Niccolò Machiavelli Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte   Übersetzt und eingeleitet von Friedrich von Oppeln-Bronikowski   (Vollständige Ausgabe) Einleitung Von Friedrich von Oppeln-Bronikowski »I tre libri de' Discorsi sopra la prima deca di Tito Livio, di Niccolò Machiavelli, cittadino e segretario fiorentino« (Die drei Bücher der Erörterungen über die erste Dekade des Titus Livius, von Niccolò Machiavelli, Bürger und Staatssekretär von Florenz), so lautet der wenig einladende Titel eines der gehaltreichsten Bücher der politischen Literatur. Obwohl ein Eckstein in der Geschichte des politischen Denkens, wird dies Werk heute nur noch von Fachgelehrten und einzelnen Staatsmännern gewürdigt. Und doch hat die geschichtliche Entwicklung ihm vielfach recht gegeben, ja, sein Inhalt ist gerade heute in einer Zeit politischer Umwälzungen und Problemstellungen so zeitgemäß, daß es die Beachtung jedes Politikers und überhaupt aller verdient, die über die politische Tagesweisheit hinaus nach allgemeinen politischen Grundsätzen, nach Erkenntnis geschichtlicher Zusammenhänge streben. Das sechzehnte und siebzehnte Jahrhundert hat dies Buch zwar eifrig studiert, wie die zahlreichen Ausgaben und Übersetzungen ins Lateinische, Französische, Deutsche und Englische beweisen. Mehr und mehr aber wandte sich das Interesse der kleinen, erfolgreichen Gelegenheitsschrift des großen Florentiners, dem »Principe« zu, die nur einen Einzelfall aus dem Lehrgebäude der »Diskurse« methodisch entwickelte. Ja, Machiavellis Name ist nur durch diese Schrift unsterblich geworden und mit ihr im allgemeinen Bewußtsein derart zusammengewachsen, daß die darin entwickelten Gedanken über den fürstlichen Absolutismus mehr und mehr als Machiavellis Lehre überhaupt aufgefaßt wurden und den Gegenstand leidenschaftlicher Erörterung bildeten. So schrieb Friedrich der Große als Kronprinz seinen einseitigen »Antimachiavelli«, Deutsch von mir im Verein mit dem »Fürsten« von Machiavelli (2. Aufl., Jena 1921) in der von Voltaire besorgten Fassung. Die ursprüngliche Fassung deutsch in den »Sämtlichen Werken« Friedrichs des Großen, Berlin 1914, Bd. VII, S. 1 ff. und ebenso nahm Fichte in seiner kleinen, aber kraftvollen Verteidigungsschrift »Über Machiavelli als Schriftsteller, und Stellen aus seinen Schriften.« fast nur Bezug auf den »Fürsten«. Selbst Leopold von Ranke geht in seiner »Geschichte der romanischen und germanischen Völker von 1494 bis 1515« ausführlich nur auf den »Fürsten« ein. Ergänzung und Berichtigung ist daher geboten; ja, das volle Verständnis Machiavellis und seines Denkens ist nur möglich, wenn sein Hauptwerk , die »Diskurse über die erste Dekade des Titus Livius«, wieder zu Ehren gebracht wird. Wir haben es richtiger » Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte « betitelt; denn Machiavelli bezieht sich ja nicht nur auf die ersten zehn Bücher der »Römischen Geschichte« des Livius, sondern auf alle, die uns erhalten sind, und auf eine Fülle anderer lateinischer und griechischer Autoren Von lateinischen Autoren kannte Machiavelli nachweislich, neben den Dichtern Virgil, Ovid, Horaz und Tibull, die Philosophen Cicero und Seneca, von Historikern außer Livius den Cäsar, Tacitus, Sallust, Sueton, Justin und Quintus Curtius. Die griechischen Schriftsteller kannte er wohl nur aus lateinischen und italienischen Übersetzungen (ob er griechisch verstand, bleibt strittig), insbesondere Aristoteles' Politik, Plutarchs Lebensbeschreibungen, Xenophons Kyropädie u. a. Schriften, den Redner Isokrates, die Geschichtsschreiber Herodot, Thukydides, Polybios, Diodor, Diogenes von Laërte, Herodian und Prokop. Eine eingehende Untersuchung über die von Machiavelli benutzten antiken Schriftquellen gab Dr. G. Ellinger in »Die antiken Quellen der Staatslehre Machiavellis«, Tübingen 1888 (In der »Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft«, X, 1-58). Sie liegt den Quellenangaben dieser Verdeutschung größtenteils zugrunde. und geschichtlicher Ereignisse in Hellas und Rom, und dazu tritt eine Menge italienischer Geschichtsbeispiele, die meist die düstere Folie politischer Verkehrtheiten zu den leuchtenden Vorbildern des Altertums bilden. Beide Bestandteile verraten deutlich den Zweck des Werkes: nicht gelehrte Studien zu treiben, sondern durch Entwicklung politischer Grundsätze aus einzelnen Ereignissen, durch anfeuernde und abschreckende Beispiele praktisch zu wirken. Aus ihrer Zeit hervorgewachsen und durch sie bedingt, vielfach in schroffem Gegensatz zu ihr und bestimmt, bessernd und wegweisend auf sie einzuwirken, setzen diese »Betrachtungen« zum vollen Verständnis nicht nur die allgemeine Kenntnis der politischen, religiösen und sittlichen Zeitverhältnisse voraus, wie sie Rankes Geschichte veranschaulicht, Besonders ausführlich geht auf die Zeitereignisse ein Luca Landuccis »Florentinisches Tagebuch« (1450-1516), deutsch von Marie Herzfeld, Jena 1913, 2 Bde., mit wertvollen gelehrten Anmerkungen. sondern auch viele, den Zeitgenossen Machiavellis geläufige Einzelheiten, die heute nur noch den Fachgelehrten bekannt sind. Ebenso unerläßlich für das Verständnis von Werk und Autor ist auch die Kenntnis seiner Lebensschicksale. Ich habe deshalb beide vereint als » Lebenslauf Machiavellis und wichtigste Zeitereignisse « am Schluß des Bandes zusammengefaßt und dadurch zugleich die Verknüpfung seiner Lebensumstände mit den Zeitläuften veranschaulicht. Diese Angaben waren um so nötiger, als die älteren Verdeutschungen Die älteren deutschen Ausgaben der »Diskurse«, die auch für diese Verdeutschung benutzt wurden, sind: 1. »Unterhaltung über die erste Dekade der römischen Geschichte des Titus Livius«, Danzig 1776, mit einem Titelkupfer (Bild Machiavellis). 3 Bde. Die ungenannten Übersetzer sind J. G. Scheffner und F. G. Findeisen. 2. In »Sämtliche Werke«, deutsch von Joh. Ziegler, Karlsruhe 1832, Bd. 1, unter dem Titel: »Vom Staate, oder Betrachtungen über die ersten zehn Bücher des Tit. Livius«. Diese Ausgabe (8 Bde., Karlsruhe 1832-41) enthält alle damals bekannten Schriften Machiavellis, zu denen nur noch wenige archivalische Funde getreten sind. Sie bietet dem deutschen Leser noch jetzt eine brauchbare Handhabe. 3. In der »Historisch-politischen Bibliothek« (Berlin 1870, Bd. 11): »Erörterungen über die erste Dekade des Titus Livius«, übersetzt von W. Grüzmacher. Als Vorläufer dieser Verdeutschungen sind die zahlreichen lateinischen Übersetzungen zu betrachten, die namentlich in Universitätsstädten erschienen sind: in Mömpelgard 1588 und 1599, in Straßburg und Ursel 1599, in Frankfurt a. M. 1608 und 1619, in Straßburg 1619, in Marburg (von Jul. Reichenberg) 1620, in Leipzig 1629. Ferner in Holland: Leyden 1643 und 1649. Hierzu kommt noch die lateinische Abhandlung von J. F. Christ »De Nicolao Machiavelli libri tres«, Halle 1731. Auch eine italienische Ausgäbe seiner Hauptwerke (ohne die »Kriegskunst«) erschien 1786 in Berlin und Stralsund (3 Bde.). sowie die italienischen Ausgaben ganz ohne Fußnoten und Erklärungen sind, mit einziger Ausnahme der Schulausgabe von Giuseppe Piergili (Florenz 1892), deren Anmerkungen aber teils lückenhaft und falsch sind, teils durch philologische Exkurse und Randbemerkungen aller Art viel zu weit gehen. Für die antike Geschichte habe ich mich mit den notwendigsten Anmerkungen und Quellennachweisen begnügt, zumal die angeführten Beispiele meist für sich selbst sprechen. Viele werden dem Leser noch aus der Schulzeit geläufig sein. Wer sie bei Livius nachlesen will, dem sind die deutschen Liviusausgaben zugänglich, ebenso für die römische und griechische Geschichte die Werke von Mommsen, Curtius u. a. m. Allerdings ist gerade Mommsen für die älteste römische Geschichte sehr kurz gefaßt und kritisch, wogegen Machiavelli ganz der Darstellung des Livius folgt und ihr kritiklos glaubt. Vieles, was er als wahr annahm, wie die Urgeschichte Roms, ist von der neueren Wissenschaft ins Fabelbuch geschrieben worden, und für viele geschichtliche Vorgänge (wie die Fälle des Spurius Maelius und Manlius Capitolinus) ist uns die gefärbte Darstellung des Livius nicht mehr maßgebend. Somit scheinen die Schlüsse, die Machiavelli daraus zieht, selbst hinfällig zu werden. Aber diese Annahme ist falsch, denn es sind nicht sowohl die Voraussetzungen, von denen Machiavelli ausgeht, als vielmehr die Schlußfolgerungen, die er zieht, was den unvergänglichen Wert seines Buches bildet. Was er für geschichtliche Wahrheit nahm, wird für uns also vielfach zum Idealfall, von dem er ausgeht, und seine Schlußfolgerungen verlieren dadurch nichts von ihrem Wert. Auch im Stil eifert er – in bewußtem Gegensatz zur Schönrednerei vieler italienischer Renaissanceschriftsteller – der schlichten Größe des antiken Schrifttums nach. »Kraftvoll, schmucklos und gerade zum Ziel treffend, wie Cäsar, ist er dabei tief und gedankenreich wie Tacitus, aber klarer und deutlicher als dieser. Nicht irgendeiner ist sein Vorbild gewesen, sondern vom Geist des Altertums überhaupt durchdrungen, ist ihm ohne alle Nachkünstelung zur anderen Natur geworden, stark, lebendig und angemessen zu schreiben wie die Alten. Die Kunst der Darstellung findet sich bei ihm nur wie von selbst, sein stetes Ziel ist der Gedanke.« Soweit Friedrich Schlegel Sämtliche Werke, Wien 1822, II, so. in seiner geistreichen Kritik. Auch für die »Diskurse« gilt vollauf, was Machiavelli selbst in der »Zueignung« seines »Fürsten« sagt: »Dies Werk habe ich nicht ausgeschmückt, noch mit schönen Phrasen und prunkhaften Worten oder mit anderen Reizen und äußeren Stilmitteln aufgeputzt, wie so viele Schriftsteller. Ich wollte, daß die Sache sich selber ehrt und daß allein die Mannigfaltigkeit des Stoffes und der Ernst des Gegenstandes dies Buch auszeichnen.« Klarheit und Ehrlichkeit, Schlichtheit und gedrängte Kürze sind die Vorzüge dieses rein sachlichen Stils. »Wenn es überhaupt wahr ist«, sagt R. von Mohl, »daß der Stil den Menschen zeigt, so beweist der seine die ausgeprägteste und klarste Männlichkeit.« Sein besonderer Reiz ist, daß sich in ihm der analysierende Gelehrte mit dem Dramatiker und dem erfahrenen Staatsmann die Hand reicht. Freilich darf man nicht vergessen, daß diese Sprache vierhundert Jahre alt ist und daß die Stilgewohnheiten der Römer und Romanen den heutigen deutschen nicht immer entsprechen. Auch Machiavelli türmt bisweilen ciceronianische Periodenbauten, die in deutscher Sprache unmöglich sind, Wer sich von solchen stilistischen Unmöglichkeiten überzeugen will, lese die wortgetreue Verdeutschung von 1870. und es fehlt bei ihm auch nicht an altertümlichen Schwerfälligkeiten, Unklarheiten und Wiederholungen, denen man das Ringen des abstrakten Denkens mit einer Sprache anmerkt, die noch ohne wissenschaftliche Tradition und feste Denkformen war und sich den Ausdruck bisweilen erst mühsam prägen mußte. Trotz dieser kleinen Einschränkungen zählt Machiavelli in Italien noch heute zu den ersten klassischen Autoren und »Testi di lingua«. Einige Einzelheiten dieser Abhängigkeit Machiavellis von den antiken Vorbildern sind für die Fassung des deutschen Textes zu beachten. Von den antiken und italienischen Stadtstaaten ausgehend, vertauscht er häufig die Begriffe Stadt, Staat und Republik (Freistaat). Die Verdeutschung ist ihm hierin gefolgt, bisweilen hat sie den Sammelbegriff »Gemeinwesen« benutzt. Im zweiten Buch (Äußere Politik) fällt sogar öfter der Begriff »Fürst« und »Republik« zusammen, da Machiavelli bei den auswärtigen Beziehungen immer nur den Leiter eines Staatswesens, sei es monarchisch oder republikanisch, im Auge hat. Ebenso ist der Begriff der »Tugend«, der italienischen virtù, aus dem Begriff der antiken virtus entwickelt und durchaus »moralinfrei«. Der nicht immer eindeutige Sinn: Fähigkeit, Begabung, Talent, Verdienst, Tapferkeit, kurz Mannes- oder Bürgertugend, ist in der Verdeutschung meist mit diesen Worten übersetzt worden; wo das Wort »Tugend« stehengeblieben ist, hat es jedenfalls nichts mit Tugend im Sinne der christlichen oder kantischen Ethik zu tun. Vgl. Ed. Wilh. Mayer »Machiavellis Geschichtsauffassung und sein Begriff virtù«, München und Berlin 1912. In der Wiedergabe antiker Namen verfährt Machiavelli bisweilen sehr sorglos. Kleinere Unrichtigkeiten sind im deutschen Text selbst verbessert, größere in Anmerkungen. Machiavelli gehört zu den großen problematischen Naturen der Weltgeschichte . »Kaum«, sagt Mohl, »dürfte sich in der Geschichte, der menschlichen Geistesentwicklung ein zweiter finden, dessen Lebensschicksale so unzweifelhaft vorliegen, der sich so unumwunden selbst ausgesprochen hat, der so viel schrieb und über den doch die Urteile so weit auseinandergehen.« Der Grund liegt erstens , wie schon gesagt, darin, daß die Mehrzahl seiner Beurteiler sich einseitig an den »Fürsten« hielt, statt ihn im Zusammenhang mit den anderen Werken zu würdigen. Zweitens in dem teilweisen Gegensatz zwischen seinen beiden gleichzeitigen Hauptschriften, dem »Fürsten« und den »Diskursen«, sowie in seinem eigenen Verhalten, denn der überzeugte Republikaner buhlte um die Gunst der Medici, die seinem Vaterlande die Freiheit geraubt hatten, und diente ihnen mit Rat und Tat. Drittens liegt er in der Umstrittenheit der von ihm aufgeworfenen politischen Probleme und der von ihm empfohlenen Maßregeln. 1. Vom »Fürsten« ausgehend, sagt ein Staatsmann wie Bacon als Wortführer vieler: »Wir danken es Machiavelli und ähnlichen Schriftstellern, daß sie offen und ungeschminkt sagen, was die Menschen tun, nicht was sie tun sollen.« Und doch hat gerade Machiavelli in seinen »Politischen Betrachtungen« vielmehr gezeigt, was die Menschen tun sollen , ja, er hat ihr Tun aufs schärfste gegeißelt. Durch gleich einseitiges Ausgehen vom »Fürsten« und durch Mißverstehen seiner Grundsätze hat Friedrich der Große in seinem »Antimachiavelli« ein Zerrbild des Florentiners geschaffen. Ihm ist er ein Ungeheuer an Unmoral, ein Lehrer des Verbrechens, ein Teufel in Menschengestalt. Und doch war gerade Friedrich später als Staatsmann oft genug gezwungen, die Wege Machiavellis zu beschreiten, und ebenso hat er ihm in späteren Jahren an Menschenverachtung nichts nachgegeben. In der gleichen Optik befangen war auch der Anreger dieser Jugendschrift, Voltaire, obwohl er selbst in seinen Geschäftspraktiken eine oft recht machiavellitische Skrupellosigkeit bewiesen hat. Ja, unter Machiavellis ärgsten Feinden waren die Jesuiten, die Meister des »Machiavellismus« und der durch den Zweck geheiligten Mittel! Überhaupt ist es recht wunderlich, welche buntgemischte Gesellschaft die Verehrer und Feinde des Florentiners bilden. Neben leidenschaftlichen Patrioten wie Alfieri und Fichte finden sich Theoretiker des Immoralismus wie Beyle-Stendhal und Nietzsche, und während in Deutschland die Auffassung Friedrichs des Großen noch lange nachwirkte, wurde Machiavelli von dem Geschlecht Cavours und des Risorgimento als Vorkämpfer für die Einheit Italiens geradezu zum Nationalheiligen gemacht. Nur ganz allmählich hat sich mit der Entfernung von den Zeitverhältnissen, dem sich erweiternden Gesichtskreis und der sich mehrenden Kenntnis aller Umstände eine Auffassung durchgesetzt, die vom Hosianna wie vom Crucifige gleich weit entfernt ist. Ja, das Fortschreiten von oberflächlichen und einseitigen Ansichten zu gründlicherer Prüfung und sachlichen Urteilen ist »sehr auffallend« (Mohl). Wir können also heute das Problem Machiavelli zu lösen versuchen. 2. Die Gegensätze zwischen seinen beiden wichtigsten Schriften zwingen uns, auf Machiavellis Leben kurz einzugehen. Wie der »Lebenslauf« zeigt, kam der Jüngling noch unter der kunstfrohen und glänzenden Herrschaft Lorenzos des Prächtigen in die Lehre eines Staatsmannes und Altertumsfreundes, Marcello Adriani. Mit neunundzwanzig Jahren wurde er Staatssekretär des Florentiner Kriegs- und Außenministeriums, nachdem die Medici vertrieben waren und Florenz sich unter dem Einfluß des Reformators Savonarola in einen rauhen, religiös gerichteten Freistaat verwandelt hatte. Fünfzehn Jahre lang sehen wir Machiavelli nun, wenn auch nicht in den höchsten Würden, so doch in wichtigen Staatsgeschäften rastlos tätig, als Kommissar bei der Belagerung Pisas und als Hauptleiter bei seiner Eroberung, dem großen Ziel der damaligen Republik, als Schöpfer des ersten modernen Volksheeres, als Gesandten in über zwanzig Sendungen, teils einem Vornehmeren beigesellt, meist aber allein und mit folgenschweren Verhandlungen betraut, viermal in Frankreich, zweimal in Deutschland und mehrfach in Rom, also bei den Lenkern der großen Politik seiner Zeit, und – entscheidend für seine Anschauung, aber auch für seinen Nachruf – bei dem furchtbaren Papstsohn Cäsar Borgia, insbesondere während der berüchtigten Mordtat von Sinigaglia, über die wir von ihm einen eiskalten Bericht besitzen. Dieser langjährigen, praktischen Erfahrung des Staatsmannes dankt unser Buch die Fülle zeitgenössischer Geschichtsbeispiele, die in seine Geschichte eingeflochten sind; ja, es dankt ihr überhaupt den politischen Weitblick. Der Sturz der Republik und die Rückkehr der Medici schleudert ihn mitten in den rüstigsten Mannesjahren ins Nichts. Umsonst bietet er den neuen Machthabern seine Dienste an; sie mißtrauen dem Staatssekretär der Republik. Als eine Verschwörung ausbricht, wird er verdächtigt, eingekerkert, gefoltert, aber als unschuldig freigelassen und zieht sich nun in drückendster Armut auf sein vom Vater ererbtes Landgütchen zurück. In dem bekannten Brief an Vettori vom 10. Dezember 1513 schildert er selbst sein Dasein. »Mit der Sonne erhebe ich mich und gehe nach einem Gehölz, das ich umschlagen lasse. Um Geld zu gewinnen. Hier bleibe ich zwei Stunden, um die Arbeit des vorigen Tages in Augenschein zu nehmen und die Zeit mit den Holzhackern hinzubringen. Dann gehe ich nach einer Quelle und von da nach einer Vogelhütte, die mir gehört, mit einem Buch unterm Arm, Dante, Petrarca, oder auch einem kleineren Dichter, Tibull oder Ovid oder dergleichen. Da lese ich von ihren verliebten Leidenschaften, erinnere mich der meinen und ergötze mich eine Weile an solchem Sinnen. Dann gehe ich nach einer Schenke an der Landstraße, rede mit den Vorbeigehenden, frage nach ihren Neuigkeiten, erfahre mancherlei und beobachte die mannigfachen Neigungen und Grillen der Menschen. Indes kommt die Essensstunde heran, wo ich mit den Meinigen solche Speisen genieße, wie sie mein armes Landgut und geringes Erbe mit sich bringt. Nach Tisch gehe ich wieder in die Schenke; da treffe ich in der Regel den Wirt, einen Fleischer, einen Müller und zwei Ziegelbrenner. Mit diesen verspiele ich dann den ganzen Tag mit Cricca oder Tricktrack, wobei es tausend Händel gibt und tausend Schimpfereien, meist um einen Quattrino, und schreien hört man uns bis nach San Casciano. In dies gemeine Leben versenkt, schleppe ich mein schimmelndes Gehirn hin und lasse meinem widrigen Schicksal freien Lauf. Ich füge mich darein, so von ihm mit Füßen getreten zu werden. Ich will doch sehen, ob es sich nicht endlich darüber schämt. Des Abends kehre ich heim, werfe auf der Schwelle meinen schmutzigen Bauernkittel ab und lege königliche Gewänder an, wie sie sich bei Hofe ziemen. So würdig angetan, besuche ich die Hofhaltungen der Alten, werde freundlich von ihnen empfangen und nähre mich von solcher Speise, die mir allein gehört und für die ich geboren ward ... Vier Stunden lang empfinde ich nicht den geringsten Verdruß, vergesse allen Kummer, alle Furcht vor Mangel; ja selbst der Tod schreckt mich nicht. Ich versenke mich ganz in sie, und was ich in ihrer Unterhaltung gewonnen habe, habe ich in ein Werkchen de principatibus Der »Fürst« hineingearbeitet ... Einem Fürsten, besonders einem neuen, dürfte es sehr willkommen sein, deshalb will ich es Seiner Erlaucht, Herrn Giuliano, widmen ... Giuliano Medici, der ältere Bruder von Papst Leo X. Hernach hätte ich den Wunsch, daß die Herren Medici mir zu tun geben, sollte ich anfangs auch Steine wälzen, denn ich müßte mir selbst leid tun, wenn ich sie nicht mit der Zeit gewinnen sollte. Wenn man's läse, würde sich zeigen, daß ich die fünfzehn Jahre meines Staatsdienstes nicht verschlafen noch verspielt habe ... An meiner Treue braucht niemand zu zweifeln; denn wer 43 Jahre treu und redlich war, wie ich, von dem könnte man doch annehmen, daß er seine Natur nicht ändert.« Diese und andere Notschreie an den Florentiner Gesandten am Hofe des Mediceerpapstes bleiben zunächst ungehört. Aber Machiavelli läßt nicht nach. Spätestens nach Giulianos Tode (1516) widmet er den »Fürsten« dem Lorenzo, der sich damals einen Staat in Norditalien schaffen will. Wenn dieser »von seiner Höhe herabblicken« wolle, heißt es in der ›Zueignung›, so werde er erkennen, »wie sehr zu Unrecht ich ein großes und andauerndes Mißgeschick ertragen muß«. Das ist deutlich gesprochen, aber es ist auch wahr. Er steht in vollster Manneskraft, ist unbeschäftigt, verarmt und im Vollgefühl seiner Fähigkeit. Sein Traktat ist ehrlich gemeint, denn seit Leo X. auf dem Papstthron sitzt, scheint ihm das Schicksal von Florenz und ganz Italien mit dessen Hause verknüpft, und nur von einem aufgeklärten Despoten erhofft er, selbst um den Verlust der heimischen Freiheit, für die er bis zuletzt gekämpft hat, die Rettung Italiens aus dem Elend politischer Zersplitterung, Fremdherrschaft und Sittenverderbnis. An Stelle des Kleinstaatideals der Stadtrepublik tritt das Großstaatideal des einigen Italien. Aber es ist nicht groß von ihm, daß er von seinen Ratschlägen selbst den entsprechenden Vorteil haben will. Er hat sie nur aus Not erteilt, aus der Not Italiens und aus der eigenen. Er wird zwar nie schmutzige Geldgeschäfte machen, wie sein Kritiker Voltaire; seine Armut ist, wie er in jenem Brief selbst betont, »der beste Beweis für seine Redlichkeit«. Aber er ist trotz aller idealen Absichten doch keineswegs ein selbstloser Patriot. Er erniedrigt sich zwar nie zu platten Schmeicheleien vor den neuen Machthabern, aber er buhlt doch um ihre Gunst und findet zu seiner Beschämung trotz jahrelangen Liebeswerbens taube Ohren. Erst allmählich erhält er einige kümmerliche Aufträge, die im Vergleich zu seiner Begabung und früheren Stellung lächerlich sind, wie die Besorgung eines Predigers für die Wollweberzunft oder die Sendung an die Franziskaner in Carpi. Er, der von sich bekennt, »daß er nicht von Seiden- und Wollweberei, noch von Gewinn und Verlust zu reden wisse, sondern allein vom Staate«, muß sich mit ein paar Sendungen in Handelssachen begnügen. Der spätere literarische Auftrag des Kardinals von Medici, die Geschichte von Florenz zu schreiben, war gewiß ehrenvoll und seiner würdig, sicherte ihm auch einen bescheidenen Jahressold, brachte ihn aber seinem Ehrgeiz nicht näher und war auch wieder mit einem Gesinnungsopfer verbunden, denn er konnte diese Geschichte, die seit fast hundert Jahren im Zeichen der Medici stand, unmöglich so unbefangen schreiben, wie er es nach seiner Gesinnung hätte tun müssen. Auch die zwei Gutachten über die Verfassung von Florenz, worin er ein Kompromiß zwischen demokratischen und monarchischen Einrichtungen suchte, hatten weder für den Staat noch für ihn eine unmittelbare praktische Wirkung. Erst an seinem Lebensabend kommt sein Name wieder in den Wahlbeutel für öffentliche Ämter, und nun spielt er unter dem neuen Mediceerpapst Clemens VII., seinem alten Gönner, noch ein kurzes Intermezzo als Staats- und Kriegsmann, bis des Papstes schwache und tückische Greisenpolitik Italien aufs neue in den Abgrund fremder Invasionen stürzt. Noch einmal flammt in Florenz die alte Freiheitsliebe auf; die Medici werden ein letztes Mal verjagt, und Machiavellis Laufbahn findet wiederum ein jähes Ende. Den Verräter an der Volkssache will die neue Regierung nicht beschäftigen, so wenig wie früher die Medici den Republikaner, und so stirbt er, aus allen Himmeln seines Ehrgeizes und seiner politischen Träume gestürzt, mitten im drohenden Untergang seiner Vaterstadt und Italiens, gehaßt und verbittert, in tiefster Armut. Und doch: gerade sein Unglück, der jähe Sturz von 1512, kam dem politischen Schriftsteller und damit der ganzen gebildeten Welt zugute. Schon früh hatte sich Machiavelli mit Schriftstellern im Kleinen befaßt, mit Berichten, Denkschriften und geschichtlichen Abrissen, ja, er hatte zu seiner Zerstreuung zwei Lustspiele geschrieben. Aber das alles wäre im Drang der Staatsgeschäfte doch nicht über die ersten Ansätze hinaus gediehen, hätte ihn sein hartes Schicksal nicht zum freien Schriftsteller gemacht und den Staatslehrer in ihm entwickelt. »Versagt ist's ihm, auf anderen Gebieten Die ihm verlieh'nen Gaben zu erproben, Weil seinem Streben Anerkennung fehlt,« heißt es im »Prolog« zur »Mandragola«. In dem Bedürfnis, wenigstens theoretisch in Staatssachen weiterzuarbeiten und dadurch zu wirken, daneben auch, sich bei den Medici beliebt zu machen, schrieb er nun seinen »Fürsten« und später als biographisches Gegenstück dazu das »Leben des Castruccio Castracani«, sowie seine »Kriegskunst«, in der er fast als einziger seiner Zeit mit zwingender Logik die Notwendigkeit von Volksheeren anstatt der damals üblichen Söldnerhorden nachwies. Zugleich entstanden seine »Florentiner Geschichte«, seine Lustspiele »Mandragola« und »Clizia«, bis auf die Mönchsgestalt des Bruders Timoteo Anlehnungen an die antike Komödie, ein komisches Gedicht, der »Goldene Esel«, zwei Lehrgedichte vom Undank und Ehrgeiz, eine komische Erzählung »Belfagor« u. a. m., vor allem aber sein umfassendstes Werk, die Politischen Betrachtungen «. Diese und die »Kriegskunst« gingen aus den Vorträgen und Diskussionen hervor, die der gewiegte Staatsmann im Kreise der vornehmen jungen Gäste der Orti Oricellarii veranstaltete, einer Art Akademie im ursprünglichen Sinne, wie die Lehrstätte Platos in Athen; und gleichzeitig waren diese Vorträge wohl Anlaß und Vorwand zur Unterstützung des Verarmten durch seine Zuhörer, deren zweien er diese »Betrachtungen« widmete. Hier brauchte er keine Rücksicht auf einen Gewalthaber zu nehmen, seine Optik nicht auf einen Spezialfall einzustellen. Hier konnte er seine republikanischen Grundsätze frei aussprechen und alle Staatsformen und politischen Ereignisse, die in seinem Gesichtskreise lagen, erörtern. War im »Fürsten« der furchtbare Borgia sein Vorbild und Lorenzo der Mann seines Hoffens gewesen, so war hier der römische Freistaat, oder doch wenigstens der etruskische Städtebund das Ziel. Aber das Jahrhundert war für das Ziel nicht reif, wogegen der fürstliche Absolutismus, anfangs aus dem Ehrgeiz einiger Machthaber entsprungen, durch Machiavellis Schrift einen höheren politischen Sinn bekam. Er ist sich der Tragweite dieser Schrift wohl selbst nicht bewußt gewesen, aber die Richtung der Gesamtentwicklung Europas, die auf eine Abrechnung mit dem Mittelalter hindrängte, ist doch in ihr zum ersten Male deutlich ins Bewußtsein getreten und in Worte gefaßt worden. Blieb auch ihre Wirkung auf Italien, für das sie berechnet war, aus, so war sie doch der Ausspruch einer Übergangszeit über sich selbst und über die Verhältnisse, die sich unmittelbar aus dem Untergang des mittelalterlichen Staatswesens entwickeln mußten. So wurde sie zum Katechismus für die kommenden Geschlechter, zum Brevier des Absolutismus und damit bestimmend für den Gang der Entwicklung selbst. Karl V. kannte den »Fürsten« fast auswendig; der gewaltige Papst Sixtus V. machte sich einen eigenhändigen Auszug davon; Katharina von Medici, die Tochter des Mannes, dem er gewidmet war, beherzigte ihn in Frankreich als Gattin Heinrichs II.; in Heinrichs II. Tasche wurde er gefunden, als er ermordet ward; das gleiche wird von Heinrich IV. behauptet, als ihn die Kugel Franz Ravaillacs traf. Der fürstliche Absolutismus führte Frankreich schließlich aus den Wirren der Religionskriege und der Fronde zum machtvollen Einheitsstaat, und ebenso hob der Absolutismus des großen Kurfürsten und der ersten preußischen Könige Brandenburg-Preußen aus dem Jammer des Dreißigjährigen Krieges zu neuer innerer Erstarkung und äußerer Machtstellung empor. Noch Napoleon I. hat einen eigenhändigen Kommentar zum »Fürsten« verfaßt. Das Buch hat also eine welthistorische Mission erfüllt, trotz aller Anfeindungen, trotzdem es sogar auf den Index der verbotenen Bücher kam. Dieselbe päpstliche Offizin, die Machiavellis Werke gedruckt hatte, veröffentlichte 1557, in der Zeit der Gegenreformation, den Index der verbotenen Bücher, in dem unter den ersten Büchern »Der Fürstenspiegel« und die »Politischen Betrachtungen« standen. Das Konzil von Trient bestätigte 1564 dies Verbot. In diesem Sinne gehört also Machiavelli zu den ersten Zerstörern der mittelalterlichen Staatsform. Seiner weit vorausschauenden »Kriegskunst« war ein gleiches Los nicht beschieden. Die Aufstellung straff disziplinierter Volksheere, wie er sie selbst betrieben hatte, gedieh damals über die ersten Ansätze nicht hinaus. Er sagt zwar: »Welcher Staat das zuerst tut, wird so viel erreichen wie Philipp von Mazedonien, als er die Manneszucht bei Epaminondas gelernt. Dieser Staat wird Herr der anderen sein und ganz Italien beherrschen.« Aber seine Mahnungen fanden nur taube Ohren. Erst Frankreich und Brandenburg-Preußen traten in seine Fußstapfen, und zwar völlig ohne Kenntnis seiner Lehren, rein aus politischer Notwendigkeit. Friedrich Wilhelm I. von Preußen sah in der Gottesfurcht einen Kitt der Heere, genau wie Machiavelli, und wie dieser gelehrt hatte, war Friedrich der Große sein eigener Feldherr; aber Friedrich Wilhelm verschmähte alle Lehren der Schriftsteller, und sein Sohn haßte besonders die des Florentiners. Selbst die Französische Revolution, die das Volksheer erst vollkommen durchführte, nahm sich ihr Vorbild nicht an ihm, sondern an seinem eigenen Vorbild, der altrömischen Republik. Vollends die »Politischen Betrachtungen«, in die das Thema der »Kriegskunst« vielfach hineinklingt, blieben eine akademische Lehre für junge Florentiner, denen sie höchstens die Köpfe zu einer mißglückten Revolution erhitzten, und für lateinisch schreibende Universitätsprofessoren, die daran ihre gelehrte Dialektik erprobten. Sie waren ja auch ihrer ganzen Anlage nach mehr ein Kompendium der Staatswissenschaft, als eine Lehre für einen bestimmten Fall. Denen, die dem Verfasser vorwarfen, er habe die Fürsten gelehrt, Tyrannen zu sein, entgegnete er ingrimmig, er habe auch die Völker gelehrt, wie sie die Tyrannen ausrotten sollten. Wie wahr dies ist, zeigt das Beispiel des Dezemvirs Appius (I, 40), wo Machiavelli dem Volk seine Fehler bei der Verteidigung der Freiheit, dem Appius die seinen beim Streben nach der Alleinherrschaft vorrechnet. Ebenso rät er den Fürsten, wie sie sich vor Verschwörungen zu hüten haben, aber er zeigt auch, wann und wie Verschwörungen gelingen können. Mit kalter Sachlichkeit erörtert er die verschiedensten politischen Lagen und Vorgänge, teils im geschichtlichen Rückblick, teils in ihrer allgemeinen Möglichkeit; denn wie er sagt: »Es ist gut, alles zu erörtern.« Wie der Arzt mit dem Messer und mit Giften an Leichen und kranken Körpern, arbeitet hier der Politiker in seinem Laboratorium mit allen politischen Mitteln, völlig jenseits von Gut und Böse, zunächst der Wissenschaft halber, dann aber auch, um mit Hilfe der erworbenen Kenntnisse praktisch zu wirken. Soweit besteht also kein problematischer Gegensatz zwischen den »Betrachtungen« und einem herausgelösten Einzelfall wie der »Fürst«. Hatte doch Machiavelli in seinem Hauptwerk selbst betont, daß die Einrichtung oder Neuordnung eines Staatswesens, einerlei ob die Republik oder Monarchie, nur durch einen einzigen möglich ist, der sich diktatorische Gewalt zulegt und dem jedes Mittel zu seinem Zwecke, auch der politische Mord, erlaubt ist. Außerordentliche Verhältnisse, sagt er (I, 55), verlangen außerordentliche Mittel. Angesichts des verzweifelten Zustandes seines Vaterlandes war er nach Rankes Wort »kühn genug, ihm Gift zu verschreiben«. In der Praxis freilich kommt dieser wohlmeinende Despotismus der von Machiavelli gebrandmarkten Tyrannis sehr nahe, und damit beginnen die schwer entwirrbaren Widersprüche seiner politischen Lehre, nicht nur zwischen seinen beiden Werken, sondern in den »Diskursen« selbst. Schließlich ist es nur die gute Absicht, die seinen »idealen« Alleinherrscher von dem schlimmen Tyrannen unterscheidet (I, 19). Da sich eines Machthabers Herz jedoch schwer ergründen läßt und die Taten des einen wie des anderen jenseits von Gut und Böse stehen, wird der Herrscher sich in Wirklichkeit von einem Borgia wenig unterscheiden, und Machiavelli gesteht dann auch selbst, Brief an Vettori vom 31. 1. 1515. daß er als neuer Herrscher, »dessen Taten überall nachahmen würde«. Daß Güte und Menschlichkeit zur Lenkung der Menge besser seien als Grausamkeit, außer wenn das Volk den Herrscher mit Füßen tritt (III, 19), bleibt daher ebenso eine ideale »Forderung«, wie die, daß er sich Liebe erwerben solle (III, 22). Die schlimme Zeit verlangt eben schlimme Mittel, und die Hauptsache bleibt, daß überhaupt ein Monarch sich aufwirft und behauptet. Ist darum aber das florentinische Freiheitsideal begraben? Keineswegs! Das ganze Buch handelt von nichts als von dem konstitutionellen Freistaat nach römischem Muster. Hier liegt ein neuer Widerspruch, anscheinend der tiefste, sowohl in der allgemeinen Richtung von Machiavellis Denken wie in den praktischen Zwecken. Er verfolgt gleichzeitig zwei entgegengesetzte Methoden, die sich in ihrer Wirkung praktisch aufheben. Die Lösung dieses Widerspruchs ist darin zu suchen, daß er sich die Verwirklichung seiner beiden Theorien in der Zeitfolge nacheinander dachte. Der »Fürst« ist das Werk der Gegenwart, die »Betrachtungen« über den Volksstaat im wesentlichen das der Zukunft. Für die Gegenwart ein diktatorisches Genie, das Italien aus seinem inneren und äußeren Verderben reißt, wie später Napoleon Frankreich aus dem Abgrund der Revolution emporriß; für die Zukunft die freie Verfassung, die die Errungenschaften dieses einzelnen festhält und ausbaut, wie die römische Republik das Werk des Romulus und der Königszeit fortsetzte, wie Lykurg und Moses ihre Verfassungen gaben und sie dann der Obhut vieler anvertrauten. Das Ideal wäre, daß solche Staatengründer oder Neuordner nach Vollendung ihres Werkes freiwillig abträten, wie wir es von Sulla wissen; da dies aber fast nie geschieht, bleibt nur der gefährliche Weg gewaltsamer Befreiung, wie in Rom durch den Sturz der Tarquinier. Die Kritik dieser Theorie wollen wir im dritten Abschnitt vornehmen; hier gilt es nur, die Einheit von Machiavellis Denken trotz des Gegensatzes seiner Theorien aufzuzeigen. Sein persönliches Verhalten freilich kommt dabei schlechter weg. Seine Zeitgenossen haben ihm seinen Opportunismus vielfach grimmig verübelt. Er wurde nicht nur 1521 vom eifrigen Republikaner zum willfährigen Fürstendiener und suchte 1527, als Fürstendiener gekennzeichnet, umsonst wieder Anschluß an die Republikaner; er blieb auch in der ganzen Zwischenzeit ein Zwitterwesen von Fürstendiener und Republikaner und übte die von ihm empfohlene Kunst, sich den Zeitverhältnissen anzupassen, gleichgültig gegen Spott und Verachtung, die der spottsüchtige Menschenverächter zehnfach heimzahlte, aber auch unangefochten in seinem Gewissen. Darin war er vollkommen das Kind seiner skrupellosen Zeit und ein rechter Italiener. Aber wie alle Abgefeimtheit des sacro egoismo das damalige Italien nicht vom Verderben rettete, wie alle Virtuosität politischen Verbrechens das eine, was nottat, nicht herbeiführte, so hat auch er von seinem »Machiavellismus« wenig Segen, aber viele Enttäuschungen und Demütigungen gehabt, und all seine politische Weisheit konnte doch die rettende Tat nicht herbeiführen. Diese Gegensätze in seinem Verhalten spiegeln deutlich die heillose Verworrenheit der politischen Lage seines Landes. Auch Italien hatte umschichtig die beiden Wege eingeschlagen, die er selbst einschlug, und doch nicht die Kraft gehabt, einen bis zu Ende zu gehen. Es war seine und Italiens Tragödie. Ein Kind und ein Spiegelbild seiner Zeit war Machiavelli schließlich auch in seinem leichtfertigen Wandel. Mitten zwischen den geistesscharfen Erörterungen seiner Briefe an Vettori stoßen wir auf schamlose Bekenntnisse eines zügellosen Trieblebens. Der fünffache Familienvater schämt sich nicht, »täglich zu einem anderen schönen Kinde zu gehen« und, bald fünfzig Jahre alt, »sich weder vom Dunkel der Nacht noch von unwegsamen Pfaden schrecken zu lassen, wenn es Amors Spuren zu folgen gilt«. Ein Mann, der solche Zerstreuungen liebte, konnte freilich auch eine gepfefferte Ehebruchskomödie wie die »Mandragola« schreiben, deren ärgste Anstößigkeiten er allerdings in lateinische Worte kleidete. Sie gilt zwar noch heute für das beste Lustspiel des Cinquecento (Voltaire stellte sie über Aristophanes und dicht hinter Moliere), aber welche Sittenverderbnis spricht daraus, daß ein Geist wie Machiavelli ein solches Werk schrieb, daß er damit den Beifall der geistigen Auslese fand und daß sie sich mit ihm in den Schrecknissen der damaligen politischen Umwälzungen die Sorgen verscheuchte! Die sittlichen Mängel dürfen uns freilich das Gesamturteil über Machiavelli nicht trüben: nicht mit Unrecht nennt Mohl ihn »das mächtige, wenn auch verstümmelte Bruchstück eines großen Mannes«. 3. Der dritte Grund für die Problematik von Machiavellis Natur liegt, wie wir sahen, in der Umstrittenheit seiner politischen Probleme. Ein Blick auf die Zeitgeschichte erklärt die Art seiner Problemstellung und die Grenzen und Lücken seiner Lehren. Im zweiten Kapitel des ersten Buches der »Diskurse« hat er selbst im Anschluß an Polybios den trostlosen Kreislauf beschrieben, zu dem nach seiner Meinung die meisten Staaten verurteilt sind. Er zeigt dort, wie die Fürstenherrschaft zur Tyrannei ausartet, wie Adel und Volk sich dagegen auflehnen, der Adel die Macht an sich reißt, sie mißbraucht, wie das Volk die Adelsherrschaft stürzt und an ihre Stelle eine Volksherrschaft setzt, die alsbald zur Zügellosigkeit und zum Kampf aller gegen alle ausartet, aus dem allein die Fürstenherrschaft den Staat retten kann. Dieser circulus vitiosus, gesteht Machiavelli, würde immer wiederkehren, wenn nicht äußere Umstände, die Eingriffe fremder Mächte, zur völligen Versklavung dieser aufrührerischen Freistaaten führten. In solchen Verhältnissen befanden sich jedenfalls die italienischen Staaten des ausgehenden Mittelalters. Die Wiege der Künste und Wissenschaften, der Mittelpunkt einer Kultur, vor der Europa staunte und von der es jahrhundertelang die wertvollsten Anregungen empfing, bot zugleich das Bild politischer Anarchie, sittlicher Verwilderung und Irreligiosität. Ein Staat fiel über den anderen, ein Mensch über den anderen her, um ihn zu vergewaltigen. Alle Mittel waren in diesem Kampf aller gegen alle recht, Dolch und Gift und das selbstmörderischste von allen: das Hereinrufen fremder Mächte, zu deren Zankapfel und Schlachtfeld das reiche und blühende Land wurde. So wurde der alte Schlachtruf Petrarcas, Italien von den Barbaren zu befreien, zum Losungswort der besten Patrioten; das Gelingen war aber nur möglich, wenn Italien ein starker, monarchisch geleiteter Einheitsstaat wurde, wie es Machiavelli in dem begeisterten Schlußwort seines »Fürsten« verlangt. Zu diesem Zweck ist ihm jedes Mittel recht, erlaubt die Staatsräson seinem Herrscher jedes zweckmäßige Verbrechen. Er brüstet sich nicht etwa mit Immoralismus, wie Nietzsche oder Beyle-Stendhal, noch sucht er seine Mittel jesuitisch zu rechtfertigen, aber er hegt auch nicht das geringste moralische oder rechtliche Bedenken. Treulosigkeit, Scheinheiligkeit, ja, die Ausrottung ganzer Bevölkerungen rät er nicht nur im »Fürsten« an, sondern auch in den »Betrachtungen«; ja selbst in der harmlosen »Kriegskunst« erörtert er die Frage, ob man dem Feind nicht vergiftete Lebensmittel senden solle. Es scheint uns heute schwer begreiflich, daß ein geistig so hochstehender Mann, der in vielen Lebensverhältnissen ehrlich gehandelt und sich nie mit schmutzigem Gewinn befleckt hat, die Greuel eines Borgia so ganz ohne jede Regung des Abscheues darstellen, ja sein Benehmen anderen Machthabern als Vorbild hinstellen konnte. Daß in ihm nicht jedes politische Rechts- und Moralgefühl ausgestorben war, zeigt seine Verurteilung Philipps von Mazedonien, sein Exkurs über die römischen Kaiser, seine bewundernde Anerkennung deutscher Frömmigkeit und Rechtschaffenheit, die er so geflissentlich gegen die Sittenverwilderung in den drei romanischen Ländern Italien, Spanien und Frankreich, dieser »Verderbnis der Welt« kontrastiert. Ja, er schreibt der Kirche mit kühnem Freimut die Hauptschuld an dieser Verderbnis wie an dem politischen Elend Italiens zu, ganz im Geist Savonarolas und am Vorabend der deutschen Reformation. Aber sosehr er selbst die tiefe Verderbnis seiner Zeit geißelt, er weiß den Teufel doch nur mit Beelzebub auszutreiben. »Einem neuen Herrscher hilft Grausamkeit, Treulosigkeit und Gottlosigkeit da, wo Menschlichkeit, Treue und Gottesfurcht längst verschwunden sind, und aus keinem anderen Grunde hilft Menschlichkeit, Treue und Gottesfurcht da, wo Grausamkeit, Treulosigkeit und Gottlosigkeit nur kurze Zeit geherrscht haben,« heißt es in einem Brief an den gestürzten Gonfalonier Soderini. Manche haben ihm diese Unbedenklichkeit hoch angerechnet, so Bacon in den bereits zitierten Worten. Greift ihn umgekehrt Friedrich der Große in seinem »Antimachiavelli« so schonungslos an, so liegt allen Mißverständnissen doch ein psychologischer Kern seines Hasses zugrunde: der verächtliche Widerwille des Erben einer gefestigten Monarchie gegen die blutigen Emporkömmlinge der Renaissance, die sich nur mit Verbrechen durchsetzen können. »Es ist schrecklich zu denken«, sagt Ranke, »daß die Grundsätze, die Machiavelli für die Erwerbung und Behauptung einer usurpatorischen Macht für notwendig erachtet, auch auf ein ruhiges und gesetzmäßiges Fürstentum Anwendung finden könnten ... Ein solcher Fürst kann wohl daran denken, die Ideen zu handhaben, auf welchen die allgemeine Weltordnung beruht; er besitzt die Gewalt; niemand macht sie ihm streitig.« So hat denn auch Friedrich in seiner Jugendschrift die Menschheitsideale der Aufklärung gepredigt, bevor er sie als Herrscher verwirklichte. Machiavelli dagegen geht lediglich von realpolitischen Erwägungen aus. In bewußtem Gegensatz zum sterbenden Mittelalter, dessen Staatslehre auf abstrakten Gedanken über Recht, Sittlichkeit und Bestimmung des Menschen beruhte, spottet er »Fürst«, Kap. 15. der Ideologen, die sich utopische Staaten erträumen. An Stelle solcher Wolkengebilde setzt er scharfe, vom Verstand herausgebildete, aus dem Geist der Antike geborene Umrisse. Alles Metaphysische liegt ihm fern. Die harte, altrömische Staatsauffassung, die den Menschen lediglich als Objekt des Staatszweckes betrachtet, ist für ihn entscheidend, die Weltgeschichte nur eine richtige oder falsche Anwendung der römischen Grundsätze. Sitte, Recht und Religion gelten ihm nur so viel als sie dem Staatszweck dienen; sie sind nur Kräfte im politischen Kalkül, keine selbständigen Mächte der Menschenseele. So wird seine Staatskunst zu einem verstandesmäßigen Spiel der Kräfte, einer Schachpartie, in der Klugheit und Konsequenz den Zufall bändigen und das Glück zu zwingen, einem gewaltigen Glücksspiel. Irgendein sittliches Streben außer gesundem oder ungesundem Ehrgeiz sucht man in seiner Staatslehre vergebens. Sein gesunder, moralischer Pessimismus steht zwar in wohltuendem Gegensatz zu der wahnwitzigen und verhängnisvollen Lehre Rousseaus von der »natürlichen Güte« des Menschen ..., aber er hat ihn doch weit über das Ziel zu einer Menschenverachtung fortgerissen, die gerade dem edleren Streben der Besten in seinem Staat bitter wenig Raum läßt. Diese rein verstandesmäßige Rechnung war falsch. »Wie wird verlorene Freiheit wiedergewonnen?« läßt C. F. Meyer, der rückschauende Dichter der italienischen Renaissance, seinen todkranken Pescara fragen. »Durch einen aus der Tiefe des Volkes kommenden Stoß und Sturm der sittlichen Kräfte. Ungefähr wie sie jetzt in Germanien den Glauben erobern, mit den Flammen des Hasses und der Liebe. Was vermögt Ihr Italiener? Verführung, Verrat und Meuchelmord. Worauf zählt Ihr? Auf die Gunst der Umstände, die Würfel des Zufalls, auf das Spiel der Politik. So gründet, so erneuert sich keine Nation. Da kann niemand helfen, weder ein Mensch noch ein Gott.« Die Geschichte hat es bewiesen, und Machiavelli selbst mag bisweilen gefühlt haben, daß seine Mittel dem Lande nichts helfen würden; zu ähnlich diesem Dichterwort lauten seine eigenen Klagen über die politischmilitärische Ohnmacht und die Sittenverwilderung Italiens. Trotzdem konnte er dem Kreis seiner Ideen nicht entrinnen. Bezeichnend für seine amoralische Anschauung ist, daß er schon 1503, in seiner Denkschrift, wie die Rebellen des Chianatal zu behandeln seien, die Notwendigkeit der Zerstörung Arezzos auf das römische Beispiel von der Bestrafung der Latiner nach dem Sieg bei Sentinum begründet, fast mit denselben Worten wie in unserem Buch (II, 23). Daher auch seine eigenartige Auffassung von der Unveränderlichkeit aller menschlichen Verhältnisse, die gewiß einen Kern von Wahrheit enthält, in dieser Einseitigkeit aber jede geschichtliche Entwicklung leugnet. Erleichtert wurde ihm diese Schematisierung zweifellos durch die naheliegende Parallele zwischen den antiken Stadtstaaten und denen des italienischen Mittelalters, die sich in beiden Fällen aus kleineren Stadtrepubliken zu größeren Herrschaftsgebieten entwickelten. So glaubte er, aus der Vergangenheit mit zwingender Logik auf Gegenwart und Zukunft schließen zu können, und übersah dabei ganz den grundsätzlichen Unterschied zwischen dem antiken Staatsbegriff mit seiner Allmacht über das Individuum und der damals entstehenden neueren Weltanschauung, die für das Individuum einen freieren Spielraum verlangte. Insofern ist seine Lehre ein vollkommener Anachronismus, um so erstaunlicher in einer Zeit wie die italienische Renaissance mit ihrem ausgeprägten Ichgefühl und ihren völlig neuen Horizonten; ja, sie ist nur aus dem bewußten Gegensatz zu seiner Zeit zu erklären. Während diese von der Antike nur den schönheitstrunkenen Sinnenkult, die Fessellosigkeit des Geistes und das Ornament erborgte, im übrigen aber ganz sie selbst blieb, hat Machiavelli die Rückkehr zur Antike bis zu ihren letzten Folgerungen durchdacht und erstrebt. Die innere Logik dieses Gedankenganges ist klar. Er und alle klassisch Gebildeten empfanden die Ohnmacht und Unterdrückung Italiens um so lebhafter, weil Schule, Studium und Altertumsverehrung das Gedächtnis an die Größe Roms täglich erneuerten und der Italiener der Renaissance sich als unmittelbaren Erben der Römer empfand. Aus dem strahlenden Vorbild des Altertums schöpften, wie Machiavelli am Anfang dieses Buches betont, die Künstler, die Ärzte, die Juristen ihre tiefsten Anregungen; warum sollten es die Staatsmänner nicht tun? Der klaffende Gegensatz zwischen Ideal und Wirklichkeit der Renaissance prägt sich wohl nirgends so stark aus wie hier! ... So endigt Machiavelli, der Realist und Verächter der Utopisten, letzten Endes selbst in der Utopie. Widmung   Widmung an Zanobi Buondelmonti und Cosimo Rucellai   Zwei Gefährten aus dem politischen Freundeskreis der Orti Oricellarii (s. Lebenslauf, 1518). Buondelmonti nahm nach dem Tode des Papstes Leo X. (Medici) an einer Verschwörung gegen die Medici in Florenz teil (s. ebd., 1522). Als sie entdeckt wurde, floh er und trat in die Dienste Franz 1. von Frankreich. Nach der Vertreibung der Medici 1527 kehrte er zurück und stand in hohem Ansehen. – Rucellai (geb. 1495) war ein besondrer Freund Machiavellis, der seinen frühen Tod (1520) im I. Buch seiner »Kriegskunst« beklagte. Ich sende Euch ein Geschenk, das zwar meinen Dank gegen Euch nicht abtragen kann, aber sicherlich das größte ist, das Niccolò Machiavelli Euch senden konnte. Denn ich habe darin alles zusammengetragen, was ich von den Weltereignissen weiß und was ich mir durch lange Erfahrung und anhaltendes Lesen erworben habe. Da weder Ihr noch andere mehr von mir verlangen könnt, dürft Ihr Euch nicht beschweren, wenn ich Euch nicht mehr gebe. Wohl könnt Ihr die Armut meines Geistes beklagen, wenn meine Darstellung trocken und mein Urteil schief ist, wenn ich mich in meinen Erörterungen häufig irre. In diesem Fall aber weiß ich nicht, wer dem andern mehr schuldig bleibt: ich Euch, die Ihr mich zur Niederschrift von etwas zwanget, was ich aus freien Stücken nie geschrieben hätte, oder Ihr mir, wenn ich Euch durch meine Schrift nicht befriedigt habe. So nehmt sie denn hin, wie es unter Freunden Brauch ist, wo man stets mehr auf die gute Absicht des Senders als auf den Wert seiner Gabe sieht. Seid versichert, mir gewährt der Gedanke Befriedigung, daß ich mich zwar in manchem geirrt haben kann, aber in einem nicht: daß ich Euch und keinem andern diese Betrachtungen gewidmet habe. Damit habe ich wohl einige Dankbarkeit für empfangene Wohltaten bewiesen und bin auch von dem gewöhnlichen Brauche der Schriftsteller abgewichen, die ihre Werke stets einem Fürsten widmen und, von Ehrgeiz und Habsucht verblendet, alle möglichen Vorzüge an ihm preisen, statt ihn wegen aller möglichen Laster zu tadeln. Um nicht in diesen Fehler zu verfallen, habe ich mir keine Fürsten ausgesucht, sondern Männer, die wegen ihrer zahllosen Vorzüge Fürsten zu sein verdienten, keine, die mich mit Ämtern, Ehren und Reichtum überhäufen könnten, sondern solche, die es täten, wenn es in ihrer Macht stünde. Deshalb muß ein Mensch mit richtigem Urteil die schätzen, die freigebig sind, und nicht die, welche es sein könnten, die, welche einen Staat zu regieren verstehen, nicht die, welche regieren, ohne es zu verstehen. Die Schriftsteller loben den Hiero von Syrakus, Gemeint ist Hiero II. von Syrakus (306-216 v. Chr., seit 269 König), der den Römern in den zwei ersten panischen Kriegen die Treue hielt. Vgl. »Der Fürst«, Kap. 6: »Die Syrakusaner, die unterdrückt waren, wählten ihn zu ihrem Anführer. Als solcher machte er sich so verdient, daß er ihr Fürst wurde. Er war schon als Privatmann so tüchtig, daß berichtet wird, es habe ihm zum Herrscher nichts gefehlt als die Herrscherwürde.« Die Quelle ist Polybios VII., 8, und Justin XXIII, 4. als er Privatmann war, mehr als den Perseus von Mazedonien, Der letzte König von Mazedonien (212-166 v. Chr.), seit 179 König. Er wurde 168 bei Pydna von den Römern besiegt und starb in Gefangenschaft. Vgl. Livius XLIV. als er König war, denn dem Hiero fehlte zum Fürsten nichts als der Titel, Perseus aber hatte von einem König nichts als den Namen. So nehmt denn fürlieb mit dem Guten oder Schlechten, das Ihr selbst gewollt habt, und wenn Ihr bei Eurem günstigen Vorurteil über diese meine Ansichten verharrt, so bin ich bereit, mit dem Rest der Geschichte Des Livius. in der versprochenen Weise fortzufahren. Lebt wohl! Erstes Buch Innere Politik   Das Auffinden neuer Einrichtungen und Staatsordnungen war bei der neidischen Menschennatur stets ebenso gefährlich wie das Entdecken unbekannter Meere und Länder, denn die Menschen neigen mehr zum Tadeln als zum Loben. Da es mir aber angeboren ist, stets ohne Rücksicht alles zu tun, was nach meiner Ansicht dem Gemeinwohl nutzt, habe ich einen Weg einzuschlagen beschlossen, der noch unbegangen ist und der mir gewiß Mühe und Beschwerden kosten wird, aber auch Lohn eintragen kann, falls man meine Bestrebungen mit Nachsicht beurteilt. Sollte dies Unterfangen durch die Armut des Geistes, die geringe Erfahrung in der Gegenwart, die schwache Kenntnis der Vergangenheit auch mangelhaft und wenig nutzbringend sein, so bahne ich damit doch einem andern den Weg, der mit mehr Talent, Beredsamkeit und Scharfsinn meine Absicht verwirklichen kann. Dies sollte mir, wo keinen Lohn, so doch auch keinen Tadel eintragen. Dieser erste Absatz fehlt in einigen älteren Ausgaben einschließlich der »Testina« (1550). Ich sehe, wieviel Ehre man dem Altertum erweist, wie oft man, um nur dies Beispiel zu erwähnen, das Bruchstück einer alten Bildsäule zu hohem Preise kauft, um es zu besitzen, wie man sein Haus damit schmückt, es von den Künstlern nachahmen läßt, und wie diese dann eifrig bestrebt sind, es in allen ihren Werken anzubringen. Andrerseits sehe ich die kraftvollsten Unternehmungen der Geschichte, die Taten der alten Reiche und Republiken, der Könige, Feldherren, Bürger, Gesetzgeber und aller, die für ihr Vaterland gearbeitet haben, viel mehr bewundert als nachgeahmt. Ja man weicht überall derart von ihnen ab, daß uns von jener alten Tugend kein Hauch mehr geblieben ist. So muß ich mich denn zugleich wundern und betrüben, zumal ich sehe, wie man im bürgerlichen Rechtsstreit und bei Krankheiten immerfort auf die Urteile oder Heilmittel zurückgreift, die von den Alten gefällt oder verordnet wurden. Denn was sind die bürgerlichen Gesetze anderes als Urteilssprüche der alten Rechtsgelehrten, die, in ein System gebracht, das Muster unsrer jetzigen Rechtsprechung bilden? Ebenso ist die Heilwissenschaft nichts andres als die von den alten Ärzten gemachte Erfahrung, auf die die jetzigen ihre Wissenschaft gründen. Nichtsdestoweniger greift bei der Einrichtung der Republiken, der Erhaltung der Staaten, der Regierung der Reiche, der Einrichtung des Heerwesens und der Kriegführung, bei der Rechtsprechung über die Untertanen und der Erweiterung der Herrschaft kein Fürst oder Freistaat, kein Feldherr oder Bürger auf die Beispiele der Alten zurück. Das kommt nach meiner Ansicht nicht sowohl von unsrer schwächlichen Erziehung noch von dem Schaden, den ehrgeiziger Müßiggang vielen Ländern und Städten der Christenheit zugefügt hat, als vielmehr von dem Fehlen jeder wahren Geschichtskenntnis, da man beim Lesen der Geschichte weder ihren Sinn begreift, noch den Geist der Zeiten erfaßt. Zahllose Leser finden nur Vergnügen daran, die bunte Mannigfaltigkeit der Ereignisse an sich vorüberziehen zu lassen, ohne daß es ihnen einfällt, sie nachzuahmen. Sie halten die Nachahmung nicht nur für schwierig, sondern für unmöglich, als ob Himmel, Sonne, Elemente und Menschen in Bewegung, Gestalt und Kräften anders wären als ehedem. Von diesem Irrtum möchte ich die Menschen befreien, und darum habe ich es für nötig gehalten, über alle Bücher des Titus Livius, die uns die mißgünstige Zeit nicht geraubt hat, das niederzuschreiben, was ich auf Grund alter und neuer Begebnisse zu ihrem besseren Verständnis beizutragen vermag, damit die Leser dieser Betrachtungen den Nutzen daraus ziehen können, dessentwegen man Geschichtskenntnis erwerben soll. Für diesen Gedanken vgl. Polybios I, 1, II, 56,12, III, 131; Diodor I, 1. Das Unternehmen ist schwierig, aber mit Hilfe derer, die mich ermutigt haben, diese Last auf mich zu nehmen, glaube ich es doch so weit zu bringen, daß einem andern nur noch ein kurzer Weg bis zum Ziele bleibt. Erstes Kapitel Vom Ursprung der Städte im allgemeinen und der Entstehung Roms. Liest man die Urgeschichte Roms, wie es gegründet wurde und welches seine Gesetzgeber waren, so wundert man sich nicht, daß sich jahrhundertelang so hohe Tugend in dieser Stadt erhielt und daß aus ihr allmählich ein Weltreich entstand. Um zunächst von ihrem Ursprung zu reden, schicke ich voraus, daß alle Städte entweder von Eingeborenen der Gegend oder von Fremden erbaut werden. Das erste tritt ein, wenn die Bewohner sich infolge ihrer zerstreuten Siedlungsweise nicht sicher fühlen. Wegen der Lage der Wohnorte oder der geringen Kopfzahl kann nicht jeder für sich dem Angriff eines Feindes standhalten; auch können sie sich im Fall eines feindlichen Angriffs nicht rasch genug zur Verteidigung sammeln. Geschähe es aber auch rechtzeitig, so müßten viele ihre Wohnsitze verlassen, und diese fielen dann rasch ihren Feinden zur Beute. Um diesen Gefahren zu entgehen, ziehen sie von selbst oder auf Veranlassung eines, der bei ihnen in besonderem Ansehen steht, an einem ausgesuchten Ort zusammen, wo sie bequemer leben und sich leichter verteidigen können. Derart entstanden unter vielen andern Städten Athen und Venedig. Ersteres wurde unter der Führung des Theseus von den zerstreuten Bewohnern aus ähnlichen Gründen erbaut. Venedig entstand, als sich viele Leute auf einige Inseln an der Spitze des Adriatischen Meeres geflüchtet hatten, um den ewigen Kriegen zu entgehen, die in Italien nach dem Untergang des römischen Reiches durch die fortwährenden Barbareneinfälle ausbrachen. Diese Flüchtlinge begannen miteinander ohne einen besonderen Fürsten zu leben, der ihnen Einrichtungen gab; sie schufen sich selbst die Gesetze, die ihnen zu ihrer Selbsterhaltung geeignet erschienen. Das gelang aufs beste, dank der langen Ruhe, die ihnen ihre Lage gab; denn das Meer verwehrte den Zugang, und die Völker, die Italien verheerten, hatten keine Schiffe, um sie anzugreifen. So konnte sich Venedig aus ganz kleinen Anfängen zu seiner jetzigen Größe erheben. Im zweiten Falle wird eine Stadt von Fremden erbaut, und zwar entweder von freien Männern oder von abhängigen. Dahin gehören die Kolonien, die von einer Republik oder von einem Fürsten angelegt werden, um sich der überschüssigen Menschen zu entledigen, oder um ein neu erobertes Gebiet ohne Kosten zu sichern. Viele solcher Städte hat das römische Volk in allen Teilen seines Reiches erbaut. Oder sie werden von einem Fürsten gegründet, nicht zum Wohnsitz, sondern zu seinem Ruhme, wie die Stadt Alexandria von Alexander dem Großen. Da aber diese Städte nicht freien Ursprungs sind, so machen sie selten so große Fortschritte, daß sie zu Hauptstädten eines Reiches emporsteigen. In ähnlicher Weise wurde auch Florenz erbaut, sei es durch die Soldaten des Sulla, sei es von den Bewohnern der Berge von Fiesole, die sich im Vertrauen auf den langen Frieden, der mit Oktavian in die Welt kam, in der Arnoniederung ansiedelten. Da es aber unter römischer Herrschaft entstand, konnte es sich in den ersten Zeiten nur so weit ausdehnen, als es ihm die Gefälligkeit der Kaiser erlaubte. Frei sind die Städtegründer, wenn ein Volk unter einem Herrscher oder selbständig neue Wohnsitze aufsucht, weil es durch Krankheit, Hunger oder Krieg zum Verlassen der Heimat gezwungen ist. Solche Völker lassen sich entweder in den Städten nieder, die sie in den eroberten Ländern finden, wie die Juden unter Moses, oder sie erbauen neue, wie die Römer unter Aeneas. In diesem Falle zeigt sich die Leistung des Erbauers und das Glück seiner Schöpfung. Je größer der Mann, um so wunderbarer erscheint das Gelingen. Seine Größe erkennt man an zweierlei: an der Wahl des Ortes und an seiner Gesetzgebung. Die Menschen arbeiten entweder aus Not oder aus eignem Antrieb, und zwar zeigt sich da die größere Arbeitsamkeit, wo die Arbeit am wenigsten von unserm Belieben abhängt. Es fragt sich also, ob es nicht besser wäre, Für diesen Gedanken vgl. Herodot IX, 122. zur Städtegründung unfruchtbare Gegenden zu wählen, wo die Menschen mehr zur Arbeit gezwungen sind und sich weniger dem Müßiggang ergeben können, somit desto einträchtiger leben, da sie bei der Armut der Gegend weniger Anlaß zu Zwistigkeiten haben. So war es bei Ragusa Ragusa an der dalmatinischen Küste, eine altgriechische Kolonie, wurde nach dem Avareneinfall von 656 als Republik neu gegründet. Es stand seit 1204 unter der Schutzherrschaft Venedigs mit ähnlicher Verfassung wie dieses und wurde 1453 den Türken tributpflichtig. und bei vielen andern, an ähnlichen Orten erbauten Städten. Nun wäre eine solche Wahl ohne Zweifel die klügste und nützlichste, wenn die Menschen sich mit dem Ihrigen begnügten und nicht andern gebieten wollten. Da sie sich aber nur durch Macht sichern können, so muß man durchaus die unfruchtbaren Gegenden meiden und sich an den fruchtbarsten Orten niederlassen, wo man sich dank der Ergiebigkeit des Bodens ausbreiten und nicht nur jeden Angreifer abwehren, sondern auch jeden niederwerfen kann, der der eignen Ausbreitung entgegentritt. Was aber den Müßiggang betrifft, zu dem eine günstige Lage verleiten kann, so müssen die Einwohner durch Gesetze zu den Pflichten gezwungen werden, zu denen sie die Lage nicht zwingt. Hier muß man die weisen Gesetzgeber nachahmen, die in den lieblichsten und fruchtbarsten Ländern gewohnt haben, wo die Menschen leicht träge und zu jeder männlichen Anstrengung untauglich werden: um der Gefahr des Müßigganges infolge des milden Himmelsstrichs vorzubeugen, nötigten sie die zum Kriegsdienst bestimmten Männer zu soldatischen Übungen. So sind hier bessere Soldaten entstanden als in von Natur rauhen und unfruchtbaren Ländern. Zum Beispiel hat Ägypten, obwohl von der Natur gesegnet, durch diesen Zwang der Gesetze die tüchtigsten Männer hervorgebracht. Wären ihre Namen nicht durch ihr hohes Alter verschollen, so würde man sehen, daß sie mehr Ruhm verdienten als Alexander der Große und viele andre, die noch in frischem Andenken stehen. Auch zeigt das Reich des Sultans 1299 legte sich der türkische Herrscher Osman den Titel Sultan bei. Das Reich dehnte sich nach und nach über den Balkan und Kleinasien aus. Selim I. (1512 – 1521) unterwarf ganz Vorderasien und Ägypten. Unter seinem Nachfolger Soliman II. (1521-66) erreichte die türkische Macht ihren Höhepunkt. sowie die Staatsordnung und das Heerwesen der Mamelucken, Die Herrschaft der Mamelucken in Ägypten wurde 1517 durch den türkischen Sultan Selim I. gestürzt. bevor sie von dem Großtürken Selim zerstört wurden, welch hohen Wert man dort auf kriegerische Übungen legte und wie sehr man sich vor dem Müßiggang scheute, zu dem die milde Natur des Landes verleiten konnte, wäre ihm nicht durch die strengsten Gesetze vorgebeugt worden. Ich sage also, daß es klüger ist, sich in einer fruchtbaren Gegend niederzulassen, wenn die Wirkung der Fruchtbarkeit durch Gesetze in gebührenden Schranken gehalten wird. Als Alexander der Große zu seinem Ruhm eine Stadt erbauen wollte, kam zu ihm der Baumeister Deinokrates und riet ihm, sie auf dem Berg Athos anzulegen, da dieser, abgesehen von seiner festen Lage, sich derart bearbeiten lasse, daß er menschliche Gestalt bekäme. Das wäre etwas Wunderbares und Seltenes und seiner Größe würdig. Auf Alexanders Frage, wovon die Einwohner denn leben sollten, antwortete er, daran hätte er nicht gedacht. Alexander lachte, ließ den Berg liegen und gründete Alexandria, wo die Fruchtbarkeit des Landes und die günstige Lage am Meer und am Nil den Einwohnern alle Annehmlichkeiten gewährte. Geht man also der Erbauung Roms nach, so gehört es, wenn Aeneas sein Gründer war, zu den von Fremden erbauten Städten, oder wenn es Romulus war, zu den von den Eingeborenen erbauten. In jedem Falle war es ursprünglich frei und unabhängig. Wir werden weiterhin sehen, zu welchen Pflichten die Gesetze des Romulus, Numa und der andern es zwangen, so daß die Fruchtbarkeit der Gegend, die günstige Lage am Meer, die häufigen Siege und die Größe des Reiches die Sitten jahrhundertelang nicht verderben konnten, ja, daß es sich so reich an Tugenden erhielt, wie kein andrer Freistaat. Da nun seine Taten, die Titus Livius verherrlicht, entweder durch öffentlichen Beschluß oder durch die Entschließung einzelner, innerhalb oder außerhalb der Stadt vollbracht wurden, so beginne ich mit der Erörterung dessen, was im Innern und durch öffentlichen Beschluß geschah, soweit es mir besonderer Aufmerksamkeit wert scheint. Ich werde jedesmal hinzufügen, was daraus hervorging. Diese Erörterungen sollen das erste Buch oder vielmehr diesen ersten Teil ausmachen. Zweites Kapitel Über die verschiedenen Staatsformen und die des römischen Staates Ich sehe von den Staaten ab, die ursprünglich in Abhängigkeit standen, und rede nur von denen, die von Anfang an frei von jedem fremden Joch waren und sich nach eigenem Gutdünken als Republiken oder Monarchien regierten. So verschieden ihr Ursprung war, so verschieden waren auch ihre Gesetze und Einrichtungen. Einige erhielten ihre Gesetze bei ihrer Gründung oder nicht lange nachher von einem einzigen und auf einmal, wie Sparta von Lykurg. Andre empfingen sie bei Gelegenheit und nach und nach, je nach den Ereignissen, wie Rom. Glücklich der Staat, der einen Weisen hervorbringt, der ihm bleibende Gesetze gibt, unter denen er lange Zeit sicher leben kann! Über achthundert Jahre hat Sparta die Gesetze Lykurgs befolgt, ohne sie anzutasten und ohne daß eine gefährliche Umwälzung stattfand. Weit schlechter daran ist ein Staat, dem kein weiser Gesetzgeber beschieden ward, und der sich selbst eine neue Ordnung geben muß. Am unglücklichsten aber ist der Staat, wo am wenigsten Ordnung herrscht, und das ist der Fall, wenn seine Einrichtungen ganz vom geraden Wege abweichen, der ihn zum wahren Ziel der Vollkommenheit führen kann. Denn befindet er sich auf dieser Bahn, so ist es fast unmöglich, daß er durch irgendein Ereignis wieder ins Geleise kommt. Ist die Einrichtung der andern auch nicht vollkommen, so haben sie doch einen guten Anfang gemacht, der einen Fortschritt erlaubt, ja sie können durch günstige Umstände zur Vollkommenheit gelangen, allerdings nicht ohne Gefahren. Denn die Mehrzahl der Menschen stimmt einem neuen Gesetz, das eine Neuordnung im Staatswesen bezweckt, nur dann zu, wenn sie dessen Notwendigkeit einsehen, und da diese Notwendigkeit nur bei Gefahr eintreten kann, so geht der Staat leicht zugrunde, bevor er seine Vollkommenheit erlangt. Einen schlagenden Beweis dafür bietet die Republik Florenz. Sie wurde durch die Vorfälle in Arezzo im Jahre 1502 neu befestigt und durch die Ereignisse in Prato im Jahre 1512 umgestürzt. S. Lebenslauf, 1502. Die Vorgänge in Arezzo bewirkten in Florenz eine Verbesserung der Verfassung und die Wahl eines lebenslänglichen Oberhauptes. Für die Ereignisse in Prato s. Lebenslauf, 1512. Damit fand der Freistaat ein Ende. Untersuchen wir nun die Staatsordnung Roms und die Umstände, durch die es zur Vollkommenheit gelangte. Einige politische Schriftsteller Insbesondere Polybios. Das folgende bis zum fünften Absatz ist dem 6. Buch seiner »Geschichte der Ausbreitung der römischen Herrschaft 220-146 v. Chr.«, Kap. III, 5, IV, 6-10, V, 7, 10, VI, 6f., VII, 6-9, VIII, 1-6, IX, 1-3,10, teils wörtlich entnommen. Der Streit, ob Machiavelli das griechische Original benutzt hat, d. h. ob er so viel Griechisch verstand oder eine ungedruckte lateinische Übersetzung benutzte, ist unentschieden. nehmen drei Regierungsformen an, nämlich die Monarchie, Aristokratie und Demokratie, für deren eine sich der Begründer eines Staates je nach der Zweckmäßigkeit entscheiden müsse. Andre dagegen, und nach der Ansicht vieler die Klügeren, sind der Ansicht, daß es sechs Regierungsformen gibt, von denen drei abscheulich, die drei andern an sich zwar gut seien, aber so leicht ausarteten, daß sie gleichfalls verderblich würden. Die guten sind die drei oben genannten, die schlechten sind drei andere, die aus ihnen entstehen. Jede von ihnen ist der, aus der sie entsprungen ist, so ähnlich, daß der Übergang von der einen zur andern sehr leicht ist. Denn die Monarchie artet leicht zur Tyrannei, die Aristokratie zur Oligarchie und die Demokratie zur Zügellosigkeit aus. Führt also der Begründer eines Staates eine der drei ersten Formen ein, so ist es nur für kurze Zeit. Es läßt sich durch nichts verhindern, daß sie in ihr Gegenteil umschlägt, denn Tugend und Laster wohnen hier dicht beieinander. Diese verschiedenen Regierungsformen sind durch Zufall entstanden. Im Anfang der Welt, als die Menschen noch spärlich waren, lebten sie zerstreut wie die Tiere. Später, als ihr Geschlecht sich vermehrte, schlossen sie sich zusammen und begannen, um sich besser verteidigen zu können, den Stärksten und Tapfersten unter ihnen zu achten, machten ihn zu ihrem Oberhaupt und gehorchten ihm. Daraus entsprang der Begriff des Edlen und Guten im Gegensatz zum Schädlichen und Bösen. Denn man sah, daß aus dem Unrecht, das einer seinem Wohltäter zufügte, Haß und Mitleid entsprang, daß die Undankbaren getadelt, die Dankbaren aber geehrt wurden; auch sagte sich jeder, daß ihm die gleiche Unbill selbst widerfahren könnte. Um ähnlichen Übeln vorzubeugen, entschloß man sich, Gesetze zu schaffen und ihre Übertretung zu strafen. Hieraus entstand der Begriff der Gerechtigkeit. Wie Ellinger (l. c.) betont, entspringt bei Machiavelli der Sittlichkeitsbegriff erst aus dem Gesetz, bei seinem Vorbild Polybios leitet er sich schon aus dem persönlichen Nutzen und Schaden ab, aus dem das Gesetz entsteht. Infolgedessen sah man fortan bei der Wahl eines Oberhauptes nicht mehr auf den Tapfersten, sondern auf den Klügsten und Gerechtesten. Als man aber später den Fürsten durch Erbfolge und nicht durch Wahl bestimmte, begannen die Erben sofort auszuarten, vergaßen die Tugend ihrer Vorfahren und wähnten, die Fürsten hätten nichts weiter zu tun, als die andern in Pracht, Schwelgerei und jeder Art von Üppigkeit zu übertreffen. So wurde der Fürst verhaßt und begann sich wegen dieses Hasses zu fürchten. Von der Furcht ging er bald zu Gewalttaten über, und so entstand bald Tyrannei. Vgl. Herodot III, 82. Das war der Anfang der Umstürze, der Meutereien und Verschwörungen gegen die Fürsten. Deren Anstifter aber waren nicht die Furchtsamen und Schwachen, sondern die Edelmütigsten, Hochherzigsten, Reichsten und Vornehmsten, die das schimpfliche Leben des Fürsten nicht ertragen wollten. Die Menge folgte dem Ansehen dieser Mächtigen, erhob die Waffen gegen den Fürsten, vertrieb ihn und gehorchte ihren Befreiern. Da diesen der Fürstenname verhaßt war, bildeten sie aus ihrer Mitte eine Regierung und hielten sich, der früheren Tyrannei eingedenk, anfangs im Rahmen der von ihnen gegebenen Gesetze, ordneten ihren eignen Vorteil dem Gemeinwohl unter und verwalteten und erhielten die öffentlichen und Privatangelegenheiten mit größter Sorgfalt. Dann aber ging die Regierung auf ihre Söhne über, die den Wechsel des Glücks nicht kannten und nie das Unglück erfahren hatten. Sie wollten sich mit der bürgerlichen Gleichheit nicht begnügen, sondern ergaben sich der Habsucht, dem Ehrgeiz, den Gelüsten nach Frauen und machten die Herrschaft der Vornehmen zur Herrschaft Weniger, ohne irgendwelche Rücksicht auf die bürgerlichen Rechte. So erging es ihnen in kurzem wie dem Tyrannen. Die Menge ward ihrer Herrschaft überdrüssig und schloß sich jedem an, der Miene machte, die Herrschenden zu stürzen; und so erhob sich bald einer, der sie mit Hilfe der Menge vertrieb. Nun war die Erinnerung an den Fürsten und an seine Bedrückung noch frisch; man hatte die Herrschaft der Wenigen gestürzt und wollte die des Fürsten nicht wieder aufrichten: so ging man zur Volksherrschaft über, in der weder einige Machthaber noch ein Fürst irgendwelche Gewalt erhielten. Da nun jede Regierungsform zu Anfang einige Ehrfurcht einflößt, erhielt sich die Volksherrschaft eine Weile, aber meist nicht lange, besonders wenn das Geschlecht, das sie eingeführt hatte, ausgestorben war. Bald kam es zur Zügellosigkeit, die weder vor Privat- noch vor Amtspersonen haltmachte, und da jeder auf seine Art lebte, fügte man sich täglich tausendfaches Unrecht zu. So kehrte man denn notgedrungen, sei es unter dem Einfluß eines redlichen Mannes, oder um der Anarchie zu entgehen, von neuem zur Fürstenherrschaft zurück, und aus dieser von Stufe zu Stufe, in der nämlichen Art und aus denselben Gründen, wieder zur Zügellosigkeit. In diesem Kreislauf hat sich die Regierung aller Staaten bewegt und bewegt sich noch, und doch kehren sie selten zu den gleichen Regierungsformen zurück; denn kaum ein Staat besitzt so viel Lebenskraft, daß er solche Umwälzungen mehrmals durchmachen kann, ohne zugrunde zu gehen. Wohl aber geschieht es, daß ein Staat in seinen Wirren, wenn es ihm dauernd an Kraft und gutem Rat fehlt, in die Gewalt eines Nachbarstaates kommt, in dem bessere Ordnung herrscht. Aber geschähe das nicht, so könnte sich jeder Staat ohne Ende im Kreis dieser Regierungsformen drehen. Nach meiner Meinung sind alle diese Staatsformen verderblich, die drei guten wegen ihrer Kurzlebigkeit und die drei andern wegen ihrer Schlechtigkeit. In Erkenntnis dieser Mängel haben weise Gesetzgeber jede von ihnen an sich gemieden und eine aus allen dreien zusammengesetzte gewählt. So Polybios X, 2-5, und Aristoteles, Politik II, 3,9, von Lykurg. Diese hielten sie für fester und dauerhafter, da sich Fürsten-, Adels- und Volksherrschaft, in ein und demselben Staat vereinigt, gegenseitig überwachen. Unter den Verfassungen, die in dieser Hinsicht das meiste Lob verdienen, steht die des Lykurg; denn er gab in Sparta dem König, dem Adel und dem Volk sein Recht und schuf damit einen Staat, der zu seinem höchsten Ruhm über achthundert Jahre in völliger Ruhe bestanden hat. Vgl. Polybios, VI, 11. Das Gegenteil erfuhr Solon, Athens Gesetzgeber; denn die von ihm eingeführte Demokratie war von so kurzer Dauer 594-560 v. Chr. , daß er selbst noch die Tyrannei des Pisistratus erlebte. Nach vierzig Jahren wurden zwar dessen Erben 514 wurde Hipparch ermordet, 510 Hippias vertrieben. verjagt und Athen kehrte zur Freiheit zurück, da es die Demokratie nach Solons Gesetzen wieder annahm; es erhielt sie sich aber nicht länger als hundert Jahre, obwohl zu ihrer Stützung viele Einrichtungen getroffen wurden, um den Übermut der Großen und die Zügellosigkeit der Menge niederzuhalten, zwei Übel, die Solon nicht bedacht hatte. Jedenfalls bestand Athen im Vergleich zu Sparta nur sehr kurze Zeit, weil es der Demokratie nicht die Macht eines Fürsten und die des Adels beigesellt hatte. Doch kommen wir zu Rom! Vgl. Polybios, VI, 43 f., und VI, 11. Diese Stadt hatte zwar keinen Lykurg, der sie von Anfang an derart ordnete, daß sie lange Zeit frei leben konnte, doch führte die Uneinigkeit zwischen Volk und Senat so viele günstige Umstände herbei, daß der Zufall das tat, was der Gesetzgeber versäumt hatte. Wenn also Rom nicht das erste Glückslos zog, so doch das zweite, und wenn seine ersten Einrichtungen mangelhaft waren, so führten sie doch nicht von dem geraden Weg zur Vollkommenheit ab. Denn Romulus und alle übrigen Könige gaben viele gute, auch der Freiheit gemäße Gesetze; da aber ihr Zweck die Gründung eines Königreiches und nicht eines Freistaates war, so fehlten in Rom, als es frei wurde, viele für die Freiheit nötige Einrichtungen, die von den Königen nicht getroffen waren. Als nun die Könige aus den oben genannten Gründen die Herrschaft verloren, setzten ihre Vertreiber an Stelle der Könige sofort zwei Konsuln ein und verdrängten damit nur den Königsnamen, nicht die Königsgewalt aus Rom. Infolgedessen bestand der Staat nun aus Konsuln und Senat, also nur aus zweien der oben genannten drei Formen, der Fürsten- und Adelsherrschaft, und es blieb noch der Volksherrschaft Raum zu geben. Als daher der römische Adel aus den unten anzuführenden Gründen übermütig wurde, erhob sich das Volk gegen ihn, und um nicht alles zu verlieren, mußte er dem Volk seinen Anteil an der Regierung abtreten. Andrerseits behielten die Konsuln und der Senat so viel Ansehen, daß sie ihren Rang im Staate behaupten konnten. So entstand die Einrichtung der Volkstribunen, durch die der Staat vollends befestigt wurde, denn nun waren alle drei Regierungsformen vertreten. So günstig war Rom das Geschick, daß es in derselben Stufenfolge und aus den gleichen Ursachen, die wir oben erwähnten, von der Königsherrschaft über die Herrschaft der Vornehmen zur Volksherrschaft überging, ohne die ganze Königsgewalt dem Adel auszuliefern und ohne die Gewalt des Adels ganz dem Volke zu geben. Die Mischung aller drei Regierungsformen führte zu einem vollkommenen Staat, und diese Vollkommenheit entsprang aus der Uneinigkeit zwischen Volk und Senat, wie in den zwei folgenden Kapiteln ausführlich gezeigt werden soll. Drittes Kapitel Welche Ereignisse in Rom zur Einsetzung der Volkstribunen führten, durch die die Republik vervollkommnet wurde. Wie alle politischen Schriftsteller beweisen und zahlreiche geschichtliche Beispiele bezeugen, muß der Ordner eines Staatswesens und der Gesetzgeber davon ausgehen, daß alle Menschen böse sind und stets ihrer bösen Gemütsart folgen, sobald sie Gelegenheit dazu haben. Bleibt diese Bosheit eine Weile verborgen, so rührt das von einer verborgenen Ursache her, die erst erkannt wird, wenn die Bosheit zum Ausbruch kommt. Dann enthüllt sie die Zeit, die man die Mutter der Wahrheit nennt. So schien in Rom vor der Vertreibung der Tarquinier die größte Eintracht zwischen Volk und Senat zu herrschen. Die Adligen schienen ihren Hochmut abgelegt zu haben und volksfreundlicher und verträglicher auch gegen den Geringsten geworden zu sein. Es war aber bloß Verstellung, deren Grund man bei Lebzeiten der Tarquinier nicht merkte. Denn nur aus Furcht vor diesen und aus Besorgnis, das Volk möchte sich ihnen bei schlechter Behandlung anschließen, benahm der Adel sich leutselig gegen das Volk. Als aber die Tarquinier tot waren und der Adel nichts mehr zu fürchten hatte, begann er das Gift, das er in seiner Brust verborgen hatte, gegen das Volk auszuspeien und es auf alle mögliche Weise zu kränken. Das ist ein Beweis für meine obige Behauptung, daß die Menschen nur aus Not etwas Gutes tun. Sobald ihnen aber freie Wahl bleibt und sie tun können, was sie wollen, gerät alles drunter und drüber. Darum sagt man, Hunger und Armut machen die Menschen arbeitsam und Gesetze machen sie gut. Wo etwas von selbst gut geht, sind Gesetze unnötig, hört aber die gute Gewohnheit auf, so werden sie gleich notwendig. Nach dem Tod der Tarquinier, die den Adel durch Furcht im Zaum hielten, mußte man also an eine neue Einrichtung denken, die das gleiche wie bei Lebzeiten der Tarquinier bewirkte. So kam es nach vielen Unruhen, Aufständen und gefährlichen Kämpfen zwischen Volk und Adel zur Einsetzung der Volkstribunen, die für die Sicherheit des Volkes zu sorgen hatten, und diese schalteten mit so großen Vorrechten und solchem Ansehen, daß sie fortan stets die Mittler zwischen Volk und Senat sein und dem Übermut des Adels entgegentreten konnten. Viertes Kapitel Die Kämpfe zwischen Volk und Senat führten zur Freiheit und Macht der Republik. Ich will nicht unterlassen, über die Kämpfe zu sprechen, die Rom vom Tode der Tarquinier bis zur Einführung des Tribunats durchzumachen hatte. Auch will ich einiges gegen die verbreitete Meinung anführen, Rom sei eine aufrührerische Republik und so voller Wirren gewesen, daß es jedem andern Freistaat nachgestanden hätte, wären diese Mängel nicht durch sein Glück und seine kriegerische Tüchtigkeit ausgeglichen worden. Daß das Glück und das Kriegswesen Roms Ursachen seiner Weltmacht waren, leugne ich nicht, aber man scheint zu übersehen, daß da, wo ein gutes Kriegswesen ist, auch gute Ordnung sein muß, und daß es da auch selten an Glück fehlt. Doch kommen wir zu den besonderen Eigentümlichkeiten Roms! Mir scheint, wer die Kämpfe zwischen Adel und Volk verdammt, der verdammt auch die erste Ursache für die Erhaltung der römischen Freiheit. Wer mehr auf den Lärm und das Geschrei solcher Kämpfe sieht als auf ihre gute Wirkung, der bedenkt nicht, daß in jedem Gemeinwesen die Gesinnung des Volkes und der Großen verschieden ist und daß aus ihrem Widerstreit alle zugunsten der Freiheit erlassenen Gesetze entstehen. Auch bei Rom läßt sich das leicht erkennen. Denn von den Tarquiniern bis zu den Gracchen, in einem Zeitraum von über dreihundert Jahren, hatten diese Kämpfe in Rom selten Verbannungen zur Folge und noch seltener Blutvergießen. Man kann sie also weder für schädlich noch einen Staat für innerlich zerklüftet halten, wenn durch diese Zwistigkeiten in einem so langen Zeitraum nur acht bis zehn Bürger verbannt, noch weniger hingerichtet und nicht viele zu Geldstrafen verurteilt wurden. Ebensowenig kann man eine Republik schlecht eingerichtet nennen, die so viele Beispiele an Tugend aufzuweisen hat. Denn gute Beispiele entstehen aus guter Erziehung, diese aus guten Gesetzen und die guten Gesetze aus jenen Kämpfen, die viele unüberlegt verdammen. Wer ihr Ergebnis genau prüft, wird finden, daß sie keine Verbannung oder Gewalttat zum Schaden des öffentlichen Wohles, wohl aber Gesetze und Einrichtungen zum Besten der Freiheit hervorriefen. Man könnte zwar einwenden, das sei eine ungewöhnliche, fast wilde Art, wie das ganze Volk gegen den Senat und der Senat gegen das Volk schrie, wie es durch die Straßen tobte, die Kaufläden geschlossen wurden, das ganze Volk aus Rom auszog, Auf den Heiligen Berg, 494 v. Chr. lauter Dinge, die beim Lesen freilich erschrecklich klingen. Aber jeder Staat muß seine Mittel und Wege haben, dem Ehrgeiz des Volkes Luft zu machen, besonders die Staaten, die sich bei wichtigen Dingen des Volkes bedienen wollen. So war es in Rom Sitte, daß das Volk, wenn es ein Gesetz durchsetzen wollte, entweder eins von den genannten Dingen tat oder den Kriegsdienst verweigerte, so daß man es durch Zugeständnisse beschwichtigen mußte. Auch sind die Forderungen freier Völker selten der Freiheit schädlich, denn sie entstehen entweder aus der Unterdrückung selbst oder aus der Furcht, unterdrückt zu werden. Und ist diese Furcht falsch, so gibt es ein Mittel dagegen in den Volksversammlungen, wo ein wohlgesinnter Mann aufsteht und dem Volk in einer Rede seinen Irrtum zeigt. Die Völker sind zwar unwissend, wie Cicero sagt, aber für die Wahrheit empfänglich und geben leicht nach, wenn ein vertrauenswürdiger Mann ihnen die Wahrheit sagt. Man sollte also mit dem Tadel der römischen Regierungsform sparsamer sein und bedenken, daß die vielen guten Wirkungen, die von diesem Staat ausgingen, nur aus guten Ursachen entspringen konnten. Waren jene Kämpfe die Ursache zur Einsetzung der Volkstribunen, so verdienen sie höchstes Lob. Das Volk erhielt dadurch nicht nur seinen Anteil an der Regierung, sondern die Tribunen waren auch zu Hütern der römischen Freiheit eingesetzt, wie im nächsten Kapitel gezeigt werden soll. Fünftes Kapitel Ob die Freiheit sicherer vom Volk oder von den Großen geschützt wird, und wer größere Ursache zu Aufständen hat, derjenige, der etwas erwerben oder der Erworbenes behalten will. Von weisen Gesetzgebern wurde der Schutz der Freiheit stets zu den notwendigsten Einrichtungen einer Republik gezählt. Je nachdem, wie diese Einrichtung getroffen wurde, ist die bürgerliche Freiheit von kürzerer oder längerer Dauer. Da es nun in jedem Staatswesen Große und Volk gibt, ist man im Zweifel gewesen, wem man diesen Schutz anvertrauen solle. In Sparta und zu unsrer Zeit in Venedig wurde er dem Adel überlassen, bei den Römern aber dem Volke. Man muß also untersuchen, welche von diesen Republiken die bessere Wahl getroffen hat. Hält man sich an Vernunftschlüsse, so läßt sich beides rechtfertigen. Betrachtet man aber den Erfolg, so wird man sich für den Adel entscheiden, denn die Freiheit von Sparta und Venedig hat längere Zeit gewährt als die von Rom. Beginnen wir mit den Vernunftschlüssen. Ergreift man zunächst die Partei der Römer, so kann man sagen, der Schutz einer Sache muß denen anvertraut werden, die am wenigsten Lust haben, sie zu mißbrauchen. Betrachtet man das Streben des Adels und des Volkes, so findet man bei jenem ohne Zweifel ein großes Verlangen zu herrschen, bei diesem aber nur das Verlangen, nicht beherrscht zu werden, somit einen stärkeren Willen, in Freiheit zu leben, da es von ihrem unrechtmäßigen Besitz weniger hoffen kann als die Großen. Werden daher Leute aus dem Volke zu Hütern der Freiheit bestellt, so werden sie vernünftigerweise mehr dafür sorgen, und da sie selbst sie nicht vergewaltigen können, auch andre daran hindern. Andrerseits sagen die Verteidiger der Verfassungen Spartas und Venedigs, man tue in doppelter Hinsicht gut, den Schutz der Freiheit den Großen anzuvertrauen. Einmal befriedige man dadurch deren Ehrgeiz, da sie bei größerem Einfluß im Staate allen Grund hätten, zufrieden zu sein, und zweitens nähme man dadurch den unruhigen Köpfen im Volke eine Gewalt, die in einer Republik zu zahllosen Zwistigkeiten und Unruhen führen und den Adel zur Verzweiflung bringen könne, was mit der Zeit schlimme Folgen haben müsse. Als Beleg führen sie gerade Rom an, wo die Volkstribunen jene Gewalt in Händen hatten und sich trotzdem nicht mit einem plebejischen Konsul begnügten, sondern alle beide haben wollten, ja die Zensur, die Prätur und alle anderen Staatsämter. Auch das genügte ihnen noch nicht, sondern sie begannen in der gleichen Raserei die Männer zu vergöttern, die ihnen zur Demütigung des Adels fähig erschienen. Daraus entsprang die Macht des Marius und der Untergang Roms. In der Tat, wer das Für und Wider erwägt, könnte in Zweifel kommen, wen er zum Hüter der Freiheit wählen soll, zumal man nicht weiß, welche Menschenklasse in einem Staate schädlicher ist: die, welche etwas erwerben will, was sie nicht hat, oder die, welche erworbene Vorrechte zu erhalten strebt. Bei tieferer Prüfung wird man jedoch zu folgendem Schluß kommen. Entweder man spricht von einer Republik, die ein mächtiges Reich werden will, oder von einer, der es genügt, sich zu behaupten. Im ersten Falle muß sie alles so machen wie Rom, im zweiten kann sie Sparta und Venedig nachahmen, wie und weshalb, wird im nächsten Kapitel gezeigt werden. Kehren wir jedoch zu der Frage zurück, welche Menschen in einem Staate schädlicher sind, die, welche etwas erwerben wollen, oder die, welche das Erworbene zu verlieren fürchten. Marcus Menenius und Marcus Fulvius, beide Plebejer, wurden der eine zum Diktator, der andre zum Reiterobersten ernannt, um eine Verschwörung in Capua gegen Rom aufzudecken. 314 v. Chr. Die Namen müssen lauten: Gajus Maenius und Marcus Foslius. Vgl. Livius IX, 26. Zugleich erhielten sie vom Volke die Vollmacht, zu untersuchen, wer in Rom durch Bestechung und andre ungesetzliche Mittel nach dem Konsulat und andern öffentlichen Ämtern strebte. Der Adel, der diese Vollmacht des Diktators gegen sich gerichtet glaubte, sprengte in Rom aus, nicht die Adligen suchten die Ämter durch Bestechung und ungesetzliche Mittel zu erlangen, sondern die Plebejer, die sich nicht auf Geburt und Verdienste stützen könnten. Insbesondere klagte er den Diktator an. Die Wucht dieser Anklage war so groß, daß Menenius eine Volksversammlung berief, sich über die Verleumdungen des Adels beklagte, die Diktatur niederlegte und sich dem Urteil des Volkes unterwarf. Bei diesem Prozeß, der mit Freisprechung endete, wurde viel darüber gestritten, wer ehrgeiziger sei, der, welcher etwas erwerben oder welcher Erworbenes behalten wolle; denn beides kann leicht die größten Erschütterungen hervorrufen. Meistenteils jedoch werden solche Umwälzungen durch die Besitzenden hervorgerufen, denn die Furcht zu verlieren erweckt bei ihnen das gleiche Verlangen wie bei denen, die etwas erwerben wollen. Glauben die Menschen doch das, was sie haben, nur dann sicher zu besitzen, wenn sie von andern etwas hinzuerwerben. Dazu kommt, daß die, welche viel besitzen, eine Umwälzung mit mehr Kraft und Nachdruck herbeiführen können. Außerdem entzündet ihr mutwilliges und ehrgeiziges Betragen in der Brust der Nichtbesitzenden das gleiche Verlangen; sie wollen sich entweder durch Beraubung der Besitzenden rächen oder ihrerseits zu den Reichtümern und Ämtern gelangen, die sie von jenen mißbraucht sehen. Sechstes Kapitel Ob man Rom eine Verfassung geben konnte, die die Feindschaft zwischen Volk und Senat aufhob. Wir haben oben die Folgen der Kämpfe zwischen Volk und Senat untersucht. Wenn man sie bis zur Zeit der Gracchen verfolgt, wo sie den Untergang der bürgerlichen Freiheit herbeiführten, drängt sich einem der Wunsch auf, Rom möchte seine großen Erfolge ohne solchen Zwiespalt im Innern erlangt haben. Es scheint mir daher der Betrachtung wert, ob man Rom eine Verfassung geben konnte, die diese Zwistigkeiten aufhob. Um das zu entscheiden, muß man einen Vergleich mit den Freistaaten ziehen, die ohne so große Zwietracht und Unruhen lange bestanden haben. Man muß ihre Verfassung prüfen und erwägen, ob sie sich in Rom hätte einführen lassen. Beispiele bieten, wie schon gesagt, für das Altertum Sparta, für die Gegenwart Venedig. In Sparta herrschte ein König mit einem kleinen Senat; in Venedig hat die Regierung keine verschiedenen Bezeichnungen, sondern alle, die an ihr teilnehmen können, heißen Edelleute. Der Zufall schuf diese Staatsform mehr als die Weisheit der Gesetzgeber, denn es hatten sich aus den oben genannten Gründen zahlreiche Einwohner auf die Inseln zurückgezogen, auf denen heute Venedig steht, und als die Volkszahl so zunahm, daß sie Gesetze brauchten, um in Gesellschaft zu leben, richteten sie eine Regierung ein und versammelten sich oft, um über die Angelegenheiten der Stadt zu beraten. Als sie ihre Zahl für ein Gemeinwesen hinreichend hielten, schlossen sie alle Neuhinzugekommenen von der Regierung aus. Mit der Zeit, als durch die Zunahme der ausgeschlossenen Einwohner das Ansehen der an der Regierung teilnehmenden stieg, nannte man diese Edelleute und die anderen Volk. Dieser Zustand konnte ohne Unruhen entstehen und sich erhalten, denn bei seiner Entstehung gehörten alle Einwohner Venedigs zur Regierung, es konnte sich also keiner beklagen, und die später hinzugekommenen fanden ein fest geschlossenes Staatswesen vor und hatten weder Ursache noch Gelegenheit, Unruhen zu erregen. Eine Ursache hatten sie nicht, denn es wurde ihnen ja nichts genommen, und Gelegenheit auch nicht, denn die Regierung hielt sie im Zaum und verwandte sie zu nichts, wodurch sie Ansehen gewinnen konnten. Überdies war der spätere Zuzug nicht so häufig und so stark, daß ein Mißverhältnis zwischen Regierenden und Regierten entstanden wäre, denn die Anzahl der Edelleute ist ebenso groß oder noch größer als die des Volkes. So konnte Venedig sich seine Verfassung geben und in Eintracht fortbestehen. Sparta, das, wie gesagt, von einem König und einem kleinen Senat regiert wurde, konnte sich so lange erhalten, weil die Einwohnerzahl klein war, Fremde nicht aufgenommen und Lykurgs Gesetze in Ehren gehalten wurden. Dadurch fielen alle Ursachen zu Unruhen fort, und der Staat konnte lange in Frieden fortbestehen. Denn Lykurg hatte Sparta durch seine Gesetze mehr Gleichheit im Besitz als im Range gegeben. Bei dieser gleichmäßigen Armut war das Volk weniger ehrgeizig, zumal es von den wenigen Ämtern stets ferngehalten wurde, und die Adligen erregten bei ihm nie durch schlechte Behandlung den Wunsch, jene Ämter selbst zu bekleiden. Dies ging von den spartanischen Königen aus, die selbst inmitten des Adels standen und kein besseres Mittel zur Behauptung ihrer Würde hatten, als das Volk vor jeder Unbill zu schützen. Auf diese Weise fürchtete und begehrte das Volk die Herrschaft nicht, und da es sie weder hatte noch fürchtete, fiel der Zwist zwischen Adel und Volk fort, mithin auch der Anlaß zu Unruhen, und so konnten die Spartaner lange in Eintracht leben. Die zwei Hauptursachen dieser Eintracht aber waren: erstens, daß sie bei der geringen Einwohnerzahl von wenigen regiert werden konnten, und zweitens, daß sie keine Fremden in ihren Staat aufnahmen, so daß keine Sittenverderbnis einriß, noch die Zahl der Bürger so anwuchs, daß den wenigen Regierenden die Last der Geschäfte zu schwer ward. Zieht man dies alles in Betracht, so ergibt sich, daß die Gesetzgeber Roms, wenn Rom so ruhig bleiben sollte wie die beiden genannten Republiken, eins von beiden tun mußten: sie durften entweder das Volk nicht zum Kriegsdienst verwenden, wie die Venezianer, oder den Fremden keinen Einlaß gestatten, wie die Spartaner. Sie aber taten beides; das gab dem Volke Stärke und Wachstum und zahllose Anlässe zu Unruhen. Wäre aber der römische Staat zu größerer Ruhe gelangt, so wäre der Nachteil entstanden, daß er schwächer geworden wäre; denn dann wäre ihm ja der Weg zu seiner künftigen Größe verlegt worden. Wollte Rom also die Anlässe zu Unruhen beseitigen, so nahm es sich auch die Mittel zu seiner Vergrößerung. In allen menschlichen Dingen zeigt sich bei genauer Prüfung das gleiche: nie kann man einen Übelstand beseitigen, ohne daß ein anderer daraus entsteht. Willst du daher ein zahlreiches, waffentüchtiges Volk haben, um ein großes Reich zu begründen, so kannst du es nicht nach deinem Willen lenken. Hältst du es aber klein und unkriegerisch, um es leiten zu können, und es macht dann eine Eroberung, so kannst du sie nicht behaupten, oder das Volk wird so schwach, daß du jedem Angreifer zur Beute fällst. Daher muß man stets das erwählen, was den kleineren Nachteil bringt, und diesen Beschluß für den besten halten, denn es gibt nichts, was nicht seine Schattenseite hat. Rom konnte also wie Sparta einen Fürsten auf Lebenszeit, einen kleinen Senat wählen, aber es konnte nicht wie Sparta die Zahl seiner Bürger beschränken, wenn es ein großes Reich werden wollte; Anlehnung an Polybios VI, 50. denn dann hätte ihm auch ein König auf Lebenszeit und ein kleiner Senat für die innere Eintracht nichts genützt. Wer also eine Republik neu einrichten will, muß zuvor prüfen, ob sie wie Rom an Ausdehnung und Macht zunehmen, oder ob sie in engen Grenzen bleiben soll. Für diesen Gedankengang vgl. Polybios VI, 50, und Thukydides I, 71, sowie Buch I, Kap. 5 dieses Werkes. Im ersten Fall muß er sich Rom zum Muster nehmen und sich Aufstände und allgemeine Zwistigkeiten gefallen lassen; denn ohne große Menschenzahl und Kriegstüchtigkeit kann ein Staat nie wachsen noch, wenn er wächst, sich behaupten. Im zweiten Fall kann er sich nach Sparta und Venedig richten; da aber für solche Republiken die Vergrößerung Gift ist, muß der Gesetzgeber auf alle Weise das Erobern verbieten, weil Eroberungen eine an sich schwache Republik völlig zugrunde richten, wie man an Sparta und Venedig sieht. Denn nachdem Sparta fast ganz Griechenland unterworfen hatte, zeigte es bei einem ganz unbedeutenden Vorfall, auf wie schwachen Füßen es stand. Nach dem Aufstand Thebens unter Pelopidas fielen auch alle andern Städte ab, und die Republik ging völlig zugrunde. Ähnlich erging es Venedig, das einen großen Teil Italiens, und zwar meist nicht durch Krieg, sondern durch Geld und Klugheit erworben hatte; als es aber eine Probe seiner Kraft ablegen sollte, verlor es alles in einer Schlacht. S. Lebenslauf, 1509. Um eine Republik von langer Dauer zu gründen, dürfte es wohl am besten sein, ihr eine Verfassung wie Sparta oder Venedig zu geben, sie an einem festen Ort anzulegen und sie so stark zu machen, daß es keinem einfällt, sie auf einen Schlag zu erobern. Andrerseits darf man sie aber auch nicht so groß machen, daß sie ihren Nachbarn bedrohlich wird; dann kann dieser Staat sich lange seines Daseins erfreuen. Denn aus zwei Gründen bekriegt man einen Staat, einmal, um sein Herr zu werden, und zweitens aus Furcht, von ihm unterjocht zu werden. Diese zwei Gründe werden durch die obigen Maßregeln fast gänzlich beseitigt. Denn da die guten Verteidigungseinrichtungen, die ich voraussetze, die Eroberung dieser Republik schwer machen, so wird selten oder nie einer den Plan fassen, sie zu erobern. Bleibt sie ferner innerhalb ihrer Grenzen und zeigt die Erfahrung, daß sie nicht ehrgeizig ist, so wird ihr niemand aus Furcht den Krieg erklären, besonders wenn ihre Einrichtungen und Gesetze die Vergrößerung verbieten. Ließen sich die Dinge derart im Gleichgewicht halten, so glaube ich bestimmt, daß dies der rechte politische Zustand und die wahre Ruhe für eine Stadt wäre. Da aber alle menschlichen Dinge im Fluß sind und nicht feststehen können, so müssen sie steigen oder fallen, und zu vielem, wozu die Vernunft nicht rät, zwingt die Notwendigkeit. Ist also eine Republik so eingerichtet, daß sie sich ohne Vergrößerung behaupten kann, und die Notwendigkeit führt sie zur Vergrößerung, so werden ihr die Grundlagen entzogen, und sie stürzt schnell zusammen. Wäre ihr andererseits der Himmel so gnädig, daß sie keine Kriege zu führen brauchte, so wäre die Folge, daß sie durch Müßiggang verweichlicht oder daß Zwistigkeiten in ihr entstehen, und beides zusammen oder jedes für sich würde ihr den Untergang bereiten. Da man also nach meiner Meinung das Gleichgewicht nicht erhalten noch den Mittelweg genau einhalten kann, so muß man bei der Einrichtung einer Republik auf das bedacht sein, was am rühmlichsten ist, und sie derart einrichten, daß sie, wenn die Notwendigkeit sie zur Vergrößerung zwingt, das Errungene zu behaupten vermag. Ich komme also auf meine erste Erörterung zurück und halte es für nötig, die Einrichtungen Roms nachzuahmen und nicht die der anderen Republiken, denn ein Mittelding zwischen beiden läßt sich nicht finden. So muß man denn die Zwistigkeiten, die zwischen Senat und Volk entstehen können, als ein notwendiges Übel hinnehmen, ohne das Rom nicht zu seiner Größe gelangt wäre. Denn außer dem oben nachgewiesenen Umstand, daß die Macht der Volkstribunen zum Schutze der Freiheit notwendig war, fällt auch der Vorteil ins Auge, den das Amt eines Anklägers in einer Republik hat. Auch dies war den Volkstribunen übertragen, wie im nächsten Kapitel gezeigt wird. Siebtes Kapitel Wie nötig in einer Republik die Ankläger zur Erhaltung der Freiheit sind. Den Hütern der Freiheit einer Stadt kann man kein nützlicheres und nötigeres Recht geben, als die Bürger, die etwas gegen die Freiheit des Staates unternehmen, beim Volk, bei einer Behörde oder einem Rat zu verklagen. Diese Einrichtung hat für eine Republik zwei sehr günstige Wirkungen. Erstens wagen die Bürger aus Furcht vor Anklagen nichts gegen den Staat zu unternehmen, und wagen sie es doch, so werden sie unverzüglich und rücksichtslos bestraft. Zweitens wird den Mißstimmungen Luft geschaffen, die in den Städten auf mancherlei Art gegen irgendeinen Bürger entstehen. Finden diese Mißstimmungen keinen gesetzmäßigen Ausweg, so machen sie sich gewaltsam Luft, und das kann zum völligen Untergang des Staates führen. Nichts macht eine Republik fester und dauerhafter als eine gesetzliche Einrichtung, durch die sich solche gehässigen Leidenschaften entladen können. Das läßt sich durch viele Beispiele belegen, besonders durch das von Livius erzählte des Coriolan. Der römische Adel war gegen das Volk aufgebracht, weil es ihm durch die Einsetzung der Tribunen, die es in Schutz nahmen, zuviel Macht erlangt zu haben schien. Als nun in Rom eine Hungersnot ausbrach und der Senat Korn aus Sizilien hatte kommen lassen, sagte Coriolan, ein Gegner der Volkspartei, nun sei die Zeit gekommen, das Volk zu züchtigen und ihm die zum Schaden des Adels erlangte Gewalt wieder abzunehmen. Man solle also das Volk hungern lassen und ihm kein Getreide austeilen. Dieser Rat kam dem Volke zu Ohren, und es geriet in solche Wut gegen Coriolan, daß es ihn beim Verlassen des Senats in einem Auflauf getötet hätte, wenn ihn die Tribunen nicht vorgeladen hätten, sich zu verantworten. Hier zeigt sich, wie oben gesagt, wie nötig und nützlich es ist, wenn in Republiken gesetzliche Mittel bestehen, durch die sich der Haß der Gesamtheit gegen einen Bürger Luft machen kann. Denn sind keine gesetzmäßigen Mittel da, so ergreift man ungesetzliche, und diese haben ohne Zweifel viel schlimmere Folgen. Wird ein Bürger in gesetzmäßiger Weise gerichtet, so entsteht, auch wenn ihm dabei Unrecht geschieht, wenig oder gar keine Unordnung im Staat. Denn die Vollstreckung geschieht nicht durch Gewalttat eines einzelnen noch mit Hilfe einer fremden Macht, die die Freiheit zugrunde richtet, sondern durch die öffentliche Gewalt und durch Einrichtungen, die ihre bestimmten Grenzen haben und die nie zu etwas Staatsgefährlichem ausarten können. Zur Bestätigung meiner Ansicht durch Beispiele mag aus der alten Geschichte das des Coriolan genügen. Es fällt in die Augen, wieviel Unheil in der römischen Republik entstanden wäre, wenn er in jenem Auflauf getötet worden wäre. Es wären dadurch Angriffe einzelner auf einzelne entsprungen; solche Angriffe erzeugen Furcht, die Furcht aber sucht Schutz; zum Schutz wirbt man Anhänger, durch diese entstehen Parteiungen, und die Parteiungen führen zum Untergang des Staates. Da aber die Sache durch die gesetzmäßige Gewalt abgetan wurde, so wurden alle Übel vermieden, die bei ihrem Austrag durch Privatleute entstehen konnten. In unsrer Zeit haben wir gesehen, zu welchen Umwälzungen es in der Republik Florenz führte, als die Menge ihren Groll gegen einen ihrer Mitbürger nicht auf gesetzliche Weise entladen konnte. Francesco Valori, Florenz als Freistaat s. Lebenslauf, 1494. Savonarolas mächtigster Parteigänger, Francesco Valori, wurde 1497 Gonfalonier von Florenz und setzte mehrere Bluturteile gegen Anhänger der Medici durch. Als Savonarola dann von Papst Alexander VI. exkommuniziert war, erhoben seine Feinde und die Anhänger der Medici wieder das Haupt; Valori wurde von Anhängern der Hingerichteten ermordet und Savonarola verbrannt. gleichsam Fürst der Stadt, wurde von vielen für einen ehrgeizigen Mann gehalten, der in seiner Kühnheit und Verwegenheit nach der Oberherrschaft zu streben schien. Da es aber in der Republik kein Mittel gab, ihm Widerstand zu leisten, außer durch eine Gegenpartei, so fürchtete auch er nichts als ungesetzliche Mittel und begann, sich zu seinem Schutze zahlreiche Anhänger zu werben. Aber auch seine Gegner griffen aus Mangel an gesetzlichen Mitteln, ihn niederzuhalten, zu ungesetzlichen, und so kam es zum Austrag mit den Waffen. Hätte man ihm in gesetzlicher Weise entgegentreten können, so wäre seine Macht nur zu seinem eignen Schaden gebrochen worden. Da man ihn aber mit ungesetzlichen Mitteln stürzen mußte, so mußten außer ihm noch viele vornehme Bürger darunter leiden. Zur Bestätigung dieser Behauptung ließe sich auch noch der Vorfall mit Piero Soderini in Florenz anführen. S. Lebenslauf, 1502. Soderinis Stellung gegenüber den Anhängern der Medici s. Buch III, Kap. 3. Seine Abdankung s. Lebenslauf, 1512. Er war einzig die Folge davon, daß in der Republik keine Anklage gegen den Ehrgeiz mächtiger Bürger möglich ist; denn es genügt in einer Republik nicht, einen Mächtigen vor acht Richtern anzuklagen. Es müssen viele Richter sein, denn Wenige werden es stets mit den Wenigen halten. Hätte eine solche Einrichtung bestanden, so hätten ihn die Bürger, wenn sein Betragen schlecht war, angeklagt und dadurch ihrem Groll Luft gemacht, ohne das spanische Heer herbeizurufen. Tat er aber nichts Übles, so hätten sie nichts gegen ihn zu unternehmen gewagt, um nicht selbst angeklagt zu werden. In beiden Fällen wäre die Leidenschaft verraucht, die so große Umwälzungen herbeiführte. Man kann also auf die schlechte Verfassung eines Staates schließen, wenn eine fremde Macht von einem Teil der Einwohner herbeigerufen wird; denn dann fehlt eine Einrichtung, die den gehässigen Leidenschaften der Bürger ohne gewaltsame Mittel Luft macht. Vollständig gesorgt ist dafür nur, wenn man Anklagen vor vielen Richtern anordnet und diesen gehöriges Ansehen verleiht. Diese Einrichtung war in Rom so gut getroffen, daß bei den zahlreichen Zwistigkeiten zwischen Volk und Senat weder der Senat noch das Volk, noch irgendein einzelner jemals darauf verfiel, fremde Hilfe herbeizurufen. Eine Ausnahme bildet gerade der von Machiavelli herangezogene Coriolan, der nach seiner Verbannung an der Spitze der Volsker gegen Rom zog. Vgl. Buch III, Kap. 13. Man hatte das Mittel zu Hause und brauchte es nicht auswärts zu suchen. Die genannten Beispiele reichen zwar zum Beweis hin, ich will aber noch ein andres aus Livius' Geschichte V, 33. anführen. In Clusium, einer der ersten Städte Etruriens, hatte ein Lukumone die Schwester des Aruns geschändet. Da Aruns sich wegen der Macht des Beleidigers nicht rächen konnte, ging er zu den Galliern, die damals in der heutigen Lombardei wohnten, und beredete sie, mit bewaffneter Macht nach Clusium zu kommen und die ihm angetane Schmach zu ihrem eignen Vorteil zu rächen. Hätte Aruns die Möglichkeit gehabt, sich durch die Einrichtungen seiner Vaterstadt Recht zu verschaffen, so hätte er nicht das Heer der Barbaren herbeigezogen. So nützlich aber die Anklagen in einer Republik sind, so unnütz und schädlich sind die Verleumdungen, wie im folgenden Kapitel gezeigt wird. Achtes Kapitel So nützlich die Anklagen in einer Republik sind, so verderblich sind die Verleumdungen. Als Furius Camillus durch seine Tapferkeit Rom von den Galliern befreit hatte, räumten ihm alle Bürger den ersten Rang ein, ohne daß sie sich an Ansehen und Rang etwas zu vergeben glaubten. Nur Manlius Capitolinus konnte es nicht ertragen, daß jenem so viel Ehre und Ruhm zuteil ward. Er glaubte sich durch die Rettung des Kapitols um das Heil Roms ebenso verdient gemacht zu haben wie Camillus, und meinte, ihm auch sonst an kriegerischem Ruhm nicht nachzustehen. Voller Neid konnte er sich über den Ruhm des Camillus nicht beruhigen, und da er im Senat keine Zwietracht säen konnte, wandte er sich an das Volk und streute verschiedene schlimme Gerüchte unter ihm aus. Unter anderm behauptete er, das zur Abfindung der Gallier gesammelte, aber nicht abgelieferte Geld sei von einzelnen Bürgern zurückbehalten worden. Würde es herausgegeben, so könnte man es zum öffentlichen Nutzen verwenden, indem man die Abgaben des Volkes erleichterte oder seine Privatschulden bezahlte. Solche Reden machten auf das Volk derartigen Eindruck, daß es sich zusammenrottete und zahlreiche Ausschreitungen in der Stadt beging. Da dies dem Senat mißfiel und die Sache ihm wichtig und gefährlich erschien, ernannte er einen Diktator, Vgl. Livius VI, 11 ff. um den Fall zu untersuchen und die Wut des Manlius zu zügeln. Der Diktator ließ ihn sogleich vorladen, und beide traten öffentlich einander gegenüber, der Diktator inmitten des Adels, Manlius inmitten des Volkes. Manlius wurde aufgefordert, zu sagen, bei wem sich der fragliche Schatz befände; denn dies zu erfahren wäre der Senat ebenso begierig wie das Volk. Manlius ging auf die Frage nicht ein, sondern antwortete ausweichend, er brauchte es ihnen nicht zu sagen, da sie es ja wüßten; worauf ihn der Diktator in den Kerker werfen ließ. Diese Geschichte zeigt, wie verabscheuungswürdig in freien Städten und in jedem andern Staat die Verleumdungen sind und daß man zu ihrer Unterdrückung kein Mittel scheuen darf. Dazu aber ist nichts geeigneter, als den Anklagen weiten Spielraum zu geben, denn so nützlich diese in einer Republik sind, so schädlich sind die Verleumdungen. Zwischen beiden besteht auch noch der Unterschied, daß Verleumdungen nicht durch Zeugnisse und andre Rechtsmittel bewiesen werden müssen, so daß jeder von jedem verleumdet werden kann. Nicht aber kann jeder angeklagt werden, denn Anklagen bedürfen vollgültiger Zeugen und beweiskräftiger Tatsachen. Angeklagt wird bei den Behörden, beim Volk, beim Rat, verleumdet auf den Plätzen und in den Hallen. Die Verleumdung ist da am häufigsten, wo die Anklagen am seltensten sind und am wenigsten für ihre Annahme gesorgt ist. Deshalb muß der Gesetzgeber einer Republik Einrichtungen treffen, daß man jeden Bürger ohne Furcht und Scheu anklagen kann. Ist dies aber geschehen und wird gut darauf gehalten, so müssen die Verleumder streng bestraft werden. Sie können sich dann über ihre Bestrafung nicht beklagen, da ihnen ja die Anklage gegen den heimlich Verleumdeten freisteht. Wo dies aber nicht gut eingerichtet ist, entsteht immer große Unordnung, denn die Verleumdungen erbittern, aber sie bessern nicht, und die Erbitterten sinnen auf Vergeltung, da sie die üble Nachrede eher hassen als fürchten. Rom war in dieser Hinsicht, wie gesagt, gut eingerichtet, unsre Stadt Florenz aber stets schlecht. Auch hatte die in Rom getroffene Einrichtung viele gute, die in Florenz getroffene viele schlimme Wirkungen. Wenn man die Geschichte von Florenz liest, wird man sehen, wieviel Verleumdungen jederzeit gegen die Bürger verbreitet wurden, die mit wichtigen Staatsgeschäften betraut waren. Von dem einen hieß es, er hätte Staatsgelder unterschlagen, von dem andern, er hätte ein Unternehmen nicht durchgeführt, weil er bestochen worden sei; ein dritter hätte aus Ehrgeiz den und den Nachteil herbeigeführt. Hieraus entsprang allerseits Haß, vom Haß kam es zu Zwistigkeiten, von da zu Parteiungen und zum Untergang des Staates. Hätte in Florenz eine Einrichtung zur Anklage der Bürger und zur Bestrafung der Verleumder bestanden, so wären zahllose Unruhen vermieden worden. Denn verurteilt oder freigesprochen, hätten solche Bürger der Stadt nicht schaden können, und es wären weit weniger angeklagt als verleumdet worden, denn, wie gesagt, kann man nicht jeden so leicht anklagen wie verleumden. Unter anderm benutzten auch manche, die sich emporschwingen wollten, die Verleumdungen mit Erfolg gegen einflußreiche Bürger, die sich ihren Gelüsten widersetzten. Sie ergriffen die Partei des Volkes, bestärkten es in seiner Abneigung gegen jene und machten es sich so zum Freunde. Beispiele lassen sich zur Genüge anführen; ich will mich mit einem begnügen. Das Florentiner Heer belagerte Lucca (1430) unter dem Befehl des Kommissars Messer Giovanni Guicciardini. Infolge seiner schlechten Maßregeln oder seines Unglücks gelang die Eroberung nicht. Wie sich die Sache nun auch verhalten mochte, Guicciardini wurde beschuldigt, er habe sich von den Lucchesern bestechen lassen. Diese Verleumdung wurde von seinen Feinden aufgegriffen und brachte ihn in die größte Verzweiflung. Er wollte sich freiwillig in Haft begeben, um sich zu rechtfertigen, konnte dies aber nie erreichen, da in der Republik keine entsprechende Einrichtung bestand. Die Folge war eine große Erbitterung zwischen den Freunden Guicciardinis, zu denen die Mehrzahl der Vornehmen zählte, und denen, die in Florenz nach Umwälzungen trachteten. Der Haß nahm aus diesen und ähnlichen Gründen solchen Umfang an, daß der Untergang der Republik daraus erfolgte. Durch die Herrschaft des Cosimo de' Medici (1389-1464), seit 1434 Oberhaupt von Florenz. Manlius Capitolinus war also ein Verleumder und kein Ankläger, und die Römer zeigten in diesem Falle genau, wie man Verleumder bestrafen soll. Man muß sie nämlich als Ankläger auftreten lassen, und erweist sich die Anklage als wahr, sie belohnen oder doch nicht bestrafen; erweist sie sich aber als falsch, so muß man sie bestrafen wie Manlius. Neuntes Kapitel Wer einen Staat gründen oder seine alten Einrichtungen völlig umgestalten will, muß allein stehen. Es scheint manchem vielleicht, daß ich in der römischen Geschichte zuviel übergehe, da ich noch nichts über die Gesetzgeber der Republik, ihre militärischen und religiösen Einrichtungen gesagt habe. Ich will aber die Erwartung derer, die etwas darüber hören wollen, nicht länger spannen. Viele werden es vielleicht für ein schlechtes Vorbild halten, daß der Gründer eines Gemeinwesens wie Romulus erst seinen Bruder erschlug und dann in die Ermordung des Sabinerkönigs Titus Tatius willigte, den er zum Mitregenten erwählt hatte. Seine Mitbürger, möchte man glauben, konnten sich ihren Fürsten zum Muster nehmen und sich aus Ehrgeiz und Herrschsucht an jedem vergreifen, der sich ihren Plänen widersetzte. Dieser Einwand träfe zu, wenn man nicht berücksichtigte, in welcher Absicht Romulus jene Morde beging. Es ist eine allgemeine Regel, daß eine Republik oder ein Königreich niemals oder nur selten von Anfang an gut eingerichtet oder vollkommen neu gestaltet wird, wenn es nicht durch einen einzigen geschieht, der den Plan angibt und aus dessen Geist alle Anordnungen hervorgehen. Deshalb muß ein weiser Gesetzgeber einer Republik, der nicht sich, sondern dem Allgemeinwohl, nicht seinen eignen Nachkommen, sondern dem gemeinsamen Vaterland nützen will, nach der unumschränkten Gewalt streben. Kein vernünftiger Mensch wird ihn wegen einer außerordentlichen Handlung tadeln, die er zur Gründung eines Reiches oder zur Einrichtung einer Republik ausführt. Spricht die Tat gegen ihn, so muß der Erfolg ihn entschuldigen, und ist dieser gut, wie bei Romulus, so wird er ihn immer entschuldigen. Tadel verdient nicht, wer Gewalt braucht, um aufzubauen, sondern um zu zerstören. Freilich muß er so klug und so tugendhaft sein, daß er die Gewalt, die er an sich gerissen hat, nicht an einen andern vererbt. Denn da die Menschen mehr zum Bösen als zum Guten neigen, könnte sein Nachfolger die Macht, die er zum Guten gebraucht hat, zu seinem Ehrgeiz mißbrauchen. Mag überdies ein Mann auch geeignet sein, eine Verfassung zu geben, so ist diese doch nicht von langer Dauer, wenn sie auf den Schultern eines einzelnen ruhen bleibt, wohl aber, wenn viele für ihre Erhaltung sorgen. Die Vielen eignen sich zwar nicht dazu, ein Staatswesen zu ordnen, weil sie bei ihrer Meinungsverschiedenheit das Rechte nicht erkennen; wenn sie es aber erkannt haben, werden sie sich nicht vereinigen, um es wieder preiszugeben. Daß aber Romulus wegen der Ermordung des Bruders und des Genossen Entschuldigung verdient und daß der Beweggrund seines Handelns nicht Herrschsucht, sondern das allgemeine Beste war, beweist die sofortige Einsetzung eines Senats, mit dem er sich beriet und nach dessen Gutachten er seine Beschlüsse faßte. Sieht man zu, welche Gewalt Romulus sich vorbehielt, so findet man, daß er nur den Oberbefehl über das Heer behielt, wenn der Krieg beschlossen war, und das Recht, den Senat einzuberufen. Dies zeigte sich später deutlich, als Rom durch die Vertreibung der Tarquinier frei wurde; denn man änderte an den alten Einrichtungen nichts, außer daß an Stelle eines Königs auf Lebenszeit zwei jährlich wechselnde Konsuln traten. Das ist das beste Zeichen, daß alle ursprünglichen Einrichtungen der Stadt mehr der bürgerlichen Freiheit als dem Absolutismus und der Tyrannei entsprachen. Zur Bekräftigung des oben Gesagten ließen sich zahllose Beispiele anführen, wie Moses, Lykurg, Solon und andre Gründer von Reichen und Republiken, die alle nur deshalb Gesetze zum allgemeinen Besten zu geben vermochten, weil sie sich Gewalt beigelegt hatten. Ich will aber diese Beispiele als bekannt übergehen und nur eins anführen, das zwar nicht so berühmt, aber von allen zu beachten ist, die gute Gesetze zu geben wünschen. König Agis von Sparta Agis IV, 244-241 v. Chr. wollte die Spartaner in die Schranken der Lykurgischen Gesetze zurückführen, von denen sie zum Teil abgewichen waren, denn er glaubte, daß seine Vaterstadt dadurch viel von ihrer alten Tugend und somit von ihrer Kraft und Herrschaft verloren hätte. Er wurde aber gleich zu Anfang von den spartanischen Ephoren ermordet als ein Mann, der sich zum Tyrannen aufwerfen wollte. Kleomenes, Kleomenes III., 235-221 v. Chr., von Antigones Doson bei Sellasia 221 geschlagen, beging 220 Selbstmord. sein Nachfolger in der Regierung, faßte den gleichen Plan, weil er aus den hinterlassenen Papieren des Agis dessen Gesinnung und Absicht erkannte. Er sah aber ein, daß er seinem Vaterlande diese Wohltat nicht erweisen könnte, ohne im Besitz der Alleinherrschaft zu sein. Da es ihm nun wegen des menschlichen Ehrgeizes unmöglich schien, den Vielen gegen den Willen Weniger Gutes zu tun, ließ er bei passender Gelegenheit alle Ephoren und wer ihm sonst im Wege sein konnte, ermorden; danach stellte er die Gesetze Lykurgs in allem wieder her. Dieser Entschluß hätte Sparta verjüngt und Kleomenes den Ruhm des Lykurg verliehen, wäre nicht die Macht der Mazedonier und die Schwäche der übrigen griechischen Staaten gewesen. Denn nach dieser Neuordnung wurde er von den Mazedoniern angegriffen, und da er selbst geringere Streitkräfte hatte und nirgends Unterstützung fand, wurde er besiegt, und sein Plan, so gerecht und löblich er war, blieb unvollendet. Dies alles erwogen, ziehe ich den Schluß, daß der Gesetzgeber eines Staatswesens allein stehen muß, und daß Romulus wegen der Tötung des Remus und Tatius Entschuldigung, nicht Tadel verdient. Zehntes Kapitel So lobenswert die Gründer eines Königreiches oder einer Republik sind, so fluchwürdig sind die einer Tyrannenherrschaft. Unter allen gepriesenen Menschen sind die Häupter und Stifter von Religionen die gepriesensten, nächst ihnen die Gründer der Republiken und Reiche. Dann kommen die Heerführer, die ihre eigne Herrschaft oder die ihres Vaterlandes vergrößert haben. An diese schließen sich die Schriftsteller, die je nach der Gattung ihrer Werke und dem Grad ihrer Vollkommenheit geschätzt werden. Jedem andern aus der zahllosen Menschenschar wird einiges Lob zuteil, das er sich durch seine Kunst oder seinen Beruf erwirbt. Schändlich und verabscheuungswürdig sind dagegen die Zerstörer der Religionen, die Zertrümmerer der Reiche und Republiken, die Feinde der Tugend, der Wissenschaften und jeder Kunst, die dem Menschengeschlecht Nutzen und Ehre bringt, als da sind die Gottlosen und Gewalttätigen, die Unwissenden und Müßiggänger, die Niederträchtigen und die Taugenichtse. Kein Mensch wird je so töricht oder so weise, so böse oder so gut sein, daß er, vor die Wahl zwischen beiden Menschenarten gestellt, nicht die lobenswerte loben und die tadelnswerte tadeln sollte. Nichtsdestoweniger treten fast alle, durch eitlen Glanz und falschen Ruhm verblendet, absichtlich oder unwissentlich in die Fußstapfen derer, die mehr Tadel als Lob verdienen. Während sie durch die Gründung einer Republik oder eines Reiches unsterblichen Ruhm erringen könnten, werden sie zu Tyrannen und sehen nicht, welchen Ruf und Ruhm, welche Ehre und Sicherheit, welche Ruhe und innere Befriedigung sie damit preisgeben, und wie sie sich in Schande, Schmach, Tadel, Gefahr und Unruhe stürzen. Wenn die Männer, die als Bürger in einem Staate leben oder sich durch Glück und Verdienst zu seinem Herrscher emporschwingen, die Geschichte läsen und sich die Lehren der Vergangenheit zunutze machten – müßten sie dann nicht als Bürger wünschen, lieber ein Scipio als ein Cäsar zu sein, und als Fürsten, lieber ein Agesilaos, Timoleon und Dion als ein Nabis, Phalaris und Dionys zu werden! Agesilaos (444-358 v. Chr.), seit 399 König von Sparta, kämpfte glücklich gegen die Perser, schlug die Thebaner bei Koroneia (394) und rettete Sparta 371 nach der Niederlage bei Leuktra. – Timoleon, ein korinthischer Feldherr (410 – 337 v. Chr.), tötete 366 seinen nach der Oberherrschaft strebenden Bruder, befreite 343 Syrakus von dem Tyrannen Dionysios dem Jüngeren (s. u.) und schlug 340 die Karthager. – Dion von Syrakus, Schwiegersohn des älteren Dionysios (s. u.), von dessen Sohn (s. u.) 366 vertrieben, stürzte diesen 357 und wurde selbst 353 ermordet. – Nabis, 207-192 v. Chr. König von Sparta, tyrannisch und grausam. Seine Ermordung s. Buch III, Kap. 6. – Phalaris, Tyrann von Agrigent (565-549 v. Chr.), der seine Opfer in dem ehernen Stier verbrannte, wurde bei einem Volksaufstand ermordet. – Dionysios der Ältere (431-367 v. Chr.), seit 406 Tyrann von Syrakus, grausam und habgierig, aber als Herrscher klug und unermüdlich. Sein Sohn Dionysios der Jüngere, folgte ihm in der Herrschaft. 357 von seinem Schwager Dion (s. o.) vertrieben, 346 zurückgekehrt, mußte er sich 343 an Timoleon (s. o.) ergeben und starb vergessen in Korinth Denn die letzteren würden sie aufs tiefste verabscheut, die ersteren aber aufs höchste gepriesen finden. Auch würden sie sehen, daß Timoleon und die andern in ihrem Vaterlande nicht weniger Macht hatten als Dionys und Phalaris, aber bei weitem mehr Sicherheit. Lasse sich niemand durch die Verherrlichung Cäsars von Seiten der Schriftsteller blenden; denn seine Lobredner waren durch sein Glück bestochen und durch die Kaisergewalt eingeschüchtert, die so lange unter Cäsars Namen fortbestand, so daß die Schriftsteller nicht frei über ihn reden durften. Will man aber wissen, was freie Schriftsteller von ihm sagen würden, so lese man, was sie über Catilina sagen! Ja, Cäsar ist noch verabscheuungswürdiger, weil jemand, der Unrecht getan hat, mehr Tadel verdient als einer, der Unrecht tun wollte. Man lese aber auch, wie hoch sie den Brutus preisen. Da sie Cäsar als Machthaber nicht tadeln durften, haben sie wenigstens seinen Feind verherrlicht. Es bedenke auch jeder, der sich zum Fürsten eines Staates gemacht hat, wieviel mehr Lob sich in der römischen Kaiserzeit die Kaiser erwarben, die als gute Fürsten gesetzmäßig regierten, als die, die umgekehrt verfuhren. Er wird sehen, daß Titus, Nerva, Trajan, Hadrian, Antoninus und Mark Aurel nicht der Prätorianer und der zahlreichen Legionen zu ihrem Schutze bedurften, weil ihre Tugend, die Zuneigung des Volkes und die Liebe des Senats sie schützten, wohingegen Caligula, Nero, Vitellius und so viele verbrecherische Kaiser auch bei den Heeren des Morgen- und Abendlandes nicht Schutz genug vor den Feinden fanden, die ihr frevelhaftes Benehmen und ihr schändlicher Wandel ihnen schufen. Die römische Kaisergeschichte könnte bei gründlichem Studium allen Fürsten eine treffliche Lehre geben und ihnen zeigen, welcher Weg zum Ruhm oder zur Schande, zur Sicherheit oder zur Furcht führt. Denn von den sechsundzwanzig Kaisern, die von Cäsar bis Maximinus regierten, wurden sechzehn ermordet, zehn starben eines natürlichen Todes. Befanden sich unter den Ermordeten auch ein paar gute Kaiser wie Galba und Pertinax, so fielen sie doch durch die Verderbnis, die ihre Vorgänger unter den Soldaten zurückgelassen hatten. Und war unter denen, die eines natürlichen Todes starben, einer oder der andre verbrecherisch, wie Severus, Gemeint ist Septimius Severus (193-211). so verdankte er seine Erhaltung seinem außerordentlichen Glück und seiner hervorragenden Tapferkeit, zwei Dingen, die wenigen zugleich gegeben sind. Auch erkennt man beim Lesen der römischen Kaisergeschichte, wie man einer guten Regierung Dauer geben kann. Denn alle Kaiser durch Erbfolge waren schlecht, Den Gedanken, daß die Erbfolge schädlich sei, vertritt auch Aristoteles, Politik, III, 10,9; VIII, 8,2f.; sowie Polybios VI, 7,6ff.; 8,4. Vgl. auch Buch I, Kap. 19 dieses Werkes. Für die römische Kaisergeschichte war für Machiavelli Herodian maßgebend. mit Ausnahme von Titus, die durch Adoption alle gut, wie die fünf von Nerva bis Mark Aurel. Sobald aber das Reich an die Erben fiel, geriet es sogleich in Verfall. Halte sich ein Fürst also die Zeit von Nerva bis Mark Aurel vor Augen und vergleiche sie mit der früheren und späteren. Dann wähle er, in welcher Zeit er hätte geboren sein und in welcher er hätte regieren mögen. In den Zeiten der guten Kaiser wird er den Herrscher sicher inmitten seiner sicheren Bürger finden, die Welt in Frieden und Gerechtigkeit, den Senat in Ansehen, die Behörden in Ehren, die Reichen im Genuß ihres Reichtums, Adel und Verdienst erhöht, überall Ruhe und Wohlstand, aber Streit, Zügellosigkeit, Bestechung und Ehrgeiz verbannt. Er wird das goldene Zeitalter erblicken, wo jeder seine eigne Meinung haben und verteidigen kann. Kurz, er wird den Triumph der Welt sehen, den Herrscher geehrt und voller Ruhm, die Völker voller Liebe und Sicherheit. Betrachtet er dann die Zeiten der andern Kaiser, so findet er sie durch Kriege verwildert, durch Aufstände gespalten, in Krieg und Frieden grausam, viele Herrscher ermordet, viele innere und auswärtige Kriege, Italien im Elend und durch immer neue Unglücksfälle gebeugt, die Städte zerstört und verheert, Rom verbrannt, das Kapitol von den eigenen Bürgern niedergerissen, die alten Tempel verödet, die heiligen Bräuche entweiht, die Städte voller Ehebruch, das Meer voll Verbannter, die Felsinseln voller Blut. Er sieht in Rom zahllose Grausamkeiten verübt, Adel, Reichtum und Ehren, vor allem aber die Tugend als Todsünde geltend, die Angeber belohnt, die Sklaven gegen ihre Herren, die Freigelassenen gegen ihre Patrone bestochen, und die, die keine Feinde haben, von ihren Freunden ermordet. Nach Tacitus, Historien, I, 2. Dann wird er am besten erkennen, was Rom, Italien und die Welt Cäsar zu danken hat. Und ist er ein Mensch, so wird er vor jeder Nachahmung der schlimmen Zeiten zurückschaudern und von unendlichem Verlangen entflammt werden, den guten zu folgen. Fürwahr, wenn ein Fürst nach Weltruhm strebt, müßte er wünschen, einen verderbten Staat zu regieren, nicht um ihn vollends zugrunde zu richten, wie Cäsar, sondern um ihn neu zu ordnen, wie Romulus. Wahrlich, der Himmel kann den Menschen keine bessere Gelegenheit geben, sich Ruhm zu erwerben, noch kann ein Mensch sich eine bessere wünschen. Müßte ein Fürst, um einen Staat zu ordnen, notwendig die Krone niederlegen, so verdiente der, der ihn nicht ordnete, um nicht vom Throne herabzusteigen, einiges Nachsehen. Kann er aber Fürst bleiben und den Staat ordnen, so verdient er keine Entschuldigung. Mögen überhaupt alle, denen der Himmel eine solche Gelegenheit gibt, bedenken, daß ihnen zwei Wege offenstehen: der eine führt sie zu sicherem Leben und nach ihrem Tode zum Ruhm; der andre zu beständiger Angst und nach dem Tode zu ewiger Schande. Für diesen Gedanken vgl. Diodor I,1. Elftes Kapitel Von der Religion der Römer. Roms erster Gründer war Romulus; ihm hat es wie eine Tochter Geburt und Erziehung zu danken. Doch die Götter hielten seine Einrichtungen für ein so großes Reich nicht für ausreichend und gaben dem römischen Senat ein, den Numa Pompilius zu seinem Nachfolger zu ernennen, damit er ergänzte, was jener verabsäumt hatte. Numa fand ein noch ganz wildes Volk vor und wollte es durch die Künste des Friedens an bürgerlichen Gehorsam gewöhnen. In der Religion erkannte er die notwendigste Stütze der bürgerlichen Ordnung, und er richtete sie so ein, daß jahrhundertelang nirgends größere Gottesfurcht herrschte als in der römischen Republik. Jede Unternehmung des Senats oder der großen Männer Roms wurde dadurch erleichtert. Aus zahllosen Handlungen des gesamten Volkes oder einzelner Römer sieht man, daß die Bürger sich mehr scheuten, ihren Eid zu brechen, als die Gesetze zu übertreten, weil sie Gottes Macht höher achteten als die der Menschen. Das sieht man deutlich am Beispiel des Scipio und des Manlius Torquatus. Nach der Niederlage der Römer bei Cannä durch Hannibal hatten sich viele Bürger versammelt und waren in ihrer Angst und Bestürzung übereingekommen, Italien zu verlassen und nach Sizilien überzusetzen. Als Scipio das erfuhr, trat er unter sie und zwang sie mit gezücktem Schwert zu dem Schwur, das Vaterland nicht zu verlassen. Lucius Manlius, der Vater des Titus Manlius, der später den Beinamen Torquatus erhielt, war von dem Volkstribunen Marcus Pomponius angeklagt worden; aber noch vor dem Gerichtstage ging Titus zu Pomponius und drohte ihn zu töten, wenn er nicht schwöre, die Anklage gegen seinen Vater zurückzuziehen. 362 v. Chr. Vgl. Livius VII, 4. Pomponius schwor aus Furcht und nahm die Anklage zurück. So wurden die Bürger, die die Liebe zum Vaterlande und dessen Gesetze nicht in Italien zurückhielten, durch einen erzwungenen Eid zurückgehalten, und der Tribun setzte seinen Haß gegen den Vater, die Beleidigung durch den Sohn und seine eigne Ehre beiseite, um den geleisteten Schwur zu halten. Beides hatte seinen Grund nur in der Religion, die Numa in Rom eingeführt hatte. Vgl. Polybios, X, 2,14. Bei aufmerksamem Lesen der römischen Geschichte wird man stets finden, wie sehr die Religion zum Gehorsam im Heere, zur Eintracht im Volke, zur Erhaltung der Sittlichkeit und zur Beschämung der Bösen beitrug. Vgl. ebd. X, 2,6ff., und Plutarch, Marcellus, IV. Wenn man also zu entscheiden hätte, welchem König Rom mehr Dank schuldete, dem Romulus oder Numa, so glaube ich, daß Numa den Vorrang verdient. Denn wo Religion ist, läßt sich leicht eine Kriegsmacht aufrichten, wo aber Kriegsmacht ohne Religion ist, läßt sich diese nur schwer einführen. Man sieht ja auch, daß Romulus zur Einsetzung des Senats und zu den andern bürgerlichen und militärischen Einrichtungen die Gottesfurcht nicht nötig hatte, wohl aber Numa, der Zusammenkünfte mit einer Nymphe vorgab, die ihn belehrte, was er dem Volke anraten sollte. Dies tat er aber nur, weil er neue und ungewohnte Einrichtungen treffen wollte, für die sein eignes Ansehen ihm nicht hinreichend erschien. In der Tat gab es nie einen außerordentlichen Gesetzgeber bei einem Volke, der sich nicht auf Gott berufen hätte, weil seine Gesetze sonst gar nicht angenommen worden wären. Denn ein kluger Mann erkennt vieles Gute, aber die Gründe dafür sind nicht so augenscheinlich, daß man andre davon überzeugen könnte. Darum nehmen weise Männer ihre Zuflucht zu Gott, so Lykurg, so Solon und viele andre, die den gleichen Zweck verfolgten. Vgl. Polybios, X, 2, [10] ff., und VI, 56, [11] ff. Das römische Volk bewunderte also die Tugend und Weisheit des Numa und folgte in allem seinem Rat. Allerdings erleichterte ihm der religiöse Sinn der Zeit und die Rohheit der damaligen Menschen die Ausführung seiner Pläne bedeutend, denn er konnte ihnen jede neue Form ohne Mühe aufprägen. Auch heute würde der Begründer eines Staatswesens zweifellos geringere Mühe bei den noch ganz unkultivierten Bergbewohnern haben als in den Städten, wo die Sitten verdorben sind, wie ein Bildhauer eine schöne Statue leichter aus einem rohen Marmorblock meißelt als aus einem, der von andern schlecht zugehauen ist. Alles in allem genommen, ziehe ich also den Schluß, daß die von Numa eingeführte Religion zu den Hauptursachen von Roms Gedeihen gehörte. Denn sie führte zu guten Einrichtungen, diese aber bringen Glück, und aus dem Glück entsprangen die guten Erfolge aller Unternehmungen. Wie aber die Gottesfurcht die Ursache für die Größe der Staaten ist, so ist ihr Schwinden die Ursache ihres Verfalls. Denn wo die Gottesfurcht fehlt, da muß ein Reich in Verfall geraten, oder die Furcht vor dem Fürsten muß den Mangel an Religion ersetzen. Da aber die Fürsten ein kurzes Leben haben, muß ein Reich sofort verfallen, wenn der starke Arm seines Fürsten fehlt. Deshalb sind Reiche, die nur auf dem Verdienst eines Mannes beruhen, von kurzer Dauer, und nur selten wird sein Verdienst durch die Erbfolge erneuert. Sehr wahr sagt Dante: Purgatorio, VII, 121 ff. Nur selten pflanzt sich weiter in den Sprossen Der Menschen Tugend; also hat's ihr Geber, Damit man sie von ihm erfleht, beschlossen. Das Heil einer Republik oder eines Reiches beruht also nicht auf einem Fürsten, der zeitlebens weise regiert, sondern darauf, daß er dem Staat Einrichtungen gibt, durch die er sich auch nach seinem Tode erhalten kann. Zwar lassen sich rohe Menschen leichter zu einer neuen Einrichtung oder Ansicht überreden, aber das schließt nicht aus, daß man auch gebildete Menschen, die sich nicht für roh halten, davon überzeugt. Das Volk von Florenz hält sich weder für roh noch für unwissend, und doch ließ es sich von Bruder Girolamo Savonarola S. Kap. 7, Anm. 1. überreden, daß er mit Gott spräche. Ob dies zutraf oder nicht, will ich nicht entscheiden, denn von einem solchen Manne muß man mit Ehrfurcht reden. Aber ich sage, daß unzählige ihm glaubten, ohne irgend etwas Außerordentliches gesehen zu haben, das ihren Glauben rechtfertigte. Denn sein Wandel, seine Lehre, der Gegenstand, den er erfaßte, genügten, um ihm Glauben zu verschaffen. Deshalb verzweifle niemand, das ausführen zu können, was andre ausgeführt haben; denn wie ich in meiner Vorrede sagte, sind die Menschen in Geburt, Leben und Tod stets dem gleichen Gesetz unterworfen. Zwölftes Kapitel Wie wichtig es ist, die Religion zu erhalten, und wie Italien durch die Schuld der römischen Kirche die seine verlor und dadurch in Verfall geriet. Monarchien und Republiken, die sich unverdorben erhalten wollen, müssen vor allem die religiösen Bräuche rein und in Ehrfurcht erhalten. Denn es gibt kein schlimmeres Zeichen für den Verfall eines Landes als die Mißachtung des Gottesdienstes. Das ergibt sich leicht, wenn man erkannt hat, worauf sich die Religion, in der ein Mensch geboren ist, gründet. Denn jede Religion hat ihre eigenen Grundlagen und ihr Lebensprinzip. Die heidnische beruhte auf den Orakelsprüchen und auf dem Stande der Auguren und Haruspices; alle übrigen Zeremonien, Opfer und Bräuche hingen davon ab. Denn die Menschen glaubten leicht, daß der Gott, der ihnen ihr zukünftiges Glück oder Unglück voraussagen konnte, auch imstande war, es ihnen widerfahren zu lassen. Daraus entstanden die Tempel, die Opfer, die Bitt- und Dankfeste und alle andern Kultgebräuche; denn das Orakel zu Delphi, der Tempel des Jupiter Ammon und andre berühmte Orakelstätten hielten die Welt in Bewunderung und Andacht. Als sie aber später nach dem Willen der Machthaber zu sprechen begannen und die Völker den Betrug merkten, wurden sie ungläubig und zur Störung jeder guten Ordnung geneigt. Die Leiter einer Republik oder eines Königreichs müssen daher die Grundlagen ihrer Religion erhalten; dann wird es ihnen leicht sein, ihren Staat in Gottesfurcht und somit gut und einträchtig zu erhalten. Alles, was zugunsten der Religion geschieht, mögen sie selbst es auch für falsch halten, müssen sie unterstützen und fördern, und zwar um so mehr, je klüger sie sind und je besser sie die Welt kennen. Da nun alle klugen Männer nach dieser Regel verfuhren, so entstand der Glaube an Wunder, die auch in den falschen Religionen gefeiert werden; denn die Klugen vergrößern sie ohne Rücksicht auf ihren Ursprung, und ihr Ansehen verschafft ihnen dann Glauben bei der Menge. Solcher Wunder gab es in Rom viele, unter anderm dies: Bei der Plünderung der Stadt Veji 395 v. Chr. Vgl. Livius V, 22. traten einige römische Soldaten in den Tempel der Juno, näherten sich dem Kultbild und fragten es: »Vis venire Romam?« (Willst du nach Rom kommen?) Da schien es einem, daß es nickte, und einem andern, daß es ja sagte. Weil nun diese Leute sehr fromm waren, da sie nach dem Zeugnis des Livius ohne Lärm, ganz andächtig und ehrfurchtsvoll in den Tempel traten, so glaubten sie die Antwort zu hören, die sie bei ihrer Frage vielleicht vorausgesetzt hatten. Und dieser Aberglaube wurde von Camillus und den andern Häuptern der Stadt durchaus begünstigt und gefördert. Wäre die Frömmigkeit von den Häuptern der Christenheit so rein erhalten worden, wie der Stifter des Christentums es gewollt hatte, so herrschte mehr Eintracht und Glück in den christlichen Staaten und Ländern als jetzt. Nichts zeigt mehr den Verfall des Glaubens als die Tatsache, daß die Völker am wenigsten Religion haben, die der römischen Kirche, dem Haupt unsres Glaubens, am nächsten sind. Wer die Grundlagen der Religion betrachtet und dann sieht, wie sehr der jetzige Brauch davon abweicht, der muß glauben, daß ihr Untergang oder ihr Strafgericht nahe ist. Noch während der Niederschrift seines Buches brach die Reformation in Deutschland und der Schweiz aus, und Machiavelli erlebte noch das furchtbare Strafgericht des »Sacco di Roma« durch die Kaiserlichen. (S. Lebenslauf, 1527.) Da nun einige der Meinung sind, das Gedeihen der italienischen Angelegenheiten hinge von der römischen Kirche ab, so will ich gegen diese Meinung meine Gründe anführen, und zwar sehr triftige, die nach meiner Meinung unwiderleglich sind. Erstens hat das Land durch das schlimme Beispiel des päpstlichen Hofes alle Frömmigkeit und Religion verloren, was zahllose Mißstände und endlose Wirren zur Folge hat. Denn wie man da, wo Religion herrscht, alles Gute voraussetzt, so ist da, wo sie fehlt, das Gegenteil zu erwarten. Wir Italiener haben es also in erster Linie der Kirche und den Priestern zu danken, daß wir gottlos und schlecht geworden sind. Wir haben ihr aber noch etwas Schlimmeres zu danken, was die Ursache unsres Verfalls ist: ich meine, daß die Kirche unser Land in Zersplitterung erhalten hat und noch hält. Gewiß war noch nie ein Land einig oder glücklich, wenn es nicht ganz einer Republik oder einem Fürsten gehorchte, wie z.B. Frankreich und Spanien. Wenn Italien nicht in der gleichen Lage ist und nicht gleichfalls von einer Republik oder einem Fürsten regiert wird, so ist einzig die Kirche daran schuld. Denn obwohl sie in Italien ihren Sitz und weltliche Macht hat, war sie doch nicht mächtig und mutig genug, um das übrige Italien zu erobern und es sich untertan zu machen. Andrerseits aber war sie auch nicht so schwach, um nicht, sobald sie den Verlust ihrer weltlichen Macht fürchtete, einen Machthaber herbeizurufen, der sie gegen jeden verteidigte, der ihr in Italien zu mächtig geworden war. Es gibt ja ältere Beispiele genug dafür, z.B. Karl den Großen, mit dessen Hilfe die Kirche die Longobarden vertrieb, 774 unterwarf Karl der Große, vom Papst Hadrian I. herbeigerufen, den Langobardenkönig Desiderius. die sich schon fast ganz Italien unterworfen hatten. Ebenso brach sie in unsern Tagen mit Hilfe Frankreichs die Macht der Venezianer Durch die Schlacht bei Agnadello oder Vailà (1509). Vgl. Lebenslauf, 1509. und vertrieb dann mit Hilfe der Schweizer die Franzosen. Papst Julius II. hatte 1510 mit Venedig Frieden gemacht und 1511 mit Spanien und Venedig die »Heilige Liga« gegen Frankreich geschlossen. Weiteres s. Lebenslauf, 1511/12. Da also die Kirche nicht imstande war, Italien zu erobern, aber auch nicht erlaubte, daß es von einem andern erobert wurde, hat sie es verschuldet, daß es nicht unter ein Oberhaupt kam, sondern unter vielen Fürsten und Herren blieb. Dadurch entstand solche Uneinigkeit und Schwäche, daß Italien nicht nur zur Beute mächtiger Barbaren, sondern eines jeden wurde, der es angriff. Das danken wir Italiener der Kirche und niemand anderem. Wer sich durch eigne Erfahrung von dieser Wahrheit überzeugen wollte, der müßte die Macht haben, den römischen Hof mit allem Ansehen, das er in Italien hat, nach der Schweiz zu versetzen, dem einzigen Lande, wo man heute noch in Religion und Kriegswesen nach den Regeln der Alten lebt. Dann würde er sehen, daß die schlimmen Sitten dieses Hofes in jenem Lande mehr Unordnung hervorrufen würden, als irgendein Unglück dort je hätte anrichten können. Dreizehntes Kapitel Wie die Römer die Religion benutzten, um den Staat zu ordnen, ihre Unternehmungen zu fördern und Aufstände zu unterdrücken. Es scheint mir nicht unangebracht, ein paar Beispiele anzuführen, wie die Römer die Religion benutzten, um die Ordnung im Staat wiederherzustellen und ihre Unternehmungen zu fördern. Bei Titus Livius finden sich viele, ich will mich aber mit den folgenden begnügen. Das römische Volk hatte Tribunen mit konsularischer Gewalt gewählt, und zwar alle bis auf einen aus den Plebejern. Im selben Jahre 398 v. Chr. Vgl. Livius V, 13 f. brachen Pest und Hungersnot aus, und gewisse Wunderzeichen erschienen. Das benutzten die Adligen bei der nächsten Tribunenwahl und sagten, die Götter seien erzürnt, weil Rom die Majestät seiner Herrschaft mißbraucht habe, und es gäbe kein andres Mittel, sie zu versöhnen, als bei der Wahl der Tribunen zum alten Brauch zurückzukehren. Die Folge war, daß das Volk, durch die Religion geschreckt, alle Tribunen aus dem Adel wählte. Auch bei der Belagerung von Veji 406-396 v. Chr. sieht man, wie die Feldherren die Religion benutzten, um ihre Heere willig zu erhalten. Der Albaner See war in jenem Jahre 397 v. Chr. Vgl. Livius V, 15. außergewöhnlich gestiegen, und die Soldaten, der langen Belagerung überdrüssig, wollten nach Hause zurückkehren. Da fanden die Römer heraus, daß Apollo und gewisse andre Orakelsprüche sagten, die Stadt Veji werde in dem Jahre erobert werden, wo der Albaner See über die Ufer trete. Dies bewirkte, daß die Soldaten wieder Hoffnung faßten, die Stadt zu erobern. Sie ertrugen die Beschwerden des Krieges und der Belagerung und fügten sich in deren Fortsetzung, bis Camillus, zum Diktator ernannt, die Stadt nach zehnjähriger Belagerung eroberte. So verhalf die gute Benutzung der Religion sowohl zur Eroberung von Veji wie zur Wiederwahl der Tribunen aus dem Adel, was beides ohne dies Mittel schwerlich erfolgt wäre. Ich möchte bei dieser Gelegenheit noch ein andres Beispiel anführen. In Rom waren bedeutende Unruhen ausgebrochen, und zwar weil der Tribun Terentilius ein bestimmtes Gesetz, von dem wir später reden werden, S. Kap. 39. durchbringen wollte. Als hauptsächliches Gegenmittel benutzte der Adel die Religion, und zwar auf zweierlei Weise. Erstens ließ er die Sibyllinischen Bücher einsehen und die Antwort geben, der Stadt drohe in diesem Jahre 461 v. Chr. Vgl. Livius III, 9 f. durch Aufruhr der Verlust ihrer Freiheit. Das jagte dem Volke, bevor die Tribunen hinter die List kamen, solchen Schreck ein, daß sein Eifer, ihnen zu folgen, erlahmte. Das zweite Mittel war folgendes. Ein gewisser Appius Herdonius hatte mit einem Haufen von 4000 Verbannten und Sklaven bei Nacht das Kapitol besetzt, 460 v. Chr. Vgl. ebd. 15 ff. Livius spricht von 2500 Mann. und es stand zu befürchten, daß die Äquer und Volsker, Roms Erbfeinde, gegen die Stadt rückten und sie eroberten. Trotzdem bestanden die Tribunen hartnäckig auf der Durchführung des Terentilischen Gesetzes und behaupteten, der Überfall auf das Kapitol sei von den Patriziern selbst veranlaßt. Da trat Publius Rubetius, Ebd. 17. Bei Livius ist es der Konsul Publius Valerius. ein angesehener und ehrwürdiger Senator, unter das Volk, stellte ihm die Gefahr der Stadt und sein unzeitiges Verlangen vor und brachte es durch teils freundliche, teils drohende Worte dahin, daß es schwor, den Befehlen des Konsuls zu gehorchen. Nun eroberte das gehorsame Volk das Kapitol mit Gewalt zurück. Da aber beim Sturm der Konsul Publius Valerius gefallen war, wurde sofort Titus Quinctius Nach Livius (l. c.) Lucius Quinctius Cincinnatus. zum Konsul gewählt. Um das Volk nicht zur Besinnung kommen zu lassen und ihm keine Zeit zu geben, an das Terentilische Gesetz zu denken, gab dieser den Befehl, aus Rom auszurücken und gegen die Volsker zu ziehen. Dabei berief er sich auf den vom Volke geleisteten Schwur, den Konsul nicht zu verlassen. Die Tribunen widersetzten sich zwar und behaupteten, jener Schwur sei dem verstorbenen Konsul und nicht ihm geleistet. Trotzdem wollte das Volk, wie Livius zeigt, aus Scheu vor der Religion lieber dem Konsul gehorchen als den Tribunen glauben. Zum Lobe der alten Gottesfurcht braucht Livius hier III, 20. die Worte: Nondum haec, quae nunc tenet saeculum, negligentia Deum venerat, nec interpretanda sibi quisque iusiurandum et leges aptas faciebat. (Noch war die heute eingerissene Gottlosigkeit nicht gekommen; noch legte man sich Eide und Gesetze nicht nach seiner Bequemlichkeit aus.) Die Tribunen aber, um ihren Einfluß beim Volke besorgt, kamen mit dem Konsul überein, ihm Gehorsam zu leisten und ein Jahr lang das Terentilische Gesetz ruhen zu lassen; dafür sollten die Konsuln ein Jahr lang das Volk nicht zum Kriege ins Feld führen dürfen. So überwand der Senat diese Schwierigkeit durch die Religion, ohne die er sie nie besiegt hätte. Vierzehntes Kapitel Die Römer legten die Auspizien je nach der Notwendigkeit aus. Sie wahrten klüglich den Schein, die Religion zu beobachten, auch wenn sie sie notgedrungen nicht beobachteten, und wenn jemand sie in vermessener Weise mißachtete, bestraften sie ihn. Die Augurien bildeten nicht nur, wie oben gesagt, die Hauptgrundlage der altheidnischen Religion, sondern sie waren auch die Ursache des Gedeihens der römischen Republik. Daher sorgten die Römer mehr für sie als für irgendeinen andern Brauch. Sie bedienten sich ihrer bei den Konsulwahlen, beim Beginn der Feldzüge, beim Auszuge der Heere, vor den Schlachten und bei jeder wichtigen bürgerlichen oder kriegerischen Handlung. Nie hätten sie einen Feldzug unternommen, ohne die Soldaten zu überzeugen, daß ihnen die Götter den Sieg verhießen. Unter den übrigen Wahrsagungen hatten sie bei den Heeren gewisse Auspizien, die sie Pullarien nannten. So oft sie dem Feind eine Schlacht liefern wollten, mußten die Pullarier ihre Auspizien anstellen. Fraßen die Hühner, so focht man mit guten Vorzeichen, fraßen sie nicht, so gab man den Kampf auf. Gebot jedoch die Vernunft, etwas auszuführen, so wurde es auch bei ungünstigen Auspizien unter allen Umständen ausgeführt; nur wandte und deutete man die Sache so geschickt, daß sie nicht unter Mißachtung der Religion zu geschehen schien. Diesen Kunstgriff benutzte der Konsul Papirius bei einer Entscheidungsschlacht mit den Samnitern, durch die diese für immer geschwächt und niedergebeugt blieben Lucius Papirius Cursor schlug die Samniter 293 v. Chr. bei Aquilonia. Vgl. Livius X, 38 ff . Papirius stand in seinem Lager den Samnitern gegenüber, und da ihm der Sieg gewiß schien, wollte er eine Schlacht liefern. Er befahl also den Pullariern, ihre Auspizien anzustellen, aber die Hühner wollten nicht fressen. Da nun der Vorsteher der Pullarier die große Kampflust des Heeres und die Siegeszuversicht des Feldherrn und der Soldaten sah, wollte er dem Heere die Gelegenheit zu einer glänzenden Waffentat nicht nehmen und meldete dem Konsul, die Auspizien seien günstig. Als Papirius nun das Heer in Schlachtordnung aufstellte, sagten einige Pullarier zu den Soldaten, die Hühner hätten nicht gefressen, und diese teilten es dem Neffen des Konsuls, Spurius Papirius, mit, der es dem Konsul berichtete. Der versetzte rasch, er solle sich um sein Amt kümmern; für ihn und das Heer seien die Auspizien günstig. Hätte der Pullarier gelogen, so würde er selbst den Schaden davon haben. Damit nun der Erfolg der Voraussage entspräche, befahl er den Legaten, die Pullarier ins vorderste Treffen zu stellen. Beim Anrücken gegen den Feind fiel der Vorsteher der Pullarier durch Zufall, vom Speer eines römischen Soldaten getroffen. Auf diese Nachricht rief der Konsul, alles gehe gut und mit der Gunst der Götter, denn durch den Tod dieses Lügners sei ihr Zorn gesühnt und das Heer von aller Schuld gereinigt. Indem er so seine Absichten mit den Auspizien in Einklang zu bringen wußte, konnte er eine Schlacht wagen, ohne daß das Heer die Verletzung der religiösen Vorschriften merkte. Umgekehrt verfuhr Appius Claudius Pulcher in Sizilien während des ersten punischen Krieges. Im Begriff, mit dem Karthagischen Heer zu kämpfen, Publius (nicht Appius) Claudius Pulcher wurde 249 v. Chr. in der Seeschlacht bei Drepana von den Karthagern geschlagen. ließ er die Pullarier ihre Auspizien anstellen, und als sie meldeten, daß die Hühner nicht fräßen, rief er: »Laßt sehen, ob sie nicht trinken wollen!« Er ließ sie ins Meer werfen, schlug die Schlacht und verlor sie. Dafür wurde er in Rom bestraft, Papirius aber geehrt, nicht, weil der eine geschlagen worden war und der andre gesiegt hatte, sondern weil der eine klug gegen die Auspizien gehandelt hatte und der andre vermessen. Diese Einrichtung hatte ja auch keinen andern Zweck, als daß die Soldaten vertrauensvoll in den Kampf gingen, denn aus solchem Vertrauen entspringt fast immer der Sieg. Der gleiche Brauch herrschte aber nicht nur bei den Römern, sondern auch bei andern Völkern, wofür ich im folgenden Kapitel ein Beispiel anführen will. Fünfzehntes Kapitel Wie die Samniter in verzweifelter Lage die Religion als letztes Hilfsmittel benutzten. Die Samniter hatten mehrere Niederlagen durch die Römer erlitten und waren zuletzt in Etrurien geschlagen worden. Im dritten Samniterkrieg (298-90 v. Chr.), insbesondere bei Sentinum (295). Ihre Heere und Feldherren waren gefallen, ihre Bundesgenossen, die Etrusker, Gallier und Umbrer besiegt; nec suis, nec externis viribus iam stare poterant, tamen bello non abstinebant, adeo ne infeliciter quidem defensae libertatis taedebat, et vinci quam non temptare victoriam malebant . Livius X, 31. (Obwohl sie sich weder durch eigne noch durch fremde Kraft aufrechterhalten konnten, ließen sie doch nicht vom Kriege. Trotz aller Mißerfolge wurden sie der Verteidigung der Freiheit nicht überdrüssig und wollten lieber besiegt werden als den Sieg nicht versuchen.) So beschlossen sie denn, die letzte Probe zu machen. Da sie nun wußten, daß sie zum Siegen den Soldaten zähen Willen einflößen mußten, hierzu aber die Religion das beste Mittel bietet, kamen sie auf den Gedanken, durch ihren Priester Ovius Paccius einen alten Opferbrauch zu erneuern. Diese Zeremonie vollzog sich folgendermaßen. Als das feierliche Opfer vollbracht war und alle Anführer des Heeres zwischen den geschlachteten Opfertieren und den flammenden Altären geschworen hatten, nicht aus dem Kampfe zu weichen, riefen sie die Krieger einzeln herbei und ließen sie zwischen den Altären im Kreise vieler Hauptleute mit gezücktem Schwert in der Hand zuerst schwören, nichts von dem, was sie hören oder sehen würden, zu sagen. Dann ließen sie sie mit furchtbaren Worten und grauenvollen Sprüchen schwören und den Göttern geloben, den Befehlen ihrer Feldherren in allem zu gehorchen, nicht aus dem Kampfe zu weichen und jeden, den sie fliehen sähen, niederzumachen, widrigenfalls der Fluch die Häupter ihrer Familie und ihr ganzes Geschlecht treffen sollte. Als einige Soldaten erschraken und nicht schwören wollten, wurden sie sofort von ihren Hauptleuten niedergemacht, worauf alle Nachfolgenden, durch die Furchtbarkeit dieses Anblicks erschreckt, den Eid leisteten. Um den Glanz des Heeres noch zu erhöhen, hatten sie die Hälfte ihrer Streiter, die sich auf 40 000 Mann beliefen, mit weißen Röcken und Helmbüschen geschmückt, und so angetan, stellten sie sich bei Aquilonia auf. 293 v. Chr. Vgl. Livius X, 38. Papirius zog ihnen entgegen. Zur Ermutigung seiner Soldaten sagte er: Non enim cristas vulnera facere, et picta atque aurata scuta transire rornanum pilum. Livius X, 39. (Der Helmschmuck schlägt keine Wunden, und durch gemalte und vergoldete Schilde dringt der römische Speer.) Und um seinen Soldaten die hohe Meinung zu nehmen, die sie wegen des geleisteten Schwurs von den Feinden hatten, sagte er, der Schwur müsse sie eher furchtsam als tapfer machen, denn sie hätten nun zugleich ihre Mitbürger, die Götter und die Feinde zu fürchten. Es kam zur Schlacht, und die Samniter wurden geschlagen, weil die römische Tapferkeit und die durch die früheren Niederlagen erzeugte Furcht den Siegeswillen brach, den ihnen die Kraft der Religion und der geleistete Schwur hätte geben können. Trotzdem sieht man, daß sie keine andre Zuflucht mehr zu haben glaubten und kein anderes Mittel, Hoffnung zu schöpfen und die verlorene Kraft wiederzuerlangen. Das zeigt zur Genüge, welche Zuversicht aus dem rechten Gebrauch der Religion entstehen kann. Obschon diese Begebenheit eigentlich unter die auswärtigen Ereignisse gehört, habe ich sie hier eingefügt, da sie von einer der wichtigsten inneren Einrichtungen des römischen Staates abhängt und ich diesen Gegenstand nicht zerreißen, noch öfter darauf zurückkommen wollte. Sechzehntes Kapitel Wenn ein Volk an Fürstenherrschaft gewöhnt ist und durch irgendein Ereignis frei wird, behauptet es schwer seine Freiheit. Zahllose Beispiele aus der alten Geschichte zeigen, wie schwer es für ein an Fürstenherrschaft gewöhntes Volk ist, seine Freiheit zu behaupten, wenn es sie durch irgendein Ereignis erlangt hat, wie Rom durch die Vertreibung der Tarquinier. Das ist auch ganz natürlich, denn ein solches Volk ist nichts als ein unvernünftiges Tier, das von Natur wild und unbändig, aber stets eingesperrt und in Knechtschaft gehalten ist und dann zufällig ins freie Feld gelassen wird, wo es die Beute des ersten wird, der es wieder an die Kette legen will. Denn es ist nicht gewöhnt, sich seine Nahrung zu suchen, und kennt die Schlupfwinkel nicht, in die es sich verbergen könnte. Das gleiche trifft für ein Volk zu, das unter der Herrschaft eines andern zu leben gewohnt ist. Es weiß sich weder zu verteidigen noch andre anzugreifen, kennt weder die Fürsten, noch wird es von ihnen gekannt und gerät daher bald wieder in ein Joch, das dann meist schwerer ist als das kurz vorher abgeschüttelte. In dieser Notlage befindet es sich schon, wenn es nicht ganz verderbt ist, denn ein ganz verderbtes Volk vermag nicht einmal kurze Zeit, sondern keinen Augenblick in Freiheit zu leben, wie unten gezeigt werden soll. Vorerst sprechen wir nur von Völkern, bei denen die Verderbnis noch nicht überhandgenommen hat, wo noch mehr Gesundes als Krankes vorhanden ist. Zu der oben genannten Schwierigkeit tritt noch eine andre, nämlich, daß ein Staat, der frei wird, sich wohl Feinde, aber keine Freunde im Innern erwirbt. Zu Feinden werden alle, die von der tyrannischen Regierung Vorteile hatten und von den Reichtümern des Fürsten zehrten. Da diese Quelle versiegt ist, können sie nicht zufrieden leben und müssen allesamt versuchen, die Tyrannenherrschaft wieder einzuführen, um wieder zu Ansehen zu gelangen. Freunde erwirbt sich ein solcher Staat nicht, denn ein Freistaat setzt Ehren und Belohnungen nur für rühmliche und bestimmte Handlungen aus, sonst aber für nichts. Auch glauben die, denen diese Ehren und Vorteile zufallen, sie verdient zu haben, fühlen sich daher denen, die sie ihnen erteilen, nicht zu Dank verpflichtet. Überdies wird der allgemeine Vorteil einer freien Verfassung, daß man frei und ohne Sorge sein Eigentum genießen kann, daß man nicht für die Ehre der Frauen und Kinder zu bangen, nicht für sich selbst zu fürchten braucht, von niemand anerkannt, solange man ihn besitzt; denn nie wird jemand einem Dank dafür wissen, daß er ihm kein Unrecht tut. Darum wird ein neu entstehender Freistaat wohl Feinde, aber keine Freunde haben. Um aber den Mißständen und Wirren abzuhelfen, die aus diesen Schwierigkeiten entspringen, gibt es kein kräftigeres, wirksameres, heilsameres und notwendigeres Mittel, als die Söhne des Brutus hinzurichten. Denn wie die Geschichte zeigt, wurden sie und andre römische Jünglinge nur dadurch zur Verschwörung gegen das Vaterland verleitet, daß sie sich unter den Konsuln nicht so viel herausnehmen konnten wie unter den Königen, so daß ihnen die Volksfreiheit zur eignen Knechtschaft geworden schien. Wer daher die Regierung eines Volkes übernimmt, sei es in freiheitlichen oder in monarchischen Formen, und sich nicht vor den Gegnern dieser neuen Ordnung sichert, dessen Staat wird nicht lange bestehen. Allerdings halte ich die Fürsten für beklagenswert, die die Menge zum Feinde haben und sich daher gewaltsamer Mittel bedienen müssen. Denn ein Fürst, der die Wenigen zu Feinden hat, sichert sich leicht und ohne große Unruhen; wer aber die Masse zum Feinde hat, sichert sich nie, und je mehr Grausamkeiten er begeht, desto schwächer wird seine Herrschaft. Für ihn gibt es also kein besseres Mittel, als sich das Volk zum Freunde zu machen. Diese Erörterung paßt zwar nicht zu der Überschrift, da ich hier von einem Fürsten und dort von einer Republik rede, aber um nicht nochmals auf den Gegenstand zurückzukommen, will ich mich kurz darüber aussprechen. Will also ein Fürst ein ihm feindlich gesinntes Volk gewinnen, und zwar rede ich hier von Fürsten, die Tyrannen ihres Vaterlandes geworden sind, so muß er zuerst prüfen, was das Volk wünscht, und stets wird er zwei Wünsche finden: erstens, sich an denen zu rächen, die seine Knechtschaft verschuldet haben, und zweitens, seine Freiheit wiederzuerlangen. Den ersten Wunsch kann der Fürst voll befriedigen, den zweiten teilweise. Für den ersten gibt es ein treffendes Beispiel. Als Klearchos, der Tyrann von Herakleia, 363-52 v. Chr. verbannt war, brach zwischen dem Volk und den Vornehmen von Herakleia ein Streit aus. Da die Vornehmen sich im Nachteil sahen, beschlossen sie, den Klearchos zu begünstigen. Sie verschworen sich mit ihm, führten ihn gegen den Willen des Volkes nach Herakleia zurück und nahmen dem Volke die Freiheit. Klearchos sah sich also zwischen den Übermut der Vornehmen, die er in keiner Weise befriedigen noch zügeln konnte, und zwischen die Wut des Volkes gestellt, das den Verlust der Freiheit nicht verschmerzen konnte. So faßte er den Entschluß, sich mit einem Schlage von den lästigen Großen zu befreien und das Volk für sich zu gewinnen. Bei passender Gelegenheit ließ er zur größten Befriedigung des Volkes alle Vornehmen in Stücke hauen und befriedigte so einen der Wünsche, die das Volk hat, nämlich den, sich zu rächen. Was aber den andern Wunsch des Volkes, den nach Freiheit, betrifft, so muß der Fürst, der ihn nicht erfüllen kann, die Ursachen dieses Freiheitsdranges untersuchen. Dabei wird er finden, daß nur ein geringer Teil des Volkes die Freiheit will, um zu befehlen, aber die überwiegende Mehrzahl, um sicher zu leben. Denn in jedem Gemeinwesen, welche Verfassung es auch haben möge, gelangen zu den leitenden Stellen höchstens 40 bis 50 Bürger, und bei ihrer geringen Zahl ist es leicht, sich ihrer zu versichern, indem er sie entweder beseitigt, oder sie so auszeichnet, daß sie, je nach ihrem Stande, im großen und ganzen zufrieden sein können. Die andern aber, die nur sicher leben wollen, sind leicht zufriedengestellt, wenn er Einrichtungen und Gesetze schafft, die mit seiner eignen Macht die öffentliche Sicherheit erhalten. Tut ein Fürst das, und sieht das Volk, daß er bei keiner Gelegenheit die Gesetze bricht, so wird es bald anfangen, sicher und zufrieden zu leben. Einen Beweis hierfür bietet das Königreich Frankreich, in dem nur deshalb Sicherheit herrscht, weil die Könige an zahllose Gesetze gebunden sind, die die Sicherheit aller ihrer Völker verbürgen. Der Ordner dieses Reiches gab den Königen freie Verfügung über das Kriegswesen und die Finanzen, in allem übrigen aber band er sie an die Gesetze. Wohl Ludwig XI. (1461-83), der den schon von Ludwig dem Heiligen (1226-70) begründeten Einheitsstaat ausbaute. Ein Fürst oder eine Republik also, die sich nicht von Anfang an sichern, müssen dies, wie die Römer, bei der ersten Gelegenheit nachholen. Wer dies versäumt, bereut zu spät, es nicht getan zu haben. Als das römische Volk seine Freiheit wiedererlangte, war es noch unverdorben und konnte sie daher nach der Hinrichtung der Söhne des Brutus und dem Aussterben der Tarquinier durch die oben genannten Mittel und Einrichtungen behaupten. Wäre es jedoch verderbt gewesen, so hätte sich weder in Rom noch anderswo ein wirksames Mittel zur Erhaltung der Freiheit gefunden, wie im nächsten Kapitel gezeigt werden soll. Siebzehntes Kapitel Ein verderbtes Volk, das zur Freiheit gelangt, kann sich nur mit größter Schwierigkeit frei erhalten. Ich glaube, entweder mußten die Könige in Rom ausgerottet werden, oder Rom wäre in Kürze schwach und kraftlos geworden. Denn bedenkt man, wie verderbt die Könige geworden waren, so brauchten nur noch zwei bis drei solcher Regenten zu folgen, und ihre Verderbtheit hätte sich durch die Glieder des Staatskörpers verbreitet; in diesem Fall aber war eine Neuordnung des Staates unmöglich. Da jedoch das Haupt fiel, als der Körper noch unversehrt war, so konnte man leicht zu einer freien, geordneten Verfassung zurückkehren. Es muß als unumstößliche Wahrheit gelten, daß ein verderbter Staat, der unter einem Fürsten lebt, nie frei werden kann, auch wenn der Fürst mit seinem ganzen Stamm vertilgt wird; vielmehr wird ein Fürst nur den andern verdrängen. Ohne sich einen neuen Herrn zu geben, kommt dieser Staat also nie zur Ruhe; es müßte denn einer, der Güte mit Kraft paart, ihm die Freiheit erhalten. Aber selbst dann wird die Freiheit mit dem Tode dieses Mannes ein Ende nehmen. So erging es Syrakus mit Dion und Timoleon, S. Kap. 10, Anm. 29. deren Tugend die Stadt zu verschiedenen Zeiten frei erhielt, solange sie lebten; nach ihrem Tode aber fiel sie in die alte Tyrannenherrschaft zurück. Das schlagendste Beispiel jedoch bietet Rom; denn nach der Vertreibung der Tarquinier konnte es sofort die Freiheit ergreifen und behaupten, aber nach der Ermordung Cäsars, Caligulas und Neros und dem Verlöschen des ganzen julischen Hauses konnte es die Freiheit nicht nur nicht behaupten, sondern nicht einmal einen Anlauf dazu nehmen. Solche Verschiedenheit der Wirkung in ein und derselben Stadt erklärt sich nur daraus, daß das römische Volk zur Zeit der Tarquinier noch unverdorben, in der späteren Zeit aber durchaus verderbt war. Um es der Königsherrschaft feind zu erhalten, genügte damals der Schwur, nie Könige in Rom zu dulden. Später aber reichte das Ansehen und die Strenge des Brutus samt allen Legionen des Ostens nicht hin, um es zur Erhaltung der Freiheit zu bewegen, die ihm Brutus gleich seinem Ahnherrn wieder geschenkt hatte. 509 v. Chr. stürzte Lucius Junius Brutus die Targuinier, 44 v. Chr. ermordete Marcus Junius Brutus den Cäsar. Das kam von der durch die Partei des Marius ins Volk getragenen Sittenverderbnis; nur dadurch konnte Cäsar, das Haupt dieser Partei, die Menge so verblenden, daß sie das Joch nicht gewahrte, das sie sich selbst auf den Nacken legte. Das Beispiel Roms ist zwar ausschlaggebend, aber ich will bei dieser Gelegenheit auch Völker der Gegenwart anführen. Ich sage also, daß kein Ereignis, so wichtig und gewaltig es sei, Mailand oder Neapel je wieder frei machen könnte, weil die Sitten hier völlig verderbt sind. Das zeigte sich, als Mailand nach dem Tode Filippo Viscontis zur Freiheit zurückkehren wollte, sie aber nicht zu behaupten verstand noch vermochte. Nach dem Tode des Herzogs Filippo Maria Visconti (1447) erklärte sich Mailand zur Republik, kam aber schon 1450 in die Gewalt seines Feldhauptmanns Francesco Maria Sforza, dessen Geschlecht die Herrschaft unter wechselnden Schicksalen behielt, bis es 1335 ausstarb. Die folgende spanische Herrschaft wurde 1717 durch die österreichische abgelöst, die bis 1859 währte. – Nach der Gefangennahme des letzten Königs Friedrich von Aragon durch die Franzosen (1501) und der Eroberung durch die Spanier (1503) kam Neapel unter spanische Herrschaft bzw. Dynastie, unter der es mit zwei größeren Unterbrechungen bis 1860 blieb. Es war also für Rom ein großes Glück, daß seine Könige schnell verderbt und verjagt wurden, bevor ihre Verderbtheit in die Eingeweide des Staates überging. Dieser Sittenreinheit ist es zuzuschreiben, daß die zahllosen Unruhen in Rom, da der Endzweck der Bürger immer gut war, dem Staate nichts schadeten, sondern nützten. Man kann also den Schluß ziehen, daß da, wo die Sitten rein sind, Aufstände und Unruhen nichts schaden; wo sie aber verderbt sind, helfen auch die besten Gesetze nichts, sie würden denn von einem Manne mit äußerster Strenge gehandhabt, bis die Sitten wieder gut sind. Ob das je geschehen ist oder geschehen könnte, weiß ich nicht; denn wie gesagt, wenn ein Staat durch Sittenverderbnis in Verfall geraten ist und sich überhaupt wieder erholt, so geschieht dies nur durch das Verdienst eines Mannes, und nicht der Gesamtheit, die die guten Einrichtungen in Kraft erhielte. Sobald dieser eine stirbt, kehrt der Staat ins alte Geleise zurück. Ein Beispiel hierfür bietet Theben, das durch die Tüchtigkeit des Epaminondas eine republikanische Regierungsform erhielt und zur Vormacht in Griechenland wurde, nach seinem Tode aber in die alte Verwirrung zurücksank. Die obige Stelle nach Cornelius Nepos. Denn kein Mensch lebt so lange, daß er einem seit lange verderbten Staat gute Sitten beibringen könnte. Da also ein Mann von sehr langer Lebensdauer und selbst zwei tüchtige Regierungen hintereinander die Sitten nicht bessern, so geht der Staat, wie gesagt, sobald es an solchen Männern fehlt, sofort zugrunde, wenn ihn nicht einer mit vielen Gefahren und Blutvergießen wieder emporbringt. Denn die Verderbnis und Unfähigkeit zu freiem Leben entsteht aus der im Staate herrschenden Ungleichheit, und will man diese abstellen, so muß man die außerordentlichsten Mittel anwenden. Dazu aber sind wenige fähig oder gewillt, wie an andrer Stelle auseinandergesetzt werden soll. Vgl. Kap. 18 und 55. Achtzehntes Kapitel Wie in verderbten Staaten eine freie Verfassung, die schon besteht, erhalten werden, und wenn sie nicht besteht, eingeführt werden kann. Ich halte es nicht für unangebracht noch dem vorigen Kapitel widersprechend, wenn ich die Frage aufwerfe, ob sich in einem verderbten Staat eine bestehende freie Verfassung erhalten oder eine nicht bestehende einführen läßt. Beides ist sehr schwierig. Auch läßt sich kaum eine Vorschrift dafür geben, da hier verschiedene Stufen von Verderbtheit in Betracht kommen. Da es aber gut ist, alle Dinge zu erörtern, will ich an dieser Frage nicht vorübergehen. Setzen wir einen ganz verderbten Staat voraus, um die Schwierigkeit aufs höchste zu steigern; denn um die allgemeine Verderbnis aufzuhalten, gibt es weder Gesetze noch Einrichtungen. Wie gute Sitten zu ihrer Erhaltung der Gesetze bedürfen, sind zu ihrer Befolgung auch gute Sitten erforderlich. Vgl. Polybios, IV, 47, i. Zudem sind die Einrichtungen und Gesetze aus der Entstehungszeit eines Staatswesens, als die Menschen noch gut waren, später, wenn sie schlecht geworden sind, nicht mehr tauglich. Und wenn sich auch die Gesetze einer Stadt im Laufe der Ereignisse ändern, so ändern sich ihre Einrichtungen doch nie oder selten. Infolgedessen genügen die neuen Gesetze nicht, weil die feststehenden Einrichtungen sie verderben. Zum besseren Verständnis dieser Tatsache ziehe ich Rom heran. Hier bestand zunächst die Verfassung oder Staatsordnung und ferner die Gesetze, durch die die Behörden die Bürger im Zaum hielten. Die Staatsordnung bestand in der Gewalt des Volkes, des Senats, der Tribunen, der Konsuln, in der Wahl und Ernennung der Behörden und in der Gesetzgebung. An diesen Einrichtungen wurde durch die Ereignisse wenig oder gar nichts geändert. Es änderten sich nur die Gesetze, die die Bürger im Zaum hielten, wie das Gesetz gegen den Ehebruch, das Aufwandsgesetz, das Gesetz über die Ämterbewerbung und viele andre, in dem Maße, wie die Bürger allmählich verderbter wurden. Da nun die Staatsordnung die gleiche blieb und bei der Verderbtheit der Sitten nicht mehr gut war, so reichte die Erneuerung der Gesetze nicht hin, um die Menschen gut zu erhalten; wohl aber hätte sie genügt, wenn mit der Erneuerung der Gesetze die der Einrichtungen gleichen Schritt gehalten hätte. Daß diese Einrichtungen in der verderbten Stadt nicht mehr gut waren, zeigt sich deutlich an zwei Hauptpunkten: der Ernennung der Behörden und der Gesetzgebung. Was die Wahl der Behörden betrifft, so verlieh das Volk das Konsulat und die andern höchsten Ämter nur an solche, die sich darum bewarben. Diese Einrichtung war zu Anfang gut, denn es bewarben sich nur solche Bürger, die sich dieser Ämter für würdig hielten, und eine Zurückweisung war schimpflich. Um also für würdig gehalten zu werden, führte jeder sich wohl auf. Später, in der verderbten Stadt, wurde dieser Brauch höchst verderblich; denn jetzt bewarben sich nicht die Tüchtigsten, sondern die Mächtigsten um die Ämter, und die Tüchtigen, aber Machtlosen wagten sich nicht zu bewerben. Zu diesem Übelstand gelangte man nicht auf einmal, sondern stufenweise, wie bei allen anderen Übelständen. Nachdem die Römer Afrika und Asien bezwungen und fast ganz Griechenland unterworfen hatten, machten sie sich keine Sorge mehr um ihre Freiheit und glaubten keine gefährlichen Feinde mehr zu haben. Infolge dieser Sorglosigkeit und dieser Schwäche der Feinde sah das römische Volk bei der Wahl der Konsuln nicht mehr auf Tüchtigkeit, sondern es entschied nach Gunst und wählte Leute, die den Bürgern zu Gefallen redeten, nicht aber solche, die am besten zu siegen verstanden. Später wandte es sich von denen, die am meisten in Gunst standen, zu denen, die die meiste Macht hatten. Durch die Mängel dieser Einrichtung blieben die Tüchtigen ganz ausgeschlossen. Was zweitens die Gesetzgebung betraf, so konnte ein Tribun oder irgendein Bürger dem Volke ein Gesetz vorschlagen, für oder gegen das jeder Bürger sich äußern konnte, ehe darüber beschlossen wurde. Diese Einrichtung war gut, solange die Bürger gut waren; denn es war immer gut, daß einer, der etwas zum Besten des Volkes weiß, es vorschlagen und daß jeder seine Meinung darüber sagen kann, damit das Volk jeden anhören und dann das Beste wählen kann. Als jedoch die Bürger schlecht geworden waren, wurde diese Einrichtung sehr schlecht; denn nur die Mächtigen schlugen Gesetze vor, nicht zugunsten der allgemeinen Freiheit, sondern zur Vergrößerung ihrer Macht, und aus Furcht vor ihnen konnte niemand widersprechen. So wurde das Volk betrogen oder gezwungen, sein eignes Verderben zu beschließen. Wollte sich Rom also in seiner Verderbtheit frei erhalten, so mußte es in dem Maße, wie es neue Gesetze schuf, auch neue Einrichtungen schaffen, denn einem kranken Körper muß man andre Regeln und eine andre Lebensweise vorschreiben als einem gesunden, und dieselbe Form paßt nicht für einen völlig veränderten Stoff. Hat man aber die Untauglichkeit dieser Einrichtungen eingesehen, so müssen sie entweder alle auf einmal erneuert werden oder nach und nach, bevor dies von jedem erkannt wird; aber beides ist so gut wie unmöglich. Denn um sie nach und nach zu erneuern, muß ein weiser Mann das Übel schon von weitem und bei seinem Entstehen erkennen und Gegenmaßregeln treffen. Vgl. Aristoteles, Politik, VIII, 3. Nun aber ist es leicht möglich, daß solch ein Mann in einer Stadt nie ersteht, und erstünde er auch, so könnte er doch die andern nie von der Richtigkeit seiner Einsicht überzeugen. Denn die Menschen, die an einen bestimmten Zustand gewöhnt sind, wollen ihn nicht ändern, zumal wenn sie das Übel nicht vor Augen sehen, sondern wenn es ihnen als bloß wahrscheinlich gezeigt werden muß. Was aber die Erneuerung der Einrichtungen auf einmal betrifft, wo jeder ihre Untauglichkeit einsieht, so ist diese Untauglichkeit zwar leicht einzusehen, aber schwer zu verbessern; denn bei der Schlechtigkeit der Einrichtungen reichen die gewöhnlichen Mittel nicht hin, und man muß zu außerordentlichen greifen, also zu Gewalt und zu den Waffen. Vor allem aber muß man Herr dieser Stadt werden, um nach Gutdünken schalten zu können. Nun aber setzt die Erneuerung der Verfassung einen trefflichen Mann voraus, die gewaltsame Besitznahme der Macht aber einen schlechten, und so wird nur äußerst selten der Fall eintreten, daß ein Mann mit guten Absichten auf schlimmen Wegen Fürst wird, ein schlechter aber, der Fürst geworden ist, schwerlich gut handeln und seine schlimm erworbene Macht zu gutem benutzen. Aus alledem ergibt sich die Schwierigkeit, ja die Unmöglichkeit, in verderbten Städten eine Republik zu erhalten oder zu begründen. Wäre dies dennoch notwendig, so müßte man sie mehr der Monarchie als der Republik annähern, damit die Menschen, deren Übermut durch Gesetze nicht zu bessern ist, durch eine fast königliche Gewalt einigermaßen im Zaume gehalten werden. Sie auf andre Weise zu bessern, wäre entweder völlig unmöglich oder ein höchst grausames Unternehmen, wie ich oben an Kleomenes S. Kap. 9. gezeigt habe. Wenn jedoch Kleomenes, um allein zu stehen, die Ephoren ermordete, und wenn Romulus aus dem gleichen Grunde seinen Bruder und den Sabiner Titus Tatius umbrachte, beide aber ihre Gewalt nachher zum Guten benutzten, so darf man nicht vergessen, daß ihre Völker noch nicht so verdorben waren, wie in diesem Kapitel vorausgesetzt wird. Darum konnten sie ihren Plan fassen und der Tat eine gute Wendung geben. Neunzehntes Kapitel Nach einem ausgezeichneten Fürsten kann sich ein schwacher halten; nach einem schwachen aber kann sich mit einem zweiten schwachen kein Reich behaupten. Betrachtet man die Eigenschaften und die Handlungsweise des Romulus, Numa und Tullus, der ersten drei römischen Könige, so erkennt man, daß Rom ein großes Glückslos zog, da es zuerst einen sehr tapferen und kriegerischen, dann einen friedlichen und frommen und hierauf einen König hatte, der Romulus an Tapferkeit gleichkam und den Krieg mehr liebte als den Frieden. Denn Rom mußte anfangs einen Ordner des bürgerlichen Lebens haben, aber die folgenden Könige mußten auch zur Tapferkeit des Romulus zurückkehren, sonst wäre Rom verweichlicht und zur Beute seiner Nachbarn geworden. Daraus ergibt sich, daß ein Herrscher, der nicht so tapfer ist wie sein Vorgänger, den Staat durch dessen Tapferkeit noch aufrechterhalten und die Früchte seiner Anstrengungen genießen kann. Hat er aber ein langes Leben oder folgt ihm ein andrer ohne die Tapferkeit des ersten, so muß das Reich notwendig zugrunde gehen. Besitzen dagegen zwei Fürsten hintereinander große Tapferkeit, so sieht man sie häufig das Größte vollbringen und ihren Ruhm bis zum Himmel erheben. David war ohne Zweifel ein Mann von hervorragender Erfahrung im Kriegswesen, voller Kenntnisse und Urteilskraft, ja, seine Tapferkeit war so groß, daß er alle seine Nachbarn besiegte und niederwarf und seinem Sohn Salomo das Reich im Frieden hinterließ. Salomo konnte es durch die Künste des Friedens und des Krieges erhalten und die Früchte der väterlichen Tapferkeit glücklich genießen. Nicht so konnte er das Reich seinem Sohne Rehabeam hinterlassen, und da dieser an Tapferkeit dem Großvater und an Glück dem Vater nachstand, behielt er kaum den sechsten Teil seines Erbes. Der türkische Sultan Bajesid, der den Frieden mehr liebte als den Krieg, konnte die Früchte der Anstrengungen seines Vaters Mohammed genießen, Mohammed II. (1451-81) eroberte 1453 Konstantinopel und unterwarf den Peleponnes, Epirus, Albanien und Bosnien. Die Regierung seines Sohnes Bajesid II. (1481-1512) war tatenlos. der seine Nachbarn wie David niedergeworfen hatte und ihm ein befestigtes Reich hinterließ, das er durch die Künste des Friedens leicht erhalten konnte. Hätte aber sein Sohn Selim, Selim I. (1512-21) eroberte Armenien, Syrien, Arabien und Ägypten. der jetzige Großherr, dem Vater und nicht dem Großvater geglichen, so wäre das Reich zugrunde gegangen; indes scheint sein Ruhm den des Großvaters noch überstrahlen zu sollen. Diese Beispiele beweisen, daß sich nach einem ausgezeichneten Fürsten ein schwacher halten kann; unter einem zweiten schwachen aber kann sich kein Reich behaupten, es sei denn, daß es sich wie Frankreich durch seine alten Einrichtungen von selbst erhielte. Schwach aber sind alle Fürsten, die sich nicht auf den Krieg verstehen. Ich ziehe also den Schluß, daß die große Tapferkeit des Romulus dem Numa Pompilius erlaubte, Rom viele Jahre lang durch die Künste des Friedens zu regieren. Auf ihn aber folgte Tullus Hostilius, der durch seine Tapferkeit den Ruf des Romulus wiederherstellte; auf ihn Ancus Marcius, der so veranlagt war, daß er den Frieden benutzen und den Krieg ertragen konnte. Anfangs die Bahn des Friedens beschreitend, erkannte er bald, daß ihn die Nachbarn für weibisch hielten und gering schätzten, und so sah er ein, daß er zur Erhaltung Roms zu den Waffen greifen und dem Romulus, nicht dem Numa, nachstreben müsse. Daraus mögen sich alle Fürsten, die einen Staat zu regieren haben, eine Lehre ziehen. Wer dem Numa gleicht, wird die Herrschaft behalten oder nicht behalten, je nachdem die Umstände oder das Glück sich wenden; wer aber dem Romulus gleicht und wie er klug und tapfer ist, wird sie unter allen Umständen behalten, wenn er nicht von einem hartnäckigen und übermütigen Feinde gestürzt wird. Hätte Roms dritter König seinen Ruf nicht mit den Waffen wiederhergestellt, so kann man mit Sicherheit annehmen, daß Rom später nie mehr oder doch nur mit der größten Schwierigkeit Fuß gefaßt und derartige Erfolge errungen hätte. Und so war es unter den Königen stets in Gefahr, unter einem schwachen oder schlechten Herrscher zugrunde zu gehen. Vgl. Kap. 10, Abs. 3, am Schluß. Zwanzigstes Kapitel Die Aufeinanderfolge zweier tapferer Fürsten zeitigt große Erfolge. Gut eingerichtete Republiken haben notwendig stets tapfere Führer; deshalb machen sie große Eroberungen und werden mächtige Reiche. Nach der Vertreibung der Könige war Rom frei von der oben genannten Gefahr, daß ein schwacher oder schlechter Herrscher zur Regierung kam. Denn die höchste Gewalt lag nun in der Hand der Konsuln, die nicht durch Erbfolge, List oder Gewalt, sondern durch freie Wahl zur Macht gelangten und stets ausgezeichnete Männer waren. Durch ihre Tapferkeit und ihr Glück schrittweise gefördert, erklomm Rom den Gipfel seiner Macht in ebensoviel Jahren, als es unter den Königen gestanden hatte. Denn wie man an Philipp von Mazedonien und Alexander dem Großen sieht, genügt schon die Aufeinanderfolge zweier tapfrer Fürsten, um die Welt zu erobern. Wieviel mehr muß dies einer Republik gelingen! Hat sie doch die Mittel, nicht nur zwei, sondern zahllose tapfre Männer hintereinander zu Führern zu wählen. Diese glänzende Folge wird in jeder gut eingerichteten Republik zu finden sein. Einundzwanzigstes Kapitel Sehr tadelnswert sind die Fürsten und Republiken, die keine eigene Kriegsmacht haben. Die heutigen Fürsten und die neueren Republiken, die zur Verteidigung und zum Angriff keine eigenen Truppen haben, müssen sich ihrer selbst schämen und aus dem Beispiel des Tullus Hostilius erkennen, daß die Schuld für diesen Mangel nicht im Fehlen kriegstüchtiger Männer, sondern bei ihnen selbst liegt, weil sie ihre Untertanen nicht kriegstüchtig zu machen verstehen. Denn als Tullus nach vierzigjähriger Friedenszeit zur Regierung kam, fand er in Rom nicht einen Mann, der jemals im Krieg gewesen war. Als er aber Krieg führen wollte, dachte er nicht daran, sich der Samniter, Etrusker oder andrer krieggewohnter Völker zu bedienen, sondern er beschloß als weiser Fürst, seine eignen Untertanen zu verwenden, und seine Tapferkeit war so groß, daß er sie während seiner Regierung mit einem Schlage zu den besten Soldaten erzog. Nichts ist so wahr wie der Satz, daß da, wo es Männer und keine Soldaten gibt, die Schuld am Fürsten liegt und nicht an der Lage des Landes noch am Himmelsstrich. Die neuste Geschichte liefert ein Beispiel dafür. Ein jeder weiß, daß vor einigen Jahren der König von England Frankreich angriff S. Lebenslauf, 1513. und keine andren Soldaten als seine Landeskinder dazu nahm. England aber hatte dreißig Jahre lang keinen Krieg geführt; es besaß weder Soldaten noch Führer, die je im Felde gewesen waren. Trotzdem scheute er sich nicht, mit diesen Truppen ein Reich anzugreifen, das viele gute Feldherren und Heere hatte, die in den italienischen Kriegen dauernd unter den Waffen gestanden hatten. Der Grund war der, daß der König ein weiser Fürst und England ein wohlgeordnetes Reich ist, das sein Kriegswesen im Frieden nicht vernachlässigt hatte. Nachdem Pelopidas und Epaminondas ihre Vaterstadt Theben befreit und das Joch Spartas abgeschüttelt hatten, verzweifelten sie in ihrer Mannhaftigkeit doch nicht daran, das an Knechtschaft gewöhnte und verweichlichte Volk wieder kriegerisch zu machen und sich mit den Spartanern im Felde zu messen, ja sogar sie zu besiegen! Jene beiden, sagt der Geschichtsschreiber, Cornelius Nepos. hätten in kurzer Zeit bewiesen, daß nicht nur in Sparta Kriegsmänner geboren werden, sondern überall, wo Menschen zur Welt kommen, wenn sich nur einer findet, der sie zu Soldaten macht, wie Tullus die Römer dazu machte. Nicht besser konnte Virgil diese Ansicht ausdrücken und bekräftigen als mit den Worten: Desidesque movebit Tullus in arma viros. Müßige Männer machte Tullus zu Kriegern (Aeneis VI, 813 f.). Zweiundzwanzigstes Kapitel Betrachtungen über die drei römischen Horatier und die drei albanischen Curiatier König Tullus von Rom und König Mettius von Alba kamen überein, daß das Volk des andern Herr sein sollte, dessen oben genannte drei Männer den Sieg davontrügen. Es fielen alle albanischen Curiatier, am Leben blieb einer der römischen Horatier, und somit war der albanische König Mettius mit seinem Volke den Römern untertan. Als der siegreiche Horatier bei seiner Rückkehr nach Rom seiner Schwester begegnete, die mit einem der gefallenen drei Curiatier verlobt war und den Tod ihres Gatten beweinte, erschlug er sie. Wegen dieses Verbrechens wurde er vor Gericht gestellt und nach langem Streit freigesprochen, mehr auf die Bitten seines Vaters hin als wegen seiner Verdienste. Livius I, 24 ff. Dazu ist dreierlei zu bemerken: Erstens soll man nie mit einem Teil seiner Streitkräfte sein ganzes Schicksal aufs Spiel setzen. Zweitens werden in einem wohlgeordneten Staat niemals Verbrechen durch Verdienste aufgewogen. Drittens ist es nie klug, Verträge zu schließen, deren Nichterfüllung man fürchten kann oder muß. Denn dienstbar zu sein, ist für eine Stadt von solcher Bedeutung, daß man niemals annehmen durfte, einer jener Könige oder eines der beiden Völker werde sich damit zufriedengeben, daß drei ihrer Bürger sie in Dienstbarkeit gebracht hatten. Auch Mettius wollte das nicht. Zwar erklärte er sich gleich nach dem Siege der Römer für überwunden und gelobte dem Tullus Gehorsam, aber bei dem ersten gemeinsamen Feldzug gegen Veji suchte er ihn zu hintergehen, da er, wenn auch zu spät, die Unbesonnenheit seiner Handlungsweise einsah. Soviel von dem dritten bemerkenswerten Punkt; über die beiden ersten in den zwei folgenden Kapiteln. Dreiundzwanzigstes Kapitel Man darf nicht sein ganzes Glück in Gefahr bringen, ohne dabei die gesamten Streitkräfte einzusetzen. Deshalb ist die Besetzung der Pässe oft schädlich. Es galt nie für weise, sein ganzes Glück in Gefahr zu bringen, ohne dabei alle Streitkräfte einzusetzen. Dies kann auf manche Art geschehen. Die eine ist die des Tullus und Mettius, die das ganze Schicksal ihres Vaterlandes und die Tapferkeit so vieler Männer, die sie in ihren Heeren hatten, der Tapferkeit und dem Glück dreier Bürger, also einem ganz kleinen Bruchteil der beiderseitigen Streitkräfte anvertrauten. Sie sahen nicht ein, daß sie damit fast die ganze Mühe ihrer Vorgänger vereitelten, dem Staat eine solche Verfassung zu geben, daß er sich lange frei erhalten und die Bürger seine Freiheit verteidigen konnten; denn es hing ja nur von ganz wenigen ab, diese Freiheit zu vernichten. Die beiden Könige konnten also nicht übler beraten sein. In den gleichen Fehler verfällt man fast immer, wenn man beim Anrücken des Feindes den Plan faßt, die schwierigen Punkte zu halten und die Pässe zu besetzen. Dieser Entschluß ist fast immer von Nachteil, es sei denn, daß man an einem schwierigen Punkt seine ganze Streitkraft bequem aufstellen kann. Nur dann ist ein solcher Entschluß zu fassen. Ist aber die Gegend unwegsam, und kann man nicht seine ganze Streitkraft dort halten, so ist der Entschluß schädlich. Meine Meinung gründet sich darauf, daß Völker, deren Land von Alpenketten und Gebirgen umschlossen ist, beim Angriff mächtiger Feinde nie versucht haben, den Feind auf den Pässen und in den Bergen zu bekämpfen. Vielmehr traten sie ihm jenseits derselben entgegen, oder wenn sie das nicht wollten, erwarteten sie ihn diesseits der Berge in fruchtbaren, nicht bergigen Gegenden. Der Grund war der oben genannte. Denn zur Besetzung von Bergpässen kann man nicht viel Leute verwenden, teils weil sie nicht lange dort leben können, teils weil diese Engen nur wenig Menschen fassen. Man kann also einem zahlreich anrückenden Feinde keinen Widerstand leisten. Dem Feinde aber ist es ein leichtes, in großen Haufen zu kommen, denn er will ja hindurch und nicht stehenbleiben. Der Verteidiger aber kann ihn nicht mit starken Kräften erwarten, denn er weiß ja nicht, wann der Feind kommt, und kann sich, wie gesagt, nicht für längere Zeit in engen, unfruchtbaren Gegenden halten. Geht aber der Paß verloren, den man halten wollte und auf den das Volk und das Heer sich verließ, so bemächtigt sich beider meist ein solcher Schrecken, daß man besiegt wird, ohne die Tapferkeit des Heeres auf die Probe zu stellen, und so mit einem Teil seiner Streitkräfte alles verliert. Jedermann weiß, mit welchen Schwierigkeiten Hannibal die Alpen überschritt, die Frankreich von der Lombardei trennen, und den Apennin, der die Lombardei von Toskana scheidet. Nichtsdestoweniger erwarteten ihn die Römer erst am Tessin und dann in der Ebene von Arezzo. Am Trasimenischen See südlich Arezzo, Vgl. Livius XXI f. Sie wollten sich lieber da einer Niederlage aussetzen, wo ein Sieg möglich war, als das Heer in die Alpen hinaufführen, wo es durch die Ungunst der Gegend vernichtet worden wäre. Bei aufmerksamem Lesen der Weltgeschichte wird man nur sehr wenige tüchtige Feldherren finden, die dergleichen Pässe zu halten versucht haben, teils aus den angeführten Gründen, teils weil sich nicht alle sperren lassen. Denn im Gebirge wie in der Ebene gibt es nicht nur die gewohnten und betretenen Straßen, sondern auch viele andre Wege, die zwar nicht den Fremden, aber den Einheimischen bekannt sind, und mit ihrer Hilfe kann man stets gegen den Willen des Verteidigers durchkommen. Dafür liefert das Jahr 1515 ein ganz frisches Beispiel. Als König Franz I. von Frankreich einen Zug nach Italien plante, um die Lombardei zurückzuerobern, Die Könige Karl VIII. und Ludwig XII. hatten vergeblich versucht, sich in Italien zu behaupten. Franz I. gewann 1515 die Lombardei durch die Schlacht bei Marignano, verlor sie aber nach wechselvollen Kämpfen 1525 durch die Schlacht bei Pavia. verließen die Gegner seiner Unternehmung sich hauptsächlich darauf, daß die Schweizer ihn in den Alpen aufhalten würden. Der Ausgang zeigte indes, daß ihre Rechnung falsch war, denn der König umging ein paar der von ihnen besetzten Punkte, schlug einen unbekannten Weg ein und war in Italien und ihnen im Nacken, ehe sie es gemerkt hatten. Voller Schrecken zogen sie sich nun nach Mailand zurück, und die ganze Lombardei ergab sich den Franzosen, da ihre Hoffnung, sie würden im Gebirge festgehalten werden, zuschanden geworden war. Vierundzwanzigstes Kapitel Wohlgeordnete Republiken setzen Belohnungen und Strafen für ihre Bürger fest, gleichen aber nie eins durch das andere aus. Das Verdienst des Horatiers war sehr groß, denn er hatte durch seine Tapferkeit die Curiatier besiegt. Sein Verbrechen war grauenhaft, denn er hatte seine Schwester getötet. Diese Mordtat empörte die Römer so, daß sie ihn trotz seines großen, noch in frischer Erinnerung stehenden Verdienstes vor Gericht zogen, um über sein Leben zu beschließen. Oberflächlich betrachtet, könnte dies als Beispiel von Undankbarkeit des Volkes erscheinen. Bei reiflicher Überlegung jedoch und bei näherer Untersuchung, wie die Einrichtungen von Republiken sein sollen, wird man das Volk eher dafür tadeln, daß es ihn freisprach, als dafür, daß es ihn verurteilen wollte, denn keine wohlgeordnete Republik kann die Vergehen ihrer Bürger durch ihre Verdienste ausgleichen. Vielmehr setzt sie Belohnungen für gute und Strafen für schlechte Taten fest, und wenn sie einen für etwas Gutes belohnt hat, so züchtigt sie ihn danach, wenn er etwas Schlechtes getan hat, ohne die geringste Rücksicht auf seine Verdienste. Werden diese Einrichtungen genau beobachtet, so hält sich ein Staat lange Zeit frei, andernfalls wird er bald zugrunde gehen. Denn gesellt sich bei einem Bürger, der irgend etwas Großes für den Staat geleistet hat, zu dem Ansehen, das er dadurch erwirbt, noch Verwegenheit und das Vertrauen auf Straflosigkeit, wenn er etwas Böses vollbringt, so wird er bald so übermütig werden, daß jede bürgerliche Ordnung sich auflösen muß. Will man aber, daß die Strafe für böse Taten gefürchtet wird, so ist es notwendig, auch Belohnungen für die guten zu erteilen, wie es Rom tat. Wenn eine Republik auch arm ist und wenig geben kann, so darf sie doch nicht versäumen, dies wenige zu geben, denn die kleinste Belohnung für eine noch so große Tat empfindet der Empfänger als ehrenvoll und bedeutend. Jedermann kennt die Geschichte des Horatius Codes und des Mucius Scaevola. Der eine hielt die Feinde bei einer Brücke so lange auf, bis sie abgebrochen war, der andre verbrannte sich die Hand, weil er den Etruskerkönig Porsenna ermorden wollte und sich an einem Falschen vergriff. Vgl. Livius II, 10 und 12. Beide erhielten für ihre hervorragenden Taten vom Staate zwei Morgen Land. Bekannt ist auch die Geschichte des Manlius Capitolinus. Vgl. Kap. 8. Für die Befreiung des Kapitols von den Galliern, die es belagerten, erhielt er von den mit ihm Belagerten ein kleines Maß Mehl. Bei den Umständen, in denen sich Rom damals befand, war diese Belohnung groß. Als er aber später aus Neid oder natürlicher Bosheit einen Aufruhr in Rom erregte und das Volk zu gewinnen suchte, wurde er ohne die geringste Rücksicht auf seine Verdienste kopfüber von demselben Kapitol hinabgestürzt, das er mit so großem Ruhm gerettet hatte. Fünfundzwanzigstes Kapitel Wer einem alten Staat eine freie Verfassung geben will, behalte wenigstens den Schatten der alten Einrichtungen bei. Will man einem Staat eine neue Verfassung geben, und soll diese Neuerung angenommen und zur Zufriedenheit eines jeden erhalten werden, so muß man unbedingt einen Schatten der alten Einrichtungen beibehalten, damit die Staatsordnung dem Volk unverändert erscheint, auch wenn sie völlig verändert ist. Denn die Mehrzahl der Menschen läßt sich mit dem Schein so gut abspeisen wie mit der Wirklichkeit, ja oft wird sie mehr durch den Schein als durch die Dinge selbst bewegt. Die Römer erkannten diese Notwendigkeit schon im Beginn ihres Freistaates. Als sie daher an Stelle des Königs zwei Konsuln gesetzt hatten, erlaubten sie diesen nicht mehr als zwölf Liktoren, so viel wie die Könige gehabt hatten. Da ferner in Rom alljährlich ein Opfer stattfand, das nur der König in eigner Person darbringen durfte, und die Römer nicht wollten, daß das Volk einen der alten Bräuche vermißte, ernannten sie für dies Opfer einen besonderen Opferkönig und ordneten ihn dem Oberpriester unter. Damit blieb das Volk im Genuß des Opferfestes und hatte niemals Veranlassung, wegen seines Fehlens die Rückkehr der Könige zu wünschen. Dies muß man stets beachten, wenn man in einem Staate eine alte Regierungsform abschaffen und dafür eine neue freie Verfassung einführen will. Denn alles Neue erregt die Gemüter der Menschen; man muß also dafür sorgen, daß die Veränderungen soviel wie möglich vom Alten bewahren, und wenn die neue Obrigkeit an Zahl, Gewalt und Amtsdauer von der alten abweicht, wenigstens die Namen beibehalten. Das gilt, wie gesagt, sowohl für die Umwandlung eines Staates in ein Königreich wie in eine Republik. Wer aber eine absolute Monarchie, eine sogenannte Tyrannis aufrichten will, der muß alles verändern, wie im nächsten Kapitel gezeigt werden soll. Sechsundzwanzigstes Kapitel Ein neuer Fürst muß in einer Stadt oder in einem Lande, das er erobert hat, alles neu einrichten. Jeder, der Fürst einer Stadt oder eines Staates wird, zumal wenn er nur schwach Fuß gefaßt hat und keine Monarchie oder Republik gründen will, hat kein besseres Mittel, sich auf dem Thron zu behaupten, als alles im Staat neu einzurichten, wie er ja selbst ein neuer Fürst ist. Er muß in den Städten neue Obrigkeiten mit neuen Namen, neuen Befugnissen, neuen Männern einsetzen, muß die Armen reich machen wie David, als er König wurde, qui esurientes implevit bonis et divites dimisit inanes . (Der die Hungernden mit Gütern überhäufte und die Reichen leer ausgehen ließ.) Er muß neue Städte erbauen, alte zerstören, die Einwohner von Ort zu Ort versetzen und überhaupt nichts im Lande auf seinem Fleck lassen. Jeden Rang, jedes Amt, jeden Stand, jeden Reichtum muß der Besitzer ihm verdanken. Zum Vorbild kann er sich Philipp von Mazedonien, den Vater Alexanders, nehmen, der auf diese Weise aus einem kleinen König zum Herrn Griechenlands wurde. Sein Geschichtsschreiber sagt, er trieb die Menschen von Land zu Land, wie die Hirten ihre Herden. Das sind grausame Mittel! Sie widersprechen nicht nur dem christlichen, sondern jedem menschlichen Gefühl. Jeder Mensch sollte sie fliehen und lieber im Bürgerstand bleiben, als zum Verderben so vieler Menschen die Krone zu tragen. Wer aber den ersten Weg zum Guten nicht einschlagen will, der muß, um sich zu behaupten, zu diesem schlimmen Mittel greifen. Die Menschen schlagen freilich gewisse Mittelwege ein, und das sind die schädlichsten, denn sie verstehen weder ganz gut noch ganz böse zu sein. Das soll im nächsten Kapitel an einem Beispiel gezeigt werden. Siebenundzwanzigstes Kapitel Die Menschen verstehen sehr selten, ganz gut oder ganz böse zu sein. Papst Julius II. hatte allen kleinen Fürsten, die Teile des Kirchenstaates besaßen, den Untergang geschworen. Als er 1506 nach Bologna zog, um die Bentivogli zu vertreiben, S. Lebenslauf, 1506. die dort hundert Jahre geherrscht hatten, wollte er bei dieser Gelegenheit auch den Tyrannen von Perugia, Giovanni Pagolo Baglioni, 1471-1520. beseitigen. Als er mit dieser allgemein bekannten Absicht vor Perugia ankam, wartete er nicht etwa sein Heer ab, das ihn beim Einzug in die Stadt geschützt hätte, sondern er zog ohne Bedeckung ein, obwohl Giovanni Pagolo in der Stadt zahlreiches Kriegsvolk zu seiner Verteidigung zusammengerafft hatte. Von dem Ungestüm hingerissen, mit dem er alle Dinge betrieb, lieferte sich der Papst also, nur von seiner Leibwache begleitet, in die Hände des Feindes, führte ihn dann mit sich und ließ einen Statthalter für die Herrschaft der Kirche zurück. Allen verständigen Männern im Gefolge des Papstes fiel dessen Verwegenheit und die Feigheit Giovanni Pagolos auf. Sie begriffen nicht, warum dieser seinen Feind nicht zu seinem ewigen Ruhme mit einem Schlag niederwarf, noch sich mit Beute belud, da ja alle Kardinäle mit ihren Kostbarkeiten den Papst begleiteten. Man konnte auch nicht glauben, er hätte es aus Edelmut unterlassen, oder sein Gewissen hätte ihn zurückgehalten; denn in der Brust eines Verbrechers, der mit der eignen Schwester Blutschande trieb und aus Herrschsucht seine Vettern und Neffen ermordet hatte, konnte keine fromme Scheu mehr walten. Man muß also daraus schließen, daß die Menschen weder in Ehren böse, noch vollkommen gut sein können. Liegt in einer schlechten Handlung Größe, ist sie in gewisser Hinsicht hochherzig, so verstehen sie sie nicht auszuführen. So achtete Giovanni Pagolo Blutschande und offenkundigen Verwandtenmord für nichts, hatte aber nicht das Geschick, oder besser gesagt, nicht den Mut, bei der rechten Gelegenheit eine Tat auszuführen, bei der jedermann seinen Mut bewundert und durch die er seinen Namen unsterblich gemacht hätte. Denn er wäre der erste gewesen, der den Prälaten gezeigt hätte, wie wenig man sich aus Leuten zu machen braucht, die wie sie leben und regieren, und die Größe seiner Tat hätte das Schimpfliche und alle Gefahr, die daraus entstehen konnte, überwogen. Achtundzwanzigstes Kapitel Aus welchem Grunde Rom gegen seine Bürger weniger undankbar war als Athen. Wer die Geschichte der Republiken liest, wird bei allen Proben von Undankbarkeit gegen ihre Bürger finden, und zwar in Rom weniger als in Athen und vielleicht in jeder anderen Republik. Der Grund für diese Verschiedenheit liegt nach meiner Meinung darin, daß die Römer weniger Ursache hatten, ihren Mitbürgern zu mißtrauen als die Athener. Denn in der Zeit von der Vertreibung der Könige bis zu Sulla und Marius wurde Rom nie von einem seiner Bürger der Freiheit beraubt; es hatte also keine große Ursache, ihnen zu mißtrauen und sie folglich unbedacht zu kränken. Das Gegenteil trat in Athen ein. In der Zeit seiner höchsten Blüte ward es durch Pisistratus unter einem falschen Schein von Tugend seiner Freiheit beraubt, und so erinnerte es sich, sobald es wieder frei wurde, der erlittenen Unbill und Knechtschaft und rächte sich fortan bitter, nicht nur an den Vergehen seiner Bürger, sondern schon am Schatten eines Vergehens. Daher die Verbannung und der Tod so vieler vortrefflicher Männer, daher die Einrichtung des Scherbengerichts und jede andre Gewalttat, die Athen zu verschiedenen Zeiten gegen seine vornehmen Bürger beging. Sehr wahr sagen die politischen Schriftsteller, daß die Völker bissiger sind, wenn sie die Freiheit wiedererlangt, als wenn sie sie bewahrt haben. Erwägt man das eben Gesagte, so wird man Athen nicht tadeln und Rom nicht loben, sondern für die Verschiedenheit der Ereignisse in beiden Städten allein dem Zwange der Dinge die Schuld geben. Denn wer die Dinge sorgfältig prüft, wird einsehen, daß Rom, wäre es wie Athen seiner Freiheit beraubt worden, auch nicht gerechter gegen seine Bürger gewesen wäre als dieses. Am sichersten läßt sich das aus dem Schicksal des Collatinus und des Publius Valerius nach der Vertreibung der Könige schließen. Vgl. Livius II, 2, 7. Der erstere wurde, obwohl er zur Befreiung Roms beigetragen hatte, nur aus dem Grunde verbannt, weil er den Namen der Tarquinier führte, der zweite wurde beinahe verbannt, weil er sich ein Haus auf dem Mons Coelius erbaut und schon dadurch Verdacht erregt hatte. Sieht man, wie mißtrauisch und streng Rom in diesen zwei Fällen war, so kann man daraus schließen, daß es gegen seine Bürger so undankbar wie Athen gewesen wäre, hätten diese sich in der ersten Zeit seiner Freiheit und vor seiner Vergrößerung gegen den Staat vergangen. Um aber das Thema der Undankbarkeit nicht nochmals zu erörtern, will ich das darauf Bezügliche im folgenden Kapitel abtun. Neunundzwanzigstes Kapitel Wer undankbarer ist, ein Volk oder ein Fürst. Der obige Gegenstand legt die Frage nahe, wer schlimmere Beispiele von Undankbarkeit liefert, die Fürsten oder die Völker. Schicken wir zu diesem Zweck voraus, daß das Laster der Undankbarkeit entweder aus Geiz oder aus Argwohn entspringt. Hat nämlich ein Volk oder ein Fürst einen Feldherrn zu einer wichtigen Unternehmung entsandt und der Feldherr hat sie glücklich beendet und viel Ruhm erworben, so muß der Fürst oder das Volk ihn dafür belohnen. Wenn sie ihn aber statt dessen aus Geiz entehren oder kränken, so begehen sie ein unentschuldbares Unrecht, ja sie ziehen sich ewige Schande zu. Dennoch sündigen hierin viele Fürsten. Tacitus gibt den Grund in folgender Sentenz an: Proclivius est iniuriae, quam beneficio vicem exsolvere, quia gratia oneri, ultio in quaestu habetur . Historien IV, 3. (Viel leichter ist es, Unbill als Wohltaten zu vergelten, denn Dankbarkeit gilt als Last, Rache als Gewinn.) Belohnen sie ihn aber nicht, oder besser gesagt, kränken sie ihn nicht aus Geiz, sondern aus Mißtrauen, so verdienen Fürst und Volk einige Entschuldigung. Beispiele der Undankbarkeit aus diesem Grunde sind zahlreich. Denn ein tapfrer Feldherr, der seinem Herrn ein Reich erobert, die Feinde geschlagen, sich mit Ruhm bedeckt und seine Soldaten mit Schätzen beladen hat, erwirbt sich bei seinen Soldaten, bei den Feinden und bei den eignen Untertanen des Fürsten notwendig solches Ansehen, daß sein Sieg seinem Herrn nichts Gutes verkünden kann. Da nun der Mensch von Natur ehrgeizig und mißtrauisch ist und im Glück niemals Maß halten kann, so wird das Mißtrauen, das den Fürsten sofort nach dem Sieg seines Feldherrn ergreift, von diesem selbst unvermeidlich durch irgendeine übermütige Äußerung oder Handlung verstärkt. So kann der Fürst nur darauf sinnen, sich vor ihm zu sichern und ihn zu diesem Zweck entweder töten zu lassen oder ihm das Ansehen zu entziehen, das er sich bei Heer und Volk erworben hat. Hierzu muß der Fürst nach Kräften den Glauben erwecken, daß der Sieg seines Feldherrn nicht seiner Tapferkeit, sondern dem Glück, der Feigheit der Feinde oder der Einsicht der andren Führer zuzuschreiben ist, die an dem Feldzug teilnahmen. Als Vespasian in Judäa von seinem Heere zum Kaiser ausgerufen war, ergriff Antonius Primus, der mit einem andern Heer in Illyrien stand, seine Partei, Vgl. Tacitus, Historien II, 86 ff. zog nach Italien gegen Vitellius, der in Rom regierte, schlug mit größter Tapferkeit zwei Heere des Vitellius und nahm Rom ein, so daß der von Vitellius abgesandte Mucianus jede Schwierigkeit überwunden und alles getan fand. Der Lohn des Antonius bestand darin, daß Mucianus ihm sofort den Oberbefehl über das Heer nahm und ihm nach und nach alle Gewalt in Rom entzog. Antonius ging daher zu dem noch in Asien weilenden Vespasian, wurde von ihm aber in einer Weise empfangen, daß er in kurzer Zeit um alles Ansehen gebracht war und sozusagen aus Verzweiflung starb. Die Geschichte wimmelt von solchen Beispielen. Jeder Zeitgenosse weiß, mit welcher Geschicklichkeit und Tapferkeit in unsern Tagen Gonsalvo Ferrante, der Feldherr König Ferdinands von Aragonien, gegen die Franzosen focht, sie besiegte und das Königreich eroberte. Sein Lohn bestand darin, daß Ferdinand von Aragonien, als er nach Neapel zurückkehrte, ihm zuerst den Oberbefehl über die Truppen, dann über die Festungen entzog und ihn dann nach Spanien mitnahm, wo er bald darauf ruhmlos starb. König Ferdinand der Katholische von Spanien hatte 1500 mit Frankreich den Vertrag von Granada abgeschlossen, wonach beide Mächte sich in das Königreich Neapel teilen sollten. Nach der Eroberung Neapels durch das spanisch-französische Heer entstanden Streitigkeiten über den Raub, die 1503 zum Kriege zwischen beiden Mächten und zur Niederlage der Franzosen führten (s. Lebenslauf, 1503 und 1505). Der Führer der spanischen Truppen war Gonsalvo de Cordova. Ferdinand kam 1507 nach Neapel, weil er Verdacht auf ihn geschöpft hatte, und kehrte mit ihm nach Spanien zurück, wo er ihn mit Ehren überhäufte, aber jedes Einflusses beraubte Dies Mißtrauen der Fürsten ist also so natürlich, daß sie sich seiner nicht erwehren und sich unmöglich dankbar gegen die Feldherren erweisen können, die durch Siege unter ihren Fahnen große Eroberungen gemacht haben. Erwehrt sich aber ein Fürst seiner nicht, so ist es kein Wunder und nichts besonders Auffallendes, wenn sich ein Volk seiner nicht erwehrt. Ein Freistaat hat zwei Zwecke, erstens, zu erobern und zweitens, seine Freiheit zu behaupten, und in beiden wird er durch zu große Leidenschaft Fehler begehen. Über die Fehler beim Erobern wird noch gesprochen werden. In Buch III an zahlreichen Stellen. Fehler bei der Behauptung seiner Freiheit sind unter anderm: die Bürger zu kränken, die er belohnen sollte, und denen zu mißtrauen, denen er Vertrauen schenken sollte. In einer schon verderbten Republik wird dies Verfahren große Übel herbeiführen, und sie wird dadurch häufig früher einem Tyrannen verfallen. So geschah es in Rom, als sich Cäsar das mit Gewalt nahm, was ihm der Undank verweigerte. Aber in einer noch unverderbten Republik ist es sehr heilsam und gibt der Freiheit längere Dauer, denn die Furcht vor Strafe macht die Menschen besser und weniger ehrgeizig. Von allen Völkern, die eine ausgebreitete Herrschaft besessen, war das römische jedenfalls am wenigsten undankbar. Man kann sagen, daß sich kein andres Beispiel seiner Undankbarkeit findet als gegen Scipio. Denn Camillus und Coriolan Coriolan wurde 491 v. Chr. verbannt (s. Kap. 7 und Livius II, 34 ff.), Camillus 391 v. Chr. S. Livius V, 32, und Buch III, Kap. 23 dieses Werkes. wurden wegen der Unbill verbannt, die beide den Plebejern angetan hatten. Dem Coriolan wurde nur deshalb nicht verziehen, weil er gegen das Volk stets feindlich gesinnt blieb; Camillus wurde nicht nur zurückgerufen, sondern zeitlebens wie ein Fürst geehrt. Livius VI, 1 ff. Die Undankbarkeit gegen Scipio aber kam daher, daß die Bürger einen Argwohn gegen ihn zu fassen begannen, den sie gegen andre nicht gehegt hatten. Dieser Argwohn erklärt sich aus der Größe des Feindes, den Scipio überwunden hatte, und aus dem Ruhm, den ihm die siegreiche Beendigung eines so langen und gefahrvollen Krieges und die Schnelligkeit des Sieges verschafft hatte, schließlich auch aus der Gunst, die ihm seine Jugend, seine Klugheit und seine andern denkwürdigen Tugenden erwarben. Dies alles fiel so ins Gewicht, daß nicht nur die Bürger, sondern auch die Behörden Roms sein Ansehen fürchteten, was einsichtsvollen Männern als etwas in Rom ganz Ungewöhnliches mißfiel. So außerordentlich erschien sein Betragen, daß der ältere Cato, der für einen Heiligen galt, als erster gegen ihn auftrat und sagte, eine Stadt könne sich nicht frei nennen, wenn einer ihrer Bürger von den Behörden gefürchtet würde. Folgte also das römische Volk in diesem Falle der Meinung Catos, so verdient es die oben erwähnte Entschuldigung aller Völker und Fürsten, die aus Mißtrauen undankbar sind. Ich komme also zum Schluß und sage: wenn das Laster der Undankbarkeit entweder aus Geiz oder aus Argwohn entspringt, so werden die Völker aus Geiz nie undankbar sein und aus Argwohn viel seltner als die Fürsten, weil sie weniger Anlaß dazu haben, wie unten gezeigt werden soll. Dreißigstes Kapitel Wie ein Fürst oder eine Republik das Laster der Undankbarkeit vermeiden kann, und was ein Feldherr oder Bürger tun muß, um nicht darunter zu leiden. Um kein Mißtrauen zu hegen und nicht undankbar sein zu müssen, soll ein Fürst seine Feldzüge selbst leiten, wie es die ersten römischen Kaiser taten, wie es heutzutage der Türke S. Kap. 1, Anm. 4. tut, und wie es alle tapferen Herrscher getan haben und noch tun. Siegt er, so ist der Ruhm und die Eroberung sein eigen; ist er aber nicht dabei, und gehört der Ruhm einem andern, so glaubt er sich der Eroberung nicht erfreuen zu können, wenn er nicht den Ruhm jenes andern verdunkelt; den er selbst nicht zu erringen vermochte. So wird er undankbar und ungerecht, wodurch er zweifellos mehr verliert als gewinnt. Bleibt er trotzdem aus Trägheit oder Mangel an Einsicht zu Hause und schickt einen Feldherrn, so weiß ich für ihn keinen andern Rat, als den er von selbst findet. Dem Feldherrn jedoch, der dem Bissen des Undanks nicht entgehen zu können glaubt, rate ich eins von beiden zu tun: entweder gleich nach dem Siege das Heer zu verlassen und sich unter Vermeidung jeder übermütigen oder ehrgeizigen Handlung in die Hände seines Fürsten zu begeben, damit dieser, jedes Argwohns beraubt, ihn entweder belohnt oder doch nicht kränkt. Scheint ihm das aber untunlich, so muß er dreist das Gegenteil tun und mit allen ihm geeignet scheinenden Mitteln dahin wirken, daß die Eroberung als seine eigne und nicht als die seines Fürsten erscheint. Er mache sich die Soldaten und die Untertanen geneigt, schließe neue Bündnisse mit den Nachbarn, besetze die Festungen mit seinen Leuten, besteche die Häupter seines Heeres, versichere sich derer, die er nicht bestechen kann, und suche auf diese Weise seinen Herrn für den Undank zu strafen, den dieser ihm bezeigen würde. Andre Wege gibt es nicht. Aber, wie schon gesagt, die Menschen verstehen weder ganz böse noch ganz gut zu sein. Immer kommt es so, daß die Feldherren das Heer gleich nach dem Sieg nicht verlassen wollen; sich bescheiden zu benehmen, vermögen sie auch nicht, und zu gewaltsamen Mitteln, die etwas Ehrenvolles in sich schließen, verstehen sie nicht zu greifen. So bleiben sie unschlüssig, und während ihres Zauderns und Schwankens werden sie gestürzt. Einer Republik, die das Laster der Undankbarkeit meiden will, kann man nicht das gleiche Mittel wie dem Fürsten anraten, nämlich persönlich ins Feld zu ziehen und keinen andern zu senden, denn sie muß ja einen ihrer Bürger schicken. Um indessen weniger undankbar zu sein als andre, kann ich ihr das Verfahren der römischen Republik anraten. Dies Verfahren hatte seinen Grund in der Staatsverfassung. Da nämlich in Rom jedermann, Adel wie Plebejer, in den Krieg zog, so gab es in Rom jederzeit so viele tapfere und sieggekrönte Männer, daß das Volk keine Ursache hatte, einem darunter zu mißtrauen, denn es waren ja viele, und einer wachte über den andern. Auch betrugen sie sich so tugendhaft und mieden so vorsichtig jeden Schein von Ehrgeiz, gaben also dem Volk keine Ursache, sie als ehrgeizig zu strafen, daß, wenn sie zur Diktatur gelangten, der den größten Ruhm erwarb, der dies Amt am schnellsten niederlegte. Ein solches Benehmen konnte kein Mißtrauen erwecken und erzeugte daher auch keinen Undank. Will also eine Republik sich nicht undankbar zeigen, so muß sie wie Rom verfahren, und ein Bürger, der dem Bissen des Undanks entgehen will, muß sich in den Schranken der römischen Bürger halten. Einunddreißigstes Kapitel Die römischen Feldherren wurden für begangene Fehler nie in außergewöhnlicher Weise bestraft; ja sie wurden auch dann nicht bestraft, wenn ihr Ungeschick oder ihre falschen Maßnahmen der Republik Schaden zufügten. Wie oben gesagt, war Rom nicht allein weniger undankbar als andre Republiken, sondern auch milder und rücksichtsvoller in der Bestrafung seiner Heerführer. Hatte einer Fehler aus bösem Willen gemacht, so strafte man ihn gelinde, hatte er sie aus Ungeschick begangen, so strafte man ihn gar nicht, vielmehr belohnte und ehrte man ihn. Dies Benehmen war weise. Die Römer hielten es für wesentlich, daß ihre Heerführer ihre Entschlüsse frei und rasch und ungehindert durch äußere Rücksichten faßten. Deshalb wollten sie die Gefahren und Schwierigkeiten einer an sich schwierigen und gefahrvollen Sache nicht noch erhöhen, denn sie hielten es für unmöglich, daß jemand in diesem Fall kraftvoll handeln könnte. Schickten sie z. B. ein Heer nach Griechenland gegen Philipp von Mazedonien oder in Italien gegen Hannibal oder gegen die Völker, die sie zuerst überwanden, so war der mit diesem Kriegszug betraute Feldherr durch alle die Sorgen bedrückt, die wichtige und entscheidende Unternehmungen mit sich bringen. Kamen zu diesen Sorgen nun noch Beispiele von Heerführern, die wegen einer verlorenen Schlacht gekreuzigt oder auf andre Weise umgebracht worden waren, so konnte der Feldherr unter so vielen Ängsten und Sorgen unmöglich einen kräftigen Entschluß fassen. Sie waren daher der Meinung, daß die Schande einer verlorenen Schlacht Strafe genug war, und wollten ihn nicht durch eine größere Strafe entmutigen. Wir haben ein Beispiel für einen nicht aus Ungeschick begangenen Fehler. Sergius und Virginius belagerten Veji, Vgl. Livius V, 8 ff. jeder mit einem Teile des Heeres; Sergius stand auf der Seite, von der die Etrusker kommen konnten, Virginius auf der andern. Als nun Sergius von den Faliskern und andern Völkern angegriffen wurde, ließ er sich lieber schlagen und in die Flucht jagen, als den Virginius um Hilfe zu bitten. Andrerseits wollte Virginius, der darauf wartete, daß jener sich demütigte, lieber die Schande des Vaterlandes und den Untergang des halben Heeres mit ansehen, als ihm Hilfe zu bringen. Ein wahrhaft klassischer Fall von Niedertracht, aus dem man keinen guten Schluß auf die römische Republik ziehen könnte, wenn sie nicht beide bestraft hätte. Während aber eine andere Republik sie mit dem Tode bestraft hätte, verurteilte Rom sie zu Geldbußen, nicht, weil ihr Vergehen keine härtere Strafe verdient hätte, sondern weil die Römer auch in diesem Fall bei ihrem alten Brauch bleiben wollten. Für die Fehler aus Ungeschicklichkeit gibt es kein schöneres Beispiel als das des Terentius Varro. Durch seine Unbesonnenheit waren die Römer bei Cannae so vernichtend geschlagen worden, daß die Freiheit des Staates auf dem Spiele stand. Da aber nur Unwissenheit und kein böser Wille vorlag, wurde er nicht etwa bestraft, sondern geehrt. Bei seiner Rückkehr nach Rom zog ihm der ganze Senat entgegen, und da er ihm nicht für die Schlacht danken konnte, dankte er ihm dafür, daß er nach Rom zurückgekehrt war und nicht am Vaterlande verzweifelte. Vgl. Livius XXII, 61. Als Papirius Cursor seinen Reiterobersten Fabius Quintus Fabius Rullianus. Vgl. Livius VIII, 31 ff. hinrichten lassen wollte, weil er sich gegen seinen Befehl mit den Samnitern in einen Kampf eingelassen hatte, bekämpfte der Vater des Fabius die Härte des Diktators unter anderm auch mit dem Grunde, daß das römische Volk bei keiner Niederlage mit seinen Heerführern jemals so verfahren sei, wie Papirius im Siege verfahren wollte. Zweiunddreißigstes Kapitel Republiken oder Fürsten dürfen Wohltaten, die sie dem Volke erweisen, nicht auf die Zeiten der Not verschieben. Die Römer waren beim Herannahen der Gefahr freigebig gegen das Volk und hatten Erfolg damit, als Porsenna die Stadt belagerte und die Tarquinier wieder einsetzen wollte. Da der Senat fürchtete, das Volk möchte lieber die Könige wieder aufnehmen als den Krieg aushalten, erließ er ihm, um sich seiner zu versichern, die Salzsteuer und jede andre Abgabe mit der Begründung, die Armen täten genug für das öffentliche Wohl, wenn sie ihre Kinder aufzögen. Dank dieser Wohltat ertrug das Volk Belagerung, Hunger und Krieg. Im Vertrauen auf dies Beispiel verschiebe es jedoch niemand auf die Zeit der Gefahr, sich das Volk zu gewinnen, denn was den Römern gelang, wird ihm nie gelingen. Die Menge wird diese Wohltat nicht dir, sondern deinen Feinden anrechnen. Da es fürchten muß, du werdest ihm, wenn die Not vorüber ist, wieder nehmen, was du ihm notgedrungen gegeben hast, wird es keinerlei Dankbarkeit für dich fühlen. Wenn die Römer mit dieser Maßregel Glück hatten, so lag es daran, daß der Staat noch jung und noch nicht fest begründet war; auch hatte das Volk gesehen, daß schon vorher Gesetze zu seinen Gunsten gemacht worden waren, z. B. das der Berufung ans Volk. Gesetz des Publius Valerius Publicola (509 v. Chr.). Vgl. Livius II, 8. Es konnte also glauben, die ihm gezeigte Wohltat sei nicht sowohl dem Anrücken der Feinde als der wohlmeinenden Gesinnung des Senates entsprungen. Überdies standen die Könige, die das Volk vielfach bedrückt und gekränkt hatten, noch in frischer Erinnerung. Da nun ähnliche Ursachen selten zusammentreffen, so werden auch ähnliche Mittel selten Erfolg haben. Darum muß jeder Leiter einer Republik und jeder Fürst vorher bedenken, welche schlimmen Zeiten kommen können und welche Menschen er dann nötig haben kann. Gegen diese muß er sich dann so benehmen, wie er es im Falle der Not für angezeigt hielte. Wer anders handelt, ein Fürst oder eine Republik, besonders aber ein Fürst, und sich im Augenblick der Gefahr einbildet, sich die Menschen durch Wohltaten gewinnen zu können, der täuscht sich. Er sichert sich dadurch nicht etwa, sondern er beschleunigt nur seinen Fall. Dreiunddreißigstes Kapitel Ist ein Mißstand in einem Staate groß geworden oder Gefahr gegen ihn im Anzüge, so ist es heilsamer, die Zeit abzuwarten, als Gewalt zu brauchen. Als die römische Republik an Ansehen, Macht und Herrschaft zunahm, begannen die Nachbarn, die anfangs nicht bedacht hatten, wie gefährlich ihnen die neue Republik werden könnte, ihren Irrtum, wenn auch zu spät, einzusehen. Wohl vierzig Völker 498 v. Chr. Livius II, 18, spricht von 30 Völkern. Der Konsul Titus Lartius wurde zum Diktator ernannt. verschworen sich gegen Rom, um das nachzuholen, was sie vordem versäumt hatten. Nun schritten die Römer unter anderen Maßregeln, die sie bei dringender Gefahr anzuwenden pflegten, zur Wahl eines Diktators, d. h. sie gaben einem Manne Gewalt, ohne irgendeine Beratung Beschlüsse zu fassen und sie ohne Berufung zu vollstrecken. Dies Mittel war damals nützlich und befreite sie aus drohenden Gefahren, es hat sich aber auch immer bei allen Gefahren als nützlich erwiesen, die der Republik während der Vergrößerung ihrer Herrschaft drohten. Hierbei ist zunächst folgendes zu beachten. Ist ein Mißstand in einem Staate aus inneren oder äußeren Ursachen entstanden und wird er so groß, daß er jedermann Furcht einzuflößen beginnt, so ist es viel sicherer, die Zeit abzuwarten, als ihn mit Gewalt zu beseitigen. Denn sucht man ihn zu ersticken, so vergrößert man ihn nur und beschleunigt das Übel, das man von ihm befürchtet. In einer Republik entstehen solche Mißstände häufiger aus innern als aus äußern Ursachen, da sie oft einen Bürger mächtiger werden läßt als vernünftig ist, oder ein Gesetz, das den Lebensnerv der Freiheit bildet, mißbraucht wird und dies Übel so um sich greift, daß seine Beseitigung schädlicher wird als das Gehenlassen. Die Erkenntnis solcher Mißstände ist bei ihrem Entstehen um so schwerer, Aristoteles, Politik, VIII, 3, 2 . Aristoteles rät freilich, das Übel sofort auszurotten. (Vgl. Politik, VIII, 7, und VII, 2, 10 .) als es den Menschen stets natürlich erscheint, alle Dinge im Anfang zu begünstigen. Solche Begünstigungen sind besonders verhängnisvoll bei Handlungen, die an sich verdienstvoll erscheinen und von jungen Leuten ausgeführt werden. Denn erhebt sich in einer Republik ein vornehmer Jüngling mit hervorragenden Eigenschaften, so wenden die Bürger ihre Augen auf ihn und wetteifern unbedenklich darin, ihm Ehre zu erweisen. Ist also ein Funke von Ehrgeiz in ihm, so gelangt er durch das Zusammentreffen seiner natürlichen Vorzüge und dieses Umstandes bald so weit, daß den Bürgern, wenn sie ihren Fehler einsehen, wenig Mittel bleiben, ihm entgegenzutreten, ja er gelangt durch die Anwendung solcher Mittel um so schneller zur Macht. Dafür ließen sich viele Beispiele anführen, ich will aber nur eines aus unserer Stadt geben. Cosimo de' Medici, Cosimo de' Medici, genannt Pater Patriae (1389–1464). der die Größe des Hauses Medici in unsrer Stadt begründete, kam durch die Gunst, die ihm seine Klugheit und die Unwissenheit der übrigen Bürger erwarb, zu solchem Ansehen, daß er dem Staat Furcht einzuflößen begann. Die andern Bürger hielten es für gefährlich, gegen ihn vorzugehen, und für noch gefährlicher, ihn in seiner Stellung zu belassen. Aber Niccolo da Uzzano, Einer der Häupter der Adelspartei, bekannt durch die Büste von Donatello im Bargello zu Florenz († 1432). der damals für einen äußerst erfahrenen Staatsmann galt und der schon den Fehler begangen hatte, die Gefahren zu verkennen, die aus dem Ansehen des Cosimo entstehen konnten, duldete, so lange er lebte, nicht, daß man den zweiten Fehler beging und Cosimo zu stürzen versuchte. Er meinte, daß dieser Versuch den völligen Untergang des Staates zur Folge haben werde, wie es nach seinem Tode ja auch eintraf. Denn die übrigen Bürger setzten sich über seinen Rat hinweg, verbanden sich gegen Cosimo und vertrieben ihn aus Florenz. Die Folge war, daß seine Partei, durch diese Unbill erbittert, ihn bald zurückrief Er wurde 1433 vertrieben und 1434 zurückgerufen. und ihn zum Fürsten der Republik machte, wozu er ohne offenen Widerstand nie gelangt wäre. Ebenso erging es Rom mit Cäsar, der wegen seiner Verdienste von Pompejus und andern begünstigt wurde. Kurz darauf verwandelte sich diese Gunst in Furcht, was Cicero mit den Worten bezeugt, Pompejus habe zu spät angefangen, den Cäsar zu fürchten. Die Furcht bewirkte, daß sie auf Abhilfe sannen, und die Mittel, die sie anwandten, beschleunigten den Sturz der Republik. Da es also schwer ist, diese Übel bei ihrem Entstehen zu erkennen, weil die Dinge im Anfang täuschen, so ist es klüger, wenn man sie erkannt hat, abzuwarten, als sie zu bekämpfen. Wartet man aber, so verschwinden sie entweder von selbst, oder sie werden doch wenigstens hinausgeschoben. Jedenfalls muß ein Fürst, der sie beseitigen oder ihrer Macht und Gewalt Einhalt tun will, ein Auge darauf haben, daß er sie nicht vergrößert, anstatt ihnen Abbruch zu tun, und daß er in dem Glauben, ein Übel auszurotten, es sich nicht auf den Hals lädt oder eine Pflanze durch Düngen erstickt. Man muß die Bösartigkeit des Geschwürs untersuchen, und fühlt man sich stark genug, es zu heilen, dies rücksichtslos tun; andernfalls muß man es lassen, wie es ist, und nicht daran rühren. Denn sonst käme es, wie oben am Beispiel der Nachbarn Roms gezeigt wurde. Für diese Die Latiner, die 496 am See Regillus geschlagen wurden. wäre es, nachdem Rom zu solcher Macht gelangt war, heilsamer gewesen, es mit friedlichen Mitteln zu versöhnen und es sich vom Leibe zu halten, als es durch Krieg auf neue Einrichtungen und Abwehrmittel zu bringen. Ihr Bündnis bewirkte nur, daß die Römer einiger und kühner wurden und auf neue Mittel sannen, wodurch sie in kürzester Frist ihre Macht ausdehnten. Hierzu gehört die Ernennung eines Diktators, eine neue Einrichtung, durch die sie nicht nur die drohende Gefahr überwanden, sondern auch unzählige Übel verhüteten, in die die Republik sonst gestürzt wäre. Vierunddreißigstes Kapitel Die diktatorische Gewalt brachte der römischen Republik Vorteil, nicht Schaden. Gefährlich für das Staatsleben ist die Gewalt, die ein Bürger an sich reißt, nicht die, welche ihm durch freie Wahl erteilt wird. Ein gewisser Schriftsteller verurteilt die Bürger, die in Rom auf die Ernennung eines Diktators verfielen, weil sie mit der Zeit zur Tyrannei geführt hätte. Zum Beweis führt er an, daß der erste Tyrann Rom unter dem Titel eines Diktators beherrscht habe. Hätte dieser Titel nicht bestanden, so hätte nach seiner Behauptung Cäsar seine Tyrannei mit keinem rechtmäßigen Titel bemänteln können. Diese Meinung ist von ihrem Urheber nicht genau überlegt und kritiklos geglaubt worden. Denn weder der Name noch das Amt des Diktators brachte Rom in Knechtschaft, sondern die Gewalt, die sich Bürger durch die lange Dauer ihrer Herrschaft anmaßten. Hätte in Rom der Diktatortitel gefehlt, so hätte man einen andern gefunden, denn die Macht schafft sich leicht ihren Namen und nicht der Name die Macht. Man sieht ja auch, daß die Diktatur, solange sie gesetzmäßig erteilt und nicht angemaßt wurde, der Stadt nur Gutes gebracht hat. Denn den Republiken schaden nur Ämter und Gewalten, die auf ungesetzlichem Wege erteilt oder angemaßt werden, nicht die auf ordentlichem Wege erlangten. So sieht man in Rom in einer langen Reihe von Jahren, daß alle Diktatoren der Republik lauter gute Dinge geleistet haben. Die Gründe dafür sind einleuchtend. Erstens muß ein Bürger, der Schaden tun und sich eine ungesetzliche Gewalt anmaßen könnte, viele Eigenschaften besitzen, die er in einer unverdorbenen Republik nicht besitzen kann. Er muß sehr reich sein, viele Anhänger und Parteigänger haben, und das ist nicht möglich, wo die Gesetze beobachtet werden. Hätte er sie aber doch, so sind derartige Männer so gefürchtet, daß man sie aus freien Stücken nicht wählen wird. Zudem wurde der Diktator für eine bestimmte Zeit, nicht für immer ernannt, und auch nur, um das Übel, dessentwegen er ernannt war, zu beseitigen. Er durfte zwar die Mittel für die Abwendung dieser dringenden Gefahr aus eigner Machtvollkommenheit wählen, sie ohne Beratung anwenden und jeden ohne Berufung bestrafen, aber er konnte nichts zum Schaden des Staates tun, z. B. dem Staat oder dem Volk seine Macht nehmen, die alten Einrichtungen der Stadt abschaffen und neue einführen. Es war also bei der kurzen Dauer seiner Diktatur, seiner beschränkten Macht und der Unverdorbenheit des römischen Volkes unmöglich, daß er je seine Grenzen überschritt und den Staat schädigte; vielmehr zeigt die Erfahrung, daß er ihm stets nützte. In der Tat verdient die Diktatur unter den römischen Einrichtungen besondere Beachtung; sie war eine der Ursachen für die Größe des Reiches. Ohne ähnliche Einrichtungen überstehen die Städte nur schwer außerordentliche Ereignisse. Der gewöhnliche Geschäftsgang ist in Republiken schleppend; denn kein Rat, keine Behörde kann allein alles erledigen, vielmehr sind sie in vielem aufeinander angewiesen. Bis man so viele Willensmeinungen unter einen Hut gebracht hat, vergeht die Zeit, und so entsteht bei unaufschiebbaren Sachen die größte Gefahr. Darum müssen die Republiken Einrichtungen nach Art der Diktatur haben. Die Republik Venedig, die unter den neueren hervorragt, hat einigen Bürgern das Recht vorbehalten, in dringenden Fällen ohne weitere Beratung einstimmige Beschlüsse zu fassen. Der gefürchtete Rat der Zehn wurde 1310 nach der Verschwörung des Bajamonte Tiepolo eingesetzt. Fehlt eine solche Einrichtung in einer Republik, so muß sie bei Beobachtung der Gesetze zugrunde gehen oder sie brechen, um dies zu verhüten. Nie aber sollte in einer Republik etwas vorkommen, wobei man sich ungesetzlicher Mittel bedienen muß. Bringt auch das ungesetzliche Mittel für den Augenblick Nutzen, so bringt das Beispiel doch Schaden; denn wenn es Brauch wird, die Verfassung zu guten Zwecken zu brechen, bricht man sie schließlich auch unter diesem Vorwand zu schlimmen Zwecken. Eine Republik wird somit niemals vollkommen sein, wenn in ihren Gesetzen nicht alles vorgesehen, nicht für jedes Ereignis eine Abhilfe und die Art ihrer Anwendung bestimmt ist. Ich ziehe daher den Schluß: Die Republiken, die in dringender Gefahr nicht zur Diktatur oder zu einer ähnlichen Gewalt ihre Zuflucht nehmen, werden bei schweren Ereignissen stets zugrunde gehen. Bei dieser neuen Einrichtung ist noch zu bemerken, wie weise die Römer die Art der Wahl angeordnet haben. Die Ernennung eines Diktators war ja stets mit einiger Beschämung für die Konsuln verbunden, weil sie als Häupter der Stadt sich ihm so gut wie alle andern unterwerfen mußten. Da man voraussah, daß dies bei den Bürgern Unwillen erregen würde, so ließ man den Diktator durch die Konsuln ernennen, denn man meinte, wenn ein Ereignis diese königliche Macht erforderlich machte, würden sie es freiwillig tun und es würde ihnen dann weniger schmerzlich sein. Schmerzen doch Wunden und alle andern Übel, die der Mensch sich freiwillig und aus eigner Wahl zufügt, bei weitem weniger als die, welche er durch andre erleidet. Übrigens war es in den letzten Zeiten der Republik Sitte, an Stelle eines Diktators Seit 202 v. Chr. wurde kein Diktator mehr ernannt einen Konsul mit diktatorischer Gewalt zu bekleiden. Die Formel lautete: Videat consul, ne respublica quid detrimenti capiat. (Der Konsul soll sorgen, daß der Staat keinen Schaden erleide.) Um aber auf unsern Gegenstand zurückzukommen, schließe ich damit, daß die Nachbarn Roms in dem Bestreben, es zu unterdrücken, der Republik zu Einrichtungen verhalfen, durch die sie sich nicht allein verteidigen konnte, sondern auch mit größerer Kraft und Klugheit und mit größerem Ansehen zum Angriff zu schreiten vermochte. Fünfunddreißigstes Kapitel Warum in Rom die Einrichtung der Dezemvirn dem Staate schädlich wurde, obwohl sie aus öffentlicher und freier Wahl hervorgingen. Dem obigen Grundsatz, daß die Gewalt, die jemand an sich reißt, nicht aber die durch Abstimmung erteilte, den Republiken schädlich sei, scheint die Wahl der zehn Männer 451 v. Chr. Vgl. Livius III, 33 ff. zu widersprechen, die vom römischen Volke ernannt wurden, um Rom Gesetze zu geben, mit der Zeit aber Tyrannen wurden und ihm rücksichtslos seine Freiheit raubten. Man muß jedoch in Betracht ziehen, welche Art von Gewalt und für wie lange sie erteilt wird. Eine unbeschränkte Gewalt, die auf lange Zeit erteilt wird, d. h. für ein Jahr oder mehr, wird immer gefährlich und ihre Folgen werden gut oder schlimm sein, je nachdem ihre Träger gut oder schlimm sind. Vergleicht man nun die Gewalt der zehn Männer mit der der Diktatoren, so wird man die der zehn Männer unvergleichlich größer finden. War ein Diktator ernannt, so blieben die Tribunen, die Konsuln, der Senat im Amte, und der Diktator konnte es ihnen nicht nehmen. Hätte er auch einen Konsul, einen Senator abgesetzt, so konnte er doch nicht den ganzen Senat abschaffen und neue Gesetze geben. Senat, Konsuln und Tribunen blieben also im Amt und wachten gleichsam darüber, daß er nicht vom geraden Wege abwiche. Bei der Ernennung der zehn Männer jedoch geschah das Gegenteil, denn sie setzten die Konsuln und Tribunen ab und erhielten gesetzgeberische Gewalt und die volle Volkssouveränität. Da sie so allein standen, ohne Konsuln und Tribunen und ohne Berufung ans Volk, mithin niemand da war, der über sie wachte, so konnten sie im zweiten Jahre, vom Ehrgeiz des Appius gestachelt, ihre Macht mißbrauchen. Wenn ich vorher behauptete, eine durch freie Wahl verliehene Macht hätte noch nie einer Republik geschadet, so setzte ich dabei voraus, daß ein Volk sich nie dazu hergibt, diese Macht anders als unter den gehörigen Einschränkungen und auf die gehörige Zeit zu verleihen. Läßt es sich aber durch Hinterlist oder andre Gründe verblenden und verleiten, die Gewalt unbesonnen und in der Art zu verleihen, wie es bei den zehn Männern der Fall war, so wird immer das gleiche eintreten. Das ergibt sich klar, wenn man bedenkt, aus welchen Ursachen die Diktatoren pflichttreu blieben und die Dezemvirn untreu wurden, und wenn man ferner bedenkt, wie die Republiken, die für gut eingerichtet galten, mit der Verleihung langdauernder Gewalt verfuhren, wie z. B. Sparta mit der Verleihung an seine Könige und Venedig an seine Dogen. Für beide Würden waren Wächter bestellt, die darauf sahen, daß sie ihre Macht nicht mißbrauchten. Ohne diese Sicherung hilft es auch nichts, daß die Sitten rein sind, denn ein unumschränkter Machthaber verdirbt sie sehr bald und wirbt sich Freunde und Anhänger. Auch schadet es ihm nichts, daß er arm ist und keine Verwandten hat, denn Reichtum und alle andern Vorteile fallen ihm ja sofort zu, wie wir bei der Ernennung der Dezemvirn erörtern werden. S. Kap. 40. Sechsunddreißigstes Kapitel Bürger, die höhere Würden bekleidet haben, dürfen die niederen nicht verschmähen. Wohl beeinflußt durch Plutarchs »Praecepta gerendae rei publicae« (Moralia), XV. Vgl. Aristoteles, Politik, III, 2, 10 . Unter dem Konsulat des Marcus Fabius und Gnejus Manlius gewannen die Römer eine ruhmvolle Schlacht über die Vejenter und Etrusker. 480 v. Chr. Vgl. Livius II, 46. In dieser fiel der Bruder des einen Konsuls, Quintus Fabius, der vor drei Jahren Konsul gewesen war. Man ersieht daraus, wie geeignet die Einrichtungen dieser Stadt waren, sie groß zu machen, und wie sehr andre Republiken im Irrtum sind, die von diesen Einrichtungen abweichen. Denn obwohl die Römer äußerst ruhmbegierig waren, hielten sie es doch nicht für unehrenhaft, einem Manne zu gehorchen, dem sie ein andermal befohlen hatten, und in dem Heere zu dienen, das sie selbst geführt hatten. Dieser Brauch widerspricht der Denkweise, den Einrichtungen und dem Herkommen unsrer heutigen Republiken. In Venedig besteht noch der Wahn, daß ein Bürger, der einen hohen Posten bekleidet hat, sich schämt, einen geringeren anzunehmen, und daß die Stadt ihm erlaubt, ihn abzulehnen. Mag dies für den einzelnen ehrenvoll sein, für die Gesamtheit ist es doch völlig nutzlos. Denn mehr Hoffnung und Vertrauen darf eine Republik auf einen Bürger setzen, der von einem höheren Rang zu einem geringeren herabsteigt, als von einem, der vom geringeren zum höheren aufsteigt. Auf den letzteren kann sie sich vernünftigerweise nur dann verlassen, wenn sie ihm Männer zur Seite weiß, die Ansehen oder Verdienste genug besitzen, um seine Unerfahrenheit durch ihren Rat und Einfluß zu unterstützen. Hätte in Rom derselbe Brauch geherrscht wie in Venedig und in den andern neueren Republiken und Königreichen, daß, wer Konsul gewesen war, nur noch als Konsul in den Krieg ziehen wollte, so wären daraus unzählige Nachteile für die bürgerliche Freiheit entsprungen, denn teils hätten die Neulinge Fehler gemacht, teils hätten sie ihrer Ehrsucht die Zügel schießen lassen. Ja, wenn sie keine Männer um sich gehabt hätten, unter deren Augen sie sich nicht trauten, etwas Falsches zu machen, wären sie zügellos geworden, und den Schaden hätte der Staat getragen. Siebenunddreißigstes Kapitel Welche Unruhen in Rom durch das Ackergesetz entstanden. Ein Gesetz, das weit zurückgreift und gegen ein altes Herkommen verstößt, wirkt in einer Republik stets aufreizend. Es ist ein Wort der alten Schriftsteller, daß die Menschen im Unglück kleinmütig, aber des Glücks überdrüssig werden, und daß beide Zustände die gleichen Wirkungen zeitigen. Denn sobald die Menschen nicht mehr aus Not zu kämpfen brauchen, kämpfen sie aus Ehrgeiz, der im Menschenherzen so mächtig ist, daß er sie nie verläßt, wie hoch sie auch steigen mögen. Der Grund dafür liegt in der Menschennatur; wir sind so beschaffen, daß wir alles begehren, aber nicht alles erreichen können. Da nun das Begehren immer stärker ist als die Kraft zum Erringen, so entsteht die Unzufriedenheit mit dem, was man besitzt, und die geringe Befriedigung daran. Daher kommt der Wechsel des menschlichen Glücks; denn da die Menschen teils mehr zu haben wünschen, teils das Erworbene zu verlieren fürchten, so kommt es zu Feindseligkeiten und Kriegen, die ein Land zugrunde richten und das andre emporheben. Diese Erörterung habe ich angestellt, weil es dem römischen Volke nicht genügte, sich durch die Einsetzung der Tribunen gegen die Patrizier zu sichern, wozu die Not es gezwungen hatte. Kaum hatte es dies erreicht, so begann es aus Ehrgeiz zu kämpfen und wollte mit dem Adel Ehrenstellen und Güter teilen, zwei Dinge, die die Menschen am höchsten schätzen. Hieraus entstand die Krankheit, die den Streit um das Ackergesetz erzeugte und die schließlich zum Untergang der römischen Republik führte. Das erste Ackergesetz brachte 486 v. Chr. der Konsul Spurius Cassius ein, der aber der Rache der Patrizier zum Opfer fiel. »Sein Gesetz«, sagt Th. Mommsen (Römische Geschichte, I, 279), ganz wie Machiavelli, »ging mit ihm ins Grab; aber das Gespenst desselben stand seitdem den Reichen unaufhörlich vor Augen ..., bis unter den Kämpfen darüber das Gemeinwesen zugrunde ging.« 367 gingen nach zehnjährigem Kampf die sog. Licinischen Gesetze durch, nach denen kein Bürger mehr als 500 Morgen (zu 2500 qm) Acker besitzen durfte. Dabei blieb es bis zur Zeit der Gracchen. Tiberius Sempronius Gracchus zog das Gesetz 133 v. Chr. als Volkstribun wieder hervor. Danach sollte kein Bürger mehr als 500 Morgen Staatsländereien haben. Er wurde 131 vom Senat ermordet. Sein jüngerer Bruder Gajus setzte den Kampf fort, wurde aber vom Volk im Stich gelassen und fand 121 einen gewaltsamen Tod. Da nun gut eingerichtete Republiken den Staat reich und die Bürger arm erhalten müssen, so hatte dies Gesetz in Rom offenbar einen Mangel. Denn entweder war es ursprünglich nicht so abgefaßt, daß es nicht alle Tage geändert zu werden brauchte, oder es wurde so lange hinausgeschoben, bis sein Hervorziehen Anstoß erregte, oder es war ursprünglich gut, wurde aber durch die Anwendung verdorben. Wie dem aber auch sei, sobald von diesem Gesetz in Rom die Rede war, ging alles in der Stadt drunter und drüber. Das Gesetz hatte zwei Hauptpunkte. Der eine bestimmte, daß kein Bürger mehr als soundso viel Ackerstücke besitzen durfte; der zweite, daß das dem Feinde abgenommene Land unter das römische Volk verteilt wurde. Es verletzte also die Patrizier doppelt, denn wer mehr Güter besaß, als das Gesetz erlaubte, und das waren meistenteils die Patrizier, verlor sie, und zweitens, wenn die Ländereien der Feinde unter die Plebejer verteilt wurden, wurde den Patriziern die Möglichkeit genommen, sich zu bereichern. Da es nun mächtige Personen waren, die durch dies Gesetz verletzt wurden, und da sie durch seine Bekämpfung das öffentliche Wohl zu verteidigen glaubten, so geriet, wie gesagt, jedesmal, wenn man darauf zurückkam, ganz Rom drüber und drunter. Die Patrizier schoben es mit Geduld und Geschicklichkeit immer wieder hinaus, indem sie ein Heer ins Feld schickten oder dem Tribunen, der es einbrachte, einen andern entgegenstellten oder zum Teil nachgaben oder eine Kolonie nach dem zu verteilenden Landstück schickten. Das war z. B. bei Antium der Fall, wohin man aus Rom eine Kolonie sandte, als der Streit über das Gesetz ausbrach. Livius gebraucht hier einen merkwürdigen Ausdruck. Er sagt, es hätten sich in Rom nur wenige gemeldet, die zu jener Kolonie gehen wollten; soviel mehr hätte das Volk dazu geneigt, in Rom etwas zu begehren, als es in Antium zu besitzen. Livius III, 1. So dauerte die Gärung wegen dieses Gesetzes eine Zeitlang fort, bis die Römer ihre Waffen bis an die Grenzen Italiens oder darüber hinaus trugen. Nach dieser Zeit schien sie sich gelegt zu haben, denn die Äcker, die die Feinde Roms besaßen, waren nun den Augen des Volkes entrückt und in Gegenden, wo es ihm nicht mehr leicht war, sie zu bebauen; es begehrte sie also nicht mehr so sehr. Auch straften die Römer ihre Feinde nicht mehr durch den Verlust ihrer Ländereien, und wenn sie einmal eine Stadt ihres Gebietes beraubten, so schickten sie Kolonien hin. Aus diesen Gründen war das Gesetz bis zu den Gracchen gleichsam eingeschlafen, und als es von ihnen wieder aufgeweckt wurde, richtete es die Freiheit Roms völlig zugrunde. Denn es fand jetzt die Macht seiner Gegner verdoppelt und entflammte daher solchen Haß zwischen Volk und Senat, daß es zu Waffengebrauch und Blutvergießen über alles Maß und alle Bürgersitte hinaus kam. Da die öffentliche Gewalt nicht mehr abhelfen konnte und auch keine Partei sich mehr auf sie verließ, griff man zur Selbsthilfe, und jede Partei war darauf bedacht, sich ein Oberhaupt zu seiner Verteidigung zu schaffen. In diesem Aufruhr und in dieser Verwirrung wandte sich das Volk an Marius und schenkte ihm sein Vertrauen, so daß es ihn viermal zum Konsul wählte, und zwar mit so geringen Zwischenräumen, daß er sich selbst noch dreimal zum Konsul machen konnte. Der Adel, der gegen diese Seuche nichts machen konnte, wandte sich dem Sulla zu und machte ihn zu seinem Haupte. Es kam zum Bürgerkrieg, und nach vielem Blutvergießen und wechselvollen Schicksalen behielt der Adel die Oberhand. Die Gärung brach dann zu Cäsars und Pompejus' Zeiten wieder aus, wo Cäsar sich zum Haupt der Partei des Marius und Pompejus der des Sulla machte. Als es zum Kampfe kam, blieb Cäsar Sieger und wurde zum ersten Tyrannen Roms. Damit hatte Rom seine Freiheit verwirkt. Das war der Anfang und das Ende des Ackergesetzes. Wir haben weiter oben gezeigt, wie der Kampf zwischen Volk und Senat Rom frei erhielt, weil daraus Gesetze zugunsten der Freiheit entstanden. Obgleich das Ende des Ackergesetzes diesem Schluß zu widersprechen scheint, gehe ich doch nicht von meiner Meinung ab. Denn der Ehrgeiz der Großen ist so mächtig, daß, wenn er in einem Staat nicht auf verschiedene Arten und Weisen niedergeschlagen wird, dieser Staat bald zugrunde geht. Der Streit um das Ackergesetz währte 300 Jahre, bis er Rom in Knechtschaft brachte; er hätte es vielleicht schon früher dahin gebracht, hätten die Plebejer durch dies Gesetz wie durch andre Forderungen den Ehrgeiz der Patrizier nicht immer noch gezügelt. Man ersieht daraus auch, wieviel höher die Menschen Besitz als Ehren schätzen. Denn bei den Ehrenstellen gab der römische Adel dem Volke ohne außergewöhnlichen Widerstand nach; als es ihm aber an die Habe ging, verteidigte er sie so hartnäckig, daß das Volk, um sein Mütchen zu kühlen, zu den oben genannten, gewaltsamen Mitteln griff. Die Anstifter dieser Unruhen waren die Gracchen, bei denen mehr die Absicht als die Klugheit zu loben ist. Denn es ist unbesonnen, einen schon groß gewordenen Mißstand in einer Republik beseitigen zu wollen und zu diesem Zweck ein Gesetz zu machen, das weit zurückgreift. Wie wir oben auseinandergesetzt haben, S. Kap. 33. beschleunigt man damit nur das Übel, das jener Mißstand herbeiführt. Wartet man aber die Zeit ab, so tritt das Übel später zutage, oder es verschwindet mit der Zeit von selbst, bevor es seine ganze Wirkung tut. Achtunddreißigstes Kapitel Schwache Republiken sind unschlüssig und können sich nicht entscheiden. Sie fassen ihre Entschlüsse mehr aus Not als aus eigener Wahl. Als in Rom eine verheerende Pest wütete, 463 v. Chr. S. Livius III, 6. glaubten die Volsker und Äquer die Zeit gekommen, Rom niederzuwerfen. Sie brachten daher ein gewaltiges Heer auf, griffen die Latiner und Herniker an und verwüsteten ihr Land, so daß diese gezwungen wurden, in Rom Beschwerde zu führen und um Schutz zu bitten. Die durch die Seuche bedrängten Römer gaben zur Antwort, sie sollten sich selbst mit den eignen Waffen verteidigen, denn Rom könnte ihnen nicht helfen. Hieraus erkennt man den hohen Sinn und die Klugheit des Senats. Immer wollte er, im Glück wie im Unglück, Herr der Beschlüsse seines Volkes bleiben, und er schämte sich nicht, etwas gegen seinen Brauch oder gegen frühere Beschlüsse zu tun, wenn es die Notwendigkeit gebot. Der Senat hatte nämlich früher jenen Völkern verboten, zu ihrer Verteidigung zu den Waffen zu greifen. Ein weniger kluger Senat hätte sich also etwas zu vergeben vermeint, wenn er ihnen die Selbstverteidigung erlaubte. Allein er beurteilte die Dinge stets richtig und ergriff immer die am wenigsten schlimme Maßregel als die beste. Denn er sah wohl ein, daß es ein Übel war, seine Untertanen nicht verteidigen zu können, ein Übel, daß sie ohne die Römer zu den Waffen griffen, aus den angeführten Gründen sowohl wie aus vielen andern, die naheliegen. Nichtsdestoweniger sah er voraus, daß sie in ihrer Not unfehlbar zu den Waffen greifen würden, da sie den Feind auf dem Halse hatten, und so wählte er das ehrenvollere Teil und erlaubte ihnen, das zu tun, was sie doch tun mußten, damit sie vom notgedrungenen Ungehorsam nicht zum mutwilligen übergingen. Man sollte nun zwar glauben, daß jede Republik dies Verfahren einschlagen müßte, und doch verstehen schwache und schlecht beratene Republiken nicht, sich dazu zu entschließen und in diesem Fall aus der Not eine Tugend zu machen. Der Herzog von Valentinois Cäsar Borgia war 1498 vom König Ludwig XII. von Frankreich zum Herzog von Valentinois ernannt worden. Er eroberte 1501 Faënza. (S. Lebenslauf, 1501.) Florenz mußte ihn für ein Jahresgehalt von 36 000 Dukaten zum Feldhauptmann nehmen. hatte Faënza erobert und Bologna zu einem Vergleich gezwungen. Als er dann durch Toskana nach Rom zurückkehren wollte, schickte er einen Gesandten nach Florenz und verlangte freien Durchzug für sich und sein Heer. In Florenz beriet man sich, was in der Sache zu tun sei, aber keiner riet, es ihm zu gestatten. Man folgte hierin also nicht dem römischen Muster. Denn da der Herzog ein starkes Heer hatte und die Florentiner so wenig gerüstet waren, daß sie ihm den Durchzug nicht verwehren konnten, war es weit ehrenvoller für sie, daß er mit ihrer Erlaubnis durchzog als mit Gewalt. Die Schande, die nun ganz auf sie fiel, wäre geringer gewesen, wenn sie anders gehandelt hätten. Allein die schlimmste Seite der schwachen Republiken ist ihre Unentschlossenheit. Alle Entschlüsse fassen sie nur aus Not, und wenn sie einmal etwas Gutes tun, so tun sie es gezwungen und nicht aus Klugheit. Ich will dafür noch zwei andre Beispiele anführen, die sich in unsrer Stadt Florenz im Jahre 1500 zutrugen. Nachdem König Ludwig XII. von Frankreich Mailand zurückerobert hatte, wollte er auch Pisa in seine Gewalt bringen, um die 50 000 Dukaten zu erhalten, die ihm die Florentiner für die Rückgabe dieser Stadt versprochen hatten. Pisa war 1405 in die Abhängigkeit von Florenz geraten und hatte 1494 beim Einmarsch der Franzosen das lästige Joch abgeschüttelt. In den folgenden Jahren machte Florenz zahlreiche vergebliche Versuche, die Stadt zu erobern; erst 1509 gelang die Einnahme nach langer Belagerung. Machiavellis Anteil daran s. Lebenslauf, 1509. Er schickte daher sein Heer gegen Pisa unter der Führung des Herrn von Beaumont, der zwar Franzose war, aber das Vertrauen der Florentiner in hohem Maße besaß. Das Heer rückte zwischen Cascina und Pisa vor, um die Stadtmauern anzugreifen, und brachte ein paar Tage mit den Vorbereitungen zum Sturm zu. Da kamen Abgeordnete aus Pisa zu Beaumont und boten ihm an, die Stadt den Franzosen unter der Bedingung zu übergeben, daß er im Namen des Königs verspräche, sie nicht vor vier Monaten an die Florentiner auszuliefern. Dieser Vorschlag wurde von den Florentinern durchaus verworfen; die Belagerung nahm ihren Fortgang und wurde mit Schanden abgebrochen. Und zwar verwarf Florenz den Vorschlag nur deshalb, weil es dem Wort des Königs mißtraute, während es sich doch aus Unüberlegtheit vollkommen in seine Hände gegeben hatte. Florenz traute ihm also nicht, sah aber nicht ein, wieviel besser es gewesen wäre, wenn der König in den Besitz von Pisa gelangt und es dann an Florenz abgetreten, oder wenn er dies nicht tat, seine Gesinnung offenbart hätte, während er die Rückgabe nun versprechen konnte, ohne Pisa zu besitzen, und Florenz dies bloße Versprechen erkaufen mußte. Viel besser hätte Florenz getan, wenn es in die Besetzung Pisas durch Beaumont unter jeder Bedingung gewilligt hätte, wie es die Erfahrung mit Arezzo im Jahre 1502 zeigte. Damals hatte sich Arezzo empört, und der König von Frankreich hatte Herrn von Imbault mit französischen Truppen den Florentinern zu Hilfe gesandt. S. Lebenslauf, 1502. Vor Arezzo angelangt, begann er bald mit den Einwohnern zu verhandeln, und diese wollten ihm die Stadt unter gewissen Bedingungen, ähnlich wie Pisa, übergeben. Der Vorschlag wurde in Florenz verworfen. Als Herr von Imbault dies sah und es ihm schien, daß die Florentiner nichts von der Sache verständen, setzte er die Verhandlungen ohne Teilnahme der Florentiner Kommissare fort und schloß einen Vertrag nach seinem Gutdünken ab, worauf er mit seinen Truppen in Arezzo einzog. Den Florentinern ließ er sagen, sie seien Toren und verstünden nichts von den Dingen der Welt; wollten sie Arezzo haben, so sollten sie sich an den König wenden, der es ihnen weit leichter geben könnte, wenn seine Truppen in der Stadt wären, als wenn sie draußen ständen. In Florenz wurde Imbault heruntergerissen und geschmäht, und erst später sah man ein, daß, wenn Beaumont wie Imbault gehandelt hätte, man Pisa wie Arezzo bekommen hätte. Um also zu unserm Satz zurückzukommen, fassen unentschlossene Republiken immer nur notgedrungen gute Entschlüsse, weil ihre Schwäche sie nie zur Entscheidung kommen läßt, solange der geringste Zweifel besteht. Wird dieser Zweifel nicht durch äußere Gewalt behoben, so schwanken sie stets hin und her. Neununddreißigstes Kapitel Bei verschiednen Völkern sieht man oft die gleichen Ereignisse. Bei Betrachtung der gegenwärtigen und alten Begebenheiten erkennt man leicht, daß bei allen Städten und Völkern von jeher die gleichen Wünsche und Stimmungen herrschten. Wer also sorgfältig die Vergangenheit untersucht, kann leicht die zukünftigen Ereignisse in jedem Staate vorhersehen und dieselben Mittel anwenden, die von den Alten angewandt wurden, oder wenn er keine angewandt findet, kann er bei der Ähnlichkeit der Ereignisse neue ersinnen. Aber die Leser unterlassen solche Betrachtungen oder verstehen sie nicht anzustellen, und wenn sie es auch verstehen, so kommen sie doch nicht zur Kenntnis der Regierung, und so kehren zu jeder Zeit die gleichen Unzuträglichkeiten wieder. Für diesen Gedankengang vgl. Plutarch, Sertorius, I, und Thukydides, I, 21 und 138; III, 82. Als Florenz im Jahre 1494 einen Teil seines Gebiets, Pisa und andre Städte, verloren hatte, S. Lebenslauf, 1494, und S. 89, Anm. 113. mußte es mit denen, die sie besetzt hielten, Krieg führen. Da diese aber mächtig waren, so wurde bei dem Kriege viel Geld ohne irgendeinen Nutzen verausgabt. Die vielen Ausgaben verursachten viele Auflagen, und diese endlose Klagen des Volkes. Da nun der Krieg von einem Rate von zehn Männern geleitet wurde, Machiavelli war 1498–1512 Kanzler dieser Behörde, die damals die Zehn für Frieden und Freiheit hießen. (S. Lebenslauf, 1498.) die die Zehn des Krieges hießen, so begann das Volk gegen sie zu murren, als wären sie die Ursache des Krieges und der Ausgaben, und es wähnte, mit ihrer Beseitigung wäre auch der Krieg beseitigt. Als daher die Zeit der Neuwahlen kam, wurden keine neuen gewählt und ihre Geschäfte der Signoria übertragen. Dieser Entschluß war äußerst verderblich; denn er machte nicht nur dem Kriege kein Ende, wie die Menge gewähnt hatte, sondern durch die Entfernung der Männer, die ihn mit Einsicht geleitet hatten, riß auch solche Unordnung ein, daß außer Pisa auch Arezzo und viele andre Städte verlorengingen. Nun erst sah das Volk seinen Irrtum ein. Es erkannte, daß das Fieber und nicht der Arzt die Ursache des Fiebers war, und setzte den Rat der Zehn wieder ein. Die gleiche Mißstimmung entstand in Rom gegen den Konsultitel. Als das Volk einen Krieg aus dem andern hervorgehen sah und niemals Ruhe fand, glaubte es, daß dies nicht von dem Ehrgeiz der Nachbarn käme, die Rom unterdrücken wollten, sondern vom Ehrgeiz der Adligen, die das von den Tribunen beschützte Volk nicht daheim züchtigen konnten und es deshalb unter den Konsuln aus Rom herausführen wollten, um es hier, wo es ganz hilflos war, zu unterdrücken. Das Volk hielt es daher für nötig, entweder die Konsuln abzuschaffen oder ihre Macht so zu beschränken, daß sie weder auswärts noch zu Hause Macht über das Volk hätten. Der erste, der dies Gesetz durchzubringen suchte, war ein Tribun Terentilius, der den Antrag stellte, fünf Männer zu ernennen, die die Macht der Konsuln untersuchen und beschränken sollten. 462 v. Chr. Nach zehnjährigen Kämpfen wurden die Dezemvirn (s. Kap. 40) eingesetzt. Das brachte den Adel gewaltig auf, denn ihm schien, die Majestät der Regierung werde dadurch völlig herabgewürdigt und ihm selbst verbliebe keine besondere Stelle mehr im Staatswesen. Nichtsdestoweniger war die Hartnäckigkeit der Tribunen so groß, daß der Konsultitel abgeschafft wurde. Nach einigen andern Versuchen gab sich das Volk schließlich damit zufrieden, Tribunen mit Konsulargewalt statt Konsuln zu wählen; Durch die Lex Canuleja, 445 v. Chr. so viel mehr war ihr Name als ihre Gewalt verhaßt. Längere Zeit blieb es dabei, bis man endlich den Irrtum einsah und wieder Konsuln ernannte, wie die Florentiner zu den zehn Männern zurückkehrten. Vierzigstes Kapitel Von der Einsetzung der Dezemvirn in Rom und was dabei zu bemerken ist, unter vielem andern auch, wie eine Republik durch ein und dasselbe Ereignis gerettet oder unterdrückt werden kann. Da ich die Vorfälle, die in Rom aus der Einsetzung der Dezemvirn entsprangen, im einzelnen erörtern will, so erscheint es mir nicht überflüssig, zuerst alles zu erzählen, was auf diese Einsetzung folgte, und das Bemerkenswerteste zu besprechen. Es ist mancherlei und von großer Bedeutung, sowohl für die, welche die Freiheit einer Republik erhalten wollen, wie für die, welche die Absicht haben, sie zu unterdrücken. Denn man wird dabei viele Fehler sehen, die vom Senat und vom Volke zum Nachteil der Freiheit begangen wurden, und viele Fehler des Appius, des Hauptes der Dezemvirn, zum Nachteil der Tyrannei, die er in Rom aufrichten wollte. Nach vielen Zänkereien und Streitigkeiten zwischen Volk und Adel über neue Gesetze, die die Freiheit des Staates dauernd befestigen sollten, kam man überein, den Spurius Posthumius und zwei andre Bürger nach Athen zu schicken, 454 v. Chr. Vgl. Livius III, 31 ff. um Abschriften der Solonischen Gesetze zu holen, die zur Grundlage für die römischen Gesetze dienen sollten. Nach ihrer Rückkehr schritt man zur Wahl derer, die die genannten Gesetze prüfen und abfassen sollten, und ernannte zehn Bürger auf ein Jahr, unter ihnen den Appius Claudius, einen verschlagenen, unruhigen Mann. 451 v. Chr. Damit sie diese Gesetze ohne jede Rücksicht geben konnten, hob man alle andern Ämter in Rom auf, namentlich das der Tribunen und Konsuln, ferner das Recht der Berufung an das Volk, so daß die zehn Männer völlig Herren von Rom waren. In Appius vereinigte sich durch die Volksgunst die ganze Macht seiner Amtsgenossen, denn er hatte sich durch sein äußeres Benehmen so beliebt gemacht, daß es ein Wunder schien, wie rasch er seine Natur und Gesinnung verändert hatte, da er doch vorher für einen grausamen Verfolger des Volkes gegolten hatte. Die Dezemvirn benahmen sich anfangs sehr gemäßigt; sie hielten sich nicht mehr als zwölf Liktoren, die ihrem jeweiligen Oberhaupt voranschritten. Obwohl sie unumschränkte Gewalt hatten, stellten sie doch einen Bürger, der wegen Totschlags bestraft werden sollte, vor das Volk und ließen ihn von diesem aburteilen. Ihre Gesetze schrieben sie auf zehn Tafeln und stellten sie vor der Bestätigung öffentlich aus, damit jeder sie lesen und erörtern konnte, so daß man etwaige Mängel entdecken und vor der Bestätigung abändern konnte. Inzwischen ließ Appius in Rom ein Gerücht aussprengen, daß die zehn Tafeln durch Hinzufügung zweier weiterer Tafeln ganz vollkommen sein würden. Dies gab Veranlassung, die Zehn für ein zweites Jahr zu ernennen. Das Volk verstand sich gern dazu, denn erstens wurden auf diese Weise keine Konsuln gewählt, und zweitens glaubte es auch ohne Tribunen auszukommen, da es, wie oben gesagt, Richter in Rechtssachen war. Als dieser Beschluß gefaßt war, setzte der Adel alles in Bewegung, um jene Ehrenstellen zu erlangen, allen voran Appius, der bei der Bewerbung solche Leutseligkeit gegen das Volk zeigte, daß er seinen Mitbewerbern verdächtig zu werden begann. Credebant enim haud gratuitam in tanta superbia comitatem fore . Livius III, 35. (Sie glaubten nämlich, diese Leutseligkeit sei bei solchem Hochmut nicht umsonst.) Da sie sich scheuten, ihm offen entgegenzutreten, beschlossen sie, es durch einen Kunstgriff zu tun, und übertrugen ihm, obgleich er der Jüngste von allen war, die Befugnis, die künftigen Dezemvirn dem Volke vorzuschlagen. Sie nahmen dabei an, er werde sich nach dem bisherigen Brauche nicht selbst vorschlagen, was in Rom etwas Unerhörtes und Schimpfliches war. Ille vero impedimentum pro occasione arripuit Livius III, 35. (er aber ergriff das Hindernis als Gelegenheit) und ernannte sich selbst zum Erstaunen und Mißfallen aller Adligen zuerst; dann ernannte er neun andre nach seinem Gutdünken. Diese Neuwahl für das zweite Jahr öffnete dem Volk und dem Adel die Augen. Denn sofort Appius finem fecit ferendae alienae personae Ebd. 36. (legte Appius seine Maske ab), zeigte seinen angeborenen Hochmut und erfüllte seine Amtsgenossen in wenigen Tagen mit der gleichen Sinnesart. Um das Volk und den Senat einzuschüchtern, nahmen sie statt der 12 Liktoren 120 an. Einige Tage war die Furcht allgemein, bald aber begannen sie den Senat hinzuhalten und das Volk zu mißhandeln. Wenn ein von einem Dezemvir Bedrückter sich an den andern wandte, erging es ihm bei der Berufung noch schlimmer. Das Volk erkannte nun seinen Irrtum und wandte seine Augen voll Betrübnis auf die Patrizier. Et inde libertatis captare auram, unde servitutem timendo, in eum statum rempublicam adduxerant . Ebd. 37. (Und es erhoffte von ihnen ein wenig Freiheit zu erhaschen, wo es doch den Staat aus Furcht, von ihnen geknechtet zu werden, in diese Lage gebracht hatte.) Dem Adel aber war die Betrübnis des Volkes erwünscht, ut ipsi, taedio praesentium, consules desiderarent Ebd. 37. (damit es aus Überdruß an den jetzigen Männern Konsuln verlangte). Das Ende des Jahres rückte heran; die beiden Gesetzestafeln waren fertig, aber noch nicht veröffentlicht. Das benutzten die Dezemvirn, um im Amte zu bleiben. Sie begannen die Regierung gewaltsam zu führen und sich eine Leibwache aus der adligen Jugend zu bilden, der sie die Güter der Verurteilten schenkten. Quibus donis iuventus corrumpebatur, et malebat licentiam suam quam omnium libertatem . Livius III, 37. (Durch solche Geschenke verdorben, wollte die Jugend lieber ihre eigne Ungebundenheit als die öffentliche Freiheit.) Zu dieser Zeit erklärten die Sabiner und Volsker den Römern den Krieg. In ihrer Bedrängnis begannen die Dezemvirn die Schwäche ihrer Regierung einzusehen. Denn ohne den Senat konnten sie keinen Krieg führen, und versammelten sie den Senat, so schien ihnen ihre Herrschaft verloren. Trotzdem taten sie notgedrungen das letztere. Das folgende nach Livius III, 39, 41, 44 ff. Als aber der Senat versammelt war, sprachen viele Senatoren, besonders L. Valerius und M. Horatius, gegen den Übermut der Dezemvirn, und ihre Herrschaft wäre völlig zu Ende gewesen, hätte der Senat nicht aus Mißgunst gegen das Volk vermieden, sein Ansehen geltend zu machen. Hielt er es doch bei freiwilliger Amtsniederlegung der Dezemvirn für möglich, daß die Volkstribunen nicht wiedergewählt würden. Der Krieg wurde also beschlossen, und zwei Heere unter Anführung eines Teils der Dezemvirn zogen aus. Appius blieb zur Regierung der Stadt zurück und verliebte sich in Virginia. Als er sie mit Gewalt entführen wollte, wurde sie von ihrem Vater Virginius erstochen, um sie zu befreien. Aufstände in Rom und bei den Heeren waren die Folge. Diese vereinigten sich mit dem Rest des Volkes und zogen auf den Heiligen Berg, wo sie lange blieben, bis die Dezemvirn ihr Amt niederlegten, Tribunen und Konsuln gewählt wurden und Rom seine alte Freiheit zurückerhielt. Bei diesen Ereignissen ist zunächst zu bemerken, daß in Rom das Übel einer Tyrannenherrschaft aus denselben Ursachen entsprang wie in den meisten Freistaaten, nämlich aus dem übermäßigen Verlangen des Volkes nach Freiheit und dem übermäßigen Verlangen des Adels nach Herrschaft. Können sie sich über ein Gesetz zugunsten der Freiheit nicht einigen, sondern eine von beiden Parteien verfällt darauf, einen Mann zu begünstigen, dann ist sogleich die Tyrannei da. Das Volk und die Patrizier von Rom waren übereingekommen, die zehn Männer zu ernennen und sie mit so großer Machtbefugnis auszustatten, weil beide Teile den gleichen Wunsch hatten, der eine das Konsulat, der andre das Tribunat abzuschaffen. Da es nach der Wahl den Plebejern erschien, daß Appius volksfreundlich geworden sei und den Adel bedrückte, wandte ihm das Volk seine Gunst zu. Läßt sich aber ein Volk zu dem Fehler verleiten, einem Manne Ansehen zu geben, damit er die bedrückt, die es haßt, und dieser eine ist klug, so wird er allemal Tyrann dieser Stadt werden. Denn mit Hilfe der Volksgunst wird er danach trachten, den Adel zu vernichten, und erst dann zur Unterdrückung des Volkes schreiten. Wird dieses dann seiner Knechtschaft gewahr, so hat es niemand mehr, zu dem es seine Zuflucht nehmen kann. Für diesen Gedankengang vgl. Aristoteles, Politik, VIII, 8,1. Diesen Weg schlugen alle ein, die eine Tyrannenherrschaft in einer Republik aufgerichtet haben, und hätte Appius so gehandelt, so hätte seine Tyrannis mehr Fuß gefaßt und wäre nicht so bald zu Ende gewesen. Allein er tat genau das Gegenteil und konnte sich nicht unklüger benehmen. Denn um die Herrschaft zu behalten, machte er sich die zu Feinden, die sie ihm verliehen hatten und sie ihm erhalten konnten, und stellte sich gut mit denen, die nichts dazu beigetragen hatten und sie ihm nicht erhalten konnten. Er verlor also seine wirklichen Freunde und suchte die zu Freunden, die seine Freunde nicht sein konnten. Denn wenn auch die Adligen nach Alleinherrschaft streben, ist doch der Teil des Adels, der von dieser Herrschaft ausgeschlossen ist, dem Tyrannen stets feindlich gesinnt. Und dieser kann den Adel wegen seiner großen Herrschsucht und Habsucht nie ganz gewinnen, da der Tyrann nie über so viele Reichtümer und Ehrenstellen verfügt, um alle zufriedenzustellen. So machte denn Appius, indem er das Volk im Stiche ließ und sich zum Adel schlug, den augenscheinlichsten Fehler, sowohl aus den angeführten Gründen wie deshalb, weil der Zwingherr, um etwas mit Gewalt zu halten, mächtiger sein muß als der Bezwungene. Daher kommt es auch, daß die Tyrannen sichrer sind, die die Menge zum Freund und die Großen zu Feinden haben, weil ihre Gewalt eine stärkere Grundlage hat, als wenn sie das Volk zum Feinde und den Adel zum Freunde haben. Daß der Tyrann das Volk gewinnen und die Großen unterdrücken müsse, lehrte Aristoteles, Politik, VIII, 8,7. Das rechte Verhältnis zwischen Zwingherr und Bezwungenen bei Thukydides, V, 89 und 105. Denn im Besitz der Volksgunst genügen die eignen Streitkräfte, um sich zu behaupten, wie sie für Nabis, den Tyrannen von Sparta, hinreichten, als ganz Griechenland und das römische Volk ihn angriffen. 195 v. Chr. S. Kap. 10 und Livius XXXIV, 22 ff. Nachdem er sich vor einigen Adligen gesichert hatte, verteidigte er sich mit Hilfe des Volkes, das er zum Freunde hatte. Das hätte er nicht tun können, wenn es sein Feind gewesen wäre. Im umgekehrten Falle, wo man nur wenige Freunde im Innern hat, genügen die eignen Streitkräfte nicht, sondern man muß sie auswärts suchen. Diese können von dreierlei Art sein: Erstens man nimmt eine fremde Leibwache; zweitens man bewaffnet das Landvolk, das dann an Stelle des niederen Volkes tritt; drittens man schließt ein Schutzbündnis mit mächtigen Nachbarn. Wer diese Wege einschlägt und sie genau innehält, dürfte sich, auch wenn er das Volk zum Feinde hat, einigermaßen sichern können. Allein Appius konnte das Landvolk nicht für sich gewinnen, da die Land- und Stadtbevölkerung dasselbe war, und was er hätte tun können, verstand er nicht, so daß er schon gleich im Anfang zugrunde ging. Auch Senat und Volk begingen bei Ernennung der Dezemvirn die größten Fehler. Wir haben zwar oben über den Diktator gesagt, S. Kap. 34. daß die Behörden, die sich selbst dazu machen, der Freiheit schädlich sind, nicht die, die das Volk ernennt. Nichtsdestoweniger muß das Volk, wenn es Behörden einsetzt, dafür sorgen, daß sie einige Scheu davor haben, Böses zu tun. Anstatt ihnen Wächter zu bestellen, damit sie gut bleiben, nahmen die Römer diese fort, indem sie den Dezemvirn alle Macht übertrugen und alle andern Behörden aufhoben. Der Senat tat dies, weil er, wie wir oben gesehen haben, darauf brannte, die Tribunen abzuschaffen, das Volk, weil es darauf brannte, die Konsuln abzuschaffen, und dies Verlangen machte beide Teile so blind, daß sie zu der allgemeinen Verwirrung beitrugen. Denn die Menschen machen es, wie König Ferdinand Vermutlich Ferdinand I. von Neapel (1458-94). sagte, wie gewisse kleine Raubvögel, die mit solcher Gier ihre Beute verfolgen, daß sie den großen Vogel nicht sehen, der über ihnen schwebt, um sie zu töten. Dies Kapitel zeigt also, wie ich zu Anfang gesagt habe, die Fehler des römischen Volkes, als es seine Freiheit retten, und die Fehler des Appius, als er sich der Alleinherrschaft bemächtigen wollte. Einundvierzigstes Kapitel Der Übergang von Hochmut zu Herablassung, von Grausamkeit zu Milde ohne die gehörigen Mittelstufen ist unklug und nutzlos. Unter den andern verkehrten Mitteln des Appius, die Alleinherrschaft zu behaupten, war eins von nicht geringer Bedeutung, nämlich ein zu schneller Übergang von einer Art des Benehmens zur andern. Seine Schlauheit bei der Täuschung der Plebejer, als er den Volksfreund spielte, war gut, gut waren auch die Mittel zur Wiederwahl der Dezemvirn und die Kühnheit, sich selbst wider Erwarten des Adels zu wählen, gut war endlich, sich Amtsgenossen auszusuchen, wie er sie brauchte. Aber nicht mehr gut war es, daß er nach alledem mit einem Schlage seine Natur änderte und vom Freund des Volkes zu seinem Feinde wurde, sich statt leutselig übermütig, statt nachgiebig unfreundlich zeigte und dies so schnell tat, daß jeder die Falschheit seines Charakters erkennen mußte, ohne eine Entschuldigung für ihn zu finden. Denn wer eine Zeitlang gut schien und zu seinen Zwecken böse werden muß, der muß es mit den gehörigen Zwischenstufen tun und die Gelegenheiten so wahrnehmen, daß ihm sein verändertes Benehmen, ehe es ihm die alte Gunst entzieht, so viel neue erworben hat, daß sein Ansehen nicht verliert; sonst geht er, durchschaut und ohne Freunde, zugrunde. Zweiundvierzigstes Kapitel Wie leicht sich die Menschen verderben lassen. Anläßlich der Dezemvirn ist noch zu bemerken, wie leicht sich die Menschen verderben lassen und einen entgegengesetzten Charakter annehmen, auch wenn sie gut und wohlerzogen sind. Man beachte, wie die Jünglinge, die Appius zu seiner Umgebung aussuchte, für ein bißchen Vorteil, den er ihnen gab, sich mit der Tyrannei befreundeten, und wie Quintus Fabius, einer der zweiten Dezemvirn, sonst der beste Mann, durch ein wenig Ehrgeiz verblendet und durch Appius' Tücke verführt, die schlechtesten Sitten annahm und ihm ähnlich wurde. Livius III, 41. Wird dies wohlerwogen, so wird es die Gesetzgeber der Republiken und Königreiche um so geneigter machen, die Begierden der Menschen zu zügeln und ihnen alle Hoffnung zu rauben, sich ungestraft zu vergehen. Dreiundvierzigstes Kapitel Männer, die für den eignen Ruhm kämpfen, sind gute und treue Soldaten. Aus der obigen Abhandlung ergibt sich auch der Unterschied zwischen einem willigen Heer, das für den eignen Ruhm kämpft, und einem mißvergnügten, das für den Ehrgeiz andrer ficht. Während die römischen Heere unter den Konsuln immer sieggewohnt waren, wurden sie unter den Dezemvirn stets geschlagen. Livius III, 42. Für diesen Gedanken vgl. auch Herodot, V, 78, Demosthenes, I. Philippica, ed. Müller, 24, und περί συντάξεως, 6; Isokrates, De pace, 46; Polybios VI, 52,4f. Aus diesem Beispiel ergibt sich auch ein Teil der Gründe für die Zwecklosigkeit der Söldner, die nichts andres an dich bindet als ein wenig Sold, den du ihnen gibst. Dies Band ist und kann nicht hinreichend sein, sie dir treu zu erhalten und sie dir so zugetan zu machen, daß sie für dich in den Tod gehen. Fühlen die Heere für den, für den sie kämpfen, nicht so viel Zuneigung, daß sie zu seinen Anhängern werden, so findet er bei ihnen nie so viel Tapferkeit, um einem etwas tapferen Feinde zu widerstehen. Da nun diese Liebe und dieser Wetteifer nur bei deinen eignen Untertanen entstehen kann, so ist es zur Behauptung der Herrschaft, sei es einer Republik oder eines Königsreichs, nötig, sich ein Volksheer zu schaffen, wie es alle getan haben, die große Waffentaten vollbrachten. Die römischen Heere waren unter den Dezemvirn so tapfer wie immer, da sie aber nicht mehr der gleiche gute Wille beseelte, so hatten sie nicht mehr ihre gewohnten Erfolge. Sobald aber die Dezemvirn gestürzt waren und sie wieder als freie Männer zu kämpfen begannen, kehrte der alte Geist und der alte Erfolg wieder. Vierundvierzigstes Kapitel Eine Menge ohne Haupt ist unnütz, und man muß nicht zuerst drohen und dann Gewalt verlangen. Das Volk von Rom hatte sich wegen des Vorfalls mit Virginia bewaffnet auf den Heiligen Berg zurückgezogen. Der Senat schickte Gesandte, um zu fragen, mit welcher Befugnis es seine Feldherren verlassen hätte und auf den Berg gezogen sei. Und der Senat stand in so hohem Ansehen, daß in Ermangelung eines Führers keiner aus dem Volke zu antworten wagte. Wie Titus Livius III, 50. sagt, fehlte es nicht an Stoff zum Antworten, sondern an einem, der die Antwort gab. Das zeigt deutlich, wie wenig die Menge ohne Haupt vermag. Virginius erkannte diesen Übelstand, und auf sein Anstiften wählte man zwanzig Kriegstribunen zu Oberhäuptern, die dem Senat antworten und mit ihm verhandeln sollten. Sie verlangten, daß man ihnen den Valerius und Horatius S. Kap. 40. schicke, denen sie ihren Willen mitteilen wollten. Aber diese wollten nicht eher hingehen, als die Dezemvirn ihr Amt niedergelegt hatten. Als sie auf dem Berge bei dem Volk ankamen, verlangte dieses, daß Volkstribunen gewählt würden, daß die Berufung ans Volk gegenüber jeder Behörde erlaubt sein sollte und daß ihnen alle Dezemvirn ausgeliefert würden, da sie sie lebendig verbrennen wollten. Valerius und Horatius billigten die ersten Forderungen, tadelten aber die letzte als gottlos mit den Worten: Crudelitatem damnatis, in crudelitatem ruitis. Livius sagt (III, 53): Crudelitatis odio in crudelitatem ruitis. (Ihr verdammt die Grausamkeit und stürzt euch selbst hinein.) Sie rieten dem Volke, die Dezemvirn gar nicht zu erwähnen und nur auf die Wiederherstellung seiner Macht und Gewalt zu sinnen; dann werde es ihm an Mitteln zur Genugtuung nicht fehlen. Hieraus ersieht man deutlich, wie töricht und unüberlegt es ist, Gewalt zu verlangen und vorher zu drohen: Ich will etwas Böses damit tun. Denn man muß seine Absicht nicht verraten, sondern seinen Wunsch erst in jeder Weise zu erreichen suchen. Es genügt, einem die Waffen abzufordern, ohne zu sagen: Ich will dich damit umbringen. Denn hat man die Waffen in Händen, so kann man ja sein Gelüst befriedigen. Fünfundvierzigstes Kapitel Die Übertretung eines gegebenen Gesetzes ist ein schlechtes Beispiel, zumal wenn der Gesetzgeber sie selbst begeht. In einer Stadt täglich neue Unbill zu begehen, ist für ihren Herrscher äußerst schädlich. Als der Vergleich geschlossen war und Rom seine alte Verfassung wieder erhalten hatte, Vgl. Livius III, 55 ff. lud Virginius den Appius vor das Volk, um seine Sache zu verteidigen. Er erschien in Begleitung vieler Adliger. Virginius befahl, ihn ins Gefängnis zu werfen. Appius begann zu schelten und an das Volk zu appellieren. Virginius sagte, er sei nicht wert, daß ihm das Recht der Berufung zuteil werde, das er selbst abgeschafft habe, noch daß er das von ihm beleidigte Volk zum Verteidiger habe. Appius erwiderte, man dürfte das Recht der Berufung nicht verletzen, das man mit solchem Eifer eingeführt hätte. Trotzdem wurde er eingekerkert und entleibte sich vor dem Gerichtstage selbst. Obwohl Appius durch sein verbrecherisches Leben jede Strafe verdient hatte, war es doch politisch falsch, die Gesetze zu verletzen, besonders das eben gegebene. Denn ich glaube nicht, daß man ein übleres Beispiel in einer Republik geben kann, als ein Gesetz zu machen und es nicht zu befolgen, zumal wenn der Gesetzgeber es selbst übertritt. Florenz hatte nach 1494 S. Lebenslauf, 1494. seine Verfassung mit Hilfe des Mönches Girolamo Savonarola erneuert, dessen Schriften seine Gelehrsamkeit, Klugheit und Geisteskraft dartun. Unter andern Bestimmungen wurde zur Sicherung der Bürger ein Gesetz erlassen, daß gegen Urteile der acht Männer und der Signoria in Staatsverbrechen Berufung beim Volk eingelegt werden könne. Dies Gesetz hatte Savonarola seit langer Zeit in Vorschlag gebracht und nur mit großer Mühe durchgesetzt. Kurz nach seiner Bestätigung wurden fünf Bürger S. Kap. 7, Anm. 21. wegen Staatsverbrechen von der Signoria zum Tode verurteilt. Als sie aber Berufung beim Volk einlegen wollten, schlug man dies ab und übertrat somit das Gesetz. Das brachte den Mönch mehr um sein Ansehen als irgendein andrer Vorfall. Denn war die Berufung an das Volk nützlich, so mußte er sie jedem zugute kommen lassen; war sie es nicht, so durfte er sie nicht durchsetzen. Die Sache fiel um so mehr auf, weil der Mönch in allen Predigten, die er nach dem Bruch des Gesetzes hielt, niemals dessen Übertreter verdammte, noch den Bruch entschuldigte, als ob er die Tat, weil sie ihm gelegen kam, nicht verdammen wollte und sie auch nicht entschuldigen konnte. Das offenbarte seinen ehrgeizigen und parteiischen Sinn, brachte ihn um seinen Ruf und zog ihm viele Vorwürfe zu. Sehr schädlich ist es auch für einen Staat, wenn man jeden Tag durch neue Unbill, die man diesem oder jenem zufügt, immer neuen Unwillen bei den Bürgern erweckt, wie es in Rom nach der Zeit der Dezemvirn geschah. Denn alle Dezemvirn und andre Bürger wurden zu verschiedenen Zeiten angeklagt und verurteilt, so daß der größte Schrecken unter dem Adel herrschte. Er glaubte, diese Hinrichtungen würden nie ein Ende nehmen, bis der ganze Adel ausgerottet wäre. Livius III, 58 f. Großes Unheil wäre daraus in Rom entstanden, hätte nicht der Tribun Marcus Duillius durch ein Edikt vorgebeugt, wonach ein Jahr lang keinem erlaubt sein sollte, einen römischen Bürger vorzuladen oder anzuklagen, was den ganzen Adel beruhigte. Man sieht daraus, wie schädlich es für eine Republik oder für einen Fürsten ist, die Gemüter der Untertanen durch fortwährende Strafen und Unbill in Angst und Bangen zu halten. Es gibt gar kein verderblicheres Verfahren, denn fürchten die Menschen erst um ihr Leben, so suchen sie sich auf alle Weise vor der Gefahr zu sichern, werden kühner und scheuen sich weniger vor Umwälzungen. Darum muß man entweder nie einen verletzten oder das ganze mit einem Mal abmachen, dann aber die Menschen wieder beruhigen und ihnen Grund geben, ihre Furcht zu verbannen. Sechsundvierzigstes Kapitel Die Menschen springen von einem Ehrgeiz zum andern über. Zuerst sucht man kein Unrecht zu leiden, dann andern Unrecht zu tun. Als das römische Volk seine Freiheit wiedererlangt und seinen früheren Rang wieder eingenommen, ja noch einen weit höheren erlangt hatte, da viele Gesetze zur Erhöhung seiner Macht erlassen waren, schien es natürlich, daß Rom nun einmal zur Ruhe käme. Trotzdem zeigt die Erfahrung das Gegenteil, denn jeden Tag entstanden neue Unruhen und Zwistigkeiten. Titus Livius gibt den Grund dafür sehr scharfsinnig an. Es scheint mir daher am Platz, seine Worte genau wiederzugeben. III, 65. Immer, sagt er, wurde der Adel oder das Volk übermütig, sobald der andre Teil sich demütigte. Hielt sich das Volk ruhig in seinen Schranken, so begannen die jungen Adligen es zu kränken, und die Tribunen vermochten wenig dagegen, da sie selbst gekränkt wurden. Dem Adel schien es zwar, daß seine Jugend zu unbändig war, aber wenn schon das Maß überschritten wurde, sah er es gern, daß es durch die Seinigen und nicht durch das Volk geschah. So nahm sich in dem Wunsche, die Freiheit zu beschützen, jeder so viel heraus, daß er den andern unterdrückte. Die Regel bei solchen Vorfällen ist diese. Während die Menschen dahin streben, daß sie selbst nichts zu fürchten brauchen, beginnen sie andern Furcht einzuflößen und fügen jenen die Unbill zu, die sie von sich abwehren wollen, als ob es notwendig wäre, entweder zu beleidigen oder beleidigt zu werden. Hieraus ersieht man unter anderm, was für Entschlüsse die Republiken fassen, wie die Menschen von einem Ehrgeiz zum andern überspringen und wie wahr das Wort ist, das Sallust dem Cäsar in den Mund legt: Quod omnia mala exempla bonis initiis orta sunt . Vgl. Sallust: Bellum Catilinarium, LI (Daß alle schlimmen Beispiele aus guten Anfängen entsprungen sind.) Wie oben gesagt, trachten die Ehrgeizigen in den Republiken zunächst danach, von Behörden und Privatleuten nicht beleidigt zu werden. Zu diesem Zwecke suchen sie sich Freunde zu erwerben, und zwar durch anscheinend ehrbare Mittel, indem sie ihnen entweder mit Geld aushelfen oder sie gegen die Mächtigen in Schutz nehmen. Da dies nun ein gutes Werk scheint, wird jeder leicht getäuscht, und man denkt nicht an Abhilfe. Treiben sie es aber ungehindert fort, so werden sie schließlich so mächtig, daß die Privatleute sie fürchten und die Behörden sie scheuen. Ist einer nun soweit gediehen und ist man ihm nicht eher entgegengetreten, so wird es sehr gefährlich, ihn mit Gewalt zu unterdrücken. Die Gründe dafür habe ich oben angegeben. S. Kap. 33 Schließlich kommt es so weit, daß man auf die Gefahr eines plötzlichen Umsturzes hin versuchen muß, einen solchen Mann zu vernichten. Läßt man ihn aber gewähren, so muß man sich in offenbare Knechtschaft begeben, wenn nicht der Tod oder irgendein Zufall den Staat von ihm befreit. Denn hat er es erst so weit gebracht, daß die Bürger und Behörden sich fürchten, ihn oder seine Freunde zu kränken, so kostet es ihm nicht mehr viel Mühe, sie dahin zu bringen, daß sie nach seinem Gutdünken Recht sprechen und Unrecht tun. Daher muß eine Republik unter anderm auch die Einrichtung haben, daß dafür gesorgt wird, daß ihre Bürger unter dem Schein des Guten nichts Böses tun können und nur so viel Ansehen haben als der Freiheit zuträglich, nicht aber schädlich ist, wie wir es an passender Stelle erklären werden. S. Kap. 52. Vgl. Aristoteles, Politik, VIII, 3, 2 ; 7 Siebenundvierzigstes Kapitel Die Menschen täuschen sich zwar im ganzen, aber nicht im einzelnen. Das römische Volk hatte, wie oben gesagt, S. Kap. 39. einen Haß auf den Konsultitel gefaßt und verlangte, daß entweder nur Plebejer zu Konsuln gewählt oder daß ihre Gewalt beschränkt würde. Da schlug der Adel einen Mittelweg ein, um die Konsulwürde durch keins dieser Mittel herabzusetzen. Er willigte darein, daß vier Tribunen mit konsularischer Gewalt ernannt würden, die aus dem Volk wie aus dem Adel genommen werden konnten. 445 v. Chr. Damit war das Volk zufrieden, denn es glaubte, das Konsulat sei damit abgeschafft und es habe seinen Anteil an der höchsten Würde erlangt. Dabei ereignete sich das Merkwürdige, daß bei der Wahl dieser Tribunen, die man alle aus den Plebejern hätte nehmen können, lauter Adlige gewählt wurden. Titus Livius sagt darüber: Quorum comitiorum eventus docuit, alios animos in contentione libertatis et honoris, alios secundum deposita certamina in incorrupto iudicio ess . Livius IV, 6. (Das Wahlergebnis lehrte, daß man anders gesinnt ist im Streit um Freiheit und Ehre als nach beigelegtem Streit bei unbefangenem Urteil.) Der Grund dafür liegt meines Erachtens darin, daß die Menschen sich über das Ganze häufig, über das Einzelne aber selten täuschen. Im Ganzen glaubte das römische Volk das Konsulat zu verdienen, weil es den größten Teil der Stadt ausmachte, im Kriege die größere Gefahr trug, weil es mit seinen Armen Rom frei und mächtig erhielt. Da ihm also sein Anspruch vernünftig erschien, so wollte es durchaus in Besitz dieser Würde gelangen. Als es aber über seine Leute im Einzelnen zu urteilen hatte, erkannte es ihre Schwäche und hielt keinen von ihnen dessen für würdig, was es in seiner Gesamtheit zu verdienen meinte. Es schämte sich ihrer und wandte sich wieder an die, die es wirklich verdienten. Über diesen Entschluß ist Titus Livius mit Recht erstaunt, wenn er sagt: Hanc modestiam aequitatemque et altitudinem animi, ubi nunc in uno inveneris, quae tunc populi universi fuit? Livius IV, 6. (Solche Bescheidenheit, Billigkeit und Hoheit der Gesinnung, wie sie damals dem ganzen Volk eigen war, wo fände man sie jetzt bei einem einzigen?) Zur Bekräftigung läßt sich noch ein andres, denkwürdiges Beispiel anführen, das sich in Capua zutrug, als Hannibal die Römer bei Cannae geschlagen hatte. Nach dieser Niederlage, die ganz Italien zum Aufruhr brachte, stand auch Capua im Begriff, sich zu empören, und zwar wegen des Hasses zwischen Volk und Senat. Livius XXIII, 2 f. Pacuvius Calavius, der dort die höchste Würde bekleidete, erkannte die Gefahr einer Empörung und beschloß, kraft seines Amtes Volk und Adel wieder zu versöhnen. In diesem Sinne versammelte er den Senat, verwies auf den Haß des Volkes und auf die Gefahr, daß das Volk die Senatoren ermorden und die Stadt dem Hannibal ausliefern werde, da die Römer völlig geschlagen seien. Wenn sie ihm jedoch die Sache überlassen wollten, so werde er eine Einigung zustande bringen; er müsse sie aber in das Rathaus einschließen, um sie dadurch zu retten, daß er dem Volke die Macht gebe, sie zu strafen. Die Senatoren gingen auf seinen Vorschlag ein, und er schloß den Senat im Rathaus ein. Dann berief er das Volk zur Versammlung und sagte, jetzt sei die Zeit gekommen, den Übermut des Adels zu brechen und sich für die erlittenen Kränkungen zu rächen, denn er habe sie alle unter seinem Gewahrsam eingesperrt. Er glaube jedoch, das Volk würde die Stadt nicht ohne Regierung lassen wollen, und so müßte es vor der Hinrichtung der alten Senatoren neue ernennen. Darum habe er die Namen aller Senatoren in einen Beutel getan; er werde sie vor dem Volke herausziehen und die Herausgezogenen nacheinander töten lassen, sobald man ihre Nachfolger gefunden habe. Als er den ersten gezogen hatte, erhob sich bei seinem Namen ein großer Lärm; man nannte ihn stolz, grausam und anmaßend. Als aber Pacuvius verlangte, einen Ersatzmann zu wählen, schwieg die ganze Versammlung still. Nach einer Weile wurde einer aus dem Volke genannt, bei dessen Namen der eine zischte, der andere lachte, der dritte auf diese, der vierte auf jene Weise Übles von ihm sagte. Und so wurden nacheinander alle, die man nannte, der Senatorenwürde für unwert gehalten. Diese Gelegenheit ergriff Pacuvius und sprach: »Da ihr der Meinung seid, daß die Stadt ohne Senat nicht bestehen kann, und da ihr euch über den Ersatz für die alten Senatoren nicht einigen könnt, so halte ich es für das beste, wenn ihr euch wieder aussöhnt; denn durch die Angst, die die Senatoren ausgestanden haben, sind sie sicher so demütig geworden, daß ihr die Nachgiebigkeit, die ihr anderswo sucht, bei ihnen finden werdet.« Das Volk ging darauf ein, und die Einigung erfolgte. Der Irrtum des Volkes aber kam an den Tag, als es gezwungen war, sich auf Einzelheiten einzulassen. Ebenso täuschen sich die Völker gemeinhin bei der Beurteilung der Ereignisse und ihrer Ursachen; lernen sie diese dann aber im einzelnen kennen, so sehen sie ihren Irrtum ein. Nach dem Jahre 1494, als die Häupter der Stadt S. Kap, 7, Anm. 1. aus Florenz vertrieben waren, bestand keine geordnete Regierung, vielmehr eine Art zügelloser Ehrgeiz, und es ging mit den öffentlichen Angelegenheiten immer schlimmer. Viele Männer des Volkes, die den Verfall der Stadt sahen und keine andre Ursache erkannten, schoben die Schuld auf den Ehrgeiz irgendeines Mächtigen, der die Unordnung begünstige, um eine Staatsverfassung nach seinem Gutdünken zu schaffen und dem Volke die Freiheit zu rauben. Diese Leute standen in den Hallen und auf den Plätzen, verleumdeten viele Bürger und drohten ihnen, wenn sie selbst jemals in die Signoria kämen, ihre Arglist aufzudecken und sie zu bestrafen. Oft kam es nun, daß einer von ihnen ans Staatsruder gelangte, aber sobald er im Amte war und die Dinge mehr aus der Nähe sah, erkannte er die Ursachen der Unordnung, die drohenden Gefahren und die Schwierigkeit, ihnen abzuhelfen. Als er nun sah, daß die Umstände und nicht die Menschen die Ursache der Unordnung waren, änderte er plötzlich seine Gesinnung und sein Benehmen, denn die Kenntnis der Einzelheiten benahm ihm die Täuschung, in der er bei der Betrachtung des Ganzen befangen war. Wer ihn früher als Privatmann hatte reden hören und ihn nun an der Spitze des Staates ganz ruhig sah, schrieb dies nicht der richtigeren Einsicht in die Dinge zu, sondern glaubte, daß er von den Großen herumgebracht und bestochen worden sei. Und da das bei vielen und oftmals geschah, so entstand daraus beim Volk ein Sprichwort: Sie haben eine Gesinnung auf dem Platz und eine im Rathaus. Erwägt man also alles Angeführte, so sieht man, daß man dem Volke bald die Augen öffnen kann, wenn man bei der Wahrnehmung, daß es sich im Ganzen täuscht, ein Mittel findet, es zum Eingehen aufs Einzelne zu zwingen, wie es Pacuvias in Capua und der Senat in Rom tat. Auch läßt sich, wie ich glaube, der Schluß ziehen, daß kein kluger Mann das Urteil des Volkes im Einzelnen, bei der Verteilung der Ämter und Würden, zu scheuen braucht; denn gerade darin täuscht sich das Volk nicht, und täuscht es sich auch einmal, so doch weit seltener als die wenigen, die dergleichen Verteilungen vorzunehmen haben. Es scheint mir nicht überflüssig, im nächsten Kapitel zu zeigen, auf welche Weise der Senat das Volk bei der Wahl der Behörden zu täuschen pflegte. Achtundvierzigstes Kapitel Wenn man nicht wünscht, daß ein Amt an einen gemeinen oder schlechten Menschen fällt, lasse man entweder einen ganz gemeinen und schlechten oder einen ganz edlen und guten sich darum bewerben. Fürchtete der Senat, die Tribunen mit konsularischer Gewalt möchten aus den Plebejern gewählt werden, so schlug er einen von zwei Wegen ein. Entweder er ließ die angesehensten Männer Roms sich darum bewerben, oder er bestach durch geeignete Mittel einen schmutzigen, ganz gemeinen Plebejer, der sich dann als Mitbewerber unter die besseren Plebejer mischte, die gewöhnlich als Bewerber auftraten. Dies letzte Mittel bewirkte, daß das Volk sich schämte, die Würde zu verleihen, das erste dagegen, daß es sich schämte, sie zu verweigern. Das alles spricht für den im vorigen Kapitel aufgestellten Satz, daß das Volk sich wohl im Ganzen, aber nicht im Einzelnen täuscht. Neunundvierzigstes Kapitel Fällt es Städten freien Ursprungs wie Rom schwer, Gesetze zur Erhaltung der Freiheit zu finden, so ist es für Städte, die von Anfang an in Unfreiheit lebten, fast unmöglich. Wie schwer es ist, bei der Einrichtung einer Republik alle zur Erhaltung der Freiheit nötigen Gesetze vorherzusehen, beweist die Geschichte der römischen Republik zur Genüge. Denn obwohl ihr zuerst von Romulus, dann von Numa, Tullus Hostilius und Servius und zuletzt von den eigens dazu eingesetzten Dezemvirn zahlreiche Gesetze gegeben waren, stellten sich bei der Regierung der Stadt stets neue Bedürfnisse und die Notwendigkeit neuer Einrichtungen heraus, so z. B. bei der Einführung des Zensoramts, 443 v. Chr. Vgl. Livius IV, 8. einer der Einrichtungen, die Rom so lange frei erhielten. Denn als Roms Sittenrichter waren die Zensoren das wichtigste Hemmnis der Sittenverderbnis. Allerdings beging man gleich bei ihrer Einsetzung einen Fehler, da man sie auf fünf Jahre wählte. Bald aber verbesserte ihn die Klugheit des Diktators Mamercus, 434 v. Chr. Vgl. Livius IV, 24. der diese Behörde durch ein neues Gesetz auf achtzehn Monate beschränkte. Die damaligen Zensoren nahmen dies so übel auf, daß sie den Mamercus aus dem Senat ausstießen, ein Schritt, der vom Volke und von den Senatoren heftig getadelt wurde. Da die Geschichte nicht sagt, daß Mamercus etwas dagegen tun konnte, muß entweder der Geschichtsschreiber oder die Einrichtung Roms in diesem Punkte mangelhaft sein; denn es taugt nichts, wenn die Verfassung einer Republik es zuläßt, daß ein Bürger für Einführung eines der Freiheit dienlichen Gesetzes bestraft werden kann, ohne Abhilfe zu finden. Doch kehren wir zu unserm Ausgangspunkt zurück. Bei der Einsetzung dieser neuen Behörde ergibt sich, daß es schon Städten wie Rom, die freien Ursprungs waren und sich selbst regierten, sehr schwer fiel, gute Gesetze zur Erhaltung ihrer Freiheit zu finden. Es ist also kein Wunder, wenn es für Städte, die von Anfang an in Unfreiheit lebten, nicht nur schwer, sondern unmöglich ist, sich so einzurichten, daß sie frei und ruhig leben können. Man sieht dies am besten an Florenz, das unter den römischen Kaisern entstanden war und stets unter fremder Herrschaft gelebt hatte. Es blieb daher eine Zeitlang unterwürfig und dachte nicht an sich selbst. Als dann die Gelegenheit aufzuatmen kam, begann es seine eignen Einrichtungen zu machen; da sie aber mit den alten, schlechten vermischt waren, konnten sie nicht gut sein. So schleppte sich Florenz in den 200 Jahren hin, von denen man sichre Nachrichten hat, ohne jemals einen Zustand erreicht zu haben, der mit Recht den Namen Republik verdient hätte. Die gleichen Hindernisse aber, die Florenz im Wege standen, finden sich stets bei allen Städten gleichen Ursprungs. Obwohl häufig durch öffentliche und freie Abstimmung einigen Bürgern ausgedehnte Vollmacht zur Reform der Verfassung erteilt ward, haben diese ihre Macht doch niemals zum allgemeinen Besten, sondern zum Vorteil ihrer Partei benutzt, was nicht Ordnung, sondern größere Unordnung hervorrief. Kommen wir auf ein einzelnes Beispiel. Der Ordner einer Republik hat unter anderm auch zu erwägen, in wessen Hände er das Recht über Leben und Tod seiner Mitbürger legen soll. Das war in Rom gut eingerichtet, da man in der Regel an das Volk appellieren konnte. Kam einmal ein wichtiger Fall vor, wo die Verzögerung der Vollstreckung durch die Berufung ans Volk gefährlich gewesen wäre, so blieb der Ausweg eines Diktators, der das Urteil unmittelbar vollstreckte, ein Mittel, das man indes nur im Notfalle benutzte. In Florenz aber und den übrigen, anfangs unfreien Städten war diese Gewalt einem Fremden übertragen, der im Auftrag des Fürsten sein Amt versah. Als Florenz dann frei wurde, ließ es diese Gewalt einem Fremden, den man Capitano nannte. Das Gerichtswesen unterstand seit 1207 einem fremden Ritter, dem Podestà, seit 1293 dem Gonfaloniere della Giustizia. Da dieser aber leicht von mächtigen Bürgern bestochen werden konnte, so war die Einrichtung höchst verderblich. Als sie sich später im Wechsel der Verhältnisse änderte, wählte man acht Bürger an Stelle des Hauptmanns. Statt einer schlechten Einrichtung hatte man nun die allerschlimmste, und zwar aus dem weiter oben erörterten Grunde, S. Kap. 7. daß die Wenigen stets die Diener der Wenigen und Mächtigsten waren. Davor hat sich die Republik Venedig gesichert, wo gleichfalls der Rat der Zehn jeden Bürger ohne Berufung bestrafen kann. S. Seite 81, Anm. 102. Weil aber diese zur Bestrafung der Mächtigen nicht hinreichen würden, obwohl sie das Recht dazu haben, so richtete man die Quarantien Zwei Gerichtshöfe für Zivilsachen, einer für Kriminalsachen. ein und bestimmte zudem, daß der Rat der Pregadi, d. h. der Große Rat, sie bestrafen kann. Ist also ein Ankläger da, so fehlt auch der Richter nicht, um die Mächtigen im Zaum zu halten. Wenn also in Rom, das sich selbst mit Hilfe so vieler weiser Männer geordnet hatte, täglich neue Vorfälle eintraten, die neue Einrichtungen zugunsten der Freiheit erheischten, so ist es kein Wunder, wenn in Städten, die ursprünglich viel schlechter geordnet waren, so große Schwierigkeiten entstehen, daß sie nie ganz in Ordnung kommen. Fünfzigstes Kapitel Kein Rat und keine Behörde darf die Staatsgeschäfte zum Stillstand bringen können. Die römischen Konsuln Titus Quinctius Cincinnatus und Gnejus Julius Mento hatten sich entzweit und alle Staatsgeschäfte zum Stillstand gebracht. Livius IV, 26. (432 v. Chr.) Als der Senat dies sah, forderte er sie auf, einen Diktator zu ernennen, damit dieser täte, was wegen ihrer Zwietracht nicht geschehen konnte. Die Konsuln aber, in allem andern uneins, stimmten darin überein, daß sie keinen Diktator ernennen wollten. Der Senat wußte sich nicht anders zu helfen, als daß er sich der Tribunen bediente, die mit Ermächtigung des Senats die Konsuln zum Gehorsam zwangen. Hier ist zunächst der Nutzen des Tribunats zu bemerken, das nicht allein dazu diente, den Übermut der Mächtigen gegen das Volk zu zügeln, sondern auch die Eifersucht unter den Mächtigen selbst. Zweitens ergibt sich, daß man eine Republik nie so einrichten darf, daß einige wenige einen Beschluß aufhalten können, der zur Aufrechterhaltung der gewöhnlichen Staatsgeschäfte erforderlich ist. Wenn man z.B. einem Rat die Befugnis gibt, die Ehrenstellen und Ämter zu verteilen, oder einer Behörde die Ausführung eines Geschäfts überträgt, muß man entweder dafür sorgen, daß sie es unter allen Umständen ausführt, oder anordnen, daß, wenn sie es nicht besorgen will, ein andrer es übernehmen kann und muß. Sonst ist die Einrichtung mangelhaft und gefährlich, wie es in Rom gewesen wäre, hätte man dem Eigensinn der Konsuln nicht die Amtsgewalt der Tribunen entgegensetzen können. In Venedig erteilt der Große Rat die Ehrenstellen und Ämter. Manchmal geschah es, daß die ganze Versammlung aus Groll oder infolge boshafter Aufhetzung keine Nachfolger für die städtischen Behörden wie für die des venezianischen Herrschaftsgebietes ernannte. Dadurch entstand die größte Verwirrung, weil mit einem Mal in den unterworfenen Gebieten wie in der Stadt selbst die gesetzmäßigen Richter fehlten. Man konnte auch nicht eher etwas erlangen, bevor der Große Rat zufriedengestellt oder überlistet war. Dieser Unfug hätte Venedig in die übelste Lage gebracht, wenn ihm einsichtige Bürger nicht gesteuert hätten, indem sie bei passender Gelegenheit ein Gesetz durchbrachten, daß kein Beamter innerhalb wie außerhalb der Stadt je sein Amt niederlegen dürfe, bevor eine Neuwahl stattgefunden habe und der Nachfolger ernannt sei. So nahm man dem Rat die Möglichkeit, den Staat durch Hemmung des Geschäftsganges zu gefährden. Einundfünfzigstes Kapitel Eine Republik oder ein Fürst muß sich den Anschein geben, das, wozu ihn die Notwendigkeit zwingt, aus Großmut zu tun. Kluge Menschen machen sich stets ein Verdienst aus ihren Handlungen, auch wenn sie die Notwendigkeit dazu zwingt. Diese Klugheit bewies der römische Senat, als er im Kriege aus öffentlichen Mitteln Sold zu zahlen beschloß, während bisher jeder auf eigne Kosten Kriegsdienst geleistet hatte. Der Senat hatte eingesehen, daß man auf diese Weise nicht lange Krieg führen und daher weder Städte belagern noch weite Feldzüge unternehmen konnte. Da er beides für notwendig hielt, beschloß er, Sold zu zahlen, 406 im Krieg mit Veji. Vgl. Livius IV, 59 f. tat es aber so, daß man ihm für das dankte, wozu die Notwendigkeit zwang. Ja, das Volk nahm diese Freigebigkeit so hoch auf, daß Rom vor Freude außer sich war; denn es glaubte, eine so große Wohltat erhalten zu haben, wie es sie nie erhofft noch verlangt hätte. Die Tribunen gaben sich zwar alle Mühe, das Verdienst des Senats herabzusetzen, und bewiesen dem Volke, daß es dadurch belastet, nicht aber erleichtert würde, weil zur Auszahlung des Soldes Steuern aufgelegt werden müßten. Trotzdem konnten sie dem Volk diese Wohltat nicht verleiden, und der Senat vermehrte seine Freude noch durch die Art, wie er die Steuern verteilte, indem er nämlich die schwersten und größten dem Adel auferlegte und diese zuerst einzog. Zweiundfünfzigstes Kapitel Um den Übermut eines Mannes zu zügeln, der in einer Republik zuviel Macht erlangt hat, gibt es kein sichereres und weniger anstößiges Mittel, als ihm die Wege zu verlegen, auf denen er zu seiner Macht gelangt. Wir sahen im vorigen Kapitel, welches Ansehen sich der Adel beim Volke durch die Beweise seiner Fürsorge erwarb, die er sowohl durch die Einführung des Soldes wie durch die Verteilung der Steuern gab. Wäre der Adel so fortgefahren, so wäre allen Unruhen in Rom der Boden entzogen und den Tribunen ihr Einfluß beim Volke und somit ihre Macht genommen worden. In der Tat kann man in einer Republik, und besonders in einer verderbten, dem Ehrgeiz eines Bürgers auf keine bessere, weniger anstößige und leichtere Art entgegentreten, als wenn man ihm die Wege verlegt, auf denen man ihn seinem Ziel entgegenstreben sieht. Hätte man dies Verfahren gegen Cosimo de' Medici S. Kap. 33. angewandt, so wäre das für seine Gegner weit besser gewesen, als ihn aus Florenz zu vertreiben. Hätten nämlich seine Nebenbuhler das Volk in seiner Art begünstigt, so wanden sie ihm ohne Aufruhr und Gewalttat seine wichtigsten Waffen aus der Hand. Piero Soderini S. Kap. 7, Anm. 22, und Buch III, Kap. 3. Seine Gegner waren die Anhänger der Medici. hatte sich allein dadurch Ansehen in Florenz verschafft, daß er die Menge begünstigte, was ihm den Ruf eines Freundes der städtischen Freiheit erwarb. Gewiß war es für die, die ihm seine Größe neideten, viel leichter, auch viel ehrbarer, ungefährlicher und der Republik weniger verderblich, ihm die Wege zu verlegen, auf denen er groß wurde, als sich ihm zu widersetzen und die ganze Republik in seinen Sturz zu verwickeln. Denn wenn sie ihm die Waffen aus der Hand wanden, die ihn stark machten, und das war ein leichtes, so hätten sie sich ihm in allen Ratsversammlungen, bei allen öffentlichen Beratungen ohne alle Scheu und Rücksicht widersetzen können. Mag man auch einwenden, daß nicht nur seine Gegner einen Fehler begingen, da sie ihm nicht die Wege verlegten, auf denen er zu Ansehen beim Volke gelangte, sondern daß auch Piero den Fehler beging, seinen Gegnern nicht die Mittel zu nehmen, durch die sie ihm Furcht einflößten, so verdient Piero hierin doch Entschuldigung, weil das für ihn schwer und auch nicht anständig war. Denn das Mittel, mit dem man ihn angriff und auch schließlich stürzte, war die Begünstigung der Medici. Dies Mittel aber konnte Piero nicht mit Ehren anwenden, da er die Freiheit, zu deren Hüter er bestellt war, nicht ohne Schande vernichten konnte. Auch wäre diese Begünstigung, da sie nicht heimlich und auf einmal stattfinden konnte, für Piero äußerst gefährlich gewesen, denn sobald er sich als Freund der Medici erklärt hätte, wäre er dem Volke verdächtig und verhaßt geworden, und seine Feinde hätten ihn dann noch viel leichter gestürzt. Man muß also bei allen Entschließungen die Nachteile und Gefahren ins Auge fassen und nie einen Entschluß fassen, wenn die Gefahr größer ist als der Gewinn, auch wenn die Sache an sich günstig erscheint. Denn handelt man anders, so würde es einem gehen wie Cicero, der den Marcus Antonius um seine Gunst bringen wollte und sie nur vermehrte. Nach Cäsars Ermordung Antonius war nämlich für einen Feind des Senats erklärt worden und hatte ein großes Heer aufgebracht, das großenteils aus Anhängern Cäsars bestand. Um ihm die Soldaten abspenstig zu machen, riet Cicero dem Senat, dem Octavian Ansehen zu geben und ihn mit dem Heer und den Konsuln gegen Antonius zu senden. Denn sobald die Soldaten des Antonius den Namen des Octavian hören würden, der Cäsars Neffe war und sich selbst Cäsar nennen ließ, würden sie den Antonius verlassen und zu Octavian übergehen, so daß Antonius verlassen dastände und leicht zu überwinden sei. Die Sache kam aber gerade umgekehrt, denn Antonius brachte den Octavian auf seine Seite, und dieser ließ Cicero und den Senat im Stich und ging zu Antonius über, was den völligen Untergang der Adelspartei zur Folge hatte. Das war leicht vorauszusehen. Man durfte nicht glauben, was Cicero sich einbildete, sondern mußte stets den Namen Cäsars in Rechnung stellen, der seine Feinde so ruhmvoll vernichtet und sich die Herrschaft über Rom errungen hatte. Nie durfte man von seinen Erben oder Anhängern etwas zum Besten der Freiheit erwarten. Dreiundfünfzigstes Kapitel Von einem Trugbild des Guten getäuscht, begehrt das Volk oft seinen Untergang und läßt sich leicht durch große Hoffnungen und dreiste Versprechungen hinreißen. Nach der Eroberung von Veji 396 v. Chr. Vgl. Livius V, 24. kam das römische Volk auf den Einfall, daß es für Rom vorteilhaft wäre, wenn die Hälfte der Einwohner nach Veji zöge. Denn da diese Stadt ein großes Gebiet und viele Häuser habe, auch nahe bei Rom sei, so könne man die Hälfte der römischen Bürger bereichern, ohne daß bei der Nähe von Veji der Gang der Staatgeschäfte gestört werde. Der Gedanke schien dem Senat und den einsichtigen Römern so zwecklos wie schädlich, und sie erklärten offen, lieber sterben zu wollen, als in diesen Beschluß zu willigen. Bei dem Streit, der darüber entstand, geriet das Volk derart in Wut gegen den Senat, daß es zu Kampf und Blutvergießen gekommen wäre, hätte sich der Senat nicht durch einige alte und geachtete Bürger gedeckt, deren ehrwürdiges Wesen den Übermut des Volkes zügelte. Hierbei ist zweierlei zu bemerken. Erstens begehrt das Volk, von einem Trugbild des Guten getäuscht, oft seinen Untergang. Wird ihm also nicht von einem Manne, zu dem es Vertrauen hat, begreiflich gemacht, was gut und was übel ist, so entstehen in einer Republik zahlreiche Gefahren und Nachteile. Trifft es sich aber, daß das Volk niemand traut, wie es bisweilen vorkommt, wenn es früher schon durch die Dinge oder die Menschen getäuscht wurde, so stürzt es sich notwendig ins Verderben. Deshalb sagte Dante in seiner Abhandlung »De Monarchia«, das Volk schreie oft: Es lebe mein Tod und es sterbe mein Leben! Von diesem Mangel an Vertrauen kommt es bisweilen, daß in Republiken gute Maßregeln nicht ergriffen werden, wie wir es oben von den Venezianern gesagt haben. Nach der Niederlage bei Agnadello (Vailà) im Jahre 1509. Vgl. Kap. 6 und Buch III, Kap. 11 und 31. Denn als sie von vielen Feinden angegriffen wurden, konnten sie sich nicht entschließen, einen von ihnen, bevor alles verloren war, zu sich herüberzuziehen, indem sie ihm freiwillig Besitzungen abtraten, die sie den andern abgenommen hatten, und um derentwegen sich die Fürsten gegen sie verschworen und ihnen den Krieg erklärt hatten. Erwägt man indes, wozu sich ein Volk leicht und wozu es sich schwer überreden läßt, so ist folgender Unterschied zu machen. Entweder zeigt das, wozu du das Volk überreden willst, auf den ersten Anblick Gewinn oder Verlust, oder es erscheint als ein mutiger oder ein feiger Entschluß. Zeigt sich nun bei einem Vorschlag, den man dem Volk macht, ein Gewinn, obwohl ein Verlust damit verbunden ist, und erscheint er mutig, obwohl er den Untergang der Republik bedeutet, so wird sich die Menge stets leicht überreden lassen. Dagegen wird es immer sehr schwer sein, sie zu Entschlüssen zu bringen, die nach Feigheit oder Verlust aussehen, auch wenn Heil und Gewinn damit verbunden sind. Dies wird durch zahlreiche Beispiele, römische und fremde, alte und neue, bestätigt. So entstand in Rom eine Mißstimmung gegen Fabius Maximus, weil er dem römischen Volk nicht beibringen konnte, daß es für die Republik vorteilhafter sei, den Krieg gegen Hannibal in die Länge zu ziehen und sich auf keinen Kampf einzulassen; denn das Volk hielt diesen Plan für feig und sah den Nutzen davon nicht ein, und Fabius konnte ihm diesen Nutzen nicht mit hinreichenden Gründen beweisen. Livius XXII, 15 ff. Wie blind die Völker in ihren kühnen Entschlüssen sind, zeigt das Beispiel der Römer. Das Volk hatte den Fehler begangen, dem Reiterobersten des Fabius Marcus Minucius Rufus. Vgl. Livius XXII, 27 f. die Vollmacht zu geben, sich auch gegen den Willen des Diktators in einen Kampf einzulassen. Infolge dieser Vollmacht wäre das Heer beinahe vernichtet worden, hätte Fabius durch seine Klugheit nicht Abhilfe gefunden. Unbeirrt durch diese Erfahrung, wählte das Volk später den Varro Gajus Terentius Varro. Vgl. Livius XXII, 35. zum Konsul, dessen ganzes Verdienst darin bestand, daß er auf allen Plätzen und an allen öffentlichen Orten Roms versprochen hatte, den Hannibal zu vernichten, sobald man ihm Gewalt dazu gäbe. Die Folge war die Schlacht bei Cannae und fast der Untergang Roms. Ich will hierfür noch ein zweites römisches Beispiel anführen. Hannibal war schon acht bis zehn Jahre in Italien gewesen und hatte das ganze Land mit römischen Leichen bedeckt. Da erschien im Senat Marcus Centenius Paenula, ein Mann aus dem niedersten Volke, der jedoch einen Rang im Heer bekleidet hatte, und erbot sich, wenn man ihm Vollmacht gäbe, überall in Italien, wo er wolle, Freiwillige zu werben, den Hannibal in kürzester Zeit lebend oder tot auszuliefern. Vgl. Livius XXV, 19. Dem Senat schien dieser Antrag zwar tollkühn; er sagte sich aber, wenn man ihn ablehnte und das Volk es erführe, so könnten daraus Unruhen, Mißvergnügen und Unwille gegen den Senatorenstand entstehen. Der Senat willigte also ein und wollte lieber alle, die dem Paenula folgten, in Gefahr bringen, als neuen Unwillen im Volke erregen; denn er wußte wohl, daß ein derartiger Vorschlag sehr geeignet war, Beifall zu finden, und daß es sehr schwer war, ihn dem Volke auszureden. Paenula zog also mit einem ungeordneten Haufen gegen Hannibal aus und war kaum auf diesen gestoßen, als er mit allen, die ihm folgten, geschlagen und vernichtet wurde. In Athen konnte Nikias, ein sehr ernster und einsichtsvoller Mann, das Volk durchaus nicht davon überzeugen, daß die geplante Unternehmung gegen Sizilien 415-413 v. Chr. verkehrt sei. So ward der Beschluß gegen den Willen der Vernünftigen gefaßt, und der völlige Ruin Athens war die Folge. Als Scipio zum Konsul ernannt war 205 v. Chr. Vgl. Livius XXVIII, 45. und einen Feldzug nach Afrika verlangte, durch den er Karthago völlig zu vernichten versprach, fand er keinen Anklang beim Senat, der die Ansicht des Fabius teilte. Nun drohte er, die Sache vor das Volk zu bringen, denn er wußte wohl, wie dergleichen Vorschläge den Völkern gefallen. Auch unsre Stadt Florenz liefert Beispiele dafür. Messer Ercole Bentivogli, der Anführer der Florentiner Truppen, und Antonio Giacomini schritten nach ihrem Sieg über Bartolommeo d' Alviano bei San Vincenti zur Belagerung Pisas. S. Lebenslauf, 1505. Das Unternehmen wurde auf Messer Ercoles kühne Versprechungen hin vom Volke beschlossen, obwohl viele einsichtsvolle Bürger es tadelten; sie waren aber ohnmächtig gegenüber dem allgemeinen Willen, der sich auf jene kühnen Versprechungen gründete. Es gibt also kein leichteres Mittel, eine Republik, wo das Volk die Macht in Händen hat, zugrunde zu richten, als sie in tollkühne Unternehmungen zu verwickeln; denn wo das Volk etwas zu sagen hat, wird es immer darauf eingehen, und die Andersdenkenden werden kein Mittel dagegen haben. Geht aber darüber der Staat zugrunde, so noch häufiger die Bürger, die an der Spitze solcher Unternehmungen stehen. Erfährt das Volk, das den Sieg als gewiß voraussetzte, die Niederlage, so schiebt es die Schuld weder auf das Schicksal, noch auf das Unvermögen des Führers, sondern auf seine Bosheit und Unwissenheit und läßt ihn dann meist hinrichten oder einkerkern, oder es schickt ihn in die Verbannung, wie es zahllosen karthagischen und vielen athenischen Feldherren erging. Kein früher errungener Sieg kann ihnen helfen; die gegenwärtige Niederlage löscht alles aus. So erging es auch unserm Antonio Giacomini. Als er Pisa nicht erobert hatte, wie das Volk es sich nach seinen Versprechungen eingebildet hatte, fiel er bei ihm in solche Ungnade, daß er trotz vieler früher geleisteter guten Dienste sein Leben mehr durch die Barmherzigkeit derer behielt, die es in der Hand hatten, als aus irgendeinem andern Grunde, der ihn beim Volk verteidigt hätte. Vierundfünfzigstes Kapitel Welche Macht ein angesehener Mann über eine empörte Menge hat. Bei der im vorigen Kapitel erwähnten Geschichte ist zweitens bemerkenswert, daß nichts so geeignet ist, eine empörte Menge zu zügeln, wie die Ehrfurcht vor einem ernsten und angesehenen Manne, der ihr entgegentritt. Nicht ohne Grund sagt Virgil: Aeneis I, 151 f. Tum pietate gravem ac meritis si forte virum quem Conspexere, silent arrectisque auribus adstant. (Sehen sie dann einen Mann, durch Verdienst und Tugend ehrwürdig, Siehe, dann schweigen sie still und stehn mit gespitzten Ohren.) Wer daher an der Spitze eines Heeres steht oder sich in einer Stadt befindet, wo ein Aufruhr ausbricht, muß so würdevoll und prächtig auftreten, als er kann, und die Abzeichen seines Ranges anlegen, um sich desto ehrwürdiger zu machen. Vor wenigen Jahren war Florenz in zwei Parteien gespalten, die Anhänger des Savonarola S. Lebenslauf, 1494. und die Arrabbiati (Wütenden), wie sie sich nannten. Die ersteren, unter denen sich Paolo Antonio Soderini, ein sehr angesehener Bürger, befand, unterlagen in einem Aufruhr, und das Volk zog bewaffnet vor sein Haus, um es zu plündern. Sein Bruder, Messer Francesco, damals Bischof von Volterra und heute Kardinal, war zufällig im Hause. Beide waren Brüder des Gonfaloniers Piero Soderini. Sobald er den Lärm hörte und den Volkshaufen sah, legte er seine prächtigsten Kleider an, warf das bischöfliche Chorhemd darüber, trat auf die Bewaffneten zu und brachte sie durch sein Auftreten und seine Worte zum Einhalt. Dies Benehmen wurde viele Tage lang in der ganzen Stadt besprochen und gerühmt. Ich schließe daraus, daß es kein stärkeres und notwendigeres Mittel gibt, eine empörte Menge zu zügeln, als das Auftreten eines Mannes, der durch seine Erscheinung Ehrfurcht erweckt. Man sieht aber – um zu der angeführten Erzählung zurückzukommen –, wie hartnäckig das römische Volk darauf bestand, nach Veji überzusiedeln, weil es diesen Entschluß für nützlich hielt und seine Nachteile nicht erkannte, und wie die daraus entstehenden Unruhen zum Aufruhr angewachsen wären, hätte der Senat die Volkswut nicht durch ernste und ehrwürdige Männer gezügelt. Fünfundfünfzigstes Kapitel Städte, in denen keine Sittenverderbnis herrscht, lassen sich leicht regieren. Wo Gleichheit herrscht, läßt sich keine Monarchie, wo sie nicht herrscht, keine Republik einführen. Obgleich schon vielfach erörtert wurde, was von verderbten Staaten zu fürchten oder zu hoffen ist, scheint es mir doch nicht unpassend, Betrachtungen über einen Senatsbeschluß anzustellen, der sich auf das Gelübde des Camillus bezog, den zehnten Teil der Beute von Veji dem Apollo zu weihen. Da nämlich diese Beute schon in Händen des Volkes und in keiner Weise mehr nachzurechnen war, erließ der Senat ein Edikt, daß jeder den zehnten Teil dessen, was er erbeutet hatte, öffentlich darbringen solle. Livius V, 23 ff. Der Beschluß kam zwar nicht zur Ausführung, denn der Senat ergriff nachher andre Mittel, um die Schuld an Apollo zur Zufriedenheit des Volkes abzutragen; aber man sieht aus solchen Beschlüssen doch, welches Vertrauen der Senat in die Rechtschaffenheit des Volkes setzte, da er überzeugt war, es werde jeder so viel darbringen als in dem Edikt befohlen war. Andrerseits sieht man auch, daß das Volk nicht daran dachte, das Edikt zu umgehen, indem es weniger gab, als es sollte. Vielmehr suchte es sich davon zu befreien, indem es offen seinen Unwillen zeigte. Dies Beispiel und viele bereits angeführte beweisen, wieviel Rechtschaffenheit und Frömmigkeit in jenem Volke herrschte, und wieviel Gutes von ihm zu erwarten war. Und wahrlich, wo diese Rechtschaffenheit fehlt, läßt sich durchaus nichts Gutes erwarten, so wenig wie in den Ländern, die heute verderbt sind, wie vor allem Italien, aber auch Frankreich und Spanien. Wenn man in den letzteren auch nicht soviel Unordnung sieht wie täglich in Italien, so kommt das nicht sowohl von der Rechtschaffenheit der Völker, die großenteils verschwunden ist, sondern daher, daß sie einen König haben, der sie nicht allein durch seine Tatkraft, sondern auch durch die noch unverdorbene Staatsverfassung zusammenhält. In Deutschland dagegen findet man diese Rechtschaffenheit und Frömmigkeit noch in hohem Maße, und deshalb gibt es dort auch viele freie Städte, die derart nach ihren Gesetzen leben, daß kein äußerer oder innerer Feind etwas gegen ihre Freiheit zu unternehmen wagt. Daß hier noch ein guter Teil jener alten Redlichkeit herrscht, dafür will ich ein Beispiel geben, das mit dem von dem römischen Senat und dem Volke viel Ähnlichkeit hat. Brauchen diese Städte nämlich Geld zu öffentlichen Zwecken, so erhebt die Behörde oder der Rat, die dazu befugt sind, von allen Einwohnern der Stadt ein oder zwei Prozent von ihrem Vermögen. Ist nun dieser Beschluß verfassungsmäßig genehmigt, so erscheint ein jeder vor den Steuereinnehmern, leistet einen Eid, die gebührende Summe zu zahlen, und wirft so viel in einen dazu bestimmten Kasten, als er nach seinem Gewissen schuldig zu sein glaubt, ohne ein andres Zeugnis als sein eignes. Hieraus kann man schließen, wieviel Redlichkeit und Frömmigkeit noch bei diesem Volke herrscht. Denn man muß annehmen, daß jeder die richtige Summe zahlt; sonst würde ja die Steuer nicht die Summe erreichen, die sie nach den früheren Einnahmen haben müßte. Der Betrug müßte sich also herausstellen, und man hätte dann längst ein andres Verfahren eingeführt. Diese Redlichkeit ist in unsrer Zeit um so mehr zu bewundern, je seltner sie ist; ja sie scheint allein noch in Deutschland zu bestehen. Das hat seine doppelte Ursache. Erstens haben die Deutschen nie großen Handel mit ihren Nachbarn getrieben; diese sind weder zu ihnen gekommen, noch haben sie selbst sie besucht, da sie sich mit dem Ihrigen begnügten, ihre eignen Speisen aßen und sich in die heimische Wolle kleideten. Damit war der Anlaß zu jedem Verkehr und der Anfang der Sittenverderbnis beseitigt, und sie konnten weder die Sitten der Franzosen, noch der Spanier, noch der Italiener annehmen, jener drei Völker, die die Verderbnis der Welt bilden. Zweitens dulden die Städte, die sich eine freie und unverdorbene Verfassung erhalten haben, keine Edelleute bei sich, noch erlauben sie, daß einer ihrer Bürger wie ein Edelmann lebt; ja sie sehen unter sich streng auf Gleichheit und sind den Rittern und Edelleuten im Lande sehr feindlich gesinnt. Fällt ihnen einer in die Hände, so töten sie ihn als Urheber der Verderbnis und Quell alles Ärgernisses. Zur Erklärung der Bezeichnung »Edelleute« sage ich, daß man diejenigen so nennt, die müßig vom Ertrag ihrer Güter im Überfluß leben, ohne sich um den Landbau oder irgendeinen andern Lebensberuf zu kümmern. Solche Leute sind in einer Republik und in jedem Lande verderblich, zumal wenn sie außer den genannten Gütern auch noch Burgen und Untertanen haben, die ihnen gehorchen. Von diesen beiden Menschenklassen ist das Königreich Neapel, der Kirchenstaat, die Romagna und die Lombardei voll. Daher kommt es, daß in diesen Ländern nie eine Republik noch irgendein freies Staatsleben bestand, denn diese Menschengattung ist der ärgste Feind jeder bürgerlichen Verfassung. In einem solchen Lande wäre es unmöglich, eine Republik einzuführen. Hätte aber jemand die Macht, einem solchen Lande eine ordentliche Staatsverfassung zu geben, so bliebe ihm kein andres Mittel, als eine Monarchie zu gründen. Der Grund ist dieser: wo die Menschen so verderbt sind, daß die Gesetze zu ihrer Bändigung nicht ausreichen, da muß man ihnen durch eine höhere Gewalt Geltung verschaffen. Das aber vermag nur die Hand eines Königs, die der übermäßigen Herrschsucht und der Verderbnis der Mächtigen mit unumschränkter Gewalt entgegentritt. Das Beispiel Toskanas bestätigt meine Behauptung. Dort bestanden lange Zeit auf kleinem Räume drei Republiken, Florenz, Siena und Lucca. Die übrigen Städte des Landes sind zwar unfrei, aber man sieht doch an ihrer Gesinnung und Einrichtung, daß sie sich ihre Freiheit nach Kräften erhalten haben oder doch erhalten möchten. Das kommt nur daher, daß es in diesem Lande keine Burgherren und keine oder nur ganz wenig Edelleute gibt. Vielmehr herrscht so große Gleichheit, daß ein einsichtiger Mann, der die Staatsverfassungen des Altertums kennt, hier leicht ein freies Staatsleben einführen könnte. Allein zu seinem Unglück hat Toskana bis auf die Gegenwart keinen Mann gehabt, der die Macht oder die Einsicht dazu gehabt hätte. Ich ziehe daher folgenden Schluß. Wer in einem Lande, wo es viele Edelleute gibt, eine Republik gründen will, vermag dies nur, wenn er sie vorher alle ausrottet. Wer aber in einem Lande, wo große Gleichheit herrscht, ein Königreich oder ein Fürstentum aufrichten will, vermag dies nur, wenn er viele ehrgeizige und unruhige Köpfe aus dieser Gleichheit hervorzieht und sie zu Edelleuten macht, nicht nur dem Namen nach, sondern in der Tat, indem er ihnen Burgen und Güter schenkt und sie mit Vorrechten an Besitz und über andre Menschen ausstattet. Dann wird er sich in ihrer Mitte und durch sie in der Macht erhalten, und sie werden durch ihn ihren Ehrgeiz befriedigen können, die übrigen aber ein Joch tragen müssen, das nur Gewalt ihnen aufnötigen kann. Ist auf diese Weise ein richtiges Verhältnis zwischen dem Zwingherrn und den Bezwungenen hergestellt, Im Sinne von Thukydides, V, 89 und 105. so herrscht Ruhe und ein jeder bleibt in seinem Stande. Da aber nur ein Mann von seltner Begabung und Macht ein zur Republik geeignetes Land zum Königreich und ein zum Königreich geeignetes zur Republik machen kann, so haben es zwar viele versucht, aber wenige ausgeführt. Denn die Größe des Unternehmens schreckt die Menschen teils ab, teils verwirrt sie sie so, daß sie gleich zu Anfang Fehler machen. Meiner Ansicht, daß sich in einem Lande, wo es Edelleute gibt, keine Republik einführen lasse, scheint allerdings das Beispiel der Republik Venedig entgegenzustehen, in der nur Edelleute ein Amt zu bekleiden pflegen. Darauf ist zu erwidern, daß dies Beispiel nicht gegen mich spricht, denn die Edelleute dieser Republik sind es mehr dem Namen als der Sache nach. Sie haben keine großen Einkünfte von Gütern, sondern ihr großer Reichtum beruht auf Handel und beweglicher Habe; außerdem besitzt keiner von ihnen Burgen oder Gerichtsbarkeit über die Leute, sondern der Name Edelmann ist bei ihnen ein Titel und Ehrenname, beruht aber auf nichts von dem, weswegen man anderswo Edelmann heißt. Wie alle Republiken ihren verschiedenen Bevölkerungsklassen verschiedene Namen geben, so teilt sich Venedig in Edelleute und Volk; den ersteren sind alle Ämter zugänglich, das Volk aber ist ganz davon ausgeschlossen. Warum dies in Venedig keine Unordnung hervorruft, ist früher erklärt worden. S. Kap. 6. Wo also große Gleichheit herrscht oder hergestellt ist, gründe man eine Republik, wohingegen große Ungleichheit herrscht, errichte man eine Monarchie, sonst schafft man etwas, das ohne Verhältnis und von kurzer Dauer ist. Sechsundfünfzigstes Kapitel Ehe in einem Lande oder in einer Stadt große Ereignisse eintreten, kommen Zeichen und Wunder, die sie verkünden, oder Menschen, die sie vorhersagen. Woher es kommt, weiß ich nicht, aber man sieht aus alten und neuen Beispielen, daß sich in einer Stadt oder in einem Lande niemals etwas Großes ereignet, das nicht durch Wahrsager, Prophezeiungen, Wunder oder andre Zeichen vom Himmel vorhergesagt wurde. Zum Beweis dessen brauche ich mich nicht von Hause zu entfernen. Jedermann weiß, wie oft Bruder Girolamo Savonarola S. Lebenslauf, 1491 und 1494. den Zug König Karls VIII. von Frankreich nach Italien vorhersagte, wie es außerdem durch ganz Toskana hieß, man habe über Arezzo in der Luft kämpfende Krieger gesehen und gehört. Auch weiß jeder, daß vor dem Tod des Lorenzo de' Medici des Älteren S. Lebenslauf, 1492. die Kuppel des Domes vom Blitze getroffen wurde, wodurch das Gebäude großen Schaden erlitt, und wie, kurz bevor Piero Soderini, Ebd. 1512. der vom Volke von Florenz zum Gonfalonier auf Lebenszeit ernannt war, vertrieben und seiner Würde beraubt wurde, der Blitz in das Rathaus einschlug. Man könnte noch viele andre Beispiele anführen, die ich aber fortlasse, um den Leser nicht zu ermüden. Nur das will ich noch erzählen, was sich nach Titus Livius V, 32 (391 v. Chr.). vor der Zerstörung Roms durch die Gallier zutrug. Ein Plebejer, Marcus Caedicius, meldete dem Senat, er habe um Mitternacht, als er durch die neue Straße ging, eine übermenschliche Stimme vernommen, die ihm befohlen habe, den Behörden zu melden, daß die Gallier nach Rom kämen. Die Ursache davon müßte nach meiner Meinung jemand untersuchen und erklären, der Kenntnis von den natürlichen und übernatürlichen Dingen hat, die wir nicht besitzen. Doch könnte es sein, daß die Luft, wie ein Philosoph will, mit Geistern erfüllt ist, die die Gabe besitzen, in die Zukunft zu schauen, und daß diese Wesen die Menschen aus Mitleid durch solche Zeichen warnen, damit sie sich zur Verteidigung rüsten. Wie dem aber auch sei, fest steht, daß es wirklich so ist und daß stets nach solchen Erscheinungen neue, außerordentliche Dinge geschehen. Siebenundfünfzigstes Kapitel Vereinigt ist das Volk mutig, in den Einzelnen schwach. Nach der Zerstörung Roms durch die Gallier waren viele Römer gegen Befehl und Anordnung des Senats nach Veji gezogen. Um dieser Unordnung zu steuern, erließ der Senat ein Edikt, jedermann solle nach einer gewissen Zeit bei Strafe nach Rom zurückkehren. Über dies Edikt spotteten die, gegen die es gerichtet war; als aber die festgesetzte Zeit herankam, gehorchten alle. Livius bemerkt dazu: Ex ferocibus universis, singuli, metu suo, obedientes fuere . VI, 4. (Aus denen, die alle zusammen trotzig gewesen, wurden einzelne, die, jeder aus Furcht für sein Schicksal, gehorchten.) In der Tat läßt sich die Natur der Menge in dieser Hinsicht nicht besser beschreiben. Denn die Menge redet oft kühn gegen die Gebote ihrer Fürsten; sieht sie dann aber die Strafe vor Augen, so verläßt sich keiner auf den andern, und jeder gehorcht schleunigst. Man sieht also die Belanglosigkeit dessen, was das Volk von seinem guten oder schlechten Willen sagt, wofern man darauf eingerichtet ist, eine Sache durchzuführen, wenn es gutwillig ist, und sich vor Ausschreitungen zu schützen, wenn es widerwillig ist. Gemeint sind hier aber nur solche Mißstimmungen im Volke, die nicht aus dem Verlust seiner Freiheit oder eines geliebten, noch lebenden Fürsten entspringen, denn diese letzteren sind über alles furchtbar und können nur mit den schärfsten Mitteln unterdrückt werden. Die übrigen sind unwesentlich, wenn das Volk keine Führer hat, bei denen es einen Rückhalt findet. Es gibt zwar nichts Furchtbareres als eine entfesselte Menge ohne Haupt, Nach Cicero, De legibus, III, 10. aber auch nichts Schwächeres. Denn hat sie auch zu den Waffen gegriffen, so ist es doch leicht, sie wieder zur Ruhe zu bringen, wenn man nur einen Zufluchtsort hat, um ihrem ersten Ansturm zu entkommen. Haben sich die Gemüter erst etwas abgekühlt, und jeder sieht ein, daß er nach Hause zurück muß, so fängt er an, für sich selber zu fürchten, und ist durch Flucht oder Vergleich auf seine Sicherheit bedacht. Will daher eine aufgebrachte Menge den Gefahren entgehen, so muß sie sofort aus ihrer Mitte einen Führer erwählen, der sie leitet, zusammenhält und für ihre Verteidigung sorgt. So tat es das römische Volk, als es nach dem Tode der Virginia auszog, S. Kap. 40 und Livius III, 51. denn es wählte zu seiner Sicherung zwanzig Tribunen aus seiner Mitte. Geschieht dies nicht, so wird es immer so kommen, wie Titus Livius in der oben angeführten Stelle sagt, daß sie alle zusammen mutig sind, aber jeder einzelne, wenn er an seine eigne Gefahr denkt, feig und schwach wird. Achtundfünfzigstes Kapitel Die Menge ist weiser und beständiger als ein Fürst. Titus Livius sagt, daß nichts eitler und unbeständiger sei als die Menge, und alle andern Geschichtsschreiber bekräftigen es. Häufig liest man in den Jahrbüchern der Geschichte, daß die Menge einen Mann zum Tode verurteilt und ihn später beweint, ja ihn sehnlichst zurückwünscht, wie man es beim römischen Volke mit Manlius Capitolinus sieht. Die Worte des Livius VI, 20. Manlius Capitolinus wurde 384 v. Chr. hingerichtet. lauten: Populum brevi, posteaquam ab eo periculum nullum erat, desiderium eius tenuit . (Nachdem nichts mehr von ihm zu befürchten war, erwachte im Volk die Sehnsucht nach ihm.) Und an andrer Stelle, wo er erzählt, was sich in Syrakus nach dem Tode des Hieronymus, 215 v. Chr. Vgl. Livius XXIV, 25, und S. 142, Anm. 16 dieses Werkes. des Neffen Hieros, zutrug, sagt er: Haec natura multitudinis est, aut servit humiliter, aut superbe dominatur . (Das ist die Natur der Menge, sie dient sklavisch oder herrscht übermütig.) Ich weiß nicht, ob ich mir nicht eine zu harte und schwierige Aufgabe vornehme, die ich entweder mit Schande aufgeben oder durch deren Lösung ich mir Vorwürfe zuziehen muß, die Aufgabe nämlich, eine Sache zu verteidigen, die, wie gesagt, von allen Schriftstellern verurteilt worden ist. Aber sei dem, wie ihm wolle, ich werde es nie für einen Fehler halten, Meinungen mit Gründen zu verteidigen, ohne mich auf Autoritäten zu berufen oder sie jemand aufzuzwingen. Ich sage also: der Fehler, den die Schriftsteller der Menge vorwerfen, läßt sich ebenso allen Menschen im Einzelnen und den Fürsten im Besonderen vorwerfen; denn jeder, der nicht durch die Gesetze im Zaum gehalten wird, dürfte denselben Fehler begehen wie die entfesselte Menge. Das läßt sich leicht einsehen, denn es gibt und gab viele Fürsten, aber nur wenig gute und weise. Ich rede von solchen Fürsten, die den Zaum, der sie zügelt, zerreißen konnten. Hierzu gehören nicht die Könige von Ägypten, als dies Land im grauen Altertum durch Gesetze regiert wurde, auch nicht die spartanischen Könige noch die heutigen französischen; denn das jetzige Frankreich wird mehr durch Gesetze beschränkt als irgendein heute bekanntes Reich. Könige, die mit solchen Verfassungen regieren, sind nicht unter die Fürsten zu zählen, bei denen man die menschliche Natur an sich beobachten und sehen kann, ob sie der Menge gleichen; denn mit ihnen verhält es sich ebenso wie mit einer durch Gesetze gezügelten Menge. Und bei ihr wird man dann dieselben guten Eigenschaften finden wie bei den Fürsten; sie wird weder übermütig herrschen und sklavisch dienen. So diente das römische Volk, als die Sitten der Republik noch rein waren, nie sklavisch, noch herrschte es übermütig, sondern es behauptete seinen Rang vermöge seiner Einrichtungen und Behörden mit Ehren. Mußte es sich gegen einen Mächtigen auflehnen, so geschah es wie gegen Manlius, die Dezemvirn und andre, die es unterdrücken wollten. Mußte es zum öffentlichen Wohl den Diktatoren und Konsuln gehorchen, so tat es das. Und sehnte es sich nach dem toten Manlius Capitolinus zurück, so ist das kein Wunder, denn es sehnte sich nach seinen Tugenden, die so groß waren, daß ihr Andenken jeden zum Mitleid bewog, und die die gleiche Wirkung wohl auch auf einen Fürsten gehabt hätten. Denn alle Schriftsteller stimmen darüber überein, daß man die Tugend auch bei seinen Feinden lobt und bewundert. Wäre Manlius aber während dieser großen Sehnsucht wieder auferstanden, so hätte das römische Volk das gleiche Urteil über ihn gefällt wie damals, als es ihn aus dem Gefängnis zog und zum Tode verurteilte. Sieht man doch auch für weise geltende Fürsten, die einen Menschen hinrichten ließen und sich dann aufs heftigste nach ihm zurücksehnten, wie Alexander nach Klitos Vgl. Curtius Rufus. Geschichte Alexanders des Großen, VII, 1 ff. und andern Freunden und Herodes nach Mariamne. Herodes der Große (62-4 v. Chr.), seit 40 König von Judäa, ließ seine Gemahlin Mariamne, zwei Söhne und andre Familienmitglieder hinrichten. Was aber unser Geschichtsschreiber von der Natur der Menge sagt, gilt nicht für eine durch Gesetze gezügelte Menge, wie die römische, sondern für eine zügellose, wie die syrakusanische, die die Verbrechen rasender und zügelloser Menschen beging, wie Alexander und Herodes in den obigen Fällen. Darum ist die Natur der Menge nicht mehr anzuklagen als die der Fürsten, weil beide in gleichem Maß sündigen, wenn sie ungestraft sündigen können. Dafür gibt es außer den obigen Beispielen zahlreiche unter den römischen Kaisern wie unter den übrigen Tyrannen und Fürsten, bei denen man mehr Unbeständigkeit und wechselndes Benehmen sieht als je bei der Menge. Ich widerspreche daher der gewöhnlichen Meinung, wonach die Völker, wenn sie herrschen, unbeständig, veränderlich, undankbar sind, und behaupte, es verhält sich bei ihnen mit diesen Sünden nicht anders als bei den einzelnen Fürsten. Wenn jemand die Völker und die Fürsten des gleichen Fehlers beschuldigt, so könnte er wohl recht haben; nimmt er aber die Fürsten aus, so irrt er. Denn ein herrschendes Volk mit guter Verfassung wird beständig, klug und dankbar sein, so gut wie ein Fürst, ja mehr als ein Fürst, auch wenn er für weise gehalten wird. Andrerseits wird ein Fürst, der nicht an Gesetze gebunden ist, undankbarer, unbeständiger und unklüger sein als ein Volk. Die Verschiedenheit ihres Benehmens aber rührt nicht von der Verschiedenheit ihrer Natur her (denn die ist bei allen die gleiche, und überwiegt das Gute, so ist es beim Volke), sondern von der größeren oder geringeren Scheu vor den Gesetzen, unter denen beide leben. Betrachtet man das römische Volk, so sieht man, daß es 400 Jahre lang dem Königtum feind war und den Ruhm und das öffentliche Wohl seines Vaterlandes liebte. Viele Beispiele bezeugen eins wie das andre. Wollte man mir seine Undankbarkeit gegen Scipio einwenden, so beziehe ich mich auf das, was ich schon früher S. Kap. 29. ausführlich dargelegt habe, daß nämlich die Völker weniger undankbar sind als die Fürsten. Und was die Klugheit und Beständigkeit betrifft, so sage ich, daß ein Volk klüger und beständiger und von richtigerem Urteil ist als ein Fürst. Nicht ohne Grund sagt man: Volkes Stimme, Gottes Stimme. Die öffentliche Meinung prophezeit so wunderbar richtig, als sähe sie vermöge einer verborgenen Kraft ihr Wohl und Wehe voraus. Was die richtige Beurteilung der Dinge betrifft, so sieht man nur äußerst selten, daß das Volk, wenn es zwei Redner von verschiedenen Parteien, aber von gleichem Geschick hört, nicht der besseren Meinung folgt und die Wahrheit nicht zu erfassen vermag. Irrt es, wie schon gesagt, Kap. 57 bei kühnen oder nützlich scheinenden Vorschlägen, so irrt auch ein Fürst in seinen eignen Leidenschaften, die viel zahlreicher sind als beim Volke. Man sieht auch, daß das Volk bei der Besetzung der Ämter eine viel bessere Wahl trifft als ein Fürst. Nie wird man ein Volk überreden können, einen verworfenen Menschen mit verderbten Sitten zu einer Würde zu erheben, wogegen man dies einem Fürsten leicht und auf tausend Arten einreden kann. Man sieht ein Volk Abscheu vor etwas fassen und viele Jahrhunderte dabei beharren, was man bei Fürsten nicht sieht. Für die beiden letzten Punkte legt das römische Volk genügendes Zeugnis ab, denn es hat mehrere Jahrhunderte lang, bei so vielen Wahlen von Konsuln und Tribunen, nicht vier Wahlen zu bereuen gehabt, und gegen den Königstitel hegte es solchen Haß, daß kein Verdienst eines Bürgers, der nach der Krone strebte, ihn vor der verdienten Strafe retten konnte. Ferner sieht man die Staaten, in denen das Volk herrscht, in kürzester Frist ausnehmend wachsen, weit mehr als solche, die stets unter einem Fürsten gelebt haben, so Rom nach Vertreibung der Könige, und Athen, nachdem es sich von Pisistratos befreit hatte. Dies kann aber nur daher kommen, daß die Völker besser regieren als die Fürsten. Man halte mir nicht entgegen, was unser Geschichtsschreiber an der oben angeführten oder an irgendeiner andern Stelle sagt. Denn untersucht man alle Ausschreitungen der Völker und Fürsten und alle ihre rühmlichen Taten, so schneiden die Völker an Tugend und Ruhm weit besser ab. Sind auch die Fürsten im Erlassen von Gesetzen, in der Begründung von Staaten, der Einrichtung und Neuordnung von Verfassungen überlegen, so sind es die Völker in der Erhaltung der Einrichtungen. Ja, sie verdienen dadurch zweifellos ebensoviel Ruhm wie die Staatengründer. Überhaupt sage ich, um dies Thema abzuschließen: Sowohl Monarchien wie Republiken sind von langer Dauer gewesen, und beide mußten durch Gesetze regiert werden; denn ein Fürst, der tun kann, was er will, ist toll, und ein Volk, das tun kann, was es will, ist nicht weise. Vergleicht man also einen an Gesetze gebundenen Fürsten und ein durch Gesetze gefesseltes Volk, so findet man mehr Tugend beim Volk als beim Fürsten. Vergleicht man beide in gesetzlosem Zustand, so findet man beim Volk weniger Fehler, und diese werden geringer und leichter zu bessern sein. Denn einem zügellosen, aufrührerischen Volke kann ein wohlmeinender Mann zureden und es leicht wieder auf den rechten Weg bringen; bei einem schlechten Fürsten aber sind alle Worte vergeblich; gegen ihn gibt es kein Mittel als das Eisen. Hieraus läßt sich auf die Schwere der Krankheit beider schließen. Denn wenn zu ihrer Heilung beim Volke Worte genügen, beim Fürsten aber Eisen nötig ist, so wird jeder zugeben müssen, daß das Übel da größer ist, wo es der stärkeren Kur bedarf. Wenn ein Volk entfesselt ist, so sind nicht die Torheiten, die es begeht, noch das gegenwärtige Übel zu fürchten, sondern das Übel, das daraus hervorgehen kann, weil aus solcher Verwirrung leicht ein Tyrann erstehen kann. Bei schlimmen Fürsten aber ist es umgekehrt; man fürchtet das gegenwärtige Übel und hofft auf die Zukunft, da man sich schmeichelt, daß aus seinem ruchlosen Betragen die Freiheit erstehen kann. Wie man sieht, ist der Unterschied zwischen beiden derselbe wie zwischen etwas, das wirklich besteht, und etwas, das geschehen kann. Die Grausamkeiten der Menge richten sich gegen den, von dem es fürchtet, daß er das Gemeingut an sich reißen will, die des Fürsten aber gegen die, die selbst fürchten, daß er ihnen ihr eignes Gut nehmen wird. Aber die schlechte Meinung vom Volke kommt daher, daß jeder vom Volke, auch wenn es die Herrschaft besitzt, frei und ohne Furcht Böses reden kann; von den Fürsten aber spricht man immer mit tausend Ängsten und Rücksichten. Da ich aber einmal auf diesen Gegenstand gekommen bin, so scheint es mir nicht unangebracht, im folgenden Kapitel zu erörtern, auf welche Bündnisse mehr Verlaß ist, auf die mit einer Republik oder mit einem Fürsten geschlossenen. Neunundfünfzigstes Kapitel Ob man sich mehr auf Bündnisse oder Verträge mit einer Republik oder einem Fürsten verlassen kann. Da es täglich vorkommt, daß Fürsten und Republiken miteinander Bündnisse und Freundschaft schließen, so scheint es mir der Untersuchung wert, wessen Treue beständiger ist und auf welche man mehr zählen kann, auf die einer Republik oder eines Fürsten. Alles wohl erwogen, scheinen sie mir in vielen Fällen gleich und in andern verschieden zu sein. Ich glaube, erzwungene Verträge wird weder ein Fürst noch eine Republik halten, und wenn sie die Furcht um den Verlust des Staates befällt, werden beide ihr Wort brechen und undankbar sein. Demetrios, der Städteeroberer, Demetrios Poliorketes befreite 307 v. Chr. Athen. Er war 294-87 König von Mazedonien und starb 283 in Syrien. hatte den Athenern zahllose Wohltaten erwiesen; als er dann von seinen Feinden geschlagen war, nahm er seine Zuflucht zu Athen als einer befreundeten Stadt, die ihm viel Dank schuldete. Aber die Athener nahmen ihn nicht auf, und das schmerzte ihn weit mehr als der Verlust der Schlacht und seines Heeres. Als Pompejus in Thessalien von Cäsar geschlagen war, flüchtete er nach Ägypten zu Ptolomäus, den er einst in sein Reich eingesetzt hatte, und wurde von ihm ermordet. Wie man sieht, war in beiden Fällen die Ursache gleich, doch war das Benehmen der Republik menschlicher und weniger schimpflich als das des Fürsten. Wo also Furcht herrscht, wird man tatsächlich die gleiche Treue finden, und wo man eine Republik oder einen Fürsten findet, der sich, um die Treue zu halten, seinem Untergang aussetzt, kann dies gleichfalls ähnliche Beweggründe haben. Denn ein Fürst kann sehr wohl mit einem mächtigen Fürsten im Bunde stehen, der ihn zwar im Augenblick nicht zu schützen vermag, von dem er aber hoffen darf, daß er ihn mit der Zeit wieder in sein Fürstentum einsetzen wird. Oder er glaubt auch, da er immer auf seiner Seite gestanden hat, bei seinem Feinde weder Vertrauen noch Geneigtheit zum Frieden zu finden. So ging es den Königen von Neapel, die die Partei der Franzosen ergriffen hatten. Das Beispiel ist nicht klar. Von den letzten zwei aragonischen Königen von Neapel, Ferdinand II. (1495-96) und Friedrich (1496-1501) mußte der erstere vor den Franzosen fliehen und kehrte zurück, als die Spanier sie vertrieben, und der letztere mußte sich nach dem Vertrag von Granada (1500), durch den Neapel zwischen Spanien und Frankreich geteilt wurde, den Franzosen ergeben und starb 1504 in Frankreich. Unter den Republiken teilten dies Schicksal Sagunt Die Zerstörung Sagunts durch Hannibal (219 v. Chr.) war der Anlaß zum zweiten punischen Kriege. Vgl. Livius XXI, 14. in Spanien, das seinen Untergang besiegelte, als es die Partei der Römer ergriff, und Florenz, als es im Jahre 1512 den Franzosen die Treue hielt. S. Lebenslauf, 1512. Alles in allem genommen, glaube ich jedoch, daß man in Fällen dringender Gefahr bei Republiken etwas mehr Beständigkeit findet als bei Fürsten; denn hätten sie auch dieselbe Gesinnung und dieselbe Neigung wie ein Fürst, so werden sie sich doch bei ihrem schwerfälligen Geschäftsgang schwerer dazu entschließen, die Treue zu brechen. Bündnisse werden ferner aus Nützlichkeitsgründen gebrochen. Hier halten die Republiken ihre Verträge bei weitem länger als die Fürsten. Ja, es ließen sich Beispiele anführen, wo ein Fürst um eines winzigen Vorteils willen sein Wort gebrochen hat, während ein großer Nutzen eine Republik nicht dazu bewegen konnte. So war es bei dem Vorschlag des Themistokles, Nach Cicero, De officiis, III, 11. der in einer Volksversammlung sagte, er habe einen Plan, der dem Vaterlande großen Nutzen brächte; um ihn aber nicht zu vereiteln, könne er ihn nicht aussprechen. Darauf wählte das Volk von Athen den Aristides, dem der Plan mitgeteilt werden sollte, und nach dessen Befund es dann beschließen wollte. Themistokles legte ihm nun dar, daß die ganze griechische Flotte, die unter die Obhut Athens gestellt war, an einem Orte läge, wo sie leicht erobert oder zerstört werden könnte, was Athen zur Vormacht in Griechenland machen würde. Hierauf berichtete Aristides dem Volke, der Vorschlag des Themistokles sei zwar sehr nützlich, aber äußerst unehrenhaft, und das Volk verwarf ihn darum völlig. Das hätten Philipp von Mazedonien und andre Fürsten nicht getan, die durch Treubruch mehr ihren Vorteil suchten und mehr gewannen als durch irgendein andres Mittel. Was den Bruch von Verträgen infolge ihrer Nichterfüllung betrifft, so rede ich davon nicht, weil es eine gewöhnliche Sache ist. Ich rede nur von Verträgen, die aus außergewöhnlichen Gründen gebrochen wurden, und da glaube ich nach dem Obengesagten, daß das Volk hier geringeres Unrecht begeht als ein Fürst. Darum kann man sich mehr auf das Volk als auf den Fürsten verlassen. Sechzigstes Kapitel Das Konsulat und jede andre Würde wurde in Rom ohne Rücksicht auf das Alter vergeben. Wie man aus der Geschichte ersieht, verlieh die römische Republik das Konsulat, nachdem es auch Plebejern zugänglich geworden war, 367 durch das dritte der Licinischen Gesetze. Vgl. Kap. 37, Anm. 108. ohne Rücksicht auf Alter und Geburt. Ja, eine Rücksicht auf das Alter fand in Rom überhaupt nie statt, vielmehr sah man immer nur auf das Verdienst, mochte man es nun bei einem Jüngling oder einem Greise finden. Ein Beweis dafür ist Valerius Corvinus, der mit 23 Jahren Konsul wurde 349 v Chr. Bei Livius VII, 26, heißt er Marcus Valerius Corvus. und in einer Ansprache an seine Soldaten sagte, das Konsulat sei ein praemium virtutis, non sanguinis Ebd. 32. (ein Lohn der Tüchtigkeit, nicht der Geburt). Ob diese Einrichtung gut oder schlecht war, sei dahingestellt. Was die Geburt betrifft, so ließ man sie notgedrungen fallen, und die gleiche Notwendigkeit dürfte in jedem Staat eintreten, der das ausrichten will, was Rom vollbracht hat, wie schon früher gesagt ward. S. Kap. 6. Denn ohne Lohn kann man den Menschen keine Lasten auferlegen und ihnen auch die Hoffnung auf Lohn nicht ohne Gefahr nehmen. Bald mußte man daher dem Volke die Hoffnung geben, zum Konsulat zu gelangen, und eine Weile zehrte es von dieser Hoffnung. Später aber reichte die Hoffnung nicht aus, sondern man mußte sie erfüllen. Ein Staat, der das Volk zu nichts Ruhmwürdigen verwendet, kann es freilich nach Gutdünken behandeln, wie anderwärtig gezeigt wurde. 198: S. Kap. 6. Wer aber das ausrichten will, was Rom tat, darf solche Unterschiede nicht machen. Angenommen, man wollte das letztere, so ist ein Unterschied des Alters nicht zu rechtfertigen, ja er muß notgedrungen fortfallen. Denn wenn das Volk einen Jüngling zu einem Amte erwählen soll, das die Klugheit eines Greises erfordert, so muß ihm eine hervorragende Leistung zu dieser Würde verhelfen. Besitzt aber ein Jüngling solche Tüchtigkeit, daß er sich durch etwas Besondres hervorgetan hat, so wäre es höchst nachteilig für den Staat, wenn er diese Kraft nicht gleich nutzen könnte, sondern warten müßte, bis er gealtert ist und die Geisteskraft und Raschheit, die seinem Vaterland nutzen könnten, dahin sind. So nutzte Rom den Valerius Corvinus, den Scipio, den Pompejus und viele andre, die ganz jung triumphierten. Zweites Buch Äußere Politik und Kriegführung   Die Menschen loben stets die alten Zeiten, wenn auch nicht immer mit Recht, und klagen die Gegenwart an. Sie sind so parteiisch für die Vergangenheit, daß sie nicht allein die Zeitalter preisen, die sie aus den Überlieferungen der Schriftsteller kennen, sondern auch die Zeiten ihrer Jugend, deren sie sich in ihrem Alter erinnern. Wenn der Standpunkt verkehrt ist, und das ist er meist, so hat dieser Irrtum nach meiner Ansicht verschiedene Ursachen. Die erste ist, glaube ich, die: man erfährt von der Vorzeit nicht die ganze Wahrheit. Das meiste, was jenen Zeiten Schande macht, wird verheimlicht, während das, was ihnen Ruhm bringt, glänzend und ausführlich dargestellt wird. Denn die meisten Schriftsteller huldigen dem Glück der Sieger so sehr, daß sie, um deren Siege herauszustreichen, nicht nur ihre wirklich tapferen Taten vergrößern, sondern auch die der Feinde in einer Weise verherrlichen, daß jeder, der später im Lande des Siegers oder des Besiegten geboren wird, alle Ursache hat, jene Menschen und Zeiten anzustaunen und sie notwendig aufs höchste loben und lieben muß. Da ferner der Haß aus Furcht oder Neid entsteht, fallen bei der Vergangenheit die zwei Hauptursachen des Hasses fort, denn Vergangenes kann weder schaden noch Neid erregen. Das Gegenteil tritt bei allem ein, was man unter den Händen und Augen hat. Bei genauer Kenntnis der Dinge bleibt einem keine Einzelheit verborgen, und da man an ihnen neben dem Guten auch manches Mißfällige wahrnimmt, muß man sie weit unter die alten stellen, sollten sie auch viel mehr Lob und Ruhm verdienen. Eine Ausnahme bilden die Künste, die so deutlich für sich sprechen, daß die Zeit ihrem wirklichen Wert wenig hinzufügen oder nehmen kann. Ich rede also nur von Dingen, die das Leben und die Sitten der Menschen betreffen, von welchen man keine so deutlichen Zeugnisse hat. Ich wiederhole also, daß die Gewohnheit zu loben und zu tadeln allerdings besteht, aber man braucht sich dabei nicht immer zu irren. Manchmal muß man ja notwendig die Wahrheit treffen, denn die menschlichen Dinge sind in steter Bewegung und steigen oder fallen. Eine Stadt oder ein Land, das von einem trefflichen Mann seine staatliche Ordnung erhielt, sieht man eine Zeitlang durch das Verdienst seines Gründers stets zum Bessern fortschreiten. Wer in einem solchen Lande geboren wird und die alten Zeiten mehr lobt als die neuen, der irrt sich aus den obengenannten Gründen. Wird er aber geboren, wenn der Staat oder das Land schon im Verfall ist, so irrt er sich nicht. Wenn ich den Lauf der Welt bedenke, so finde ich, daß die Welt stets die gleiche war. Es gab immer soviel Böses wie Gutes, aber beides wechselte von Land zu Land. So wissen wir aus der Geschichte, daß die alten Reiche durch den Wechsel der Sitten bald stiegen, bald sanken; die Welt aber blieb die gleiche, nur mit dem Unterschied, daß die Tugend, die zuerst in Assyrien blühte, nachher nach Medien und Persien verpflanzt wurde, bis sie endlich nach Italien und Rom kam. Wenn auf das römische Reich kein Reich von längerer Dauer mehr folgte, in dem die Welt ihre ganze Tugend vereint hätte, so zeigt diese sich doch unter verschiedene tüchtige Völker verstreut. Derart war das fränkische Reich, das türkische, das des Sultans, Gemeint ist das Mameluckenreich in Ägypten. S. Buch I, Kap. 1. heute die Völker Deutschlands, und früher der sarazenische Stamm, der so Großes vollbracht, so viele Länder erobert und schließlich das oströmische Reich zerstört hat. In all diesen Ländern und bei all diesen Völkern herrschte nach dem Verfall des römischen Reiches jene Tugend, die man zurücksehnt und mit Recht preist, ja, man trifft sie zum Teil noch jetzt an. Wer in diesen Ländern geboren wird und die Vergangenheit über die Gegenwart stellt, mag sich irren. Wer aber in Griechenland und Italien geboren wird und in Italien nicht die Sitten der Nordländer angenommen oder in Griechenland Türke geworden ist, hat allen Anlaß, seine Zeit zu tadeln und die Vorzeit zu loben. Denn das Altertum ist in vieler Hinsicht bewunderungswürdig, jetzt aber findet er nichts, was die äußerste Erbärmlichkeit, Schmach und Schande wettmachte; denn es werden weder Religion noch Gesetze noch Kriegszucht beobachtet, und alles ist mit schmutzigen Lastern befleckt. Diese Laster sind um so abscheulicher, als man sie am häufigsten bei denen wahrnimmt, die auf den Richterstühlen sitzen, jedem Befehle erteilen und verehrt sein wollen. Kehren wir jedoch zu unserm Gegenstand zurück! Ich sage, wenn die Menschen auch falsch darüber urteilen, ob die Gegenwart oder die Vergangenheit besser sei, weil sie vom Altertum keine so genaue Kenntnis besitzen wie von ihrer eignen Zeit, so sollten doch die alten Leute wenigstens die Zeit ihrer Jugend und ihres Alters richtig beurteilen, da sie beide gleich gut gekannt und gesehen haben. Das könnten sie allerdings nur tun, wenn die Menschen in jedem Lebensalter das gleiche Urteil und die gleichen Neigungen hätten. Da sich diese aber ändern, können ihnen die Zeiten, die sich nicht ändern, doch nicht als die gleichen erscheinen, weil sie im Alter andre Begierden, andre Neigungen, andre Ansichten haben als in der Jugend. Mit dem Alter nehmen die Kräfte ab, Urteil und Einsicht aber zu. So müssen ihnen die Dinge, die in der Jugend erträglich und gut schienen, im Alter unerträglich und schlecht scheinen. Statt aber die Ursache davon in ihrem eignen Urteil zu suchen, klagen sie über die Zeiten. Überdies sind die menschlichen Begierden unersättlich, da die Natur uns alles begehren läßt, das Schicksal aber nur wenig zu erreichen erlaubt. Dadurch entsteht im Menschenherzen ewige Unzufriedenheit und Überdruß an allem, was man besitzt. So tadeln wir die Gegenwart, loben die Vergangenheit und wünschen die Zukunft herbei, ohne einen vernünftigen Grund. Ich weiß daher nicht, ob man mich zu denen rechnen wird, die sich irren, wenn ich in diesen Erörterungen die alte Römerzeit zu sehr lobe und die unsre tadle. Wäre die damals herrschende Tugend und das jetzt herrschende Laster nicht sonnenklar, so würde ich mich behutsamer ausdrücken, um nicht in den Fehler zu verfallen, dessen ich andre zeihe. Da aber die Sache so offenbar ist, daß jeder sie sieht, werde ich dreist und offen aussprechen, was ich von dieser und jener Zeit halte, damit meine jungen Leser sich von dieser abwenden und sich zur Nachahmung jener vorbereiten, so oft ihnen das Schicksal Gelegenheit dazu gibt. Denn es ist Pflicht eines rechtschaffenen Mannes, das Gute, das er wegen der Ungunst der Zeiten und des Schicksals nicht ausführen konnte, andere zu lehren, damit unter vielen Fähigen einer, den der Himmel mehr liebt, es verwirklichen kann. Habe ich im ersten Buch von den inneren Angelegenheiten der römischen Republik gesprochen, so will ich in diesem Buche davon reden, was das römische Volk zur Vergrößerung seiner Herrschaft tat. Erstes Kapitel Was mehr zur Größe des römischen Reiches beitrug, Tapferkeit oder Glück. Viele Schriftsteller, darunter der sehr gewichtige Plutarch, Moralia, De Fortuna Romanorum. sind der Meinung gewesen, die Römer hätten die Eroberung ihres Reiches mehr dem Glück als ihrer Tapferkeit zu danken gehabt. Unter andern Gründen führt er an, das römische Volk habe dies selbst zugestanden, da es der Fortuna mehr Tempel erbaut habe als irgendeiner andern Gottheit. Auch Livius scheint sich dieser Ansicht anzuschließen, denn selten läßt er einen Römer von der Tapferkeit reden, ohne das Glück zu erwähnen. Ich kann das durchaus nicht zugestehen und glaube auch nicht, daß es sich verfechten läßt. Hat nie eine Republik solche Fortschritte gemacht wie Rom, so kommt das daher, daß nie eine Republik so zur Eroberung eingerichtet war wie Rom. Es war die Tapferkeit seiner Heere, die ihm die Herrschaft gewann, und seine eigne, von seinem ersten Gesetzgeber erfundene Methode, die ihm das Erworbene erhielt, wie unten in mehreren Abhandlungen ausführlich gezeigt werden soll. Jene Schriftsteller sagen, es wäre dem Glück, nicht der Tapferkeit Roms beizumessen, daß es nie in zwei wichtige Kriege zugleich verwickelt war. Denn der Krieg mit den Latinern brach erst aus, als Rom die Samniter zwar nicht niedergeworfen hatte, aber doch zu deren Verteidigung Krieg führen mußte. Mit den Etruskern kämpfte Rom nicht eher, bevor es die Latiner unterjocht und die Samniter durch viele Niederlagen fast ganz entkräftet hatte. Hätten sich zwei dieser Mächte frisch und ungeschwächt gegen Rom vereinigt, so wäre die römische Republik ziemlich sicher zugrunde gegangen. Doch woher es auch kommen mag, nie hatten die Römer zwei wichtige Kriege auf einmal zu führen; vielmehr scheint es immer, daß beim Ausbruch des einen der andre erlosch und beim Erlöschen des einen ein andrer entstand. Das ergibt sich ganz deutlich aus der Reihenfolge ihrer Kriege. Übergehen wir die, die vor der Zerstörung Roms durch die Gallier stattfanden, so sehen wir, daß sich während der Kriege mit den Äquern und Volskern, 389-77 v. Chr. solange diese Völker mächtig waren, nie andre Feinde erhoben. Nach ihrer Bezwingung brach der Samniterkrieg aus. Der erste Samniterkrieg 343-41 v. Chr., der große Latinerkrieg 340-38, der zweite Samniterkrieg 326-304, der dritte 298-90. Wenn sich auch noch vor seiner Beendigung die Latiner gegen die Römer empörten, so standen die Samniter damals doch wieder mit Rom im Bunde und halfen ihm mit ihrem Heere den Übermut der Latiner brechen. Nachdem diese bezwungen waren, fing der Krieg mit Samnium wieder an. Als die Kraft der Samniter durch viele Niederlagen gebrochen war, entstand der Krieg mit den Etruskern, 299-98. Die Etrusker kämpften aber auch dauernd im Bund mit den Galliern und Samnitern gegen Rom. nach dessen Beilegung sich die Samniter von neuem erhoben, als Pyrrhus in Italien landete. Nachdem dieser geschlagen und nach Griechenland zurückgeworfen war, begann der erste punische Krieg. Kaum war dieser beendet, so verschworen sich alle Gallier diesseits und jenseits des Apennins gegen die Römer und erlitten zwischen Popolonia und Pisa, wo heute der Turm von San Vincenti steht, eine schwere Niederlage. Schlacht bei Telamon, 225 v. Chr. Nach Beendigung dieses Krieges führten die Römer 20 Jahre lang keinen Krieg von Belang, denn sie kämpften nur mit den Liguriern und den Überresten der Gallier in der Lombardei. So blieb es bis zum Anbruch des zweiten punischen Krieges, der Italien 16 Jahre lang zu schaffen machte. Als er auf das ruhmvollste beendigt war, entstand der mazedonische Krieg, Das trifft nicht ganz zu, denn der erste mazedonische Krieg (212-206) war ein Teil des zweiten punischen Krieges, nach dessen Beendigung der zweite mazedonische Krieg (200-197) ausbrach. Der dritte (171-168) fand vor dem dritten punischen Krieg statt, der vierte nach dessen Beendigung (148-146). dann der mit Antiochos 192-188 v. Chr. und Asien. Nachdem auch dieser siegreich beendet war, blieb in der ganzen Welt kein Fürst und keine Republik, die allein oder vereint der römischen Macht widerstehen konnten. Betrachtet man die Reihe dieser Kriege bis zum letzten Sieg und die Art, wie die Römer verfuhren, so wird man mit dem Glück stets ausnehmende Tapferkeit und Klugheit gepaart sehen. Geht man den Ursachen dieses Glückes nach, so wird man sie leicht finden. Denn es ist eine ausgemachte Sache, daß, wenn ein Fürst oder ein Volk zu so großem Ansehen gelangt ist, sich jede benachbarte Macht wohl hütet, es seinerseits anzugreifen und sich vor ihm fürchtet. Somit wird es nie einer ohne Not angreifen. Es steht also gleichsam in der Wahl dieses mächtigen Volkes, mit welchem seiner Nachbarn es Krieg führen will, während es die andern durch Unterhandlungen beruhigt. Und diese beruhigen sich leicht, teils aus Rücksicht auf seine Macht, teils durch die Mittel getäuscht, mit denen es sie einzuschläfern sucht. Die andern, entlegneren Mächte, die nicht in Verkehr mit ihm stehen, betrachten diese Dinge als etwas Fernliegendes, das sie nichts angeht. In diesem Irrtum verharren sie so lange, bis der Brand näher kommt, und dann haben sie kein andres Löschmittel als ihre eigne Kraft, die nicht mehr hinreicht, da der Feind bereits zu mächtig geworden ist. Ich will nicht dabei verweilen, wie die Samniter der Niederwerfung der Volsker und Äquer durch das römische Volk ruhig zusahen, und um nicht weitschweifig zu werden, nur Karthago anführen. Zur Zeit der Kriege der Römer mit den Samnitern und Etruskern waren die Karthager sehr mächtig und standen in hohem Ansehen. Sie besaßen ganz Afrika, Sardinien und Sizilien und einen Teil von Spanien. Infolge dieser Macht und ihrer Entfernung von den römischen Grenzen dachten sie nie daran, Rom anzugreifen, noch den Samnitern oder Etruskern beizustehen. Vielmehr betrugen sie sich gegen Rom, wie man sich stets gegen aufstrebende Mächte beträgt: sie verbanden sich mit ihm zu seinem Vorteil und suchten seine Freundschaft. Und sie erkannten ihren begangenen Fehler erst, als die Römer alle zwischen Rom und Karthago wohnenden Völker unterworfen hatten und mit ihnen um die Herrschaft Siziliens und Spaniens zu kämpfen begannen. Ebenso wie den Karthagern erging es den Galliern, ebenso dem König Philipp von Mazedonien Philipp III. von Mazedonien (220-197 v. Chr.) schloß 215 v. Chr. infolge der Schlacht bei Cannae ein Bündnis mit Hannibal gegen Rom, unterstützte ihn aber nur lau und verlor 197 v. Chr. durch die Niederlage bei Kynoskephalae die Herrschaft. und dem Antiochos. Wenn das römische Volk mit einem andern zu tun hatte, glaubte jeder von ihnen, dieser andre werde es überwinden und es sei noch Zeit genug, sich durch Krieg oder Verträge vor ihm zu schützen. Ich glaube daher, daß jeder Fürst, der wie Rom verführe und die gleiche Tapferkeit besäße, auch das gleiche Glück haben würde. Ich müßte bei dieser Gelegenheit auch zeigen, auf welche Weise die Römer in fremde Länder eindrangen, habe jedoch in meiner Abhandlung vom Fürsten »Der Fürst«, Kap. 3-7. schon ausführlich darüber gesprochen. Ich will nur kurz anführen, daß sie sich in den neuen Ländern stets einen Verbündeten zu gewinnen suchten, der ihnen behilflich war, in das Land einzudringen und es nachher zu behaupten. So drangen sie mit Hilfe der Capuaner in Samnium ein, mit Hilfe der Camertiner in Etrurien, der Mamertiner in Sizilien, der Sagunter in Spanien, des Masinissa in Afrika, der Ätolier in Griechenland, des Eumenes und andrer Fürsten in Asien, der Massilier und Äduer in Gallien. Die Capuaner bildeten den Anlaß zum ersten Samniterkrieg (343-341 v. Chr.). Vgl. Buch II, Kap. 9, und Livius VII, 29 ff. – Im Krieg gegen die Etrusker (310 v. Chr.) hatte sich ein etruskisch sprechender Römer mit den Einwohnern von Camerinum ins Einvernehmen gesetzt, bei denen der Konsul Quintus Fabius Rullianus Unterstützung bei seinem Zug durch den Ciminischen Wald fand. Vgl. Buch III, Kap. 49, und Livius IX, 36. – Die Mamertiner, Söldner des Agathokles von Syrakus, hatten nach dessen Tod Messana besetzt und die Römer gegen den neuen Herrscher Hiero um Schutz angerufen (265 v. Chr.). – Die Sagunter riefen 226 v. Chr. die Römer gegen Hannibal zu Hilfe. – Während des Krieges in Spanien mit den Karthagern (210-206 v. Chr.) suchte Scipio die numidischen Könige Masinissa und Syphax zu sich herüberzuziehen, in der Absicht, sich Bundesgenossen für einen Krieg in Afrika zu schaffen. Vgl. XXVIII, 16 f., 35. – Mit Hilfe der Ätolier siegte der Prokonsul Titus Quinctius Flamininus 197 v. Chr. bei Kynoskephalae über Philipp III. von Mazedonien. Vgl. Livius XXXIII, 7-10. – König Eumenes von Pergamon hatte 172 v. Chr. die Römer zum Krieg gegen König Perseus von Mazedonien gedrängt, der bei Pydna (168 v. Chr.) sein Reich verlor. Vgl. Livius XXXV, 13. – Die griechische Kolonie Massilia (Marseille), seit dem zweiten punischen Kriege Bundesgenossin der Römer, hatte diese 125 v. Chr. gegen die Salluvier und Vocontier zu Hilfe gerufen. Nach dem Sieg bei Aquae Sextiae (123 v. Chr.) wandten sich die Römer gegen die Allobroger und machten sich 122 die Äduer zu Bundesgenossen. Vgl. Livius XXI, 20-26, und Cäsars »Gallischen Krieg«, Buch I.] Niemals fehlte es ihnen an solchen Unterstützungen zur leichteren Eroberung und Behauptung dieser Länder. Völker, die ebenso handeln, werden sehen, daß sie weniger Glück nötig haben als solche, die dies nicht tun. Damit nun jeder recht deutlich sieht, wieviel mehr ihre Tapferkeit als ihr Glück zur Eroberung ihres Reiches beitrug, will ich im folgenden Abschnitt zeigen, mit was für Völkern sie zu kämpfen hatten, und wie hartnäckig diese ihre Freiheit verteidigten. Zweites Kapitel Mit was für Völkern die Römer zu kämpfen hatten, und wie hartnäckig diese ihre Freiheit verteidigten. Nichts erschwerte den Römern die Überwindung der Nachbarvölker und teils auch der entfernten Länder mehr als die Freiheitsliebe, die damals viele Völker besaßen, und die Hartnäckigkeit, mit der sie ihre Freiheit verteidigten. Nur durch außerordentliche Tapferkeit konnten sie unterjocht werden. Denn aus vielen Beispielen ersieht man, welchen Gefahren sie sich zur Behauptung oder Wiedererlangung ihrer Freiheit aussetzten, und wie grausam sie sich an denen rächten, die sie ihnen geraubt hatten. Auch lernt man aus der Geschichte, welchen Schaden Völker und Städte durch die Knechtschaft erleiden. Zu unsrer Zeit gibt es nur ein Land, von dem man sagen kann, daß es freie Städte hat; Deutschland. Vgl. Buch II, Kap. 19. zu alter Zeit aber gab es in allen Ländern sehr viel freie Völker. In der Zeit, von der wir jetzt reden, gab es von den Apenninen, die Toskana von der Lombardei trennen, bis zur äußersten Spitze Italiens viele freie Völker, wie die Etrusker, die Römer, die Samniter und viele andre. Von keinem hört man, daß es Könige hatte, außer Rom und bei den Etruskern Porsenna, von dem die Geschichte nicht sagt, wie sein Stamm erlosch. Man sieht jedoch deutlich, daß Etrurien zu der Zeit, als die Römer Veji belagerten, frei war. Ja, es liebte seine Freiheit so sehr und haßte den Fürstennamen derart, daß es nach vielen Beratungen beschloß, die von Veji erbetene Hilfe abzuschlagen, solange die Vejenter, die zu ihrer Verteidigung einen König eingesetzt hatten, unter diesem König blieben. Denn die Etrusker hielten es für unbillig, das Vaterland derer zu verteidigen, die sich schon selbst einem andern unterworfen hatten. Die Ursache dieser Freiheitsliebe der Völker ist leicht einzusehen. Die Erfahrung zeigt, daß die Staaten nie größer und reicher wurden, außer wenn sie frei waren. Es ist in der Tat wunderbar, zu welcher Größe Athen sich in den 100 Jahren emporschwang, als es sich vom Joch des Pisistratos befreit hatte. Eigentlich seiner Söhne Hipparch (514 v. Chr. ermordet) und Hippias (510 vertrieben). Das Allerwunderbarste aber ist der Aufstieg Roms, nachdem es seine Könige verjagt hatte. Die Ursache ist leicht einzusehen. Nicht das Wohl des Einzelnen, sondern das Gemeinwohl ist es, was die Staaten groß macht. Ohne Zweifel wird für dies Gemeinwohl nur in Republiken gesorgt, denn dort geschieht alles, was zu seiner Förderung dient, wenn es auch zum Schaden dieses oder jenes Einzelnen gereicht. Es sind so viele, die dabei gewinnen, daß sie es auch gegen den Willen der Wenigen, die darunter leiden, durchsetzen können. Das Gegenteil geschieht unter einem Fürsten. Was ihm nützt, schadet meist dem Staate, und was dem Staate nützt, schadet ihm. Sobald also in einem Staat eine Tyrannenherrschaft auf die Freiheit folgt, ist das kleinste Übel, das daraus entspringt, daß er nicht mehr vorwärts kommt, nicht mehr an Macht und Reichtum zunimmt. In den meisten Fällen, ja immer wird er zurückgehen. Gesetzt auch, er geriete unter die Herrschaft eines tapferen Mannes, der durch Mut und Waffenglück sein Gebiet erweitert, so hätte doch nicht der Staat den Vorteil davon, sondern er allein. Denn er kann die Braven und Guten unter den Bürgern, über die er sich zum Tyrannen aufgeworfen hat, nicht belohnen, wenn er nicht in stetem Mißtrauen gegen sie leben will. Für diesen Gedankengang vgl. den Xenophon zugeschriebenen Dialog »Hiero«, V; Sallust, Catilina, VII; Aristoteles, Politik, VIII, 9, 8 ; Herodot, III, 80. In Buch III, Kap. 20, verlangt Machiavelli dagegen, der Fürst solle die Liebe seiner Untertanen erwerben. Er kann die eroberten Städte nicht der Hauptstadt, deren Tyrann er ist, unterwerfen oder ihr zinsbar machen, denn ihre Macht zu vergrößern liegt nicht in seinem Vorteil, vielmehr muß er den Staat in Zersplitterung erhalten, so daß jede Stadt und jede Provinz ihn als Oberhaupt anerkennt. So hat er allein Vorteil von seinen Eroberungen, und nicht das Vaterland. Will man dies durch eine Menge andrer Gründe bestätigt finden, so lese man Xenophons Abhandlung über die Tyrannei. Der genannte Dialog »Hiero«. Es ist also kein Wunder, daß die alten Völker die Tyrannen mit solchem Haß verfolgten und das freie Staatsleben liebten, ja daß schon der Name Freiheit von ihnen so hochgeschätzt wurde. Als Hieronymus, Hieros Neffe, Der Sohn Hieros II. (269-216 v. Chr.). Er wurde 215 mit seiner ganzen Familie umgebracht. Vgl. Livius XXIV, 21. in Syrakus ermordet worden war und die Nachricht zu seinem Heere kam, das nicht weit von Syrakus stand, entstand zuerst eine Empörung, und es ergriff die Waffen gegen seine Mörder. Als es aber erfuhr, daß man in Syrakus die Freiheit ausrief, ward es durch den Zauber dieses Wortes vollkommen beruhigt, ließ den Zorn gegen die Tyrannenmörder fahren und sann nur auf die Wiederherstellung der freien Verfassung. Es ist auch kein Wunder, daß die Völker außerordentliche Rache an denen nehmen, die sie der Freiheit beraubt haben. Von den vielen vorhandenen Beispielen will ich nur eins aus der griechischen Stadt Korkyra anführen. Die obige Bluttat (nach Thukydides IV, 47 f.) fand 423 v. Chr. statt. Zur Zeit des peloponnesischen Krieges war Griechenland in zwei Parteien gespalten, die athenische und die spartanische. So bildete sich in vielen Städten, die im Innern gespalten waren, gleichfalls eine athenische und eine spartanische Partei. Als nun in Korkyra der Adel die Oberhand erlangt und dem Volke die Freiheit geraubt hatte, riß die Volkspartei mit Hilfe der Athener von neuem die Gewalt an sich, bemächtigte sich aller Adligen, schloß sie allesamt in ein Gefängnis ein und nahm je acht bis zehn auf einmal heraus, unter dem Vorwand, sie nach verschiedenen Orten in die Verbannung zu schicken, ließ sie aber unter grausamen Martern hinrichten. Als das die noch Übriggebliebenen merkten, beschlossen sie, soviel in ihren Kräften stand, diesem schmählichen Tod zu entgehen. Sie bewaffneten sich so gut sie konnten und verteidigten den Eingang des Gefängnisses. Das Volk aber, das sich auf den Lärm hin zusammenrottete, riß das Dach des Gebäudes ein und begrub sie alle unter den Trümmern. Viele andre, gleich schreckliche und denkwürdige Fälle ereigneten sich noch in Griechenland. Man sieht also, wie wahr es ist, daß der Raub der Freiheit viel blutiger gerächt wird als der Versuch, sie zu rauben. Wenn ich nun über die Ursache nachdenke, weshalb die Völker des Altertums mehr Freiheitsliebe besaßen als die jetzigen, so glaube ich, es ist die gleiche wie bei der Kraftlosigkeit der jetzigen Menschen, nämlich die Verschiedenheit unsrer Erziehung und der Erziehung der Alten, die in der Verschiedenheit der Religion liegt. Denn da unsre Religion uns die Wahrheit und den wahren Weg gezeigt hat, läßt sie uns die weltliche Ehre geringer schätzen. Die Heiden hingegen schätzen sie sehr hoch und hielten sie für ihr höchstes Gut, und darum waren sie kühner in ihren Taten. Das läßt sich aus vielen ihrer Einrichtungen erkennen. Man braucht nur die Pracht ihrer Opfer mit der Demut der unsern zu vergleichen, bei denen mehr Feinheit als Pracht herrscht und keine furchtbare oder kraftvolle Handlung vorkommt. Dort aber kamen zur Pracht und Großartigkeit der Zeremonien noch blutige und grausame Opferbräuche. Eine Menge von Tieren wurde abgeschlachtet, und die Menschen wurden durch dies furchtbare Schauspiel auch kühn und furchtbar. Die alte Religion sprach überdies nur Männer voll weltlichen Ruhmes heilig, wie Feldherren und Staatenlenker. Unsre Religion hat mehr die demütigen und beschaulichen Menschen als die tätigen selig gesprochen. Sie hat das höchste Gut in Demut, Entsagung und Verachtung des Irdischen gesetzt; jene setzte es in hohen Mut, Leibesstärke und alles, was den Menschen kraftvoll machte. Verlangt auch unsre Religion, daß man stark sei, so will sie doch, daß man diese Stärke im Leiden und nicht in kraftvollen Taten äußert. Diese Lebensweise scheint also die Welt schwach gemacht und sie den Bösewichtern zur Beute gegeben zu haben. Die können ungefährdet über sie schalten, denn sie sehen ja, daß die große Mehrzahl der Menschen, um ins Paradies einzugehen, mehr darauf bedacht ist, Beleidigungen zu ertragen als zu rächen. Scheint aber die Welt auch weibisch geworden und der Himmel keine Blitze mehr zu haben, so kommt dies doch zweifellos mehr von der Erbärmlichkeit derer, die unsre Religion mehr zum Vorteil des Müßiggangs als der Tatkraft ausgelegt haben. Denn bedächten sie, daß die Religion den Kampf für die Größe und Verteidigung des Vaterlandes zuläßt, so sähen sie auch ein, daß wir die Pflicht haben, es zu lieben und uns zu seiner Verteidigung tüchtig zu machen. Unsre Erziehung also und die falsche Auslegung der Religion sind schuld daran, daß es nicht mehr soviel Republiken gibt wie in alter Zeit und daß man mithin bei den Völkern auch nicht mehr soviel Freiheitsliebe findet wie damals. Ich möchte freilich noch eine nähere Ursache dafür in der Herrschaft der Römer finden, die durch ihre Waffen und ihre Größe alle Republiken und alle bürgerliche Freiheit zerstört haben. Obwohl sich dies Reich später auflöste, haben sich doch die Städte und Völker mit geringen Ausnahmen nicht wieder zusammentun noch sich freie Verfassungen geben können. Wie dem aber auch sei, jedenfalls fanden die Römer auf jedem Fleckchen Erde einen Bund wohlbewaffneter Republiken, die ihre Freiheit auf das hartnäckigste verteidigten. Ohne seltene, ausnehmende Tapferkeit hätten sie diese also nie überwinden können. Ich will nur das Beispiel der Samniter anführen, das bewundernswürdig ist. Wie Livius gesteht, waren sie so stark und ihre Waffen so mächtig, daß sie den Römern bis zur Zeit des Papirius Cursor, des Sohnes des ersten Papirius, 46 Jahre Widerstand leisteten, nachdem sie so viele Niederlagen erlitten hatten, so viele Städte zerstört und ihr Land so häufig verwüstet war. Lucius Papirius Cursor war 324 v. Chr. Diktator im zweiten Samniterkrieg; sein gleichnamiger Sohn schlug die Samniter 293 bei Aquilonia im dritten Samniterkrieg entscheidend. Vgl. Buch I, Kap. 15. Unser Staunen wächst, wenn man das Land, das so viele Städte und Menschen zählte, jetzt fast wüst und leer sieht; aber damals herrschte so viel Ordnung und Kraft darin, daß es nur durch römische Tapferkeit überwunden werden konnte. Und es ist leicht einzusehen, woher diese Ordnung kam und woraus der jetzige Verfall herrührt: damals war es frei, jetzt lebt es in Knechtschaft. Wie oben gesagt, machen alle Städte und Länder, die in jeder Hinsicht frei sind, die größten Fortschritte. Dort sieht man die größte Volkszahl, weil die Ehen freier und begehrenswerter sind. Jeder zeugt gern soviel Kinder, als er ernähren zu können glaubt, denn er braucht ja nicht zu fürchten, daß ihm sein Erbteil genommen werde, und er weiß, daß sie als Freie und nicht als Sklaven geboren werden, ja daß sie durch ihre Tüchtigkeit zur höchsten Würde gelangen können. Dort vermehren sich die Reichtümer, die Früchte des Ackerbaues und des Gewerbefleißes in größerem Maße. Jeder vermehrt gern seinen Besitz und sucht Güter zu erwerben, die er, wenn er sie erworben hat, genießen zu können glaubt. Die Bürger wetteifern in der Vermehrung des eignen und öffentlichen Wohlstandes, und beides wächst in staunenswerter Weise. Das Gegenteil von alledem tritt in Ländern ein, die in Knechtschaft leben. Der gewohnte Wohlstand fehlt ihnen um so mehr, je härter ihre Knechtschaft ist. Die härteste aller harten Knechtschaften aber ist die Unterwerfung unter eine Republik; denn erstens ist sie von längerer Dauer und gewährt daher weniger Hoffnung, sie loszuwerden, und zweitens hat die Republik das Bestreben, zur Vergrößerung ihres eignen Staatskörpers alle andern zu entnerven und zu schwächen. Das tut kein Fürst, der ein Land unterwirft, wenn er nicht ein Barbar, ein Länderverwüster und Zerstörer jeder bürgerlichen Ordnung ist, wie die orientalischen Herrscher. Hat er aber menschliche und natürliche Gefühle, so liebt er seine untergebenen Städte meist gleichmäßig und läßt ihnen alle ihre Gewerbe und fast alle ihre alten Einrichtungen. Wenn sie also auch nicht wachsen können wie freie Städte, so gehen sie doch auch nicht zugrunde wie in Knechtschaft befindliche. Mit Knechtschaft meine ich hier, wenn Städte von einer fremden Macht unterjocht werden, denn von der Dienstbarkeit unter einem ihrer Bürger sprach ich schon oben. Buch II, Kap. 2. Erwägt man also alles Gesagte, so wird man sich über die Macht der Samniter während ihrer Freiheit so wenig wundern wie über ihre Schwäche, als sie in Knechtschaft gerieten. Livius bezeugt dies an mehreren Stellen, besonders wo er vom Kriege mit Hannibal spricht. Hier erzählt er, daß die Samniter, als sie durch die römische Besatzung von Nola hart gedrängt wurden, den Hannibal durch Gesandte um Hilfe bitten ließen. 215 v. Chr. Vgl. Livius XXIII, 42. In ihrer Rede sagten die Gesandten, sie hätten hundert Jahre lang mit ihren eignen Soldaten und eignen Anführern gegen die Römer gekämpft und oftmals zwei konsularischen Heeren und zwei Konsuln standgehalten; nun aber seien sie so weit gesunken, daß sie sich kaum einer kleinen römischen Besatzung in Nola erwehren könnten. Drittes Kapitel Rom wurde dadurch mächtig, daß es die Nachbarstädte zerstörte und die Fremden leicht mit gleichen Rechten aufnahm. Crescit interea Roma Albae ruinis. Livius I, 30. Alba longa wurde von Tullus Hostilius zerstört. (Indes wächst Rom durch Albas Untergang.) Wer eine Stadt zu einem großen Reich machen will, muß ihre Einwohnerzahl soviel wie möglich vermehren. Denn ohne Überfluß an Menschen wird es ihm nie gelingen, die Stadt groß zu machen. Dies geschieht auf zweierlei Art, mit Güte oder mit Gewalt. Mit Güte, indem man den Fremden, die darin wohnen wollen, die Tore weit auftut und ihnen Sicherheit gewährt, damit jeder gern darin wohnt. Mit Gewalt, indem man die Nachbarstädte zerstört und deren Einwohner in die eigne Stadt verpflanzt. Rom befolgte diese Regel so gut, daß es zur Zeit des sechsten Königs schon 80 000 waffenfähige Männer zählte. Die Römer machten es wie ein guter Gärtner: damit ein Baum wachse und Frucht trage, schneidet er die ersten Sprossen ab, damit die Kraft im Stamme bleibt und er nachher desto kräftigere und fruchtreichere Zweige treibt. Daß dies Mittel, ein Reich zu gründen und zu vergrößern, notwendig und gut ist, zeigt das Beispiel Spartas und Athens. Obwohl beide Republiken die stärksten Heere und die besten Gesetze hatten und Rom viel aufrührerischer und weniger gut eingerichtet schien, brachten sie es doch nie zur Größe des römischen Reiches. Dafür läßt sich nur die obige Ursache angeben, denn Rom hat durch jene zwei Mittel seinen Umfang so vergrößert, daß es bis zu 280 000 Mann ins Feld stellen konnte, während Sparta und Athen es nie über 20 000 Mann brachten. An der günstigen Lage Roms kann dies nicht gelegen haben, sondern allein an dem verschiedenen Verfahren. Denn Lykurg, der Gründer der spartanischen Republik, sah ein, daß nichts seine Gesetze leichter lockern könnte als eine Vermischung mit neuen Einwohnern; er tat darum alles, um jeden Verkehr mit Fremden zu verhüten, verbot Heiraten mit Fremden, die Erteilung des Bürgerrechts an sie und überhaupt alle menschlichen Beziehungen zu ihnen, ja er führte in seiner Republik auch noch das Ledergeld ein, damit jedem die Lust verginge, Waren oder irgendein Gewerbe dorthin zu bringen. So konnte die Stadt nie anwachsen. Alles, was wir tun, ist eine Nachahmung der Natur. Somit ist es unmöglich und naturwidrig, daß ein dünner Stamm einen dicken Ast trägt. Darum kann eine kleine Republik keine Städte und Reiche erobern, die stärker und größer sind als sie. Gelänge es ihr auch, so erginge es ihr wie einem Baum, dessen Zweige stärker sind als der Stamm: er kann seine Last kaum tragen, und der geringste Windstoß bricht sie ab. So erging es Sparta, als es alle Städte Griechenlands erobert hatte. Kaum hatte sich Theben empört, 349 v. Chr. so fielen alle übrigen ab, und der Stamm blieb bloß und ohne Zweige. Das konnte Rom nicht zustoßen, denn sein Stamm war so stark, daß er alle Zweige leicht tragen konnte. Dies Verfahren also und einige andre, die wir unten anführen werden, machte Rom groß und mächtig. Livius drückt es mit zwei Worten aus: Crescit interea Roma Albae ruinis . Viertes Kapitel Die Republiken vergrößern sich auf dreifache Weise. Bei aufmerksamem Lesen der alten Geschichte findet man, daß die Republiken drei Wege zu ihrer Vergrößerung einschlugen. Der eine war der der alten Etrusker. Es verbanden sich mehrere Republiken mit völlig gleichem Rang und Ansehen und nahmen Städte in ihren Bund auf, wie es jetzt die Schweizer tun und wie es im Altertum die Achäer und Ätolier Der achäische Bund bestand seit 280 v. Chr. aus 12 Städten. Er wurde 245 durch Aratos von Sikyon erneuert und unterlag 146 v. Chr. den Römern. – Der ätolische Bund (seit 322 v. Chr.) lag in fortwährendem Kampf mit jenem; er war seit 211 mit Rom, dann mit Antiochos von Syrien verbündet und wurde 189 von den Römern unterworfen. in Griechenland taten. Da die Römer mit den Etruskern viele Kriege führten, will ich diese erste Art genauer erklären und ausführlich darauf eingehen. Vor der römischen Herrschaft waren die Etrusker in Italien zu Lande und zu Wasser am mächtigsten. Obwohl wir keine Geschichte ihrer Taten besitzen, bleiben uns doch einige Erinnerungen und Denkmäler ihrer Größe. Man weiß, daß sie nach dem oberen Meer eine Kolonie mit Namen Hatria sandten. Diese wurde so ansehnlich, daß sie dem Meere den Namen gab, das im Lateinischen noch jetzt Adriatisches Meer heißt. Man sieht auch, daß sie ihre Waffen vom Tiber bis an den Fuß der Alpen trugen, die Oberitalien umschließen. Aber schon 200 Jahre, bevor die Römer mächtig wurden, verloren sie die heutige Lombardei an die Gallier. Diese kamen, durch die Not getrieben oder durch den Wohlgeschmack der Früchte und besonders des Weins angelockt, unter ihrem König Bellovesus nach Italien, schlugen und verjagten die Eingeborenen, Um 400 v. Chr. Vgl. Livius V, 34 f. ließen sich nieder, erbauten viele Städte und nannten das Land nach ihrem damaligen Namen Gallien. Es blieb bis zur Eroberung durch die Römer 222 v. Chr. in ihrem Besitz. Die Etrusker lebten also in jener Gleichheit und vergrößerten sich in der erstgenannten Art. Ihr Bund bestand aus zwölf Städten: Chiusi, Veji, Fiesole, Arezzo, Volterra und andern. Über die Grenzen Italiens jedoch konnten sie ihre Eroberungen aus den unten angeführten Gründen nicht ausdehnen, und auch von Italien blieb ein Teil unberührt. Die zweite Art ist die Erwerbung von Bundesgenossen, wobei jedoch die Oberherrschaft und der Sitz der Regierung der Hauptstadt verbleibt und alle Unternehmungen in ihrem Namen erfolgen. Das war die Art der Römer. Die dritte Art ist, sich unmittelbare Untertanen, nicht Bundesgenossen zu machen. Das taten Sparta und Athen. Von diesen drei Arten ist die letzte ganz wertlos, wie man an den beiden letztgenannten Republiken sieht. Denn sie gingen allein dadurch zugrunde, daß sie ein Gebiet erobert hatten, das sie nicht behaupten konnten. Es ist eine schwierige und mühevolle Sache, Städte mit Gewalt zu regieren, zumal wenn sie an Freiheit gewöhnt waren. Ohne Kriegsmacht, eine starke Kriegsmacht, kann man sie weder beherrschen noch regieren. Dazu aber ist es nötig, sich Bundesgenossen zu schaffen, die zur Erhöhung der eignen Volkszahl beitragen. Da jedoch jene beiden Städte keins von beiden taten, so war ihr Verfahren wertlos. Rom dagegen, das Muster für die zweite Art, tat beides, und darum stieg es zu seiner gewaltigen Macht empor. Und weil es die einzige Stadt war, die so verfuhr, wurde es auch allein so mächtig. Indem es sich zahlreiche Bundesgenossen in ganz Italien schuf, die in vielem unter gleichen Gesetzen mit ihm lebten, andrerseits aber sich stets den Sitz der Regierung und das Recht zu befehlen vorbehielt, so kamen seine Bundesgenossen allmählich dahin, daß sie sich mit ihrem Schweiß und Blut selbst unterjochten. Denn als die Römer anfingen, die Grenzen Italiens zu überschreiten, verwandelten sie die Königreiche in Provinzen und machten sich Völker untertan, die unter Königen zu leben gewohnt waren und sich aus dem Wechsel der Herrschaft nichts machten. Da sie nun römische Statthalter erhielten und von römischen Heeren überwunden waren, erkannten sie Rom als ihr Oberhaupt an. So sahen sich Roms Bundesgenossen in Italien auf einmal von römischen Untertanen umschlossen und von der gewaltigen Hauptstadt erdrückt, und als sie den Betrug merkten, der mit ihnen verübt war, war es zu spät, etwas dagegen zu tun. Soviel Macht hatte Rom durch die auswärtigen Provinzen gewonnen, und soviel Kraft besaß es in seinem Schoß, durch die sehr große Bevölkerung der Stadt und das starke Heer. Nun verschworen sich die Bundesgenossen zwar gegen Rom, um das erlittene Unrecht zu rächen, unterlagen aber bald im Kriege Im Bundesgenossenkrieg 91-88 v. Chr. und verschlimmerten ihre Lage nur, da sie aus Bundesgenossen zu Untertanen wurden. Diese Methode ist, wie gesagt, von den Römern allein befolgt worden, und jede Republik, die groß werden will, darf keine andre befolgen, da uns die Erfahrung keinen richtigeren oder gewisseren Weg zeigt. Nächst der Methode der Römer ist die eines Bundes, wie bei den Etruskern, Achäern, Ätoliern und jetzt bei den Schweizern die beste. Denn daß man sich dabei nicht so weit ausdehnen kann, hat zweierlei Gutes, Erstens wird man nicht so leicht in Kriege verwickelt, und zweitens hält man das einmal Gewonnene mit Leichtigkeit fest. Eine weite Ausdehnung ist nicht möglich, weil der Staat aus verschiedenen Teilen besteht und die Regierung ihren Sitz an verschiedenen Orten hat, was die Beratungen und Beschlüsse erschwert. Solche Staaten sind auch nicht herrschsüchtig, denn da viele Gemeinden an der Herrschaft teilnehmen, schätzen sie eine Eroberung nicht so hoch wie eine einzelne Republik, die sie ganz zu genießen hofft. Außerdem regieren sie sich durch eine Bundesversammlung und müssen daher langsamer in ihren Beschlüssen sein als die, welche innerhalb derselben Ringmauer wohnen. Die Erfahrung zeigt auch, daß ein solcher Städtebund seine feste Grenze hat, von deren Überschreitung wir kein Beispiel haben. Wenn nämlich zwölf bis vierzehn Gemeinden beisammen sind, bleiben sie dabei stehen und suchen keine weitere Ausdehnung, da ihnen ihre Anzahl zur Verteidigung gegen jeden genügend scheint. Sie begehren also kein größeres Gebiet, weil die Notwendigkeit sie zu keiner Machterweiterung zwingt, oder weil sie aus den obigen Gründen keinen Vorteil in weiteren Eroberungen sehen. Sie müßten nämlich eins von beiden tun: entweder ihren Bund erweitern, aber dann würde die Menge der Bundesgenossen Verwirrung anrichten, oder sie müßten sich Untertanen zulegen, und da sie hierin Schwierigkeiten und keinen großen Vorteil sehen, so liegt ihnen nichts daran. Sind sie daher zahlreich genug, daß sie sicher zu leben glauben, so tun sie zweierlei. Erstens nehmen sie Schutzbefohlene an und beziehen dafür von allen Seiten Geld, das sie leicht untereinander teilen können. Zweitens tun sie für andre Kriegsdienste und nehmen Sold von diesem oder jenem Fürsten, der sie für seine Unternehmungen bezahlt, wie jetzt die Schweizer und früher die Obengenannten. Das letztere bezeugt Titus Livius, XXXII, 34 (197 v. Chr.). Vgl. S. 139, Anm. 9, und S. 140, Anm. 11. der von einer Unterredung des Königs Philipp von Mazedonien mit Titus Quinctius Flamininus berichtet, wo im Beisein eines Prätors der Ätolier über einen Vergleich verhandelt wurde. Als der Prätor mit Philipp in einen Wortwechsel geriet, warf ihm dieser die Habsucht und Treulosigkeit der Ätolier vor und sagte, sie schämten sich nicht, für zwei miteinander kämpfende Mächte Kriegsdienste zu tun, so daß man oft in beiden Heeren die ätolischen Feldzeichen sähe. Man ersieht daraus, daß das Verfahren der Städtebünde stets das gleiche war und die gleichen Folgen hatte. Man sieht auch, daß diese Art, sich Untertanen zu schaffen, immer auf schwachen Füßen stand und wenig Vorteil gebracht hat, ja daß solche Bünde, wenn das Maß überschritten wurde, bald zugrunde gingen. Ist aber diese Art, sich Untertanen zu schaffen, schon bei bewaffneten Republiken schlecht, so erst recht bei waffenlosen, wie die heutigen Republiken Italiens. Man sieht also, daß die Römer den rechten Weg einschlugen, und das ist um so bewundernswerter, als es vor Rom kein Beispiel davon gibt und ihm niemand hierin gefolgt ist. Was die Bünde betrifft, so haben bisher nur die Schweizer S. Buch II, Kap. 19, Anm. 101. und der Schwäbische Bund Im Jahre 1331 schlossen die schwäbischen Städte gegen die Übergriffe Württembergs den Schwäbischen Städtebund, der 1384 durch den Beitritt von Fürsten und Rittern zur Großen Einung erweitert wurde. 1488 erhielt der Große Schwäbische Bund seine förmliche Verfassung. Er umfaßte 92 Städte, zerfiel aber 1534 infolge der religiösen Spaltungen. sie nachgeahmt. Wie ich am Schluß dieses zweiten Buches sagen werde, sind so viele Einrichtungen Roms sowohl in der inneren wie in der äußeren Politik in unsrer Zeit nicht nur nicht nachgeahmt, sondern ganz mißachtet worden, da manche sie für unwahr, manche für unausführbar oder ungeeignet und unnütz hielten. So verharren wir in unsrer Unwissenheit und werden die Beute eines jeden, der Lust hat, in unser Land einzufallen. Sollte aber die Nachahmung der Römer schwer erscheinen, so sollte doch die Nachahmung der alten Etrusker möglich sein, besonders für das heutige Toskana. Die Etrusker konnten aus den angeführten Gründen zwar kein Reich wie das römische gründen, aber doch in Italien so mächtig werden, wie es ihnen ihre Methode erlaubte. So waren sie lange Zeit hindurch sicher, hochberühmt an Macht und Waffen, voll höchsten Ruhmes in Religion und Sitten. Diese Macht und dieser Glanz wurde zuerst von den Galliern geschmälert, dann von den Römern vernichtet, und so sehr vernichtet, daß jetzt, nach 2000 Jahren, von der großen Macht der Etrusker kaum noch eine Erinnerung bleibt. Das hat mich auf den Gedanken gebracht, warum manche Dinge so in Vergessenheit geraten; es soll im folgenden Kapitel erörtert werden. Fünftes Kapitel Der Wechsel der Religionen und Sprachen, im Verein mit Überschwemmungen und Pest, löscht das Andenken der Vorzeit aus. Den Philosophen, nach denen die Welt ewig ist, könnte man wohl entgegenhalten, daß, wenn ein so hohes Alter zuträfe, wir vernünftigerweise Nachrichten über 5000 Jahre hinaus haben müßten; allein man sieht, daß das Andenken vergangener Zeiten aus verschiedenen Ursachen erlischt. Sie rühren teils von den Menschen, teils vom Himmel her. Von den Menschen rührt der Wechsel der Religionen und Sprachen her. Denn entsteht eine neue Sekte, d.h. eine neue Religion, so ist es ihr erstes Bestreben, die alte auszurotten, um sich Ansehen zu verschaffen. Trifft es sich, daß die Stifter der neuen Sekte eine andre Sprache sprechen, so gelingt es ihnen leicht. Das sieht man daraus, wie die christliche Religion mit der heidnischen verfuhr, wie sie alle ihre Einrichtungen und Bräuche abschaffte und jede Erinnerung an die alte Theologie auslöschte. Es gelang ihr allerdings nicht, jede Erinnerung an die Großtaten ihrer ausgezeichneten Männer auszulöschen. Das kam aber daher, daß sie die lateinische Sprache notgedrungen beibehielt, da sie das neue Gesetz in ihr aufschreiben mußte. Hätte man es in einer neuen Sprache schreiben können, so hätte die Verfolgungswut keine Nachricht von der Vorzeit übriggelassen. Wenn man liest, wie der Heilige Gregor Papst Gregor der Große (590-604). und die übrigen Häupter des Christentums verfuhren, so wird man sehen, wie hartnäckig sie alle Erinnerungen an das Altertum verfolgten, wie sie die Werke der Dichter und Geschichtsschreiber verbrannten, die Bildwerke zerschlugen und alles zerstörten, was Zeugnis vom Altertum gab. Wäre zu dieser Verfolgung noch eine neue Sprache gekommen, so wäre in kürzester Zeit alles in Vergessenheit geraten. Es ist daher anzunehmen, daß die heidnische Religion gegen die, die ihr vorherging, genauso verfuhr, wie das Christentum gegen das Heidentum zu verfahren bestrebt war. Da aber die Religionen in 5 bis 6000 Jahren zwei- bis dreimal wechselten, so ging die Erinnerung an das früher Geschehene verloren. Und wenn doch eine Spur davon übrigbleibt, so betrachtet man sie als fabelhaft und glaubt nicht daran. So geht es mit der Geschichte Diodors von Sizilien, die von 40 bis 50 000 Jahren berichtet, was aber, wie ich glaube, mit Recht für lügenhaft gehalten wird. Die Ursachen, die vom Himmel herrühren, sind Naturereignisse, die das Menschengeschlecht vertilgen und von den Bewohnern eines Weltteils nur wenige übriglassen. Und zwar geschieht das durch Pest, Hungersnot oder Überschwemmungen. Die letzteren sind die wichtigsten, weil sie am ausgedehntesten sind, und auch weil die Davonkommenden lauter Bergbewohner und rohe Leute sind, die selbst nichts vom Altertum wissen und daher auch ihren Nachkommen nichts davon hinterlassen können. Nach Polybios, VI, 5, \<sub\>5\</sub\> f. Ist unter den Entkommenen auch einer, der Kenntnis davon hatte, so hält er sie doch geheim, um sich Ansehen und Ruf zu verschaffen, und verdreht sie nach Gutdünken, so daß die Nachkommen weiter nichts erfahren, als was er aufzuschreiben für gut hält. Daß aber solche Überschwemmungen, Pest und Hungersnot vorkommen, scheint mir nicht zweifelhaft, weil alle Geschichtsbücher voll davon sind, ferner, weil man die Wirkung davon im Vergessen aller Dinge sieht, und schließlich, weil die Sache begründet erscheint. Wie die Natur bei einfachen Körpern, wenn sich viele überflüssige Stoffe darin angesammelt haben, sich oft von selbst rührt und eine dem Körper heilsame Reinigung vornimmt, ebenso geschieht es auch bei dem zusammengesetzten Körper der Menschheit. Wenn alle Länder derart übervölkert sind, daß sie sich nicht mehr ernähren, noch sich durch Auswanderung helfen können, weil alle Teile der Erde besetzt und voll sind, und wenn die menschliche Tücke und Bosheit ihren Gipfel erreicht hat, so muß die Welt sich notwendig auf eine der drei Arten reinigen, damit die Menschen, zusammengeschmolzen und gezüchtigt, bequemer leben und wieder besser werden. So war Etrurien, wie oben gesagt, einst mächtig, voller Religion und Tapferkeit; es hatte seine eignen Sitten, seine eigne Sprache. Alles aber ward von der römischen Macht so völlig vernichtet, daß uns nur die Erinnerung an seinen Namen geblieben ist. Sechstes Kapitel Wie die Römer Krieg führten. Wir haben erörtert, wie die Römer ihre Macht erweiterten; nun wollen wir zeigen, wie sie Krieg führten. Hier, wie bei all ihrem Tun, wird man sehen, mit welcher Klugheit sie vom allgemeinen Brauch abwichen, um sich den Weg zum höchsten Gipfel der Größe zu bahnen. Wer aus freien Stücken oder aus Ehrgeiz Krieg führt, will erobern und das Eroberte behaupten und dabei so verfahren, daß sein Gebiet und Vaterland dadurch reicher wird, nicht aber verarmt. Er muß also beim Erobern wie beim Behaupten darauf bedacht sein, keine großen Kosten zu verursachen, vielmehr alles zum Vorteil des Staates zu tun. Um das alles zu erreichen, muß man die Methode der Römer befolgen, die vor allem darin bestand, ihre Kriege nach dem Wort der Franzosen kurz und derb zu führen. Da sie mit großen Heeren ins Feld rückten, waren alle Kriege mit den Latinern, Samnitern und Etruskern in kürzester Zeit beendigt. Geht man alle Kriege von der Gründung Roms bis zur Belagerung von Veji 406-396 v. Chr. durch, so sieht man, daß sie in sechs, zehn bis zwanzig Tagen beendigt waren. Sofort nach der Kriegserklärung rückten sie mit ihren Heeren aus und lieferten sofort eine Schlacht. Wurde sie gewonnen, so machten die Feinde Friedensvorschläge, um ihr Land nicht ganz verwüsten zu lassen, und die Römer verurteilten sie zur Abtretung von Land, das dann in Privateigentum verwandelt oder einer Kolonie überwiesen wurde. An den feindlichen Grenzen angelegt, wurden diese Kolonien zu Grenzwachen für das römische Gebiet, und so hatten nicht nur die Kolonisten, die dies Land bekamen, Vorteil davon, sondern auch der Staat, der ohne Kosten eine Grenzwache erhielt. Diese Schutzwehr konnte nicht sicherer, stärker und vorteilhafter sein. Denn solange die Feinde nicht im Felde standen, war sie hinreichend, und sobald sie mit starker Macht anrückten, um die Kolonie zu überwältigen, rückten auch die Römer mit starker Macht aus, lieferten eine Schlacht, legten dem Feinde nach dem Siege noch härtere Bedingungen auf und kehrten wieder heim. So erlangten sie allmählich Ansehen über ihre Feinde und eigne Macht. Auf diese Weise verfuhren sie bis zur Belagerung von Veji, dann änderten sie die Art ihrer Kriegführung. Denn um längere Kriege führen zu können, richteten sie die Soldzahlung ein, die früher wegen der Kürze der Feldzüge unnötig war. Aber obgleich sie nun Sold zahlten und deshalb längere Kriege führen konnten, auch bei der größeren Entfernung ihrer Feinde länger im Feld bleiben mußten, wichen sie doch nie von ihrem früheren Grundsatze ab, die Kriege je nach Ort und Zeit rasch zu beenden; auch schickten sie nach wie vor Kolonien aus. An die erste Regel, die Kriege kurz zu machen, band sie außer ihrer natürlichen Gewohnheit auch der Ehrgeiz der Konsuln, die nur ein Jahr im Amt und davon nur sechs Monate im Lager waren, mithin den Krieg gern beendigten, um triumphieren zu können. Das Aussenden von Kolonien behielten sie wegen des Vorteils und der großen Bequemlichkeit bei, die daraus entsprang. Betreffs der Beute änderten sie ihr Verfahren freilich ein wenig. Sie waren damit nicht mehr so freigebig wie früher, weil es ihnen jetzt, wo die Soldaten ihren Sold bekamen, nicht mehr so nötig schien, teils auch, weil sie mit der wachsenden Beute den öffentlichen Schatz so vergrößern wollten, daß sie zur Bestreitung der Feldzüge keine besonderen Abgaben mehr aufzulegen brauchten. Dadurch bereicherten sie den Staatsschatz in kurzer Zeit außerordentlich. Beide Gebräuche also, sowohl die Verwendung der Beute wie die Aussendung von Kolonien, machten Rom durch die Kriege reich, während andre, unkluge Fürsten und Republiken dadurch verarmen. Es kam so weit, daß ein Konsul nicht triumphieren zu können glaubte, wenn er bei seinem Triumph nicht eine Menge Gold, Silber und Beute aller Art in den Staatsschatz brachte. So wurden die Römer durch die oben genannten Mittel und durch die schnelle Beendigung der Kriege immer reicher und mächtiger, während sie sich begnügten, ihre Feinde durch Niederlagen, Streifzüge und vorteilhafte Friedensschlüsse allmählich zu schwächen. Siebtes Kapitel Wieviel Land die Römer jedem Kolonisten gaben. Wieviel Land die Römer jedem Kolonisten zuteilten, scheint mir schwer zu ermitteln. Denn ich glaube, sie gaben mehr oder weniger, je nach der Gegend, wohin sie die Kolonien sandten. Ich meine jedoch, daß sie in jedem Fall und in jeder Gegend sparsam waren, erstens, um mehr Menschen hinschicken zu können, da diese ja zur Bedeckung des Landes dienten, und zweitens, weil es bei ihrer kargen Lebensweise zu Hause nicht vernünftig gewesen wäre, ihren Bürgern draußen zuviel Überfluß zu erlauben. Livius sagt, nach der Einnahme von Veji sei eine Kolonie dorthin gesandt worden, und ein jeder hätte drei Morgen Der Morgen zu 2500 qm. und sieben Unzen Land erhalten. Außer den oben angeführten Gründen glaubten sie auch, daß es nicht auf die Größe der Äcker, sondern auf die gute Bebauung ankäme. Allerdings muß jede Kolonie auch öffentliche Fluren zur Viehweide und Wälder zum Schlagen von Brennholz haben. Ohne dies beides kann keine Kolonie auskommen. Achtes Kapitel Warum die Völker ihre Sitze verlassen und fremde Länder überschwemmen. Ich habe von der Art und der Weise gesprochen, wie die Römer ihre Kriege führten, und erzählt, wie die Etrusker von den Galliern überfallen wurden. Es scheint mir nicht vom Gegenstand abzuführen, wenn ich sage, daß es zwei Arten von Kriegen gibt. Die eine entsteht durch die Herrschsucht der Fürsten und Republiken; hierher gehören die Kriege Alexanders des Großen, der Römer und alle, die täglich eine Macht mit der andern führt. Diese Kriege sind gefährlich, vertreiben aber die Einwohner des Landes nicht ganz, da der Sieger sich mit dem Gehorsam der Völker begnügt. Auch läßt er ihnen meist ihre Gesetze, ihre bewegliche und unbewegliche Habe. Die andre Gattung von Kriegen besteht darin, daß ein ganzes Volk, durch Hunger oder Krieg gezwungen, mit Weib und Kind aufbricht und neue Sitze und Länder aufsucht, nicht um darüber zu herrschen, sondern um sie ganz zu besitzen und die alten Einwohner zu vertreiben oder zu töten. Solche Kriege sind am grausamsten und schrecklichsten, und solche meint Sallust, wenn er am Ende seines jugurthinischen Krieges sagt, nach der Niederwerfung des Jugurtha habe man den Aufbruch der Gallier nach Italien erfahren. Der jugurthinische Krieg währte von 112-105 v. Chr. 105 wurden die Römer bei Arausio von den Cimbern (nicht Galliern) schwer geschlagen. Mit allen andern Völkern hätten die Römer nur um die Herrschaft gekämpft, aber mit den Galliern um ihr Dasein. Denn ein Fürst oder eine Republik, die ein Land angreifen, begnügen sich mit der Vernichtung der Regierenden; solche Völker aber müssen alle ausrotten, weil sie von dem leben wollen, wovon die andern gelebt haben. Die Römer führten drei solche höchst gefährlichen Kriege. Den ersten, als Rom von den Galliern zerstört wurde, die, wie oben gesagt, den Etruskern die Lombardei entrissen und sich dort niedergelassen hatten. Livius führte zwei Ursachen für diesen Einfall an. V, 34 ff. Erstens seien die Gallier durch den Wohlgeschmack der Früchte und des Weins, woran es in Gallien fehlte, nach Italien gelockt worden. Zweitens sei die Volkszahl so angewachsen, daß sie sich nicht mehr ernähren konnten; die Fürsten hielten es also für nötig, daß ein Teil des Volkes auswanderte. Nach diesem Beschluß wurden zu Anführern der Fortziehenden zwei Könige gewählt, Bellovesus und Sicovesus, von denen Bellovesus nach Italien, der andre nach Spanien ging. Vielmehr nach den Donauländern. Bellovesus eroberte die Lombardei, und daraus entstand der erste Krieg der Römer mit den Galliern. Der zweite folgte auf den ersten punischen Krieg; in ihm töteten die Römer in der Schlacht zwischen Piombino und Pisa über 200 000 Gallier. Schlacht bei Telamon, 225 v. Chr. Der dritte entstand, als die Cimbern und Teutonen in Italien einfielen, mehrere römische Heere besiegten und schließlich von Marius geschlagen wurden. Bei Aquae Sextiae (102) und Vercellae (101 v. Chr.). Die Römer blieben also in diesen drei höchst gefährlichen Kriegen Sieger. Es bedurfte dazu aber keiner geringeren Tapferkeit als der ihren, denn als die römische Tapferkeit schwand und ihre Waffen die alte Kraft verloren, zerstörten ähnliche Völker, Goten, Vandalen und andre das römische Reich und eroberten das ganze Abendland. Solche Völker werden, wie gesagt, durch die Not aus ihrer Heimat vertrieben. Diese Not entsteht durch Hunger, Krieg oder Unterdrückung, die sie im eignen Lande erleiden und die sie zur Auswanderung zwingen. Sind sie sehr zahlreich, so dringen sie mit Gewalt in fremde Länder, töten die Einwohner, nehmen ihnen ihre Güter weg, gründen ein neues Reich und geben dem Land einen andern Namen, wie Moses und die Völker, die das römische Reich eroberten. Denn die neuen Namen, die man in Italien und in andern Ländern findet, stammen von den neuen Eroberern. Die Lombardei hieß Gallia cisalpina, Frankreich Gallia transalpina und wird heute nach den Franken genannt, die es nachher eroberten. Slavonien hieß Illyrien, Ungarn Panonien, England Britannien, und so haben viele Länder ihre Namen geändert, deren Aufzählung hier zu weit führen würde. Auch Moses nannte den von ihm eroberten Teil Syriens Judäa. Wie gesagt werden solche Völker manchmal durch Krieg aus der Heimat vertrieben und gezwungen, sich neue Sitze zu suchen. Ich will dafür die Maurusier, einen alten syrischen Stamm, als Beispiel anführen. Als sie das Anrücken der Hebräer erfuhren und ihnen nicht widerstehen zu können glaubten, hielten sie es für besser, ihr Land zu verlassen und sich selbst zu retten, als um das Land zu retten, selbst unterzugehen. Sie brachen also mit Weib und Kind auf und zogen nach Afrika, wo sie sich niederließen und die alten Einwohner vertrieben. Während sie also ihr eignes Land nicht hatten verteidigen können, konnten sie ein fremdes erobern. Prokop, der den Krieg Belisars mit den Vandalen, den Eroberern Afrikas, beschreibt, berichtet, er habe in den Gegenden, wo die Maurusier wohnten, auf Säulen die Inschrift gelesen: Nos Maurusii, qui fugimus a facie Jesu latronis, Der Nachfolger des Moses; Nuns Sohn. Die Maurusier sind dasselbe Volk wie die Mauren. Vgl. Prokops Vandalenkrieg, II, 10. filii Navae. (Wir Maurusier flohen vor dem Antlitz des Räubers Josua, des Sohnes des Nava.) Woraus die Ursache ihres Abzuges aus Syrien erkennbar wird. Solche Völker sind also höchst furchtbar, weil sie die äußerste Not treibt, und wenn sie nicht auf eine starke Kriegsmacht stoßen, wird man ihnen nie widerstehen. Ist aber die Zahl derer, die ihr Vaterland verlassen müssen, nicht so groß wie die der Genannten, so sind sie auch minder gefährlich. Sie können nicht soviel Gewalt anwenden, müssen sich durch List in den Besitz einer Gegend setzen und sich durch Erwerbung von Freunden und Verbündeten behaupten. So sieht man es bei Äneas, Dido, Die sagenhafte Gründerin Karthagos. den Massiliern Massilia, das heutige Marseille, wurde um 600 v. Chr. von kleinasiatischen Griechen gegründet. und ähnlichen, die sich alle nur mit Einwilligung der Nachbarn in ihren neuen Sitzen behaupten konnten. Fast alle großen Völker kommen und kamen aus den Ländern der Skythen, kalten und armen Gegenden, aus denen sie wegen der starken Volkszahl und der Unergiebigkeit des Bodens auswandern mußten, denn vieles trieb sie fort und nichts hielt sie zurück. Wenn aber seit 500 Jahren keins dieser Völker ein Land überschwemmt hat, so hat das mehrere Gründe. Erstens entleerten sich jene Länder beim Untergang des römischen Reiches, wo mehr als dreißig Völkerschaften auswanderten. Zweitens ist Deutschland und Ungarn, woher sonst auch solche Stämme kamen, jetzt so gut angebaut, daß man dort bequem leben kann und nicht zum Wechsel der Wohnsitze gezwungen ist. Ferner bilden diese sehr kriegstüchtigen Völker ein Bollwerk gegen die angrenzenden Skythen, das diese nicht wegnehmen noch umgehen können. Häufig entstehen auch große Bewegungen unter den Tartaren, die dann von den Ungarn und Polen zurückgehalten werden; ja diese rühmen sich oft, daß Italien und die Kirche ohne ihre Waffen oft die Wucht der tartarischen Heere gefühlt hätten. Soviel von den genannten Völkern. Neuntes Kapitel Aus welchen Ursachen gewöhnlich Krieg zwischen zwei Mächten zu entstehen pflegt. Der Krieg zwischen den Römern und Samnitern, die lange Zeit im Bündnis miteinander gestanden hatten, entsprang aus der gleichen Ursache wie die meisten Kriege zwischen mächtigen Staaten. Der Krieg entsteht entweder durch Zufall, oder er wird von dem herbeigeführt, der ihn anzufangen wünscht. Der Krieg zwischen den Römern und Samnitern entstand durch Zufall, denn als diese mit den Sidicinern und dann mit den Campaniern Krieg anfingen, war es nicht ihre Absicht, auch die Römer zu bekriegen. Als aber die Campanier in Bedrängnis gerieten und wider Erwarten der Römer und Samniter ihre Zuflucht zu Rom nahmen, waren die Römer gezwungen, die Campanier, die sich ihnen ergaben, als ihr Eigentum zu verteidigen und sich auf einen Krieg einzulassen, dem sie mit Ehren nicht glaubten ausweichen zu können. 341 v. Chr. Vgl. Livius VII, 29 f. Denn es schien ihnen zwar nicht vernünftig, die befreundeten Campanier gegen die befreundeten Samniter zu verteidigen, wohl aber erschien es ihnen schimpflich, sie als ihre Untertanen und Schutzbefohlenen im Stich zu lassen. Wenn sie diese Verteidigung nicht übernahmen, so meinten sie, würde es niemand mehr einfallen, sich unter ihre Obhut zu stellen. Da nun Herrschaft und Ruhm, nicht Ruhe, Roms Ziel war, so konnte es diese Unternehmung nicht ablehnen. Der erste punische Krieg entsprang aus der gleichen Ursache, da die Römer die Verteidigung von Messina D. h. der Mamertiner. in Sizilien übernahmen; auch dies war zufällig. Schon nicht mehr zufällig war der zweite punische Krieg, denn Hannibal, der karthagische Feldherr, griff das den Römern befreundete Sagunt in Spanien an, nicht um dieser Stadt wehe zu tun, sondern um die Römer zum Eingreifen mit den Waffen zu bewegen und einen Anlaß zum Kriege und zum Einfall in Italien zu haben. Livius XXI, 5 f. Diese Art, Kriege anzufangen, war stets unter den Mächten gebräuchlich, die auf ihr Wort und auf die Welt etwas Rücksicht nahmen. Denn will ich mit einem Fürsten Hier und an zahlreichen andern Stellen bedeutet Fürst soviel wie Staat, also auch Republik. Krieg anfangen, und es bestehen zwischen uns seit langem gehaltene Verträge, so werde ich mit anderer Rechtfertigung und anderem Vorwand einen seiner Freunde angreifen als ihn selbst. Greife ich seinen Freund an, so weiß ich, daß der Fürst entweder aufgebracht sein wird, und dann ist meine Absicht erreicht, Krieg mit ihm selbst zu haben, oder er wird nicht aufgebracht und läßt seinen Schutzbefohlenen im Stich, offenbart also seine Schwäche oder Treulosigkeit. Beides aber muß ihn um seinen Ruf bringen und meine Pläne erleichtern. Die obengenannte Unterwerfung ist also für den Ausbruch eines Krieges lehrreich; sie zeigt aber auch, welches Mittel einer Stadt bleibt, die sich selbst nicht verteidigen kann, aber sich auf alle Weise gegen den Angreifer wehren will. Es besteht in der freiwilligen Unterwerfung unter einen, den man sich zum Verteidiger ausersieht. So unterwarfen sich die Campanier den Römern und die Florentiner dem König Robert von Neapel, der sie zuerst als Verbündete nicht verteidigen wollte, sie dann aber als Untertanen gegen das Heer des Castruccio von Lucca beschützte, als dieser sie hart bedrängte. In den Kämpfen der Welfen und Ghibellinen in Italien hatte Robert der Weise von Anjou, König von Neapel (1309-1322), im Jahre 1319 Frieden mit Lucca und Pisa geschlossen und auch das mit ihm verbündete Florenz hierzu bewogen. Als aber 1320 der Condottiere Castruccio Castracani von Lucca Florenz angriff, wurde es von Robert unterstützt. Zehntes Kapitel Geld ist nicht der Nerv des Krieges, wie man gewöhnlich annimmt. Da jeder einen Krieg nach Belieben anfangen, nicht aber beenden kann, so muß ein Fürst, ehe er an ein solches Unternehmen geht, seine Kräfte messen und danach handeln. Er muß aber so klug sein, daß er sich über seine Kräfte nicht täuscht, und er wird sich jedesmal täuschen, wenn er sie nach dem Geldvorrat, der Lage des Landes oder der Zuneigung seiner Untertanen bemißt, andrerseits aber keine eigne Kriegsmacht hat. Die genannten Dinge steigern seine Kräfte zwar, aber sie geben ihm keine. An und für sich sind sie nichts und helfen ohne ein treues Heer gar nichts. Denn ohne dieses reicht viel Geld nicht hin, die gesicherte Lage des Landes nützt nichts, und die Treue und Anhänglichkeit der Untertanen ist nicht von Dauer, weil sie nicht treu sein können, wenn man sie nicht verteidigen kann. Gebirge, Seen, unzugängliche Orte werden zur Ebene, wenn es an tapferen Verteidigern fehlt. Auch das Geld verteidigt dich nicht etwa, sondern bewirkt nur, daß du schneller beraubt wirst. Es kann daher nichts Falscheres geben als das Sprichwort: Geld ist der Nerv des Krieges. Dies Wort sagt Quintus Curtius vom Kriege des Mazedoniers Antipater mit dem König von Sparta, Antipater, Feldherr Alexanders des Großen, schlug den König Agis III. (388-330) von Sparta in der Schlacht bei Megalopolis (330), in der dieser fiel. wo er erzählt, der König sei durch Geldmangel zu einer Schlacht gezwungen und geschlagen worden. Hätte er den Kampf um ein paar Tage hinausgeschoben so wäre die Nachricht vom Tode Alexanders nach Griechenland gelangt, und er wäre ohne Schwertstreich Sieger geblieben. Da es ihm aber an Geld fehlte, fürchtete er, von seinem Heere verlassen zu werden, und war gezwungen, das Schlachtenglück zu versuchen. Aus diesem Grunde behauptet Curtius, Geld sei der Nerv des Krieges. Dies Wort wird täglich angeführt und von Fürsten ohne genügende Einsicht befolgt. Denn im Vertrauen darauf halten sie einen vollen Schatz zu ihrer Verteidigung für hinreichend und bedenken nicht, daß, wenn Schätze zum Siegen genügten, Darius den Alexander besiegt hätte, die Griechen die Römer, in unsrer Zeit Karl der Kühne die Schweizer, S. Seite 269, Anm. 73. und daß es ganz vor kurzem dem Papst und den Florentinern nicht schwergefallen wäre, Francesco Maria, den Neffen des Papstes Julius II., im Krieg gegen Urbino zu besiegen. Leo X. (Medici) wollte Francesco Maria della Rovere, den Neffen seines Vorgängers Julius II., vertreiben, um Lorenzo Medici an seine Stelle zu setzen. Dies gelang ihm zweimal (s. Lebenslauf, 1516 und 17) mit Hilfe von Florentiner Truppen, doch wurde der Vertriebene 1521 beim Tode Leos X. vom Volke zurückgerufen. Alle hingegen wurden von denen besiegt, die nicht Geld, sondern gute Soldaten für den Nerv des Krieges hielten. Unter andern Dingen, die König Krösos von Lydien dem Solon zeigte, war auch ein unermeßlicher Schatz. Als er ihn fragte, was er von seiner Macht hielte, entgegnete Solon, er halte ihn dieses Schatzes wegen nicht für mächtiger, denn Krieg werde mit Eisen, nicht mit Gold geführt, und es könnte einer kommen, der mehr Eisen hätte als er, und ihm sein Gold nehmen. Als nach dem Tode Alexanders des Großen eine große Zahl von Galliern nach Griechenland und von da nach Asien zog und Gesandte zum König von Mazedonien zum Zweck von Verhandlungen schickte, zeigte ihnen der König viel Gold und Silber, um seine Macht zu beweisen und sie einzuschüchtern. Bei diesem Anblick brachen die Gallier, die den Vergleich so gut wie geschlossen hatten, die Verhandlungen ab: solches Verlangen ergriff sie, ihm das Gold abzunehmen. So wurde der König durch das beraubt, was er zu seiner Verteidigung aufgehäuft hatte. Vor wenigen Jahren verloren die Venezianer ihr ganzes Gebiet, obwohl ihr Staatsschatz noch gefüllt war. S. Lebenslauf, 1509. Ich sage daher, nicht Gold, wie die gewöhnliche Meinung lautet, sondern gute Soldaten sind der Nerv des Krieges; denn Geld reicht nicht hin, gute Soldaten zu schaffen, wohl aber reichen gute Soldaten hin, Geld zu schaffen. Hätten die Römer mehr mit Geld als mit Eisen Krieg führen wollen, so hätten bei der Größe ihrer Unternehmungen und den dabei zu überwindenden Schwierigkeiten alle Schätze der Welt nicht ausgereicht. Da sie aber ihre Kriege mit Eisen führten, litten sie nie Mangel an Geld, denn die, die sie fürchteten, brachten es ihnen bis in ihr Lager. Wenn jener spartanische König aus Geldmangel das Kriegsglück versuchen mußte, so widerfuhr ihm infolge des Geldmangels das gleiche, was oftmals aus andern Ursachen geschieht. Denn wenn einem Heere die Lebensmittel fehlen und es nur die Wahl zwischen Schlacht und Hungertod hat, so entscheidet man sich stets für die Schlacht, als den rühmlicheren Teil, bei dem man auch immer noch Glück haben kann. Auch das kommt oft vor, daß ein Feldherr angesichts einer Verstärkung, die dem feindlichen Heere naht, lieber die Schlacht wagt, als die Verstärkung abzuwarten und dann mit ungleich größerem Nachteil zu kämpfen. Ferner ersieht man aus dem, was dem Hasdrubal zustieß, als er in der Mark von Claudius Nero und dem andern Konsul angegriffen wurde, S. Buch III, Kap. 17. Gemeint ist die Schlacht am Metaurus (207 v. Chr.) im alten Umbrien, der jetzigen Mark. daß ein Feldherr, zur Flucht oder Schlacht gezwungen, immer die Schlacht wählt, da er bei diesem Entschluß, so mißlich er sei, immer noch auf Sieg hoffen kann, bei dem andern aber durchaus verloren ist. Es können also mancherlei Umstände einen Feldherrn gegen seinen Willen zur Schlacht nötigen, und darunter kann bisweilen auch die Geldnot sein. Deshalb aber darf man nicht glauben, das Geld sei im Kriege wichtiger als alles, was die Menschen in diese Notwendigkeit versetzen kann. Nicht das Geld also, um es nochmals zu wiederholen, ist der Nerv des Krieges, sondern gute Soldaten. Geld ist wohl an zweiter Stelle nötig, aber gute Soldaten können seinen Mangel von selbst überwinden. Denn guten Soldaten kann es ebensowenig an Geld fehlen, wie das Geld an sich gute Soldaten schafft. Die Wahrheit dieses Satzes zeigt die Geschichte jedes Landes tausendfach. Obwohl Perikles den Athenern zum Kriege mit dem ganzen Peloponnes riet, weil sie durch Geschicklichkeit und die Macht des Geldes den Krieg gewinnen könnten, und obschon die Athener im peloponnesischen Krieg mehrmals siegten, verloren sie ihn zuletzt doch, denn die Klugheit und die guten Soldaten Spartas vermochten mehr als die Geschicklichkeit und das Geld Athens. Der Kronzeuge für meine Meinung aber ist Titus Livius. Bei seiner Erörterung, IX, 17 ff. ob Alexander der Große, wenn er nach Italien gekommen wäre, die Römer besiegt hätte, nennt er drei Dinge, die im Kriege erforderlich sind: viele gute Soldaten, einsichtige Feldherren und Glück. Nachdem er untersucht hat, ob die Römer oder Alexander hierin den Vorzug hatten, zieht er seinen Schluß, ohne das Geld zu erwähnen. Als die Campanier von den Sidicinern gebeten wurden, die Waffen für sie gegen die Samniter zu ergreifen, müssen sie ihre Macht wohl nach dem Gelde und nicht nach den Soldaten abgeschätzt haben. Denn nachdem sie den Beschluß gefaßt hatten, ihnen beizustehen, erlitten sie zwei schwere Niederlagen und mußten sich zu ihrer Rettung den Römern tributpflichtig machen. Elftes Kapitel Es ist nicht klug, ein Bündnis mit einem Fürsten zu schließen, der mehr Ruf als Macht besitzt. Um zu zeigen, wie falsch es von den Sidicinern war, auf die Hilfe der Campanier zu bauen, und wie falsch von diesen, daß sie die Sidiciner schützen zu können glaubten, konnte Livius sich nicht deutlicher als mit den Worten ausdrücken: Campani magis nomen in auxilium Sidicinorum, quam vires ad praesidium attulerunt . VII, 29. (Die Campanier brachten zum Schutz der Sidiciner mehr einen Namen als wirkliche Macht mit.) Daraus kann man lernen, daß Bündnisse mit Fürsten, die einem wegen der weiten Entfernung ihrer Länder nicht helfen können, oder denen es wegen eigner Verwicklungen oder aus andern Gründen an Macht dazu fehlt, dem Staate, der sich darauf verläßt, mehr dem Namen nach als in der Tat helfen. So erging es in unserer Zeit den Florentinern, die 1479 vom Papst und vom König von Neapel angegriffen wurden S. Lebenslauf, 1479. , denn von ihrem Bündnis mit dem König von Frankreich hatten sie magis nomen, quam praesidium (mehr den Namen als wirklichen Schutz). So würde es auch jedem Fürsten gehen, der im Vertrauen auf Kaiser Maximilian Kaiser Maximilian unternahm 1496, 1508 und 1509 Einfälle nach Italien, deren klägliche Mißerfolge auf seiner Ohnmacht gegenüber den Reichsständen und auf seinem steten Geldmangel beruhten. irgend etwas unternähme, denn das wäre auch eins der Bündnisse, die magis nomen, quam praesidium eintragen, wie es nach unserm Text bei dem Bündnis der Campanier mit den Sidicinern der Fall war. Die Campanier begingen also den Fehler, daß sie ihre Kräfte überschätzten. Die Menschen sind manchmal so unüberlegt, daß sie die Verteidigung andrer übernehmen, während sie selbst nicht so viel Macht noch Einsicht besitzen, um sich zu schützen. So machten es auch die Tarentiner, als die römischen Heere den Samnitern gegenüberstanden. 320 v. Chr. Vgl. Livius IX, 14. Sie schickten Gesandte an den römischen Konsul und ließen ihn wissen, daß sie Frieden zwischen beiden Völkern wünschten und dasjenige bekriegen würden, das den Frieden bräche. Der Konsul lachte über diese Botschaft, ließ in Gegenwart der Gesandten zur Schlacht blasen und befahl, den Feind anzugreifen. Damit zeigte er den Tarentinern durch die Tat und nicht durch Worte, welche Antwort sie verdienten. Da ich nun in diesem Kapitel von den verkehrten Entschlüssen gesprochen habe, die die Fürsten zur Verteidigung andrer ergreifen, will ich im folgenden von den Maßnahmen zu ihrer eignen Verteidigung reden. Zwölftes Kapitel Was besser ist, wenn man einen Angriff befürchtet, loszuschlagen oder den Krieg abzuwarten. Ich habe manchmal sehr kriegserfahrene Männer darüber streiten hören, ob ein Fürst, wenn ein ziemlich gleichmächtiger, aber kühnerer Nachbar ihm den Krieg erklärt, besser daran täte, den Feind im eignen Lande zu erwarten, oder den Krieg in Feindes Land zu führen. Für beides habe ich Gründe anführen hören. Für den Krieg in Feindesland wurde der Rat angeführt, den Krösos dem Kyros gab, als dieser an der Grenze der Massageten angekommen war, um sie zu bekriegen, und die Königin Tamyris ihn vor die Wahl stellte, in ihr Reich einzudringen, wo sie ihn erwarten wollte, oder zu warten, bis sie ihm entgegenzöge. Als hierüber gestritten wurde, war Krösos im Gegensatz zu den übrigen dafür, ihr entgegenzuziehen, denn wenn Kyros sie fern von ihrem Reiche besiegte, würde er ihr die Herrschaft nicht entreißen, weil sie dann Zeit zur Erholung hätte; besiegte er sie aber innerhalb ihrer Grenzen, so könnte er sie auf der Flucht verfolgen, ihr keine Zeit zur Erholung lassen und ihr das Reich entreißen. Nach Herodot I, 207. Der ältere Kyros fiel 529 v. Chr. im Kampf mit den Massageten. Man führt auch den Rat an, den Hannibal dem König Antiochos gab, als dieser den Römern den Krieg erklären wollte. Hannibal bewies ihm, die Römer könnten nur in Italien besiegt werden, Livius XXXII, 60. denn hier könne man sich ihre eignen Waffen, ihre Reichtümer und Bundesgenossen zunutze machen. Wer sie aber außerhalb Italiens bekämpfe und ihnen Italien freigebe, lasse ihnen die unversiegliche Quelle, aus der sie Kräfte schöpfen könnten, soviel sie brauchten. Er schloß daher, man könne den Römern eher Rom als das Reich, eher Italien als die Provinzen entreißen. Man führt auch Agathokles an, Der Tyrann Agathokles von Syrakus (361-289) bekämpfte 311 bis 306 die Karthager mit wechselndem Glück. Sein Einfall in Afrika endete zwar mit einem Mißerfolg, bestimmte aber die Karthager zum Frieden und zum Verzicht auf Sizilien. Vgl. Livius XXXVIII, 43. der, als er den Krieg in der Heimat nicht fortsetzen konnte, die Karthager in ihrem eignen Land angriff und sie zwang, um Frieden zu bitten. Zuletzt führt man Scipio an, der Afrika angriff, Die Schlacht bei Zama (202 v. Chr.) beendigte den zweiten punischen Krieg. um dem Krieg in Italien ein Ende zu machen. Die Gegner dieser Ansicht sagen, wer den Feind vernichten wolle, müsse ihn von der Heimat entfernt halten. Sie führen die Athener an, die, solange sie den Krieg bequem in der Heimat führten, die Oberhand behielten, sobald sie aber ihr Land verließen und nach Sizilien übersetzten, die Freiheit verloren. Sizilische Expedition der Athener, 415-413. Sie führen auch die Fabeln der Dichter an, wonach Antäos, König von Libyen, als er von dem ägyptischen Herakles angegriffen wurde, solange unüberwindlich war, als er innerhalb seiner Reichsgrenzen blieb, sobald er sich aber von Herakles hinauslocken ließ, Reich und Leben verlor. Hieraus entstand die Fabel von Antäos, dem seine Mutter, die Erde, neue Kraft gab, wenn er am Boden lag. Als Herakles dies merkte, hob er ihn in die Höhe und entfernte ihn von der Erde. Man führt auch neuere Beispiele an. Jedermann weiß, daß König Ferdinand I. von Neapel 1458-94. Für die folgenden Ereignisse s. Lebenslauf, 1493-95. für einen der klügsten Fürsten seiner Zeit galt. Zwei Jahre vor seinem Tode ging das Gerücht, Karl VIII. von Frankreich wolle ihn angreifen. Er machte große Rüstungen, wurde krank, und als er seinen Tod nahen fühlte, ermahnte er seinen Sohn Alfonso unter anderm auch, den Feind mit seiner ganzen Heeresmacht innerhalb seiner Grenzen zu erwarten und um keinen Preis seine Truppen aus dem Lande zu ziehen. Alfonso folgte diesem Rat nicht, schickte ein Heer nach der Romagna und verlor Heer und Thron ohne Schwertstreich. Die Gründe, die außer den schon genannten von beiden Seiten angeführt werden, sind folgende: Der Angreifer kommt mit größerem Mut als der Verteidiger, was dem Heer mehr Zuversicht gibt. Außerdem entzieht er dem Feind viele Möglichkeiten, sein Eigentum zu benutzen, denn die ausgeplünderten Untertanen bringen ihm nichts ein, und der Fürst muß, wenn der Feind im Lande steht, beim Einziehen von Steuern darauf halten, daß er seine Untertanen nicht zu sehr mit Auflagen bedrückt, weil sonst nach Hannibals Wort die Quelle versiegt, die ihm die Kriegführung ermöglicht. Außerdem sind die Soldaten dadurch, daß sie in Feindesland stehen, mehr zum Kämpfen gezwungen, und diese Notwendigkeit macht tapfer, wie ich schon mehrmals sagte. Für die Verteidigung im eignen Lande wird angeführt: Wer den Angriff erwartet, hat viele Vorteile, denn er kann ohne eignen Schaden dem Feinde Lebensmittel und andern Kriegsbedarf abschneiden, kann mit Hilfe besserer Landeskenntnis dessen Pläne besser vereiteln, kann ihm mit mehr Streitkräften entgegentreten. Denn im Lande kann man leicht seine ganze Macht zusammenziehen, sie aber nicht ganz außer Landes führen. Wird man geschlagen, so kann man sich leichter erholen, denn viele Soldaten werden sich nach den nahen Zufluchtsorten retten; auch braucht der Ersatz nicht von weither geholt werden. Man braucht also seine ganze Macht, setzt aber nicht sein ganzes Glück aufs Spiel. Beim Verlassen des eignen Landes jedoch wagt man sein ganzes Glück, nicht aber die ganze Macht. Um den Feind mehr zu schwächen, hat man ihn sogar einige Tagesmärsche ins Land rücken und ihn einige Städte einnehmen lassen, damit er sein Heer durch Besatzungen schwächt und man ihn um so leichter schlagen kann. Um nun aber auch meine Meinung zu sagen, glaube ich, man muß folgenden Unterschied machen. Entweder ich habe ein bewaffnetes Land, wie die Römer und Schweizer, oder ich habe ein unbewaffnetes Land, wie die Karthager, der König von Frankreich und die Italiener. In diesem Fall muß ich mir den Feind fernhalten; denn da meine Kraft im Geld und nicht in den Menschen liegt, bin ich allemal verloren, wenn mir der Weg dazu abgeschnitten ist, und nichts schneidet ihn so sehr ab, wie Krieg im eignen Lande. Ein Beispiel dafür sind die Karthager. Solange ihr Land frei war, vermochten sie mit Hilfe ihrer Einnahmen Krieg mit den Römern zu führen, als aber ihr Land angegriffen wurde, konnten sie nicht einmal dem Agathokles widerstehen. S. den Anfang des Kapitels. Die Florentiner wußten sich keine Hilfe gegen Castruccio, den Herrn von Lucca, S. Seite 149, Anm. 26. weil er sie im eignen Lande bekriegte, so daß sie sich zu ihrer Verteidigung dem König Robert von Neapel unterwerfen mußten. Als aber Castruccio tot war, hatten dieselben Florentiner Mut genug, den Herzog von Mailand in seinem Land anzugreifen und ihn um seine Herrschaft zu bringen. So tapfer waren sie in Kriegen außer Landes und so feig in einem einheimischen! Sind dagegen die Reiche bewaffnet, wie früher Rom und jetzt die Schweiz, dann sind sie um so schwerer zu besiegen, je näher man ihnen kommt. Solche Körper können mehr Kräfte zum Widerstand vereinen als zum Angriff. Hannibals Autorität kann mich in diesem Fall nicht irremachen, denn die Leidenschaft und sein Vorteil ließen ihn so zu Antiochos sprechen. Hätten die Römer in so kurzer Zeit drei Niederlagen in Gallien erlitten, wie durch Hannibal in Italien, so waren sie unfehlbar verloren, denn sie hätten die Überbleibsel des Heeres nicht so benutzen können wie in Italien, hätten sich nicht so leicht wieder erholt und daher dem Feind nicht mit solchen Kräften Widerstand leisten können. Man findet nie, daß sie zum Angriff gegen ein Land mehr als 50 000 Mann ausschickten, aber zur Verteidigung der Heimat gegen die Gallier nach dem ersten punischen Krieg stellten sie 1 800 000 Mann unter die Waffen. So im Urtext. Die 8 dürfte fortzulassen sein, so daß 100 000 zu lesen ist. In der Lombardei hätten sie die Gallier schon nicht mehr so schlagen können wie in Etrurien, Bei Telamon, 225 v. Chr. denn gegen eine so große Feindeszahl hätten sie so gewaltige Truppenmassen nicht so weit von Rom fortführen und nicht so bequem gegen sie kämpfen können. Die Cimbern schlugen in Deutschland ein römisches Heer, und die Römer konnten dort nichts gegen sie ausrichten. 113 v. Chr. Als sie aber nach Italien kamen, vereinigte Rom seine ganze Macht und vernichtete sie. Bei Vercellae, 101 v. Chr. Die Schweizer sind leicht außer Landes zu schlagen, da sie nur 20 bis 40 000 Mann ins Feld stellen können, aber in der Heimat, wo sie 100 000 aufbringen können, ist es sehr schwierig. Ich ziehe also nochmals den Schluß, daß ein Fürst, der ein bewaffnetes und kriegstüchtiges Volk hat, einen großen und gefährlichen Krieg stets im Lande erwarten und dem Feind nicht entgegengehen soll. Wer hingegen ein unbewaffnetes und unkriegerisches Volk hat, halte den Krieg so weit wie möglich von der Heimat fern. So wird sich jeder nach seiner Art am besten verteidigen. Dreizehntes Kapitel Aus niederem Stande gelangt man zur Größe eher durch Betrug als durch Gewalt. Ich halte es für eine ausgemachte Wahrheit, daß Menschen von niederem Stand selten oder nie ohne Gewalt oder Betrug zu hohem Range gelangen, wofern der Rang ihnen nicht von seinem Inhaber geschenkt oder vererbt wird. Ich glaube auch nicht, daß Gewalt allein hinreicht, wohl aber Betrug, wie man deutlich aus dem Leben Philipps von Mazedonien, Philipp II. Mazedonien (382-336), ein Sohn des Königs Amyntas II., bemächtigte sich als Vormund seines Neffen Amyntas III. 359 des Thrones. des Agathokles von Syrakus S. Buch II, Kap. 12, Anm. 59. und vieler andrer ersieht, die sich vom niedrigsten oder doch aus niederem Stande zu Fürsten oder Beherrschern der größten Reiche emporschwangen. In seinem Leben des Kyros zeigt Xenophon, wie notwendig Betrug ist, denn der erste Feldzug des Kyros gegen den König von Armenien ist voller Betrug, und Kyros gelangt mehr durch List als durch Gewalt zum Throne. Der ältere Kyros, dessen Erziehung Xenophon in seiner Kyropädie beschrieben hat, der Gründer des persischen Reiches, war der Sage nach ein Sohn der Mandane, Tochter des Königs Astyages von Medien, des Sohnes des Kyaxares. Er folgert nichts andres daraus, als daß ein Fürst, der Großes vorhat, betrügen lernen muß. Er läßt ihn ferner den Mederkönig Kyaxares, seinen Oheim mütterlicherseits, auf verschiedene Weise überlisten und zeigt, daß er ohne diesen Betrug nicht zu seiner Größe gelangt wäre. Ich glaube auch nicht, daß man je einen finden wird, der sich aus niederem Stand allein durch offene und ehrliche Gewalt zu einem mächtigen Herrscher emporgeschwungen hätte, wohl aber durch Betrug allein, wie Gian Galeazzo Visconti, der seinem Oheim Bernabò die Herrschaft der Lombardei entriß. Bernabò Visconti (1358-85) regierte nach dem Tode seines Bruders Galeazzo II. (1378) gemeinsam mit seinem Neffen Gian Galeazzo die Lombardei, wurde aber 1385 von ihm eingekerkert und ermordet. Was Fürsten im Anfang ihrer Vergrößerung tun müssen, das müssen auch Republiken tun, bis sie mächtig geworden sind und mit Gewalt allein auskommen. Da nun Rom durch Zufall oder mit Vorbedacht alle nötigen Mittel ergriff, um zur Größe zu gelangen, ließ es auch dies nicht unbenutzt. Gleich zu Anfang konnte es keinen größeren Betrug begehen, als sich in der oben beschriebenen Weise S. Buch II, Kap. 1 und 4. Bundesgenossen zu schaffen, denn unter diesem Namen unterwarf es sie, wie die Latiner und andre Nachbarn. Zuerst bediente es sich ihrer Waffen, um die Nachbarvölker zu bezwingen und der Republik Ansehen zu verschaffen, und nach ihrer Unterwerfung ward es so mächtig, daß es jeden unterjochen konnte. Die Latiner merkten ihre völlige Knechtschaft erst, als sie die Samniter zweimal geschlagen und zum Frieden gezwungen sahen. Denn dieser Sieg verschaffte den Römern zwar großes Ansehen bei den entfernten Fürsten, die dadurch den Namen der Römer hörten, nicht aber ihre Waffen fühlten; er erregte aber auch Neid und Argwohn bei denen, die diese Waffen so sahen und fühlten wie die Latiner. Und dieser Neid und diese Furcht vermochten so viel, daß nicht allein die Latiner, sondern auch die römischen Kolonien in Latium und die noch vor kurzem beschützten Campanier sich gegen den römischen Namen verschworen. Die Latiner fingen also den Krieg an, wie nach unserer obigen Darlegung S. Buch II, Kap. 9, und Livius VIII, 1 ff. die Mehrzahl der Kriege angefangen werden; sie griffen nämlich nicht die Römer an, sondern nahmen die Sidiciner gegen die Samniter in Schutz, die die Samniter mit Erlaubnis der Römer bekriegten. Daß aber die Latiner wirklich den Krieg anfingen, weil sie jenen Betrug durchschaut hatten, das bezeugt Livius durch den Mund des latinischen Prätors Annius Setinus, der im Senat sagte: Nam si etiam nunc sub umbra foederis aequi servitutem pati possumus , etc. Livius VIII, 4. (Denn wenn wir auch jetzt unter dem Schein eines Bündnisses Gleichberechtigter die Knechtschaft ertragen können usw.) Man sieht also, daß Rom es im Beginn seines Wachstums an Betrug nicht fehlen ließ, wie sich alle seiner bedienen mußten, die von kleinen Anfängen zum höchsten Gipfel der Macht emporsteigen wollen. Das ist um so weniger zu tadeln, je versteckter es geschieht, wie es bei den Römern der Fall war. Vierzehntes Kapitel Oft täuscht man sich, wenn man durch Bescheidenheit den Hochmut zu besiegen glaubt. Man sieht oft, daß Bescheidenheit nicht nur nichts hilft, sondern schadet, besonders gegen Übermütige, die aus Neid oder andern Gründen Haß gegen uns gefaßt haben. Das bezeugt unser Geschichtsschreiber bei der Darlegung der Ursache des Krieges zwischen Latinern und Römern. Als sich nämlich die Samniter bei den Römern über den Angriff der Latiner beschwerten, wollten die Römer den Latinern diesen Krieg nicht verbieten, um sie nicht zu reizen. Sie wurden dadurch aber nicht nur nicht gereizt, sondern nur noch dreister und erklärten sich um so früher als Feinde. Das bezeugen die Worte des erwähnten latinischen Prätors Annius Setinus; s. Kap. 13. in der Ratsversammlung: Tentastis patientiam negando militem: quis dubitat exarsisse eos? Pertulerunt tamen hunc dolorem. Exercitus nos parare adversus Samnites foederatos suos audierunt, nec moverant se ab urbe. Unde haec illis tanta modestia, nisi a conscientia virium, et nostrarum et suarum? Livius VIII, 4. (Ihr habt ihre Geduld geprüft, indem ihr ihnen die Soldaten abschluget. Wer zweifelt, daß sie darüber in Zorn entbrannten? Und doch ertrugen sie diesen Schmerz. Daß wir Heere gegen die Samniter, ihre Verbündeten aufstellten, haben sie gehört und sich doch nicht aus ihrer Stadt gerührt. Woher kommt diese Bescheidenheit, wenn nicht aus der Erkenntnis ihrer Kräfte und der unsern?) Man erkennt hieraus ganz deutlich, wie sehr die Geduld der Römer den Übermut der Latiner steigerte. Ein Fürst darf daher seiner Würde nie etwas vergeben und nie, wenn er etwas mit Ehren abtreten will, es mittels eines Vergleichs tun, es sei denn, daß er es wirklich behaupten kann oder behaupten zu können glaubt. Ist es so weit gekommen, daß du etwas nicht auf diese Weise abtreten kannst, so ist es fast immer besser, es dir mit Gewalt entreißen zu lassen als durch die Furcht vor Gewalt. Denn trittst du es aus Furcht ab, so tust du es, um einen Krieg zu vermeiden, erreichst dies aber meist nicht, denn der Feind, dem du das eine aus offenbarer Feigheit zugestanden hast, wird damit nicht zufrieden sein, sondern dir auch noch mehr entreißen wollen und nur noch hitziger werden, da er dich weniger achtet. Du aber wirst deine Verteidiger abgekühlt finden, da sie dich für schwach oder feige halten. Rüstest du dagegen, sobald die Absicht deines Gegners hervortritt, auch wenn deine Streitmacht geringer ist als die seine, so beginnt er dich zu achten, die andern Fürsten ringsum achten dich höher, und mancher bekommt Lust, dir zu helfen, wenn du unter den Waffen stehst, während er dir nie beigestanden hätte, wenn du dich selbst verlassen hättest. Das gilt für den Fall, daß man einen Feind hat; sind es aber mehrere, so wird es stets ein kluger Entschluß sein, einem von ihnen, auch wenn der Krieg schon ausgebrochen ist, etwas von den eignen Besitzungen abzutreten, um ihn wiederzugewinnen und ihn von den andern Feinden zu trennen. Fünfzehntes Kapitel Schwache Staaten sind in ihren Entschlüssen stets schwankend und langsame Entschließungen stets schädlich. Aus demselben Gegenstand, dem Ausbruch des Krieges zwischen Latium und Rom, kann man auch lernen, daß es bei jeder Beratung gut ist, der Sache auf den Grund zu kommen und nicht immer in Schwanken und Ungewißheit zu bleiben. Das zeigt sich deutlich bei der Beratung der Latiner, als sie mit den Römern brechen wollten. Die Römer hatten nämlich von der Mißstimmung der Latiner erfahren. Um sich der Sache zu vergewissern und zu versuchen, ob sie dies Volk nicht ohne Waffengebrauch wiedergewinnen könnten, forderten sie es auf, acht Bürger nach Rom zu schicken, da sie sich mit ihnen zu beraten hätten. Die Latiner, die sich vieler Handlungen gegen den Willen Roms bewußt waren, hielten auf diese Botschaft hin Rat, wer nach Rom gehen und was der Gesandte sagen solle. Da man im Rate darüber stritt, ergriff der Prätor Annius das Wort und sagte: Ad summam rerum nostrarum pertinere arbitror, ut cogitetis magis quid agendum nobis, quam quid loquendum sit. Facile erit, explicatis consiliis, accommodare rebus verba. Livius VIII, 4. (Ich glaube, das Wichtigste für uns ist, zu bedenken, was wir tun, nicht was wir reden sollen. Haben wir uns über unsre Absichten verständigt, so werden sich die Worte zu der Sache leicht finden lassen.) Diese Worte sind unstreitig sehr wahr und sollten von jedem Fürsten und jeder Republik beherzigt werden. Denn im Schwanken und in Ungewißheit über das, was geschehen soll, kann man nicht die rechten Worte finden, ist aber die Seele fest entschlossen und bestimmt, was geschehen soll, so ist es ein leichtes, die Worte dafür zu finden. Ich hebe diesen Punkt um so lieber hervor, je öfter ich bemerkt habe, daß solche Unentschlossenheit die öffentlichen Geschäfte zum Schaden und zur Schande unsrer Republik oft beeinträchtigt hat. Immer aber wird man in mißlichen Lagen, wo ein herzhafter Entschluß nötig ist, diese Unsicherheit finden, wenn schwache Männer zu beraten und zu beschließen haben. Nicht weniger schädlich als die Unentschlossenheit sind auch die langsamen und späten Entschlüsse, zumal wenn man sich zugunsten eines Verbündeten entschließen soll; denn durch Langsamkeit hilft man keinem und schadet sich selber. Solche Entschlüsse entstehen entweder aus Kleinmut oder Schwäche oder auch aus der Böswilligkeit derer, die den Entschluß fassen, wenn jemand aus persönlicher Leidenschaft den Staat umzustürzen oder einen seiner Wünsche zu befriedigen sucht und zu diesem Zweck den Beschluß hinhält oder hintertreibt. Denn gute Bürger werden, auch wenn sie sehen, daß eine Volkslaune zu einem verderblichen Entschluß neigt, nie die Beschlußfassung hindern, zumal in unaufschiebbaren Dingen. Nach der Ermordung des Tyrannen Hieronymus von Syrakus, 214 v. Chr. Vgl. Livius XXIV, 28. während des großen Krieges zwischen Rom und Karthago, gerieten die Syrakusaner in Streit, ob sie ein Bündnis mit den Römern oder den Karthagern schließen sollten. Die Leidenschaft der Parteien war so groß, daß kein Beschluß zustandekam, bis Apollonides, einer der ersten in Syrakus, in einer klugen Rede darlegte, daß weder die Parteinahme für die Römer noch für die Karthager zu tadeln sei; wohl aber sei die Unentschlossenheit und das Zaudern zu verabscheuen, denn in diesem Schwanken sähe er den völligen Untergang der Republik; sei dagegen ein Entschluß gefaßt, gleichgültig welcher, so könne man etwas Gutes hoffen. Besser als hier hätte Livius nicht zeigen können, wie verderblich die Unentschlossenheit ist. Auch im Fall der Latiner beweist er es. Als diese nämlich die Lavinier Richtiger die Lanuvier. Die Stadt heißt heute Cività Lavinia. um Beistand gegen Rom gebeten hatten, zauderten sie so lange mit ihrem Entschluß, daß ihre Truppen gerade zum Tor hinausgerückt waren, als die Nachricht von der Niederlage der Latiner eintraf. Ihr Prätor Milonius sagte daher: »Dieser kurze Weg wird uns bei den Römern teuer zu stehen kommen.« Hätten sie sich früher entschlossen, den Latinern beizustehen oder nicht beizustehen, so hätten sie im letzteren Fall die Römer nicht gereizt, und im ersten Fall hätten sie, mit Hilfe zur rechten Zeit, durch den Zuwachs ihrer Streitkräfte den Sieg herbeiführen können. Durch Zaudern aber mußten sie in jedem Fall verlieren, wie es ja auch geschah. In der Schlacht am Vesuv, 340 v. Chr. Hätten die Florentiner sich dies zur Lehre dienen lassen, so hätten die Franzosen ihnen nicht so viel Schaden und Verdruß bereitet, wie es beim Zuge König Ludwigs XII. von Frankreich gegen den Herzog von Mailand der Fall war. S. Lebenslauf, 1499. Als nämlich der König wegen seines Zuges verhandelte, schlug er Florenz einen Vertrag vor, und die Florentiner Gesandten beim König kamen mit ihm überein, daß die Republik neutral bleiben, der König ihr aber bei seinem Zug nach Italien ihren Besitz garantieren und sie in Schutz nehmen sollte. Die Stadt erhielt einen Monat Zeit zur Ratifikation. Diese aber wurde durch die Unklugheit derer, die Ludwig begünstigten, so lange hinausgeschoben, bis der König seine ersten Siege erfocht. Als Florenz sich jetzt bereit zeigte, nahm der König die Ratifikation nicht mehr an, da er sah, daß Florenz gezwungen und nicht freiwillig seine Freundschaft suchte. Das kostete Florenz viel Geld und fast seine Freiheit, wie es später aus ähnlichen Gründen wirklich geschah. 1512 bei der Zurückführung der Medici durch die Spanier. Dies Verfahren, war um so verwerflicher, als man auch dem Herzog Ludwig damit nicht diente; denn hätte er gesiegt, so hätte er Florenz seine Feindschaft noch ganz anders gezeigt als der König. Ich habe zwar schon früher S. Buch 1, Kap. 38 gezeigt, wie schädlich diese Schwäche den Republiken ist, wollte aber aus Anlaß dieses neuen Ereignisses nochmals darauf hinweisen, zumal es mir für Republiken wie die unsre sehr beachtenswert scheint. Sechzehntes Kapitel Wie sehr die heutigen Heere von der Fechtart der Alten abweichen. Die wichtigste Schlacht, die die Römer in irgendeinem Kriege und gegen irgendein Volk schlugen, war die unter dem Konsulat des Manlius Torquatos und des Decius Mus gegen die Latiner, Die Schlacht am Vesuv, 340 v. Chr. denn alles spricht dafür, daß, wie die Latiner mit dieser Schlacht ihre Freiheit verloren, auch die Römer im gleichen Falle die ihre verloren hätten. Auch Livius ist dieser Meinung. VIII, 8 ff. Er schildert beide Heere gleich an Einrichtung, Tapferkeit, Zähigkeit und Zahl; nur den Unterschied macht er, daß die römischen Anführer heldenhafter waren als die latinischen. Im Verlauf der Schlacht sieht man zwei bis dahin unerhörte und auch später seltne Vorfälle: um den Mut der Soldaten zu stärken, sie den Befehlen gehorsam und zum Kampf entschlossen zu erhalten, tötete der eine Konsul sich selbst und der andre seinen Sohn. Die Gleichheit beider Heere bestand nach Livius darin, daß sie infolge ihres langen gemeinsamen Kriegsdienstes die gleiche Sprache, Organisation und Waffen, die gleiche Schlachtordnung, die gleichen Namen für die einzelnen Abteilungen und Führer hatten. Da sie also an Zahl und Tapferkeit gleich waren, so war etwas ganz Außerordentliches nötig, um die Gemüter des einen Heeres standhafter und hartnäckiger zu machen. Denn auf dieser Hartnäckigkeit beruht, wie schon früher gesagt, der Sieg, und solange sie die Kämpfer nicht verläßt, denken die Heere nicht an Flucht. Daß sie nun in der Brust der Römer länger vorhielt als in der der Latiner, bewirkte teils das Schicksal, teils der Heldenmut der Konsuln, indem Manlius den Sohn und Decius sich selbst tötete. Beim Nachweis dieser Gleichheit beschreibt Livius die Organisation und Fechtart der Römer ausführlich. Ich will deshalb nicht alles wiederholen, sondern nur erörtern, was ich dabei für bemerkenswert halte, und von den Dingen reden, deren Vernachlässigung durch die Feldherren unsrer Zeit viel Unordnung bei den Heeren und in den Schlachten hervorgerufen hat. Wie sich aus der Darstellung des Livius ergibt, bestand das römische Heer aus drei Hauptabteilungen, die man in unsrer Sprache Treffen nennen kann. Das erste hieß Hastaten, das zweite Principes, das dritte Triarier. Jedes hatte seine Reiterei. Bei der Aufstellung in Schlachtordnung kamen die Hastaten ins erste Treffen, ins zweite, gerade dahinter, die Principes und ins dritte, gleichfalls in derselben Breite, die Triarier. Die gesamte Reiterei der drei Treffen wurde auf die beiden Flügel verteilt; ihre Geschwader hießen nach ihrer Gestalt und Stellung alae , denn sie waren gleichsam die Flügel dieses Körpers. Das erste Treffen, die Hastaten, stand so dicht geschlossen, daß es den Angriff des Feindes aushalten und ihn selbst schlagen konnte. Das zweite, die Principes, focht nicht gleich zu Anfang, mußte aber das erste Treffen unterstützen, wenn es geschlagen oder zurückgedrängt wurde. Es wurde daher nicht dicht geschlossen, sondern mit Lücken aufgestellt, so daß es, ohne in Unordnung zu kommen, das erste Treffen aufnehmen konnte, sobald dies vom Feinde gedrängt und zurückgeworfen wurde. Das dritte, die Triarier, hatte noch größere Lücken, um im Notfall die Hastaten und Principes aufnehmen zu können. Waren die Treffen in dieser Art aufgestellt, so begann die Schlacht. Wurden die Hastaten geworfen oder geschlagen, so zogen sie sich in die Lücken der Principes zurück, und beide Treffen vereinigt, begannen aufs neue den Kampf. Wurden auch sie geworfen und geschlagen, so zogen sich beide in die Lücken der Triarier zurück, und alle drei Treffen, zu einer Masse vereinigt, erneuerten nochmals den Kampf. Waren auch sie überwunden, so hatten sie nichts mehr einzusetzen und verloren die Schlacht. Jedesmal also, wenn das letzte Treffen, die Triarier, eingesetzt wurde, war das Heer in Gefahr, woraus das Sprichwort entstand: Res redacta est ad triarios , was in unserer Sprache heißt: Wir haben unser Letztes eingesetzt. Wie die heutigen Feldherren von allen übrigen Einrichtungen der Alten abgegangen sind und von ihrer Kriegszucht nichts mehr befolgen, so haben sie auch diese Fechtweise aufgegeben, so bedeutsam sie ist. Denn wer seine Schlachtordnung so aufstellt, daß er dreimal mit frischer Kraft angreifen kann, dem muß das Glück dreimal feindlich sein, wenn er verlieren soll, und sein Feind muß so tapfer sein, daß er ihn dreimal zu besiegen vermag. Wer sich aber auf den ersten Stoß verläßt, wie die heutigen Heere der Christenheit, der kann leicht geschlagen werden, denn jede Verwirrung, jede mittelmäßige Tapferkeit kann ihm den Sieg entreißen. Unsre Heere können nicht dreimal die Schlacht erneuern, weil das Verfahren, ein Treffen durch das andre aufzunehmen, verlorengegangen ist. Das kommt daher, daß die heutigen Schlachten einen der zwei folgenden Fehler haben. Entweder stellt man die Treffen dicht nebeneinander und bildet ein breite, dünne Schlachtfront, die wegen ihrer geringen Tiefe schwach ist. Oder man stellt die Treffen, um sie stärker zu machen, hintereinander auf, wie die Römer, trifft aber keine Einrichtung, das erste, wenn es durchbrochen ist, durch das zweite aufnehmen zu lassen; vielmehr geraten alle Treffen in Verwirrung und werfen sich selbst zurück. Denn ist das vorderste geschlagen, so prallt es auf das zweite; will das zweite vorrücken, so wird es durch das erste gehindert. Es wirft sich also das erste auf das zweite und dies auf das dritte, und dadurch entsteht solche Unordnung, daß oft der geringste Zufall ein Heer zugrunde richtet. In der Schlacht bei Ravenna (1512), in der für unsre Zeit gut gefochten wurde, und in der der französische Feldherr Gaston de Foix fiel, war sowohl das französische wie das spanische Heer in der oben genannten Weise aufgestellt, nämlich in einem einzigen, weit breiteren als tiefen Treffen. Das geschieht stets, wenn man, wie bei Ravenna, ein ausgedehntes Schlachtfeld hat. Da man nämlich weiß, welche Unordnung in tiefen Treffen beim Rückzug entsteht, sucht man ihr womöglich durch die Aufstellung in breiter Front zu begegnen; ist man aber durch die Örtlichkeit eingeengt, so läßt man es bei der genannten Unordnung, ohne an Abhilfe zu denken. In derselben Unordnung zieht man durch Feindesland, ob man Beute macht oder eine andre Kriegshandlung vornimmt. Als Pisa nach dem Einfall Karls VIII. in Italien S. Lebenslauf, 1494. von Florenz abgefallen war und beide Städte sich bekriegten, wurden die Florentiner bei San Regolo (1498) im Pisanischen und anderwärts nur durch die eigne Reiterei geschlagen. Diese stand im ersten Treffen, wurde geschlagen, prallte auf das Florentiner Fußvolk und durchbrach es, worauf der Rest des Heeres die Flucht ergriff. Oft hat Messer Ciriaco dal Borgo, der alte Anführer des Florentiner Fußvolks, in meiner Gegenwart versichert, er sei immer nur durch die eigne Reiterei geschlagen worden. Wenn die Schweizer, die Meister in der neuen Kriegskunst, mit den Franzosen kämpfen, sorgen sie vor allem dafür, sich so aufzustellen, daß die eigne Reiterei, wenn sie geworfen wird, nicht auf sie zurückprallt. Obwohl dies alles leicht verständlich und sehr leicht ausführbar scheint, hat bisher doch noch keiner unsrer zeitgenössischen Feldherren die Fechtweise der Alten nachgeahmt und die neuere verbessert. Man teilt die Heere zwar noch in drei Abteilungen, Vorhut, Hauptmacht und Nachhut, aber man braucht diese Einteilung nur bei der Lagereinteilung; in der Schlacht aber kommt es, wie gesagt, selten vor, daß man nicht alle drei Abteilungen dem gleichen Schicksal preisgibt. Da nun viele zur Entschuldigung ihrer Unwissenheit anführen, viele Kriegsregeln der Alten ließen sich wegen der Gewalt des Geschützes nicht mehr anwenden, will ich diesen Gegenstand im nächsten Kapitel erörtern und untersuchen, ob das Geschütz uns hindert, so tapfer wie die Alten zu sein. Siebzehntes Kapitel Welchen Wert man bei den heutigen Heeren auf das Geschütz legen soll, und ob die hohe Meinung, die man allgemein davon hat, begründet ist. Wenn ich an die vielen Feldschlachten denke, die die Römer zu allen Zeiten geliefert haben, so fällt mir eine allgemein verbreitete Anschauung ein. Man sagt: Hätte es zu jener Zeit Geschütze gegeben, so wäre es den Römern nicht so leicht oder gar nicht möglich gewesen, Länder zu erobern und sich Völker tributpflichtig zu machen, kurz, sie hätten in keiner Weise so große Eroberungen machen können. Auch wird behauptet, man könne seit Erfindung der Feuerwaffen keine solche persönliche Tapferkeit mehr zeigen wie in alter Zeit. Drittens wird gesagt, es komme jetzt schwerer zur Schlacht als damals, und man könne die Fechtweise jener Zeiten nicht mehr innehalten, so daß sich der Krieg mit der Zeit ganz auf den Geschützkampf beschränken werde. Ich halte es nicht für unangebracht, die Richtigkeit dieser Ansichten zu prüfen und zu untersuchen, wieweit das Geschütz die Heere stärker oder schwächer gemacht hat und ob es guten Feldherren Gelegenheit zu herzhaftem Draufgehen gibt oder nimmt. Ich will daher mit der Erörterung der ersten Ansicht beginnen, die Heere der alten Römer hätten ihre Eroberungen nicht gemacht, wenn es damals Geschütze gegeben hätte. Darauf antworte ich, daß man entweder einen Angriffskrieg oder einen Verteidigungskrieg führt. Daher ist zuerst zu untersuchen, in welcher von diesen beiden Kriegsarten das Geschütz mehr Nutzen als Schaden bringt. Es lassen sich zwar Gründe für beides anführen, doch glaube ich, daß das Geschütz dem Verteidiger ungleich mehr Schaden zufügt als dem Angreifer. Mein Grund ist dieser. Der Verteidiger steht entweder in einer Stadt oder in einem verschanzten Lager. Die Stadt, in der er steht, ist entweder klein, wie die meisten festen Städte, oder groß. Im ersteren Fall ist der Verteidiger durchaus verloren, denn die Gewalt des Geschützes wirft auch die stärkste Mauer in wenigen Tagen nieder. Hat also der Belagerte nicht Raum genug, um sich hinter Wälle und Gräben zurückzuziehen, so ist er verloren und kann dem Angriff des Feindes durch die Bresche der Mauer nicht standhalten. Auch sein Geschütz hilft ihm nichts, denn es ist ein Grundsatz, daß das Geschütz gegen einen geschlossenen Ansturm nichts ausrichtet. Darum kann man bei der Verteidigung der Städte das Ungestüm der Nordländer nicht aufhalten, wohl aber die Stürme der Italiener, die nicht in geschlossenen Haufen, sondern zerstreut zum Angriff gehen, eine Fechtart, die sie sehr treffend Scharmützel nennen. Wer in solcher Unordnung und so lau eine Bresche angreift, auf der Geschütz steht, geht in den sicheren Tod, und gegen solche Angriffe ist das Geschütz von Nutzen. Wer aber in dichten Haufen, wo einer den andern drängt, eine Bresche stürmt und nicht durch Wall und Graben gehemmt wird, dringt überall ein und wird durch Geschütze nicht aufgehalten. Fallen auch Leute dabei, so können es doch nicht so viele sein, daß der Sieg dadurch verhindert wird. Wie wahr dies ist, hat sich bei der Einnahme vieler italienischer Städte durch die Nordländer gezeigt, besonders bei Brescia. Als sich diese Stadt gegen die Franzosen empört hatte 1512 im Kriege der »Heiligen Liga« gegen Frankreich. Vgl. Buch III, Kap. 44. und die Zitadelle sich noch für den König von Frankreich hielt, sperrten die Venezianer zur Verhinderung von Ausfällen aus der Zitadelle die ganze Straße, die von dort nach der Stadt herabführte, mit Geschütz und stellten Kanonen in Front und Flanke und an jedem geeigneten Punkt auf. Gaston de Foix aber machte sich nichts daraus, ließ seine Reiterei absitzen, brach mitten durch und besetzte die Stadt, und man hat nicht gehört, daß er dabei erhebliche Verluste gehabt hätte. Wer sich also in einer kleinen Stadt verteidigt und, wenn die Mauern niedergeschossen sind, keinen Raum hat, sich hinter Wall und Graben zurückzuziehen, sondern sich auf das Geschütz verlassen muß, ist sofort verloren. Verteidigt man eine große Stadt und hat Raum genug, Verteidigungsabschnitte anzulegen, so ist das Geschütz für den Belagerer trotzdem ungleich nützlicher als für den Belagerten. Erstens muß das Geschütz, wenn es dem Belagerer schaden soll, hoch stehen; denn steht es zu ebener Erde, so wird der Feind durch jeden kleinen Damm, jede Brustwehr, die er aufwirft, so gedeckt, daß man ihm nicht schaden kann. Stellt man aber das Geschütz oben auf die Mauer oder sonstwie hoch auf, so entstehen zwei Schwierigkeiten. Erstens kann man keine so schweren Geschütze da hinaufbringen wie der Belagerer, weil man die großen Stücke auf engem Raum nicht handhaben kann, und könnte man sie auch hinaufbringen, so könnte man doch keine so starken und sicheren Brustwehren anbringen wie der Belagerer, der auf dem Erdboden steht und alle Bequemlichkeit und genügenden Raum dazu hat. Der Verteidiger vermag also kein Geschütz auf hohen Punkten aufzustellen, wenn der Belagerer genug schweres Geschütz hat; muß er es aber niedrig aufstellen, so ist es großenteils wirkungslos. Die Verteidigung der Stadt beschränkt sich also, wie in alter Zeit, auf den Gebrauch der blanken Waffe und des kleinen Gewehrs. Gewährt dieses aber auch einigen Vorteil, so ist er doch nicht so groß wie der Schaden, den das schwere Geschütz macht, denn es wirft die Mauern ein und verschüttet die Gräben, so daß also beim Sturm, wenn Bresche gelegt ist und die Gräben verschüttet sind, der Verteidiger weit mehr im Nachteil ist als früher. Darum nützen, wie gesagt, diese Kriegswerkzeuge dem Belagerer weit mehr als dem Belagerten. Drittens bezieht man ein verschanztes Lager, um eine Schlacht nur mit Vorteil und wenn es einem paßt zu liefern. In dieser Hinsicht hat man jetzt gewöhnlich kein besseres Mittel, eine Schlacht zu vermeiden, als die Alten, ja wegen des Geschützes ist man bisweilen mehr im Nachteil. Denn rückt der Feind dir auf den Leib und hat er, was leicht geschehen kann, etwas Vorteil im Gelände, d.h. steht er etwas höher, oder sind, wenn er anrückt, deine Wälle noch nicht fertig und du noch nicht genügend gedeckt, so treibt er dich unweigerlich sofort aus deiner Stellung heraus und zwingt dich zur Schlacht außerhalb deiner Befestigungen. So ging es den Spaniern in der Schlacht bei Ravenna (1512). Sie hatten sich zwischen dem Roncofluß und einem Damm verschanzt; da dieser aber nicht hoch genug war und die Franzosen etwas Vorteil im Gelände hatten, wurden sie durch das feindliche Geschützfeuer aus ihren Verschanzungen herausgetrieben und zur Schlacht gezwungen. Aber gesetzt auch, wie es meistens der Fall sein wird, du hättest dir zu deinem Lager einen Ort ausgesucht, der die Umgegend beherrscht, die Verschanzungen wären gut und fest, so daß der Feind dich wegen deiner Stellung und deiner andern Maßnahmen nicht anzugreifen wagt, so wird er das tun, was man von alters her tat, wenn sich ein Heer in einer unangreifbaren Stellung befindet, nämlich das Land verwüsten, die mit dir verbündeten Städte nehmen oder belagern, dir die Lebensmittel abschneiden, bis du durch den Mangel gezwungen bist, deine Stellung zu verlassen und eine Schlacht zu liefern, in der, wie unten gesagt wird, das Geschütz nicht viel ausrichtet. Bedenkt man nun, daß die Römer fast nur Angriffskriege und keine Verteidigungskriege führten, so wird man sehen, wenn das oben Gesagte wahr ist, daß sie in unsrer Zeit noch mehr im Vorteil gewesen wären und ihre Eroberungen noch schneller gemacht hätten, wenn es damals Geschütze gegeben hätte. Was aber das zweite betrifft, daß man seit der Erfindung der Feuerwaffen seine persönliche Tapferkeit nicht mehr so zeigen kann, wie im Altertum, so gebe ich allerdings zu, daß der einzelne Mann mehr Gefahr läuft als früher, z. B. beim Ersteigen einer Stadt auf Leitern oder bei ähnlichen Angriffen, wo nicht geschlossene Glieder auftreten, sondern jeder für sich zu fechten hat. Es ist auch richtig, daß die Feldherren und Heerführer mehr der Todesgefahr ausgesetzt sind als früher, denn das Geschütz erreicht sie überall, und es hilft ihnen nichts mehr, im letzten Treffen zu halten und von den tapfersten Leuten umgeben zu sein. Gleichwohl zeigt die Erfahrung, daß beide Gefahren selten besondere Verluste herbeiführen. Denn wohlbefestigte Plätze ersteigt man nicht mit Leitern und stürmt sie auch nicht mit geringen Kräften, sondern man muß sie wie früher förmlich belagern. Wird aber eine Stadt wirklich mit Sturm genommen, so ist die Gefahr jetzt nicht viel größer, denn früher hatten die Verteidiger auch Schießwerkzeuge, die zwar nicht solche heftige Wirkung hatten, aber im Menschenmorden auch ihre Dienste taten. Was den Tod von Feldherren und Heerführern betrifft, so sind in den letzten 24 Kriegsjahren in Italien weniger gefallen als in einem Zeitraum von 10 Jahren bei den Alten. Außer dem Grafen Ludwig von Mirandola, der bei Ferrara fiel, 1509 fiel der päpstliche Feldhauptmann Lodovico Pico della Mirandola bei der Verteidigung Ferraras gegen den venezianischen Admiral Angelo Trevisan durch eine Kanonenkugel. als die Venezianer es vor einigen Jahren angriffen, und dem Herzog von Nemours, der bei Cerignola blieb (1503), wurde kein Feldherr durch eine Stückkugel getötet, denn Gaston de Foix fiel bei Ravenna (1512) durch einen Pikenstich, nicht durch Feuer. Wenn also die Menschen keine persönliche Tapferkeit zeigen, so kommt das nicht von der Erfindung der Feuerwaffen, sondern von der schlechten Einrichtung und der Erbärmlichkeit unsrer Heere, die im Ganzen feig sind und daher auch im Einzelnen nicht tapfer sein können. Ich komme nun zu der dritten Ansicht, wonach es nicht mehr zum Kampf mit der blanken Waffe kommen kann und der Krieg sich ganz auf Geschützkampf beschränken wird. Diese Ansicht ist ganz falsch und wird stets von allen für falsch gehalten, die in der Fechtweise das große Vorbild der Alten befolgen wollen. Denn wer ein Heer kriegstüchtig machen will, muß seine Leute durch Scheingefechte oder wirkliche Kämpfe daran gewöhnen, dem Feind auf den Leib zu rücken und mit ihm handgemein zu werden, und da muß er sich mehr auf das Fußvolk als auf die Reiterei verlassen; die Gründe sollen unten dargelegt werden. Verläßt er sich aber auf das Fußvolk und die oben angegebene Fechtweise, so wird das Geschütz ganz unnütz; denn das Fußvolk kann beim Anrücken gegen den Feind dem Geschützfeuer leichter ausweichen als in alter Zeit dem Anrennen der Elefanten, der Sichelwagen und andrer ungewöhnlicher Kriegsmittel, auf die das römische Fußvolk stieß und gegen die es immer ein Mittel fand. Um so leichter hätten die Römer ein Mittel gegen das Geschütz gefunden, zumal die Zeit, während der es schaden kann, kürzer als die ist, während der die Elefanten und Wagen zu schaden vermochten. Denn diese brachten mitten in der Schlacht Verwirrung hervor, das Geschütz aber ist nur vorher hinderlich, und das Fußvolk weicht diesem Hindernis leicht aus, indem es entweder durch das Gelände gedeckt vorrückt oder, wenn geschossen wird, sich zu Boden wirft. Die Erfahrung hat auch das als überflüssig erwiesen, besonders dem schweren Geschütz gegenüber, denn dies kann nicht so genau gerichtet werden und schießt entweder zu hoch oder zu niedrig. Sind die Heere aber erst handgemein geworden, so ist es sonnenklar, daß weder schweres noch leichtes Geschütz dir schaden kann. Denn steht es vor der Front, so fällt es dir in die Hand, steht es dahinter, so trifft es eher die eigenen Truppen; auch in der Flanke kann es dich nicht so beschießen, daß du nicht drauflosgehen kannst, und dann tritt wieder der gleiche Fall ein. Darüber ist nicht viel zu streiten, denn wir haben ein Beispiel an den Schweizern. Die hatten 1513 bei Novara weder Geschütz noch Reiterei, griffen das mit Geschütz wohl versehene französische Heer in seinen Verschanzungen an und schlugen es, ohne durch das Geschütz irgendwie behindert zu werden. Der Grund dafür ist außer dem oben Gesagten der, daß das Geschütz, wenn es etwas ausrichten soll, durch Mauern, Gräben oder Wälle geschützt sein muß. Ohne diese Deckung wird es weggenommen oder unnütz. Das aber geschieht in Gefechten oder Feldschlachten, wo es nur durch Menschen geschützt werden kann. Auf den Flügeln kann man es nur in der Art brauchen, wie die Alten ihre Schießwerkzeuge brauchten. Sie stellten sie außerhalb der Schlachtordnung auf, und so oft sie von Reiterei oder andern Truppen angegriffen wurden, zogen sie sie in die Legionen zurück. Wer anders auf das Geschütz rechnet, versteht nichts davon und verläßt sich auf etwas, das ihn leicht täuschen kann. Hat auch der Türke durch sein Geschütz den Sofi von Persien und den Sultan Von Ägypten. Vgl. Buch I, Kap. 1, Anm. 5. besiegt, so kam das nicht von seiner großen Wirkung, sondern von dem Schrecken, den das ungewohnte Getöse ihrer Reiterei einjagte. Ich komme am Ende dieser Erörterung also zu dem Schluß: Das Geschütz ist einem Heere nützlich, wenn es sich mit der Tapferkeit der Alten verbindet, sonst aber gegen ein tapfres Heer ganz nutzlos. Achtzehntes Kapitel Nach dem Vorgang der Römer und dem Beispiel der alten Kriegskunst ist das Fußvolk höher zu bewerten als die Reiterei. Es läßt sich durch viele Gründe und Beispiele klar beweisen, daß die Römer bei allen Kriegshandlungen viel mehr Wert auf das Fußvolk als auf die Reiterei legten und ihre ganze Kriegführung darauf einstellten. Unter anderm zeigt sich das an der Schlacht mit den Latinern am See Regillus. 496 v. Chr. Vgl. Livius II, 19-21. Als das römische Heer schon zu wanken begann, ließ man zu seiner Unterstützung einen Teil der Reiterei absitzen, erneuerte den Kampf und errang den Sieg. Das beweist deutlich, daß die Römer mehr Vertrauen auf das Fußvolk als auf die Reiterei setzten. Das gleiche Mittel gebrauchten sie in vielen andern Schlachten, und stets bewährte es sich in der Gefahr als das beste. Man wende nicht Hannibals Ansicht ein, der in der Schlacht bei Cannae Vgl. Livius XXII, 49. sah, daß die Konsuln ihre Reiterei absitzen ließen, und spottend bemerkte: Quam mallem, vinctos mihi traderent equites , d. h. noch lieber wär's mir, sie lieferten sie mir gebunden aus. Diese Ansicht kommt zwar aus dem Munde eines der größten Feldherren, aber wenn man sich schon auf Autoritäten berufen will, muß man mehr der römischen Republik und so vielen ihrer besten Heerführer als dem einen Hannibal glauben, zumal man außer der Autorität auch noch klare Gründe dafür hat. Der Fußsoldat kann sich in mancherlei Gelände bewegen, wo der Reiter nicht fortkommt; man kann ihn lehren, Ordnung zu halten und, wenn sie gestört wird, sie wiederherzustellen. Reiterei ist schwer in Reih und Glied zu halten, und ist sie in Verwirrung geraten, schwer wieder in Ordnung zu bringen. Außerdem gibt es bei den Pferden wie bei den Menschen mutige und feige, und oft wird ein mutiges Pferd von einem feigen Reiter geritten und umgekehrt. In beiden Fällen aber entsteht daraus Unordnung und Unbrauchbarkeit. Auch kann geschlossenes Fußvolk leicht die Reiterei werfen, aber schwer von ihr geworfen werden. Diese Ansicht wird außer durch viele alte und neue Beispiele auch durch die Schriftsteller über das Staatswesen bestätigt. Sie zeigen uns, daß die Kriege anfangs mit Reitern geführt wurden, weil man das Fußvolk noch nicht zu ordnen verstand; als man es aber lernte, sah man sofort dessen große Vorzüge ein. Es soll damit nicht gesagt werden, daß die Reiterei bei den Heeren ganz überflüssig sei. Man braucht sie zur Aufklärung wie zum Furagieren und Beutemachen, zur Verfolgung des geschlagenen Feindes und zur Abwehr der feindlichen Reiterei. Aber die Grundlage und der Kern des Heeres und sein wertvollster Teil muß das Fußvolk sein. Die größte unter allen Sünden der italienischen Fürsten, die Italien zur Sklavin der Fremden gemacht haben, war die, daß sie das Fußvolk vernachlässigten und ihre ganze Sorgfalt der Reiterei zuwandten. Dieser Mißbrauch kommt von der Selbstsucht der Condottieri und von der Unwissenheit der Staatsleiter. Seit 25 Jahren ist das Kriegswesen Italiens in die Hände von vaterlandslosen Glücksrittern gefallen. Sie waren von Anfang an darauf bedacht, sich dadurch Ansehen zu verschaffen, daß sie bewaffnet, die Fürsten aber unbewaffnet blieben. Da ihnen nun eine große Anzahl Fußtruppen nicht dauernd bezahlt werden konnte Die Condottieri waren nicht nur Feldhauptleute, sondern auch die Unternehmer des Kriegsgeschäfts, denen für ihre Condotta das Geld ausgezahlt wurde, mit dem sie ihre Söldner bezahlen mußten. und sie keine Landeskinder benutzen konnten, eine geringe Zahl ihnen aber kein Ansehen gab, so hielten sie sich Reiter, weil zwei bis dreihundert, die sich ein Condottiere bezahlen ließ, ihm Ansehen verschafften und ihr Sold nicht so hoch war, daß die Fürsten ihn nicht hätten erschwingen können. Um sich dies zu erleichtern und sich im größeren Ansehen zu erhalten, setzten sie das Fußvolk auf alle Weise herab und strichen ihre Reiter heraus. Dieser Mißbrauch nahm so überhand, daß auch in den größten Heeren das Fußvolk nur noch einen geringen Bruchteil bildete, und er machte in Verbindung mit vielen andern Übelständen das italienische Kriegswesen so schwach, daß Italien von allen Nordländern mühelos mit Füßen getreten wurde. Noch deutlicher zeigt ein andres römisches Beispiel, wie verkehrt es ist, die Reiterei über das Fußvolk zu stellen. Als die Römer Sora belagerten, Vielmehr bei der Belagerung vom Saticula, 316 v. Chr. Vgl. Livius IX, 22. machte die feindliche Reiterei einen Ausfall und griff das römische Lager an. Der Reiteroberst warf sich ihr mit der römischen Reiterei entgegen, und der Zufall wollte, daß beim ersten Anprall beide Reiterführer fielen. Als der Kampf ohne Führer fortgesetzt wurde, saßen die Römer ab, um den Feind leichter zu überwinden, zwangen die feindliche Reiterei, zu ihrer Verteidigung ein Gleiches zu tun, und behielten den Sieg. Kein Beispiel könnte deutlicher beweisen, daß das Fußvolk der Reiterei überlegen ist. Denn in andern Schlachten ließen die Konsuln die Reiter absitzen, um dem bedrängten Fußvolk zu Hilfe zu kommen, hier aber saßen sie nicht ab, um dem Fußvolk beizustehen, noch um mit dem feindlichen Fußvolk zu kämpfen, sondern hier fochten Reiter gegen Reiter, die sich außerstande sahen, zu Pferde die Oberhand zu gewinnen, und absaßen, um leichter zu siegen. Ich ziehe daher den Schluß, daß geordnetes Fußvolk nur sehr schwer zu schlagen ist, außer durch andres Fußvolk. Crassus und Marcus Antonius zogen mit sehr wenig Reiterei und sehr viel Fußvolk viele Tage lang durch das Reich der Parther und hatten zahllose parthische Reiterei gegen sich. Crassus fand mit einem Teil seines Heeres den Tod, 53 v. Chr., nach der Niederlage bei Carrhae, die freilich die Überlegenheit der parthischen Reiterei in einer für die Römer vernichtenden Weise dartat. Antonius aber machte einen glänzenden Rückzug. Selbst in dieser Bedrängnis der Römer sieht man, wie sehr das Fußvolk der Reiterei überlegen ist. Denn in einem weiten Lande, wo es wenig Berge und sehr wenig Flüsse gab, wo das Meer weitab lag und jede Bequemlichkeit fehlte, machte Antonius selbst nach dem Urteil der Parther einen glänzenden Rückzug, und nie wagte die ganze parthische Reiterei sein Heer anzugreifen. Fiel Crassus auch, so wird der aufmerksame Leser seiner Geschichte doch finden, daß er mehr überlistet als bezwungen wurde, und daß ihm die Parther bei aller Unordnung in seinem Heere doch nie auf den Leib zu rücken wagten. Vielmehr brachten sie ihn dadurch ins äußerste Elend, daß sie ihm stets zur Seite blieben, ihm die Zufuhr abschnitten, Versprechungen machten und sie nicht hielten. Es würde mir, glaube ich, schwerer fallen, die Überlegenheit des Fußvolkes über die Reiterei überzeugend darzutun, wenn wir nicht durch neuere Beispiele den vollsten Beweis dafür hätten. So sah man die oben angeführten 9000 Schweizer bei Novara 10 000 Reiter und ebensoviel Fußtruppen angreifen und schlagen, denn die Reiter konnten ihnen nichts anhaben, aus den Fußtruppen aber, meist Gascognern und schlecht geordnet, machten sie sich nichts. Später sah man 26 000 Schweizer oberhalb Mailand den König Franz I. von Frankreich angreifen, Schlacht bei Marignano. S. Lebenslauf, 1515. der 20 000 Reiter, 40 000 Mann Fußvolk und 100 Geschütze hatte. Sie siegten zwar nicht wie bei Novara, fochten aber zwei Tage lang auf das tapferste, und als sie geschlagen waren, rettete sich noch die Hälfte von ihnen. Marcus Attilius Regulus getraute sich mit seinem Fußvolk nicht allein der Reiterei, sondern auch den Elefanten die Spitze zu bieten, und wenn ihm das auch nicht gelang, In der Ebene von Tunis, 255 v. Chr. war doch die Tapferkeit seines Fußvolkes so groß, daß er ihm zutraute, diese Schwierigkeit zu überwinden. Ich wiederhole also: um geordnetes Fußvolk zu besiegen, muß man ihm noch besser geordnetes Fußvolk entgegenstellen, sonst geht man einer offenbaren Niederlage entgegen. Zur Zeit des Filippo Visconti, Filippo Maria Visconti, 1412-47 Herzog. Die Schlacht fand 1422 statt. Herzogs von Mailand, stiegen 16 000 Schweizer von ihren Bergen in die Lombardei hinab, und der Herzog schickte ihnen seinen Feldherrn Carmagnola mit 1000 Reitern und wenig Fußvolk entgegen. Carmagnola, der ihre Fechtart nicht kannte, griff sie mit seiner Reiterei an, in der Meinung, sie sofort auseinander sprengen zu können. Als er sie aber unerschüttert sah und viele Leute verloren hatte, zog er sich zurück. Als tapferer Mann jedoch, der in neuen Lagen neue Maßregeln wußte, verstärkte er sich mit frischen Truppen, ging ihnen nochmals entgegen, ließ in der Nähe des Feindes seine schwere Reiterei absitzen, stellte sich an die Spitze seines Fußvolks und griff die Schweizer an, die sich gar nicht zu helfen wußten. Denn die wohlbewaffneten Rüstmänner Carmagnolas konnten zu Fuß leicht in die Reihen der Schweizer einbrechen, ohne die geringste Wunde zu erhalten, und waren sie einmal eingebrochen, so konnten sie sie leicht niederhauen. So blieben von dem ganzen Schweizer Heer nur die wenigen übrig, denen Carmagnola aus Menschlichkeit das Leben schenkte. Ich glaube, daß viele den großen Unterschied in der Brauchbarkeit beider Waffengattungen einsehen, aber wir leben in einer so unglücklichen Zeit, daß weder alte noch neue Beispiele, noch selbst das Eingeständnis ihres Irrtums unsre Fürsten zu der Einsicht bringen können, daß man, um den Kriegswesen eines Landes oder Staates Geltung zu verschaffen, notwendig die Einrichtungen der Alten erneuern und befolgen, ihnen Ansehen und Lebenskraft geben muß, damit sie dem Staat wieder Ansehen und Lebenskraft geben. Aber sie weichen hierin wie in allem von den Einrichtungen der Alten ab, und so schlagen ihre Eroberungen zum Nachteil, nicht zur Größe ihres Staates aus, wie unten gezeigt werden soll. Neunzehntes Kapitel Eroberungen führen in schlecht eingerichteten Republiken, die nicht nach dem Muster der Römer verfahren, zum Untergang, nicht zur Größe. Von diesen wahrheitswidrigen, auf schlechten Beispielen fußenden Meinungen unsres verderbten Zeitalters kommt es, daß die Menschen nicht daran denken, vom Herkömmlichen abzuweichen. Wie hätte man vor 30 Jahren einen Italiener davon überzeugen können, daß 10 000 Mann Fußvolk in der Ebene 10 000 Reiter und ebensoviel Fußtruppen angreifen, mit ihnen kämpfen, ja sie sogar schlagen können, wie man es in der mehrfach erwähnten Schlacht bei Novara sah? Wenn auch die Geschichte voll ähnlicher Beispiele ist, so hätte man es doch nicht geglaubt, oder hätte man es geglaubt, so hätte es geheißen, man sei heutzutage besser bewaffnet, und eine Schwadron schwerer Reiter könne einen Felsen, geschweige denn einen Haufen Fußvolk über den Haufen werfen. Mit solchen falschen Einwendungen verdarb man sich sein Urteil, ohne sich zu erinnern, daß Lucullus mit wenig Fußvolk die 150 000 Reiter des Tigranes schlug 69 v. Chr. und daß sich unter diesen eine unsern schweren Reitern ganz ähnliche Gattung befand. Erst das Beispiel der Nordländer deckte die Verkehrtheit dieser Meinung auf. Wie man aus diesem Beispiel erkennt, daß die Angaben der Geschichte über das Fußvolk auf Wahrheit beruhen, so sollte man auch alle andern Einrichtungen der Alten als richtig und nützlich erkennen. Geschähe das, so begingen die Republiken und Fürsten weniger Fehler, sie könnten einem Angriff kräftiger Widerstand leisten und brauchten ihr Heil nicht in der Flucht zu suchen. Die Republiken würden alles, was zu ihrer Vergrößerung oder Erhaltung dient, besser anzufassen wissen. Sie würden einsehen, daß der rechte Weg, eine Republik zu einem großen Reich zu erheben, darin besteht, die Einwohnerzahl der Hauptstadt zu vermehren, sich Bundesgenossen, nicht Untertanen zu schaffen, zum Schutz der eroberten Länder Kolonien auszusenden, aus der Beute einen Schatz anzulegen, den Feind durch Streifzüge und Schlachten, nicht durch Belagerungen zu bezwingen, den Staat reich, den einzelnen arm zu erhalten und mit größter Sorgfalt auf Kriegsübungen zu halten. Gefiele ihnen aber diese Art der Vergrößerung nicht, so würden sie sich sagen, daß Eroberungen auf jedem andern Wege der Verderb der Republiken sind. Dann würden sie dem Ehrgeiz Zügel anlegen, indem sie ihren Staat im Innern durch Gesetze und Sitten gut einrichteten, Eroberungen verböten und allein auf ihre Verteidigung und den guten Zustand ihrer Verteidigungsmittel bedacht wären, wie die freien deutschen Städte, die auf diese Weise schon seit längerer Zeit frei leben. Wie ich jedoch schon an andrer Stelle S. Buch I, Kap. 6. sagte, als ich den Unterschied zwischen einer auf Eroberung und einer auf Erhaltung angelegten Verfassung erörterte, kann es einer Republik unmöglich gelingen, immer ruhig zu bleiben, sich ihrer Freiheit zu erfreuen und sich in ihren engen Grenzen zu erhalten. Belästigt sie selbst auch andre nicht, so wird sie doch von andern belästigt, und daraus wird bei ihr der Wunsch und die Notwendigkeit zu Eroberungen entstehen. Hätte sie aber auch keinen äußeren Feind, so fände sie einen in ihren Mauern, wie es das Schicksal aller großen Städte zu sein scheint. Wenn also die freien deutschen Städte längere Zeit in dieser Weise leben und bestehen konnten, so liegt das an gewissen örtlichen Eigentümlichkeiten, die anderwärts nicht vorkommen und ohne die sie nicht so leben könnten. Der Teil Deutschlands, von dem ich rede, gehörte wie Frankreich und Spanien zum römischen Reich. Als dies aber verfiel und unter dem römischen Reiche bloß Deutschland verstanden wurde, nutzten die mächtigsten Städte die Ohnmacht oder Not der Kaiser aus, um sich frei zu machen, und kauften sich durch einen kleinen Jahreszins vom Reiche los. In dieser Weise kauften sich alle reichsunmittelbaren Städte nach und nach los. Zur selben Zeit empörten sich einige dem Herzog von Österreich lehnspflichtige Gemeinden, darunter Freiburg und Schwyz Freiburg in der Schweiz trat erst 1483 der Schweizer Eidgenossenschaft bei; Schwyz war einer der Urkantone, die sie 1315 begründeten. und andre, die gleich anfangs vom Glück begünstigt wurden und allmählich zu solcher Macht gediehen, daß sie nicht nur nicht unter das österreichische Joch zurückkehrten, sondern der Schrecken aller ihrer Nachbarn wurden. Das sind die Schweizer. Deutschland zerfällt also in Schweizer, freie Reichsstädte, Fürsten und den Kaiser. Wenn aber bei solcher Verschiedenheit der politischen Zustände keine Kriege oder doch keine von langer Dauer entstehen, so liegt das am Kaiser. Hat er auch manchmal wenig Macht, so steht er doch in solchem Ansehen, daß er die Rolle eines Vermittlers spielt, der mit seiner Autorität dazwischentritt und sofort jeden Zwist niederschlägt. Die größten und längsten Kriege, die in Deutschland geführt wurden, sind die zwischen den Schweizern und dem Herzog von Österreich, und obwohl seit vielen Jahren der Kaiser und der Herzog von Österreich eine Person ist, so konnte er doch nie den kühnen Mut der Schweizer überwinden, und es kam nie anders zu einem Vergleich als durch Gewalt. Auch hat ihm das übrige Deutschland nicht viel Hilfe geleistet, denn die freien Städte mochten nicht gegen Leute kämpfen, die wie sie frei leben wollten, und die Fürsten können es teils wegen ihrer Armut nicht, teils wollen sie es nicht aus Eifersucht auf seine Macht. So können sich also die freien Städte mit ihrer kleinen Herrschaft begnügen, weil sie mit Rücksicht auf die kaiserliche Gewalt keinen Grund haben, eine größere zu wünschen. Innerhalb ihrer Mauern aber müssen sie in Eintracht leben, weil ihr Feind nahe ist und sofort die Gelegenheit benutzen würde, sie bei inneren Zwistigkeiten zu unterjochen. Lägen die Verhältnisse in Deutschland anders, so müßten sie sich zu vergrößern suchen und aus ihrer Ruhe heraustreten. Da nun sonst nirgends solche Verhältnisse vorkommen, kann man nicht auf solchem Fuß leben und muß sich entweder durch Bündnisse oder auf die Art der Römer vergrößern. Wer anders handelt, sucht nicht sein Leben, sondern seinen Tod und seinen Untergang. Denn auf tausendfache Art und aus vielen Ursachen sind Eroberungen schädlich. Es trifft sich oft, daß man ein großes Gebiet erobert und doch keine Macht erringt; wer aber Gebiet ohne Macht erwirbt, geht notwendig zugrunde. Wer durch den Krieg verarmt, auch wenn er siegt, kann keine Macht erwerben, weil er bei den Eroberungen mehr zusetzt als gewinnt, wie es bei Venedig und Florenz der Fall war. Als jenes die Lombardei und dieses Toskana besaß, waren sie viel schwächer als zu der Zeit, wo Venedig sich mit dem Meer und Florenz sich mit einem Gebiet von zwei Meilen begnügte. Das alles kam nur daher, daß sie erobern wollten und nicht den richtigen Weg einzuschlagen verstanden. Sie sind um so tadelnswerter, je weniger sie sich entschuldigen können, da sie ja den Weg sahen, den die Römer eingeschlagen hatten, und ihrem Beispiel folgen konnten, während die Römer diesen Weg ohne jedes Vorbild aus eigner Klugheit fanden. Außerdem bringen Eroberungen auch wohlgeordneten Republiken manchmal erheblichen Schaden, wenn ein Land oder eine Stadt voller Üppigkeit erobert wird. Denn durch den Verkehr mit den Einwohnern kann der Sieger leicht deren Sitten annehmen. So erging es zuerst Rom, dann dem Hannibal bei der Eroberung Capuas. Wäre diese Stadt weiter von Rom abgelegen, mithin für die Verirrungen der Soldaten keine Abhilfe in der Nähe oder Rom irgendwie verderbt gewesen, so wäre diese Eroberung zweifellos der Ruin der römischen Republik geworden. Livius bezeugt das mit den Worten: Iam tunc minime salubris militari disciplinae Capua, instrumentum omnium voluptatum, delenitos militum animos avertit a memoria patriae. VII, 38. Es handelt sich um den Aufstand der römischen Legionen in Capua, 342 v. Chr. Vgl. Buch III, Kap. 6. (Capua, schon damals ein für die Kriegszucht gar nicht zuträglicher Ort, eine Stätte aller Wollüste, tilgte in den Gemütern der verweichlichten Soldaten den Gedanken an das Vaterland aus.) Fürwahr, dergleichen Städte oder Länder rächen sich am Sieger ohne Kampf und Blut, denn indem sie ihm ihre schlimmen Sitten beibringen, entnerven sie ihn so, daß er von jedem, der ihn angreift, überwältigt wird. Juvenal konnte diese Tatsache nicht besser ausdrücken, als wenn er in seinen Satiren sagt, durch die Eroberung fremder Länder wären fremde Sitten in die Brust der Römer eingezogen und an Stelle der Sparsamkeit und andrer vortrefflicher Tugenden gula et luxuria incubuit, victumque ulciscitur orbem Satiren VI, 284. (drang Schwelgerei und Üppigkeit ein und rächte die besiegte Welt). Wenn also die Eroberungen den Römern in einer Zeit fast verderblich wurden, da sie mit so großer Klugheit und Tapferkeit zu Werke gingen, wie wird es dann erst denen ergehen, die ganz anders als die Römer verfahren, ja die außer den oben hinreichend erörterten Fehlern, die sie begehen, auch noch Söldner oder Hilfstruppen verwenden? Welchen Schaden ihnen diese oft tun, soll im nächsten Kapitel erörtert werden. Zwanzigstes Kapitel Welcher Gefahr sich ein Fürst oder eine Republik aussetzt, die Hilfstruppen oder Söldner verwenden. Hätte ich nicht schon in einem andern Werke die Nutzlosigkeit der Söldner und Hilfstruppen und den Nutzen eines eignen Heeres ausführlich erörtert, In seiner »Arte della guerra« (Kriegskunst), 1521 gedruckt. so würde ich mich hier viel mehr darüber verbreiten. Da dies aber anderweitig geschehen ist, will ich mich hier kurz fassen. Ganz wollte ich es nicht übergehen, da ich in der Geschichte des Livius ein sehr treffendes Beispiel für die Hilfstruppen finde. Hilfstruppen sind nämlich solche, die ein Fürst oder eine Republik einem Staate zu Hilfe schickt, aber selbst befehligt und besoldet. Doch kommen wir zu der Erzählung des Livius. Die Römer hatten den Capuanern ein Heer zu Hilfe geschickt, zwei samnitische Heere an verschiedenen Orten geschlagen und dadurch die Capuaner vom Krieg mit den Samnitern befreit. Damit nun nach der Rückkehr des Heeres nach Rom die Capuaner nicht von neuem den Samnitern zur Beute fielen, ließ man zwei Legionen zu ihrer Verteidigung im Lande zurück. Diese Legionen, die im Müßiggang verwahrlosten, begannen Gefallen daran zu finden, vergaßen ihr Vaterland und die Ehrfurcht vor dem Senat und wollten sich mit Waffengewalt zu Herren des Landes machen, das sie durch ihre Tapferkeit beschirmt hatten. Die Einwohner schienen ihnen der Güter nicht wert, die sie nicht zu verteidigen wußten. Der Anschlag kam jedoch heraus und wurde von den Römern unterdrückt und bestraft, wie im Kapitel von den Verschwörungen ausführlich gezeigt werden soll. S. Buch III, Kap. 6. Vgl. Livius VII, 38 f. Ich sage also nochmals, daß von allen Truppengattungen die Hilfstruppen die schädlichsten sind, denn über sie hat der Fürst oder die Republik, die sie zu ihrem Beistand verwenden, keine Gewalt, sondern nur der, der sie sendet. Hilfstruppen sind, wie gesagt, solche, die von einem Fürsten unter seinen Befehlshabern, unter seinen Fahnen und in seinem Solde geschickt werden, wie das Heer, das die Römer nach Capua sandten. Diese Art von Truppen beraubt nach dem Siege meist den, für den sie gefochten, wie den, gegen den sie gefochten haben, und zwar entweder aus Tücke des Fürsten, der sie sandte, oder aus eignem Ehrgeiz. Den Römern lag es zwar fern, Bündnis und Verträge mit den Capuanern zu brechen, aber jenen Truppen schien es doch so leicht, die Capuaner zu unterjochen, daß sie dadurch auf den Gedanken kamen, ihnen Stadt und Land zu entreißen. Dafür könnte ich noch manches Beispiel anführen, begnüge mich aber mit diesem und dem Beispiel von Rhegion, 281 v. Chr., nach der Landung des Pyrrhus in Tarent, legten die Römer zum Schutz eine campanische Legion nach Rhegion. Die Campanier machten aber gemeinsame Sache mit den Mamertinern in Syrakus (siehe Buch II, Kap. 1), töteten die Einwohner von Rhegion und machten sich zu Herren der Stadt, die erst 270 von den Römern zurückgewonnen wurde. Vgl. Livius XXXI, 31. dessen Einwohner Leben und Freiheit durch eine von den Römern zum Schutz in die Stadt gelegte Legion verloren. Ein Fürst oder eine Republik soll daher lieber jedes andre Mittel ergreifen, als zu seinem Schutz Hilfsvölker in seinen Staat zu ziehen, zumal wenn er sich ganz auf sie verlassen muß; denn jedes Abkommen, jeder noch so harte Vergleich mit dem Feinde wird für ihn leichter sein als dies Hilfsmittel. Wer aufmerksam die Geschichte liest und die jetzigen Begebenheiten durchgeht, findet auf einen, der Glück damit hatte, zahllose Betrogene. Ehrgeizige Fürsten und Republiken können keine bessere Gelegenheit haben, sich in den Besitz einer Stadt oder eines Landes zu setzen, als wenn sie gebeten werden, ihre Heere zu dessen Verteidigung zu senden. Wer daher so ehrgeizig ist, daß er solche Hilfe nicht nur zu seiner Verteidigung, sondern auch zum Angriff auf andre herbeiruft, sucht etwas zu erobern, was er nicht festhalten kann und was ihm der, der es ihm erobert, mit Leichtigkeit entreißen kann. Aber der menschliche Ehrgeiz ist so groß, daß man, um eine augenblickliche Begierde zu befriedigen, nicht an das Übel denkt, das in kurzem daraus entspringen muß. Die Beispiele der Alten rühren uns hier ebensowenig wie in allem übrigen. Denn ließe man sich durch sie belehren, so sähe man ein, daß sich die Nachbarn einer Macht um so eher in die Arme werfen, je großmütiger sie sich zeigt, und je weiter sie davon entfernt ist, sie zu unterjochen. Die Capuaner liefern dafür folgenden Beweis. Einundzwanzigstes Kapitel Die Römer schickten ihren ersten Prätor nach Capua, als sie schon vierhundert Jahre Krieg geführt hatten. Wir haben oben S. Buch II, Kap. 6. hinlänglich erörtert, wie ganz anders die Römer bei ihren Eroberungen verfuhren als die Mächte, die in unserer Zeit ihre Herrschaft ausdehnen. Allen Städten, die sie nicht zerstörten, sogar denen, die sich ihnen nicht als Bundesgenossen, sondern als Untertanen ergaben, erlaubten sie, nach eignen Gesetzen zu leben, und sie ließen keine Zeichen ihrer Herrschaft darin zurück. Sie erlegten ihnen nur gewisse Bedingungen auf, bei deren Erfüllung sie ihre Verfassung und Würde behalten durften. Dies Verfahren behielten die Römer so lange bei, bis sie sich über die Grenzen Italiens ausbreiteten und die Staaten und Reiche in Provinzen zu verwandeln begannen. Der deutlichste Beweis dafür ist, daß sie ihren ersten Prätor nach Capua sandten, und zwar nicht aus Herrschsucht, sondern auf Bitten der Capuaner, die eines inneren Zwiespalts wegen einen römischen Bürger haben wollten, der sie wieder zur Ordnung und Einigkeit brächte. Nach diesem Beispiel und in der gleichen Notlage baten sich auch die Einwohner von Antium einen Präfekten von Rom aus. Livius sagt über diesen Vorfall und diese neue Regierungsart: Quod iam non solum arma, sed iura Romana pollebant . (Daß nicht nur die römischen Waffen weithin galten, sondern auch das römische Recht). IX, 20 (318 v. Chr.). Das Zitat bei Machiavelli ist ungenau. Man ersieht daraus, wie sehr das Verfahren der Römer ihre Vergrößerung erleichterte. Denn Städte, die an Freiheit gewöhnt sind oder von ihren eignen Landsleuten regiert werden, fügen sich weit williger unter eine Herrschaft, die sie nicht sehen, selbst wenn sie etwas drückend ist, als unter eine, die sie täglich vor Augen haben und die ihnen täglich ihre Knechtschaft vorzuwerfen scheint. Ein zweiter Vorteil für den Herrscher ist der, daß die Richter und Beamten, die in solchen Städten das Zivil- und Strafrecht ausüben, nicht seine Diener sind. Somit kann nie ein Urteil ihm Vorwurf oder Schande bereiten, und damit fallen viele Ursachen zu Verleumdung und Haß gegen ihn fort. Wie wahr das ist, beweist außer vielen alten Beispielen, die sich beibringen ließen, auch ein ganz neues aus Italien. Bekanntlich wurde Genua mehrfach von den Franzosen erobert, und der König schickte jedesmal, außer jetzt, einen Statthalter hin, der in seinem Namen regierte. Nur jetzt Vor 1522, wo Genua von den Kaiserlichen zurückerobert wurde. Vgl. Buch II, Kap. 24. hat er, nicht aus gutem Willen, sondern durch die Not gezwungen, der Stadt ihre eigne Regierung unter einem genuesischen Statthalter belassen. Und fürwahr, wenn man prüfen wollte, welche von beiden Methoden die Herrschaft des Königs mehr sichert und das Volk mehr zufriedenstellt, so wird man unzweifelhaft die letztere gutheißen. Überhaupt werfen sich einem die Menschen um so eher in die Arme, je weiter man davon entfernt scheint, sie zu unterjochen, und sie fürchten um so weniger um ihre Freiheit, je leutseliger und freundlicher man zu ihnen ist. Diese Freundlichkeit und Großmut bewog die Capuaner, die Römer um einen Prätor zu bitten; hätten die Römer aber die mindeste Lust gezeigt, ihn hinzuschicken, so wären jene sofort eifersüchtig geworden und hätten sich von ihnen abgewandt. Doch warum brauche ich Beispiele aus Capua und Rom zu holen, da sie mir Florenz und Toskana liefert? Jedermann weiß, seit wie lange Pistoja sich freiwillig unter florentinische Herrschaft begab. 1351. Ebenso weiß jeder, welche Feindschaft zwischen Florenz, Pisa, Lucca und Siena herrschte. Diese Verschiedenheit der Gesinnung kam nicht daher, daß die Einwohner von Pistoja ihre Freiheit weniger schätzten als die andern und sich nicht für ebenso gut hielten, sondern daher, daß sie von Florenz stets als Brüder, die andern aber als Feinde behandelt wurden. So begab sich Pistoja freiwillig unter die Herrschaft von Florenz, die andern aber wehrten und wehrten sich mit allen Kräften dagegen. Zweifellos wäre Florenz heute Herrin von Toskana, hätte es seine Nachbarn durch Bündnisse und Hilfeleistungen zahm, aber nicht widerspenstig gemacht. Damit soll nicht gesagt sein, daß man Waffengewalt gar nicht anwenden solle; man soll sie nur bis zuletzt aufsparen, wenn alle andern Mittel versagen. Zweiundzwanzigstes Kapitel Wie falsch die Menschen oft wichtige Dinge beurteilen. Wie falsch oft die Ansichten der Menschen sind, sah und sieht jeder, der Zeuge ihrer Beschlüsse ist. Ja, werden diese nicht von hervorragenden Männern gefaßt, so verstoßen sie oft gegen alle Wahrheit. Da nun hervorragende Männer in verderbten Republiken, besonders in ruhigen Zeiten, aus Neid und Ehrgeiz angefeindet werden, so geschieht meist das, was aus einem allgemeinen Irrtum für gut erklärt oder von Leuten vorgeschlagen wird, die mehr die Gunst als das Wohl der Menge erstreben. In Zeiten des Unglücks tritt dieser Irrtum zutage, und dann nimmt man in seiner Not zu den Männern Zuflucht, die in ruhigen Zeiten gleichsam vergessen waren, wie an Ort und Stelle dargelegt werden soll. S. Buch III, Kap. 16. Auch sonst werden Leute ohne große Erfahrung durch manche Ereignisse leicht getäuscht, wenn nämlich ein solcher Vorfall viele wahrscheinliche Seiten hat, die die Menschen in ihren Einbildungen bestärken. Ich komme hierauf durch den Rat, den der Prätor Numisius den Latinern gab, Siehe S. 199. als sie von den Römern geschlagen waren, und durch die Meinung, die ziemlich verbreitet war, als König Franz I. von Frankreich vor einigen Jahren nach Italien zog, um Mailand den Schweizern wieder zu entreißen. Franz von Angoulême, der nach Ludwigs XII. Tode (1515) König von Frankreich wurde, wollte das Herzogtum Mailand, das die Schweizer wenige Jahre zuvor (1512) auf Anstiften des Papstes Julius II. erobert hatten, seinem Reiche wieder einverleiben. Zur Erleichterung seines Unternehmens sah er sich in Italien nach Bundesgenossen um. Außer bei den Venezianern, die schon Ludwig XII. sich wiedergewonnen hatte, Durch den Frieden zu Blois (1513), den Franz I. erneuerte. Für die weiteren Ereignisse s. Lebenslauf, 1515. versuchte er es auch bei Florenz und Papst Leo X., deren Gewinnung ihm besonders wichtig erschien, weil der König von Spanien Truppen in der Lombardei hatte und andre kaiserliche Kriegsvölker in Verona standen. Papst Leo ging auf den Vorschlag des Königs nicht ein, sondern ließ sich von seinen Räten (so hieß es) bereden, neutral zu bleiben, da man ihm bei diesem Entschluß den Sieg als gewiß hinstellte. Denn es läge nicht im Vorteil der Kirche, daß der König oder die Schweizer in Italien mächtig wären, vielmehr müsse man das Land von den Fesseln beider befreien, wenn man ihm zu seiner alten Freiheit verhelfen wolle. Beide zugleich, sei es getrennt, sei es vereint, zu besiegen, sei unmöglich, und so wäre es das beste, daß sie sich gegenseitig aufrieben und daß die Kirche dann mit ihren Verbündeten über den Sieger herfiele. Unmöglich fände sich dazu eine bessere Gelegenheit als jetzt, wo beide gegeneinander im Felde stünden, der Papst aber seine Kriegsmacht bei der Hand habe und sie unter dem Vorwand, seine Länder zu schützen, an der Grenze der Lombardei in der Nähe beider Heere aufstellen könne. Hier könne er abwarten, bis es zur Schlacht käme, die bei der Tapferkeit beider Heere nach aller Wahrscheinlichkeit für beide Teile blutig sein und den Sieger so schwächen werde, daß es für den Papst ein leichtes sei, ihn anzugreifen und zu schlagen. So werde er zu seinem Ruhme Herr über die Lombardei und der Schiedsrichter ganz Italiens werden. Wie falsch diese Rechnung war, zeigte der Erfolg. Denn als die Schweizer nach langem Kampfe geschlagen waren, getrauten sich die päpstlichen und spanischen Truppen nicht etwa, die Sieger anzugreifen, sondern bereiteten sich sogar zur Flucht vor. Und selbst diese hätte ihnen nichts geholfen, hätte der König nicht aus Menschlichkeit oder Gleichgültigkeit einen zweiten Sieg verschmäht und sich mit einem Vertrag mit der Kirche begnügt. Jene Ansicht hatte einige Gründe für sich, die von weitem richtig erscheinen und doch der Wahrheit stracks zuwiderlaufen. Denn der Sieger erleidet selten starke Verluste, weil er seine Leute nur im Kampfe, nicht auf der Flucht verliert. In der Hitze des Gefechts aber, wenn sich Mann gegen Mann gegenüberstehen, fallen wenige, zumal es meist nur kurze Zeit dauert. Sollte es aber auch länger dauern und der Sieger große Verluste haben, so ist doch das Ansehen, das ihm der Sieg erwirbt, und der Schrecken, den er verbreitet, so groß, daß er die Verluste bei weitem überwiegt. Ein Heer also, das ihm in der Meinung entgegentritt, er sei geschwächt, würde sich getäuscht finden, es müßte denn ein Heer sein, das sich jederzeit, vor wie nach dem Siege, mit ihm messen könnte. In diesem Falle könnte es je nach Glück oder Tapferkeit siegen oder unterliegen; in jedem Fall aber wird derjenige, der zuerst gesiegt hat, im Vorteil sein. Das ergibt sich deutlich aus dem Beispiel der Latiner und aus dem Trugschluß des Prätors Numisius, wie aus dem Schicksal der Völker, die ihm glaubten. Nach dem Sieg der Römer über die Latiner Am Vesuv, 340 v. Chr. Vgl. Livius VIII, 9 f. schrie er in ganz Latium aus, nun sei es Zeit, die durch die Schlacht geschwächten Römer anzugreifen. Nur der Name des Siegers sei den Römern geblieben, sonst aber hätten sie alle Verluste wie Besiegte erlitten, und der Angriff der kleinsten Macht müsse sie über den Haufen werfen. Darauf brachten die Völker, die ihm glaubten, ein neues Heer auf, wurden sofort geschlagen Bei Trifanum (340 v. Chr.) über die Latiner und Campanier. Vgl. Livius ebd. und erlitten all den Schaden, den die Anhänger solcher Ansichten stets erleiden werden. Dreiundzwanzigstes Kapitel Wie sehr die Römer den Mittelweg mieden, wenn ein Vorfall sie nötigte, ein Urteil über ihre Untertanen zu sprechen. Iam Latio is status erat rerum, ut neque pacem, neque bellum pati possent. Livius VIII, 13 (338 v. Chr.). (Latium befand sich bereits in solchem Zustand, daß es weder Krieg noch Frieden ertragen konnte.) In der allerunglücklichsten Lage befindet sich ein Fürst oder eine Republik, die dahin gelangt ist, daß sie den Frieden nicht annehmen und den Krieg nicht fortsetzen kann. In solche Umstände kommt ein Staat, wenn er durch die Friedensbedingungen allzusehr leidet und bei Fortsetzung des Krieges entweder einem Bundesgenossen oder dem Feinde zur Beute fällt. In diese Lage gerät er durch schlechte Ratschläge und Entschlüsse infolge Überschätzung der eignen Kräfte, wie wir oben gesagt haben. Denn ein Fürst oder eine Republik, die ihre Kraft richtig einschätzt, kommt schwerlich soweit wie die Latiner, die mit den Römern Frieden schlossen, als sie hätten Krieg führen sollen, und Krieg anfingen, als sie Frieden schließen mußten. Auf diese Weise hatten sie es dahin gebracht, daß die Freundschaft und Feindschaft der Römer ihnen gleich schädlich war. Die Latiner waren also zuerst von Manlius Torquatus, dann von Camillus besiegt und völlig zu Boden geworfen. Dieser hatte sie gezwungen, sich den Römern auf Gnade und Ungnade zu ergeben, in alle Städte Latiums Besatzungen gelegt und von allen Geiseln genommen. Dann kehrte er nach Rom zurück und berichtete dem Senat, ganz Latium liege zu Füßen des römischen Volkes. Da nun das Urteil über Latium bemerkenswert ist und Nachahmung verdient, wenn ein Fürst sich in ähnlicher Lage befindet, will ich die Worte anführen, die Titus Livius dem Camillus in den Mund legt. VIII, 13, 338 v. Chr. nach seinem Sieg bei Pedum über die Tiburtiner. Man ersieht daraus, wie die Römer bei der Vergrößerung ihrer Herrschaft verfuhren, und auch, wie sie bei Urteilen in Staatssachen stets den Mittelweg mieden und die schärfsten Maßnahmen ergriffen. Denn regieren heißt nichts andres, als die Untertanen so zu halten, daß sie dich weder verletzen können noch dürfen. Das erreichst du entweder dadurch, daß du dich ihrer vollkommen versicherst, indem du sie völlig unschädlich machst, oder ihnen so viel Gutes tust, daß sie keine begründete Ursache haben, ihr Los zu ändern. Das alles ersieht man aus dem Vorschlag des Camillus und aus dem hierauf gefällten Urteil des Senats. Seine Worte waren folgende: Dii immortales ita vos potentes huius consilii fecerunt, ut sit Latium deinde an non sit, in vestra manu posuerint. Itaque pacem vobis, quod ad Latinos attinet, parare in perpetuum vel saeviendo vel ignoscendo potestis. Vultis crudeliter consulere in deditos victosque? Licet delere omne Latium. Vultis exemplo maiorum augere rem Romanam, victos in civitatem accipiendo? Materia crescendi per summam gloriam suppeditat. Certe id firmissimum imperium est, quo obedientes gaudent. Illorum igitur animos dum expectatione stupent, seu poena seu beneficio praeoccupari oportet. (Die unsterblichen Götter haben es in eure Hand gelegt, ob Latium künftig sein oder nicht sein soll. Ihr könnt euch daher, was die Latiner betrifft, ewigen Frieden durch Härte oder durch Verzeihung verschaffen. Wollt ihr grausam gegen die verfahren, die besiegt sind und sich ergeben haben? Ihr könnt ganz Latium zerstören. Wollt ihr nach dem Beispiel der Vorfahren den römischen Staat vergrößern, indem ihr den Besiegten das Bürgerrecht verleiht? Die rühmlichste Gelegenheit, euch zu vergrößern, bietet sich dar. Gewiß ist die Herrschaft die festeste, unter der sich die Untertanen wohl fühlen. Jetzt müßt ihr daher, solange sie noch betäubt in Erwartung stehen, ihre Gemüter durch Strafe oder Wohltat gewinnen.) Auf diesen Vorschlag erfolgte der Beschluß des Senats. Er fiel nach den Worten des Konsuls dahin aus, daß man Stadt für Stadt durchging und allen bedeutenden Städten entweder Wohltaten erwies oder sie zerstörte. Den zu Gnaden Angenommenen wurden Vorrechte eingeräumt; sie erhielten das Bürgerrecht und wurden in jeder Weise sichergestellt. Die andern wurden zerstört, Kolonien hingeschickt, die Einwohner nach Rom gebracht oder so zerstreut, daß sie weder durch Gewalt noch durch Aufreizung mehr schaden konnten. Bei den bedeutenden Städten also schlug man, wie gesagt, nie einen Mittelweg ein. Dies Urteil müssen die Fürsten nachahmen, und so hätten auch die Florentiner verfahren sollen, als sich 1502 Arezzo und das ganze Chianatal empörte. s. Lebenslauf, 1502. Dann hätten sie sich ihre Herrschaft gesichert, die Hauptstadt bedeutend vergrößert und ihr den Landbesitz verschafft, der ihr zum Unterhalt fehlte. Sie aber wählten den Mittelweg, der bei Urteilssprüchen der verderblichste ist; sie verbannten einen Teil der Aretiner, verurteilten einen andern zum Tode, nahmen allen ihre Ämter und Würden und ihren alten Rang in der Stadt und ließen Arezzo stehen. Riet ein Bürger in den Beratungen, Arezzo zu zerstören, so sagten die, welche sich für klüger hielten, das würde der Republik wenig Ehre machen, weil es dann schiene, als fehle es Florenz an Kraft, Arezzo zu behaupten. Dies ist einer von den Scheingründen, die in Wirklichkeit falsch sind; denn ebensogut dürfte man einen Vatermörder, Verbrecher und Aufrührer nicht hinrichten, weil es für den Fürsten eine Schande wäre, zu zeigen, daß er nicht stark genug sei, einen einzigen im Zaume zu halten! Leute, die solche Ansichten haben, sehen nicht ein, daß einzelne und eine ganze Stadt sich bisweilen so schwer gegen den Staat vergehen, daß dem Fürsten zum warnenden Beispiel und zur eigenen Sicherheit nichts übrigbleibt, als sie zu vernichten. Die Ehre besteht darin, daß man sie züchtigen kann und sie zu züchtigen versteht, nicht darin, daß man sie unter tausend Gefahren straflos läßt. Denn straft ein Fürst einen Missetäter nicht so, daß er sich nicht wieder vergehen kann, so wird er für unfähig oder für feige gehalten. Wie notwendig jenes Urteil war, das die Römer sprachen, ergibt sich auch noch aus dem Spruch, den sie über die Privernaten fällten. Hier ist aus der Darstellung des Livius VIII, 21 (329 v. Chr.) zweierlei zu lernen. Erstens, daß man, wie gesagt, allen Untertanen entweder wohltun oder sie vernichten muß, und zweitens, daß Freimut und Wahrhaftigkeit gegenüber klugen Männern viel ausrichten kann. Der römische Senat war versammelt, um das Urteil über die Privernaten zu fällen, die sich empört hatten und mit Gewalt wieder zum Gehorsam gebracht waren. Das Volk von Privernum hatte ein Anzahl von Bürgern geschickt, um Verzeihung vom Senat zu erbitten. Als sie vor ihm erschienen, fragte ein Senator einen von ihnen: Quam poenam meritos Privernates censeret? (Welche Strafe die Privernaten nach seiner Meinung verdient hätten?) Der Privernate antwortete: Eam quam merentur, qui se libertate dignos censent . (Die, welche Männer verdienen, die sich der Freiheit für würdig halten.) Worauf der Konsul erwiderte: Quid si poenam remittimus vobis, qualem nos pacem vobiscum habituros speremus? (Wenn wir euch die Strafe erlassen, welchen Frieden haben wir uns dann von euch zu erhoffen?) Jener erwiderte: Si bonam dederitis, et fidelem et perpetuam; si malam, haud diuturnam . (Wenn ihr uns einen guten gebt, einen getreuen und beständigen, wenn ihr einen schlechten gebt, einen kurzen.) Obgleich viele darüber aufgebracht wurden, sprach der weisere Teil des Senats: Se audivisse vocem et liberi et viri, nec credi posse ullum populum aut hominem denique in ea conditione, cuius eum poeniteat, diutius quam necesse sit mansurum. Ibi pacem esse fidam, ubi voluntarii pacati sint, neque eo loco, ubi servitutem esse velint, fidem sperandam esse . (Sie hätten das Wort eines Freien und eines Mannes gehört, denn man könne nicht glauben, daß ein Volk oder auch nur ein Mensch in einer Lage, die ihm zuwider sei, länger verharren werde, als er müsse. Der Friede sei da zuverlässig, wo die Leute sich freiwillig beruhigt hätten; da aber, wo man Knechtschaft wolle, wäre keine Treue zu hoffen.) Auf diese Worte hin wurde beschlossen, die Privernaten zu römischen Bürgern zu machen und sie mit den Vorrechten der Bürger auszustatten, denn eos demum, qui nihil praeterquam de libertate cogitant, dignos esse, qui Romani fiant . (Nur solche, die auf nichts als auf Freiheit sännen, verdienten römische Bürger zu werden.) So sehr gefiel dem hohen Sinn der Römer jene wahre und freimütige Antwort, denn jede andre wäre Lüge und Feigheit gewesen. Wer anders über die Menschen urteilt, zumal über die, welche immer frei waren oder sich dafür hielten, irrt sich und faßt in diesem Irrtum Entschlüsse, die weder gut für ihn selbst sind noch andre befriedigen können. Daher kommen die häufigen Empörungen und der Untergang der Staaten. Um aber wieder zu unserm Gegenstand zurückzukehren, ziehe ich sowohl aus dem letzten Beispiel wie aus dem Urteil über die Latiner diesen Schluß: Wenn man über mächtige und an Freiheit gewöhnte Staaten ein Urteil zu fällen hat, muß man sie entweder vernichten oder ihnen wohltun, sonst ist jeder Urteilsspruch eitel. Man muß durchaus den Mittelweg meiden, da er verderblich ist. Das erfuhren die Samniter, als sie die Römer in dem caudinischen Engpaß eingeschlossen hatten und den Rat jenes Greises nicht befolgen wollten, die Römer entweder mit Ehren abziehen zu lassen oder alle niederzuhauen. Statt dessen schlugen sie einen Mittelweg ein, indem sie das römische Heer entwaffneten, es durchs Joch gehen ließen und es voller Schmach und Ingrimm heimschickten. Bald aber erkannten sie zu ihrem Schaden, wie nützlich der Rat des Greises und wie verderblich ihr Beschluß gewesen war, wie an Ort und Stelle ausführlich erörtert werden soll. S. Buch III, Kap. 40. Vierundzwanzigstes Kapitel Festungen schaden im allgemeinen mehr als sie nützen. Es wird, den Weisen unsrer Zeit vielleicht unüberlegt erscheinen, daß die Römer sich der Völker Latiums und der Stadt Privernum nicht dadurch zu versichern suchten, daß sie dort Festungen anlegten, um sie im Zaume zu halten. Zumal in Florenz gibt es ein Sprichwort, das unsre Weisen im Munde führen, Pisa und andre Städte müßten durch Festungen behauptet werden. Gemeint sind die damals häufigen Zwingburgen, Kastelle oder Zitadellen in den Städten. Gewiß, wären die Römer Leute wie sie gewesen, so wären sie auf die Anlage von Festungen bedacht gewesen; da sie aber andre Tapferkeit, andre Einsicht und Macht besaßen, taten sie es nicht. Solange Rom frei war und seinen vortrefflichen Einrichtungen und Bräuchen treu blieb, erbaute es nie Festungen zur Behauptung von Städten und Ländern, ließ aber einige der schon erbauten stehen. Vergleicht man nun das Verfahren der Römer mit dem der heutigen Fürsten, so scheint es mir der Erörterung wert, ob es gut ist, Festungen anzulegen, und ob sie dem Erbauer Schaden oder Nutzen bringen. Festungen werden erbaut, um sich vor den Feinden oder vor den Untertanen zu sichern. Im ersten Fall sind sie nicht nötig, im zweiten schädlich. Zunächst will ich die Gründe dafür angeben, warum sie im zweiten Fall schädlich sind. Fürchtet sich ein Fürst oder eine Republik vor den Untertanen und vor Empörung, so entsteht diese Furcht aus dem Haß der Untertanen gegen den Fürsten, der Haß aus ihrer schlechten Behandlung und diese aus dem Glauben des Herrschers, sie mit Gewalt im Zaum halten zu können, oder aus seiner Unklugheit. Eins von den Mitteln, wodurch man sie mit Gewalt im Zaum zu halten glaubt, ist, daß man ihnen Festungen auf den Nacken setzt. Die üble Behandlung, die den Haß erzeugt, entsteht also gutenteils daraus, daß der Fürst oder die Republik Festungen besitzt. Trifft dies zu, so erhellt daraus, daß die Festungen weit mehr schaden als nützen. Denn erstens machen sie dich verwegner und gewalttätiger gegen die Untertanen, und zweitens bieten sie dir nicht die Sicherheit, die du dir einbildest. Denn alle Gewalt und aller Zwang, um ein Volk im Zaum zu halten, ist unnütz, außer in zwei Fällen. Entweder du hast immer ein gutes Heer ins Feld zu stellen, wie die Römer, oder du zerstreust und vernichtest das Volk, löst es auf und zersplitterst es derart, daß es sich nicht mehr vereinigen kann, um dir zu schaden. Denn machst du es arm, spoliatis arma supersunt (so bleiben den Beraubten die Waffen), und entwaffnest du es, furor arma ministrat (so schafft die Wut Waffen). Tötest du die Häupter und fährst fort, die Menge zu bedrücken, so wachsen sie neu wie die Häupter der Hydra. Baust du also Festungen, so nützen sie dir im Frieden nur dazu, dich zur Bedrückung deiner Untertanen zu ermutigen, und im Krieg sind sie ganz unnütz, weil sie, vom Feind und von den Untertanen zugleich angegriffen, unmöglich beiden widerstehen können. Waren sie aber je unnütz, so sind sie es jetzt wegen des schweren Geschützes, gegen dessen Gewalt man kleine Plätze, die keine abschnittsweise Verteidigung erlauben, durchaus nicht halten kann, wie oben gezeigt wurde. S. Buch II, Kap. 17. Ich will diesen Gegenstand noch ausführlicher erörtern. Entweder der Fürst will durch Festungen das Volk in der Stadt im Zaume halten, oder der Fürst oder Freistaat will eine im Kriege eroberte Stadt zügeln. Ich wende mich zum Fürsten und sage: Um dein Volk im Zaume zu halten, kann es aus den obigen Gründen nichts Unnützeres geben als eine solche Festung. Denn sie macht dich geneigter und unbedenklicher, das Volk zu unterdrücken, und diese Unterdrückung macht es so entschlossen zu deinem Untergang und entflammt es zu solcher Wut, daß die Festung, die Ursache dieses Hasses, dich nicht mehr schützen kann. Ein weiser und guter Fürst wird daher, sowohl um selbst gut zu bleiben, wie um seinen Söhnen keinen Anlaß zu geben, böse zu werden, nie eine Festung erbauen, damit sie sich nicht auf die Festung, sondern auf die Liebe ihrer Untertanen verlassen. Wenn der Graf Francesco Sforza, der sich zum Herzog von Mailand emporschwang, S. Buch 1, Kap. 17. für weise galt und doch ein Kastell in Mailand erbaute, so war er in diesem Punkte nicht weise, und der Erfolg hat bewiesen, daß dies Kastell seinen Erben zum Schaden und nicht zur Sicherheit gereichte. Denn im Besitz des Kastells glaubten sie, ihres Lebens sicher zu sein und ihre Bürger und Untertanen bedrücken zu können. Es gab keine Gewalttat, die sie nicht begingen, und so wurden sie über die Maßen verhaßt und verloren die Herrschaft bei jedem feindlichen Angriff. Das Kastell aber schützte sie nicht und brachte ihnen im Krieg keinen Nutzen, aber viel Schaden im Frieden. Denn ohne das Kastell und ohne ihre unkluge Härte gegen die Bürger hätten sie die Gefahr eher gemerkt, hätten einen andern Weg eingeschlagen und mit freundlich gesinnten Untertanen ohne Festung den französischen Angriffen kräftiger widerstehen können als mit inneren Feinden und ihrem Kastell. Die Festungen nützen überhaupt nichts, denn entweder gehen sie durch den Verrat der Besatzung oder durch Bestürmung oder durch Hunger verloren. Sollen sie aber etwas nützen und zur Rückeroberung einer verlorenen Stadt beitragen, in der einem nur noch das Kastell geblieben ist, so muß man ein Heer haben, mit dem man den Feind, der einen vertrieben hat, angreifen kann. Und hat man dies Heer, so wird man sein Land unter allen Umständen auch ohne Kastell wiederbekommen, und zwar um so leichter, weil die Bürger einem freundlicher gesinnt sind, als wenn man sie im Besitz einer Zwingburg mißhandelt hat. Die Erfahrung hat gezeigt, daß das Kastell von Mailand weder unter den Sforza noch unter den Franzosen im Unglück irgend etwas genützt hat. Vielmehr hat es beiden großen Schaden und Verlust gebracht, da sie in seinem Besitz nicht darauf bedacht waren, die Stadt auf anständigere Weise zu behaupten. Als der Herzog Guido Ubaldo von Urbino, der Sohn Federigos, ein zu seiner Zeit hochgeschätzter Feldherr, von Cäsar Borgia, dem Sohn des Papstes Alexander VI., aus seinem Staate vertrieben war, aber später durch die Ereignisse wieder zurückkehrte, Federigo von Montefeltro s. Lebenslauf, 1472 und 1474. Sein Sohn Guidohaldo folgte ihm 1482, wurde 1502 von Cäsar Borgia vertrieben, kehrte nach dem Tode Alexanders VI. (1503) zurück und schleifte die Kastelle von Gubbio und Pergola. ließ er alle Festungen im Lande schleifen, da er sie für schädlich hielt. Gegen seine Untertanen, die ihn liebten, wollte er sie nicht haben, und gegen die Feinde konnte er sie nicht verteidigen, da er zu ihrem Schutz eines Feldheeres bedurft hätte. Er entschloß sich also, sie zu schleifen. Papst Julius II. legte nach der Vertreibung der Bentivogli aus Bologna (1506) ein Kastell in dieser Stadt an, dann ließ er das Volk durch seinen Statthalter blutig unterdrücken. Es empörte sich (1511), und das Kastell ging sofort verloren. So nützte ihm das Kastell ebenso wie seine Gewalttätigkeit nicht soviel, wie ein andres Benehmen ihm genützt hätte. Als Niccolò da Castello, der Vater der Vitelli, Niccolò da Castello, Herr von Città di Castello, wurde von Papst Sixtus IV. (Rovere) 1474 vertrieben, gelangte aber nach dessen Tod (1484) wieder zur Herrschaft († 1486). aus der Verbannung in sein Vaterland zurückkehrte, ließ er sofort zwei Festungen schleifen, die Papst Sixtus IV. erbaut hatte, denn er meinte, nicht die Festungen, sondern die Liebe des Volkes müsse ihn im Besitz der Herrschaft erhalten. Das neuste und in jeder Beziehung merkwürdigste Beispiel aber, das am besten die Nutzlosigkeit der Festungen und die Nützlichkeit ihrer Schleifung beweist, ist das von Genua. Bekanntlich empörte sich Genua 1507 gegen König Ludwig XII. von Frankreich, der in eigner Person an der Spitze seiner gesamten Heeresmacht anrückte, um es wieder zu erobern. Nach der Einnahme erbaute er die stärkste aller Festungen, die man bis jetzt kennt, denn sie war durch Lage und alle sonstigen Einrichtungen uneinnehmbar. Auf dem Gipfel eines ins Meer vorspringenden Hügels angelegt, den die Genueser Codefa nannten, bestrich sie den ganzen Hafen und einen großen Teil der Stadt. Als 1512 die Franzosen aus Italien verjagt wurden, empörte sich Genua trotz der Festung, und Ottaviano Fregoso, der die Regierung übernahm, zwang sie nach sechzehnmonatiger mühevoller Belagerung durch Hunger zur Übergabe. Jedermann glaubte nun, und viele rieten ihm, daß er sich diese Festung als Zufluchtsort für den Notfall erhalte, aber als kluger Mann sah er ein, daß nicht die Festungen, sondern der Wille des Volkes die Fürsten im Besitz ihrer Herrschaft erhält, und er schleifte sie. So hat er seine Herrschaft nicht auf die Festung, sondern auf seine Tapferkeit und Klugheit begründet und behauptet sie noch. Während früher 1000 Mann Fußvolk genügten, um eine Staatsumwälzung in Genua hervorzurufen, griffen ihn seine Feinde mit 10 000 Mann an und konnten ihm nichts anhaben. Man ersieht daraus, daß die Schleifung der Festung dem Ottaviano nichts schadete und daß ihre Erbauung den König von Frankreich nicht schützte. Denn wenn er mit einem Heer nach Italien kommen konnte, nahm er Genua wieder ein, ohne eine Festung darin zu haben, konnte er aber mit keinem Heer herbeikommen, so konnte er auch Genua nicht halten, obwohl er im Besitz der Festung war. Ihre Anlage war also für den König kostspielig und ihr Verlust schimpflich, für Ottaviano aber ihre Eroberung ruhmvoll und ihre Schleifung nützlich. Kommen wir jedoch zu den Republiken, die Festungen anlegen, und zwar nicht in der Hauptstadt, sondern in den eroberten Städten. Sollte das angeführte Beispiel von Frankreich und Genua nicht genügen, so dürfte doch das Beispiel von Florenz und Pisa hinreichen, um die Zwecklosigkeit der Festungen nachzuweisen. Um Pisa im Zaum zu halten, legten die Florentiner Festungen an und sahen nicht ein, daß man zur Behauptung einer Stadt, die Florenz stets feindlich gesinnt war, stets in Freiheit gelebt und sich stets empört hatte, um die Freiheit wiederzuerlangen, das Verfahren der Römer nachahmen und sie entweder zur Bundesgenossin machen oder zerstören mußte. Der Wert der Festungen zeigte sich beim Einfall Karls VIII. (1494), dem sie sich durch den Verrat der Besatzung oder aus Furcht vor größerem Unheil ergaben. Wären sie nicht dagewesen, so hätte Florenz sein Vertrauen, Pisa zu halten, nicht auf sie begründet, und der König hätte Florenz nicht durch die Festungen um den Besitz von Pisa bringen können. Vielleicht hätten die Mittel, wodurch man Pisa bis dahin gehalten hatte, auch jetzt zu seiner Verteidigung hingereicht, jedenfalls aber hätten sie die Probe nicht schlechter bestanden als die Festungen. Ich ziehe also den Schluß, daß Festungen zur Sicherung der eignen Stadt schädlich und zur Behauptung eroberter Städte unnütz sind. Dafür soll mir die Autorität der Römer genügen. In den Städten, die sie mit Gewalt halten wollten, rissen sie die Mauern nieder, statt neue zu bauen. Man wird mir gegen diese Ansicht aus dem Altertum wohl Tarent und aus der neueren Zeit Brescia anführen, Städte, die nach ihrer Empörung mit Hilfe der Festungen wieder erobert wurden. Darauf entgegne ich, daß zur Wiedereroberung Tarents zu Anfang eines Jahres Fabius Maximus mit dem ganzen Heere entsandt wurde, 209 v. Chr. Vgl. Livius XXVII, 15. und er hätte die Stadt wohl auch erobert, wenn keine Festung darin im Besitz der Römer gewesen wäre. Wenn Fabius sich dieses Mittels bediente, so hätte er auch, wenn keine Festung dagewesen wäre, ein andres benutzt, das zum gleichen Ziel geführt hätte. Ich weiß nicht, welchen Nutzen eine Festung haben soll, wenn man zur Wiedereroberung einer Stadt ein konsularisches Heer und einen Fabius Maximus als Feldherrn nötig hat. Daß aber die Römer Tarent auf jeden Fall wiedergewonnen hätten, zeigte das Beispiel von Capua, das keine Festung hatte und das durch die Tapferkeit des Heeres zurückerobert wurde. Capua war nach der Schlacht bei Cannae an Hannibal verlorengegangen; es ergab sich den Römern 211 nach vierjähriger Belagerung. Kommen wir jedoch zu Brescia. S. Buch III, Kap. 19. Selten wird es so kommen, wie bei der Empörung dieser Stadt, daß die Zitadelle in deiner Gewalt bleibt, während die Stadt sich empört hat, und daß ein so starkes Heer in der Nähe steht wie das französische. Denn der Feldherr des Königs, Gaston de Foix, stand mit dem Heer bei Bologna, brach auf die Nachricht vom Abfall Brescias sofort auf, kam nach drei Tagen an und gewann mit Hilfe der Zitadelle die Stadt zurück. Um etwas zu nützen, bedurfte die Zitadelle von Brescia also eines Gaston de Foix und eines französischen Heeres, das ihr in drei Tagen zu Hilfe kam. Diese zwei Beispiele reichen daher gegen die gegenteiligen Beispiele nicht aus. Denn viele Festungen sind in den Kriegen unsrer Zeit durch dieselben Glücksfälle erobert und zurückerobert worden wie das flache Land, nicht allein in der Lombardei, sondern auch in der Romagna, im Königreich Neapel und in ganz Italien. Was aber die Anlage von Festungen zum Schutze gegen äußere Feinde betrifft, so behaupte ich, daß sie für Völker und Reiche mit guten Heeren nicht nötig und für die andern unnütz sind. Denn ein gutes Heer kann sich auch ohne Festungen verteidigen, Festungen aber können sich ohne gute Heere nicht halten. Das zeigt die Erfahrung bei Völkern, die in Regierungskunst und andern Dingen für die ersten galten, wie die Römer und Spartaner. Wenn aber die Römer keine Festungen bauten, so duldeten die Spartaner nicht einmal Mauern um ihre Stadt, weil sie sie lediglich durch die Tapferkeit der Bürger und durch nichts andres verteidigen wollten. Als ein Spartaner von einem Athener gefragt wurde, ob er die Mauern Athens schön fände, sagte er: Ja, wenn Weiber dahinter wohnten. Hat also ein Fürst, der ein gutes Heer besitzt, an den Küsten und an den Grenzen ein paar Festungen, die den Feind ein paar Tage aufhalten können, bis er kriegsbereit ist, so kann das manchmal nützlich sein, aber notwendig ist es nicht. Hat aber ein Fürst kein gutes Heer, so sind ihm Festungen im Lande oder an den Grenzen entweder schädlich oder unnütz; schädlich, weil er sie leicht verliert und der Feind sie dann benutzt; unnütz, wenn sie so stark sind, daß der Feind sie nicht nehmen kann, weil er sie dann umgeht. Denn ein gutes Heer dringt, wenn es nicht den kräftigsten Widerstand findet, in Feindesland ein, ohne auf Städte oder Festungen zu achten, die es in seinem Rücken läßt. Das findet man in der alten Geschichte und auch in der neusten Zeit, wo Francesco Maria beim Angriff auf Urbino zehn feindliche Städte unbekümmert in seinem Rücken ließ. Der Fürst also, der ein gutes Heer aufstellen kann, braucht keine Festungen zu bauen, und der kein gutes Heer hat, darf keine bauen. Er soll seine Hauptstadt zwar befestigen, sie mit Kriegsvorrat versehen und sich die Liebe der Bürger erwerben, um einen feindlichen Angriff so lange aushalten zu können, bis ein Vertrag oder auswärtige Hilfe ihn frei macht. Alle übrigen Festungsbauten aber sind im Frieden kostspielig und im Kriege zwecklos. Erwägt man alles Gesagte, so wird man einsehen, daß die Römer, wie in allem, was sie taten, auch in ihrem Urteil über die Latiner und Privernaten weise waren, da sie nicht an Festungen dachten, sondern sich dieser Völker durch wirksamere und klügere Mittel versicherten. Fünfundzwanzigstes Kapitel Eine uneinige Stadt anzugreifen, um sie durch ihre Uneinigkeit zu erobern, ist ein verkehrtes Unternehmen. In der römischen Republik herrschte so großer Zwiespalt zwischen Volk und Adel, daß die Vejenter im Verein mit den Etruskern glaubten, Rom mit Hilfe dieser Uneinigkeit vernichten zu können. Der Streit wegen des Ackergesetzes. Vgl. Livius II, 44 ff. (480 v. Chr.). Sie brachten also ein Heer auf und verwüsteten die Umgegend Roms. Der Senat schickte ihnen den Gnejus Manlius und Marcus Fabius entgegen, die ihnen dicht auf den Leib rückten. Die Vejenter reizten den Feind durch Überfälle und schmähten und beschimpften die Römer fortwährend. Ihre Frechheit und ihr Übermut ging so weit, daß die Römer ihren Hader fahrenließen, sie angriffen und schlugen. Man ersieht daraus, wie schon oben gesagt, wie sehr sich die Menschen bei ihren Maßregeln täuschen, und wie oft sie etwas zu gewinnen glauben und es verlieren. Die Vejenter glaubten zu siegen, wenn sie die entzweiten Römer angriffen, und gerade dieser Angriff einigte die Römer und brachte ihnen selbst Verderben. Die Ursache der Zwietracht in Republiken ist meist Müßiggang und Friede, die Ursache der Einigkeit Furcht und Krieg. Wären die Vejenter also weise gewesen, sie hätten sich um so mehr vor Krieg gehütet, je uneiniger sie Rom sahen, und es durch friedliche Kunstgriffe zu unterdrücken gesucht. Der Weg hierzu ist folgender. Man sucht das Vertrauen der uneinigen Stadt zu gewinnen und, solange sie nicht zu den Waffen greift, sich als Schiedsrichter zwischen beiden Parteien zu halten. Greift sie zu den Waffen, so muß man der schwächeren Partei langsam Hilfe leisten, nicht nur, um den Krieg in die Länge zu ziehen und sie sich gegenseitig aufreiben zu lassen, sondern auch, damit ein Aufgebot bedeutender Kräfte nicht beide Teile auf den Verdacht bringt, daß man sie unterdrücken und ihr Herrscher werden will. Wird das richtig ausgeführt, so wird man fast stets sein Ziel erreichen. Wie ich an andrer Stelle und bei einem andern Anlaß sagte, kam Pistoja nur durch diesen Kunstgriff an die Republik Florenz. 5. Buch II, Kap. 21, und III, 27. Da die Stadt entzweit war, begünstigte Florenz bald die eine, bald die andre Partei und brachte sie ohne Vorwurf von dieser oder jener Seite dahin, daß sie ihres unruhigen Zustandes müde ward und sich freiwillig in die Arme von Florenz warf. Florenz hat die Verfassung in Siena immer nur dann geändert, wenn es eine der beiden Parteien schwach unterstützte. Denn war der Beistand kräftig und stark, so vereinigte sich die Stadt zur Verteidigung der bestehenden Regierung. Ich will noch ein zweites Beispiel hinzufügen. Filippo Visconti, Herzog von Mailand, Filippo Maria Visconti, 1412-1447 Herzog. fing mit Florenz im Vertrauen auf dessen inneren Zwist mehrmals Krieg an und zog immer den kürzeren. Als er sich einmal über seine Feldzüge beklagte, sagte er, die Torheiten der Florentiner hätten ihn zu einer unnützen Ausgabe von 2 Millionen Goldgulden verleitet. Die Vejenter und Etrusker betrogen sich durch die gleiche Einbildung und wurden schließlich von den Römern in einer Schlacht überwunden. Und so wird sich künftig jeder betrügen, der auf ähnliche Weise und aus ähnlichem Anlaß ein Volk zu unterdrücken wähnt. Sechsundzwanzigstes Kapitel Schmähung und Beschimpfung erzeugen Haß gegen ihren Urheber und nützen ihm gar nichts. Ich halte es für ein großes Zeichen von Klugheit, wenn man sich der Drohungen und Beleidigungen durch Worte enthält, denn beides nimmt dem Feind nichts von seiner Kraft, aber Drohungen machen ihn vorsichtiger, und Beleidigungen steigern seinen Haß und spornen ihn an, auf dein Verderben zu sinnen. Das sieht man an dem Beispiel der Vejenter im letzten Kapitel, die zur Unbill des Krieges gegen die Römer noch Schimpfworte hinzufügten. Dergleichen muß jeder verständige Feldherr seinen Soldaten untersagen, weil es den Feind nur zur Rache entflammt und seine Kräfte in keiner Weise schmälert; vielmehr sind es nur Waffen, die sich gegen dich selbst kehren. Ein bemerkenswertes Beispiel dafür trug sich einst in Asien zu. Der persische Feldherr Cabades hatte längere Zeit Amida belagert, 502 v. Chr. und da er der langwierigen Belagerung satt war, beschloß er abzuziehen. Er brach schon sein Lager ab, als die Einwohner der Stadt, übermütig ob des Sieges, auf die Mauern kamen, die Belagerer in jeder Weise verhöhnten und schmähten und ihnen Feigheit und Niedertracht vorwarfen. Darüber aufgebracht, änderte Cabades seinen Beschluß und begann die Belagerung von neuem. Und so groß war der Unwille über die Kränkung, daß er die Stadt in wenigen Tagen einnahm und zerstörte. Das gleiche Schicksal traf die Vejenter, die, nicht zufrieden damit, die Römer zu bekriegen, sie auch noch mit Worten verhöhnten und bis an die Verschanzungen des Lagers vorgingen, um ihnen Schimpfworte zuzurufen, so daß sie die Feinde weit mehr mit Worten als mit Waffen gegen sich aufbrachten. Dieselben Soldaten, die bisher mit Widerstreben fochten, zwangen jetzt die Konsuln zur Schlacht. So wurden die Vejenter wie die Amider für ihre Frechheit bestraft. Gute Feldherren und gute Leiter von Republiken müssen daher auf jede mögliche Weise dahin wirken, daß solche Beleidigungen und Beschimpfungen weder in der Stadt noch beim Heere, weder untereinander noch gegen den Feind vorkommen. Denn gegen den Feind haben sie die genannte üble Wirkung, in der Städte wäre die Wirkung noch schlimmer, wenn man nicht vorbeugt, wie es kluge Männer stets taten. Als sich die in Capua zurückgelassenen römischen Legionen gegen die Capuaner verschworen, wie an Ort und Stelle erzählt werden soll, S. Buch III, Kap. 6 (342 v. Chr.). brach infolge dieser Verschwörung eine Meuterei aus, die Valerius Corvus beilegte. Bei dem Vergleich wurden unter anderm auch die schwersten Strafen für die festgesetzt, die jemals einem Soldaten diese Meuterei vorwürfen. Livius VII, 41, sagt nur, die Meuterei sollte den Soldaten weder im Ernst noch im Scherz vorgeworfen werden. Tiberius Gracchus, der im Kriege gegen Hannibal zum Befehlshaber einer Anzahl von Sklaven ernannt war, Er siegte mit ihnen 214 v. Chr. bei Benevent. Vgl. Livius XXIV, 14 ff. die die Römer aus Mangel an Leuten bewaffnet hatten, setzte vor allem die Todesstrafe für jeden fest, der einem von ihnen ihren Sklavenstand vorwürfe. Für so schädlich hielten es die Römer, wie oben gesagt, die Menschen herabzusetzen und ihnen etwas Schimpfliches vorzuwerfen, denn nichts erbittert die Gemüter mehr und erzeugt größeren Unwillen, mag es im Ernst oder Scherz gesagt sein. Nam facetiae asperae, quando nimium ex vero traxere, acrem sui memoriam relinquunt . (Denn beißende Scherze, die zuviel Wahres enthalten, lassen bittere Erinnerungen zurück.) Siebenundzwanzigstes Kapitel Kluge Fürsten und Republiken müssen sich mit dem Siege begnügen; denn man verliert meistens, wenn man sich nicht begnügt. Entehrende Worte gegen den Feind rühren meist vom Übermut her, den der Sieg oder die falsche Siegeshoffnung erzeugt. Diese falsche Hoffnung verleitet die Menschen nicht nur im Reden, sondern auch im Handeln zu Fehlern. Denn bemächtigt sie sich des Menschen, so vergißt er Maß und Ziel und versäumt meist die Gelegenheit, ein sichres Gut über der Hoffnung auf ein unsichres Besseres zu erreichen. Dieser Punkt verdient Beachtung, da sich die Menschen sehr häufig zum Nachteil ihrer Sache täuschen. Es scheint mir daher der Mühe wert, ihn durch alte und neue Beispiele ausführlich zu erläutern, weil man es durch Gründe nicht so deutlich vermag. Nach der Niederlage der Römer bei Cannae schickte Hannibal Gesandte nach Karthago, um den Sieg zu melden und Verstärkung zu fordern. Livius XXIII, 11 ff. Im Senat stritt man darüber, was zu tun sei. Hanno, ein alter, kluger karthagischer Bürger, riet, den Sieg weislich zum Friedensschluß mit den Römern zu benutzen, da man als Sieger ehrenvolle Bedingungen erlangen könne. Man solle nicht so lange warten, bis man nach einer Niederlage zum Frieden gezwungen sei. Die Karthager müßten nur darauf bedacht sein, den Römern zu zeigen, daß sie imstande seien, ihnen die Spitze zu bieten. Da sie jetzt gesiegt hätten, dürften sie diesen Sieg nicht in der Hoffnung auf größere Siege aufs Spiel setzen. Sein Rat wurde nicht befolgt, aber später, als die Gelegenheit verpaßt war, erkannte ihn der karthagische Senat als weise. Als Alexander der Große fast den ganzen Orient erobert hatte, schickte die Republik Tyrus, damals berühmt und mächtig, weil die Stadt, wie Venedig, im Meere lag, in Anbetracht seiner Größe Gesandte an ihn, mit dem Erbieten, ihm treu zu dienen und ihm in allem Gehorsam zu leisten, nur wollte sie weder ihn noch seine Truppen in die Stadt aufnehmen. Entrüstet, daß ihm eine Stadt ihre Tore verschließen wollte, wo ihm die ganze Welt die ihren geöffnet hatte, wies Alexander die Gesandten mit ihren Bedingungen ab und belagerte Tyrus. Es lag mitten im Wasser und war mit Lebensmittel und Kriegsbedarf aufs beste versehen, so daß Alexander nach vier Monaten einsah, daß diese eine Stadt seinem Ruhme mehr Zeit raubte als viele Eroberungen. Er entschloß sich also, sich auf einen Vergleich einzulassen und ihr das zuzugestehen, was sie selbst verlangt hatte. Aber die Tyrier waren übermütig geworden. Sie schlugen nicht nur den Vergleich aus, sondern ermordeten sogar die mit dem Abschluß Beauftragten. Hierüber ergrimmt, betrieb Alexander die Belagerung mit solchem Nachdruck, daß er die Stadt einnahm, sie zerstörte und die Einwohner tötete oder zu Sklaven machte. 332 v. Chr. Vgl. Quintus Curtius, IV, 7-19. Im Jahre 1512 drang ein spanisches Heer in das Gebiet von Florenz ein, um die Medici zurückzuführen und die Stadt zu brandschatzen. Es war von einigen Bürgern herbeigerufen, die den Spaniern Hoffnung gemacht hatten, sie würden sogleich nach ihrem Einrücken ins Florentiner Gebiet die Waffen ergreifen. Als nun die Spanier in die Ebene hinabstiegen und niemand vorfanden, aber Mangel an Lebensmitteln litten, versuchten sie, zu unterhandeln. Allein durch dies Angebot aufgeblasen, ging das Volk von Florenz nicht darauf ein, und die Folge war der Verlust Pratos und der Sturz der Republik. S. Lebenslauf, 1512. Fürsten, die von einem übermächtigen Gegner angegriffen werden, können daher keinen größeren Fehler begehen, als jeden Vergleich auszuschlagen, zumal wenn er angeboten wird; denn nie wird ein so schlechter angeboten werden, daß der Annehmende nicht einigermaßen seinen Vorteil dabei findet und dadurch einen Teil von dem erreicht, was ihm ein Sieg gegeben hätte. Die Tyrier mußten sich also damit begnügen, daß Alexander die anfangs abgeschlagenen Bedingungen annahm, und ihr Sieg war groß genug, wenn sie mit den Waffen in der Hand einen so großen Mann dahinbrachten, ihren Willen zu tun. Ebenso mußte es den Florentinern genügen, und der Sieg war groß genug, wenn das spanische Heer einem ihrer Wünsche nachgab und die eignen nicht alle erreichte. Denn die Absicht dieses Heeres ging dahin, die Regierung in Florenz zu stürzen, es von Frankreich abwendig zu machen und Geld zu bekommen. Hätte es von diesen drei Wünschen zwei erreicht, nämlich die beiden letzten, und hätte Florenz sich mit einem begnügt, nämlich seine Verfassung beizubehalten, so hätte für beide Teile etwas Ehrenvolles und Befriedigendes darin gelegen. Das Volk mußte über jene beiden andern Punkte hinwegsehen, da es ja seine Freiheit behielt. Selbst mit einem fast sichren und größeren Sieg vor Augen durfte es diesen doch nicht dem Glück anheimstellen und sein Letztes aufs Spiel setzen, was kein kluger Mann je ohne Not wagen wird. Als Hannibal nach sechzehn ruhmvollen Kriegsjahren Italien verließ, weil ihn die Karthager zu Hilfe in ihr Vaterland riefen, fand er den Hasdrubal und Syphax geschlagen, das Königreich Numidien verloren, Karthago auf den Umfang seiner Mauern beschränkt, ohne andre Rettung als ihn und sein Heer. In dem Bewußtsein, daß dies der letzte Einsatz seines Vaterlandes war, wollte er ihn nicht aufs Spiel setzen, bis er jedes andre Mittel versucht hatte. Er schämte sich also nicht, um Frieden zu bitten, denn er wußte wohl, wenn seinem Vaterland noch ein Rettungsmittel blieb, so lag es im Frieden und nicht im Kriege. Als jedoch der Friede verweigert wurde und alles verloren war, wollte er noch das Schlachtglück versuchen Bei Zama (202 v. Chr.). und entweder siegen oder ruhmvoll untergehen. Wenn nun Hannibal, der so tapfer war und ein ungeschlagenes Heer hatte, eher den Frieden als die Schlacht suchte, als er sah, daß sein Vaterland durch eine Niederlage in Knechtschaft geriet, was soll dann ein andrer von geringerer Tapferkeit und Erfahrung tun? Aber die Menschen machen den Fehler, daß sie ihren Hoffnungen keine Grenzen zu setzen wissen. Sie verlassen sich auf diese, ohne ihre Kräfte zu messen, und rennen in ihr Verderben. Achtundzwanzigstes Kapitel Wie gefährlich es für eine Republik oder für einen Fürsten ist, eine dem Staat oder einem einzelnen zugefügte Beleidigung nicht zu strafen. Wozu der Unwille die Menschen bringen kann, sieht man deutlich aus dem, was den Römern widerfuhr, als sie die drei Fabier als Gesandte zu den Galliern schickten, die Etrurien und besonders Clusium angegriffen hatten. 391 v. Chr. Als sich nämlich das Volk von Clusium um Hilfe nach Rom gewandt hatte, schickten die Römer Gesandte zu den Galliern, die ihnen im Namen des römischen Volkes bedeuten sollten, den Krieg gegen die Etrusker aufzugeben. Aber die Gesandten waren mehr Männer der Tat als des Wortes. Als sie dort angelangt waren und es zwischen den Galliern und Etruskern zum Kampfe kam, fochten sie in den vordersten Reihen der Etrusker mit. Die Folge war, daß die Gallier sie erkannten und nun allen Unwillen, den sie gegen die Etrusker hegten, gegen die Römer kehrten. Vergrößert wurde dieser Unwille noch, als sich die Gallier beim römischen Senat über die Kränkung beschwerten und zur Sühne für den erlittenen Schaden die Auslieferung der drei Fabier verlangten. Sie wurden nämlich weder ausgeliefert, noch anderweitig bestraft, sondern vielmehr bei den nächsten Comitien zu Tribunen mit konsularischer Gewalt ernannt. Als die Gallier die Leute geehrt sahen, die Strafe verdient hatten, glaubten sie, daß dies bloß zu ihrer Schande und Kränkung geschehe, rückten, von Zorn und Grimm entbrannt, gegen Rom und eroberten es bis auf das Kapitol. Dies Unglück kam über Rom nur durch die Mißachtung der Gerechtigkeit, da es seine Gesandten, die sich contra ius gentium Livius V, 36. (gegen das Völkerrecht) vergangen hatten, auszeichnete, statt sie zu strafen. Man ersieht daraus, wie sehr jede Republik und jeder Fürst sich hüten muß, nicht nur ein ganzes Volk, sondern auch einen einzelnen nicht derart zu beleidigen. Denn ist jemand vom Staate oder von einem Privatmann schwer beleidigt worden, und erhält er keine ausreichende Genugtuung, so trachtet er, wenn er in einer Republik lebt, nach Rache, selbst wenn die Republik darüber zugrunde geht; lebt er aber in einer Monarchie und besitzt er einiges Ehrgefühl, so wird er nicht eher ruhen, bis er sich an ihm gerächt hat, sollte er auch sein eignes Verderben besiegeln. Zur Bestätigung dafür gibt es kein treffenderes und wahreres Beispiel als das des Philipp von Mazedonien, des Vaters Alexanders des Großen. Der König hatte an seinem Hof den Pausanias, einen schönen, vornehmen Jüngling, in den Attalos, einer der Ersten in Philipps Umgebung, verliebt war. Nachdem er ihn mehrmals um Gegenliebe gebeten hatte, ihn aber abgeneigt fand, beschloß er, durch List und Gewalt zu erreichen, was er auf andre Weise nicht erlangen konnte. Er veranstaltete also ein Festmahl, zu dem Pausanias und andre Vornehme erschienen, und als alle voll Speisen und Wein waren, ließ er den Pausanias ergreifen, ihn beiseite führen und befriedigte da nicht allein mit Gewalt seine Lust an ihm, sondern ließ ihn zu größerer Schmach auch noch von vielen andern mißbrauchen. Pausanias beschwerte sich bei Philipp mehrfach über diese Kränkung, aber der König hielt ihn eine Weile mit der Hoffnung auf Vergeltung hin, ohne sein Wort zu halten, vielmehr ernannte er den Attalos zum Statthalter einer griechischen Provinz. Als nun Pausanias seinen Feind nicht gezüchtigt, sondern geehrt sah, wandte sich sein ganzer Grimm nicht gegen den, der ihm den Schimpf angetan, sondern gegen Philipp, der ihm die Rache versagt hatte, und ermordete ihn an einem feierlichen Morgen, bei der Hochzeit von Philipps Tochter mit Alexander von Epirus, als der König zwischen den beiden Alexandern, dem Eidam und dem Sohne, zum Tempel schritt. 336 v. Chr. Attalos wurde noch im selben Jahre von Alexander beseitigt. Dies Beispiel hat große Ähnlichkeit mit dem der Römer. Jeder Regent möge daraus lernen, daß er nie einen Menschen so geringschätzen darf, um zu glauben, der Beleidigte werde, wenn er Beleidigungen auf Beleidigungen häuft, nicht trotz aller Gefahr und trotz seines eignen Schadens auf Rache sinnen. Neunundzwanzigstes Kapitel Das Schicksal verblendet die Menschen, damit sie sich seinen Absichten nicht widersetzen. Wer den Lauf der Welt genau betrachtet, wird oft Dinge kommen und Ereignisse eintreten sehen, denen der Himmel durchaus nicht vorgebeugt haben will. Wenn das aber in Rom geschah, wo soviel Tapferkeit, Religion und Ordnung herrschte, so ist es kein Wunder, wenn es noch viel häufiger in einer Stadt oder in einem Lande vorkommt, wo diese Vorzüge fehlen. Weil sich hier nun eine denkwürdige Gelegenheit bietet, die Macht des Himmels über alle menschlichen Dinge zu beweisen, so hat es Livius ausführlich und mit den eindringlichsten Worten getan. V, 37. Da der Himmel, sagt er, den Römern zu irgendeinem Zweck seine Macht offenbaren wollte, ließ er zuerst die Fabier, die als Gesandte zu den Galliern gingen, einen Fehler begehen und sie durch ihr Benehmen jenes Volk zum Krieg gegen Rom reizen. Dann fügte er es, daß zur Abwendung dieses Krieges nichts geschah, was des römischen Volkes würdig gewesen wäre, denn zunächst ließ er den Camillus, den einzigen Retter in so großer Not, nach Ardea in die Verbannung schicken, und dann, als die Gallier auf Rom rückten, ließ er dieselben Römer, die zur Abwehr der Volsker und andrer feindlicher Nachbarn so oft einen Diktator ernannt hatten, dies beim Angriff der Gallier unterlassen. Selbst die Aushebung der Soldaten fand nur in geringem Umfang und ohne besondere Sorgfalt statt. Ja, sie griffen so lässig zu den Waffen, daß das Heer den Galliern kaum bis zur Allia, zehn Miglien von Rom, entgegenrückte. Hier schlugen die Tribunen ihr Lager ohne jede gewohnte Vorsichtsmaßregel auf, denn sie suchten vorher nicht den Ort aus, umgaben es nicht mit Gräben und Pfahlwerk und benutzten kein menschliches noch göttliches Hilfsmittel. Bei der Aufstellung in Schlachtordnung machten sie die Glieder schwach und dünn; kurz, weder Soldaten noch Führer benahmen sich der römischen Kriegszucht würdig. Darauf kämpften sie ohne Blutvergießen, denn sie flohen, ehe sie angegriffen wurden, und der größte Teil lief nach Veji. Die übrigen retteten sich nach Rom, wo sie, ohne ihre Häuser zu betreten, aufs Kapitol eilten. Der Senat dachte nicht an die Verteidigung Roms, ließ nicht einmal die Tore schließen und ergriff teils die Flucht, teils eilte er mit den andern aufs Kapitol. Nur bei der Verteidigung dieser Burg benahmen sie sich nicht so überstürzt, denn sie überfüllten sie nicht mit unnützen Leuten, schafften soviel Getreide wie möglich hinein, um eine Belagerung aushalten zu können, und der unnütze Haufen der Greise, Frauen und Kinder floh größtenteils in die umliegenden Ortschaften, der Rest blieb in Rom und fiel den Galliern zur Beute. Wer die früheren Taten dieses Volkes in so vielen Jahren gelesen hat und dann diese Tat liest, wird kaum glauben, daß es ein und dasselbe Volk war. Nachdem Titus Livius alle obigen Mißgriffe geschildert hat, schließt er mit den Worten: Adeo obcaecat animos fortuna, cum vim suam ingruentem refringi non vult . V, 37. (So verblendet das Schicksal die Geister, wenn es nicht will, daß sein Hereinbrechen gehemmt wird.) Nichts ist wahrer als dieser Schluß. Daher verdienen auch die Menschen, die gewöhnlich im Glück oder Unglück leben, weniger Tadel oder Lob. Denn meist wird man sehen, daß sie dadurch zu ihrer Größe oder zu ihrem Sturz gelangten, daß ihnen der Himmel die Gelegenheit zu einer trefflichen Tat schenkte oder nahm. Will das Schicksal etwas Großes vollbringen, so wählt es einen Mann von so viel Geist und Mut aus, daß er die Gelegenheiten, die es ihm bietet, erkennt. Ebenso stellt es, wenn es große Umwälzungen vollbringen will, Männer an die Spitze, die diesen Sturz befördern. Wäre ein Mann da, der ihm Einhalt tun könnte, so tötet es ihn oder beraubt ihn jeder Möglichkeit, etwas Heilsames zu tun. Das erkennt man aufs deutlichste an diesem Fall. Um Rom zu erhöhen und zu seiner Größe zu führen, hielt das Schicksal es für nötig, es zu demütigen, wie wir am Anfang des nächsten Buches ausführlich zeigen werden, S. Buch III, Kap. 1. es aber nicht völlig untergehen zu lassen. Es ließ daher den Camillus verbannen, aber nicht sterben, zwar Rom, aber nicht das Kapitol erobern; es hinderte die Römer, zur Verteidigung Roms einen guten Gedanken zu fassen, ließ sie aber zur Verteidigung des Kapitols keine nützliche Maßregel versäumen. Damit Rom erobert würde, fügte es, daß die Mehrzahl der an der Allia Geschlagenen nach Veji floh; damit nahm es Rom alle Verteidigungsmittel. Und während es dies alles tat, bereitete es zugleich alles zur Wiedereroberung Roms vor, denn es hatte ein ganzes römisches Heer nach Veji und Camillus nach Ardea geführt, damit es unter einem Feldherrn, dessen Ruf nicht durch den Makel einer Niederlage befleckt war, große Dinge vollbringen konnte. Zur Bestätigung des Gesagten wäre noch manches neuere Beispiel anzuführen, aber ich halte es für überflüssig, weil dies jedem genügen kann, und übergehe es daher. Wohl aber versichre ich nochmals: es ist eine unumstößliche Wahrheit, die die ganze Geschichte bezeugt, daß die Menschen das Schicksal zwar befördern, nicht aber aufhalten können. Sie können seine Fäden spinnen, nicht aber zerreißen. Gleichwohl dürfen sie sich ihm nie überlassen. Da sie seine Absicht nicht kennen und es krumme und unbekannte Wege geht, müssen sie immer hoffen und im Hoffen sich nie ergeben, in keiner Lage und in keiner Not. Dreißigstes Kapitel Wahrhaft mächtige Republiken und Fürsten erkaufen Bündnisse nicht mit Geld, sondern mit Tapferkeit und Waffenruhm. Die Römer wurden im Kapitol belagert, und obwohl sie Hilfe von Veji durch Camillus erwarteten, gingen sie, vom Hunger getrieben, einen Vergleich mit den Galliern ein. Sie wollten sich durch eine Geldsumme loskaufen und wogen das Gold schon ab, als Camillus mit seinem Heere erschien. So fügte es das Geschick, sagt Livius, V, 49. ut Romani auro redempti non viverent (damit die Römer ihr Leben nicht mit Gold erkauften). Das ist nicht nur hier bemerkenswert, sondern im Verlauf der ganzen römischen Geschichte. Nie eroberten sie Städte durch Geld, niemals erkauften sie Frieden durch Geld, sondern stets durch die Tapferkeit ihrer Heere, was wohl nie einer andern Republik gelungen ist. Die Macht eines Staates läßt sich unter anderm auch daraus erkennen, wie er mit seinen Nachbarn steht. Bezahlen ihm die Nachbarn Subsidien, um ihn zum Freunde zu haben, so ist das ein sichres Zeichen seiner Macht. Beziehen dagegen die Nachbarn Geld von ihm, obgleich sie kleiner sind als er, so ist das ein deutliches Merkmal seiner Schwäche. Man lese die ganze römische Geschichte, und man wird sehen, daß die Massilier, die Äduer, die Rhodier, Hiero von Syrakus, die Könige Eumenes und Masinissa, Rhodos hatte gegen Mazedonien zu Rom gehalten, wurde jedoch nach dessen Niederwerfung von Rom gedemütigt. – Hiero II. von Syrakus (König 269-216), seit 263 Bundesgenosse der Römer, hielt diesen im ersten und zweiten punischen Kriege die Treue. lauter Grenznachbarn des römischen Reiches, um mit ihm in Freundschaft zu stehen, zu seinen Bedürfnissen Geld und Tribut beitrugen und dafür keinen andern Lohn verlangten als seinen Schutz. Das Gegenteil wird man bei schwachen Staaten finden. Um mit Florenz zu beginnen, gab es früher, zur Zeit seines höchsten Ansehens, kein Herrchen in der Romagna, das kein Gehalt von ihm bezog; außerdem zahlte es Jahresgelder an Perugia, Città di Castello und an alle seine andern Nachbarn. Wäre der Staat bewaffnet und kräftig gewesen, so wäre es umgekehrt gekommen; denn um seinen Schutz zu genießen, hätten alle ihm Geld gegeben, nicht um ihre Freundschaft zu verkaufen, sondern die seine zu erkaufen. Aber nicht nur Florenz ist so erbärmlich gewesen, sondern auch Venedig und der König von Frankreich, der mit einem so großen Reiche den Schweizern und dem König von England tributpflichtig ist. Das kommt aber nur daher, daß ihre Völker unbewaffnet sind und daß der König und die andern Genannten den augenblicklichen Vorteil vorzogen, das Volk auszuplündern, und daß sie lieber einer mehr eingebildeten als wirklichen Gefahr entfliehen wollten, als etwas zu tun, das ihnen Sicherheit verschaffen und ihre Staaten für immer glücklich machen könnte. Schafft aber dieser Übelstand auch für eine Weile Ruhe, so führt er in der Folge doch notwendig zu Bedrängnis, Verlusten und unabwendbarem Untergang. Es würde zu weit führen, hier zu erzählen, wie oft Florenz, Venedig und der König von Frankreich sich vom Kriege losgekauft und wie oft sie sich einer Schmach unterworfen haben, der die Römer sich nur ein einziges Mal unterwerfen wollten. Es würde zu weit führen, hier zu erzählen, wieviel Städte Florenz und Venedig erkauft hat. Nachher hat man gesehen, welche Unordnung daraus entstand, und erkannt, daß man das, was man mit Gold erobert hatte, nicht mit Eisen zu behaupten vermochte. Solange die Römer frei waren, blieben sie ihrer hohen Gesinnung und ihren Grundsätzen treu. Als sie aber unter die Kaiser kamen und diese schlecht wurden und den Schatten mehr liebten als die Sonne, fingen auch sie an, bald von den Parthern, bald von den Germanen, bald von andern Nachbarn sich loszukaufen, und das war der Anfang des Verfalls dieses gewaltigen Reiches. Diese Übelstände entstanden also daraus, daß die Völker wehrlos gemacht waren. Aber es entspringt daraus noch ein weit größerer, nämlich, daß du um so schwächer wirst, je näher dir der Feind kommt. Denn wer in der oben genannten Weise verfährt, behandelt die Untertanen seines Reiches zu schlecht, um sie zur Abwehr des Feindes geneigt zu machen. Er muß daher den Herren und Völkern, die an seinen Grenzen wohnen, Gehälter geben, um den Feind möglichst weit abzuhalten. Daher kommt es, daß solche Staaten an ihren Grenzen einigen Widerstand leisten, hat aber der Feind die Grenzen überschritten, so ist alles verloren. Die Herrscher sehen aber nicht ein, daß dies Verfahren aller guten Ordnung zuwiderläuft. Denn das Herz und die edlen Teile des Körpers müssen gewappnet sein, nicht die Gliedmaßen, weil er ohne diese leben kann; sind aber jene verletzt, so stirbt er. Solche Staaten haben also ein ungewappnetes Herz und gepanzerte Hände und Füße. Was diese Verkehrtheit Florenz geschadet hat, sah und sieht man jeden Tag. Sobald ein Heer über seine Grenzen kommt und sich dem Herzen nähert, findet es keinen Widerstand mehr. Vor wenigen Jahren machte Venedig die gleiche Erfahrung, S. Lebenslauf, 1509. und läge die Stadt nicht mitten im Wasser, so hätte man ihr Ende gesehen. Nicht so häufig sah man dies in Frankreich, weil es ein sehr großes Reich ist, das wenige überlegene Feinde hat. Trotzdem zitterte das ganze Land, als es 1513 von England angegriffen wurde, und der König selbst wie jeder andre urteilte, daß eine einzige Niederlage ihm die Krone kosten könnte. S. Lebenslauf, 1513. Das Gegenteil war bei den Römern der Fall, denn je mehr sich der Feind Rom näherte, um so stärker wurde sein Widerstand. Beim Krieg gegen Hannibal, nach drei Niederlagen, nachdem so viele Feldherren und Soldaten gefallen waren, konnte Rom nicht nur dem Feinde standhalten, sondern den Krieg noch gewinnen. Das kam bloß daher, daß das Herz gewappnet war und daß auf die Gliedmaßen wenig Rücksicht genommen wurde. Die Grundlage des Staats war das Volk von Rom, die Völker Latiums, die übrigen Bundesgenossen in Italien und die Kolonien, die zusammen Soldaten genug lieferten, um die ganze Welt zu bekriegen und zu beherrschen. Wie sehr das zutrifft, ersieht man aus der Frage, die der Karthager Hanno nach der Schlacht bei Cannae an die Gesandten Hannibals richtete. Als diese Hannibals Taten rühmten, fragte Hanno, ob vom römischen Volke einer gekommen sei, um Frieden zu bitten, oder ob eine Stadt Latiums oder eine Kolonie sich gegen die Römer empört hätte. Als sie beides verneinten, entgegnete Hanno: »Der Krieg ist noch so wie vorher.« Man sieht also aus dieser Erörterung wie aus dem, was wir sonst mehrfach gesagt haben, wie verschieden das Verfahren der heutigen Republiken von dem der alten ist. Darum sieht man auch täglich wunderbare Verluste und wunderbare Eroberungen. Denn wo die Menschen wenig taugen, da zeigt das Glück erst recht seine Macht, und da es veränderlich ist, wechseln die Republiken und Staaten oft und werden immer wechseln, bis sich jemand erhebt, der das Altertum so verehrt, daß er dem Glück Schranken zieht und ihm nicht erlaubt, bei jedem Sonnenumlauf zu zeigen, wieviel es vermag. Einunddreißigstes Kapitel Wie gefährlich es ist, den Verbannten zu trauen. Es erscheint mir nicht unangebracht, in diesen Erörterungen auch darüber zu reden, wie gefährlich es ist, Leuten zu trauen, die aus ihrem Vaterland vertrieben sind, zumal die Regierenden hiermit täglich zu tun haben. Ich kann dies durch ein merkwürdiges Beispiel beweisen, das Livius in seiner Geschichte anführt, VIII, 24. obwohl es eigentlich nicht dorthin gehört. Als Alexander der Große mit dem Heer nach Asien zog, kam sein Oheim und Schwager, Alexander von Epirus, mit Truppen nach Italien, gerufen von den verbannten Lukanern, die ihm Hoffnung gemacht hatten, er werde mit ihrer Hilfe das ganze Land erobern. Als er im Vertrauen auf ihr Wort und in dieser Hoffnung nach Italien kam, wurde er von ihnen ermordet, da ihnen ihre Mitbürger die Rückkehr in ihr Vaterland unter dieser Bedingung versprochen hatten. Alexander der Molosser erfocht anfangs, von Tarent gerufen, Erfolge gegen die Lukaner und Samniter und andere Völkerschaften, entzweite sich aber mit Tarent und verlor dadurch seinen lukanischen Anhang. Er wurde 332 v. Chr. ermordet. Man kann daraus schließen, wie eitel die Versprechungen und die Treue von Leuten sind, die aus ihrem Vaterlande vertrieben sind. Denn was die Treue betrifft, so kann man sicher sein: sobald sie auf einem andern Weg als durch dich in die Heimat zurückkommen können, werden sie dich trotz aller Versprechungen verlassen und sich zu den andern schlagen. Und was die eitlen Versprechungen und Hoffnungen betrifft, so ist ihre Sehnsucht, in die Heimat zurückzukehren, so stark, daß sie natürlich viel Falsches glauben und vieles hinzu erfinden, um dich durch das, was sie glauben und zu glauben vorgeben, mit Hoffnungen zu erfüllen. Verläßt du dich also darauf, so hast du entweder vergebliche Kosten, oder du verwickelst dich in ein Unternehmen, bei dem du zugrunde gehst. Als Beispiel soll mir außer Alexander der Athener Themistokles genügen. Nachdem er sich empört hatte, floh er nach Asien zu Darius und versprach ihm so viel, wenn er Griechenland angreifen wolle, daß Darius sich dazu entschloß. Als Themistokles dann sein Versprechen nicht halten konnte, vergiftete er sich aus Scham oder aus Furcht vor Strafe. Er wurde 470 v. Chr. verbannt und starb um 460, nach Thukydides eines natürlichen Todes. Der Perserkönig war Artaxerxes I. Wenn aber ein Mann wie Themistokles diesen Irrtum beging, so läßt sich ermessen, wieviel mehr sich andre irren müssen, die weniger taugen als jener und sich daher mehr von ihren Wünschen und Leidenschaften hinreißen lassen. Ein Fürst muß daher sehr vorsichtig sein, auf den Bericht eines Verbannten hin etwas zu unternehmen, denn meistens hat er nur Schande oder großen Schaden davon. Auch die Einnahme einer Stadt durch List und durch Einverständnis mit einem Teil der Einwohner glückt selten. Es scheint mir nicht unangebracht, im nächsten Kapitel darüber zu reden und hinzuzufügen, auf wieviel Arten die Römer Städte eroberten. Zweiunddreißigstes Kapitel Auf wieviel Arten die Römer Städte eroberten. Alles Sinnen und Trachten der Römer ging auf den Krieg. Sie führten ihn daher stets mit allem möglichen Vorteil, sowohl in Hinsicht auf die Kosten, wie auf alles andre zum Krieg Erforderliche. Daher hüteten sie sich wohl, Städte durch Belagerung einzunehmen. Sie hielten das für so kostspielig und umständlich, daß die Nachteile den Nutzen der Eroberung bei weitem überwögen, und es schien ihnen darum besser und nützlicher, die Städte auf jede andre Weise einzunehmen. Man findet daher auch in so vielen Kriegen und in einer so langen Zeit nur ganz wenige Beispiele von Städtebelagerungen. Sie eroberten die Städte durch offene Gewalt oder durch die Gewalt in Verbindung mit List oder durch Übergabe. Die offne Gewalt bestand erstens im Sturm, ohne die Mauern zu durchbrechen, was sie aggredi urbem Corona nannten, weil sie die Stadt mit ihrem ganzen Heer einschlossen und sie von allen Seiten berannten. Oft gelang ihnen die Eroberung ganz bedeutender Städte in einem Anlauf. So eroberte Scipio Neukarthago in Spanien. 209 v. Chr. Gelang dieser Anlauf nicht, so rannten sie die Mauern mit Widdern und anderen Kriegsmaschinen ein. Oder sie gruben einen unterirdischen Gang und drangen durch ihn in die Stadt. So wurde Veji erobert. 396 v. Chr. Oder sie bauten hölzerne Türme, um mit den Verteidigern der Mauer auf gleicher Höhe zu stehen. Oder sie suchten durch einen Erdaufwurf an der Außenseite der Mauer in die gleiche Höhe zu kommen. Im ersten Fall, wenn die Stadt ringsum angegriffen wurde, war die Verteidigung äußerst gefährlich und die Gegenwehr zweifelhaft. Da an jedem Punkt eine hinreichende Zahl von Verteidigern sein mußte, so reichten die Vorhandenen entweder nicht aus, um überall stark genug zu sein und sich ablösen zu können, oder wenn dies auch möglich war, so leisteten doch nicht alle gleich tapfern Widerstand, und wurde nur ein Teil überwältigt, so war alles verloren. Diese Angriffsart hatte daher oft glücklichen Erfolg. Gelang sie aber beim ersten Male nicht, so wurde der Versuch nicht leicht erneuert, weil er für das Heer gefährlich war; denn so weit auseinandergezogen, verlor es die nötige Kraft, um einem Ausfall der Besatzung zu widerstehen. Auch kamen die Soldaten dadurch in Unordnung und wurden erschöpft; einmal aber und unversehens wurde diese Art versucht. Gegen die Durchbrechung der Mauern schützte man sich wie jetzt durch Wälle. Gegen die unterirdischen Gänge grub man einen Gegengang und trat darin dem Feind entweder mit den Waffen oder mit anderen Mitteln entgegen. So warf man mit Federn gefüllte Tonnen brennend in den Gang, deren Rauch und Gestank das Eindringen des Feindes verhinderte. Wurde mit Türmen angegriffen, so suchte man sie in Brand zu stecken. Gegen die Erdaufwürfe wurde unten an der Mauer, wo der Damm angeschüttet war, eine Öffnung gemacht und die Erde in die Stadt gezogen, so daß die Aufschüttung durch die Wegnahme von innen nicht wuchs. Diese Arten der Eroberung ließen sich aber nicht lange fortsetzen, sondern man mußte entweder abziehen und den Krieg auf andre Weise zu gewinnen suchen, wie Scipio, der nach seiner Landung in Afrika Utica angriff, 204 v. Chr. es aber nicht nehmen konnte und daher die Belagerung aufhob und die karthagischen Heere zu schlagen suchte. Oder man mußte sich auf eine förmliche Belagerung einlassen, wie bei Veji, Capua, Karthago, Jerusalem und anderen Städten, die auf diese Weise erobert wurden. Was die Eroberung der Städte durch Gewalt in Verbindung mit List betrifft, so haben wir ein Beispiel an Paläopolis, das die Römer im Einverständnis mit den Einwohnern eroberten. 326 v. Chr. Vgl. Livius VIII, 25 f. Eroberungen dieser Art sind von den Römern und andern vielfach versucht worden, aber selten gelungen. Der Grund ist, daß das geringste Hindernis den Plan zerstört, und solche Hindernisse treten sehr leicht ein. Entweder wird der Verrat entdeckt, bevor er zur Ausführung kommt, und das geschieht ziemlich leicht, entweder durch die Untreue der Mitwisser oder durch die Schwierigkeit der Verabredung, denn man muß mit Feinden übereinkommen und kann nur unter einem Vorwand mit ihnen sprechen. Oder wenn auch der Verrat während der Vorbereitung nicht entdeckt wird, so erheben sich bei der Ausführung tausend Schwierigkeiten. Denn kommt man vor oder nach der festgesetzten Zeit, so ist alles verdorben. Ein unerwartetes Geräusch, wie das Schnattern der Gänse vom Kapitol, Bei der Belagerung durch die Gallier. eine Abänderung des vereinbarten Planes, der kleinste Fehler, das geringste Versehen bringt das Unternehmen zum Scheitern. Dazu kommt die Finsternis der Nacht, die die Teilnehmer dieses gefährlichen Unternehmens noch ängstlicher macht. Auch ist die Mehrzahl der Leute, die zu einem solchen Unternehmen gebraucht werden, mit der Beschaffenheit der Gegend und der Örtlichkeit nicht vertraut, und so verlieren sie beim geringsten Zufall den Kopf, werden mutlos und geraten in Unordnung. Jede falsche Einbildung kann sie in die Flucht schlagen. Niemand war in solchen nächtlichen Überfällen glücklicher als Aratos von Sikyon, S. Seite 239, Anm. 12. der sich bei Tage im offenen Kampf ebenso kleinmütig zeigte, wie er hier Mut bewies. Das erklärt sich wohl eher aus einer geheimen Anlage, die er besaß, als daß man daraus folgern könnte, solche Unternehmungen müßten ihrer Natur nach öfter Erfolg haben. Versuche dieser Art werden also genug gemacht, aber wenige zur Ausführung gebracht, und ganz wenige glücken. Was die Eroberung der Städte durch Übergabe betrifft, so ergeben sie sich entweder freiwillig oder gezwungen. Die Freiwilligkeit kommt entweder von einer äußeren Notlage, die sie zwingt, sich unter deinen Schutz zu begeben, wie Capua unter den Schutz der Römer. Oder sie entspringt aus dem Wunsche nach einer guten Regierung, wenn eine Stadt sieht, daß sich schon andre freiwillig in die Arme eines guten Herrschers geworfen haben. So ergaben sich Rhodos, S. Buch II, Kap. 30, Anm. 147. Massilia S. Seite 140, Anm. 11. und andre Städte den Römern. Die erzwungene Übergabe ist entweder die Folge langer Belagerung oder anhaltender Bedrückung durch Streifzüge, Gebietsverheerungen und andre Gewalttaten, zu deren Vermeidung sich eine Stadt ergibt. Von allen genannten Eroberungsarten wandten die Römer am häufigsten die letztere an; sie waren länger als 450 Jahre bemüht, ihre Nachbarn durch Niederlagen und Streifzüge zu entkräften oder durch Friedensschlüsse Ansehen über sie zu gewinnen, wie wir schon früher erörtert haben. Wenn sie auch alle andern Arten versuchten, kamen sie doch immer wieder auf diese zurück, denn die andern schienen ihnen gefährlich oder zwecklos. Belagerungen sind langwierig und kostspielig, der Sturm zweifelhaft und gefährlich, Eroberung durch Verrat ungewiß. Durch die Niederlage eines feindlichen Heeres eroberten sie ein Reich an einem Tage, und mit der Belagerung einer widerspenstigen Stadt gingen Jahre verloren. Dreiunddreißigstes Kapitel Die Römer ließen ihren Heerführern freie Hand. Wenn man die Geschichte des Livius mit Vorteil lesen will, muß man das Verfahren des römischen Volkes und Senats in allen Stücken in Betracht ziehen. Beachtenswert ist unter anderem auch, mit welcher Gewalt die Römer ihre Konsuln, Diktatoren und andern Befehlshaber ausstatteten. Diese Gewalt war sehr groß, und der Senat behielt sich nichts weiter vor als das Recht, neue Kriege zu erklären und die Friedensschlüsse zu bestätigen. Alles übrige war dem Gutdünken und der Macht der Konsuln anheimgestellt. Hatten Volk und Senat einen Krieg beschlossen, z. B. gegen die Latiner, so überließen sie alles übrige dem Konsul. Er konnte eine Schlacht liefern oder nicht, diese oder jene Stadt belagern, wie es ihm gut schien. Das wird durch viele Beispiele bestätigt, besonders durch einen Vorfall im Kriege gegen die Etrusker. Als der Konsul Quintus Fabius die Etrusker bei Sutri geschlagen hatte und durch den ciminischen Wald nach Etrurien eindringen wollte, 310 v. Chr. Vgl. Livius IX, 36. befragte er nicht etwa den Senat, sondern er gab ihm nicht mal Nachricht davon, obwohl der Krieg nun in einem neuen Lande unsicher und gefährlich war. Das wird auch durch einen entgegengesetzten Senatsbeschluß bestätigt. Als nämlich der Senat von dem Sieg des Fabius erfuhr, besorgte er, dieser möchte durch den ciminischen Wald nach Etrurien eindringen. Da er aber diesen gefährlichen Zug nicht für ratsam hielt, schickte er zwei Gesandte an Fabius, um ihm den Einfall nach Etrurien zu verbieten. Die Gesandten langten erst an, als Fabius schon eingedrungen war und eine zweite Schlacht geschlagen hatte, und so kamen sie zu spät, um den Krieg zu verhindern, und kehrten als Siegesboten nach Rom zurück. Wer dies Verfahren wohl erwägt, wird es sehr klug finden. Denn hätte der Senat den Konsul genötigt, Schritt für Schritt nach seinen Aufträgen zu verfahren, so hätte er den Krieg weniger umsichtig und träger geführt, denn er hätte geglaubt, daß er den Ruhm des Sieges mit dem Senat, nach dessen Rat er handelte, zu teilen hätte. Außerdem hätte sich der Senat bemüßigt gefühlt, in einer Sache raten zu wollen, die er nicht verstehen konnte. Saßen im Senat auch lauter kriegserfahrene Männer, so waren sie doch nicht an Ort und Stelle, kannten also zahllose Einzelheiten nicht, die zu einem guten Rat nötig sind, und hätten durch ihre Ratschläge eine Menge Fehler gemacht. Darum gab man dem Konsul freie Hand und ließ ihm allein allen Ruhm. Die Liebe zum Ruhm aber sollte Zaum und Richtschnur für sein Handeln sein. Ich hebe diesen Punkt um so lieber hervor, als ich sehe, daß die heutigen Republiken, wie Venedig und Florenz, anders darüber denken. Wenn ihre Heerführer, Provveditoren und Kommissare eine Batterie anzulegen haben, so wollen sie es wissen und Rat erteilen. Dies Verfahren verdient das gleiche Lob wie das übrige. Alles zusammen hat sie dahin gebracht, wo sie sich jetzt befinden. Drittes Buch Führende Männer   Erstes Kapitel Soll ein Staat oder eine Religion lange bestehen, so muß man sie häufig zu ihrem Ursprung zurückführen. Es ist eine ausgemachte Wahrheit, daß alle Wesen auf Erden ihre Lebensgrenze haben. Aber nur die vollenden den ihnen vom Himmel vorgezeichneten Lauf, die ihren Körper nicht in Unordnung bringen, sondern ihn in Ordnung halten, so daß er sich nicht verändert, oder, wenn dies geschieht, nur zu seinem Heil und nicht zum Schaden. Da ich hier nur von zusammengesetzten Körpern Der Begriff des Staatskörpers von Polybios, XI, 25, 2 ff. rede, wie es die Staaten und Religionsgemeinschaften sind, so behaupte ich, daß ihnen nur die Veränderungen zum Heil gereichen, die sie zu ihrem Ursprung zurückführen. Darum sind die am besten geordnet und von längster Dauer, die sich vermöge ihrer Einrichtungen häufig erneuern können, oder die ein äußerer Zufall zur Erneuerung führt. Es ist klarer als der Tag, daß diese Körper ohne Erneuerung keine Dauer haben. Das Mittel zu ihrer Erneuerung ist, wie gesagt, ihre Zurückführung auf ihren Ursprung; denn zu Anfang müssen alle Religionen, Republiken und Königreiche notwendig etwas Gutes gehabt haben, kraft dessen sie ihr ursprüngliches Ansehen und ihr erstes Wachstum wiedererlangen. Nach Sallust, Catilina, II, und Aristoteles, Politik, VIII, 7, 16 Dies Gute verdirbt mit der Zeit; tritt also nichts ein, wodurch es wieder hergestellt wird, so muß der Körper notwendig sterben. Die Ärzte sagen vom menschlichen Körper: Quod quotidie aggregatur aliquid, quod quandoque indiget curatione. (Daß sich täglich etwas ansetzt, das manchmal der Heilung bedarf.) Die Rückkehr zum Ursprung geschieht bei Republiken durch ein äußeres Unglück oder durch innere Klugheit. Was das erste betrifft, so sieht man, wie nötig für Rom die Eroberung durch die Gallier war, wenn es wiedergeboren werden und durch die Wiedergeburt neues Leben und neue Kraft erhalten sollte, wenn die Religion und die Gerechtigkeit, die man beide zu entweihen begann, wieder geachtet werden sollten. Das sieht man deutlich aus der Geschichte des Livius, denn er zeigt, daß die Römer beim Ausmarsch des Heeres gegen die Gallier und bei der Wahl der Tribunen mit konsularischer Gewalt gar keine religiösen Bräuche beobachteten. Ebenso straften sie die drei Fabier, die wider das Völkerrecht gegen die Gallier gekämpft hatten, nicht nur nicht, sondern ernannten sie zu Tribunen. Daraus läßt sich leicht schließen, daß man auch die andern heilsamen Verordnungen, die von Romulus und den übrigen weisen Fürsten getroffen waren, weniger zu achten begann, als vernünftig und zur Erhaltung der Freiheit nötig war. Da kam jener Schlag von außen, damit alle Einrichtungen der Stadt wiederhergestellt und dem Volke gezeigt wurde, daß es nicht nur nötig sei, Religion und Gerechtigkeit zu erhalten, sondern auch die guten Bürger zu schätzen und ihre Tugenden höher anzuschlagen als die Vorteile, die ihm ohne deren Taten wohl nicht zugefallen wären. Alles dies kam genau so, denn sofort nach der Rückeroberung Roms stellte man alle alten Religionsgebräuche wieder her, strafte die Fabier, die gegen das Völkerrecht gekämpft hatten, und schätzte die Tapferkeit und Tugend des Camillus so hoch, daß der Senat und alle andern jede Eifersucht vergaßen und ihm die ganze Regierung übertrugen. Es ist also nötig, daß die Menschen, die in irgendeiner Gesellschaftsordnung leben, häufig durch solche äußern oder innern Ereignisse zu sich kommen. Letzteres muß entweder durch ein Gesetz geschehen, das häufig mit den Gliedern dieser Gesellschaft Abrechnung hält, oder durch einen rechtschaffnen Mann, der aus ihrer Mitte aufsteht und durch sein Beispiel und seine tugendhaften Handlungen die gleiche Wirkung hervorbringt. Dies Heil entspringt den Republiken also entweder aus der Tugend eines Mannes oder der Kraft einer Einrichtung. Was das letzte betrifft, so waren die Einrichtungen, die die römische Republik auf ihren Ursprung zurückführten, die Volkstribunen, die Zensoren und alle Gesetze, die gegen den Ehrgeiz und Übermut der Bürger erlassen wurden. Diese Gesetze aber müssen belebt werden durch die Tugend eines Mannes, der den Mut hat, sie gegen die Macht ihrer Übertreter zur Geltung zu bringen. Beispiele dieser Art sind vor der Einnahme Roms durch die Gallier: die Hinrichtung der Söhne des Brutus, der Dezemvirn, des Getreidehändlers Maelius; S. Buch III, Kap. 8 und 28 nach der Eroberung Roms die des Manlius Capitolinus, Vgl. Buch I, Kap. 8. der Tod des Sohnes des Manlius Torquatus, S. Buch II, Kap. 16. das Urteil des Papirius Cursor gegen seinen Reiterobersten Fabius, S. Buch I, Kap. 31. die Anklage der Scipionen. Die außerordentliche Merkwürdigkeit dieser Vorfälle brachte die Bürger wieder zur Besinnung. Als sie aber seltener wurden, bekamen die Menschen mehr Zeit, verderbt zu werden, und die Vollstreckungen selbst waren dann mit größerer Gefahr und mit mehr Unruhen verbunden. Zwischen zwei solchen Exempeln sollten nicht mehr als zehn Jahre liegen, denn nach dieser Zeit fangen die Menschen an, ihre Sitten zu ändern und die Gesetze zu übertreten. Geschieht dann nicht etwas, was ihnen die Strafe ins Gedächtnis ruft und ihnen neue Furcht einflößt, so häuft sich die Zahl der Verbrechen bald so, daß sie nicht mehr ohne Gefahr bestraft werden können. In diesem Sinne sagten die Männer, die Florenz von 1434 bis 1494 regierten, Die Medici. es sei nötig, die Regierung alle fünf Jahre wieder zu ergreifen, sonst sei sie schwer zu behaupten. Die Regierung wieder ergreifen, darunter verstanden sie, den Bürgern wieder die Furcht und den Schrecken einzujagen, die sie ihnen bei der ersten Übernahme eingejagt hatten, als sie alle züchtigten, die sich nach der damaligen Verfassung schlecht aufgeführt hatten. Sobald aber das Andenken solcher Bestrafungen erlischt, erdreisten sich die Menschen, Neuerungen zu versuchen und schlimme Reden zu führen; darum ist es nötig, dem Übel vorzubeugen, indem man alles zu seinem Ursprung zurückführt. Diese Wiedergeburt der Republiken geschieht aber auch durch die bloße Tugend eines Mannes, ohne den Antrieb eines Gesetzes zu solchen Verurteilungen. Solche Tugenden stehen in so hohem Ansehen und ihr Vorbild wirkt so mächtig, daß die Guten ihnen nachstreben und die Bösen sich ihres gegenteiligen Wandels schämen. In Rom brachten besonders diese gute Wirkung hervor: Horatius Codes, Mucius Scaevola, Fabricius, die beiden Decius, Attilius Regulus und einige andere, die alle durch ihr seltenes, tugendhaftes Beispiel fast ebensoviel Gutes stifteten wie Gesetze und Einrichtungen. Wären die obengenannten Verurteilungen Hand in Hand mit diesen besondern Beispielen wenigstens alle zehn Jahre erfolgt, so hätte Rom nie verderbt werden können. Als aber beides seltner wurde, nahm auch die Sittenverderbnis zu, denn nach Marcus Regulus sah man kein ähnliches Beispiel mehr, und wenn auch die beiden Catos in Rom aufstanden, so lebten sie doch so lange nach Regulus, und auch zeitlich so getrennt voneinander, auch blieben sie so sehr die einzigen in ihrer Art, daß ihr gutes Vorbild nichts fruchtete. Besonders vermochte der jüngere Cato, der die Stadt schon größtenteils verderbt fand, durch sein Beispiel nichts mehr zu bessern. Soviel von den Republiken. Was aber die Religionen betrifft, so ersieht man die Notwendigkeit ihrer Erneuerung an der unsern. Diese Betrachtung wurde am Vorabend der Reformationsbewegung geschrieben. Hätte sie nicht der heilige Franziskus und der heilige Dominikus zu ihrem Ursprung zurückgeführt, so wäre sie ganz erloschen. Durch ihre Armut aber und ihre Lebensführung nach dem Beispiel Christi erweckten sie sie wieder in den Menschenherzen, in denen sie bereits tot war, und der Kraft ihrer neuen Orden verdanken es die Prälaten und Kirchenhäupter, daß ihr schlimmer Wandel sie nicht zugrunde richtet. Sie leben noch jetzt in Armut und haben durch Beichte und Predigt solches Ansehen beim Volke, daß es sich von ihnen überzeugen läßt, es sei böse, Böses von den Bösen zu reden, aber gut, ihnen gehorsam zu leben und die Strafe für ihre Sünden Gott zu überlassen. Jene aber leben so arg wie möglich, weil sie die Strafe, die sie nicht vor Augen sehen, nicht fürchten und nicht an sie glauben. So hat also diese Erneuerung unsre Religion erhalten und erhält sie noch. Auch Königreiche bedürfen der Erneuerung und der Zurückführung der Gesetze zu ihrem Ursprung. Die gute Wirkung davon sieht man in Frankreich, das mehr unter Gesetz und Ordnung lebt als irgendein Reich. Die Erhalter dieser Gesetze und Ordnungen sind die Parlamente, besonders das von Paris, das sie jedesmal erneuert, wenn es etwas über einen Großen des Reiches verhängt und Urteile gegen den König selbst spricht. Bis jetzt hat es sich dadurch erhalten, daß es ein strenger Richter gegen den Adel war. Sobald es aber etwas ungestraft hingehen ließe und die Verbrechen sich häuften, wäre die Bestrafung ohne Zweifel mit großen Wirren verbunden, oder das Reich zerfiele. Ich ziehe also den Schluß, daß für ein Gemeinwesen, sei es eine Religionsgemeinschaft, eine Republik oder ein Königreich, nichts notwendiger ist, als ihm das Ansehen wiederzugeben, das es ursprünglich hatte. Und zwar muß man dahin streben, daß entweder gute Einrichtungen oder tugendhafte Männer dies herbeiführen, nicht eine fremde Macht. Denn obschon diese häufig die beste Arznei ist, wie in Rom, so ist sie wegen ihrer Gefährlichkeit doch in keiner Weise erwünscht. Um aber jedermann zu zeigen, wie groß Rom durch die Taten einzelner Männer wurde, und wieviel Gutes die Stadt durch sie erfuhr, will ich sie jetzt erzählen und erörtern. Damit soll das dritte Buch und der letzte Teil dieser ersten Dekade seinen Abschluß finden. Schon die Taten der Könige waren groß und denkwürdig; da die Geschichte sie aber schon ausführlich berichtet, will ich sie übergehen, bis auf einige Handlungen, die ihren Privatvorteil betrafen, und mit Brutus beginnen, dem Vater der römischen Freiheit. Zweites Kapitel Wie weise es ist, sich zu rechter Zeit töricht zu stellen. Nie war ein Mann so klug, noch wurde er wegen einer hervorragenden Handlung für so weise gehalten, wie Junius Brutus wegen seiner gespielten Torheit. Livius gibt zwar nur einen Grund seiner Verstellung an, nämlich den, in Sicherheit zu leben und sich sein Erbe zu erhalten. Betrachtet man jedoch sein ganzes Verhalten, so läßt sich glauben, daß er sich auch verstellte, um weniger beobachtet zu werden, die Könige leichter zu stürzen und sein Vaterland bei der ersten Gelegenheit befreien zu können. Daß dies sein Plan war, ergibt sich erstens aus seiner Auslegung des Delphischen Orakels, als er tat, als ob er fiele, um die Erde zu küssen, in der Meinung, die Götter dadurch seinem Vorhaben günstig zu stimmen. Vgl. Livius I, 56: Zwei Söhne des Königs, bei denen sich Brutus befand, befragten das Delphische Orakel, an welchen von ihnen die Herrschaft fallen würde. Das Orakel antwortete: An den, der zuerst die Mutter küssen wird und zweitens, als er nach dem Tode der Lucretia von Vater, Gatten und andern Verwandten der erste war, der den Dolch aus der Wunde zog und die Umstehenden schwören ließ, künftig nie mehr einen König in Rom zu dulden. Aus seinem Beispiel müssen alle lernen, die mit ihrem Fürsten unzufrieden sind. Sie müssen zunächst ihre Kräfte wägen und messen, und wenn sie stark genug sind, sich als seine Feinde zu erklären und ihn öffentlich zu bekriegen, diesen Weg als den minder gefährlichen und ehrenvolleren einschlagen. Reichen aber ihre Kräfte zum offenen Kriege nicht aus, so müssen sie sich befleißigen, seine Freundschaft zu erlangen, und zu diesem Zweck alle Wege einschlagen, die ihnen nötig scheinen, sich seinen Neigungen anbequemen und sich an allem ergötzen, was ihm Vergnügen macht. Diese Vertrautheit verschafft dir zunächst Sicherheit, sodann läßt sie dich das Glück des Fürsten ohne alle Gefahr mitgenießen und gibt dir zugleich bequeme Gelegenheit, dein Gelüst zu befriedigen. Allerdings sagen einige, man dürfe den Fürsten nie so nahe stehen, daß ihr Sturz dich mit begraben kann, noch so fern, daß du dich bei ihrem Sturze nicht zeitig genug auf ihren Trümmern erheben kannst, und dieser Mittelweg wäre auch der richtigste, wenn man ihn immer einhalten könnte. Da er mir aber unmöglich scheint, muß man sich zu einem von beiden entschließen, nämlich sich ganz von ihnen fernzuhalten oder sich ihnen eng anzuschließen. Wer anders handelt und ein Mann von Ansehen und Würde ist, schwebt in steter Gefahr. Es hilft ihm nicht zu sagen: ich kümmere mich um nichts, ich verlange weder Ehrenstellen noch Ämter, ich will ruhig und unbehelligt leben. Diese Ausflüchte hört man wohl, aber man läßt sie nicht gelten. Männer von Rang können nicht die Ruhe wählen, selbst wenn sie es ernstlich wollten und keinerlei Ehrgeiz hegten, denn man glaubt es ihnen nicht. Wollten sie also auch in Ruhe leben, so ließen es die andern nicht zu. Man muß sich daher töricht stellen wie Brutus, und man stellt sich töricht genug, wenn man gegen seine eigne Anschauung lobt, spricht, sieht und handelt, um dem Fürsten zu gefallen. Da wir aber von der Klugheit des Brutus bei der Wiederherstellung der Freiheit Roms gesprochen haben, so wollen wir auch von seiner Strenge bei ihrer Erhaltung reden. Drittes Kapitel Zur Erhaltung der neuerrungenen Freiheit ist es nötig, die Söhne des Brutus zu töten. Ebenso nötig wie nützlich war die Strenge des Brutus bei der Erhaltung der Freiheit, die er Rom wiedergegeben hatte. Diese Strenge bietet das in der Geschichte seltene Beispiel, daß ein Vater über seine Söhne zu Gericht sitzt und sie nicht allein verurteilt, sondern auch ihrer Hinrichtung beiwohnt. Wer die alte Geschichte liest, wird stets finden, daß nach einer Staatsumwälzung, sei es, daß eine Republik in eine absolute Monarchie verwandelt wird oder umgekehrt, ein denkwürdiges Exempel an den Feinden der neuen Ordnung stattfinden muß. Wer sich zum Alleinherrscher aufwirft und den Brutus nicht tötet, oder wer einen Freistaat gründet und die Söhne des Brutus nicht hinrichtet, wird sich nicht lange halten. Da ich jedoch diesen Gegenstand oben S. Buch I, Kap. 16. weitläufig erörtert habe, so beziehe ich mich auf das dort Gesagte. Nur ein denkwürdiges Beispiel unserer Tage und aus unserer Geschichte will ich hier anführen. Piero Soderini S. Lebenslauf, 1502, und Buch III, Kap. 9 und 30. Unter den Söhnen des Brutus sind hier die Anhänger der vertriebenen Medici gemeint. glaubte das Verlangen der Söhne des Brutus nach der Rückkehr der alten Regierung durch Geduld und Güte überwinden zu können, aber er täuschte sich. Obwohl er als kluger Mann jene Notwendigkeit einsah und das Schicksal und der Ehrgeiz seiner Gegner ihm Gelegenheit gab, sie zu vernichten, konnte er sich doch niemals dazu aufraffen. Denn er wähnte nicht nur, die böse Gesinnung durch Geduld und Güte zu ersticken und durch Wohltaten gegen diesen und jenen ihre Feindschaft zu brechen, sondern er war auch der Ansicht und vertraute sie seinen Freunden oft an, daß er zu kraftvollem Durchgreifen und zur Unterdrückung seiner Gegner ungesetzliche Gewalt brauchen und die Gesetze bürgerlicher Gleichheit umstoßen müsse. Das aber hätte, auch wenn er nachher nicht tyrannisch schaltete, die Menge so in Furcht gesetzt, daß sie nach seinem Tode nie mehr einen Gonfalonier auf Lebenszeit gewählt hätte, ein Amt, dessen Erhaltung und Stärkung er für nützlich hielt. Diese Rücksicht war gut und weise, allein man darf niemals einem Übel aus Rücksicht auf etwas Gutes freien Lauf lassen, wenn dies Gute von dem Übel leicht unterdrückt werden kann. Da man seine Handlungen und Absichten nach dem Erfolge zu beurteilen hatte, so mußte er doch glauben, daß er nach kraftvollem Durchgreifen, sofern er am Leben blieb, jeden hätte überzeugen können, daß er alles zum Wohle des Vaterlandes und nichts aus Ehrsucht getan hätte. Auch konnte er Vorkehrungen treffen, daß keiner seiner Nachfolger einen schlimmen Gebrauch von dem machte, was er zum allgemeinen Besten getan hatte. Allein seine erste Meinung betrog ihn, und er sah nicht ein, daß Böswilligkeit durch keine Zeit gedämpft und durch keine Wohltat versöhnt wird. So verlor er dadurch, daß er dem Brutus nicht zu gleichen verstand, Vaterland, Herrschaft und Ehre. So schwer es aber ist, einen Freistaat zu erhalten, so schwer ist es auch, eine Krone zu behaupten, wie im folgenden Kapitel gezeigt werden soll. Viertes Kapitel Kein Fürst ist seiner Herrschaft sicher, solange die am Leben sind, denen sie genommen wurde. Die Ermordung des Tarquinius Priscus durch die Söhne des Ancus Marcius und die des Servius Tullius durch Tarquinius Superbus zeigt, wie schwierig und gefährlich es ist, jemand die Herrschaft zu rauben und ihn am Leben zu lassen, selbst wenn man ihn durch Wohltaten zu gewinnen sucht. Wie man sieht, ließ sich Tarquinius Priscus dadurch täuschen, daß er die Herrschaft rechtmäßig zu besitzen glaubte, da sie ihm vom Volk übertragen und vom Senate bestätigt war. Er glaubte, der Haß der Söhne des Ancus könne nicht so weit gehen, daß sie sich nicht mit dem zufrieden gäben, womit ganz Rom zufrieden war. Und Servius Tullius täuschte sich, als er die Söhne des Tarquinius durch immer neue Wohltaten zu gewinnen wähnte. Das Beispiel des Tarquinius Priscus kann jeden Fürsten lehren, daß er seiner Herrschaft nie sicher ist, solange die noch am Leben sind, denen sie genommen wurde. Und das Beispiel des Servius Tullius kann jeden Machthaber daran erinnern, daß alte Unbill nie durch neue Wohltaten ausgelöscht wird, und zwar um so weniger, je geringer die neue Wohltat im Verhältnis zu der alten Unbill ist. Sicherlich war es von Servius Tullius unklug, zu glauben, die Söhne des Tarquinius würden sich damit bescheiden, die Schwiegersöhne des Mannes zu sein, dessen Könige zu sein sie sich berechtigt glaubten. Die Herrschaft ist so groß, daß sie nicht nur die ergreift, die eine Anwartschaft auf die Herrschaft haben, sondern auch die, die sie nicht haben. So trieb die Gattin des jüngeren Tarquinius, die Tochter des Servius, von dieser Wut gestachelt, aller kindlichen Liebe zuwider den Gatten an, ihrem Vater Herrschaft und Leben zu nehmen. So viel höher schätzte sie es, Königin als Königstochter zu sein! Wenn aber Tarquinius Priscus und Servius Tullius die Herrschaft verloren, weil sie sich vor denen nicht zu sichern wußten, denen sie sie geraubt hatten, so verlor Tarquinius Superbus den Thron, weil er die Einrichtungen der alten Könige umstieß, wie im folgenden Kapitel gezeigt wird. Fünftes Kapitel Wodurch ein König sein ererbtes Reich verliert. Nachdem Tarquinius Superbus den Servius Tullius getötet hatte, der keine Erben zurückließ, war er im sichern Besitz der Herrschaft und hatte nichts von dem zu befürchten, was seine Vorgänger gestürzt hatte. Die Art, wie er auf den Thron gelangte, war zwar ungesetzlich und verhaßt, trotzdem hätte man ihn ertragen, und Senat und Volk hätten sich nicht gegen ihn empört, noch ihm die Herrschaft entrissen, hätte er die alten Einrichtungen der früheren Könige belassen. Er wurde also nicht deshalb vertrieben, weil sein Sohn Sextus die Lucretia schändete, sondern weil er die Reichsgesetze übertrat und tyrannisch regierte, weil er dem Senat alles Ansehen nahm und es an sich riß, weil er die Geschäfte, die zur Zufriedenheit des Senats an öffentlichen Orten erledigt wurden, in seinem Palast erledigte und dadurch Haß und Neid gegen sich erweckte. Auf diese Weise brachte er Rom binnen kurzem um alle Freiheit, die es unter den früheren Königen behauptet hatte. Aber er ließ es nicht dabei bewenden, sich den Senat zum Feinde zu machen, er brachte auch das Volk gegen sich auf, indem er es mit harter Fronarbeit quälte, die ihm seine Vorgänger nie zugemutet hatten. Indem er so Rom mit Proben von Härte und Hochmut erfüllte, machte er die Herzen aller Römer zum Aufruhr geneigt, und man wartete nur auf eine Gelegenheit. Wäre also auch der Vorfall mit Lucretia nicht eingetreten, so wäre doch bei irgendeinem andern Anlaß das gleiche geschehen. Hätte aber Tarquinius wie die andern Könige regiert und sein Sohn Sextus hätte jenes Verbrechen begangen, so hätten Brutus und Collatinus ihn und nicht das Volk um Rache an Sextus angerufen. Mögen daraus die Fürsten lernen, daß sie mit der Stunde ihre Herrschaft zu verlieren beginnen, wo sie die Gesetze, die alten Gebräuche und Gewohnheiten zu übertreten anfangen, unter denen das Volk lange gelebt hat. Und wenn sie nach dem Verlust ihrer Herrschaft jemals so klug würden, einzusehen, wie leicht die Erhaltung eines Reiches ist, wenn man sich vernünftig benimmt, so müßte sie der Verlust noch weit mehr schmerzen, und sie selbst müßten sich weit härter bestrafen als andre sie. Denn es ist viel leichter, sich die Liebe der Guten als der Bösen zu erwerben, leichter den Gesetzen zu gehorchen, als über sie herrschen zu wollen. Wollen sie aber wissen, wie sie es anzufangen haben, so brauchen sie sich nur das Leben der guten Fürsten als Spiegel vorzuhalten, z. B. das des Timoleon von Korinth, des Aratos von Sikyon Timoleon, s. Buch I, Kap. 10, Anm. 29. Aratos (um 271-213 v. Chr.) befreite seine Vaterstadt von der Tyrannei, wurde 245 Stratege des Achäischen Bundes, dem er Kraft und Ansehen gab, später auf Anstiften Philipps III. von Mazedonien vergiftet. und andrer mehr. In deren Leben werden sie so viel Sicherheit und Zufriedenheit auf Seiten des Regierenden finden, daß sie Lust bekommen werden, sie nachzuahmen, zumal sie es aus den angeführten Gründen so leicht können. Denn wenn die Menschen gut regiert werden, suchen und verlangen sie keine andere Freiheit, wie das Beispiel der Völker beweist, die von den beiden Genannten regiert wurden. Denn sie zwangen sie, bis an ihr Lebensende ihre Fürsten zu bleiben, obwohl sie mehrmals ins Privatleben zurücktreten wollten. Da nun in diesem und den zwei vorigen Kapiteln von dem Haß gegen die Fürsten, von der Verschwörung der Söhne des Brutus gegen das Vaterland und von den Anschlägen des Tarquinius Priscus und Servius Tullius die Rede war, so scheint es mir angebracht, im folgenden ausführlich darauf einzugehen, zumal der Gegenstand für Fürsten wie für Privatleute gleich beachtenswert ist. Sechstes Kapitel Von den Verschwörungen. Ich wollte nicht unterlassen, von den Verschwörungen zu reden, da sie für Fürsten wie Privatleute gleich gefährlich sind. Durch sie haben mehr Fürsten Leben und Herrschaft verloren als durch offenen Krieg; Vgl. Aristoteles, Politik, VIII, 8, 22 ; Polybios, XI, 25, 2 ff. denn offenen Krieg können nur wenige mit einem Fürsten führen, sich gegen ihn verschwören jedoch jeder. Andrerseits ist eine Verschwörung das mißlichste und verwegenste Unternehmen, auf das sich Privatleute einlassen können, denn es ist in jeder Beziehung gefahrvoll und schwierig. Daher kommt es, daß viele Verschwörungen unternommen werden, aber nur sehr wenige gelingen. Damit nun die Fürsten sich vor dieser Gefahr hüten lernen und die Privatleute sich nicht so dreist darauf einlassen, sondern unter der ihnen vom Schicksal gegebenen Regierung zufrieden leben lernen, will ich ausführlich davon handeln und keinen denkwürdigen Fall übergehen, der beiden Teilen zur Lehre dienen kann. Wahrhaft golden ist der Spruch des Cornelius Tacitus: »Die Menschen müssen die Vergangenheit ehren und sich der Gegenwart unterwerfen, sich gute Herrscher wünschen und sie so, wie sie sind, ertragen«. Historien IV, 8. Fürwahr, wer anders handelt, richtet meistenteils sich und sein Vaterland zugrunde! Kommen wir jedoch zur Sache. Zuerst müssen wir betrachten, gegen wen Verschwörungen gemacht werden, und da werden wir finden, daß man sich entweder gegen das Vaterland oder gegen einen Fürsten verschwört. Von diesen beiden Arten wollen wir jetzt reden, denn von den Verschwörungen, die angezettelt werden, um dem Feind eine von ihm belagerte Stadt auszuliefern, oder den aus ähnlichen Gründen unternommenen ist oben hinreichend gesprochen worden. S. Buch II, Kap. 32. Beginnen wir also mit den Verschwörungen gegen die Fürsten und untersuchen wir zunächst deren Ursachen. Es gibt ihrer viele, eine aber ist die wichtigste von allen, das ist der Haß des ganzen Volkes. Denn ein Fürst, der sich den allgemeinen Haß zugezogen hat, besitzt natürlich auch einzelne Feinde, die von ihm besonders verletzt sind und nach Rache dürsten. Dieser Rachedurst wird vermehrt durch die allgemeine Mißstimmung, die sie gegen ihn sehen. Ein Fürst muß sich daher hüten, die öffentliche Meinung gegen sich zu haben. Daß der Fürst Haß und Verachtung meiden müsse, lehrt Aristoteles, Politik, VIII, 8, 20 , und Plutarch, Praecepta gerendi rei publicae, 10. Wie dies zu vermeiden ist, habe ich andernorts gezeigt und will hier nicht darauf zurückkommen. Im »Fürsten«, Kap. 19. Hütet er sich davor, so werden ihm bloße Privatbeleidigungen weniger schaden, einmal, weil die Menschen selten eine Beleidigung so hoch anschlagen, daß sie sich der Rache wegen so großer Gefahr aussetzen, und zweitens, weil sie, auch wenn sie Lust und Macht dazu hätten, durch die allgemeine Zuneigung zurückgehalten werden, die dem Fürsten zuteil wird. Die Beleidigungen betreffen entweder das Vermögen, das Leben oder die Ehre. Bei denen, die das Leben betreffen, sind die Drohungen gefährlicher als die Tat, ja sie sind äußerst gefährlich Nach Aristoteles, Politik, VIII, 8, 14 . und bei der Tat gar keine Gefahr, weil der Tote nicht auf Rache sinnen kann und die Überlebenden diesen Gedanken meist den Toten überlassen. Wer aber bedroht ist und sich in die Notwendigkeit versetzt sieht, entweder zu handeln oder zu leiden, wird für den Fürsten der gefährlichste Mensch, wie wir am gehörigen Ort noch besonders zeigen werden. S. Seite 26 ff. Hiervon abgesehen, sind Vermögen und Ehre die beiden Dinge, deren Verletzung die Menschen am meisten kränkt. Nach Aristoteles, Politik, VIII, 9, 18,17 . Davor muß sich der Fürst hüten, denn er kann einen Menschen nie so ganz ausplündern, daß ihm kein Dolch zur Rache bleibt, und er kann keinen so entehren, daß ihm nicht der zähe Vorsatz bleibt, sich zu rächen. Was die Ehre betrifft, so verletzt die Männer am tiefsten die Entehrung ihrer Frauen, sodann die Beschimpfung der eignen Person. Ebd., VIII, 8, 11 . Die Kränkung der Ehre brachte den Pausanias gegen Philipp von Mazedonien auf; S. Buch II, Kap. 28. sie brachte viele andre in Harnisch gegen viele Fürsten. In unsrer Zeit wurde Giulio Belanti nur dadurch zur Verschwörung gegen Pandolfo Petrucci, den Tyrannen von Siena bewogen, daß dieser ihm seine Tochter zur Frau gegeben und sie ihm dann wieder genommen hatte, wie wir an andrer Stelle erzählen werden. S. Seite 255 f. Der Hauptgegenstand für die Verschwörung der Pazzi gegen die Medici war die Erbschaft des Giovanni Bonromei, die ihnen auf Geheiß der Medici entzogen wurde. S. Lebenslauf, 1478, und Seite 251. Ein andrer, sehr mächtiger Anlaß zur Verschwörung gegen einen Fürsten ist der Wunsch, das von ihm geknechtete Vaterland zu befreien. Dieser Anlaß stachelte Brutus und Cassius gegen Cäsar auf, er trieb viele andre zur Verschwörung gegen Phalaris, Dionys S. Buch I, Kap. 10, Anm. 29. und andre Unterdrücker ihres Vaterlandes. Vor solchen Anschlägen kann sich kein Tyrann schützen, außer durch Verzicht auf die unumschränkte Gewalt. Da aber keiner dies tut, so nehmen auch die meisten ein schlimmes Ende, weshalb auch Juvenal sagt: Ad generum Cereris sine caede et vulnere pauci Descendunt reges, et sicca morte tyranni. Satiren X, 112 f. (Wenige Könige gibt's, die zum Orkus hinab ohne Wunden steigen, und wen'ge Tyrannen verscheiden unblutigen Todes.) Die Gefahren bei Verschwörungen sind, wie gesagt, groß und erstrecken sich auf jeden Zeitpunkt; denn man läuft Gefahr bei der Anstiftung, während der Ausführung und nach ihr. Es verschwören sich entweder einer oder mehrere. Bei einem kann man eigentlich nicht von einer Verschwörung reden, sondern es ist der feste Vorsatz eines Mannes, den Fürsten zu ermorden. Für diesen allein besteht die erste der drei Gefahren nicht, die man bei Verschwörungen läuft; denn er schwebt vor der Ausführung in keiner Gefahr, da er sich ja keinem andern anvertraut hat; sein Anschlag kann daher dem Fürsten nicht zu Ohren kommen. Einen solchen Vorsatz kann ein jeder aus allen Ständen fassen, Kleine und Große, Adlige und Bürgerliche, aus der Umgebung des Fürsten oder nicht; denn jedem steht es frei, hin und wieder mit ihm zu reden, und wer mit ihm reden darf, der kann auch seinen Mut an ihm kühlen. Pausanias, von dem schon die Rede war, ermordete den Philipp von Mazedonien, als er, von tausend Bewaffneten umgeben, zwischen seinem Sohn und Schwiegersohn zum Tempel ging; aber er war ein Edler und ein Bekannter des Fürsten. Doch ein armer Spanier aus dem Pöbel versetzte König Ferdinand von Spanien Ferdinand der Katholische (1452-1516). einen Messerstich in den Hals, der zwar nicht tödlich war, aber doch zeigt, daß er die Absicht und Gelegenheit hatte, ihn zu töten. Ein Derwisch, ein türkischer Priester, schlug nach Bajesid, S. Buch 1, Kap. 19, Anm. 70. dem Vater des jetzigen Großherrn, mit dem Säbel; er traf ihn zwar nicht, hatte aber doch die Absicht und Gelegenheit dazu. Leute mit der gleichen Absicht gibt es, glaube ich, viele, denn die Absicht wird nicht bestraft und bringt keine Gefahr, aber Männer der Tat gibt es wenige, und von diesen werden die meisten auf der Stelle niedergemacht; darum findet sich keiner, der in einen sichren Tod gehen will. Lassen wir jedoch diese Anschläge einzelner beiseite und kommen wir zu den Verschwörungen mehrerer. Man findet in der Geschichte, daß alle Verschwörungen von Großen oder von Männern aus der nächsten Umgebung des Fürsten angesponnen werden; denn andere, die nicht völlig unsinnig sind, können sich nicht verschwören, weil geringen und dem Fürsten fernstehenden Leuten alle Hoffnungen und Gelegenheiten fehlen, die zur Ausführung einer Verschwörung erforderlich sind. Erstens können geringe Leute niemand finden, der ihnen die Treue hielte, denn sie können keinen durch Hoffnungen, wie sie die Menschen in große Gefahren treiben, für ihre Sache gewinnen. Haben sie daher zwei bis drei Mitwisser, so finden sie ihren Angeber und gehen zugrunde. Wären sie aber auch so glücklich, keinen Angeber zu finden, so werden sie doch dadurch, daß sie keinen leichten Zugang zum Fürsten haben, so in der Ausführung behindert, daß sie bei ihr notwendig zugrunde gehen müssen. Denn erliegen schon Große und Männer, die bequemen Zutritt haben, den Hindernissen, die wir unten anführen werden, so müssen sich bei jenen die Schwierigkeiten ins unendliche steigern. Da nun die Menschen, wo es um Leben und Vermögen geht, nicht ganz unsinnig sind, so hüten sie sich, wenn sie sich machtlos sehen, vor Verschwörungen, und wenn sie einen Fürsten hassen, begnügen sie sich damit, ihn zu verfluchen und abzuwarten, bis Mächtigere sie rächen. Gesetzt aber auch, daß einer von ihnen dergleichen versuchte, so muß man zwar seine Kühnheit loben, nicht aber seine Klugheit. Man ersieht daraus, daß alle Verschwörer Große oder Männer aus der Umgebung des Fürsten waren. Viele von ihnen wurden ebensosehr durch zu viele Wohltaten dazu bewogen, wie durch zu große Beleidigungen, so Perennis gegen Commodus, Plautian gegen Severus, Sejan gegen Tiberius. Alle diese waren von ihren Kaisern derart mit Reichtümern, Ehren und Würden überhäuft, daß ihnen zur höchsten Macht nur noch die Kaiserwürde zu fehlen schien. Da sie auch die nicht missen wollten, verschworen sie sich gegen ihre Fürsten und nahmen sämtlich das Ende, das ihre Undankbarkeit verdiente. Bessern Erfolg hatte neuerdings die Verschwörung des Jacopo d'Appiano gegen Piero Gambacorti, den Fürsten von Pisa, der von ihm erzogen, ernährt und groß gemacht worden war, und dem er die Herrschaft (1392) entriß. Hierher gehört auch die Verschwörung des Coppola gegen König Ferdinand von Aragonien. Francesco Coppola, Graf von Sarno, war das Haupt einer Verschwörung gegen König Ferdinand I. von Neapel (1458-94), die 1485 ausbrach und in die sich der Papst, Mailand und Florenz einmischten. Coppola wurde 1485 hingerichtet. 1486 wurde der Friede hergestellt. Coppola war zu solcher Größe emporgestiegen, daß ihm nur noch die Krone zu fehlen schien, und weil er auch diese noch haben wollte, verlor er das Leben. Und doch, wenn eine Verschwörung von Großen gegen einen Fürsten gelingen konnte, so war es diese, die sozusagen von einem andern König unternommen wurde, der so gute Gelegenheit zur Ausführung seines Vorhabens hatte. Aber die Herrschaft, die den Coppola verblendete, verblendet auch die andern bei der Ausführung ihres Unternehmens. Verstünden sie, ihre Freveltat mit Klugheit auszuführen, so wären sie des Erfolgs sicher. Ein Fürst, der sich vor Verschwörungen schützen will, muß also die mehr fürchten, denen er zuviel Wohltaten erzeigt hat, als die; welche er zu sehr gekränkt hat, denn diesen fehlt es an Gelegenheit, jene haben sie übergenug. Die Begierde aber ist bei beiden die gleiche, da die Herrschsucht ebenso groß oder noch größer ist als die Rachbegier. Die Fürsten dürfen daher ihren Günstlingen nur so viel Ansehen geben, daß zwischen ihnen und dem Thron ein Zwischenraum bleibt und in der Mitte noch etwas Begehrenswertes liegt, sonst wird es ihnen selten anders ergehen als den oben Genannten. Kehren wir jedoch zu unsrer Erörterung zurück. Ich sage also, die, welche sich verschwören, müssen Große sein, die bequemen Zutritt zum Fürsten haben. Es ist jetzt der Erfolg ihrer Unternehmungen und die Ursache ihres Gelingens oder Mißlingens zu erörtern. Wie oben gesagt, gibt es dabei drei gefährliche Zeitpunkte: vor der Tat, während der Tat und nachher. Darum nehmen auch wenige ein gutes Ende, denn es ist fast unmöglich, alle glücklich zu überstehen. Die Gefahren vor der Tat sind die größten. Es bedarf großer Klugheit und besondern Glücks, wenn eine Verschwörung nicht herauskommen soll. Entdeckt wird sie durch Angeben oder durch Mutmaßung. Das Angeben rührt von der Treulosigkeit oder Unvorsichtigkeit derer her, denen man sich mitteilt. Treulosigkeit findet sich leicht, denn du kannst dich nur deinen Vertrauten mitteilen, die aus Liebe zu dir ihr Leben wagen, oder Männern, die mit dem Fürsten unzufrieden sind. Unter deinen Freunden kannst du wohl einen oder zwei finden, wenn du dich aber vielen mitteilst, ist es unmöglich, Vertraute zu finden. Überdies muß ihre Zuneigung zu dir groß sein, damit die Gefahr und die Furcht vor Strafe ihnen nicht noch größer erscheint. Zudem täuscht man sich meist über die Liebe, die man bei andern voraussetzt. Man ist ihrer nicht eher gewiß, als bis man sie auf die Probe stellt, und das ist hier höchst gefährlich. Hätte man sie aber auch bei einer andern gefahrvollen Sache auf die Probe gestellt und treu befunden, so kann man nach dieser Treue doch nicht die jetzt nötige bemessen; denn die jetzige Gefahr übertrifft alle andern bei weitem. Bemißt man jemandes Treue nach der Unzufriedenheit mit dem Fürsten, so kann man sich leicht irren. Denn sobald man einem Unzufriedenen seine Gesinnung offenbart hat, gibt man ihm Gelegenheit, sich Genugtuung zu verschaffen, und sein Haß muß entweder sehr heftig oder deine Macht sehr groß sein, wenn er treu bleiben soll. So Herodot, III, 71, bei dem Beispiel des Magiers (s. u.). Daher werden so viele Verschwörungen verraten und gleich zu Anfang unterdrückt; ja es gilt für ein Wunder, wenn eine Verschwörung bei vielen Teilnehmern lange geheim bleibt. So die des Piso gegen Nero, oder zu unserer Zeit die der Pazzi S. Seite 251. gegen Giuliano und Lorenzo von Medici, um die mehr als fünfzig Personen wußten, und die doch bis zur Ausführung unentdeckt blieb. Aus Unvorsichtigkeit werden Verschwörungen entdeckt, wenn ein Mitverschworener achtlos davon spricht, so daß ein Diener oder eine dritte Person es hört. So war es bei den Söhnen des Brutus der Fall, die bei ihrer Unterhandlung mit den Abgesandten des Tarquinius von einem Sklaven belauscht wurden, der sie angab. Livius II, 4. Oder wenn du aus Leichtsinn dein Geheimnis einem Weibe oder einem Knaben, die du liebst, oder einer andern leichtfertigen Person anvertraust. So erzählte Dymnus, einer der Mitverschworenen des Philotas gegen Alexander, seinen Plan dem Nicomachus, einem von ihm geliebten Knaben, der ihn sofort seinem Bruder Cebalinus mitteilte, und dieser dem König. 330 v. Chr. Vgl. Curtius Rufus, Geschichte Alexanders des Großen, VI, 7. Für die Entdeckung durch Mutmaßung liefert die Verschwörung des Piso gegen Nero ein Beispiel. 65 n. Chr. Vgl. Tacitus, Annalen, XV, 54 f. Scaevinus, einer der Mitverschworenen, machte am Tage vor der beabsichtigten Ermordung Neros sein Testament, befahl seinem Freigelassenen Melichius, einen alten rostigen Dolch schleifen zu lassen, schenkte allen seinen Sklaven die Freiheit, gab ihnen Geld und ließ Verbandzeug zurecht machen. Diese Anstalten bestärkten Melichius in seinem Verdacht, und er gab ihn dem Nero an. Scaevinus und Natalis, ein andrer Mitverschworner, mit dem man ihn tags zuvor lange heimlich hatte reden sehen, wurden ergriffen, und da sie sich in ihren Aussagen über die Unterredung widersprachen, mit Gewalt zum Geständnis der Wahrheit gebracht. So ward die Verschwörung zum Verderben aller Teilnehmer aufgedeckt. Vor dieser Entdeckung der Verschwörungen durch Bosheit, Unvorsichtigkeit oder Leichtsinn kann man sich nicht hüten, sobald die Zahl der Mitwisser drei oder vier übersteigt. Werden auch nur zwei ertappt, so läßt sie sich nicht mehr verbergen, denn zwei können nie in all ihren Aussagen übereinstimmen. Wird aber nur einer ergriffen und ist er ein beherzter Mann, so kann er seine Mitverschworenen standhaft verschweigen. Diese müssen aber ebenso beherzt sein wie er, um unerschrocken zu bleiben und sich nicht durch die Flucht zu verraten. Denn verliert von den Gefangenen oder noch Freien nur einer den Mut, so kommt die Verschwörung heraus. Ein seltenes Beispiel ist die von Livius XXIV, 5 (215 v. Chr.) berichtete Verschwörung gegen König Hieronymos von Syrakus. Theodotos, einer der Verschworenen, war verhaftet worden, verschwieg aber alle Mitschuldigen mit großer Standhaftigkeit und beschuldigte die Freunde des Königs. Andrerseits verließen sich alle Verschworenen so fest auf seine Standhaftigkeit, daß keiner Syrakus verließ oder irgendwelche Furcht zeigte. Allen diesen Gefahren ist man also schon bei der Anstiftung einer Verschwörung ausgesetzt, noch bevor sie zur Ausführung kommt. Ihnen zu entgehen gibt es folgende Mittel. Das erste und beste, oder besser gesagt, das einzige ist, den Mitverschworenen keine Zeit zu lassen, dich zu verraten, und ihnen deshalb deinen Plan erst kurz vor der Ausführung mitzuteilen, nicht eher. Wer es so macht, entgeht mit Sicherheit den Gefahren der Anstiftung und meist auch den übrigen, und so war denn auch stets der Erfolg gut. Jeder kluge Mann vermag füglich ebenso zu verfahren. Zwei Beispiele mögen genügen. Als Nelematos die Tyrannei des Aristotimos, des Tyrannen von Epirus, nicht länger ertragen konnte, versammelte er in seinem Hause viele Verwandte und Freunde und ermahnte sie, das Vaterland zu befreien. Darius I., der Sohn des Hystaspes, bestieg 521 nach Beseitigung des falschen Smerdis den persischen Thron. Vgl. Herodot, III, 68 ff. Als nun einige Bedenkzeit verlangten, ließ er von seinen Dienern die Haustüren schließen und sagte zu den Versammelten: »Entweder ihr schwört mir, die Sache sofort auszuführen, oder ich überliefere euch alle gefangen dem Aristotimos.« Diese Worte wirkten; sie leisteten den Schwur, gingen ohne Zeitverlust ans Werk und führten den Befehl des Nelematos mit Erfolg aus. – Ein Magier hatte sich durch List des persischen Thrones bemächtigt. Als nun Otanes, ein Großer des Reichs, den Betrug entdeckt hatte, beriet er darüber mit sechs andern Vornehmen und sagte, er wolle das Reich von der Tyrannei des Magiers befreien. Als einer von ihnen nach dem Zeitpunkt fragte, erhob sich Darius, Wohl Aristotimos, Tyrann von Elis und dem Peloponnes, der in den Wirren nach dem Tode des Pyrrhus hochkam und nach furchtbaren Freveln gegen die Vornehmen getötet wurde. Vgl. Pausanias, V, 5, 1 ; VI, 14, 4 . einer der sechs von Otanes Berufenen und sagte: »Entweder sofort, oder ich gebe euch alle an.« Sie standen miteinander auf, ohne einem Zeit zur Reue zu lassen, und führten ihren Plan ohne Mühe aus. Ähnlich ist das Verfahren der Ätolier bei der Ermordung des Tyrannen Nabis von Sparta. 192 v. Chr. Vgl. Buch I, Kap. 10, Anm. 29, und Livius XXXV, 35. Sie sandten ihren Bürger Alexamenos mit 30 Pferden und 1000 Mann Fußtruppen zu Nabis unter dem Vorwand, ihm Hilfe zu schicken, und weihten nur den Alexamenos in das Geheimnis ein, befahlen aber den andern bei Strafe der Verbannung, ihm blindlings zu gehorchen. Er zog nach Sparta, teilte seinen Auftrag keinem mit, bis er ihn ausführen wollte, und so gelang es ihm, den Nabis zu töten. Alle, die sich derart benahmen, entgingen also den Gefahren, die man bei der Anstiftung einer Verschwörung läuft, und wer es ebenso macht, wird ihnen stets entgehen. Daß aber jeder so handeln könnte, will ich an dem Beispiel des obengenannten Piso beweisen. Piso war ein sehr hochstehender und angesehener Mann aus der Umgebung Neros, der großes Vertrauen in ihn setzte. Nero kam oft in seine Gärten, um bei ihm zu speisen. Piso konnte sich also mit Männern von Mut, Neigung und Geschick zu einem solchen Anschlag befreunden, was für einen Großen ein leichtes ist. War nun Nero in seinen Gärten, so konnte er ihnen die Sache mitteilen und sie mit geeigneten Worten zur Tat anfeuern, die sie abzuschlagen keine Zeit hatten und die notwendig gelingen mußte. Ja, wenn man alle andern Verschwörungen untersucht, so findet man wenige, die sich nicht auf dieselbe Weise hätten ausführen lassen. Aber die Menschen verstehen gewöhnlich wenig von den Weltgeschäften und begehen daher oft die größten Fehler, um so größere in Fällen wie dieser, die etwas Außerordentliches haben. Man darf also die Sache nur im Notfall und kurz vor der Ausführung mitteilen. Will man sich aber doch jemanden anvertrauen, dann nur einem einzigen, den man lange geprüft hat, oder den die gleichen Beweggründe treiben. Einen zu finden ist viel leichter als mehrere und darum weniger gefährlich. Gesetzt auch, er übte Verrat, so hat man immer noch ein Mittel, sich zu verteidigen, das es bei einer Mehrzahl von Verschworenen nicht gibt. Ich habe kluge Leute sagen hören, mit einem könne man alles reden. Denn wenn man sich nur nicht verleiten läßt, etwas Schriftliches von sich zu geben, gilt das Ja des einen soviel wie das Nein des andern. Vor dem Schreiben aber muß sich jeder hüten wie vor einer Klippe, denn nichts überführt einen leichter als die Handschrift. Als Plautian den Kaiser Severus Septimius Severus (193-211). Plautian war der Präfekt der Prätorianer. (Nach Herodian, III.) und dessen Sohn Antoninus ermorden lassen wollte, beauftragte er damit den Tribunen Saturnius. Der wollte es nicht tun, sondern ihn angeben, fürchtete aber, wenn es zur Klage käme, man würde dem Plautian mehr glauben als ihm, und verlangte daher zur Beglaubigung seines Auftrages einen Zettel von seiner Hand. Durch seinen Ehrgeiz verblendet, stellte Plautian ihn aus, und die Folge war, daß der Tribun ihn anzeigte und überführte. Ohne diesen Zettel und andre Unterschriften hätte Plautian, der dreist leugnete, die Oberhand behalten. Gegen die Anzeige eines einzigen gibt es also immer noch ein Mittel, wenn man nur nicht durch ein Schriftstück oder andre Unterschriften überführt werden kann, wovor man sich also hüte. Zur Verschwörung Pisos gehörte auch ein Weib, Epicaris, eine frühere Freundin Neros. Die hielt es für gut, den Befehlshaber einiger Dreiruderer, die Nero zu seiner Bedeckung hielt, unter die Verschworenen aufzunehmen und ihm den Anschlag, aber nicht die Namen der Verschwörer mitzuteilen. Als dieser Befehlshaber sie nun verriet und bei Nero anzeigte, leugnete Epicaris mit solcher Dreistigkeit, daß Nero nicht wußte, woran er war, und sie nicht verurteilte. Tacitus, Annalen, XV, 51. Bei der Mitteilung des Anschlages an einem einzigen sind also zwei Gefahren, erstens, daß er dich absichtlich angibt, zweitens, daß er dich angibt, wenn er auf einen Verdacht oder ein Anzeichen hin festgenommen und überführt oder durch die Folter gezwungen wird. Allein in beiden Fällen gibt es noch ein Rettungsmittel, nämlich zu leugnen; im ersten Falle, indem du den Haß des Angebers gegen dich geltend machst, und im zweiten Falle, indem du sagst, seine Lügen seien ihm durch die Folter erpreßt. Am klügsten ist es also, niemand etwas zu sagen und sich nach den obengenannten Beispielen zu richten; muß man sich aber anvertrauen, dann nur einem. Dabei ist zwar etwas Gefahr, aber doch lange nicht so viel, als wenn man sich vielen anvertraut. Verwandt ist der Fall, wo die Not dich zwingt, dem Fürsten das anzutun, was er, wie du siehst, dir selbst antun möchte, und wo diese Not so groß ist, daß sie dir nur die Zeit läßt, an deine Sicherheit zu denken. Dieser Zwang führt fast stets zum gewünschten Erfolg; zum Beweis will ich nur zwei Beispiele anführen. Laetus und Eclectus, zwei Hauptleute der Prätorianer, zählten zu den vertrautesten Freunden des Kaisers Commodus, und Marcia war seine liebste Beischläferin und Freundin. Da sie ihm manchmal die Schändlichkeiten vorwarfen, mit denen er seine Person und die Kaiserwürde befleckte, beschloß er, sie töten zu lassen, und schrieb die Namen der Marcia, des Laetus und Eclectus und einiger andrer, die er in der nächsten Nacht umbringen lassen wollte, auf einen Zettel, den er unter sein Kopfkissen legte. Während er im Bade war, fand ein Knabe, den er sehr liebte und der im Zimmer auf dem Bett spielte, den Zettel und begegnete damit beim Herausgehen der Marcia. Sie nahm ihn ihm weg, las ihn und nachdem sie den Inhalt gesehen, ließ sie sofort den Laetus und Eclectus holen. Alle drei erkannten die Gefahr, in der sie schwebten, beschlossen ihr zuvorzukommen und ermordeten, ohne Zeit zu verlieren, den Commodus in der folgenden Nacht. Im Jahre 192. Der Kaiser Antoninus Caracalla stand mit dem Heer in Mesopotamien. Sein Präfekt, Macrinus, war ein mehr friedlicher als kriegerischer Mann. Da nun schlimme Herrscher stets fürchten, andre möchten so an ihnen handeln, wie sie selbst es zu verdienen glauben, so schrieb Antoninus an seinen Freund Maternianus in Rom, er solle die Sterndeuter befragen, ob einer nach der Kaiserwürde trachte, und ihm dies melden. Materianus antwortete, dieser Mann sei Macrinus. Der Brief kam jedoch eher in die Hände des Macrinus als in die des Kaisers. Macrinus erkannte, daß er nur die Wahl hatte, den Kaiser vor der Ankunft eines neuen Briefes aus Rom zu ermorden, oder selbst zu sterben. So trug er dem ihm treu ergebenen Centurio Martialis, dessen Bruder der Kaiser vor wenigen Tagen hatte hinrichten lassen, die Ermordung auf, und dieser führte sie auch glücklich aus. 217 bei Carrhae. Man sieht also, daß die Not, die keine Zeit läßt, fast die gleiche Wirkung hat wie das oben beschriebene Verfahren des Nelematos von Epirus. Man sieht auch, was ich zu Anfang dieses Kapitels sagte, daß Drohungen dem Fürsten mehr schaden und wirksamere Verschwörungen hervorrufen als Kränkungen. Davor muß sich ein Fürst hüten, denn man muß die Menschen entweder liebkosen oder sich vor ihnen sichern, nie aber sie so weit bringen, daß ihnen die Notwendigkeit einleuchtet, entweder selbst zu sterben, oder einen andern ums Leben zu bringen. Die Gefahren bei der Ausführung entstehen entweder aus Änderungen in den Anordnungen oder aus der Verzagtheit des Vollstreckers der Tat, oder aus einem Fehler, den er aus Unvorsichtigkeit macht, oder aus unvollständiger Ausführung, wenn nämlich einige der zu Ermordenden am Leben bleiben. Nichts stört und hindert alle menschlichen Unternehmungen mehr, als wenn man plötzlich und ohne Frist eine Anordnung ändert und das zuerst Angeordnete umwirft. Nirgends aber stiftet eine solche Abänderung mehr Unordnung, als im Kriege und in Fällen, wie den hier besprochenen. Denn die Hauptsache bei allen solchen Unternehmungen ist, daß jeder sich die Ausführung dessen, was er zu tun hat, fest vornimmt. Hat jeder nun seine Einbildungskraft tagelang auf einen Plan und eine Anordnung eingestellt, und diese werden plötzlich geändert, so muß notwendig alles in Verwirrung geraten, und der ganze Anschlag mißlingt. Es ist daher viel besser, ihn nach der einmal gegebenen Anordnung auszuführen, selbst wenn man einigen Nachteil dabei sieht, als durch seine Abänderung in tausend andere zu geraten. Das aber geschieht, wenn man keine Zeit hat, einen neuen Plan aufzustellen; denn hat man Zeit, so kann man alles nach Gutdünken wieder einrichten. Die Verschwörung der Pazzi gegen Giuliano und Lorenzo von Medici ist bekannt. Vgl. Seite 242 oben. Der Plan war, daß sie bei einem Gastmahl beim Kardinal von San Giorgio ermordet werden sollten. Und zwar war bestimmt, wer sie töten, wer das Rathaus besetzen, wer durch die Stadt laufen und das Volk zur Freiheit aufrufen sollte. Als nun die Pazzi, die Medici und der Kardinal beim Hochamt im Dome zu Florenz waren, erfuhr man, daß Giuliano nicht beim Kardinal speisen würde. Darauf traten die Verschworenen zusammen und beschlossen, den Anschlag in der Kirche auszuführen. Das brachte den ganzen Plan in Verwirrung. Denn Giovanbattista da Montesecco wollte sich an dem Mord in der Kirche nicht beteiligen. Infolgedessen mußten alle Rollen neu verteilt werden; die damit Betrauten hatten keine Zeit, sich die Sache fest vorzunehmen, und machten solche Fehler, daß der Anschlag mißglückte. Der Vollstrecker der Tat verliert den Mut entweder aus Ehrfurcht oder aus Feigheit. Die Majestät eines Fürsten und die Scheu, die seine Erscheinung einflößt, ist so groß, daß sie den Vollstrecker leicht weichherzig macht oder einschüchtert. Als Marius von den Einwohnern von Minturnae gefangengenommen war, schickten sie einen Sklaven, um ihn zu töten. Der aber, durch den Anblick dieses Mannes und das Andenken seines Namens erschreckt, verlor allen Mut und alle Kraft, ihn zu töten. Wenn aber schon ein gefangener, gefesselter und vom Unglück gebeugter Mann diese Wirkung ausübt, wieviel mehr ist sie bei einem Fürsten zu fürchten, der ungebunden, in seiner Herrscherpracht und im Glanz seines Gefolges auftritt. Dieser Glanz kann dich also einschüchtern oder ein freundlicher Empfang dein Herz erweichen. Es verschworen sich einige gegen Sitalkes, König von Thrazien. Gemeint ist wohl der Odryse Sitalkes, Bundesgenosse der Athener im Peloponnesischen Krieg, der 424 im Krieg gegen die Triballer fiel. Vgl. Thukydides, II, 95–101, IV, 101. Sie setzten den Tag der Ausführung fest und versammelten sich an dem bestimmten Orte, wo sich der König befand, aber keiner erhob die Hand gegen ihn. So gingen sie unverrichteter Dinge wieder fort, ohne zu wissen, was sie gehindert hatte, und schoben die Schuld aufeinander. Diesen Fehler machten sie mehrere Male, bis die Verschwörung entdeckt wurde und sie die Strafe für ein Unrecht erlitten, das sie tun konnten und nicht wollen. Gegen den Herzog Alfonso von Ferrara Alfons I., 1505–1534 Herzog von Ferrara. Im Jahre 1506 verschworen sich seine Brüder Don Ferrante und Don Giulio gegen ihn. Als die Verschwörung entdeckt wurde, gelang es dem Hofsänger Guasconi zu entfliehen; die beiden Prinzen wurden zu lebenslänglichem Kerker »begnadigt«. verschworen sich zwei seiner Brüder und bedienten sich dazu des Priesters Giannes, des Sängers des Herzogs. Der brachte den Herzog auf ihr Verlangen mehrmals zu ihnen, so daß es in ihrer Macht stand, ihn zu ermorden. Trotzdem wagte nie einer von ihnen die Tat, bis sie schließlich entdeckt wurden und die Strafe für ihre Bosheit und Unklugheit erhielten. Diese Lässigkeit konnte aber keinen andern Grund haben, als daß die Erscheinung des Herzogs sie einschüchterte oder seine Leutseligkeit sie umstimmte. Ein Übelstand oder Fehler bei der Ausführung entsteht also durch Unklugheit oder Verzagtheit. Beides bringt dich außer Fassung und läßt dich in der Verwirrung deiner Gedanken etwas reden und tun, was du nicht solltest. Daß aber die Menschen verzagt und verwirrt werden, könnte Livius nicht besser zeigen als in seiner Erzählung von dem Ätolier Alexamenos, der, wie erwähnt, den Nabis von Sparta töten wollte. Als die Zeit der Ausführung da war und er den Seinigen alle nötigen Anweisungen gegeben hatte, da: collegit et ipse animum, confusum tantae cogitatione rei. Livius XXXV, 35. (Sammelte auch er seinen Geist, der durch den Gedanken an eine so große Sache verwirrt war.) Mag ein Mensch noch so festen Muts und gewohnt sein, Menschen zu töten und das Schwert zu führen, er wird doch etwas verwirrt werden. Daher wähle man nur Leute, die in diesem Handwerk erfahren sind, und verlasse sich auf niemand anders, mag er für noch so mutvoll gelten. Denn in großen Dingen verlasse sich keiner, der nicht die Probe gemacht hat, auf seinen Mut. Bei solcher Verwirrung können dir also die Waffen aus der Hand fallen, oder du kannst etwas sagen, was die gleichen Folgen hat. Lucilla, des Commodus Schwester, befahl dem Quintian, ihn zu ermorden. Im Jahre 183. Der erwartete den Commodus am Eingang des Zirkus, stürzte mit gezücktem Dolch auf ihn los und rief: »Das schickt dir der Senat!« Infolge dieser Worte wurde er ergriffen, noch ehe er zum Streich ausholen konnte. Antonio da Volterra war beauftragt, den Lorenzo Medici zu ermorden. In der Verschwörung der Pazzi, S. Seite 251. Als er auf ihn zutrat, rief er: »Ha, Verräter!« Dies Wort war Lorenzos Glück und brachte die Verschwörung zum Scheitern. Aus diesen Gründen kann eine Verschwörung gegen einen einzigen scheitern. Noch leichter aber mißglückt sie gegen zwei, ja sie ist dann so schwierig, daß ihr Gelingen fast unmöglich ist. Denn die gleiche Tat zur selben Zeit an verschiedenen Orten auszuführen, ist fast unmöglich; zu verschiedenen Zeiten aber darf sie nicht geschehen, wenn nicht eins das andre verderben soll. Ist daher schon die Verschwörung gegen einen Fürsten mißlich, gefährlich und unklug, so ist sie gegen zwei völlig eitel und leichtfertig. Nur die Achtung vor dem Geschichtsschreiber läßt mich an die Möglichkeit dessen glauben, was Herodian von Plautian erzählt, daß er nämlich dem Centurio Saturninus aufgetragen habe, ganz allein den Severus und Antoninus, die sich an zwei verschiedenen Orten aufhielten, zu töten. Denn das ist so vernunftswidrig, daß es mir kein andrer je glaubhaft machte. Einige athenische Jünglinge verschworen sich gegen Diokles und Hippias, die Tyrannen Athens. Sie ermordeten den Diokles, aber Hippias blieb am Leben und rächte ihn. Gemeint sind die Söhne des Pisistratos, Hipparch, deren letzterer 514 v. Chr. ermordet wurde. Hippias wurde 510 vertrieben. Chion und Leonides von Herakleia, Schüler des Plato, verschworen sich gegen die Tyrannen Klearchos und Satyros; Klearchos fiel, aber Satyros blieb am Leben und rächte ihn. Den Pazzi, die wir mehrfach anführten, gelang nur die Ermordung Giulianos. Vor solchen Verschwörungen gegen mehrere muß sich daher jedermann hüten; denn er nützt damit weder sich noch dem Vaterland noch irgendwem. Vielmehr werden die Überlebenden nur noch unerträglicher und härter, wie Florenz, Athen und Herakleia wissen. Allerdings war auch die Verschwörung des Pelopidas zur Befreiung seiner Vaterstadt Theben mit all diesen Schwierigkeiten verknüpft und nahm dennoch den glücklichsten Ausgang. Denn Pelopidas verschwor sich nicht gegen zwei Tyrannen, sondern gegen zehn; er war nicht nur nicht ihr Vertrauter und hatte keinen bequemen Zutritt zu ihnen, sondern er war ein Empörer. Trotzdem gelang es ihm, nach Theben zu kommen, die Tyrannen zu töten und das Vaterland zu befreien. Er hatte nur den Beistand eines Ratgebers der Tyrannen, namens Charon, der ihm den Zutritt zu ihnen erleichterte. Möge jedoch niemand seinem Beispiel folgen, denn das Unternehmen war an sich unmöglich und sein Gelingen ein Wunder. Auch die Schriftsteller, die es verewigt haben, halten und hielten es für etwas Seltenes und fast Beispielloses. Die Ausführung kann auch durch eine falsche Einbildung gestört werden oder durch einen unvorhergesehenen Zufall, der sich während der Tat ereignet. An dem Morgen, wo Brutus und seine Mitverschworenen den Cäsar ermorden wollten, geschah es, daß dieser lange mit Gnejus Popilius Laenas, einem der Verschworenen sprach. Angesichts dieser langen Unterredung befürchteten die übrigen, Popilius werde Cäsar die Verschwörung entdecken. Sie waren schon willens, Cäsar auf der Stelle zu ermorden und nicht abzuwarten, bis er im Senat war. Sie hätten es auch getan, wenn die Unterredung nicht geendigt hätte, ohne daß Cäsar eine ungewöhnliche Bewegung machte, was sie wieder beruhigte. Solche falschen Einbildungen sind wohl zu bedenken und klüglich in Rechnung zu stellen, zumal man ihnen leicht verfallen kann. Denn wer ein schlechtes Gewissen hat, glaubt leicht, daß von ihm die Rede sei. Du kannst ein in ganz andrer Absicht gesprochenes Wort hören, darüber den Kopf verlieren, glauben, es gehe dich an, und die Verschwörung durch deine Flucht verraten oder ihre Ausführung durch unzeitige Überstürzung in Verwirrung bringen. Je mehr aber um die Verschwörung wissen, desto leichter ereignet sich dies. Unvorhergesehene Zufälle kann man nur an Beispielen zeigen und die Menschen demgemäß warnen. Der schon erwähnte Giulio Belanti aus Siena war gegen Pandolfo Petrucci erbittert, weil dieser ihm seine Tochter erst zur Frau gegeben und sie ihm dann wieder genommen hatte. Er beschloß, ihn zu ermorden, und wählte sich hierzu die Zeit aus, wo Pandolfo, der fast täglich einen kranken Verwandten besuchte, an Belantis Haus vorbeikam. Nachdem er dies bemerkt hatte, versammelte er seine Mitverschworenen in seinem Hause, um Pandolfo im Vorbeigehn niederzustoßen. Er stellte sich bewaffnet hinter das Haustor und ans Fenster einen, der ein Zeichen geben sollte, wenn Pandolfo sich dem Tor näherte. Als nun Pandolfo kam und das Zeichen gegeben war, begegnete ihm zufällig ein Freund, der ihn aufhielt, während einige seiner Begleiter weitergingen. Sie hörten den Waffenlärm, entdeckten den Hinterhalt, und Pandolfo rettete sich, Belanti aber mußte mit seinen Gefährten aus Siena fliehen. Im Jahre 1500. Die zufällige Begegnung verhinderte also die Ausführung und ließ Belantis Unternehmen scheitern. Da solche Zufälle selten sind, gibt es kein Mittel dagegen. Wohl aber muß man alle Zufälle, die eintreten können, prüfen und für Abhilfe sorgen. Es bleibt uns jetzt nur noch von den Gefahren zu sprechen, die man nach der Ausführung läuft. Hier ist jedoch nur die eine Gefahr, daß jemand am Leben bleibt, der den Tod des Fürsten rächt. Das können seine Brüder, Kinder oder andre erbberechtigte Verwandte sein, die durch die Nachlässigkeit der Verschworenen oder aus den oben angeführten Gründen am Leben bleiben und Rache üben. Giovanni Andrea da Lampugnano und seine Mitverschworenen hatten den Herzog vom Mailand S. Lebenslauf, 1476. umgebracht; da aber ein Sohn und zwei Brüder am Leben blieben, rächten die seinen Tod zu gegebener Zeit. In solchen Fällen, wo die Verschworenen sich nicht anders helfen können, sind sie freilich entschuldigt. Lassen sie aber einen aus Unvorsichtigkeit oder Nachlässigkeit am Leben, so verdienen sie keine Nachsicht. Einige Verschworene in Forli töteten ihren Herrn, den Grafen Girolamo, S. Lebenslauf, 1488. Machiavellis Gesandtschaft zu Caterina Sforza s. Lebenslauf, 1495. Sie ergab sich im Jahre 1500 Cäsar Borgia und wurde nach Rom gebracht. und nahmen seine Gattin und seine kleinen Kinder gefangen. Da sie sich aber ihres Lebens nicht sicher glaubten, bevor sie nicht das Kastell in Händen hatten, dieses sich ihnen aber nicht ergeben wollte, so versprach die Gräfin Caterina, ihnen das Kastell zu verschaffen, wenn sie sie selbst hineinließen und ihre Kinder als Geiseln behielten. Auf dies Versprechen hin ließen sie sie hinein. Kaum aber war sie im Kastell, so warf sie ihnen von der Mauer herab die Ermordung ihres Gatten vor und drohte ihnen furchtbare Rache. Ja, um zu zeigen, daß sie sich aus den Kindern nichts mache, zeigte sie auf ihren Schoß und sagte, sie hätte noch das Mittel, andre zu bekommen. Die Verschworenen, die sich keinen Rat wußten und zu spät ihren Fehler einsahen, mußten ihre Unvorsichtigkeit mit ewiger Verbannung büßen. Von allen Gefahren aber, die nach der Ausführung eintreten können, ist keine gewisser und furchtbarer, als wenn das Volk den ermordeten Fürsten liebte; dagegen bleibt den Verschworenen kein Mittel, da sie sich gegen das Volk nie sichern können. Ein Beispiel ist Cäsar, der vom Volke gerächt wurde, weil es ihn liebte. Denn indem es alle Verschworenen aus Rom vertrieb, war es die Ursache, daß sie alle zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten ums Leben kamen. Die Verschwörungen gegen das Vaterland sind weniger gefährlich als gegen die Fürsten, denn bei der Anstiftung ist weniger Gefahr, bei der Ausführung die gleiche, nach vollbrachter Tat keine. Bei der Anstiftung ist nicht viel Gefahr, weil ein Bürger zur Macht gelangen kann, ohne jemand seinen Plan und seine Gesinnung mitzuteilen. Wird er nun daran nicht gehindert, so kann er sein Unternehmen zum glücklichen Ende führen. Wird er aber durch ein Gesetz gehindert, so kann er die Zeit abwarten und andre Wege einschlagen. Das gilt allerdings nur für Republiken, in denen schon einige Sittenverderbnis herrscht; denn in einer unverdorbenen Republik können keine schlimmen Grundsätze aufkommen, und somit kann auch kein Bürger auf solche Gedanken geraten. Die Bürger können also durch mancherlei Mittel und auf mancherlei Wegen zur Herrschaft streben, ohne Gefahr zu laufen, unterdrückt zu werden, teils weil die Republiken langsamer, weniger argwöhnisch und daher auch weniger vorsichtig sind als ein Fürst, teils weil sie mehr Rücksicht auf ihre großen Bürger nehmen und diese dadurch kühner werden, etwas gegen den Staat zu unternehmen. Jeder hat Sallusts Beschreibung der Verschwörung des Catilina gelesen und weiß, daß Catilina nach ihrer Entdeckung nicht nur in Rom blieb, sondern in den Senat kam und ihm sowie dem Konsul Grobheiten sagte; so große Rücksicht nahm Rom auf seine Bürger. Als er dann Rom verlassen hatte und schon beim Heere war, wären Lentulus und die andern doch nicht verhaftet worden, hätte man nicht schwerbelastende Briefe von ihrer Hand gehabt. Als Hanno, einer der angesehensten Bürger Karthagos, nach der Alleinherrschaft strebte, traf er Anstalten, bei der Hochzeit einer seiner Töchter den ganzen Senat zu vergiften und sich dann zum Fürsten zu machen. Als man dies erfuhr, tat der Senat nichts andres dagegen, als daß er ein Gesetz gegen den Aufwand bei Gastmählern und Hochzeiten erließ; so große Rücksicht nahm man auf Hannos Größe. Bei der Ausführung einer Verschwörung gegen das Vaterland ist allerdings die Schwierigkeit und Gefahr größer. Denn deine eignen Kräfte reichen selten gegen so viele hin, und nicht jeder hat ein Heer hinter sich, wie Cäsar, Agathokles S. Buch II, Kap. 12, Anm. 59. oder Kleomenes S. Buch I, Kap. 9, Anm. 28. und ähnliche, die ihr Vaterland auf einen Schlag mit Gewalt unterwarfen. Für solche ist es freilich sehr leicht und sicher; die andern aber, die über keine solche Macht verfügen, müssen die Sache entweder durch List und Kunst oder durch fremde Hilfe ausführen. List und Kunst brauchte der Athener Pisistratos. Als er sich durch seinen Sieg über die Megarer die Gunst des Volkes errungen hatte, kam er eines Morgens verwundet zum Vorschein, sagte, der Adel habe ihn aus Neid mißhandelt, und bat um die Erlaubnis, Bewaffnete zu seinem Schutz annehmen zu dürfen. Von dieser Stufe stieg er dann leicht zu solcher Macht, daß er Tyrann von Athen wurde. Pandolfo Petrucci Vgl. Seite 241. kehrte mit andern Verbannten nach Siena zurück und erhielt den Befehl über die Stadtwache, einen niedrigen Posten, den die andern ausschlugen. Nichtsdestoweniger verschafften ihm diese Soldaten mit der Zeit solches Ansehen, daß er in kurzem Fürst wurde. Viele andre haben sich andrer Kunstgriffe und Mittel bedient und ihr Ziel mit der Zeit ohne Gefahr erreicht. Die, welche sich mit eigner Macht oder mit Hilfe fremder Heere gegen die Freiheit ihres Vaterlandes verschworen, hatten je nach ihrem Glück verschiedenen Erfolg. Catilina ging darüber zugrunde. Hanno, den wir bereits erwähnten, bewaffnete, als es ihm mit Gift nicht gelang, ein paar tausend Anhänger und kam mit allen ums Leben. Um die Alleinherrschaft an sich zu reißen, riefen ein paar der ersten Bürger Thebens ein spartanisches Heer zu Hilfe und bemächtigten sich der Herrschaft. Geht man alle Verschwörungen gegen das Vaterland durch, so findet man kaum eine, die während der Anstiftung unterdrückt wurde. Sie sind entweder alle geglückt oder bei der Ausführung gescheitert. Nach der Ausführung aber ist keine andre Gefahr dabei als die mit der Natur der Alleinherrschaft verbundene; denn ist jemand Tyrann geworden, so drohen ihm die natürlichen und gewöhnlichen Gefahren der Tyrannenherrschaft, gegen die er nur die oben erörterten Mittel hat. Dies ist, was ich über die Verschwörungen schreiben wollte. Wenn ich dabei nur von solchen sprach, die mit dem Schwert und nicht durch Gift ausgeführt werden, geschah es, weil der Hergang der gleiche ist. Die Verschwörungen durch Gift sind freilich noch gefährlicher, weil unsichrer. Da nicht jeder Gelegenheit dazu hat, muß er sich mit einem, der sie hat, verständigen, und in dieser Notwendigkeit liegt Gefahr. Außerdem kann ein Gifttrank aus vielen Gründen nicht tödlich wirken, wie bei Commodus, der das ihm beigebrachte Gift wieder von sich gab, so daß man ihn erwürgen mußte, damit er starb. Den Fürsten kann also nichts Schlimmeres drohen als eine Verschwörung; denn sie kostet ihnen entweder das Leben oder bringt ihnen Schande. Glückt sie, so sterben sie; wird sie entdeckt und die Verschworenen hingerichtet, so glaubt man stets, das Ganze sei eine Erfindung des Fürsten, um seine Habsucht und Grausamkeit an dem Blut und Vermögen der Getöteten zu sättigen. Ich möchte daher jedem Fürsten und jeder Republik, gegen die man sich verschwört, folgenden Rat geben. Wird eine Verschwörung entdeckt, so müssen sie, noch ehe sie einen Schritt zur Bestrafung tun, deren Beschaffenheit gründlich untersuchen und das Kräfteverhältnis zwischen sich und den Verschworenen genau gegeneinander abwägen. Finden sie, daß die Verschwörung ausgedehnt und mächtig ist, so dürfen sie sie nicht eher aufdecken, als bis sie hinreichende Kräfte zu ihrer Unterdrückung gesammelt haben, sonst würden sie nur ihr eignes Verderben aufdecken. Bis dahin müssen sie sich durchaus nichts anmerken lassen, sonst würden die Verschworenen, die sich entdeckt sehen, in ihrer Not jede Rücksicht beiseite setzen. Die Römer geben uns ein Beispiel dafür. Nachdem sie, wie andernorts S. Buch II, Kap. 26. berichtet, zwei Legionen zum Schutz von Capua gegen die Samniter zurückgelassen hatten, verschworen sich deren Führer zur Unterdrückung dieser Stadt. Als man dies in Rom erfuhr, erhielt der neue Konsul Rutilius den Auftrag, dagegen einzuschreiten. Um die Verschworenen einzuschläfern, machte Rutilius bekannt, der Senat habe den capuanischen Legionen ihre Standorte bestätigt. Da die Soldaten dies glaubten und zur Ausführung ihres Planes Zeit zu haben meinten, suchten sie die Sache nicht zu beschleunigen und blieben so lange untätig, bis sie merkten, daß der Konsul sie voneinander trennte. Jetzt wurden sie mißtrauisch, gaben sich zu erkennen und führten ihr Vorhaben aus. Es kann nach beiden Seiten kein lehrreicheres Beispiel geben. Man ersieht daraus, wie langsam die Menschen sind, wenn sie Zeit zu haben meinen, und wie schnell sie zu Werke gehen, wenn die Not sie treibt. Kein Fürst und keine Republik, die den Ausbruch einer Verschwörung hinausschieben wollen, kann ein besseres Mittel anwenden, als den Verschworenen in geschickter Weise eine nahe Gelegenheit zur Ausführung zu bieten, damit sie in deren Erwartung oder in dem Glauben, noch Zeit zu haben, ihrer Obrigkeit Zeit zu ihrer Bestrafung geben. Wer anders handelt, beschleunigt seinen Sturz, wie der Herzog von Athen 1342 gelang es dem letzten der fremden Signori von Florenz, dem Grafen Gautier von Brienne, Herzog von Athen, mit Hilfe des niederen Volkes die Verfassung gewaltsam zu beseitigen und sich zum Herrscher der Stadt zu machen. Er wurde schon 1343 vertrieben. und Guglielmo de'Pazzi. Als der Herzog Herr von Florenz geworden war und von einer Verschwörung gegen sich erfuhr, ließ er einen der Verschworenen ohne weitere Untersuchung festnehmen. Die Folge war, daß die andern sofort zu den Waffen griffen und ihm die Herrschaft entrissen. Als Guglielmo 1501 Kommissar von Florenz im Chianatal war und erfuhr, daß in Arezzo S. Lebenslauf, 1502. eine Verschwörung zugunsten der Vitelli stattfände, um die Stadt den Florentinern zu entreißen, begab er sich sofort nach Arezzo und ließ, ohne die Kräfte der Verschworenen und die eignen zu bedenken und ohne sich auf Widerstand gefaßt zu machen, auf den Rat des Bischofs, seines Sohnes, einen der Verschworenen verhaften. Kaum war dies geschehen, so griffen die andern zu den Waffen, entrissen den Florentinern die Stadt, und Guglielmo wurde aus einem Kommissar ein Gefangener. Sind dagegen die Verschwörungen schwach, so kann und soll man sie rücksichtslos unterdrücken. Auch die beiden folgenden Maßregeln, die einander fast entgegengesetzt sind, soll man auf keine Weise nachahmen. Der vorgenannte Herzog von Athen wollte zeigen, daß er die Liebe der Florentiner Bürger zu besitzen glaubte, und ließ daher einen Mann Matteo di Morozzo. hinrichten, der ihm eine Verschwörung entdeckte. Dion von Syrakus, Vgl. Buch I, Kap. 10, Anm. 29. der die Gesinnung eines ihm Verdächtigen auf die Probe stellen wollte, erlaubte dem Kalippos, dem er vertraute, zum Schein eine Verschwörung anzuzetteln. Beide fuhren übel dabei, denn der eine benahm den Anklägern den Mut und gab ihn denen, die Lust hatten, sich zu verschwören; der andere aber bahnte den Weg zu seinem Tode, ja, er war selbst das Haupt einer Verschwörung gegen sich; denn da Kalippos unbesorgt alles gegen Dion unternehmen konnte, trieb er es so weit, bis er ihn um Reich und Leben gebracht hatte. Siebtes Kapitel Warum der Umschwung von der Freiheit zur Knechtschaft und umgekehrt bisweilen sehr viel, bisweilen gar kein Blut kostet. Man könnte im Zweifel sein, woher es kommt, daß die vielen Umwälzungen vom freien Staatsleben zur Tyrannenherrschaft und umgekehrt, teils mit, teils ohne Blutvergießen ablaufen. Denn soviel man aus der Geschichte ersieht, sind bei diesen Umwälzungen bisweilen zahllose Menschen ums Leben gekommen, und bisweilen ist keinem ein Leids geschehen. Das letztere war beim Übergang Roms von den Königen zu den Konsuln der Fall, wo nur die Tarquinier vertrieben wurden, ohne daß sonst jemand etwas zu leiden hatte. Das hängt davon ab, ob die gestürzte Regierungsform durch Gewalt entstanden war oder nicht. Die Aufrichtung einer Gewaltherrschaft kann nur durch Verletzung vieler geschehen, und bei ihrem Sturz ist es natürlich, daß die Geschädigten sich rächen wollen; aus diesem Rachedurst aber entsteht Mord und Totschlag. Ist jedoch ein Staat durch Zustimmung des ganzen Volkes entstanden und von ihm groß gemacht worden, so ist später, wenn die Staatsform sich ändert, kein Grund vorhanden, einem andern als dem Haupt etwas anzutun. Das aber war beim römischen Staat der Fall, als die Tarquinier vertrieben wurden, und ebenso in Florenz beim Sturze der Medici im Jahre 1494, wo auch niemand außer ihnen zu Schaden kam. Darum sind derartige Umwälzungen nicht sehr gefährlich; um so furchtbarer sind die, welche von Männern gemacht werden, die sich zu rächen haben; ja sie waren stets derart, daß sie den Leser schaudern machen. Die Geschichte ist so voll solcher Beispiele, daß ich sie übergehen will. Achtes Kapitel Wer eine Republik stürzen will, muß ihren Zustand in Betracht ziehen. Es ist oben S. Buch I, Kap. 34. erörtert worden, daß ein schlechter Bürger in einer unverdorbenen Republik nichts Böses stiften kann. Dieser Satz wird außer den dort angeführten Gründen auch durch das Beispiel des Spurius Cassius und des Manlius Capitolinus bestätigt. Spurius, ein ehrgeiziger Mann, wollte sich außergewöhnliches Ansehen in Rom anmaßen und sich das Volk durch viele Wohltaten gewinnen, z. B. durch den Verkauf der Ländereien, die die Römer den Hernikern abgenommen hatten. S. Buch I, Kap. 8. Der Senat durchschaute seinen Ehrgeiz und machte ihn so verdächtig, daß das Volk sein Anerbieten glatt ablehnte, den Erlös des Korns, das der Staat aus Sizilien hatte kommen lassen, an das Volk zu verteilen. Denn es hatte den Eindruck, daß Spurius ihm mit diesem Geld seine Freiheit abkaufen wollte. Wäre das Volk aber verderbt gewesen, so hätte es diesen Preis nicht ausgeschlagen und ihm den Weg zur Tyrannei eröffnet, den es ihm jetzt verschloß. Noch viel treffender ist das Beispiel des Manlius Capitolinus. Denn man sieht daraus, wieviel Vorzüge des Geistes und Körpers, wie viele hohe Taten zum Besten des Vaterlandes durch zügellose Herrschsucht ausgelöscht werden. Diese Herrschsucht entstand bei ihm, wie gesagt, Das Ackergesetz des Spurius Cassius (486 v. Chr.). Vgl. Buch I, Kap. 37, Anm. 108, und Livius II, 41. durch den Neid auf die dem Camillus erwiesenen Ehren und verblendete seinen Geist derart, daß er ohne Rücksicht auf die römischen Sitten und ohne zu bedenken, daß bei dem damaligen Zustand der Stadt noch keine verderbte Staatsform möglich war, Aufruhr gegen den Senat und die vaterländischen Gesetze erregte. Hieraus erkennt man die Vollkommenheit dieses Staats und die Reinheit seiner Sitten; denn wiewohl der Adel sonst fest zusammenhielt, rührte sich beim Prozeß des Manlius kein Adliger zu seiner Verteidigung, und keiner seiner Verwandten tat etwas für ihn. Während sie sonst, wenn andre angeklagt wurden, mit Asche bestreut, in Trauerkleidern und mit kummervollen Mienen zu erscheinen pflegten, um Mitleid für ihn zu erwecken, erschien bei Manlius kein einziger. Und die Volkstribunen, die sonst alles zu begünstigen pflegten, was ihnen vorteilhaft für das Volk erschien, und alles hervorkehrten, was gegen den Adel gerichtet war, vereinigten sich in diesem Fall mit diesem, um ein gemeinsames Verderben abzuwenden. Das römische Volk, das so sehr auf seinen Vorteil bedacht war und alles begünstigte, was gegen den Adel geschah, war zwar dem Manlius sehr gewogen; als ihn aber die Tribunen vorluden und seine Sache dem Urteil des Volkes anheimstellten, ward das Volk aus seinem Verteidiger zum Richter und verurteilte ihn rücksichtslos zum Tode. Ich glaube daher, daß es in der römischen Geschichte kein besseres Beispiel gibt, um die Vortrefflichkeit aller Einrichtungen der Republik zu beweisen. Denn es rührte sich keiner in der Stadt zur Verteidigung eines Bürgers, der mit allen Vorzügen ausgestattet war und öffentlich wie als Privatmann sehr viele löbliche Taten vollbracht hatte. Bei allen war die Vaterlandsliebe stärker als jede andre Rücksicht, und sie schlugen die gegenwärtigen Gefahren, die von ihm drohten, so viel höher an als seine früheren Verdienste, daß sie sich durch seinen Tod davon befreiten. Livius sagt: Hunc exitum habuit vir, nisi in libera civitate natus esset, memorabilis. VI, 20 (384 v. Chr.) (So endete der Mann, der sich einen großen Namen gemacht hätte, wäre er nicht in einem Freistaat geboren.) Hierbei ist zweierlei zu beachten. Erstens, daß man in einer verderbten Republik auf andern Wegen nach Ruhm streben muß, als in einer, die noch nach freien Grundsätzen lebt. Zweitens, was fast auf das gleiche herausläuft, daß die Menschen bei allem, was sie tun, besonders, wenn sie Großes vorhaben, die Zeitverhältnisse in Betracht ziehen und sich nach ihnen richten müssen. Wer sich durch schlechte Wahl seiner Mittel oder natürliche Neigung in Gegensatz zu seiner Zeit stellt, der führt meistenteils ein unglückliches Leben und seine Unternehmungen scheitern; bei denen, die mit ihrer Zeit übereinstimmen, trifft das Gegenteil zu. Sicher läßt sich aus den angeführten Worten des Geschichtsschreibers schließen, daß Manlius in der Zeit des Marius und Sulla, wo die Sitten bereits verderbt waren und er dem Staat die Form seines Ehrgeizes hätte aufdrücken können, das gleiche erreicht hätte, wie Marius und Sulla und die andern, die nach ihnen nach der Alleinherrschaft strebten. Umgekehrt wären Marius und Sulla, hätten sie zur Zeit des Manlius gelebt, gleich bei ihren ersten Unternehmungen gescheitert. Denn ein Mann kann wohl durch sein Benehmen und seine schlimmen Praktiken den Grund zur Sittenverderbnis legen, aber sein Leben reicht nicht aus, ein Volk so zu verderben, daß er selbst die Früchte genießen kann. Wäre aber auch die Zeit nicht zu kurz dazu, so wäre es doch gegen die Natur der Menschen, denn sie sind ungeduldig, können die Befriedigung ihrer Leidenschaften nicht lange hinausschieben und täuschen sich auch in ihren Angelegenheiten, besonders in den Dingen, die sie sehnlichst herbeiwünschen. So würden sie sich also aus Ungeduld oder Selbstbetrug auf unzeitgemäße Unternehmungen einlassen und ein schlimmes Ende nehmen. Will man also in einer Republik zu Ansehen kommen und ihr eine schlimme Regierungsform aufzwingen, so müssen die Sitten bereits verderbt und die Zustände nach und nach, von Geschlecht zu Geschlecht, zerrüttet worden sein. Und dahin gelangt der Staat unvermeidlich, wenn er nicht, wie oben gesagt, S. Buch III, Kap. 1. häufig durch gute Beispiele aufgefrischt und durch neue Gesetze zu seinem Ursprung zurückgeführt wird. Manlius wäre also ein seltner und berühmter Mann geworden, wäre er in einem verderbten Staat geboren. Darum müssen die Bürger, die in einer Republik etwas zugunsten der Freiheit oder der Alleinherrschaft unternehmen wollen, den Zustand des Staates in Betracht ziehen und danach die Schwierigkeit ihres Unternehmens beurteilen. Denn es ist ebenso schwierig und gefährlich, ein Volk, das in Knechtschaft leben will, frei zu machen, wie ein Volk, das frei bleiben will, zu knechten. Und da ich oben gesagt habe, man müsse bei seinen Handlungen die Zeitumstände in Betracht ziehen und danach verfahren, so will ich im folgenden Kapitel näher darauf eingehen. Neuntes Kapitel Wer immer Glück haben will, muß sein Verfahren je nach den Zeiten ändern. Ich habe oft gefunden, daß die Ursache des Glückes und des Unglückes der Menschen in der Anpassung ihres Betragens an die Zeitläufte liegt. Sie gehen bei ihren Handlungen teils ungestüm, teils zögernd und behutsam zu Werke. Da aber in beiden die richtige Grenze überschritten wird, weil man die rechte Mittelstraße nicht einhalten kann, so wird in beidem gefehlt. Der aber wird weniger irren und mehr Glück haben, dessen Handlungsweise zu seiner Zeit paßt. Immer aber wird der Mensch nur das tun, wozu seine Natur ihn zwingt. Jedermann weiß, wie vorsichtig und behutsam Fabius Maximus im Gegensatz zum Ungestüm und zur Kühnheit Roms Krieg führte. Sein Glück wollte, daß sein Verfahren zu den damaligen Zeiten paßte. Denn Hannibal war jung und mit frischem Glück nach Italien gezogen und hatte zweimal das römische Volk geschlagen. Die Republik hatte fast alle ihre guten Soldaten verloren; sie war entmutigt und konnte daher kein besseres Los ziehen, als einen Feldherrn zu haben, der den Feind durch sein Zaudern und seine Behutsamkeit hinhielt. Ebenso konnte Fabius für sein Verfahren keine passendere Zeit finden, und daher kam es, daß er sich Ruhm erwarb. Daß aber Fabius seiner Natur nach, nicht aus freier Wahl so handelte, sieht man daraus, daß er sich mit aller Kraft widersetzte, als Scipio mit dem Heere nach Afrika übersetzen wollte, um den Krieg zu beenden. Er konnte sich also von seiner Denkart und Gewohnheit nicht losmachen und merkte nicht, daß die Zeiten sich geändert hatten und daß somit auch die Art der Kriegführung geändert werden mußte. Wäre es nach ihm gegangen, so stünde Hannibal noch in Italien, und wäre Fabius König von Rom gewesen, so wäre der Krieg leicht unglücklich ausgegangen, weil er sein Verfahren nicht nach Maßgabe der veränderten Zeiten zu ändern verstand. Da er aber in einer Republik geboren war, wo es verschiedene Bürger und Charaktere gab, so hatte sie für die Zeiten, wo das bloße Aushalten des Krieges das beste war, einen Fabius und später für die Zeiten, wo er siegreich beendigt werden sollte, einen Scipio. Daher kommt es, daß eine Republik längere Lebensdauer und länger Glück hat als ein Königreich, denn sie kann sich bei der Verschiedenheit ihrer Bürger besser in die verschiedenen Zeiten schicken als ein Fürst. Wer hingegen an eine Art zu handeln gewöhnt ist, ändert sich, wie gesagt, nie und muß, wenn die veränderten Zeitläufte zu seinem Verfahren nicht mehr passen, notwendig zugrunde gehen. Piero Soderini, S. Lebenslauf, 1502, 1512, und Buch III, Kap. 3 und 30. den wir schon mehrfach anführten, verfuhr in allem mit Sanftmut und Geduld. Er machte sein Vaterland glücklich, so lange seine Handlungsweise in die Zeit paßte. Als dann aber Zeiten kamen, wo Geduld und Sanftmut aufhören mußten, verstand er das nicht und ging mit seinem Vaterland zugrunde. Papst Julius II. verfuhr während seines ganzen Pontifikats mit Ungestüm und Heftigkeit, und da ihm die Zeiten günstig waren, glückten ihm alle seine Unternehmungen. Wären aber andre Zeiten gekommen, die eine andre Handlungsweise erforderten, so wäre sein Untergang notwendig erfolgt, denn er hätte weder seine Denkweise noch sein Benehmen geändert. Daß wir uns aber nicht ändern können, liegt an zweierlei. Erstens vermögen wir nichts gegen unsre Natur, und zweitens läßt sich ein Mann, der bei einer Art zu handeln viel Glück gehabt hat, durch nichts überzeugen, daß es ihm auch bei anderm Verfahren gelingen könnte. So kommt es, daß das Glück eines Menschen wechselt, denn die Zeiten wechseln, er aber ändert sein Verfahren nicht. Auch Staaten gehen unter, wenn ihre Einrichtungen sich nicht mit den Zeiten ändern, wie wir oben ausführlich erörtert haben. S. Buch III, Kap. 1. Sie gehen nur langsamer zugrunde, weil ihre Veränderung mehr Mühe macht. Denn es müssen erst Zeiten kommen, die den ganzen Staat erschüttern; ein einzelner reicht zur Änderung nicht hin. Da ich aber den Fabius Maximus erwähnte, der den Hannibal hinhielt, so will ich im folgenden Kapitel erörtern, ob ein Feldherr, der dem Feinde durchaus eine Schlacht liefern will, von ihm daran gehindert werden kann. Zehntes Kapitel Ein Feldherr kann der Schlacht nicht ausweichen, wenn sein Gegner durchaus eine Schlacht liefern will. Gaius Sulpicius dictator adversus Gallos bellum trahebat, nolens se fortunae committere adversus hostem, quem tempus deteriorem in dies et locus alienus faceret. Livius VII, 12 (358 v. Chr.) (Der Diktator Gajus Sulpicius zog den Krieg gegen die Gallier in die Länge, da er einem Feind gegenüber, den die Zeit und das fremde Land von Tag zu Tag schwächte, nicht alles dem Glück überlassen wollte.) Wenn alle oder doch die meisten Menschen sich in einem Irrtum befinden, so ist es sicher nicht falsch, ihn öfter zu widerlegen. Obschon ich also mehrmals gezeigt habe, wie sehr wir in der Behandlung großer Angelegenheiten von den Alten abweichen, scheint es mir doch nicht überflüssig, noch einmal darauf zurückzukommen. Denn weicht man in irgend etwas von den Alten ab, so ist es gewiß in der Kriegführung, wo nichts mehr von alledem beachtet wird, worauf die Alten Wert legten. Dieser Übelstand kommt daher, daß die Republiken und Fürsten diese Sorge andern überlassen, um den damit verbundenen Gefahren zu entgehen. Sieht man heutzutage auch manchmal einen König in Person zu Felde ziehen, so glaube man ja nicht, es käme durch seine Gegenwart etwas anderes, Ruhmwürdigeres heraus. Denn zieht er wirklich einmal zu Felde, so tut er es zum Prunk und nicht aus einem andern, löblichen Grunde. Immerhin sehen diese Könige ihre Truppen doch mal mit eignen Augen und sind wenigstens dem Namen nach Oberbefehlshaber. Auch machen sie immer noch weniger Fehler als die Republiken, besonders die italienischen, die sich auf andre verlassen und nichts vom Kriegswesen verstehen, andrerseits aber, um als Herren zu erscheinen, darüber entscheiden wollen und dabei tausend Fehler begehen. Über einige dieser Fehler habe ich schon andernorts Vgl. Buch I, Kap. 23, und Buch II, an vielen Stellen. gehandelt. Ich will aber einen der wichtigsten hier nicht verschweigen. Wenn solche müßigen Fürsten oder weibischen Republiken einen Feldherrn aussenden, glauben sie ihm keinen weiseren Auftrag geben zu können, als daß er sich auf keine Schlacht einlassen, ja, daß er sich auf jede Weise vor einem Kampf hüten soll. Damit glauben sie die Klugheit des Fabius Maximus nachzuahmen, der Rom durch Vermeiden einer Schlacht rettete, und sehen nicht ein, daß ein solcher Auftrag meistenteils Unsinn oder verderblich ist. Denn ein Heerführer, der sich im Felde halten will, kann eine Schlacht unmöglich vermeiden, sobald der Gegner sie durchaus liefern will. Ein solcher Auftrag heißt also nur soviel wie: liefere eine Schlacht, wenn es dem Feinde paßt, nicht dir. Denn wer sich im Felde halten und keine Schlacht liefern will, hat nur ein sichres Mittel, nämlich wenigstens zehn Meilen Im Urtext: 50 Miglien. vom Feinde entfernt zu bleiben und sich gute Kundschafter zu halten, damit er bei seinem Anrücken rechtzeitig abziehen kann. Ein andres Mittel ist, sich in eine Stadt einzuschließen, aber beide Mittel sind höchst verderblich. Im ersten Fall überläßt man sein Land dem Feinde zur Beute, und ein tapfrer Fürst wird lieber das Schlachtenglück wagen, als den Krieg derart zum Schaden seiner Untertanen in die Länge zu ziehen. Im zweiten Falle ist der unglückliche Ausgang offenbar, denn wirft man sich mit seinem Heer in eine Stadt, so wird man sicher belagert, leidet bald Hunger und muß sich ergeben. Diese zwei Mittel, einer Schlacht auszuweichen, sind also durchaus verderblich. Das Verfahren des Fabius Maximus, stets feste Lager zu beziehen, ist gut, wenn dein Heer so tapfer ist, daß der Feind dich in deiner vorteilhaften Stellung nicht anzugreifen wagt. Man kann auch nicht sagen, daß Fabius eine Schlacht vermieden habe; er wollte sie nur zu seinem Vorteil liefern. Denn hätte Hannibal ihn angegriffen, so hätte er ihn erwartet und die Schlacht angenommen; aber Hannibal wagte es nicht, ihn in seiner günstigen Stellung anzugreifen. Die Schlacht wurde also sowohl von Hannibal wie von Fabius vermieden; hätte aber einer von beiden sie um jeden Preis liefern wollen, so blieben dem andern nur drei Auswege, nämlich die beiden obengenannten oder die Flucht. Wie wahr dies ist, ergibt sich deutlich aus tausend Beispielen, besonders aus dem Kriege der Römer mit Philipp von Mazedonien, dem Vater des Perseus. Philipp III. S. Seite 139, Anm. 9, und Seite 140, Anm. 11. Von den Römern angegriffen, beschloß Philipp, keine Schlacht zu liefern. Zu diesem Zweck wollte er es anfangs so machen, wie Fabius Maximus in Italien. Er setzte sich also auf einer Bergkuppe fest und verschanzte sich stark, in der Meinung, die Römer würden den Angriff nicht wagen. Sie griffen ihn aber doch an und vertrieben ihn von seinem Berge, und da er keinen Widerstand leisten konnte, ergriff er mit dem größten Teil seiner Leute die Flucht. Nur die Unwegsamkeit der Gegend, die die Römer an der Verfolgung hinderte, rettete ihn vor völliger Vernichtung. Da sich also Philipp auf keinen Kampf einlassen wollte, sein Lager aber in der Nähe der Römer bezogen hatte, mußte er fliehen. Nachdem ihn diese Erfahrung gelehrt hatte, daß es zur Vermeidung einer Schlacht nicht hinreicht, auf einem Berge zu stehen, griff er, da er sich nicht in eine Stadt einschließen wollte, zu dem andern Mittel, viele Meilen vom römischen Lager entfernt zu bleiben. Waren daher die Römer in einer Gegend, so zog er in eine andre und ging immer dorthin, wo die Römer abzogen. Schließlich sah er ein, daß er durch diese Art von Kriegsverlängerung nur seine Lage verschlimmerte und daß seine Untertanen bald von ihm, bald vom Feinde bedrückt wurden. So entschloß er sich, das Kriegsglück zu wagen, und lieferte den Römern eine richtige Schlacht. Die Niederlage bei Kynoskephalä, 197 v. Chr. Es ist also nützlich, nicht zu kämpfen, wenn die Heere in der gleichen Verfassung sind, wie das des Fabius und des Gajus Sulpicius, d. h. wenn du ein so gutes Heer hast, daß der Feind dich in deinen Verschanzungen nicht anzugreifen wagt, und wenn er in deinem Lande nur schwach Fuß gefaßt hat, so daß er Mangel an Unterhalt leidet. In diesem Fall ist die Maßregel vorteilhaft, wie Livius es mit den obigen Worten begründet: nolens se fortunae committere adversus hostem, quem tempus deteriorem in dies et locus alienus faceret. In jedem andern Fall aber läßt sich die Schlacht nur mit Schande und Gefahr vermeiden. Denn fliehen, wie Philipp, ist so gut wie geschlagen werden, ja es ist um so schimpflicher, als man keinen Beweis seiner Tapferkeit geliefert hat. Gelang es Philipp aber auch, sich zu retten, so würde es doch keinem andern gelingen, wenn ihm nicht die Beschaffenheit der Gegend so zu Hilfe käme wie ihm. Niemand wird leugnen, daß Hannibal ein Meister der Kriegskunst war. Hätte er, als ihm Scipio in Afrika gegenüberstand, einen Vorteil in der Verlängerung des Krieges gesehen, so hätte er sicher danach gehandelt. Als guter Feldherr mit einem tüchtigen Heer hätte er es vielleicht so machen können wie Fabius in Italien; da er es aber nicht tat, muß man annehmen, daß er gewichtige Gründe dazu hatte. Denn ein Fürst, der ein Heer zusammengebracht hat und einsieht, daß er es aus Mangel an Geld oder Bundesgenossen nicht lange beisammenhalten kann, ist völlig von Sinnen, wenn er das Glück nicht versucht, bevor ihm sein Heer auseinanderläuft. Denn wartet er, so ist er sicher verloren; versucht er das Glück, so kann er immer noch siegen. Noch etwas ist hier stark in Anschlag zu bringen: auch wenn man unterliegt, soll man Ehre einzulegen suchen, und es ist zweifellos ehrenvoller, mit den Waffen besiegt zu werden, als den Krieg durch irgendeinen andern Mißstand zu verlieren. Diese Notwendigkeiten müssen Hannibal wohl also zur Schlacht gezwungen haben. Bei Zama, 202 v. Chr. Hätte er aber auch die Schlacht hinausgeschoben, und Scipio hätte nicht den Mut gehabt, ihn in fester Stellung anzugreifen, so hätte dies dem Scipio gar nichts geschadet, denn er hatte bereits den Syphax überwunden und so viel Städte in Afrika erobert, daß er dort so sicher und bequem stehen konnte wie in Italien. Das war bei Hannibal nicht der Fall, als er dem Fabius gegenüberstand, noch bei den Galliern, die den Sulpicius gegen sich hatten. Noch weniger kann man im Angriffskrieg eine Schlacht vermeiden. Denn will man in Feindesland eindringen und der Feind tritt einem entgegen, so muß man sich wohl oder übel mit ihm schlagen; und belagert man eine Stadt, so wird die Schlacht noch unvermeidlicher. So wurde in unsrer Zeit Herzog Karl von Burgund bei der Belagerung der Schweizer Stadt Murten von den Schweizern angegriffen und geschlagen, Karl der Kühne wurde 1476 bei Murten geschlagen. ebenso das französische Heer bei der Belagerung von Novara (1513) von den Schweizern. Elftes Kapitel Wer mit mehreren Gegnern zu tun hat, trägt, auch wenn er der Schwächere ist, den Sieg davon, wenn er nur den ersten Angriff aushält. Die Macht der Volkstribunen war in Rom groß und notwendig, wie wir mehrfach erörtert haben. Denn anders ließ sich dem Ehrgeiz des Adels kein Zügel anlegen, und er hätte dann die Republik viel früher verdorben, als es wirklich der Fall war. Da aber, wie schon früher gesagt, S. Seite 21, Abs. 2. in jeder Sache ein eignes Übel verborgen liegt, das neue Wirkungen zeitigt, muß man diesen durch neue Einrichtungen vorbeugen. So wurden auch die Tribunen übermütig und dem Adel und ganz Rom furchtbar, und dies hätte schlimme Folgen für die Freiheit gehabt, hätte Appius Claudius nicht gezeigt, wie man sich gegen den Übermut der Tribunen schützen könne. Man fand nämlich immer einen darunter, der furchtsam oder bestechlich oder ein Freund des allgemeinen Wohls war, und wußte ihn zu bestimmen, sich den andern Tribunen zu widersetzen, wenn sie einen Beschluß gegen den Willen des Senats durchsetzen wollten. Dies Mittel mäßigte ihre große Gewalt erheblich und half Rom lange Zeit. Dieser Umstand hat mich auf den folgenden Gedanken gebracht. Jedesmal, wenn viele Mächte sich gegen einen verbünden und alle zusammen stärker sind als er, muß man doch mehr auf den einen, weniger Starken vertrauen, als auf die vielen, auch wenn sie die Stärkern sind. Denn ganz abgesehen von allem, wodurch ein Einzelner im Vorteil ist, und das ist mancherlei, wird es ihm bei einiger Geschicklichkeit doch immer gelingen, die Vielen zu entzweien und den starken Körper zu schwächen. Ich will hierfür keine alten Beispiele anführen, deren es sehr viele gibt, sondern mich mit den zeitgenössischen begnügen. Im Jahre 1484 verband sich ganz Italien gegen die Venezianer. S. Lebenslauf, 1484. Als sie völlig geschlagen waren und kein Heer mehr ins Feld stellen konnten, bestachen sie den Herzog von Mailand, Lodovico Sforza, und schlossen durch diese Bestechung einen so günstigen Frieden, daß sie nicht nur ihre verlorenen Städte zurückerhielten, sondern noch einen Teil des Herzogtums Ferrara an sich rissen. So unterlagen sie im Kriege und behielten im Frieden die Oberhand. Vor wenigen Jahren verschwor sich die Welt gegen Frankreich, allein noch vor Ablauf des Krieges fiel Spanien von den Verbündeten ab und schloß einen Sonderfrieden, so daß die andern bald darauf nachfolgen mußten. Die »Heilige Liga« gegen Frankreich (s. Lebenslauf, 1511-13) wurde durch den Frieden zu Orthez zwischen Frankreich und Spanien gesprengt. Wenn man daher viele mit einem im Kriege sieht, kann man stets mit Sicherheit erwarten, daß der eine die Oberhand behalten wird, wenn er nur so stark ist, daß er den ersten Angriff aushalten und durch Hinhalten Zeit gewinnen kann. Kann er das nicht, so ist er tausend Gefahren ausgesetzt, wie die Venezianer im Jahre 1508. Durch die Liga von Cambrai. S. Lebenslauf, 1508 und 1509. Papst Julius II. schloß 1510 mit Venedig Frieden und brachte 1511 die »Heilige Liga« (s. o.) mit Venedig, Spanien und England gegen Frankreich zustande. Hätten sie das französische Heer hinhalten und dadurch Zeit gewinnen können, einen der Verbündeten zu sich herüberzuziehen, so hätten sie diesen Verlust nicht erlitten. Da sie aber kein tapfres Heer hatten, das den Feind hinhielt, gewannen sie keine Zeit, einen der Verbündeten abtrünnig zu machen, und so gingen sie zugrunde. Denn man sieht ja, daß der Papst, nachdem er das Seinige wieder hatte, Freundschaft mit ihnen schloß, ebenso Spanien; sehr gern hätten auch beide, wenn sie gekonnt hätten, ihnen die Lombardei gerettet, um Frankreich in Italien nicht zu mächtig werden zu lassen. Die Venezianer konnten also ein Glied opfern, um den Körper zu retten, und wäre dies beizeiten geschehen, so daß es nicht als erzwungen erschien, d.h. vor Beginn der eigentlichen Kriegshandlung, so wäre es das Klügste gewesen, während des Krieges aber war es schimpflich und wohl auch ziemlich nutzlos. S. Buch I, Kap. 53. Vor Beginn der Kriegshandlung aber konnten wenige in Venedig die Gefahr vorhersehen, sehr wenige das Gegenmittel finden und keiner dazu raten. Um aber wieder zu unserm Ausgangspunkt zurückzukehren, ziehe ich den Schluß: wie der römische Senat zum Heil des Vaterlandes ein Mittel gegen den Ehrgeiz der Tribunen in ihrer Vielheit fand, ebenso wird auch ein Fürst, der von vielen angegriffen wird, ein Mittel dagegen finden, wenn er nur mit Klugheit die rechten Maßregeln zu ihrer Entzweiung zu treffen versteht. Zwölftes Kapitel Ein kluger Feldherr soll seine Soldaten soviel wie möglich in die Notwendigkeit versetzen zu kämpfen, sie dem Feinde aber benehmen. Wir haben schon andernorts dargelegt, wie nützlich für alle menschlichen Handlungen die Notwendigkeit ist und zu welchem Ruhme sie schon geführt hat. Wie einige Moralphilosophen gesagt haben, hätte der Mensch mit seinen Händen und seiner Zunge, den beiden edelsten Werkzeugen seines Ruhmes, nichts so Vollkommenes hervorgebracht, noch wären seine Werke zu solcher Höhe gediehen, hätte ihn die Not nicht dazu gezwungen. Die Feldherren des Altertums kannten die Kraft der Notwendigkeit und wußten, wie sehr sie das Gemüt der Soldaten in der Schlacht anfeuert. Darum taten sie alles, um die Soldaten in diese Notwendigkeit zu versetzen und sie dem Feinde zu benehmen. Sie öffneten ihm häufig einen Ausweg, den sie ihm verschließen konnten, und verschlossen den Ihrigen einen Weg, den sie ihnen offenlassen konnten. Wer also will, daß sich eine Stadt hartnäckig verteidigt oder daß ein Heer im Felde standhaft kämpft, muß vor allem danach trachten, den Kämpfern diese Notwendigkeit einzuprägen. Ebenso muß ein kluger Feldherr, der eine Stadt erobern will, die Leichtigkeit oder Schwierigkeit ihrer Eroberung nach der Kenntnis der Notwendigkeit bemessen, die die Einwohner zur Verteidigung zwingt. Findet er diese Notwendigkeit zwingend, so möge er die Einnahme für schwer halten, andernfalls für leicht. Daher kommt es, daß Städte nach ihrer Empörung schwerer zu erobern sind als bei ihrer ersten Einnahme. Denn das erstemal haben sie sich vor keiner Strafe zu fürchten, weil sie niemand beleidigt haben, und ergeben sich leicht. Haben sie sich aber empört und glauben sie, dadurch jemand beleidigt zu haben, so fürchten sie die Strafe und sind schwer zu erobern. Solche Hartnäckigkeit entsteht auch bei benachbarten Fürsten und Republiken aus dem natürlichen Haß, der von ihrer Herrschsucht oder ihrer Eifersucht auf ihre Freiheit kommt, zumal bei Republiken, wie die in Toskana sind. Dieser Wettstreit und dies Widerstreben haben einer von ihnen die Eroberung der andern stets erschwert und werden es auch in Zukunft tun. Wer daher die Nachbarn von Florenz und Venedig betrachtet, wird sich nicht, wie viele, wundern, daß Florenz für seine Kriege mehr ausgegeben und doch weniger erobert hat als Venedig. Das kommt bloß daher, daß die Nachbarstädte Venedigs sich nicht so hartnäckig verteidigten wie die von Florenz, weil alle gewohnt waren, unter einem Fürsten und nicht frei zu leben. Wer aber zu dienen gewohnt ist, macht sich oft wenig daraus, den Herrn zu wechseln, ja, häufig wünscht er es sogar. Obwohl also Venedigs Nachbarn mächtiger waren als die von Florenz, konnte es sie doch schneller unterwerfen als Florenz, das von freien Städten umgeben war. Greift also ein Feldherr, um auf das vorhin Gesagte zurückzukommen, eine Stadt an, so muß er sich auf alle Weise bemühen, sie der Notwendigkeit der Verteidigung zu entheben, und damit ihre Hartnäckigkeit brechen. Fürchtet sie Strafe, so verspreche er Verzeihung; fürchtet sie für ihre Freiheit, so sage er, daß er nichts gegen das allgemeine Wohl plane, sondern nur gegen den Ehrgeiz einiger Bürger. Das hat manche Unternehmung und Städteeroberung erleichtert. Obwohl solche Vorwände besonders von klugen Männern leicht durchschaut werden, lassen sich die Völker doch häufig dadurch täuschen, da sie nach dem augenblicklichen Frieden lechzen und die Augen vor jeder, unter großen Versprechungen gelegten Schlinge verschließen. Durch diesen Kunstgriff wurden zahllose Städte unterworfen, auch Florenz in der letzten Zeit. S. Lebenslauf, 1512. Die Liga hatte Florenz die Bedingung gestellt, daß die Medici als einfache Bürger, die unter den Gesetzen lebten, zurückkehren sollten, was natürlich nicht gehalten wurde. Ebenso erging es dem Crassus und seinem Heere. Obschon er die leeren Versprechungen der Parther durchschaute, die nur den Zweck hatten, seinen Soldaten den Gedanken an die Notwendigkeit der Verteidigung auszutreiben, konnte er sie doch nicht standhaft erhalten, da sie durch die Friedensangebote der Feinde verblendet waren, wie man es ausführlich in seiner Lebensgeschichte findet. Plutarch, Crassus, 30. Die Samniter waren, den Vertragsbedingungen zuwider, auf Anstiften einiger Ehrgeiziger in das Gebiet der römischen Bundesgenossen eingebrochen und hatten geplündert, dann aber Gesandte nach Rom geschickt, um um Frieden zu bitten, und sich erboten, die Beute zurückzugeben und die Urheber der Unruhen auszuliefern. Da die Römer darauf nicht eingingen und die Gesandten ohne Hoffnung auf einen Vergleich nach Samnium zurückkehrten, hielt Claudius Pontius, der damalige Anführer des samnitischen Heeres, eine denkwürdige Rede, worin er den Soldaten bewies, daß Rom durchaus Krieg wollte. Obwohl sie selbst Frieden wünschten, zwinge sie also die Notwendigkeit zum Kriege. Iustum est bellum , sagte er, quibus necessarium, et pia arma, quibus nisi in armis spes et . Livius IX, 1 (321 v. Chr.). (Ein notwendiger Krieg ist auch gerecht, und heilig sind die Waffen, wenn nur in den Waffen das Heil liegt.) Auf diese Notwendigkeit gründete er mit seinen Soldaten die Hoffnung auf Sieg. Um nicht nochmals auf diesen Gegenstand zurückzukommen, will ich hier auch die denkwürdigsten römischen Beispiele anführen. Gajus Manilius stand 480 v. Chr. Bei Livius II, 47, heißt der Konsul Gnejus Manlius. mit einem Heere gegen Veji im Felde. Als nun ein Teil des feindlichen Heeres in die Verschanzungen des Manilius eingedrungen war, eilte er mit einer Abteilung zu Hilfe und besetzte alle Ausgänge des Lagers, damit die Feinde nicht entfliehen konnten. Als diese sich aber eingeschlossen sahen, fochten sie mit solcher Wut, daß sie den Manilius erschlugen und alle übrigen Römer niedergemacht hätten, wenn ihnen nicht die Klugheit eines Tribunen einen Ausweg eröffnet hätte. Hieraus ersieht man, daß die Vejenter, als die Not sie zum Kampfe zwang, auf das tapferste fochten, sobald sich aber ein Ausweg zeigte, waren sie mehr auf die Flucht als auf Kampf bedacht. Die Volsker und Aequer waren in das römische Gebiet eingefallen und die Konsuln wurden ihnen entgegengeschickt. Während der Schlacht geriet das volskische Heer unter Vectius Messius zwischen seine von den Römern eroberte Verschanzung und das andere Römerheer. Als Messius sah, daß ihm nur die Wahl blieb, zu sterben oder sich mit dem Schwert einen Weg zu bahnen, rief er seinen Soldaten zu: Ite mecum, non murus, nec vallum, sed armati armatis obstant. Virtute pares, necessitate, quae ultimum ac maximum telum est, superiores estis. Livius IV, 28 (431 v. Chr.) (Folgt mir nach! Keine Mauer, kein Wall, sondern Bewaffnete stehen Bewaffneten gegenüber. An Tapferkeit seid ihr ihnen gleich, durch die Not, die letzte, stärkste Waffe, überlegen.) So nennt Livius die Not ultimum et maximum telum . Vgl. auch Seneca, De Clementia; Xenophon, Hipparchici, IV, 13. Als Camillus, der klügste aller römischen Feldherren, mit seinem Heer schon in Veji eingedrungen war, wollte er die völlige Einnahme erleichtern und die Feinde nicht zur äußersten Notwehr treiben. Er befahl daher so laut, daß alle Vejenter es hören konnten, keinem Unbewaffneten etwas zuleide zu tun. Alle warfen die Waffen weg, und die Stadt wurde fast ohne Blutvergießen genommen. Dies Verfahren wurde später von vielen Feldherren befolgt. Dreizehntes Kapitel Auf wen mehr Verlaß ist, auf einen guten Feldherrn mit einem schlechten Heer oder auf ein gutes Heer mit einem schlechten Feldherrn. Als Coriolan aus Rom verbannt war, S. Buch I, Kap. 7, Anm. 23. ging er zu den Volskern, warb ein Heer und rückte gegen Rom, um sich an seinen Mitbürgern zu rächen, zog aber mehr aus Pietät gegen seine Mutter als wegen der römischen Streitkräfte wieder ab. Livius II, 39. bemerkt hierzu, man ersehe daraus, daß die römische Republik mehr durch die Tüchtigkeit ihrer Feldherrn als ihrer Soldaten groß geworden sei. Denn die Volsker wären früher stets besiegt worden und hätten nur das eine Mal, wo Coriolan sie führte, gesiegt. Obwohl Livius dieser Meinung ist, sieht man doch aus vielen Stellen seiner Geschichte, daß die Soldaten auch ohne Feldherrn Wunder der Tapferkeit verrichteten, ja, daß sie, wenn die Konsuln gefallen waren, besser geordnet blieben und tapfrer fochten als vorher. So konnte das römische Heer, das unter den Scipionen in Spanien focht, sich nach dem Verlust beider Anführer Publius und Gnejus Scipio fielen 212 v. Chr. im Kampf gegen Hannibals Brüder Hasdrubal und Mago nicht nur durch seine Tapferkeit retten, sondern auch den Feind besiegen und das Land der Republik erhalten. Bei genauer Prüfung wird man viele Beispiele finden, wo nur die Tapferkeit der Soldaten die Schlacht gewann, und viele andre, wo allein die Tüchtigkeit der Feldherrn den Sieg errang. Man kann also den Schluß ziehen, daß der Feldherr so sehr des Heeres bedarf, wie umgekehrt. Wohl aber kann man zunächst fragen, was mehr zu fürchten sei, ein gutes Heer mit einem schlechten Feldherrn oder ein guter Feldherr mit einem schlechten Heer. Nach Cäsars Meinung braucht man weder auf das eine noch auf das andre viel zu geben. Als er nämlich in Spanien gegen Afranius und Petrejus focht, die ein gutes Heer hatten, sagte er, er mache sich wenig daraus: quia ibat ad exercitum sine duce (weil er gegen ein Heer ohne Feldherrn zöge), womit er auf die Unfähigkeit der Feldherrn deutete. Als er dagegen nach Thessalien gegen Pompejus zog, sagte er: vado ad ducem sine exercitu . Sueton, Julius Cäsar, 34. (Ich gehe gegen einen Feldherrn ohne Heer.) Ferner kann man fragen, ob ein guter Feldherr sich leichter ein gutes Heer bilden oder ob ein gutes Heer sich leichter einen tüchtigen Feldherrn schaffen könne. Ich antworte: diese Frage scheint schon entschieden; denn viele Gute werden leichter einen Guten finden oder heranbilden als einer viele. Als Lucullus gegen Mithridates gesandt wurde, war er im Krieg ganz unerfahren. Trotzdem machte ihn das gute Heer, das viele treffliche Führer besaß, bald zum guten Heerführer. Aus Mangel an Leuten bewaffneten die Römer eine Menge Sklaven und ließen sie durch Sempronius Gracchus ausbilden, der in kurzer Zeit ein gutes Heer aus ihnen machte. Tiberius Sempronius Gracchus schlug im zweiten punischen Kriege den Hanno 214 v. Chr. bei Benevent mit Sklavenlegionen. Vgl. Livius XXIV, 16. Nachdem Pelopidas und Epaminondas, wie wir andernorts sagten, S. Buch I, Kap. 17 und 21. Theben vom Joch Spartas befreit hatten, machten sie in kurzer Zeit aus den thebanischen Bauern die besten Soldaten, die dem Heer der Spartaner nicht allein widerstanden, sondern es besiegten. So steht die Sache gleich, denn wenn ein Teil gut ist, kann er den andern dazu machen. Allerdings pflegt ein gutes Heer ohne einen guten Feldherrn übermütig und gefährlich zu werden, wie das mazedonische Heer nach dem Tode Alexanders und die Veteranen nach den Bürgerkriegen. Daher glaube ich, daß man sich mehr auf einen Feldherrn verlassen kann, der Zeit hat, seine Leute auszubilden, und Gelegenheit, sie in den Waffen zu üben, als auf ein übermütiges Heer mit selbstgewähltem, aufrührerischem Anführer. Doppelten Ruhm verdienen daher die Feldherren, die nicht nur den Feind zu besiegen, sondern sich vorher ein tüchtiges Heer heranzubilden hatten, denn hier zeigt sich ein doppeltes und so seltenes Verdienst, daß viele, denen diese schwierige Aufgabe gestellt worden wäre, weniger geschätzt und gepriesen würden, als es jetzt geschieht. Vierzehntes Kapitel Die Wirkung neuer Erfindungen, die mitten im Kampfe in Erscheinung treten, oder überraschender Ausrufe, die gehört werden. Welchen Einfluß in Gefechten und Schlachten ein unerwarteter Vorfall hat, der plötzlich gesehen oder gehört wird, zeigt sich in verschiednen Fällen, besonders an folgendem Beispiel. In einer Schlacht zwischen den Römern und Volskern rief Quinctius Livius II, 64 (469 v. Chr.) dem einen wankenden Flügel des Heeres mit lauter Stimme zu, er solle standhalten, denn der andre Flügel habe gesiegt. Durch diese Worte ermutigte er die Seinen, erschreckte den Feind und gewann die Schlacht. Machen solche Ausrufe aber schon auf ein geordnetes Heer großen Eindruck, so erst recht auf ein ungeordnetes, regelloses Heer, denn es wird dadurch wie vom Winde bewegt. Ich will dafür nur ein merkwürdiges Beispiel aus unsrer Zeit anführen. Die Stadt Perugia war vor einigen Jahren in zwei Parteien, die der Oddi und der Baglioni, gespalten. Die letzteren herrschten, die ersteren waren verbannt. Die Oddi hatten mit Hilfe ihrer Freunde ein Heer zusammengebracht und sich an einem Ort bei Perugia versammelt. Von dort drangen sie mit Hilfe ihrer Anhänger eines Nachts in die Stadt ein und kamen unentdeckt bis zum Marktplatz. Da nun die Stadt an allen Straßenecken durch Ketten gesperrt ist, so ging den Oddischen Leuten ein Mann voraus, der mit einer eisernen Keule die Schlösser sprengte, damit die Pferde hindurch konnten. Er hatte nur noch die letzte Kette, die den Markt sperrte, zu zerschlagen, als Lärm entstand und man zu den Waffen rief. Der Mann mit der Keule konnte wegen der nachdrängenden Menge den Arm nicht zum Schlagen erheben und rief, um sich Raum zu schaffen: »Zurück!« Dieser Ruf ging von Mund zu Mund, worauf die letzten zu fliehen begannen und nach und nach alle andern mit solcher Hast folgten, daß sie sich selbst in die Flucht schlugen. Durch einen so unbedeutenden Vorfall mißlang der ganze Anschlag der Oddi. Hieraus ersieht man, daß gute Ordnung im Heere nicht sowohl deshalb nötig ist, um geordnet zu fechten, als dafür, daß es nicht durch den geringsten Zufall in Unordnung gerät. Ein zusammengeraffter Volkshaufe ist nur deshalb zum Kriege unbrauchbar, weil jedes Gerücht, jeder Ruf, jeder Lärm ihn erschreckt und in die Flucht treibt. Ein guter Feldherr muß daher unter anderm auch genau bestimmen, wer seine Befehle zu empfangen und weiterzugeben hat. Er muß seinen Soldaten angewöhnen, nur ihren Führern zu glauben, und diese dürfen nur sagen, was er ihnen befohlen hat. Aus der Nichtbefolgung dieser Regel hat man häufig die größten Unordnungen entstehen sehen. Was die unerwarteten Erscheinungen betrifft, so soll sich jeder Feldherr bemühen, während des Kampfes solche zu veranlassen, die den Seinigen Mut machen und die Feinde entmutigen; denn dies ist einer der wirksamsten Nebenumstände des Sieges. Als Beispiel kann man den römischen Diktator Gajus Sulpicius S. Buch III, Kap. 10. anführen, der in einer Schlacht mit den Galliern alle Troß- und Packknechte im Lager bewaffnete, sie auf Maul- und Lasttiere setzte und ihnen Waffen und Feldzeichen gab, so daß sie wie Reiterei aussahen. So stellte er sie hinter einer Anhöhe auf und befahl ihnen, auf ein gegebenes Zeichen, wenn die Schlacht am heftigsten tobte, hervorzukommen und sich den Feinden zu zeigen. Dies geschah und jagte den Galliern solchen Schrecken ein, daß sie die Schlacht verloren. Ein guter Feldherr muß also zweierlei tun, erstens den Feind durch solche neuen Erfindungen zu erschrecken suchen, und zweitens darauf gefaßt sein, die Erfindungen des Feindes zu entdecken und zu vereiteln, wie es der König von Indien mit der Semiramis tat. Als diese nämlich sah, daß der König eine große Zahl Elefanten hatte, suchte sie ihn zu erschrecken, indem sie sich den Schein gab, als hätte sie auch eine große Anzahl davon. Zu diesem Zweck ließ sie vielen Kamelen durch Büffel- und Kuhhäute Elefantengestalt geben und stellte sie vor ihr Heer. Da aber der König den Betrug durchschaute, so half er ihr nicht nur nichts, sondern war ihr auch nachteilig. – Als der Diktator Mamercus gegen die Fidenaten im Felde stand, 426 v. Chr. brauchten diese, um das römische Heer zu erschrecken, den Kunstgriff, daß sie mitten in der Hitze des Gefechts eine Anzahl Soldaten mit Feuer auf den Lanzen aus Fidenae hervorbrechen ließen, damit die Römer, durch die Neuheit des Anblicks überrascht, in Verwirrung gerieten. Hierbei ist zu bemerken, daß solche Erfindungen nur dann in der Nähe gezeigt werden dürfen, wenn sie mehr Wahrheit als Blendwerk sind, denn dann machen sie so viel Eindruck, daß ihre Schwäche sich nicht so leicht herausstellt. Sind sie aber mehr Blendwerk als Wahrheit, so unterläßt man sie lieber ganz oder bleibt doch so weit damit ab, daß sie nicht so leicht entdeckt werden können, wie es Gajus Sulpicius mit seinen Troßknechten tat. Bloßes Blendwerk verrät sich bei der Annäherung sofort und bringt mehr Schaden als Vorteil, wie die Elefanten der Semiramis und die feurigen Lanzen der Fidenaten. Diese machten zwar das Heer anfangs etwas stutzig, als aber der Diktator dazu kam, rief er den Soldaten zu, sie sollten sich schämen, wie die Bienen vor dem Rauche zu fliehen, und wieder Front machen. Suis flammis delete Fidenas, quas vestris beneficiis placare non potuistis! Livius IV, 33. (Mit seinem eigenen Feuer zerstört Fidenae, das ihr durch eure Wohltaten nicht versöhnen konntet!) Da zeigte sich die Nutzlosigkeit dieser Erfindung und die Fidenaten verloren die Schlacht. Fünfzehntes Kapitel Einer, nicht viele müssen an der Spitze eines Heeres stehen; mehrere Befehlshaber sind schädlich. Als sich die Fidenaten empört und die von den Römern nach Fidenae gesandte Kolonie getötet hatten, ernannten die Römer, um diesen Schimpf zu rächen, vier Tribunen mit konsularischer Gewalt. Einer davon blieb zur Bewachung Roms zurück, die drei andern wurden gegen die Fidenaten und Vejenter geschickt. Durch ihre Uneinigkeit trugen sie zwar keinen Schaden, aber doch Schande davon, denn ihre Schande hatten sie sich selbst zuzuschreiben, die Verhütung des Schadens aber der Tapferkeit der Soldaten. Als die Römer diese Unordnung sahen, nahmen sie ihre Zuflucht zur Wahl eines Diktators, damit einer in Ordnung brächte, was drei verpfuscht hatten. Hieraus ersieht man die Verkehrtheit mehrerer Befehlshaber bei einem Heer oder in einer Stadt, die verteidigt werden soll. Titus Livius kann dies nicht deutlicher ausdrücken als mit den Worten: Tres tribuni potestate consulari documento fuere, quam plurium imperium bello inutile esset; tendendo ad sua quisque consilia, cum alii aliud videretur, aperuerunt ad occasionem locum hosti. Livius IV, 31 (426 v. Chr.). (Die drei Tribunen mit Konsulargewalt gaben den Beweis, wie nachteilig der Oberbefehl mehrerer im Kriege ist; da jeder seinen Plan befolgt wissen wollte, jeder etwas andres für gut hielt, gaben sie dem Feinde Gelegenheit, ihnen beizukommen.) Dies Beispiel dürfte zum Beweis hinreichen, welche Unordnung mehrere Heerführer im Krieg verursachen. Ich will aber der großen Deutlichkeit halber noch ein altes und ein neues anführen. Als König Ludwig XII. von Frankreich im Jahre 1500 Mailand zurückerobert hatte, schickte er seine Truppen nach Pisa, um die Stadt für die Florentiner wieder einzunehmen. Von Florenz aus wurden Giovanni Battista Ridolfi und Luca degli Albizzi, der Sohn Antonios, als Kommissare hingeschickt. Machiavelli folgte ihnen als Sekretär. S. Lebenslauf, 1500. Da nun Giovanni Battista ein Mann von Ruf und älter war, überließ ihm Luca die Leitung des Ganzen, und wenn er seinen Ehrgeiz auch nicht durch Widerspruch zeigte, so doch durch Stillschweigen, durch Herabsetzen und Bespötteln von allem. Er trug also weder durch Rat noch Tat zur Belagerung das Geringste bei, als wäre er ein ganz unbedeutender Mann. Man sah jedoch bald das Gegenteil, als Giovanni Battista eines gewissen Vorfalls wegen nach Florenz zurück mußte; denn jetzt, wo er allein war, zeigte Luca, wieviel Mut, Geschick und Klugheit er besaß, Eigenschaften, die so lange verloren waren, als er einen andern neben sich hatte. Zur Bestätigung dieser Tatsache will ich nochmals Livius anführen. Als die Römer den Cincinnatus und seinen Amtsgenossen Agrippa gegen die Aequer ins Feld schickten, verlangte dieser, daß die Leitung des Krieges dem Cincinnatus allein übertragen würde. Er sagte dazu: Saluberrimum in administratione magnarum rerum est, summum imperium apud unum esse. Ungenau zitiert nach Livius III, 70 (446 v. Chr.) (Bei der Leitung wichtiger Dinge ist es das beste, wenn einer den Oberbefehl führt.) Das widerspricht völlig dem Verfahren unsrer jetzigen Fürsten und Republiken, denn diese schicken zur besseren Erledigung der Geschäfte immer mehrere Kommissare und Befehlshaber an denselben Ort, was unberechenbare Verwirrung hervorbringt. Untersuchte man die Ursachen der Niederlagen der italienischen und französischen Heere in unsrer Zeit, so würde man sie hauptsächlich in diesem Umstände finden. Ja, man kann mit Recht sagen, daß es besser ist, einen Mann von gewöhnlicher Klugheit zu einem Unternehmen zu senden als zwei ganz vorzügliche mit gleicher Gewalt. Sechzehntes Kapitel Wahres Verdienst sucht man nur in schwierigen Zeiten hervor; in ruhigen Zeiten dagegen werden nicht die Verdienstvollen vorgezogen, sondern die, welche sich auf Reichtum oder Verwandtschaft stützen. Es war stets so und wird stets so sein, daß die großen und seltenen Männer in den Republiken in Friedenszeiten vernachlässigt werden. Denn infolge des Neides, den sie sich durch den Ruhm ihrer Verdienste zuziehen, wollen viele Bürger ihnen nicht gleichstehen, sondern mehr sein als sie. Bei dem griechischen Geschichtsschreiber Thukydides VI, 9. findet sich hierüber eine bezeichnende Stelle. Als die Republik Athen im Peloponnesischen Kriege die Oberhand behalten, den Stolz Spartas gebrochen und fast ganz Griechenland unterworfen hatte, war sie so mächtig geworden, daß sie Sizilien erobern wollte. In Athen wurde viel für und gegen diese Unternehmung geredet. Vgl. Buch I, Kap. 53. Alkibiades und einige andre rieten dazu, da sie wenig an das allgemeine Wohl, sondern an ihre eigne Ehre dachten und den Oberbefehl bei dieser Unternehmung zu erhalten hofften. Nikias aber, der angesehenste Mann in Athen, riet ab; und der Hauptgrund, den er in seiner Rede ans Volk dafür anführte, daß es ihm Glauben schenken könne, war der, daß sein Abraten für ihn selbst nicht vorteilhaft sei. Denn er wüßte wohl, daß es im Frieden in Athen viele Bürger gäbe, die ihm den Rang streitig machten, im Kriege aber würde kein Bürger ihm überlegen oder auch nur gleich sein. Man sieht also in den Republiken die üble Gewohnheit, daß sie hervorragende Männer in ruhigen Zeiten wenig schätzen. Das muß diese in doppelter Hinsicht erbittern, erstens, weil sie sich zurückgesetzt sehen, und zweitens, weil sie unwürdige Leute, die weit unter ihnen stehen, ihnen gleich- oder über sie gestellt sehen. Diese Unart hat in den Republiken viel Unheil angerichtet; denn die Männer, die sich unverdienterweise mißachtet sehen, wissen, daß die ruhigen und gefahrlosen Zeiten die Schuld daran tragen, und geben sich daher alle Mühe, diese Ruhe zu stören, indem sie den Staat zu seinem Schaden in Kriege verwickeln. Wenn ich nun bedenke, was dagegen zu tun sei, so finde ich zwei Mittel. Das eine ist, die Bürger in Armut zu erhalten, damit sie durch Reichtum ohne Verdienst weder sich noch andre verderben können. Das zweite ist, sich so auf den Krieg einzurichten, daß man stets Krieg führen kann und daher auch stets ausgezeichneter Bürger bedarf. So verfuhr Rom in seinen ersten Zeiten. Da es immer Heere im Felde hielt, so hatten die Tüchtigen stets freie Bahn. Keinem konnte sein verdienter Rang genommen und einem, der ihn nicht verdiente, gegeben werden; denn jeder Mißgriff oder Versuch dieser Art hätte so große Unordnung und Gefahr mit sich gebracht, daß man sofort wieder auf den rechten Weg zurückgekehrt wäre. Die andern Republiken aber, die nicht wie Rom eingerichtet sind und nur dann Krieg führen, wenn die Not sie dazu zwingt, können sich dieses Übelstandes nicht erwehren. Sie verfallen ihm vielmehr immer wieder, und immer wird Unordnung daraus entstehen, wenn ein zurückgesetzter, verdienstvoller Bürger rachsüchtig ist und einiges Ansehen oder Anhang in der Stadt hat. Sogar Rom konnte dies Übel nur eine Zeitlang verhüten. Nachdem es Karthago und den Antiochos besiegt und keinen Krieg mehr zu fürchten hatte, glaubte es seine Heere jedem beliebigen anvertrauen zu können und sah nicht mehr auf die Tüchtigkeit des Feldherrn, sondern auf andre Eigenschaften, die ihn beim Volke beliebt machten. So bewarb sich Aemilius Paulus mehrmals vergebens um das Konsulat und wurde nicht eher Konsul, als bis der Krieg mit Mazedonien ausbrach. Da man diesen für gefährlich hielt, wurde es ihm von der ganzen Stadt einstimmig übertragen. Als unsre Stadt Florenz nach dem Jahre 1494 Nach der Vertreibung der Medici. S. Lebenslauf, 1494. viele Kriege zu führen hatte und die Florentiner sämtlich ihre Untauglichkeit bewiesen hatten, verfiel die Stadt glücklicherweise auf einen Mann, der zeigte, wie man Heere zu führen hat. Das war Antonio Giacomini. Solange nun die Kriege gefährlich waren, ruhte aller Ehrgeiz der übrigen Bürger, und es fand sich bei der Wahl der Kommissare und Feldherrn kein Mitbewerber. Als aber ein Krieg kam, bei dem nichts zu befürchten, aber viel Ehre und Ansehen zu erwerben war, fanden sich so viele Mitbewerber, daß von den drei Kommissarstellen, die zur Belagerung von Pisa zu besetzen waren, Giacomini nicht eine erhielt. Der Schaden, der daraus dem Staate erwuchs, war zwar nicht deutlich zu sehen, aber doch leicht zu vermuten. Denn das von allen Verteidigungs- und Lebensmitteln entblößte Pisa wäre durch Giacomini derart in die Enge getrieben worden, daß es sich Florenz auf Gnade und Ungnade ergeben hätte. Da es aber von Feldherren belagert wurde, die die Stadt weder zu belagern noch mit Gewalt zu nehmen verstanden, zog sich die Belagerung derart in die Länge, daß Florenz die Übergabe erkaufen mußte, die es hätte erzwingen können. S. Lebenslauf, 1509. Diese Zurücksetzung mußte für Giacomini sehr kränkend sein, und es bedurfte seiner großen Geduld und Güte, um nicht im Untergang der Stadt, wenn er dies vermochte, oder in der Kränkung einzelner Bürger Rache zu suchen. Davor aber muß sich eine Republik hüten, wie im nächsten Kapitel gezeigt wird. Siebzehntes Kapitel Man darf einen Mann nicht beleidigen und ihm nachher die Leitung einer wichtigen Sache anvertrauen. Eine Republik muß sehr darauf achten, niemand mit einem wichtigen Geschäfte zu betrauen, der früher von andern blutig gekränkt worden ist. Als Claudius Nero dem Hannibal gegenüberstand, zog er mit einem Teil seines Heeres plötzlich ab und rückte in die Mark zu dem andern Konsul, um den Hasdrubal vor seiner Vereinigung mit Hannibal zu schlagen. S. Buch II, Kap. 10. Nero hatte früher in Spanien dem Hasdrubal gegenübergestanden und ihn dort mit seinem Heere so eingeschlossen, daß er sich in ein nachteiliges Gefecht einlassen oder verhungern mußte. Hasdrubal aber hatte ihn durch Friedensangebote so schlau hingehalten, daß er selbst entschlüpfte und ihn um die Gelegenheit brachte, ihn aufzureiben. Als dies in Rom bekannt wurde, ward es ihm vom Volk und Senat sehr verargt; ja, die ganze Stadt sprach sehr unehrerbietig von ihm und bereitete ihm dadurch viel Schande und Ärger. Nachdem er nun Konsul geworden und mit einem Heere gegen Hannibal geschickt war, faßte er den oben genannten äußerst gefährlichen Entschluß, der Rom in Angst und Besorgnis versetzte, bis die Nachricht von Hasdrubals Niederlage eintraf. Als Claudius später gefragt wurde, weshalb er einen so gefährlichen Schritt getan habe, durch den er Roms Freiheit ohne dringende Not aufs Spiel gesetzt habe, antwortete er: um im Fall des Gelingens seinen in Spanien verlorenen Ruhm wiederzugewinnen, im Fall des Mißlingens aber sich an Rom und an den Bürgern zu rächen, die ihn so undankbar und unbillig gekränkt haben. Vermochte aber der Rachedurst so viel bei einem römischen Bürger und zu einer Zeit, wo die Sitten noch rein waren, so läßt sich denken, welche Gewalt er über die Bürger einer Stadt hat, die nicht so ist wie das damalige Rom. Da sich nun den Republiken gegen dies Übel kein sicheres Mittel verschreiben läßt, so ist es auch nicht möglich, eine Republik von ewiger Dauer zu gründen, da sie auf tausend unerwarteten Wegen zugrunde gehen kann. Achtzehntes Kapitel Nichts bringt einem Feldherrn mehr Ehre, als die Pläne des Feindes zu durchschauen. Epaminondas sagte, Vielmehr Chabrias. Vgl. Plutarch, Moralia, 187 a, Stobäus, Florilegium, ed. Meinecke, II, 329, Nr. 353. Ebenso Thukydides, II, 9, und Polybios, III, 84, 10 nichts sei für einen Feldherrn nötiger und nützlicher als die Pläne und Entschlüsse des Feindes zu kennen. Und da dies schwer ist, verdient der um so mehr Lob, der sie zu erraten versteht. Oft aber sind die Pläne des Feindes leichter zu durchschauen als das, was er tut, und zwar nicht das, was er in der Ferne tut, sondern im Augenblick und in der Nähe. Denn es ist oft vorgekommen, daß eine Schlacht bis zur Nacht währte und der Sieger sie verloren, der Besiegte aber gewonnen zu haben glaubte. Ja, dieser Irrtum hat manchen Feldherrn schon zu unheilvollen Entschlüssen verleitet. So erging es dem Brutus und Cassius, die dadurch den Krieg verloren. Als nämlich Brutus mit seinem Flügel gesiegt hatte, aber Cassius glaubte, er sei unterlegen und das ganze Heer geschlagen, verzweifelte er in diesem Irrtum am Schicksal und nahm sich selber das Leben. Bei Philippi, 42 v. Chr. Als in unsrer Zeit in der Schlacht bei Santa Cecilia Schlacht bei Marignano (1515). zwischen Franz I. und den Schweizern die Nacht hereinbrach, glaubte der Teil der Schweizer, der noch nicht im Gefecht gewesen war, sie hätten gesiegt, weil sie von den Geschlagenen und Gefallenen nichts wußten. Infolge dieses Irrtums dachten sie nicht an ihre Rettung, sondern warteten den Morgen ab, um zu ihrem großen Schaden den Kampf zu erneuern. Ja, sie verleiteten dadurch das päpstliche und spanische Heer zum gleichen Irrtum und bereiteten beiden fast den Untergang, denn beide gingen auf die falsche Siegesnachricht hin über den Po und wären, wenn sie zu weit vorgerückt wären, den siegreichen Franzosen in die Hände gefallen. Ein ähnlicher Irrtum fiel im Lager der Römer und Aequer vor. Livius IV, 38 ff. (423 v. Chr.) Der Konsul Sempronius, der dem Feind gegenüberstand, hatte die Schlacht begonnen, und sie zog sich mit wechselndem Glück bis zum Abend hin. Mit Einbruch der Nacht kehrte keins der halbgeschlagenen Heere in sein Lager zurück, sondern jedes besetzte die nächsten Anhöhen, wo es sicher zu sein glaubte. Das römische Heer teilte sich, und der eine Teil folgte dem Konsul, der andre dem Centurio Tempanius, dessen Tapferkeit die Römer an diesem Tage vor dem Untergange gerettet hatte. Als der Morgen anbrach, rückte der Konsul, ohne weiter etwas vom Feinde zu hören, nach Rom ab, und das Heer der Aequer marschierte gleichfalls nach Hause. Da beide Teile glaubten, der Feind habe gesiegt, zogen sich beide zurück, ohne sich darum zu kümmern, ob ihr Lager dem Feinde zur Beute fiel. Auf dem Rückmarsch erfuhr Tempanius, der mit dem Rest des römischen Heeres abrückte, von einigen verwundeten Aequern, ihre Anführer seien abgezogen und hätten das Lager im Stich gelassen. Auf diese Nachricht kehrte er um und rettete das römische Lager, plünderte das aequische und kehrte als Sieger nach Rom zurück. Wie man sieht, hing dieser Sieg allein davon ab, wer zuerst die Verwirrung des Feindes erfuhr. Auf diese Weise kann es häufig vorkommen, daß zwei einander gegenüberstehende Heere sich in der gleichen Verwirrung befinden und die gleiche Not leiden, und daß der zuletzt Sieger bleibt, der zuerst die Not des andern erfährt. Ich will hierfür ein einheimisches Beispiel aus der neueren Geschichte anführen. Im Jahre 1498 lagen die Florentiner mit einem starken Heer vor Pisa und bedrängten die Stadt hart. Die Venezianer, die Pisa in ihren Schutz genommen hatten und kein andres Mittel zu seiner Rettung sahen, beschlossen, eine Diversion zu machen und das Florentiner Gebiet von einer andern Seite anzugreifen. Sie drangen also mit einem starken Heere durch das Lamonatal ein, besetzten den Flecken Marradi und belagerten die Burg Castiglione, die weiter oberhalb auf einem Hügel liegt. Auf diese Nachricht beschlossen die Florentiner, Marradi zu Hilfe zu eilen, ohne jedoch ihre Truppen vor Pisa zu schwächen. Sie hoben also frisches Fußvolk und Reiterei aus und schickten sie unter Jacopo IV. von Appiano, dem Herrn von Piombino, und dem Grafen Rinuccio von Marciano dorthin. Als sie auf dem Flügel oberhalb Marradi anlangten, hoben die Venezianer die Belagerung von Castiglione auf und zogen sich sämtlich in den Flecken zurück. Beide Heere blieben sich einige Tage gegenüber stehen und litten an Lebensmitteln und allem sonst Notwendigen Mangel. Da nun keins das andre anzugreifen wagte und keins die Verlegenheit des andern kannte, faßten beide am selben Abend den Entschluß, am nächsten Morgen ihr Lager abzubrechen und sich zurückzuziehen, das venezianische auf Berzighella und Faënza, das florentinische auf Casaglia und den Mugello. Am nächsten Morgen, als beide Lager ihren Troß fortzuschaffen begannen, kam zufällig ein Weib aus Marradi, durch Alter und Armut geschützt, nach dem florentinischen Lager, um einige Verwandte zu besuchen. Von diesem Weibe erfuhren die Führer der Florentiner, daß das venezianische Lager im Aufbruch sei. Diese Nachricht gab ihnen neuen Mut; sie änderten ihren Entschluß, rückten dem Feind nach, als ob sie ihn aus seinem Lager vertrieben hätten, und schrieben nach Florenz, sie hätten ihn in die Flucht geschlagen und den Krieg gewonnen. Dieser Sieg aber kam nur daher, daß sie den Aufbruch des Feindes zuerst erfuhren. Hätten ihn die Venezianer zuerst erfahren, so wäre es den unsrigen ebenso ergangen. Neunzehntes Kapitel Ob zur Leitung der Menge Milde nötiger ist als Strenge. Die römische Republik war durch den Zwist zwischen Adel und Plebejern aufgerührt. Als aber ein Krieg ausbrach, wurden die Konsuln Titus Quinctius und Appius Claudius mit den Heeren ausgeschickt. 471 v. Chr. Vgl. Livius II, 58 ff. Appius war hart und rauh und fand bei seinen Leuten so wenig Gehorsam, daß er, fast völlig geschlagen, floh. Quinctius, der gütig und leutselig war, hatte gehorsame Soldaten und trug den Sieg davon. Danach scheint zur Leitung einer Menge Leutseligkeit besser als Stolz, Milde besser als Härte. Vgl. Diodor, XXVII, 18, 60, und Polybios, VI, ll, 8, sowie Buch III, Kap. 20 und 22 dieses Werkes. Tacitus jedoch, dem viele andre Schriftsteller beistimmen, stellt die gegenteilige Ansicht auf, wenn er sagt: In multitudine regenda plus poena quam obsequium valet. Tacitus, Annalen, III, 55, 4. (Zur Regierung der Menge gilt Strafe mehr als Güte.) Erwäge ich nun, wie sich beide Meinungen rechtfertigen lassen, so sage ich: Entweder hast du Leute zu regieren, die gewöhnlich deinesgleichen, oder solche, die stets deine Untertanen sind. Sind sie deinesgleichen, so kannst du nicht ausschließlich strafen und die Strenge walten lassen, von der Tacitus redet. Da nun die Plebejer in Rom sich mit dem Adel in die Regierung teilten, konnte ein Mann, der eine Zeitlang ihr Befehlshaber wurde, sie nicht hart und rauh behandeln. Auch hatten die römischen Feldherrn, die sich die Liebe ihrer Heere erwarben und sie milde behandelten, häufig bessere Erfolge als die, welche sich besonders gefürchtet machten, wenn sie nicht, wie Manlius Torquatus, ausnehmende Tapferkeit damit verbanden. Wer dagegen Untertanen regiert, von denen Tacitus spricht, der muß eher Strafe als Güte anwenden, damit sie nicht übermütig werden und ihn nicht wegen seiner allzu großen Nachgiebigkeit mit Füßen treten. Doch muß auch die Strafe so maßvoll erfolgen, daß kein Haß daraus entsteht, denn sich verhaßt machen, schlägt für keinen Fürsten gut aus. Um den Haß zu vermeiden, lasse man das Eigentum der Untertanen unangetastet; denn ohne geheime Raubsucht ist kein Fürst blutdürstig, außer im Notfall, und der kommt selten. Mischt sich jedoch Raubsucht ein, so kommt die Lust zu Blutvergießen stets, und dann fehlt es nie an Vorwänden, wie ich in einer andern Abhandlung über diesen Gegenstand ausführlich gezeigt habe. Im »Fürsten«, Kap. 17. Quinctius verdient also mehr Lob als Appius, und die Ansicht des Tacitus verdient Billigung in ihren Grenzen, nicht aber in Fällen wie bei Appius. Da wir aber von Strafe und Milde gesprochen haben, scheint es mir nicht überflüssig, zu zeigen, wie ein Beweis von Menschlichkeit bei den Faliskern mehr ausrichtete als Waffengewalt. Zwanzigstes Kapitel Ein Beweis von Menschlichkeit richtete bei den Faliskern mehr aus als die Waffengewalt der Römer. Als Camillus Falerii belagerte, kam ein Schulmeister, im Glauben, sich damit bei Camillus und dem römischen Volk einzuschmeicheln, mit den vornehmsten Kindern der Stadt unter dem Vorwand eines Spaziergangs ins Lager zu Camillus und stellte sie ihm mit den Worten vor: durch sie werde er die Stadt in seine Hände bekommen. Camillus schlug dies Anerbieten nicht nur aus, sondern ließ den Schulmeister entkleiden, ihm die Hände auf den Rücken binden und ihn von den Knaben, deren jeder eine Rute erhielt, unter Schlägen in die Stadt zurücktreiben. Als die Falisker diesen Vorfall erfuhren, gefiel ihnen die Menschlichkeit und Rechtschaffenheit des Camillus, so daß sie sich nicht mehr verteidigen wollten und ihm die Stadt zu übergeben beschlossen. 394 v. Chr. Vgl. Livius V, 27. Aus diesem wahren Beispiel ersieht man, wieviel stärker bisweilen ein Akt der Menschlichkeit und Güte auf die Gemüter der Menschen wirkt als eine grausame, gewalttätige Handlung, und wie oft Länder und Städte, die Waffen, Kriegsmaschinen und jede andre menschliche Gewalt nicht öffnen konnte, durch einen Akt von Menschlichkeit und Güte, von Keuschheit oder Großmut geöffnet wurden. Die Geschichte liefert hierfür noch viele andre Beispiele. So konnten die römischen Waffen den Pyrrhus nicht aus Italien vertreiben, und es vertrieb ihn die Großmut des Fabricius, der ihm das Anerbieten seines Leibarztes, ihn zu vergiften, eröffnete. So brachte die Eroberung Neukarthagos in Spanien dem Scipio nicht so viel Ruhm als jenes Beispiel von Keuschheit, als er das junge und schöne Weib unberührt seinem Gatten zurückgab; ja der Ruf dieser Handlung machte ihm ganz Spanien zum Freunde. Man sieht auch, wie sehr die Völker diese Eigenschaft bei den Großen wünschen und wie sehr die Schriftsteller sie preisen, die das Leben der Fürsten beschreiben oder Regeln für ihr Leben aufstellen. Unter diesen bemüht sich besonders Xenophon, zu zeigen, wieviel Ehre, wieviel Siege, welchen hohen Ruf sich Kyros S. Buch II, Kap. 13. Nach Xenophons Kyropädie. Vgl. Buch III, Kap. 22 dieses Werkes. dadurch erwarb, daß er leutselig und freundlich war und nie einen Beweis von Hochmut oder Grausamkeit, von Üppigkeit noch von irgendeinem der Laster gab, die das Leben der Menschen beflecken. Da jedoch Hannibal bei ganz entgegengesetztem Verhalten großen Ruhm und unsterbliche Siege errungen hat, will ich im folgenden Kapitel die Ursachen davon erörtern. Einundzwanzigstes Kapitel Woher es kam, daß Hannibal bei ganz verschiedener Handlungsweise die gleichen Erfolge in Italien hatte wie Scipio in Spanien. Man könnte sich wohl darüber wundern, daß mancher Feldherr auf ganz entgegengesetzten Wegen das gleiche erreicht hat wie jene, die auf die oben beschriebene Weise verfuhren. Die Ursache der Siege scheint also nicht in diesem Verfahren zu liegen, und dieses scheint weder mehr Macht noch mehr Glück zu verleihen, da man ja auch auf die entgegengesetzte Weise zu Ruhm und Ansehen gelangen kann. Um bei den obengenannten Männern stehenzubleiben, wiederhole ich, um meine Ansicht recht deutlich zu machen: Als Scipio nach Spanien kam, erwarb er sich durch seine Menschlichkeit und Milde sofort die Freundschaft des Landes und wurde von den Völkern angebetet und bewundert. Als dagegen Hannibal in Italien eindrang, erreichte er durch völlig entgegengesetzte Mittel, durch Gewalttätigkeit, Grausamkeit, Räubereien und Treulosigkeiten aller Art dasselbe wie Scipio in Spanien, denn bei seinem Erscheinen erhoben sich alle Städte Italiens und alle Völker hingen ihm an. Überlegt man, woher dies wohl kommen konnte, so finden sich mehrere Gründe. Erstens sind die Menschen neuerungssüchtig, und gerade die, denen es gut geht, wünschen ebensosehr eine Veränderung wie die, denen es schlecht geht. Denn wie ich schon früher sagte und wie es durchaus zutrifft, werden die Menschen im Glück übermütig und im Unglück verzagt. Dies Verlangen nach Neuerungen öffnet also jedem die Tore, der sich in einem Lande an die Spitze einer Neuerung stellt. Ist es ein Fremder, so strömt ihm alles zu. Ist es ein Einheimischer, so hängt man sich ihm an, stärkt und begünstigt ihn. Er mag also auftreten wie er will, er wird an solchen Orten stets große Fortschritte machen. Zudem werden die Menschen von zwei Haupttrieben beherrscht, von Liebe und Furcht. Man erlangt also die gleiche Gewalt über sie, ob man nun ihre Liebe gewinnt oder ihnen Furcht einflößt. Ja meistenteils findet der, welcher Furcht erregt, mehr Folgsamkeit und Gehorsam als der, welcher Liebe erweckt. Deshalb kommt es bei einem Feldherrn wenig darauf an, welchen von beiden Wegen er einschlägt, wenn er nur tapfer ist und seine Tapferkeit ihm Ansehen in der Welt verschafft. Ist seine Tapferkeit groß, wie bei Scipio und Hannibal, so löscht sie alle Fehler aus, die er begeht, um sich beliebt zu machen oder zu viel Furcht einzuflößen. Beides kann nämlich große Nachteile haben und einen Fürsten wohl zugrunde richten. Denn wer sich zu beliebt zu machen sucht, wird bei der geringsten Übertreibung verächtlich, und wer zu sehr danach strebt, gefürchtet zu werden, macht sich, wenn er irgend zu weit geht, verhaßt. Die rechte Mittelstraße einzuhalten aber ist gegen unsre Natur. Man muß also das Übermaß durch ausnehmende Tüchtigkeit wieder ausgleichen, wie es Hannibal und Scipio taten. Dennoch war beiden ihr Verfahren ebenso schädlich, wie sie es groß gemacht hatte. Wie sie es emporhob, ist schon gesagt worden. Der Nachteil, der den Scipio traf, war, daß sich seine Soldaten in Spanien mit einem Teil seiner Verbündeten empörten, was nur daher kam, daß sie keine Furcht vor ihm hatten. Denn die Menschen sind so unruhig, daß sie bei der geringsten Aussicht, die sich ihrem Ehrgeiz eröffnet, sofort alle Liebe vergessen, die sie einem Fürsten wegen seiner Güte zugewandt hatten, wie es bei Scipios Soldaten und Verbündeten geschah. Und so mußte Scipio, um diesem Übel zu steuern, einen Teil der Härte brauchen, die er immer gemieden hatte. Bei Hannibal findet man kein besonderes Beispiel dafür, daß ihm seine Grausamkeit und Treulosigkeit geschadet hätte. Doch kann man wohl annehmen, daß Neapel und viele andre Städte aus Furcht davor den Römern treu blieben. Wenigstens sieht man so viel, daß seine ruchlose Handlungsweise ihn den Römern verhaßter machte als irgendeinen andern Feind. Denn während sie dem Pyrrhus, der mit seinem Heer in Italien stand, den anzeigten, der ihn vergiften wollte, S. Buch III, Kap. 20. verziehen sie selbst dem wehrlosen, flüchtigen Hannibal nicht und verfolgten ihn bis zum Tode. Diesen Nachteil zog sich Hannibal also dadurch zu, daß er für ruchlos, treulos und grausam gehalten wurde; aber es entsprang ihm daraus auch ein sehr großer, von allen Schriftstellern bewunderter Vorteil, daß in seinem, aus mannigfachen Völkerschaften zusammengesetzten Heere nie ein Zwiespalt noch eine Auflehnung gegen den Feldherrn entstand. Dies konnte nur von dem Schrecken kommen, der von seiner Person ausging und der im Verein mit der Achtung, die ihm seine Tapferkeit eintrug, Eintracht und Gehorsam bei seinen Soldaten aufrechterhielt. Nach Polybios, XI, 19, 4 . Ich ziehe also den Schluß, daß es nicht so sehr darauf ankommt, wie ein Feldherr auftritt, wenn er nur sehr tapfer ist und Strenge wie Milde recht zu gebrauchen weiß. Denn wie gesagt, sind Mängel und Gefahren bei beidem, wenn sie nicht durch ausnehmende Tüchtigkeit wettgemacht werden. Wie aber Hannibal und Scipio, der eine durch löbliche, der andre durch abscheuliche Taten das gleiche erreichten, so erwarben zwei römische Bürger auf verschiedene, doch löbliche Weise den gleichen Ruhm, was ich gleichfalls erörtern möchte. Zweiundzwanzigstes Kapitel Die Härte des Manlius Torquatus und die Milde des Valerius erwarben beiden den gleichen Ruhm. In Rom waren zur selben Zeit zwei ausgezeichnete Feldherren, Manlius Torquatus und Valerius Corvinus, Vielmehr Marcus Valerius Corvus, der Held des ersten Samniterkrieges (343-341 v. Chr.) beide gleich an Verdiensten, Triumphen und Ruhm. Diesen Ruhm erwarben sie sich dem Feind gegenüber durch gleiche Tapferkeit, aber dem Heere gegenüber durch ganz verschiedene Behandlung der Soldaten. Denn Manlius führte den Oberbefehl mit jeder Art von Strenge und erließ den Soldaten keine Strapazen und Strafen; Valerius hingegen behandelte sie in jeder Weise freundlich und mit vertraulicher Leutseligkeit. Der eine ließ seinen Sohn hinrichten, um sich Gehorsam zu verschaffen, der andre tat niemand etwas zuleide. Trotz so verschiedenen Verhaltens hatten beide die gleichen Erfolge, sowohl dem Feind gegenüber als zum Nutzen der Republik und zum eignen Vorteil. Nie wich ein Soldat aus der Schlacht, empörte sich gegen sie oder verweigerte ihnen irgendwie den Gehorsam, obwohl Manlius in seinen Befehlen so hart war, daß man alle Befehle, die zu weit gingen, Manliana imperia nannte. Hier ist nun zuerst zu untersuchen, warum Manlius so streng verfahren mußte, zweitens, warum Valerius so menschlich verfahren konnte, drittens, warum ihr entgegengesetztes Benehmen den gleichen Erfolg hatte, und schließlich, welches besser und nachahmenswerter ist. Betrachtet man den Charakter des Manlius von der Zeit an, wo Livius ihn zuerst erwähnt, so findet man einen sehr tapfern Mann, voller Liebe gegen Vater und Vaterland, voller Ehrfurcht gegen seine Vorgesetzten. Man erkennt dies aus dem Zweikampf mit dem Gallier, aus der Verteidigung seines Vaters gegen den Tribunen und aus den Worten, die er vor dem Kampf mit dem Gallier zum Konsul sprach: Iniussu tuo adversus hostem nunquam pugnabo, non si certam victoriam videam. Livius VII, 10 (361 v. Chr.). Für die Verteidigung des Vaters gegen den Tribunen s. Buch I, Kap. 11, dieses Werkes. (Ohne dein Geheiß werde ich nie mit dem Feinde kämpfen, auch wenn ich den sichern Sieg vor Augen hätte.) Gelangt nun ein solcher Mann zu einer Befehlshaberstelle, so will er, daß alle ihm gleich sind, sein tapfrer Geist läßt ihn schwere Dinge befehlen und verlangt die Ausführung dieser Befehle. Es ist aber eine sehr wahre Regel, daß auf die Ausführung harter Befehle mit Härte gehalten werden muß, widrigenfalls man sich getäuscht sieht. Will man also Gehorsam finden, so muß man zu befehlen verstehen; das aber versteht nur, wer sich mit dem, der gehorchen soll, vergleicht. Findet er das rechte Verhältnis, dann soll er befehlen; findet er es nicht, dann soll er es lassen. Darum sagte ein weiser Mann, um einen Staat mit Gewalt zu beherrschen, müßten die Kräfte des Zwingherrn und der Bezwungenen im rechten Verhältnis stehen. Wo dies der Fall sei, könne man glauben, daß die Herrschaft von Dauer sei. Wäre aber der Unterdrückte stärker als der Unterdrücker, so könne man täglich das Ende der Gewaltherrschaft erwarten. Um aber zu unserm Gegenstand zurückzukehren, sage ich: um starke Taten zu befehlen, muß man selbst stark sein. Wer aber diese Stärke besitzt und solche Taten befiehlt, kann die Ausführung nicht mit Sanftmut erwirken. Wer hingegen diese Stärke des Geistes nicht besitzt, der hüte sich vor außerordentlichen Befehlen. Er kann bei gewöhnlichen Befehlen seine Milde zeigen, denn die gewöhnlichen Strafen werden nicht dem Fürsten, sondern den Gesetzen und Einrichtungen zugerechnet. Man muß also annehmen, daß Manlius zu seinem strengen Verfahren durch die ungewöhnlichen Befehle gezwungen wurde, die er seiner Natur nach gab. Dergleichen Befehle sind in Republiken nützlich, weil sie deren Einrichtungen zu ihrem Ursprung und zu ihrer alten Trefflichkeit zurückführen. Ja, wäre eine Republik so glücklich, oft Männer zu haben, die durch ihr Beispiel die Gesetze erneuern und den Staat nicht allein auf der Bahn des Verderbens aufhalten, sondern ihn zurückführen, so würde sie ewig bestehen. Manlius war ein solcher Mann. Durch die Härte seiner Befehle hielt er die römische Kriegszucht aufrecht. Hierzu zwang ihn zuerst seine Natur und dann das Verlangen, das ausgeführt zu sehen, was er aus natürlicher Neigung befohlen hatte. Andrerseits konnte Valerius milde verfahren, da er sich damit begnügte, auf die Befolgung der gewöhnlichen Kriegsregeln der römischen Heere zu halten. Da diese gut waren, so reichten sie hin, ihm Ehre zu machen, und da sie nicht schwer zu beachten waren, hatte er es nicht nötig, Übertretungen zu bestrafen, denn es gab entweder keine, oder hätte es doch welche gegeben, so hätte man ihre Bestrafung, wie gesagt, nicht der Härte des Befehlshabers, sondern den Einrichtungen zugeschrieben. Valerius konnte also stets milde verfahren und sich dadurch den Dank der Soldaten und ihre Zufriedenheit erwerben, und so konnten beide den gleichen Gehorsam finden und bei verschiedenem Benehmen die gleichen Erfolge erzielen. Wer sie aber nachahmen will, kann sich leicht verächtlich oder verhaßt machen, wie ich oben an Scipio und Hannibal zeigte; nur durch hervorragende Tapferkeit kann man diesen Übeln entgehen. Es bleibt uns noch zu untersuchen, welches Verfahren löblicher ist. Ich halte das für sehr ungewiß, da die Schriftsteller beide Arten loben. Allerdings stellen sich die, welche die Lebensregeln der Fürsten aufstellen, mehr auf seiten des Valerius als des Manlius, und der bereits erwähnte Xenophon stimmt in vielen Zügen von der Milde des Kyros fast mit dem überein, was Livius von Valerius sagt. Denn als Valerius als Konsul den Samnitern gegenüberstand und der Tag der Schlacht herankam, sprach er zu seinen Soldaten mit der gleichen Milde wie sonst, und Livius sagt nach dieser Rede folgendes: Non alius militi familiarior dux fuit, inter infimos militum omnia haud gravate munia obeundo. In ludo praeterea militari, cum velocitatis viriumque inter se aequales certamina ineunt, comiter facilis vincere ac vinci, vultu eodem; nee quemquam aspernari parem, qui se offerret; factis benignus pro re; dictis, haud minus libertatis alienae quam suae dignitatis memor; et quo nihil popularius est, quibus artibus petierat magistratus, iisdem gerebat. VII, 33. Vor der Schlacht am Berg Gaurus (343 v. Chr.) (Kein Feldherr war mit den Soldaten vertraulicher; wie die niedrigsten Soldaten nahm er alle Dienste willig auf sich. Auch zu den Lagerspielen, wo die Gleichstarken im Laufen und Ringen Wettkämpfe veranstalteten, war er stets freundlich bereit, gewann oder unterlag mit gleicher Miene und verschmähte keinen, der sich ihm zum Wettkampf anbot. Er belohnte jede Tat. Im Reden vergaß er nie, was er der Freiheit andrer und der eignen Würde schuldig war, und was ihn am beliebtesten machte: er versah sein Amt in derselben Weise, wie er sich darum beworben hatte.) Auch von Manlius spricht Livius ehrenvoll. Er zeigt, wie die Strenge, die er durch die Hinrichtung seines Sohnes bewies, das Heer so gehorsam machte, daß dadurch der Sieg der Römer über die Latiner herbeigeführt wurde. In der Schlacht am Vesuv (340 v. Chr.). Vgl. Livius VIII, 7 ff. Ja, ergeht in seinem Lobe so weit, daß er nach der Beschreibung der Schlacht, der Gefahren, die das römische Volk dabei lief, und der Schwierigkeiten des Sieges damit schließt: nur die Tapferkeit des Manlius habe den Römern diesen Sieg verschafft. Bei der Vergleichung der beiderseitigen Streitkräfte versichert er, der Teil habe gesiegt, der den Manlius zum Anführer gehabt hätte. Erwägt man also alles, was die Schriftsteller darüber sagen, so läßt sich schwer ein Urteil fällen. Um jedoch die Sache nicht unentschieden zu lassen, meine ich, daß für einen Bürger, der unter den Gesetzen einer Republik lebt, das Verfahren des Manlius löblicher und ungefährlicher ist. Es kommt allein dem Staat zugute und dient in keiner Weise dem Ehrgeiz eines Einzelnen, denn wenn man jeden gleich hart behandelt und nur das öffentliche Wohl im Auge hat, kann man sich keine persönlichen Freunde oder Parteigänger erwerben. Es gibt daher in einer Republik nichts Nützlicheres und Achtenswerteres, als eine solche Handlungsweise, denn sie schadet dem öffentlichen Wohl nicht, und es kann kein Verdacht gegen Privatgewalt aufkommen. Mit der Handlungsweise des Valerius verhält es sich umgekehrt. Denn ist ihre Wirkung für die Öffentlichkeit auch die gleiche, so entstehen doch viele Bedenken wegen der besonderen Zuneigung, die der Feldherr sich bei den Soldaten erwirbt und die bei längerem Oberbefehl der Freiheit verderblich werden kann. War das aber bei Valerius nicht der Fall, so kam das einzig daher, daß die Denkart der Römer noch unverderbt war und daß er nicht lange und ununterbrochen den Oberbefehl führte. Haben wir aber, wie Xenophon, einen Fürsten im Auge, so werden wir ganz auf Seiten des Valerius treten und von Manlius abgehen, denn ein Fürst muß bei seinen Soldaten und Untertanen Gehorsam und Liebe suchen. Gehorsam verschafft ihm die Beobachtung der Verfassung und der Ruf der Tapferkeit. Liebe erwirbt er sich durch Herablassung, Leutseligkeit und Milde und die übrigen Eigenschaften, die Valerius besaß und die Xenophon dem Kyros zuschreibt. In der Kyropädie. Vgl. auch Herodian, I, 4, wo der sterbende Mark Aurel den Commodus zu Güte und Menschlichkeit ermahnt; Seneca, De Clementia, I, 8, und Diodor, XXVII, 18. S. auch Buch III, Kap. 19, Anm. 107, und Kap. 20, letzter Absatz dieses Werkes. Denn wenn ein Fürst persönlich beliebt ist und seine Soldaten an ihm hängen, so verträgt sich das durchaus mit der Verfassung einer Monarchie. Hängt aber das Heer an einem Bürger, so verträgt sich das nicht mit der Verfassung eines Freistaats, die Gehorsam gegen Gesetz und Obrigkeit fordert. In der ältern Geschichte der Republik Venedig liest man folgendes. Nach der Rückkehr der Galeeren brach zwischen der Bemannung und dem Volke ein Streit aus, der zu Aufruhr und Blutvergießen führte und der sich weder durch die öffentliche Gewalt noch durch die Ehrfurcht vor angesehenen Bürgern, noch durch die Furcht vor der Regierung beilegen ließ. Da erschien vor den Seeleuten ein Edelmann, der im Jahre zuvor Admiral gewesen war, Pietro Loredan. und sofort stellten sie aus Liebe zu ihm den Kampf ein. Dieser Gehorsam erregte beim Senat so großes Mißtrauen, daß man sich alsbald durch seine Gefangenschaft oder seinen Tod vor ihm sicherte. Ich ziehe also den Schluß, daß das Verfahren des Valerius bei einem Fürsten nützlich, aber bei einem Bürger verderblich ist, nicht nur für das Vaterland, sondern auch für ihn selbst. Für das Vaterland, weil es den Weg zur Tyrannei bahnt; für ihn, weil der Staat bei einem Verdacht gegen seine Handlungsweise gezwungen ist, sich zu seinem Schaden vor ihm zu sichern. Umgekehrt ist das Verfahren des Manlius bei einem Fürsten schädlich, bei einem Bürger aber nützlich, besonders für das Vaterland, und auch für ihn selbst selten schädlich, außer wenn der Haß, den ihm seine Strenge zuzieht, durch den Argwohn vermehrt wird, den das durch seine andern Vorzüge erworbene große Ansehen erregt, wie unten an Camillus gezeigt werden soll. Dreiundzwanzigstes Kapitel Weshalb Camillus aus Rom vertrieben wurde. Wir haben oben behauptet, daß der, welcher wie Valerius handelt, dem Vaterlande und sich selbst schadet, der aber, der wie Manlius verfährt, aber dem Vaterlande nützt, doch bisweilen sich selbst schadet. Das zeigt sich deutlich an Camillus, der in seiner Handlungsweise mehr dem Manlius als dem Valerius glich. Livius sagt daher von ihm: Eius virtutem milites oderant et mirabantur. Livius V, 26. (Die Soldaten haßten und bewunderten seine Tüchtigkeit.) Bewundert wurde er wegen seines Eifers, seiner Klugheit, seines hohen Sinns und seiner guten Anordnungen bei der Heerführung wie bei allem, was er tat. Gehaßt wurde er, weil er strenger im Strafen als freigebig im Belohnen war. Livius gibt folgende besondere Ursachen dieses Hasses an. Erstens führte er den Erlös aus dem Verkauf der Güter von Veji dem Staatsschatz zu, statt ihn mit der Beute zu verteilen. Zweitens ließ er seinen Triumphwagen von vier Schimmeln ziehen, um sich, wie man sagte, aus Hochmut dem Sonnengott gleichzustellen. Drittens gelobte er dem Apollo den Zehnten von der Beute von Veji; man hätte ihn also zur Erfüllung des Gelübdes den Soldaten, die ihn schon im Besitz hatten, wieder abnehmen müssen. Hieraus läßt sich gut und leicht erkennen, was einen Fürsten beim Volke verhaßt macht: das ist vor allem die Entziehung eines Vorteils. Dies ist aber sehr wichtig, wenn man jemand einen Vorteil entzieht, so vergißt er das nie und erinnert sich beim geringsten Bedürfnis daran. Da aber die Bedürfnisse jeden Tag wiederkommen, erinnert er sich täglich daran. An zweiter Stelle kommt ein hochmütiges oder aufgeblasenes Wesen, das Verhaßteste, was es für ein Volk, besonders für ein freies Volk geben kann. Auch wenn ihm dieser Hochmut und Prunk keinen Schaden tut, so haßt es doch den, der ihn zeigt. Hiervor aber muß sich ein Fürst hüten wie vor einer Klippe, denn sich unnützerweise Haß aufladen, ist ganz leichtfertig und unklug. Vierundzwanzigstes Kapitel Die Verlängerung des Oberbefehls brachte Rom in Knechtschaft. Wenn man den Verlauf der römischen Geschichte aufmerksam verfolgt, findet man, daß zwei Dinge am Untergang der Republik Schuld waren: die Streitigkeiten, die aus dem Ackergesetz entsprangen, und die Verlängerung des Oberbefehls. Hätte man dies von Anfang an richtig erkannt und geeignete Mittel dagegen ergriffen, so hätte die Freiheit länger bestanden und es wäre in Rom wohl auch ruhiger zugegangen. Wenn auch die Verlängerung des Oberbefehls keine Unruhen in Rom hervorrief, so zeigte das Ergebnis doch, wie schädlich dem Staate das Ansehen war, das einzelne Bürger durch diese Maßregel gewannen. Wären alle Bürger, deren Amtsdauer verlängert wurde, so weise und tugendhaft gewesen wie L. Quinctius Cincinnatus, so wäre dieser Mißbrauch nicht eingerissen. Die Tugend dieses Mannes bietet ein denkwürdiges Beispiel. Als zwischen Volk und Senat ein Vergleich zustandegekommen war und das Volk den Tribunen ihr Amt auf ein Jahr verlängert hatte, weil es hoffte, sie würden den Ehrgeiz des Adels im Zaum halten, wollte der Senat aus Eifersucht auf das Volk und um nicht hinter ihm zurückzustehen, dem L. Quinctius sein Konsulat gleichfalls verlängern. S. Livius III, 21 (460 v. Chr.) Er aber verwarf diesen Beschluß durchaus und sagte, man müsse schlechte Beispiele ausrotten, nicht aber durch ein noch schlechteres zu vermehren suchen. Er verlangte also, daß neue Konsuln gewählt würden. Wären alle römischen Bürger so uneigennützig und weise gewesen, so hätte sich die Gewohnheit, die Amtsdauer zu verlängern, nicht einschleichen können, und man wäre von da nicht zur Verlängerung des Oberbefehls übergegangen, die mit der Zeit den Untergang der Republik herbeiführte. Der erste, dessen Oberbefehl verlängert wurde, war Publilius Philo. Als er Paläopolis belagerte und sein Konsulat zu Ende ging, glaubte der Senat, daß er den Sieg in Händen habe, und ließ ihn nicht ablösen, sondern ernannte ihn zum Prokonsul, dem ersten seines Zeichens. Livius VIII, 26 (327 v. Chr.) Obwohl der Senat dies nur zum allgemeinen Besten tat, brachte es Rom mit der Zeit um seine Freiheit. Denn je weiter die Römer ihre Waffen trugen, desto nötiger schien ihnen eine solche Verlängerung, und desto häufiger kam sie vor. Hieraus entsprangen zwei Übelstände. Erstens übte sich eine geringere Zahl von Männern in der Heerführung, und nur wenige erwarben sich Ruhm darin, zweitens stand ein Mann lange Zeit an der Spitze des Heeres, gewann es für sich und machte sich einen Anhang daraus. Das Heer aber vergaß mit der Zeit den Senat und erkannte ihn als sein Oberhaupt an. So fanden Sulla und Marius Soldaten, die gegen das Allgemeinwohl zu ihnen hielten; so konnte Cäsar sein Vaterland unterjochen. Hätten die Römer nie Ämter und Oberbefehl verlängert, sie wären nicht so bald zur Macht gelangt, und ihre Eroberungen wären langsamer erfolgt, aber sie wären auch später in Knechtschaft geraten. Fünfundzwanzigstes Kapitel Von der Armut des Cincinnatus und vieler Römer. Wir haben andernorts gesagt, wie nützlich es in einem Freistaat ist, die Bürger arm zu erhalten. Es ist zwar recht klar, durch welche Einrichtung dies in Rom geschah, zumal das Ackergesetz so großen Widerstand fand, aber die Erfahrung zeigte doch, daß noch 400 Jahre nach der Gründung Roms die größte Armut herrschte. Vermutlich trug keine besondere Anordnung dazu bei, sondern die Erkenntnis, daß Armut keinem den Weg zu Amt und Würden versperrte und daß man das Verdienst aufsuchte, unter welchem Dach es auch wohnte. Das macht den Reichtum weniger begehrenswert, wie man deutlich aus folgendem Beispiel ersieht. Als der Konsul Minucius mit dem Heer von den Aequern eingeschlossen war und Rom fürchtete, das Heer möchte verlorengehen, schritt es in seiner Bedrängnis zu dem letzten Mittel, der Ernennung eines Diktators. Die Wahl fiel auf Lucius Quinctius Cincinnatus, der sich damals auf seinem kleinen Landgut aufhielt, das er mit eigner Hand bebaute. Livius preist dies mit den goldnen Worten: Operae pretium est audire, qul omnia prae divittis humana spernunt, neque honori magno locum neque virtuti putant esse, nisi effuse affluant opes. III, 26 (458 v. Chr.) (Es ist der Mühe wert, daß die aufmerken, welche alles, was der Mensch besitzen kann, gegen den Reichtum verachten und meinen, für große Ehre und Tugend sei nur da der Ort, wo Schätze reichlich zusammenströmen.) Cincinnatus pflügte gerade seinen Acker, der nicht über vier Morgen groß war, als die Abgesandten des Senats zu ihm kamen, um ihm zu sagen, daß er zum Diktator ernannt sei und daß Rom in großer Gefahr schwebe. Er nahm seine Toga, ging nach Rom, sammelte ein Heer und zog dem Minucius zu Hilfe. Als er die Feinde geschlagen, ihr Lager geplündert und den Minucius befreit hatte, wollte er nicht, daß das eingeschlossene Heer an der Beute teilnehme, und sagte zu ihm: »Ihr solltet nicht an der Beute derer teilhaben, deren Beute ihr selbst fast geworden wäret.« Den Konsul Minucius setzte er ab und machte ihn zum Legaten mit den Worten: »Du wirst so lange Legat bleiben, bis du gelernt hast, Konsul zu sein.« Zu seinem Reiterobersten hatte er den Lucius Tarquitius ernannt, der aus Armut zu Fuß diente. Ebd. 29, 26. Man sieht hieraus, welche Ehre man in Rom der Armut erwies, und daß vier Morgen Acker zum Unterhalt eines so tapferen und tüchtigen Mannes wie Cincinnatus genügten! Diese Armut herrschte noch zur Zeit des Marcus Regulus. Denn als er mit dem Heere in Afrika stand, 255 v. Chr. Vgl. Livius XVIII. bat er den Senat um Erlaubnis zur Heimkehr, um sein Landgut zu bestellen, das ihm von seinen Arbeitern verdorben worden war. Hier zeigen sich zwei sehr merkwürdige Dinge. Erstens die Armut und die Zufriedenheit dabei, und wie sich die Bürger mit der Ehre begnügten und den Gewinn ganz dem Staat überließen. Denn hätte Regulus daran gedacht, sich im Kriege zu bereichern, so hätte ihn die Vernachlässigung seines Landgutes wenig gekümmert. Das zweite ist die Seelengröße dieser Bürger; denn an der Spitze der Heere dünkten sie sich über jeden Fürsten erhaben, sie achteten keinen König, keine Republik, ließen sich durch nichts einschüchtern noch erschrecken, und hernach kehrten sie ins Privatleben zurück, wurden sparsam und bescheiden, verwalteten ihr kleines Vermögen, waren gehorsam gegen die Obrigkeit und ehrerbietig gegen ihre Vorgesetzten. Fast unbegreiflich erscheint es, wie eines Menschen Seele solchen Wechsel ertragen konnte. Diese Armut währte bis zur Zeit des Aemilius Paullus, Vgl. Cicero, De officiis, II, 22. die sozusagen die letzte glückliche Zeit der Republik war, wo ein Bürger, der Rom durch seine Triumphe bereicherte, selbst arm blieb. Ja, so hoch schätzte man damals noch die Armut, daß Paullus, als er Auszeichnungen für Kriegsverdienste verteilte, seinem Schwiegersohn eine silberne Schale gab, das erste Silber in seinem Hause. Vieles könnte ich zum Beweis dafür anführen, wieviel bessere Früchte Armut als Reichtum trägt und wie die Armut die Städte, Länder und Religionen zu Ehren gebracht, aber Reichtum sie zugrunde gerichtet hat. Doch darüber haben sich schon viele andre ausgelassen. Vermutlich Plutarch, »Aristides und Cato«, IV, vielleicht auch Valerius Maximus, IV, 4. Sechsundzwanzigstes Kapitel Wie durch Frauen ein Staat zugrunde gerichtet werden kann. In der Stadt Ardea entstand zwischen den Patriziern und Plebejern wegen einer Familiensache ein Bürgerkrieg. Livius IV, 9 (442 v. Chr.) Eine Erbin war zu verheiraten, um die sich ein Patrizier und ein Plebejer bewarb. Da sie keinen Vater mehr hatte, wollten ihre Vormünder sie dem Plebejer, ihre Mutter aber dem Adligen geben. Hierüber entstand ein solcher Aufruhr, daß man zu den Waffen griff, wobei der ganze Adel für den Adligen, das ganze Volk für den Plebejer eintrat. Das Volk zog den kürzeren, verließ Ardea und suchte Hilfe bei den Volskern; der Adel wandte sich nach Rom. Die Volsker kamen zuerst an und belagerten Ardea. Nachher kamen die Römer und schlossen die Volsker zwischen der Stadt und sich so eng ein, daß sie sich aus Hunger auf Gnade und Ungnade ergeben mußten. Danach drangen die Römer in Ardea ein, töteten alle Häupter des Aufstandes und legten den Streit bei. Hierzu ist verschiedenes zu bemerken. Erstens sieht man, daß die Frauen die Quelle manches Unheils gewesen sind und den Staatsleitern viel Schaden zugefügt und viele Zwistigkeiten verursacht haben. So sahen wir schon in unsrer Geschichte, wie der an Lucretia begangene Frevel die Tarquinier um die Herrschaft brachte und die Schändung der Virginia die Zehnmänner stürzte. Aristoteles Politik, VIII, 9, 13 zählt unter die Hauptursachen für den Sturz der Tyrannen Frauenschändung, Notzucht und Ehebruch, wie wir es in unserm Kapitel von den Verschwörungen ausführlich gezeigt haben. S. Buch III, Kap. 6. Ich sage also, daß die unumschränkten Fürsten und die Leiter der Republiken diesen Punkt nicht gering achten dürfen. Vielmehr müssen sie die Wirren, die durch solche Vorfälle entstehen können, ins Auge fassen und beizeiten Mittel dagegen anwenden, damit das Mittel nicht zum Schaden und Schimpf ihrer Regierung oder ihrer Republik ausschlägt. So erging es den Ardeaten, die den Streit unter ihren Bürgern so hatten anwachsen lassen, daß es zum offenen Bruch kam und sie zur Wiederherstellung der Einigkeit Hilfe von auswärts herbeirufen mußten, was ein großer Schritt zur Knechtschaft ist. Kommen wir jedoch zu dem andern bemerkenswerten Punkt, wie die Einigkeit in den Städten wiederherzustellen sei. Siebenundzwanzigstes Kapitel Wie man in einer Stadt die Eintracht wiederherstellen soll, und daß die Ansicht falsch ist, um sich im Besitz einer Stadt zu behaupten, müsse man sie in Uneinigkeit halten. Aus dem Beispiel der römischen Konsuln, die die Ardeaten miteinander aussöhnten, ersieht man, wie man die Eintracht einer Stadt wiederherstellen muß. Da kann nichts andres helfen, als die Häupter des Aufruhrs hinzurichten. Es gibt überhaupt nur drei Mittel: sie zu töten, wie es die Römer taten, sie aus der Stadt zu entfernen, oder sie Frieden schließen zu lassen, mit der Bedingung, sich nicht weiter zu beleidigen. Von diesen drei Mitteln ist das letzte das schädlichste, unsicherste und nutzloseste. Denn wo bereits viel Blut geflossen oder andre Gewalttätigkeiten begangen sind, kann ein erzwungener Friede unmöglich von Dauer sein, wenn die Parteien sich täglich wieder zu Gesicht bekommen. Schwerlich werden sie sich gegenseitiger Beleidigungen enthalten, da im täglichen Umgang neue Streitigkeiten entstehen können. Pistoja liefert das beste Beispiel dafür. Diese Stadt war vor fünfzehn Jahren, wie noch jetzt, in die Parteien der Panciatichi und Cancellieri gespalten, S. Lebenslauf, 1501 und 1502. nur daß sie damals noch die Waffen in der Hand hatte und sie jetzt niedergelegt hat. Nach vielem Gezänk kam es zu Blutvergießen, zur Zerstörung der Häuser, zu Plünderungen und zu aller Art Feindseligkeiten. Die Florentiner, die den Streit beizulegen hatten, wandten immer das dritte Mittel an, und immer entstanden daraus noch größere Unruhen und noch ärgere Auftritte, bis sie es endlich satt hatten und zu dem zweiten Mittel griffen, die Häupter der Parteien zu entfernen. Sie warfen einige ins Gefängnis und verbannten andre nach verschiedenen Orten, so daß der geschlossene Vergleich Bestand haben konnte und noch heute besteht. Noch sicherer aber wäre zweifellos das erste Mittel gewesen. Da jedoch in solchen Maßregeln etwas Großes und Gewaltiges liegt, so rafft sich eine schwache Republik nicht dazu auf, ja sie ist so weit davon entfernt, daß sie sich mit genauer Not zum zweiten Mittel entschließt. Solche Fehler begehen, wie ich zu Anfang sagte, die Fürsten unsrer Zeit, wenn sie über große Dinge zu entscheiden haben! Sie sollten lieber zusehen, wie man sich in ähnlichen Fällen in alter Zeit benommen hat. Aber bei der Schwäche der jetzigen Menschen, die nur die Folge ihrer schwächlichen Erziehung ist, und bei ihrer Unkenntnis halten sie die Maßregeln der Alten für unmenschlich und unausführbar. Einige dieser modernen Ansichten widersprechen völlig der Wahrheit, wie die, welche die klugen Köpfe unsrer Stadt vor einiger Zeit im Munde führten, man müsse Pistoja durch die Parteien und Pisa durch die Festungen behaupten. Sie sehen nicht ein, wie unnütz beides ist. Ich will die Festungen beiseite lassen, da ich oben ausführlich davon sprach, Vgl. Buch II, Kap. 24. und nur die Nutzlosigkeit der Maßregel erörtern, die Städte, die man unter seiner Herrschaft hat, in Uneinigkeit zu erhalten. Erstens ist es unmöglich, mag man nun ein Fürst oder eine Republik sein, sich beide Parteien wohlgesinnt zu erhalten. Denn die Menschen ergreifen von Natur Partei, sobald ein Zwiespalt entsteht, und halten es mehr mit der einen als mit der andern. Ist also ein Teil der Stadt unzufrieden, so verliert man sie beim ersten Kriege, denn es ist unmöglich, eine Stadt zu behaupten, die innere und äußere Feinde hat. Ist der herrschende Staat eine Republik, so gibt es kein besseres Mittel, ihre eignen Bürger zu verderben und Zwiespalt in den Staat zu tragen, als eine uneinige Stadt unter sich zu haben. Denn jede Partei in der letzteren sucht sich in der Hauptstadt Gönner und macht sich durch verschiedene Bestechungsmittel Freunde. Daraus entstehen zwei sehr große Übelstände. Erstens wird man sich jene Stadt nie zum Freunde machen, denn bei dem häufigen Wechsel der Regierung hat bald diese, bald jene Gesinnung die Oberhand, man vermag sie also nie gut zu regieren, und zweitens greift die Parteileidenschaft auf die eigne Stadt über. Biondo Flavio Biondo (1388-1463), berühmter Archäologe und Historiker, schrieb u. a. »Historiarum ab inclinatione Romanorum decades« nach dem Vorbild des Livius (bis etwa 1452). bestätigt dies, wenn er von Florenz und Pistoja sagt: »Während Florenz in Pistoja die Einigkeit herstellen wollte, spaltete es sich selbst.« Daraus ergibt sich leicht, welches Übel aus solchen Spaltungen entstehen kann! Als im Jahre 1502 Arezzo, das ganze Tiber- und Chianatal verloren ging, weil es von den Vitelli und dem Herzog von Valentinois Cäsar Borgia. S. Lebenslauf, 1502, und Buch I, Kap. 38. Der dort erwähnte Imbault, dem sich Arezzo ergab, wurde bald durch de Lanques abgelöst, von dem Machiavelli die Auslieferung der abgefallenen Städte an Florenz erwirkte. besetzt wurde, sandte der König von Frankreich einen Herrn de Lanques, um Florenz alle diese verlorenen Städte wieder zu verschaffen. Als nun de Lanques in jedem Kastell Leute fand, die sich zur Partei des Marzocco Der Marzocco (Löwe) war das Wappen von Florenz. bekannten, tadelte er diesen Zwiespalt sehr und sagte, wenn in Frankreich ein Untertan sagte, daß er zur Partei des Königs gehöre, würde er bestraft, denn dieser Ausdruck könne nichts andres bedeuten, als daß es in dieser Stadt auch Feinde des Königs gäbe; der König aber wolle, daß alle seine Städte wohlgesinnt, einig und ohne Parteien seien. Alle diese Mittel aber und alle diese wahrheitswidrigen Ansichten entstehen aus der Schwäche der Regierenden, die sich aus Unvermögen, ihre Staaten durch Kraft und Gewalt zu behaupten, mit solchen Kunstgriffen behelfen. Sie mögen in ruhigen Zeiten manchmal etwas nützen, sobald aber Mißgeschick und schwere Zeiten kommen, stellt sich ihre Hinfälligkeit heraus. Achtundzwanzigstes Kapitel Man muß auf die Handlungen der Bürger achtgeben, denn unter einer tugendhaften Handlung verbirgt sich oft der Anfang der Tyrannei. Als in Rom große Hungersnot herrschte 440 v. Chr. Vgl. Livius IV, 13 ff. und die öffentlichen Vorräte nicht hinreichten, um ihr abzuhelfen, entschloß sich ein gewisser Spurius Maelius, ein für jene Zeiten sehr reicher Mann, auf eigne Rechnung eine Menge Getreide anzuschaffen und das Volk damit auf seine Kosten zu ernähren. Durch diese Wohltat erwarb er sich solche Gunst beim Volke, daß der Senat angesichts der üblen Folgen, die diese Freigebigkeit haben konnte, das Übel zu unterdrücken beschloß, ehe es noch mehr Kraft gewann. Er ernannte also einen Diktator und ließ ihn hinrichten. Hier ist zu bemerken, daß Handlungen, die tugendhaft scheinen und vernünftigerweise nicht zu verurteilen sind, oft in Gewalttätigkeit umschlagen und eine Republik in die größten Gefahren bringen, wenn ihnen nicht beizeiten gesteuert wird. Betrachten wir die Sache näher! Eine Republik kann ohne angesehene Bürger nicht bestehen noch irgendwie gut regiert werden. Andrerseits ist das Ansehen der Bürger die Quelle der Tyrannei in den Republiken. Will man die Sache gut einrichten, so muß man den Bürgern ein Ansehen einräumen, das der Stadt und der Freiheit nützt, nicht aber schadet. Eine angemessene, aber nicht übermäßige Freiheit der Bürger fordert auch Aristoteles, Politik, VIII, 7, 7 . Man muß daher die Mittel untersuchen, durch die sie zu Ansehen gelangen. Das sind eigentlich zwei, öffentliche und private. Die öffentlichen Mittel sind, wenn jemand durch guten Rat oder noch bessere Taten für das Gemeinwohl Ansehen erlangt. Zu dieser Ehre muß man den Bürgern die Bahn öffnen und für den Rat und die Taten Belohnungen aussetzen, die ihnen Ruhm und Befriedigung verschaffen. Ist der auf diesem Wege erlangte Ruhm rein und natürlich, so wird er niemals gefährlich werden. Erlangt man ihn aber auf die zweite Art, durch Privatmittel, so ist er höchst gefährlich und durchaus schädlich. Privatmittel sind es, wenn man diesem oder jenem Bürger Wohltaten erweist, indem man ihm Geld leiht, seine Töchter ausstattet, ihn gegen die Obrigkeit schützt und ihm andre besondere Gefälligkeiten erweist, durch die man sich Anhänger schafft und die die derart Begünstigten ermutigen, die Sitten zu verderben und die Gesetze zu brechen. Eine gut eingerichtete Republik muß also, wie gesagt, nur denen den Weg öffnen, die durch öffentliche Mittel Gunst erstreben, und ihn denen verschließen, die sie durch Privatmittel suchen. So tat es Rom. Zur Belohnung derer, die durch ihre Taten dem Staat nützten, verordnete es Triumphe und alle andern bürgerlichen Ehren. Und zum Schaden derer, die unter verschiedenem Anstrich durch Privatmittel groß zu werden suchten, ordnete es die Anklagen an. Reichten diese aber nicht hin, weil das Volk durch einen falschen Schein von Tugend verblendet war, so ernannte es einen Diktator, der mit Königsgewalt jeden in seine Schranken zurückwies, wie es bei der Bestrafung des Spurius Maelius geschah. Ein einziger solcher Fall, der unbestraft bleibt, kann den Untergang einer Republik nach sich ziehen; denn nach einem solchen Beispiel kommt sie schwer wieder auf den rechten Weg. Neunundzwanzigstes Kapitel Die Sünden der Völker kommen von den Fürsten. Beschwere sich kein Fürst über die Sünden der von ihm regierten Völker, denn diese Sünden entstehen nur aus seiner Nachlässigkeit, oder weil er den gleichen Lastern ergeben ist. Betrachtet man die Völker, denen man in unsrer Zeit Raubsucht und ähnliche Sünden vorwirft, so wird man finden, daß sie nur von ihren Regenten stammen, die ebenso waren. Vor der Ausrottung der kleinen Herrscher der Romagna durch Papst Alexander VI. In den Jahren 1499-1503 eroberte Cäsar Borgia, der Sohn Alexanders VI., die Romagna. war dies Land ein Schauplatz des lasterhaftesten Lebenswandels, beim geringsten Anlaß kam es zu den ärgsten Raub- und Mordtaten. Dies kam von der Verderbtheit der Fürsten, nicht der verderbten Natur der Menschen, wie jene vorgaben. Denn da diese Fürsten arm waren, doch wie Reiche leben wollten, waren sie gezwungen, sich aufs Rauben zu legen und dies auf verschiedene Art zu betreiben. Unter andern schändlichen Mitteln gaben sie Gesetze, die irgendeine Handlung verboten. Dann gaben sie die erste Veranlassung zu ihrer Übertretung, bestraften aber die Übertreter erst, wenn eine größere Anzahl in die Falle gegangen war. Und zwar straften sie sie nicht aus Eifer für das gegebene Gesetz, sondern aus Gier nach Einziehung der Strafe. Daraus entstanden viele Übel, vor allem, daß das Volk verarmte, ohne sich zu bessern, und daß die Verarmten sich an Schwächeren schadlos zu halten suchten. Hieraus entsprang all das erwähnte Unheil, dessen Ursache der Fürst war. Wie wahr dies ist, zeigt Livius an folgendem Beispiel. Als die römischen Gesandten dem Apollo das Geschenk aus der Beute von Veji brachten, wurden sie von Seeräubern aus Liparis in Sizilien gefangengenommen und in diese Stadt gebracht. Als ihr Fürst Timasitheus hörte, was für ein Geschenk, für wen es bestimmt war und wer es machte, benahm er sich, obwohl in Liparis geboren, wie ein Römer. Er machte dem Volke klar, wie gottlos es sei, sich ein solches Geschenk anzueignen, und ließ die Gesandten unter allgemeiner Zustimmung mit all ihren Sachen ziehen. Livius V, 28 (393 v. Chr.) gebraucht hier die Worte: Thimasitheus multitudinem religione implevit, quae semper regenti est similis. (Timasitheus flößte dem Volk, das stets seinem Herrscher gleicht, Religion ein.) Und Lorenzo von Medici sagt zur Bestätigung dieses Satzes: Und was der Herr tut, werden viele tun, Weil auf dem Herrn die Augen aller ruhn. Dreißigstes Kapitel Ein Bürger, der in einer Republik durch sein Ansehen etwas Gutes ausrichten will, muß erst den Neid überwinden. – Wie man beim Anrücken des Feindes die Verteidigung einer Stadt einzurichten hat. Als der römische Senat erfuhr, daß in ganz Etrurien ein neues Heer gegen Rom ausgehoben wurde und daß die Latiner und Herniker, bisher Freunde des römischen Volkes, auf die Seite der Volsker, der Erbfeinde Roms, getreten waren, sah er einen gefährlichen Krieg voraus. Da nun Camillus Tribun mit konsularischer Gewalt war, glaubte er ohne Ernennung eines Diktators auszukommen, wenn nur die andern Tribunen, seine Amtsgenossen, ihm die Leitung des Krieges anvertrauen wollten. Nec quicquam, sagt Livius, de maiestate sua detractum credebant, quod maiestate eius concessissent . VI, 6 (386 v. Chr.) (Sie glaubten ihrer Würde nichts zu vergeben, was sie seiner Würde einräumten.) Camillus nahm also diese Unterordnung an und befahl, drei Heere aufzustellen. Mit dem ersten wollte er selbst gegen die Etrusker ziehen; das zweite unter Quintus Servilius sollte in der Nähe Roms bleiben, um den Latinern und Hernikern entgegenzutreten, wenn sie sich rührten, das dritte unter Lucius Quinctius sollte für alle Fälle die Stadt decken und die Tore und die Kurie verteidigen. Schließlich befahl er, daß Lucius Horatius, einer seiner Amtsgenossen, für Waffen und Getreide und andre Kriegserfordernisse sorgen sollte, und dem Servius Cornelius, ebenfalls einem Amtsgenossen, gab er den Vorsitz im Senat und im öffentlichen Rat, um den Gang der täglichen Geschäfte zu leiten. In dieser Weise waren damals die Tribunen bereit, zum Heil des Vaterlandes zu befehlen und zu gehorchen. Man ersieht daraus, wie ein guter und weiser Mann handelt, wieviel Gutes er stiften und wieviel Nutzen er seinem Vaterlande bringen kann, wenn er durch seine Tugend und Tüchtigkeit den Neid besiegt hat. Denn dieser ist oft der Ausführung des Guten hinderlich, da er den Besten die Gewalt vorenthält, die in wichtigen Dingen vonnöten ist. Dieser Neid wird auf zweierlei Art besiegt. Erstens durch ein schweres, schlimmes Ereignis, wo jeder, seinen Untergang vor Augen, allen Ehrgeiz beiseite setzt und willig dem gehorcht, von dem er glaubt, daß er ihn durch seine Tüchtigkeit retten wird. Das war bei Camillus der Fall. Er hatte so viele Proben seiner Tüchtigkeit abgelegt, war dreimal Diktator gewesen und hatte dies Amt stets zum allgemeinen Besten, nicht zum eignen Vorteil versehen, so daß man seine Größe nicht fürchtete und es nicht für schimpflich hielt, sich einem so großen und berühmten Mann unterzuordnen. Livius gebraucht daher auch weislich die Worte: Nec quicquam usw. Zweitens wird der Neid besiegt, wenn die Männer, die deine Nebenbuhler um Ansehen und Größe waren, eines natürlichen oder gewaltsamen Todes sterben. Denn solange sie dich in höherem Ansehen als sich selbst sehen, können sie sich unmöglich ruhig verhalten und Geduld üben. Sind es Bürger einer verderbten Republik, die keine gute Erziehung gehabt haben, so kann kein Ereignis sie dahin bringen, daß sie jemals zurücktreten. Um ihren Willen zu haben und ihren ungesunden Ehrgeiz zu befriedigen, würden sie ruhig den Untergang ihres Vaterlandes mit ansehen. Um diesen Neid zu besiegen, gibt es kein andres Mittel als den Tod der Neider. Will das Glück dem verdienstvollen Manne so wohl, daß sie eines natürlichen Todes sterben, so wird er ohne Ärgernis berühmt, denn er kann dann ungehindert seine Tüchtigkeit zeigen, ohne jemand ein Leid zu tun. Hat er aber dies Glück nicht, so muß er sie auf alle Weise aus dem Wege zu räumen suchen, und ehe er irgend etwas unternimmt, Maßregeln zur Beseitigung dieses Hindernisses treffen. Wer die Bibel mit Verstand liest, wird sehen, daß Moses, um seinen Gesetzen und Einrichtungen Geltung zu verschaffen, viele Menschen töten mußte, die sich bloß aus Neid seinen Plänen widersetzten. Diese Notwendigkeit erkannten Bruder Girolamo Savonarola S. Lebenslauf, 1494. und Piero Soderini, S. Lebenslauf, 1502, sowie Buch III, Kap. 3 und 9. der Gonfalonier von Florenz, sehr wohl. Der Mönch war ihr nicht gewachsen, weil er keine Gewalt zur Ausführung besaß und seine Anhänger, die sie besaßen, ihn nicht recht verstanden. Gleichwohl ließ er es an sich nicht fehlen, denn seine Predigten sind voller Anklagen und Ausfälle gegen die Weisen der Welt, wie er die Neider und Gegner seiner Einrichtungen nannte. Soderini glaubte, mit der Zeit durch Güte, durch sein Glück, durch Wohltaten gegen einzelne den Neid zu besiegen. Er war noch jung und sah sich mit so viel neuer Gunst überhäuft, die ihm sein Benehmen erwarb, daß er alle, die sich ihm aus Neid widersetzten, ohne Ärgernis, Gewalttaten und Unruhen zu überwinden glaubte. Er wußte nicht, daß sich die Zeit nicht abwarten läßt, daß Güte nicht hinreicht, daß das Glück wechselt und daß die Bosheit durch keine Wohltat versöhnt wird. So gingen beide unter, und zwar aus dem Grunde, weil sie es nicht verstanden oder nicht die Macht hatten, den Neid zu besiegen. Das zweite Bemerkenswerte sind die Anordnungen, die Camillus zur Rettung Roms nach innen und außen traf. Fürwahr, nicht grundlos haben gute Geschichtsschreiber wie Livius Auch Polybios I, 35, 6 . gewisse Vorfälle ausführlich und deutlich beschrieben, damit die Nachwelt daraus lerne, wie man sich in ähnlichen Fällen zu verhalten habe. Und zwar ist hier zu bemerken, daß keine Verteidigung gefährlicher und nutzloser ist als eine, die regellos und ohne Ordnung stattfindet. Das zeigt das dritte Heer, das Camillus zur Besatzung Roms aufstellte. Viele würden diese Maßregel für überflüssig gehalten haben und noch halten. Da das Volk gewöhnlich unter den Waffen und kriegerisch war, hätte man vielleicht kein besonderes Heer aufzustellen brauchen, sondern es hätte genügt, das Volk im Bedarfsfall zu bewaffnen. Camillus aber und jeder ebenso Einsichtige urteilte anders und erlaubte nicht, daß die Menge ohne bestimmte Ordnung und Einrichtung zu den Waffen griff. Nach diesem Beispiel muß also jeder, der den Schutz einer Stadt übernommen hat, sich vor der Klippe hüten, die Einwohner in ungeordneter Weise unter die Waffen zu rufen. Vielmehr muß er die, welche die Waffen führen sollen, ausgewählt und eingeschrieben haben; er muß bestimmen, wem sie zu gehorchen, wo sie sich zu versammeln und wohin sie zu gehen haben. Allen andern muß er befehlen, in ihren Häusern zu bleiben und diese zu bewachen. Wer in einer belagerten Stadt diese Anordnungen trifft, wird sie leicht verteidigen können. Wer anders handelt, ahmt den Camillus nicht nach und wird sie nicht verteidigen. Einunddreißigstes Kapitel Starke Republiken und ausgezeichnete Männer bewahren im Glück und Unglück den gleichen Mut und die gleiche Würde. Unter andern herrlichen Dingen, die unser Geschichtsschreiber den Camillus sagen und tun läßt, um an ihm die Eigenschaften eines großen Mannes zu zeigen, legt er ihm auch die Worte in den Mund: Nec mihi dictatura animos fecit, nec exilium ademit. VI, 7. (Die Diktatur hat meinen Mut nicht erhöht und die Verbannung ihn nicht gebrochen.) Man ersieht daraus, daß große Männer in jeder Lage die gleichen sind. Mag sie der Wechsel des Glücks erhöhen oder erniedrigen, sie ändern sich nie, sondern bleiben stets standhaft und so völlig ihrer Lebensweise getreu, daß jeder leicht erkennt, daß das Glück nichts über sie vermag. Anders benehmen sich schwache Menschen. Das Glück berauscht sie und macht sie eitel, da sie alles Gute Tugenden zuschreiben, die sie niemals besaßen. Infolgedessen werden sie allen, die um sie sind, unerträglich und verhaßt. Daher kommt dann der plötzliche Wechsel ihres Schicksals, und wenn sie diesen vor Augen sehen, fallen sie sofort in den entgegengesetzten Fehler und werden feig und erbärmlich. Fürsten dieser Art denken im Unglück mehr an Flucht als an Widerstand, da sie ihr Glück schlecht benutzt und sich auf keine Verteidigung eingerichtet haben. Diese Tugend und dies Laster, die man bei einzelnen Menschen findet, gibt es auch bei Republiken. Ein Beispiel bieten Rom und Venedig. Die Römer machte kein Mißgeschick jemals erbärmlich und kein Glück übermütig. Das zeigt sich deutlich nach der Niederlage bei Cannae und dem Sieg über Antiochos. Die Niederlage war sehr schwer, denn es war die dritte, aber sie verzagten doch nicht, schickten Heere aus, wollten ihre Gefangenen nicht auswechseln, weil es ihren Grundsätzen widersprach, und baten weder Hannibal noch Karthago um Frieden. An alle jene Erbärmlichkeiten dachten sie nicht, sondern nur an den Krieg, und aus Mangel an Leuten bewaffneten sie die Greise und Sklaven. Als Hanno dies erfuhr, stellte er, wie oben gesagt, dem karthagischen Senat vor, wie wenig auf den Sieg bei Cannae zu geben sei. S. Buch II, Kap. 30. So sieht man, daß schwere Zeiten sie nicht entmutigen noch erniedrigen konnten. Ebenso machten glückliche Zeiten sie nicht übermütig. Vor der verlorenen Schlacht König Antiochos von Syrien wurde 189 v. Chr. von L. Cornelius Scipio, dem Bruder des Besiegers des Hannibal, bei Magnesia geschlagen. schickte Antiochos Gesandte an Scipio, um einen Vergleich zu erbitten. Scipio stellte die Friedensbedingungen, der König sollte sich nach Spanien zurückziehen und das übrige den Römern überlassen. Antiochos schlug den Vergleich aus, verlor die Schlacht und schickte von neuem Gesandte mit dem Auftrag, alle Bedingungen des Siegers anzunehmen. Scipio aber stellte keine andern Bedingungen als vor dem Siege und fügte hinzu: Quod Romani, si vincuntur, non minuuntur animis, nec si vincunt insolescere solent. (Die Römer werden in der Niederlage nicht kleinmütig und im Siege nicht übermütig.) Ganz das Gegenteil sah man bei Venedig. Im Glücke, das es durch eine Tapferkeit, die es nicht besaß, errungen zu haben wähnte, war es so übermütig, daß es den König von Frankreich einen Sohn von St. Markus nannte, die Kirche nicht achtete, überhaupt Italien zu eng für sich fand und von einem Weltreich wie Rom träumte. Als dann das Glück umschlug und es bei Vailà S. Lebenslauf, 1509. eine halbe Niederlage erlitt, verlor es nicht allein durch Aufstände sein ganzes Gebiet, sondern trat auch ein gutes Teil davon an den Papst und den König von Spanien aus Feigheit und Erbärmlichkeit ab. Ja, es demütigte sich so tief, daß es Gesandte an den Kaiser schickte, um sich ihm tributpflichtig zu machen, und an den Papst Briefe voller Feigheit und Unterwürfigkeit schrieb, um sein Mitleid zu erwecken. In diese unglückliche Lage kam es binnen vier Tagen und nach einer halben Niederlage. Denn auf dem Rückzuge mußte das Heer sich noch einmal zum Kampfe stellen und verlor etwa die Hälfte seiner Leute, so daß der eine Provveditore sich rettete und mit über 25 000 Mann zu Fuß und zu Pferde nach Verona kam. Hätte man also in Venedig noch eine Spur von Mut gehabt und etwas herzhafte Anordnungen getroffen, so hätte man sich leicht wieder erholt und dem Schicksal von neuem die Stirn bieten können, um bei Gelegenheit entweder zu siegen oder rühmlicher zu unterliegen, oder einen ehrenvolleren Frieden zu schließen. Aber ihre Feigheit, die Folge ihrer schlechten Einrichtungen im Kriegswesen, brachte die Venezianer mit einem Schlage um Herrschaft und Mut. Jedem, der es wie sie macht, wird es ebenso ergehen. Denn der Übermut im Glück und der Kleinmut im Unglück entsteht aus unserm Benehmen und aus der Erziehung, die wir genossen. War sie schwächlich und eitel, so macht sie uns ebenso; war sie anders, so macht sie uns auch anders, und durch bessere Weltkenntnis mäßigt sie unsre Freude im Glück und unsern Kummer im Unglück. Was wir aber hier von einzelnen sagen, das gilt auch von vielen, die in einem Staatswesen zusammenleben; sie erlangen den Grad von Vollkommenheit, den die Lebensweise des Staates hat. Ich habe zwar andernorts S. Buch I, Kap. 4; Buch II, Kap. 10 a.a.O. schon gesagt, daß ein gutes Kriegswesen die Grundlage aller Staaten ist und daß da, wo es fehlt, weder die Gesetze noch sonst etwas gut sein können, aber es scheint mir doch nicht überflüssig, es noch einmal zu wiederholen. In jedem Augenblick der römischen Geschichte tritt diese Notwendigkeit zutage. Man sieht, daß die Kriegsmacht nicht gut sein kann, wenn sie nicht geübt wird, und daß sie nicht geübt werden kann, wenn sie nicht aus Landeskindern besteht. Denn man führt nicht immer Krieg und kann ihn nicht immer führen, darum muß man sich in der Friedenszeit üben können, und der Kosten wegen ist das nur mit den eignen Landeskindern möglich. Wie wir oben gesehen, war Camillus mit seinem Heer gegen die Etrusker gezogen. Als nun seine Soldaten die Größe des feindlichen Heeres sahen, verloren sie allen Mut und hielten sich für viel zu schwach, um den feindlichen Angriff aushalten zu können. Als die Verzagtheit des Heeres dem Camillus zu Ohren kam, ging er durch das Lager, sprach die einzelnen Soldaten an, brachte ihnen ihre Meinung aus dem Kopfe und sagte zuletzt, ohne eine weitere Anordnung zu treffen: Quod quisque didicit aut consuevit, faciet. Livius VI, 7 (386 v. Chr.) (Jeder tue, was er gelernt hat und gewohnt ist.) Wer diesen Ausspruch und die Worte erwägt, die er später zu ihnen sagte, als er sie zum Angriff ermutigte, wird einsehen, daß er dergleichen nur zu einem Heere sagen und mit ihm machen konnte, das im Frieden wie im Kriege organisiert und geübt war. Auf Soldaten, die nichts gelernt haben, kann ein Feldherr sich nicht verlassen, noch kann er glauben, sie würden etwas Tüchtiges leisten. Und wenn sie ein neuer Hannibal führte, so würde er durch sie unterliegen. Denn ein Feldherr kann während der Schlacht nicht überall sein; hat er also nicht vorher für Leute gesorgt, die von seinem Geiste durchdrungen sind und seine Anordnungen und die Art seiner Kriegführung kennen, so muß er notwendig geschlagen werden. Wird also eine Stadt so bewaffnet und eingerichtet wie Rom und haben ihre Bürger täglich im einzelnen und im ganzen Gelegenheit, ihre Tapferkeit und die Macht des Glückes zu erproben, so werden sie stets und in jeder Lage den gleichen Mut und die gleiche Würde bewahren. Sind sie aber unbewaffnet und verlassen sie sich allein auf die Launen des Glücks, nicht auf die eigne Kraft, so werden sie sich mit seinem Wechsel ändern und stets solche Proben ablegen wie die Venezianer. Zweiunddreißigstes Kapitel Welche Mittel einige benutzt haben, um den Frieden zu hintertreiben. Die Kolonien Circeji und Velitrae hatten sich in der Hoffnung auf den Schutz der Latiner gegen Rom empört. 385 v. Chr. Vgl. Livius VI, 11 f. Als dann die Latiner besiegt waren und diese Hoffnung schwand, rieten viele Bürger, Gesandte nach Rom zu schicken, um sich mit dem Senat auszusöhnen. Das aber hintertrieben die Anstifter der Empörung, aus Furcht, die ganze Strafe werde über ihr Haupt kommen. Um alle Friedensverhandlungen abzuschneiden, hetzten sie das Volk auf, zu den Waffen zu greifen und in das römische Gebiet einzufallen Ebd. 21. In der Tat, wenn ein Fürst oder ein Volk jeden Gedanken an Frieden fallenlassen soll, gibt es kein richtigeres und zuverlässigeres Mittel, als es zu einem schweren Verbrechen gegen den zu bringen, mit dem man jeden Vergleich hintertreiben will. Die Furcht vor der Strafe, die es durch sein Unrecht verwirkt zu haben glaubt, wird es immer davon abbringen. Nach dem ersten punischen Kriege gingen die Soldaten, die in diesem Krieg für Karthago auf Sizilien und Sardinien gefochten hatten, nach Afrika, und da man ihre Soldansprüche nicht befriedigte, erhoben sie die Waffen gegen Karthago, 241-239 v. Chr. erwählten zwei Führer, Mathos und Spendios, nahmen den Karthagern viele Städte weg und plünderten viele andre. Um vor dem Kampfe kein Mittel unversucht zu lassen, schickten die Karthager ihren Bürger Hasdrubal als Gesandten an sie ab, von dem sie annahmen, daß er einiges Ansehen über sie hätte, da er früher ihr Feldherr gewesen war. Um nun den Soldaten jede Hoffnung auf Frieden mit Karthago zu benehmen und sie dadurch zum Kriege zu zwingen, beredeten Mathos und Spendios sie, den Hasdrubal samt allen karthagischen Bürgern, die sie gefangen hatten, zu töten. Sie töteten sie aber nicht nur, sondern peinigten sie vorher mit tausend Martern und fügten zu dieser Schandtat noch ein Edikt, nach dem alle Karthager, die in Zukunft gefangen würden, in derselben Weise sterben sollten. Dieser Beschluß und die Hinrichtung machten das Heer grausam und hartnäckig gegen die Karthager. Dreiunddreißigstes Kapitel Um eine Schlacht zu gewinnen, muß man dem Heer Vertrauen auf sich selbst und auf den Feldherrn einflößen. Um eine Schlacht zu gewinnen, muß man dem Heere solches Vertrauen einflößen, daß es durchaus siegen zu müssen glaubt. Sein Vertrauen beruht darauf, daß es gut bewaffnet und geordnet ist und daß einer den andern kennt. Dies Vertrauen und diese Ordnung ist aber nur bei Soldaten möglich, die miteinander geboren und aufgewachsen sind. Der Führer muß geachtet sein, so daß das Heer auf seine Klugheit vertraut. Das wird immer der Fall sein, wenn es sieht, daß er ein ordentlicher, eifriger, mutiger Mann ist, der die Würde seiner Stellung mit Ehren behauptet. Dies Ansehen wird er immer behaupten, wenn er seine Soldaten für ihre Fehler straft, sie nicht zwecklos anstrengt, ihnen sein Wort hält, den Weg zum Siege als leicht darstellt und alles, was von ferne gefährlich aussieht, verbirgt und verkleinert. Wird dies wohl beobachtet, so trägt es viel dazu bei, daß das Heer Zutrauen hat und in diesem Zutrauen siegt. Um ihren Heeren dies Zutrauen einzuflößen, bedienten sich die Römer der Religion. Deshalb wurden bei der Wahl der Konsuln, bei der Aushebung, dem Ausmarsch der Heere und vor der Schlacht Augurien und Auspizien angestellt. Ohne diese hätte ein guter und kluger Feldherr nie eine Schlacht gewagt, denn er hätte gemeint, daß er sie leicht verlieren könnte, wenn die Soldaten nicht vorher gehört hätten, daß die Götter mit ihnen seien. Ein Konsul oder ein andrer Heerführer, der bei ungünstigen Auspizien gekämpft hätte, wäre bestraft worden, wie Claudius Pulcher. S. Buch I, Kap. 14. Man ersieht das aus der ganzen römischen Geschichte, am deutlichsten aber aus den Worten, die Livius dem Appius Claudius in den Mund legt, als dieser sich beim Volke über die Frechheit der Volkstribunen beschwert und ihm zeigt, daß sie die Auspizien und andre religiöse Bräuche entweihten. Eludant nunc licet religiones; quid enim interest, si pulli non pascentur, si ex cavea tardius exierint, si occinuerit avis? Parva sunt haec, sed parva ista non contemnendo maiores nostri maximam hanc rempublicam fecerunt. Livius VI, 40 f. Zum Verständnis der Stelle vgl. Buch I, Kap. 14. (Mögen sie jetzt immerhin die Religion verspotten! Was liegt daran, ob die Hühner nicht fressen, ob sie zu langsam aus dem Käfig kommen, ob ein Vogel zur Unzeit pfeift? Das sind Kleinigkeiten, aber durch ihre Beachtung haben unsre Vorfahren den Staat groß gemacht.) Diese Kleinigkeiten haben die Kraft, Einigkeit und Vertrauen unter den Soldaten zu erhalten, was die Hauptursache jedes Sieges ist. Allerdings muß damit auch Tapferkeit verbunden sein, sonst nutzen sie nichts. Als die Praenestiner gegen Rom im Felde standen, 380 v. Chr. bezogen sie an der Allia ein Lager an der Stelle, wo die Römer von den Galliern geschlagen wurden. Das taten sie, um ihren Soldaten Zuversicht einzuflößen und die Römer durch die Vorbedeutung des Ortes zu schrecken. Obgleich nun diese Maßregel aus den oben erörterten Gründen Erfolg verhieß, zeigt doch der Ausgang, daß die wahre Tapferkeit nicht jeden unbedeutenden Zufall fürchtet. Livius drückt dies sehr gut durch die Worte des Diktators aus, die er ihm seinem Reiterobersten gegenüber in den Mund legt: Vides tu, fortuna illos fretos, ad Alliam consedisse; at tu fretus armis animisque invade mediam aciem. Livius VI, 29. Der Diktator war Titus Quinctius Cincinnatus (380 v. Chr.) (Siehst du, sie haben sich, auf das Glück vertrauend, an der Allia gelagert; du aber, auf Waffen und Mut vertrauend, greife die Mitte ihrer Schlachtordnung an.) Wahre Tapferkeit, gute Ordnung und eine aus vielen Siegen geschöpfte Zuversicht können durch Dinge von geringer Bedeutung nicht aus der Welt geschafft werden. Leere Einbildung jagt ihnen weder Furcht ein, noch schadet ihnen augenblickliche Verwirrung. Das sieht man deutlich, als die beiden Manlius Konsuln gegen die Volsker waren. Sie hatten einen Teil ihrer Truppen in unvorsichtiger Weise zu Beitreibungen ausgeschickt, und so wurden zugleich die Ausgeschickten umringt und die im Lager Zurückgebliebenen eingeschlossen. Aus dieser Gefahr rettete sie nicht die Klugheit der Konsuln, sondern einzig die Tapferkeit der Soldaten. Livius bemerkt hierzu: Militum etiam sine rectore stabilis virtus tutata est. VI, 30 (380 v. Chr.). (Auch ohne Führung schützte sie die beständige Tapferkeit der Soldaten.) Nicht übergehen will ich ein Wort des Fabius, Quintus Fabius Maximus Rullianus rückte 310 v. Chr. in Etrurien ein. Vgl. Buch II, Kap. 33, und Livius IX, 37. um seinem Heere Vertrauen einzuflößen. Er war in Etrurien eingerückt und hielt dies Vertrauen für um so nötiger, als er das Heer in ein fremdes Land und gegen neue Feinde geführt hatte. Bei der Ansprache vor der Schlacht bewies er den Soldaten mit vielen Gründen, weshalb sie auf Sieg hoffen könnten; dann setzte er hinzu, er könnte ihnen noch gewisse gute Dinge sagen, aus denen sie die Gewißheit des Sieges erkennen würden, aber es sei gefährlich, sie bekanntzugeben. Dies klug angewandte Mittel verdient Nachahmung. Vierunddreißigstes Kapitel Welcher Ruf, welche Stimme oder Meinung das Volk bestimmt, seine Gunst einem Bürger zuzuwenden, und ob es die Ämter klüger verteilt als ein Fürst. Wir haben früher erzählt, S. Buch I, Kap. 11. wie Titus Manlius, später Torquatus genannt, seinen Vater Lucius von einer Anklage befreite, die der Volkstribun Marcus Pomponius gegen ihn erhoben hatte. Obschon diese Art ziemlich gewalttätig und ungesetzlich war, so gefiel doch die kindliche Liebe zum Vater dem Volke so gut, daß er nicht nur nicht zur Rede gestellt wurde, sondern bei der nächsten Wahl der Kriegstribunen die zweite Stelle erhielt. Angesichts dieses Vorfalls scheint es mir der Untersuchung wert, wie das Volk die Menschen bei der Erteilung von Ämtern beurteilt und ob sich der obige Satz als wahr erweist, daß das Volk die Ämter besser verteilt als ein Fürst. Das Volk richtet sich bei seiner Wahl nach der öffentlichen Meinung und dem Ruf eines Mannes, wenn es ihn nicht schon aus seinen Taten kennt oder eine Mutmaßung oder Meinung von ihm hat. Beides aber kommt entweder von den Vätern her, die bedeutende und einflußreiche Leute waren, weil man bis zum Beweis des Gegenteils glaubt, die Söhne würden den Vätern entsprechen. Oder es rührt von dem persönlichen Benehmen des Mannes her, um den es sich handelt. Das beste Benehmen ist der Umgang mit gesetzten, gesitteten und von jedermann für weise gehaltenen Männern. Und da es kein besseres Zeichen für die Sinnesart eines Menschen gibt als die Gesellschaft, mit der er verkehrt, so erwirbt sich ein Mann, der gute Gesellschaft hat, mit Recht einen guten Namen, weil er notwendig einige Ähnlichkeit mit ihr haben muß. Drittens erwirbt man sich diesen öffentlichen Ruf durch eine außerordentliche denkwürdige Handlung, auch eine Privathandlung, mit der man Ehre einlegt. Von all diesen drei Dingen, die zu Anfang einen guten Ruf geben, ist das letzte das wirksamste. Das erste, Herkunft und Väter, ist so trügerisch, daß die Menschen sehr vorsichtig damit umgehen, und es verschwindet auch bald, wenn die eignen Verdienste des Betreffenden nicht hinzukommen. Das zweite, der Umgang, ist besser als das erste, allein weit unter dem dritten, denn solange du nicht selbst einen Beweis lieferst, beruht dein Ruf auf der schwankenden Meinung. Das dritte hingegen, deine eignen Taten, gibt dir von Anfang an einen solchen Namen, daß du später vieles dagegen tun mußt, um ihn zu verwischen. Wer daher in einer Republik geboren wird, muß diesen Weg einschlagen und danach streben, sich gleich zu Anfang durch eine außerordentliche Handlung hervorzutun. Viele Römer taten dies in ihrer Jugend, indem sie entweder ein Gesetz einbrachten, das zum allgemeinen Wohl diente, oder einen Mächtigen wegen Übertretung der Gesetze anklagten, oder etwas ähnlich Auffallendes und Neues taten, das von ihnen reden machte. Aber dergleichen ist nicht nur nötig, um sich einen Ruf zu verschaffen, sondern auch, um ihn sich zu erhalten und zu vergrößern. Zu diesem Zweck muß man es wiederholen, wie es Titus Manlius sein Leben lang tat. Denn nachdem er seinen Vater in so tapfrer und außerordentlicher Weise verteidigt und mit dieser Handlung seinen Ruf begründet hatte, focht er ein paar Jahre danach mit dem Gallier und nahm dem Gefallenen die goldne Halskette ab, die ihm den Beinamen Torquatus verschaffte. 361 v. Chr. Vgl. Livius VII, 10 ff. Nicht genug damit, ließ er schon in reifen Jahren seinen Sohn hinrichten, weil er sich ohne Erlaubnis in einen wenn auch siegreichen Kampf eingelassen hatte. 340 v. Chr. Vor der Schlacht am Vesuv. Vgl. Livius VIII, 7. Diese drei Taten gaben ihm damals einen größeren Namen und machten ihn durch alle Jahrhunderte berühmter als je ein Triumph und ein Sieg, der ihn oder andre Römer zierte. Der Grund ist der: an Siegen waren dem Manlius viele gleich, in diesen besonderen Taten aber sehr wenige oder keiner. Der ältere Scipio erwarb sich durch alle seine Triumphe nicht so viel Ruhm wie dadurch, daß er als Jüngling am Tessin seinen Vater verteidigte und nach der Niederlage bei Cannae kühn, mit entblößtem Schwert mehrere Jünglinge zu dem Schwur zwang, Italien nicht zu verlassen, was sie sich schon vorgenommen hatten. Diese beiden Taten waren der Anfang seines Ruhms und die ersten Stufen zu seinen Triumphen in Spanien und Afrika. Die hohe Meinung von ihm wuchs noch, als er in Spanien die Tochter dem Vater und die Gattin dem Manne unberührt zurücksandte. Diese Handlungsweise ist aber nicht nur für Bürger nötig, die Ruf erwerben wollen, um dadurch die höchsten Würden in ihrer Republik zu erlangen, sondern auch für Fürsten, die sich ihr Ansehen in ihrem Staat erhalten wollen. Nichts erwirbt ihnen so viel Achtung als ein ungewöhnliches Werk oder Wort zum Besten der Allgemeinheit, das von ihrer Großmut, Freigebigkeit oder Gerechtigkeit zeugt und sozusagen zum Sprichwort bei ihren Untertanen wird. Kehren wir jedoch zum Anfang unsrer Erörterung zurück. Gibt das Volk aus den drei genannten Gründen einem seiner Bürger das erste Amt, so tut es nicht übel daran. Wird dann aber ein Mann durch zahlreiche gute Handlungen bekannter, so fährt es besser dabei, denn in diesem Falle kann es sich fast niemals täuschen. Ich rede aber nur von den Ämtern, die man anfangs an Leute erteilt, die man noch nicht aus sicherer Erfahrung kennt, oder die von einer Tätigkeit zu einer ganz unähnlichen übergehen. Und da irrt das Volk in seiner Meinung seltner und läßt sich weit schwerer durch irgendein Mittel bestechen als ein Fürst. Immerhin ist es möglich, daß ein Volk den Ruf, die Gesinnung und die Taten eines Mannes überschätzt, was einem Fürsten nicht begegnen kann, da seine Ratgeber es ihm sagen und ihn davor warnen würden. Damit es nun auch dem Volke an einem solchen Rat nicht fehlt, haben kluge Gesetzgeber der Republiken bestimmt, daß es bei Vergebung der höchsten Staatsämter, deren Besetzung durch unfähige Leute gefährlich wäre, jedem Bürger freisteht, ja ihm zur Ehre angerechnet wird, auf die Fehler solcher Leute, wenn der Volkswille sich auf ihre Wahl richtet, in öffentlicher Versammlung hinzuweisen, damit das Volk sie kennenlernt und besser urteilen kann. Daß dies in Rom Brauch war, bezeugt die Rede, die Fabius Maximus im zweiten punischen Krieg an das Volk hielt, als sich bei der Wahl der Konsuln die Gunst dem Titus Otacilius Livius XXIV, 7 ff. zuwandte. Fabius hielt ihn für unfähig, in solchen Zeiten das Konsulat zu führen, sprach gegen ihn und wies seine Unfähigkeit nach, so daß er ihm das Amt entzog und die Volksgunst auf einen andern lenkte, der sie besser verdiente. Die Völker urteilen also bei der Wahl der Behörden nach den wahrscheinlichsten Merkmalen, die man von Menschen haben kann. Wenn sie wie die Fürsten beraten werden können, irren sie weniger als diese, und ein Bürger, der die Volksgunst erlangen will, muß dies durch eine bemerkenswerte Tat tun, wie Manlius. Fünfunddreißigstes Kapitel Es ist gefährlich, sich zum Hauptratgeber einer Sache aufzuwerfen, und zwar um so gefährlicher, je außerordentlicher sie ist. Wie gefährlich es ist, sich zum Haupt einer Neuerung aufzuwerfen, an der viele beteiligt sind, und wie schwierig es ist, sie in Gang zu bringen, sie durchzuführen, und wenn sie durchgesetzt ist, sie zu behaupten, ist ein zu hoher Gegenstand, dessen Erörterung hier zu weit führte. Ich spare ihn mir daher für einen passenderen Ort auf und will hier nur von den Gefahren reden, die ein Bürger in einem Freistaat oder der Ratgeber eines Fürsten läuft, wenn er an einem wichtigen und schweren Entschluß so hervorragend teilnimmt, daß er ganz auf seine Rechnung gesetzt wird. Da nämlich die Menschen alle Dinge nach dem Erfolg beurteilen, wird alles Schlimme, das daraus entspringt, dem Ratgeber aufgebürdet. Ist der Erfolg gut, so lobt man ihn, aber der Lohn kommt bei weitem dem Schaden nicht gleich, wenn die Sache schlimm abläuft. Als der jetzige Sultan Selim I., S. Buch I, Kap. 1, Anm. 4. der sogenannte Großtürke (nach dem Bericht einiger Reisenden, die aus seinen Ländern kommen), im Begriff war, einen Feldzug gegen Syrien und Ägypten zu unternehmen, ließ er sich von einem seiner Paschas, der an der persischen Grenze stand, dazu bereden, gegen den Sofi zu ziehen. Auf diesen Rat hin rückte er mit einem gewaltigen Heere aus, kam in ein ausgedehntes Land mit vielen Wüsten und wenig Flüssen und fand dort die gleichen Schwierigkeiten, die einst vielen römischen Heeren den Untergang gebracht hatten. Er litt darunter so sehr, daß er, obschon er die Oberhand behielt, durch Hunger und Pest einen großen Teil seiner Truppen verlor. Voller Zorn auf den Urheber des Rats ließ er ihn hinrichten. Man liest von vielen Bürgern, die zu einer Unternehmung rieten und, als sie schlimm endete, in die Verbannung geschickt wurden. Einige Bürger setzten in Rom durch, daß ein Konsul aus den Plebejern gewählt wurde. Es traf sich, daß der erste, der mit dem Heere ins Feld zog, geschlagen wurde, und gewiß hätten jene Ratgeber dafür büßen müssen, wären sie nicht durch die Macht der Partei geschützt worden, zu deren Gunsten der Beschluß durchgesetzt war. Fest steht also, daß die Ratgeber einer Republik oder eines Fürsten sich stets in der Verlegenheit befinden, entweder gegen ihre Pflicht zu verstoßen, wenn sie nicht ohne Rücksicht zu dem raten, was ihnen für den Staat oder für den Fürsten nützlich erscheint, oder wenn sie dazu raten, ihr Leben und ihre Stellung aufs Spiel zu setzen. Denn die Menschen sind nun mal so blind, daß sie guten und schlechten Rat nach dem Erfolge beurteilen. Wenn ich nun überlege, wie man dieser Schande oder dieser Gefahr entgehen kann, so sehe ich keinen andern Ausweg, als die Dinge mit Maß zu betreiben, nie etwas ganz auf sich zu nehmen, seine Meinung ohne Leidenschaft zu sagen und sie mit solcher Bescheidenheit zu verteidigen, daß der Staat oder der Fürst, wenn er sie befolgt, dies freiwillig tut und es nicht den Anschein hat, als würde er durch das ungestüme Drängen des Ratgebers dazu gezwungen. Wenn man so handelt, ist nicht anzunehmen, daß ein Fürst oder ein Volk dem Ratgeber grollt, da sein Rat ja nicht gegen den Willen vieler befolgt wurde. Denn Gefahr läuft man nur da, wo viele widersprochen haben, die sich bei einem unglücklichen Ausgang zum Untergang des Ratgebers vereinigen. Kommt man auf diese Weise auch um den Ruhm, den man beim Gelingen einer Sache erntet, zu der man allein gegen viele geraten hat, so ist doch auch zweierlei Gutes dabei. Erstens keine Gefahr; zweitens gereicht es dir zur höchsten Ehre, wenn du bescheiden zu etwas geraten hast, dein Rat aber infolge des Widerspruchs nicht angenommen wird und aus dem Rat eines andern Unheil entsteht. Kann man sich auch über den Ruhm nicht freuen, den man durch das Unglück seiner Stadt oder seines Fürsten erwirbt, so ist er doch nicht ganz zu unterschätzen. Einen andern Rat kann man, glaube ich, in dieser Hinsicht nicht geben; denn riete man einem, zu schweigen und seine Meinung gar nicht zu sagen, so würde er damit seiner Republik oder seinem Fürsten nichts nützen und trotzdem der Gefahr nicht entgehen. Denn er würde bald verdächtigt werden, und es könnte ihm ergehen wie einem Freunde des Königs Perseus von Mazedonien. Als dieser nämlich von Aemilius Paullus geschlagen war S. Seite 2, Anm. 3. und mit wenigen Freunden floh, begann einer von ihnen bei der Betrachtung des Geschehenen dem Perseus viele Fehler vorzurechnen, die zu seinem Sturze geführt hatten. Perseus wandte sich mit den Worten zu ihm: »Verräter, hast du bis jetzt gezögert, mir das zu sagen, wo ich keine Mittel mehr dagegen habe!« Und er tötete ihn mit eigner Hand. So büßte dieser dafür, daß er geschwiegen hatte, als er hätte reden müssen, und daß er sprach, als er hätte schweigen sollen, und er entging dadurch, daß er keinen Rat gegeben hatte, nicht der Gefahr. Darum glaube ich, daß man sich in den oben genannten Grenzen halten muß. Sechsunddreißigstes Kapitel Warum man von den Franzosen gesagt hat und noch sagt, sie seien zu Beginn der Schlacht mehr als Männer und später weniger als Weiber. Die Kühnheit jenes Galliers, der am Anio jeden Römer herausforderte, und der Zweikampf zwischen ihm und Titus Manlius erinnert mich an etwas, was Livius Z. B. X, 28. mehrfach sagt: daß die Gallier im Anfang der Schlacht mehr als Männer sind und in ihrem Verlauf weniger als Weiber werden. Zur Erklärung dieser Tatsache sagen viele, das liege in ihrer Natur, und das halte ich auch für wahr. Damit ist aber nicht gesagt, daß diese Natur, die sie zu Anfang so mutig macht, durch Kunst nicht dahin gebracht werden könnte, daß sie es bis zuletzt bleiben. Ich will dies zu beweisen suchen. Es gibt drei Arten von Heeren. Bei der ersten herrscht Kühnheit und Ordnung zugleich, denn aus der Ordnung entspringt Kühnheit und Tapferkeit. So war das römische Heer. Denn wie die Geschichte zeigt, herrschte dort eine durch lange Kriegszucht gefestigte, gute Ordnung. In einem wohlgeordneten Heere darf nichts ohne ausdrücklichen Befehl geschehen; man findet daher, daß im römischen Heer, das die Welt bezwang und das sich daher alle Heere zum Muster nehmen müssen, ohne Befehl des Konsuls nicht gegessen, noch geschlafen, noch eingekauft, noch irgendein häusliches oder kriegerisches Geschäft verrichtet wurde. Heere, bei denen es anders zugeht, sind keine wahren Heere; richten sie je etwas aus, so geschieht es durch blinde Wut und Ungestüm, nicht durch Tapferkeit. Aber ein Heer, bei dem geregelte Tapferkeit herrscht, braucht sein Feuer mit Maß und zu rechter Zeit; keine Schwierigkeit macht es verzagt oder kleinmütig; denn die guten Einrichtungen beleben seinen Mut und sein Feuer und nähren es mit Siegeshoffnung, und diese verläßt es nie, solange seine Einrichtungen erhalten bleiben. Umgekehrt ist es bei den Heeren, wo blinde Wut, aber keine Ordnung herrscht, wie es bei den Galliern der Fall war, die im Kampf allemal unterlagen. Denn wenn ihnen der Sieg nicht beim ersten Anlauf gelang und das Ungestüm, auf das sie sich verließen, verraucht war, hatten sie nichts mehr, worauf sie sich verlassen konnten, und sie zogen den kürzeren, weil die geregelte Tapferkeit fehlte. Die Römer dagegen, die sich wegen ihrer guten Einrichtungen weniger vor Gefahren fürchteten und am Siege nicht zweifelten, fochten standhaft und hartnäckig mit demselben Mut und derselben Tapferkeit von Anfang bis zu Ende, ja durch die Schlacht nahm ihr Feuer noch zu. Die dritte Gattung von Heeren ist die, bei denen weder natürlicher Mut noch künstliche Ordnung herrscht, wie bei unsern jetzigen italienischen Heeren. Sie sind ganz unnütz, und wenn sie nicht auf ein Heer stoßen, das durch irgendeinen Zufall die Flucht ergreift, siegen sie niemals. Man braucht hierfür kein besonderes Beispiel anzuführen, denn sie liefern täglich den Beweis, daß kein Funke von Tapferkeit in ihnen ist. Damit nun jeder aus dem Zeugnis des Livius VIII, 34. Vgl. Buch I, Kap. 31. erfährt, wie ein gutes Heer beschaffen sein soll und wie ein schlechtes ist, will ich die Worte des Papirius Cursor anführen, als er den Reiterobersten Fabius bestrafen wollte. Nemo hominum, nemo Deorum verecundiam habeat; non edicta imperatorum, non auspicia observentur; sine commeatu vagi milites in pacato, in hostico errent; immemores sacrimenti, licentia sola se, ubi velint, exauctorent; infrequentia deserantur signa, neque conveniant ad edictum, nec discernant interdiu, nocte, aequo iniquo loco, iussu, iniussu imperatoris pugnent, et non signa, non ordines servent; latrocinii modo, caeca et fortuita, pro solemni et sacrata militia sit. (Niemand habe mehr vor Menschen noch vor Göttern Scheu. Man kehre sich nicht mehr an die Befehle der Feldherren und an die Auspizien. Die Soldaten streiften ohne Urlaub in Freundes- und Feindesland umher, sie nähmen, ihres Eides vergessend, bloß nach ihrem Gutdünken den Abschied, verließen die Fahnen, versammelten sich nicht auf Befehl, machten keinen Unterschied, ob sie an einem günstigen oder ungünstigen Ort, auf Befehl oder ohne Befehl des Feldherrn kämpften, und blieben nicht bei den Fahnen, noch in Reih und Glied, so daß man nur eine Räuberbande, eine blinde, dem Zufall preisgegebene Rotte, statt eines ernsten und heiligen Heeres habe.) Aus diesen Worten läßt sich leicht schließen, ob die Heere unsrer Zeit blind und dem Zufall preisgegeben oder ernst und heilig sind, wieviel ihnen von dem fehlt, was man ein Heer nennen kann, und wie weit sie davon entfernt sind, kühn und geordnet wie die römischen oder kühn wie die französischen zu sein. In seiner Abhandlung »Der politische Zustand Frankreichs« (Ritratti delle cose di Francia, um 1510) erhebt Machiavelli wörtlich den gleichen Vorwurf gegen die französischen Heere seiner Zeit wie Livius gegen die gallischen. Siebenunddreißigstes Kapitel Ob vor einer Schlacht kleine Gefechte nötig sind, und wie man das Heer mit einem neuen Feinde bekannt machen soll, wenn man sie vermeiden will. Wie ich schon anderwärts sagte, ist es scheinbar der Lauf der Welt, daß bei jedem Guten ein Übel liegt und so leicht mit ihm zusammen entsteht, daß es fast unmöglich ist, das eine zu vermeiden, wenn man das andre will. Das sieht man bei allem, was Menschen tun. Darum wird das Gute nur schwer erreicht, wenn uns das Glück nicht derart unterstützt, daß es diese gewöhnlichen und natürlichen Übel durch seine Macht überwindet. Hierauf wurde ich von neuem gebracht durch den Zweikampf des Titus Manlius mit dem Gallier, von dem Livius VII, 11. sagt: Tanti ea dimicatio ad universi belli eventum momenti fuit, ut Gallorum exercitus, relictis trepide castris, in Tiburtem agrum, mox in Campaniam transierit. (So entscheidend war dieser Kampf für den Ausgang des ganzen Krieges, daß das gallische Heer sein Lager schleunigst verließ und in das Gebiet von Tibur, von da nach Campanien abzog.) Einerseits erwäge ich, daß ein guter Feldherr durchaus alles vermeiden muß, was, so unbedeutend es an sich sei, seinem Heer einen schlimmen Eindruck machen kann. Denn sich in einen Kampf einzulassen, ohne seine ganze Kraft einzusetzen, und doch alles aufs Spiel zu setzen, ist etwas höchst Tollkühnes, wie ich schon oben sagte, als ich das Besetzen der Pässe tadelte. S. Buch I, Kap. 23. Andrerseits erwäge ich, daß kluge Feldherren, wenn sie einem neuen Feinde gegenübertreten, der einen gewissen Ruf hat, ihre Soldaten, bevor sie eine Schlacht wagen, durch kleine Scharmützel an den Feind gewöhnen müssen, damit sie ihn kennen und mit ihm umgehen lernen und dadurch den Schrecken verlieren, den sein Ruf ihnen eingeflößt hat. Das ist für den Feldherrn sehr wichtig, ja er wird fast notwendig dazu veranlaßt, da er anscheinend in sein offenes Verderben rennt, wenn er seine Soldaten nicht vorher durch kleine Gefechte von dieser Furcht vor dem Feinde befreit hat. Valerius Corvinus wurde mit einem Heere gegen die Samniter geschickt, einen neuen Feind, mit dem die Römer bisher noch nie gefochten hatten. Livius VII, 32 (343 v. Chr.). Der Konsul hieß Marcus Valerius Corvus. sagt daher, Valerius habe sie erst ein paar kleine Gefechte mit den Samnitern liefern lassen, ne eos novum bellum novusque hostis terreret. (Damit sie der neue Krieg und der neue Feind nicht schrecke.) Gleichwohl ist die Gefahr sehr groß, daß deine Soldaten, wenn sie in diesen Gefechten den kürzeren ziehen, noch feiger und furchtsamer werden, daß du also das Gegenteil von dem erreichst, was du wolltest, und sie entmutigst, wo du ihnen Zuversicht einflößen wolltest. Dies ist also eins von den Dingen, wo das Übel so nahe beim Guten liegt und beide so eng verwandt sind, daß man leicht in das eine gerät, wenn man das andre zu erreichen glaubt. Nach meiner Meinung muß ein guter Feldherr mit allem Fleiß darauf sehen, daß sich nichts ereignet, was seinem Heere irgendwie den Mut rauben kann, und dazu gehört es, wenn es anfangs den kürzeren zieht. Darum muß er sich vor kleinen Gefechten hüten und sie nur dann erlauben, wenn er durchaus im Vorteil ist und die feste Hoffnung auf Sieg hat. Er darf keine Pässe besetzen, wenn er nicht sein ganzes Heer verwenden kann, darf nur die Städte decken, deren Verlust seinen Untergang herbeiführen müßte, und bei den Städten, die er besetzt hält, muß er es mit den Besatzungen und seinem Heere so einrichten, daß er, wenn der Feind sie nehmen will, sein ganzes Heer dagegen verwenden kann; alle übrigen Plätze muß er unverteidigt lassen. Denn verliert man etwas, das man selbst preisgibt, und das Heer ist noch beisammen, so verliert man weder den kriegerischen Ruf noch die Hoffnung auf Sieg. Verliert man aber etwas, das man verteidigen wollte und von dem jedermann glaubt, daß man es verteidigen wird, dann ist der Schaden verderblich, und man hat, ungefähr wie die Gallier, durch einen geringfügigen Umstand den ganzen Krieg verloren. Als Philipp von Mazedonien, der Vater des Perseus, Philipp III. S. 139, Anm. 9. ein Kriegsmann und einer der ersten Machthaber seiner Zeit, von den Römern angegriffen wurde, verließ und verheerte er einen großen Teil seines Landes, den er nicht verteidigen zu können glaubte. Als kluger Mann hielt er es für verderblicher, seinen Ruf durch den Verlust dessen zu verlieren, was er zu verteidigen unternommen, als wenn er diese Gebiete dem Feinde gleich preisgab, als ob ihm nichts daran läge. Als die Sache der Römer nach der Schlacht bei Cannae sehr schlecht stand, schlugen sie vielen ihrer Schutzbefohlenen und Untertanen allen Beistand ab und überließen es ihnen, sich so gut wie möglich zu verteidigen. Solche Maßregeln sind viel besser, als eine Verteidigung zu übernehmen und sie dann nicht auszuführen; denn in diesem Fall verliert man Verbündete und Macht, im andern nur Verbündete. Doch kommen wir zu den kleinen Gefechten zurück. Ich sage also, wenn ein Feldherr eines neuen Feindes wegen durchaus zu einem solchen Gefecht gezwungen ist, so muß er es mit so großem Vorteil liefern, daß gar keine Gefahr zu verlieren dabei ist. Oder noch besser, er macht es wie Marius, als er gegen die Cimbern zog. Dies wilde Volk fiel plündernd in Italien ein S. Buch II, Kap. 12. und verbreitete großen Schrecken durch seine Wildheit und Menge sowie durch den Umstand, daß es schon ein römisches Heer geschlagen hatte. Bei Arausio (Orange) am Rhone wurden die Römer 105 v. Chr. von den Cimbern vernichtend geschlagen. Bevor Marius eine Schlacht lieferte, hielt er es daher für nötig, irgend etwas zu tun, um seinem Heere den Schrecken zu benehmen, den die Furchtbarkeit des Feindes ihm einflößte. Als gewiegter Feldherr stellte er sein Heer mehrmals an Orten auf, wo die Cimbern vorbeiziehen mußten, damit seine Soldaten aus ihrem befestigten Lager die Feinde betrachten und sich an ihren Anblick gewöhnen konnten. Sie sahen da nur einen ungeordneten Haufen mit vielem Gepäck und schlechten Waffen, ja teils ohne Waffen, schöpften wieder Vertrauen und wurden kampflustig. Diese weise Maßregel des Marius müssen auch andre sorgfältig nachahmen, um sich vor den oben genannten Gefahren zu hüten und nicht in die Lage der Gallier zu geraten, qui ob rem parvi ponderis trepidi in Tiburtum agrum et in Campaniam transierunt. (Die wegen eines unbedeutenden Vorfalls schleunigst in das Gebiet von Tibur und von da nach Campanien abzogen.) Und da wir hier den Valerius Corvinus erwähnten, so wollen wir im folgenden Kapitel mit seinen Worten zeigen, wie ein Feldherr sein soll. Achtunddreißigstes Kapitel Wie ein Feldherr sein muß, wenn sein Heer Vertrauen auf ihn setzen soll. Wie oben gesagt, S. voriges Kapitel. stand Valerius Corvinus mit seinem Heer den Samnitern, den neuen Feinden Roms gegenüber. Um seine Soldaten zuversichtlich und mit dem Feinde bekannt zu machen, ließ er sie einige leichte Gefechte liefern. Nicht zufrieden damit, hielt er ihnen vor der Schlacht eine Ansprache und bewies ihnen mit den triftigsten Gründen, wie wenig sie sich aus diesen Feinden zu machen brauchten, wobei er die Tapferkeit seiner Soldaten und auch die eigne betonte. Aus den Worten, die Livius VII, 32, vor der Schlacht am Berge Gaurus (343 v. Chr.). ihm hier in den Mund legt, läßt sich erkennen, wie ein Feldherr sein muß, auf den das Heer sich verlassen soll. Tum etiam intueri, cuius ductu auspicioque ineunda pugna sit: utrum qui audiendus dumtaxat magnificus adhortator sit, verbis tantum ferox, operum militarium expers; an qui et ipse tela tractare, procedere ante signa, versari media in mole pugnae sciat. Facta mea, non dicta vos milites sequi volo, nec disciplinam modo, sed exemplum etiam a me petere, qui hac dextra mihi tres consulatus summamque laudem peperi. (Denn ihr müßt auch darauf sehen, unter wessen Führung und Leitung ihr in den Kampf zieht: ob der, den ihr anhört, bloß ein prächtiger Redner ist, in Worten tapfer, aber unerfahren in Kriegstaten, oder ob er selbst mit dem Speer umzugehen, sich an die Spitze zu stellen und sich mitten ins Getümmel zu werfen versteht. Meinen Taten, Soldaten, nicht meinen Worten sollt ihr folgen; nicht nur Kriegslehren, sondern auch ein Beispiel sollt ihr von mir fordern, der sich mit dieser Rechten drei Konsulate und den höchsten Ruhm erworben hat.) Genau erwogen, lehren diese Worte jeden, wie er verfahren muß, um ein Feldherr zu werden. Wer anders handelt, oder wer durch Ehrgeiz oder Glück zum Feldherrn wurde, wird bald merken, daß er keinen Ruf gewinnt, sondern ihn verliert. Denn nicht der Titel macht den Mann, sondern der Mann den Titel. Vgl. Plutarch, Moralia, Praecepta gerendae rei publicae, XV. Der Anfang dieses Kapitels führt auch noch auf eine andre Betrachtung. Wenn nämlich große Feldherren außerordentliche Mittel anwandten, um den Mut alter Soldaten zu stählen, die mit einem ungewohnten Feind kämpfen sollten, so ist noch viel mehr Geschick nötig, wenn man ein neues Heer befehligt, das noch nie vor dem Feinde gestanden hat. Denn jagt ein ungewohnter Feind schon einem alten Heer Schrecken ein, so muß jeder Feind ein neues Heer mit noch viel größerem Schrecken erfüllen. Dennoch hat man oft gesehen, daß gute Feldherren aller dieser Schwierigkeiten mit größter Klugheit Herr wurden; wie der Römer Gracchus S. Buch III, Kap. 13, Abs. 3. und der Thebaner Epaminondas, S. Buch 1, Kap. 17 und 21. von denen wir früher sagten, daß sie mit neuen Truppen ganz alte, geübte Heere schlugen. Ihre Mittel waren, die Soldaten an Gehorsam und Kriegszucht zu gewöhnen und sie einige Monate in Scheingefechten zu üben; hierauf gingen sie mit größter Zuversicht zur wirklichen Schlacht über. Kein Kriegsmann braucht daher zu verzweifeln, sich ein gutes Heer zu bilden, wenn es ihm nur nicht an Leuten fehlt. Denn ein Fürst, der Überfluß an Menschen und Mangel an Soldaten hat, darf sich nicht über die Feigheit der Menschen, sondern allein über seine eigne Trägheit und Unklugheit beklagen. Neununddreißigstes Kapitel Ein Feldherr muß Geländekenntnis besitzen. Zu den für einen Heerführer notwendigen Dingen gehört auch die Kenntnis der Gegenden und Länder. Ohne diese allgemeine und besondere Kenntnis kann kein Heerführer etwas Ordentliches leisten. Wenn aber alle Wissenschaften Übung verlangen, um sie vollkommen zu beherrschen, so erfordert diese die allergrößte. Diese Fertigkeit, oder vielmehr diese besondere Kenntnis erlangt man durch die Jagd besser als durch irgendeine andere Beschäftigung. Darum sagen die alten Schriftsteller, daß die Helden, die zu ihrer Zeit die Welt beherrschten, in Wäldern und auf der Jagd heranwuchsen; denn die Jagd lehrt außer dieser Kenntnis noch eine Menge andrer, zum Kriege notwendiger Dinge. Xenophon erzählt in seinem Leben des Kyros: S. Buch II, Kap. 13, Anm. 71. Als Kyros den König von Armenien angriff und seine Anordnungen zur Schlacht traf, machte er seinen Leuten klar, daß dies nichts andres sei als eine der Jagden, die sie so oft mit ihm angestellt hätten. Die zum Hinterhalt im Gebirge Bestimmten erinnerte er daran, daß sie den Jägern entsprächen, die in den Schluchten die Netze spannten, und die, welche durch die Ebene streiften, verglich er mit den Treibern, die das Wild aus seinen Lagern aufscheuchten und es in die Netze jagten. Dies zum Beweis, daß die Jagd nach Xenophons Wort ein Bild des Krieges ist. Sie ist daher für große Männer ehrenvoll und notwendig. Auch kann man sich die Kenntnis des Geländes nicht bequemer erwerben als durch die Jagd; denn man lernt dadurch die besondre Beschaffenheit der Gegend kennen, in der man jagt. Hat man sich aber mit einer Gegend recht vertraut gemacht, so findet man sich leicht in neuen Ländern zurecht, denn alle Länder und Gegenden haben eine gewisse Gleichförmigkeit, so daß man von der Kenntnis des einen leicht zu der des andern gelangt. Wer aber das eine noch nicht recht kannte, wird nur schwer und erst mit der Zeit ein andres kennenlernen. Wer jedoch diese Fertigkeit besitzt, übersieht mit einem Blick, wie eine Ebene liegt, wie ein Berg ansteigt, wohin ein Tal mündet und dergleichen mehr, wovon er sich schon vorher eine sichere Kenntnis erworben hat. Wie wahr dies ist, beweist Livius VII, 34 (343 v. Chr.) durch das Beispiel des Publius Decius, der Kriegstribun im Heere des Konsuls Cornelius gegen die Samniter war. Als der Konsul in ein Tal geraten war, wo das römische Heer von den Samnitern eingeschlossen werden konnte, und sich in großer Gefahr sah, sagte Decius zum Konsul: Videsne tu, Aule Corneli, cacumen illud supra hostem? Arx illa est spei salutisque nostrae, si eam, quoniam caeci reliquere Samnites, impigre capimus. (Siehst du, Aulus Cornelius, jenen Gipfel über dem Feinde? Er ist die Burg unsrer Hoffnung und Rettung, wenn wir ihn, da ihn die blinden Samniter unbesetzt ließen, rasch besetzen.) Vor diesen Worten des Decius sagte Livius: Publius Decius tribunus militum conspicit unum editum in saltu collem, imminentem hostium castris, aditu arduum impedito agmini, expeditis haud difficilem. (Der Kriegstribun Publius Decius hatte im Waldgebirge eine einzelne Anhöhe entdeckt, die das feindliche Lager beherrschte, und die für Truppen mit Gepäck schwer, für leichte Truppen aber nicht schwer zu erklimmen war.) Als er nun vom Konsul mit 3000 Mann dorthin abgeschickt war, das römische Heer gerettet hatte und beim Einbruch der Nacht abziehen wollte, um auch sich und seine Leute zu retten, läßt ihn Livius diese Worte sagen: Ite mecum, ut, dum lucis aliquid superest, quibus locis (hostes) praesidia ponant, qua pateat hinc exitus, exploremus. Haec omnia sagulo gregali amictus, ne ducem circumire hostes notarent, perlustravit. (Kommt mit mir, und solange wir noch etwas Tageslicht haben, laßt uns auskundschaften, wo die Feinde ihre Posten aufstellen und wo uns ein Ausweg offen bleibt. Dies alles stellte er fest, in einen Soldatenmantel gehüllt, damit die Feinde nicht merkten, daß der Anführer herumging.) Wenn man diese ganze Stelle genau erwägt, so sieht man, wie nützlich und nötig für einen Feldherrn die Geländekenntnis ist. Hätte sie Decius nicht besessen und die Beschaffenheit der Gegend nicht erkannt, so hätte er nicht beurteilen können, wie nützlich für das römische Heer die Besetzung jenes Hügels war. Ebensowenig hätte er aus der Ferne wissen können, ob jener Hügel zugänglich war oder nicht. Als er dann oben war und wieder zum Konsul zurückkehren wollte, aber den Feind rings um sich hatte, hätte er von weitem nicht die Auswege und die vom Feinde besetzten Stellen erspähen können. Decius mußte also notwendig eine vollkommene Geländekenntnis besitzen; auf Grund davon besetzte er den Hügel, rettete das römische Heer und fand nachher, vom Feind eingeschlossen, den Weg zur Rettung für sich und die Seinen. Vierzigstes Kapitel Betrug ist im Kriege ruhmvoll. Betrug ist überall schändlich, nur im Kriege ist er löblich und ruhmvoll, und wer den Feind durch Betrug überwindet, wird ebenso gelobt, als wer ihn mit Stärke besiegt. Man sieht dies aus dem Urteil der Biographen Vgl. Kyropädie,I,6,27; Xenophon, Hipparchici, V,ll, und Thukydides V,9. großer Männer, die den Hannibal und andre rühmen, weil sie sich in diesem Verfahren besonders hervortaten. Da man hiervon Beispiele genug findet, will ich keins wiederholen. Nur das will ich sagen, daß ich nicht daran denke, jeden Betrug für ruhmvoll zu halten, den du durch Wort- und Vertragsbruch begehst. Das mag dir wohl manchmal zu Land und Herrschaft verhelfen, wird dir aber nie Ruhm bringen. Ich rede hier nur von dem Betrug, wodurch du den Feind, der dir nicht traut, hintergehst, und worauf eigentlich die Kriegskunst beruht. Das war die Kunst Hannibals. Am Trasimenischen See stellte er sich, als ob er fliehe, um den Konsul und das römische Heer zu umzingeln. Und um dem Fabius Maximus zu entgehen, ließ er die Hörner seines Viehs mit Reisig bepacken und dies anzünden. Bei Casilinum, 217 v. Chr. Ähnlich war die List des samnitischen Feldherrn Pontius, um das römische Heer in den caudinischien Engpaß einzuschließen. 321 v. Chr. Vgl. Livius IX, 1 ff. Er stellte sein Heer hinter den Bergen auf und ließ durch Soldaten in Hirtenkleidung Vieh durch die Ebene treiben. Als sie von den Römern gefangen und befragt wurden, wo das Heer der Samniter sei, sagten sie gemäß der von Pontius erhaltenen Weisung einstimmig aus, es belagere Nocera. Die Konsuln glaubten es und wagten sich in die caudinischien Engpässe, wo sie sofort von den Samnitern eingeschlossen wurden. Dieser durch List gewonnene Sieg wäre für Pontius höchst glorreich gewesen, hätte er den Rat seines Vaters befolgt, die Römer entweder frei ziehen zu lassen oder alle niederzuhauen, nicht aber den Mittelweg einzuschlagen, quae neque amicos parat, neque inimicos tollit. (Der weder Freunde erwirbt noch die Feinde beseitigt.) Dieser Weg war bei Staatsangelegenheiten stets verderblich, wie wir an andrer Stelle erörtert haben. S. Buch II, Kap. 23. Einundvierzigstes Kapitel Man soll das Vaterland verteidigen, einerlei, ob mit Ruhm oder Schande; es wird immer gut verteidigt. Der Konsul war also mit dem Heer von den Samnitern eingeschlossen, und diese stellten den Römern die schimpflichsten Bedingungen. Sie sollten durchs Joch ziehen und entwaffnet nach Rom zurückgeschickt werden. Die Konsuln waren wie vom Donner gerührt und das ganze Heer in Verzweiflung. Da sagte der Legat Lucius Lentulus, Livius IX, 4. ihm schiene jede Maßregel zur Rettung des Vaterlandes recht. Roms Leben hinge vom Leben dieses Heeres ab, man müsse es also auf jede Weise retten. Man verteidige das Vaterland immer gut, einerlei ob mit Schande oder Ruhm. Denn werde das Heer gerettet, so habe Rom Zeit, die Schmach auszulöschen. Geschähe es nicht und stürbe man auch auf das ruhmvollste, so sei es um Rom und seine Freiheit geschehen. Sein Rat wurde befolgt. Dies Beispiel verdient die Beachtung und Nachahmung jedes Bürgers, der seinem Vaterlande zu raten hat. Wo es um das Sein oder Nichtsein des Vaterlandes geht, gibt es kein Bedenken, ob gerecht oder ungerecht, mild oder grausam, löblich oder schimpflich. Man muß vielmehr alles beiseite setzen und die Maßregel ergreifen, die ihm das Leben rettet und die Freiheit erhält. Das befolgen die Franzosen in Wort und Tat, um die Majestät ihres Königs und die Macht ihres Reiches zu schützen. Kein Wort hören sie ungeduldiger an, als wenn man sagt: »Diese Maßregel ist schimpflich für den König.« Kein Beschluß, sagen sie, könne ihrem König Schande bereiten, weder im Glück noch im Unglück, denn mag er siegen oder unterliegen, es heißt doch immer: er handelt als König. Zweiundvierzigstes Kapitel Erzwungene Versprechungen braucht man nicht zu halten. Als die Konsuln mit dem entwaffneten Heer schmachbedeckt nach Rom zurückkehrten, war der Konsul Spurius Posthumius der erste, der im Senat sagte, der caudinische Friede dürfe nicht gehalten werden, denn das römische Volk wäre keine Verpflichtung eingegangen, sondern er und die andern, die den Frieden versprochen hätten. Wolle sich daher das Volk von jeder Verpflichtung frei machen, so brauche es nur ihn und alle andern, die den Frieden gelobt hätten, den Samnitern auszuliefern. Auf dieser Meinung beharrte er so standhaft, daß der Senat ihn und die andern gefangen nach Samnium schickte und den Frieden für ungültig erklärte. So günstig aber war in diesem Fall dem Posthumius das Schicksal, daß die Samniter ihn nicht behielten und daß er nach seiner Rückkehr durch seine Niederlage bei den Römern in höheren Ehren stand, als Pontius durch seinen Sieg bei den Samnitern. Hierbei sind zwei Dinge bemerkenswert. Erstens, daß man bei jeder Handlung Ruhm erwerben kann, gewöhnlich durch den Sieg, doch auch bei einer Niederlage, wenn man beweist, daß man keine Schuld daran trägt, oder wenn man gleich darauf eine Tat vollbringt, die die Schuld wiedergutmacht. Zweitens, daß es keine Schande ist, erzwungene Versprechungen nicht zu halten. Wenn sie den Staat betreffen, werden sie stets gebrochen, sobald der Zwang aufhört, ohne daß es dem, der sie bricht, zur Schande gereicht. Vgl. Cicero, De officiis, I,10. Die Weltgeschichte liefert mannigfache Beispiele dafür, und jeder Tag zeigt uns neue. Die Fürsten brechen nicht allein erzwungene Verträge, wenn der Zwang aufhört, sondern auch alle andern Versprechungen, sobald die Beweggründe aufhören. Wohl nach Herodot, I, 74. Ob das lobenswert ist oder nicht und ob sich ein Fürst so benehmen soll oder nicht, ist in unsrer Abhandlung »Vom Fürsten« Kap. 18. weitläufig behandelt worden, weshalb wir hier davon schweigen. Dreiundvierzigstes Kapitel Die Menschen eines Landes bewahren in allen Zeiten fast das gleiche Wesen. Kluge Männer pflegen nicht unbedacht und nicht ohne Grund zu sagen, wer die Zukunft voraussehen wolle, müsse auf die Vergangenheit blicken, denn alle Dinge auf Erden haben jederzeit Ähnlichkeit mit den vergangenen gehabt. Das kommt daher, daß sie von Menschen vollbracht werden, die immer die gleichen Leidenschaften besitzen und besaßen; mithin muß das Ergebnis auch immer das gleiche sein. Allerdings sind ihre Handlungen bald in diesem, bald in jenem Lande tugendhafter, je nach der Art der Erziehung, die die Lebensart der Völker ihnen gegeben hat. Aber man kann doch leicht aus dem Vergangenen auf das Zukünftige schließen, weil ein Volk lange die gleichen Sitten behält und entweder immer habsüchtig oder betrügerisch ist oder irgendeinen derartigen Fehler oder Vorzug hat. Wer die Geschichte unsrer Stadt Florenz liest und dann die neuesten Begebenheiten betrachtet, wird die Deutschen und Franzosen stets habsüchtig, wild und treulos finden, denn durch diese vier Eigenschaften wurden unserer Stadt zu verschiedenen Zeiten schwere Wunden geschlagen. Was die Wortbrüchigkeit betrifft, so weiß ein jeder, wie oft König Karl VIII. von Frankreich Geld erhielt und dafür die Zitadelle von Pisa S. Buch I, Kap. 38, und Lebenslauf, 1494. auszuliefern versprach, was er aber nie tat. Hierdurch hat er seinen Mangel an Treu und Glauben und seine große Habsucht bewiesen. Lassen wir jedoch diese neuen Vorgänge. Jeder wird gehört haben, was sich in den Kriegen von Florenz gegen die Visconti von Mailand zutrug, wo Florenz in seiner höchsten Not auf den Gedanken kam, den Kaiser nach Italien zu rufen, damit er mit seinem Ansehen und seiner Macht die Lombardei angriffe. Der Kaiser versprach, mit einem großen Heer zu erscheinen, den Visconti den Krieg zu erklären und Florenz gegen ihre Gewalt zu schützen, wenn ihm Florenz 100 000 Dukaten zur Rüstung und die gleiche Summe nach seiner Ankunft in Italien zahlte. Die Florentiner gingen darauf ein, zahlten die erste Summe und danach die zweite. Als er aber bis Verona gekommen war, kehrte er unverrichteter Dinge wieder um, unter dem Vorwand, sie seien selbst daran schuld, daß sie den geschlossenen Vertrag nicht gehalten hätten. Gemeint ist wohl das 1401 von Florenz mit Kaiser Rupprecht geschlossene Bündnis, nach dem dieser 100 000 Gulden sofort und im Verlauf des Krieges weitere 90 000 Gulden erhalten sollte. Nach der Niederlage bei Brescia kehrte der Kaiser nach Deutschland zurück. Verona spielte erst ein Jahrhundert später eine Rolle im Kriege der Liga von Cambrai (siehe Lebenslauf, 1509). Wäre also Florenz nicht durch die Not gezwungen oder durch die Leidenschaft hingerissen worden, und hätte es aus der Geschichte die alten Gewohnheiten der Barbaren gekannt, Für diesen Gedankengang vgl. auch Polybios II, 35, 5 f. so wäre es weder diesmal noch in vielen andern Fällen von ihnen hintergangen worden. Denn sie waren stets dieselben und verfuhren in allen Stücken und gegen jedermann auf dieselbe Weise. Schon in alter Zeit machten sie es ebenso mit den Etruskern. Als diese nach mehreren Niederlagen von den Römern hart bedrängt wurden und sich zu schwach fühlten, dem Angriff der Römer zu widerstehen, schlossen sie einen Vertrag mit den Galliern, die diesseits der Alpen in Italien wohnten. Nach diesem Vertrag wollten sie ihnen eine Geldsumme zahlen, wogegen die Gallier mit einem Heer zu ihnen stoßen und gegen die Römer ziehen sollten. Nachdem nun die Gallier das Geld erhalten, wollten sie nicht zu den Waffen greifen und sagten, sie hätten es nicht bekommen, um Krieg mit ihren Feinden zu führen, sondern um im etruskischen Gebiet nicht zu plündern. So kamen die Etrusker durch die Habsucht und Wortbrüchigkeit der Gallier zugleich um ihr Geld und um die Hilfe, die sie damit zu erkaufen hofften. Aus diesem Beispiel der alten Etrusker und der Florentiner sieht man, daß die Franzosen stets die gleichen geblieben sind, und es läßt sich leicht daraus schließen, wie weit sich die Fürsten auf sie verlassen können. Vierundvierzigstes Kapitel Mit Ungestüm und Kühnheit erreicht man oft, was man auf gewöhnlichem Wege nicht erreicht hätte. Als die Samniter vom römischen Heere angegriffen wurden und sich gegen die Römer nicht im Felde halten konnten, beschlossen sie, Besatzungen in ihre Städte zu legen und mit ihrem ganzen Heer nach Etrurien zu ziehen, das mit Rom Waffenstillstand geschlossen hatte. Durch den Einmarsch und die Anwesenheit ihres Heeres hofften sie die Etrusker zum Wiederergreifen der Waffen zu bewegen, was diese ihren Gesandten abgeschlagen hatten. In der Rede an die Etrusker, in der sie die Hauptgründe für ihre Schilderhebung darlegten, gebrauchten die Samniter eine merkwürdige Wendung: Rebellasse, quod pax servientibus gravior quam liberis bellum esset. Livius X, 16 (296 v. Chr.) (Sie hätten sich erhoben, weil der Friede für Unterworfene härter sei als der Krieg für Freie.) So brachten sie sie teils durch Überredung, teils durch die Anwesenheit ihres Heeres zur Erneuerung des Kampfes. Daraus ist zu lernen, daß ein Fürst, der von einem andern etwas erlangen will, ihm, wenn es die Umstände erlauben, keine Zeit zum Bedenken lassen darf und es so einrichten muß, daß der andre die Notwendigkeit eines schnellen Entschlusses einsieht und erkennt, daß er durch seine Weigerung den plötzlichen und gefährlichen Unwillen des Bittenden erregen würde. Dies Mittel wandte in unsern Tagen Papst Julius II. gegen die Franzosen und der französische Feldherr Gaston de Foix gegen den Markgrafen von Mantua sehr geschickt an. Als Papst Julius die Bentivogli aus Bologna vertreiben wollte S. Lebenslauf, 1506. und dazu französische Truppen und die Neutralität Venedigs zu brauchen glaubte, auf sein Ansuchen aber von beiden eine ungewisse und doppelsinnige Antwort erhalten hatte, beschloß er, beide dadurch gefügig zu machen, daß er ihnen keine Bedenkzeit ließ. Er brach also mit allen Leuten, die er zusammenraffen konnte, von Rom auf, rückte gegen Bologna und ließ den Venezianern sagen, sie möchten neutral bleiben, und dem König von Frankreich, er möchte ihm Truppen senden. Da nun beide durch die Kürze der Zeit in die Enge getrieben waren und einsahen, daß Aufschub oder Weigerung den Papst ganz sicher aufbringen würden, so taten sie ihm seinen Willen; der König schickte Hilfstruppen, und Venedig blieb neutral. Gaston de Foix stand mit seinem Heere noch in Bologna, als er die Empörung Brescias erfuhr. 1512 im Kriege der »Heiligen Liga« gegen Frankreich. Vgl. Buch II, Kap. 17. Da er diese Stadt wiederhaben wollte, konnte er zwei Wege benutzen, einen langen und beschwerlichen durch das Gebiet des Königs und einen kurzen durch das Mantuanische. Auf diesem mußte er nicht nur durch das Gebiet des Markgrafen, sondern auch durch gewisse Engen zwischen Sümpfen und Seen, von denen die Gegend voll ist und die durch Befestigungen und auf andre Weise gesperrt und besetzt waren. De Foix beschloß, den kürzeren Weg einzuschlagen. Um aber jede Schwierigkeit zu beheben und dem Markgrafen keine Zeit zum Besinnen zu lassen, brach er mit seinem Heer auf und ließ zugleich dem Markgrafen sagen, er möchte ihm die Schlüssel zu dem Paß schicken. Durch diesen raschen Entschluß verblüfft, sandte der Markgraf wirklich die Schlüssel, was er nie getan hätte, wenn de Foix sich zaghaft benommen hätte. Denn der Markgraf stand mit dem Papst und Venedig im Bunde, und einer seiner Söhne befand sich in Händen des Papstes; er hatte also die anständigsten Entschuldigungsgründe. Doch von dem plötzlichen Entschluß überrascht, gab er aus den obengenannten Gründen nach. So machten es auch die Samniter mit den Etruskern, und diese griffen infolge des Einmarsches des samnitischen Heeres zu den Waffen, was sie vordem abgelehnt hatten. Fünfundvierzigstes Kapitel Was in der Schlacht besser ist, den Angriff des Feindes auszuhalten und dann zum Gegenstoß zu schreiten oder gleich ungestüm auf ihn loszugehen. Die römischen Konsuln Decius und Fabius standen dem Heer der Samniter und Etrusker gegenüber, und es kam zum Kampfe. 295 v. Chr. in der Schlacht bei Sentinum. Die Konsuln waren Quintus Fabius Rullianus und Publius Decius Mus, dessen Vater sich 340 v. Chr. in der Schlacht am Vesuv geopfert hatte. In dieser Schlacht war das Verfahren der beiden Konsuln ganz verschieden, und es fragt sich, welches das bessere war. Decius ging mit größtem Ungestüm und mit seiner ganzen Macht auf den Feind los; Fabius hielt den feindlichen Angriff nur aus, da er einen langsamen Angriff für nützlicher hielt, und sparte seine Kraft bis zuletzt auf, wo der Feind seine Kampflust verloren hatte und seine Hitze verraucht war. Der Erfolg zeigt, daß der Plan des Fabius weit besser gelang als der des Decius. Denn dieser mattete sich beim ersten Angriff so ab, daß er seine Truppen der Flucht nahe sah. Um nun durch den Tod den Ruhm zu erwerben, den er durch den Sieg nicht erringen konnte, opferte er sich selbst nach dem Beispiel des Vaters für die römischen Legionen auf. Als Fabius dies erfuhr, rückte er, um lebend nicht weniger Ehre einzulegen als sein Amtsgenosse sterbend, mit allen seinen Reserven vor und erfocht einen glänzenden Sieg. Man ersieht daraus, daß das Verfahren des Fabius sicherer und nachahmenswerter ist. Sechsundvierzigstes Kapitel Wie es kommt, daß ein Geschlecht in einer Stadt lange die gleichen Sitten bewahrt. Anscheinend hat nicht nur jede Stadt ihre eignen Gebräuche und Einrichtungen, durch die sie sich von andern unterscheidet, und erzeugt härtere oder weichlichere Menschen, sondern man findet auch einen solchen Unterschied zwischen den Geschlechtern einer Stadt. Daß dies zutrifft, sieht man überall; auch Rom liefert viele Beweise dafür. So waren die Manlier hart und starrsinnig, die Publicola gütig und volksfreundlich, die Appier ehrgeizig und Feinde der Plebejer, und ebenso hatten viele andre Familien ihre besonderen Eigentümlichkeiten. Vom Blute allein kann das nicht kommen, da es sich ja durch die Verschiedenheit der Heiraten ändert, sondern es muß notwendig von der verschiedenen Erziehung in den einzelnen Familien rühren. Denn es kommt viel darauf an, ob ein Knabe von frühster Jugend an immer Gutes oder Böses von einer Sache reden hört. Das läßt notwendig einen Eindruck zurück, der sein Betragen in jedem Lebensalter bestimmt. Wäre dem nicht so, so hätten unmöglich alle Appier dieselbe Gemütsart haben und von denselben Leidenschaften beherrscht sein können, wie wir es nach Livius' Darstellung doch bei vielen sehen, zuletzt bei dem Zensor Appius. Appius Claudius Caecus, Zensor seit 213 v. Chr. Er erbaute die Via Appia und die appische Wasserleitung (Aqua Claudia). Sein Amtsgenosse legte nach achtzehn Monaten, wie das Gesetz es vorschrieb, sein Amt nieder, aber Appius wollte das nicht tun und behauptete, er könne nach dem ersten Gesetz über die Zensur fünf Jahre im Amte bleiben. Obwohl hierüber nun viele Volksversammlungen abgehalten wurden und zahlreiche Unruhen entstanden, so war es doch trotz dem Willen des Volkes und der Mehrheit des Senates nie möglich, ihn zum Rücktritt zu bewegen. Aus der Rede, Livius IX, 34 (310 v. Chr.) die der Volkstribun Publius Sempronius gegen ihn hielt, kann man all den Appischen Übermut ersehen, aber auch all den Gehorsam zahlloser Bürger gegen die Gesetze und ihre vaterländische Gesinnung. Siebenundvierzigstes Kapitel Ein guter Bürger muß aus Vaterlandsliebe persönliche Beleidigungen vergessen. Der Konsul Manlius stand mit seinem Heere den Samnitern gegenüber und wurde in einer Schlacht verwundet 310 v. Chr. Der eine Konsul hieß Gajus Marcius Rutilus, der andere Konsul Quintus Fabius Maximus Rullianus (vgl. Buch II, Kap. 33). Der Diktator, den er ernannte, war Lucius Papirius Cursor (vgl. Livius IX, 38). Sein Haß auf diesen stammte aus der Zeit, wo er der Reiteroberst des Papirius gewesen war und dieser ihn hinrichten lassen wollte (vgl. Buch 1, Kap. 31). . Da sein Heer dadurch in Gefahr kam, hielt es der Senat für nötig, den Papirius Cursor als Diktator hinzuschicken, um den Konsul zu ersetzen. Da nun der Diktator von Fabius ernannt werden mußte, der mit dem andern Heer in Etrurien stand, der Senat aber fürchtete, er werde den Papirius als seinen Feind nicht ernennen wollen, so ließ er ihn durch zwei Abgesandte bitten, allen Privathaß beiseite zu setzen und Papirius zum Wohl des Staates zu ernennen. Fabius tat es aus Vaterlandsliebe, obwohl er durch sein Schweigen und auf mancherlei Art zu erkennen gab, wie schwer ihm diese Ernennung wurde. An ihm muß sich jeder ein Beispiel nehmen, der für einen guten Bürger gelten will. Achtundvierzigstes Kapitel Wenn der Feind einen großen Fehler macht, muß man eine Kriegslist dahinter vermuten. Als sich der Konsul wegen gewisser Feierlichkeiten nach Rom begeben hatte und der Legat Fulvius allein bei dem Heer in Etrurien geblieben war, versuchten die Etrusker den Legaten ins Netz zu locken. Sie legten in der Nähe des römischen Lagers einen Hinterhalt und schickten einige Soldaten in Hirtenkleidung mit viel Vieh ab, das sie unter den Augen des römischen Heeres bis an den Lagerwall herantrieben. Der Legat wunderte sich über diese Frechheit, die ihm ganz unnatürlich schien, und deckte die List auf, so daß der Plan der Etrusker mißlang. Livius X, 4 (302 v. Chr.) Hieraus läßt sich leicht ersehen, daß ein Feldherr einem offenbaren Fehler des Feindes nie trauen darf, denn immer wird eine List dahinterstecken, weil die Menschen vernünftigerweise nicht so unvorsichtig sein können. Allein das Siegesverlangen verblendet sie häufig derart, daß sie nur das sehen, was ihnen vorteilhaft dünkt. Als die Gallier nach ihrem Sieg an der Allia gegen Rom rückten und die Tore offen und unbewacht fanden, warteten sie Tag und Nacht mit dem Einmarsch, weil sie eine List fürchteten und die Römer nicht für so feig und unvernünftig halten konnten, ihre Vaterstadt preiszugeben. Als die Florentiner 1508 Pisa belagerten, versprach Alfonso del Mutolo, ein gefangener Pisaner, dem Florentiner Heer ein Tor von Pisa zu übergeben, wenn man ihn freiließe. Dies geschah. Um nun die Sache ins Werk zu setzen, hatte er häufig Besprechungen mit dem Bevollmächtigten der Kommissare, und zwar nicht heimlich, sondern offen und in Begleitung von Pisanern, die er zur Seite treten ließ, sobald er mit den Florentinern sprach. Hieraus konnte man also leicht auf seine Doppelzüngigkeit schließen, weil es unvernünftig gewesen wäre, bei ehrlicher Absicht so offen zu verhandeln. Allein die Begierde, Pisa zu erobern, machte die Florentiner so blind, daß sie sich nach seiner Weisung zum Tore von Lucca begaben und dort durch den doppelten Verrat des Alfonso mehrere Offiziere und andre Leute zu ihrer Schande verloren. Neunundvierzigstes Kapitel Um die Freiheit einer Republik zu erhalten, bedarf es täglich neuer Maßnahmen. – Für welche Verdienste Quintus Fabius den Beinamen Maximus erhielt. Wie schon früher gesagt, müssen in einer großen Stadt täglich Vorfälle eintreten, die des Arztes bedürfen; je erheblicher sie sind, um so mehr muß man nach einem guten Arzt suchen. In keiner Stadt aber gab es so seltsame und unverhoffte Vorfälle wie in Rom, z. B. als sich alle römischen Frauen verschworen zu haben schienen, ihre Männer umzubringen. Viele Männer waren bereits vergiftet, und viele Frauen hatten das Gift schon zubereitet. Ferner jene Verschwörung der Bacchanalien 186 v. Chr., nach dem zweiten Mazedonischen Krieg. Über 7000 Personen wurden von den Konsuln vor Gericht gezogen und großenteils zum Tode verurteilt. Vgl. Livius XXXIX, 8 ff. , die zur Zeit des Mazedonischen Krieges entdeckt wurde und in die schon mehrere tausend Männer und Frauen verwickelt waren. Wäre sie nicht entdeckt worden oder wäre Rom nicht gewohnt gewesen, ganze Scharen von Verbrechern zu züchtigen, so wäre sie für die Stadt recht gefährlich geworden. Kennten wir nicht schon aus zahllosen Proben die Größe dieser Republik und die Kraft, mit der sie alles ausführte, so würden wir sie aus der Art der Strafen ersehen, mit denen sie ihre Verbrecher züchtigte. Sie stand nicht an, bisweilen eine ganze Legion, eine ganze Stadt zum Tode zu verurteilen und 8000 bis 10 000 Menschen unter außerordentlichen Bedingungen zu verbannen, die sonst nicht von einem, geschweige denn von so vielen eingehalten werden. So erging es den Soldaten, die bei Cannae unterlegen waren. Man wies sie nach Sizilien aus und erlegte ihnen auf, in keiner Ortschaft zu wohnen und stehend zu essen. Von allen Strafen aber war die schrecklichste das Dezimieren der Heere, wo jeder zehnte Mann im ganzen Heer nach dem Los sterben mußte. Es ließ sich zur Züchtigung der Menge keine abschreckendere Strafe ersinnen; denn wenn die Menge ein Verbrechen begeht und der Urheber ungewiß ist, kann man nicht alle strafen, weil es ihrer zu viele sind. Einen Teil zu bestrafen und die übrigen frei ausgehen zu lassen, hieße aber den Bestraften Unrecht tun und die Straflosen zu neuen Verbrechen ermutigen. Wird hingegen durch das Los der zehnte Teil zum Tode bestimmt, wo ihn alle verdienen, so beklagt sich der, den die Strafe trifft, über das Schicksal, und der Straflose fürchtet, daß die Strafe ihn ein andermal trifft, und nimmt sich künftig in acht. Die Giftmischerinnen und die Verschwörer der Bacchanalien wurden also verdientermaßen bestraft. Obgleich nun solche Krankheiten üble Folgen für eine Republik haben, sind sie doch nicht tödlich, da man fast immer Zeit hat, sie zu heilen. Keine Zeit aber hat man bei Staatsverbrechen, denn diese richten den Staat zugrunde, wenn ihnen nicht durch einen klugen Mann abgeholfen wird. Bei der Freigebigkeit, mit der die Römer das Bürgerrecht an Fremde verliehen, waren im Rom so viele neue Geschlechter entstanden, daß sich bei ihrem großen Anteil an den Wahlen die Regierung zu verändern begann, in andre Hände geriet und von den gewohnten Grundsätzen abwich. Als der Zensor Quintus Fabius dies wahrnahm, teilte er alle die neuen Geschlechter, von denen diese Unordnung stammte, in vier Tribus, damit sie, derart beschränkt, nicht ganz Rom anstecken konnten. Fabius hatte das Übel richtig erkannt und verschrieb ohne großes Aufsehen das geeignete Mittel dagegen. Das Vaterland aber war ihm so dankbar dafür, daß er den Beinamen Maximus erhielt. Livius IX, 46. Quintus Fabius Rullianus wurde 304 v. Chr. Zensor. Anhang Lebenslauf Machiavellis und wichtigste Zeitereignisse. Zugrunde liegt der ausgezeichnete »Historical Abstract« von Burd, l. c., Seite 79-165. Vgl. auch den Lebensabriß in der Ausgabe von Passerini, Florenz 1873, Bd. 1, Seite XXXXIX ff. – Im Text ist M. = Machiavelli . 1467 Am 3. Mai wird M. geboren. Sein Vater, Bernardo di Niccold, ein geachteter Jurist aus alter, aber verarmter Patrizierfamilie, seine Mutter Bartolomea dei Nelli. Florenz, dem Namen nach Republik, steht unter der Herrschaft des Piero de' Medici, der im selben Jahr stirbt. Tommaso Soderini bestimmt die Florentiner, seinen jungen Söhnen Lorenzo (geb. 1448) und Giuliano (geb. 1453) die gleiche Stellung im Staat einzuräumen. 1471 Sixtus IV. (Rovere) Papst. 1472 Federigo von Montefeltro, Feldhauptmann von Florenz, erobert das aufständische Volterra zurück. 1474 Er wird Herzog von Urbino. Michelangelo Buonarotti geboren. 1476 Galeazzo Maria Sforza, Herzog von Mailand, ermordet. Für seinen unmündigen Sohn Gian Galeazzo übernimmt die Mutter, Bona von Savoyen, die Regentschaft. 1478 Verschwörung der Pazzi in Florenz, durch Girolamo Riario, den Sohn des Papstes, veranlaßt. Giuliano de' Medici wird am Ostersonntag im Dom ermordet, Lorenzo entkommt verwundet. Das Volk ergreift seine Partei, die Verschwörer werden an den Fenstern des Palazzo Vecchio aufgeknüpft. Lorenzos Stellung stark befestigt; er wird Alleinherrscher in Florenz. Durch seine Kunst- und Prachtliebe erwirbt er den Beinamen il Magnifico , Papst Sixtus IV. tut Florenz in den Kirchenbann und bekriegt es im Bunde mit Ferdinand I. von Neapel. Florenz verbündet sich mit Venedig und Mailand. 1479 Die Florentiner bei Poggibonsi geschlagen. Lorenzo Medici sucht persönliche Verständigung mit Ferdinand von Neapel. Ludwig der Mohr, der Bruder des ermordeten Galeazzo Maria Sforza, erlangt die Vormundschaft über seinen Neffen Gian Galeazzo. 1480 Lorenzo schließt Frieden mit Neapel, dem auch der Papst beitritt, da die Türken Otranto besetzen. 1482 Krieg zwischen Venedig und Ferrara. »Heilige Liga« zwischen Papst. Mailand, Neapel und Florenz gegen Venedig. Lionardo da Vinci am Hof Ludwigs des Mohren. 1483 Raffael Santi und Martin Luther geboren. Karl VIII. König v. Frankreich. 1484 Friede zu Bagnolo zwischen Venedig und der Liga. Papst Sixtus IV. stirbt. Innozenz VIII. (Cibò) folgt ihm. 1487 Dessen Neffe Franceschetto heiratet Lorenzos Tochter Maddalena. 1488 Girolamo Riario, Graf von Forli und Immola, wird ermordet. Seine Witwe, Caterina Sforza, rettet sich in das Kastell von Forli, wird von Ludwig dem Mohren und Lorenzo Medici befreit und zur Regentin für ihren kleinen Sohn Ottavio Riario bestimmt. 1491 Girolamo Savonarola (geb. 1452) wird Prior von San Marco in Florenz. 1492 Lorenzo Medici stirbt. Sein Tod verändert nach M.'s Wort die ganze politische Lage Italiens. Papst Innozenz VIII. stirbt. Sein Nachfolger Alexander VI. (Borgia), Neffe des Papstes Calixtus III. Sein Sohn Caesar Bischof von Valencia. Ferdinand der Katholische von Spanien erobert Granada. Columbus entdeckt Amerika. M. als Schüler des (um fünf Jahre älteren) Staatsmannes und Altertumsfreundes Marcello di Virginio Adriani, tritt jetzt vermutlich in die zweite Staatskanzlei in Florenz ein. 1493 Maximilian I. deutscher Kaiser, heiratet Bianca Maria Sforza, die Nichte Ludwigs des Mohren. Dieser bestimmt Karl VIII. von Frankreich, in Italien einzufallen, um seine Erbansprüche auf Neapel geltend zu machen. 1494 Gian Galeazzo Sforza stirbt. Ludwig der Mohr Herzog von Mailand. Ferdinand I. von Neapel stirbt. Sein Sohn Alfons II. folgt ihm. Erster Zug Karls VIII. nach Italien. Piero de' Medici schließt einen Subsidienvertrag mit ihm ab. Empörung in Florenz. Sturz der Medici. Pisa befreit sich von der Florentiner Herrschaft durch Übertritt zu Karl VIII., der ihm die Freiheit schenkt. Auch Livorno und andre Städte fallen ab. Florenz muß einen hohen Kriegsbeitrag zahlen und konstituiert sich unter dem Einfluß des Girolamo Savonarola als Freistaat. Karl VIII. zieht in Rom ein. 1495 Alfons von Neapel dankt zugunsten seines Sohnes Ferdinand II. ab, Neapel ergibt sich den Franzosen. Ludwig der Mohr bringt aus Furcht vor den Franzosen die Liga von Venedig (Papst, Kaiser, Spanien, Neapel, Venedig und Mailand) zusammen. Karl VIII. in Neapel zum König gekrönt, läßt ein Heer dort und kehrt nach Frankreich zurück, schließt Frieden mit Venedig und Ludwig; die Liga zerfällt. Die Spanier unter Gonsalvo de Cordova greifen Neapel an. Ferdinand II. kehrt nach Neapel zurück. Savonarolas Fastenpredigten und Konflikt mit dem Papst. 1496 Krieg zwischen Florenz und Pisa. Unglücklicher Zug Kaiser Maximilians nach Italien. Die Franzosen von den Spaniern aus Neapel verdrängt. Ferdinand II. stirbt; sein Oheim Friedrich folgt ihm nach. M.s Mutter stirbt. 1497 Savonarola als Ketzer exkommuniziert. 1498 Er wird als Ketzer verbrannt. Karl VIII. stirbt. Sein Nachfolger Ludwig XII. Vertrag zwischen ihm und dem Papst. Cäsar Borgia, Herzog von Valentinois. Vasco de Gama findet den Seeweg nach Ostindien. M. unter vier Bewerbern zum Sekretär der zweiten Staatskanzlei und kurz danach zum Sekretär der Dieci di pace e di libertà ernannt, einer Behörde, der die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten und des Krieges obliegt. Sein Gehalt 200 Dukaten jährlich. 1499 Fortsetzung des Krieges mit Pisa. Florenz und Mailand gegen Pisa und Venedig. Paolo Vitelli, Feldhauptmann von Florenz, belagert Pisa, wagt es aber nicht zu stürmen, wird verhaftet und hingerichtet. M. verfaßt für die Dieci eine Denkschrift über die Pisanischen Angelegenheiten und geht als Gesandter zu Jacopo IV. von Appiano in Piombino und zu Caterina Sforza in Forli, um Verträge abzuschließen. Erster Zug Ludwigs XII. nach Italien. Die Franzosen erobern Mailand, Ludwig der Mohr flieht nach Deutschland. Cäsar Borgia beginnt die Eroberung der Romagna und nimmt Forli. 1500 Mailand empört sich gegen die Franzosen. Ludwig der Mohr kehrt zurück, wird bei Novara geschlagen und gefangengenommen, († 1510 im Kerker von Loches.) Ludwig XII. unterstützt das Unternehmen der Florentiner gegen Pisa. M. als Sekretär der Florentiner Kommissare vor Pisa. Unglücklicher Sturmversuch, Meuterei der französischen Truppen. M. als Gesandter in Frankreich, zur Aufklärung dieses Ereignisses. Teilungsvertrag in Granada zwischen Ludwig XII. und Ferdinand dem Katholischen über Neapel. Cäsar Borgia erobert Pesaro, Rimini und belagert Faenza. M.s Vater stirbt. 1501 Aufruhr gegen Florenz in Pistoja. M. dreimal in Pistoja, um die Ruhe herzustellen. Borgia erobert Faenza, nennt sich »Herzog der Romagna« und bedroht Florenz. Sein Heer das beste in Italien. M. als Gesandter bei Pandolfo Petrucci von Siena, der mit Borgia im Bunde steht. Teilung Neapels zwischen Frankreich und Spanien. König Friedrich ergibt sich den Franzosen. 1502 M. heiratet Marietta di Lodovico Corsini († 1553). Ein neuer Aufruhr in Pistoja wird niedergeworfen. M. schreibt einen Bericht über Pistoja. Arezzo fällt von Florenz ab und kommt mit dem ganzen Chianatal in die Gewalt des Vitellozzo Vitelli, Feldhauptmanns von Cäsar Borgia. M. verhandelt in Urbino mit Borgia. Die Franzosen unter Imbault nehmen Arezzo ein. M. als Gesandter bei ihm, erreicht die Rückgabe der abgefallenen Städte an Florenz. Die Feldhauptleute Borgias verschwören sich aus Furcht vor ihm mit einigen kleinen Dynastien der Romagna und gehen Florenz um Hilfe an. M. als Gesandter bei Borgia, der die Verschwörer in eine Falle lockt, sie in Sinigaglia gefangennimmt und vier ermorden läßt. Borgia befestigt seine Stellung durch Aushebung eigner Truppen. Lionardo da Vinci als Kriegsingenieur in seinen Diensten. Piero Soderini zum lebenslänglichen Gonfalonier (Staatsoberhaupt) in Florenz gewählt. 1503 Borgia erobert Perugia. M. als Gesandter bei Pandolfo Petrucci in Siena, um über ein Bündnis mit Florenz und dem Papst zu verhandeln. Borgia trachtet nach der Herrschaft über Toskana. Greuel am päpstlichen Hofe. Alexander VI. stirbt vergiftet (?). M. geht als Gesandter zum Konklave in Rom. Julius II. Papst; M. verhandelt mit ihm und besucht den gestürzten Borgia im Gefängnis. Schreibt einen Bericht, wie die Rebellen im Chianatal zu behandeln seien. Krieg zwischen Spaniern und Franzosen um Neapel. Sieg der Spanier bei Cerignola und am Garigliano. Gonsalvo de Cordova in Neapel. 1504 Die Venezianer in der Romagna. M. als Gesandter in Lyon, um Hilfe gegen Spanien und Venedig zu erbitten. Der Friede zu Lyon zwischen Spanien und Frankreich befreit Florenz von der Gefahr. Energische Fortführung des Krieges gegen Pisa. M. als Gesandter bei Jacopo von Appiano, damit er Pisa nicht beisteht. M. schreibt eine Reimchronik der italienischen Geschichte seit 1494 (»Decennale primo«), worin er den Gedanken der Einigung Italiens und der Bildung eines Volksheeres verficht (gedruckt 1505 in Florenz). Schreibt das Lustspiel »Die Masken« nach dem Vorbild der »Wolken« des Aristophanes. 1505 Venedig tritt die Romagna an den Papst ab. M. als Gesandter bei Giovanni Pagolo Baglioni in Perugia und bei Pandolfo Petrucci in Siena, um beider Gesinnung zu erforschen. Vertrag zu Blois zwischen Spanien und Frankreich, das auf Neapel verzichtet. Fortsetzung des Krieges gegen Pisa, der von Spanien unterstützt wird. Sieg der Florentiner bei San Vincenti über den spanischen Condottiere Bartolomeo Orsini, Graf von Alviano. M. im Lager vor Pisa. Vergeblicher Sturmversuch. Abbruch der Belagerung und Auflösung des Heeres. 1506 M., der alles Vertrauen auf Soldtruppen verloren hat, betreibt im Einvernehmen mit dem Gonfalonier Soderini eifrig die Bildung eines Volksheeres nach Schweizer und altrömischem Muster. Nach seinen Denkschriften soll die Ordinanza e milizia fiorentina aus dem Landvolk nach dem Kantonsystem ausgehoben werden, in Kompagnien ( bandiere ) zu hundert bis dreihundert Mann unter einem Capitano , mehrere Bandieri unter einem Conestabile (General), im ganzen 5000 Mann in 30 Bandieri unter 11 Conestabili . M. beginnt mit der Aushebung. Julius II. nimmt Perugia ein; M. wohnt als Gesandter der Überrumpelung und Gefangennahme des Giovanni Paolo Baglioni bei und begleitet den Papst auf seinem Zug gegen Bologna bis Imola. Der Papst erobert Bologna mit französischer Hilfe. Aufruhr in Genua. 1507 Ludwig XII. erobert Genua. Wahl der neuen Militärbehörde Nove della Milizia in Florenz; M. zu ihrem Kanzler ernannt. Bald darauf erhält er ein Adelspatent. Kriegspläne des Kaisers Maximilian. Auf Betreiben Soderinis wird M. mit Francesco Vettori zum Kaiser nach Konstanz (Reichstag) geschickt, um von ihm die Garantie für die Besitzungen von Florenz bei dem geplanten Zuge des Kaisers nach Italien zu erkaufen. M.s Entsendung an Stelle eines Mannes aus großem Hause macht in Florenz böses Blut. Venedig verbündet sich mit Frankreich gegen den Kaiser. 1508 Erfolgloser Zug des Kaisers nach Oberitalien. M. beim Kaiser in Tirol. Schreibt einen (1513 erweiterten) Bericht über die deutschen Verhältnisse. Der Kaiser schließt mit Venedig Frieden. Nach der Rückkehr geht M. als Kommissar zu den neuen Miliztruppen im Lager vor Pisa, die den Argwohn Ludwigs XII. erregen. Liga zu Cambrai zwischen Frankreich, Kaiser, Papst, Spanien, Savoyen, Ferrara und Mantua gegen Venedig. Francesco Maria della Rovere, Neffe des Papstes, Herzog von Urbino. 1509 M. als Oberleiter der Belagerung Pisas. (3 Heere aufgestellt, Zuschüttung der Mündung des toten Arno, Abdämmung des Arno, um Hilfe von See her abzuschneiden). Florenz erkauft von Spanien und Frankreich für 125 000 Dukaten das Recht, die Belagerung fortzusetzen. Pisa ergibt sich auf Gnade und Ungnade. M. in hoher Achtung in Florenz. – Venedig verliert die Schlacht bei Agnadello (Vailà) und seinen ganzen Festlandbesitz. – M. reist über Mantua nach Verona, um dem Kaiser eine Subsidienzahlung zu überbringen, trifft ihn aber nicht mehr an, da er nach Deutschland zurückgekehrt ist. Schreibt eine Reimchronik der italienischen Geschichte von 1504-1509 (»Decennale secondo«). 1510 Friede zwischen Venedig und dem Papste. Erfolglose Unternehmung des Papstes gegen Ferrara. Der Konflikt zwischen Julius II. und Frankreich bringt Florenz in eine schwierige Lage. M. als Gesandter in Frankreich. Der König über die Einmischung von Florenz empört, droht mit einem Kirchenkonzil in Pisa, um den Papst zu stürzen. In Florenz erstarkt die Partei der Medici; Soderini legt vor dem Großen Rat Rechenschaft über seine Amtsführung ab. Eine mediceische Verschwörung in Florenz führt ein Gesetz zur Erhaltung der Freiheit herbei. 1511 Krieg zwischen Papst Julius II. und den Franzosen unter Gaston de Foix (Neffe Ludwigs XII.). Ludwig beruft das Konzil nach Pisa. – M. organisiert die Aushebung der Kavallerie, rekrutiert eifrig und besichtigt die Festungen. Er erhält mehrere Sendungen, um das Konzil zu verhindern, zu verlegen oder unwirksam zu machen, und geht zu diesem Zweck auch als Gesandter nach Frankreich. Der Papst schließt mit Spanien, Venedig und England die »Heilige Liga« und verhängt den Kirchenbann über Florenz. Bologna empört sich gegen den Papst. 1512 Sieg der Franzosen über die Liga bei Ravenna. Gaston de Foix fällt. Ein Schweizer Heer kommt der Liga zu Hilfe. Die Franzosen werden nach Frankreich zurückgeworfen und verlieren alle Eroberungen. Die Liga beschließt, die Medici in Florenz wieder einzusetzen und es zum Aufgeben des französischen Bündnisses zu zwingen. Im Vertrauen auf die Miliz leisten Soderini und M. Widerstand. Die Spanier umgehen ein starkes Florentiner Korps bei Fierenzuola, nähern sich Florenz und erstürmen Prato. Soderini dankt ab, die Medici kehren zurück. Florenz tritt in die Liga ein und bezahlt hohe Kriegskosten. Die Miliz wird abgeschafft. M. sucht die Gunst der Medici zu erringen, wird aber abgesetzt, darf das Florentiner Gebiet nicht verlassen und das Rathaus nicht betreten. Maximilian Sforza, der Sohn Ludwigs des Mohren, Herzog von Mailand. 1513 Julius II. stirbt. Der Kardinal von Medici besteigt als Leo X. den Papstthron. Giulio de' Medici Kardinal, Lorenzo und Giuliano die leitenden Männer in Florenz. Verschwörung gegen die Medici. M. fälschlich als verdächtig verhaftet, gefoltert, aber auf Verwendung des Kardinals von Medici freigelassen. Zieht sich in seine Villa Sant' Andrea in Percussina bei San Cascanio in der Nähe von Florenz zurück, wo er sich in großer Armut der Literatur widmet. Schreibt den »Principe« (»Der Fürst«) und die »Diskurse über Titus Livius« (1522 beendet). Tritt in Briefwechsel mit dem Florentiner Gesandten am päpstlichen Hofe, Francesco Vettori, und dem päpstlichen Staatsmann und Florentiner Geschichtsschreiber Francesco Guicciardini (1483-1540). Beabsichtigt, Giuliano von Medici den »Fürsten« zu widmen. Friede zu Blois zwischen Frankreich und Venedig, zu Orthez zwischen Frankreich und Spanien. Gemeinsamer Angriff Frankreichs und Venedigs auf Mailand. Niederlage der Franzosen bei Novara, der Venezianer bei Vicenza. England und der Kaiser greifen Frankreich an. Niederlage der Franzosen in der Sporenschlacht bei Guinegate. 1514 Friede zwischen England und Frankreich. Versöhnung zwischen Ludwig XII. und Papst Leo X. Dieser beabsichtigt, seinem Bruder Giuliano das Königreich Neapel und seinem Vetter Lorenzo einen Staat in Norditalien zu verschaffen, bringt Parma, Piacenza und Modena an sich. Wiederherstellung des Florentiner Volksheeres (10 000 Mann). M. schreibt vermutlich sein Lehrgedicht vom Undank. 1515 Ludwig XII. stirbt. Sein Nachfolger Franz I. erneuert das Bündnis mit Venedig und greift Mailand an. Liga zwischen Papst, Kaiser, Spanien, Mailand und der Schweiz gegen Frankreich. Sieg der Franzosen bei Marignano. Die Franzosen in Mailand und Genua. Maximilian Sforza dankt ab. Leo X. schließt gegen Rückgabe von Parma und Piacenza Frieden mit Frankreich. 1516 König Ferdinand der Katholische von Spanien stirbt. Sein Nachfolger Karl I.; Friede zu Noyon zwischen ihm und Franz I.; Giuliano von Medici stirbt. Eroberung von Urbino durch den Papst mit Hilfe von Florentiner Truppen. Lorenzo von Medici Herzog von Urbino und Pesaro. Wahrscheinliche Widmung des »Fürsten« an Lorenzo. M. schreibt vermutlich sein Lehrgedicht vom Ehrgeiz. 1517 Francesco Maria della Rovere, der vertriebene Herzog von Urbino, gelangt wieder in dessen Besitz, wird aber von Lorenzo wieder vertrieben. M. schreibt eine komische Erzählung in Versen: »L'Asino d'Oro« (Der goldene Esel). Beginn der Reformation in Deutschland. 1518 Lorenzo heiratet eine französische Prinzessin und strebt nach der Alleinherrschaft in Florenz. M. besucht die politischen Zusammenkünfte in den Gärten des Cosimo Rucellai (Orti Oricellarii), zu dessen Gästen Zanobi Buondelmonte, Luigi di Piero Alamanni, Luigi di Tommaso Alamanni, die Florentiner Geschichtsschreiber Filippo dei Nerli (1486-1556, auch Staatsmann) und Jacopo Nardi (1476-1563) usw. gehören. Er trägt dort seine »Diskurse über Livius« und seine »Gedanken über die Kriegskunst« vor. 1519 Kaiser Maximilian stirbt. Sein Nachfolger Karl I. von Spanien, als Kaiser Karl V.; Ulrich Zwingli predigt in der Schweiz. Lorenzo de' Medici stirbt. Urbino fällt an den Kirchenstaat. Der Kardinal von Medici stellt die freiheitliche Regierungsform teils wieder her und befragt M. und andre über die Verfassung von Florenz. M. arbeitet Vorschläge im Sinne einer konstitutionellen Monarchie aus. Schreibt das Lustspiel »La Mandragola« (Die Alraunwurzel), gedruckt 1524 in Rom. Lionardo da Vinci stirbt in Frankreich. 1520 Raffael stirbt in Rom, Luther verbrennt die päpstliche Bannbulle. Magalhäes macht die erste Reise um die Welt. M. schreibt die »Arte della Guerra«, (Die Kriegskunst), einen fingierten Dialog aus den Orti Oricellarii (s. 1518), worin er die Einführung eines Volksheeres nach Schweizer und altrömischem Muster verficht (1521 gedruckt). Er wird wegen Florentiner Handelsangelegenheiten nach Lucca gesandt und schreibt dort das »Leben des Castruccio Castracani«, des großen Luccheser Feldhauptmanns und Fürsten (1322-1328), das biographische Gegenstück zum »Fürsten«, sowie kurz darauf einen Bericht über die Verfassung von Lucca. Auf Anregung des Kardinals von Medici wird er mit der Abfassung einer »Geschichte von Florenz« betraut (1525 vollendet) und erhält 100 Dukaten Jahresgehalt. 1521 Ferdinand Cortez erobert Mexiko. Reichsacht gegen Luther. Krieg zwischen Karl V. und Franz I.; Leo X. verbündet sich mit dem Kaiser und Florenz gegen Frankreich. Die Kaiserlichen in Mailand. Leo X. stirbt. Der Herzog Francesco Maria Rovere vom Volke nach Urbino zurückgerufen. Piero Soderini (in Rom) bietet M. die Stelle als Sekretär beim Fürsten Prospero Colonna an, die M. ablehnt. Er erhält eine bescheidene Kommission zu den Franziskanern in Carpi und muß auch einen Prediger für die Wollweberzunft besorgen. 1522 Hadrian VI. (Adrian Boyers aus Utrecht) Papst. Die Franzosen bei Bicocca geschlagen. Die Kaiserlichen in Genua. Zur Wiederherstellung einer freieren Verfassung fordert der Kardinal von Medici von M. und andern nochmals Gutachten ein. Verschwörung gegen die Medici, in die die beiden Alamanni, Zanobi Buondelmonti und andre Gäste der Orti Oricellarii verwickelt sind. Luigi di Tommaso Alamanni wird hingerichtet, die andern entfliehen. M. nicht mitverschworen, aber durch seine »Diskurse« Anreger der Verschwörung. Schreibt eine »Instruktion für Raffael Girolami«, der als Gesandter nach Spanien geht. 1523 Hadrian VI. stirbt. Der Kardinal de' Medici als Papst Clemens VII. Francesco Sforza, jüngster Sohn Ludwigs des Mohren, Herzog von Mailand. Krieg zwischen Karl V. und Franz I. in der Lombardei. 1524 Rückzug der Franzosen. Die Kaiserlichen in der Provence. Belagerung von Marseille. Franz I. wieder in der Lombardei. M. schreibt vermutlich das Lustspiel »Clizia« nach dem Vorbild von Plautus' »Casina« (1525 in Rom aufgeführt). 1525 Niederlage der Franzosen bei Pavia. Gefangennahme Franz I. Bündnis des Papstes mit Karl V. M. geht nach Rom, um dem Papst seine »Geschichte von Florenz« zu überbringen und ihm den Gedanken eines Volksheeres nahezulegen. Der Papst nimmt die Widmung an und schickt M. nach Faenza, um mit Guicciardini wegen des Volksheeres Rücksprache zu nehmen. M. wieder für Staatsämter in Florenz wählbar. Wird in Handelssachen (Beraubung von Florentiner Kaufleuten) nach Venedig gesandt. 1526 Friede zu Madrid zwischen Karl V. und Franz I. Dieser erlangt seine Freiheit zurück, muß allen Erbansprüchen auf Italien entsagen. Durch die Übermacht des Kaisers bestürzt, schließt Clemens VII. das Bündnis zu Cognac mit Franz I., Venedig und Mailand (Francesco Sforza). Die Kaiserlichen in Mailand. Ihre Anhänger (Colonna) rücken in Rom ein und plündern den Vatikan. Vertrag des Papstes mit dem Kaiserlichen Gesandten Ugo de Moncada. M. entwirft Pläne zur Verteidigung von Florenz und wird Kanzler einer städtischen Verteidigungsbehörde. Er geht zu Guicciardini ins Lager der Liga in der Lombardei, dann nach Modena. Die Kaiserlichen rücken von Rom auf Neapel. 1527 Krieg zwischen dem Papst und dem kaiserlichen Vizekönig von Neapel. M. folgt dem Heer der Liga und geht nach Civitavecchia, um den päpstlichen Admiral Andrea Doria zum Eingreifen zu bewegen. Die Kaiserlichen rücken von Mailand auf Rom, erobern und plündern es. (Sacco di Roma.) Der Papst schließt Frieden mit dem Kaiserlichen Feldherrn und verläßt Rom. Die Medici in Florenz gestürzt. Niccolò Capponi Gonfalonier. Ein französisches Heer kommt nach Italien. M. als Anhänger der Medici von Ämtern ausgeschlossen, stirbt am 22. Juni nach kurzer Krankheit im 58. Lebensjahre und hinterläßt seine Familie (vier Söhne und eine Tochter) in größter Armut. Wird im Pantheon von Florenz, der Kirche Santa Croce, begraben, erhält aber erst 1727 ein Grabmal mit der Inschrift Tanto nomini nullum par elogium . 1528 Belagerung Neapels durch die Franzosen und ihre Niederlage. 1529 Friede zu Cambrai zwischen Franz I. und Karl V., zu Barcelona zwischen Papst und Kaiser. Belagerung von Florenz durch das kaiserlich-päpstliche Heer. Michelangelo Buonarotti leitet die Befestigungsarbeiten der Stadt. 1530 Karls V. Kaiserkrönung in Bologna. Übergabe von Florenz. Augsburger Reichstag und Konfession. 1531 Alexander de' Medici, Herzog von Florenz, verheiratet mit Margarethe von Österreich, der natürlichen Tochter Karls V. 1531/32 M.s Werke in Rom mit päpstlicher Erlaubnis gedruckt. Reformation in England. 1533 Katharina von Medici, Tochter Lorenzos, vermählt mit dem Herzog von Orleans (später König Heinrich II. von Frankreich). 1534 Papst Clemens VII. stirbt. Ausgewählte Bibliographie Machiavellis Werke Übersicht über die Entstehungszeit und die wichtigsten Ausgaben 1. Politische und historische Abhandlungen A. Hauptwerke: II Principe (1513) Discorsi sopra la prima Deca di Tito Livio (1513-1519) L'arte della guerra (1518-1521) Istorie fiorentine (1520-1525) B. Kleinere Schriften: Discorso fatto al magistrato dei dieci sopra le cose de Pisa (1500) Ragguaglio delle cose fatte dalla republica fiorentina per quietare le parti di Pistoia (1500) Del modo di trattare i popoli della Val di Chiana ribellati (1502/3) Parole da dirle sopra la provisione del danaio (1503) Descrizione del modo tenuto dal Duca Valentino nello ammazzare Vitellozzo Vitelli, Oliverotto da Fermo, il signor Pagolo e il Duca di Gravina Orsini (1504) Discorso dell'ordinare lo stato di Firenze alle armi (1506) Discorso sopra l'ordinanza e milizia fiorentina (1506) Provisioni della republica di Firenze (1506) Ritratto delle cose della Magna (1507/08) Ritratto delle cose di Francia (1500-1510) Consulto per l'elezione del capitano delle fanterie e ordinanza fiorentina (1511) Ai Palleschi (1512) Discorsi sopra il riformare lo stato di Firenze (um 1520) Memoriaie a Raffaello Girolami (1522) Relazione di una visita falta per fortificare Firenze (1526) Nature di uomini fiorentini Discorso o diologo intorno alla nostra lingua Capitoli per una compagnia di piacere Esortazione alla penitenza Abbozzi autografi delle istorie 2. Dichtungen I Decennali (1504-1509) Belfagor arcidiavolo (um 1512) I Capitoli (1514-1517) Dell'asino d'oro (1517) La Mandragola (1520) Andria Clizia La vita di Castruccio Castracane (1520) Canti carnascialeschi (1514-1524) Rime varie 3. Briefe Lettere familiari Lettere ufficiali (Relazioni)