofe in Hülsingen und hätte altes Erbland unter den Füßen, statt daß der nun eingeheirateter Bauer ist, was immer sein Kummer ist, wenn er auch einer der bestgestellten Besitzer in Ohlenhof ist und Ansehen und Achtung vor allen Leuten hat. Aber er ist und bleibt der Sohn von Lottchen Lustig, und sein Lebelang wird er sich vorkommen, als wenn er Dreck am Rocke habe. Jahrelang ist er überhaupt nicht in die Gaststube gegangen, seitdem einmal ein Holzhändler, der reichlich viel getrunken hatte und wegen seines losen Mundes bekannt war, ihn Herr Lustig geheißen hatte. Da hatte Schimmelberg den schweren Mann gefaßt und so vor die Tür geschmissen, daß er ein Bein brach, was ihn drei Wochen Gefängnis und eine Reihe blanker Taler kostete. Im Dorfe trug ihm diese Strafe aber niemand nach, sondern jedermann sagte: »Schimmelberg hat recht gehabt, daß er das Schandmaul so zu Bett gebracht hat.« Er hatte auch Ursache genug dazu. Sein Vater, der Gastwirt Meyer in Hülsingen, der in die Wirtschaft hineingeheiratet hatte, war ein achtbarer Mann; seine Frau aber, die hübsche Charlotte Boll, galt schon als Mädchen als etwas wild; denn sie wechselte ihre Liebhaber ein bißchen zu oft und hielt es mit mehr als einem zu gleicher Zeit, und das legte sich nicht nur nicht, als sie Frau war, sondern wurde bloß noch schlimmer. Da sie ein Mundwerk wie eine Wassermühle hatte und bei jeder Vorhaltung, die ihr ihr Mann machte, zu schreien und zu heulen anfing, auch in Ohnmacht fiel oder Krämpfe bekam, so wurde es ihm schließlich zum Ekel, er ließ sie tun und treiben, was sie wollte, kam immer mehr an das Trinken, und als auf seine beiden blonden Kinder eines mit roten und eines mit schwarzen Haaren folgte, lag er eines Tages tot auf der Heide mit einer Kugel in der Stirn. Obgleich es den Anschein hatte, als wenn er auf der Jagd zu Unglück gekommen war, so wußte man in Hülsingen doch besser Bescheid und ließ seine Witwe das auch genug merken, obschon sie sich schrecklich anstellte. Nach kurzer Zeit ging es aber noch wilder in der Wirtschaft zu als bisher, und weit und breit war Charlotte Meyer als Lottchen Lustig bekannt. Es wurden von Viehhändlern, Holzverkäufern und Reisenden mit ihr und den hübschen Mägden, die sie immer hatte, Gelage hinter verschlossenen Türen abgehalten, bei denen der Champagner nur so floß, und wobei es oft nicht anders herging als in einem Freudenhause, indem die Frauensleute nicht mehr anhatten als die Hemden, und bisweilen die noch nicht eimal, so daß der Krug zum Ärgernis in der ganzen Gegend wurde. Als der älteste Sohn, Ludewig, der jetzige Schimmelbergsbauer, der seinem Vater in allem ähnelte, heranwuchs, versuchte er es, dem Treiben im Hause zu steuern, kam aber gegen das Mundwerk seiner Mutter nicht an. Schließlich, als die es immer schlimmer trieb, verunzürnte er sich so mit ihr, daß sie ihm die Tür wies; und nachdem er erst auf Lohhorst gearbeitet hatte, trat er auf dem Schimmelbergshofe als Knecht ein und blieb da viele Jahre; denn dort diente eine Magd, die er gut leiden mochte. Da der Wirt vom blauen Schimmel kränklich war, wurde Ludewig Meyer schließlich ohne daß er das wollte, das Haupt auf dem Hofe, und als der Wirt starb, blieb er es erst recht. Bald darauf brannte sein Vaterhaus ab, wobei seine Mutter, die sich den Abend wieder toll und voll getrunken hatte, mit den beiden jüngsten Kindern, die wahrscheinlich nicht von ihrem Ehemann herstammten, in den Flammen blieb. Da das Haus nicht versichert und der Hof infolge des liederlichen Betriebes über und über verschuldet war, so kam er unter den Hammer, und für Ludewig und seine Schwester Erna, die ebenfalls mit der Mutter in Unfrieden gekommen war und auf Lohhorst diente, blieb so gut wie nichts übrig. Ludewig hatte in all den Jahren, die er auf dem Schimmelbergshofe zugebracht hatte, so viel Arbeit hineingesteckt, daß sein Herz mehr daran hing, als an allem anderen auf der Welt, und als ihm die Witwe Schimmelberg, die kinderlos war, antrug, daß er ihr Mann werden sollte, setzte er sich mit der Magd Detta, mit der er so halb und halb versprochen war, in Güte und Ruhe auseinander. Das Mädchen nahm einen Dienst in Wöbbesse an, und freite Regina Schimmelberg. Die Ehe blieb kinderlos. Nach vier Jahren starb die Bäuerin, die immer viel zu stark und sehr kurzatmig war, an Herzwassersucht. Als das Trauerjahr zu Ende war, freite Ludewig seine Detta, so daß jetzt Knecht und Magd als Bauer und Bäuerin auf dem Schimmelbergshofe sitzen und genau so viel Ansehen und Achtung im Dorfe haben, als stammten sie aus den großen Lohöfer Geschlechtern. Aber ob Ludjen Meyer, genannt Schimmelberg, auch ein wohlhabender Bauer und glücklicher Viehzüchter ist, eine gute Frau und ordentliche Kinder hat, tief in seinem Herzen wurmt es ihn doch immer, daß er nicht auf seinem väterlichen Hofe sitzt, und daß seine Mutter Lottchen Lustig geschimpft wurde; und nie wieder hat er sein Geburtsdorf betreten. Helmbrechtsvater In dem freundlichen Hause mit dem hübschen Blumengarten und dem runden Lindenbaum hinter dem grünen Zaun wohnt der Pferdehändler August Helmbrecht. Bei schönem Wetter kann man Helmbrechtsvater, wie er im Dorfe allgemein heißt, obgleich er niemals Kinder hatte, meist unter der Linde vor der Tür sitzen sehen, die gestickte Samtkappe auf dem Kopfe, die lange Pfeife in der Hand, die Silberhochzeitstasse und ein Buch vor sich; denn er liest viel. Er ist weit in der Welt herumgekommen, denn er hat als Koppelknecht angefangen. Als er mit dem Pferdehändler Wöhlecke aus Osterwald, bei dem er damals in Stellung war, einen Zug Pferde nach Lothringen gebracht hatte, ließ er es sich beifallen, zum Vergnügen über die Grenze zu gehen. In einem Weinhause, wo lustige Mädchen bedienten, wurde ihm irgendein Gift in das Glas gegossen, so daß er von Sinnen kam, und als er wieder bei sich war, wurde ihm seine Unterschrift auf einem Werbeschein für die französische Fremdenlegion vorgehalten; er war Werbern in die Finger gefallen. Drei Jahre blieb er verschollen. Auf einmal tauchte er in Krusenhagen, von wo er gebürtig war, wieder auf. Erst kannte den braungebrannten Mann mit den beiden roten Schmarren im Gesichte kein Mensch wieder, bis er sich zu erkennen gab. Kaum hatte er das getan, so wurde er von dem Gendarmen, der zufällig im Dorfe war, verhaftet, weil er sich gerade um die Zeit, als er von Frankreich nach Algier geschafft war, hatte stellen müssen. Er wurde sofort in den bunten Rock gesteckt und als unsicherer Kantonist behandelt, doch bewies er bald durch sein Verhalten, daß das nicht nötig war, wurde bald Gefreiter und Unteroffizier, und es wurde ihm sogar, weil er seinen Dienst mit Auszeichnung tat, ein volles Dienstjahr erlassen, einmal in Anbetracht seines Schicksals, und weil er seine Mutter unterhalten mußte. So wurde er bei seinem früheren Dienstherrn wieder Koppelknecht und kam wieder weit in der Welt herum, nach England, Rußland und Österreich. Bevor er der Fremdenlegion verfiel, war er ein ziemlich leichtes Huhn und ein mehr als gutmütiger Mensch gewesen; seitdem aber hielt er sich nüchtern, sparte sein Geld und sah sich jeden Menschen vorher ganz genau an, ehe er sich näher mit ihm einließ. Wenn er von seinen Erlebnissen in Afrika erzählen mußte, bekam er einen engen Munde, und seine Augen, in denen fast gar keine Farbe war, kriegten einen bösen Schein. »Ein Lumpenvolk ist das,« sagte er dann und biß sich auf die Lippen; »ich habe dabei stehen und zusehen müssen, wie ein Bengel von neunzehn Jahren um nichts und wieder nichts totgeschossen wurde. Mir wäre es vielleicht nicht anders gegangen, wenn ich das nicht hätte mit ansehen müssen. So habe ich denn stillgeschwiegen und gewartet, bis es Zeit für mich war. Beinahe hätten sie mich doch noch wieder gekriegt, aber ich hatte Glück und kam heil über die Grenze, und hatte den Dusel, gleich bei einem Pferdetransport anzukommen.« Bei dieser Stelle lachte er meist bösartig und sagte: »Ich möchte bloß wissen, ob der Unteroffizier, der mich einholen wollte, mit dem Leben davongekommen ist; denn ich ließ ihn vorbeirennen und schlug ihn mit dem Kolben eins über den Schädel. Jean Meunier hieß er; er war der schlimmste Leuteschinder im Bataillon. Na, Brägenschülpen habe ich ihm mindestens für vier Wochen besorgt.« Als er einmal auf Lohorst Pferde kaufte, bekam er Erna Meyer zu sehen, die dort als erste Küchenmagd diente. Der Freiherr hatte ihm gesagt, er solle sich in der Küche Mittag geben lassen; und auf diese Weise kam er mit ihr ins Gespräch und fand Gefallen an ihr; denn sie hatte genau dieselbe sanfte Stimme, wie die Frau des Kapitäns von dem Schiffe, mit dem er von Afrika fortkam, und die sehr gut zu ihm gewesen war und ihm beim Abschied noch zehn Taler geschenkt hatte. Er wußte es einzurichten, daß er das Mädchen traf, wenn sie ihren Bruder besuchte, was weiter nicht auffällig war, weil er immer in der alten Schänke einzukehren pflegte, wenn er durch Ohlenhof kam; denn er hatte mit Schimmelberg ab und zu Handelsgeschäfte. Das Mädchen hielt sich anfangs von ihm zurück, einmal seiner farblosen Augen wegen, die ihr unheimlich waren, und dann seines afrikanischen Abenteuers halber; denn sie war stillen und einfachen Gemütes und dachte sich, daß ein Mann, der soviel in der Welt umhergekommen wäre, kein rechter und ruhiger Ehemann werden würde. Eines Tages kam er im besten Zeuge auf Lohorst angeritten, ließ sich bei der Freifrau melden und fragte, ob er in ihrer Gegenwart mit dem Mädchen sprechen dürfe; »denn das gehört sich meiner Meinung nach so, Frau Baronin,« fügte er hinzu. Die Freifrau hat dann die Sache so erzählt: »Das Mädchen kommt mit ganz rotem Kopf herein, dreht die Schürze in der Hand und weiß nicht, wo sie mit den Augen bleiben soll. Der junge hübsche Mensch aber gibt ihr ganz unverlegen die Hand und sagt: »Mit deinem Bruder habe ich gesprochen, Erna; der hat nichts dagegen, daß wir Schwäger werden. Ich verspreche dir, ein guter Mann zu sein, Erna, und ich pflege mein Wort zu halten. Ich trinke nicht, ich kartje nicht, und ich habe mir Geld genug gespart, daß ich selber anfangen kann. Und ich wüßte keine andere, zu der ich mehr Zuvertrauen hätte, als zu dir. Eile hat die Sache ja nicht. Überlege es dir und sprich mit deinem Bruder. In zwei Wochen komme ich zu ihm hin.« »Damit machte er mir eine Verbeugung wie ein Kavalier,« erzählte die Freifrau weiter, sagte: »Ich bedanke mich auch schön, Frau Baronin!« und ging. Na, ich habe dem Mädchen gesagt: »Wenn du den nicht nimmst, Ernestine, bist du dumm; der Mann gefällt mir.« Erna Meyer wurde ein halbes Jahr später seine Frau und hat es nie zu bereuen gehabt. Von Jahr zu Jahr wurde ihr ihr Mann lieber, und obgleich zwischen ihnen kaum einmal ein Wort von Liebe fiel, so wußte der eine, daß er sich auf den anderen immer und ewig verlassen dürfe. Niemals kam Helmbrecht von einer Reise zurück, ohne seiner Frau etwas mitzubringen; wenn es auch nur eine Kleinigkeit war, und wenn es auch kein Tand und unnützer Kram war, sondern etwas, das Erna für sich oder im Haushalte nötig hatte, die Aufmerksamkeit ihres Mannes tat ihr doch gut. Mit der Zeit gewöhnte sie sich auch an seine Augen und daran, daß er ab und zu etwas sonderbar war, einen engen Mund eine krause Stirn bekam und dann die halbe Nacht bei der Lampe aufsaß und in irgendeinem Buche las. »Das sind so Erinnerungen,« hatte er gesagt, als sie ihn einmal gefragt hatte; «das geht vorüber; mach' dir man nichts daraus.« Hinterher konnte er dann wieder lustig sein, und pfiff, wenn er im Garten arbeitete, ein Lied. Anfangs hatte das junge Paar in Hölsingen zur Miete gewohnt, bis Helmbrecht seinem Schwager eine kleine Baustelle neben der alten Schenke abkaufte, auf der er sich ein hübsches Haus baute, an dessen Wände er Spalierobst pflanzte; in dem Garten davor zog er allerlei Blumen, besonders aber Rosen, die seine ganze Freude waren. Hatte er weiter nichts zu tun, so bastelte er in dem Garten herum, schnitt die Rosen und band die Obstbäume auf. Meist hatte er aber nicht viel Zeit dazu; denn wenn er nicht auf Handel war, so half er seinem Schwager bei der Landwirtschaft. Das tat er besonders, wenn er seine schwarzen Tage hatte; denn der einzige Mensch, der wußte, was ihm fehlte, war sein Schwager. Helmbrecht litt nämlich an Ferngesichten. Als sich das Unglück im Bachhause begab, war er gerade mit Schimmelberg beim Mähen; er ließ auf einmal die Sense fallen, wurde weiß im Gesicht und rief aus: «O Gott, o Gott, das Unglück!« Mehr sagte er nicht; aber mittags erfuhr Schimmelberg, daß Friedrich Timman vom Schlage gerührt sei, und daß im Dorfe das Gerücht gehe, sein Bruder Johann habe im Streit Hand an ihn gelegt. Nach Jahren hatte er mit seinem Schwager allein eines Nachmittags in der Gaststube gesessen und war plötzlich aufgesprungen und hatte getan, als hörte er etwas Schreckliches. Bald darauf kamen Leute und sagten, der Jagdaufseher Rudow sei totgeschossen im Högenbusche gefunden. Fast ein jedesmal, wenn ein Mensch in der Gegend unglücklich zu Tode kam, hatte Helmbrecht das um dieselbe Zeit gesehen. Schließlich hatte er mit seinem Schwager darüber einmal gesprochen, aber der hatte ganz ruhig gesagt: »Überall ist 'was, August; der eine hat dies, der andere das. Mein Großvater soll das auch gehabt haben. Das ist Schickung. Sag' man zu Erna nichts davon. Frauen sind in solchen Sachen wunderlich.« Vor dreiviertel Jahren ist Helmbrechts Frau an Herzschwäche gestorben, die sie von einer alten Lungenentzündung behalten hatte. Als Helmbrecht in Krusenhagen die Grabstelle kaufte, nahm er gleich die danebenliegende dazu, kaufte einen doppelten Stein und gab auch zwei Särge in Arbeit. Als der Pfarrer das hörte, fragte er ihn nach der Beerdigung, weshalb er das getan habe. »Tja, Herr Pastor,« hatte Helmbrecht gesagt, »das ist so, über's Jahr liege ich neben meiner Erna; das weiß ich für ganz gewiß.« Der Geistliche wollte ihm das ausreden, Helmbrecht aber sagte: »Was ich weiß, das weiß ich. Ich sterbe über's Jahr, wenn die Kartoffeln heraus sind. Außerdem habe ich keine Lusten mehr am Leben, seitdem meine Frau fort mußte.« Nun sitzt er mit dem Samtkäppchen auf der Kaffeetasse unter der Linde und wartet auf den Tod. Er liest nicht mehr, er raucht auch nicht mehr; er ist schmal im Gesicht geworden und sehr zusammengefallen, gähnt in einem fort und blickt mit leeren Augen dahin, wo der Kirchturm von Krusenhagen über die Heide sieht, neben dem seine Frau liegt, und wohin sie ihn selber hinfahren werden, sobald die Kartoffeln über der Erde sind. Das Schulhaus Jedem Menschen, der nach Ohlenhof kommt, fällt es sofort auf, wie gut erzogen die Kinder im Dorfe sind; ein jedes, das ihm begegnet, bietet ihm freundlich die Tageszeit. Führt ihn dann sein Weg an dem Schulhause vorbei, so bleibt er gern stehen, um einen Blick in den Garten zu werfen, der in seiner Art eine Sehenswürdigkeit ist; denn er ist ganz von Tuffsteinblöcken erfüllt, auf und zwischen denen lauter Alpenblumen und andere Gewächse auf das beste grünen und blühen, so daß er sich reizend ansieht. Der Lehrer, der das geschaffen hat, heißt Eggerding. Er ist ein schlanker Mann, Ende der vierziger Jahre, mit einem ernsthaften, aber zufriedenen Gesichte. Seinen blauen Augen sieht man es an, daß ein besonderer Geist dahinter wohnt. Er trägt den Kopf so hoch, wie die großen Bauern, und grüßt keinen Menschen eher, selbst den Vorsteher nicht, als bis man Anstalten dazu macht. Das tut er aber nicht aus Hoffart und Einbildung. Er hat noch die Zeiten durchgemacht, in denen der Schulmeister knapp so viel im Dorfe galt, wie ein guter Knecht, und deshalb hat er sich mit Absicht und Überlegung ein steifes Genick und ein langsames Handgelenk angewöhnt. Daran aber, daß nicht nur die Schulkinder blanke Augen bekommen, wenn sie ihm in die Möte kommen, sondern auch das halbwüchsige Volk ihm mehr als freundlich die Tageszeit bietet, ist sofort zu sehen, daß er ein vorzüglicher Lehrer sein muß, und daß es mit seinem Stolz eine eigene Bewandtnis hat. Die hat es auch. Ohlenhof hatte vordem einen kränklichen und schwachen Lehrer gehabt und nachdem einen, der eine mehr als liederliche Haut war, seiner Stelle entsetzt wurde und verschollen ging. Infolgedessen war die Schuljugend des Dorfes etwas wild aufgewachsen, und die meisten Lehrer, die sich um die Stelle, die auch in anderer Hinsicht nicht sehr günstig war, bewerben wollten, gaben das auf, als sie sich im Dorfe umgesehen hatten. So mußten die Ohlenhöfener froh sein, daß sie Eggerding bekamen. Wenn der alte Diesbauer nicht gewesen wäre, so hätten sie ihn nicht genommen; denn es ging ihm ein dunkeles Gerücht vorauf. Aber der alte Dies, der damals im Schulvorstande saß, hatte Gefallen an dem jungen Manne gefunden, war mit ihm nach Hannover gefahren und hatte sich bei dem Provinzialschulkollegium nach ihm erkundigt und dann in der Schulvorstandssitzung gesagt: »Ich bin für den Mann! Kein reiner Mensch kann was dafür, wenn ihm jemand von hinten gegen den Rock spuckt. Was anderes ist es mit dem Manne nicht gewesen.« So bekam Eggerding die Stelle. Er machte sich mehr als gut. Es dauerte nicht lange, und er hatte die Schulkinder, von denen ein Teil gehörig verwahrlost war, so in der Ordnung, daß selbst die Leute, die anfangs am meisten gegen ihn waren, auf seine Seite traten, und es ihm noch nicht einmal nachtrugen, als auf seine Veranlassung das alte Schulhaus durch einen Neubau ersetzt wurde, eine eigene Pumpe und einen Turnplatz sowie eine Büchersammlung bekam, was vielen Leuten recht überflüssig schien. Er verstand es aber, sowie im Schulvorstand als auch bei dem Bauernmale, bei dem er, da die Schule Brinksitzerrechte besaß, Sitz und Stimme hatte, seine Meinung so ruhig und fest vorzutragen, daß wenig dagegen einzureden war. Als der Ludjenbauer ihm einmal entgegen war, meinte er ganz gelassen: »Wenn Sie meinen, daß die Gemeinde zu arm ist, um sich ein anständiges und gesundes Schulhaus zu leisten, so bitte ich, das zu Protokoll zu nehmen, damit wir die Regierung um Zuschuß bitten können.« Daraufhin ließ der Ludjenbauer seinen Einwand schnell fallen. Trotzdem Lehrer Eggerding die Achtung von allen Leuten im Dorfe hat, hält er sich sehr zurück. Ganz selten, und meist nur, wenn eine notwendige Gelegenheit dafür vorliegt, läßt er sich im Kruge sehen, und näheren Verkehr pflegt er wenig im Dorfe. Wenn es der Zufall mit sich bringt, kehrt er wohl einmal im Forsthause ein und verbringt eine Stunde mit dem Hegemeister Oberheide, oder bespricht sich mit dem Diesbauern über Schulangelegenheiten, bleibt auch einmal bei Tante Janna stehen und läßt sich von ihr ihre Gemüsebeete und Obstbäume zeigen; im allgemeinen hält er sich aber für sich selbst, verreist jedoch auch oft und bekommt ab und zu Besuch von auswärts. Anfangs zerbrach man sich im Dorfe den Kopf über die Leute, die den neuen Lehrer besuchten, und die so ganz verschiedener Art waren, und über die vielen Briefe und Pakete, die er bekam und fortschickte, so wie darüber, daß er in seiner freien Zeit in der Heide und im Moore ganz allein herumging und alle Augenblicke etwas aufnahm, es besah, fortwarf oder einsteckte. Zuerst meinte man, es sei Wichtigtuerei, dann glaubte man, der Lehrer habe einen kleinen Splitter im Kopfe, und schließlich nahm man das so hin, wie anderer Leute Eigenheiten. Als er sich verheiratete, meinte man, daß der umgänglicher werden und nicht mehr allein in Moor und Heide herumstrolchen würde; doch es blieb, wie es war. Aber ganz dumme Gesichter gab es, als es sich herumsprach, daß der Lehrer bei der Steuererklärung angegeben habe, der hätte zwei naturwissenschaftliche Sammlungen für 6000 und 8000 Mark an amerikanische Museen verkauft, und mancher Mann schüttelte den Kopf und dachte: »Na, so dumm auch! Wo es doch keiner wußte!« Lehrer Eggerding ist nämlich ein ganz bedeutender Flechtenkenner, und er hatte sich um die Stelle in Ohlenhof deshalb beworben, weil er von einem Celler Botaniker, der bei Ohlenhof für ihn gesammelt hatte, wußte, daß die Gegend ganz besonders reich an der schwierigen Gruppe der Cladonien, der Renntierflechten, sei. Diese hatte er von jeher mit Vorliebe gesammelt und getauscht, so daß er schließlich im Besitze der umfangreichsten Cladoniensammlung der Welt und weit und breit als der beste Kenner dieser schwer zu bestimmenden Pflanzengruppe bekannt war. Tag für Tag fast kommen Sendungen von Museen und Sammlern an ihn, die er zu bestimmen hat, und es vergeht kaum ein Monat, daß er nicht Besuch von Forschern bekommt, mit denen er stundenlang über seinen Mappen sitzt oder in der Heide und im Moore auf die Suche geht. Wenn er wollte, könnte er längst von einem naturwissenschaftlichen Museum angestellt sein; denn mehr als einmal ist ihm eine Stelle als Kustos angeboten. Er will aber in Ohlenhof bleiben, einmal, weil er gern Lehrer ist, dann, weil er nirgendwo eine so reiche Cladonienflora findet, wie hier, und schließlich, weil er befürchtet, daß seine Wissenschaft ihm, müßte er sie als Beruf betreiben, nicht mehr soviel Freude machen könnte, als jetzt, wo sie ihm eine erquickende Liebhaberei ist. Er hatte sich sein Leben einst anders gedacht. Ein großer Botaniker, Weltreisender und Hochschullehrer wollte er werden. Doch als er Unterprimaner wurde, verlor seine Mutter ihr Vermögen bis auf einen kleinen Rest durch den Zusammenbruch einer Bank. Da wurde er Schullehrer. In seiner ersten Stelle hatte er einen Geistlichen über sich, der als blinder Eiferer bekannt war, und als der es herausbekam, daß der junge Lehrer darwinistische Aufsätze in botanischen Zeitschriften schrieb und mit Leuten verkehrte, die als Gotteslästerer galten, behandelte er ihn so hart, daß Eggerding sich in einer Weise gegen ihn stellte, die sich für ihn nicht gehörte. Auch sonst war er barsch und hart und machte sich dadurch einige Leute im Dorfe zu Feinden. Einer von diesen überbrachte es dem Superintendenten, daß der junge Lehrer sich auffallend viel um ein Mädchen kümmere, das ebenso hübsch und vor der Zeit erwachsen, als törichten Geistes und schwächlicher Seele war. Das Kind wurde so lange durch Fragen geängstigt, bis es in seiner Verwirrung Dinge aussagte, die gegen den Lehrer zu sprechen schienen. Er wurde seiner Stelle enthoben, unter Anklage gestellt, aber vor Gericht gänzlich freigesprochen. Er wäre wieder in seine Stelle eingesetzt worden, wenn nicht ein Freund von ihm sich an einen Redakteur gewandt hätte, der sich mit allzuviel Eifer seiner annahm und so scharf gegen den Superintendenten, den Schulvorstand, der ganz unschuldig an der Sache war, und das Dorf, von dem eigentlich nur ein einziger Mensch sich gegen den Lehrer versündigt hatte, vorging, daß die Wiederanstellung dadurch unmöglich wurde. Der Fall hatte soviel Lärm gemacht, daß es der Regierung nicht leicht wurde, Eggerding unterzubringen, zumal er auf seinem Kopf beharrte und in der Provinz bleiben wollte, was ihm nicht verwehrt werden konnte. Schließlich kam er in Ohlenhof unter, sehr nach seinem Wunsche, der reichen Cladonienflora halber, die es dort gab. Im Dorfe hat man so recht keine Ahnung, was der Schulmeister in der Gelehrtenwelt bedeutet. Man weiß, daß er irgendwelche Moose oder dergleichen sammelt, die er sich gut bezahlen läßt, daß er ein tüchtiger Lehrer und ordentlicher Mann ist. Aber daß er Ehrenmitglied mehrerer naturwissenschaftlicher Vereine, ein Freund hochgestellter Gelehrter, ein hervorragender Forscher ist, das weiß in Ohlenhof kein Mensch und in der Umgegend nur Pastor Wöhlers in Krusenhagen, der auch ein ganz guter Botaniker ist. Lehrer Eggerding legt auch gar keinen Wert darauf, daß man in Ohlenhof weiß, daß er in der großen Welt etwas gilt. Er ist ein musterhafter Lehrer. Daß er nebenher ein anerkannter Forscher ist, ist eine Sache, die im Dorfe keinen Menschen etwas angeht. Noch nicht einmal seine Frau, eine Besitzerstochter aus seiner Heimat, ist sich recht klar darüber, daß die Liebhaberei ihres Mannes mehr als eine bloße Spielerei ist. Sie weiß nur, daß ihm das ein gutes Stück Geld einbringt. Der Lütkensweershof Die beiden Sweershöfe liegen sich gerade gegenüber, rechts von der Straße liegt der Grotensweershof und links von ihr der Lütkensweershof. Ehedem hatte es Sinn und Verstand, daß die beiden Höfe durch ihre Beinamen unterschieden wurden; heute ist das nicht mehr der Fall, wenn auch der eine ein Vollmeierhof ist und der andere ein Halbmeierhof; denn durch Erbschaft und Zukauf ist mit der Zeit so viel Land an den Lütkensweershof gekommen, daß er größer ist als der Grotensweershof. Deswegen gilt dieser aber doch mehr als der andere, einmal aus alter Gewohnheit, und dann auch, weil Grotensweer mehr Ansehen hat als Lütkensweer. Er ist ein stiller Mann, der sich wenig sehen läßt und noch weniger aus sich macht, und Lütkensweer ist groß und breit, hat ein rotes Gesicht und eine laute Stimme, und wo er ist, hört man ihn heraus, aber Ansehen hat er darum doch nicht, trotz seines Schnauzbartes, und obzwar er auch alltags weiße Wäsche trägt. Das kommt nicht daher, daß er auf dem Hof geheiratet hat und eigentlich Wiegmann heißt; denn das haben mehrere im Dorfe getan, und auch nicht deswegen, weil er mehr als nötig in den Wirtschaften liegt und auch in der Woche Karten spielt; denn das kann er sich leisten, weil sein Hof gut imstande ist, und dann ist er nebenbei Viehhändler und muß darum viel auf der Landstraße liegen. Aber er gilt im Grunde nicht so viel wie ein guter Knecht. Wenn er im Kruge sitzt und beim Kartenspielen auftrumpft, daß die Gläser Polka tanzen, und mit seiner lauten Stimme Witze erzählt, eine Runde nach der anderen ausgibt und lacht, daß die Hunde an zu bellen fangen, dann sollte man meinen, wunder was für ein Gewicht er hat. Aber wenn er hinausgeht, dann sehen ihm die anderen Bauern so nach, als habe er einen Flecken an dem Rocke; die Anbauern und Häuslinge und Knechte sind vertraulicher mit ihm als mit den anderen Bauern; und wenn er in der Gemeindeversammlung seine Worte auch noch so gut setzt, die anderen Bauern gehen darüber hinweg, wie der Wind über den Roggen. Er hat Sitz und Stimme, denn er ist Halbmeier, aber das ist auch alles. Das richtige Ansehen, wie es einem großen Bauern zukommt, hat er nicht. Als er heiratete, war das anders. Er war mit dem halben Dorfe verwandt, und so sah man es ihm nach, daß er mehr redete, als nötig war, nicht gut an einer Wirtschaft vorbeigehen konnte und öfter einen ausgab, als das üblich war. Jeder hat seine Eigenheiten, und da er seine Arbeit tat und eine glückliche Hand beim Viehhandel hatte, auch ein gefälliger Mensch war und nie etwas tat, das gegen das allgemeine Wohl verstieß, so ließ man ihn gewähren und gewöhnte sich an sein Prahlen und Auftrumpfen. Zudem rechnete man es ihm hoch an, daß er den Viehhandel des Dorfes auf einen besseren Weg brachte und höhere Preise herausschlug, als die Bauern bislang bekommen hatten, und so war er bei allen Leuten beliebt, besonders bei den Frauenzimmern, denn für jede hatte er einen lustigen Schnack. Mit einem Male wurde das anders. Seine Frau, die schöne Ernestine Lütkensweer, eine Frau mit einem Gesichte wie Milch und Blut und den lustigsten blauen Augen, die es gab, kam mit einem toten Jungen nieder. Das war ein Unglück, das überall vorkommen konnte, aber es ging das Gerede im Dorfe, daß der Bauer schuld daran sei; denn die Dienstleute hätten gehört, daß die Bäuerin geweint und gerufen hatte: »Und das sage ich dir: gesunde Kinder will ich haben, und wenn ich sie aus der Erde graben soll!« Sie war dann mehrfach in die Stadt gefahren mit ihrem Manne, und eines Tages kam der nicht wieder, denn es hieß, er müsse eine Kur durchmachen, weil er es an der Lunge habe. Das glaubte nun kein Mensch; denn er hatte eine Brust wie ein Bulle und hatte sein Lebtag nicht gehustet. So machte man sich denn seine eigenen Gedanken, bis es sich heraussprach, daß er in Bad Nenndorf war, und da dachte man sich sein Teil. Nach einem halben Jahr kam er wieder. Er war ganz mager geworden und sah blaß und alt aus, erholte sich aber mit der Zeit und wurde wieder so dick und rot im Gesichte, wie vordem, bekam auch seine gute Laune wieder, und seine Frau war vor den Leuten zu ihm, wie es sich gehört. Aber sie schlief für sich, und ab und zu merkte es das Gesinde doch, daß sie die Hosen anhatte, und daß er sie in allen wichtigen Angelegenheiten fragen mußte. Und so ganz langsam verlor er das Ansehen, das er hatte. Er wurde nicht für voll genommen. Man sprach nicht laut darüber, aber man wußte, daß er nichts zu bedeuten hatte auf seinem Hofe, daß die Frau das Leit in der Hand hatte, und daß er tun mußte, was sie wollte. Hätte er sich gesträubt, so hätte er mehr Achtung gehabt. Aber das tat er nicht, denn er war gutmütig von Haus aus und wußte, daß er der schuldige Teil war. Draußen im Lande blieb er der große Mann, und auch im Kruge prahlt er genug, aber wenn er aufsieht, hat er einen schiefen Blick, und mitten im Lachen bleibt er ab und zu stecken, gerade, als wenn ihm jemand das verboten hätte. Auf seinem Hofe sagt er nicht viel, und wenn er es tut, dann spricht er leise. Seine Frau aber spricht hell und laut. Zwei Jahre sah sie blaß und düster aus, aber seitdem sie die beiden Jungens und das Mädchen hat, ist sie wieder die schöne Frau von vordem und blüht wie eine Rose. Die Kinder halten von ihr alles, aber von dem Vater nichts, trotzdem sie noch alle in die Schule gehen. Als sie noch ganz klein waren, merkten sie schon, wer im Hause etwas zu sagen hatte, und danach richteten sie sich. Auch er macht sich aus den Kindern nichts. Er ist freundlich zu ihnen, aber bloß so von obenhin, als wären es nicht seine eigenen Kinder. Das sind sie auch nicht. Jeder erwachsene Mensch im Dorf weiß das, aber man spricht darüber nicht. Wenn die Frauen zusammenkommen, tuscheln sie wohl darüber, wer Vater zu den Kindern sein mag, aber ob sie auch hin- und herraten, sie bekommen es nicht heraus. Kein Mensch kann der Lütkensweershofbäuerin nachsagen, daß sie eine Liebschaft hat, weder auf dem Hofe noch im Dorfe, oder sonstwo. Der Großknecht ist sicher nicht ihr Liebhaber, denn der ist alt und krumm; der Häusling ist es auch nicht, denn er hat dunkles Haar und schwarze Augen, und die Kinder sind blauäugig und haben Haar wie Haberstroh. Und sonst weiß man auch niemand, auf den man Verdacht haben könnte, zumal die Bäuerin nicht mehr verreist, als die anderen Frauen. Es ist auch kein Mensch im Dorfe, der sie mißachtet. Man weiß, daß sie keine liederliche Frau ist, die sich wegschmeißt, weil sie sich nicht bezähmen kann. Man weiß, daß sie ihrem Manne eine gute Frau sein würde, wenn sie von ihm gesunde Kinder haben würde. Aber kein Mensch verdenkt es ihr, daß sie keine elenden Kinder haben will, oder daß sie, ohne einen Hoferben nachzulassen, sterben mag. So hat sie bei allen Leuten volle Achtung, sogar bei dem Pastor, obgleich seine Frau einmal etwas munkeln hörte. Aber als sie zu ihrem Manne darüber sprechen wollte, wehrte der ab und sagte: »Dorfklatsch, liebe Elfriede, weiter nichts. Lütkensweer und seine Frau leben im besten Einvernehmen. Wenn sie nicht so schön wäre, die Frau, kümmerte sich kein Mensch um sie. Es ist Neid, weiter nichts.« Als er das sagte, sah er vor sich hin, und da wußte seine Frau, daß sie eins von den Dingen berührt hatte, über die ihr Mann nicht gern sprach, weil er selber ein Bauernsohn war. Er läßt sich der Bäuerin gegenüber auch nie etwas merken, er nicht und kein anderer. Darum kann sie den Kopf so hoch halten, als wäre alles in bester Ordnung, viel mehr als ihr Mann. Der hält ihn bloß vor den Leuten hoch. Ist er allein, so läßt er ihn hängen wie ein abgehalftertes Pferd. Er ist ja auch abgehalftert. Der Korlshof Auf keinem Hofe in ganz Ohlenhof geht es so still zu, wie auf dem Korlshofe; das macht, weil bloß ein Häusling darauf wohnt, denn die Hengstmanns oder Korlsbauern, wie sie meist genannt werden, sind bis auf eine Tochter ausgestorben. Der Korlsbauer war schon von jeher ein Mann von wenig Worten, aber seitdem seine Frau nach dem ersten und einzigen Kinde, einer Tochter, zu liegen kam, sprach er bloß noch ganz wenig mehr; denn er grämte sich, daß er keinen Hoferben hatte, und daß sein Name, der siebenhundert Jahre bei dem Hofe gewesen war, verschwinden sollte. Seiner Frau hatte er das aber keinmal entgelten lassen. Er ertrug es mit Geduld, wenn sie am Tage in einemfort seufzte und stöhnte, und er murrte nicht, mußte er nachts bei ihr aufsitzen und ihre Hand halten, wenn sie ihr schweres Herzklopfen hatte. Er bildete sich ein, daß er die Strafe verdient habe; denn er hatte seine Frau bloß geheiratet, weil die Familien es so abgemacht hatten, und ihretwegen eine Häuslingstochter mit einem Kinde sitzen lassen. Er hatte sich in Frieden mit dem Mädchen auseinandergesetzt, das hinterher einen guten Mann bekam, und der Junge wurde ein tüchtiger Mensch, aber Hengstmann wurde vor sich den Vorwurf nicht los, daß er unrecht gehandelt habe, bloß weil er vor seinem Vater Angst hatte; denn der hatte auf den Tisch geschlagen und geschrien: »Auf den Korlshof heiratet keine Häuslingstochter und damit basta! Willst du es dennoch tun, so geh deiner Wege!« So hatte er denn eine Bauerntochter geheiratet. Die brachte ein Mädchen zur Welt und blieb von da ab ein halber Mensch. Hengstmann stieß es das Herz ab, als er einmal in Moorhop, wo sein alter Schatz hingeheiratet hatte, hörte, daß sie außer seinem Jungen noch vier andere habe, einer so stark und gesund wie der andere. »Das ist die Strafe!« hatte er gedacht, als er nach Hause kam und seine Frau ansah, die im Backenstuhle saß und stöhnte und mit ihrer weinerlichen Stimme den Mägden Anweisungen gab. Aber er ließ sie seine Gedanken nicht merken und hatte Geduld mit ihr, solange sie lebte. Als sie dann starb, trauerte er von Herzen um sie; denn er hatte sich an sie gewöhnt, und seitdem niemand mehr neben dem Ofen saß und jammerte, war es ihm, als sei kein Leben mehr im Hause. Das war auch der Fall, denn Luise, seine Tochter, war gar zu still. Sie war ein hübsches Mädchen, bloß etwas bleichsüchtig und so schüchtern, wie es sich nicht für eine Vollmeierstochter gehörte. Niemals ging sie zu einem Tanzfest, machte auch nur gezwungen Besuche bei der Bekanntschaft und schlug in der Kirche nicht einmal die Augen auf. Ihre Arbeit tat sie gut, aber wenn es irgend ging, so ließ sie die Großmagd gewähren, denn es widerstand ihr, Anweisungen zu geben. Ihr Vater liebte sie, gerade weil sie so schüchtern war, aber er schüttelte doch im stillen den Kopf über sie, wenn sie neben der Großmagd stand und sich benahm, als sei das die Bauerntochter und sie selber die Magd. »Das ist die Strafe,« dachte er und seufzte. Als er einmal am Sonntagnachmittag allein mit ihr zu Hause war, hatte er sie nach allerlei Vorreden gefragt, ob sie sich dagegen sperren werde, wenn er den Hof seinem Sohn geben würde. Sie hatte den Kopf geschüttelt und gesagt: »Tu das, Vater; denn ihm kommt der Hof zu, und ich werde doch wohl nicht freien.« Da war er nach Hannover gefahren, wo sein Sohn als Unteroffizier stand. Dem Bauern wurde die Brust eng, als er den bildschönen, großen Mann in der blauen Königsulanenuniform vor sich stehen sah, ganz sein Ebenbild, aber mit lustigen Augen und einem frohen Munde. Doch die Augen des jungen Mannes waren kalt und seine Lippen eng geworden, als sein Vater mit seinem Plane herauskam. Er hatte den Kopf geschüttelt und geantwortet: »Ich bleibe beim Militär.« Ein halbes Jahr darauf fiel er in Afrika. »Das ist die Strafe,« dachte der Korlsbauer, als er davon hörte, und nun sprach er noch weniger. Mit der Zeit schien es aber doch so, als ob Luise freien werde. Hinrich Lohmann, der zweite Sohn vom Remmertshofe, ein stattlicher und fleißiger junger Mann, fand Gefallen an ihr, und mit einem Male kam Leben in das Mädchen. Ihre Augen wurden blanker, ihre Stimme lauter, ihr Gang freier; und war sie vordem fast zu schlank gewesen, so wurde sie jetzt voll und rund. Auch ihr Vater munterte sich wieder mehr auf; denn die Aussicht, Enkelkinder hüten zu dürfen, frischte ihm das Herz auf. Und er dachte: »Wenn auch die Hengstmanns selber aussterben, der Name bleibt doch beim Hofe,« denn Lohmann hatte sich bereit erklärt, darum einzukommen, den Namen des Hofes führen zu dürfen. So wurde es denn abgemacht, daß im Herbste die Hochzeit sein sollte. Die Näherin war schon bestellt, der Heiratsvertrag war aufgesetzt, da bekam der Bauer einen Schlaganfall und starb, ohne wieder zu sich gekommen zu sein. Luise, die an ihrem Vater sehr gehangen hatte, klappte völlig zusammen und war froh, daß ihr Oheim Lübke aus Howe kam und ihr bei der Beerdigung half. Und da es mitten in der Ernte war, so dankte sie Gott, daß der Ohm, der seinen Hof seinem Sohn gegeben hatte, vorerst bei ihr blieb und nach dem Rechten sah; denn um die Feldarbeit hatte sie sich nie viel gekümmert. Im Grunde hatte sie vor dem Oheim Angst; denn der alte Mann, der mit seinen sechzig Jahren noch wie ein junger arbeiten konnte, war so ganz anders als ihr Vater; er sprach laut und mit einer harten Stimme, alle seine Worte waren klar und bestimmt, und mit einem Blick seiner hellen Augen brachte er die Menschen dahin, wo er sie hin haben wollte. Seine Nichte tat, was er ihr sagte. »Dafür sind die Mädchen da,« sagte er, wenn sie sich irgendeine Arbeit vornahm; »schone dich man, du bist noch zu angegriffen.« Da sie gern las, so beschaffte er ihr allerlei Bücher, und nun saß sie da und laß, oder sie schlief. »Viel schlafen, das tut dir gut,« sagte der Ohm, und war um so freundlicher mit ihr, je später sie aufstand. Ihr Verlobter kam mit der Zeit immer seltener; denn der alte Lübke hatte eine Art, ihn zu behandeln, die ihm nicht zusagte. Schließlich blieb er ganz fort; denn als er einmal wiedergekommen war, war Luise nicht zu sprechen gewesen. »Sie schläft,« sagte Lübke; »sie muß jeden Nachmittag ordentlich schlafen, dieweil sie so schwach ist.« Hinrich Lohmann hatte nichts gesagt und war nach Hause gegangen. »Na, was ist denn mit dir los?« hatte ihn sein Bruder gefragt, aber er hatte ihm keine Antwort gegeben. Er ließ die Dinge laufen, wie sie wollten. Einmal begegnete Luise ihm, als er durch das Dorf ging, tat aber so, als sähe sie ihn nicht, und bog in einen Nebenweg ein. Seitdem ging er ihr aus dem Wege und sprach sie nicht mehr an, wenn sie ihm begegnete. Zuletzt nahm er eine Stelle als Großknecht auf dem Dieckmannschen Hofe in Krusenhagen an, wo der Bauer gestorben war und der Sohn noch in die Schule ging, so daß kein Mann auf dem Hofe war. Wenn er gewollt hätte, konnte er die Bäuerin heiraten; aber da die Kinder, die er mit ihr gehabt hätte, den Hof doch nicht bekamen, so konnte aus der Sache nichts werden und er blieb Großknecht. Das sind nun sieben Jahre her. Luise Hengstmann zog, als das Trauerjahr fast um war, zu ihrem Vetter nach Howe, dem sie ihren Hof für fünfhundert Taler verpachtet hat. Hätte sie ihn an einen Fremden verpachtet, so hätte sie leicht das Vierfache bekommen. Für Wohnung und Kost bezahlt sie ihrem Vetter die Hälfte der Pachtsumme. Sie hat es gut auf dem Lübkeschen Hofe. Sie hat ihre eigene Dönze, in der viele Bücher sind, bekommt zu essen, was sie will, braucht keine Arbeit zu tun und kann bis zehn Uhr schlafen, und wenn sie will, noch länger. Das tut sie denn auch. Sie schläft, und wenn sie nicht schläft, dann liest sie, alltags Romane und Sonntags erbauliche Bücher. Sie ist noch viel stiller und schüchterner geworden, als sie vor der Zeit war, ehe sie Hinrich Lohmann kennen lernte. Der kümmert sich nicht mehr um sie. Anfangs fragten ihn seine Verwandten wohl einmal, wann er denn freien wolle, aber da er darauf keine Antwort gab, ließen sie ihn in Ruhe. In Ohlenhof schüttelte anfangs alles die Köpfe, als Lübke den Korlshof pachtete und Luise nach Howe zog, und als es hieß: »Das mit Luise Hengstmann und Hinrich Lohmann ist auseinandergegangen,« da sagte manch einer: »Wenn da man nicht eine Niederträchtigkeit von Lübkens Vater hinterstecken tut!« Aber da es keinen weiter was anging, als Luise und Hinrich selber, so ließ man seine Finger davon, und auch Hinrichs Bruder, der Remmertbauer, sagte nichts, so wenig es ihm paßte, daß sein Bruder immer noch Knecht spielte, und daß ihrer Familie der schöne Hof entgangen war. Als der Pastor einmal mit ihm über die Sache redete, antwortete er: »Mein Bruder hat ganz recht; was soll er mit einer Frau, die den halben Tag schläft und die übrige Zeit Romanbücher liest?« Die Pastorin, die die beiden jungen Leute gut leiden konnte und sie gern wieder zusammengebracht hätte, hatte Luise einmal aufgesucht, konnte aber nicht vertraulich mit ihr sprechen; denn Lübkes nötigten sie in die beste Stube, tischten großartig auf und machten es ihr unmöglich, an das Mädchen heranzukommen. Sie hatte sich deswegen einige Zeit nachher an Hinrich Lohmann herangemacht, aber der hatte bloß geantwortet: »Frau Pastorin, das ist aus. Ich laufe keinem Menschen nach. Ich habe mir ihr gegenüber nichts zuschulden kommen lassen, und sie ist mir aus dem Wege gegangen.« Als die Pastorin meinte, das läge wohl weniger an dem Mädchen selber, als an ihrem Oheim und ihrem Vetter, da hatte sie ganz verspielt. »Sie war alt genug, daß sie ihren freien Willen hatte,« erwiderte er: »die Schuld liegt bei ihr. Sie meinen es gewißlich gut, Frau Pastorin, aber wenn sie mir jetzt auch selber käme, das renkt sich nicht wieder ein.« Zu ihrem Manne sagte sie dann: »Sie sind wie aus Eichenholz, diese Menschen; es ist schrecklich!« Der Pastor nickte: »Ja, liebe Elfriede, schrecklich ist das wohl im Einzelfalle, aber in der Hauptsache ist es gut. Eichenholz hält viel aus." Der Ludjenhof Der Ludjenhof ist nur ein Halbmeierhof, kann sich aber, was den Ertrag anbelangt, mit den Vollmeierhöfen ziemlich messen, den Dieshof und die Mühle ausgenommen; denn er hat mit das beste Land von ganz Ohlenhof und ist von jeher musterhaft verwaltet worden. Der Großvater des jetzigen Besitzers war als Geizhals verschrien, weil er jeden Groschen dreißigmal in der Hand herumdrehte, ehe er ihn ausgab, drei Stunden bei einem kleinen Schnapse saß, hatte er notwendig in der Wirtschaft zu tun, seinen billigen Tabak mit allerlei anderen Blättern verlängerte und schlechter im Zeuge ging, als der ärmste Häusling. Er wußte, daß er im geheimen Schecke genannt wurde, der vielen Flicken halber, die er an Hose und Jacke hatte, so daß er so bunt anzusehen war wie eine Kuh. Daraus machte er sich aber gar nichts, und er hatte auch deswegen nicht weniger Ansehen, weil er ein ausnehmend kluger Mann war, dessen Meinung auf dem Bauernmale für doppelwichtig galt. Als er sich für immer hinlegte, hatte er den Hof um ein Drittel vergrößert. Sein Sohn war nicht so übersparsam wie er, aber ebenso fleißig, und da seine Frau ihm ein gutes Stück Bargeld zugebracht hatte, so machte er einen großen Teil von dem neuen Lande, das der Altvater zugekauft hatte, teils zu Acker und Wiese, teils zu Holz, baute auch die Stallungen neu und vermehrte den Viehstand ganz bedeutend. Er hatte auch Sinn für das gemeine Wohl. Seinem Betreiben hat es das Dorf zu danken, daß es den Kanal durch das Bruch bekam, obgleich viele Besitzer anfangs dagegen waren, weil sie das viel bares Geld kostete. Es kam aber durch die Verbesserung der Wiesen und Weiden bald genug wieder ein. Als er die Augen zumachte, war der Ludjenhof zwar nicht viel größer als vordem, aber im Werte sehr gestiegen. Dem jetzigen Ludjenbur sieht man es nicht am Gesichte an, daß sein Leben eine gute Weile hin und her gegangen ist und ganz romanhaftiger Art war; denn es ist in Ohlenhof kaum ein Mann, der, Müller Kassen vielleicht ausgenommen, so zufrieden aus den Augen sieht, wie Konrad Ludewig. Wäre es anders, würde er einen engen Mund und kalte Augen haben, so könnte man ihm das nicht weiter übelnehmen; denn Ursache hätte er mehr als genug dazu gehabt. Aber er hat ein fröhliches Herz mit auf die Welt gebracht und einen leichten Sinn. Hätte sich sein Leben so ganz glatt abgespielt, so wäre dieser leichte Sinn vielleicht sein Unglück gewesen; so aber half ihm seine Gemütsart über Ärger und Kummer hinweg. Konrad war der einzige Sohn, aber ein Spätling, und als sein Vater starb, war er noch minderjährig, wogegen seine Schwester Marie schon lange mündig war. Sie war unbefreit geblieben; denn sie galt zwar als sehr fleißig, doch sagte man ihr nach, sie sei geizig und zanksüchtig, so daß es keine Magd auf dem Ludjenhofe lange aushallen konnte, seitdem Marie das Leit hatte; denn die Bäuerin war schon lange tot; sie war aus der Bodenluke gefallen. Weil Marie zudem so mager wie eine Fuhrenstange war und ein Gesicht wie ein Habicht hatte, so hatte sich niemand gefunden, der sie vom Hofe holte, und deshalb war sie immer gnietschiger und zänkischer geworden. Der alte Ludjenbur war in seinen letzten Jahren recht sonderbar und zuletzt halb hintersinnig geworden; denn er bildete sich ein, er sei an dem Tode seiner Frau schuld. Das war nun durchaus nicht der Fall, aber er hatte sich das einmal in den Kopf gesetzt. Deshalb war er nicht gern allein, und wer mit ihm umzugehen wußte, der konnte ihn überallhin bringen. Seine Tochter verstand sich nun ganz ausgezeichet darauf, ihm nach dem Munde zu reden und ihm zu zeigen, daß sie nur an den Hof denke und an den Hoferben; und als der Bauer starb, fand sich eine Verschreibung vor, wonach Marie der Hof gehören sollte, während Konrad mit Geld abgefunden war. Diese Stelle war aber so unklar gehalten, daß Konrad bis zu seiner Großjährigkeit ganz auf den guten Willen der Schwester angewiesen war. Eine Weile ging das ganz gut, bis sich ein Mann für das alte Mädchen fand, Albers aus Fladder, der gut zu Marie paßte; denn er war ebenso geizig, wie sie. Konrad, dessen Vormund Hengstmann sich wenig um ihn kümmerte, weil er zu weich war, um gegen Marie ankommen zu können, war inzwischen zwanzig Jahre alt geworden und merkte schließlich, daß er ganz entrechtet werden sollte; denn bis dahin hatte seine Schwester immer so getan, als handele es sich bei dem Testament nur um eine Formsache. Es kam zum Krach, und er drohte auch mit Klage, aber da er damals gerade dienen mußte, fand er nicht die Zeit dazu, auch fehlte es ihm an Geld; denn seine Schwester ließ ihm nur das Nötigste auszahlen. Die Erbverschreibung des Ludjenbauern hatte sehr viel böses Blut im Dorfe gemacht, und man erzählte, das Bauernmal sei bei Marie für Konrad eingetreten, habe aber nichts ausrichten können. Als sie nun Albers freite, zeigte es sich, daß die Gemeinde sich gegen Marie stellte. Kein einziger von den Ohlenhofer Voll- und Halbmeiern kam zu der Hochzeit, auch aus der Nachbarschaft kamen wenig Zusagen, und selbst von den kleineren Leuten hielten sich so viele zurück, daß es eine ganz kleine und stille Hochzeit wurde, bei der es an Ärger nicht fehlte; denn als das Ehepaar von der Trauung zurückkam, war die Einfahrt voller Kaff und Häcksel geschüttet, und abends flog eine tote Krähe, die mit einer verreckten Katze zusammengebunden war, mitten auf die Diele vor Marie hin, worüber die sich so ärgerte, daß sie sechs Wochen lang die Gelbsucht hatte. Albers und seine Frau wurden anfangs ihres Besitzes nicht so recht froh. Wenn Albers auf dem Bauernmale war, so hatte es den Anschein, als sei er nicht da. Er konnte sagen, was er sollte, die anderen hörten nicht darauf hin. Der Vorsteher, der fast immer den Ausschlag gab, hatte den Anfang damit gemacht. Als Albers zum ersten Male einen Antrag stellte, sagte der Diesbur nicht, wie sonst: »Der Ludjenbur beantragt,« sondern: »Von Herrn Albers aus Fladder ist der Antrag gestellt,« und da wußten die übrigen Bescheid. Weil Konrad ein lustiger Bruder war und deshalb bei einem Teile der Jungmannschaft gut gelitten war, so taten diese seinem Schwager einen Schabernack nach dem anderen an. Es wurden allerlei bösartige Spruche an die große Tür geschrieben, auch rief man hinter Albers »Kuckuck« her, und wenn er, was selten vorkam, in die Wirtschaft ging, so dauerte es nicht lange, und die Knechte erzählten sich ganz laut, wie es der Kuckuck mache, um im fremden Neste dick und fett zu werden. An all diesen Spöttereien und an den Niederträchtigkeiten, die ab und zu gegen Albers verübt wurden, hatte Konrad aber keinen Anteil. Mit der Zeit hörten alle diese Albernheiten und Schlechtigkeiten auch auf, zumal es sich herumsprach, daß Konrad beim Militär allerlei Dummheiten machte und schließlich sogar wegen einer bösen Schlägerei mit Festung bestraft war. Als er dann freikam, trat er bei dem Vollmeier Scheele in Hülsingen als Knecht ein. Dort hielt er sich in der Arbeit sehr gut, wenn er auch ab und zu bei Tanzfesten Unfug machte. Er klagte dann gegen seine Schwester auf Herausgabe des Hofes, verlor den Prozeß aber ganz und gar, nicht allein, weil sie die Erbverschreibung vorweisen konnte, sondern auch deswegen, weil er zu leichtsinnig gelebt hatte. Von diesem Augenblick an wurde er ein ganz anderer Mensch. Er machte einen Strich unter sein früheres Leben, arbeitete, was er nur konnte, und hielt sich so ordentlich, daß er auf dem Scheelenhofe, fast wie ein Sohn gehalten wurde. Nach Ohlenhof ging er gar nicht mehr, und wenn er mit einem von seinen alten Freunden zusammentraf, und der die Rede auf Albers und den Ludjenhof brachte, so winkte er mit der Hand ab und sagte: »Ich will da nichts mehr von hören; ich bin darüber weg.« Seiner Schwester und seinem Schwager ging er aus dem Wege. Frau Albers hatte es in ihrer Ehe nicht gut getroffen, schon deswegen nicht, weil sie ihrem Manne den Hof nicht verschrieben hatte. Es hieß, sie habe das vorgehabt, aber der Diesbur und die anderen Vollmeier hätten ihr das bei Strafe des Strohwisches verboten. Sie war früher schon im Dorfe nicht beliebt gewesen und wurde es immer weniger, je fleißiger und ordentlicher ihr Bruder wurde. Ihrem Manne ging es ebenso. Er wußte, daß er von vornherein in einer schiefen Stellung war, und so war er bald zu ducknacksch, bald zu dicknäsig aufgetreten, hatte sich auch durch seine zu große Genauigkeit bei den Knechten und Arbeitern keinen guten Namen gemacht. So hatten beide kein schönes Leben miteinander, und es kam oft zu Streit und Widerworten zwischen ihnen, was sonst in Ohlenhof nicht gebräuchlich zwischen Eheleuten ist. Dann kam die Bäuerin sehr schwer nieder, brachte ein kümmerliches Kind zur Welt, das bald starb, kränkelte von da ab beständig und wurde immer stiller und frömmer. Als Konrad fünfundzwanzig Jahre alt war, starb sein Schwager im besten Alter an der Lungenentzündung, weil er aus Geiz zu spät nach dem Arzt hatte schicken lassen. Kurz darauf wurde Marie so krank, daß sie Konrad rufen ließ. Was zwischen Bruder und Schwester beredet ist, weiß kein Mensch, außer dem Diesbauer, und der spricht nicht darüber. Konrad zog auf den Ludjenhof, und als seine Schwester wieder gesund war, fuhr er mit ihr zum Amtsgericht, wo er von Marie in alle seine Rechte eingesetzt wurde. Zwei Jahre darauf freite er Albertine Scheele, die ihm eine tüchtige Frau wurde. Seine Schwester lebte noch einige Jahre bei ihm, ging der Frau in allem zur Hand, soweit ihre Gebrechlichkeit das zuließ, und nahm sich der Kinder wie eine Großmutter an. Als sie starb, folgte fast das ganze Dorf dem Sarge, und ihrem Bruder kamen die Tränen aus den Augen, als er die drei Schollen in die Gruft warf. Er hatte vergessen, was sie ihm einst angetan hatte; denn sie war seine Schwester gewesen und geblieben trotz alledem. Die Mühle Mitten in den Wiesen, aber von allerlei Bäumen so verdeckt, daß kaum ihr Giebel zu sehen ist, liegt die Mühle. Der Müller heißt Kassen; seit dreihundert Jahren sitzen die Kassens auf der Mühle. Soweit man zurückdenken kann, haben die Kassens alle einen Ekelnamen gehabt. Der Vater des Müllers hieß Tjawollja; denn meist sagte er nichts andres, als »Tjawollja«. Sein Sohn, der jetzt die Mühle hat, spricht mehr. Zu Hause spricht er nicht viel, aber in Gesellschaft genug, meist aber lauter halbe Sätze. Deswegen heißt er Quassel. Den meisten Unsinn redet er, wenn es sich um ein Geschäft handelt; je wichtiger das Geschäft ist, um so mehr Korn und Kaff redet er dann durcheinander. Er redet die Leute krank und elend, und wer ihn zum ersten Male hört, hält ihn für unklug, zumal er hinter jedem halben Satz wie albern lacht, alle Augenblicke eine Prise nimmt und sich eine Weile mächtig schneuzt. »Gib' mir 'n Schnaps, Schimmelberg,« sagt der Viehhändler Meyerstein und trocknet sich mit seinem roten Taschentuche die Stirn; »ich bin rein alle. Ich hab' Quassel eine Kuh abgekauft. Gott soll mich strafen, wenn ich es wieder tu'. Der Mann redet einem die Stiebel von die Füß' und das Hemd von's Leib. Einen Stuß redet der Mann, nicht zu sagen, und hinterher ist man der Dumme. Gib mir noch 'n Schnaps, Schimmelberg!« Unterdessen sitzt der Müller vor der Türe, in der Hand die halblange Pfeife. Die Rosen duften, die Nachtigall schlägt im Ellernbusch, die Forellen im Mühlenteiche gehen nach Abendfliegen auf, und Quassel ist zufrieden; er hat den Viehhändler matt und mürbe geredet und die Kuh zu einem guten Preise losgeschlagen. Er weiß, wie ihn die Leute nennen, aber er lacht darüber. Der eine macht sein Geschäft damit, daß er klug redet, Kassen redet dummes Zeug und kommt dadurch ebenso weit. Wenn der Lohörster Baron den Namen Kassen hört, bekommt er einen roten Kopf und flucht in sich hinein. Als das Dorf und der Baron Bruchland austauschten, ließ sich der Vorsteher krank melden, und der Müller mußte in das Vordertreffen. »Liebster Tesel,« sagte die Freifrau zu ihrem Manne, »was hat der Mann bloß für einen Heringssalat zusammengeredet. So etwas habe ich mein Lebtag noch nicht gehört. Ich habe ja nur wenig gehört, aber das war ungefähr so, als wenn eine wilde Sau Eichen sucht; hü und hott durcheinander!« Ihr Mann nickte mit dem Kopfe: »Ja, mein Herze, er hat so viel Kraut und Rüben durcheinander geredet, bis mir selber dumm zumute wurde. Das Schlimme dabei ist nur, daß er sich selber nicht dösig quasselt. Das ist ein Leimsieder. Er weiß ganz genau, warum ich gerade die alte Sauerwiese haben muß, die für ihn gar keinen Zweck hat, aber ich habe sie teuer bezahlen müssen. Überhaupt die Kassens; der Teufel soll sie lotweise holen!« Das hatte der alte Baron auch schon gesagt; denn die Mühle hatte ehedem zu Lohorst gehört und die Kassens waren nur Erbpächter gewesen. Sie behaupteten zwar, ursprünglich wäre die Mühle ihr Eigentum gewesen, was schon allein daraus zu entnehmen wäre, daß auf dem Torbalken der Mühle nicht das freiherrliche Wappen, sondern die Kassensche Hausmarke eingehauen war, und Tjawollja sagte, sein Vater habe ihm heilig und teuer versichert, die Lohörster Herrschaft habe sich durch Lug und Trug in Besitz der Mühle gesetzt. Das half ihm aber alles nichts; jedes Jahr am Jakobitage, mußte er nach Lohorst und die Pacht abliefern. Zu Fuß mußte er kommen und barhäuptig die Schloßtreppe hinaufgehen; denn so war es in dem Vertrage bestimmt, und wenn auch der Gutsherr ihn auf der Treppe abfing und ihn nötigte, sich zu bedecken, ärgern tat es ihn doch, daß er wie ein höriger Mann ankommen mußte. Er sagte aber nichts, denn geschrieben ist geschrieben. Er zählte die Pachtsumme in Gold auf den Tisch und den neuen Groschen und den roten Pfennig, wie es in der alten Schrift stand, aber das doppelte Butterbrot und den großen Schnaps, der ihm für den Weg zukam, nahm er nie an, sondern sagte jedesmal nur: »Tjawollja, Herr Baron, aber ich habe schon gefrühstückt, tjawollja.« Wenn der Gutsherr aber nachher am Gutskruge vorbeikam, dann saß Kassen jedesmal vor einem frisch angeschnittenen Schinken vor der Türe und trank mit dem Krüger eine Flasche Rotwein zu zwei Talern. Der alte Baron war kein besonderer Landwirt und überließ die Landwirtschaft ganz seinem Inspektor, und was der ihm riet, das tat er. Da nun der alte Kassen und der Inspektor gut Freund waren, so kam es, daß der Müller das Wiesenland, das bei der Mühle lag, und das der Herrschaft gehörte, nach und nach aufkaufen konnte. Dann klagte er darüber, daß er, seitdem die Landstraße gebaut wäre, einen so schlechten Zuweg zu der Mühle habe, und daß ihm der Weg das Land zu sehr zerschneide, und schließlich verkaufte ihm der Baron den Weg, und Kassen legte einen neuen Weg an, der durch die Wiesen führte. Und dann starb er. Er starb an einem eingequetschten Bruche, den er sich beim Schützenaufziehen gehoben hatte. Als er sich legen mußte, weil er schreckliche Schmerzen hatte, mußte sein Sohn heimlich den Arzt holen lassen, und der Alte war sehr unzufrieden darüber; denn er hatte in seinem ganzen Leben noch keinen Doktor nötig gehabt. Der Doktor kam, untersuchte den Bruch und sagte: »Ja, Kassenvadder, das hilft nun nichts; Ihr müßt in die Stadt nach der Klinik. Ansonsten werdet Ihr nicht wieder gesund.« Der Müller, der sich vor Wehtag im Bette bog, fragte ihn: »Tjawollja, Herr Doktor, aber kann ich hinterher denn noch wieder Arbeit tun?« Der Arzt schüttelte den Kopf. »Dann bleibe ich, wo ich bin!« sagte der Müller. Kein Zureden half. Der Pastor kam, der Vorsteher kam, die Baronin kam, aber Kassen schüttelte nur den Kopf und sagte: »Als 'n Krüppel will ich nicht leben; ich müßte mich ja vor mir selber schämen, tjawollja.« Vier Wochen quälte er sich hin und biß einen ganzen Lederriemen, den er sich hatte geben lassen, in Stücke, weil er nicht schreien wollte. Wenn aber die Schmerzen von selber nachließen, oder weil der Arzt ihm Morphium eingespritzt hatte, dann lachte er manchmal hell auf und nickte seinem Sohne zu, und so traurig dem zu Sinne war, er lächelte doch; denn er wußte, warum sein Vater so oft auflachen mußte, und daß er das nicht tat, weil er von Krankheit albern geworden war, wie der Pastor gemeint hatte, als er ihm Trost zusprach und Kassen mitten im Beten loslachte. Er starb bei hellem Verstande mit dem Lederriemen zwischen seinen langen, gelben Zähnen; als er schon halb hinüber war, sah es aus, als ob er noch lachen wollte, und als er tot war, hatte er ein halbes Lachen um den Mund, so daß es im Dorfe hieß, er würde einen aus der Familie nachholen. Es war aber kein Lachen auf baldiges Wiedersehen, das er um die Lippen hatte, kein seliges Lachen und auch kein tückisches, es war das Grienen, das der Alte an sich hatte, wenn er den Viehhändler angeschmiert hatte Ein Vierteljahr später wußte man im Dorfe, warum er bis über das letzte Gebet gelacht hatte, und alles lachte mit. Nur der Baron lacht nicht, und noch ein Jahr nachher schimpfte er Mord und Brand, wenn von der Mühle die Rede war, und nannte alles, was Kassen hieß, ausgemachte Halunken und in der Wolle gefärbte Leutebetrüger, bis das dem Müller zu Ohren kam; da mußte der Baron vor Gericht und sich mit ihm vergleichen, was ihn zehn Taler in Gold, einen neuen Groschen und einen roten Pfennig kostete, und nur mit Rücksicht auf seine weißen Haare stand der Müller davon ab, daß der Gutsherr ihm das Geld selber in das Haus bringen mußte. Hinterher lachte der Freiherr zwar über die ganze Geschichte, aber wenn er an der Mühle vorbeifahren mußte, dann drehte er den Kopf nach der andern Seite. Verdenken konnte man ihm das auch nicht; denn der alte Kassen hatte ihn schön hineingelegt. Als der neue Müller dem Baron die Pachtsumme brachte, kam er ganz gegen den Gebrauch zweispännig vorgefahren, behielt den Hut auf der Treppe auf und zahlte die Pacht nicht in Gold, sondern in Silber, legte auch keinen neuen, sondern einen abgegriffenen Groschen und einen Pfennig hin, der schwarz und schmierig war. Darüber wurde der Freiherr falsch und sagte ihm, von nun an müsse er eine höhere Pacht zahlen; alles sei teurer geworden, und die Mühle bringe das Zehnfache von dem ein, was früher damit verdient wäre. »Tja, Herr Baron,« sagte Kassen darauf, nahm eine Prise und schneuzte sich ausgiebig: »tja, Herr Baron, das sagen Sie wohl so. Aber daß die Löhne teurer geworden sind und dann das mit dem Hochwasserschaden und überhaupt die vielen Ärgernisse, wo doch alle Zucht aus den Leuten ist und kein Gottesglauben, Herr Baron, indem daß so ein Geselle alltags Tobak raucht und die Dirns sich wer weiß was auf das Leib ziehen und womöglich aus purer Hoffart jeden Sonntag in die Kirche wollen, und was meine Frau ist, die kann das Melken machen, und denn ist noch zu bedenken, was die Kassens aus der Mühle alles gemacht haben, Herr Baron, indem daß es früher doch man eine Klippmühle war und nun eine ordentliche Mühle mit Doppelbetrieb, wozu die Herrschaft nicht einen roten Pfennig zu beigetragen hat, Herr Baron, und deswegen sollte sich der Herr Baron das doch erst noch überlegen mit der Pachterhöhung; denn was ich bin, ich kann darauf nicht eingehen, weil es eine Unbilligkeit ist und eine Härte, Herr Baron.« »Na, denn man zu,« sagte der Gutsherr; »dann sage ich Ihnen hiermit auf, Kassen; ich kriege wohl noch einen ändern Pächter.« Der Müller nahm eine Prise und schneuzte sich: »Tja, Herr Baron, tja, das ist wohl möglich, es gibt ja Müllers genug, und die Mühle ist gut, bloß daß ich meine, wenn der neue Pächter kein Hexenmeister ist oder sich darauf versteht, mit einem Luftballong zu fahren, denn so möchte ich wohl wissen, wie er nach der Mühle hinkommen will?« Der Baron zog die Augenbrauen hoch: »Kassen, was reden Sie da? Wie soll ich das verstehen?« Der Müller machte sein dümmstes Gesicht: »Tja, Herr Baron, das ist doch ganz einfach, wo Sie meinem Vater selig den Weg verkauft haben, der uns so unbequem war, und wir uns den Zuweg durch unsre Wiesen gemacht haben, indem daß nun alles Land rund um die Mühle unser ist und kein einer Mensch ohne unsere Erlaubnis nach der Mühle hinkommen kann anders als durch Zaubereigeschichten oder mit einem Luftballon, was doch zu umständlich ist und zu kostspielig.« »Einen Augenblick,« sagte der Baron, »ich habe etwas vergessen.« Er ging zu dem Inspektor und lümmelte den ganz furchtbar herunter wegen des Verkaufes des Weges, und nachher mußte der Kutscher anspannen und den großen Spiegel nach der Stadt fahren, weil mitten darin ein mächtiges Loch war, und eine Kristallschale lag in tausend Scherben auf der Erde, und als Kassen fort war, dröhnte das ganze Schloß, so fluchte der Freiherr, und der Inspektor ging herum wie ein Hund, der die Staupe im Leibe hat. Als das Jahr sich wandte, kam Kassen nicht wieder an und brachte die Pacht; er hatte die Mühle von dem Baron gekauft, und er hatte sie preiswert gekauft. Just Rust Links von der Straße nach Lohorst liegt hinter dem Forsthause auf dem Laberge der Hof des Anbauers Just Rust. Die hohen Fuhren, die ihre breiten Kronen über das ganz mit Moos bedeckte Strohdach breiten, der vor Alter grüne Brakenzaun, die Machandelbüsche, die rechts und links vor dem Eingang Wache halten, und der Efeu, der das Backhaus von oben bis unten bezieht, geben dem Hofe ein malerisches Aussehen. Geht man aber näher heran, so wird man gewahr, daß hier etwas nicht in Ordnung ist; denn überall stößt man auf Verfall und Nachlässigkeit. Der Zaun weist ein Loch neben dem anderen auf, der Verputz ist an vielen Stellen abgefallen, mehr als ein Fenster ist mit Papier verklebt oder mit Stroh und Lumpen zugestopft, die Obstbäume sind voller Krebswuchs und Wasserreiser, im Garten wächst das Unkraut wie es will, im Herbst verfault das Obst an den Bäumen und ein Teil der Kartoffeln in der Erde, und das Land, das zu dem Hofe gehört, ist nur halb bestellt und das bestellte längst nicht so, wie sich das gehört. Wer hinter den Büschen stehen bleibt und lauert, um hinter das Geheimnis des verwahrlosten Hofes zu kommen, der sieht dann wohl ein schlampiges Frauenzimmer mit wirrem Haare und ungewaschenem Gesichte aus dem Hause kommen und die Hühner füttern, oder den Bauern selber, einen langen Mann mit krummem Rücken, der einen Stoppelbart im Gesichte hat, und dessen Zeug mehr Löcher als Flicken vorweist, und der so faul und müde dahin geht, als wäre ihm das Atemholen eine schwere Last. Es gab einmal eine Zeit, da es auf dem Lahberge anders aussah. Damals war keine Lücke im Zaun, da fiel nirgendwo der Kalk von der Wand; die Fenster blitzten nur so, und der Garten war bunt von allerlei Blumen. Das ist schon lange her, so daß sich nur die alten Leute im Ohlenhof daran erinnern können, wie das allmählich anders kam und aus welchem Grunde. Das junge Volk weiß das nicht und fragt auch nicht danach. Es hat Just Rust nicht anders gekannt und nimmt ihn so, wie er ist. Es weiß nur, daß Just Rust einen kleinen Sparren hat; denn er hat Geld genug, läßt sich aber dennoch wegen der Steuern und Gemeindelasten ein wie das andere Mal auspfänden. Jeder Rust hat, soviel man sich erinnern kann, seine Eigenheit gehabt. Der Großvater des Bauern hielt es für hoffärtig, Knöpfe und Taschen zu tragen; er macht sein Zeug mit Haken und Ösen zu und trug Messer, Stahl und Stein in einem ledernen Beutel am Hosenqueder. Sein Sohn war vom Geizteufel besessen; er konnte sich nicht von einem roten Pfennig trennen, und es gab jedesmal Zank und Streit, wenn seine Frau bares Geld nötig hatte. Als er einmal drei Taler aus der Tasche verlor, hängte er sich auf, obgleich die paar Taler nichts für ihn bedeuteten, denn er besaß Geld genug. Der jetzige Bauer hat den Prozeßrappel. Er hatte kaum den Hof angetreten, da bekam er mit dem Diesbauern Streit wegen einer ganz geringfügigen Grenzangelegenheit. Da Dies einen ebenso dicken Kopf hatte, wie Rust, und zudem im Rechte war, so zog sich der Prozeß einige Jahre hin, bis Rust ihn schließlich verlor, was ihn eine Menge Geld kostete. Er schickte deshalb an den Landrat, an den Regierungspräsidenten, an den Oberpräsidenten und an den Kaiser die unsinnigsten Eingaben, und als er überall abschlägig beschieden wurde, schrieb er an das Oberlandesgericht in Celle, daß es aus lauter Spitzbuben und Betrügern bestände, was ihn einige Zeit hinter Schloß und Riegel brachte. Da er sich in den Wirtschaften und auch anderswo ähnlich über den Diesbauern und die Bauern, die ihm als Zeugen zur Seite gestanden hatten, ausgelassen hatte, so brach das halbe Dorf schließlich mit ihm den Verkehr ab. Bald darauf überwarf er sich mit seinem jüngeren Bruder. Christian war insoweit ein ganz vernünftiger und fleißiger Mann, nur war er überfromm, sang hinter dem Pfluge und bei anderer Arbeit Kirchenlieder, tat Sonntags, auch wenn es noch so nötig war, keinen Handschlag und bekam ab und zu Anfälle von Zerknirschung. Dann schloß er sich, selbst in der hillsten Zeit, in seiner Dönze ein, fastete und sang und bat Gott um Vergebung seiner Untaten, deren er gewißlich keine einzige aufzuweisen hatte; denn er war, außer in der Arbeit, das reine Lamm. Was zwischen den beiden Brüdern vorgefallen ist, das weiß man nicht. Christian verließ eines Tages mit seinen Sachen den Hof, nahm in Krusenhagen Stellung als Großknecht, hatte einen Prozeß mit Just wegen der Abfindung, den er glatt gewann, und freite später in die Eggersche Anbauerstelle hinein, die er sehr emporbrachte. Es geht ihm recht gut, und wenn er seinen Rappel bekommt, so läßt ihn seine Frau gewähren und sagt bloß: »Er hat's mal wieder mit dem Singen. Immer noch besser, als wenn er es mit dem Trinken kriegte!« Von der Zeit an, daß Christian von dem Lahberge fortging, ging es mit dem Hofe zurück; denn Rust konnte keinen Knecht halten, weil er mit der Zeit ebenso geizig wurde wie sein Vater. Zudem verlor er viel Zeit vor Gericht; denn fast immer hatte er dort eine Rechtssache hängen. Bald klagte er mit dem Müller wegen eines Huhnes, das der Hund Kassens totgebissen haben sollte, bald mit der Forstverwaltung wegen einer Zufahrtsgelegenheit, dann wieder mit dem Lohörster Baron wegen einer Jagdsache und ein anderes Mal mit der Gemeinde wegen der Waldnutzung in der Gemeinheitsforst; denn er behauptete, er gehöre ebenso zu der Interessentengenossenschaft wie die altsässigen Bauern. Schließlich ging ihm jeder Mensch aus dem Wege aus Besorgnis, einen Prozeß an den Hals zu bekommen. Da er seine Prozesse einen nach dem anderen verlor, bildete er sich schließlich ein, alle Menschen in Ohlenhof seien seine Feinde und hätten sich verschworen, ihn um Hab und Gut zu bringen. Deshalb verkehrte er nicht in Ohlenhof im Kruge, kaufte nur in Krusenhagen oder in den anderen Dörfern, was er nötig hatte, bot keinem Menschen im Dorfe mehr die Tageszeit und trieb seine Unvernunft so weit, daß er zweimal zu Hause blieb, als Feuer geblasen wurde, wofür ihn das Bauernmal je mit einem Taler büßte. Er bezahlte die Strafe aber ebensowenig wie die Kosten aus seinen Prozessen, und wenn er dafür auch nicht gepfändet werden konnte, so wurde er doch dadurch gestraft, daß er für einen Mann ohne Recht und Stimme erklärt wurde. Sofort kündigte ihm der Knecht, ein fleißiger und gutmütiger junger Mann aus Fladder, auf, desgleichen die Magd, ein Mädchen aus Horst, und der Hütejunge, ein Bruder von ihr, und er stand eine Weile ganz allein auf seinem Hofe, bis er schließlich einen polnischen Knecht und eine Magd aus Westpreußen bekam, die aber auch nicht lange blieben. Zuletzt blieb eine ältliche Magd, Dina Türs, die aus der Gegend von Celle gebürtig war und wegen ihrer Schmutzigkeit sich nirgendswo halten wollte, bei ihm hängen, und in der Erntezeit beschaffte er sich einen oder zwei fremde Arbeiter, mit denen er aber meist in Unfrieden auseinander kam. Bis dahin war er noch halbwegs vernünftig gewesen. Seine Verbohrtheit wurde aber vollkommen, als die neue Landstraße gebaut wurde. Es ging wegen des Flusses auf der einen und der Sandberge auf der anderen Seite kaum anders, als daß sie über sein Land geführt wurde, und obgleich der die gebührende Entschädigung bekam und sehr großen Nutzen von der Straße hatte, so bildete er sich in seiner Verdrehtheit ein, die Straße sei ihm zum Ärger und Possen durch sein Eigentum gelegt. Er verweigerte die Annahme der Entschädigung, strengte einen Prozeß gegen die Verwaltung an, verlor ihn, wies die Bezahlung der Kosten von sich, ließ sich ein über das andere Mal pfänden und erklärte schließlich dem Staate und der Gemeinde den Krieg, indem er von da ab grundsätzlich keine Steuern bezahlte. Damit ihm nun nicht Getreide und Vieh abgepfändet werden kann, baut er nur so viel Frucht, wie er für sich selbst braucht, und hält auch nicht mehr Vieh, als unbedingt nötig ist, läßt Haus und Hof verfallen und trägt sich, auch Sonntags, und wenn er vor Gericht muß, so schlecht wie ein Bettelmann, um aller Welt zu zeigen, wie ungerecht mit ihm verfahren werde. Vor einigen Jahren erbte er von einem Oheim, der in Hannover Kaufmann war und kinderlos starb, allerlei Geld, das er sofort auf den Namen von Dina Türs eintragen ließ, wie er es schon mit seinem übrigen Barvermögen gemacht hatte. Seinem Bruder Christian ist geraten worden, ihn zu entmündigen. Er sagt aber: »Ich habe meine Abfindung bekommen, und im übrigen ist Just sein eigener Herr. Ich werde meine Hand nicht gegen ihn erheben, wie Kain gegen Abel.« So lebt Just Rust zwischen Mulm und Moder wie ein Bettler dahin, stolz auf all das Unrecht, das er seiner Meinung nach leiden muß, und auf seine Hartnäckigkeit, und wartet auf den Tag, daß der Kaiser an den er alle paar Monate eine lange Eingabe schickt, die Gerichtsurteile umstößt und ihm schreiben läßt: »Denn Recht muß Recht bleiben!« Doris Der schönste Grasgarten im ganze Dorfe ist der von Doris Amhorst. Er ist lange nicht der größte, aber der schönste ist er doch. Das kommt daher, weil er vor dem Berge liegt, so daß man von der Straße ganz in ihm entlang sehen kann, und weil er noch so in der alten Art gehalten ist. Doris ist eine hübsche Frau gewesen und sieht trotz ihrer weißen Haare noch stattlich genug aus, wenn auch ihre Augen kalt und ihre Lippen eng sind. Die großen Leute, die an dem Garten vorbeigehen, nicken der Frau stumm zu, und sie nickt stumm wieder. Jeder weiß, daß Doris nur spricht, wenn sie muß. Den alten gichtischen Knecht, der seit fünfzehn Jahren auf dem Hofe ist, hat sie behalten, weil er stumm ist; denn in der Arbeit ist er nur langsam. Vielleicht behielt sie ihn auch, weil er so lebensunklug und so hilflos ist wie ein Kind. Gegen Kinder ist sie anders als gegen die großen Leute. Denen steht sie auch Rede und Antwort. Immer sind Kinder bei ihr, immer hat sie etwas für sie: eine Handvoll Kirschen, einen schönen Apfel, ein paar Walnüsse. Sie erzählt ihnen Geschichten, sie bringt den Mädchen das Stricken und Spinnen bei. Ohne eine paar Kinder um den Rock kann man sich Doris nicht denken. Sie selbst hat keine Kinder. Sie hat ein Kind und hat doch keins. Sie ist Frau und hat keinen Mann. Sie ist Witwe, aber bei der Kirche ist kein Grab, auf dem ihr Familienname steht. Doris Amhorst hat eine Geschichte, eine traurige Geschichte, die keinen Schluß hat und nie zu Ende geht. Alle Leute im Dorfe haben eine Geschichte. Die der meisten ist langweilig und alltäglich. Andere haben etwas erlebt, das außergewöhnlich ist; an Doris Amhorsts Geschichte reicht aber keine davon heran. Fieken Rischmöller hat einen Hof und einen Jungen, aber keinen Mann. Den Jungen hätte ihr das Dorf schon verziehen, aber nicht den Vater. Das war ein Leutnant, der hier im Quartier lag. Wenn es der ärmste Knecht gewesen wäre, dann hätte man es ihr nicht nachgetragen; denn es wäre doch einer aus dem Dorfe gewesen. Aber Fieken ist nicht unglücklich; sie hat ihren Jungen und die Rumflasche. Grete Bantelmann hat in einer Woche ihren Mann und ihre vier Kinder am Typhus verloren. Aber sie hat wenigstens die fünf Gräber bei der Kirche und die Bibel. Doris Amhorst hat gar nichts auf der Welt, nicht einmal ein Grab, an dem sie weinen kann. Wenn sie trinken oder beten könnte, trüge sie ihr Leben leichter, aber für das eine ist sie zu stolz und für das andere zu hart. So hat sie nichts. Vor zehn Jahren trug sie außer für sich und den Knecht immer noch zwei Gedecke mehr auf. Da nahm sie jede Woche einmal auch noch das schwarze Manneszeug aus dem Schrank und klopfte es, da sah sie immer noch die Strümpfe und Hemden in der einen Truhe nach, die jetzt auf dem Boden steht. Das tut sie nicht mehr, seitdem der Brief über Hamburg kam, der zu oberst in der Truhe bei der kleinen Schiefertafel liegt. Früher hat sie die Tafel jeden Abend herausgeholt und über die steifen Buchstaben geweint, die darauf stehen. Das tut sie schon lange nicht mehr. Sie weint nicht mehr und sie lacht nicht mehr. Den Tag über kann sie das Leben noch tragen; dann hilft ihr die Arbeit über die Gedanken fort. Aber abends kommt ihre böse Stunde. Wenn im Kirchturme die Schleiereule kreischt, wenn die Fledermäuse um den Birnbaum huschen, dann wird alles wieder lebendig, was tot und doch nicht tot ist. Um den Grasgarten ist es gekommen. Den wollte der Nachbar gern haben, weil seine Scheunen nicht langten. Doris wollte wohl, denn der Nachbar bot einen guten Preis, aber ihr Mann wollte nicht. Und im Ärger darüber hatte sie geschrien: »Wem gehört denn der Garten? Hast du Land gehabt? Die paar Taler, das war alles, was du hattest!« Sie rechnete nicht, daß er in den sechs Jahren das kleine Anwesen durch Fleiß und Sparsamkeit hochgebracht hatte. Sie war schnell mit dem Wort und scharf mit der Zunge und warf ihm das Schlimmste in das Gesicht, was man einem Bauern sagen kann. Heinrich, ein stiller Mann von wenig Worten und langsamer Zunge, hatte die Faust auf den Tisch gestemmt und gesagt: »Ich verkaufe nicht!« Hätte er geschimpft, hätte er auf den Tisch gehauen, wäre er in den Krug gegangen und voll wiedergekommen, und hätte er dann Teller und Tassen zerschlagen, dann wäre das nicht so gekommen. Aber seine kalte Ruhe machte sie verrückt. Sie hätte andere bekommen können, schrie sie, ganz andere. Die eigenes Land hätten. Ihn hätte sie nur genommen, weil er nicht getrunken und gekartjet hätte. Sie hätte sich aus ihm nie viel gemacht, und er solle nur nicht denken, daß der Junge... Weiter war sie nicht gekommen. Ihr Mann war so weiß wie die Wand geworden; bis in die Lippen war er weiß geworden, und seine Hände hatten gezittert. Aber er hatte ganz ruhig gefragt: »Was ist mit dem Jungen?« Hätte er sie damals geschlagen, wäre es besser gewesen. Aber seine Ruhe reizte sie zu sehr. Sie hatte vielsagend gelacht und war in den Garten gegangen, kochend vor Wut. Das war im Mai. Alle Bäume blühten und im Rasen leuchteten die gelben Butterblumen. Die Stare lärmten, die Schwalben zwitscherten, der Wendehals saß vor seinem Loch im Birnbaum und lachte. Sie sah sich im Garten um. Wie ordentlich und sauber der war. Das war Heinrichs Werk. Früher hatte es da häßlich ausgesehen. Sie sah ein, daß er recht hatte. Sie nahm sich vor, ihm zu sagen, daß sie im Ärger gesprochen habe. Daß das alles nicht wahr sei, daß sie ihn lieber hätte als alle anderen, daß sie schon als Schulmädchen nach ihm gesehen hätte. Aber vor seinem gelassenen Gesicht, das wie eine steinerne Wand war, prallten ihre guten Vorsätze ab. Das war Sonnabend; Sonntag ging sie allein zur Kirche; er sagte, er ginge nicht. Als sie zurückkam, lag auf seinem Platze am Tische die Schiefertafel des Jungen, und darauf stand: »Ich gehe mit dem Jungen in die Fremde. Ich komme nicht wieder. Ich habe von meinem Geld hundert Taler genommen.« Sie hatte erst gelacht. In der Nacht weinte sie. Dann wurde sie krank und lag drei Wochen im Fieber. Hinterher hatte sie einen Monat nichts getan, nur immer geweint. Schließlich war sie auf Zureden des Pfarrers an die Arbeit gegangen und war dabei wieder zu Kräften gekommen. Die Jahre darauf hatte sie immer noch Hoffnung gehabt. Nach zwölf Jahren kam ein Brief aus Hamburg; darin stand: »Uns beiden geht es gut. Ich heiße jetzt anders. Du kannst mich tot sagen lassen. Du wirst niemals wissen, wo ich bin.« Es war ein dünnes Papier, auf dem das stand, so fein wie Seidenpapier, aber fester. Der Pastor sagte, Australien. Amhorst müsse den Brief einem anderen gegeben haben, der ihn über das Wasser gebracht habe; denn er sähe aus, als wäre er lange in der Tasche getragen. Seitdem sind zwölf Jahre in das Land gegangen. Doris ist jetzt fünfzig Jahre alt. Sie hätte zweimal wieder heiraten können. Sie wollte nicht. Sie wußte, ihr Mann käme nicht wieder; sie wußte, sie sähe ihren Jungen nicht mehr. Sie waren tot für sie. Und sie war auch tot; ihr Herz wenigstens. Ihr Herz war gestorben, als der Brief kam. Ein ganz kleines Stück davon lebte noch. Das kommt anderer Leute Kindern zugute. Alles, was im Grasgarten an süßen Dingen wächst, gibt sie ihnen. Sie selbst braucht davon nichts. So ist Doris Amhorst tot und doch noch am Leben. Mutter, aber kinderlos, Frau, aber ohne Mann, Witwe, aber ohne ein Grab. Ihre Geschichte ist furchtbar, denn sie hat keinen Schluß; nicht einmal der Tod kann sie beenden. Die Hoffnung bleibt beim Menschen, solange er lebt. Die Hoffnungslosigkeit aber verläßt ihn nie. Das Forsthaus Dem großen Fachwerkhause mit den grünen Läden, das der Mühle gegenüber an der Straße nach Lohorst zwischen den knorrigen Eichen und schlanken Fichten und Birken liegt, merkt man es bald an, daß es das Forsthaus vorstellte; denn es hat am Giebel ein vor Alter grün angelaufenes Hirschgeweih, auch hält bald ein Schweißhund, ein Brauntiger oder ein Teckel vor der Pforte Wache. Sehr oft sieht man in dem sauber gehaltenen Blumengarten vor dem Hause einen hochgewachsenen Mann in grüner Försterjoppe mit der Rasenschere oder der Baumsäge herumarbeiten, der trotz seines silbernen Bartes ein rosiges Gesicht hat, aus dem die blauen Augen gütig, aber doch ein wenig traurig blicken. Das ist der Hegemeister Oberheide, der Schwiegervater des Revierförsters Reichart, bei dem er seine Tage beschließt, und der ein Menschenalter als Förster in diesem Hause gelebt hat. Der jetzige Förster ist ein tüchtiger Beamter, der seine Pflicht in vollem Maße tut, zu seinem Dienstacker noch Land hinzugepachtet hat, und durch die Schweine- und Geflügelzucht, die seine fleißige Frau betreibt, und die jungen Mädchen, die bei ihr den Haushalt lernen, so viel Geld verdient, daß er sich doppelt und dreifach so gut steht, wie die meisten seinesgleichen. An seinen Schwiegervater aber kann er nicht heranreichen. Reichart hat die Achtung aller Leute im Dorfe, sowohl die der großen Bauern, weil er so gut zu wirtschaften versteht, als auch die der Forstarbeiter, denen er ein gerechter Vorgesetzter ist; der alte Oberheide aber hat nicht nur die Achtung bei groß und gering; er ist allerseits beliebt. Das merkt man an der Art und Weise, wie die Leute den einen und den anderen grüßen, und wie sie von beiden sprechen. Der eine heißt der Förster und der andere schlichtweg Oberheide; der eine ist Beamter und wird es sein, und wenn er noch so lange auf seinem Posten bleibt; der andere gehört zum Dorfe, als wäre er ortsgebürtig. Er hatte es nicht leicht gehabt, sich seine Stellung in Ohlenhof zu machen; denn die Ohlenhöfer waren damals ausnahmslos welfisch gesinnt und der neue Förster war ihnen von vornherein als preußischer Beamter um so verhaßter, da sein Vorgänger, der aus dem Osten stammte, es durchaus nicht verstanden hatte, sich nur ein wenig beliebt zu machen. Als Oberheide seinen Dienst antrat, stieß er allgemein auf kalte Mienen und mürrische Gesichter, Er tat so, als bemerke er das nicht, und ging seinen Weg, ohne nach rechts und links zu sehen. Über winzige Verstöße gegen die Forstpolizeiordnung beim Holz- und Beerensammeln sah er hinweg, schlug im Verkehr mit den Forstarbeitern einen freundlichen Ton an, nahm an den Gemeindeangelegenheiten gebührend teil, ohne sich hervor zudrängen, und brachte es in einigen Jahren so weit, daß ihm von keiner Seite mehr etwas in den Weg gelegt wurde. Als er sich dann eine hübsche Frau aus Krusenhagen nahm, die Tochter des dortigen Revierförsters Bielrnann, kam er noch mehr an die Leute von Ohlenhof heran, ganz besonders dadurch, daß seine Frau, als die Diphtheritis das Dorf heimsuchte, freiwillig überall Krankenpflege tat, wo es nötig war. Am meisten aber half es ihm in seiner Stellung, daß er bei dem Brande des Häuslingshauses auf dem Lütkensweershofe den Altvater mit Lebensgefahr aus dem brennenden Hause geholt hatte, wobei er sich beide Hände verbrannte und zeitlebens das feuerrote Mal über dem linken Auge behielt, das ihn in den Augen der Bauern mindestens ebenso gut kleidete, wie die Rettungsmedaille, die er neben dem eisernen Kreuze und den übrigen Kriegsauszeichnungen tragen darf. Schließlich brachte er etwas fertig, wodurch Ohlenhof mächtig voran kam. Denn als an die Stelle des alten und müden Titularforstmeisters ein neuer und forscher Oberförster trat, wußte Förster Oberheide ihm es klar zu machen, daß eine Menge Ödland in der Heide und im Bruche, das dem Staate gehörte, sich leicht aufforsten ließe, wenn genügend Arbeitskräfte, an denen es fehlte, da wären; denn er hatte hier und da auf den verschiedenen Böden kleine Aufforstungsversuche auf eigene Kosten gemacht. Dem Oberförster leuchtete das ein; eine Kommission kam, es wurden erst zwei, dann fünf und schließlich zwölf Arbeiterfamilien auf Regierungsland hinter dem Dorfe angesiedelt, und so entstand die Waldarbeiterkolonie Neu-Ohlenhof, die jetzt über zwanzig Familien zählt. Diese Neusiedlung brachte auch dem alten Dorfe allerlei Vorteile; denn gerade in der Zeit, wenn die Bauern am meisten Hilfe brauchen, ist im Forste am wenigsten zu tun, und dann helfen die Neusiedler aus, so daß in Ohlenhof nie Mangel an Arbeitskräften ist, wie anderswo so oft. Nicht zum wenigsten aus diesem Grunde ist das Dorf darum so sehr in die Höhe gekommen. Als Oberheide früher als die meisten seiner gleichaltrigen Kameraden Hegemeister wurde, hätte er sehr zufrieden mit dem Leben sein können; er hatte es schnell vorwärts in seiner Laufbahn gebracht, hatte dem Staate und dem Dorfe erhebliche Vorteile gebracht, besaß eine gute Frau und wohlgeratene Kinder, genoß das Wohlwollen seiner Vorgesetzten und die Achtung und Zuneigung der Ortseinwohner und aller Menschen, die ihn kannten, erfreute sich der besten Gesundheit, und hatte es bei seinem guten Einkommen, den Nebenverdiensten aus Geflügel- und Schweinezucht, Hundeabführung und Jagd- und Forstschriftstellerei zu einem nicht unbeträchtlichen Vermögen gebracht. Dennoch lag oft auf seiner Stirn eine Wolke, und über seine meist freundlich blickenden Augen zog manchmal ein Schatten, der oft tagelang nicht weichen wollte. Am meisten war das gegen Ende des Brachmondes der Fall, wenn Wald und Feld im schönsten Grün prangten, die Wiesen und Raine blühten und die Vögel sangen. Dann ging er mit gefurchter Stirn hinten zum Forsthause hinaus, vermied die Menschen und nickte knapp und kurz, wenn ihm in seinem Belaufe jemand in den Weg kam. Denn im Juni hatte es sich begeben, am neunundzwanzigsten Juni achtzehnhundertvierundsechzig, was ihm zeitlebens die Seele bedrückte. Drei Feldzüge hatte er mitgemacht, hatte ein Dutzend Mal im Feuer gestanden, mehr als einen Feind auf den Rasen gelegt; aber den dänischen Hauptmann, dem er bei Alfen durch die Brust schoß, den konnte er nicht vergessen, und immer sah er den schönen blonden Mann vor sich, den seine Kugel auf die Schanze warf. Ein über das andere Mal waren die Preußen zurückgeworfen, weil der lange dänische Hauptmann es verstand, seine Leute mit höchstem Mute zu erfüllen. Schließlich wurde Oberheide von seinem Major herangewinkt: »Oberjäger Oberheide, Sie schießen den Mann ab!«, sagte der ihm. Oberheide lief es kalt über den Rücken; er war der sicherste Schütze im Bataillon und wußte, der Däne drüben, der lange tapfere Mann, war so gut wie tot. Während die anderen stürmten, sprang er in Deckung vor, und sobald der feindliche Hauptmann über dem Walle in Sicht kam, schoß er ihn durch das Herz. Sofort nahmen die Preußen die Schanze. Dem Oberjäger Oberheide aber liefen die Tränen über die Backen, als er hinterher bei dem Toten niederkniete, ihm Uhr, Taschentuch, Brieftasche und Börse aus den Taschen nahm, die Ringe abzog, die Knöpfe und Achselstücke abschnitt, auch einige Strähnen von dem blonden Haar, das er dann alles zusammenpackte und durch sein Bataillon an die Witwe des Toten senden ließ. Darum ist Oberheide zeitlebens ein stiller Mann geblieben, auf dessen Stirn fast stets eine Wolke liegt und über dessen Augen immer ein Schatten steht. Und das wird wohl so bleiben, bis er seinen letzten Atemzug getan hat. Der rote Hinnerk Im letzten Hause des neuen Dorfes, noch hinter den Brinksitzern am Wittenberg, wohnen der Schuhmacher Erwin Matthies und der Arbeiter Heinrich Rothe. Beide sind Witwer, denen die Witwe Goos, der das Haus zu eigen ist, die Wirtschaft führt. Matthies hat seine Frau auf gewöhnliche Weise verloren; sie stand nach der ersten Niederkunft zu früh auf, erkältete sich und starb. Mit Rothes Frau war es anders. Er hatte eine harte Jugend gehabt, der jüngste Sohn des Arbeiters Rothe. Der Vater vertrank fast jede Woche seinen ganzen Lohn, so daß seine Frau nicht ein und nicht aus wußte. Als sie freite, war sie ein hübsches Mädchen; nach fünf Jahren sah sie wie eine Vogelscheuche aus, und die Kinder hatten nichts auf den Leib zu ziehen. Schließlich, als der Mann sie Sonnabend für Sonnabend schlug, lief sie ihm fort, ging nach Celle in Dienst, klagte auf Scheidung und heiratete bald wieder. Die Kinder, die Rothe erhalten mußte, wurden bei kleinen Leuten in Krusenhagen ausgetan, wo sie es nicht gut hatten, zumal als ihr Vater eines Wintertags totgefroren neben der Straße aufgefunden wurde. Minna Rothe, die ein sehr hübsches Mädchen war, wurde es schließlich zu dumm. Sie lief aus dem Dienst, war erst in Hannover, dann in Hamburg auf der Straße und verscholl darauf ganz. Ihrem Bruder wäre es wohl ähnlich ergangen, wenn der Diesbur sich nicht um ihn bekümmert hätte. Er nahm ihn als Kleinknecht an, hielt ihn gut und konnte wohl mit ihm zufrieden sein; denn Heinrich war fleißig und ging jeder Wirtschaft aus dem Wege. Um seine Mutter kümmerte er sich nicht; denn er vergab es ihr nicht, daß sie wieder gefreit und lange Jahre nicht nach ihm und seiner Schwester gefragt hatte, so daß diese auf die Rutschbahn gekommen war. Er diente mit Auszeichnung bei den Dragonern in Lüneburg und sollte kapitulieren, wollte aber nicht; denn er war mit Leib und Seele Wiesenarbeiter und Imker. Als ihm von einem Halbbruder seines Vaters, der nach Amerika ausgewandert war, eine kleine Erbschaft zufiel, baute er sich das kleine Haus, das nun der Witwe Goos zugehört, und nahm sich Anna Voges aus Krusenhagen, ein ansehnliches Mädchen, zur Frau. Als der Diesbur die Braut zum ersten Male sah, blickte er sie mit kalten Augen an und sagte nachher zu seiner Frau: »Hinnerk hat sich vergriffen; wenn das man gut geht. Das Mädchen hat unbeständige Augen.« Es schien aber, als sollte er nicht recht behalten. Zwar stand die junge Frau zu viel auf der Straße und klatschte, und wo es Tanz gab, mußte ihr Mann mit ihr hin. Als dann aber ein kleiner Junge ankam, hielt sie sich mehr im Hause, wenn sie auch jedesmal, mußte sie zum Kaufmann, mehr Zeit dazu brauchte, als just nötig war. Ihr Mann kannte aber weiter nichts als die Arbeit und den Jungen. Er verdiente gut, zumal er neben seiner Arbeit noch für den Jagdpächter Aufseherdienste verrichtete; denn da er den ganzen Tag draußen war, war es ihm ein leichtes, den Stand der Rehböcke und die Hirschwechsel auszumachen und die Schirme für die Balz zu bauen, auch dafür zu sorgen, daß die Celler Mascher aus der Ohlenhofer Jagd wegblieben. Als der Jagdpächter, ein Hauptmann aus Celle versetzt wurde, übernahmen mehrere Herren aus Hannover die Jagd und pachteten noch Krusenhagen und Moorhop dazu, sagten Rothe auf und stellten einen bebroteten Jagdhüter an. Er hieß Rudow, hatte bei den Ratzeburger Jägern gedient, war ein bildhübscher Mann, konnte reden wie ein Buch, trug sich wie ein Graf und machte alle Mädchen weit und breit verrückt. Rothe mißte die dreißig Taler, die er für die Jagdaufsicht bekommen hatte, und die Schußgelder sehr ungern, und wenn er auch nur Raubzeug hatte schießen dürfen, so kam er sich ein bißchen minne vor, daß er nun nicht mehr mit dem Gewehr gehen durfte. Zudem hatte Rudow, der Angst um seine Stellung hatte, weil er über den Mädchen mehr als einmal seinen Dienst verbummelte, sich bald nicht gut zu ihm gestellt und hie und da Witze über ihn gemacht, ihm auch den Ekelnamen Roter Hinnerk angehängt, und als er beim Erntebier einen Kleinen sitzen hatte und gegen Rothes Frau etwas zu freundlich war, gab es Krach, wobei Rothe, der nicht so behende wie er war, das meiste abkriegte. Vier Wochen später wurde Rudow im Högenbusche totgeschossen aufgefunden. »Das hat kein anderer als Rothe getan,« hieß es allgemein, zumal dieser an dem Tage, wo der Mord geschehen war, vor dem Högenbusche gearbeitet hatte, auch gemunkelt wurde, der Jagdaufseher und Frau Rothe hätten miteinander etwas vorgehabt. Rothe wurde eingezogen, kam vor die Geschworenen, und da niemand anders in Frage kam, auch alles gegen ihn sprach, so wurde er trotz seines Ableugnens zu lebenlänglichem Zuchthause verurteilt; denn Rudow war von hinten erschossen worden. Der einzige, der entschieden für ihn auftrat, war der Diesbur; denn er sagte aus: »Ich habe Rothe zwar um die Zeit, als der Schuß gefallen ist, von dem Högenbusche herkommen sehen, will aber meine Hand dafür ins Feuer legen, daß er die Untat nicht begangen hat; denn dafür kenne ich ihn zu gut.« Und als Rothe abgeführt wurde, rief er ihm zu: »Kopf hoch, Heinrich; deine Unschuld wird sich schon bald ausweisen.« Rothe hatte nichts gesagt, als das »Schuldig !« gesprochen wurde, und als er nach Verkündigung des Urteils gefragt wurde, ob er noch etwas zu bemerken habe, hatte er dem Vorsitzenden mitten in die Augen gesehen und mit fester Stimme gesprochen: »Ich habe es nicht getan.« Im Zuchthause hielt er sich so, daß er sowohl bei dem Direktor wie bei den Aufsehern auf das beste angeschrieben war. An dem Tage aber, als ihm mitgeteilt wurde, seine Frau habe Scheidung beantragt, bildete sich eine böse Falte auf seiner Stirn, und sein Gesicht wurde von da ab wie Stein. Als er drei Jahre gesessen hatte, bekam er die Nachricht, seine Frau habe von neuem gefreit. Er erwiderte darauf nichts. Ein Jahr später kam die Meldung, der Junge sei gestorben. In seinem Gesicht verzog sich keine Miene. Am anderen Tage aber hatte er schwarze Ringe um die Augen. Als er fünf Jahre hinter sich hatte, kam er frei. In Wöbesse lebte ein Arbeiter Kiel, der als Freischütz bekannt war. Der hatte sich den Fuß durchgelaufen, den kalten Brand bekommen und vor seinem Tode mit der Hand auf der Bibel ausgesagt, daß er und kein anderer damals den Jagdhüter totgeschossen habe. Rothe sagte kein Wort, als ihm das mitgeteilt wurde, und der Diesbur, der ihn abholte, und der doch selbst ein Mann aus Eisen und Stein war, sagte nachher zu seiner Frau: »Heute würde ich für den Mann nicht mehr die Hand in das Feuer legen, wenn einer, mit dem er was vorhatte, tot im Busche gefunden würde.« Sobald Rothe verurteilt war, hatte er sein Anwesen seiner Frau verschreiben lassen. Deren zweiter Mann, ein Lüderjahn, hatte es bald durch die Gurgel gejagt, und Goos hatte es erstanden, als es zum freihändigen Verkaufe kam. So besaß Rothe weiter nichts mehr, als das bißchen Geld, das er sich im Zuchthause gespart hatte. Seine ehemalige Frau, die in Moorhop auf Arbeit ging, suchte ihn auf und bat ihn flehentlich um Verzeihung. Er sprach kein Wort, drehte ihr den Rücken und ließ sie stehen. Er tat seine Arbeit, paßte scharf auf die Wilddiebe auf, kümmerte sich aber sonst um keinen Menschen, als um die Leute auf dem Dieshofe, die Witwe Goos, die sich seines Jungen immer angenommen hatte, und verkehrte eigentlich im Dorfe nur mit Matthies, der mit ihm in einem Hause wohnte. Als er entlassen wurde, waren ihm alle Leute freundlich entgegengekommen. Von keinem hatte er die Hand angenommen. Mit der Zeit hat er seinen Groll gegen das Dorf etwas fahren lassen, hält sich aber immer abseits. So steht Heinrich Rothe allein da, wie im Herbst auf der Wiese der rote Hinnerk. Schneidersjohann Das malerischste Haus im ganzen Dorfe ist das des Schneiders Johann Timmann, das in dem Winkel liegt, den der Mühlbach mit dem Flusse bildet. Die Bauern finden nichts absonderlich Schönes an ihm und wundern sich, was Stadtleute, vorzüglich die Maler und Photographen, daran zu sehen haben. Denn es ist nur ein kleines Fachwerkhaus nach alter Art, mit schwarzem Balkenwerk und rot gestrichenen Füllungen; sein Strohdach ist mit dicken, grünen Moospolstern bedeckt und zur Hälfte von dichtem, dunklem Efeu umflochten. Rechts und links von der Gartenpforte halten zwei hohe, spitze Wacholder Wacht, eine Kletterrose schlingt sich über die grüne Haustüre hin, mehrere Obstbäume stehen in dem kleinen Garten, und über den Schweinestall krümmt sich ein krauser Holderbusch hin. An allen Fenstern stehen Blumen, so daß man, obgleich die Straße höher ist als das Haus, nicht hineinsehen kann. Wenn die Sonne auf dem kleinen Anwesen liegt, wenn die Tauben gurren und die Stare pfeifen, die Schwalben aus- und einfliegen, die roten und gelben Blumen hinter den altmodischen, kleinen, in Blei gefaßten Scheiben leuchten und der Efeu auf dem Dache wie lauteres Silber blitzt, dann bleiben die Städter, die hier vorbeikommen, stehen und freuen sich und denken, daß hier ganz besonders glückliche und zufriedene Menschen wohnen müssen, und sehen sie gar Schneidersjohann seine Tauben füttern oder an seinen Rosenstöcken herumputzen, dann sind sie überzeugt davon, daß er mit keinem Menschen auf der Welt tauschen möchte. Wer die Menschen von außen beurteilt, der hält Timmann leicht für glücklich. Dieser schlanke, gutgewachsene Mann mit dem stillen, milden, bartlosen Gesicht sieht aus, als sei niemals ein Sturm über seine Seele gegangen. Seine Bewegungen sind ruhig und abgemessen, seine Stimme klingt gleichmütig und gelassen, und das Lächeln, das um seine schmalen Lippen geht, wenn er den jungen Katzen zusieht oder mit dem Stieglitz spricht, erinnert an den sanften Glanz, den die Abendsonne auf ein klares Wasser legt. Er kann ja auch zufrieden sein. Das Haus ist schuldenfrei, Arbeit hat er mehr, als er gebrauchen kann, und seitdem er fünftausend Taler bar erbte, kann er getrost in die Zeit hineinsehen, die seinen Rücken müde, seine Augen matt und seine Finger langsam und unbeholfen machen wird. Und einen Feind hat er nicht, weder im Dorfe noch sonstwo auf der Welt. Aber dennoch sieht der Mann in Wirklichkeit nicht so recht froh aus; die Falten, die von seiner Nase zu den Mundwinkeln laufen, sind reichlich tief und um seine Augen liegt, wenn er gedankenlos über die Arbeit hinwegsieht, ein eigener Zug, als hätte er vor irgend etwas Furcht oder nach irgend etwas Sehnsucht. Wenn der Spitz oder die Katze reden könnten, dann würden sie von Stunden erzählen können, in denen der Meister mit dunkler Stirn vor sich hinstarrt und tief aufseufzt, wie ein Mann, der eine böse Erinnerung nicht los werden kann. So ist es auch. Dieser Mann mit dem stillen, milden Gesicht und dem leichten, sanften Lächeln hat tief im Herzen eine Erinnerung, die ihn quält, wo er geht und steht, die ihm bei der Arbeit gegenübersitzt und ihn mit grauem Gesichte anstiert, die sich neben ihn stellt und ihn am Ärmel zupft, wenn er sich über seine Blumen freut, die sich hinter ihm mahnend räuspert, hört er nach dem Liede der Amsel hin, die ihm nachschleicht, wenn er abends durch die Wiesen geht, um sich an den roten Rehen zu freuen; sie starrt ihn aus der dunklen Stallecke an, beugt er sich zu seinen Schweinen hinab, winkt aus dem Bache hervor, wenn er Wasser holt, sitzt nachts vor seinem Bette und kniet gegen Morgen auf seiner Brust, und sogar in der Kirche bleibt sie bei ihm und grinst ihm die Andacht fort. Wenn er auch denkt: »Nicht ich habe die Schuld, sondern er,« und wenn er auch sagt: »Er hat mich mit boshaftigen Worten so weit gebracht,« und beteuert er auch: »Ich habe es fünfundzwanzig Jahre lang bereut und seit jenem Tage noch keine frohe Stunde gehabt,« und schreit es in ihm: »Meine Lippen sind welk von zurückgedrängten Seufzern und meine Augen müde von unvergessenen Tränen,« das böse Gedenken antwortet ihm: »Rede nicht; denn du hast die Schuld, du allein. Seine Worte waren boshaftig, aber deine Tat ist ein Verbrechen. Reue weckt keine Toten wieder auf, und mit Tränen wird kein Blut abgewaschen. Du sollst daran tragen, bis deine Augen brechen, und wenn deine Seele sich von ihrem Leibe trennt, dann werde ich bei ihr bleiben und sie nicht verlassen und sie an den dritten Juli erinnern bis in aller Ewigkeiten Ewigkeit.« In der alten Erbbibel des Schneiders sind alle Blätter gelb, aber eines ist gelber als die andern alle, so oft hat der Mann diese Seite gelesen, so oft ist darüber sein Atem gestrichen, so oft fielen seine Tränen darauf in fünf Jahren des Jammers. Seitdem hat er diese Seite in dem Buche nicht mehr gelesen, zwanzig Jahre lang, aber im Geiste liest er sie jeden Tag; denn die Worte stehen fest in seinem Gedächtnisse, und die Buchstaben gehen vor seinen Augen her schwarz und schrecklich. Er sieht sie vor sich, wenn er gegen den Himmel blickt, wo die Schwalben spielen, schwarz auf hellblauem Grunde, und wenn abends die Krähen vorüberfliegen, dann werden es ihm Buchstaben, und er liest von dem rosenroten Himmel die Worte ab: »Kain, wo ist dein Bruder Abel?« Aber das ist falsch; denn in Wirklichkeit müßte dort am Himmel zu lesen sein: »Abel, wo ist dein Bruder Kain?« Denn er war stets wie Abel gewesen, milden Herzens und sanft von Seele, und jegliche Sünde lag ihm fern. Wo die ändern lachten, da lächelte er, und wenn sie tranken, dann hatte er genippt. Aber ein ducknackischer Spielverderber war er nie gewesen, nur feiner und vornehmer als die andern Jungkerle, und er hatte Maß zu halten gewußt in Speise und Trank und Vergnügen, ohne sich darum besser zu dünken als die anderen; denn er wußte nicht, was Stolz und Hochmut war. So still und gelassen er war, so hatte er doch Mut und Entschlossenheit genug; er fiel den durchgehenden Pferden ohne Besinnung in die Zügel und hatte ein Kind aus einem brennenden Hause geholt. Auf seiner rechten Schulter ist heute noch die Stelle rot, die ihm der brennende Balken versengte. Sein Bruder Friedrich war anders. Mit dem Munde war der immer vorne weg, und wo es hoch herging, mußte er dabei sein. Bei keiner Arbeit hielt er recht aus, aber wenn Schnapsgläser und Bierflaschen auf dem Tische waren, dann stand er seinen Mann. In der Schule hatte er nie die Aufgaben behalten können, aber für alle Schelmenlieder hatte er einen anschlägigen Kopf, und es gab keinen schmutzigen Witz, den er nicht kannte. Schon auf der Schule war er hinter den Mädchen her, und als er in die Lehre kam, da wurde es damit noch schlimmer. Sein erster Meister warf ihn aus diesem Grunde hinaus, und von dem zweiten holte ihn der Vater fort, weil der Junge von dem alten Meister das Trinken und von der jungen Meisterin nichts Besseres lernte. Beim dritten Meister lief er fort und trat bei einem Fischer ein, von dem die Rede war, er fische bei Tage im Wasser und abends im Trüben. Als Soldat hielt er sich gut; denn er war der beste Schütze in der Kompanie und verstand es, sich gut herauszulügen. Kapitulieren wollte er aber nicht, und so erschien er eines Tages wieder zu Hause. Der alte Timmann war inzwischen gestorben. Friedrich ließ sich seine kleine Erbschaft auszahlen und verschwand auf zwei Jahre. Dann kam er wieder, fein im Zeuge, wie ein Herr aus der Stadt, lungerte im Dorfe umher, verführte die Knechte zum Kartjen und Trinken, machte die Spinnstube zum Tingeltangel und den Krug zur Saufbude. Ab und zu verschwand er auf einige Tage oder Wochen, um nach seinem Kompagnon zu sehen, wie er sagte, und wenn er wiederkam, hatte er meist Geld und trieb es toller als je, so daß die ernsten Leute schon die Köpfe zusammensteckten und berieten, wie man den Unband loswerden könne. Um diese Zeit war es, daß Johann Timmann, der Schneider, sich mit Heiratsgedanken trug. Er hatte als ganz junger Mann einen Tanzschatz gehabt, aber zum Freien war es nicht gekommen, weil der Vater des Mädchens einen Bauern und keinen Handwerker zum Eidam haben wollte. Jetzt diente aber auf dem Dieshofe ein Mädchen als Große Magd, deren Vater Handwerker war. Sie war ansehnlich von Wuchs, freundlich von Gesicht, fröhlich von Wesen, und die Arbeit ging ihr gut von der Hand. Johann, der dem alten Diesbur, der damals Vorsteher war, bei den Schreibarbeiten viel zur Hand ging, hatte das Gefühl, daß das Mädchen, Lina Köper hieß sie, ihn gern leiden möge, machte sich an die heran und bekam von dem Bauern heraus, daß sie ihn nehmen würde. Da tauchte Friedrich wieder im Dorfe auf, und seitdem war Line anders in ihrem Benehmen. Auf dem Dieshofe war Friedrich nicht gern gesehen und ihm selbst gefiel es dort auch nicht; denn der Bauer hatte eine sonderbare Art, an ihm herunterzusehen, und wenn Friedrich im Kruge von seinen Agenturgeschäften prahlte und der Diesbur trat ein, dann wollte ihm das Wort nicht mehr so recht aus dem Munde. Bei den Mädchen hatte Friedrich aber Oberwasser; denn er war ein bildschöner Kerl mit krausem, gelbem Haar und lustigen Augen und trug einen Schnurrbart, wie ein Leutnant, und er hatte eine Art, nicht lange zu fragen und gleich auf das Ganze zu gehen, die mancheiner gefiel. Das kam Johann mit der Zeit auch zu Ohren und betrübte ihn sehr; denn da merkte er erst, daß er das Mädchen von Herzen lieb hatte. Er machte einigemale den Versuch, sie allein zu sprechen, aber sie wich ihm immer aus, und so zog er sich zurück. Als dann Friedrich wieder auf Reisen ging mit seinen beiden kleinen Musterkoffern, die er immer verschlossen hielt und in die er niemand hineinsehen ließ, machte Line ihrem alten Liebhaber wieder freundlichere Augen, und obgleich Johann ein unbestimmtes Mißtrauen nicht loswerden konnte, so zog es ihn doch so sehr zu dem Mädchen, daß er seinen Verdacht beiseite jagte, wieder mit Line öfter zusammentraf und sie schließlich fragte, ob sie ihn heiraten wolle. Sie schlug eiliger ein, als er erwartet hatte; denn ein so hübsches, ansehnliches und tüchtiges Mädchen, das eine gute Aussteuer und etwas Bargeld hatte, kam nicht in Verlegenheit um einen Mann. Um so mehr freute es Johann, daß das Mädchen ihm in jeder Weise entgegenkam und auf eine baldige Heirat drang, was ihm recht war, da seine Schwester zum Herbst auch heiraten wollte und er dann allein im Hause gewesen wäre. Er arbeitete nun noch einmal so fleißig, und wenn er nicht auf dem Schneidertische saß, dann richtete er das Haus neu her, frischte die Möbel auf, weißte die Wände, machte Garten und Hof zurecht und besserte den Zaun aus, daß es eine Freude war, das kleine Anwesen zu sehen und der Diesbur ihm eines Tages sagte: »Es ist ein Jammer, daß du ein Schneider bist; so ein Mann, wie du, das hätte einen Hauptbauern gegeben, sag ich. Aber lasse dich meine Worte nicht gereuen; was der Mensch ist, das ist gleich, wenn er seine Sache imstande hält.« Und der Bauer, der sonst eine knappe Hand hatte und bar gegen bar zu rechnen pflegte, schenkte ihm je einen Stamm Hühner und Enten und das ganze Bauholz für den neuen Stall und entschuldige sich dafür bei Johann, indem er sagte; »Die Schreiberei, die du für mich machst, kann ich doch nicht mit Geld bezahlen, und dann wächst mir das alles zu, und du müßtest es bar bezahlen, sage ich.« Eines Tages war auch Friedrich wieder da. Er sah nicht so gut aus wie sonst, weder im Gesichte noch im Zeuge, und es schien, als ob er wenig Geld habe; denn er war selten im Kruge zu sehen, obgleich er jeden Nachmittag verschwand. Auffallend war es Johann, daß Line ihm seitdem verändert vorkam; ihr Gesicht war blaß und ihre Züge waren gröber geworden und in ihren Augen lag es wie Angst. Johann machte sich allerlei Gedanken darüber, um so mehr, als er einmal Line und seinen Bruder unter den Eichen des Diesburhofes zusammenstehen sah. Aber schließlich durfte er darin nichts finden, daß Friedrich mit seiner zukünftigen Brudersfrau sprach. Sehr störend war es ihm aber, daß sein Bruder ihn fortwährend um Geld anging, trotzdem er ihm noch dreißig Taler schuldig war; denn für die Hochzeit brauchte er bares Geld. Überhaupt wurde ihm sein Bruder von Tag zu Tag unbequemer und unheimlicher. Er war in der Stadt mehrfach mit verdächtigen Leuten gesehen, und wenn er nach seinen sonderbaren Reisen nach Hause kam, dann war er meist angetrunken und beleidigte Johann auf alle Art, so daß diesem schon seit Wochen die Wut am Herzen fraß. Am dritten Juli nachts um zwei Uhr kam Friedrich wieder betrunken heim und stolperte in seine Kammer. Als Johann am andern Morgen das Geld für einen abgelieferten Anzug in die Schieblade legen wollte, sah er, daß die vier Taler, die er noch haben mußte, verschwunden waren. Das Blut stand ihm still und die Knie wurden ihm schwach; denn den Schlüssel hatte er in seiner Tasche und einen ähnlichen gab es so bald nicht. Friedrich mußte das Schloß mit einem Nachschlüssel geöffnet haben. Johann setzte sich und dacht nach: die sonderbaren Reisen, die sein Bruder machte, das viele Geld, das er manchmal hatte, die beiden kleinen schweren Koffer, in die er niemand hineinsehen ließ, und daß er als Schlosser gelernt hatte, und der Verkehr mit dem alten Mosinski in der Stadt, der wegen Hehlerei schon Zuchthaus gehabt hatte, alles das fiel dem Schneider nun ein, und er beschloß, seinem Bruder das Haus zu weisen, so schwer es ihm auch wurde, hart gegen sein eigenes Blut zu sein. In trauriger Stimmung holte er sich den Hammer und eine Tasche Nägel aus dem Schranke und schlug auf dem Vorplatze ein Wandbörd an. Kaum hatte er einen Schlag getan, da stürzte Friedrich aus seiner Kammer, feuerrot im Gesicht, mit wirrem Haare und wütenden Augen: »Nicht einmal ausschlafen kann man,« fuhr er seinen Bruder an. Da riß diesem die Geduld, und alles das, was er seit Jahren und besonders in den letzten Wochen auf dem Herzen getragen hatte, entlud er nun, und zum Schlüsse rief er ihm zu: »Am liebsten ist es mir, du gehst gleich; denn ich habe keine Lust, mich vor der Hochzeit deinetwegen krank zu ärgern. Und mein Geld will ich jetzt auch haben. Und wo sind die vier Taler, die du mir gestern gestohlen hast?« Friedrich stand vor ihm, pfiff ein Schelmenlied und lachte seinem Bruder frech in das Gesicht. Und als der tiefatmend und mit kreideweißem Gesicht seine Rede schloß, da lachte der andere laut auf und sagte: »Ja, es ist auch wohl besser, daß ich gehe; denn ich will keinem im Wege sein. Aber beeile dich nur mit der Hochzeit, sonst kannst du am Ende meinen Jungen eher taufen lassen, als bis der Pastor euch zusammengegeben hat.« Das sind nun fünfundzwanzig Jahre her, aber noch heute weiß der Schneider, wie es dann kam. Mit einem Schlage war ihm alles klar, Lines seltsames Wesen, ihre Schwerfälligkeit, ihr Drängen auf baldige Hochzeit, ihre unsicheren Augen, und da vor ihm stand der Lump, sein eigener Bruder, und lachte ihm mitten in das Gesicht hinein und pfiff das freche Schelmenlied. Und dann lag Friedrich auf einmal auf der Erde, und die Schwester kam herein, wollte aufschreien, besann sich aber, und dann saß er im Großvaterstuhl am Ofen, und vor ihm stand der Diesbur und sprach: »Red' dir doch nicht selbst was vor! Daß das mit dem kein anderes Ende nahm bei seinem Saufen, das konnte ein jeder sehen. Ruhig, Schneider, und rede nicht! Es ist ein Schlagfluß und weiter nichts. An dem Hammer war kein Tropfen Blut, und wenn schon, dann wäre es auch kein Unglück, und unser Herrgott würde es dir vergeben. Aber davon ist ja gar keine Rede. Wenn einer immer liederlich lebt und acht Tage vor lauter Schnaps nicht regelrecht ißt, dann wird er mürbe und kann beim Niesen tot hinfallen. Laß das Weinen, Johann, das ist der Mensch nicht wert. Und jetzt komm' mit.« Er hatte ihn unter den Arm genommen und nach dem Diesburhofe gebracht, hatte ihn bis zur Beerdigung nicht aus den Fingern gelassen, sogar schlafen mußte Johann auf dem Hofe, und alle Gänge wegen der Beerdigung hatte der Großknecht machen müssen. Jeden Tag war der Bauer bei dem Schneider und redete ihm solange vor, daß, und das habe er mit eigenen Augen gesehen, Friedrich eher umgefallen sei, ehe Johann den Hammer gehoben habe, bis dieser es beinahe selber glaubte. Und als er von seiner Schwester hörte, daß Line Köper, als sie Friedrichs Tod vernommen habe, ohnmächtig geworden und am Tage darauf nach Hause gefahren sei und jetzt mit einem Kinde liege, da redete der Schneider sich ein, daß seine Tat kein Verbrechen gewesen sei, sondern ein Unglück, und in dem Gedanken wurde er bestärkt, als er Friedrichs Koffer öffnete und darin lauter blitzblankes Einbrecherwerkzeug, Formwachs und Pechlappen fand. Im Dorfe wurde über den plötzlichen Tod Friedrichs zuerst wohl etwas gemunkelt, aber da der Diesbur erklärte, es läge Schlag vor, und da er nach wie vor gut Freund zu dem Schneider war, so verstummte das Gerede bald. Nach einem Jahr starb Johanns Schwester, ein Jahr darauf warf den Vorsteher der Schlag um. Jetzt konnte der Schneider aufatmen; denn nun gab es keinen Zeugen seiner Tat mehr. Aber davor hatte er nie Angst gehabt, er hatte nur immer sich selbst gefürchtet, hatte immer, wo er ging und stand, die Stimme seines Innern gehört. Dieser Stimme wegen blieb er ledig. Was sollte eine Frau von einem Manne denken, der nachts aus dem Schlafe fuhr mit klopfendem Herzen und nasser Stirne, weil er wieder einmal die Stimme hatte rufen hören: »Kain, Kain, wo ist dein Bruder Abel?« Rosenwillem Da, wo am Ende des Dorfes der Fußweg nach Howe abgeht, steht ein kleines, ordentlich gehaltenes Haus mit einem hübschen Blumengarten davor und einer großmächtigen Pappel daneben. Es gehört dem Arbeiter Wilhelm Nottbohm, genannt Rose, zu, oder vielmehr, es gehörte ihm; denn vor einiger Zeit haben sie ihn den Notweg nach Krusenhagen hingefahren, weil er Schluß mit seinem Leben gemacht hatte. Es war eine schöne Beerdigung gewesen, obwohl Rosenwillem nicht zu den großen Leuten im Dorfe gehörte, und der hätte gewiß allen den Groll und die Bitterkeit, die ihn auf den Schrägen brachten, beihalbe gelegt und beifällig gegrient, hätte er den Leichenzug sehen können. Es war, als ob einem großen Bauern die letzte Ehre angetan würde; alles, was ichtens Zeit hatte, war gefolgt. Denn wenn er auch nur ein kleiner Mann war, so hatte er doch seine Bedeutung in Ohlenhof. Nicht allein deswegen, weil er eine Amtsperson war; denn darauf gibt man hier wenig, sondern weil er für dreie arbeiten konnte. Arbeit war sein Leben, ganz gleich, welcher Art sie auch war. Er half den Bauern aus, war Hausschlachter und Fleischbeschauer, tat Botengänge und übernahm Lohnfuhren, war Obertreiber bei den Jagden, backte Torf, imkerte, machte Wiesen, hackte Plaggen, spielte Maurer und Zimmerer, hielt sein eigenes Land und das zugepachtete in Ordnung, und war dann noch Gemeindediener und Nachtwächter. Er hatte einen Fehler: er trank ab und zu mehr, als nötig war. Denn er hatte einen Kummer in sich. Schon als kleiner Junge hatte er am liebsten Soldat gespielt, und als er angemustert wurde, war er der einzige, der nüchtern in das Dorf zurückkam; denn er hatte sich so gefreut, daß er nicht mit den anderen Stellungspflichtigen von Wirtschaft zu Wirtschaft zog und trank und kriejöhlte, sondern er war so schnell wie möglich nach Ohlenhof gegangen. Er war ein Soldat, wie er im Buche steht. Nicht ein einziges Mal kam er nur eine Sekunde zu spät zum Dienst, und nicht einmal bekam er einen Rüffel, selbst von seinem Wachtmeister nicht, einem von der Art, der da glaubte, ohne schnauzen ginge es nun einmal nicht. Es gefiel ihm beim Militär so gut, daß er zu kapitulieren beschloß, als seine Mutter, eine Witwe, plötzlich starb, und er nun für niemand zu sorgen hatte. Da schlug ihm ein Gaul das rechte Fußgelenk entzwei, und obgleich er nach vier Wochen wieder beinig war, so behielt er doch eine gewisse Schwäche zurück und wurde mit einer kleinen Pension entlassen. Er grämte sich so, daß er sich an dem Tage zum ersten Male in seinem Leben um Kopf und Beine trank. Aber dann suchte er sich in Ohlenhof Arbeit, und da er fleißig war und gut voran kam, so heiratete er nach zwei Jahren ein rechtschaffenes und ordentliches Mädchen, das etwas Geld auf der Sparkasse hatte. Wenn die Kinder anfangs auch schnell aufeinander kamen, Rosenwillem und seine Frau kamen gut voran, wenn Rose auch dann und wann einmal trank. Allzu oft begab sich das auch nicht, und niemals bei Hochzeiten oder anderen Festlichkeiten, selbst dann nicht, wenn der Kriegerverein, dessen tätigstes Mitglied Rose war, seine Begründung feierte. Gewöhnlich begegnete Rose das, wenn er sich mit der Arbeit übernommen hatte. Er sprach dann ein paar Tage nichts, hatte einen engen Mund und sah an den Leuten vorbei, und auf einmal saß er im Kruge, trank sich voll, ohne viele Worte zu machen oder einen Unfug anzustellen, ging dann ruhig nach Hause, schlief sich gehörig aus, und arbeitete dann wieder, daß es rauchte. Seine Minna war eine vernünftige Frau, und sagte ihm deswegen kein böses Wort, sondern kochte, was er am liebsten mochte, und ließ ihm zwei Flaschen Bier holen. Als die Pastorin in Krusenhagen, bei der sie viele Jahre in Dienst gewesen war, ihr einmal zuredete, sie solle ihrem Manne das Trinken abgewöhnen, meinte sie: »Och, Frau Pastern, die vier-, fünfmal im Jahre, daß ihm das zustößt, darüber mag ich ihm kein Wort sagen. Dafür arbeitet er ja auch mehr als andere, und wie soll er sonst seinen alten Kummer, daß er nicht beim Militär bleiben konnte, loswerden. Und er ist ja auch ganz sinnig und ordentlich, wenn er auch noch so duhne ist.« Je älter er aber wurde, um so öfter kam er an das Trinken, besonders, seitdem er einmal schwer an Lungen- und Rippenfellentzündung gelegen hatte. Es dauerte dann nicht zehn und zwölf Stunden, bis er wieder arbeiten konnte, sondern einen vollen Tag, wenn nicht zwei, und das vertrug sich auf die Dauer mit seinem Amte als Gemeindediener und Nachtwächter nicht. Der Diesbauer, der ihn sonst gut leiden mochte, hatte ihm das einmal in seiner ruhigen Weise gesagt, und Rose nahm sich daraufhin eine ganze Zeit zusammen. Schließlich kippte er aber doch einmal wieder um und vergaß Tuten und Blasen, und das gerade in einer Nacht vor Weihnachten, in der an drei Stellen im Dorfe eingebrochen wurde. Nun ließ man es ihn aber doch merken, daß man einen solchen Nachtwächter nicht gebrauchen könne. Er wurde vor das Bauernmal geladen, und es wurde ihm gesagt, wenn er seinen Dienst nicht rechtschaffen täte, so könne er seine Ämter nicht länger behalten. Ein volles halbes Jahr hielt er sich aufrecht. Dann bekam er es wieder mit dem Trinken, und unglücklicherweise just in der Nacht, als in dem Häuslingshause auf Hengstmannshofe Feuer auskam. Zwei Drittel der Gemeindeversammlung war dafür, daß ihm gekündigt werden sollte; aber da der Vorsteher für ihn sprach, so verblieb es bei einer zweiten Verwarnung. »Das ist aber das letztemal, Willem,« sagte der Diesbur, »beim dritten Male ist Schluß!« Fast ein Jahr ging seitdem dahin. Da übernahm Rose sich bei der Dreschmaschine, bekam einen Ohnmachtsanfall, hatte drei Tage lang eine krause Stirn, trank sich, als er in Howe zu tun hatte, bis oben hin voll und verschlief zwei Nächte. In der zweiten Nacht brannte das Beckmannsche Haus ab, ohne daß der Nachtwächter Feuer geblasen hatte. Am nächsten Abend trat das Bauernmal zusammen und beschloß einmütig, ihm aufzusagen. Als ihm das mitgeteilt wurde, wurde er so weiß wie eine Wand, sagte aber kein Wort, sondern legte sich zu Bett, verweigerte Speise und Trank, und war am dritten Tage eine Leiche. Er hatte sich totgeärgert. Die Erbfeinde Außerhalb des Dorfes wohnen die sieben Brinksitzer, die neuen Ansiedler, die nicht zu der Interessentengemeinde gehören, sondern sich als Erbzinsbauern auf dem Gemeindelande zwischen der alten Feldmark und der Marsch niedergelassen haben, ihre kleinen Äcker bebauen und auf die großen Höfe zur Arbeit gehen. Es sind alles gutgestellte, ordentliche Leute, die langsam, aber sicher in die Höhe kommen. Das sieht man gleich an den sauber gehaltenen Häusern, an den gut gepflegten Blumengärten vor den Türen, an dem Kletterobst, das die Wände bedeckt, und an so mancher Kleinigkeit, die über des Lebens Notdurft hinausgeht. Der Brinksitzer, der am nächsten nach dem Dorfe zu wohnt und mithin die älteste Neusiedelung hat, heißt Kohrs, wird aber zum Unterschiede von seinem Nachbar, der ebenfalls Cohrs heißt, sich aber mit einem C und nicht mit einem K schreibt, Ohlenlohrs genannt, während sein Nachbar Lüttgencohrs genannt wird. Zwischen den beiden Familien besteht ein alter Haß, wie man das sofort erkennt, kommt man an den Häusern vorbei. Auf demjenigen Fensterladen an dem Ohlenkohrsschen Hause, der dem Nachbarhause zugewandt ist, steht der dreiundzwanzigste Vers des vierundneunzigsten Psalmes angeschrieben, und auf dem gegenüberliegenden der vierundzwanzigste Vers des fünfundfünfzigsten Psalmes. Wenn Ohlenkohrs in den Krug kommt, trinkt Lüttgencohrs seinen Schnaps aus und geht fort, und sitzt Ohlenkohrs beim Krüger und Lüttgencohrs kommt, so macht Ohlenkohrs, daß er weiterkommt. Wenn sie sich im Dorfe begegnen, so sehen sie aneinander vorbei, ohne sich die Tageszeit zu bieten, und ihre Frauen und Kinder machen es ebenso. Ohlenkohrs ist für Lüttgencohrs Luft, und Lüttgencohrs ist für Ohlenkohrs nicht da; Frau Ohlenkohrs tut so, als ob es eine Frau Lüttgencohrs nicht gäbe, und diese hält es mit ihr genau so, und obgleich Ohlenkohrs Sophie und Lüttgencohrs Marie Haus bei Haus aufgewachsen sind, und obwohl sie im Alter und auch sonst vorzüglich zueinander passen, nie haben sie zusammen gespielt, niemals miteinander gesprochen, wenn sie auch die ganze Schulzeit zusammen abmachten, und Ohlenkohrs' Heini würde lieber mit einem Kiepenflickerkind tanzen als mit Lüttgencohrs' Marie. So weit geht der Haß, daß, als vor zwei Jahren in Lüttgencohrs' Stall Feuer auskam, als keiner zu Hause war, und Ohlekohrs' Mutter es sah, sie nicht »Feurio!« rief; und wenn nicht der Viehhändler Meyerstein, der gerade vorbeifuhr, den Brand bemerkt und Hilfe geholt hätte, so wäre das ganze Anwesen in Asche gefallen. Dafür hielt es aber auch Ohlenkohrs' Altmutter, als die im Garten zu Falle kam und sich das Bein brach, für unter ihrer Würde, Frau Lüttgencohrs, die nebenan im Hofe auf und ab ging, um Beistand zu bitten, und trotz ihrer großen Schmerzen blieb sie drei Stunden zwischen den Kartoffeln liegen, bis ihre Tochter sie fand. Dafür mußte sie dann auch an dem Bruche sterben. »Für ihre Unvernunft,« sagte der Dokotor; »wegen ihrer Unchristlichkeit,« meinte der Pastor, der sich alle Mühe gegeben hatte, die Nachbarn zu bewegen, die beiden Psalmsprüche auf den Fensterläden zu beseitigen. Er hatte sich den Hals trocken geredet und Milde und Härte gebraucht, aber weder das eine noch das andere half ihm; heute noch stehen auf dem grünen Fensterladen am Ohlenkohrsschen Hause in weißer Ölfarbe die bösen Worte, und ihnen gegenüber sind schwarz auf braunem Grunde und doppelt so groß die anderen sichtbar. Irgendwer, und man nimmt an, der dritte Brinksitzer Neumann, ein Mann, der zu der Gemeinde der Kinder Gottes gehört und mehrfach geäußert hatte, daß die Sprüche auf den Fensterläden eine Sünde wider den heiligen Geist seien, hat nächtlicherweile die Inschriften abgekratzt, aber sowohl Kohrs wie Cohrs frischte sie sofort wieder auf, und so hat man sich an sie gewöhnt und nimmt sie hin wie des Diesbauern Grobheit und Rischmöllerfiekens Rumflasche. Sie stehen ja auch schon über fünfzig Jahre da; denn der Haß der beiden Nachbarn ist nicht von heute und nicht von gestern, sondern er ist von den Großeltern überkommen, und auch diese brachten ihn als Erbgut von ihren Eltern mit, und gerade deshalb hört er nicht auf; denn je älter ein Käse und je länger ein Haß ist, um so stinkender werden beide. Deshalb nimmt der Haß zwischen den beiden Nachbarn auch nicht ab, wenn er sich auch nur noch darin zeigt, daß die Kohrs und die Cohrs sich nicht kennen und sich aus dem Wege gehen, wo es eben geht, und auf den Fensterläden die beiden Sprüche aus dem vierundneunzigsten und fünfundfünfzigsten Psalme zu sehen sind. Ganz schrecklich sieht sich das an, und wer sie das erstemal liest, der meint, Mord und Totschlag sei hier vorgefallen. Es ist aber weder Mord noch Totschlag zwischen den beiden Häusern vorgefallen und seitdem sich Kohrs' Heini und Cohrs' Ludchen auf dem Wege vom Konfirmandenunterrichte gehörig verwackelten, hat es kein böses Wort, geschweige denn einen Schlag zwischen einem Kohrs und einem Cohrs gegeben. Als hüben und drüben die alten Leute, die jetzt schon tot sind, das Leit in der Hand hatten, waren die beiden ältesten Brinksitzer ein Ärgernis für die ganze Siedelung; denn immer und ewig gab es Zank und Streit dort, und die Widerworte flogen nur so über die Zäune. Verirrte sich die Kohrssche Katze in den Cohrsschen Garten, so war zehn gegen eins zu wetten, daß sie kreuzlahm wieder zurückkam; denn sofort flog ihr ein Stück Brennholz gegen den Leib. Anderseits, wenn die Cohrsschen Hühner überflogen, so scheuchten Kohrs sie nicht zurück, sondern schmissen mit dem ersten besten Werkzeug danach, das sie zur Hand hatten, und als dabei einst die beste Cohrssche Legehenne um ihr Leben kam, lag am anderen Tage Kohrs' schönste Katze, die dreifarbige, tot auf der Straße, und nun gab es erst eine lange Schimpferei, und schließlich gab Cohrs, der ein sehr heftiger Mann war, dem Kohrs eins gegen die Backe, daß dem ein Zahn in den Mund flog, und dafür bekam Cohrs acht Tage Haft. Das verdroß ihn so sehr, daß es nun zum vollen Kriege kam. Sobald bei Kohrs niemand zu Hause gewesen war, lagen nachher die grünen Äpfel, Birnen und Pflaumen abgeschüttelt im Grase, oder ein paar Fensterscheiben waren eingeworfen, oder ein Huhn war abgängig und kam nicht wieder zum Vorschein, oder eins von den Kohrsschen Kindern bekam hinterrücks einen Stein an den Kopf, ohne sagen zu können, von wem. Kohrs, ein stiller und ruhiger Mann, war wehrlos gegen solche Niedertracht. Als er dem Vorsteher sein Leid klagte, hob er die Schultern auf und meinte: »Beweise hast du keine; also können wir nichts machen.« Da wurde eines Nachts bei Cohrs ein alter Bienenkorb auf das Dach gesetzt und unter das Fenster von Cohrs' Lieschen, die das hübscheste und ordentlichste Mädchen im Dorfe war, Häcksel gestreut, und am nächsten Tage gingen die Bauern abends mit ihren langen Stöcken hintenherum in den Krug. Von diesem Augenblick an merkte Lüttgencohrs, daß er sich vorsehen müsse. Beim Erntebier hatte keiner von den Jungens mit seinem Lieschen getanzt. Niemand bot ihm oder seiner Frau zuerst die Tageszeit, und wen sie grüßten, der dankte ihnen nur so, als gelte es einem Zigeuner. Vier Wochen bezähmten die Cohrs ihre Bosheit, aber als Cohrs Junge das kleinste Mädchen vom Nachbarhause in den Dreck stieß und deren Mutter ihm dafür eins überzog, stürzte Frau Cohrs aus dem Hause und machte eine solche Schande, daß alle anderen Brinksitzer aus ihren Türen kamen und wie aus einem Munde schrien: »Das ist ja noch schlimmer als wie bei Katzen und Hunden in einem Stall.« Aber als Frau Cohrs den anderen Frauen erzählen wollte, daß Frau Kohrs ihren Fritz geschlagen habe, drehten sie sich alle um und gingen in ihre Häuser zurück. In der Nacht desselben Tages fuhren alle Lüttgencohrs wie unklug aus den Betten; denn ein halbes Dutzend Fäuste schlugen gegen die Fensterläden der Schlafdönze, an die dreißig Stimmen brüllten, und mehrere Hörner tuteten, und es war ein gewaltiges Klingeln und Klappern und Wetzen draußen. »Himmlischer Vater!« schrie Cohrsmutter und fing an zu weinen, »sie streichen bei uns.« Sie wollte ihren Unterrock anziehen, aber das Schlagen und Klappern und Wetzen wurde noch viel schlimmer, und immer gefährlicher hörte es sich an, wie draußen gebrüllt wurde: »Herut, herut, Lüttgencohrs herut, Corhsmutter herut, alle miteinander herut! Herut, herut, herut!« Und da ging auch schon das schreckliche Gesinge los, das sie noch keinmal gehört, von dem ihr aber ihre Altmutter erzählt hatte: »Wir wollen, wir wollen der Gaffelzange, der ollen, der woll'n wir es lehren, die woll'n wir bekehren,« und dreißig Sensen wurden gestrichen, daß es fürchterlich anzuhören war. Was sollten Lüttgencohrs machen? So wie sie aus ihren Betten kamen, barfuß und im Hemde, alle miteinander, groß und klein, mußten sie vor die Tür treten, sich in einer Reihe aufstellen, die Köpfe auf die Brust halten und die Hände falten, und dann kam aus den fünfzig und noch mehr Gestalten, deren Sensen im hellen Mondlicht blitzten, eine hervor, die sich das Gesicht mit Ruß schwarz gemacht hatte, und las ihnen vor allem Volke, denn die übrigen Brinksitzer kamen nach und nach aus ihren Häusern, einen langen Reimspruch vor, in dem ihnen ihre Untaten vorgehalten und mehr als deutlich die Leviten gelesen wurden, und am Schluß hieß es: »Somit befehlen wir Euch, sowohl jung wie alt, daß Ihr hinfüro Frieden halt'. Verharrt Ihr aber in Euren Sünden, so werden wir Euch das Maul verbinden, Euch das Schandemachen wehren und Euch vor das Dorf hinauskehren!« Dann ging das Streichen, Trommeln und Tuten noch einmal los, eine hell Stimme schrie: »Is aus, is aus, zuhaus', zuhaus'! Und wer sich umme dreht, dem es leege geht!« und sobald die Leute die Türen hinter sich zuschlugen, war alles stille. Seit diesem Strafgerichte hielten die Cohrs Frieden. Wenn es einmal vorkam, daß die Kinder aus dem einen und dem anderen Hause etwas miteinander hatten, so mischten sich die Eltern nicht hinein oder straften höchstens ihre eigenen Kinder ab. Der alte Haß aber ist geblieben, wenn er sich auch weder in Worten noch in Taten, ja nicht einmal in Mienen und Blicken mehr zeigt. Aber wenn man Kohrs fragen würde, woher die alte Feindschaft zwischen ihm und Cohrs eigentlich stammte, er könnte es nicht sagen, und Cohrs noch weniger. Kohrs glaubt, sich zu erinnern, daß sein Vater ihm einmal erzählt habe, er sei, als er diente, von einem Cohrs, der damals Gefreiter war, ungerecht behandelt; aber das kann die Grundursache zu dem Hasse nicht sein, weil der schon aus dem vorvorletzten Geschlechte stammt. Es ist jetzt auch so recht niemand mehr im Dorfe, der es weiß, warum die Kohrs und die Cohrs Erbfeinde sind, seitdem Ohm Jürn, der Schnuckenschäfer vom Dieshofe, tot ist, und der Altvater vom Dieshofe desgleichen. Es ist ja möglich, daß sein Großsohn, der Diesbauer, noch von der Geschichte weiß; denn wenn er bei den beiden Brinksitzern vorbeigeht, sieht es sich beinahe so an, als müsse er sich das Lachen verbeißen. Denn eigentlich ist es zu dumm, warum die Kohrs und die Cohrs sich nicht besehen können. Der erste Kohrs hatte es übel genommen, daß der zweite Brinksitzer ebenfalls Cohrs hieß, wenn er sich auch mit einem C schrieb, und er hatte ihn zum Spaß einmal Zohrs genannt, und Cohrs, der einen scharfen Mund hatte, hatte ihn darauf Kakohrs genannt, und das hatte Kohrs mächtig gewurmt. Nun hatte Cohrs eine Frau, die ein gefährlich schnelles Maulwerk hatte, das sie mehr als nötig gebrauchte, und dann hörte sich das so an, als ob ein Hund belle, und deshalb hatte Frau Kohrs sie Karo getauft. Die Cohrsche war, als sie das hörte, rein außer sich geraten und hatte der Kohrsschen, die etwas sehr dick war und etwas watschelte, den Ekelnamen olle Goos angehängt. Alles das geschah aber nicht von Angesicht zu Angesicht, sondern hinten herum, und war auch nicht so böse gemeint. Als aber eines Tages die Lohrssche wieder am Keifen war, schrie Kohrs' Emil, obgleich Cohrs' Otto das hören konnte, ganz laut seiner Schwester zu: »Karo ist all wieder am Bellen,« wofür Otto ihm einen Stockhieb auf die Nase gab, daß diese gehörig blutete und noch acht Tage lang blau und grün war, und dafür drosch seine Mutter Cohrs' Otto gehörig durch, und als die Cohrssche dazu kam, gab es ein großes Geschimpfe zwischen den beiden Frauen. Als Frau Kohrs am anderen Morgen aus dem Fenster sah, war ihr schöner Syringenbusch abgeschitten, und an seiner Stelle stak ein Stock in der Erde, der ein Stück Pappe trug, und was darauf gekritzelt war, das brachte die dicke Kohrssche so in Feuer, daß es ein großes Hallo gab, aus dem es dann zu einer Feindschaft für immer und ewig kam. Denn auf jenem Pappzettel standen die Worte: »Süh, du olle Goos, dienen Zühränenbusch büstu loß!!!!« Wenn nun auch die Nachkommen der Kohrs wie der Cohrs das vergessen haben, darum steht immer noch an dem einen Hause zu lesen: »Und Er wird sie um ihre Boshaftigkeit austilgen; der HERR unser GOTT wird sie austilgen,« und an dem Cohrsschen Fenster steht geschrieben: »GOTT, Du wirst sie hinunterstoßen in die tiefe Grube. Die Blutgierigen und Falschen werden ihr Leben nicht auf die Hälfte bringen.« Jakob Vor allen Fenstern in dem Hause der Witfrau des Gemeindedieners Nottbohm stehen Blumen; vor den beiden Fenstern neben der Halbetür stehen keine Blumen, sondern vor dem einen zwei ausgestopfte Vögel, ein Stößer und ein grüner Specht, und vor dem anderen zwei alte Gläser; in dem einen sind Fidibusse, in dem anderen etliche Pfauenfedern. Die beiden Fenster gehören nämlich zu der Stube, in der der Arbeiter Jakob Bennewies zur Miete wohnt. Er hat sie schon so lange inne, wie Nottbohms das Haus haben, denn er ist ein Witmann. Seine Frau, die hübsche Katrine Kaneblei aus Fladder, ließ ihn ein Jahr nach der Ehe mit dem Kinde allein; denn sie starb der Hebamme unter den Händen weg. Dieser Jakob Bennewies ist ein ganz wunderlicher Heiliger, einer der absonderlichsten Menschen in ganz Ohlenhof. Er kann arbeiten wie ein Pferd, und es gibt kaum eine Arbeit, die er nicht verstände. Er arbeitet auch Wochen, Monde, ja, ganze Jahre auf einer Stelle, aber nur, wenn man ihm seinem Willen läßt. Sobald ihm dazwischen geredet wird, nimmt er Axt und Säge auf die Schulter oder die Sense oder was es sonst ist, dreht sich um und geht fort, und dann kann es lange dauern, bis er bei demselben Besitzer wieder anfängt. Denn Jakob hat einen Kopf, der ist so hart wie ein Eichenknubben. Pastor Wöhlers kann ein Lied davon singen; denn als Bennewies seine Frau verlor, las der viel in der Bibel und ging fast jedesmal nach der Kirche zu dem Pastor, um ihn wegen dieser oder jener Stelle, die ihm dunkel geblieben war, um Rat zu fragen, und der Geistliche hatte keinen leichten Stand mit dem Dickkopf. »Sehen Sie, Herr Pastor,« hatte er eines Sonntags gesagt, »wenn Gott allwissend und allmächtig ist, dennso hat er es doch in der Hand, ob er den Menschen sündhaftig oder gerecht erschafft, und erschafft er ihn sündhaftig, dennso darf er ihn nicht in das ewigliche Feuer hineinverdammen, von wegen weil der Sünder doch keine Schuld daran hat, daß er seiner Natur folgen muß. Tut Gott das aber dennoch, so ist er nicht gerecht. Das ist meine Meinung in diesem Punkte.« Pastor Wöhlers redete hin und redete her, es half alles nichts, Bennewies blieb bei seiner Meinung, und schließlich sagte er: »Tja, Herr Pastor, dennso will ich da nichts mehr von wissen. Nichts vor ungut.« Damit ging er fort und ließ sich nicht wieder in der Kirche sehen. Viele Jahre hat er auf der Mühle gearbeitet, teils im Betriebe selbst, teils auf dem Lande oder im Holze, auch die Jagd und die Fischerei für den Müller ausgeübt und Fuhren für ihn gemacht. Kassen hielt ihn wert; denn Jakob arbeitete für drei Männer, und wenn er keine bestimmte Arbeit hatte, so sägte er Holz, haute Plaggen, reinigte die Obstbäume, oder sah zu, wo es in Haus und Hof etwas neu zu machen oder auszubessern gab. Mit einem Male verunzürnte er sich mit dem Müller. Was zwischen ihnen vorgefallen war, darüber wurde man weiter nichts gewahr, als daß Bennewies von dem Müller sagte: »De olle Grobsack wull' meck kommandeeren,« und Kassen von Jakob: »De olle Dickkopp wull' nich pareeren.« Er verschwand dann völlig aus dem Dorfe und kam erst nach zwei Jahren mit neuem Zeug, guten Ersparnissen und einem großen Käfig mit einen Kakadu wieder; denn er war von jeher ein Vogelnarr gewesen. Wenn die Leute ihn fragten, wo er gewesen war, so zeigte er mit der Hand nach dem Bruche hin und sagte: »Da so 'rum 'n büschen in der Welt, Hamburg, Hannover und Berlin auch mal.« Mehr sagte er nicht. Eine Weile arbeitete er bald hier, bald da, und schließlich kam er mit Kassen wieder überein, und seitdem war er meist auf der Mühle. Nebenbei stopfte er Vögel aus und spielte auch zum Tanz auf; denn er versteht sich auf die Ziehharmonika und die Trompete und wird auch ganz gut mit der Fiedel fertig. Wenn aber die Zeit der Treibjagden kommt, ist er für keine Arbeit zu haben; weil er ein sicherer Schütze und guter Gesellschafter ist, wird er nicht nur von den Bauern, sondern auch von den städtischen Jagdpächtern und mitunter sogar von dem Oberförster und dem Lohörster Baron eingeladen; denn wo Jakob ist, geht es immer lustig zu. Eine ganze Menge von Schnäcken weiß man von ihm. Als ihn zu der Zeit, wie Pastor Wöhlers wegen seiner Lungenentzündung lag, der Stellvertreter besuchte, weil er gehört hatte, daß Bennewies nicht mehr in die Kirche gehe, und, da er in seiner Stube wohl allerlei Finken, Zeisige und Stieglitze, dazu Rehgehörne und ausgestopfte Tiere, aber keine Bibel vorfand, ihn fragte: »Eine Bibel haben Sie wohl nicht, Bennewies?«, soll dieser ganz trocken gesagt haben: »Haben Sie denn 'ne Trompete, Herr Pastor?« Der Kirchwirt in Krusenhagen fragte ihm eines Tages: »Du, Jakob, vom letzten Danzefeste hast du noch sieben Glas Bier stehen.« Bennewies antwortete ganz großartig: »Die gieß man weg, Ludolf; die sind wieldes doch sauer geworden.« Alles lachte, und der Wirt wischte die sieben Kreidestriche weg und sagte: »Ein guter Schnack ist sieben Seidel wert.« Auf einer Treibjagd in Lohorst stellte sich ein Schütze ihm in aller Form mit den Worten vor: »Staats von Münchhausen;" denn Jakob zog sich zu solchen Jagden beinahe herrschaftlich an. »Sehr erfreut!" sagte er; »Bennewies von Ohlenhof«. Es gab ein mächtiges Hallo darüber, und der junge Freiherr setzte sich beim Schüsseltreiben neben ihn und biederte sich gewaltig mit ihm an. Im allgemeinen war Jakob sehr solide und ging nur ganz selten in den Krug, aber er fehlte bei keinem Erntebier und tanzte trotz seiner fünfundfünfzig Jahre wie ein Soldat. Er rechnete sich überhaupt immer zur Jungmannschaft und saß bei Danzefesten immer bei den Junggesellen, und dann kam es ihm nicht darauf an, einen Taler nach dem ändern auszugeben. Wenn er ein bißchen viel getrunken hatte, wurde er leicht etwas krakehlsch und prahlte mit seinen Kräften. Bei einer solchen Gelegenheit hatte er einmal drei Koppelknechte, Kerle wie Bäume, beim Ringen einen nach dem ändern so gegen den Boden geworfen, daß sie von da ab ganz still in ihrer Ecke blieben. Sonst war er aber die Güte selbst, und bei den Kindern war Onkel Jakob ebenso beliebt wie Doris Amhorst; denn gerade wie die hatte auch er immer ein paar Äpfel oder eine Grabse Nüsse für das kleine Volk in der Tasche, oder er baute ihnen Wassermühlen und schnitzte ihnen Schiffchen. Sein Schicksal ist dem von Doris in gewisser Weise ähnlich, nur daß er weiß, wo sein Sohn ist, während Doris keine Ahnung hat, wo ihr Mann und ihr Junge geblieben sind. Denn Bennewies hat sich von seinem Sohne losgesagt, weil er nicht ganz und gar so wollte, wie er es von ihm verlangte. Der Junge lernte Schmied in Krusenhagen, und da er anfangs ein bißchen leicht war, verlangte sein Vater, daß er ihm den ganzen Lohn geben solle, damit er ihm das Geld auf die Sparkasse brächte. Das wollte Heini nicht, es gab Krach, und da wies der Vater ihm die Tür und schrie: »Dennso geh' hin! Ich sage mich von dir los für immer und ewig.« Das ist schon lange her. Heinrich Bennewies hat es zu etwas gebracht; er hat im Braunschweigischen in eine Schmiede geheiratet, hat eine tüchtige Frau und viel zu tun. Zweimal hat er seinen Vater aufgesucht, um sich mit ihm zu vertragen, aber der nahm Gewehr und Jagdholster, ging fort und kam erst nach drei Tagen wieder, als er hörte, daß sein Sohn abgereist wäre. Seine Schwiegertochter kam mit den beiden ältesten Kindern, um zu versuchen, den Schwiegervater umzustimmen; er machte es mit ihr ebenso wie mit ihrem Manne. Kassen, der Diesbur, Pastor Wöhlers und viele andere redeten sich den Mund fusselig, um Jakob zur Vernunft zu bringen. Es half nicht. »Ich habe mich für immer und ewig von ihm losgesagt,« antwortete er; »ein Mann, ein Wort, und dabei bleibt es.« Jetzt ist er krank; er hat sich beim Passen auf Sauen etwas an die Brust geholt und wird es wohl nicht mehr lange machen. Seit drei Wochen hat er keinen Schritt mehr vor die Schwelle gesetzt. Er ist ganz weiß und klein geworden, hat einen kurzen Atem und kann kaum mehr vom Stuhl bis zum Tisch kommen. Anna Kassen, sein Verzug, besucht ihn einen Tag um den andern und bringt ihm Suppe und Wein. Sie hat den Versuch gemacht, ihn mit seinem Sohne zusammenzubringen. »Es hat keinen Zweck,« sagte sie im Pfarrhause, »daß Sie hingehen, Frau Pastorin; es ist nichts mit ihm zu machen. Ich habe ihm in Güte und auch anders zugeredet. Er schüttelt man bloß immer den Kopf. Ich kenne ihn von kleinauf an. Was der nicht will, da bringen ihn keine zehn Pferde zu.« Jakob Bennewies wird einsam sterben, weil er an seinem Worte festhält, das er im jähen Zorn sprach. Das Gemeindehaus In Ohlenhof gibt es keine Ortsarmen, mithin auch kein Armenhaus, sondern nur ein Gemeindehaus. Bewohnt wird es von dem Holzhändler Friedrich Kollmann und von der Witwe Hermine Beckmann, gebürtige Willers. Kollmann hatte als Hütejunge angefangen, war dann Koppelknecht geworden und weit in der Welt herumgekommen, bis nach Rußland und Frankreich hin. Später legte er sich auf den Holzhandel, und weil er fleißig und sparsam war, wurde er ein vermögender Mann, bis er bei dem Gründerkrach fast sein ganzes Geld verlor und knapp so viel behielt, daß er notdürftig leben konnte. Wenn er aber auch sein Geld verlor, seinen Humor behielt er. Die Woche über arbeitete er in seinem Garten oder half hier und da einem Bauern bei der Buchführung oder beim Viehhandel; am Sonntag aber zog er seinen guten Rock an und ging nach Krusenhagen zur Kirche. Wenn er dann nach Hause kam, versuchte er jedesmal, Frau Beckmann Bericht über das zu geben, was der Pastor gepredigt hatte; aber sie ließ ihn niemals zu Worte kommen, so daß er ärgerlich die Pfeife wegstellte, sich zwei Zigarren einsteckte und in den Krug ging. Hinterher aber war er wieder gut Freund mit Frau Beckmann, und wenn er ihr auch vorher ihre Gottlosigkeit vorgeworfen hatte. Denn Hermine Beckmann war gottlos oder vielmehr, sie wollte es sein. Sie ging nie in die Kirche; sie nahm das Abendmahl nicht; sie las nicht in der Bibel und in dem Gesangbuch, und der Pastor hatte es längst aufgegeben, sie wieder auf den rechten Weg zu bringen. Sie war früher gottesfürchtig und fromm gewesen, wie alle Leute im Dorfe, war alle zwei Wochen zur Kirche und viermal im Jahre zum Abendmahl gegangen. Aber dann kam eine Reihe von Jahren, daß sie Bibel und Gesangbuch weglegte, nicht mehr zur Kirche finden konnte und ihre Ohren verschloß, wenn der Pastor, bald mit Milde, bald mit Strenge, auf sie einredete. Er konnte sagen, was er wollte, sie sah ihn mit ihren hellen Augen steif an, verzog keine Miene in ihrem mageren, braunen Gesicht, und das einzige, was sie antwortete, war immer wieder dasselbe. »Ich bin mein Lebtag ordentlich gewesen, Herr Pastor,« sagte sie dann mit ihrer ruhigen Stimme, »und ich habe das nicht verdient.« Ordentlich war Hermine Willers jeher gewesen. Lustig war sie gewesen, wie alle jungen Mädchen, war die dauerhafteste Tänzerin gewesen, aber sie hielt auch bei der Arbeit am meisten an. Die Jungens waren mächtig hinter ihr her; denn sie war eins von den glattesten Mädchen weit und breit, aber sie wußte, was sie von ihr wollten, und sie wußte auch, was sie wollte. Als sie vierundzwanzig Jahr war, ein Paar Arme wie Bäume und Backen, so rot wie Pfingstrosen, hatte, heiratete sie den Halbmeier Bernd Beckmann. Der Hof war etwas verschuldet; denn der Altvater Beckmann war ein Bummelant gewesen, der dem Schnapse schlecht aus dem Weg gehen konnte, auch hatte Bernd zwei Geschwister abfinden müssen; aber da Hermine etwas Bargeld hatte und ihr Mann ebenso fix in der Arbeit war, wie sie, so fürchteten sie sich nicht vor der Zukunft. Es wurde ihnen nicht leicht, über Wasser zu bleiben; denn ein Kind nach dem andern kam an, und einige ganz dürre und einige zu nasse Jahre brachten ihnen Not und Sorgen genug; doch sie halfen sich durch und lebten trotz ihrer Sorgen in Glück und Frieden. Sie waren so weit, daß sie sich sagten: »Noch drei, vier Jahre, und dann kriegen wir Luft,« da kam Unglück über Unglück über sie. Zwei Kühe und das Pferd fielen ihnen kurz hintereinander; kein Stück war versichert, denn das war damals noch wenig Brauch. Im nächsten Jahre schlug ihnen der Hagel die ganze Frucht zuschanden; das Heu verregnete, das Grummet ersoff und die Kartoffeln verfaulten. Im folgenden Jahre fielen ihnen die ganzen Schweine am wilden Feuer, und zu all dem Unglück brannte das Haus ab. Einige schlechte Leute sagten Beckmann nach, er habe es angesteckt, denn er hatte versichert; das nahm er sich so zu Herzen, daß er hintersinnig wurde, acht Tage nicht aß und schlief und am neunten tot im Busche gefunden wurde. Er hatte sich aufgehängt. Seine Frau hielt den Nacken steif. Bauen konnte sie nicht wieder, denn sie brauchte das Geld in anderer Weise; so zog sie in das Gemeindehaus, das damals ganz leer stand. Sie arbeitete wie ein Pferd, und ihre Kinder halfen ihr, aber es war, als sollte sie kein Glück auf der Welt haben. Die Kuh verkalbte, die Schweine fielen, das Federvieh ging ein, das Hochwasser verdarb ihr das Heu, ihre Lieblingstochter starb an Scharlach, die Zwillinge holte die Diphtheritis, die älteste Tochter kam in der Stadt in Schande und ging in das Wasser, und ihr ältester Sohn, ein prächtiger Mensch, wurde vom Blitz totgeschlagen. Aber das war noch nicht das Schlimmste; denn eines Tages bekam sie die Meldung, daß ihr zweiter Sohn, der Fritz, der in der Stadt etwas werden sollte, erst gespielt und dann Geld unterschlagen hatte, viel Geld sogar. Sie verkaufte so viel Land, wie nötig war, und deckte das gestohlene Geld, und als Fritz aus dem Gefängnis heraus war, verkaufte sie den Rest, damit er nach Amerika gehen konnte. Und dann wurde sie Arbeitsfrau bei den Bauern. Sie hatte ihren Mann verloren, ihren Hof und ihre Kinder, denn von Fritz kam keine Nachricht; ihren Stolz aber behielt sie. Sie bezahlte ihre Wohnung im Gemeindehause zum vollen Werte; sie wies das Angebot ihrer Geschwister, die in guten Verhältnissen lebten und sie zu sich nehmen wollten, zurück; sie ließ sich von den Bauern, bei denen sie arbeitete, niemals etwas schenken, so oft ihr das auch angeboten wurde. Sie bezahlte auch ihren Platz in der Kirche weiter, aber sie ließ ihn leer stehen. Sie ging, seitdem ihr Fritz in Schande gekommen war, nicht mehr in die Kirche, auch nicht an den hohen Feiertagen. Sie brachte auf alle ihre Gräber an den Todestagen Kränze, aber sie kniete nicht nieder und betete nicht. Der Pastor kam anfangs oft und redete ihr zu, erst in Güte, dann anders; es half nichts. Seine Frau versuchte, sie umzustimmen, hatte aber ebenfalls kein Glück damit. Die Bibel, das Gesangbuch, die beiden frommen Bilder und der Konfirmationsspruch, der in Glas und Rahmen an der Wand hing, kamen zu unterst in die Beilade und blieben dort Jahr für Jahr liegen. Ein Dutzend Jahre und mehr lebte Frau Beckmann so dahin, fleißig bei der Arbeit und gefällig, wo sie helfen konnte. Die Leute im Dorfe gewöhnten sich daran, daß sie auch Sonntags arbeitete. Das hörte erst auf, als Kollmann und seine Frau in das Gemeindehaus einzogen. Wäre Frau Beckmann nicht dagewesen, so hätte es schlecht um die beiden Leute gestanden; denn Frau Kollmann tat nichts als jammern und weinen und lag vier von den sieben Wochentagen im Bett. So besorgte Frau Beckmann die ganze Hausarbeit, und als Frau Kollmann starb, sorgte sie für den Mann weiter, als wenn es ihr eigner war. Dabei vertrug sie sich eigentlich gar nicht gut mit ihm; denn er war durch sein Unglück fromm geworden und hielt sie immer zum Kirchgehen und Bibellesen an. Eine Weile ließ sie ihn reden; wurde es ihr aber zu viel damit, dann nahm sie den Spaten und ging in den Garten oder tat eine andre schwere Arbeit. Kollmann knurrte dann allerlei von Gottlosigkeit und Sabbatschändung und ging vor Ärger in den Krug. Abends aber saßen sie wieder friedlich zusammen; sie strickte und er rauchte und erzählte ihr von Rußland und Frankreich und wo er sonst gewesen war. Eines Sonntags machten die Kirchgänger in Krusenhagen aber große Augen; denn Hermine Beckmann kam daher, das Gesangbuch in den Händen und darauf das Taschentuch und den Rükebusch. Sie sah so aus wie sonst, bloß daß ihre Augen blanker waren und daß sie beinahe lächelte, wenn sie einem Bekannten zunickte. Der Pastor blieb fast in der Predigt stecken, als er sie auf ihrem Platze sah, doch als er sie nach der Kirche sprechen wollte, war sie schon fort. Die Neugierde ließ ihm aber keine Ruhe, und da er am folgenden Tage auf dem Gute eingeladen war, machte er den Umweg über Ohlenhof und sprach im Gemeindehause vor, traf die Frau aber nicht an; denn sie arbeitete auf dem Dieshofe. Er fragte Kollmann, was es für eine Bewandtnis damit hätte, daß sie sich wieder habe in der Kirche sehen lassen, doch der wußte nicht, daß sich etwas Besonderes begeben hatte, und meinte bloß, er hätte ihr so lange ihre Gottlosigkeit vorgestellt, bis sie sich seine Reden zu Herzen genommen habe. Doch das schien dem Geistlichen nicht wahrscheinlich zu sein. Nach längerer Zeit traf er sie einmal zu Hause. »Na, Frau Beckamnn,« fing er schließlich an, nachdem er erst allerhand von dem Wetter und anderen Dingen gesprochen hatte, »es freut mich sehr, daß Sie sich wieder mit unserm Herrgott ausgesöhnt haben. Lange genug hat es aber auch gedauert!« Die Frau sah erst vor sich hin, und dann sagte sie langsam: »Ausgesöhnt? Das ist nun nicht an dem, Herr Pastor; denn mir ist doch reichlich genug Unglück aufgehuckt! Und verdient hatte ich das gewiß nicht. Ich bin mein Lebtag ordentlich gewesen und habe mir keinmal was zuschulden kommen lassen; das kann ich dreist sagen. Und gottesfürchtig war ich auch, und so hatte ich die Prüfungen nicht nötig. Das sage ich heute noch, und ich bleibe dabei: eine Unbilligkeit war es, und dafür mich noch mit Gebet zu bedanken, das kann ich nicht.« Sie sah den Pastor klar an und fuhr fort: »Bloß daß ich unterdes der Meinung geworden bin, daß das alles mehr ein Unglück denn eine Unbilligkeit oder gar eine Ungerechtigkeit war, indem daß ich meine: unser Herrgott hat die Welt gemacht und läßt sie im allgemeinen ihren Gang gehen, ohne daß er auf jeden einzelnen von uns achten tut. Na, und denn hat der eine, der es wahrhaftig nicht verdienen tut, Glück, und ein anderer hat Unglück über Unglück, ohne daß er weiß, wie er dazu kommen tut. Und wenn es damit ganz schlimm wird, dann sieht unser Herrgott das schließlich ein und macht das gut, soweit es geht. Na, das ist ja denn dankenswert, und daderum bin ich wieder in die Kirche gegangen, weil ich das für meine Anständigkeit halten tat.« Der Pastor wollte etwas dagegen sagen, sie aber stand auf, schloß die Lade auf, nahm einen großen Briefumschlag mit vielen Marken heraus, zog einen Brief und mehrere Lichtbilder heraus, legte alles vor den Prediger hin und sagte: »Mein Fritz hat mir geschrieben, daß es ihm drüben in Amerika gut geht. Er hat eine Farm, auch allerlei Geld, eine tüchtige Frau, eine Deutsche aus der Hamburger Gegend, und sechs gesunde Kinder. Er hat mir die Bilder da geschickt, und ich soll zu ihm kommen. Aber das will ich nicht; ich bin da zu alt zu und glaube nicht, daß ich mich da noch schicken kann. Und was soll Kollmann auch wohl anfangen, wenn ich nicht da bin? Der wird sowieso schon immer stümpriger. Und ich bin schon froh, daß es meinem Fritz gut geht. So habe ich doch eine Freude nach dem vielen Unglück.« Als der Geistliche dann von der Güte Gottes reden wollte, lächelte die Frau und schüttelte den Kopf: »Nee, Herr Pastor,« sagte sie, »von Güte finde ich da nichts bei. Mein Mann wird davon nicht wieder lebendig und die Kinder auch nicht, und den Hof kriege ich davon auch nicht wieder. Aber man sieht doch den guten Willen, und daderum will ich meinen Groll fahren lassen. Nichts für ungut, Herr Pastor, aber das ist meine Meinung von der Sache, und dabei bleibe ich.« Als der Prediger nach Hause kam, sah er so ernst aus, daß seine Frau dachte, er habe einen großen Ärger gehabt. Aber er schüttelte den Kopf und sagte: »Ärger nicht, liebe Elfriede, aber einen herben Kummer und eine große Enttäuschung.« Er erzählte ihr, was Frau Beckmann gesagt hatte, und dann murmelte er: »Es ist so, wie ich es immer sage: man bläst gegen den Wind an. Von außen sind es Christenmenschen; aber innerlich bleiben sie Heiden.« Er seufzte und murmelte zuletzt: »Die Hauptsache ist, daß es im Grunde brave Menschen sind. Und daran wird Gott am meisten gelegen sein.« Unkraut Wo die Ohlenhofer Feldmark zu Ende geht, hart an der Hower Grenze, stand vor Jahren ein Haus. Jetzt ist nichts mehr davon übrig, als ein Haufen Backsteine, zwischen denen Nesseln und Kletten wachsen. Ursprünglich gehörte das Haus zu dem oberen Rappenhofe. Als die oberen Rappens ausstarben und auswärtige Erben den Hof erbten und aufteilten, weil sie ihn im Ganzen nicht los wurden, wohnte erst der Arbeiter Hoyer darin, und als der nach Amerika auswanderte, der Gemeindekuhhirt Bernhard Klintmann, genannt der Holländerbernd; denn er hatte viele Jahre in der holländischen Fremdenlegion gedient. Mit einer kleinen Pension kam er nach Ohlenhof zurück, von wo er gebürtig war, verheiratete sich, war eine Reihe von Jahren Arbeiter und zuletzt Gemeindekuhhirt. Er war ein Mann von wenig Worten. Wenn er aufgefordert wurde, seine Erlebnisse zu erzählen, so sagte er: »Tja, da is nicht viel von zu sagen, als bloß das: schön war es nicht, und ich hätte besser getan, in Ohlenhof zu bleiben.« Als er starb, wollte niemand in dem Hause wohnen, weil es zu abgelegen und auch nicht mehr gut imstande war und der Brunnen kein gutes Wasser gab. Auch hieß es, der Holländerbernd gehe darin um; denn in seinen letzten Jahren war der alte Mann sehr wunderlich geworden. Wenn er bei den Kühen stand, arbeitete er oft mit den Händen in der Luft herum, als wollte er Fliegen wegjagen, und mehr als einer hatte gehört, daß er laut gerufen hatte: »Das ist das Blut, das unschuldige Blut. Und ich bin da doch nicht schuld an. Der Soldat hat keinen Willen nicht.« Als er so alt war, daß er nicht mehr mit den Kühen hinaus konnte und hinter dem Ofen sitzen mußte, wusch er sich den Tag über wohl zwanzigmal die Hände und brummte hinterher vor sich hin: »Es geht nicht ab, das Blut will nicht abgehen.« Schließlich wurde er kindisch und weinte, wenn keins seiner Enkelkinder bei ihm war. Als er starb, zog sein Schwiegersohn nach Krusenhagen. Nachdem das Haus einige Jahre leer gestanden hatte, schrieben es die Erben in der Zeitung aus und vermieteten es schließlich billig an einen Handelsmann Julius Swoda, der zuletzt in Walsrode gewohnt hatte. Es war ein langer, schloddriger Kerl, der keinen guten Eindruck machte und beständig ein schmieriges Grienen in seinem ganz mit Sommersprossen bedeckten Gesichte hatte. In Ohlenhof ließ er sich wenig sehen; denn zumeist zog er mit einem Hundekarren herum und kaufte Lumpen und altes Eisen auf. Er hatte bei seinem Hause ein Stückchen Land, auf dem er im ersten Jahre Kartoffeln pflanzte, die er aber zumeist in der Erde verfaulen ließ. Anfangs kümmerten sich die Ohlenhöfer um ihn so gut wie gar nicht. Als aber in der Feldmark und auf den Höfen immer mehr gestohlen wurde, auch hier und da eine Gans oder ein Lamm abgängig war, beobachtete man Swoda. Aber so viel Mühe sich die Bauern auch gaben, es war ihm nichts nachzuweisen. Als bei der Mühle dreizehn Stück Linnen von der Bleiche gestohlen waren, hielt der Gendarm bei Swoda Haussuchung, fand aber weder die Leinewand noch sonstiges Diebesgut, nur altes Eisen, Lumpen und Knochen. Der Verdacht blieb aber auf dem Lumpensammler sitzen, und er wurde weiter beobachte. Man bekam heraus, daß er in Untersuchungshaft gewesen war, weil Anzeichen dafür vorlagen, daß er an der Ermordung des Milchhändlers Kreutzer beteiligt sein konnte. Er war aber, wie auch die übrigen Verdächtigen, wegen Mangels an Beweisen freigesprochen worden. Auch als bei Walsrode eine Bauernmagd abends niedergeschlagen und mit Gewalt verunehrt war, hatte das Gericht ihn in Untersuchung genommen; doch hatte er, wenn auch durch Leute, denen nicht zu trauen war, sein Alibi nachweisen können. Wenn er, was nicht oft der Fall war, in seinem Hause wohnte, kamen in Ohlenhof und Howe Diebereien nicht vor, immer nur, bevor er wiederkam. Aber ob er inzwischen nicht irgendwo in der Nähe im Busche geschlafen hatte, das war nicht festzustellen. Eines Tages wurde bei einer Stokeljagd in der dichtesten Ecke der Hülsinger Wohld von den Treibern eine tiefe Erdhöhle mit einem Plaggendache und einem Lager aus Heide und Lumpen, sowie drei alte Pferdedecken gefunden, und als man die Umgebung absuchte, entdeckte man in einem Loche unter einer Fichte einen Haufen verrotteter und frischer Hühnerfedern und eine alte Mütze, die Swoda gehört hatte. Zwei Leute paßten drei Tage bei der Höhle auf, aber ohne, daß es Zweck hatte, und so oft man später auch nachforschte, es war kein Anzeichen zu finden, daß ein Mensch unterdessen in ihr gewesen war; denn der Jagdaufseher von Krusenhagen, der das Nachsehen besorgte, hatte über den Eingang ein paar trockene Zweige so hingelegt, als wenn der Wind sie dahin geweht hätte, und die blieben Woche für Woche so liegen. Einige Zeit darauf brachte der Lumpensammler sich eine Frauensperson mit, die er als seine Braut ausgab, und die mit Kartoffelrodern aus Westpreußen gekommen war. Er ließ sich mit ihr aufbieten und freite sie ordnungsgemäß. Am Morgen nach der Hochzeit kam die Frau barfuß und in Hemd und Unterrock und mit zerzausten Haaren zum alten Kruge gelaufen, weinte, daß es sie stieß, brachte aber auf alle Fragen weiter nichts heraus, als immer bloß: »Ein Teifel ist das, ein gottverdammtiger.« Man gab ihr alte Schuhe, Strümpfe, einen Rock und was sie sonst brauchte, auch ein paar Groschen, und sie ging fort und kam nie wieder. Vierzehn Tage später wurde abends spät die Magd vom Lüttkensweershof, die bei ihren Eltern in Hülsingen gewesen war, in den Hülsinger Fuhren angefallen. Da sie aber ein stämmiges Mädchen war, konnte sie sich des Kerls, den sie nicht erkannte, erwehren. Sie gab aber an, ihrer Meinung nach sei es der Lumpensammler gewesen, und obwohl der schon über eine Woche unterwegs war und sich erst nach fünf Tagen wieder blicken ließ, so war jeder Mensch in Ohlenhof derselben Meinung wie sie. Swoda wurde verhaftet, mußte aber auf freien Fuß gesetzt werden. In den Tagen, als er in Haft saß, kamen die Ohlenhofer Bauern zusammen und besprachen sich über ihn. Der Müller, der in Celle zu tun gehabt hatte, war bei dem Rechtsanwalt, der die Geschäfte der Rappenschen Erben führte, gewesen und hatte ihn gebeten, Swoda das Haus zu kündigen; bis ein anständiger Mieter gefunden sei, wolle er selber den Ausfall decken. Das ging aber nicht, weil der Lumpensammler noch auf ein Jahr Vertrag hatte. Als der Müller mit diesem Bescheid vor das Bauernmal kam, gab es allerhand böse Worte, und mehr als einer meinte: »Dann muß dem Hund das Dach abgedeckt werden, wie es früher Sitte war.« Der Vorsteher aber sagte: »Ja, und dann haben wir das Gericht im Dorfe. Einmal wird der Kerl doch wohl anlaufen.« Am andern Tage ließ er seinen Jagdwagen anspannen und fuhr bei allen Vorstehern der Nachbardörfer vor, und die machten es in der nächsten Zeit ebenso. Von dem Augenblick an war der Lumpensammler für den ganzen Gau tot. Kein Wirt verabreichte ihm weder Speise und Trank, noch nahm er ihn über Nacht, kein Geschäftsmann verkaufte ihm etwas, überall, selbst bei den kleinsten Leuten, wurde er abgewiesen, fragte er wegen Eisen oder Lumpen nach. Es dauerte nicht lange, so bot der Anwalt in Celle das Haus dem Müller an. Der aber wollte es nicht mehr. Neue Mieter fanden sich nicht. Die Hütejungen warfen die Fenster ein, die Zaunlatten, die Türen und Fensterflügel verschwanden nach und nach, weil der Vorsteher den Zigeunern den Platz zum Lagern anwies, und bei einer solchen Gelegenheit brannte das Haus auch nieder. Auf den Trümmern wachsen jetzt Nesseln und Kletten. Der Rappenhof Ganz hinten im Bruche, mehr als eine Stunde von dem Dorfe entfernt, liegt der Rappenhof, der untere Rappenhof, wie er immer noch heißt, ob zwar es einen oberen Rappenhof nicht mehr gibt, weil der von den Erben aufgeteilt und verkauft wurde, als der obere Rappenbauer kinderlos verstarb. Vor mehr als hundert Jahren zog der dritte Sohn von dem oberen Rappenhofe in das Bruch, wo damals wegen der unruhigen Zeiten Land fast für nichts zu haben war, und machte sich dort einen Hof, der der untere Rappenhof geheißen wurde. Der Neubauer Rappen mußte sich tüchtig quälen, um in dem Bruche hochzukommen; denn er hatte mit der Nässe, dem Ortstein und dem kalten Fieber, das zu jener Zeit dort noch herrschte, schwer zu kämpfen. Da er aber gar keine Bedürfnisse hatte, mehr als sparsam war und soviel Kinder hatte, daß er keine fremde Hilfe brauchte, so war er ein gutes Stück vorwärts gekommen, als er mit fünfundachtzig Jahren die Füße zusammenlegte. Es wurde ihm freilich nachgesagt, er habe einen hohen französischen Offizier, der auf der Flucht vor den Kosaken im Bruche erfroren war, ausgeraubt und sei dadurch zu Geld gekommen. Was an diesem Gerede wahr oder falsch war, wurde aber nie offenbar. Sein Sohn kam wieder ein großes Stück voran; denn er war ebenso genau und fleißig wie der Alte und dabei ein klüftiger Kopf, der aus allem Möglichen Geld herausschlug. So manchen Otter-, Fuchs- und Marderbalg nahm er mit, wenn er Torf, Holz oder Getreide nach Krusenhagen oder in die Kreisstadt fuhr, desgleichen Weiden- und Wurzelkörbe, die er und seine Leute gemacht hatten, ebenso Besen aus Birkenzweigen, Heide und Bickbeeren, die seine Kinder gebunden hatten, zudem Honig und Wachs von seinen Bienen, Fische und Krebse, Kienspäne und Fuhrenäpfel zum Feueranmachen, Kiebitzeier, Waldbeeren und was es sonst noch in der Wohld und auf der Heide, im Bruche und im Moore gab. Als er die Augen zumachte, war der untere Rappenhof schon doppelt so groß und hatte Ackerland und Wiesen, die sich sehen lassen konnten. Heute hält der Rappenhof den Vergleich mit fast allen Höfen im oberen Dorfe gut aus, den Dieshof, den Ludjenhof und die Mühle ausgenommen; denn er ist mit Wohld, Wiesen, Heide und Moor über tausend Morgen groß, und seitdem durch den Kanal das Bruch trocken gelegt wurde, ist sein Wert um das Vielfache gestiegen. Wo einst alles nasse Heide war, da steht heute Frucht, und die saueren Weiden sind zu Wiesen erster Klasse geworden. Von dem Hofe selbst sieht man sowohl von dem ersten wie von dem zweiten Bruchwege, zwischen denen er liegt, wenig mehr als den Giebel mit den hölzernen Mährenköpfen an den Windbrettern, so versteckt liegt er unter den Eichen und Fichten und hinter dem hohen Hagen aus Machandeln, Hülsen und Holderbüschen, der sich hinter der mächtigen Mauer aus gewaltigen Findelsteinen erhebt und ihn gegen die übrige Welt abschließt, als wollten der Rappenbauer und seine Leute nichts mit ihr zu tun haben. Das ist auch in Wirklichkeit der Fall; denn die Rappens halten sich von jeglichem unnötigen Verkehr mit den Ohlenhöfern zurück und sind in allem anders als die Leute vom oberen Dorfe. Das sieht man schon daran, daß die Mannsleute, sobald sie vom Militär zurück sind, sich den Bart stehen lassen, was in der Gegend bei den Bauern keine Sitte ist, im Winter ständig Kniestiefel und im Sommer hohe Gamaschen anhaben, niemals Mützen, sondern immer Hüte tragen und stets das Jagdmesser in der rechten Hosennaht stecken haben. Denn Jäger sind die Rappens von jeher gewesen, auch die oberen Rappens, die ebenfalls, so weit man zurückdenken kann, absonderliche Menschen waren und sich von den übrigen Leuten im Dorfe nach Möglichkeit fernhielten, weswegen dieselben Gerüchte über sie gingen, wie heute über die unteren Rappens. Man sagt ihnen nämlich nach, sie seien Heiden, und es scheint wirklich so, als wäre etwas daran. Ein Rappen kommt nämlich nur dann zur Kirche, wenn er getauft, eingesegnet, getraut oder begraben wird. Das fällt in dieser Gegend, wo die Leute meist kirchlich gesinnt sind oder doch wenigstens so tun, sehr auf, und fast jeder neue Pfarrer hat sich alle Mühe gegeben, die Rappens zu Kirchgängern zu machen; doch ist es keinem geglückt, auch Pastor Wöhlers nicht, der wohl ein halbes Dutzend mal auf dem Rappenhofe war, sehr gut aufgenommen wurde, aber auch nicht mehr ausrichtete als seine Vorgänger bei den Ahnen des Bauern. »Tja, Herr Pastor,« hatte Rappen gesagt, wie der Geistliche es bei der Pastorenkonferenz erzählte, »wir haben zwei und eine halbe Stunde hin und ebenso viele zurück nach der Kirche, das sind volle fünf Stunden. Und dann gehen wir auch nicht gern unter die Leute, dieweil wir seit mehr als hundert Jahren hier im Bruche ganz für uns sitzen. Und schließlich kann man seinem Gott auch zu Hause dienen, meine ich.« Das ist aber nicht das einzige, was die Rappens von den Ohlenhöfern und den übrigen Leuten im Gau unterscheidet; es kommt noch allerlei dazu. Sie holen sich ihre Frauen seit Menschengedenken nicht aus der Nachbarschaft, sondern von weit her. Die Bäuerin stammt aus der Grafschaft Bentheim und die Altmutter ist aus dem Oldenburger Ammerlande gebürtig. Sodann verreisen die Rappens ab und zu, und man weiß nicht wohin, und bekommen dann und wann Besuch von Leuten, die kein Mensch in der Gegend kennt. Zudem haben sie Vornamen, wie sie weit und breit hierzulande nicht üblich sind. Der jetzige Bauer heißt Mangold, sein Vater hieß Dettmer, und dessen Vater Siebert, und die Frauen haben auch so unchristliche Namen, wie Hille, Lutberga oder Alycke. Das Merkwürdigste aber ist, daß sie Mittsommer- und Julfeuer abbrennen, was in der Heide gar kein Brauch ist; denn man kennt hier nur Osterfeuer, und die werden auch nur von den Kindern abgebrannt. Aber wenn bei dem großen Stein, der auf dem Rappenhofe liegt, zur österlichen Zeit, um Johanni und am Heiligen Abend Flammen gegen den Himmel schlagen, dann tanzen und springen nicht die Kinder dort herum, sondern nur die erwachsenen Leute stehen mit ernsten Gesichtern um das Feuer, das nicht mit dürren Ästen und alten Braken genährt wird, noch mit Kistendeckeln und Stroh, sondern mit gutem Holze und frischen Fichtenzweigen. Ein Knecht aus Fladder, der um solche Zeit dort vorbeikam, hat erzählt, der Rappenbauer hätte allerlei in die Flamme geworfen und dabei Sprüche gemurmelt. Was er aber gesagt habe, das hätte er nicht gewahr werden können. Über dem Hofe steht eine alte Eiche, an die Dutzende von zum Teil ganz altmodischen Hufeisen genagelt sind, von denen viele schon sehr tief eingewachsen sind. Ein gelehrter Herr, der den alten Volksbräuchen nachgeht, erfuhr von Pastor Wöhlers davon, suchte die Eiche auf, sah sich auch den Rappenhof an und erzählte dem Pfarrer, daß er an den Torbalken eingehauene Zeichen und in dem Fachwerk runenartige Verstrebungen gefunden habe, die er ähnlich in Norwegen, Holstein, Westfalen und auch in Schwaben und in den Alpen angetroffen habe. Der Rappenbauer habe ihn recht freundlich aufgenommen, ihm aber auf seine Fragen dieselben tauben Antworten gegeben, die er anderswo bekommen habe. Er könne sich keinen Vers auf seine Beobachtungen machen. So lebten die Rappens ihr geheimnisvolles Leben für sich abseits der Welt hinter Hecken und Hagen im wilden Bruche ganz allein, bis dann und wann einmal ein fremder Bauer nach Ohlenhof kommt, und mit einem Plattdeutsch, das die Leute nur halb verstehen, nach dem Rappenhof fragt. Wenn er dann weitergeht, sehen sie hinter ihm her, schütteln die Köpfe, nehmen ihre Arbeit auf und denken nicht weiter über den Fremden nach. Wie die Leute vom Rappenhofe sich nicht um das Dorf kümmern, außer in Gemeinheitsangelegenheiten, so regen sich die Ohlenhöfer nicht um den Rappenhof auf, weil jeder mit sich selbst zu tun hat. Jan Der letzte Ausläufer der Geest, auf der das Dorf liegt, und der das Bruch von dem Moore scheidet, heißt der Heimster und das Holz darauf das Beckholz, weil der Mühlbach daran vorbei läuft. Vor dem Bache erhebt sich ein Haus, dessen Ziegeldache man es ansieht, daß es noch nicht alt ist. Es gehört dem Arbeiter Jan Ehlerßen. Der Mann stammt nicht aus der Heide, sondern aus dem Holsteinschen, ist aber schon eine Reihe von Jahren in Ohlenhof ansässig, wo er erst auf dem Dieshofe und dann bei dem Rappenbauern in Dienst stand. Auch heute noch tut er auf dem Rappenhofe Arbeit. Jan, wie er gemeiniglich genannt wird, ist ein großer, breitschultriger Mann mit ganz hellem Haar und Augen so blau, wie man sie meist nur bei Kindern antrifft, und er ein paar Hände am Leibe hat, die noch größer und breiter als die vom Diesbauern sind, der doch weit und breit deshalb berühmt ist. Daß Ehlerßen in Ohlenhof hängen blieb, ist eine Geschichte, die zur Hälfte lustig, zur Hälfte traurig ist, je nachdem man sie sich besieht. Das hat sich nämlich also begeben. Als im neuen Kruge Erntebier war und es hoch herging, denn es war schon meist Glocke elf, tat sich die Tür auf und Jan Ehlerßen kam herein, stellte sich an die Tonbank, vor der ein Haufen Leute stand und einen Rundgang nach dem andern trank, langte eine Flasche aus der Tasche und wollte sie sich voll Schnaps geben lassen. Obgleich man es ihm ansah, daß er schon längere Zeit auf der Walze war, lud ihn der wilde Meyer aus Krusenhagen dennoch zum Mithalten ein. Als Meyer ihn fragte, wo er herkäme, antwortete er: »Aus Fallimholze bei Walzmichzutode,« und alles lachte; denn man verstand gleich, daß er Fallingbostel und Walsrode meinte. Das war nun so ein Fressen für Meyer, der nichts lieber hörte, als einen lustigen Schnack, und er fragte den Stromer weiter: »Feinen Stock, den du hast; von welcher Art Holz ist der denn?« Der Fremde griente und erwiderte: »Vogeltrittholz wird es genannt, wächst in der Welt gleich linkerhand. Vorige Woche, als Mondswillem schien, schnitt ich ihn ab bei Mutter Grün.« So ging das mit Witzen und Reimschnäcken weiter, und der Tippelkunde mußte trinken und trinken, bis er mehr als genug hatte. Es wäre alles gut gegangen, wenn der Schmied Kordes nicht dazu gekommen wäre, dessen größte Freude es war, wenn er einen Menschen gehörig lang ziehen konnte. Das tat er auch bei dem fremden Wandersmann. Eine Weile ließ der sich das gefallen, aber schließlich merkte er es doch, daß er zum Narren gehalten werden sollte. Da schlug seine Laune plötzlich um, er wurde unangenehm, und als Kordes ausfallend wurde, warf er ihn mit einem einzigen Stoß so zwischen die Stühle, daß der Schmied die Beine über sich schlug. Nun sollte er an die Luft gesetzt werden, aber das war nicht so einfach; denn das junge Volk flog unter seinen Fäusten nur so hin und her. In diesem Augenblicke kam der Diesbauer aus dem Saale, packte ihn von hinten an die Arme, hielt ihn fest, ein paar andere Leute faßten ihn bei den Beinen, und so brachte man ihn auf Anraten des Diesbauern in die Scheune und schloß ihn ein, damit er weiter keinen Unfug anstellen könne. Er schimpfte und klopfte noch eine Weile, gab sich dann aber zufrieden. Als er am andern Morgen herausgelassen wurde, war er vollkommen nüchtern und ganz umgänglich, nahm mit Dank einen Teller Suppe an, schüttelte, als er vernahm, wie es ihm ergangen war, den Kopf, entschuldigte sich damit, daß er auf nüchternen Magen zu viel Bier und Schnaps habe trinken müssen, und ging nach dem Dieshofe. Der Bauer, der just beim Frühstücken war, machte runde Augen, als er ihn über die Diele kommen sah; denn er meinte, der Fremde wolle ihm zu Leibe. Der aber bot höflich die Tageszeit, streckte dann Dies seine gefährliche Hand hin und sagte, indem er wie ein Kind lachte: »Ich wollte mich auch schön bedanken, tja, denn sonst, wer weiß, ob ich nicht Mallör angestellt hätte, tja. Und dann wollte ich mir auch den Mann ansehen, der mich gebändigt hat. Denn bisher hat das noch kein einer Mensch fertig bringen können, tja.« Dem Bauern, der sich sonst landfremdes Volk am liebsten sieben Schritte vom Leibe hielt, gefiel der Mann, und so lud er ihn zum Niedersitzten und Mitessen ein. Er tat das nicht bloß aus gutem Herzen, sondern weil er die letzte Woche einen Knecht, der nicht gut tun wollte, entlassen hatte, und weil tags darauf der andere Knecht von einem Pferd geschlagen war und für Wochen keine Arbeit tun konnte. Dem Bauern war das um so ärgerlicher, als er gerade dabei war, den großen Windbruch in seinem Holze aufzuräumen, und ihm nun vier Hände fehlten. Da der Fremde Fäuste hatte, denen man es ansah, daß sie etwas leisten konnten, und da er auf Arbeit ausging, so nahm er ihn an. Es sollte ihn nicht gereuen; denn Jan Ehlerßen scharwerkte für drei Mann. Da er nicht nur mit Axt und Säge, sondern auch mit Pferden und Pflug, Säelaken und Sense umzugehen verstand, blieb er auf dem Dieshofe, als der Windbruch schon längst aufgearbeitet war, trotzdem der Bauer wußte, was für einen Mann er als Knecht hatte. Es war ihm auffällig, daß Jan zuzeiten dunkle Augen und einen engen Mund hatte, kein Wort herausbringen konnte und sich in aller Ruhe einen antrank, am anderen Tage aber ruhig wieder an die Arbeit ging und ein anderes Gesicht hatte. Der Bauer merkte es ihm an, daß der etwas Schweres hinter sich habe, und da er, wenn er es wollte, jedem Menschen die Zähne aufbrechen konnte, so bekam er es schließlich heraus, was es war. »Tja, Bauer,« sagte Ehlerßen und sah Dies mit seinen blauen Kinderaugen groß an, »tja, eigentlich wollte ich dir das schon von selbsten verklaren, indem mich das drückt, daß ich eine Heimlichkeit vor dir habe, indem du doch in jeder Weise gut zu mir bist. Tja, das ist nu' so: Ich habe nämlich einen totgeschlagen.« Er sah auf seine schweren braunen Hände und fuhr fort: »Tja, eigentlich wollte ich das nicht; aber ich habe nicht an meine großen Kräfte gedacht, und denn war ich auch zu doll in Zornigkeit. Tja, er hatte nämlich schlecht von meiner Frau gesprochen, als wenn sie, na, so'n Lottchen war, und mich damit geuzt. Und so kam denn das so, tja. Also dafor mußte ich denn sitzen, tja. Lange gerade nicht, von wegen mildernde Umstände, wie die Herren vom Gericht sagten, und denn auch, weil der Mann keinen guten Ruf hatte, tja. Und denn, denn kam ich frei, und die Frau und das Kind waren tot, an der Cholera; denn das war nämlich da bei Hamburg. Tja, so war das nu'. Und denn, tja, denn wurde es mir kundbar, daß der Mann recht hatte, tja, daß ich ihn rein für umsondt totgeschlagen hatte, tja; denn die Frau war früher so eine gewesen, weißt du, und wenn ich auf Arbeit war, trieb sie ihr Schandwerk weiter, tja. Na, und da hatte ich so recht zu nichts mehr Lusten und bin denn so in Bruch gekommen, tja. Und nun weißt du Bescheid, tja.« Der Bauer hatte ernsthaft zugehört. Als Jan fertig war, sah er ihm in die Augen, schlug ihn auf die Schulter und sagte: »Kopp hoch, Jan! Schicksal ist Schicksal! Bist ja noch ein junger Kerl. Und nu' woll'n wir wieder an die Arbeit und da nicht weiter an denken!« Von dieser Zeit an zog er den Knecht näher an sich heran, zumal die Kinder an Jan sehr hingen, einmal seiner Ziehharmonika wegen, mit der er gut fertig wurde, und weil er ihnen nach Feierabend oder Sonntags Geschichten erzählte und Spielsachen machte. Als die kleine Lena schwer an der Halsbräune lag, mußte Jan die Arbeit liegen lassen und Tag und Nacht bei ihr sitzen und ihre Hände halten; denn sonst fing sie an zu weinen. »Jans Hände haben mehr geholfen, als meine Rezepte,« sagte Doktor Hilpert zu der Bäuerin hinterher. Es gingen einige Jahre in das Land. Jan tat seine Arbeit, gab das Trinken auf und hielt sich ganz für sich, ging auch den Frauensleuten aus dem Wege, obgleich mehr als eine hinter dem stattlichen Kerl hersehen mußte. Es war im Dorfe meist schon vergessen, daß er mit einem Rock und einem Stock angekommen war; er galt völlig als Dorfsasse und hätte so leicht keinen Korb bekommen. Aber er ging um die Mädchen herum, ohne deswegen abstoßend zu sein. Denn wenn ihm auch eine gefiel, so mußte er doch immer daran denken, wie er betrogen war, und welche Schuld er darum auf sich geladen hatte. Schließlich kam es aber doch so, daß er bei einer hängen blieb, nämlich bei Wiebens Durtjen, die auf dem Rappenhofe diente. Er freite sie, und da der Hausmann vom Rappenhofe just gestorben war, trat er dessen Stelle an, obschon der Diesbauer ihn nicht gern ziehen ließ. Er sparte sich allerlei Geld, und da seine Frau auch etwas hinter sich gebracht hatte, so dachte er daran, sich eine eigene Stelle zu kaufen. Das war aber nicht so leicht; denn kein Bauer gab ohne Not Land ab, und wenn er noch so viel öde liegen hatte. Eines Tages fuhr der Erbe vom Dieshofe mit dem Heuwagen den Anberg in das Bruch hinunter, und da die Bremsen den Tag ganz besonders schlimm waren, machten sie die Pferde so wild, daß sie durchgingen. Wenn Ehlerßen nicht dazugekommen wäre, wäre es mit Dieswillem aus und alle gewesen; denn er war zwischen Deichsel und Schwengel gefallen. Aber Jan fiel dem Sattelpferd in die Zügel und brachte es mit einem Ruck von den Beinen, so daß der Wagen stand. Am selben Abend kann der Diesbauer auf den Rappenhof, gab Jan die Hand und sagte: »Du sollst bedankt sein, Jan! Und nu' hör' zu: Ich habe vernommen, daß du dich auf eine eigene Stelle setzen willst, aber kein Land kriegen kannst. Ich habe nu' das Stück auf dem Heimster dazumalen angekauft, als der Tormannsche Hof aufgeteilt wurde, obgleich ich Land genug hatte. Aber ich wollte nicht, daß der Herr aus Celle, der in der Zeit die Bruchjagd hatte, es kriegte, wo er nicht mit herauskam, wozu er es haben wollte, und es doch sein konnte, daß er hier neue Moden einführte, oder uns sonst unbequem wurde. Der Boden ist nicht schlecht, indem Post da wächst und die Eichen gut fortkommen, und frisches Wasser ist auch da. Also, wenn du Lusten hast, kannst du das Land abhaben, und so, daß dir das Abzahlen nicht schwer wird.« So ist Jan Ehlerßen, der Stromer, der Totschläger, der Mann ohne Haus und Heim, der mit einem Rock und einem Stock in das Dorf kam, Anbauer in Ohlenhof geworden. Er muß sich tüchtig quälen, um voran zu kommen. Aber da er vor der Arbeit nicht fortläuft und seine Frau ebenso fleißig ist wie er, so kommt er langsam, aber ständig vorwärts, und sein zweiter Erbe wird einmal den Kopf ebenso hoch halten können, wie die Viertelmeier oben im Dorfe.