Georg Christoph Lichtenberg Aufsätze gelehrten und gemeinnützigen Inhalts Betrachtungen über einige Methoden, eine gewisse Schwierigkeit in der Berechnung der Wahrscheinlichkeit beim Spiel zu heben, von Georg Christoph Lichtenberg, Professor der Philosophie, nebst einer Anzeige seiner Vorlesungen Der Meßkünstler findet nicht selten bei der Anwendung seiner Schlüsse auf die Natur, merkliche Abweichungen von dem, was er nach seiner Rechnung hätte erwarten sollen. Es ist nicht sehr schwer den Grund hiervon im allgemeinen anzugehen, und einzusehen, daß es nicht die Schuld der Mathematik sein kann. Er abstrahiert sich von dieser Welt eine eigne, von welcher er die Gesetzbücher gleichsam selbst in Händen hat; keine Kraft kann in derselben würken, ehe er sie selbst hinein legt; er weiß was überall geschieht, und aus seinen Formeln liest er Weissagungen ab; ohne ein Wunder hebt er Gesetze auf, verordnet andere, und gibt seiner Welt jede Gestalt die er will. So weit leitet ihn die Mathematik, und alles ist so gewiß als die ewigen Wahrheiten, worauf sie sich stützet. Könnte ein endlicher Verstand mehr als nur die allgemeinsten Gesetze in unserer würklichen Welt entdecken, so wäre es dem Meßkünstler leicht, sie nach und nach in die seinige überzutragen, und so müßten Prophezeiungen, die er für die letztere schreibt, auch in der ersteren gelten. Wer aber den Abstand erwägt von uns bis zu dem, der allein die Gesetztafeln dieses Ganzen in seiner allmächtigen Hand hält, der wird erkennen, wie unmöglich es ist, sich ein System von Kräften mit allen den unzähligen Beziehungen zu denken, das nicht schon selbst im allgemeinen von diesem würklichen abweichen sollte. Wenn also der Mathematikverständige aus seinem System auf das unsrige schließt, so muß er allemal Unterschiede bemerken, so oft hier das allgemeine Gesetz durch besondere Umstände eingeschränkt wird, die dort nicht in Betracht gezogen worden sind. Wenn eine Bombe, die der Rechnung nach in einer Parabel nach dem Ziel fliegen sollte, weder nach dem Ziel, noch in einer Parabel fliegt, wenn eine Kraft, die eine gewisse Last heben sollte, kaum hinreicht die Maschine in Bewegung zu setzen, so liegt der Fehler nicht in der Rechnung, denn in der Welt, wie sie sich der Meßkünstler dachte, würde die Kraft die Last würklich gehoben, und die Bombe ihr Ziel auf einer parabolischen Bahn gefunden haben. Auch in unrichtig abstrahierten allgemeinen Gesetzen kann er nicht liegen; sollte er dieser Erfahrungen wegen, die Gesetze des Galiläus verwerfen, oder andere für den Hebel festsetzen? Sondern darin lag der Fehler, daß er glaubte sein System ginge mit dem unsrigen schon völlig gleich. In der ganzen angewandten Mathematik wird man ähnliche Beispiele finden, und es ist immer ein Gewinn Abweichungen von dieser Art zu entdecken, entweder um sie selbst zu vermindern, oder wo dieses nicht geschehen kann, bei jeder Anwendung die allgemeinen Sätze dadurch gehörig einzuschränken. Ich will jetzo einige Betrachtungen über eine sehr merkwürdige Abweichung von dieser Art anstellen, die sich in einem Teile der angewandten Rechenkunst zeigt, der beim ersten Anblick weniger von einer Verbindung mit dem irdischen leiden zu können scheint, ich meine in der Berechnung der Wahrscheinlichkeit beim Spiel und des dadurch zu bestimmenden Grades der Hoffnung der Spielenden. Ich verstehe hier nicht solche Abweichungen von der Rechnung, die eben deswegen noch statt finden müssen, weil Bestimmungen der Grade der Wahrscheinlichkeit noch bei weitem keine Weissagungen sein sollen; nicht Abweichungen, die selbst in der Welt des Meßkünstlers statt finden müßten, wenn er Zufälle hinein nähme, sondern solche, die eine Ähnlichkeit mit den oben erwähnten haben, und aus einer nicht sorgfältig genug gemachten Anwendung in sich wahrer Sätze auf die würkliche Welt und die Gesellschaft entspringen. Die Aufgabe, wobei diese Abweichung vorzüglich in die Augen fällt, ist eben deswegen sehr berühmt geworden. Sie ist folgende: Zwo Personen A und B werfen eine Münze in die Höhe, die z.E. auf der einen Seite mit 1 und auf der andern mit 0 bezeichnet sein soll. Die Bezeichnung, welche ich hier gewählt habe, hat beiläufig noch den Nutzen, daß, wenn endlich die 1 fällt, sie mit allen den 0, die vorher fielen, zusammen geschrieben, nach der Leibnizischen Dyadik die Taler zählt, welche A bezahlen muß, hingegen gibt ihr Wert, mit 2 dividiert, den Einsatz des B für soviel Würfe, und damit multipliziert, die Menge aller möglichen Fälle, die in soviel Würfen vorkommen konnten. A, der die Münze wirft, verspricht dem B einen Taler, wenn 1 im ersten Wurf fällt, 2 Taler wenn es erst im zweiten Wurf, 4 Taler wenn es erst im dritten, 8 wenn es erst im vierten fällt, kurz, sollte es erst im n ten Wurf fallen, so bezahlt A an B 2 n-1 Taler, und sollte n auch noch so groß sein, sie wollen so lange werfen bis 1 fällt. Die Frage ist: wieviel Gewinn kann sich B wahrscheinlicher Weise hieraus versprechen, oder wieviel muß er dem A voraus bezahlen, daß sich dieser ohne Schaden in ein solches Spiel einlassen kann. Nach den bekannten Regeln der Rechnung des Wahrscheinlichen ist das, was B bezahlen muß = 1*1/2 2*1/4 4*1/8  ..... 2n*1/2n 1 =1/2 1/2 1/2 1/2 ..... das ist, unendlich viel, wenn n gar vorher nicht festgesetzt wird, und alle Schätze der Welt würden nicht zum Einsatz für den B hinreichen, da im gemeinen Leben der größte Waghals von einem Spieler kaum 20 Taler in einem solchen Spiel wagen würde, und gleichwohl könnte er sein Geld, und noch 12 Taler dazu, wiederbekommen, wenn nur 1 erst im sechsten Wurf fiele. Damit weniger Geübte nicht etwa glauben, der Widerspruch zwischen der Rechnung und dem Urteil des Spielers käme von der Voraussetzung her, daß A ins unendliche fort werfen könne, so darf man nur statt n eine beträchtliche Zahl, als z.E. 100 setzen, so ist der Einsatz des B 50 Taler und damit kann er 2 99 Taler gewinnen, ja fiele auch 1 schon im zwanzigsten Wurf, so gewönne er 524288 Taler. Woher kommt dieser Widerspruch? Als Herr Nicolaus Bernoulli dem Herrn Montmort Analyse sur les Jeux de hazard par Mr. Montmort p.4.02, so führet Herr Bernoulli dieses Buch in der folgenden Abhandlung an, ich selbst habe es nicht gesehen. diese Aufgabe zuerst vorlegte, so gab er zugleich dem Herrn Daniel Bernoulli davon Nachricht, und bat sich seine Meinung aus, dieser hat auch würklich eine Auflösung, mit dem, seinem Geschlechte eigenen Geiste gegeben Specimen theoriae novae de mensura sortis in den Comment. acad. Petrop. Tom. V. p. 175. das Wesentlichste aus dieser Abhandlung findet man im Hamb. Mag. T. I. St. 5. p.73. übersetzt. , welche mit einer von Herrn Cramer, die man in der nämlichen Abhandlung lesen kann, auf eins hinaus läuft, ohnerachtet keiner von des andern seiner etwas wußte. Die Auflösung dieser beiden Gelehrten hängt hauptsächlich von folgenden Betrachtungen ab: Zwanzig Millionen Taler machen mich zwar noch einmal so reich, als zehen Millionen, aber nicht noch einmal so glücklich; die Menschen schätzen das Geld nicht nach seinem absoluten Wert, sondern nach dem Gebrauch, den sie davon machen können. Ob jemand 160, 170 oder 180 Millionen gewinnt, ist ihm gleich viel, dem ohngeachtet muß B für alle diese hohen Gewinste haften, er muß bares Geld für etwas hingeben, das ihm nichts nützt, das ist, er wirft sein Geld weg. Nun setze man, unser A und B spielten nur auf fünfundzwanzig Würfe, so setzt B 12 Taler, 18 Groschen, und kann damit über 166 Millionen gewinnen, was hat er mehr nötig als 13 Taler zu wagen, da ihm 166 Millionen so viel sind als eine unendliche Summe? Ist B ein König, so kann es ihm vielleicht nicht einerlei sein, ob er 160 oder 170 Millionen gewinnt, er kann also schon etwas mehr wagen; man sieht also hieraus, daß für eine unbestimmte Anzahl von Würfen doch der Einsatz nicht einerlei ist, und daß er sich nach B's Vermögen richtet. Wie man ferner zu einer genauern Bestimmung des Einsatzes von B gelangen kann, wenn sein Vermögen gegeben ist, wird man mit Vergnügen an den angeführten Orten selbst nachlesen, da es mich hier zu weit führen würde, und außerdem nicht einmal zu meinem Endzwecke gehört. Überdas so sinnreich auch jene Auflösungen sind, so läßt sich doch, wie diese großen Männer wohl werden gewußt haben, zweifeln, ob dadurch jemals die Aufgabe hinlänglich wird aufgelöst werden können, da der Entschluß, den ein gewisses Individuum B faßt, sein Geld zu wagen, von hundert Umständen abhängen kann, die vielleicht nie der Rechnung unterworfen werden können Z.  E. läßt es sich so geradeweg annehmen, daß zwo Personen, davon der eine 1000 Groschen, der andere 1000 Dukaten im Vermögen hat, gleich leicht oder gleich ungern, der eine 10 Groschen, der andere 10 Dukaten entbehren? . Herr d'Alembert ist einen andern Weg gegangen, den Grund des obigen Widerspruchs zu finden. Er glaubt, daß überhaupt die ganze Rechnung des Wahrscheinlichen auf noch nicht gnung bestimmte Sätze gegründet sei Opuscules mathemat. T.  II.  p.  1. seq. und nachher umständlicher in den Melanges de Litterature T. V. . Herr Beguelin hat sich nach ihm bemühet Mem. de l'acad. de Berlin de l'année 1767. p. 382. , diese Sätze, zumal insofern sie in diesem Spiel angewandt werden können, genauer zu bestimmen. Beiden Männern haben die obigen Auflösungen kein Gnüge getan, weil sie sich, wie sie sagen, auf Umstände gründen, worum man sich in der allgemeinen Betrachtung nicht bekümmern kann und darf. Ob Herrn d'Alemberts Zweifel gegründet, und Herrn Beguelins Gedanken etwas zur Hebung derselben beitragen, will ich nicht entscheiden. Zweifel und Auflösung sind beide mit dem Scharfsinn abgefaßt, der sich von solchen Männern erwarten läßt, und geben, wenn sie auch nichts bewiesen, dem Ansehen Bernoullis und Cramers entgegen gesetzt, genugsam zu erkennen, daß die Aufgabe ihre Schwierigkeiten habe, und zugleich eine Warnung für alle, die es wagen, darüber zu denken und zu schreiben, es wenigstens mit Bedacht zu tun. Mir ist es vorgekommen, als ob man des obigen Widerspruchs wegen nicht Ursache hätte, die alten Grundregeln der Rechnung des Wahrscheinlichen umzuschmelzen, und daß es sich allgemein nie wird tun lassen, so wenig als man der Friktion wegen nötig hat die Mechanik auf andere Sätze zu gründen, oder so wenig sich dieses, wegen der veränderlichen Gesetze des Reibens, wird tun lassen: sondern daß man lieber diese Hindernisse bei der Anwendung besonders in Betrachtung zieht und übrigens die abstrakten Lehren ungeändert läßt. Nach dieser Meinung wären Bernoullis und Cramers Auflösungen hinlänglich, obgleich ihre angegebene Zahlen vielleicht bei besondern Fällen, wie in der Astronomie geschieht, durch angebrachte Verbesserungen der Wahrheit immer näher und näher gebracht werden könnten. Ehe ich mich weiter hierüber erkläre, will ich erst in einem leichten Exempel zeigen, was Hoffnung und Einsatz berechnen, eigentlich heißt, um jedermann in den Stand zu setzen über die Frage zu urteilen. Jemand hält in einem Beutel zwei Lose, einen Treffer und eine Niete, diese erlaubt er zwoen Personen zu ziehen, und verspricht dem, welchem der Treffer zufällt 10 Taler; der andere bekommt nichts. Hier fällt in die Augen, daß die beiden Personen dem Manne, der sie ziehen läßt, schon vor der Ziehung Dank für etwas schuldig sind, weil sie beide in Verlegenheit sein würden, wenn der Mann sein Wort wieder zurück nähme. Indem sie der Mann ziehen läßt, so gibt er sein Recht auf die 10 Taler auf, und überläßt es den beiden übrigen, also wird wohl auf jeden die Hälfte fallen, und jeder hat, wenn man unparteiisch schätzen will, Hoffnung auf 5 Taler, welches das arithmetische Mittel zwischen der Hoffnung die 10 Taler ganz zu erhalten, und der Furcht nichts zu bekommen, ist. Dieses ist es, wofür sie sich vor der Ziehung bedankten, und dessen Verlust sie würde geschmerzt haben, wenn nichts aus der Sache geworden wäre; dasjenige, was sie dem Manne, der es vor der Ziehung verliert, auch vor derselben durch den Einsatz wieder erstatten müssen, wenn er es nicht verschenken will. Ich sagte mit Fleiß, wenn man unparteiisch schätzen will, denn auch hier zeigt sich, schon etwas, welches in dem Fall mit A und B nur mehr gehäuft, sich auf einmal sehr groß zeigt, und den Leser überrascht. Ein Liederlicher, der etwa nur seinen Durst nach Wunsch einmal stillen wollte, und gar kein Geld hätte, würde sein Anteil an den 10 Talern vor der Ziehung vielleicht für einen Taler verkaufen, so wie im Gegenteil, wenn der Mann sich die 10 Taler von den beiden Personen wollte bezahlen lassen, eben der nämliche Durstige, wenn er auch 6 Taler hätte, wohl schwerlich 3 für jene Hoffnung geben würde. Haben wir dieses Menschen wegen nötig neue Regeln festzusetzen? oder handelt der Mann unbillig, der 10 Taler von den zwo Personen verlangt? Die beiden Personen haben es nicht nötig sich einzulassen, aber wenn sie sich einlassen, so müssen sie soviel bezahlen. Geht man weiter und nimmt 9 Nieten und einen Treffer, 10 Personen und einen einzigen Preis von 1000 Dukaten an, so gibt die Rechnung für den Wert eines Loses 100 Dukaten, die meisten Menschen würden keine 8 wagen, auch diejenigen nicht, die Geld genug hätten 8 Dukaten in einer gemeinen Lotterie zu wagen. Ist dieses der Fehler der Rechnung? Gewiß nicht, denn der Mann, der diese Lotterie hat, verliert ja seine 1000 Dukaten gewiß. Aus diesen wenigen Beispielen wird man schon gesehen haben, daß diese Rechnung mit der Vermischungsregel völlig einerlei ist, so wie ich nämlich aus dem Wert einer Bouteille Wein und der Menge Wasser, worunter ich ihn gieße, den Wert einer Bouteille dieses Gemisches finden kann, so kann ich aus dem Wert einer Summe Geldes, die ich gewiß bekomme, ihren Wert berechnen, wenn sich die Furcht sie zu verlieren unter jene Gewißheit mischt. Niemand hat es aber noch der Alligationsregel zur Last gelegt, wenn ein Kenner für eine Bouteille, worin ein Teil Champagner mit 3 Teilen Wasser vermischt ist, keinen halben Gulden geben wollte, da sie es doch nach dieser Regel hier zu Lande wert wäre. Kurz, die Rechnung bestimmt den Wert meiner Hoffnung bei einem Spiel, ohne sich mit Klugheitsregeln abzugeben, die sich unendlich verändern, und die der Mensch, der sein Interesse kennt, vermittelst der natürlichen Mathematik sehr geschwind findet, sobald er nur den Bruch sieht, der das Maß seiner Hoffnung ist. Diesen zu finden überläßt er gern den Mathematikverständigen, weil es in manchen Fällen große und schwere Rechnungen erfordert, allein das andere behält er lieber für sich, weil er mit Recht voraussetzt, daß sein Interesse niemand besser kennt als er selbst. Ich glaube man kann allgemein sagen: In eine Lotterie, wo ich mit 100 Taler Einsatz entweder eine Million gewinne oder nichts, und wobei der Entrepreneur sicher gestellt ist, wird kein vernünftiger Mann einsetzen, was auch der Bruch sein mag, der seine Hoffnung mißt; also unabhängig von einer Rechnung des Wahrscheinlichen läßt sich noch ein Fall denken da ein Spieler sagen kann: ich wage keine 10 Taler, und wo der Entrepreneur mit Recht 100 verlangen kann, folglich wird die Verminderung jener Brüche, wovon Herr d'Alembert Opusc. math. T. II. p. 12. redet, unmöglich, oder sie muß auf Bernoullis Art geschehen. Ferner setze man, unser A und B spielten nur auf einen Wurf, so muß B die Hälfte des Preises bezahlen, den ihm A verspricht; um einen Groschen so zu spielen geht wohl an, aber die meisten Menschen würden unweislich handeln um 100 Taler so zu spielen, außer wenn ihr Vermögen sehr groß ist, und dieses führt am Ende wieder auf Bernoullis Auflösung, die doch verbessert werden sollte. Ich erinnere dieses gegen den Herrn Beguelin, der bei einer seiner Auflösungen a.a.O. §. XII. seq. , die gemeine Rechnung bei einem einzigen Wurf für billig, und nur in den übrigen für falsch hält. Wenn also derselbe Mensch bei einer großen und einerlei Wahrscheinlichkeit sich bald einlassen will und bald nicht will, so wird dieses auch bei einem geringeren Einsatz, aber größern Unwahrscheinlichkeit zu gewinnen, geschehen müssen. Hier muß ich vor allen Dingen einem Einwurf begegnen, den man dem Herrn Bernoulli überall macht, und den ich noch nicht beantwortet gefunden habe. Man wirft ihm nämlich vor, indem er die Schwierigkeit zu heben suche, ziehe er Umstände in Betrachtung, worum man sich im allgemeinen nicht bekümmern könne, als z.E. das Vermögen des B. Es ist wahr, im allgemeinen kommen sie nicht in Betracht, aber bei dieser Schwierigkeit ist es notwendig, denn diese entsteht ja bloß daher, daß ein Mann, der kein abstrakter B mehr ist, um Rat gefragt wird; ein Mann, der ein Vermögen hat, und etwas nicht tun will, bloß, weil er dieses Vermögen hat. Sobald man sagt, vermöge der allgemeinen Auflösung müßte B eine unendliche Summe setzen, da doch kein vernünftiger Mann 20 Taler wagen würde, so ist es so gut erlaubt, den Grund dieses Widerspruchs in den besondern Umständen des Mannes zu suchen, der gefragt wird, als in der Rechnung selbst, wie Herr d'Alembert und Beguelin getan haben. Herr Bernoulli will erklären, warum dieser Mann so sagen muß, der ja doch mit seinem Urteil die ganze Schwierigkeit macht. Dieses wird, glaube ich, hinlänglich sein des Herrn Bernoulli Methode gegen diejenigen zu rechtfertigen, die ihr den oben erwähnten Vorwurf machen; ob aber die Art wie er aus dem Vermögen der Personen den Einsatz für jeden gegebenen Fall findet, noch Zweifeln unterworfen sei, dieses zu untersuchen gehört nicht hieher, ist, soviel ich weiß, noch nicht bestritten worden, und wird von Herrn Bernoulli selbst nicht als ausgemacht und vollkommen angegeben, denn wo er einen Hauptsatz, worauf sie sich gründet, vorträgt, sagt er ausdrücklich: valde probabile est lucrulum quodvis semper emolumentum afferre summae bonorum reciproce proportionale. Herrn d'Alemberts Meinung ist von der Bernoullischen gänzlich verschieden, er sagt am oben angeführten Ort, die ganze Schwierigkeit entstehe daher, weil die Mathematiker annähmen, daß z.E. mit der erwähnten Münze 0 hundertmal hintereinander zu werfen ebenso möglich sei, als der Fall, wo die Würfe so hintereinander geschähen 10011101100 usw., welches, wie er behauptet, nicht ist. Er beklagt sich in den Melanges de litterature mit Recht über diejenigen, die, um seine Meinung zu widerlegen, ihm weitläuftig durch Rechnungen gezeigt haben, daß nach den Regeln der Kombinationen kein Fall wahrscheinlicher sei als der andere. Freilich dem Herrn d'Alembert solche Gründe entgegen setzen, kommt mir nicht viel besser vor, als einem gelehrten Verteidiger der Dreieinigkeit die Beweise der Multiplikation entgegen setzen wollen; die Zweifel des erstern kommen, so wie die Überzeugung des letzteren, gewiß nicht daher, weil sie die weisen Widerlegungen ihrer Gegner noch nicht gewußt haben. Unterdessen da Herr d'Alembert sich nur bloß auf die Erfahrung beruft, so haben seine Gegner immer ein Recht zu sagen, daß die Erfahrung nichts beweise, daß sie nicht lange genug angestellt worden sei; daß sie aus ihrer Methode begreifen und erklären können, warum 0 nicht oft hintereinander fallen könne, Herr d'Alembert aber nicht, wenn er bloß sagt, es sei physisch unmöglich. Daß 0 nicht oft 6mal hintereinander fallen könne, ist ein Erfahrungssatz, daß es aber auch 100mal fallen könne, ist ein Satz, den uns, ohne die Erfahrung, ein Vernunftschluß lehrt. Man begreift, daß wenn unsere Erde so groß wäre als Jupiter, und überall so bevölkert als Europa, manche Begebenheiten, Genies und Meisterstücke derselben, die wir jetzo als einzeln bewundern, weniger selten sein würden, ohngeacht es auch alsdann einzelne geben würde. Wenn einige Personen auf einer kleinen unbewohnten Insel, auf dem ungeheuren stillen Meer verlassen säßen, aber doch segeln könnten, wenn sie nur einen Kompaß und einen Quadranten hätten, würde man sie nicht verlachen, wenn sie auf der Insel dergleichen Instrumente suchen wollten, und wieviel würde man wohl gegen eins verwetten können, daß sie nichts von der Art finden würden, wenn sie auch noch so lange suchten; und gleichwohl hat sich der Fall zugetragen, man hat einen Quadranten und Kompaß gesucht, und gefunden Anson's Voyage round the world. Book. III. chap. III. in der kleinen Dubliner Ausgabe von 1748. p.275. ; ja, weil dem Quadranten, den man fand, noch einige wesentliche Stücke fehlten, so suchte man weiter, und fand die Stücke in einem Kasten, der ans Ufer geworfen war, ich weiß nicht, ob es eben die waren, die zu dem nämlichen Quadranten ehmals gehört hatten, aber aus der Beschreibung sollte man eher das Gegenteil vermuten. Mir ist es begegnet, daß, da ich ein Dreigroschenstück, welches ich allemal vorher sorgfältig in einem Becher schüttelte, 240mal in die Höhe warf, und so auf den Boden des Zimmers fallen ließ, einmal einerlei Seite 9mal hintereinander fiel, und zwar schon nach dem 101 ten Wurf, da ich doch nach der gemeinen Rechnung 511 gegen 1 verwetten kann, daß jemand nicht 0mal dieselbe Seite beim ersten Versuch wirft, und also in 512 Versuchen, das ist in 4608 Würfen erst einmal erwartet werden kann. Ja, einmal blieb es auf der scharfen Seite stehen, ohne umzufallen und ohne an einer Wand anzuliegen, es blieb nämlich, indem es unter etwas durchlaufen wollte, in der Mitte stecken, ein Fall, der vielleicht unter hunderttausend Versuchen sich nicht ein einziges Mal zuträgt, wenigstens an dem Ort nicht, wo ich die Versuche anstellte. Also die bloße Seltenheit jener Fälle, da eine Seite sehr oft hintereinander fällt, gibt uns kein Recht sie aus der allgemeinen Betrachtung heraus zu lassen, ohngeachtet die nämliche Vernunft, die uns dieses lehrt, uns auch warnt, uns vor einem solchen Spiel zu hüten, wo die Hoffnung, große Reichtümer zu bekommen, auf nichts Besserem, als auf solchen Begebenheiten, beruht. Herr Beguelin hat sich bemühet dasjenige mit einigen Gründen zu unterstützen, was Herr d'Alembert nur schlechthin behauptete, um die Mathematikverständigen auf diese neue Schwierigkeit aufmerksam zu machen. Die Frage ist nämlich hierbei, wenn man die obige Münze wirft, und 1 ist z. E. schon dreimal gefallen, ist es vor dem 4 ten Wurf noch ebenso wahrscheinlich, daß 1 oder daß 0 fällt, als es vor dem ersten Wurf war: oder ist es wahrscheinlicher, daß nun 0 fallen wird, weil 1 schon dreimal gefallen ist, und nun 0 an die Reihe kommen muß, da es ebensoviel Recht hat, wegen der völligen Gleichheit der Umstände. Folgende Gründe sind für die völlige Gleichheit der Wahrscheinlichkeit bei jedem einzelnen Wurf: Zwischen den einzelnen Würfen läßt sich keine Verbindung denken, jeder Wurf ist ein erster von einer neuen Reihe, und seine Verbindung mit den vorhergehenden ist nur in unserer Vorstellung, hätte man den nächsten Wurf 100 Jahre hernach und tausend Meilen von dem ersten Ort entfernt getan, so würde die nämliche Verbindung unter ihnen gewesen sein, eine Sekunde oder 100 Jahre sind hier eine gleich starke Zwischenwand. Daß 0 mehr Recht bekommt zu fallen, wenn 1 schon etlichemal gefallen ist, ist nur eine Erklärung der falschen Vorstellung von einer Verbindung und kein Beweis für dieselbe. Beide Seiten haben allerdings, wenn man so reden darf, ein gleiches Recht zu fallen, also sollte die Münze billig auf der scharfen Seite stehen bleiben, da dieses aber nicht geschehen kann, so muß eine Seite oben hin zu liegen kommen und die andere wird ausgeschlossen, ohnerachtet nun beide Anspruch machen, so geschieht doch beiden gleichsam ein Gnüge, wenn nur eine von beiden fällt, welche, das ist gleichviel. Ich weiß nur, daß eine fallen muß, daß aber die andere endlich auch kommen muß , davon steckt nichts in dem Begriff, und ich zweifle fast, ob jemals mit einigem Schein von Wahrheit etwas zur Bestätigung des letztern wird gesagt werden können. Gegen dieses wendet Herr Beguelin nur im Vorbeigehen ein, die Natur bringe vermöge ihrer beständigen Würksamkeit immer Veränderungen hervor, und gehe von einem auf das andere über. Hiergegen, glaube ich, hat man nicht Ursache etwas Weiteres zu sagen, als daß es zu wünschen wäre, daß solche Beweise ganz unterlassen würden, und wenigstens aus einer Wissenschaft wegblieben, wie diese, zu welcher diese Aufgabe gehört, und wo der Verstand überzeugt werden soll. Wenn eine gewisse Verhältnis, die unter den verschiedenen Fällen statt findet, die Abwechselungen sehr wahrscheinlich macht, so werden sie kommen, und wenn auch die Natur einmal allen Geschmack an der Mannigfaltigkeit verlieren sollte. Dieses sollte auch kein Beweis sein, aber im § IX kommt Herr Beguelin auf einen, von dem er glaubt, daß er alle Beweise für die Gleichheit der Wahrscheinlichkeit, so einleuchtend sie auch scheinen mögen, schlechterdings über den Haufen werfe. Man setze, sagt er, ein Mann, der auch A heißen mag, habe eine solche Lotterie, wie ich schon oben eine angenommen habe, mit einem Treffer und einer Niete, oder mit gleichviel Treffern und Nieten, hieraus lasse er einen andern B ziehen, und verspreche ihm allemal, sooft er einen Treffer zieht, das Doppelte seines Einsatzes, (es versteht sich von selbst, daß nach jedem Zug das gezogene Los wieder zu den übrigen kommt) so sind nach der gewöhnlichen Rechnung die Bedingungen billig. Ferner nehme man an, B setze erst einen halben Taler; um sich seines Schadens wieder zu erholen, wenn er verliert, so setze er beim zweiten Zug 1 Taler, beim dritten 2, beim vierten vier, beim n ten 2 n-2 u.s.weiter, so ist klar, daß A früh oder spät verlieren muß, denn wenn B ein einziges Mal gewinnt, so bekommt er alles, was er vorher verloren hat, mit Profit wieder, und A verliert alles, was er gewonnen hatte, und drüber. Wo ist nun diese Gleichheit, die doch nach der Rechnung würklich da sein soll? Denn wäre es allemal bei jedem Zug ebenso wahrscheinlich, fährt Herr Beguelin fort, daß B eine Niete, als daß er einen Treffer zieht, so muß es dem A einerlei sein was B setzt, oder zu welcher Zeit er aufhört. Ich muß bekennen, dieses Argument hat mich ebensowenig überzeugt als das, welches aus der Mannigfaltigkeitsliebe der Natur hergeholet wurde. Eben deswegen, kann man antworten, weil es gleich wahrscheinlich ist, daß A verliert, und daß er nicht verliert, so soll er nicht so unbesonnen sein, und auf ein solches Spiel so viel setzen, daß er, wenn er verliert, alles verliert, was er vorher gewonnen hatte, welches hier Stillschweigens als das Vermögen des A angenommen wird. Soll denn B so lange Fehler ziehen, bis er müde wird, oder bis er kein Geld mehr hat? Nimmt sich B nur die Gedult, zwanzig Züge zu tun, so läßt sich 1048575 gegen 1 verwetten, daß er einmal einen Treffer ziehen wird, mit dessen Gewinst er sich wegschleichen kann. Dieses lehrt die Rechnung, welche doch eine Gleichheit der Wahrscheinlichkeit bei jedem Zug voraussetzt, folglich kann der Grund, warum A unbesonnen handelt, sich in ein solches Spiel einzulassen, nicht in einem solchen Schwinden der Wahrscheinlichkeit liegen. Spielt A nur auf gleiche Einsätze, so sind die Umstände völlig gleich und auch für den A zuträglich; ein anderer Beweis, daß das Widersinnige bloß in dem unüberlegten Geldsetzen des A, und nicht in etwas anderem lag. Alle diese Beweise, die die Gleichheit der Wahrscheinlichkeit bei jedem einzelnen Wurf bekräftigen, könnten noch mehr auseinandergesetzt, und überhaupt vermehrt werden, ich will aber statt dessen nur noch eine Frage tun: Wenn ich die obige Münze 20mal hintereinander werfen will, so sind überhaupt 1048576 Fälle möglich, diese könnte man auf ebenso viele Zettul schreiben, wovon z.E. einer so anfangen würde: ... 101100010110 Ich rechne den Anfang von der Rechten Hand wegen des Umstandes mit der Leibnizischen Dyadik. ; man müßte ein Zeichen an ein Ende machen, um allemal den Anfang einer solchen Reihe von dem Ende gehörig zu unterscheiden. Diese Million Zettul schüttele man in einem Glücksrad, nun frage ich: ist es einerlei ob A zum B sagt: hier werfe die Münze, fällt 1 im ersten Wurf, so gebe ich dir 1 Taler usw. wie wir oben gesehen haben, oder ob er sagt: ziehe einen Zettul aus dem Glücksrad, steht 1 zu Anfang der Reihe, so gebe ich dir einen Taler, kommt es erst in der zweiten Stelle, oder fängt sich die Reihe so an: ... 10, 2 Taler, nimmt es erst die dritte Stelle ein, oder fängt die Reihe so an: ... 100, 4 Taler usw. Ist es gleichviel ob B das eine oder das andere tut, so ist die vollkommene Gleichheit der Fälle klar, und B kann den Zettul ziehen, wo 1 neunzehnmal 0 vor sich hat, so gut als irgend einen andern. Ist aber ein Unterschied in den beiden Arten des Spiels, so bleibt die nämliche Schwierigkeit, die man heben wollte, doch noch beim letztern, und sollte sich ja B eher entschließen einen Zettul aus dem Glücksrad zu nehmen, so könnte dieses von einer falschen Vorstellung herkommen. Die Schwierigkeit bei dem letztern Spiel zu heben ist wohl nicht leicht ein anderer Weg möglich, als der Bernoullische. Herr Beguelin glaubt ferner, daß nachdem man t mal o geworfen, so könne man t 1 gegen 1 verwetten, daß das nächste Mal 1 fallen werde. Auf diese Art sollte man fast schließen können, daß die beständigen Abwechselungen, als z.E. der Fall ... 10101010, oder doch die Fälle mit vielen Abwechselungen, die wahrscheinlichsten wären, sie sind es aber nicht; nach der gewöhnlichen Rechnung ist dieser Fall auch einzig Ich darf wohl nicht beweisen, daß überhaupt jeder Fall einzig ist, und daß, wenn alle 20 Würfe vorgeschrieben sind, ebensowenig Wahrscheinlichkeit für den einen als für den andern ist. Ich nenne nur diese so, weil man gewöhnlich die unsymmetrischen Fälle, wo 1 und 0 sehr unregelmäßig vermischt sind, unter eine Klasse zu zählen pflegt. und ob ich auf diesen Fall oder auf ... 00000 halte, ist einerlei. Die Erfahrung wird einen leicht davon überführen, der etwa sagen wollte: man könne dieses nicht mit Rechnungen beweisen, welche die Gegner eben für unrichtig erklären. Damit dieses desto leichter werde zu übersehen, so habe ich eine Tafel für die Menge der Abwechselungen berechnet in dem Fall da A und B auf 20 Würfe spielen. Die Gründe der Rechnung lassen sich hier nicht beibringen. Es sind nämlich allemal nur 2 Fälle möglich, wo in n Würfen einerlei Seite ohne Abwechselungen fällt, ferner: Die Tafel für 20 Würfe ist folgende.     Menge der Abwechs. mögliche Fälle Menge der Abwechs. 0 2 19 1 38 18 2 342 17 3 1938 16 4 7752 15 5 23256 14 6 54264 13 7 100776 12 8 151164 11 9 184756 10 Hieraus sieht man, daß die Fälle, wo 1 und 0 sehr gemischt sind, ebenso rar sind, als die, wo oft einerlei hintereinander fällt, so ist der Fall mit 5 Abwechslungen ebenso gemein, als der mit 14, dieses erklärt zugleich die Einrichtung der Tafel. Ich habe die obigen 240 Würfe hauptsächlich auch zu diesem Endzwecke getan, das ist, ich habe 12 Versuche mit 20 Würfen angestellt, und folgende Abwechselungen gefunden:     einmal 5 Abwechselungen dreimal 6 _____________ einmal 7 _____________ zweimal 8 _____________ einmal 9 _____________ einmal 10 _____________ einmal 11 _____________ zweimal 12 _____________ Bei dem ersten mit den 5 Abwechselungen, der aber in der Ordnung, worin ich sie anstellte, der 6 te war, fiel die eine Seite 9mal hintereinander, da doch überhaupt nur 13603 Fälle unter den 1048576 möglich sind, worin 9 vorkommt, und in 30 derselben kommt es 2mal vor. Auf diese Art wird sich erkennen lassen, warum die Münze so oft abwechselt, ohne eine mystische und unbegreifliche Verbindung zwischen den einzelnen Würfen anzunehmen. Ich leugne nicht, daß sich auf Herrn Beguelins Art, Formeln finden lassen, die etwas geben, was in der Ausübung, zumal wenn nicht lange gespielt wird, oft gebraucht werden kann, aber der Grund muß aus jenen Kombinationen hergeholt werden. Ich sehe also nicht, daß man Ursache hat des Herrn Daniel Bernoulli Methode zu verwerfen, und derselben neue unterzuschieben. In der allgemeinen Betrachtung muß man, der vollkommenen Gleichheit wegen, das Vermögen der Spielenden unendlich setzen; und alsdann geben sich keine Widersprüche, in der angewandten Lehre gibt es kein unendliches Vermögen, dieses schränkt die allgemeinen Schlüsse ein. Auf diese Art wäre diese Aufgabe wegen der Abweichung von der Rechnung, die sich bei ihrer Anwendung hervortut, nicht seltsamer, als viele andere in der angewandten Mathematik. Anzeige meiner Vorlesungen Da der Unterricht, den ich im nächsten Winter-Halben-Jahre, einigen hier Studierenden privatissime erteilen soll, mir viele Stunden wegnimmt, so werde ich nur eine des Tages zu öffentlichen und Privat-Vorlesungen aussetzen können. Von 11-12 des Mittwochs und Sonnabends, werde ich öffentlich die Teilung der ebenen geradlinigten Figuren, sowohl geometrisch, als durch Rechnung verrichten, lehren. Damit die Zuhörer ein Buch haben, woran sie sich einigermaßen halten können, so können sie sich die Anweisung wie geradlinigte Figuren, nach einer gegebenen Verhältnis, ohne Rechnung zu teilen sind, anschaffen, welche zu Nürnberg 1767 aus dem Ozanam übersetzt, auf 4 Bogen in 8vo nebst 3 illuminierten Kupfert. herausgekommen ist. Die übrigen Tage in der Woche, werde ich in der nämlichen Stunde die Algebra nach des Herrn Hofr. Kästners Analysis endlicher Größen vortragen. Von einer neuen Art die Natur und Bewegung der elektrischen Materie zu erforschen Erste Abhandlung Unter die merkwürdigsten Erfindungen, durch welche die Lehre von der Elektrizität neuerlich bereichert worden ist, gehört unstreitig der Elektrophor , für dessen Erfinder man nicht ohne Grund den jetzigen Professor der Physik zu Stockholm Herrn Wilcke, unsern ehemaligen Mitbürger, zu halten hat. Denn Volta hat dieses Instrument nicht eigentlich erfunden, sondern ihm nur seine jetzige bequemere Einrichtung und seinen Namen gegeben, und es dadurch zum Range eines elektrischen Werkzeugs erhoben; da Wilcke sich schon früher, im Jahr 1762, zum Behuf einiger Versuche mit der Leidener Flasche, einen ähnlichen Apparat hatte verfertigen lassen, bei welchem anstatt des Harzes Glas gebraucht war S. Schwedische Abhandlungen vom Jahr 1762. . Indessen ist zu bemerken, daß der italienische Physiker höchst wahrscheinlich von den Versuchen des schwedischen nie etwas gehört hatte, und daß die Verdienste desselben um dieses Instrument noch immer so groß sind, daß ihm, wenn auch nicht der Name des Erfinders, doch ein gleiches Lob und gleicher Ruhm als diesem gebührt. Merkwürdig ist dieses Instrument ohne Zweifel, teils wegen der Erscheinungen selbst, die es darbietet; teils wegen des neuen Sporns, den es den Physikern gegeben hat, die wunderbaren Eigenschaften der Elektrizität zu erforschen. Und eines solchen Sporns bedurften besonders die deutschen Physiker, die, was dieses Kapitel der Naturlehre belangt, größten Teils entweder nichts taten, oder sich mit Spielereien zu beschäftigen, und hundert Mal wiederholte Sachen noch einmal zu wiederholen angefangen hatten. Als ich zum ersten Mal einen Elektrophor sah, gefiel er mir sogleich nicht nur wegen seiner einfachen Einrichtung und ausnehmenden Wirksamkeit, sondern auch wegen der Beschaffenheit der dazu erforderlichen Materialien, die überall leicht zu haben sind; und da ich bemerkte, daß ein solches Instrument von achtzehn Zoll im Durchmesser schon so große Wirkung tat, als kaum eine kostbare gewöhnliche Elektrisiermaschine: so nahm ich mir vor, mir einen Elektrophor von beträchtlicher Größe zu verfertigen. Hierzu bewog mich noch mehr die scheinbare Abweichung seiner Wirkungen von den gewöhnlichen – eine Abweichung, die ich durch ein größeres Instrument nicht ohne Grund zu heben hoffen konnte. Denn Versuche mit großen Instrumenten anstellen, ist ebensoviel als die Erscheinungen, die sie darbieten, unter das Vergrößerungsglas bringen. Das, was sich vorher durch seine Kleinheit dem schärfsten Gesicht und der angestrengtesten Aufmerksamkeit entzog, kann, auf diese Art vergrößert, oft auch einem stumpfern Sinn und einem nachlässigem Beobachter nicht mehr entgehen. Ich ließ mir also einen Elektrophor machen, wo der Kuchen, der aus gemeinem Harz, mit burgundischem und Terpentin gemischt, bestand, sechs Pariser Fuß, und der Teller, aus Zinn, fünf Fuß im Durchmesser hielt. An diesem nahm ich bald eine Menge von Erscheinungen wahr, die ich vorher nicht gesehen hatte, die jedoch meistens so beschaffen waren, wie sie sich von der Größe des Instruments erwarten ließen. Diese übergehe ich daher jetzt, und führe nur ein Beispiel an, woraus man die Stärke meines Elektrophors, im Vergleich mit andern gewöhnlichen Instrumenten dieser Art, schätzen kann. Die Funken (wenn man anders das, was seiner Gestalt und Wirkung nach kleinen Blitzen ähnlich war, so nennen darf), die ich hier erhielt, waren bisweilen vierzehn bis fünfzehn Zoll lang; fing man sie mit der Hand auf, so erschütterten sie den ganzen Körper sehr heftig; und fuhren sie selbst vom Teller gegen die Basis, was öfters geschah, so durchbohrten sie bisweilen den Kuchen mit lautem Geprassel. Ich komme jetzt auf den Hauptgegenstand dieser Abhandlung, nämlich auf die Erscheinung, die ich zwar an dem großen Elektrophor zuerst beobachtet, aber bald darauf auch auf den kleinsten hervorbringen gelernt habe; eine Erscheinung, die, soviel ich weiß, neu ist und von der ich überzeugt bin, daß sie durch die Untersuchungen geschickterer Naturforscher, denen zugleich ein reichlicherer Vorrat physikalischer Instrumente zu Gebote steht, für die Physik überhaupt wichtig werden, und einen neuen Weg zur genauem Erforschung der elektrischen Materie bahnen kann. Denn es macht keine geringe Schwierigkeiten bei diesen Untersuchungen, daß die elektrische Materie sich entweder, wie die magnetische, unserm Blick gänzlich entzieht, oder da, wo sie sichtbar ist, mit einer solchen Geschwindigkeit und, was mir nicht unwahrscheinlich ist, in Verbindung mit einer Menge unsichtbarer Stoffe, fortgeht, daß man sehr oft außer der Stelle, wo der Funken überschlägt, und der Gestalt desselben – was doch nur ein unbedeutender Teil der ganzen Erscheinung ist – nichts deutlich bemerken kann. Und das ist kein Wunder. Denn man hat es hier nicht mit einer Materie zu tun, deren Schnelligkeit etwa ein unbefangener Zuschauer mit der Schnelligkeit des Blitzes zu vergleichen verleitet werden könnte, sondern mit dem Blitze selbst. Mit Recht haben sich daher die Physiker immer bemüht, wenigstens die Spuren einer Erscheinung aufs sorgfältigste zu beobachten, die sie selbst nicht aufhalten konnten. Es kann niemanden, der nur ein wenig Belesenheit besitzt, unbekannt sein, mit wie vielen Geschichten vom Blitze, von Gefäßen, die er durchbohrt, von Draht oder Geld, das er geschmolzen usw. – die Schriften der Physiker angefüllt sind. Nicht selten sind die Erzählungen z.B. von dem Wege, den der Blitz von der Spitze des Schornsteins bis in die Küche genommen hat, aus allzu großer Genauigkeit so weitläuftig, daß sie ganze Bogen füllen, und man mehr als eine Stunde braucht, um die Beschreibung von dem zu lesen, was in einem Augenblicke geschehen ist. – Ferner haben die größten Physiker die Flecken, die die Leidner Flaschen bei ihrer Entladung auf polierten Körpern erzeugen, im gleichen die kleinen Löchelchen, die sie durch Papier schlagen, ihrer Aufmerksamkeit wert geachtet; und unter den vortrefflichen Entdeckungen und Beobachtungen von Priestley ist die Beobachtung der Ringe, die er durch einen Schlag seiner großen elektrischen Batterie auf polierten Metallplatten hervorbrachte, nicht die geringste. Die Versuche, die ich Ihnen, hochgeschätzte Mitglieder und Zuhörer, jetzt zur Prüfung vorlegen will, übertreffen noch, wie ich glaube, die eben erwähnten, sowohl an Schönheit, als an Wichtigkeit. Denn wenn sie gleich nicht in die Klasse der glänzenden elektrischen Versuche gehören, so können sie mit diesen selbst wohl um den Vorzug streiten; und ich zweifle nicht, daß mein Apparat – was ihm zu keiner geringen Empfehlung gereicht – dereinst noch von Taschenspielern und Zauberern gleich einem Zauberstabe werde gebraucht werden. Was aber die Wichtigkeit der Versuche anbelangt, so bieten sie erstens dem Naturforscher ein leichtes Mittel dar, die Natur der elektrischen Materie auf eine ähnliche Art zu untersuchen, wie es bei dem Magneten in Ansehung der magnetischen Materie durch aufgestreuten Feilstaub geschieht; zweitens lehren sie, daß in elektrisierten Körpern, besonders Nichtleitern, Veränderungen vorgehen, von denen die Physiker bisher nichts wahrgenommen hatten; nicht zu gedenken, daß sie auch zur Erklärung anderer Naturerscheinungen dienlich sind. Die Veranlassung zur Entdeckung dieser Erscheinung war folgende: Die Verfertigung meines großen Elektrophors war gegen das Frühjahr 1777 zu Stande gekommen; in meiner Kammer war noch alles voll von feinem Harzstaub, der beim Abhobeln und Glätten des Kuchens oder der Basis aufgestiegen war, sich an die Wände und auf die Bücher gelegt hatte, und oft bei entstehender Bewegung der Luft, zu meinem großen Verdruß, auf den Deckel des Elektrophors herab fiel. Nun fügte sichs, daß der Deckel, der von der Decke herabhing, einmal etwas längere Zeit von der Basis abgehoben war, so daß der Staub auf die Basis selbst fallen konnte, und da geschah es, daß er sich hier nicht, wie vorher auf den Deckel, gleichförmig anlegte, sondern an mehrern Stellen zu meinem großen Vergnügen kleine Sternchen bildete, die zwar anfangs matt und schlecht zu erkennen waren, als ich aber den Staub mit Fleiß stärker aufstreute, sehr deutlich und schön wurden, und hier und da erhabener Arbeit glichen. Es zeigten sich bisweilen unzählige kleine Sterne, ganze Milchstraßen, und größere Sonnen; die Bogen waren von der hohlen Seite matt, von der erhabenen aber mit Strahlen geziert; ferner sehr niedliche kleine Ästchen, denen nicht unähnlich, welche die Kälte an den Fensterscheiben erzeugt; kleine Wolken von mannigfaltiger Gestalt und Schattierung: endlich noch mancherlei Figuren von besonderer Gestalt, von welchen ich nur eine auf der ersten Kupfertafel nebst einigen Sternchen habe abbilden lassen. Dabei war es ein sehr angenehmes Schauspiel für mich, als ich sahe, daß sie sich kaum zerstören ließen; denn wenn ich auch den Staub mit einer Feder oder einem Hasenfuß behutsam abwischte, so erzeugten sich doch dieselben Figuren von neuem, und oft noch schöner als vorher. Ich nahm daher ein schwarzes Blättchen Papier, das mit einer klebrigen Materie bestrichen war, und drückte es leise auf die Figuren, wodurch es mir gelang einige Abdrücke von ihnen zu bekommen, von denen ich der königlichen Sozietät sechse vorgelegt habe. – Diese neue Art von Druckerei war mir um so erwünschter, da ich, wenn ich in meinen Untersuchungen weiter gehen wollte, weder Zeit noch Lust hatte, alle Figuren abzuzeichnen oder zu zerstören. Alle Figuren, von denen ich bis jetzt gesprochen habe, hatte der Zufall erzeugt, und die Art ihrer Erzeugung war mir noch gänzlich unbekannt. Denn ich tat nichts, als daß ich den Deckel des Elektrophors aufhob, und den Kuchen mit Harzstaub bepuderte; was alsdann an Sternen zum Vorschein kam, das verdankte ich lediglich dem Glücke, das seine Gaben schon sparsamer zu spenden anfing. Denn da ich sahe, daß die Kraft des Elektrophors durch den aufgestreuten Staub und die Figuren nicht wenig vermindert wurde: so mußte ich ihn öfters abwischen und von neuen elektrisieren, wodurch die Figuren zugleich von Grund aus zerstört wurden. Dieser mißlichen Erregungs-Methode und dieses Spiels wurde ich endlich müde, der Reiz der Neuheit verschwand; und ich fing daher an über die schon gemachten Versuche sorgfältig nachzudenken, und die vorhandenen genauer zu betrachten. Da erinnerte ich mich eines lebhaften Knisterns an der Stelle des Elektrophors, die hernach die meisten Sternchen zeigte; wodurch es wahrscheinlich wurde, daß die Figuren entweder durch das Eindringen der elektrischen Materie aus dem Deckel durch das Harz in die untere Form, oder wenigstens durch ein Überströmen derselben in das Harz selbst erzeugt worden waren. Hiervon wurde ich noch mehr überzeugt, als ich die Versuche im Dunkeln anstellte, und sahe, daß aus dem Deckel leuchtende Büschel herabfuhren, die auf die Basis projiziert jene Sternchen bildeten. Ich fand auch, daß die Elektrizität der Basis an dieser Stelle positiv war, denn wenn ich einen kleinen Teller darauf setzte und auf die gehörige Art wieder abhob, so war er negativ. So sah ich mir ein neues und weites Feld von Versuchen eröffnet, und dies gab mir neuen Mut. Zuerst legte ich kleine runde Blätterchen von Zinnfolie auf die Basis; diese wurden von dem aufgehobenen Deckel angezogen und bald darauf wieder auf die Basis zurückgestoßen, wo sie herumrollten, und ihren Weg mit den niedlichsten Strahlen bezeichneten; die Spitzen aufgesetzter Körper, z.B. eines Zirkels, wurden mit strahlenden Kreisen umgeben; blecherne Röhren oben mit einem polierten Knopf versehen brachten, wenn sie auf die Basis gesetzt wurden, die prächtigsten Sonnen hervor. Nachdem ich also die Ursache der Erscheinung entdeckt hatte, gebrauchte ich kleinere Elektrophore, und fand, daß alle Versuche auch mit diesen ohne Mühe und große Kosten gemacht werden können. Damit aber niemand vergebliche Mühe anwende, so will ich meinen Apparat, und besonders die Einrichtung meines doppelten Elektrophors, der sowohl zu diesen als zu vielen andern Versuchen sehr geschickt ist, kurz beschreiben. Man nehme ein Brett, z.  B. von Lindenholz, von länglicher Gestalt, (IV. Taf. 1. Fig.), ungefähr zwei Fuß lang, einen Fuß breit, und etwa einen Zoll dick, und überziehe es zuerst mit Zinnfolie oder Goldpapier, so daß auch der Rand des Holzes bedeckt wird; dann fasse man es mit einer Einfassung von dünnem und biegsamen Holz ein, die etwa zwei und eine halbe Linie hervorragen, und wenigstens mit einigen metallenen Nägeln befestigt sein muß. Diese Schüssel – denn so sieht es aus – richte man mit einer Wasserwaage, und gieße dann so viel von der harzigen Mischung hinein, als hinein geht. Die Mischung wird am besten aus gemeinem und burgundischem Harz gemacht und mit etwas Terpentin versetzt, um sie geschmeidiger zu machen und zu verhindern, daß sie bei den Veränderungen, die das Brett von der Temperatur der Luft erleidet, nicht springt. Der Deckel, der zehn Zoll im Durchmesser halten muß, kann entweder von Zinn, oder von Holz oder Pappe mit Zinnfolie überzogen sein, und muß, wie gewöhnlich, in seidenen Schnüren hängen (IV. Taf. 2. Fig.). Den meinigen habe ich von Lindenholz machen lassen. Die untere Seite wird etwas ausgehöhlt, und ehe man sie mit der Zinnfolie belegt, mit Leder oder Leinewand oder etwas dickem Papier überspannt, um die Berührung mit dem Kuchen des Elektrophors teils vollkommener, teils sanfter zu machen. Diesen Deckel kann man sowohl in P als in N (IV. Taf. 1. Fig.) auf den Elektrophor stellen, so daß er von der Einfassung um einen Zoll absteht, und zwischen den Kreisen, die er in beiden Lagen einnimmt, ein Zwischenraum von zwei Zollen bleibt. Das Verfahren, wodurch ich diesen Elektrophor elektrisiere, ist ebenso einfach als wirksam, und der Aufmerksamkeit der Physiker nicht unwürdig. Wir wollen annehmen, der Elektrophor habe gar keine Elektrizität, so muß man die Stelle, wo der Deckel die positive Elektrizität (die ich immer mit   E bezeichnen will,) bekommen soll, entweder mit der trockenen Hand, oder mit dem zusammengerollten Bart von einer Schreibfeder gelinde reiben. Dann setzt man den Deckel darauf, macht die gewöhnliche Verbindung zwischen ihm und einem Nagel der Einfassung, indem man den einen mit dem Daumen, den andern mit dem Mittelfinger berührt, hebt ihn an den seidenen Schnüren ab, und bringt ihn an die metallene Röhre, oder was es sonst für ein metallener Körper sei, den man in N aufgesetzt hat, um das bißchen   E von jenem in diese überzuleiten. Man schiebt darauf die Röhre mit dem Finger, oder was noch besser ist, mit einem idioelektrischen Körper, z. B. einer Schreibfeder, oder Siegellackstange, etwas fort; und verfährt dann ebenso, wie vorher. Hat man dieses Verfahren drei oder vier Mal wiederholt, und immer das   E des Deckels in die Röhre innerhalb N übergeleitet, nachdem man diese vorher auf eine andere Stelle gerückt, so wechselt man um: man setzt die Röhre in P, und den Deckel auf N, der nun, wenn man ihn aufhebt, negativ elektrisch sein wird. Sein - E bringt man in die Röhre in P; und so fährt man abwechselnd fort, Deckel und Röhre bald auf die eine, bald auf die andere Seite zu setzen, bis man sieht, daß die Seite P dem Deckel eine starke positive, und die Seite N eine starke negative Elektrizität erteilt. Auf diese Art habe ich gesehen, daß der Elektrophor, der anfangs in P kaum Fünkchen so groß wie Pulverkörner, und in N gar keine hervorbrachte, binnen vier Minuten durch sich selbst so sehr verstärkt wurde, daß der Deckel anderthalb Zoll lange Funken   E und - E gab. Setzt man den Deckel in P und N so auf, daß die Teile der Kreisflächen, die von ihm bedeckt werden, im umgekehrten Verhältnis der Intensität ihres   E und - E sind: so zeigt er, wenn man ihn aufhebt, gar keine Elektrizität; und bedeckt man gleiche Teile, so ist seine Elektrizität, wenn er aufgehoben wird, der Summe der Elektrizität beider Kreise gleich. Nach dieser Vorbereitung wird ein jeder sehr leicht folgende Versuche anstellen können. Nur muß er noch einige Scheiben von Gummilack oder gemeinem Harz zur Hand haben; auch sind Scheiben von gefärbtem Schwefel oder Siegellack, und gefärbtem Glase gut. Überdies braucht man verschiedene metallene Röhren, die oben entweder mit einem Knopf oder einer scharfen Spitze versehen sind; ferner einen kleinen Vorrat von gestoßenem Harz, Schwefel, Glas, von Hexenmehl und dergleichen – ingleichen eine Leidener Flasche mit einer Kette usw. Erster Versuch Man stelle die Röhre mit dem polierten Knopf auf die Scheibe von Gummilack oder Harz (IV. Taf. 4. Fig.), und lasse einen Funken   E auf den Knopf schlagen; dann nehme man die Röhre mit der bloßen Hand weg, und bepudere die Stelle mit Hexenmehl oder zerstoßenem Harz: so wird eine solche strahlende Sonne zum Vorschein kommen, als auf der II. Taf. abgebildet ist. Nimmt man aber die Röhre vermittelst eines idioelektrischen Körpers weg, so fehlt der schwarze Kreis, aus dem die Strahlen hervor schießen. Zweiter Versuch Wird die Röhre negativ elektrisiert, und dann mit bloßer Hand abgehoben: so entsteht die Figur, die auf der III. Taf. vorgestellt ist. Braucht man einen idioelektrischen Körper zum Abheben, so fehlen an der Figur die schwarzen Ästchen fast ganz. Hier muß ich noch bemerken, daß ich, nachdem die zweite Kupfertafel schon fertig war, durch die positive Elektrizität öfters Figuren mit drei und mehren konzentrischen Kreisen umgeben hervorgebracht habe. Da es aber jetzt nicht meine Absicht ist, alles zu beschreiben, was ich gesehen habe, sondern was andere zu tun haben, um es selbst zu sehen: so wollte ich nicht mehrere Figuren beifügen, und spare meine Hypothesen für eine andere Abhandlung. Dritter Versuch Man lege eine Scheibe von Gummilack auf eine etwas kleinere Röhre, und stelle die vorher gebrauchte Röhre oben darauf, so wie die 5 te Fig. der IV. Taf. vorstellt; alsdann elektrisiere man A positiv, so wird auf der obern Seite der Scheibe eine strahlende, und auf der untern eine negative strahlenlose Figur entstehen, die zwar nicht ganz so wie die hier abgebildeten aussehen, aber deren Ähnlichkeit mit diesen auch ein ungeübtes Auge leicht erkennen wird. Auf diese Art kann man die Elektrizität durch mehrere Scheiben zugleich gehen lassen, und ihren Weg untersuchen. Wendet man anstatt der positiven die negative Elektrizität an, so ist alles umgekehrt. Vierter Versuch Man stelle eine Leidener Flasche auf die Harz-Scheibe, und elektrisiere ihren Knopf positiv; dann wird auch die Figur auf der Scheibe in die Klasse der positiven gehören; hingegen wird sie negativ sein, wenn man die Flasche negativ elektrisiert. Ein aufmerksamer Beobachter wird hier mancherlei Verschiedenheiten beobachten. Ich habe die artigsten Ringe, und die schönsten elliptischen und kreisförmigen Flecken gesehen, in denen ich, wenn ich sie näher ans Auge brachte, öfters wieder die zartesten Ellipsen und konzentrischen Kreise wahrnahm. Die schönsten Figuren dieser Art, deren bewundernswürdige Bildung und Regelmäßigkeit ich mit Worten nicht beschreiben kann, erhielt ich, wenn ich ein gemeines Bierglas voll Wasser auf die Scheibe von Gummilack setzte und vermittelst der oft gedachten Röhre das Wasser positiv oder negativ elektrisierte (Fig. 6.). Fünfter Versuch Hierher läßt sich auch eine neue Art von Steganographie rechnen, auf die ich zufälliger Weise geriet, und die einem jeden, der Sinn für den Genuß hat, den die Betrachtung der Natur gewährt, viel Vergnügen machen wird. Man lade eine Leidener Flasche, die von außen mit einer Kette versehen ist (IV. Taf. 7. Fig.), stark positiv; dann halte man mit der einen Hand die Kette an einen Nagel der Einfassung des Elektrophors D, fasse mit der andern die Flasche an ihrer äußern Belegung an, und mache mit ihrem Knopf allerhand Züge auf der Oberfläche des Elektrophors: so werden diese, wenn man sie nachher bepudert, selbst noch nach mehrern Tagen sehr nett zum Vorschein kommen, und den Kränzen aus Schachthalm (equisetum) nicht unähnlich sein. Isoliert man aber den Elektrophor, und hält den Knopf der Flasche an die Einfassung, und schreibt mit der Kette, (Fig. 8.): so sehen die Züge wie Perlenschnüre aus. Mehrere Versuche anzugeben habe ich jetzt weder Zeit, noch halte ich es zu meiner Absicht für nötig. Nur einen einzigen will ich noch T. I. T 1 T II T II Tab. IV. T. V. T. VI. T. VII.   T. VII. - T. VIII. besonders anführen, weil er mir bis jetzt nur zwei Mal gelungen ist, und daher schwerlich von allgemeinen Ursachen herrühren kann. Wenn ich auf die Oberfläche meines großen Elektrophors so viel Wasser tröpfelte, daß es ungefähr einen Kreis von einem Zoll im Durchmesser bildete; dann die Röhre mitten hineinstellte und positiv elektrisierte: so fing das Wasser, wenn ich es bepuderte, immer an, sich mit einer Atmosphäre zu umziehen, die aber in den eben erwähnten Fällen unvollkommen war. Es fehlte nämlich das elliptische Fleck a (Fig. 9. Taf. IV.), von welchem das Pulver zurückgestoßen wurde; dagegen entstand außerhalb der Atmosphäre eine andere größere Ellipse A, die das Pulver anzog. Der Grund dieser Erscheinung ist mir noch unbekannt; wahrscheinlich fand zwischen a und A eine verborgene Leitung Statt. Indessen werden diejenigen, die sich mit diesen Versuchen beschäftigen, öfters Gelegenheit haben solche Erscheinungen zu beobachten, deren Erklärung für die Theorie der Elektrizität nicht anders als vorteilhaft sein kann. Ich füge noch einige Beobachtungen und Vorsichtsregeln bei: Man kann zwar Glasscheiben anstatt der Harzscheiben nehmen, allein die Figuren werden selten so nett und deutlich darauf. Bisweilen habe ich Spielkarten, elastisches Harz, Bretter usw. mit verschiedenem Glück und mit verschiedenem Erfolg gebraucht. Man muß die Scheiben sorgfältig abwischen; denn da die Figuren sich schwer vertilgen lassen, so könnte es geschehen, daß, wenn man dieselbe Scheibe zu mehreren Versuchen hintereinander brauchte, man dasjenige einer Ursache zuschriebe, was die Wirkung mehrerer wäre. Hat man aber das Pulver abgewischt, so kann man mit einem einzigen Hauch alle Wirkung der vorigen Elektrizität zerstören. Zum Pudern muß man das feinste Harz- oder Schwefel-Pulver, in einem leinenen Säckchen eingeschlossen, und von Metallen die feinsten Feilspäne nehmen. Es wäre vielleicht gut, ähnliche Versuche unter der Luftpumpe anzustellen. Ich habe Harzscheiben auf einen Magnet gelegt und die feinsten Eisenfeilspäne darauf gestreut, aber bis jetzt nichts Merkwürdiges wahrnehmen können. Um konzentrische Kreise hervorzubringen, taugen Röhren, die mit Spitzen versehen sind, besser als andere. Man muß die Harzscheiben bei den oben beschriebenen Versuchen auf leitende oder anelektrische Körper legen. Die konzentrischen Kreise und Ringe, die überall bei diesen Versuchen vorkommen, verbreiten nicht wenig Licht über die sinnreichen Schlüsse von Wilcke Schwedische Abhandlungen auf das Jahr 1777.] , und über die Erklärung der elektrischen Pausen von Gros Elektrische Pausen, Leipzig 1776. – Rozier Obs. sur la Physique. Septembre 1777. p. 233. , wovon künftig ein Mehreres. Einige Lebensumstände von Capt. James Cook, größtenteils aus schriftl. Nachrichten einiger seiner Bekannten gezogen von G.C.L. Dieser Mann, der über die ganze gesittete Welt und einen großen Teil derjenigen bekannt geworden ist, die wir nicht mit unter dieser Benennung begreifen; von dem man bisher so viel gesprochen hat, und dessen Verlust jetzt der beßre Teil von Europa betrauert, verdient von unserm Vaterland näher gekannt zu werden, als bisher geschehen ist. Wer ihn allein aus seinen Reisen um die Welt kennt, kennt ihn bei weitem nicht genug. Es waren dieses freilich die Unternehmungen, die seinen Ruhm so weit ausgebreitet haben, aber ausgebreiteten Ruhm hatte er schon lange vor jener Zeit verdient. Gegenwärtiger Aufsatz enthält in einer getreuen Erzählung alles, was mir von diesem außerordentlichen Mann bekannt geworden ist; seine Tugenden neben seinen Fehlern: jene ohne rednerischen Schmuck, dessen sie nicht bedürfen; und diese ohne gesuchte Entschuldigung, die sie nicht vertragen. Etwas was den Namen eines Lasters verdiente, ist mir indessen nicht bei ihm vorgekommen. James Cook ward im Jahr 1728 in der Grafschaft York geboren. Sein Vater war ein gemeiner Landmann, der sich mit Bebauung einiger Ländereien ernährte, die er doch von einem, wie es scheinet, gütigen Herrn gepachtet hatte. Von seinen Brüdern und Schwestern, deren einige waren, ist nur jetzt noch eine Schwester am Leben, die ebenfalls an einen Pächter verheiratet ist. Der junge Cook hatte sich also nach einem solchen Eintritt in die Welt keine sonderliche Erziehung zu versprechen. Auch wurde er bloß in die öffentliche Pfarrschule getan, wo er lesen lernte, etwas schreiben und rechnen und den Katechismus. In seinem 13. Jahre gab ihn sein Vater einem Schiffer aus Whitby, der Steinkohlen von Newcastle nach London zu führen pflegte, auf 7 Jahre in die Lehre. Diese Lehrjahre arbeitete er, ohne sich besonders auszuzeichnen, durch, und diente hernach auf etlichen Reisen von Newcastle nach London als gemeiner Matrose. Auf einer dieser Reisen ereignete es sich einmal, daß das Schiff, zu welchem er gehörte, verkauft wurde; um also wieder nach Newcastle zu kommen, erbot er sich auf einem andern Schiffe gegen bloße Verköstigung als Matrose zu arbeiten. Allein der Schiffer brauchte keinen Matrosen, bot ihm aber die ledig gewordene Schiffskochsstelle an, wenn er sie versehen könnte. Cook übernahm diesen Dienst, und führte also auf einer Reise von London nach Newcastle seinen Namen einmal mit der Tat. Bald darauf wurde er auf einem andern Schiff als Gehülfe des Schiffers (mate) oder Steuermann gebraucht, und bei dieser Stelle war es, wo sich seine Talente zu entwickeln anfingen. Was nämlich bei solchen kurzen Reisen an den Küsten hin Tausende an seiner Stelle nicht merken, das fühlte Cook sehr bald, nämlich, daß man ohne Mathematik zeitlebens ein elender Steuermann bleiben müsse. Eine unerschütterliche Beharrlichkeit in Verfolgung dessen, was er sich einmal zu erreichen vorgesetzt hatte, ist ein Hauptzug in Cooks Charakter. Hier fing er an sich zu äußern. Er machte alles Geld, das er sich auf seinen Reisen erspart hatte, mit dem was ihm sein Vater noch hergab, zusammen und nahm Privat-Unterricht in der Mathematik und der Schiffskunst. Nachdem er sich gute Kenntnisse hierin erworben, so ward ihm auch der Kohlenhandel und das Küstenbefahren zu einförmig. Er breitete sich mehr aus, und tat eine Reise nach der Ostsee, nach St. Petersburg und Wiborg, auch eine nach Norwegen. Auf einer dieser Reisen machte er die Bemerkung von der großen Menge Vögel, die sich in einem Sturm auf das Tauwerk des Schiffs niederließen und davon einige, die vom Falkengeschlecht waren, sich nach einigen Tagen von den übrigen kleineren zu nähren anfingen. S. Georg Forsters Reise S.  36. 1. Teils. Um diese Zeit machte der mit Frankreich ausgebrochene Krieg die Nachfrage nach geschickten Seeleuten sehr groß. Denn nach der Einrichtung des englischen Schiffs-Etat zieht kein Offizier unter Lieutenants-Rang in Friedens-Zeiten Gage. Man sucht also, wenn ein Krieg angeht, vornehmlich Leute, die man zu Mitschmännern, Schiffsmeistern und Meisters-Gehülfen gebrauchen kann, das ist, die entweder ehedem schon ähnliche Stellen auf Kriegsschiffen bekleidet, oder doch auf Kauffahrtei-Schiffen als Schiffer oder Gehülfen gedient haben. Bei dieser Gelegenheit wurde Cook als Meisters-Gehülfe angestellt und wohnte der Eroberung von Louisbourg und Kap-Breton mit bei. Ob er nun gleich hier noch nicht auf dem Wege war, der geschwind zu hohen Stellen führt, so fand sein stilles Verdienst doch bessere Beobachter. Man sah bald, daß sich seine Kenntnisse sehr weit von den Kenntnissen seinesgleichen unterschieden. Denn alle Zeit, die ihm seine Amtspflichten übrig ließen, studierte er, und las die besten Werke der Engländer über das Seewesen, und selbst die, welche die Mechanik der Segel und des Steuerns beim Schiffslauf durch die Analysis des Unendlichen erläutern. Dabei war er pünktlich und unermüdet in seiner Pflicht, lauter Eigenschaften, die so selten bei jungen Seeleuten, die keine außerordentliche Erziehung genossen haben, angetroffen werden, daß sie in ihm nicht übersehen werden konnten. Capt. James Cook Als daher im Jahr 1759 England die Eroberung von Quebec beschloß, so bekam Cook eine Stelle als Schiffsmeister bei der Flotte des Admiral Saunders, und war mit bei der Partei die auf der Insel Orleans landete, wo er auch Gefahr lief, gefangen zu werden. Bei der Expedition auf Quebec selbst, also in seinem 31ten Jahr, zeichnete er sich durch eine Tat aus, die unter uns nicht sehr bekannt geworden ist, auch nicht so glänzend ist, als die Umseglung der Welt, aber so wie er sie ausführte, allemal so gut wie diese ihren Mann verewigt. Der Admiral hatte mit dem Befehlshaber der Landmacht, dem Liebling der englischen Nation Wolfe, die Verabredung genommen den Feind in Quebec zu einer falschen Mutmaßung zu verleiten. Man wollte eigentlich beim St. Charles-Fluß angreifen, um ihm aber glauben zu machen, man sei willens den St. Laurenz-Strom hinauf, an der Stadt vorbei, zu gehen und oberhalb derselben etwas zu unternehmen, so mußte Cook alle Nacht in einem Boote unter Bedeckung von einigen Soldaten längst dem Flusse hinauf Bojen zu Wegweisern für die Flotte legen. Der Feind wurde dieses bald gewahr und feuerte aus der untern Stadt auf ihn, allein er fuhr mit der ihm eignen Beharrlichkeit und Pünktlichkeit fort. Alle Morgen kamen die Franzosen und nahmen die Bojen wieder weg, und alle Abend kam Cook und legte wieder andere und ließ wieder auf sich feuern, und dies alles – bloß um den Feind auf eine falsche Mutmaßung zu leiten. Der Angriff geschah endlich beim St. Charles-Fluß, allein die Lage und die Befestigungen des Orts nötigten doch den General Wolfe seinen Plan zu ändern. Man fuhr fort alle Nacht Bojen zu legen, und endlich mußte würklich geschehen, was man anfangs den Feind bloß glauben machen wollte, die ganze britische Landmacht ging unter Cooks Führung als Steuermann in einer Nacht den Strom glücklich hinauf; man erstieg die Höhen Abrahams im Rücken von Montcalm, der nunmehr den Feind beim St. Charles-Strom erwartete, und Quebec und ganz Kanada wurden, wiewohl mit dem Verlust beider Heerführer, Wolfes und Montcalms, erobert. Nach der Eroberung von Quebec blieb Cook, nebst dem Schiffe, worauf er sich befand, auf der Küste von Nordamerika bis zum Frieden. Nach dem Frieden wollte die englische Regierung die Küsten der großen und wegen ihrer Fischerei für England unschätzbaren Insel Neufundland so genau als möglich aufnehmen lassen. Auch hier wurde Cook gewählt, denn seine Stärke in allen hierzu nötigen Kenntnissen sowie sein großer Diensteifer waren bekannt und dabei wußte er auch seinen Vorgesetzten durch öfteres Aufwarten seinen Namen gut ins Gedächtnis zu prägen. Man gab ihm ein kleines Schiff nebst 10 bis 12 Mann; er kaufte sich einige gute mathematische Instrumente, unter andern einen sehr schönen hölzernen Quadranten von Birds Arbeit, nebst einem sehr guten Spiegel- Teleskop und einer vortrefflichen Taschen-Uhr. Mit Hülfe dieser Werkzeuge nahm er in den Jahren 1764 bis 1767 (inclus.) die ganze südliche und den größten Teil der nördlichen Küste von Neufundland auf und gab nach und nach Spezialcharten davon heraus. Man darf diese Blätter nur flüchtig ansehen, um über des Mannes Fleiß zu erstaunen. Die Menge der größern Meerbusen, kleinern Buchten, Sandbänke, Klippen und Abweichungen der Magnetnadel, die er angegeben hat, welches ohne Messung unzähliger Winkel und ein beständiges Peilen mit dem Wurfblei nicht geschehen konnte, ist außerordentlich. Was diese Verrichtungen äußerst beschwerlich machte, war, daß er immer im Dezember nach England gehen, und den folgenden März wiederum eine geliebte Familie verlassen mußte, um nach einer Insel zurückzukehren, in deren tiefen Buchten das Eis nicht selten bis in den Junius liegt; ja er selbst hat in der Straße von Belle-Isle einige aus Norden dahin getriebene und gestrandete Eisberge bemerkt, die den ganzen Sommer über nicht schmolzen, und noch tief in den zweiten hinein lagen. Dabei ist das Land an der Küste schlecht bewohnt, höchstens sind es Fischer und Holzhändler, die weder Ackerbau noch Viehzucht treiben, die sich da aufhalten. Das Innere des Landes bewohnen die noch alten Eingebornen, ein wildes ungeselliges Volk, und in dem nördlichen und nordwestlichen Teile der Insel sind die ungeschlachten und oft treulosen Esquimaux. Frische Lebensmittel müssen also durch die Fischerei und die Jagd verschafft werden. Die erstere überließ Cook seinen Matrosen, die letztere übernahm er selbst, und er kam niemals ohne Gänse, Enten und andere Vögel, womit die dortigen Ufer und Felsen oft ganz bedeckt sind, reichlich beladen zurück. Auch erinnerte er sich einmal einen weißen Bären erlegt zu haben, den er den Esquimaux überließ, die ihn aufaßen und viel Fett daraus schmolzen. Auf einer dieser Jagden hatte er das Unglück, daß einmal sein Pulverhorn, eben als er es in der Hand hatte, Feuer fing, ihm den Daumen der rechten Hand zerschlug, und einige andere Finger beschädigte. Die Wunde wurde zwar durch den Chirurgus von einem der Kriegsschiffe, die zur Bedeckung der Fischerei dort immer liegen, bald geheilt, allein Cook konnte sich doch beim Schreiben des Daumens nun nicht mehr bedienen und hielt seit der Zeit immer die Feder zwischen dem Mittel- und Zeigefinger. Man sieht hieraus, daß seine Lage wenigstens in Absicht des Umgangs und der Gemächlichkeiten des Lebens keine von den angenehmsten war, ob er gleich sonst, außer seiner Gage als Meister des Schiffes, täglich noch eine halbe Guinea als Landmesser bekam und manche andere Vorteile genoß. Allein aus diesem Gesichtspunkt allein muß man auch seine Lage nicht beurteilen. Inwiefern er den Verlust guter Gesellschaft dort empfunden haben mag, läßt sich nicht bestimmen, den von Gemächlichkeiten des Lebens hat er wenigstens nicht gefühlt. Er bediente sich vielmehr dieser Gelegenheit seiner Sparsamkeit, die er oft zu weit trieb, ganz nach eignem Gutdünken nachzuhängen und versagte sich auch noch die gemeinsten. Er trank z. B. seinen Tee niemals mit dem auf den Schiffen gewöhnlichen Speiszucker, sondern, um jenen zu ersparen, mit schwarzem Sirup; ja sogar die Talglichter, die ihm doch die Regierung vergütete, brannte er nicht, sondern dafür den Tran, den man aus Seehundefett schmolz. Dieses muß freilich zum Teil mit aus seiner niedrigen Erziehung und den Angewohnheiten aus einem Stand, den er kaum verlassen hatte, erklärt werden, daß aber doch noch etwas mehreres mit darunter steckte, sieht man schon daraus, daß er z. E. wegen seines zerschellten Daumens, als ein in Königl. Diensten Verwundeter, eine jährliche Vergütung von 4 Pf. Sterling aus der Kasse annahm, in welche jeder Matrose, er diene auf Königlichen oder Kauffahrtei- Schiffen, monatlich von seinem Gehalt 6 Pence bezahlen muß, um kranke und verwundete Seeleute daraus zu verpflegen. Wenn er aber den Mangel an guter Gesellschaft selbst nicht gefühlt haben sollte, so ist wenigstens so viel gewiß, gewürkt auf ihn hat er allemal; denn man schreibt mit Recht seinem Aufenthalt in diesen wilden Einöden einen Teil des finstern Wesens und der ungeselligen, oft zu weit getriebenen Zurückhaltung zu, die man nachher an ihm bemerkte. Während dieser Zeit hatte sich Cook ein kleines Haus mit einem kleinen Garten zu Mile-End nahe am östlichen Ende von London gekauft, wo er seine Winter zubrachte, und da dachte er nun wohl seine Tage als Schiffsmeister und Landmesser im Dienst der Admiralität zuzubringen. Denn der Sprung vom Schiffsmeister zum Lieutenant oder Capitain ist äußerst schwer und selten, man gibt solchen Leuten am Ende höchstens eine von den 20 Besoldungen, welche für alte Schiffsmeister ausgesetzt sind, oder braucht sie zu Aufsehern (master attendants) in den Königl. Schiffs-Werften, wo ihr Amt darin besteht, daß sie Takel- und Tauwerk und die Bestimmung der Segel bei den auszurüstenden Schiffen anordnen. Indessen Cook, der zu etwas Größerem aufgehoben war, tat diesen Sprung würklich und zwar bei folgender Gelegenheit. Die Königl. Sozietät der Wissenschaften zu London hielt zu Beförderung astronomischer Kenntnisse für vorteilhaft den Durchgang der Venus durch die Sonne, der sich im Sommer 1769 ereignen sollte, auf einer Insel des Stillen Meeres beobachten zu lassen, und stellte deswegen bereits im Februar 1768 dem Könige in einem eignen Memorial den Nutzen einer solchen Unternehmung vor. Der König genehmigte nicht allein den Vorschlag, sondern gab auch sogleich Befehl an die Admiralität ein Schiff dazu auszurüsten und schenkte überdas der Gesellschaft zu Ausführung ihres Vorhabens eine sehr ansehnliche Summe Geldes. Die Wahl fiel damals auf eine der Marquesas-Inseln. Allein Capt. Wallis der eben um diese Zeit von seiner Reise um die Welt zurück kam, bemerkte in einem Briefe an den damaligen Präsidenten der Königl. Sozietät, Lord Morton, daß zu dieser Beobachtung wohl keine Insel leicht bequemer sein könnte, als eine von ihm neuerlich in der Südsee entdeckte, der er den Namen König Georgs-Insel gegeben hatte Otaheiti . Nach genauer Erwägung der Lage dieser Insel wurde Capt. Wallis' Vorschlag genehmigt, die Anstalt zur Reise mit Eifer betrieben, und von dem berühmten Admiral Lord Hawke die Ausführung dieses Unternehmens dem Schiffsmeister und Landmesser Cook, den er zu dem Ende auch zum Schiffs-Lieutenant und Kommandeur des Schiffes ernannte, anvertrauet. Und nun war Cook endlich an der Stelle auf die er gesetzt werden mußte, um von der einen Seite der Welt mit seinen großen Talenten zu nützen und von der andern auch von ihr dereinst die Belohnung sicherer erwarten zu können, die sie verdienten. Herr Joseph Banks, jetziger Präsident der Sozietät der Wissenschaften, erbot sich aus Eifer für die Naturkunde überhaupt und die Kräuterkunde insbesondere die Reise mitzumachen. Er bewog den Dr. Solander nebst verschiedenen geschickten Malern sie ebenfalls mit anzutreten, und sein ansehnliches Vermögen setzte ihn in den Stand die besten Bücher und Instrumente anzuschaffen und sonst alle nötige Vorkehrungen zu treffen, um die Reise zum Dienst der Wissenschaften gemeinnützig zu machen. Auf Königl. Schiffen ist es gewöhnlich, daß der Capitain, dem es die Regierung vergütet, die Personen, welche sie mitschickt und nicht eigentlich zum Schiffs- Etat gehören, frei beköstige. Herr Banks aber übernahm die Verpflegung seiner eignen Reisegesellschaft, des Astronomen Green und selbst Herrn Cooks, und zahlte demselben obendrein für den Gebrauch der Schiffs-Kajüte und alles andern Gelasses für sich und seine Freunde eine sehr ansehnliche Summe. Das Schiff tat die Reise nach Otaheiti, von welcher Dr. Hawkesworth die bekannte Beschreibung aus Cooks und Herrn Banks Handschriften herausgegeben hat. Solche Reisen auf kleinen Schiffen im britischen Dienst sind für den Kommandeur immer sehr vorteilhaft, weil man ihm gemeiniglich das einträgliche Amt eines Säckelmeisters (Purser) zugleich mit aufträgt. Er hat nämlich Freiheit an fremden Orten die Bedürfnisse des Schiffs einzukaufen und die Zahlung auf die Admiralität anzuweisen, selbst der Verkauf von Tobak und Kleidungsstücken an die Matrosen ist für ihn eine Quelle eines beträchtlichen Vorteils, welches alles Cook so wohl zu nützen wußte, daß ihm diese Reise wenigstens drei- bis viertausend Pfund in allem eingebracht hat. Auf Otaheiti selbst kam ihm nun sein Umgang mit den Wilden in Kanada, Neufundland und Labrador sehr zustatten. Er wußte mit diesen freilich gesittetern Völkern so umzugehen, daß er sich ihren Respekt zugleich mit ihrem Zutrauen erwarb. Es kam auch unter ihm auf dieser Insel nie zu den Ausbrüchen von Grausamkeit, denen dieses wehrlose Volk, so oft ohne Not von den Waffen gesitteter Europäer ausgesetzt war. Der Eindruck, den dieses auf die Taheitischen Einwohner machen mußte, war um so lebhafter, als ihnen damals noch die Beispiele so vieler von den Franzosen ermordeten Mitbrüder in frischem Andenken war. Außer den Beobachtungen, welche der eigentliche Zweck der Reise waren, nämlich des Durchgangs der Venus durch die Sonne und der geographischen Lage der Insel Otaheiti, wurde dieselbe auch von Herrn Cook ganz umsegelt und aufgenommen, so wie er auch alle die benachbarten Inseln in Charten brachte. Auf der Reise von hier aus nach Süden entdeckte er, daß Neuseeland aus zwei beträchtlichen Inseln zusammengesetzt sei; die Meerenge zwischen beiden wurde daher Cooks-Meerenge genannt; er sah auch die ganze östliche Küste von Neuholland in einem Strich von beinahe 30 Graden Breite und entwarf darüber bessere und genauere Seecharten, als wir noch vor kurzem kaum über einige Küsten von Europa besessen haben. Auf dieser Tour war es, wo sein Schiff 24 Stunden auf Korallenklippen hing, und sich in einer der schrecklichsten Lagen befand, die sich bei einer solchen Reise befürchten lassen. Ich muß hier den Leser, dem diese Geschichte noch nicht bekannt ist, auf die Hawkesworthische Beschreibung dieser Reise verweisen, wo sie im 3ten Buch im 3ten Kapitel befindlich ist. Sie ganz herzusetzen fehlt hier der Raum und auch der beste Auszug würde sie verderben. Man hörte während der ganzen Zeit kein ängstliches Schreien und keinen Laut von Verzweiflung auf dem Schiff, man erwartete sein Schicksal mit dem sich allen mitteilenden Mut des standhaften unerschrockenen Mannes, der es führte. Die Reise, von Neuholland ab, durch einen Strich des Meeres, den vermutlich vor ihm nie ein europäisches Schiff gesehen, und den auch nur allein ein Mann wie Cook, von der Vorsichtigkeit, der brennenden Begierde nach Ruhm und dem fast an Hartnäckigkeit grenzenden Beharren in einem einmal gefaßten Vorsatz, befahren konnte, ist unstreitig eine der glorreichsten Begebenheiten seines Lebens. Drei Monate lang mußte er sich mit dem Senkblei in der Hand durch eine Kette von Klippen durchtasten die seinem Schiff jeden Augenblick den Untergang drohte. Das Senkblei wurde einmal auf einen Strich von 220 deutschen Meilen, ganz im eigentlichen Verstand jede Minute ausgeworfen, denn oft, wenn sie die fürchterlichsten Brandungen nahe vor sich sahen, konnten sie dem ohngeachtet mit 120 Lachter Faden keinen Grund finden; jene Korallenklippen scheinen also, als wahrhafte Korallenzinken, wie Türme und Mauern senkrecht aus dem Boden des Meeres herauf zu steigen, an denen das Schiff in dem Augenblick zu Trümmern gehen kann, da man über einer sichern, unergründlichen Tiefe zu schwimmen glaubt. Diese Gefahren wuchsen oft so an, daß sie sogar einmal in einer Lage, die sie kurz vorher für eine der gefährlichsten gehalten hatten, gerne wieder Schutz suchten, um nur dem augenblicklichen Untergang zu entweichen. Dabei zog ihr Schiff jetzt so viel Wasser, daß nur allein Leute in ihrem Zustand, die durch so viele gegenwärtige Gefahren für jede etwas entferntere unempfindlich gemacht wurden, ruhig dabei bleiben konnten. Indessen alle Schwierigkeiten wurden überwunden und Cook entdeckte endlich die Meerenge, welche Neuholland von Neuguinea trennt. Die Unbekanntschaft mit derselben hätte dem Herrn Bougainville, bei seinem großen Mangel an Lebensmitteln fast den Untergang zugezogen. So sehr sich auch nun Cooks Unternehmung einem glücklichen Ende zu nähern schien, so hätte doch der ihm nötige lange Aufenthalt in dem ungesunden Batavia, seinem Schiffsvolk, den mitreisenden Gelehrten und ihm selber tödlich werden können, der größte Teil wurde von faulen Fiebern und Diarrheen angefallen an denen mehrere wegstarben. Bei dem Vorfalle mit dem Matrosen, Der Matrose, von dem hier die Rede ist, hieß Mara, und war ein Irländer, tat nachher mit Cook die zweite Reise, wollte in Otaheiti zurückbleiben, und sprang daher über Bord, als man dem Könige O-Tuh zu Ehren die Kanonen bei der Abreise lösete. Er wurde aber entdeckt und wieder an Bord gebracht. Bei seiner Ankunft in England schrieb er die Nachricht von dieser Reise in 8. die ebenfalls ins Deutsche übersetzt ist. der von einem holländischen Schiff nach Cooks Schiff desertierte, und den Hawkesworth im 10.Kap. des III.Buchs seiner Reisebeschreibung erzählt, muß folgendes erinnert werden, weil es uns den Weltumsegler von einer neuen Seite zeigt, und einen Zug in seinem Charakter sehen läßt, der, mehr oder weniger, nachher Ursache an seinem Untergang gewesen ist. Cook hatte diesen Menschen, während so viele seiner Leute krank lagen, einmal gebraucht, sich in seiner Pinasse vom Schiff an Land rudern zu lassen. Als er ausgestiegen war, blieb dieses Boot noch etwas an dem Werft liegen, weil es einige zur Reise nötige Sachen an Bord mit zurück nehmen sollte. Hier erblickte man den Matrosen in demselben. Gleich kam ein holländischer Korporal mit 4 Soldaten um ihn wegzunehmen, einer von Capt. Cooks Seeleuten aber, der sich mit im Boot befand, lief dem Capitain, der kurz vorher ausgestiegen und weggegangen war, eiligst nach und erzählte ihm was vorging. Cook kam zurück ans Boot als eben die Holländer nach einem harten Wortwechsel, womit sie nichts ausgerichtet hatten, zur Gewalt schreiten wollten. Er fragte den Korporal: was er da mit seinen Leuten wolle; ich habe Ordre, antwortete der, diesen Deserteur wegzuholen. Untersteht euch nur, sagte Cook, und als der Korporal zudrang, zog er sogleich den Degen und rief ihm zu, er sei des Todes, wenn er nur noch einen Schritt näher käme. Als nun hierauf der Korporal würklich wieder rückwärts von Gewalt zum Wortwechsel schritt, wurde dem Capitain auch dieses zuviel, rennte mit der größten Hitze und dem Degen in der Hand auf ihn los, und jagte ihn und das ganze Detachement von der Anleg-Brücke eine ganze Strecke in vollem Lauf weg. Dieser Umstand veranlaßte den Befehl des General-Gouverneurs den Matrosen auszuliefern, allein Cook bestund darauf, der Matrose sei ein Untertan seines Königs, und den gäbe er nicht heraus. In der Tat ist auch ein braver englischer Seecapitain gewiß der letzte Mann, der bei einer solchen Gelegenheit seinem Könige und Vaterland und sich etwas vergibt, am allerwenigsten gegen einen Holländer. Man fand auch endlich in Batavia, daß mit dem entschlossenen Mann, ob er gleich seine meisten Kanonen auf den Korallenklippen bei Neuholland hatte sitzen lassen, und seine Artillerie größtenteils in einem Paar Drehbassen zum Salutieren bestund, nichts auszurichten sein möchte, und die Sache wurde, so wie sie Hawkesworth erzählt, beigelegt. Freilich war diese Tat allemal verwegen, hätte er in dem Korporal einen ihm ähnlichen Mann gefunden, so hätte ihn hier schon das Schicksal treffen können, das ihn 9 Jahre nachher auf O-Why-He bei einer ähnlichen Gelegenheit traf. Allein es ist glaublich, daß er dem Korporal sehr bald seinen Mangel an Entschließung bei einer wichtigen Sache angemerkt, und daher gegen ihn mit so großer Kühnheit und Entschlossenheit gehandelt hat. Kaum war Cook von seiner Reise zurück gekommen, so wurde er von Lord Sandwich dem Könige vorgestellt, der ihn sehr gnädig aufnahm. Er wurde zum kommandierenden Schiffs-Meister ernannt (master and commander) ein Rang der zwischen den Lieutenant und den Capitain fällt. Vielleicht steht hier und zumal bei jetziger Zeit eine kleine Vergleichung zwischen dem Rang der See- und Landoffiziere im englischen Dienst nicht am unrechten Ort. Der kommandierende Schiffsmeister hat den Rang von einem Major, so wie der Schiffs-Lieutenant, den von einem Capitain der Landmacht. Der See-Capitain steht in den drei ersten Jahren nach seiner Ernennung mit dem Obrist-Lieutenant gleich, nach Verlauf dieser Zeit aber ist er soviel als Obrister. Die Kommodore sind Brigadiers; die Rear Admirale (Schout by Nacht) General-Majors und die Vizeadmirale General-Lieutenants; endlich sind die Admirale der verschiedenen Flaggen, den Generalen der Infanterie oder Kavallerie gleich, und ein Vizeadmiral von Großbritannien dem Commandeur en Chef aller britischen Truppen. Man hatte nicht lange nach dieser Zeit vernommen, daß die Franzosen auch einige Entdeckungen gemacht hätten, und fand als man die Seecharten untersuchte, daß überall im Süden ein großes unerforschtes Meer übrig war, wo noch große Länder uns unbewußt liegen könnten. Der König beschloß diesen Punkt der Erdbeschreibung zum besten aufklären zu lassen, und Cook wurde auch zu dieser Unternehmung wieder ausersehen. Anstatt eines Schiffes wurden aber nun zwei ausgerüstet. Das eine, welches Cook kommandieren sollte, war anfangs zum Kohlenhandel bestimmt, wurde hierauf nach Rußland geschickt, um gegen die Türken gebraucht zu werden, kam aber von da wieder zurück, weil es in Petersburg keinen Beifall erhielt und nun kaufte es die Admiralität zu der neuen Reise. Es war von 480 Tonnen, rund und stark gebaut, konnte also mehr ausstehen, als die, nach Fregattenart, gegen den Kiel zu scharf gebauten Schiffe, und hatte außerdem viel Gelaß. Man nannte es die Resolution und gab demselben oben auf dem Hinterverdecke noch eine Kammer oder Kajüte für den Kapitän, weil Herr Banks, der nebst Dr. Solander und vielen andern Gehülfen wieder mitzugehen gedachte, die Kajüte selbst einnehmen sollte. Das andere Schiff war kleiner, von 340 Tonnen, bekam den Namen Adventure und wurde Herrn Tobias Furneaux Dieser Herr Furneaux, hatte vorher als zweiter Lieutenant mit Capt. Wallis schon die Reise um die Welt gemacht und Otaheiti besucht. Nach Cooks Zurückkunft im Jahr 1775 ward er mit demselben zugleich zum Schiffs-Capitain ernannt und bekam die Fregatte Syrene von 28 Kanonen zu kommandieren, die er auch nach Amerika führte. Hier hatte er das Unglück, daß sein Schiff in einem Sturm nicht weit von Rhode-Island auf Klippen geriet, und scheiterte. Ein Teil seiner Leute wurde von den Amerikanern gefangen, und viele verunglückten; er selbst entkam in einem Boot nach Rhode- Island. Dieser traurige Vorfall machte den braven Mann gleich anfangs tiefsinnig und in dem Zustande kam er zu seinem Bruder in Devonshire. Das Übel nahm bald zu; man brachte ihn nach London, wo er sich des Rats vieler Ärzte, hauptsächlich des Dr. Monro bediente, der in Krankheiten dieser Art vorzüglich glücklich ist. Allein es war alles vergeblich, er wurde völlig wahnwitzig zu seiner Familie nach Devonshire zurück gebracht. Dieses ist das Schicksal eines, wie alle bezeugen, die ihn gekannt haben, gutmütigen, geschickten und tapfern Mannes. als kommandierendem Schiffsmeister anvertraut. Herr Banks mit seinen Freunden und Gehülfen ging indessen nicht mit. Er hatte nämlich ein Schiff verlangt, das mehrern Raum hätte, und dieses zu erhalten setzte Schwierigkeiten von allerlei Art, worüber er endlich seinen Vorsatz aufgab. Nun fiel die Wahl auf Herrn Dr. Forster, der den Antrag unter sehr vorteilhaften Bedingungen annahm, und sich seinen Sohn zugleich als Gehülfen und Zeichner zugesellete, und im Julius 1772 segelten beide Schiffe endlich ab. Man hatte sich hauptsächlich mit allerlei noch unversuchten Mitteln wider den Scharbock und andere Seekrankheiten versehen, die unter allen Übeln, die solche Reisen begleiten, doch immer die fürchterlichsten sind, allein eine Hauptursache derselben wurde durch Herrn Dr. Forster gehoben. Gleich anfangs bemerkte er nämlich einen Geruch, wie faule Eier unten im Schiffe. Ihm als Passagier war dieses neu, er fragte also einen Matrosen, woher das komme; Es käme vom Bilgewater (dem stehenden Wasser im Schiffsboden) antwortete der, als von etwas längst Bekanntem, und einer Sache, die sich nicht heben ließe. Dr. Forster schlug nach physischen Gründen vor die Luft im Pumpenbrunnen, ganz im Boden des Schiffs durch Feuer zu verdünnen; welches bald einen Zufluß von frischer Luft an dem Orte verschaffen, und dem faulen Geruch mit allen seinen Folgen vorbeugen müßte. Sein Rat wurde befolgt und die ganze Reise über verspürte man keine üble Würkung von dem faulen Wasser im Pumpenbrunnen mehr. Man hatte 60 Faß Sauerkraut mitgenommen, davon wöchentlich 3 mal ein halbes Quart auf jeden Mann ausgeteilt wurde, und weil man es an des Capitains Tafel täglich aß, so trug der Matrose kein Bedenken es auch zu essen, da es denn durch seine gegorne vegetabilische Säure der Fäulnis am besten widerstund und den Scharbock verhütete. Doch diese Umstände und andere, wodurch diese Reise eine der merkwürdigsten wurde, in dem in den 3 Jahren, die sie gedauert, von 120 Menschen nur einer eigentlich an einer Krankheit gestorben, sind bereits bekannt. Wäre durch diese zweite Reise auch nichts entdeckt worden, als diese Mittel dem Scharbocke auf Schiffen so kräftig zu widerstehen, so wäre diese für die Menschlichkeit so wichtige Entdeckung allein schon genügsamer Ersatz für alle den Aufwand von Mühe und Geld, der deswegen ist gemacht worden. Die Königl. Sozietät der Wissenschaften ging auch zu dem Ende von ihrer Vorschrift, des Ritter Copley goldne Medaille nur denen zu geben, die die beste Ausarbeitung über irgend eine philosophische Materie oder neue merkwürdige Versuche und große nützliche Entdeckungen einliefern, diesesmal gewissermaßen ab, und gab sie Herrn Cook, dessen Verdienst doch hierbei eigentlich nur darin bestund, daß er den Gebrauch der vorgeschlagenen Mittel nicht hinderte. Allein wer bedenkt, daß neue und nützliche Erfindungen meistens schon ihre bare Belohnung mit sich bringen, entweder Geld oder Ruhm oder beides, und daß hingegen die Überwindung von früh eingesognen Standesvorurteilen, die, so bitter sie auch der Eigenliebe schon an sich ist, es noch mehr durch die damit verbundene Verachtung anderer unsersgleichen wird, nach denen wir uns von Jugend aufgemessen haben, daß diese, sage ich, entweder eine Belohnung selten findet oder doch nur eine, die dem Überwinder selten schmeckt, der wird das Urteil der Königl. Sozietät willig unterschreiben und bekennen müssen, daß auch dieses Verdienst von Cook einer goldnen Medaille würdig war. Während dieser Reise befuhr Cook das südliche große Weltmeer zwischen dem 60.Grad südlicher Breite und dem Polarzirkel. Eine Fahrt, die wegen der beständigen Gefahren, womit sie verbunden ist, nicht leicht einem andern wieder gelingen wird. Die häufigen Schneegestöber und Nebel machen, daß man in diesen Gewässern selten über einige hundert Lachter vom Schiffe ab etwas unterscheiden kann und daher in beständiger Gefahr schwebt, gegen einen von den so häufigen Eisbergen dieser See zu rennen, indem man nicht selten kaum so viel Zeit hat, wenn man sie erblickt, denselben noch mit dem Schiffe auszubeugen. Allein auch die Fahrt zwischen diesen schwimmenden Eilanden wurde nützlich. Man hat vormals wohl gesagt, daß oben auf diesen ungeheuren Eismassen stehende Seen von süßem Wasser sich befänden, die sich in Strömen und Bächen herab ins Meer ergössen, allein davon liest man nicht, daß irgend ein Schiffahrer das schwimmende Eis aufgefangen, geschmolzen und statt süßen Wassers gebraucht habe. Cranz in seiner Geschichte von Grönland behauptet sogar das Tafel-Eis sei salzig, welches in der antarktischen See zuverlässig nicht ist, wahrscheinlich also auch in der nördlichen nicht. Land ist innerhalb des südlichen Polar-Zirkels und dessen Nachbarschaft nicht gefunden worden, welches Dr. Forster als die wahrscheinliche Ursache der größern Kälte jener Gegenden angibt. Angemerkt zu werden verdient hier, daß Cook zuweilen 16 Wochen ohne Land zu sehen die See hielt, ohne die fürchterlichen Folgen des Scharbocks zu erleben; und ohne großen und gefährlichen Krankheiten mit seinem Schiffsvolk ausgesetzt zu sein, oft innerhalb vier Wochen aus einer Kälte von   27 Graden des Fahrenheitischen Thermometers in eine Wärme von 70 lief, und also bewies, daß es hiermit auf der See auch keine schlimmere Beschaffenheit habe, als auf dem festen Lande. So geht um Archangel und Tobolsk das Wetter oft in wenig Wochen vom Gefrieren des Wassers zur größten Hitze über und innerhalb 3 bis 4 Wochen nach Abschmelzung des Schnees ist das Gras schon wieder so hoch, daß es den Kühen an die Bäuche reicht, und doch sind beide Gegenden gesund und für so kalte Erdstriche auch noch sehr volkreich. Bisher hatte Cook auf seiner Reise immer einer guten Gesundheit genossen, jetzt wurde er gefährlich krank und zwar aus einer Ursache, aus welcher wohl selten Befehlshaber von Schiffen erkranken. Er wollte durchaus nicht besser speisen, als der Letzte seines Schiffsvolks. Er nahm daher nie Federvieh mit auf die Reise, oder er hatte dessen so wenig, daß es nicht verdient genannt zu werden. Er aß beständig das harte zähe Pökelfleisch mit weg, allein zuletzt hielt es sein Magen nicht mehr aus; er bekam heftige Verstopfungen und ein Gallenfieber. Lange verschwieg er sein Übel vor den Leuten und suchte sich durch Fasten zu heilen, allein das half nichts, er wurde immer schwächer und konnte endlich nicht mehr aus dem Bette sein. Es war ein rührender Anblick zu sehen wie alles trauerte sobald der Mann lag, der sich durch seine Erfahrung und Vorsicht im Seewesen, seine beständige Vorsorge und durchaus einförmiges Betragen gegen sein Schiffsvolk in eine Art von väterlichen Kredit gesetzt hatte. Selbst die Ursache der Krankheit vermehrte den Anteil, den jeder an derselben nahm. Man konnte auf jedem Gesicht Besorgnis und Ängstlichkeit lesen, solange er in Gefahr war. Er hatte große Schmerzen, keine Öffnung und keine Kräfte mehr, und endlich stellte sich sogar ein gefährliches Schlucken ein, das 24 Stunden dauerte, aber endlich doch durch warme Bäder überwunden wurde. Nachdem er sich wieder etwas zu bessern anfing, hatte man nichts, das seinem Magen hätte bekommen und Nahrung und Kräfte geben können. Endlich wurde ein treuer otaheitischer Hund von Dr. Forster aufgegeben und geschlachtet, um dem kranken Capitain stärkende Brühen daraus zu bereiten, mit deren Hülfe man ihn auch würklich so lange hinhielt bis man Inseln erreichte, und wieder neue Erfrischungen, Hühnerfleisch und nahrhafte Früchte bekam. Den Umständen also, daß ein einziger Hund im ganzen Schiffe noch am Leben war, daß derselbe dem Capitain aufgeopfert wurde, daß er in der vorigen Reise gelernt hatte, daß Hunde eine gute nahrhafte und wohlschmeckende Speise geben, hatte also diesesmal das Schiffsvolk das Leben seines vortrefflichen Capitains zu danken. Nachdem er in der Südsee zum zweitenmal sich den Wende- Zirkeln näherte, sah er die vom Admiral Roggewein entdeckte Paaschen- oder Oster-Insel, welche auch von den Spaniern 1770 im Schiffe San Lorenzo und der Fregatte Rosalia unter dem Befehl des Capt. Don Felipe Gonzalez besucht worden. Er fand wenig oder keine Erfrischungen und nur schlechtes Wasser und eilte daher nach bessern Gegenden, nämlich nach den vom Spanier Mendañia entdeckten Inseln, die derselbe Las Marquesas de Mendoza genennt hatte. Er fand sie und sah noch eine kleine Insel mehr. Nach einem Aufenthalt von wenigen Tagen ging er zum zweitenmal nach Otaheiti und sah unterwegs ein paar kleine, flache Inseln, die noch von wenigen waren gesehen worden. In O-Reyedea hörte er, es wären zwei Schiffe in Huaheine angekommen. Anfangs glaubte er, es wäre eine von den Einwohnern erfundene Fabel, allein am Kap erfuhr er nachher, daß es spanische Schiffe gewesen. Siehe das erste Stück dieses Magazins S.73 u. folg. Auf der Reise nach den freundschaftlichen Inseln sah er ein paar kleine, unbedeutende Eilande. In Rotterdam oder Namoka blieb er einige Zeit und bald darauf sah er die von Bougainville gesehenen und vordem schon von Quiros entdeckten Inseln. Er fand südwestlich von denselben noch andere, denen er zusammen den Namen der neuen Hebriden beilegte. Hierauf wurde Neukaledonien, eine 240 britische Seemeilen lange Insel von ihm entdeckt, und auf dem Wege von da nach Neuseeland ein kleines wüstes Inselchen, das er der verstorbenen Herzogin von Norfolk zu Ehren die Norfolks-Insel nannte. Von Neuseeland aus nahm er einen nie besuchten Weg über die unermeßliche Südsee nach dem Kap Horn zu und legte in 6 Wochen einen Weg von 1500 Seemeilen zurück. Am Kap Horn fand er das schönste Wetter und hier gänzlich unerwartete Windstillen. Der Capitain und seine gelehrte Tisch-Gesellschaft die beiden Herrn Forster und Dr. Sparrmann fanden auf Tierra del Fuego zum letztenmal eine Gelegenheit durch eine sehr gefährliche Jagd dem ganzen Schiffsvolk zu frischem Fleisch zu verhelfen, und allen Gliedern dieser Gesellschaft war es eine rührende Freude einer Menge von 120 Menschen Speisen zu verschaffen, die ihnen, nach dem so lange ununterbrochenen Genuß des fast 3 Jahr alten Pökelfleisches, zugleich die angenehmste Abwechselung und die gesundeste Nahrung gewährten. Überhaupt verdient hier bemerkt zu werden, daß diese Tisch-Gesellschaft auf der ganzen Reise sehr willig ihr erlegtes Federvieh mit dem übrigen Volk teilte und die Kranken vorzüglich damit versah. Diese Sorgfalt machte den Capitain bei seiner sonstigen Störrigkeit und oft unfreundlichem Wesen bei den Leuten sehr beliebt, man ging mit Mut in die größte Gefahr und an die sauerste Arbeit bei Frost, Nässe und Mangel an gesunden und nahrhaften Speisen. Die übrigen Offiziere an Bord waren nicht so gütig, sie behielten ihren Vorrat für sich. Nach Verlassung dieser öden Gegenden, die einem ungewöhnten Auge schrecklich und grausend dünken, kamen die Inseln von Südgeorgien und Sandwich-Land zum Vorschein, gegen welche selbst Staatenland und Tierra del Fuego wieder Paradiese sind. Eis und Schnee bis an den Himmel aufgetürmt, und nahe an der See einige niedrige unbedeckte Klippen, wo in einer kleinen Vertiefung nur Ein Gras (Dactylis glomerata) und eine südliche Pflanze (Ancistrum decumbens) kümmerlich wuchsen, und wo nur schwerfällige Pinguinen und Seelöwen (Phoca jubata) sich langsam bewegten, war alles, was das Auge erblickte. Nun war es wohl ausgemacht genug, daß in dem südlichen Weltmeere außer diesen zwei unbedeutenden Eilanden kein ander Land mehr zu finden sei. Denn man hatte nun die ganze Tour gemacht und tiefer nach Süden einzudringen war wegen des Eises unmöglich. Da aber noch einige Offiziere glaubten, daß doch noch da Land sein möchte, wo Cook im Jahr 1772 das erste Eis gesehen hatte, etwas östlicher als Bouvets vorgebliches Land: so ging Cook, um der Verleumdung allen Weg abzuschneiden, künftig einmal Vorwürfe von Nachlässigkeit selbst nur auf Mutmaßungen gegen ihn zu gründen, auch noch über den Strich See, wo Bouvet Land wollte gesehen haben, aber eigentlich Eis gesehen hatte. Allein man fand nun weder Eis noch Land, und wo 1772 unzählige Eismassen herumtrieben, fand man jetzt auch nicht eine Scholle. Bei seiner Ankunft am Kap konnten die englischen Ostindienfahrer, die dort lagen, und die gemeiniglich eine ganze Menagerie von gemästeten Schinesischen Wachteln, Gänsen, Hühnern u. a. m. in Käfigen mitführen, um ihre Pasteten damit zu füllen, nicht begreifen, daß ein Mann 28 Monate in See gewesen sein könne, ohne auch nur einen einzigen von Europäern bewohnten Hafen besucht zu haben. Die Geschichte schien ihnen ein Roman. Sie dachten, man bediente sich bloß der Freiheit der Reisenden, Unwahrheiten zu erzählen, als man ihnen sagte: man habe indessen Seeraben, Albatrosse, Sturmvögel, Pinguinen, Seebären und Seelöwen gespeist, und mitunter auch wohl einmal Hunde und Haifische, und nichts konnte sie überzeugen, als die langen Gesichter, die sie an Bord fanden, und die ungeheuchelte Begier, mit welcher alles jetzt verschlungen wurde. Auch unsern Lesern, die vermutlich billiger sind als jene Ostindienfahrer, können wir doch eine kleine Geschichte nicht verschweigen, woraus sie sehen werden, was für frisches Fleisch man zuweilen auf Cooks Schiffe speiste, und was für Wild auf demselben gejagt wurde, wenn es sonst keines zu jagen gab. Ein alter Quartiermeister (der ehrwürdige Graukopf verdient, daß man ihn nennt) namens John Elvel, hatte eine Lieblings-Katze, diese brachte ihm alle Morgen eine feine Ratte, die sie unten im Schiffe fing. Mit diesem Leckerbissen hielten es die beiden Freunde folgendergestalt: John Elvel zog ihr das Fell ab, nahm sie aus, und briet sie, wenn alles fertig war, so erhielt die Katze erst die äußern Teile und auch wohl einige kleine Bissen vom Rumpf, und alsdann aß John Elvel das übrige. An dem Kap sah Cook den lebhaften Capt. Crozet, welcher den Ajax, ein Schiff im Dienst der franz. Ostindischen Compagnie führte, und mit Capt. Marion in Neuseeland gewesen war, der das Unglück hatte, von den Einwohnern nebst 28 Seeleuten erschlagen und aufgefressen zu werden. Crozets freundlich gefälliges Wesen, einige gerechte Lossprüche auf Cooks Verdienste und eine herablassende zuvorkommende Visite, machten, daß Cook diesen Franzosen lieb gewann und ihn nebst seiner ganzen Menge von Offizieren zu Gast bat. Hingegen Don Juan Arraos der spanische Capt. der Fregatte Juno, der als Spanier weniger zuvorkommend, etwas mehr zurückhaltend und ernsthaft war, gefiel dem Capt. Cook gar nicht. Hierzu kam noch, daß Arraos sich eben von einer schweren Krankheit erholt hatte, und daher alles Zeremoniell, das ihm hätte Zwang antun können, vermied, ob er gleich immer sehr freundlich war. Allein bei Cooks Abreise überraschte ihn der zurückhaltende Spanier mit einer Höflichkeit, die er gar nicht erwartete, und nach seinem Betragen und Stand gar nicht erwarten konnte, er begrüßte nämlich als Capitain einer Fregatte von 30 Kanonen den kommandierenden Schiffsmeister einer armierten Schaluppe von 20, mit 9 Kanonen- Schüssen, Dieses schmerzte den Cook und erregte zu spät den Wunsch bei ihm, mit dem edel denkenden Spanier Bekanntschaft gemacht zu haben, wozu auch derselbe nicht undeutlich, wiewohl vergeblich, Neigung zu erkennen gegeben hatte. Eine kurze Zeit nach seiner Zurückkunft wurde Cook nunmehr zum würklichen Capitain der Flotte erhoben und bekam eine Stelle beim Hospital zu Greenwich, wo er nun sein übriges Leben in Ruhe zuzubringen hoffte. Allein während Cooks Abwesenheit hatte man auch eine Unternehmung zu Erforschung der nördlichen polarischen Gewässer angestellet, in welcher Capit. Phipps (jetziger Lord Mulgrave), wie man weiß, nicht sehr glücklich war. Herr Daines Barrington, Bruder des Lords und Admirals gleiches Namens, hatte in einer kleinen Schrift Zeugnisse gesammelt, die beweisen sollten, daß vordem Schiffe viel weiter nach Norden gedrungen als Lord Mulgrave und selbst dem Pole nah gekommen seien. Diese Schrift wurde durch Parteigeist von den Transaktionen ausgeschlossen. Barrington ließ sie besonders drucken, mit neuen Zusätzen. Er wollte sich rächen und suchte es dahin zu bringen, daß durch eine Parlementsakte dem, der eine nördliche Durchfahrt aus der Südsee in das Atlantische Meer finden würde, eine Belohnung von 20 000 Pf. Sterling gegeben werden sollte, und noch 5000 mehr, falls er sich bis auf Einen Grad dem Nordpole nähern würde. Nun schlug Barrington abermals den Capitain Cook zu dieser Expedition vor, auf welcher man den bekannten So, und nicht Omiah und Clarke müssen diese Namen geschrieben werden. Omai nach Taheiti zurückbringen, und alsdann die Durchfahrt zwischen Asien und Amerika ausfindig machen sollte. Der Ehrgeiz, die Beharrlichkeit und Gewinnsucht des Capitain Cooks waren Herrn Daines Barrington ebensoviel Triebfedern, von denen er sich den glücklichsten Ausgang versprach, wenn die Sache nur irgend möglich wäre. Die Rolle, die er bei der ganzen Unternehmung spielte, war überdas beneidenswert, er konnte sich an seinen Gegnern rächen und erschien dabei als ein Mann, der eine der größten Unternehmungen der neuern Zeit begünstiget hatte. Zwei Schiffe wurden ausgerüstet, die alte Resolution unter Cooks Kommando und ein neues Schiff die Discovery, welches dem Capitain So, und nicht Omiah und Clarke müssen diese Namen geschrieben werden. Clerke anvertrauet wurde, der nunmehr seine vierte Reise um die Welt antrat. Im Julius 1776 stachen sie in See und am 9.November desselben Jahres verließen sie das Kap der guten Hoffnung. Cook hatte indessen seine Aufsätze über die vorige Reise zur Verbesserung dem Dr. Douglas, Canonicus von St. Paul in London, anvertraut und Herrn Strahan, Königl. Buchdrucker, und Herrn James Stuart, der die Beschreibung von Athen herausgibt, die Besorgung der Herausgabe seiner Reise übergeben, unter deren Aufsicht sie auch im Mai 1777 erschien. Alles, was wir nun von der letzten Reise wissen, ist durch die englischen Zeitungen, vorzüglich aber durch die Briefe des Herrn Pallas an Herrn Ober-Konsist. Rat Büsching, die man in alle Zeitungen auszugsweise eingerückt hat, neuerlich so sehr bekannt geworden, daß wir uns hier mit dem Merkwürdigsten daraus begnügen können. Vom Kap ging er geradeaus um die von Capitain Marion und Kerguelen entdeckten Inseln, welche auf des Herrn Prof. Forsters Charte der südlichen Meere schon ziemlich richtig angegeben sind, zu untersuchen. Capit. Cook zweifelte an der Richtigkeit der Entdeckung und hielt das Ganze für eine französische Erfindung. Die beiden Herren Forster hingegen waren aus des Capt. Crozets Munde überzeugt worden, daß er und Kerguelen das Land wirklich gesehen hatte. Cook fand es auch und ging von da nach Neuholland, Neuseeland, und den Sozietäts-Inseln, wo er den Omai auf Huaheine absetzte. Omai wurde mit einem allgemeinen Freudengeschrei seiner Landsleute empfangen, und man fand nicht, daß sie ihn seiner Reisen und Vorzüge wegen beneidet hätten, wenigstens nicht während Cooks Gegenwart. In Otaheiti ließ er die am Kap eingenommenen Tiere, nämlich einen Bullen und einige Kühe, einen Hengst und einige Stuten, ein paar Schafböcke und einige Mutterschafe, einen Pfau und einige Pfauhennen etc. zugleich mit einigen Muskat-Nußbäumen, die er von Neuholland mitgebracht hatte. Als die großen Tiere aus Cooks Arche hervor kamen, so sollen sie von den Einwohnern fast angebetet worden sein. Es wurden auch welche unter die übrigen Inseln verteilt. Gegen Ende des Jahres segelte er nordwärts, erreichte im März des folgenden die Küste von Amerika, und lief da etwas nordwärts von dem Ort, wo man auf den Charten Aguilar findet, ein, um sein stark beschädigtes Schiff auszubessern. Von da segelte er, nachdem er viele Stürme überstanden, längst der Küste von Amerika hinauf und verbesserte manche Fehler der bisherigen Charten, die ihn überhaupt oft verführt hatten, fand auch die Meerenge, die Amerika von Asien trennt Diese Meerenge, die sonst die Straße Anian hieß, ist von dem Herrn Ober-Konsist. Rat Büsching nunmehr ebenfalls Cooks-Meerenge genannt worden. S. dessen wöchentl. Nachrichten 1780. St.3. S.38. würklich und fuhr durch dieselbe hin. Nach dem Durchgang durch dieselbe folgte er immer der Küste von Amerika, die sich nun nach Nord-Osten zog und zweifelte nicht mehr, daß er nicht das Ziel seiner Wünsche erreicht haben sollte. Allein im August 1778 wurde er in einer Breite von 70°. 45'. und 198 Grad Länge von Greenwich so plötzlich vom Eise umgeben, daß er Gefahr lief von demselben gar eingeschlossen zu werden. Er machte sich aber doch los, und weil er hier keinen Ausgang sah, auch Land gegen den Pol zu vermutete, wodurch das Eis seine Festigkeit erhielt, so ging er nun nach der asiatischen Seite um sein Glück längs der Küste von Sibirien zu versuchen. Allein es glückte ihm da ebensowenig und er mußte wieder nach der Straße zurück, wobei er unterwegs bemerkte, daß beide Erdteile in dieser Gegend ein niedriges, nackendes Land zeigten, und daß die See zwischen ihnen und nordwärts von der Straße nicht tief sei. Auf der Insel Unalaska überlieferte er einen Brief, der im Oktober 1778 datiert ist, einem Haufen Russen, am Ende desselben er meldet, daß er auch auf dieser Reise bisher nur 3 Mann verloren, worunter einer noch dazu eines gewaltsamen Todes gestorben. Auf einer Tour von hier südwärts traf er unter dem 200ten Grad östlicher Länge von Greenwich und dem 22ten nördlicher Breite auf einen Archipelagus von Inseln, davon eine auf der d'Anvillischen Charte des Globus als das von Mendaña gesehene Land angegeben wird. Und nun muß man erstaunen, es waren Leute, welche an Farbe, Leibesgestalt, Hauptzügen des Gesichts, Sitten und Sprache mit den Einwohnern von Otaheiti überein kamen. Soviel man also nun weiß, ist diese Sprache von Neuseeland bis zur Oster-Insel und von Horn-Island bis zu diesen Inseln ausgebreitet. Ja auf den Ladrones-Inseln finden sich Spuren, sowie im Malaiischen. Ein erstaunliches Rätsel für den Forscher der Weltgeschichte, wenn man bedenkt, was für eine schlechte Verbindung die erbärmlichen Fahrzeuge jener Menschen zwischen so entfernten Ländern abgeben. Auf einer dieser Inseln O-Why-He ankerte er in einem Meerbusen und wurde von den Einwohnern fast göttlich verehrt und mit allen Erfrischungen die sie hatten, im Überflusse versorgt. Bald nachdem er diese Insul verlassen hatte, nötigte ihn ein heftiger Windstoß, worin sein Vorder- Mast platzte, wieder nach derselben zurückzukehren. Nun fand er die Einwohner sehr verändert und sehr viel diebischer als vorher. Sie raubten ihm endlich sogar ein Boot. Als er nun, dieses zurückzufordern, sich nach ihrem Oberhaupt hin begab, übernahm ihn bei einer frechen Begegnung eines der umstehenden Wilden seine Hitze und er gab Feuer auf ihn. Allein der Blitz der ohnehin schon nicht mehr gefürchteten Gottheit schadete nun auch nicht einmal, man fiel über ihn her und Cook wurde mit 4 seiner Leute erschlagen. Dieses geschah am 14. Februar 1779. So starb einer der größten Weltumsegler, wo nicht der größte unter allen und einer der berühmtesten Männer der neuern Zeit, mitten unter den Bemühungen seinem Ruhm noch zuzusetzen, was ihm fast nur allein noch zugesetzt werden konnte – nämlich da er die Durchfahrt aus dem Stillen Meer in das Atlantische suchte. Die Beinamen, die wir ihm hier gegeben haben, wird ihm niemand streitig machen, der bedenkt, daß außer ihm nie derselbe Mann in beide Polar-Zirkel der Erde eingedrungen; daß er dreimal innerhalb des südlichen gewesen, den noch kein Mensch, von dem wir wissen, je überschritten hat; daß er der Erste war, der die Welt von Westen nach Osten umschifft, und dieses sogar einmal in einer südlichen Breite, die man für fast unbeschiffbar gehalten; daß er die südlichsten Länder der Welt zuerst gesehen, und überhaupt die allgemeine Geographie mit einer Menge von Entdeckungen bereichert hat, die gewiß für unser Zeitalter, da weitläuftige feste Länder nicht mehr zu entdecken stehen, groß sind. Und nun sein Ruhm. Von wessen Unternehmungen und Taten, kann man fragen, haben neuerlich alle Menschen von Erziehung über ganz Europa mit so vieler Teilnehmung gelesen und gesprochen, als von den seinigen? Wessen Mannes Bildnis, der weder ein Prinz, noch ein Eroberer, noch ein Rebelle war, hat man mit so allgemeiner Neugierde angesehen und angestaunt? Alles was er getan hat, hat er zum Dienst seines Vaterlandes und zur Erweiterung nützlicher Kenntnisse getan. Feuer und Schwert haben keinen Anteil. Daher auch mancher, der ihm in unsern Tagen an Ruf gleichkam, ihm an Ruhm nachstehen möchte, und wessen Tod, läßt sich also endlich fragen, ist neuerlich so allgemein beklagt worden als der seinige? Die Leser werden unstreitig nach dieser Erzählung nun begierig sein den Mann noch etwas näher kennen zu lernen. Ich weiß nicht, ob Ihnen nachstehende Schilderung desselben Gnüge leisten wird. Allein zu meiner Rechtfertigung muß ich anmerken, daß es überhaupt meine Absicht nicht war des außerordentlichen Mannes Leben zu beschreiben; dazu gehört mehr: sondern nur, wie auch die Überschrift zeigt, einige mir aus den besten Quellen zugekommene minder bekannte Lebensumstände und Züge aus dem Charakter desselben bekannt zu machen. Vieles bereits Bekannte konnte alsdann, um der Erzählung doch einigen Zusammenhang zu geben, nicht wegbleiben. Cook war ein dürrer, hagerer Mann, von breiten Schultern, starkem, gesundem Knochenbau und wenigstens 5 Fuß 11 Zoll bis 6 Fuß lang. Er ging, wie alle Seefahrer von beträchtlicher Leibes- Länge, stark gebückt, um nicht an die Kajüten-Decke zu stoßen. An seinem Gang, zumal wenn er geschwind gehen wollte, erkannte man noch immer den gemeinen Matrosen; er war lang gespalten, und daher seine Schritte, selbst im Vergleich mit seinem Körper, groß. Ein Physiognome würde hierin den Mann erkannt haben, der geboren war, den Erdkreis zu um – wandeln. Die Stirnhöhlen (sinus frontales) und Augenbraunen waren groß und stark, die Nase lang und dick und seine grauen und kleinen Augen scharfblickend, aber nicht lebhaft. Die hohen Jochbeine (ossa zygomatica) und die daher entstehende Form der Backen gaben ihm ein etwas schottisches Ansehen. Der herrschende Charakter seines Gesichts aber war ein finsteres, störrisches, zurückhaltendes Wesen, dessen Ausdruck durch die überhängende Oberlippe sehr verstärkt wurde. In den mannichfaltigen Brüchen desselben erkannte man nicht undeutlich den Mann von früher Anstrengung und Erfahrung, der viele Hindernisse und viel Elend überstanden, der der Schmied seines eignen Glücks war, und bei dieser heißen Arbeit oft was Redliches geschwitzt haben mag; alles dieses war endlich bei ihm stark mit Zügen des despotischen Schiffs-Capitains verwebt, der bei dem mindesten Versehen eines Matrosen mit dem Fuße stampft und dann den Donner seiner Segensformeln bis hinunter in die Pulverkammer erschallen läßt. Sein Haar war strack und hellbraun; in seiner Jugend soll es rot gewesen sein, wovon aber keine Spur mehr übrig war. In seinem Gesicht war er nicht so schwarz und verbrannt, als man von seiner Lebensart hätte erwarten sollen, wovon wohl seine natürlich bleiche Farbe die Ursache war. Eine frischere Farbe würde ihm zugleich ein schwärzeres Ansehen gegeben haben. In dem Kupferstich, den Sherwin nach einem Gemälde des Dance von ihm geliefert hat, gleicht er sich, nach einem einstimmigen Zeugnis, bis zum Sprechen, und alle die Herrn Bergers Kopie davon, die wir dem Magazin beigefügt haben, mit dem Originale vergleichen wollen, werden finden, daß sie gut ist. Zur Erklärung der etwas eignen Drehung des Kopfs in unserm Kupferstich muß man merken, daß Cook im Original sitzend vorgestellt ist. Vor sich auf dem Tisch hat er eine Charte der südlichen Meere über welche der rechte Arm gelehnt ist, und deren unteres Ende er in der Linken hält, dabei sieht er nachdenkend zur Seite, etwas aufwärts, als empfing er eine Nachricht von jemanden, der in einiger Entfernung von ihm stünde, auf den er aber noch zur Zeit mehr die Augen als die Gedanken gewandt zu haben scheint. In seinem Umgang war er nicht der angenehmste Mann. Feinheit, Artigkeit, Witz und eine gewisse Kultur, die nötig sind in Gesellschaft zu gefallen, fehlten ihm gänzlich. Er war meistens in einer Art von mürrischer Zurückhaltung wie vergraben. Man hat ihn auf einer Reise von 3 Jahren ein einziges Mal für sich singen und einmal pfeifen gehört. Was in seinem Gemüt damals vorgegangen sein mag, weiß man nicht, bei einer außerordentlichen Gelegenheit wenigstens ist es nicht geschehen. Er konnte mit 4 Personen auf dem Schiffe Tage lang umgehen, frühstücken, zu Mittag speisen und zu Abend Punsch trinken ohne mehr als guten Morgen zu sagen, und seine gewöhnlichen Gesundheiten: Der König – Lord Sandwich – Die Marine - Mr. Palliser – und gute Freunde aller Orten, auszubringen. Allein sonnabends abends, wenn er sonst die ganze Woche nicht gesprochen hatte, pflegte er sich wenigstens bei dem ersten Glase Punsch, welches mit der Erinnerung: Saturday night ausgeleeret ward, zu erheitern. Saturday night ist nämlich bei den englischen Matrosen das Losungswort sich an ihre zurückgelassene Weiber und Liebchen zu erinnern, und vergißt niemand vom Schiffsjungen bis zum Capitain alsdann sein Glas zu ihrem Andenken zu trinken. Wo dieser Gebrauch herrühre, ist hier der Ort nicht zu untersuchen. Vielleicht trifft folgende Mutmaßung nicht weit vom Ziel. Man hat bemerkt, daß bei der Königl. Flotte der Sonntag derjenige Tag ist, an dem die meisten Expeditionen losgehen, ganze Flotten und einzelne Schiffe auslaufen usw. Weil nun die Sonnabend-Nacht unmittelbar vor dem Sonntag vorher geht, so könnte es wohl sein, daß man sich auf diese Weise der Abschiedsnacht erinnerte. Dieses im Vorbeigehen, um dem Leser ein Wort zu erklären und zugleich eine Probe zu geben, auf welche Weise eine rohe Klasse von Menschen im Notfall die Vergnügen der Einbildungskraft zu nützen weiß, einem einförmigen, elenden Leben Abwechselung und Anmut zu geben. Oft machten diese Sonnabend-Abende unsern guten Cook sehr munter und gesprächig, er ließ sich in Vademecums-Geschichtchen aus, und riß zuweilen wohl mitunter Zoten. Hieran war aber bei ihm weder Übermaß von Punsch noch eine andere Neigung schuld. Man muß es vielmehr aus seiner Erziehung und ehemaligen Gesellschaft erklären. Denn er war merkwürdig enthaltsam, und man kann von ihm im strengsten Verstand sagen: er liebte weder den Wein noch das Frauenzimmer. Bei seiner zweiten dreijährigen Reise um die Welt kam er nur ein einziges Mal auf den Sozietäts- Inseln in den Verdacht einen geheimen Besuch am Tage in der Kajüte angenommen zu haben. Bei Nacht hat er nie welchen gehabt. Seine vorige Gesellschaft soll ihn oft zum Trinken haben zwingen wollen, aber immer vergeblich. Diese Tugenden, die bei einem so gesunden Mann, in jeder Lage in der Welt Bewunderung verdient haben würden, sind hier derselben desto würdiger, als er sie in einem Stand übte, der dieselben oft mitunter wohl gar für Unanständigkeiten hält. In Ansehung seiner Religion schien er ein von allem Aberglauben gänzlich entfernter Mann zu sein. Seine oft gewagten und freien Ausdrücke über manche wichtige Punkte der geoffenbarten Religion sollten es beinahe wahrscheinlich gemacht haben, daß er dieselbe wo nicht verwerfe, doch sehr bezweifle. Allein wer ihn genauer gekannt hat, wird dieses vielmehr seinem oft weit getriebenen Widersprechungsgeist und gänzlichen Mangel an gründlichem Unterricht in der Religion und einer ohne alle Auswahl angestellten Lesung von Büchern über dieselbe sowohl, als von Modeschriften darwider, zuschreiben. Denn er hat auch sehr oft zum Behuf der Religion und Sittenlehre manches gesagt, das man von ihm nicht erwartet hätte. Eben diesem Mangel an ordentlichem und gründlichem Unterricht in andern Dingen, hat man auch zuzuschreiben, daß er sich oft über die Londonsche Sozietät der Wissenschaften so lustig machte. Er hatte des Quacksalber Hill's Review of the Royal Society gelesen und nahm seine Spöttereien daher. Sobald er aber erfuhr, daß man ihm die Copleysche goldene Medaille geben wollte, so wurde er ein Mitglied der von ihm verachteten Gesellschaft. Überhaupt bemerkte man, daß das Bewußtsein seiner Überlegenheit an wahrem, gesundem Menschenverstand und an Macht des eignen Nachdenkens, die er bei sich verspürte, in ihm eine Verachtung gegen alle Gelehrsamkeit, mathematische etwa ausgenommen, bewürkt hatte. Als daher Herr King, zweiter Lieutenant, bei dieser dritten Reise, in welcher Cook umkam, zugleich mit dem Vergnügen, das ihm das Glück machte, unter einem so großen Befehlshaber die Welt umsegeln zu können, seine Verlegenheit gegen ihn darüber äußerte, daß keine Gelehrten mitgingen, sagte er: der T... hole die Gelehrsamkeit und alle Gelehrten obendrein , und bedachte nicht, daß Kenntnis der Mathematik auch Gelehrsamkeit ist. Allein freilich muß man auch diese Worte nicht so nehmen wie sie für uns Mittelländer da stehen. Es ist dieses eine Phrase aus der Hofsprache der schwimmenden Schlösser, welche in die Sprache der Höfe vom festen Lande übersetzt, nicht mehr sagt, als: erlauben Sie gütigst, vielleicht können wir doch zurechte kommen . Auch als man ihm einige Bücher über die Teile von Amerika nordwärts von Kalifornien zu lesen geben und Charten von denselben mitteilen wollte, verbat er sichs anfangs und sagte: er wolle es schon selbst finden. In Gefahren hatte er beides Vorsicht und Mut, nur will man oft nicht genug entschlossene Kühle an ihm bemerkt haben. Er stampfte und tobte und folgte dann oft dem fragsweise gegebenen obgleich sich selbst widersprechenden Rate seiner Offiziere. Oft übernahm ihn auch die Hitze. Wir haben davon zwei Beispiele gesehen, eins in Batavia und eins auf O-Why-He, worüber er das Leben verlor. Hier ist noch ein drittes, wobei er doch vielleicht noch die meiste Entschuldigung verdient. In Batavia wird nach fast morgenländischer Art dem General-Gouverneur sehr große Ehrerbietung bewiesen und die Glieder des hohen Rats haben gleichfalls einen gewissen Teil an diesen Ehrenbezeugungen. Die in Kutschen in der Stadt Fahrenden müssen nämlich allemal an den Seiten der Straßen stille halten, wann ein Eedle Heer vom Rat angefahren kommt, und ein jeder muß vor dem General-Gouverneur aus der Kutsche steigen. Die Kutscher und Bediente in dem Lande sind dessen so gewohnt, daß nichts als die größten Drohungen oder Todes-Gefahr sie von diesem Gebrauche abbringen kann, und sie wollen, daß alle Fremde mitmachen, was die zu Batavia wohnenden Bürger zu tun verbunden sind. Der Kutscher, den Cook gemietet hatte, sah die Kutsche eines Herrn vom Rate angefahren kommen, und wollte nach Gewohnheit an der Seite stille halten. Cook wollte, er sollte weiterfahren, allein der Kutscher bestund darauf, es sei nicht recht. Kaum hörte Cook diese Worte als er den Degen zog, und denselben unter der ernstlichen Bedrohung, ihn augenblicklich durchzurennen, zwang weiterzufahren. Es geschah, und er hatte auch dieses Mal mit Glück seinen Rechten eines britischen Untertanen und Königl. Offiziers nichts vergeben. Arbeitsam war er im höchsten Grad, und in allem was er unternahm beharrlich bis zum Eigensinn. Ehrgeiz und Begierde nach Glück und Reichtum (so sollte man wohl den Geiz nennen, wenn er bei so vieler wahrer Ehrbegierde steht) waren wohl die Haupttriebfedern seiner Handlungen; es konnte auch nicht fehlen, die Art, wie er sich gehoben hatte, nämlich bloß durch eigenes Verdienst auf einer Laufbahn, wo er lange sich genötiget sah sparsam zu leben, mußten endlich den Hang bei ihm bewürken, einen etwas zu hohen Wert auf das Geld zu setzen. Seiner Witwe, welcher man einen Gnadengehalt von 1200 Talern jährlich verwilliget hat, hinterläßt er ein Vermögen von fast 70000 Talern. Als Seefahrer betrachtet, war er von der Natur zu Entdeckungsreisen wie bestimmt, und der Mann, der ihn dem Lord Hawke zuerst vorschlug, hat gewiß ein großes Verdienst, weil es scheint, daß sich sein Vorschlag auf die genaueste Kenntnis des Charakters und der Talente des Capit. Cook gegründet habe. Den unsterblichen Ruhm, den England bei der Nachwelt dieser Reisen wegen haben wird, hat es dieser glücklichen Wahl allein zu danken. Denn die Reisen von Byron, Wallis, Carteret und Furneaux haben wenig oder gar nichts zu der Ausbreitung unserer Kenntnisse über diese unbekannten Teile der Erde beigetragen. Jene Männer verstunden den Seedienst wohl so gut als Cook, allein in Entdeckungsreisen wußten sie sich nicht zu schicken; sie wußten weder wo, noch was, noch wie sie untersuchen sollten; sie hatten nicht Selbstverleugnung genug, die Befehlshaberstelle auf einer Fregatte gegen die auf einem unansehnlichen Kohlenschiffe aufzugeben; ihre Vorsorge fürs Schiffsvolk ging nicht so weit ins Detail; sie wußten sich nicht so gut wie Cook in die Wilden zu schicken; sie hatten weder die mathematischen Kenntnisse dieses Mannes noch die große praktische Fertigkeit in Aufnehmung und Entwerfung der Seecharten, und am allerwenigsten die Geduld 3 bis 4 Jahre auf einer Entdeckungsreise zu liegen. Die Königl. Sozietät der Wissenschaften zu London läßt jetzt zu seinem Andenken eine Medaille in der Größe einer englischen Krone schlagen, welche aber nur die Mitglieder derselben erhalten, sechs in Gold ausgenommen, wovon eine für den König, eine für die Königin; eine für die russische Kaiserin, wegen des freundschaftlichen Beistandes, den man den Schiffen in dem Hafen Awatscha oder St. Peter und Paul geleistet; eine für den König von Frankreich wegen des an seine Schiffe erteilten Befehls, dem Capt. Cook, falls er ihnen während des Kriegs aufstoßen sollte, als einem Freunde zu begegnen; eine für den Herzog von Croy, der dem Könige deshalb den ersten Vorschlag getan, und endlich eine für die Witwe des Capt. Cook selbst bestimmt ist. Wer von den Mitgliedern indessen 20 Guin. subskribiert, erhält ebenfalls eine in Gold, wer eine Guinee subskribiert, eine in Silber, die übrigen erhalten sie alle in Kupfer. Vermischte Gedanken über die aërostatischen Maschinen, von G. C. L. Unser achtzehntes Jahrhundert wird sich sicherlich nicht zu schämen haben, wenn es dereinst sein Inventarium von neu erworbnenKenntnissen und angeschafften Sachen an das neunzehnte übergeben wird, auch selbst wenn die Überreichung morgen geschehen müßte. Wir wollen einmal einen ganz flüchtigen Blick auf dasjenige werfen, was es seinem Nachfolger antworten könnte, wenn es morgen von ihm gefragt würde: was hast du geliefert und was hast du Neues gesehen? Es könnte kühn antworten: Ich habe die Gestalt der Erde bestimmt; ich habe dem Donner Trotz bieten gelehrt; ich habe den Blitz wie Champagner auf Bouteillen gezogen; ich habe Tiere ausgefunden, die an Wunder selbst die Fabel der Lernäischen Schlange übertreffen; Fische entdeckt, die, was der olympische Jupiter nicht konnte, die schwächern, selbst unter dem Wasser, mit unsichtbarem Blitz töden; ich habe durch Linne das erste brauchbare Inventarium über die Werke der Natur entwerfen lassen; ich habe einen Kometen wiederkehren sehen, als der Urlaub aus war, den ihm mein Halley gegeben hatte, und in meinem 8ostenJahr erwarte ich den zweiten; statt einer einzigen Luft, die meine Vorfahren kannten, zähle ich dreizehn Arten; ich habe Luft in feste Körper und feste Körper in Luft verwandelt; ich habe Quecksilber geschmiedet; ungeheure Lasten mit Feuer gehoben; mit Wasser geschossen wie mit Schießpulver; ich habe die Pflanzen verführt, Kinder außer der Ehe zu zeugen; Stahl mit brennendem Zunder wie Butter fließen gemacht; ich habe Glas unter dem Wasser geschmolzen; das Gold von seinem Thron, den es als schwerster Körper Jahrtausende usurpierte, heruntergeschmissen und ein weißes Metall eingesetzt; ich habe eine neue Art vortrefflicher Fernröhre angegeben, die selbst Newton für unmöglich hielt; ich habe die Pole des natürlichen Magneten in einer Sekunde umgekehrt und wieder umgekehrt; ich habe Eier ohne Henne und ohne Brütwärme ausgebrütet. Ich habe gemacht, daß man jetzt einen Bischof zu Rom hat so gut wie zu Hildesheim. Ich habe einer mächtigen und gefährlichenOrdens-Hydra den Kopf zertreten ;Und was ich gesehen habe? O genug. Ich habe Peter den Ersten gesehen, und Katharina und Friederich und Joseph und Leibniz und Newton und Euler und Winckelmann und Mengs und Harrison und Cook und Garrick. Bist du damit zufrieden? Gut. Aber sieh noch hier ein paar Kleinigkeiten: Hier habe ich einen neuen ungeheuren Staat, hier einen fünften Weltteil, da einen neuen Planeten, und ein kleines überzeugendes Beweischen, daß unsere Sonne ein Trabant ist, und sieh hier endlich habe ich in meinem 83sten Jahr ein Luftschiff gemacht, und da – da habe ich einen kleinen Plan, von dem ich dir nur ein paar Worte von der Aufschrift zeigen will:––––––––– ––––––––––––––––––––––––––––––––– –––––––-des Türkischen Reichs – und – zu Konstantinopel. Viele der hier genannten Entdeckungen, so groß sie auch immer jetzt scheinen mögen, sind dennoch bloße Kinder, die nun noch Erziehung erwarten. Was wird nicht aus mancher noch werden, wenn man bedenkt, daß die Kraft, die einst den ersten Preßbengel langsam anzog, jetzt das Vatikan beben macht, daß eine bestrichene Nadel getrennte Weltteile verbunden hat, und Salpeter und Schwefel, an dem man sich anfangs bloß die Finger verbrannte, verbundene Weltteile trennen könnte, wenn man wollte. O wenn doch jemand den Schlüssel zu dem heiligen Gewölbe fände, wo vermutlich noch Tausende solcher Dinge verborgen liegen! Wer will sagen, ob wir nicht unser Leben dereinst wieder auf halbe Jahrtausende ausdehnen; dem Walfisch Zaum und Gebiß ins Maul legen, und mit Sechsen von Pol zu Pol fahren, unter und über dem Wasser; die magnetischen Pole der Erde umkehren, oder zur bequemerern Findung der Meeres-Länge ein paar neue in Cayenne und Borneo anlegen, und mit einem Kaukasus aus weichem Eisen armieren ; oder ob nicht ein Fermier general eine Salbe erfindet, die Bauern damit zu schmieren, daß sie Wolle geben, um sie im Junius zu scheren? Aber leider! leider! liegt alles in einem Labyrinth, wozu Baco den Faden gesucht aber nicht gefunden hat, und der Mensch muß noch jetzt, wie vor Jahrtausenden, die größten Dinge so erfinden, wie die Schweine die Salzquellen und Gesundbrunnen. Das ist sehr traurig. Und dann muß auch seine Entdeckung nicht allzugroß sein, sonst lauft er noch hier und da Gefahr, wo nicht wie das erfinderische Schwein zu Lüneburg für seinen Dienst geviertelt, doch so wie Lord Clives Pferd in einem Stall mit Gitterfenstern auf irgend einem Bergschloß totgefüttert zu werden, und das ist noch trauriger. Ich kehre nun von dieser Ausschweifung etwas zurück, um nur noch ein paar Worte zu sagen, die ebenfalls nicht ganz hieher gehören, alsdann wollen wir größtenteils zwischen schärfer bestimmten Grenzen, und in gemeiner Meß-Prose weitergehen. Montgolfiers Entdeckung ist allerdings sehr groß, und doch scheint sie jetzt so leicht. Man sollte denken sie hätte jedem bei einer Bäcker-Wolken-Säule oder einem brennenden Haus einfallen müssen, wo die alten Lumpen und Briefschaften auf Montgolfierschem Gas dem Himmel oft näher steigen, als Pilâtre de Rosier. Allein, daß sie so leicht scheint, macht sie nur noch größer. Milton kannte das alles sehr wohl. Wie Satan bei ihm das Schießpulver und die Kanonen erfindet, so weiß der große Dichter die Erfindung nicht größer zu schildern, als daß er von den übrigen gefallenen Engeln sagt: Th' invention all admir'd, and each, how he To be th' inventor miss'd; so easy'it seem'd Once found, which yet unfound, most would have thought Impossible.           Parad. lost Book VI. v. 498 Alle bewunderten die Erfindung, und keiner konnte begreifen wie er sie hatte verfehlen können. So leicht schien nach der Entdeckung, was vor derselben, die meisten für unmöglich würden gehalten haben. Ich bin überzeugt, mancher junge Leser wird bei diesen Zeilen des Milton denken, was ein Teil der gefallenen Engel bei Satans Erfindung gedacht hat, und darin besteht eben ihre Schönheit. Solche kinderleichtscheinende Entdeckungen sind unendlich schwerer zu machen, als die sonoren, schwerscheinenden, aber kinderleichten Konstruktions-Verdrehungen, die bei uns so oft für Erhabenheit angestaunt werden. Nachstehende Blätter enthalten Vorschläge und Winke, weder von gleichem Wert noch auch, wie man leicht sieht, von gleichem Ernst, die indessen vielleicht einige der vielen Köpfe, die sich jetzt mit dieser Erfindung beschäftigen, auf etwas Besseres leiten können. Jetzt da die Spielmonate in dieser wichtigen Sache bald vorüber sein werden, so müssen sich die Physiker vorzüglich bemühen, den Bällen mit inflam. Luft eine größere Dauer zu verschaffen. Diese kann nur auf zweierlei Weise erhalten werden. Man muß entweder die jetzt gebräuchlichen Luftarten besser als bisher einschließen lernen, oder neue erfinden, die nicht oder doch nicht so leicht durch die Zeuge dringen, die man bisher gebraucht hat. Weil ich zu letzterm noch gar keinen Weg sehe, und es auch höchst wahrscheinlich ist, daß Geruch, Leichtigkeit und Flüchtigkeit dieser Luftarten in einer sehr genauen Verbindung mit einander stehen, und die leichter einzuschließenden auch in eben der Verhältnis wieder schwerer ausfallen möchten, so halte ich mich dabei nicht auf. Bei ersterem ein Bestes zu suchen, hat man mehr Mut, weil man da schon ein Gutes und ein Besseres kennt. Daß alle die bisher gebrauchten Firnisse nicht viel taugen, ist wohl ausgemacht, den gemeinen Federharz-Firnis, der überhaupt mehr zum Staat gebraucht worden zu sein scheint, selbst nicht ausgenommen. Von der Auflösung dieses Harzes in Vitrioläther rede ich hier nicht, weil diese ihrer großen Kostbarkeit wegen bei einer Sache nicht in Betracht kommen kann, die man gern gemeinnützig machen wollte. Einen Luftball aus Taft zu machen, der bis an die Wolken In einer Zeitung wurde gesagt, ein solcher Ball sei so hoch gestiegen, daß er nicht größer als ein Zoll geschienen habe. Wenn diese Zolle keine digiti solares waren, mit denen man die Sonnenfinsternissen ausmißt, und die sind es wohl nicht gewesen, so ist diese Sprache das abscheuligste Babel, das sich nur sprechen läßt. Die Redensart, das Thermometer stund auf 15 gehört ebenfalls dahin. L. steigt, und bald darauf von den Bauern zu Land aufgebracht wird, dazu braucht man kein Federharz. Indessen da diese vortreffliche Materie bisher größtenteils zu Spielerein gebraucht worden ist, so wäre es eine Frage ob sie nicht sehr brauchbar dadurch gemacht werden könnte, wenn man leichte aber dichte Zeuge gleich an Ort und Stelle mit der Milch des Baumes tränkte, trocknete und wieder tränkte, und auf diese Weise ein fast unvergängliches, vegetabilisches Leder verfertigte. Schon fertige Kugeln aus leichtem Zeuge könnten damit benetzt, aufgeblasen, und dann nach und nach bestrichen werden. Daß dieses alles in Westindien geschehen müßte, ist kein Einwurf. Kommen doch die Flaschen schon daher, und unser Zucker, und eine Menge schleichender Gifte, auf die wir uns tagtäglich zu Gaste bitten. Wenn der Gebrauch dieser Maschine in unzähliger Rücksicht wichtig wird, woran niemand mehr zweifelt, und Federharz wäre der wohlfeilste schickliche Körper dazu, so wird dieser Handel sich von selbst finden, ich habe mich hauptsächlich bemüht, die Versuche dieser Maschine im kleinen zu erleichtern und zu verbessern und manches gefunden, was auch im großen anwendbar sein mögte. Wovon ich jetzt eine kurze Nachricht geben will. Schon im Oktober vorigen Jahrs hatte ich den Gedanken, die Haut zu gebrauchen, worin die Tiere, hauptsächlich die Kälber, Füllen, Ziegen und Lämmer in Mutterleibe liegen. Es hielt aber anfangs schwer, sie von den Leuten zu erhalten. Gleich der erste Versuch fiel sehr gut aus, eine kleine Blase daraus verfertigt, erhielt sich ungefirnißt 16 Stunden an der Decke eines stark geheizten Zimmers. Es lassen sich daraus Kugeln von einem Fuß im Durchmesser und darüber aus zwei Stücken verfertigen, da die Franzosen die ihrigen aus Goldschlägerhaut mit einer Mühe zusammensetzen, der die Sache nicht wert ist. Das Verfahren ist kurz dieses. Man sucht von der ganzen Haut worin das Tier gewickelt war, solange noch alles frisch ist, die äußere (Chorion) abzuziehen, welches sehr leicht und geschwind geht, da denn die innere, das Schafhäutchen (Amnium) welches eigentlich hierbei gebraucht wird, übrig bleibt, diese wird auf der Seite, wo sie an dem Chorion angesessen, noch mit einem Falzbein von Schleim und gröbern Teilen, die daran etwa hängen geblieben sein mögten, gereinigt. Von diesem Amnium werden die großen Stücke, die sich vortrefflich dehnen lassen ohne zu zerreißen, sogleich über einen hemisphärischen mit trockner Seife bestrichnen Klotz gespannt und angezogen; wird die Kugel nicht viel über einen Fuß im Durchmesser, so kann jede Hemisphäre aus einem einzigen Stück gemacht werden, ohne die mindeste Falte. Will man sehr große Kugeln machen, so kann man sich zu den Formen großer Kessel bedienen und Stücke Amnium darauf kleben, wo eines aufhört wird ein anderes übergelegt, beim Trocknen leimen sie sich so vortrefflich durch ihren eignen Leim zusammen, daß man kaum eine Spur der Zusammensetzung sieht. Wenn alles trocken ist, so sieht der Klotz aus, als wäre nichts darüber gespannt, so dünne und durchsichtig ist diese Haut. Beim Losmachen vom Klotz ist nur unten beim Anfang einige Sorgfalt nötig. Ist der Rand einmal einen Fingerbreit los und aufgeschlagen, so zieht sich das übrige leicht wegen der Seife ab und eine Hemisphäre ist fertig. Sind nun beide auf diese Weise gemacht, so ist, um sie dauerhaft und in wenigen Minuten zusammen zu leimen, ein Griff nötig, den ich, weil er nicht jedermann gleich einfallen möchte, beschreiben will. Man macht das eine Hemisphärium so, daß wenn man beide in einander steckt, das innere noch um einen Finger breit am Äquator vorsteht, daher der Klotz auch so eingerichtet ist, daß der hemisphärische Teil wie bei manchen Haubenstöcken noch einen zylindrischen Fortsatz hat. Stecken sie nun so in einander, das größere inwendig, so stülpt man sie beide zusammen auf den Klotz, bestreicht den vorstehenden Ring mit einem feinen Kleister, Hausenblase etc. und schlägt ihn alsdenn über die obere Halbkugel auf, und reibt ihn mit der größten Bequemlichkeit an. Ist der Leim trocken, so nimmt man alles ab, und zieht die innere Halbkugel, wie das Futter in einer baumwollenen Mütze heraus, nachdem an den einen Pol ein Federkiel oder noch besser ein Ring von Kork eingesetzt worden ist, den man zupfropfen oder auch mit einem kleinen Stückchen aus dieser Haut zukleben kann. Bekommt ein solcher Körper einen Riß, so läßt er sich in einem Augenblick dadurch verschließen, daß man ein Stückchen Amnium mit etwas Speichel benetzt daraufträgt. Vermittelst dieser Haut und etwas Addresse haben wir es in Verfertigung kleiner Kugeln den Franzosen zuvorgetan. Die kleinste Kugel, sagt Herr Faujas de St. Fond in seinem bekannten Werk, die man zu Paris hat machen können, hatte 6 Zoll im Durchmesser, und ich habe noch heute (den 18.Febr.) eine aus einem Ziegen-Amnio in meiner Stube aufsteigen sehen, und zwar mit großer Schnelligkeit, die kaum 4 Pariser Zoll im Durchmesser hatte, bei weitem nicht ganz angefüllt war und noch einen kleinen Ring von Kork mit einem Stöpselchen trug, und sich 16 bis 17 Minuten an der Decke des Zimmers hielt. Da nun die Durchmesser der hiesigen und der Pariser Kugeln sich wie 2:3 und die Kugeln wie 8:27 verhielten, so sieht man, daß die hiesige nur etwas über ein Drittel der Pariser war, ich sehe es also, der oben erwähnten Umstände wegen, nicht allein für möglich sondern auch noch für leicht an, Kugeln zu verfertigen die nur 3 Zoll und drunter im Durchmesser haben, das ist die nur ein Achtel und drunter von der gerühmten Pariser ausmachen. Machte man Kugeln aus diesen Häuten von 2, 3 Fußen im Durchmesser, daß man sie überfirnissen (gemeiner Leinöl-Firnis mit etwas venetianischen Terpentin abgekocht ist sehr gut dazu) und obendrein geschlagenes Silber oder Gold auftragen, oder gar die Haut selbst doppelt nehmen könnte, so dächte ich müßten sie die inflammable Luft Wochen, vielleicht Monate lang halten. Heben nun künftig die Hauswirte, diese vortrefflichen Häute, die sie bisher aus Aberglauben in die Mistgruben verscharrten, so sorgfältig auf, als die Kalbfelle und lernen sie selbst präparieren, so könnte man große Bälle aus Taft oder Linnen von beiden Seiten damit überziehen, obendrauf firnissen, und auf diese Weise Bälle von einer großen Dauerhaftigkeit erhalten. Ich habe mehrere Versuche angestellt, die meine Mutmaßung rechtfertigen, und bin jetzt mit mehrern beschäftigt, die ich künftig in diesem Magazin oder an einem andern Ort dem Publikum vorlegen will. Wozu können nun diese Kugeln nützen? Diese Frage ist so oft an mich getan worden schriftlich und mündlich, daß ich hier nur kurz einiges berühren will, Ernst und Scherz, Versuche zum Nutzen und zum Vergnügen durcheinander. Viele Artikel erforderten eine umständliche Ausführung und mehr Sachkenntnis, als ich beim größten Teil unserer Leser voraussetzen kann, oder ohne ein ganzes Buch zu schreiben hier lehren könnte. Wir wollen hierbei fürs erste wenigstens keine größere Vollkommenheit in der Maschine voraussetzen, als sie bereits schon hat, das längere Ausdauern in der Luft ausgenommen; also keine Luftschiffe mit Segel und Steuer-Ruder, sondern bloße Bälle, die an einem Leitseil über die Wolken hinaus mit und ohne Menschen steigen, und aufgegebene Signale hin und her und auch herabgezogen werden können. 1) Wird man dadurch Riesen-Schritte in der Kenntnis unserer Atmosphäre tun, Abnahme ihrer Dichtigkeit, Wärme, Feuchtigkeit, Ab- oder Zunahme der Elektrizität der Luft, die Höhenmessungen durchs Barometer, die Lehre vom Schall und dessen Fortpflanzung, die von der Refraktion, von Bewegung der Körper in elastischen Mitteln. Kenntnis der Ebbe und Flut der Luft; Kenntnis der in großen Höhen zu vermutenden Passatwinden. Die Untersuchungen des Nordlichts, der Lichtstreifen, die durch keine Drachen erforscht werden können, der magnetischen Kraft, der Entstehung des Hagels, des Schnees etc. werden unendlich gewinnen. 2) Rechtfertiget der vortreffliche Versuch des Herrn de Romas zu Nérac, mit einem Drachen, die Mutmaßung, daß es nur bloß auf den Menschen ankomme, ob er künftig ein anrückendes Donnerwetter haben will oder nicht. Eine solche Kugel mit metallnen Spitzen oder Trotteln versehen und an einem schicklichen Leitseil zu rechter Zeit in die Höhe gelassen, wird das stärkste Donnerwetter zum Schweigen bringen. Blitze sind gewaltsame Durchbrüche einer angehäuften elektrischen Materie, so wie Überschwemmungen Durchbrüche von Deichen; diesen muß der Mensch entgegen arbeiten, die Zeiten sind ja ohnehin schon so ziemlich vorbei, da man das liebe Gewitter verehrt, wie die Egyptier die lieben Krokodile, von denen sie mit landesgottheitlicher Herablassung aufgefressen werden. Wohlverstanden, eine solche Kugel soll kein Blitzleiter werden, sondern das ganze Donnerwetter über dem Ort stille machen, wie Herrn de Romas Drache. Allein Drachen sind nicht immer anzuwenden. Die schwersten Donnerwetter kommen oft ohne Wind, und werden alsdann durch ihre Dauer so sehr gefährlich, und da steigt kein Drache; ja bei den meisten Gewittern, läßt der Wind mit dem sie sich nähern nach, wenn sie uns über dem Kopfstehen, die Drachen kommen also herab gerade zu der Zeit da sie in der Höhe am nötigsten sind, und endlich erfordert der Drache eine Behandlung, die den Leuten, die ihn steigen lassen, gefährlich werden kann. Vermutlich, ja fast gewiß, wird es auch zu hageln aufhören. Daß eine solche Kugel gut einzurichten viel kosten würde, ist kein Einwurf. Die Festungen kosten unendlich mehr, und ziehen meistens die Donnerwetter erst recht herbei die sie abhalten sollten. 3) Die Signal-Sprache wird dadurch zum Erstaunen erweitert, und dazu können schon Kugeln von 6, 8 Fußen dienen. Zur See wäre der Nutzen unermeßlich, auch bei Belagerungen, der Besatzung allerlei bekannt zu machen, wozu die Sprache durch Raketen nicht wortreich genug ist, auch könnte die Besatzung dem Land allerlei zu verstehen geben, und die belagernden Ingenieurs könnten sich indessen üben das Leitseil entzwei zu schießen. 4) Wird die Kugel so groß gemacht einen Menschen zu heben, so wird der Nutzen unabsehbar. Armeen zu rekognoszieren, Terrain aufzunehmen und für die Schlacht zu besehen. Dem Schiffskapitän, der Hunderte von Toisen über seinem Mast schweben kann, entfernte Insuln zu sehen, wodurch die Findung der Länge sehr erleichtert würde; den kürzesten Weg aus dem Eis zu finden, vielleicht endlich gar einmal dadurch in einem glücklichen Sommer eine nördliche Durchfahrt. Dem Physiker nachdem er eine Gegend durchwandert, dieselbe nun auf einmal mit dem Auge zu fassen. Die Bergketten zu übersehen, und in die Krater erloschner Vulkane hineinzuschauen wie in die Mondsflecken, und auf einmal Ähnlichkeiten zu entdecken, die jetzt dem Blick des Witzigsten entwischen. Mit einem Paar Pferden vor diesen Luftwagen, oder, nachdem der Wind geht, hinter denselben, oder beide einander zur Seite gespannt, könnte man in kurzer Zeit Länder durchreisen. Wie würde nicht eine solche Reise über Deutschland weg, von einem erfahrnen, vernünftigen Mann angestellt, aufgenommen werden! Der Himmel behüte uns nur vor solchen erdichteten Reisen über Deutschland, oder soll ja eine erscheinen, so gebe er, daß die Materie einem Mann in die Hände falle, gleich dem, der die Insel à la Montgolfier, ich meine Laputa, so meisterhaft durch die Luft steurete Swift. S. Gullivers dritte Reise. . 5) Könnte man auf diese Weise leicht mit einem Pferd, das auf der Landstraße bliebe, ohne Räder in der Luft Luftreisen tun, wie ein Theater-Gott, und das Pferd selbst leiten, durch Wälder müßten freilich die Wege alsdann etwas breit gehauen werden, wenn etwa der Wind von der Seite käme, oder man befestigte den Phaeton vermittelst eines Flaschenzugs am Pferde, und zöge sich im Notfall so nahe an dasselbe an, als man wollte. Risse der Phaeton ab und finge an zu steigen, so täte vielleicht ein kleiner Anker gute Dienste, den man fallen ließe. Auch ist bei angebundenen Kugeln wohl der Gedanke nicht außer Acht zu lassen, daß man sich selbst durch den Wind nach der Erde treiben lassen kann, so wie der Drache durch denselben steigt Vermutlich war etwas davon Ursache daß Herr Pilâtre de Rosier, als er zum erstenmal am Gängelband hinauf wollte, anstatt zu steigen, in die Bäume geriet. . Die in diesem Paragraphen angegebne Anwendung ist so einleuchtend und leicht, daß ich, zumal, da sie mehr zum Vergnügen als zum Nutzen ist, gewiß hoffe noch solch Luftreisen in vergoldeten Luft-Schlitten und vielleicht in der Nähe zu erleben. 6) Können diese Kugeln schon ganz im Kleinen gebraucht werden, Höhen, zumal in eingeschlossenen Räumen zu messen, als z.B. die Höhe von Gewölben in Kirchen und alten Denkmälern die man oft nicht besteigen kann, mag oder darf; die Höhen von unterirdischen Höhlen, die man oft beim Licht vieler Fackeln nicht absehen kann. So wie man nämlich seit jeher einen Senkel hatte, so hat man jetzt einen Steiger. Unter dieser Gestalt könnten sie oft schon Handwerksleuten nützen, und der Diamant kostet den Glaser schon mehr, als eine solche Kugel, freilich kosten letztere immer bei der Anwendung wieder. Dieses wird aber mit der Zeit leidlicher werden. Nur Fleiß und Mut. Auch die Höhe der Wolken könnte in manchen Fällen so gemessen werden. 7) Der Montblanc und andere unersteigliche Klippen und Höhen könnten so erstiegen werden. Bei hundert Vorfällen könnte ein einziger alsdann durch angeknüpfte Strickleitern etc. den andern die Sache erleichtern. 8) Der Mensch hat bisher bloß deswegen nicht fliegen können, weil es ihm schwer fiel Flügel zu bewegen, die die Last seines Körpers tragen sollten. Jetzt, da er sich so leicht machen kann, als er will, und die Flügel nur braucht sich zu lenken und etwa ein paar Pfund zu heben, so wird er künftig auch mit einer Blase fliegen, wie die Fische mit einer Blase schwimmen. Den Luftschiffern wären solche Flieg-Blasen sehr zum Notfall zu empfehlen. So wie es auch nützlich sein könnte, sich mit Kork und kleinen Booten zu versehen. Sie könnten ferner nützen 9) über das Wasser so leicht hinzugehen, als über Quecksilber. In der Tat dachte ich der Wassertreter, der sich vor einigen Monaten in Paris so glaubwürdig ankündigte, würde das dortige Publikum auf diese Weise zu hintergehen suchen. 10) Mit einer solchen Kugel übergeschnallt, Sprünge zu tun, die einen über Häuser wegführen, wogegen alle Wunder des Eislaufs Kleinigkeiten sein müßten. 11) Zu Fahrzeugen, in Pyrmont, Hofgeismar, Rehburg, Mayenberg und überall, an einem Morgen die Alpenluft zu genießen, eine Kur zu atmen, und zu trinken den reinen Strahl der Sonne, eine Stunde vor ihrem Aufgang. 12) Wichtige Papiere in der Nacht aus einer eingeschlossenen Festung wegzubringen, selbst wichtige Männer fortzuschaffen, Finke aus Maxenschen Käfigen, wenn es der Mühe und der inflammabeln Luft wert wäre. 13) Jetzt geschwind diese Bälle nach Ostindien, China, Japan etc. zu bringen, und sie Kaisern und Naboben aufzuhängen ehe sie gemein werden. 14) Vermittelst ihrer und einer guten Elektrisier-Maschine die Rolle eines Muhammed im 5ten Weltteile zu spielen, dem Donner zu gebieten und wo nicht wie Elias auf einem flammenden, doch wie Professor Charles auf einem inflammablen Wagen über die Wolken zu fahren. Doch empfehle ich diesen neuen Propheten ernstlich die Geschichte des Salzschweins zu Lüneburg. 15) Da man heutzutage ein so großes Verdienst darin sucht, die Wunder aus der Bibel weg zu erklären, so gebe ich zu bedenken, ob nicht das von der Himmelfahrt des Elias ebenfalls hierdurch wegerklärt werden könnte. Denn ein feuriger Wagen und ein inflammabler differieren nicht mehr als die Wörter flammans und inflammabilis, und beides könnte wohl im Hebräischen mit einem einzigen Worte ausgedruckt werden. Daß Elias seinen Mantel fallen ließ, setzt die Sache fast außer Zweifel. Professor Charles warf seine Überröcke auch herunter, um desto schneller zu steigen. 16) Um den Regenbogen als einen vollkommnen Zirkel zu sehen, und seine eigne werte Silhouette auf einer Regenwand mit einer bunten Glorie zu erblicken, dürfte man nur einen solchen Wagen zu gehöriger Zeit besteigen. 17) Montgolfiersche Maschinen könnten dienen ungeheure Lasten auf eine große Höhe zu heben, und dadurch gigantische Werke zu Stand zu bringen, wogegen alle die ägyptischen Kleinigkeiten sein müßten. Dieses und daß 18) Schiffe, die sich umgelegt haben, dadurch aufgerichtet werden könnten, ist schon vorgeschlagen worden. 19) Wie man im Krieg und Frieden seinem Nebenmenschen durch solche Maschinen großen Schaden zufügen, und wie man Licent und Zölle damit defraudieren könnte, sagt man nicht gerne, teils weil diese Gedanken selbst nicht recht zollfrei sind, und teils der lehrreichen Geschichte des Salzschweins zu Lüneburg wegen. 20) Zu den majestätischsten Feuerwerken und Illuminationen, die die Welt noch gesehen hat, und die man mit Elektrizität anzünden könnte; auf diese Weise ließen sich die Wolken illuminieren. 21) Zu einer neuen Art von Jagd. Man hat schon in Frankreich und an andern Orten nach freigelassenen Kugeln, wie nach Falken gejagt, und Prämien für den gesetzt, der sie zuerst erreicht wenn sie fallen. Diese Jagd ist noch nicht so halsbrechend, als eine die sonst in England Mode war, da man, wenn man keinen Fuchs fand, auf den ersten den besten Kirchturm in gerader Linie zujagte. Dieses hießen sie to hunt steeples, Kirchtürme jagen. Jetzt ist es unter dem Adel abgekommen, und man überläßt diese Jagd, wie billig, der Geistlichkeit, die auf eine minder halsbrechende Weise nach Kirchtürmen jagt. 22) Vielleicht können sie gebraucht werden Personen bei Feuersgefahr zu retten, oder dem Rohrmeister beim Löschen einen bequemen Standpunkt zu verschaffen. 23) Werden sie so groß gemacht, daß mehrere Menschen damit gehoben werden können, so können sie bei Belagerungen sehr wichtig werden. Mancher kleine, magere, leichte, aber tapfere junge Mann kann alsdann seinen Körper so gut auf Interesse auslegen, als jetzt der große, fette, ramassierte den seinigen, und bei Anwerbung des eigentlich fliegenden Korps, und der leichten Truppen im strengsten Verstand, wird man die Waage gebrauchen, und das Verdienst nicht mehr nach Zollen sondern nach Pfunden bestimmen. 24) Manche andere geheime Expedition könnte dadurch sehr begünstigt werden. Z.B. Entführungen, selbst aus dem Serail. Ja es wäre möglich, daß dereinst ein Korsar den Tempel zu Loreto, der sicherlich nicht durch die Luft dahin gekommen ist, einmal, größtenteils wenigstens, durch die Luft wegführte. 25) Um das Viertelhundert voll zu haben, mögte ich wohl fragen ob nicht ein solcher Wagen dem Dichter nützen könnte. Daß sich die Seele erhebt, wenn der Leib erhoben wird, ist demonstriert, so wie wenn der Leib stürzt, die Seele gemeiniglich auch nicht zurücke bleibt. Prof. Charles hat vielleicht nie gedichtet, wer aber den Brief liest, worin er seine Empfindungen beschreibt, wird eine dichterische Erhebung der Seele darin nicht verkennen. Man bedenke auch nur das Atmen der Alpenluft, das Baden, Plätschern und Schwimmen im Lichtmeer und in Gesellschaft der Morgensterne, während die Hälfte der Welt unter einem noch im Schlamm der Nacht ruht. Der Nutzen ist nicht zu verkennen. Nachschrift Während des Abdrucks vorstehender Blätter, wurde ein so kleiner Luftball als ich oben S. 68 angegeben habe, zu machen versucht. Aus einem Versehen wurde er aber kaum drittehalb Paris. Zoll im Durchmesser groß gemacht, da er drei hätte haben sollen. Er stieg also nicht, sank aber so langsam nieder, daß mir einfiel, ob er nicht auf einer etwas schweren Luft würde liegen bleiben. Zum Glück war eine große Flasche voll fixer Luft bei der Hand, die freilich schon etlichemal durchs Wasser gegangen war; diese wurde in ein weites gläsernes Gefäß gegossen, als ich nun den kleinen Luftball in dieses Gefäß warf, so schwebte er mitten in demselben, ohne die Seitenwände zu berühren. Der Versuch nahm sich vortrefflich aus, und frappierte auch Personen, die an die andere Erscheinung schon sehr gewöhnt waren, wieder als etwas Neues. Ich empfehle ihn daher vorzüglich den ambulierenden Dozenten der Physik. Er wird gewiß Beifall finden. Sie haben hier einen in Luft frei schwebenden Körper, der wieder steigt, wenn man ihn abwärts drückt, und wieder sinkt wenn man ihn hebt. Dem, was ich S. 68 von dem Minimo in Frankreich gesagt habe, scheinen einige durch politische Zeitungen und Journale verbreitete Nachrichten vom Aufsteigen von Pfirsichen etc. die doch wohl nicht 6 Zolle im Durchmesser werden gehabt haben, zu widersprechen. Die Sache ist allerdings möglich, und auf einem andern Weg, als die Franzosen bisher verfolgt haben, leicht, allein ich glaube es von dort aus nicht eher bis ich es von einem Physiker verkündigt lese, weil der Leute in Paris gar zu viele sind, die schon das größte Vergnügen darin finden, bloß einen solchen Einfall steigen zu lassen. Amintors Morgen-Andacht Gegenwärtiger Aufsatz, der dem Herausgeber von einem Ungenannten zugekommen ist, kann vielleicht als eine Einleitung zum folgenden und einigen andern physikalischen Artikeln in diesem Kalender angesehen werden. Man kann ihn auch allein gebrauchen, oder gar keinen Gebrauch davon machen, oder auch mit ihm machen was man will, nur deute man ihn nicht wider den Verfasser oder den Herausgeber, weil man alsdann gewiß etwas sehr Unbilliges tun würde. Wie wenn einmal die Sonne nicht wiederkäme, dachte Amintor oft, wenn er in einer dunkeln Nacht erwachte, und freute sich, wenn er endlich den Tag wieder anbrechen sah. Die tiefe Stille des frühen Morgens, die Freundin der Überlegung, verbunden mit dem Gefühl gestärkter Kräfte und wieder erneuerten Gesundheit, erweckte in ihm alsdann ein so mächtiges Vertrauen auf die Ordnung der Natur und den Geist, der sie lenkt, daß er sich in dem Tumult des Lebens so sicher glaubte, als stünde sein Verhängnis in seiner eignen Hand. Diese Empfindung, dachte er alsdann, die du dir nicht erzwingst und nicht vorheuchelst, und die dir dieses unbeschreibliche Wohlbehagen gewährt, ist gewiß das Werk eben jenes Geistes, und sagt dir laut, daß du jetzt wenigstens richtig denkst. Auch war dieses innere Anerkennen von Ordnung nichts anders, als wieder eben diese Ordnung selbst, nur auf ihn, der sie bemerkte, fortgesetzt, und daher immer für ihn der höchste Genuß seines Geistes. O ich weiß, rief er alsdann aus, dieses mein stilles Dankgebet, das Dir alle Kreatur darbringt, jedes mit seinem Gefühl und in seiner Sprache nach seiner Art, zu Tausenden, wie ich in der meinigen, wird gewiß von Dir gehört, der Du den Himmel lenkst; gewiß wird es von aller Kreatur dargebracht, aber mit doppeltem Genuß, von mir, dem Du Kraft verliehest zu erkennen, daß ich durch dieses Dankgefühl und in diesem Dankgefühl bin, was ich sein soll. O störe nicht, sprach er dann zu sich selbst, diesen himmlischen Frieden in dir heute durch Schuld! Wie würde dir der morgende Tag anbrechen wenn ihn diese reine Spiegelhelle deines Wesens nicht mehr in dein Inneres zurück würfe! Es wäre besser er erschiene nie wieder, oder wenigstens für dich Unglücklichen nicht mehr. – Diese Art in seinem Gott zu leben , wie er es nannte, die ihm von Betbrüdern, die lieber glaubten, als dachten, weil sie es so bequemer fanden, für Spinozismus ausgelegt wurde, hatte er sich so sehr eigen gemacht, daß sie für ihn unzerstörbare Beruhigung über die Zukunft, und ein nicht zu überwältigender Trost in Todesgefahr wurde. Eines Tages als er sich nach einer seiner Morgenandachten selbst befragte, woher ihm dieses freudige Ergeben in die Führung der Welt, und dieses große Sicherheitsgefühl bei jedem Gedanken an die Zukunft komme (denn es war ihm zu fest um bloß dichterisches Aufwallen zu sein): so war es ihm entzückende Freude zu finden, daß er es allein dem Grad von Erkenntnis der Natur zu danken habe, den er sich erworben hatte, einem Grade, von dem er behauptete, daß er jedem Menschen von den gewöhnlichsten Anlagen erreichbar wäre. Nur müsse, wie er sagt, das Studium anhaltend, ohne Zank und Neuerungssucht und ohne alle Spekulationen des Inventurienten getrieben werden. Man wird ihm leicht glauben, daß es eine entzückende Betrachtung sein muß, sich sagen zu können: meine Ruhe ist das Werk meiner eigenen Vernunft; es hat sie mir keine Exegese gegeben und keine Exegese wird sie mir rauben. – O, nichts, nichts wird sie mir rauben können, als was mir meine Vernunft raubt. Daß die Betrachtung der Natur diesen Trost gewähren kann, davon ist er gewiß, denn er lebt in ihm; ob er es für alle sei, ließ er wenigstens unentschieden, und hierbei hinge, wie er sagte, vieles von der Art ab, wie die Wissenschaft getrieben und angewandt würde, eine Sache, die, wie vielleicht auch Spinozismus, wenn er unschädlich sein soll, nicht gelehrt, sondern selbst gefunden sein wolle; es sei nichts weniger als jene physico-theologische Betrachtung von Sonnen, deren uns deutlich sichtbares Heer nach einer Art von Zählung auf 75 Millionen geschätzt würde. Er nannte diese erhabene Betrachtungen bloße Musik der Sphären, die anfangs den Geist wie mit einem Sturm von Entzücken fast zur Betäubung hinreiße, er werde ihrer aber endlich gewohnt; allein das was davon immer bliebe, unstreitig das Beste, fände sich überall und vorzüglich in dem mit in die Reihe gehörigen Geist, der dieser Betrachtungen fähig sei. Es sei vielmehr eine zu anhaltendem Studio der Natur sich unvermerkt gesellende Freude über eignes Dasein , verbunden mit nicht ängstlicher , sondern froher Neugierde (wenn dieses das rechte Wort ist), die so weit über sogenannte Cüriosité erhaben sei, als hohes Gefühl für Ehre über Bauernstolz, zu erfahren, mit diesen Sinnen oder mit analogen, oder Verhältnissen anderer Art, die sich von jeder Art des Daseins hoffen lassen, was nun dieses alles sei und werden wolle . Er fürchte zwar sehr, daß seine Freunde immer nur die Worte der Lehre und nicht die Lehre hören würden, hoffe aber alles, wenn er dereinst darüber sprechen würde, von eignem Versuch. Er denke nun seit der Zeit, daß das Vergnügen, das die Betrachtung der Natur dem Kinde und dem Wilden, sowie dem Manne von aller Art von Bildung gewährt, auch den großen Zweck mit zur Absicht habe, und in jedem Leben und in jeder Welt haben müsse, in welchem Zusammenhang sei: völlige Beruhigung in Absicht der Zukunft und frohes Ergeben in die Leitung der Welt ; man gebe nun dieser Leitung einen Namen welchen man wolle. Er zähle es unter die wichtigste Begebenheit seines Lebens, wenigstens für sich gefunden zu haben, daß so wie wir natürlich leiden, auch natürliche von aller Tradition unabhängige Mittel haben, diese Leiden mit einer Art von Freude zu erdulten. Diese Philosophie hebe freilich den vorübergehenden Unmut nicht auf, so wenig als den Schmerz, weil eine solche Philosophie, wenn sie möglich wäre auch alles Vergnügen aufheben würde. Er pflegte dieses öfters seine Versöhnung mit Gott zu nennen, gegen den die Vernunft, selbst mit Hoffnung auf Vergebung, vielleicht murren könnte, wenn nicht im Gang der Dinge auch der Faden eingewebt wäre, der zu jener Beruhigung ohne weitere Hülfe leiten könnte. Überhaupt kamen bei seinem Vortrag viele Ausdrücke vor, deren sich die Bibel bedient; er sagte dabei: es sei nicht wohl möglich dieselbe Geschichte des menschlichen Geistes zu erzählen, ohne zuweilen auf dieselben Ausdrücke zu geraten, und glaubte, man werde die Bibel noch besser verstehen, als man sie versteht, wenn man sich selbst mehr studiere; und um mit ihren erhabenen Lehren immer zusammen zu treffen, sei der kürzeste Weg die Erreichung ihres Zwecks einmal auf einem andern, von ihr unabhängigen zu versuchen, und Zeit und Umstände dabei in Rechnung zu bringen; Spinoza selbst, glaube er, habe es nicht so übel gemeint, als die vielen Menschen die jetzt statt seiner meinen. – Es sei für Millionen Menschen bequemer und verständlicher vom Himmel herab zu hören: Du sollst nicht stehlen, und kein falsch Zeugnis reden , als im Himmel selbst die Stelle zu suchen, wo diese Worte wirklich mit Flammenschrift geschrieben stehen, wo sie von vielen gelesen worden sei. Übrigens glaube er, sei es für die Ferngläser und die Brillen unbedeutend, ob das Licht wirklich von der Sonne herabströme, oder ob die Sonne nur ein Medium zittern mache, und es bloß ließe als strömte es herab; aber die Ferngläser und zumal die Brillen seien deswegen nichts weniger als unbedeutend, und bei der Brille pflegte ihm öfters einzufallen, daß der Mensch zwar nicht die Macht hätte die Welt zu modeln wie er wolle, aber dafür die Macht Brillen zu schleifen, wodurch er sie schier erscheinen machen könne wie wir wollen, und solcher Betrachtungen mehr, wodurch er seine Freunde nicht sowohl auf seinen Weg hinleiten, als ihnen vielmehr Winke geben wollte, den selbst zu finden, der ihnen der sicherste und bequemste wäre. Wie es denn wirklich an dem ist, daß Philosophie, wenn sie für den Menschen etwas mehr sein soll als eine Sammlung von Materien zum Disputieren, nur indirekte gelehrt werden kann. Über einige wichtige Pflichten gegen die Augen Wie wenn einmal die Sonne nicht wiederkäme, fragte Amintor. Und wie wenn sie wiederkäme und ich sähe sie nicht mehr; fühlte noch ihre Wärme, hörte noch den Lobgesang, womit sie der Wald begrüßt, und sähe sie nicht mehr? Ach! dieses ist das Los von Tausenden! Gerechter Gott! Vom Sehenden zum Blinden, welche Veränderung! Der, der noch kaum, gleich einem Gott, den Himmel mit seinem Blick umfaßte; der Sonnen aufzählte zu Tausenden, die Quellen des Lichts und des Lebens für Geschöpfe ohne Zahl; der in einem Nu die Frühlingslandschaft mit ihren Blüten und Herden, oder die Pracht der Städte, oder die Wogen des stürmenden Meeres, oder den Ätna und Vesuv, oder Ägyptens Pyramiden übersah; der die Figur der Reiche, ja der Erde selbst maß und zeichnete – da kriecht er nun, und ertastet sich mit Mühe in Monaten den kümmerlichen Plan seiner Schlafkammer; die roheste Nachformung von einer Dorfkirche würde ihn Jahre kosten, wenn sie ihn nicht den Hals kostete, und mit einer vom Ätna nur so genau, als das Bild, das im Winkel einer Landcharte Feuer speit, würde er Jahrhunderte zubringen, wenn sie nicht ganz seine Kräfte überstiege; der, der durch das Medium der Gebärden dem Menschen im Innersten des Herzens las, hört jetzt bloßes Zungenspiel; der die Wahrheit der Worte wiegen konnte, fühlt jetzt bloß ihre Glätte, und elender, abhängiger Glaube führt die Haushaltung für Selbstüberzeugung in ewiger, ewiger Nacht! – Dieses ist das Los von Tausenden, und wer das Spinnengebäude des Organs kennt, auf welches hier alles ankommt, die Menge der Feinde die ihm von außen und innen drohen, der wird erstaunen müssen, daß es nicht das Los der Hälfte des menschlichen Geschlechts ist. Bei weitem der größte Teil derer, die dieses Unglück erleiden, die diesen Halbtod, möchte ich sagen, sterben, sterben ihn freilich unverschuldet durch Zufälle; allein keine geringe Anzahl und zwar gerade unter einer Klasse von Menschen, von denen man es am wenigsten erwarten sollte, ich meine der sogenannten gebildeten höheren Klasse, erleiden ihn öfters durch Schuld, wo nicht wissentlich durch mutwilligen Leichtsinn, doch gewiß sehr oft aus einer Unwissenheit, die leicht zu überwinden gewesen wäre. Für die noch Gesunden dieser Klasse enthält nachstehender Aufsatz Warnung und einigen Unterricht, für die bereits Kränkelnden Unterricht und Trost, wo er möglich ist; für die ganz Erstorbenen findet sich hier nichts; ihre Wiedererweckung, wenn sie möglich ist, gehört für den Arzt. Wie froh würde ich sein, wenn ich durch diese wenigen Blätter nur einem einzigen Leidenden Trost verschaffen, oder nur einen einzigen Leichtsinnigen zur Überlegung bringen könnte, oder jemanden der nie an den Verlust seiner Augen gedacht hat, dahin, daß er wenigstens daran zu denken anfängt, und sich den Genuß des Lebens nicht vergällt. O man braucht nicht völlig zu erblinden, und kann dennoch von dieser Seite sehr unglücklich sein. Wer je einen Fehler an seinen Augen bemerkt hat, wird wissen in was für eine Verfassung ihn diese Entdeckung setzte, und was für Zeit die Augenproben wegnahmen. Der Gedanke: in einem Jahre bist du vielleicht blind , mischt sich in alles ein, er ist der erste beim Erwachen und der letzte beim Schlafengehen; keine Gegend und keine Gesellschaft reizt mehr; Nachrichten von neuen Entdeckungen und von neuen Büchern werden mit Unmut gelesen; selbst in Träumen sieht man sich nicht selten im Spiegel durch Augen entstellt, die sich selbst in keinem Spiegel der Welt so sehen könnten. Trifft ein solches Schicksal eine ohnehin hypochondrische Seele, so geht alles viel schlimmer; der vermeintliche Kandidat der Blindheit wird nun wirklich krank, und die reelle Krankheit verschlimmert die halb eingebildete; das Probieren der Augen bei jeder Gelegenheit nimmt zu, und die Proben fallen immer elender aus, so geht es immer crescendo fort bis zur Verzweiflung oder dem Tod. Wer sich also früh einer Augenökonomie befleißigt, erspart sich ein großes Leiden, das, wenn es dennoch kömmt, gewiß schon dadurch, zumal bei empfindlichen Seelen, vieles von seiner Bitterkeit verliert, daß es unverschuldet kömmt. – Den guten Rat und die Lehren, welche nachfolgende Blätter enthalten, habe ich zum Teil aus einem Aufsatz des Herrn Prof. Büsch S. Erfahrungen von J.G. Büsch Professor in Hamburg. Hamburg 1790. 2 Bände in 8; im 2ten Band Seite 261: Guter Rat bei verschiedenen Fehlern der Augen; ein Aufsatz, der sich nicht allein, wie alles was von diesem vortrefflichen Manne kömmt, durch tiefe Einsichten in die Sache überhaupt, sondern über das, welches hier von großem Wert ist, durch Erfahrung und Beobachtungen an sich selbst, empfiehlt. gezogen, teils aus einer neuern Schrift des englischen Optikus Adams An Essay on Vision etc. intended for the Service of those whose Eyes are weak or impaired by G. Adams. London 1789. gr.  8. , und teils aus eigner Erfahrung. Vor allen Dingen lerne man auch bei dem besten Gesicht sich nie für ganz sicher zu halten, und ja bei gesunden Augen zuweilen an kranke zu gedenken, und durch behutsamen Gebrauch wenigstens Kraft für sie aufzusparen, wenn sie dereinst alt werden. Man bemühe sich daher, so viel als möglich, bei allen Verrichtungen ein gleichförmiges Licht zu erhalten, da wenigstens wo es leicht angeht, und wir von uns abhängen. Eine Vernachlässigung in diesem Artikel, ist die schleichende Ursache unzähliger Augenkrankheiten, ja nicht selten der völligen Blindheit. Adams erzählt bei dieser Gelegenheit folgende Geschichte. Ein Rechtsgelehrter in London wohnte so, daß seine Zimmer nach der Straße zu die volle Mittagssonne hatten, seine hintern Zimmer lagen daher nicht allein gegen Mitternacht, sondern gingen auch noch dazu in einen kleinen Hof, der mit einer hohen Mauer umgeben war, und waren also etwas finster. In diesen Zimmern arbeitete er, frühstückte und speisete hingegen in den vordern, in welche ihn überdas sonstige Verrichtungen öfters zu gehen nötigten. Dieses Mannes Gesicht nahm ab und er hatte dabei einen immerwährenden Schmerz in den Augen. Er versuchte allerlei Gläser, konsultierte Okulisten, aber alles vergeblich, bis er endlich fand, daß der öftere Übergang aus dem Dunkeln zum Hellen die Ursache seiner Krankheit sei. Er veränderte also seine Wohnung, und vermied alles Schreiben bei Licht, und wurde sehr bald wiederhergestellt. Weit trauriger ist der Fall, dessen Herr Prof. Büsch Erwähnung tut: »So manche Augenschwäche, sagt er a.a.O. S.318. , und völlige Blindheit entsteht bloß aus Verfehlung dieser wichtigen Regel. Als ich vor fünfzehn Jahren den seligen Hagedorn in Dresden zum erstenmal besuchte, den ich fast ganz blind fand, nahm er meinen Besuch in einem Zimmer an, wo mir das Licht ganz unausstehlich war. Er wohnte in einer ziemlich schmalen Gasse. Das Sonnenlicht fiel von den Quadersteinen der gegenüber gelegenen Häuser scharf zurück in das Zimmer. Haben Sie, fragte ich, in diesem Hause schon lange gelebt? – Schon über zwanzig Jahr. – Und war dies immer Ihr gewöhnliches Arbeitszimmer? – Das war es beständig. – So, sagte ich ihm, sehe ich mit Bedauern die Ursache Ihres Unglücks ein, denn in diesem Licht konnten Ihre Augen nicht gesund bleiben.- Ich habe, fährt Herr Prof. Büsch fort, bei mehr als einem Kinde Augenkrankheiten, die vielleicht keinen bösen Ausgang gehabt haben möchten, in einer völligen Erblindung sich endigen sehen, weil deren arme Eltern keine Vorhänge vor die Fenster und die Wiegen der Kinder hatten.« Vorzubeugen ist hierbei leicht, die Kur des eingetretenen Übels aber oft schwer, ja wie Adams sagt, und wie es auch wohl bei dem Herrn v.  Hagedorn der Fall gewesen sein wird, ganz unmöglich. Hieraus wird sich nun leicht auch in dem Zimmer selbst die Lage des Schreibtisches, und der Katheder bestimmen lassen. Man schreibe oder lese nie, wenn man es haben kann, in der Lage, daß ein helles Fenster gerade gegenüber so steht, das jedesmal das Licht in das aufgeschlagene Fenster fällt, sondern lasse das Licht von der Seite einfallen. In Fällen wo keine solche Abänderung statt findet, als bei Kanzeln, suche man mit Vorhängen oder sonst auf eine Weise dem Schaden vorzubeugen, und allemal ist es nützlich es wenigstens zu wissen. Wer weiß, ob nicht wenn diese Regeln allgemeiner befolgt würden, die schwachen Augen unter die seltenen Krankheiten gezählt werden würden. Als Aufmunterung zur Befolgung dieser Regel muß ich anführen, daß dadurch und einige andere, die unten vorkommen werden, Herr Prof. Büsch nunmehr zweiunddreißig Jahre nach dem Zeitpunkt, da er Grund hatte zu fürchten, daß aller Gebrauch seiner Augen aufhören und er im Mittage seines Lebens erblinden würde, noch immer sieht und lieset und schreibt. Auch ergibt sich hieraus die Stellung der Betten. Das freie Tageslicht, und noch viel weniger das volle oder reflektierte Sonnenlicht sollte nie die Augen des Schlafenden treffen können; denn selbst wenn es, ihm unbewußt, während des Schlafes auf die Augenlider fällt, so kann dieses, zumal wenn er bereits schwache Augen hat, den ganzen Tag über die größten Beschwerden verursachen. Hierauf hat man besonders auf Reisen zu sehen, und wenn man des Abends spät ankömmt, die Lage der Fenster und die Beschaffenheit der Bettvorhänge zu untersuchen, damit man nicht auf eine unangenehme Weise des Morgens vom Tage oder gar der Sonne überfallen werde. Im Wagen, wo die hellen Fenster sehr stark gegen das übrige abstechen, ist ein doppelter oder dreifach zusammengenähter, grüner Flor für empfindliche Augen das beste Hülfsmittel, denn die Läden hemmen den Umlauf der reinen Luft, und die feinsten Vorhänge die Aussicht, die, zumal auf entfernte Gegenstände, dem Auge in vieler Rücksicht so wohltätig ist. Einfache Flore, dergleichen die Damen tragen, um dadurch zu sehen, und gesehen zu werden, sind zu dünne, und wenn sie geblümt sind, noch eher schädlich. Aus dieser ersten Regel überall nach gleichförmigem Lichte zu trachten, ergibt sich auch die Beschaffenheit der Schirme. Man gibt dem schwachen Auge gern einen Schutz von oben, dieses ist sehr recht getan, sagt Herr Prof. Büsch, insofern dadurch das helle von oben einfallende Tageslicht von dem Auge abgehalten wird. Aber man bedenkt nicht, daß dadurch die untere Hälfte des Auges, in welche das Licht von oben fällt, ganz in Schatten gesetzt, die obere Hälfte aber beständig durch das in dasselbe fallende Licht gereizt wird. Dies ist keinem Auge gut. Es muß ein sehr gesundes Auge sein, das dabei lange aushält. Wie aber, wenn das Übel gar mehr im obern Teil des Auges seinen Sitz hat» dann ist es gerade verkehrt gehandelt. Der gesundere Teil wird geschützt und der schwächere soll immerfort Dienste tun a.a.O. S.323. . Überhaupt erfordert alle Erleichterung, die man dem Auge durch Dunkelheit verschafft, viele Vorsicht. Alle am Tage selbst mit grünen Vorhängen erkünstelte Verdunkelung kann schädlich werden, teils weil sie nie so vollständig erhalten werden kann, daß nicht hier und da etwas durchschimmere, teils, weil man, wenn man nicht ganz müßig oder unfähig ist sich zu bewegen, unmöglich lange darin aushalten wird. Die natürliche Dämmerung ist die beste, und man sollte den Genuß derselben dem ermüdeten Auge nicht mißgönnen, zumal da sie außerdem der Überlegung so sehr günstig ist. Schreiben oder lesen muß man in der Dämmerung nie. Es ist ein Verfahren, das, den gelindesten Ausdruck zu gebrauchen, töricht ist. Der schnöde Gewinn an Öl und Zeit geht tausendfach durch das Leiden und den Unmut hin, den man sich durch schwache Augen zuzieht. Ein Freund von mir klagte mir eines Tages: er habe sonst so schön in der Dämmerung lesen können, jetzt könne er es nicht mehr, und fürchte, wenn es mit dieser Abnahme seines Gesichts so fort ginge, so würde er vor seinem vierzigsten Jahre blind werden. Ich sagte ihm, er habe freilich Recht, ich glaube auch, daß wenn es so fortginge, aber mit dem Lesen in der Dämmerung , so würde er blind werden. Er habe sehr richtig geschlossen, ob er gleich die Wirkung für die Ursache genommen habe, er könne nicht deswegen, sagte ich, nicht mehr in der Dämmerung lesen, weil sein Gesicht im Abnehmen sei, sondern es nähme ab, weil er immer noch in der Dämmerung lesen wolle. Sein Fehlschluß, so sehr er auch sonst Fehlschlüsse hassete, machte ihm dieses Mal keine geringe Freude. Er unterließ das Lesen in der Dämmerung, und sein Gesicht nahm So wenig ab, daß ich diese Geschichte auch mit deswegen hieher setze, um ihm, der diese Zeilen in diesem kleinen Druck, jetzt in seinem fünfzigsten Jahre gewiß, (vielleicht gar einmal aus Mutwillen in der Dämmerung) lesen wird, eine Freude in der Ferne zu machen. Es ist überhaupt ein sehr großer, wiewohl sehr gemeiner Irrtum, zu glauben, ein schwaches Licht sei den Augen günstig. Dem unbeschäftigten Auge wohl, das nicht sehen will, allein dem sehen wollenden ist es schlechtweg schädlich, und ein starkes zuträglicher. Daß hier die Rede nicht vom unmittelbaren Sonnenlicht, oder von weißen Gegenständen als z.B. Schnee zurückgeworfenem ist, versteht sich von selbst. Dieses kann freilich Entzündungen der Augen bewirken, die nicht bloß Schwäche des Gesichts, sondern völlige unheilbare Blindheit in kurzer Zeit zur Folge haben können. Gegen einen solchen Mißbrauch des Lichts warnt aber auch die Natur gemeiniglich bald durch ihr gewöhnliches Mittel, den Schmerz, und das Unerträgliche, was jene Empfindung begleitet. Was man gemeiniglich Schädliches im starken Lichte zu finden glaubt, ist nicht sowohl dieses, als der Mangel an gleichförmiger Verbreitung desselben im Auge. Man kann am Tage ohne die mindeste Beschwerde Stunden lang in den Mond sehen, selbst wenn er hoch über dem Horizont steht, bei der Nacht geht dieses nicht an, ja man hat Beispiele, daß Astronomen, die ihn des Nachts durch Ferngläser lange unverrückt und ohne gefärbte Gläser betrachtet haben, um ihr Auge gekommen sind. Dieses rührt daher: Am Tage leuchtet nicht bloß der Mond, sondern auch alle Gegenstände umher, und selbst der benachbarte Himmel wirft blaues Licht zurück. Dadurch wird die Pupille gehörig verengert, überflüssiges Licht abgehalten, und überdas der Boden des Auges mit gleichförmigem übermalt. Hingegen bei der Nacht wirken die Gegenstände sehr ungleichförmig auf das Auge, und bringen daher in einander nahe liegenden Teilen desselben entgegengesetzte Wirkungen, teils gleichzeitige, teils sukzessive hervor, welches immer eine Art von anfangs zwar vorübergehender, aber endlich mehr oder weniger anhaltender Zerrüttung ist, derjenigen analog, die plötzlicher Übergang von Hitze zur Kälte dem Leibe verursacht. Man findet daher schon wirklich in obigem Fall einige Erleichterung, wenn man das Objektivglas erleuchtet, da doch nun gewiß noch mehr Licht auf das Auge fällt, als vorher, da der Mond allein da war, allein es ist nun alles gleichförmiger, der Mond scheint nicht mehr an einem schwarzen, sondern an einem weißlichten Himmel zu stehen. So würde das Blatt, worauf ich schreibe, das mir mit so sanftem Licht zu leuchten scheint, unerträglich zu glühen scheinen, wenn es dieses verborgte Licht des Nachts in einem übrigens dunkeln Zimmer als sein eignes zurückwürfe. Ich würde glauben auf weißglühendes Blech zu schreiben, und mit der Federspitze einzelne Stellen abzulöschen. – Also, wenn es dann doch einmal bei Licht gelesen oder geschrieben sein soll, so ist es immer besser zwei oder drei Lichter zu gebrauchen, als ein einziges, nur muß die Flamme selbst mit so wenigem Aufwand von Schatten verdeckt werden, als es die Umstände verstatten. Herr Prof. Büsch hält zu dieser Absicht die kleinen Taschenschirme aus Taffet für die bequemsten und besten, deren Mangel man auch ebenfalls mit einer Karte ersetzt, die man vermittelst einer Haarnadel befestigt. Die Lampen mit Schirmen, die, wie die Segnerschen und andere ähnliche, das ganze Zimmer verfinstern, bis auf die Stelle da man lieset, müssen bei fortgesetztem Gebrauch notwendig das beste Gesicht durch eben diese ungleiche Verteilung des Lichts schwächen, da bei jedem Umhersehen, das Auge die Veränderung erleidet, von der wir oben geredet haben, und auch selbst in dem Falle, da man nicht umhersieht, jene ungleiche Erleuchtung des Inneren des Auges bewirkt, die so schädlich ist. Schade, daß die vortreffliche Lampe des Argand, die sonst in aller andern Rücksicht eine der schönsten Erfindungen ist, auch diesen Fehler hat. Der Erfinder hat zwar einigermaßen dieser übeln Wirkung dadurch vorzubeugen gesucht, daß er die Schirmstürze aus dickem, weißem Papier macht, wodurch das Licht mehr durch die Stube verteilt wird, und freilich nicht so schädlich als ein undurchsichtiger Schirm, oder als der Anblick der Flamme selbst wird, aber doch noch immer zu abstechend gegen das übrige Licht des Zimmers, weil die Lichtflamme bei dieser Lampe so äußerst lebhaft ist. Auch hat man den Rauchfang aus gefärbtem Glas gemacht, dadurch wird aber ein Teil der Absicht dieser Lampe verfehlt, nämlich die große Helle. Daß Schirme, die man über den Kopf stürzt, das Licht im Auge ebenfalls ungleichförmig verteilen, ist schon oben erinnert worden. – Der zweite Hauptrat ist: Man muß den Augen nie mehr anmuten, als sie vertragen können, und die Art und die Zeit der Beschäftigungen so viel möglich, nach dem Zustande der Augen wählen Busch a.a.O. S. 333. . Man muß also, so viel als möglich, alle lange anhaltende Anstrengung der Augen vermeiden, und in den Beschäftigungen abwechseln. Zum Glück werden die von Nerven herrührenden Augenschwächen gewöhnlich solchen Menschen zu Teil, die dieses noch können, und seltner Leuten, die in körperlichen oder in leichtern Handarbeiten sich anhaltend beschäftigen. Herr Prof. Busch enthält sich seit vielen Jahren alles anhaltenden Lesens bei Licht, und wählte dafür lieber das Schreiben, weil er dann seinen Augen noch durch den Gebrauch des blauen Papiers zu Hülfe kommen kann. »Weil mir aber, setzt er hinzu, meine gesetzten Arbeiten nicht Beschäftigung genug gegeben hätten, so mußte ich mich nach andern Gegenständen umsehen. Kurz, dieser Umstand insonderheit habe ihn erst spät zum Schriftsteller, und nun beinahe zum Vielschreiber gemacht.« Mancher Ausländer wegen (denn der Almanach wird übersetzt,) muß ich hinzusetzen, – und zwar zu einem, der der Nation Ehre macht. So viel Trost diese Geschichte dem Denker gewähren wird, der aus sich selbst schöpfen kann, so wenig Tröstliches enthält sie für den Kompilator, der seine Bibliothek oder gar die öffentliche mit zu seinem Kopf rechnet, und bei welchem sich besinnen nachschlagen heißt. Doch diese gehören mit unter die subtilen Handarbeiter, von denen wir soeben gesagt haben, daß sie nicht so leicht mit dieser Krankheit befallen werden. Wer sich vorlesen lassen und diktieren kann, kann sich freilich große Erleichterung verschaffen, und allen anstrengenden Gebrauch der Augen bloß auf den Tag versparen, mit sehr großem Gewinn für dieselben. Dritter Rat: Man beschäftige seine Augen in freien Stunden, so viel als möglich in freier Luft und im Sehen in die Ferne Ebendaselbst S. 336. , man wähle seine Vergnügungen in dieser Rücksicht. Reiten hat einen längst erkannten Nutzen für nervenschwache Augen, durch die heilsame Erschütterung der Nerven. Fahren und Spazierengehen haben ihn auch in dieser Rücksicht. Von allen aber ist dieses der Hauptvorteil, den sie dem schwachen Auge verschaffen, daß dasselbe mit einer Menge von Gegenständen beschäftigt wird, deren keiner das Auge lange auf sich zieht, und die in der Entfernung, worin man sie sieht, demselben ein hinlänglich sanftes Licht zusenden. Zum Trost bei anhaltender Augenschwäche dient die Bemerkung, daß sie sich selten mit völliger Blindheit endigt, zumal wenn man sich der erwähnten Vorsicht bedient, und man lasse sich daher nicht gleich durch Okulisten schrecken. Es gibt unter ihnen sehr seltsame Menschen, die alle die prachtvolle Windigkeit des Ritter Taylor ohne seine Geschicklichkeit besitzen. Ich kann hier aus eigner Erfahrung reden, und ergreife mit Vergnügen diese Gelegenheit, einem Manne ein kleines Denkmal zu stiften, das ich ihm schon längst zugedacht habe, ohne die Gelegenheit dazu finden zu können. Dieser Mann ist der berühmte Okulist Wenzel der Vater in London. Wer ihn noch nicht kennt, kann die kurze aber brillante Geschichte seines eignen Wertes, mit stehenbleibenden Schriften gedruckt in jedem englischen Morning paper lesen. Wenn schon die Gleichzeitigkeit einem Geschichtschreiber so vielen Kredit gibt, so kann man leicht denken, was gar diese Geschichte sein müsse, da er selbst der Verfasser davon ist. Zu diesem wackern Landsmanne verfügte ich mich im Jahr 1775,da sich ein Zufall an einem meiner Augen zeigte, der einigen meiner Freunde und besonders mir sehr bedenklich schien. Er wohnte in einer der ersten Straßen Londons, in Pall-Mall, da wo nachher auch Graham seine himmlische Bettlade aufschlug. Bei dem Eintritt in das Haus, wurde ich von einem Paar Bedienten oder Lehrlingen, denn sie hatten in ihrem Betragen etwas von beiden, mit den Augen gemessen und gewogen , vermutlich zu erforschen, ob ich ein solventer oder ein gratis Patient sei, denn in meinem Anzug mochten sie wohl auch so etwas von beidem entdeckt haben. So kam ich endlich vor Herrn Wenzel, der mit jemanden in der Stube ein sehr breites Englisch sprach. Ich fragte ihn auf die bescheidenste Weise von der Welt auf Englisch, ob ich wohl Deutsch mit ihm reden könne, denn es gibt in England Deutsche die es nicht gern Wort haben wollen, daß sie es sind. O, sagte er, sprechen Sie mit mir, was für eine Sprache Sie wollen. Dieses gab mir eine sehr hohe Idee von den Sprachkenntnissen dieses Mannes; ich klagte ihm also mein Anliegen deutsch. Er ließ mich niedersitzen, besah mein Auge mit sehr bedeutendem, liebreichem Kopfschütteln, und auf die Frage: was er von dem Umstand hielte, sagte er: Sie werden blind . – Können Sie mir aber wohl helfen? – O ja – und was muß ich Ihnen dafür bezahlen? – Zehn Guineen , war die Antwort, ich gebe Ihnen etwas in einem weiten Glase, da halten Sie das Auge des Tages etliche mal hinein usw. Ein feiner Scharlatan war denn doch der Mann nicht. Er hätte mich bloß niederschlagen sollen, allein der unanständige dezisive Ton seiner Worte richtete mich mehr auf als mich ihre Bedeutung niederschlug, und ich sah auf einmal wen ich vor mir hatte, bezahlte ihm eine halbe Guinee für die gemachte Freude, und ging nach der Straßentür zu, wohin er mich mit bezahlter Höflichkeit unter vielen Bücklingen begleitete. Vollkommen tröstlich für mich war indessen diese Unterredung im ganzen nicht, denn ich hörte nachher von Wenzels Talenten wenigstens nicht immer schlecht sprechen. Indessen nahm nun bald meine Geschichte eine andere Wendung. Auch hier muß ich ein paar Männer nennen, nicht um ihnen ein Denkmal zu stiften, denn dieses haben sie, die sehr weit über alles Lob, das ich ihnen erteilen könnte, erhaben sind, selbst längst getan. Ich sprach nämlich von meinem Zufall an einem hohen Orte. Die Folge war, daß der Königliche Wundarzt Hawkins zu mir kam. Bei seinem Eintritt in die Stube war es, als gingen Zutrauen und Hülfe vor ihm her, mit so liebreichem Ernst nahte er sich mir. Er sah mir lange in das Auge, aber ohne Kopfschütteln, gab mir alsdann die Hand, und sagte mit unbeschreiblich sanftem Ton, den ich noch immer höre: Sein Sie ganz ohne Sorgen, Sie haben nichts zu befürchten , und verordnete mir ein sehr leichtes Mittel, das mich ein paar Groschen kostete. Als ich bald darauf nach Göttingen kam, fing ich doch wieder an zu sorgen, denn die Augenkranken sind gar vorsichtige Menschen, und fragte unsern jetzigen Herrn Leibarzt Richter. Hier erhielt ich dieselbe herzliche Versicherung mit denselben Mitteln, und seit der Zeit hat das Übel, das doch schon zu dem Grade angewachsen war, daß es die Hornhaut durch Andruck etwas verstellte, und ich wirklich mit diesem Auge doppelt sah, nicht allein nicht zugenommen, sondern ist so völlig verschwunden, daß ich noch kaum im Vergrößerungsspiegel die Spur davon finde. Dieses zeigt wie man die Augenärzte wählen müsse deutlich. Die Regel gilt auch bei der Wahl der Ärzte überhaupt. – Ehe ich nun zu den Hülfsmitteln schreite, die das Gesicht von Gläsern hoffen kann, und der dabei nötigen Vorsicht, so schreibe ich Herrn Adams, einem erfahrnen, vorsichtigen Manne ein äußeres Mittel nach, das allemal ohne Schaden, und oft mit Vorteil gebraucht worden ist, wo sich eine Schwäche der Augen früher als man vom Alter des Patienten erwarten sollte, einstellt, und wovon auch sonst keine in die Augen fallende Ursache vorhanden ist: Zu einem halben Quartier Branntwein tut man zwei Unzen Rosmarinblätter in eine schwarze Flasche, und schüttelt alles drei Tage hinter einander etlichemal des Tages durcheinander, läßt es drei Tage stehen, und seiht es alsdann durch. Von dem Klaren dieses Aufgusses mischt man sodann einen Teelöffel voll mit vier Teelöffeln voll warmen Wassers, und wäscht damit beim Schlafengehen die Augen so, daß man die Augenlider jedesmal in eine solche Bewegung setzt, daß dabei etwas von dem Aufguß zwischen das Augenlid und den Augapfel kömmt. Nach und nach kann man immer weniger Wasser nehmen, bis man endlich mit gleichen Teilen von jedem beschließt. – Allein aller Mühe und Vorsicht ungeachtet, wird oft das Auge schwächer so wie die Stärke der körperlichen Hülle zu sinken anfängt, oder leidet wenigstens Veränderungen die eine Beihülfe nötig machen. Doch ist dieses nicht immer eine notwendige Folge des Alters, ob es gleich eine sehr gewöhnliche ist. Herr Prof. Busch redet von einer Frau, die als er seinen Aufsatz schrieb, noch in Hamburg lebte, die in ihrem hundertundzehnten Jahre noch eines vollkommenen Gesichts genießt; und ähnliche Beispiele gibt es im siebenzigsten und achtzigsten Jahre gewiß unzählige, und würden gewiß noch häufiger sein, wenn man von den Jahren des reifenden Verstandes an eine gehörige Gesichtsökonomie bei sich eingeführt hätte. Ist es aber nun einmal nicht anders, stellen sich die Folgen des Alters beim Gesicht ein, so affektiere man nicht lange eine Kraft, die einem nicht mehr natürlich ist. Durch Affektation von Kraft in gewissen Jahren geht nicht selten auch noch der Teil derselben verloren, den man noch hat, ohne daß man sonst etwas dabei gewänne. Daher sind auch die geraden offenherzigen Leute, die nicht um ein Haar stärker oder jünger oder gesünder sein wollen als sie sind, diejenigen die am längsten aushalten. So empfängt auch hier die Tugend ihren Lohn durch sich selbst. Man kann überzeugt sein, daß dieser Fehler der Augen eintreten werde, oder bereits eingetreten sei, wenn man 1) genötigt ist, um kleine Gegenstände deutlich zu sehen, sie in einer beträchtlichen Entfernung vom Auge zu halten. 2) Wenn man des Abends mehr Licht nötig hat als sonst, und z.B. um deutlich zu sehen die Kerze zwischen den Gegenstand und das Auge bringen muß. Ein in aller Rücksicht äußerst schädliches Verfahren, wenn damit angehalten wird. 3) Wenn ein naher Gegenstand, den man mit Aufmerksamkeit betrachten will, sich zu verwirren und wie mit einem Nebel zu überziehen anfängt. 4) Wenn die Buchstaben beim Lesen zuweilen in einander zu fließen und doppelt und dreifach zu sein scheinen. 5) Wenn die Augen nach einer mäßigen Anstrengung gleich so sehr ermüden, daß man genötiget ist zur Erholung auf andere Gegenstände zu sehen. Bemerkt man einen oder mehrere von diesen Umständen, so ist es Zeit sich nach Gläsern umzusehen, die alsdann gut gewählt, den Augen zur mehrern Erhaltung, ja zur Heilung dienen können, die sonst durch unnütze Anstrengung deutlich zu sehen, noch mehr verdorben werden würden. In diesem Verstande können die Brillen wirklich Konserviergläser werden. Man muß aber ja nicht glauben, wie sehr gewöhnlich geschieht, daß es Gläser gebe, die ein noch völlig gesundes Gesicht zu konservieren dienen. Brillen sind Krücken, und Konservierkrücken für gesunde Beine gibt es nicht und braucht man nicht. Je eher man dazu tut, desto besser. Jeder Aufschub verschlimmert die Sache. Adams führt einen Fall an, da eine Dame aus falscher Scham, den Gebrauch der Brillen so lange aufschob, daß man ihr am Ende nur noch mit Gläsern von solcher Dicke und Brennweite, dergleichen man am Star operierten Personen zu geben pflegt, eine leidliche Hülfe verschaffen konnte; da hingegen Personen, die bei Zeiten Gläser von großen Brennweiten gebrauchten, öfters im Stande gewesen sind, ihre Brillen bei Seite zu legen und mit den bloßen Augen zu sehen. Man sei daher bei der Wahl, zumal der ersten Brillen, sehr auf seiner Hut, und wende sich an erfahrne Leute. Man wähle keine starken Vergrößerer, sondern nur solche, durch welche man mit Leichtigkeit in eben der Entfernung lesen kann, in welcher man sonst mit Bequemlichkeit ohne Brillen zu lesen pflegte. Wird freilich das Auge noch flacher, so muß man stärkere Vergrößerer suchen, aber sich immer hüten, nicht plötzlich zu weit zu gehen. Eine gute Probe, daß man zu weit gegangen und seine Brillen zu stark gewählt habe, ist, wenn man das Buch näher ans Auge bringen muß, als sonst Personen von gesunden Augen zu tun pflegen, nämlich näher als neun bis acht Zolle. Zuweilen ereignet es sich, daß Personen, die am Tage gut und bequem durch die Brille lesen können, bei Licht aber nicht, wenigstens nicht ohne beschwerliche Anstrengung; diese werden wohl tun, wenn sie sich eine etwas mehr vergrößernde anschaffen, die sie nur bei Licht gebrauchen. Man hüte sich vor den sogenannten Brillen mit Bedeckungen oder Blendungen, die die Engländer visual spectacles nennen, deren Gläser, von geringer Apertur mit sehr breiten schwarzen Ringen, gewöhnlich aus Horn eingefaßt sind. Ein unwissender Mann hat ihnen aus einem mißverstandnen Principio diese Einrichtung gegeben, die bei Fernröhren nötig, hier aber nicht bloß unnütz sondern schädlich ist, eben wegen dieser starken und nahen Schatten, und weil bei etwas langen Zeilen der ganze Kopf in Bewegung gesetzt werden muß. Ebenso unnütz und schädlich, wiewohl nicht in ganz so hohem Grade, sind die grünen Brillen. Herr Prof. Busch sowohl als Adams sprechen aus Erfahrung stark dagegen. Das Grüne ist allerdings eine sanfte und angenehme Farbe, aber nicht die Farben der Gegenstände, die man durch grüne Brillen ansieht. Sie geben allen Farben, das Weiße und Grüne ausgenommen, ein unangenehmes und schmieriges Ansehen, und werden sie abgenommen, welches der Fernsichtige bei fernen Gegenständen tut, so erhalten die Gegenstände ein blendendes, anfangs sogar rötliches, Ansehen, welches den Augen schadet. Auch in dieser Erfindung also ist mehr guter Wille als Verstand. Die Furcht und Scham alt zu scheinen, denen wir den ganzen zweiten Teil der kosmetischen Kunst zu danken haben, haben ebenfalls an den Krücken gekünstelt, wodurch sich das alternde Gesicht forthelfen muß, oder ihnen wenigstens das Ansehen von einem Spazierstock zu geben gesucht, den man mehr aus Laune als Not gewählt hätte. Sie haben nämlich das Auge zu bewaffnen gesucht ohne die Nase zur Waffenträgerin zu machen, und die sogenannten Lesegläser erfunden, die man in der Hand hält. Die Absicht dieser Gläser soll sein, sich bei der Fernsichtigkeit des Alters noch ein Ansehen von Jugend zu geben; dann soll die Würde des Gesichts nicht so sehr darunter leiden, und endlich auch die Nase nicht gemißbraucht werden, und den guten Ton nicht verlieren. Der erste Vorteil ist gewiß sehr gesucht, und würde wegfallen, sobald man dergleichen Gläser nur bei Alten sähe. Was den zweiten Vorteil betrifft, so ist zwar nicht zu leugnen, daß zu allen Zeiten und bei allen Völkern, die meisten Handlungen, worin sich die Nase entweder von selbst mischt, oder in welche sie mit Gewalt gezogen wird, sobald sie nicht mit zu den Geruchsgeschäften gehören, ein etwas lächerliches Ansehen gewinnen. Dahin gehört z.B. das Tragen großer Warzen darauf, die gar für die Nase nicht gehören; das Umschlagen von Blättern in Büchern, das Auffangen und Parieren von Schlägen, denen sie nicht gewachsen ist, oder wenn sie sich gar zum Zügel oder zur Handhabe gebrauchen läßt, ihren Besitzer daran herum zu führen. Allein nichts, was die Nase zu Unterstützung der Augen tut, hat sie je lächerlich gemacht, wegen der bekannten Verwandtschaft die zwischen beiden stattfindet. Es ist nämlich bekannt, daß beide schon in der frühesten Jugend gemeiniglich zugleich weinen, ja daß selbst im Alter die Augen noch übergehen, wenn die Nase gereizt wird, und daß sie nicht selten zu gleicher Zeit rot werden. Den guten Ton wird sie ebenfalls nicht verlieren, wenn die Dienstfertige nicht zu sehr geklemmt wird, und etwas Unterstützung durch Bügel an den Schläfen erhält, und, was hier wohl bemerkt zu werden verdient, so hat es Leute gegeben, die diese im Dienst veränderte Sprache für schön gehalten haben, zumal wann sie sich nicht sowohl dem näselnden Klarinettenton, als vielmehr der vornehmen, halb erstickten Schnupftabakssprache nähert, die das m fast wie b ausspricht. Doch genug mit dieser Art zu widerlegen und von solchen Argumenten. – Die Lesegläser sind schädlich und unnütz, 1) weil sie ihrer Natur nach nicht festgehalten werden können, und also folglich das Auge immer andere Stellungen erfordert und auch annimmt, wodurch es ermüdet und geschwächt wird, daher solche Personen öfters sich genötigt sehen zu Brillen überzugehen, wenn es fast zu spät ist. 2) Weil das von ihrer Oberfläche zurückgeworfene Licht bei mancher Gelegenheit stark blendet und verwirrt, und dadurch das Übel vermehrt; und 3) weil sie beim Schreiben und vielen andern Verrichtungen nicht zu gebrauchen sind. Personen, die in ihren besten Jahren kurzsichtig gewesen sind; bedürfen im Alter der Brillen selten oder gar nicht, weil ihr Auge zu viel Konvexität hatte, die sich nun verliert, aber nicht immer zu dem Grade, daß sie konvexer Brillen bedürften. Die Menge rechnet ihnen dieses zur Glückseligkeit, daß sie im späten Alter ohne Brillen lesen können, das heißt, nicht nötig haben einen halben Gulden für ein Paar Gläser hinzugeben, dafür sie denn die ganze übrige Lebenszeit für die Schönheit der Natur im Großen blind waren, und nie den entzückenden Anblick einer schönen Gegend genossen haben. – Die Kurzsichtigen müssen sich bei der Wahl ihrer Brillen eben der Vorsicht bedienen, deren wir oben Erwähnung getan haben, nämlich ihre Gläser nicht gleich allzu hohl wählen, und würden wohl tun sich bei Zeiten der Brillen von solcher Konkavität zu bedienen, die ihnen verstattet das Buch acht bis zehn Zoll vom Auge zu halten, anstatt es dem bloßen Auge immer näher zu bringen, und dadurch den Fehler immer mehr zu verschlimmern. Noch muß ich denenjenigen zum Trost erinnern, die von den kleinen schwarzen vor den Augen schweben zu scheinenden schwarzen Flecken geschreckt werden, welche die Franzosen mouches volantes nennen, daß sie wenig zu bedeuten haben. Ich kann hierin Herrn Prof. Büschs Erfahrung auch noch die meinige beifügen. Als ich mich im Jahr 1769 und 1770 sehr mit mikroskopischen Beobachtungen abgab, bemerkte ich ihrer mehrere, zumal im rechten Auge, nicht als wenn ich sie mir durch das Mikroskop zugezogen hätte, sondern weil die Lage des Auges, bei dem zusammengesetzten Mikroskop, da bei dem Abwärtssehen die Axe desselben fast vertikal zu stehen kommt, ihrer Beobachtung sehr günstig ist. Ich wurde dadurch beängstigt, zeichnete die Figur von einigen, um ihren Wachstum oder Abnahme zu bemerken, fing aber endlich an mich nicht weiter mehr um sie zu bekümmern, welches gegen viele Übel in der Welt, wo nicht ein treffliches Mittel selbst, doch gewiß eine große notwendige Unterstützung dabei ist, und fand nach fünf, sechs Jahren unvermutet, daß die Flecken alle verschwunden waren. – Außer den oben erwähnten Ursachen von Augenschwächen gibt es freilich auch noch andere, deren Hebung für den Arzt allein gehört. Aber die Schwäche entstehe woher sie wolle, so wird allemal die oben erwähnte Ökonomie beim Geschäfte des Sehens nötig sein, und jede Verabsäumung derselben die Sache verschlimmern. Warum hat Deutschland noch kein großes öffentliches Seebad? Diese Frage ist, dünkt mich, vor mehreren Jahren schon einmal im Hannoverschen Magazin aufgeworfen worden. Ob sie jemand beantwortet hat, weiß ich nicht zuverlässig, ich glaube es aber kaum. Noch weniger glaube ich, daß eine öffentliche Wiederholung derselben jetzt nicht mehr Statt findet. Denn wo gibt es in Deutschland ein Seebad? Hier und da vielleicht eine kleine Gelegenheit sich an einem einsamen Ort, ohne Gefahr und mit Bequemlichkeit in der See zu baden, die sich allenfalls jeder, ohne jemanden zu fragen, selbst verschaffen kann, mag wohl alles sein. Allein wo sind die Orte, die, wie etwa Brighthelmstone, Margate und andere in England, in den Sommermonaten an Frequenz selbst unsere berühmtesten einländischen Bäder und Brunnenplätze übertreffen? Ich weiß von keinem. Ist dieses nicht sonderbar? Fast in jedem Dezennium entsteht ein neuer Bad- und Brunnenort, und hebt sich, wenigstens eine Zeit lang. Neue Bäder heilen gut. Warum findet sich bei dieser Bereitwilligkeit unsrer Landsleute, sich nicht bloß neue Bäder empfehlen, sondern sich auch wirklich dadurch heilen zu lassen, kein spekulierender Kopf, der auf die Einrichtung eines Seebades denkt? Vielleicht kömmt durch diese neue Erinnerung die Sache einmal ernstlich zur Sprache, wo nicht in einem medizinischen Journal, doch in einem des Luxus und der Moden, oder, weil die Sache auf beide Bezug hat, in beiden zugleich. Bis dahin mögen einige flüchtige Bemerkungen eines Laien in der Heilkunde, der seinem Aufenthalte zu Margate die gesündesten Tage seines Lebens verdankt, hier stehen. An empfehlenden Zeugnissen einiger der ersten Eingeweiheten in der Wissenschaft fehlt es ihm indessen nicht; er hält sie aber bei einer so ausgemachten Sache, wenigstens hier für entbehrlich. Denn weder der Medecin Penseur noch der Medecin Seigneur werden jetzt den Nutzen des Seebades leugnen. Von dem erstem wenigstens ist nichts zu befürchten, und der andere würde schweigen, sobald man ihm sagte, daß in England nicht allein eine sehr hohe Noblesse, sondern die Königliche Familie selbst, vermutlich durch Penseurs und den glücklichsten unverkennbaren Erfolg geleitet, sich dieser Bäder jetzt vorzüglich bedient. Was aber außer der Heilkraft jenen Bädern einen so großen Vorzug vor den inländischen gibt, ist der unbeschreibliche Reiz den ein Aufenthalt am Gestade des Weltmeers in den Sommermonaten, zumal für den Mittelländer hat. Der Anblick der Meereswogen, ihr Leuchten und das Rollen ihres Donners, der sich auch in den Sommermonaten zuweilen hören läßt, gegen welchen der hochgepriesene Rheinfall wohl bloßer Waschbecken-Tumult ist; die großen Phänomene der Ebbe und Flut, deren Beobachtung immer beschäftiget ohne zu ermüden; die Betrachtung, daß die Welle, die jetzt hier meinen Fuß benetzt, ununterbrochen mit der zusammenhängt, die Otaheite und China bespült, und die große Heerstraße um die Welt ausmachen hilft; und der Gedanke, dieses sind die Gewässer, denen unsre bewohnte Erdkruste ihre Form zu danken hat, nunmehr von der Vorsehung in diese Grenzen zurück gerufen, – alles dieses, sage ich, wirkt auf den gefühlvollen Menschen mit einer Macht, mit der sich nichts in der Natur vergleichen läßt, als etwa der Anblick des gestirnten Himmels in einer heitern Winternacht. Man muß kommen und sehen und hören. Ein Spaziergang am Ufer des Meeres, an einem heitern Sommermorgen, wo die reinste Luft, die uns selbst das Eudiometer noch auf der Oberfläche unsers Wohnorts kennen gelehrt hat, Eßlust und Stärkung zuträgt, macht daher einen sehr großen Kontrast mit einem in den dumpfigen Alleen, der einländischen Kurplätze. Doch das ist bei weitem noch nicht alles. Das übrige wird sich erst alsdann beibringen lassen, wenn wir erst über die Gegend eins geworden sind, wo nun in Deutschland ein solches Bad angelegt werden könnte. Die ganze Küste der Ostsee ist mir unbekannt, und ich für mein Teil würde sie dazu nicht wählen, solange nur noch ein Fleckchen an der Nordsee übrig wäre, das dazu taugte, weil dort das unbeschreiblich große Schauspiel der Ebbe und Flut, wo nicht fehlt, doch nicht in der Majestät beobachtet werden kann, in welcher es sich an der Nordsee zeigt. Es gibt da zu tausend Unterhaltungen Anlaß, und ich würde kaum glauben, daß ich mich an der See befände, wo der Größe dieser Naturszene etwas abginge. Wenn ich, jedoch ohne das übrige nötige Lokale genau zu kennen, wählen dürfte, so würde ich dazu Ritzbüttel, oder eigentlich Cuxhaven oder das Neue Werk, oder sonst einen Fleck in jener Gegend vorschlagen. Freilich nicht jeder Seeort taugt zu einem öffentlichen Seebad, das auf große Aufnahme hoffen kann. Es kömmt sehr viel auf die Beschaffenheit des Bodens der See an. Zu Margate ist es der feinste und dabei festeste Sand, der auch den zartesten Fuß nicht verletzt, ihm vielmehr bei der Berührung behaglich ist, und gerade einen solchen Boden habe ich bei dem Neuen Werk gefunden. Der Beschaffenheit des Bodens zu Cuxhaven erinnere ich mich nicht mehr genau. Allein wo auch der Boden nicht günstig ist, läßt sich leicht eine Einrichtung treffen, die alle Unbequemlichkeiten hebt, und die ich zu Deal gesehen habe. Dieses zu verstehen, muß ich unsere Leser vor allen Dingen mit der Art bekannt machen, wie man sich an diesen Orten in der See badet. Man besteigt ein zweirädriges Fuhrwerk, einen Karren, der ein von Brettern zusammen geschlagnes Häuschen trägt, das zu beiden Seiten mit Bänken versehen ist. Dieses Häuschen, das einem sehr geräumigen Schäferkarren nicht unähnlich sieht, hat zwei Türen, eine gegen das Pferd und den davor sitzenden Fuhrmann zu, die andere nach hinten. Ein solches Häuschen faßt vier bis sechs Personen, die sich kennen, recht bequem, und selbst mit Spielraum, wo er nötig ist. An die hintere Seite ist eine Art von Zelt befestigt, das wie ein Reifrock aufgezogen und herabgelassen werden kann. Wenn dieses Fuhrwerk, das an den Badorten eine Maschine (a machine) heißt, auf dem Trocknen in Ruhe steht, so ist der Reifrock etwas aufgezogen, vermittelst eines Seils, das unter dem Dach des Kastens weg nach dem Fuhrmanne hingeht. An der hintern Türe findet sich eine schwebende aber sehr feste Treppe, die den Boden nicht ganz berührt. Über dieser Treppe ist ein freihängendes Seil befestigt, das bis an die Erde reicht und den Personen zur Unterstützung dient, die, ohne schwimmen zu können, untertauchen wollen, oder sich sonst fürchten. In dieses Häuschen steigt man nun, und während der Fuhrmann nach der See fährt, kleidet man sich aus. An Ort und Stelle, die der Fuhrmann sehr richtig zu treffen weiß, indem er das Maß für die gehörige Tiefe am Pferde nimmt, und es bei Ebbe und Flut, wenn man lange verweilt, durch Fortfahren oder Hufen immer hält, läßt er das Zelt nieder. Wenn also der ausgekleidete Badgast alsdann die hintere Tür öffnet, so findet er ein sehr schönes dichtes leinenes Zelt, dessen Boden die See ist, in welche die Treppe führt. Man faßt mit beiden Händen das Seil und steigt hinab. Wer untertauchen will, hält den Strick fest und fällt auf ein Knie, wie die Soldaten beim Feuern im ersten Gliede, steigt alsdann wieder herauf, kleidet sich bei der Rückreise wieder an usw. Es gehört für den Arzt zu bestimmen, wie lange man diesem Vergnügen (denn dieses ist es in sehr hohem Grade,) nachhängen darf. Nach meinem Gefühl, war es vollkommen hinreichend, drei bis viermal kurz hinter einander im ersten Gliede zu feuern, und dann auf die Rückreise zu denken. Beim ersten Male wollte ich, um seinen eignen Körper erst kennen zu lernen, raten nur einmal unterzutauchen, und dann sich anzukleiden, und nie die Zeit zu überschreiten, da die angenehme Glut, die man beim Aussteigen empfinden muß, in Schauder übergeht. Da das schöne Geschlecht von Anfang, wie ich gehört habe, auch hier, gegen das Unversuchte einige Schüchternheit äußern soll, so finden sich an diesen Orten vortreffliche Kupplerinnen zwischen der Thetis und ihnen, die sie sehr bald dahin bringen selbst wieder Kupplerinnen zu werden. Dieses sind in Margate junge Bürgerweiber die sich damit abgeben, die Damen aus- und ankleiden zu helfen, auch eine Art von losem Anzug zu vermieten, der, ob er gleich schwimmt, doch beim Baden das Sicherheitsgefühl der Bekleidung unterhält, das der Unschuld selbst im Weltmeere so wie in der dicksten Finsternis immer heilig ist. Unter diesen Weibern gibt es natürlich, so wie bei den fern verwandten Hebammen, immer einige, die durch Sittsamkeit, Reinlichkeit, Anstand und Gefälligkeit vor den übrigen Eindruck machen und Beifall erhalten. Ich habe eine darunter gekannt, die damals Mode war. Diese besorgte öfters zwei bis drei Fahrzeuge zugleich. Und da war es lustig vom Fenster anzusehen, wie diese Sirene, wenn sie mit Einer Gesellschaft fertig war, von einem Karren nach dem andern oft 20 bis 30 Schritte weit wanderte. Es war bloß der mit Kopfzeug und Bändern gezierte Kopf, was man sah, der wie ein Karussellkopf aus Pappdeckel auf der Oberfläche des Meeres zu schwimmen schien. – Ist nun der Boden der See wie der zu Deal, der aus Geschieben von Feuersteinen etc. besteht, nicht günstig, so endigt sich die Freitreppe in einen geräumigen viereckigten Korb, in dem man also steht, ohne je den Boden zu berühren. Doch ich glaube nicht, daß diese Einrichtung, die mir im ganzen nicht recht gefällt, in Cuxhaven nötig sein wird. Geschiebe von Feuersteinen sind da gewiß nicht, ob nicht Schlamm oder glitschiges Seekraut so etwas nötig machen könnte, getraue ich mir nicht schlechtweg zu entscheiden, glaube es aber kaum. Überdas aber kömmt noch bei jenen Gegenden der sehr wenig inklinierte Boden in Betracht. Das Meer tritt da, auf den sogenannten Watten bei der Ebbe sehr weit zurück, ein zwar großes und herrliches Schauspiel, das aber für die Hauptabsicht Unbequemlichkeiten haben könnte. Denn die eigentliche Badezeit ist von Sonnenaufgang an bis etwa um 9 Uhr, da es anfängt heiß zu werden. Die größte Frequenz war zu Margate immer zwischen 6 Uhr und halb 9 im Julius und August. Nun könnte es kommen, oder muß vielmehr kommen, daß zuweilen gerade um diese Zeit zu Cuxhaven das Meer sehr weit von dem Wohnorte zurück getreten wäre, dieses würde oft eine kleine Reise im Schäferkarren nach dem Wasser, und selbst bei der Ankunft bei dem Wasser noch eine kleine Seereise auf der Axe nötig machen, um die gehörige Tiefe zu gewinnen. So etwas ist zwar, wie ich aus Erfahrung weiß, den gesunden Patienten nichts weniger als unangenehm, zumal wenn ihrer mehrere die mit derselben Krankheit behaftet sind, zugleich fahren, allein den Patienten im eigentlichen Verstand könnte doch so etwas lästig sein. – Aber auch hier ließe sich vielleicht Rat schaffen. Wie? das gehört nicht hieher. Ich hoffe mein Freund, Herr Woltmann zu Cuxhaven, der bekanntlich mit sehr tiefen Kenntnissen die größte Tätigkeit verbindet, soll nun hier den Faden anfassen wo ich ihn fahren lasse, wenn er es der Mühe wert hält. Sein Gutachten wird hier, in einer wichtigen Angelegenheit entscheidend sein. – Nun aber vorausgesetzt, daß dort alle Bequemlichkeit zum Baden erhalten werden könnte, woran ich nicht zweifle, so hat jene Gegend Vorzüge, deren sich vielleicht wenige Seeplätze in Europa rühmen können. Die glückliche Lage zwischen zwei großen Strömen, der Elbe und der Weser, auf denen alle nur ersinnliche Bedürfnisse für Gesunde und Kranke, auch mineralische Wasser leicht zugeführt werden können. Die Phänomene der Ebbe und Flut, die dort auffallender erscheinen als an wenigen Orten, vielleicht keinem in Europa. Zwischen Ritzbüttel und dem Neuen Werk könnte noch heute einem verfolgenden Heere begegnen, was Pharao mit dem seinigen begegnete. Man macht da die Hinreise auf der Axe, und einige Stunden darauf über demselben Gleise die Rückreise in einem bemasteten Schiff. Mit Entzücken erinnre ich mich der Spaziergänge auf dem soeben von dem Meere verlassenen Boden, ja ich möchte sagen, selbst auf dem noch nicht ganz verlaßnen, wo noch der Schuh, ohne Gefahr von Erkältung überströmt ward; der Tausenden von Seegeschöpfen die in den kleinen Vertiefungen zurückbleiben, deren einige man selbst für die Tafel sammeln kann, und die den Gleichgültigsten zum Naturaliensammler machen können, wenn er es nicht schon ist; des Heeres von See- und andern Vögeln, (auch darunter Naturalien für die Tafel,) die sich dann einfinden und die angenehmste Jagd zu Fuß an der Stelle gewähren, über die man noch vor einigen Stunden wegsegelte und nach wenigen wieder wegsegeln kann. Hierzu kömmt nun das ununterbrochene Aus- und Einsegeln oft majestätischer Schiffe mehrerer Nationen, die Cuxhaven gegenüber vor Anker gehen, und die man besteigen oder wenigstens in kleinen Fahrzeugen besuchen und umfahren kann, immer unter dem Anwehen der reinsten Luft und der Eßlust. Freilich werden diese kleinen gar nicht gefährlichen Reisen, öfters kleine Vomitiv-Reischen, und dafür nur desto gesünder. Ich habe von einem der römischen Kaiser gelesen, wo ich nicht irre, so war es August selbst, der in der reinen Seeluft jährlich solche Vomitivreisen unternahm. – Der gesunden Patienten wegen merke ich noch an, daß man hier alle Arten von Seefischen und Schalentieren immer aus der ersten Hand hat, und gerade um diese Zeit den Hering, noch ehe er das Mittelland erreicht. Die wohlschmeckendste Auster, frischriechend bei der heißen Sonne und den königlichen Steinbütt! Eine mächtige Unterstützung für das Geschäfte im Schäferkarren. – Und nun Helgoland ! Kleine geschlossene Gesellschaften unternehmen, statt Ball und Pharao, eine Reise nach dieser außerordentlichen Insel. Die Vomitivchen unterwegs verschwinden in dem Genuß dieses großen Anblicks. Wer so etwas noch nicht gesehen hat, datiert ein neues Leben von einem solchen Anblick, und liest alle Beschreibungen von Seereisen mit einem neuen Sinn. Ich glaube jeder Mann von Gefühl, der das Vermögen hat sich diesen großen Genuß zu verschaffen und es nicht tut, ist sich Verantwortung schuldig. Nie habe ich mit so vieler fast schmerzhafter Teilnehmung an meine hinterlassenen Freunde in den dumpfigen Städten zurück gedacht, als auf Helgoland. Ich weiß nichts hinzu zu setzen, als: man komme und sehe und höre. – Sollte eine solche Anstalt in jenem glücklichen Winkel nicht möglich sein? Ich glaube es. Von Hamburg läßt sich alles erwarten. Diese vortreffliche Stadt mit ihren Gesellschaften, könnte, verbunden mit Bremen, Stade, Glückstadt etc. schon allein einem solchen Bade Aufnahme verschaffen, der Fremde bedürfte weiter nichts. Sollte unter den vielen spekulierenden Köpfen dort nicht einer sein, der ein solches Unternehmen beförderte, auf dessen Ausführung keine geringe Anzahl von Teilnehmern wartet, wenn ich aus meiner Bekanntschaft auf die übrigen schließen darf? Große Anstalten wären zum ersten Versuch nicht nötig, nur Bequemlichkeit für die Gäste. Fürs erste, keine Komödienhäuser, keine Tanzsäle, (das würde sich am Ende alles von selbst finden) und keine Pharaobänke. Pharao mit seinem Heer gehört zwischen Ritzbüttel und das Neue Werk zur Zeit der Flut. Nun noch eine kurze Antwort zu Hebung von einem Paar Bedenklichkeiten, die ich habe äußern hören: 1) Der Ort sei zu weit abgelegen, und 2) verdiene bei einem Seebad, das Schicksal des Propheten Jonas immer eine kleine Beherzigung, und der häßliche Rachen eines Haifisches sei im Grunde am Ende nicht viel besser als eine Pharaobank. Was die erste Bedenklichkeit betrifft, so ist sie freilich so ganz ungegründet nicht. Allein nicht zu gedenken, daß alle Seebäder den natürlichen Fehler haben, daß sie an der Grenze der Länder liegen, wo sie sich befinden, so könnte man fragen: was ist ein abgelegner Ort im allgemeinen Verstand, so wie das Wort hier genommen wird, ohne etwa Wien oder Prag oder sonst einen Ort zu nennen, der weit von Ritzbüttel abliegt? Mit ein wenig Überlegung wird es sich bald finden, daß Ritzbüttel diese Benennung nicht verdient, weil nicht allein ein reiches, sondern auch ein bevölkertes Land in der Nachbarschaft liegt. Hat es freilich auf einer Seite, wie alle Seebäder, kein festes Land, so hat es dafür eine Fläche die einem großen Teil des festen Landes die Passage dahin sehr erleichtert, zumal hier vermittelst der Elbe und der Weser. Dies ist so wahr, daß ich hiervon einen Beweis nicht zurückhalten will, ob ich gleich merke, daß er für eine Empfehlung fast etwas zu viel beweiset. Das schön gelegene Margate wird von Vornehmen nicht so häufig besucht als andere Seebäder, die die schöne Nachbarschaft nicht haben, eben weil die Themse die Passage dahin, zumal von London aus, zu sehr erleichtert. Daher geschieht es denn, daß sich eine Menge von allerlei Gesindel einfindet, das sich seiner oft guten Kleider wegen nicht ganz von den Gesellschaften zurückhalten läßt, und welches dennoch unerträglich zu finden ein gesitteter Mann eben keine Ahnen nötig hat. Zum Glück sind Hamburg und Bremen, ihres übrigen Reichtums ungeachtet, noch immer arm an dieser Menschenklasse. – Vor dem Schicksal des Jonas wird nicht leicht jemanden im Ernste bange sein, der das Lokale dieser Örter kennt. Die Fische, die einen Propheten fressen könnten, sind da so selten als die Propheten. Eher könnte man die dortigen Fische vor den Badegästen warnen. Seit jeher sind zwar die Fische dort, zumal von Fremden, mit großer Prädilektion gespeiset worden, es ist mir aber nicht bekannt, daß je einer von ihnen das Kompliment erwidert hätte. Nachricht von einer Walrat-Fabrik Der Walrat (Sperma Ceti. Blanc de Baieine) ist bekanntlich eine weiße, fettige, brüchige Masse von talgartigem Geruch, die in dem Kopfe des Pottfisches (Physeter macrocephalus) gefunden wird. Sie liegt zwischen der weichen und harten Haut des Gehirns sowohl als des Rückenmarks dieses Fisches in solcher Menge, daß man mit dem von einem einzigen Tiere gesammelten oft mehrere Tonnen anfüllen kann. Er wird in der Heilkunst verschiedentlich sowohl innerlich in verschiedener Form, als auch äußerlich in Pflastern gebraucht. Vorzüglich aber dient er als Zusatz zum Wachs bei den Lichtern, die dadurch eine sehr schöne Weiße erhalten, nicht so brüchig sind als die Wachslichter, und dabei nicht allein heller, sondern auch ratsamer brennen. Freilich ist sehr begreiflich, daß, solange man diese Materie nur allein aus den Köpfen der Pottfische nehmen kann, sie nie sehr gemein, und dergleichen Lichter nie sehr wohlfeil werden können. Desto angenehmer wird also unsern Lesern die Nachricht sein, die uns von einem Freunde mitgeteilt worden ist, daß man diese Materie in England nunmehr aus dem Fleische der Tiere durch Kunst zu verfertigen wisse, und daß ein gewisser Doktor, dessen Name nicht genau angegeben werden konnte, bereits ein Patent über diese Erfindung genommen habe, und Walratlichter wohlfeiler als Wachslichter liefern werde. Da die Sache ihre Richtigkeit hat, das Verfahren aber wenigstens eine Zeit lang ein Geheimnis bleiben wird, so wollen wir unsern Lesern ein paar Geschichten mitteilen, die vermutlich die Veranlassung zu der Entdeckung gewesen sind, und also auch manchen tätigen Landsmann von uns ebenfalls darauf leiten können. Überdas gibt die erstere einen kleinen Beitrag zur Geschichte unsers Leibes nach dem Tode ab, und hat sonst noch so viel Lehrreiches für den Physiker, daß sie schon allein deswegen eine Stelle hier verdient. Wir entlehnen die Erzählung auszugsweise aus Herrn v. Crells chemischen Annalen, von 1792. 12ten St. S. 522 usw., wo sie sich aus den Annales de Chimie T.V. p. 154 übersetzt befindet. Der Aufsatz selbst ist von Herrn Fourcroy: Bei der Gelegenheit, daß die Ärzte für die Gesundheit der Gräber auf dem Kirchhofe der unschuldigen Kinder (des innocens) zu Paris wachen sollten, entdeckten sie eine ganze Reihe neuer Tatsachen, die den Beobachter der tierischen Natur in Erstaunen setzen mußten, weil sie seit so vielen verflossenen Jahrhunderten noch nicht wahrgenommen sind. Man glaubte nämlich, daß binnen sechs Jahren alle Leichname gänzlich in Verwesung gingen, und man hatte nicht den mindesten Grund zu vermuten, daß in einer Zeit von vierzig Jahren dieser gänzlichen Zerstörung irgend etwas entgangen sein könnte. Noch weniger ahndete man die Art der Veränderung, welche ein Boden, der seit sehr langer Zeit gleichsam mit tierischen Ausdünstungen gesättigt war, auf frische Leichen hervorbringen könne. Man fand die Leichen in dreierlei Form. Von einigen die bloßen Gerippe, und Knochen, wie dieses gewöhnlich der Fall ist, wenn Körper einzeln in eine feuchte Erde gescharrt werden, die öfters wieder umgegraben wird. Bei der zweiten Gattung der einzeln Begrabenen fand man die weichen Teile zwischen der Haut und den Knochen vertrocknet und hart wie bei Mumien. Die dritte und merkwürdigste, von welcher hier eigentlich die Rede sein wird, hatte eine Art von Verwandlung erlitten. Sie fand sich in den Gräbern von dreißig Fuß Tiefe und zwanzig ins Gevierte, worin man so dicht als möglich neben einander der armen Leute Särge (aus Brettern von ungefähr einen halb Zoll Dicke) setzte und wo in jede solche Gruft 1500 Leichen kamen. Hierauf bedeckte man die letzte Schicht mit etwa einem Fuß Erde und grub in einiger Entfernung gleich wieder eine neue Gruft: eine solche Gruft blieb ungefähr drei Jahre offen ehe sie angefüllt wurde Im Vorbeigehen eine ganz artige Probe von den so oft gerühmten Polizei-Anstalten in dem damals noch behosten Frankreich (Gallia braccata). . Gemeiniglich geschah es nicht unter funfzehn, und nicht über dreißig Jahre, daß an demselben Ort wieder eine neue Gruft gemacht wurde. – In einer dergleichen seit funfzehn Jahr verschlossenen, fanden die Herren Fourcroy und Thouret die Särge noch ganz gut erhalten, nur wo sie über einander stehen (vermutlich wo sie oben und unten einander berührten, nicht an den Seiten) etwas angegangen: das Holz war fast überall noch gesund, nur gelb gefärbt. Nach aufgehobenen Deckeln von mehreren Särgen fanden sie die Leichen auf dem Rücken liegend, und so platt und zusammengedrückt, als wenn sie einen starken Druck ausgestanden hätten. Das leinene Zeug, was sie umgab, war an den Leichen gleichsam anklebend, und ungeachtet der scheinbar erhaltenen Form der Teile fand man darunter nur unförmliche Massen von einer weichen, biegsamen, weißgrauen Materie, welche die Knochen von allen Seiten umgab, sie hatte keine Festigkeit und zerbrach bei einer etwas harten Berührung und hatte selbst die Eindrücke der Leinwand angenommen. Sie gab dem Druck der Finger nach und erweichte sich, wenn man sie etwas rieb. Die Leichen rochen nicht sehr widrig, und die Totengräber kannten diese Materie, die sie ganz treffend Fett nannten, recht wohl, und berührten sie ohne Widerwillen. Sie sagten, bei einzelnen Körpern fänden sie dieses Fett nie, sondern nur in den gemeinschaftlichen Gruben. Nicht bei allen Leichen war der Übergang in dieses fette Wesen gleich weit gediehen, in einigen fand man noch kenntliche Stücke von Muskeln. Bei denen, wo diese Umwandlung vollkommen war, waren die Massen, welche die Knochen bedeckten, durchaus von derselben Art fettiger Materie. Die Bänder und Flechsen waren nicht mehr vorhanden; die Knochen-Gelenke waren ohne Verbindung, und jene ihrer eigenen Schwere überlassen; die geringste Gewalt trennte sie; deshalb pflegten auch die Totengräber die Leichen, welche die Herren nach Hause geschafft haben wollten, über einander mit Leichtigkeit vom Kopf bis zum Fuße zusammen zu rollen. In solchen Leichen findet sich die Höhle des Unterleibes nicht mehr. Seine Decken und Muskeln sind in Fett verwandelt und liegen auf dem Rückgrat. Der Bauch ist ganz platt und mehrenteils ohne Spur von Eingeweiden. Man fand weder Lunge noch Herz, statt dessen einige Klumpen von der weißen Materie, sowie zuweilen auch dergleichen in der Gegend der Milz und der Leber. Die Brüste waren in eine sehr weiße und gleichförmige Fettmasse verwandelt, eben diese Masse umgab auch die Köpfe, die Ohren waren verwandelt, ja selbst das Haupthaar, doch fand sich auch immer welches noch unverändert. Merkwürdig ist, daß beim Gehirn die Verwandlung nie fehlte. Die Masse hatte, wie man sich leicht vorstellen kann, nicht bei allen einerlei Konsistenz, welches wohl von der Zeit abhängt. Bei den älteren hatte sie, zumal in trocknem Erdreich, das Ansehn von Wachs und war halb durchsichtig. Doch dieses mag für uns genug sein, weiteren Unterricht wird man in dem Aufsatze selbst, am angeführten Ort finden, der überhaupt noch herrliche Beiträge zu einer Geschichte des Leibes nach dem Tode enthält, nämlich derer, die der mütterlichen Erde auf die gewöhnliche Weise wieder zugezählt werden. Denn von solchen, die in kostbaren Gefäßen in Kellern, und denen, die an hänfenen Schnüren an der Luft getrocknet werden, ist die Rede nicht. Die zweite Geschichte, die wahrscheinlich die nächste Veranlassung zu der Entdeckung war, nehmen wir aus dem neuesten Bande der philosophical Transactions, für das Jahr 1792. P. II. S. 197. Ein gewisser Herr Sneyd übersandte der Londonschen Königl. Sozietät ein Stück von einem Vogel, wahrscheinlich einer Ente oder jungen Gans, die man in einem Fisch-Teich, da wo ein kleiner Bach in denselben fällt, unten auf dem Schlamme liegend gefunden hatte. Sie war ebenfalls in eine fettige Materie verwandelt, die dem Walrat sehr glich, nach der Schmelzung eine noch stärkere Konsistenz bekam und dem Wachse ähnlich wurde. Da Herr S. nie etwas von einer besondern Eigenschaft jenes Wassers gehört hat, so hält er für wahrscheinlich, daß die Veränderung des Körpers unten im Morast vorgegangen sei und der Bach ihn nach der Hand heraus gespült und nach dem Teiche geführt habe. Dieses wären nun diese merkwürdigen Erscheinungen und das Resultat eines chemischen Naturprozesses, Muskeln, Gehirn usw. von Tieren in Fett zu verwandeln, dem es, sollte man denken, nicht gar schwer sein könnte, auf die Spur zu kommen. In einer Note, die dem Aufsatz des Herrn Fourcroy beigefügt ist, wird gesagt, Herr Thouret habe zwei Jahre hindurch mit unermüdetem Eifer seine Aufmerksamkeit auf alle Umstände bei diesem Ausgraben gewandt und werde ein besonderes Werk darüber schreiben. Ob dieses Werk wirklich erschienen sei, ist uns nicht bekannt; genug daß es dem Engländer geglückt ist, durch Kunst diese Operation der Natur nachzumachen. Einige Betrachtungen über vorstehenden Aufsatz, nebst einem Traum Welcher Naturforscher hätte ehemals nur mutmaßen können, daß ein Haufen von 1500 vergrabenen menschlichen Körpern sich in dreißig Jahren in Fett verwandeln würde? Gesetzt es wären dieser Körper, wie etwa der Bäume in einem Wald, eine oder mehrere Millionen gewesen, und die Knochen wären mit der Zeit ebenfalls verschwunden, was würde nicht über ein solches Walrat-Flöz geschrieben und gezankt worden sein. Wir sehen also auch aus diesem uns so nahe liegenden Beispiele wieder, daß die unorganische Natur ihre chemischen Prozesse hat, die wir nicht kennen, und wie viele mag es dieser nicht in der Tiefe gegeben haben, wo nicht allein die Ingredienzen in ungeheuren Massen, langsam, und welches wohl ein Hauptumstand ist, entfernt von atmosphärischer Luft in ganz andern Mediis behandelt werden? Unsere Chymie hängt ab von der Schicht der Dunstkugel, worin wir leben, ihrem Druck und ihrer Qualität. Ihre Bestandteile sowohl, als die der Materien, die sie aufnimmt, vorzüglich des Wassers, mischen sich in alles. Wir können, ohne die uns umgebende Luft zu zersetzen, keine große Hitze hervorbringen, dieses gibt unsern Prozessen von der Seite eine sehr große Einförmigkeit und Beschränktheit. Da aber Hitze ganz independent von reiner Luft, ja von aller Luft ist: so läßt sich leicht ermessen, daß da, wo sie einen sehr hohen Grad, ohne diese Zersetzung der Körper durch Luft , erreicht, die Produkte derselben ganz verschieden sein müssen, von denen in unserer Schicht, wo sogleich Brand entsteht. Was die Vulkane auswerfen, braucht in der Tiefe nicht zu brennen , und brennt auch da vermutlich nicht. Man bedenke ferner die Gewalt der Dämpfe, nicht bloß des Wassers, sondern anderer Flüssigkeiten usw. in jenen tiefern Schichten, was für Veränderungen können diese nicht in den Körpern in ihrer Nachbarschaft hervorbringen! Vermutlich war es auch bloß ein Dunst was die Muskeln in Fett verwandelte! Hierbei erinnere man sich an die Steinkohlen-Flöze , an die Steinsalz-Flöze , an die Gänge , und frage sich, ob es nicht Verwegenheit ist, über jene Prozesse, aus der unserer Luft- und Dunstschicht allein angemessenen Chemie zu entscheiden. Und doch ist hier noch bei weitem nicht die Rede von der Hyperchemie in organischen Körpern ; ich meine von der Erzeugung des Elfenbeins , des Horns , des Talgs , der Butter und der Seide aus Vegetabilien, und des Harzes , des Laugensalzes , der Weine und Säuren durch Vegetabilien aus Luft und Wasser usw. Dieses liegt freilich jenseit unsrer Laboratorien, aber wer will die Grenze angeben, wo sich unsere Chemie in jene verliert? Zu welcher gehört die Gärung ? Die Bestandteile des Turmalins hat man auf ein Haar angegeben, wenigstens glaubt man's; aber hat man Turmaline gemacht? Ich muß gestehen, wenn ich alles dieses zusammen nehme, und noch überdas bedenke, daß nun doch manches in unserer Kruste gewiß uns ebenso organisch aussieht, als einer Bücher-Milbe die Schweinsleder-Papier- und Kleisterflöze, in denen sie wühlt, so überfällt mich immer eine gewisse Schüchternheit bei unsrer sogenannten Theorie der Erde und chemischen Zerlegung der Körper, von der ich mich kaum los zu machen im Stande bin. Alles das ist aber nun seit einiger Zeit sehr viel, durch einen ganz ärgerlichen Traum, verschlimmert worden, den ich hatte, und den ich nun in möglichster Kürze ohne allen morgenländischen Prunk in bloßer Werktags-Prose erzählen will: Ein Traum Mir war als schwebte ich, weit über der Erde, einem verklärten Alten gegenüber, dessen Ansehen mich mit etwas viel Höherem als bloßem Respekt erfüllte. So oft ich meine Augen gegen ihn aufschlug, durchdrang mich ein unwiderstehliches Gefühl von Andacht und Vertrauen, und ich war eben im Begriff mich vor ihm nieder zu werfen, als er mich mit einer Stimme von unbeschreiblicher Sanftheit anredete. Du liebst die Untersuchung der Natur, sagte er, hier sollst du etwas sehen, daß dir nützlich sein kann. Indem er dieses sagte, überreichte er mir eine bläulich grüne und hier und da ins Graue spielende Kugel, die er zwischen dem Zeigefinger und Daumen hielt. Sie schien mir etwa einen Zoll im Durchmesser zu haben. Nimm dieses Mineral, fuhr er fort, prüfe es, und sage mir, was du gefunden hast. Du findest da hinter dir alles, was zu solchen Untersuchungen nötig ist, in höchster Vollkommenheit; ich will mich nun entfernen, bin aber zu rechter Zeit wieder bei dir. Als ich mich umsah, erblickte ich einen schönen Saal mit Werkzeugen aller Art, der mir im Traum nicht so fremd schien, als nachher beim Erwachen. Es war mir als wäre ich öfter da gewesen, und ich fand, was ich nötig hatte, so leicht als hätte ich alles selbst vorher hingelegt. Ich besah, befühlte und beroch nunmehr die Kugel, ich schüttelte und behorchte sie, wie einen Adlerstein; ich brachte sie an die Zunge; ich wischte den Staub und eine Art von kaum merklichem Beschlag mit einem reinen Tuche ab, erwärmte sie und rieb sie auf Elektrizität am Rockärmel; ich probierte sie gegen den Stahl, das Glas, und den Magneten, und bestimmte ihr spezif. Gewicht, das ich, wo ich mich recht erinnere, zwischen vier und fünf fand. Alle diese Proben fielen so aus, daß ich wohl sah, daß das Mineral nicht sonderlich viel wert war, auch erinnerte ich mich, daß ich in meiner Kindheit von dergleichen Kugeln, oder doch nicht sehr verschiedenen, drei für einen Kreuzer auf der Frankfurter Messe gekauft hatte. Indes schritt ich doch nun zu der chemischen Prüfung, und bestimmte die Bestandteile in Hundertteilen des Ganzen. Auch hier ergab sich nichts Sonderliches. Ich fand etwas Tonerde, ungefähr ebensoviel Kalkerde, aber ungleich mehr Kieselerde, endlich zeigte sich noch Eisen und etwas Kochsalz und ein unbekannter Stoff, wenigstens einer der zwar manche Eigenschaften der bekannten hatte, dafür aber wieder eigene. Es tat mir leid, daß ich den Namen meines Alten nicht wußte, ich hätte ihn sonst gern dieser Erde beigelegt, um ihm auf meinem Zettelchen ein Kompliment zu machen. Übrigens muß ich sehr genau bei meinen Untersuchungen verfahren sein, denn als ich alles zusammen addierte was ich gefunden hatte, so machte es genau hundert. Soeben hatte ich den letzten Strich in meiner Rechnung gemacht, als der Alte vor mich hintrat. Er nahm das Papier und las es mit einem sanften Lächeln, das kaum zu bemerken war; hierauf wandte er sich mit einem Blick voll himmlischer Güte mit Ernst gemischt gegen mich, und fragte, weißt du wohl, Sterblicher, was das war, was du da geprüft hast? Der ganze Ton und Anstand, womit er dieses sprach, verkündigte nunmehr deutlich den Überirdischen. Nein! Unsterblicher , rief ich, indem ich mich vor ihm niederwarf, ich weiß es nicht . Denn auf mein Zettelchen wollte ich mich nun nicht mehr berufen. Der Geist . So wisse, es war, nach einem verjüngten Maßstabe, nichts Geringeres als – die ganze Erde . Ich . Die Erde? – Ewiger, großer Gott! und das Weltmeer mit allen seinen Bewohnern, wo sind denn die? Er . Dort hängen sie in deiner Serviette, die hast du weggewischt. Ich . Ach! und das Luftmeer und alle die Herrlichkeit des festen Landes! Er . Das Luftmeer? Das wird dort in der Tasse mit destilliertem Wasser sitzen geblieben sein, und mit deiner Herrlichkeit des festen Landes? Wie kannst du so fragen? Das ist unfühlbarer Staub; da an deinem Rockärmel hängt welcher. Ich . Aber ich fand ja nicht eine Spur von dem Silber und Gold, das den Erdkreis lenkt! Er . Schlimm genug. Ich sehe ich muß dir helfen. Wisse: mit deinem Feuerstahl hast du die ganze Schweiz und Savoyen, und den schönsten Teil von Sizilien herunter gehauen, und von Afrika einen ganzen Strich von mehr als 1000 Quadratmeilen vom Mittelländischen Meer bis an den Tafelberg völlig ruiniert und umgewendet. Und dort auf jener Glasscheibe – o! soeben sind sie herunter geflogen – lagen die Kordilleren, und was dir vorhin beim Glasschneiden ins Auge sprang, war der Chimborasso. Ich verstund und schwieg. Aber neun Zehnteile meines noch übrigen Lebens hätte ich darum gegeben, wenn ich meine chemisch zerstörte Erde wieder gehabt hätte. Allein um eine andere bitten, einer solchen Stirne gegenüber, das konnte ich nicht. Je weiser und gütiger der Geber war, desto schwerer wird es dem Armen von Gefühl ihn zum zweitenmal um eine Gabe anzusprechen, sobald sich der Gedanke in ihm regt, er habe von der ersten vielleicht nicht den besten Gebrauch gemacht. Aber eine neue Bitte dachte ich, vergibt dir wohl dieses verklärte Vater-Gesicht : O! rief ich aus, großes, unsterbliches Wesen, was du auch bist, ich weiß du kannst es, vergrößere mir ein Senfkorn bis zur Dicke der ganzen Erde, und erlaube mir die Berge und Flöze darauf zu untersuchen bis zur Entwickelung des Keims, bloß der Revolutionen wegen. Was würde dir das helfen? war die Antwort. An deinem Planeten hast du ja schon ein Körnchen für dich zur Dicke der Erde vergrößert. Da prüfe. Vor deiner Umwandlung , kömmst du nicht auf die andere Seite des Vorhangs, die du suchst, weder auf diesem noch einem andern Körnchen der Schöpfung. Hier nimm diesen Beutel, prüfe was darin ist, und sage mir was du gefunden hast. Beim Weggehen setzte er fast scherzend hinzu: verstehe mich recht, chemisch prüfe es, mein Sohn; ich bleibe dieses Mal länger aus. – Wie froh war ich, als ich wieder was zu untersuchen hatte, denn nun, dachte ich, will ich mich besser in acht nehmen. Gibt acht, sprach ich zu mir selbst, es wird glänzen, und wenn es glänzt, so ist es gewiß die Sonne, oder sonst ein Fixstern. Als ich den Beutel aufzog, fand ich ganz wider meine Erwartung, ein Buch in einem nicht glänzenden einfachen Bande. Die Sprache und Schrift desselben waren keine der bekannten, und obgleich die Züge mancher Zeilen flüchtig angesehen, ziemlich so ließen, so waren sie es, näher betrachtet, doch ebensowenig als die verwickeltsten. Alles was ich lesen konnte, waren die Worte auf dem Titelblatt: Dieses prüfe mein Sohn, aber chemisch, und sage mir was du gefunden hast. Ich kann nicht leugnen, ich fand mich etwas betroffen, in meinem weitläuftigen Laboratorio. Wie? sprach ich zu mir selbst, ich soll den Inhalt eines Buchs chemisch untersuchen? Der Inhalt eines Buchs ist ja sein Sinn, und chemische Analyse wäre hier Analyse von Lumpen und Druckerschwärze. Als ich einen Augenblick nachdachte, wurde es auf einmal helle in meinem Kopf, und mit dem Licht stieg unüberwindliche Schamröte auf. O! rief ich lauter und lauter, Ich verstehe, ich verstehe! Unsterbliches Wesen, O vergib, vergib mir; ich fasse deinen gütigen Verweis! Dank dem Ewigen daß ich ihn fassen kann! – Ich war unbeschreiblich bewegt, und darüber erwachte ich. Geologische Phantasien (Franklins Geogenie) Wir haben im Taschenbuch vom vorigen Jahre versprochen, einiges von den Vorstellungen zu sagen, die sich die Menschen von der Entstehung unserer Erde und von den Ursachen gemacht haben, durch welche die großen Revolutionen bewirkt worden sind, die wir auf der Oberfläche derselben dokumentiert finden. Der Gegenstand ist einer von den wichtigsten, der sich denken läßt, wo nicht in allen seinen Teilen für den Geologen, doch für den Psychologen; wo nicht für die Geschichte der Erde, doch für die Geschichte des menschlichen Geistes. Wirklich gehören auch unter den fünfzig Versuchen (voriges Jahr zählten wir 48) die Sache zu erklären, die uns bekannt geworden sind, gewiß 9/10 eigentlich in die Geschichte des letztern. Es ist unglaublich was die Revolutionen auf der Erde für Revolutionen in den Köpfen nach sich gezogen haben. So wie man in der ersten Seetiere auf den Spitzen der Berge findet, ohne eine Spur von See weit und breit, so findet man in letztern mit Erstaunen Konklusionen, ohne nur eine Spur von festen Prämissen so weit nur das Auge reicht. Man hat über Woodward gelächelt, der, um die Revolutionen auf der Erde zu erklären, annahm, einige ewige Gesetze der Natur wären ad interim ein wenig aufgehoben worden; aber fürwahr ich würde über keinen Menschen lächeln, der, um jene Revolutionen in den Köpfen zu erklären, annähme, die Gesetze des Denkens wären in derselben aufgehoben worden; ad interim wenigstens. Kaum werden es unsere Leser glauben, daß man die großen Zähne, die man im nördlichen Amerika am Ohio findet, für Backenzähne der gefallenen Engel halten könnte, wenigstens bei den gottlob! bestehenden Gesetzen des Denkens nicht. Und doch hat es ein Franzos behauptet Der Verfasser des Essai sur la Population de l'Amerique T.  II. p.  298. , lange vorher, ehe es in Frankreich Mode wurde, Gesetze der Natur ad interim aufzuheben. Es ist eine traurige Betrachtung so die Gesetze des Denkens mit den Gesetzen der Bewegung, der Schwere und der Kohäsion zu vergleichen. Wenn der Mensch rasen und erkranken kann, was in aller Welt kann nicht rasen und erkranken? Erbarmen, Erbarmen daher über jene Schriftsteller! Was sie in der Außenwelt zu finden glaubten, hatten sie vielleicht zuerst typisch in ihrem Kopf gefunden, und durch Konklusionen, die fürwahr nicht so ganz ohne alle Prämissen da hängen, in die Welt hinüber getragen. Ohne die größte Unbilligkeit zu begehen, kann man diese Menschen sicherlich nicht verächtlich finden. Wir, die wir die Monarchie der sogenannten gesunden Vernunft anerkennen, können nicht wissen, wie selig und wie wichtig der Mann ist, der ohne allen Zwang derselben frei für sich denkt. Wir nennen ihn einen Narren, aber das ist ein bloßer Titel; er antwortet uns mit einem Lächeln, und das ist sehr viel mehr. Wir haben diesen Aufsatz überschrieben: Geologische Phantasien. Phantasien , weil vieles hier vorkommen wird, was eigentlich das angenehme Werk dieser Zauberin ist. Denn ich sehe nicht warum man ihr wehren will auch hier ihr unterhaltendes Spiel zu treiben, solange sie sich aller Ansprüche auf unsern Glauben begibt. Wer in der Welt wird ihr nicht gern in ihre Schöpfung folgen, wenn sie, was sie erschafft, durchaus nach Vorschriften der Vernunft lenkt und regiert, ja wenn sie sogar den ersten Hauch, der ihr Werk beseelt, der Natur abborgt und dadurch die Vernunft selbst zu dem Geständnis zwingt: Es könnte wohl so sein; ja es ist vielleicht so. Doch das ist bei weitem noch nicht alles. Wie oft hat sie nicht mit ihrem wilden und rauschenden Fluge Ideen aufgejagt, die sich vor dem Falkenauge der Vernunft versteckt hielten, und die diese nachher mit Begierde ergriff. So sah Milton die allgemeine Schwere, und England hat seine viele wieder gefundenen Paradiese größtenteils des großen Dichters verlornem zu danken. Es ist mit dem Erfinden eine ganz eigne Sache; die Wünschelruten, die man dazu vorgeschlagen hat, schlagen nur dem auf Gold, der es ohne sie wohl auch gefunden hätte. So ist Bacons Organon freilich ein vortreffliches heuristisches Hebzeug , aber es will gehoben sein. Ich habe Leute gekannt von schwerer Gelehrsamkeit, in deren Kopf die wichtigsten Sätze zu Tausenden selbst in guter Ordnung beisammen lagen, aber ich weiß nicht wie es zuging, ob die Begriffe lauter Männchen oder lauter Weibchen waren, es kam nichts heraus. In einem Winkel ihres Kopfs lag Schwefel, im andern Kohlenstaub, im dritten Salpeter genug, aber das Pulver hatten sie nicht erfunden. Was ist das? Hingegen gibt es wiederum Menschen, in deren Kopf sich alles sucht und findet und paart, und läge es auch anfangs eine ganze Kopfsbreite aus einander. Es läßt als wären die Stamina großer Gedanken in einem reineren Menstruum feiner aufgelöst und leichter aufgehängt, um sich sogleich nach Gesetzen der natürlichsten Verwandtschaft zu ziehen und zu den schönsten Formen zu sammeln. Ein solcher Kopf war der, der auf Keplers Schultern saß, und dieses, wie ich glaube, in einem so eminent hohen Grade, daß man billig das ganze Geschlecht, den wahren Geistesadel, darnach benennen sollte. Nun bedenke man aber des Mannes schaffende Phantasie (hier steht das Wort). Wie nah ist er nicht oft der Schwärmerei? Und wer will ausmachen, wo er gewesen ist, wenn er der Vernunft bloß übergibt, Was er gefunden hat, ohne sich auf das Wie einzulassen. Hier muß man nichts wegwünschen. Hätte man diesem Adler nur eine einzige Schwungfeder ausgezogen, er hätte sich der Sonne nicht so entgegen geschwungen. Phantasie und Witz sind das leichte Corps, das die Gegenden rekognoszieren muß, die der nicht so mobile Verstand bedächtlich beziehen will. Ein kleiner Fehltritt schadet jenen nicht, aber freilich, wehe ihnen, wenn sie sich zu weit entfernen, oder gar ohne Verstand und Urteilskraft für sich allein agieren. Sie werden alsdann gemeiniglich von jedem geschlagen, der sich diese geringe Mühe nehmen will. Dieses ist alles sehr bekannt. Ich habe sehr früh gehört: jeder gute Kopf müsse wenigstens einmal in seinem Leben Verse gemacht haben. Alles dieses hängt zusammen. So sehr wir uns aber auch wegen dieser Spiele der Phantasie gerechtfertigt zu haben glauben, für ein Büchelchen, das nicht bloß zur Belehrung, sondern auch zum Vergnügen dienen soll, und das seine Absicht nie vollkommner erreicht, als wenn es beide verbindet; so wenig wollen wir dadurch jene Träume in Schriften rechtfertigen, die der Belehrung allein gewidmet sind. Am allerwenigsten Träume über Gegenstände, wobei die Beobachtung bei weitem noch nicht alles geleistet hat, was sie leisten kann , und, wenn man nur nicht verzweifelt, oder, welches sehr viel schlimmer wäre, lieber angenehm träumt, als bei Anstrengung wacht, auch leisten wird. Man ist in unsern Tagen, wie mich dünkt, hauptsächlich in unserm Vaterland hierin traurig weit gegangen. Doch dieses ist nicht für diesen Ort. Nur zum Beschluß dieser Einleitung eine kleine Regel: Ehemals glaubte man, die Bibel lehre Physik, und man pries die Leute heilig, die es glaubten. Von diesem Glauben bin ich nicht. Aber daß die Anordner ihrer Bücher Methode haben lehren wollen, glaube ich fast, und eine Methode die man jenen Physikern nicht genug empfehlen kann: sie haben die Offenbarung Johannis ans ENDE gestellt. Den Anfang unserer geologischen Phantasien wollen wir mit der eines Mannes von Keplerischem Adel machen, mit Doktor Franklins. Sie ist, soviel ich weiß, eben nicht sehr bekannt geworden, weil sie in keiner der bisherigen Sammlungen seiner Schriften steht, wie ausdrücklich in der Überschrift des Abdrucks derselben bemerkt wird, den ich gesehen habe Er befindet sich im European Magazine August 1793. S.137f. Was ich hier unsern Lesern davon vorlege, ist keine Übersetzung, (denn ich habe das Original jetzt nicht bei der Hand) sondern nur eine Darstellung der Hauptmomente, die ich mir beim Lesen ausgezeichnet hatte, gehörig verbunden. Erläuternde Einschaltungen und Zusätze von mir habe ich des Gebrauchs wegen in Parenthesen eingeschlossen, denn mit Franklins Ideen verwechseln wird sie nicht leicht jemand. Sie waren mancher Leser wegen nötig . Er hat sie in Form eines Briefs an den Abbé Soulavie vorgetragen, wozu die Veranlassung diese war: Bei seinem Aufenthalt in Frankreich besprach er sich eines Tages mit dem Abbé über diesen Gegenstand, und dieser, dem der Gedanke gefiel, schrieb sich einige Sätze auf und schickte sie dem Doktor zu, um zu erfahren, ob er die Sache richtig gefaßt habe. Franklin, der darin verschiedenes fand was mit seinen Ideen nicht übereinstimmte, schrieb hierauf dem Abbé den erwähnten Brief. Franklin geht darin von dem Gedanken aus, die Zerstörungen, die wir auf der Erde bemerkten, seien zu groß, als daß sie hätten entstehen können, wenn die Erde eine so solide Masse wäre, als man gewöhnlich glaubt. Er dachte also, sollte sie nicht inwendig aus einem Fluido bestehen können, das dichter wäre als alle bekannten festen Körper, die also auf diesem innern Meere schwimmen würden, (wie etwa das ewige Eis an den Polen unserer Erde auf der See schwimmt, und welches, zumal gegen den Südpol zu, gleichsam ein ungeheures festes Land ausmacht)? Auf diese Weise würde also der solide Teil der Erde eine Art von Schale oder Rinde um jenes Fluidum formieren, die bei einer Bewegung desselben leicht zerbrechen könnte. Nun hat man aber, fährt Franklin fort, die Luft schon bis zur doppelten Dichtigkeit des Wassers zusammen gepreßt, und folglich ein Fluidum daraus gemacht, das mit Wasser zugleich in dasselbe Gefäß gegossen, sich unten hinstellen, und auf welchem das Wasser schwimmen würde. Also könnte jenes Fluidum wohl gar die Luft selbst sein. (Mariotte hat gefunden, daß, wenn man die Luft zusammendrückt, die Dichtigkeit derselben gerade so zunimmt wie die Gewichte, durch welche der Druck bewirkt wird. Daß also ein noch einmal so starker Druck sie noch einmal so dicht und ein vierfacher sie noch viermal so dicht macht. In Deutschland hat man Mariottens Versuche noch weiter ausgedehnt, so daß man wenigstens nichts Ungereimtes sagt, wenn man annimmt, die Luft werde sich am Ende so sehr verdichten lassen, daß z.B. das Gold in ihr schwimmen würde, gesetzt auch, daß das Verhältnis zwischen Druck und Dichtigkeit nicht immer so einfach bliebe. Fände sich also Luft im Innern der Erde, bis auf eine große Strecke hinunter in Höhlen verbreitet, die unter sich auf irgend eine Weise und mit der Atmosphäre zusammenhingen; hätte diese Luft ferner etwa die Temperatur der an der Oberfläche der Erde befindlichen, und gölte endlich das Mariottische Gesetz durchaus: so würde sie immer dichter und dichter werden, je tiefer sie läge, und zwar so, daß nachstehende Körper in folgenden Tiefen unter der Oberfläche der Erde in derselben schwimmen würden. Das Wasser bei 28929 Toisen unter der Oberfläche der Erde. Das Zinn – 39910 –  –  – Das Silber – 41202 –  –  – Das Quecksilber – 42181 –  –  – Das Gold – 43528 –  –  – Setzt man also die Deutsche Meile etwa gleich 4000 Franz. Toisen, welche hier verstanden werden, so schwämme das Gold schon in einer Tiefe von nicht völlig eilf Deutschen Meilen! Würde es durch irgend eine Kraft tiefer hinunter gebracht und sich selbst überlassen, so würde es mit beschleunigter Geschwindigkeit über jene Tiefe aufsteigen und wieder sinken, bis es endlich nach vielen Oszillationen in jener Luftschicht zur Ruhe käme. Um das folgende in Franklins Vorstellung besser zu verstehen und anschaulicher zu machen, wird es nicht unnütz sein, sich die Sache noch einmal so vorzustellen: Gesetzt, unsere ganze Erde oder eine ihr gleiche, oder größere oder nicht viel kleinere Kugel bestünde bloß aus Luft, die etwa nach dem Mariottischen Gesetz sich gegen den Mittelpunkt zu verdichtete: so würden alle Arten von Mineralien und Flüssigkeiten die man hineinwürfe oder gösse, wenn sie sich nicht in der Luft auflösten, sich jedes in einer bestimmten Entfernung vom Mittelpunkte setzen, den Fall ausgenommen, da etwa der leichtere Körper schon eine Kruste formiert hätte, die der schwerere, nachher hineingebrachte, nicht mehr zu durchbrechen im Stande wäre.) Nun nimmt Franklin, ungefähr so wie Kant an, daß alle Materie mit ihren Kräften wie ein Dunst durch den Raum verbreitet gewesen sei. Als nun hierauf die Schwere zu wirken anfing, so näherten sich die Luftteilchen zwar dem Mittelpunkt, da sie sich aber unter einander selbst abstoßen (Elastizität besitzen), so mußten sie immer dichter und dichter werden je mehr sie sich anhäuften, und so entstund eine solche Luftkugel, wie wir sie uns soeben gedacht haben. In dieser setzten sich nun die übrigen entstandenen Körper auf die oben angegebene Weise. Manche, die zu tief in die Luft durch den Fall eingesunken waren, stiegen nachher wieder auf und schlössen sich an die übrigen an. So entstand die Kruste, die jetzt so tief in der Luftkugel eingesenkt ist, daß bloß unsere gegenwärtige Atmosphäre noch darüber hervorsteht. Die erste Bewegung nach dem Mittelpunkte hin, meint Franklin, habe (gleich anfangs, als alles noch klein war) einen Wirbel verursachen können (weil nämlich manche Teile durch zusammengesetzte Bewegung getrieben in schräger Richtung eingetroffen wären) und so wäre Umdrehung um die Axe entstanden. Sollte aber, fährt er fort, nun einmal, durch irgend eine Ursache die Umdrehung um die Axe verändert worden sein, so habe das Fluidum seine Figur ändern müssen, und so die Schale zerbrechen können. (Hieraus lassen sich nun Veränderungen genug erklären, welches ich bis ans Ende versparen will.) Nun geht er in dem Briefe zu einem andern Gedanken über, der obgleich höchst gewagt, doch sehr viel Großes hat und, hätte er auch selbst dieses nicht, schon bloß als ein Gedanke Franklins Meldung mit Respekt verdient. Die Menge von Eisen, welches durch die ganze Erde verbreitet sei, habe dieselbe fähig gemacht magnetisch zu werden. Die magnetische Materie, glaubt er, existiere durch den ganzen Himmelsraum, und das Universum habe so gut sein Süden und sein Norden, als unsere Erdkugel; er glaube daher, daß wenn jemand von Sonne zu Sonne durch die Himmel reisen könnte: so würde ihm die Boussole ebenso nützlich sein können, seinen Lauf darnach zu steuern, als auf dem Weltmeere. Auch äußert er die Mutmaßung, daß es vielleicht dieses Fluidum sein könne, was die Erdaxe sich selbst parallel erhält. Hierauf zeigt er noch auf die gewöhnliche Art, was eine Veränderung der Erdaxe für Revolutionen in den Gewässern machen würde, wovon der äußerste Fall der wäre, da der jetzige Äquator ein Meridian würde und die Pole in den neuen Äquator zu liegen kämen. – Geschähen große Explosionen von Dämpfen, so könnten sie nicht bloß an sich die Kruste hier und da auslüften, sondern auch durch einen gleichen Druck auf das Fluidum unter ihr, eine Welle verursachen, die sich auf Tausende von Meilen erstrecken und alles Land über ihr erschüttern könnte. Er lobt den Abbé Soulavie wegen seines Verfahrens, bloß Facta zu sammeln, und aus Factis zu räsonieren, und nicht weiter, als diese es erlauben. Seine eigenen Umstände, sagt er, verstatten es ihm jetzt nicht mehr, die Natur der Erdkugel zu studieren, darum habe er seiner Phantasie nachgehängt. So weit Franklin. Nun erlauben uns unsere Leser einige Bemerkungen über das Ganze, und zuerst ein paar Worte über den Schluß. Der große Mann sagt, er habe jetzt keine Zeit mehr selbst Untersuchungen anzustellen, und daher seiner Phantasie nachgehängt, und niemand wird leicht dem Produkt derselben Schönheit und Simplizität absprechen. Wie sehr wäre es zu wünschen, daß Männer von Geist, die den schönsten Teil ihres tätigen Lebens der Untersuchung der Natur geheiligt haben, aber nicht gerade immer Gelegenheit hatten, Gebirge aller Art zu erklettern wie Deluc und v.  Saussure, oder im Innern derselben einher zu wandeln, wie v.  Trebra, v.  Veitheim, Werner und Charpentier; wenn uns diese, sage ich, am Ende ihrer Laufbahn das Resultat ihrer Erfahrung und Gedanken in solchen angenehmen Bildern gezeichnet darlegen wollten. Vielleicht trifft es sich am Ende, daß die Beobachtung hier oder da das Wirkliche an ein solches Bild der Phantasie anhängt. Welcher Vorteil alsdann schon so vieles vorbereitet und fertig zu finden! Der Beobachtungsgeist steht nicht immer bei der Fähigkeit zu verbinden und alles zu einem Ganzen zusammen zu hängen. Aus allen Erfahrungen und Beobachtungen dereinst eine vollständige Theorie der Erde herzuleiten, möchte Kenntnisse voraussetzen, die schwerlich je einem einzigen Menschen zu Teil werden möchten. Die Astronomie, die überhaupt jedem Teil der Naturlehre zum Vorbild und Muster dienen könnte und sollte, liefert die herrlichsten Beispiele, zu welcher Höhe ein wissenschaftliches Gebäude aufgeführt werden kann, wenn die Arbeiten verteilt werden. Jedes Kapitel der Naturlehre zerfällt in seinen sphärischen , seinen theorischen und seinen eigentlich physischen Teil, so gut wie die Astronomie. Man wird sich hier über die Worte leicht vergleichen, wenn man einmal über die Begriffe eins ist. Diese Teile aber zu bearbeiten, erfordert oft so ganz verschiedene Fähigkeiten, daß es gar wohl möglich wäre, daß zwei Menschen zum Vorteil einer und eben derselben Wissenschaft arbeiten könnten, wovon, wie bei einer Porzellan-Fabrik, kaum einer des andern Arbeit verstünde. – Es war sehr gut, die Erde einmal als eine solche Luftkugel zu betrachten, und dieser Betrachtung die Phänomene anzuprobieren, die Zeit wird lehren, ob man nicht genötigt sein wird, dereinst hier zu fußen. Nun noch einige Betrachtungen zur Erläuterung von Franklins Hypothese. Was Franklin hier Luft nennt, hat man sich, meiner Meinung nach, nicht, wenigstens anfangs nicht, als atmosphärische zu denken, sondern als die Sammlung und die Summe der elastischen Flüssigkeiten, in die vermutlich alle Körper der Welt aufgelöst werden können. Schon Newton hatte sich die Sache so gedacht und sich darüber sehr bestimmt erklärt. Die schöne Stelle befindet sich in Birchs Hist. of the Royal Society. T. III. S. 230. Er glaubt, die ganze Welt könne sich aus einem flüchtigen Wesen niedergeschlagen haben, wie sich Wasser aus Dampf niederschlägt, und dieser Niederschlag nachher zu den mannichfaltigen Formen zusammengeronnen sein, die wir jetzt bemerken. Etwas Aufmerksamkeit auf die Erscheinungen der Natur, die täglich unter unsern Augen vorgehen, rechtfertigt eine solche Annahme sehr. Inflammable Luft mit dephlogistisierter verbrannt, gibt Wasser, es komme nun her wo es wolle; dieses Wasser kann nun schon Eis werden, zu welchem sich jene gemischte Luft nicht verdichten ließ. Wird dieses Wasser auf gebrannten Gips gegossen, so verhärtet es mit ihm und läßt sich mit ihm zerbrechen, zerreiben und in Staub verwandeln. Auf die Weise bestehen unsere Gipsfiguren, und unsere prachtvolle Stukkatur-Arbeiten zum Teil aus inflammabler und dephlogistisierter Luft, denen man ihr Feuer entzogen hat, das selbst ein elastisches Wesen ist, und nach einigen ebenfalls vermauert werden kann. Ebenso verhält es sich mit den metallischen Kalchen, mit denen sich dephlogistisierte Luft verbindet, sich mit ihnen pulverisieren und gebrauchen läßt, Häuser und Gesichter damit anzustreichen, und Töpfe zu allerlei Gebrauch. Ja! da man sogar die widerspenstige Kieselerde als Dunst dargestellt hat, wer will nun die Möglichkeit, alles so darzustellen, leugnen? Im Pflanzenreich wird dieses noch auffallender. Viele wachsen ohne etwas weiter nötig zu haben, als reines Wasser und Luft, und bei ihrer Zerstörung findet man wieder luftigen Stoff, und etwas was jetzt wenigstens weder Wasser noch Luft oder Dunst mehr ist, aber doch aus Dunst oder Luft entstanden sein muß. Man betrachte den prachtvollen Bau einer Hyazinthe, wie sie dort aus dem Wasser in der Luft hervorgeht, das Wohnzimmer mit Duft erfüllt, der sich bloß dem Geruch offenbart, und der vorher im Wasser, in der Luft, und selbst in der Zwiebel auch diesem verborgen blieb. Man berufe sich hier nicht auf das Samenkorn, denn dieses ist ja auf eben dem Wege geworden, auf dem die Pflanze ward. Wann Erde nötig ist, Früchte (das ist Samen) zur Reife zu bringen, so kann man immer fragen: sollten nicht Pflanzen, die man aus bloßem Wasser und Luft, also aus Dunst, in Menge erzöge, nachher faulen ließe, eben jene Erde geben, die nun mit unwirtbarem Sand der Festigkeit wegen gemischt, den Prozeß vollendete, und dazu dienen könnte, der Tanne ihr Harz, der Olive ihr Öl, und der Traube ihren erquickenden Geist mitzuteilen? Nun noch ein kleiner Schritt weiter. Unzählige Tiere leben allein von Wasser, Luft und Pflanzen, also von Luft und von festen Körpern, die Luft gewesen sind. Was sind also diese Tiere selbst gewesen? Die Antwort ist leicht. So steht also auf einmal der Elefant mit aller seiner Majestät und seinem Elfenbein da aus Dunst zusammen geronnen, wie Franklins Welt. Tiere aber, die keine Pflanzen fressen, fressen Tiere, die endlich Pflanzen fressen, und hier sind wir am Ende. Alles was lebt, ist aus Dunst zusammen geronnen, also gerade der Teil unsers Erdballs, ohne den der übrige nicht wert wäre (und das ist viel gesagt) – in einem Taschenkalender über ihn zu phantasieren. So leicht auch alles das hier Gesagte hingeworfen ist, so muß ich doch denen unter unsern Lesern, die es noch nicht wissen, sagen, daß es einer sehr ernstlichen Darstellung fähig, und weiter nichts ist, als eine leichte Folgerung aus dem schönsten Teil des so beliebten Systems der Gasisten ist, wie Herr Westrumb ebenso nachdrücklich als wahr das so genannte antiphlogistische System nennt. Es ist nämlich gerade der Teil desselben, der sich noch erhalten wird, wenn auch der angefochtene fallen sollte, und eigentlich schon gestanden hat, ehe er mit jenem System verbunden wurde. Die Sache folgt auch in der Tat schon aus bloßen Begriffen (a priori). Da die Natur die Pflanzen und Tiere nicht baut, wie wir Häuser und Paläste, oder zusammenflickt wie wir ein Kleid, sondern sich der Kräfte dabei bedient, die sie in die kleinsten Teilchen der Materie gelegt hat, die sich unserm Auge entziehn; da ferner diese Kräfte oft nur in kleine Distanzen wirksam sind, so ist immer Flüssigkeit nötig, damit sich alles findet was sich finden, und alles zieht was sich ziehen soll: so ist immer Flüssigkeit nötig, wenigstens tropfbare. Da aber auch diese sich bald verlieren oder wenigstens nach den tiefsten Stellen unwiederbringlich ziehen würde: so erfordert die Erleichterung des Transports von diesen, daß sie in elastische übergehen, sich heben, um neue Verbindungen bald zu befördern und bald selbst einzugehen. So führt alles auf Luft und Dunst. Solve et coagula sagten die alten Chemiker und Lukrez schon sehr treffend: Corporibus caecis igitur natura gerit res. Durch unsichtbaren Stoff führt die Natur ihr Werk. Nimmt man alles dieses zusammen, so wird man keine Mühe haben zu glauben, daß, so wie der schönste Teil der Erde aus Dunst gerinnt, und aus geronnenem Dunst anschießt, auch der gröbere aus Dunst geronnen und angeschossen sein könne. Sehen wir nicht alle Jahre den Schnee aus Dunst zusammengehen und Flöze formieren, in denen man an manchen Orten sogar Jahrgänge unterscheiden kann? Ist das etwa leichter zu erklären oder begreiflicher, als daß es einmal Granit oder körnigen Kalkstein oder Oplithen gehagelt oder geschneit haben könne aus Dunst? Oder daß, wie aus Franklins Vorstellungen folgt, die Milchstraße einst wie in einem Wurf gegossen worden sei, wie Patent-Schrot Patent shot. Obgleich das Verfahren bei dieser Hagelgießerei nicht ganz bekannt ist: so weiß man doch so viel, daß das geschmolzene Blei in einem hohen Gebäude durch Luft herabgegossen wird, da es sich dann wie Quecksilber zu Kügelchen bildet, die unten von Wasser aufgefangen werden. Er soll von ungemeiner Schönheit sein. ? Daß der Schnee so vergänglich ist, ist kein Einwurf. Er würde bleiben, wenn die Wärme so gebunden würde, wie es jetzt die Flüssigkeiten sind, die jene Körper in Dunstgestalt hielten. Ich sehe fürwahr nicht ein, warum sich alle Gebirgsarten gerade aus dem Wasser sollen niedergeschlagen haben, das vermutlich selbst ein späterer Niederschlag ist, wovon der Prozeß so nahe an den Grenzen zwischen den Begebenheiten jener Zeiten und der unsrigen liegt, daß er sich tagtäglich noch bis auf diese Stunde wiederholt. Wir leben jetzt in der Zeit einer Flözbildung, und Jahrtausende werden vergehen ehe sie vollendet sein wird. Könnten nicht Zeiten gewesen sein, wo Gang-Gebirge so aufstiegen und fielen, wie jetzt Wasser, Schnee und Eis? oder wie Tier- und Pflanzenmasse, die jetzt ebenfalls aufsteigt und fällt, und wenn dieses aufhört, ein Flöz wird. So möchte am Ende Eis den Beschluß machen, oder die Bestandteile der Atmosphäre, die wir nicht kennen. Ich sage den Beschluß ; vielleicht nichts als einen Winter , mit dem die Sänger der Jahrszeiten ihre Gesänge ebensogut hätten anfangen können, als sie sie damit gewöhnlich schließen. Der Winter ist sicherlich nur zur Hälfte Ende , das übrige ist schon wieder Anfang . Hätte ich die Jahrszeiten zu besingen, ich würde wenigstens mit Heil. drei König anfangen. Franklins Luftkugel erklärt eine Menge von Erscheinungen sehr leicht. Denn, da Verbindungen im Innern der Erde, in der noch bestehenden Luft- und Dunstkugel , durch chemische Verwandtschaft, noch nachher Statt finden konnten, als sich schon eine Kruste formiert hatte: so mußte diese aus Mangel an Unterstützung einbrechen und sinken, bis zum Gleichgewicht in den noch übrigen Dunst. Was mußte dieses nicht für Revolutionen auf der Oberfläche verursachen, wo sich schon Fluida gesetzt hatten? Wie leicht erklären sich nicht die Erdbeben aus den Wellen in jenem Fluidum, sobald ein neuer Nachsturz von fester Masse der Rinde sie in Bewegung setzt? Wie leicht werden nicht dadurch die trocknen Nebel erklärt, die bei solchen Vorfällen durch Gegendruck aufsteigen? Und nun gar das Steigen und Fallen des Barometers, das fest an der Wand hängt? Wer hat es noch erklärt? Niemand. Hier sieht man doch einen Schatten von einer Auskunft. Luft aus dem Innern der Erde steigt durch innere Bewegung auf und fällt, und wechselt wie die Luft unter einem hölzernen Rezipienten, in dem man bald verdichtete bald verdünnte, und dieses durch chemische Verbindung. Warum steigen aber und fallen die Barometer nicht unter dem Äquator oder nahe dabei? Dieses ist freilich ein Umstand, der alle Hypothesen jenes Steigen und Fallen zu erklären gleich stark drückt. Nach Franklins Vorstellung könnte man sagen, bei der Formierung der Kruste haben sich durch Schwungkraft die spezifisch schwereren Massen gegen den Äquator gezogen, und diese daselbst dichter gemacht, so daß die Luft im heißen Erdgürtel nicht unmittelbar aus dem Innern unter demselben aufsteigt, oder sich in dasselbe hinunter zieht, sondern nur aus den temperierten Zonen langsam zu oder dahin abfließt, wodurch immer Zeit zu Kompensationen gewonnen wird. Doch dieses sei zur Probe genug. Schade daß Franklin diese Ausdehnung seiner Hypothese nicht mehr lesen kann. Vermutlich erzeigte er mir alsdann die Ehre, wie dem Abbé Soulavie, zu sagen daß er gar vieles gefunden habe, das mit seinen Ideen nicht übereinstimmte, und schenkte der Welt etwas Besseres. Jedoch diese Ehre erzeigen mir statt seiner vielleicht meine Herren Landsleute, und ich danke einstweilen zum voraus. Nur muß ich sie bitten, wenn sie Franklins Stelle hier vertreten wollen, über der Beehrung und Belehrung meiner das Geschenk an die Welt nicht zu vergessen. Noch muß ich erinnern, daß er auch, wiewohl nur kurz, von einem Zentralfeuer redet, dessen Entstehung innerhalb der Erde man leicht verstehen wird, wenn man das Bisherige verstanden hat. Denn gerade so wie sich Luft am Mittelpunkt anhäuft, so kann sich auch Feuerwesen anhäufen, das sich an alles hängt und über das ebenfalls seine Schwere und Kompressibilität besitzt. Anwendungen wollen wir von dieser Voraussetzung weiter nicht machen, da es uns nur um die Darstellung der Hauptidee zu tun war, dafür aber zum Beschluß ein paar kurze Erinnerungen über jene Hauptidee. Franklin nimmt an, die Luft sei schwer, und ihre Teile stoßen sich untereinander ab. Daß die Luft schwer sei, glaubt wohl jetzt jedermann, der überhaupt an Luft glaubt, einen gewissen Herrn ....n ausgenommen, dem man einen Platz in Bedlam S. Bedlam für Meinungen und Erfindungen, im Taschenkalender für 1792. S.128. verweigern mußte, weil bloß Ausländer aufgenommen werden, der zwar an Luft glaubt, sie aber für die Ursache der Schwere selbst hält. Auch wird niemand leugnen, daß sich ihre Teile untereinander abstoßen, die Ursache der Erscheinung liege auch worin sie wolle. Allein, da wir die erste Ursache jenes wechselseitigen Fliehens der Luftteilchen vor einander nicht kennen, so läßt sich auch nicht, wenigstens nicht schlechtweg, annehmen, daß die Luft gegen sich selbst schwer sei, und ob nicht vielmehr ein Kubikfuß Luft außer aller Verbindung mit Körpern gebracht, die ihn ziehen, den ganzen Himmels-Raum erfüllen könnte. Wäre sie aber auch, welches wohl der Fall sein möchte, gegen sich selbst schwer, so dürfte wohl die Dichtigkeit der Schichten in einer solchen Kugel nicht nach dem Mariottischen Gesetze allein schlechtweg bestimmt werden, gesetzt auch, dieses Gesetz wäre, wo Luft durch äußere Kräfte zusammengedrückt wird, durchaus wahr. Indessen schadet dieser Umstand der Franklinschen Hypothese so wenig, daß er ihr vielmehr, zumal noch verbunden mit dem, was er von einem Zentralfeuer sagt, zur Unterstützung gereicht. Denn wüchsen die Dichtigkeiten der Luft nach dem Mariottischen Gesetze schlechtweg fort bis an den Mittelpunkt der Erde, so würde sich eine solche Dichtigkeit des Innern der Erde nicht mit den Beobachtungen vertragen, die man über die Verrückung des Pendels in der Nachbarschaft von Gebirgen angestellt hat. Künftig wird dieser Artikel fortgesetzt werden, ob wir gleich nicht versprechen wollen, daß es gleich im nächsten Jahrgange geschehen werde. Es soll alsdann auch ferner Rücksicht auf Franklins Hypothese genommen werden, wo die Beobachtungen im Innern der Gebirge sie besonders begünstigen. Das Luftbad In unserm Taschenbuche von 1792 haben wir einige Nachricht vom Seebad gegeben, und nachher mit Vergnügen bemerkt, daß unsere Vorschläge nicht ganz fruchtlos gewesen sind. Der Himmel gebe, daß es die Bäder selbst ebensowenig sein mögen, woran wohl nicht zu zweifeln ist. Würden auch in einem Jahr nur zehn Krankheiten damit abgewaschen, so wäre der Nutzen schon sehr groß, zumal in dieser traurigen Zeit, wo die Arzneien täglich teurer und die Krankheiten immer wohlfeiler werden. Diesen Artikel wollen wir dem Luftbad widmen, das vermutlich die wenigsten unsrer Leser noch in dem Lichte werden betrachtet haben, in welchem es hier erscheinen wird. Ehemals badete man sich bloß im Wasser und sehr viele Völker, namentlich die gesündesten, kennen bis diese Stunde noch keine andere Bäder als See- und Flußbäder. Hätten sie auch schon einige drüber, so haben sie doch die Wörter nicht dazu, und das ist geradesoviel als hätten sie gar nichts. In der Christenheit badet man sich jetzt in allen vier Elementen, und da, wo man deren fünfe zählt, obendrein auch im fünften. Erstens im Wasser ; zweitens im Feuer so weit man es vertragen kann, dahin gehören die russischen Schweißtreibhäuser, und die den Alten schon bekannte Insolation und Aprikation , das Sonnen- , wenn man diese nicht etwa lieber ein Lichtbad nennen will; drittens in der Luft , wovon wir sogleich reden werden; viertens in der Erde . Dieses Bad sowohl, als das Wort dazu, ist eine Erfindung des berühmten Dr. Graham, des Erfinders des himmlischen Bettes. So kostbar sein himmlisches Bett war, so wohlfeil ist sein Erdbad . Man läßt ein Loch in die Erde graben, so tief, daß man darin bis an den Hals stehen kann, und stellt sich nackend hinein, läßt alsdann wieder Erde hinzuwerfen, und etwas fest anstampfen bis an den Hals. Es darf nichts frei bleiben, als der Kopf, selbst die Arme nicht, daher man sich in ameisenreichen Gegenden die Ameisen wedeln lassen muß. Auch die Hunde müssen entfernt werden, weil diese manche Köpfe leicht für Ackersteine halten möchten. Es soll dieses Bad ein Mittel wider sehr viele Übel sein, fast so wie das Grab selbst, das am Ende alle heilt, und Grahams beide Erfindungen, Erdbad und himmlisches Bett in sich vereint. Der gelehrte Erfinder hat auch eine Theorie davon gegeben; sie ist aber etwas verwickelt, und erwartet noch ihre Bestätigung erst von der Erfahrung. Der Dr. selbst hat es einigemal ohne Schaden gebraucht; andere wollen es nicht rühmen. Es gehört also in der Materia medica in die reiche Klasse von Arzneimitteln, die zuweilen nicht schaden. Fünftens endlich das Bad im fünften Element, ich meine das elektrische . Hierzu könnte man noch ein sechstes rechnen, Mesmers magnetisches Bad, und endlich bloß der Zahl Sieben zu Liebe, das Quecksilber- oder Merkurial -Bad. Dieses paßt freilich nicht so ganz hierher. Wer indessen Philosophie studiert hat, wird mir diese Einschaltung leicht vergeben, und bloß der Unstudierten wegen merke ich an, daß man es mit dem Verpacken von Begriffen hält, wie mit dem Verpacken von Waren. Wenn alles in der Kiste ist, was eigentlich hinein gehört, und es schlottert noch, so steckt man etwas anderes dazwischen. Daß den nackenden Körper ganz einer angenehm kühlen oder auch selbst einer kalten Luft auf kurze Zeit auszusetzen, eben die Wirkung ungefähr tut, wie das kalte Bad, wenigstens die angenehme Wärme beim Ankleiden hervorbringt, wie ein mäßig gebrauchtes kaltes Bad, werden vermutlich mehrere unserer Leser aus der Erfahrung wissen. Ja bei der guten Wirkung des kalten Bades selbst ist es ungewiß, wie viel davon der Berührung der Luft zugeschrieben werden muß, die nun, nachdem der Leib von allen unmerklichen Unreinigkeiten die die Ausdünstung zurück läßt, gereinigt ist, desto näher an den Körper antreten, und die beste Wirkung in kurzer Zeit hervorbringen kann. Vermutlich ist auch die Sache von Ärzten schon weiter untersucht worden als mir bekannt ist. Ich führe hier nur an, daß Franklin, dessen flüchtigste Äußerungen immer mit Respekt gehört zu werden verdienen, ein großer Freund von dem Luftbad gewesen ist. Besonders verdient aber hier erwähnt zu werden, das, freilich sonderbare, Cabinetstückchen von einem Menschen, ich meine Burnet Lord Monboddo, ein bekanntlich schwer gelehrter Mann. Der berühmte Schauspieler Foote nannte ihn eine Elzevirsche Ausgabe von Dr. Johnson, vermutlich weil sein Anblick weder an Koloß noch Bär erinnert, wovon das Kaliber des erstern und die Sitten des letztern leicht jedem ins Gedächtnis kommen mußten, der das Glück hatte den Doktor zu sehen, oder das Unglück ihm zu widersprechen. Man weiß leider freilich, daß Lord Monboddo glaubt, die Menschen wären ehemals riesenmäßig und dabei geschwänzt gewesen; daß er sogar deswegen den Weltumseglern Untersuchungs-Plane vorgelegt hat, die Sache aufs Reine zu bringen; daß er glaubt er spreche das Griechische völlig so aus, wie man es ehemals zu Athen ausgesprochen habe; daß er sich mit Öl salbt wie die Alten etc. Alles dieses kümmert uns hier wenig, genug er nimmt sehr oft ein Luftbad, das ist, er macht sich ganz nackend , in freier Luft, eine starke Bewegung, und glaubt, daß er es diesem Verfahren zu danken habe, daß er sich in seinem siebenzigsten Jahre noch so jung fühlt, als in seinem dreißigsten. Auch hat man mir erzählt, daß er die Fräulein Burnet, seine Töchter, zuweilen nötigen soll, dieses Bad zu gebrauchen, welches wegen der großen Durchsichtigkeit der Luft und (da man bei Tage baden muß) der großen Scharfsichtigkeit der im Stande der Schuld Lebenden wegen, immer eine bedenkliche Kur ist. Dieses alles war längst bekannt, und man achtete nicht viel darauf. Nun aber fängt doch die Sache an ernstlicher zu werden, wenigstens ist sie nun dahin gebracht, daß man davon reden kann, ohne zu fürchten, durch gesuchte unnütze Grübelei die Würde der Naturlehre, oder durch mutwillig scheinende Vorschläge die Majestät der Sittsamkeit und Unschuld zu beleidigen. Ein englischer Arzt, Abernethy Surgical and physiological Essays by John Abernethy P. II. London 1793. Die Abhandlung selbst ist überschrieben: On the nature of the matter perspired and absorbed from the skin. , hat durch viele Geduld erfordernde Versuche gefunden, daß das, was in der Luft, die die menschliche Haut berührt, teils durch Übergang aus dem Körper in dieselbe, teils durch Eintritt aus ihr in den Körper vorgeht, große Ähnlichkeit mit dem bekannten Ein- und Ausatmungs-Prozeß durch die Lungen habe. Reine, dephlogistisierte Luft wird ungefähr ebenso dadurch verändert, als durch das Ein- und Ausatmen. Da nun der Lungen-Prozeß bisher mit großer Wahrscheinlichkeit für den Hauptquell der Wärme warmblütiger Tiere gehalten wurde: so folgt daraus, daß, wenn diese Versuche richtig sind, der Mensch gleichsam über den ganzen Körper einatme, ohne es zu wissen, und also ohne sein Zutun einen Zufluß von Wärme erhalte, der ihm bisher so unbekannt geblieben ist, als es für unzählige Menschen, noch bis jetzt, die Ausleerungen sind, die an der Oberfläche vorgehen. Erhält aber der Mensch Wärme durch Einatmen (so wollen wir es nennen) über die ganze Haut: so muß die Kleidung notwendig eine große Hindernis für diesen Prozeß werden. Zwischen Fell und Hemd usw. muß sehr bald eine Luft entstehen, die für den Prozeß nicht mehr taugt, und die Erstickung muß ihren Anfang nehmen, wenigstens zwischen Fell und Hemd . Gesicht und Hände atmen indessen noch fort. Wer weiß ob nicht bei dem schönern und wärmern Geschlecht, die die Grenzen der Nacktheit an Armen und Busen zuweilen etwas erweitert haben, ein dunkles Vorgefühl dieser neuen Wahrheit zum Grunde lag. Ja wer weiß, ob nicht, was, wo ich nicht irre, unser vortrefflicher v. Cronegk geweissagt hat, eben aus diesem dunkeln Vorgefühl von Abernethys Theorie, der tiefe Ausschnitt am Busen, und der hohe Abschnitt am Unterrock sich endlich einander auf halbem Wege begegnen und zum bloßen Feigenblatt unserer ersten Eltern zusammenschmelzen werden. So führt auch diese Theorie, so wie die neueste Politik auf eine baldige Wiederkehr vom paradiesischen Stand der Unschuld und Gleichheit. – Ein sehr netter Schluß der unmittelbar aus Herrn Abernethys Erfahrungen folgt, ist, daß, wenn es einen in Kleidern friert, es einen deswegen noch nicht gerade auch nackend frieren müsse. Denn es könnte uns ja bloß deswegen in Kleidern frieren, weil der Wärme- Erzeugungs-Prozeß nun über eine so große Fläche der Haut gehemmt ist, daß freilich die Nase und die Fingerspitzen den Verlust bald empfinden müssen. Wir berufen uns hierbei auf die Erfahrung. Man versuche es einmal und kleide sich nackend in einem Zimmer aus, das bis zu dem Grade kalt ist, daß man sich die Hände reiben und ein kleines Feuer wünschen möchte: so wird man deutlich bemerken, das die unangenehme Empfindung von Kälte gar nicht zunimmt, wenigstens gar nicht in der Verhältnis in der man es nach einer solchen Entblößung erwarten sollte. Ja ich möchte fast sagen, man fände sich wärmer, wenigstens behaglicher. Es mag nun hier Wärme nach Abernethys Vorstellung erzeugt werden, oder die kalte Luft mag wirken wie kalte Bäder überhaupt, und in der Haut sowohl als den Gefäßen die Spannung hervorbringen, die den Umlauf des Bluts begünstigt, und auf diese Weise erwärmen. Ja es kann beides zugleich Statt finden, oder auch beides einerlei sein, nur anders gedacht. Genug, daß es im ganzen wahr ist. Es scheint also nichts weniger als verwerflich zu sein, sich tagtäglich oder wenigstens zuweilen auf eine kurze Zeit nackend der Luft auszusetzen. Doch ist es unser ernstlicher Rat, ja dabei einen Arzt zu befragen, oder wenigstens, nach Maßgabe der Beschaffenheit des Körpers, behutsam zu Werk zu gehen, damit nicht in unserm Comtoir Klagen über Schnupfen, Zahnweh und Erkältungen einlaufen. Denn unser kleines Taschenbuch möchte lieber alles in der Welt sein, nur kein: Jeder Mensch sein eigner Doktor , das wohl im Grunde nichts anders sagt, als: Jeder Mensch sein eigner Giftmischer . Inwiefern durch Herrn Dr. Fausts Vorschläge zu Kindertrachten, die Sache eingeleitet werden könnte, oder wie weit sich seine Vorschläge mit dieser Theorie vertragen, oder ob nicht von dieser Seite her selbst seine Vorschläge eine anständigere Einleitung hätten erhalten können, überlasse ich dem sehr würdigen und gewiß wohlmeinenden Manne selbst zur Entscheidung. Er hat sicherlich sehr viel Wahres gesagt, das aber wenig Eindruck gemacht hat, weil der Hauptgesichtspunkt, wie mich dünkt, etwas unanständig gewählt ist. Es wäre genug gewesen nur einmal in einer einzigen Zeile auf so etwas hinzuweisen; man hätte ihn doch verstanden. Hat es nicht überhaupt eine besondere Beschaffenheit mit unsrer jetzigen Schriftstellerei, daß man über heimliche Sünden überall öffentlich schreiben kann, aber über öffentliche immer heimlich schreiben muß, wenn man nicht eingesteckt sein will? So viel von dem Luftbad, das freilich den Nachteil mit sich führt, daß man, um es zu gebrauchen, fast weiter nichts nötig hat, als im Freien das Hemd einmal über die Ohren zu ziehen. Alle die herrlichen Reisen nach fremden Gegenden fallen weg, und mit diesen auch die zu manchen Zwecken so zuträglichen Trennungen der im Himmel Zusammengeschlossenen, ich meine die sogenannte Strohwitwenschaften. Die Ärzte müßten denn etwa zeigen, daß zu einem echten Luftbad eine reinere und daher höhere Luftschicht notwendig gewählt werden müßte, und sonach den Harz oder die Bergstraße oder die Schweiz in Vorschlag bringen, wo dann freilich die Unternehmer Sorge tragen müßten, der Durchsichtigkeit und Scharfsichtigkeit zu begegnen, von der wir oben geredet haben. Über Gewitterfurcht und Blitzableitung (Auf Verlangen) Jetzt, da ich dieses schreibe, (im Anfang des August 1794) zeigen sich bei uns, sowie an mehrern Orten, Spuren der Ruhr . Es sollen, wie man sagt, schon sechs Menschen daran gestorben sein; das wären also schon gerade noch einmal soviel in wenigen Tagen , als der Blitz Menschen in unsrer Stadt in mehr als einem halben Jahrhundert Die ältesten Menschen erinnern sich bloß dieser drei Fälle, die sich alle in den letzten sechsundzwanzig Jahren ereignet haben. Die hiesige Chronik, die sonst sorgfältig von Einschlagen spricht, erwähnt nur eines einzigen Falles, den man nicht einmal hierher rechnen kann, denn der Blitz traf nicht den Verunglückten selbst, sondern er wurde von Steinen getödet, die der durch denselben entzündete Pulvervorrat umher warf. Also hätte statt des halben Jahrhunderts ein weit größerer Zeitraum im Text gesetzt werden können. getödet hat; und wie viele Menschen mag die Ruhr wohl in diesem halben Jahrhundert getödet haben? Und doch ist man dabei sehr ruhig. Ich sehe sogar, daß man nicht einmal für die wohlfeilsten Ruhrableiter sorgt. Man geht noch immer in den dünnsten Westchen einher, obgleich der Wind schon über die Stoppeln weht; ja ich habe bemerkt, daß man noch vor wenigen Tagen hier und da bei offnen Fenstern schlief, die man bei Gewittern sehr sorgfältig verschloß; und doch hat man kein Beispiel, daß der Blitz je zu einem offnen Fenster hineingefahren wäre, da hingegen die Ruhr gar leicht in die Schlafkammern schlägt, wenn sie ein offnes Fenster findet, zumal, wenn sie unversehens, nach einem heißen Tage, mit einem kühlen Regen und einem feuchten Lüftchen ankömmt. – Ist das nicht sonderbar? Wie würden sich wohl die Menschen in diesen Tagen verhalten, wenn die Ruhr, wie ein dickes, schwarzes Gewölke, oder gar wie ein dunkelgrünes , dergleichen Donnerwetter einmal jemand gesehen haben wollte, am Horizont herauf, niedrig und langsam angezogen käme, die Spitzen der Bäume berührte, den Tag in Dämmerung verwandelte, und nun das bestimmte Schlachtopfer jedesmal mit einem Donnerschlag befiele, der die Häuser beben machte? Blitzen sollte es nicht dabei, doch um den Schlag anzukündigen, müßte etwa die Dämmerung einige Sekunden vor demselben noch um einige Tinten-Stufen schwärzer werden. Ich glaube des Singens und Betens würde kein Ende sein. Ja ich fürchte, selbst mancher Weise (sapiens) möchte sich von einem solchen Himmel etwas mehr als bloß decken lassen . Daß dabei die tödlichen Schläge sich noch besonders auszeichnen müßten, versteht sich. Wie da? Und doch schwebt jetzt ein solches Wetter über unsern Häuptern, nur ohne Donnerschläge und schwarzgrüne Wolken, die überhaupt gerade die Nebensache bei dem Handel wären, und wir setzen unsere Geschäfte ruhig fort. Nun bedenke man noch die Fieber-Pocken- und Schlagfluß-Wetter, die immer umherziehen und einschlagen. – – Doch wir überlassen diese Betrachtungen dem Leser, aus Furcht durch weiteres Ausmalen die Gattungen der Donnerwetter für manche Menschen zu vermehren, für die schon eine einzige zu viel ist. Nun zur Anwendung: Also in Göttingen sind in einem halben Jahrhundert und drüber nur drei Menschen vom Blitze getödet worden, und dieses, welches ein Hauptumstand ist, nicht einmal in drei verschiedenen Schlägen, sondern in zweien Zwei Personen tödete der Strahl am 16. Jul. 1768 auf einmal, und einen Dritten am 24. Jun. dieses Jahrs (1794) . Ferner, so weit die Erinnerung alter Menschen und die hiesige Chronik reicht, hat der Blitz hier niemals gezündet, ausgenommen im Jahr 1555, zwischen Weihnachten und Neujahr, unsern damals viel höhern Jakobiturm, und dann einmal in einem Pulverturm. Doch wurde nicht der Turm gezündet, sondern das Pulver; also Wohnhäuser, so weit unsere Erfahrung reichet, eigentlich nie, und dennoch fürchtet man sich, wie ich höre, noch hier und da bei einem Donnerwetter wie bei einer Belagerung. Ich bitte Euch, teuerste Phantasiekranken, wenn es donnert, einmal einen Augenblick nur an das Wort Belagerung zu denken und euch allenfalls an unsere braven Landsleute , zum Beispiel in Menin, zu erinnern, wo es überall donnerte und blitzte, überall einschlug, überall zündete, und überall tödete, und das in einer Viertelstunde mehr, als der Blitz bei uns in 500 Jahren . Und dennoch fürchtet ihr euch, die ihr bei der herrschenden Ruhr gelassen bleibt? Also so viel vermag eine finstere Wolke und ein bißchen Donner über Euch! O! ich fühle, daß es fast kindisch ist, selbst bei dem schweresten Donnerwetter, an die leichteste Belagerung zu erinnern, aber ich weiß auch, daß manche Menschen, die sich vor dem Tode fürchten, es gar wohl vertragen können, daß man sie mit Rettungsmitteln erstickt. Jemand, der sich aus Furcht nicht entschließen konnte sich einen Zahn ausziehen zu lassen, ging mit hohem Mute an das Werk, nachdem man ihn an die Gelassenheit erinnert hatte, womit Sokrates seiner großen Seele den Körper auszog. Wenns nur hilft. Jedermann ist Herr in seiner Geistes-Ökonomie, und wir wollen uns nicht darum bekümmern, warum es gut geht, wenns nur gut geht. Ist doch wohl manche große Heldentat, in der nachher der Geschichtschreiber auf der Stube große Plane witterte, getan worden, auf daß eine Opernsängerin den Namen des Helden in den Zeitungen lesen möge. So wird die Welt regiert, also warum nicht ein Herz, das an der Donnerfurcht (Brontophobie) erkranket. Man schaffe alles herbei, und denke sogar an seine braven Landsleute in Menin. Ich weiß, daß dieser Trost so wirksam gewesen ist, daß, während der Donner rollte, und der Regen wie Hagel an die Fenster schlug, der Patient dabei selbst über seine eigene Furchtsamkeit zu lächeln anfing, des Kontrasts wegen. Er fühlte sich lächerlich und bei diesem Gefühl, sehr wohl. Wirklich ist es auch die einzige Lage in der Welt, worin sich allenfalls ein Mann von Ehre mit Wohlbehagen lächerlich finden läßt, wenn er dem eingebildeten Todes-Streich, den er ängstlich schon über sich schweben sieht, dadurch entgehen kann, daß er sich dem wohlgemeinten Spotte eines gutmütigen Freundes auf ein paar Minuten aussetzt. Besser aber, man spottet über sich selbst. Ich rate also noch einmal, beim Donnerwetter an Belagerung zu denken, das Lächeln über sich selbst wird schwerlich ausbleiben. Soviel gegen unsere armen Phantasiekranken. Nun aber auch ein Wort für sie. Zum Teil liegt freilich der Grund von jener übermäßigen Furcht da, wo noch so mancher andere von unserm Elend liegt, in der Erziehung. Horch! der liebe Gott zürnt, sagt man Kindern, wenn es donnert, aber nicht Siehe! Er zürnt, wenn man ihre kleinen Mitbrüder bei einer Pocken-Epidemie zu halben Dutzenden an einem Tage zu Grabe trägt. Diese traurige Vorstellung wird dann ferner noch durch eine andere sehr alltägliche begünstigt, daß der liebe Gott seinen Wohnsitz unmittelbar über den Wolken habe, so wie diese wiederum Unterstützung durch Mythologie erhält, die man immer noch (freilich mit Recht) neben dem Christentum her treibt. Hierzu kömmt dann unwandelbare, menschliche Natur; die unwiderstehliche Macht des Klanges über unser ganzes Wesen. Selbst die gefühllosesten Menschen werden durch den Donner der Pauken bei einem: Herr Gott dich loben wir , an einem Dankfest, dem übrigens ihr Herz beipflichtet, zu Tränen hingerissen; und Händels majestätisches: Gib ihnen Hagelsteine für Brod (Give them hailstones for bread) , wirkt mit der Macht des Donners auf die Versammlungen. Auch der Wilde fürchtet den Knall der Kanone schon, ehe er noch die Wirkung ihrer Kugeln kennt. Ich möchte wohl wissen, ob man Beispiele von Taubgebornen hat, die sich vor dem Gewitter gefürchtet haben. Wenn mich mein Gefühl nicht täuscht, so glaube ich, ich würde mich ehemals wenig oder gar nicht vor einem Gewitter gefürchtet haben, das nicht gedonnert hätte. Jetzt kann es dem Guthörenden wenig helfen, wenn er die Ohren zuhält, aber daß es doch, etwas wenigstens , helfen soll, haben mich große Kenner aus eigener Erfahrung versichert. Gegen diese durch schlechte Erziehung erst eingepflanzte und dann durch menschliche Natur von einer Seite begünstigte Furcht, weiß ich in der Welt keinen Rat, als man lehre den Patienten Wahrheit in ihrer reinsten Form, die schadet niemals. Man erkläre ihm was das Gewitter ist, ohne leichtsinnige Herabsetzung noch ängstliche Übertreibung der Gefahr. Man vergleiche die Gefahr dabei mit der von Krankheiten, wie wir oben gesehen haben, und zeige mit aller der Stärke, die man dem Satze, ohne tiefe Einsicht und ganz ohne Rednerkünste so leicht erteilen kann, daß die Gewitter die leichtesten Epidemien sind die einen Landstrich befallen können. Eigentlich gar keine. Der Schlagfluß, vor dem kein Mensch einen Augenblick sicher ist, tödet in jedem Städtchen in einem Jahre mehr Menschen, als der Blitz in einem großen Lande, in zehen. Man sage ihm, daß der Blitz, dessen Donner die Erde beben macht, sich durch ein wenig Draht oder ein bißchen Vergoldung hinleiten läßt, wo man ihn hin haben will. Daß er Menschen tödet, (jedoch nicht einmal alle die er trifft,) habe er mit jedem fallenden Dachziegel, und daß er Häuser anzünde, mit jedem verwahrlosten Lichte gemein. Bei weitem die wenigsten Feuersbrünste rühren vom Blitze her, gerade so wie bei weitem die wenigsten gewaltsamen Todesarten. Man sage ihm dieses. Kann er sich bei dieser Lehre des Lächelns nicht enthalten (welches gottlob! gewöhnlich der Fall ist), desto besser. Ja ich rechnete schon zum voraus auf dieses Lächeln, als ich es niederschrieb: daß bei weitem die wenigsten Feuersbrünste vom Blitze herrührten. Es ist immer gut und selbst angenehm, Furcht und Trost sich auf einer Stelle begegnen und bekomplimentieren zu lassen, wo der Rangstreit längst entschieden ist. Wenigstens für einen Dritten. Wäre es möglich unsere tagtägliche Feuersgefahr durch Donner anzudeuten, es würde nicht aufhören zu donnern, zumal an Orten, wo man des Nachts im Bette studiert. Gottlob, daß die meisten dieser oft nahen Schläge kalt sind. Soviel von Gewitterfurcht für den Menschen, der seiner Vernunft noch mächtig ist. Er wird nach einiger Übung finden, daß zwar der Donnerschlag bei ihm nichts von seiner Erhabenheit und Größe verlieren, aber in ihm eben das seelenstärkende, hohe, andächtige Gefühl, ohne alle Furcht , erwecken wird, womit ihn der Pauken-Donner bei einem: Herr Gott dich loben wir etc. erfüllt. Was ihm sonst schrecklich war, wird ihm nun eine Art von Unterhaltung werden, die er außer dem Trost, den er andern Anwesenden damit reicht, sogar erdlich machen kann. Ein kleiner Wink für Hausväter und Hausmütter, den ich zu verstehen bitte. – Armseligen Nervenkranken kann freilich nicht gepredigt werden, für die ist die Kirche aus; man muß sie dem Arzt übergeben, der sie nach der Apotheke begleitet. Ein Spaziergang, der, die Begleitung des Arztes abgerechnet, an manchen Orten ohnehin schon sehr gewöhnlich sein soll. Aber nun! Wenn es gar in unsrer Macht stünde, diesen Blitz, vor dem wir uns, der Pauken-Parade wegen, womit er sich zeigt, so sehr fürchten, ganz von unsern Häusern, wo nicht zu entfernen, doch ebenso unschädlich für sie zu machen, und ihn ebenso von uns abhalten zu können, wie wir von uns und unsern Meubeln den Regen durch Dächer abhalten. Aber dieses können wir. Und zwar gerade mit der Zuverlässigkeit, mit der wir uns gegen den Regen unter einem guten Obdach, und gegen den Sonnenstich unter einer dichten Laube verwahren. Daß dieses nicht jedermann glaubt, ist nicht zu verwundern. Wir haben so selten Gelegenheit die Probe zu machen, weil leider! jene Schirme gegen den Blitz noch immer nicht den allgemeinen Eingang finden wollen, der nötig wäre jene Überzeugung endlich zu bewirken. Wäre zum Beispiel eine ganze Stadt mit Blei oder Kupfer gedeckt, so daß auch kein Stall ohne ein solches Dach wäre, und würden diese Dächer alle gehörig durch Metall mit der Erde verbunden: so würde man gar nichts mehr von schädlichen Wirkungen des Blitzes an diesem Orte hören, ja man würde am Ende gar nicht mehr wissen, ob und wo der Blitz herabgefahren sei, wenn er herabgefahren wäre. Nach einer Generation würde sich alles Schreckliche hierbei völlig verlieren; man würde dem Donnerwetter, das man jetzt wie eine Belagerung fürchtet, zuhören, wie der Kanonade bei einer Musterung, und dem Wetterstrahl zusehen wie einem Lustfeuer. Hörte man von andern Orten her, daß unarmierte Häuser vom Blitz gezündet oder Menschen in denselben getödet worden wären, so würde man dieses ebensowenig seltsam finden, als daß es jemanden auf seinen Speicher regnet, wenn das Dach nicht verwahrt ist, oder daß jemand bei einem Gewitter naß wird, der sich nicht unterstellt. So muß es kommen, wenn alle Gewitterfurcht sich von der Erde verlieren soll. Man muß nur deutlich und anschaulich einsehen lernen, daß man sich vor dem Blitze sichern kann, wenn man will. Wer es nicht tun will, gut, habeat sibi , wenn er getroffen wird oder ihm sein Haus abbrennt. Ich habe oben das Donnerwetter mit der Ruhr verglichen, vielleicht schadet es nicht, es hier noch zu guter Letzt einmal mit der Winterkälte zu vergleichen, also Wetter mit Witterung. Eine strenge Kälte ist etwas sehr viel Fürchterlicheres und Gefährlicheres als alle Donnerwetter von sechs Sommern zusammen genommen, ob es gleich gemeiniglich sehr stille dabei hergeht. Warum fürchtet man sich nicht davor? Deswegen weil wir sichere Ableiter für dieselbe haben, Brennmaterialien und Kleidung. Wenn wir auch hören, daß Menschen, denen ihre Geschäfte oder ihre Armut nicht verstatteten die Ableitung gehörig anzubringen, um ihre gesunden Glieder oder gar um ihr Leben durch die Kälte gekommen sind; so beklagen wir diese Unglücklichen mit Recht, aber die Kälte selbst wird uns durch solche Beispiele nicht schrecklicher, weil wir wissen, woran die Schuld lag. Ebenso und nicht um ein Haar anders verhält es sich mit dem Blitze. So weit hat man es in der Naturkunde gebracht. Die Häuser werden von ihm gezündet und Menschen von ihm getödet, weil sie nicht für Ableitung desselben gesorgt haben. Der Mensch, der sich bei einem Donnerwetter unter einen hohen Baum stellt, handelt ebenso unvorsichtig, als der, der sich bei einer strengen Kälte im Freien dem Schlafe überläßt. Wir wissen jetzt mit dem Grade von Zuverlässigkeit, daß man sich vor dem Blitze verwahren kann, mit dem wir es von der Kälte wissen. Daß man an die Verwahrung gegen den ersten nicht so gerne geht, weil sie eines Teils kostbar und andern Teils das Einschlagen sehr selten ist, ändert hier für unsere Betrachtung schlechterdings nichts. Genug, daß der Satz außer allem Zweifel ist: Die Menschen werden vom Blitze getroffen und ihre Häuser angezündet, weil sie es nicht anders haben wollten. Was die Ursache hiervon ist: Knauserei, Leichtsinn, Unwissenheit oder sonst etwas, darum haben wir uns hier nicht zu bekümmern. Aber bleierne und kupferne Dächer sind kostbar. Freilich. Aber sie sind auch glücklicher Weise zu unsrer gegenwärtigen Absicht nicht nötig. Es ist schon vollkommen hinreichend, wenn nur die Schornsteine, die Firsten und alle hervorstehende Ecken der Gebäude mit zusammenhängenden Streifen von Blei oder Kupfer belegt, und alle diese Belegungen mit ähnlichen Streifen, die man an der Wand des Hauses herunter an die Erde führt, in Verbindung gebracht werden. Die hohen und spitzen Stangen können ganz wegbleiben. Unsere Absicht ist nicht, hier diese Einrichtung zu lehren. Ohne Zeichnung würde vieles gar nicht verstanden werden, und selbst der nötige Unterricht würde ein eignes Taschenbuch für die Liebhaber erfordern. Wir geben also bloß irgend einem künftigen Verleger hiermit den Wink zu einem solchen Taschenbuche, ohne uns, weder um den Titel desselben, noch den davon zu erwartenden Vorteil, und am allerwenigsten um die Taschen der Deutschen zu bekümmern, die, nach dem zu urteilen, was sie bisher hineingesteckt haben, ohnehin unmöglich viel kleiner als Maltersäcke sein können. Wir verweisen aber dafür mit Ernst auf ein Werk, das niemanden unbekannt bleiben sollte, den der wichtige Gegenstand, von dem hier die Rede ist, nur im mindesten interessiert, nämlich auf Herrn Reimarus neuere Betrachtungen vom Blitze; die in diesem Jahre (1794) zu Hamburg erschienen sind. Das Werk ist von der einen Seite ebenso lehrreich für den größten Kenner, als es von der andern herablassend für die gemeinste Fähigkeit ist. Amtleute und Prediger, oder sonst irgend ein Stand in der Welt, zu dem sich der Leidende flüchtet, und von dem er mit Recht Hülfe und Belehrung erwartet, sollten dieses Buch kennen, um raten zu können. Will man nicht folgen. Auch gut. Nur spreche man alsdann vom Erschlagnen oder von dem vom Blitze Abgebrannten nie anders als von dem Erfrornen. Es ist völlig einerlei. Der Unterschied, wenn einer da ist, liegt bloß in unserm Leichtsinn, in unsrer Nachlässigkeit, und leider! freilich etwas in unsrer Dürftigkeit, und was können die in der Welt nicht verderben? Vielleicht wäre es gut, um wenigstens dem Furchtsamen, dem es bloß auf persönliche Sicherheit ankömmt, einige Hülfe zu verschaffen, wenn man an jedem Ort ein Gebäude, oder ein paar recht gut gegen den Blitz sicherte, wo man bei einem schweren Donnerwetter hineingehen, oder sich auch incognito hineintragen lassen könnte. Es könnte dazu die Kirche oder auch das Hauptwirtshaus, die Schule, die Badstube usw. ausersehen werden. – Am meisten ist es zu verwundern, daß die Großen und Reichen, die sich vor dem Gewitter fürchten, nicht mehr auf ihre Sicherheit und Ruhe dabei denken. Wollten sie auch nicht ihre ganzen Schlösser und Paläste sichern lassen, wie leicht könnte nicht ein niedlicher kleiner Pavillon im Garten dazu eingerichtet werden? Man kann kaum, wenn man nur etwas von einem Baumeister oder Dichter ist, dem Trieb widerstehen, allegorische Verzierungen und Sinnsprüche für einen solchen Schlupfwinkel zu erfinden, in den sich die Götter der Erde verkriechen, wenn der Gott des Himmels zu donnern anfängt. Nicolaus Copernicus Vorerinnerung Als der würdige Herr Verleger des Pantheons der Deutschen mich ersuchte das Leben unsers Copernicus für dasselbe zu schreiben, habe ich mich diesem Geschäfte sogleich willig unterzogen. Es war ein sehr schmeichelhafter Gedanke für mich, diesem Heroen der Astronomie, dem Manne aller Jahrhunderte, dessen Namen ich schon in meiner frühesten Jugend mit Ehrfurcht und Bewunderung nennen lernte und wovon der bloße Laut, noch jetzt, wenn ich ihn ausspreche, in mir die Vorstellung von Größe und Erhabenheit der Werke der Natur zu erwecken im Stande ist, hier, in diesem populären Werke, so ganz ohne den Vorwurf von Zudringlichkeit, das individuelle Opfer meiner Verehrung, sei es auch noch so geringfügig darbringen zu können. Ihm damit ein Denkmal stiften zu wollen, daran dachte ich nicht und konnte nicht daran denken. Die Abrechnung zwischen Ihm und mir, über diesen Punkt , war nur allzu leicht: ich vermochte es nicht, und Er , dessen Ruhm die Himmel erzählen, bedurfte dessen nicht. Allein dafür schien es mir bei meiner Absicht ebensowenig ganz unverdienstlich, als, nach einer gewissen Schätzung, sonderlich schwer, in einer, jedem gewöhnlichen Leser von Erziehung verständlichen Sprache und ohne Weitläuftigkeit zu erzählen: was der große Mann hauptsächlich leistete, was er war und wie er es wurde . So wie ich aber der Ausführung selbst näher kam, und jener Enthusiasmus, der den ersten Entschluß begleitete, dem kühleren Geschäfte des Biographen, und die dunkeln Gefühle deutlichen Begriffen und präzisen Bestimmungen weichen mußten; als ich Data zu zählen und zu wägen anfing, die ich dort in trügerischem Vertrauen auf flüchtige Erinnerungen hin, ungezählt und ungewogen in Anschlag gebracht hatte, änderten sich meine Vorstellungen von diesem Unternehmen. Mit der von dessen Verdienstlichkeit blieb es noch so ziemlich beim alten, hingegen verminderte sich die von der Leichtigkeit desselben um ein merkliches, und dieses brachte in mir eine gewisse Gemütsstimmung hervor, wovon man, wie ich fürchte, die Spuren hier und da in der Erzählung selbst, nur zu deutlich bemerken wird. Ich will mich erklären. In einer Lebensbeschreibung Nicolaus Copernikus des Copernicus, obgleich für eine populäre Schrift bestimmt, nur bloß in allgemeinen Ausdrücken von dessen Haupt-Verdienst zu reden und etwa nur zu sagen, was man auch in den gemeinsten Schriften findet, wäre von der einen Seite ebenso unschicklich gewesen, als es von der andern gewesen sein würde in ein zu großes Detail zu gehen. Nach dem gegenwärtigen Zustande unserer Erziehung konnte ich, gottlob! jenes wohl voraussetzen und habe es gewissermaßen auch vorausgesetzt; in dieses hingegen mich einzulassen wäre, wo nicht gegen die Regeln der Biographie überhaupt, doch gewiß der Spezies derselben gewesen, die sich nur allein mit dem Plane dieses Werks verträgt, worin doch immer vorzüglich auf den Dilettanten Rücksicht genommen werden muß. Wem daran gelegen ist, sich mit den Entdeckungen, zumal denen eines Mathematikers bekannt zu machen, greift ohnehin nicht nach der Lebensbeschreibung des Mannes sondern nach dessen Werken selbst. Ich habe mich daher hier aller Zeichnungen und folglich aller der Subtilitäten, die notwendig welche erfordert hätten, enthalten und mich mit bloßen Worten begnügt. Hat doch Gassendi in seinen sechs Büchern über das Leben des Tycho nur eine einzige Zeichnung. Man kann hiergegen nicht einwenden, daß Gassendi nicht bloß für Dilettanten geschrieben habe, denn diese einzige Figur hätten ihm wohl selbst die Dilettanten, so wie ich sie voraussetze, gerne geschenkt – nämlich eine ganz gemeine Darstellung des Tychonischen Weltsystems. In seinem Leben des Copernicus hat er zwar zwei Zeichnungen, wovon aber die eine wiederum ein Copernicanisches System und die andere eine Figur darstellt, die man eher zur Erläuterung des Worts Corolla, in einem lateinischen Wörterbuche erwartet hätte, als hier. Peurbachs und Regiomontans Biographien von eben diesem Verfasser, haben gar keine Zeichnungen, so wie nachstehende des Copernicus. Eigentlich sagt aber alles dieses nur so viel: jene Lebensbeschreibungen enthalten keine Zeichnungen für das Auge. Aber auch keine mit Worten für Phantasie und Verstand? Dieses wäre unmöglich gewesen, zumal in dem Leben des Copernicus, dessen Hauptverdienst gerade darin bestund, daß er, mit Vernunft und Geometrie bewaffnet, in dem großen Kampfe, den der Irrtum von aller Macht des sinnlichen Scheins unterstützt, gegen zweitausend Jahre mit der Wahrheit glücklich bestanden hatte, endlich durch einen entscheidenden Schlag den Sieg auf die Seite der letztern lenkte. Also gezeichnet habe ich auch – mit Worten . Mein Bestreben dabei ging überall auf Kürze und Deutlichkeit . So sehr ich aber auch gesucht habe diese relativen Begriffe nach einem mittlern Grade von Fähigkeit und Kenntnissen im Leser für meine Absicht zu bestimmen, so schwer fand ich es mir in diesem Stück Genüge zu tun. Vielleicht ist aber auch hierin völlige Gleichförmigkeit unmöglich. Dieses war ein Grund von jener Verlegenheit, aber nicht der wichtigste. Dieser lag vielmehr in dem Mangel an Datis, den großen Mann so in seiner ganzen Geistes-Individualität darzustellen, wie dieses bei einigen andern Männern möglich gewesen ist, die man bereits im Pantheon der Deutschen aufgestellt hat. Es findet sich in den Nachrichten von ihm nur weniges von den kleinen, oft gering scheinenden, aber stark charakterisierenden Zügen, die die Biographien großer Männer so anziehend für den Leser, so aufmunternd und anspornend für den Verfasser selbst, und am Ende für den Psychologen so wichtig machen. Freilich lebt der große Mann in seinem unsterblichen Werk, aber wie? Schier möchte man sagen: so wie Euklid in seinen Elementen oder Apollonius in seinen Kegelschnitten. Wieviel anders lebt nicht z.B. seines größeren Nachfolgers, Keplers, Geist in den seinigen, (dessen Briefe nicht einmal in Anschlag gebracht) worin so manche einzeln hingeworfene Gedanken und Gesinnungen, so manche gewagte Idee, so mancher fast prophetische Blick über sein Zeitalter hinaus, so manche Anspielung, so mancher große dichterische Zug, so manche Äußerung des sonderbarsten, oft glücklichsten Witzes, die sich in seinen Streitschriften, ja bis in seine Vorreden und Dedikationen hinein finden, dem Psychologen einen der größten und außerordentlichsten Menschen charakterisieren und individualisieren, die die Welt je gesehen hat? Ich kann mich hier unmöglich weiter erklären. Allein wer nur das wenige, was uns zu diesem Zweck von Copernicus bekannt geworden ist, ansieht, wird wünschen den Geist der in diesem Manne gelebt haben muß, näher zu kennen. Der Mangel an hiezu nötigen Nachrichten, der sich größer befand, als ich anfangs dachte, konnte also unmöglich sehr aufmunternd zumal für jemanden sein, der Ursache hatte zu vermuten, man habe ihn deswegen zu dieser Arbeit ausersehen, weil man, (mit Recht oder Unrecht, ist gleich viel) glaubte, er werde keine ganz trocknen Personalien liefern. Es würde Vermessenheit von mir sein zu glauben, daß dieser Mangel wirklich ganz allein objektiven Grund habe, und daß mir gar nichts entgangen sein sollte, was wirklich vorhanden ist. Ich habe vielmehr große Ursache das Gegenteil zu vermuten, da mich oft bei meinen Kompilationen der bloße Zufall auf manches geführt hat, wo ich es gar nicht gesucht hatte. Auch konnte ich einiges nicht habhaft werden, wovon ich wußte, daß es vorhanden war; dahin rechne ich des Bischofs von Culm, des bekannten großen Gönners des Copernicus und Beförderer seines Werks, Tidemanni Gysii Epistolas, auf die sich Simon Starovolscius in seiner Hecatontas scriptorum polonicorum Venetiis, 1627. 4to S.160 bei einem besondern Umstände bezieht. Ferner Georgii Joachimi Rhetici Ephemerides ad annum 1551. Lips. 1550.4to. Die Vorrede dieses Buchs ist eins der wichtigsten Aktenstücke für das Leben des Copernicus. Ich hätte es wenigstens einiger Vergleichungen wegen zu haben gewünscht. Denn was die Hauptdata, die es enthält, betrifft, so hat Gassendi vermutlich das Beste benutzt, denn er bezieht sich sehr oft auf das Buch und hat vieles daraus seinem Leben des Copernicus wörtlich einverleibt. Endlich das Preußische Archiv , in dessen siebenten Jahrgange eine Abhandlung zu Ehren des Copernicus von Herrn v.  Baczko und zwei, eine von Herrn Konsist. Rat Wald und die andere von Herrn Pfarrer Hein über einige Denkmäler des Copernicus auf dem Schlosse zu Allenstein befindlich sind. Diese Aufsätze sind, wie ich aus öffentlichen Blättern ersehe, bereits im vorigen Jahre in der Königsbergischen deutschen Gesellschaft, deren Schriften jenes Archiv eigentlich ausmachen, vorgelesen worden. Aus jenen Gegenden läßt sich allerdings noch vieles erwarten, was zur Aufklärung der Geschichte dieses außerordentlichen Mannes dienen kann, zumal wenn Männer von Herrn v. Baczkos Tätigkeit und großen Bekanntschaft mit der Preuß. Geschichte sich dafür interessieren. Daß nachstehender Biographie außer dem gut gearbeiteten Porträt des Copernicus, keine Bildchen beigefügt worden sind, ist ganz auf meine Veranlassung geschehen, und wenn dieses Verfahren Tadel verdient, so fällt er ganz allein auf mich. Die Erlaubnis des Herrn Verlegers, Szenen aus des Copernicus Leben zu Verzierung von dessen Biographie vorzuschlagen, hatte ich, ich habe es aber unterlassen. Es wäre immer etwas in diesen Bildchen gewesen, was sich, nach meiner Empfindung, nicht mit dem anspruchlosen, strengen, ernsthaften und überhaupt großen Charakter des Mannes hätte vereinigen lassen. Er selbst würde es gewiß nicht gebilligt haben. Was hätte ich auch für Szenen vorschlagen sollen? Etwa wie er in seinem 27ten Jahre vor einer großen, gemischten Versammlung in Rom Collegia liest, oder wie er im Schlafrock schlechtes astronomisches Geschütz gegen den Himmel richtet? Was hätte denn alles dieses erläutert, da er jenes mit so manchem gelehrten Scharlatan und dieses mit jedem astronomischen Konstabler gemein hatte? Dem Text hier und da Anmerkungen beizufügen, schien mir vieler Leser wegen nötig. Einige der größeren habe ich unter der Rubrik von Beilagen hinten angehängt. L.   Nicolaus Copernicus eigentlich Köpernik So findet sich der Name in Zerneckens Thornscher Chronika S. 76 geschrieben. »In diesem Jahr (1463) heißt es daselbst, ist Nicolaus Köpernik allhier ein Bürger geworden.« Dieses war der Vater des Astronomen. Mit der Gelehrsamkeit und dem Ruhm des Sohnes wurde der Name lateinischer. Will man aber einmal auch im Deutschen die lateinische Endigung beibehalten, so schreibt man wohl den Namen am besten, wie ihn der große Mann selbst, und unsere vorzüglichsten Schriftsteller häufig geschrieben haben: Copernicus. ward zu Thorn, einer alten preußischen Stadt am rechten Ufer der Weichsel, da wo sie aus Polen in die preußische Grenze tritt, am 19ten Febr. 1473 Über die Verschiedenheit, die sich in den Angaben des Geburtstags sowohl als des Todestags des Copernicus bei den Schriftstellern findet, habe ich mich in der Beilage umständlich erklärt. geboren. Der Ort hat seinen Ursprung, wie die meisten Städte dasiger Gegend, eigentlich dem deutschen Orden zu danken, der bekanntlich im 13ten Jahrhundert nach Preußen zog, um dort Eroberungen für sich selbst und den Himmel zu machen. Diese interessieren uns hier nicht. Ich gedenke daher nur kurz noch einer dritten Eroberung desselben, an die der Orden selbst wohl am wenigsten gedacht haben mag, und dieses ist die, die er für die Herrschaft unserer Sprache und unserer Sitten gemacht hat. Er hat dem ausgebreiteten deutsch redenden und lebenden Lande, Deutschland im buchstäblichen Sinne des Worts, eine seiner schönsten Provinzen zugelegt, Preußen, aus welchem seit jeher Männer hervorgegangen sind, und noch immer hervorgehen, die, so weit die Geschichte der Deutschen reichen wird, eine Zierde derselben sein werden. Unter diesen steht wohl Copernicus obenan. Die Ausbreitung seines Namens und Ruhms wird, solange die Welt steht, immer gleichen Schritt halten mit der von Kultur und Humanität, hingegen Barbarei, Aberglauben und Religion und Vernunft schändender Gewissenszwang herrschen, wo man ihn entweder gar nicht kennt, oder ver kennt oder verkennen muß . Des Copernicus Vater, der ebenfalls Nicolaus hieß, war aus Krakau gebürtig und erhielt im Jahr 1463 das Bürgerrecht zu Thorn. Was dieser Mann sonst noch war und was für ein Geschäft er eigentlich trieb, ist nicht bekannt. Unbedeutend kann er indessen nicht gewesen sein, denn er heiratete zu Thorn die Schwester des nachherigen Bischofs von Ermeland, Lucas Waißelrodt genannt von Alten Ich bin in der Rechtschreibung dieses Namens dem Herrn v. Baczko (Geschichte Preußens B.IV. S.37) gefolgt. Er heißt sonst gewöhnlich Watzelrod auch Wattelrod oder Weisselrod. † 1512. , eines Mannes, der, in der Geschichte von Preußen selbst schon bekannt genug, es nachher auch durch die große und zweckmäßige Vorsorge für seinen Neffen, unsern Copernicus, selbst in der Geschichte der Astronomie geworden ist. Von einem Bruder, den Copernicus noch hatte, weiß man bloß, daß er sich einmal in Rom aufgehalten habe Man erfährt dieses aus des Joachim Rheticus Zueignungsschrift an einen gelehrten Nürnberger Georg Hartmann, die jener der von ihm zum Druck beförderten Trigonometrie des Copernicus Wittenberg 1542 4to vorgesetzt hat. Dieser Hartmann hatte zu Rom Umgang mit jenem Copernicus gehabt . Selbst sein Vorname ist unbekannt. Seine Geringfügigkeit muß allerdings groß gewesen sein, da ihn selbst der Glanz seines Bruders nicht einmal recht sichtbar machen konnte, der doch in das ganze System seiner Verwandtschaft so helle hinein leuchtete, daß dadurch sogar ein Barbier, Martin Köpernik, bemerklich wurde. Die Chronik nennt diesen Zernecke. S. 226. und sagt, er sei am 11ten August 1602 reich gestorben. Von der Schule zu Thorn ging Copernicus nach Krakau, eigentlich um Medizin zu studieren, worin er auch wirklich Doktor wurde. Zugleich aber setzte er das Studium der alten Sprachen, wozu man schon damals in Thorn den Grund legen konnte, ernstlich fort, studierte Philosophie und vorzüglich Mathematik, der er sich bereits in seinen frühesten Jahren mit brennendem Eifer ergeben hatte, und so näherte er sich allmählig seiner eigentlichen Bahn. Er hörte nämlich den dortigen Lehrer der Mathematik Albertus de Brudzevo Eigentlich Brudzewski. Simon Starovolscius in seiner Hecatontas scriptorum polonicorum. Venetiis 1627. 4to S.94 hat von ihm einen eigenen Artikel. Diesem zufolge hat Brudzewski Tabulas pro supputandis motibus corporum coelestium; Introductorium astronomorum Cracoviensium; einen Commentarium in Purbachii Theoricas und wie es wörtlich in dem Buche heißt: Ad Epimeridas Konigsper notas, vermutlich Anmerkungen zu Regiomontans Ephemeriden, geschrieben. über den Gebrauch des Astrolabiums; und was auf einmal sein Genie weckte und ihn auf den Weg wies, der ihn zur Unsterblichkeit führte, er wurde da mit dem Namen und dem Ruhm Purbachs und Regiomontans Georg Purbach auch Peurbach, hat seinen Namen von seinem Geburtsort Peuerbach, einem Städtchen in Oberösterreich. (Geb. 1423; gest. 1461). Regiomontan, eigentlich Johannes Müller, oder Molitor, geboren 1436 zu Königsberg, einem Städtchen im Stifte Würzburg, das aber, wo ich nicht irre, mit dem Amte gleiches Namens, worin es liegt, an Sachsen-Hildburghausen gehört. Von diesem seinem Geburtsort gab er sich den Namen, ja er schrieb sich wohl gar zuweilen Iohannes Germanus de Regio monte (Weidler Hist. Astron. p.304) und Germanus Francus. Er starb zu Rom 1476. Der Name seines Geburtsortes, und sein daher genommener eigner, ließ auf eine berühmtere Stadt schließen, und hat deswegen mehrere Schriftsteller verleitet, ihn für einen Preußen und Landsmann des Copernicus im engern Verstande zu halten. Dieses ist sogar dem sonst in der Preuß. Lit. Geschichte so sehr bewanderten David Braun begegnet, der ihn in s. 1723 in 4to herausgegebnen Werke de Scriptorum Poloniae et Prussiae Historicorum etc. virtutibus et vitiis, einen Preußen nennt. S. Pisanski Entwurf der Preuß. Litterär-Geschichte. Königsberg 1791. 8. S.109. Gassendi hat beider Leben vereint beschrieben (opp. T. v. p.457 Edit. Florent.) bekannt. Es liegt meines Ermessens nicht außer unserm Wege hier kurz anzuzeigen wer die Männer gewesen sind, ohne welche, wie sich Gassendi ausdrückt, vielleicht kein Copernicus geworden wäre. Purbach und sein Schüler, Freund, Gehülfe und Nachfolger im Amt, Regiomontan, waren beide Deutsche, beide Männer vom größten Geist und Astronomen vom ersten Rang. Sie waren nicht bloß die Wiederhersteller der Astronomie in Deutschland , sondern aller wahren Astronomie in Europa überhaupt. Durch sie allein fing sie im 15ten Jahrhundert wieder an aufzuleben. Sie bemerkten die Fehler der ältern Tafeln und suchten sie zu verbessern und hatten zuerst den großen Gedanken, den Himmel als einen Zeitmesser anzusehen und aus dessen Bewegungen die wahre Zeit der Beobachtungen zu bestimmen. Ein Verfahren, das einen der größten Fortschritte ausmacht, den die praktische Astronomie je getan hat; das sich diese Männer zwar erfanden den Mangel an genauen Uhren zu ersetzen, dessen man sich aber noch jetzt bedient, selbst die genauem Uhren, die man hat, dadurch zu prüfen. Alles dieses und noch vielmehr haben sie geleistet, und doch starb der erste, nachdem er noch nicht 36, und der andere als er nur einen Monat über 40 Jahre So hat Gassendi und aus ihm Weidler a.a.O. Melchior Adam hingegen (vitae Germanorum philosophorum, Heidelbergae 1615 8. p. n) redet nur von 34 Jahren. gelebt hatte. – Dieses waren die Männer, die sich Copernicus zum Muster nahm. Vorzüglich war es aber Regiomontans großer und ausgebreiteter Ruhm, der ihn entflammte. Er wollte dem Manne gleichen, der den Himmel genauer beobachtet und gekannt hatte, als alle seine Vorgänger; den Rom Pabst Sixtus IV. um sich seiner Einsichten bei Verbesserung des Kalenders zu bedienen. Er erhielt deswegen große Versprechungen und wurde zum Bischof von Regenspurg kreiert. zu sich rief, um von ihm zu lernen, und der für seine Verdienste im Pantheon begraben liegt. Das Ziel, wie man sieht, war hoch genommen. Denn Copernicus konnte wohl wissen, daß Regiomontan ein so frühzeitige s Genie gewesen war, daß man ihn bereits in seinem 12ten Jahre reif genug fand die Universität Leipzig zu beziehen; daß er schon in seinem 15ten diese Universität verließ und nach Wien zu Purbach ging, um dort seinen bereits erworbenen gründlichen Kenntnissen der sphärischen Astronomie, die sonst so wenig Reiz für das Alter der Kindheit hat, noch die der theorischen hinzuzufügen; daß er bald darauf mit seinem Lehrer zu einem gemeinschaftlichen Zweck so zu arbeiten anfing, daß es jetzt wenigstens zweifelhaft ist, welchem von beiden eigentlich der oben erwähnte Gedanke von der Zeitbestimmung zugehört, dem altern Purbach, der mehr Erfahrung, oder dem Jüngern Regiomontan, der vielleicht mehr Genie hatte Bailly, Hist. de l'astron. moderne I. p.317. ; und endlich, daß ihn sein reicher und berühmter Schüler Walther zu Nürnberg in den Stand setzte die Werkzeuge, die er sich erfand, auch auszuführen; Werkzeuge, denen, wie sich Bailly a.a.O. S.314. ausdrückt, oft nichts fehlte, als bequemere Bewegung, genauere Teilung und das Fernrohr, um größtenteils damit ausrichten zu können, was in dem letzten Jahrhundert für Astronomie getan worden ist. Dieses war ein beträchtlicher Vorsprung des Musters vor dem Nacheiferer. Allein Copernicus ging, seinem Vorsatze getreu, mit der eisernen Beharrlichkeit, die ihn auszeichnet, seinem Vorbilde ruhig nach. Er suchte Regiomontans Ruhm und fand ihn, und dieses ohne allen Sporn von zeitlichem Gewinn und selbst ohne den eines Nebenbuhlers. Hier faßte Copernicus, für dessen wißbegierigen Geist nun sein Vaterland und Polen viel zu enge zu werden anfing, den Entschluß nach Italien zu gehen, wo, nach dem Umsturz des orientalischen Kaisertums, Künste und Wissenschaften aufzublühen angefangen hatten, das sich bereits der Mitte seines goldnen Zeitalters 1450-1550. näherte, und wo fast jede etwas beträchtliche Stadt ein kleines Athen war Roscoes Life of Lorenzo de Medici London 1795 in der Vorrede . Dieser Entschluß hing sehr gut mit seinem Hauptvorsatz zusammen. Denn auch Purbach hatte sich dort gebildet, und selbst Regiomontan, den der Kardinal Bessarion mit sich von Wien dahin zog, hatte noch dort gelernt. Copernicus studierte zu dem Ende vorher die Perspektiv, praktisch, lernte zeichnen und malen, (er hat sich sogar vor dem Spiegel selbst gemalt) um sich den Aufenthalt in einem Lande, wo es so viel zu zeichnen gibt, so nützlich als möglich zu machen. Er war 23 Jahre alt. Sein erster Ausflug war nach Bologna, wo damals Dominicus Maria die Astronomie mit großem Beifall lehrte, und, wie Riccioli von ihm sagt, durch Worte und Beispiel seine Schüler zur Beobachtung des Himmels aufmunterte Almag. nov. Chronica P. II. p. XXXIII. Kepler gedenkt seiner in der Vorrede zu s. Rudolph. Tafeln S.3 . Mit diesem Maria erging es dem Copernicus, wie Regiomontan mit Purbach, aus dem Schüler wurde bald der Freund und der Gehülfe. Maria hatte die Grille zu glauben, die Polhöhen hätten sich seit des Ptolemäus Zeiten merklich verändert, und z.B. die zu Cadix habe über einen ganzen Grad zugenommen. Er trug diese Meinung dem Copernicus vor, und es soll den Lehrer, sagt Gassendi, sehr gefreuet haben, daß sie der Schüler nicht mißbilligte. Diese Freude des Lehrers bei einer solchen Veranlassung, macht dem Lehrling auf alle Weise Ehre und jene Nichtmißbilligung keine Schande, selbst wenn sie, wie ich fast vermute, etwas mehr gewesen sein sollte, als ein bloßes Kompliment. Der stille, strenge, ernste Copernicus war nicht von solcher Art. Auch war er kein durchfliegender, berühmter Reisender, von dem man wohl solche fliegende Urteile anmerkt. Die Leute lebten beisammen und hatten sich über die Sache besprochen . Ich denke: vielleicht hatte sein ganz eminenter Sinn für Ordnung und Einfalt der Natur, schon damals den ptolemäischen Wirrwarr lästig gefunden, und er auf Verbesserung gedacht. In einer solchen Lage hört sich jede neue Meinung eines berühmten und erfahrnen Mannes schon allein wegen der Hoffnung gerne an, in ihr vielleicht ein Rettungsmittel zu finden, oder wo nicht, sich wenigstens berechtigt glauben zu können, den ganzen Plunder einmal wegzuwerfen und von neuem anzufangen. An diesem Ort beobachtete er, wie er selbst erzählt, im Jahr 1497 am 9ten März, eine Stunde vor Mitternacht, eine Bedeckung des Aldebaran durch den Mond. Im Jahr 1500 erscheint er auf einmal in Rom. Er bezeichnet diese Periode selbst durch die Beobachtung einer Mondfinsternis, die er, wie er sagt, am 6ten Nov. dieses Jahres dort mit großem Fleiße angestellt habe Revol. orb. coelest. Lib. IV. Cap. 14. Hier wurde er mit außerordentlichem Beifall aufgenommen, und es währte nicht lange, so hielt man ihn für nicht viel geringer als Regiomontan selbst. Er wurde dort zum Lehrer der Mathematik ernannt, und las mit großem Beifall vor sehr gemischten Versammlungen von Großen und von Künstlern Gassendi aus dem Rheticus, a.a.O. S.442 . Vom Arzt Copernicus hört man hier nichts. Es war bloß der Mathematiker und Astronom, den man ehrte und den man suchte. Schade, daß es hier so ganz an Nachrichten fehlt, die einiges Licht auf diese Zeit seines Lebens werfen könnten. Die Äußerungen seines Genies gegen die, mit denen er lebte, und die ihn beurteilen konnten, müssen groß, und überhaupt seine Talente schon damals sehr hervorstechend gewesen sein. Überall, wo er hinging, zog sein Ruf vor ihm her, wovon wir die Folgen sehen, aber nicht immer den Grund, wenigstens nicht bestimmt. Indessen löst sein nachheriges Leben dieses Rätsel zum Teil und läßt hier und da durch den Nebel blicken, der über dieser seiner Jugendgeschichte hängt. Er war sich immer gleich. Vielleicht aber besaß nie ein Mann von solchem Geiste weniger Eitelkeit als er, Er, dessen Ruhm auch die größte befriedigen könnte. Was der immer tätige Mann für die Wissenschaften tat, erfuhren gewöhnlich nur seine Freunde. Von diesen hing also sein Ruf gewissermaßen ab. Sie sprachen von ihm mit Freunden und schrieben von ihm an Freunde. Aber mit der Nachwelt von ihm zu sprechen, dazu hatte wohl mancher nicht einmal die Absicht, oder, wenn er sie hatte nicht immer die Fähigkeit. So verhielt es sich also wahrscheinlich mit ihm schon in Italien, am Anfang seiner Laufbahn, wie es sich, ganz ausgemacht , mit ihm am Ende derselben zu Frauenburg noch verhielt. Selbst von seinen unsterblichen Bemühungen über die Ordnung des Planeten-Systems hörte man zuerst von einem seiner Freunde. Hiervon weiter unten. Das Werk selbst, die mühsame Frucht eines stillen, fast sechsunddreißigjährigen Brütens, wurde ihm gleichsam abgenötigt, und die Welt die er damit erleuchtet hat, erhielt es von ihm, durch einen traurigen Tausch, erst in dem Jahre, da sie ihn selbst verlor. Von Rom kehrte er endlich in sein Vaterland zurück, wo ihm sein Oheim Lucas, der nach dem Tode Nicolaus von Tungen, Bischof von Ermeland geworden war, ein Kanonikat am Dom zu Frauenburg Eine kleine Stadt, beim Ausfluß der Weichsel, am sogenannten Frischhaff. Der dasige Dom ist eines der schönsten Gebäude dieser Art in Preußen. Er liegt auf einer Anhöhe und ragt mit den Wohnungen seiner Domherren über das Städtchen majestätisch hervor. Wenn ein Prospekt von beiden, der sich beim Hartknoch (Alt- und Neues Preußen 1684 fol. S.412) befindet, richtig ist, so möchten einem fast dabei die berühmten Verse einfallen: Par domus est urbi , nur nicht urbs orbi, man müßte denn den ausgebreiteten Ruf ihres Namens darunter verstehen. Es befindet sich daselbst noch eine von Copernicus angelegte Wasserkunst, wodurch er das Wasser der Passarge oder Passerg auf den Berg hob, um die Wohnungen der Domherren damit zu versehen. Zu Hartknochs Zeiten war sie noch im Gange. Herr v. Baczko aber (Gesch. Preußens B. IV. S.128) sagt, sie stehe jetzt nur noch zum Teil, könnte aber wahrscheinlich mit geringen Kosten wieder hergestellt werden. erteilte. Diese Beförderung ist unendlich wichtiger für die Welt geworden, als wohl der Bischof dabei dachte und denken konnte. Hier erlangte Copernicus nämlich, zwar nicht ohne einigen Kampf und erlittene Kränkungen, endlich Ruhe und Muße sein großes Werk anzufangen und zu vollenden. Er verließ auch Frauenburg nie wieder, kleine Reisen, größten Teils in Geschäften des Bistums oder seines Kapituls, ausgenommen, und wahrscheinlich ruhen seine Gebeine auch da noch jetzt. Sobald den mannichfaltigen Verdrießlichkeiten, die er anfangs wegen seiner Beförderung zu erdulden hatte, durch das Ansehen seines Oheims abgeholfen war, und er in den ruhigen Besitz seiner Stelle kam, setzte er sich zur Richtschnur drei Lebens-Regeln vor, die er sich strenge zu beobachten vornahm, und auch, wie es sich schon aus des Mannes ganzen Charakter hätte berechnen lassen, strenge beobachtete. Erstens vor allen Dingen seine gottesdienstlichen Geschäfte abzuwarten; zweitens keinem Armen der von ihm als Arzt Hülfe verlangte seinen Beistand zu versagen Öffentlich hat er nie praktiziert. Dieses vertrug sich nicht mit seiner Lage und der ersten Lebens-Regel. Allein den Armen, die ihn daher fast anbeteten, (ut numen venerarentur, sagt Gassendi) teilte er Arzneien, die er auch selbst verfertigte, willig mit. und drittens alle übrige Zeit dem Studieren zu widmen. So lebte er für sich im Stillen und mischte sich weder in die Geschäfte des Bistums noch seines Kapitels, wenigstens nie unbefragt; befragt hingegen, zwar ungerne, aber immer mit Tätigkeit, Ernst und Kraft, sobald er sich einließ. Bei solchen Beratschlagungen offenbarte sich sehr bald des Mannes heller Kopf und großer Scharfblick in Geschäften dem ganzen Kapitel. Seine Meinung war immer die, die man am Ende befolgen zu müssen glaubte. So kam es endlich, daß man auf einmal den stillen Domherrn, den Arzt der Armen, den Nacheiferer Regiomontans und spekulativen Kopf, an einer Stelle auf dem Schauplatz der Welt erblickt, wo man ihn nicht gesucht hätte. Er wurde nämlich im Jahr 1521 von dem Kapitel, und zwar einstimmig , gewählt, um als Abgesandter desselben auf den Landtag nach Graudenz zu gehen, wo damals die wichtigsten Geschäfte abgetan werden sollten. Ein Haupt-Artikel war die Verbesserung des Münzwesens. Während des verheerenden dreizehnjährigen Krieges mit dem deutschen Orden waren nämlich die Münzen so sehr gesunken, daß oft die Mark fein zu zehn Mark Geld ausgemünzt wurde. Die Reduktionen nach dem Frieden waren daher außerordentlich und der Preis der Lebensmittel stieg ungeheuer Wem es um gründliche Kenntnis dieser traurigen Geschichte zu tun ist, findet sie in Schütz Hist. Lib. X. beim Hartknoch a.a.O. S.531 u.  ff. und in David Brauns ausführlichen Bericht vom Polnischen und Preuß. Münzwesen. Elbing 1722. 4 Kap.III. . Verbesserungen, die man hier und da anbrachte, halfen nicht viel oder dauerten nicht lange, und weil nicht alles gleichförmig geschah, so wurde dadurch die Verwirrung und das Mißtrauen bei Handel und Wandel eher vermehrt als vermindert. Dieses erforderte nun freilich Hülfe, und den Mathematiker Copernicus dazu gewählt zu haben macht dem Frauenburgischen Kapitel Ehre. Denn vor das Forum der Mathematik gehören eigentlich diese, oft nicht leichte, Untersuchungen und Vergleichungen: Man weiß, daß Newton selbst bei einem ähnlichen Geschäfte ist gebraucht worden. Merkwürdig genug. So trafen sich also hier Copernicus und Newton, die sich so glücklich und zur Ehre der Menschheit bei dem großen Weltsystem getroffen haben, einander, wie von ungefähr, bei dem kleinern, – der Münze. Copernicus übergab dem Landtage eine Schrift, worin er, nach einigen historischen Untersuchungen, den Wert der verschiedenen Münzen zu bestimmen suchte, und einen Kanon angab, worin alle auf eine einzige Norm reduziert wurden. Allein dieses echt Copernicanische Münzsystem erhielt am Ende keinen sonderlichen Beifall. Man warf ihm vor, er habe die eigentliche Zeit, worin die Münzen geschlagen worden, nicht immer genau genug angegeben und noch viel weniger immer den Gehalt. So sagt Braun a.a.O. S.50, 51 . Vielleicht aber lag der Grund der Verwerfung oder der Zurücklegung seines Plans darin, daß er, wie eben dieser Schriftsteller sehr treuherzig hinzusetzt, die drei großen Städte Elbing, Danzig und Thorn zur Ungebühr angezapft , und sogar vorgeschlagen habe, daß sie ihre Münzen an einem dritten Ort, gemeinschaftlich und auf des Landes Kosten unter öffentlicher Aufsicht sollten schlagen lassen. Der Gedanke ist, wie mich dünkt, jedem Ordnungsgefühl behaglich, copernicanisch und schön, aber wahrscheinlich unausführbar, weil das Münzwesen bei Staaten, so wie das Geld selbst bei Individuen, leider! mit zu den Herzensangelegenheiten gehört. Man hörte die Vorschläge an, stritt lang dafür und darwider und legte sie endlich zum Gebrauch für die Nachwelt bei. Es ging also hier dem großen Ordnungs- Finder mit seinem Münzsystem fast wie nacher mit seinem Weltsystem . Vielleicht gab ihm gar diese Geschichte Anlaß, seinen drei Lebens-Regeln noch ein paar Klugheits-Regeln hinzuzufügen, deren Befolgung man die große Zurückhaltung mit zuzuschreiben hat, mit der er nachher bei der Bekanntmachung seines Weltsystems verfuhr. Durch eben dieses unbeschränkte Vertrauen, das man in ihn setzte, wurde er oft von den abwesenden Bischöfen zu ihrem Verweser ernannt, so wie er nicht selten der Ratgeber selbst der anwesenden gewesen war. Ja nach dem Tode des Bischofs Fabianus de Lusianis So heißt er beim Gassendi. Hartknoch S.459 schreibt ihn: Fabianus von Merklichen Rade aus dem Geschlecht der Losiener. Starb 1523. , der seinem Oheim im Bistum folgte, wurde er sogar, sede vacante, von dem Kapitel zum General-Vicarius und Administrator der bischöflichen Besitztümer ernannt. Hier zeichnete er sich durch eine Tat aus, die nicht mit Stillschweigen übergangen werden darf. Der deutsche Orden sowohl als verschiedene Personen am Hofe, hatten sich einiger Güter angemaßt, die eigentlich zum Bistum Ermeland gehörten und den Besitz derselben lange behauptet. Diese reklamierte nun, nicht der Bischof Copernicus, sondern der bloße Administrator, mit dem Mute, den ihm die Überzeugung von der Gerechtigkeit der Sache einflößte, und mit der nicht zu beugenden Beharrlichkeit, die ihm schon eigen war. Er wurde bedroht, und auf mancherlei Weise verfolgt. Allein er ging immer seinen Gang ruhig, gerade und unerschütterlich fort; würkte endlich ein Mandat des Königs aus und die Güter mußten zurückgegeben werden. Von diesem ersten Teil seines Lebens, so ehrenvoll er auch ist, würden wir wahrscheinlich wenig wissen, wenn nicht endlich eben dieser Anordnungsgeist, eben dieser gerade und starke Menschen- Sinn des Mannes seine Kraft bei einem der erhabensten Gegenstände der Natur mit so großem Glück geübt, und so die Dauer seines Rufs gleichsam an die Dauer der Welt selbst angeknüpft hätte. Eine kurze Darstellung dieser seiner unsterblichen Bemühungen wird zugleich den zweiten und Hauptteil seines Lebens ausmachen. Unter den mannigfaltigen Vorstellungen, die sich die Menschen von der Einrichtung unsers Planeten-Systems seit 2000 Jahren gemacht haben, hatte endlich eine das Übergewicht behalten, die das feinste, künstlichste und dabei sonderbarste Gewebe von Scharfsinn, Spitzfündigkeit und Verblendung ausmacht, auf welches der menschliche Geist wohl je geraten ist. Die Wahrheit regte sich zwar zuweilen darwider, aber ihre Stimme war zu schwach. Sie wurde entweder gar nicht gehört oder von einer Mehrheit überstimmt, die kaum von Einstimmigkeit unterschieden war. So bemächtigte sich nach und nach ein systematischer Irrtum des erhabensten Teils der ganzen Naturlehre, befestigte sich in seinem Besitz durch das Ansehen des Altertums, und erhielt endlich durch religiöse Mißverständnisse unterstützt, sogar eine Art von Heiligung. Indessen so leise sich auch jene Stimme des gegründeten Zweifels oder Widerspruchs hören ließ, so wurde sie doch endlich von einem Manne vernommen, dessen Organ ganz harmonisch dafür gestimmt war. Die geräuschlosen Ansprüche, lange verkannter und unterdrückter Wahrheit, begegneten bei ihm, festem Ordnungsgefühl und unverdorbenem Menschensinn. Durch diesen Zusammenklang wurde ihre Stimme lauter und lauter, sie wurde weiter gehört und endlich erhört; der kolossalische Götze, der ihren Tempel usurpierte, wurde gestürzt und Sie selbst in ihre Rechte auf ewig eingesetzt. – Dieser Mann war Copernicus. Der Kampf, den er zu bestehen hatte, war keine Kleinigkeit. Die Lehrmeinung, deren Umsturz es galt, war von einigen der größten Menschen aller Zeiten angenommen worden. Pythagoras, Aristoteles, Platon, Hipparch, Archimedes, ja bei weitem die meisten und berühmtesten der Alten und unzählige Neuere, vom ersten Rang in der Geschichte der Astronomie, selbst Purbach und Regiomontan Vielleicht verdiente dieser eine Ausnahme. Wenn er aber auch, wie man sagt, gezweifelt haben sollte; so waren wenigstens seine Zweifel von keinen Folgen für die Wissenschaft. waren in der Hauptsache dafür. Man nannte diese Lehre das Ptolemäische System . Diesen Namen führt es von einem alexandrinischen Astronomen des 2ten Jahrhunderts, Ptolemäus, der es in seinem berühmten Almagest , dem einzigen ausführlichen Werk, das wir über Astronomie aus dem Altertum besitzen, vorgetragen, mit großem Scharfsinne erläutert, und durch eine Menge schätzbarer Beobachtungen unterstützt hat. Aber nicht bloß seinen Namen, sondern auch einen großen Teil seines nachherigen Ansehens hat dieses System, den vielen reellen Kenntnissen zu verdanken, die dieser Mann mit seinem Traumbilde zu verweben gewußt hat. Als geometrisches Werk wird sein Buch immer verehrungswert bleiben; als physisches betrachtet, ist es freilich nicht für unsere Welt. Allein, da der Schritt, den Ptolemäus tat, wahrscheinlich auch getan werden mußte: so wird sein System, solange die Welt steht, immer ein Hauptfach in der Sammlung ehrwürdiger Cabinets-Stücke einnehmen, womit die Entwickelungs-Geschichte menschlicher Vorstellungen von diesem erhabnen Naturwerk belegt werden muß. – – Eine vollständige Darstellung dieses weitläuftigen und verwickelten Lehrgebäudes würden diese Blätter nicht fassen, und niemand wird sie auch leicht darin suchen. Allein ein kurzer Entwurf wenigstens von den Partieen desselben, auf welche Copernicus seinen Angriff hauptsächlich richtete, und deren Eroberung endlich den großen Einsturz des Ganzen nach sich zog, gehört unstreitig hieher. Nach dieser Lehre ruhte die große, träge und unbehülfliche Erde vollkommen, sie war die Grundfeste alles Unbeweglichen und das Postament der Natur. Um diese als Mittelpunkt, liefen Sonne, Mond und Sterne täglich einmal von Osten nach Westen herum. Doch hatten die Planeten, und dahin rechneten sie den Mond, den Merkur, die Venus, die Sonne, den Mars, Jupiter und Saturn, noch ihre eignen Bewegungen in einer der ersten entgegengesetzten Richtung, wodurch sie in gewissen bestimmten Zeiten um den ganzen Himmel herum kamen. In diesen Umlaufs-Zeiten glaubte man zugleich eine Regel gefunden zu haben, die Verhältnisse der Entfernungen der Planeten von der Erde ungefähr darnach zu bestimmen. Man hielt den langsamsten für den entferntesten und den schnellsten für den nächsten. So kamen der Mond und Saturn auf die Grenzen zu stehen, und die Sonne, Mars und Jupiter wurden nach dieser Regel leicht zwischen jene geordnet. Aber wo sollten nun Merkur und Venus hin? Sie waren weder langsamer noch schneller als die Sonne. Der Regel nach gehörten sie in die Sonne selbst. Dieses war ein schwerer Fall. Denn sollten sie nicht mit der Sonne in gleichen Entfernungen gehen, so war kein anderes Mittel übrig, als man mußte heraus würfeln, wo sie hin gehören sollten, beide darüber oder beide darunter, oder einer darunter und der andere darüber. Dieses geschah auch, und da die Würfel dem einen nicht so fielen, wie dem andern; so finden sich auch unter den Alten hierin Verschiedenheiten. Nach dem Ptolemäus kamen beide unter die Sonne und der Erde näher zu liegen, als diese, und zwar Merkur zunächst an den Mond. Er suchte indessen dieser Willkür den Schein von Überlegung zu geben und gab zum Bestimmungs-Grund seiner Wahl die Schicklichkeit an, ebenso viele Planeten über die Sonne als unter dieselbe zu setzen. Diese zweite Ordnungsregel hätte sich allenfalls so ausdrücken lassen: Die Königin des Tages und der Jahrszeiten, der schönste und wahrscheinlich der größte Planet, verdient in der Mitte zu stehen. Fürwahr das weiseste und schlauste Orakel, über die wahre Einrichtung des Weltgebäudes damals befragt, hätte nicht leicht mystischer und mehr im Charakter, nicht leicht tröstlicher für den Ptolemäus und vorteilhafter für eigne Ehre antworten können, als mit dieser Regel. In dieser Schwierigkeit regte sich zum ersten Male das punctum saliens der ewigen aber verkannten Wahrheit. Bei genauerer Untersuchung fanden sich neue und größere Schwierigkeiten. Während Sonne und Mond ihren Weg von Westen nach Osten (vorwärts) mit ziemlicher Gleichförmigkeit fortsetzten, machten alle übrigen die seltsamsten Bewegungen von der Welt. Wie wollte man dieses erklären? Daß es sich mit diesen Bewegungen würklich so verhielte, wie es aussah, haben diese Alten nicht geglaubt. Die Vollkommenheit der Natur heischte, nach ihnen, überall vollkommene Kreisbewegung und Gleichförmigkeit in diesen Bewegungen. Der Kreis war ihnen die vollkommenste Linie, ja das Sinnbild der Vollkommenheit selbst, er war ihnen bei diesen Hypothesen unverletzlich, er war ihnen wie heilig . So wie der Kreis, war es auch die Gleichförmigkeit der Bewegung in ihm. Diese Idee ist sehr alt und findet sich bis an die Grenze der Geschichte der Astronomie hinaus. Der vortreffliche Bailly, der dergleichen Spuren früh verbreitete, Vorstellungen überall wie Versteinerungen aufsucht, um daraus die Existenz eines untergegangnen Volks zu beweisen, greift auch diese Idee zu seiner Absicht auf. Aber, was mich dünkt, mit minderem Glück als sonst. Ihr Grund liegt offenbar in der menschlichen Natur selbst und diese ist allerdings sehr alt. Wie natürlich diese Idee sein muß, sieht man auch daraus, daß unser großer Copernicus, der ganz Natur war, sich nicht von ihr losmachen konnte und darüber – strauchelte. Diesen Satz als Grundsatz angenommen, war nun das große Problem, das Ptolemäus Der Name des Ptolemäus steht hier in dem Sinne, in welchem Ptolemäisch vor dem Wort System steht. Es geht nicht auf ihn allein, sondern zugleich auf alle die Alten, deren Gedanken er wirklich benutzt hat, oder benutzt haben mag. Denn zu seiner Zeit existierten noch manche Werke, die wir jetzt bloß dem Namen nach kennen. aufzulösen hatte, dieses: die Bewegungen der Planeten, so wie sie uns am Himmel erscheinen, sind gegeben, ferner ruhe die Erde in der Mitte des Raums, worin sie vorgehen: Es wird ein System von Kreisen gesucht, in welchen sich diese Weltkörper stet und gleichförmig bewegen, und worin dennoch diese Bewegungen von der Erde aus angesehen, gerade so erscheinen, wie wir sie in der Natur bemerken. Diese Aufgabe aufzulösen, waren vorzüglich zwei sehr auffallende Abweichungen von jener Regelmäßigkeit zu erklären, die, sosehr sie auch in den meisten Fällen mit einander verwickelt sind, die Alten doch sehr bald und geschickt zu trennen wußten, weil sich eine derselben bei der Sonne allein und unvermischt mit der andern fand. Diese, welche sie die erste Ungleichheit nannten, stellte sich jedesmal und auf dieselbe Weise ein, wenn der Planet Der Kürze wegen wird hier bloß auf die sogenannten obern Planeten, Mars, Jupiter und Saturn Rücksicht genommen. in dieselbe Gegend des Tierkreises kam, in welcher man sie zuerst bemerkt hatte. Diese hing also von der Umlaufszeit ab. Dieselben Ungleichheiten kamen daher beim Saturn alle 30, beim Jupiter alle 10, und beim Mars alle 2 Jahre wieder. Auch die Sonne war ihr unterworfen, bei welcher sie alle Jahr wiederkam. Die andere oder zweite Ungleichheit , wie sie hieß, richtete sich nicht nach den Punkten des Tierkreises, sondern bloß nach der Sonne, diese mochte übrigens stehen, wo sie wollte. Zu der Zeit nämlich, wenn der Planet mit Untergang der Sonne aufging, schien er immer größer und heller als sonst und ging schnell von Osten nach Westen, ( rückwärts ). Befand er sich hingegen bei der Sonne, so war alles umgekehrt, der Planet schien kleiner und bewegte sich nun schneller vorwärts. In den Zwischenzeiten stund er eine Zeitlang stille. Wie erklärte man dieses jenen Grundsätzen gemäß? Die erste Ungleichheit z.B. bei der Sonne zu erklären, wo sie sich, unvermischt mit der zweiten zeigte, hatte man zwei Hypothesen, wovon ich hier nur der einfachsten gedenken will. Man ließ die Sonne in einem Kreise gleichförmig fortgehen, setzte aber die Erde nicht in den Mittelpunkt dieses Kreises, daher er auch der exzentrische Kreis , der Exzenter , hieß. Dieses tat den Erscheinungen nach dem geringen Grade von Präzision, womit man diese Erscheinungen selbst bestimmen konnte, beiläufig Genüge. Die zweite Ungleichheit und ihre Verbindung mit der ersten zu erklären, erforderte einen zusammengesetzteren Apparat. Es war bei den obern Planeten folgender: Ein Kreis, dessen Mittelpunkt nicht mit dem Mittelpunkte der Erde zusammen traf, also auch ein Exzenter , wie vorher bei der Sonne. Auf diesem bewegte sich aber der Planet selbst nicht , sondern bloß der Mittelpunkt eines andern kleinern Kreises, in welchem sich der Planet gleichförmig bewegte. Diesen letzten hieß man den Epizykel , und weil der Exzenter diesem gleichsam zum Leiter diente, ihn fortführte, so hieß eben dieser Exzenter auch der forttragende, fortleitende Kreis , der Leiter (circulus deferens). In diesem Leiter kam also der Mittelpunkt des Epizykels , und folglich der Epizykel einmal in der ganzen Umlaufszeit des Planeten herum. Hingegen durchlief der Planet, als Trabant einer unsichtbaren Majestät,(eigentlich eines ganz imaginären Punkts) seinen Epizykel einmal in der Zeit zwischen zwei seiner mittlern Konjunktionen mit der Sonne. Also Saturn etwa in 1 Jahr und 13 Tagen; Jupiter in einem Jahr und 34 Tagen; Mars in 2 Jahren 49 Tagen. Man versteht leicht, daß durch den exzentrischen Leiter die erste , und durch den Epizykel die zweite Ungleichheit hauptsächlich erklärt werden sollte. Denn, da der Planet nur einmal während seiner Umlaufszeit um die Erde in seine Erdferne, und einmal in seine Erdnähe kam, und diese Punkte, wie hier angenommen wird, in einer gewissen Gegend des Tierkreises fest lagen: so konnten auch die Ungleichheiten, die von dieser veränderten Distanz des Planeten von der Erde nach optischen Gründen abhängen, nun immer an jene Stellen des Tierkreises wiederkehren. Was hier bloß von der Erdferne und Erdnähe gesagt ist, gilt auch verhältnismäßig von allen übrigen Punkten des Exzenters. Weil aber der Planet auch im Epizykel lief, so mußte er einem Auge auf der Erde bald vorwärts, bald rückwärts zu gehen, bald stille zu stehen scheinen. Es kommt nur darauf an, daß man dem Planeten in seinem Epizykel eine solche Richtung und Geschwindigkeit gibt, daß sich das erste allemal ereignet, wenn er mit der Sonne in Konjunktion, das zweite, wenn er mit ihr in Opposition ist, so erfolgt das dritte von selbst. Aber alles dieses reichte noch nicht hin alle die Erscheinungen mit der Präzision zu erklären, mit der man sie schon damals beobachten konnte. Es mußte noch angenommen werden, daß der Mittelpunkt des Epizykels nicht gleichförmig auf seinem Fortleiter hinlief. Dieses mußte dem Manne schwer eingehen, dem gleichförmige Bewegung im Kreise heilig war. Hier regte sich das punctum saliens zum zweitenmal. Um also diese Gleichförmigkeit dennoch zu retten geriet man auf eine Idee, die das auffallendste Beispiel, das sich denken läßt, von Selbsttäuschung ist, zu welcher hartnäckige Anhänglichkeit an eine Hypothese, selbst einen Mann von Kenntnissen und Genie verleiten kann. Er nahm nämlich noch einen dritten Kreis, den Abgleicher, an (circulus aequans), aus dessen Mittelpunkt angesehen, die reelle Ungleichförmigkeit in der Bewegung des Mittelpunkts des Epizykels wenigstens gleichförmig schien. Mit dem Merkur und der Venus ging es nicht besser. Es fand sich sogar hier einiges, was neue Anstalten erforderte, um es in jenes Kreis-System zu zwingen. Ja mit dem Monde selbst, dessen eigentlicher Umlauf um die Erde und Ort im System, in keiner Hypothese verkannt worden war, sah es hier, wegen anderer bemerkten Ungleichheiten, womöglich noch ärger aus. Er lief nämlich auf seinem Exzenter in einem Epizykel so, daß, wenn es sich wirklich so verhalten hätte, sein Durchmesser zuweilen noch einmal so groß hätte erscheinen müssen, als zu andern Zeiten. Je genauer man die Phänomene selbst kennen lernte, desto mehr häuften sich die Schwierigkeiten und Beobachtungen, von denen man Bestätigung hätte erwarten sollen, nötigten zu neuen Ausflüchten und neuen Epizykeln. Bleibt man aber auch nur bei der ersten einfachsten Form stehen und bedenkt alle die Kreise, die jeder Planet durchlaufen müßte, bloß um die Sonne mit der zweiten Ungleichheit zu salutieren, da sie doch nichts weiter ist als ein Planet wie er; bedenkt man, daß weder der Saturn den Jupiter, noch Jupiter den Mars auf ähnliche Weise salutiert; auch Merkur die Venus nicht und diese die Sonne nicht ganz so wie jene, und der Mond die Sonne weder wie jene noch wie diese, und nimmt sich die Mühe bloß die Linie in Gedanken zu verfolgen, die zum Beispiel Mars in einem Jahrhundert durchlaufen müßte, wenn die Sonne selbst jährlich einmal um die Erde liefe Kepler (Commentar: de motibus stellae Martis p.  4) hat diese Linie darzustellen gesucht, und vergleicht sie in seiner Laune mit einer Art von Fasten-Brezeln, spirales nennt er sie, non fili glomerati modo, spiris juxta invicem ordinatis; sed verius figura panis quadragesimalis. so ist es kaum möglich sich nicht wenigstens einmal die Frage zu tun: sollte dieses alles wirklich so sein? – Und doch ist dieses nur erst die Bewegung des Planeten an sich, die ihm eigne. Nun bedenke man die gemeinschaftliche, und daß der Planet, bei allen diesen Schraubengängen, die er zu machen hat, nicht vergessen muß, täglich einmal mit allen Fixsternen um die Erde zu laufen. Wahrlich hier ermüden die Flügel der kühnsten Phantasie und der tätigste Geist erschlafft, und findet nicht wo er fußen kann. Fragte man nach der Ursache der Bewegung dieser Körper, worunter wenigstens einige nicht klein sein konnten, so wurden die Schwierigkeiten noch von einer andern Seite fast unüberwindlich. Der Trost, nach dem man in der Verzweiflung griff, es könne am Himmel wohl anders sein als hier, war wenigstens ein sehr leidiger Trost. Man gesellte den Planeten Intelligenzen zu, die sie durch die Himmel steuern mußten, und fürwahr es war schon allein eine Intelligenz nötig bloß den imaginären Mittelpunkt des Epizykels nicht aus dem Auge zu verlieren, der z.B. beim Saturn, Mars und Jupiter über 20 Millionen Meilen (wie man jetzt weiß) von dem Planeten hätte entfernt liegen müssen. Man schloß die Planeten in solide Sphären ein, die wie Zwiebel-Schichten in einander steckten, und gab jeder derselben einen immateriellen Führer bei; die Zahl dieser Sphären belief sich endlich auf fünfundfunfzig. Kepler Comment. in mot. stellae Martis P. 1. Cap. 2. Ein solches Hülfsmittel war nötig, sobald man das Problem nicht bloß für ein geometrisch-optisches wie Ptolemäus, sondern zugleich für ein mechanisches nahm, wie Eudoxus, Calippus, Aristoteles, welches es auch wirklich zugleich ist. Daher auch der erleuchtete Purbach jene Lehre von soliden Kugeln wieder unterstützte. Wer mit dem Gang des menschlichen Geistes bei Erfindungen bekannt ist, die ihm gerade die meiste Ehre machen, denen nämlich wobei kein glücklicher Zufall den Weg abkürzte, wird diese Lehre gewiß nicht verächtlich finden. Kräfte des Zusammenhangs waren nötig, und diese suchte man in der Solidität, wovon man überall Beispiele vor sich sah. Nachher führte eine nähere Kenntnis der Körper vorzüglich des Magnets, auf Kräfte, von denen selbst jene Solidität abhängt. Diese nun statt jener im Weltsystem substituiert führten endlich zur Wahrheit. Dieses wurde endlich zu viel für freie, unbefangene Vernunft. Es konnte nicht so sein. Ordnung der Natur und ordnender Verstand, wenn sie sich im Freien begegnen, kündigen sich einander nicht so an. Dieses wurde auch zuweilen stark gefühlt, auch gesagt, obgleich dieses verworrene System noch außer dem Schutz aristotelischer Infallibilität, sich, von Priester-Despotie unterstützt, für einige seiner Hauptsätze auch den Titul von Göttlichkeit, sehr früh zu erschleichen gewußt hatte. S. die 2te Beilage. Am stärksten fühlte hier, und am deutlichsten sprach hier Copernicus. Was bei andern nur die kurzen vorübergehenden Regungen des gekränkten Menschensinns waren, sammelte sich bei ihm zu strengem, befestigtem Zusammenhang, zur Demonstration und zum unerschütterlichen System. Er selbst erzählt die Veranlassung zu seinen neuen Untersuchungen in der Zuschrift an Pabst Paul III, die er seinem Werke de revolutionibus orbium coelestium vorgesetzt hat, und die als ein Meisterstück von Vortrag angesehen werden kann. Der Menschenkenner wird fast in jeder Zeile mit Verwunderung bemerken, mit welcher Feinheit der Mann die innigste Überzeugung von der Wahrheit und Gerechtigkeit seiner Sache, ohne zu heucheln oder zu kriechen, in die Sprache männlicher Bedachtsamkeit zu kleiden, und als Geistlicher mit dem Oberhaupte seiner Kirche sogar ein wenig philosophisch von dem Weltgebäude zu sprechen gewußt hat, welches damals bekanntlich allgemein für ein Filial nicht der Philosophie sondern Sr. Heiligkeit angesehen wurde. »Was mich, sind ungefähr seine Worte, auf den Gedanken brachte die Bewegungen der himmlischen Körper anders als gewöhnlich zu erklären, war, daß ich fand, daß man bei seinen Erklärungen nicht einmal durchaus eins mit sich selbst war. Der eine erklärte so, der andere anders und keiner tat den Phänomenen ganz Genüge. Wenn es an einem Ende gut damit ging; so fehlte es dafür am andern. Ja man blieb nicht einmal den Grundsätzen, die man doch angenommen hatte, getreu. Daher war es auch nicht möglich dem Ganzen eine gewisse stete, symmetrische Form zu geben. Es glich vielmehr einem Gemälde von einem Menschen, wozu man Kopf und Füße von diesem, die Arme und übrige Glieder aber von jenem genommen hatte, wovon aber keines zum andern paßte, also eher einem Monstrum als einer regelmäßigen Figur. Verfolgt man den Gang der dabei gebrauchten Schlüsse; so findet sich, daß bald etwas fehlt, bald etwas da ist, was nicht dahin gehört. Wären aber auch alle Voraussetzungen richtig; so müßte doch die Erfahrung auch alles bestätigen, was man daraus folgern kann; das ist aber der Fall nicht. Da ich nun, fährt er fort, lange bei mir über die Ungewißheit dieser Lehren nachgedacht hatte; so ward es kränkend für mich zu sehen, daß der Mensch, der doch so vieles so glücklich erforscht hat, noch so wenig sichere Begriffe von der großen Weltmaschine habe, die der größte und weiseste Werkmeister, der Schöpfer der Ordnung selbst, für ihn dahin gestellt hat. Ich fing zu dem Ende an soviel Schriften der Alten zu lesen, als mir aufzutreiben möglich war, um zu sehen ob nicht irgend einer unter ihnen, anders über die Sache gedacht habe, als die Weltweisen, die jene Lehren öffentlich in den Schulen gelehrt hatten.« So bescheiden leitet der Mann den Vortrag von seinen großen Verbesserungen ein. Er verwirft die Ptolemäische Lehre nicht schlechtweg, er sagt bloß, sie habe ihre Mängel wie die übrigen, die auch alt wären; keine tue den Phänomenen ganz Genüge und jede stoße sogar wider ihre eignen Grundsätze an. Keine habe also ein ausschließliches Recht vor der andern. Übereinstimmung mit den Phänomenen könne allein über den Wert dieser Hypothesen entscheiden, und daran fehle es einer wie der andern; der einen hier, der andern da. Fände sich also unter den alten, minder bekannten Meinungen etwa eine, bei welcher jene Übereinstimmung in einem höhern Grade anzutreffen wäre; so erfordre doch wohl die bloße, simple Gerechtigkeit ihr den Vorzug vor den übrigen zuzugestehen. Denn sie wäre ja alsdann auch alt, und leiste über das noch, was leisten zu wollen gewiß der einzige Zweck aller Erfinder von Hypothesen seit jeher gewesen ist. Eine solche Sprache mußte damals die bloß tolerierte Vernunft reden, wenn sie es ja einmal wagen wollte mit den Usurpatoren ihres Gebietes von ihren Gerechtsamen zu sprechen. Copernicus las also. Die erste Stelle die ihm auffiel, war wie er selbst dem Pabst erzählt eine beim Cicero, Acad. Quaest. Lib. IV. und nachher eine andere beim Plutarch. De placitis philosoph. Lib. III. cap. 13. Siehe die 2te Beilage. In jener wird mit deutlichen Worten gesagt: Nicetas von Syrakus habe geglaubt, der Himmel, Sonne, Mond und alle Sterne überhaupt stünden stille, und außer der Erde sei nichts beweglich in dem Weltgebäude; diese aber drehe sich mit großer Schnelligkeit um ihre Axe und so ließe es als drehe sich der Himmel, und die Erde stünde stille. In der andern versichert Plutarch eben dieses von dem Pythagoräer Ekphantus, und Heraklides aus Pontus, sagt aber vorher noch, der Pythagoräer Philolaus habe gelehrt: die Erde drehe sich um das Feuer in einem schrägen Kreise, dergleichen die Sonne und der Mond durchliefen. »Dieses gab mir nun, fährt er fort, Veranlassung auch über die Beweglichkeit der Erde nachzudenken. Ob nun gleich eine solche Meinung absurd schien; so dachte ich doch, man würde auch mir eine Freiheit nicht versagen, die man so vielen andern vor mir zugestanden hatte, nämlich beliebige Kreise und Bewegungen anzunehmen, um daraus die Erscheinungen am Himmel zu erklären. Als ich nun anfing die Erde sowohl um ihre Axe, als um die Sonne beweglich zu setzen, und dieses mit meinen lange fortgesetzten Beobachtungen verglich, so fand sich eine solche Übereinstimmung mit den Phänomenen und alles fügte sich nun so gut zusammen, daß kein Teil mehr verrückt werden konnte ohne alle die übrigen und das Ganze dadurch zu verwirren.« Dieses ist die kurze Geschichte der Veranlassung zu einem Gedanken, mit welchem eigentlich wahre Astronomie ihren Anfang nahm. Nun bedenke man diese Veranlassung und vergleiche den Wink mit der Wirkung, die er auf den Domherrn zu Frauenburg hatte. Es ist der Mühe wert, und hier ist der Ort dazu. In den Alten finden sich ein paar Stellen, worin im Vorbeigehen gesagt wird, die Erde drehe sich um ihre Axe, und laufe in einem Kreise um das Feuer. Diese Behauptungen zeichnen sich durch nichts vor vielen andern aus, die man bei den Alten antrifft, und deren Unrichtigkeit anerkannt ist. Tausende hatten sie gelesen und nicht geachtet. Es wird dabei nichts bewiesen, und nichts darauf gegründet. Fast das ganze Altertum ist wider sie und darunter einige der größten Genies aller Zeiten und aller Völker. Hingegen wurde die Idee daß die Erde ruhe , mit wenigen Ausnahmen, allgemein. Ohnehin schon, durch mächtige Begünstigung des sinnlichen Scheins, mit der Sprache aller Völker notwendig verwebt, erhielt sie nun überall, durch den Beifall jener Weisen, auch noch wissenschaftliches Ansehen. Es ging immer weiter. Durch die Sprache war sie in die Bibel gekommen, die mit dem sinnlichen Menschen menschlich reden mußte, wie mit Hebräern Hebräisch; sie stieg endlich aus der Bibel in Pfaffen-Köpfe, die dieses natürliche Produkt menschlicher Organisation (gleichviel ob aus Ignoranz oder List) mit der Glorie des Himmels bekleideten, und für den neuen Heiligen, wie für manches andere menschliche Schnitzwerk, Anbetung verlangten. So wurde aus einer bloßen Phrase endlich ein Gottes-Urteil. Jene erste Idee von der Bewegung der Erde ward dadurch wie exkommuniziert; sie in Schutz zu nehmen war nicht bloß mißlich, es konnte halsbrechend werden. Nun bedenke man: diese von den größten Weisen des Altertums verworfene, verächtlich scheinende, verrufene, mißliche und halsbrechende Idee, die selbst einer der größten Denker neuerer Zeit, der Stifter wahrer Naturlehre, Bacon von Verulam, der die Copernicanische Lehre sogar kannte, noch verwerflich fand, Ein merkwürdiges Beispiel, da Baco nicht, wie Tycho, durch religiöse Rücksichten bestimmt wurde. Er sagt (De augm. scient. Lib. IV. c.1.) wo er den Gedanken, man müsse die Wissenschaften nicht vereinzeln, weil alle irgendwo in einander griffen, mit Beispielen belegt: Constat similiter sententiam Copernici de Rotatione Terrae (quae nunc quoque invaluit) quia phaenomenis non repugnat, ab Astronomicis Principiis non posse revinci, a Naturalis tamen Philosophiae Principiis , recte positis, posse. Was würde der große Mann gesagt haben, wenn er hätte hören können, daß es gerade diese naturalis philosophiae principia recte posita waren, wodurch Kepler und sein eigner Landsmann, Newton der Copernicanischen Lehre die Unerschütterlichkeit endlich verschafften, die sie zu seinen Zeiten noch nicht hatte? Der letztere tat dieses so gar in einem Buche, das er Philosophiae naturalis principia mathematica (und das sind doch wohl die eigentlich recte posita ) nannte. diese lernt Copernicus aus flüchtigen Beschreibungen kennen; sie erregt seine Aufmerksamkeit, er prüft sie und – nimmt sie in Schutz. Dieses tat ein Domherr des 15ten Jahrhunderts mitten unter Domherren (das will was sagen), nicht unter dem sanften Himmelsstriche Griechenlands oder Italiens, sondern unter den Sarmaten und an der damaligen Grenze der kultivierteren Welt. Er verfolgt diese Idee mit unermüdeter Sorgfalt, nicht ein paar Jahre hindurch sondern durch die Hälfte seines 70jährigen Lebens; vergleicht sie mit dem Himmel, bestätigt sie endlich und wird so der Stifter eines neuen Testaments der Astronomie. Und alles dieses leistete er, welches man nie vergessen muß, fast hundert Jahre vor Erfindung der Ferngläser, mit elenden, hölzernen Werkzeugen, die oft nur mit Dintenstrichen geteilt waren. Wenn dieses kein großer Mann war, wer in der Welt kann Anspruch auf diesen Namen machen? Das tat der Geist der Ordnung, der in ihm wohnte, der selbst vom Himmel stammend sein eigenes Wesen in dessen Werke hinaus trug, und Ordnung um so leichter erkannte, als er selbst durch innre Stärke freier geblieben war. Kepler Praefat. in Tabl. Rudolph, p.4. sagt dieses in wenigen Worten mit großer Stärke. Copernicus, Vir maximo ingenio et, quod in hoc exercitio magni momenti est, animo liber ; der Geist des Sektierers und des Pfaffen ruhte nicht auf ihm. Dieser Umriß des Gangs seiner Unternehmung zeigt schon den außerordentlichen Mann. Nun wollen wir die Hauptschritte selbst mit möglichster Kürze verfolgen. Hier erscheint er im höchsten Glänze. Er läßt alle die Alten, die man als seine Vorgänger nannte unendlich weit hinter sich, und steht für sich allein. Es ist wahrscheinlich, sagt er, daß so wie Sonne und Mond rund sind die ganze Welt rund ist. Es ist die vollkommenste Figur, und unter ihren Grenzen die geräumigste. So wie der Wassertropfen sich selbst überlassen nach dieser Form strebt und in ihr zur Ruhe kömmt, so ist es auch vermutlich dort. So ist auch die Erde mit dem Wasser das sie enthält, rund, dieses beweist er umständlich. Von der runden Figur der Erde kommt er auf ihre Bewegung. Man glaubt, sagt er sie ruhe in der Mitte, und hält es sogar für lächerlich das Gegenteil zu glauben. Wenn man aber die Sache mit Aufmerksamkeit betrachtet, so wird man bald gewahr, daß dieses eben so ganz ausgemacht noch nicht ist. Man bedenke nur worauf sich unser Urteil von Bewegung stützt. Wenn sich das Auge mit der bewegten Sache gleichförmig nach einer Gegend bewegt, so bemerkt es keine Bewegung. Wir sehen den Himmel in einer Bewegung, die alles mit sich fortreißt, ausgenommen die Erde und was sich um dieselbe befindet. Legen wir nun der Erde eine Bewegung in entgegengesetzter Richtung bei; so würde ja alles ebenso erscheinen müssen, wenn der Himmel stille stünde. Da nun der Himmel alles umschließt und in sich faßt, die Erde aber von ihm umfaßt wird; so sieht man doch nicht ein, warum die Bewegung gerade jenem und nicht dieser zukommen soll. Verschiedene Alten haben auch daher längst geglaubt, daß es die Erde sei, die sich drehe. Hier nennt er den Heraklides, Ekphantus und Nicetas. Dieses angenommen entstehen auch noch neue Zweifel über den Ort der Erde. Denn wenn man setzt die Erde stehe nicht im Mittelpunkt der Welt, aber doch nicht so weit davon ab, daß diese Distanz in Rücksicht auf die Distanz der Fixsterne, sondern bloß auf die der Sonne und der übrigen Planeten beträchtlich wäre; so ergäbe sich daraus gewiß keine unschickliche Erklärung für die Bewegung dieser Himmelskörper, wenn man annähme, sie drehten sich um einen andern Mittelpunkt, als die Erde; welches ja auch schon aus der sehr merklichen Veränderlichkeit ihrer Distanzen von der Erde ohnehin notwendig folgt. Daß eben nicht bloß der Halbmesser unserer Erdkugel, sondern auch die Distanz der Erde vom Mittelpunkt der Welt, In diesen legt er nachher die Sonne. In Vergleich mit der Distanz der Fixsterne ein unmerklicher Punkt, ein bloßes Nichts sei, erhellt deutlich daraus, daß der Horizont immer den Tierkreis genau halbiert, die Erde stehe wo sie wolle. Liegt der Anfangspunkt des Krebses im östlichen Horizont, so liegt der des Steinbocks genau im westlichen, und umgekehrt, dieser im östlichen, wenn jener im westlichen liegt. Der Horizont ist also eine Ebene, die immer durch den Mittelpunkt der Welt liegend erscheint, zu welcher Zeit man sie auch durch die Erde legt, die nicht in jenem Mittelpunkt steht. Ich glaube, ich habe nicht nötig meinen Lesern umständlich zu erweisen, daß dieses einer der größten und kühnsten Gedanken ist, den der Mensch je gewagt hat, der sich aber doch auch schon von dem Mann erwarten ließ, der, in den ersten Zeilen seines Buchs, bei der Abrundung der Sonne und selbst des Universums, eines Wassertropfens gedenken kann. Freilich kannte er die Distanz der Sonne bei weitem nicht mit dem Grade von Genauigkeit, mit welcher wir sie kennen, Im IV. Buche seines Werks Kap.19 setzt er die größte Entfernung der Sonne von der Erde 1179 Halbmesser der letztern gleich, also auf 20mal kleiner als sie nach den Neuern ist. das war nach der damaligen Beschaffenheit der Instrumente sowohl als der Methoden schlechterdings unmöglich. Allein dieses affiziert auch seinen Gedanken nicht. Sein Begriff von der Beschaffenheit des Planeten- Systems beruht auf Schlüssen, die immer wahr bleiben, die Distanz der Erde vom Mittelpunkt der Welt (der Sonne) sei welche sie wolle. Hätte man ihm gesagt, du setzest die Fixsterne so weit weg, daß eine Linie von 2 Millionen Meilen ein bloßer Punkt dagegen ist, aber du mußt bedenken, die Linie die du da so für Nichts achtest, ist nicht 2 Millionen, sondern 42 Millionen Meilen lang, so würde er sehr ruhig mit den Worten im VIII. Kap. seines Werks im ersten Buch erwidert haben: omne visibile longitudinem distantiae habet aliquam, ultra quam non amplius spectatur. Er hätte ganz gelassen die Fixstern-Kugel 21 mal weiter hinaus gerückt. Sein Genie sah auch wohl den Einwurf voraus, nihil aliud habet illa demonstratio, sagt er am Ende des VI. Kapitels, quam indefinitam coeli ad terram magnitudinem. At quousque se extendat haec immensitas minime constat. Hieraus aber folgt nicht, fährt er fort, daß die Erde in der Mitte ruhe, es wäre vielmehr zu verwundern, daß sich die ungeheure Himmels-Kugel um dieses Pünktchen in 24 Stunden herum drehen soll, und nicht vielmehr das Pünktchen selbst. Aber zu sagen, daß die Erde deswegen im Mittelpunkt der Welt ruhen müsse, weil bei der Bewegung einer Kugel um ihren Mittelpunkt, diese Bewegung immer gegen den Mittelpunkt zu geringer würde, wird gerade so geschlossen als: weil die Pole der Himmelskugel ruhen; so ruhen auch die Punkte derselben die jenem Pole nahe liegen. Ein viel umfassendes vortreffliches Gleichnis. Denn würklich könnten, nahe an jenen Polen, uns Fixsterne zu ruhen scheinen, die nichtsdestoweniger Kreise beschrieben, die an Ort und Stelle gemessen, viele Millionen Meilen im Durchmesser hätten. »Die Alten, fährt er fort, haben daher andere Gründe für die Ruhe der Erde aufgesucht. Sie sagen, weil alles, was nicht unterstützt ist, nach der Erde zu fällt, und den Mittelpunkt sucht, in welchem es endlich ruhen würde und müßte, nun aber schon auf der Oberfläche der Erde zur Ruhe kommt, die diesen Mittelpunkt besetzt hält, so wird sie selbst ruhen müssen. Drehte sich die Erde um ihre Axe; so würde nichts in gerader Linie fallen oder aufsteigen können. Die Wolken, meint Ptolemäus, würden alle Morgen nach Abend ziehen, und gar die Erde sich durch diese schnelle Umdrehung zerstreuen müssen.« Allen diesen Einwürfen begegnet er vortrefflich und gleich dem ersten darunter mit dem keplerischen Blick des Genies, der über sein Zeitalter hinausgeht. »Ich halte, sagt er, De Revol. orb. coel. Lib. I. cap. IX. die Schwere für nichts weiter als ein natürliches Bestreben, welches der Schöpfer in die Teile gelegt hat, damit sie sich zu einem Ganzen verbinden können, indem sie sich zu einer Kugel sammeln. Mit der Sonne, dem Monde und den übrigen Planeten ist es wahrscheinlich ebenso, und doch stehen sie nicht fest. Bei fallenden und aufsteigenden Körpern ist es klar, daß ihre Bewegung aus der geraden Linie und der Kreisbewegung zusammengesetzt sei. Denn als Teile der Erde geben sie die dem Ganzen eigne gemeinschaftliche Bewegung nicht auf, sondern behalten sie in jeder andern bei. Allein jene gemeinschaftliche Bewegung, eben, weil sie gemeinschaftlich ist, erscheint als Ruhe. Daß die Wolken nicht, wie die Sterne, vom Morgen gegen Abend laufen, rührt daher, weil die untere Luft, worin sie hängen, mit zur Erde gehört und sich folglich mit ihr dreht, entweder, weil die Luft mit wässerigen und erdigen Teilen, denen diese Bewegung zukömmt, vermischt ist, oder weil die Erde ihr diese Bewegung mitgeteilt hat. Was die Zerstreuung der Erde durch die Schnelligkeit der Umdrehung betrifft, die Ptolemäus befürchtet, so war sie vielmehr wegen der ungeheuren Schnelligkeit, womit sich die Himmelskugel drehen müßte, eher für diese zu befürchten.« Ich zeige hier nur kurz den Sinn und Gang der Ideen des Copernicus an, ohne mich in seine Darstellungsart einzulassen. Über ein von ihm bei der zusammengesetzten Bewegung gebrauchtes Gleichnis, sehe man die 4te Beilage. Hierauf rückt er nun der Vollendung seines großen Plans näher. Er zeigt in was für Schwierigkeiten man sich verwickele, wenn man die Erde in den Mittelpunkt, die Venus und den Merkur mit ihren Epizykeln über, oder beide unter die Sonne setze, die aber alle wegfielen, sobald man nach der Lehre des Martianus Capella Die Worte des Copernicus sind: Qua propter minime contemnendum arbitror, quod Martianus Capella, qui Encyclopaediam scripsit, et quidam alii Latinorum percalluerunt, und nun folgt die Erklärung. Martianus Capella lehrt dieses in seiner Schrift de nuptiis philologiae et Mercurii Lib. I. cap. 8. Die übrigen sind wohl Vitruv und Macrobius, wovon der erste im 1ten Buch im 9ten Kap., der andere in seinem Kommentar über Ciceros Somnium Scipionis im 4ten Kapitel diese Lehre hat: Ob Cicero selbst mit zu dieser Klasse gehöre, ist wenigstens ungewiß. Weiter nennt Copernicus niemand. Es ist daher schwer zu sagen, wie Gassendi zu der Behauptung gekommen ist, Copernicus habe außer dem Gedanken des Martianus Capella, auch die Idee des Apollonius von Pergam. benutzt, und nun obendrein diesem Apollonius ein System zuschreibt, das völlig das Tychonische ist. Weidler sagt es zwar auch, aber sogar mit den eignen Worten des Gassendi. Daß Apollonius schon das System des Tycho gehabt habe, davon findet sich keine Spur bei den Alten. Man sehe hierüber Bailly Hist. de l'astron. moderne. I. p.339 und die angehängten Eclaircissements p. 697, und de Lalande, Astron. T. I p.408 nach der dritten Ausgabe, in der Note. diese beiden Planeten um die Sonne laufen lasse, und zwar den Merkur in einem kleineren Kreise als die Venus. Lasse man ferner den Saturn, Jupiter und Mars ebenfalls um die Sonne als den Mittelpunkt ihrer Bahnen laufen; so ergebe sich auch hieraus wieder mit großer Leichtigkeit, warum uns diese Planeten entfernter erscheinen, wenn sie mit der Sonne aufgehen, als wenn sie aufgehen, wenn diese untergeht. Wenn er hierbei den großen Raum bedenke, der nun zwischen der konvexen Seite der Venusbahn und der konkaven des Mars stattfinde, so scheue er sich nicht Die Periode, worin Copernicus dieses sagt, fängt sich an: perinde non pudet nos fateri etc. Hierbei macht Riccioli, der Jesuit, die Anmerkung: vorher habe Copernicus doch bloß gesagt: der Umlauf der Erde um die Sonne gebe wenigstens kein ganz unschickliches Mittel ab die Phänomene zu erklären; hier aber lege er nun alle Scham ab, und führe die Idee als etwas Reelles würklich in das Weltsystem ein. in diese die Bahn der Erde mit ihrem Begleiter (pedissequa) zu legen, und die Sonne als den Mittelpunkt der Planeten-Bahnen unbeweglich an den Mittelpunkt des Ganzen zu setzen, obgleich die scheinbare Lage der Fixsterne durch die Bewegung der Erde in ihrer Bahn nicht verändert werde. »Der Durchmesser ihrer Bahn, setzt er nun mit deutlichen Worten hinzu, habe zwar ein sehr merkliches Verhältnis gegen die Durchmesser der übrigen Planeten-Bahnen, aber gegen die Distanz der Fixsternen-Kugel keine merkliche. Dieses zuzugeben sei ihm leichter, als sich den Verstand durch die unendliche Menge von Kreisen verwirren zu lassen, wozu diejenigen genötigt sind, die sich die Erde in der Mitte ruhend gedenken.« So geht er nun mit dem beherzten und sichern Schritt des Genies der Wahrheit immer gerade entgegen, ohne auf die mächtigen Stimmen zu achten, die ihm von allen Seiten zurufen: Du irrst. Und so entfaltet sich ihm endlich das große Geheimnis der Natur, das dem Forscher-Fleiß von Tausenden verschlossen blieb. An jedem seiner Schritte erkennt man den Gang des Erfinders; wo die Alten mutmaßten: es könne vielleicht so sein, da sagt er: es muß so sein. Die Mutmaßungen der Alten vermindern daher den Erfinder-Ruhm des Copernicus um nichts, hingegen macht es ihnen jetzt Ehre von einer neuen Welt wenigstens gesprochen zu haben, die Copernicus entdeckt hat. Wie symmetrisch und ordnungsvoll, steht nun nicht nach seinem Plane das Weltgebäude da! Die Sonne, als der größte und hellste Körper, und folglich als etwas an sich einziges in unserm System, nimmt die Stelle ein, die auch einzig ist, die Mitte. Die Planeten, denen man gewisse gleiche Verhältnisse gegen diesen einzigen längst zuschrieb, erhalten diese auch durch die Kreise, die sie alle, einer wie der andere, um ihn beschreiben, und durch das Licht, das sie alle aus diesem reichen Quell erhalten. Copernicus sagt: Quis enim in hoc pulcherrimo templo lampadem hanc in alio vel meliori loco poneret, quam unde Totum simul possit illuminari? Weil er nun auch die Fixstern-Kugel in seinem Schema gezeichnet hat: so beschuldigt ihn Mulerius schlechtweg in der Note zu dieser Stelle: er habe geglaubt die Sonne erleuchte auch die Fixsterne. Es ist freilich wahr, aus den Worten des Copernicus läßt sich das Gegenteil nicht dartun, auch war die Meinung, daß die Sonne die Fixsterne erleuchte sowohl unter den Alten als den Neuern nicht ungewöhnlich. Und vielleicht trennte man überhaupt auch zu jenen Zeiten die Betrachtung des Fixsternen-Himmels noch nicht so sehr von dem Planeten-System als jetzt. Allein, wenn man des Mannes große Begriffe von der Ausdehnung des Weltgebäudes bedenkt, die vor ihm noch kein Sterblicher mit der Präzision gedacht und mit der Deutlichkeit gelehrt hatte: so erfordert es nicht bloß der Respekt gegen das Genie, sondern die Pflicht des Kritikers überhaupt, zu glauben das Wort Totum gehe bloß auf das Planeten-System. Vermutlich ist auch dieses die Ursache, warum Riccioli, der doch dem Copernicus so gerne etwas anhängt, in (Alm. nov. Lib. VI. cap. 2) wo er die Geschichte der Meinung über das Licht der Fixsterne gibt, seiner gar nicht oder nur erst bei Gelegenheit des Funkelns der Fixsterne gedenkt, und die Stelle aus Revol. Lib. I cap. 10 anführt, woraus wenigstens erhellt, daß Copernicus sehr zwischen dem Licht der Planeten und der Fixsterne unterschieden habe. Zunächst um ihn läuft Merkur, dann Venus, hierauf unsere Erde, die von dem Monde begleitet wird; weiterhin Mars, Jupiter und Saturn, und endlich über diesen allen steht die Fixsternen-Kugel unbeweglich. Merkur vollendet seinen Lauf in 80 Tagen; die Venus in 9 Monaten; unsere Erde in einem Jahr und der Mond um diese in einem Monat; Mars in 2, Jupiter in 12, und Saturn endlich in 30 Jahren. Dieses sind die Umlaufszeiten, die Copernicus seinem Schema beigeschrieben hat. Wie einfach ist nicht alles hier, und wie leicht heben sich nicht alle Schwierigkeiten jener zweiten Ungleichheit, deren wir oben gedacht haben. Nun salutieren die drei obern Planeten die Sonne durch Vorwärtsgehen, wenn sie bei ihr, und durch Rückwärtsgehen, wenn sie ihr gegenüber stehen, ohne den ungeheuern epizyklischen Tanz. Ebenso halten sich Merkur und Venus ohne diese Tänze nun bei ihr, ja selbst die Ehre des alten Grundsatzes, daß die größere Umlaufszeit um den Mittelpunkt dem davon entfernteren Planeten zugehöre, wird gänzlich gerettet. Überhaupt legte Copernicus der Erde drei verschiedene Bewegungen bei: eine tägliche um die Axe; eine jährliche um die Sonne, und endlich eine dritte, vermöge welcher sich die Erde einmal des Jahres um die Pole der Ekliptik, und zwar der Ordnung der himmlischen Zeichen entgegen dreht, (eine zweite jährliche ,) durch diese erklärt er den Wechsel der Jahrszeiten. Die erste dieser drei Bewegungen hatte schon Nicetas von Syrakus; die zweite Aristarch von Samos, und, wie Copernicus glaubt, Philolaus; die dritte aber ist ihm ganz eigen. Ob nun gleich die neuere Astronomie diese dritte Bewegung nicht mehr anerkennt, indem sie den Zweck derselben auf einem kürzern Wege erreicht, als Copernicus; so kann dennoch nicht geleugnet werden, daß der große Scharfsinn des Mannes in der Art dieses Problem zu behandeln in ganz vorzüglichem Lichte erscheint. Vielleicht hat ihm auch die Auflösung desselben mehr Anstrengungen gekostet, als irgend ein anderes in seinem unsterblichen Werk. Auch ist er der erste, der das Problem aufgegeben hat. Es kann also hier nicht übergangen werden. Die Sache hängt so zusammen: Solange als man die Sonne um die unbewegliche Erde einmal im Jahre herumlaufen ließ, hatte die Erklärung des Wechsels der Jahreszeiten keine Schwierigkeit. Die Bahn der Sonne lag schräg gegen den Äquator der Himmelskugel; die Sonne näherte sich also alle Jahre einmal jedem Pole und verursachte dadurch jene Wechsel. Allein, da nun Copernicus die Sonne in der Mitte des Systems unbeweglich setzte, und die Erde in einem Kreise um dieselbe laufen ließ, so entstund notwendig die Frage: wie läßt sich nun der Wechsel der Jahrszeiten erklären? Copernicus fand sehr richtig, daß dieses nicht anders geschehen könne, als wenn nicht bloß die Neigung der Axe der Erde gegen die Ebne ihrer Bahn sich nicht änderte, sondern auch diese Axe, trotz der Fortbewegung um die Sonne, sich immer nach derselben Gegend des Himmels hinneigte, immer auf denselben Punkt der unendlich entfernten Fixsternen-Kugel hinwiese, das ist, sich immer parallel bliebe, und so verhält es sich auch wirklich; dieses ist die völlige Auflösung des Problems, die also Copernicus vollkommen gegeben hat, und womit die Neueren ganz übereinstimmen. Aber er erschwerte sich die Sache, durch die Vorstellung, daß dieser Parallelismus erst durch eine eigene Drehung erhalten werden müßte, und diese Vorstellung gründet sich genau auf die Voraussetzung, auf welche sich Keplers Meinung stützt, daß sich der Mond nicht um seine Axe drehe. S. Beilage V. Man weiß jetzt, daß die Fortbewegung einer Kugel, die sich um eine Axe dreht, die Lage dieser Axe nicht in ihrem Parallelismus stört, sie bleibt sich immer parallel, der Mittelpunkt der Kugel bewege sich wie er wolle, in einer geraden Linie oder in einer krummen, und in jeder Richtung in Rücksicht auf die Lage der Axe. Copernicus suchte also, was er richtig gefaßt hatte, mit einem Principium zu vereinigen, das wir jetzt für unrichtig erkennen. Sein Irrtum war allemal in Rücksicht auf sein Zeitalter verzeihlich, unschädlich weil die Hauptsache blieb, und, wegen des darin bewiesenen Scharfsinns, selbst noch ehrwürdig. Hier müssen wir einen Augenblick stehen bleiben. Dieses ist nun also die wahre Lage der Planeten gegen die Sonne, das wahre Weltsystem. Ehe man es kannte, wuchsen mit der Schärfe der Beobachtungen die Schwierigkeiten; seitdem es ausgefunden ist, hat jede neue Entdeckung am Himmel es mit neuen Gründen bestätigt. Die Umwälzung der Erde um die Axe ist durch die Abplattung der Erde, und durch die veränderliche Länge des Sekunden-Pendels bewiesen worden. Man hat den Saturn, Jupiter, Mars und die Venus, ja selbst die Sonne sich um ihre Axen drehen sehen. Venus und Merkur haben sich dem bewaffneten Auge geradeso gezeigt, wie Körper, die sich um eine leuchtende Kugel bewegen, einem Auge erscheinen müssen, das außer ihren Bahnen aber nicht weit von den Ebenen derselben abliegt. Endlich entdeckte man die Abirrung des Lichts, und nun traten Tausende von Sternen als Zeugen für die große Wahrheit auf: die Erde läuft um die Sonne . Alles, alles zwingt nun unsere Vernunft zu bekennen: Copernicus war richtig . Aber was zwang den Copernicus zu dieser Lehre, ihn, den von allen diesen Hülfsmitteln gänzlich verlassenen? Ich glaube die Frage ist schon beantwortet. Die Zeit des Irrtums ist nun gottlob! vorüber. Selbst das Vatikan, das seine katholischen Ausgaben des Weltsystems sonst der ganzen Christenheit aufzuzwingen strebte, verkauft sie jetzt nur noch zuweilen heimlich an arme Sünder, und nicht ohne ein heimliches Lächeln über – die armen Sünder. Hier, mit Copernicus fing sich ein neuer Himmel an und eine neue Erde – – eine neue Astronomie, die nun ihren Gang majestätisch fortsetzte. Denn solange die Erde stille stund, stund alle wahre Astronomie stille, und mußte stille stehen: so wie aber der Mann erschien, der die Sonne stille stehen hieß, in dem Augenblick fing die Astronomie an fortzuschreiten. Die Ruhe der Erde drückte diese Wissenschaft wie ein verborgenes Übel den Körper des Menschen; aller Wachstum hörte auf und alle Mittel, die man anwendete, wenn sie nicht gerade auf den Sitz der Krankheit losgingen, mußten das Übel vergrößern. Was konnte in aller Welt aus einem Systeme werden, in welchem man einen Punkt für fest und unbeweglich hielt, der in einem Jahre einen Kreis von fast 42 Millionen Meilen im Durchmesser beschreibt? Alles Bestreben irgend eine neue Erscheinung mit diesem großen Versehen zu vereinigen, konnte nicht anders als zu einem neuen führen. Alles, was die Alten von Entfernungen der Planeten gedacht hatten, war, etwa die vom Monde, und was sich aus dieser kümmerlich für die Sonne herleiten ließ, ausgenommen, ein bloßer Traum. Sie konnten nichts davon wissen. Hierin wurde es nun durch die Copernikanische Lehre auf einmal Licht. Denn sobald man wußte, daß die zweite Ungleichheit bloß die Folge des veränderten Standpunkts der Erde, und also einer jährlichen Parallaxe war; so ließ sich nun schon mit beträchtlicher Bestimmtheit wenigstens von Verhältnissen der Entfernungen sprechen. So erzeugte nun immer eine Wahrheit die andere, und eine Entdeckung die andere, in stetem Fortgang, bis auf unsere Zeit. Zwar fiel bald nach dieser Periode Tycho von Brahe, einer der größten Astronomen aller Zeiten, aber von minderem philosophischen Genie als Copernicus, wieder auf die gänzliche Unbeweglichkeit der Erde zurück. Der große Mann gab, durch religiöse Mißverständnisse und vermutlich von etwas Eitelkeit verleitet, der Welt ein System, das eigentlich das umgekehrte Copernicanische ist. Eines verwandelt sich in das andere, je nachdem man die Erde oder die Sonne darin beweglich setzt. Das Verdienst dieses System nach dem Copernicanischen erfunden zu haben, ist daher sehr gering. Was es vor dem Ptolemäischen voraus hat, ist gerade der Teil, worin es sich dem Copernicanischen nähert, der aber hier, als Flickwerk genützt, nur neuen Mißverstand und neue Verwirrung erzeugt. Wäre dieses System vor dem Copernicanischen hergegangen, so würde es sicherlich einen sehr ehrenvollen Platz in der Geschichte der Astronomie behaupten. Hinter demselben darin aufgestellt, wie jetzt, steht es wenigstens immer als ein Flecken auf eben dem großen, verdienten und ewig unverwelklichen Ruhme da, dem es einst seinen kurzen Beifall allein zu danken hatte. Übergeht man diesen an sich kurzen und unbedeutenden Rückfall, so wird nun die Copernicanische Einrichtung des Weltsystems die letzte in dem Stamm der Hypothesen, und die, die endlich, von Keplers großem Genius überschattet, die Mutter der Wahrheit wurde. Ich sage die Mutter der Wahrheit. Denn unser jetziges System, dem nun kein Vernünftiger mehr den Namen des wahren absprechen kann, ohne Gefahr zu laufen, daß man ihm die Vernunft abspräche, ist nicht das Copernicanische, so wie es uns Copernicus in seinem Werk dargestellt hinterlassen hat. Es ist sehr davon verschieden, und diese Verschiedenheit besteht nicht etwa bloß in Einschiebseln von Verbesserungen, welche die größere Vollkommenheit der Werkzeuge und der Kunst zu observieren an die Hand geben mußte; sie ist viel wesentlicher, wäre ohne diese besseren Werkzeuge auch möglich gewesen, und ist daher, so wie der große Gedanke des Copernicus selbst, das Werk des Genies. Copernicus hatte die Astronomie von den Verwirrungen befreit, zu welchen die Voraussetzung einer völlig ruhenden Erde notwendig verleiten mußte; allein jene erste Ungleichheit , diejenige nämlich, die in dem Ptolemäischen System nicht von der Bewegung der Sonne, und in dem seinigen nicht von der Bewegung der Erde abhing, sondern vielmehr den Planeten selbst zuzukommen schien, war noch zurück. Er wollte auch diese erklären, und der große Mann – – strauchelte . Die Art, wie dieser tiefe, sonst so unbefangene stille Denker, den nicht Eitelkeit zu übereilten Bekanntmachungen spornte, der, wenn er je bei seinem Forschen noch außer dem Durst nach Wahrheit noch einen andern Reiz kannte, bloß nur den Dank einer entfernten Nachwelt, nur den Lohn der Unsterblichkeit vor Augen haben konnte; die Art, sage ich, wie dieser bewundernswürdige Mann zu seinem Versehen verleitet wurde, ist nicht bloß ein merkwürdiger Zug in der Geschichte seines Geistes, sondern des menschlichen Verstandes überhaupt. – Der Koloß des Ptolemäischen Systems stützte sich hauptsächlich auf das simple Zeugnis der Sinne, den sinnlichen Schein. Dieses war eine mächtige Stütze, und der Irrtum sie für unerschütterlich zu halten, gewiß ein sehr verzeihlicher. Denn, um die Schwäche derselben einzusehen, mußte man erst mit Mühe das für wahr halten lernen, wovon man täglich das Gegenteil vor Augen sah. Indessen warf Copernicus diese Hauptstütze mit ebenso großer Kraft als Kühnheit über den Haufen. Wo nicht ganz der wichtigste, doch gewiß der gefährlichste Schritt zur gänzlichen Zerstörung des 1400jährigen Es wird hier bloß die Zeit zwischen Ptolemäus und Copernicus in Betracht gezogen. geheiligten Irrtums war glücklich getan. Beilage I In der Zeitangabe sowohl der Geburt als des Todes des Copernicus, findet sich bei den Schriftstellern eine seltsame Verschiedenheit, die wohl verdient etwas genauer erörtert zu werden. Sie erstreckt sich nämlich nicht bloß auf einzelne Tage, sondern auf Tag, Monat und Jahr zugleich. – Für das oben angegebene Datum streiten: 1) Melchior Adam (vitae germanorum philosophorum. Heidelbergae 1615. u.p.126). 2) Nicolaus Mulerius, Prof. der Medic. und Mathemat. zu Gröningen, der seiner Ausgabe von Copernici Revolutionibus. Amsterd. 1617. 4to, eine kurze Lebensbeschreibung desselben vorgesetzt hat, führt, so wie einige der folgenden Schriftsteller, aus des Junctinus, eines italienischen Astronomen, Kalender zwar das Datum der Geburt 1472, den 19ten Januar an, setzt aber unmittelbar hinzu: Germani vero Chronologi (quibus major apud me fides) natum testantur Ao. 1473. d. 19ten Febr. Müler oder Muler war aus Brügge gebürtig. 3) Michael Mästlin, Keplers berühmter Lehrer, in einer Note zu Georgii Joachimi Rhetici narratio prima de libris Revol. Nicol. Copernici, welche er Keplers Prodromus oder Mysterium cosmograph. Francof. 1621 fol. angehängt hat, sagt S.96. Nic. Copernicum natum referunt anno 1473. die 19. Febr. hora 4. scr. (minutis) 43. p.m. die Veneris ante Cathedram Petri. Errat ergo Franc. Junct. (Junctinus) qui ipsum anno 1472. 29. Jan. natum scribit. Mortuus autem est anno 1543 die 19. Janu. anno aetatis 70. Wo er die Nachricht her hat sagt er nicht. Junctinus hat auch nicht den 29sten sondern den 19. Januarii, (wie Gassendi und Ricciolius bezeugen). 4) Petrus Gassendi in seinem Leben des Copernicus (opp. T. V. Ed. Florent. p.441). Es ist aber dieses kein neues Zeugnis, sondern, nachdem er das Datum des Junctinus angeführt hat, zieht er doch das Mästlinische, als: ob Maestlini auctoritatem probabilius , vor. Es mag also ob Gassendi Judicium et auctoritatem auch hier stehen. 5) Christoph Hartknoch in seinem Alt und Neuen Preußen , Frankf. und Leipzig 1684. fol. S.370 hat bloß das Jahr. 6) Jac. Heinrich Zernecke in seiner Thornschen Chronika , wovon ich die zweite vermehrte Ausgabe. Berlin 1727. 4to vor mir habe. S.81. Seine Worte unter der Rubrik 1473 sind folgende: »Den 19ten Febr. 4 Uhr 48 Minuten nach Mittag, ist allhier der weltberühmte Mathematicus Nicolaus Copernicus, in einem Eckhause unweit dem Alt-Thornschen Tore, geboren. (Patre Nicolao Copernico Cracoviensi et cive Thorunensi, Matre ex Familia Vatzelrodia, Sorore Lucae Vatzelrodi, Episcopi Varmiensis.) Starb Ao. 1543, den 11ten Junii, aetatis 70«. Zur Unterstützung dieses Zeugnisses ist es vielleicht nicht unnütz zu wissen, daß dieser Zernecke, wie es unter seinem Bildnisse heißt, Prae-Consul atq. Vice-Praeses Reipubl. Thorunsis, und wie aus seinem Prozesse, den er am Ende erzählt und mit Urkunden belegt, erhellt, ein Mann von großer Rechtschaffenheit, Geradheit und Treue im Dienst war. Indessen da Zernecke, wiewohl erst am Ende, und mit mehrern Schriften über den Copernicus, den Gassendi ausdrücklich anführt, und selbst das Anführen so vieler Schriften auf die Mutmaßung leiten könnte, daß er selbst in einigen Punkten ungewiß gewesen wäre, so läßt sich nicht entscheiden ob Mästlin, der seine Note über 50 Jahre eher schrieb, als Zernecke geboren wurde, schon echte Nachrichten aus jenen Gegenden gehabt, oder ob dieser etwa jenem, auch ob ejus auctoritatem, getraut habe, zumal da die Stunden und Minuten dem Datum einen gewissen Schein von Präzision geben, der bei einem Laien in der Astronomie und ihrer Geschichte wie Zernecke, noch dadurch gewinnen konnte, daß die Angabe von einem berühmten Astronomen herrührte. Mit dem Eckhause hat es indessen seine Richtigkeit, es wird noch jetzt in Thorn gezeigt, so wie Leibnizens Haus zu Hannover , auch ein Eckhaus . Daß man übrigens hier nicht bloß das Jahr und den Tag; sondern sogar die Stunde und die Minute der Geburt angegeben findet, ist nichts Ungewöhnliches. Es geschah damals ziemlich häufig. Man hatte dabei die große Absicht, den Stand der Planeten darnach berechnen und dem Kinde die Nativität stellen zu lassen. Dieses geschah denn auch zuweilen, und zwar nach Tafeln, die nicht einmal hinreichten den Planeten selbst die Nativität auf einige Zeit hinaus zu stellen. Ich weiß nicht ob man sie dem Copernicus sehr präzis je gestellt hat. Wäre es aber geschehen; so hätte die Astrologia judiciaria notwendig in die Klemme eines der gefährlichsten Dilemmen für sich selbst geraten müssen, nämlich sich entweder offenbar zu irren, oder auszufinden, daß das Knäbchen quaestionis auserkoren sei den Grund zu einer Astronomie zu legen, die über kurz oder lang aller Sterndeuterei den Hals brechen würde. Zwar nicht mit dieser gefährlichen Genauigkeit, aber gestellt ist ihm die Nativität indessen doch worden. Ich sehe aus Riccioli Almagest. nov. Chronici Part.II. S. XLI, wo etwas vom Leben des Copernicus verkömmt, daß Jo. Garcäus in seiner Astrologiae methodo p. 138 die Geburt desselben auf 1473. Febr. 10. 4 Uhr, 30 Minuten setzt, und noch hinzufügt, Polus 55°. Hierauf gibt er den Stand der Planeten in technischen Ausdrücken an, und versichert bei Purbachs Geburt hätten sie ebenso gestanden, und bezeichneten Ingeniosität . Also nichts weite? Garcäus war ein Brandenburger, und 1530 den 13ten Dezember um 13 Uhr 28 Minuten geboren; was die Planeten damals bezeichnet haben, wird nicht gesagt. Zwischen der Angabe dieses Garcäus und der von Mästlin und Zernecke befände sich also eine Differenz von 9 Tagen und 10 Minuten. 7) Boissardus in Bibliotheca Chalcographica P. I. Icon. Vu. 2. 8) Bailly, Histoire de l'Astronomie moderne T. I. p.337. 9) Saverien, Hist. des philosophes modernes T. V. p.4. und mehrere, die, sowie diese beiden lezteren, vermutlich dem Mästlin nach Gassendi, gefolgt sind. Hieher gehören noch zwei kurze deutsche Lebensbeschreibungen des Copernicus, wovon sich die eine im deutschen Merkur, November 1776, und die andere in der kleinen gutgeschriebenen Polnischen Geschichte befindet, die dem Berlinischen Taschenbuche des Herrn Unger für 1796 angehängt ist. Öffentlich aufgestellte Monumente (denn es gibt auch ein privatim oder gar privatissime hingelegtes ) hat Copernicus, soviel mir bekannt ist, nur zwei erhalten. Eines eine bloße Marmor-Tafel, in der Domkirche zu Frauenburg (in ecclesia cathedrali Varmiensi), die ihm 38 Jahre nach dessen Tode, Martin Cromer, Bischof von Ermland hat setzen lassen, enthält bloß den Todestag 1543 den 24sten Mai. Man findet sie bei dem oben in der Vorerinnerung angeführten Starovolscius S.161 und beim Gassendi a.a.O. Dennoch wundert sich Hartknoch (a.a.O. S. 370), daß ihm zu Frauenburg, zum Gedächtnis weder ein Grabstein noch sonst etwas gemacht oder aufgerichtet worden sei. Ja, setzt er hinzu, die Thumherrn desselben Orts zweifeln fast, ob er zu Frauenburg begraben sei oder nicht. – Wie hängt dieses zusammen? Die jetzigen Herrn Konventualen des Klosters zu Frauenburg könnten alles dieses leicht entscheiden, und da sie, wie ich höre, im Besitz von schätzbaren Nachrichten das Leben des Copernicus betreffend, sein sollen, überhaupt manche Lücke ausfüllen. Vielleicht sind sie aber schon ausgefüllt, ohne daß mir etwas davon zu Gesichte gekommen ist. Ich glaube nicht zu irren, wenn ich die Angaben nachstehender Schriftsteller unrichtig nenne, weil sie sogar in dem Jahre von Zernecke abweichen, den seine Lage gewiß in den Stand setzte wenigstens dieses zu berichtigen. Hieher gehört: 1) Der oben genannte Junctinus, der in seinem Kalendario astrologico die Zahlen 1472 Januar. 19. hor. 4. min. 46 hat. Fast lustig ist, was Riccioli a.a.O., nachdem er Mästlins Zahlen angeführt hat, hinzusetzt: aut igitur falsus Junctinus , sagt er, aut conceptionis momentum ex nativitate ab astrologis indagatum est, ac pro prima nativitate positum. Da kämen aber praeter propter eilf Monate auf die Schwangerschaft der Mutter. Diesen nach wäre also von den beiden großen Re- und Instauratoren der Astronomie, Kepler und Copernicus, der erste ein partus septimestris, der andere ein undecimestris, wovon das arithm. Mittel gerade die 9 Monate gibt. 2) Joh. Friedrich Weidler. (Hist. Astron. Vitembergae 1741. 4. S.342.) Er hat das Jahr und den Monat des Junctinus 1472. Jan. 19. Wie Weidler, der den Melchior Adam anführt, und Mästlins Angabe wenigstens aus dem Gassendi kannte, den er ebenfalls gebraucht hat, dazu gekommen ist, diesen beiden Deutschen den astrologischen Florentiner Junctinus, vorzuziehen, oder gerade dieser Meinung beizupflichten, hätte er wenigstens sagen sollen. Wenn dieses, wie ich glaube, eine Übereilung Weidlers ist, so ist es wenigstens nicht die einzige, deren er sich selbst in seiner Nachricht vom Copernicus schuldig gemacht hat. 3) Lalande, selbst in der dritten Ausgabe seiner Astronomie hat, so wie 4) D. Gehler in seinem physischen Wörterbuch T. IV. S.711 eben diese Angabe, beide vermutlich nach Weidlern, der, als übrigens ein Schriftsteller von Kredit, viele andern verleitet hat. 5) Büsching. Dieser sagt in seiner Geographie, in dem Artikel: Thorn. »Es befände sich in der dortigen Johanniskirche ein Monument zum Andenken des Copernicus. Nach diesem sei er 1472 den 19ten Jänner geboren.« Dieses ist ganz unrichtig. Es befindet sich zwar in der genannten Kirche ein Monument, von dem ich sogleich reden werde, allein dieses gibt den Geburtstag des Copernicus überhaupt nicht geradezu an, sondern er muß erst aus dessen angegebenen Alter und Todestag, wobei sogar der Monat fehlt, geschlossen werden, und dieser Schluß führt auf ein Jahr , das ganz erwiesen falsch ist. 6) Jöcher. Dieser sollte billig in der ersten Klasse stehen, denn er gibt in seinem Wörterbuch für den Geburtstag 1473 den 19.Febr. und den Todestag 1543 den 24sten Mai an, aber mit dem seltsamen, etwas übereilten Zusatze: Copernicus sei an seinem Geburtstage gestorben. Vielleicht betrog ihn sein Gedächtnis und er verwechselte ihn mit Hevelius, der auch ein Preuße (denn Preußen waren doch wohl die Danziger immer) und auch ein berühmter Astronom war, denn der starb wirklich an seinem Geburtstage. – Ich komme nun auf die beiden noch rückständigen Monumente. Das in der St. Johanniskirche zu Thorn befindliche, ist nicht publica auctoritate, sondern von einem gewissen Doctor Medicinä Melchior Pyrnesius, der 1589 gestorben ist, gesetzt worden. Der gute Wille des Mannes ist allerdings zu loben, aber das ist auch alles, denn das 2 Ellen hohe auf Holz gemalte Bild taugt weder als Kunstwerk noch als Urkunde etwas. Eine Abbildung davon findet sich beim Hartknoch a.a.O. Seite 371. Es stellt den Copernicus in halber Länge betend vor einem Kruzifixe vor, auf das er jedoch seine Augen nicht richtet. Gleich beim linken Ellbogen liegt ein Totenkopf, und hinten befindet sich eine Himmelskugel und ein Zirkel. Unter dem rechten Arm noch innerhalb der Einfassung, stehen die tröstlichen Verse: Non parem Pauli gratiam requiro, Veniam Petri neque posco, sed quam In crucis ligno dederas latroni, Sedulus oro. In der Mitte darunter aber folgende Worte: Nicolao Copernico Thorunensi, absolutae subtilitatis Mathematico, ne tanti Viri apud exteros celeberr. in sua patria periret memoria, hoc Monumentum positum. Mort. Varmiae in suo Canonicatu Anno 1543 die 4* aetatis LXXIII. Hier haben wir die schöne Urkunde, worin der Sterbe-Monat als eine unbekannte Größe, mit einem * bezeichnet, das Alter des Verstorbenen zu 73 Jahren und der Sterbetag als der 4te irgend eines Monats angegeben ist. In der ganzen Unterschrift, die auch im Original an der Wand bloß Schwarz auf Weiß ist, ist nichts richtig als das Todes-Jahr. Alle Schriftsteller über den Copernicus, wenn sie von dessen Alter sprechen, sagen, daß er 70 Jahre alt geworden sei. Nach dem hier angegebnen Alter fiele sein Geburtstag in das Jahr 1470, welches ganz falsch ist. Hartknoch fügt hinzu: dieses Bildnis des Copernici lassen die Franzosen und andere oft abcontrefeien, und schicken oder führen es selbst in andere Länder, und beschämen uns öfters damit, daß solch einem fürtrefflichen Mann in seinem Vaterland kaum dieses geringe Monumentum, und zwar lange nach seinem Tode gesetzt sei. Doch, meint er, sei es so gering nicht, weil man auf derselben Tafel das Brustbild des Königs Johannis Alberti gesetzt habe. Dieser König starb nämlich im Jahr 1501 zu Thorn plötzlich. Den Leichnam brachte man nach Krakau, aber die Eingeweide wurden unter dieses Monument, an dem man noch sogar die genannte Änderung machte, begraben. Dieses zeigt wenigstens, wie man schon damals von den Verdiensten des Copernicus dort dachte und denken durfte. Selbst in dem heutigen Rom, wenn da ein Monument des Copernicus gedenkbar wäre, würde man ein solches Begräbnis für eine Art von Exkommunikation gehalten haben. Vielleicht gilt aber sowohl das Monument, als die demselben erteilte Ehre, zwar dem subtilen Mathematiker, aber noch weit mehr dem bußfertigen astronomischen Sünder, der, wie einige Frömmler wähnten, im Leben, durch die ketzerische Lehre; daß sich die Erde um ihre Achse und um die Sonne bewege, eben Den verfolgte und verleugnete, den Paulus und Petrus auch einmal in ihrem Leben verfolgt und verleugnet hatten, und der nun hier in einem Sapphischen Seufzer Buße tut und bekennt, daß er ein armseliger Schacher (Latro) gewesen sei. So genommen, erinnert diese Grabschrift an eine andere, die ihm Ziegler in s. Schauplatz der Welt S.40 gesetzt hat, die zwar nicht Sapphisch, aber ganz in dem Geist jener Sapphischen abgefaßt ist: »Im Lehren war ich falsch, im Leben war ich frumm, Die Kugel dieser Welt lief mit mir um und um: Nun schick ich meinen Geist, der soll die Sterne zählen, Der Himmel lasse mich den Himmel nur nicht fehlen.« Mit dem andern Monument, welches ich das geheime genannt habe, hat es folgende Bewandtnis: Im Jahre 1766 ersuchte der Fürst Jablonowski den Magistrat zu Thorn um einen schicklichen Platz zu einem Monument für Copernicus. Man wählte den Markt. Das Monument kam auch an, gefiel aber nicht, und so wurde es nach der Holzkammer des Rathauses gebracht, wo es wenigstens ad interim lange lag, wenn es nicht noch liegt. Freilich zu einem Monument für den Copernicus und zwar zu einem, das auf einem öffentlichen Platz seiner Vaterstadt aufgestellt werden soll, gehört sehr viel, wenn man sich nicht für seine gute Absicht, den Sticheleien aller Reisebeschreiber und Geographen auf immer ausgesetzt sehen will. Hat man da nicht eine kolossalische Bildsäule in Erz oder Marmor aufzustellen, so läßt man es freilich lieber ganz und verweist den Reisenden, der sich über einen solchen Mangel wundert, geradesweges an das Monumentum aere perennius , dort oben am Himmel. Im Jahr 1785 erbot sich der König von Polen Stanislaus Augustus, der bekanntlich auch dem Hevelius zu Danzig ein Denkmal errichten ließ, dem Copernicus eines errichten zu lassen, das in dem großen Saale des Rathauses zu Thorn aufgestellt werden sollte. Die Unruhen aber haben dieses Vornehmen in Vergessenheit gebracht. Da das Jablonowskische Schenkungs-Stück das Geburtsjahr 1472 hat, so könnte es leicht sein, daß Büsching, der von diesem gehört haben konnte, es mit jenem in der Johanniskirche verwechselt hätte. – Über das Jahr, worin Copernicus starb, ist kein Streit. Alle Schriftsteller geben 1543 an. Man hat auch ein altes Chronodistichon darüber: EX hoC eXcessIt trIstI CopernICVs aeVo, IngenIo astrorVM et CognItIone potens. Allein im Tage sowohl als im Monat finden sich, wie man schon aus einigen der obigen Angaben wird ersehen haben, beträchtliche Unterschiede. Hier werde ich kurz sein können. Weder Melchior Adam noch Mulerius haben Monate und Tage. Ersterer bloß das Jahr, lezterer, außer dem erwähnten Datum der Geburt, das Alter in der runden Zahl 70, und ebenso auch Hartknoch. Mästlin hingegen den 19ten Jänner; Zernecke den 17ten Junii, und die Tafel im Dom zu Frauenburg, den 24sten Mai. Eben dieses Datum hat auch Gassendi, aber nicht in der Inschrift der Frauenburgischen Tafel, welche er doch gibt. Es fehlen nämlich in derselben bei ihm die Schlußworte: obiit Ao. 1543 die 24. Maii, die sich doch in der Kopie des Starovolski ausdrücklich befinden. Es müßte denn sein, daß hier die erwähnten Worte, welche nicht mit Kapitälchen gedruckt sind, schon wieder zum Text des Buchs gehörten, der sich mit der Grabschrift schließt. Aber Gassendis Datum erhält dadurch ein großes Gewicht, daß es vermutlich aus einem Briefe des Culmischen Bischofs Tidemannus Gisius an den Rheticus genommen ist. In diesem Briefe meldet dieser große Gönner und vertraute Freund des Copernicus dem Rheticus, daß das Exemplar der Revolutionum orb. coelest., das er aus Deutschland an den Copernicus geschickt habe, leider kurz vor seinem Tode angelangt sei. Ich sage: wie es scheint , denn nachdem Gassendi dieses aus dem Briefe erzählt hat, kömmt er etwas weiter hin auf das Datum; es läßt sich aber nicht präzis sagen, ob auch dieses noch aus jenem Briefe genommen sei. Dieses hätte sich leicht ausmachen lassen, wenn ich Rhetii Ephemerid. ad ann. 1551 hätte erhalten können, aus deren Vorrede vermutlich Gassendi alles dieses geschöpft hat. Fände sich das Datum in dem Briefe des Gisius, so würde ich kein Bedenken tragen es allen übrigen schlechtweg vorzuziehen, denn daß sich ein solcher Freund des soeben Verstorbenen, in einem Brief, dessen Veranlassung auch noch durch ganz eigne Nebenumstände rührend war, im Datum sollte geirrt haben, läßt sich gar nicht denken; Herr D. Gehler hat in seinem physischen Wörterbuche IV. S.711 auch den 24sten Mai, und führt dabei des Rheticus bekannte narratio de Libris Revol. coelest. Copernici. Gedani. 1546. 4. an. Ich habe zwar diese Ausgabe nicht vor mir, aber sowohl die mit Anmerkungen und Figuren versehene Ausgabe des Mästlin, als den Abdruck, welche der Baseler Ausgabe von Copernicus Revolutionibus angehängt ist, und da findet sich nichts von dem Tode des Copernicus. Es ist auch nicht wohl möglich. Denn diese Narratio prima, wie sie gewöhnlich heißt, (denn eine secunda existiert nicht) ist weiter nichts als ein großer Brief, den Rheticus, der sich eine Zeitlang beim Copernicus aufhielt, noch bei dessen Lebzeiten, an seinen Freund Schoner schrieb; gibt Nachricht von dem Werk des Copernicus, noch ehe es im Druck erschien, und ist, den kurzen Eingang ausgenommen, ganz astronomisch. Das Gehlerische Zitat geht also vermutlich nicht sowohl auf dieses Datum, als auf andere angeführte Umstände. Er scheint das Datum vielmehr aus dem Weidler genommen zu haben, der ebenfalls den 24sten Mai hat und sich auf den Gassendi beruft. Stünde dieser Tag aber nicht in dem Briefe des Gisius, und auch nicht auf der Frauenburgischen Tafel; so würde ich dem XI. Junii des Zernecke beipflichten. Wenn man alle diese hier betrachteten Verschiedenheiten bemerkt, so möchte man fast auf sie die letzten Worte eines Epigramms deuten, das Scrobivicius eigentlich auf den Tod des Copernicus gemacht hat: Qui tempora mensus Debuit heus ipsis cedere temporibus. Beilage II Unter denen, die mit dem System des Ptolemäus und der Araber nicht zufrieden waren, wird ganz vorzüglich Alphonsus der Weise, König von Kastilien genannt, der um die Mitte des 13ten Jahrhunderts regierte, und ein großer und tätiger Verehrer der Astronomie war, die er mit Königlichem Aufwand, solange er Geld hatte, unterstützte, wovon noch jetzt die Sammlung astronomischer Tafeln zeugt, die nach ihm die Alphonsinischen heißen. Er soll seine Unzufriedenheit mit jenem System, durch einen Einfall geäußert haben, wovon das Gute, was er enthält, sich bloß durch die große Ungezogenheit erhalten hat, womit es ausgedruckt ist. »Er wollte, sollen seine Worte gewesen sein, dem Schöpfer wohl einen bessern Plan für das Weltgebäude angegeben haben, wenn er vorher darüber wäre befragt worden.« Hätte er statt des Schöpfers der Welt, den Schöpfer jener Hypothese genannt, so hätte die Wahrheit nichts dadurch verloren, und die Ehre des Königl. Tadlers sehr viel gewonnen; aber schwerlich würden wir alsdenn etwas davon wissen. Dieses ist wohl oft der Fall mit den guten Gedanken und den guten Taten nicht bloß der Könige. Die Schreiberin der großen Welt-Geschichte, ich meine die historische Muse, hatte seit jeher eine kleine Ähnlichkeit mit den Erzählerinnen der kleinen Stadtgeschichte, sie begünstigte immer ein wenig das Skandal . Eben dieser König soll auch, wie Mariana erzählt, die Einrichtung des menschlichen Körpers fehlerhaft gefunden haben. Hätte sein Tadel auch hier nur die damaligen Systeme der Physiologie betroffen, so ist es schade, daß wir nicht mehr davon wissen. Vielleicht könnten unsere heutigen Ptolemäer noch etwas daraus lernen. Die historische Muse merkt ferner an, daß Alphonsus der Weise zwar ein Mann von großem Genie, aber stolz und von sehr unbändiger Zunge gewesen sei; daß er über seinen Beobachtungen des Himmels die Erde vergessen, und so die römische Königs-Krone verscherzt habe; endlich daß er von seinem Onkel Emanuel und den Großen des Reichs durch ein förmliches Dekret des Throns entsetzt worden sei, und dieses zwar, wie uns die Muse durch den Jesuiten Mariana versichern läßt, wegen seines frechen Tadels der Schöpfung, von Rechts wegen . (Weidleri Hist. Astron. Cap. XII. Sect. XVIII.) – Sehr merkwürdig sind hier die Äußerungen eines andern Niklas, wie ihn einmal der Jesuit Riccioli nennt, der damit auf den Copernicus unfehlbar etwas spöttisch deutet, nämlich des Kardinals Nicolaus de Cusa oder Cusanus, eines sehr gelehrten Deutschen, der, außer mehrern theologischen, mathematischen und naturhistorischen Werken, auch ein Buch de docta ignorantia geschrieben hat. In diesem rechnet er es den Alten ausdrücklich zur Unwissenheit an, wenn sie geglaubt haben, die Erde stünde stille. Seine Worte sind in der Tat stark: Iam nobis manifestum est, sagt er, terram istam in veritate moveri, licet hoc nobis non appareat, cum non apprehendamus motum, nisi per quandam comparationem ad Fixum etc. Man findet die Stelle mit andern hieher gehörigen aus eben diesem Buche, in Ricciolii Alm. nov. Lib. IX. sect. IV. cap. II beisammen. Indessen widerspricht sich der Kardinal wieder in andern seiner Schriften; er besönne sich da eines Bessern, sagt der sonst gelehrte und scharfsinnige Jesuit, der bis an sein Ende ex officio glaubte, die Erde ruhe, aber doch, weil er schon die Jupiters-Trabanten gesehen hatte, dem Copernicus so weit, (vermutlich ex officio ein wenig temporisierend,) nachgab , daß er schon außer dem Merkur und der Venus, auch den Mars um die Sonne laufen ließ. Nicolaus Cusanus starb 1464, also 9 Jahre früher als Copernicus geboren ward. – Daß es schon auf drittehalbhundert Jahre vor unsrer Zeitrechnung Menschen gegeben hat, die die Lehre von der Bewegung der Erde für unheilig erklärten, vermutlich um die herrliche Gelegenheit zu haben, diejenigen wenigstens zu verfolgen , die man nicht widerlegen konnte, davon hat uns Plutarch ein merkwürdiges Beispiel aufbewahrt. Er erzählt (de facie in orbe lunae) in der Person seines Lucius: Kleanthes habe den Aristarch der Irreligion wegen angeklagt, weil er die Bewegung der Erde gelehrt, und dadurch gleichsam die Lares der Natur und den Tempel der Vesta von der Stelle gerückt habe. – Nach einer andern Lesart soll, umgekehrt, Aristarch den Kleanthes angeklagt haben. Daß aber hier die Namen versetzt seien, erhellt nicht allein schon daraus, daß Aristarch bekanntlich die Bewegung der Erde um die Sonne lehrte, sondern daß auch nicht Kleanthes aus Samos war, wie in der verdorbenen Stelle gesagt wird, sondern Aristarch. Kleanthes war aus Assos. Dieses ist, soviel ich weiß, das einzige Beispiel vor unserer Zeitrechnung; nachher mehren sich die Beispiele von dieser praktischen Mönchs-Astronomie ins Unendliche, und die Kritik hat nicht nötig erst auszumachen, wer der Verfolger und wer der Verfolgte war. Ist es nicht sonderbar, daß es auf derselben Insel, (Sizilien) wo es vor mehr als 2000 Jahren dem Nicetas niemand wehrte, die Umdrehung der Erde um die Axe zu lehren, noch vor nicht gar langer Zeit Christon verboten war ein gleiches zu tun? Doch, dem Himmel sei Dank, die Zeiten sind vorbei, indem nunmehr selbst ein Landsmann des Nicetas, der Sizilianer Piazzi Man sehe die vortreffliche Vorrede zu seinem Werke: della Specola astronomica de' Regj studj di Palermo. In Palermo 1792. fol. seine Verwunderung über diese traurigen Verirrungen des menschlichen Geistes öffentlich bezeigen durfte. Die Menschenklasse, durch die die Vernunft so oft in Inquisition genommen ward, sieht sich nun endlich, umgekehrt, mit ihrem erbärmlichen Prozeß vor das Inquisitions-Gericht der Vernunft gezogen. Ketten und finstere Kerker werden freilich am Ende ihre Strafe da nicht sein, aber dafür immer ein für sie lästiges Stück Arbeit – die Pflicht weiser zu werden. Beilage III Copernicus erzählt seine Geschichte dem Pabst sehr sorgfältig, und setzt daher die ganze Stelle mit den Worten des Grundtextes selbst in die Dedikation. Es war also wohl diese Stelle hauptsächlich, die ihn zuerst zu seinen weitern Untersuchungen über die Bewegung der Erde um die Sonne spannte, denn die um ihre Axe enthielt die aus dem Cicero schon. Es ist aber eine ganz andere Frage, deren Untersuchung gar nicht hieher gehört, ob diese Worte des Plutarch wirklich jenen Copernicanischen Satz enthalten. Genug, daß er selbst sagt, er habe ihn darin gefunden, und wirklich kann man ihn auch, bei einer solchen Ideen-Jagd, wie die, worauf Copernicus ausging, leicht darin zu finden glauben. Daß er aber wirklich und ganz bestimmt darin liege, kann wohl mit Grunde nicht behauptet werden, sooft es auch, und selbst von berühmten Männern in diesem Fache, geglaubt worden ist. Das Feuer, um welches sich nach jenen Pythagoräern die Erde drehte, war nicht die Sonne, sondern die Sonne selbst drehte sich vielmehr um jenes Zentralfeuer, das sie bloß reflektierte. Man findet hierüber sehr gründliche Bemerkungen in Prof. J.A. Eberhards Abhandlung über die Astronomie des Thales, in dessen neuen vermischten Schriften, Halle 1788. 8. S.65 und in Herrn J.L. Schaubachs Programm über die Meinungen der Alten von unserm Sonnensystem, Meiningen 1796. 4. S.9. Im 5ten Kapitel des ersten Buchs seines Werks redet Copernicus ebenfalls vom Philolaus und dessen Gedanken und setzt hinzu: er sei Mathematicus non vulgaris gewesen, cujus visendi gratia Plato non distulerit Italiam petere. Auch diese Stelle zeigt, wie nötig es Copernicus fand, mit seinem Zeitalter über diese Dinge als mit Kindern und Schwachen zu sprechen. Seht, will er sagen, was ich da behaupte, das hat schon ehmals ein Mann gelehrt, dem sogar der Göttliche Plato zu Gefallen gereist ist, es kann also doch wohl so ganz einfältig nicht sein. Der gute Mann mußte sich also so viele Mühe geben, zu beweisen, daß er nicht der erste gewesen sei, als mancher Neuerer bei dieser Gelegenheit würde angewendet haben, das Gegenteil für sich darzutun. Unsere Zeiten sind aber denn doch gottlob! die bessern. Übrigens hätte Copernicus, wenn er gewollt hätte, die Zahl solcher Beweisstellen zu seinem Vorteil leicht vermehren können. Eine der deutlichsten und bestimmtesten ist wohl die, worin Archimedes die Meinung, daß sich die Erde um die Sonne bewege, dem Aristarch von Samos beilegt, (Arenarius Edit. Wallis. Oxon. 1676. 8. p.5.) die aber Copernicus, der sonst sowohl den Aristarch als den Archimedes in seinem Werk öfters anführt, nicht hat. Allein in den Schriften des Aristarch selbst findet sich auch nichts davon, und den Arenarius des Archimedes führt Copernicus nicht an. Doch schreibt auch Plutarch an andern Stellen seiner Schriften, diesen Gedanken dem Aristarch zu (Eberhard a.a.O. S.75). Wallis findet die Stelle im Arenarius so wichtig, daß er, wo er von dem Wert dieses Buchs redet, hauptsächlich auch anführt, daß uns durch dasselbe die Meinung des Aristarch aufbewahrt worden wäre, die schon das Copernicanische System enthalte, und ohne dasselbe wohl möchte verloren gegangen sein. Man lernt aber auch aus dieser Stelle noch mehr, nämlich dieses, daß die damaligen Copernicaner ihre Lehre nicht mit sonderlichen Gründen müssen unterstützt haben, weil sie sonst wohl den Archimedes vermutlich überzeugt hätten, der, aus allem zu schließen, was wir von diesem außerordentlichen Manne wissen, den Gründen des Copernicus schwerlich seinen Beifall würde haben versagen können. Beilage IV Die Stelle befindet sich im 8ten Kapitel des ersten Buchs und heißt so: Cum ergo motus circularis sit universorum, partium vero etiam rectus, dicere possumus manere cum recto circularem, sicut cum aegro animal. So steht sie in allen 3 Ausgaben des Buchs. Mulerius aber bezeichnet in der seinigen und neuesten das Wort aegro mit einem (†), setzt auf den Rand equo und erklärt in einer angehängten Note es müsse equo heißen. Der Sinn sei: die Kreisbewegung bleibe noch so in der geradelinigen, wie der allgemeine Begriff vom Tier überhaupt in dem besondern von einem Pferde. Ich glaube aber, daß aegro die wahre Lesart ist. Denn einige Perioden vorher sagte Copernicus: rectus (motus) supervenit iis, quae a loco suo naturali peregrinantur vel extraduntur, vel quomodolibet extra ipsum sunt, und bald darauf: rectus ergo motus non accidit, nisi rebus non recte se habentibus etc. Es scheint also Copernicus die geradelinige Bewegung in Rücksicht auf die allen Körpern auf der Erde gemeinschaftliche Kreisbewegung gleichsam als eine unnatürliche angesehen zu haben. Auf diese Weise wäre der Sinn obiger Worte der: der Körper der sich in der geraden Linie bewegt, behält die natürliche, aller gemeinen Kreisbewegung dennoch immer bei, geradeso wie der Kranke, obgleich in einem unnatürlichen Zustand (non recte se habens) dennoch die Natur des Tieres beibehält. So wie der Zustand des Kranken ein aus der Natur des Tieres und der Krankheit zusammengesetzter Zustand ist, ebenso ist jene geradelinige Bewegung aus der geradelinigen und kreisförmigen zusammengesetzt. Beilage V Alles dieses zu erläutern wird folgende Betrachtung dienen: Gesetzt die Erde laufe um die Sonne ohne sich um ihre Axe zu drehen, das heißt so, daß jeder Durchmesser derselben bei der Fortbewegung immer in Lagen käme, die allen, die er vorher hatte, parallel wären: so würde ein Auge in der Sonne in einem Jahre alle Seiten der Erde zu sehen bekommen. Es würde ihm vorkommen als habe sich die Erde einmal um eine Axe gedreht, die senkrecht auf der Ebne der Bahn stund, und zwar in einer Richtung, die der Richtung der Bewegung in der Bahn gerade entgegengesetzt wäre. Diese Umdrehung um eine Axe, die bloß scheinbar und eine Folge des Umlaufs um die Sonne ist, hielt Copernicus für eine reelle. Nun drehe sich aber die Erde würklich um eine Axe z.B. 365mal im Jahre, und zwar wollen wir, der Leichtigkeit wegen, den dieser Fall für die Vorstellung hat, annehmen, diese Axe falle in die Ebne der Bahn selbst, und bliebe sich bei der Fortbewegung der Erde in der Bahn immer ebenso parallel, als sich vorher alle Durchmesser derselben geblieben waren, was wird die Folge sein? Das Auge in der Sonne würde alle die 365 Umwälzungen um die Axe gesehen, und zugleich würde es ihm geschienen haben, als hätte sich die Erde auch einmal um eine auf die Bahn senkrecht stehende Axe gedreht. Denn 2mal befand sich das Auge in der Linie der verlängerten Axe, und an entgegengesetzter Seite des Äquators der Kugel, und 2mal in der Ebne des Äquators, an entgegengesetzten Seiten der Axe. Diese scheinbare Umdrehung ist eben die, die wir vorher betrachtet haben. Nun ging aber Copernicus stillschweigends von dem Satz als Grundsatz aus: die natürliche Bewegung einer Kugel, die sich in einem Kreise fortbewege, ohne sich um ihre Axe zu drehen sei die, daß sie dem Mittelpunkt des Kreises immer dieselbe Seite zukehre, (dieses ist die Keplerische Idee). Wendet man nun dieses auf unsern zweiten Fall an, da die Erde sich um eine Axe dreht, die in der Ebne ihrer Bahn liegt und sagt, die Axe habe gleich anfangs einen rechten Winkel mit dem Radius der Bahn gemacht, so würde sie nur nach der Mechanik des Copernicus immerweg einen rechten Winkel mit dem Radius haben machen müssen, und die Tage wären sich alle einander und in diesem besondern Falle auch den Nächten gleich gewesen. Hätte aber nun Copernicus gefunden, daß dieses nicht wäre, sondern daß sich die Tage sowohl als die Nächte sehr ungleich wären, und sich die Sache vielmehr gerade so verhielte, als machte die Erdaxe nicht immer denselben Winkel mit dem Radius der Bahn, sondern bliebe sich vielmehr immer selbst parallel; so mußte er um seinem Grundsatze getreu zu bleiben notwendig sagen: während die Erde, z.B. 30 Grade, in ihrer Bahn von Westen nach Osten fortrückt, dreht sich ihre Axe um einen Winkel von 30 Graden rückwärts von Osten nach Westen, oder mit andern Worten: während die Erde in ihrer Bahn um einen gewissen Bogen fortrückt, dreht sie sich um einen ebenso großen Bogen rückwärts um eine Axe, die auf der Ebne ihrer Bahn senkrecht steht. Dieses ist nun jene dritte Bewegung der Erde. Man begreift leicht, daß alle diese Schlüsse dieselben, wenn die Axe der Erde gegen ihre Bahn geneigt wäre. Denn denkt man sich in unserm Falle eine Ebne durch die Axe der Erde senkrecht auf die Bahn, das ist einen Meridian, der senkrecht auf der Bahn steht; so wird alles, was von dem Drehen der Axe gesetzt worden ist nun von diesem senkrechten Meridian gelten. Da aber alle Axen, die man sich denken kann, bei ihren Neigungen gegen die Bahn in diesen Meridian fallen müssen; so gilt es auch von allen. Stünde die Axe der Erde selbst auf der Bahn senkrecht, so ist freilich keine Drehung nötig, denn da folgt der Parallelismus der Axe schon unmittelbar aus dem Copernicanischen Grundsatze selbst. Weil nun jede Linie, die senkrecht auf der Erdbahn steht, unendlich verlängert in die Pole der Ekliptik trifft, so läßt sich auch der Copernicanische Satz so ausdrücken, wie im Texte geschehen ist: die Erde dreht sich des Jahrs einmal um die Pole der Ekliptik in einer Richtung, die ihm in ihrer Bahn entgegen gesetzt ist. Rezensionen I Leipzig Im Verlage der Dykischen Buchhandlung ist erschienen: England und Italien von J. W. v. Archenholz , vormals Hauptmann in kön. preuß. Diensten, zwei Bände, wovon der erste in 2 Teilen 597 und der zweite 377 S. in Oktav begreift. 1785. Dem Herrn Hofr. Wieland zugeeignet. Der Verfasser dieses sehr interessanten Werks hat sich 2½ Jahr in zwei Perioden in Italien, und in drei verschiedenen Zeiten 6 Jahre in England aufgehalten, letztere fielen in das merkwürdige Dezennium von 1769-1779. England. Nach Rezensentens Urteil hat der Verfasser, einige den Hof betreffende Umstände abgerechnet, womit er, nach näherer Kenntnis, nicht ganz mit ihm gleich denkt, den Gesichtspunkt, aus dem der Charakter dieses edlen Volks betrachtet werden muß, besser gefaßt, als irgend ein Schriftsteller der ihm noch vorgekommen ist. Der Verf. fürchtet am Ende, nachdem er den Charakter der Nation meisterhaft geschildert hat, man möchte ihn für parteiisch halten, und entschuldigt sich deswegen. (Dieses war gewiß nicht nötig, jeder unbefangne Mann, der dieses Volk und seine vortreffliche Verfassung kennen gelernt hat, der nicht den Charakter einer Nation aus dem Abschaum derselben oder nach der Aufführung unmündiger Fähndriche beurteilt, wird ihm mit ganzer Seele beipflichten, und was bekümmert sich ein solcher Schriftsteller um die übrigen? Es würde gewiß sehr viel Mangel an Kenntnis der Welt, und der Würde des Menschen überhaupt, sehr viel Neid und eigne moralische, politische oder gelehrte Verdorbenheit dazu gehören, ein Jahr in dem Lande gelebt zu haben ohne, größtenteils mit dem Verf. zu stimmen und ohne zu bekennen, daß vielleicht bei keinem Volk auf der Erde im allgemeinen je so viel Treuherzigkeit, Edelmut und wahre Würdigung jedes Standes des Menschen anzutreffen gewesen sei, als bei dem englischen.) Die hohen Rechte der Menschheit seien nirgends so sehr gegen die Unterdrückung der Großen gesichert. Wer da fühlen wolle, was er ist, er sei wes Standes er wolle, der beleidige nur einen Bedienten. Es finde da keine geheime Kriminaljustiz statt, es gebe keine befestigten Residenzschlösser des unverschuldeten Elends, worin, wie in der Bastille, (und wie die ehrwürdigen Festungen sonst noch heißen mögen), die Strafe vor dem Prozeß hergehe. Linguet der hitzige, parteiische Schwätzer, der alles in England herabwürdigte, ehe er es kannte (und das ist nötig um es herabzuwürdigen), habe dieses am Ende erkannt, (er ging mit dem Gedanken nach England, dieses Land zu erleuchten – und wurde erleuchtet, wozu ihm zwei Jahre in der Bastille die nötige Muße verschafften) und feierlich seine Meinung widerrufen. Das Verbrechen mache alle gleich; der Adel, wenn er sich des Galgens fähig mache, könne ihn mit schwarzem Tuch behängen lassen (auch der Unadliche , wenn er es bezahlt, und mit Pleureusen obendrein), aber hängen müsse er. Man glaube, der Königin Christina, wenn sie ihren Mord in England begangen hätte, würde man förmlich den Prozeß gemacht haben (und warum auch nicht?) ob sie gleich der König begnadigt haben würde. Die Bittschrift für den Dr. Dodd war 87 Fuß lang und von 23 000 Personen unterzeichnet, und er mußte sterben; er habe sehr auf die Gnade des Königs gerechnet, (man rechnet falsch auf diese Gnade, solang die Rechnung gegen die Gesetze läuft, und was sind 23 000 Stimmen zum Teil erkaufter, schwachbarmherziger Seelen gegen die Stimme des Gesetzes und des erleuchtetsten Teils des Volks?). Nichts gehe über die menschenfreundliche Behandlung der Verbrecher, man sollte glauben, Richter, Geschworne und Advokaten wären vereinigt, den Beklagten zu retten (vortrefflich und ohne Ausnahme wahr bei Kriminalprozessen, allein auch ebenso ganz allgemein in andern?). Der Spion, Obrist La Mothe, den man in Frankreich als einen Wurm behandelt hätte, erstaunte über die Nachsicht, womit er behandelt worden. Man ging mit ihm um, als wenn an seiner Rettung die Rettung des Wohls des Landes läge; er wurde von den größten Advokaten ohne Belohnung verteidigt. Sehen Sie, redete ihn endlich der Richter an, so verfährt man mit Ihnen in einem Land, dessen vortreffliche Constitution zu vernichten, Sie so viele Bemühungen angewandt haben. Der Adel sei der aufgeklärteste in Europa (so wie es auch gewiß das gemeine Volk ist), der gemischte Umgang habe daran den größten Anteil (daher auch die echte Würdigung des Verdienstes wo Schreiben nie der einzige Maßstab desselben werden wird. Man erkennt dieses freilich an andern Orten auch, aber die ganz unverabredete, praktische Äußerung dieser Grundsätze, und mehrerer, die anderwärts nur der Philosoph von Profession kennt, und vergeblich einzuprägen sucht, wird man nicht leicht in einem andern Lande finden). Sehr richtig wird bemerkt, daß der Engländer der höflichste Mann von der Welt sei, sobald man reellen Dienst und nicht Worte und Grimassen für Höflichkeit nehme. Sie hätten viel Nationalstolz, allein der Spanier habe noch weit mehr, und werde deswegen lächerlich, weil er sich auf nichts gründe, der Engländer aber werde bloß angefeindet, weil man im Herzen fühle, daß er Ursache habe stolz zu sein (sehr wahr, und den Anfeindern recht aus dem Herzen geschrieben). Die rührende Geschichte der 800 verlassenen deutschen Emigranten, zu deren Rettung ein gemeiner Bäckerknecht aus eignem Gefühl das erste beiträgt, und die endlich das Volk auf die Vorstellung eines deutschen Predigers vollendet. Reiche Deutsche hingegen ließen sich, bei dieser Geschichte, die ihren Landsleuten, geleisteten Dienste teuer aus dem gesammelten Fond bezahlen. Über Wilkes. (Nach Rez. Urteil viel zu vorteilhaft, und fast, wie an mehrern Stellen des Buchs, etwas zu deklariert Whiggish . Freilich wer nimmt nicht in England Partei? Auch dieses führt zum großen Zweck. Allein wo hat Wilkes Verstand gezeigt, von dem doch der Verf. redet? Rez. hat ihn gesehen, da er unter den Insignien der Gerechtigkeit als erste Magistratsperson der Stadt sitzend, die Zeitungen las, und mit Bleistift Stellen bemerkte, während über 13 gefesselte Menschen, die sich zum Teil auf die Knie warfen, das Todesurteil ausgesprochen wurde. Hat er irgend etwas getan, was nicht jeder abgefeimte, hartnäckige Bösewicht in Wilkes damals desperaten Umständen bei beständig von Freunden angefachtem und von der Menge begünstigtem Privathaß gegen König und Minister hätte tun können? Daß er 1780 die Bank gerettet, wenn er es anders allein war, der sie rettete, verdient kaum eine Betrachtung; er kannte seine Gegner und seinen Kredit grade bei dieser Klasse von Menschen. So etwas konnte ein solcher Mensch unter diesen Umständen immer wagen, der ohnedem bei herannahendem Alter, und eintretender Selbsterkenntnis diesen Schritt zur Aussöhnung mit dem Hof, vielleicht längst gewünscht hatte. –) Es hing von ihm (Wilkes) ab, ein Catilina zu werden, aber er ward es nicht, sondern begnügte sich, ein Wohltäter seines Volks zu sein, sagt der Verf. (Allein ein Catilina zu werden, war gerade, was dieser Patron fürchtete. Was wurde denn Catilina? Es ist immer angenehmer in einem warmen Plätzchen in der City sein Leben zu verschmausen, als eines am Tage der Schlacht mit seinem Leichnam zu bedecken, wäre es auch, wie Sallust sagt, das, auf dem man den ganzen Tag gefochten hat.) Der Verf. malt vortrefflich, man lese z.B. Olivers Abzug vom Tower usw. Er sagt bei der Gelegenheit mit Shaftesbury, der Enthusiasmus stecke an wie der Schnupfen; (wer noch an der Wahrheit dieses Satzes zweifelt, wird sich selbst durch die bloßen Erzählungen des Verf. hier und an mehrern Stellen seines Werks widerlegt finden). – Reizende Aussichten. Sie kämen oft den schönsten in Italien gleich, und Karl II habe Recht, wenn er behauptete, England sei das einzige Land in Europa, wo man im ganzen Jahr die größte Zeit ohne Unbequemlichkeit außerm Hause bleiben könne. Gibbons; der berühmte Geschichtschreiber heißt eigentlich Gibbon. Noch immer sei das Doomsday book unübersetzt, man habe Raspen zum Übersetzer gewählt, aber aus Mißhelligkeit zwischen Übersetzer und Unternehmer sei nichts aus der Sache geworden. Deutsche haben zuerst die Papier- und Eisenmühlen in England eingeführt. Herrn Thielens in Bremen Verdienste um die Seeuhren. (Es ist doch immer noch ein Preis für diejenigen offen, die nach von Harrisons verschiedenen Prinzipien etwas Vorzügliches liefern.) Coxes Museum. (Freilich sehr herrlich, ein Himmel, wie sich ihn der Bauer denkt, aber, das Barometer etwa ausgenommen, doch im Grunde, so wie die Drozischen elenden Spielereien, nichts als sublime Nürnberger Ware, wodurch weder Wissenschaft noch Kunst sonderlich gewinnt.) Von Grahams magnetisch-elektrischem, himmlischem Bett, sehr schön, etwas für unsere magnetisierenden Zeiten. Der Hauptfleck heiße Sanctum sanctorum (nicht so profan, oder wenigstens nicht so neu als man denkt, zählte ja P. Kircher schon Gott selbst mit unter die Magneten). Von Mrs Abington der großen Schauspielerin. Der Verf. spricht am Ende noch einmal von ihr, durchaus treffend und meisterhaft. Vom Bettler, Obrist Champigny, der die Bettelkunst in ein System brachte, Equipage hielt und traktierte. (An andern Orten tut man etwas Ähnliches fast noch systematischer, auf Rechnungen, die nicht bezahlt werden.) Zweimal wird 1660 als das Jahr des großen Londonschen Brandes genannt, es war 1666. Sehr richtig wird bemerkt, daß die größten Kunstwerke Italiens in England ihr Grab fänden. – Die einzige Oxfordstraße in London habe mehr Lampen als ganz Paris (eine bitter scheinende aber, nach dem, was Rez. sonst gehört hat, sehr wahre Behauptung). Die Facade der Paulskirche nach Ludgate hill zu, sei prächtiger und tue eine größere Wirkung als die von der Peterskirche in Rom, nur fehle es ersterer an dem freien Platz (ob aber die Paulskirche nicht vielleicht durch den freiem Prospekt wieder verlöre? Man rechnet jetzt viel auf die Hindernis, sie nicht, wie man will, betrachten zu können). Mit Recht eifert der Verf. gegen die Aufstellung des Bildes der großen Elisabeth in Westmünsters Abtei in Wachs. (Das Bild verdiente vielleicht aufbewahrt zu werden, aber nicht an diesem feierlichen Ort, wo das Auge an Marmor und Verewigung gewöhnt, gerade bei dem erhabensten Gegenstand auf dieses Honigkuchenwerk geleitet wird.) Die Brücken. Sie hätten in Europa nichts was ihnen gleiche; selbst die Brücke Rialto zu Venedig komme hierbei nicht in Betracht, deren 90 Fuß großer Bogen sich auch in Schottland zu Aire bei einer Brücke über den Dun befinde. Religion. Es gebe in London katholische Bischöfe, die von Almosen leben, auch sei ein Erzbischof von Canterbury der vornehmste unter ihnen; die Anzahl der Katholiken erstrecke sich in London allein auf 40000. Eine Folge der toleranten Grundsätze der englischen Kirche sei der geringe Eifer Proselyten zu machen; was sich noch in Ost- und Westindien diesem Geschäfte unterziehe, seien gemeiniglich Methodisten und Herrnhuter. Die ostindische Compagnie nehme sich der Religion gar nicht an, und in ganz Bengalen sei weder Kirche noch Kapelle. Quäker sowohl als Herrnhuter nähmen merklich ab. Williams deistischer Gottesdienst. Er habe Briefe vom Könige von Preußen und Voltairen erhalten, die seinem Unternehmen ihren Beifall erteilten. Es habe aber nicht gedauert. (Dieses war auch leicht voraus zu sehen, ein Sonntags-Collegium über theologiam naturalem hat zu wenig Anziehendes für den gemeinen Mann, und der Denker entbehrt es leicht. Herr Williams scheint ein vortrefflicher Mann und guter Kopf, allein seine Hauptabsicht verrät im ganzen doch große Unbekanntschaft mit der Natur des Menschen.) Seine Kapelle diene jetzt zum Versammlungshaus einer methodistischen Gemeinde (die verstehen auch besser, worauf es ankömmt, nur gehen sie auf ihrer Seite wieder zu weit; die Wahrheit liegt also wohl auch hier in der Mitte). Der sich ausbreitende Deismus sei eine Hauptursache des häufigen Selbstmords, (was beförderte also Williams;), die englischen Gesetze aber behandelten diese Selbstvernichtung als eine Krankheit des Geistes, die mehr Mitleid als Strafe verdiene, (doch nur in den Fällen wo ein Coroner ausdrücklich auf Lunacy erkennt, welches freilich meistens geschieht, und auch der Fall sein mag, sonst begräbt man den Selbstmörder doch auch an Kreuzwege, und treibt ihm einen Pfahl durch den Leib). Die deutschen Juden seien dort eine Menschenklasse, die man als einen Auswurf der Menschheit ansehen könne, meistens Stehler oder Hehler (merkwürdig genug, daß sie sich gerade dieses Fach wählen, in einem Lande, wo man weniger als in irgend einem andern nötig hat, Lieblingsneigungen zu unterdrücken, und worin daher jeder sich bald so zeigt, wie er ist. Doch scheint der Verf. hauptsächlich von denen zu reden, die aus Deutschland und Holland flüchten müssen). Vom public Spirit. Es gebe in sonst keiner Sprache ein Wort diesen Begriff auszudrücken (vermutlich weil man in den meisten Ländern höhern Orts die Sache selbst unnütz befunden). Was indessen das Wort sagen will, erläutert der Verf. durch wohlgewählte Beispiele vortrefflich, und errichtet hierbei dem General Wolfe, dem Herzog von Athol und dem großen Lord Chatham ein musterhaftes Denkmal. Den Beschluß der ersten Abteilung des ersten Bandes macht die die Menschheit entehrende Geschichte, wie sie der Verf. mit Recht nennt, von Deeds und Morton. Zweiter Teil : Der Prozeß der Herzogin von Kingston vortrefflich erzählt. Unüberwindliche Macht mancher englischen Gesetze mit den Geschichten von Sayre, Guerchy und d'Eon erläutert. (Bei der Gelegenheit eine treffliche Vergleichung zwischen dem Maßstab echter englischer Justiz und dem französ. pied du Roi). Der Verf. ist ganz für das männliche Geschlecht d'Eons, und bringt zur Unterstützung seiner Meinung Gründe bei, welche, die Besichtigung ausgenommen, nicht stärker sein können. Lustiger Dedikationshandel des Gazettier cuirassé Morande. Über Dr. Dodd umständlich und schön. Wenn ein Adlicher zum Beil verdammt wird, so verrichte ein Fleischermeister die Operation; er werde von der Familie dazu ausgesucht, die ihm dann am Ende gemeiniglich ein Beil mit einem silbernen Heft zum Geschenk mache. Kaum läßt es sich ohne Lächeln lesen, daß in England (wo bei weitem der größte Teil des Volks die Flüche als gewöhnliche partes orationis ansieht) das Fluchen durch ein Gesetz verboten ist. Es fänden sich aber selten Ankläger. Die Anzahl der Häuser von London und Paris verhielten sich jetzt wie 5:2. Mit Abscheu liest man den Diebshandel, den die deutschen Juden mit Bürgschaften treiben. Lord Mansfield: Der Charakter dieses außerordentlichen Mannes, wird von dem Verf. mit wenigen, aber starken Zügen meisterhaft geschildert. Das Fleet und Gefängnis von Kings Bench. Für sich bestehende Republiken mitten in London, nennt sie der Verf. Ununterrichtete Leser müßten solche Nachrichten ganz natürlich in die Klasse der Fiktionen setzen. So wenig kennten wir ein Volk von dem wir täglich sprächen etc. (Die Einrichtung der großen englischen Gefangenen- Republiken kennt der Deutsche doch ziemlich gut selbst aus den Smolletschen Romanen, wenn er sie dort nicht für Fiktionen hält.) Es seien da Gärten zum Spazierengehen, Plätze zum Ballspiel, Wein- Bier- und Coffeehäuser, Kramladen, alle Arten von Handwerkern, Bälle und Konzerte werden gegeben, auch Freimäurer-Logen gehalten. Man halte wöchentlich eine Versammlung, worin man Klagen anhöre, man schlichte Streitigkeiten der Republikaner durch 12 Geschworne, mache Polizeiverordnungen, man pfände böse Schuldner aus, doch müssen die Schulden in der Republik gemacht sein; überhaupt werde strenge Gerechtigkeit geübt, unparteiischer als in manchem sogenannten Freistaat. – Der Soldat stehe in England ganz unter dem Zivilgericht, nur Vergehungen im Dienst würden vom Regiment bestraft; man hole verschuldete Offiziere oft von der Parade weg, (um sie eben genannten Republiken einzuverleiben). – Von den Dieben. Highwaymen, footpads, housebreakers und pickpockets sind vier Klassen derselben. Es greife nicht leicht eine der andern in ihr Fach (der Engländer liebt überhaupt die Polyhistorie nicht). Von den Freudenmädchen. (Sollte doch wohl Leid- und Freuden-M. heißen.) Bei vielen von der ersten Klasse derselben fänden sich außer Schönheit, Grazie und Sanftmut, nicht unedle Gesinnungen, ja selbst eine gewisse Schamhaftigkeit, man könne sich nach ihnen einen Begriff von griechischen Buhlerinnen machen; unter den übrigen fänden sich oft selbst Kinder von 8 bis 9 Jahren, auch wohl, nach Bewandtnis der Umstände, alte Bettelweiber. Eine eigne Bemerkung über Charles Fox: Solange er der Venus geopfert und Bacchanalien beigewohnt habe, sei er wegen seiner Rechtschaffenheit und seines wahren Patriotismus verehrungswürdig gewesen; sobald er sich aber den politischen Mysterien ganz geweihet, so habe er mit seinen Ausschweifungen auch jenen Tugenden ganz entsagt. Erstaunlicher Aufwand auf diese Wollüste, in den Bagnios und Tavernen, wogegen Paris nicht in Betracht komme. Beaumarchais, der letzteres gut kennt, erstaunte und sagte, er glaube, daß an einem Abend in diesen Häusern in London mehr aufginge, als die sieben vereinigten Provinzen in 6 Monaten zu ihrem Unterhalt gebrauchten. Von den Mahlzeiten der Engländer und ihrer Neigung zu starken Getränken, (die wenigsten sind aber doch so entnervend, als der elende Branntwein unsers Pöbels, bei dem wenig gegessen, hingegen viel geraucht wird). Die zinnernen Porterkrüge, in welchen man den Porter holt, lege man, wenn sie leer sind, vor die Haustüre, wo sie abgeholt werden. (Sie liegen da so sicher, wie der Pflug auf unsern Feldern. Auch ist dieses Geräte in der Tat nicht unehrwürdig; Der public spirit mancher Klasse würde ohne eine tägliche Bearbeitung von der Seite sehr fallen.) Von den Bedienten sehr umständlich und unterhaltend. Es gebe in den Spielhäusern Aufwärter, die es weit über 8000 Taler des Jahrs bringen; auch haben sie Landhäuser, wo sie öfters von ihren wichtigen Geschäften ausruhen. Vom Frauenzimmer; dessen schönste Zierde sei der Hut, den man in andern Ländern nur sehr unvollkommen nachahme, daher auch die große Wirkung wegfalle, die Linguet so sehr erkannte, daß er sagte, wenn Homer diese reizende Tracht gekannt hätte, so würde er seiner Venus zu ihrem Gürtel auch einen englischen Hut gegeben haben. Von den Whims der Engländer; hier kommen lustige Erzählungen vor, die sich sehr vermehren ließen. Hierbei auch der seltsame Schritt eines schottischen Edelmanns, der mit 60 Familien seiner Vasallen nach Neuseeland überging, sich dort zu setzen. (Seltsam ist es allemal, daß man davon so gar nichts in den englischen Blättern gelesen hat.) Noch 6 andere Herrn von der reizenden Schilderung, die der jüngere Herr Forster von jenen Gegenden machte, hingerissen, entschlossen sich, mit ihren jungen Weibern nach Otahaite zu ziehen, und erkundigten sich bei Herrn F., der aber ihrem Entschluß mit sehr gegründeten Bemerkungen begegnete, die sich hauptsächlich auf die 6 jungen Weiber bezogen, und der philosophische Entschluß unterblieb vermutlich deswegen. Vom Theater durchaus vortrefflich. Unter andern malt der Verf. Garricks Jubiläum von Shakespear mit so vielem Geist und so lebhaften Farben, daß Rezensent sich wieder ganz gegenwärtig glaubte. Ebenso das Leichenbegängnis der Julie im Romeo. Von Mad. Cornely, einer Deutschen, der Kaiserin des Geschmacks, sehr unterhaltend. Der Hof halte sich des Sommers in Richmond, Kew, Windsor und zuweilen in Hamptoncourt auf (in Richmond schwerlich). Das berühmte Pferd hieß nicht Child, sondern Childers. Von der Robin Hood und debating Society, und bei der letzteren ein Zug von englischem Edelmut, den niemand ohne den herzlichsten Beifall lesen wird. Fast übertrieben scheinen denn doch die Weissagungen des Verf. von dem sich beschleunigenden Fall des britischen Reichs. Sollte nicht bei der glücklichen Lage des Landes, bei seinem vortrefflichen Boden und weiserer Behandlung der unermeßlichen Besitztümer in Indien, durch Abstellung bisher, im Überfluß, übersehener unzähliger Mißbräuche und Nachlässigkeiten, hauptsächlich bei Schiffahrt und Fischerei, wodurch die eingegangene Schule für Seeleute einigermaßen wiederhergestellt werden kann; mit dem durch die bekannten Unfälle nicht nur nicht niedergeschlagenen, sondern vielmehr erweckten Geist der Nation nicht endlich neue Quellen von Reichtum und Größe ausgefunden werden, die nun näher zusammen gebracht, auch im Notfall leichter geschützt werden können, als die vertrockneten? Man ist oft zu sehr geneigt, die Wirkungen des tätigen Geistes den glücklichen Umständen zuzuschreiben, und bedenkt nicht, daß wenn diese gefehlt hätten, er andere benutzt haben würde. Auf diese, wie Rez. dünkt, richtige Bemerkung gründet sich vermutlich die gemeine Sage: manche Leute würden nicht eher reich, bis ihnen das Haus abbrenne. Vortreffliche Einrichtung mit der Mutiny-Bill und der Landmiliz, bei welcher der große Adel des Königreichs, öfters mit dem blauen Band behangen, die Offiziersstellen bekleidet. Richtige Bestimmung des Worts Gentleman. Vom Zustand der Wissenschaften, dieser sei uns am meisten bekannt. (Wir sind freilich hierin sehr gefällig, denn, einige unserer Tonkünstler, Astronomen, Chemisten und Helden abgerechnet, die man dort kennt, kennen wir noch immer Englands Romanenhelden und Straßenräuber besser, als es unsere verdiente Männer.) Was Lord Baltimores Notzuchts-Geschichte, (wenn es anders Miß Woodcock war, von der der Verf. redet), und Barettis Vorfall anbetrifft, so hat doch Rez. die Sache anders gehört, doch will er nicht entscheiden. Den Beschluß machen sehr treffliche Anmerkungen über die Gärten. Nur wenige Sprachunrichtigkeiten sind Rez. aufgestoßen: als S. 80 Furcht fürs Unterhaus anstatt Furcht vor dem U. H., S. 83 er ahndete nichts Gutes anstatt ihm ahndete etc. auch wird von Mad. Cornely S. 513 gesagt: Tyroler Deutsch und gebrochenes Französisch war alles, was ihre Zunge zu Markt bringen konnte. (Die Kaiserin des Geschmacks wäre doch wohl eines edlern Ausdrucks wert gewesen.) Doch dieses sind Kleinigkeiten. Das Werk selbst, wovon der unterhaltendste Teil keines Auszugs fähig war, wird, nach Rez. Urteil, was Mannichfaltigkeit von Unterhaltung, Lebhaftigkeit des Stils und malerische Darstellung betrifft, immer als ein vorzügliches Produkt unserer neuern Literatur angesehen werden können. Italien künftig. 2. Göttingen Im Dieterichschen Verlag ist erschienen: Physikalisches Wörterbuch oder Erklärung der vornehmsten zur Physik gehörigen Begriffe und Kunstwörter sowohl nach atomistischer, als auch nach dynamischer Lehrart betrachtet, mit kurzen beigefügten Nachrichten von der Geschichte der Erfindungen und Beschreibungen der Werkzeuge, in alphabetischer Ordnung, von D. Joh. Carl Fischer, Prof. zu Jena. Erster Teil, von A bis Elektr. VIII und 998 Seiten in gr. Oktav, mit fünf Kupferplatten in Quart. Der Verfasser, der sich bereits durch mathematische und physikalische Schriften rühmlichst bekannt gemacht hat, erwirbt sich durch gegenwärtiges Werk ein neues Verdienst um die Ausbreitung einer gründlichen Naturlehre. Lesern, die mit dem vortrefflichen Werke des sel. Gehlers bekannt sind, könnte des Verf. ähnliches Unternehmen vielleicht überflüssig scheinen. Das ist es aber bei genauerer Betrachtung nicht. Zwar hat sich der Verfasser bei seiner Arbeit des Gehlerschen Buchs, wie er in der Vorrede ausdrücklich erinnert, bedient, und in Wahrheit, bei einem solchen Unternehmen nicht auf die Schultern eines solchen Vorgängers getreten zu sein, wäre ein unverzeihliches Wagestück gewesen, wofür ihm, selbst beim glücklichsten Erfolge, der Leser am Ende wenig Dank würde gewußt haben: allein es fällt überall, und selbst bei solchen Artikeln, worin es weder der Plan des Werks erlaubte, noch irgend ein neuer Fortschritt der Wissenschaft notwendig machte, weiter zu gehen als Gehler, in die Augen, daß er ihm nicht sklavisch gefolgt sei. Zuweilen sind kleine Erläuterungen eingeschoben, oder dem Verfasser eigene Bemerkungen beigebracht, auch ist hier und da wohl etwas nachgeholt, wovon es wahrscheinlich war, daß es von seinem trefflichen Vorgänger nicht ganz mit Willen übergangen worden sei. Daß der Verfasser nun ferner, soweit es seine Lage verstattete, von allen Hauptfortschritten, die die Wissenschaft seit der Erscheinung des Gehlerschen Supplement-Bandes (1795) gemacht, oder den Veränderungen, die sie sonst erlitten hat, Rechnung ablegt, versteht sich von selbst. Proben davon finden sich hier in den Artikeln Kohäsion, Dämpfe, Elektrizität (tierische) und mehrern andern. Allein freilich hängt diese Art von Bereicherung eines neuen Werks, zumal eines physisch-chemischen, in unsern Tagen von hundert Umständen ab, die selten in eines einzigen Mannes, selbst des fleißigsten, Macht stehen. Dem, der in diesen Fächern jetzt mit mehr als Registerschreiber-Augen lesen, oder aus etwas Edlerem als bloßem Kompilier-Trieb schreiben will, bleibt selten Zeit genug übrig, sich mit allem Neuen so geschwind bekannt zu machen, als der Registerschreiber oder Kompilator. Billige Nachsicht gegen Versehen dieser Art ist also wohl jedem Beurteiler solcher Schriften sehr zu empfehlen, zumal wenn sie, wie gegenwärtige, teilweise und allmählich erscheinen, und obendrein ihr Vortrag nicht systematisch ist, wo folglich der Verfasser manches auf einen verwandten Artikel verspart haben konnte. Auch hat der Vortrag nach alphabetischer Ordnung noch den Vorteil, dem Verfasser Gelegenheit zu geben, sich bei manchen Artikeln an manche Übersicht zu erinnern, und sie so zu verbessern. So führt z.B. unser Verfasser die Diamantspat- und die Austral-Erde noch unter eigenen Artikeln als einfache Erden auf. Die erste hat aber der Urheber dieser Meinung, Herr Klaproth, selbst nunmehr zusammengesetzt befunden, und die Einfachheit der andern ist von eben diesem großen Scheidekünstler wenigstens höchst verdächtig gemacht worden. Alles dieses wird sich recht gut unter dem Artikel Erden beibringen lassen. – Bei dem sonst wohlgeratenen Artikel Ebbe und Flut hätte wenigstens Rez. gewünscht, kurz angezeigt zu lesen, was Laplace in seiner trefflichen Darstellung des Weltsystems darüber gesagt hat: einem Werke, aus welchem überhaupt mancher künftige Artikel noch wird bereichert werden können, da es so vieles Große, Nützliche und Eigene, ganz hierher Gehörige, enthält, welches der Titel, nach der gewöhnlichen Bedeutung des Worts genommen, kaum erwarten läßt. Überhaupt aber muß es jeden Denker in diesem Fache interessieren, zu wissen, was ein so viel umfassender Geist, wie Laplace, dem so große, tiefe und mannigfaltige Kenntnisse zu Gebote stehen, über Gegenstände dieser Art gedacht, und wobei er sich am Ende dieses Jahrhunderts wenigstens beruhigen zu müssen geglaubt hat. – Was nun aber gegenwärtiges Werk von dem Gehlerschen ganz unterscheidet, ist der deswegen auch auf dem Titel bemerkte Umstand, daß hier die Erscheinungen in der Natur nicht bloß nach dem atomistisch mechanischen , sondern auch nach dem dynamischen System , und aus nach der Natur unsers Erkenntnisvermögens notwendig anzunehmenden Grundkräften der Materie, Anziehungs- und Zurückstoßungskraft , erklärt werden, wodurch einem, vielleicht öfters zu frühzeitigen, und daher mitunter nicht seltenen unphilosophischen, Eingeständnisse von unüberwindlicher Unwissenheit vorgebeugt wird. Proben davon findet man auch schon in diesem Bande häufig, vorzüglich unter den Artikeln Attraktion und Kohäsion . Bekanntlich hat uns das letzte Fünftel unsers Jahrhunderts mit einer neuen Chemie und einer neuen Philosophie beschenkt, und zwar nicht ohne die mitgegebene Versicherung, durch sie endlich in das Land der Verheißung zu gelangen. Von der ersten hat bereits Gehler mit Recht so viel in sein Werk aufgenommen, als zu einem Vortrage der Naturlehre und zum Verständnis neuerer Schriftsteller über dieselbe schlechtweg unentbehrlich ist, und eben dieses ist auch von unserm Verfasser geschehen. Von der zweiten aber findet sich in den vier Hauptbänden des Gehlerschen Werks keine Spur. Wirklich kömmt auch der Name Kant, wie sich aus dem höchst vollständigen und musterhaften Register ergibt, in demselben nur ein einziges Mal vor, und dieses bei einer andern Gelegenheit, und doch erschien selbst der erste Band des genannten Werks in demselben Jahr (1787), in welchem bereits die zweite Auflage von Kants metaphysischen Anfangsgründen der Naturlehre, von welcher bloß eigentlich hier die Rede ist, herauskam. In dem Supplement-Bande des Werks werden diese Anfangsgründe nur ein einziges Mal, und zwar unter dem Artikel Zurückstoßen , angeführt, und gegen die Annahme einer solchen Grundkraft in der Materie, und also gerade einen Hauptsatz des Kantischen Systems, gesprochen. Warum Gehler keine weitere Rücksicht auf dieses tiefsinnige Werk genommen habe, sagt er weder in der Vorrede zum ersten Teile, noch in der zum Supplement-Bande. Wahrscheinlich ist es indessen, wie aus mehrern Stellen seines Buches erhellet, daß er dergleichen Untersuchungen, die eigentlich in die Metaphysik gehören, auch dieser allein überlassen zu müssen geglaubt habe. Da er aber dennoch hier und da gegen Sätze disputiert, die offenbar in jenes Kantische System nicht bloß gehören (z.B. in dem Artikel Gravitation ), sondern in demselben zu einem gewissen Ganzen zusammengedacht sind, das schwerlich seinesgleichen noch gehabt hat: so wäre es doch wohl vieler Leser wegen zu wünschen gewesen, daß der treffliche Mann, der so schnell und richtig faßte, und so deutlich darzustellen verstand, was er gefaßt hatte, jenem System einige Aufmerksamkeit geschenkt, und wenigstens die Hauptsätze desselben in gehörigem Zusammenhang dargestellt, und alsdann in diesem Zusammenhang bestritten hätte. Dieses hätte vielleicht in einem etwas umständlichem Artikel, dergleichen er z.B. der antiphlogistischen Chemie noch besonders gewidmet hat, hinreichend, für den Denker wenigstens, geschehen können. Er würde alsdann auch gefunden haben, daß das, was er gegen die ursprüngliche Zurückstoßungskraft der Materie einwendet, bei weitem nicht hinreicht, den Satz des Königsbergischen Weltweisen umzustoßen. Denn aus dem Begriff der bloßen Existenz eines Dinges, ohne dessen Verhältnisse gegen unser Erkenntnisvermögen, das ist, ohne die Kräfte anzugeben, wodurch es für uns erkennbar wird, läßt sich so wenig auf Impenetrabilität desselben schließen, als auf dessen Anziehungskraft, welches eigentlich dieselbe Sache, nur mit veränderten Zeichen, ist. Das eine zu erklären ist nicht schwerer, oder, wenn man will, nicht leichter als das andere, und es ist, wie wenigstens Rez. deucht, sehr philosophisch, beide nach diesem offenbar gemeinschaftlichen Fuße zu behandeln. – Das Verdienst nun, die Erscheinungen der Natur nach diesem Kantischen System zu erklären, hat sich unser Verf. durchaus zu erwerben bestrebt, welches ihm gewiß sehr viele Leser Dank wissen werden. Mit wie vielem Glücke dies überhaupt geschehen sei, läßt sich aus gegenwärtigem Bande noch nicht ganz beurteilen, indem bei einigen Hauptstellen mit Recht auf den Artikel Grundkräfte verwiesen wird, den wir noch erst erwarten. Überall leuchtet indessen die Vorliebe des Verfassers für das dynamische System, Rez. möchte fast sagen, zu stark hervor. Sie verleitet ihn nämlich hier und da zu fast verächtlichen Seitenblicken auf die Gegner desselben, deren Gegengründe nicht immer in der Stärke dargestellt werden, deren sie fähig sind. Ja, er scheint den letztern hier und da sogar Gründlichkeit abzusprechen. Dieses kann man zu geben, wenn man sich erklärt, was man hier Gründlichkeit nennt. Widrigenfalls möchte man in die sonderbare Verlegenheit geraten, eingestehen zu müssen, die Naturlehre habe alle ihre größten Erweiterungen bisher einzig und allein nicht gründlichen Physikern zu danken; den gründlichen aber, diese Art von Gründung etwa ausgenommen, wenig oder nichts, wenigstens nichts, was nicht ohne diese Gründlichkeit auch hätte gefunden werden können. Rezensent sagt dieses, wie hoffentlich jedem denkenden Leser einleuchten wird, nicht zum Tadel. Er ist vielmehr überzeugt, daß, wenn man einmal für allemal nicht sowohl das Unergründliche ergründen , als vielmehr sich über das Unergründliche als Mensch erklären soll und will, man es auf keine zusammenhängendere, und eben deswegen beruhigendere, und dem Umfang unsers Geistes und selbst seiner Würde angemeßnere Weise tun könne, als es von Herrn Kant in seinem Buche geschehen ist, Rezensent wollte nur zu verstehen geben, daß, um sicher zu sein, daß man nicht auf Sand baue, man eben nicht nötig habe, den Boden mit großem Kostenaufwand bis zu einer gefährlichen Tiefe zu untersuchen, und folglich in einem gewissen Verstande gründlich bauen könne, ohne sich um das Innere der Gebirge oder gar der Erde selbst zu bekümmern; er wollte ferner andeuten, daß das atomistische System , ob es gleich nicht so metaphysisch tief und von der Grenze unsers Wissens an ausholt, wie das dynamische , dennoch von da an, wo es anhebt, mit diesem einen gewissen analogen Schritt hält, dem sich die Mathematik, die sich nur selten mit intensiven Größen beschäftigt, besser anpassen läßt, und folglich seinem Verehrer Vorteile gewährt, die wohl dem Dynamiker entgangen wären. Ob sich die Sache in der Natur wirklich so verhalte, kann ihm, in dieser Rücksicht wenigstens, gewisser Maßen gleichgültig sein. Er nützt diese Vorteile seines Systems, wie der Schiffer die von seiner Mercators-Karte, so wenig getreu auch übrigens diese Darstellung der Kugelfläche dem Originale sein mag. – S. 859 steht durch einen Schreibfehler einmal Mairan statt Nairne. Einige andere Schreib- und Druckfehler wird der Herr Verfasser, wie Rez. vernimmt, bei dem zweiten Teile anzeigen.