Reisenovellen von Heinrich Laube.   Wer nicht Lust hat an einem raschen Pferd, Und nicht Lust hat an einem blanken Schwert, Und nicht Lust hat an einem schönen Weib, Der hat kein Herz in seinem Leib. Doctor Luther .   Zweiter Band.     Leipzig, 1834. Verlag von Otto Wigand.     Inhalt des zweiten Bandes.         Baiern Die Karlisten Regensburg München Salzburg Marc Sittich, der Bischof Stadt Salzburg Tyrol Eine Tyroler Geschichte Innsbruck Andreas Hofer Der Brenner Botzen Roveredo Der Garda-See Goethe Bardolini Verona Montebello Vicenza Palladio Padua Petrarka Venedig San Marco Der Dogenpallast Die Venetianer Il Rialto Lord Byron Il Campanile Adria Triest Laybach und Grätz Wien Metternich     Baiern. Ich saß stumm im Postwagen, eine verschleierte Dame lehnte still in der andern Ecke, der Starost mit noch einem Passagier saß draußen im Kabriolet. Es war stumm und still in mir; das leere bunte Leben ohne Halt und Ziel, das frivole Spiel mit Liebe und Liebesdingen, all' das flüchtige Reisegenießen, wobei die Seele hie und da gestreichelt, wobei ihr innerster Kern niemals betheiligt wird, ging wackelnd und kopfschüttelnd gleich putzigen Karnevalsfiguren an meinem halboffnen Auge vorüber. Vielleicht war Baiern daran Schuld, Baiern macht heutiges Tags viel zu denken, trotz dem, daß in Baiern nach wie vor so unglaublich viel Bier getrunken wird, vielleicht auch namentlich darum, daß doch noch immer so unglaublich viel Bier getrunken wird. Grüne Gefilde rannten am schnell rollenden Wagen vorüber, und die bairische Grenze ist nicht zu 6 verkennen: es beginnen die Hopfenstangen, die süße Symbolik des schönen bittern Bieres, und die Hopfenstangen verlassen Einen nicht, sie rennen wie Gespenster mit fliegendem Haar neben dem Wagen her bis hinab an die Salzburgische Grenze. Nur drüben auf der Westseite sollen sie hie und da durch Reben abgelös't werden. Sie sind die stehende Poesie und ein süßer Augentrost des Baiers. Es war ein gar trüber, melancholischer Tag, graue Wolkennebel lagen auf den niedrigen böhmischen Grenzbergen, überall auf dem grünen Rasen perlten die feinen Wassertropfen. Man vergaß, daß es eine Sonne gebe, und meine jungen schlesischen Gedanken, welche an der Heimath verzweifelt waren, und das Glück und die Schönheit suchen wollten in der Weite, sie schüttelten verneinend ihre Locken in mir, daß es mahnend klang wie die Memnonssäule, wenn die Sonne untergeht hinter der Wüste im unabsehbaren öden Meere. Die Naturforscher haben uns die Poesie der Memnonssäule genommen, wir wissen jetzt, daß es kein geistiger Ton ist, den sehnende Liebe oder träumerische Geschichte aushaucht, wir wissen, daß er von materiellen Dingen, von Wärme oder Kälte herkommt, welche die Steine afficirt – die Reise hatte auch meine Hoffnungen klüger aber nicht glücklicher gemacht. Die Tage flatterten oder krochen vorüber, 7 das Auge sah bald dies, bald jenes, das Herz hüpfte wohl einmal hier oder da, aber in all' dem Gebraus sah ich sehnsüchtig zurück nach jener stillen schlesischen Stube, wo einst die tausendjährige Blume der Liebe aufging in meinem Herzen an einem milden Sommerabende, wo ich in häuslicher Beschränktheit alle Reiche der Erde besaß. Ach, was ist die Liebesspielerei gegen die Liebe. Jenes kleine Stübchen mit der kleinen Fußbank, auf welcher ich saß und ihr in die sehnsüchtigen Augen blickte, die auf- und niedergingen in unendlicher Liebe zu mir, wo find' ich sie wieder! Ich fürchte, sie sind nicht mehr an der Heerstraße zu finden, wo die Poststationen vorüber gehn. Es ist gut, die Welt mit tausend Liebesaugen auszuschmücken, aber es ist besser, nur zweier zu bedürfen, zweier Augen, die Himmel und Erde in unser Herz spiegeln. Es ist gut, das Glück zu suchen früh und spät und im Ost und West, aber es ist besser, seiner Herr zu sein in einem kleinen Stübchen, wo nicht Regen noch Wind hinein schlägt, wo ein treuer Ofen und ein treuer Busen wärmt, wo im Wandschrank ruhige Bücher stehn, welche angefüllt sind mit Weisheit. Solchergestalt strich mir der schlesische Philister mit der Hand über das Antlitz, und ich hielt still auf dem Postwagen zwischen Eger und Amberg, und vor jedem geschlossenen Auge stand mir eine Thräne, 8 auf meinem Munde aber lächelte etwas, was ich selbst nicht erklären konnte. Ich fühlte etwas von Ironie, von inniger Wehmuth, edel herber Wahrheit, was in diesem Lächeln sich ausprägen müsse, aber ich konnte es leider nicht sehen. Wenn die Welt so recht groß und lebendig werden wird, dann gehen gewiß recht viel kleine Gefühle verloren, die das Lebensglück so bescheiden, aber so sicher machen. Das fühlt man auf den flüchtigen Reisen unsrer Tage. Ich bin auch mehr für große Dinge, aber ich möchte doch darauf hinweisen, daß die stillen unscheinbaren Güter nicht ganz vergessen würden, es wäre doch schlimm, denn es begiebt sich zuweilen, daß das Herz seine schwachen Stunden hat, und sich nicht mehr recht ausdehnen will für alle die weltgeschichtlichen Forderungen, da thun ihm die kleinen häuslichen Glückseligkeiten so unaussprechlich wohl. Ach, und wenn sie dann einmal gar nicht mehr existiren sollten, da müßte man mit zusammengepreßtem Herzen eines schmerzhaften, lieblosen Todes sterben, und das kann manchem von unsern Aposteln begegnen. Es ward mir plötzlich sehr kalt, und ich mußte mich dicht in meinen Ueberrock hüllen. Und wenn ein kühner Seemann Reisen durch tausend und abertausend weite Meere antritt, so sorgt er doch vorher für eine kleine stille Heimath in einem 9 Winkel des vaterländischen Strandes, dort läßt er seine Liebe in einem kleinen Häuschen, als könnte er morgen wiederkehren, und sie ist, die Liebe im kleinen Häuschen ist sein Kompaß in weiter Ferne, und wenn er untergeht, so geht er unter in ihrem Anblick. Es ist gar zu schlimm, allein zu sterben. Die fremden bunten Länder ersetzen nicht das eine schlichte Menschenkind, das um uns weint. Ich war schon lang von der Heimath fort und zwischen Eger und Amberg war ich recht reisemüde. Est-ce-que vous parlez francais? lispelte die Dame schüchtern neben mir. Sie schien sehr verlassen zu sein, und als sie nach einigen aufmunternden Redensarten von meiner Seite ihren Schleier zurückschlug, sah ich just solch' ein wehmüthig historisches Gesicht, als es eben meine Gedanken dargestellt hatten. Das that mir wohl, sehr wohl. Es war ein feines, französisches Antlitz, dessen Herrin etwa 25 bis 26 Jahre zählen mochte. Weiche braune Haare schlossen sich in wenigen, halb aufgelös'ten Locken an ein kleines Häubchen, eine leichte, kleine Kummerfalte lief zuweilen flüchtig über eine weiße, hohe Stirn und über gutmüthige braune fränkische Augen, denen man ansah, daß sie früher viel gelacht hatten. Fein und griechisch war die Nase, aber die vollen Lippen sahen so schmerzlich aus, in den Mundwinkeln lag viel inniger geschichtlicher Kummer, die feine Röthe 10 des lieben, wenn auch nicht schönen Angesichts sah auch nach manchen Thränen aus. Ihre Kleidung war aus unscheinbaren Stoffen, aber sehr modisch geschnitten, sie glich einem arm gewordenen Stolze, einzelne Stücke, wie ein prächtiger Reisebeutel kontrastirten arg mit den übrigen, fast weniger als schlichten Dingen. Der Ausdruck ihres Gesichts war so liebsanft-unglücklich. Eine unglückliche Französin ist äußerst angenehm, denn sie verfällt nie in die teutsche Weinerlichkeit, das heitre Naturell lauscht immer hinter den Augen, ob nicht ein Moment zum Hervorspringen kommen wird. An ihrem Accent und ihren ceremoniellen feinen Wendungen bei Frage und Antwort erkannte ich bald den Faubourg St. Germain. Sie kam aus Prag; ich sprach ihr Muth zu; mit ein Paar kleinen schnell weggescheuchten Thränen erfuhr ich, daß sie in der ersten Hälfte des Juli 1830 noch in den Tuilerien gewohnt habe, in der Nähe der Herzogin von Angouleme, später habe sie in Schottland logirt, und jetzt komme sie von Prag. Und sie klagte namentlich darüber, daß man in all' den Gegenden nicht französisch spreche. Also eine schlanke, liebenswürdige Karlistin. Ich hatte das Bourbonenunglück nie in der Nähe gesehen, und ich dachte mir's immer mit den harten, unduldsamen Emigrantenzügen; jetzt erschien mir's plötzlich so weich und sanft. Die kleine hilflose Frau reis'te allein auf der 11 ordinairen Post durch Teutschland nach Italien, wie sie sagte, nach Paris, wie ich bald merkte. Ich hätte die Karlisten bedauern mögen ob dieser verlassenen, hübschen Stellvertreterin. Dies gutmüthige Wesen sollte vielleicht intriguiren für seine Partei, ach wie zerbrochen, wie altersschwach kam mir in diesem Augenblicke der Karlismus vor, wie eine verarmte Familie, welche die jüngste, mäßig hübsche Tochter in die Residenz schickt, daß sie mit ihren anmuthigen verweinten Augen und dem liebenswürdig bittenden Munde alte Freunde erweiche. Ich sagte es ihr recht innig, wie ich sie bedauerte, obwohl ich ihre Partei gar nicht liebte, ich sagte es ihr so schonend wie möglich, daß schwerlich jemals eine Aenderung eintreten dürfte. Da kamen ihr große Thränen in die Augen, und sie seufzte so tief, wie eine Französin nur seufzen kann, und meinte, auch sie hoffe sehr wenig. Aber in Prag schelte man, wenn sie so spräche, und in Prag müßte man's doch wohl besser verstehen. Die Hauptsache sei aber, wenn sie nur wieder alle offen nach Frankreich dürften, und da fragte und bat sie mich so herzlich, ob ich ihr das nicht versprechen könnte. Ich konnte mir nicht helfen, und versprach's ihr feierlichst. Nun wurde sie muntrer, und erzählte Dies und Jenes, vom kleinen Heinrich dem Fünften und von der Dauphine und von ihrer großen 12 Verwunderung, daß sie in Teutschland alle armen Leute Kaffee trinken sähe. »Und in dem Lande, wo wir jetzt sind,« sagte ich, »trinken die Leute alle Bier.« Das machte ihr sehr viel Spaß, und wir waren an's erste bairische Städtchen gekommen, wir wußten selbst nicht wie. Hier mußten wir aussteigen, um unsre Pässe und unser Aeußeres untersuchen zu lassen. Es war in diesem Jahre zu Frankfurt ein Attentat auf den Bundestag geschehen, und das mußten die Reisenden in Teutschland entgelten, namentlich hatte es Baiern sehr übel genommen, und verhielt sich wie in Belagerungsstand erklärt. Man besichtigte uns, und vier bis fünf wohlgesättigte Baiern entschieden, ob unsre sonstigen Geberden dem Charakter angemessen seien, welcher im Paß verzeichnet stand. Diese feierliche Handlung wurde durch einen leidenschaftlichen Zwischenvorfall zerstört. Wie schon bemerkt, hatte noch ein Passagier mit dem Starost im Kabriolet gesessen. Der war noch nicht in der Stube erschienen, und es lief ein beunruhigendes Geräusch durch die wachthabenden Baiern, warum der nicht erscheinen möchte. Das Geräusch wuchs, als der Reisende noch länger zögerte, es ward ein Subaltern nach ihm gesendet, der Same des Mißtrauens, den jeder Passagier in Baiern erzeugt, schoß schnell in die 13 Höhe, wir wurden noch einmal inquirirt, ich mußte noch einmal den Dollmetscher für meine ängstlich drein sehende Französin machen. Sie war sehr liebenswürdig dabei. Glücklicherweise hieß sie Madame le Duc, und kam von Prag; ich raunte einem Beamten die respektvolle Bemerkung zu, es sei gewiß ein wichtiges Inkognito, ich hätte so gewisse verlorne Worte gehört, daß sie den König von Baiern besuchen wolle, Madame le Duc – sei ein verfänglicher Name, wer könne Madame le Duc heißen, der Name schicke sich gar nicht für eine Privatperson; er werde sich aus den Zeitungen erinnern, welch' eine wichtige Person am französischen Hofe die Madame Madame sei, und le Duc heiße der Herzog, man müßte vernagelt sein, wenn man nicht einsehe, daß die Dame die verkleidete Herzogin v. Berry wäre. Er prallte zurück, und machte der Französin ein tiefes Kompliment. Der Starost raunte mir in's Ohr, der noch fehlende Passagier sei ein Vicomte, ein Franc Carlist, der aus Asien komme, ein Stück mit Lamartine gereis't, und ein sehr unterrichteter Mann sei. In diesem Augenblicke trat er ein. So wie er seine Landsmännin erblickte, stürzte er vor Freude und Verwunderung strahlend auf sie zu, oh, Madame, rufend, und will ihre Hand küssen. Sie tritt 14 erschrocken zurück, und flüstert mit unsichrer Stimme – Monsieur le Vicomte  –  – Es befand sich aber unter den Beamten ein rücksichtsloser Biertrinker, der weder von den Vermuthungen über Madame, noch von dem Herrn Vicomte die mindeste Notiz nahm, und den letzteren mit unzweifelhafter Grobheit zur Rede stellte, wo er sich herumtreibe, und wo sein Paß wäre. Der Vicomte verstand so ziemlich die teutsche Sprache, ihre Grobheiten aber erst unvollkommen. Er überreichte einen gewaltig großen und sehr zerlesenen Paß, und wendete sich mit dem größten Antheil sogleich wieder zu Madame. Die übrigen Beamten waren durch die vorhergehende Scene, durch »Madame,« und »Vicomte« vollkommen überzeugt, daß hier ein legitimes Inkognito auf der ordinairen Post reise, sie schaarten sich um den Rücksichtslosen, der sich nicht beruhigen wollte, und von unverständlichen französischen Pässen murmelte, die nicht nach Teutschland gehörten. Ich sah auf der andern Seite deutlich, daß Madame nur mit großer Mühe ihrer Verlegenheit dem Vicomte gegenüber Herr wurde, ich hörte es, wie sie ihn leise bat, noch nicht in den Wagen zu kommen, sondern im Kabriolet zu bleiben, ich hörte, wie sie's ihm bestimmt untersagte, als er drängte. Dahinter mußte eine Novelle stecken. Ich betrachtete aufmerksam den karlistischen Vicomte. Aus 15 jeder Bewegung sah der adelige Stolz und der Bourbonenhof heraus. Nur wenn er mit der Dame sprach, nahm er seinen schäbigen Hut ab, und bückte sich und sprach verbindlich. Mit den Beamten verfuhr er kurz, hochfahrend, gebieterisch. Er trug einen abgetragenen und von Regen und Sonne ausgebleichten Mantel von Merino, wie man die sogenannten griechischen Mäntel in Venedig kauft. An manchen Stellen war der Zeug schon gebrochen und zeigte lange Ritze. Darunter hatte er einen vergänglichen braunen Rock bis an die Kravatte zugeknöpft, blau und weiß gestreifte Vatermörder und Manschetten beschatteten kleine von dürftigen Handschuhen bedeckte Hände, und ein von der Witterung unregelmäßig geröthetes Gesicht. Der Ausdruck dieses letzteren war nicht ohne Härte, und doch wieder nicht ohne eine gewisse glatte Feinheit, die Formen desselben waren regelmäßig, um den Mund lag eine wegwerfende Medisance. Dünne Haare lagen schlicht um sein Haupt, er sah ärmlich, aber vornehm sauber aus, und ein gewisser schweigender Stolz hielt Alles von ihm in Entfernung. Es war nicht eine demokratische Linie an ihm zu entdecken. Der Rücksichtslose erhob sich von seinem Schreibtische, und sagte ihm, es fänden sich Unregelmäßigkeiten in seinem Passe, er müsse dableiben. Aber er war noch nicht zu Ende mit seiner langsamen Rede, 16 als auch schon ein stürzender Giesbach französischer Worte des Vicomte ihn betäubte; wie Dolche schleuderte er ihm zwanzig kleine Sätze in's Angesicht, riß ihm den Paß aus der Hand, nahm einen andern Beamten; drängte ihn auf einen Stuhl, und sagte: Schreiben Sie, daß ich will reisen nach Münnich; – Alles war in Verwirrung, der Rücksichtslose stand wie verwirrt von dieser Dreistigkeit, und wenn er den Mund öffnen wollte, so fuhr ihm stets der Vicomte mit einer neuen Parade tödtlich entschlossener, französischer Worte dazwischen, einige seiner Kollegen suchten ihn zu beschwichtigen, die andern arbeiteten am Passe, mitten in dieser Verwirrung saß Madam le Duc auf dem alten Lehnstuhle, den man ihr präsentirt hatte, und blickte mit unruhig, besorgt forschenden Minen in die stürmische Scene. Der Mantel war ihr von den Schultern geglitten, die Wangen hatten sich geröthet, sie sah scharmant aus in der niedern Zollstube unter den dunkeln Biergesichtern. Der Rücksichtslose rief plötzlich mit einer Löwenstimme nach den Gensdarmes, die Dame fuhr erschrocken vom Stuhle auf, als sie das Wort hörte; ihr Mantel blieb auf dem Stuhle, ich sah, wie fein französisch sie gewachsen war, sie trug ein eng anschließendes, verschossenes seidnes Kleid. Die 17 Gensdarmes traten ein; des Vicomtes Paß war unterdeß visirt, er ging stolz hinaus, wir folgten ihm; es geschah nichts. Wie in sichrer Heimath fühlten wir uns, als wir wieder im Postwagen waren, dieses quälende Verdachts- und Inquisitionssystem, welchem man bei jeder Station ausgesetzt ist, peinigt mehr als die Furcht vor Unsicherheit der Straßen. Der Vicomte war gehorsam in's Kabriolet gestiegen, ich war mit meiner liebenswürdigen Dame allein; es fing an dunkel zu werden, und ich hätte gar zu gern jene Novelle gewußt. 18     Die Karlisten. Die Herzogin von Angouleme halte sich eines jungen Mädchens angenommen, welches aus einer alten, aber verarmten adeligen Familie war. Die Eltern des Mädchens waren gestorben, und hatten sich sammt ihren Vorfahren durch treue Dienste ausgezeichnet: einer der letzteren war sogar einmal Ceremonienmeister in den Tuilerien gewesen. Das Mädchen hieß Angelique und war sehr hübsch. Es war indeß nicht eine hervorstechende Schönheit, welche sie auszeichnete, sondern mehr ein unbefangenes einnehmendes Wesen. Sie hatte ein liebes Gesicht, in welchem sich alle Eindrücke schnell und angenehm ja einschmeichelnd abspiegelten; die Züge desselben waren weich und fein, sie hatte ein Antlitz wie ein Gedicht, und eine überaus schöne sanfte Stimme. Die Herzogin von Angouleme gab sie nach St. Cloud zu einer ältlichen Dame, welche mehrere 19 Mädchen zu ihrer Erziehung bei sich hatte. Wegen ihrer angenehmen Stimme ward sie aber oft nach Paris gefahren, um der Herzogin vorzulesen. Es waren immer ernsthafte, moralische Bücher, welche ihr zu diesem Zwecke gegeben wurden, und die tugendhaften Grundsätze, welche darin ausgedrückt waren, prägten sich während des Lesens treu und schön in Angeliques Gesicht aus. Die Herzogin von Angouleme, eine hohe Frau mit einem Gesicht wie von Marmor und Tugend, saß gewöhnlich auf einem Tabouret in einer Ecke des Zimmers, ihre Hände ruhten still auf ihrem Schooße, weit ringsum in allen Gemächern war es todtenstill, und wenn ein Abschnitt zu Ende war, so winkte sie die Leserin zu sich. Angelique kniete vor ihr nieder, die Herzogin küßte sie auf die Stirn, und entließ sie dann wie eine Mutter mit einigen wohlgemeinten guten Lehren. Wenn Angelique nach Hause fuhr, so machte sie gewöhnlich ein Glasfenster der großen Kutsche auf, obwohl die sie begleitende ältere Dame immer viel dagegen einzuwenden hatte. Mehrere Male begegnete ihr nicht weit von der Barriere ein Reiter auf einem stolzen, großen Rappen, hinter welchem ein sehr reich gallonirter Bediente ritt. Der Reiter hatte ein sehr vornehmes Ansehn, und sah dreist, und wie es schien sehr aufmerksam in den Wagen hinein; später waren seine Blicke sehr freundlich, und 20 er grüßte jedesmal. Eine der Hofdamen, welche allmählig die regelmäßige Begleiterin Angeliques geworden war, kannte ihn, und sagte, es sei der Vicomte v. B., ein sehr wohl gelitt'ner Chevalier bei der Suite der Herzogin von Berry. Eines Nachmittags, als Angelique nach Hause fuhr, war er eine Strecke neben dem Wagen hergeritten, und hatte mit ihr gesprochen. Sie kam ein wenig erregt nach Hause, und eilte schnell nach ihrem Zimmer, um sich umzukleiden, als Madame Berrault, ihre Erzieherin eintrat, und ihr ankündigt, daß ihr »der Herzog« seine Aufwartung machen würde. »Welcher Herzog?« Madame Berrault legte den Finger auf den Mund, umarmte Angelique und sagte ihr, sie sei ein glückliches Mädchen. »Der Herzog« war ein lang gewachsener, junger Mann mit einem sehr gutmüthigen, regelmäßigen Gesicht und einer sehr liebenswürdigen guten Laune. Er schwatzte mit Angelique das drolligste Zeug, sie lachte herzlich mit ihm, und er kam alle Tage wieder. Madame Berrault hatte ihr verboten, der Herzogin etwas davon zu sagen. Als Angelique eines Tages eben mitten in ihrer Vorlesung war, entstand Geräusch in den Nebenzimmern, die Thür flog auf, und die Herzogin von 21 Berry flog in's Zimmer, küßte die Angouleme flüchtig, setzte sich neben sie und winkte Angelique, ruhig fortzufahren. Man habe ihr gesagt, daß sie so schön lese, und sie wolle sich davon überzeugen. Angelique las, es dauerte aber nicht lange, so sprang die Berry wieder auf, sagte: »Schön, charmant,« strich dem erröthenden Mädchen die Haare aus der Stirn und küßte sie auf's Auge. Darauf erbat sie sich von der Angouleme die Erlaubniß, Angelique morgen und je zuweilen bei sich lesen zu lassen. Die Herzogin von Angouleme zögerte mit der Einwilligung, die Berry aber streichelte ihr die Wangen und versicherte: wenn wir auch nicht ganz so ernsthafte Dinge lesen, so sollen sie doch nicht viel weniger ernsthaft sein. Und sie eilte davon. Angelique ward mit vielen guten Lehren entlassen, die sie zur Hälfte verstand, wenn sie an den nebenher reitenden Vicomte und den sie erwartenden »Herzog« dachte. Dieser pflegte sich nämlich immer einzufinden, wenn der Abend kam. Heut war er muntrer als je, und setzte sich auf eine Fußbank neben ihre Füße, und nahm zum ersten Mal ihre Hand und küßte sie, und trommelte ihr leise mit den Fingern auf den kleinen Füßen herum. Angelique schlug ihn auf die Finger, aber als sie sich dabei ein wenig bückte, faßte er sie mit beiden Händen beim Kopfe, und küßte sie munter 22 und herzhaft. Angelique wollte sehr böse werden, aber er setzte sich neben sie, und streichelte ihr die Wangen. – Am andern Tage war sie bei der Herzogin von Berry. Sie befanden sich in einem sehr großen prächtigen Zimmer, die Herzogin war eben von einem Spazierritt gekommen, und saß noch im Reitanzuge, oder lag vielmehr in einem Divan, den Reithut mit den hohen Federn in die Kissen drückend, so daß er sich ihr vorn tief in die Stirn drängte, und das muntre, neapolitanische Gesicht beschattete. Man mußte genau hinsehn, ob die schlanke Figur mit den scharfen Gesichtszügen ohne Schönheit ein Männlein oder ein Fräulein sei. Mit der Reitgerte spielte sie auf dem Tische, vor welchem Angelique ihren Platz hatte, und ihr eine bunte, ausgelassene Novelle las. Mehrere Herren und Damen saßen im Zimmer zerstreut, und flüsterten leise mit einander. Nicht weit von ihr in einer Fensterwölbung stand ein einzelner Herr, Angelique wagte nicht, genau hinzusehen, es schien ihr aber, als sei es der Vicomte. Die Herzogin sprach zuweilen einige Worte in italienischer Sprache zu ihm, welche Angelique nicht genau verstand, da sie der Sprache nicht völlig mächtig war. Allmählig ward die Herzogin still, Angelique las und las bis es dunkel ward, da bemerkte sie erst, daß jene eingeschlafen sei. Sie 23 hielt einen Augenblick inne, die Stimme aus der Fensterwölbung sagte leise » continuez, « – da fuhr die Herzogin in die Höhe, und sagte leise in sich hinein: » perche no - si, perche no « – darauf sich ermunternd, rief sie dem Vicomte in der Fensterwölbung, er möge das Fräulein begleiten, reichte ihr die Hand zum Küssen, klopfte sie leis' auf die Wange und ging in ein andres Gemach. Eh sich Angelique besinnen konnte, hing sie am Arme des Vicomte, fühlte sich sanft gedrückt, hörte sie seidenweiche Worte, war sie in den Wagen gehoben – und der Vicomte saß neben ihr. Er war ein feiner, aber feuriger Mann, der schnell und eiligst siegen wollte. Das erschreckte Angelique, es erbitterte sie, daß sie umsonst versuchte, ihre Hand aus der seinigen zu befreien, sie drohte ihm, sein Betragen »dem Herzoge« mitzutheilen. Man sagte am andern Tage im Salon der Herzogin von Berry, »der Vicomte reüssirte nicht,« und man verwunderte sich. In der ersten Bestürzung hatte Angelique dem sie erwartenden »Herzog« Alles erzählt; er hatte sie fest in seine Arme geschlossen, und sie hatte sich zum ersten Male wie schutzbedürftig seiner Umarmung hingegeben. Am andern Tage erschien auf Angeliques Zimmer Madame Berrault, ein Priester, ein ihr 24 unbekannter Mann als Zeuge und »der Herzog.« Angelique hatte ein schönes weiß seidnes Kleid bekommen, das trug sie heut, und die fliegenden Haare hatte man ihr künstlich in die Höhe und in einen Myrthenzweig hineingeflochten, und sie zeigte zum ersten Male ihre weiße Brust und die weißen Schultern halb entblößt und sah schaamroth aber bezaubernd dazu aus. Der Priester aber hielt eine kurze Rede, und erklärte, daß er berufen sei, das Fräulein mit dem Herrn »Herzog« zu kopuliren. Er war noch mitten im Sprechen, da hörte man Reiter und Wagen eilig in dem Hofe ankommen, stürmische, klirrende Tritte kamen die Treppe herauf, – der Priester hielt inne. Madame Berrault ging an die Thür und schob den Riegel vor, dann faltete sie von Neuem die Hände und ersuchte den Priester, die heilige Handlung zu vollenden. Der Priester zögerte; es wurde an der Thür gerüttelt, man hörte eine donnernde Stimme: Im Namen des Königs öffnet, es geschieht ein Betrug – Angelique erkannte mit Beben diese Stimme, sie bat mit flehendem Auge den Priester, zu endigen, und in halber Zerstreuung vollendete dieser den Aktus, mit seinen geist-weltlichen Augen in den bittenden Angeliques ruhend. Neuer Sturm an der Thür, welche gesprengt wird, Madam Berrault wirft Angelique einen Mantel über, »der Herzog« nimmt sie bei der Hand und 25 entweicht mit ihr durch ein Nebenzimmer, was er innen verschließt. Darauf öffnet die Berrault die eben weichende Thür, und fragt den mit Bewaffneten hereinstürmenden Vicomte, was ihm zu Dienst sei. »»Wo ist der sogenannte Herzog?«« »Mein Herr Vicomte, Sie lästern die Todten: mein erster Gatte liegt auf dem père la Chaise , und hieß vor aller Welt mit seinem rechtmäßigen Namen Msr. le Duc .« Angelique lebte in der Gegend von Orleans, beinahe ein Jahr lang still und ruhig mit ihrem Gatten auf einem einsamen Landhause. Da fragte sie ihn eines Tages, ob denn der Vicomte noch immer in Paris sei, und ob der Herr Herzog nicht bald nach Hofe zurückkehren werden. Ihr Gatte entgegnete, das solle in nächster Woche geschehen, der Vicomte sei nach Griechenland gegangen, und seine, des Gatten, Mutter habe ihm eine angenehme Stellung im Dienste der Herzogin von Angouleme verschafft. In den Tuilerien erfuhr die sanfte Angelique, daß sie Madame le Duc, aber nicht Madame la Duchesse sei, und da sie gar nicht ehrgeizig war, so wunderte sie sich nicht lange, aber sie fing an, öfters und weniger furchtsam an den Vicomte zu denken, als man ihr erzählte, er habe aus unglücklicher Liebe zu ihr Frankreich verlassen. Wie man Frankreich 26 verlassen könne, war ihr lange unbegreiflich; je länger sie darüber nachdachte, desto stiller wurde sie. Einst ging sie gegen Abend mit mehreren Hofdamen spaziren, und eine der Damen erzählte, daß der Vicomte in Athen lebe, und alle Abende zwischen den Säulen eines alten Tempels mit einer wunderschönen Griechin sitze, welche ihm oft die Hand küsse. Der Vicomte stünde zu wiederholten Malen auf, lehnte sein Haupt tief in den Lorbeer, welcher sich an einer hohen Marmorsäule emporranke, sehe nach Norden und seufze. Darauf stehe auch die Griechin auf, streichle ihm liebkosend die Wangen, und führe ihn still in das Oelbaumgehölz, das in der Nähe sei. Die Herzogin von Angouleme, welcher Angelique jetzt wieder vorlas, fragte sie oft, warum ihre Augen so trüb seien, ihr Herzog mache sie ja doch nicht weinen. Angelique küßte ihr heiß die Hand, und fuhr mit dem Taschentuche über die Augen. Um jene Zeit ward es sehr unruhig in den Tuilerien, und ein Paar Tage darauf waren in Paris die drei Farben wieder Mode, Angelique aber floh mit der königlichen Familie aus Frankreich, und erfuhr erst in Schottland, daß ihr stiller »Herzog« im Louvre erschossen worden sei. 27 Es war auf der Deligence zwischen Eger und Amberg Nacht geworden, und als wir auf die Station kamen, hatte Alles Hunger und Durst; Madame le Duc wollte verschmachten. Der Vicomte war untröstlich, daß im Posthause, einer gewöhnlichen Kneipe, Alles schlief. Eigenhändig weckten wir eine mit bairischem Bier festschlafende Magd, und auf dem Kaminheerde ward ein großes Feuer gemacht. Da saß die liebenswürdige Französin, und wärmte sich, der Starost mit dem dunkeln asiatischen Gesicht stand nicht weit von ihr im hellen Scheine des Feuers, der Vicomte stand in ihrem Anschaun verloren vor ihr, und seine ganze wilde Karlistenseele lag in seinem Auge, und mit dem Auge auf den Blicken der holden Angelique, die sinnend in's Feuer fielen. Als ihre Hände warm geworden waren, reichte sie die eine dem Vicomte, und sah ihn mit jenem mädchenhaft, sanft fragenden Blicke aus St. Cloud an, und fragte nach der schönen Griechin. O, wie betheuerte er, – und ich freute mich, endlich daran glauben zu dürfen, daß sie eine Französin sei, denn sie seufzte nicht, sondern gab ihm einen leichten Backenstreich. Es war gegen Mitternacht; dennoch trat ein Soldat ein, und verlangte unsre Pässe. Da er nur mit Mühe die teutschen entzifferte, so hatte er nicht übel Lust, die ihm stockfremden französischen bis zum 28 Morgen zurückzubehalten, obwohl die Post in einer halben Stunde weiter ging. Mit solider Entschlossenheit nur brachten wir ihn von diesem polizeigemäßen Vorsatze ab; denn er behauptete steif und fest, Teutschland, und besonders Baiern sei nicht recht in Ordnung, und Niemand als die Franzosen seien Schuld daran. In einem gut bairischen Wirthshause ist nichts als Bier zu haben, die schläfrige Magd kochte uns also brummend ein Warmbier, und wir aßen schwarzes, trocknes Brot dazu. Jetzt ward der Vicomte in's Innere des Wagens gelassen, und er erzählte und sprach noch mehrere Stunden, es war Niemand schläfrig, und er war artig wie ein seidner Handschuh gegen seine wiedergefundene Herzogin, die glücklich befreite Witwe des Sohns der Madame Berrault. Er war viel gereis't und erzählte von den fremden Sprachen, wie von wunderlichen fremden Mädchen, aber das Neugriechische mit dem melancholischen i war immer die Favorite. Madame machte ihm das lebhaft zum Vorwurfe. Wer weiß es, wie die Römer und Griechen ihre Worte ausgesprochen haben, und man sollte eigentlich glauben, die romanischen Völker sollten namentlich das Römische am richtigsten aussprechen, aber die Subjectivität der französischen Aussprache geht bis in's Lächerliche. 29 Wir Teutsche sprechen die klassischen Sprachen zwar auch teutsch, aber unsre Pronunciation ist an und für sich einfacher, ich behauptete darum, wir sprächen am richtigsten Latein und die Engländer am richtigsten Griechisch, denn das th und die Vorliebe für halbe Vokale theilen auch die jetzigen Griechen mit den Britten, und der Engländer wird mit seinem Altgriechischen am Ersten von den jetzigen Hellenen verstanden. Das erhitzte den Vicomte sehr, und ich mußte den Herrn Professor Zumpt in Berlin vielfach gegen ihn zu Hilfe rufen. Es ist aber wirklich nothwendig gewesen, das Verdienst Ludwigs XIV. das Französische zur allgemein verständlichen Weltsprache zu machen, denn das französische und englische Latein und Griechisch ist ein uns völlig unverständliches Idiom. Der Vicomte behauptete übrigens, die europäischen Sprachen wären alle durch eine engere oder weitläufigere Verwandtschaft verbunden, nur die Ungarn und Finnen gehörten gar nicht zu dieser Familie. Finnland war meine schwache Seite, ich erwiederte nur, die Franzosen brächten durch ihr leidenschaftliches Klassifiziren viel Uebersicht, aber auch viel Irrthum in die Wissenschaft. Es kommt ihnen auf einen kleinen Fehler nicht an, wenn der Ausspruch nur rund und imposant klingt. Sie sind die Rhetoriker in der Weltgeschichte. 30 Durch die wechselvollen Schicksale Frankreichs sind alle Parteien genöthigt worden, unter fremde Leute zu gehn, und ihrer Vernunft haben sich viel kosmopolitische Begriffe aufgedrängt, aber das Herz eines Karlisten ist altfranzösisch geblieben mit allem äußeren, geschmeidigen Wohlwollen und aller brutalen Eitelkeit eines Altfranzosen. Er hält seine kurze, fertige Sprache, die einen einzigen, glänzenden, purpurverbrämten Anzug hat, diese arme Sprache, welche nicht einmal doppelte Leibwäsche besitzt, die Jahrzehnd um Jahrzehnd mit demselben verblichenen Purpur, denselben abgegriffenen Franzen kokettiren muß, er hält diese unglückliche Präsentirteller-Sprache für die schönste, er spricht vom Corneille noch heute: Oh, si noble , nennt den Shakespeare einen trivialen Barbaren, Fenelon und Bossuet Muster für Politiker, die Sprache des neuen Frankreich, Victor Hugo's und seiner Genossen vandalisch. Es giebt sehr viel hergebrachte Begriffe in der Charakteristik von Ländern, Völkern, Klassen, die wie Buchstaben von Einem zum Andern übergehen, Schema werden. Sie ändern sich nicht, auch wenn sich die Dinge geändert haben. Ich glaubte, dahin gehöre auch die Schilderung eines Karlisten, und ich war überzeugt, die nachlässige neue Partei übertreibe bei Darstellung des Alten. Aber der Vicomte, ein noch junger, sehr erfahrner, unterrichteter Mann, 31 war bis in's innerste Herz ein alter Karlist, und wenn man ihn reizte und solchergestalt einen seiner schwachen Momente herbeiführte, so kam die ganze, alte frank-royalistische Bestialität zum Vorschein. Er hätte in Paris die Schriften der Romantiker verboten, damit das Altfranzösische nicht darunter litte, er war voll Muth bis auf's Blut zu kämpfen, für seinen Glauben zornig zu sterben, aber er hatte nicht den kleinsten Muth, etwas gründlich Neues zu denken, er war streng aus dem unfruchtbar gewordnen Leibe der gebärmüden trojanischen Hekuba. In ganz Frankreich haßte er Niemand mehr als Ludwig Philipp, die Republikaner behandelte er wie Engel neben jenem. Wer allen Leuten das Geld abgewinnt, den hassen alle Spieler. Es ist merkwürdig, welch' ein Faible die Karlisten für den Napoleon-Journalisten, für Armand Carrel , den Redacteur des National, haben. Sie verehren in ihm den gefährlichsten Feind des jetzigen Königs, und den Sprößling einer nobeln Karlistischen Erziehung. Carrel ist nämlich unter der Fürsorge eines Grafen Chasel in der Provence aufgezogen worden, und alle Karlisten nehmen darum ein großes Interesse an ihm. Seine feinen Manieren, seine delicate, edle Schreibart, sein von aller Sanskülotterie entfernter Republikanismus, sein durchdringender, gebietender Seigneurverstand, Alles 32 das, was ihn den Parteien so gefürchtet macht, nennen sie karlistischen Ursprungs, und als ich den Vicomte fragte, ob Carrel vielleicht gar ein versteckter kluger Carlist sei, schwieg er hartnäckig still. Diese Idee ist ungefähr so geistreich wie die Vermuthung eines Berliner Polizeiraths, daß Caspar Hauser ein Betrüger sei. Ein Herr von Lang hat diese Idee so glänzend ausgebildet, daß er die Meinung drucken ließ, Caspar Hauser habe sich am Ende selbst todtgestochen, um seinen Betrug recht auffallend glaublich zu machen. Es war in diesem Baierlande, wo jener romanhaft unglückliche Knabe an's Licht des Tages kam –; jetzt, da ich dies schreibe, laufen erschreckliche Gerüchte wie heulende, blutdürstige Thiere der Wüste im Lande herum, und je mehr man sie zu unterdrücken trachtet, zu desto wilderen Volksmährchen werden sie ausarten, und ein gut Theil der annoch bestehenden Religion verschlingen. Die Geschichte hat ein Einsehn, und will dem armen Caspar wenigstens einen historischen Namen sichern für sein fabelhaftes Unglück. Auch Carrel hat sich einen scharfen, kalten Karlistendegen in den Leib stoßen lassen, um seine Rolle wahrscheinlich zu machen, der feine, geistreiche Mann, der nicht nur ein Herz voll Muth, sondern auch einen Kopf voll Muth besitzt, siecht dahin unter einer altfranzösischen Wunde, und wenn sein Leib 33 verkümmern, und am Ende das muthige edle Herz brechen wird von jener karlistischen nackten Zudringlichkeit, so werden sie sein Andenken noch beflecken mit der plumpen Verläumdung, er sei ein versteckter Karlist gewesen. Denn sie werden es noch lange nicht begreifen, daß man ein demokratisches Herz und doch aristokratische Augen und glatte, reine Hände und Sitte und Grazie in Worten und Gliedmaaßen haben könne. Solche Dinge sagte ich dem Vicomte, und ich sagte ihm, daß sie Frankreichs neuestem Edelmann und der Adelsschönheiten letztem Retter und dem jüngsten Napoleon in Armand Carrel, dem Redacteur des National, den Degen in den Leib gerannt hätten, und daß ihre Heldenthaten dumme Streiche seien. Er ward sehr heftig trotz Angeliques Beschwichtigungen, denn die Politik geht dem Franzosen auch über die Liebe; aber Angelique war sehr liebenswürdig dabei. Sie war Karlistin, weil sie als solche aufgewachsen sei, der Karlismus war ihr Vater und Mutter, sie liebte ihn, ohne zu fragen, wie er aussähe. Daß ich Recht haben könnte, stellte sie gar nicht in Abrede, sie habe aber auch Recht, obwohl sie nicht wüßte, warum. Allmählig machte der Schlaf seine Rechte geltend, und all' die Dinge, welche die Menschen 34 trennen, sanken in Staub und Asche vor der Menschlichkeit. Als wir erwachten, hielt der Wagen zu Amberg auf dem Markte, und Alles um uns war Baiern. Es ist unglaublich, wie dieses Völkchen in sich abgeschlossen und fertig und beschränkt ist; wenn sie was sprechen, so betrifft es immer Baiern, und sie sind eigentlich ganz verwundert, daß hinter den Bergen auch Leute wohnen. Sie sind eine streng bairische Nation, und ihr Nationalheiligthum, ihr vaterländischer Mittelpunkt ist das Bier. Wenn der Baier in Bengalen das Heimweh empfindet, so ist das nichts als Durst, Durst nach bairischem Biere. Dieses Bier hat allen kosmopolitischen Fortschritt ausgehalten, alle Welt ist ihnen gleichgültig, denn sie sind durstige Materialisten, und der Durst ist ihnen die erste und letzte Aeußerung der Kultur. Wenn die Studenten und mit ihnen die letzten Reste des allen Germanenthums, die Trinkgelage, von denen Tacitus erzählt, zu Grunde gehn, so wird immer noch Baierland die letzte Studentenkneipe repräsentiren, wo man trinkt, absolut trinkt, an sich trinkt, wo man trinkt, bloß um zu trinken ohne störende Nebenzwecke. Dieser Materialismus liegt wie das Meklenburgische Wappen mit untergestützten Armen faul und feist auf den Gesichtern, er glänzt von den fetten Backen, den wohl genährten Backenbärten, er liegt 35 wie ein dämmernder Schlaf auf den Bewohnern. Es ist ein gutes, starkes Volk mit starken Knochen und vollen Herzen, aber es hat seine höheren Thätigkeiten abgestumpft, jede Begeisterung ist abgedämpft und äußert sich höchstens noch als Grobheit, die Zunge und die Wünsche sind schwer und träg und schleppend geworden, das Land ist fleischig, und seine Sehnen sind dick und stark, aber die elastische Geschmeidigkeit, welche schnellt und schafft, sie ist nicht mehr zu finden, die Frische, die Jugend, das Grün, der Frühling – Alles ist mit Bier überfluthet. Man ist nicht mehr keusch nüchtern, ein steter Dämmer webt um die gläsernen Augen, und die frischen, thauigen nüchternen Morgenstunden sind's, in denen die Völker ihre historischen Gedanken und Vorsätze empfangen. Ich bemerke hierbei für viele andre Fälle, daß auf dergleichen Charakteristiken nicht mehr zu geben ist, als man auf Anschauungen zu geben pflegt. Man muß die Einseitigkeit des Individuums dabei nicht vergessen. Es geht in solchen Dingen wie in der Medizin, wo einzelne Fälle leider nur zu oft ein ganzes Verfahren, ein Gesetz erzeugen. Nationen sind reich an Millionen von Richtungen, der Beobachter experimentirt, einen Durchmesser dieser Richtungen zu finden, und er hat doch nur zwei Augen, und er hat doch nur eine Auffassungsgabe, nämlich die seine. 36 Man muß also auf solche Worte sich eben so wenig verlassen, als man sich auf den zärtlichen Blick einer Kokette verlassen darf, ein Reisebeschreiber muß aber mit den Gegenständen kokettiren, da er nicht immer und Alles wirklich lieben kann, da einem Liebesblicke sich mehr öffnet als einem gleichgültigen. An der Westgränze Baierns hinab äußert sich auch diese Nation schon ganz anders, da wächst schon die Rebe statt des charakterlosen langgereckten Hopfens, und aus dem Weine steigen die Geister, aus dem Biere die Gnomen. Wir saßen in einem großen Zimmer am Markte zu Amberg, und frühstückten. Draußen ritten bairische Reiter zum Exerciren vorüber, innen ging Karlismus und Politik im warmen Kaffee unter, wir waren nicht kriegslustig, sondern hungrig und es war Alles sehr schön in der Welt. Da schlug plötzlich die Nachricht wie ein Donnerwetter ein, daß die Tour Angeliques hier von Amberg abginge gen Nürnberg, nun war die Verwirrung der Gefühle groß, keiner wußte, wie viel er davon entfesseln sollte. Auch Angelique hatte die Unbefangenheit verloren, ich glaube, das verwitwete Mädchen wußte es jetzt noch nicht genau, wie sie gesinnt sei gegen den Vicomte. Und der Vicomte wußte erst gar nicht, wohinaus; er faßte hastig an alle Taschen, an 37 Kopf und Hals, an Kragen und Flügel seines Rocks, als suche er das, was Noth thue. Ich sah's ihm an, die karlistische Pflicht rief ihn nach München, und er dachte selbst an keine Rettung. Bei solchen Gelegenheiten beschäftigt man sich in der Angst des Scheidens am ersten mit den unbedeutenderen Personen: Angelique nahm weitläufigen Abschied vom Starost und von mir. Aus ihrem großen Pompadour zog sie eine grün und weiße Karlistenkravatte, die schenkte sie mir zum Andenken, ich zog als Erwiderung ein Buch aus der Manteltasche des Starosten, und bat sie, selbiges von mir anzunehmen, und es in Paris übersetzen zu lassen, es würde die Bourbonen wieder glücklich machen. Erst später bemerkte der Starost, daß ihm ein Band von Börnes Briefen fehlte. Und nun versprachen wir einander noch, nämlich Angelique und ich, wir wollten einander schreiben, aber ganz gewiß und recht Viel. Als sie fort war, fiel mir der Uebelstand ein, daß sie meinen Namen nicht wußte; und daß wir unsre beiderseitigen Reiserouten und die späteren wahrscheinlichen Aufenthaltsorte nicht kannten. Sie hatte mir die Hand gegeben, und dann hatte sie der Vicomte hinausgeführt an den Nürnberger Postwagen. Zum Sprechen war nicht mehr viel Zeit übrig geblieben, und sie hatten gewiß das Beste 38 vergessen; ich habe nie erfahren, was sie damals mit einander gesprochen haben, ob über auswärtige oder innere Angelegenheiten. Aber es war mir wehmüthig und leer zu Muthe, als der große Wagen mit Angelique um die Ecke fuhr, und verschwand. Gleich neben dem Gasthause in Amberg ist die Kirche – da ging ich hin, um auf andre Gedanken zu kommen. Es gelang mir wohl auch, denn es beteten lauter alte Weiber, die nicht mehr zum Sündigen taugten, und es hingen die Bilder von lauter geschundenen, gerösteten und gesottenen Heiligen an den Wänden. So kam ich auf andre, wenn auch nicht bessere Gedanken. Für Kunstkenner, welche ihren Kenntnissen zu Liebe reisen, bemerke ich, daß der heilige Sebastian auf dem Altarblatte in den Reisebeschreibungen und bei den Ambergern eine große Renommée hat. Es passirte ihm und mir das Unangenehme, daß wir uns nicht für einander interessirten. In Leipzig und Magdeburg würde übrigens solch' ein nackter Sebastian wegen der Keuschheit und Moralität nicht geduldet: es müßten ihm wenigstens ein Paar Pantalons angezogen werden. Die nackten Bilder in den katholischen Kirchen sind übrigens sehr wichtig geworden für die Fortpflanzung des Menschengeschlechts, solch' ein heiliger Sebastian hat manches illegitime Genie Ambergs zu vertreten. Ich fühle 39 immer ein tiefes Mitleid, wenn ich solche Bilder in Nonnenklöstern sehe und an die unglücklichen Augen der armen Nonnen denke. Die Bilder in den katholischen Kirchen sind sehr wichtig für die Kultur- und Literaturgeschichte; es gäb' auch viel weniger Romane ohne sie. 40     Regensburg. Der Weg geht durch flache Thäler und stumpfe steinige Berge fort; das Land sieht indifferent aus, ohne besondern Fleiß, die Leute geben sich nicht viel damit ab, sondern halten sich mehr in den Bierstuben auf. Auch der niedrige Böhmerwald bildet nur einen matten Seitengrund. Aber man merkt es, daß man mehr nach dem eigentlichen alten teutschen Reiche kommt, hier und da erblickt man ein verfallen Schloß, und die Dörfer werden immer seltner, die Einwohner haben sich zum Schutze vor den straßenräuberischen Edelleuten, hinter die Mauern kleiner Städte gezogen; von da aus treiben sie auch den Ackerbau. Der Trotz gegen das Feudalthum beginnt. So wie man an den Regen, einen artigen Fluß, kommt, gewinnt das Land ein etwas weicheres Ansehn. Der Regen soll ein alter Bojoarier gewesen sein, welcher sich weit umher das Land unterworfen hat. Als er weiter vorgedrungen ist, hat man ihn 41 überredet, sich taufen zu lassen, und zum Gedächtniß an diesen Aktus hat er das Städtchen Regenstauf erbauet, durch welches wir passirten. Er ist aber noch weiter hineingezogen in's Land und hat sich eine große Residenz angelegt, und hat sie nach seinem Namen Regensburg genannt. Der Name ist geblieben, aber seine Herrschaft ist verschlungen worden von einem größeren Eroberer, der von Süden her gekommen ist. Dieser hat von des Regens stolzer Burg gehört, und ist mit all' seinen Mannen ein Stück nördlich gezogen, obwohl er sonst den Norden nicht geliebt, hat sich den Regen sammt seiner Herrschaft unterworfen, und sich dann stolz wieder nach Süden gewendet. Dieser Herrscher aus Süden hieß aber Danubius. Als die Römer in's Land kamen, gab es in Teutschland sehr viel Regenwetter, und als später der heilige Bonifacius mit dem Christenthume kam, da wurde überall getauft, und das Wasser wurde mächtig, so sind allmählig alle die alten Herrscher in Flüsse verwandelt worden, und man hat ihre Macht durch Ufer und Eisböcke und Brücken und Wehre gebrochen. Nur wenn der Frühling und der Sommer kommt, da schwillt ihnen in der warmen Sonne gewöhnlich das Herz noch einmal auf von ihrer alten starken Herrlichkeit, und sie sprengen die Ufer und Brücken und versuchen eine Emeute, zu einer Revolution können sie es aber nicht mehr bringen. 42 Solch' eine Emeute war eben im Beginn, als wir bei Regensburg an den Danubius kamen, dessen Zorn man mit dem weichen Vokalnamen Donau zu beschwichtigen gesucht hat. Grimmig schlug er seine grünen Locken an die Pfeiler der massiven Brücke, aber der alte Held ist der Kinder Spott geworden. Ein bairischer Minister fuhr rasch mit vier Pferden drüber hin, und ignorirte ihn völlig. Wie ein auf einander gethürmter Haufe von Häusern und Thürmen sieht die alte Reichsstadt aus, und als ich in die engen, winkligen Straßen fuhr, da dacht' ich an die Einzüge der Fürsten und Herren zu den Reichstagen, an ihre Fähnlein und ihre Schnurrbärte, und an die ganze mediatisirte Herrlichkeit, deren breiter Wahlplatz das westliche und südliche Teutschland ist. Da die Reaction vom Jahre 1833 so glücklich von Statten gegangen ist, so haben diese alten Reichsperücken auch wieder zu wackeln angefangen, und sie singen wieder ihre schlecht stilisirten verschollenen reichsfreiherrlichen Unkenlieder in der Allgemeinen Zeitung, und wollen privatim Gesandte zu den Kongressen schicken. Aber sie sind ein kläglich Fahrzeug zwischen der Scylla und Charybdis, nicht das Volk, nicht die Fürsten wollen die Herrschaft mit ihnen theilen. Seit Ludwig XIV. haben die Fürsten jene unbequemen Vasallenrechte in Vergessenheit gebracht, und die Mediatisirung der kleinen Souveraine 43 auf dem Wiener Kongresse war nicht der kleinste Sieg der größeren Souveraine. Seit der Herrentragischen vierten Augustnacht zu Paris sind sie auch bei der andern Partei mit der Todesstrafe belegt – sie sind der einzige unglückliche Punkt, über dessen Begräbniß die Fürsten und Völker eines Sinnes bleiben. – Es war schon gegen Abend, als ich nach Regensburg kam, und ich eilte gleich von dem Postwagen nach dem Dome der jetzt die größte Merkwürdigkeit von Regensburg ist. Reell sah er mich an mit seinen hohen steinernen Mauern und Pfeilern. Man kommt sich ärgerlich klein vor im Angesichte eines solchen mittelalterlichen schweigenden Gebäudes. Aecht christlich, zur Demuth niederbeugend, ist der Anblick der alten Dome. Sie sind so breit und massiv und ohne alle moderne Renommisterei, daß man ihre lastende, gebieterische Größe und Gewalt erst empfindet, wenn man dicht vor ihnen steht. Lauter kleine Einschnitte und Vertiefungen strecken sich unendlich lang an der Facade in die Höhe, und in kleinen Nischen unter zierlichen gezackten Schutzdächern stehen putzige Könige und Frauen und Bischöfe, die in der Nähe ganz artig groß sein mögen. Krauser als die Wellen des Meeres laufen die mannigfachen steinernen Schnörkel bis an den Giebel hinauf, wie die tausend kleinen Gesetze und Verbote des Christenthums – man sieht solch' einem Dome die ganze Muße des Mittelalters an, wo ein einziger Mensch sein halbes 44 Leben an solch' einem kleinen steinernen Bischofe, an solch' einer Reihe Schnörkel arbeiten mochte, die man beide niemals in der Nähe sah. Drinnen im Dome war es schon mittelalterlich dunkel, und ich glaubte die langen und langweiligen Gesichter und Gestalten der alten Reichstage in den Seitengängen hin und herziehn zu sehn. Die blau und roth gemalten Fenster fielen wie matter, romantischer Karfunkel in das hohe Schiff der Kirche, ich dachte an des Ofterdingens »blaue Blume« und setzte mich auf eine steinerne Stufe. Es muß doch auch schön gewesen sein damals, wo man nichts zu denken brauchte, sondern so träumerisch vor sich hin lebte, und sanfte Mädchen mit niedergeschlagenen Augen küßte, und schwermüthige, wellenweiche Lieder summte, und wo es keine Polizei und keine Recensenten gab. Wenn Einem die Poesie ausging, da trat er in solch' einen Dom, denn solch' ein hoher Dom ist ein himmelhoher poetischer Gedanke, vor dem man sich beugt, wenn man bedenkt, daß die Menschen oft ein halb Jahrhundert diesen einen, einzigen Gedanken haben mußten, um ihn fertig zu bauen. Welche Erhabenheit in dieser Armuth – und in diesen Worten liegt ein Mittelalter. Neben mir war ein unermeßlich tiefer Brunnen, grundlos tief wie die Gnade; der enthielt lauter heiliges Wasser. Hier konnten, gleich einer ganzen Heerde, die Sünden abgeschwemmt 45 werden. Die guten Schäflein; man möchte lächeln, wenn es die Rührung zuließe. Alles ringsum war Stein – und wenn draußen an der Donau der Eine dem Andern den Schädel eingeschlagen, und wenn er den nun unnützen Körper in's Wasser gestoßen hatte, so ging er hierher in den Dom, und nach einigen steinernen Stoßgebeten war's so gut, als ob nichts geschehen sei. Wahrlich, die katholische Religion ist die größte Künstlerin, ihre Theater, das sind die Dome, sind an Effekt noch unübertroffen. Ich setzte mich auf eine Altarstufe und stützte mein Haupt in die Hand, und ließ es weben und schweben und träumen und fliegen in mir mit blau roth und gelben Farben in der geheimnißvollen steinernen Stille. Der Starost ging sporenklirrend scheußlich modern an mir vorüber, und warf die entsetzliche Aeußerung hin, es ennüyire ihn, daß er hier keine Cigarre rauchen dürfe. Der Mensch kam mir wie ein Druckfehler vor; es ist ein Vergehen, in einem Dome das Wort »ennüyiren« auszusprechen, es ist ein Verbrechen, nach einer sündhaften Cigarre zu verlangen. Ich verabscheute den Heiden und ging weiter, und versank immer tiefer und tiefer in das Dunkelblau des Ritterthums, aus welchem geheimnißvoll die blanken Rüstungen glänzten, und die langen weißen mysteriösen Frauengewänder schimmerten; ich hörte hoch in der Luft die ernste, heilige Glocke 46 summen – Maria, o lateinische Maria, wo bleibst Du, sagte ich halb singend vor mich hin. Da fühlte ich wirklich eine weiche Hand auf meinem Haupte, und hörte die Worte: Stehen Sie auf vom Altar, der Vater läutet die Vesperglocke. Bist Du's wirklich, Maria – »Ja,« sprach das Echo. Es war ganz dunkel im Dom, ich faßte ihre Hand, und mein Herz segelte im Schiff der Kirche mit Liebesgedanken umher. »Bitte, stehen Sie auf,« sagte Maria, »die Leute kommen zur Vesper.« – Warum, entgegnete ich, warum, Maria, sprichst Du in solch' feierlichem Augenblicke nicht »Du« zu mir? Ach, darauf erwiderte mir das katholische Mädchen, sie heiße gar nicht Maria, sondern Veronica, und sie kenne mich nicht, deshalb dürfe sie mich nicht dutzen. O, Novalis mit der »blauen Blume;« es war ein ordinaires Mädchen, was ein Trinkgeld dafür haben wollte, daß sie mich statt des Küsters geweckt hatte, was mich in aller Eile darauf aufmerksam machte, daß die Orgel von Holz sei, und die gemalten Fenster zum Theil ganz neu von München gekommen wären. Dieses Mädchen kostete mich ein Trinkgeld und eine Stunde Mittelalter, und jetzt sagte ich selbst zum Starost: Lassen Sie uns eine heidnische Cigarre rauchen, das Mittelalter ist undankbar. 47 – Wir suchten uns das Rathhaus, wo die Reichstage gehalten worden sind. Durch schiefe, kleine Gassen, eng wie Korridore, kommt man hin, und wenn man vor'm Rathhause steht, so fragt man einen Vorübergehenden, wo das Rathhaus sei, in welchem die großen Reichstage gehalten worden sind. Es ist nämlich ein kleines verschobenes Gebäude mit grämlich verzogenen Fenstern. Die Alten brauchten wenig Raum zum Reden, ein Wort und drei Thaten, und das nennt man thatsächlich, jetzt heißt's: drei Worte und noch keine That, und das nennt man civilisirt. Die rohe That tritt allerdings immer mehr zurück bei der Civilisation. Aber es ist die Sorge, welche den Schriftstellern obliegt, daß die schnelle, schöne, frische That nicht vergessen werde. Uebrigens denkt man sich die Römer und die Ritter und die alten Städte so ungeheuer, und irrt sehr. Weil sie weit entfernt sind, vergrößert man sie ungebührlich, denn die Entfernung der Zeit wirkt entgegengesetzt von der Entfernung des Raumes: eine entfernte Zeit macht groß, ein entfernter Raum klein. Die großen Rüstungen, welche man der Rarität halber aufbewahrt hat, die Heldengedichte und die Romanschreiber haben auch das Ihrige gethan. Man klagt jetzt darüber, daß wir keine Heldengedichte haben, Heldengedichte hat nur eine uncivilisirte oder halbcivilisirte Nation. Mit den ausgebildeten 48 Fähigkeiten schwinden die Wunder. Eine beginnende Poesie bedarf aber der großen Massen, der kolossalen Formen, der Uebertreibung; daher haben wir so thurmhohe Vorfahren erhalten, und den Romanschreibern ist alles Excentrische willkommen: je größer der Ruprecht, desto mehr erschrecken die Kinder. So sind wir zu der Idee von riesenhaften Menschen gekommen, welche vor uns gelebt haben. Ein breit geharnischter, kolossaler Ritter, wie er uns geschildert wird, kann wahrlich manche Straße Regensburgs gar nicht passiren. Indeß darf das Abläugnen jener großen Körper nicht allzu weit getrieben werden: Wie wir den Geist pflegen, so pflegten sie damals den Körper, und Dummheit macht groß und stark, der Leib ist ein Feind des Geistes, lehrt schon das Christenthum; wer wenig denkt, isst viel. Ferner lebten die Leute einfacher, und aßen keine komplicirten Speisen voll Gewürz und Erschlaffung. Roland wäre nicht Roland geworden, hätte er viel Gänselebern von Straßburg verspeis't. Ein altes Hautrelief am Regensburger Rathhause wird allen Fremden gewiesen. Ein ungarischer Ritter und ein verurtheilter Bürger werden dargestellt. Der Ritter ist geharnischt, und der Bürger nur mit einer Keule bewehrt, schlägt aber den Ritter todt. Das 49 Gebilde versinnlicht den alten Reichsbürgerstolz, welcher der erste Kämpe war gegen den Adel. In der Regens-Burg ließen wir auch den Regen gefangen zurück, und bei einer schimmernd hereinbrechenden Nacht fuhren wir hinauf gen Landshut und München. Die Straße gilt nicht für ganz sicher, und ein bis an die Zähne bewaffneter Soldat setzte sich auf den Vordersitz neben den Kondukteur. Es waren aber im Innern nur zwei schmale Plätze, und der Vicomte mußte sich auf uns setzen. Nicht der revolutionairste Lärm erschütterte den Kondukteur, einen gleichmüthigen Baier. Es war eine Höllenstation, und ich betete inbrünstig den Herrn v. Nagler an. Der Vicomte klapperte vor Grimm und Kälte, und wünschte nichts als einen französischen Degen. Als der Kondukteur bei der nächsten Station abstieg, nahm der Vicomte seinen Platz ein, und sagte dem opponirenden Kondukteur, er werde ihm den Schädel einschlagen, sonst sagte er aber nichts, wie viel auch jener sprach. Nun ward der Soldat oben auf's Verdeck postirt, und dort nahm er sich gut chinesisch aus. Die knirschenden Feinde saßen aber jetzt nebeneinander, und haßten sich schweigend; ja sie schliefen voll Haß nebeneinander. Es war ein schöner Morgen, als wir nach Landshut kamen, und der mädchenschlanke, himmelhohe Thurm mit dem pfeilhoch fliegenden Dome unter 50 sich lachte uns weiß und roth in der Morgensonne entgegen wie eine lustige Himmelsfee. Das ist der Dom einer schönen Religion, schlank wie weiße Mädchenarme streckt er seine hohen, hohen Pfeiler zum Himmel auf, der Tag flog wie ein Freudengedicht im hüpfenden Sonnenscheine von der kühnen, graziösen Kuppel herab auf die Menschengesichter, die ganze freie, luftige Kirche athmete Muth, lustige Kühnheit, fröhlichen Flug nach dem blauen Himmel, wo das Glück und die Schönheit wohnt. Dies auffliegende Haus, diesen himmelan rennenden Thurm hat ein fröhlicher Christ erbaut. Es ist einer der höchsten Thürme und Dome in Teutschland, und im gegenüberliegenden Gasthofe, wo ich ihn im Auge hatte, schmeckte mir das Frühstück vortrefflich. Solch' eine Baukunst erzeugt Kourage, man sieht's an diesem Wagniß, daß wir kleine Götter sein können, und daß wir mit dieser Kunst dem schaffenden Gotte am nächsten kommen. Mit dem babylonischen Thurme haben die Heiden sicherlich einen Weg in den Himmel erbauen wollen, der Egoismus nur, der Vater des Zanks und des Krieges, hat das Unternehmen gestört; sonst wären wir vielleicht jetzt schon bis zu einem hohen Sterne vorgedrungen. – – Der Lärm, der von München herunterkam, als wir weiter fuhren, wurde immer größer und tobender, die Isar war aus ihrem Bett gesprungen, 51 und sprang über die Felder und Landstraßen. Todtes und halbtodtes Wild kam dahergeschwommen, rasche Hirsche, furchtsame Hasen, sogar schlaue Füchse in Menge. Es war, als bräche die Sündfluth über die bairischen Biersünden und sonstigen Sünden herein. Wir fuhren immer tief im Wasser, und mußten endlich auf die Augsburger Straße ablenken. Wie das Gericht erwartend erhob sich hinten am Horizonte München mit seinen stumpfen, plumpen Thürmen, ein Anblick einfach und reizlos. Die Straße führte über eine stille Ebene, auf welcher bald hier, bald dort ein kleiner Forst lief. Neugierig stand an der Waldecke ein Reh, und sah sich um, friedlich weiß leuchtend schaute tief aus einem geraden Waldwege Schloß Schleißheim herüber, und lud uns ein zu den schönen Gemälden, welche es birgt. Ein kühler Wind strich über die Fläche, München liegt auf einem hohen Plateau, fast so hoch wie der Harz über der Meeresfläche. Mich fror immer mehr, je näher wir kamen. 52     München. Diese Residenz ist gegen alles Fremde in fortwährendem Vertheidigungszustande: schon ein weites Stück vor den Thoren harren mit Soldaten gefüllte Wachthäuser der Ankommenden, und beginnen das erste Examen, sobald man aber die Stadt betritt, da wehen Einem mit frischer Kühle die klarsten architektonischen Gedanken entgegen, es empfängt Einen die breite Ludwigstraße, und wie stumme Götteraugen ruhen links und rechts alle die neuen sauberen Gebäude von klarster Schönheit. Es ist von Augsburg her ein Entrée, was die alten Gedanken an Athen und Florenz aufweckt in der staunenden Brust. Und selbst die Gebäude, welche nicht fertig sind, erfrischen und stärken das Auge durch die Sauberkeit ihres Negligées. Die Ziegel ordnen sich wie gemalt, die Gerüste und Apparate sind mit Delikatesse eingerichtet, es hat Alles ein so appetitliches Ansehn, als wären es lauter 53 Meisterstücke, wo wirkliche Künstler die Steine auf einander gelegt hätten, an welche keines faulen, kalkschmierigen Maurers unreine Hand gekommen wäre. Es ist nicht zu läugnen: reifer, geläuterter Geschmack baut in München. Nicht jene plumpe antiquarische Kenntniß, welche die Schönheit der Dinge auf Auktorität annimmt, nicht jene plumpe historische Pietät ist's, welche in Baiern eine Residenz Griechenlands baut, es ist ein feiner, gebildeter Schönheitssinn. Wir fuhren Schritt für Schritt durch diese kühl und vornehm stolze Ludwigsstraße, als würden die indifferenten Postgäule eingeschüchtert durch die still harrenden Palläste und ihre marmornen Augen. Das sauber Thatsächliche lächelt dem raffinirtesten Ideologen in's Gesicht. Der Maxpallast, die Ludwigskirche und noch neuere Bauten stehen da in ungeschminkter Grazie wie Statuen mit tadellosem Mantelwurf, und doch so fein, daß man süße Taillen in ihnen zu erblicken meint. Wie eine räthselhafte Sphynx ruht das Theater auf schweren, gewichtigen Säulen, keine seiner schweigsamen, klassischen Mienen verräth, ob Ernst oder Scherz hinter den stolzen Brauen wohne. Ich mußte sogleich von der Post zurücklaufen, um all' das noch einmal zu sehen; ich glaubte, in einer griechischen Kirche gewesen zu sein, wo ringsum 54 Schönheit war, und doch nichts den Himmel und die sonnige Hoffnung verbarg. Still waren die Straßen, ich glaubte, in Pompeji oder Herkulanum, oder sonst einer unterirdischen Stadt zu sein. Die still an den Häusern hinschleichenden Bewohner glichen Fremden, die alle verschiedene Sprachen redeten, und darum keinen Versuch machten, sich miteinander zu verständigen. Oder sie waren aus Irrthum oder Neugier hergerathen, und sie wagten es noch nicht, in der tiefen, todten Stadt laut zu sprechen. Wahrlich, mir war's, als befände ich mich in dem prächtigen Pallaste Belsatzars, und es sei eine Sonnennacht, und Alles schlüge die Augen nieder, weil man in jedem Augenblicke die gespenstische Hand erwartete, welche ein unglücklich Wort an die dunkle Decke schreiben werde. Es ängstigte mich unter all' der Schönheit das unheimliche Gefühl, als sei nicht nur ein großes Unglück geschehen, sondern, als erwartete man mit Bangen jeden Augenblick ein noch größeres. Es war Krankheit, werden die Objektiven sagen – ja, ja Krankheit, schwere Krankheit, Münchner Krankheit. Ich wollte sie von der Stirn und von den Augen streichen, ich nahm die Mütze ab, und fuhr mit der Hand über die Haare, um die bösen Dämonen in die Luft zu scheuchen, aber es kamen immer nur die Worte der unglücklichen Königin Elisabeth auf meine Lippen: »Man ist sehr ruhig in Madrid.« 55 Mit Mühe erfuhr ich von den gleich Schattenbildern Vorübereilenden, daß im englischen Garten Concert sei. Obwohl hie und da ein Häuflein Menschen hinging, so hörte man doch kaum ein Geräusch, kein Bursche sang, kein Gassenbube pfiff, kein Mädchen lachte, der Hofgarten, welcher an die alte Residenz anstößt, war höchst anständig ruhig, obwohl es ein schöner Sommerabend, und noch dazu ein Sonnabend war, wo die Handwerker am Feierabende die Sorgen der sechs Wochentage abschütteln. Nicht einmal ein Vogel sang, und man hat mir später erzählt, daß nach München keine Nachtigallen kämen, weil es zu kalt sei. Arme Stadt, wo keine Nachtigallen singen! Was helfen dir deine schönen kalten Häuser, was hilft die Schönheit ohne die Liebe, und die Stimme der Nachtigall, das ist die Liebe, sie ist das Herz der Luft und der Bäume. Armer Hofgarten ohne Herz! An zwei Seiten desselben ziehen sich die sogenannten Arkaden hin, Säulengänge, an deren Wänden Freskogemälde angebracht sind, meist italienische Landschaften. Aber die kalte Münchner Luft grollt den heißen Farben, und Italien wird unter den Arkaden täglich ärmer. Gegen diese arkadische Idee läßt sich nichts einwenden, es kommen Einem so hübsche hesperische Träume, wenn man daneben hinwandelt, auf fremde Bäume sieht, und eine 56 Münchnerin mit ihrem goldnen Riegelhäubchen vorüberhuscht. Wir gingen tiefer in den Park, wir suchten das Concert, die Isar braus'te und tobte, und drohte in einer finstern Nacht die ganze Einsamkeit mit Todesvergessen zu überziehn. Schweigsam kam die vornehme schöne Welt von dem Concerte gefahren; man sagt mit Recht die schöne: die Weiber in München sind eben so schön wie die neuen marmornen Häuser. Ja, sie sahen an jenem Abende auch eben so klassisch aus: die Züge stumm und steinern, ich habe keinen Affekt wahrgenommen, und nach vielen Stunden waren die Kleider noch eben so unverändert wohl gefaltet, als ob sie eben aus dem Garderobenzimmer kämen. Später versicherte man mir indeß, hinter den steinernen Mauern brenne mitunter die heißeste Liebesfreude, und auch die vornehmsten schönen Münchnerinnen hätten heiße Herzen, und es kämen späte Stunden, wo die glatten Gewänder ihre Gewissenhaftigkeit verlören zum Aerger der Kammerzofen, wo der Marmor des Busens und Leibes heiß werde unter Pygmalions Munde. – – Das hat mich innig getröstet. Und es ist ein sehr schöner Irrthum, den solcher Trost berichtiget. Ich ging hin, um den »Archivarius des Königs« zu suchen, nicht des Königs Ludwig, sondern sonst 57 eines Königs. Dieser Archivarius, ein Doktor der Philosophie, hatte ein Buch über die Narrheit unsrer Tage geschrieben, obwohl er selbst aus Berlin war; er las übrigens alle Zeitungen, und war somit das beste Intelligenzblatt; er wollte mich auf meiner weiteren Reise begleiten, und hier in München wollten wir einander zum ersten Male sehen. Ich wußte nichts weiter von ihm, als daß er noch nicht 24 Jahr, mäßig blond, kurzsichtig und ein leidenschaftlicher Verehrer Wolfgang Menzels und der griechischen Partikeln sei, ja für letztere einst ernsthaft und häuslich geschwärmt habe. Vor jedem halbblonden jungen Manne blieb ich stehen, und sah ihn an, und fragte mit den Augen, ob er der Archivarius sei, und mich gefälligst erkennen und umarmen wolle. Es machte aber keiner dazu Anstalt, der Instinkt schwieg, und ich kam wirklich auf dem gewöhnlichen Wege, den gewöhnlichen Treppen zur Wohnung und Bekanntschaft des brieflichen Archivarius. Wir besprachen mit einander, was wir für berühmte Leute werden würden, wenn das so fortginge mit unsern sich entfaltenden Geistern, und dann gingen wir in's Theater. Hier bewaffnete er seine Augen bis an die Brauen, und wies mir in einer kleinen Loge ein schönes Mädchen mit glänzend schwarzem Haar und einem Freudenauge, was kein Geheimniß machte aus dem Glücke, dem es 58 entgegensah. Denn es war alles Uebrige tadellos schön an dem Mädchen. Der Archivarius beklagte sich bitter, daß er mit dem Mädchen nicht zusammenkommen könne, eine kurzsichtige Tante beaufsichtige sie; aber das Mädchen sei gewiß nicht kalt. Gewiß nicht. – Er ging im zweiten Akte von dannen, um die neu angekommenen Journale eiligst zu lesen; vor dem Schlusse versprach er, wieder einzutreffen. Das Mädchen sah lustig wie ein glänzender See herunter, und ich hatte also Recht, daß der Doktor nicht bloß ein Doktor, sondern »der Archivarius des Königs« sei, dem das Lesen noch wichtiger ist, als das Lieben. Ich bat ihn um sein selbst willen, bei dieser Gelegenheit einen rasenden, liebes- und todesentschlossenen Brief an das Mädchen aufzusetzen, er werde sie heute sprechen, aber vielleicht nicht lang genug sprechen, um des Briefs zu entbehren. Er ging kopfschüttelnd. Das Innre des Münchner Theaters ist weit, hoch, reich, golden, prächtig, überprächtig, überladen. Die rastlos aufsteigenden Logenreihen überfallen und überfüllen das Auge, die massiven Farben schüchtern es ein. Aber es ist ein Vorhang im Münchner Hause, wo von einem grünen, überaus grünen Hügel ein schönes Frauenzimmer hinabfliegt in's Land mit den Klängen und der Schönheit und sonstigen 59 Dingen, dieser Vorhang ist voll wohlthuender poetischer Verheißung. Das Theater ging zu Ende, der Archivarius kam wieder, der Starost ward in's Komplott gezogen, wir warteten an den Thüren. In den weichen Sommermantel gehüllt, kam das schöne Kind mit der kurzsichtigen Tante. Der Bediente hob beide in den Wagen, schlug den Schlag zu. In diesem Momente flog auch sein Hut vom Kopfe, er war von mir und dem Starost vom Wagen fort und in's Gedräng gedrückt, dem Archivarius saß der Tressenhut auf dem Kopfe, er sprang hintenauf, ich rief: »fort«, und der Wagen donnerte von dannen. Der Bediente suchte seinen Hut; ich sagte ihm, ein Polizeidiener habe ihn aufgehoben, hierhin, dorthin sei er gegangen. Ich beneidete übrigens den Archivarius, wenn er das schöne Mädchen aus dem Wagen heben werde. Wir gingen in den »Hirsch«, und sprachen mit Baiern und Fremden, und aßen Fleisch, und tranken Bier. Es giebt ein altes Lied vom bairischen Himmel, das murmelte mir ohne Aufhören zwischen den Zähnen. Es verspricht lauter reelles Vergnügen im Himmel und wohl ausgekochte Klöße und trefflich aufgewärmtes Sauerkraut und Bier von der ersten Sorte, dies Lied ist von ergreifender Wahrheit. Der Moslem erwartet die schönsten Huris und die 60 schnellsten, gelenksten Pferde und den kühlsten Schatten, und der Baier erwartet trefflich aufgewärmtes Sauerkraut und Bier und noch einmal Bier, und wenn er von Allahs eigner Seligkeit träumt, Bocksbier im Himmel. Was kann ein Volk für solchen bockledernen Himmel thun, was kann man von solchem Volke erwarten, was so bocklederne Wünsche hat. Oh, sie sehen so wohlgenährt aus, und tragen alle Bärte, wenigstens einen Henri quatre , und sehen höchst energisch hinter dem Glase aus, und sprechen, wenn sie erst anfingen, da schmissen sie die Erde in den Mond und noch weiter, aber sie fangen nicht an. Wie bei den Römern »Brot und circensische Spiele«, so heißt's bei den Baiern »Bier und Schnurrbärte«. Da ruht ihr Leben; so lange das unangetastet bleibt, so lange hat's gute Wege in Altbaiern. Dies dumpfe theilnahmlose Volk ist allerdings auch in neuerer Zeit reger, frischer geworden, und hat sich um dies und jenes bekümmert; aber man muß ja nicht an die wirbelnden, lang aufgeschossenen romantesken Rheinbaiern mit dem Blute voll Wein und dem Herzen voll moderner Menschenrechte und poetischen, mauthfeindlichen Theorieen dabei denken. Diese Völker sind jetzt so verschieden als Wein und Bier. Der Wein regt die überirdischen verborgnen Kräfte des Menschen auf, das Bier die unterirdischen, der Wein 61 die rosenrothen Feen und die himmelblauen Zauberer, das Bier die speichelbleichen Gnomen. Nach dem Weine tanzen die Gedanken, nach dem Biere prügeln sie einander so lange, bis der bleierne Schlaf sie bewältigt. Der Bierrausch ist ein Alpdruck, ein Volk, das leidenschaftlich Bier trinkt, hat keinen energischen Willen. Die Renommisten auf der Universität sind auch immer die besten Biersäufer. Nur in einem Theile Frankens, von wo aus man den alten, würdigen Bürgermeister Behr auf die Frohnveste nach München holte, von wo Schönlein, der geistreiche Mediziner, abzog, um nach Zürich zu pilgern, und den Staub Baierns von seinen Füßen zu schütteln, nur um Würzburg \&c., wo wiederum Wein wächs't, muß man strebende Baiern suchen. »Hurrah, es lebe das bairische Bier«, rief eine Gesellschaft tüchtiger Baiern unten im »Hirsch« bei Herrn Havard in der Schwabinger Gasse. Ich ging eiligst schlafen. 62     Als ich in München erwachte, lag schon ein heißer, zudringlicher Sommertag über dem Baierlande. Ich ging mit dem Vicomte durch die Straßen, welche sich neu hinausstrecken in die harte Ebene. Er war voll Neid und lachte höhnisch, daß der König von Frankreich nicht so viel Herrlichkeit habe verwenden können, und den vielen Betteljungen, die uns begegneten, gab er reichlich, und »Baiern liegt doch noch ziemlich weit von Frankreich,« murmelte er, und der Czaar von München hat doch keine Bergwerke. Wir waren auf's Freie gekommen, aber die Sonnenstrahlen trieben uns zurück. Mit Sehnsucht flogen zwei eilige Blicke nach dem blauen Höhenrauch am südlichen Horizonte, wo die Alpen standen und lockten. Dahinten, hinter jenen Bergen, da wird 63 die Erde dunkelgrün und der Himmel dunkelblau, und da kommt das eben so dunkle mittelländische Meer und das fabelhafte Afrika mit den weißen Maurinnen und den glänzenden Negermädchen, dahinten, hinter den Bergen leuchten lauter glühende Liebesblicke, und stockfremd aussehende Häuser und Städte, da ist Alles neu und wunderlich, ach, da wird man die alten, quälenden einförmigen Gedanken los über Aristokratie und Jakobiner, und Bocksbier und Stallfütterung, und da braucht man keinen Paß. Heiß von Sehnsucht und Sonne kamen wir vor der Glyptothek an. Sie ist das Gebäude, in welchem die Denkmäler der alten und neuen plastischen Kunst aufgestellt sind. Leo Klenze, der Hauptbaumeister in München, hat es gebaut. Augenlos, stumm, aber großartig ruhig wie eine Statue liegt das Gebäude von außen da, man sieht keine Fenster, denn diese gehen alle nach dem innern Hofe, nur aus Nischen, den Augenhöhlen sehen die Statuen des Phidias, Perikles und Andrer. Die spätere Geschwätzigkeit des Tages und der Geschichte verstummt vor dieser steinernen Ruhe. Es ist in Form eines Quadrats gebaut, und enthält zehn Säle, in welchen die plastischen Kunstwerke von ihrem ägyptischen Anfange auf, die schöne griechische 64 Zeit, die verhallende römische vorüber, bis zu der neuen, wieder schön gewordenen Aera Canova's und Thorwaldsen's aufgestellt sind. Nur der Eingang ist ein gleichgültiges, unbewohntes Herz zwischen der altägyptischen und der feinen, schönen, modernen Zeit. Die Bauart der Säle ist bestmöglichst den Statuen und ihrer Entstehungszeit angepaßt. Die Glyptothek ist ein plastischer Auszug der plastischen Kunstgeschichte. Es war uns beiden, die wir aus den trocken-heißen Sonnenstrahlen Münchens kamen, wie ein Trunk aus frischer Quelle, als wir in die kühlen Säle traten. Es ist ein wollüstiges Kunst-Heiligthum, dieser steinerne Tempel. Die Ruhe der Weltgeschichte, in welcher sie Steine gemeißelt hat, flog mir wie ein erquickender weicher Wind, der aus einem Palmenwalde kommt, um die Schläfe, ich sah die schattige Werkstatt aller Nationen. Alles ist marmorglatt, marmorkühl, frisch, heiter, antik; denn alles ist Marmor. Das Licht kommt wie bei den römischen Bädern durch hochliegende, halbrunde Fenster, alle einfache Pracht der Bildnerei ist auch bei diesen hohen Decken aufgeboten, und die nach der nordöstlichen Fronte zu liegenden Gesellschaftssäle, welche Cornelius gemalt hat, vollenden den freien, griechischen Eindruck, 65 den das Ganze macht. Im großartigsten Stile schreitet dort das Geschick der Götter und Helden Griechenlands vorüber. Die großen Leiber, die ehernen Glieder, die ewigen Augen, der unsterbliche Zorn – Alles tritt wie ein nackter, klassischer Gedanke aus dem Pinsel des griechischen Teutschen mit dem römischen Namen Cornelius. Es sind große Fibelbilder zu den Büchern des Homer und der griechischen Tragiker. Ein Paar Baiern sahen sich das Alles mit an, und als sie von Gesellschaftssälen hörten, da stieß einer den andern, und flüsterte ihm zu, daß der nächste »Bock« hier gefeiert werden solle. Der andere aber schwieg, und sein Auge sah fragend zum alten Priamus hin, auf dessen Gesicht der ganze trojanische Schmerz sich geflüchtet hatte. Starr und steif sah er ohne Aufhören hin, und schüttelte endlich das Haupt: es ward ihm nicht deutlich, was für eine Sorte Bier der alte Mann getrunken haben müsse, um solches Uebelbefinden zu erleiden. Aus den Taschen der beiden reisenden Baiern sahen zwei naive Tabakspfeifen, je eine aus der Tasche eines Jeden. Das ist die Lehre von der Ironie. Ein bairischer Pfeifenstummel erhält erst seine Bedeutung in der Glyptothek. 66 Ein enthusiastischer Fremder rief: Man ist in Hellas! und die hellenischen Pfeifenstummel stießen sich wieder an, und lächelten und strichen sich die Bärte. Sonst haben sich die Münchner selbst im Allgemeinen schon glatt und fein gesehen: man hört sehr gebildete Urtheile über Kunst und Schönheit. Der Glyptothek machen sie den Vorwurf, daß sie keinen einzigen vollkommenen Saal enthalte. Ich bin aber nicht der Meinung, daß man diesen Vorwurf bei dem einmal klar ausgeprägten historischen Zwecke machen dürfe. Ich möchte alle Wochen einmal in diesen marmornen Sälen, unter diesen steinernen Gestalten erwachen. Das würde mein Schönheitsherz erfrischen wie ein blitzend frischer Trunk im Morgenlande. Es bedarf einer Anstrengung, alle die knickrigen Sorgengesichter zu verarbeiten, welche man auf den teutschen Promenaden sieht, man muß das Schönheitsgefühl sogar gegen die täglichen Eindrücke vertheidigen, und ich gehe nur auf Bälle, um geputzte, sorglose Leute zu sehn, und den täglichen ästhetischen Befehdungen einmal einen Ruhetag zu gewähren. Hier aber hat es nicht zu kämpfen, sondern zu empfangen, zu genießen. Die Schönheit fällt wie Tageslicht auf die glücklichen Augenlieder. 67 Die teutschen schöngeistigen Schriftsteller, welche mit zwei oder drei Ausnahmen alle lyrisch-rhetorisch, formanfänglich sind, sollten die Glyptothek wie einen Gesundbrunnen besuchen, und Gestalten trinken. Unweit davon ragt höher und mannigfacher das Gemäldehaus, die Pinkothek, dem Auge entgegen. Die bunten Farben künden sich schon durch diese Mannigfaltigkeit, durch die zahlreichen, hohen Fenster an. Noch ist das Innere nicht fertig, und ich habe es nicht gesehen. Eben so habe ich nur wenig schauen können von Schnorr's großen Bildern in der »neuen Residenz,« die nach dem Pitti'schen Palaste in Florenz erbaut ist. Dort weben die langen romantischen Gestalten aus den Nibelungen mit ihren langen Leidenschaften und langen Reden. Wenn in Baiern für Alles so gesorgt würde, wie für diese Theile der Kunst: man fände kein Ende des Lobes. Wenn man aber diese Sachen gesehen hat, muß man abreisen, einen längern Aufenthalt gestattet die Censur nicht. In der Glyptothek saß ein blasses Mädchen aus England mit unparteiischen großen blauen Augen. Sie trug ein langes, schwarzes Sammtkleid, und nur das Sammtkleid hinderte mich, sie auch für eine Statue zu halten. Man erzählte mir, sie sei sehr reich und sehr unglücklich. Das verwunderte mich sehr, denn wenn man die Schönheit liebt, und viel 68 Geld hat, so kann man eigentlich nicht unglücklich sein. Der Zorn kann uns entflammen bis zum Wahnsinn, wenn wir die Münchner Zeitung lesen, aber der Zorn ist kein Unglück; Achill hat tödtlich gezürnt, aber unglücklich war er nicht. Des Mädchens Geliebter sei auf einem Dampfschiffe nach Oporto gefahren, und eine Kugel habe ihn bei der Einfahrt in den Duero geworfen. Als das Mädchen eines Morgens dies in den Times gelesen, habe sie lange ganz still geschwiegen, und sich nicht geregt; dann aber stumm das Blatt der Times zusammengefaltet, es in ihren Koffer gepackt und sei auf das erste Schiff gestiegen, was aus der Themse gelaufen. Man wußte nicht, ob ihr Schmerz darum so groß sei, daß ihr Geliebter für die Freiheit gestorben, oder darum, daß er nur gestorben sei und nicht gekämpft habe. Seit dem Tage, wo sie das erfahren, haßt sie die Freiheit, und will sich so lange in München aufhalten, bis Don Miguel in Portugal gesiegt hat. Dann wird sie hingehen und im Anschaun seiner Thaten leben. In München lies't sie zu ihrem Troste nichts als bairische Zeitungen, und in der Glyptothek sitzt sie immer da, wo ich sie gesehen, nämlich im römischen Saale, wo man fast lauter Kaiser und Tyrannenköpfe sieht. Die Tyrannen haben alle kurze, dicke Hälse, und der römische Saal liegt etwas tiefer als die übrigen, und ist der größte. 69 Ich kann nicht an die Glyptothek denken, ohne das blasse Mädchen mit dem schwarzen Sammtkleide und dem großen, starren Statuenauge zu sehn, das unter der Büste Nero's saß. Dies Auge hat mich eigentlich aus München vertrieben, denn es sah aus wie freiheitsmörderischer Marmordespotismus, wie ein überschwelgtes Kunstauge, was die Menschen nicht mehr kennt. Ich will meine abergläubige Furcht offen gestehen: so lange ich in München war, donnerte mir fortwährend Heinrich Kleist's »Erdbeben von Lissabon« im Kopfe herum, ich setzte unsicher die Füße auf die Erde, und glaubte jeden Augenblick, jetzt würde es losgehen und die groben Thürme der Frauenkirche würden zuerst über uns zusammenstürzen. Der Gedanke verließ mich nicht, ich sei in Lissabon, und noch heute denke ich immer an den Thurm Belem, wenn ich von der Frohnveste in München lese, und noch heute kann ich mich des Gedankens nicht erwehren, es werde in München einmal ein fürchterliches Erdbeben die guten und bösen Menschen verschlingen, und wenn ich meine düstern Bilder wegscheuchen will mit der kühlen, glatten Glyptothek, da seh' ich das unglückliche reiche Mädchen aus England unter dem Nero sitzen mit dem schwarz sammtnen Grabkleide und den todesliederlichen Augen. 70 Ich athmete tief auf, als der Postwagen aus der Isarvorstadt in's Freie rollte, denn ich meinte, einem Gefängniß entronnen zu sein, und die frische Morgenluft und die Triller der Lerchen, ach ich sog sie so wollüstig ein, als sei ich aus einer großen Gefahr gerettet. Licht und Luft hatte ich wieder; Licht und Luft sind aber die Hauptsache. – 71     Erst in dieser Freiheit des Postwagens wagte ich nachzuholen, was ich wohl sonst noch gesehen in München. Da gedachte ich dein, unglücklicher sogenannter Intendanzrath, der du berufen bist, von schlechten und guten Witzen zu leben, und an ihnen zu sterben, dein gedacht' ich, o Berliner Saphir, der du jetzt wie Ovid in Tomi zu München Tristia fabricirest! Es war um die zwölfte Stunde des Mittags, als er in den Saal der philharmonischen Gesellschaft plötzlich eintrat wie ein verdrießlicher, aber entmannter Löwe. Seine Maske paßt gut zu seinen Schriften: man denkt, er verstellt sich, und macht nur einen physiognomischen Witz: es ist viel dreistes Hunnenthum, nutzlose Kourage, säuerliches Vergnügen, was selbst keinen Spaß vom Spaße hat, und – wunderbar genug – eine tiefe liebenswürdige Gutmüthigkeit in dem Gesichte dieses teutschen 72 Schalksnarren. Der Intendanzrath scheint ihm schlecht zu bekommen, oder er hat unruhige Nächte oder zudringliche Besuche – er sah so gewiß jämmerlich malkontent aus. Seine Unzufriedenheit hat keine Kourage, sie ist wie ein kleiner Straßenköter, der auf alles Vorübergehende losfährt, als wollte er's zerreißen; man weiß aber schon, er thut nichts, es ist nur blinder Lärm, man sieht sich kaum noch nach dem Kleinen um. Saphir ist ein Beispiel, wie ein charmantes Talent ohne Charakter eben so gut Bankerott macht als ein begüterter Kaufmann ohne Ordnung. Zum Eulenspiegel berufen, hat er sich zum Hofnarren oder gar nur zu dessen Intendanz erniedrigt, und ist dann wie jeder besoldete Spaßmacher zum Hanswurst herabgesunken. Saphir wird nie majorenn, er hätte immer einen Vormund neben sich haben sollen, eine Privatcensur; Saphir ist nicht seines Witzes Herr, sondern der Witz ist sein Herr, er muß alle dummen Streiche machen, die seinem Witze einfallen. So wie Lord Byron den Mazeppa auf ein wildes Pferd binden ließ, und dies in die Wälder unter die andern wilden Pferde, unter die hungrigen Wölfe jagte, so hat sich Saphir auf den lüsternen Esel seines Witzes gebunden, und er muß nun all' das Uebel tragen, was dieser anrichtet, wenn er unanständig schreit, ausschlägt und dergleichen Dinge macht. 73 Saphir ist nicht zurechnungsfähig. Ein guter Freund von mir sagt immer von ihm: er ist ein liebenswürdiger Lump, aber er thut ihm Unrecht; sein Witz ist ein Lump, und zwar ein rachsüchtiger, eitler, vorlauter Lump, aber Saphir selbst ist ein guter, ja ein lieber Narr, dem man nicht zürnen kann. Ich seh' es kommen, daß er noch für eine Kleinigkeit feil ist; denn »Du fängst mit Einem heimlich an, Bald kommen ihrer mehre dran, Und wenn Dich erst ein Dutzend hat, So hat Dich auch die ganze Stadt!« Man wird Pasquille von allen Seiten bei ihm bestellen können. Seine Jungfräulichkeit ist hin, man hat ihn sogar um den Einfall betrogen, und ein geprellter Narr läuft Karriere – Gott weiß, wo er noch hinkommt. Es that mir in der Seele weh, als ich dies zerbrochne Gesicht sah. Der Mißmuth rauchte schlechten Tabak in seinen Zügen, und das Gelächter, was zuweilen aus den Winkeln seines Gesichts vorüberschob, bedeckte sich mit krampfhaften Händen die Augen. Seine starken semmelblonden Locken liegen wie Erynnienwitze undurchdringlich dicht auf seinem Haupte, und dräuen herab auf die zwickenden schlechten Gewissens-Aeuglein, und auf die ausschweifende Nase und das große Maul, was jeder Skandals-Schriftsteller haben muß. Und 74 doch liegt der Nebel eines guten, ja poetischen Herzens über diesem unorthographischen Antlitze; ich habe Saphir lieb, wie ich manches gefällige Mädchen lieb habe, das unter bunter, vielfacher, täglicher und nächtlicher Liebe ein gefühlvoll Herz bewahrt; er ist ein guter Mensch, der nicht dafür kann, wenn er schlechte Streiche macht. Ich weiß auch, daß er nicht deshalb weinerlich aussieht: die schlechten Streiche würde er sich vergeben, aber die dummen Streiche nagen ihm am Innersten. Es liegt tiefe Weisheit in Staberls Worten: »Wann ie nur wos davon hätt!« das weiß Saphir, der Journalisten-Staberl sehr wohl. Die alten teutschen Hypochondristen, denen er gewiß bei mancher Verdauung beigestanden, sollten sich in portofreien Briefen nach seinem Herzbeutel- oder sonstigem Weh erkundigen, und ihm unter die Arme greifen. Ein witziger Mann ist bei schlechter Zeit ein guter Zeitvertreiber, und einer schlechten Zeit kann man nichts Besseres anthun, als sie vertreiben. Ich habe immer Viel an Saphir herumgeschmählt, und ihn doch eigentlich immer gern gehabt. Nun ich einmal meine früheren Hoffnungen auf ihn verloren gegeben, möchte ich zuweilen gern Witze von ihm lesen; sie erfrischen mir oft das Blut. Er erhält sich in all' seiner Niedergeschlagenheit doch stets in einer Art von Elasticität, und wenn er sich nicht 75 mitunter so viel witzige Gewalt anthäte, so schriebe er wirklich elegant über Nichts. Und das ist keine Kleinigkeit. Offenbar waren mir die Glyptothek, das Bier und Saphir die interessantesten Dinge in München gewesen. In jenem Concert, wo Saphirs Gesicht ein Solo spielte, hatte ich zwar auch eine Dame auftreten sehn, die sehr gut geigte, aber ich hatte glücklicherweise ihren Namen vergessen, und denke nicht gern daran zurück, obwohl sie sehr gut spielte. Es wäre ein ästhetisches Malheur, wenn die Damen nicht bloß die Frauen im Hause, sondern auch die Violine spielen wollten. Das Fleisch des Unterkinns wird ungebührlich herausgequetscht, die Arme sind fast immer in Winkel verschränkt, die Brust, der Sitz der Liebeswünsche, wird mit Holz bedeckt – nein, die Damen sollen nicht Violine spielen. Da lobe ich mir die Passion einer jungen Dame, welche mir bald darauf in Venedig sagte, daß sie von einer verzehrenden Leidenschaft für das Violoncell gefoltert werde. Da ich die Leidenschaft liebe, so hab' ich ihr zugeredet. Hoffentlich interessiren sich die Damen auch nächstens für die Trompete und Posaune; jene Göttin, welche die Flöte wegwarf, als sie ihre verzerrten Gesichtszüge im Wasserspiegel sah, ist schon zu lange todt. Es geht eine große Wehklage über Israel: die Damen wollen nicht mehr hübsch sein. 76 Aber die Natur trat uns in einem hoffnungsreichen Morgenkleide entgegen, entschlossne blaue Berge flogen trotzig an unsern Blicken vorüber, und hoch drüben sah tief aus den Bairischen und Tyroler Alpen in der Sonne glänzend der blendende Schnee in die grüne Ebene herunter. Bald waren wir hineingeschoben in die Salzburgischen Voralpen, neue Bergformen entwickelten sich. Der Vicomte war mir unter den Residenzen in München verschwunden, er hatte Geschäfte mit dem bairischen Kaiserthume, der Archivarius saß schweigend neben mir, und dachte an das Freudenauge, was er aus dem Wagen gehoben, zwei sanfte Reisende lasen mit stiller Andacht Rinaldo Rinaldini, der Starost saß im Kabriolet und pfiff. Frisch grün wie junges Gras kam bei Wasserburg der Inn geschossen, immer steiler wurden die Berge, und ihre Wasser von Regen geschwellt, schäumten lärmend durch die Thäler. Es hieß, die Salza habe die Thäler zerrissen, und wir müßten einen weiten Umweg durch die Schluchten machen. Die Nacht breitete sich früh zwischen diesen hohen Wänden aus, während hoch oben und weit draußen der Tag noch spielte. Auf allen Stationen war große Geschäftigkeit, die langen Bauerboten kamen von allen Seiten herbei und erzählten von den Unthaten der Wasser, und schilderten Gefahren und 77 warnten vor der Weiterreise. In solchen tiefen Bergen hat die nächtliche Gefahr etwas Unheimliches, sie kann aus jeder Krümmung, aus jedem Hinterhalt thurmhoch herabstürzen, klafterntief mit dem Opfer in die Erde fallen. Ein Paar katholisch ernsthafte Salzburger ritten mit Laternen bewaffnet vor dem Wagen her, und die Lichter flogen scheu über die schwarzen Bergmassen, und plötzlich über einen schweigsamen mysteriösen See, der still und ruhig schlief. Von der Spannung erschöpft, schlief ich ein; ein dumpfes Donnern weckte mich wieder; der schwere Postwagen rollte durch das hohe Festungsthor von Salzburg, der weiße östreichische Grenadier nahm die Pässe ab, durch abgestorbene Straßen donnerte unheimlich der Wagen, ein großes Thor ging knarrend auf; es war mir, als ging's in die Vorhöfe der heiligen Inquisition. Einen Gasthof suchend schritten wir über die Salzabrücke: die hohe Festung, die steilen Berge sahen wie alte Verstorbene auf uns herab – der Mond war leise aufgegangen, das ganze wunderliche Salzburg glich einer steilen katholischen Kirche mit hohen und niedrigen Altären von schwarzem Marmor, die einzelnen halb italienischen Häuser am Flusse hin waren die kleinen Betaltäre und der Mond goß Segen und Licht und Musik und den Glanz der bischöflichen Gewänder vom Hochaltare. 78 Nur die Salza, welche dicht unter der Brücke die vollen hohen Wellen warf, störte die Todtenstille. Wir waren wieder in Oesterreich. In diesem österreich-katholischen Gebiete ist Alles todt und still, und eine blöde Schlafsucht, eine stupide Pönitenz liegt mit knöchernen Armen über dem Lande. Die moderne Bildung ist unbekannt und verboten, nur Fremde, die damit behaftet sind, betreten die Salzabrücke – Es bedünkte mich, wir kämen in eine Stadt, welche seit zwei Jahrhunderten vergessen worden sei hinter den hohen Bergen. Der Starost donnerte an die Hausthür eines Gasthofes; wir erschraken vor dem Lärmen, den dies Pochen in der hohlen, schlafenden Gebirgsstadt machte. Er pochte wieder und wieder; es regte sich Niemand, man schläft fest und katholisch in Salzburg; leise fing es an zu regnen, wir waren ausgeschüttelt vom Postwagen; es begann ein leises Fluchen. Da öffnete eine blinzelnde Köchin mit Salzburgischen ausgespannten, leeren Zügen und einem Salzburgischen Kröpflein. Wir konnten nichts Besseres thun, als schlafen. 79     Salzburg. Diese Stadt steht in dem Rufe exorbitanter Schönheit, und verdient ihn nicht. Als wir aufwachten regnete es so innig und gemüthlich, wie das nur in einem kurzen, gottvergessnen nordteutschen Städtchen passiren kann. Es giebt Städte und Zeiten, in denen ich es sehr gern mag, wenn ein ununterbrochner Regen »eins, zwei, drei, vier, eins, zwei, drei, vier« an die Fenster schlägt, manche Städte gewinnen dabei an düsterem Interesse, zum Beispiel das trocken lutherische Wittenberg, was eigentlich bei Sonnenschein gar nicht existiren sollte. Aber für Salzburg schickte sich das gar nicht, das war ohnedies schon römisch katholisch genug, schwermüthig und düster. – Der Starost, der Archivarius des Königs und ich bewohnten zusammen ein Salzburgisches Zimmer, in welchem drei himmelhohe Betten, vier große Tische und einige kleinere, ein Dutzend altfränkische Stühle und viel sonstige 80 Meubles aus der Zeit des 30jährigen Krieges standen. Es schickte sich nicht, in diesem Zimmer zu lachen, oder philosophische Gespräche zu führen. Wir hatten einen sehr richtigen Takt, und erzählten einander Vormittags Gespenstergeschichten und katholische Legenden. Wir wohnten dicht an der Brücke, und die umstehenden hohen Häuser ließen uns eine Spalte offen, um über die vom Regen gepeitschte Salza nach einem der bewehrten Berge zu sehn. Der Archivarius erzählte lauter traurige Dinge vom Herrn Abälard, und seinem unnatürlichen, priesterlichen Unglück, und beschrieb die schöne Heloise, und sagte, sie hätte glänzend schwarzes Haar, und Augen so dunkelblau wie Kornblumen gehabt, ihre Hand sei aber weich und warm und schneeweiß gewesen, und diese schneeweiße Hand hätte eben den Abälard so unglücklich gemacht. Ich lehnte mit der Stirn an der Fensterscheibe, und sah durch die Spalte nach der Festung hinüber, auf dem dunklen Hintergrunde spielte der geschäftige Regen, und aus den spielenden Tropfen sah mich das bleiche, verkümmerte Gesicht Abälard's an, das einst so schön gewesen sein mußte, seine blassen Lippen öffneten, seine gebrochenen großen braunen Augen schlossen sich, und der Regenwind peitschte seine Worte an die Fenster, welche der Archivarius hinter mir wiederholte: »O, die Salzburgischen Pfaffen!« 81 Nachmittags kam die Sonne einer wärmenden Aufklärung, und wir fuhren aus. Aber die protestantische Aufklärung führte viel unerquickliche Kälte mit sich: schon auf der Brücke überraschte uns ein Prasseln des eiskalten Schlossenwetters voll fataler Vernunft. Aber der Kampf sah schön aus. Wie eine schwarze fliegende Nacht stürzte sich links die Wolke kopfüber in die Salza; und umfing mit den dunkeln kalten Armen einen Theil der Stadt und der Berge, und auf der andern Seite lachte die Sonne auf den weißen italienischen Häusern. Ueber die Burg und die steinigen Berge zuckte ein stolzes Lächeln ob dem Wüthen der Wetter. – Salzburg liegt an beiden Ufern der Salza an den Bergen in die Höhe. Die Berge selbst stürzen sich in und um die Stadt unordentlich durch die Augen, verrennen sich den Weg und die Aussicht. Es ist vollkommen originell in dieser Unordnung, aber nur aufregend, nirgends wohlthuend, das Auge wird gehetzt, man kommt in ein fremdes Theater, ist noch vom Lampenlicht geblendet, hört Worte, aber keine Rede, sieht Figuren aber keine Charaktere. Der Blick findet manche Schönheiten, keine Harmonie. Die Berge liegen rings um die Stadt, als ob der Herrgott mit einem Sack voll Gebirgen über die Gegend geflogen sei und einzelne Bergstücke hätte fallen lassen. In all' ihrer Lage ist kein nothwendiger 82 Zusammenhang, sie erheben sich nicht allmählig aus der Erde, sondern stehen auf plattem horizontalen Boden, als könnte man sie wegschieben. Wir fuhren zwischen den Bergen herum und waren ganz verwirrt. Am Untersberge ließ der Führer still halten und erzählte eine lange Geschichte. In diesem Berge sitze der Kaiser Karl, den man auch Barbarossa nenne, und lasse seinen Bart wachsen, und sammle fünf mal hundert tausend Mann. Wenn aber sein rother Bart fünf Mal um die Tafel reichen werde, an welcher er mit seinen Paladinen zecht und täglich zehn Flaschen Johannisberger trinkt, dann komme er heraus und nach Teutschland. Im Jahre 1830 sei großer Spektakel gewesen, und die Salzburger hätten gefürchtet, der rothbärtige Kaiser werde mit seinen fünf mal hundert tausend Mann zum Vorschein kommen, und das österreichische Militair hätte alle Tage scharfe Patronen gehabt, denn der alte teutsche Kaiser sei ein Demagoge und Jakobiner. Aber der gnädige Herr Barbarossa hätte wohl nur große Revue abgehalten, denn es sei später wieder ganz still geworden. Uebrigens wäre es ein sehr schlimmer Berg, den die Regierung nicht genug im Auge haben könne, ein Bäcker, ein Fleischer und ein Weinhändler seien hintereinander darin verschwunden. Ueberhaupt müsse der Herr Kaiser im Untersberge dergleichen Geschäftsleute brauchen, denn namentlich 83 seit Salzburg wieder an Oesterreich gekommen sei, und Handel und Wandel dadurch sehr gelitten hätten, da wäre es mit dem Untersberge gar nicht mehr auszuhalten, seit der Zeit fehlte es ihm gar zu sehr an Geschäftsleuten, und wenn diese Leute immer so verschwänden, so litten doch die Zahlungen, und durch die Zahlungen die Mitbürger. Merkwürdig genug führt wirklich die Chronik das Jahr 1830 an, in welchem der Kaiser mit seiner großen Armee herauskommen werde. Der Archivarius meinte, der Ausgang sei eng, der Kaiser könne nur langsam seine Kräfte entwickeln, man könne nicht wissen – – darauf erwiderte der Führer, das Gouvernement wisse Alles. Der Berg selbst sieht muskulös und starknervig aus. Neben ihm ist der Stauffen hingestülpt wie eine phrygische Mütze, ein Rest der großen jakobinischen Erdrevolution, die man ringsum hier so deutlich sieht. Die andern Berge sind Harnische und sonstige Waffen, und wie eine glänzende Riesenrüstung sieht der 10,000 Fuß hohe Watzmann mit seinem schneeweißen Haupte über die niedrigen hinweg nach Salzburg herab. Die ganze Gegend ist ein Bergwirthshaus. Die Feste zu Salzburg ist der Wirth. Die tiefe Nachmittagssonne legte sich eben golden über sie hin. Vorübergehende sagten uns, oben bei Hallein sei 84 eben ein Berg in's Thal gestürzt. Das durften wir nicht versäumen, die stummen Berge handeln so selten, vielleicht war's ein Vorposten von Barbarossa's Heer. Wir fuhren hin, und fanden wirklich ein kleines Erdschlachtfeld. Die Straße nach Hallein war von einem auseinandergefallenen Berge gesperrt, wie verarmte einzelne Personen und Familien steckten hier und da ein Baum, ein umgestülptes Haus Hand und Arm aus dem Erdschutte. Der Sturz war ohne romantischen Eklat langsam und nach vielem vorhergehenden Geseufze und Gestöhne und Auflösung verkündendem Bröckeln eingetreten. So war kein Mensch verunglückt, aber die armen Leute, welche jetzt bei hereinbrechendem Abend erst merkten, daß sie keine Schlafstelle mehr hätten, sahen recht traurig aus, wie sie mit verstörten Gesichtern die Erde anstarrten. Der Eine hatte eine Axt, die Zweite einen Topf, die Dritte ein Spinnrad gerettet, und sie trieften vom Regen, denn sie hatten schon ein Paar Stunden da gestanden, und warteten, bis die Häuser wieder aufstehen würden. Dergleichen kann oft in diesen Gegenden vorfallen, denn der Typus der Bergformationen ist steil und senkrecht, und an diese Urknochen hat sich das weiche Fleisch der späteren Erdschichten gelegt. Bei einem regnerischen Sommer lös't sich leicht solch' eine Schicht von der kompakten Bergmasse. 85 Durch die stillen Dörfer, in denen hohe Mastbäume in Menge aufgerichtet standen, fuhren wir zurück. An den hohen, glattgeschälten Bäumen flatterten bunte Bänder, und die Buben und Burschen klettern daran des Sonntags in die Höhe, und die Mädchen klatschen bei dem in die Hände, der am höchsten klettert. Jetzt lag das Abendroth auf der Feste Salzburg, und sie sah jetzt umgewandelt, stolz und prächtig wie ein Sieger aus, und schlug sich den rothen Himmel wie den Purpur um die Schultern, und sah höhnend auf das kleine Geschlecht mit seinen kleinen Sorgen herunter, das sich abquält in Schweiß und Angst mit den Fragen: Was werden wir essen, was werden wir trinken, womit werden wir uns kleiden? Als der letzte Sonnenstrahl auf der glänzenden Festung zuckte, da las ich auf ihrem stolzen Antlitze, was sie dachte über das Menschenpack tief unten: Ihr habt keinen Geist, Ihr braucht keine Freiheit, die Nacht will ich über Euch werfen. Und die Nacht flog herunter, und wir kamen im Finstern durch die bergige Stadt bis an unsern Gasthof, ließen uns Thee kochen, und tranken ihn aus blaugemalten kleinen Tassen, und sprachen über Dies und Jenes. 86     Marc Sittich, der Bischof. Es hatte ein Bauer eine Menge Jungen, und er ließ sie alle in seine Wirthschaft hineinwachsen. Nur der Eine war ein Tischler geworden, und war des Vaters Liebling, weil er ein stilles, fleißiges und geschicktes Wesen hatte. Der jüngste Bube war nun noch übrig, der Mutter Liebling, über dessen Zukunft man noch nicht ganz einig war. Er hütete das kleine Vieh und galt für einen muntern durchtriebenen Burschen. Wenn der kleine blitzäugige Bube am Vater vorüberging, so lachte er immer schelmisch, und knallte mit seiner Peitsche, der Vater aber drohte ihm stets mit dem Finger, konnte sich aber doch auch bei seinem Anblick eines gewissen wohlgefälligen Lächelns nicht verwehren. Die Mutter strich ihm immer, wenn er Abends das Vieh eintrieb, das kurze, krause Haar von der Stirn, trocknete ihm den Schweiß vom kleinen, braunen Gesicht, und steckte ihm ein Paar Aepfel 87 oder gekochte Eier in die Tasche. Wenn es der Vater sah, so schalt er sehr, und sagte zu seiner Katharina, sie würde den Buben verhätscheln. Als der Jüngste mußte er bei Tische das Gebet und den Segen sprechen, und da er eine klare, tüchtige Stimme hatte, so that er das selbst zur Zufriedenheit des strengen Vaters. Dies war's vielleicht, was die Mutter darauf brachte, ihn dem geistlichen Stande zu widmen. Das Gehöfte und die Aecker waren in Ordnung, die Getraidepreise waren in den letzten Jahren ziemlich hoch gewesen, das schwarzbraune Wandschränkchen hinter dem Himmelbette mit den breitblättrigen Schnörkeln war nicht leer, der kleine Marcus durfte nicht ohne Zubuße bleiben. Und wenn der Alte sagte, es würde den andern Söhnen zu Viel entzogen, da erwiderte die Mutter, der Marcus sei ja auch der letzte von ihrer Ehe, und es koste ja doch im Kloster eigentlich nur hie und da ein hübsch Geschenk aus der Wirthschaft: dafür lerne der Marcus lateinisch und die heiligen Verrichtungen, und es brächte doch auch der ganzen Familie Ehre, und sei am Ende doch die Hauptsache. Man könnte doch nichts Hübscheres und Rührenderes zu Stande bringen, als wenn ein Glied der Familie dem Herrgott diene, es brächte Segen in's ganze Haus, der Marcus habe ein freies, klares Gesicht, er werde besser aussehn als mancher andre im ehrwürdigen Ornate, und er sei ein 88 anstelliger, aufgeweckter Junge, man könne nicht wissen, wie weit er's bringe. Der Alte war ein Paar Minuten still, und langte dann den von Fliegen heimgesuchten Kalender von der Wand herunter, sah nach dem Quatember, und trug der Frau auf, sie möge ihn heute Abend an die große braune steirische Kuh erinnern, sie habe heute gekalbt, und Marcus sollte es aufschreiben. Dann zog er sich die Manchesterjacke an, und sagte zu seinem Weibe, ob sie sich einmal die Saat mit ansehn wollte draußen hinter dem Erlenholze, es hätte heute Nacht so hübsch geregnet, und der Marcus hüte das kleine Vieh in der Nähe, man könnte sich Mancherlei dabei überlegen. Und die Alte sagte hurtig »Ja,« denn sie kannte ihre Ehehälfte, und sie gingen. Draußen lag Marcus an der Erde auf einer Hügellehne, und hatte frische, saftige Weidenstöcke um sich liegen, und schnitt sich Pfeifen. Nur hier und da warf er einen schnellen Blick auf das Vieh, und wenn es sich zu weit nach der Saat hin richtete, so jagte er wie ein kleiner Feldherr seinen großen schwarzen Spitz nach der bedrohten Seite, daß er das Vieh herüber belle, und lenkte ihn mit wenigen laut geschrienen Worten. Er selbst aber ließ sich nicht stören, und pfiff und jodelte in die Luft hinein. Vater und Mutter waren unterdeß in seine Nähe gekommen; aber obgleich er sie nicht zu bemerken schien, 89 so ward er doch gar nicht überrascht, sondern rief ihnen zu, eh sie dachten, daß er sie gesehen. Der Vater sagte zur Mutter: wenn ich nur gleich an seine Stelle einen Buben für das kleine Vieh hätte, denn der Junge hütet auf's Beste, stört das Vieh nicht unnöthig im Fressen und läß'ts doch nicht aus dem Auge – sieh nur, wie rund und glatt es aussieht. Aber die Mutter wußte immer Rath. Nachbars Anton sei ein geschickter Junge. Und so kündigte denn der Vater dem Marcus an, er sollte nach der Kirchmeß drüben in's Kloster kommen, um geistlich zu werden. Marcus sah ihn mit neugierigen Augen an, und als ihm die Mutter sagte, daß er dort alle Tage Honigschnitte kriegen würde, da nickte er mit dem Kopfe, und probirte seine eben fertig gewordene Pfeife. Marcus war schon mehrere Jahre im Kloster, als er eines Tags am Klostergarten ein frisches, schönes Bauermädchen vorübergehen sah. Sie gefiel ihm sehr, und er rief ihr zu. An der hohen Mauer des Gartens nämlich war tief im Dunkel von hohen Bäumen ein altes offnes Fenster, was Wenige kannten, weil es ganz mit Epheu verwachsen war. Dort pflegte Marcus oft zu sitzen, um Menschen vorübergehen zu sehn, denn er liebte Fleisch und Blut. Das Mädchen stand still, und als sie mit Mühe 90 erkundet, woher der Ruf käme, und daß es ein Geistlicher sei, der zu ihr gesprochen, trat sie näher. Sie erkannte Marcus und ward roth. Er erkannte sie auch, denn es war die kleine Clara aus seinem Dorfe. Sie reichten einander die Hände und das Mädchen kam oft wieder. Damit ihre Gespräche über Jugenderinnerungen nicht auffallen möchten, bat Marcus die Clara, ihre Geschäfte so einzurichten, daß sie Abends nach der Vesper vorüberginge. Und Clara richtete ihre Geschäfte so ein; denn des Marcus Augen waren noch immer so munter als da er einst das kleine Vieh hütete, und mit ihr beim Brunnen Wasser schöpfte. Sie hatte auch nichts dawider, als er eines Abends die Epheuranken auseinanderschob, den Kopf und einen Arm herausstreckte, und sie küßte; denn das Küssen gefiel ihr. In müßigen Stunden verfertigte Marcus im Schatten des Klostergartens eine kleine Leiter, und weil das Küssen durch das Fenster hinab so unbequem sei, bat er das Mädchen, heraufzusteigen, im Schatten des Klostergartens sei weicher schöner Rasen, da sitze sich's sehr schön. Und Clara stieg herüber, und sie setzten sich auf den Rasen, und es kamen schöne warme Nächte, deren die Jugend allerwege sich freut. Marcus und Clara fanden die Klosterstille sehr angenehm. – Der Prior des Klosters war ein sanfter und gelehrter Mann. Er liebte den Marcus, weil er 91 Alles sehr schnell gelernt hatte. Namentlich schätzte er an ihm einen unbefangenen Scharfsinn, welcher bei schwierigen Stellen der Klassiker stets schnell und leicht ein klares, einfaches Verständniß ausfand. In einer der schönen Sommernächte las der Prior in den Homilien des heiligen Chrysostomus, und stieß auf eine ihm dunkle Stelle – im Eifer des Studiums vergaß er die Nachtzeit und eilte über den mondhellen Korridor nach des Bruder Marcus Zelle, um ihn zu befragen. Die Zelle war leer, und nun besann sich der Prior, daß es Nacht und sehr auffallend sei, wenn Bruder Marcus sich jetzt nicht in seiner Zelle befinde. Er wußte indeß, daß Marcus ein junges frisches Gefallen an der Natur fand, und vermuthete, daß er sich bei der schönen Nacht im Klostergarten ergehen werde. Dies denkend stieg er in den Garten hinab. Marcus, der mit Clara im Dunkeln saß, und dessen gesunde Hirtensinne noch scharf und aufmerksam waren, hörte den leisen Schritt des Priors, und horchte: Da rief dieser mit lauter Stimme »Bruder Marcus,« und Clara, heftigst erschreckend, stieß einen gellenden Schrei aus. Marcus hatte es der nachsichtigen Liebe des Priors zu danken, daß er in eine große Stadt versetzt wurde. Dort machte er viel Glück und war ein gesuchter 92 Beichtvater: er sprach salbungsvoll und wußte zu vergeben. Er ward ein renommirter Geistlicher und stieg von Stufe zu Stufe. Auf der Kanzel war er der Abgott der Frauen, denn sein Auge war immer noch frisch und schön, seine Stimme klang frei wie auf dem Felde, und die Tonsur stand ganz vortrefflich zu seinem muthigen krausen Haar. An einem schönen Kirchenmorgen ließ ihn eine hohe verschleierte Dame bitten, ihre Beichte anzuhören. Sie sprach Viel von der Erregbarkeit ihres Herzens, und daß sie unwiderstehlich zur Liebe getrieben werde. Prälat Marcus versicherte ihr natürlich, das sei ganz in der christlichen Ordnung, und durchaus keine Sünde. Daraus erwiderte sie, ihre Neigung richte sich dahin, wo Gott allein Ansprüche zu machen habe. Der Prälat meinte menschenfreundlich, der liebe Gott erlaube den Menschen, Alles zu lieben, und verlange in seiner grundlosen Gnade keine Privilegien. Auf diese demokratische Aeußerung erhob sich die Dame seufzend, und ging. Aus Versehen ließ sie ihr Taschentuch auf dem braunen Brett am Beichtstuhl liegen. Der Prälat war von der wunderlichen Scene überrascht, denn er war gar nicht zur eigentlichen Sünde, noch auch zum Absolviren gekommen, und in Gedanken griff er nach dem Taschentuche. Es fiel ihm ein Zettelchen daraus in den Schooß, darauf stand: »Heiliger Marcus, ich bete dich an 93 allnächtlich um die elfte Stunde an der großen Pforte des bischöflichen Gartens.« Marcus war ein kluger Mann, und in einen Mantel gehüllt stand er um 11 Uhr an der Gartenpforte, und sagte der verhüllten Gestalt, sie habe ihr Taschentuch heut im Beichtstuhl vergessen, und wenn sie's nicht übel nehme, so möchte er ihr selbiges einhändigen. Sie flüsterte ihm zu, daß sie das durchaus nicht übel nehme, und reichte ihm die Hand. Es war eine feine warme pulsirende Hand, die ihn in einen Seitenflügel des bischöflichen Pallastes leitete. Im Zimmer ankommend warfen beide Theile die Mäntel ab, und lachten sehr. Es war aber unter dem andern Mantel eine weibliche hohe Gestalt gewesen, die große Aehnlichkeit mit der Dame hatte, welche denselben Morgen am Beichtstuhle gewesen war. Der heilige Marcus küßte ihr lächelnd die leitende Hand und sie setzten sich nieder. Selbige Dame war die Nichte des regierenden Bischofs, und wenn sie Mittags dem Onkel einen Fasanflügel zerlegte, so erzählte sie immer eine rührende gottesfürchtige Geschichte vom Prälat Marcus, wie er die Familie des Bischofs leidenschaftlich verehre, und die christliche Liebe bis auf's Aeußerste treibe. Prälat Marcus wurde immer öfterer zu Tische gebeten, und wenn der Bischof, ein alter, schwacher 94 Mann sich zurückzog, so promenirte er noch mit der menschenfreundlichen Nichte in den tieferen Gemächern herum, und erzählte ihr, wie er in seiner Jugend Rohrpfeifen geschnitzt und die Honigschnitte außerordentlich geliebt habe. Die Nichte des Bischofs galt im Stillen für dessen Tochter, und hatte die weißeste bischöfliche Haut, ein römisches Blut und Feuer und zwei große allein selig machende päpstliche Augen, des Prälaten Geschichten und Promenaden in den tieferen Zimmern kamen immer in's Stocken, obwohl er sonst immer gut zu reden wußte. Er sagte immer, sein bischöfliches Beichtkind sei daran schuld, die Kirche habe ihm aber, Gott sei Dank, die Macht gelassen, zu absolviren. Und Marcus war in jener Zeit reich an nachsichtiger Liebe und Absolution. Durch den guten Onkel der noch besseren Nichte war Marcus Bischof von Salzburg geworden. Der Onkel war todt, und die traurige Nichte meinte, hinter den Bergen von Salzburg könne sie ihren großen Schmerz besser verbergen. Einen starken Schleuderschuß von Salzburg, in einem der vielen umher liegenden Thäler baute ihr Marcus aus zarter Erkenntlichkeit ein schönes Lustschloß, und erschöpfte sich dabei in den herrlichsten Anlagen, namentlich mußte das Wasser allerlei Kunststücke machen, und das Schloß wurde deshalb Hellbrunn genannt. Bischof Marcus 95 galt übrigens in Salzburg für einen großen Freund der Natur, denn der bischöfliche Wagen fuhr alle Tage nach Hellbrunn. Eines Tags trat ihn ein nicht mehr ganz junges Bauermädchen an, als er aus dem Wagen stieg. Man sah es, daß sie einst sehr hübsch gewesen sein müsse, und der Bischof schien genau zu wissen. wie lange das her sei; er war sehr herablassend, obwohl die Dirne sehr trotzig that. Sie erhielt eine Anstellung in des Bischofs Wirthschaft, und spielte eine ziemlich trotzige Rolle in seinem Hause; ja diese Clara galt bei Vielen für die Hauptperson in der Diöces, und die jungen Geistlichen wendeten sich meist an sie, denn der Bischof war immer sehr verlegen, wenn sie ihn um etwas bat. Einst hatte er ihr etwas abgeschlagen, und sie polterte Unglück verheißend im Hause herum. Es war schöne, warme Sommerzeit, der Herr Erzbischof befand sich eben zum Besuch in Salzburg, und der sonst so freundliche Mann ward nach einigen Tagen seines Aufenthalts sehr ernst und wortkarg. An der Tafel beim Bischof Marcus sprach er fortwährend von einem enthaltsamen, nüchternen Lebenswandel, wies die besten Schüsseln und Flaschen von sich, und klagte bitterlich, wie das Fleisch in der Kirche immer dreister würde. Bischof Marcus war sehr verstimmt, und fuhr gegen Abend hinaus nach 96 Hellbrunn, um bei der stillen Nichte wieder auf andre Gedanken zu kommen. Bald nach ihm stieg der Erzbischof auch in seinen Wagen, und auch Clara hatte zwei Ackerpferde vor den Küchenwagen spannen lassen, und beide fuhren ebenfalls nach Hellbrunn zu. Bischof Marcus pflegte an warmen Sommerabenden mit der stillen Nichte in den schönen Gartenanlagen zu verweilen, namentlich war es eine dunkle Grotte mit weichen, schwellenden Moosbänken, in welche sie sich gewöhnlich zurückzogen, um die Sorgen der Welt zu vergessen, die Nichte ging wegen der Wärme nur sehr leicht angekleidet, und der Bischof, für ihre Gesundheit besorgt, streichelte ihr den weißen römischen Nacken und Busen, und legte ihren vollen Arm in sein Gewand, damit sie sich nicht erkälte. Diese Besorgniß steigerte sich, je länger sie in der Grotte saßen, die Nichte lachte aber immer dazu. Plötzlich wurden sie durch ein rauschendes Wasserbrausen aufgeschreckt. Marcus war von Jugend auf anstellig und schlau gewesen. Er begriff schnell, was das Wassergeräusch bedeute, warf sein weites Gewand über die Nichte, kniete nieder, und drückte seine Hände auf den Boden. Sogleich begannen dicke Wasserstrahlen nach allen Seiten am Eingange der Grotte hervorzuspringen, und den Zugang brausend zu sperren, das Geräusch wurde immer lauter. 97 Mitten im Garten aber standen der Erzbischof und Clara, und aus allen Wasserspiegeln, aus dem Munde aller Statüen, aus allen Steinen braus'ten die Wasserströme über das Paar, heftig versuchte es Clara, den Erzbischof weiter fortzuziehen, und deutete auf die wasserschäumende Grotte, der breite, völlig durchnäßte Erzbischof versuchte es, noch einige Schritte vorzudringen. Als er aber eben mit einem flüchtigen Blicke des knieenden Bischofs inne wurde, schüttete eine kolossale Steinfigur eine breite Wasserfluth über ihn. Der alte Mann war erweicht, eilte, so schnell es seine Kräfte erlaubten, zurück, und erhob ein klägliches Geschrei über Hexen- und Zauberkünste. Clara, fortwährend hinter ihm, beschwor ihn, bis zur Grotte vorzudringen. Umsonst. Am Eingange des Gartens fiel er halbtodt seinen Dienern in die Arme, und konnte kaum noch lallend den Befehl ertheilen, Clara als eine Hexe zu verhaften. Am andern Tage starb er in Folge der jähen Erkältung. Er hatte kaum noch Zeit gehabt, den Bischof Marcus wegen eines unziemlichen Argwohns um Verzeihung zu bitten, und seine Frömmigkeit in Augenblicken der Versuchung den Anwesenden zu empfehlen. Clara ward den geistlichen Gerichten überantwortet und wegen Verläumdung einer geheiligten Person und wegen zauberischer Künste im Inn ersäuft. Der 98 Bischof aber kam in den Ruf noch größerer Tugend, welche selbst über teuflische Hexenversuche den Sieg davon trage, und alles Volk in und um Salzburg nannte ihn den sittigen Marcus. So hat die Kirchengeschichte seinen Namen als Mark Sittich überkommen. All' seine Wasserkünste in Hellbrunn, was die Salzburger Hellabrunn nennen, sind noch wohl erhalten, und der Vorfall mit der stillen Nichte kann noch alle Tage passiren. Unser Führer hat uns all' diese Attrapen gewiesen und erklärt, und er machte sich das schlechte Vergnügen, einige Handwerksbursche, von denen kein Trinkgeld zu erwarten war, wie jenen Erzbischof zu taufen, obgleich in der Grotte nichts zu verstecken war, als ein scheußlich steinernes Weibsbild. Für den Novellenschreiber hat es etwas Betrübliches, daß alle die lüsternen Pfaffengeheimnisse jetzt von prosaischen Lohnbedienten für wenige Kreuzer enthüllt werden. Man fährt durch eine schöne Allee von Hellabrunn nach Salzburg. Die Sonne schien so schön wie damals, als Mark Sittich diesen Weg passirte, und wir waren alle einstimmig betrübt, daß die schönen Gemächer des bischöflichen Freudenschlosses jetzt so leer stünden. Der Starost meinte, etwas Sünde und viel Freude sei doch besser, als verödete Tugend, 99 und der Archivarius konnte den römischen Nacken und die alleinseligmachenden Augen gar nicht vergessen, und fragte den Lohnbedienten nach manchem Detail. Der Lohnbediente lächelte, und that, als wüßte er noch Viel. Er war aber ein dummer Teufel, und wußte nichts mehr. 100     Stadt Salzburg. Wie einer Schauspielerin, deren Verdienst durch gute Freunde übertrieben wird, so schadet es einer Stadt und Gegend, fortwährend enthusiastisch gepriesen zu werden. Es ist in Teutschland Stil, ein Wenig außer sich zu gerathen, wenn der Name Salzburg genannt wird. Ich fand immer mehr, daß dies gar nicht nöthig sei, ich blieb sehr nüchtern, und fand nur Schönheitsanlagen, aber nirgends jene klare, siegreiche Schönheit, welche sich die Bewunderung und das Entzücken zu Füßen wirft. Es ist ein buntes Durcheinander mit vielen einzelnen Reizen; man rennt, und rennt, und sucht eine Vereinigung dieser Reize, und findet sie nirgends, und bleibt fortwährend durstig, und ist fortwährend durch das stumpfe Oesterreicherthum, durch die Salzburgische Pfaffenwirthschaft, was Beides auf allen Straßen lagert, gestört – der ganze 101 Winkel ist mir fortwährend wie ein unordentliches Bergasyl aller Art von Despotismus erschienen; es ist mir nicht wohl geworden darin. Dazu sind die Leute meist garstig, auch nicht eine weiche Linie der Kultur ist auf den abergläubischen Gesichtern zu finden, und die brutalen Kröpfe, eine gewisse blödsinnige Raffinerie und Unehrlichkeit macht sie ganz widerwärtig. Diese letztere bleibt aber nicht aus, wenn die plötzlich überschwellende Fluth von Reisenden, die sich seit einigen Jahren hierher gewandt hat, den schnellen Verdienst so lockend steigert. Dazu kommt, daß dieses Ländchen in den letzten Zeiten aus einer Herrenhand in die andre geschleudert worden ist. Wenn es je Charakter und Kopf besessen, so hat es ihn dabei eingebüßt; jedes Land ist eine Person, ein solches aber wird eine Sache, eine Waare. Salzburg hat offenbar schmerzhaft gelitten, daß es wieder an Oesterreich gekommen ist, und seine Bewohner sehen traurig nach den gesperrten Märkten Baierns hin, wo man nicht mit Papiergeld zahlt. Aber sie bringen es nicht einmal zu einer entschlossenen Trauer, es ist gar nichts Dramatisches in ihnen. sie wimmern ein Wenig, wenn sie der Hunger quält, das ist Alles. Das thut auch das Hausthier, und das Thier des Feldes geht mit Gefahr des Lebens aus, und sucht sich Nahrung. – 102 – Aber als ich den nächsten Morgen wieder auf der Brücke stand, und die alte Sonne mir eben so warm und lachend in die Augen fiel, wie sie mich in der Heimath oft beschienen hatte, als die Salza morgenvergnügt mit ihren Wellen sprang, und von oben herunter die Festung und der Mönchsberg blitzend im Morgenstrahle wie junge Ritter schauten, da gefiel es mir wohl, und wir stiegen voll fröhlicher Hoffnung hinauf zu den Bergen, welche der Stadt über die Schultern sehen. Der Weg nach dem Kapuzinerkloster geht mitten aus der Stadt steil hinauf. Es stand ein Mönch am Wege, und betete, ein verwahrlos'tes Geschöpf der Gesellschaft. Die braune Kutte stach widrig beschmutzt von der blanken Morgensonne ab, wie das stupide Thier, besaß er keinen Blick, das wüste, menschenleere Auge lag blöde auf dem Rosenkranze, das Gesicht war mager und unkultivirt, die Lippen bewegten sich unheimlich, der rothe, wirre Bart sah garstig aus wie sein fanatischer Glaube. Für ihn war kein junger Sonnenschein da – dieser von der Bildung vergessene Mensch that mir in der Seele weh; und er war nun sicher noch des festen Glaubens, Gott sehe mit Wohlgefallen auf seinen Schmutz und seine blödsinnigen Augen herab. Oben hinter dem Kloster kommt ein fröhlicher grüner Wald, in dem man immer höher und höher 103 steigt. In seinem Grün erholte sich mein Herz von der Mönchsfratze. Es ist keine der geringsten Schönheiten Salzburgs, mitten aus der Stadt so schnell in einen flüsternden Bergwald steigen zu können. Auf seiner Höhe steht ein Haus, dort aß der Starost Butter, Brot und Käse, und lobte es sehr; aus den Fenstern aber sah man in abgeschlossene Thäler. In dem zur Rechten sah es still und wüst aus, links unten manövrirten die österreichischen Reiter aus Salzburg. Sie sahen aus wie kleine Puppen, an unsichtbaren Fäden gezogen. Wir stiegen langsam wieder hinunter, und kletterten dann auf die steile Festung. Soldaten in leinenen Kitteln mit gelben, trostlos öden, stumpfen Gesichtern strichen an uns vorüber; die österreichischen Soldaten sehen so lebensmüd, geistlos, apathisch, larvenartig aus, daß ich immer an die Chinesen denke, wenn ich sie sehe. Europäische Sklaven, die meist vierzehn Jahre dem Korporalstocke verfallen sind. Und wer vierzehn Jahre gefesselt war, hat die Freiheit vergessen. – Hier in diesen Theilen der österreichischen Monarchie sind lauter Polen und Böhmen, eine alte Maxime der Soldatenregierungen, die Länder von ihren bewehrten Söhnen zu entblößen. Die Polen in Italien haben nichts davon gewußt, daß ihr Vaterland 104 auf Tod und Leben kämpfte, sie kennen heute die Namen Chlopicki und Skrzynecki noch nicht. Es wird Einem unheimlich zu Muthe unter diesen wildfremden, slavischen Völkern: sie verstehn nicht die Sprache dieses Landes, und die Bewohner des Landes verstehen kein Wort von der ihrigen, solche arme Slaven sind nur da, um ein wenig Brot und Fleisch zu essen, sich in Branntwein zu betrinken, nach dem Kommandowort die Gliedmaßen zu bewegen, und todt zu schießen, oder sich todt schießen zu lassen. Ein schauerliches Schattenspiel! Es überlief mich kalt der Gedanke, daß diese Leute plötzlich zur Vernunft kommen und einsehen könnten, daß der Indianer am Missisippi ein Gott ist gegen den Soldaten auf der Salzburger Feste. Das müßte ein schwarzer, fürchterlicher Tag werden. Sie sehen von hier oben in die sonnenhelle Stadt, in die grün blitzenden Berge hinein, putzen ihr Riemzeug, und denken dabei an nichts weiter, als an das Riemzeug und ob sie auch Prügel bekommen werden, wenn es nicht gut geräth. Sie singen nicht einmal, und laufen wie die Schatten an einander vorüber. Es ist eine stumme Gefangenschaft in Waffen. Der Weg zu der Festung ist sehr steil, und unter Schweiß und Aechzen wird Brot und Fleisch herauf getragen. Es ist ächt österreichisch, daß man nicht 105 lange schon durch Winden oder sonstige Maschinen das erleichtert hat. Oesterreich liebt nur die menschlichen Maschinen, damit die Leute nicht auf andre Gedanken kommen. Der Führer sagte uns, nur der Gouverneur dürfte den steilen Weg heraufreiten, hinunterreiten könne er nicht. Der Gouverneur ritte aber auch nie herauf. – Als Merkwürdigkeit wurden uns unten in der Stadt zwei große Reitbahnen gewiesen. Die eine war von Tribünen umgeben, und bildete einen vollständigen Turnierplatz. Ich fingirte mir ein modernes Turnier, der Archivarius vertheilte die Rollen, der Starost war Kampfrichter, der Professor Jarke und Armand Carrel brachen die erste Lanze. Man bedeutete uns aber, wir dürften nicht so viel Spektakel machen, und wies uns hinaus. Dicht dabei ist das große Felsenthor. Es ist ganz in Stein gehauen, immer kühl und feucht und von respektabler Länge. Langsam und ermattet vom Schauen und Laufen stiegen wir nach dem Markte hin, an welchen die Domkirche stößt. Die Straßen sind still und andächtig, auf dem Markte plätschert ein Springbrunnen, es ist spanisch langweilig, und wenn ein armer Reisender durch schlechtes Wetter im »Schiff« am 106 Markte festgehalten wird, so kann er Gott den Herrn erkennen lernen, denn in einer gut österreichischen Stadt, sei sie auch so groß wie Salzburg, ist nichts zu haben, als das Bischen Natur. Die Domkirche war das erste Gebäude dieser Art, das nicht in gothischem Stil erbaut ist, das erste Zeichen des nahenden Südens, von wo der üppige, breitere byzantinische Stil gekommen. Alle Formen daran sind breiter, fleischiger, die Säulen feister, man wird an den üppigen Leo erinnert, an Palladio den Behaglichen. Die ascetischen, langen, schmalbackigen gothischen Kirchenfiguren hören auf, an denen sich der nordische Wind zischend zerschellt, die Gebäude breiten sich aus, um die weichere Luft in größerer Ausdehnung aufzunehmen, die Dächer werden platter und runder, damit die Schatten breiter fallen. Man hatte uns gesagt, in Salzburg sei eine sehr schöne unbefleckte Maria zu finden; der Starost hat sich angelegentlichst nach ihr erkundigt, es war aber keine zu sehen. Nun machten wir noch einen Gang durch die tiefer liegenden bischöflichen Gärten, alt französische schattenlose Gänge mit kolossalen Statuen. All' diese groben Bildsäulen deuten auf die Sinnlichkeit des Krummstabs in Salzburg, auf ein lüsternes Pfaffenthum. Lauter plumpe Nacktheit mit halb 107 bestialischer Aeußerung. Die Geschichte von Marc Sittich, dem Bischofe, ist noch der kultivirteste Ausdruck vom Pfaffenthum in Salzburg. – – Wenig erbaut setzten wir uns in den Wagen, um hinwegzufahren aus dem Salzburger Grabe, denn die garstigen Menschen kamen uns wie Todte vor, und die Schaar runder Berge, welche ringsumher liegt, wie Grabhügel. Die Natur gleicht einer unaufgeräumten Stube, worin schöne, sehr schöne Sachen herumliegen. Man findet um Salzburg manch' hübsches Genrebild, aber nichts Zusammengedrängtes, nichts Ergreifendes. Es that mir ernstlich leid, daß Mozart hier geboren ist, aber ich weiß auch bestimmt, daß er nie einen Don Juan komponirt hätte, wäre er immer hier geblieben. Poetisch denkt man sich den Teufel hier nicht, aber dumm. Ich darf jedoch nicht zu bemerken vergessen, daß man unter dem gepriesenen Salzburg meist auch das Salzkammergut und Ischel und die in der Umgegend ruhenden Seen versteht, und daß ich wenig von den letzteren, gar nichts von den ersteren gesehen. Mein Mißbehagen erstreckt sich nur auf Salzburg im engeren Sinne. Wir freuten uns, als der Wagen hinausrollte aus den Berggefängnissen, aus den Pfaffenhinterhalten, in denen ein unangenehmer Katholizismus kauert. 108 Wir jauchzten: es ging nach Tyrol, wo die bunten Tyroler wohnen mit den grünen Bändern auf den Hüten, mit den Schnurrbärten und den Stutzen, wo die Berge ein Ganzes werden, wo die Leute jodeln. – Wir jauchzten: Io Tyrol! 109     Tyrol. Es war eine recht kindische Freude, die ich empfand, als der Postwagen in's Tyroler Thal hineinfuhr: ich glaubte, noch einmal in ein Stück meiner Kindheit selbst hinein zu rollen, und ich sang wie ich als Bube gesungen hatte: Io, io, Tyroler machen's so! Die Tyroler hatten mich nämlich in früher Jugend beispiellos amüsirt, sie gingen immer in Sonntagskleidern, sie waren immer lustig, sie sagten zu allen Leuten »Du,« sie trugen grüne Hüte und wunderschöne Hosenträger, sie hatten sammtne Jacken, und Blumen und Bänder flatterten an ihnen, und mein Vater sagte mir, daß sie alle mit ihrem kurzen Stutz vortrefflich schießen könnten. Ich dachte, das Land, wo solche Leute wohnen, muß gar zu charmant sein, da ist gewiß alle Tage Sonntag, und die Leute haben gar nichts zu thun, sie verkaufen bloß einander ihre bunten Decken, denn Müßiggang schien mir 110 eine Hauptsache für's Wohlbefinden zu sein. Und in Tyrol dacht' ich, da ist's immer grün und warm, und Jeder kann wunderschön singen, und Jedermann lacht und klug sind sie alle, denn sie haben alle so große, klare, frische Augen. Aber entsetzlich weit dacht' ich mir das Land, weit drunten hinter Spanien, und das war eben so schön, daß es weit entfernt lag. Ich habe viel Jugendirrthümer berichtigen müssen im Lande Tyrol, aber meine Freude ist mir nicht genommen worden, dies merkwürdige Ländchen hat mir gefallen vom Anfang bis zu Ende. Es hat ein klares, zweifelloses Gesicht, nicht so viel Klugheit, als ich erwartet hatte, aber einen Charakter ganz und gar. Das ganze Land ist ein Mensch, das ist ein wenig langweilig, aber sicher und behaglich. Wenn man das Wort Tyrol hört, so muß man an lange schmale Thäler denken, die sich kaum auf einige Stunden Breite erweitern, sehr oft aber zur Schmale eines Gebirgspasses verengen. Ganz Tyrol besteht aus drei Hauptthälern, und ist nicht viel größer als die Hälfte der Schweiz. Das Hauptthal läuft von Norden nach Süden in die Lombardei hinein, und ist der letzte Träger des teutschen Dialekts, der dort dem südlichsten Tyroler, dem teutschen Welschen ausgeliefert wird, welcher ein schlechtes Italienisch spricht. Botzen ist sein Mittelpunkt. 111 Dies Hauptthal senkt sich jenseits des Brenners bis Roveredo und den Garda hinab. Die andern beiden laufen von Westen nach Osten, das Etschthal jenseits der Berge, das Innthal diesseits. Außer diesen giebt es freilich noch mehrere kleinere Thäler, wie das Ziller-, das Puster-Thal und andere, sie münden aber alle als Nebenflüsse in diese Hauptströme. Das ganze übrige Land ist steinernes Urgebirge, ein hoher Alpenrücken, nur für Gemsen, Adler und Jäger zugänglich. Wir fuhren in's Innthal hinein, das sich von Ost nach West über Innsbruck hinaufschlängelt bis Graubündten. Entschlossenheit, Entschiedenheit der Natur trat uns auf beiden Seiten des Weges in stolzen Felsen entgegen, die ihre nackten magern Arme zum Himmel emporstreckten, als forderten sie ihn fragend heraus, warum hast du die Welt nicht weicher und schöner gemacht, da du doch sonst so viel Talent an den Tag gelegt hast, warum Krankheiten und Unfruchtbarkeit und Tugenden aus Unterlassung, warum der am glücklichsten, der am wenigsten thut. Und da sah ich sie wieder, die bunten Tyroler meiner Jugend mit der melancholischen Heiterkeit, dem Abglanz ihres Landes. Kühn sind die Felsen, aber arm, golden und weich ist der Sonnenschein, aber das Land ist hoch, er wärmt wenig, der Boden ist hart, er zeitigt wenig. Es ist ein armes Land 112 dies Nordtyrol, kärglich sproßt ein wenig Getraide, aus dem Süden haben sie sich eine demokratische Frucht, den Mais, holen müssen, um sich zu sättigen. Nicht einmal die Schweizer Triften und Matten sind ihnen gewährt, die Berge sind steinig und harter, unersprießlicher Laune, auch die Viehzucht findet keine Nahrung. Das Alles steht von den Urältervätern her auf den Tyroler Gesichtern, sie sind von Haus ein Volk mit gesunder Leber und Milz, sie lächeln aus der Armuth heraus, aber die Armuth lächelt mit, sie sind ein saubres Volk. Es ist unbegreiflich, woher sie ihre hübschen Hüte, ihre glatten Jacken, ihre zierlichen Hosenträger nehmen. Sie sind ordentlich und doch keine Philister, sind munter und doch nicht leichtsinnig, sind beschränkt und doch nicht dumm, listig und doch nicht falsch, stolz und doch nicht übermüthig, ernst und doch nicht traurig, vorsichtig und doch voll Muth – sie sind unverfälschte Kinder ihrer klaren, scharf abgegrenzten Berge, sie haben ihr Land getroffen ganz und gar. Man darf sich unter solchen Natur- und Lebensumständen auch nicht wundern, daß die sanftere Form und Schönheit des Weibes nicht gedeiht – dafür sind Berge und innere Verhältnisse zu rauh. Die Tyrolerinnen sind gar nicht hübsch; das wissen sie wohl am Ende auch, und das hat sie eingeschüchtert, denn auch ihr Geschmack ist mißrathen. Sie 113 kleiden sich völlig unschön, verstopfen den Leib hinter dicke Ladungen wollener Röcke, und tragen Hüte wie die Männer. Wenn man bloß Köpfe sieht, so kann man oft die Geschlechter nicht unterscheiden. Das rauhe unsanfte Bergleben hat auch die weiblichen Züge hart gemacht. Alle diese Nachtheile kommen aber den Männern zu Gute. Ihre Gesichter sind gestählt und gesättigt mit frischer, scharfer Bergluft, aus den Augen springen die wetterscharfen Berge, von Wange und Lippe strotzt die gesunde, unverfälschte Atmosphäre, der ganze Körper ist geschmeidigt durch die Gefahr der schwindelnden, sich um Abgründe windenden Klippen, durch die Thätigkeit, welche der unebne Boden fortwährend in Anspruch nimmt. Der Tyroler gehört zu den schönsten Männern Europas, und ich habe oft bei seinem Anblick an einen spanischen Brigand gedacht, der aus einer Schlucht der Sierra Morena herabsteigt und mit dem kernhaften schwarzen Auge umherspäht nach der dunkeln Ebne, wo die reichen Klöster und Schlösser aus den schwarzgrünen südlichen Bäumen leuchten. In der Nähe des Loferpasses, wo die Thalwände sich zusammendrängen wie stolze Feinde, die einander das Weiße im Auge suchen, da trat ein Tyroler Schütz plötzlich um die Ecke, und blieb, die Hand 114 auf seinen Stutz lehnend stehn, um uns vorüberzulassen. Ich meinte, es sei eine fabelhafte Erscheinung, so grünfrisch poetisch sah der Bursche aus, wie ein junger Alpenkönig, der eben aus den fliegenden Wolkenschichten trete; der Reif hing ihm um den bauschigen Knebelbart und die langen Augenwimpern, die Augen blitzten wie menschliche Gemsaugen hervor, an der Seite steckte das Messer, welches jeder Tyroler trägt, wenn er auch nur Brot damit schneidet, im Wetter gebleicht, fahlgrün war sein Hut und sein Wamms, unbefangen und kühl wie ein Giesbach sah er in unsern Wagen. Am Loferpaß hat es ein fürchterlich Franzosenmetzeln gegeben, nur verwitterte Steintrümmer waren übrig von der frühern Befestigung, der Schütz stand an einem klassischen Punkte, man sah's ihm an, seine Kugeln fehlten selten – er schaute aus wie ein moderner Ritter mit wenig Bildung, aber sichrer Waffe. In diesen Tyroler Thälern mag die Redensart entstanden sein: die Welt ist mit Bretern vernagelt. Es giebt immer nur einen Weg, auf welchem man vorwärts oder rückwärts muß. Das Volk in diesem Lande muß auch nothwendig todestapfer oder feig werden, es giebt kein juste oder triste milieu , keinen andern Ausweg, unzugänglich wie 115 Kaufmannsherzen stehen links und rechts die himmelhohen kahlen Felsen, und verschließen die übrige Welt. Solch' eine meilenlange Wand trennt im Innthale Tyrol nach Norden zu von Teutschland. Ganz Nordeuropa ist hier zu Ende, man ist für immer abgeschnitten von der Abendzeitung, vom Hofrath Böttiger und von seinen Recensionen – Teutschlands Stolz ist zu Ende. Nur nach mehreren Stunden schlüpft einmal ein schmales Thal nach Süden hinein, um eine Flucht nach Italien zu suchen. Es wurde dunkel, und hie und da kam ein Tyroler, und warnte uns gutmüthig vor den Wassern, welche die Wege sakkerisch zerrissen hätten. Wenn man dem Tyroler das Wort sakkerisch verbietet, fängt er auch eine Revolution an. In Kurzem war es undurchdringlich finster. Wir mußten aussteigen und einen Nebenweg suchen, die Straße war zerstört. Nur ein schmaler, für den schweren Wagen gefährlicher Aushilfsweg lief in dem engen Thale an den Felsenlehnen hin. Es wurden Leute mit Kienfackeln herbeigebracht, wir tappten unsicher bei dem flackernden Scheine durch die Nacht und die Berge hin. Ein todtblasses Tyrolermädchen ging stumm und gespensterhaft mit der Kienfackel neben mir her. 116 Sie hatte ein wirres, unleserliches Auge, was Niemand ansah, und sprang mit unglaublicher Kraft über die höchsten Felsblöcke. Ich war mit ihr immer der übrigen Karavane voran, und die weit hinter uns einzeln schimmernden Fackeln, und das wüste Gesicht des Mädchens neben mir, regten unheimliche Geschichten meines Busens auf. 117     Eine Tyroler Geschichte. In diesem Lande müssen recht traurige Geschichten passiren können, dacht' ich in meinem stillen nächtlichen Sinn, und sah nach den schwarzen Felsmassen in die Höhe, die bei der Finsterniß kein Ende nehmen, und nach dem ebenfalls unendlich schmerzhaften Gesichte des Mädchens. Das arme Kind riß sich das Busentuch heraus, als ich so in die Höhe blickte, und trocknete sich damit die Augen, obwohl die Augen gar nicht weinten. Eine alte Erinnerung mochte ihr wohl sagen, daß sie eigentlich weinen sollte, und sie wollte die harte Natur ergänzen. Ihr weißer Busen sah kalt und unempfindlich in die Nacht, und es bedünkte mich, als glich er einem Marmordenkmale, was auf dem Grabe heiliger Todten ruht. Es war gar zu auffallend, denn die Tyrolerinnen sind keusch und schamhaft, es mußte nicht recht richtig mit dem Mädchen sein. 118 Ach, es war auch nicht recht richtig. In diesem Lande passiren wirklich recht traurige Geschichten, denn die Bildung hat noch keine Leidenschaft in Baumwolle gewickelt, sie äußern sich in baarer, wilder Naturkraft, und frei sind die Tyroler auch nicht, wenn sie sich auch so stellen. Das Mädchen war einmal recht glücklich gewesen, sie hatte geliebt. War sie nicht eigentlich zu beneiden? Wißt Ihr es wohl, ihr stumpf glücklichen Menschen, die Ihr gedankenlos in der Fülle Eures Behagens hinlebt, wißt Ihr es wohl, daß diese lachende goldne Sonne Menschen bescheint, welche niemals, ach das Herz bricht mir bei dem Worte – niemals glücklich gewesen sind, niemals nur den Mantelsaum des fliegenden Glücks gesehen haben! Manchmal macht es mich irre an der Liebe Gottes, die durch Alles rauscht, was da ist, daß es wirklich Menschen giebt, welche nie die Liebe empfunden haben, nie die Liebe empfunden – – Herr des Himmels, es giebt solche Menschen! Machtest du sie über Nacht klug, sie liefen auf die Thürme, und stürzten sich herab, um die trostlose Brust zu zerschmettern. Und es sind das nicht immer bloß alte Kaufleute, die nur ihr Geld, alte Edelmänner, die nur sich lieben, alle Jungfern, die ein Herz von Sohlleder gehabt haben; es sind mitunter ganz anständige Leute. Wie ein Platzregen würde es auf sie herabstürzen, 119 wenn sie plötzlich ihr Unglück erführen. Es ist eine traurige, entsetzliche Poesie um einen Menschen, der da sieht, wie Alles überwältigend die Liebe bei allen Menschen ist, und der niemals selbst etwas davon erfahren hat. Ich meine, es sei der unglücklichste Mensch unter der Sonne, unglücklicher als der größte Verbrecher. Elsi, dein Unglück war eine Kleinigkeit daneben, obwohl es gar nicht klein war. Elsi hatte in einem artigen Häuschen bei ihrem Vater und ihrer Mutter gewohnt, beim Hause war ein Gärtchen, im Stalle stand eine Kuh, der Altan, welcher bei den meisten Tyroler Häusern angebracht ist, war erst vor sechs Jahren blank und fest ausgebessert worden. Im Sommer zog der Vater mit Fußteppichen und Handschuhen nach Teutschland, im Herbste kam er wieder, und den Winter über hatten sie Holz genug, saßen fein warm, das Dach war gut erhalten, es drang kein Schnee durch, und das Ersparte reichte auch hin, in der Woche zweimal Fleisch zu essen. Es ging der Elsi wirklich recht sauber, besonders als der Sepperl immer regelmäßig des Abends vorbeikam, im Frühjahr wenn sie oben auf dem Altan hinter den beiden Blumentöpfen saß, die ihr der Sepperl geschenkt hatte, und wenn der Sepperl immer freundlicher sagte: Elsi, guten Abend. Denn der Sepperl 120 war ein blitzhübscher Bube, er schoß die meisten Gemsen von allen Schützen im Dorfe, und hatte den schwärzesten schönsten Knebelbart. Als der Vater schon einen Monat fort war, hinaus in's Reich, da trat der Sepperl einmal wirklich ein in's Haus, und schüttelte Elsi's Mutter die Hand und der Elsi auch und setzte sich. Elsis Mutter war unten aus Welsch-Tyrol, und hatte stechende schwarze Augen, und Sepperl gefiel ihr, und wenn sie die Tochter hinausschickte, so streichelte sie ihm die Backen und den Knebelbart. Das gefiel dem Sepperl, und da Elsis Mutter noch eine rüstige, hübsche Frau war – Elsi war erst 15 Jahr– so streichelte er sie wieder, er war jung, sie war aus Welsch-Tyrol, sie wurden warm mit einander. Die arme Elsi merkte nichts, denn Sepperl gab ihr immer die Hand, wenn er kam und wenn er ging, und Sonntags tanzte er mit ihr wie die andern Burschen mit ihren verlobten Dirnen. Es that ihr nur leid, daß die Mutter immer des Abends so viel zu schicken hatte, wenn der Sepperl kam. So verging die Zeit, bis der Wind schon wieder rauh von Baiern her über die Berge herunterfiel, und das Laub von den Bäumen blies. Da kam eines Abends Elsis Vater aus dem Reich zurück, und er wunderte sich, daß es noch dunkel in seinem Hause war, machte leise die Stubenthür auf und 121 blieb stehen. Hinten vom blauen Himmelbett her vernahm er Geräusch, als wenn zwei Leute schön mit einander thäten, und sich küßten. Er schüttelte unwillig den Kopf, daß Elsi solchergestalt die Sitte hintansetze, kehrte flugs um, und ging zum Pfarrer, für seine Tochter die Hochzeit zu bestellen; denn er hatte es schon im Frühjahr gesehen, daß Sepperl ein Auge auf sein Mädel hatte. Unweit des Pfarrhauses aber begegnete ihm Elsi. Sie grüßte ihn schön und gab ihm die Hand; er fragte sie aber bloß, wer denn eigentlich daheim in der Stube sei, und als Elsi antwortete: »die Mutter und der Sepperl,« da sagte er: Elsi, geh' zum Herrn Pfarr, und warte auf mich, ich werde auch gleich hinkommen. Sie ging, er kehrte um, und trat stumm in seine Stube. Das Weib saß mit entblößter Brust auf dem Bett, Sepperl sprang hastig auf die Seite. Elsis Vater trat an sein Weib heran, und fragte, ob sie ihn kenne. Der Mond kam eben hinter den Bergen hervor, und fiel mit seinem blassen Schein über Beider Gesicht. Das Weib war todtenstill; er griff nach seinem Messer an der Seite und stach es ihr tief in die offne Brust. Sepperl schlich langsam aus der Stube; er sah's aber noch, wie das Blut emporsprang und das Weib auf's Bett zurückstürzte. 122 Es hatte Niemand ein Wort gesprochen, aber Sepperl mußte wohl später geschwatzt haben, denn am andern Tage war die Geschichte ruchbar. Elsi hatte bis spät in den Abend im Pfarrhause auf ihren Vater gewartet. Als er gar nicht kommen wollte, ging sie heim, und da unten Alles finster und still war, dachte sie, die Eltern schliefen schon, und ging hinauf in ihre Kammer, und schlief bis an den frühen Morgen. Im Hause selbst schlief aber Niemand mit ihr als die todte Mutter. Als Elsi früh in die Stube trat, begann ihr Unglück: die Mutter fort, der Vater fort, das Messer mit seinem Namen bei der Leiche, und Sepperl – – die Nachbarn erzählten ihr schonungslos, was sie wußten, und was sie nicht wußten. Elsi war alt genug, ihr Unglück zu übersehen: Vater und Mutter verloren, und was mehr sagen will: den Geliebten, und was noch mehr ist: die Liebe, und Alles in einer Nacht – es war Unglück genug, um den Verstand zu verlieren. Elsi verlor ihn auch. – Aber wer nie geliebt hat in seinem Leben, ist doch noch schlimmer dran. Von Elsis Vater hatte man nie wieder etwas gehört, aber Sepperl hatte Soldat werden müssen. Elsi saß still in ihrem Häuschen, legte den Tag über die Hände in den Schooß, und sang die alten glücklichen Lieder; sie putzte sich sorgfältig, weil sie glaubte, 123 der Mangel an Schönheit sei Schuld gewesen, daß sie Sepperls Liebe nicht gewonnen. Die Nachbarn brachten ihr Essen, und sie aß mit großem Appetite, war still und sanft, und that Niemand etwas zu Leide. Eines Abends saß sie wieder im Dunkeln allein, unweit des blauen Himmelbetts, in welchem jetzt Niemand schlief; denn sie ging immer noch hinauf in ihre Kammer, obgleich der Schnee jetzt durch das verwahrlos'te Dach hereindrang. Sie summte leise ein altes Lied, da ging die Thür auf, und Elsi sprang in die Höhe und rief jauchzend: »Sepperl.« Sie hatte ihn am Tritt erkannt. Es war Sepperl, der von Wien desertirt war; sie schien ganz vernünftig zu sein, so lange sie mit ihm redete. Er stellte ihr vor, wie man ihn verfolge, und daß kein andrer Ausweg übrig sei, als auf's Gebirg zu fliehen, denn wenn man seiner habhaft würde, erschösse man ihn. In diesem Augenblicke sei er halbtodt gehetzt, und bedürfe einer stärkenden Ruhe, im Gebirge sei's noch kalt und rauh, Elsi solle ihn vier und zwanzig Stunden beherbergen. Elsi nickte mit dem Kopfe, er verschlang hungrig ein Stück Brot, was auf dem Fensterbrett lag, dann fiel er todtmüde auf jenes Bett, wo das Unglück geschehen war; er hatte keine Zeit und keine Kraft zum Schauder; der Schlaf sank bleiern auf seine Augen. Elsi ging, und riegelte die Thür zu, dann legte sie 124 sich angekleidet neben ihn auf's Bett, und schlief nicht, sondern sah den Schläfer an mit offnen Augen, obwohl sie wenig an ihm sah, denn die Nacht war dunkel. Als der Tag graute, erwachte Sepperl, sah das Mädchen neben sich halb aufgerichtet sitzen, sah seine Lagerstätte, und fuhr entsetzt in die Höhe. Er wollte fort. Elsi umklammerte seine Kniee, er möge bleiben. Sepperl wußte nichts von Elsis Wahnsinn; er wollte noch einen Tag bleiben, um sich einzurichten für seinen Aufenthalt auf den Bergen. Als es Morgen ward, kam die Nachbarin, und brachte Elsi das Frühstück, Sepperl kroch hinter den Ofen, und Elsi schob den kleinen Schieber am Fenster auf, und nahm den Topf der Nachbarin ab. »Der Sepperl ist wieder da,« sagte sie. Sepperl erschrak des Todes in seinem Versteck. Die Nachbarin aber, gewohnt, sie von Sepperl sprechen zu hören, achtete nicht darauf, sondern ging, sich bekreuzigend wieder von dannen. Jetzt kam dem Sepperl zum ersten Male der Gedanke von ihrem Irrsinn, aber wenn sie sich zu ihm wendete, sprach sie unverwirrt. Es war ihm doch unheimlich in der schlimmen Stube zu Muthe; er machte sich indeß zu thun, suchte den Stutzen und Pulver und Blei von Elsis Vater zusammen, putzte das Gewehr, und machte sich 125 reisefertig. Der Elsi verbot er, wenn die Nachbarin wiederkäme, seinen Namen zu nennen; als sie aber kam, sagte Elsi wiederum: Der Sepperl ist da, ich darf's aber nicht sagen. Nun blieb ihm kein Zweifel mehr über ihre schreckliche Lage; er sah auch, daß sie nichts that, und sich wie eine Kranke von außen her ernähren ließ. Ihn verlangte angstvoll nach dem Abende, er schmachtete nach den Bergen, Schuld und Unglück lastete wie Verdammniß mit der niedrigen Stube auf seiner Brust. Elsi war unterdeß lieb und zärtlich gegen ihn, und sprach kein thöricht Wort. Es ward Abend, und er machte sich reisefertig. Elsi that's auch. Er fragte. Sie wolle ihn bis ans Ende der Wolken begleiten, und wenn's weiter ginge, weiter. Als er's ihr abschlagen wollte, weinte sie bitterlich. Sepperl suchte sie zu beruhigen, und streichelte ihr zum ersten Mal die Wangen, und küßte sie flüchtig auf den Mund. Da fuhr's wie ein Feuerstrahl durch ihr Antlitz und ihre Glieder, die Augen leuchteten, und sie preßte ihn küssend und wieder küssend, so heftig an sich, daß es ihn schmerzte. Er steckte so viel Brot, als im Hause zu finden war, in die Jagdtasche, und sie gingen; was er mit ihr beginnen sollte, wußte er selbst noch nicht. 126 Es war Abend. Sie schlüpften zwischen Häusern und Zäunen hin. Plötzlich hörte Sepperl Fußtritte, und kauerte sich hinter einen Zaun. Als Elsi dies bemerkte, waren die Männer, deren Fußtritte Sepperl gehört, schon da, und fragten sie, wohin sie bei so später Zeit noch gehe. »Ich geh mit dem Sepperl auf die Berge, sie wollen ihn todtschießen.« Eiskalt überlief es den Sepperl, denn er hörte Waffen klirren; es waren österreichische Militairs, die ihn verfolgten. Er huschte so leise als möglich auf der Erde hin, und fiel in eine Grube, duckte sich zusammen und regte sich nicht. »Sie ist nicht klug,« sagte ein Tyroler, welcher dabei war, aber Elsi setzte hinzu: Hier hinter dem Zaune sitzt er. Man trat hinzu. Ein Soldat näherte sich der Grube. Sepperl spannte seinen Stutz, der Hahn knackte, der Soldat trat näher und rief: »Antwort oder ich gebe Feuer.« Es fällt ein Schuß, es fliegt ein Mann über den Zaun, Schüsse knallen hintendrein, man setzt ihm nach, nur der Tyroler und Elsi bleiben bei dem blutenden Soldaten. Elsi ruft ängstlich nach Sepperl. Aber Sepperl war ein gewandter Bursche und kannte alle Wege und Stege – erst ein Paar Jahre nach diesem Vorfalle ist ihm oben auf dem höchsten 127 Gebirge ein Gemsjäger begegnet. Sepperl hat sehr mager und alt ausgesehen, sein Haar ist grau gewesen, und auch ein langer Bart, der ihm unterdeß gewachsen. Er lebt nur von Gemsenfleisch, und es sollen noch mehrere solche Unglückliche da oben im Gebirg herumirren, welche der Konscription entflohen sind. Sie wagen sich auch nach vielen Jahren nicht herunter, denn das Gouvernement ist unerbittlich. Man erzählt, daß einer von ihnen altersschwach mit sechzig Jahren herabgekrochen sei, verhoffend, man habe sein vergessen. Aber man vergißt nichts, hat ihn eingefangen und an Leib und Leben gestraft. Wie bei den Türken und Persern existirt auch das Heimfallsrecht bei solchen Personen: jener Mann hat 90,000 Gulden besessen, welche dem Gouvernement verfallen sind. – – Der Tyroler, welcher mir die Geschichte mit Elsi und Sepperl erzählte, als er mich so betrübt und verwundert über ihren Anblick sah, setzte hinzu, man wisse nicht, ob sie mit dem Sepperl wohl zusammenkomme. Sie werde oft des Nachts hoch oben auf den Felsen gesehen, und hasche begierig nach Zunder, Pulver und Blei, womit sie wahrscheinlich den Geliebten versorge. Sie spreche übrigens kein Wort mehr, trockne sich aber immer die trocknen Augen, wenn sie hinaus nach den Bergen sehe. Der Tyroler erzählte mir Alles in ihrer 128 Gegenwart, sie hörte aber nichts, sondern leuchtete uns schweigsam wie ein Marmorbild über die schmalen Balken, welche man in die brausenden Bergwasser geworfen hatte, um die Kommunikation herzustellen. Als ihre Fackel zu Ende ging, verschwand sie plötzlich auf der Seite, wo die Felsen in die Höhe laufen, um ihren Sepperl zu suchen. 129     Innsbruck. Als wir durch die Wasser hindurch waren, kehrten wir in einem Wirthshause ein, um zur Nacht zu essen. Die Leute waren so still geschäftig, melancholisch freundlich, wie man die Tyroler meist in ihrem Lande findet. Auf der Landstraße und in der Fremde sind sie am meisten gesprächsam und lustig. Witz und Humor haben sie niemals, dafür sind sie ein zu anfängliches Volk. Sie sind zufrieden, und diese Zufriedenheit gewährt ihnen eine ruhige Laune, in welcher sie die liebenswürdige Beschränktheit niemals irr werden läßt. Nur die Intelligenz macht unzufrieden. Die Tische waren sauber gedeckt, ein langes, sanftes Mädchen, das immer roth wurde, wenn sie Jemand von uns jungem Volke anredete, servirte uns ein ärmlich Essen. Die »Zeitung für Tyrol und Voralberg« lag auf dem Tische, ich freute mich, daß 130 das kleine Land doch auch seine eigne Zeitung habe. Es war lauter Türkei darin, und der Oesterreichische Beobachter machte französische Blätter herunter, von denen die Tyroler nichts wußten. Die Julirevolution haben sie durch Reisende erfahren, aber immer noch früher als die Spanier, die doch näher an Frankreich wohnen, und erst im Winter 1831 französische Mährchen hörten, weit, weit her, wie die Vorfälle von König Artus Tafelrunde. Es saßen aber doch ein Paar Tyroler im Winkel, die sich von erschrecklichen Dingen erzählten, welche drüben hinter den Bergen geschehen sein sollten. Vor der Thür fanden sich Tyroler Musiker ein, und begrüßten uns mit sanften Tänzen. Diese Sitte hat etwas Gastfreundliches und Heimliches, sie kamen auch nicht mit den Notenblatte, um etwas zu haben, sie spielten ihre Weisen aus dem Kopfe, und als wir ihnen etwas schenkten, waren sie dankbar und vergnügt wie die Kinder. Tyrol ist überhaupt das Land der großen Kinder. – – Da ich den andern Morgen im Wagen erwachte, war das Thal breiter geworden, und die Sonne lag wie ein jungfräulicher Kuß darauf. Links öffnete sich das Zillerthal, was sich heimlich und traulich in die Berge hineinschleicht. Bei der Umspannung sagte mir ein Tyroler, da drin im Zillerthale sitze in einem einsam gelegenen Häuschen ein 131 recht armes Mädchen, deren Schatz sei vor mehrern Jahren ausgezogen mit seiner schönen Jodelstimme, und das Mädchen wartete noch immer mit Schmerzen, daß er wiederkommen werde, und an jedem Morgen dächte sie, heute sei der rechte Tag, und sehe in's Thal hinunter. Aber der rechte Tag sei noch immer nicht da. Als ich ihm sagte, der Schatz möchte wohl ein ander Mädchen und Unterkommen gefunden haben, und käme vielleicht gar nicht wieder, da schüttelte er lächelnd den Kopf, und sagte: das thut kein Tyroler, jeder Tyroler ist treu. Und wirklich sind sie das wiederum wie die Kinder, und wie ein anfänglich Volk, dem die Treue, auch die dümmste, Religion ist. Man erzählt unglaubliche Beispiele. Erst vor Kurzem war ein Tyroler wieder gekommen, der draußen ein steinreicher Mann geworden war, und die schönsten Mädchen hatte heurathen können. Er war wiedergekommen, um seiner Gretli Wort zu halten, und als er die Gretli abgemagert, elend wiedergefunden, als sie ihm auch gar nicht mehr gefallen hat, so ist er doch seinem Versprechen treu geblieben, und hat sie geheurathet, und lebt jetzt recht freudlos mit ihr. Ist das nicht eine rührende, beschränkte Treue? – – Immer breiter wurde das Thal, immer grüner und sonniger, der Wagen rollte durch Hall, das 132 über und über in Dampf gehüllt ist von den Salzsiedereien, auf breiter, glatter Heerstraße, an welcher strotzende Obstbäume prahlten, tanzten die Pferde im lustigen Sonnenschein, ein bunter Tyroler nach dem andern kam vorüber, die Berge traten höflich, aber hoch und schön immer weiter zurück, immer herrlicher ward das weite Thalbecken, io Tyrol! jauchzten wir alle, es war gar zu schön – Innsbruck lag vor unsern Augen. Rings ist Alles von den hohen Bergwänden geschlossen, nur zu den befreundeten Tyrolern stehen die Thalwege offen, nach Teutschland schützt die steile Martinswand mit ihren Genossen, nach Italien der stolze hohe Brenner, Raum zum Spielen und Springen ist im breiten Thale genug – hier wollen wir Hütten bauen, riefen wir alle, von nirgends her kann eine Störniß dringen. Ich weiß keine Stadt, in welcher teutsch gesprochen wird, welche meinem Auge, meinem Herzen so gleich einer Geliebten mit offnen Armen entgegengekommen wäre, als Innsbruck. Nur Wien brachte mir auf der Spinnerin am Kreuz noch mehr, noch raschere Küsse, aber ich wußte es schon, daß in Wien so viel Oesterreicher wohnten, ich wußte es, daß es eine unkeusche Stadt sei. Daß der Sonnenschein wie blankes Gold zu Innsbruck auf allen Thürmen, allen Dächern lag, 133 mochte wohl auch viel dazu beitragen. Ich liebe den Sonnenschein wie die Augen, ich suche ihn wie die Pflanze, ich bete ihn an wie ein Peruaner. Wenn es düster und regnerisch wird, da mögen wohl die Felsen um Innsbruck bedrohlich zusammenrücken und traurige Demonstrationen gegen die Stadt machen, und in der goldnen Sonne zu Innsbruck mag es ein Wenig langweilig werden. Aber ich frage nicht, wie wird das schöne Mädchen aussehn, wenn es Runzeln hat! Ich ging mit einem wunderlichen Wohlbehagen unter den Arkaden der Stadt hin, wo man Versteckens mit der Sonne spielen kann. Die Tyroler hatt' ich mir eigentlich nie eine bedeutende Stadt bildend denken können. Sie sind auch hier meistens entartet, oder sehen aus, als ob sie nur zum Besuche da seien. Der Tyroler gehört auf's Land, dort ist er eine Notabilität. Es ist merkwürdig, wie edel er auch in Lumpen aussieht, das feierliche, edle Gesicht eines Tyroler Bettlers mit den stillen, regelmäßigen Zügen setzt Einen in Verlegenheit. Sie sahen alle aus, wie hochgeborne Granden, die hinter den verborgenen Thälern einen Karneval aufführen mit grün und rothen Bändern. Aber fein stolz auf Innsbruck gehen sie umher, fein stolz auf ihre Hauptstadt. Ich glaube, sie ließen sie während der sechs Wochentage leer stehen, und kämen 134 bloß des Sonntags her, um die Kirchen zu besuchen, auf den Straßen herum zu schlendern, auf der Innbrücke zu stehn, und die Tyroler Berge anzuschaun – das thäten sie, wenn die äußeren Landstraßen nach Innsbruck plötzlich verschüttet würden, und die Bewohner der Stadt nicht mehr bestehen könnten. Sie haben ein Faible für Innsbruck. Botzen ist viel bedeutender in Lage und Wohlhabenheit, die Blüthe Tyrols rankt sich da zusammen, aber Innsbruck ist die alte Jugendgeliebte, sie hat ihre heißesten Thränen, ihre bessern Thaten gesehn, es ist ihr Heiligthum, das Mekka der Tyroler. Da drüben, einen Büchsenschuß von der Stadt liegt der Berg Isel, wo die Baiern wie die Spatzen erschossen wurden, wo sie sich zuschrien: »ein Hundsfott, der nicht seinen Mann trifft,« wo ihre Stutzen an einem Vormittage fünf und sechzig Officiere niederwarfen, diese Innbrücke hat Hofer geheiligt. Hier kreuzte er seine Arme und stürzte durch den Kugelregen auf die Feinde, und rief: »Vorwärts Tyroler. St. Georg und mein Bart werden Euch als Schild dienen.« In und um Innsbruck liegt die Quintessenz des Tyroler Ruhms, sie lieben es wie die Juden Jerusalem, wie die Römer Rom, wie die Franzosen Paris. Wenn man einen Tyroler begegnet, so 135 frägt er: wo bist Du her, und hast Du Innsbruck gesehn? Die Stadt zieht sich mit ihren elfhundert Häusern von Teutschland nach Italien hin, und hat für mehr als 10,000 Einwohner Platz. Eine lächerliche Merkwürdigkeit ist das goldne Dach, dessen Bedeutung schon der Beiname des Stifters bezeichnet. Friedrich mit der leeren Tasche hat es angelegt, und es ist eine leere, putzige Renommage, ein kleines vorgebautes Dächlein von goldbelegten Ziegeln. Auch der Gedanke solch einer goldnen Prahlerei ist durchaus nicht tyrolisch. Der Tyroler erwirbt gern Geld, und er verschleudert es auch nicht so schnell und leichtsinnig wie der habsüchtige Italiener, aber es hat ihm auch keinen so todten Werth wie dem geizigen Schweizer. Er liebt das Schmucke, er kauft Viel, und giebt ohne Bedenken zwei Drittheile seines Erwerbs für einen schönen Hosenträger, ein feines Hemd und eine weiche Sammtjacke. Er ist viel zu eitel und zu reinlich, um mehr als ordentlich zu sein. Eins aber beweis't dies goldne Dach, was schon Jahrhunderte lang unangetastet liegt; die Ehrlichkeit der Tyroler. Es hat sich noch Niemand an einem Ziegel vergriffen. Ich glaub' es gern, daß der Versuch des Diebstahls am Zusammenhange der Masse und der sonstigen Beschwerlichkeit scheitern würde, 136 aber englische Industrieritter hätten gewiß schon hundert Versuche gemacht. Ein Diebstahl ist in Tyrol eine arge Seltenheit, und wenn einer vorfällt, so ist der Dieb gewöhnlich aus Italien oder drüben aus Steiermark. An Kirchen und Heiligenbildern fehlt es in Tyrol, namentlich in Innsbruck nicht: der Tyroler ist nicht nur fromm, er ist noch wacker abergläubisch. Es war kein geringer Grund zum Aufstande, als die bairische Regierung die geistlichen Komödien und Wallfahrten untersagte, welche die Tyroler in großen Schaaren besuchen. Jetzt ist kaum ein Ländchen in Europa, wo der Katholizismus und die patriarchalische Hierarchie noch so üppig, warm und feist gediehen, als Tyrol. Spanien und Portugal sind skeptischer, und in Italien wuchert bekanntlich nur die Sinnlichkeit oder gar die Lüderlichkeit des Katholizismus. Das ist um so auffallender, da man von den vielen Wanderern aus Tyrol, die mit Teppichen und dergleichen in Europa herumziehn, und dann zurückkehren, einen profanirenden Eindruck in der Heimath erwarten sollte. Aber die Tyroler heulen mit den Wölfen, sie hüllen sich in Schaafskleider, doch die Tyroler Stimme, die Tyroler Haut bleibt von allem Aeußeren unberührt. Sie sind für kein Kontagium empfänglich, auch die Cholera hat keiner mitgebracht. – 137 Nächst Hofer ist der Kaiser Max eine Hauptperson in Innsbruck. Er hat in der Hauptkirche ein eigenthümlich Denkmal. Hinter einem Eisengitter steht eine Art Sarkophag, auf welchem mit der größten Zierlichkeit in lauter kleinen Nürnberger Hautreliefs seine Schlachten abgebildet sind. Es ist sehr bezeichnend, daß man ihn durch solche kleine charmante erhabne Sächelchen verherrlicht hat, diesen letzten teutschen ritterlichen Sanguiniker mit der braven Liebenswürdigkeit. Ein schnurriger Pendant zu seiner Geschichte, dessen Schalkhaftigkeit dadurch erhöht wird, daß es die Tyroler mit den niedlichen kleinen Schlachten ganz ernsthaft meinen. Dieser brave, ein wenig beschränkte, poetische Kaiser Max, was unternahm er für gewaltig ritterliche Dinge, und hatte nie Glück, erreichte nie etwas, gewann nie Einfluß. Er war der schönste teutsche Schauspieler, der noch einmal die Romantik, das persönliche Heldenthum spielen wollte zu einer Zeit, wo die antiromantische Vernunft erfunden wurde. Zu Innsbruck in der Kirche ist sein gar zu treues Denkmal. Ein entarteter Tyroler, der mir die Martinswand wies, erzählte, eigentlich sei's kein Engel gewesen, der ihn gerettet, sondern ein Gemsjäger, und der Kaiser Max habe ihn dafür geadelt, und seine Familie existire noch. »Aber« – setzte er ächt tyrolisch hinzu – »auf die Martinswand ist noch kein 138 Tyroler hinaufgekommen, und herunter erst gar nicht«. – In unsrer Wirthsstube gab's so viel Bilder von Hofer, als Kouverts auf dem Tische. Aber der gute Kaiser Franz hing einsam hinter dem Ofen, von Fliegen verunglimpft. Das ist nicht bös gemeint, das Schicksal hat's so gefügt. Und Hofer hat den Leuten wirklich einen großen Gefallen gethan. Damals gewährte er ihnen eine Art Mittelpunkt, und das thut er heut noch. Für die besten Gedanken brauchen die Völker Fleisch und Blut, sie müssen sie wie der Apostel Thomas mit Händen greifen können. Diese Inkarnation hat aber Teutschland immer noch gefehlt. Wir haben gar keinen gemeinschaftlichen Helden, und das ist unser Unglück. Blücher war ein Preuße, Karl der Große ein Franke, Luther ein Protestant, Heinrich der Finkler mußte die Wälder ausrotten, und hatte für die Menschen keine Zeit, die Hohenstaufen liebten nur Italien, Friedrich der Große nur Frankreich – wir hatten noch keinen Helden und haben keinen. Nur Klopstock und die vaterländischen Mystiker können am Strohfeuer von Worten warm werden, und sich mit Herrmann trösten, mit Herrmann und Thusnelda und mit Thusnelda und Herrmann. Andern vernünftigen Leuten, die gern was Rechtschaffnes lieben möchten, ist das zu 139 lange her, und es geht uns kein Landwehrmann in's Feuer, wenn wir ihm sagen: Im Namen Herrmanns und Thusneldens, Michel drauf! Was kümmert den Michel Herrmann und Thusnelda! Es ist eine Schwäche, das Heldenthum der Personen und Namen; durchgebildetete Völker entwachsen ihr, aber es ist eine poetische Schwäche, wenn der Name wirklich auf eines Helden Stirn, auf der Stirn des tüchtigsten Mannes steht. Nur ein Volk, das keine andere Vereinigung hat, als den Namen und die Sprache, ein solch Volk muß einen Helden haben, bei dessen Namen ihm das Wasser in die Augen schießt. Es ist leider in Teutschland zu viel Republik in Kunst und Wissenschaft: da giebt's ein immerwährendes Guillotiniren, links und rechts fliegen die Köpfe der Herrscher, Göthe, Schiller, Kant, Fichte, Schelling, Hegel, und zu viel Republik unter den Notabilitäten aller Art. Bin ich nicht sehr liebenswürdig, daß ich zu viel Republik finde? Es ist in Teutschland zu wenig Außerordentliches, durch Größe Ueberwältigendes. Das Land hat sein Heroenzeitalter übersprungen, es hat sich zu früh etablirt, hat die Kinderkrankheiten des Heldenthums nicht durchgemacht, daher seine Armuth, sein Siechthum. Tyrols Kinderkrankheit war der Aufstand von 1809, und Andreas Hofer war sein Arzt, 140 Beichtvater und Todtengräber, das frühere Geschlecht ist freilich dabei zu Grund gegangen, aber in einer frischen, schnellen Krankheit, die eine gesunde Trauer zurückläßt, und im Namen Andreas Hofer hat die neue Generation ein Bannerwort bekommen für alle Zeiten. Andreas Hofer ist ein moderner Schutzpatron Tyrols geworden, und er hängt nicht umsonst in allen Wirthsstuben. 141     Andreas Hofer Durch Immermanns »Trauerspiel in Tyrol« und ähnliche Bücher ist es Mode geworden, den Hofer immer nur für eine große Puppe anzusehn, welche die Pfaffen am Draht zogen. Er war eine Puppe, aber eine lebendige, er haßte nicht bloß auf Geheiß, er haßte von Herzen, und liebte von Herzen. Und sein Haß traf nicht bloß, wie die Pfaffen wollten, die Franken und Baiern, sein Haß traf auch den Adel, seine Liebe umfaßte nicht allein die unantastbare Kirche, sie war eine demokratische. Und der ganze Aufstand war nicht bloß eine blutige Posse, zum Vergnügen des Hauses Habsburg aufgeführt, er stammte wirklich von der Freiheit. Das Pfaffen- und Habsburgthum haben seinen Glanz getrübt, aber sein Element nicht verändert. Die »rothen Hosen« des österreichischen Kaisers haben allerdings ihre Rolle dabei gespielt, aber sie waren nicht das Motiv des Stücks. 142 Es war eine verwickelte Geschichte um den Preßburger Frieden und um die Ursachen, daß in der Nacht des zehnten April 1809 der Aufstand losbrach in Tyrol, ich habe hier auf der Reise nicht Zeit genug, sie ausführlich zu erzählen. Oesterreich hat viele seiner kleinen Klugheiten dabei entwickelt, die seinem Verstande immer Ehre machen werden. Ohne viele Umstände gab es Napoleon Tyrol in den Kauf, als er es verlangte, man kannte zu Wien das ehrliche, offne Tyrolerherz auf und nieder, und trat die Provinz viel leichter ab, als jede andre. Mit dem Paragraphen dieser Abtretung ward dem Napoleon der Uriasbrief eingesiegelt in die Friedensdepesche; das wußte man. Es war eine vergiftete Hostie, die den Frieden weihte. Oesterreich behandelt nämlich seine Provinzen immer wie die Kinder, denen man in kleinen Ungezogenheiten den Willen läßt, damit sie nur sonst artig bleiben. In Tyrol wohnten die kleinsten Kinder, denen man all' die garstigen Angewöhnungen von Nationalität, Privilegien, Selbstbesteuerung und dergleichen durch die Finger gesehen hatte. So waren die Tyroler meist guter Laune gegen Wien. Napoleon aber und das damalige bairische Gouvernement, welchem Tyrol zugefallen war, verfuhr mit der neuen Provinz wie mit einem erwachsenen Menschen, welcher Härten und Uebelstände zu 143 übersehen vermag gegen allgemeine, weitaussehende Vortheile, gegen moderne Verbesserung. Das erzeugte das lebhafteste Mißbehagen gegen die neue Herrschaft. Der Tyroler sieht von einem schmalen Thale bis zum anderen, seine Pupille gewöhnt sich nicht ohne Schmerz plötzlich an weite, breite Weltreformen. Diese total falsche Behandlung war der erste Grund zum Aufstande. Tyrol ist fromm, man tastete seine Kirchen und Priester an. Die Priester schrieen »Anathema!«. Tyrol ist nicht bloß fromm, es ist abergläubisch – die Priester legten einen breiten zweiten Grund zum Aufstande. Tyrol ist arm; man verlangte höhere Steuern von ihm, das war ein dritter Grund. Aber das waren Alles nur Dinge für Einen, der durchaus Gründe haben wollte. Die Hauptsache waren lauter Empfindungen, für welche sie keine Worte hatten. Das Tyrolerthum war bedroht. Jede Aenderung, jedes Neue ist einem stabilen Volke wie dieses ein Gräuel. Sie ahnten es, daß am Ende auch ihre Hosenträger, ihre grünen Hüte, ihre bunten Bänder bedroht würden, sie ahnten es, daß man ihnen am Ende gar die Stutzen nehmen könnte. Und Alles geschah, ohne daß sie gefragt wurden – die ganze Freiheit mit all' den Freuden, Rechten und Ungezogenheiten, welche in diesem 144 Worte liegen, war gefährdet. Das lag dem Dümmsten vor Augen, wenn er nicht mehr thun und lassen durfte, was früher. Und um die Freiheit handelte sich's wirklich in diesem Aufstande, wenn sie auch einen andern Rock trug als gewöhnlich, wenn sie auch verdächtigt wurde durch das Zulächeln Oesterreichs. Die Tyroler sagten untereinander, sie wollten diese Wirthschaft nicht leiden, und gingen still zu Rathe, wie das zu ändern sei. Nun wohnte auf dem Sande zu Passeyer ein großer, gewaltiger Gastwirth, der war in ganz Tyrol bekannt wegen seines enormen Appetits, seiner herkulischen Leibeslänge und wegen seines erschrecklich großen, schwarzen Bartes. Dieser Mann aß und trank mehr, als jeder andre Tyroler, führte ein entschlossen Regiment im Hause, und auch die Weiber hatten ihm gar nichts an. Man wußte zum Beispiel, daß sein Weib den großen Bart nicht leiden konnte, und daß er ihn nur wachsen ließ, um aller Welt und seiner Frau zu zeigen, daß er Herr im Hause sei. Bei diesem Manne, der von der Natur zu einem Anführer bestimmt schien, versammelten sich die unzufriednen Tyroler, und schworen, sie wollten halten zu Tyrol, ja, sie verschworen sich gegen die Franken und Baiern auf Leben und Tod, und tranken dazu 145 Botzener Wein beim Sandwirth zu Passeyer, und der Sandwirth trank mehr, als alle. Dieser Sandwirth mit dem großen Appetite, großem Leibe und großem Barte ist aber Andreas Hofer . Noch ehe sie miteinander einig waren, daß man zum Stutz greifen müsse, war Hofer mit einigen Verschwornen hinabgestiegen nach Grätz, um mit Oesterreich zu unterhandeln. Der Erzherzog Johann nämlich war der Naturforschung wegen bereits längere Zeit in den Kärnthner Gebirgen umhergezogen, um für die Tyroler Natur rasch bei der Hand zu sein. Er empfing den langen und breiten Andreas auf das Vortrefflichste, und als ihm Hofer sagte, sie wollten losschießen in Tyrol, wenn nur Oesterreich hinterdrein schießen wollte, da klopfte ihn der Erzherzog auf die Achsel, und versicherte ihn, die Sache sei ganz in der Ordnung. Dieser Moment der letzten Zeit ist so überaus interessant, weil Oesterreich eine Revolution angestiftet. Wenn ich den Namen Oesterreich höre, so denke ich an Ollmütz und Munkatsch, wo Lafayette und Ypsilanti, zwei Freiheitshelden, geschmachtet haben, ich denke an den Oesterr. Beobachter, an Mehlspeisen, an das leere Lächeln eines ganzen Volks, das man verwahrlos't \&c. hat, ich denke an die friedliche Hofburg in Wien, an Wiener Walzer, 146 an den Staberl, an die langen ungarischen Grenadiere; aber das Wort Revolution fällt mir nicht ein. Ich sehe die im Kerker zerstörten Wangen, die zertrümmerte Brust Ypsilantis zum letzten Male schmerzhaft Athem holen, und die gequälte Seele aushauchen, aber an eine Revolution denk' ich nicht. Und dort, dort zu Grätz unterhandelte der österreichische Erzherzog mit einem Gastwirth aus Tyrol um eine Revolution, er schloß den Kontrakt ab, und Hofer ging zurück gutes Muths, und trank eine Flasche Botzener mehr, lud seinen Stutzen, und die Geschichte ging los. O Oesterreich, Oesterreich, hast du keine nächtlichen Erscheinungen, wenn du gegen die Freiheit agirst, siehst du sie nicht, die schönen, wohlgebildeten Tyroler Leiber, die blutbefleckt, von Kugeln zerrissen, in den Schluchten lagen, oder die der grüne Inn herabschwemmte bis in die Donau?! Fällt dir's nicht manchmal ein, daß um's Jahr Neun zuweilen bunte durchschossene Bänder an den Wiener Bastionen auf der Donau vorbeischwammen hinab nach Ungarn, und daß die Leute sagten, die Bänder kämen aus Tyrol herab, und dort gäb's viel Unglück. Nein, solche Dinge fallen dir nicht ein, und ich lobe dich drum, du hast Recht, es wäre eine Sentimentalität, um derentwillen ich dich auslachen würde. Ein absoluter Staat muß kein Gewissen 147 haben, sein Vortheil ist sein Gesetz. Daß Oesterreich Tyrol aufreizen und dann im Todesunglück verlassen konnte, das ist ein Beweis seiner absoluten Größe. Ich weiß, daß Kaiser Franz bittre Thränen um seine armen, braven Tyroler geweint haben mag, denn er ist ein natürlicher Mann mit weichem, menschenfreundlichem Herzen, ich seh' ihn mit seinem quälenden Weh in der Hofburg umhereilen, und die Hände ringen um die armen Tyroler, die man zusammenschoß, aber Oesterreich ist mehr als Kaiser Franz; die Götter vermochten nichts gegen das Fatum. Unter solchen Umständen ist der Tyroler Aufstand ewig merkwürdig. Und der Sandwirth von Passeyer sagte zu seinen Brüdern: Es ist alles richtig, man wird uns helfen. Geht hinab, und ordnet Alles an. Die Zahl der Verschwornen war aber angewachsen bis auf Sechshundert, und diese Sechshundert bewahrten das Geheimniß mehrere Monate. Das können nur Tyroler, die alle dasselbe wollen. Am neunten April waren die Bäche, welche von den Bergen kommen, mit Sägspänen bedeckt, und auf dem Inn schwammen Bretter und Balken mit Fähnchen bepflanzt in's Thal hinab, um den tiefer Wohnenden anzuzeigen, daß man im Gebirge fertig sei. Und in der Nacht zum zehnten April blitzten auf den Bergspitzen Fackeln in die Höhe, in den 148 Dörfern antworteten große Feuer, die Sturmglocken dröhnten, Alles, was eine Waffe führen konnte, griff darnach, und durch die dunkle Nacht strichen die langen Gestalten dahin nach den Sammelplätzen still und verschwiegen, nur die Priester, das Kruzifix in der Hand, predigten. Als die Sonne kam, brachen sie herab auf die fremden Truppen wie die zerschmetternden Bergwasser, »zerreißt die Schurken mit den Zähnen,« schrie der lange aus dem dunkeln Haufen ragende Hofer, und wie eine sicilianische Vesper braus'te die Tyroler Rache durch die Thäler, die Stutzen knallten, die Tyroler johlten mit tödtlicher Stimme, die Getroffenen schrieen nur einmal gellend, die Berge rauchten, der Inn blutete – binnen wenig Tagen war Tyrol gesäubert. Das war die Frühjahrsarbeit der Tyroler Landleute, denn kein Edelmann hatte sich sehen lassen, auch die Städter hatten nur voll Theilnahme zugeschaut – die Urbewohner, die der harten Muttererde am nächsten, hatten allein den Boden gereinigt. Es war eine legitimirte Bauernrevolution. Nun schickte Oestreich ein jämmerlich Häuflein Truppen, das langsam die Fersen hob, und sich nach dem Rückzuge umsah. Die Tyroler meinten, sie würden abgelös't, und gingen heim, der Adel ward nach Baiern zusammenberufen, von Wien kamen ein Paar magere Worte, und Hofer warf sich weinend wie ein 149 Kind an die Erde – er übersah mit der Wuth eines getäuschten Demokraten das ganze Elend, er fluchte den unnützen Junkern, er fluchte dem trügerischen Wien. »Gulden, Gewehre, Lebensmittel, Kanonen brauchen wir, und da wollen sie uns mit Worten abspeisen,« rief er zähneknirschend. Armer Hofer! Unterdessen hatte Napoleon die verworrne mörderische Schlacht bei Wagram geschlagen, über Salzburg herein ergossen sich die Franzosenheere, und Lefevre, der Herzog von Danzig, drang gegen Tyrol. Die Baiern saßen wieder in Innsbruck. Das ertrug Hofer nicht, er kam wieder herunter von den Bergen, der Krieg begann von Neuem und mit noch größerer Wuth. Listig zogen sich die Bergbewohner in die Schluchten zurück und verlockten dahinein die Feinde, in die Klüfte des Brenner. Dort hatten die Tyroler Felsblöcke und halbe Berge beweglich gemacht, und stürzten sie zerschmetternd auf die Feinde. Das gab eine Niederlage im drückendsten Sinne des Worts. Hofer nahm von Neuem Innsbruck und ward Dictator von Tyrol. »Ihr könnt als Baiern nicht leben, auf denn, seid Tyroler bis in den Tod!« rief Andreas mit lauter Stimme zu Innsbruck. Bis in den Tod – Oesterreich schloß den Wiener Frieden und trat Tyrol wiederum an Baiern ab – wer den Krieg noch fortsetzte, war ein Rebell, der 150 erschossen wurde. Und Hofer wollte sterben als freier Tyroler, und setzte trotz allgemeiner Entmuthigung den Krieg fort. Von Berg zu Berg, von Schlucht zu Schlucht ward er getrieben, es wurden der Stutzen immer weniger um ihn, die Feinde umarmend, wenn kein Ausweg mehr übrig blieb, stürzten sich die Tyroler in die Abgründe, der langbärtige König von Tyrol mußte sein Schwert niederlegen, das Stück war zu Ende. Da stieg der unglückliche, zermalmte Hofer auf einen der höchsten Berge, wo kaum ein menschlicher Fuß hindringen konnte. Hier legte er sich todtmüde in eine Höhle, in welcher neun Monat des Jahrs der Schnee nicht schmolz, und hungerte und betete und fror und ängstigte sich für sein Vaterland. Nur sein Weib kam zu ihm, und brachte ihm einige Nahrung, er sah nichts als den hellen, kalten Himmel über sich und die wüsten Berge unter sich. Er war ein ausgestoßener, geächteter Mann, der König von Tyrol. Da kam eines Tags sein Weib und sagte ihm, sein Aufenthalt sei entdeckt, er möge weiter flüchten. Aber Hofer antwortete: Ich will doch sehen, ob mich ein Tyroler verräth. Sie bat ihn auch von Neuem, den langen Bart abzuschneiden, aber er liebte seinen Bart, er wußte es, daß dieser schwarze Bart welthistorisch geworden sei, und erklärte: Mein Bart fällt nur mit mir. 151 So kam der achte Januar des Jahrs 1810 heran, Hofer arbeitete eben, den vielen Schnee zu beseitigen, der ihn zu verschütten drohte – da sah er ringsum blanke Gewehre blitzen, er war umstellt, die Franzosen rückten heran. Rasch griff er nach seinem Stutzen; aber das Unnütze eines Widerstandes einsehend, legte er die Waffe ab, und trat stolz wie ein Bergkönig vor seine Hütte und rief: Ich bin Hofer, schießt Franzosen, schießt schnell, nur schont mein Weib und meine Kinder. Aber sie legten ihn in Ketten, und führten ihn hinab gen Botzen. Von da sollte er eines Morgens weiter hinunter geführt werden in die Festung Mantua. Er mußte Abschied nehmen von Weib und Kind, die ihn nicht verlassen wollten. Es war ein schlimmer Morgen für Andreas. Sein Bube zerrte an dem lichtgrünen Jägerrocke des Vaters, und klammerte sich an die braunen hohen Kamaschen des Schützen, sein Weib lag ihm an der Brust und weinte die stürzenden Thränen eines Todesabschieds. Andreas Hofer segnete sie, rückte den breiträndrigen Hut mit dem bekannten braunen Federstutz tief in die Augen, stieg auf den Wagen und fuhr bergab durch Welschtyrol in die lombardische Ebene nach Mantua. Er ward als Rebell vor ein Kriegsgericht gestellt. Das ist ein tödtlich Wort. 152 Die Franzosen behandelten ihn wie einen Helden mit Hochachtung; er war ein furchtbarer aber ein menschlicher Feind gewesen, nie hatte er besiegten Feinden ein Haar krümmen lassen. Der Advocat Bassicot vertheidigte ihn mit Feuer und Geschick, der Tag des Urtheils war da, man erwartete seine Freisprechung. Da flog rasch wie das Unglück ein telegraphischer Todesbefehl nach dem Thurme von Mantua. Um zehn Uhr des Morgens hörte er den Generalmarsch. »Das ist mein letzter Gang!« sprach er, »Israel zu deinen Zelten!« Es war ein herzzerreissender Anblick, als er am Molina-Thor vorüberkam, und die Tyroler Gefangenen an den Gittern ihn erblickten. Laut heulten sie auf in krampfhaftem Schmerze. Ihr Vater Hofer, der Mann Gottes, der Alles mit einem Bibelspruch begann, den sie verehrten wie einen Engel, Sanctus Andreas Hofer sollte wie ein Verbrecher erschossen werden. Sie fielen alle auf die Knie und beteten, und die Thränen liefen stromweis über ihre Backen. Andere Tyroler, die frei herum gingen, lärmten tosend und rachelustig, aber Hofer beschwichtigte sie, gab ihnen einige hundert Gulden, die er noch besaß, seine Dose und einen Rosenkranz von Werth und sprach: Tyrol stirbt nicht mit mir. So kam er auf die Bastion von Cesena. Da 153 sah er noch einmal nach seinen heimathlichen Bergen, dort oben nach jenen Adlern, mit denen er auf den Eisforsten so lange gehaus't hatte, und er breitete zum letzten Male seine Arme aus nach Tyrol, der große, gewaltige, wehrlose Mann, ein Mann des Todes. Er wies den Tambour zurück, der ihm die Augen verbinden wollte, und als man ihm niederzuknieen befahl, rief er zum letzten Male trotzig: »Nimmermehr! Ich habe stets aufrecht vor Gott gestanden, und so will ich die Seele zurückgeben, die ich ihm verdanke.« »Fehlt nicht,« sagte er noch zu einem Soldaten, warf ihm einige Geldstücke hin, und kommandirte mit fester Stimme »Feuer!« Die Büchsen blitzten auf, die Schüsse knallten, Hofer war schlecht getroffen, stürzte auf die Seite, und wollte sich wieder aufrichten, da rettete ihn ein Gnadenschuß. Das geschah auf der Bastion zu Cesena in Mantua, welches jetzt wieder eine österreichische Festung ist, an Andreas Hofer, der die Waffen erhoben hatte für sein Vaterland zu Gunsten Oesterreichs, das geschah Angesichts der Berge von Tyrol unter Gottes freiem Himmel. Andreas Hofer war noch nicht 44 Jahr, und die französischen Grenadier trugen ihn feierlich wie einen 154 Stabsoffizier in einem großen, großen Sarge zu Grabe, denn man hatte nur gehorcht, indem man ihn erschoß. Oesterreich hat später seinen Sohn geadelt, ihn zu einem Junker gemacht, weil sein Vater die Junker verwünscht hatte bis in den Abgrund der Erde. In der Kirche zu Innsbruck liegt sein Denkstein bäuerlich an der Seite, und man muß mit Füßen darauf treten. Jetzt erst im Jahre 1834 lassen ihm die Tyroler Stände ein Denkmal setzen. Aber in allen Hütten Tyrols findet man den fabelhaft groß und starken Mann mit dem fahlgrünen Rocke, dem dunkelbraunen Federbusch auf dem breiten Hute und mit dem langen Hohenpriesterbarte, den Pistolen im Gürtel, dem langen Schwerte an der Seite, dem Stutzen an der Hand, da findet man Andreas Hofer, den Tell der Tyroler. 155     Der Brenner. Ich hatte mir nun so sicher eingebildet, in Innsbruck, in diesem sonnigen Tyroler Thale wohne das Glück. Ach es war wieder nichts. Ich glaube, das Glück ist bloß ein Gedanke. Und weiter, wieder weiter ging's; die Tyroler sind gut, brav, lieb, und ihre Treuherzigkeit ist keine Koketterie, und ist auch in der Fremde nicht affectirt, wie ich immer geglaubt hatte, aber langweilig sind sie sehr. Man müßte geradzu ein Handwerk erlernen, wenn man lange in Innsbruck bleiben wollte. Ich ging recht traurig hinaus zum südlichen Thore auf den Isel zu, und nahm recht traurig Abschied von meinem lieben langweiligen Innsbruck. Es war mir, als ich mich wendete, und noch einmal über die sonnenhelle Stadt sah – die Thurmknöpfe funkelten, die Bergwände rauchten – als sähe ich zum letzten Male über das glatte, blühende Antlitz 156 einer einfachen Dirne, die ich oftmals geküßt, die ich zu lieben geglaubt hatte, bis ich erfuhr, daß sie nicht lesen und schreiben konnte und langweilig war. Ade Innsbruck, du hübsches beschränktes Innsbruck. Auf dem Isel, einem sanft sich nach dem Süden lehnenden Berge, setzte ich mich –, und träumte noch einmal die Tyroler Schlacht, sah nach Schloß Ambras hinüber, wo Wallenstein Page gewesen, und einst hoch vom Fenster hinabgefallen ist. Wer ein großer Mann werden soll, bricht in der Jugend nicht den Hals. Immer bergauf, bergauf ging es jetzt, über den Schömberg nach dem Brenner – wie ferne Gedanken lagen bald Teutschland und Tyrol unter uns – ich hatte einmal in meiner Jugend einen Gedanken, aber ich weiß ihn nicht mehr. Juchhe! drüben hinter dem Berge kommen ganz neue Menschen, die verstehen kein Wort teutsch, und ihre Väter waren die alten Römer, und rings um sie findet man lauter Naturmerkwürdigkeiten, z. B. Cypressen, Pommeranzen. die im Freien wachsen, einen Papst und ganz rothe Kardinäle, höllenschwarze Weiberaugen und Kirchen von allen Sorten. Juchhe! hinter jenem Berge, dem fatal hohen Brenner steckt Italien – juchhe! – – Ich schämte mich über den Spektakel, den ich da oben auf dem stillen Berge machte. Es war 157 Alles todtenruhig um mich her. Hier gähnte eine schwarze Schlucht, der kein Auge auf den Grund sah, dort hob sich eine magre kleine Hochebene, und der fromme Wahn hatte ein Kirchlein drauf gebaut, das stand einsam und verlassen wie eine abgestorbne Religion. Vielleicht hatte Hofer einmal dort gebetet, wenn die Sonne unterging da in der Tiefe über dem Innthale. Auf solchen hohen, schweigsamen Bergen lernt man beten, da ist man dem Herrgott wirklich näher, und hofft, er werde ein Paar Worte hören, die man spricht. Ich hab's von Jugend auf für ein unbilliges Verlangen gehalten, daß er sich in all die kleinen, niedrigen Kammern begeben soll, um all die verworrenen Wünsche anzuhören, namentlich, da so viel Leute im Winter unter die Bettdecke kriechen; und ihm dort ihren Jammer vormurmeln. Auf solch einem hohen stillen Berge, da spürt man's, daß die Naturkräfte ganz in der Nähe sind, und immer attent, denn jede Versäumniß ist hier lebensgefährlich. Wenn solch ein Berg einmal unbedachtsam einschläft, und im Schlafe Schwalben schießt mit dem Kopfe, und gelegentlich das Uebergewicht verliert, so fällt er bis über Innsbruck nach Teutschland hinunter, schlägt sich und andern Leuten Arm und Beine entzwei, macht nichts als Unglück, und die ganze Weltgeschichte wird aufgehalten. 158 Auf der Reise bin ich nämlich immer der Meinung, die Erde mache eben so ihren Vervollkommnungs-Kursus wie die Menschen durch die Jahrhunderte. Wenn sie einst ganz kultivirt sein wird bis auf die Spitzen des Himmalaya und der Anden, dann ist ihre Lehrzeit überstanden, und sie kommt auch in den Himmel. Dort giebt ihr der Herrgott eine eigne, sehr schöne Wohnung, da hören die Naturgesetze auf, es muß nicht regnen, wenn Wolken kommen, es muß nicht kalt werden, wenn die Winterzeit da ist, sie kann machen, was sie will, sie kann faullenzen, lauter Borsdorfer Aepfel wachsen lassen – kurz, sie kann ein Schlaraffenleben führen. Und da besuchen wir sie manchmal, und sie erzählt uns lauter Geschichten, die hier Niemand gesehn hat als sie, nicht einmal die Sonne. Da werden wir einmal Neuigkeiten hören, und Novellen schreiben können! Darum behandle ich aber auch immer den Erdboden mit vielem Respekt, denn er hat ein Gedächtniß wie wir. Auf der äußersten Höhe des Berges, welche die Straße erreicht, ist noch eine einsame Poststation. Dort aß ich ein Stück Brot und trank ein Glas Wasser; das war meine letzte teutsche Handlung. Es wurde dunkel, ich setzte mich in den Wagen, und machte die Augen zu. Abe Teutschland! Es ging bergab nach dem Süden, den Weg hinunter, 159 welchen die Teutonen und Ambronen damals gemacht haben sollen. Ich kann das indeß nicht verbürgen, es ist nur eine dunkle Erinnerung von der klösterlichen Schulzeit, in welcher ich immer jämmerlich hungerte. Die Teutonen und Ambronen trugen Wildschuren von Bären- und Wolfsfellen; das ist die beste Erfindung, welche sie gemacht haben. – – – So ging das immer weiter in meinem Kopfe, bis ich plötzlich erwachte, und inne ward, daß ich recht gut geschlafen hatte. Wie lange das geschehen war und was ich verschlafen hatte, war nicht zu ermitteln. Der Wagen hielt, ich stieg aus, es war sehr dunkel, die Pferde wurden gewechselt, kein Mensch sprach, ein sanfter liebenswürdiger Regen träufelte vom Himmel, die Luft war warm wie Mädchenathem, vom Berge sah ich nichts, als zweifelhafte groteske Umrisse – es war sehr wunderlich, aber sehr hübsch. Das war in der Nacht auf dem Brenner – als der Wagen mit mir weiter rollte, da brach all die schlesische Sehnsucht auf in meinem Herzen, welche seit Breslau still gelegen hatte, jene süße spanische Sehnsucht nach den weißen Armen der maurischen Mädchen und ihren eindringlichen, durchbrennenden schwarzen Augen, die aus Arabien stammen. Ich freute mich herzinnig, daß es schon bergab ginge von den Pyrenäen, hinein in das dunkelbesonnte Land, »und wenn die Morgensonne kommt,« sagte ich sehr 160 vergnügt zu meiner Nachbarin, »da fahren wir durch's Thal von Ronceval, wo der Roland gefallen ist, und da singen wir Romanzen von Rolands Horn, von der getreuen Olifante. Kennen Sie die Geschichte von der Olifante?« Das Mädchen, ein niedlich Bürgerkind aus Botzen, die bei der Muhme in Schwatz gewesen war, das gute Kind mit dem milchrothen Gesichte verstand gewiß nur meinen spanischen Händedruck, womit ich ihr die Halbinsel demonstrirte; sie war schläfrig, und lispelte. »Nein, die Olifante kenne sie nicht; ich möchte es nicht übel nehmen.« Nun sehen Sie, meine Liebe, hub ich an, selbiger Roland war von Jugend auf ein Wunderkind, und die Olifante war ein schönes Horn, womit er seine Krieger zusammenblies, denn er war ein gefährlicher Kriegsheld, der Roland. Als er nun auch einmal in den spanischen Krieg zog, da ward er im Thale Ronceval von den Feinden eingesperrt und überfallen, und da ging es ihm sehr schlecht, die besten seiner Leute wurden todtgeschlagen. Als dies Roland sah, hielt er einen Augenblick inne mit seinem Schwert, und stieß in sein Horn Olifante, daß der Ton weithin schallte durch die Pyrenäen, um die Seinigen zusammenzurufen. Zu derselbigen Zeit, es war nämlich um die heiße Mittagsstunde, wo Roland so in Noth war, saß der 161 Kaiser Karl in seinem kühlen Saale zu Aachen, wohl an viele hundert Meilen weit vom Thale Ronceval mit seinen Rittern bei der Tafel, und trank Rheinwein und war guter Dinge. Und sehen Sie, als Roland in der Mittagshitze bei Ronceval in sein Horn stößt, da fährt Kaiser Karl zu Aachen in die Höhe, fragt, was ist das? und wird sehr ernsthaft – denn Karl und Roland, der alte und der junge Held liebten einander sehr. Die Ritter aber sagen, es sei nichts gewesen, und er setzt sich langsam wieder hin. Unterdeß wird's zu Ronceval immer heißer, Rolands Schwert wird immer kürzer, sein Häuflein immer kleiner, und blut- und schweißtriefend bläs't er zum zweiten Male einen tiefen sehnsüchtigen Ton in seine Olifante. Da springt klirrend zum zweiten Male Kaiser Karl zu Aachen in der kühlen Halle auf, er sieht ängstlich dem Tone nach, wie er an den hohen Bogen des Saals und den bunten Fenstern hinläuft, und ruft viel stärker, als das erstemal: Ihr Freunde, was war das? Die Freunde aber sehen lächelnd einander an, und ihre großen Humpen und des Kaisers größten, und sagen: Herr Kaiser Karl, es war nichts. Kaum hat sich der Kaiser aber wieder niedergelassen, da fällt der starke Roland im Thale Ronceval 162 unter den letzten Streichen, und sterbend haucht er den letzten Athem in seine Olifante, und die Fenster zittern in der Halle zu Aachen, es springt Kaiser Karl in die Höhe, und ruft mit entsetzlicher Stimme: Um Gott, das ist des Rolands Ton, Mein Roland ruft in Spanien. – – Und der Kaiser und all' die Ritter zogen die langen Schwerter und riefen nach den Pferden; es war aber zu spät. – – – – Als ich erwachte, lag das liebe Mädchen aus Botzen, die in Schwatz bei der Muhme gewesen war, mit dem geneigten Köpfchen an meiner Brust, und schlief sanft mit ihren glühenden rothen Wangen. Meine Hand ruhte fest in der ihrigen, und die ihrige zuckte manchmal leise; wer weiß von welchem Roland sie träumte. Der Weg ging durch breite Schluchten, unten aus Italien kam grau wallend der Morgen herauf, ich sah das Thal von Ronceval vor mir, sogar die alten Befestigungen Karls des Großen auf beiden Seiten des Passes waren noch sichtbar. Es ist doch schön, daß du nach Spanien fährst – dachte ich – Das Land ist noch so frisch, unberührt, eine blanke, jungfräuliche Reisejungfrau, nicht jeder alte Professor hat daran herum getastet, wie bei Italien, und seine Noten geschrieben, und seine widrigen 163 Liebkosungen genäselt. O Hispania, ich liebe dich, wie das nie gesehne Bild jener Geliebten, welche ich noch nicht gefunden habe, bei deren Anblick meine Seele schmelzen wird in Glückseligkeit, die ich todt küssen werde, wenn ich sie finde, die mich lieben muß, weil ich sie überwältige durch Liebe. Wenn ich sie nicht finde, dann werde ich ein großer Dichter; hoffentlich aber werd' ich glücklich, und dabei werd' ich mich besser befinden. Auch wenn ich ein Maler wäre, ich könnte das Bild nicht malen, denn es liegt verschleiert in meiner Seele, und in den besten Stunden seh ich seine Augen, und dann möcht' ich weinen vor Entzücken. O, Hispania, zu Fuße werd' ich dich durchwandern und sehr glücklich sein. – – Ach, es war Brixen und nicht Ronceval, was vor uns lag, und ich hatte gefaselt. Man ist recht undankbar: wenn sich die Arme einer schönen Witwe öffnen, bedauert man, daß es nicht die Arme einer Jungfrau sind. Wie mancher meiner Schulkameraden hätte vor Entzücken den Horaz deklamirt, den rhetorischen Gourmand, den die Professoren immer einen Dichter nennen, wie mancher wäre auf einem Beine herumgesprungen, wenn sein Wagen so hinabgerollt wäre in die alte Lombardei. Ich schlug mir Hispanien aus dem Sinn, und 164 freute mich auch, meine Schläferin erwachte, und schämte sich trotz meiner Versicherung, daß das nicht nöthig sei. Ein Officier aus Mailand erklärte mir die Befestigungen des Passes. Sie rühren nicht von Karl dem Großen her, dem teutschen Kaiser, sondern von Franz dem ersten, dem Kaiser von Oesterreich. Man baut ein »Zwing-Tyrol,« und sperrt den Zugang zum Süden und den Ausgang zum Süden, und die blau und rothen Franzosen sollen nicht wieder hinauf tanzen. Die abschüssige Schlucht ist hier ganz eng, und es sieht aus, als könnte man hinunter schießen bis nach Rom und Neapel. Von Brixen beginnen die Weinreben; sie laufen an den Bergen hin, und Welsch-Tyrol fällt immer tiefer und tiefer nach der Fläche, die Sonne wird immer geschäftiger, die Wangen der Tyroler werden dunkler, die Augen brauner. Hier saß ich mit dem Starost eine halbe Stunde in einem kleinen Häuschen am Wege. Es war ein andächtiger Vormittag, die Sonne blinzelte warm durch die dichten Reben, welche den Balkon dicht umsponnen hielten. Draußen tanzten sie auf dem raschen grünen Flusse, und den Felswänden, die immer niedriger wurden. Es war fein still draußen, wir tranken harmlosen Tyroler Wein, und aßen weißes Brot, ein Tyroler setzte sich neben uns, sah uns lange schweigend an, und sagte dann langsam, er sei arm, wir hätten 165 mehr, und möchten ihm was abgeben. Das thaten wir, und es war gut. Es blieb fein still ringsum, wie heimliche Erwartung, Ahnung des Südens. Ich sah den Starost an, und nahm seine Augen mit mir rings umher und sagte: Es ist hübsch. Und er nickte mit dem Kopfe. 166     Botzen.     Die Cypresse ist der Freiheit Baum, Weil sie keine Früchte trägt, Und ruhig schwankt im Himmelsraum, Wenn man die Frucht von den andern schlägt.     Die Cypresse ist der Freiheit Baum, Weil sie trägt ein einfach Kleid; Der Frühling stickt ihr nicht bunt den Saum, Darum trägt sie im Herbste nicht Leid.     Die Cypresse ist der Freiheit Baum, Weil man sie dir pflanzt auf's Grab. Dein Leben war im Kerker ein Traum, Dem der Tod die Flügel gab. Bei Botzen sah ich die erste Cypresse. Dicht vor der Stadt fliegt sie wie ein südlicher Freudenschuß in die Höhe. Da fiel mir Rückert ein mit jenem Liede, denn das Lied ist schön, und Rückert ist ein Dichter. Noch vor einigen Jahren ward er ärmlich geliebt, und wenig gekannt, und da sang er wie die Nachtigall ungesehn im dunkelsten Gebüsch die schönsten 167 Lieder. Jetzt wird er schon geschwätzig; aber die innerlichen Jugendtöne dringen doch oft noch siegreich hervor. Die Cypresse ist ein hoher, schlankpoetischer Baum, ein schöner, lyrischer Vers. Und sie hat solch ein mild ernsthaftes Ansehn, wie süßes Liebesweh, was sich tröstet mit den sanften Lüften und der schönen Sonne; tritt man nah zu ihm hin, so findet man die feinste Bildung – ach, der Süden ist des Erdbodens Kultur, alle Bäume sind fein und sauber ausgebildet, während unsre nordischen wie die gröbsten Frescos nur von Weitem angesehen werden dürfen. Die Cypresse gleicht fast unsern Myrthenstöcken, die so hoch gewachsen sind und höher, als unsre höchsten Pappeln. Jene Cypresse von Botzen war wie ein romantischer Wegweiser, an ihr sah ich's: es giebt wirklich einen Süden, wovon du so viel gelesen hast, und nun giebt's auch gewiß Palmen, diese liebenswürdigen, vornehmen Gedichte der Natur, und Zedern, die stolzen Fürsten der Bäume. Ich war darüber äußerst glücklich, denn ich muß gestehen, daß ich den Geographien und Reisebeschreibungen immer gemißtraut habe. Gar manchmal dacht' ich, die Leute seien so zu gemeinschaftlichen Lügen übereingekommen, und wenn ich hinkommen würde, so würde man mir eröffnen, ich müßte auch so lügen, wenn ich 168 nicht todtgeschlagen sein wollte. Jetzt aber war ich plötzlich diese Sorge los, und ich glaubte nun sogar an die Cedern auf dem Libanon, und ich sah jetzt wieder wie in meiner biblischen Jugend des Königs Salomo langbärtige Zimmerleute oben auf dem Libanon Cedern fällen für den Tempel zu Jerusalem, und wenn ein so großer Baum gestürzt ist, sich hinlegen in seinen Schatten, den er liegend noch wirft, Honig und Datteln genießen und schlafen. All' meine südlichen Träume wachten auf, als ich bei Botzen sah, daß es wirklich Cypressen gebe. Und immer mächtiger drang weich und wollüstig die italienische Luft heraus, sie quoll wie warme Freude aus dem Süden her. Es war ein heißer Sonnentag, als ich in's Etschthal hinabfuhr unterhalb Botzen, aber die heiße Luft war leicht, rein, bequem. Wenn es in Teutschland heiß ist, da fällt uns die Hitze wie Blei auf Kopf und Rücken, so wie Alles ist auch die Luft dicker und plumper. Die italienische Luft ist voll Feuer, aber ohne Dampf. Hier fällt das Land immer jäher hinab nach Italien. Die Felsen sind zu Ende, breit und dunkelgrün geht die Etsch durch das breit gewordene Land, sie trägt schon Schiffe. Der enge Thalcharakter Tyrols ist verschwunden, man fährt durch lauter Gärten, Alles ist mit Wein bedeckt, wie breite Wiesen laufen die Reben hin, nur hie und da versteckt man noch 169 ein wenig Getraide darunter vor der Sonne wie das Kindlein unter dem Mantel. Der Mais allein blieb uns treu. Es war ein üppiger Nachmittag, der Starost hatte geschlafen, als wir auf der Station ausstiegen, und er seine gewöhnlichen Fragen an den nächsten Mann richtete, der an einer Hausthür saß. Da begegnete es ihm plötzlich, daß sein Teutsch nicht mehr verstanden wurde. Der Sprung nach Italien ist ziemlich plötzlich. Es war eins von jenen kleinen, unordentlichen Städtchen. Unter jedem sonnverbrannten Felsen liegt ein solches; die eigentlichen Dörfer hören auf. Diese kleinen Nester sehen aus, wie man sich asiatische Karavansereien denkt – lüderliche Dächer, Schmutz in Fülle und braune Gesichter. Die Kaffeehäuser beginnen, und die Müßiggänger präsentiren sich. Das kleinste Loch hat beide. Das Kaffeehaus ist das moderne Forum der neuen Römer. Da saßen die ersten mit den vornehmen Gesichtern und der malpropern schmutzigen Kleidung, und sahen stolz herab auf uns Barbaren. Die Thür nach der Straße ist immer offen, und theils in dem kleinen offnen Zimmer, was man von außen übersieht, theils vor der Thür sitzen die rauchenden Nobili, und nur wenige verzehren ein Paar Centesimi. Der Gast und der Wirth macht Spektakel, wenn eine Kleinigkeit verlangt wird. 170 Das war also Italien? Dies Städtchen sah aus wie eine Zigeunerkolonie. Die Häuser mit ihren hohlen, fensterlosen Oeffnungen glotzten uns an. Alles Volk lebt auf der Straße, und ist unhäuslich; darum vertheidigt es denn auch seinen Heerd so schlecht. Alle Leute sehen plötzlich wie Spitzbuben aus. Es war schon Abend, als wir nach Trient kamen. Wie hatte ich mir Trient gedacht, wenn der Professor Gesenius von dem großen Koncilium allda erzählte! Da war Gericht gehalten worden über den Himmel, wie er uns beizubringen sei, so viel hundert ehrwürdige, bucherfahrene Gottesgelahrte waren hierhergefahren, waren hier herumgewandelt mit den langen Röcken; so wie Halle, eine Stadt in Teutschland, nach Torf und Schmutz und protestantischer Gelehrsamkeit riecht, so dacht' ich, wird Trient nach katholischer riechen. Ich roch. Schmutzig ist der Katholizismus und der Protestantismus hier und dort, aber jener handelt en gros , und hat vornehme, schöne Manieren dabei; man läßt sich mancherlei gefallen um der schönen Köpfe, Busen und Stimmen willen. Dieser ist ein Viktualienhändler, der sich mit Jedem in einen Handel einläßt; er ist nöthig, aber was Großes richtet er nicht aus. Wie die Lichter tanzten, wie die Menschen auf den Straßen hin und her summten in Trient, als 171 kämen sie eben aus dem Koncilium, und wären nur eben fertig geworden mit dem Katholizismus, und besprächen noch im Eifer Dieses und Jenes. Denn Trient ist die Vaterstadt des Katholizismus, hier ist er in seiner heutigen Gestalt zur Welt gekommen, Trient ist eigentlich die heiligste Stadt der Katholiken, das Medinah der Moslemims. Dahin flüchtete sich Muhamed vor den Verfolgern, hierher der katholische Glaube vor den ihn verfolgenden Wittenbergischen Gedanken. Und hier setzten sie fest, was nimmer aufgegeben werden dürfte vom römischen Glauben, was nimmer angetastet werden dürfte an den petrinischen Sagen und Novellen. Santa Triente war der Sitz der Verschwörung. Ich gedachte unwillkührlich jenes grauen Regentages, als ich zum ersten Male nach Wittenberg kam. Wittenberg ist bekanntlich ein höchst vernünftiger Ort, wo man von Nüchternheit trunken werden kann. Vor dem Thore liegt die märkische Wüste, und ich war bald ein Gegenstand der Bewunderung, als ich täglich einen Spaziergang versuchte; draußen wohnt der schattenlose Sand, innen wohnen die Tuchmacher, die Tugend und der Mark-sächsische Dialekt, auf dem Markte steht der Luther unter einem Regendach, vor dem Elsterthore konnte man alle Tage einige kleine Pappeln sehn, zum Zeichen, daß Luther hier die Bulle verbrannt habe, des Abends 172 trank man Kuckuckbier, und spielte Schaafkopf mit teutscher Karte – lebhaft erinnerte ich mich dieser protestantischen Amüsements. Und jetzt sprang ich vom Wagen, um katholische zu suchen. Hu, war das ein Gewimmel, ein Wogen von geheimnißvollen Menschen auf den Straßen. Dunkle Mädchen wisperten hierhin, flüsterten, schlüpften dorthin. Und die Luft flatterte wie ein schalkhafter Schleier lieblich um die Schläfe, und tändelte mit den Sinnen, und fremde, musikalische Klänge, die in Wittenberg kein Mensch verstand, flatterten wie lose, holde Vögel um die Ohren: Signore - Tedeschi - buona sera - si, si, si, questa piazza! - - – – Es war eine stolze katholische Figur, die vor mir her ging nach dem Platze hin, ein langes, schwarzseidnes Gewand, ein dichter Schleier, aber das Auge erkannt' ich, ächt tridentinisch war es, es bestand feurig auf der Verehrung der Madonna. Das war gewiß die Geliebte eines alten Kardinals, der sie nach dem Koncilium hier gelassen hatte zum ewigen Denkmal einer Schönheit des sechzehnten Jahrhunderts. Sie war mit Weihwasser besprengt, und alterte nicht, sondern bekehrte des Abends junge luthersche Teutsche, die über den Brenner kamen, bekehrte sie zum allein selig machenden Glauben. Als ich eine Weile neben ihr gegangen war, saß ich fest in den Netzen ihres gefährlichen Auges, 173 räusperte mich, und wünschte ihr einen guten Abend. Sie schwieg. Ich sagte ihr, Trient sei eine schöne Stadt, wenn man sie des Abends sehe, und Walch erzähle in seiner Kirchen- und Ketzerhistorie, daß es schon 1545 sehr schöne Mädchen hier gegeben habe. Sie schwieg; blieb aber stehen, wendete sich zu mir, warf den Schleier vom Gesicht, und sagte: No capisco. Da fiel es mir erst ein, daß ich kein Wort italienisch verstand, die Grammatik mit den Redensarten steckte im Koffer, der Starost, welcher gleich Mithridates und Mezzofanti 99 Sprachen redete, ja, sogar noch mehr, nämlich Sprachen, die zu Mithridats Zeiten noch nicht erfunden waren, der Starost war nicht bei mir, ich war in einer schlimmen Lage, und verließ mich auf die unverkennbare Pantomime. Ich zuckte die Achseln, und sagte: das ist sehr schlimm, Mademoiselle! dabei küßte ich ihr aber die Hand, und sah ihr in's Gesicht. Die Piazza war zu dunkel, ich konnte nicht viel sehen. Sie kam mir wie eine dunkle katholische Kirche vor, es wird Mancherlei getrieben drin: gebetet und geliebt, in weiter Ferne schimmert undeutlich die ewige Lampe. Das waren die selbst im Dunkeln blitzenden Augen. Ihre Stimme war tief, wie die Orgel. Sie hatte noch nicht verstanden, daß nichts zu verstehen sei, und sprach in fragendem Tone Unterschiedliches. Ich versuchte es 174 mit dem Französischen, ich sprach aus Verzweiflung Lateinisch, und sagte yes und si promiscue, so daß ich mich selbst nicht mehr verstand. Umsonst – sie ward am Ende still, und blieb an einem großen Thore stehen. Das Lämpchen von einem Muttergottesbilde, was in der Nähe war, fiel über ihr Gesicht – sie sah wahrlich aus wie eine schmerzensreiche Madonna, welche irgend ein berühmter Meister gemacht hat. Sie trägt einen schwarzen Schleier, und ich glaube, unter dem Augenliede steht auf jeder Seite eine große Thräne. Von jeher hatte ich das frevelhafte Verlangen, diese Thränen und das große, galiläische Auge voll menschlichen Schmerzes zu küssen. Da ich Protestant war, und an die Jungfrau Maria nicht zu glauben brauchte, so vergab ich mir diese lästerliche Sünde. Und diese Madonna stand vor mir, und sah mich mit ihren verliebten dolorosen Augen an, und das Mitgefühl über meine ketzerische Sprache war nicht zu verkennen. Ich fühlte deutlich, daß Etwas geschehen müsse, und bemächtigte mich nun aller Superlative, deren ich habhaft werden konnte, ich rief: » bellissima, amabilissima, extremementissima «, ich seufzte: »Madonna«. 175 Sie lächelte, und trat in den düstern Hof durch mehrere dunkle Kreuzgänge. Ich führte sie am Arme, und ihr warmes katholisches Leben schlug heiß in mein Blut; – ich küßte sie, und vergaß Wittenberg und den Dr. Luther. Das war der erste italienische Kuß – böse Menschen sagen, wir hätten die ganze Reformation nur einer küßlustigen Nonne zu danken, nur die Küsse der Katharina von Bora hätten dem Luther so viel Muth gemacht. Man soll nicht spotten, aber Klosterküsse sind von besondrer Gewalt – meine süße Nonne führte mich im Dunkeln eine steinerne Treppe in die Höhe, links und rechts ging's auf einem Balkon weiter – plötzlich rief von der andern Seite eine gedämpfte Männerstimme einige rasche italienische Worte. Madonna schrack zusammen, riß sich von mir los, verschwand. Es flog eine Thür; ich stand im Dunkeln. Ich stand lange; nirgends ein Laut. Und die Züge der Madonna wurden mir immer schöner, und ihr warmes Leben, das ich gefühlt, ward immer lockender, und die Zeit immer länger. Resignirend suchte ich den Rückweg. Umsonst; keine Treppe war zu finden, so gern ich die Entdeckung mit einem kleinen Sturz bezahlt hätte. Alles war kalte Mauer, kalter Stein. Wenn ich etwas jünger war, so hätte ich weinen können. Die Aussicht war da, die erste italienische Nacht romantisch 176 kampiren zu müssen, und die Post ging ab mit meinen Reisegefährten und meinen Habseligkeiten. Auch wurde mir sehr langweilig zu Muthe in dieser Stockfinsterniß. – – Als ich mich später wieder auf dem Postwagen fand, der gen Roveredo hinabfuhr, wußte ich gar nicht, wie das zugegangen sei. Madonna hatte ich leider, sehr leider nicht wieder gesehn, ihr Bild küßte meine geschlossenen Augen, und wenn ich ein Wenig einschlummerte, so war mir's, als führ' ich mit ihr in den Himmel. Liebesgedanken aber und die Strahlen unsrer Augen zogen unsern weichen Wagen. Wenn ich nur wüßte, wer mich hinunter geführt hat von jenem Balkon; es ist mir, als erinnerte ich mich dunkel einer warmen Hand, und gesprochen wurde gar nichts, geliebt hab' ich aber das leitende Wesen sehr, und Trient war ganz still und finster. Trient war ganz still und finster, aber ich denke gern an Trient, obwohl ich nicht Viel davon gesehn habe. 177     Roveredo. Es ist einer meiner tröstlichsten Gedanken, daß alle die Gebilde unsrer Phantasie, die Roman- und Novellenfiguren, welche wir uns recht deutlich gestalten, daß all' diese Figuren wirklich geschaffen werden. Mit ihnen zu leben wird unser nächster Himmel sein. Wahrscheinlich sind wir auch nur verkörperte Gedanken von einem andern Planeten, und was wir Sympathie nennen, Interessantes, geheimen Zug des Herzens, das hängt ganz genau damit zusammen. Das ist aber das Geheimniß der Liebe. Jeder hat eine dunkle Erinnerung an die Bilder seines poetischen Herzens von früheren Planeten her, und nun sucht er, und sucht. Oft findet Romeo plötzlich die Julia, das ist der Moment, wo sich die Poesie erfüllt. Mancher sucht aber sein ganzes Leben und findet sein Gebild nicht; es ist vielleicht unter die Mohren gerathen, wo er nicht hin kommt, oder er fährt 178 mit der Post vorbei. Darum haben die Eilposten etwas Besorgliches für mich. In jenem stolzen Hause kann sie wohnen, der Kondukteur nimmt keine Rücksicht auf vorirdische Poesie, es geht vorüber. Wenn meine Sehnsucht manchmal recht groß wird, da möcht' ich zu Fuß über den ganzen Erdboden wandern, und in jedem Hause nachsehen und nachfragen, ob das Bild meiner Seele etwa da wohne. Ich werde gewiß nicht eher sterben können, als bis ich alle Länder und alle Menschen gesehen habe; ich habe z. B. einen sehr schmerzhaften Verdacht, daß in den Wäldern am Fuß der Cordilleren in Südamerika einer meiner schönsten Träume aus früherer Welt wohnt, als wunderschönes gebräuntes Mädchen auf mich wartet, und ich weiß nicht, wie ich nach den Cordilleren kommen soll. Meine guten Freunde sagen, das sei dummes Zeug. – Manche aber, die immer an unklaren Begriffen gelitten, und nimmer klare Gestalten in sich ausgebildet haben, empfinden nur eine unklare Sehnsucht, und das sind die sogenannten Suitiers, die nach Allem jagen und nichts Bestimmtes suchen. Solche waren niemals Künstler. Aber Schleiermacher z. B. wandelt jetzt schon mit Schlegels Lucinde Arm in Arm an einem veilchenblauen Flusse, und setzt sich mit ihr in die Blumen. Die Literaturgeschichte weiß, wie der tugendhafte 179 Professor der Philosophie, der platonische Mensch, welcher zu Stolpe im Lande Pommern den Plato und die Romantik studirte, wie selbiger Professor für die wilde Lucinde geschwärmt hat. Ein solcher Liebhaber bekommt sein Theil an der Dichtung, und der fromme Friedrich Schlegel muß im nächsten Himmel dem Herrn Professor Schleiermacher Zutritt verstatten zu seiner Lucinde, ob auch Lucinde die Schleiermacher nicht liebe. Wie freu' ich mich wegen solcher Ideen auf den Himmel – den gewöhnlichen theologischen müßt' ich mir verbitten, der wird sehr langweilig sein. Der Herrgott und die Engel und die Seligen schweben alle. Das Schweben ist unbequem; und man singt Hymnen und geistliche Lieder – das macht Kopfschmerzen und melancholisch. Aber dort kommt Lessing mit der Emilia Galotti und der Gräfin Orsina Arm in Arm. A propos , ich mache die Dichter darauf aufmerksam, daß sie in ihren Werken immer etwas exquisit Schönes unversorgt, was man so sagt, leer ausgehen lassen, damit sie im Himmel keine Schwierigkeiten haben, und gleich ankommen können. Denn ich bin meiner Sache nicht recht gewiß, ob der Dichter auch einen Vorzug vor seinen gedichteten Liebhabern hat, oder am Ende den verehrten Onkel spielen muß, der das Geld zur Einrichtung hergegeben, und sich nun am Zusehn beglückt. Das wäre dann 180 die Ironie des Himmels, und der Prinz von Guastalla nähme alsdann die Emilia und Orsina beide in den Arm, und Lessing könnte sich mit dem alten Odoardo unterhalten, und seinen Rigorismus mit einigen Prisen beruhigen. Ich kann auch nicht dafür stehn, ob und was für eine Sorte im Himmel geschnupft wird. Es scheint aber daraus hervorzugehn, daß die tugendhaften Dichter am schlechtesten wegkommen. Aber alle Freitage, wo die Katholiken fasten, ist bei Goethe Soirée und das wird ohne Zweifel im Himmel die interessanteste Gesellschaft sein. – Mlle. Mariane, Philine, Aurelie – o, ich hoffe, Goethe hat nicht Zeit genug für Alle. – – Schrecklich wäre es, wenn sich's mit dem Himmel anders verhielte, wenn man mit all' unsern ordentlichen Leuten umgehn, Boston spielen, Thee trinken müßte, wenn sie am Ende von unsereinem sagten: 's war doch och een ordentlicher Mensch – es wäre schrecklich, und eine bewegte Hölle bliebe dann der einzige Trost. – – Es war nämlich in der Nacht, als ich solche Dinge zwischen Trient und Roveredo dachte. Ich hatte immer geglaubt, am Eingange von Italien würde mich eine sehr heftige Liebe erwarten, und nun hatte ich große Angst, daß ich bei meinem Glück vorbeifahren möchte. Auf jeden Fall nehm' ich mir 181 vor, bei nächster Gelegenheit einige ganz absonderliche Gestalten zu komponiren, damit man doch etwas für den Himmel zu erwarten hätte. Weiße, rothe und gelbe Turbane von schöner Seide mußten sie tragen, das wußt' ich schon – wir kamen aber eben in Roveredo an, und ich mußte auf mein Gepäck Acht geben, denn die Italiener haben etwas schwankende Grundsätze über die Gütergemeinschaft. – Ja wahrlich, hier beginnt Ober-Italien, es kamen die Flöhe, der Schmutz und die schöne Luft mit Macht; wir ließen des Nachts die Fenster offen, und die Luft fiel herein in's Zimmer wie weicher Sammt, sie war so verführerisch, daß ich nicht schlafen mochte, sondern mich hinlegte in's Fenster, mit offner Brust Italien genießend. Unten am Hause schlief ein Bettler warm und fest auf offner Straße. So lieb' ich den Himmel, er muß nicht so viel Vorkehrungen nöthig machen zum Leben. Die italienischen Häuser sind alle durchweg mit Stein gepflastert, und nach hinten zu haben sie steinerne Balkons, von denen man in's Freie sieht, oder in einen geschlossenen Hof, der am Mittag Schatten gewährt und kühles Wasser gegen die Sonne. Auf diesen Balkonen und den weiten kühlen Saal-Fluren, welche zu ihnen führen, spielen die meisten italienischen Liebesgeschichten. 182 In Roveredo sah man vom Saale hinaus auf die letzten Tyroler Berge. Fern, fern war Teutschland, seine Geschichte, seine Freiheitskriege kamen mir wie ein kalter nordischer Traum vor, neben mir an der Wand hing eine große Tafel, darauf stand geschrieben, wie der Kaiser Alexander und ich weiß nicht mehr, welcher Potentat noch, hier gewohnt hätten, als sie zum Kongreß nach Verona gereis't wären. Ich frühstückte neben der Tafel – was kümmert mich der Welten Lauf, der Archivarius notirte, der Starost rauchte, und prahlte mit weiten, weißen Hemdärmeln. Ich dachte, wir seien Römer, die auf ihrem Landgute lebten und stumm hineinsahen in die Sabiner Berge. Ruhig, indifferent, still, unthätig, das kann man leicht unter diesem Himmel werden; man muß den Italienern ihren jämmerlichen Volkscharakter nicht so übel nehmen. Wir wollten von hier seitab nach dem Garda. Die Abfahrt und die Ankunft ist in Italien immer ein Skandal, als wenn in Teutschland Jemand arretirt wird. Den Wagen umlagern zehn bis funfzehn Kerle, jeder macht sich etwas zu thun, jeder verlangt etwas, jeder lärmt, die Italiener sind meistens Poeten, sie haben nur Stegreifbeschäftigung, 183 ihr eigentliches Geschäft ist Müssiggang, aber mehr spekulativer als kontemplativer. Aus dem kleinsten Ereigniß machen sie ein historisches Factum, um die Leere ihrer Zeit zu täuschen. Sie sind die größten historischen Renommisten, noch größere als die Franzosen. Italien ist das Wirthshaus Europas, in Bewegung, thätig sind nur die Fremden, auf den Landstraßen lauter Fremde. Das Haus hat keinen Herrn und Alles ist käuflich. Auch auf dem kurzen Wege nach dem Garda fanden wir kein Dorf. Sie wohnen in lauter kleinen Städten; da kann man besser faullenzen, auf Fremde und Zufälligkeiten lauern. Es ist gar sonderbar, wenn man mit der Morgensonne durch die kleinen italienischen Flecken kommt, die sich alle für Städte ausgeben und stolze Namen führen. Man denkt, es wohnen lauter Zigeuner und Juden da, gelbbraune Häuser, gelbbraune Gesichter, und doch beginnt das Land erst, und es sind hier eigentlich noch die Zipfel von Wälsch-Tyrol. Sie sitzen an den schattigen Thüren, und lärmen am frühen Morgen, auch die Handwerker arbeiten aller Welt zur Schau, und die Mädchen und Weiber kokettiren mit jedem Fremden schon am frühen Morgen. 184 Es lag ein Mädchen vor einem bärtigen Heiligenbilde auf den Knieen, und als der Starost vorüberging, und eine polnische Arie pfiff, da entschied sie sich mitten im Gebet für Fleisch und Blut und ihre Augen verließen den hölzernen Heiligen. Die Italiener beten, wie bei uns die Weiber stricken: wenn sie nichts Besseres zu thun haben, und aus Gewohnheit glauben sie, daß es was hilft. 185     Der Garda-See. Ich dachte an einen der größten Männer Teutschlands, an Herrn Vulpius, Goethes Schwager, als wir nach dem Garda fuhren. Es ist schrecklich, wie undankbar die Teutschen von Haus aus sind, sie genießen ohne Geschichte: sie wissen nicht, woher sie die Kartoffeln haben, und wenn sie's wissen, so lügen sie dabei. Ich hörte einmal einen Schulmeister seine Weisheit auskramen, daß Franz Drake aus Osterode stamme und einen dicken Kopf und Leib gehabt habe vom vielen Genuß seiner Entdeckung. Ein andrer Schulmeister, der leider keine Anstellung hatte und darum desto eifriger lehrte, setzte einst eine große Damengesellschaft in Kenntniß, daß der Rinaldo Rinaldini das frühste Werk Klopstocks gewesen sei, und daß er sich später nur aus Buße in eine erhabene gottgefällige Richtung geworfen habe. In unbewachten Stunden habe er oft mit einer Art 186 Heimweh »In des Waldes tiefsten Gründen« gesungen. So verläumdete der Schulmeister mit einem Satze Klopstock und Vulpius. Vulpius ist aber ein Genie, und es ist schrecklich, daß er darüber gestorben und schon lange gestorben ist, und daß es noch immer Niemand weiß. Er ist ein Genie, weil ich sogleich an den Rinaldo Rinaldini dachte, als ich in die rauhen Thäler kam, welche zum Garda führen. Seit meinem achten Jahre hatte ich den Rinaldo nicht mehr gelesen, bis zu meinem vierzehnten Jahre sehnsüchtig vergeblich gewartet, ob nicht Rinaldo noch einmal erscheinen werde in sechs Bänden. Ich hatte den Bibliothekar in meinem kleinen Vaterstädtchen so oft darnach gefragt, daß ich bloß noch den Kopf zur Thür hineinstrecken durfte, um die Antwort zu hören: »Kein neuer Rinaldo da!« Wenn ich nämlich hineinkam, so jagte er mich hinaus, ich war ein kleiner kritischer Tausendsappermenter, und brachte seine Bibliothek bei meinen kleinen Genossen in Mißkredit, weil ich sagte, er habe ein einziges Buch – den Rinaldo. Deshalb hatte er früher Versuche gemacht, mich hinter's Licht zu führen: er hatte mir den Mazarino und Aranzo, den furchtbaren Räuberhauptmann, gegeben, und hinzugesetzt es seien Milchbrüder des Rinaldo, aber ich hatte ihre Unächtheit gar bald erkannt, sogar des dicken, weitläufigen, großköpfigen 187 Cramer »Dohmschütz und seine Gesellen« mit den kapitalen teutschen Flüchen und Redensarten hatte mich nicht getäuscht. Es fehlte mir die »Tiecksche Waldeinsamkeit« – ich blieb der kleine Tausendsappermenter und ruinirte dem blassen Herrn Stiller – so hieß der Mann – die braun geles'ne Bibliothek. Alles das fiel mir auf dem Wege zum Garda ein, ich erkannte, welch' große Intuition Vulpius besessen, denn Italien besuchten damals die Romanschreiber nicht, einmal weil es sich nicht schickte, zweitens weil's zu weit war, drittens weil es die Phantasie störte und viertens weil man die Banditen fürchtete. Dieser Treffer des Rinaldoschen Kolorits war also reine Intuition. Ich ward traurig, daß auch Vulpius sterben mußte, daß Rinaldo verkannt wurde und Herr Stiller nicht mehr hinter dem blechernen Syrupkasten in seinem Materialladen saß, und seine Krücke gegen mich aufhob, wenn ich die Thür ein kleines Stückchen öffnete. Er verbreitete nämlich die Kultur nur nebenbei, und in einer verborgnen Nische seines kleinen Ladens standen die satt gelesenen Klassiker hinter einem grünen Vorhange. Ach dieser Vorhang verdeckte mein Allerheiligstes, dieser grüne Vorhang war das Kolorit meiner schönsten Romantik. Wie oft schlich ich beim schlechtesten Schnee- und Regenwetter an den gläsernen Ladenthüren des Herrn 188 Stiller vorbei, wenn er eben tief in einem seiner Bücher steckte, und zum Zeichen davon mit seinen blassen Händen das schwarze Sammtkäppchen hin und herschob auf seinem dünnen, dunkeln Haare. Sein blaßgelbes aufgedunsenes Gesicht sah dann wie Marmor aus. Er war ein gewissenhafter braver Bibliothekar, der alle Winter seine ganze Bibliothek durchlas; das that nicht einmal Lessing in Wolfenbüttel, und der ist doch sogar berühmter geworden als Herr Stiller hinterm blechernen Syrupkasten. Er war oft so wacker vertieft in seine Lektüre, daß er gar keinen Syrup verkaufte, wenn auch Leute kamen; daß er sagte, er habe keinen vorräthig, und gar nicht aufsah von seinem Buche. Ich erinnere mich, daß ihm der grobe Gerichtsdiener, der so unverschämt brandenburgisch sprach, einst, als ich wieder auf der Lauer stand, den Laden zumachte, damit er ganz ungestört lesen könne. Ach, es war ein wollüstiger Tag: der Schnee flog dicht in feuchten weichen Flocken, meine Mutter hatte mir zu Weihnacht einen kleinen Blüchermantel geschenkt, wie ihn die Alliirten an der Katzbach getragen, und womit sie die Franzosen überwunden hatten. Es waren martialische Mäntel, die in einem Stück Tuch von oben bis unten fielen, keinen Absatz machten und eine Art Pyramide auf dem Körper bildeten, meine kleinen Freunde sagten, es seien 189 Radmäntel. Ich sah komplett wie ein kleiner Bandit aus, Rinaldo's jüngster Sohn; eine Mütze führte ich nie, wofür hatte ich Haare – und so stand ich wollustschauernd in dem scharmanten feuchten Schneewetter an der zurückgelehnten Banditenthür halb im Rücken des Herrn Stiller, meines Sehnsuchts-Stiller, und sah mit unendlicher Sehnsucht und Romantik nach dem grünen Vorhange, und schwelgte in all' den nächtlichen Herrlichkeiten eines neuen Rinaldini, und putzte mir die unromantische Nase, die für Kälte und Schnee empfindlich war, mit den kleinen Händen. Später sah ich mit ähnlicher Sehnsucht nach dem Blumenfenster des ersten Mädchens, in das ich mich verliebte, der Banditenmantel von der Katzbach war längst zu einem unternehmenden Fräcklein zerschnitten, Stillers Laden war geschlossen – aber meine Sehnsucht nach dem grünen Vorhange war romantischer, historischer, mittelalterlicher, duftiger und so weiter. Ach, wenn ich damals den Gebrüdern Schlegel in die Hände gefallen wäre, was hätte für ein ächter Burgmondschein aus mir werden können. Ich kannte keinen beneidenswerthern Menschen als einen kurzen, schmutzigen Bäckermeister, der den ganzen Tag auf seiner warmen Ofenbank lag und las und las in lauter braun gelesenen, klebrigen Stillerschen Büchern. Und auf der Ofenbank schlief er ein, und wenn er 190 aufwachte, las er weiter, und nur einmal in der Woche schob er Brot in den Ofen, und das Essen setzte man ihm auf einen Schemel an die Ofenbank, und während er seinen Leib sättigte, las er immerfort. Ich habe später den Napoleon nicht so beneidet, und jetzt fuhr ich zum Gardasee, und machte mir gar nichts aus dem Lesen, und der Zauber des grünen Vorhangs war historisch geworden. Da dacht' ich lebhaft an die Bewegung der Welt und warf Vulpius und den Rinaldini und Herrn Stiller aus dem Gedächtnisse und sah mich um. – Die einfachste Wahrheit sieht so unscheinbar aus. Die Erde bewegt sich und mit ihr die Menschen und die Bildung, und man muß Geist und Herz immer geschnürt haben wie ein Handwerksbursche sein Ränzchen, wenn man nicht zurückbleiben soll. Es ist das harmlose Geheimniß wohl konservirter Frauen, immer jung zu bleiben. Wie man bis zu 24 Jahren fleißig an die Majorennität denkt, welche das Vermögen und die Unabhängigkeit bringt, so muß man von da ab an die Minorennität denken, die uns übereilen könnte, wenn man ihrer vergäße. Die Jugend ist die persönliche Gefälligkeit Gottes, sie ist immer da, wenn man an sie denkt, das Alter ist der feinste Weltmann, es tritt nicht ein, wenn man nicht herein ruft. Man bleibt jung, wenn man 191 jung bleiben will – man bleibt jung, wenn man fortwährend der Natur treu bleibt, und sich täglich nach ihrem Befinden erkundigt. Man muß die Mode in jeder Art menschlicher Thätigkeit erkennen, ihr in's Auge sehn, jedes Neue ist wichtig, aber man muß sich nie bis zum Todtschießen verlieben, und darüber neue Erscheinungen vergessen. Man muß nie fertig sein und die Bude des Geistes und Herzens zuschließen – die Natur ist nie fertig, und nur wer zuschließt wird alt. Wer immer strebt, dem bleibt die Jugend. Das liegt Alles in jener Romantik des grünen Vorhanges. Faßte damals, als ich im Blüchermantel über den Syrupkasten hinweg nach Rinaldo schmachtete, irgend ein jugendverderblicher Lehrer mit einer schnurgeraden Richtung der Bildung meine kindische Romantik beim Schopf, und ließ mich der konsequente Mann einige Jahre lang nicht los, so gehörte ich heut zu der Klique romantischer Faseler, die mit den übernächtigen Mondscheinsentiments lächerlich gemacht werden. Starre Konsequenz schadet der Entdeckung so viel wie schnurgerade Straßen. Man reis't durch das Land dieses Lebens, und hat am Ende nichts als eine Chaussee gesehn. Laßt die Jugend laufen, quält sie nicht in Richtungen, lehrt ihnen Geschichte und kleidet sie modern, damit sie Vergangenheit und Gegenwart verstehen. 192 Ich sah modern und unbefangen die rauhen, kahlen Felsen an, bei welchen wir vorüberfuhren, und hatte es doch nicht verlernt, uranfänglich, historisch und romantisch mit ihnen zu spielen. Die Gegend von Roveredo bis zum Gardasee hat einen eigenthümlich grauen räuberartigen Anstrich. Der erste Spitzbub nämlich, den ich in meiner Vaterstadt sah, als er auf's Rathhaus vor »die Herren« geführt wurde, trug einen blaugrauen Blüchermantel und einen breitkrempigen Filz wie die Banditen auf dem Theater; natürlich dacht' ich mir alle Räuber so, weil ich sie für eine organisirte Klasse Romantiker hielt, was sie denn auch eigentlich sind. So grau räuberhaft sind die trocknen, kahlen Felsen an jenem Wege, die Schluchten und Gründe sind nicht tief, die Berge nicht hoch, aber es ist Alles einsam, unfruchtbar – man sieht's der Gegend an, daß man stehlen muß, um hier zu existiren. Nirgends ein Haus, eine Hütte, hie und da einmal ein kleiner malkontenter See, der grämlich und unzufrieden mit seinem unbedeutenden Loose die feuchten Augen zusammengedrückt hat. Binse und kleines Schilf wächs't struppig um sein Haupt. Aber es liegt ein eigner Reiz der Einsamkeit über der Gegend, eine unheimliche Rinaldinische Heimlichkeit – unser kleiner Wagen hielt still, damit sich das Pferdchen verschnaufen könne, es schwieg Alles, als wenn 193 ein wichtiges Romankapitel anheben sollte, ich horchte gespannt, ob kein Bandit pfeifen würde. Der Starost sah mich schweigend an, nahm mit der einen Hand die Pfeife aus dem Munde, knöpfte mit der andern die Strippe auf, und senkte die Goldbörse in den Stiefel. Es war ein feierlicher Augenblick, ich dachte auch an Steffens und die Flötzgebirge, und ihr einsames, schauerliches Schnarchen, und das eiserne Kreuz in seinem Knopfloche, das Denkmal seiner Tapferkeit, was dabei zittert, und gewiß gern sprechen möchte. Der Archivarius unterbrach mit leiser Stimme das Schweigen und meldete, daß vorgestern bei Trient die Post angefallen worden sei. Nach dieser topographischen Notiz schwieg wiederum Alles; der Kutscher war abhanden gekommen, wahrscheinlich um das Signal zu geben. Meine Gedanken kehrten von Steffens zum Rinaldini zurück, und ich dachte darüber nach, wie ich ihn anreden sollte. Ich konnte nicht mit mir einig werden, ob es gerathen sei »Großer Sterblicher« oder »Großer Unsterblicher« zu sagen. Meine helle Stimme schlichtete plötzlich Alles romantisch, ohne mein Zuthun fing sie unerwartet an zu singen: »In des Waldes tiefsten Gründen, Und in Höhlen tief versteckt.« In Italien ist auch das Vieh musikalisch, unser kleines Pferdchen spitzte die Ohren, und ging hastig 194 den Berg vollends aufwärts. Ich sang immer stärker: »Rinaldini ruft sie schmeichelnd,« das Pferdchen arbeitete immer eifriger, ich sang stolz wie Orpheus. Plötzlich stockten wir beide: die Höhe des Berges war erreicht, die Schluchten öffneten sich weithin, ein frischer Wind flog als Bote über unser Gesicht – der Gardasee lag unter uns. – 195     Ich hatte nie etwas so Schönes gesehen; wie bürgerlich und ordinair erschienen mir daneben unsre Landseen, diese übergetretenen oder zurückgebliebenen Flüsse, von denen jeder eben so gut wo anders, an deren Stelle eben so gut etwas Andres sein könnte. Die steil aufsteigenden Ufer an beiden Seiten des Garda sahen ernst und gebieterisch aus wie stolze Diener eines reichen Herrn, man sah ihnen an, daß der Herr zu Haus in seinem Pallast sei, Signore Garda il primo . In schmalem Bett, ungefähr so breit wie zwei breite Hauptströme geht der See eine Strecke weit hin und her, dann wirft er sich die Locken aus dem Gesicht, schiebt die Zeltvorhänge und seine Dienerschaft beiseite und geht breit und fliegend tief in's Land hinein, und feuriger und fröhlicher senkt sich seine Lippe zum Kusse in das sonnenhelle Antlitz der Lombardei. – Ein feiner Schleier von blauem Duft hing über 196 dem Antlitze des Garda; er ist einer der altitalischen Götter, und die Götter erscheinen dem Menschen nie unverhüllt, und die großen historischen Ereignisse flüchten sich in ihren Schooß, um sich dem dreisten Auge eines frivolen Geschlechts zu entziehen. Es ist viel Poesie in dem Kultus derjenigen Völker, die einen See oder einen einzelnen hohen Berg anbeten, sie glauben dabei auch das Archiv ihrer Geschichte zu verehren und die unsterblichen Thaten ihrer Vorfahren, die darin verborgen ruhen. Es wollte mich bedünken, als ich von da oben die blauen Wellen des Garda sich kräuseln sah, die Cimbern und Teutonen tanzten mit klirrenden Waffen unter ihnen, und ihre melancholisch gewordnen Kriegsgesänge bewegten die Wellen von unten auf. Ich bedauerte nur, daß ich nicht teutonisch verstünde, und zum ersten Male ward mir's leid, daß ich Jahns Volksthum und Merke, und die Akten des Wiener Kongresses nicht genauer studirt hätte. – Der Doktor aber belehrte mich, es sei durchaus nicht erwiesen, ob sich die Cimbern oder die Ambronen, oder die Tiguriner oder die Teutonen im Garda gebadet hätten – das schlug mich sehr nieder und ich gab meine ganze historische Poesie auf, mit welcher ich in Gestalt einer Note bei den teutschen Universitäten mein Glück machen konnte. Wir sprangen aus dem Wagen, und stiegen auf höchsteignen Füßen abwärts zum Garda, und meine 197 Gelehrsamkeit ließ ich zurück, mich aber ließ ich gehen, und nun sah ich mit unverfälschten Augen, wer der Garda eigentlich sei. Mit der wichtigsten Entdeckung begann ich: er ist kein Masculinum sondern ein Femininum. Er ist die erste italische Jungfrau, welche dem blöden, blonden Germanen, der von den Alpen heruntersteigt, mit dunklem südlichen Blicke in's Herz hineinsieht, mit jenem Zauberblicke, von dem die Poeten erzählen, man vergäße ihn nimmer wieder, und wenn man in späten Jahren daran denke, so wende sich das Herz noch um vor süßem Schmerz. Daher stamme die teutsche Sehnsucht nach Italien. Damit man aber den Blick versteht, denn das teutsche Herz ist bisweilen etwas hartnäckig, fliege noch jener nordische Reif um die Schläfe und Wimpern der Signora Garda, der uns heimathlich befängt und verlockt. Und wirklich, der Gardasee ist das Kompendium Italiens für den Teutschen, aus dem er die Anfangsgründe italischer Schönheit in einem Sommermorgen erlernt. In saphirblauen Smaragd ist es gebunden, und mit sonnengoldnem Schnitt geziert. Man glaubt in Teutschland nicht daran, daß Wasser so schön aussehen könne, unser Wasser ist bleich, farblos, charakterlos, höchstens einmal traurig dunkel, acherontisch – schon in Tirol wird das Wasser lebendig, und im Gardasee liegt es vor uns wie eitel Schönheit im 198 blau glänzenden Seidengewande, was auf und nieder schillert, aus dem die Aeuglein locken mit lachenden Thränen. Die Sagen von Wassernixen sind mir immer unglaublich gewesen, wer wohnt an der Spree oder Pleiße und traut irgend einem göttlichen Wesen den schlechten Geschmack zu, in dem schmutzigen Wasser zu hausen! Aber hier am Garda sieht man den Fischerknaben sitzen, die warme Sonne über ihm, das wollüstige Wasser geheimnisvoll plätschern zu seinen Füßen, mit seinem erfrischenden Schmeicheln »kühl bis an's Herz hinan« sich drängend. Hier oder nirgends glaubt man an Wassermährchen, denn geheimnißvoll prächtig öffnen die geschäftigen Wellen ihren blauen Schooß und der Blick drängt sich hastig und sehnsüchtig hinein und verfolgt stürmisch die tiefabgleitende schimmernde Schönheit – da schließt sich die neidische, kokette Woge, und eine andre kommt, und dasselbe Spiel beginnt, und Kopf und Herz wird irr und schwankend und die phantastische Welt bedeckt uns mit ihren weichen, dichten Gewändern. – – Ich hatte die Augen nicht abwenden können von dem verführerischen See, wenn mir die Gegend ihn versteckte, schloß ich sie, und so war ich nach Torbole gekommen, und stand auf dem Molo, und setzte mich auf seine Steine, der See ging hoch, die Wellen schlugen mir bis an die Füße, meine Augen waren den Wellen anheim gegeben, ich träumte meine 199 erste italienische Novelle, und ich weiß nicht, wer in mir die Worte hörte: »Lassen wir ihn, er kann ja schwimmen und Wasser macht wieder nüchtern.« – Aus meinen Träumen weckte mich plötzlich ein lautes Freudenschrei, und der gellende Ruf: »Alphonso – Alphonso.« Ich sah in die Höhe, seitwärts stand ein Haus, noch tiefer in den See hinaus gebaut, der Molo lief an seinem Grunde weiter. Da stand im weit offnen Fenster des ersten Stocks eine Frauengestalt, die rief lauter lebendige Worte zu mir hin und breitete die Arme aus und ihr Taschentuch flatterte wie Rezia's Flagge. Noch war ich wirr von meinen Träumen, richtete mich auf und eilte auf das Haus zu. Sie kam mir entgegengeflogen, riß mich an ihre Brust, küßte, herzte, drückte mich mit wildem Feuer und männlicher Kraft. Ich ließ mir Alles gefallen, es war ja hübsch. Dann drängte sie mich einen Augenblick von sich und betrachtete mich von oben bis unten, und als ich lachte, da rief sie: - si - si - si , und eine Menge anderer Worte; ich konnte aber noch nicht italienisch und verstand bloß ihre Augen und ihre Mienen, und freute mich, daß sie sich freute. Sie nahm mich beim Arme, und stürmisch ging's in's Haus hinauf in jenes Zimmer, und dabei sprach sie fortwährend und liebkos'te mich ohne Ende. Ich fand mich allmählig in meine Rolle, und dachte nicht weiter darüber nach, das konnte ja in Italien so 200 Mode sein und zur Schönheit des Gardasees gehören. Umwälzung alter Sitten war nicht der Zweck meiner Reise, namentlich Volksgebräuche acht' ich immer hoch; ich fing an, ihre Liebkosungen lebhafter zu erwidern. Wir standen am Fenster, und sie erzählte mit unglaublichem Eifer eine lange Geschichte, von der ich natürlich nichts verstand, wenn sie zuweilen fragend inne hielt, antwortete ich – si Signora , und küßte sie auf den Mund und wir tanzten einmal in der Stube herum. Das Mädchen hatte ein schmerzhaft edles Gesicht, große thränenweiche Augen und die feinen Mundwinkel waren wie vom Schmerze ein Wenig nach unten gedrängt, selbst die Freude, welche jetzt über das ganze Gesicht verbreitet lag, konnte diesen Ausdruck nicht ganz zerstören, aber sie machte das braungelbe klare Antlitz doppelt reizend. Es war ein warmer Tag, und sie hatte sich auf das Leichteste gekleidet, nur ein dünnes braunes Kleid bedeckte sie, und um die offnen vollen Schultern flog ein leichtsinniges, gelbes Tüchlein. So stand sie vor mir, lehnte sich auf meine Schulter, hatte den Arm um meinen Hals geschlagen, und sah mit mir über den See hinaus. Das war der erste Moment, in welchem sie schwieg, und in welchem ich mein » no capisco « anbringen, und ihr begreiflich machen konnte, daß ich noch gar nicht wisse, was es für eine Bewandniß mit uns Beiden habe. Sie sah mich mit 201 weiten, verwunderten Augen, und ein Wenig geöffnetem Munde an. – – Da kamen meine Gefährten aus dem Wirthshause, wahrscheinlich um mich zu suchen. Ihre Blicke schweiften umher, da sie mich nicht am Strande, wo sie mich verlassen, fanden, bald entdeckten sie mich, und machten verwunderte Gesichter. Sie waren auch schon romantisch genug, um keine Konvenienz zu beachten und kamen eiligst zu uns auf's Zimmer. Meine Signora ließ sich nicht im Mindesten befangen, und stellte mich als ihren endlich gefundnen Geliebten vor, den ihr zärtlichst scheidender Alphonso zu senden versprochen, und auf welchen sie nun schon 15 Monate am Gardasee gewartet habe. – Die Sache wurde nun klar, da der Starost ihre Worte übersetzte. Sie war aus Livorno gebürtig, und gehörte dort einer vornehmen Familie an. Eines Abends, als sie eine Lustfahrt auf dem Hafen gemacht, sei das Meer unruhig geworden, und ein junger Mann, der sich allein in einem kleinen, schlechten Nachen gerudert habe, sei plötzlich in ihr größeres, wohlbemanntes Boot gestiegen, sein unsichres Schifflein den stürmischen Wogen überlassend, und sich flüchtig bei ihrer Gesellschaft entschuldigend: Er sei der Meerfahrt unkundig, und habe nicht Lust zu ersaufen. Dieser Fremde, welcher einen reinen toskanesischen Dialekt gesprochen, sei von hohem schönen 202 Wuchs gewesen, blonde Haare seien um das erhitzte edle Gesicht geflogen, keck und dreist habe er mit Allen sich bekannt gemacht, vorzüglich mit ihr, unsrer eifrigst erzählenden Hortensia. – – Es waren zu wenig Stühle im Zimmer, nur der Starost saß hoch zu Gericht auf einem stuhlähnlichen Gerüst, Hortensia auf dem Fenstertritt, vor ihr wie die Jünger zu Gamaliels Füßen der Archivarius und ich an der platten Erde. Das Mädchen sah schön aus. Der Eifer des Erzählens hatte ihre dunkle Wange leicht geröthet. – – Als die Barke gelandet, habe er sie auf den Strand gehoben, und ihr dabei drängend tief in die Augen gesehen. Wie eine bunte neckische Welt sei es in jenem Augenblicke in ihrem Innern aufgesprungen, es sei ein Jubel, ein Sehnen, ein Entzücken in ihrem Wesen laut geworden, wie sie es nie vorher gekannt. – Der blonde Mann habe ihren Arm genommen und sie nach Haus geleitet, weil aber der Regen allzu stark geworden sei, hätten sie in eine Kirche eintreten müssen. Dort wäre in einer dunklen Ecke ein breiter Beichtstuhl, der habe offen gestanden, und sie hätten sich hineingesetzt, und das Ende des Regens abgewartet. Der Regen habe aber lang gedauert, und der fremde, blonde Mann habe sie unterdessen küssen gelehrt, und glühend heiß und glühend wohl sei sie 203 erst bei einbrechender Nacht vor ihrer Eltern Hause angekommen. – – Der Starost fragte Hortensien, ob sich die Eltern ihrer späten Heimkehr nicht gewundert hätten, aber Hortensia erwiderte ernsthaft: Ich sagte ihnen, daß ich einen Sturm erlebt, und sie beruhigten sich bald, und ich küßte innig meinen Vater und meine Brüder. Des Nachts schlief ich nicht, sondern träumte, und als es Morgen wurde, warf ich meinen Schleier über und eilte nach dem Beichtstuhle. Meine Mutter begegnete mir, und sie dachte sich's alsbald, daß ich mit ihr zur Kirche gehen wollte, meinem Schutzpatron für das Glück im gestrigen Sturme zu danken. Bis nach Monte Nero gedachte sie zu pilgern, denn sie wollte ein Opfer bringen für meine Rettung, ich sagte ihr aber, daß ich meinem Heiligen, dem ich gestern nur flüchtig gedankt, versprochen habe, heute wieder zu kommen. Darauf ermahnte sie mich, mein Versprechen zu halten, wir zogen unsere Schleier über das Gesicht, und sie ging mit der Dienerin nach Monte Nero, ich aber zu meinem Heiligen. – – In unserm breiten Beichtstuhle saß ein alter, magrer Mönch mit strengem apostolischen Gesichte, der wartete auf Sünden und Sünder. Ich kniete zu seinem Ohre hin, und beichtete ihm, daß ich nichts zu beichten wüßte, wenn es nicht eine Sünde sei, sich sehr glücklich zu fühlen. Darauf erzählte ich ihm, 204 was mir den Tag vorher Fröhliches widerfahren, und daß ich an seinem Platze gesessen und eine andre Beichte gehört habe. Während ich aber so sprach, sah mein herumschweifendes Auge den blonden Fremden an eine nahe Säule treten, und mit den Augen mir lauter Küsse winken. Da erzählte ich noch eifriger und feuriger, bis mich plötzlich der Pater mit strengster Stimme unterbrach. Das Glück sei allerdings eine Sünde, und ich sei eine tiefe verworfene Kreatur, die er nicht absolviren könne. Und mehr dergleichen sprach er, und schrieb mir die Bußen vor, ich hing aber an des Fremden Lippen und vor dem Küssen hört' ich nichts mehr von des Paters Worten. Als er seinen Zorn beendigt, schloß ich die Falte meines Schleiers, welche ich nach der Säule zu geöffnet hatte, stand auf, ging an dem blonden Manne vorüber, hinaus in's Freie bis vor die Stadt an's Meeresufer. Und er folgte mir Schritt für Schritt. 205     Die Sonne war eben aufgegangen, und es war sehr schön. Wir setzten uns auf einen überhängenden Felsen, und sahen in's Meer hinaus. Aber es dauerte nicht lang, und wir sahen einander nur in die Augen, und die Seligkeit wurde so groß, daß ich auch die Augen schloß. Der Fels schützte uns vor der Mittagshitze, und als es Abend ward, gingen wir über die Gli sparti , wo die Leute spaziren gehen, und setzten uns noch einmal nieder auf dem englischen Gottesacker unter einem Monumente, um Abschied zu nehmen bis zur ersten Stunde der Nacht, wo er durch den Garten über den Balkon in mein Zimmer kommen wollte. Es war wiederum Nacht, als ich zu Hause ankam. Unsre ganze Familie war im Saale versammelt, und Alle fuhren mir mit den heftigsten Reden entgegen; man hatte ihnen erzählt, ich sei am frühen 206 Morgen außerhalb der Stadt gesehen worden, und ein Mann sei hinterdrein gegangen, mein jüngster Bruder wollte mich des Abends auf den Gli sparti am Arme eines Mannes promeniren gesehen haben. Meine Mutter weinte, mein Vater fragte, nur mein älterer Bruder schwieg und sah mich zuweilen nachdrücklich an. Ich hatte wenig Aufmerksamkeit für all' die Dinge, und sagte, ich sei von den gestrigen Anstrengungen und der schlaflosen Nacht erschöpft in der Kirche eingeschlafen, und erst spät am Abende erwacht. Man möge mir zu essen geben, denn ich hungerte sehr. Meine Familie verließ den Saal, nur mein älterer Bruder blieb noch eine Zeitlang sitzen und sah mir schweigend zu, wie ich eifrigst aß. Dann stand auch er auf und ging schweigend fort. Er war mir der liebste von meinen Geschwistern. Das Mädchen leuchtete mir auf mein Zimmer und ich legte mich ruhig schlafen, denn ich war müde. Der Blonde kannte genau den Weg zu mir, und ich freute mich, von ihm geweckt zu werden. – Ein Geräusch aus dem Vorsaal weckte mich auf; ich wußte nicht, wie tief in der Nacht es wäre. Ein Flüstern gedämpfter Stimmen dringt an mein Ohr, ich erkenne meines älteren Bruders Stimme, ich höre die Worte: »schamloser teutscher Ketzer« – aber keine Antwort. Feste, schnelle Fußtritte, die immer heftiger und eiliger werden, sich aber nicht von 207 der Stelle entfernen, deuten mir an, daß zwei Männer mit einander ringen. Nicht lange dauert's, so fällt etwas zu Boden, und es wird ganz still. Eine Weile darauf wird meine Thür geöffnet, ich fühle die heißen Küsse meines Geliebten. Ihn zu fragen, fand ich keine Zeit. Als die dichte Nacht ein Wenig zu weichen begann, hieß er mich meine Kleider anlegen und ihm folgen, in meiner Eltern Hause könne ich nicht bleiben. Schweigend that ich's, und er führte mich an der Hand zum Balkon. Es schien mir, als läge eine Gestalt am Boden, aber ich sah nicht genauer hin. Mein Geliebter hob mich über den Balkon so tief er konnte hinunter in den Garten – er war stark und gewaltig – so wurde mein Sprung abgekürzt, und ich kam unverletzt unten an. Er sprang mir nach, und wir schlichen uns durch den Garten. Mein Vater schlief den Sommer über im Gartenhause, bei welchem wir vorüber mußten. Es war Frühsommer, ich sah ihn in der Dämmerung schon am offnen Fenster stehen, und mir schien's, als sähe sein ernstes Gesicht noch ernster aus. Wir mußten langsam gehn, um kein Geräusch zu machen, vor dem Anblick schützten uns die Bäume, es schien mir aber doch, als sähe er uns, und winkte mir mit der Hand, zu gehen. Wir eilten fort durch die Straßen bis an den Hafen. Hier sagte mir mein Geliebter, daß er 208 Alphonso heiße, und mich mitnehmen wolle an den Gardasee, wo wir uns des Himmels und der Erde freuen würden. So sind wir über das Meer gefahren und über die Berge gestiegen, und ich habe den Weg nicht beachtet und fände ihn nicht zurück. Hier in diesem Zimmer haben wir dann eine Zeitlang gewohnt. Alphonso sagte zwar, es sei eine lange Zeit gewesen, aber er irrte sich, es war nicht lang. Und eines Morgens trat er zu mir und sagte: Hortensia, wir müssen scheiden, in mein Vaterland kann ich dich nicht mit nehmen, dort ist's zu kalt. Aber ich will dir einen Freund schicken, der soll dich trösten und wärmen. Darauf sagte ich ihm, ich brauche keinen Trost, aber Liebe, und küßte ihn auf die Augen, und legte mich schlafen. Er aber ging. Und es ist schon funfzehn Monde her, daß er gegangen ist, und Viele sind gekommen, aber umsonst hab' ich auf den Freund Alphonso's gewartet. Wenn nicht die Sonne so schön geschienen hätte und der See so blau wäre, so wären die Tage sehr traurig gewesen. Aber jetzt ist er da, und nun ist die Welt noch einmal so schön. Und wenn wir sie fragten, woran sie mich erkenne, so sagte sie: am Herzen. Damit meinte sie die Augen, und noch einmal: am Herzen! damit meinte sie die Stimme. Alphonso habe gerade so teutsch gesprochen wie ich. 209 Ich fand es nicht für nöthig, alle diese Angelegenheiten gründlich zu untersuchen. Wir ließen unsre Mittagstafel aus dem Wirthshause bei Hortensien aufschlagen, aßen Fische aus dem See, und weiße Polenta und tranken dunkeln Rothwein, und spielten homerische Helden, die kein Geld haben und keine Polizei kennen. Die Sonne ging vorwärts, wir aber saßen und schwatzten von Diesem und Jenem. 210     Am Garda erhält man den ersten Vorschmack von italienischem Volkscharakter. Man sieht schon überall die wohlgebildeten Männergestalten mit den scharf geschnittenen Formen und Zügen, das Stumpfe, Unklare, Verwischte im Aeußeren des teutschen gemeinen Mannes findet man nirgends. Jeder Einzelne hat ein Gesicht, während bei uns oft zehn dazu gehören. Die wärmere Sonne, das mildere Klima zeitigt und reift auch die Gesichtszüge mehr; bei uns werden wenige reif, darum fehlt uns das Ausgebildete. Der Italiener aber wird ausgebrütet bis die Eierschale trocken an ihm abfällt, er kennt den Ausdruck »Grünnase« gar nicht. Der Italiener hat nicht nöthig, gleich von früh aus seiner Erde ein sorgenvolles, arbeitsames Gesicht zuzuwenden, daß sie ihn ernähre und erhalte, die italienische Erde ist liebevoller und freigebiger, die Furcht vor dem Erhungern nistet sich 211 nicht in die jungen Gesichter, wie in Teutschland. Da gehen natürlich auch die Züge muthiger auseinander, und das Gesicht wird klar und klassisch, eine Hebamme der Romantik, die bleiche Sorge, ist völlig unbekannt. Die natürliche Entwickelung wird in nichts gestört, und Alles, was wild wächst, ist schön. Man findet schon unter den Schiffern vom Garda schöne Köpfe. Die Leute fangen auch nicht so früh an zu lernen, sie siedeln nicht die Altklugheit so zeitig auf den Lippen an, sie lernen später lesen und schreiben, aber dafür behalten sie bessere Augen und geschicktere Hände. Mit fünf Jahren geht ja bei uns schon der Teufel los, und die Herrschaft des Herrn Bakel beginnt mit aller Angst und Hast des Knaben. Da liegt der italienische Bube noch fünf Jahr in der Sonne, und sein Verstand übt sich in eignen Sprüngen, und wenn er dann in die Schule kommt, so ist er in einigen kräftigen Sätzen da, bis wohin wir uns bleich und kränklich gekrochen haben. – Aber der Körper und die Lebensklugheit sind das Einzige, was sie voraus haben. In Allem Anderen sind sie ein depravirtes Volk, die christlichen Juden Europa's. Und es wären Bestien aus ihnen geworden, befänden sie sich schon so lange in einer so schauderhaften Sklaverei wie dies Volk aus Palästina. Die moralische Kraft des Italieners ist bereits gebrochen wie Binse – er ist nicht mehr tapfer. Er kann 212 mitunter noch eine tapfere Hand haben, aber das tapfere Herz ist durchlöchert. Er hat Feuer, Leidenschaft, er haßt mit durchdringender Kraft, aber der edelste dieser Affekte, der Zorn, ist ihm lange schon entwendet, der Stolz ist gebrochen und spreizt sich nur noch als Hochmuth. Man ist gewohnt, sich den südlichen gemeinen Mann aus edleren Stoffen gebildet zu denken; weiß man auch, daß der teutsche Bauer von Nationalruhm und dergleichen nichts versteht, daß sein Streben nur von der Hand bis zum Munde reicht, so denkt man sich doch immer den Südländer idealischer. Und man hat ein Recht dazu, denn dieser bedarf nicht jenes harten Kampfs mit der Scholle Erde um das magre Brot, die Nahrung fällt ihm in den Schooß. Die Schiffer von Garda sind nicht viel besser als unsere Bauern: wenn sie von der Herrschaft ihres Landes sprechen, so reden sie auch nur von den Steuern. Die Poeten sind ein trügerisch Volk, wenn sie von fremden Ländern reden, und doch ist's ein Glück, daß sie lügen. Die schöne Lüge und der goldne Traum bleiben das Beste an der Welt, und doch muß etwas Wahres an ihnen sein, wie kämen wir sonst zu Lüge und Traum. Wir erfinden nichts, nicht einmal dies. Wüßten wir nur erst, wer am richtigsten sieht, das Auge oder das Herz. Die 213 kritische Philosophie und die Naturphilosophie sind nicht so unwichtig mit ihrem Suchen nach Subjekt und Objekt, nur die Philosophen sind oft unwichtig. – – Es war eine Volksscene, deren sich die Gracchen, wie Cato geschämt hätten, als wir die Zeche bezahlen, und uns einschiffen wollten. Im Hintergrunde des Saales standen wohl zwanzig Schiffer, im Vordergrunde eine unverschämte italienische Wirthin, uns gegenüber am Fenster saß unbekümmert um Alles, was vorging, Hortensia. Die Wirthin verlangte eine Summe für unser karges Mahl, als hätten drei Luculle bei ihr gegessen. Ich bat den Starost, ihr zu sagen, daß wir keine Engländer seien. Das nützte nichts. Er rapportirte, wir seien zwei teutsche Doctoren, die von Büchern lebten, und in Teutschland seien die Bücher sehr mager. Das ginge sie nichts an, und bei ihr hätten wir von schönen Fischen gelebt, übrigens habe sie bei Durchreisenden schon dicke und fette teutsche Bücher gesehen, und Signore – der Starost – sähe ja so golden und silbern aus, daß es ihm auf solch' eine Kleinigkeit nicht ankommen werde. Dadurch war er aus dem Felde geschlagen, er drehte ihr lächelnd den Rücken und schlug Chamade. 214 Jetzt kam die Reihe an mich; denn der Archivarius hatte keinen Anstand dazu, den Leuten auf den Leib zu gehn. Er steckte zwar die Hände in die Taschen als mimische Andeutung, dort sei Alles unter Kuratel gelegt, hing den Kopf vor, sah das Banditenvolk unter den Augenlidern hervor spitzfindig an, sprach ein Paar sehr vernünftige Worte; aber er räumte immer nach einigen gelinden Streichen das Schlachtfeld. Ich räusperte mich also, und fragte den Starosten was auf Italienisch »niederträchtig und Himmel-tausend-Donnerwetter« heiße. Das Zweite wußte er nicht, ich gab's also teutsch, und sprach fünf Minuten lang in vermischten Sprachen alle Grobheit über eine unverschämte Rechnung durch. Dabei ging ich der Wirthin mit drohenden Geberden nahe; sie zog sich auf das zahlreiche Corps ihrer Landsleute zurück, was eine schweigende Sauvegarde bildete. Manch' teutsches Theater hätte was gegeben für zwanzig solche Statisten zur Stummen von Portici. Und doch waren die Kerle nicht einen Centesimo werth, sie öffneten der Wirthin eine Rückzugsgasse, ließen mich sogar hineindringen, ohne mich in Beschlag zu nehmen, duldeten, daß jene ihren Rückzug als vollkommene Niederlage in der Küche schließen mußte. Und zu dieser Landesverrätherei trieb sie nur die Gewinnsucht. Jeder von ihnen rechnete darauf, zu unsern Fährleuten zu gehören, Keiner wollte sich durch unnöthigen 215 Zorn verhaßt machen, die Geschichte von den dreißig Silberlingen hat einen tiefen Sinn. Ich feierte, wie die späteren römischen Imperatoren nach einem unblutigen Siege, wobei ich nur Heldenworte geliefert, einen glänzenden Triumph, und wir zogen ab, dem Dienstmädchen die uns beliebige Summe einhändigend. Unten vermißte ich den Starost, und ich fürchte heute noch, er hat es nicht über's Herz bringen können, daß der Anstand so verletzt und die Rechnung nicht ganz berichtigt wurde. Er war sehr delikat, und hat wahrscheinlich mein mühsam erobertes Terrain wieder aufgegeben. Hortensia hing an meinem Arme, um ihre Schultern die kleine italienische Laute, sonstiges Gepäck hatte sie nicht, unsere Mantelsäcke lagen auf dem Molo in der Sonne. Die Assisenverhandlungen mit den Schiffern begannen. Der Jude verlangt das Doppelte für seine Waare, der Italiener das Dreifache. Kann solch' ein Volk stolz sein, kann eine Nation ohne Stolz etwas leisten? Die Licitation ging los. Bei solchen Gelegenheiten entwickelt der Italiener sein ganzes Erbtheil Cicero's und Dante's, er häuft rhetorische Figuren, detaillirt den Catilina bis auf alle möglichen Defekte in den Unterbeinkleidern, erfindet Höllen- und Himmelszustände. Er ist der geborne improvisatorische Redner und Dichter. Es ist aber Alles nur Renommisterei, sein Argument und sein 216 Gedicht, wenn der Teutsche sein ordinaires Talglicht dran hält, so verschwindet der leichte Spuk. Drum haben die Italiener auch nie anderswo etwas geleistet als in der dreisten Täuschung des Epos, sie sind geschwätzig wie die Spatze und lügnerisch wie die Gaskogner. Jedes Volk, das lügt, hat einen Grad lebhafter Phantasie, die auf den Bergen herumspringt, wenn sie sich auch niemals hineinwagt. Nur Dante macht eine Ausnahme, weil er ein welt- und himmelsgeschichtlicher Epiker war, man sieht ihn aber auch immer eisgrau unzufrieden mit seinen Landsleuten, darum halt' ich ihn auch nie für einen reinen Italiener. Dieser hat die trefflichsten Anlagen und Anfänge zu allen Dingen in sich, er ist vielleicht der reichste Embryo unter allen europäischen Völkern, aber er braucht ein Huhn, um seine Enteneier auszubrüten, er allein bringt nichts Großlebendiges zu Stande. Wenn man sich Mühe giebt, wird man die fremde Zeitigung bei allem großen Italienischen finden. Auch der Italiener Napoleone gedieh durch Frankreich. Ist solch' eine Hypothese auch wie im Latein die Regel, welche so reich an Ausnahmen sind, sie hilft doch ordnen und lernen. Daß sich nicht öfter ein Tasso findet, liegt an den neueren Jahrhunderten, welche keine ordentliche neue Religion mit phantastischen Thaten, also auch keinen Glauben, keine Begeisterung mehr brachten für blau 217 und rothe Geschichten. Petrarka ist mir immer der redendste Beweis gewesen, daß es mager um die italienische Poesie stände, ein saubrer Drechslermeister kann nirgends anders so viel Glück machen, eine Putzblumenmacherin ist anderswo eine Putzblumenmacherin, aber keine Göttin, die Blumen schafft, auch wenn jene geschickte Person neue Blumen erfände. Nur in Italien wird ein Petrarka daraus. Die Italiener machen viel Geschrei, mitunter auch ein künstlich Geschrei, aber von den Urtönen der Menschheit, von der eigentlichen Poesie wissen sie nichts. Wenn wir ihnen auf ein Paar Jahre einen unsrer Romantiker, z. B. nur Herrn Novalis leihen – wir werden uns wundern, zu welchem kapitolinischen Helden herausstaffirt wir den wieder bekommen! Sie haben den Zauberborn der berauschenden christlichen Mythe in der Nähe gehabt, das ganze katholische Land war ein romantisches Gedicht, sie durften nur abschreiben – haben sie's wohl vermocht?! Wie feinfühlend sind statt ihrer die Teutschen jenen mystischen christlichen Nerven tastend nachgegangen, Teutsche, die in der Mark oder Lausitz wohnten, und auch die Anregung improvisiren mußten. Und da sie nun den Gefühlen keine Gedanken erfinden konnten, haben sie denn wenigstens bei dem Mangel an Romantik plastische Figuren erfunden, haben sie Dramen geschaffen?! Sind die Alfierischen 218 Marionetten-Republikaner, die im Draht auf und niedergehen, sind diese Menuettentänzer der Rede werth? Was Auge und Ohr kitzelte, was Aufsehn und Lärm machte, war immer ihr Wesen, Töne und Farben haben sie erfunden, und das ist Alles. Und weil das schöne Dinge sind, so kommt uns noch heutzutag ihre Renommisterei so schön vor. Dazu sehe man Italien an, und frage: wie kommt ihr zu Farben? man höre das Volk sprechen und singen, und frage, wie kommt ihr zu Tönen?! Sie haben ein Land wie gemalt, und haben alle Stimmritzen für's Konservatoire in Wien. Der Herrgott muß bei Schöpfung Italiens fürtrefflich bei Stimme gewesen sein – der jämmerlichste Kerl jenseits der Alpen hat ein Organ voll Klang und Klarheit. Aus dem Chaos von Stimmen und Vorschlägen sonderten sich endlich vier rüstige Ruderer heraus, Hortensia sprang in das breite, geräumige Boot, und machte sich und mir an seinem Haupte bequeme Sitze zurecht. Das Geschrei und Unterhandeln ward immer stärker, wir waren taub geworden, und antworteten nicht mehr darauf, die vier Ruder klatschten in den See, wir fuhren davon, ohne daß wir nach so vielem Geschwätz gewußt hätten, was wir eigentlich zahlen sollten. Im Zahlen ist der Italiener romantisch, diese Ungewißheit ist sein Element, da spintisirt er nun über die ungewisse Forderung oder Schuld. 219 Eine Art Ambition in Geldangelegenheiten habe ich nirgends gefunden. – Hortensia hatte sich zu meinen Füßen gesetzt, und sah mit dem ruhigsten Gesicht von der Welt bald mich, bald das scheidende Torbole an. Der Archivarius saß neben mir, war aber eigentlich schon seit einer halben Stunde im Fenster eines Fruchthändlers, wo ein sehr braunes Mädchen ein Hemd nähte, und von Weitem mit ihm schäkerte. Der Spaß wurde ihm sehr dadurch erschwert, daß er ein kurzes Auge hat, und sich einer zerbrochnen, antiken Lorgnette bedienen mußte, zu deren Gebrauch viel Geschicklichkeit gehörte. Aber durch die schlechte Lorgnette wurde ihm das Mädchen wahrscheinlich interessanter – das Boot wendete sich, es ging an's Abschiednehmen mit der Fruchthändlerstochter, und nun ging die teutsche Romantik los. Beinahe einen Tag über hatte er sie in der Nähe gehabt, und sie war ihm reizlos gewesen, jetzt verlangte er, wir sollten ein Stück umkehren, er wolle telegraphische Geleitsvorschläge machen. Der Vorschlag ward mit allgemeinem Murren aufgenommen, und halb verdrießlich, halb lachend legte er sich auf den Rücken, und sah in den Himmel. Der Starost war durch die Ruderer total von uns abgeschnitten, und lag im jenseitigen Ende des Bootes, seine Türkenpfeife rauchend, und die Schiffer nach allerlei unnützen Dingen fragend. Der See ging 220 hoch mit seinen blauen, blauen, ach, so reizend blauen Wellen, der Archivarius lispelte mir etwas von möglicher Seekrankheit zu, ich widersprach nicht. Torbole, das Stürmische, verschwand mehr und mehr, Riva trat seitwärts vor die Augen. Die Kerle ruderten, als hätten sie Schmuggelwaaren. Hortensia griff leise über die Saiten hin. – 221     Ich bin es nie im Stande gewesen, mehrere Stunden lang ununterbrochen erregt, entzückt, begeistert zu sein – wenn's durchaus sein muß, so wird mir die schönste Sache langweilig oder komisch. Eben weil ich den Napoleon nur einmal als kleiner Bube gesehen, bleibt er mir ewig so interessant und groß. Die Gewohnheit kann lang dehnen, aber nicht groß machen. Sogar die Schönheit kann langweilig werden, drum giebt es immer noch etwas, was für unsre verwöhnten revolutionairen Sinne über die Schönheit geht, das ist die Jugend, ist der Reiz. Der Eindruck des Garda war mir schon historisch geworden, Hortensiens Augen hatte ich vielfach geküßt – ich schlug die italienische Grammatik auf, und lernte konjugiren, die Beispiele lagen nahe, der Archivarius warf sich eifrigst zum Kollegen auf, es wurde in einer Viertelstunde so viel gelernt, daß wir 222 einen ganzen Tag davon leben konnten. – Da erhob Hortensia ihre klare Stimme, und griff voll in die Saiten, und ich war so erschrocken von dem schönen Tone, daß mir die Grammatik in den See fiel. Mit einer merkwürdigen Feierlichkeit beginnt die Italienerin ihren Gesang. Das kommt wohl zum Theil von der vollrunden, majestätischen Stimme, den vollen Vokalworten, mit denen sie anheben, und dem halbkirchlichen Rhythmus, der ihnen in seiner katholischen Weichheit eigenthümlich geworden ist. Sie sind alle weltliche Nonnen, und eh' sie heiß und lustig werden, ist Auge und Stimme erst feierlich. Das ist keine Koketterie, es liegt tiefer. Man könnte allenfalls sagen: hinter dem üppigen Sonnenscheinleben liegt eine dunkle Nacht, die aus Auge und Stimme heraus schlägt, wenn sie plötzlich sich erheben. Die italienischen Männer sind meist schlechte Männer für die Weiber, es ist wenig Zärtlichkeit in ihnen, und – sie sind Sklaven. Wenn sie's versucht haben, die Ketten zu brechen, so sind sie ausgelacht worden, weil sie keinen Muth bewiesen. Was finden die Weiber bei ihnen? Und die Weiber sind römischer geblieben, als die Männer; man findet es bei allen Völkern, daß das Grundelement der Nation bei den Männern eher verwittert; die Weiber werden weniger verwirrt durch viele Eindrücke, ihr Schatz ist kleiner, aber gedrängter. 223 Es ist noch heut etwas vom alten Rom, ein Gedanke Cornelia's, der Gracchenmutter, oder so etwas in Aug' und Stimme des italienischen Weibes. Ich sah und hörte staunend nach Hortensien hin. Sie sang ein Lied von Napoleone , dem imperatore grande , und die bärtigen Schiffer streckten die Rücken gerade, riegelten die Augen auf, und stimmten mit tiefen Stimmen ein. Es war ein Lied aus jener fabelhaften Zeit, wo der junge Bonaparte mager, wüstendürr und trockenbraun im Gesicht aus Aegypten und Syrien zurückkam, und das Auge ruhmeswollüstig überall herumirrte. Es ist dies immer die interessanteste Zeit in Napoleons Leben für mich gewesen. Damals brachte er sich den ersten Araber mit, er glich dem Cäsar auf ein Haar, und er hatte nur mehr Poesie und weniger Egoismus im Gesicht, als jener. In dem Auge lag noch die ganze Wollust des jungen Ruhms, die Züge waren noch durstig, die Haare noch lang, der Körper bog sich noch geschmeidig, seine ganze geistige Jugend stieg wie damals zu Pferde, als er mit den barfüßigen und barhäuptigen Sanskülotten von Montenotte und Millesimo, die jetzt Schuhe und Narben hatten, wieder nach Italien zog. Die Uniform war ihm weit, es sollte Alles erst erfüllt werden, es stand erst Alles auf dem Spiele – und das Fertige ist groß, das Werdende reizend. Wie ein zweifelhaftes arabisches Epos brachten seine Soldaten 224 damals die Geschichte von der Pyramidenschlacht nach Europa, man sah in dämmerndem Sonnenlichte auf der unabsehbaren trocknen Fläche das große Schauspiel, Turbane in endlosen Reihen und blinkende Säbel flogen im Galopp vorüber, »Allah, il Allah,« der alte fabelhafte Ruf, klang gespensterartig in das moderne: » Vive la republique, « augenlos, stumm sahen von fernem Horizonte die mährchenartigen riesenhohen Spitzsäulen zu, wie ein berittner junger indischer Bramine, der nur Geschichte studirt hat am Ganges, sprach der junge Bonaparte zu seinen Soldaten von den vierzig Jahrhunderten, die von jenen Spitzen ihnen zusähen, man schwieg vor Staunen über all' die wunderbaren Dinge. Die Pestkranken in Jaffa mit ihrem fürchterlichen einsamen Tode drängten sich auch in jene befremdlichen Tableaus, wo blaue und rothe Franzosen unter asiatischer und afrikanischer Sonne herumschritten. Wie ein Geist war der junge Held durch den Meeresnebel und Nelsons lauernde Schiffe zurück nach Frankreich geflogen. Man wartete begierig auf den neuen Feldzug, ob denn das Alles wahr sei. Napoleons ganze Herrlichkeit, die man schon zu ahnen anfing, stand auf dem Spiele, und aus Hoffen und Fürchten braut die Welt ihr Interesse. Von jener glänzendsten Zeit des jungen afrikanischen Napoleon, und von den frühern galloppirenden 225 Siegen bei Lodi, Arcole, Castiglione und all' den Namen, die wie Goldstücke bei tollem glücklichen Glücksspiele, über einander stürzten, von jenen fliegenden, brausenden, jähen Thaten des jungen Genies, des olympischen Adlers sang das Lied. Es drängte alle Kraft auf den Moment zusammen, wo er zur Schlacht bei Marengo abging, wo Cäsar in den Kahn bei Brindisi steigt, und den Schiffer im Sturme tröstet. »Du trägst Cäsar und sein Glück.« Und es sang von dem emporgesprungenen Weibe Italia, das sich mit offnem Busen dem willkommen schönen Cäsar an die Lippen geworfen, dem er den heißen ägyptischen Kuß auf die geöffneten Lippen gedrückt habe. O, es sang das Lied wunderbar schöne Dinge von neuer Römerherrlichkeit, und als es zu Ende war, schwieg Alles und die Schiffer tauchten die Ruder leise und geräuschlos in den See. Nach einer Weile fragte ich sie leise, ob sie wohl den Napoleon liebten, und wünschten daß er noch gebiete. Oh si Signore , sagten sie, aber er habe doch zwei große Fehler gehabt, erstlich hätten sie zu viel Steuern zahlen, und zweitens alle Soldaten werden müssen. Dabei reichte mir einer die Grammatik, die er aus dem See gefischt hatte, und erbat sich dafür einige Centesimi. Wahrlich, es ist eine tief poetische Nation, und die Kerle hatten Köpfe, als kämen sie eben aus dem 226 Senate in Rom. Sie haben eine viel abscheulichere Prosa, als wir in Teutschland, weil sie umringt sind von schönen Veranlassungen. Wir lieben den Napoleon, obwohl er uns mit Füßen getreten, die Italiener hat er wiedergeboren, und sie fürchten ihn nur. Ich will indeß nicht ungerecht sein, und nicht vergessen, daß meine Helden Gardaschiffer, und daß die meisten Italiener, die ich gesehn, nicht von der vornehmsten Klasse waren. Aber es ist leider Alles, was man in jenem Lande sieht, von niedriger Art, denn offner oder versteckter streckt Jeder die Hand nach Geld aus. Man haßt in jenen Gegenden Oesterreich nur wegen des Kopfgeldes und des Tabaks, man liebt noch am meisten Baiern, weil es am wenigsten Steuern verlangt hat. Unsere honorige, intelligente Mittelklasse, die sich zur guten Stunde doch einmal für etwas interessirt, was über Essen und Trinken hinausgeht, existirt gar nicht. Und die höheren Klassen und die strebende Jugend halten sich den Mund zu, und lassen sich nicht sehen oder dürfen sich nicht sehen lassen. Ein Land der kleinen Konspiration hat viel kleine Menschen. Es ist gar zu viel Täuschung in diesem Lande; nur bei Privatangelegenheiten gilt ihnen das Leben nichts, bei öffentlichen Dingen sind sie feig. Der bessere Teutsche macht es doch umgekehrt, er ist humaner, und der Franzose hat privatim und öffentlich alle Taschen 227 voll Kourage. Wahrlich, es glaubt's kein Mensch, wenn er diese bedeutungsvollen Gesichter sieht. Wie ein gefallener Herrscher sah der vor mir sitzende Schiffer aus, vornehm schaute er auf die Arbeit, als erniedrige er sich durch sie, stolze Züge, große geheimnißvolle Augen, scharfgeschnittner Mund, die edelste Nase, ein krauser dichter Backenbart, eine starke, hohe und schöne Figur schienen der Einband des schönsten Buches zu sein. Und wenn man die Züge auseinander blätterte, so kauerte hinter den gewaltigen Formen eine jämmerliche, innere Muthlosigkeit. Nur die Weiber haben alle Muth, wenigstens zur Liebe, keine weicht einem Gefechte dieser Art aus. Die Männer sind die Schauspieler Europas, sie führen um's Geld Komödie auf wie Tragödie, Kulissenreißer sind sie auch ohne Geld von Hause aus. Um nichts den entsetzlichsten Spektakel zu machen, das versteht der Italiener vortrefflich. – Wir legten am jenseitigen Ufer des Sees an, um den Eselsberg zu besteigen. Man geht neben kleinen malitiösen Eseln aufwärts, und hat sich vor ihnen zu hüten: es giebt eine Sorte dummes Volk, was nicht nur dumm, sondern auch brutal ist: wenn sie sich satt gegessen haben, schlagen sie hinten aus. Oben sieht man nichts als ein unbedeutendes Stück 228 Wasserfall, und weiter unten Mist in allen Winkeln. Es waren viel Käfer da und das Volk machte viel Wesens; ich hatte nicht Zeit, mich um das eigentliche Wesen dieser Spelunke zu kümmern; nicht einmal zu einem Hause war Platz da, der steile Fels verengte Alles. Sonst kleben aber an jedem Einbug des Sees die kleinen italienischen Städte wie Schwalbennester, und die fremden Spatze finden überall in Italien ein Plätzchen. – – Hortensia war im Boote zurückgeblieben, und mir schien's, als habe sie geweint. Ich nahm sie um den Hals, und fragte sie, was ihr fehle. Sie machte ein sehr ernsthaftes Antlitz und sagte: Du liebst mich nicht. Ich versicherte sie natürlich des Gegentheils, setzte hinzu, daß ich eben nicht viel Zeit hätte wegen der neuen Gegenstände, und wollte sie eben zärtlichst küssen, da stieß der Starost den Kahn ab, und wir purzelten auseinander, sie in die Arme des Schiffers, ich auf den Schooß des Archivarius, der über die maskuline Zudringlichkeit sehr ungehalten war. Wir lachten und setzten uns an den Boden des Kahns, und sie lehrte mich Guitarre spielen. Jetzt konnten wir nicht mehr fallen. Es war aber doch sehr zart von den vier Schiffern, daß sie mit dem Abstoßen des Kahns gewartet hatten bis unsre Zärtlichkeitsangelegenheiten geordnet wären – ohne Zuthun des Starosts wären sie nicht 229 abgefahren. Takt für Liebesverhältnisse hat der gemeinste Italiener, er weiß, was sich schickt, wenn man ein Mädchen im Arme hat. – – Der Tag senkte sich allmählig, und wir steuerten auf hohe, weiße Schlösser zu, die am Ufer des Sees lagen – nach Limone fuhren sie, sagten die Schiffer. Es waren spanische Schlösser, nämlich terassenförmig abgesetzte weiße Pfeiler, zwischen denen Citronenwäldchen gepflegt wurden, es wohnte Niemand da als ein Gärtner und dichter italienischer Duft der die Sinne befängt. Ich saß mit Hortensia an einem solchen Baume, und wir sahen uns abwechselnd in die Augen, und durch die breiten stillen Blätter auf den See hinaus, auf welchem der Sonnenuntergang mit ausgestreckten Armen sich gelagert hatte. – – Plötzlich sprang das Mädchen auf, faßte mich krampfhaft bei der Hand, und starrte nach der Seite. Es war mir, als sähe ich eine männliche Gestalt hinter einem entfernten Pfeiler. Mit metalloser Stimme sagte sie. »Es ist mein Bruder,« und stürzte wie ein Reh die Stufen hinunter. Ich ihr nach, sie erraffte unterwegs den Starost bei der Hand, und riß ihn mit sich in's Boot, ich befolgte diese stumme, praktische Schnelligkeit, und griff nach dem unter Citronen wandelnden Archivarius. Der 230 Aufseher trat mir in den Weg, eine discrezione erheischend; ich hatte kein kleines Geld und gab ihm, was mir in die Hand kam. Die allzu große Gabe wollte ich aber doch gut haushälterisch ausbeuten, es fehlten mir nur die italienischen Worte. Ich wußte nichts als rückwärts zu deuten, von wo wir Jemand die Treppen heruntereilen hörten und » No - no - no! « zu sagen. Er nickte mit dem Kopfe und eilte zurück; wir fuhren ab. Bald hörten wir einen heftigen Wortwechsel – oh, questa voce! rief Hortensia und verbarg ihr Haupt in den Schooß. Der pfiffige Italiener hatte mich verstanden und bezeigte sich dankbar, so weit wir ihn hören konnten. Auf längeres Zuthun von seiner Seite war nicht zu rechnen, der Starost mußte also unsern Leuten kund thun, daß wir nicht eingeholt werden dürften. In diesem Lande, wo jeder Nachbar den Nachbar betrügt, wo die Intrigue überall zu sehen ist, wie bei uns die Polizei, fällt das nicht auf – sie nickten mit den Köpfen, drückten die Ruder tiefer und flacher in's Wasser, und warfen, ohne ein Wort zu wechseln, den Kahn in eine andere Bahn, als wollten wir gegenüber vor den spanischen Schlössern landen. Der Abend kam uns zu Hilfe und legte sich sanft wie ein sammtner Mantel über den See. Hortensia war todtenstill und sah scharf nach der 231 Richtung von Limone hin, der Archivarius sang leise ein teutsches Lied, es ward so heimlich und wohnlich in meinem Herzen, daß ich mich nach freundschaftlichem Besuche sehnte. Da kamen aus den Wipfeln der Citronenbäume alle die Weiber, die ich je geliebt, über den See gerauscht und setzten sich mir auf die Schultern und auf die Westen und Rockflügel, und jede flüsterte die süßen Dinge, welche wir einander gesagt hatten, und jede flüsterte sie mit dem Anfluge ihres Dialekts, die eine nordteutsch, die andre südteutsch \&c. Es war ein Flüstern und Kosen wie beim Thurmbau zu Babel, und es war mir so menschenfreundlich, so mahometssüß um's Herz, daß ich's nicht anders bezeichnen kann, als mit den Worten: Es war sehr hübsch. Unterdeß fiel die Dunkelheit wie ein Nebel in's Wasser, und die klare Nacht erhob sich, und öffnete ihre goldsilbernen Augen, und der See schloß sich und streckte die Wellen zum Schlaf wie nach vollbrachtem Tagewerke. Das sind die Augenblicke, wo sich aus nahen und fernen Landen Alles um den Menschen versammelt, was je eines seiner besten Gefühle getroffen hat. Die Helden der Geschichte ziehn vorüber, und das geschieht immer nur des Nachts, denn nur des Nachts erscheinen Geister. Selbst die größten 232 Geister des Tages werden erst gesehen, wenn es Nacht wird. Die kleinen menschlichen Geliebten hatten sich bis zum Unsichtbaren zusammengekauert, sie sind Kinder des liebenswürdigsten Taktes und wollten das große Tableau, was sich eben auf dem Wasser aufstellte, nicht stören. Wie Schattenbilder in der Luft zogen die alten Römer vorüber, kein menschlicher Ausdruck des Leibes oder der Freude war in ihnen zu sehn, sie waren nie Menschen, sondern sind immer Soldaten gewesen. Ich kenne wahrhaftig nur aus der schon verfälschten Zeit des heuchlerischen Augustus, des großen Ahnherrn Ludwig Philipps, einen Römer, der auch ein Mensch war. Dieser Mensch heißt Properz, und hat seine Menschlichkeit in Elegieen niedergelegt. August geht nach Kleinasien und Properz soll mitgehn, um unsterbliche Lorbeeren zu sammeln. Er hat aber eben einen Feldzug mit den schönsten römischen Mädchen eröffnet, und geht nicht nach Kleinasien. Als August zurückkömmt, und einen pomphaften Triumphzug in Rom hält, da steht Properz mit seinem Mädchen vor der Thür, und lächelt sehr über den bei ihm vorüberziehenden Imperator mit all' seiner asiatischen Pracht und Herrlichkeit, und erzählt ihm seine Schlachten und Siege, in denen Rom Rom sich unterworfen. 233 Ganz hinten auf dem See lagen die Cimbern und Teutonen und schmausten, und ich sah es mit an, wie die römische Klugheit unterdeß sie berückte, und die Römer waren eherne Aristokraten, und die Cimbern und Teutonen waren teutsche Stämme. Das Essen und Trinken war von jeher bei den Teutschen die Hauptsache. Ich drückte die Augen zu, und als ich sie wieder öffnete, sah ich die römischen Thier- und Menschenhetzer unter den Kaisern, und die langen germanischen Barbaren, welche den römischen Thron einrissen, und die Langbärte, die Longobarden, die über das Ufer herüberkamen. Und all' diesen Gewinn, dieses Mark sah ich hinschwinden vor der römischen Klugheit. Mit ein wenig wohlriechendem Rauch, einem Bischen Musik und Lirum-Larum-Löffelstiel wurde Alles wieder genommen. Ich lobe mir die Päpste, und ich sah ein, daß die Klugheit das Beste sei für die Völker. Der Archivarius sang den letzten Vers seines teutschen Liedes. Plötzlich sprang Hortensia auf, hielt ihm den Mund zu, schlug den nächsten Schiffer auf die Schulter, und wies nach Limone hin. Der Schiffer schliff seine Augen, legte sich mit dem Ohr über Bord bis dicht an die Wasserfläche, nickte mit dem Kopfe, gab den Gefährten ein Zeichen, und warf den Kahn auf eine andere Seite. Ich sah und hörte nichts. Mit Blitzesschnelle fuhren wir eine 234 Strecke in andrer Richtung, und hielten plötzlich ganz inne. Kein Mensch regte sich, ich konnt' es hören, wie hinten der Starost, der wie ein Corsar ausgestreckt im Boote lag, den Dampf aus seiner Pfeife stieß. Allmählig schien es auch mir, als hörte ich leise Ruderschläge, mit Hilfe des Glases gewahrte ich ein Boot, was in einiger Entfernung von uns ganz in unsrer frühern Richtung mit aufgespanntem Segel vorüberstrich. Wir bückten uns alle, um den Umriß über dem Wasser so unbedeutend als möglich zu machen. Schon glaubten wir den Feind vorüber, Hortensia hielt sich krampfhaft an meinem Arme fest, da verschwand auf einmal das Segel, und unsre Schiffer fingen aus Leibeskräften an zu rudern. Wir waren entdeckt, das uns verfolgende Boot hatte umgelenkt und kam hinter uns drein. Der Verfolger näherte sich trotz unsrer Schnelligkeit, und die Schiffer sagten, er müsse fünf Ruder haben. Nur ein Ruder fand sich noch in unserm Boote, ich ergriff's und arbeitete nach Kräften. Hortensia küßte mich mit kaltem Munde dafür, und nahm meinen Reisestock und half auch rudern. Es war umsonst – das Boot kam immer näher. Ich zog meinen Reiserock aus, Hortensia bekleidete sich damit, und knöpfte ihn bis oben zu, setzte sich meine Mütze auf, legte sich das Gesicht in den Arm, und lagerte sich zum Schlaf zurecht. Alles geschah, ohne daß ein Wort 235 gesprochen wurde. Bei italienischen Schiffern bedarf's aber keines Worts, sie verstanden Alles und ließen nach mit heftigem Rudern. Ich begann mit dem Archivarius das Duett. »Bei Männern welche Liebe fühlen, fehlt die Kourage nimmermehr,« und erwartete den Feind. Ueber die verrätherischen Füße Hortensiens warf der Doctor seinen Schlafrock. Das Boot brauste heran. Der Aufseher von Limone, den ich so reichlich beschenkt hatte, war der fünfte Ruderer, ein ächter Italiener, der eine neue discrezione verdienen wollte. Hortensiens Bruder war der sechste Mann, und schon hielt ich unsere Mannschaft triumphirend für überlegen an Zahl, als plötzlich im feindlichen Boote noch ein langer bärtiger Kerl sich aufrichtete. »Machen Sie Ihren Reisesack auf, Herr Starost, und setzen sie Kupferhütchen auf ihre Terzerole, antworten Sie so grob, als Ihr Gedächtniß Worte auftreiben kann.« Der Citronenaufseher griff an unser Boot, um zu entern, mein Stock fiel blitzschnell auf seine Hand und heulend zog er sie zurück. Hortensiens Bruder und der bärtige Kerl machten Anstalt in unsern Kahn zu springen. Ich stellte mich jenem, der Doctor diesem entgegen. Das Handgemenge ward allgemein, da der Citronenaufseher jetzt gegen den Starost ansetzte; nur die Schiffer hielten sich auf beiden Kähnen völlig neutral, wie bloß weiter leitende 236 Elemente. – Da brannte plötzlich der Starost seine zwei Schüsse los, und mit einem Ruck war die Scene geändert, die Schiffer beider Boote duckten sich, und stießen die Kähne auseinander. Hortensiens Bruder und ich schwankten einen Augenblick über den See, – wir stürzten beide hinein. Ich sank tief, eh ich in meiner halben Sinnenlosigkeit zu den Schwimmoperationen Anstalt machte. Mit Hast drückte ich mich an die Luft hinauf, denn ich hatte, kurz vorher nahe am Ersticktwerden, keinen Athem zuzusetzen. Es war finster und leer, tohu wabohu , als ich Athem schöpfte, nichts zu sehen, nichts zu hören, und ich war so total verworren, daß ich auch keine Richtung unterschied, ich konnte eben so gut den See der Länge nach hinunter schwimmen, statt nach einem Ufer hin. Matt und erschöpft war ich bereits, meine Lage glich der eines Verlorenen. Ich sah mich nach dem Himmelswagen um, der am westlichen Horizonte steht, ich horchte, ob Hortensiens Bruder nicht darin schwimme, die entgegengesetzte Richtung müßte ja die meine sein. Es schien mir, als hörte ich ein fernes, leises Plätschern. Der See war sehr schön, und das Wasser war lind und lau, aber es war eine gefährliche Schönheit; ich wünschte in einem schmalen teutschen Teiche zu sein, die Müllerstube mit dem warmen Ofen und der pausbäckigen, behäbigen 237 Wirthin in der Nähe. Was halfen mir jetzt die Citronenwälder. Da kam dem Starost der glücklichste Gedanke, er schoß sein Pistol ab, und ich warf mich lustig in die Wellen hinein. Bald hört' ich sie mir entgegen kommen, bald lag ich wie ein nasser Robbe in der Barke. 238     Malcesini. Glücklicherweise war mein Mantelsack auf dem Boote, ich kleidete mich in Eile um, die Schiffer lachten still, der Archivarius und der Starost stellten sich vor Hortensien und lachten ebenfalls. Unsere Feinde hatten gar keine Kriegserklärung für nöthig erachtet, man hatte sich auf gar keine Fragen und Erörterungen eingelassen, es war römisch hergegangen. Wir wußten nicht, ob Hortensia erkannt worden, ob ihr Bruder ersoffen sei. Einem lebhaften Angriffe und Widerstande weicht der Italiener aus. Unsre Schiffer legten bei Malcesini an; dort wollten wir einige Stunden schlafen und vor Anbruch des Morgens weiter fahren. Mit einigen Flüchen und Demonstrationen durch Stock und Faust wurde der Schwarm Gesindels vertrieben, der sich überall wo Fremde ankommen an diese hängt und auf das Gepäck stürzt. Es war wenig Licht in dem 239 kleinen Orte zu sehn, und er bot einen unheimlichen italienischen Anblick dar. Hortensia hing sich beim Aussteigen innig an mich, und als ich sie auf's Auge küßte, küßte ich eine thränenfeuchte Wimper. Ich fragte sie, was ihr fehle, sie schüttelte den Kopf » niente, mio Tedesco, « und drückte mir einen heißen Kuß auf die Lippen. Da ging sie von mir, und machte sich mit dem Gepäck zu schaffen. Als wir mit einer geschwätzigen Wirthin, die halb hübsch, halb garstig war, Zimmer, Betten und Speisen behandelt hatten, und uns häuslich einrichten wollten, ward Hortensia vermißt. Wir liefen an den See, wir suchten an allen Ecken und Enden und schickten Boten aus – umsonst, sie war nicht aufzufinden. Ein Boot war nicht gelandet, vom See her konnte ihr nichts begegnet sein; es blieb nichts übrig, als sich in des wunderlichen Mädchens Thun zu ergeben. Es war Alles so mährchenartig hergegangen, seit ich das Mädchen getroffen, daß ich jetzt nachdenklich an dem großen Tische unsers Zimmers saß, und den Archivarius fragte, ob denn das Alles wirklich passirt sei. Er lächelte und sprach: In Italien kann Alles passiren. Ich fragte unsre zweifelhafte Wirthin, was sie zur Hortensia meine. Sie lächelte wie eine teutsche Soubrette, machte mir ein Kompliment, warf mir 240 einen verrätherischen Blick und hüpfte, ohne Antwort zu geben, hinaus. Der Starost öffnete einen kleinen Balkon, der auf den See hinaus führte – es war eine rabenschwarze Nacht draußen, trotz dem, daß die Sterne am Himmel glühten, und es war todtenstill. Ich saß unbeweglich an meinem Tische, und dachte fortwährend: das also ist Italien! Da erhub sich plötzlich draußen ein Geschrei, was durch seine Regelmäßigkeit den Charakter eines Gesanges annahm. Es war ein Ständchen; in Teutschland hätten wir's anfänglich für Feuerlärm gehalten, und die Ansicht wäre freilich nicht ganz falsch gewesen. Es mußte entsetzlich brennen bei dem Burschen, denn er schrie wie ein Zahnbrecher, und sang wenigstens funfzehn bis zwanzig Strophen in einem Strich, nach ein und derselben Recitiv-Melodie herunter. Sie haben in Italien Alle Stimmen wie die Hähne, und wenn er gegen Ende der Strophe ein Wenig erschöpft war, so fing er doch die neue stets wieder mit einer Vehemenz an, daß ich noch bei der zwanzigsten davor erschrak und mich vor dem nächsten Anfange fürchtete. Ich habe noch niemals einen sanften Trieb wie die Liebe, so entschlossen um Hilfe rufen hören. Alles war todtenstill, nur der arme verliebte Teufel 241 schrie seine Litanei; es hätte ein Stern herunter fallen mögen. Wenn man im September oder Oktober durch einen großen, flüsternden teutschen Wald fährt, da hört man den Hirsch sein Ständchen brüllen, just wie diesen Italiener, und es ist lebensgefährlich, ihm nahe zu kommen. Wir schlossen den Balkon und kletterten auf das himmelhohe Bett, welches in ununterbrochner Breite ein Drittheil der Wand einnahm, und uns Dreien überflüssigen Raum gewährte. Aus süßen italienischen Träumen weckten uns die Schiffer. Wir wollten noch in der Morgenfrühe den See entlang fahren, und wenn die Sonne im Mittag stünde, bereits zu Verona im kühlen Schatten ein schönes Mädchen küssen, von dessen liebenswürdigen Zügen wir jetzt noch keine Ahnung hatten. Malcesini lag noch tief in seinen nächtlichen Decken. Die Engländer machen viel schöne Stahlstiche, und stellen oft einen kleinen Hafen dar mit einigen kecken Häusern und kecken Piraten – so ist mir Malcesini erschienen in seiner Nachtruhe. Das Wasser des Sees war warm wie ein schlafendes Mädchen, die Sterne waren lebendiger geworden, die Luft schlief regungslos. Das Schifflein flog rasch in den dunkeln See hinaus. Ich dachte sehr ernsthafte und schöne Dinge, habe sie aber 242 vergessen. Eins weiß ich nur noch: ich beschäftigte mich lebhaft mit Erfindung eines neuen Sonnensystems. Der Mittelpunkt desselben sollte aber nicht mehr eine gelbe Sonne sein, welcher man nicht in die Augen sehen könnte, sondern eine weiß und rothe mit zauberischen Augen, um welche alle Planeten und Kometen kreisen und schweifen müßten. Ich lag meiner ganzen Länge nach auf dem Rücken im Schiffe und sah in die Sterne. Wir sprachen über dies und jenes, das heißt die Sterne und ich, wir machten Gedichte mit einander und sagten uns gegenseitig Schmeicheleien. Die Sterne lassen sich Viel gefallen, sie sind das Volk des Himmels, und das Volk ist überall Volk. Wenn die Sonne, ihre Königin, nicht da ist, da regiert der Vicekönig, Signor Mond, und wenn auch der spaziren geht, da haben sie Freiheit und Gleichgültigkeit, und dabei ist's so dunkel, daß Eins über das Andre fällt. Da spreizen sich die mediatisirten Fürsten des Himmels, der Sirius, die erlauchte Familie des Siebengestirns, die Kassiopeja, der Hund, und wie die willkührlichen Bilder weiter heißen. Die bürgerlichen und schlecht adligen Talente thun sich zusammen als Milchstraße, und sprechen und schimmern allerlei. – Da flogen graue Blitze über den Himmel; furchtsam traten die Sterne zurück. Und die Blitze wurden heller, und mit ihnen flog der 243 Morgensonnenwind über die Berge des Ufers, die Sterne wichen weiter und weiter, und die Schiffer spannten das Segel auf, und brauchten nicht mehr zu rudern – die Kraft des Tags regiert, der Tag kam vor der Sonne hergeflogen. Freilich wurde es plötzlich kalt, und als ein Schiffer sah, daß ich am meisten dabei fror, warf er mir seinen braunen Mantel zu, und sagte resignirt: er sei's gewohnt. Der See öffnete sich eben in stolzer Breite nach dem Süden hinunter, und die ernsthaften Rinaldini-Ufer des nördlichen Sees wurden weich und rund, und verloren sich weiter unten in die Fläche der Lombardei, nach Peschiera und Verona hinab. Die Isola bella – denn eine solche hat jeder italienische See – sprang wie ein Garten der Armide aus dem Gewässer, und es leuchtete aus der Ferne von ihr her, wie weiße Schlösser leuchten, hinter deren Säulen schöne Nymphen tanzen. Die Augen Jean Pauls blitzten mir von den Zinnen entgegen, und ich sah den Titan die hohen Treppen auf und niedersteigen und in den wollüstigen Gebüschen verschwinden. Das Schifflein trieb um das Vorgebirge unsrer guten Hoffnung, die Schiffer nannten es die Spitze des heiligen Vigilio. Der gute steinerne Alte steht hier am Eingange in den engeren Garda, und weiß gewiß nicht weshalb. Ich will nicht dafür einstehn, 244 aber es war mir, als trüge er einen Henri quatre , ein Schutzpatron der Wachsamkeit, kommt den Italienern sehr ungelegen, und genießt wenig Aestimation, unsere Schiffer nahmen nicht einmal die Mützen vor ihm ab. – – Aber eine alte verfallende Kirche hinter ihm von gutem Stein, und weiter am Ufer hin, das immer ergiebiger und gefälliger wurde, weiche, sammtne Olivenwäldchen, eine glänzende Morgensonne, ein dampfender See, und in der Fensterblende ein Mensch, der über uns her den See entlang blickt – mußte mir's nicht einfallen, wie das Alles ein Goethesches Gedicht sei; ich hörte die Worte in dem Wellenschlage. In Teutschland ist Goethe gestorben, aber in Italien saß er vielleicht in der Fensterblende der alten Kirche Vigilio am Vorgebirge des Garda. Es war ein schöner katholischer Sonntag, der mit der schönsten Sonne auf Italien herunterfiel. Der Mann da oben war gewiß – er regte sich nicht, und es war zu weit, um genau zu sehn. Ich ließ die Schiffer halten, und sang mit lauter Stimme. »Kennst Du das Land, wo die Citronen blühn?« »Blühn« antwortete das Echo, und der Starost sagte, der Mann ob St. Vigilio habe mit dem Kopfe genickt. 245 Ich glaub's, ich glaub's, er ist hier gut bekannt: hier am Garda hat er seine Iphigenia geschrieben, und da ihn die Leute noch immer nicht genug kennen, so will ich beim Garda sein Leben schreiben, wie es mir im Sinne ruht. Das Leben Wolfgang Goethes ist zwar keine Novelle aber ein Roman. Drüben in Malcesini hat man ihn einmal beim Zeichnen der Landschaft verhaften wollen, da hat er das einzige Mal in seinem Leben das Volk haranguirt, wie Ariost die Räuber. Ich hätt' es wohl sehen mögen. 246     Goethe. Wenn ein Teutscher nach Italien reis't, so denkt er an Goethe. Es hat noch kein Schriftsteller das Land so treu geschildert als er, er hat es portraitirt. Goethe war das größte historische Talent was wir besessen haben, seine Augen waren so unbefangen, wie das Sonnenlicht: er sah nicht mehr und nicht weniger als da war, und in diesen Augen beruht seine Größe, wenn er Geschichte oder Reise schreibt. Die Gelehrten nennen solche Augen Objektivität. Goethe ist für den Teutschen ein Stück Italien, und da er hier am Gardasee gesessen, und über seine Iphigenia nachgedacht hat, so darf ich nicht am San Vigilio vorüberfahren, ohne Goethes Namen in mein Buch zu schreiben. Nebenbei glaub' ich wie die Römer an heidnische Winke und Vorbedeutungen: ich war kaum vom Wagen gestiegen, welcher mich aus Italien wieder nach Leipzig gebracht hatte, da 247 begegnete mir mein Herr Verleger, und sagte, es wäre gut, daß ich wieder da wäre, ich müßte sogleich eine Lebensbeschreibung Goethes aufsetzen, er brauchte sie nothwendig, und der Druck warte schon vierzehn Tage auf mich. – Das schien mir der Finger Gottes, nach Italien ein Kapitel Goethe zu verlegen, zumal meine Reisenovellen teutsch geschrieben sind; denn Goethes Leben ist die wichtigste Novelle der teutschen Literatur. Ich habe Goethe nie geliebt, selbst dann nicht, als ich es einsah, daß er unser größter Dichter sei. Es geht ein egoistischer Zug durch sein Gesicht und sein Leben, welcher für mein Herz die Liebe ausschließt, mag es auch, wie Heine sagt, der egoistische Zug um den Mund des Jupiter sein. Ich habe auch den Jupiter nie geliebt. Als die bürgerliche Entrüstung losbrach über unsre Hofpoeten, als man mit donnernder Stimme all' unsre poetischen Schläfer aus ihren faulen Sorgenstühlen aufschreckte, und sie daran erinnerte, über dem feisten Mittagstische nicht die wenigen Interessen und Güter der Menschheit zu vernachlässigen, Notiz davon zu nehmen, wie es in der wirklichen Welt aussähe; als Ludwig Börne anfing, die langen Sündenzettel der teutschen Autoren zu veröffentlichen, da kreischte auch ich mit gegen den Geheimenrath Wolfgang von Goethe. Er hat nie etwas von jener humanen, schönen 248 Begeisterung empfunden, mit welcher die besten Menschen der Weltgeschichte gestorben sind. Und seine Partei, welche man in der teutschen Geschichte Koraxe nennt, war ganz geeignet, diesen Zorn zu steigern. Oft ausgezeichnet durch seine Bildung, kultivirten Geschmack, war sie doch immer eine thatlose Gesellschaft, arm an energischem Genie, an gewaltiger, überwältigender Kraft. Mit einer Art kleinlicher Sorgfalt und Aengstlichkeit schaarten sie sich um ihn in jenen für sie so drangvollen Jahren, und die kompromittirtesten Bürger unsers Vaterlandes gehörten zu ihnen. Sie gaben der Poesie das Ansehn, als sei sie nur ein Spielzeug des Despotismus. So geschah's, daß eine förmlich fanatische Verfolgung hereinbrach über alles Goethesche Wesen, daß man lange vor seinem Tode sagte, er sei gestorben; daß man den achtzigjährigen Greis mit unbändigen Schimpfnamen belegte, ja daß man Häckerling über das Grab des großen Todten warf. Die Nachricht seines Todes, die zehn Jahre früher wie ein Donnerschlag über Teutschland hingerollt wäre, schlich leise durch die Städte, und nur die officiellen Blätter, und die Goetheschen Beamten erhoben eine verworrene Todtenklage. Ich habe damals die fatalen Worte gehört: Wieder ein herzloser Aristokrat weniger! Die wilde Jugend rief sogar den Fluch des Vaterlandes auf seine Asche herab, und klagte ihn 249 des einem Dichter unnatürlichsten Verbrechens an, die freie Volksentwickelung aufgehalten, die Knechtschaft besungen zu haben. – Dabei bin ich schweigend zurückgetreten, und ich protestire hiermit feierlichst gegen solche Weltgeschichte des Augenblicks. Wolfgang Goethe hat einen so weisen Blick in die Dinge zwischen Himmel und Erde gehabt, und seine Worte über das, was er gesehen, sind so tief in das Innre unsrer Nation gedrungen, daß er das teutsche Wesen mehr als tausend Andre fortgebildet hat. Seine Poesie ist so wahr und ächt, wie das unzweifelhafte Gold in der Erde Schooß – laßt uns anhalten, wenn wir auf dem historischen Wege an seinen Namen kommen. Nicht von heut zu morgen gehen die wichtigsten Saamenkörner auf – es werden noch Blumen und Bäume seines Geistes und Herzens aus der Erde wachsen, wenn die Stätte nicht mehr zu finden sein wird, wo man seinen Sterbetag in Stein gegraben hat. Unser Zorn war gerecht, ich werde mich seiner niemals schämen, und er hindert mich heute noch, den weimarischen Todten zu lieben. Aber man soll den Zorn, auch den gerechten Zorn einer Epoche nimmer auszeichnen als einen welthistorischen Haß. Goethe ist wie eine Geschichtsperiode nicht nach Einzelheiten zu beurtheilen, sondern als ein sich entwickelndes Ganze. Man wird alsdann leicht die innre 250 Nothwendigkeit seines Wesens erkennen, sein Leben schuf seine Werke, und nicht diese allein, sondern seine Werke und sein Leben bilden seine Geschichte. Und Goethes Leben ist eine welthistorische Reisenovelle. Goethe nützte der Menschheit schon als er todt auf die Welt kam. Weil es von Ungeschicklichkeit der Hebamme herrührte, so wurde sogleich ein Hebammenunterricht in Frankfurt eingerichtet. Er ward in Behaglichkeit aufgezogen, und diese ist ihm denn auch nie untreu geworden. Sein Vater, der Schultheiß von Frankfurt, ein sich fühlender, bürgerlich teutscher freier Reichsbürger, ein Mann von lakonisch ernstem Pedantismus mit großer Lern- und Lehrbegierde, sorgte mit großer Gewissenhaftigkeit für alle Studienanfänge des Knaben. Die Mutter, ein höchst liebes Wesen, war die Morgenröthe seines Glücks, sie pflegte ihn mit heitrer Sinnigkeit und poetischer Mutterliebe. Alles Zarte und Weiche, Alles Bestechende seines Wesens ist ihm aus den lieben Augen und Lippen seiner Mutter gekommen. Die Großmutter schenkte ihm ein Puppenspiel, und mit seiner zärtlichen Schwester Cornelia führt er seine ersten knabenhaften dramatischen Einfälle auf. Homer mit den langen Helden erfreut ihn sehr, er opfert seinem Gotte an einem frühen Morgen Räucherkerzen, die er mit seinem Brennglase anzündet, lies't Mährchen 251 und alte Geschichten, kurz führt ein sinniges träumerisches Knabenleben hinter den heitern Gärten Frankfurts. Bei seiner Tante, die einen Materialladen besitzt, kuckt er neugierig in Kasten und Schübe, und fragt und flüstert in allen Winkeln herum, bis ihn die Schwester an's Fenster ruft und sie neugierig hineinsehn in die bunte, vorüberwogende Menschenmasse, vorzüglich zur Zeit der Messen. Er lies't und lernt die teutschen Poeten und plappert sie her wie ein Vogel, dem man die Zunge gelös't, ja er trägt schon Verlangen, solche zu lesen, die der Vater ausschließt. Dieser liebte zum Beispiele Klopstock nicht, weil er ungereimt geschrieben, aber durch Vermittelung der Mutter kam er dem Wolfgang doch in die Hände, und die zartesten und heftigsten Stellen wurden nun auswendig gelernt. Aber eines Sonnabend Abends, als Goethes Vater sich eben einseifen ließ, um zum morgigen Kirchgange fein rasirt zu sein, saß der kleine Wolfgang mit Cornelien hinter dem Ofen, und sie wisperten mit einander die wilde Scene zwischen Adramelech und dem Satan. Sie werden dramatisch hitzig, lauter, bei einem wilden Wort erschrickt der Barbier und übergießt den Papa Goethe. Aufstand, Untersuchung, neue Verbannung Klopstocks. Da bricht der siebenjährige Krieg aus und bringt neue Beschäftigung, neue Neigungen. Der Graf von Thorane, Lieutenant du Roi , ein großer Freund der 252 Künste, wohnt im Goetheschen Hause. Es werden Maler beschäftigt, der kleine Wolfgang interessirt sich sehr dafür, gibt vorlaut eigne Sujets an, verräth Geschmack, lernt französisch und beginnt viel andre Sprachen mit großer Leichtigkeit. Um sich dies bequemer zu machen, schreibt er ein Stück, worin sieben Geschwister in sieben Sprachen mit einander reden. Das französische Theater nimmt seine Aufmerksamkeit auf's Lebhafteste in Anspruch, er macht Bekanntschaft mit einem dabei betheiligten Knaben, kriecht hinter den Kulissen herum, fängt die erste, sehr kurze Liebschaft mit des Knaben Schwester an, und erträgt geduldig den Unwillen des Papa, der seinen täglichen Besuch des französischen Schauspiels höchlich mißbilligt. Wolfgang will ihn versöhnen, und schreibt ein französisch Stückchen, in dem lauter mythologische-ovidische Figuren aufmarschiren, und was er dem Vater sauber abgeschrieben übergiebt. Die Franzosen machen es ihm gewaltig herunter, und er studirt deshalb eifrig »Corneille« über die Einheiten, Moliere und Racine. Die Lust hebräisch zu lernen führt ihn in die kühle Bibliothek zum Rektor Albrecht im Barfüßerkloster. Dort sitzt er in den Sommerabenden bis es dunkel wird über einer englisch glossirten Bibel, Moses mit dem Morgenlande ziehen ihm durch den kleinen Kopf und er diktirt schon so früh eine Geschichte Josephs. Der Vater erhält damit den ersten 253 Quartband. Wolfgang bezeigt sich auch dadurch artig, daß er Sonntags in die Kirche geht, und die ganze Predigt nachschreibt. Diese Beschäftigung wird ihm indessen bald langweilig. Ein wichtiges Ereigniß stört ihn später auf: die Krönung Josephs II., aber die Bekanntschaft mit Gretchen geht ihm bald über Krönung und Kaiser; stürmisch und völlig dringt die Liebe in den funfzehnjährigen Knaben. Zart trennen ihn die Eltern von dem niedriger gebornen Gretchen, eine stürmische Verzweiflung bemächtigt sich seiner, er wird krank. Eine traurige Oede dünkt ihm nach halber Genesung seine Vaterstadt, kaum tröstet ihn seine mitfühlende Schwester. Auf Drängen seines Vaters nimmt er wieder seine juristischen Studien vor, und geht Michaelis 1765 auf die Universität Leipzig. Nur halb hergestellt betrat er die Stadt, und noch zerrütteter verließ er sie später. Aus der Feuerkugel am Neumarkt, wo er wohnte, geht er Anfangs regelmäßig in die Collegien, da ihm Böhme große Angst vor der Schwierigkeit des juristischen Studiums beigebracht hatte, bald aber sieht er den hohlen Pedantismus ein, seinen gesunden Sinn ekeln die leeren Förmlichkeiten der akademischen Wissenschaftlichkeit an, er geht zu Madame Böhme und lies't ihr Gedichte vor. Sie verleidet ihm den Gottsched, und andre weibliche Bekanntschaften verleiden ihm seinen reichsbürgerlichen zierlich steifen Frankfurter Anzug. Sein 254 Vater pflegte zu seinen Bedienten nur Schneider zu nehmen, damit sie die nöthigen Kleidungsstücke mit anfertigen könnten. Mit dem Werke eines solchen Bedienten, mit dem übervollen oberteutschen Dialekte, den Mund voll Gleichnissen und sprichwörtlichen Redensarten ging er denn anfänglich, ein hübscher kleiner Philister, in Leipzig umher. Beim Hofrath Ludwig aß er zu Mittag in Gesellschaft von Botanikern und Medizinern, diese neuen Gegenstände des Gesprächs gaben ihm eine Art neuer Anregung, da ihm die Poesie eben nicht die mindeste gewährte. Der gute leere Gellert war ihm bald fade, das steife Allongen-Paradepferd Gottsched, bei dem er eine höchst burleske Audienz hatte, machte ihn lachen – er verzweifelte an all diesen Dingen und verbrannte an einem schönen Mittage all' seinen derartigen Vorrath. Sein Landsmann Schlosser richtet ihn ein Wenig auf, und es bildet sich allmählig eine literarische Mittagstafel. Noch weiß er aber immer nicht, wie Poesie eigentlich beschaffen sein solle, der leere Schwulst, die pomphafte leere Steifheit widern ihn an, nur die eben mehr und mehr aufkommenden englischen Muster führen ihn zu einigen halben Ansichten, daß man konciser, gedrängter werden müsse. Der kursirenden französischen Form weiß er sich aber doch nicht zu entäußern, nur bemerkt man eine gewisse feine Ironie, die wie ein unruhiges Kätzchen über den glatten Boden hin und 255 herfährt in den Sachen, die er damals schrieb. In dem Hause, wo er aß, hatte er nämlich eine kleine Liebesgeschichte mit Annetten begonnen, seine Laune war aber meist so unerquicklich, seine fortwährende Eifersucht so lästig, daß sich das Mädchen von ihm abwendet und trotz vieler Versuche nicht wieder zu gewinnen ist. Bald darauf hatte sich Goethe in ein sehr muntres, rasch wechselndes Leben gestürzt, er war ein Wenig lüderlich geworden, und als Bekenntnisse jener Verhältnisse war »die Laune des Verliebten,« waren »die Mitschuldigen« und manche Gedichte entstanden, welche in oben erwähnter Form sich bewegten. Er fand noch keine Regel und schrieb und dichtete Zustände. Mit Berisch, einem seiner Genossen verlegte er sich jetzt auf satirische Possen, verspottet den Professor Clodius und manchen Andern in leichten, muntern Versen, und wird nur plötzlich durch Oesers Zeichenstunden auf ein andres Terrain gebracht. Er studirt viel über bildende Kunst, lies't Lessings Laokoon mit dem größten Interesse, reis't mit der gelben Kutsche nach Dresden und beschäftigt sich lebhaft mit Kunst und Kunstinteressen. Er ätzt Kupferstiche und athmet dabei viel schädliche Dünste ein, lebt unregelmäßig, trinkt viel Kaffee und starkes Merseburger Bier – wird melancholisch, und bekommt eines Nachts den Blutsturz. Nur halb geheilt, an Leib und Seele krank, kommt er nach 256 Frankfurt, und schwankt eine Zeitlang ziemlich elend dort herum. In seinem väterlichen Hause war ein stilles, gottseliges Leben, die Familie neigt sich zu den sogenannten »Stillen im Lande.« Das wirkte wie Dämmerung auf Goethe, er kränkelt trübsinnig fort und macht in dieser Stimmung die Bekanntschaft des mystischen Fräuleins von Klettenberg, der wärmsten Freundin seiner Mutter. Auch sie kränkelte und badete sich in Frömmigkeit, und aus ihren Unterhaltungen und Briefen sind »die Bekenntnisse einer schönen Seele« entstanden. Diese ganze Richtung führt ihn auf das Studium chemischer, alchymistischer Werke. Auf seinem Giebelzimmer errichtet er ein Laboratorium und liegt über Wellings opus mago-cabalisticum , über dem Paracelsus. Als er sich zur Kirchen- und Ketzergeschichte Arnold's wendet, ist er schon ein Wenig geläuterter, die Ketzer interessiren ihn schon am meisten. Aus dem mystischen Grunde seines jetzigen Wesens baut er sich ein wunderliches neuplatonisches Wohngebäude auf, mit Säulen und Schnörkeln der heiligen Kabbala verziert. Der junge Student lebt wie ein ägyptischer Priester, der sich für die Wüste vorbereitet. Beim Verbrennen der Ketzer kommt er auch auf das Verbrennen seiner Manuskripte und außer der »Laune des Verliebten« und den »Mitschuldigen« verkohlt das Meiste. Aus der Kabbalistik windet er sich aber doch allmählig heraus bis zum rein 257 wissenschaftlichen Studium des Boerhave. Sein Vater hatte indeß immer den Juristen im Auge, er will seinen Sohn als wohlbestallten Rathsherrn sehn, und Wolfgang Goethe wird nach Straßburg gesendet. Hier erneuert sich denn wieder die ganze französische Einwirkung, welche so durchaus an Goethe zu finden ist. Seine Tischnachbarn sind wiederum Mediziner, er hört Collegien über Chemie und Anatomie, ja besucht sogar die Klinik, und versäumt die Jurisprudenz ganz. Auch für seine halbgläubige Richtung findet er in Jung-Stilling einen Repräsentanten. Still ruhen die Künste in ihm, bis er eines Tages an der Treppe des Gasthofs zum Geist einen schwarz gekleideten Mann trifft, den er zu kennen glaubt und anredet. Ein langer seidner Mantel war hinten in die Taschen gesteckt, das Haar war fein gepudert, unter der hohen Stirn und den starken schwarzen Braunen sahen kohlschwarze Augen weit hervor, über die angenehmen Lippen sprangen scharfe, spitze Worte. Goethe hat sich nicht geirrt, es war Herder , und obwohl ihn dieser vielfach maltraitirt, so ist er doch von wesentlicher Einwirkung auf ihn geworden, hat viel Pedantisches aus dem Sohne von Goethes Vater herausgetrieben, und sein inneres frisches Leben aufgeregt. Herder litt damals sehr an den Augen, und war überhaupt auch sonst ein Mann der Bewegungskultur, der dem betrachtenden jungen Goethe vieles verleiden mußte. Er hat diesem mancherlei weggespottet, und Goethe hat ihm nie etwas von seiner mystisch, kabbalistischen Chemie erzählt; bei allem Zorn über Herders oft zu herbes Wesen hat ihm dessen Verstand und Bildung doch immer gewaltig imponirt, er bewahrte sogar immer eine gewisse Scheu vor seiner Handschrift. Nie war er frei von einer leisen Furcht seines Innersten vor diesem gewaltigen Geiste des rastlosen Fortschrittes. Durch ihn wird auch Goethe mehr hineingeführt in die Richtungen der teutschen Literatur, er sah aus seiner hebräischen Poesie und aus alle dem, was er über Volkspoesie sagte, daß die Dichtkunst nicht das Ergebniß sein gebildeter Formen einzelner Nationen sei, sondern daß eine Welt- und Völkergabe existire, die man Poesie nenne. Eben so führte ihn Herder in die glänzenden Säle der italienischen Maler, er schloß ihm hohe, weite Gegenden des Geschmacks auf, und er und Shakespeare, den er später auch in Straßburg kennen lernt, geben einem Theile seines Wesens eine völlig andere Richtung. Und zwar ist diese Richtung fast durchweg die erquicklichste seines Wesens geblieben, die uns allein die französische Förmlichkeit genießbar gemacht hat. Nach Herders Weggange fiel ein solcher Abschnitt, wo er sich ausschließlich mit Franzosen, namentlich Diderot und Voltaire beschäftigte. Wie ein milder Regen fällt Goethes Verkehr mit der Pfarrerstochter aus 259 Sesenheim, Friderike, dazwischen. Das Herz geht ihm langsam, aber völlig auf, und es findet sich auch in seinem »Wahrheit und Dichtung« nicht leicht ein andrer Abschnitt mit so warmer, bewegter Hand so herzlich und einfach beschrieben. Um diese Zeit kam Wielands Uebersetzung von Shakespeare, von dem Goethe in Leipzig nur einzelne Bruchstücke gesehn hatte. All' sein Streben, das leere, steife Zeug, in das seine weite und tiefe Naturanschauung sich nicht drängen ließ, ward ihm klar und klarer. Er sah, wie natürlich man sein kann, und wie gewaltig und groß dabei. Das unermeßliche Feld, was Alles Poesie sein könne, ward ihm mit einem plötzlichen Sonnenblicke erleuchtet, er fühlte, soweit er die Arme streckte, Raum. Die Wohlgerathenheit seiner Faust Empfängniß zwischen den Leipziger Wissensgittern ward ihm klar. Er übersah den Raum, wo er im Dunkeln nach einem Ausgange herumgetappt war. All' seine poetischen, religiösen, natürlichen Bestrebungen empfingen plötzlich das große Siegel der Wahrheit und Poesie, der ganze Plunder, der ihn vorher immer noch beängstigt hatte, purzelte zusammen. Die Erkenntniß Shakespeares war Goethes poetischer Geburtstag, an welchem er zum erstenmale sein Leben verstand. Wichtig war es auch, daß er zu gleicher Zeit jenen kleinen, blonden, sonderlichen Liefländer, Lenz , kennen lernte, der seinem Humor die unbändigsten 260 Dinge erlaubte, und vielleicht Shakespeares bester komischer Uebersetzer ist. Es arbeitete um diese Zeit Alles daran, Göthes Wesen zu befreien. Nothgedrungen muß er nun endlich seine juristische Promotion abmachen. Immer mehr bildet sich das rein Poetische im Gegensatz zum Spekulativen an ihm heraus. Sein Dissertationsthema geht dahin, daß der Gesetzgeber verpflichtet sei, einen Kultus festzusetzen. Eben so sieht er ein, daß eine rasche Trennung von Frideriken nöthig ist, da sein Abgang von Straßburg naht. Er reicht ihr vom Pferde noch einmal die Hand, und reitet schmerzlich erregt und tief betrübt von dannen. Da kommt einer der wenigen Augenblicke in seinem Leben, wo er sich dem romantischen Versinken völlig hingiebt: es bedünkt ihm, sein Ebenbild in einem hechtgrauen Kleide mit etwas Gold komme ihm entgegen. Er hatte nie ein solches Kleid getragen, und ohne daß er wieder darauf geachtet, ertappt er sich bei einer Besuchsreise nach Sesenheim in spätern Jahren in einem hechtgrauen Kleide mit etwas Gold. – Er kehrt nun nach Frankfurt zurück; aber schon in Straßburg hat er Götzens Lebensbeschreibung von Frank v. Steigerwald gelesen, und der alte teutsche Ritter hatte sich ihm zwischen Herz und Kopf gelagert. Er begann, an ihm zu bauen. Gesunder, aber aufgeregter, excentrischer, strebender als je kam er in's väterliche Haus zurück, und die 261 Mutter hatte viel zu beschwichtigen beim ordentlichen, reichsbürgerlichen Papa, daß er nicht sehr unwirsch wurde über seinen Sohn. Göthe hat sicher anfänglich vieles geschrieben, wo er den lesenden Vater im Hintergrunde hatte, dem er gefallen wollte. Da wurde Manches pedantischer eingerichtet, und in den besten Werken ist hie und da diese steife Reichsbürgerlichkeit der Form in einzelnen Redewendungen geblieben. Am meisten zeugen seine Briefe davon. – Es findet sich unterdessen in Frankfurt und der Umgegend eine muntre Gesellschaft junger Köpfe zusammen. Sie gründen die »Frankfurter gelehrten Anzeigen« und gehen wild in's Zeug hinein. Zum Unterschiede von dem Göttinger zarteren Vereine, der sich an Klopstock anschloß, und in welchem Hölty, Bürger, Voß, die Stollberg, Boie \&c. webten, werden die Frankfurter die Rheinischen Kraftmänner genannt. Um diese Zeit erhält er einen peinlichen Abschiedsbrief von Frideriken. Das Herz ist ihm schwer, er reitet, fährt Schlittschuh, wird Vertrauter in allerlei Verhältnissen, wandert in der Umgegend umher, sogar oft durch Frankfurt, wo er im Wirthshause auf der Fahrgasse speis't, und von wo er weiter zieht, und Sturm- und Wanderlieder dichtet. Nie aber kann er sich einer Vergangenheit anders bemeistern, als wenn er sie objektiv im Gedicht darstellt. Namentlich seine Gedichte sind Beichten an die Poesie, 262 und Beichte sind seine wichtigsten Werke: der Werther, Faust, Tasso sogar, und Meister. Von seinem Vater gedrängt, tritt er in ein juristisches Geschäft in Wetzlar, schließt sich an viel neue Bekanntschaften, verkehrt mit den alten Freunden, namentlich dem galligten Merk, tritt auch mit den Göttingern in Berührung. Ihre nordische Mythologie mit den Nebelbildern ihrer Götter, die ohne Fleisch und Blut sind, hat ihn aber immer angefröstelt. Um jene Zeit lies't er wieder den Homer, und das ist die letzte Pforte, durch welche er heraus in die Oeffentlichkeit tritt. Kleiner theologischer Kram, pedantisch wilde Recensionen, und ähnliche Kleinigkeiten, die er damals geschrieben, kann man kaum in Anrechnung bringen. Die Zeit naht aber nun mit Riesenschritten, wo die Periode seiner Vorbildung zu Ende geht, die verschiedenartigen aufgehäuften Massen einen Ausweg finden, und seine erste schriftstellerische Epoche anhebt. Merk hat ihm die Angst vor der Oeffentlichkeit vertrieben, seine Schwester stachelt ihn zur Vollendung des Angefangenen, er schreibt endlich in sechs Wochen den Götz. Es war sonderbar, daß er eben einen Gegenstand zum ersten Auftreten herausfand, welcher in einer schlaffen, ausdruckslosen Zeit das teutsche Volk so auf's Aeußerste ansprechen mußte – es war Glück. Denn von Jugend auf lagen dem Göthe Volksinteressen immer fernab; aus 263 unersprießlicher, unklarer Bewegung entwickeln sie sich zu Tage, und berühren ihn schon darum unangenehm. Die Form des Götz gehörte seinem gesunden, natürlichen Sinne, seiner Einfachheit und den letzten Eindrücken Shakespeares und Homers. Auch der Münster in Straßburg hatte das Seinige beigetragen, das Mittelalter in gewaltigen Formen seinem Herzen einzuprägen. Wenn Göthe namentlich in diesem Götz v. Berlichingen, im Werther, und vor Allem in seinen einfachen Gedichten den teutschen Grundton so richtig traf, dann darf man nicht voreilig patriotisch sein Wesen grundteutsch nennen – er war es hie und da durch Gewohnheit, aber eine Intention der Art war seinem Wesen ganz fremd. Nur kurzsichtige Verehrer beengen ihn mit diesem Epitheton. Er hat von früh an das größte Talent gezeigt, baar und rein aufzufassen, was ihn umgab; so hat er auch das teutsche Wesen aufgefaßt, und es natürlich wiedergegeben. Aber all' seine Liebe, sein Dank für ältere Poesie, die ihn erquickt, drängt sich in diesem Götz zusammen. Es ist noch eine große Breite, viel vom Hauptgange ablenkendes Nebenwerk in diesem Stück, aber auch dies bekundet die glücklichste Hand, und das Ganze war ein gewaltiger Wurf. Also ritterlich geharnischt, die Teutschen an ihren letzten, gewaltigsten Freien erinnernd, trat Göthe auf, und diese unerhörte Art, durch ein Buch zu den Schwächen, Neigungen, und 264 Wünschen eines Volks zu sprechen, ward mit dem größten Jubel aufgenommen. Die unzähligen Nachahmungen, alle die Ritterschauspiele, welche von dort datiren, bürgen dafür. Es war im Jahre 1773, als Göthe den Götz auf seine Kosten drucken ließ, nachdem er ihn beim Umschreiben geändert hatte. Dreißig Jahre später hat er ihn wieder überarbeitet. Während der Sensation, die diese Erscheinung hervorbrachte, litt Göthe stark an Geldmangel, und seine Leere von Sesenheim her war durch die Weiber im Götz noch immer nicht ausgefüllt. Er hatte nicht Raum genug gehabt, all' jene von so vielen Begegnissen aufgehäufte Sentimentalität auszuströmen. In Wetzlar hatte er die verlobte Braut eines Bekannten lieben gelernt, er hatte sich von dieser Neigung zu Lotten nur mit großer Aufopferung losmachen können. In Frankfurt überrascht ihn jene Sophie la Roche, die er auf seinen Reisen kennen gelernt hatte, mit einer zärtlichen Zuneigung. Sie war verheirathet, und wollte sich durchaus nicht in ihr Verhältniß fügen. Dazu war Göthes Gewissen wegen Friderikens auch noch nicht beruhigt, er hatte noch keine genügende poetische Beichte dafür abgelegt. Er mußte sich auch bei jener Liebe für Lotte in Wetzlar der Thorheit erinnern, daß er allnächtlich einen Dolch auf seinen Nachttisch gelegt, und versucht habe, wie tief er stechen, und ob er sich wohl das Leben nehmen 265 könne. All' diese Dinge bedrängten seine Seele, der durch ähnliche Leidenschaft herbeigeführte Selbstmord des jungen Jerusalem giebt dem Suchen seines Geistes nach Form und Gestalt die Richtung, er schließt sich in sein Zimmer, und schreibt binnen vier Wochen den sentimentalen Roman »Werthers Leiden«. Hatte Götz wie ein überraschender Donner die Aufmerksamkeit Aller auf Goethe gelenkt, so schlug Werther wie ein Blitz in alle Herzen. Die schmuckloseste und doch feinste Wahrheit war mit sichrer Hand aus der tobenden, leidenschaftlichen Brust gezogen. Eine tiefe, historische Richtigkeit liegt all' den Dingen zum Grunde, welche den Ton einer ganzen Epoche angeben, welche Vorbilder, Mode werden. Werther erzeugt die sentimentalen Romane. Um ein überschauliches Bild Goethes zu entwerfen, kann man nicht genug darauf dringen, daß sein Leben einfach erzählt wird; es ist der beste Kommentar seiner Werke, weil er gegen sich immer ehrlich war, und seine Werke der Ausdruck dieser Ehrlichkeit sind. – Nach Vollendung des Werther athmete er wieder auf, ein großes Stück heftiger Vergangenheit war dadurch verarbeitet und abgemacht. Um diese Zeit schließt sich ihm der tolle früh verstorbne Lenz wieder an, er verkehrt mit Wagner und Klinger. Auch Basedow, der Dreieinigkeithasser, der taktlose, unsaubre Raisonneur, dem es nicht an Geist, aber an Grazie und Schönheit gebrach. 266 Er macht eine Rheinreise mit Goethe, und quält ihn vielfach durch den Dampf seines schlechten Tabaks, sein Biertrinken und sein Raisonniren am unrechten Orte. Auf dieser Reise kommt er nach Cöln, das einen tiefen Eindruck auf ihn macht, und den »König von Thule« gebiert. Fritz Jacobi lernt er kennen, und wird nach Spinoza und den Philosophen lüstern gemacht. Zu Düsseldorf findet er den feurigen Heinse, welcher sich enthusiastisch an ihn anschließt, und mit Begeisterung den schönen Goethe seinen Freunden schildert. In der nächstfolgenden Zeit producirt er meist kleinere, unbedeutendere Sachen, »das Jahrmarktsfest« – den »Prolog zu Bahrdts neusten Offenbarungen«, er beginnt aber bald darauf eine Komposition, die von seinen Biographen immer zu wenig gewürdigt worden ist – den »Mahomet«. Wir haben nur eine Hymne und den Hauptplan davon. Mahomet betet unter dem einsamen, arabischen Nachthimmel, und mit dieser Stille wechselt später das laute Treiben einer zu gründenden und zu verbreitenden neuen Religion. Die Furcht, welche aus Goethes Plane schüchtern heraussieht, daß die Handlungen zu gleichförmig, massenhaft werden dürften, würde gerade Goethes bedeutendes Geschick, das Allgemeine im Einzelnen, in der Persönlichkeit bestechend auszudrücken, vernichtet haben. Es konnte das schönste Seitenstück zu seinem späteren westöstlichen 267 Divan werden, wo er die sinnliche, spielende Behaglichkeit Asiens schildert. Der südlich glühende Sturm, die geheimnißvollen Nächte, die geisterhaft sprechende Natur arabischer Flächen und Sterne – welch' ein Feld gewährte das Alles seiner bewundernswerthen Natur-Intuition. Damals braus'te die frischeste Heldenjugend in ihm, die großen Tragödien Mahomet, Prometheus, Faust bestürmten sein Herz, er war jung und liebenswürdig über und über. Es ist wie Vieles bei ihm nur Anfang geblieben, was zu seiner sonstigen Ganzheit gar nicht stimmt. Dieser Mangel an Ausdauer ist aber vielleicht das schönste Stück Dichterei wechselnder Empfänglichkeit an ihm, ein Vermächtniß seiner poetischen Mutter. Um so schneller vollendete er damals den Clavigo. In einer Abendgesellschaft war der Stoff aus Beaumarchais Memoiren mitgetheilt worden, schon auf dem Heimwege ordnete er die Akte, und in wenig Tagen war das Stück fertig. Es hat in seiner baaren Natürlichkeit, mit dem Schwindsuchtstode der Marie, dem plumpen, tollen Beaumarchais, dem mehr denn wankelmüthigen Clavigo den Kunstkritikern viel zu schaffen gemacht, und wird doch immer alle die bestechenden Vorzüge jener einfachsten Richtigkeit jenes meisterhaft unveränderten Lebemanns Carlos, jenes ganzen, täuschend wahren Hergangs der Dinge geltend machen. Wichtig für Goethes Leben wurde die kleine Satire 268 »Götter, Helden und Wieland«, welche er bald darauf schrieb. Sie ging auf das Modernisiren der griechischen Götter, welches sich Wieland namentlich in seiner»Alceste« erlaubt hatte, und machte zuerst den Erbprinzen von Weimar auf Goethe aufmerksam, der ihn, als er bald darauf zur Regierung gekommen war, 1775 nach Weimar einlud. Als er den Clavigo geschaffen, war er liebelustig, und liebte alsbald in einem benachbarten Städtchen ein schönes Kind der Natur, Lilli benannt und überfüllt mit den schönsten Götheschen Gedichten. In Offenbach genoß er, und in Frankfurt schuf er Genüsse, wie den letzten Wurf seiner Revolutionsjugend, den Egmont. Doch trennte er sich darauf von Lilli, weil er fürchtete, diese schöne Blume aus ihrem Klima zu tragen, und weil er sich in das ihre nicht einbürgern mochte. Er war reif für Weimar, wohin ihn alsbald Glück oder Unglück trug. Auch zum Egmont hatte ihn sein Vater eingesperrt, Wolfgang lief fortwährend herum. Hinterher war aber der Papa so erbaut von dem Stücke, daß er den wunderlich gerathenen Sohn unter den Arm nahm, mit ihm in Frankfurt herumstrich, und ihm Wein und Naschwerk kaufte. Ganz irreligiöse Dinge für den gewesenen soliden Stadtschultheißen. Zu Weimar lebte Goethe anfänglich ein muntres, bewegtes Leben, die Form nicht eben ängstlich beachtend, der Gesellschaft 269 sich hingebend, aller früheren, ihn oft beängstigenden Verhältnisse harmlos vergessend, aller Rücksichten los und ledig, der frischen, augenblicklichen Eingebung folgend, liebenswürdig in Wort und Wesen wie zu keiner andern Zeit. Er schreibt leichte, farblose Singspiele, mit denen sich schwer was anfangen läßt, gebiert die wunderliche Stella , deren Unordnung und heiße Leidenschaft deutlich verräth, wie zerstreut der Poet in neuer Gesellschaft und Umgebung herumflatterte. Er durchstreift zu Pferd und zu Fuß den Thüringer Wald und den Harz – »die Harzreise im Winter« zeugt davon, seine jugendlich joviale, muntre Zeit stiegt auf in den »Vögeln«, ja, er löst sich plötzlich mit einem lachenden Spott, im »Triumph der Empfindsamkeit«, den er gegen die Wertherhelden schreibt, völlig von seiner früheren Sentimemalität los. Somit schließt er selbst die zweite Periode seines Lebens, die erste seiner schriftstellerischen Thätigkeit. Der neue Abschnitt beginnt mit seiner italienischen Reise 1786, die er über Carlsbad antritt. Allerdings sind die Pläne zu Iphigenia und Tasso nicht erst auf der Reise gefaßt, aber die Werke gehören streng erst dieser Zeit an. Sie sind die Produkte eines befriedigten schöngeistig sinnlichen Wesens, was die Leidenschaft hinter sich hat, und mit klarem, schaulustigem Auge in ein neues Land, eine neue Welt der Kunst und 270 Schönheit tritt. Auch seine Vorliebe für's Studium der Natur-Einzelnheiten drängt sich immer mehr hervor, schon bei Bologna sucht er Schwerspath. In Rom verkehrt er mit Tischbein, und gewinnt immer lebendigeres Interesse für bildende Künste, ja, der Egmont ist bereits geschrieben, und Goethe ist noch zweifelhaft, ob er nicht mehr für bildende Künste berufen sei. In Rom verkehrt er auch viel mit Moritz, und dieser Umgang ist in metrischer Hinsicht für die Iphigenie wichtig geworden, die er dort vollendete, nachdem er sie am Gardasee überarbeitet hatte. Moritz beschäftigte sich eifrig mit prosodischen Forschungen, und war ein so großer Verehrer von Goethe, daß er nur à la Werther im blauen Frack und gelben Unterkleidern einherging. Die Iphigenia spricht in ihrer Einfachheit die teutschen Freunde nicht recht an, Goethe beharrt aber dabei, den Tasso ähnlich zu schreiben. Er geht nach Neapel und Sicilien; noch halb seekrank überarbeitet er in der Kajüte liegend den Tasso. Er war weichlicher, nebelhafter angelegt und in Prosa geschrieben, Rhythmus und Form rafften ihn zusammen. Auch Tasso soll ganz aus seinem Leben sein. Man erzählt im Stillen, daß Goethe eine Prinzessin geliebt habe, und mit Mühe dieser Leidenschaft Herr geworden sei. An den sicilianischen Küsten befängt ihn Meer und Ufer mit homerischen Armen: er will eine Tragödie Nausikaa 271 schreiben. Der Plan ist sehr schön, und es ist sehr zu bedauern, daß Goethe plötzlich auf andere Gedanken gekommen ist. Er sieht, daß Homers Gleichnisse, so poetisch sie scheinen, natürlich sind, und er wird von da noch natürlicher im Ausdruck, was freilich beim Mangel sicilischer Umgebungen später oft Nüchternheit wurde. Goethe sucht in Sicilien die Urpflanze, und sammelt Stoff zu seiner»Metamorphose der Pflanzen.« Bei seiner Rückkehr findet er in Teutschland eine große kritisch philosophische Aufregung, durch Kant hervorgebracht. Seine ganze kontemplative Lebensansicht hatte sich unterdeß mehr und mehr abgerundet, und wie jede Störniß hält er diesen Kriticismus eine Zeitlang von sich ab. Ja Schiller, der wilde, geniale Kantianer, stößt ihn lange Zeit ab, Goethe vermeidet ihn absichtlich. Eines Tags treten sie zu gleicher Zeit aus einem naturwissenschaftlichen Vortrage in Jena, und Schiller redet ihn an. Sogleich in eine Polemik mit einander gerathend, vertiefen sie sich, und Goethe kommt bis auf Schillers Zimmer, ihm seinen Realismus demonstrirend. Allmählig knüpft sich das Verhältniß enger, und die sechs Bände Briefwechsel, die wir erhalten haben, bekunden, wie groß ihre gegenseitige Theilnahme, ihr gegenseitiger Einfluß auf einander geworden ist. Es ist keinem Zweifel unterworfen, daß Goethe's Einfluß auf Schiller außerordentlich war, 272 jenem idealen hochfliegenden Himmelsstürmer war das mit starker Hand geordnete irdische Element Goethes ein vortrefflicher Boden. Es ist dies nirgends sichtbarer als in den ersten Akten des Tell und im ganzen Wallenstein. Aber auch in Goethe's Seele warf Schillers glänzende Sonne warme Strahlen, und ein gewisser Glanz der Sprache ist an den Produkten damaliger Zeit durchaus nicht zu verkennen. Stürmischen Eindrücken war die Goethesche Natur nie ausgesetzt, denn er war allmählig und tief aus dem Kern des Stammes gewachsen wie ein Baum. Sein ganzes Wesen war das Ergebniß einer historisch entwickelten Nothwendigkeit. Es bleibt darum auch immer thöricht, Einzelnheiten an ihm zu rügen, man muß die kritische Hand an den ganzen Goethe legen, oder ihn gewähren lassen. Daß alle menschheitliche Bewegung aus seiner ganzen Bildung ausgeschlossen wurde, daß früh eine gewisse Reizbarkeit der geistigen Nerven und später eine inhumane Bequemlichkeit ihn alles stürmisch sich Entwickelnde mit harter Hand von sich abhalten ließ – das bleibt zur Aufzeichnung einer unbestechlichen Geschichte vorbehalten. Es bleibt aber auch ihre Aufgabe, den andern Maaßstab für seine Größe, den des tiefen, langsamen Einwirkens getreulich aufzusuchen. – Es erscheint nun auch neben Egmont und Tasso der Faust, das größte Werk 273 Goethes, der Titanenkampf des Menschen mit Form, Natur und Gottheit. Schon in der frühen Bildungsperiode hat er daran gearbeitet, in der ersten sentimentalen Kraftperiode, die wir von Götz bis zum Triumph der Empfindsamkeit datirt haben, die Arbeit fortgesetzt, und in diesem seinem dritten Abschnitte, der Epoche seiner Schönheit, vollendete er ihn, wenigstens das, was wir bisher immer unter dem Namen des Goethischen Faust verstanden haben. Er hat später noch einen Abschnitt »Helena« hinzugeschrieben, und unter seinen nachgelassenen Schriften hat sich der Schluß dieses Gedichts befunden. Ich komme in der später folgenden allgemeinen Beurtheilung darauf zurück. – 1790 reis't er zum zweiten Male nach Italien, schreibt bald darauf seine Epigramme, und übernimmt dann die Direktion des Weimarschen Theaters. Die Halsbandgeschichte veranlaßt ihn zu der komischen Oper: »Der Großkophta,« aus welcher ein prosaisches Lustspiel wurde. Es ist in Intention und Allem verfehlt, eine mystische Spielerei, die nirgends anzufassen, und an welcher noch weniger irgend etwas zu genießen ist. Es ist bereits bemerkt worden, daß er kein Empfangsorgan für historische Entwickelung der politischen Volks- und Privatbildung hatte, er ließ sich aber auch sogar verleiten, sie verspotten zu wollen. Das war etwas, wozu ihm die Musen völlig den 274 Beistand versagten, sein »Bürgergeneral« fiel total durch und bestand einen traurigen Rückzug. Auch besaß er keineswegs die zu solcher Persifflage nöthige Schärfe. Die neuere Zeit ist jener sogenannten klassischen Periode bei weitem an Witz überlegen. Der Witz bildet sich überhaupt immer erst aus, wenn die Grundelemente alle geordnet sind. Er ist der Duft auf den reifen Früchten, und hat's nie mit der Blüthe zu thun. Weder Schiller noch Goethe waren witzig. Viel Gelungenes dagegen findet sich in den Nachbildungen ausländischer Produkte, »den Unterhaltungen der Ausgewanderten.« Um diese Zeit wandert Goethe selbst aus, und zieht mit zur Belagerung von Mainz. Für solch' unerquickliches Geräusch, solch' tobende Bewegung war ihm aber, wie schon gesagt, nicht einmal eine Auffassung gewährt. Während jener Belagerung denkt er über Farbenlehre nach. Von da macht er Besuche bei Jacobi in Pempelfort, der Fürstin Gallizin und in Heidelberg bei Schlosser, der seine Schwester geheurathet hatte. Der Großherzog hat ihm unterdeß ein neues Haus im italienischen Stiel erbauen lassen, und Goethe kommt nur eben noch zurecht, die letzte Hand anzulegen und sich häuslich einzurichten. Das erste, was er darin machte, war die Nachbildung des Reinecke Fuchs nach Heinrich von Alkmans humoristischem Gedichte: Rayneke de Voß. Alsdann ging er an die Vollendung des schon so lang begonnenen Romans » Wilhelm Meister .« Er enthält die Begebenheiten eines lernbegierigen jungen Mannes, der unselbstständig, viel raisonnirend, ohne Genie aber mit Enthusiasmus für die Kunst in allen Verhältnissen herumbewegt wird. Nach Goethes eignem Ausdrucke müßte er eigentlich Wilhelm Schüler heißen. Dies ist übrigens dasjenige Buch, worüber er am meisten mit Schiller verkehrt hat, und es ist nicht zu läugnen, daß Schiller durch den großen Eifer, die Feinheit und Intuition, womit er an das Manuskript ging, durch seine ausführlichen Auseinandersetzungen, die er an Goethe durch die Botenfrau schickte, den Wilhelm Meister sehr hat fördern helfen. Aus jenem Wetteifer mit Schiller entspringen auch die schönen Goethischen Balladen «die Braut von Corinth,« und »der Gott und die Bajadere,« denen mehr als allen andern Goethischen Sachen Schillersche Gluth und Pracht anzusehen ist. Aber sie gehen auch darin aus dem Goethischen Genie heraus, daß sie noch etwas andres wollen, als Gedichte sein. Sie haben eine zu derbe Art didaktischen Beigeschmacks, namentlich die Braut von Corinth. Das findet sich sonst bei Goethe's Gedichten nicht, und darin unterscheidet er sich von den Meisten. Seine Gedichte sind sich Selbstzweck, sie sind Individuen, die als solche ohne weiteren Bezug 276 sich geltend machen. Mit ihnen schließt sich aber auch seine zweite schriftstellerische Periode, die Periode der Schönheit, und es beginnt die der bloßen Eleganz, bei welcher der poetische Genius wenig mehr zu thun hat. An diesem Scheidepunkte von seiner schöpferisch poetischen Schönheit bildet sich seine reinste, klarste Prosa, die sich durch große Einfachheit, den Mangel aller Kontraste, durch große Klarheit und Durchsichtigkeit, aber auch durch Mangel allen Glanzes auszeichnet. Sie besteht darin, die trockensten Worte mit höchster Sauberkeit und Eleganz aneinander zu reihen. Darum ist sie auch nur in Goethe's blühendster Zeit schön, in den früheren und späteren Tagen erinnert sie zu deutlich an den Pedantismus seines Vaters, an die gemessenen Wendungen des Frankfurter Patriciersohns und Weimarischen teutschen Großherzoglichen Hofmanns, dem es keineswegs an Geschick, wohl aber an Geschmeidigkeit fehlt, der allen sonstigen französischen Beigeschmack verläugnet. Es stört je zuweilen sogar in seiner besten Schreibart, wo der Stil wie eine klare Welle durchsichtig über den harten Kiesboden rollt, es stört sogar oft da, wenn plötzlich eine pedantische automatische Wendung in die Harmonie hineintritt. Es ist sogar in dem schön geschriebenen »Meister« nicht selten, daß der schönste Gang plötzlich mit den Worten weiter lahmt: »Und sie 277 sprachen Folgendes.« – Es ist eine unvorsichtige Forderung, welche man zuweilen an unsere modernen Schriftsteller macht, sie sollten einfache, schmucklose Goethesche Prosa schreiben. Ihre Gedanken bewegen sich in der stürmischen Entwickelung neuer Dinge, und der bunte Sturm gehört zu ihrem Kleide. Sie bilden eine Durchgangsepoche zu neuen Zuständen, und man muß erst reizen, ehe man fesseln kann. Es ist ein schwächlicher Glaube, daß jene Einfachheit der Darstellung verloren gehe: leichter ist's, langsam und schön einherzugehen, als rasch und schön, und es liegt mehr Kunst und ein andrer Zauber in der bewegten Darstellung. Eine der schönsten Erscheinungen aus dieser Epoche ist aber noch zu erwähnen, ein Kind des nordischen Poeten, was er in warmen Nächten mit der schönen Roma erzeugt – das sind seine » Elegieen .« Sie sind die Darstellung der heitersten abenteuerlichen Liebe auf antikem Hintergrunde. Sie sind ein Kuß, den der Teutsche mit heißer Lippe dem schönen Alterthume beut. Zu den Horen, welche Schiller damals herausgab, lieferte Goethe unter Andern auch die Uebersetzung des Benvenuto Cellini, und einen großen Theil der Xenien, welche in damaliger Zeit so wichtig wurden. Um diese Zeit erschien nun auch vermehrt mit der Bündniß- und Kerkerscene der völlig 278 abgeschlossene erste Theil des Faust. Als er sich an die Uebersetzung des Voltaireschen Mahomet und Tancred machte, mußte man glauben, seine Kraft sei versiegen gegangen. Und doch war es fast dieselbe Zeit, in welcher er, seinen Faustmythus wieder aufnehmend, das Zwischenspiel »Helena« komponirte. Er wollte den Faust von der »bisher kümmerlichen Scene ganz entheben, und einen solchen Mann in höhere Regionen durch würdigere Verhältnisse durchführen.« Die alte Legende erzählt nämlich auch davon, daß Faust von Mephistopheles den Besitz der schönen Helena von Griechenland verlangt, und dieser ihm endlich gewillfahrt habe. Diese Hochzeit des modernen Mannes mit der reizendsten Antike ward von ihm dargestellt und erschien in der damals neuesten Ausgabe seiner Werke ungefähr von 40 Bänden, die Goethe schon 1823 zu ordnen begann. – Jene Xenien nun haben allerdings ein großes historisches Interesse, in sofern sie eigentlich kurze literaturhistorische Expektorationen der beiden größten teutschen Poeten waren. Als solch' ein kritisches Monument müssen sie auch gewürdigt werden. An sich können sie auf keine große Würdigung Anspruch machen, obwohl sie ihnen eigentlich in Teutschland immer Auktoritäts halber gewährt worden zu sein scheint. Sie enthalten einmal zu viel persönliche und zu wenig objective Animosität, leiden ferner an einer größtentheils sehr 279 mangelhaften, ja holprigen Form, sind für den Witz nicht scharf, für Ironie nicht koncentrirt genug, und ermangeln fast alle der Grazie. Betrachtet man sie dagegen nur als Zeichen eines kecken, muthigen Kampfes, so bilden sie trotz ihrer Unbeholfenheit eine wohlthuende Erscheinung. – Um diese Zeit, es war das Jahr 1798, wo Goethes neue Periode mit Herausgabe der » Propyläen ,« eines Kunstblattes, anhebt, reicht er noch einmal seiner schönen Zeit eine Hand hinüber und schreibt »Herrmann und Dorothea.« Ein homerischer Nachhall, das einzige größere Epos, was wir von Goethe haben. Es ist keine Leidenschaft, aber schöne Wahrheit darin, und der rasche dramatische Gang wird mit vollendetem Geschick durch den kriegsartigen Hintergrund motivirt, welcher Unterlassung oder rasche That erheischt. Wären die Verhältnisse größer, so hätten wir vielleicht darin das größte dem Homer verwandte Gedicht, seit die Odyssee gesungen worden ist; denn es existirt kein Kunstwerk, was so volksmäßig einfach gehalten und zugleich so künstlerisch geläutert ist. Im folgenden Jahre entwirft er den Plan einer Trilogie, zu der ihm ein französischer Roman die erste Veranlassung gegeben. Es ist dies »die natürliche Tochter,« welche mit allen Vorzügen ausgerüstet, dennoch wie ein fremdartig Wesen durch alle Stände schreitet, nirgends eine Hütte des Glücks bauen kann, weil sie 280 außerhalb der bürgerlichen Ordnung geboren ist. Goethe hat das Stück nicht vollendet, weil es eine kalte Aufnahme fand. Sie ist mit den wenigen Worten eines bekannten Kritikers vollkommen beurtheilt: »marmorschön, aber auch marmorkalt.« Es sind lauter Begriffe da, aber kein Blut, kein warmes Leben, die reinste Form, aber todt für ein Auge, das auch im Kunstwerke eine Seele sucht, der höchste Ausdruck seiner eleganten Periode. Um diese Zeit fällt auch die Uebersetzung eines nachgelassenen Werks von Diderot, welche Goethe unter dem Titel: »Rameau's Neffe« nach einer Kopie des Originalmanuskripts lieferte. Bald darauf starb Schiller, und mit ihm Goethes anregendster Freund. Dazu kamen die politischen Stürme, der Kampf in den Weimarschen Straßen nach der Schlacht bei Jena, und obwohl Goethe's Haus sogleich von einer französischen Schutzwache besetzt und er selbst überall unangetastet war, so berührte ihn doch das Ganze mit seinem unerquicklichen Lärm auf das Störendste. Dazu war der Fürst, der ihn liebte, das Land, dem er jetzt angehörte, in der bedenklichsten Lage. Damals heurathete er eiligst, und zwar die Schwester des Jenaischen Bibliothekars Vulpius, der den berühmten Rinaldo Rinaldini geschrieben. Goethe war 57 Jahr alt, als er sich auf einmal zu diesem Schritte entschloß. Man erzählte, es sei so 281 eilig geschehen, weil Napoleon Goethe's Frau habe sehen wollen. Indeß ist es wahrscheinlicher, daß er es gethan, um seinen Sohn vollständig zu legitimiren. – Auch als jene Stürme ausgetobt hatten, fehlte ihm alle Elasticität der Poesie, er flüchtete sich wieder zur Natur und seinen derartigen Untersuchungen. Es kamen seine »Ideen über organische Bildung,« und sein Werk »Zur Farbenlehre,« in welchem er Newtons Theorie vom farbigen Lichte bestritt, die Farben dem Gesetze der Polarität unterwarf, und somit den Satz aufstellte, daß Licht und Nichtlicht einander sich wechselseitig bedingen und einschränken, und daß dadurch die Farbe entstünde, die also ein verdüstertes Licht oder ein erhelltes Finstre sei. Ueber die Beurtheilung dieser Theorie appellirt er feierlich an die Nachwelt, und nur an die Nachwelt. Seine naturhistorischen Bemühungen haben weit mehr in Frankreich, namentlich bei der Pariser Akademie Anerkennung gefunden. Es sind in seinen letzten Jahren – um 1831 – noch nachträgliche Aufschlüsse zu seinen naturwissenschaftlichen Studien erschienen, ja ein Aufsatz der sich über den merkwürdigen Principienstreit zwischen Geoffroy de St. Hilaire und Cuvier verbreitet und wo sich Goethe nach vielfachen Studien der vergleichenden Anatomie dem St. Hilaire anschließt, ist wahrscheinlich die letzte Schrift, welche er geschrieben 282 hat. Um jene Zeit kritisirten und kämpften die Gebrüder Schlegel eifrig, ja fanatisch für die romantische Schule, und um Goethe für sich zu gewinnen, der ihnen wenig christliche Veranlassung dazu gegeben hatte, opferten sie ihm wie dem Brahma. Er neigte sich ihnen aber doch wohlgefällig zu, und lächelte friedlich ihrem Bestreben, ihn berühmt machen zu helfen. Ihren Forderungen nachgebend, schrieb er an seinem fortgesetzten Faust. Dergleichen Romantik und Geisterschau drängte sich damals auch mit geheimnißvoller Beziehung in seine Studien, und es entstanden plötzlich »die Wahlverwandtschaften ,« in denen er ein merkwürdiges Naturgeheimniß magnetischer Korrespondenz enthüllte, aber selbst wie erschreckt davor zurücktrat. Bald darauf fordert ihn ein Freund auf, sein Leben mitzutheilen und er beginnt die Herausgabe seines »Wahrheit und Dichtung aus meinem Leben« und »die Italienische Reise.« Zwischen Beiden liegt ein langer Zeitraum, welchen erst ein Band seiner nachgelassenen Schriften ausfüllte. Seine eigne lyrische Kraft ruht ermattet, aber er reproducirt in liebenswürdiger, harmloser Unbefangenheit sein eignes Leben, und giebt in einfacher Darstellung ein höchst interessantes Buch, wo die buntesten Interessen in gemessenem Schritt harmonisch mit einander einhertanzen. Hie und da nur, wo ihn die Naturforschermanier überkommt, wo er vor Steinen und Pflanzen keine 283 lebendige Natur sieht, wird er in gar zu großer Simplicität zerfließend, abstrus. – Die Schlegel trieben ihm indessen ihr Wesen zu weit. Er schrieb ein »Kunst und Alterthum,« einen Artikel»Ueber die christlich patriotische neu-deutsche Kunst.« »Mit diesem Artikel« – sagt Heine – »macht Goethe gleichsam seinen 18. Brumaire in der teutschen Literatur, denn indem er so barsch die Schlegel aus dem Tempel jagte, und viele ihrer eifrigsten Jünger an seine eigne Person heranzog, und von dem Publikum, dem das Schlegelsche Directorium schon lang ein Gräuel war, akklamirt wurde, begründete er seine Alleinherrschaft in der teutschen Literatur.« Hiemit schließt er aber auch auf dem Throne seine poetischen Thaten; er ist am Ziele. Nur noch einmal wirft er später einen wollüstigen Selam »den westöstlichen Divan« herunter, und verschließt sich dann mit seinen ruhigen Weltbetrachtungen in seinen goldnen Pallast. Er tritt in seine vierte und letzte Periode. Man muß bedenken, daß er bereits ein sehr bejahrter Mann war, an dem auch selbst die ununterbrochene reproductive Thätigkeit staunenswerth blieb. Das Didaktische, was, außer den Gedichten, wie ein schmaler Fluß durch sein Leben rauschte, trat jetzt klarer als sonst hervor. Seine Weltbetrachtung und Lebensweisheit fängt an, in seinen Aeußerungen dogmatischer, exclusiver zu werden, und man ist nicht wenig verwundert, als plötzlich 284 1809 ein so behaglich Buch »der westöstliche Divan« erscheint. Der Osten ist darin zum Spiegel unsrer Dinge gemacht, die schönsten Studien über den Orient flechten sich in stille Annehmlichkeiten und bequeme Gedanken des Lebens. Als er daran geschrieben hatte, war die Welt voll Krieg, Goethe aber voll Ruhe und Befriedigung gewesen, und da hat er es für gut gehalten, den Leuten im Gegensatz zu ihrem Treiben die ewige Heiterkeit solchen Zustandes zu schildern. Es ist dasjenige von den besten Büchern Goethes, das am wenigsten anerkannt worden ist, weil es wenige objektiv hinnehmen und hinnehmen wollten. Der Geist der eben pulsirenden Geschichtsepoche tadelte Goethe hart, daß er zu einer Zeit, wo die wichtigsten Lebensfragen der Völker schwankten, mit orientalischen Spielereien tändelte, statt hineinzutreten, wie er es gekonnt, gleich einem Gott in den Kreis der Fragen, und als Teutschlands größter Dichter ein Lied zu singen, von dem, was ihm die Gottheit eingegeben über Welt und Menschen. Das sind indeß Dinge, die nur Goethe, nicht aber seinen westöstlichen Divan treffen. Es ist das einzige, aber größte Unglück Goethes gewesen, daß er mit seiner ruhenden, forschenden, betrachtenden Sinn- und Denkweise, welche tausend Embryonen streute, aber nicht das schwächste Kind der schnellen That erzeugte, daß er mit dieser Weise in eine Geschichtsperiode gerieth, wo der Gedanke geflügelt, die 285 That alltäglich, nothwendig war. Er ist wie eine Geistererscheinung vorübergegangen, hat gelebt wie ein Gott unter uns, ohne daß wir noch wußten, er habe Fleisch und Blut. Seine Worte haben nie gehandelt, sie sind nur wie schöne Sternbilder vorübergezogen, und der schöne Eindruck den sie machten, das war allein ihre Handlung. Er hat nicht wie die größten Männer aller Zeiten im Mittelpunkte der Geschichte gestanden, einsam, isolirt, ein Individuum, stand er zu Weimar, ein Jupiter, der Donner und Blitz nur chemisch untersucht, und seinen Adler mit süßem Backwerk füttert. Dies Mißverhältniß zu seiner Zeit hat einen Theil seiner großen Wirksamkeit und seiner eminenten Vorzüge zerstört – die Weisheit seines Worts ist bei dem Lärm nur von den Wenigsten vernommen worden, und nur mit den Produkten seiner Befangenheit hat er allgemeinen, unmittelbaren Einfluß gewonnen, mit Götz, Werther und Faust. Seine bequeme Kontemplation hat ferner außer den feinsten und wahrsten unsrer Leser jenen Troß von thatlosen, unfruchtbaren Gourmands um ihn versammelt, welche ihre Furcht und ihren historischen Egoismus in seinen Schriften verherrlicht fanden, und nun ein unersprießliches Jubelgeschrei anhuben. Sie haben mehr denn Alles Andre beigetragen, ihn während der letzten Zeit in so großen Mißkredit zu bringen, seine Freunde haben ihm mehr geschadet als 286 seine Feinde. Jener fanatische Haß, den man auf Goethe warf, gehörte nur dieser Goethischen Partei – Goethe und seine unbefangenen Verehrer müssen außerhalb solcher periodischen Wallungen stehen. – Das Buch, worin er sich den untersuchenden Gesellschaftsfragen seiner Zeit näherte, was eine Art socialer Spekulation enthielt, war eins seiner letzten und, wie zu erwarten stand, eines seiner schwächsten – » Wilhelm Meisters Wanderjahre .« Ein unerquicklicher Schematismus ohne Frucht und Blüthe, ja ohne Grün. Außer einigen sehr »zahmen Xenien« gestattete er seiner Produktivität ein immer größeres Vertrocknen, beschäftigte sich mit der Natur und ästhetischen Begriffen, und nahm ein großes Interesse an den Dichtern des Auslandes. So verkehrte er brieflich mit Manzoni und Lord Byron . Eine schwere Krankheit geht gefahrlos an ihm vorüber, es ist als ob bald darauf seine alte Kraft noch einmal erwachte, er schreibt den 4. Band seines Lebens. Da trifft den alten glücklichen Mann ein entsetzlicher Schlag – sein einziger Sohn, an dem er mit gewaltiger Liebe hing, stirbt zu Rom. Er bewältigt nach seiner gewöhnlichen Art den ungeheuersten Schmerz, aber all seine innersten Kräfte sind erschüttert. Auch ihm war das Unglück einmal nahe an den Scheitel getreten, und in einer Art von religiöser Erhebung und wie im letzten zuckenden Aufflammen der Poesie schließt er den 287 zweiten Theil seines Faust, legt ihn wie eine Offenbarung unter sieben Siegel, und erwartet heiter wie ein griechischer Weiser auch seinen Tod. Ueber der Lektüre des doktrinairen Salvandy überrascht er ihn sanft und freundlich, ein Bruder des Schlafes, wie er ihn immer geliebt hatte. Nach einem dreitägigen Katarrhalfieber stirbt er am hellen Mittage um halb zwölf Uhr am Stickflusse. Es war der 22. März 1832, wo der große teutsche Weise 82 Jahr 7 Monate alt zu Weimar verstarb. Glücklich wie er lebte, starb er. – Nach dieser Uebersicht seines Lebens und der Entstehung seiner Werke noch einige Worte über Beides. Es grenzt an's Unglaubliche, und ist noch bei keiner Erscheinung in irgend einer Literaturgeschichte da gewesen, daß kein einziges Feld der schriftstellerischen Thätigkeit übrig ist, in welchem Goethe nicht etwas Bedeutendes geleistet hätte. Das Lyrische zieht sich wie ein silberner Strom durch all seine Perioden. Es ist empfindsam spielend – nirgends eigentlich witzig, weil das Trennende des Witzes nicht in seiner schaffenden und erhaltenden Natur lag, aber fröhlich, heiter, durch und durch voll von dem schönen Elemente des Liedes. Darin ist Goethe ein unzerstörbarer Typus geworden, und reizend verliert sich diese Volkspoesie auch in seine kleinern epischen Dichtungsarten wie in den »König von Thule,« »den Erlkönig« \&c. Die besten dieser Sachen sind Volkssagen entnommen, 288 und dies wirklich Seiende verklärt sich auf eine zauberhafte Art in seiner klaren Natur. Weil ihm Alles schön war, sind seine Idyllen so schön. Dieselbe Wahrheit geht geklärter und noch schmuckloser in die Prosa seiner epischen Schreibart, in den langsamen, geregelten Schritt seiner Romane. Die drei, welche wir von ihm besitzen, sind völlig von einander verschieden, und umspannen die Hauptphasen seines ganzen Lebens. Im Werther giebt er uns seine Jugend mit ihrer Leidenschaftlichkeit. Aber er giebt sie erst, als er ihrer Herr wird, und kündigt somit gleich in dieser einfachen Geschichte seine Objektivität an – im Meister bringt er uns den Schüler des höheren geselligen Lebens, er zeigt uns das thörichte Haschen nach Künstlerschaft, daß nur Wenige eine reine Kunstbildung erlangen können, Alle aber vorzüglich nach praktischer Ausbildung trachten sollen. Es giebt Millionen nützlicher Menschen, die man schätzen muß, ehe man einen schönen findet. Wenn auch trocken, wie psychologisch fein sind seine » Wahlverwandtschaften « geschrieben. Wenn auch ein flaches Beet, aber welche wunderbare geheimnißvolle Blume blüht darauf. Wenn auch ein dürrer, fast unschöner Styl, wie klar und durchsichtig ist er doch. Wie viel Kunst verbirgt sich in jenem homerischen Bruchstücke »Achilleis« im naiven Reineke Fuchs, in den Weissagungen, den Fragmenten eines romantischen Epos, vor Allem 289 in den »Erzählungen der Ausgewanderten.« Wahrlich, seine wunderbare Ruhe hat sich erhaben episch ausgeprägt. Sie hat ihm eine Einfachheit und Wahrheit bewahrt, mit der es allein möglich war, die bewegten Theile des Dramas so mannigfach zu beherrschen. Außer dem kleinen Lustspiele »Erwin und Elmire« außer den Singspielen »Lila – Jery und Bätely – Künstlers Erdenwallen und Apotheose – Paläophron und Neoterpe – Was wir bringen« – ist Alles erwähnt. Wie ununterbrochen förderte er ferner seine Naturstudien, welch' tiefen Einfluß gewann er durch seine oft erwähnten kritischen Sachen. Er ist die Hauptursache, daß die Aesthetik der Mittelpunkt des geistigen Lebens wird, die weichliche Moral aus Gellerts Zeiten allmählig verschwindet, und an die Stelle des sogenannten Guten das Schöne tritt. Schiller hat die Schönheit und den Sinn dafür popularisirt, Goethe hat das Lessing'sche Bestreben aufgenommen und sie nach allen Richtungen gefördert. Ihm verdanken die Teutschen den feinen, griechischen Schönheitssinn. Darum haben sich aber auch die Moralisten mit aller Schwere auf ihn geworfen, und er ist in die merkwürdige Stellung gerathen, von zwei Extremen angegriffen zu werden, wegen moralischer Principien. Die äußerste biblische Rechte und die junge menschenrechtliche Linke hat ihn mit gleicher Heftigkeit befeindet. Sie haben gewiß von ihrem 290 Standpunkte beide recht. Menzel hat sich eigentlich bei seinen Angriffen in der »teutschen Literatur« auf die Verbindungslinie zwischen beiden gestellt, und darum den tiefsten Eindruck gemacht. Schubarth, der ein schlechtes Buch voll tiefgedachter Kombinationen über Goethe geschrieben hat, wird gemeinhin von der Goethischen Partei als Menzelscher Gegensatz, als Vertheidiger von Goethes Moralität angeführt. Sie befinden sich aber dabei in einem wunderlichen Irrthum. Schubarth, der Goethe sehr innig und ganz aufgefaßt hat, sagt mit großem Bedauern, Goethes Weg sei der, daß er das Wahre am Irrthum entwickle, und zuerst immer recht entschieden geirrt haben müsse, um zu erkennen, was Wahrheit sei, deshalb nennt ihn auch Schubarth einen unsittlichen Charakter; denn nicht das Wissen sei das des Menschen würdige Ziel, sondern das Vollbringen, was über alle Kontroverse des Wissens erhaben sei. Aber diese sogenannte ethische Seite ist ganz von der Hand zu weisen, sobald es sich um den Dichter handelt, denn es sind immer nur kleine Modifikationen von dem Thema, den Dichter nach dem Katechismus zu richten. Der Dichter producirt die Schönheit, und die Schönheit ist immer sittlich, producirt er sie aber nicht, so ist er kein Dichter. Handelt es sich von der historischen Erscheinung überhaupt und von seinem Einflusse auf die Zeitgenossen, dann spreche man 291 davon, das ist ein weiterer Begriff von Sittlichkeit. Um zu dieser Art Moralität durchzudringen, ist es nöthig, daß ein Mensch sich dem andern füge, und diese Blüthe der Humanität – das Opfer , worin auch die moderne revolutionaire Tugend ruht, diese urchristliche Sittlichkeit kennt Goethes Persönlichkeit gar nicht. In seinen Werken fehlt sie nicht. Darin ruhen aber alle Vorwürfe gegen ihn, die ihm die neue Zeit gemacht, darin ruht der Mangel an Begeisterung in ihm, der Mangel jeder Spur von Hingebung. Darum bleibt es ein historisches Unglück für ihn, daß er in eine Zeit herüber gereicht hat, welche gerade diese Gegend der Menschlichkeit in's Sonnenlicht kehrte und alle andern Phasen in Schatten hüllte. Und die christlichen Moralisten haben eigentlich gar nichts mit ihm zu schaffen: Goethe ist christlicher als sie glauben. Seine Sachen gehen immer auf Beschränkung der Leidenschaften und Wünsche aus, er erweitert nie die Aussicht, sondern verengt, koncentrirt sie – weil er durch und durch unspekulativ ist. Er erfindet nie neue Zustände, er rechtfertigt die alten, da er seine Versuche scheitern läßt. Er ist, seine kleinen Gedichte ausgenommen, durch und durch didaktisch , er lehrt viel mehr, als man von der Poesie verlangt. Die meisten seiner Sachen sind plastische Darlegungen seiner eignen Irrthümer. Es giebt aber noch eine Art von Unsittlichkeit, deren man ihn 292 zeihen konnte, die im Wilhelm Meister, und am stärksten im Tasso ausgedrückt ist. Er mißbraucht die Poesie zu kleinbürgerlichen Gedanken, er läßt das Schöne vergebens anstreben gegen hölzerne Mauern, ja er verkauft es im Tasso an die Etikette. Seinem kleinen Hofleben in Weimar, wo er früher den ungestümen Tasso gespielt, opfert er in seinem Spiegelbilde das rein Menschliche. Aus lauter Konvenienz zertrümmert er den Tasso. Aber es ist im Allgemeinen ein Unrecht, Goethe nach dem Maaßstabe der Gattung zu beurtheilen, er war selbst eine Gattung. Wenn man die allgemeinen Fehler gerügt hat, daß er sich nicht human akklimatisirte, daß er allein blieb, so muß man zu den übrigen Konsequenzen schweigen. Er gab sich ganz seiner Natur hin wie eine Pflanze, und fügte sich nur ihrem Gewähren – ein An- und Ablernen, Akkommodiren und dergleichen, was wir zur Bildung rechnen, konnte darum gar nicht bei ihm gesucht werben. Er war ein Ganzes vom Scheitel bis zur Zeh, man muß ein neues Maaß an ihn legen. Er wollte betrachten und die Welt wollte handeln. Daher das Mißverhältniß. Dies Streben nach Ganzheit hat ihn auch zu dem Mißgriffe veranlaßt, den Faust, jene ewig blühende Tragödie der unvollkommenen Menschheit, deren Poesie dies Unfertige ist, zu vollenden. Dieser zweite Theil findet sich unter seinen nachgelassenen Schriften. Außerdem sind 293 jetzt noch 6 Bände vertrauten Briefwechsels mit Zelter erschienen. Das Buch von Johannes Falk, was ihn am richtigsten von seinem innigen Verhältnisse zur Natur aus schildert, ist zur klaren Erkenntniß seines Wesens sehr zu empfehlen. Die Döring'sche Biographie enthält zwar einzelne grobe Fehler, ist aber doch mit viel Fleiß und Geschick gesammelt. Goethes Aeußere ist in den meisten Bildern getroffen, er hatte ein freies, edles Göttergesicht, und die Augen des Jupiter. Seine Figur war hoch und schön, die Bewegungen erschienen gebildet. Aber diese, ja fast alle seine Sachen behielten Momente der pretiösen Wendung, die an den Frankfurter Patriziersohn erinnerten. – 294     Bardolini. Wir ließen uns von der Morgensonne bescheinen, und dachten nichts und wollten nichts – Alles ringsum war Gold, und gesund waren wir auch, und es war mir, als ginge es direkt nach Rom. Wir landeten am kleinen steinernen Molo von Bardolini, und fochten mit der italienischen Gefälligkeit um unser Gepäck. Es war ein fauler papistischer Sonntag, das ganze Städtchen war in Putz, und der Wirth des kleinen, ganz kleinen Kaffeehäuschens, bei dem wir eintraten, um zu frühstücken, sah aus wie ein alter Römer an einem Feste des Jupiter. Er trug ein Paar ungewiß gelbe Nankinghosen, die er unzweifelhaft Tags vorher eigenhändig im See gewaschen hatte, und jetzt an der Morgensonne trocknen ließ. Sie waren noch viel länger als seine sehr langen Beine. Ich hielt den Mann für einen Nachkommen der Fabier: mit demselben altrömischen 295 Ernste, wie jene zu dreihundert in den Todeskampf zogen, schritt er hinter seinen kleinen Ladentisch und bereitete eine Tasse Kaffee. Ein ächt römischer Kaffeewirth, der nach Rom gehörte – er behandelte sein Geschäft mit derselben Feierlichkeit wie ein Prälat in St. Peter das seine. Sein blauer Frack war von einem würdigen, klassischen Alter, man bewunderte die Defekte der Aermel, wenn man in das feierliche Gesicht des Mannes blickte. Seine Nase war schöner und größer als die Vespasians, und die moderne Bildung war nicht spurlos an ihr vorübergegangen, der Schnupftabak war darin zu Hause. Er kochte immer nur für eine Tasse, und seine gläsernen Augen sahen stier hinein in die kleine Flamme, er holte immer nur ein Polentabrötchen vom Nachbar, und jede neue Bestellung einer Tasse und eines Brötchens nahm er mit solchem Geräusch und solcher Wichtigkeit auf, und er lief so weit hin und her, daß Bardolini, was sich mit Jugend und Alter vor seinem Hause versammelte, glauben mußte, es sei eine Karavane bei ihm eingekehrt. Das ist italienische Geschicklichkeit, aus Kleinigkeiten historische Fakta zu machen. Anfänglich war es mir überraschend, bald aber doch sehr lächerlich, diese Heldenfigur Kaffee kochen, und wie einen kleinen Marqueur » subito - subito, Signore « schreien zu hören, wenn eine Kleinigkeit verlangt wurde. Das geht aber in Italien nicht 296 anders: der Himmel ist noch jener alte lateinische, die Männer wachsen noch lang und groß, aber sie erfechten keine Siege mehr, sondern sie kochen Kaffee. – Wir ließen uns einen Kutscher rufen, und es begann wieder eine römische Scene, wobei das sonntägliche Bardolini, was sich um uns herum gruppirte, seine Rolle getreulich mit spielte. Der Kutscher war ein schöner Römerkopf mit teutschen Augen und germanischem Haare. Es war eine Freude, ihn anzusehn, wenn er das hohe Fuhrlohn, was er bis Verona verlangt hatte mit Wort und Geberde, mit Zorn und Lachen vertheidigte. Er that das mit solcher Wichtigkeit, und sprach mit einer Energie, wie der junge Scipio mit Carthagern unterhandelt hat. Ich betrachtete mir den jungen Mann mit vielem Vergnügen, und konnte den Gedanken nicht los werden, was er für Glück machen würde, wenn er nach Berlin käme, namentlich da er nur italienisch verstand. Sie würden sagen – wenn ich sage »Sie,« so meine ich immer die Berliner – Ne, det is een geborner Jardeoffecier, und er spricht een Ausländsches wie die Heinefetter.« – Ich konnt' es ihm gar nicht verdenken, daß er so viel forderte, und so viel Spektakel machte: es war Sonntag und er wollte mit seinem Mädchen 297 Sonntag feiern, und sein Mädchen war gewiß das hübscheste in Bardolini. Aber wie schnöde verläugnete auch er die germanische Erinnerung seiner Locken und Augen, das hohe Fuhrlohn lockte ihn mehr als das schöne Auge seines Liebchens, er zürnte fortwährend, daß er uns fahren sollte, aber er fuhr uns und ließ um einige blanke Gulden sein Mädchen im Stich. Ein ächter Italiener. Brausend ging's hinab von Hügel zu Hügel gen Verona hin. Die Rebengeländer am Wege wurden immer üppiger und zärtlicher, das Land ward immer dunkler grün, immer weicher, immer reicher. Die Pferde trabten lustig, die Sonne lachte dem Sonntagsmorgen in's Gesicht, der Italiener sang, wir streckten uns behaglich in unserm Wagen, wir waren so herrschlustig, als führen wir zum Kongreß nach Verona und als wären wir Hauptpersonen. Der Archivarius war eigentlich aus Berlin, und als wir Verona unten in der Fläche liegen sahen, da dachte er an Berlin. Das thut nun zwar jeder Berliner bei jeder Stadt, aber hier gab's doch eine Ursache dazu: wir sprachen von Hardenberg. Vor zehn Jahren war er auch herab von den Alpen nach Verona gefahren, und als man ihn zurückfuhr über die Alpen, da war der menschenfreundliche Mund kalt und das zärtliche Auge war geschlossen. 298 Ich erinnere mich noch sehr lebhaft, es war ein sehr kalter, russischer Winter im Jahre 23, ich las damals alle belletristischen Journale, obwohl ich noch sehr jung war, und alle belletristischen Journale schrieben damals mit Enthusiasmus über das Theater, vom Kongreß zu Verona wollten sie nichts wissen. Ich war zu jener Zeit ein Tertianer und schwärmte für die Schauspieler und Schauspielerinnen, von denen ich in der Abendzeitung gelesen hatte. Als nun der Rector vor Weihnachten unsre Schule schloß, worin er uns ermahnte, während der Ferien tugendhaft zu sein, und worin er uns mittheilte, daß er künftig nicht mehr »Herr Rector,« sondern »Herr Director« heiße, da macht' ich mich auf und ging auf der langen Chaussee von Schlesien bis nach Berlin. Das dauerte viele Tage und es war grimmig kalt, die Schneedächer flimmerten wie Krystall; ich schritt aber immer muthig fürbaß, und der Gedanke stärkte mich, bald das berühmte Schauspielhaus, und die berühmten Schauspieler zu sehen. So kam ich gegen Abend nach Berlin und ging sogleich in's Theater. Ich war sehr glücklich, immer einen Helden der Abendzeitung nach dem andern kennen zu lernen. Erst nach vielen Jahren ward ich inne, daß an jenem Abende lauter schlechte Schauspieler spielten, und ich eigentlich gar keine Ursache gehabt hatte, glücklich zu sein. Eins nur 299 war mir damals sehr unangenehm; ich fand nicht genug Begeisterung im Publikum; namentlich sprach man wo ich hinhorchte, von der Leiche, welche angekommen sei. Ich war ein kleiner beweglicher Bursche und horchte überall hin. Am andern Morgen erfuhr ich, die Leiche Hardenbergs sei in einem metallnen Sarge aus Italien angekommen. Bei seinem Tode lernte ich ihn also erst kennen; denn die Mad. Seidler war mir damals viel interessanter als Hardenberg. Die Berliner waren gar nicht gut auf ihn zu sprechen, und ich erinnerte mich, daß ich selbst in müßigen Stunden, wenn ich keine Journale zu lesen hatte, sehr unzufrieden mit Hardenberg gewesen war, obwohl ich ihn nicht gekannt hatte. Mein Vater sagte immer, er habe den Franzosen zu Viel nachgegeben, und das fand ich sehr Unrecht, denn die Franzosen waren in meinen Augen alle Spitzbuben. Als wir jetzt nach Verona fuhren, und mir der Archivarius Liebesgeschichten vom Hardenberg erzählte, dachte ich etwas anders über ihn. Er ist eine weiche, adelige Erscheinung in der preußischen Geschichte, seine Manieren waren vornehm, verbindlich, voll Grazie und Kultur, seine Diplomatie war artig, und doch voll Würde, sein Herz war poetisch, sein Auge hing voll Geist und 300 Zärtlichkeit, sein ganzes Wesen war übergossen mit jener bestechenden Humanität, welche den Neid entwaffnet, und den souverainen Stolz des Mannes aussöhnt mit der Nothwendigkeit, beherrscht zu werden. Hardenberg regierte liebenswürdig, und das will Viel sagen, denn jedes Regieren hat etwas Gewaltsames. Er hatte früher Anspach und Bayreuth verwaltet, und der wunderliche Haugwitz, ein schlesischer Edelmann, war ihm zu Berlin im Wege. Haugwitz leitete damals in Preußen die Geschäfte, und ihm zum Theil verdankt Preußen die geschickte Wendung der Verhältnisse, welche die Schlacht bei Jena erzeugte. Hardenberg nahm eine entschlossenere, würdigere Stellung den Franzosen gegenüber. Auch er war für einen Krieg, aber für den Krieg 1805, vor der Winterschlacht bei Austerlitz. Haugwitz war eine sehr merkwürdige Erscheinung zu Berlin mit dem Hauptportefeuille in der Hand, ein socialer Roué , ein Bildungs roué , ein Roué des Genies. Er hatte ein sehr rasches, edelmännisches Leben geführt, überall oberflächlich nebenbei nach Kultur getrachtet, besaß empfindsame Partieen des Gemüthes, machte, wenn ich nicht irre, sogar Gedichte, war sehr eitel, und bestrebte sich lebhaft, originell zu sein. Friedrich den Großen kopirend, regierte er aus der Mitte seiner Orangerie, trug einen genial schmutzigen 301 Jabot und sah stets überhäuft, tiefsinnig und aufgelös't aus. Plötzlich interessirte ihn ein Mistbeet mehr als ein Friedensschluß, und er warf die Akten an die Erde. Im Salon aber spielte er den alten, weitläufigen Diplomaten, hielt lange Reden, um nichts zu sagen, manoevrirte mit der Tabacksdose, und spielte am Ende unzeitig den erzürnten teutschen Grafen, welcher die neuen Franzosen meprisirte. Die damalige romantisch frankenfeindliche Stimmung kam ihm zu Statten; nur der König selbst, der von jeher versöhnlich und friedliebend war, blieb in dem damaligen Taumel nüchtern und besonnen, und wehrte ab, so lange es irgend thunlich war. Aber alle Damen glühten von Frankenhaß, sie theilten Farben an die Ritter aus, vor dem Palais des Prinzen Louis, des jungen preußischen Ritters, der weniger besonnen als tapfer war, wetzten die Helden ihre Schwerter – das altadelige Ritter- und Soldatenthum, verlangte den Krieg 1806, Haugwitz zog sich eines Tags die Staatsuniform an, und ließ den französischen Gesandten abweisen, der ahnende König gab endlich nach, und der Krieg brach los. Hardenberg war ganz anders. Es war ein anderer Adel, den er repräsentirte; er war mit Würde vornehm, er war ein wirklicher Weltmann. Seine imponirende Repräsentation stellte auf dem Kongresse zu Wien Preußen würdig neben den 302 berühmten Vertreter Oesterreichs, den Fürsten Metternich, dessen Persönlichkeit so viel Paragraphen gewann. Man hat es dem Hardenberg vorgeworfen, daß er zu großmüthig gewesen, zu nobel, namentlich zu generös gegen die Franzosen, daß Preußen mehr hätte gewinnen können. Das moralische Gewicht, was ihm Hardenberg verschaffte, war höher anzuschlagen, als einige Quadratmeilen. Hardenberg ist als Roman- oder Novellenfigur interessant. Er hat sich wie ein Mensch mit den Staatsgeschäften abgegeben, nicht wie ein Geschäftsmann, er behielt ein sensibles Herz, was ihm die besten Streiche spielte. Und gerade seine Schwächen sind so liebenswürdig. Er war von Jugend auf galant gegen die Damen, und er ist mit einer Galanterie gestorben. Seine letzte Liebe bezeichnet sein leicht bewegliches Gemüth am Besten. Es war um die Zeit, als der Somnambulismus Mode ward. Ein junger Arzt in Berlin, der wunderlich genug, an mehrern Orten auf Augenblicke in die Weltgeschichte heraustritt, der Dr. Koreff erzählt dem Staatskanzler von diesem träumerisch-poetischen Zustande, und Hardenberg, den alles Moderne interessirte, der wie ein Poet dies und jenes romantische Faible hatte, war sehr neugierig, dies zu sehen. Dr. Koreff erzählte 303 von einem jungen schönen Mädchen, und sie sprachen über das Käthchen von Heilbronn und den Grafen Wetter von Strahl und vom Hollunderbaume, und daß der Somnambulismus dem Mädchen in Hardenbergs Palais viel besser stehen werde als sonstwo. Die Gemahlin des Staatskanzlers war eine kluge Frau, und nahm das Mädchen zu sich, und man träumte und somnambulirte wie Käthchen unter dem Hollunderbaume. Da erhoben sich die Cortes in Spanien, und die Regenten versammelten sich in Verona. Auch Hardenberg sollte auf die Reise; aber er war krank, sein Interesse für den Somnambulismus hatte seine Nerven angestrengt; der Arzt untersagte die Reise. Aber Hardenberg unternahm sie, und Käthchen blieb weinend in Berlin zurück. Ihr Wetter fuhr über die Alpen. Zu Verona erfrischten Hardenberg die Staatsgeschäfte wieder, sein Auge ward wieder stark, seine Stimme wieder fest. Der Kongreß ging zu Ende, die Billets zwischen Kaiser Alexander und Chateaubriand, worin sie einander die Berühmtheit garantirten, hörten auf, Hardenberg reis'te an's Mittelländische Meer, um sich durch die Seeluft vollends zu stärken, er kam in Genua an, und heiter und vergnügt stand er eines Tags am Fenster, und sah über das weite grüne Meer, und dachte auch an ein 304 grünes Leben, was noch vor ihm läge. Da braus'te ein Wagen den Platz herauf, er hält vor seinem Hause, eine Dame springt heraus, sie fliegt in's Zimmer. Die Sehnsucht hat Käthchen über die Alpen getrieben. Aber der bejahrte Edelmann war dem Tumulte seines Herzens nicht mehr gewachsen. Nach wenig Tagen fand man ihn todt in seinem Lehnstuhle, die Liebe lag auf seinem starren Gesichte, glücklich wie er gelebt hatte, war er auch gestorben. Der Tod war ihm plötzlich gekommen wie ein Kuß. – Und damals als ich des Theaters wegen nach Berlin kam, traf eben seine Leiche aus Italien ein; denn der König hatte den liebenswürdigen Mann sehr geliebt. Das Käthchen von Heilbronn hab' ich niemals in Berlin gesehen. Ich war ganz traurig über diese Geschichte worden, und vergaß, daß wir dicht bei Verona waren. 305     Verona. Es liegt in einer von der Sonne braun gebrannten Ebene. Wenn man nicht besonders neugierig ist, fährt man vorüber. Das Entrée ist ebenfalls nicht lockend. Es ist ein stattlich Dorf, was allmählig zur stattlichen Stadt wird. Wir sahen nichts als Mönche, Soldaten und Schleier. Die Mönche sind noch nicht tief genug aus Italien, und die Soldaten sind Oesterreicher, also beider Gattungen Gesichter stumm und dumm. Aber die Schleier sprachen desto mehr. Es war gegen Mittag, die Kirchen waren aus, unser Don Juan von Bardolini fuhr wie Theseus durch den belebten Corso, die schmale lange Hauptstraße Veronas. Links und rechts flogen die langen weißen Schleier, und in der Schnelligkeit sahen wir dahinter und daneben eitel tödtlich schwarze Augen, und alle schossen und alle trafen. Ich wußte nur nicht, ob ich rechts oder links gehen sollte, sonst wäre ich gar nicht in den Gasthof 306 eingetreten. Und die Romanschreiber hatten doch also Recht; ich wußte nicht, wo ich hinsehen sollte vor hübschen Mädchen, und sie machen's nicht so stocktugendhaft wie in Teutschland, wo jedes Auge entweder sagt: ich bin verheurathet oder ich werde heurathen. Sie halten die Liebe nicht für ein Handwerk, wozu man einen Gewerbsschein braucht, sondern für eine freie Kunst. Mit einem tiefen teutschen Seufzer trat ich in's Haus. Eine dralle hübsche französische Grisette mit hüpfenden Gazellenaugen sprang an uns vorüber, und lachte und rief. » bon jour Messieurs, « und als wir nicht rasch genug dankten, flüsterte sie lachend zum Kellner, wir seien sicherlich aus Teutschland. Und als ich aus dem Fenster unsres Zimmers sah, da lag ein breiter eiserner Balkon einen Stock tief unter mir, darauf standen drei Frauengestalten in schwarzseidnen Kleidern, und die eine war immer schöner als die andere. Schwarze schmiegsame Locken, braune Locken, an den Norden mahnend, fielen auf die vollen weiße Schultern, und große nördliche Augen, in denen man ausruhen kann, sahen herauf nach dem Fremdlinge. Ich wußte gar nicht, wie ich mein Glück, meine Freude, mein Wohlsein äußern sollte, so vergnügt war ich, ich wußte noch gar nicht, was Alles geschehen würde, aber ich wußte, daß sehr Schönes sich 307 ereignen müsse, und ich wußte, daß ich nichts zu wissen brauchte. Die Hauptsache waren aber die nordischen Augen – oh, es sind die Augen der Heimath, und sie erzählen lange, lange Geschichten mit liebenswürdiger Schwatzhaftigkeit. Südliche Augen sind Blitze, sie treffen eh man sie völlig sieht, sie sind zwei Leidenschaften, denen man sich in die Arme wirft. Aber nördliche Augen sind still webende Gedichte mit geheimnißvoller Tiefe, dunkle Wasser mit lockendem endlosem Grunde, sie sind kein blendender Feuerschein der Donnerwolke, sie sind schönes erquickliches Tageslicht. Sie entzünden nicht die unbändige Leidenschaft; aber sie wecken die schmerzlichsüße Sehnsucht, sie erweichen uns ganz und gar, unsre ganze Seele streckt bittend, flehend die Arme aus nach diesen weichen nördlichen Augen. Ich kenne zwei graue Mädchenaugen mit geheimnißvoller schwarzer Pupille und mit schwarzen Schatten, und wenn ich ein Gedicht machen will, und wenn ich auf Augenblicke ein glücklicher und guter Mensch werden will, so denk' ich an jene großen grauen Augen mit den geheimnißvollen schwarzen Schatten. Die Weltgeister haben die Menschen geschaffen; aber die unendliche Gottheit selbst hat uns die Augen gegeben. In den Augen allein wohnt die 308 Unsterblichkeit, und ich will's jedem Menschen an seinen Augen ansehn, wie er aussehen wird in einer andern Welt. – Aber die Augen müssen nicht eintönig schwarz, braun oder blau sein, denn in solchen steht nichts geschrieben. Lauter solche Gedanken schaukelten mich, als ich auf den Corso in Verona hinabsah nach dem Balkone. Wenn die schwarzseidnen Damen mit den vollen Lockenköpfen und den weißen Schultern heraufsahen, so waren ihre Blicke allerdings sehr ernsthaft, es waren nicht dramatische Blicke Italiens, aber es war jener schöne, sanfte Ernst, der auf ein Lächeln wartet, es war der Ernst eines reichen epischen Gedichtes. Die kleine Französin hatte mir bald vertraut, daß es unermeßlich reiche, sehr schlecht französisch sprechende Damen, daß es sehr sonderbare, ja verrückte Damen, mit einem Worte, daß es Engländerinnen seien. Die älteste war die Frau eines sehr garstigen Lords gewesen, der Lord hatte sich aber ersäuft, weil er zu viel Geld und zu viel Langeweile gehabt, die Lady halte ihre Trauerzeit in Verona, und habe zu dem Ende den ganzen ersten Stock des Gasthofes gemiethet, und zwar auf drei Monate gemiethet. 309 Und die andern beiden Damen. Die kannte sie nicht, sie sprächen immer englisch. Sie sollten die Schwestern der Lady sein. Dabei lachte das Mädchen immer schelmisch und sagte, sie sei aus Paris. Sie dachte, ich wüßte das nicht, als sie aber nach einiger Zeit die keifende Stimme der Lady hörte, und mit rothen Wangen von mir schied, da schien mir's, als zweifelte sie nicht mehr dergestalt an meinen geographischen und orthographischen Kenntnissen. Meine Gefährten waren ausgegangen, um Kirchen und Merkwürdigkeiten Veronas anzusehen. Ich fand meinen Gottesdienst auf dem Balkon viel passender, und drei schwarze schöne Damen schienen mir eine sehr wichtige Merkwürdigkeit, die man als gewissenhafter Historiker sorgfältig betrachten müsse. Das Grabmal Juliens sollte ich mir ansehn – Julia, du weißt es, wie ich dich geliebt von jener Stunde an, da ich zu dir sprach: »daß ich der Handschuh wär an deiner Hand, und küßte deine Wange,« ich war noch sehr jung damals, als ich zum ersten Male las von deiner plötzlichen göttlichen Liebe, und seit jener Zeit besuche ich alle Maskenbälle, um dich zu finden. Shakespeare weiß es, denn ein großer Dichter sieht tief in die Herzen, daß ich den ganzen Winter unter zärtlichen Küssen die Julia liebe und den ganzen Sommer unter lustigen und 310 schalkhaften Küssen die schöne humoristische Porcia. Ich gedenke deiner in Verona, ich sehe die schwarz und rothen Montagues und die schwarzen Capulets unter meinem Balkon auf dem Korso heranziehen und die Degen entblößen, ich seh es: da drüben an jener tiefen Hausthür fällt mein alter Freund Mercutio, der Tod und der Humor ringen wie Tod und Leben auf seinem bleichen, bärtigen Gesichte. Ich seh es: hier aus der Seitengasse stürzt Romeo mit den langen Locken und großen schwärmerischen Augen, sein Degen ist blank und er schreit laut, daß meine Engländerinnen selbst erschrecken: »Tybalt, Merkutios Mörder, steh!« Und hier auf dem Trottoir vor dem offnen Kaffeehause beginnt der Kampf. Tybalt fällt, Romeo wirft den Degen weg, und geht in jene enge Nebengasse; dort führt der Weg hinaus nach der Etsch und nach dem Garten der Capulets, wo Julia harrt – – ja, ja, Alles das geschah hier unten und drüben auf jenem Platze. Aber Julia, was soll ich an deinem Grabe, wenn ich den Romeo nicht finde! Solche alte Stellen seh' ich nicht gern wieder, es ist hohes Gras drüber gewachsen, Schutt und Steine liegen zerbröckelt umher; alte Liebes- und Trauerspiele haben später keine Augen mehr. Ich ließ den Archivarius und den Starost hinausgehen, und blieb. 311 Den Grabstein Juliens hat man fortgekauft für ein Museum – wenn die arme Julia noch lebte, ich glaube, sie setzten auch sie in solch' Antiquitätenkabinet, und zeigten sie als Merkwürdigkeit. Brave Leute, diese Antiquare, brave Leute, aber schlechte Musikanten. – Das stolze Haus der Capuleti, wo der glänzende Maskenball war, jener Maskenball, auf welchem wir unsre Herzen verloren, das stolze Haus ist jetzt eine Fuhrmannskneipe. Und das soll ich mir ansehn – für eine Fuhrmannskneipe den Pallast der Capulets geben, den ich mir seit der ersten Lektüre von Romeo und Julia erbaut habe!? Nicht doch. Ich blieb still an meinem Fenster stehn und sah hinab auf den schattigen Balkon, wo die schwarzen Engländerinnen mit den weißen Schultern hin und wieder gingen. Es war mir sehr wohl zu Muthe, die Luft war so verführerisch weich, die Mädchen waren so nahe, und besonders die eine mit dem braunen Haare, die so oft heraufsah. Es lag so viel englische Geschichte in dem großen grauen Auge. Die andern gingen in's Zimmer, sie blieb allein auf dem Balkon. Ich legte mich tief hinab zu ihr und flüsterte: »daß ich der Handschuh wär an deiner Hand. und küßte deine Wange.« Pause. Sie regte sich nicht. Es ist nicht wahrscheinlich, daß Sie Schlegelsches Teutsch versteht. 312 Hastig riß ich ein Blatt aus meiner Brieftasche, und schrieb ihr Romeos Worte darauf, faltete es, ließ es vor ihre Füße fallen. Es glitt über ihre schöne Schultern, und fiel an den Boden des Balkons. Sie regte sich nicht. Ich fürchtete den kleinsten Wind, aber es wehte nicht der kleinste Wind. Es war eine scharmante Windstille, man wußte nicht, was geschehen würde. Und das weiße Taschentuch fiel ihr aus der Hand. Sie hob es auf, und ging in's Zimmer. Der Himmel segne deine unsterbliche Liebe, Romeo. Ich eilte hinab auf die Straße, denn das Gesetz der Schwere zieht auch die Liebesbriefchen nach dem Boden. Klassischer Korso, ein neuer Montague ging auf und ab. Sie kam wieder, und sah hinaus und sah herab, aber der Zettel flog, ohne daß sie's bemerkte. An der Hausthür, wo Mercutio zum letzten Mal saß, erhaschte ich ihn. Es war mein Zettel, und wenn es nicht so schön Tag gewesen wäre, so hätte ich nicht gesehn, daß unter meiner Schrift zwei kleine Worte standen, zwei kleine unbedeutende Worte. O, du scharmantes »Warum denn nicht!« Ich küßte dich »Warum denn nicht?« und mein englisches Mädchen ging lächelnd in's Zimmer. 313 So sagte ja auch Julie zu Romeo, als er sie das erste Mal küßte »Warum denn nicht!« – »Ihr küßt nicht nach der Kunst« – ei, und warum denn nicht?. Wer am Tisch sitzt, und nicht ißt Und nach Italien geht und nicht küßt, Und die Sonne sieht und nicht lacht, Der ist aus Langerweil gemacht. – Wenn ich dich wieder seh', Julia aus Alt-England, werd' ich noch viel glücklicher sein, und doch bin ich schon so glücklich. – Was noch wachsen kann                 Ist eben die Seligkeit – Wenn ich nur Jemand in der Eil hätte umarmen können, das war meinem Herzen durchaus nothwendig. 314     Wir knieten in dem dunklen Winkel einer kleinen Kirche neben einander. Die Kirche war sehr klein, und es war nur ein Schleier zu sehen. Das Auditorium bestand nämlich aus eitel Frauenzimmern; und alle Häupter waren gebückt und beschattet von den langen veronesischen Schleiern. Ein junger dicker Prediger sprach von den Höllenstrafen, und hob besonders heraus, daß es in der Hölle gar nichts zu trinken gebe, weder Wein noch Wasser, noch Gefrornes, noch Limonade. Dabei wischte er sich den Schweiß von den heißen Wangen. Wenn ein Baier zugegen gewesen wäre, der hätte sich schön in's Fäustchen gelacht; denn der Herr Kaplan hatte das Bier ausgelassen. Was ist das für eine miserable Hölle, wo noch Bier zu haben ist, solche Especen haben wir genug in teutschen Bierkneipen, und dabei haben wir noch Vergnügen. 315 Ein gebildeter Mensch trinkt zwar niemals Bier, aber was kümmert das die Hölle? Außerdem erzählte der junge Prediger noch, wie man mit glühenden Zangen gezwickt, mit spitzen Nadeln gestochen würde, und was man für schlechte Gesellschaft finde, es war zum Erstaunen, wie er in der Hölle zu Hause war, und alle Details zu entwickeln verstand – die weibliche Versammlung regte sich nicht. Nun kam er noch einmal auf den Durst, und ging dann mit einem tiefen Seufzer zu den Freuden des Paradieses über. Er trocknete sich wiederum den Schweiß ab, und schilderte den interessanten Umgang mit den Heiligen männlichen und weiblichen Geschlechts, welchen man da genießen würde. Er entwickelte die besondern gesellschaftlichen Vorzüge jedes Einzelnen und jeder Einzelnen, und sprach besonders von den ausgezeichneten Rednertalenten, welche man dort versammelt finde, und von dem vorzüglichen Orchester, welches Madonna Santa Cäcilia dirigire. Das war ein sehr gefährlicher Moment, und mein verderbtes Innre neigte sich sehr zu der schlechten Gesellschaft in der Hölle, denn langweilige, vortrefflich und rein gesetzte Kirchenmusik und schöne Kanzelreden können mir auch das Paradies verleiden. Jetzt schwang er sich aber mit einer oratorischen Wendung zur himmlischen Liebe, und verbreitete sich darüber links und rechts, da entstand 316 eine Unruhe, ein Flüstern und Räuspern zwischen den Schleiern, daß ich meinte, wir befänden uns im englischen Unterhause, im Hause der Gemeinen, und es flöge »Hört, hört« von Bank zu Bank. Der Kaplan schilderte auch diese Angelegenheit massiv, und ich darf's nicht läugnen, daß das Paradies mit bedeutender Majorität durchging. Er hielt sich namentlich sehr lange bei den 11000 Jungfrauen auf, und kam mehrmals darauf zurück, daß im Paradiese Gütergemeinschaft herrsche, und Jedermann machen könne, was er wolle. Darauf entließ er uns mit seinem besten Segen. Ich küßte meiner schwarz verschleierten Engländerin die weiße Hand inbrünstig und andachtsvoll, und reichte ihr meinen Arm. Wie ein Rabe flatterte ich zwischen all' den weißen Schleiern zum Kirchlein hinaus. Hier gab es trotz des Gedränges keine Stöße und Püffe wie in Teutschland, es waren lauter sanfte, schmeichelvolle Arm- und Handbemerkungen, welche mich unterrichteten. Und alle liebten den jungen Kaplan. Bei der Giulietta war er gestern gewesen, bei der Francesca heute, zur Laura wollte er morgen kommen, er schien das ganze Auditorium persönlich zu kennen, um kraft seines Amtes die Liebe an allen Orten zu verkündigen. Das wird gewiß ein Heiliger, und er bekommt bald eine größere Kirche. – 317 Das Kirchlein stand schräg über von unserm Gasthofe, wir hatten gar nicht weit bis nach Hause, aber wir wollten eben weit mit einander gehen. Es war völlig dunkel auf den Straßen geworden, und um diese Zeit fliegen die italienischen Nachtvögel aus. Nachtvögel sind alle Italiener, die Flügel haben, das heißt laufen können. Es ist um diese Zeit in den italischen Städten, als begänn' der Ball auf den großen Plätzen: durch alle Straßen fluthen die Menschen, und schwatzen und lachen, die weißen Schleier fliegen wie Sommerwölkchen, und die Trabanten jenes Gestirns hinterdrein. Die steinernen Häuser von allerlei Bauart schließen die müden Tagesaugen, in ihren Korridoren wird geflüstert und geküßt, sie verrathen nie etwas davon, denn sie schlafen, und hören und sehen nichts. Sie sind die Vertrauten aus den teutschen Komödien, die am Tage für die Liebespaare wachen, und des Nachts für sie schlafen. Wir kamen am Grabmale der Scaliger vorüber – Jenny sagte mir's – und ich sah die großen steinernen Ritter. Was sie aber machten, weiß ich nicht, es war zu finster, und Jenny sagte: was gehen dich die Scaliger an? sie sind von Stein, sehr kalt und lange todt. Man muß den Todten aus dem Wege gehn, denn der Tod ist die widerwärtigste Unregelmäßigkeit des Lebens, der Tod ist 318 das einzige Unglück der Erde, wenn's keinen Tod gäbe, so wären wir Götter. Die Leute, welche ihn nicht fürchten, sind dumm, sind besoffen an hergebrachtem Muthe, ich fürchte den Tod, und wenn ich ein Mann wäre, so fürchtete ich nichts als den Tod. – Vorüber an den Scaligern! – Vorüber, Jenny! du bist ein Weib. Hu, wie schwarz, wie dick, wie breit, wie unfaßlich stieg das alte Gebäude vor uns auf; man läuft, man läuft, und entläuft ihm nicht, es liegt Einem mit den schweren Steinblöcken auf der Ferse. Das ist die Arena, das Amphitheater. Todtenstill war's rings um die Arena, mit verwitterter drohender Kraft stand sie da in der Finsterniß, wie besiegter römischer Trotz, wie ein zürnendes Alterthum. Sie gleicht von außen einer unwirschen römischen Ruine, und mit gerunzelten Augenbrauen sah sie hinüber auf die Piazza-Bra, wo die Oesterreichische Regimentsmusik Strauß'sche Walzer und Bellinische Melodieen spielte, wo die Veroneser zu Hunderten auf den breiten Quadern hin und her tänzelten. Wir traten in die wogende Menge hinein. Ein solcher Abend in der Piazza-Bra ist viel vergnüglicher als ein teutscher Ball; es ist nicht so viel Licht da und doch viel mehr Feuer, man braucht nicht untadelhaft weiße Glacéhandschuhe, man braucht keinen guten Ruf, keine Tugend und 319 keine Empfehlung, und Mädchen und Musik sind viel lustiger. Eben kam der Mond über die Arena heraus, ein reputirlicher Kronleuchter, und aus den glänzenden Kaffeehäusern, die alle offen stehen, kam vielfacher Lampenschein zu Hülfe. Hundert Stühle harren, ich setzte mich mit Jenny, wir aßen pesce , schönes südliches Eis, und sahen zu, wie die Weiber und die Paare vorüberlachten. Ach, wie viel Intriguen liefen da durcheinander, wer sie alle wüßte! Aus solchen Haufen hat sich Boccacz den Decamerone gestohlen, und Boccacz ist noch heute der hübscheste italienische Spitzbube. Nachmittag, als Jenny bei Tisch gefesselt, war ich in die Arena gegangen; jetzt mußt' ich ihr erzählen, was ich da gesehen. Wer diese Jenny sei? Ja, das erfahre ich selbst erst später; es war das Mädchen mit den blendend weißen Schultern, und sie war mir allerdings bekannt wegen ihrer Schönheit, denn Schönheit sieht der Schönheit ähnlich, aber ich wollte es lange nicht glauben, daß wir uns aus Teutschland kennten. – Es war also zur Zeit, wo die Engländerinnen zu Mittag aßen, als ich in die Arena stieg. Ich ging wohl eine halbe Stunde um sie herum, ehe ich den Eingang fand. Von Außen hat sie ein sehr mürrisches Ansehn, wie eine verfallene Stadtmauer dehnt sie sich in weitem Kreise, die schwächliche 320 Nachwelt hat hie und da schwächliche, ökonomische Holzgestelle in ihre Tiefungen gebaut – die Zeiten wurzelten mir so kläglich durch Kopf und Herz, daß ich umkehren und von dannen gehn wollte. Ich meinte auch, es sei nichts Besseres dran zu sehen, als dies braune Lazaroniäußere. Hätten nur nicht die Engländerinnen gerad bei Tisch gesessen! Endlich gerieth ich in eine Oeffnung, man verlangte einige Centesimi von mir, man schob mich hinein, und – beim Jupiter Capitolinus – es war mir, als starrte mich an aus weiten steinernen Augen Roma, die ewige, selber. Mein alter zerlesener Livius blätterte sich auf vor meinen Augen, und die vier Weltbuchstaben S P Q R standen vor meinen Blicken. Es läuft nur noch heut ein Rieseln über die Schultern, wenn ich sie aussprechen höre von einer tiefen Stimme, die vier Worte: » Senatus PopulusQue Romanus « – da sah ich das braune Numidien, das heiße Syrien, die hohen Lusitanen, die fernen Briten in die Knie sinken, Alles, was groß ist, beugt sich vor diesen vier eisernen Buchstaben. Und diese Buchstaben sahen mir plötzlich in's Gesicht, ich fühlte mich plötzlich in der Römer Gewalt. Rings um mich liefen die hohen steinernen Treppen hinauf bis an den Himmel, bis 321 zum Jupiter, und Alles war verschlossen, nur dieser hohe, römische Steinweg führte hinauf. Ich fühlte es, daß ich ein germanischer Barbare sei, denn so hoch und steinern hatte ich mir das Römerthum nimmer gedacht. Wenn man aber in Teutschland, wo ein Paar alte Rathhäuser und ein Paar neue Theater die Macht der Ahnen und der Zeitgenossen bekunden, wenn man da oben von römischen Bauten hört, da poltern die Worte hindurch durch die Vorstellung und das Gedächtniß, und es bleibt nichts zurück. – Aber jene veronesische Arena liegt jetzt wie ein großes römisches Monument in meinem Sinn. Ich begreife es jetzt, wie die Barbaren, welche über die Alpen stiegen, meist in Ober-Italien rasteten, hier in Verona, dem ersten römischen Vorposten still hielten – sie fürchteten sich. Diese Arena hatten die Römer in den wenigen Mußestunden beiläufig aufgethürmt, sie war eine kleine Erholungsstudie – das Volk, welches sich solchergestalt mit Riesenbauten erholt, das sucht man nicht gern in Waffen auf. Und man hört gar keinen nennen von den stolzen römischen Namen, der sich für diesen Riesenbau interessirt hätte, ausdruckslose Namen, wie Schulz und Müller, erfährt man bei genauer Forschung. So alltäglich war solch' ein Werk. Hu – es springt ein Bild von schauerlicher 322 Größe Roma's in die Höhe, wenn man zu Verona in die Arena tritt. Ich stieg langsam die Stufen hinauf, und die Stufen waren so hoch, daß meine preußischen Beine gar nicht zureichten. Hatten denn die Römer auch so lange Beine? Mit dem einen Beine traten sie tief hinein in's stille Asien, bis an die Zelte der Parther, mit dem andern standen sie auf dem Walle von Eboracum, was heute York heißt im lustigen Alt-England. Sie hatten lange Beine. Für die kleineren Menschen und für die Weiber haben sie aber kleine Fußwege gehauen in die hohen Quadern, welche den langen Schritt theilen. Hie und da läuft solch' ein Fußweg bis hinauf zum Jupiter. Da ich kein Antiquar bin, so hielt ich diese kleinen Schritte für modernes Römerthum. Es war mir so feierlich, als wenn ich wieder in der lateinischen Klasse zu Groß-Glogau säße, und der Rector mit lateinischer Lippe den römischen Klassiker explicirte. In solch' feierlicher Schweigsamkeit stieg ich hinauf bis auf die breite oberste Stufe. Die Römer schwindelten nicht: die steile Höhe hinab nach der Piazza ist durch nichts beschränkt, und wenn man sich umwendet, und hineinsieht in diesen spitzzulaufenden Trichter von Treppen, da wird Einem das Herz weit demokratisch. Hier könnte sich die 323 Repräsentantenkammer eines ganzen Erdtheils versammeln, und die Republiken könnten Weib und Kind mitbringen, und es würde noch Platz genug sein zu Intriguen. Ich dachte mir solch' einen alten römischen Abend, wenn das bärtige Togenvolk lang und breit von oben bis unten auf diesen Quadern gelegen hat, stolz und hochmüthig. Und Alles sprach römisch – wer hat das stolze Latein erfunden mit den vollen, unbeugsamen Konsonanten und den starräugigen Vokalen! Wie vornehm sprach ein römischer Bettler seine unbeugsamen lateinischen Worte und der Jude unter den Tempelgängen in Jerusalem, der Germane in seinen Wäldern mußte die wichtigsten dieser Worte lernen. Ich habe die Römer nie geliebt, denn ich liebe nimmer das bloße Prügeln und Kriegführen, die Schlagedrein und Haudegen, seien sie noch so groß, ich liebe die Schönheit mehr, als die rohe Kraft. Aber wenn ich in die Nähe der Römer komme, so tret' ich immer scheu wie vor dem Anblick einer imposanten Matrone zurück. Ich will sie nicht küssen, aber ich will sie staunend betrachten. Und die großartige Einheit des engen Gedankens, » Roma, nil nisi Roma «, die starre Einheit dieses engen Gedankens, in welchen sie alle Welttheile keilten, befängt mich wie der strenge Blick einer Matrone. 324 Wie in ein Meer sieht man hinein da oben von der Arena, wie in ein römisches Meer – da unten der enge Schauplatz, das ist der Senat, der Senat aus Gold und Eisen. Dahin laufen alle Stufen; er sitzt wie Neptun mit dem Dreizack im krystallnen, tiefsten Meeresgrunde. Wenn die alten grauen Senatoren ihre Bärte schüttelten, da bebte der Erdkreis. Roma – Roma – Roma – wie lächerlich klingt dein Löwenname jetzt, wie das entweihte Zauberwort einer verstorbenen Religion, deren Mysterien das Gespött eines Knaben sind. Da unten in der Arena war ein italienisches Theater ausgeschlagen, und man gab ein kläglich Lustspiel nach dem teutschen Signore Gotzebue, worin eine Frau ihren Mann betrog, und die Italiener lachten darüber so gräulich, daß manchmal ein kleiner Nachhall von dem Gelächter bis zu mir heraufdrang, der ich oben bei den alten Römern saß. Ein abgerissen, historisch Lachen, was durch die Luft flog. Was hatte es zu bedeuten? Stumpfnüstrige Hunnen und Czechen gingen neben mir da oben auf der altrömischen Höhe auf und ab, als bewaffnete Wachen. Sie waren in graues österreichisches Tuch genäht, auf ihren schlaffen, struppigen Barbarengesichtern lag eine endlose Rede von Unkultur, auf ihren 325 schwülstigen Lederlippen krochen kothige, uncivilisirte Worte – und sie bewachten die alte Roma. Der römische Stolz, die römische Rede, die römische Götterform, die römische Heroen. Freiheit bewacht von ein Paar hunnischen und czechischen Musketenträgern, die Römer Italiener geworden, welche in der Arena über Kotzebue lachen – Italiener! klingt der Name nicht schon schneidend wie ein furchtsamer nächtlicher Dolch, und der Himmel noch derselbe dunkelblaue Göttermantel, und die Steine noch so hart wie damals – o, die Italiener sind mir nie so klein vorgekommen, als da ich sie da oben von der Arena betrachtete. Ich kam mir wie der weise Gibbon vor, der auf dem Kolosseum zu Rom seine gigantische Römergeschichte schließt, mit jenem markzerwühlenden Fluche schließt über das jammervolle christliche Rom. Gibbon war garstig, und die Nacht brach herab auf Rom, als er den schönen Fluch aussprach und seine Gesichtszüge dabei zu einer erschrecklich schönen Häßlichkeit ausspannte. Wenn man das Christenthum liebt, so muß man nimmer nach Italien ziehn, die christliche kranke Brust hat all' das alte Römermark verzehrt. – – Ich stieg die kleinen Stufen hinunter, und » bravo, bravo, bravi, bravi «, schrie Alles um mich her; das theatro diurno ging eben zu Ende. 326 Es war ein guter historischer Scherz, als sich die nordischen Barbaren im vorigen Jahrzehend diese Stadt zum Kongreß ausersahen. Ein römischer Posthumus war zerschlagen, und hier auf klassischem Boden wollte man die Verlassenschaft theilen. Damals hat man hier in der Arena ein Schauspiel arrangirt, und alle Sitze sind voll gewesen – in diesem einzigen Anblicke konnte der romantische Norden seinen Sieg über den klassischen Süden erblicken. Solch' ein Anblick ist ein Sieg. Ich glaube, auch Chateaubriand hat hier gesessen, und die großen Worte haben sich auf seinen Knieen geschaukelt. Man muß so eitel sein wie Chateaubriand, um auf römischen Steinen große Worte zu haben. In römischen Bauten kann ich meine Schreibtafel nicht aus der Tasche nehmen. 327     Jenny sagte, ich sei ein Narr, und ich sollte ihr lieber vom Theater erzählen, ich sei ja aus Teutschland. Ich hatte beim Hinaufsteigen wirklich eine Zeitlang zugesehn und zugehört. Der Anblick war mir neu. Es war unten in der Arena ein Theater aufgeschlagen, so groß wie eine teutsche Provinzialbühne, einige Logen zogen sich bis an die Stufen heran, und die übrigen Zuschauer saßen nun an die 50 Stufen hoch über einander unter Gottes freiem Himmel. Die Höchsten waren allerdings einige Stockwerke von der Bühne entfernt, aber sie hatten feine Augen und Ohren, wenigstens lachten sie tüchtig mit. Die Schauspieler selbst waren einem Teutschen sehr auffallend: die Dame des Stücks, eine hohe römische Schönheit, erschien in einem mit strahlendem Golde besetzten rothen Sammtkleide, und war bis in's 328 Detail prächtig gekleidet. Es war aber ein einfaches Konversationsstück, welches aufgeführt wurde. Als ich immer weiter hinaufstieg, und die Römer sich in meinen Sinn einnisteten, da hüpfte die rothsammtne Prinzessin wie eine kleine Cleopatra vor meinen Augen herum. – Außer ihr waren noch zwei Herren in dem Stück beschäftigt. Der ältere war ihr Mann, den sie nicht liebte, der andre ihr Freund, den sie sehr liebte. Alle drei sprachen mit einem Aufwande von Kraft und Energie, als wollten sie die Welt erobern. Jenes prächtige, wichtige Sprechen und Agiren ist aber ächt italienisch: sie stammen wirklich meist noch von den alten Römern, und da sie keine Söhne der Scipionen und keine stolzen Thaten mehr haben, so affektiren sie wenigstens Söhne des Cicero und machen stolze Worte. Und Redetalent haben sie wirklich alle. Die Schauspieler sprachen ihr dummes Zeug mit einem Ausdruck, mit einer Klarheit, mit einer stürmischen Eindringlichkeit, als seien's die wichtigsten Dinge. Ich kann den innerlich leidenschaftlichen Ton noch heut nicht vergessen, mit welchem der Liebhaber seiner Geliebten aufzählte, wie rasend er sie liebe, wie unglücklich er sei, und wie die Italiener auf den steinernen Sitzen mit ihm lärmten. Und bei solchen einzelnen Worten und bei plötzlichen schreienden Wendungen ihrer üppigen Opernarien, da ist es Einem, als wende 329 sich die italienische Freiheit im Grabe um, und seufze tief wie eine unglückliche Mutter – und dann glaub' ich einen Augenblick dran, daß die Italiener mit ihrem depravirten Volkscharakter nur eine große Komödie spielen, und eigentlich Alles falsch, Alles Maskerade, ja daß Alles in großer Verschwörung begriffen sei, und auf den rothen Morgen einer sicilianischen Vesper harre. Es ist aber nicht so – nur die Jugend und Freiheit gehören zusammen wie Schönheit und Liebe. Aber Alles Andre ist leider ächt. Oder sie sind wie die alten Komödianten, die nicht mehr aus der Koketterie herauskönnen, sie mögen auf den Brettern sein, oder nicht. Ich fürchte wirklich, die Italiener sind alte Komödianten – bekanntlich das furchtsamste Gesindel. – – Es war ein ächt italienischer Anblick, wie die feinsten Nüancen der Konversation geschrieen werden mußten, damit man auf den steinernen Treppen etwas davon merke, und wie man das Plumpste jubelnd aufnahm. Der betrogene Ehemann spielte seine Rolle mit einer Volubilität, und einem Leben ohne Gleichen, und Publikus lachte erschütternd über sein eheliches Malheur. Das Sakrament der Ehe ist auch hier wohl bestellt – und Niemand kann was Neues erfinden. Jenny lachte, und zeigte mit dem Finger in das Gedräng. Da spazirten die andern Engländerinnen, 330 und wir sahen's an den gebeugten Augenlidern, daß sie das verlorne Kind suchten. Jenny rief nach ihnen, ich erschrak des Todes, und hielt ihr eiligst den Mund zu. Sie hatten's glücklicherweise im Gewühl nicht vernommen. Aber Jenny, sprach ich, und all meine Liebeshoffnungen kauerten sich zusammenschrumpfend nieder – aber Jenny – – Sie hatte mir versprochen, draußen im Garten, wo Julia schläft, mit mir zu schwärmen, sie hatte alle Einleitung in bester Romanform getroffen, mich zu lieben, wie es einem jungen feurigen Mädchen wohl ansteht, und jetzt wirft sie alle Knospen und Blüthen unsers Inkognitos den Leuten an den Kopf – Jenny! – Sie lachte kindisch. Ja, gewöhnliches Mädchen aus Engelland, rief ich, jetzt kenne ich Dich, jetzt weiß ich's, daß Du jene Halberstädter Pseudo-Jerta bist, von der ich in Halle Abschied nahm. Du bist jenes Ungeheuer, was keine Liebesgedanken, sondern nur Liebeslaunen hat, Du bist – Ach, und das Mädchen war so schön in diesem Augenblicke, sie strich sich lächelnd mit der weißen Hand über die Augen, und die Augen sprühten Feuer, und ich wußte, daß mir all' mein Peroriren nichts half, daß ich aber sehr glücklich wäre, wenn ich das englische Mädchen in diesem Augenblicke 331 küssen könnte. Ich brach ab bei den Worten »Du bist –« und bat Jenny, mir einen katholischen Kuß zu geben, drüben im Schatten der Arena, im breiten, toleranten Schatten. Sie spitzte, mich zu necken, den Mund, nahm mich bei der Hand, und führte mich in's Gedräng, und als ich ihr zärtlich die Hand drückte, lachte sie, und gab mir eine zarte, liebenswürdige Ohrfeige. Plötzlich aber ließ sie mich los, und stand lachend vor den Ihrigen, den andern schwarzen Engländerinnen, erzählte ihnen, daß sie mit einem Teutschen spaziren gewesen sei, und sprach gleich von etwas Anderem. Solche Spazirgänge schienen also gar nicht an ihr zu befremden. Ich stand wie ein Schulbube darneben, und war kein Gegenstand. Man promenirte weiter auf der Piazza, man kam zurück, ich war so teutsch dumm, dergleichen englisches Wesen nicht begreifen zu können, ich stand noch an derselben Stelle. Jenes englische Auge ohne Blick von der Halberstädter Post ging wieder an mir vorüber. Umsonst sprach ich drei Worte für Jenny, als ihr Arm mich streifte, unsre Bekanntschaft war zu Ende. Dumme vornehme Leute machen's in Teutschland so, wenn sie dem armen Plebejer auf wüstem Felde oder in bürgerlicher Gesellschaft begegnet sind, und ihn dann wieder finden im Schooße ihrer Pairs. Aber Jenny war bloß vornehm und nicht dumm, Jenny war nur englisch, 332 und würde es mit ihrem Ehemanne eben so machen. Ach, und Jenny war so schön, ich hätte vor ihr niederknien mögen auf der steinernen Piazza. Sie kam nicht mehr zurück. Der Archivarius strich vorüber mit einer schwatzhaften Italienerin, auch er sah mich nicht, denn er sah in nächtliche Augen – der Starost ging sporenklirrend neben einer stolzen hohen Veroneserin einher, und sprach, und sprach, als gälte es sein Leben. Nur ich war eine müßige Ariadne – dummes Italien, was half mir deine üppige Nachtluft, in der man sich nicht erkältet, was halfen mir die südlichen Mädchengedanken, die in mir herumflogen, was halfen Gedanken – Gedanken. Ueberhaupt denk ich nur, wenn ich nichts Besseres zu thun habe. Langsam ging ich nach Hause quer über den großen Platz. Die Guelfen und Ghibellinen haben hier oft ihre Schwerter gemessen, und die Italiener sagen, auch Romeo's und Juliens Unglück habe darin gelegen, daß die Guelfen und Ghibellinen einander todtschlugen. Die Menschen waren immer dumm, und machten sich das Leben sauer, und den Tod leicht. Diese Guelfen- und Ghibellinenkämpfe sind mir immer wie die Studentenskandäler vorgekommen – als es noch teutsche Universitäten gab, da befeindeten sich die Parteien und schlugen eventualiter einander 333 todt, weil die einen sagten, schwarz und roth sei hübscher, die andern aber: blau und roth. Zum Zeitvertreib sind die schlimmsten Dinge geschehen, und die gründlichsten Historiker, die überall tiefe Ursachen suchen, machen die dümmsten Streiche und verfälschen die Geschichte am meisten. Die steigende Civilisation ist oft nur darum ein Trost, weil sie das Todtschagen allmählig ganz und gar abschafft. In einigen Jahrhunderten wird man Alles schriftlich abmachen, und eine Schachpartie wird die Kriege entscheiden. Wer lacht da? Ich stand an einem Pallaste, und sah durch den Thorweg, tief in einen Garten hinein, über die Etsch hinweg, und in dämmrigen Mondschein bis hinauf auf ferne schwarze Berge mit sanften Konturen. Es war gar nichts zu lachen – o Jenny, mit der weißen Schulter, es war gar nichts zu lachen. Ich lehnte mich an eine kalte Statue, und aus meinen Augen, die durch die schmale Durchsicht über den Fluß flogen, aus meinen Augen liefen warme Thränen. Warum weinte der teutsche Narr? Stiegen ihm die teutschen romantischen Schriften zu Kopf? – Ach, es fiel mir ein, daß ich wohl nimmermehr das Glück finden würde – das Glück, dessen Ahnung in meiner Seele liegt. Diese wirre Weltgeschichte 334 unsers durcheinander gebildeten Wesens, diese Unruh, die uns von Land zu Land jagt, dieser weite Himmel, diese steinerne Erde, diese Schönheit des Weibes, welche ein Nachtfrost zerstört, dieses Launenhafte, an dem Alles hängt in dieser Welt, dieses Unrecht, das fortwährend herrscht, und nicht zu besiegen ist, diese Machtlosigkeit des einzelnen Menschen – Alles, Alles das peitschte mir bittre warme Thränen aus den Augen. Thränen sind ein kleiner Rest der alten Gottheit in uns – es giebt Augenblicke, wo man verrückt wird – so nennen's die Menschen – wenn man nicht weinen kann. Die Menschen, welche schwer weinen, werden leicht wahnsinnig. Das heißt: sie denken leicht anders, als die meisten übrigen, und man nennt sie dann wahnsinnig, weil das Gesetz das richtige heißt, an welches die Meisten glauben. Julia, Julia Capulet, ich könnte eine ganze Nacht weinen, wenn der todesbleiche Gedanke vor meine Augen tritt, daß Du sterben mußtest an dieser Erde, weil Du eben die schöne Julia warst, weil diese Erde zu arm für Dich war. Als ich diese Worte laut gesprochen, trat ein Bettler hinter der Statue hervor, und bat mich im Namen der heiligen Giulietta um eine Gabe. Nein, Julia, ich weiß es, Du bist keine Heilige, ich hoffe es, Du wirst nimmer eine, Du bist Romeo's. Ich 335 griff in die Tasche und gab dem Bettler ein Geldstück. Es war ein österreichischer Dukaten, aber ich hatte nichts anderes, und mußte in diesem Augenblicke dem Bettler gewähren, hätt' es mein Leben gekostet. Alle Heiligen wünschte er auf mich herab. Ich kam zum Tode ermattet, in meinen Gasthof zurück, die Zimmer der Engländerinnen glänzten im hellen Lichterschein, in dem meinen war es finster. Ich legte mich auf's Sopha, ein altes Lied, in alter Liebeszeit, tief oben in Teutschland gedichtet, summte mir durch den Kopf: Thränen fallen hinunter In eine tiefe Welt, Wo fromm und schön die Liebe Des Rechtes Wage hält – Einst sind sie lauter Küsse, Denn Liebe ist gerecht, Drum weint hier lauter Hoffnung Ein thränenreich Geschlecht. Und das Lied, was ich einst den lichten Augen eines blonden Mädchens in Schlesien gemacht hatte, sank dunkel in Verona aus meine Augen. Ich schlummerte ein, und ich weiß heut noch nicht, wie spät es damals war. 336     »Wollen Sie sich ergeben?«Fragte sie mich heut – Nimm, sprach ich, das Leben, Aber nimm es heut! »Morgen,« sprach sie mit Lachen, Und band die Schleife fest – Sie will mich elend machen, Durch das, was sie mir läßt . Yes, Jenny - yes, rief ich und sprang in die Höhe. Der Archivarius hatte mich geweckt, ich sollte mit hinunter gehen, und zur Nacht essen, es seien Teutsche da. Yes – sagte ich, und wir gingen hinunter. Der Schlaf ist eins von den Geheimnissen, in welchen die Quintessenz der fünf Bücher Mosis, das heißt die ganze Schöpfung der Welt ruht. Ich hatte Alles rein verschlafen und vergessen. Wir waren noch kaum aus Teutschland heraus, 337 und schon klang es so beruhigend heimathlich: Es sind Teutsche da. Man darf nur etwas verlieren, um es zu lieben. Im Speisesaale saß ein schwammiges, aufgeblähtes Brillengesicht, wie man deren zu hundert im teutschen Reiche sieht. In den Zügen kein Charakter, über den Augen Gläser. Das sind eben die Leute, aus denen man Alles machen kann, nur nichts Besonderes. Neben diesem ordentlichen Manne, der mit Aufmerksamkeit die neuen italienischen Gerichte speis'te, saß ein trocken blondes Dämchen. Das teutsche Philisterthum, eine vollkommen originale Eigenschaft unsers Vaterlandes, sah ihr mit all seiner glücklichen Beschränktheit aus den indifferenten Zügen und Fingern. Sie war höchst blond, durch und durch blond. Es giebt eine Sorte blonder Mädchen in Teutschland, von denen ich schon mehrere Jahre argwohne, daß sie weißes Blut haben: sie sind alle bis zur Langenweile dürr tugendhaft, und bilden die Hauptreserve der alten Jungfern. Diese Mädchen halten die Energie des teutschen Volkes sehr auf, sie sind die Ehrendamen der Gleichgültigkeit. Solch' teutsches Paar saß am Tische, und ich war durchaus nicht begierig nach seiner Bekanntschaft, verschanzte mich hinter unschmackhaften italienischen Speisen, kümmerte mich um nichts. Aber der Starost konnte nie einer Bekanntschaft aus dem Wege 338 gehn, und das Pärchen that nach Kräften erfreut, als es Landsleute verspürte. Der Herr mit der Brille bewieß mir sehr bald, daß ich ganz ohne Nutzen reis'te, er fragte, ob ich dies oder jenes, und das oder dieses gesehen – nein, nein, nein, o mein Gott, nein. Und nun sagte er mir, daß ich nichts gesehen habe. Wie mir der Mensch Angst machte wegen des Nutzens und wegen des Buchs, das ich über die Reise schreiben wollte. Und nun erzählte er, was Alles zu sehen gewesen sei auf unserm Wege, und was wir Alles versäumt hätten. Er stand fortwährend 20 Grad Réaumur und fand Alles höchst, ja höchst interessant. Ich bezeugte Reue, und hörte auf zuzuhören: das Schlafglöckchen der Langenweile fing an zu klingeln, der Mann sprach von der Aristokratie, und der richtigen Mitte, und das blonde Frauenzimmer sagte immer »Ja,« und nach einer Weile »Ja gewiß.« Ich ließ mir in der Stille das Fremdenbuch vom Kellner bringen, und vergewisserte meine schläfrige Muthmaßung, daß der Herr mit der Brille und dem sauber gebürsteten blauen Rocke ein schlechter teutscher Schriftsteller sei, dem der Buchhändler wenig Honorar zahlt, weil andre Leute die noble Gesinnung des Autors bezahlen. Solche Quinquailleriehändler, die mit ihrer kurzen, unbedeutenden Waare zu 339 wuchern verstehn, kann ich in Teutschland genug finden, in Italien geh ich ihnen aus dem Wege. Der Mann hatte noch einen freiherrlich berühmten Namen, er hieß Rousseau. Ich begreife nicht, wie man Rousseau heißen, und nichts, gar nichts weiter werden kann als ein ordentlicher, gemäßigter Zeitungsschreiber, das ist ein naturwidriges Vergehen. Der Starost, demokratischer als ich, der sich mit Allem herumgebalgt, was ihm in den Weg kommt, ließ sich mit Herrn Rousseau ein; der Archivarius saß zusammengekauert da, und lachte mit den Augen und mit den Fingerspitzen; ich ging von dannen. Es war schon spät in der Nacht, das Haus war schweigsam und todt. Als ich über den Saal des ersten Stockwerks schritt, wo die Engländerinnen wohnten, hörte ich leise Musik, Harfentöne und eine melancholische, berauschend süße Altstimme. Es war ein alt altenglisch Lied. Ich liebte einst ein schlankes nordteutsches Mädchen, und sie sang das Lied oft spät des Abends, als unsre Liebe schon zu Ende ging. Es klingt noch viel trauriger als »der König in Thule,« und das Herz thut Einem so weh dabei, wenn man es hört. Ich schlich den Saal entlang den Tönen nach – ein großes Fenster stand offen, was heraus auf den Flur führte. Drinnen im Zimmer am jenseitigen Fenster saß die Sängerin in hellem Mondscheine, die 340 Harfe schimmerte, das weiße Nachtgewand des Mädchens leuchtete. Es war Jenny, die verführerische englische Jerta. Das braune Haar fiel in aufgelös'ten Locken über ihre Schultern, die vollen Arme tändelten auf den Saiten, ihre tiefe Romanzenstimme sprach von Diamantengruben ihres Herzens, die Niemand je gesehen. Wie still lehnt' ich mich auf das Fenster und horchte, und dachte der Geschichte dieses Mädchens nach, von der ich nichts wußte. Das mußte eine sehr moderne englische Novelle sein. Als das Lied zu Ende war, stellte sie die Harfe weg und sah in den Mondschein, eine hohe, weiße Lady Macbeth. Ganz leise fing ich an zu sprechen, und sie zu bitten: Jenny erzähl' mir Deine Geschichte. Ich wußte es, daß sie nicht erschrecken würde. Sie wendete sich langsam um, und kam nach der Tiefe des Zimmers. Dicht vor mir am Fenster blieb sie stehen – »erzähle Jenny!« Ich ergriff ihre Hand und ihren weichen Arm und drückte meinen Mund und meine Augen darauf. »Jenny erzähle.« Darauf schien mir's, als dringe ein leiser Seufzer aus ihrer Brust. Ach, das war mir so unendlich rührend; ich hatte nie geglaubt, daß Jenny seufzen könne. Sie legte ihre flache Hand auf mein Gesicht, und sagte: Meine Geschichte, Henry, ist sehr teutsch, diese wollüstige veronesische Nachtluft paßt 341 nicht dazu – Du sollst sie in Teutschland erfahren, reise nach Teutschland. Und ihr Haupt mit dem wallenden Haare sank einen Augenblick auf meine Augen, und es war mir als zucke Jennys Busen wie unter einem schnellen Messerstiche. Bald darauf war das Fenster geschlossen, und ich wandte mich um heimzugehn – heim? ich wußte selbst nicht wohin. Noch einmal aber mußt' ich an's Fenster klopfen: »Jenny, Du kennst mich nicht, Du wirst mich im breiten Teutschland nicht finden.« Da kam Jenny noch einmal, legte mir mit zwei Fingern noch einen kleinen Kuß auf die Lippen, und sprach: »Ich kenne Dich, Du bist ein kompromittirter Schriftsteller, die Polizei weiß Deine Adresse – geh!« Ich ging. Die kleine Französin fuhr im Nachtröckchen über die Treppe, und flüsterte »komm mit,« aber mein Herz war beschäftigt, ich weckte den Kellner, ließ nach der Post schicken, stieg in den Wagen, und fuhr von dannen. »Wenn man nicht genau hinsieht, kann man vorüberfahren« – welch' ein dummes Wort war das gewesen! Das ganze braunrothe Verona legte sich auf meine Seele für jenes Wort. Verona ist eine höchst wichtige, poetische Stadt – ich gestand mir's jetzt. Alle Zeitalter sind dort abgedruckt, und das hätte ich wohl wissen können, als ich 342 die alte braune Mauer, die ernste, melancholische Befestigung, drüben jenseits der Etsch, nach den Barbaren zu erblickte. Hier fand ich die ersten Römer, Auge in Auge sah ich diesen ernsten Jugendbekannten, mit denen ich im Cornelius Nepos so viel umgegangen war. Hier fand ich die Gothen, meine Ahnen – o, es waren tüchtige Ahnen, und alt, alt, langweilig alt. Dort drüben im Mondschein stand die Burg Theodrichs, wie ein bestaubtes Folioexemplar des Nibelungenliedes. Wenn er nun hinauf träte auf die Zinne, dein Ahnherr, der alte lange, in Eisen rasselnde Dietrich von Bern – wie lang müßte sein Bart jetzt sein. Die Italiener nennen heut noch einen rothen Kalenderheiligen zur Sicherheit neben dem rädernden Namen Theodorico. Hier fand ich die letzten Spuren der langen blondbärtigen Longobarden, in Verona nur giebt's noch hier und da ein wunderlich, gefährlich blondes Mädchen. Ich wollte den Hofrath Böttiger küssen, wenn er mir die Versicherung geben könnte, Julia Capulet sei blond gewesen, für diese Notitz scheute ich kein Opfer. Da – halt Kutscher – ja, das ist il castello vecchio , und es ist sehr möglich, daß der blutrothe Ezzelino dort gehaus't und seine Kerker bevölkert habe. Sehr möglich. Weiter, Kutscher, mich friert bei diesem Anblick. 343 So? – draußen, sagte er, weit draußen soll auch ein Grabmal des Königs Pipin sein. Man wirft die Zeiten hier wie ein Spiel Whistkarten durch einander, König Pipin möge mich entschuldigen, daß ich ihn mit einem »So?« abspeise, es ist zu lange her, daß er gestorben ist, und ich habe es nie zu einer Illusion über ihn bringen können, weil er »klein, kurz und dick« genannt wird. Hätt' ich nicht den Napoleon gesehen, ich hätte mein Lebtag nicht daran geglaubt, daß man zu gleicher Zeit klein, kurz und dick, und groß sein könne. Pipin war der erste französische Napoleon, er wird nur nicht gezählt, weil er einen größeren Sohn hatte. Kinder sind oft ein größeres Unglück, wenn sie gerathen als wenn sie mißrathen; 's ist wie mit schönen Eheweibern. »Man könnte vorüberfahren« – was ist doch solch' ein launenhafter, moderner Reisender für ein unzuverlässiger Mensch. Die Alten hatten gar nicht Unrecht, daß sie sich auf Reisen ex officio Alles ansahen – man hat als Reisender ein Amt, und soll dessen warten. Hier sah ich zum ersten Male die breiten Massen einer lombardischen Stadt, den ganzen großen Unterschied zwischen ihr und einer teutschen. Wir sind 344 Gothen, Eingewanderte, wir fühlen uns nie sicher auf unserm Boden, wir haben eine Religion, und Häuser gebaut, die zur Hälfte sehnsüchtig im Himmel leben. Das ist hier Alles anders. Klobig, breitgedrückt sind die Paläste, nirgends spitz strebend, nirgends nach dem Himmelreich lüstern wie bei uns. Befriedigt sind die Häuser und Thürme, fertig mit ihrem Dasein – klassisch. Ein officieller Reisebeschreiber macht's wie die Exegeten mit der Bibel: er nimmt mit wenig Variationen denselben Grundtext an, und macht die gebräuchlichen Glossen. Bis einmal ein gescheidter Mann kommen und diesen und jenen sagen wird: Ihr seid Alle Narren. Ich wollt' er käme bald, eh man zu alt und ein zäher Narr wird. Denn das Alter unterscheidet sich eben dadurch von der Jugend, daß es an seine Narrheit glaubt. Der Mond schien klar, ich dachte, Jenny's Augen drin zu sehn, und hätte weinen mögen über die traurige Geschichte Jenny's, die ich nicht kannte. Verona, die Stadt der Montecchi und Capuleti stand so regungslos da, weiß wie ein Todtenhemd fiel der Mondschein in die Gassen, Julia ist todt – Alles todt. Der Wagen rollte weicher auf der breiten weißen Heerstraße, ich drückte mich in die Wagenecke, und weil ich müde war, 345 dankte ich Gott, daß ich nicht die Welt zu regieren brauchte, sondern schlafen könnte. Das Geräusch des Wagens wurde immer leiser und leiser, und immer schwächer und schwächer wurden die Worte. Meine Geschichte ist sehr teutsch – die Polizei weiß deine Adresse – nicht doch Jenny – nicht doch – – 346     Montebello. Es war immer noch klarer Mondschein, als ich auf der Station ankam. Der Postillon blies ein altes Reiterlied, ich dachte an die Schwadronen Latour-Maubourgs in dem Franzosenkriege, dachte an Reiten, Reiten, ich dachte, ob man nicht aus der Welt reiten könne. Beim Mondscheine fällt mir gar zu oft Bürgers Lenore ein, da reiten sie auch gespenstisch zum Teufel. Vor dem Posthause hielt ein eleganter Reisewagen. Eben spannte man frische Pferde davor. Ein Mann stand an der Thür, es schien der Reisende aus jenem Wagen zu sein. Der Mond beschien ihn hell; er hatte jenes wunderbar Anziehende, was wir Poesie nennen. Die schmalen Lippen waren geschlossen, große, sehr schön große graue Augen sahen starr nach dem Monde, und regten sich nicht. Die langen schwarzen Wimpern machten nicht die geringste 347 Bewegung, der Mann hatte ein feines Gesicht, dessen Farbe ganz blaß war. Ein schmaler Bart flog leicht über die Oberlippen. Ich hielt ihn für einen Militair, und es lag gewiß nicht bloß am Mondscheine, daß er mir so leidend, romantisch, interessant vorkam. Wunderlich genug konnte ich den Gedanken nicht los werden: der Mann hat sehr unglücklich geliebt, oder ist öfter am Rande des Todes gewesen, was im Grunde einerlei ist. Wir bemerkten es Beide nicht, daß ich ihn unverwandt anblickte. Da kam man fragen, ob und wohin ich weiter fahren wollte. Ja, erwiderte ich, nach Montebello. Bei diesen Worten sah er mich an, es schien mir, als freue ihn mein Anblick. Ich grüßte ihn; er nahm keine Notiz davon, bot mir aber einen Platz in seinem Wagen an, da er auch nach Montebello reise. Da mich kein eigner Wagen hinderte, so nahm ich's an. Lieben Sie den Marschall Lannes? fragte er mich. Sehr, mein Herr, er war einer der frischesten Paladine Napoleons. Nicht wahr? sprach er, und drückte mir flüchtig die Hand. Ich fahre eigentlich zu ihm auf's Schlachtfeld, wenn Sie nichts dagegen haben. 348 Der Bediente des Reisenden sah mich scheu und wunderlich an, als ich in den Wagen stieg. Die Straße zwischen Verona und Vicenza ist eine breite, sehr breite weiße Chaussée. Es könnten vier Wagen neben einander fahren. Mein neuer Bekannter sprach nicht; ich glaubte also, Schweigen sei ihm angenehmer, und schwieg auch. Da bat er mich aber sehr liebenswürdig, fast rührend, ich möge sprechen; er habe eine große Sehnsucht nach Menschenstimmen, namentlich nach teutschen Worten. Ich weiß selbst nicht, wie es kam, wir hatten teutsch mit einander gesprochen. Der Postillon schlief ein, die Pferde gingen sacht, die Nachtluft flog leise und sanft wie ein müder Vogel an unserm offnen Wagen hin, die weiße Straße leuchtete gespenstisch, es war so still – warm – italienisch, ich dachte an Boccaccio, der in solchen lauschenden Nächten seine schönsten Novellen geschrieben hat. Ich hätte gar zu gern eine Novelle gehört. Wenn es so schweigsam ist, da flechten sich die kleinen Begebenheiten, die Charakterzüge, die Augen und all' die einzelnen Theile so bescheiden und fleißig in einander, sie verschränken ordentlich gegenseitig die Arme, und eh' man sich's versieht, ist die Vorarbeit erfüllt, und die Katastrophe überrascht uns selbst wie kleine Kinder, welche langsam das Grundblatt ihres 349 Kartenhauses weggezogen haben, und nun erschrecken, daß es plötzlich zusammenstürzt. Mein Begleiter nickte sehr lebhaft mit dem Kopfe, und als ich ihn fragte, ob er gern Novellen höre, da nickte er noch fort, nahm meine Hand, faßte sie fest, und sagte: ich werde Ihnen selbst eine erzählen. Sagen Sie mir offen, mein Herr, würden Sie sich erschießen, oder besser, könnten Sie sich erschießen, wenn Sie grenzenlos unglücklich wären? Aber, ich bitte Sie recht schön, ganz, ganz offen, als sprächen Sie mit sich selbst? nichts von der falschen Muthpoltronerie, bitte, bitte – – Ich sagte ein Wenig betroffen über die Querfrage, bei der Leben und Tod auf seinem Gesicht stand, und bei der er in die Wagentasche nach einem Pistol griff – es knackte, er zog den Hahn auf – ich sagte offen und ehrlich, daß ich's schwerlich könnte. Es gehöre gewiß der größte Aufwand von Muth dazu, wenn man nicht Paroxysmen ausgesetzt sei, und das Geschwätz von Feigheit, wenn sich Einer erschieße, sei eben ein Geschwätz der Feigen, die sich nimmer erschießen könnten. Man habe es aus Vorsicht zur religiösen Formel gemacht, den Selbstmord Feigheit zu nennen. Das Leben sei Alles. Sein ganzes Gesicht strahlte vor Freude, er schoß die Pistole in die Luft, und umarmte mich stürmisch. Der Postillon fuhr hoch in die Höhe, und peitschte 350 maschinenmäßig sogleich in die Pferde hinein, einen Räuberanfall fürchtend, das bedenkliche Gesicht des Bedienten bog sich in den Wagen. Mein Begleiter sagte mir leise in's Ohr. Ich kann's auch nicht. Und als er die Worte gesprochen, ward er wieder sehr ernsthaft. – Die Pferde gingen wieder langsamer, der Postillon schlief wieder ein. Ich hatte nichts mehr gesagt, und nach einer langen Weile sprach mein Nachbar noch einmal leise vor sich hin: Ich kann's auch nicht, und dann fing er unaufgefordert folgende Erzählung an. Es giebt in Teutschland ein kleines Herzogthum, das heißt Braunschweig, und seine Hauptstadt heißt eben so. Dort lebte während eines kalten teutschen Winters ein junger französischer Officier. Er war aus dem früheren Burgund, und war wie alle modernen Burgunder von tiefer, melancholischer Reizbarkeit, hatte weniger Lebhaftigkeit, aber mehr innere Beständigkeit und Ausdauer, als die Franzosen sonst haben. Dieser Mann war eines Abends auf einem Hofballe im Schlosse. Weil er nicht viel tanzte, stand er in einer Fenstervertiefung mit übereinandergeschlagenen Armen, und sah dem bunten, hüpfenden Treiben zu. Da tanzt eine hohe, schlanke Dame vorüber, ihr Auge weilt einen Moment fragend auf ihm. Sie war sehr schön, und Alexandre sieht ihr 351 neugierig nach. Die zweite Runde bringt sie wieder in seine Nähe – die Augen begegnen sich. Es war ein tiefer Himmel in diesem dunkelblauen Auge – Alexandre ging in den Saal, die Dame zu suchen, sie kennen zu lernen. Ein Bekannter sagt ihm, es sei eine reiche Engländerin. Sie tritt eben zum Kontretanz an. Ihre Figur war von jener lyrischen Weichheit, welche die Engländerinnen so reizend macht, von jener luftigen Schlankheit, um welche ein volles, zartes Fleisch spielt von zauberhafter Inkarnation. Viele gescheidte Leute halten die Engländerinnen für die schönsten Weiber. Sie hatte lichtbraunes Haar, eine feine goldne Kette schimmerte darin. Eben fing sie den Kontretanz an, und die schöne, wiegende Figur schwebte vor ihm her, ihre schönen, entblößten Arme tanzten langsam mit wie ernsthafte Grazien. War es die goldgestickte rothe Uniform Alexandres, war es sein entzücktes, loderndes Auge – die englische Dame sah oft nach ihm hin, aber nicht mehr mit jenem ersten unbefangenen, forschenden Blicke, sondern mehr eilig, vorüberfliegend. Gleich nach dem Kontretanz war sie verschwunden, Alexandre suchte sie umsonst; er harrte, sie kam nicht wieder. Er warf sich in den Wagen, er fuhr durch die Straßen, hinter jedem erleuchteten Fenster vermuthete er sie, und schwelgte mit ihrem Bilde. 352 Es verging eine Woche; er fand sie in keiner Gesellschaft. Eines Abends glaubte er sie in einer Loge des Theaters zu sehen, und es schien ihm, sie zöge sich zurück, als sie ihn erblickte. Aber warum das? Er warf den Gedanken fort. Othello wurde gegeben. – – Am andern Morgen fand er einen Brief auf seinem Nachttisch. Darin fragte man ihn, ob er des Mohren Eifersucht übertrieben fände. Den Kopf voll England schrieb er drunter: » yes «, und versiegelte den Brief wieder, wie es verlangt worden war, und gab ihn seinem Bedienten, bei dem er abgeholt werden sollte. Er hatte für nichts Sinn; heut war er bei Hofe zur Tafel, und wußte, sie werde auch da sein. Sie war nicht da. Erst acht Tage darauf begegnete er ihr zu Pferde. Sie war keck genug, ohne einen Geleitsherrn auszureiten, und hatte nur einen Jokey hinter sich; er war dreist genug, sich auf der Landstraße selbst vorzustellen, und zu ihrem Beschützer anzubieten. Die Dame war wirklich ein Wenig verlegen, aber Alexandre war ein gewandter Mann. – Sie ritten auf Nebenwegen nach der Seite des Harzes zu. Er erzählte ihr von Frankreich und von Paris. Paris, sagte sie, gefiele ihr, und sie werde hinreisen. 353 »Wann, Milady?« »Bald – morgen«. Und sie bestellte beim Jokey die Reiseangelegenheiten, und jagte ihn im Karriere nach der Stadt. Alexandre war in der peinlichsten Unruhe; die Lady stumm, aber schön, überaus schön. Die Sonne flog mit einem leichten Winde über ihr Antlitz, und die fliegenden hellbraunen Locken. Der aufgestülpte schwarze Sammthut mit der wogenden Feder, das weite Reitkleid gaben ihr etwas Fabelhaftes, das Antlitz war nämlich übergossen mit jenem englischen Nebelreiz, der gleich dem rosigen Reif eines Pfirsich wie Himmelssammt auf den schneeweißen Wangen liegt. Alexandre bat sie dringend, den Vorsatz ihrer schnellen Abreise aufzugeben. Umsonst. Er schüttete ihr sein ganzes Herz aus, gestand ihr seine glühende Liebe. Sie hielt ihr Pferd, sah ihm lange, durchdringend, voll Innigkeit, voll Staunen, voll Freude, voll Zweifel in die Augen. Der Blick war eine ganze Novelle. Dann wandte sie plötzlich ihr Pferd und sagte: »du bist galant«, und jagte pfeilschnell nach der Stadt. Alexandre holte ihren englischen Renner nicht ein. In ihrer Wohnung ward er nicht vorgelassen – Alles packte an den Reisewagen. Am andern Morgen fand er wieder ein Billet auf seinem Tisch, darin stand. »Als ich dich zum ersten Male auf dem Balle in der Fenstertiefung stehen sah, 354 liebte ich dich. Du hast jenes Antlitz, was meine Seele sucht, deine Augen hab' ich von Jugend auf in meinem Herzen gesehn; mit ihnen hab' ich Shakespeares Liebesscenen gelesen. Aber ich liebe wie der Tod bis zur Vernichtung; ich wich dir aus, weil ich dich ausschließender Liebe nicht fähig hielt, ich vermied dich, als du mir schriebst, Othello's Liebe sei übertrieben, ich fliehe dich, da ich deine süßen Worte gehört. Du bist zu schwach, meine Liebe würde dich unglücklich machen.« Jenny .     Alexandre war außer sich, er flog zu ihrer Wohnung – vor Sonnenaufgang waren die Wagen davon gefahren. Nachreisen durfte er nicht, es fesselten ihn Dienstgeschäfte. Nach zweien Tagen unterlag er der Last der Sehnsucht, eilte zum Herzoge, erzählte ihm sein unglückliches Glück, bat um einen Brief nach Paris, daß man einen Andern an seine Stelle schiebe. Der Herzog lachte und gewährte. Nach endlosen vierzehn Tagen waren die Angelegenheiten in Ordnung, und Alexandre reis'te nach Paris. Er wußte nicht, wo er Jenny finden sollte, und ließ gleich am Tage seiner Ankunft Aufforderungen für sie, ihm ihre Adresse mitzutheilen, in alle Journale rücken. Die Journale brachten keine Antwort. Alexandre flog drei Tage durch alle Salons, durch alle Theater, und fand sie nicht. Am vierten Tage 355 wurde in der großen Oper Rossini's Othello gegeben. Da jauchzte er auf, dort mußte er sie finden. Sie saß mit einem schönen jungen Manne allein in einer Loge. Sie war ganz weiß gekleidet, und sah wie der Frühling aus. Ihr Begleiter hing mit den Augen an ihrem Antlitze, und sprach viel und eifrig mit ihr. Neben sich hörte er: » Voyez la belle Anglaise et le duc « – – Die Eifersucht Othello's schien ihm heut natürlich, und er eilte voll Glück und Zweifel in ihre Loge. Sie empfing ihn wie einen alten Bekannten, aber kühl und gewöhnlich, und ließ sich in ihrer Theilnahme an der Oper nicht stören. Erst am Schluß derselben brach sie auf, sagte ihm: » bon soir «, und ließ sich vom Herzoge an den Wagen geleiten. Alexandre war bestürzt bis zum Verstummen. Kaum ermannte er sich noch zu rechter Zeit, um den Bedienten nach der Adresse zu fragen. Er fuhr nach ihrer Wohnung, fest entschlossen, sie zu erwarten, und wenn sie erst gegen Morgen aus der Gesellschaft zurückkehre. Sie war zu Hause, und allein. Unangemeldet drang er in ihr Zimmer. Auf einem kleinen Tabouret saß sie im Winkel eines matt erleuchteten Zimmers, und bemerkte sein Eintreten nicht. Den weißen Hut hatte sie abgelegt, und den Shawl, der ihr 356 die Schultern bedeckt hatte, die Hände ruhten ihr im Schooße. Nach einer kleinen Weile trunkenen Anschauens sagte Alexandre mit leiser Stimme: Desdemona, Othello hat Recht. Ach, rief sie eben so leise, und fragte mit weicher Stimme: « Yes? « » Yes «,sprach Alexandre, fiel vor ihr nieder, und drängte sein Haupt in ihre warmen Hände, in ihren Schooß. Darauf hob sie ihm den Kopf in die Höhe, ihre Augen waren voll Thränen, und sie fragte ihn noch einmal ernsthaft, ob er einer solchen nichts duldenden, grenzenlosen Liebe sich hingeben könne. Ob er nichts, aber auch nichts, nichts außer ihr lieben wolle. Und als er bejahte, da stieg ein unendlicher Jubel auf, und ein Küssen und Kosen begann, daß ihr seidnes Atlaskleid völlig zerknittert, und das goldne Kettchen im Haar zerrissen wurde. Am andern Morgen verband sie der Priester, und sie lebten wie die Engel im Himmel. Einige Tage darauf reis'ten sie in dem großen, bequemen Reisewagen der Lady nach Italien, zwischen Verona und Vicenza kauften sie eine Villa, die in 357 der Nähe des Schlachtfeldes von Montebello liegt, und sie waren sehr glücklich. Eines Tags hatten sie eben gefrühstückt, und sich geküßt, als der Kammerdiener eintrat, um den Service abzuräumen. Er benahm sich ein wenig ungeschickt dabei, und Alexandre schärfte ihm ein, die große goldne Tasse, aus welcher er täglich trinke, ja in Acht zu nehmen, denn er habe sie außerordentlich lieb. Jenny trat zu dem Kammerdiener, um noch etwas auf den Teller zu stellen, der Teller geräth in's Schwanken, die Mundtasse Alexandres fällt an die Erde, und ist zerbrochen. Er ist verdrießlich, und will ausreiten, um es zu vergessen, was ihn ärgert. Sein Kanarienvogel schmettert ihm ein lustig Abschiedslied, und er bittet Jenny, den Vogel ja in Acht nehmen zu lassen, er habe ihn so gern. Jenny war hoch schwanger, und die kurze Trennung auf einige Stunden war immer sehr zärtlich. Als Alexandre zurückkam, begrüßte ihn sein Vogel nicht mehr, er eilt zum Bauer: man hat ihm die Füße abgeschnitten. Außer sich eilt er nach den Zimmern Jennys, und erzählte ihr die boshafte That, sie ordnen sogleich eine große Untersuchung an, aber es ergiebt sich nichts, Niemand will im Zimmer gewesen sein. Unmuthig ruft Alexandre bei Tische aus: Es fehlt nur noch, daß man den Hektor, meinen 358 getreuen Jagdhund, und die Zulma, meine schöne Stute, die Du mir aus England kommen ließest, Jenny, daß man diese beiden Thiere noch verstümmelte, dann wär ich doch all' meiner Lieblinge baar. – Wenige Tage drauf war der Hektor verreckt und die Zulma lahm. Aber Jenny lag in Kindeswehen, Alexander hatte keine Zeit für seinen Grimm. Sie gebar ein reizendes Mädchen, und Alexander war unaussprechlich glücklich; er herzte und küßte das Kind ohne Ende – Du hast wohl die Kleine sehr lieb, Alexander,« fragte Jenny. »»Außerordentlich«« »Wohl lieber, als mich, Alexander?« »»Wie kannst du so thöricht fragen.«« Alexander geht auf sein Zimmer. Bald darauf hört er ein kreischendes Geschrei. Es ist die Amme, welche ihm die schreckliche Kunde bringt, die gnädige Frau habe eben das kleine Kind ersticken wollen. Sie habe es mit Mühe gerettet; die gnädige Frau müsse schwer krank sein. Entsetzt eilt er zu ihr, sie liegt bleich auf dem Bett, und erklärt ihm mit matter Stimme, er möge sie verlassen, wenigstens auf einige Zeit verlassen, sie liebe ihn so grenzenlos, daß sie darüber zu Grunde ginge. Aus Eifersucht habe sie die Tasse zerschlagen, den Vogel verstümmelt, den Hund vergiftet, seinem 359 Pferde eine Flechse zerschnitten, aus Eifersucht habe sie eben ihr Kind tödten wollen. Sie könne nichts um ihn dulden was er liebe. Und er reiste ab von der schönen Villa, ging über die Alpen nach Teutschland, er reis'te ohne Zweck und Plan, es war ihm wüst und traurig zu Muthe, vor seiner schönen Jenny empfand er einen unheimlichen Schauder. Zufällig kam er wieder nach Braunschweig. Jenny ging von Montebello nach Paris. Sie schrieben einander kurze Briefe, und so verging ein Jahr. Ihr Kind war an der Bräune gestorben. Alexander konnte sich nicht mehr denken, daß er an Jennys Seite ruhn, daß er ihren Mund küssen könne! Ein weiches, teutsches Mädchen kam ihm in Braunschweig mit vieler Liebe entgegen, und er entschloß sich, Jenny die Scheidung vorzuschlagen, da ihnen zusammen doch kein Glück blühen könne. Er erzählte ihr, daß er ein Mädchen gefunden, die ihn mit ihrer sanften Liebe beglücken werde. Jenny antwortete ruhig und ganz zufrieden damit. Auch sie habe eine weniger heftige Neigung gefunden, sie sei vollkommen einverstanden mit seinen Gründen. Eins nur verbäte sie sich. Er möge sie Tag und Stunde seiner neuen Hochzeit wissen lassen, damit sie zu gleicher Zeit ihre Vermählung feiern könne. 360 Das geschah, und einige Wochen darauf ward Alexandre in der Kirche zu Braunschweig getraut. Seine neue Frau war nicht aus Braunschweig, und sie hatten beschlossen, sogleich am andern Tage zu ihren Eltern zu reisen. Es war noch sehr früh am Tage, man öffnete erst hie und da die Hausthüren, als Alexandre die Treppe herabstieg nach dem Flur, um etwas in den Reisewagen zu legen, der schon bereit stand. Da sieht er mit Staunen Jennys Jockey eintreten, denselben, der damals ihre Abreise nach Paris bestellt, der ihm in der Oper die Adresse gesagt hatte, der mit ihnen bei Montebello gewesen war. Er berichtet dem ahnenden Alexandre, daß seine Herrin gestern Morgen in Braunschweig angekommen sei. Gestern Abend habe sie ihm den Brief gegeben, und ihm aufgetragen, mit dem Frühesten ihn abzuliefern. Voll trüber Besorgniß erbrach ihn Alexandre hastig. Er lautete folgendermaaßen: »Ich mußte deine neue Frau sehn, ich war in der Kirche. Meine Heirath war nur ein Vorwand, dich nicht zu stören. Die Liebe zu Dir, mein Alexandre, ist noch so unsäglich wie sonst. Die heutige Nacht kann ich nicht überleben. Wenn du diesen Brief erhältst, ist dein Liebesgespenst todt. Sieh', das wußte ich Alles damals, als ich dich zum ersten 361 Male in Braunschweig sah – Gott wollte es aber, daß der Othello noch einmal erfüllt würde.« » Questa è 'la campagna de Montebello « sprach der Postillon, und hielt die Pferde an. Der Wagen stand am Ufer eines ausgetrockneten Flusses, in welchem lauter trockne Steine lagen, der Mond sah bleich darauf herunter. Schweigsam stieg mein Begleiter mit mir aus, er stützte sich auf meine Schulter, und wir gingen in das Flußbett hinab. Ein lauer Wind strich darin entlang. Der Bediente kam, um uns Kissen zum Sitzen unterzulegen. Wir setzten uns aber auf die Steine, und mein Begleiter sagte: das ist der unglückliche Jockey, das Einzige, was mir geblieben. »Sie haben mich still angehört, mein Herr, fuhr er fort, »und am Schluß nichts Unnützes gesprochen. Halten Sie mich nicht für wahnsinnig, wie Manche thun, ich bin's leider nicht, und ich kann mich auch nicht erschießen – nicht wahr, mein Herr, das ist ein Unglück. Wahnsinn ist ein Irrthum, und das Unglück ist ein Kind des Irrthums, und böse Kinder werden immer schlimmer als ihre Eltern; denn sie werden immer größer. – Wollen Sie mir einen Dienst erweisen? »Ja.« 362 Er führte mich eine Strecke in dem Flußbette hinauf, bis an eine dunkle Stelle, wo sich die Bäume neugierig über das Ufer legten. Dort trat er mit mir in's Düstre, zog einen Dolch aus der Tasche, und bat mich, ihn zu erstechen. »Ich schäme mich vor Jenny;« sagte er, »machen Sie meiner Schaam ein Ende.« Der Jockey war uns nachgeschlichen und stand hinter ihm. Ich sagte ihm aber, das Leben sei die Hauptsache, den Tod könnten wir nicht verantworten, aus Gefälligkeit und hergebrachter Konvention mitsterben, sei nur in veralteten Trauerspielen Mode. Er solle eine Fußreise nach Spanien machen, da würden ihm die Grillen vergehn, er solle die Geschichte alle Tage Jemand erzählen, da würde sie ihm bald gleichgültig vorkommen. Im nächsten Jahre um dieselbe Zeit hoffte ich ihn am südlichen Thore von Sevilla wiederzufinden. »Topp!« sagte er – Topp, sagte ich – trinken Sie viel frisches Brunnenwasser und gehen Sie viel zu Fuß; dabei vergißt sich Alles. Und er ging. Bald hörte ich den Wagen rollen, immer weiter, weiter auf der harten Heerstraße. Mein schön gestickter Tabacksbeutel steckte in der 363 Wagentasche, ich hätte ihn gern wieder gehabt, denn ein französisches Mädchen hatte mir ihn gestickt in stillen nächtlichen Stunden. Der arme Alexander! Er braucht viel Klugheit, um seinen Jammer zu betäuben, und erschießen kann er sich nicht, und ich fürchte, der Jammer wird alle Tage wachsen. Am südlichen Thore von Sevilla werd' ich ihn schwerlich finden, und nach meinem Tabacksbeutel fragen können. Es war ein schlimmes Omen, daß er sich auf der Campagna von Montebello eine Villa kaufte. Ja, hier schlug er zwar seine schönste Schlacht, der schöne, stattliche Lannes; hier ward er durch sein Schwert ein Herzog von Montebello. Aber jener stattliche Lannes, jener Duc de Montebello war just so unglücklich wie Alexander. Und auf diesem Boden müssen lauter solche Geschichten spielen. Er liebte die Freiheit wie Brutus, aber er konnte dem göttlichen Auge Napoleons, des fränkischen Jupiter, nicht widerstehen. Er sah die Tyrannei, und den Jammer, und die mörderischen Kugeln, er sah Alles das voraus, aber er stürzte sich ihm in die Arme wie Jenny dem schönen Alexander mit dem süßen, melancholischen Gesichte. Napoleon war ein kluger Mann, und er wußte wohl, wie viel der ritterliche Lannes ihm opferte, wie jene Siege, welche er so wild mit erfechten half, 364 sein Herz immer mehr zerrissen. Napoleon wußte es wohl, daß der Duc de Montebello mehr war als ein ritterlicher Soldat, und als bei Eßlingen die Kanonenkugel seinen Leib zerschlug, da beugte sich jener unbeugsame Kaiser in bitterm Schmerze über den blutenden Lannes und rief: Es ist nicht möglich Lannes, daß Du stirbst – denn der ergebne Freund, der unsre Schwächen kennt, ist mehr werth, als der thöricht ergebne. » Il est impossible, Lannes, que tu meurs. « – – Lannes aber starb, und seinen letzten, brechenden Blick wollte der Kaiser nicht verstehen – er ging bloß hinein in sein Zelt und weinte bitterlich, und schrieb an des Lannes Frau, und bat ihr das Unglück ab. Wenn wir's sonst nicht wüßten, daß Napoleon ein großer Mann gewesen sei, die Männer, jene ehernen Freunde, die rings um ihn fielen, weil sie ihn anbeteten, würden's uns sagen. An Rolands Liebe habe ich Karl den Großen erkannt. Es war so mondeinsam auf dem Schlachtfelde, ich saß im Flußbett unter einer langhaarigen Weide und dachte an die nächtliche Heerschau vom Freiherrn von Zedlitz, und an »die blutigen alten Schwadronen,« die »trapp – trapp – trapp« vorüberritten, und an die marmornen bärtigen Garden, welche 365 vorübermarschirten, »eins – zwei – eins – zwei.« Regungslos sahen alle Augen links her, da stand Er, und wo eine Bärmütze stürzte, da trat eine andre ein, und die Augen blieben immer links her gerichtet, ob er sie auch sähe. So tanzen junge Mädchen, deren Geliebter an der Seite steht, und dem Tanze zusieht, sie sehen nur nach ihm. So tanzten die allen Garden im Paradeschritt zum Tode durch den Kugelregen, und erst dicht vor dem Feinde fällten sie das Bajonett und ohne einen Laut drangen sie tödtlich ein, vor diesem gespenstischen, marmornen Stillschweigen aber liefen die Feinde heulend davon. Denn der schweigsame Muth ist der Heldenmuth. – – Und all' das hat dir nichts geholfen, unkeusche Italia. – Mit diesen Worten wachte ich auf unter der Weide am Schlachtfelde von Montebello. Die Sonne schien mir in's Gesicht, der ganze Leib schmerzte mich, ich hatte auf Steinen geschlafen. Ja, man bettet uns hart. – Ich hinkte nach der Brücke, über welche die Straße führt – da kam ein Einspänner hergetrabt, drinn saß mit seinem Tubus der Archivarius, und als ich unter seinem Glase erschien, schlug er die Hände zusammen und rief: Sie werden sich noch einmal schön erkälten. 366 Ja wohl, sagte ich, und stieg zu ihm in den Wagen. »Wo sind wir denn jetzt?« Wir fahren über das Schlachtfeld von Montebello. 367     Vicenza. Außer in Belgien und in Klein-Asien sitzen sich nirgends die großen Städte so auf der Schulter als in Ober-Italien. Man schläft nicht aus von einer zur andern. Nach Malta und Belgien wohnen auch die meisten Menschen hier zusammengedrängt. Die Straße nach Vicenza ist noch heut so breit, daß die große Armee 25 Mann hoch marschiren kann; und weiß wie Kreide. Weithin nach Norden und Süden ziehen sich dunkle ausdruckslose Felder von Rankengewächsen, die Morgensonne lag glühend auf der Gegend, als wir uns Vicenza näherten. Es schweigt Alles in ihren Strahlen, das ganze Land hat ein katholisch stilles Kolorit; ich könnte mir keine schwatzhaften, predigenden Protestanten in Italien denken. Schon wegen der Sonne können Luther und Calvin kein Glück hier machen. 368 Viecnza ist eine Sommerresidenz der Lombardei, ein Mittelpunkt des Lombardischen Adels. Die weite dunkelgrüne Fläche ist erfüllt von Villen und adeligen Häusern, und in der Stadt ist die einzige große Oper, welche im Sommer thätig bleibt. Ich glaube, nur in der Messe wird auch in Bergamo gesungen, in Bergamo, wo Tasso geboren ward. Sonst sind alle die riesengroßen Opernhäuser geschlossen und beschattet von geheimnißvollem Bretterdunkel. Man glaubt es aber kaum, wie wichtig Oper und Theater für den Italiener ist. Puppenspiel und Komödie ist sein Element, die Franzosen sind die Schauspieler der Weltgeschichte, die Italiener die Komödianten der Liebhabertheater. Wie die alten Römer rasen sie noch heut für die vicensischen Spiele. Sie reisen von Venezia nach Milano, von Milano nach Fiorenza, von Fiorenza nach Roma, um eine neue Oper zu hören. Die Opern sind ihre Staatsactionen; eine neue Oper ist der Mittelpunkt einer ganzen Jahreszeit. Daneben fehlt ihnen, wunderlich genug, der Tanz. Dieser ist völlige Nebensache in Italien. Klima, körperliche Faulheit, tiefere Volksgebräuche mögen die Ursache davon sein. Ein unverheurathet Mädchen darf nie tanzen, und diese Sitte ist nicht eben ohne Grund, wie das mancher eifersüchtige Liebhaber zugestehen wird. Wer giebt gern allen frivolen Händen den heißen unerfahrnen 369 Leib seines Mädchens preis. Ich war einst sehr entzückt, als mich ein teutsches Mädchen nach dem ersten Kusse versicherte, jetzt tanze sie nimmer wieder, Sie kam mir wie eine freiwillige Heilige vor. Solche heilige Feminina giebt's zur Genüge in Italien. Auch die niedrige Klasse tanzt nicht wie bei uns in den Schenken um die Säule herum, sie amüsirt sich stiller. Die Liebesintriguen sind bekanntlich in Italien an der nächtlichen Ordnung, aber man darf nie vergessen, daß sieben Achtel davon mit Frauen spielen, auf die Mädchen kommt sehr wenig. Das sind statistische Notizen für Reisende. Darum heurathen auch die Mädchen blitzgeschwind, sobald ihnen ein Mann nur den kleinen Finger beut. Sie werden erst durch den Ehemann, das heißt durch seinen Namen, Mitglieder der Gesellschaft. Die armen Mädchen, besonders wenn sie nicht aus vornehmen und reichen Betten stammen, sind sehr übel dran. Ein Mädchen kann sich bei der Opera nur in der Loge sehen lassen, in's Parterre gehen nur die, welche keine Mädchen sein oder bleiben wollen. Die Logen sind aber theuer. Das Land gehört den patricischen Familien; das arme Volk ist nicht so vortrefflich dran, als wir glauben, wenn es auch nicht so leicht hungern muß, wie bei uns; denn der Italiener hat wenig Hunger 370 und stillt ihn sehr wohlfeil mit einem Stück Polenta und Wassermelone. Die bekannten Pinienzapfen oder pignoli sind schon eine Delikatesse. Napoleons Franzosen sollen Monate lang davon in Spanien gelebt haben. Man röstet sie, und der Kern schmeckt wie Mandeln. Was das Vergnügen anbetrifft, so entschädigen sich die niedrigen Klassen in den Kirchen und des Sonntags im Tagstheater und auf dem Korso, wo sie spazieren gehn. Jede italienische Stadt hat ihren Korso, da fährt Abends um die siebente Stunde die beau monde sich und die schönen Kleider spaziren. Das ist der Eitelkeitsweg der Stadt, wo man mit schönen Equipagen, Gesichtern und Toiletten wetteifert. Das sind die italienischen Bälle. Die Patrizier fahren und produciren Pariser Moden, die Plebejer kommen aus dem Theatro diurno und produciren italienische Augen und legère, ungeschnürte Taillen. Die alte italienische Komödie mit den stehenden Figuren ist übrigens in jenen Theatern längst verstorben, die alten Späße, über welche der Großvater schon gelacht hat, verfangen nicht mehr, Pantalone mit dem Bocksbart ist schläfrig, Arlechino ist lahm. Scribe und Kotzebue sind an der Tagesordnung. Auch das italienische Volkselement ist verwirrt worden, ausländische Melodramata werden mit hungrigem Interesse angesehn. 371 Der Korso von Vicenza zieht sich bis hinaus in's Freie nach dem Campo Marzo, und soll einer der schönsten in Italien sein. Was die Vicentiner selbst anbetrifft, so kann ich nicht darüber urtheilen, ich habe nichts als Sonnenschein und steinerne Gebäude gesehn. Die Sonne war dreist italienisch an jenem Tage, und nur Geschäftsleute und Gesindel ließen sich in Vicenza sehen. Geschäftsleute sind aber in Leipzig und in Vicenza gleich uninteressant, und das Gesindel gleicht sich überall in Italien: es hat braune, schmutzige, adlige Gesichter und bettelt bis auf's Blut. Wenn ich Napoleon gewesen wäre, ich hätte mit dem italienischen Gesindel einen großen Prozeß vorgenommen. Ein stumpfes. nordisches, slavisches Element reißt immer mehr ein in die Gesichter der Teutschen. Es werden immer mehr verwischte Novellengesichter producirt, die scharfen, schönen Umrisse hören am Ende einmal ganz auf, es droht uns eine trostlose Flachheit der Gesichter. Ich hätte als Napoleon einige hundert dieser italienischen Bettler in warmen Bädern rein waschen, sie in goldne Kleider nähen lassen und sie als Ducas und Marcheses nach Teutschland geschickt. Sie hätten alle vortreffliche Partieen gemacht, den alten Adel wieder aufgefrischt. und lebten jetzt als sekularisirte und mediatisirte Herrlichkeiten. – 372 – Ich trat mit dem Archivarius aus dem Wirthshause. Wir hatten zu Mittag gegessen und waren sehr mißvergnügt. Das römische Essen disharmonirte entschieden mit unserm germanischen Magen. Wir zogen so lange grämliche Gesichter, bis wir einander ansahen und lachen mußten. Auch der Speisezettel ist so renommistisch wie Alles in Italien, er ist endlos lang wie Leporellos Register »all' der Damen, die sein Herr geliebt und liebet.« Unkundig jener stockitalienischen Namen der Gerichte verlangte ich schulmäßig und einem soliden Studium angemessen von oben herunter eins nach dem andern. Aber ich war bis auf die Hälfte des Zettels gekommen, und noch war nichts erschienen, was nur von Weitem an etwas reell Teutsches, noch weniger Englisches erinnert hätte. Jedes kleine, unbedeutende Beiessen, was man bei uns gar nicht nennt, was sich von selbst versteht, spielte hier eine selbstständige Charakterrolle. Und Alles triefte von Oel – die Olivenwälder sind ganz scharmant, aber die Olivensaucen sind übel. Man verjagt den Hunger an einer italienischen Tafel, aber nur durch Ekel. Schon in Vicenza seufzte ich nach vaterländischem Brote, nach schwarzem, hausbacknem, barbarischem Brote; ich habe mein Vaterland lange nicht so geliebt, als da mir übel war vom Vicentinischen Mittagsessen. Die wackre Gesinnung jener Landsleute, welche den 373 Börne schmähen, den Vaterlandsschmäher, fiel mir schwer auf's Herz. Ich hatte sie nie genug gewürdigt, und ich glaube, Börne verschont auch nicht einmal das Sauerkraut, nicht einmal das gemüthliche, teutsche Sauerkraut. Nichts ist dem Manne heilig, er frevelt an den schönsten Gefühlen. – Diese italienische Polenta, eine weiße porenlose Mauer aus Mais zusammengeknetet, kann einen verstockten Sünder zum Geständniß bringen. Ich habe nie Weinlieder geschrieben, da mir Essen und Trinken niemals poetisch genug gewesen ist, aber wenn man mir in Italien bei jedem Mahle jenen verwahrlos'ten rothen Wein vino nero - vino santo etc. vorsetzte, da hab' ich mit inniger Sehnsucht, mit heißem, poetischem Verlangen an unsre schlanken blanken Rheinweinflaschen gedacht, ich hätte gern den Anblick einiger Cypressen für einen tiefen, recht tiefen, teutschen Zug gegeben. Ach, ich habe in Italien fortwährend gedurstet. – Wir schlichen wie ein Paar Schüler, die schlechte Censuren bekommen haben, trübselig in dem Schatten der großen Häuser hin. Um solches Vergnügens willen so weit zu reisen! Aber die Schatten waren breit, die Häuser waren hoch. Wir sahen hinauf. Stolze, schöne Gebäude, und ohne Aufhören stolze, schöne Gebäude, und wie oft blieben wir stehn vor einem merkwürdig 374 majestätischen Hause – und die majestätischen Häuser glichen alle einander wie die Söhne einer und derselben Mutter. Auf einem Platze standen wir plötzlich selbst steinern vor einem gewaltigen, steinernen Säulenhause – es war ehrwürdig dunkelgrau, und hatte ein volles diktatorisches Gesicht wie ein römisches Richthaus. In den Säulengängen waren die schönsten Melonen, Pfirsichen, Aprikosen, Feigen, Orangen und Limonen aufgehäuft, ihre blendenden Farben hoben das düstre Haus. Wir sahen uns kopfschüttelnd an, und fragten einander, ob wir uns irrten, ob nicht Er aus Vicenza sei. Drauf erkundigten wir uns bei einem Weibe, das Limonen verkaufte, von wem das Haus erbaut sei. In Teutschland hätten wir einen Antiquar suchen müssen, hier weiß das jedes Hökerweib. Der alte Städtestolz ist noch nicht erloschen, der eine Zeitlang die Kräfte der Lombardei so auf die Spitze getrieben hat. Sie wissen nichts mehr von Guelfen und Ghibellinen, von Päpstlich und Kaiserlich, aber sie sind noch eifersüchtig, noch neidisch auf einander. In solchen Zeiten der Eifersucht haben die Griechen und Lombarden ihren Sturz vorbereitet; aber auch ihre größten Männer erzeugt. Es geht mit Völkern und Staaten wie mit den Früchten des Feldes und Baumes – wenn sie reif sind, werden sie gemäht oder fallen ab. 375 Und das ist die Tragödie der Weltgeschichte, über welche man eigentlich als ein gebildeter Mensch nicht mehr weinen sollte. Die Limonenverkäuferin bestätigte mit Feuer und Hast, daß Er aus Vicenza sei, ganz und gar aus Vicenza, und dort drüben sei das Haus, was er bewohnt, und alle Palazzi Italiens habe Er gebaut – si!  – – 376     Palladio. Im Jahre 1508 wurde des Morgens einem armen Vicentiner, der in einer schmalen Seitenstraße wohnte, ein Söhnlein geboren. Der Bube ward Andrea getauft, und wuchs auf mehr zu seiner Mutter als seines Vaters Freude. Er hatte ein stilles schweigsames Wesen und beschäftigte sich viel mit Spielereien, malte sich Bildchen, knetete Figuren aus Thon, lag in der Sonne und träumte. Der Vater meinte, er sei zum Handwerker verdorben, und die Mutter entgegnete, das freue sie, denn Andrea solle ein Künstler werden. Auf der Piazza vorn wohne ein sehr geschickter Meister in der Bildhauerei, mit dem habe sie gestern Abend gesprochen, und er werde den Andrea zu sich nehmen. Und so geschah's denn auch: der Bildhauer sagte, Andrea habe ein schönes Auge für den Marmor, ein großes weitläufiges Kunstauge, Andrea würde ein tüchtiger Meister werden. 377 Um jene Zeit war der Bube groß gewachsen und flügge geworden, er strich des Abends auf dem Korso umher, und die Mädchen schalten ihn heftig, weil sie ihn in dem Verdachte hatten, daß er mehr als eine Geliebte küsse. Andrea sah aber sehr ernsthaft dazu aus, wuchs immer größer, ward immer voller und tüchtiger, und die Figuren, die er mit seinem Meister schuf, wurden ihm täglich kleiner und unbedeutender. Es war viel Unruhe und Drang in seiner Brust. Am Thore von Vicenza liegt noch heut ein kleiner dunkelgrüner Hügel, der heißt seit vielen Jahrhunderten Monte Berico, und darauf stand damals eine ganz kleine Kapelle. Dorthin pilgerte Andrea gewöhnlich gegen Sonnenuntergang, und sah mit Sehnsucht in die Weite. Denn unter dem Monte Berico breitet sich wie ein dunkelgrüner Mantel die Lombardei aus. Das Herz schwoll ihm auf, Größeres zu schaffen als seine kleinen Statuen, und es quälte ihn, daß er nicht wußte, wie das anzufangen sei. So saß er auf der Treppe der Kapelle, das Land war vom Abende tief roth und blau, drinn am Altare kniete ein Weib, Alles war still, und die sinnliche lombardische Andacht schwebte durch die Luft. Es war dem Andrea selig unglücklich, als müßte er eine Welt gebären. – Da rauschte ein Kleid hinter ihm, er blickte rückwärts, das Weib vom Altare stand hinter ihm, 378 die letzten rothen Sonnenstrahlen fielen auf ihre hohe Gestalt und ihr hohes Antlitz. Sie war schön und verführerisch wie eine griechische Heilige. Andrea sprang vor Freude erschrocken auf, und seine ausgebreiteten Arme und seine trunknen Augen sagten ihr, daß er sie liebe. Die griechische Heilige sah ihn mit einem Blicke an, vor dem sein Herz aufsprang wie eine Knospe von der Morgensonne, und ihr weites, schwarz seidnes Gewand rauschte an ihm vorüber, und Andrea seufzte laut auf, und ward sich seiner erst wieder bewußt, als der fliegende schwarze Schleier unten in der Dämmerung verschwand. Er war in einem wunderlichen Zustande: die Gesichtszüge des schönen Weibes waren wie Sonnenstrahlen nur hindurch geflogen durch sein Gedächtniß, er hätte sie nimmer malen können. Aber stolze Tempel und Palläste stiegen auf vor seinem Geiste, hoch und üppig wie der Wuchs der schwarzseidnen Dame, mit wollüstigen Säulengängen und breiten berauschenden Lichtern wie die Augen, die großen Augen des Weibes. Ihre Augen erschienen ihm so groß wie der Himmel. Es weiß Niemand genau, wie jene Nacht und jener Tag vergingen, am andern Abende stand er wieder oben auf dem Monte Berico, und das schöne Weib stand neben ihm, und erklärte ihm die 379 Schönheit der Welt. Er stand eine Stufe tiefer denn sie, und sah mit dem seligsten Schmerze hinein in das weite Auge der Göttlichen, es war ihm, als könne er immer nicht tief genug hineinblicken, denn die Gebäude der athenischen Akropolis, und dahinter die Palläste von Babylon meinte er zu sehen, und hinter diesen Pallästen waren noch schönere, sein Auge reichte nur nicht weiter. So drängte er im Glück des Schauens sein Haupt nahe an ihren Leib; sie trat aber zurück und sprach: Du darfst mich nimmer berühren Andrea. So verging ein Abend nach dem andern; sie fanden sich immer wieder bei der kleinen Kapelle, und erzählten einander von den Schönheiten der Welt. An einem warmen Abende, als die schwarzseidne Dame ihren schönen, entblößten Arm ausstreckte, und einen Halbkreis zog an dem Horizonte, um einen phantastischen Pallast darzustellen, als Schulter und Busen dem vorgebeugten Arme sich nachsenkten, hin zu Andrea, so daß der warme Hauch ihres Lebens ihn berauschte, da vergaß er ihres Wortes, drückte ihren schönen Arm um seinen Hals, bedeckte Busen und Schulter und Mund mit Küssen, stürmte mit aller Raserei der Jugend in die weiche volle Schönheit des Mädchens ein, war unbändig wie ein Halbgott. Und das schöne Mädchen wehrte matt der überwältigenden heißen Liebe, und es ward dunkel im 380 Thal, es ward dunkel auf dem Monte Berico – das unendliche Küssen fragte nicht nach Sonne und Mond. – – Leuchtenden, glücklichen Auges stieg am andern Abende Andrea wieder den Hügel hinauf, um seine Geliebte zu küssen. Aber es ward dunkel in der Ebene und auf dem Monte Berico, nicht Mond, noch Sonne, noch irgend ein Stern konnten einen Kuß verrathen, Andrea saß einsam an der Kapelle. Und es vergingen sieben Abende einer langen Woche, seine Einsamkeit blieb ungestört. Er durchfragte alle Palläste, alle Hütten Vicenzas, er fragte jeden Wagen, jeden Schleier auf dem Korso, das Blut stürzte ihm in die Augen – nirgends, nirgends war die Dame seiner Palläste zu finden. Nach vielen Wochen erzählte ihm seine Mutter, daß man lange Zeit sein Leben und seinen Verstand aufgegeben habe, so sei er vom hitzigen Fieber geschüttelt worden. Als er bleich und matt zum ersten Male wieder vor das Thor kam, und die kleine Kapelle auf dem Monte Berico erblickte, da fuhren ihm dunkle, ferne, ferne Mährchen durch den Sinn von schwarzseidnen Tempeln, fleischigen, vollen Pallästen mit großen Himmelsaugen, Fenstern, auf welchen die ganze Sonne schlafen könne. Und auf dem Rückwege trat er in's Haus des berühmten Trissino, zeichnete ihm wunderliche Gebäude auf den Tisch, und 381 fragte ihn, ob er's nicht erlernen könne, solche Häuser wirklich zu bauen, er hätte ihrer gar zu viel in Kopf und Herzen, und müsse einige los werden, sein Auge lechze nach ihrem Anblick. Auch fühle er, daß er die Gestalt seiner verlornen Geliebten wieder aufbauen könne in schönen Pallästen. Und Trissino stieg mit ihm zu Rosse, und sie ritten nach Rom. Dort erklärte er ihm die Schönheit der Architektur, und Andrea sagte, das stimme Alles vollkommen zu dem, was er früher darüber empfunden, was er sich über volle architektonische Formen gedacht habe. Als sie zurückkamen, fing Andrea an zu bauen, lauter Palläste aus dem Auge seiner schwarzseidnen Dame, und auf dem Monte Berico erbaute er eine Kapelle in Form eines Maltheserkreuzes, welche die frühere kleinere einschloß, und welche heut noch steht. Man erzählte sich, jene Lehrmeisterin Andrea's sei eine sehr vornehme Dame aus Venezia gewesen, und es dauerte gar nicht lang, so schickten die Herren vom Markusplatze in Venedig den Titel eines »Baumeisters der Republik Venedig,« und Niemand baute in Oberitalien einen Pallast, der nicht dem Andrea den Bau übertrug. Andrea Palladio hieß aber jener Jüngling mit seinem vollen Namen, welchen jene Limonenverkäuferin so eiligst aussprach. Palladio heißt der Stolz 382 Vicenzas, und wo man in Oberitalien einen von den vollen, fleischigen Pallästen sieht, an welchen selbst die üppigen Säulen, Wollust der Schönheit zu empfinden scheinen, aus welchen gleichsam große, küßlustige Himmelsaugen blicken, da kann man immer von vornherein wissen, das ist einer von Palladios vollen Liebesgedanken. Und er hat der Gedanken unglaublich viel gehabt, Vicenza wimmelt von Pallästen des Signore Andrea Palladio, und Padua, Venedig hat Kirchen und Häuser in Fülle von ihm. Die Eitelkeit der italienischen Städte auf ihre Künstler hat etwas Rührendes. Verona auf Paul Veronese, Padua auf Petrarca, obwohl er bloß da gestorben ist, Venedig auf Titian, Vicenza auf Palladio. Und jede Stadt kennt ihren Helden bis auf die Fußspitzen. Man wieß uns das Haus des Palladio, und wir haben ihm zu Ehren vor seiner Thür Kaffee getrunken. Damit ich doch Einen beglücke, welcher die Jahrszahlen liebt, setze ich sein Todesjahr her – Andrea Palladio starb im Jahre 1580. Es ist nicht zu übersehen, daß er das sinnlich schöne, römisch-katholische Zeitalter des zehnten Leo, des weichen, schönheitsschwärmerischen Medizäers, mit durchlebte. Gerade damals legte sich der Katholizismus recht an die Brüste der Schönheit und Kunst, und während die Frivolität seines orthodoxen Aberglaubens auf's Höchste stieg, erstieg auch seine Schönheit 383 den Gipfel. Er glich einem koquetten Frauenzimmer, die immer übermüthiger wird, je mehr sie ihre Schönheit sich entwickeln sieht. – Damals warfen die ledernen Hände der nüchternen neuen Pfaffen in Nordteutschland die schönen nackten Bilder aus den Kirchen, strichen das Mysterium mit weißem Kalk an, verwandelten den verborgnen Gesang der Himmel in das trocken, irdische Geschrei einer unmusikalischen Menge. Im Süden ras'te man mit Wahnsinn, im Norden mit Vernunft. Und bei St. Veit eine vernünftige Raserei ist die unheimlichste. – Man hat dem Palladio den schönen Namen des Raphaels unter den Baumeistern gegeben. Wir brannten vor Begierde, auf den Monte Berico zu kommen. Er ist das Auge Vicenzas. Ja er ist für mich das Auge der Lombardei. Sanft aufsteigend geht man hinauf durch einen langen, langen bedeckten Säulengang, durch die Arkaden. Nach der Stadt zu und nach Osten sind sie offen, und die Lombardei wächst immer länger und breiter vor den Blicken, je höher man steigt. Und wenn man ihr Ende, ihren äußersten Höhepunkt erreicht zu haben glaubt, da haben diese liebenswürdigen Arkaden nur ihr Haupt gewendet und in der nämlichen langen, langen Ausdehnung laufen sie nach Südost sich 384 kehrend bis zur Madonna del Monte hinauf, jener Kapelle, wo die schwarzseidne Dame gestanden. Sie sind ein zauberhafter Guckkasten, diese Arkaden. Hier erfährt man die Bedeutung des Wortes »Lombardei.« Wie ein dunkelgrünes spiegelglattes Meer läuft die Ebene bis an die Tyroler Berge, und auf der andern Seite, endlos, ohne Begrenzung nach Padua hinüber, dessen Thürme wie ferne Segel schwimmen. Gleich kühnen Versen schießen hier und da die kecken Cypressen, die leuchtenden gerad' in die Höhe gehenden Kirchthürme auf; einmal wie das andre, links wie rechts, und diese liebenswürdige, großartige Einförmigkeit berauscht das Auge mit einer klassischen Poesie. Und ein dunkelfarbiger romantischer Friede liegt wie ein Romanzennebel auf der weiten Ebene, die alten römischen Helme, die gothischen Lanzenspitzen, die mittelalterlichen Barettfedern, die französischen Adler, Alles das sieht man abwechselnd zwischen den fernen Cypressen auftauchen und verschwinden. Dort oben in den Arkaden muß man römische Geschichte schreiben. Es hat jeder Mensch einen Lichtpunkt in seinem Leben, von wo aus sich die Strahlen über die früheren und späteren Tage verbreiten, dem Einen ist's das Auge der zuerst Geliebten, dem Andern ein freier, fröhlicher Frühlingsmorgen, dem dritten ein Gedanke, 385 welcher ihm das Weltgeheimniß aufschließt. Jene Madonna del Monte war mein Lichtpunkt Italiens – dort empfand ich bis in's innerste Herze die Schönheit Italiens. Ich stand mit verschränkten Armen auf der Treppe jener Madonnenkapelle wie Polykrates auf seines Daches Zinnen zu Samos, und sah hinüber das flache dunkle Land entlang bis an die Berge Tyrols. Die Ebene geht hügellos gleich einer glatten Tafel bis an das Fußblatt der Berge, wie sich diese Formation schon bei Salzburg ankündigte. Feine, durchsichtige Sonnennebel flogen herab von meiner Heimath wie Geistergewänder – Geister hast Du wohl, o Heimath, aber keine Farben. Die Farben sind es eben, welche wie dunkle verführerische Locken auf diesem Lande ruhen. Die Pforten der Kapelle standen offen, durch die verhangnen Fenster fiel ein kühler, dunkelrother Tag in das marmorne Gotteshaus. Die Madonna selbst ist schamhaft wie eine teutsche Jungfrau, stets verhüllt sie sich mit einem goldnen Schleier, nur wenn der Priester das Allerheiligste zeigt, enthüllt sie ihr Antlitz auf Augenblicke. Vor ihr lag, wie damals als Palladio eintrat, ein schwarz verschleiert Frauenbild, still und regungslos, schlafend oder sterbend in Andacht. Leise schlüpfte ich aus dem glatten Marmor hin: 386 der Ort schien mir durch den Glauben und die Natur, welche durch seine Fensterspalten sah, so heilig, daß mir jedes Geräusch verletzend erschienen wäre. Wenn ich zum ersten Male ein überaus schönes Mädchen sehe, so kann ich sie nur mit gedämpfter Stimme anreden. Es giebt eine gewisse Schönheit, die Stille und Schweigen erheischt. Im Refektorium hängt ein groß Gemälde von Paul Veronese, das sieht Einen plötzlich mit rührenden Augen an. Es ist La Cena di San Gregorio. Papst Gregorius hat immer eine reiche Tafel für die Armen bereit gehalten. Einst fand sich ein sehr schöner Pilger dabei ein, und setzte sich neben den mitspeisenden Papst, und als das Mahl zu Ende war, verwandelte sich sein Teller in Gold. Da erkannte der Herr Gregorius den Herrn Christus selber, wie mich dünkt, nur etwas zu spät, aber sehr bezeichnend für einen Papst, der erst Gold sehen muß, eh' er an die Heiligkeit glaubt. Auf heilige Teller versteht er sich, aber nicht auf heilige Augen. Ich kann mir nicht helfen, aber wenn ich die Gastfreundschaft sehe und Armenspeisung, so denke ich immer an Muhamedaner, höchstens an die Apostel, aber an unsre guten Christen nimmer. Es mag daher kommen, daß alle die magern Kaufleute mit dürren, langen Fingern, die ich gierig und einsam ihr Mahl verschlingen sah, 387 christliche Kaufleute waren. Aber trotz des realistischen Papstes und dieser ruchlosen Gedanken fiel das Bild wohlthuend auf mein Auge. Es füllt eine ganze Wand, und hat ein verschwenderisch reiches südliches Ansehn. In einem hohen Säulengange speisen die bärtigen Leute, Treppen führen von beiden Seiten hinauf, die bunten Diener mit den breiten Schüsseln drängen sich an einander vorüber, Kinder, Affen, Kardinäle, Hunde, Pagen sitzen durcheinander, inmitten glänzt das egoistisch-heilige Papstgesicht – es ist ein schönes Bild. Man erzählt, Paul Veronese habe das Bild auf der Flucht gemalt. In der Nähe von Vicenza liegt nämlich die Villa des Grafen Caldogno, dort habe Paul von Verona und Fasolo Fresken gemalt, und die des Fasolo seien dem Paul so schön vorgekommen, daß er ihn an einem heitern Morgen aus Eifersucht niedergestochen habe. Darauf sei er nach der Madonna del Monte geflüchtet, und habe hier zur Beschwichtigung seines Gewissens und zur Ausfüllung seiner Zeit die berühmte Cena gemalt. Die Gewissensbisse können nicht sehr heftig gewesen sein, denn der Pinsel ist stark und kräftig, die Farben sind frisch und munter, roth und grün. Das kommt von der italienisch katholischen Civilisation. – Als ich wieder durch die Kapelle ging, seufzte das schwarze Frauenbild tief und laut. Der 388 Archivarius stand in einer Ecke, beobachtete sie durch sein Glas, und machte mich aufmerksam. Sie schlug wirklich den Schleier zurück – es war Hortensia, das wunderliche Mädchen vom Gardasee. Aber wie verändert, wie tief und schwer verändert! Ein strenges, büßendes Römerinnengesicht schaute aus ascetischen Augen, und um den Mund hatte sich der bekannte griechische Tragödienzug unauslöschlich eingegraben. Ich trat an sie heran, ein todter Blick fiel auf mich, todt, lang, kalt – dann winkte sie mir abwehrend mit der Hand. Ein kleiner Küster trat an mich heran, und bat, das Mädchen nicht zu stören, sie wolle eine Tochter Gottes werden. Also auch in dir, du unternehmender Katholizismus irrt man sich, wenn man dauerndes, kühnes Leben sucht. In Teutschland werden die Leute moralisch und gehen in die Betstunden, wenn sie sich vor dem Vergnügen zu fürchten anfangen, in Italien gehen sie in's Kloster. Es ist doch schrecklich, daß der Herrgott so viel Vergnügen gedeihen läßt auf der Welt, es ist nicht nur schrecklich, es ist Unrecht. –   Padua. Wenn ich ein ächt englisches Gesicht sehe, da kommt mir immer eine ganze Schaar von historischen Gedanken. Dies helle, klare Gesicht mit dem Reife eines grünen neblichen Landlebens erinnert mich stets an die Völkerwandrung. In solchen englischen langen Gestalten, die so halbblond, vergeistigt gesund aussehen, erblicke ich das große Geschlecht der Gothen, welche den größten Theil Europa's damals verjüngten. Es ist mir immer, als existirten nur drei Menschengattungen in unserm Welttheile, nämlich Slaven, welche aus dem tiefen Asien und aus verborgenen asiatischen Thälern sich zusammengefunden haben; ferner Gothen, welche bis nach Spanien und Afrika drangen, und noch heut das Hauptelement von Teutschland, Skandinavien, England, Holland, Belgien, Nordfrankreich sind; drittens Ueberreste der alten klassischen Völker, der Völker, welche einst alle lateinisch verstanden. 390 Als wir an einem Landhause bei Vicenza still hielten, sah ich drei Männer auf dem Balkon stehen, und sie sahen aus wie ganz verschiedene Geschichtsepochen. Der mittlere war länger als die beiden andern, schlanker, mit unbestimmteren, aber interessanteren Gesichtsformen, mit einem drängenden, tief poetischen dunkelblauen Auge. Das war ein Barbar, der von den Gothen abstammte – es war nicht ein Lateinischer Strich an ihm, und die sanfte gothische Liebe lag auf seinen Augenbrauen, er mochte finster oder fröhlich aussehn. Die andern beiden waren nicht so groß, hatten Adlernasen und diktatorische Augen voll Kraft, aber ohne Phantasie. Alle Formen an ihnen waren fest, scharf, abgemacht, nichts aber blieb unbestimmt, zweifellos in ihrem Aeußeren. Und der Zweifel ist es, welcher die moderne Zeit beginnt: der Zweifel schuf neue Religionen, der Zweifel stürzte Rom, der Zweifel macht interessant, ein Wort, was die klassischen Völker gar nicht kennen. Sie waren bloß groß oder klein, schön oder häßlich. Und das sind sie zum Theil in Italien noch, sie sind wirklich noch die fortgepflanzten Leiber und Augen und Nasen der Lateiner, sie sind ganz, ganz andre Menschen als wir Gothen, wir Barbaren. Die lateinischen Völker sind heut noch schöner als wir, aber wir sind reicher, mannigfaltiger und interessanter. Das Wort Langeweile ist ihnen noch unbekannt, und 391 das ist ein Zeichen, daß sie viel langweiliger sind, als wir. Sie leben in Stößen, und tragen bewußtlos zwischen diesen tödtlich lange Pausen; wir leben in fortwährender Bewegung und Thätigkeit, wir sind viel breiter, umfangsreicher gebildet, die lateinischen Völker sind heut noch so einseitig wie Rom es war. Rom's Einseitigkeit war aber großartig, die jetzige italienische ist putzig. Sie produciren statt der altrömischen Triumphe scharmante Opern, und sind ein Vierteljahr lang von einer Tenorarie entzückt, und warten dann ein Vierteljahr auf eine neue. Statt der altrömischen Wundergeschichten erzählen sie sich kleine Geschichten von ihren Komponisten, und in Ermangelung größerer Gegenstände bewundern sie diese. Rossini ist einmal in Mailand in einen Musikladen getreten, und hat eine sehr schöne Dame dort gefunden. Er will ihr eine Liebeserklärung machen, die Dame fordert sie aber musikalisch. Und Rossini geht in's Nebenzimmer, und schreibt eine kleine Arie, wo jede Zeile mit einem gesungenen Seufzer schließt, und die Dame und Italien sind entzückt davon. Diese Geschichte vom Rossini im Mailänder Musikladen hab' ich in jeder Stadt zu wiederholten Malen erzählen hören, und sie erzählten das, wie die alten Römer von Cato's Tode in Utica gesprochen haben mögen. Die beiden Italiener auf dem Balkon erzählten 392 sie eben wieder dem Engländer, der zwischen ihnen stand, ich hörte sie bis unten seufzen, und wir machten, daß wir fortkamen. Der Weg nach Padua wird immer teutscher, man sieht sogar hie und da eine Wiese; es stehen Weiden am Wege, italienische Pappeln, Rüstern mit ihren flüsternden Blättern, Platanen mit ihrem dunkelgrünen Walde, sogar die schönen italienischen Ochsen werden seltner. Solch' ein Paar Ochsen, die mit altrömischer Gemüthsruhe vor einem Wagen liegen und käuen, dürfen auf einem richtigen italienischen Bilde nicht fehlen. Sie sind sehr groß und stark, haben edle, noble Ochsengesichter mit ernster, klassischer Ruhe, und ihre Hörner sind groß und kühn wie das Papstthum. Alle Ochsen, die ich dort gesehen habe, waren von weißer Farbe, und diese gab ihnen solch' ein menschlich melancholisches Kolorit, daß ich mir Italien gar nicht mehr denken kann, ohne seine stillen, wiederkäuenden Ochsen, die in schweigsamer Schönheit und lautlos ihre Lasten ziehn. Diese Ochsen haben auch die vielen tausend Verwundeten gezogen, welche für die Freiheit oder sonst Etwas in die Kugeln gelaufen sind. Auch die blutenden Räuber ziehen sie nach den Städten, und wenn ihnen der Priester begegnet, so halten sie still, damit der Sterbende die letzte Oelung bekomme, ja sie knieen selbst dabei nieder – es sind liebe historische Thiere, 393 die sich in Alles zu schicken wissen, und gleich allen Ochsen nicht ahnen, welch' eine furchtbare Kraft in ihrem Zorn und ihren Hörnern ruht. Auf dem Wege nach Padua findet man sogar eine Art von Dörfern, die wie in Teutschland hinter Bäumen liegen. Es geht der Meeresküste zu, alle Aussicht ist zu Ende, und dennoch wurden wir lebhaft daran erinnert, daß wir noch in Italien seien. Der Tag neigte sich, der Vetturin fuhr mit seinen kleinen dalmatischen Pferden, die hier sehr gewöhnlich sind, auf der breiten Straße frisch trabend dahin, es lag Alles still und glücklich um uns her. Da wies der Vetturin mit der Peitsche auf eine weiße Wolke hin, welche nach dem adriatischen Meere zu langsam vorüberzog. Sie war klein und unbedeutend, und wir begriffen nicht, was er damit wolle. Da sahen wir plötzlich, daß die Wolke in Feuer aufging; alle teutschen Träume und Allegorieen fielen mir ein. Sie schleuderte Blitze nach allen Seiten, und rückte nicht von der Stelle. So klein, so weißblond und so voll Feuer. »Auf dem Meere ist ein Gewitter«, sagte der Kutscher, und setzte sich auf seinem Sitze fester, und schüttelte mit dem Kopfe. Nach einer kleinen Weile kehrte er sich wieder um, und sagte uns leise, an unsrer Straße seien so viel Bäume, und es würden häufig Wagen angefallen von Spitzbuben. 394 In Teutschland habe ich immer auf die gute Polizei geschimpft, hier schimpfte ich auf die schlechte. Mit welchem Vergnügen hätten wir einige preußische Gensdarmes umarmt, wenn sie uns begegnet wären. Jeder von uns verachtete laut die Furcht vor eingebildeten Gefahren, und Jeder senkte still die Hauptbörse in den Stiefel, und rüstete sich eine Theaterbörse für den Banditen. Damit selbiger auch meine Delikatesse erkenne, steckte ich einen Dukaten unter das Silbergeld; wir wurden still, und erwarteten unser Schicksal. Es ward immer dunkler, und »Padua« – »Padua« seufzten unsre Herzen. Plötzlich hörten wir lärmende Stimmen unweit vor uns – der Vetturin seufzte den Namen eines Heiligen, und hieb in die Pferde – es schien ein Trupp von Landleuten zu sein, die aus Padua kamen. Endlich lag eine schwarze Masse vor uns, und der Vetturin athmete tief auf. Der österreichische Korporal mit der weißen Jacke und dem gelben Wüstengesichte war uns ein höchst erfreulicher Anblick, und zum ersten Mal in meinem Leben gab ich meinen Paß mit Vergnügen ab. Das Gewitter vom Meere hatte einen Schauer seines Zorns herübergeworfen bis auf's Land, die Straßen waren feucht, und die Regentropfen glänzten hie und da im Laternenschein. Es war ein 395 endlos Fahren durch allerlei Straßen, und ich mußte mich immerfort besinnen, wo ich sei. Es giebt Städte, bei denen man nicht einen Augenblick vergessen kann, wohin sie gehören; wer kann durch die vornehmen Berliner, durch die ängstlich stillen Casseler, durch die wogenden Wiener Straßen fahren, ohne fortwährend Berlin, Cassel und Wien vor Augen zu haben, wer verkennt eine teutsche Reichsstadt, eine polnische Landstadt! Aber in dies Padua konnt' ich mich nicht finden, die Doctoren von Padua rauschten mir mit ihren langen Roben im Kopfe herum, ich konnte die Vorstellung nicht los werden, daß wir in eine teutsche Universität gerathen seien. An den Häusern liefen die steinernen Lauben entlang, wie man sie in den schlesischen Gebirgsstädten sieht. Dort werden sie »Löben« genannt, und es sind Schutzdächer, welche fünf, sechs Schritte breit herüberreichen in die Straße, und lange Bogengänge bilden, wo man vor Sonne und Regen geschützt ist. Unter diesen »Löben« waren die Boutiquen geöffnet, und die Menschen liefen hin und her wie bei den teutschen Jahrmärkten. Dann rollte der Wagen wieder neben finstern alten Gebäuden vorüber, und die ganze mittelalterliche Gelehrsamkeit Padua's sah schwarz von ihnen herunter. Das gab der Stadt wieder eine düstre Würde. Aus einer Piazza hielten wir vor der »Stella d'oro.« 396 Alles in dem Hause war dunkler, kalter Marmor, der Fußboden, die Wand, der Tisch, der Fenstersims, es ward mir am Ende feierlich gelehrt zu Sinne, und ich ging mit gemessenen, ernsthaften Schritten aus, um mir die nächtliche Stadt zu besehen, unter jedem Quadersteine dacht' ich, ruht das Buch eines Doktors von Padua. Ein glänzend erleuchtet Gebäude zog meine Blicke und Schritte an. Es kam mir vor wie ein moderner salomonischer Tempel, auf den Vorplätzen saßen Herren und Damen. Wenige Stufen führten hinauf, und da saßen wieder Herren und Damen und eine endlose Reihe von Zimmern lag vor mir, ich mochte mich rechts wenden oder links, und Alles war glänzend hell, und überall saßen Herren und Damen. Ich war wie berauscht, und griff nach der ersten Säule, ob ich träume oder wache. Die Säule war glatter, kühler Marmor – ich rannte schnell durch die Säle, überall schöne Welt, glänzendes Licht, überall Marmor, Alles Marmor. Hat denn Tasso in Padua gelebt, ist's ein Palast aus Armida's Gärten?! – Nein, sagte der Archivarius, es ist ein Kaffeehaus, in Berlin würde man's eine Tabagie nennen. Genießen wir ein Glas Eis. Wir setzten uns, und man brachte uns Eis. Abgerundet, abgezirkelt wie ein schlanker rosenrother Thurm stand das Glas vor mir, ich scheute mich, 397 das Kunstwerk anzurühren. Eine volle Paduanerin saß nicht weit von mir, und sah mich forschend und lächelnd an – der gothische Barbar mochte mir aus allen Fingerspitzen kucken. Und doch war mir Alles, doch war ich mir selbst niemals so klassisch vorgekommen, als hier mitten in diesem Marmor. Ein anständiger Mensch kann hier gar nichts Ordinaires sprechen. Die alten Griechen hatten auch wirklich viel leichter schreiben, wenn sie unter ihren klaren, schönen Hallen saßen; die Gedanken sind wie die Kinder im Mutterleibe von den Umgebungen abhängig: die Mutter versieht sich, und das Auge versieht sich. Das Verdienst eines Teutschen ist noch einmal so groß: er sieht in seinem kleinen Landstädtchen nichts als Misthaufen und sorgenvolle Gesichter mit dem unwandelbaren Motto. »Gieb uns unser täglich Brot!« und soll schöne, fröhliche Dinge schreiben. Wenn man aber so unter Marmor und Schönheit sitzt, dann hält man auch das ganze Schreiben für überflüßig – wenn wir befriedigt sind, brauchen wir keine Feder. Ohne Hunger giebt's keinen Schriftsteller. Es ist nur zu bedenken, daß es mancherlei Hunger giebt. – – Ich weiß es selbst nicht, wie lange ich an jenem Abende im neuen Paduanischen Caffeehause gesessen habe. Meine Reisegefährten waren 398 fortgegangen, ich wußte nicht mehr, wann und wohin – durch die offnen Fenster drang die abgekühlte, üppige Gewitterluft, rings um mich her erblickte ich Marmor und klassische, römische Köpfe, und ein schönes Weib darunter spielte mit ihrem Shawl, mit ihren Augen und kleinen Geschichten, die sie erzählte. Nur eine davon hab' ich behalten. Im Jahre 1812, als Napoleone noch Herr der Welt war, kam ein blutjunger französischer Volontair durch die Straßen von Padua geritten. Er hat noch keinen Bart, aber große, verliebte Augen, und als diese zwei andern verliebten Augen im ersten Stockwerk begegnen, da steigt er vom Pferde, tritt in's Haus, und ersucht die Mutter des schönen Mädchens, was er am Fenster gesehen, ihn in's Quartier zu nehmen. Die Mutter frägt nach seinem Billet. Der Franzose sagt, er habe es verloren, aber es laute zu ihr – »Madame heißen doch?« – – Signora Carmagnola – »Ganz recht, Signora Carmagnola; ich habe den Namen schon in Paris gekannt, der Oberst meines früheren Regiments hat uns oft erzählt, wie er im Kriege gegen die Austriaci Padua zum ersten Mal besetzt habe, damals haben die schönsten Damen Padua's auf den Balkonen gestanden und die Franzosen »willkommen« geheißen«. »Damals – so erzählte, Signora, mein Oberst mit Feuer – damals habe er 399 vor dem schönsten Mädchen Paduas seinen Degen geneigt, vor Mademoiselle Carmagnola« – Dabei küßte der junge Franzos der Signora mit vieler Galanterie die Hand, öffnete die Thür des Zimmers, und bat sie, voranzugehn. In selbigem Zimmer befand sich das schöne Mädchen, was er am Fenster gesehen hatte, und der junge Herr versicherte der Mutter und der Tochter, daß er nie eine so frappante Aehnlichkeit gesehen habe. Am nächsten Abende, als die Signora Carmagnola nach dem Prato della Valle spaziren ging, lag der junge Franzos vor der Mademoiselle Carmagnola auf den Knieen, und beschwor sie, ihn zu lieben. Das Mädchen verwirrte ihm mit der kleinen Hand die schwarzen Locken, und sagte, er sei noch zu jung. Da sprang der Franzos auf, holte ein Pistol, und schwor dem Mädchen mit bebender Stimme, daß er sich auf der Stelle erschießen werde, wenn sie ihn nicht liebe. Das Mädchen lachte, und beruhigte ihn, was ihr nicht so schwer wurde, da der Franzos sehr hübsch war. Er blieb ein halbes Jahr lang in Padua, und sprach nicht mehr vom Erschießen. An einem schönen Morgen aber erhielt er draußen an der Brenta auf dem Exercierplatze den Befehl, alsogleich zu marschiren. Er gewann nicht so viel Zeit, um Abschied zu nehmen, und erst vor einigen Wochen kam er zum ersten Male wieder nach Padua zurück. 400 Es waren also über zwanzig Jahre vergangen, und in zwanzig Jahren ändert sich viel. Er forschte umsonst an allen Orten nach der Signora Carmagnola. Niemand wußte, was aus ihr geworden sei; im Jahre 1813 sei sie aus ihrem Hause verschwunden, die Stadt habe sieben italienische Miglien im Umfange, es habe sich Niemand die Mühe gegeben, die Frau mit ihrer blassen Tochter aufzusuchen. Der Franzos ergiebt sich in sein Schicksal, und vergißt die Angelegenheit, er war seit dem Jahre 1813 weit in der Welt herumgekommen, und hatte Vielerlei erlebt. Geschäfte hatten ihn nach Padua geführt, Geschäfte fesselten ihn eine Zeitlang daselbst. – Eines Tages schlendert er in der Kirche der heiligen Justina herum, betrachtet das schöne Altarblatt Paul Veroneses und die geschnitzten Chöre, an denen Riccardo Taurin zwei und zwanzig Jahre gearbeitet hat, und ist festlich gestimmt durch das hohe, einfache Gebäude – da erhebt sich an einem Seitenaltar eine Frauengestalt. Nur einen Moment sieht er die Augen, dann fällt der Schleier darüber. Aber jene Augen wecken alle Gestalten seines Herzens auf. Acht Tage lang geht er umsonst nach Santa Giustina, das Mädchen mit den wunderthätigen Augen ist nicht mehr zu sehn. Am neunten Tage, als er eben wieder in aller Frühe nach der Kirche steuert, 401 tritt sie mit einer älteren Frau eben aus der Thür, ihr Schleier ist zurückgeschlagen – das Antlitz fällt ihm wie ein Gedicht seiner Jugend in die Seele. Er glüht und bebt, er kann sich nicht fassen – das Mädchen umarmt die ältere Frau, die nach der andern Seite von dannen geht. Jene kommt auf ihn zu, unverschleiert, schön wie ein Sonnenstrahl – berauscht von ihrem Anblick tritt er ihr entgegen, und bittet sie, seine Begleitung anzunehmen. Er bittet so heiß wie ein Wüstenwandrer, der am Verschmachten ist, um einen Trunk bittet. Das Mädchen lächelt – er war ein Mann von etwa fünf und dreißig Jahren in voller Mannesschönheit. Sie sagt ihm, ihre Mutter sei eben nach der Brenta gegangen, um nach Venecia zu fahren, sie wohne allein, und könne keinen Mann bei sich sehen. Wenn er ihr was zu sagen habe, so möge er ein Stück mit ihr gehn, nur nicht bis an ihr Haus wegen der Nachbarsleute. Und der gewandte Franzos war so bestürzt von der Schönheit und Anmuth des Mädchens, daß er nichts zu sprechen wußte, und sie nur dringend bat, des andern Tags wieder zur heiligen Giustina zu kommen. Am andern Tage kniete er neben ihr in einer stillen Seitenkapelle, und sein Mund floß über von dem Gesange seines Herzens. Er sagte ihr, sie sei die Heilige seiner Seele, das Geheimniß seines Lebens 402 ruhe auf ihrem Munde, der Himmel seiner Seligkeit in ihren Augen. Das Mädchen lächelte, und ging heim. In einiger Entfernung ging er ihr nach, und sah das Haus, in welches sie eintrat. Als es dunkel ward, öffnete er die Thür ihres Zimmers, und warf sich zu ihren Füßen, und beschwor sie um Liebe. Das Mädchen machte ihm lebhafte Vorwürfe, daß er sie so in Verlegenheit bringe, die Hausleute hätten ihn gewiß gesehn, und ihre Mutter könne jeden Augenblick von Venecia zurückkommen, und die habe sie immer auf das Rührendste gewarnt vor unvorsichtigen Liebschaften. Er blieb aber ungestört zu ihren Füßen liegen, und beschwor sie immer glühender um Liebe. Endlich sagte sie ihm, daß er ein hübscher, angenehmer Mann sei, daß er aber mehr das Zutrauen weckende Wesen eines Bruders für sie habe – jetzt aber möchte er nach Hause gehn, denn die Mutter könne jeden Augenblick kommen. In dem Augenblicke ging die Thür auf – es war unterdeß sehr dunkel geworden – eine Frau, vom Regen triefend, kam bis vorn an's Fenster, wo der Franzos noch vor dem Mädchen kniete, und suchte im Dunkeln die Gestalten zu erforschen. Als sie einen Mann und die Situation zu erkennen schien, wendete 403 sie sich zurück in's Zimmer; ihr großes feuchtes Tuch fiel zur Erde; sie ließ es liegen. Nur dem nahen Ohr des Franzosen vernehmlich flüsterte das Mädchen die schwankenden Worte: 's ist meine Mutter – – Die Frau stand im Hintergrunde still – Niemand regte sich im Zimmer. – Unweit von dem Gemache, was die beiden Frauen bewohnten, lebte in einem kleinen Raume ein bejahrter Studiosus, der ein eingezogenes, fleißiges Leben führte, und des Abends immer zu Hause war. Die Mutter des Mädchens war ihm sehr zugethan, weil er ein sanfter, verlässiger Mensch zu sein schien, und die Tochter machte es ihr oft zum Vorwurf, daß sie dem Studiosus mehr von ihrem Leben erzähle, als ihr, der leiblichen Tochter. Dieser Studiosus trat jetzt mit einem Licht in das schwüle, schweigsame Zimmer, er habe die Signora Carmagnola nach Haus kommen hören, und wolle sich erkundigen, wie es ihr in Venecia ergangen sei. Die Signora aber nahm ihm hastig das Licht aus der Hand, und schritt zu dem fremden Mann und ihrer Tochter. Der Franzose sprang auf, als er jenen Namen hörte – sie standen einander gegenüber, die Augen wühlten einander krampfhaft in den Zügen, das Entsetzen trat immer klarer auf ihre Gesichter – 404 Mit tonloser Stimme fragte er nur hinweisend: »Und das ist deine Tochter?« Die Augen drängten sich der Frau aus den Höhlen, die Lippen bebten, sie konnte nur wiederholt mit dem Haupte nicken – sie hatten sich vollständig erkannt. In dem Momente dieser unzweifelhaften Klarheit fiel der armen Carmagnola das Licht aus der Hand und verlosch – der Franzos stürzte schaudernd nach der Thür, hinter ihm drein der Studiosus. – – Hier hielt die Dame einen Augenblick inne, und legte ihre Hand auf die Schulter des neben ihr sitzenden Mannes und ihre Finger spielten, als komponirten sie das Ende der Begebenheit. Der ganze Zuhörerkreis war mäuschenstill, es war schon ziemlich spät, wie ich glaube, und die Säle waren leer geworden. Nach einer Pause sprach sie unaufgefordert weiter: Der Studiosus scheint von allem Früheren durch die Signora völlig unterrichtet gewesen zu sein – er ist eilig hinter dem Franzosen hergelaufen; dieser aber hat nicht eher gerastet, bis er erschöpft vor Santa Giustina niedergesunken ist. Der Studiosus hat sich neben ihn gesetzt, und ihn nach Diesem und Jenem gefragt: automatisch hat der Unglückliche geantwortet. Endlich hat der Studiosus ihm vorgestellt, daß er seinen Fehler gut machen und Signora Carmagnola die 405 Aeltere heurathen solle, er, der Studiosus nämlich, werde in nächster Woche Advokat, habe als solcher sein Auskommen, und ersuche ihn im Voraus um die Hand seiner Tochter, die ihm sehr wohl gefalle. Sie könnten dann eine Familie bilden. Da ist der Franzose aufgesprungen, hat den Studiosus weithin geschleudert an die Erde, und ist von dannen gestürzt. Dieser aber hat sich aufgerafft, und ist ihm nachgeeilt durch alle Straßen, bis hinaus vor's Thor. Das Regenwetter, was schon Signora Carmagnola überfallen hatte, ist ein starkes, vom Meere herkommendes Gewitter gewesen. Als die Beiden draußen an der Brenta umhergeirrt sind, ist das Unwetter immer ärger geworden – nach einem heftigen Blitz und Donnerschlage hat der Studiosus den Franzosen nicht mehr gesehen. Die Dame hielt noch einmal ein. Es war wieder Alles still, dann schloß sie plötzlich: Ich habe vor einer halben Stunde den Studiosus gesprochen; er hatte nicht den Muth, nach Hause zu gehn, und den unglücklichen Frauen zu sagen, daß der Franzose tödtlich getroffen sei vom Himmel für sein Liebesglück und Unglück. Die Sache ist nämlich heut Abend geschehen, und jener heftige Schlag, der um die neunte Stunde fiel, hat den Mann getroffen. – – O du schlimme weiße Wolke, flüsterte ich vor mich hin, die so unbefangen aussah, und wie zum Spaße blitzte, wie wir nach Padua fuhren. Die Gesellschaft brach auf – ich blieb allein in Gedanken sitzen. Nach einigen Minuten kam die Dame allein, eine Opernarie trällernd, zurück. Sie hatte ihren Handschuh vergessen. Ich hatte ihn in der Hand, und tändelte damit, ohne es zu wissen. Sie nahm ihn mir, und schnippte mich leis dabei an die Finger, und lächelte. Aus meinen Gedanken heraus, sah ich sie staunend an. » Veramente uno Tedesco! « Si Signora! Und sie lächelte wieder, und ging. Ich bin später allein nach Haus gegangen. 407     Als wir am andern Morgen in unsern hohen Betten erwachten, fiel uns ein, daß Titus Livius in Padua geboren sei. Dieselbe Sonne, welche durch unsre Jalousieen kroch, ist zu ihm gekommen, und hat ihm alle die Mythen vom alten Rom gebracht, an welche wir so treuherzig geglaubt haben, bis der grämliche Niebuhr das nüchterne Licht seines römischen Rationalismus anzündete. Livius muß ein sehr ernsthafter Mann gewesen sein; ich kann mich nicht von der Idee trennen, daß er immer eine dunkelbraune Toga getragen, bei Tische Wasser getrunken und zum Nachtisch Radieschen gegessen hat. Aber ich weiß nicht einmal, ob es zur Römerzeit Radieschen gegeben hat, und ob es jetzt welche in Italien giebt. So würde ich nur schmerzlichst den Glauben aufgeben, daß Cornelius Nepos klein und dick und überaus freundlich und gutmüthig 408 gewesen, den die römischen Adolescentes hie und da dupirten. Er hat es wohl gemerkt, aber immer lächelnd verziehen. Daß er ferner zierlich gesalbte Tituslocken getragen, gern gut gegessen, graziös und gemessen getanzt und einschmeichelnd die Flöte geblasen habe, wegen des Epaminondas. Eben so schwer würde ich den Gedanken opfern, daß Horaz etwas krumme Beine gehabt, und im Essen und Trinken dem Herrn v. Rumohr geglichen habe. Wenn der Tabak schon erfunden gewesen wäre, so hätte er gewiß auch geschnupft. Unter solchen profanen Gesprächen frühstückten wir, und gingen dann den berühmten Salone aufsuchen, den größten Salon der Welt. Er ist größer als die Westmünsterhalle, ja als die Guildhall in London, und die Petersburger gedeckte Reitschule soll ihn nicht erreichen an Umfang. Man sagte mir, er sei 300 Fuß lang und 100 Fuß breit; ich verbürge aber niemals Zahlen, weil man die schlimmsten Schulden damit machen kann, und ich vergesse nicht bloß die Schulden, sondern sogar ihre Zahlen. Daß er aber, selbiger Salone, gar keine Mittelstütze hat, daß sein Dach bloß auf den alten Mauern ruht, das hab' ich selbst gesehn und bescheinige ich hiermit. Man kann also die Solidität jener republikanischen Mauern berechnen. Er ward 1172 gebaut von Pietro Cozzo. Ganz, ganz hinten, es ist eine Reise bis dahin, steht 409 die Büste des Livius, ganz so trocken und mürrisch, wie man ihn immer konterfeit sieht. Er hat mit demselben ernsthaften Gesichte die republikanische Gerichtsbarkeit gesehen, die hier mit unerbittlicher Strenge und Kürze gehandhabt wurde, wie er jetzt die leere Oede, die hölzernen Trümmer der alten Richterstühle, den staubigen Bauschutt sieht, welcher im Saale sich aufhäuft, und bei einem Luftzuge in der Sonne spielt. Durch die eine Thür gingen die Gerichteten in die Freiheit, wohin sie wollten, durch die andre auf das Schaffot. Die lombardische Freiheit des Mittelalters hatte rauhe Hände, und war fanatisch wie ein eifersüchtiger Liebhaber. Die republikanischen Guelfen waren so despotisch wie die monarchischen Ghibellinen. Freiheit und Republik sind eben auch nur Worte, zu denen man Adjektiva setzen kann. Ist das nicht gut österreichisch, und hab' ich nicht Talent? – Der Cicerone sagte uns, der Salon sei mit dem Aequator parallel gebaut, und die Sonne bescheine jeden Monat ein andres Zeichen des darin angebrachten Thierkreises. Als Padua 1405 an Venedig gefallen, sei sie im Wassermann gestanden, als Napoleon eingezogen, im Löwen; jetzt stehe sie schon lange im Widder, es sei, als ginge die Sonne nicht mehr von der Stelle. 410 Ich weiß nicht, ob der behende Franzose, welcher unser Führer war, dergleichen Jedermann sagt. Unten am Salone kommt man auf den sogenannten Herrenplatz. Hier stand während der Franzosenzeit die Bildsäule der Freiheit. Jetzt steht nichts da, sogar die Bildsäule ist verschwunden. Jeder, der Goethes Faust gelesen hat, weiß, daß Padua eine Universität besitzt, denn ein Bekannter Mephisto's ist dort promovirt worden. Tasso hat hier Collegia gehört und der süße Petrarca hat, wenn ich nicht irre, welche gelesen. Ich habe irgendwo erfahren, daß der Hohenstaufe, Kaiser Friedrich, sie um's Jahr 1222 gestiftet hat; es wurde also ghibellinische Wissenschaft hier getrieben, und Suetonius ward mehr gelesen denn Tacitus. Unser französischer Cicerone zuckte die Achseln, als wir zur Academia geführt sein wollten. Ich schreibe dieses Achselzucken als Schilderung der Paduensischen Universität her. Als nach der französischen Julirevolution, wo sich so viel Leute massakriren ließen, damit der König nicht mehr König von Frankreich, sondern König der Franzosen, und nicht mehr Karl, sondern Ludwig Philipp heiße, als nach jener Revolution auch Italien etwas Aehnliches machen wollte, verschworen sich auch in Padua die Studenten. Es ist auffallend, daß in Paris, Teutschland und Padua 411 meist die Studenten Revolutionen anfangen. Das Uebel muß tief liegen, vielleicht im Studium selber. In Paris haben sie dafür Kreuze bekommen, in Padua hat man sie relegirt, in Teutschland, dem Lande der Gründlichkeit, geht man dem ganzen Orden an die Wurzel, wie Philipp der Schöne in Frankreich dem Orden der Tempelherrn. Diese wurden angeklagt, einen Götzen Bafomet anzubeten, jenen wird dasselbe Verbrechen zur Last gelegt; der Götze soll nur einen andern Namen haben. Die Geschichte treibt mitunter blutige Scherze. Aus jenem Hause der Templer, deren Großmeister und wichtigsten Ritter ein französischer König verbrennen ließ, ging Ludwig XVI., ein abgesetzter französischer König zur Guillotine. Das Haus hieß damals und heißt heut noch » le temple. « Und wie gewöhnlich begannen die Paduaner Studenten jene Revolution höchst unschuldig romantisch und liebevoll: streuten blau roth und weiße Kokarden aus. Wegen dieses bunten Scherzes wurden 200 fortgejagt. Es sah ziemlich leer und wüst in dem schwarzen steinernen Gebäude aus, hie und da wuchs Gras zwischen den Steinen, die meisten Studiosen, welche ich vorüberhuschen sah, hatten eben so verblaßte Freitischgesichter wie im teutschen Oesterreich. Sie 412 erinnerten mich an die schwarzen Kurrendeschüler, welche, wie die Todtenvögel früher in den teutschen Städten herumzogen, und vor den Thüren betrübliche Gesangbuchlieder sangen. Das war ein Institut zur Beförderung der christlichen Hypochondrie und zu Ehren Luthers. Bekanntlich hatte in Erfurt das bedürftige Geschrei des kleinen Martin eine Witwe dahin erweicht, ihm einen Freitisch zu geben. Indessen standen doch einige in einem fernen Winkel der Kolonaden, die sich im düstern Hofe herumziehn, denen allenfalls die roth, blau und weißen Kokarden aus den Augen sahn. Die Universität in ihrer jetzigen Gestalt ist von den Venetianern erbaut im Jahre 1493. Sie hat durchaus keinen Eindruck auf mich gemacht, so viel man mir von den schönen Säulen Sanforino's sagte, und daß einst 18,000 Studenten hier studirt hätten. Von gewöhnlichen Menschen hätte kaum die Hälfte Platz gefunden, aber von Studenten gehn bekanntlich immer doppelt so viel in einen Stall als von andern geduldigen Schafen, und das Göttinger Testat »N. N. hat sich Studirens halber hier aufgehalten,« stammt vielleicht aus Padua. Es ist auch lächerlich, das Wort »Studiren« auf Professorenweisheit zu beschränken, Universität ist eben ein Platz für allgemeine Kultur. Ich bin überzeugt, daß Tasso während der Kollegien schöne Augen studirt hat, weil darin mehr 413 Weisheit steckt, denn in allen Büchern, und doch hat er das Meiste gelernt in Padua. – Das Kollegium der Jesuiten in Breslau, was man Universität dort nennt, trat immer wie ein stolzer steinerner Gedanke zwischen meine Blicke und Padua's Akademie. Jene Gesellschaft Jesu war viel kühner als die ganze Menschengesellschaft Italiens, denn die Jesuiten waren selbst kühner und klüger als die katholische Kirche, die in Italien geboren und erzogen wurde. Sie waren die stärksten Bastardsöhne Rom's, die ihre Mutter überlisteten und verhöhnten. Rechts am Eingange steht unter dem Portikus der Paduanischen Universität eine steinerne Statue. Sie stellt ein thörichtes Weib dar, was so viel Gelehrsamkeit besessen hat, daß man ihr den Doktorhut aufgesetzt hat. Die Person sieht sehr geckenartig aus, und heißt Lucretia Cornelia Pistoja. Einfältiges Weib, konntest Du nichts Besseres thun, als gelehrt werden? Ist es nicht tausendmal schöner, zu lieben und sich lieben zu lassen? Diese Statue ist ein steinernes Pasquill, und die Weiber sollten sie niederreißen. – – Ich hatte schon fortwährend gefragt, ob wir nicht bald zur Santa Giustina kämen, und zum 414 Prato della Valle; ich hoffte im Stillen, der jungen Carmagnola zu begegnen. – – Ich bin auf dem Prato della Valle gewesen, aber das arme Mädchen habe ich nicht gesehen, die Leute sagten, sie sei nach Venedig in's Kloster gefahren. – 415     Unser französischer Cicerone schwur beim heiligen Antonio von Padua, dieser Prato della Valle sei das schönste Marsfeld der Welt. Bekanntlich handeln die Ciceroni mit den Merkwürdigkeiten, welche sie zeigen, und jeder Krämer lobt seine Waare. Der Platz ist aber wirklich schön; man athmet tief auf, wenn man aus den verengten schweren paduanischen Gassen kommt. Er ist sehr groß, und wie überall läuft der Korso an den Seiten her, denn der Korso ist der Busenstreif der italischen Städte. Es ist viel Blut darauf geflossen, so still österreichisch er jetzt auch erscheint. Gegen den langen bärtigen Alarich ist hier gefochten worden, gegen den kleinen vergelbten und verschrobenen Attila, der die garstige Hunnenfaust nach einem purpurnen römischen Kaiserweibe ausstreckte, und in den italienischen Bürgerkriegen war dieser Platz ein gewöhnlicher Fechtboden. Damals hatte man weiter keine Beschäftigung, als sich 416 gegenseitig bei Gelegenheit todt zu schlagen; man nennt diese Art die poetische Rittersitte, und bei einer solchen Gelegenheit blieben denn auch hier auf dem Prato della Valle die Venetianer Sieger auf dem Platze und zogen mit rothen Schwertern hinein in die Thore. Inmitten dieses weiten Platzes ist eine grüne Insel, welche der Brentakanal absondert. Es ist eine kleine, aber erquickende Insel des Ruhms, das Pantheon von Padua, drüben staubt der Korso, das gewöhnliche, beschwerliche Leben, hier diesseits der Brücke grünt ein dunkelgrüner Rasen, über welchen breite Bäume ihren Schatten werfen, und in diesem Schatten stehen achtzig berühmte steinerne Männer, und warten auf Fremde, welche sie anstaunen, und im Staunen die alten Thaten erzählen, weshalb sie versteinert worden sind. Es ist etwas vornehm Langweiliges, solch' eine Statue zu sein, aus kalter Masse Jahr ein, Jahr aus unbeweglich zu stehn. Ich habe schon als kleiner Bube die Statuen bedauert, weil ihnen die Zeit erschrecklich lang werden müsse. In unserm Garten stand ein verwahrlos'ter kleiner Engel aus vaterländischem Sandstein, zu dem ging ich wenigstens immer an langen Sonntag-Nachmittagen, und erzählte ihm Geschichten, und tröstete ihn wegen des Verlustes seiner Finger. Die einsame Langeweile einer einzelnen, besonders ausgezeichneten Statue hat indeß immer 417 noch etwas Poetisches, so Peters des Großen auf seinem Fels bei Petersburg; der große Churfürst in Berlin, der unverwandt, Jahr aus Jahr ein auf einen Fleck über der schmutzigen Spree sieht, steht zu sehr inmitten des Lärms der Berliner Fischweiber, die aus einem Theater in's andre laufen – einsame Berühmtheit entschädigt wenigstens durch das Kitzeln des Despotismus. Aber wie hier in Padua mit 80 berühmten Leuten unverwandt auf einem Flecke stehn, das ist tödtlich. Es ist übrigens hier eine sehr gemischte Gesellschaft, ein teutsches Casino würde solche Verschiedenartigkeiten nimmer dulden. Zwischen berühmten Paduensern und Päpsten steht der Polenkönig Sobieski, ja der evangelische Landgeistliche Gustav Adolph und sein wüster General Herr Banner, der so gern die Mädchen verführte. Mit diesen beiden spricht doch gewiß keiner der übrigen ein Wort, auch wenn Herr Banner vom langen Anhören der Vorübergehenden italienisch gelernt hätte. Es sieht wirklich aus, als hätte man den beiden Herrn ein raffinirtes Exil bereiten wollen. Denn angenommen, daß die Statuen in stiller Nacht lebhafte Konversation mit einander führten, wie erschreckte Liebespaare wirklich gehört haben wollen, so ist doch der General Banner in einer bedauernswerthen Lage. Sein König predigt ohne Aufhören protestantische Moral und die Verderblichkeit des Fleisches, und Banner muß 418 zähneklappernd all der weiß und rothen, sanften teutschen Mädchen gedenken, denen er ganz andre Dinge gepredigt hat. Armer Banner! Die Franzosen, welche vor thatlosen Statuen keinen Respekt fühlen, haben in der Jakobinerzeit widerwärtig auf dieser Insel gewirthschaftet. Auch die todte, steinerne Aristokratie war ihnen zuwider, und sie haben viele alte venetianische Nobili geköpft, deren abgeschmackte Physiognomien ihnen nicht behagten. Die Paduanerinnen kennen die Statuen alle vortrefflich, die historische Wissenschaft blüht hier, die alten steinernen Gäste geben vortreffliche Merkmale zu Rendezvous, und ein Mädchen von funfzehn Jahren würde sich schämen, eine geschichtliche Schwäche zu verrathen, wenn ihr Liebhaber von Sobieski spräche. Nun gingen wir zur Santa Giustina. Armes Mädchen! Die Kirche war sehr schön, besonders da mich draußen auf dem Prato die Heldengluth der paduanischen Sonne gepeinigt und nach kühler Religion lüstern gemacht hatte. Die Teutschen wissen gar nicht, was Katholizismus ist? Wenn ein Sachse dieses Wort ausspricht, so denkt er dabei an den Tetzel und an den Aberglauben, und schüttelt sich vor Aufklärung, denn zum Aberglauben fehlt ihm die Phantasie – der italienische Katholizismus ist ein Landesprodukt Italiens wie die Citronen und Melonen, man braucht ihn hier gegen die Witterung. Diese kühlen Kirchen 419 preisen Gott in der Sonnenhitze vortrefflich. Dieser italienische Herrgott ist ein freundlicher, wohlthätiger alter Herr, der's seinen Kindern bequem macht – der nordteutsche protestantische Herr Zebaoth ist nur um einen Grad bessrer Laune als der israelitische Jehovah. Ich habe Leute gesehn, die sich an frischen Wintertagen die Gliedmaaßen erfroren in den protestantischen Kirchen – und mehr als die Gliedmaaßen, wie die Fakirs, die sich officiell gottesfürchtig maltraitiren. Statt die Kirchen zu heizen – denn die Religion ergänzt die Erde – machten sie noch die Thüren auf und hielten lange Reden. Ich lobte mir Santa Giustina, eine schöne, einfache und kühle Kirche. Da setzte ich mich auf eine Marmorstufe, und dachte in erfrischender Bequemlichkeit über den Ruhm nach. Ob's der Mühe werth ist, nach Ruhm zu jagen! Ich habe meine stillen, kartoffelgenügsamen Stunden, wie dort zu Santa Giustina, wo ich nicht mit dem Augenliede zucke, auch wenn mir's allen Ruhm der Erde brächte. Aber man sitzt freilich nicht immer zu Santa Giustina! 's ist eine feine moralische Gourmanderie, die Ruhmsucht und der Ehrgeiz – aber die Faulheit und der Egoismus nehmen wie das Ungeziefer überhand, wenn man sie ganz vernachlässigt. Der Nachruhm ist Senf nach dem Mittagsessen, wenn man keine Poesie besitzt; was ein ordinairer Bürgermeister, Minister oder Schriftsteller mit dem 420 Nachruhm will, hab' ich nie begreifen können – der ist nur etwas für die Poeten. Es giebt ein Stadium in jedem Menschenleben, wo man einsieht, daß all' unser Wissen und Glauben, selbst die ältesten Grundsätze, ein zufälliges, künstliches Gebäude sind, was über Nacht einstürzen kann. Morgen kann den Leuten das Alles blau erscheinen, was uns heute roth ist, morgen verlieben sich die vernünftigsten Leute in veilchenblaue Gesichter und rosenrothe Augen. In solchem Stadium hält man sich an die Poesie, man schafft . Da ist man denn wohl auch im Stande, den Nachruhm unterzubringen. Wenn ein Mensch mit Ruhm bedeckt stirbt, so entsteht zum Beispiel ein neuer Stern, und die Menschen dieses Sterns erhalten eine Seele des Wohlbefindens, welche eben aus diesem Nachruhm besteht. – Der Starost störte mich in meinem sublimen Ideengange, und sagte mir, daß wir noch in die Kathedrale gehen müßten. Wir gingen in die Kathedrale, ich setzte mich wieder auf eine Marmorstufe, und der Starost trat nach einer Weile wiederum zu mir und erzählte, daß ich vor dem heiligen Petrarca säße. Er ist im Kalender schlecht bewandert und nannte den Petrarca einen Heiligen, weil er in der Kirche hing, als wenn bloß Heilige gehangen würden, und in der Kirche bloß Heilige hingen. 421 Ich fühlte einen angenehmen Hunger beim Anblick des Petrarka, so wohlgenährt, feist und behaglich sieht er aus, und so hatte ich mir ihn gedacht. In diesem Gesichte lag ein immer heitrer Appetit, eine bequeme aristokratische Sinnlichkeit, eine liebenswürdige Sinnlichkeit, aber nichts, nichts von Phantasie. Von meinem niedrigen Sitze aus sah ich ihm so lange in die wohlgenährten Augen, bis ich herzlich lachen mußte. Gewiß, ich hatte Recht gehabt: er war eine Sonetten-Koquette, welche dick und fett wurde beim Liebesweh. Seine Neigung zur Laura störte ihn nicht im Mittagsessen, und wenn er schlaflose Sonette machte, so geschah's des Ruhms und nicht der Liebe wegen. Ich war von frühauf mißtrauisch gewesen gegen diesen Poeten: es waren immer unsre mittelmäßigen Geister, welche so viel Lärm von italienischen Sonettisten, und der Quelle von Vaucluse machten, und alle die Damen welche mit süßer, dünner Stimme so überaus den Petrarca erhoben, konnten gewöhnlich nicht lieben, sondern nur über die Liebe sprechen. Denn es ist mit der Liebe wie mit andern Dingen; wer ernstlich damit beschäftigt ist, spricht nicht viel davon. Laura und Petrarca heuratheten sich bloß der Sonette wegen nicht. Ich will deshalb die Meinung nicht verbreiten helfen, daß Petrarca nie geküßt habe – so sah dies hübsche, bequeme Gesicht des Paduanischen 422 Domherrn gar nicht aus, was vor mir am Pfeiler hing. Der Literaturgeschichte wegen will ich auch die Worte eines der industriösesten Studenten Petrarcas nicht verschweigen, die Worte des Professor Witte, der als Kind so berühmt war. Es soll indessen der Schicklichkeit halber über Herrn Petrarca und Herrn Witte ein neues Kapitel anfangen. 423     Petrarca. »Im 14. Jahrhundert wurden die klassischen Wissenschaften wiederhergestellt in Italien, namentlich durch übersiedelte Griechen und Petrarca.« Allgemeine Weltgeschichte. Es war ein rother teutscher Sommerabend, als der Herr Professor Witte in Schlesien jene Worte sprach, das Resultat seiner Studien über Petrarca. Eigentlich waren's keine Worte, sondern der Herr Professor lächelten nur, aber wie viel Worte lagen in diesem Lächeln! Ich kam damals aus der Stadt und fand eine Damengesellschaft im Garten zwischen himmelblau und rosenroth blühenden Hortensien sitzend, und mitten drunter den Herrn Professor. Er ist ein schöner langer Mann mit einem italienischen Dichterkopfe, wenn er schweigt gleicht er dem Ariost, und seine poetisch braunen Augen, sein jungfräulichen Heldengesicht machen den angenehmsten Eindruck. 424 Ich kam von einer zärtlichen Sonettendame, welcher ich nicht begreiflich machen konnte, daß es noch etwas Besseres gebe, als süße Verse, ich war entrüstet über die Zuckerpoeten, ich schimpfte auf Petrarca, der so viel und so lange Jahre geschmachtet und gegirrt, und die Frauenzimmer verdorben, und selber kein ordentliches Vergnügen gehabt habe. Der Herr Professor saß neben einem blonden schlesischen Fräulein, und lächelte, sagte, ich möchte mich über diesen Punkt des verstorbnen Petrarca beruhigen, und lächelte wieder. In Padua bei dem feisten Gesicht Petrarcas fiel mir jenes schlesische Lächeln ein, und ich verstand plötzlich die Studien und das Lächeln des Professors. In diesem gesättigten Antlitze lag keine Sonettenascese, seine durchsichtige Zärtlichkeit für Laura ist nicht ohne Folie gewesen, er hat gelebt und geliebt. Die keusche Laura weiß es, ich gehöre nicht zu den Materialisten, jenen plumpen Gewürzkrämern, welche an keine fruchtlose Schwärmerei glauben – ich habe für zwei Augen und zwei Locken, die fern von mir waren und blieben, Jahre lang gesungen. aber es machte mir doch sehr viel Freude, daß ich von Petrarca jetzt eine bessere Meinung haben konnte. Das Lächeln des Professors und das Bild in der Cathedrale zu Padua haben mir dargethan, daß 425 jener Dichter manch' andres Mädchen mit reeller Empfindung umarmt hat. Ich hätte mir's wohl auch früher denken können, daß er nicht umsonst zum geistlichen Stande übergetreten sein würde. Petrarca hatte nämlich Anfangs zu Montpellier und Bologna jura studirt, wie es sein Vater gewollt hatte. Aber es ward ein schlechter Jurist aus ihm, und das ist eine von den wenigen Eigenschaften Petrarca's, welche mir immer poetisch erschienen ist. Er war von Hause aus ein Bücherwurm, und lag so lange über den alten Klassikern, bis sie ihm sein Vater in's Feuer warf. Sein Vater starb indessen zeitig genug, und Francesco Petrarca beeilte sich nun, geistlich zu werden. Es glaubt Niemand mehr als ich an die Gewalt der Verse, ich habe selbst die erfreulichsten Beispiele neben mir gesehen; wer weiß, ob ich jemals glücklich geworden wäre, hätte ich keine Verse gemacht. Aber es blieb mir doch immer unwahrscheinlich, daß Petrarca das Studium der klassischen Wissenschaften wieder erweckt habe durch seine Sonette an Laura, die so unklassisch enthaltsam sind. Und doch lehrte unser Herr Prorector Jahraus Jahrein so. Petrarca und die schöne Laura und die Buchdruckerkunst kamen immer zusammen bei dieser Gelegenheit. Die Historiker vergessen stets zu erzählen, daß Francesco Petrarca ein fleißiger, stiller Mann 426 gewesen ist, der Ciceros Briefe über die Freundschaft herausgab, Manuscript sammelte, philosophische Dialoge schrieb, mit vieler Mühe Griechisch lernte, römische Antiquitäten studirte, und nur in Mußestunden Sonette an Laura machte. Diese Sonette fabricirte er, wenn ihn das Quellenstudium ermüdet hatte, gegen Abend in der Dunkelstunde; man erzählt, daß ihm die Augen seiner Katze dazu geleuchtet hätten, und daß er all' die zarten Gedichte zuerst auf seinen Schlafrock geschrieben habe. Der glückliche Schlafrock, eins von den wenigen Stücken, an welchen sich Francescos Genialität ausließ. Ich habe einst eine Lebensgeschichte Petrarca's gelesen, darin sagte sein Biograph. »Nicht minder als Philosophie und Historie liebte er die Poesie.« Wackrer Biograph! Wie richtig hast du Francesco beurtheilt ohne es zu wollen. Er war ein sehr moralischer Mensch und liebte auch nebenbei zuweilen die wunderschöne Königin. Das Vorbild seiner Poesie war der ehrenwerthe Herr Virgilius Maro, Dante schien ihm zu ausschweifend. Die große Renommée des Petrarca war ein Meisterstück der Philologen: er ward nämlich berühmt wegen seiner fleißigen, saubern lateinischen Gedichte; poetische Briefe und ein großes Heldengedicht »Afrika« hatte er geschrieben, und deshalb führte 427 man ihn am Ostertage 1341 unter glänzenden Feierlichkeiten auf's Kapitol in Rom, und setzte ihm den poetischen Lorbeerkranz auf's Haupt. Nebenbei – erzählen seine Zeitgenossen – machte er auch kleine italienische Gedichte, und diese komische Erscheinung fügte sich auf folgende Weise. Francesco war eben von der Universität Bologna zurückgekommen nach Avignon, und es mochten ihm wohl noch mancherlei lustige Studentendinge im Kopfe herumspringen, obgleich er eigentlich immer ein solider Mensch war. Da ging er einmal während der Charwoche in die Kirche der heiligen Clara, und erblickte Madonna Laura, und verliebte sich sehr. Von da an machte er sieben und zwanzig Jahre lang Sonette auf diese Dame, welche sehr keusch und tugendhaft war, und ihn nur manchmal mit einem kleinen Lächeln belohnte. Diese Passion kostete ihm viel Zeit und er machte sich oft Vorwürfe darüber, »weil er wohl einsah, wie sehr diese Schwärmerei seine geistige Thätigkeit hindere.« Er zog sich nach Vaucluse zurück und »kämpfte mit seiner Leidenschaft, zugleich ernstlich studirend .« – In Verona erhielt er am 8. April 1348' die Nachricht von Laura's Tode, und nun machte er noch sechs Jahre Gedichte auf sie. »Nur im Alter äußerte er, daß er seiner Jugendschwärmerei sich schäme, 428 und daß er jene Gedichte, die freilich Gleichgestimmten gefielen, nicht geschrieben haben möchte.« – Ja, Petrarca war immer ein ordentlicher Mensch, und gehörte nie zu jenen Dichtern, denen die poetischen Gefühle Heiligthümer sind. Er fastete mit der größten Gewissenhaftigkeit, hielt seine große Bibliothek in Ordnung, verehrte die Heiligen, besang später die heilige Jungfrau statt der irdischen Laura, hatte große Ehrfurcht vor den Reliquien, war allen Leuten, die Bücher haben wollten, gefällig und vermachte einen Theil seines Vermögens den Kirchen. – – Ueber diesen Dingen war ich sitzen geblieben in der Kathedrale zu Padua vor Francesco's Bildnisse. Jetzt kam der Starost, und fragte mich, ob wir nach Arqua fahren wollten. Das ist ein Dorf vier Stunden von Padua, wo er in der Nacht des 18. Julius 1374., in einer warmen Sommernacht, gestorben ist. Er starb wie er gelebt: auf seinen Büchern. Des Morgens fand man ihn in seiner Bibliothek, mit dem Haupte auf ein Buch gestützt. Guter Francesco, du warst ein treuer und vortrefflicher Mann, aber warum sollte ich zu dir nach Arqua fahren. Die Sache kostet Geld, und hatte keinen reellen Zweck, deine Bücher sind nach Venedig und von da in alle Welt gewandert – du hättest solch' eine nutzlose Reise selbst übel genommen. 429 Ich erhob mich langsam und ermüdet von meinem steinernen Sitze, und verließ kopfschüttelnd dein Bild. Wenn ich nur genau gewußt hätte, ob der Professor Witte mit jenem Lächeln auch die Laura gemeint hätte. Sobald ich noch erfahre, daß Francesco eine Nacht in Avignon bei der schönen Laura gewesen ist, streich ich das ganze Kapitel aus. 430     Venedig. Zur Zeit des Petrarca trugen die Frauenzimmer breite gestickte Spitzenkleider, und wenn's in Avignon Abend wurde, oder es zog eine Regenwolke über des Papstes Haus, da sah man die schönsten Frauen mit jener bekannten schwarzen Kapuze, welche mancher Maler so reizend dargestellt hat. Das Gesichtchen fiel wie ein Lichtstrahl aus der Finsterniß. Es ist damals ein sehr muntres Leben in Avignon gewesen, so lange der Gouverneur des Herrn Christus da gewohnt hat, und man erzählt charmante Abendgeschichten von den jungen Prälaten und den schönen Provençalinnen. Jene Kapuze war eine theologische Erfindung, damit kein Mysterium profanirt würde. Dieses Treiben der damaligen Zeit ging mir im Kopfe herum, ich sah die jungen Chorherrn mit den langen Gewändern und den gesunden Gesichtern, ich 431 sah die lustigen Provençalinnen mit den liebesliederlichen Augen, ich hörte die jungen provençalischen Lieder, es war gegen Abend, und mitten drunter rauschte Francesco hin, er war ein fashionabler junger Geistlicher, und spielte die Laute mit vieler Geschicklichkeit – ich fuhr wie ein Träumer aus Padua hinaus. Die Stadt ist weitläufig wie jede akademische Gelehrsamkeit, wir fanden uns mit Mühe hinaus aus der gelehrten Padova. In der letzten Straße erzählte mir erst der Archivarius, was für Leute ich vergessen hatte in Padua. Belzoni, der Student und nachmalige Professor der Pyramiden sei hier geboren worden, Galiläi sei Lektor an der Universität gewesen, Ariost habe hier studirt. Ariosto. Mein Liebling Lodovico! Ich wäre gern ausgestiegen, und hätte mich nach Diesem und Jenem erkundigt, aber der Wagen fuhr zu schnell auf dem alten Pflaster. Das war ein Poet wie ich sie liebe: auf der Straße ein stolzer Mann mit einem stolzen Schwerte, unter Räubern vornehm wie ein Gott, auf dem Rosse ein königlicher Held und daheim ein frischer Schreiber. Ariosto war aus Reggio gebürtig, und hatte sehr viel Geschwister. Mit diesen führte er frühzeitig Komödien auf, namentlich war »Pyramus und Thisbe« und »der Löwe und der Mondschein« sein 432 Lieblingsstück – er hatte von Jugend auf den Kopf voll toller Geschichten, und alle Straßen von Ferrara, wo er aufwuchs, kannten den kleinen Lodovico. Auch ihn zwang sein Vater, Jurist zu werden; die Juristen waren damals in Italien so Mode, wie heut in Preußen die Referendarien. Und auch heut sind in Preußen die meisten Schriftsteller Referendarien. Lodovico warf das Corpus juris bald zum Fenster hinaus, und schrieb Komödien und Gedichte, und weil er ein gewandter, feiner Weltmann war, der zu sprechen wußte, so stellte man ihn im Jahre 1503 am Hofe an. Hier hat er viel Novellen erlebt, und der schlanke Lodovico kannte alle Hofdamen, alle Korridore und kleinen Thüren. Man erzählt, daß einmal sein Onkel zu ihm gekommen sei, und ihm die unzweideutigsten Vorwürfe gemacht habe ob seines leichtsinnigen Lebenswandels, Lodovico habe am Tisch gesessen, eifrigst geschrieben, mitunter einmal den Onkel angesehn, dann wieder eifrigst geschrieben, ohne ein Wort zu reden. Der Onkel ist zu Ende, und will gehn, da bittet ihn plötzlich der Neffe, nur noch zwei Minuten fortzuschimpfen, er brauche das gerade zu einer Lustspielscene, und bis jetzt sei's ganz vortrefflich gegangen – »bitte, lieber Onkel, schimpfen Sie noch zwei Minuten lang auf mich!« – Im Jahre 1516 433 trat er eines Morgens zum Herzog Alphons von Este in's Zimmer, und gab ihm seinen gedruckten Orlando Furioso. Der Herr Herzog muß kein feiner Beobachter gewesen sein, denn er fragte ihn naiv: »Meister Ludwig, woher nehmt Ihr nur alle die Possen und Albernheiten?« Aber Ariost's Landsleute fanden mehr Geschmack an diesen Albernheiten und nannten ihn »den Göttlichen«. Den Ariosto hält' ich gar zu gern einmal gesehen! Wenn ich aber an die stillen, sonnverbrannten Gegenden Italiens denke, so zieht ein tiefes Mitleid mit dem hypochondrischen Torquato Tasso durch mein Herz, und eine drängende Sehnsucht, mich in solch' eine schweigsame Gegend zu setzen, und einen Roman zu schreiben, Torquato Tasso. Der unglückliche blasse Mann ist ein völliger Romantypus – man hat ein schönes Bild, wo er in einem freien Saale zu St. Onophrio sitzt und mit sterbendem Auge in die dunkle Landschaft hinaussieht. Der Tod zögert nur noch eine Minute über ihm. Das ist ein gemalter Romanschluß, in der offnen Thür sollte nur noch seine geliebte Lenore stehn, die vornehme liebenswürdige Frau. Petrarca überlass' ich den Philologen. – Es war ein frischer Nachmittag, als ich mit diesen Gedanken auf der Chaussée gen Venedig 434 fortrollte. Immer deutlicher fühlten wir den feuchten Seewind von der Adria herüber. Italien schien verschwunden zu sein, durch ein ebnes Wiesenland schlängelt sich die Straße, teutsche Bäume stehen am Wege. Man nennt den Weg die Vorstadt von Venedig, links und rechts sind Landhäuser, die schmutzige Brenta, auf welcher die Kähne mit Passagieren und Lebensmitteln nach Venedig hinabgleiten, läuft neben der Straße hin, und in wenigen Stunden sieht man links und rechts die Sümpfe, welche die Nähe jener Inselstadt verkündigen. Durch diese Sümpfe wateten einst fliehend die cisalpinischen Römer, um sich vor den hereindringenden Barbaren zu retten, sie flüchteten auf die Inseln, und gründeten Venedig. Es war uns wunderlich zu Muthe: die feuchten Wiesen waren ringsum todtenstill, das Laub lag ruhig da wie eine nordteutsche Bruchgegend und binnen wenig Minuten sollten wir das völkerwimmelnde Venedig sehen, jenes Venedig, das wie ein Zauberwort in allen Büchern ruht, wo ein Drittheil aller Romane spielt, die geschrieben worden sind. » Ecco, Venecia! « rief der Vetturin. Wir sahen hinten am Horizont einen erhabnen Häuserstrich in der Luft schweben – Venedig schwamm auf dem 435 Wasser. Ich hatt' es so oft gehört, daß Venedig mitten im Meere schwimme, ich hatte es so oft abgebildet gesehn, ich hatte mir den Eindruck noch viel großartiger gedacht, als ich ihn jetzt empfand, da wir in Fusine, dem kleinen Strandorte einfuhren. Aber ich konnte mich doch einer wunderbaren Stimmung nicht erwehren: es war gegen Abend, drüben lag die alte, vielbesungene, weißschimmernde Venecia, es kam mir Alles fabelhaft, orientalisch vor. Kleine todtenschwarze Gondeln lagen am Ufer – das waren jene schwarzen Gondeln, welche in allen Romanen herumfahren, auf welchen Othello Nachts unter Desdemona's Fenster gefahren ist, um ihr heiße, afrikanische Lieder in's Ohr zu singen. – Hier ist der Strand, wo einst die Barbaren und später viele andere Völker thatlos, rathlos standen. Sie wollten Venedig züchtigen, und kamen herangesprengt mit blitzenden Schwertern, und konnten nicht weiter – es ist nur eine kleine Stunde bis hinüber, aber kein Feind hat diese Stunde besiegt. Ohnmächtig drohten sie hier am Strand von Fusine und Mestre, drüben auf den Balkonen standen die schwarzen Nobili, und lachten. Die Lagunen sind zu flach für größere Schiffe, der fette Thonboden gestattet nur den kleinen Gondeln die Ueberfahrt. Napoleons Franzosen haben die Venetianer selbst 436 geholt – kein Feindesfuß hat je mit Schwert und Spieß Venezias Rost betreten. – – Ich strich mir das Haar von den Schläfen, um genauer zu sehn, aber ich strich ihn nicht hinweg, jenen fabelhaften, orientalischen Flor, der vor meinen Augen lag. Da drüben schwamm es, es existirte wirklich. Wenn solche tolle Dinge kamen, wie die Geschichte von Venedig, da glaubte ich stets in meiner Jugend, die erwachsenen Menschen hätten ein Uebereinkommen getroffen, konsequente Lügen durchzusetzen – warum? wußt' ich selber nicht. Für eine solche konsequente Lüge hielt ich aber namentlich die Geographie, und ich freute mich äußerst auf den Augenblick, wo ich einmal zum Thore hinauswischen und den Königstein, Venedig, das Meer und solche unglaubliche Dinge aufsuchen könnte. Wenn ich sie dann nicht fand, wie ich bestimmt voraussetzte, dann wollt' ich zurückkommen, und vor der Schuljugend eine donnernde katilinarische Rede halten gegen die große trügerische Verschwörung der Erwachsenen. – Jetzt war ich nun hinausgewischt, und stand beschämt am Meeresstrande: das Meer und Venedig existirten wirklich, und je länger ich hinsah, desto mehr wuchs beides, namentlich lächelte Venezia immer stolzer. 437 Es hat einmal ein Dichter gesagt: »Helden erbaueten Rom, Venezia aber die Götter«, mein Herr Verleger sagte aber ich sollte mich nur nicht zu lange bei Venedig aufhalten, das sei ein abgedroschnes Thema. Ich trieb also zur Einschiffung. Hier auf diesem Strande könnten die Berliner Eckensteher ihre Studien machen: eine Elite von Banditengesichtern liegt hier umher; wenn man nicht die österreichischen Soldaten dazwischen sähe, man glaubte, unter eine Räuberbande gerathen zu sein – ringsum walddichte Backenbärte, kieferbraune Gesichter, Augen mit langen Fingern, räuberisch schnelle, unverständliche Reden. Wir retteten für einige Münze das Gepäck aus ihren Händen, das Lösegeld ist wohlfeil wegen der Konkurrenz, und setzten uns in solch' eine schwarze Gondel. Diese Kähne sehen aus wie Meeressärge, die Kajüte ist auch mit schwarzem, grobem Tuche bedeckt wie ein teutscher Leichenwagen. Die Republik hat es einst so befohlen, weil man einen verschwenderischen Luxus mit den Gondeln getrieben hat – der Befehl dauert fort, obwohl kein Luxus mehr zu fürchten ist. Von der schwarzen stolzen Tracht der einstigen Venetianer sind die kleinen Gondeln übrig geblieben. Die Kajüten sind höchst elegant und üppig, man fällt weich in schwellende Polster, die feinen Glasfenster können verhüllt 438 werden – diese Kajüten waren und sind die Boudoirs der romantischen Liebesverhältnisse. Wenn die unerreichbare Patrizierin in die Messe will, besteigt sie die Gondel, und die Gondoliere sind die diskretesten, erfahrensten Leute von der Welt, sie repräsentiren in Venedig das unverletzliche Briefgeheimniß. Sie sind die wohlgebildeten Domestiken des alten Adels von Venedig, und spielen auch im Nothfall den cavaliere servante . Die Fiaker in Wien und die Droschken in Berlin mit ihren nationalen Führern sind nur mangelhafte Kopieen der Venetianer – die Gondel ist ein poetisches Supplement des häuslichen Lebens, die Hauptergänzung der Ehe. Zu unsrer Ueberraschung fanden wir eine verschleierte Dame in unsrer Kajüte. Es war nichts von ihr herauszubringen, als daß sie aus Padua komme – »Carmagnola« – flüsterten wir, und der Archivarius wollte bemerkt haben, daß sie bei dem Namen zusammengeschrocken sei. Es waren zwei Personen zu viel in der Kajüte, und ich sah deshalb zum Fenster hinaus. Die Lagunen sind von dieser Seite seicht, und es gehen lombardisch-venetianisch roth und weiß angestrichene Holzsäulen als Wegweiser des Fahrwassers durch die Fläche – – das Ganze gleicht einer regelmäßigen Ueberschwemmung. Die Stadt kam immer 439 näher, es wurde mehr und mehr Abend, die Glocken von San Miguele, der vordersten Insel, begannen ihr Geläut, ihren mittelalterlichen Kirchengesang, das Takelwerk der Schiffe im Hafen leuchtete durch die beginnende Dämmerung, der Kahn schlüpfte weich durch das stille Lagunenwasser, die Häusermasse entwickelte ihre Gesichtszüge, zerfallende Mauern, mit Brettern verschlagene Fenster, lange Stangen mit ärmlicher Wäsche kamen zum Vorschein, die Glocken in der Stadt vereinigten ihre melancholischen, einförmigen Reime mit denen von San Miguele – es war, als führen wir in einen Begräbnißort hinein. Venetia ist todt. 440     Ja, Venezia, die stolze, ist todt, ich habe ihre Leiche gesehn. – Unsre Gondel hielt vor dem alten Palazzo Giustiniani, dem jetzigen Hôtel de l'Europe . Es ist ein stolzes, normales Nobilihaus, in der Mitte mit dem weiten luftigen Saale zur conversazione , und durchweg steinern wie das Herz jedes ächten Nobili. Das war also die erste Grabstätte: allerlei ungebeten Volk stieg aus der Gondel auf die Treppe des alten Palazzo, und sie mußte Jeden gastlich empfangen, das stolze Haus war zu einem Wirthshause gebeugt. Ich habe später hie und da alte verwitterte Gesichter erblickt, die nicht betteln und nicht sterben können, und wenn ich fragte, so nannte man mir stolze Namen aus dem goldnen Buche. Der Kaiser von Oesterreich zahlt ihnen jetzt für ihre alten Namen täglich zwei Zwanziger, damit sie nicht Hungers sterben. 441 Und einst war jenes goldne Buch das stolzeste Buch in Europa, ja der Name, der darin stand, sah übermüthig auf einen Fürsten herab, noch Heinrich IV. von Frankreich sandte seine schimmernde Rüstung nach Venedig, um seinem Namen einen Platz im goldnen Buche zu erkaufen. Venezia ist das fürchterlichste memento mori der Aristokratie und aller irdischen Herrlichkeit. – Die muthmaßliche Carmagnola entschlüpfte uns beim Aussteigen, mein Aug' und Herz war mit der großen Ruine Venedig beschäftigt, der Archivarius sah auch gedankenvoll auf einen Fleck, und der Starost vermißte seine sämmtlichen Habseligkeiten. Das Lärmen mit dem Gondolier führte zu Nichts, er mußte zurück nach Fusine. Es ist bezeichnend, daß außerhalb der Häuser in Venedig fast niemals gestohlen wird. Die Gelegenheit ist bei den engen Gassen, dem Maskenvergnügen auf allen Straßen, während des Winters so groß, daß man von Alters her jeden Straßendieb schonungslos behandelt hat. Und so haben sich die Leute an die Tugend gewöhnt, denn auch diese ist eine Wissenschaft. – Der Starost fuhr fluchend wieder zurück, der Archivarius wollte sich den Marcus suchen, ich fühlte mich erschöpft und angegriffen, und ließ mich durch die steinernen Säle, über die kalten Treppen nach unsern Zimmern führen. Auch hier noch standen 442 die großen italienischen Betten mitten in der Stube; ich war so matt, daß ich kaum Kraft hatte, mich auf eins derselben zu werfen. Es war mir, als wollten alle die Eindrücke der Reise plötzlich an die Oberfläche, mein Kopf glühte, meine Nerven bebten, ich sah mich allein in einem großen, öden Zimmer, ein Theil der Fenster führte auf einen schmalen Kanal, es war dunkel draußen, nur der unverständliche Ruf eines Gondoliers, jach herausgestoßen, unterbrach bisweilen die Todtenstille, und ich hörte hinterdrein das Wasser der Lagunen plätschern. Ich war selbst das todtkranke Venedig. Ruhesüchtig schloß ich die Augen, umsonst, die ganze Weltgeschichte galoppirte mit schweren Hufen über meinen stöhnenden Leib. Just als wär ich Venezia – auch ihrer erbarmte sich das Meer nicht, auch Venedig ward nicht verschüttet, als seine Seele gebrochen ward, sein gemarterter Leib liegt noch heut aller Welt zur Schau. Die bezwungenen Lagunen werden immer dreister mit ihrem Schlamme, langsam, prosaisch versanden sie die Meereskönigin, und die jetzt noch stolze Bettlerin wird einst zu einer Fischerruine herabgesunken sein. All' die Gesichter meiner Reisen, die nordische Jerta und Jenny, die goldne Jugendliebe aus der Sakristei, die blonde Schöne mit dem blauseidnen Halstüchlein von der Schule, die schöne ach, die 443 schöne Maria und noch einmal Jenny hüpften über meine Augen und spotteten meines armen Herzens, das kein Glück, kein überwältigendes Glück finden könnte, das an kleinen Gaben verschmachtete. »Das ist Eure klägliche Herrlichkeit, Ihr modernen Söhne des Lord Byron – flüsterte es aus allen Winkeln des weiten, todten Gemaches – so schnauft Ihr von einer halben Freude zur andern, Eure Wünsche sind unbändig, Euer Herz ist unstät, nach dem Glück jagt Ihr in der Welt umher, und in Venedig brechen Eure Herzen, wie das Eures Vaters, nach dem Himmel greift Ihr, und verliert die Erde.« Das Fieber lief heiß und kalt über mich hin. O schöne, neugebärdige Zeit, wir schaffen dich mit unserm besten Blute, unsre allen Leiber vermögen den Reichthum noch nicht zu ertragen, der aus unsern neuen Seelen blüht, wir besiegeln die neue, lebensübermüthige Romantik mit unsern Qualen und unserm frühen Tode, aber einst wird das Glück gefunden werden, das wir suchen, das Glück, was die Philister in ihren Höhlen verbergen. Es existirt, und nur die Menschen sind feig. Es war ganz finster geworden, eine Gondel rauschte unten vorbei – Lord Byron kam aus seinem Palazzo im großen Kanale herüber, er trat in mein Zimmer, setzte sich an mein Bett, legte die schöne kühle Hand auf meine Stirn. O du schönes, 444 geängstigtes Gesicht aus Alt-England, wie wohl thaten mir deine unglücklichen, unsterblichen Augen. – Tief in der Nacht war's, als ich den blonden Archivarius neben mir sah, und seine Erzählungen hörte vom wunderschönen Marcusplatze und den wunderschönen Mädchen unter den Procuratien. Ich seufzte tief, und fragte nach dem Starosten. Er war noch immer nicht zurück, und draußen erhebe sich ein Gewitter. O, Venezia, du alte Schöne, was für Verwirrniß brachtest du über uns. Am andern Tage mocht es wieder gegen Abend sein, auf dem nächsten Dache lag eine rothe Sonne, es war wieder todtenstill in meinem Gemach, als ich von Neuem aus meinem Fieber erwachte. So sollt' ich denn nichts sehen von dieser weltberühmten Stadt, als einen schmutzigen Canal, und hohe schwarz-rothe Häuser, es erwachte eine unnennbare Sehnsucht in mir nach dem Marcus und den Procuratien. Das leere italienische Zimmer mit den altmodischen schlechten Möbeln stierte mich wie ein Kerker an. Die Italiener leben meist auf der Straße und die Zimmer sind ihnen nur Absteigequartiere. Da begann eine dröhnende Glocke ihr eintöniges Gesumm – das war die Vesperglocke von San Marco. Die Glocken sind die richtigste Erfindung des Christenthums, lebensfeindliche, erdenhassende, 445 todeslechzende Instrumente – ich habe sie von Jugend auf gehaßt. Ihr Gesumm ist die persönliche Christenthums-Melancholie. So hat dieser Marcus geheult, als man auf den kalten Steinen der Riesentreppe Marino Falieri den Kopf abschlug, als die Gondel Brabantios den erdrosselten schönen Leib Desdemonas hinaustrug auf die Begräbnißinsel. Schwarz trat der Gedanke in meine Seele. Du mußt vielleicht auch sterben unter diesem Gewimmer des alten Marcus; denn das Fieber knisterte in meinem Gebein. – Du mußt sterben, und hast Spanien nicht gesehn, nicht den San Marco, nicht den größten Dichter unsrer jungen, heidnischen Romantik. – Alle die alten grauen Geschichten vom Dogenpallaste, von der Seufzerbrücke, den blutigen Säulen, den Bleidächern, dem unterirdischen Gefängnisse gingen in nächtlichen Mänteln an mir vorüber. – So soll einst eine schöne, überaus schöne Königin von Cypern nach Venedig gekommen sein. Sie hat zwei Augenbrauen gehabt von unvergleichlicher Schönheit und darunter zwei blauschwarze, liebesvergeistete Augen, und Lippen fein wie Blumenblätter. Auf Cypern hatte sie einen Vertrag geschlossen mit den Venetianern, der ihr viele und große Rechte garantirte, und jetzt trat sie auf die Piazetta, um die stolze Meereskönigin Venetia zu sehen, von welcher 446 die Schiffer aller levantischen Gewässer die wunderbarsten Dinge erzählten. – Diese überaus schöne Königin soll hineingetreten sein in den Dogenpallast, und kein menschliches Auge soll sie wieder gesehen haben. Wenn der Wind nordöstlich hinabweht nach der Levante, da wollen arme Leute in der Nähe des Dogenhauses griechische Seufzer gehört haben – aber, du lieber Gott, was sind das für Seufzer, griechische Seufzer, und was helfen die Seufzer, nicht wahr Italia austriaca!?  – Die Todten der venetianischen Republik waren auch nicht so übel dran, sie fanden ein schönes, reinliches Grab. Die steinernen Herren der Prokuratien waren nur blutig, nicht schmutzig: es waren zwei nächtliche Gondoliere angestellt, welche um Mitternacht hinabstiegen in die unterirdischen Gefängnisse, in die kleinen, steinernen Höhlen, die sogenannten Pozzi, die venetianischen Brunnen. Die Gefangenen in diesen Pozzi litten nie an Langeweile: entweder es kam das Meer und besuchte sie, und ersäufte sie vielleicht, oder es kamen gewiß die mitternächtlichen Gondoliere, und luden den Unglücklichen ein, hinaus zu kommen auf den schmalen Gang, und sich zu erholen auf einer kleinen Bank. Sie liebkosten ihn, und legten ihm bei dieser Gelegenheit einen Strick um den Hals, der Strick ging 447 durch zwei Löcher der Thür, die Thür fiel unversehens zu, sie drehten am Knebel als wollten sie den Irrthum wieder gut machen, und so ward der Mann wenigstens mit aller Schnelligkeit erdrosselt, was doch immer besser ist, als wenn man Jemand ein halbes Leben lang todt ängstigt durch Kerker und Drohung, wie's in gebildeten Staaten geschieht. Darauf nahmen die Gondoliere den warmen Leichnam, legten ihn sogleich in ihren Kahn, rückten ihm das Antlitz aus dem Schein des Mondes, damit der seinen Schlaf nicht störe, und fuhren ihn leise unter der Seufzerbrücke hinweg, durch den Hafen, hinaus in's Meer, und sangen dabei die zärtlichsten, italienischen Kanzonen, wie sie dem poetischen italienischen Volke geläufig sind. Draußen an den Murazzis, wo das hohe Meer seine langsamen hohen Wogen zu werfen beginnt, warfen sie den kalt gewordnen Todten aus dem Kahne in's schönste Grab der Welt, und fuhren singend heim, und stiegen zu ihren Weibern in die hohen Betten. Von jener überaus schönen Königin von Cypern und den tausend, tausend nächtlichen Besuchen weiß noch heute Niemand die Namen – am Meere verschwinden viele Menschen plötzlich, das Meer wird oft aufgeregt vom drängenden Verlangen nach Menschenleibern, denn das Meer ist eine ewige griechische Königin, ein Weib mit grünen Locken. Es 448 fehlten oft Männer in Venedig, und es fragte Niemand, nur die nächsten Verwandten sagten einander: sie werden wohl im Meere sein, ihre Herzen waren zu heiß. Das ist republikanisch-venetianische Poesie. In meinem großen Zimmer war es wieder ganz finster geworden. 449     San Marco. Helft mir aus den engen Gassen, Wo die Mädchen mich erdrücken, Seht nur wie die Sterne laufen, Wie die Häuser sich schon bücken. Und nun kommt der Sturm vom Meere – Ach du schwarzgelockte Kleine Schütz mich armen blöden Teutschen, Sprich, und wohnst du wohl alleine? – » Si Signore! « – Wenn man irgend kann, soll man unter freiem Himmel sterben, das ist besser. Ich war sehr blaß, und die Augen und die Kniee bebten mir, aber ich trat aus dem Hôtel de l'Europe , und wankte nach dem Marcusplatze. Zwar wußt' ich auch den Weg nicht, und es war Nacht, aber in Venedig darf man nur hinter den Menschen hergehn, sie gehn alle auf den Markus, und des Nachts zahlreicher als am Tage. Wie hoch waren die Häuser, wie eng die Gassen, wenn sich zwei Liebende 450 auf beiden Seiten aus den Fenstern legen, so können sie beinahe einander küssen, maulschelliren können einander zwei Nichtliebende ganz gewiß. Der Himmel ist in den hohen, engen Gassen so hoch, die Paar Sterne sind so weit, daß ich mich lieber unchristlich unten umsah – piccolo, mio piccolo! klang's von allen Fenstern, aus allen Thüren, und wie geworfene Fackeln kreuzten sich die lodernden Augen, wie süße auf Sicht zahlbare Wechsel winkten die weißen Arme – zu viel Demokratie für Venedig. Ich wollte zum ersten Male lachen, da war mir's, als zöge Hortensia vom Gardasee und der Madonna del Monte ihr blasses Gesicht zurück – »vorüber, ihr Schafe, vorüber, dem Schäfer wird gar zu weh!« Allerlei südliche Früchte, allerlei Fleisch und Speise ist aufgehäuft in den engen Straßen, sie sind lauter Durchgänge zum großen Saale – da stand ich an seinem Eingange. Ja, er ist der große steinerne Saal von Venedig, der heilige Markusplatz, so komfort und abgeglättet ist Alles an ihm, der Kaufmannssaal der mittelalterlichen Edelleute, massiv von Reichthum, stolz von Adel. Da war er. Es war keine Lüge, der Himmel lag ernsthaft mit dem Sterndache über ihm, die langen ernsthaften Prokuratien standen steinern an der Seite hin, im Hintergrunde lag San Marco selbst 451 wie ein alter Araber mit goldnem Barte, der ein Kreuz auf seine Mütze gesteckt hat; vor ihm flogen die drei schlanken Säulen nach den Sternen auf, die Säulen der drei Königreiche Cypern, Kandien und Morea, die venetianischen Obelisken verlorner, gestorbner Königsgeschlechter. Die ganze Geschichte Venedigs steht auf dem Markusplatze geschrieben; rechts von den Königreichen steht europäisch dreist, abgesondert von der Kirche, wie überall in Italien, der Glockenthurm des Marcus, die Campanile. Seine ehernen Zungen haben den schlanken griechischen Lateinern die venetianischen Triumphe in's Ohr geheult, als der blinde, neunzigjährige Doge Dandolo in der Nacht Byzanz erstürmte, da haben die Glocken der Campanile auf dem Markus auch gestürmt und ganz Venetia hat christlich gebetet um neues Gold und neue griechische Mädchen. Ich setzte mich ermattet nieder auf die marmornen Fließen des großen Saals, sein Boden ist glatt wie das Parquet eines Ballsaals. Unter den Prokuratien war es tageshell, ein spiegelndes Kaffeehaus am andern, die Menschen wogten auf und nieder, als sei die Nachricht vom eroberten Byzanz eben angekommen, als sei Venetia noch lebendig. Gesang und Saitenspiel schwirrte über das Stimmengebraus, namentlich eine jener mörderischen welschen Sopranstimmen, welche die Arie aus dem Barbiere di Sevilla 452 sang, und wie wahnsinnig » Lindoro, oh Lindoro! « kreischte, als schrie Venezia um Hilfe. Ich habe die Inhaberin selbiger Stimme später kennen gelernt, sie war von altem venetianischem Geblüt; von kaufmännisch adligen Sitten und ohne Vorurtheile, wenn sie Geld verdienen konnte, wie ihre Ahnen, sie war noch aus jener asiatisch-venetianischen Zeit. Der Markusplatz war früher der levantische Bazar Europas; hierher kam Alles zuerst aus dem Oriente, von hier aus ging Alles nach dem Oriente, auch Marco Polo, einer der frühsten Helden unserer Geographie. Langsam ging ich hinab nach der Marcuskirche hin; ich trat leise auf, denn ich fühlte mich beschämt, ich hatte an der Aechtheit dieser Dinge gezweifelt. Bei den drei Säulen öffnet sich rechts die Verlängerung der Piazza nach dem Meere hin, die Piazetta, die Vorhalle des Platzes. Hier ist der Dogenpallast, hier steht dicht an den Lagunen der geflügelte Löwe Venedigs, und der heilige Theodor, ein verschollner alter Heiliger mit schmaler Taille, hier stiegen die Helden zu Schiff, hier landeten sie, wenn sie wiederkamen, hier trat der Doge auf den Bucintoro, um die alte Mythe der Meereshochzeit zu feiern – hier ist die Thür Venezias. Diese Piazetta hat Alles gesehen, und doch ist sie glatt und naiv wie ein junges Mädchen, und lächelt hier zum grauen 453 Dogenpallaste hinauf, und hier zu den Fenstern des österreichischen Gouverneurs. Allerlei Blut ist auf ihr geflossen, zwischen ihren beiden Säulen ist manch' edler Kopf vom Richtschwerte in's Meer geflogen, das Meer ist herausgetreten und hat mit ihr gebuhlt – ihre hellen Quadersteine haben kein Gedächtniß, sie ist ein unbeschriebnes Blatt. Drin auf dem eigentlichen Markusplatz, in jenem steinernen, verschwiegenen Archive steht Alles. Auf der Piazetta treiben alle vorlauten Meerwinde ihr Spiel, aber links hinein in's Heiligthum der alten Stadt, in's Boudoir der Meereskönigin, in die Markustiefe wagen sie sich nicht. Wenn einst Venedig untergeht, so stirbt die Piazetta mit eben dem lächelnden Gleichmuthe, aber der Kampf, welchen der alte Marcus drin erhebt, wird fürchterlich sein, und man wird das Gebrüll seiner alten venetianischen Löwen über ganz Europa hören. Denn dort drin liegen auch die alten aristokratischen Löwensünden, und die Sünden haben das zäheste Leben, namentlich die aristokratischen. Scheu schlich ich zurück, um die levantischen Säulen, ich hätte es nimmer gewagt, sie anzutasten, eilig schlüpfte ich unter die Procuratien, wo die Menschen wogten; es überkam mich eine kindische Furcht vor dem alten Venedig, was unter den Marmorplatten herauskriechen könnte. 454 Ich war noch recht krank, und setzte mich still in das offne Kaffeehaus, um teutsche Zeitungen zu suchen. Vor mir, den Rücken nach mir wendend, saß eine hohe venetianische Dame. Ich sah nichts als einen stolzen Nobilinacken, und kühne Schultern, kühn wie ich mir die Schultern des Bucintoro denke. Und dies dreiste Fleisch war weiß, wie man es selten sieht in Italien, und erweckte mir das süßeste Heimweh, ein süßeres Heimweh, als die Allgemeine Zeitung, die vor mir lag, und in welcher der Artikel Wien noch immer anfing wie in meiner frühsten Jugend:»5 proz. Metalliques 97⅛; 4 proz. Met. 88½; Bankaktien 1247½. – Aus Konstantinopel hat die Post nichts Neues gebracht« – – O liebes Wien, Du langer einfacher Gedanke eines guten Magens, Gott erhalte Dich. Der schöne heimathliche Nacken war verschwunden, der Archivarius erschien und schalt mich, daß ich ausgegangen, und wir führten einander nach Hause. Der Weg war aber weit, weit; Gott weiß, wo wir überall noch gewesen sind. 455     Der Dogenpallast. Am andern Tage sah ich diese Herrlichkeiten bei freiem Sonnenscheine, und all' meine Furcht war verschwunden, ich erblickte die grauen Haare, und die Runzeln der Machtlosigkeit am Dogenhause, die Seufzerbrücke, der berüchtigte ponte dei sospiri ist vermauert, der alte Stein des ganzen Hauses, dessen Stockwerke plump über einander gethürmt sind, ist lebensmüde, die Löwenrachen sind verschwunden, nur kleine schmutzige Oeffnungen sind geblieben. Sonst warf man jene lebensgefährlichen Anklagen seiner Mitbürger in diese Rachen, welche oft das Leben des Angeklagten verwirkten, es waren die Behältnisse jenes schauerlich geheimnißvollen Ostracismus, dem so oft die fürchterliche Antwort wurde »die Republik sorgt für ihn« – jetzt finden sich nur noch kleine, bettelhafte Verläumdungen vor. 456 Und was ist Venedig ohne seine Seufzer, seine Löwen und seine Schrecken! Der todte Rumpf eines Meeresungethüms, in dessen Rachen allerlei kleine Fische gefahrlos spielen. An jenem Tage dauerte mich Venezia zum ersten Male. Es begegnet uns wohl, daß wir einen reichen, übermüthigen Gecken verwünschen, der den armen Teufel mit dem Fuße von sich stößt, daß wir im Unmuthe sogar den Wunsch ausstoßen, den gefühllosen Uebermuth selbst am Bettelstabe zu sehn. Wenn es sich aber wirklich ereignet, was in unserm Jahrhunderte der Rache gesellschaftlicher Sünden so leicht geschieht, wenn wir den gestürzten Glanz in Lumpen sehn, so jammert uns sein – und so ging mir's damals mit Venedig. Ich weiß nicht mehr, ob es ein Sonntag oder einer der vielen Feiertage Italiens war, welche das Land doppelt schön machen. Kurz, es war Alles aufgeputzt, als ich nach dem Marcus ging, und auch der Marcus hatte seine Sonntagsfähnchen umhängen müssen, und hierin lag das Tragische. Auf das alte, vornehme Gesicht hatte man eine bürgerliche Sonntagsmütze gestülpt. Auf den drei levantischen Säulen flatterten die schmutzigen schwarz und gelben Fahnen Oesterreichs – es schämte sich für Venedig mein Auge. Die prosaische Fahne jener Ritter der gebacknen Hahnerl auf den poetischen Trümmern der alten Venezia 457 Superba. Oh – – Aber es waren ja auch die verwahrlosesten unter den barbarischen Völkern, Gothen, Vandalen und Hunnen, welche zuerst die klassischen Reiche stürzten, und der roheste Römer, Mummius hatte einst Corinth zerstört. Das sind die ironischen Späße der Weltgeschichte, – dreist flatterten die Fahnen an den rothen thurmhohen Säulen. Heut trat ich zum ersten Male in die Marcuskirche, ein Gebäude schon im neunten Jahrhunderte begonnen, und von außen und innen mit plumper Pracht besät. Gold und Edelsteine kriechen träg' an allen Wänden auf und nieder, wo man die Hand, wo man den Fuß hinstreckt, Alles ist kostbar, es ist eine drückende, ächte Pracht, ohne Schönheit, und auch ohne Christenthum. Es gleicht in allen Formen mehr einer sinnlichen Moschee, es ist nichts als derber Materialismus darin, und keine einzige, nach einem Jenseits verlangende christliche Idee ist in dieser Kirche. Hier beten seit beinahe tausend Jahren die schönen Venetianerinnen in den langen schwarzen Sammtröcken mit den offnen Aermeln, die so weich, schmeichelnd und zutraulich sind; hier beten sie für das Gedeihen ihrer Leidenschaft. Hinter dem Pfeiler steht der blutjunge, blasse Venetianer und beflügelt ihr 458 Gebet, – das nennt man katholisches Christenthum. – Hier in der Marcuskirche haben auch die Ruffiani ihre Herberge, deren Geschmack durch den steten Anblick von Plastik und Malerei vortrefflich gebildet ist. Ein Ruffiano ist nämlich ein Mensch, welcher den Geschmack des Fremden leitet, in Teutschland wird er sehr plump »Kuppler« genannt: der Italiener ist aber mit seiner Sünde dreister, und besitzt einen gewissen Ehrgeiz der Schönheit. Man kränkt ihn auf's Tiefste, wenn man die Schönheit seiner Dame nicht anerkennt. Nun traten wir unsern Gang in den Dogenpallast an. Unten an der Riesentreppe steckten in alten Pulten zwei würdige italienische Physiognomien mit langen Fingern und langen Nasen. Sie sahen aus wie vergessene Volkstribunen, und sind auch wirklich welche. Ihr Geschäft ist so süß, daß man es den ernsten Mienen nimmer ansähe: sie schreiben Liebesbriefe für das junge Liebesvolk, das des Schreibens unkundig ist. Der Platz an der Riesentreppe ist merkwürdig genug dazu gewählt, – hier soll das Haupt Marino Falieri's heruntergerollt sein, und wer die Riesentreppe hinaufstieg, mußte seine Liebesgeschichten vergessen. Uebrigens ist diese Treppe nicht riesenmäßig groß, sondern hat ihren Namen von den Riesenbildsäulen, welche auf ihr stehen. Hier hinauf geht's in alle die schauerlichen 459 Geheimnisse der Republik, in diesem grauen Pallaste liegen alle Regierungsmemoiren Venedigs; es ist mir unmöglich, nach der Reihe zu erzählen, ich war zu befangen. Ich bin die goldne Treppe hinaufgestiegen, auf welcher man die fremden Gesandten einführte, ich habe in all' den Sälen gestanden, wo die feierlichen, grimmigen Dogengesichter hängen, wo der erste Doge mit der Fischermütze, wo der schwarze Schleier statt des verloren gegangenen Hauptes Marino Falieri's hängt. Der Saal reicht gerade aus bis zu dem letzten Dogen, den Napoleon pensionirte, die Zeit war erfüllt, für einen neuen Verwalter der Republik war kein Platz mehr. Ich bin im Saal der Zehne gewesen, und obwohl er leer war, schnürte er mir die Kehle zu, auf den dunkelbraunen Bänken las ich lauter Todesurtheile. Der Saal ist nicht groß, und gleicht einer heimlichen, mörderischen Familienstube. Und überall, allüberall sind die wimmelnden Bilder Tintorettos, dieses Foliomalers, bei dem die Menschen wohlfeil sind wie einst in Venedig. Dieser Tintoretto war ein Helfershelfer der venetianischen Richter, sie konnten nicht so viel Figuren hinrichten lassen, als er malte, lange, lange Wände sind voll von ihm. Walter Scott hat in seinen langen Romanen nicht so viel Personen genannt, als Tintoretto in seinen langweiligen Bildern gemalt hat. 460 Die Sonne fiel über die Lagunen herein in die großen, prächtigen Säle; ich hätte es gar nicht für möglich gehalten, daß Venedig unter Sonnenschein regiert worden wäre; die großen, fabelhaften Seeschlachten an den Wänden gewannen bei dem heitern Lichte ein so lustiges Ansehn, als seien all' die Dinge nur zum Zeitvertreib geschehen. – Der grelle Sonnenschein in dem nächtlichen Hause trieb mich von dannen, und ich gerieth tief in die Stadt hinein – nimmer werd' ich jenes alte Dogenhaus vergessen mit seiner harmlosen Unbefangenheit, hinter welcher die Geschichte so gräßlicher Jahrhunderte grins't. Es waren jene engen, erdrückenden Gassen Venedigs, in welche ich gerathen war, wo das Elend nackt an den Thüren steht, und bei den Wunden Christi um einen Centesimo fleht. Die nackten Weiber bieten ihren Leib, die Männer ihre Fäuste, ihre Schultern, ihr Gewissen für einen Centesimo. – O, Moses war ein weiser Mann: es rächt sich die Sünde bis in's tausendste Glied, vom Dogenhause führte der Weg direkt in den Jammer dieser Gassen. Es ist das größte Unglück, betteln zu müssen. 461     Die Venetianer. Wenn der Lombarde diesen östlichen Winkel seines Landes mit allen Vorzügen näher bezeichnen will, so nennt er Wein von Vicenza, Brot von Padua, Nudeln von Treviso und – Maitressen von Venedig. Die venetianischen Weiber gelten Vielen für die schönsten, wenigstens für die liebenswürdigsten in Oberitalien. Sie haben von der weichen Lagunenluft eine geschmeidige Haut, von dem engen, abenteuerlichen Wesen ihrer Stadt sind sie von Jugend aus gewandt und abenteuerlich geworden, sie sind mit Grazie lüderlich, wie man das in Teutschland nennt. Und die ausgelassene Grazie entwickelt in ihrem freien Weben die keckste Schönheit. Auch Byron fand hier sein schönstes »Thier der Schöpfung,« die wildschöne Fornarina, deren zornige Liebesarme ihn entzückten. Ich habe nicht viel Gelegenheit gehabt, in das innere bürgerliche Leben der Venetianer zu blicken; 462 sie sind ein Wenig scheu und mißtrauisch, namentlich gegen die Tedesci, unter deren Herrschaft sie jetzt gebeugt sind, obwohl die Venetianer noch für die leichtsinnigsten und weichlichsten Italiener gelten, welche die alte Freiheit Italiens am Besten vergessen haben. Es ist sogar nichts Seltenes, daß man die jungen Nobilis eines sehr langsamen, trägen, zweifelhaften Muthes beschuldigt. Otto von Pirch hat in seinen liebenswürdigen Caragoli viel Interessantes über das jetzige Gesellschaftsleben mitgetheilt. Ich entnehme folgende Stellen seinem Buche. Es war ein fröhlicher Sonnentag, als sie in der guten Stadt Breslau seinen todten Leib unter gedämpftem Trommelschlage hinaustrugen auf den Militairkirchhof vor dem Ohlauer Thore – es hatte mich lange nichts so erschüttert, als die Todtenschüsse, welche sie über seinem Grabe abfeuerten – jene Schüsse fuhren krachend durch meinen Lebensmuth. Otto von Pirch war ein junger, schöner Soldat, mit aller Liebenswürdigkeit höherer Kultur ausgerüstet. Er hatte lustig allerlei Fährlichkeiten seiner Reisen bis hinab an die türkische Grenze bestanden, und war lebenslustig in seine Heimath zurückgekehrt. Da reitet er bei heiterem Sonnenscheine eines Tags um die Breslauer Promenade, sein Auge schweift fröhlich forschend umher, da wird das Pferd plötzlich scheu, springt auf die Seite, wirft den Reiter aus dem Sattel, geht im 463 sausenden Galopp durch, und auf den harten Steinen wird dem im Bügel hängenden Reiter das Haupt zerschmettert, das freie, gedankenvolle Haupt. Zerschlagen lag es in jenem Sarge, über welchen die Schüsse flogen. Von den wilden Bannatsvölkern war er unbeschädigt heimgekehrt, und in der friedlichen Heimath springt ihm der Tod wie ein tückischer Schuft in den Nacken. Ich werde im nächsten Theile auf seine verdienstlichen Notizen über das Land der Magyaren zurückkommen. Hier Einiges von ihm über die Venetianer. »Die jungen Nobili treten früh in den Genuß des Lebens; die schönen Künste und Liebesintriguen machen ihre einzige Beschäftigung. Während sie die Wissenschaften vernachlässigen, umfaßt ihr Geist mit leidenschaftlichem Feuer die Gebiete der Plastik, der Malerei, und besonders der Musik, und sie legen allen Ernst und Eifer, deren sie fähig sind, in das Studium derselben. Fast immer außer dem Hause, und inmitten so vieler und großer Kunstgegenstände, nehmen sie in diesem Studium eine rein praktische Richtung. – Ist es ein Wunder, daß all' ihre Sinne nach Genuß verlangen? – Die Eroberung der jungen Frauen ist völlig verwebt mit jener Richtung. Prüfend und schwelgend gehen sie von einem Gegenstande zum andern, nicht mit der flatterhaften Kälte, die man den Franzosen Schuld giebt, sondern indem 464 sie sich tief in den Augenblick versenken. So viel Gluth und Lust aber zerstört sie früh, und die Folge solcher Leidenschaftlichkeit ist allen Gesichtern tief eingegraben. Erst spät, ermattet, gewinnen sie die Besinnung. Dann folgt ein Jahrzehend des Ueberdrusses am Wechsel, dem sie ein Ende machen, indem sie sich mit den jüngsten, unerfahrensten Mädchen verheirathen.« »Die jungen Mädchen wachsen im Kloster, oder Hause unter einer Gouvernante auf. Feine Stickereien und Musik sind die Hauptgegenstände des Unterrichts, und fast nur um zur Messe zu gehen, verlassen sie das Haus. Haben sie das sechzehnte Jahr erreicht, so stellen sich jene gealterten Bewerber ein, und die Heirath wird schnell geschlossen. Findet sich keine Parthie, so bleiben sie oft bis zum zwanzigsten Jahre unter der Gouvernante, deren Strenge dann abnimmt und sich wohl in Rath und Hilfe bei den Intriguen verwandelt. Die junge Frau, die vor der Heirath die Welt nur wenig anders, als vom Chor der Klosterkirche, oder vom Terrazzino des Hauses sah, tritt nun in's Leben ein. – Eine Loge in der Fenice ist eben so Bedingung einer guten Parthie wie anderswo eine Equipage. In der ersten Zeit erschöpft sich der Gemal in Aufmerksamkeit, bald aber sind ihm die Fesseln unbequem. Ein gleichbetagter Freund, der Genosse seiner Jugendsünden, entzückt von der 465 naiven Schönheit der jungen Frau, stellt sich ein, und wird vom Gemal anfangs geduldet, dann, gefahrlos zum Begleiter und Hüter des jungen Wesens bestellt. Nun ist der Cavaliere servente da, und die junge Frau, der schon die Zärtlichkeit ihres Gemals unbehaglich war, wird durch die Annäherung und Süßigkeit seines Freundes stufenweise zur Verzweiflung gebracht. Es erscheinen junge Männer, und eifern um ihre Gunst. Sie spielt eine Zeitlang mit allen, entscheidet sich dann für einen, und erwählt ihn zum Cicisbeo . Die Intriguen beginnen, für die vor Allem der Gondolier gewonnen werden muß. Die junge Frau hat ihre Gondel, der Mann die seinige.« »Der Zufall entscheidet gemeiniglich die Wahl des ersten Cicisbeo. Dann sucht das Herz, und in die erste Intrigue tritt die zweite. Nun wird das Herz befriedigt, aber die Neigung zur Intrigue ist erwacht, und die lange Reise ist begonnen, aus der die Frau mit reicher Erfahrung, erst dann austritt, wenn keine Eroberung mehr gelingt, und selbst die Jüngsten nicht mehr von ihr belehrt sein wollen.« »Während dessen sind die Kinder herangewachsen. Heirathsspekulationen, und das nie endende Interesse am Theater und an der Conversation füllen die zweite Hälfte des Lebens aus. So höflich und klug ist die italienische Jugend, daß sie alternden Frauen die größten Rücksichten beweis't. Dies erhält die Matrone 466 liebenswürdig, nun erst entwickelt sich ihr Geist völlig, sie sucht nachzuholen, was jener Taumel verhinderte, sie lies't, und so kommt es, daß besonders in Italien das Gespräch mit Frauen, die nicht mehr in den ersten Jahren der Ansprüche sind, so vorzugsweise anziehend ist.« »Heirathet einmal ein junger Mann, so ist die Sache noch übler, er sucht alsbald Wechsel und Lust außer dem Hause, und Rache der Eifersucht öffnet noch schneller den jungen Männern den Zutritt zu der Verlassenen, und kein alter Kavalier bewacht sie.« Die Italiener sind alle sehr geschwätzig, die Conversazione ist ihnen nach der Musik das Wichtigste. Eine Loge im Fenice und eine muntre Conversazione, davon leben sie Jahr aus, Jahr ein. Die Logen im Theater sind bekanntlich Gesellschaftszimmer, dort nehmen sie auf den Sofas Besuche an, dort schlummert der Gemal, der Cavaliere servente macht die Honneurs, der Cicisbeo seufzt, die Herrin lacht. Es ist eine Uebung des jungen Venetianers, den glücklichen Moment zu treffen, wenn er seine auserkohrne Dame ziemlich allein findet. Der Eheherr wird nach Hause geschickt, um nach den Kindern zu sehn, die liebenswürdige Dame zieht die Vorhänge zu, damit sie kein Geräusch im Plaudern störe, es wird still in der Loge, still. – – 467     Il Rialto. Es war ein stiller liebenswürdiger Abend, ich saß wieder auf dem Marcusplatze im Kaffeehause, vor mir lockte wieder der schöne heimathliche Nacken der Venetianerin, draußen spielten die Austriaci teutsche Walzer, in den Schultern meiner Schönen zuckte hie und da eine lockende Passage der schwelgerischen Militairmusik. Es waren immer viel junge Venetianer um die Dame her, sie mochte sehr schön sein. Ein alter gelber Herr mit einer ehrwürdigen Nasenruine und unbeweglichen Nobiliaugen saß stets neben ihr. Cavaliere oder Marito? ich wußte es nicht. Es kostete mich drei Schritte, so konnt ich das Antlitz der Schönen erblicken, aber ich wollte die drei prosaischen Schritte nicht machen; dieser schöne Nacken war mir genug. Nur das Glück sollte mir ein Angesicht bringen, auf welches meine Augen harrten. Da schlug es zwölf; mich rief die Pflicht. In 468 einer schönen Kirche hatte ich die Bekanntschaft einer Dame gemacht, welche Antonia hieß, la bella Antonia, und welche heut nach zwölf Uhr über den Rialto ging. Zwischen den glänzenden Boutiken der Merceria eilt' ich hin, athemlos kam ich auf den Rialto, der ebenfalls von Boutiken bedeckt ist. Sie waren geschlossen, und es war still und todt auf der Brücke. Niemand zu sehen. Hie und da geschäftig Vorübergehende. Der Mond lag weiß wie eine Wolke auf dem großen Canale, dem welthistorischen Canale grande, wo Pallast neben Pallast steht, wo einst die Könige des Meeres in langer Reihe dicht neben einander wohnten, die Dandoli, Foscari, Pesari, Contarini, lauter Namen, vollwichtig wie goldne Kronen – Es sind Palläste darunter, deren Rost aus eitel Cederstämmen besteht. Nicht weit von mir lehnte eine schwarze Frauengestalt an der steinernen Brückenlehne, ihr schwarzer Schleier flatterte im Nachtwinde. Ich trat nahe an sie heran. Das konnte Antonia nicht sein, Antonia war nicht so groß. Wir standen lange neben einander. Starr wie eine Bildsäule sah sie den Kanal entlang, auf welchem die weißen Mondesstrahlen sehnsüchtig hin- und herwogten. Der Mond ist das Licht des Unglücks, 469 alte Liebe und alte Größe muß man im Mondschein besuchen. Wir standen immer noch stumm da. Es war mir nie so feierlich venetianisch zu Muthe. Unten legte eine Gondel an, die schwarze Dame ergriff mich bei der Hand, wir stiegen hinab, setzten uns, öffneten die Fenster der kleinen Kajüte und fuhren langsam den großen Kanal entlang. Sie hatte ihren Schleier zurückgeschlagen und sah mit großen stillen schwarzen Augen an den Pallästen auf und ab. Antlitz, Schulter und Busen war weiß wie Mondschein, und jetzt erhob sie die Stimme, und nannte mir die Palläste, und die Schicksale ihrer Herren. Es war eine wollüstige, berauschende Stimme. So kam es, daß mir der große Kanal die eigentliche Romantik Venedigs wurde. Bald hier, bald dort sieht man eine Dogenmütze an den Pallästen, und darüber stiere, glaslose Fenster, oder mit Brettern verschlossene – alte Dogensärge. Vor einem der stolzesten Häuser hielt der Gondolier einen Augenblick – er stützte sich auf sein Ruder, meine Begleiterin rief lebhafter: ecco! . Es war der Palazzo der Pesari. Als die Franzosen nach Venedig gekommen sind, da hat der letzte Pesaro seinen Pallast verlassen, und hat Venedig für immer Ade gesagt. »Fischer waren wir, Fischer werden wir« sind seine letzten 470 Worte gewesen, vor drei Jahren ist er im Auslande gestorben. Um diesen schönen Stolz sollt Ihr die Aristokraten beneiden, sagte das Weib. Sprich, heißest Du wirklich Antonia, fragte ich sie, als wir wieder in der Nähe des Rialto waren. Und sie lächelte wunderbar vornehm, und die Schönheit rollte wie fließendes Gold über Antlitz, Busen und Hüfte. Ich breitete die Arme aus nach dieser zauberhaft lockenden Schönheit. Ihr habt alle zu wenig Muth, Ihr Poeten einer neuen Zeit, sprach sie, und ich weiß nicht, war es mehr Spott, oder war es mehr Scherz, was um ihre Lippe flog, der Mondschein glich es aus zur Ungewißheit. Ihr wagt es nur zu vermuthen, was Ihr vermögt. Ihr stehlt Eure Freuden, und laßt die Welt glauben, Eure unchristlichen Dinge seien kleine, frivole Unarten. Ihr wagt es nicht zu bekennen, daß diese Unarten Euer System sind. Ihr wollt ein christliches Heidenthum, und wagt es nicht zu gestehn, Ihr wollt das Fleisch, die Sünde emancipiren, und schämt Euch vor der Sünde, kokettirt mit der alten verdorrten Tugend, weil Ihr Autoritätsmenschen seid. Komm, umarme mich, Du furchtsames teutsches Blut, halt still, Andrea, hier ist Lord Byrons Haus, Venedig ist ein Grenzstein der Poeten: hier seht Ihr mit einem 471 Blicke in die katholischen Kirchen, aus denen der geheimnißvolle lateinische Gesang tönt, mit dem andern in den wollüstigen Orient, welcher des Leibes Schönheit genießt bis in die feinste Faser, hier seht Ihr die Trümmer von allerlei Größe, aus welchen die romantischen sehnsüchtigen Worte wachsen, und Ihr seht den frischen Genuß Alles dessen, was noch lebt, was sich auf den Trümmern umarmt – Venedig ist jener Don Juan, der sich freut, bis ihm die Seele ausfährt, Venedig ist der lustige Kirchhof moderner Poeten, komm, piccolo Enrico, in diesem Hause hat Lord Byron seinen Don Juan empfangen und geschrieben, komm. Weib, wer bist Du! Sie legte sich mit dem weichen Sammtärmel auf meine Schulter, lächelte, und sprang auf mich gestützt, behende aus der Gondel auf die Stufen des Pallastes. Ich hob eben den Fuß, um ihr nachzueilen, da stieß der Gondolier den Kahn ab, umsonst war mein Rufen und Befehlen. Das schöne Weib stand mit ausgebreiteten Armen an der Schwelle des Palazzo, der Sammt fiel zurück von den weißen, lockenden Armen, und die Mondesstrahlen legten sich schwelgerisch in die Umarmung. »Sehne Dich nach mir! sprach sie, »das ist ein 472 christlicher Rest von Poesie, an dem ich hänge – sehne Dich, und Du wirst dichten.« Ecco Venezia! murmelte der Gondolier in den Bart. Sie verschwand, und der Kahn rauschte blitzschnell nach dem Rialto hin, ich versucht' es nicht einmal den Gondolier zur Rückkehr zu zwingen. Und wenn ich ihn fragte, wer die Dame gewesen sei, so richtete er sich auf, sah stolz umher im Mondscheine des Canale grande, und sprach: Ecco Venezia. So kamen wir wieder an den Rialto. Diese Brücke, die in einem Bogen über den breiten Kanal springt, ist ein Bild aus meiner Kindheit. Darum war sie mir jetzt zu klein. Und die ökonomische Benutzung ihres Rückens zu Boutiken war mir ein Gräuel. In den Zeiten des venetianischen Glanzes lag wenigstens Gold und Silber darauf ausgebreitet, jetzt fletscht Einem das rohe Fleisch, es fletschen Einem die blutigen Fleischer entgegen. – Aber in diesem Augenblicke flog der Rialto still und schweigsam, es lag eine feierliche Geschichtsstunde Venedigs auf den weißen Pallästen und Lagunen, und diese letzteren athmeten seufzend auf, die Palläste neigten sich, als wären sie todesmüde, und als wollten sie die steinernen 473 Glieder endlich, endlich ausstrecken auf den weichen Lagunen. Und doch ist's noch Venezia la dominante – mein ganzes Herz sehnte sich nach Byrons Hause, aber ich fand keinen Schiffer mehr, ach es war zu spät. 474     Lord Byron. – Das Nähere, Umständliche ist mir entfallen, aber es war wieder tiefe Nacht in Venedig, als ich in einer Gondel vor Lord Byrons Wohnung stand. Es ist immer Nacht, wenn ich an Venedig denke, und die Lichter spielen entweder auf den glatten Fliesen des Markusplatzes, oder über die Lagunen herüber von der Piazetta, oder den langen, stolzen, öden Canale grande entlang. Ein wenig spärlich sind dort die Lichter, wenn der Mond nicht hilft, die Palläste sind, wie gesagt, meist todt, vom Rialto schimmern einige österreichische Laternen herunter in die Tiefe. Die Gondel war festgemacht, ihr Führer lag am Ruder hingestreckt, und schlief, ich lehnte an jenen kleinen Fenstern, welche dicht über dem Wasser sind, und hinter denen der giovine Inglese oft gesessen haben soll. Dort hört' ich die schöne Stimme jener 475 Nacht wieder, welche sprach: »Ihr habt Alle zu wenig Muth, Ihr Poeten – und – sehne dich nach mir«. Wenn ich mich nur recht erinnern könnte, ich glaube, es wären noch süßere Dinge zu erzählen von jenem hochbusigen, freudestolzen, adligen Weibe; Lord Byrons Geschichte, welche ich in jener Nacht erfuhr, hatte sich meines Gedächtnisses bemächtigt; und die andern Dinge waren nicht bloß für das Gedächtniß. Dieser Lord Byron, bei dessen Namen die tugendhaften Mütter in England heut noch erschrecken, stammte von den Rittern Wilhelms des Eroberers. Es war normännisch Blut in ihm, wie in Robert dem Teufel, und die Normänner waren viele Jahrhunderte die südlichen Teufelsgenies des Nordens. Sie haben auch die vollblütigen normännischen Pferde gezogen, die jeder Philister zu würdigen weiß. Die Irländer sagen, seine schöne, liebe Mutter sei mitunter wahnsinnig gewesen, und es ist etwas Bekanntes, daß sein Großvater Menschen todtgeschlagen, und sein Vater in tollem Strudel sein Vermögen durchgebracht hat. Es ist eine Naturerscheinung, daß die Hauptbeweger der Menschheit seit mehrern Jahrhunderten immer auf jener stockphiliströsen Insel sich erheben, wo die Religion stets eine platte, lederne Beschränktheit und die Poesie eine gespreizte Schulfuchserei 476 war. Aus England ist Shakespeare und die Freiheit und Lord Byron gekommen. Lord Byron ist aber der wilde Vater jener modernen Poesie ohne Pietät, welche mit nackten Händen an's Herz greift. Er giebt den Ton zu jener poetischen Politik an, aus welcher wir noch keinen Ausgang gefunden haben, welcher sich die kaufmännische Prosa und die leeren, formellen Konstiuirer bemächtigt haben, und für welche wir in die Gefängnisse geworfen werden. Alle die Launen, Ungezogenheiten, Tollheiten, alle die schönen Frevel sind zu sehen an diesem wilden, schönen Lord, welche man dem modernen Dichterthume zum Vorwurfe macht. Ja, es war wirklich nach den laufenden Begriffen ein Koloß von Immoralität. Die Engländer werden es auch am Spätesten lernen, daß die großen Dichter die neue Moral machen, daß die Dichter Gottes ächteste Söhne sind, daß alle Dichtkunst Religion ist, und alle Religion Dichtkunst. Die Moral ist der Lauf des Jahres: im Frühling blüht und grünt sie im Munde der Poeten, im Sommer wird sie durch die Sonnenstrahlen und warmen Lüfte unter der Menge verbreitet, im Herbste trägt sie die tugendhaften Früchte, und im Winter erstarrt sie, und wird alt: die Welt braucht immer neue Dichter. Und mit großer Qual schaffen diese oft das Neue, was mit Geburtswehen aus ihrem Geiste 477 bricht, und meist werden sie dafür gekreuzigt. Sie sehen in schönen, göttlichen Augenblicken das neue Weib der Welt am Horizonte vorüberfliegen, aber es wird bald wieder ordinaire Dämmerung um sie herum, sie stürzen sich schnaufend nach dem Geheimnisse der Schönheit und Harmonie, was eilig vorüberflog an ihrem Auge, sie zertreten in jacher Hast Dieses und Jenes, sie werden wirklich unmoralisch, und gebären nur die Anfänge einer neuen Klassik, aber noch keine Klassik. Lord Byron ist durch seinen launischen Stolz zu wirklichen Unfläthereien verleitet worden. Er war im Stande, Leuten, die ihm begegneten, deren Physiognomie ihm mißfiel, und die sich nicht mit ihm schießen wollten, mit der Reitgerte in's Gesicht zu hauen. Solche Menschen sind die quälenden Ahnungen einer reicheren Welt, so wie der Teufel nach den meisten Mythen aus dem Paradiese stammt. Sie gehören aber eben so wenig wie der Teufel in die Hände alltäglicher Menschen, denn selbige machen eben die dummen Teufel daraus. Still und klösterlich wuchs dieser junge Normann in einem alten Klostergebäude auf, in einer jener stillen, kirchlichen englischen Provinzen zwischen dichtem grauen Nebel und sammtgrünem Rasen. Von Haus aus lahm und schwächlich, darf er draußen in der frischen Luft herumspringen, um 478 sich zu stärken, und so verbrüdert er sich früh mit der Erde, und lauscht ihren geheimnißvollen Athemzügen. Besorglich streichelt ihm die süße Mutter das feine, interessante Gesicht, und sie entschließt sich mit Mühe, ihn auf eine lateinische Schule zu geben. Störrig gegen den Schulzwang geht er hier umher. Mit 16 Jahren bezieht er die Universität Cambridge, ist faul, verabscheut die Mathematik, verspottet die langweiligen Klassiker, lies't englische Dichter, und macht Liebesgedichte. Sein Stubenbursche ist ein junger Bär, und als er abgeht, läßt er ihn in seinem Zimmer, damit er bei der nächsten Wahl eines Fellow als Kandidat auftrete, eine Verhöhnung der akademischen Würden, welche ihm die Engländer nie vergeben haben. Aus Grimm machten sie ihm die Originalität der Bärengeschichte streitig, und publizirten eine Anekdote von Philipp, dem ausschweifenden Herzoge von Wharton. Dieser sei in Genf plötzlich seinem Hofmeister durchgegangen, und habe ihm folgendes Billet auf den Tisch gelegt: »Ich bin fort, damit es Ihnen aber nicht an Gesellschaft fehle, habe ich Ihnen meinen jungen Bären zurückgelassen, als den passendsten Gefährten, der irgendwo für Sie aufgefunden werden kann.« Mit 19 Jahren kommt Byron wieder nach der alten Abtei Newstead in die hohen Zimmer, unter die breiten, schattigen Bäume, und hier giebt er 479 zuerst seine » hours of Idleness «, Stunden des Müßiggangs heraus, hier erkürt er sich in einem Neufundländischen Hunde einen neuen Gefährten, hier ist er vielleicht über die Zäune gesprungen, um jenem stillen, englischen Mädchen zu begegnen und die Hand zu drücken, die wie ein sanfter Geist durch seine Jugend schreitet. Aber bald geht der Teufel los. Im Edinburgh Review werden seine Gedichte auf das Raffinirteste heruntergerissen – Henry Brougham hat sich später zu der Kritik bekannt – und Byron schreibt seine berühmte Satire »Englische Barden und schottische Kritiker«, er ist ein gesporntes, Normännisches Schlachtroß, er stampft und schäumt. Nun kommen die tollen Tage in Newstead, die wildesten, geistreichsten Bursche aus London, die hübschesten Aktricen vom Kingstheater lärmen und schlüpfen in den Kreuzgängen Newsteads herum; mit Entsetzen sagen die Engländer: »Dieser junge Mann hat mehr Geliebte als Musen«, mit Grauen erzählen sie sich's, daß er aus den Schädeln seiner Ahnen einen zu seinem Mundpokal habe machen lassen, daß er seinem neufoundländschen Hunde ein Monument im Parke gesetzt, und ihm ein Epitaphium gedichtet habe, daß er die Menschen nicht brauchen könne, und der Hund sein einz'ger Freund gewesen sei. Es war eine wüste Zeit zu Sanct Newstead – 480 blaß und überdrüßig kam er von da als junger Lord in's Oberhaus, und da er keine Stellung fand, setzte er sich mit dem wilden Hobhouse zu Schiffe, und fuhr nach Portugal, Spanien, Griechenland, schwamm durch den Bosporus, strich mit dem Homer auf den Lippen in der trojanischen Ebene umher, und ließ sich endlich still und einsam in Griechenland nieder. Hobhouse kehrte heim. – Wunderliche Welt! Jetzt ist Hobhouse englischer Kriegsminister, und tritt zurück, weil er nicht alle Forderungen seines liberalen Herzens realisiren kann, er ist bleich wie immer, aber auch betagt – der schöne Byron ist schon lange, lange todt, und hat nichts mehr von den neuen Tagen gesehn. Damals blieb er unter den Oelbäumen in Griechenland sitzen, küßte schöne hellenische Mädchen, trank Cyperwein, und schrieb die Pilgerfahrt seines »Childe Harold«, das Gedicht seines Lebens, erzählte den »Giaur« jene bunte, türkische Geschichte, und seine rundeste, »die Braut von Abydos«, dichtete den »Korsar«, den Medora liebt, das wunderbar schöne Weib, jenen Korsar Konrad, den »Mann von Einer Tugend und Tausend Verbrechen.« Dann kam er müde nach England, in das ihm lästige Vaterland zurück. Ich weiß nicht, ob er jene Gedichte schon fertig mitbrachte, aber sie erschienen bald darauf, und es folgten schnell »Lora«, eine Art 481 Supplement des Korsaren, und seine berühmte Ode an Napoleon, die ihm jene plumpen Engländer nie vergaben. Und Byron war in jener Zeit ruhebedürftig, und Napoleon war zum ersten Male gestürzt – da trat der gequälte Poet am 2. Januar 1815 mit einem Weibe an den Altar, und wollte ein Hausvater werden, und ruhige, glückliche Tage genießen. Er wird ordentlich, bezahlt seine Schulden, wird solid – ach, welch' ein Irrthum. Dieser Erste der modernen Elementargeister muß vorausbezahlen für alle folgenden. Die Welt seines Herzens und die Welt um sein Haus herum sind in schreiender Disharmonie, es besteht kein Frühling mit frostigen Nächten. Diese Ehe krönt seine bürgerliche Zerrüttung, ein zipp-englisches, platt tugendhaftes Weib wirft Hagel und Schlossen auf sein Herz, und die englischen Philister heulen ihr Bravo. »Besonders ist es in London der Fall, – sagt ein Franzose – daß von allen thörichten Dingen die Verheurathung als die ernstlichste betrachtet wird«. – Wie paßte Byron in eine englische Ehe, wie paßt der Poet in ein einziges Versmaaß? Sie folterten ihn mit Nadelstichen, sie hätten ihn getödtet, wenn er nicht wieder auf's Schiff entronnen wäre. Jenes Farewell, was er dort auf dem Verdeck sang, das ist deine unauslöschliche Anklage, du aberwitziges, prosaisch moralisches England, mit 482 deinen Pfaffen und alten Weibern gotteslästerlicher Frömmigkeit. Während seiner Verheurathung hat er die »hebräischen Melodieen« herausgegeben, in denen es die traurigen Herzen jenseits des Kanals übelnahmen, daß er die Bibel als ein historisches Buch behandelte. Darin ist jener große Untergang von Sanheribs Heer, wie die Assyrer in der Ebene, unter dem dunkeln, verpesteten Himmel dahinsterben. Und »die Belagerung von Corinth« und »die Parisina« hat er damals geschrieben. Voll bittern Grolls, voll peinigenden Schmerzes, voll mörderischen Unwillens verließ er das widerwärtige Vaterland: damals lebte sein Geliebter, der wildschöne Sheridan, es lebte Lewis, der unbändige »Mönch« noch, Walter Scott schrieb Romane, Canning Satiren, Wordsworth, der melancholische, Colbridge, der kecke, und Shelley, Shelley, sein Liebling, der skeptische Held, Alle diese sammelten sich damals um John Murray, den eleganten Buchhändler, der seine blanken Guineen für ihre blanken Gedanken gab. Und zürnend ritt Lord Byron, der Mittelpunkt dieser Leute, über das Schlachtfeld von Waterloo, den Rhein hinauf, tief in die Schweiz hinein. Hier unterhält er sich mit Rousseau und Abälard und Heloise, schreibt den »Gefangnen in Chillon« und den dritten Gesang des »Childe Harold« und 483 »Manfred«, den Sprößling Goethes, den Stiefbruder von der ersten Hälfte des Faust. Es ist einer der wenigen rührenden Momente in Goethes Leben, wo seine Liebe zu diesem wilden Sohne wie ein warmer Strom aus seinem Herzen bricht. Goethe hat wirklich Lord Byron geliebt. Wie manches Kind der Byronschen Leidenschaften war ihm bekannt, denn er ist der Patriarch der neuen Religion – aber er hatte mehr Glück und kühleres Blut, und machte ein Liedchen draus, wenn dort zwei Welten an einander prallten. Es ist eine der weichsten Stunden im langen Leben des Geheimenraths der Poesie gewesen, als die Nachricht nach Weimar keuchte, zu Triest sei ein schwarzbewimpelt Schiff gekommen, auf dessen Verdecke habe die Trauerbotschaft gelegen, daß er in Griechenland gestorben sei, der schöne Lord aus dem garstigen England. – – All' seine tollen Zweifel waren im »Manfred« an den Alpen hinauf in den Himmel geklettert, jene tödtliche Sehnsucht nach Kenntniß der jenseitigen Dinge, die jeden Helden eine Periode hindurch bis auf den Tod schüttelt, jene menschgöttliche Sehnsucht hatte er ausgestreut in jenem Gedichte; er hatte den starren Kopf an die Felsen gestoßen, die heiße Brust an die Gletscher gelegt, und nun stieg er hinab nach Italien. Und hier packte er noch einmal mit all' seinen Kräften die wirkliche schöne Welt, die uns Gott 484 frei gegeben hat zu unsers Herzens und unsres Leibes Freude. Abgeschüttelt war im Manfred jene subtile, christliche Ueberschwänglichkeit, welche die Erde über dem leeren, unerreichbaren Himmel vergißt, der Don Juan irdischer Schönheit, stieg er herunter von den Alpen. Manfred war wohl von Shelley angeregt. Auf einem Ausfluge nach Genua trifft er seines Geistes und seines Lebens unglücklichen Doppelgänger, den lieben, armen Shelley. Eine innige Freundschaft verbindet sie bald. Sie hofften einer so wenig wie der andre von der unnatürlich gearteten Welt, und Shelley hoffte auch noch weniger von Gott, und die thörichten Engländer nannten ihn deshalb einen Atheisten. Das Unglück hing wie ein Skorpion an seiner Ferse, und sagte ihn durch die Welt, er war eben so unglücklich wie Byron, nur noch unglücklicher, und darum liebten sie einander so sehr. In Oxford war Shelley relegirt worden wegen irreligiöser Gedichte, deshalb verstößt ihn sein Vater, es verläßt ihn die Geliebte, er flieht wie Byron aus England. Die englische Dummheit bedroht sogar sein Leben, und am Posthause zu Pisa fällt ihn ein moralischer Plumppudding mörderisch an, als er Shelleys Namen hört. Er kommt wie Byron zurück, heurathet wie dieser, um nur etwas Liebes zu haben, findet wie dieser kein Glück, verläßt Weib und Vaterland wieder, und kommt nach Italien in Byrons Arme. Das Meer 485 erbarmt sich des Verstoßenen, die Wellen bedecken sein Leben, und sie bringen dem suchenden Byron den gequälten Leib plätschernd an's Ufer. Lord Byron errichtete einen Scheiterhaufen, um die Erdmasse des Freundes, welche so schwer auf ihm gelegen, zu verflüchtigen. Es war einer der schlimmsten Tage des Lords. Shelley war's, der ihm zuerst den »Faust« in die Hände gab und verteutschte. Armer Shelley! Wie Viel hast du für uns gelitten! – Italien ist Byrons zweites Vaterland, Venedig die Geburtsstadt seines Don Juan. Hier traf er seinen Freund Hobhouse wieder, hier fuhr er Nachts in den Kanälen umher, und träumte von Welten und Menschen, frei wie die Schönheit und schön wie die Freiheit. Nur im Süden gedeihen die schönen Bäume, Byron wäre in jenem kühlen England vor Gram gestorben, hätte es keinen Süden gegeben, wie die Singvögel, wenn sie unsern Winter überdauern müßten. Lord Byron wäre auch nicht so unglücklich gewesen, hätte er von Jugend auf unter diesen südlichen Menschen gelebt, die von ihrem Vater her wissen, daß die Schönheit der Erde und der Weiber keine Theaterdekoration sei. Auf diesem wunderbaren, unbefriedigten Venedig liegt Byrons Antlitz mit seinem Zauber, und seinem tödtlichen Verdruß. Wie Byron mit der Sinnlichkeit, 486 buhlt Venezia mit dem weichen Meere – zwei schöne Sterbende, eine historische Stadt besitzt nur ein größeres Herz, und stirbt länger. Er nannte sie auch nur »die frischeste Insel seiner Träume«, und hier kam ihm auch als Todeskuß der Humor, hier schrieb er seine erste humoristische Erzählung, den »Beppo«, die Geschichte jenes muntern Seefahrers »Giuseppe«, hier vollendete er den »Childe Harold«, und ersann den genialen »Mazeppa«. Ich hatte nie etwas von Byron gelesen, meine Freunde hatten mir nur seine Schriften beschrieben, da sah ich eines Tag's das Bild Mazeppa's: ein schöner, nackter Mann ist auf ein wildes Pferd geschnürt, das Pferd stürzt durch den Wald über einen schroffen Abgrund, Todesangst bricht aus seinen Augen und Nüstern, Wölfe stürzen aus allen Winkeln – auf dem zweiten Blatte ist es todt zusammengestürzt, Mazeppa's halber Leib ist unter dem Leichname begraben, seine Augen lechzen nach dem Tode, wilde Pferde schreien und schlagen ringsumher nach dem Unglücklichen, oben flattert ein Rabe nach dem Aase lüstern. Damals sagt' ich: dieser Mazeppa ist Lord Byron, der schöne Unglückliche, der in England lebt unter den Wölfen und rohen Pferden der Kosacken, und festgebunden ist auf das geängstigte Pferd einer alten, verlornen Moral. Das Bild machte einen unbeschreiblichen Eindruck auf mich, und ich habe von da 487 an niemals einen Augenblick gezweifelt, daß der Dichter des Mazeppa voll Poesie sei. In meinen Träumen sah ich das gehetzte Pferd fliegen, sah die offnen Rachen der Wölfe, und den entsetzlichen Schmerz im Aug' und in jeder Muskel des schönen nackten Mazeppa. Armer Lord Byron! Seine bunte Wohnung am Canale grande war eine tragische Maske seines Geschicks. Unter Bären, Affen, Papagaien und eben so scheckigen Bedienten saß er da, der feine, eitle, verführerische Form-Aristokrat, schrieb den »Marino Fallieri«, die »Fossari«, den »Sardanapal«, besang, wie früher den Tasso, jetzt auch den Dante, bedauerte lebhaft den Tod eines einzigen Engländers, des Zahnarztes Wathe, verschrieb sich Zahnpulver aus London, zerstampfte die Feder, daß er nicht so groß werden könne, wie Shakespeare, spielte mit seinen Hunden, umarmte die schönen Weiber, und schrie auf zum Himmel über die Armuth dieser Erde. O, die Griechen wußten es wohl, wie unglücklich die Titanen auf dieser Erde seien. Gegen Abend fuhr er mit seinen Hunden an's Land, ritt seine schnellen Pferde, schoß Pistolen, und kam in der Nacht wieder, um in den Lagunen sich schaukeln zu lassen und zu träumen von Gottes Rathschlägen. 488 Wenn es nicht erzählt würde, ich hätte es erfunden, daß er eitel gewesen sei auf seinen schönen Kopf, eitel wie Napoleon und jeder große Mann auf seine schöne Hand, daß er sogar beim Schwimmen Handschuhe getragen, daß er stolzer gewesen sei auf seine Person, als auf seinen Geist. Das war seiner launischen Schönheitslust nothwendig, und folgende Aeußerung zu seinem Hausarzte ist gewiß wörtlich wahr. »Drei Dinge machen Sie mir nicht nach: ich habe ein Gedicht geschrieben, wovon in einem Tage 10,000 Exemplare verkauft worden sind, ich putze eine brennende Kerze auf dreißig Schritt mit der Pistole, und ich bin durch den Bosporus geschwommen«. – Hier in Venedig war's, in diesem Palaste, wo einst Thomas Moore mit ihm speis'te, und wo er beim Desert hereintrat und ihm seine Memoiren übergab. Dieser mittelmäßige Poet, dessen glatter Wortreichthum die Mittelmäßigkeit besticht, hat es gewagt, den Auftrag jenes Sterbenden zu veruntreuen, er hat die Memoiren verfälscht herausgegeben. Dies prüde Krämervolk hat die beiden ersten Poeten unsrer Tage, den Napoleon und Lord Byron zu Tode gemartert, und hinterher durch seine Poeten, die Edlen Scott und Moore, verläumden lassen. Pfui über sie! Wenn das Volk nicht sonst so groß, so konsistent tüchtig wäre, ich könnte es hassen ob dieser historischen Geschwüre. Dieser wohlgenährte Thomas 489 Moore bildet sich ein, das beste Freundschaftsstückchen geübt zu haben, um Byrons Ruf bei der englischen Prüderie – der Wicht weiß nicht einmal, daß er die Geschichte bestohlen hat, und daß solches eine Sünde ist gegen den heiligen Geist. Von Venedig geht es rasch mit Byron zu Ende. Er schreibt noch den »Kain«. Hier sollte der Teufel wie ein Geistlicher sprechen, aber Byron meint, es sei nicht angegangen, der Teufel müßte höflicher reden. Seines gequälten Herzens erbarmt sich noch einmal die Liebe, die schönste seines Lebens, die innige, siegreiche Liebe zur schönen Gräfin Guiccioli in Pisa. Es war ein Weib so süß und weich wie der schönste Liebesvers aus Romeo und Julia – und diese ächte, alte, moralistische Liebe, die er umsonst gesucht, dies Ein und All des Lebens fällt noch wie eine milde Sternennacht über sein Aug' und Herz. Sie beschämt sein ganzes Leben, und gießt ihm den göttlichen Tod in die Brust. Er weint wieder Thränen, die ihm seit der Kindheit gefehlt, küßt keusch ihre Augen, besteigt den Herkules, und segelt gen Griechenland, um für die Freiheit zu fallen. Und der Himmel liebte seinen Sohn, der sterbende Fechter moderner Poesie verschied bald und sanft in den Armen seines getreuen Lechter, 33 Jahre alt. So 490 schloß im Jahre 1823 dieses gewaltige, moderne Epos. – – Sie reichte mir noch die weiße Hand zum Fenster heraus, ich küßte sie, und ruderte mich heim. – Ich mochte Niemand stören, und weckte den Schiffer nicht. – 491     Il Campanile. Es war kaum Tag geworden, da lag ich schon wieder in der Gondel, und ließ mich hinabschaukeln nach Byrons Hause. Unterwegs lockte mich indeß die schöne Kirche della Salute in ihre rothe Morgenfrühe. Sie steht in ihrem schönen einfachen Gewande, ich glaube ein kleines Spiegelbild der Peterskirche, dicht am Bassin. Die Sonne legte sich lächelnd in die rothen Vorhänge der Fenster, und es wogte ein bräutliches Dämmerlicht durch das schöne Haus. Es ist dies einer der wenigen Tempel, wo man mit Freuden an Gott denkt. Wenn ich meine Landsleute in Teutschland recht kenne, dacht' ich damals, so wird es nicht an solchen fehlen, welche sich bekreuzigen bei deinem Namen. Ich saß wieder vor einem schönen Bilde, und es war mir, als hört' ich von Norden her die besorglichen Worte: Aber was ist denn diesem Menschen 492 heilig. O, du schönes Mädchenauge, in das ich eben blickte, und du morgenrothe Sonne antworte für mich! Das Auge Gottes ist mir heilig, und das Auge Gottes ist groß wie die Welt, und es strahlt mit jenem unendlichen Zauber in jeder kleinen Freude, in jeder poetischen Regung. Ich war sehr andächtig in der Kirche della Salute. »Aberst erloben Sie mich, es muß doch Alles een Maaß und Ziel haben« – klang es hinter mir – »det is doch eene unmoralische Relijon mit die nackten Frauenzimmer; und Handel und Wandel leidet och natürlicherweise, wenn det Volk an soliden Wochentagen schon am frühen Morgen in de Kirchen liegt und nichts duht, und das fülle Wasser bei Venedig is doch och een Luxus, und keene Kultur natürlicherweise; denn warum? es können keene Droschken bestehn und keene jute Polizei, nur de kostspieligen Kirchengebäude nehmen det Bischen Platz noch wej, und det Volk sieht aus wie de Intriguants uf ber Königsstadt.« » Te barbarum praebes « – alleweile sprechen Se wieder preußsch – antwortete eine Tenorstimme. Süße vaterländische Klänge! Ein malkontenter Berliner Muthwilliger und ein lateinischer Sachse, welche zusammen eine Bildungsreise unternommen hatten, standen hinter mir. 493 Der Berliner schwitzte verdrüßlich, der Sachse war sehr fidel, und erzählte mir, Neapel sei eenzig, und Rom, na Rom! – Na, du jroßer Jott, fiel der Berliner ein, det können Sie Alles in Berlin viel kommoder haben, et is eene unnatürliche Hitze, und deuer is och Alles, weil det Volk nicht nach Silberjroschen rechnet. – Ich mußte mit ihnen fahren, Kunstwerke anzusehn, »det kompenirt sich besser,« sagte der Muthwillige von 1813, »und man muß die Jeschichten doch jesehn haben, wenn man eenmal dajewesen ist, man weeß denn in der Resource was zu erzählen.« – – Hierauf ging's in den großen Kanal – o, wie schlug mein Herz, als die Gondel an Lord Byrons Hause vorüberrauschte. An einem vergitterten Fenster sah ich eine weiße Hand, vielleicht die Hand Venezias, aber der Kahn brauste vorüber, und der fürchterliche Berliner sprach vom Fürsten Blücher, und vom fünften oder von Gott weiß welchem Armeekorps, von den Referendars und von Wisotzky. – Das klingt Alles in Venedig wie der ordinairste Zapfenstreich neben alt romantischer Musik. Ein juter Berliner aus dem Jahre Dreizehn ist außerhalb Berlins ein Malheur; das Wetter mag noch so schön sein, er trägt seine Juchten-Stiefeln, das heißt: er spricht von den Preußen, er übersetzt erst Alles in's Preußische. Der lateinische Sachse erzählte von ihm, 494 daß er in Neapel nur einmal vergnügt gewesen sei, als er die Lazaronis gesehen, da habe er entzückt ausgerufen: »Jott sei Dank, hier giebt's och Eckenstehers, Schade man, daß de Kultur noch so zurück is, und se keene Nummern haben, hier könnte man die Nummer zweeunzwanzig unterbringen, die in Berlin keener mehr nimmt, seit der Nante mit Nummer zweeunzwanzig ufjekommen is – 's wär' doch schade um diese ganz anjenehme Nummer, wenn sie man so brache liegen müßte«. An jenem Tage wurde ich genöthigt, fortwährend zu jenießen, wie es der Muthwillige nannte. Von Manfrinis ging's zu Pesanis, und dann in die Napoleonische Tabagie – so nannte er die Gärten, welche der Kaiser angelegt hat. Zu dem Ende ist ein ganzer Kanal ausgefüllt, und man tritt mit Erstaunen auf eine breite Straße, auf einen jener kecken Kaisergedanken, die auch die Elemente wie Unterthanen behandelten, und kommt von da in Gartenanlagen. »Was ist das jejen den Dierjarten,« sagte der Berliner lächelnd, »überhaupt, dieser Napoleon! Wir hatten uns man zu lange den Spaß jefallen lassen, ick habe mir immer jewundert, daß der alte Blücher nicht früher seinen ordentlichen Baß loslegte.« – – Die Berliner Manfrinis und Pesanis sind die berühmten Palläste der Manfrini und Pesani, welche 495 treffliche Kunstsammlungen enthalten. Ich erinnere mich aus dem Berliner Getümmel, welches dieser einzige Muthwillige machte, nur eines gefährlich schönen Weibes von Giorgione und des Ariostschen Kopfes von Tizian. Giorgione und Tizian sind die venetianischen Dioskuren der Malerei; jener war der Meister, dieser der Schüler. Aber das blühende Fleisch Tizians hat diesen noch berühmter werden lassen, und vor einigen Jahren kannten unsre undankbaren Conversationslexica nicht einmal den Namen Giorgione. Giorgione ist aber ein sehr rühmenswerther Maler, die Sinnlichkeit seiner Köpfe ist geistreich, und seine Zeichnung ist fast überall besser als die seines Schülers. Titiano Vercelli überwältigt durch die Schönheit seines Materialismus, durch sein verführerisches Fleisch und Blut. Er ist einer der glücklichsten Maler gewesen, und mehr denn 90 Jahre alt geworden, dieser Alpensohn aus dem Friaul. Zu Ferrara hat er mit Ariosto muntre Tage verlebt, als er auf seinen großen Portraitreisen auch in der Romagna einsprach, und daher stammt das schöne Bild Lodovicos. Es hat nicht leicht ein Künstler jenes romantische Zeitalter der Kunst so mit vollen Zügen genossen wie dieser venetianische Maler Tiziano. Alle berühmten Köpfe des damaligen Europa waren ihm unterthan, er hat die ganze Historie jener Tage portraitirt. 496 Obenan den großen Kaiser Karl, den man den fünften nennt, und welcher der Gewaltige heißen sollte. Er fiel mitten in jene Zeit, wo die Kunst die Religion der Bildung war, und die Venetianer verehrten seine Bilder wie Heiligthümer. Man erzählt, daß eine verarmte Familie nichts mehr besaß als den letzten Juwelenschmuck und ein Bild von Tizian, und daß sie die letzten Juwelen verkaufte, um das Bild den Nachkommen zu sichern. Damals ist auch in Teutschland das Wort Bildung entstanden aus den Bildern. In der prächtigen Kirche Santa Maria dei Frari ist Titians Grab unter einem einfachen Steine. Als er starb, beschäftigte die Pest in Venedig alle Herzen und Hände, und man konnte dem Meister in Eile nicht mehr anthun, als ihn in jene prachtvolle Kirche legen. Jetzt hat Canova ein Denkmal für ihn gearbeitet, und Europa hat's bezahlt. Canova hat zu viel kleine Postpapiergedanken gehabt, und die stolzen Pesari mit ihren kolossalen Monumenten daneben sehen stolz auf ihn herab. Eine venetianische Familie neben den Beiträgen Europas. Man muß nie vergessen, daß der Stolz und die Liebe die größten Dinge machen. – – Es war später Nachmittag geworden, und ich fand Sinn und Auge erst wieder oben auf dem Campanile, welchen Manche Markusthurm nennen. 497 Der Berliner puhstete – Jott wat kostet das Vergnügen für Unannehmlichketen! – Noch eh ich mich umsehen konnte, faßte er mich beim Arme und sprach: Apropos , eenen Moment, bevor wir uns hier zerstreuen. Ich liebe die Ordnung, und een ufjeräumtes Zimmer – wat sagen Se zu den korinthischen Pferden? Sie kennen de Siejesjöttin uf'm Brannenburjer Dohre – na, wat sajen Se – nu, habe ick nich Recht: een Berliner braucht keen Postjeld auszugeben. Die Linden, det is de Natur, de noble Natur, der Dierjarten des is de andre Natur, und das Brannenburjer Dohr, det is de Kunst – was, hab' ick nich Recht, Landsmann! Korinthisch, korinthisch! was sie damit sagen wollen, det is so eene blaue Renommage – lächerlich, höchst lächerlich mit dem Korinthisch. Des Korinthische is och in Berlin nich deuer – Jott, de Uffchneiderei, wenn's nur man keene Uffchneiderei jäbe. – Die Glocken fingen ihr donnerndes Gebrumm an, und erlös'ten mich, der Wind erhob sich, die Reisemütze des Berliners flog hinab nach dem Marcusplatze und seine Verzweiflung konnte sich wegen der betäubenden Glocke über unsern Köpfen nur pantomimisch äußern. Aber man kennt Venedig nicht, wenn man nicht auf dem Campanile war – hier ist das Register des großen Meeresbuchs. Wie Kriegesschaaren von 498 ihrem Feinde, dem Meere gedrängt, stürzen sich die Häuser zusammen. Padua steht hinten auf, und von den andern Seiten eilt die Adria in hohen Wogen herbei. Der Wind flog wie ein übermüthiger Bube draußen im Meere umher, ich sah zum ersten Male einen Sturm. Die tollen Beschreibungen der Romantiker, welche ich immer kopfschüttelnd gelesen hatte, waren vor meinen Augen, wie die Berge wälzten sich die Wogen herein nach dem dunkeln Hafen, eine falbe Wolke flog vor die Sonne, die Glocke donnerte unausgesetzt, meine Nerven bebten und ich schrie aus Leibeskräften, die Republik sei in Gefahr. Kein Mensch hörte mich, unten auf dem Marcus gingen die Menschen still und friedlich spazieren. »Det sind unanjenehme Affekte,« sagte der Berliner, als er sich unten eine neue Mütze gekauft hatte. Aber trotz dem mußten wir ihm noch in's Arsenal folgen. Mit beispielloser Gefälligkeit führte uns ein österreichischer Offizier umher. Man findet nirgends eine so scharmante, humane Dummheit als in Oesterreich. Die Beschränktheit ist da so naiv, ja man möchte sagen, so liebenswürdig, daß man ihr nicht bös' werden kann. Die österreichische Beschränktheit ist sogar immer bereit, zu lernen und sich zu erweitern, der ächte Oesterreicher ist so durchdrungen von seiner Einfalt, daß man ihr nimmer bös' werden kann. Der Preuße geberdet sich so überaus 499 verständig, daß man ihm aus dem Wege geht, der Oesterreicher ist bescheiden, auch wenn er den in Rede stehenden Gegenstand genau kennt und weiß, der Preuße ist unverschämt auch wenn er nichts davon weiß. So stand der Berliner neben dem österreichischen Officier, welcher uns im Arsenal herumführte. Der Officier war seit seinem sechzehnten Jahre Unterlieutenant, und das war über ein Jünglingsalter her, aber er war doch sehr zufrieden mit seiner Karriere. Ich habe mit Erstaunen diesen Mann betrachtet. Uebrigens darf man hieraus keinen voreiligen Schluß auf das österreichische Officierkorps im Allgemeinen machen. Ich habe an vielen Orten Leute aus seiner Mitte kennen gelernt, ich bin mit ihnen über die Gebirge gefahren, wo man von dem einsamen Adler kein Geheimniß hat; sie kennen die Bewegungen der Welt, sie studiren den Krieg, sie sind nicht nur humaner dumm, sondern auch humaner klug als viele andere Truppen Europas. Alle indessen, die Dummen und die Klugen, stimmen darin überein, daß die österreichischen Soldaten wiederum bewußtlos wie eine Mauer stehen würden, es möge einem rothen oder einem schwarzen Feinde gelten. Aus dem venetianischen Arsenale wird nicht viel Tapferkeit hervorgehen, es ist ein zwar endlos großes, aber leeres unmächtiges Ding. Schrecken und 500 Krieg macht munter, ich wurde schläfrig und langweilig unter jenen kriegerischen Umgebungen. Der kleine Bucintoro wird wie ein Aff gewiesen, und sie arbeiten hie und da an Schiffen; ich glaube aber, es wird nie ein's fertig. Linienschiffe dürfen sie nicht bauen. Das Interessanteste waren mir die Waffen der letzten Romagnolen, welche unter Zucchi nach der Juliusrevolution einen Aufstand versuchten. Die neuen Italiener stehen in dem Rufe, gut laufen zu können, und jene Vorfälle haben sie um den letzten Rest von Kriegsvertrauen gebracht. Sogar die bescheidnen Oesterreicher erlaubten sich's, witzig zu sein, als sie zu ihrer Bekämpfung auszogen, und riefen den besorgten Zurückbleibenden zu: Wir ziehen ja in's Land der Feigen! Ich wiederhole es, daß auch ich sie für eine depravirte Nation erachte, aber über die Action der Zucchianer bin ich etwas andrer Meinung geworden, als ich ihre Waffen im Arsenal zu Venedig sah, und die Erklärung des Unterlieutenants hörte. Klein und groß lagen sie durcheinander, wie sie ihnen im Augenblick der Noth in die Hände gefallen waren. Der größte Theil war altes verrostetes Geräth, wie es in den Winkeln unsrer Bodenkammern zu finden ist, und zerschlagne Vogelflinten, zerbrochne alte Haudegen und Messer erzählten mehr von einem verzweifelten Handgemenge, als voreiliger 501 Flucht. Dieser Triumph im Arsenal sah eher darnach aus, als hätten sich die Leute mit leeren Händen geschlagen, und als sei mehr ihre Anzahl als Tapferkeit jämmerlich gewesen. Mit großer Unschuld zeigte man uns rohe, ungeschlachte Piken, welche in aller Eil zu Rimini gemacht worden waren, um das Volk zu bewehren, und fand nichts daran als soldatische Unkultur. Hinter diesen volkssouverainen Piken lag aber mehr, als ich in Italien erwartet hatte. Zucchi ward bekanntlich aus dem Meere von einem Landsmanne gefangen, und der ungestüme Greis von 76 Jahren harrt jetzt auf der Festung seines Todes. Den Namen seines wackern Landsmanns hab' ich nicht aufgeschrieben. Italien und Teutschland sind Genitivstaaten Europas, sie sind wie der Anfang eines Wortes, und ihre Revolutionen werden nur in Paris gemacht, vor den Tuilerien und in den Tuilerien. Ludwig Philipp war für die revolutionairen Parteien beider Länder eine größere Niederlage als die Treffen bei Forli und in den Straßen von Frankfurt. Im Hafen von Venedig liegt eine österreichische Fregatte, das Wachtschiff, der italienisch-österreichische Beobachter. Er spricht alle Tage nur ein Wort, des Abends um halb Neun lös't er einen donnernden Kanonenschuß, und der ganze Norden von 502 Italien muß diese Sprache verstehen. So lange man darauf keine passende Antwort weiß, so lange wird die Ordnung von 1813 nicht gestört werden. – Jott – sagte der Berliner, als wir auf dem Marcus ankamen – det war een lehrreicher Amüsementsdag, aber och des Verjnigen wird eenem sauer. Was duh ich mit der Jeschichte! Es is war, de Jeschichte is nitzlich, det sehen wer an de Jeschichte von Friedrich dem Jroßen un an de Jeschichte von de Pompadours, wo die Damens den Kuchen rinner steckten – aber de Jeschichte bleibt doch immer bloß eene Jeschichte, was man so sajt, eene Wissenschaft, eene Idee – eene, nu ja, eene Idee; – sehn Se, für de Begebenheten un Ideen hier uf'm Marcus, jiebt mich, soll mir Jott strafen, keen vernünftiger Berliner etwas Warmes in'n Leib, und wenn ick daran denke, denn bin ick gleich wieder unjlücklich. Wahrhaf'tgen Jott, ich bin een ehrlicher Mann un een Patriot obendrin, aber des italienische Fressen ruinirt mir. Jotte, Jotte, nich eene Karbonade, eene unschuldige Karbonade können se machen ohne det jottvergessene Bohmöhl, et grault mir im Magen, wenn ick man dran denke – und nun kompensiren Se, Herr Landsmann, wat duh ick mit der Jeschichte? – Ich weiß selbst nicht, wie ich eigentlich das Zeug gehört hatte, denn die Dame mit dem schönen 503 Nacken saß wieder vor mir. Heut trug sie ein grauseidnes Kleid, und ihr schönes Fleisch war sonntäglicher, menschenfreundlicher denn je. Der Berliner meinte, es sei ein Vorurtheil, das Jesicht nicht anzusehn, und trat die dazu nöthige Bewegung an. Ich sprang auch hinzu, um seine Beschreibung zu vermeiden. Da kam der Archivarius hastig, und theilte uns mit, daß der Vapore heut Abend abgehe, der Wind habe sich gelegt, wir hätten die größte Eile. Der Archivarius war sehr blaß in Venedig, er war auf süße Geschichtquellen gestoßen: in einer kleinen Straße hatte er eine ungebundne Livia, die jüngste Ausgabe des Livius gefunden, und Tag und Nacht hatte er studirt; davon war er so blaß. Er sagte, es sei jener Schatz aus Fez, welchen ein Doktor aus Leipzig schon Jahrelang suche, und diese Livia gleiche auf's Haar einem barbarischen Racegaule mit blitzenden Augen und verlangenden Nüstern, sie sei mehr werth als alle Philologie, selbst die Partikeln nicht ausgenommen, deren Studium des Mannes Energie erwecke. Kurz, der Archivarius war ganz besessen und umgetauscht, und er reiste nur fort, weil ihn das Studium zu blaß machte, und weil er sonst nicht fortkäme. – Jetzt trachtete ich lebhaftest, meine Dame mit dem schönen Nacken zu erblicken – da erhob sie sich 504 und ging von dannen, ich wollte ihr nach, der Berliner Muthwillige umklammerte mich. »Herr Landsmann – rief er – keene Leidenschaft, det Dampfboot wartet nich, jeben Sie sich keene Blöße!« Da verschwand sie im Getümmel, und sie hatte vielleicht das schönste Gesicht in der Welt! – 505     Adria. Ich habe mich immer umgesehn in Venedig nach den Banditen, von denen die Leute so viel geschrieben haben, aber umsonst. Die Bildung zerstört all' solche interessante Klassen, die Bildung und die Polizei. Es ist in Ober-Italien auf das Strengste verboten, Waffen bei sich zu führen – es mag noch Bravo's in Venedig geben, aber sie haben keine Dolche mehr. In der Merceria hab' ich einmal einen jungen Mann gesehn in ächt venetianischer Dolchwuth. So etwas hatte ich nicht für möglich gehalten, und ich sah jeden Augenblick aus jeder Tasche, aus jedem Finger zehn Dolche springen. Es war ein Zustand, dem ich selbst einen Ausweg wünschte, die Wuth hob den kleinen Mann vom Fußboden auf. Der Teutsche zürnt oft schnell und donnernd, aber der Italiener haßt plötzlich und lebensgefährlich. 506 Fast alle neueren Erfindungen der Kultur gehen dahin, die Individualität zu vernichten, nur die moderne teutsche Poesie der Prosaisten und hie und da auch die neue französische Schule sucht sie zu retten: sie kokettirt, um durchzudringen, mit der Dreistigkeit des Individuums. In Italien kann sie ihre Studien machen. Es ist der liebenswürdigste Zug der Italiener, daß sie jede Persönlichkeit gewähren lassen – der gewöhnlichste Bursch in Italien ist ein Selbst, und auf der Riva der Slavonier in Venedig findet man heut noch die trefflichsten Shakespearschen Gestalten. – Der Schiffer, welcher uns zum Dampfboote fuhr, besaß eine sehr fatale Individualität: er spielte mit uns das tollste Hazardspiel. Es war der äußerste Termin, die letzte Viertelstunde, um aufgenommen zu werden am Vapore. Das wußte der Gondolier vortrefflich, und mitten im Bassin legte er das Ruder hin, und erklärte, nicht weiter zu fahren, falls ihm nicht das besprochene Fährlohn doppelt ausgezahlt würde. Zugestanden. Nach einer Minute verlangte er das Dreifache, nach zwei Minuten das Vierfache. Wir konnten nichts thun, als ihn in's Meer werfen, und dann kamen wir zu spät. Er verzog keine Miene dazu, als ich über das Gondelhäuschen klettern, und die Exekution beginnen wollte. Es war ein schwarzer Abend, die Lichter schimmerten unheimlich von der Piazetta und 507 der Riva der Slavonier herüber und glitzerten gespenstisch hie und da über das Wasser in's Banditenantlitz des Gondoliers. Die Machtlosigkeit gegen jene Willkühr der Marcusherrn war mir nie so schmerzhaft eingedrungen, als in diesem Augenblicke, wo solch' ein schuftiger Fährmann Fangball mit uns spielte. Wir versprachen ihm Alles, und als die Gondel im letzten Momente der noch erlaubten Frist an den Vapore anlegte, und der Schuft nicht mehr entrinnen konnte, da gab ich ihm den vom Haus aus bedungenen Lohn, und zog ihm für das Uebrige einen Hieb über den Buckel. Und er? – er lachte und bettelte um eine Kleinigkeit, und fuhr singend von dannen. So wunderlich sind diese Käuze. Das Dampfboot war sehr voll, und wir fanden mit Mühe auf einigen Tauen ein Plätzchen. Es begann das Räderwerk seinen Lärm unten am Bauche des Schiffs, wo die Schaufeln vom Dampfe gedrängt schlürfend in die Wellen greifen, und immer weiter zurück flog das nächtlich flimmernde Venedig, was des Nachts aussieht, wie eine fabelhafte Lufterscheinung mit hin und her fliegenden Sternen. Das Meer ist noch weit hinaus ruhig, und wirft nur die kleinen Hafenwellen, so groß ist der Einfluß der Murazzi. Diese Murazzi sind die kolossalste Erscheinung Venedigs, riesenhafte Steindämme, welche 508 tief in's Meer hinein errichtet sind. Sie sollen schon zu Zeiten der Römer begonnen sein, und schützen die Stadt vor dem Eindringen des Meeres, sie sind die Garantie Venezias. Plötzlich flog der Vapore hinab, hinaus – die Murazzis sind zu Ende, hieß es auf dem Schiffe, die eigentliche Meeresfahrt begann mit allen ihren tragikomischen Zuständen. Ich war zum ersten Male auf dem hohen Meere, wo bei friedlichster Ruhe die Wogen fortwährend geschäftig auf- und niederrollen, jene stille Schwermuth des Magens, jene lebensmörderische Sehnsucht der Seekrankheit kam denn auch alsbald über mich, indessen hatten die Meeresgötter ein Einsehn, da sie meine Bereitwilligkeit erkannten. Ich habe nie eine Tapferkeit so bewundert, als in jener Nacht die Tapferkeit der Seehelden – man erzählt, daß Nelson immer seekrank gewesen sei. Der Mann muß eine geistige Kourage besessen haben ohne Gleichen, denn es giebt keinen ähnlichen, eben so niederschlagenden, entmuthigenden Zustand des Körpers als den der Seekrankheit. Ich weiß nicht, welche Organe in mir die Fähigkeit behalten hatten zu lachen, aber ich weiß, gelacht wurde in mir beim Anblick der Gesellschaft, auf dem Verdeck und in der Kajüte. So müßten sich die Alten den Orkus und den Zustand der Verdammten gedacht haben, wenn sie Humor besessen 509 hätten. – Die entschieden Unglücklichen, zu denen ich gleich von vornherein gehörte, sind allerdings nicht komisch, aber jene Menge, die wie Tantalus zwischen Furcht und Hoffnung qualvoll schwebt. So saßen meine alten Reisegefährten, der Archivarius und Starost wie gequälte Schlachtopfer auf den Tauen, mit zusammengekrümmten Leibern, schmerzhaft dubiösen Gesichtern, gefalteten Händen, mitten in jenem entsetzlichen juste milieu der Seekrankheit. – Die Matrosen spannten die Segel auf und eine Stange riß dem Starosten die Mütze vom Haupte in's schäumende Meer, der Unglückliche sprang in die Höhe, wollte ihr nach, spottend murmelte das Meer in seiner Finsterniß, und der Nachtwind flog drohend über des Beraubten Haupt. Wenn ich nur gewußt hätte, wer vorn im äußersten Winkel des Schiffes leiden mochte; unter einer breiten Decke bewegte sich's krampfhaft hin und her, und ein alter Matrose stand immer so theilnehmend dabei, und brachte Mancherlei herzu, und sah unter die Decke, und war gar nicht Matrose. – Diese bewegliche Decke hatte etwas Rührendes für mich. Bei all' dem Jammer rings um mich her war ich neugierig. Ich stolperte indessen in die Kajüte hinab, und legte mich auf den Boden, da alle Bänke von Leidenden in Beschlag genommen waren. Solch' eine Kajüte ist ein kleines Cholerahospital, die 510 Spucknäpfe gehen herum wie Tabacksdosen. Ein volles, schön gebildetes Weib wälzte sich neben mir am Boden, sie litt unaussprechlich, hatte sich in der Angst des Herzens die Haare und den Busen aufgerissen, und streckte die Hände flehend nach mir aus, als könnt' ich ihr helfen. Ich hatte selbst alle mögliche Charakterstärke nöthig, um nicht in die schlechten Manieren meiner Umgebung verwickelt zu werden. Das horizontale Liegen am Boden unterstützt hierbei den Umstand auf's Beste. Es war eine recht schlechte Situation. Das sollte nun jenes gepriesne Meer sein: der Himmel, in den ich sah, war eine hölzerne Kajütendecke, das Unendliche um mich war jenes Krachen der Leiber mit dem fatalen revolutionairen Tone, meine poetischen Gefühle glichen jenen unvergeßlichen Empfindungen meiner Kindheit, wenn mir zu besserer Leibesöffnung Sennesblätter eingeflößt worden waren. Ich erinnere mich nur, daß die Namen »Täuschung – Kiekebusch – Schweinigel – Schöpfung« in mir herumwirthschafteten, daß die Räder unter mir im Meere braus'ten, und daß ich endlich wieder aufwachte. Die Lampen brannten düster in der Kajüte, die kleine Treppe herab kroch ein grauer Tagesschein, Alles schlief ringsum mit jenen leichenartigen, schmutzigen Gesichtern, und der ganze Raum hatte auch das Ansehn jener wüsten Studentenstuben, wo 511 man die Nacht vorher glücklich gewesen ist. Die Leute mit fünf Sinnen nennen es wenigstens so. Solche Räume sind mir Kirchhöfe der menschlichen Schönheit – ich raffte mich auf; das arme, schöne Weib lag noch neben mir, ihre aufgelös'ten Haare waren auf meine Hand gefallen, ihre Augen und Lippen zuckten noch, als könne sie auch der Schlaf nicht schützen. Oben auf dem Verdeck war's noch mäuschenstill, selbst die Matrosen kauerten in den Winkeln, und schoben nur ein Augenlid in die Höhe bei meinem Geräusch. Der Wind lag tief in den Segeln, der frische, kalte Morgenwind, und fern an den grauen Himmelsrändern kletterte unsicher die Dämmerung über das Meer herauf. Zusammengerollt wie Mantelsäcke lagen der Starost und der Archivarius neben den Tauen, ein buntes Tuch ersetzte jenem die verlorne Mütze, der Berliner bildete den Hintergrund der Gruppe – es flog ein Wüstenbild durch meinen Sinn: die Araber schlafen an das Kameel sich lehnend auf dem Wege von Damaskus nach Aleppo. – – Ich lehnte mich an den Mast, der Tag klomm immer höher, zum ersten Male trank mein Auge rings Meer, nichts als Meer, wornach es so lange gedürstet hatte von Jugend auf. So wie die Ewigkeit, ein Ding ohne Anfang und Ende, konnt' ich immer das Meer nicht für möglich halten. Und 512 beide sind da, ich weiß es, aber ich denke nicht gern darüber nach, weil man dabei verrückt werden kann; ach wir kleinen komischen Menschen, – es ist der ächte Humor Gottes, daß er uns so große Leidenschaften gegeben hat. Mein Magen war damals noch zu sentimental, als daß ich mich hätte auf absonderliche Meeresgedanken einlassen können, obwohl ich mich sehr darauf gefreut hatte. Das fühlt' ich aber: es ist wunderbar schön auf dem Meere, und wenn Einem nicht eben übel wird, so sind die Heldenthaten natürlich, die Schwingungen des Herzens sind auf der See viel weiter, weiter, gewaltiger. Alle Landpoesie ist putzig neben den Meeresgedanken. Welch' ein Stolz gleitet auf den häuserbreiten Wellen einher, und das Wasser der Adria ist wirklich blau, rein-blau, zauberhaft blau wie strotzender blauer Taffet, aus welchem die Brautkleider geschnitten werden. – O, du geheimnißvolle blaue Adria, du Römerfee, wie großartig fluthetest du mir den Abschied Italiens, wie ganz gehörst du zu Italien! Auf dir ist Cäsar geschwommen und Diocletian und Lord Byron! Bald nach der Morgensonne stiegen die illyrischen Küsten aus dem Meere. Es war ein purpurgoldner Morgen, die Poesie flog an dem fernen steilen Gestade mit leuchtenden Kleidern hin und her. 513 Ade, Italien, ich werde wiederkommen, du dunkles, schönes Weib, um deine nackte Brust zu küssen, und nur Hispania werd' ich mehr lieben. Es ist so viel Einzelnes und so wenig Ganzes über das Land geschrieben worden. Ich hoffe sehr auf den Professor Witte. Er kennt vielleicht die Literatur des Landes am Genauesten, er hat sich im Wesen, Charakter und in der Sprache jener singenden Römer lange und aufmerksam herumbewegt, er hat mir im Angesichte des von — und aller Schönheit verlassenen Städtchens Schkeuditz, versprochen, seine Studien und Skizzen zu verarbeiten und herauszugeben. Nur möge er sie diktiren , denn er gehört zu den interessant sprechenden Schriftstellern, die uninteressant schreiben. – An einer Bergesbucht lief Triest in die Höhe, pfeilschnell schoß der Vapore darauf los. Es war ein heißer Morgen, als wir landeten, ich ließ meinen alten Matrosen nicht aus den Augen, er hatte fortwährend Kaffee unter jene geheimnißvolle Decke praktizirt, jetzt erst hob er sie – ein garstiges altes Weib kam zum Vorschein, deren schwarze Haare wüst über das braune Antlitz hingen. Erschreckt sprang ich an's Ufer – Triest, das war ein schlimmes Omen. 514     Triest. In Triest hab' ich eigentlich nichts gesehn als Steine, Geld, noch einmal Steine, Geld und Kaufleute und Wassermelonen. Das sind meine herben Erinnerungen aus dieser Stadt, der prosaischen Ueberwinderin Venedigs. Diese beiden Städte repräsentiren unsre heutigen Lebensverhältnisse: dort drüben steht der stolze Nobili mit einem magernden vornehmen Gesichte, sein Rock ist nach der vorletzten Mode, und die Farbe verschießt, hier aber neben uns steht der übermüthige Kaufmann mit dem fetter und fetter anschwellenden Gesichte, seine modernen, feinen Tuchkleider dehnen sich aus, seine Uhrgehänge quellen strotzend über den Unterleib hervor. Venedig ist die magre ägyptische Zeit, Triest die fette. Umsonst ist jenes endlich auch zum Freihafen gemacht worden, es war zu spät; die junge vom Berge herabrollende steinerne Stadt hat Besitz genommen von der Adria, die Levante steigt 515 jetzt in Triest an's Land, man verhöhnt den venetianischen Hafen neben dem weiten, tiefen Triestiner. Es werden nicht zehn Jahre in's Land gegangen sein, und wir werden uns nach den alten Ungezogenheiten des Geburtsadels sehnen, wir werden nach den vergessenen adeligen Lächerlichkeiten schmachten. Sie affektirten doch ein höheres Kriterium, sie kokettirten doch mit Poesie und nobler Gesinnung, es war doch eine Art Anstand in der Maskerade. Die Industrie überfluthet Alles, und in Kurzem muß jeder Mensch eine Art von Kaufmann sein. Es konkurrirt Alles nach den Regeln der Addition. Wer einen Louisd'or mehr hat, ist einen Louisd'or mehr werth. Das Geld siegt vollständig – wir müssen mit allen Händen arbeiten, irgend noch ein edles Gefühl in Kours zu erhalten. Das ist mir Alles mit der steinernen Stadt Triest auf's Herz gefallen – ich hätte zwar noch einige andre grüne Erinnerungen aus einem stolzen glatten Hause am Hafen, ich muß mich aber erst besinnen, ob ich Alles verrathen darf. Ich kam aus dem Meere, salzgestärkt und erfrischt wie ein Seeprinz, da bewegte sich oben im zweiten Stock jene lichtgrüne Jalousie, und es flogen griechische Locken und Augen herunter – – ich werde mich besinnen. Es giebt viel griechisches und türkisches Wesen in Triest, und das Volk redet ein so korruptes Patois, daß 516 Einem türkisch zu Muthe wird. Zwischen italienischen Brocken wälzen sich stockfremde Sprachfiguren einher, die Gott weiß in welcher asiatischen Wüste groß geworden sind. Die ganze Stadt ist mir wie ein Jahrmarkt erschienen an der Grenze eines fremden Welttheils. Die Geschäfte werden aber alle in Gold gemacht, und die pauvren Illyrier, welche die wohlfeilen Wassermelonen ausschreien, erinnern an das Treiben bei einer Farobank, wo Einer nach verlornen Goldstücken ein Glas Zuckerwasser kommandirt. Alle Häuser sind von kaltem, zweifellosem Stein, alle Straßen sind mit solchen Quadern gepflastert, es sieht Alles so trocken, aufgeräumt kaufmännisch aus, als wäre die ganze Stadt ein Waarenspeicher, und die Straßenräume seien nur eben zufällig leer. Eine tödtlich solide Kaufmannsstadt, ich habe nicht eine einzige Blume gesehn. Ich ging in stiller Mittagshitze die langen weißen Straßen hinauf nach der Post – an jeder Ecke fühlt' ich nach meinem Gelbbeutel, denn Triest sieht ganz so aus, als müßte man gleich Galeerensklave werden, wenn man seinen Geldbeutel verliert. Man spricht nicht, man zahlt bloß. Die alte Stadt mit einem illyrischen Bettelgesicht, kriecht höher nach dem Berge hinauf um das Kastell her, ignorirt von den neuen steinernen Fremdlingen. Hier kauert auf einem Kirchhofe das 517 Denkmal Winkelmanns, der in Triest gestorben ist. Bis 1833 hat man herumbetteln müssen in Teutschland, eh' es zu Stand gekommen – Triest mit seinen reichen teutschen Kaufleuten, Teutschland mit seinen reichen Verehrern von Literatur und schöner Kunst verläugnen sich nirgends. Schon Seume hat für dies Denkmal gesammelt. – Das jetzige Triest ist das Werk des Kaisers Caroli VI. Auf der Piazza della Borsa steht sein Bild. Es hat mich erquickt, weil es das einzige Zeichen ist, daß dieser kalte Reichthum doch nicht völlig isolirt sei von aller menschlichen Geschichte. Stolz lächelt daneben die weiße Borsa, natürlich das beste Gebäude der Stadt, nach dem kleinen Kaiser hin. Ich fühlte mich so dürr und ausgetrocknet in diesem lautlosen Reichthume, ich brauchte jenen guten alten Gott, welcher die grünen Wälder und schwatzhaften Flüsse geschaffen hat, und nirgends, nirgends war er zu sehen. In solch' einer Handelsstadt müßte man von vornherein ein Spitzbube werden, um die Prosa auszubeuten, und etwas unberechenbare Poesie zu erzeugen. Ich ging nicht, ich stürzte hinaus nach dem Meere, und in den weichen Armen der Adria fühlt' ich erst wieder, daß ich noch in derselben alten Schöpfung Gottes sei, wo es Gefühle und Freuden giebt. Als ich zurückkam, und an den hohen, stolzen 518 Hafenhäusern vorüber ging, da bewegte sich eben jene grüne Jalousie, und toll gemacht durch das Unromantische des Orts trat ich keck in's Haus, und stieg dreist zwei Treppen hinauf. Es war Alles still und glänzend; nur die letzte Thür am Saalfenster schien mir ein Wenig geöffnet, und ich glaubte ganz, ganz leises Gesumme eines Liedchens zu hören. Aber ich habe wirklich nichts zu erzählen, denn da ein griechisches Mädchen nicht zu verstehen ist, wenn man nicht neugriechisch versteht, so wird Alles pantomimisch abgemacht. Man versucht's mit einigen Erinnerungen aus dem Anakreon, aber da giebt's ein immerwährendes Kopfschütteln und wunderliches Lächeln. Es läßt sich nichts Besseres thun, als dem Mädchen den Kopf still und den Mund verschlossen zu halten. Meine griechischen Erinnerungen waren ohnedies lauter kriegerische aus dem Thukydides und Homer, wir waren aber Beide viel mehr zum Frieden geneigt und umgingen die Präliminarien. Ein griechisches Mädchen hat große Kelchaugen, aus denen cyprischer Wein strahlt. Die feinen Bogen der Augenbrauen, die Schläfe, die schöne Nase wie aus Blumenblättern gebaut, und der schmale verschwiegene Mund sind heut noch so schön als damals, wie Alkibiades die leichten Athenienserinnen in seine Brust hineindrückte. Etwas wilder mag ihre 519 jetzige Schönheit sein, aber ein barbarischer Ungestüm erhöht die Kräfte, spannt die Muskeln straffer. Ich wollte das Alles mit einem Türken besprechen, der etwas später neben mir auf der Bank lag vor unserm Wirthshause, aber wir verstanden einander nicht und er sprach auch kein Wort. Vor unserm Gasthofe am Hafen war ein bretternes Zelt aufgeschlagen, der Abend fiel auf's Meer und auf die Berge, welche sich hoch über Triest thürmen, und hinter denen die Wege nach der Türkei, zu den Kroaten, den Ungarn und nach Wien führen, die Berge liefen dunkelblau mit rothen Rändern rings um die Hafenaussicht weiter nach dem Friaul hin, es war wie eine Theaterverwandlung Triests; und wir beide lagen einander gegenüber und schmauchten unsere Pfeifen, und bliesen den blauen Rauch so lang und so behaglich als möglich. Ich sah den Mann in seiner türkischen Tracht zuweilen an, er schenkte mir keinen Blick. Ich glaube, jene Völker haben für dieses asiatische Vegetiren gar kein Wort: ein sichres Zeichen, daß ihnen die Sache so natürlich ist wie das Athmen. Wahrlich, nur dort unten, wo die Sonne scheint, kann die Klassicität gedeihen, die Kunst der Ruhe, wir jache, hastige, fahrige Wesen mögen froh sein, daß wir uns solch' eine Art von Romantik erfunden haben. Wenn ich nur gewußt hätte, ob sich der Albanese 520 was dächte, sein Augapfel regte sich nicht. Und doch ist das Volk im Grunde immer klüger als wir; wir machen nur so viel Wesen und haben einen großen Apparat. Ich konnt's nicht erfahren; man rief mich ab; umsonst sagt ich »Leben Sie wohl Herr Türke,« umsonst »Ich empfehle mich Ihnen,« umsonst winkte ich ihm Ade mit der Hand, sein Augapfel regte sich nicht, und der blaue Rauch stieg ununterbrochen auf aus seinem Munde. Das Christenthum paßt wirklich nicht für das Volk; es ist eine zu delikate, höfliche Religion und verbietet genau genommen auch das Tabakrauchen als einen sträflichen Sinnenkitzel. Es ist eine Religion für den Norden, wo man auf der Erde blutwenig Vergnügen hat, und sich mit der Idee entschädigt. 521     Es war tieffinstrer Abend, als ich im Eilwagen am steilen Gebirge hinauffuhr, woran Triest sich lehnt. Ich war nicht mehr begleitet vom Starost und Archivarius, erst in Wien wollten wir uns wieder treffen, es saßen drei Menschen mit mir im Wagen, von denen ich keinen Begriff hatte, ich hatte noch keinen Zipfel von ihnen gesehn, und sie regten sich auch nicht. Der Wagen fuhr langsam, weil es steil aufwärts ging, und ich legte mich bequem in's Thürfenster, um in frischer Abendluft zu träumen von den wunderlichen Dingen auf dieser Erde, wie ich wiederum über ein Gebirg führe, um das Glück dahinter zu suchen, nach welchem ich ausgefahren von Jäschkowitz im Lande Schlesien. Ach, es waren auch noch immer nicht die Pyrenäen, es waren unbekannte illyrische 522 Berge, und man hatte mir sogar erzählt, zwischen diesen Gebirgen bis Laybach hinunter wimmle es von illyrischen Räubern. Sie saßen am Ende schon bei mir im Wagen und ließen mir nur noch ein Wenig Muße zum Schwärmen in der schönen Nachtluft. Gott weiß, was sie für eine Sprache redeten, und auf welche Weise man ihnen einige menschliche Vorstellungen machen könnte. Es war so heilig räuberisch still auf der hohen illyrischen Gebirgsstraße, ich war wirklich todeseinsam, und dachte an meine Mutter, die immer fürchtete, es würde was Besondres aus mir werden. Wenn man mich hier todtschlug und in eine Schlucht warf, so erfuhr sie nie, was aus mir geworden sei, und das beunruhigte mich – da öffnete sich ein wunderbares Schauspiel meinen Blicken: Weit, weit unten in der schwarzen Nacht sprangen tausend Lichter in die Höhe, und plötzlich erschien ein dichter kompakter Feuerschein, als thue sich die Geisterwelt da unten auf. Neugierig kam auch der Mond dazu, und da sah ich's auf einmal, da erkannt' ich's an seinen im blassen Licht zitternden Wellenspitzen, das dunkle in der Nacht ruhende adriatische Meer. Es ist eine alte Sage von den Liebschaften des Mondes mit den Meereswellen; sie mochten nicht glauben, daß ihnen da hoch oben Jemand zusehen könnte, ich hab' sie belauscht und weiß Dinge zu erzählen, Dinge, die 523 manchem stillen, meerestiefen Mädchen den Schlaf stören könnten. »Schaun's, do is Triest noch 'mol, und Leichtthurm und die ganze Geschicht« rief mein Vis à vis . Dadurch erfuhr ich zugleich, daß ich ruhig schlafen könnte, denn einen Spitzbuben mit österreichischem Dialekte weiß ich mir nicht zu denken. Ich erfuhr auch noch mehr von Triest: da unten, wo einsame Lichter brannten, seitwärts von der Stadt, wohnte jetzt noch ein Weib von jenem berühmten Geschlechte der Pelopiden aus Corsika, eine Schwester des seligen Kaisers Napoleon, jene Carolina, die Gemahlin Murats, des berühmten Reitergenerals, welcher auch König von Neapel war. Es ist bekannt genug, daß jener romantische Reiter, dessen Straußfedern wir bei Dresden und Leipzig gesehen haben, einen unhistorischen Tod fand: er ward privatim erschossen. Seine Frau, des Kaisers Schwester, stützte sich auf Oesterreich, und lebte zuerst in der Nähe von Wien. Das ward aber nicht lange geduldet und sie mußte nach Venedig gehn. Und auch von hier vertrieb man sie wieder; jetzt besitzt sie die Villa Marzo in der Nähe von Triest, man nennt sie in ihren Zirkeln majesté , man spricht mit ihr von ihrem Bruder – auf der illyrischen Küste klingen die Dinge fabelhaft wie ein Shakespear'sches Lustspiel – eine 524 Schwester Napoleons! Das ist doch wirklich was Besonderes, der beste Adel in Europa, da 's eine Schwester ist. Denn Napoleons Bruder zu sein ist unbequem – – Da war ich nun tief in Gedanken über das Unglück dieser Pelopiden; das Haus des Tantalus ist verwüstet bis auf den Letzten: der Kaiser stirbt jenseits des Aequators an einer langweiligen Krankheit, an der schon sein Vater gestorben ist, sein schöner schlanker Sohn mit der schmalen lotharingischen Brust des Hauses Oesterreich stirbt unnapoleonisch an der Schwindsucht, seine Brüder sterben an der Vergessenheit, seine Schwestern sterben an dem kleinen, einsamen Privatleben, sein Weib gebiert Kind auf Kind, nachdem sie einen Napoleon geboren, sein Schwager Mürat, den nie eine Kugel traf, fällt unter ordinairen Delinquentenkugeln, und seine alte Mutter mit dem gespenstischen Namen Lätitia kann nicht sterben, sie sitzt zusammengekauert da wie Hecuba im verbrannten Pallaste von Ilium. – – Die Lichter wurden immer kleiner, der Leuchtthurm mit dem Meere verschwand, es verschwand auch Triest. Es war mir mit dieser Stadt wie mit einer Theaterdekoration gegangen: in der Nähe hatten mich die plumpen groben 525 Striche angewidert, und in der Entfernung war mir der Reiz gekommen. Handelsstädte und große Gelehrte muß man nur aus der Ferne ansehn, in der Nähe stören der Schmutz und die Tintenflecke. Carolina lebt jetzt in Florenz. 526     Laybach und Grätz. Der Mond hatte mich bei seinem flüchtigen Vorübergehn belehrt, daß eine Dame neben mir säße, übrigens regnete es sanft, es war eine charmante Spitzbubennacht. Die Anwesenheit der Dame tröstete mich aber in etwas, ich rechnete doch auf einige Kourtoisie der illyrischen Spitzbuben. Auf den Stationen hörte ich einzelne galgenfremde Redensarten, ich hoffte, mich des andern Tages in meinem Reisebuche zu unterrichten, in welcher Sprache die Leute hier fluchten. Die berühmten Höhlen am Adelsberg liegen nicht weit vom Wege ab zwischen Triest und Laybach. Es giebt aber viele absonderliche Naturmerkwürdigkeiten, die ich nur in der Geographie und Naturgeschichte angestellt wissen will: dahin gehören die kuriosen Höhlen, die pontinischen Sümpfe, die Mißgeburten, die Redaktion der Abendzeitung, die ordentlichen Professoren der Philosophie, und die Rattengeschlechter mit 527 all' ihren Verwandtschaften. Ich war froh, daß ich nicht in jene Höhlen kriechen konnte, wußt' ich doch nun wenigstens genau, wo sie liegen. Des Nachts ist's in jener Gegend finster, der Kondukteur untersucht dort seine Pistolen, und die Sprache der Leute, welche Einem etwa begegnen, versteht – wie schon gesagt – kein Mensch von klassischer Schulbildung – ein gebildeter Reisender wird sich nach diesen Notizen leicht zurecht finden. Der Professor Gerlach zu Halle sagte immer in seinen Vorlesungen über Logik: Meine Herrn, die Logik läßt sich nicht lehren. Das war offenherzig, wir schrieben's auf, und es war gut. Am andern Mittage waren wir in Laybach. Dieser Ort ist bekanntlich berühmt durch seinen Kongreß und seine großen Krebse. Ich wollte mich dort auch barbiren lassen, und suchte eine Barbierstube. Zwei Raseurs hatten einen armen Bauer unter dem Messer, dessen passiven Heldenmuth ich lebhaft bewundert habe. Er war eingeseift bis an die Wimpern, und man rasirte ihn, daß das Wasser aus seinen Augen drang, und nur einigemale fiel er den Künstlern in die Klingen, um einmal auszuspucken und ausathmen zu können, dazu sprachen die beiden Akteurs ein kauderwelsches Illyrisch, ein diplomatisches Rothwelsch – die Aktion sah mir so bedenklich aus, daß ich flugs umkehrte. Besser ein langer Bart und ein gut Gewissen – – 528 Die Menschen und die Gegend passen nicht recht zu einander; diese ist ziemlich gewöhnlich: ein Paar Waldberge sind da, ein Flüßchen, das nöthige Grün und was etwa sonst zur einfachen Hausmannskost einer teutschen Gegend gehört, und jene, die Bewohner, sehen wie halbe Türken aus, oder wie Ungläubige, um mich besser auszudrücken. Dieses Aussehn hatten sie aber gewiß schon vor dem Kongreß. Die Weiber tragen nämlich einen großen Türkenbund aus Handtüchern um den Kopf, und wenn ich im Oesterreichischen von Menschen spreche, so meine ich immer nur die Weiber, die Männer sind Oesterreicher. Aber das Frauenzimmer, was man in der Wissenschaft so nennt, das Frauenzimmer erhält eigentlich das östliche Kaiserthum; die Frauen sind immer konservativ. Wenn man vom Süden nach Oesterreich kommt, da scheint es Einem, als sei recht viel Türkisches in diesem Lande. Die Abstufung vom Türkischen zum Albanesischen, von da zum Istrischen, Illyrischen, Steirischen, Wienerischen ist ganz niedlich und kommt einem Nordteutschen manchmal ganz unbedeutend vor. Es sind nämlich nur kleine Modifikationen jenes bequemen Materialismus, der aus den Zelten der Osmanlis stammt und zu Wien auf den Kaffeehäusern wiederzufinden ist. Die christliche Stadt Wien hat viel Muhamedanismus im Kaffeetrinken, 529 Tabakrauchen und sonstigen islamitischen Vergnügungen und St. Stephan ist im Punkt der Liebe ein erfahrnerer Heiliger als die Sophienmoschee zu Stambul. Ich denke das später in Fabeln und Beispielen nach Fürchtegott Gellerts Manier darzuthun. Seine frivole »schwedische Gräfin« werde ich freilich nicht erreichen. – Schwer ist es, den Mann in Teutschland zu finden, welcher mit eben jenem unsäglichen Behagen wie der Wiener sich vor dem Kaffeehause niederläßt, er streckt die Beine von sich, die Augen gehen langsam auf in stiller Wohligkeit, die Nasenflügel bewegen sich träg lächelnd in tiefdringender gesunder Naturkraft – dieses wollüstige vegetative Wesen versteht man erst, wenn man aus dem Süden heraufkommt. Zwei solche Wienerische Wesen saßen mit mir im Postwagen, es war ein Männlein und ein Fräulein, wie Moses ungalant sagt. Das Männlein war ein reicher Bäckermeister aus Wien, jung von Jahren, glatt und schön von Antlitz, gesund wie ein Krebs. Er saß den ganzen Tag still und rauchte so lange bis er was zu essen hatte, und aß so lange bis er wieder rauchte. Dieser Mann strotzte vor Wohlbefinden, und war viel zu schwer für eine Eilpost. Seine Schwester war eine komplette Schönheit, wie man sie auf vielen berühmten Heiligenbildern sieht – nicht 530 die kleinste Störung fand sich an der ganzen Person, Alles war schön und regelmäßig und ohne Leidenschaft. Man konnte darauf schwören, es sei eine aufgenudelte Heilige, welche den Mund bloß zum Essen und Beten, und die großen himmelblauen Augen nur zum Schlafen hatte. Sie war ein Typus jener langweiligen Heiligenbilder, die nur zum Ansehn auf der Welt sind, und nur zu Bildsäulen und Ehefrauen taugen, nicht aber zu Gemälden. So groß ist aber die Macht der bloßen Formenschöne, daß ich dies leblose Mädchen siebenzig Meilen lang immer mit Vergnügen angesehen habe. Sie sprach nur zuweilen, wenn sie gefragt wurde Ja oder Nein, ihr Bruder sagte auf der Tour von Triest nach Wien nur dreimal: »'s regnet holt wieder«, einige Befehle in den Wirthshäusern abgerechnet, die er den Kellnern gab. Der dritte Begleiter, ein alter Gouverneur irgend einer Dalmazischen Festung, unterhielt sich immer des Vormittags eine Stunde mit mir, während der übrigen Zeit schlief er. Täglich behauptete er des Morgens, eine sehr große Aehnlichkeit mit Napoleon zu haben, »sehr eine fotole Aehnlichkeit«, pflegte er zu sagen. Man habe ihn schon einmal deshalb absetzen wollen. Die Aehnlichkeit bestand darin, daß er nicht groß war, schlecht Schach spielte, und seit vierzig Jahren an einem unersättlichen Magenkrebse litt. Eigentlich war er ein sehr gebildeter Mann, er hatte sich nur mit ganz andern Dingen beschäftigt, als die gewöhnlichen Leute von Bildung. So erkundigte er sich bei mir, ob ich ihm nicht Aufschluß über den »Harz« geben könne, und was man sich eigentlich darunter zu denken habe. Ursprünglich hielt er ihn für einen großen Berg in Kurland, wußte aber nicht gewiß, ob er noch existire. Seine zweite Erkundigung ging nach dem Herrn Marquis von Lafayette; von diesem Herrn Marquis habe er sprechen hören, so lange er lebe, und er habe nie etwas »G'wisses über ihn zu seiner Wissenschoft mochen können«. – »Es muß sehr ein sonderborer Mensch sein«. 531 Aber er hatte viele hundert Male bei der Frau Generalin Neiperg gespeis't, die einst die Gattin Napoleons war, und den König von Rom geboren hat, und viel tausend Male beim Kaiser Franz, die fatale Aehnlichkeit mit Napoleon war ihm nur immer im Wege gewesen. Den Napoleon nannte er immer einen unruhigen Mann, den jetzigen Gemahl der Marie Luise aber stets einen »feinen Cavalier«. Neiperg soll wirklich ein sehr liebenswürdiger Mann sein, obwohl er kränklich und, wenn ich mich recht erinnere, lahm oder gelähmt ist. Ich werde mich immer eines Abends in Cilli erinnern, weil er diese Gegend auf's Beste charakterisirt. Wir saßen beim Nachtessen in einem reinlichen, behaglichen Wirthshause, einige Notabilitäten der Stadt reihten sich um den Gouverneur, und hofirten ihm auf das Unterthänigste, das Gespräch kam auf Karl X. und die Berry, welche sich in Steyermark niederlassen würden, und die ganze Gesellschaft zerbrach sich den Kopf darüber, warum der König von Frankreich sich so lange außer Landes aufhalte, ja sich gar außer Landes niederlassen wolle. Pause. Eine Gerichtsperson aus Cilli würde sich erlauben, es Unrecht zu finden, wenn man so etwas über hohe Personen sagen dürfte; es sei eigentlich richtiger, wenn der König in seinem Lande bliebe. Da erhebt sich unten am Ende der Tafel ein kleiner Cillicier, und murmelt ziemlich unverständlich, daß er dieser Sache schon lange nachspüre, und es müßte da irgend was vorgefallen sein. Der König von Frankreich hätte Unannehmlichkeiten gehabt, und da sei er verdrießlich geworden, und eine Zeitlang außer Landes gegangen, die Regierung hätte unterdessen ein Verwandter übernommen – Diese Meinung wurde aber mit allgemeinem Unwillen verworfen, und der Redner wurde einer naseweisen Zeitungsleserei beschuldigt. Der Gouverneur sagte: »solche G'schichten gehn uns nix an«, der Bäckermeister trat in's Zimmer, und sprach: 's regnet holt wieder.« 532 Wir brachen auf. Die Cillicier wünschten dem alten Gouverneur alles mögliche Glück zu seiner großen Karriere, und empfahlen sich ihm namentlich, einer nach dem andern, der Gouverneur aber sprach: »Schon recht, schon recht, wann ie nur nich die unong'nehme Aehnlichkeit hätt'«. – – – Durch das Saar- und Muhrthal in Steyermark ging's immer weiter und weiter. Ich las, die schöne Heilige schwieg, der Bäckermeister rauchte, der Gouverneur schlief. Man spricht sehr viel vom schönen Steyermark: es ist eine gewöhnliche halb gebirgige Gegend, die ewige Wiederholung einer halb reifen Natur. Aber es gedeiht hier ein schöner Menschenschlag, namentlich in Grätz. Dort im Theater hab' ich jene Claurenschen Mädchen gefunden, welche mit all' den kleinen materiellen Schönheiten mit Grübchen und Rosen und allem sonstigen Detail versehen sind. Und Grätz ist wirklich der Ort, wo man das Vergißmeinnicht noch einmal lesen könnte, die Romantik ist noch in arger, plumper Kindheit, und die Mädchen sind kurios verführerisch. Auch ist ein altes Schloß da, worauf sich die Leute sehr viel zu Gute thun; es sieht so ignobel aus wie armer Leute Bettelwohnung, aber man hat eine gerühmte Aussicht über die Stadt und die kleinen Thäler in der Nähe. Mir war es viel wichtiger, daß der Weg hinauf bei sehr hübschen Häusern vorüberführt, das heißt bei Häusern, in welchen sehr hübsche Mädchen waren. Diese Mädchen hatten jenes Kolorit der Schönheit, was der Gegend fehlt. Es genügen Einem wenig teutsche Gegenden, wenn man aus Italien kommt, weil sie alle keine Farbe haben – grau, matt, blaß ist Alles, und das Auge ist noch verwöhnt von jenen tiefen, ernsthaften Färbungen, auf welchen sich alle Formen so entschlossen erheben. Die Schönheit der gerühmten Grätzer Gegend ist mir so ordinair und ärmlich vorgekommen, wie die Romantik der Musik in Webers Euryanthe. Daß es den Tag 533 vorher stark geregnet hatte, und der Himmel noch verdrießlich trüb war, mochte wohl allerdings das Seine dazu beitragen. Dicht am Schloßberge steht ein hohes, schönes Haus, aber das Claurensche Mädchen, was am Fenster saß, war noch viel schöner. Ich versuchte einen kleinen Roman in Claurenscher Manier, aber ich strich ihn aus, um schnell nach Wien zu kommen. Ich wüßte sonst von Grätz nichts Characteristisches mehr zu erzählen, als daß der Adel der Provinz, der sogenannte Kavalier, hier noch seine erste Heldenrolle spielt, daß man viel Krucifixe sieht, und daß ich des Nachts auf dem Heimwege die Stadt wo anders suchte, als wo sie war. Durch diesen Irrthum gerieth ich in's Freie; im Oesterreichischen ist alle Freiheit ein Irrthum, nur die Liebe ist frei, sehr frei. Irgendwo muß diese göttliche Krankheit der Menschen herausfahren. Trotz dem, daß ich mich so spät noch verirrte, und also noch später nach Hause kam, fand ich die Wirthsstube meines Gasthauses noch belebt. Es wurden noch »Hohnerl« verspeist, und Seidel getrunken. Die gebacknen Hohnerl sind bekanntlich der Mittelpunkt der österreichischen Nationalität, und es ist ein historischer Fehler, daß sie nicht ein gebacknes Hohnerl im Wappen haben. Der Franzose liebt die Freiheit, der Engländer die Unabhängigkeit, der Italiener die Schönheit, der Teutsche die Bücher und der Oesterreicher die »Hohnerl, wenn se gebocken sind«. An einem Tische war besonders viel »Spektokel«, da wurde die Resi am Meisten beklätschelt, da schien's die besten »Schnoken« zu geben. Der Hauptredner war ein magrer Gerichtsschreiber mit einem unorthographischen Ausdruck im Gesicht, welcher die Gesellschaft damit so vortrefflich unterhielt, daß er sich hochteutsch zu sprechen bemühte. Das ursprünglich Komische für diese Leute war das Berlinische. Unter 534 dieser Firma nahmen sie aber Alles hin, was von ihrer Mundart abwich, und besonders komisch war ihnen die volle, richtige Aussprache der Doppelvokale und Diphthongen. Der Berliner ist ihnen eine komplet lächerliche Figur, und ich habe auf allen österreichischen Bühnen bemerkt, daß der Aufschneider, der Poltron, der Hasenfuß stets sich bestrebte, hochteutsch zu sprechen. Denn das heißt bei Ihnen berlinisch, die lächerlichen Nüancen des scharfen, giftigen Jargons der Märker können sie mit ihren verweichten Organen nicht zu Stande bringen. Der Berliner heißt dort so viel, als bei uns der Staberl. So wie sie indeß bemerkten, daß ich aus Teutschland sei – so heißt Ihnen das Land, wo nicht österreichisch gesprochen wird – wurden sie verlegen. Die Kinder machen sich über den Schulmeister nur lustig, wenn er nicht in der Nähe ist. Die Beschränktesten fühlen es, daß sie durch die Institutionen zurückgehalten sind in der Kultur, und um das drückende Gefühl los zu sein, machen sie sich zuweilen über die Kultur lustig. Bald aber kehren sie zu jener übertriebenen, entwaffnenden Bescheidenheit zurück, welche ein Theil ihres liebenswürdigen Wesens ist, und dann erniedrigen sie sich selbst tiefer als sie nöthig hätten. Nur die freigegebene Kultur findet den richtigen und würdigen Weg der Schätzung. – – Resi leuchtete mir zu Bett, und fragte, ob ich noch was zu »schoffen« hätte, und bei frühem Morgenstrahle flog ich zum Thor hinaus. Die erste Person, die uns begegnete, war ein Ligorianer. Dieser Orden steht in dem Rufe, die ausgezeichnetsten Hausfreunde zu liefern, und ist darum noch sehr in Aufnahme. Wir flogen mit der goldnen Sonne durch die stillen Waldberge. Ich bemerke hierbei, daß die Lobpreisungen der Steyrischen Natur mehr die Alpen 535 Obersteyermarks angehen mögen, wohin die besseren Wiener ihre Sommerausflüge machen. Zu meiner stummen Reisegesellschaft kam eine Nonne, ich hatte solch' eine antiquarische Naturseltenheit niemals in der Nähe gesehen, wurde aber jetzt durch fromme Intriguen in's Kabriolet verwiesen, weil ich mich gottlos aufgeführt hatte. Wir saßen nämlich bald nach Ankunft jenes geistlichen Möbels in einem kleinen Städtchen bei Tisch, es wurde in allerlei Sprachen gebetet, das Essen blieb aber schlecht, und einige unchristliche Aeußerungen, ja, ich glaube der Gottseibeiuns selber, entfuhren mir zu wiederholten Malen. Man bekreuzigte sich, und rückte weiter von mir. Die Nonne mit ihrem Fastengesichte redete der schönen Wienerin zu, Gott die Ehre zu erweisen, und in's Kloster zu gehn, und die Wienerin nickte mit dem Kopfe. Es schnitt mir durch's Herz, daß dieser schöne, gottgefällige Leib niemals zur Freude geweckt werden sollte, ich lief hinaus, und trieb den Kondukteur zur Abfahrt. Es ist entsetzlich, du großer Gott der Liebe, Freude und Schönheit, wie sie deine schöne Welt mißhandeln. Früher hatte ich immer gedacht, nur die abgeliebten und abgelebten Weiber seien Nonnen geworden, nur wenn sie keinen Mann bekommen, hätten sie den Herrgott geheurathet. Denn die sogenannte Religion ist bei den meisten Weibern das Surrogat der Liebe, und hinter dem Gott der Liebe – sagt ein geistreicher Schriftsteller – steht immer der liebe Gott. Aber die unerfahrnen Blumen abreißen und zum Verdorren auf den kalten Altar stellen zu sehn, das bewegte mein Herz zur schmerzlichsten Trauer. Die Religionen sind leider nöthig wie die Kinderkrankheiten, aber die besten Kinder gehen dabei zu Grunde. Mit den Leuten da drin im Wagen mocht' ich nichts zu schaffen haben, wir gehörten in ganz verschied'ne Kirchspiele, waren aus ganz verschiedenen Jahrhunderten, der Kondukteur neben mir schlief, der 536 rothjäckige steyrische Postillon mit dem kernigen, hohen Körper knallte auf seinem breiten, hohen Pferde, ich wußte nichts Besseres anzufangen, als über die Unsterblichkeit der Seele nachzudenken. Mit diesem Thema beschäftigen wir uns schon seit vielen Jahrtausenden, ach, und »mer weiß halt nix G'wisses!« Die Leute im Wagen und die meisten Oesterreicher brauchen doch halt einen ganz andern Himmel: für einen Himmel mit diesem Geschlechte würde ich mich gehorsamst bedanken, und nach den gewöhnlichen Vorstellungen ist die Hölle wirklich bei Weitem interessanter. Da ist doch Raffinement zu erwarten. Ich bin immer noch dafür, daß wir nach verschiednen Sternen weiter vorwärts rücken; mit dem eigentlichen Staberl möcht' ich aber doch gern wieder zusammen kommen, das ist ein gar zu netter, pudelnärr'scher Kerl. Ich wollte mir's in Wien zum Geschäft machen, die Kultur des Staberl ein Wenig in unsre Richtung zu bringen, damit man mit einiger Gewißheit auf seine einstige Gesellschaft rechnen könne. Gegen Abend ging es fortwährend bergauf, wir waren am Fuß des Sömmering, auf dessen Gipfel das eigentliche Erzherzogthum Oesterreich beginnt. Dort steht ein steinerner Obelisk, ein einsames Wirthshaus und dunkles Nadelholz, und von hier fällt der Weg steil ab durch dunkle Thalschlünde in die österreichische Fläche hinunter. Es war dunkler Abend geworden, und einzelne Lichter blinkten hie und da aus den schwarzen Tiefen. Einst sind hier die französischen Kanonen der großen Armee abwärts gedonnert zu den blutigen Schlachten an der Donau. Jetzt war mir's in der schweigsamen Abendruhe, als säßen unten in den verborgenen Schluchten des Sömmering, von wo die schüchternen Lichtlein heraufblitzten, jene künstlichen alten Teutschen, die nach dem Freiheitskriege in Teutschland zum Vorschein kamen, als hörte ich wieder jene mystischen, dunkelkräftigen Vaterlandslieder Follens, Schenkendorfs und Theodor Körners, wie wir sie zu Passendorf bei 537 Halle gesungen hatten, als spräche mich wieder jener bärtige Bruder Studio in Lauchstädt um eine Pfeife Tabak an, als sei wieder jener fabelhaft teutsche Kaiser der Mittelpunkt unsers Lebens. Ich gab ihm damals die Pfeife Tabak unter der Bedingung, daß er meinem Kandidaten, dem Könige von Preußen, seine Stimme ertheile – er winkt mit den Augen, drückt mir die Hand und schweigt und stopft. Ich hatte Teutschland ein schönes Opfer gebracht, und war zufrieden; es war abgemacht, und ich schrieb's meiner Geliebten. Wo war sie hin, jene in Begeisterung gepferchte Jugend? mit welchen andern Gedanken fuhr ich den Sömmering hinunter? und in den Herzen meiner Begleiter war weder von jenen verstorbnen Ideen, noch von den neuen eine Ahnung. Wunderliche Welt! Und ich selbst dachte mir's gespensterhaft, wenn sich da unten in kleinen Hütten die alten Teutschthümler ihre langen Haare mit den Fingern kämmten, die struppigen Bärte streichelten, mit alten Morgensternen das Kaminfeuer schürten, oder im Nibelungenbuche läsen, und zuweilen hinaushorchten in die todte Nacht, ob des alten Odins Geschrei über Teutschland halle, und zum Aufbruch mahne. Da war es plötzlich, als bewegten sich die Lichter, und wahrlich, sie kommen näher und näher das Thal herauf, es befiel mich eine Angst, als bräche die Völkerwanderung herein – es waren aber brennende Laternen, die langsam den Berg herauffuhren, und auf den offnen kleinen Wagen saßen gefangene Polen mit verwilderten Schnurrbärten, die nach Triest und von da nach Amerika gefahren wurden. Drinnen in unserm Wagen bekreuzigte man sich vor diesen Bösewichtern, die gleichgültig aus ihren kurzen Pfeifen rauchten. Weiter unten auf dem letzten Wagen sangen sie ein altes polnisches Nationallied, was fremd und wunderlich in die Tannenzweige des Sömmering flatterte. Unheimlich blitzten die Bayonette der österreichischen Soldaten, welche neben den Gefangenen saßen. 538 Rasch und unempfindlich rollte der Postwagen vorüber wie ein Jahrhundert neben dem andern. Als ich mitten in der Nacht erwachte, waren wir im flachen Lande, und hinter mir hörte ich den Bäckermeister zum dritten Mal sprechen: »'s regnet holt wieder«. Zum zweitenmale weckte mich die Morgenfrühe auf der Spinnerin am Kreuz, vor meinem Blicke lag ein glänzender Häusersee, und der Postillon knallte, der Kondukteur sagte mit befriedigendem Lächeln: »Schaun's, Euer Gnoden, dos is Wi-en«.     Wien. Die Stadt sah schön, sehr schön aus, wie das Vergnügen selbst. Und wenn man bereits einen Begriff von Wien hat, so ruft man gewiß aus: diese Stadt gehört in diese Gegend, es paßt Alles zusammen, Wien kann nirgends anders stehn, es ist an seinem Orte, und hier ist gut sein, hier muß man sich amüsiren. Dies Wort ist für Wien erfunden. Die Wiener selbst sagen »unterholten – nu ie hoff', daß Sie sich gut unterholten.« Ja, ja, so mußte Wien aussehen, ich hatte mir's so vorgestellt – ein weites behagliches Thalbecken, rings mäßige, grüne Berge, überall frischer, lichtgrüner Rasen, frisches lichtgrünes Laub, inmitten die bequem hinschlendernde Donau, blitzende weiße Häuserreihen, Bäume dazwischen, und wieder Häuser und Bäume bis in die Berge hinein. Man knöpft sich die Weste auf, um die behagliche Wiener Luft an die Brust zu lassen. Und es paßte Alles so vortrefflich: es war ein frischer, üppiger Septembermorgen, die Sonne schien vortrefflich, ein warmer Nachtregen hatte Alles erquickt, und da unten blitzten die tausend Fenster. Na, dacht' ich, hier wird's einmal Vergnügen geben, und tausend Fenster, in die ich hineinkucken will, sind viel zu wenig, und, und – ja ich 540 wußte nicht, was ich sagen sollte, aber es war mir ganz charmant zu Muthe. Die Hausknechte fegten die Straßen, es war noch früh am Tage, die Stubenmadl schlüpften an den Häusern hin: und gaben sich nicht viel unnütze Mühe, die blanken Schultern zu bedecken, das Tüchlein war doch zu schmal, die Backen waren roth geschlafen, die Pantoffeln klapperten unter den weißen, glatten Strümpfen, und wenn man sie ansah, da lachten sie. Es war Alles richtig, die ganze Atmosphäre war amüsant, man sah's den Häusern an: hier giebt's lauter Vergnügen, sie haben so etwas onkelartiges, so etwas von einem guten alten Hausfreunde, der immer nur Vergnügen zu machen trachtet, der niemals über schlechte Zeiten klagt. Die Städte haben wirklich ausdrucksvolle Physiognomien: wer könnte z. B. nach Berlin hineinfahren und den vornehmen Straßen die hochteutsche Sprache, das vornehme, verständige Wesen, die protestantische Abgeschmacktheit nicht ansehen, wer kommt nach Hanover, und sieht nicht in den leeren, glatten Gassen das leere, förmliche Adelthum mit den blanken gescheuerten Spuckkästchen und den blank gescheuerten Hirnkästchen – jedes Haus in Wien sieht fidel aus, Alles lächelt. Es ist allerdings jenes Lächeln bei ältlichen Personen, die sich noch gern amüsiren, es ist kein junges, modernes Lächeln, aber es ist ein behagliches Lächeln. Sogar die versteckten Regierungsgebäude imponiren nicht etwa, sie zucken ein Wenig die Achseln und sprechen »'s muß holt a Ordnung sein,« aber sie lächeln auch. Kurz, man sieht's den Häusern und Menschen an, daß sie sich nur des Tags über »a Bisserl« beschäftigen, daß aber das Vergnügen die Hauptsache ist, der Zweck, auf welchen Alles hinausläuft, man sieht's, daß der Handwerker drauf wartet, das Werkzeug, der Soldat, die Flinte wegzustellen, damit 's losgehe. Ich zappelte in meinem Kabriolet, mich unter die hin und her trippelnden Leute zu begeben, und mit zu fragen: 541 »wie unterhalten wir uns heute?« Denn bis der Wagen in die Mitte der Stadt kam, war Alles lebendig geworden, und die alten schmalen Gassen wimmelten immer lauter von Menschheit. – Ich war noch nicht in meinem Gasthofe angekommen, und ich wußte es schon wie das hier gehen würde. Ganz Wien drückt sich beim ersten Anblicke aus. Die ganze Lage der Stadt, nicht glänzend schön, aber pittoresk, aber reizend, üppig, weich, der wärmere Himmel, die kugelrunde Sprache, die fleischigen, saftigen Körper der Wiener, die Sitten und Gebräuche, Alles liegt sich so materiell selig in den Armen, daß man selbst die Arme öffnet. Und in Wien öffnet sie Niemand umsonst. Wien ist sehr menschenfreundlich und liberal. Und hier sollt' ich ja auch Maria finden, Maria, das blanke, schöne Mädchen! Und wie paßte sie hierher. Ich werde nimmer jenes Wiener Morgens vergessen. Wie wunderlich, wie thöricht kam mir das ganze Leben vor, das hinter mir lag mit all' seinen Wissenschaften, seinen Theorieen, seinen rastlosen Gedanken, seinen Freiheitsbestrebungen. Mein Gott, dacht' ich damals, wozu all' diese verworrenen Dinge, hier ist Griechenland, hier ist Klassik, der Augenblick gilt, die Sachen sind das, wornach sie aussehen, sie sollen und wollen weiter nichts bedeuten, sie wollen genossen sein, hier ist das ächte Erdenglück, zieh dir den Sammtrock und die weißen Beinkleider an, und geh hinaus auf die Straße, und küsse die Menschen und iß gebackne Hohnerl – was geht mich denn der Weltlauf an. Bon gelebt ist wohl gethan! Die Bücher ruiniren den Unterleib, die Gedanken stören den Schlaf und die Karrière, ich stieg in's Bad, um den alten Menschen abzuwaschen, dann setzt' ich mich zum Frühstück, und nun, dacht' ich, bist du wie Alexander in Babylon angekommen, jetzt beginnt das Leben mit seinen Freuden. 542 Das Frühstück in Wien ist die Vorrede zu einem jener schönen Romane, deren wir so viele in der Jugend genossen haben, z. B. zu den zwölf schlafenden Jungfrauen: man freut sich kindisch auf all die Dinge, welche der Tag bringen wird. Dann kommt der Barbier, eine wichtige Person in Oesterreich – dies Geschäft wird in Norddeutschland mit sträflicher Oberflächlichkeit getrieben, der Wiener Barbier verrichtet es mit Andacht und niemals ohne Supplementstriche. Wie manches gute Alte ist hier auch das epische Talent dieser Leute noch in Uebung, sie erzählen noch, was sich begeben hat und sich begeben könnte, welche homeridische Tugend in den sogenannten feinen Städten leider immer mehr verschwindet. In Wien helfen die Barbiere den Staat konserviren. Nach hinausgeworfenem Barbier, um mit dem versiegelten Bürgermeister zu reden, verfügte ich mich an die nächste Straßenecke, um den Catalog des laufenden Tages einzusehen. Dort schreien und jubeln die rothen, blauen und grünen Zettel, und verkünden wie die allen lieben Marktschreier, was den Tag über in Wien geschieht. Denn in Wien geschieht nichts als Vergnügen, es ist die Schlaraffenstadt der Kindermährchen. Wo Kinder sind, fehlen auch die Mährchen nicht, und in Wien sind ihrer so viele hunderttausend. Ich war ein Glückspilz: in feuerrothen Buchstaben brannte es an der Rothenthurm-Bastei. »Sperl in floribus – Sperl in floribus « murmelte jeder Vorübergehende, und das Vergnügen sprang wie ein Gassenbube über sein Gesicht – »Sperl in floribus « lief es von Mund zu Mund, von Gasse zu Gasse, wo zwei Leute mit einander sprachen, da drückten sie sich die Hände, und sagten. »Heut ist der Sperl in floribus es war eine Vergnügungsemeute, welche mit den Worten »Sperl in floribus « neben mir herlief von der Ferdinandsbrücke bis hinaus auf die 543 »Wieden,« es war eine Gesichterillumination durch ganz Wien. Und ich lief hinter her über den Stephansplatz, die Kärthnerstraße hinauf bis draußen in den Volksgarten, und von da wieder hereinwärts auf die Bastion. Es ist hier im Volksgarten und auf dem nahen Walle ungemein sauber, weiß, schön und glatt. Ein eben so saubres, großes Gebäude steht dicht am Walle, es sieht aus wie glänzendes Kanzleipapier mit zierlichen Buchstaben beschrieben. Das ist Metternichs Haus. Eine kleine Brücke führt auf den Wall, zehn Schritte davon ist die Burg, und über diese Brücke und jene zehn Schritte sieht man oft den Fürsten kommen mit dem Portefeuille der europäischen Konservation in der Hand. Der Volksgarten ist wunderlich genug sehr nahe dabei. Ich mußte mir aber zugestehen, daß ich mit vielem Glück sogleich die Hauptpersonen einer Stadt zu finden wußte: nach Metternich ist der Sperl die wichtigste Person in Wien. Jener ist Minister des Auswärtigen, dieser Minister des Innern. Ich werde mich später eines Breitern über Sperls System erklären. 544     Metternich. Bei den meisten teutschen Schriftstellern, die ihre Bücher nicht eben in der Kanzlei anfertigen, ist es eine hergebrachte Mode, bei dem Namen Metternich einige Verwünschungen auszustoßen, und von Freiheit und Tyrannei zu sprechen. Metternich ist für mich von Seiten der Gewalthaber neuerer Zeit nach Napoleon der größte Mann. Ich mäkle nie an der Größe, ich bin ein Historiker, und Historie ohne Poesie ist ein Unding, und Poesie von einerlei Farbe ist die Langeweile. Metternich ist ein Held und ein Erdengott so gut wie Achilleus und Cäsar, und Gregor und Napoleon Bonaparte. Die Historie wägt nicht blos die Prinzipien, sondern auch die Thaten nach ihrer specifischen Schwere. Metternich hat den alten, schwer bedrohten Absolutismus des Regierens unter allen Stürmen erhalten, er hat ihn gegen die unbändige Republik Frankreich, gegen den unwiderstehlichen, glänzenden Usurpator Napoleon, gegen die melancholischen Freiheitshelden von 13 und 14 gewahrt, er hat ihm den Sieg erfochten gegen die modernen Freiheitsmänner und gegen ihre gefährlicheren Ideen. Er ist der jetzige Gott des Absolutismus, und vor Göttern muß man sich beugen, auch wenn man sie nicht liebt. 545 Wo man sein Bild in Wien erblickt, da wird man genöthigt, stehen zu bleiben: es ist der Kopf des olympischen Zeus, wie ihn Phidias geformt hat, und die Besorgniß jenes griechischen Kritikers hat mich dabei nicht einen Augenblick verlassen, daß er die Decke des Hauses wie eine Eierschale zerstoßen würde, wenn er fiel, einmal in seiner ganzen Länge aufrichtete. Es ist sehr möglich, daß Metternich einst das blaue Sternendach des Absolutismus zertrümmert, wenn er seine Glieder im Tode streckt. – Ich habe nach Napoleon keinen so schönen Götterkopf gesehen, als den Metternich. Wer es nicht weiß, daß er Oesterreich und halb Europa regiert, der darf nur in einen Wiener Kunstladen oder auf dem Josephsplatze in die Porzellanniederlage treten, er wird es erfahren. Dort hab' auch ich's erfahren, was ich von diesem Manne zu halten habe. Und diese schönen Zeusköpfe sind ächt, die hohe, weiche Stirn, die stolz gewölbten Augen und der vornehme Zug über die edle Nase und den schmalen, feinen Mund hinweg, alle diese Kennzeichen des Olympiers sind wirklich sein – es war in dem glänzend erleuchteten Theater der alten Stadt Prag, wo ich ihn in die Loge treten sah, wo ich jene Bilder mit ihm vergleichen konnte. Er stammt aus einem alten Geschlecht am Rheine und ist 1773 geboren. Vorfahren von ihm haben auf den rheinischen Kurstühlen gesessen. Sein Vater war wie er österreichischer Minister, und regierte 1791 die Niederlande, welche damals noch österreichisch waren. Jener Georg Metternich, der auf dem berüchtigt gewordenen Rastadter Kongresse Oesterreichs Kommissiarius war, ist der Vater dieses Clemens Metternich. Er begann seine große Karriere mit den verschiedenen Gesandtschaftsposten, erst bescheiden in Dresden, dann in Berlin um die wichtige Zeit, als sich Napoleon die Krone aufsetzte, Hanover okkupiren und den Herzog von Enghien 546 erschießen ließ, endlich Aug' in Auge jenem Chronos, der seine Kinder verschlang, in Paris selbst. Man erzählt mehre Witzworte Napoleons über Metternich, der schön gewachsene, Damen suchende österreichische Kavalier schien ihm nicht gefährlich. Und Napoleon hat außer dem Winter und der Freiheitslust keinen gefährlicheren Feind in Europa gehabt, als den Fürsten Clemens Metternich, selbst Pitt in England hat ihm nicht so viel geschadet. Vom Jahre 1805 an waren alle Kontinentalkriege gegen Napoleon Gedanken aus Metternichs Herzen, und nicht die Brautmusik bei der Hochzeit von der Tochter seines Kaisers, nicht der schöne König von Rom, welchen die Habsburgerin dem Napoleon gebar, nicht die natürlichsten Gefühle hielten ihn ab, seinem größern Plane treu zu bleiben, wie die Kreuzritter jenem Schwure, das heilige Grab zu befreien. Jenes heilige Grab war aber das alte historische Bett der Legitimität, auf welches sich der korsische Abenteurer mit Stiefel und Sporn geworfen, was er mit Koth besudelt hatte, mocht' es auch Siegeskoth der wunderbarsten Schlachten sein. Je mehr er Verdienste besaß, um so eher mußte er herunter vom Sitz des heiligen Ludwig, denn nicht die rohe Jakobinerfaust, sondern die weiße, schöne Hand Napoleons war dem Prinzip des unwandelbaren legitimen Rechts gefährlich. Nicht die Gemeinheit fürchtet der Vater eines jungfräulichen Mädchens, sondern die Größe. Und so erschien er denn, jener Clemens Metternich, den Napoleon als junger Kaiser verspottet hatte, das Gespenst von Napoleons Legitimität, das Gespenst, was ihn daran erinnerte, er sei noch lange nicht sein Enkel, so erschien er dann zum letzten Male vor ihm in Dresden 1813 am Schlusse jenes bedrohlichen Waffenstillstandes. Es war derselbe Damen suchende Kavalier aus Oesterreich, welcher vor sieben Jahren nach Paris gekommen war, aber diesmal ließ er bekanntlich jenen kleinen Hut liegen, 547 welcher dem Kaiser aus der Hand fiel beim heftigen Auf- und Niedergehen. Wenige Monate darauf, als der nächste Frühling kam, war Metternichs Schwur erfüllt und das heilige Grab erlöst vom Renegaten. Es kamen die Jahre, wo kleine englische Mädchen den gelähmten Riesen auf St. Helena Whist spielen lehrten; und wo die siegreichen Schlachten Metternichs begannen, die Schlachten zu Wien, Aachen, Troppau, Laybach, Verona, Münchengrätz und wiederum zu Wien, die Schlachten für das Staatsprinzip vor Luthers Zeit. Metternich ist vielleicht der einzige Mann in Europa, der es weiß, daß das Christenthum und jeder alte Glaube mit Luther zu Ende ging – Oesterreich und Metternich haben darum jede Art von Lutherthum bekämpft bis auf das Blut. Denn er hält mit Recht eine halbe Religion und einen halben Absolutismus für eben so schlimm, als Irreligiosität und Republik, er fürchtet eine chronische Krankheit eben so wie eine akute. Und diese Ganzheit ist das Imponirende jenes Systems. Wer weiß übrigens, wie viel Systematisches man ihm unterlegt, es ist das schöne Geschick großer Männer und der historische Ausdruck ihrer Größe, daß die Hauptgedanken des Zeitalters zu den ihrigen gemacht werden, sie mögen Ansprüche darauf haben oder nicht. Uebrigens ist Metternich aufmerksam auf alles Geschriebene, er läßt sich jedes wichtige Buch aus der Buchhandlung holen, er belauscht jedes Flüstern des Zeitstromes. Ich weiß nicht, ob er den absoluten Glauben, den er verlangt, selbst theile, ob er fähig ist, ein System zu erfinden, seine Fähigkeit, für ein System zu erfinden, betrachte ich mit Bewunderung, ob ich auch dies System niemals geliebt habe. Dies System ist übrigens nicht so künstlich als es die Leute machen, aber es ist ganz , und dies ist sein Vorzug. Die Dinge sind nicht das Resultat tiefer gelehrter Studien, sondern das Resultat der 548 Tage und Wochen, die man ungestört kommen und gehen läßt, und die einfache Sorge, alle Aenderung in diesen Tagen und Wochen zu vermeiden. Mit dem ersten Gedanken der Reformation ward das ganze frühere Menschensystem erschüttert, die unmittelbare Verbindung mit dem Himmel ward aufgehoben, der Glaube und jede unbezweifelte Autorität hörten auf. Seit jener Zeit behelfen wir uns in Staat und Religion mit Surrogaten, welche halb Protestantismus, bald Konstitution heißen. Das hat Oesterreich von jeher geahnt, und Metternich weiß es vielleicht. Um diesen Glauben jeglicher Hinsicht, nicht bloß um den an die Jungfrau Maria, hat es so viel Tausende von Menschen und Gulden in den dreißigjährigen Krieg, in die Kriege mit Napoleon geworfen. Dieser Glaube, der älteste und umfassendste Restaurationsglaube ist jetzt noch am Stolzesten verkörpert in Clemens Metternich, er ist der moderne Philopömen, jener gewaltige Grieche, welcher die alten Götter und Reiche vor den neuen Römern schützen wollte. Ich glaube nicht an seinen Sieg, denn er ist auf einen bloßen Vertheidigungskampf beschränkt, ich glaube aber auch nicht an einen dauernden Sieg seiner Gegner, wenn sie nicht tiefere Staatsformen erfinden, wenn ihnen nicht ein neuer Messias kommt. Ist es vorbei, daß der Staat an den Himmel geknüpft werde, oder ist der Himmel immer nöthig zur Dauer menschlicher Institutionen? Seit die direkte Verbindung des Staats mit den Göttern durch Zweifel und Thatsache gelös't worden ist, seit man den Absolutismus zertrümmert hat, ist nur eine Gleichgewichtstheorie erfunden worden, die wir repräsentative Verfassung nennen. Alle Staatsverhältnisse erreichen ihre Endschaft mit der Quadratmeile, das sogenannte natürliche Recht ist ihre sublimste Erweiterung, ihre höchste Transcendenz – und dabei schwören wir Eide, und berufen uns auf Dinge, deren Gewichte nur an einer Verbindung mit dem Himmel, an einer Religion hängen, und werfen's einander vor, wenn diese Eide weggeworfen 549 werden wie abgenutzte Handschuhe. Von dem System einer Nützlichkeitsübereinkunft erwarten wir Treue, Glauben, Gewissen, lauter Dinge, die nur in religiöser Athmosphäre bestehen können; mit einem Balancirsysteme begnügen wir uns. Es mag unpassend scheinen, in Zeiten der Gefangenschaft zu spekuliren, und von Reisen zu sprechen bei verschlossenen Pforten, Börne kann und soll es nicht billigen, denn er hat ein andres Geschäft, das Geschäft für Heut und Morgen – aber wenn ich von Metternich rede, das heißt, von der ganzen Restauration, so muß ich auch von einem ganzen Fortschritt reden. Erfindet jenen Mittelpunkt der Nothwendigkeit, welcher Glück und Harmonie auf Jahrhunderte sichert, zeugt einen Messias, wir brauchen ihn. Ich kann mich oft der Furcht und Hoffnung nicht entschlagen, wir seien erst im Stadium Johannes des Täufers, und die Weihnacht werde noch kommen, und während des bedenklichen Zwielichts jetziger Tage, lasse ich den poetischen Gelüsten ihren Willen, und ergötze mich zu Wien an der Heldenfigur Metternichs, deren Umgebung mich zum Dank dafür erdrücken würde, käm' ich in ihre Nähe. Man muß übrigens Metternich niemals verantwortlich machen für die berüchtigten Polizeihandthierungen, für das, was man kurzweg »österreichisch« zu nennen pflegt: er steht am Steuer, und sieht über das Meer, und der Matrosenlärm im Schiff'sraume kümmert ihn nicht, er vertritt das österreichische System aber nicht Oesterreichs Verwaltung, er ist kein Polizist. – Aber im Allgemeinen – bin ich nicht schon ein scharmanter Oesterreicher geworden, ein Oesterreicher mit aufgeklärten Ideen? Sollte nichts aus mir werden können? – Ich saß auf einer Bank jener schönen Terrasse unweit Metternichs Hause, die Morgensonne schien warm und liebenswürdig, und ich ging ernstlich mit mir zu Rathe, ob ich denn ganz verderbt, ob nicht eine Richtung in mir: aufzufinden sei, mit 550 welcher ich einige Wochen in Wien existiren könne. Und wenn ich auch alle Tage dasselbe sprechen müßte. Man sagt, eine gute Natur hilft sich immer selbst, auch die meine hat sich geholfen; ich will nur aufhören, sonst bring' ich's am Ende gar noch zu einem Orden, und das Buch wird gar zu dick. Ich bin sehr neugierig darauf, was ich über Wien sagen werde, über diese Stadt eines Paradieses, eines Paradieses ohne Feigenblatt, Schlange und ohne Baum der Erkenntniß. Es ist zu befürchten, daß ich mich durchweg günstig darüber vernehmen lasse, denn mein Magen war zu jener Zeit in ganz vortrefflichem Zustande; und da geh' ich einem Märtyrerthume entgegen ohne Gleichen; ich setze Geist, Liberalismus, Geschmack und Havannahcigarren auf's Spiel, die in Wien nicht zu kaufen sind. Ich meine nämlich die Havannahcigarren, welcher Umstand allerdings unangenehm. Fremder Tabak ist nicht erlaubt, das ist ja aber eben Wien, daß man nach einigen Wochen nichts Fremdes mehr braucht, nichts Ausländisches. Ist das Kultur oder sonst Etwas? Auf die Beantwortung dieser Frage kommt's allein an. Darin ruht die Schilderung Wiens und unsrer Zeit. Ich und der Staberl, wir woll'n unser Mögliches thun.