Reisenovellen von Heinrich Laube.   Wer nicht Lust hat an einem raschen Pferd, Und nicht Lust hat an einem blanken Schwert, Und nicht Lust hat an einem schönen Weib, Der hat kein Herz in seinem Leib. Doctor Luther   Vierter Band.     Mannheim Verlag von Heinrich Hoff. 1836.     Inhalt des vierten Bandes. Personen Die närrische Gesellschaft Mähren Florentin Prag Das böhmische Mädchen Dresden Die sächsische Schweiz Die Heimath Das Pfingstschießen Der Marsch Weisflog Die Ader Die deutsche Provence Die Saison in Gräfenberg Die Gebirgsnovelle Die Flucht durch's Gebirge     Personen. Ein Land wie Oesterreich ist nur halb erklärt ohne seine einzelnen Persönlichkeiten – die Persönlichkeiten sind Witterung dieses Staates, Regen oder Sonnenschein. Nur wenn hiervon die Rede ist, so kommen wir stets wieder als auf den Mittelpunkt, auf den schon früher genannten Fürsten Metternich zurück. Man hat gesagt, was mich berechtige, diesem Manne die größten historischen Motive unterzulegen; was mich zu der Meinung nöthige, er sei nicht bloß das Produkt einer Position, sondern ein Schöpfer dieser Stellung selbst. Bald nach dem Erscheinen jenes beregten Artikels hätte ich keine andere Antwort geben können, 4 als folgende: Hinter der politischen Leitung eines Staates, besonders nach außen hin, über der ganzen historischen Figur eines Staatsmannes, die mehrere Jahrzehende unter den wechselvollen und bedeudendsten Vorgängen aufgewachsen ist, bildet sich für den aufmerksamen und ein wenig poetischen Beschauer eine Physiognomie, welche die eine Seite der laufenden Geschichte wie im Mikrokosmus aufgeprägt enthält. Ein Irrthum hierbei, wenn die Phantasie zu sanguinisch ist, bedeutet und stört wenig: was dem Manne fehlt, ergänzt die Stellung; auch der Leiter einer historischen Richtung wird von dieser getragen, verändert, gebildet; solch eine Richtung wird Atmosphäre, der historische Gedanke erzieht, täuscht und gestaltet wie die Liebe. Geschichte gleicht darin mineralischen Quellen, welche alle Stoffe, die in lange Berührung mit ihnen treten, gleichförmig überkrusten; – aus gleichen Gründen sind Umgangs-Ausdrucksformen, ja sogar Uniformen von so großer Wichtigkeit, um eine gleichmäßig wirkende Macht zu erhalten 5 Nach historischer Combination mußte Fürst Metternich eine größte historische Figur und eine gedankenreiche historische Person sein, auch wenn ein Gegensatz bekannt gewesen wäre. Die Geschichte hat Wunder und Heilmittel in derselben Hand: wenn Zufälligkeiten eingreifen und wichtig werden, so bemächtigt sie sich ihrer auf eine solche Weise, daß sie ihren Charakter, oder hierbei ihre Charakterlosigkeit verlieren, sie ist immer die stärkere Natur, welcher die geringere einverleibt wird, wie wir dieß bei Ehegatten sehen: die mächtigere Individualität geht auf das Kind über, wenigstens auf den Körper. Solch Gegentheiliges war aber in keiner Weise vom Fürsten Metternich bekannt, und die Kombinationen bleiben ganz ungehindert; – seitdem hab' ich nun auch durch Leute, welche mit der Person des Fürsten in nähere Berührung gekommen sind, vollkommene Bestätigung meiner theoretischen Definition dieses Staatsmannes erhalten, und könnte dieß 6 mit mannichfachen Details belegen, wenn es nothwendig und angemessen wäre. Fürst Metternich ist wirklich der deutsche Kavalier, welcher sich, bewußt und entschlossen, der revolutionären Richtung Europa's entgegengestellt hat. Faseleien sind die Gerüchte, als hätte er irgendwie und wo mit Napoleon harmonirt, weil dieser dem deutschen Grafen geschmeichelt habe – Metternich ist Napoleons Todfeind gewesen von Marengo bis Waterloo. Es versteht sich von selbst, daß die Todfeindschaft eines Staatsmannes allerlei Höflichkeit zuläßt. Nach Napoleons Sturze hat die Verlassenschaft des Diktators, der Liberalismus und der Orient seine größte Aufmerksamkeit in Anspruch genommen. Was wir jetzt vergessen haben, ist, daß der Liberalismus in den Jahren 23 – 27 für die Regierungen am Bedrohlichsten war: die Kongresse waren vorüber, die Spanier durch Frankreich Ferdinand VII. wieder unterworfen, ein Staatssystem war festgestellt, was den Ansichten der 7 Revolutionssöhne nicht zustimmte, der Liberalismus war damals in voller Kraft unentweihter Jugend, viel mehr mit Staatskapacitäten ausgerüstet, als später, der akute Zustand von Anno 30 mag in Wahrheit nicht so schwierig gewesen sein. Von diesem Standpunkt aus betrachte man des Fürsten Metternich Wirksamkeit in den zwanziger Jahren. Sein Verhältniß zu Gentz ist ferner ein sehr verschieden angesehenes und besprochenes: die Leute fühlen sich immer erleichtert, wenn sie für ungewöhnliche Erscheinungen recht nahe liegende, triviale Erklärungsweisen aufraffen können, die eigne Schwäche und Unbedeutendheit fühlt sich beruhigt, wenn sie kein Geheimniß, kein Unerklärtes im Weltleben anzunehmen braucht. Was war bequemer, als die geistige Welt Metternich's durch einen Hintermann zu erklären, für dessen Posten Gentz so passend war. Von diesem lag es schwarz und weiß in Schriften zu Tage, daß er die in Rede kommenden Staats-Interessen geistig beherrsche, dieß war 8 den Leuten hinreichend, welche sich von einer noch anderen, inneren Welt gedrückt fühlten, so lange sie nicht den Vorder- und Nachsatz derselben gedruckt vor sich hatten. Ganz anders war in Wirklichkeit das Verhältniß dieser beiden Erscheinungen. Es ist bekannt, daß Gentz, in Breslau geboren, in Berlin aufwachsend, in Königsberg studirend und später wieder in Berlin lebend, langsam und unsicher zu einer Position kam. Von Hause aus, wunderlich genug, allem Anscheine nach, sehr dürftig begabt, entwickelte er, als sich die inneren Kräfte entfalteten, in gleicher Zeit die glänzendsten äußeren Fähigkeiten, ungeregelt, verschwenderisch zu leben. Solch' eine gewisse Ungesetztheit ist ihm treu geblieben, und man möge ermessen, wie bedenklich sie just an seiner späteren Stellung war, wo er ein Hauptrepräsentant des gesetzten, geordneten Conservatismus wurde. Als er seine anfängliche Schwärmerei für die Revolution durch die Erscheinungen in Frankreich, durch die Reden Burke's in England 9 zusammenstürzen und einem Streben nach zweckmäßiger Erhaltung weichen sah, als er in England von Pitt wie ein verbündeter Feldherr empfangen, und wie ein großer Alliirter vom Kontinente entlassen war, als er sich in der neuen Position zu Wien als kaiserlicher Rath wieder fand, da ist es ihm dem Fürsten gegenüber keinen Augenblick entgangen, daß sie nicht zwei Streiter seien, aus ein und demselben Fleisch und Blute. Charakter, Axiome und Geschichte der Ansichten, Mittel und Wege, Zweck und Zukunft sind verschieden gewesen und verschieden geblieben. Mochten sie bei den drängenden Aeußerlichkeiten in den jederzeitigen Maaßregeln oft zusammentreffen, es ist ein Zeichen historiographischer Armuth, sie sonst miteinander zu identificiren. Der Konservatismus des Ritter von Gentz war eine Ergänzung im Drange der Umstände, war eine Spekulation, die nur einem politischen und historischen Verhältnisse gemäß nach Oesterreich kam; der Konservatismus des Fürsten Metternich ist eine 10 Position, welche mit der österreichischen Existenz bis ins innerste Leben verwachsen ist, welche, ganz ungleich jener modernern Form, keine Schattirungen, sondern wie eine antike Figur nur Leben oder Tod kennt. Diese Ansicht wird selbst durch manches Detail aus dem Privatleben und der Arbeitsweise dieser Staatsmänner bestätigt: es ist bekannt, daß Fürst Metternich, der alles Wichtige selbst arbeitet, schnell, rasch, scheinbar unvorbereitet, fast zu jeder Tageszeit, wo der Kourier die Anregung bringt, an das Geschäft geht; die Verhältnisse, Beziehungen, Perspektiven, das Hoffens- und Fürchtenswerthe liegen fest, gegliedert, zweifellos in seiner Anschauung der Zustände, jeder neue Fall findet alles Frühere an sicherer Stelle. Es soll nicht leicht eine Kanzlei geben, welche so leicht und rasch erledigt, als die des Fürsten Metternich. Hierher gehört die Bemerkung, daß der Fürst über sprachlichen Ausdruck, feine, gebildete Form, eine überaus reife, in Goethescher Kunst gestählte Macht und Ansicht besitzt. 11 Abgesehen von diesem Letzteren, – denn die Sprache beherrschte auch Gentz mit leidenschaftlicher Kraft und Tüchtigkeit, – war dessen Produciren von ganz anderer Art. Seine Forderungen bewegten sich in ungemessenen, welthistorischen Kreisen, er stand nicht inmitten eines unabänderlichen Conservatismus sondern nur auf der Peripherie desselben, sein System war schwerer und verwobener, Möglichkeiten und weite Zukunft bedrängten ihn, – er ging langsam, schwer an die Aufgaben, brauchte Zeit zur Arbeit, verwarf sie öfter, Charakter und Stellung waren mehr von Sanguinität durchströmt, die Geburt seiner Arbeiten war oft, besonders in der letzten Zeit schmerzhaft und peinigend. Wer in dem Allen noch keine Veranlassung findet, diese historischen Figuren auf keine Weise in Eins zu schmelzen, der möge sich des Ritters von Gentz erinnern, als das Wetter der Julirevolution krachend einschlug. Er war wie Talleyrand 1815, da Napoleon von Elba zurückkam, zerschmettert und hielt Alles für verloren. 12 Ganz anders Fürst Metternich, der die zwanziger Jahre für so gefährlich erachtete. Folgende Anschauungsweise gibt vielleicht eine erklärende Einsicht: des Fürsten Metternich Politik beruht mehr auf einer praktischen Realität, sie fürchtet in sicherem und festem Takte weniger die geistige und moralische Wirkung in's Weite, ist das Nächste beseitigt, so ist auch das Fernere abzuwehren, sie hat Menschen und Völker mit ihren ganzen, mannigfachen Individualitäten vor Augen, vermöge deren sie niemals wie ungestörte Begriffe schnurstracks ein logisch nothwendiges Ziel erreichen, sondern tausend Störnissen und Wendungen ausgesetzt bleiben, für deren Benutzung der richtige Moment immer eintritt. Gentzens Politik war ein Idealismus, ein reines Produkt des Gedankens, in welches die Wechselfälle der Persönlichkeiten nicht eingerechnet waren; zum Beweise, wie ihn die Realität überraschen konnte, dient sein Wesen als Göthe gestorben war. Es entsetzte ihn, es riß ihn aus allen Fugen, daß dieser Todesfall nicht einen erschütternden, vielfach 13 gestaltenden oder zerstörenden Eindruck machte – Ritter Gentz war ein deutscher Poet und Gelehrter, dessen großer Verstand ihn mit zur Leitung Europa's gehoben hatte, der aber mitten in der derbsten Wirklichkeit, die künstlichen Ideenschlüsse der Wissenschaft, die träumerische Stimmung eines Professors nicht verläugnen konnte. Wenden wir uns nun von dieser Hauptfigur zur übrigen haute société Wiens. Sie blickt vornehm auf Alles herab, was über Wien geschrieben wird, denn sie ist exklusiv, und hat noch keinen Fürsten Pückler gefunden, der in ihre Boudoirs gedrungen wäre, und das beschrieben hätte, wie es jener zum ersten Male über die eigentlich aristokratische Gesellschaft Englands gethan. – Die deutschen Schriftsteller haben es mit der populace zu thun, mit Allgemeinheiten, Prinzipien, sie konstruiren nach Formeln, – was kümmert das die Exklusiven! Weiß er nichts von unsern Specialitäten, so weiß er nichts. Und sie haben gar nicht so Unrecht. Diese höhere Gesellschaft Wien's hat eine ganz 14 andere Geschichte, ein ganz ander Leben, gäbe einen ganz neuen Roman, wenn Jemand des Stoffs inne werden könnte. Eine Salon- und Boudoirgeschichte des Wiener Kongresses zum Beispiele nähme es vielleicht an Interesse und Wichtigkeit mit Flaßan auf. Welch' reizende, welch' interessante Weiber sind dagewesen! Was hat es für pikante kleine Nachtessen, Quiproquo's , Intriguen gegeben! Bei Quiproquo's fällt mir unter der Menge dessen, was ich verschweigen muß, die Kühnheit eines süddeutschen Herren ein, welcher dem Publikum als sehr redselig, auswärtige Politik um jeden Preis an den Mann bringend, bekannt ist. Die schöne, freundliche Dame, von welcher hier die Rede, sitzt eines Abends mit einem Preußen am Theetische, und erzählt ihm, daß sie noch den Besuch eines Mannes erwarte, welcher ihn sehr frappiren würde, nämlich des Ministers Stein. Das ist nicht möglich, ruft der Preuße, absolut nicht möglich. Stein, dieser strenge, ernste Mann hat nichts mit Rendezvous zu schaffen. 15 Nous verrons, Msr. – in diesem Augenblicke meldet der Bediente Se. Excellenz, den Herrn Minister von Stein – treten Sie dort hinter die spanische Wand, und erkennen Sie, wie artig und galant auch ein strenger, finsterer Minister sein mag. Dieß geschieht – in's Zimmer tritt, nicht Herr von Stein, sondern Herr von – jener redselige Deputirte, welcher es für gut befunden, zu schnellerer Karrière den Namen des Ministers zu benutzen. In deutscher Geschichte fände die Novelle schwerlich irgend reichere Nahrung als in Wien während der Kongreßzeit; – es war Alles Novelle innen und außen und um und um: ein totaler Sieg, an welchen man kaum geglaubt hatte, ein neu zu vertheilender Besitz, überall Spannung und Interesse, das Stehendste, Stabilste auf Wechsel und Veränderung angewiesen, die lebhaftesten, entschlossensten Figuren aller Nationen im Zusammenfluß, die lebendigsten, geistreichsten Frauen daneben, eine Welt mit tausend Stellungen feil und im Aufstriche – was mußte dieß Alles für Zustände wecken. 16 In der haute société derjenigen Zeit, von welcher in diesem Buche zumeist die Rede, ist mir nur die Herzogin von Sagan bemerkbar worden, als eine von denen, welche schon zur Zeit des Kongresses geglänzt hat. Außer ihr bildeten während meines Aufenthaltes die Herzogin von Cöthen, die Fürstin Metternich und deren Mutter, die damals noch lebende Frau von Tatitschef, Gemahlin des russischen Gesandten, den ersten Zirkel. Sogar jener Salon der berühmt schönen Gräfin Fuchs war nicht mehr ganz ausgezeichnet, weil er es schon ein wenig zu lange gewesen war. Die Bekanntschaft mit einem Kavalier, den wir kurzweg Xavier nannten, hat mir eine Menge Details verschafft, womit ich mein Glück machen könnte, wenn es mir nicht zu langweilig vorkäme, Klatschereien zu erzählen, die keine weitere Anknüpfung an sonstige Interessen haben. Ein Calembourg, auf jene Exklusiven bezüglich, ist mir noch im Gedächtniß, der sich gesprochen nicht übel producirt. In einem jener exclusiven Salons, dem der Gräfin Fuchs nämlich, war 17 es sehr schwer, unter die wirklich Eingeweihten aufgenommen zu werden, Anciennität, Zufall, Stand machten Alles, – wenn ich von Stand spreche, so versteht sich's von selbst, daß nur die Schattirungen unter dem hohen Adel gemeint sind, Anderes kommt nicht in Frage. Ein junger, schöner geistreicher Kavalier, der nicht zu den Exclusiven gehört, fragt einen häßlichen, welcher eine superfeine, auserlesene Gesellschaft bei der Gräfin den Tag vorher mitgemacht hat, wer Alles da gewesen sei, und bedauert, nichts davon gewußt zu haben – oh, – Monsieur – sagt der Häßliche und wirft sich in die Brust, il n'y avait absolument que la crème. Mais – erwidert der Andere – le petit lait (d) y était donc  – Xavier, Xavier, wie wird es dir ergehen, daß du solche Dinge erzählt hast, der du selbst nur durch Nebenumstände begünstigt Zutritt haben mochtest. Er kannte die Gräfin Fuchs sehr genau, desgleichen die Herzogin von Sagan und deren Schwestern, die Fürstin Paul Esterhazy, die Generalin 18 Kißeleff und fast alle Damen solchen Ranges, die durch ihre Stellung in der Welt Aufsehen erregen, und deren Verhältnisse und Leben in vielem Betrachte interessant sind. Er berichtete manches Unterhaltende und Pikante aus diesem Kreise, was anderen Orts einmal besprochen werden kann, wenn mir die Exklusiven nicht den lebhaften Wunsch nach dem Gegentheile ausdrücken. Man findet es sonst häufig, daß die höchste und beste Gesellschaft einer großen Residenz der nationalen Sphäre weit entrückt ist, sie hat nichts so individuelles; mit einigen Ausnahmen, natürlich besonders derjenigen, welche aus der Fremde hingekommen sind, ist dies in Wien nicht der Fall. Der vornehmste Oesterreicher ist ein Oesterreicher. Es wird Niemand so thöricht seyn zu behaupten, daß die vornehmen Cerkles geistlos seien – ein gewisser Mutterwitz, mitunter eine einzelne, sehr solide, anspruchslose Bildung finden sich nirgends so häufig als in Wien, aber, wenn dies vorausgeschickt ist, darf man zugeben, daß viele 19 Leere zu finden sei, welche nur zum Theil durch große Frische des Naturels erträglich wird. Ueberraschungen in diesem Betracht ereignen sich mannigfach; solch ein gewisses Niveau der Kultur, wie es sich im Norden vorfindet, existirt eigentlich in Wien nicht. Ich verstehe darunter jene gewisse Belesenheit, kourante Kenntniß geläufiger Interessen, eine Konvenienz des Antheils an bestimmten Dingen. In Wien findet man dieser Weise oft das Außerordentliche: Die größte Verbildung, und den Mangel jeder, auch der kleinsten. Eh' ich dies Terrain verlasse, muß ich noch zweier Frauen gedenken, die eine sehr eigenthümliche Position eingenommen haben; sie sind jener ersten Gesellschaft nicht beizuzählen, obwohl sie in der Wiener Societät von großer Bedeutsamkeit geworden sind. Es ist Frau von Arnstein und Frau von Geymüller. Die Letztere wird vielfach Semiramis genannt, und ihre Beziehungen sind darum so interessant, weil sie aus geringem Stande plötzlich in die glänzendste Sphäre gehoben wurde, und sich von 20 vornherein so sicher und zuversichtlich darin bewegte, als ob sie von Jugend auf dafür erzogen und bestimmt gewesen sei. So überwiegt ein starkes Naturel Alles, was beigebracht und gelernt werden kann; die Herren werden geboren, auch in den vornehmsten Ständen. Vom einfachen Mädchen ging sie ohne Weiteres zur vornehmen Dame über, die einen Palast in der Stadt, einen andern vor dem Thore, ein Landhaus und Schmuck und Geld hatte, so viel sie brauchen wollte. Und ohne überrascht zu werden handhabte sie dies, als müßte es so sein; den genialen Menschen gehört die Welt, es ist ihnen eine Zufälligkeit, ob sie ihnen zu eigen wird oder nicht. Aus diesem Grunde erklärt sich's, daß die alltäglichen Leute es oft durchaus nicht zu erklären wissen, wie Der oder Jener so rücksichtslos handeln, Geld verbrauchen, im Großen zuschneiden könne – sie haben allerdings keinen Maaßstab dafür, Der oder Jener hat den seiner unversiegbar im Innern quellenden Kraft, er fragt nicht, was er hat, sondern nur was er will; wofür ist ihm die Welt da, als um 21 zu gewähren was sie anregt. In kleinen Verhältnissen, bei ungünstigen Umständen werden hieraus die Verschwender, welche für den letzten Thaler einen Spazierritt machen, welche mit der Polizei kollidiren; bei günstigen Umständen und großen Verhältnissen entspringen aus diesem Fond die Herren der Welt. In Blüthe der Schönheit und des Glanzes stand diese Semiramis während des Wiener Kongresses, und die hohen Herrschaften wetteiferten um ihre Gunst; Kaiser Alexander, der allem weiblichen Reize ritterlich huldigte, ward zum Oefteren neben ihr gesehn. Das wunderliche Schicksal nahm denn auch die ungewöhnliche Energie dieser außerordentlichen Dame auf das Strengste in Anspruch: der schöne, stolze Leib ward mit einem unheilbaren Uebel geschlagen, und sie trug das schwere Geschick ungebeugt, ohne Klage, wie ein Kaiser, der um jeden Preis Kaiser sein will, eine glühende Krone trägt. – Dies stolze Ergeben in eine unabwendbare Nothwendigkeit 22 gehörte ebenfalls zur Größe ihres Charakters. Und so starb sie dahin. – Haben wir Dichter für solche Urkraft, haben wir deren? Die mögen diese Wienerische Semiramis besingen. Die Gelegenheit benutzend, reihe ich die Schilderung einer anderen ausgezeichneten Dame aus Wien hier an, wie ich sie dem Berichte eines seinen Beobachters verdanke, es ist die der Frau von Arnstein. »Wer in dem Zeitraume von einigen und dreißig Jahren, die theils aus dem Ablaufe des achtzehnten und theils aus dem Beginne des neunzehnten Jahrhunderts sich zusammenreihen, der wird unfehlbar den Namen Arnstein unter die bedeutendsten und werthvollsten rechnen, welche der Aufenthalt in jener großen Hauptstadt seinen dankbaren Erinnerungen eindrücken mochte. Die vornehmsten Fremden, regierende Herren und Prinzen, Gesandte, hohe Militärpersonen, Geistliche, Kaufleute, Künstler, Gelehrte, alle Klassen der Gesellschaft, fanden dort gefälligen Eingang, gebildete Unterhaltung, glänzende Geselligkeit. Nicht geringer war die Zahl derjenigen, welche 23 minder begünstigt durch ihre Stellung in der Welt, nicht sowohl Genuß, als vielmehr Schutz und Anhalt in diesem Kreise suchten, und hier mit großer Theilnahme und Freigebigkeit gefördert wurden. Wir lassen hier den Werth und die Wirksamkeit des großen Banquierhauses natürlich außer Betracht, und sprechen zunächst nur von den Beziehungen, die sich der geselligen Erscheinung anschließen, und für welche die Frau vom Hause so sehr der wahre und einzige Mittelpunkt ist, daß ohne ihre persönliche Macht und Auszeichnung dergleichen lebensvolle Gebilde gar nicht denkbar sind. Und in der That war dies auch hier der Fall. Die Frau des Hauses war durch ihre seltnen Eigenschaften, durch ihren Muth und ihre Beharrlichkeit die Schöpferin einer Fülle von Leben um sich her, die Fürstin einer großartigen, weitgreifenden Geselligkeit geworden, welche eben so wohlthätig als reich und glänzend sich den Zeitgenossen darbot. Uebrigens hat dieser Name Arnstein auch schon eine literarische Existenz, nicht nur widmet das Conversations-Lexikon ihm 24 einen eignen, wiewohl sehr kurzen und daher ungenügenden Artikel, sondern auch in manchen Büchern und Aufsätzen, z. B. vom Kapellmeister Reichardt, von Bartholdy, in den Briefen der Frau von Varnhagen \&c., wird dessen vielfältig ehrenvoll gedacht. Die Baronin Fanny von Arnstein war in Berlin geboren. Seltsam, wie der Austausch zwischen verschiedenen Ländern oft den Talenten und Wirksamkeiten nützlich ist! Manche Fähigkeiten entwickeln sich im Auslande, die in der Heimath nicht so gedeihen konnten, eine andere stillere Bahn durchschritten seyn würden. So empfing Preußen seinen Derfflinger und seinen Gneisenau aus Oesterreich, so dieses seinen Gentz und Adam Müller aus Preußen. Trotz aller Verschiedenheit in diesen Beispielen sei es uns erlaubt, die Frau von Arnstein im Allgemeinen dem Gewinn beizurechnen, den in dieser Art Wien von Berlin gezogen hat. Sie war eine Tochter des reichen und klugen Banquier Itzig, der die große Zahl von elf oder zwölf Kindern in solchem 25 Wohlstande und solcher Bildung hinterließ, daß jedes der Geschwister für reich gelten konnte, und persönlich in der Welt eine ehrenvolle und nach Umständen bedeutende Stellung einnahm. Doch der mitgebrachte Reichthum war es keineswegs, wodurch Frau von Arnstein in Wien glänzen konnte, sie fand in jedem Betracht größeren vor, sowohl in den eigenen als in den umgebenden Verhältnissen. Allein die frühe Gewohnheit, sich in Fülle und Glanz zu bewegen, und der Nachdruck, welchen äußere Hilfsmittel jedem persönlichen Dastehn und Benehmen ertheilen, geben ihrem Eintritte in den neuen Lebenskreis unstreitig gleich den größten Vortheil. Sie bedurfte dieses Vortheils, um größere geltend zu machen. Eine hohe, schlanke Gestalt, von Schönheit und Anmuth strahlend, vornehmen Tons und Betragens, lebhaften, feurigen Ausdrucks, scharfen Verstand und Witz mit fröhlicher Laune vereinend, nicht ohne Belesenheit, und fremder Sprachen wie der eigenen mit Meisterschaft kundig, war sie in Wien eine höchst auffallende und merkwürdige 26 Erscheinung; die Eigenschaften, welche nur wenigen Frauen der höchsten Stände anzugehören pflegen, sah man staunend in einer Jüdin glänzen, deren unter der segensreichen Regierung Friedrichs des Großen gediehene Geisteskraft und Bildung nur um so stärker in einer Stadt wirken mußten, wo man diese letzteren Vorzüge wenig verbreitet fand, aber zu schätzen und zu begehren bereits angefangen hatte. Das Wirken Kaiser Joseph's des Zweiten trug in Wien schon Früchte und drang in alle Verhältnisse noch immer tiefer ein. Eine günstigere Zeit konnte sich nicht darbieten! Ein angenehmes, jeden Tag zahlreichen Gästen aus allen Klassen offenes Haus, die reichste Bewirthung, der Zusammenfluß ausgezeichneter Fremden, die Verbindung adliger Ansprüche und Sitte mit bürgerlicher, ja nicht einmal bürgerlicher sondern ganz ausnahmsartiger Stellung, die unbedingte Herrschaft einer liebenswürdigen, thätigen Frau, die Alles um sich her belebt und entzündet, dies Alles in einer üppigen Hauptstadt, dem Mittelpunkte vieler Staaten und Völker, 27 wo die höchste Ueppigkeit, das behaglichste Wohlleben, mit stolzer Vornehmheit und rohen Vorurtheilen, aber auch mit lebensfrischer Einfalt und Gutmüthigkeit vereint im Schwange gingen: man denke sich diese Elemente in täglicher Berührung, in unausgesetzter Wechselwirkung, und man wird es nicht zu viel finden, wenn wir behaupten, das Haus der Frau von Arnstein habe die vielen Jahre hindurch wie eine Missionsanstalt gewirkt, und die Vorsteherin habe das Verdienst einer Vermittelung, die ohne sie nicht zu Stande gekommen wäre, und deren Folgen unberechenbar in den Strom des allgemeinen Lebens übergegangen sind! Lange Zeit war das Haus der Frau von Arnstein in Wien schlechthin das einzige seiner Art, und wenn später viele andere, sicher kein gleiches, entstanden sind, so ist gerade das auch ein Verdienst der ausgezeichneten Frau, durch welche diese Bahn erst eröffnet und für Nachfolgende gangbar gemacht worden ist. Die freie, geachtete, dem Zwang der Vorurtheile enthobene Stellung, deren später und 28 jetzt die mosaischen Glaubensgenossen in Wien sich erfreuen, ist ganz unläugbar erst mit und durch das eindringende Wirken und Walten der Frau von Arnstein gewonnen worden. Ein tragisches Ereigniß, was zu jener Zeit in den öffentlichen Blättern vielfach besprochen worden, drohte den Gang dieser vielfachen Lebensentwicklung zu stören, gab ihnen aber nur neuen Schwung. Ein Fürst Karl von Liechtenstein befand sich unter den Anbetern der schönen, glänzenden Frau; seine Neigung steigerte sich zur Leidenschaft, und diese war mit solcher Verehrung verknüpft, daß er mehrmals heftig in sie drang, eine Christin zu werden und seine Hand anzunehmen, welches sie aber, wie jede zu heftige Bewerbung mit kluger Festigkeit ablehnte. Ein Domherr, Freiherr von Weichs, brachte ihr gleichzeitig seine eifrigen Huldigungen, und da er in seinem geringen Erfolge die Begünstigung seines Nebenbuhlers sehen wollte, warf er den tödtlichsten Haß auf diesen; er nöthigte ihn zum Zweikampfe, in welchem der Fürst tödtlich getroffen fiel. Dieser 29 Vorgang brachte ganz Wien in Aufregung. die vornehmsten und mächtigsten Familien waren dabei betheiligt. Doch die tief erschütterte Frau, die ganz ohne ihre Schuld der Anlaß dieses Unglücks geworden war, erfuhr von allen Seiten die stärkendste Theilnahme und Tröstung, der Hof und die Stadt wetteiferten, ihr zu huldigen; es fanden sich die unzweideutigsten Zeugnisse der Großmuth, des Edelsinns und der Selbstverläugnung, mit der sie das ganze Verhältniß behandelt hatte. Daher konnte sie auch getrost mit ganzem Herzen sich dem tragischen Eindrucke hingeben, den sie ihr ganzes folgendes Leben hindurch, sagt man, nie ganz wieder verwunden habe. Jedermann fand ihre Trauer gerecht und schön, und sie durfte ohne Scheu den Mann beweinen, der als ihr Ritter das Leben geopfert hatte. Wir erinnern uns, in der Reise eines Engländers, dessen Buch uns aber nicht zur Hand ist, gelesen zu haben, daß Frau von Arnstein den Todestag des Fürsten von Liechtenstein stets mit stiller Trauer gefeiert, und sich in ein schwarzes Kabinet 30 verschlossen habe, was ganz dem Andenken des Verstorbenen geweiht war, und worin sie auch zu andern Zeiten manche Stunden in andächtiger Stimmung und Abgeschiedenheit zuzubringen pflegte. Niemand hat sich jemals rühmen können, dieses Kabinet gesehen zu haben; die Sage war aber allerdings sehr verbreitet, und galt allgemein für gegründet. Um die Wirkungen eines Lebens zu schildern, das Tag für Tag und Jahr um Jahr in ununterbrochenem Leisten besteht, bedürfte es der Umständlichkeit von Memoiren und bis in's Kleinste gehender Darstellungen. Wir können uns hierzu weder Zeit nehmen, noch liegt uns genugsamer Stoff beglaubigt vor. Wir fassen aber einen großen Theil des Lebens der Frau von Arnstein bündig zusammen, wenn wir ihre unbegränzte Wohlthätigkeit rühmen, ihrer zärtlichen Liebe zu ihrer einzigen Tochter erwähnen, die durch Schönheit, Geistesbildung und Lieblichkeit ganz einer solchen Mutter würdig heranwuchs, und wenn wir ihre für Oesterreich leidenschaftliche Vaterlandsliebe hervorheben, bei der gleichwohl auch die 31 zärtlichste Anhänglichkeit an Berlin und Preußen sich geltend erhielt. Der Titel eines Landsmannes war ihr heilig, und erwarb jede Freundlichkeit und Hilfe. Unermeßlich waren die Wohlthaten, welche sie in die Nähe und Ferne ausströmte, mit herzlichem Mitleid, aber auch mit kluger Einsicht und unverdrossener Thätigkeit. Sie hat vielen Menschen ein dauerndes Lebensglück bereitet, vielen den Weg des Reichthums aufgethan, manchen solche Summe geschenkt, die für ein selbstständiges Vermögen gelten konnte. Während des Konsulats von Bonaparte machte sie eine Reise nach Paris. Sie kehrte mit sehr ungünstigen Eindrücken aus Frankreich zurück. Die späteren Kriege und feindlichen Ueberziehungen, welche Oesterreich erlitt, erfüllten sie mit glühendem Hasse gegen Napoleon und die Franzosen; sie sprach diesen Haß leidenschaftlich selbst in Gegenwart der Feinde aus, und man konnte ihr nicht gefälliger schmeicheln, als wenn man ähnliche Gesinnungen an den Tag legte. 32 Nach dem Kriege von 1809, dessen Ausgang ihr wie ein persönliches Leid auf dem Herzen lastete, wandte sie ihre thätigste Mithilfe auf's Neue den Armen zu, deren Zahl durch den Krieg und seine Nachwehen sehr vermehrt war. Eine Gesellschaft adeliger Damen trat in Wien zusammen, um Nothleidende zu unterstützen; es waren die vornehmsten und angesehensten des Kaiserstaats, aber sie glaubten sich unvollständig und der besten Einsicht und Thätigkeit beraubt, wenn sie nicht Frau von Arnstein als Mitglied zählten. Dies war die größte Ehrenauszeichnung, welche der trefflichen Frau widerfahren konnte; jedes Vorurtheil sank vor der Macht der ächten Gesinnung und Thätigkeit. Sie war nicht nur die einzige ihres Glaubens unter diesen Fürstinnen und Gräfinnen ersten Ranges, sondern auch die einzige Frau nicht so hohen Adels. Mit ihrer Wohlthätigkeit ging ihre Gastfreiheit in schönster Eintracht. In ganz ungewöhnlichen Maaßen übte sie diese herrliche Tugend. Ihr Haus in der Stadt (am hohen Markte), ihr Landhaus 33 auf dem Wege nach Schönbrunn (bei den drei Häusern genannt), ihr Landhaus in Baden, alles war zur Aufnahme zahlreicher Gäste eingerichtet, ganze Familien wohnten dort, und genossen der wechselvollen, stets angeregten Geselligkeit, die ganze Welt wurde täglich aufgenommen und bewirthet. Die Befreiungskriege von 1813 und 14 erfüllten ihr Herz mit Entzücken, an beiderlei Vaterland, dem angebornen und dem angelobten, an Preußen und Oesterreich, konnte sie dasselbe Eine Gefühl erlaben. Sie gab unendliche Beiträge und andere Hilfsmittel für die Verwundeten und sonstige Kriegsbedürftige. Der Wiener Kongreß, der auf den Sturz Napoleons folgte, der Winter 1814 und 15, war der höchste Gipfel von Freude und Ruhm für Frau von Arnstein, die reichste Blüthenzeit ihres geselligen Ansehens und Wirkens. Schönheit und Liebenswürdigkeit glänzten in jüngeren Verwandten und Freundinnen, die sie ihrem Hause schon früher angeeignet hatte. Alle Personen höchsten Ranges und 34 ausgezeichnetster Bedeutung, Frauen und Herren, Fremde und Einheimische, fanden sich in ihren Sälen ein. Man konnte an demselben Abende den Herzog von Wellington, den Kardinal Consalvi, den Fürsten von Hardenberg, die Grafen Capodistrias und Pozzo di Borgo, den Freiherrn von Humboldt, die Prinzen von Hessen-Homburg, die Grafen von Bernstorff, von Münster und von Neipperg, und viele Andere solchen Ansehens aus der gedrängten Menge auslesen. Besonders hatten die Preußen hier die angenehmste Stätte, wo sie mit den Reizen der Fremde alle Behaglichkeit der Heimath genießen konnten. Sie wurden um so leichter dort eingeführt, als der nachherige preußische Generalkonsul und Geheime Legationsrath Bartholdy, der Neffe der Frau von Arnstein, in der Zahl der mit dem Staatskanzler Fürsten von Hardenberg nach Wien gekommenen Staatsbeamten war. Nach dem zweiten Sturze Napoleons entschloß sich Frau von Arnstein zu einer Reise nach dem Rhein und darauf nach Italien. Sie kehrte 35 kränkelnd zurück, und leider allzubald hatten die Ihrigen den Verlust der herrlichen Frau zu betrauern, die in ihrer Art wohl immer einzig bleiben wird, in sofern die Umstände schwerlich einer solchen Persönlichkeit, auch wenn sie je wiederkehrte, in solchem Maaße entsprechen können. Ihre Lebenswirkung wird bleiben, auch wenn der Name so leicht zu vergessen wäre; aber auch dieser ist Tausenden zu dankbarer Erinnerung eingeschrieben! Ihrer hilfreichen Gesinnung und Thätigkeit, so wie dem geselligen Glanze, den sie verbreitete, begegnet man noch immer in dem fortgesetzten Walten einer edlen Tochter, so wie zweier ihrer geliebten Schwestern, deren die eine längere Zeit ihre Hausgenossin war, die andere, gleich ihr in Wien verheirathet, einem nicht minder großen Lebenskreise mit Geschmack und Einsicht vorsteht, und die Alle in den Tugenden, welche sie ausübte, sie von jeher unterstützten und mit ihr wetteiferten. Wir würden uns freuen, durch diese Mittheilung andere ergiebigere aus jenem reichhaltigen 36 Wiener Leben hervorzurufen. Wir möchten besonders wünschen, daß eine lebhafte Schilderung, welche der verstorbene Ober-Präsident zu Cöln, Graf von Solms-Laubach, ehemaliger Reichshofrath in Wien, von seiner vieljährigen verehrten Freundin, der Frau von Arnstein, schon in früherer Zeit entworfen, unter seinen Papieren aufgefunden, und an geeignetem Orte bekannt gemacht würde. Zum Zeichen, wie sehr man irren kann, wenn man die Personen einer Völkerschaft unter eiserne Allgemeinheiten zwängt, erwähne ich noch eines Censors in Wien, den man Nachmittags in seinem Garten vor dem Thore besucht, und in welchem übrigens der Stockösterreicher keinen Augenblick zu verkennen ist. Dieser Mann ist so leidenschaftlicher Verehrer von Rahel, dieser Vertreterin kühnster Spekulation, daß er des Preisens kein Ende finden kann; sein Name ist »Rupprecht, Kaiserlicher Censor;« in seinem schönen Garten hat er zweiundsechzig Varietäten und viele Abarten der herrlichen Blume Chrysanthemum Indicum , und er liebt diese 37 Blume so, daß er ein Buch über Geschichte, Bestimmung und Pflege derselben in 211 Seiten geschrieben hat. In dieses Buch, was seine sonstige Liebe enthält, hat er dem Gatten Rahels, Herrn Varnhagen von Ense, folgende Verse geschrieben: Die Hohe, der ich lebend nie genaht, Wie heiß muß ich sie noch im Tode lieben! Goldblumen pflegte Sie auf Deinem Pfad, Gold war's, was sie gedacht, empfand, geschrieben; Drum schmücke, wie Deinen Wanderstab, Die edelste Blume das edelste Grab! Es sollte mir leid thun, wenn der Kaiserliche Censor, Herr Rupprecht, erschrecken sollte, daß öffentlich von seinen stillen Neigungen gesprochen wird; er charakterisirt auch. 38     Die närrische Gesellschaft. Es war eines Nachmittags und wir saßen zu Hietzing im Saale, wo Strauß dirigirte. Unter der Menge schöner Damen entdeckte ich Maria. Sie sah bezaubernd aus und ließ sich den Hof machen von zwei jungen schönen Herren mit vortrefflichen Wiener Backenbärten. Zuweilen wendete sie sich auch behend gegen einen andern Nachbar, das war ein feister, alter Herr mit einem klugen, jovialen Gesichte, dessen ich mich dunkel aus Karlsbad erinnerte. Es war eines von den Gesichtern, die so viel Behagen über der Schlauheit einzelne Züge verbreitet haben, daß man Zutrauen für sie faßt und nur in seltenen Augenblicken daran denkt, es stünde Einem große Ueberlegenheit gegenüber. Marie, 39 der ich mein Kompliment machte, stellte mich ihm vor, und nannte ihn Onkel. Er war sehr artig, und lud mich ein, den Abend in Hietzing zu bleiben, er wohne mit seiner Nichte da, und sähe viel Gesellschaft. Ich nahm es an, und als die Hauptaktion der Musik vorüber war, brachen wir auf; Herren und Damen folgten uns nach und nach, und als wir eine Viertelstunde in dem Landhause waren, das er bewohnte, bestand die Gesellschaft wohl aus zehn Personen, die sich im großen, ganz artigen Salon um den Theetisch gruppirte. Man sprach von Strauß, von Musik, von den Wienern. Es wurde dunkel, der lustige Oheim, welcher eben allein sprach, schwieg mitten im Satze, sein heiteres Gesicht wurde ernst, steinern ernst, mit der Hand winkte er den Bedienten, diese verließen den Saal, und schlossen die Thüren. Meine Herrschaften, sagte der Onkel mit fester Stimme. der Augenblick ist da, die Maske abzuwerfen: ich bin ein alter Arzt, sie sind mir 40 übergeben, um von einem partiellen Wahnsinne geheilt zu werden, der Sie in der verschiedensten Weise befangen hält. Sie, mein Herr Graf, haben übergeschnappt aus Hochmuth, Sie machen Verse und komponiren, und halten Jeden für einen Unwürdigen, der nicht auch Graf ist, Verse macht und komponirt. Sie wollen dort das gnädige Fräulein im grünseidenen Kleide heirathen, haben aber nie daran gedacht, sie glücklich zu machen, die Dame ihrerseits hat in ihrer großen Schönheit sich eben so wenig darum gekümmert, sie wollen repräsentiren Eins mit dem Andern, c'est tout . Das ist moderner Ehewahnsinn; ich bitte, Herr Graf, gnädiges Fräulein, sich von der Gesellschaft abzusondern, und das eben beregte Kapitel gegenseitig mit Ernst durchzusprechen. Die Gesellschaft war Anfangs einen Moment lang geneigt, zu lachen, und die Farce für einen dreisten Spaß anzusehen, der gebieterische Ernst des Onkels aber, den man niemals so gesehen, ließ dergleichen nicht aufkommen, man war vielleicht hier 41 und da der Meinung, seinem eignen Verstande sei etwas begegnet, und so fügte man sich der Reihe nach, theils aus Ueberraschung, theils, um den Alten zu schonen. Der Graf und das Fräulein standen auf, und die später Angeredeten und Beorderten gehorchten ebenfalls pünktlich. Sie, mit der schwarzen Brille und dem zuversichtlichen Antlitze, Sie sind amtsverrückt. Weil Sie ein geschickter Jurist sind, so meinen Sie, damit sei es abgethan, und überheben sich der Welt und ihrer Bildung, halten Alles Uebrige höchstens für geduldet, sich selbst für eine fertige Hauptperson. – Sie blasser, dreister Mann, wissen Sie, wo Sie sind? In einen staubigen Winkel der Welt haben Sie sich gestellt, wo es keine Aussicht, keine Umsicht gibt – wissen Sie, was Bildung ist? Nichts Einzelnes. Und wenn Sie einmal in ein Buch kucken, was nicht juristisch ist, so sehen Sie stolz um, und wollen es angerechnet wissen, daß Sie sich aus Gefälligkeit ein hors d'oeuvre aufgebürdet. Dort im Bücherschrank steht Göthe's 42 Wilhelm Meister, lesen Sie so lange, bis Sie eingesehen haben, die Welt sei tausendfältig. Sie, mein Fräulein mit dem glatten Scheitel, haben sich erziehen lassen nach Prinzipien, haben gelesen und gedacht Morgens und Abends, und nun ist Ihnen kein Mann wichtig und schwer genug, Sie theilen Körbe über Körbe aus, weil Ihnen die Freier nicht genügen, weil Sie nicht vom Morgen bis zum Abende über Aesthetik sprechen; Sie haben die Unbefangenheit des Herzens verlesen, die absichtlose, kindliche Liebe verloren, sind bildungstoll – setzen Sie sich mit diesem krausblonden Junker dort in den Winkel. Dieser rothbackige Nimrod ist Einfaltstoll, findet nirgends Bezug, Anknüpfung, nimmt Essen, Trinken, Jagdpferd, Nachbar ohne Gedanken hin – Sie können und müssen sich gegenseitig kuriren. Sie, mein Herr Kapellmeister, der Sie sich drüben im Saale die Ohren zuhielten, um keinen Strauß'schen Walzer zu hören, weil er die Kunst entweihe, Sie sind kunstverrückt, verletzen durch 43 einen gemachten Esoterismus die freie Herrlichkeit der Erfindung, Sie werden dort am Pianoforte den Venetianer spielen, bis Ihnen die Finger erlahmen. Sie, mein Herr, mit dem süßen Lächeln, der Sie Außerordentliches für die Menschheit zu leisten glauben, wenn Sie immer am Ersten und am Tiefsten den Hut abnehmen, immer voll Attention und Artigkeit scheinen, Sie sind ein Höflichkeitsnarr, denn Sie haben keinen Begriff von jenem außerordentlichen Bildungstheile, den wir Höflichkeit nennen, welcher auf unerschütterlicher Liebe und Nachsicht beruht, ein schönes christliches Element, eine Verläugnung des Egoismus ist in den feinsten Konsequenzen desselben. Unterhalten Sie sich mit unserm schriftstellernden Doctor, welcher trotz allen schönrednerischen Bildungsstrebens die Grobheit nicht verlernen kann. Sie dürften sich gegenseitig ausgleichen. Und Sie Narr des Enthusiasmus mit den fliegenden Locken, Ihr Herz ist auch nicht aus den 44 Kinderschuhen zu bringen, an alle Opposition, die mit gewaltiger, zerstörender Kraft vorgetragen wird, schließen Sie sich an, alles Einzelne, wenn es flackernd auftaucht, befängt Sie, es ist keine gegliederte, im Gleichmaaß sich bewegende Kultur in Ihnen, drum können Sie nie etwas Dauerndes, Umfassendes wirken, Sie leben in Stückchen, wirken in Stückchen, zerstören aber dadurch im Ganzen, schwärmen für einen schlagenden Ausdruck, sind ohne Nutzen für organisches Bilden – associiren Sie sich hier mit diesem magern Herrn, der seit Jahren mit der Welt und ihren Bestrebungen fertig ist, und nur höhnisch lächelt. Er ist Konsequenztoll und läßt hinrichten, wenn er die Macht erhält, er läßt guillotiniren, wenn Jemand einen kleinen Stift seines Systems bezweifelt. Er kennt alle Philosophieen, alle Geschichte, alle Dinge, er ist ein ausgezeichnetes Buch, aber er soll ein Mensch sein, welcher der ewigen Wandelbarkeit der Welt nachgeben, sich modificiren kann, denn die Welt mit ihrer laufenden Geschichte ist klüger, als der Mensch. 45 Sie, Madame, mit dem schwarzen Anzuge, Sie sind jung und hübsch und gescheidt, und glauben gewiß, irrthümlich in diese Gesellschaft der Narren eingetreten zu sein. Das sind Sie nicht. Warum verschmähen Sie eine neue Heirath? Weil Sie Ihr jetziges Leben ganz bequem und artig finden, sich keinen neuen Chancen aussetzen wollen, Sie sind eigennutznärrisch – die Menschen bedürfen der Verbindung, sie bedürfen dazu der Geselligkeitsopfer; wer sich davon ausschließen will, ist lasterhaft gegen die Societät – besprechen Sie sich mit meiner Nichte Maria, die in der entgegengesetzten Narrheit befangen ist. Sie will nur den Leuten gefallen, kokettirt drum mit aller Welt, bildet sich alle Augenblicke ein, zu lieben, und bringt sich so am Ende ganz um die Fähigkeiten der Liebe, zersplittert sich in Atome. Der junge Herr da neben Ihnen Beiden mag der Konversation zuhören, er glaubt, meine Nichte zu lieben und ist rücksichtentoll: vor lauter Beziehung kommt er nicht zu sich, Alles will er beachten und verliert sich auf diese Weise selbst. 46 Ich glaube, er liebt Marien auch bloß aus Rücksicht, weil sie ihn liebevoll ansieht. Und nun, meine verrückten Herrschaften, noch die Betheurung, daß Sie alle keine Oesterreicher sind, denn solche Spielarten kommen hier nicht vor; – morgen müssen Sie alle über die Grenze, und zwar unter meiner Anführung, denn ich bin selbst toll, naseweistoll, ich überhebe mich in Einsicht über Sie Alle, und schnappe somit selber über. Da ich aber am Längsten toll bin, so habe ich die meiste Routine und Methode, und deshalb schicke ich mich am Besten zum Anführer, wenn auch in dieser Behauptung wiederum der klarste Beweis meiner Verrücktheit ruht. Still! kein Einziger lasse sich in der ihm angewiesenen Beschäftigung stören – Herr Kapellmeister! keine falsche Pause im Venetianer, Sie mein Herr kein leeres Kompliment! Johann! den Thee! Maria mit der ihr zugetheilten Gruppe, der schwarzen, schönen Wittwe und dem rücksichtsvollen 47 Liebhaber machte den Thee, die Bedienten reichten ihn umher, alle Uebrigen blieben in der beorderten Lage und schienen fast wie durch eine magische Kraft hineingebannt. Alles Neue, Unerklärte überrascht und fesselt, auch im Gehorsam – der Kapellmeister nahm sich gar nicht die Zeit, seinem Venetianer nur einen Augenblick zu rauben für die dampfende Tasse, er spielte immer rascher und rascher, man ward an die Pferde erinnert, welche den Koller kriegen und sich zu Tode laufen. Der Höflichkeitsnarr lief komplimentirend neben mir im Saale auf und nieder, und prallte öfters scheu nach der Seite mit klappernder Tasse und zitterndem Löffel, wenn mich eine Derbheit überraschte; der Jurist sah verdrießlich in den Winkel und trank Thee in leidenschaftlichen Zügen; er beschäftigte den Bedienten ununterbrochen; um Terrain für Grimm und Zähne zu gewinnen, verschmähte er Backwerk und fiel verheerend ein in's Butterbrod. Der Enthusiast hüpfte neben dem Consequenztollen her, und ließ die Tasse fallen, als dieser einen großen Gedanken, einen 48 erschütternden Fluch über die thörichte Welt entwickelte. Mitten durch diese und die übrigen Gruppen schritt majestätisch der Onkel, ebenfalls Thee trinkend. Wir wollen uns zu der Gruppe am Theetische zurückbegeben, da sie allein für uns von Zukunft ist. Florentin heißt Mariens Liebhaber, die schöne Wittwe Diana. Sie sprechen von dem wunderlichen Onkel, Marie ist ungewöhnlich scheu geworden, Diana ernst und nachdenklich, Florentin allein spricht viel. 49     Mähren. Es kam der frische, sonnenrothe Morgen, wo ich hinausfuhr über die Donau, und Wien verlassen mußte. Durch Mähren ging die Reise. Czechisch fremdartig sind diese Länder – Mähren und Böhmen sind nämlich im Ganzen ein und derselbe Begriff. Die Leiber der Mähren sind mir etwas fleischiger vorgekommen. Es ist ein fruchtbares, tüchtiges Land, was sich in der Sonne hinaufdehnt an die Sudeten – es hieß einstens »das große Reich« und rang mit den Ungarn; aber die czechischen Völkerschaften haben kein Glück in der Weltgeschichte, sie sind alle untergeordnet worden. So sind vor allen die lang aufgeschossenen Wenden verunglückt: in Illyrien finden sich Spuren von ihnen, 50 Namen wie Windischgrätz künden eine Schädelstätte derselben an, in Sachsen begegnet man noch wendischen Dörfern (dieß ganze Häuflein Namen: Wenden, Sorben, Obotriten, Wilsen, Lusaten, und so fünf Minuten lang), die Geschichte hat sie zerrieben, und die Polen, Mähren und Böhmen haben allein noch Provinzen gerettet. Man wird hierbei an die letzten Helden Coopers erinnert, welche die Delawaren, die Mohikans, die Sious untergehen sehen, – ja die Erde selbst ist ein Hazardspiel. Es kann nicht leicht vermuthet werden, daß diese czechischen Völker je wieder aufkommen werden, so lebhaft auch Drang und Sehnsucht derselben ist. Bleiern ist die Geschichte ein für allemal auf die Häupter dieser Völkerschaften gefallen. Der Dialekt dieser czechischen Länder steht bekanntlich dem polnischen äußerst nahe, und das Verständniß mit den Sarmaten ist sehr schnell hergestellt. Ein Anflug von Wildheit ist ihnen geblieben, obwohl sie eine Zeitlang die Avantgarde der Weltgeschichte waren: die Hussiten waren die 51 Jakobiner des 15ten Jahrhunderts, einsame Ruinen auf diesen Harlekinsfilzen sprechen mit zahnlosem Munde von Cziska, die böhmischen Wälder waren allen Romantikern der Sitz unbändiger Menschen, die ungeographischen Franzosen nennen heute noch Zigeuner, Zauberer, fabelhafte Wesen des Bohémiennes , eine gewisse Unsicherheit befängt Einen bei diesem Lande. Wenn wir als fahrende Schüler aus der eingeengten östlichsten Landzunge Deutschlands durch die Berge strichen und bald hier, bald dort stockfremder Sprache, düster blitzenden Augen begegneten, da haben wir uns oft gefürchtet, und dieser Eindruck des Unheimlichen läßt sich nicht mehr verwischen, wenn auch die Völkerschaften nicht dafür können, und ihn vielleicht nur dadurch erzeugten, daß sie uns fremd waren. In mannichfachen Zweigen greifen sie in einander über, namentlich auf dem Wege durch Oberschlesien nach Polen hinein. Der Name Cziska lebt in den Gegenden von Ratibor und Leobschütz heute noch in mehreren Familien fort; ein wilder, 52 schwarzhaariger Sproß derselben studirte mit uns in Breslau, und sein sehniger Arm, seine schonungslose Klinge machte den blonden Deutschen viel zu schaffen. Diese zurückgebliebenen, fremdartigen Völkerreste mitten unter breiten Nationalitäten erwecken doch überall ein befremdendes, tragisches Gefühl. Sie erscheinen uns wie vergessen von der ausgleichenden Liebe allgemeiner Weltgeschichte. Aber die Walliser in England, die Waldenser in Piemont scheinen weniger getrennt zu sein, als der Stockczeche in Deutschland. Die haben sich neuerdings in vielfachen Bestrebungen geregt, die specialen Nationalitäten durch Sprache und Literatur geltend zu machen, namentlich hat man in Prag manchen tüchtigen und lobenswerthen Eifer darauf verwendet. Dagegen ist die plumpe Frage aufgeworfen worden, was dieß nützen, wohin es führen solle, man hat die Phantasieen über ein slavisches Gesammtkhalifat dabei in Rede gebracht, man hat viel gefaselt. Leicht möglich, daß die Völker des Ostens noch 53 eine große Zukunft haben, leicht möglich, daß sie noch einmal in unsere blasirte Kultur und Gesundheit hineinreiten wie einst die Horden der Völkerwanderung in die römische – die Bestrebungen der Philoczechen und Grammatiker in Prag werden dazu kein Moment bilden, die lasse man doch im Sinne einer konservirenden Bildung ihre kleinen Denkmäler sammeln. Wozu die Fragen unnütz auf die Spitze stellen, ob eine solche halbtodte Nationalität völlig getödtet werden solle oder nicht, weil solche zukunftslose Bestrebungen nur Anderes hemmten, und die aufgeweckte Literatur dieser Sprache keine Ausbeute gewähren könnte! Jedes ernste Streben weckt in der Geschichte, wenn auch nicht immer das Beabsichtigte, in jeder Sprache liegen eigenthümliche Civilisationselemente, wie in jedem Individuum, nur der Vandalismus tödtet, um zu vereinfachen – folgt nicht vorschnell dem radikalen Glauben, die Sprachen müßten auf wenige allgemeine reduzirt werden. Taugt er etwas, so wird er sich nach erschöpfter Ausbeute ohne direktes 54 Zuthun erfüllen. Nationalitäten pronirt heutiges Tags nur die Beschränktheit; aber auch nur die Allgemeinheitshast übereilt die Abschaffung derselben. Sollte man mich in Folge dieses Passus zum korrespondirenden Mitgliede solch einer czechischen Sprachgesellschaft erwählen, so könnte sich ein Unglück ereignen. Prag ist ihr Stolz, ihr heiliges Mekka. Es war gegen Abend, als ich dort ankam, ein regnerischer Nebel hing über der Bergstadt, über den stolzen Schlössern, wo die prächtigen Ottokare, die nüchtern-wilden Hussiten gehaus't haben, und, da der Regen in Strömen herunterfiel, mußte ich eingesperrt im Zimmer bleiben. Das ist ein passender Zeitpunkt, um über die närrische Gesellschaft und ihre Folgen aufzuklären. 55     Florentin. Florentin war bei einem österreichischen Beamten auferzogen worden; das ist von Wichtigkeit. Die Beamtenwelt eines Staates hat allgemeine Bezüge zur Nationalität, aber auch sehr bestimmte Abweichungen von dieser. Der Erzieher Florentins sah sich nur mit einem Komplimente nach einem Kollegen um, mit einem tiefen Bückling nach einem Vorgesetzten, er erstarb in Demuth, wenn er in die Nähe einer bedeutenden Staatsfigur gerieth. Die Atmosphäre theilt sich mit: Florentin, ein fein organisirter, empfänglicher Knabe, ward der höflichste und verbindlichste junge Mann, er schlug sich sogar mit dieser Höflichkeit und Verbindlichkeit durch die Studentenjahre auf einer norddeutschen 56 Universität, was ungefähr so viel sagen will, als der glückliche Rückzug Xenophons durch viele hundert Meilen feindlichen Landes. Der Erzieher hatte ihn nämlich entlassen, und Florentin begann seine Carriere in Norddeutschland. In kurzer Zeit war er der allgemeine Liebling seines neues Aufenthaltsortes, Niemand entging seiner Aufmerksamkeit, Jedermann fand sich mit besonders zuvorkommendem Wohlwollen behandelt, Florentin war Mittelpunkt, Liebling, Musterbild. Auf das Günstigste unterstützte ihn sein Aeußeres hierbei; er war schlank, hoch und geschmeidig aufgeschossen, fein und zierlich geschweift in Taille und Schulter, und doch stark und kräftig genug dabei, um den vollkommen behaglichen Eindruck einer schönen Figur zu erwecken. Sein Gesicht war ausdrucksreich, das Auge voll Gutmüthigkeit, das braune Haar dicht und reich. So lebte er eine Zeitlang in der angenehmsten Lage hin, die reichsten, gefälligsten Eindrücke kamen ihm von allen Seiten entgegen, denn das Befinden 57 in der Gesellschaft ist eben ein nach den Gesetzen der Schwere und Bewegung sich regelndes Verhältniß – sogar eine natürliche Anlage zu Zweifel und Schwermuth schien von ihm gewichen zu sein. Woran lag es, daß dies Leben plötzlich in's Stocken gerieth, ganz und gar in's Stocken gerieth? Er behandelte die Menschen wie Schemata, wie Begriffe, nicht wie gesonderte Individuen, und das bemerkten sie nach und nach, seine Höflichkeit und Artigkeit hatte nur eine allgemeine Physiognomie, das genügt aber den Leuten nicht, jeder Einzelne will der einzelne, eigene Erzeuger solchen Entgegenkommens seyn, er will ausgezeichnet werden, nicht aber eine gewöhnliche Nummer in der allgemeinen Bildungsziffer sein. Florentin war gegen Herrn Schmidt eben so artig wie gegen Herrn Schulz, und gegen Herrn Schulz ebenso wie gegen Herrn Huffmann, er fragte die Frau Kriegsräthin mit demselben verbindlichen Lächeln nach der Krankheit des Mopses, wie er sich bei der Frau Regierungsräthin nach dem Papagei erkundigte, er tanzte mit Rendantens Malchen eben so oft wie 58 mit Hofrath's Thusneldchen, es konnte sich Niemand über ihn beschweren, und darum wurde er zuerst Vielen gleichgültig. Es blieb ihm gegenüber nichts zu hoffen, nichts zu fürchten übrig, und dieser Zustand ist der Tod alles Interesses, das heißt hier: alles Interessantseins. Diese Wahrnehmung ging indessen eine Zeitlang an ihm vorüber, weil sein Herz von einem ungewöhnlichen Wohlwollen für eine Dame bewegt wurde. Sie war die einzige Tochter hochgestellter Eltern, und besaß Alles, um ein Gemüth wie Florentin's zur lebhaften Theilnahme anzuregen: sie war schlank und hoch gewachsen, das Antlitz war von fein begrenzter griechischer Form, alle ihre Bewegungen waren leicht, klein, in lockendes Maaß, in reizende Grenze gedrängt. Sie gab wenig aus in Wort oder Blick, aber das Ganze war in den Duft einer decenten, einschmeichelnden Weiblichkeit gehüllt, Alles an ihr schien geschaffen zu sein für die Gewohnheiten und Neigungen Florentin's; er war entzückt von Aurelien. 59 Aber hierbei trat ihm sein ganzer Mensch störend in den Weg; es war gegen seine Innerlichkeit, einem Wesen ausschließend zu huldigen, es verletzte ihn, irgend Jemand zu vernachlässigen. Auch das in Liebe bewegte Herz glaubte er seinen Forderungen an Bildung unterwerfen zu müssen. So gestattete er seiner zärtlichen Theilnahme keine bestimmte Färbung, und Aurelie gewöhnte sich daran, nicht mehr als einen theilnehmenden Freund in ihm zu erblicken. Die Stellung ihrer Eltern in der Gesellschaft war ihm auch ein zurückdrängendes Hemmniß, sie waren höher situirt, als er es jemals zu werden hoffte. Vor jeder Inkonvenienz bebte er aber zurück, Leute einen Augenblick in bedenkliche, schwierige und prekäre Wahl zu versetzen, war ihm ein Aeußerstes, zu dem er sich nicht entschließen mochte. So standen die Sachen: Alles hing an einem kleinen Anstoße, es bedurfte nichts als einiger Herzenskourage von seiner Seite, und Aurelie, die unberührte Blume, welcher noch kein drängender 60 Sonnenstrahl nahe gekommen war, hätte sich über Nacht entfaltet zur duftenden Blume, zur hingebenden Liebe. Er fühlte auch genau den wichtigen Moment der Situation, aber sein Wesen gestattete es nicht, so viel Rücksicht von Seite der Eltern, so viel Affekt von Seiten Aureliens in Anspruch zu nehmen für sich allein. Er zögerte, es kam ein anderer kühnerer Bewerber, an einem schönen Morgen gab der gallonirte Bediente aus Aureliens Hause eine Verlobungskarte bei ihm ab – Von diesem Augenblicke an brach Alles um ihn zusammen, oder vielmehr gewahrte er es völlig, daß bereits Alles zusammengebrochen sei. Sein von Liebe gehobenes Herz hatte es nicht bemerkt, wie gleichgültig die Menschen gegen ihn geworden seien, wie sie seine Höflichkeiten aufnahmen gleich einer Schuldigkeit, welcher er sich zu entledigen, und die man nach Belieben zu erwidern oder unerwidert zu lassen habe. Das ganze Gebäude seiner Existenz stürzte über ihm ein, er sah nirgends Wirkungen seiner 61 gesellschaftlichen Schritte, er mißtraute nicht den Menschen, sondern sich, glaubte, die Welt durchaus nicht verstanden, eine durchaus unpassende Stellung eingenommen zu haben, kurz es überkamen ihn alle die Qualen eines gewissenhaften Menschen, welcher plötzlich inne zu werden meint, daß er ein störendes, jedenfalls unpassendes Mitglied der Gesellschaft sei, was nothwendig zu Grunde gehen müsse. Die körperliche Anlage zur Schwermuth bildete sich mit Riesenschritten aus, denn Körper und Seele sind ein Leib; er machte unter der ärgsten Pein, die er sich aber um keinen Preis erspart hätte, überall Abschiedsvisiten, und kam der Verzweiflung nahe in Carlsbad an. Es ist hier, wo er ohne Verkehr mit der Welt, einsam im Zimmer lebt, die Bemerkung einzuschalten, daß die bisherige Skizze Florentin's nicht etwa flüchtige Leser verleiten solle, diesen für einen unbedeutenden Schwachkopf zu halten. Er war nichts weniger als dies. Sein ganzes Wesen war aus einem breiten, mannigfachen Systeme zusammen 62 konstruirt. Eben so darf man seine Höflichkeit nicht ohne Weiteres für Schwäche, für kindisch-eingelerntes Treiben ansehn – ein innerer, tiefer Zusammenhang wurde nicht vergeblich in ihm gesucht. Von vorn herein lebte und webte durch sein Herz wie durch seinen Geist der Grundsatz einer unendlichen Pietät; alles, was einmal war, hatte drei Viertheil Richtigkeit bei ihm voraus, weil es die Fähigkeit besessen hatte, sich zur Existenz zu machen, die Fähigkeit sich zu behaupten. Alles Historische im weitesten Sinne des Worts war ihm Auktorität, dahin gehörte nicht bloß die wichtigste Staatseinrichtung, sondern auch der kleinste Bezug zwischen Leuten, die Gewohnheit im Alltäglichen. Er liebte keineswegs die Kriecherei, aber von dem einmal abgewogenen Verhältnisse wollte er nicht einen Gran verloren sehn. Sich zu isoliren hielt er auch für Unrecht, er ging des Morgens zum Brunnen, und lernte dort unsre schöne Witwe Diana kennen. Da er sich auch wie einen Witwer ansah, so fand die Bekanntschaft 63 schnell und leicht harmlose und ungefährliche Bezügnisse. Diana hatte mancherlei Aehnlichkeit mit Florentin, nur besaß sie mehr Drang nach Abwechselung, und dieser hatte ihr eine zaghafte Kourage ausgebildet, womit sie mehr Andere als sich selbst aufzumuntern pflegte. Meisthin sind nur diejenigen Wesen am verlockendsten, von denen wir eine Ergänzung unseres Selbst hoffen. Bei all seiner konservativen Art war Florentin kein Ritter der Stagnation und des Stillstandes, ein so ermunterndes Etwas, welches nicht jach und frech heraustrat, reizte ihn ungemein, er verbrachte in dem engen Badeleben die meiste Zeit mit der schönen Witwe im schwarzseidenen Kleide. Sie war kurze Zeit verheurathet gewesen, verheurathet aus Konvenienz. Der Mann war gestorben; sie sprach selten von ihm, und wenn es geschah, so lag in dem Ausdrucke »mein verstorbener Mann« eine so unklare Mischung von Pietät, Gleichgültigkeit und Gewohnheit, daß Florentin keine weitere Veranlassung darin finden konnte, näher nachzufragen. 64 Ein ungewöhnliches Interesse, was sie an männlicher, ernster Bildung nahm, gab den Unterhaltungen festen Halt, Florentin's Scherz darüber nahm sie ernsthaft lächelnd hin, ohne ihn weiter zu beantworten. Brunnen und Umgang verscheuchten ihm den Trübsinn; wenn er zuweilen noch klagte, so tröstete ihn Diana mit wenigen scherzhaften, den Kleinmuth verwerfenden Worten. Dabei blickte sie auf ihre Arbeit, und erst wenn Florentin zu ihrer Ermunterung schwieg, schlug sie die großen Augen auf, in denen eine sichere Gutmüthigkeit und mancherlei gedanken-ahnungsreiche Phantasie zu ruhen schien. Die hatten etwas sehr Bedeutendes für ihn, diese großen schönen Augen, welche dunkle Brauen und Wimpern in lockenden Schatten stellten. Er suchte dann wohl ihre Hand und küßte sie; Diana war aber bei all solchen Annäherungen gewöhnlich verlegen, die Röthe stieg in ihr Gesicht, und so viel Reiz auch diese Jungfräulichkeit haben mochte, sie war nicht geeignet, den bedenklichen Florentin aufzumuntern. 65 Um diese Zeit traf Aurelie mit ihrer Mutter und ihrem Bräutigam im Bade ein; Florentin war bestürzt, als er sie des Morgens traf; er hätte fliehen mögen, aber sein Naturel gestattete es nicht, den Artigkeiten zu entrinnen, welche die Neuangekommenen von ihm, dem alten Bekannten und Freunde erwarten durften, der das Bad und dessen Gelegenheiten schon genauer kennen mußte. Aurelie war noch viel schöner geworden, die Reise halte sie aufgeregt, ihre sonstige Stille ward durch ein lebhafteres Wesen bewegt, und Florentin glaubte manchmal zu entdecken, daß aus der schweigenden Ruhe ihrer Formen und Blicke ungewöhnliche Zeichen von tiefem, starkem Temperamente aufschlugen, wie in stiller, schweigender Sommernacht plötzlich Blitze am Horizonte leuchten. Und wie unpassend erschien ihm der Bräutigam: ein glatter, gewandter Weltmann, ein aimable Roué , der schön tanzen und reiten, Artigkeiten sagen, eine Dame schön am Arme produciren konnte. Er bat Florentin in der Eile um seine Freundschaft, 66 da ihm Aurelie erzählt, mit welcher Artigkeit er sich früher ihre Unterhaltung habe angelegen sein lassen, er bat, der Dame im schwarzen Kleide vorgestellt zu werden, mit welcher Florentin eben promenirt sei. Auf diese Weise ging die Gesellschaft in einander über. Bald darauf erschien auch Marie, eine Bekannte Diana's, an welche sie sich anschloß und wodurch sie ebenfalls diesem Zirkel eingeordnet wurde. Es begann eine störsame bewegte Zeit für Florentin. 67     Leichte, spekulirende Charaktere können niemals so unglücklich werden, oder wenigstens nicht so leicht unglücklich werden, als österreichische, welche Florentin gleichen. Jene suchen sich bei ungewöhnlichen, mißlichen Verhältnissen neue Wege, und gelingt es auch auf diesen nicht, so trösten sie sich doch leicht über die fehlgegangene Spekulation mit der Hoffnung, daß die richtige wahrscheinlich dicht daneben ruhe, und beim nächsten Versuche gefunden werbe. Aber Florentin fürchtet sich vor der Abnormität wie vor dem Fehler, dem Irrthum selbst, das Abweichen vom Hergebrachten ist ihm ein riesiges Wagstück. Da sah er sich mit lebhafter Besorgniß drei jungen Damen gegenüber, zu welchen er, wenn auch in 68 verschiedenartige, doch gleich nahe und zutrauliche Verhältnisse gerieth. Diana zog sich zwar in ihrer Schüchternheit mehr zurück, sobald sie lebhaftes Gespräch und Interesse bemerkte, in welches Florentin von andrer Seite gezogen wurde, aber dadurch zog sie am Sichersten Florentin nach, ohne es zu wissen und zu wollen. Seine feinen geselligen Organe empfanden es auf der Stelle, wenn Jemand nicht mehr den vollen, befriedigten Herzensklang erwiderte im Umgange und Gespräch, das letztere mochte noch so unbedeutend scheinen. Daneben frappirte ihn Marie durch Frische, Muthwillen, durch springende, herausfordernde Schönheit. Der Wechsel ihrer Stimmungen und Launen, das Leichte, Spielende ihrer Auffassung, das Verlockende, Berauschende ihrer einzelnen Blicke, dieses ganze verborgene Triebwerk einer jugendlichen Koketterie überraschte und reizte ihn auf eine andere, neue Weise. Dies Wesen ging aus dem Gewöhnlichen heraus und war doch so gefällig! er fühlte sich aufgemuntert, in Bewegung gesetzt, fand alle die 69 Gegenseitigkeit und Elasticität der Gesellschaft, welche er so lange und schmerzlich vermißt hatte, in einem erhöhten Grade wieder, wie ein Champagnerrausch drang die Nähe Mariens auf ihn ein. Und zum Dritten, was sollte er mit seinem Herzen Aurelien gegenüber? Sympathie ist in vieler Rücksicht wie der Adel: sie wächst mit der bloßen Zeitlänge, sie ist ein Samenkorn, in's Herz geworfen, was ohne weiteres Zuthun wuchert und keimt und aufgeht, groß und gewaltig wird, ein Baum, der Alles überschattet, ohne daß wir noch daran gedacht, dafür gewirkt haben. Auch die Liebe hat ihren unsichtbaren Dämon, der im Schlafe mit uns spielt: ein Traum bringt das alte Bild vor unsre Augen, was wir bestäubt, vergessen dachten, und am nächsten Morgen steht es frisch und rosenroth vor unsern Blicken, verläßt uns nicht mehr, treibt uns zu Pferde, hinab in den Jahre lang verlassenen Ort, wo sie wohnt, wo sie waltet, zu ihren Füßen, an ihren Hals. Wir sind befangen, wir sind im Strudel, lange nachher gewahren wir 70 vielleicht erst, daß wir exaltirt worden, durch die Ferne der Farbe getäuscht worden sind, daß Jugend und Schimmer fehlen – aber dieser letztere Gang war fremd in Florentin's Seele. Sie war zu dicht mit Pietät angefüllt, um ihm Raum zu geben. Er sah nur Aurelie vor sich, die beglückende Schönheit, gedachte nur all der heimlichen Stunden, wo er neben ihr gesessen in harmlosem, wohlthuendem Gespräche, wo er ihre junge hoffende Seele aufgeschlossen habe den lockenden Aussichten auf stille, genügsame Freude, keuschen Genuß in der wohl gefügten Welt. Und er sah den faden Erben einer so wohligen Vergangenheit, er sah das ungewöhnliche, neue Feuer, was Aurelien in Wangen und Auge trat, wenn ihr eine entschlüpfte Andeutung an die Geschichte seines Herzens, ein ungewöhnlich warmes Wort, eine zufällige Berührung ihres Armes der jungen Braut näher brachte! War es ein Wunder, wenn ein Charakter, wie Florentins, alles Steuer zu verlieren glaubte bei solcher Meeresfahrt? 71 Es war an einem blitzenden Sommermorgen, als diese Gesellschaft, Aurelie mit ihrem Bräutigam, Marie, der alte Onkel, Diana und Florentin eine Partie nach Prag unternahmen. Sie hatten zwei bequeme Wagen und rasche Pferde, die Morgensonne vergoldete Berge, der Thau tropfte von den Bäumen, Lerchen stiegen um die Wette schwirrend und trillernd auf, die Luft war durch ein nächtliches Gewitter aufgeregt und wogte in warmen, üppigen Strömungen – Florentin, welcher Aurelien und der schönen Witwe gegenüber saß, warf alle störende Herzens- und Gesellschaftssorge hinter sich, und gab sich den verlockenden, süßen Eindrücken der Fahrt ohne Weiteres hin. So ward er freundlicher, dreister als gewöhnlich gegen die junge Braut, und es war nicht wohl zu verkennen bei der Einfahrt in die stolze Bergesstadt, daß Aurelie in einer ungewöhnlichen Bewegung war. Der Abend lockte die Gesellschaft zu einem Spaziergange, man war zeitig genug angekommen, und fühlte sich nicht ermüdet. Sie waren schon alle im Hausflure des Gasthofs, 72 als Aurelie den Arm ihres Bräutigams fahren ließ, und mit der Erklärung, etwas vergessen zu haben, umkehrte. Florentin, welcher ihren Blicken begegnete, bewies sich galant, und sprang die Treppe voraus, um das Vergessene herbeizubringen, athemlos kamen sie auf dem Zimmer an, Aurelie blieb stehen, ihre Brust stürmte, Florentin fragte kaum verständlich, was sie zurückgelassen habe, sie antwortete nicht, sah zu Boden. Er schwieg ebenfalls, und hatte ihre Hand ergriffen, die leise zitterte in der seinigen. Plötzlich richtete sie ihren Kopf in die Höhe, sah ihn mit lebhaften, glühenden Augen an, und fiel ihm mit dem Ausrufe »Florentin, o Florentin!« um den Hals. Sie küßten sich, wie Wanderer trinken mögen, die eine brennende Tagereise durch Wüsten gemacht haben ohne Wasser. Aurelie! rief der Bräutigam, die Treppe heraufkommend. Die Thür war nur angelehnt, sie hörten ihn, und flogen von einander. – – Wer von diesen Verhältnissen und Vorgängen unterrichtet gewesen wäre, für den hätte es ein sehr 73 auffallender Anblick sein müssen, die Gesellschaft auf den Nebenhöhen des Hradczin spaziren zu sehen. Die Sonne war eben unter gegangen, roth wie Scham und Freude starker, leidenschaftlicher Wesen lag ihr Schimmer auf der duftenden Erde, die Fenster der Palläste auf dem Berge glühten, und immer dunkler, unendlicher ward die untere Stadt mit ihren steinernen Häuserkolossen, mit der gewaltigen Brücke, mit den vielen Thürmchen: die Gesellschaft war still und sah hinunter nach der Stadt. Aurelien's Augen leuchteten in ungewöhnlicher Begeisterung, und suchten Florentin. Aber Florentin ließ die seinigen nicht finden, eine Wolke dichter Trauer hing über seinem Antlitze, und nur seine große, gesellige Routine verbarg es, mit welcher Anstrengung er seiner Obliegenheit nachkam, und Dianen unterhielt von den böhmischen Herzögen und Königen, vom heiligen Nepomuck, dem ersäuften. Geflissentlich wich er Aurelien aus beim Rückkehren, und als diese nicht sogleich erkannte, daß 74 solche Hindernisse nur von ihm allein ausgingen, war jeden Augenblick ein leidenschaftlicher Schritt von ihrer Seite zu besorgen. Es ist, als ob die Passionen ein Erbrecht von ganz bestimmter Ausdehnung auf uns hätten, was sie früher oder später unerbittlich und rücksichtslos geltend machten: schweigsam, wie nicht existirend, hatten sie in diesem ruhigen Mädchen geschlummert, ja Niemand hatte ihr Dasein geahnt, und jetzt traten sie plötzlich so drohend, ungebunden hervor. Man hat Viel hin und her gesprochen, und wird Viel hin und her sprechen, ob sie mehr Göttliches oder mehr Bestialisches in sich tragen, die edlen Leidenschaften unseres Herzens, welche die Schranken aller Bildung brechen, dem Herzen die ursprünglichen Rechte vindiciren, keine Schonung, keine Rücksicht erkennen. Für diesen Zweck genügt es darauf hinzuweisen, daß sie just in stillen weiblichen Charakteren oft in größrer Gewalt angetroffen werden, sie sind wie der Blitzesschatz einer schweren Donnerwolke aufgespart 75 worden, welche geräuschlos, blaß und ohne die mindeste Ankündigung daher zieht, bei dem leisesten Anstoße aber eine nie erwartete Kraft und Fülle entladet. Aurelie jagte an diesem Abende ihren Bräutigam fort, und rief und schickte fortwährend nach Florentin. Er war nicht zu sehen, der Glückstaumel hatte ihn vor dem Spazirgange überwältigt, er hatte sich eine kurze Zeit ganz und gar dem Rausche hingegeben, den ein plötzliches Begegnen in Liebe besonders dann mit sich bringt, wenn es mit einem alten Wunsche des Herzens zusammentrifft. Denn unsere Wünsche wachsen uns unbemerkt über den Kopf wie unsere Kinder. In jenen Momenten hatte er zum ersten Male alle Rücksicht vergessen, sich der Poesie des Augenblicks hingegeben wie ein Kind. Noch eh' die Sonne unterging, hatte er aber sich und das Grundwesen seiner Bildung wieder gefunden, es bedrängten ihn stürmisch die Gedanken: was soll aus der Welt werden, wenn wir allen plötzlichen Regungen nachgeben oder gar fröhnen und 76 schmeicheln wollen, wenn wir alle abgeschlossene Uebereinkunft, alles geordnete Verhältniß ohne Achtung bei Seite schieben, um unserm egoistischen Gelüste nachzukommen, wenn uns die Braut, die Gattin nicht mehr verpflichtete, geweihte Wesen sind, welche die Kultur außerhalb unsrer Gedanken und Wunsche hingestellt hat. Es gab einen harten Kampf in seinem Innern, und als er spät in der Nacht in's Gasthaus kam, glaubte er, einen Sieg errungen zu haben – er setzte sich hin, um Aurelien zu schreiben, wie nothwendig es sei, daß ihre beiderseitige augenblickliche Verirrung für eine solche angesehen werde und die einzige bleibe – Der Onkel erzählte ihm, was vorgefallen sei, wie Aurelie nach ihm verlangt habe, und dies beschleunigte seine Feder, gab ihr noch entschied'nere Worte. Als er hörte, daß in Aureliens Zimmer noch Licht sei, ließ er das Kammermädchen rufen, und gab ihr alsbald das Schreiben. 77 Aurelie schrie laut auf, als sie's gelesen, dann schwieg sie lange, trat in's Fenster, sah in die dunklen Nachtwolken. Als endlich das Mädchen fragte, ob sie ausgekleidet seyn wolle, sprach sie: Packe meinen Koffer und bestelle mir Postpferde. Die ersten Tagesstreifen zuckten am Horizonte herauf, als sie nach Karlsbad zurückfuhr. Ihr Bräutigam, welcher gut geschlafen hatte, erfuhr diese Abreise erst spät am andern Morgen, und fuhr ihr gegen Mittag nach. 78     Prag. Diese letzten Ereignisse fielen in die Mitte des Sommers 1833, und die Reisegesellschaft war erst seit wenig Tagen von Prag zurückgekehrt, als ich damals nach Karlsbad kam, und ein sanguinisches Reisefaible für Maria faßte. Ich erinnere mich sehr wohl eines schlanken jungen Mannes, der leichten aber langsamen Schrittes bei den Brunnen umherstrich im langen dunklen Sürtout. Es war ein ausdruckvolles, tragisches Gesicht, und obwohl die ganze Erscheinung im Grunde nach Einsamkeit zu dürsten schien, so sah man ihn doch immer jeglicher Ansprache mit der größten Bereitwilligkeit entgegenkommen, dieß war Florentin. 79 Aurelie war abgereis't; Maria ließ es sich angelegen sein, ihn zu ermuntern. Dieß wunderliche Mädchen konnte Niemand traurig sehen, und so hatte sich's denn ereignet, daß ich nach einem Vierteljahre diese beiden Leute in Wien als Verlobte wieder fand. Der alte Onkel, welcher mit großer Aufmerksamkeit Florentins frühere Geschichte erforscht, das Wesen und Treiben desselben beobachtet hatte, sprach sich an jenem Abende in Hietzing frei und unumwunden drüber aus, wo er die Nichte sammt ihrem Bräutigam in die närrische Gesellschaft einschloß, und die Zuneigung von Seiten Mariens einer Koketterie zuschrieb, die sich selbst täusche, die Liebe Florentins aber nichts als eine erwidernde Rücksicht nannte, wie sie seinem höflichen Herzen noch hundertmal entsprießen könne. Die mißhandelte Gesellschaft lös'te sich an jenem Abende noch in erträgliches Wohlgefallen auf; als es zehn Uhr schlug, erklärte der Onkel, die erste Probe sei hiermit überstanden, die Betheiligten 80 möchten in der angedeuteten Weise ihre Narrheit zu kuriren suchen; sobald er wiederkehre, solle ein specielles Examen statt finden. Damit nahm er den Arm seiner Nichte, führte sie an den harrenden Wagen und fuhr davon. Im Fremdenverzeichnisse des schwarzen Rosses zu Prag fand ich an jenem regnerischen Abende seinen Namen, und der Kellner berichtete, daß die Herrschaften drei Zimmer im ersten Stock bewohnten, nämlich der alte Herr, sein Fräulein Nichte und die Wittwe im schwarzseidenen Kleide. Gestern sei auch Herr Florentin wieder angekommen. Das war erklärlich: seine Höflichkeit konnte nicht gestatten, daß die eingegangene Verpflichtung mit Marien auf eine so brüske Weise gelös't würde. Man hätte nicht glauben sollen, daß sich unter solchen Umständen ein behaglicher Verkehr habe gestalten lassen. Und doch war dem so. Der Onkel, welcher das Ganze humoristisch anzufassen, und dem Verhältnisse auf solche Weise eine angenehme Färbung zu geben wußte, wirkte dadurch auf's Beste 81 ein. Marie, die leichte, lose, faßte dieß mit ihrem glücklichen Naturel auf, und so ward die mißglückte Verlobung entweder leichtsinnig und heiter persifflirt, oder mit ungezwungener Manier ohne Beachtung gelassen. Diana war still und lieb dabei: wenn Florentin seine Wünsche über enges, häusliches Leben entwickelte, und Marie ihn deßhalb als einen jungen Philister verspottete, dann stimmte ihm Diana bei mit wenigen aber herzlichen Worten. Sie gab reizendes Detail zu seinen Bildern. »Ich bin verloren,« pflegte er zu sagen, »für die bewegliche, kreisende Welt, ich werde in meine Heimath Oesterreich zurückkehren, irgend eine harmlose Gespielin meiner Jugend aufsuchen, und mir ein beschränktes, stilles Leben einrichten.« Das wird Sie beglücken, setzte Diana hinzu. Verhältnisse und Stimmungen waren auf diese Weise wohl geordnet, um uns für alle äußeren Eindrücke unbefangen zu erhalten; wir betrachteten die alte merkwürdige Stadt. 82 Sie ist durch die Moldau in zwei Theile geschieden. Auf dem rechten Ufer, also derjenigen Seite, die Wien zunächst liegt, ist die Alt- und Neustadt, auf dem linken an den Bergen hinauf und auf der Höhe selbst die berühmte Kleinseite und der Hradschin. Wien hat Paläste, in Prag präsentiren sie sich. Die grauen stolzen Schlösser von Stein auf der Kleinseite sprechen gewaltig vom böhmischen Adel, von seiner Macht, seinen Protestationen gegen die Kaiser, von all' der slavischen Herrlichkeit früherer Jahrhunderte. Auf der kompakten steinernen Brücke, welche die beiden Städte verbindet, steht der heilige Nepomuk, welcher sein Leben dafür geopfert hat, auf allen Brücken schweigend fortleben zu dürfen. Wie viel Leute, die ungerecht ersäuft wurden, sind in der Dunkelheit verloren gegangen: so wichtig bleiben Verhältnisse für Gedächtniß und Ruhm. Jedes Kind macht die Bekanntschaft des heiligen Nepomuk und läßt sich die Geschichte erzählen, wie er sich geweigert habe, dem wüsten, besoffenen König Wenzel das Beichtgeheimniß der Königin zu 83 verrathen, wie er von der Brücke hinabgestürzt worden in den Fluß, blitzende Hellebarden haben das Volk zurückgedrängt, fünf kleine Flammen sind leuchtend aus den Wellen getreten, als er untergesunken ist. Maria, die lose, blieb lange vor der Statue rasten, und sagte: Er ist ein Märtyrer der Frauen gewesen, das ist seiner Renommee sehr zu Hülfe gekommen; es ist nicht genug, seine Helden nicht zu vergessen, wie Ihr Männer thut. Uebrigens muß man dieses Bild sehen, um eine Intuition in Nepomuks Zustände und Charakter zu gewinnen. Das ist ein gefälliger menschenfreundlicher Kopf, es ist ein natürliches Gefühl in diesen Zügen, und Nepomuk ist sicher nicht so blöde gewesen, wie man thörichter Weise voraussetzt – braver Nepomuk mit so viel Discretion für die schöne Königin, blauer Mann, wirklicher Märtyrer! Auf dem Hradschin, dem stolzesten alten Herrscherschlosse, wohnte eben der Kaiser Franz, er war das letzte Mal in Böhmen, es war Sonntag und er gab Audienz. Die Menschen, welche zu bitten 84 hatten, man denke also, welche Schaaren strömten hinaus, um ihm an's Herz zu legen, die verlangsamen Gedanken schlafloser Nächte. Wahrlich, es ist ein göttliches Glück, Kaiser zu sein, Hunderten konnte er helfen an diesem Sonntagsmorgen, Hunderten konnte er die verwelkte Hoffnung anfrischen. Alle Gänge des Hradschin waren mit Supplikanten angefüllt – nach vielen, vielen Jahren werden die Familien erzählen von jenem Morgen. Wir treten in den wunderlich schönen Dom, wo ein rother Küster mit zusammengeleimter Perücke schlechte Merkwürdigkeiten zeigt; aber die Sonne brach draußen die Regenwolken und flog bleich in die langen Fenster über den massiven Sarg des heiligen Nepomuk, über das Grab der Ottokare. Es ist mir unsicher im Gedächtnisse, daß jener Sarg von blankem Silber war, aber ich kann nichts Positives sagen, da mir Muhamed's Sarg nicht aus dem Gedächtnisse will, der in der Luft schwebt an den unsichtbaren Kräften eines Magnets. 85 Der rothe Küster schnupfte am Grabe Ottokars – eine schlecht gemachte Perücke und eine Schnupftabakdose sind jeder Kirchenillusion tödtlich; es sollte Beides nicht geduldet werden. Die alten Fürsten der Kirche gingen im Nothfalle mit völlig nackten Köpfen, ich gedenke immer mit heiligem Schauer eines solchen Bildes, wo Bernhard von Clairvaux dem Kaiser Conrad Kreuzzug predigt – wenn Bernhard die Perücke und Schnupftabakdose meines rothen Küsters gehabt hätte, er würde keinen Kreuzzug zu Stande gebracht haben. Schnupftabak gestattet keine Begeisterung. Es ist eine wilde Schönheit in dieser Kirche, der graue Tag und die bleichen Sonnenstrahlen mochten das ihrige dazu beitragen, eine böhmische, slavische Schönheit, etwas Unordnung unter massiven, stolzen Stoffen, keine weiche, künstlerische Kultur. In diese Auffassungsweise paßt Ottokar; vielleicht ist er Schuld daran, ich sah fortwährend sein Grab offen, und hinter den Pfeilern ging er umher hastig, innehaltend, wild, halb in verschossenen, 86 vornehmen Sammt gekleidet, halb in Eisen, eine böhmische Mischung von Reichthum, Kultur und Wildheit. Es ist mir nicht mehr recht gegenwärtig, welcher Hebel mangelt in Grillparzers »König Ottokars Glück und Ende,« daß es kein überall verlangtes Stück geworden, aber ich erinnere mich deutlich schöner Bilder daraus, die mir immer einfallen bei Böhmen und böhmischen Königen: Kaiser hat er werden wollen, der stolze, hoch gewachsene Czeche, ein schweizerischer Edelmann, Rudolph von Habsburg wird ihm vorgezogen, knieend soll er, der schimmernde Fürst, dem schlichten Ritter huldigen. Der Uebermuth, der Zorn schäumt auf der Lippe; die Umstände werden ungünstig, er bezwingt seinen Stolz, beugt sein Knie unter einem bergenden Zelte – das Zelt fliegt auseinander, die Völkerschafter sehen den gebeugten Böhmerkönig; rasselnd, von Wuth gepeitscht, springt er auf; der Krieg um Tod und Leben wird entzündet, auf dem Wienerischen Marchfelde kommt es zur wilden Schlacht und Entscheidung, ob Oesterreich oder Böhmen oben sei. 87 Böhmen fällt, und ist Oesterreichs nimmer wieder Herr geworden, denn auch die rauhhaarigen Hussiten gingen unter. Im abgetragenen schwarzen Kleide irrt der kleinmüthig gewordene Ottokar an den Burgthoren umher, auch seine kleinen Feinde demüthigen ihn, er ist zerbrochen; das stolze Böhmen stirbt mit ihm. Wallenstein war der letzte Versuch dieses Landes: in den fanatischsten Religionskrieg trat er mit dem kühlsten theologischen Indifferentismus, und erlag, weil er keine Begeisterung mitbrachte und sich nicht mit zweiten Positionen begnügen wollte. Die ersten Stellen der Herrschaft sind immer nur dem Herzen feil, wenn es auch ein wildes und irrendes ist, der Kopf allein wird nur Minister. Ein düsterer Palast ist in Prag noch übrig vom knöchernen Friedland, und auf den Schlössern im Lande begegnet man nur noch seinem Gedächtnisse, sonst ist der Name Waldstein verschwunden. Ich habe schon früher erwähnt, daß man ihn jetzt unschuldig macht, daß er für ein Opfer der Hofkabale 88 ausgegeben wird, der Erzherzog Karl soll Kisten gefunden, geöffnet und gleich nach Wien geschickt haben – wer nimmt den Schiller zurück und dem Volke das Bild aus der Cotta'schen Ausgabe? Karl X. war durch die Anwesenheit des Kaisers vom Hradschin vertrieben, und es half uns nichts, die Stunde seiner Messe abzuwarten, welche er sonst täglich in dieser Kirche einzuhalten pflegt. Ein Regenschleier lag über dem steinernen Thale, als wir heraustraten auf den Berg – ich hatte mich so lange gefreut, das pittoreske, gepriesene Prag zu sehen, und fand es in so schlechten Farben. Darum enthalte ich mich, ein Urtheil auszusprechen: ein wenig wüst und steingrau gefärbt mag es wohl am besten Tage sein. Dieß ist ein Grundmangel vieler deutschen Gegenden, welcher den noch so interessant gruppirten Erdmassen den Anstrich einer gewissen Aermlichkeit gibt. Das Wort pauvre drückt noch deutlicher aus, was ich meine. Bei ähnlichen deutschen Gegenden werde ich immer prosaisch an die Entstehung solch pittoresker Partieen 89 erinnert. Die Fluthen, die Ueberschwemmungen, welche einen großen Theil unserer Oberfläche geformt haben mögen, erscheinen mir wie erst gestern dagewesen, die Farben haben die Erdwunden nicht dicht genug bedeckt, und der Zufall einer solchen Bildung, in welche wir Tausenderlei hinein dichten möchten, stört ebenfalls meine Illusion. Wer läßt sich beim Anblicke einer glänzenden Frauenschönheit gern daran erinnern, wie die Dame vor wenig Jahren ein mageres Fischlein gewesen sei mit abgeschnittenem Haar – die Unmittelbarkeit besticht; eine schöne Gegend erinnert nicht zuerst und zunächst an die Geologie. Farben, Farben fehlten und fehlen Deutschland, daher unsre Ideologie, unsre blassen Ideale. Gott sei Dank, daß wir grüne Wälder haben, sie trösten unser Auge und Herz. Marie sang in das Thal hinunter: Grünes England, grünes Deutschland Deine Männer sind so weiß – Kennst Du keine schwarzen Augen, Augen glühend, brennend heiß? 90 Blasse Länder, blasse Liebe, Herz, wo ist Dein Vaterland? Mußt zum Wandern Dich entschließen Nach dem dunkelbraunen Land! Ich glaube, Mädchen, sagte der Onkel, Du wirst noch verrückt, voll bornirter, gemachter Leidenschaft, künstlicher Sehnsucht, Koketterie – Du kriegst in Deinem Leben keinen Mann. Doch Onkel, doch! 91     Das böhmische Mädchen. Maria war und blieb ein ausgelassenes Kind, der Onkel hatte seine liebe Noth. Als wir vom Berge herabstiegen, gab sie mir den Arm und erklärte mir die Landschaft – sie war ja schon damals in Prag gewesen, wie Aurelie mitreis'te – bei schönem Sonnenscheine muß es ein romantischer Anblick sein, den vielleicht nur Heidelberg in Deutschland übertrifft. Die Städte dehnen sich an beiden Ufern des Flusses und an den Bergeshängen hin, tief unten erzählt schwarzgrau der Wischerad von alter, unheimlicher Slavenzeit, inmitten der Moldau liegen zwei große Inseln, die Schützen- und Färberinsel, genannt »Groß- und Klein-Venedig,« dort tummelt sich Sonntags der Böhme, und es war 92 Sonntag. – »Wir wollen heute unter das Volk gehen,« sagte Maria, »ich habe eine kleine Mannsgarderobe für Gebirgsreisen bei mir, die leg' ich an, und so streichen wir herum. Aber Florentin muß mit uns gehen, hören Sie warum: Ich habe hier ein schlichtes Mädchen beobachtet, das in unserer Nähe wohnt. Die geht heut Abend zu Tanze, ich glaube, sie heißt Rosalia. Das Böhmerland würd' ich wiederzusehen glauben, wenn mir dieß Mädchen in Afrika begegnete. Es ist eine schlanke Gestalt mit raschen Bewegungen, ein blasses Gesicht mit dunklen, meist verschlossenen Augen, die einzelnen Theile des Antlitzes stehen nicht in ganz richtigem Verhältnisse zu einander, die Lippen sind schmal und fest auf einander gedrückt, aber der Eindruck des Ganzen mag für die Männer pikant und herausfordernd sein. Es bewerben sich Viele um das Mädchen, sie nimmt aber wenig Notiz davon, nur einem jungen Burschen gestattet sie ein wenig mehr Vertraulichkeit. Dieser Franz hat eine auffallende Aehnlichkeit mit Florentin, des Abends geht sie 93 unter unsern Fenstern mit ihm spazieren. Vorgestern musicirte und sang ich bis tief in die Nacht hinein, mein Zimmer war dunkel, und ich trat vor dem Schlafengehen noch einmal an's offene Fenster, der Mond schien hell, bei Florentin war noch Licht, ich hörte, wie er sein Fenster schloß, und drüben aus dem Schatten huschte eine verhüllte Gestalt, in dem Häuschen, wo Rosalie wohnt, verschwand sie, ich erkannte sie am Gange.« – Florentin hatte auf all diese Dinge nicht Acht gehabt, und mit gewöhnlicher Höflichkeit fügte er sich Mariens Bitten, sie zu begleiten. Er bat Diana, auch von der Partie zu seyn; es war dieser indessen zu gewagt und unternehmend, der Onkel schüttelte den Kopf zur dreisten Maskerade seiner Nichte und murrte, aber das tolle Mädchen kehrte sich nicht daran, und um 9 Uhr des Abends suchten wir den Ort des Tanzes auf. Die Aufgabe war nicht leicht, und wäre uns ohne das im Mondschein herum spazierende Paar Franz und Rosalie kaum gelungen. Marie knüpfte 94 sogleich Unterhandlungen an, von Rosalien war sie oft gesehen worden, es war zu vermuthen, daß dieß Mädchen sie erkennen würde, und deshalb schien es gerathener, Rosalie selbst in's Geheimniß zu ziehen. Diese letztere benahm sich mit einer seltenen Mischung von schüchternem, blödem Wesen und hastiger Dreistigkeit, ihre verriegelten Augen sprangen oft plötzlich über Florentin's Gestalt hinweg, und hafteten dabei einen Moment lang starr und forschend nach den Blicken desselben. Man stieg einige Stufen nieder in ein Souterrain, es waren Gewölbe, die mit spärlicher Beleuchtung ausgestattet Räume zum Zechen und Tanzen darboten. Ein dumpfes Wesen ging durch die vereinzelte Gesellschaft, nichts von der Wiener Lustigkeit, von schlesischer Schwatzhaftigkeit war zu bemerken, ich konnte mich eines unheimlichen Eindrucks nicht ganz erwehren, und auch Marie an meiner Seite verlor die heitere Zuversicht. Es fehlte wirklich nicht ganz an dem Eindruck, welchen 95 eine Räubergesellschaft machen kann, die unter Schloßruinen sich für stete Gefahren zu entschädigen trachtet. Der Tanz im größten Gewölbe war wild, aber still, die schlanken Bursche sahen uns forschend von der Seite an mit ihren dunklen, schnellen Augen. Florentin, der sich Anfangs in diesem Volkselemente ganz unglücklich befand, wurde durch Rosalien, die er auf Mariens Drängen zum Tanze aufgezogen hatte, von Lokalität und Umgebung abgeleitet. Das Mädchen legt sich ihm so fest in den Arm, all' ihre Bewegungen erhielten eine so bestimmte Leidenschaftlichkeit in Bezug auf ihn, daß seine erwachenden Sinne alles übrige Besorgliche verdeckten, was sonst in dieser Lage sein Wesen sicherlich übermannt hätte. Es gehört auch in den Bereich eines guten Herzens, ein Liebesverlangen, was ihm nahe tritt, nicht hart zurückzuweisen. Es ist dieß eine der gefährlichsten Brücken: wie viel Menschen gewähren aus bloßer Theilnahme, aus Mitgefühl, oft aus Mitleid Liebesbezeigungen, die sie sonst versagt 96 hätten. Das einmal Gethane ist der ausgehobene Schritt zum zweiten. Gewohnheit stumpft die Motive ab, und die Lüderlichkeit wird aus der Gutmüthigkeit geboren. Diese Perspektive störte indessen Florentin an jenem Abende nicht, das still und entschlossen Leidenschaftliche Rosaliens beschäftigte ihn lediglich. Marie, der Schalk, sah schadenfroh drein, als sich Florentin neben das Mädchen setzte, als Franz entrüstet aufstand. In den nächsten Tagen änderte sich das natürlich, Florentin erkannte, daß die Ruhe eines Mädchens auf dem Spiel stehe, wenn er seinem Gelüste nicht Einhalt thue. Er verdammte ohnedieß von Hause aus jene leichtsinnigen Aventuren, welche geflissentlich allen Zukunftskeim zertreten. Diese aphoristische, rasche Ergreifung der Lebensäußerungen war seinem Charakter schnurstracks entgegen. Er trat also nicht mehr an's Fenster, um Rosalien zu sehen, ging ihr nicht mehr zu Gefallen über die Straße – die verschiedenen Ansichten über 97 Absolutismus nöthigten mich indessen, per Extrapost nach der sächsischen Grenze zu fahren, und diese Verhältnisse in Prag schwanden aus meinem Sinne, verdrängt durch andere. Es war um die Zeit des Kongresses von Münchengrätz, und die Monarchen waren eben in Theresienstadt, als ich vorüberfuhr. Zu Leitmeritz, das nur etwa einen langen Kanonenschuß von jener Festung entfernt liegt, erzählte die Tischgesellschaft ein Langes und Breites von einem wunderlichen Vorfalle. Der Marschall Maison, designirter Ambassadeur nach Petersburg, sei unberufen auf einem unscheinbaren Stellwagen vor dem Schlosse in Theresienstadt erschienen, im Gegensatze zum Fuhrwerke, mit voller Marschallsuniform angethan und habe eine Audienz nachgesucht. Es gibt keine schönere Ironie, als wenn man nach Jahren die drohenden Demonstrationen der Politik wiedererzählt, welche zu ihrer Zeit Stürme und Erdbeben erwarten ließen, und spurlos vorüber gegangen sind. Darum bleibt das Provociren auf 98 die nächsten Dinge in den staatlichen Angelegenheiten immer und ewig Kannegießerei, die Strömungen der Geschichte gehen tief und leise unter der Oberfläche; aber die Leitmeritzer hätten mir damals schwerlich eine Reise unter europäischem Frieden bis an die sächsische Grenze garantiren mögen. Und die Grenze war etwa noch 6 Meilen entfernt. Ich kam hier in einen neuen Gebirgscharakter, überall tauchten schmale blaue Spitzen auf, ein meilenweiter Kreml mit hundert Thürmchen gruppirt sich die Gegend, und im weiten Kessel derselben liegt behäglich und wohlig hingelagert das weiche Töplitz. Wie so gern hätte ich hier eine Zeitlang geruht, friedliche Frauengesichter studirt, in den Geschichten stiller Augen gelesen; dieser Badeort erschien mir so glücklich neutral, so novellenfromm, so ganz von Sammt und Seide und Zufriedenheit. Aber es ging nicht; bei kalter Mondesnacht fuhr mich der schläfrige Postillon über die Culmer und Nollendorfer Höhe, wo der König von Preußen selber, 99 Kleist und Ostermann das wieder aufwachende Glück Napoleons erdrückten. In diesem engen Passe, wo Vandamme die von Dresden retirirende Armee der Alliirten aufhalten, abschneiden sollte, auf diesen Waldbergen, der Grenze zwischen Oesterreich und Sachsen wurde Napoleon's Zukunft in Deutschland zertrümmert. Augenzeugen erzählten mir, wie sie den gefangenen Vandamme gesehen hätten: ein schöner, strotzender Mann, überfüllt von französischem Muthe und Uebermuthe, soll er wie ein gefesseltes wildes Roß geschäumt und sich geberdet haben. Ich erinnere mich aus meiner Jugendzeit, daß er später in Karrikatur grassirte, wie er in Sibirien Zobel schoß und fror; wir waren so lange und so hart gedemüthigt worden, daß wir auch das Unglück verspotteten, um unsern endlich wieder aufathmenden Empfindungen einen Reiz zu verschaffen. Die kalte Nacht gab mir größere Empfänglichkeit für Vandamme's Unglück, und Sachsen machte den wohlthätigsten Eindruck auf mich durch eine warme Poststube in Pirna. – 100 – Was mag aus dem blassen böhmischen Mädchen geworden sein, dachte ich alle Tage in Dresden, was aus Florentin? Nach einigen Wochen holte mich die Gesellschaft aus dem »schwarzen Roß« ein; Florentin war nicht bei ihr, Marie war nicht so ausgelassen wie sonst, der Onkel mürrisch, Diana hatte zuweilen verweinte Augen. Langsam, stückweise erfuhr ich, was vorgegangen. Rosaliens Leidenschaft war in helle Flammen ausgebrochen, sie hatte Franz verabschiedet, dieser war in wilder Entrüstung Florentin zu Leibe gegangen, und die ärgsten Excesse hatten gedroht. Florentin hatte es für das Beste gehalten, die Flucht zu ergreifen. Ich will hier der Zeit voreilen, und seine späteren Schicksale erzählen. Er flüchtete sich auf ein Landgut an der böhmisch-sächsischen Grenze, und in den Wäldern und Thälern und Dichtern fand er allmählig seine Fassung wieder. Es überraschte und bestürzte ihn eine Zeitlang, daß die 101 Bilder Aureliens und Mariens ganz aus Gedächtniß und Herzen verwischt waren, dagegen Dianens treue Augen klar und lockend und verheißungsreich täglich vor seine Seele traten. Dieser neue Wechsel seiner Wünsche hatte ihm viel Betrübliches, und er gestand sich's mit herber Empfindung ein, daß es sein schwankender Mann, sein weicher, leicht hin und her bewegter Charakter sei, welcher dieß verschulde. Eine einfache, treue Ehe, meinte er, werde ihn retten – offen und ehrlich schrieb er Alles an Diana, und fragte und bat, ob er in ihre Nähe kommen dürfe. Sie antwortete sanft und gut, aber ablehnend. Er schrieb wieder, die Correspondenz wurde lebhafter, er faßte sich eines Tages ein Herz, und fuhr nach Dresden, wo Diana bei einer alten Freundin lebte. Marie mit ihrem Onkel war längst abgereis't. Florentin's wirklich treues, braves Gemüth, das nur durch die Verhältnisse und die gutmüthige Schwäche seiner Höflichkeit, in so wunderlichen Wechsel gerathen war, blühte auf zur schönsten, 102 wohlthätigsten Blume – das einfache gute Herz Dianens konnte dem tiefsten Eindrucke nicht widerstreben, sie gestand ihm eine Neigung, die sie vom ersten Bekanntwerden für ihn empfunden, Florentin ward von Glück und Seligkeit so überwältigt, daß er an sich halten mußte, um nicht aller Welt sein Heil zu erzählen, und Jedermann zu umarmen, der ihm auf der Elbbrücke begegnete. Es ist daraus eine Ehe geworden, von welcher die Frauen sagen, sie leben wie die Engel im Himmel, diese beiden Leute. »Ja wohl,« wird Florentin sagen, wenn er dieß lies't, und »aber ich war der unglücklichste Mensch und verkam im Elende, wenn ich nicht in Diana meine völlige Ergänzung fand.« 103     Dresden. Dresden ist eine schöne Stadt an der Elbe, das weiß jedes Kind, und es wäre Luxus, über die Merkwürdigkeiten dieser Stadt noch etwas zu sagen, da jeder reputirliche Gebildete unseres Vaterlandes einmal da gewesen ist oder hinreis't. Es hat an die 60,000 sächsische Einwohner, von denen zwei Drittheile seit vielen, vielen Jahren an einer epidemischen und kontagiösen Krankheit leiden, nämlich am Stockschnupfen. Deshalb sprechen sie wie Ferdinand von Meißen aus dem bekannten Lustspiele »die Drillinge« und sind wegen dieses Meißen'schen Dialekts, und wegen des grammatisch verstorbenen Herrn Adelung überzeugt, daß sie »das reenste Hochdeitsch« sprechen. Von Dresden nach Meißen sind drei kleine Meilen, und man fährt sie in vier Stunden; ein Dresdner braucht lange nicht so viel Zeit, um die erste Sylbe dieser Porzellanstadt auszusprechen, es ist Verläumdung, wenn man das abläugnet. Schlechte Historiker sind der Meinung, Meißen sei die älteste Hauptstadt Sachsens gewesen, weil man noch heutiges Tages jeden Sachsen an der Aussprache dieser Stadt erkenne, aber die berühmte Porzellanfabrik daselbst hat wirklich Einfluß auf den Volkscharakter gehabt: kein deutscher Volksstamm faßt den Fremden so höflich, porzellanartig und delikat an, als der sächsische. Meißner Porzellan und sächsische Höflichkeit sind weltbekannt, aber es wissen's nicht alle Leute, daß dieses Porzellan und diese Höflichkeit die schneidendsten Scherben geben, wenn sie verletzt werden. Ueber die Kunstanstalten Dresdens, das japanische Palais, grüne Gewölbe, die Rüstkammer und Bildergallerie läßt sich nur lauter Preisliches sagen, und die Leichtigkeit, in letztere Eintritt zu erhalten, zeugt von der liebenswürdigsten Liberalität. 105 Die Einwohner scheiden sich in streng gesonderte Gruppen: unter den höheren Klassen und den höheren Regierungsbeamten findet sich sehr feine, sehr geschmackvolle Bildung, vornehme, kultivirteste Manier. Sie erkennen, daß sie an Ludwig Tieck von Altmarkt einen bedeutenden Dichter besitzen, und wenn sie seine Vorlesungen und ihn selbst nicht besuchen, so geschieht's entweder, weil man das Eine nicht kann ohne das Andere, oder weil sie nicht vier bis fünf Stunden mäuschenstill sitzen mögen, oder weil ihnen die Schriften von diesem Manne das Liebste sind. Ehe ich zu einer andern Klasse der Bewohner übergehe, noch ein Paar Worte über Ludwig Tieck für diejenigen, die ihn gar nicht kennen. Die Gicht hat ihn ein wenig zusammengeworfen, sonst trägt er noch die klarsten Spuren eines Mannes, der schön gewesen ist. Was den dichtenden Denker vor der blöden Menge immer auszeichnet, das Auge mit seinem Glanze und Drange, das ist ihm in aller Schönheit geblieben. Tieck ist ein sehr 106 überlegener Geist in der Gesellschaft, so lange ihm keine Usurpationsgedanken an die Literaturthrone in den Sinn kommen, er weiß wie ein überlegener Geist bei den groben Schmeicheleien zu schweigen, die ihm der Schwarm mit plumpen, fetten Händen auftischt, er spricht wie ein überlegener Geist, wenn ein literarisches Lebensthema berührt wird. Wie gewöhnlich macht er mehr Fait von dem, was unwichtig an ihm ist; er spricht mit größerem Nachdruck von seinen Studien, als von seinem Talente. Als er »den Tod des Dichters« geschrieben hat, da soll er äußerst geseufzt haben über die Masse dessen, was er lesen müsse, ungefähr wie ein Historiker, der eine unbekannte Geschichte schreibt, zu welcher eitel neue Quellen gelesen werden müssen. Nun, das ist nichts der Rede Werthes, und es wird's ihm Niemand übel nehmen; aber die Damen dürfen auch nicht stricken in seinen Vorlesungen, das ist Stoff zu Debatten in Dresden geworden, die heute noch nicht ausgefochten sind: Das ist ein Hauptstoß für den Rest seiner 107 Popularität in Dresden geworden. Ueberhaupt darf man sich durchaus nicht den Dresdnern anschließen, wenn man sich erlaubt, dieß und jenes an Ludwig Tieck auszusetzen. Sie mögen ihn nicht um seiner besseren Eigenschaften willen, und weil er kein Philister ist, ihre Antipathie gährt aus widerwärtigem protestantisch-bornirtem Sauerteige. Was die Herren Winkler, Gehe, Böttiger mit ihren Kommittenten an Ludwig Tieck nagend aussetzen, ist dessen Garantie, daß er ein Dichter ist. Seine Vorlesungen, die er mit großer Lebhaftigkeit, mit Stimmenabwechselung und solchem dramatischem Apparate hält, regen die wichtige Frage an, ob dieser Aufwand dem Vorlesen zukomme und ersprießlich sei. Vielleicht sind die Schattirungen diesem Genre der Darstellung am zuträglichsten, welche sehr fein und wenig markirt erscheinen, wie bei Skizzen ein anderes Maaß erfordert wird, als bei Gemälden, zu denen alle Hilfsmittel von Farben und dergleichen verwendet werden können. 108 Die Reisenden erzählen immer mit Staunen, und besonders die Berliner sind »wech« darüber, was die kleine Figur des großen Dichters für vortreffliche Brust und Lunge habe. Eine andere Partie des Dresdner Publikums, die nichts gemein hat mit der erst erwähnten vornehmen, ist die Parthie der Hofräthe: sie ignoriren Tieck und vieles Andere. Als die Periode der Briefwechsel in unserer Literatur begann, da drohte eine Emeute unter ihnen auszubrechen, Kuhn, Kind und Genossen erschienen mit echauffirter Menge im Kasino – Scheen guten Abend, Herr Hofrath – Ei, scheen guten Abend, Herr Hofrath^ Wie befinden sich der Herr Bruder Hofrath? Danke gehorschamst, Herr Bruder Hofrath –     Es tritt eine Pause ein. Den angepriesenen Briefwechsel schon gelesen, Herr Bruder Hofrath, zwischen Schiller und Geethe? Ach ja, was meinen der Herr Hofrath dazu? Unter uns gesagt – 109 Weeß es Gott, Bruder Hofrath, wenn mer alle unsere Briefe hätten drucken – Hätten drucken lassen wollen, hab ich nicht Recht, hochgeschätzter Herr Bruder – Die Welt hätte andere Dinge zu heeren gekriegt, als – als – Sub sigillo , Herr Bruder, als diese Lappalien – Der Vorhang fällt, die Herren rauchen weiter, und beklagen sich, daß die Solidität aus der Literatur verschwindet. Daneben ist Dresden reich an seinen alten Räthen vom Appellationsgerichte \&c., die mit dieser Klasse gar nichts gemein und eine feine literarische Zunge haben, ein stilles, gediegenes Urtheil. Einige deutsche Städte führen wie die Studenten ihre Spitznamen, und sind oft unter diesen bekannter als unter den wirklichen; wer findet sich zum Beispiel noch heraus aus Athen und München, und München und Athen! Sogar das Bier kommt Einem nicht mehr zu Hilfe: auch an der Akropolis winkt der Bock und das perlende Seidel. Athen 110 grassirte sonst besonders auf Universitäten: da gab es Saal-Athen und Pleiß-Athen und sonstige, Weimar hieß par excellence Ilm-Athen, weil dort die leibhaftige Klassicität sich häuslich niedergelassen hatte. So nannte die Dichterschule aus dem »linkischen« Bade Dresden nie anders als Elb-Florenz, und obwohl ich sonst nicht viel Gemeinschaftliches habe mit diesen Sängern des schwarzen Fracks, so hab ich doch Dresden auch immer gern Florenz genannt. Es findet sich wirklich viel Entsprechendes in Verhältnissen und Beziehungen dieser Stadt mit der toskanesischen Capitale. Die Künste waren lange Zeit par excellence in Dresden zu suchen, wie einst unter den Medicäern in Florenz, der Hof und der Glanz war katholisch und zumeist mit italienischen Prinzessinnen liirt, welche italienische Sprache, italienische Oper veranlaßten; noch heute liegt in der Nähe des ernsthaft grüngrauen Schauspielhauses ein italienisches Dörfchen, wo man Knackwürste frühstückt, und leider 111 jetzt aus Grundsatz sächsisch parlirt. Paläste mit italienischen Namen, Denkzeichen an des prächtigen August-Zeiten, welcher im südlichen Europa, namentlich in Spanien so viel Abentheuer erlebt haben soll, finden sich noch vielfach und helfen erinnern an romanische Dinge und Töne. Der kleine wohlhabende Staat Sachsen bot ebenfalls mancherlei Parallele mit Toskana: im Erzgebirge klöppeln sie Spitzen, in den toskanischen Bergen flechten sie Strohhüte, und so könnte man ein unnützes, tändelndes Spiel weiter ausdehnen – aber besonders die Lage von Dresden hob mir stets ein Bild von Florenz in den Gesichtskreis. Dresden ist eine der Städte, wo ich gern ankomme, sie hat mir immer aus der Ferne das meiste Vergnügen gemacht. Aber man muß aus den schlesischen Grenzwäldern nach Sachsen reisen, um einen entzückenden italienischen Anblick zu finden: das bergige, sonnenfrische Bautzen, die schöne hügelige Straße von dort, links mit den blauen Bergen, welche hinabführt zu dem heitern Bischofswerda, wo 112 so hübsche Mädchen wohnen, und die Studenten im »Engel« willkommen sind, das Alles stimmt überaus empfänglich. Und nun kommt man auf die waldigen Berge, wo die breite Straße eilig hinabrennt nach dem Elbthale, und zwischen Fichten und Tannen und Landhäusern sieht man weit unten, hinten begrenzt von sanfter Hochebene, eine breite Stadt mit italienischen Thürmen, Kirchen und Schlössern, Florenz, die blühende, in weichen gefälligen Farben prangend und lockend. Auf diesem Wege kamen Napoleons Garden herab, als die Alliirten bereits in die Stadt zu dringen versuchten, und der König von Sachsen sein Dresden verloren glaubte. Der Kaiser kam mit ihnen, erschien unten auf der prachtvollen Brücke, belebte durch seinen Anblick Alles, ließ seinen bärtigen Helden Wein und Speise reichen und führte sie in die Schlacht. Aber nicht diese Erinnerungen sind's allein, welche so viel Zauber über diese Straße gießen, der Anblick Dresdens von hier aus hat so viel 113 Südliches, Fabelhaftes, daß er mir stets die buntesten Hoffnungen und Illusionen weckt. Dresden wimmelt stets von Reisenden, es ist eine Winter- und Sommer-Saison, die ihnen Italien vertritt, die Brühl'sche Terrasse an der Elbe, von wo man hinab gen Meißen, hinauf bis in die Vorberge der sächsischen Schweiz sieht, klingt wieder von allerlei Sprachen Europas. Hatte doch selbst für den so mäßigen Friedrich den Großen dies Dresden die lebhaftesten Reize; er hat hier als Kronprinz seine buntesten und muntersten Tage verlebt, und manche Historiker, die gar nicht drüber hinaus können, daß der große König keine Nachkommen gezeugt hat, bemühen sich sehr unnütz mit allerlei Operngeschichten in Dresden die Gründe für diese Erscheinung aufzufinden. Auch Erinnerungen an die Zeiten der polnischen Krone treten Einem noch in den Namen mancher Paläste und Personen entgegen, Erinnerungen an die sächsischen Ehen mit italischen Prinzessinnen. Napoleon wohnte zum Beispiele während des 114 Waffenstillstandes in einem solchen italienisch benannten, abgelegenen Palais, dem Marcolinischen. Zwei Wachen schritten auf und ab, rings umher war es still, und innen bewegten sich die stürmischsten Fragen über Weltherrschaft. So vielerlei Anregung bietet Dresden mit seinen hohen, steinernen Häusern, und so lange man die Leute nicht reden hört von »alleweile« und von der »sscheenen Witterung« kann man sich in mancherlei bunten Träumen schauckeln. 115     Die sächsische Schweiz. An warmen Sommerabenden ist es sehr hübsch auf der Brühl'schen Terrasse, so bunt, vornehm und heiter, daß man gar nicht in Deutschland zu sein glaubt. Geputzte, schöne Gestalten mit fremden Gesichtern streichen vorüber, man hört allerlei Sprachen, die Terrasse selbst steigt so kühn hoch und steinern vom Flusse auf, und stößt rückwärts überall an den langen Palast – die Illusion des Fremdartigen dauert so lange, bis uns ein Registraturgesicht aufstößt, eins jener unvertilgbaren vaterländischen Gesichter, die Lachen, Aerger und alle heimische Liebe in uns erwecken. Solche alte Busenkrausen, gelbe Stulpstiefeln, weißliche Kasimirhosen, Schnupftabaknasen, weiße Unterhalstücher, silberne 116 Uhrketten sieht man noch häufig in Dresden, und sie erinnern uns daran, daß die Brühlsche Terrasse in Deutschland liegt, und daß wir Deutschland immer und ewig wie jene alte Geliebte behandeln, die wir erst lieben, wenn wir nicht bei ihr sind. Auch eine Erinnerung aus der rothen Mützenzeit von Halle, aus der Zeit des Zorns und des Enthusiasmus ohne Gedanken begegneten mir dort. Wir sahen einander zweifelhaft an: Entschuldigen Sie, mein Herr – ah, ich wollte mir eben auch erlauben – sind Sie nicht – haben wir nicht zusammen – bist Du wirklich der Bruder Medardus von der Klausstraße? Es ist ein sehr bedenklich Unternehmen, einen alten Universitätsfreund wieder zu finden. Die Menschen gehen gar zu verschiedene Schritte in Sachen der Kultur, der Empfindung, der Sympathieen, und der Jugendfirniß akademischer Zeit, welcher Alles ausgleicht, geht verloren. O, da gibt es oft wüste, fatale Kirchhofscenen, und die Vergangenheit wird selbst vergiftet – gerad so, wie 117 man sich nur sehr vorsichtig daran machen oder völlig hüten muß, alte Plätze einstiger Poesie aufzusuchen, welche neue antheillose Gesichter entweihen, oder, was noch schlimmer ist, wo die Freunde und Geliebten alt und stumpf geworden sind. Mein Bruder Medardus hatte sich leidlich frisch erhalten, hatte Jahre lang still zwischen Bergen gelebt, ein liebend Weib gefunden, und hoffte noch von der Welt. Das ist die Hauptsache: wer noch hofft, ist noch jung; seine Augen können noch leuchten, sein Herz kann noch beben; bittet Gott, daß er Euch nicht die Hoffnung überleben läßt, und bildet Euch empfänglich für die kleinsten, putzigsten Hoffnungen. Im Jahre 27 waren wir auf dieser Terrasse gestanden, den Kopf voll griechischen Testamentes und orientalischer Kirchenväter, das Herz voll Sehnsucht nach himmelblauen Augen, die wir auf der Schule geliebt hatten, voll Sehnsucht nach der stillen, schattigen Pfarrstelle, nach dem Frieden beschränkter aber eigner Häuslichkeit – wie ist das anders geworden, 118 Medardus, moderne Wünsche schweifen über Berge und Länder, und das Idyll des Herzens ist doch nicht zerstört. – Wir wollen wieder in die sächsische Schweiz ziehen wie damals, und wieder zu Fuß und mit drei kleinen Thälern, und morgen früh. Ein heißer sonnenbreiter Morgen sah uns stapfen durch den sandigen Weg nach Pillnitz – in jenem Schlosse, wo man den König von Sachsen zu Mittag essen sieht, wurde einst die Koalition gegen das revolutionair aufbäumende Frankreich geschlossen, und eben dort saß später der Erbe jener Revolution mit dem Könige von Sachsen friedlich und freundlich zu Tische – über die Menschen, welche sich tödten müssen wegen weit aussehender Pläne – ich werde Dich morgen hassen, Und morgen liebt' er sie – Ich werde Dich morgen lieben, Und morgen war sie todt – Dies Stückchen Sachsen ist durchwirkt mit polnischen und französischen Erinnerungen, sie 119 beschäftigten uns, wenn wir sprachen. Unter der polnischen Regierung der Augusti von Sachsen ist mancher Pole zu seinem großen Erstaunen in diese Berge gerathen, wo man das Pferd nicht gebrauchen kann; es war doch eine wunderliche Zeit, von der es heißt: Die Polen tranken alle mit, Wenn König August zechte – Und er zechte oft. Da trank man noch aus Pokalen, nicht aus winzigen, zerbrechlichen Gläsern, man trug Perücken und goldgestickte Kleider und machte großen Staat; die liebe deutsche Muttersprache ward für gemein und unanständig gehalten – ach, Medardus, was soll uns das Alles, lass' uns singen! Und so sind wir durch die sächsische Schweiz gezogen, Liebeslied auf Liebeslied singend, innig, flüchtig, wechselnd wie der schlesische Pietätsvogel, die Schwalbe, Verse haben wir auf kleine Blätter geschrieben und haben sie hinflattern lassen von der Bastei in die grüne Tiefe, durch welche glänzend wie Silber die Elbe zieht. Der Wind, jener 120 schalkhafte und nur zuweilen stürmische Buhle der Erde, nahm sie auf seine Flügel, und jedes Mädchen, das sie gefunden hat, war gemeint. Es sind keine großartigen Verhältnisse aber es ist mannigfacher Reiz in diesem sächsischen Gebirge, blau und violett erheben sich die einzeln abgespaltenen Berge wie Steinschlösser ringsum deren Beherrscher der dunkle Lilienstein und Königsstein. Die sächsische Schweiz ist ein Milchschwesterchen des Riesengebirges, der schlimme, gewaltige Bruder hat alle Kraft in sich gesogen, nur die Anmuth, die feine Taille und der hüpfende Wuchs ist dem Schwesterlein geblieben. Das Riesengebirge ist der Napoleon der deutschen Berge, die sächsische Schweiz dessen leichte, bewegliche Josephine, welcher er mit der Tafelfichte die Hand reicht. Rasch stürmt jener von dort, vom Westen des 18. Jahrhunderts aufwärts, und immer aufwärts, auf dem »hohen Rade,« dem Konsulate, ruht er einen Augenblick und eilt dann geflügelt auf die Koppenhöhe des Kaiserthums. 121 Dort schließt jach das hohe Gebirg, und fällt in entsetzliche Gründe. Dort verschwindet der Kaiser. Aber auf der Bastei gibt Josephine ihre heitern Hoffeste, und im Ottowalder und Amselgrunde sind die süßen Erinnerungsplätze der revolutionären Liebe des Generals Bonaparte. Dort liegen für ewige Zeiten jene unsterblichen Liebesbriefe, welche ein großer Mann vergessen muß, denn die Größe ist einsam und lieblos. – Auch die weinende Rebe bringt Wein. Josephine blieb immer anmuthig; man kann das bei gutem Sonnenscheine noch alle Tage auf der Bastei sehen; nur jenseits des Gebirgs nach Norden hin, wo einst die große Straße nach der polnischen Krone, nach Warschau führte, dorthin darf man sich nicht verirren, da fällt Sachsen zusammen wie ein Eierkuchen, wie ein entkräfteter Glücksritter, welcher des Gehens nicht gewohnt ist, und kläglich, ein Bild des Jammers, kriecht es in die Lausitz hinein. 122 Dort gibt's ein sorgenbleiches Land, eine Halbschwester der Lüneburger Haide. Wir eilten über Nacht wieder zurück in die Berge, der Morgen umfing uns wie ein goldener Schein zwischen den steilen Wänden, wie die Vögel sangen wir unsere Hymne hinauf, und baten die weißen Sonnenwölkchen, sie mitzunehmen in's Unendliche. Bei einer Durchsicht in die Felsengründe fanden wir eine seltsame Gruppe: Ein großer Mann saß halb liegend auf dem Moose, stützte sich mit einer Hand, und streckte die geöffnete Fläche der andern in die Luft hinaus, um sich die Sonnenstrahlen vom Auge abzuhalten. Er trug einen dunkelblauen polnischen Rock, neben ihm lag eine roth und weiße Krakusenmütze; sein lichtbraunes Haar legte sich hinten in schwachen Löckchen über den kleinen Kragen des Rockes, und flatterte um die Schläfe im Winde; das Gesicht war von uns abgekehrt. Neben ihm hingestreckt, das Haupt an seine Brust lehnend, mit einem Arme auf seiner Schulter lag eine volle 123 schöne Frauengestalt, in ein weites dunkelrothes Kleid gehüllt. Auch sie wendete das Gesicht nach der offenen Gegend hin, wir sahen nichts deutlich als die dunklen flatternden Locken und eine schöne weiße Hand, die auf der Schulter des Mannes ruhte. Neben ihnen spielte ein blonder Knabe; aus einiger Entfernung, dem Anscheine nach aus der Tiefe, klang ein wunderbar tönendes polnisches Lied. Es schien einer jener melancholischen Nationalgesänge zu sein, die aus dem polnischen Süden, der Ukraine, mit ihren meergleichen baumlosen Steppen herstammen. Dort wächs't, wie in den Pampas von Amerika, das Gras mannshoch, und von den hindurch fliegenden behenden, polnischen Pferden, die wild schweifen, sieht man kaum die äußersten Spitzen des Grases bewegt. Jene Stille und Verlassenheit hat den Typus zu diesen sehnsüchtigen Mollliedern gegeben, von denen wir eins hörten. Medardus versteht polnisch, aber wegen der Entfernung waren die Worte nicht klar zu unterscheiden. 124 Wir standen schauend und lauschend still im kühlen Waldesschatten. Der Knabe sah uns zuerst, und sprang zum Vater; dieser und die Frau wendeten sich um, und sahen gleichgültig nach uns hin. Welch ein wunderbarer Frauenkopf, welch eine schöne Gruppe! Sie hatte sich nur so viel aus ihrer Lage gekehrt, um uns zu sehen und stützte sich mit der Hand auf die Brust, auf die rothe Weste des Mannes. Das Gesicht sah aus, wie ein Band lebendiger Liebeslieder, die man aus Versehen schwarz wie ein Trauergesangbuch eingebunden. Der Teint war frisch und weiß wie Thau, zum schönsten Oval geschnitzte, große, polnische Augen, von schwarzen Wimpern und vollen Augenbrauen beschattet, schwammen wie umwölkte Sonnen in dem schön geformten Antlitze, über dem ein Trauernebel hing, wie über der Erde an frischen Herbstmorgen. Der Wind wehte ihr leichtes Tuch zurück, man sah den länglichen weißen Hals, die schlank geschweifte Schulter, eine lange Locke fiel darauf. 125 Der Kopf des Mannes war nicht schön, aber tragisch wie der einer männlichen Melpomene; ein schwacher, blonder Bart floß leicht um die schmalen Lippen, auf denen vaterländische Trauer und vaterländische Gebete in zusammengebeugter Stellung zu liegen schienen. Aber seine Gesichtsfarbe hatte auch jenes Luftreine, Luftgesunde, was dem polnischen Volke ein so frisches, morgenfrühes Ansehen gibt. Wie die frischen Früchte, die eben vom Baume kommen, liegt auf dem Antlitze der freie Flaum und Reif – sie leben in halber Barbarei naturgetreuer, sie sind nicht abgegriffen und abgefühlt, wie unsere Goldstücke und Conversationshände. 126     Die Bekanntschaft war schnell gemacht: wir sagten, daß wir mit ihnen weinen könnten über ihr großes Unglück und drückten einander die Hände. Dem Polen wurden die Augen feucht: »Alles vorbei – vorbei Alles, meine Herren« sagte er. Sentimentalität ist etwas so Schönes, sie ist das Brouillon unserer Herzenspoesie, die zum schönsten Kunstwerke verarbeitet werden kann wie das rohe Metall. Aber sie muß aus gesundem Herzen kommen, wie die Thräne aus gesundem Auge, um schön zu sein. Kranke Augen weinen niemals Reiz. Man schildert mit einem Polen alle; sie haben keine absondernde Individualität, das ist auch ein 127 Grund ihrer Größe: sie imponiren als ein Mann. Es ist bei allen halbcivilisirten Völkern so: ihre Bedürfnisse, Fehler, Vorzüge sind einfach, ihre Verhältnisse nicht minder. Darum sind sie nur als Masse oder als Repräsentanten der Masse interessant; einzeln aber schnell langweilig, weil die innere Ausgebildetheit und Mannigfaltigkeit fehlt, die bei näherer Bekanntschaft immer neue Seiten entwickelt. Ich begreife darum auch immer nicht, wie sich ein freisinniger Europäer nach der anfänglichen, einseitigen und langweiligen Freiheit Nordamerika's sehnen kann, ich will doch lieber an irgend einer Entrüstung in Wien, als an Ennuyement in Washington sterben. Der Pole war ein Nachzügler, der von Elbing kam, und seine Familie dort erwartet hatte. Sachsen ist ihnen aus den letzten Königserinnerungen noch eine halbe Heimath, die ihn anzog. Man findet in Sachsen noch manche polnische Familien, die sich eingedeutscht haben aus jener Zeit, z. B. die Breza's. 128 Er ist aus Lithauen und hat Dembinsky's Zug mitgemacht. Ich bevorzuge die Lithauer: sie haben so unendlich viel mehr verloren, denn sie haben es einsam und ohne Ruhm verloren – der Sprung des Curtius auf dem Markte vor allem Volke ist eine kleine That, sie wurde augenblicklich mit Millionen goldnen Ruhmes bezahlt, Zuschauer sind die Hälfte jeder Kühnheit; aber der Tod im Verborgenen, den Niemand sieht, als der stumme, theilnahmlose Mond, er ist der große und poetische. Allein hinter dem Baume zu sterben, wie das Thier des Waldes verendet, und dennoch hinter den Baum treten, das ist Größe. Das Geräusch unserer Tage stört darum so Viele in poetischen Erfindungen, weil sie am Hergebrachten hängen, und die einzelnen Lichtspalten des Geräusches, die poetischen Reize der scheinbaren Kleinigkeiten moderner Welt noch nicht erkennen. Wir setzten uns zu den Fremden, und verrichteten unsre Andacht: wir labten uns an der Luft, den Wolken, den Bergen. Die Natur dringt mit 129 unwiderstehlicher Harmonie auf uns ein, wenn wir Gefühle und Thränen entgegenbringen, die nicht erste, unnahbare Leidenschaft sind. Die Lithauer sind die Romantiker, die Polen Klassiker des letzten Kampfes: der Pole agirte auf dem Theater, nach Warschau blickte Alles, jener handelte und litt im Dunkel ferner Waldsteppen; es ist mehr Lyrisches in den Lithauern; sie sterben mit einem sanften Liede. Niemand hatte sie mit der Zustimmung des Beifalls aufgerichtet, und im Unglück wird man mißtrauisch gegen die ächtesten Gefühle. Ganz solch' ein Typus war unser Lithauer: sanft und reich wie Sammt, nur in dem vaterländischen Interesse felsenhart und einseitig. Kosziusko, der ebenfalls aus Lithauen stammte, war's eben so: ein stiller See ohne Schall und Woge, aber voll süßen, klaren, tiefen Wassers mit allem Strome nach ein und derselben Richtung. Während wir schweigend sassen – was läßt sich zu polnischem Unglück sagen, die kindlichen 130 Hoffnungen mocht' ich nicht zerstören, obwohl ich sie nicht theilte – erhob sich von Neuem jener polnische Gesang, aber etwas näher, so daß die Worte zu verstehen waren. Es war eines jener Lieder, die vor Kurzem so schön verdeutscht worden sind: Bin ich denn im Wald geboren, Ward ich auf dem Feld getauft? Oder waren's solche Pathen, Die kein Glück mir gaben? Ach, mein Nachbar sä't und ackert, Und das Feld, es grünt bei ihm: Doch mein Acker, der liegt müssig, Und wird niemals grünen! Ach, bei'm Nachbar gibt's ein Weibchen, Alte Freunde, altes Brod, Eine schöne weiße Hütte Und gereifte Kinder auch: Doch ich lebe unter Menschen Einsam wie der Baum im Feld, Und der Mond ist meine Sonne, Und die Grille ist mein Freund. Es ward still; ein Hund bellte leise. Bald erhob sich die Stimme von Neuem, aber gedämpfter, und sang: 131 Dort im grünen Walde Da stürzte ein Baum, Und er schlug im Falle Todt eine schönes Paar. Beide schlug er todt, Und that wohl daran: Niemand blieb zurück, Der vergebens liebt. »Ach, und wir leben Alle noch?« sagte schmerzhaft des Lithauers Weib, und verbarg ihr Gesicht an der Brust des Mannes. Der Knabe kam herbei, er mochte die Eltern oft weinen sehen, streichelte der Mutter die Wange und legte sein Köpfchen neben ihr Haupt. Wir fragten den Lithauer, wer noch mit ihm reise. Er erzählte uns, es sei ein junges Mädchen, das er am Wege gefunden, als der letzte Theil des Rybinskischen Corps über die preußische Grenze gegangen sei. Sie habe sich auf die Straße geworfen, um die abziehenden Truppen aufzuhalten, sie habe sich vor die Kanonen gestürzt, und flehentlich gebeten, man möge über sie hinwegfahren – als sie bewußtlos geworden, habe er sie auf einen Wagen 132 gelegt, sie sei sanft und still, aber dem Anscheine nach meistens geistesabwesend. Wir gingen nach der Seite hin, von wo die Stimme kam, um das Mädchen zu sehen: sie saß auf einem Felsenvorsprunge, und warf Feldblumen und Gräser, die sie im Schooße liegen hatte, in den Abgrund. Ein großer Schäferhund lag neben ihr. Der Anzug des Mädchens war zerstört: sie trug ein schwarzes Kleid, das auf der linken Schulter herabgezerrt war, ein rothes Tuch hing an einer einzigen Nadel und flatterte bald verhüllend, bald entblößend um die schlanke Schulter; lange, dunkle Scheitellocken hingen ihr über die Wangen, und sie kämmte sie zuweilen mit den Fingern. Das Gesicht schien edel und scharfgeschnitten, die Hauptfarbe war von Luft und Sonne ein wenig dunkel überflogen. 133     Der Lithauer und Medardus gingen, um sie zu holen, denn sie war dem Herabstürzen ausgesetzt. Als sie bei uns ankamen, war sie weich und sanft, und weinte still vor sich hin; von ihrer Geisteszerrüttung war keine Spur zu sehen. Sie kann nicht schön genannt werden, aber wunderbar anziehend ist dieß gebräunte, feine Antlitz. Eine weinende Romantik eilte händeringend in dem großen Auge hin und her, die kleinen, schmalen Lippen zuckten zuweilen wie durstig nach Küssen und Freuden. Der Körper ist auf Kosten des Geistes gediehen, wie wir das nur gar zu oft wahrnehmen, sie ist voll, kräftig, und die Gesundheit schaut trotzig aus jeder Muskel. Verlegen hatte sie 134 ihr Tuch wieder in Ordnung gebracht, als sie auf Medardus Arm gestützt, der Gefahr entgangen war. Voll Innigkeit ruhte zuweilen ihr Auge auf dem kräftigen Deutschen, welchen ein tief nachdenkliches Gesicht dem Unglücke von vornherein empfehlen mochte. Wir strichen noch eine Zeitlang durch die Gegend; Pirna, das wie die Häuschen auf Elephantenrücken aussieht, wenn man's hier aus tiefem Thale sieht, ging langsam vorüber. In einem Dörfchen wollten wir übernachten; jedes Paar erhielt ein kleines Kämmerchen zum Schlafgemache angewiesen: der Lithauer mit Frau und Kind, Hedwiga mit ihrem Hunde, Medardus und ich. Es war eine warme aber luftige Nacht. Der Wind strich ungeduldig hin und her, als könnte er nicht, oder als wisse er nicht, was er suche, die schweigsamen Berge sahen seinem Treiben vornehm und indifferent zu, und die Wolken spielten Versteckens mit dem Monde. 135 Wir waren beide müde und schliefen bald. Ein lichter Schein schreckte plötzlich meine Augen auf; es mochte mitten in der Nacht sein. Ich fuhr vom Lager auf, das Haus brannte. Rasch weckte ich Medardus, wir warfen unsere Habseligkeiten zum Fenster hinaus – und Hedwiga?! – rief Medardus. Vor dem Hause standen schon Leute, wir sahen die polnische Mutter mit ihrem Knaben schon aus der Thüre eilen, hielten auch Hedwiga für geborgen, und sprangen aus dem Fenster, das nur einen mäßigen Stock hoch war, hinunter. – Hedwiga war nicht da; wir erfuhren erst, daß ihre Schlafkammer zwei Stock hoch gelegen sei. Der Lithauer hatte eben auch kaum Zeit gehabt, sich und die Seinen zu retten, das arme Mädchen, das sicherlich nach den heftigen Erschütterungen des Tages fest schlief, wußte vielleicht noch gar nicht, daß es brenne. Medardus stürzte auf das schon um und um lodernde Haus zu, sie zu holen – da flog sie aus der qualmenden Thüre, und fiel ihm, des Athems beraubt, in die Arme. 136 Sie erholte sich bald, wir freuten uns der Rettung, und sahen staunend in die hohe Lohe, die jetzt bis an die Giebelspitze das Haus inbrünstig umschlungen hielt. Plötzlich stieß Hedwiga einen durchdringenden Schrei aus, bedeckte ihre Augen mit beiden Händen, wies dann mit verzweiflungsvoller Miene nach dem Hause hinauf, und beschwor uns, ihren Hund zu retten, der zurückgeblieben sei. Hinter einem Fenster des zweiten Stockes sahen wir einen Augenblick den Kopf des treuen Thieres. Es schnitt uns in die Seele, aber Hülfe war nicht möglich – ein Thier kann alle tragische Empfindung hervorrufen, niemals aber eine nur halb entsprechende Thätigkeit, diese läßt der Aristokratismus der Gattung nicht zu, und sie wird höchstens bei Kindern gefunden – die brennenden Balken des hölzernen Hauses stürzten zusammen. In einer Art von Todesangst, gleich als wollte sie uns zu Rettungsversuchen anspornen, erzählte sie in fliegender Schnelligkeit, wie fest sie geschlafen und nichts von dem Brande bemerkt, wie der Hund sie heulend 137 am Arme gezerrt und immer stärker gezerrt habe, bis sie erwacht sei. Bestürzt sei sie vom Lager aufgesprungen, als sie die Lohe gesehen, sei schnell durch die Thüre geeilt, habe diese wahrscheinlich in der Hast hinter sich zugeworfen, und so dem armen Thiere die Flucht versperrt. Sie war trostlos, ihren Retter mit solchem Undanke gelohnt zu haben; die Thränen stürzten ihr unaufhaltsam aus den Augen. Da stürzte krachend das ganze obere Stockwerk ein, schreiend lief das Mädchen in die Nacht hinaus. Es jammerte mich innig des unglücklichen Kindes; sie war ohne Schuhe aus dem Zimmer geflohen, das Haar flog aufgelös't um ihre Schultern. Medardus wollte ihr heftig nacheilen, sie wehrte ihm heftig und lief immer weiter. Traurig ging der Lithauer mit Weib und Kind ihr nach und sagte: Es liegt der Fluch Gottes auf uns, wie auf den Juden – ist es, lieber Deutscher, eine neue babylonische Gefangenschaft; lieben uns jetzt die Leute noch, weil unser Unglück neu ist, werden wir älter 138 werden und gleichgültiger und schlechter, kommt Eins mit dem Anderen. Damit ging er, sein Weib sah starr in die Nacht hinein, wo Hedwiga verschwunden war, der Knabe weinte schläfrig. Wie Aeneas, der sein Weib im brennenden Troja verloren, stand Medardus eine Strecke weiter einsam mitten im Wege, der Feuerschein zuckte auf seine verstorbenen Zügen. Er reichte dem vorübergehenden Lithauer stumm die Hand und ließ ihn weiter ziehen. Nach einer langen Pause weckte ich ihn; leise sprach er vor sich hinaus in die Nacht: Es ist doch noch viel zu wenig Liebe in der Welt. Die Bauerweiber jammerten um den Brand, Wiegen und nackte Kinder lagen im Wege, vorüber strichen wir schon überfüllt mit Weh. Freilich, ein größeres Unglück ist das, keine passende Stelle zu finden für Theilnahme und Bedauern – wer weiß, es kommt auch hierbei auf Individualität und 139 Verhältniß an: Mancher wird seines Schmerzes weniger inne, vergißt ihn eher, wenn er kein Echo findet, es ist ihm besser, nicht die Wollust des Schmerzes zu erfahren, welche mit Klage und Trost und Bedauern in der Wunde wühlt. Den polnischen Leuten begegneten wir nicht mehr; als der Morgen dämmerte, sahen wir uns in der Gegend von Pillnitz, mit der Abendsonne nahmen wir Abschied von einander unter Reiseplänen und Hoffnungen für eine lange Zukunft. Kläglich Geschick, daß so Wenige Gleiches verfolgen können – als ich nach einiger Zeit dem Bruder Medardus schrieb, und ihn aufforderte, mit mir hinaus zu ziehen in die Welt, da mußte er antworten: Ich kann heute nicht kommen, Denn ich habe ein Weib genommen. – Still sitzt er hinter abschließenden Bergen im kleinen Häuschen, und sorgt mühsam für das tägliche Brod – die große Welt ist ihm verloren, 140 ein kleiner Kreis sperrt all' seine Gedanken ein, die sächsische Schweiz und der Lithauer mit den Weibern liegt in unerreichbarer blauer Ewigkeit vor seinen trüb gewordenen Augen. 141     Die Heimath. Was man kräftig hofft, das geschieht – ein keckes Wort, was aber wunderbar tröstet. War umhergejagt nach Glück, hatte es nirgends gefunden – dort in der kleinen bescheidnen Heimath am grünen Wiesenufer des Bobers, da wird es am Ende still unter einer Weide sitzen, strebe dorthin, sprach es mir manchmal im stillen Herzen. Aber es war keine andere Aussicht da, als die stille Hoffnung, und die stille Hoffnung arbeitete so kräftig, daß ich mir Exil und alles Mögliche bereitete, um die Weide auf der Boberwiese zu suchen, wo ich in frühester Jugend bei den Schafen gelegen, Pfeifen geschnitzt, nach den Wolken gesehen 142 und geträumt hatte kleine unschuldige Träume von der Tochter des Bäckers, welche mich beglücken und mir den bescheidenen Hausstand und die kleinbürgerliche Existenz mit den Wochensorgen und dem Sonntagsspazirgange bescheren würde. Meine Seele lechzte nach jener patriarchalischen Ruhe des Heimathstädtchens, wo man des Abends in Hemdärmeln vor der Thür sitzt, Ohlauer vaterländischen Knaster in die reine Luft bläs't, friedliches Faßbier trinkt und von den Franzosen redet, die 1806 die Lärmstangen von Glogau angezündet, nichts als Wein getrunken, dem alten Maurermeister 253 Thaler aus dem Schornstein genommen, und sonst viel Leben in Handel und Wandel gebracht hätten. Ich reis'te über Berlin. Gott segne die Straße von Leipzig nach Berlin, sie hat's nöthig; ginge sie nicht durch Bitterfeld und bei Sanssouci vorüber, so brauchte man gar nicht aufzuwachen oder aufzusehn. Nichts stört den Reisenden auf dieser Tour, und wenn gelegentlich in Deutschland eine neue 143 Literatur oder so etwas erfunden wird, so findet man gewiß die Fährte dieses Ursprungs auf den Stationen Delitsch, Gräfenhainchen, Wittenberg, Treuenbrietzen, Belitz – bekanntlich kam Luther auch in Wittenberg auf die Kirchenverbesserung; wie oft war sie im Süden angeregt worden, aber die schöne umgebende Welt gestattete nirgends eine so entschlossene Resignation; in Wittenberg werden die Sinne durch nichts verführt, der Geist bleibt unverfälschter Geist. Ueber Berlin sprech ich ein andermal, jetzt reis'te ich bloß durch, hatte es seit dem kalten Winter anno 23 nicht gesehen, wo mich, den Tertianer, das Interesse an Herrn Matthausch und Fräulein Ennicke, weiland Theaterheroen zu einer Fußwanderung bewegte, und war überwältigt von dem stattlichen Eindrucke, den es mir gewährte. Damals, wo ich wie die große Armee 1812 mein Dasein gegen den Winter auf's Spiel setzte, um Berlin zu sehn, wie jene Moskau sehen wollte, wo man zu Hause den Tertianer erfroren glaubte, damals 144 gab's noch kein Museum, keine Fontaine, kein Königsstädter Theater, obwohl ich hierin irren kann, aber ich kannte wenigstens Angely noch nicht, den kleinen Todten von der Spandauer Straße. Und als ich jetzt an einem duftenden Morgen des Monats Mai den Kopf aus dem Hôtel de Russie steckte, den schäumenden Wassersprung, das gebieterische Museum sah, und diesen ganzen klassischen Eindruck stolzer Gebäude plötzlich empfing, da mußt' ich mich wirklich besinnen: ist dieß dasselbe Berlin, das du als Knabe gesehen? Nun, ich habe später genügend Zeit gefunden, mich darüber zu besinnen, und fahre jetzt hinaus durch die Frankfurter Vorstadt, wo mit jeder Straßenbiegung die lärmende Königsstadt mehr und mehr verschwindet, und man am Ende gar in einem kleinen Provinzialorte zu sein glaubt. Das ist die schwächste Seite Berlins, seine Achillesferse, von den meisten übrigen geräth man alsbald in die bewegten, imponirenden Stadttheile. Mein letzter Gedanke war aber doch, als ich aus dem Thore fuhr: Berlin ist die schönste Stadt, 145 die du gesehen, der du wol nimmer nach Petersburg kommen wirst, und das that meinem preußischem Stolze sehr behaglich. Bei Frankfurt sah ich die Oder wieder, meinen alten schlesischen Genossen, er kam von Breslau herab, hatte die alten Häuser gesehen, war auch der stillen Wohnung vorübergezogen, von wo ich manchmal traurig in seinen Spiegel geblickt, traurig vor Liebe und wallender Ahnung größerer Welten. Es sind immer neue Wellen, die solch ein Fluß bringt, er hat insofern gar keine eigentliche Persönlichkeit, ist mir ein Kaufmann, der todte Wechsel spedirt, das Wasser, welches mir jetzt bei Frankfurt begegnete, hatte mich nie gesehn, hatte in tiefen Schachten und Steinritzen der Karpathen gelegen, als ich thränenfeucht bei Breslauer Mondabenden in die Oder blickte, und dennoch war es mir befreundet. Der Mensch braucht gar wenig Anregung, um zu lieben. Hier treibt der Fluß Bäume und Grün aus dem Boden der Mark, Frankfurt ist bekanntlich ein 146 frischer, artiger Ort, eine Oase – die Schlacht bei Kunersdorf, die mordende, und Studenten, die halb Stiefel und halb Hut gewesen sind, fielen mir ein, als ich in's Thor fuhr. Jene ist in der Nähe von Frankfurt geschlagen worden, und die Bekanntschaft dieser Herrn Studenten habe ich in Breslau gemacht, wohin mit der Universität auch die Frankfurter Traditionen und Stürmer und Schläger und Stiefeln gewandert sind. Die Studenten von Frankfurt sind in der Historie als sehr wild und unbändig bekannt. Wenn man in ihren alten sogenannten »Wichs« geworfen wurde – übrigens ein Wort, welches tragisch in der modernen Civilisation untergeht – dann verschwand man völlig als Individuum, und schlurrte, schleifte und klirrte als ein verschollener Begriff des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts umher: jener Hut, welcher so stolz »der Stürmer« genannt wurde, maß mit seinem schwarz und weißen Federbusche an die vier Fuß rheinländisch Maaß, man balancirte einen Thurm, herzhafte Postillonsstiefel sind Kinderschuhwerk gegen 147 die Kanonen, welche wie ein Fahrzeug mit dem Studio umherschifften; ich erinnere mich eines Begräbnisses, wo ich einen Frankfurter Schläger gesenkt tragen mußte, wie man alten Deutschen und Rittern das Schlachtroß hinter dem Sarge nachführte, dieser Schläger hat mich die ganze Schwere vergangener Zeiten erkennen gelehrt. Wie oft wundern wir uns über die schweren, ungeheuren Waffen unsrer Vorfahren, und meinen, sie müßten einem andern riesenhaften Geschlechte angehört haben – so ist's auch mit dem Studententhume: sein Putz, seine Lust, seine Werkzeuge passen nicht mehr zu unsern Fracks. Scheltet nicht, wenn ich zuweilen der Studenten gedenke, ich bin einer der letzten Schriftsteller, die es können, jener Rest zweckloser, klirrender Romantik ist zu Grabe getragen; zerbrochen sind die Pfundsporen, die buntglockigen Schläger, zerbröckelt der frechfreie Gesang, welcher am hellen Tage, auf offnem Markte angestimmt wurde: »Wir sind die Könige der Welt«, es ist ein Begräbniß unbändiger Jugend zu erzählen. 148 Und wahrlich, die Studentenschaft war ein unnatürlich Institut geworden, möge sie schlummern neben dem Ritterthume und den Zünften der fahrenden Sänger. Sand, Kiefer- und Birkenwäldchen laden euch auf dieser Straße zur innern Beschaulichkeit; man passirt Zubingen, wo Solger gewohnt, und mit Raumer und Tieck nach Geschmacksregeln geforscht hat. Alle abstrakten Forschungen sind der Mark sehr angemessen, wäre die Mathematik noch nicht erfunden, hier müßte sie erfunden werden. Ich kam nach Grünberg, der ersten schlesischen Stadt, wo uns're Rebe wächs't, Gott sei's geklagt, Gewächs sieht aus wie Wein – der Ort riecht nach Baumöl und Kopfschmerz, er ist das Grab von vielen hundert spinnbleichen Tuchmachern. Einst hatte er seine Zeit, wo der Tuchmacherjubel in diesem Theile Schlesiens ein historisches Moment war, sie ist vorübergegangen, die Spulmädchen gehen Sonntags nicht mehr zu Tanze in seidnen Fähnchen, des Abends johlen keine Betrunkenen mehr, 149 ein zerlumpter ölschmutziger Betteljunge tritt uns an, und erzählt, sein Vater sei nach russisch Polen ausgewandert, und hätte seit zehn Jahren nicht mehr geschrieben. So hat jeder dort seinen speciellen Jammer; auch konnte sich kein Tuchmacher ersäufen, denn es giebt hier keinen Fluß. Es war Abend geworden, als mich die Postkalesche über Feld- und Waldwege der Vaterstadt immer näher brachte; ich kannte schon alle großen Bauergehöfte, wußte wie viel Pferde und Fohlen sie hielten, alle die kümmerlichen kleinen Interessen fielen mir ein, um welche sich das Leben dieser Landbesitzer kehrte; als ich noch ein kleiner Bube war, hatte ich ihren Erzählungen aufmerksam zugehört, und ich weiß es noch vortrefflich, welch eine Oede und Taurigkeit sie stets in mir weckten, obwohl ich nicht wußte warum. Jetzt sahen die ungastlichen Wohnungen am Feiertagsabend – es war Pfingsten – so ausgestorben aus, daß ich mich dessen kaum freuen mochte, 150 wie ich jetzt reicher an Wünschen und Gedanken heimkehrte, als ich je geahnt. Der Mond schien über die nahen Waldstrecken, Frühlingsluft ging hin und her, aber selten kuckte ein faules Gesicht aus einem Fensterloche, vom ungewohnten Rasseln eines Wagens aufgeweckt. Nirgends ein Liebespaar im Schatten, die Sorge läßt sie nicht zur Liebe kommen – doch, an einem alten Brunnen, ein Stück vom Dorfe, saß ein solches, der Frühling und der Herrgott mögen's Euch lohnen, daß ihr meinen sinkenden Glauben an die Heimath wieder aufgerichtet habt, ihr schüchternen Liebesleute. Wie ein Traumbild mag die Kalesche an Euch vorübergebraus't sein in der Einsamkeit Eures abgelegenen Dörfchens und Brunnens, einst werdet Ihr Euren Kindern davon erzählen, was ihr am Pfingstabend zur Zeit Eurer Freite am hellen Mondenschein gesehen. Wunderlich Leben mit seinen tausend verschied'nen Maaßstäben – wie wohlfeil ist eine Hütte zu beglücken, und wie selten suchen wir's! Eine Woche 151 Reisegeld, ein freundlich Wort konnte eine ganze, glückliche Lebensdichtung schaffen für solch ein Paar am zerfallenden hölzernen Brunnen – Es schlug Neun aus der Ferne, wie wohl kannt' ich die Glocke, wie oft hatt' ich sie selbst gezogen, sie war mein patriotischer Stolz, nirgends fand ich auf meinen kleinen Reisen solch starken gewaltigen Ton, und Christian, der mit gegen die Franzosen gewesen war, hatte mich oft durch die Versicherung hoch beglückt, auch in dem großen Paris bimmelten die Glocken alle dünn und jämmerlich neben der unsern in Sprottau auf dem großen Thurme. Der Pappelweg, das Kirchlein erschien, vor dem ich mich ewig gefürchtet hatte – das war ein merkwürdig Kirchlein, der Inbegriff des ersten mystischen Katholizismus, welcher über mich gekommen war. Weit abgesondert von der Stadt liegt es auf einem Hügel, an dessen Fuße schwarz und langsam der kleine Fluß Sprotta vorüberzieht, immer ist es verschlossen, nur einmal des Jahres zog die 152 Geistlichkeit in weiße Spitzenkleider und dampfenden Weihrauch gehüllt hinaus, um Gottesdienst darin zu halten, das kleine Häuflein Gläubiger – Lutheraner sind die weit überwiegende Mehrzahl des Städtchens – der fremde Kirchengesang, die rothen Fähnchen mit langen Troddeln waren mir von dem wunderbarsten Eindrucke. Und nun kam die Sage über jenes Kirchlein hinzu, welche mir die Mutter erzählte, um alle Ahnungen geheimnißvoller Poesie in mir zu wecken, und das Wort »katholisch« fragend und feierlich in mein Herz zu schreiben. Eines Tages nämlich sei bei einem Feste in der großen Stadtkirche der Katholiken, an welche ein Nonnenkloster stieß, Folgendes geschehen: Der Priester zeigt dem knieenden Volke die Hostie, diese aber erhebt sich plötzlich in die Luft, verschwindet aus der Kirche, fliegt langsam über die Stadt, und senkt sich draußen auf jenem Hügel erst wieder zur Erde. Deswegen sei das Kirchlein an jener Stelle erbaut worden, und wenn dieser Tag im Jahre wiederkomme, ziehe man in Prozession hinaus. Es sei übrigens der 153 Tag gewesen, an welchem eine junge Nonne den Schleier habe nehmen sollen, Einige hätten dies für ein Warnungszeichen gehalten und verlangt, das Mädchen der Welt wieder zu geben, der Probst aber habe erklärt, es sei im Gegentheil ein Wink des Himmels, daß die neue Schwester zu großen Dingen auserkoren sei, und daß man die Einkleidung derselben um keinen Tag verzögern dürfe. Das Mädchen soll aber blühend schön gewesen sein und blitzende Augen gehabt haben, erzählen die Leute, und noch in demselben Jahre sei sie gestorben und draußen unter dem Kirchlein begraben worden. Warum sind wir nicht auch katholisch? fragte ich meine Mutter, es sind schöne Bilder in der großen Stadtkirche und das Singen und die Musik klingt so wunderlich hübsch, es überläuft mich so angenehm dabei, und der Rauch aus den silbernen Kesseln ist so fein und schön, besonders wenn die Sonne durch die großen Kirchenfenster scheint – die Mutter warnte mich aber, besonders vor dem Kirchlein. Dort habe auch der »schöne Gottlieb« 154 gehaus't, und erst neulich sei wieder ein Menschenantlitz oben am Glockenfensterchen gesehen worden, obwohl der Probst allein den Schlüssel habe, und alle Jahre nur einmal hinaus komme. Mit dem »schönen Gottlieb« hatte es folgende Bewandniß. Er war der Anführer einer Räuberbande, und wegen seiner auffallenden Schönheit so genannt. Es heißt, er sei aus Desperation unter die Spitzbuben gegangen, weil ihm seine Geliebte verweigert worden sei. Im »Kirchlein« – so wird es ohne Weiteres genannt – habe er Zusammenkünfte mit ihr gehabt, oben vom Glockenfensterchen hätte er sich oft die Bürger angesehn, wenn sie in's Feld spaziren gegangen seien, mancher wackre Meister habe ihn gesehn, und die Augen niedergeschlagen. Ja, man erzählt, es gäbe im Kirchlein ein so treffliches Versteckplätzchen, daß der schöne Gottlieb am einzigen Kirchtage des Jahres dort gewesen sei, die Messe mit gefeiert und sogar mit seiner Charmanten, welche das Plätzchen gekannt, geliebäugelt habe. Irgend ein solider Bürger sei 155 aber jedesmal an solchem Tage mit einer Ohrfeige überrascht worden, ohne zu bemerken, woher sie käme. In der Haide ist es nun später dem »schönen Gottlieb« doch mißlungen, man hat ihn gefaßt, und unweit des Kirchleins, wo ein großer steinerner Galgen stand, in Ketten aufgehangen. Bis auf den heutigen Tag aber sieht man scheu nach dem Glockenfensterchen, und Viele wollen den Laden desselben ganz früh am Tage offen und ein Gesicht erblickt haben – das soll der schöne Gottlieb sein, welcher sich den Fluß, die Wiesen, die Gebüsche und das Städtchen betrachte, so lange der düstre Morgennebel drauf ruhe. Man kann also denken, daß ich nicht ohne lebhaften Antheil jetzt bei hellem Mondschein daran vorüberfuhr, und nach dem Laden des Glockenfensterchens blickte – das Kirchlein stand wie sonst mit festgeschloss'nen Augen da, Gebüsche und Bäume umher waren höher gewachsen, der Putz von der Mauer und vom Thürmchen war hie und da abgefallen – wie lange, dacht' ich, hast du schon 156 gelebt, und doch nimmst du noch Interesse an dem jugendlichen Katholicismus, wie er dir damals nahe getreten, an all den unsichtbaren Geistern, welche aus dem dämmernden Himmel in das Leben hereinreichen, kommst mit schwimmenden, nach unbekannten Dingen verlangenden Träumen wieder in die Heimath! Und ist's nicht am Ende so: Wem die Heimath, dies Symbol alter Liebe nicht Sehnsucht nach dem Himmel erweckt, der hat keinen Himmel zu hoffen. 157     Das Pfingstschießen. »Pfingsten kam, das Fest der Freude, Wo da grünen Feld und Haide –« Seid ihr nie an blitzenden Sommertagen über Land gegangen; Alles war festlich, die Erde grün, der Himmel blau, die Vögel jubelten, die Bäume glänzten in Laub und Blüthen, seid Ihr dann nicht zuweilen einer kläglichen Lehmhütte vorübergekommen, aus deren Thür ein gelbes, verhungertes, im Elend verzehrtes, Antlitz blickte? Habt Ihr nie diesen schneidenden Kontrast gesehen, welcher wie ein Stoßdegen in's Herz dringt? Nun, es gibt ein fast noch Schlimmeres, was Ihr wohl gesehen habt: Hunger läßt sich stillen; aber wie schmerzhaft berührt es uns, wenn wir aus 158 dem bewegenden Geräusche der Stadt, aus dem anregenden Kreise einer Familie oder Gesellschaft in ein armes Dörfchen gerathen, und hinter der handgroßen, zerbrochenen Fensterscheibe den Stumpfsinn, die Oede, die interessenlose Leere sitzen sehen mit braungelb ledernen, durchfurchten Wangen, todten Augen, gewelktem Munde. Niemals findet die kleinste Freude einen Weg über die morsche Schwelle, ohne Klang und Ton geht die Zeit in solchem düstern Loche vorüber, und solche Existenz wird auch noch Leben genannt! So schlimm sind die Leute nicht dran in meiner Vaterstadt; sie ist fein und sauber und artig, die Mehrzahl der Bewohner kann täglich ein Stückchen Fleisch kaufen beim Schlächter an der Ecke, und etwas zu verschneiden, etwas zu schwatzen und zu klatschen oder zu diskuriren hat der Bürgersmann auch, es fehlt nicht an allen Interessen, wenn auch die geistigen nicht mehr so lebhaft sind, wie seit der Franzosenzeit und seit dem Reformationsjubiläum 1817, wo die Kirche und die Prediger und 159 die vernünftige Gottesverehrung reichlich durchgesprochen wurden. Seit jener Zeit sind die kleinen Provinzialstädte etwas in Verlegenheit gerathen über höheren Stoff; der steigende Luxus, die steigende Wolle und die Revolutionen, für welche sich diejenigen interessiren, welche viel Schulden haben, reichen doch nicht aus für sechs Wochentage und den langen Sonntag. Darum freue ich mich stets auf's Beste mit ihnen, wenn Pfingsten wiederkommt, Pfingsten mit seinen Festen, da verschwindet dem Sprottauer die träge Erde mit ihren Besorgnissen, Schulden und langweiligen Stunden, er putzt die lange Donnerbüchse zum Schießen, Königreiche blühen vor ihm auf, er kann wieder kräftig hoffen, die Erfüllung eines Schützenkönigthums mit 50 Thalern, zwei Grasflecken, zwei Gebräuen Bier liegt dicht vor dem Thore, ein tüchtiger Schuß kann sie bringen; die Nankinghosen, die gelben, werden zur Wäsche hervorgesucht, die langen Stiefeln acht Tage vorher geputzt, es ist keine Hoffnung da, im Tanze sein Glück zu machen; das Jahr hindurch gibt's 160 ausser dem Weihnachtsballe nur diese einzige Gelegenheit dazu, der Junggesell wird alt, und das rothbackige Rikchen hat sich noch immer nicht entschlossen – dies Pfingsten wird Alles in's Gleise bringen, vivat Pfingsten! Um das stattliche Schießhaus, welches unweit jenes Kirchleins steht, waren die großen Buden schon aufgeschlagen, als ich Abends vorüberfuhr, diese stillen bretternen Häuser verschlossen eine reiche bewegte Zukunft, da wird getrunken und geküßt werden und Verhältnisse werden emporwachsen vor allerlei Art – objektiv betrachtender, leidenschaftsloser Mond, du hast mich einstens auch in den kindlichen, wohlfeilen Illusionen dieser Buden gesehen, als mir die Kultur der Welt noch sehr gleichgültig war. Die leuchtenden Birkengebüsche zitterten flüsternd und heimlich im leichten Nachtwinde, und es war mir, als vernähm' ich die Worte: Was thut Ihr stolz da draußen in der Welt mit Euren wandelbaren Dingen, der Mensch zum Menschen, das Herz zum Herzen bleibt ewig Mittelpunkt alles 161 Treibens dieser Welt, und es wird geliebt und gehofft und vertraut hier unter diesen Birken so schön, so stark wie anderswo. – Und schöner: solch eine einsame, von der großen Poststraße abliegende Stadt ist ein Idyll auf der Landkarte, das schöne Mädchen, was mir die Hand reicht, wird von keinen Fremden gesehen, sie hat mich gewählt, nachdem sie alle Herrlichkeit vor sich erblickt hat, die ihr jemals geboten werden kann auf dieser Welt, sie ist mir nun ein Gut, von keiner unerwarteten Macht bedroht, mein ganz und gar; sie quält mich nicht mit Ansprüchen auf Zerstreuung, sie weiß bis auf jede Minute im Jahre, was in den kleinen Verhältnissen gewünscht und erreicht werden mag – es ist ein klassischer Zustand. Wahrlich, sie saßen in der Vorstadt und in der Stadt noch vor den Thüren Abends um neun, wie sie gesessen hatten vor zehn Jahren, in Hemdärmeln mit langen Pfeifen, die Weiber mit Strickstrümpfen, der Mond machte die Gesichter bleich, aber ich erkannte sie alle, etwas ausgehöhlter waren 162 sie, aber unverändert. Man altert langsam in einer kleinen Stadt, man vertrocknet von innen heraus, und das wird spät bemerkt. – Noch wie sonst fragte sich Alles: wer mag in der Kalesche sitzen? noch wie sonst war solche Kalesche ein Ereigniß, das die Leute nicht schlafen gehen ließ, bevor es aufgeklärt war von Haus zu Haus. – Als man sich bis zum andern Morgen drein gefunden hatte, daß Laube's Heinrich in der Kalesche gekommen, als der erste Anlauf von Begrüßungen der Vettern und Muhmen durchgefochten war, da ging ich unter im Pfingstschießen, die Signale schrien, die Jungen rannten mit verspäteten Bandelieren und Nankinghosen, die Trommeln wirbelten, die große Armee schien wieder im Anzuge zu sein – die Schützengarde rüstete sich zum Ausmarsch. Das Modernisiren wird in wenig Jahren all' solche würdige Physiognomien verwischt haben, mit Recht war die alte Garde schon sehr erbittert und drohte mit Emeuten gegen die uniformen gelben Nankinghosen der jungen – es kann ein 163 archäologisches Verdienst begründen, wenn ich diesen Auszug der Kinder und Väter Sprottau's beschreibe. Beiläufig ist es mir auch ein Stolz, meine Vaterstadt zum Mittelpunkte einer ästhetisch-historischen Bestrebung gemacht zu sehen, vielleicht sticken die Enkel einst deßhalb meinen Namen auf eine der Fahnen, von welchen ich alsbald reden will. Der erste Held des Tages ist ein Trompeter, genannt Horaz, er fängt bereits am frühen Morgen an zu blasen, als stammt' er von Josua, und wollte die Mauern Jericho's niederschmettern. Die Wichtigkeit seines Amtes – dunkelgrün und ockergelb sind die Farben, in denen er auftritt – erlaubt ihm übrigens kein triviales Gespräch, officiell zürnt sein aufgeblasenes Antlitz, kein Gassenjunge erhält Bescheid, und an diesem Tage erfährt's Niemand, daß er beim Blasen weniger stammelt als beim Sprechen. Von der Würde dieser festlichen Tage lebt Horaz den übrigen Rest des Jahres: wo er gefoppt wird, wo er anbetet und keine 164 Erhörung findet, da appellirt er an seine gelbwollenen Epaulets. Später treten auf die Tambours, die sich zum Aerger ihrer Ehehälften seit mehreren Wochen die stacheligen Bärte haben wachsen lassen; sie tragen, wie Mephistopheles, rothe Hahnenfedern auf den Hüten und trommeln ohne Erbarmen. Die Jugend begleitet sie mit patriotischem Gefühle, ob des Spektakels, welchen drei Sprottauer machen können, in hellen Haufen. Die alte und junge Garde versammelt sich einzeln, man wundert sich alle Jahre, daß die Herren Bürger nicht pünktlich kommen, man kann nicht antreten, weil noch die wichtigsten Mitglieder fehlen, man spricht über die Witterung, über Getreide- und Wollpreise, und ob der Herr Hauptmann reiten werde, oder nicht. Das war von jeher der wunde Fleck: durchschnittlich existirte gar kein Reitpferd im Städtchen, und der Herr Hauptmann war aller Frage überhoben, und ging in den blanken 165 Reitstiefeln stolz zu Fuße. Dieß ziehen die Männer vor, es gewährt mehr Sicherheit beim Marschiren; denn im andern Falle, wo ein Gaul zu haben war, traten größere Uebelstände ein. Die edle Reitkunst wird aus tausend Gründen in meiner soliden Vaterstadt nicht kultivirt, und die etwaigen Reitpferde bezeigten gewöhnlich eine unangenehme Aversion vor der kriegerischen Janitscharen-Musik, es waren Kinder des Friedens, und sie protestirten öfters energisch gegen den Schlachtenlärm. Diese Protestationen hatten ihr Unangenehmes: der Herr Hauptmann verschwand oft vor der Fronte, und erschien wieder mitten im dichtesten Haufen der Garde, welche sich bei solcher Gelegenheit gar nicht berufen fühlte, Stand zu halten, und patriotische Aeußerungen vernehmen zu lassen. Ja, es hat sich einmal zugetragen, daß der Herr Hauptmann in der Nähe des Schießhauses, als das Heer über die Brücke zog mit lustigem Zinken- und Glockenspiel, ganz allein unten mit seinem Rosse durch den Fluß geschwommen ist – erstarrt hat der Zug still 166 gehalten, die rasende Musika ist mit Mühe gedämpft worden. Tüchtig, wenn auch naß ist der absichtslos kühne Schwimmer, der Herr Hauptmann mit seinem Schimmel, wieder an's Land gekommen, und hat mit einer zweideutigen Bewegung Muth und Vertrauen wieder hergestellt. Des nächsten Jahres hat indessen die Frau Hauptmännin ein besonnenes Veto eingelegt, es ist von mehreren Seiten unverholen geäußert worden, daß die würdigsten Leiber der Stadt nicht fürder gefährdet seyn dürften, der Schimmel ist nie wieder vor der Front erschienen. Dieses Jahr fand sich ein besonnener brauner Engländer vor, welcher die stürmische Zeit der Jugend hinter sich hatte, und von dem sich ehrbare, solide Bewegungen erwarten ließen. Er hatte die Proben mit schöner Ruhe bestanden, sogar Horazens Trompete hatte ihn nicht alterirt – der Herr Hauptmann erschien zu Roß, die Garde trat an, und setzte sich stattlich in Marsch. Nachzügler stürzten zwar noch aus manchen Häusern, und beflissene Gattinnen eilten hier und da im häuslichen Negligé 167 herbei, um dem Gemahle das vergessene baumwollene Schneuztuch, die grüne Fourierbinde zuzutragen, oder mit drei hastigen Stichen die lockere Kokarde fest zu nähen an das schlanke, schwarze Schiff, den geschweiften französischen Hut; aber nichts hielt mehr wesentlich den kriegerischen Ungestüm auf, sobald der alte klassische Marsch, das weltbekannte »Radabum« begonnen hatte. Um diesen Marsch, der ein Stück deutscher Geschichte geworden ist, völlig zu würdigen, muß ich ein neues Kapitel anfangen. 168     Der Marsch. Nennt es doch ja nicht etwa Spott, wenn ich munter über die Heimathsdinge berichte – er hat an Euren eignen Händen geklebt, wenn Ihr ihn findet. Der Schalk wohnt auch im Herzen, und ich gäbe alle diese kleinen schnurrigen Dinge nicht für das Größte hin, ich scherze in eitel Wohlbehagen. Solche kleine Verhältnisse haben immer wie kleine Bilder mit Duodez-Figürchen ein zum Lächeln Herausforderndes, sie mögen behandeln was sie wollen. Wenn ich hinzusetze, daß sich just in den hier beregten Zuständen eine überaus anständige Würde, stattliche Persönlichkeiten, Erkenntniß der 169 in Vergleichung kleinen Verhältnisse vorfinden, so wird um so weniger ein Mißverstand zu fürchten seyn. O, ich denke so gern dieses kleinen Städtchens, was mich wie eine ehrwürdige Korporation mit scharfen Schattirungen an das Mittelalter gemahnt, wo die Individualität noch gilt, wo die Familie mit ihrem stillen Reize noch webt, wo man bloß Registrator zu sein braucht, um den Honoratioren, wie sie's nennen, anzugehören und den »Klubb« besuchen zu dürfen mit Reverenz und Tabakspfeife, wo dem sich aufthuenden Talente der Weg zum Stadtverordneten, ja zum Senator und somit zur regierenden Respektsperson geöffnet ist wie in den stolzen Institutionen Alt-Englands. Die vortreffliche, schön gegliederte Städteordnung Preußens hat gar trefflich beigewirkt, dies kräftige organische Leben zu bewahren, zu verjüngen. Und nun zurück in's heitere Pfingstleben, die Klarinetten schrein, die Becken schallen, die große Trommel, dies Staunen sprottauischer Jugend, donnert den gewaltigen Marsch, welcher genannt 170 wird von Breslau bis Heidelberg »das Radabum,« welcher gekannt wird von allen Deutschen, die vom Jahre 22 an studirt haben. Dieser Sprottauer Marsch ist die deutsche Marseillaise geworden, aber seine Töne verkünden keine Guillotine, keine Volkswuth, keinen Revolutionsskandal; volle Gläser, lustige Augen, grüne Jugendhoffnungen winken hinter der Sprottavienne, sie ist ein Gesang des Friedens und der Heiterkeit. Ich glaube nicht, daß sie Patrunke, der Stadtpfeifer, erfunden hat, aber er spielt sie seit Menschengedenken, und mein Cousin, ein frisches Lebegemüth, erfand den berühmten Text »Radabum, radabum, tsching, tsching,« wenn wir heimfuhren zum Pfingstschießen in der goldnen Ferienzeit unsrer Glogauschen Schule; davon blieb ihm auf allen Universitäten, die er bezog, der chinesische Kaisername Tsching zum Gedächtniß jenes Marsches, welcher durch ihn Studentenmarsch wurde und die Runde durch ganz Deutschland machte. Die Freude ist flüchtig, aller Ruhm ein Augenblick – der lustige Tsching liegt schon in kühler 171 Erde, den Erfinder des Marsches kennen wir nicht, und der Magistrat kann ihm keine Pension dekretiren, wenn er noch lebt. Aber bei dieser Gelegenheit muß ich alle die ähnlichen Märsche, selbst das beliebte und geschätzte »Bumratida« für bloße Glossen und Scholien des ursprünglichen Textes erklären, die Patrunke's Pfeifern unbekannt sind. Mit dem »Radabum« beginnt eigentlich das Pfingstschießen, es ist das deutsche » Evan, evoë « der Griechen, mit dem ersten Trommelschlage breitet sich die ganze, maigrüne Illusion über Sprottau, die Fahnen werden aufgerollt, der spanische Paradeschritt lenkt sich zum Herrn Bürgermeister, diesem wird ein Walzer aufgespielt, und er traktirt die Herren vom Rathe und die Herren Fouriere mit Wein und kaltem Braten. Der Tausendsappermenter des Städtchens tritt auf, der Fahnenschwenker und macht seine Künste, Alles schweigt und schaut und staunt. Herr Ritter ist der einzige seiner Kunst, und weitsehende, sorgliche Bürger fürchten, sie werde mit ihm aussterben. Herr Ritter ist ein 172 schlank, wenn auch etwas mager gewachsener Mann, seine Familie gehört zu den Nachkommen Kleon's des Gerbers, sie ignorirt aber ihren Ahnherrn. Er trägt einen kleinen, niedlichen runden Hut, einen braunen, würdigen Frak mit großen, thalergroßen Stahlknöpfen, ein kurzes, dunkelseidnes Unterkleid und Strümpfe gemischt aus Seide und Baumwolle, welche gestreift sind, wie das merkwürdige und seltene Thier, welches man Zebra nennt. All seine Bewegungen sind kurz und leicht, und stets von einem gemessenen Neigen des Kopfes begleitet, eins seiner graziösen Beine pflegt vorgestreckt zu weilen, und leicht und anmuthig in seiner Kraft zu spielen. Im Arme ruht die Fahne, so lange er ruht, und sein würdevolles Lächeln beweis't, wie er der großen Trommel und den schreienden Klarinetten gern den Spektakel gönnt, durch lange Erfahrungen überzeugt, daß seine eignen Leistungen, sobald die Reihe an ihn kommt, alles Uebrige vergessen machen. Und es schweigt der Lärm, Patrunke bringt mit Energie den Jungen zur Ruhe, welcher seine 173 Pikkolflöte von Neuem einsam das »Radabum« schreien läßt, und entschuldigt mit einer passenden, unverkennbaren Gestikulation nach der unreifen Figur des Künstlers die Störung, dann giebt er das Signal noch einmal, es fliegt von Ellenbogen zu Ellenbogen der Musiker, ein gedämpfter Zephyrwalzer entwickelt sich, Herr Ritter schreitet vor, mit Grazie, nimmt sein Hütchen ab, senkt grüßend die Fahne, auf seinem sonst ernsthaften Gesichte erscheint süße Zufriedenheit und Satisfaktion. Er schwenkt die Fahne rechts, er schwenkt sie links, er bugsirt sie zwischen den Zebrastrümpfen hindurch, ja er wirft sie in die Luft, und – staunend macht sich die Theilnahme der Jugend Luft in einem Ah! der Zephyrwalzer schweigt trotz Patrunke's, des Abgehärteten, Stampfen und Dräun – er fängt sie lächelnd wieder auf, Herr Ritter, nimmt wieder sein Hütchen ab, zieht sich mit Anmuth zurück und genießt das allgemeine Staunen über seine Geschicklichkeit, indem er schweigend und lächelnd mit dem blauen Baumwollentuche sich den Schweiß abtrocknet. 174 Bum! dröhnt die große Trommel, und ruft neue Stimmung, und weiter geht der Zug, lebhafter bereits aber immer würdig. Ich darf es nicht verschweigen, so schwer es mir wird, man könnte sonst falsche Folgerungen daran knüpfen, wenn es anderswie an den Tag käme: Herrn Ritters Fahne trägt jene drei Farben, welche ursprünglich dem Hause Orleans und der Stadt Paris angehört haben, die man Trikolor nennt, und welche bei allen französischen Revolutionen zu sehen waren »Roth, Blau und Weiß.« Aber ich darf versichern, daß Sprottau solche Symbolik nicht kennt, auch Herr Ritter nicht, obwohl sein Familiengewerbe demokratischen Ursprungs ist. Einfach ist unser Sinn, und Doppelzüngigkeit verachten wir – vielleicht ist's ein punisches Geschenk der Franzosen, diese Fahne, als sie 1813 im Frühjahr bei uns waren zum Besuche; ich weiß es nicht, aber ich will keinen Menschen in's Gerede bringen. Leider fungirt sie freilich heute noch, wenn Pfingsten wiederkommt; aber Herr Ritter ist todt, man hat 175 mir's geschrieben, ach Alles stirbt, Ritter und Romantik! Ein geschickter Sattlermeister schwenkt sie jetzt, was Sattlermeister! der hat keine Geschichte und keine Zebrastrümpfe! Vorüber, vorüber! Ich gebe der Wehmuth nach, der Marsch nehme seinen Lauf, ich folge ihm nicht, sage nichts von den Zuständen, wenn ihn und die Nankinghosen ein Regenwetter überfällt, wenn die Fahnen, die Disciplin, die ganze Armee zu retten sind. Es sei uns ein kleines Bild einfacher Freuden und Verhältnisse, deren Eigenthümlichkeit die Mode noch nicht ganz aufgerieben hat. Noch ein Blick in's Schießhaus selbst, und dann weiter, immer weiter! Links im Saale sitzen die Honoratioren, spielen L'hombre , rauchen Tabak, trinken Bier, begrüßen Gäste aus der Umgegend, sehen dem Tanze zu, der im mittlern Saale braus't. Diese Säle sind nämlich durch offne Bogen verbunden, und bilden ein gar stattliches Lokal – im Dritten sitzt der Tiers-état , der eigentliche Bürger und Meister, er schmaucht, 176 spielt mit Bastankarten Solo, und ist in seinen Aeußerungen nicht blöde. Dies ist ein Bild des Staats mit seinen Trennungen, die wir bis gegen das Weltende nicht überwinden werden. Es ist dort artig Zuschaun: Mutter und Töchter sitzen harrend – die Mutter noch meist in jenem Staate, den sie vor Jahren getragen, die Töchter schon nach Modernem strebend, sei's nur mit einem Bande oder einem Steinchen von Glas. Die Bursche schweigend, über Bequemlichkeit höflich, still rasend im Tanze, bis sie glühen und dampfen, Heurathspläne mit bescheidenen Vergleichen und Umständen unter der Busenkrause hegend. Mit Wohlgefallen sieht man die dreisteren, frischeren, geschickteren Bürgerssöhne sich tiefer hineinwagen in den linken Saal, und die weißen Kinder zum Tanz aufziehen – hier sitzt manche Honoratiorentochter, oder Tochter des kleinen Landedelmanns, die des Respekts halber, des Sitzes halber tief zwischen vornehmen Leuten zu keinem Tanze kommt, weil sich die Bursche nicht hinwagen. 177 Hat man diesen Mikrokosmus genug betrachtet, dann sieht man vom Balkon dem Treiben zu, was sich unten zwischen den Gebüschen an den Spiel- und Schenkbuden herumtummelt: es wird geliebt, gewagt und intriguirt, die Sonne scheint dazu und blitzt zurück vom nahen Flusse, die alten Stadtwagen, Reste der Klosterzeit, worin die Nonnen spaziren gefahren wurden, bringen aus ihrer Tiefe immer neue weiße Gestalten, man spricht mit Diesem mit Jener, die Luft ist lind und weich – da stürzt es Einem plötzlich wüst in Kopf und Herz, was man sich verborgen hat: es ist ein Puppenspiel, was du vor dir hast, dessen leere Anmuth du dir läugnest, um ein Leben zu gewinnen; auch hier ist es nicht das Glück, welches du suchest. Die Leute nehmen ein Interesse der Neugier, des Herkommens an dir, du hast von den Früchten des Weltstrebens gekostet, es ist vorbei, und du mußt weiter. Wiedersehen magst du die Heimath noch hundertmal mit tiefem Reize, aber als Heimath ist sie dir doch verloren – ach arge Welt! Was 178 zuletzt mit uns verkehrt hat, ist uns nicht nur stets das Liebste, sondern das Nöthige, weil wir wachsen und uns gestalten bis in den Sarg, und Gegendruck fühlen, und nicht immer von Grund aus uns die Umgebung zubilden wollen. Kaum ist der Strahl aus Gottes Auge, die Liebe, zu retten in dieser rasch gewordenen Welt – selbst zu diesem Glücke ist ein besonderes Glück nöthig; nur eine Freundschaft ist noch das Sicherste, welche auf hohem Standpunkte der Humanität begonnen hat, und wo von beiden Seiten das Streben keinen Augenblick ermattet. Ach, nein! Auch sie bedarf des Glücks. Liebhabereien, Richtungen, Zufälle, Irrthümer kleiner Art trennen auch hier – so stand ich gedankenstarr auf dem Altare und sah in den Trubel, und empfand es schmerzlich, daß die Welt auf solcher Bildungsstufe blasirt seyn müsse, wenn sie nicht einen gesunden Leib zu fröhlicher Naturempfängniß und daher sprießend ein frisches Herz zum Liebesreize sich bewahrt. 179 Ade du kleine Welt, Pfingstschießen mit deinen kleinen Reizen, ich gehöre nicht mehr zu dir, weil ich keine Zukunft in dir suchen kann – und noch am selbigen Abende fuhr ich von dannen, Thränen im Auge, Weh im Herzen – Ach, wie Viel muß der beweinen Der die Welt erfassen will, Altes, müdes Herz schweig still, Neben theuren Leichensteinen Wächs't dir neues, grünes Gras. 180     Weisflog. Es war auch zu Pfingsten bei den heimathlichen Saturnalien, wo ich Weisflog zum ersten Male sah. Zeitgenossen werden sich erinnern, daß in den ersten zwanziger Jahren dieser Schriftsteller das Gespräch des Tages war. Houwald und Weisflog erfüllten die schlesischen Leser; wir Gymnasiasten, die wir neben dem Julius Cäsar auch die deutschen Journale lasen, waren sehr stolz auf unsern Landsmann Weisflog, und wir Sprottauer erst recht, denn Weisflog war aus Sagan, und das ist bloß zwei Meilen von uns entfernt, und gilt für noch näher. Es war mir also ein sehr großer Moment, als es hieß, der Phantasie-Weisflog sitze in 181 einer Bude und würfle mit unsern Honoratioren – als Gymnasiast hatte ich ein bestrittenes Recht, mich an die Queue unsrer Noblesse schüchtern anzuschließen, ich wagte mich also zagenden Schrittes in jene Bude. Da saß er leibhaftig, der Mann der Historien und Phantasiestücke, jener Schöpfer »der treuen Seele von Zwickau.« Er war nicht groß, aber lang, so lang wie ein warnender Gedanke. Der Kopf vielfach spitz und klug, alle Linien drängten sich vornhin nach einem Winkel zu. Das dünne Haar lag ruhig und still, und störte die lange Stirn nicht, welche zuweilen zuckte, als führe ein Gedankenlüftchen über sie hin. Spitz und scharf sahen die verlebten Augen auf die Würfel. Es war eine müde Lebhaftigkeit in diesem Auge, es hatte genug gesehen in dieser Welt, nur eine schöne Blume, eine Schüssel Austern, ein Haufe Goldes und ein niederländisch Bild konnten es auffrischen, und wenn er Musik hörte, da sprang er aus den Federn. Als Patrunke, der Stadtmusikus, in der Nähe dieser Bude plötzlich das vaterländische 182 »Radabum« entfesselte, da ward Weisflog's Auge über die Maaßen lebendig, und es erschien ein Zug um seinen Mund, welcher sicherst bezeugte, es sei noch ein reicher Fond ächt humoristischer Laune im Verfasser des »Zwiebelkönigs Eps.« Er fragte leutselig, wie der Stadtpfeifer hieße – Stadtpfeifer, piferari , wurden schnöderweise damals die Kapellmeister der Städte genannt – und der Herr Registrator hielt ein mit dem Wurfe, neigte sich in verbindlicher Weise ein Wenig schief, und ließ sich vernehmen: Die Leute nennen ihn Patrunke, er schreibt sich aber Patrunki, und führt die Klarinette, verehrter Herr Prokonsul – Schnöde Welt, sagte lächelnd Weisflog, und der Herr Registrator lächelte gefälligst mit, obwohl er den Ausdruck nicht verstand – »schnöde« war Weisflog's Lieblingswort, überhaupt ein Lieblingswort des damaligen Humors. Auch in den Momenten, wo er schnupfte, war immer Laune in Weisflogs Gesicht und Augen; er führte eine lange, spitze Nase, die wie ein alter Malkontenter aussah, welcher Viel erlebt hat; er 183 beruhigte ihn je zuweilen mit Schnupftabak, diesem Sinnbilde pikanter Versprechungen. Wurde plötzlich eine große Summe im Spiele feil, da fuhren wie Raubvögel die langen magern Finger auf das Geld los, und beschatteten es wie Geier die Beute mit ihren Flügeln: »Das ist mein jeu , werfen Sie zu, Werthgeschätzter, ich halte, ich halte es drei Mal hintereinander.« Ehern, leblos, furchtlos, hoffnungslos ist das Gesicht, wenn der Wurf fällt, keine Freude, kein Leid äußert es, wenn gewonnen oder verloren wird. Die dürren Finger streichen ein, oder zahlen aus, wie Commis, die nichts ahnen von den höheren Eindrücken des Geschäfts. – So saß er da, stets hinter dem Tische an der Wand, ein blauer, langer Rock verhüllte die magere, weitläufige Figur; eine altmodische Busenkrause, die aus einer zufälligen Lücke kuckt – denn er hielt sich immer zugeknöpft – erinnerte an Vergangenheit, Wechsel und Tod. Der Gymnasiast merkte natürlich damals nichts als Scheu und Respekt, aber die Bilder blieben 184 unangetastet im Gedächtnisse, und wenn wir sie in späterem Alter hervorholen, so sprechen sie plötzlich Alles aus, was früher nur als unsichtbare Gebankenembryonen in ihnen geschlummert hat: es war Alles verlebt an Weisflog, der Geist, das Herz, die Kunst, das Leben; seine Schriften waren nur Gras von seinen Gräbern. Er schrieb erst in den letzten Jahren seines Lebens für die Oeffentlichkeit, da er schon ruinirt war – wie viele Dinge sind erst als Ruinen interessant, Mond und Sonne finden ungehindert Zugang, Musik klingt geweiht und schallend, die Geschichte redet mit. Seine unheimliche Erscheinung hatte aber etwas dämonisch Anziehendes, wie diese ganze Hoffmannssche Clique von Roués; ich suchte ihn in Sagan auf, als die Leute sagten, er sei mit dem Sterben beschäftigt. Was zischelte und raunte man sich damals alles zu: er könne nicht leben und nicht sterben, die juristischen Streiche eines harten Herzens, die Gewissenlosigkeit eines dissoluten Lebens zerrten ihn umher auf dem Lager. Ich mochte nie dran glauben: 185 einzelne Blicke in ein tief empfindendes Herz überschatteten mir all' das Gerede; aber als er gestorben sein sollte, da war's Spiegelfechterei, da existirte er noch, sein Haus war verschlossen, und Nachts ging ich mit ihm in seinen Garten spaziren, wo er mit den Blumen die wunderlichste Conversation führte. Wenn ihm einmal ein Ausdruck fehlte, so wendete er sich an Eps den Zwiebelkönig, der neben uns hertrippelte. Ich bin zwar überzeugt, daß Eps leichtsinnig war und sehr frei übersetzte, und daß sich daher manche grobe poetische Irrthümer in Weisflog's Sachen schreiben, denn Eps sprach nur einen sehr unkultivirten Dialekt der Blumen, die Sprache der Knollengewächse. Man erkennt diesen Materialismus leicht in Weisflog's Schriften. Wenn Eps schlafen gegangen war, so begleitete mich Weisflog noch ein Stück auf meinem Heimwege nach Sprottau, und daher kam das Gerücht, der Prokonsul ginge um. Unsere Unterhaltung war vernünftig und bürgerlich; wurde er dabei bürgerlich-tragisch, wenn er seiner Schulden gedachte, so wies 186 ich ihm das im Mondschein schlummernde Städtchen: dieß Sagan ist durch van der Velde und Wallenstein bekannt geworden, hat ein Schloß und eine Fürstin, d. h. eine mediatisirte, die sehr schön gewesen sein, und viel Geist und Geschmack haben soll – man erzählt, sie habe im Freiheitskriege eine Rolle gespielt, und Metternich lebhaft und erfolgreich zugeredet, sich von Napoleon entschieden abzuwenden. Was erzählt man nicht Alles, um einen geschichtlichen Moment zu erklären! Wir haben eine eigene kindische Sucht, alle bedeutenden Dinge auf Intriguen und persönliche Zufälligkeiten herabzubringen, weil diese unsern geselligen Zuständen analog immer eine Rolle dabei spielen. Uebrigens ist dieß Sagan die Grenzstadt zwischen Schlesien und dem alten Sachsen, der Lausitz, und hatte insofern früher eine Schmuggelbedeutung: die schönsten Westen zur Tanzstunde und zum Pfingstschießen kamen uns von Sagan, der Name des Städtchens war uns bedeutungsvoll. Es liegt da wie ein indianischer Flecken, der Anblick seiner wenig 187 vorragenden Thürmchen ist stumpf und anfänglich, man sieht ihm keine Kultur an, und Weisflog mußte immer lachen, wenn ich's ihm zeigte. Von Sagan nach Sprottau sind, wie gesagt, nur zwei kleine Meilen, er begleitete mich eine Meile und dann ging ich eben so weit mit ihm, so kam ich oft wieder nach Sagan, und wir hatten Zeit über seine Gläubiger und zukünftigen Pläne zu sprechen. Sterben mußte er in Kurzem, dieß stellte sich fest: seine Schulden wuchsen viel höher als seine Schriften, seine Justizgeschäfte hatten auch die unbequemsten Ranken getrieben, der Körper war ausgehöhlt, es ging nicht so weiter. Er hatte auch gar zu viele poetische Gelüste: heute verschrieb er sich eine Straßburger Gänseleberpastete, morgen die theuersten Blumen aus Harlem oder Brüssel, übermorgen die ersten Austern und zu gleicher Zeit die neueste Partitur aus Mailand. Und was schlimmer als Alles: diese Weinschmecker, Weinsäufer, diese aller molukkischen Erregung Bedürftigen hatten alles Gleichgewicht mit dem sonstigen Leben aufgelös't, 188 sie waren wirklich dissolute Gestalten, der Ueberreiz, der Ekel, und daraus die Langeweile sind von ihnen verbreitet worden, der Genuß in Stößen und einzelnen Rückbewegungen, Verlust aller behaglichen Harmonie, wie sie Göthe zu schaffen wußte, ist von ihnen ausgegangen, so weit dieß von Einzelnen ausgehen konnte. Wenn ich dieß Weisflog sagte, so begriff er mich nicht, und fand die Jugend mit ihren rigoristischen Anforderungen kindisch, welche das Genie in Alltagsgrenzen schmieden wolle, aber seine Entgegnungen wurden doch kleinlaut, und er meinte am Ende auch, das Beste sei, zu sterben. Nach seinem Tode reis'ten wir ab, und überließen Eps das Uebrige. Der hat auch Alles ganz charmant gemacht, und die gewöhnliche Leichnamskoketterie, das Begräbniß, auf's Beste gesorgt: unermüdlich ist der Zwiebelkönig den Leuten unter der Nase umhergelaufen, und es ist viel geweint worden von Gläubigern und Gläubigen, wie ausdrücklich im Wochenblättchen stand. 189 Wir reis'ten in's Gebirge. Am letzten Hause von Hermsdorf hielten wir still; dort wohnt Weisflog bei einem böhmischen Musikanten, der jetzt ein schlesischer ist, und kurirt sich durch einfache Lebensart: er trinkt Molken und iß't Brunnenkreße, lies't den Gebirgsboten und die Abendzeitung und läßt sich von seinem Wirthe einfache, alte Volkslieder vorspielen, besonders: Drei Lilien, drei Lilien, Die pflanzt' er auf mein Grab, Da kam ein kühner Reiter Und riß sie ab. – Weisflog kam anfänglich sehr herunter, und klagte bitterlich: Es ist gegen meine Natur, äußerte er zu wiederholten Malen, gegen alle Weisflog'sche Natur – ich hab's einmal mit Hoffmann in Warmbrunn versucht. Wir hatten uns einen Diätzettel aufgesetzt, und kasteiten uns den Tag über, wir gingen schmalleibig in der Gallerie auf und ab, und vereinigten uns über ein Trauerspiel mit Musik, das wir komponiren wollten. Das Stück sollte 190 heißen: »Feiner Geschmack und kein Appetit,« die Tendenz war die Unzulänglichkeit des menschlichen Magens bei so großer Verführung einer reichen Natur – ja, das ging den Tag über recht gut, und des Abends noch besser, Abends entschädigten wir uns. Wie gesagt, Brunnenkreße und Molken sind gegen meine Natur. – Die Zeit überfuhr mein Weisflog'sches Interesse, ich habe mich nicht mehr um ihn kümmern können, von vornherein läßt sich annehmen, daß er doch noch an Brunnenkreße und Lilien gestorben ist. 191     Die Ader. Der Postillon fuhr mich den alten Schulweg nach Glogau – wie oft war ich ihn gewandert, oder auf trägen, schleichenden Wegen gereis't mit einem Kopfe voll Vokabeln und Formeln, mit einem Herzen ohne Muth, was die Schulsorgen zusammengeschrumpft hatten. Man soll sich der überstandenen Schulleiden mit Freude erinnern. Das könnt' ich nicht sagen – jenes drückende Alpgefühl des terrorisirten Gymnasiasten kommt noch heute wieder, wenn ich an die langen, eingesperrten Vormittage denke: die Sonne lag fern auf einem hohen Dache, zu uns kam sie nicht, festsitzen mußten wir, wenn uns auch ein 192 verirrtes Frühlingslüftchen mit Drang und Sehnsucht erfüllte. Mehr als einmal sind mir die Thränen in die Augen gekommen, wenn ich Morgens um sieben Uhr mit dem Bücherpack durch die Straßen wanderte, rothgolden fiel die Morgensonne auf die thaubedeckten Gassen, die Kaufmannsladen öffneten sich, Wagen und Reiter setzten sich nach dem Thore in Bewegung, die Soldaten marschirten mit klingendem Spiele auf's Glacis hinaus, der fröhliche Gassenjunge begleitete sie mit muntern Sprüngen, die ganze ahnungsreiche Welt eines schönen Tages ging auf – und ich mußte in die abgesperrten Zimmer, aus denen kein Entrinnen möglich war. Es ist wohl recht traurig, daß man in der Zeit des Lebens, wo man am Glücklichsten sein kann, glücklich ohne Kollision mit der Polizei und Geistlichkeit, daß man just in dieser Zeit so viel lernen muß, um später ein Mensch von Schulbildung zu sein. Und wie wird das immer bedenklicher: ich empfinde oft einiges Mitleid mit den Jungen, die jetzt noch in den Rinnsteinen 193 herumkriechen! Wenn sie den ganzen sogenannten klassischen Kursus durchmachen sollen, so werden sie nicht Zeit übrig behalten, sich die Nase zu schneuzen – was ist, Gott sei Dank, unterdeß Alles erfunden und nöthig geworden! Das Material der Weltbildung wächs't wie ein üppiges Kleefeld – es werden unermeßliche Reformen im Schulwesen nöthig, zu Grunde gehen über Kurz oder Lang die Magister und die lateinischen Schulen. Wenn man nur erst den Weg finden möchte, daß darüber nicht alles Latein zu Ende geht – man wird Methoden entdecken, nicht mehr sechs Jahre für das Bischen Latein zu brauchen, und es wird mancherlei Geographie und Naturkunde bei den Windmühlen und an den Wasserbächen gelehrt werden; wir müssen es dahin bringen, daß die Männer nicht mehr mit Angst und Schrecken an ihre Jugend denken. Dies ist eine Forderung, und es ist ein Zeichen der Kultur, daß es stets hinreicht, eine Forderung erfunden zu haben, sie gebiert die Gewähr. 194 Einseitig vertheidigen Pädagogen die dumpfen Stuben, das Sitzen und Auswendiglernen, einseitig verlangen Humanisten die Freiheit der Jugend, aber laßt den Kampf toben, die Anforderungen der Welt an die Bürger, die Anforderungen der Jugend an die Welt werden einen Vereinigungspunkt finden. Da sah ich die Oder wieder in der Ferne durch das Blachfeld ziehn; er hat auch wenig Freude dieser Fluß: nach einer kurzen, wilden Jugend in den Karpathen und Sudetenpässen durchfurcht er ein gleichgültig, flaches Land durch Schlesien, die Mark und Pommern. Er sieht nur den Theil Schlesiens, der sehr einfach und ohne Reiz ist: auf dem Ufer nach Polen hin unterhält ihn noch auf langen Strecken der alte Pathe, der Oderwald, mit knorrigen Eichen und düstrer Stille, Schiffer mit slavischen Leibern und Worten gehen auf den einsamen Uferwegen mit Seilen und Aexten entlang, entweder um den schwerbelad'nen Kahn stromaufwärts zu trödeln, oder die Heimath in Oberschlesien aufzusuchen, wo sie ein neues Floß zimmern und 195 besteigen wollen, was sie hinabfahren. Martätsche nennen sie es in ihrem Wasserpolakisch. – Es ist keine Freude, diesen Martätschenführern im Oderwalde zu begegnen, obwohl man sagt, sie seien gefahrloser als sie aussähen; das kommt vielleicht nur daher, weil keine Engländer hier reisen. Auch die Elbufer sind hinter Meißen unbedeutend; wie die der Oder – diese Erscheinung hat darum noch etwas Bedenkliches, daß man nun im Gange dieser Flüsse keine Nothwendigkeit entdeckt, sie sehen fast wie verirrt aus, könnten eben so gut weiter rechts, weiter links gehen, und diese Zufälligkeit, welche die Dammbesitzer sehr tief empfinden bei den gefährlichen, immer wiederkehrenden Ueberschwemmungen, raubt den Flüssen auch historischen Reiz. Sie wechseln ihr Bett: eine alte Oder und alte Elbe ist an wer weiß wie viel Stellen zu finden, kurz die beiden Flüsse können es nicht wohl zu einer soliden Poesie bringen. Das Bischen Weidengestrüpp am Ufer reicht nicht dazu hin, und der Boden des Strandes ist so gebrechlich und 196 bröcklich, daß von Felsengängen gar nicht die Rede seyn kann. Lebe wohl, Oder, die kleinen Gebirgswasser meiner Heimath interessiren mich weit mehr denn du; Farbe hast du auch nicht, wenn's nicht regnet, ich müßte dir's denn anrechnen, daß du nicht leicht so gelb aussiehst, wie unsre alte Tante, die Elbe. Damit will ich den schlesischen Gymnasiasten das stolze Wort Viadrus nicht rauben, und Herr Fülleborn, der im Breslauer Erzähler diesen Viadrus stattlich besungen, soll ungestört schlafen mit seinen Versen und seinem Breslauer Ruhme. Es ist sehr liebenswürdig an den Schlesiern, wie sie ihre Landsleute lieben, von denen etwas gedruckt worden ist; ihr Patriotismus hat so etwas von einer schwachen Großmutter, die für das Enkelsöhnchen immer ein Bonbon und ein Paar Hausmittel bei der Hand hat wenn auch sonst weiter nichts. Es ist bei dieser Gegend noch zu bemerken, daß die Glogau'schen Bauern wegen ihrer Grobheit berühmt sind, man nennt ihre Konduite »sackgrob,« 197 und ihr täglich Sprich- und Rechtswort lautet: »Was grob ist, hält gut.« Ihr Boden ist schwarz und ergiebig, er nährt ihre Grobheit, der Dialekt fällt dicht wie ein schwerer Gußregen im Sommer, er ist dick und bequem, ein guter Hochdeutscher wird wenig davon übersetzen können. Den Ruf einer soliden Derbheit in allen Aeußerungen genießen übrigens alle Oderbauern, die man auch Oderdeutsche nennt, und man versteht's ohne Kommentar, wenn es heißt: »Ach, er ist von der Oder her.« Das ausdrucksvolle Sprichwort: »Ein Wort und ein Schlag« heißt bei ihnen »Gib'm an Trabs« will sagen: Versetz' ihm Eins ohne Redensarten. Süße Heimath, ich muß weiter. 198     Die deutsche Provence. Man könnte mit demselben Rechte Schwaben so nennen, wenigstens hat es größere Dichter und bedeutendere Dichterschulen hervorgebracht als Schlesien, aber der Scherz dieses Namens für einen Theil meines Heimathländchens soll anders motivirt werden, als mit großen Namen und Richtungen. Wenn man vom Oderstriche einige Meilen nach Westen fährt durch Haide und verstecktes Land, so gelangt man bei Liegnitz in den Vorhof des eigentlich schönen Schlesien. Sanft anstrebende, lange Hügelreihen wiegen sich im Sonnenscheine, dahinter winken die blauen Hochgebirge, die Kieferwälder sind in lockend grüne kleine Holzungen verwandelt, weiße Klöster und Schlösser blinken bei einzelnen 199 Wendungen des Weges, Liegnitz, ein freundlicher, heitrer Ort, in seiner Form dem lächelnden Leipzig äußerst ähnlich, empfängt uns, wie es mich stets bedünken wollte, mit offenen Armen. Es ist dies ein Ort heitrer Behaglichkeit, grüne Wiesenflächen, küchenfreundliches Gartenland, wohl grünende und duftende alte Schattenbäume umgeben den Ort, freundliche Gesichter, schöne Mädchen, lustige Bursche erfüllten ihn. Bei schönen Mondabenden hört man bald hier bald da Gesang und Saitenspiel, die hübschen, feisten Kräutermädchen sitzen vor den Thüren, und weisen den Scherz nicht ab, auch wenn sie aufstehn, Liebespaare streifen unter den Linden hin auf der Promenade, verlieren sich wohl auch weit hinaus in den mondflimmernden Hag, und die Nachtigallen singen besonders schön und zärtlich in Liegnitz. Es ist ein zärtlich Volk das schlesische, es ist sein schönstes Genüge, und das, worauf es immer dringt beim Umgange: das Herz mit allen Kleinigkeiten gegenseitig auszuschütten, 200 Und wer's mit hübschen Worten kann, Das ist ein äußerst hübscher Mann. O, wie reich sind sie an solchen provençalischen Vireley's, wie propagiren sie zärtliche Verse, wie gerne hätten sie Minnehöfe und dergleichen, wenn's die Polizei und die Klassensteuer gestatteten. Auch ist es mir stets vorgekommen, als ob die Liebschaften hier niemals jenes dunkle, hypochondrische Kolorit annähmen, was mit düsterem Nahrungsjammer, pedantischer Eintönigkeit, egoistischer Klage solche Bilder abschreckend macht. Wem ist's nicht begegnet, daß ihn die liebelockende Mondnacht in Illusion versetzt, und der nächste bleiche Tag erschreckt hat, wenn ihm Räume und Personen der romantischen Nacht blaß, bedenklich, zukunftsorgend erschienen. Ganz anders, immer lächelnd, provençalisch ist die Physiognomie dieses schlesischen Städtchens. Ich weiß es wohl, wie solche Ansicht eine zufällige sein, auf einigen Spezialitäten beruhen kann – ist's denn aber anders mit der ganzen Welt und Anschauung derselben! Und wie oft hab ich Liegnitz 201 gesehen, und welche zu passende Geschichten hab' ich dort erfahren! Hier nur folgende: Auch die jungen Männer, welche sich dort zur Universität vorbereiten, zeichneten sich aus durch eine behagliche Fröhlichkeit, durch ein dralles, hübsches Aussehen: es war an einem warmen Herbstabende, als mir einer dieser Halbstudenten sagte: »Komm mit, wir wollen zu Hannchen gehen, und Du sollst auch einen Kuß von ihr haben.« In den Vorstädten nämlich wohnen die sogenannten »Kräuter,« welche das schöne Gemüse bauen, womit Liegnitz und Breslau die ganze Provinz versorgt. Hannchen war ein solches Kräutermädchen – sie saß in einer kleinen Scheune auf der Tenne mitten unter Gurken, die sie sonderte und auslas. Es war ein rothbackiges, frisches Mädchen mit lebhaften, dunkelblauen Augen; das braune Haar trug sie unter der gebräuchlichen schwarzen Kappe, und es kam nur auf der braunen Stirn zum Vorschein, das leichte kurze Röckchen ließ ihre kräftigen, blanken Beine bis weit über den Knöchel unbedeckt, das 202 baumwollene rothe Busentüchlein aber schloß züchtig bis unter den Hals, und ließ nur wenig von der weißen Haut sehen, die nicht in der Sonne verbrannt war. Sie reichte ihrem Liebhaber die Hand, welche sie frei hatte, zog ihn, den willigen, zu sich nieder und gab ihm einen und noch einen Schmatz. Dann reichte sie mir auch die Hand und hieß mich willkommen, und erzählte vom Gemüse, und von Nachbars Lorchen, die nun auch einen Liebsten habe, und daß sie spät Feierabend machen könnte, wenn wir nicht klug sein und die Gurken unterscheiden lernen, und ihr auslesen helfen wollten. Wir ließen uns belehren und halfen, und nahmen ihre Verweise der Stadtkinder freundlich hin. So wurden wir dann fertig, und meinem Begleiter waren so und so viel Küsse zugesagt – ich hielt es für angemessen, mir den meinen auszahlen zu lassen, was sie denn auch harmlos auf ihres Liebsten Anweisung that, und mich fortzubegeben; sie wollten spaziren gehen – 203 – Nach mehreren Jahren kam ich wieder mal durch Liegnitz, und ging in die Kräutergasse hinaus, um Hannchen zu besuchen. Ich wußte es, daß der Liebste auf eine ferne Universität gegangen sei – Hannchen war im Garten und grub die Erde um. Sie war nicht viel älter geworden, und kannte mich gleich wieder. Mit einem freundlichen Lächeln, was sich in dem arbeitsrothen Gesichte gar anmuthig ausnahm, reichte sie mir die Hand, die warm und schwielicht war vom Grabscheit, und fragte, wie's Ihm ginge. Ich mußt' ihr erzählen, was ich konnte – er hatte ihr beim Abschied einen Kuß gegeben, und damit war's ausgewesen; 's ist mir recht nah gegangen, meinte sie, daß er fort mußte; na, wenn's ihm nur gut geht, hübsche Mädchen wird er schon finden, er sah gar »schmuck« aus, mein Liebster, nicht? Das war Alles; und giebt es mehr? Wer liebt wohl besser: Hannchen oder die Eboli? Es war just eine Mondnacht, als ich dießmal durch Liegnitz schritt, und ich fand Alles beim Alten. 204 Hochidealistisch sind die schlesischen Provençalen nicht, das mag wahr sein, aber was thut's? Idealistisch sein ist ja auch nur eine Eigenschaft, Petrarka, dieser natürliche Sohn der Provençalen, der das Kokettiren mit dem Ideale bis in's Unwahrscheinliche, und ganz und gar anders als seine Vorbilder trieb, ist bekanntlich ein ganz anderer Mensch gewesen zu Avignon und Padua als in seinen Sonetten, ein Mann sehr vergnüglicher Realität, der nur für seine Gedichte ein idealistisches Schema hatte. Warum soll ich es nicht erzählen, daß ich damals unter einer großen Linde einen jungen Fant, die Guitarre im Arme, stehen sah, welcher ungefähr mit folgenden Worten den Idealismus herausforderte: Durch die Nebel scheint der Mond In die nächtlich stillen Straßen – Schien nicht damals auch der Mond, Als wir nah beisammen saßen? Sprechen die Leute nicht viel davon Von des Geistes Kraft und Genüge, Von des Herzens tiefinnerstem Ton, Welcher die Lust durch die Lüfte trüge. – 205 Liebe gäb's nicht ohne ihn, Aber ein einzig Blicken und Küssen, Ein einziges An'sherzeziehn, Lassen mich Mond und Nebel wissen. Es war eine grüne, jugendliche Baßstimme – und soll ich's bekennen, sie zerstörte mir alle Illusion, ich eilte, den Wagen zu erreichen. Ueberall und überall Dualismus, auch in der Liebe – Nehmt uns das Herz mit seinen Träumen Und die Geister in säuselnden Bäumen Und des Nebels schimmernden Duft, Alle die tausend Stimmen der Luft, Was ist uns dann übrig blieben Von der Gottheit und vom Lieben? Die Verschiedenheiten, der Streit und Gegensatz, der Kampf und das Ringen nach Urtheil sind am Ende all' unser Reiz, vergeßt es nicht im Kampfe, damit Ihr über ihn treten und leben möget. Damit erwacht' ich am Morgen, und tröstlich grüßte der dunkelblaue Zobtenberg, der mir zur Seite 206 lag. Mitten im Lande, ein Prophet des Wetters und blauer Ferne spricht er täglich zu seinen Landsleuten, dieser älteste Schlesier, und es ist sehr Unrecht, das ihn der Volksdialekt den »Zoten« nennt. Auch er bringt meiner Erinnerung ein Stück provençalischen Lebens, Lieder und Turniere, Schwerter und Freudenhöfe, leider auch schwere Besoffenheit, den deutschen Zusatz. Die Breslauer Studenten halten alljährlich einen Kommerce an seinem Fuße, in toller Maskerade, wie beim römischen Fasching, ziehen sie zu Roß und Wagen im duftenden Monat Juni aus, und Breslau staunt der unpolizeilichen Gestalten. Viel Witz und Abwechselung wird da entwickelt, Don Quixott und Sancho treten leibhaftig auf wie in der Mancha, und das Vergnügen an zweckloser Thorheit kommt vielleicht in unserm ganzen Vaterlande nicht so heiter zum Vorschein, als bei jenen Zobtenkommercen. Man muß die Chaussee nach Schweidnitz hin gesehen haben an solchem Tage: der magere Beutel oder Kredit der Musensöhne reicht 207 bei den Meisten für Pferd oder Wagen nicht weiter als bis zum nächsten Dorfe. Von da schleichen sich nun die heterogensten Masken auf endlose Bauerwagen: die Dirne sitzt auf dem Leiterbaume, ledig des Kopfputzes und das kecke, kurze Studentenhaar, der Schnurrbart und die Pfeife sehen wie ein anderes Geschlecht auf die kattunene Unterpartie, brennend rothe Doctoren aus Sevilla gehen jungen Schrittes auf dem Fußwege, tragen die Allongeperücke in der Hand, erquicken die Mähderinnen auf der Wiese mit kräftigem Ungar aus den Medizinflaschen, Mars hat sich einen Bauerklepper gemiethet, singt tyrolerisch, und bittet die zu Fuß gehende Minerva, unter deren Göttergewande bedenklich irdische Pantalons zum Vorschein kommen, um etwas Schwamm. Der Besitzer des Gauls, welcher der Sicherheit wegen nebenher geht, trägt den unsterblichen Helm und die rothe Tabaksblase. 208         Klingt es auch nur wie Gedichte,     Doch ist's wirkliche Geschichte – Sind nicht alle Heldenthaten, Wenn sie ganz und wohl gerathen, Fabelhaft und wunderbar?     Die Studenten mit ihren Scherzen     Waren der Menschheit blanke Herzen,     Thörichte, reizende, blank und baar.         So kamen wir Götter und Provençalen denn des Abends in einem Orte an, wo die Wege nach Breslau, Schweidnitz und Zobten zusammentreffen, auf diesem Kreuzwege steht ein Dorf, was in der Sprache vom Oc »Merschelwitz« heißt. Es ist zu erwähnen, daß der Schlesier das Wörtchen »ock« gebraucht, wo die andern Deutschen »nur« sagen. Also den ersten Tag geht's »ock« bis Merschelwitz, 209 der bunte Schwarm von Hunderten würde keinen Raum zum Nachtlager finden, er wählt also den sicheren Ausweg, kein's zu suchen. Die Nacht wird süß verschwärmt bei unsterblichen Spielen. Es sind hier weniger griechische, noch Saitenspiele, noch Pfänderspiele gemeint, sondern Lanzknecht, das reizende, und Pharao, der Träumer von sieben fetten und sieben magern Kühen. Lanzknecht ist ursprünglich ein Repetitorium mittelalterlicher Institutionen gewesen, man hat sich's vergegenwärtigt, wie die Fürsten und Herren mit ihren Lanzenknechten auf Krieg und Beute ausgezogen sind, man hat sich die Sitten dieser romantischen Ideale nachgebildet, und so ist mit einigen modernen Zusätzen von Silbergroschen und Aehnlichem das holde Spiel entstanden. Es ist nicht zu sagen, in welch mannigfachem Derangement, in welch süßer Verwirrung die Kostüme und Gestalten jener Nacht gesehen werden. Mars ohne Mantel hat seinen letzten Silbergroschen verloren, und versucht seinen Kredit bei einigen 210 schüchternen Erdensöhnen, die seinen »Sturz« und seinen Arm scheuen, Minerva, tief im Negligé, macht gute Taillen und ist voll Würde; Gewinn befängt, die Lustigen der Gesellschaft haben Alles verloren, und verspotten das Glück, setzen sich zusammen, singen und scherzen, und fragen nebenher ganz in der Stille bei Diesem und Jenem an, ob er ihnen mit ein Paar Groschen helfen könne. Ist das geschehn und haben sie erst wieder ein kleines jeu für Anfänger zusammen, dann schweigt die Laune, die Begier ist stumm – im andern Winkel des Hauses beginnt der unterbrochne Jubel bei denen, die eben ausgebeutet sind. Um und um schwebt der blaue Qualm, die Effekten des Anzugs liegen in süßer Unbefangenheit durcheinander, Biertonnen sind Tische und Stühle, wo es an diesen fehlt, hier und da liegt unter der hölzernen Bank ein Mattgewordener, ein Abgefallener, wüster Schlaf lähmt Miene und Glieder – so findet die Morgensonne das Wirthshaus von Merschelwitz und ihre ersten Strahlen jagen Alles zum Aufbruch empor. 211 Uebernächtig, aber von jugendlicher Kraft getragen, zieht die Karavane von der Heerstraße ab direkt auf den Zobten zu, der majestätisch und immer größer aus dem Morgen hervortritt. Zwei kleinere Genossen, der Kelfchen- und Geiersberg, die man aus der Ferne gar nicht merkt, produciren sich neben dem Hauptberge – so geht's mit allen Berühmtheiten: sie erscheinen in der Weite so sehr als Ganzes und Eines, daß man nicht fragt nach Frau und Kindern, nach Nachbar und Freund, welche vielleicht ein gut Theil der Größe mitgeschaffen haben. Es ist auch nicht nöthig: das sind sehr kleine Historiker, welche einen großen Mann aus zufälligen Umgebungen, Hilfen und Werkzeugen erklären; der wahre Mittelpunkt der Größe findet andere, wenn er diese nicht hat, er schafft sie erst zu dem Vereine; Mittel sind für Alles da; aber jenes Ewige, was die Größe macht, ist so selten wie der Held mit Schwert oder Feder. Sie sagen, Mirabeau wäre nichts ohne seinen Sekretair gewesen, Napoleon nichts ohne seine Marschälle und Dies und Jenes, Goethe nichts ohne 212 Merck! Die hätten Andere gefunden und geschaffen. Genie ist Gottheit, die Menschen macht, auch wenn sie dieselben nur zu finden scheint. Der Zobten ist doch die Hauptsache, schrie der Chor. Jetzt war ziemlich Alles zu Fuß, und ob das Eigenthum auch die Nacht hindurch grell gewechselt hat, der Sonne Gold tröstet Alle, sie jubeln mit den Lerchen um die Wette. Sobald man des unscheinbaren Städtchens Zobten ansichtig wird, welches bescheiden am Fusse des Berges liegt, ordnet sich das Heer ein Wenig, die Präsides schieben ihre großen Stiefel an, schnallen die Stürmer auf, ziehen die Schläger aus der Scheide. Wenn der äußerste Zobtener Vorposten dies Flimmern im Sonnenstrahle sieht, setzt er die Lunte auf und brummige Böllerschläge begrüßen die neue Herrschaft, denn Zobten verfällt in voller Rechtswahrheit den neuen Eroberern. Am Thore harrt die Unschuld, die jedoch höchstens zehn Jahre alt seyn darf, in weiß gewaschnen Gewändern mit grünen Guirlanden und empfängt die Sieger – 213 alles übrige Frauenzimmer ist aus der Stadt geflüchtet. Ich muß zugestehn, daß dieser Zug nicht ganz provençalisch ist. Auf dem Markte begrüßt der Herr Bürgermeister die neuen Herren mit einer Rede, und übergiebt ihnen die Stadt, sie wird in einer feierlichen Gegenrede mit Haus und Hof, Familie und Nothdurft angenommen – das neue Regiment beginnt. Ich brauchte nun Homerischen Schwung und Raum, um Euch Details zu singen von dem Lager bei Troja, und wie sich die Helden reckten und dehnten, wie sie ihre Fechterspiele trieben, wie Thersytes verhöhnt wurde, Ajax brüllte, Odysseus und Diomedes intriguirten bei den Lanzknechttischen, die an den Straßenecken standen, wie die Wechslerbänke im Vorhofe des Salomonischen Tempels. Begleitet mich in das Zelt Agamemnons, in's Hauptquartier der Präsides, welches einem Seifensieder gehörte, und wo die Führer ruhten, und Pläne wälzten in ihren Herzen. Man fühlt sich sicher: zwei trojanische Jünglinge, bartlose Kriegsgefangene, 214 halten Wacht an der Thür, sie sind die Blüthe zobten'scher Jugend, und man hat sie schwarz angestrichen von oben bis unten. Es ist nicht meine Schuld, wenn die Zeitalter ein Wenig durcheinander geworfen werden, Klassisches und Romantisches bunt durcheinander geht: es waren Philologen und Theologen und Neologen im Zelte des Atriden. »Lucifer« hieß der eine Jüngling, »Unsinn« leider der andere. Nach barbarischer alter Weise hatte man ihnen den Gebrauch der Sprache verboten bis auf zwei Redensarten: Unsinn mußte auf alle Anfragen erwidern »Warum denn dieses nicht!« Lucifer aber hatte zu antworten »Salomo sagt: das Weib ist bitter.« Wenn also Lucifer gefragt wurde von einem vorübergehenden Argiver, ob der göttliche Peleide, der Baron von Achilles zu Hause sei, so mußte er sprechen: Salomo sagt: das Weib ist bitter – und wenn ein leichtsinniger Fant von der lokrischen Grenze zu »Unsinn« trat, und insinuirte ihm die Redensart: Ihr Trojaner aus Zobten seid Gesindel 215 und Euer Braunbier ist, wie man in Schlesien sagt, Jauche, so mußte dieser erwidern: Warum denn dieses nicht. Verfehlten es die Jungen, so wurden sie gestäubt; – ich sag' es ungern und verschweige die Ceremonie. Innen aber im Zelte Agamemnons beim Seifensieder Schmalz ging's lustig her; auf dem Hofe brannte ein großes Feuer, daran wurde ein ganzer Hammel gebraten – Homer würde sagen: ein Schöps – und es erhoben sich voreilig mancherlei Finger nach dem lecker bereiteten Thiere. Die Edlen, welche in gefälligem Negligé um das Feuer ruhten – Waffen und Rüstungen lagen beiseit – pflogen harmlose Reden über die Feier des Sieges, welche bald vor sich gehen sollte, und über die Schulden der Völker, welche noch von früheren Eroberungen in Zobten restirten. Auch tranken sie Gurkauer Lagerbier aus stattlichen Gläsern, und die Zeit verstrich ihnen lieblich; besonders Ajax aus der Gegend von Hundsfeld betheuerte öfter, er befände sich komfortabel. Kam denn auch Kunde von einzelnem Aufruhr und von Entzweiung der 216 Völker, man ließ sich nicht stören, Verklagte und Kläger blieben rasten im Zelt des Atriden, besonders als Madame Schmalz anhub den Schöps zu tranchiren. Als Helios mit dem flammenhufigen Gespann tiefer hinab geeilt war gegen die sächsische Grenze, begann die eigentliche, solenne Siegesfeier auf offenem Markte, welche genannt wird der Zobtener Kommerce – erzählt es ihr Sterne, wie ihr die Helden noch trinken sahet und hörtet spät am Abende, es zitterten die kleinen Häuser, aber die Herzen der Argiver lachten, und Niemand erkältete sich. Nacht war's geworden, bleierner Schlaf lag auf vieler Recken Glieder, die sorglos niedergesunken waren, wo ihnen die Mattigkeit das Herz berührt, hell schien der Mond, die Lüfte säuselten weich und lind aufwärts, um den unglücklichen Göttern, welche es gehalten hatten mit Priam's Burg, Kunde zu bringen vom tragischen Ende, nur des olympischen Zeus behagliches Lächeln bebte wollüstig durch die Schöpfung, da ging ich mit einigen Genossen durch 217 das skäische Thor hinaus, an der bekannten Esche vorüber, der Göttervater hatte uns Kraft erhalten, wir wollten den Berg noch besteigen. Und als wir in den schwarzen Bergwald traten, da wechselten die Zeiten, wie meilenentfernte Vergangenheit lag das Homerische Epos schlafend hinter und unter uns, Landleute, welche sich zu uns gesellten, theilten uns mit, wir lebten in einer christlichen Epoche, und oben in der Kapelle des Berges beginne mit anbrechendem Morgen das Fest des Heiligen, welcher das Zobtener Gebiet beschütze. Wie Nebel fiel es von unsern Augen, wie ein Traum künstlicher Schulzeit – fern aus dem Walde drang das Jodeln einzelner Kameraden wie der unberufene Gesang einer Nachtigall, die sich auf dem Fliederbaume an der Kirche niedergelassen hat, und in die Orgelklänge singt; denn von der andern Seite des Berges trug der parteilose Schall den monotonen Gesang einer Prozession – weiß flog das neue Weltlicht über den Himmel, es ward Morgen. Mitten unter Landleuten befanden wir 218 uns auf der Spitze des Berges, das Riesengebirge in dunklen Massen stieg vor uns auf, und der Tag hob einen Schleier nach dem andern von der mannigfachen Gegend, der hohe Thurm von Schweidnitz enthüllte sich, über die weiten, bunten Felder nach Breslau zu schoß der erste Sonnenstrahl, die Welt dampfte in frischer Morgenfrühe, die Lerchen erhoben sich, und weicher, bittender Kirchengesang stieg neben uns auf. Die bleichen Gesichter, die abenteuerliche Tracht der Genossen gaben das Bild verschollener Barbaren – die Mannigfaltigkeit unsrer Zustände trat vor meine Blicke wie ein Arlequin mit tausend Farben, der beim Tagesschimmer vom Balle kehrt, seinen Mantel verloren hat, und nicht weiß, ob er sich schämen soll vor dem heimziehenden Nachtwächter. Ich ging seitwärts in den Wald hinein, und kam zu einer grünen Holzblöße, von wo man hinabsehen konnte nach dem Städtchen. Hier saß ein Landmädchen im thauigen Grase, starr sah sie in's Land hinunter, sie wartete auf den Geliebten, welcher 219 sonst regelmäßig zum Kapellenfeste gekommen, aber das letzte Jahr ausgeblieben war. Er wohnte dort am Fusse des Berges, wo die Sonne aufging, sie aber an jener, wo sie unterging. Wir warteten recht lange; ich sah unten auf der Straße die Studenten in kleinen Trupps langsam heimwärts ziehn, hier und da blieb einer ermattet sitzen – wilde Freude endet schlaff. Er kommt nicht, sagte sie endlich, die arme Dirne, und ging in den Wald hinein – Was Alles bewegt die Menschen! und du goldne Sonne, die immer heißer wurde, bist stets dieselbe, bist dieselbe gewesen auf dem Felde von Troja, auf den Schlössern der Provence, auf den Bergen und Feldern Schlesiens, tröste mich, Sonne! 220     Die Saison in Gräfenberg. Aus so und so viel Gründen hielt ich mich in Breslau dießmal gar nicht auf. Es war noch Alles in Ordnung: die Einen lobten das Theater, die Andern tadelten es, man nahm sich den Kaffee noch im Papier gewickelt mit, wenn man in den Kaffeegarten ging, man beklagte sich wie sonst, daß kein ordentliches Journal bestehen könne, und wunderte sich darob wie sonst; man sagte, Breslau sei doch viel schöner als Berlin, und es werde wohl wieder regnen, wenn im Tempelgarten Illumination sein solle. Kurz, es war noch Breslau, eine große Stadt, die mit tüchtigen Lebenskräften in einer ganz 221 abgelegenen Provinz kauert, und dadurch genöthigt ist, mit allen kühnen Wünschen und Strebnissen eine Provinzialstadt zu sein und zu bleiben. Ueber Ohlau nach Neisse führte mein Weg. Ohlau steht in sehr schlechtem Geruche wegen seines Tabaks, der vom schlesischen Bauer und Ackerbürger verbraucht wird. Uebrigens gehört das hiesige Blatt noch zur Aristokratie unserer Tabaksblätter, der eigentlich jakobinische Knaster gedeiht in Wansen. Dieser tragische Name Wansen ist hinreichend, eine Dame in Ohnmacht zu werfen. Es ist eine stille, uninteressante Fläche bis Neisse. In einem kleinen Städtchen, was man passirt, war ein großer Brand gewesen, ein großer Transport Pulver begegnete mir noch, die schwarzen Fähnchen auf den Wagen, die vorreitenden Soldaten, die Kutscher ohne Tabakspfeifen, ein bleicher Sonnenschein, unter welchem ein trockner, kalter Wind einherstrich – Alles das gab einen Eindruck bleierner Art, und die Post schlich langsam im Sande, Neisse wollte nicht kommen. Endlich gewinnt man 222 eine Anhöhe, und die alte Festung und dahinter die Gebirgsanfänge zeigen sich. Die Luft erwärmte sich zum Regen, und mit ihm gelangten wir durch die vielen Außenwerke in die Stadt. Es war ein warmer, wolkiger Tag, als ich sie des andern Morgens in einer leichten Kalesche verließ. Nebel und Wolken machten das Gebirge vor mir unsicher und romantisch. Aber es war Elastizität in der Atmosphäre, und ich begrüßte mit Heiterkeit die österreichische Grenze. Es waren meine alten Bekannten von Hirschenstand, Peterswalde, Triest und von der Linie in Wien, die Herren Mauthbeamten, wir erkannten uns auf der Stelle an den hübschen Zwanzigkreuzern, drückten uns die Hände und schieden in Eintracht. Uebrigens schützt sie gegen Deserteurs der steinige Weg zur Genüge, welcher sich bei den meisten österreichischen Zollstädten findet. Niemand kann ohne Lebens- und Wagensgefahr in Eile vorüber. Ich wage nicht zu entscheiden, ob dieß auf einem Princip [beruht.] 223 Jetzt befand ich mich dann in dem Stückchen Landes, was man in der Geographie »Oesterreichisch Schlesien« nennt, oder Troppau, Jägerndorf und Teschen, das kleine Terrain, für welches der siebenjährige Krieg nicht hingereicht hat, und welches zwischen Schlesien, Ungarn, Mähren und Böhmen eingetheilt ist in hohe Berge und tiefe Thäler. Die Berge rückten immer näher und enger zusammen, und als ich nach einigen Stunden in das Städtchen Freiwalde kam – eine andere Leseart ist Freienwalde – da war rings die Gegend zugestellt von steilen Bergen, was man sagt, mit Brettern vernagelt. Die Himmelsgegenden waren wie verrückt worden durch die mannigfachen Windungen des Weges, die Wolken fielen in sanften Regen herab, ich war unsicher in einer neuen Welt und wußte weder vor- noch rückwärts. Das ist aber nothwendig, wenn man unbefangen in eine neue Welt treten soll; darum fuhren auch die Orden ihre neuen Mitglieder immer mir verbundenen Augen durch allerlei wirrsame Gänge, 224 darum verbrannte Cortez seine Flotte – ich fühlte mich in Freiwalde der neuen Wassergewalt völlig hingegeben, und fragte demüthig im Wirthshause, wie weit es noch nach Gräfenberg sei. Es ist nämlich zu sagen, daß ich meine Exilzeit zu Kollegien für meinen Leib benutzen wollte: nun hatte ich gelesen, da oben in einem ganz abgelegenen Bergwinkel, wo keine Zeitungen hinkämen, kurire man Alles mit kaltem Wasser; dieß lockte mich. Die Gesundheit, das Geld und die politische Stellung sind heutiges Tags der Mittelpunkt menschlicher Bestrebungen geworden. Man will gesund, reich und frei sein, wie man zu andern Zeiten poetisch oder vornehm oder liebenswürdig sein wollte. Die Motionen in Sachen der Politik sind bekannt genug. In Sachen des Geldes geht es direkt darauf los, daß vielleicht schon in zehn Jahren kein Amt, keine Position mehr bestehen wird ohne einen Nebenzweig von Industrie. Jedermann wird neben seiner laufenden Thätigkeit ein Geschäft suchen, um seine Hände in dem auf- und abwogenden Meere 225 des Erwerbs und Geldverkehrs zu haben; fixe Gehalte, sie seien noch so hoch, werden für Armuth gelten, die Poesie des Glücks wird ein nothwendiges Bedürfniß werden, Alles wird Kaufmann sein müssen, wie Alles gebildet sein muß. In Sachen der Medizin liegt die Umwandlung vor Aller Augen. Der allein seligmachende Glaube der Allopathie ward angegriffen von Reformatoren, die wiederum, wie damals, ihren Sitz in Sachsen hatten, die bald folgende Cholera spielte den dreißigjährigen Krieg und entblößte die Schwäche der Parteien auf eine tödtliche Weise. Aller katholische, unfehlbare Glaube an die bisherige Wissenschaft ward erschüttert, ward aufgelös't, und wir befinden uns nun im neuen Stadium der Spekulationen, der Entdeckungen und Erfindungen. Von den verwickeltsten Zuständen in Wissenschaft und Kunst geht die Welt meisthin zu den Einfachsten und Ursprünglichsten über. Ein unbefangenes Element, das Wasser, wird auch jetzt plötzlich der Mittelpunkt vieler Versuche. 226 Der Herr Professor Oertel in Anspach hatte Jahre lang über die Vortrefflichkeit des Wassers geschrieben, man sprach nicht mehr vom Wasser, ohne des Professors Oertel zu gedenken und umgekehrt; aber er drang, wie Johannes Huß, nicht tief genug in die ungläubigen Herzen, man verketzerte ihn spöttisch. Da trat nun da oben, wo die letzten Berge der Sudeten ihre steinernen Arme hinüber ausstrecken nach den Karpathen, ein schlichter Landmann auf, errichtete eine vollständige Heilanstalt, und setzte das Wasser ein in alle Majestätsrechte der legitimen Medizin. Vincenz Prießnitz ist sein Name, und Gräfenberg heißt der Ort, wo die neue Quelle Siloah über die Steine herunter fließen soll. Darnach erkundigte ich mich im Gasthofe zu Freiwalde. Die blasse, lange Wirthstochter lächelte mitleidig, und beschied mich kurz: Auf dem Gräfenberge hinter der Stadt sei das Oertchen gelegen, eine halbe Stunde lang fahre man hinauf. Uebrigens seien 227 schon so viel Gäste da, daß ich keinen Platz mehr fände, und überhaupt scheine es ihr sehr kurios, daß ich nach dem Wasser hergefahren komme, sie tränken es in Freiwalde schon seit undenklichen Jahren, und es hätte noch kein Mensch was darin gefunden. So geht's allen Propheten in ihrem Vaterlande. Und die lange, blasse Dame mit den sehnsüchtigen Locken hinter dem Ohre war obenein selbst krank, sie litt an jenem Erwartungsübel, welchem so viele Mädchen verfallen, wenn sie zu reiferer Erkenntniß kommen, und das Heirathen zu hassen anfangen. Das ist jener Zeitpunkt der malkontenten Mädchen-Romantik, wo sie Hölty und die lyrische Poesie verehren, die reelle Welt aber, und besonders die Männer abstrakt verachten. Wir pflegen es auf Clauren und die Romane überhaupt zu schieben, es ist aber diese Romantik ein ganz natürliches, tellurisches Uebel wie die Grippe; in Freiwalde giebts keine Bücher und keine Bildung, ich habe späterhin ganz umsonst eine respektable Prämie für die 228 Braut von Messina geboten, ich brauchte einige Verse des Chors zum Motto eines Nekrologs, aber Niemand konnte die Prämie verdienen. Natürlich schlug ich der Dame mit den klösterlich schmalen Lippen die Wasserkur vor, aber sie äußerte sich sehr verächtlich darüber, und fragte mich schneidend: ob ich wirklich so dumm sein, und glauben könne, daß ihr Wasser, nichts sagendes, nichts fühlendes, kaltes Wasser helfen werde. Ja, erwiderte ich schüchtern – sie aber ging hinweg mit einem unangenehmen Blicke voll Verachtung über den Mangel meiner Lebensart, und warf mit der magern Hand die Thüre heftig in's Schloß. Eine Religion wird aber stets am Meisten durch die Zweifler befördert, ich setzte mich voll neuen Wasservertrauens in den Wagen, und war voll Angst und Sorge, keine Wohnung zu finden. Mein Eifer war so groß, meine Hoffnung so gewaltig, daß ich fest bei mir beschloß, im schlimmsten Falle eine kleine Hütte zu bauen, wie man sie auf 229 Kartoffelfeldern anlegt, wenn kein Ort zu ermitteln wäre, wo ich mein Haupt hinlegen könnte. Es regnete indessen immer arbeitsam, aber so durchsichtig weiter, daß ich die Gegend wie durch einen dünnen Flor erkennen konnte. Es war ein tiefes Bergthal, in welchem ich aufwärts fuhr. Der Wagen keuchte durch einen schmalen Weg, und als uns plötzlich ein herabkommender Bauerwagen begegnete, da war die Noth groß. Links vom Wege kamen allmählig einzelne Bauerhäuser zum Vorschein, welche zerstreut an der Lehne des Berges hinauflagen, und nach einer Wendung des Weges erblickte ich einige größere Wohnhäuser – das war Gräfenberg, das ersehnte Bad in den Pyrenäen. Hinter den Häusern lief ein buschiger Berg noch weit in die Höhe, rück- und seitwärts standen blanke Berge, und auf den Bergen lagen Wolken, tief unten über die grün und gelben Berge flog der Strichregen. Der Weg wurde immer steiler, und als wir vor dem kleinsten der massiven Häuser hielten, da 230 mußten wir Steine vorlegen, damit der Wagen nicht eigenmächtig zurückrannte. In diesem Hause wohnte Prießnitz, ich war an Ort und Stelle. Zwei Leute gingen im Zimmer auf und ab; sie sahen sehr abgewaschen und etwas pauvre , roth und bläulich im Gesichte aus. Auf dem Tische standen zwei Flaschen Wasser, daraus schenkten sich die ohnedieß schon frierenden Leute ein. Ich ignorirte Novize erlaubte mir einige bescheidene Fragen nach der Lebensweise in Gräfenberg, zum Beispiele: »Sie entschuldigen, meine Herren, was genießen Sie wohl hier zum Frühstücke?« Antwort: Wasser. »Also bekommt man wohl erst zum zweiten Frühstück – –« Wasser. Es fing mir an kühl zu werden, und das eine der vor mir herumspazirenden Schlachtopfer, ein kleiner Mann ohne Taille, in einem abgeschabten grünen Röckchen, was ihm zu kurz geworden war, 231 schenkte sich zitternd ein neues Glas ein, und stürzte es hinunter. »Aber des Mittags, meine Herren, erhält man doch –« Wasser – war die einstimmige Antwort; sie schien mir wie Unkenruf aus einem Teiche zu kommen. Der Kleine im grünen Röckchen seufzte, und strich mit der Hand über die unschuldigen blauen Augen, und das unwirsche, spärliche blonde Haar, was seinen Hinterkopf bedeckte. Pfui doch, Herr Lieutenant, sprach der Andere, und verschlang ein großes Glas Wasser – ohne Wanken und Seufzen im Feuer, Lieutenant! Noch eins Lieutenant! Es war eine alte, ausgegurgelte Kommandeurstimme; am Gesicht blieb nicht viel zu unterscheiden, das war durch Dunkelroth und altes Fleisch verwischt; weiße starre Härchen wuchsen aus dem Kopfe, ein alter pensionirter blauer Sommerrock schlotterte 232 um den hohen Leib und die breiten Glieder – ich behielt kaum den Muth, weiter zu fragen. »Aber, meine Herrn, Nachmittags oder Abends wird es wohl etwas Andres geben, als –« Wasser, wieder Wasser – kam's seufzend aus der einen, heroisch aus der andern Kehle. Ich sank erschöpft auf einen Stuhl, es war mir, als sei ich unter Sarastro's Leute in der Zauberflöte gerathen. Da erschien ein schwarzer Mann in einem gebrauchten schwarzen Frack; er hatte etwas Gutmüthiges in dem von Pocken gezeichneten Gesichte, und seine Begrüßung war zutraulich, obwohl er wenig sprach – es war Prießnitz selbst. Die Wohnung war der sorgliche Gegenstand unsers Gesprächs, er stand lange schweigsam vor mir, das Auge sah sinnend auf einen Fleck, ich erhielt keinen Bescheid. Schon sah ich mich in der Kartoffelhütte, denn das radikale Verfahren vor 233 mir flößte mir unter Schrecken doch lebhafte Zuversicht auf Erfolg ein. Er ging hinweg, kam zurück, ging wieder, aber ich erfuhr nichts – die Herren von Sarastros Gefolge tranken unterdeß fortwährend Wasser, der kleine Lieutenant stöhnte, der große Bramarbas pfiff das Mantellied. Endlich kam Prießnitz und erklärte mir, daß ich in einer Bauerstube eine Ecke bekommen könnte, alles Andere sei besetzt. – Da saß ich denn des Abends in meiner Ecke auf dem harten Bett, und sah in die Dämmerung hinein, drüben im andern Winkel verzehrten meine Wirthsleute im Dunkeln ihr kümmerlich Abendessen; sie sprachen kein Wort und verschlangen stumm die Kartoffeln vom vorigen Jahre mit gutem Salze; als sie fertig waren, knieten sie auf die Bank, das Gesicht nach der hölzernen Mauer richtend, beteten ihren Rosenkranz, und krochen dann still zu Bette. 234 Es war todtenstill in der niedrigen Stube, die Mäuse kamen aus ihren Schlupfwinkeln, der Mond brach draußen durch die Wolken, und es schien mir in dem gefärbten, unsichern Lichte, was durch die kleinen, schlechten Scheiben brach, als säße die Wasserkur wie ein blaßblaues Gespenst auf der Ofenbank. Ich eilte hinaus, schob den hölzernen Riegel von der Hausthür, und wollte in die Nacht hineinlaufen, um mich in andere Gedanken zu laufen. Aber das geht in Gräfenberg nicht, am Wenigsten des Abends, denn das Terrain ist so abschüssig, bergig und ungleich, daß es nur einen einzigen Weg giebt, der fünfzig Schritt lang ebene Fläche gewährt – alles Andere ist Berg und Thal, ich wäre mit meiner nächtlichen Wasserkurstimmung unzweifelhaft auf die Nase gefallen. Resignirend setzte ich mich neben meiner Wohnung auf ein Stück Bauholz – die Wolken waren auseinander gedrängt, der Mond schien hell. Dem Antlitze des Hauses gegenüber lag eine Scheune, und diese beiden 235 Gebäude bildeten einen vortrefflichen Rahmen, den einige, sich an die Häuser lehnende Bäume noch schöner machten. Es lag eins der wunderbarsten Bilder dazwischen, das ich je gesehen: der Blick läuft schnell und doch nicht jach in einen Thalkessel hinab, in welchem sich wie ein italienischer Pinienhain ein mäßiger mit Fichten bewachsener Hügel erhebt – dahinter wie schwarze Ewigkeit stehen ungeheure Berge, die nur wenige hundert Fuß niedriger sind als die Schneekoppe im Riesengebirge. Es ist besonders der »Altvater,« der mit rundem, kahlem Haupte hinübersieht nach Galizien und Ungarn, und die »Hochschaar,« welche über Mähren nach Wien hinabschaut. Man findet selten so weite, tiefe Thäler, unmittelbar von den höchsten Bergen eingeschlossen; die höchsten, vornehmsten Leute kommen nicht leicht in so nahe Berührung mit der untersten Klasse. Und über diesen dunkelgrünen und blauen und schwarzen Abschüssen schwamm der Mond mit seinem lächelnden Lichte, und oben von Prießnitzens Hause 236 her klang ein dünner Chor von Männerstimmen, die in Ermangelung des Wasserliedes ein altes Weinlied sangen. In ganz Gräfenberg war aber nicht ein Tropfen Wein zu finden – hatte es nicht den Anschein, als ob die alten Götter von Barbaren aus der Welt getrieben seien. Das Gerüst war geblieben und die alte Sprache, aber sonst nichts. War es nicht jenes nüchterne wunderliche Gefühl, als wenn sparsame, mäßige Christen in einer Aufwallung nach Gott – Bacchus schrein. Verworrene Zustände von menschlicher Nüchternheit und irdischer Romantik in Gräfenberg, und wie lächerlich war ich moderner Exul mitten darin. Als ob ich eine neue Welt entdecken gewollt, war ich Sorgen und Verfolgungen in eine wäss'rige Langeweile entflohn. Am andern Morgen begann das neue Leben um vier Uhr, die Wasserkur begann an meinem eignen Leibe. Man wickelte mich in wollene Decken, warf noch ein Bett über mich, und überließ mich meinem Schicksale. Als nach einigen Stunden dies 237 Schicksal im Schweiße meines Angesichts lechzte, ward mir kaltes Wasser eingeflößt. Dies befördert die Transspiration auf's Aeußerste, und wenn diese nun den ganzen Körper aufgelös't hat, da wird das Deckbett weggehoben, und, ein weißer Bettelmönch wandelt man in der wollenen Hülle hinaus zum Teiche Bethesda. Diese Bäder sind meist dicht an den Häusern angebracht, und werden fortwährend von dem in Rinnen und Röhren herabkommenden Bergwasser angefüllt, sind also stets lieblich eiskalt und frisch. Nach meinen unsichern Abendschwärmereien mußte der Mond schlechte Mitternacht gehalten haben, denn als ich in jener Decke meinen Gräfenberger Brautgang hielt, flog mir der Schnee in's Gesicht. Wirklich tritt nach ungefähr einer Minute völlige Erwärmung in dem kalten Wasser ein, die indeß bald neuer Kälte weicht. Diese zweite Kälte muß eigentlich abgewartet werden, sie schüttelt innen und außen den Menschen zusammen. Die Furcht vor dem Schlagflusse und dergleichen fatalen Zufällen 238 ist übrigens hierbei eine völlig ungegründete, die schwächsten Personen erleiden gefahrlos diesen Wechsel, und es wird täglich die Bemerkung gemacht: je gründlicher und heftiger die Transspiration vorher, desto wohlthuender ist das kalte Bad darauf. Ein Bad von solcher Kälte ist ohne vorhergehende Transspiration viel empfindlicher. Man darf auch dabei nicht außer Acht lassen, daß der vorhergehende Schweiß durch nichts Echauffirendes erzeugt wird, daß man bei offnen Fenstern liegt, daß die Lungen in vollkommner Ruhe dabei sind. Nun kleidet man sich an, und trinkt Wasser; der Frost treibt gewöhnlich zum Laufen hinaus, und man sieht da die frierenden Badegäste überall auf den Bergen herumtraben. Der gewöhnliche Weg ist nach einem der Gräfenberge, von denen die kleine Ortschaft den Namen hat, nach der sogenannten Koppe, die nur zehn Minuten von den Häusern entfernt ist. Auf dieser Koppe ist eine wunderbare Janusaussicht: rückwärts das alte fabelhafte Gesicht der 239 hohen Berge und des tiefen ernsten Thales, das sein Gesicht in tausend Formen wechselt, bald eine neue Schlucht mit einem Dorfe zeigt, bald eine verbirgt – vorwärts aber öffnen sich die Berge, und jung und blau und rosig liegt die Fläche des preußischen Schlesien vor den weiter und weiter suchenden Blicken, am Fuß der Koppe steht still wie ein Weihnachtsbild das Städtchen Freiwalde, worin die magre Wirthstochter ärgerlich harrt. Dieser Platz ist alle Tage neu, und wenn mich das kalte Wasser noch so quälte, auf dieser Koppe fand ich einen fröhlichen Moment. Nun geht's zum Frühstücke in den Speisesaal. »Wasser!« hatte ich gestern gehört, und ich war darum nicht sehr eilig. Seinem kleinen Wohnhause gegenüber hat Prießnitz ein großes Haus gebaut, in welchem die meisten Badegäste wohnen, und worin sich auch der Speisesaal befindet, denn es wird wie im Kloster Alles gemeinschaftlich genossen. Was in diesem Hause nicht Platz findet, wird in den fünf bis sechs in 240 der Nähe liegenden Badehäusern untergebracht. Da nun aber der Zudrang so groß wird, daß auch diese Räume nicht mehr ausreichen, so hat Prießnitz den Bau eines noch größeren Hauses begonnen, was jetzt wohl fertig seyn mag, ein neues Wasserschloß. Und jetzt kennt der Leser den Umfang Gräfenbergs; es ziehen sich zwar noch einige Bauerhäuser tiefer unten in's Thal hinab, aber die werden nur im äußersten Nothfalle benutzt, weil sie zu weit entfernt sind. Einige Wochen nach meiner Ankunft trat allerdings dieser Fall ein: wie zwei Wassernixen stiegen täglich zwei verschleierte Edeldamen an meinem Hause vorüber den Berg hinauf. Es wird zwar zum Frühstück wieder Wasser getrunken, aber daneben werden auch Milch, Brot, Semmel, Butter und frische Beeren verspeis't, und der Schrecken erregende Major präsidirte mit würdigen Thaten. Im Laufe des Vormittags geht man nun eine halbe Stunde weit hinauf in den Wald – das Thal rückwärts wird mit jedem Tritte schöner, und 241 die Ermüdeten nimmt ein kühler, schauernder Forst auf. Da säuseln die hohen Buchen und die südlich aussehenden Tannen, da ist es still und einsam, nur die Bergwasser, Prießnitzens Medizinarten, rauschen. Den Vögeln ist Gräfenberg zu hoch, ich habe deren sehr wenige gehört, die Wasserkur ist ihnen zu traurig. Durch diesen schallenden Forst schreitet man eine Strecke, und findet plötzlich in einer Vertiefung die sogenannten Douchen. Da stürzt ungefähr Zimmer hoch ein starker Wasserstrahl aus der Rinne herab. Unter diesen Strahl postirt man sich in paradiesischer Unbefangenheit, und überläßt sich zehn Minuten seinen schmeichlerischen Ausdrücken. Darauf folgt ein so entschiedner Frost, daß die Gliedmaaßen eigenmächtig nach allen Richtungen fahren – Gott sei Dank, daß jetzt die Zeit da ist, wo ich das bloß zu beschreiben brauche, was ich so innig empfunden. Man trabt wie ein nasser Pudel, der seine heillosen Kunststücke gemacht, durch den Wald zurück. Ich habe aber täglich inne gehalten, 242 wenn ich heraustrat und von der steilen Waldesgrenze dies wunderbare Berg- und Thaltheater erblickte. Mancherlei Bergformationen liegen in meinem Gedächtnisse, aber die Originalität dieses Gräfenberger Kessels hat mich alle Tage von Neuem überrascht, ich habe diese absonderliche Gegend täglich in neuen Verhältnissen zu erblicken geglaubt. Die warme Sonne empfing mich Durchkälteten dann immer so lieb wie eine sorgliche Mutter, ich dankte ihr von Herzen, daß sie sich nicht auch in die Wasserverschwörung mische, setzte mich auf einen Stein, und kuckte in die blau, grün und gelben Berglehnen, und wartete unser Mittagsglöckchen ab. Diese Situation will ich mir zurückrufen, wenn ich einen mittelalterlichen Roman schreibe: schweigsam wie die Kirche, abgesondert wie das Kloster liegt tausend Schritte unter mir das friedliche Gräfenberg, in der ganzen Natur regt sich nichts – plötzlich klingt hell das Glöcklein auf Prießnitzens Hause, wie das heimliche Klosterglöckchen zur 243 Gräfenberger Andacht, zum Wassertrinken und nebenher zum Essen rufend. Dies ist der einzige Moment, dessen ich ohne Schmerzen gedenke – das Wasser spielt allerdings des Mittags wieder eine Hauptrolle, und das ist ein schlechter Ritter, der nicht wenigstens seine Flasche leert, aber man ißt auch tüchtig dabei. Prießnitzens, des immer schweigenden Vorsitzers Grundsatz lautet, das Wasser verarbeite Alles. Je mehr man trinkt, desto mehr kann man essen. Der Major würzte sein Präsidium mit donnernden Geschichten – die Serviette, breit unter seinem Antlitze herabwallend, war ein unbeschriebner Friedensschluß neben dem blutrothen Kriege. Er hielt auch tüchtig auf Anciennität und Standesordnung, ich muß zu meiner Schande gestehen, daß ich als zweideutige bürgerliche Figur zu Gräfenberg eine sehr untergeordnete Rolle spielte: eine Gewürzkrämerin aus Breslau, die meine Grundsätze in Zweifel gezogen hatte und ein Gutsbesitzer intriguirten lebhaft gegen mich, und während ein 244 leberbrauner Schulmeister und ein kontrakter Tuchmacher, die nach mir eingetroffen waren, avancirt wurden, blieb ich auf dem letzten Schemel, und erfreute mich nie einer Aufmunterung im Dienste vom Herrn Major. Ein bürgerliches Fräulein von Mähren gewährte mir für diese schmerzhafte Erniedrigung einigen Trost. Sie sprach nämlich zuweilen mit mir, und da sie in die Rangliste aufgenommen war, so erhielt mich diese leise Anknüpfung doch so weit in der Gesellschaftsbalance, daß ich keinen offenen Eklat erlebte. Diese Bürgerin mit republikanischen Manieren war sehr massiv, massiv war ihre Naivetät, ihre Schönheit, ihre Jugend. In diesem Urorte, bei dieser Urmethode, bei all diesen vorhandenen Urelementen sprach sie sehr an, der Major bevorrechtete sie offenbar in absoluter Weise, und als es nicht mehr alle Tage schneite, erschien er eines fröhlichen Mittags in seinem blauen Nankingrocke. Dieser färbte nach des Besitzers fluchartiger Versicherung seit drei Jahren nicht mehr 245 ab, und umschloß den würdigen Leib mit nachgiebigen Falten. Die Tischgesellschaft ist so munter, und Gräfenberg ist überhaupt dasjenige Bad, wo die Kranken am muntersten sind, wenn sie keine Zahnschmerzen haben – frisch sind sie immer, das kalte Wasser weckt auf. Der Hauptstamm der Bevölkerung bestand aus alten und jungen Kriegshelden, Feldzüge aller Art, Wunden der Flasche und der Waffen sollten geheilt werden; viel Pension ward zu Gräfenberg verzehrt, viel Heldenthaten lebten auf, manch langes Epos ließe sich singen; natürlich fehlte es auch wie nirgends in der Nähe des preußischen Staats an Referendarien, das Jus befängt den Unterleib. Drei Kriegsgelehrte und zwei Rechtsgelehrte, ein Gutsbesitzer, der die Wissenschaft über die Achseln ansieht und sechs Leute die Alles wissen, dies ist der Stamm jener Gesellschaft. Außerdem war ein Kriegsrath da, welchen ich hier nur andeute, da er mir auf Zinsen im Portefeuille ruht – er hatte 246 im Kriege zu viel Zuglöcher in die Magazine gemacht, und das war seinem Beutel und dem Podagra sehr gut bekommen. Er war ein sehr ein hübscher Mann, wie sie sagen, er rauchte jeden Tabak, er glaubte Alles, trug schwarze Kamaschen und war für die Aufklärung, so weit sie keinen Schaden bringt. Außerdem war die Gesellschaft ganz leidlich, besonders da man keine Zeit dafür hatte, denn Nachmittags begann wieder die Morgenprocedur mit Schwitzen und Baden, und wenn es dunkel wurde, war man müde. Ehrlich gestanden, es gibt keinen Ort, wo man die Langeweile so wenig gewahr wird, als Bad Gräfenberg – ich bin vor Zahnschmerzen nicht dazu gekommen, und den Kriegsrath schützte das Tabakrauchen, was bekanntlich auch gegen die Cholera hilft. Besonders Ohlauer und Wansener Blatt. Einzelne Züge von Gräfenberger Patienten und von Gräfenberg sind noch: Allgemeine Verachtung der Aerzte, namentlich der allopathischen, gewöhnliches Beiwort für dieselben: Mörder und 247 Giftmischer – Unterhaltung über Homöopathie – man findet weit und breit keine Medizin, in Gräfenberg selbst nicht einen Tropfen, alle Uebel, die ausbrechen, werden mit kaltem Wasser kurirt, Leute, die mit Fieber hinkamen, verloren es nach wenig Tagen – man bedauert die Welt, welche noch nichts von der Wasserkur weiß – man lies't keine Zeitung, besonders darum, weil man keine hat, die spekulative Politik ist für China – es hieß einmal, der Herr Major bekomme die Wiener Zeitung, aber sie sei zu lang, als daß er sie wegleihen könne, er werde allein kaum fertig damit – außer Professor Oertels dickem Wasserbuche habe ich kein Buch gesehn, es machte viel Aufsehn, als ein junger Mann aus Löwenberg, der an der Rückendarre litt, den »Dohnschütz und seine Gesellen« mitbrachte – des Abends wird wieder geläutet, und man verspeis't wie am Morgen Milch, Butter und Brot – wer den Andern nicht grüßt, gilt für ungebildet – der Barbier kommt für die Bärtigen männlichen Geschlechts immer den dritten Tag aus 248 Freienwalde herauf, und wirkt auch wohl im Freien, wenn's nicht zu stark regnet. – Der Herr Major ist pensionirt, und Niemand erinnerte sich, daß er je etwas anders gewesen wäre; seine Jugend fällt in die Zeit des Kartoffelkrieges, seinen Namen hab ich nie gehört – wer nicht laufen kann, wird mit Ochsen zur Douche gefahren – wer nicht darunter stehen kann, setzt sich auf einen Stuhl; dieser braucht des Wassers wegen kein Polster zu haben – wer am meisten Wasser trinkt, wird am meisten bewundert; sonstige bürgerliche Verdienste werden in Gräfenberg ignorirt, wie billig – der Witz ist schlecht angeschrieben, und es hat in dieser Beziehung nur folgende Anekdote Gnade gefunden: der ewige Jude, welcher bekanntlich nicht sterben kann, holt sich einmal auf seinen Wanderungen den Schnupfen, und wendet sich, um diese Unbequemlichkeit los zu werden, an einen allopathischen Arzt. Nach einiger Zeit ist der ewige Jude kurirt, das heißt: er ist todt. – 249 Die Anstalt und Erfindung in Gräfenberg ist aber wirklich von großer Wichtigkeit, und Vincenz Prießnitz ist eine beachtenswerthe historische Erscheinung. Nach alle dem, was ich von ihm gesehen habe, ist er ein sinnender, aufmerksamer Mann voll Bravheit und Rechtlichkeit. Er kennt den menschlichen Körper und hat seine Wasserkur bei tausend verschiednen Fällen versucht. Keineswegs fanatisch für seine Heilmethode ist er doch der Ueberzeugung, daß mit Ausdauer die meisten Uebel durch Wasser gehoben werden können. Er gibt sehr viel darauf, daß das Wasser keineswegs abstumpfe, und allerdings ist man nach mehreren Wochen noch eben so empfindlich dafür als im Anfange der Kur. Es ist nicht mein Zweck und meine Fähigkeit, ein medizinisches Urtheil abzugeben; ich habe nur Mittheilungen versucht, um jene im äußersten Winkel Deutschlands verborgene Methode bekannt zu machen. So viel ich gesehen habe, wirkt es auffallend günstig gegen Uebel, die zum Theil äußerlich sind, wie Lähmungen, Geschwulst, Ausschlag, Gicht u. dgl.; 250 Ausschläge sind fast immer die Uebergänge zur Heilung, chronische innere Krankheiten hab ich weniger vor Augen gehabt – man darf aber keinen Augenblick vergessen, daß es sehr langsam wirkt, und daß man ihm viel Zeit gestatten muß. Es regt alle Uebel auf, und wohl mag es geschehen können, wie in Gräfenberg die Legende geht, daß man sich einen neuen Körper antrinken und anbaden kann. Dawider freilich mag ich auch nichts einwenden, daß die Wissenschaft eine so plumpe Heilmethode lächelnd ansehen mag. Mögen die Leser jene Hauptsache nur nicht vergessen, daß jenes Gräfenberger Wasser nämlich unschuldiges, alltägliches Bergwasser ist, ohne den geringsten Beisatz von Mineralien oder dergleichen, blasses Wasser, wie man es allerwärts finden kann, unverdorbene Gottesgabe, überall nachzuahmen, wohlfeil und anspruchslos. 251     Die Gebirgsnovelle. Es war des Sonntags, und dem Tage zu Ehren kuckte die Sonne mitunter durch die Regenwolken, daß ich Muth gewann, mich aufzumachen und auf den Bergen und Wäldern herumzuklettern. Tief im Bergforste hatte ich Weg und Steg verloren, und es war mir sehr erwünscht, in der grünen Einsamkeit einen Burschen daherschreiten zu sehen; dem Anscheine nach war's ein Bauer, der aus der Kirche kam. Die Sonne und das Wetter hatten sein Antlitz gebräunt und gefärbt, und als ich näher zusah, da dünkte es mich, er könnte höchstens dreißig Jahre alt sein, wenn auch die Hände, welche das Gesangbuch und den Stock 252 hielten, dick, rauh, zerarbeitet aussahen. Ich begrüßte ihn, er dankte freundlich, nahm seinen harten Sonntagsfilz ab, und beschied mich mit guter Miene meines Weges. Unterdeß holte er sein rothgeblümtes baumwollenes Sacktuch hervor und trocknete sich den Schweiß von der Stirn – das gab Anlaß, ihn zu fragen, warum er so rasch gegangen sei, und da er offen und treuherzig war, so erfuhr ich, ein Stück mit ihm schreitend, seine ganze Geschichte. Ich kann seinen Dialekt nicht wiederholen, aber doch etwa die Art seiner Darstellung: Schau'n Sie, sagt er, ich bin von dort drüben hinter dem Berge her, der nach der Hochschaar zu liegt, und wie sie mich da sehen, da bin ich ganz und gar, nur eine Jacke und ein Hemde, ein Paar stramme Lederhosen und feste Stiefeln habe ich für die Werktage, aber ich habe frisch und rüstig sein müssen um es so weit zu bringen, und weiter wird's wohl nicht möglich sein, ich hab's heute der Margareth geraderaus sagen müssen, 's ist ihr nahe gegangen und 's hat mir auch herzlich weh 253 gethan, aber 's ist nun einmal nicht anders auf der Welt. – Ich fragte ihn nach Margarethen. – Nu junger Herr, sagte er, daß ist die Margareth bei Müller Vincenz, sie dient schon in's vierte Jahr dort, und ist mein Schatz; aber Du lieber Gott, an's Heirathen ist halt gar nicht zu denken, das hab ich ihr heute sagen müssen, der liebe Herrgott muß es doch nicht haben wollen – nehmen Sie mir's nur nicht übel, daß ich so flink schreite, wir haben zu lange miteinander geklagt, ich und Margreth, und wenn sie sich bei unserm Bauer um den Tisch setzen und 's fehlt einer, da ist's an allen Ecken nicht recht. – Ich hatte nichts zu versäumen, ging mit ihm und ließ mir erzählen. Diese kleinsten Verhältnisse, diese unscheinbaren, und doch unübersteiglichen Schwierigkeiten, diese Ergebung in den traurigsten Zustand hatte für mich etwas sehr Ueberraschendes. So niedergeschlagen, so durchdrungen von einer innern Atmosphäre der Armuth hatte ich mir den Bauer 254 nicht gedacht, der doch im steten unmittelbaren Verkehr mit der producirenden Schöpfung, in der Kraft körperlicher Tüchtigkeit meines Erachtens muthiger sein müßte. Aber Sommer und Winter, Saat und Ernte, die regelmäßige Wiederkehr unabänderlicher Gesetze, gänzlicher Mangel jedes Ungewöhnlichen, ununterbrochenes Ringen um das Nothdürftige drücken den Landmann unsere Tage nieder. Andreas war der zweite Sohn seines Vaters, das kleine Haus und Gärtchen war an den Erstgeborenen gekommen, eine verlahmte Schwester mußte von diesem mit erhalten werden – sie will doch auch alle Tage essen, und wenn zwei Jahre um sind, braucht sie einen neuen wollenen Kittel, er sitzt sich zu Schanden, wenn man ihn auch nicht in der Arbeit abreißt; da mußt' ich mir denn einen Dienst suchen, und mich wacker regen, um so weit zu kommen, wie ich bin, und – nur der Himmel mag mir's vergeben, mit der Margreth hab ich mich freilich übereilt, daß ich sie zu meinem Schatze machte. Aber, junger Herr, Sie können 255 mir's glauben, ich weiß selbst nicht, wie's gekommen ist, und als wir zum ersten Male miteinander gesprochen hatten, da dacht ich: na vielleicht schickt der Himmel ein Paar gute Jahre, und der Bruder rafft sich ein Wenig, und gibt uns die kleine Bodenkammer mit ein, wo die Schwester schläft, und was ich etwa sonst noch für Gedanken hatte. 's soll aber nicht sein: gestern Nacht kam wieder ein Frost, und hat dem Bischen Ernte des Bruders den Rest gegeben, und jetzt hab' ich's der Margreth sagen müssen. Ich brachte ihn drauf, wie er mit Margreth bekannt geworden sei, um ihn heitrer zu stimmen. Sehen Sie, sprach er, 's war um Georgentag, wo die vornehmen Stadtleute in Freienwalde ihre Kinder zum ersten Mal wieder barfuß gehen lassen, da kam ich Sonntags in die Kirche. 's Wetter war so schöne, daß einem das Herz im Leibe lachte, alle alten Leute, die neben mir in die Kirche nach Freienwalde gingen, freuten sich über das Frühjahr, und sagten, das könnte eine gesegnete Ernte werden: 256 die Schneedecke war den Winter durch warm gewesen für die Saaten, und geregnet hatte es in den letzten vierzehn Tagen auch, die Winterung hatte ihre gehörige Feuchtigkeit und 's schönste Gedeihen, der alte Vater Willer Christoph sagte, wir sollten's nur nicht besprechen, und den lieben Gott schönsten's bitten. So gingen wir hier durch's grüne Holz, 's war schier grüne, wenn auch noch nicht ganz, die Vögel waren schon alle wieder da, und munter und fleißig, und wie wir dort unten auf die Lehne kamen, wo man nunter sehen kann in's Städtel, da hörten wir die Glocken in die Kirche läuten; ich kann ihnen gar nicht sagen, wie fromm und hübsch mir zu Muthe war, und sehen Sie, an demselbigen Morgen begegnete mir drunten bei den ersten Zäunen in Freienwalde Margreth, sie hatte auch ihren Sonntag just, und ging in die Kirche, und sagte zu uns »Gelobt sei Jesus Christ,« und wir sagten alle gar herzlich »in Ewigkeit Amen.« Der alte Willer Christoph aber meinte sachte zu mir: Kuck mal Andreas, das wär so a Madel! 257 Und von der Stunde an hab' ich sie nicht mehr vergessen können. Na, sie würde Ihnen auch gefallen, wenn Sie sie sehen sollten, sie hat ein Paar kohlenschwarze Augen, und ist schmuck groß und rüstig. Das ging nun so den ganzen Sommer durch, wir sahen uns alle vierzehn Tage in der Kirche – denn ich hatte mir's behalten, wann sie ihren Sonntag hätte, und am Michaelstage da faßt' ich mir ein Herze, und sprach sie an, als ich sie just alleine bei den Scheunen fand, und sie stand mir auch Rede, und wir fragten einander, wie wir hießen und wo wir her wären. Nu, so ging's halt wieder, zur Kirmes im Freienwalde, da macht' ich mir einen zeitigen Feierabend und ging 'nüber und in's Wirthshaus. Ich dachte, Margreth wird sich's wohl denken, und sie hatte sich's auch gedacht, und stand unter den Mädeln im Winkel; ich zog sie zum Schießer auf, und wir waren den Abend seelenvergnügt. Sie hatte ihre Kuh schon besorgt, und brauchte nicht vor Zehne heim zu gehen. Um drei 258 Viertel ging ich denn a Stück mit ihr, und da haben wir uns zum ersten Male beim Mondschein einen Schmatz gegeben, und ich hab's ihr gesagt, daß ich dächte, wenn noch so a gut Jahr käme, mein Bruder würde uns die Kammer geben – wie ich jenen Abend durch's Holz nach Hause gekommen bin mit dem lichten Mondscheine, das kann ich mein Lebtag nicht beschreiben. Als ich mich aber niederlegte, da hab' ich's auch der Margreth und dem lieben Herrgott schönstens gedankt, und Sie können mir's glauben, junger Herr, ich bin noch nicht so gottesfürchtig gewesen als damals, und des Morgens war ich immer der Erste auf'm Zeuge. 's hat mir freilich nichts geholfen, na, ich muß denken, der Herrgott hat's nicht gewollt; aber wenn ich an die Margreth gedenke, die heute zu mir sagte: Andres, ich laß Dich nicht, es mag gehen wie's will – sehen Sie, lieber Herr, da kommt mir's Wasser aus den Augen, als wenn ich noch in die Schule ginge, und 's arbeitet in mir, als müßte ich sterben. – 259 Ach, wer doch aller Welt helfen könnte? sprach ich zu mir auf dem Heimwege, wenigstens den Liebespaaren, deren Glück so wohlfeil ist. Meine Kasse war zu spärlich, saß ich doch selbst ausgestoßen, verlassen in diesem abgesonderten, äußersten Winkel deutscher Welt, und wußte noch nicht, wo sich mir ein Loch des Zugangs wieder öffnen würde. Aber ich rechnete auf den alten Major, ich wollte ihn bereden, eine Sammlung zu sanktioniren für Andres und Margreth. Mit diesen Gedanken kam ich auf die Blöße, welche hinabfällt zu unserer Wasserkolonie – eine tiefe Wehmuth übermannte mich. Menschenjammer, Menschenfeindschaft, wo ist Deine Wurzel zu finden, daß man sie ausreuten könne ganz und gar? Mein Leben und das Schicksal dieses Liebespaares waren eben wie diese Gegend, über welche dunkle Strichwolken zogen und trotzigen Regen warfen, aller Horizont war von himmelhohen Bergen verbaut, und wenn ich sie überfliegen könnte, wohin käme ich dann? Nach Mähren, nach Ungarn – verstohlen lief ein Sonnenstrahl in die 260 einzige Lücke der Gegend hinein, nach Schlesien; ich setzte mich auf einen Feldstein, und ließ mich beregnen, und war voll Trauer – Und hast Du mich verlassen, Welt, die ich so geliebt? Doch will ich die Liebe nicht lassen, Die mir nur Thränen gibt. – Da läutete das Mittagsglöckchen in Gräfenberg – sollst mir eine Tröstung sein, Du stärkender Ruf. Wir machen ja immer die Dinge außer uns zu dem, was eben in uns waltet – und heut ist ja auch Posttag in Freienwalde, vielleicht kommt endlich eine Nachricht aus der Welt. Es waren beinahe vier Wochen vergangen, und ich hatte nichts erfahren, als Lafayettes Tod, als ob die Freunde und die Civilisation gestorben wären, so still war es für mich geworden. Ja, ich fand einen Brief, aber darin für mich nur die traurige Nachricht, daß die bleiche Kerkersorge dicht an meinen Fersen sei, daß ich die größte Eile brauchte, ihr zu entrinnen. So blieb denn 261 keine Zeit übrig für Andres und Margreth – armes Volk im Gebirge! Und wie reich ist die Armuth, wenn sie Liebe im Herzen, ein so gewaltiges übermannendes Interesse hat! Aber die Armuth dieser Leute beruht darin, daß sie keinen Muth zur Phantasie findet, und elend verkümmert in beschränkter Verzagtheit. Meiner schwarzäugigen Wirthin trug ich auf, sich nach den Liebesleuten umzusehen, ich würde ihr schreiben, und sie sollte mir dann vom Schulmeister einen Brief aufsetzen lassen, über das, was sich zugetragen. Sie konnte es zwar nicht begreifen, wozu das Alles, solch ein Interesse war ihr zu fein gewoben, sagte aber doch »Ja,« und mit des nächsten Tages Frühe ward ich auf dem harten Wagen von dannen geschüttelt. Auf die eintönige Gräfenberger Ruhe folgte schneller Wechsel und Sturm; dieß ahnend, fuhr ich traurig zwischen den Waldwänden der Berge, an den rauschenden Gebirgsbächen dahin, und es war mir ein ordentlicher Trost, daß sich nirgends ein Ausweg zeigte in offenes Land, 262 hinter diesen Bergen, in den hölzernen Hütten unter diesen Leuten, welche das Wort Politik nicht kannten, war ich am Sichersten. Aber des Mittags öffneten sich Zugänge in die Ebene, der Bischofssitz Johannisberg winkte, und bald hatten wir ihn erreicht. Das Wort Johannisberg duftet wie eine Blume, und wenn's hier auch nicht das rheinische war, es hatte doch auch seine schönen Blätter. Am Abhange des Gebirges liegend sieht es weit hinein in die lichte schlesische Ebene, und ist still und behaglich wie jeder Sitz wohl gepflegter Geistlichkeit. Eben so still und sanft lächelnd sieht das Schloß des Bischofs auf das Städtchen herab – ich denke mir stets in solcher Sommerresidenz eines hohen geistlichen Herrn große, hohe, mit Sammttapeten ausgeschlagene, Zimmer, wenig aber eingeweihte, verständige, freundliche Bediente, in einer Ecke der Zimmerreihe wohnt der Prälat mit seiner liebenswerthen, röthlichen Gesundheit, an der andern wohnt seine lustige Nichte, die auch sehr gesund ist und zufrieden lebt mit Essen, Trinken, 263 kleinen Spaziergängen und Fahrten und kleinen Scherzen. Im rothtapezirten Gemache, was etwa in der Mitte liegt zwischen ihren Wohnungen, kommen sie zusammen zu heiterem Genusse der Gaben Gottes, der Aussicht, des Geflügels, der anmuthigen Wallungen des Menschenherzens, der süßen Rebe und eines heiteren Verses – Hoch liegt das Schloß, man sieht in's Land, doch Niemand sieht in's Fenster. – So verträumt' ich mir meine bedenkliche Position; ich wollte dem geistlichen Herrn das Schicksal von Andres und Margreth empfehlen; aber er war nicht da; zur Cholerazeit hatte er sich in die reine Gebirgsluft hergeflüchtet, jetzt war er gar gestorben, der alte Herr. Das Bild wollte also gar nicht passen zu meinem romantischen Prälatentraume; – ich fuhr weiter, die bedenklichen Grenzämter kamen, wo einem politischen Schriftsteller das größte Unglück begegnen kann; ich stieg aus und suchte Feldspath. Bei solcher Gelegenheit sieht man recht ein, wie nützlich die naturhistorischen Studien sind. – Nach 264 einer halben Stunde war mein Durst gestillt und ich begegnete dem Wagen wieder. Die besten Dinge in der Welt werden beiläufig gefunden – ich habe freilich in der Gegend von Patschkau nichts entdeckt, als einen Ausweg. 265     Die Flucht durch's Gebirge. Ich glaube, es heißt ein Roman so, den ich nicht kenne, aber ich glaube auch versichern zu dürfen, daß es sehr unbequem sein mag, einen Romanhelden vorzustellen, wenn er durch's Gebirge fliehen muß. Die Wege sind schlecht, an Poststationen fehlt's auch, und wenn Einer ordentlich fliehen will, so muß er alle Taschen voll Geld haben. Freilich die Romantik gewinnt, was die Bequemlichkeit verliert – und in diesen Worten koncentrirt sich nebenher die poetische Frage unsrer Kultur – die Polizei ist im Gebirge niemals so gut als in der Ebene, Telegraphen gibt's da auch nicht, und ungewöhnliche Wege fallen nicht auf. Das war Alles recht gut, über die Invaliden in Patschkau war 266 ich auch hinaus, aber der Gräfenberger Wagen stieß mir die Milz bis in's Herze, das Sattelpferd konnte das fremde Wasser nicht vertragen, und stürzte von Kolik betroffen darnieder, den Weg nach Frankenstein wußten wir auch nicht, und es ward dunkel – Volksmenge sammelte sich, und ich wäre so gern ohne Aufsehn durch die Welt geschlüpft, wir waren erst eine kleine Strecke über das Grenzthor hinaus, die Invaliden konnten durch den Auflauf herbeigezogen werden, und einen Passagier finden, welcher zur unrechten Zeit Feldspath gesucht hatte. Die Situation war einem Romane ganz angemessen, aber nicht meinen Wünschen. Ich sprang vom Wagen, versicherte meinem Gräfenberger, der, so weit von der Heimath, sich gottverlassen vorkam, ich würde das Pferd besprechen, er sollte mit einem tüchtigen Peitschenhiebe zu Hilfe eilen, wenn ich das Zeichen gäbe. Während ich das Abraxas-Zeichen über den Unterleib des Pferdes machte, flüsterte ein Junge aus dem Haufen »die Invaliden kommen« – dies 267 kürzte meine Ceremonie ab, beschleunigte den Peitschenhieb, dieser fruchtete, ich sprang zum Kutscher hinauf, im Galopp ging's von dannen. Und Bewegung hilft solchem Thiere am Sichersten; als der Mond heraufkam, trabten wir lustig fürbaß. Es war eine der schönsten Nächte, die über Schlesien geleuchtet haben mögen, der Weg, welchem wir wie alte Ritter auf gut Glück folgten, ging unter schlanken grünen Bäumen an einer Berglehne hin, Johanniswürmchen flogen wie kleine Sternenkinder in dem grünen Dunkel umher, wohin die Lichtstreifen des Mondes nicht drangen, und als wir an eine Blöße kamen, sahen wir dicht unter uns ein schlohweißes Kloster liegen, schön wie eine junge, blasse Nonne. Kloster Kamenz wird es genannt. Dahinter stieg schwarz das Hochgebirge auf, von weichen, fließenden Mondwölkchen umsäumt, und als sich wieder eine dünne Laubholzung dazwischen drängte, da erhielt das Ganze einen blaugrünen Schimmer wie aus dem schönsten Geisterreiche einer Kindesphantasie. 268 Kein Mensch genießt aber solch eine Nacht aus Gottes Schooße besser als ein Flüchtling, welcher fortwährend auf dem Fuße langen Abschiednehmens von der Natur steht. In diesem süßen Dämmer kam ich an's Thor von Frankenstein. Knarrend öffnete sich; der Gräfenberger ward hier entlassen mit neuen Aufträgen für Andres und Margareth; diese Armen schienen mir jetzt die nächsten in der Welt. Auf neuem Wagen ging es weiter; glatte Chaussée führt über Reichenbach nach Schweidnitz. Dieser Frankensteiner Bezirk ist die üppige Waizenkammer Schlesiens. Das Getraide wogte auf den Feldern in strotzender Gesundheit, offen ist hier das Land, und das »hohe Mensen- und Eulengebirge« schaut schweigsam wie ein wohlwollender Großvater hernieder. Hier sieht man das schöne Widerspiel des Oderstrichs – in derselben Richtung wie jener Strom geht, ziehen sich weiter westlich die reizenden Gebirge von der ungarisch-mährischen Grenze bis an die sächsische hinab, und an der letzten Abdachung 269 dieser Kette führte mein Weg hin während jener Nacht. Man kann hier auf den Gebirgskämmen über die mährischen Berge, den Jablunkapaß, die Karpathen hinabsteigen bis in die Ebenen der Moldau, wo die Schweine gedeihen, und auf der andern Seite über das Riesengebirge, den Iserkamm, die sächsischen Berge nach Thüringen hinein bis in die äußersten Höhenpunkte des Harzes und der Weserberge, von wo ein ungewöhnlich gutes Auge die nordischen Meere und die Möven sieht. Wenigstens von Ungarn aus bis tief nach Sachsen hinein hängen die Gebirge hier zusammen wie eines Gottes spaltlose eherne Rüstung. Süß meiner unsichern Freiheit genießend schaukelte ich im weichen Wagen Angesichts dieses langen, undurchdringlichen Leibes dahin – im Mondschein sah ich die langen, Meilen langen Dörfer am Fuß der Eule liegen, welche einst die Füße des Gymnasiasten ermüdet hatten. Da träumte jetzt mein Medardus von bescheidenen Erfüllungen – der Gute ahnte nicht, wie ich Sturmvogel mit meiner 270 weiten Welt jetzt gefährdet an ihm vorübergerissen wurde, während er unbedroht schlummern konnte. Die Verhältnisse gleichen sich aus mit ihrem Reize. Die Kapitale dieser ungeheuren Dörfer ist Langenbielau, ein Ort so groß, daß verschiedene Dialekte darin gesprochen werden: diesseits des Baches, welcher es durchschneidet, sagt man, wenn die Fenster des Himmels geöffnet sind »'s rehnt,« jenseits aber »'s rahnt« Vielleicht gibt es überhaupt kein Ländchen in Deutschland, wo der Dialekt so tausendfach modificirt ist, und wo man so viel Abwechslung, Dreistigkeit im Erfinden antrifft als Schlesien. Dabei ist doch die Sprachatmosphäre so gemeinschaftlich, daß sich Alles versteht, ja daß man den Sinn solcher Worte, die im Augenblicke erfunden werden, alsbald begreift. Die neueste, unerwartetste, nie dagewesene Wendung eines Zustandes macht den Schlesier keinen Moment lang um den Ausdruck dafür verlegen, er improvisirt eiligst aus dem Kessel seiner Formationen eine ganz frische Gestalt, ein Wort, was Niemand 271 je vernommen, aber der andre Schlesier weiß auf der Stelle, was jener meint. Die Gebirgsdialekte sind wie überall in den Bergen, wo Wasser und Boden hart sind, weich und vokalvoll, ja reichlich; aber in jedem Thale anders. Je näher dem eigentlichen Gebirge zu, desto tiefer ziehn sie die Vokale, so bezeichnet man den Dialekt von dieser Gegend mit folgendem Verse, in welchem man sich förmlich ausstreckt auf u, a und i: Ich bin do uba har Vo de langa Biele, Wu die grußa Reska wachse Mit de langa Stiele – Reska sind nach einem vornehmeren Silesiasmus Reisken, eine wohlschmeckende Art Pilze, die geröstet oder aus denen Suppen gekocht werden. »Wir suppen Reisken« sagen sie, denn sie erfreuen sich dieses bequemen Verbums, was vielleicht zu empfehlen wäre, wenn es melodischer klänge. A und la ist aber die herrschende Endung im Gebirge, die fast allen Substantiven und Adjektiven 272 angehängt wird, und im Grunde jene alle zu Deminutiven macht – a Tippla und a Löffla (ein Töpfchen und ein Löffelchen) Die Rede klingt wie das Läuten der Kühe. Im übrigen Schlesien herrscht lediglich das Deminutiv auf el, das auf chen gilt für hochdeutsche Ziererei. Man sagt nicht ein Kännchen, sondern ein Kännel, nicht Hölzchen, sondern Hölzel, nicht Mädchen, sondern Mädel, und jeder Schlesier, er sei noch so weit und lang von der Heimath, ruft in der Eile mal: Wart a Bissel! Als ich hinter Schweidnitz war, ging die Sonne tönend auf, die Felder glitzerten im Morgenthau, wie ein wohlthuender Athemzug hob sich der Frühnebel von den Bergen, Lerchen stiegen in die Luft, Bauersleute zogen aus den Dörfern an die Arbeit, ach, die Welt ist mir niemals reicher und schöner entgegengetreten als auf dieser flüchtigen Reise. Freiburg lag vor mir, der letzte Grenzort der Ebene, von dort aus ging es tiefer in die Berge hinein. Ich nahm Abschied von der schlesischen Ebene, die 273 man übersieht bis nach Breslau hin, in deren Mitte wie ein dunkles Schloß der Zobten liegt; die kleinen Hügel von Stiegau, in deren Nähe Friedrich der Große die Schlacht von Hohenfriedberg geschlagen, brachten mir den letzten Gedanken aus diesem Strich Landes. Bald war der steile Berg überwunden, und ich fuhr dahin durch den klingenden Wald von Fürstenstein. Dieser Ort wird für einen der schönsten Punkte Schlesiens gehalten. Man begreift darunter eine alte Burg, eine tiefe Bergschlucht und ein neues Schloß. Und wahrlich, an einem sonnigen Junimorgen mag nicht leicht ein schönerer Platz gefunden werden. Das neue Schloß liegt auf den ersten Höhen, die an der Ebene aufsteigen, auf der einen Seite sieht man durch einen lichten Wald hinab in das blaue Land, die Aussicht ist erst da zu Ende, wo der Himmel auf die Erde fällt, um und neben uns prangt das stattliche weiße Schloß, vor uns öffnet sich der dunkelgrüne mit wildem Bach und rauschenden Bäumen sprechende Grund; zwischen Felsen und dichtbelaubten Bergen geht er tief, tief 274 unten eine halbe Stunde weit bis zur alten Burg, deren braungelbe Mauern herüberblicken wie stiller Friede, süße Abgeschlossenheit eines alten Ehepaars. Die Bäume um die Burg sind niedriger, lichter grün gefärbt, ein einfaches Gebirgsthal mit den Häusern von Salzbrunn öffnet sich dahinter, und wird weit oben vom dunklen »Hochwalde« geschlossen. So gewinnt das Bild die wohlthuende Einheit eines ganzen Lebens: Hinter uns in's duftige unbestimmte Land hinab die Mährchenphantasien der Jugend, um uns die stattliche Zuversicht des prangenden Jünglings, da unten im dichten Grün das abschüssige, gefährliche Leben des Mannes mit verschwiegenem Einsamkeitsreiz häuslicher Freude, mühsames Emporarbeiten bis zum bescheidenen Alter der stillen Burg, und zum Schluß des Lebens beschränkte aber wohlthuende idyllische Aussicht auf ein Thal mit Dorf und Acker. Und der Hochwald schließt, eine große, unbewegliche Mauer, welche die Fragen der Ewigkeit verbirgt. Alle Nebel und Wetter lagern sich in Wahrheit um diesen Hochwald, und 275 wenn der Bauer am frühen Tage vor das Haus tritt, so geht sein Auge nach dem Hochwalde, um Wetter und Zukunft zu erforschen. Ach, es war an jenem Morgen des goldnen Juni, wo auch ich Abschied nahm von den Träumen schlesischer Jugend, von der Aussicht in schimmerndes, weites Land, ich genoß ein stärkendes Frühstück auf jenem Schloßplatze, wo ich so oft die schönen Kinder des Landes an Sonn- und Festtagen gesehen, und mir das Herz hatte bewegen lassen von Ahnung unendlichen Glückes, das Gedächtniß Goethes ging vor mir her mit der ernsten Mahnung, Wunsch und Streben zu beschränken, zu gestalten, sei's auch in die kleinsten Formen, und ich stieg hinab in den dunklen Grund. Durch dunkle Tannengassen führt der Weg, ein Stück über grüne, sammtne Wiesen, über schmale Brücken, an Felsenstiegen, man kann fehl gehen und in schlimme Lage gerathen. Freilich wer einen Führer hat, für den ist der Weg nur romantisch und angenehm zwischen den starrenden oder rauschenden Bergwänden hin. 276 Aber Jugend ist ungestüm und fragt und sucht nicht nach Führern. Jeder Schlesier und Reisende, der irgend einen Vers machen kann, hat Fürstenstein besungen, ich bin einiger Ballen von dieser Poesie habhaft geworden, und will sie hier mittheilen – warum nicht? Jedes Herz hat seine Reize. Zuerst singt ein Schulmeister – nun wohl, ich will die Mittheilung bis zum Schlusse aufschieben, aber die Angst kann ich meinen Lesern nicht ersparen. Es macht kein Volk so viel Gedichte als wir, das ist recht schön; aber der Italiener, der auch viel unnütz reimt, hat doch die melodische Sprache für sich und für die Zuhörer. Nichts soll schöner sein im Fürstensteiner Grunde als ein Gewitter; ein neugieriger Engländer hat das durchaus sehen und hören wollen, und ist vom Blitz erschlagen worden. Gedichte und neugierige Engländer gibt jede romantische Partie in den Kauf wie der Fleischer ein Paar Knochen. 277 Die alte Burg ist ganz erhalten, man kann dort Ritters spielen. Der Turnierplatz ist auch wirklich bei Lebzeiten der Königin Luise an einem schönen Sommertage zum Turnier gebraucht worden. Die alten Herren der Umgegend erzählen noch mit Entzücken davon, wie die Herren turnirt hätten, wie die schöne Königin vom Balkon zugesehen und Preise vertheilt habe. Das Andenken dieser poetischen Frau lebt noch mannigfach im Gebirge; auch hier trägt noch ein reizender Punkt, von wo man eine überraschende Aussicht auf die Gegend hat, den Namen Luisenplatz. Bei jenem Turniere oder bei einem ähnlichen in Potsdam hat auch der Fürst Pückler einen Preis errungen. Er war ein Mann des Glücks von Jugend auf, wenn ich mich auch in diesem Faktum irren sollte. Von der alten Burg ist's nur ein Büchsenschuß bis zum Anfange Salzbrunns, wo die Kirche steht und der neugebaute Thurm – dort besuchte ich meinen alten, wackern Pastor, bei dem ich so manche 278 ländlich theologische Wochen verlebt und über Supranaturalismus und Liturgie versprochen hatte. Er brachte noch wie damals seine Argumente gegen Wegscheider und Paulus zur Hand, und war noch rüstig in seiner Terminologie wie ehedem, und wie ich ihm sagte, daß mich so und so viel andere Interessen bewegt hätten und bewegten, da drohte er mir lächelnd mit dem Finger und sagte: Er war von je ein Weltkind, unser alter Freund. – Wir gingen in's Feld hinaus, um unsre alten idyllischen Freuden wieder zu suchen; dies Pfarrhaus mit der rührigen Hausfrau und den aufblühenden Töchtern, mit dem Gemüsegarten und den nahen Bergen, manchen Sommer und Winter war es mir Vossens Grünau gewesen, oder Goethens Sesenheim. Ach, wie öde war es geworden! Die rührige, freundliche Hausfrau war in die Hütten der Seligen gegangen, der rasche Sohn in ungewisse Weite, die Mädchen der Umgegend waren gestorben, oder weit in's Land, oder an gleichgültige Leute verheurathet, sogar von Thurm und Kirche 279 hatten sich Putz und einzelne Ziegel gelös't, nur der Pastor und die Berge waren die alten. Ich nahm weinend Abschied, auch ich habe nirgends ein bleibend Quartier, und konnte den weinenden Alten, der seine Gefährtin und seine Hoffnung verloren, nicht trösten. Als der Wagen mich schon ein Stück fortgeführt hatte, sah ich noch einmal zurück – der alte Herr stand an einem grünen Felde, winkte mir noch einmal, nahm sein schwarzes Sammtkäppchen ab, und deutete mit der Hand zum Himmel – der leichte Sommerwind kräuselte sein dünnes, weißes Haar. Und doch glücklicher Alter in Deinem patriarchalischen Glauben! – Wie gebrechlich erscheint man sich neben der festen Oertlichkeit dieser Erde; die Menschen waren gestorben; aber Bäume und Berge waren dieselben. Der Wagen rasselte das endlose Dorf aufwärts am Brunnen und den Brunnengästen vorüber. Schlesien ist reich an solchen Brunnenorten, die eine ländliche einfache Saison bieten, Heirathsinstitute, 280 Erholungsorte von den Alten mit dem Anfluge von Badeleben, der seit dem Untergange Polens sehr verloren hat. Die Dukaten der wilden Edelleute von dort, ihre breiten Viergespanne waren ein wichtiger Bestandtheil schlesischer Saisons. Vorüber, vorüber! Wie das Haus einer unglücklichen Liebschaft winkte die Apotheke vom Berge herunter, in welcher ich anno 31 mit einem polnischen Offizier auf einem Zimmer gewohnt hatte, der verwundet von Warschau kam, und mir den Krieg erzählte, dessen inneres Getriebe damals noch aller Welt unbekannt war. Nie werde ich jenen eintönigen Schmerz vergessen, der für das Vaterland beim Erwachen betete, den kein Sommerglanz der Erde einen Augenblick ablenken konnte von dem Gedächtnisse seiner Heimath, der für dasselbe betend zur Ruhe ging. Es war das langweilige Einerlei des Klostergeistlichen, aber so stark und so gewaltig, daß man das Wort Langeweile nicht zu denken wagte. – Armer Pole, hier an diesem Hügel hörtest Du die 281 Schlacht von Ostrolenka erzählen, in kühler Erde der Warschauer Schanzen modert jetzt Dein Leib. Vorüber. Es war ein heißer Mittag, als ich in den Bergkessel von Landshut hinabfuhr – ein langgestreckter kleiner Gebirgsort schlummert das Städtchen oben in den Bergen. Es ist ein wichtiger Paß durch's Hochgebirge in der Nähe, des großen Friedrichs Freund, General Fouqué hat hier stationirt und gefochten, und zwischen Säbeln und Bärenmützen mit dem Könige über Humaniora korrespondirt. Der Landshuter Berg, eine lange, gewaltige Anhöhe, über welche die Chaussée hinüber nach Schmiedeberg und in's Hirschberger Thal führt, in dieß eigentlich allerheiligste Thal des Riesengebirges, war zu passiren. Ein schwarzes Gewitter lag über ihm und seinen dunklen Fichtenwäldern, der Einspänner keuchte, mein Kutscher, ein Landshuter Bürger und ich stiegen langsam neben her – wie viel Melancholisches hat ein solch einsamer Gebirgsweg, 282 er weckt dem Gedankenlosesten die Andacht. Könnt' ich's erzählen, was jenseits der Höhe, unter der berühmten großen Linde, die hier im Hochgebirge sich wie ein Edelmann Gottes ausnimmt, durch mein Herz strich von Gedanken und Weh über Gottes Ewigkeit und der Menschen kurzes – Hassen und Gebaren! Das kleine, klägliche Fuhrwerk, der erschöpfte, magere Ackerbürger, das ernste, schweigende Hochland, ich unter der Linde sitzender Flüchtling, der leise grollende Donner in der finstern Wolke, welche dicht neben mir am Berge hing – wie viel Gedanken könnte ein Maler mit solchem Bilde anregen. Und ist nicht Anregung das Liebesgeheimniß aller Kunst? Bei Schmiedeberg, hinter welchem sich die Schneekoppe mit ihrem kahlen Scheitel aufrichtet, kommt man in das Hirschberger Thal, ein mit Hügeln besäter Strich Landes von 5–6 Meilen, von der böhmischen Seite geschlossen durch das nackte Riesengebirge, von der andern begrenzt durch die Vorberge, welche es vom übrigen Schlesien trennen. 283 An den Bleichplätzen, Fabrikhäusern und der langen Häuserreihe Schmiedeberg's vorüber, das mit lockenden Landhäusern und bescheidenen Ackerbürgerhäuschen abwechselt, und an die Station zwischen Padua und Venedig gemahnt, fliegt der Wagen auf festem, glattem Boden durch eine Landschaft, die einem Park gleicht, dahin. Nur die ewige Mauer des Kamm's, wie man das Hochgebirge nennt, steht dunkel und unverrückt, die andern, kleineren Berge wechseln wie in der magischen Leuchte, bald erscheinen sie hier, bald dort – die Sonne war untergegangen, schnell wird es Nacht in dieser Bergumschlossenheit, und von allen Bergen nah und fern flammten Feuer auf, es war Johannisabend, aus allen Orten scholl Jauchzen, ein leichter, weißer Nebel, wie ein Feenschleier, fiel von den Sternen auf das Hochgebirge, ich fuhr dahin wie in einem Mährchen aus Tausend und einer Nacht, Breslau bei Josef Max und Compagnie. Bis zum andern Morgen war es neblig geworden, die Gegend sah reich geheimnißvoll aus, als 284 ich von Hirschberg die Meile hinaus nach Warmbrunn fuhr, bald trat ein dunkler Berg aus der Ferne vor, bald schlug er wieder den grauen Mantel um sich; die Vögel sangen, der Weg war belebt – ein Bischof in blitzendem Ornate braus'te mit vier Pferden vorüber, es war die Zeit der Firmelung, ein junger Graf Schafgotsch, dessen Familie dieses zauberhafte Thal gehört, folgte in leichtem Kabriolet. Es war eine melancholische Andacht, in welcher ich bald darauf vor jenem Kaffeehause Warmbrunn's saß, welches im Angesichte der Hochgebirge liegt; es wurden mir Waffeln gebacken, und ich starrte nach den fliegenden Nebeln, welche um die hohen Berge flatterten. Das Gebirg kokettirte wie eine Schöne mit ihrem Schleier – nur der Vorgrund mit dem grün und weißen Kynast und der Annakapelle lockte ohne Verhüllung – ach ich durfte nicht bleiben! Zwei lederne Badegäste hatten sich in meiner Nähe niedergelassen und sprachen über die deutsche Literatur. Seit Theodor Körner, meinten sie, sei es vorbei damit, und nun kamen sie auf 285 die Politik der jetzigen Literatur, und berührten schwierige Saiten – »ich kenne ihn,« sagte der Eine, dessen gelbgeblümte Weste mir unvergeßlich ist, »und ich werde das Meinige thun, wenn er mir vorkömmt; er soll in Schlesien sein.« – Ach, es war mir recht, daß es von Herzen regnete, als ich in die Berge des Iserkamm's hineinfuhr, wir hielten zu Mittage an einer einsamen Haideschenke, die war so abgelegen und verborgen, daß ich wohl hätte dableiben mögen. Ich suchte mir die Eier auf dem Heuboden, und fabricirte mir selbst einen Kuchen – die Leute waren im Holze, nur ein schneeweißer Großvater und ein kleiner Bube, der noch nicht mitlaufen konnte, waren daheim. Durch triefende Tannenwälder, bergab ging es mit dem rüstigen Regen weiter – ich kam nach Böhmen, und in stockfinsterer Nacht hielt der Wagen erst. – Wo sind wir? Das ist Schloß Friedland. 286 Unglücklicher Wallenstein, Dein Gedächtniß war nicht aufmunternd. Es war gegen alles Erwarten ein trefflicher Gasthof da, und die Stille des Berges und der Nacht that mir wohl – das Städtchen liegt unten am Fusse. Der andere Morgen war trüb, aber es regnete nicht mehr; die Natur hatte jene Stimmung des Menschen, welcher alle Thränen verweint hat, und dumpf hinwartet, was aus seinem Schmerze sich gestalten werde. So ging ich auch in des Friedländers Schlosse umher und blieb in dem Eckzimmer sitzen, was sein Lieblingsaufenthalt gewesen ist, sah hinaus auf die Berghaide und versetzte mich in seine Gedanken. – Er soll unschuldig ermordet sein, hat man neuerdings bewiesen – gleichviel; Gallas, ein General des Hofes, war am Förderlichsten zu seinem Sturze, und hat dafür einen großen Theil der Friedländischen Besitzungen erhalten, unter andern auch dieß stattliche, feste Schloß; der Himmel ist aber mit 287 seiner männlichen Nachkommenschaft nicht freigebig gewesen, sie ist eingegangen, die letzte Gallas hat einen Clam geheirathet, und so gehören die Güter jetzt der reichen böhmischen Familie Clam-Gallas. Es existirt auf Schloß Friedland ein modernes Bild der Thekla, was den Freunden der Schillerschen Tragödie zu lieb gemacht ist, und was sich sehr kurios neben den andern würdigen Familienbildern ausnimmt. Waldstein – so ist der eigentliche Name – kann für all' die Dinge nicht. Mein Klepper zog mich weiter durch grünen, nassen Wald, und so passirte ich endlich die grün und weiße Säule Sachsens, und sah Zittau vor mir liegen. Die Sonne brach durch die Wolken, und es ward mir der behaglichste Eindruck, als ich in dieß reinliche, freundliche und hübsche Städtchen einfuhr. Hier willst Du Hütten bauen, dacht' ich, die Berge, welche das Städtchen umlagern, schützen Dich vor der Welt, Herr Schöps, mit Erlaubniß 288 zu sagen, der Buchhändler hat Bücher, die Sachsen sind höflich – das Glück ist aufgegeben, vielleicht findest Du aber Ruhe hier; es lebe Zittau, das Asyl!