Georg Christoph Lichtenberg Ausführliche Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche Fleiß und Faulheit. I. Erste Lieferung Hogarth unrivall'd stands, and shall engage Unrivall'd praise to the most distant age. Churchill Vorrede Hier überreiche ich dem deutschen Publikum das erste Heft einer Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche. Ich habe ihr so viel Vollständigkeit zu geben gesucht, als mir nach meiner jetzigen Bekanntschaft mit diesen Produkten des Genies, möglich gewesen ist. Sie enthält nicht allein alles, was ich in den besten mir bekannt gewordenen Auslegern Bemerkungswertes gefunden habe, sondern auch noch die Bemerkungen einiger Freunde in London sowohl als Deutschland, und meine eignen. Ich muß gestehen, ich trete nicht ganz ohne Furcht damit hervor, und dieses aus mehr als einer Ursache. Man hat meine Erklärungen dieser Werke im hiesigen Taschen-Kalender mit Beifall aufgenommen. Vielleicht weil sie da in einem Büchelchen, das man bald wegwirft, selbst als wie von mir weggeworfen erschienen. Was ich da in vollem Ernst gegeben hatte, hielt man etwa bloß für Proben von dem, was ich leisten könnte, wenn ich in vollem Ernst wäre; und so konnte jenes Lob mehr Aufmunterung sein als verdienter Lohn, und sich auf Hoffnungen gründen, die jetzt dieser volle Ernst vereitelt. Denn wirklich verhielt sich die Sache bei mir ganz umgekehrt. Was ich dort gab, waren freilich Proben; sie waren aber mitunter das Beste, was ich zu geben hatte, und daß ich sie in ein bald weggeworfenes Büchelchen schrieb, war dem Vortrage eher vorteilhaft als nachteilig. Der majestätische Audienz-Saal des deutschen Publikums, vor dessen Thron ich jetzt meine Bemerkungen niederlege, kam mir damals gar nicht in den Sinn; ich dachte bloß an die Stühle, Fensterbänke und Teetische der Nebenzimmer oder höchstens der Antichambre, auf denen mein heil. Christ herumfahren würde. Ich schrieb also mit der Unbefangenheit und Sorglosigkeit, die zwar manchem Versehen Raum gibt, aber dem Vortrage bei solchen Dingen, ganz vorzüglich günstig ist. Er erhält dadurch nicht allein den besten Ton, sondern hält ihn auch. Die Fehler der incuriae lassen sich am Ende verbessern – durch curas posteriores, allein der verfehlte Ton nicht, wenn man erst am Ende finden sollte, daß er verfehlt wäre. Das Ganze muß neu komponiert werden. Von dieser Seite fürchte ich am meisten. Ich will mich bestimmter ausdrücken. Hogarths Werke zu erklären, gibt es, glaube ich, nur zwei Wege. Auf dem ersten sagte man etwa bloß mit kurzen und dürren Worten, was die Dinge bedeuten, und machte besonders auf solche aufmerksam, die jemand, der nicht mit dem Lande des Künstlers, oder noch nicht mit dessen Genie bekannt ist, entweder ganz übersehen, oder wenn er sie auch bemerkt hätte, doch nicht gehörig verstanden haben würde. Man könnte ihn, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, den prosaischen nennen. Dann gibt es aber auch einen poetischen . Auf diesem müßte nicht allein alles das auch geleistet werden, was auf jenem geleistet wurde, sondern obendrein in einer Sprache und überhaupt in einem Vortrage, den durchaus eine gewisse Laune belebte, die mit der des Künstlers so viel Ähnlichkeit hätte, als möglich, und immer mit ihr gleichen Gang hielte. Was der Künstler da gezeichnet hat, müßte nun auch so gesagt werden, wie Er es vielleicht würde gesagt haben, wenn er die Feder so hätte führen können, wie er den Grabstichel geführt hat. Mitunter könnte auch den Hieben, die er dem Laster und den Torheiten seines Vaterlandes damals so reichlich mitteilte, durch eine kleine Wendung eine Richtung gegeben werden, daß etwas davon auch auf neuere Köpfe fiele; nur versteht sich, nicht auf individua, sondern immer auf Klassen. Gepredigt dürfte schlechterdings auf diesem Wege nicht werden; nichts von Alltags-Moral, nichts von Sonntags-Andachten, und ums Himmels willen! keine Trankenbarische Missions-Prose. Hogarths launigem Spott gegen über, ernsthafte Moral lehren wollen, hieße, seine Satyren auf das Laster, und die Torheit in eine auf die Moral selbst verwandeln. Es läßt sich in Knittel-Versen sehr viel Gutes sagen; es lassen sich der Untugend und der Torheit damit Hiebe erteilen, die bis auf das Blut gehen, eben weil es Knittel-Verse sind. Aber beten muß man nicht wollen – in Knittel-Versen. Das wäre Spott über das Gebet, und also etwas sehr Unsinniges. Auf diese Weise erläutert, würde Hogarth nicht bloß jedem verständlich, sondern der Geist eines jeden schon durch den Vortrag der Erläuterung, selbst wider seinen Willen, zu der Stimmung gebracht, in welcher allein man des großen geistigen Genusses fähig ist, den diese Blätter gewähren können. Dieser Weg ist nun freilich schwer, aber gerade der, den ich (fast möchte ich hinzusetzen: leider !) eingeschlagen habe. Hinc illae lacrimae ! Aber es ist nun einmal geschehen, und ich muß das Urteil meines Vaterlandes erwarten, mit welchem Sukzeß ich ihn eingeschlagen habe. Was mich bei der Ungewißheit, worin ich mich in Rücksicht auf jenen Spruch befinde, tröstet, ist hauptsächlich zweierlei. Einmal bin ich der erste, der sich auf diesem Wege versucht hat. Ich hatte keine Vorgänger, weder in Deutschland noch in England, noch in sonst irgend einem Lande. Denn was Herr Ireland auf demselben gewagt hat, ist sieben Jahre neuer, als meine ersten Versuche hierin, und wenn ich je etwas Gutes hierin geleistet habe, so war das Beste schon getan, und hauptsächlich der Ton schon angegeben, ehe ich sein Werk überhaupt gesehen habe. Überdas sind dieses Mannes Bemühungen, ob er gleich seine englischen Vorgänger alle hinter sich läßt, so beschaffen, daß ich ihn unmöglich hätte nachahmen können, auch wenn er mein Vorgänger gewesen wäre. Er ist bei allen seinen vielen Kenntnissen, und bei allem seinem Witz, und selbst der Laune, die zumal aus seinen eingemengten Versen hervorleuchtet, in seinem Vortrage viel, viel zu festlich. Sein Pegasus (denn er reitet beständig, wo er hätte gehen sollen) fällt bei jeder Gelegenheit in einen gewissen langsam-feierlichen und festlich-spanischen Kron- Marschalls-Trab , der die Prozession, die er anführt, sehr übel kleidet. Man vergißt den Reiter und die Prozession, und sieht bloß auf den komischen Taktschlag seines – Zopfs. Ich bin in meinen Erklärungen auch ausgeschweift, aber wie ich glaube , immer zweckmäßig; Herr Ireland hingegen verliert sich einmal, ohne die mindeste Ursache (oder vielleicht eines bloßen Wortspiels wegen) sogar in den Garten von Herrenhausen und das dortige ländliche Theater. Er bringt Verse und Geschichten bei, die nichts erläutern, ja vielmehr den Geist ganz von der Hauptabsicht entfernen, der Mühe hat sich nach einem solchen Fehlritt wieder zu sammeln. Mit einem Wort: wenn ich Herrn Irelands unleugbare Fähigkeiten mit dem zusammen halte, was er da geleistet hat , so scheint es mir fast, er habe sich bei seinem Kommentar, in dem Falle befunden, in dem sich der jüngere Plinius einmal bei einem Briefe befunden zu haben, eben so offenherzig als witzig bekennt: »Er hatte nicht Zeit einen kurzen Brief zu schreiben, und schrieb daher einen weitläuftigen.« Das zweite , was mich tröstet, ist, daß der Teil des Hogarthischen Werks, den ich hier dem Publikum vorlege, so wohl dem Gewicht als dem Umfang nach, gar sehr unbeträchtlich in Rücksicht auf das Ganze ist. Alle seine Werke von großer moralischer Tendenz, und denen allein er die Unsterblichkeit zu danken hat, sind noch zurück. Ich habe also Raum genug zur Belehrung, und folglich zur Besserung, ehe ich fortfahre. – Auf Tadel, er sei gerecht oder ungerecht, werde ich zwar schwerlich antworten, aber das verspreche ich, daß ich, mit der Achtung, die jeder Schriftsteller dem Urteil eines erleuchteten Publikums schuldig ist, in der Stille von jedem Wort Gebrauch machen werde, das mich trifft. Diesem zwiefachen Trost, oder, wenn man will, dieser zwiefachen Entschuldigung, füge ich noch ein Drittes hinzu, das freilich weder Trost noch Entschuldigung ist, aber doch vor billigen Richtern Moderation des Urteils befördern kann. Es ist nämlich nichts weniger als eitle, schriftstellerische Ziererei, wenn ich sage, daß ich nicht auf eigenen Antrieb mit diesen Bemerkungen hervortrete. Ich bin teils öffentlich, teils in Briefen, teils durch mündliches Zureden, ich will nicht sagen dazu genötigt , aber doch vorzüglich dazu veranlaßt worden. Ich habe sehr wohl, und vielleicht für die Ausführung zu lebhaft gefühlt, was mancher meiner Freunde, der selbst Veranlassung mit war, nun bei der Ausführung für mich fühlen wird. In gewissen Jahren, und in gewissen Verbindungen lassen sich über gewisse Dinge nur gewisse Dinge sagen, und den vierfachen Druck von diesem Gewissen habe ich leider! wie ich fürchte, nur zu stark gefühlt. Aber ich hatte nun einmal meine Sammlung gemacht; mein häufiger Umgang mit Engländern, und meine Bekanntschaft mit dem Lande selbst, hat mir manches hierin offenbart, was vielleicht andern unbekannt geblieben ist. Es war also doch wohl der Mühe wert, das, was ich hatte, als einen geringen Beitrag zu einer künftigen vollständigen Erklärung dieser Werke nieder zu legen. Und da schien mir die jetzige Zeit meines dürftigen Lebens, bei meinen sehr schwankenden Gesundheits-Umständen noch immer die zuträglichste. Bei besserm Befinden möchte ich nicht geneigt, und bei schlechterem nicht fähig gewesen sein, so etwas zu unternehmen. Ich bitte jeden billigen Leser vorzüglich dieses zu bedenken. Es ist der Teil dieser Vorrede, dessen Beherzigung ich meiner eignen Ruhe wegen jedem Leser empfehle – oder – meine Freunde mögen zusehen, was sie gemacht haben. – Ich bin unschuldig. Nun noch einiges, was das Ganze angeht. Hogarth ist zuweilen sehr mutwillig, und das häufig durch Zweideutigkeiten, die durch jede Deutung ihre Zweideutigkeit, also den ganzen Schutz verlieren, unter welchen sie sich noch vor dem Publikum zeigen konnten. Das ist freilich ein gefährlicher Umstand für einen Erklärer von Hogarth. Indessen glaube ich mich aus dieser Schlinge gehörig gezogen zu haben. Dergleichen Dinge in usum Delphini ganz zu übergehen, hielt ich nicht für ratsam. Es ist wirklich das Schlechteste was man tun kann. Ob man wohl das alte Testament in usum Delphini hat? Und was hat es denn in Frankreich gefruchtet, die armen autores classicos zu kastrieren? Und was konnte es fruchten sie in usum Delphini zu verstümmeln, wahrend, in eundem usum , die Garderobe-Mädchen blieben wie sie waren? Das ist alles nichts. O! die liebe Jugend liegt bei weitem nicht so sehr im Argen, als es das Alter glaubt, das bereits darin liegt. Man befürchte doch ja nicht allzuviel und begegne nicht einer mutmaßlichen Verderbnis, durch Mittel, die die Gewißheit derselben voraussetzen. Gottlob ist es ein Glück daß in vielen Fällen diese Weisheit der Alten, der Jugend eine Torheit bleibt. Sie wäre verloren, wenn sie sie verstünde . Ist es nicht einerlei wie man unterrichtet, docendo oder dedocendo? Ich hoffe, mich aus dieser Verlegenheit, wo sie eintrat, so gezogen zu haben, wie es von jedem Manne von Ehre, der selbst Vater ist, nicht bloß erwartet, sondern streng gefordert werden kann. Wer hierin leichtsinnigem Mutwillen durch Ausmalen nachzuhängen fähig wäre, verdiente die Folge davon in seinem eigenen Hause zu erleben, und einen größeren Fluch fürwahr, als diesen, kenne ich nicht. Aller Ausfälle auf Personen habe ich mich bei meinen Erklärungen durchaus enthalten, so oft ich auch Gelegenheit gehabt hätte, oder leicht hätte nehmen können, gewissen Menschen für ihre schriftlichen so wohl als mündlichen mir bisher erzeigten Liebesdienste eine kleine Erkenntlichkeit zufließen zu lassen. Alles das ist hier vergessen. Meine Absicht war bloß, allen Lesern , Freund oder Feind, eine angenehme, und nicht, wie die Handwerks-Phrase der Klotzischen Schule ehemals lautete, eine unangenehme Stunde zu machen. Fände sich indessen jemand, welches ich weder hoffe noch fürchte, der sich getroffen fühlte: so kann ich ihn allein mit den Worten des Erasmus trösten: Si quis exstiterit, qui sese laesum clamabit, is aut conscientiam prodet suam aut certe metum. Ich bin mir nichts bewußt. Noch muß ich einem Vorwurfe begegnen, den man mir schon ehemals gemacht hat: als hätte ich in Hogarths Werken Absichten gefunden, an die er selbst nie gedacht hätte. Das mag sein. Aber was schadet dieses in einer Schrift, die, ob sie gleich hauptsächlich da ist, Licht über des großen Künstlers Werke zu verbreiten, doch zugleich ihren eignen Gang geht? Mag ich doch hinzugedacht haben, was ich will, wenn ich nur nichts weggedacht oder wegerklärt habe von dem, was da ist. Auch habe ich offenbar nicht alles für eine Erklärung ausgegeben, was so aussieht. Jeder Leser von Geschmack wird in solchen Fällen bald finden, was meine Absicht gewesen ist. So hat wohl Hogarth zum Beispiel, als er auf dem 6ten Blatt dem Schermesser die Figur gab, die es hat, nicht an den Winkelhaken des Freimaurers auf der Straße gedacht. Mir aber ist es verstattet, die Vergleichung zu machen, bloß als Wendung, die zu der darauffolgenden Bemerkung führt. Ähnliche Züge wird der Leser häufig in meinem Text finden. Aber man hüte sich auch in diesem Stück vor Übereilung, und halte nicht gleich jede Bemerkung für unnatürlich oder falsch, weil sie beim ersten Anblick gesucht läßt. Man mache sich erst mit dem Geist dieses sonderbaren Genies aus dem Ganzen bekannt: so wird man sie oft sehr natürlich finden. Mit den Kopien unsers Herrn Riepenhausen wird das Publikum, wie ich hoffe, zufrieden sein. Es sind die vollkommensten, die ich wenigstens je gesehen habe. Es ist auch kein Gesichtszug verloren gegangen. Mit Vergnügen bemerkt man die schnellen Fortschritte, womit er sich der ganzen Manier des Engländers nähert, wenn er sie nicht hier schon völlig erreicht hat. Die Nacht und der Mittag waren in der Ordnung, in welcher ich sie hier nenne, die letzten von seinen diesmaligen Arbeiten. Dieses läßt für die Zukunft sehr vieles hoffen. Anfangs bin ich willens gewesen, dem Werke eine Einleitung in das Ganze nebst einem Leben des Künstlers und einer Schilderung seines Künstler-Charakters usw. vorauszuschicken. Allein ich bemerkte bald, daß mir die Zeit dazu fehlen würde. Ich muß es also auf das Künftige versparen, welches bei einer Schrift, die ohnehin heftweise erscheint, nicht schadet. Es wird dieses alsdann ein isoliertes Bändchen ausmachen, das man hinstellen kann, wo man will. Da ich mich indessen in den Beschreibungen selbst oft auf meine Vorgänger bezogen habe: so führe ich hier zum Beschluß noch die Schriften an, die ich durchaus benutzt habe, ohne mich hier in umständliche Bestimmung ihres Wertes und Charakters einzulassen, die eigentlich ihre schicklichere Stelle in der Einleitung selbst hatte finden sollen. Lettres de Mr. ** à un de ses amis à Paris, pour lui expliquer les estampes de Mr. Hogarth . à Paris 1746. 8. Der Verfasser, der sich nicht genannt hat, ist Roucquet , ein französischer Schmelz-Maler in London. Sie sind für den Marschall Belleisle zur Unterhaltung während seiner Gefangenschaft in England geschrieben. Eigentliche Erklärungen enthalten sie nur von 4 Hogarthischen Werken. Sie verdienen alle Aufmerksamkeit, weil Hogarth, dessen Nachbar der Verfasser war, vermutlich darum gewußt hat. Hogarth moralised (verkuhbacht) etc. By the Revd. John Trusler . London 1768. 8. mit 80 Kupfertafeln. Enthält sonst viele recht gute Notizen. Essay on Prints. By the Revd. Mr. Gilpin . Enthält nur allein die Erklärung vom Leben eines Liederlichen. Ich besitze bloß die deutsche Übersetzung davon: Abhandlung von Kupferstichen etc. Frankfurt und Leipzig. 1768. 8. Der Verfasser ist weder auf dem Titel noch in der Vorrede genannt. Anecdotes of Painting in England etc. Collected by Mr. George Vertue and now digested etc. By Mr. Horace Walpole (jetzt Lord Oxford ). Strawberry-Hill 1771. 4. 4 Voll. in 5 Bdn. Dem Plan des Werks gemäß, nur wenig, aber vortrefflich. Biographical Anecdotes of W. Hogarth , third Edition. London 1785. gr. 8. Es existiert schon eine vierte. Der Verfasser ist der berühmte Buchdrucker und Buchhändler Nichols . Sehr gut. An Explanation of several of Mr. Hogarth's Prints. London 1785. 8. Ohne Namen des Verfassers. Es ist der Ungenannte , von dem ich zuweilen spreche. Er hat vieles, was seine Vorgänger nicht haben, erzählt auch mitunter mit Laune, die nur nicht immer von der feinsten Art ist. Das ist freilich auch Hogarthisch. Hogarth illustrated by John Ireland . II Voll. gr. 8. London 1791. Mit vielen Kupfern. Unstreitig das vollständigste und, den affektierten Vortrag abgerechnet, das vorzüglichste Buch. Es ist schon eine zweite Ausgabe vorhanden, die aber, wie ich aus Journalen ersehe, nur wenige und unbeträchtliche Zusätze erhalten hat. Nicht ohne Vergnügen werden die Leser hieraus ersehen, daß unter Hogarths Auslegern zwei Theologen sind, den Ungenannten nicht einmal in Anschlag gebracht, auf den beide Parteien Anspruch machen können, und der, wie Gilpin, vielleicht am Ende sich zu der ehrwürdigen schlägt. Ich sehe auch darin nichts Unschickliches. Wenn Männer vom Ehrwürdigen Stande auch nicht alles erklären dürfen, so haben sie von der einen Seite das verdiente Ansehen, und von der andern das ausschließende Recht, zumal wenn es von unleugbarer Kenntnis der Sache unterstützt wird, dem Vorhandenen die beste Wendung, und zumal Zweideutigkeiten die schicklichste Deutung zu geben. Außer den genannten Quellen habe ich sehr vieles, was in nachstehenden Bogen vorkömmt, dem Unterricht von Engländern aus allerlei Stand und Alter zu verdanken, mit denen ich Hogarths Werke in London sowohl, als hier, durchgeblättert habe. In Deutschland bin ich Herrn Hofrat Eschenburg vorzüglichen Dank schuldig, der mich, zumal für einige der künftigen Lieferungen, mit den vortrefflichsten Winken unterstützt hat. Ich bitte daher alle Leser des Göttingischen Kalenders sowohl, als dieser Blätter, mich mit ihren Gedanken, so weit es ohne Umstände geschehen kann, öffentlich oder privatim gütigst zu unterstützen. Ich werde jederzeit entweder bei der Ausarbeitung selbst, oder in nötigen Nachträgen, mit Dankbarkeit Gebrauch davon machen. Denn nur allein auf diesem Wege läßt sich am Ende etwas Vollständiges über ein solches Produkt des Genies erwarten. Da das einzige Paar Augen, das in diesem Werke deutlich sah, nunmehr auf ewig geschlossen ist, und meines Wissens keines existiert, das seine Stelle für sich allein vertreten könnte: so müssen wir, was den einzelnen an Kraft abgeht, durch Zahl der Paare und Übermacht zu ersetzen suchen. Mit den Werken des Witzes hat es überhaupt die traurige Beschaffenheit: Sie besitzen meistens ein Verwesliches und ein Unverwesliches , von deren innigster Verbindung jedoch eigentlich ihr ganzes Leben und die ganze Fülle ihrer Wirkung unumgänglich abhängt. Laßt uns daher von Werken des Genies, bei denen es noch in unsrer Macht steht, das Verwesliche mit möglichster Sorgfalt vor der Verwesung schützen und für die Nachwelt zum Gebrauch aufbewahren, die den andern Teil, ohne unser Zutun, von der Natur umsonst erhält. Es soll mich unendlich freuen, wenn der geringe Aufwand von freilich auch verweslichen Konservier-Mitteln, womit ich einige der vergänglichsten Teile von Hogarths Naturprodukten in nachstehenden Blättern hinzuhalten gesucht habe, sie wenigstens einige Jahre weiter bringt. Künftige Michaelis-Messe erscheint die zweite Lieferung. Sie wird auf sechs Blättern die Heirat nach der Mode enthalten. Göttingen im Mai 1794. G. C. L. Strolling Actesses Dressing in a Barn Herumstreichende Komödiantinnen, die sich in einer Scheune ankleiden Vielleicht ist, seitdem Grabstichel und Pinsel zur Satyre angewandt worden sind, nie so viel muntere Laune in einen so kleinen Raum zusammen gedrängt worden, als hier. Man wird schwerlich eine Lombre-Karte auf dieses Blatt werfen können, ohne irgend einen Zug oder ein Paar des drolligsten Spottes damit zu bedecken. Jeder Winkel dieses Heiligtums der Ceres verkündigt die Gegenwart des mächtigsten Satyrs. Während er unten an der Tenne füßelt, schwänzelt der Schalk in der Mitte und lächelt oben, selbst in einer Scheune – aus den Wolken. Ewig Schade, sagt man, daß ein solcher Segen von lachenmachender Materie hier fast für sich allein, ohne höheren Zweck, abbrennt. Wie vieles hätte nicht bei diesem Feuer erwärmt werden können! Das sind aber Klagen des Armuts vielleicht. Man rechne nicht zu ängstlich mit dem Genie, und rechte so wenig mit ihm als mit dem Himmel, denn der heimliche Verkehr zwischen beiden erstreckt sich vermutlich sehr weit. Das Stück trägt die Aufschrift: Komödiantinnen, die sich in einer Scheune ankleiden . Also bloß Komödiantinnen , keine Komödianten . Wie konnte, hat man gefragt, Hogarth so etwas hinschreiben, da doch offenbar Mannspersonen mit darunter sind? Also offenbar? Könnten es nicht vielleicht bloß Mannsbilder sein? Dieses ist eine Frage, die hierbei jeder, der diesen Tausendkünstler kennt, vorläufig einmal tun sollte. Man tadle des Mannes Zeichnung hier und da, seine oft schlechte Verteilung von Licht und Schatten und seine Gruppierungen, wenn man kann, aber mit dem Tadel seiner Einfälle sei man immer desto zurückhaltender je leichter er einem wird. O! wie oft hat er mich nicht bezogen! Jetzt, wenn man mir sagt: dort liegt der Fuchs tot vor dem Hühnerstall und riecht schon, frage ich immer erst: seid ihr auch sicher, daß sich der Schalk nicht etwa bloß parfümiert hat und lauert? Daß Hogarth mit dieser Aufschrift etwas gemeint hat, ist bei einem solchen Manne gar keine Frage. Was er aber damit gemeint haben mag, soll und muß untersucht werden, so delikat auch solche Geschlechts-Untersuchungen sind. Man denke nur an die einzige Mamsell d'Eon, was das nicht für ein Tun und Wesen war! Und hier haben wir dieser Mamsellen wohl gar drei. Indessen wir wollen sehen. Ich werde freimütig untersuchen, denn ich verlasse mich auf einen strengen, unerbittlichen Zensor, dem ich jedes Blatt zu lesen gebe, ehe es nach der Druckerei geht, und der heißt: Respekt vor der gesitteten Welt. Vielleicht ist aber auch die Sache nicht halb so arg, als man glaubt. Ehe wir indessen ein Wort hierüber weiter verlieren, müssen wir natürlich die Leutchen erst näher kennen lernen. Unsere Strichvögelchen hier, (Komödiantinnen oder Komödianten , gleichviel) sind nämlich willens diesen Abend ein kleines Lustspiel aufzuführen, wozu uns Hogarth den Anschlag-Zettel zum Glück aufgehoben hat. Es liegen nämlich zwei Exemplare davon dort auf dem Bette, gleich hinter dem Brat-Rost, neben den zerbrochenen Eiern, beim Nacht-Topfe und dem leeren Paar Hosen. Obgleich diese Zettel zusammen kaum vier Quadratfuße Oberfläche bedecken: so sind sie doch mit den so eben genannten Meubeln, Kleidern und Viktualien, die sich sonst in guten Haushaltungen kaum auf eben so vielen Quadratruten zugleich sehen lassen dürfen, in unmittelbarem Kontakt. Es ist hier etwas enge. Der obere derselben, von dem man bloß den Anfang sieht, besagt: Daß eine Gesellschaft von Schauspielern von den Londonschen Theatern (Elsasser Capwein) diesen Abend im Wirtshause aufführen werde: The devil to pay in Heaven , Die von Coffey und Mottley eigentlich nur zur Operette umgeschaffene, ursprünglich aber schon 1686 von einem Schauspieler, namens Jevon, geschriebene Farce: The devil to pay or the metamorphosed Wives , auf die hier angespielt wird, ist bekanntlich auch mit großem Beifall auf unser Theater verpflanzt worden: Die verwandelten Weiber oder der Teufel ist los . Sollte Hogarth hier vielleicht auf seine Verwandlungen haben anspielen wollen? Ich wage es nicht zu entscheiden. Sonderbar ist es, daß die Engländer so viele Lustspiele haben, wobei der Teufel selbst schon auf dem Titel steht. Der Companion to the Playhouse nennt ihrer allein zwölf . Indessen erscheint er in den wenigsten in Person, sondern schickt dazu, wie in vielen, wo er nicht genannt wird, seine besondern Leute. Des Teufels Lärm im Himmel . Von dem andern hängt bloß das untere Ende hervor, und enthält die Dramatis personas , wenigstens zum Teil. Sie sind: Jupiter , Juno , Diana , Flora , die Nacht , eine Sirene , Aurora , ein Adler , Cupido , zwei Teufel , ein Geist und Gefolge . Man sieht, auch auf dem Anschlag-Zettel ist die Ordnung, so wie auf der Bettlade und im ganzen Gebäude, etwas stark lyrisch . Der Teufel ist auch hier schon los. Noch enthält der Zettel ein Paar traurige Zeilen: »Zum letzten Male vor dem Termin, da die Parlements-Akte gegen herumziehende Komödianten in Erfüllung gehen wird.« Bald wird es also vorbei sein, gesetzt auch, daß sie, wie in Deutschland gewöhnlich ist, drei bis viermal hinter einander zum letzten Male spielten. Diese armen Teufel wird schwerlich etwas retten können, auch die feinste Silbenstecherei englischer Rechtshändler nicht. Sagte die Akte, wie etwa im Deutschen, bloß against strolling actors (gegen herumstreichende Komödianten) so dürften sie nur sagen: wir streichen zwar, aber wir sind Komödiantinnen : so wären sie einstweilen so sicher in ihren Scheunen, als auf ihren Londonschen Theatern. So aber heißt es against strolling players , und gegen dieses Wort käme selbst eine Bande Hermaphroditen nicht auf. Aber wer weiß was sie dennoch tun. So wahr ist es überall, aber nirgends mehr als in England: um recht zu tun in der Welt, braucht man nur sehr wenig zu wissen, allein um mit Sicherheit unrecht tun zu können, muß man die Rechte studieren. Wer unter der Hand diese Parlements-Akte betrachten will, wird sie, nicht weit vom Nachttopfe, auf einer Kaiserkrone liegen sehen. Man hat sie nämlich zwischen diese und ein rußiges und heißes Pfännchen mit Kinderbrei geschoben, und so wenigstens den Mangel an Achtung gegen die Akte, durch Respekt gegen die Krone ersetzt. So viel von der werten Gesellschaft im Ganzen. Jetzt wollen wir dem Leser die Personen einzeln vorführen. Gleich zur Linken sitzt offenbar die Königin des Himmels, Juno , mit der Krone auf dem Haupte und dem Buche vor sich. Sie studiert ihre Rolle, und um diese Zeit auch sonst noch zu nützen, streckt sie ihr unsterbliches Bein hin auf eine umgestülpte Schiebkarre, und läßt sich von der Göttin der Nacht im Sternen-Gewand die ewigen Strümpfe flicken. Diese Göttin hat aus Respekt ihre Laterne ausgelöscht und neben sich hingestellt. Wie schön und wie liebevoll von Hogarth und der Nacht! Löcher in den Strümpfen einer Juno gehören nicht für das Licht. Ihr Buch hat sie auf einen nicht ganz neuen Koffer gestützt: denn wirklich hat ihm die Zeit schon einen Teil des Felles wieder abgerissen, das er selbst einst dem armen Seehunde über die Ohren zog. Er steht, um gehörig hoch zu sein, auf der kleinsten Seite, und es ist also vermutlich nichts darin. Es ist gewöhnlich der Fall bei Koffern, Weinfässern und dergleichen mehr, daß sie sich hoch machen, wenn sie leer sind. – Das Buch ist gegen eine Salzbüchse gelehnt, unter deren gelüftetem Deckel ein Welgerholz hervorsteht. In der Welt selbst sind dieses Gerätschaften für die Küche. Hier, in der Antichamber des Himmels, werden sie zugleich für das Orchester aufbewahrt, um die übrige Musik mit Takt und Klapperwerk zu unterstützen. Man sagt, es behage Ohren nicht übel, die nicht allzu stumpf sind. Hogarth hat in seinem Jahrmarkt zu Southwark, wo auch Komödie gespielt wird, von eben diesen musikalischen Instrumenten Gebrauch gemacht. Sie scheinen also vorzüglich der landstreichenden Muse eigen zu sein. Sie beschweren ihren Strich nicht viel, sind wohlfeil und dienen für Küch' und Kapelle zugleich. Auf der Rückseite der Salzbüchse sieht man etwas mit Kreide angeschrieben, vermutlich eine Contre-Rolle für die Milch- und Porter-Lieferanten. Unmittelbar hinter dieser Salzbüchse steht ein gemeines, irdisches Feuerzeug, Stahl und Stein in einem elenden Büchschen, brüderlich gekuppelt mit dem erhabensten aller Feuerzeuge, dem Donnerkeil Jupiters. Was für ein Gedanke, und was für ein Jupiter ! Er hält sich, neben dem Blitz her, noch ein gemeines Feuerzeug, um sich Licht schlagen zu können, wenn etwa bei feuchter Witterung die elektrischen Versuche nicht geraten sollten. Dieser Donnerkeil liegt auf dem Koffer so leicht und flüchtig balanciert, daß ihn vermutlich das nächste Exklamationszeichen in der Rolle der Juno herab auf einen armen Affen werfen wird. Diese kleine dramatis persona ist, dem englischen Pöbel zur Gemütsergötzung, und der Bourbonschen Linie zu Ehren, mit dem französischen Haarbeutel und dem spanischen Mäntelchen ausstaffiert. Vor sich hält er nichts Geringeres als Alexanders Helm, und ohne die Federn an demselben zu fürchten, deren stolzes Nicken einst den Erdkreis beben machte, nützt er ihn zu einem häuslichen Zweck, der leichter erkannt als genennt wird. Für einen Affen ist die Handlung wirklich philosophisch und groß; es liegt so was Modernes darin, das leichter empfunden als erklärt wird. Wer hätte, möchte man sich fragen, unter dem altfränkischen Haarbeutel so viel neufränkische Grundsätze gesucht? Und das Gesicht! O! Fällt auch der Donnerkeil: die Miene des Weisen ist uns Bürge, impavidum ferient ruinae. Nun noch eine Mutmaßung. Wie wenn die Schiebkarre zugleich Schieb- und Donnerkarre wäre? Mit Steinen bepackt, würde sie bei diesem Rade von sehr merklich ungleichen Halbmessern über lose Bohlen geführt, ihren Effekt sicher tun. Salzbüchsen, die im Orchester und Schiebkarren, die auf Donnerwolken noch einen Nebendienst leisten, passen gleich gut in das Ameublement theatralischer Vagabunden. Wo der Donnerkeil schwebt, da ist sicherlich der Donner nicht weit, er stecke auch wo er wolle. Wäre überdas der Koffer, gerade der, worin der Platzregen und der Hagelsturm die Reise hieher gemacht hätten: so gewönne diese Gruppe dadurch ein Ansehen und eine Größe, deren Schilderung alle Prose verschmäht, daher wir auch kein Wort weiter davon sagen. Daß übrigens die Göttin der Nacht durch eine Negerin vorgestellt wird, hat Hogarth deutlich genug durch das Wollenhaar angegeben. Die guten Leute sparen dadurch Kienruß, und schonen das weiße Zeug. Ein wichtiger Umstand für eine Haushaltung, bei welcher, wie man im Hintergrund sieht, Waschen und Trocknen leider! permanent ist. In der Mitte des Blattes glänzt Diana , velut inter ignes Luna minores . Ihr Anzug ist nicht was man Jagdhabit nennt. Von allen Insignien, womit das Altertum sie bezeichnete, ist ihr nichts geblieben, als der halbe Mond. Selbst die moralischen scheinen verschwunden. Man gerät bei Betrachtung dieser Figur wider seinen Willen auf den Gedanken: Hogarth habe eine verkehrte Diana zeichnen wollen, so wie man eine verkehrte Welt hat. Sie, die bei den Alten die keusche hieß, und auch wirklich die unzukommliche war, steht hier fast ohne alle Fortifikation. Die Außenwerke sind sämtlich herunter gefallen, und selbst der innere Wall, der überhaupt sehr leichtfertig angelegt ist, hat auf der einen Seite eine fürchterliche Bresche, an welcher die Göttin der Nacht etwas zu flicken kriegen wird. Auch weht von ihrem Haupte die weiße Fahne der Kapitulation, wie einmal ein Schalk diese weißen Straußfedern nannte. Ferner ist die doppelt Gegürtete (bis cincta) hier eine nirgends Gegürtete . Alle ihre Gürtel sind gelöset: ein trauriger Umstand für eine Göttin der Keuschheit . Und endlich, so ist bekannt, daß die Diana der Alten mit bis über die Knie entblößten Beinen und übrigens sorgfältig bedeckt, abgebildet wurde. Die unsrige hingegen erscheint schier ganz entblößt, ausgenommen die Beine bis über die Knie nicht , die so gar sorgfältiger bedeckt sind, als es sonst bei dem keuschen Geschlecht gewöhnlich sein soll. Das ist sehr arg. Selbst der Medusenkopf da unten, der alles dieses teils besser verstehen, teils besser sehen mag als wir, scheint sein antiquarisches Erstaunen über diese so ganz unmythologische Aufführung der keuschen Göttin zu äußern. Ja, was sage ich Erstaunen , er scheint über dem Anblick zum ersten Mal den Erstarrungstod selbst zu erleiden, den er sonst bloß zu verbreiten gewohnt war. Sie scheint im Begriff gewesen zu sein, in den Reifrock, zur Schonung der Frisur, hinein steigen zu wollen, als sie bei der Repetition ihrer Rolle auf eine Stelle stieß, die viel oratorische Platzung erforderte, wodurch sie aufgehalten wurde. Vielleicht war auch der Rock schon fest gebunden, und die oratorische Platzung hat die von dem Rockband bloß nach sich gezogen. Nun ein Paar Worte zur Ehrenrettung dieses armen Geschöpfs. Es ist wahr, Hogarth hat sie für eine Göttin der Keuschheit schlecht bekleidet, wenigstens sehr undianenmäßig . Aber hat die Natur mehr für sie getan? Diana war schlank und groß, sie ragte überall um eine Kopfslänge hervor. Die unsrige hier ist untersetzt und fleischigt, und bei dieser Lage der Dinge ereignet sich ein sehr wichtiger Umstand. Kopf und Herz kommen hier einander um eine ganze Spanne näher. Was das arme und warme Herz brütet, gelangt hier noch arm und warm, wie es ist, zum Kopf, und eine geometrische Spanne wird zu einer moralischen Meile. O! Wohl allen den aufgeschossenen Hageren, bei denen die warmen Machinationen des Herzens Zeit haben, sich auf dem meilenlangen Wege zum Kopf abzukühlen! Es sollen daher die langen Knochensysteme, wo nicht allen, doch manchen Tugenden seit jeher viel günstiger gewesen sein, als die mehr zusammen gedrückten und überfleischten. Auch scheint ihr Auge und die ganze Gesichtsform dem Blick ungebildet und roh, so viele Blick-Ableiter sie auch aufgeklebt hat diese Untersuchung zu stören, und überhaupt mehr Ceres als Diana, mag sie auch wohl ehedem auf dieser oder einer andern Tenne etwas Nützlicheres gedroschen haben als Blank-Verse . – Allein so wenig Lehrreiches und überhaupt Sehenswertes diese Göttin für den Archäologen haben mag, so scheint doch gerade ihr jetziger Badhabit vorzüglich den Blick eines Dorf- Aktäons auf sich gezogen zu haben, der linker Hand oben zum Dache hereinguckt. Herr Ireland glaubt, der Kerl säße dort oben, weil er vermutlich das Dach habe ausbessern sollen; ich glaube, er sitzt dort seiner eigenen Besserung wegen. So sind die Ausleger. Unmittelbar vor Dianen sitzt, noch zur Zeit ohne Blumen und Füllhorn, die Blumen-Göttin Flora und macht ihre Toilette. Die Kerze, womit sie sich den Kopf betalgt, hat sie so eben dem Leuchter aus frischem Lehm geraubt, der umgefallen vor ihr auf dem Boden liegt. In der Rechten hält sie eine Pfefferbüchse, Eigentlich a dredger , eine Büchse, Mehl auf allerlei Dinge zu streuen, während sie im Braten begriffen sind. um Blumenstaub auf das aufblühende Köpfchen zu streuen. Zum Tisch dient ihr ein Deckelkorb, der wenigstens ein Malter Korn fassen könnte, und dieser enthält, wie man aus dem angehängten Zettel sieht, nichts Geringeres als die Juwelen (Jewels) der Gesellschaft. Ein brennendes Licht, das vermutlich zum Anzünden der übrigen bereit steht, ist so nachlässig hingestellt, daß die Flamme desselben das Stroh, worein die Juwelen im Malter-Kassettchen gepackt sind, ergreift, und nicht allein die Juwelen (denn nach den neusten Versuchen verfliegt der Demant im Feuer), sondern dieses ganze Pantheon mit allen seinen Herrlichkeiten auffliegen machen wird, wenn es die Göttinnen nicht bald gewahr werden. Also hier glimmt schon die Rechtskräftigkeit der Parlements-Akte von dem Schicksal selbst angefacht. Vor sich hat sie einen Spiegel stehen, eigentlich ein bloßes Bruchstück, und selbst dieses katoptrische Bruchstück ist nicht ganz, denn es hat hier und da dioptrische Stellen. Gleich dabei liegt das bekannte Instrument, das der Mensch aus dem Zahn des größten Tieres des festen Landes zu schneiden gewußt hat, um die Bisse eines der kleinsten damit zu bekämpfen, der elfenbeinerne Kamm. Und dennoch muß hier der Streit hart und der Sieg oft zweifelhaft gewesen sein, denn er hat sich, wie man sieht, wirklich einige seiner besten Zähne darüber ausgebissen. Zur Ehre der Blumengöttin muß man aber glauben, daß Hogarth hier bloß auf die Aphides Deutsch: Blattläuse . ziele, die bekanntlich oft den jugendlichen Nacken selbst der Königin der Blumen, ich meine der Rose, bedecken. Durch diesen nicht zu hintertreibenden Umgang mit der ersten Zierde des Gartens, erhält dieses Ungeziefer, so wie der Floh und die Stubenfliege, eine Art von Würde; es ist Ungeziefer von Stand. In der Austerschale auf dem Korbdeckel liegt vielleicht gesalzene Pomadebutter, oder, wie einige glauben, Farbe für die Blüten dieses Röschens. Hinter Dianen steht ein Altar, an welchem sich ein Paar kleine Teufel um einen Krug Porter boxen. Daß es Teufel sind, sieht man bloß an den Hörnern, denn fehlten die an ihren Kapuzen: so machten ein Paar solcher Köpfe und ein Altar eben keinen Kontrast, wenigstens keinen ungewöhnlichen. Man würde sie für ein Paar sehr bekannter Geschöpfe halten, die unter allen Himmelsstrichen gedeihen, und deren Naturgeschichte in zwei vortrefflichen Werken bearbeitet worden ist. Nämlich 1) In Ioannis Physiophili specimen Monachologiae methodo Linnaeana, tabulis tribus aeneis illustratum cum adnexis thesibus e Pansophia P.P.P. Fast etc. 1783. 4. maj. und 2) in Histoire naturelle des Moines écrite d'après la methode de Buffon ornée d'une figure. à Paris 1793. 8vo. Die Gruppe fließt über von bitterer aber fast profaner Satyre, die jedem sogleich einleuchten wird, wenn er Kelch statt Bierkrug setzen will. Zur Ehre Hogarths muß man aber ja bedenken, daß der Spott keine Menschen, sondern bloß Satane in Menschen-Gestalt trifft. Gegen ehrliche Leute hatte Hogarth nie etwas, denn er gehörte selbst mit darunter. Für das zweite trifft er nicht so wohl den Altar, als das Kommando an demselben mit geballter Faust, und endlich so ist das Tischchen nicht einmal ein Altar , sondern eine bloße Ara . Oben drauf liegt und steht noch allerlei; ich glaube ein Stück Brod, oder was es ist; ein Kelchglas, und etwas Virginischer Weihrauch , der aus einer Pfeife aufsteigt, die vermutlich der Trinker, um mit beiden Händen trinken zu können, so eben niedergelegt hat. Auch diese brennende Pfeife liegt ohne Deckel so, daß sie gewiß fallen wird, wenn der angedrohte Fauststoß in Erfüllung geht, und wird alsdann mit dem Licht am Juwelenkästchen gemeinschaftliche Sache machen. Weiter links, hinter der Ara, beschneidet nun gar ein einäugiges altes Weib einer Katze ihre schönste Zierde mit einer Schere, vermutlich um Blut zu dem Unheil zu gewinnen, das der Dolch, den sie am Mantel trägt, noch diesen Abend in dieser Tragikomödie stiften soll. Die Operation scheint der Alten Vergnügen zu machen, und es kommen über ihrem Lächeln ein Paar Lachzähnchen zum Vorschein, die nicht reizender sein können. Vermutlich sind es aber auch die Allein-Erben der Reize aller ihrer Geschwister, die schon voraus dahingefahren sind. Überhaupt ist in dieser Gruppe viel Zähnespiel ; sie werden fast in allen möglichen Bedeutungen gewiesen und gebläkt. Von der Alten um ihrem Lächeln Holdseligkeit zu geben; von der Katze um zu beißen , und von der armen Seiltänzerin, die das Schlachtopfer hält, um ihren Schmerz zu zerknirschen . Sie wird aber Mühe haben damit zu Stand zu kommen, denn die Katze hat nicht allein ihre Hand mit den Zähnen sehr derb gepackt, sondern auch, mit den Hinterpfoten die leicht bekleidete regionem hypogastricam derselben, gleich über dem Feigenblätter-Wulst, den das Mädchen als Befriedigung um die Blöße ihrer Beinkleider trägt. Es ist unmöglich diese Dulderin zu betrachten ohne an den Laokoon zu denken. Nicht an die Gruppe im Belvedere, das wäre Beleidigung der höchsten Majestät der Kunst, sondern an den launevollen Kupferstich, worauf Laokoon mit seinen Söhnen durch Affen parodiert wird. Man weiß nicht so ganz genau was die Alte vorstellt. Eine Hexe schwerlich, denn die schneidet keiner Katze den Schwanz ab. Sie könnte selbst in die Umstände kommen. Es ist also wohl der Geist, dessen auf dem Zettel gedacht wird. Wäre dieses, so zielte ja wohl gar der Dolch auf Selbstmord. Noch verdient die Ökonomie der Alten ein Paar Zeilen. Sie schneidet bloß das Ende des Zweigs ab, und läßt den Hauptstamm, trotz der Parlements-Akte, für künftige Trauerszenen stehen. Hier würde der ehrenvolle Trusler ausrufen: merkt euch dieses, o ihr Ökonomen ! wenn er fähig gewesen wäre selbst so was zu merken. – So viel von dieser Seite des Stücks, wenigstens von dem Lebenden. Das Tode lassen wir noch. Es soll aber auch noch erweckt werden, und hoffentlich nicht ohne Lebenserhöhung des Lebendigen. Hinter der Göttin der Keuschheit steht eine Figur mit einer Krone, eigentlich einem Sonnen- oder Sonnenblumen-Rande aus Goldpapier, auf dem Haupt, die einen kleinen, auf einer Leiter stehenden Amor anweist, ein Paar Strümpfe herab zu holen oder zu wenden, die auf den Wolken getrocknet werden. Diese Figur soll Jupiter sein. Alle Ausleger versichern es, und es ist wahrscheinlich, weil sonst Jupiter hier bloß auf dem Komödien-Zettel stehen würde. Sonst trocknet unter den Göttern bekanntlich Phöbus die Wäsche, und der Jupiter pluvius gibt sich bloß mit dem Einweichen ab. Auch einen Phöbus könnte die Figur vorstellen. Allein freilich der Jupiter der Alten ist schwer von hinten zu erkennen. Alles liegt bei ihm an der positiven Seite. Wenn er auch einmal von der negativen angesehen, als Stier erscheint, und dreht bloß den Kopf um, so ist das Numen sogleich wieder da. Leider! kann dieser Stier nicht gedreht werden und mag also für einen Jupiter gelten. Also Zeus verschmäht das Seil und hängt seine Wäsche an einer Donnerwolke auf. Wie groß! So war es mit allem, was er tat. Ihm selbst hängt sie indessen hier etwas zu hoch, und um zu erfahren ob sie trocken ist, schickt er seinen sehr bekannten, geflügelten Diener hinauf, und dieser muß, trotz seiner Flügel, die Leiter nehmen. Auch im gemeinen Leben vertreten oft Leitern die Stelle von Flügeln der Liebe . Ja seine Flügel helfen ihm so wenig, daß er sogar den letzten nur noch dreizölligen Hub mit großer Anstrengung der Zehen verrichten muß. Jedoch hier ist Hogarth so ganz mit vollem Lichte gegen uns gekehrt, daß ihn jede weitere Erklärung nur verhüllen würde. Dem Tone, worin dieses ganze Blatt komponiert ist, gemäß, ist Amor hier weder blind noch nackend . Er sieht recht gut wo andrer Leute Strümpfe sitzen, und trägt die seinigen sogar gewickelt. Rechts hinter dem Schmuckkästchen steht ein Mädchen von nicht schlechter Gesichtsbildung mit herabhängendem Haar. Es ist vermutlich bloß die Nickhaut der Trunkenheit, die ihren Blick etwas trübt. Dieses ist die Sirene , wie man an dem Fischschwanze sieht, der durch ein Band um ihre Hüfte aufrecht gehalten wird. Desinit in piscem mulier formosa superne. Die Physiognomie ist wirklich national und unter dem gesunden Landvolk Englands sehr gewöhnlich. In ihrer Rechten hält sie eine Bouteille, und ist, wie man sieht, im Begriff einer Mamsell d'Eon, die über Zahnweh klagt, und die sogleich der Gegenstand einer epineusen Untersuchung werden wird, einen Schluck Trost zu reichen. Während diese Wasser-Nymphe Branntwein schenkt, ist eine jugendliche Aurora , mit einem blanken Morgenstern vor dem Kopfe, beschäftigt, ihr unter liebevoller Verziehung ihres Goldmündchen einige Wasserinsekten zu knicken, die am Halstuche hängen geblieben sind. Der Stern leuchtet mit vollem Glanz. Es ist noch sehr früh: die Röte grauet nur noch in diesem Auroragesichtchen , und Phöbus wird, mit Butlern zu reden, sein Feuer noch um ein ziemliches näher rücken müssen, um dieses Hummerchen rot zu sieden. Daß eine Wassergöttin Wein schenkt, ist drollig genug. Man könnte die Figur zum Aushängeschild manchen Weinhäusern empfehlen, wenn es eine Weingöttin wäre, die Wasser schenkte. Das so genannte Bierschild , das in manchen Gegenden Deutschlands, zumal auf dem Lande, auch an Häusern aushängt, worin zugleich Wein, wenigstens Branntwein geschenkt wird, drückt in der Tat dieses freundschaftliche Benehmen zwischen Wasser und Wein schon aus. Bekanntlich ist ein gleichseitiges Dreieck auf die Spitze gestellt, das Zeichen des Wassers , hingegen des Feuers , wenn es auf einer der Seiten steht. In dieser Lage verbunden machen sie das Bierschild. Mendelssohns Thetis, die einen Bacchus umarmt. Was ist denn aber nun das für ein Geschöpf, das hier sein Zahnweh mit Branntwein zu töden sucht, und wessen Geschlechts ist es? Wir beantworten die verfänglichste Frage zuerst. Es bedarf wohl nur einer flüchtigen Inspektion, zu sehen, daß es ein Frauenzimmer ist. Das lange Haar, die noch zur Zeit nicht abgewischten Schönpflästerchen, die nicht zu verkennende Breite unter den Hüften hinter der Rocktasche, die ganze Form der Beine und Knie und die Kniehaltung, die jedermann aus Antiken kennt, setzen dieses schier außer allem Zweifel. Man hat von Seiten des Hemdes objiziert. Aber ist denn das Kleid auch weiblichen Geschlechts? Ein Frauenzimmer, das einen Mannsrock anzieht, zieht auch wohl ein Mannshemd an, wenn Manschetten und Krause nötig sind. Sollen sich etwa die armen Teufel hier, denen es schon an Raum für das sichtbare Dekorum fehlt, noch gar des unsichtbaren wegen, eine unerhörte Gattung von Hemden, ich meine hermaphroditische, anschaffen? Vor ihr auf dem Bette liegen die Beinkleider, die sie anziehen soll. Ich fürchte fast, es ist schon ein vergeblicher Versuch gemacht worden. Der Riemen ist ganz aus der Schnalle gezogen, zum Zeichen, daß die größtmögliche Weite noch zu klein war, oder daß man vorläufig die größtmögliche für die einzige hielt, auf die man rechnen darf. Es ist Tatsache, und jedermann, der die Antike auch nicht studiert hat, weiß es, daß sich das niedlichste Weib in den Beinkleidern selbst des vierschrötigsten Mannes um die Lenden immer beengt findet, ja daß es ihr in hundert Fällen gegen einen, ohne die gewaltsamsten Dehnungen und Gedankenstriche im Text gar nicht einmal möglich ist sie anzuziehen. Mit Beinkleidern im figürlichen Sinn, da sie das Sinnbild der Macht sind, und im Hauswesen fast so etwas bedeuten wie die fasces im Römischen Staat, verhält es sich freilich ganz anders. Diese ziehen die verheirateten Damen einige Wochen nach der Hochzeit nicht selten mit großer Leichtigkeit an, und sie sitzen ihnen vortrefflich. – So viel über die erste Frage. Was oder Wen stellt denn nun aber diese Figur vor? Herr Ireland glaubt, sie sei zu einem Ganymed bestimmt, und ich glaube er hat recht. Der Vogel Jupiters unmittelbar vor ihm, erinnert von selbst daran, und Ganymeds Rolle sollte billig immer nur von Mädchen gespielt werden. Lustig ist es, aber wohl für unsern guten Künstler etwas zu gelehrt, daß man Ganymeds Namen gewöhnlich von γανύειν und μῆδος herleitet, wovon der erstere ein freundliches Gesicht zeigen und das letztere so viel als Rat bedeutet. Nun läßt sich aber wohl nicht leicht ein unfreundlicheres Gesicht machen, als hier Ganymed macht, und kein schlechterer Rat erteilen, als er erteilt. Eigentlich erteilt er gar keinen, sondern nimmt umgekehrt einen sehr guten an. Es wäre doch wohl möglich, daß Hogarth an so etwas gedacht hätte. Ein Maler, auch wenn er gar keine Bücher liest, nicht einmal konfiszierte, liest doch wohl einmal ein mythologisches, oder schlägt es wenigstens nach, wenn er einen Gegenstand zu bearbeiten gedenkt, der dahin einschlägt. Hier war es vorzüglich nötig, wo ein verkehrter Himmel vorgestellt werden sollte. Hat aber nun der Mann die Sache nicht eigentlich studiert , sondern nur etwa aus einem Wörterbuche pro tempore erlernt, so ergreift er leicht das minder Bekannte statt des Bekannten. Doch dieses nur im Vorbeigehen. Unten, in der Ecke rechter Hand, sitzt der Adler , der den Ganymed über die Wolken tragen soll. Es wird ihm sauer werden, wenn anders der unbehoste, etwas schwere Patient hinter ihm, Ganymed ist, so niedrig auch hier die Wolken gehen, und so stark die Flügel des Adlers sind. Jedoch die Flügel der Liebe dort im Hintergrund, die sich noch zu diesen gesellen werden, und ein guter Strick, woran hier kein Mangel ist, überwinden alles. Wohin tragen Leiter und Strick, – und die Flügel der Liebe nicht? Noch trägt der Adler hier eine leichtere und angenehmere Last, als jenen Ganymed, wiewohl in jeder Rücksicht auch einen höchst unfreundlichen Ratgeber . Daß hier der Adler ein Kind füttert, womit er sich vermutlich selbst füttern würde, wenn er etwas mehr wäre als Pappedeckel, tut eine vortreffliche Wirkung. Es ist unmöglich, das Kleeblatt von Köpfen, die hier kontrastiert sind, ohne Lächeln anzusehen. Im Auge des Weibes, es sei nun Wärterin oder Mutter, Geduld und mütterliche Sorgfalt; in dem des Adlers drohender Anspruch auf eine Portion, nicht vom Brei, sondern vom Kinde selbst; beide auf ein kümmerliches Klümpchen von Mamsellen-Masse hingespannt, das nur bloß in dem dunkeln Gefühl des Kontrasts zwischen Raubvogel und Mutter zu leben scheint. Der Adler hat hier keine Krallen, aber dafür Frauenzimmer-Füße. Der Unterschied ist nicht so groß, als er scheint. Es bleiben Fang-Füßchen vor wie nach, wenigstens wird das Schicksal der jungen Hasen durch den Wechsel um nichts gebessert. Nun sind wir endlich so weit, als wir notwendig sein mußten, um etwas Zweckmäßiges über die Aufschrift des Stücks sagen zu können. Sind dieses nun Komödianten oder Komödiantinnen? Über den Ganymed haben wir bereits entschieden. Also blieben bloß noch Amor, Jupiter und die Teufel. Die letzten sind wohl nicht aus dem schönen Geschlecht. Aber Amor? O! der gehört sicherlich dazu. Ich glaube der Gebrauch ist so gar hergebracht, daß Liebesgötter meistens auf den Bühnen von Mädchen vorgestellt werden, und das ist ein sehr weiser Gebrauch. Wenn ein Knabe den Liebesgott bei uns vorstellt (bei uns, heißt hier: bei unsrer Höhe der Sonne): so kömmt gemeiniglich zu viel Bedeutung in die Rolle oder gar keine. Ich habe beides gesehen, und da hat man dann zwischen leerem Puppenspiel und amour à la Grenadière zu wählen. Hingegen erfüllen die kleinen Mädchen gewöhnlich die Rolle ganz. Sie lernen in Naturangelegenheiten, wobei überhaupt Wissen sehr entbehrlich ist, die Form viel früher kennen, als die Materie, und sind schon dann so richtig, so konsequent, daß das erwachsene Mädchen ein Jahr nach der Konfirmation nichts weiter nötig hat, als die bisherige täuschende Hülle nun nur noch im Geist und in der Wahrheit zu beziehn. Der Knabe, wenn er wirklich männlichen Geschlechts ist, muß immer wissen, ehe er tut, und wie kann ein solches Geschöpf das wissen muß, was es tut, die Liebe vorstellen? Auch, sollte ich denken, wäre, bei diesem Militär, der Sieg eines bloß simulierten Knaben immer sichrer und allgemeiner. Hier siegte er mit dem, was er ist, und dort mit dem, was er bedeutet. Also auch unser Amor könnte wenigstens ein Mädchen sein. So wären denn nun alle Personen, Frauenzimmer, bis auf Zeus und die Teufel, und so Hogarths Aufschrift so gut als gerechtfertigt. Denn ein Beichtvater und ein Paar junge Versucher machen doch fürwahr ein Nonnenkloster noch nicht zu einem Mönchskloster. Dieses wäre der Knoten gelöst. Zerhauen ist er auch hier viel leichter. Komödiantinnen, die sich ankleiden. Recht gut, könnte man nur sagen, alle die hier im Ankleiden begriffen sind, sind auch bloß Komödiantinnen. So liefe am Ende die ganze Aufschrift auf etwas sehr Gemeines hinaus. – Auf ein Titulchen, dergleichen man Sachen gibt, und Personen sich sogar geben lassen – aus allerlei Absicht. – Was könnte aber hier die Absicht gewesen sein? – O ich habe zu lange über eine Nebensache geredet. – Man frage den Dorf-Aktäon , der weiß es gewiß. Ehe ich weiter gehe, erlaube man mir eine kleine Betrachtung. So entscheidend ich auch hier über das Geschlecht des Ganymed gesprochen habe, so ist es doch wirklich bloß in der Absicht geschehen, um auch einmal für diese Seite der Frage alles zu sagen, was sich, wie ich glaube, dafür sagen läßt. Sonst sind einige Ausleger, und darunter auch Nichols, gerade für das Gegenteil. Er sieht in dem Auge der kleinen Sirene etwas mehr, als bloß medizinisch-chirurgische Tröstung, nämlich Liebe. Wäre dieses: so ist es freilich ein drolliger Anblick einen Liebhaber, in einem solchen Aufzuge, vor seiner Geliebten stehen und über Zahnweh klagen zu sehen, und der Dienst, den Aurora dem Mädchen bei der Entrevüe erweist, erhöht die Szene noch mehr. Der ungenannte Erklärer hingegen, der, wie mich dünkt, meistens sehr gut trifft, sagt nur ein Paar Worte hierüber, und diese sind ganz für meine Hypothese. Ich greife übrigens dem Urteil der Leser in nichts vor. Ein Teil des Vergnügens, das die Betrachtung der unsterblichen Werke unsers Künstlers gewährt, hängt, so wie bei der von Werken der Natur, mit von der Übung eigner Kraft ab, die noch dabei statt findet. Mich wenigstens hat nicht so wohl das ganz Unverkennbare in dem Witz und in der Laune des Künstlers seit vielen Jahren an seine Werke so sehr gefesselt, als das leicht Verkennbare und das wirklich Verkannte . Wer suchen will, findet immer noch was. Vielleicht war es auch gerade dieser dem Künstler so vorteilhafte Reiz, der ihn abhielt selbst einen Kommentar über seine Werke zu schreiben, so oft er auch von seinen Freunden deswegen angegangen wurde, und so oft er es auch zu tun versprochen hatte. Er hätte sicherlich dabei verloren. Um etwas für recht tief zu halten, muß man nie erfahren wie tief es ist. Zur Rechten der Göttin der Nacht, wo es wirklich im Ernst etwas dunkel ist, ist allerlei Mutwillen zusammen gedrängt. Auf einem sanften Kissen, dergleichen man auf den englischen Kanzeln sieht, (a pulpit-cushion) ruht eine Bischofsmütze aus. Die Bibelsprüche und Katechismuslehren, die sonst darinnen wohnen mochten, sind fort, und Komödien und Farcen haben sie dafür, wie Sperlinge ein Schwalbennest, bezogen, und vermutlich auch die ersten Bewohner heraus gebissen. Darneben steht eine Laterne von der Art die man im Englischen dark lanterns nennt, eine Blend- oder Blind-Laterne mit einem Drehdeckel. Ich habe sie oben der Göttin der Nacht beigelegt. Ob sie aber nicht vielleicht zur Bischofsmütze gehört, und auf die heilsame Mischung von Licht und Finsternis hinzielt, die zu allen Zeiten aus Leuchten mit diesem patentisierten Drehdeckel hervorströmte, oder ob Diogenes die seinige einmal bei einem Bischofe hat stehen lassen, weiß ich nicht. Gleich dabei hat die Nacht einen dichten Nebel niedergeschlagen. Es ist eine der warmen Haarwolken, unter welchen in England die Sonne des Rechts, wenn sie im Dienst ist, mit ungemeiner Anmut hervorlächelt. Das Jus, wie man sieht, wohnt jetzt nicht darin. Vielleicht ist sie das Interimsnest der Kätzchen, wovon das eine sich mit dem Reichsapfel das andere mit der Lyra amüsiert. – Also Politik und Dichtkunst. – Es ist nicht unangenehm Künste und Wissenschaften so behandelt zu sehen und zum Glück auch nicht sehr selten. Die kleine Dichterin tut, wie man sieht, einen Fehlgriff. Anstatt die Saiten der Leier zu rühren, pfötelt und kratzt sie bloß an dem Resonanz-Horn Ich weiß nicht ob es allen Dichtern und Dichterinnen bekannt ist, was diese Lyra eigentlich ursprünglich war. Nichts weiter als ein Ochsenschädel , zwischen dessen hohlen Hörnern Hermes vier Saiten aufspannte. Nachher entfernte sich dieses Instrument in Griechenland und Rom immer mehr und mehr von seiner ersten Form, und ward so das Sinnbild dichterischer Begeisterung und das schönste Attribut des Delphischen Gottes. Bald darauf aber fing es, nach dem unbegreiflichen Willen des Verhängnisses und der Mode, an, sich nach und nach seiner ursprünglichen Form wieder zu nähern, und jetzt sollen wirklich schon wieder in Deutschland einige im Gange sein, die völlig klingen wie Saiten zwischen den Hörnern eines Ochsenschädels aufgespannt. und mit wie vielem Anstand mischt sich nicht die kleine Staatskünstlerin in die Regierung der Welt! Beide verdienten unter die Buchdruckerstöckchen aufgenommen zu werden, um damit bald einem Gedichtchen bald einem politischen Träumchen in gewissen Journalen die Aiche aufzudrucken. Noch erblickt man da einen Strick. Es ist eigentlich der Strang (the halter) , und deswegen liegt er so nah bei der Repräsentantin der Justiz. Einem Deutschen könnte diese Erklärung gezwungen scheinen, dem gemeinen Volk in England ist es die natürlichste von der Welt. Obgleich in London mehr mit Stricken gebunden, gepackt und gezogen wird, als an irgend einem Ort in der Christenheit, so erweckt doch ein etwas kurzer dort leicht die Idee von rechtlicher Absicht. Das macht, bei uns sieht man selten henken ; dort gehört es mit unter die Circenses . Noch liegt da allerlei Geräte zu Taschenspielerkünsten umher. Ob das auch Fakultäts-Meubeln sind? Schwerlich. Denn wie konnte Hogarth wissen, daß man auch da aus der Tasche spielt? Noch ein Wort von dem zerbrochenen Ei auf der Bettdecke. Einer der Herren Ausleger glaubt, die Eier überhaupt lägen da, um vermutlich die Stimme der Sirene damit zu schmieren und abzuklaren. Wenn ein Unglück (wozu die unglücklichen Einfälle auch gehören) sein soll, so muß es sich immer fügen. Schwämme das arme Mädchen nicht gerade jetzt bei der Bettlade, so wäre dieser Einfall nie geworden. – Nein! Es zielt offenbar auf die Cochonnerie dieser Leutchen. Was für eine Bettdecke, auf welcher ein Beitrag zur künftigen Mahlzeit schwimmt, und was für eine Mahlzeit, wozu die Beiträge von der Bettdecke geschöpft werden müssen! Wenn überhaupt in einer Haushaltung, wo alles überall ist, noch Abteilungen gedacht werden können, so möchte in diesem Winkel, aus allerlei Umständen zu schließen, die Küche und Speisekammer sein. Hinter der Aurora sieht man ein Paar Meeres-Wellen mit Kurbeln und Zapfen, wie es sich gehört, im Arsenal zwischen einem Triumphbogen von der einen, und einer Trommel, einer Trompete und einem stumpfen Kehrbesen von der andern, ruhig aufgestellt. Ein Mare pacificum im strengsten Verstand. Die Wogen, die im Dienst sonst horizontal liegen, stehen hier fast vertikal, damit die Gottheiten nicht darüber stolpern, oder sich die Schienbeine daran entzweistoßen. Und das gute, schüchterne Haustier, die Gluckhenne, die sonst schon so ängstlich jammert, wenn nur eins ihrer Stief-Töchterchen , ein Entchen, sich auf eine Pfütze wirft, sieht hier mit der Ruhe einer See-Möwe zu, wie ihre echten Kindlein von Welle zu Welle des wogedonnernden Meeres hinanklettern, als wäre es eine gemeine Hühnerleiter. Oben unter dem Dache sieht man einen Wagen mit Drachen bespannt, wovon der eine unsern Aktäon zurückzischen zu wollen scheint; an der Seite Fahnen und Standarten, neue und alte britische und römische mit der das Ganze krönenden Aufschrift: SENATVS POPVLVSQVE ROMANVS. Was sonst noch da herumsteht und liegt; Gerüstböcke, Maler- oder Weißbinder-Zeug, ländliche Szenen frisch vom Borstenpinsel her, ist sehr verständlich. Jedoch verdienen noch zwei Artikel unsere Aufmerksamkeit; der Drachenwagen, und dann die zwei Figuren die dort oben, hinter dem Bund Stroh stecken, wie schon gestohlener Hausrat, oder wie ein Paar Herzen, die sich einander noch erst bestehlen wollen. Von dem Drachenwagen glaubt Herr Ireland, es sei der Wagen der Medea. Nun freilich zu etwas muß er gebraucht werden. Aber warum steht er gerade da oben? Man kann nicht antworten: weil unten kein Platz war: denn, wenn auch unten kein Platz für den Drachenwagen gewesen wäre, so war doch da oben Raum genug für einen drolligen Einfall, und der steckt auch gewiß noch dahinter. Spieen die Drachen Feuer (und das sollten alle Trauerspiel-Drachen, zumal auf Dörfern oder in kleinen Städten und manchen großen, von Rechts wegen), so hätte sie schon allein deswegen Hogarth so nah bei das Stroh und das Dach packen können. Aber sie zischen kalt. – Wäre es nicht wiederum zu gelehrt , so würde ich glauben, es wäre der Wagen der Ceres oder ihres Triptolemus, der bekanntlich auch von Drachen gezogen wird. Ich habe, gleich beim Eingange, diese Scheune ganz unwillkürlich ein Heiligtum der Ceres genannt. Der Ausdruck ist sehr alltäglich. Wie wenn also Ceres bei der Ankunft so vieler höherer Gottheiten hätte aussteigen, und das Dachstübchen wählen müssen, so wie manche Leute in den Leipziger Messen, wenn die Götter ankommen? Getreide und Dreschflegel mußten bei Seite geschafft werden, und dort oben liegen sie auch wirklich beisammen. Aber ist das nicht Ceres mit ihrem Dreschflegel Triptolemus? Doch genug; vielleicht finden die Leser etwas Besseres. Das verliebte Pärchen hinter dem Stroh und der Fahne, ist der arme, arme Ödipus mit seiner Jocasta. Es steht oben darüber geschrieben. Trusler, der nicht leicht einen Menschen übertrifft, hat sich hier wenigstens selbst übertreffen. Er glaubt, Hogarth habe hierdurch auf das blutschänderische Leben dieser Komödianten angespielt. Was das für ein Einfall ist! Wer den Hogarth nur etwas aus dem Ganzen kennt, den wird sein Gefühl lehren, daß er unmöglich, in einem Stück, das ganz dem unschuldigen Lächeln geheiligt ist, mit einem Gedanken hervorkommen konnte, der mit einem Male durch das Abscheulige, was er enthält, allen Eindruck stören würde. Sind diese Leute Blutschänder, so lacht kein Mensch mehr über sie, man verabscheut sie. Blutvergießer sind sie wohl, wie wir gesehen haben, aber sehr unschuldige, und Sünder mögen sie wohl auch sein, aber gewiß sehr gutmütige, arme Sünder . Die Sache verhält sich so: was dahinten steckt, ist ein Dekorationsstück zum Ödipus des Lee. Herr Nichols merkt an, daß sich beim zweiten Akt dieses Trauerspiels folgende Weisung für den Dekorateur befände: Die Wolke, welche die Häupter der Figuren umgibt, erhebt sich; es zeigen sich Kronen auf denselben, und oben darüber glänzen in großen, goldenen Buchstaben, die Namen : OEDIPVS und JOCASTA . Dieses Szenenstück ist nun aus Mangel an Raum dahinten hin geworfen worden. Da aber Hogarth schlechterdings nichts aufs Geratewohl tut, und, was er wegzuwerfen scheint, immer mit Absicht wegwirft: so hat er freilich, etwas mutwillig, die beiden Leutchen sich dahinten hin verkriechen lassen, als schämten sie sich. Wenn man das Flattern verschiedener Gewänder in dieser Scheune betrachtet: so läßt sich die Richtung eines Zahnweh- und Schnupfenlüftchens, das hier wehet, leicht verzeichnen. Es scheint durch eine Öffnung neben der rosigten Ehrenpforte seinen Einzug zu halten; wird, nachdem es einen kleinen Abstecher nach der Zahnwehseite Ganymeds gemacht hat, im Gewande der Aurora zum Morgenlüftchen; spielt am hellen Tage etwas mutwillig mit der keuschen Göttin; und teilt sich hierauf in zwei Ströme, wovon der linke das Gewand und den Busen der Juno fächelt, und von dieser Seite das Freie sucht; der rechte hingegen trocknet im Vorbeigehen etwas Wäsche und retirieret sich oben zum Dache hinaus. Da wir nun dieses Blatt beschaut haben: so ist es vielleicht nicht ganz unnütz, es auch einmal einen Augenblick zu behorchen . Da eröffnet sich gleichsam eine neue Welt von Ordnung und Harmonie. Das Säuseln des Windchens und das Rieseln in Alexanders Helm auch für nichts gerechnet, so fallen hier in die Ohren: die hochtönenden Blankverse der Juno zugleich mit denen der Diana, unterstützt durch den Gesang der leidenden Katze und der Sängerin die sie hält. Alsdann die Verhängnis-Befehle des Donnergottes über ein Paar feuchte Strümpfe, im Akkord mit dem damn ye des Teufels bei der Ara (wenn anders dieses Flickwort für den Teufel ein Fluch ist), und endlich das Zahnwehgewimmer, wiederum im Zusammenklang mit den Klagetönen der kleinen Nachtigall, die der Adler mit Mehlbrei füttert. Wäre hier ein gedielter Boden, so würde ich noch die kleine, muntere Favoritin in Erinnerung bringen, die den Reichsapfel wälzt, das ist eine gar unangenehme Sache für Augen und Ohren, wenn die Favoritkätzchen mit den Regierungsinsignien spielen. So viel für Auge und Ohr. Den dritten Sinn wollen wir ruhen lassen. Leider! hat Hogarth mehr als einmal sehr schlecht für die Ruhe desselben gesorgt. Vermutlich weil er auch zugleich für die Gemütsergötzung einer Klasse von Menschen sorgen wollte, die etwas andere Gemüter und etwas andere Definitionen von schönen Künsten haben, als wir. Selbst dieses Blatt ist nicht frei von diesem Mutwillen, oder eigentlich dieser Ungezogenheit . Ich fürchte meinen Zensor und schweige daher. Die Leser verlieren ohnehin nichts dabei. Es betrifft bloß eine kleine Insel , und die mag dann ohne Schaden unbekanntes Land bleiben, wie so manche andre Insel auf der Welt, die unendlich viel größer ist. Das Original-Gemälde dieses Stücks ist gegenwärtig in dem Besitz eines Herrn Wood zu Littelton, der nicht mehr als 26 Guineen dafür bezahlt hat. Herr Riepenhausen hat Hogarths Kopie dieses Mal nicht umgezeichnet, und das, wie mich dünkt, mit sehr vielem Recht. Denn erstlich fällt nun das Licht wieder von der Linken ein, wie es sich gehört; zweitens schneidet nun die alte Frau an der Katze mit der rechten Hand, und drittens näht die Göttin der Nacht mit der Rechten. Hätte man auch annehmen wollen, Hogarth hätte bei der Alten seine Absichten gehabt, ihr die Schere in die Linke zu geben: so war er doch gar der Mann nicht, der von einem so sehr mittelmäßigen Einfall zweimal auf einem und demselben Blatt Gebrauch hätte machen können, und viertens kommen nun Ganymeds Knopflöcher auch wieder an die linke Seite. Wollte man auch da sagen, der Rock wäre ein gewendeter. Lieber Himmel! was für Unsinn ließe sich nicht durch eine solche Hermeneutik rechtfertigen! Der Bonsens verschlingt alle diese kleinlichen Partial-Hypotheschen mit einem Male, und sagt: Hogarth hat sich die Mühe nicht genommen seine Kopie umzuzeichnen. So kommen auf manchen seiner Blätter Personen vor, die den Degen auf der Rechten hängen haben usw. Aber freilich man muß sich in acht nehmen, denn einige hat entweder Hogarth wirklich umgezeichnet, oder sie sind nie Gemälde gewesen. So verhält es sich gleich mit dem zweiten Blatt dieses Hefts; da sitzt ein Mann, der im Original den Degen auf der Linken hat, dieses mußte umgezeichnet werden. Auch hat er zuweilen seine besondern Absichten: z. B. in seinem Faulen und Fleißigen , legt ein Kerl vor Gericht einen Eid ab und dabei die linke Hand auf die Bibel. Dieses ist Vorsatz, denn gleich dabei schreibt eine Gerichtsperson mit der Rechten. A Midnight Modern Conversation Eine gesellschaftliche Mitternachts-Unterhaltung im neuesten Geschmack oder Die Punsch-Gesellschaft Diese geistvolle Darstellung einer Gesellschaft, die sich zu einem beträchtlichen Grad von Geistlosigkeit herabgetrunken hat, ist so wohl in England als Deutschland eines der bekanntesten Werke unseres Künstlers. Ich habe selbst das Original an Orten angetroffen, wo sonst dergleichen Werke nicht leicht hinkommen, und der Nachstiche sind sehr viele. Unter diesen befindet sich ein sehr wohlgeratener, verkleinerter mit einem Gedicht: The Bacchanalians ; or a Midnight etc., das Herrn Hogarth, vermutlich mit dessen Erlaubnis, zugeeignet ist. Auch hat ein gewisser Dichter Banks eine verkleinerte Kopie dieses Blatts einem seiner bleiernen Gedichte als Schwimmkissen angebunden, um es auf dem Strom der Zeit oben zu halten, und er hat seinen Endzweck erreicht; sie soll sogar den ganzen Band flott gehalten haben. Um diese Zeit erschien auch ein Pamphlet unter der Aufschrift dieses Kupferstichs, und man hat den Inhalt desselben unter eben diesem Titel auf das Theater gebracht, wenigstens als eine Szene. Daß man endlich einige Gruppen durch Wachsfiguren in Lebensgröße vorgestellt und in der Welt herumgeführt hat, ist bekannt. Was dieser Vorstellung so vielen Eingang verschafft, ist wohl die große Verständlichkeit derselben, im Ganzen wenigstens. Es ist nämlich allgemeine Natur des Menschen, in dem Zeitpunkt gezeichnet, da es dem Meisterstück der Schöpfung gefällt, seinen Rang etwas zu vergessen, und durch Trunkenheit ein Paar Staffeln gegen die Bestien herab zu steigen, oder gar den Bestien zu verstatten ein Paar über es hinauf zu treten. Gemischter kann wohl nicht leicht eine Gesellschaft ohne Frauenzimmer gedacht werden, als diese. Es finden sich hier nicht allein deutlich die Glieder aller vier Fakultäten, sondern auch der Nähr- und Wehrstand hat hier seine Repräsentanten. Und dann hat sich noch ein Patron eingeschlichen, von dem man nicht recht weiß, was er ist, Pasquillant, Aufruhrprediger, Poëtaster oder Spitzbube ; vielleicht, nach Erfordernis des Beutels und der Zeiten, etwas von allen vieren. Man findet hier die mannigfaltigen Wirkungen der Trunkenheit, nach ihren verschiedenen Gradationen, meisterhaft dargestellt, von dem Geistlichen an, der seine Vigilien noch immer mit einiger Besonnenheit hält, bis zu dem Offizier, der auf dem Schlachtfelde bleibt. Es fehlen hier nur noch der Zänker und der Liberale; die Menschen, denen man Messer und Degen, oder denen man die Börse wegnehmen muß, damit sie nicht die ganze Welt ermorden oder beschenken . Alles dieses ist ohne Übertreibung ausgeführt, und hierin liegt ein Hauptgrund der Dauer von Hogarths Werken, und vielleicht von allen Werken der Kunst, die dauern. Eigentliche Karikaturen verdanken ihr kurzes Leben gemeiniglich irgend einem Parteieifer, oder wenn ihnen je ein längeres zu Teil wird, der Geschmacklosigkeit. Mit ersterem , der ihr Schutzpatron war, sind auch viele Hogarthische wahre Karikaturen hingestorben, und die wenigen, die noch übrig sind, leben bloß noch unter der kümmerlichen Obhut der letztern . Die Uhr weist hier auf vier, und der helle Tag spiegelt sich schon auf den Bouteillen, den Trinkgläsern und den – Augen, wenigstens unter eilf Paaren auf einem. Es ist vier Uhr des Morgens – nach der Sonne . So muß jeder denken, der das Blatt ansieht, aber Hogarth dachte sicherlich noch etwas anderes. Es ist nämlich hier wirklich Mitternacht, und die Leutchen sind noch erst willens zu sitzen , oder mit unter auch zu liegen , bis an den Morgen, und damit hat es noch vier bis fünf Stündchen Zeit. Dieses hängt so zusammen. In England, worunter hier immer vorzüglich London verstanden wird, hat man, so wie in der ganzen Welt, eine Sonnenzeit ; nach dieser richten sich die Uhren. Außer dieser gibt es aber noch eine andere, die von dieser ganz verschieden ist; man könnte sie die Unzeit nennen, und nach der richten sich – die Menschen. Nach der letztern werden nicht wenige Geschäfte von ihnen abgetan, vorzüglich aber alle die, wobei Tisch und Bett in Betracht kommen. Mit diesen nämlich wird sich verbunden, und von diesen wird sich geschieden, bloß nach Stunden der Unzeit . Im Jahr 1735, da dieser Kupferstich erschien, lief also, will Hogarth sagen, die wahre Sonne der Sonne der Unzeit um vier Stunden vor. Es war um vier Uhr des Abends Mittag, und so um vier des Morgens Mitternacht. Seit jener Zeit aber haben sich die beiden Sonnen gar sehr viel weiter von einander entfernt. Das so genannte große Frühstück zieht sich jetzt weit über den wahren Mittag hinaus, so wie das große Mittagessen weit in die Nacht. Weil es aber doch mitunter noch immer Menschen gibt, die bei ihren Verrichtungen noch eine bessere Zeit beibehalten, so entstehet dadurch zuweilen der seltsamste Kontrast. Folgende Anekdote ist mir von einem Freunde verbürgt worden, der sich in London befand, als sich die Geschichte zutrug. Der gegenwärtige Minister Pitt, ein großer Verehrer der wahren Zeit und des alten Stils der gesunden Vernunft, wo es einem Minister möglich ist, ihn beizubehalten, wurde von der Herzogin von D** auf einen Abend um zehn Uhr wahrer Zeit zum Mittagessen (dinner) eingeladen. Der Minister ließ bedauern, daß er die Gnade diesmal nicht haben könnte aufzuwarten, weil er an demselben Tage um neun Uhr schon zu einem Abendessen (supper) engagiert sei. So etwas trifft; einen Hieb wie dieser, hätte schwerlich der vereinte Witz von Fox und Sheridan pariert. So viel von der Zeit, die hier die Geschäfte reguliert; nun etwas von den Geschäftsträgern und den Geschäften im Raume . Zuerst fällt in die Augen, wie derbes, schwarzes Hebräisch unter profanem Latein mit Didotischen Bleichern gedruckt, der Pastor , vermutlich minder Schriftgelehrter als Pharisäer, indem er sich nicht einmal scheut, bei diesem mitternächtlichen Gelag in seinem Amtshabit (Cassock) zu erscheinen. Indessen ist er nun auch zur Frühpredigt, wie man sagt, fix und fertig. – Es ist nicht unangenehm zu sehen, wie Hogarth den Stand dieses Mannes auch so gar hier schont. Ein Stümper hätte gewiß etwas Lustigeres geliefert, das ist etwas sehr viel Leichteres und Verächtlicheres. Hier ist mehr. Auch wüßte ich mich keines Kunstwerks des Altertums zu erinnern, worin Majestät und Ernst mit Umständen gepaart, die mit beiden völlig unvereinbar scheinen, so ganz ohne Verlust ausgedruckt worden wären, wie hier, als etwa im Kopfe Jupiters, wo er auf einem geschnittnen Stein als Liebhaber der Europa vorgestellt wird. Kein Papst und kein Erzbischof, der sich nicht schämte betrunken zu sein, würde sich schämen dürfen es so zu sein, wie dieser Auserwählte. Mit welcher Würde er nicht rührt und schöpft und mischt und raucht! O! es hilft, wenn man die Mienen und den Körper überhaupt tagtäglich einige Stunden nötigt Würde und Anstand zu halten, während der Geist entweder das Gegenteil machiniert oder nicht bei der Hand ist. Sie lernen am Ende den Dienst allein versehen; so wie gut zugerittene Dragonerpferde die Schwenkungen noch mitmachen, wenn ihre Reuter längst hinten im Graben liegen. Man behauptet allgemein, die meisten Köpfe auf diesem Blatte seien Porträte, und ich glaube es, weil Hogarth ausdrücklich sagt: Oder durch die Verse sagen läßt, die unter dem Original stehen, die aber, wie man wohl zu merken hat, erst einige Zeit nach der Bekanntmachung beigestochen worden sind, wo ihm die Deutungen Verdruß zu machen anfingen. Die beiden ersten Zeilen heißen: Think not to find one meant resemblance here; We lash the Vices , but the persons spare. es sei nicht wahr. Indessen hat sich unter allen nur die Bedeutung von dreien erhalten, und selbst diese mit einiger Zweideutigkeit, die sich nun nach einem solchen Zwischenraum von Zeit nicht mehr berichtigen läßt, zumal da sie Hogarth selbst so lange als möglich zu unterhalten gesucht haben wird. Auf Ähnlichkeit mit diesem Kopf machen zwei Personen Anspruch, ein gewisser Pastor Ford und ein andrer namens Henley, sonst schlechtweg auch Orator Henley genannt. Ersterer war einige Zeit Capellan bei Lord Chesterfield als englischem Gesandten im Haag, und D. Johnson, Boswell's Life of Dr. Johnson Vol. 2. S. 263. An dieser Stelle wird als ausgemacht angenommen, daß Ford der Mann sei, der hier erscheint, auch erzählt, daß er nach seinem Tod einem Aufwärter in einem Gasthof zweimal erschienen sei, aber nicht als ausgemacht. Die Worte, worin Johnson Fords Charakter gibt, sind ganz dieses, wiewohl sonst redlichen Betbruders würdig: I have been told he was a man of great parts; very profligate , but I never heard he was impious . Das klingt doch, zumal von einem Pastor gebraucht, fast als wie: ich habe gehört er sei zwar ein Wolf gewesen, aber nie daß er ohne Schafs- oder Schäferkleid umher gegangen sei. dessen Bekannter und Verwandter er war, redet von ihm als von einem Mann von großen Talenten, aber den verworfensten Sitten. Er hatte eine bekannte Haushaltungsregel auf die Ökonomie des guten Namens angewendet: mit viel hält man Haus, mit wenig kömmt man auch aus. Nach Sir John Hawkins, dem bekannten Verfasser einer Lebensbeschreibung D. Johnsons hingegen, ist es der so genannte Redner Henley, ein damals bekannter sehr populärer Prediger; eine Art von Sackmann , der in einer niedrigen, fast pöbelhaften Sprache eben nicht immer ganz schlechte Dinge sagte und vielen Beifall fand. Sir Johns Angabe wird durch ein Porträt unterstützt, das man von diesem Henley hat, wo er vorgestellt wird, wie er ein Kind tauft, und offenbar mit demselben Gesicht. Doch dieses kümmert uns hier wenig. Sonderbar aber ist es allerdings, daß sich zu dem Bilde eines Pastors, der in vollem Amtshabit, noch morgens um vier Uhr im Punsch rudert, zwei Ähnlichkeiten in England gefunden haben, obgleich das Gesicht desselben so wenig verhüllt ist, daß es vielmehr in vollem Lichte und gleichsam als der Mittelstein vom herrlichsten Wasser in dem Brillanten-Ringe um die Tafel erscheint, ja die eigentliche Glorie des Ringes selbst ist. So etwas setzt wenigstens voraus, daß, wenn das Gesicht bedeckt gewesen wäre, kein kleines Kompetenten-Gedränge entstanden sein würde. Zunächst zur Rechten steht (noch zur Zeit) der Vorsänger und – Vortrinker a latere; unter diesen Umständen eine Art von Küster. Er hat seine eigene Perücke abgenommen und krönt damit die Krone seines würdigen Oberhaupts. Der Raum für zwei Köpfe zielt wahrscheinlich auf die ebenfalls doppelte Bischofsmütze (mitre) , und so könnte die ausgebrachte Gesundheit sein: auf ein baldiges Bistum für den Herrn Pastor! Neben diesem sitzt nun offenbar der englische marchand de Droit. Das Jus utrumque, wenigstens Recht und Unrecht , dämmert noch aus den zweierlei Augen, auch sitzt die Perücke so doppelt und so zweierlei da, als nur etwas Einfaches sitzen kann; doch scheint die linke Seite die Rechts -Seite zu sein, wie man finden wird, wenn man die rechte mit dem Finger bedecken will. In der einen Hand hält er die Dose, und in der andern ein Glas Punsch, doch scheint Buridans Esel hier für die rechte Seite gestimmt. Es läßt wenigstens als habe sein stehenbleibendes Lächeln einigen Bezug auf die Rede seines Nachbars zur Rechten, der vielleicht einen Fall vorträgt, wobei etwas zu verdienen ist; allein er denkt nicht mehr; oder, wenn er denkt: so ist es nur so, wie Leute noch in den Zehen fühlen, denen man die Beine längst abgenommen hat. Auch zu diesem Porträt hatten sich, drollig genug, zwei Personen gemeldet. In einem solchen Lande ist es wenigstens gut Satyren zeichnen. Der eine war der nachherige Großkanzler Lord Northington in seiner Jugend, und der andere ein gewisser Kettleby, ein bekannter Advokat, Prokurator und vorlauter Schreier an den Gerichtsschranken zu London. Der erstere hat aber seine Ansprüche zurück genommen, und der letztere kam in den ungestörten Besitz, und konnte sich sein Porträt, wenn er wollte, fassen lassen. Der Ruf dieses Doppelten stieg bis zur Famosität, und er erhielt daher auch eine nicht unbedeutende Rolle in der Causidicade (the Causidicade) , einer ehemals sehr gelesenen Satyre, die wohl auch einmal in Wien oder Wetzlar einer Deutschen Bearbeitung und des Drucks in Germanien oder Altona würdig wäre. Dieses waren zwei Fakultäten . Jetzt kommen wir, durch einen kleinen Sprung um den Tisch, gleich zur dritten dem Range nach. Diese wird hier durch das Wesen repräsentiert, das im Vorgrunde an der Stuhllehne hängt, oder schwebt oder geht oder steht, man weiß nicht recht welches. Er glaubt vermutlich noch im schwankenden Boote zu stehen, während sein Nachbar vor ihm glücklich auf Terra firma gelandet ist. Daß es der Arzt ist, bezeugen alle Ausleger einmütig, und unter diesen auch die beiden Knoten in der Perücke, wovon nur der eine noch seine Würde behauptet; der andere ist aufgegangen, und das Haar hängt vor der Brust. Wenn diese beiden Knoten, die beiden Branchen der Heilkunde, Medizin und Chirurgie , bedeuten, wie ich einmal gehört habe; so ist wohl der aufgelöste die Medizin, denn wirklich hält sich bei diesem Menschen, bei dem sich schwerlich sonst noch was hält, die Chirurgie noch immer so ziemlich. Er gießt nämlich aus Instinkt gleich gießen zu müssen, wo er Kontusionen wittert, dem vor ihm hingestürzten Offizier eine Flasche mit Schußwein auf den kahlen Kopf. Das Mittel gelangt zwar nicht an den Ort, wohin es verschrieben ist, allein dieses benimmt der Wahrheit der Darstellung nichts. Der größte Teil der Arzneien wird richtiger adressiert als bestellt. Auf den Straßen, die sie zu passieren haben, sind die Posten, die ersten Stationen etwa abgerechnet, noch gar nicht so reguliert, wie man wünscht. – Ich habe den Mann, der da auf dem Schlachtfelde liegt, (kein Momento mori sondern ein bloßes Hic jacet) einen Offizier genannt, und das ist er auch, nicht des Schlachtfeldes, sondern der Kokarde wegen, die er offenbar auf dem Hute hat. Kokarden in England bezeichnen immer den Offizier, die Farbe des Rocks sei nun welche sie wolle, Schwarz oder Grün, oder dessen Schnitt noch so seltsam, wie zum Exempel hier die Rockaufschläge von der Art sind, die man ehemals in meinem Vaterlande Römer-Monate hieß. Als mich daher vor einigen Jahren, da auf unsrer Universität die Kokarden noch fast von jedem Studierenden getragen wurden, ein durchreisender Engländer, einige Stunden nach seiner Ankunft besuchte, äußerte er seine Verwunderung und Freude darüber, daß hier so viele junge Offiziere studierten. Er war auch wirklich schon im Begriff auf seine Beobachtung eine Reflexion zu gründen, die vermutlich sehr zum Nachteil des englischen Militärs ausgefallen sein würde, als ich ihn unterbrach und sagte: er irre zwar im Ganzen nicht, es studierten hier viele Offiziere, und vielleicht mehr als in irgend einem Lande, aber vermutlich habe ihn die Kokarde verführt, manchen für einen Offizier zu halten der es nicht sei. In London kann man daher mit der Kokarde lügen, und eine solche würde dem, der sie trägt, über kurz oder lang Beschimpfung zuziehen, von dem Stande so wohl, in den er sich hinein, als dem, aus welchem er sich herauslügen wollte. Vermutlich war es auch eine solche Lügnerin, die der Schimpf in folgender herrlichen Geschichte traf. Man kennt die großen Vorrechte englischer Richter, wenn sie als Ausleger und Sprecher des Gesetzes, im Gericht sitzen. Es ist bekannt, daß einer einmal den Prinzen von Wallis, nachherigen König Heinrich den V, der ihn bei Verwaltung seines Amtes ins Gesicht geschlagen hatte, sogleich arretieren ließ, und man weiß, zur größten Ehre des hitzigen aber vortrefflichen Prinzen, daß er selbst diesen Schritt nachher sehr gebilligt und den Richter um Vergebung gebeten hat. Nun ereignete es sich vor einigen Jahren, daß ein Mensch, der einem Soldaten sehr ähnlich sehen mochte, sich in dem peinlichen Gerichtshof in der Old Bailey auf eine Bank gesetzt hatte, wo eigentlich bloße Zuschauer, wie er war, nicht hingehören. Der Richter, der dieses bemerkte, sagte daher zum Gerichtsdiener ganz freundlich, aber doch etwas laut«, »sagt doch dem Soldaten dort, er möchte so gut sein und sich an eine andere Stelle setzen.« Hierdurch fand sich der Herr beleidigt, fuhr hitzig auf und sagte: Ich bin kein Soldat, ich bin ein Offizier, und wies auf die Kokarde. Nunmehr sagte der Richter, ohne seine Fassung im mindesten zu verlieren, ganz laut und mit gebietrischer Stimme zum Gerichtsdiener: »Hört, schafft einmal dort den Offizier weg, der kein Soldat ist.« Bei dem Sturz fällt dem Überwundenen Hut und Perücke (?) ab, und es kommen ein Paar Schmarren pour le merite mit ihren Schönpflästerchen zum Vorschein, die dieser auf halben Sold gesetzte Held wohl auf ähnlichen Bettchen der Unehre geholt haben mag. So wenig auch beide, der Arzt und der Offizier, jetzt von Beruf wissen mögen, so ist doch in dem letzten was sie hier tun oder leiden, etwas von Beruf. Der Offizier stürzt und der Chirurgus salbt, jener mit dem unrechten Gewehr, dieser mit der unrechten Flasche in der Faust. Sie haben sich bloß vergriffen. Ehe der Offizier sich retirierte, hat er sich noch in der Eile mit seiner Stuhllehne eine Brücke über einen nicht unbeträchtlichen Strom geschlagen, den hier die reiche Erbin der Bouteillen und des Punschnapfs, die Flußgöttin Cloacina, aus ihrer Urne gegossen hat. Er ist wirklich so ziemlich über das Hauptbett hinüber, das übrige werden die Römermonate aufwischen. Wenn der Offizier seine Beine noch etwas ausstreckt, so wird er die Politik mit Füßen treten, deren würdiger Repräsentant hier sitzt. Ein Ruhe genießender und genießen lassender, bedeutungsvoller Kopf. Alles ist in der Miene dieses Staatsmannes so ruhig, alles so zuverlässig; er ist seiner Sache so gewiß – allein was er tut , taugt nicht den Henker. Er hat in seinem Kopf das Projekt formiert seine Pfeife anzustecken, und steckt sich die Manschette an, die sogleich das Halstuch, und diese dann das in der Nähe befindliche große Haarmagazin anstecken wird. Ja er scheint in seinen Meditationen sogar die Manschette der rechten Hand für das Licht selbst zu halten, das die Pfeife anzünden soll. Was das für eine Politik und für eine Ausführung eines guten Gedankens ist! Aus seiner Tasche blicken zwei politische Blätter von entgegengesetzten Parteien, The London Journal und The Craftsman , hervor, hier wenigstens friedlich verbunden. Sie ruhen bedeutungsvoll auf dem Degen , der doch sogar dem Offizier fehlt. Der bewaffneten Politik zur Rechten sitzt ein alter Zier-Affe (coxcomb) mit Haarbeutel und Solitäre. Er scheint ein Ausländer zu sein. Schwerlich ist es ein Deutscher ; der würde, so nahe bei der Kirche es auch besser mit ihr halten. Es müßte denn sein, daß, was er hier singen will, kein Requiem , sondern bloß ein Stückchen etwa zwischen dem vierten und fünften Akt wäre: so erschiene er wohl noch einmal wieder im Chor. Was der so genannte große oder doppelte Hieb einem schön läßt, wenn man einmal bei gewissen Jahren ist! Sogar die vom Wein gelähmte Hand neben ihm auf dem Tische spricht, wozu der Mund noch erst die Worte sucht, aber vermutlich bald finden wird. Lange kann es unmöglich so bleiben. Ein solcher Krater schließt sich nicht ohne irgend eine Revolution. Ich fürchte die Politik kömmt zwischen zwei Feuer. So eben hat die Sonne da, ein Talglicht, ausgeschienen; die Rauchsäule des Morgenopfers steigt gegen den Heiligen auf; es scheint aber doch als wenn das Feinste, und daher Unsichtbare desselben, sich etwas mehr rechts gezogen und die Gärung in dem Vulkan beschleunigt habe. Ich muß gestehen, so ausdrucksvoll auch dieser Stutzer gezeichnet ist, so sieht sich doch, gerade dem Ausdrucksvollen sonst zuwider, leicht auch dasjenige Geschlecht jetzt an ihm satt, für das er sich gestern wohl nicht mag geputzt haben. Wir wollen ihn daher der Natur überlassen, und uns zu einem angenehmeren Gegenstand wenden, ich meine zu dem schönen Schläfer an der entgegengesetzten Seite des Tisches. Hier schadet wenigstens Mitteilung nicht, die bei dem vorigen zu befürchten war, dessen Mäulchen etwas in die Familie der gähnenden sieht. Ich glaube bei Betrachtung dieses herrlichen Subjekts ist es unmöglich nicht an Endymion zu gedenken, ob ihm gleich nicht Phöbe , sondern Phöbus hier Antlitz und Beinkleider beleuchten. Wie schön er da sitzt und liegt; die Perücke auf den Stuhl und den Kopf auf die Perücke gestützt! Wenn man ihn nicht schnarchen hört : so, sollte ich denken, müßte man ihn schnarchen sehen . Eine solche Nase, vermutlich halbdurchsichtiges Horn, ein wahres Klarinetten-Stück, kann bei dem sanften Odemwechsel unmöglich gleichgültig bleiben; sie muß vibrieren. Es geschieht nichts gegen die ewigen Gesetze der Natur. Wie glücklich der Mann nicht ist! Er sieht nicht mehr den Wolf im Schäferkleid, hört nicht mehr den Ruderschlag des Punschlöffels, noch den Fall des Kriegers, noch das Brücken-Gepolter, und sieht nicht mehr die Mißgriffe der Staatskunst, die sich an ihren eigenen Projekten verbrennt; es fechten ihn nicht mehr an die Sagen der Zeit , Die Zeitungen. auch weiß er nicht und ahndet er nicht, daß der geringste Stoß an den Tisch ihm seinen schlecht balancierten Punsch von außen in die Hosen gießen wird. Es ist mir unmöglich die herrlichen Verse Meiboms nicht über diesen Glücklichen auszusprechen, mit denen ich mich so oft eingewiegt habe. Schläft auch der Leser dabei ein; wohlan! Dieses Mal wenigstens würde der Schlaf des Lesers den Schriftsteller ehren. Die Damen werden es sich von jemanden vor dem Einschlafen übersetzen lassen. Somne levis, (quanquam certissima mortis imago); Consortem cupio te tamen esse tori: Alma quies optata veni, nam sic sine vita Vivere quam suave est, sic sine morte mori. Gute Nacht! Weiter hin, von diesem ausgebrannten Räucherkerzchen links ab, gerade vor der Uhr, hat Hogarth ihrer noch zwei hingesetzt, die noch brennen, und also in mehr als einem Sinne des Worts noch dampfen . Die Gruppe hat wirklich etwas, das sich besser und leichter fühlen, als beschreiben läßt. Der eine hat sein Antlitz von der Welt abgewandt, und raucht gegen die Grenze. Der andere sieht, wiewohl mit etwas verschlossenem Blick, in die Zeit herein. Sie sitzen mit den Rücken gegen einander, und einer ist des andern Stuhllehne. Wenn in einer künftigen Ausgabe vom Orbis pictus die Seelen zweier Hofleute, deren Leiber sich umarmen und küssen, in Kupfer gestochen werden sollten (die Seele des natürlichen Menschen steht schon darin): so könnte man diese Gruppe dazu empfehlen. Wenn sich auch da einmal ein Paar Herzen einerlei Geschlechts ziehen: so geschieht es doch gewöhnlich nur mit diesen Polen. Der heraussehende Mann scheint mir ein schlauer Calculateur zu sein; ich wette er ist der Nüchternste im Club. Man sehe nur wie ruhig er sich zwischen Tisch und Stuhllehne gelagert hat, sogar der Zeigefinger sorgt noch, daß der Korkzieher und Tabaksstopfer nicht fällt. Er hat seine Nachtmütze mitgebracht, und was da so erhenkt an der Wand hängt, ist sein Hut und seine Perücke. Er scheint zu meditieren und im Kopfe etwas zu entwerfen; ein Liedchen schwerlich, oder wenn es etwas Metrisches ist: so geht es gewiß nach: Sechs mal sechs ist sechs und dreißig. Mit einem Wort: der Mann weiß, was er tut, und ich schließe aus seinem Sitzen hier die Nacht durch, so wie aus dem Anzüge des Pastors, daß heute kein Börsentag, sondern daß es Sonntag ist; und da kann man in England schon einmal einen Seitensprung tun, nur muß man sich nicht dazu geigen lassen. Auch dort scheint der Sonntag aus der doppelten Absicht eingesetzt, Buße zu tun, und Stoff zu künftiger einzusammeln, nur darf zum Einsammeln nicht gegeigt werden. Denn geigen macht tanzen, und Tanz und Fröhlichkeit soll das Einsammeln etwas erschweren. – So habe ich immer von dem Manne gedacht, und denke auch noch jetzt so, obgleich Herr Ireland, der ihn im Text seiner Erklärung selbst für einen Justitiarium ad pacem, eine Art Gerichtsverwalter hielt, am Ende in einer Note sagt, man glaube es sei das Porträt von Hogarths Buchbinder, namens Chandler, einem stocktauben Manne, dem dieser Kopf frappant gleichen soll. Das schadet nicht. Ich sehe nicht ab, warum ein Buchbinder und ein Justitiarius nicht sollte aussehen können wie ein spekulierender Kaufmann. Der erste handelt neben seinem Hauptgeschäfte her wirklich, und der andere kann sogar aus seinem Hauptgeschäfte einen Handel machen. Und dann ist es ja bekannt, daß die Schale nur zu oft mehr verspricht, als der Kern leistet; ein Sätzchen, von dessen Wahrheit und Nutzen sich tagtäglich zu überzeugen nicht leicht jemand in der Welt mehr Gelegenheit hat als die – Buchbinder . Was die schwarze Perücke dahinten eigentlich will und tut, ist nicht ganz deutlich. Wahrscheinlich ist es indessen, zum Trost der Ausleger, daß sie es selbst nicht weiß. – So ganz von der Welt abgewandt; so alle Empirie verschmähend, und so ganz für sich aus einer unbekannten Welt kümmerlichen Odem herübersaugend und in die bekannte erstickenden Dampf herabschmauchend, könnte es wohl die Philosophie sein. Wäre dieses: so sei es dem Himmel gedankt, daß sie sich wenigstens noch an das: sechs mal sechs ist sechs und dreißig mit ihrem irdischen Pol anlehnt und – anlehnen muß, um nicht unter dem menschlichen Einmaleins endlich ihr Grab zu finden. – Wäre die heraussehende Hälfte dieser Gruppe nicht taub, welches man dem nachdenkenden Manne hier kaum wünschen möchte: so läge etwas Angenehmes in der Vorstellung, daß beide Hälften sich miteinander besprächen – mit dem Munde, aber auch mitunter durch die Stuhllehnen. Diese Art sich zu unterhalten erinnert mich an eine Szene, die ich verewigen würde, wenn ich im Stande wäre irgend etwas zu verewigen, indessen für die Zeit muß ich sie beschreiben: Es waren zwei Juden, die sich auf öffentlicher Straße mit einander besprachen, und gewiß man wird nicht oft Menschen so mit einander sprechen sehen. Sie waren beide tief in den Funfzigen , beide sehr wohlhabend (schwere Männer), und von untrüglichem Geschäfts-Instinkt. Wo sie nur einen einzigen Faden hinspannten, da fingen sich sogleich Fliegen in Menge. Sie stunden nicht an den Häusern, sondern auf dem Fahrwege, und zwar in der Mitte der beiden Straßen, die sich da durchkreuzten. Sie hätten verdient in Erz gegossen und auf immer da aufgestellt zu werden. Sie stunden einander so nahe, daß sie sich berührten, aber bloß mit den beiden Oberarmen, und zwar lag der rechte Oberarm des einen an dem rechten des andern, so daß also der eine gegen Süden sehen mußte, wenn der andere gegen Norden sah. Keiner sah des andern Gesicht und konnte es nicht sehen und – wollte es nicht sehen, aus Furcht das seinige möchte gesehen werden. Die Arme hatten sie untergesteckt. Jeder sah etwas aufwärts, horchte, sprach leise und nickte zuweilen kurzab in den Teil der Himmelsluft hinaus, der ihm in der Richtung seiner parallelen Augenaxen gegenüber lag. Sie dachten gewiß sehr viel, sahen aber vermutlich wenig oder nichts. Sehr oft lehnten sie sich sanft gegen einander, als wollten sie sich die Deltoides reiben, und rieben sie sich auch wirklich ein wenig. Ob dieses sanfte Anstoßen Gedankenstriche vorstellte oder ob es ein Ratifikationszeichen oder ein Signal war, daß man sich völlig verstehe, weiß ich nicht. So viel ist gewiß, es muß wichtig gewesen sein, denn die Hälfte des Verkehrs und der mutuellen Belehrung ging durch den Oberarm. Was für eine Szene für das Theater! Es ist unbeschreiblich. Offenbar betraf die Unterredung einen Plan zu einem großen, gemeinschaftlichen Gewinn, wovon jeder den größtmöglichen Vorteil zu ziehen hoffte, der aber am Ende, nicht durch Billigkeit, sondern durch Gleichheit des Widerstandes vermutlich in gleiche Teile gegangen sein wird. Es ging sicherlich nicht bloß über einen Dritten her, sondern auch mitunter ein wenig über den Freund; denn Freunde waren sie, so gut als Kaufleute, die in einer kleinen Stadt mit einerlei Waren handeln, Freunde sein können. Dieses ist es gerade was diese Szene dem Moralisten so schätzbar macht. Jeder gab seinen Anteil zum Plan in bloße Worte und Zeichen gewickelt im Dunkeln, und scheute sich, zur Ehre der Menschheit, den andern sehen zu lassen, wie viel von seinem Gewissen er mit eingewickelt hatte. Das Auge versteht und wird verstanden, plötzlich, wie der Schlag. Es findet da kein Protest statt, so gering auch die Sicherheit sein mag; mit dem Ohr und dem Deltoides hingegen ist es ganz anders, da bleibt immer res integra und Zeit zur Gegenanstalt. Bei jenem Richter sind Spruch und Exekution , wie Knall und Fall immer eins; bei diesen bleibt noch immer Raum sich einmal vor der Exekution zu fragen: sind wir nicht allzumal arme Sünder? Nun ist bloß noch einer von den Eilfen übrig, die hier, ohne zu rechnen was von Punsch mag getrunken worden sein, fünf und zwanzig Bouteillen Wein und Liqueur ausgeleert haben, wenn man nämlich die beiden Bouteillen mitzählt, wovon die eine, auf dem Tische, noch nicht außer Dienst ist, und die andere in der Hand des Wundarztes ad pias caussas verwendet wird. Fünf und zwanzig Bouteillen! Ein fürchterliches Feuer auf ein Piket von eilf Mann, und doch nur erst ein ganz Toder und höchstens zwei Verwundete. Dieser Eilfte, von dem ich hier noch ein Paar Worte sagen muß, ist das Geschöpf, dessen ich als eines vierfachen , gleich anfangs gedacht habe. Er legt die Hand gegen die Brust, nicht an die Stelle, wo der Point d'honneur bei den Mannspersonen sitzt, sondern seitwärts auf den rechten Lungenflügel, wo sonst nichts liegt. Es ist ein liederlicher Gestus, den Arm, so wie eine Heuschrecke, rückwärts und hoch einzuknicken. Er scheint auf eine Versicherung hinzudeuten, womit sich der Taugenichts selbst schwänzelt . Denn das können manche Leute mit der Hand, so wie manche Affen weit schicklicher mit dem Schwänze greifen . Er weint, und weil sich das mit dem Rauchen nicht gut verträgt: so hat er die Pfeife indessen aus dem Munde genommen. Was für ein Maul , verglichen mit dem süßen Mund des Advokaten! Man glaubt er klage über Mangel an Recht und Gerechtigkeit in der Welt. Ich habe auch Leute gekannt, die sich des Weins zuweilen durch die Augen entledigten, und dann unter vielen Schwänzeleien gegen sich selbst, über die Regierung und Mangel an Gerechtigkeit klagten; es waren aber mehrenteils Menschen, die gerade diesem Mangel an strenger Gerechtigkeit wenigstens ihre ganze Existenz noch zu verdanken hatten. An der Stelle, wo der Offizier placiert war, als er noch die Reihe hielt, sieht man einen Teil seines Kriegsgerätes malerisch gekreuzt: eine Tabakspfeife, die in die Luft hinaussteht und von einer leeren Flasche, die selbst nicht viel sicherer liegt, verhindert wird sich in die Grube zu stürzen, in die ihr Herr so rühmlich gefahren ist. Es ist sicherlich eine Armatur, die Hogarth über dem Leichnam aufgehängt hat. Darneben liegt ein Blatt: Freemans Best . Dieses könnte ein Tabakspapier sein: Freemanni Optimum subter Solem, oder ein politisches Blatt, oder beides zugleich, wie viele in Deutschland. Hier liegt es aber mutwillig als Motto des Wappens: Summum bonum freigeborner Briten – ( Tabak und Wein und – So zu stürzen!) Mit dem Tabaksrauchen hat sich es aber jetzt in England, wenigstens in den höhern Gesellschaften, sehr gegeben. Die Flaschen paaren sich da jetzt mehr mit den Würfeln . Dr. Johnson machte, wie Sir John Hawkins in dessen Leben meldet, mehrmals die wichtige Bemerkung, daß der Selbstmord unter der bessern Klasse in England sehr zugenommen habe, seitdem man nicht mehr rauche. Es ist auch gewiß; bei hohem Spiel, und wo auf Tod und Leben gewürfelt wird, läßt sich nicht rauchen; die Pfeifen gehen alle Augenblick aus. Wäre hier gewürfelt worden: so möchte wohl manches Mitglied des Clubs zu Hause an sich selbst tun, was der Buchbinder dort bloß seinen Hut und die Perücke an der Wand tun läßt. Hogarth hat auch eine solche Würfelszene, wie wir künftig sehen werden, meisterhaft dargestellt. Im Leben eines Liederlichen auf dem 6ten Blatt. Zum Beschluß noch einen kleinen aber drolligen Zug, den alle Ausleger übersehen haben, wie denn dieses durch das ganze Werk, das wir dem Publikum vorzulegen gedenken, fast auf jedem Blatt der Fall mehr als einmal ist. Was bedeutet nämlich der helle Fleck auf dem Zifferblatt der Uhr! Offenbar folgendes: Die Sonne scheint bereits in das Zimmer, wie man an dem scharfen Schatten des umgefallnen Leuchters, und der Kriegsarmatur und an den hellen Lichtblicken, so wohl auf der konvexen als konkaven Seite des Punschnapfs sieht. Also ist der helle Fleck da oben Sonnenlicht aus der zweiten Hand, das von irgend einer Flüssigkeit, an welcher hier kein Mangel ist, zurückgeworfen wird. Vom großen See in der Halbkugel selbst kömmt es schwerlich, denn der schlägt Wellen, es muß also wohl von irgend einem kleinern inländischen See herkommen. Wenn es doch gar von Cloacinens Urne wäre! Gestreift wird sie wirklich ein wenig von der Sonne. Doch wo der Fleck auch herrühren mag, wenn er nur von einer der ruhigen Flüssigkeiten hier herrührt, so ist der Winkel, den der Sonnenstrahl mit dem Horizont macht, allemal etwas stark für die vier Uhr morgens, selbst am längsten Tage in London. Es könnte also gar wohl sein, daß Hogarth damit sagen wollte: nach der Sonne ist es zehn Uhr. Wenigstens wäre dieses ganz in seiner Manier, und so ganz in der Sprache gesprochen, worin er so unerschöpflich, und gewiß viel schwerer zu erreichen ist, als selbst in seinen ausdrucksvollsten Köpfen. – So zeigte also die Uhr weder wahre Zeit noch Unzeit , gerade so wie diese Menschen. Und wie ist es möglich, daß eine Uhr in einem Zimmer richtig gehen kann, wo so viele Leute zusammen kommen, deren Wege so unrichtig sind. Die vier Tags-Zeiten Morning Der Morgen Hogarth, der wohl fühlte, was so mancher Schriftsteller und Künstler nicht fühlen will, nämlich wozu ihn die Natur eigentlich bestimmt hatte, wählete sich zur Darstellung dieser Tages-Zeit, keine der großen Seele-erhebenden Szenen eines Frühlings - oder Sommer -Morgens, sondern den Winter, und auch da nicht den Leichenprunk des reifkandierten Gebüsches, worin es seiner Auferstehung entgegen schläft, oder den unter seiner flockigten Last seufzenden Fichtenwald, sondern – den Gemüse-Markt, Coventgarden in London. Da ist er zu Hause. Was hätte uns auch sein Genie an einem ländlichen Maimorgen darstellen können? Vermutlich ein Paar vermaledeite Nachtigallenfänger mit allgemein bekannten Höflings-Gesichtern, die die holden Sängerinnen in die Falle locken, und nicht merken, daß die Sonne über ihrem feinen Geschäfte aufgeht; oder ein Paar Schönen von zweideutigem Ruf, die sich die Bouteillen gesammelten Maitaues an die Köpfe werfen mit Gebärden und Faltenbrechungen, die kein Maitau mehr wegwaschen wird. Was aus der Winter-Landschaft geworden sein möchte, wird der Leser schon aus demjenigen erraten können, was er hier von dem Winter-Morgen auf einem Gemüse-Markt sehen und lesen wird. Es ist wie man an der Kirchenuhr sieht, acht Uhr, sehr kalt und es liegt Schnee. Die Figuren, die man im Vorgrund darin abgedruckt findet, kommen von dem eisernen Beschlag kleiner hölzerner Schuhe ( pattens ) her, in die das weibliche Fußvolk hineintritt, um so zum Vorteile der Schuhe und der Füße einige Zolle über dem Schmutz der Straßen hinschweben zu können. Solche Eindrücke machten sie im Jahr 1738; jetzt ist alles mehr arrondiert. Der Klang, den diese kleinen Hufeisen auf den Londonschen Fußbänken machen, nimmt sich für einen Fremden nicht übel aus, zumal wenn, wie gewöhnlich, die Fußgängerinnen schön sind. Sähe man nicht, daß es Fußgängerinnen wären: so sollte man zuweilen glauben es käme Reuterei, wenigstens leichte. Die Hauptfigur des ganzen Blatts, welcher alle übrige Herrlichkeiten des Winterhimmels und der Wintererde mit ihrem Schnee und Eiszapfen nur gleichsam zur Einfassung dienen, ist – die schöne Fußgängerin in der Mitte. Man sieht, sie ist schon etwas weit über das erste Stufenjahr der Betschwesterei hinaus, deren beiderlei Pflichten gegen den Himmel und den Nächsten, sie an diesem Morgen teils geübt hat, teils zu üben willens ist. Sie ist auf dem Wege nach der Kirche, und das zu einer Zeit des Tages sowohl als des Jahres, wo schon der Entschluß so was zu tun, eine Salbung verrät, die nie einem ganz sündigen Herzen zu Teil wird. Und wie sehr hat sie nicht für den Nächsten gesorgt! Denn für sich selbst putzt man sich doch fürwahr nicht so. Sie muß diesen Morgen um vier schon angefangen haben. Also bei Licht; und da hat man sich denn freilich nicht zu wundern, wenn manches in Praxi nicht so ausgefallen ist, wie es die Theorie gab. Es ist eine bekannte Regel beim Küchenbau, sie so helle zu bauen, daß man am Tage kein Licht nötig hat. Denn alles, was bei Licht angerichtet wird, kann schlechterdings nur bei Licht mit Vorteil serviert werden; und so sollte ich denken, daß diese Dame bei der Lampe noch immer mitginge. Auch muß man hier mit auf den Winter rechnen; des Schnees Licht sowohl als Kälte behagt gewissen Blümchen gar nicht sonderlich; es ist nur die Pfirsichblüte allein, die sich ihnen mit Vorteil nähern darf. Doch nun ernstlich und des Gegenstandes würdiger von der Sache: Wir haben hier, im Jahr 1738, eine Mamsell, die jetzt noch scheinen will, wozu es vermutlich schon am Ende des vorigen Jahrhunderts für sie etwas zu spät in der Zeit war, reizend . Die Schönpflästerchen (mouches) schweben um das glühende Auge, wie Mücken um eine Lichtflamme; eine Warnung für die Blicke des Jünglings, der es ihnen nachtun will. Auf der Wange sieht man freilich so etwas wie einen Taufschein mit stehenbleibender Schrift. Das ist er aber wirklich nicht, es sind Falten, das ist wahr, aber sie stammen sicherlich aus dem Mundwinkel her, in welchem ein Amor offenbar seine kleinen Ränke treibt. Dieses sanfte Spiel teilt sich den Wangen in kleinen Wellen mit, die sich immer mehr und mehr erweiternd, wie Wasserkreise, am Ende bis hinter die Ohren ziehen. Sogar auf der Brust erkennt man noch ihr sanftes Wallen, wiewohl dort schon das Eis anfängt. Der rechte Arm trägt sein Winterkleid ganz nachlässig und leicht angelegt, während die Hand mit einem Sonnenfächer (im Winter?) der Lippe zu Hülfe eilt, die bei diesem Zierlächeln die Zahnlücke nicht mehr allein bedecken kann. Indessen es sind nur zwei Finger nötig den Fächer zu halten und die Lippe. Wie das herrliche Kind alles so spitz nimmt! Ich wette die Lippe faßt die Silben so wie die Hand den Fächer. Die Art den Hals zu tragen ist ein Meisterstück, zumal bei der sanften Neigung des Oberleibes. Es scheint als wolle der Hals durch sanften, elastischen Widerstand den glorieusen Flug der Wimpel begünstigen, die da von dem Gipfel hinaus in die Morgenluft hinströmen. – Daß doch diese Wimpel haben abkommen müssen! Es sind gar die Zeiten nicht mehr! Wenn jetzt eine Kirche aus ist; so läßt der Zug nicht brillanter, als wenn sich eine Brodspende schließt; ehemals war es als liefe eine Flotte aus mit allen Herrlichkeiten der Welt an Bord. Wo sie hinzog, folgte ihr der Sieg, alles salutierte, und alles strich – den Hut; es war unwiderstehlich. Die Dame ist nicht allein unverheiratet, sondern auch nie verheiratet gewesen. Die Ausleger sind alle darin eins, und ich muß gestehen, ich weiß nichts dagegen einzuwenden. Wer lange Mamsell gewesen ist, mit allem dem kleinen Geflitter, das dieser Stand leider notwendig macht, gewöhnt sich endlich daran, ja die Zierereien nehmen zu, weil sie immer nötiger werden, und endigen sich nur allein mit dem Tode der Mamsellenschaft, oder der Mamsell. Das ist so menschlich als nur etwas sein kann. Ich will nicht entscheiden, ob nicht der weiseste Mensch, wenn er, wie Cagliostro, fünfhundert Jahre lebte, um seine strengere Weisheit an den Mann zu bringen, endlich auch ein Recommendations-Gesicht dazu machen müßte, das unsern vigoureusen Philosophen oder den Engeln im Himmel so aussehen müßte, wie uns das Gesicht dieser Jungfer. Der Mensch überhaupt, würde auf dem Wege, worauf er sich befindet, bloß aus Gewohnheit schon nicht besser werden können, ohne zu sterben . Mir schwant es auch als wenn schon jemand den Sterbetag einen Hochzeittag genannt hätte; Les beaux esprits se rencontrent; so wie Philosophie und Mamsellenschaft. Was die Ausleger zu dem entscheidenden Urteil bestimmt haben mag, ist wohl die eminente Trockenheit des Subjekts. Nichols nennt sie sogar die erschöpfte Repräsentantin der unwillkürlichen Ehelosigkeit. Freilich alle langen Feuerhütungen schaden der Gesundheit, und wohl keine mehr als die des vestalischen . Die vestalische Hüttenkatze reißt wohl so viel Herzensschmelzerinnen weg, als die gemeine, Metallschmelzer. Und – gerechter Himmel! letztere lassen uns doch das Metall, bei ersteren ist Schmelzer und Metall verloren. – Erbarmen, Erbarmen! würde ich über den Busen ausrufen, wenn ich nicht so eben in dem Auge der Heiligen einen Blick auf die Szene vor Tom Kings Kaffeehaus bemerkte, der es zurückhielte. Es ist noch nicht alles verloren. Resonanzböden und Schallbretter schaden der Glückseligkeit im Ehestand nicht. Das dumpfe Reprochen-Gemurmel erhält dadurch Deutlichkeit, die Gardinen-Predigten mehr Leben und die Befehle für das Gesinde die nötige Schallweite durch die Etagen, ohne die keine Haushaltung bestehen kann. – Dieses Schnitzbild, so wie es da steht, ist unserm guten Künstler teuer zu stehen gekommen. Es ist nämlich das Porträt einer alten Jungfer, mit welcher er, wo nicht gar verwandt, doch wenigstens sehr bekannt war. Von Anfang soll sie ganz wohl mit dieser Stelle in den Werken ihres Freundes zufrieden gewesen sein vermutlich wegen der großen Ähnlichkeit mit dem geliebten Original. Diese seltne Gutmütigkeit, ob sie sich gleich auf bloße Unbekanntschaft mit den Ränken der Welt gründete, hätte wohl verdient, daß er die Heldin, die sie äußerte, weggestrichen hätte. Allein eine gewisse Art guter Freunde, an denen es nie fehlt, redeten ihm zu, die herrliche Figur stehen zu lassen, suchte aber zugleich der Dame das Skandal eines solchen Verfahrens so einleuchtend zu machen, daß am Ende zwar das Bild stehen blieb, aber dafür Hogarth aus dem Testament der Matronelle weggestrichen, worin er gerne stehen geblieben wäre, weil sie ihn sehr reichlich bedacht hatte. Wer eine alte Tante zu erben gedenkt, der mache ja keine Satyren auf Frauenzimmer über Funfzig, aber desto derbere auf alle unter Vierzig. Den Lesern vom Tom Jones wird es angenehm sein sich hierbei zu erinnern, daß Fielding, wo er die Mutter seines Helden und Blifils, ihrer Figur nach schildert, ausdrücklich sagt, sie habe ausgesehen wie diese Dame, und Fielding, wie man weiß, hat sie sehr gut gekannt. Tom Jones lieset sich noch einmal so gut, wenn man dieses weiß. Fielding hat sich dieses Mittels mehrmals bedient um seinen Schilderungen Leben zu geben, und gewiß mit großem Vorteil. Auch der Hofmeister der oben genannten beiden jungen Herren kömmt im Hogarth vor, und unsere Leser sollen ihn zu sehen bekommen. Der Romandichter, der hierin eine glückliche Wahl zu treffen weiß, findet bei dem Charakter, den er zeichnen will, schon mehr als die Hälfte getan, denn der Leser arbeitet ihm selbst vor, und geht für sich selbst, wo er ihn hin haben will. Wir haben in Deutschland kein so allgemein bekanntes Kupferwerk von dieser Art, daß unsere Dichter sich darauf beziehen könnten; es müßte denn der Doppelmayrsche Himmels-Atlas sein, da kommen einige desperate Gesichter vor. Dabei hätte man noch den doppelten Vorteil, daß man seinen Helden nicht allein bezeichnete, sondern auch zugleich unter die Sterne versetzte. Der Knabe, oder was es ist, hinter ihr, ist ihr Bedienter. Der arme Teufel scheint nicht bloß auf halbe Kost, sondern auch auf halbe Livree gesetzt, die noch dazu, als eine donatio inter vivos, in linea recta descendente von seinem sechsten Vormann herzustammen scheint. Er hat nur Schlappen angesteckt, denn seine Füße sind schon verfroren. Im Taschenkalender hatte ich gesagt: er hätte keine Strümpfe an. Dieses wurde mir von einem gesetzten Engländer, einem Manne, etwas übel genommen; so etwas, sagte er, wäre in England unerhört. Der Fehler ist leicht verbessert, ich sage also: er hat vermutlich Strümpfe an. Ein elenderes, verhungerteres und verfrorneres Ding ist nicht leicht zu denken. Da kann es freilich nicht an dem innern Frieden fehlen, der hier um seine Augen und Lippen schwebt. Unter seinem Arm trägt er ein starkes Gebetbuch, vermutlich den einzigen Trost, den ihm die Dame wider alles dieses Ungemach gewährt. So machen es die alten, reichen Tanten, vorzüglich um die Brütezeit über dem Testament; sie hecken dann auch besser. Linker Hand steht gleichsam wie an die St. Paulskirche ( St. Paul's Coventgarden ), die man nicht mit der bekannten verwechseln muß, die in der City steht, Auf dem Original- Kupferstich steht alles verkehrt, aber unrichtig, wie jedem in die Augen leuchten muß, der London und Lowes berühmtes Hotel kennt, das man hier zur Rechten sieht. Ein abermaliger Beweis, daß Hogarth sich nicht immer die Mühe genommen hat, die Kopien seiner Gemälde umzuzeichnen. Auch in Irelands Werk ist daher dieses Blatt so wie bei uns gezeichnet worden. angebaut, ein damals sehr berüchtigtes, liederliches Haus, Tom King's Kaffee-Haus . Hogarth hat mit Fleiß den Gesichtspunkt so gewählt, daß das Nest aussieht als wäre es die Sakristei zur Kirche. Es war eigentlich eine erbärmliche Baracke, deren Schornstein niedriger war, als der Architrav der Vorlaube dieser schönen Kirche. Die Liederlichkeiten die hier vorgingen, und die sich nicht selten mit Mord endigten, sind unbeschreiblich. Nach Tom Kings Tode setzte die züchtige Witwe, die vermutlich da in der Tür steht, die teufelische Wirtschaft fort, bis endlich die Gerechtigkeit erwachte. Es ist wahrscheinlich, daß Hogarth mit diesem Blatt nicht wenig dazu beitrug sie zu wecken. Ein herrlicher Prospekt für den satyrischen Künstler! Eine Sache ins Gerede zu bringen, in den Bierschenken, wie an den Tafeln der Großen, kostete ihn nur ein Paar Striche mit der Radiernadel. Die Londonsche Polizei ist eine strenge, kluge und Ordnung liebende Dame, aber es geht ihr, wie vielen andern rechtschaffenen Leuten, ihre Bedienten taugen zuweilen nicht den Henker. So kann etwas sehr lange himmelschreiend sein, ohne daß man es im nächsten Gerichtshofe hört. Ich sage es ist wahrscheinlich, daß es Hogarth war, der die Justiz wecken half: denn diese Blätter erschienen gegen Ende des Jahrs 1738, und im Junius 1739 wurde Madam King eingezogen. Das Urteil war: Sie mußte die Sakristei niederreißen; 1200 Taler Strafe bezahlen; drei Monate in Newgate sitzen, und war dann die Geldstrafe noch nicht erlegt, ferner da bleiben bis zur Bezahlung des letzten Hellers; außerdem noch mit einer starken Summe cavieren, sich wenigstens in den nächsten drei Jahren gut zu halten. Dieses ist ein vortreffliches Mittel der englischen Justiz, wenigstens Menschen, die sich in einem solchen Dienst verflogen haben, die Flügel zu beschneiden. Denn verfliegen sie sich wieder, so ist die Kaution verloren, und die Gerechtigkeit schneidet alsdann gewöhnlich noch etwas tiefer, oder hängt das Vögelchen, ohne weitere Beschneidung, nach Befinden der Umstände wohl gar auf. Indessen Madam King bezahlte und hielt sich richtig, und baute aus den noch übrigen Opferpfennigen von der Paulskirche her, drei Landhäuser nicht weit von Hampstead, einem Dorfe auf einer schönen Anhöhe bei London, die noch auf diesen Tag Moll King's Row heißen, wo sie auch im September 1747, vermutlich auf dem Bette, gestorben ist. Aus der diktierten Strafe so wohl, als den Sparpfennigen, werden die Leser selbst urteilen können, was da bei den Säulen dieses Gotteshauses vorgegangen sein mag. So eben öffnet sich das Nest, worin es vorige Nacht warm hergegangen sein muß, denn sie haben sogar den Schnee auf dem Dache geschmolzen. Was zuerst herausfliegt, ist eine Perücke von Rang, aber dennoch eine falsche Freundin ihres Herrn, den sie in der Not mit kahlen Kopfe mitten unter Prügeln stehen läßt, anstatt daß sie ausparieren helfen sollte. In dem Fluge dieser Perücke ist etwas sehr Drolliges. Wäre es ein gelehrter Club, der da an die Haustüre begleitet wird: so sollte man sie, in der Dämmerung wenigstens, fast für Minervens Vogel halten, der die Nacht über präsidiert habe, oder für eine Lyra, die wie Spencers Harfe sich zum Himmel schwingt, die Morgensterne zu begrüßen. Der Vortrab des Clubs, der hier ausgespieen wird, wirft sich, wie ein Paar freigelassene Bestien, über ein Paar unschuldige Geschöpfe her, wovon das eine Gartengewächse zu verkaufen, das andere mit dem Handkörbchen, zu kaufen so früh hieher gekommen ist. Das Stück mit dem Bortenhut soll ein Irländer sein. Seine Perücke ist ihm treu geblieben. Sie hat aber dafür im Dienst nicht wenig gelitten; an jedem andern Ort, als auf einem Kopfe, würde man sie kaum mehr für eine Perücke halten. – Neben dem Feuer sitzt ein Geschöpf, zu dessen Lobe gewiß sehr viel geschieht, wenn man sagt, daß es beinah menschlich aussehe. Sie scheint entweder stumm zu sein, oder die nasales müssen vielleicht im Kampf gelitten haben, denn am Hals trägt sie, wie ein Arzneiglas, einen Zettel, worauf geschrieben steht, was man da zu suchen hat. Es ist ihre Geschichte. Diese gibt sie aber für diesmal der alten Jungfer nicht, sondern die scheußlichen Facta selbst, ihr Gesicht. Sie bettelt; ob sie wohl den Bettler in Livree nicht sehen mag? Doch der adressiert sich bloß an die Menschenliebe seiner Herrschaft, und friert dafür; hier so öffentlich ist vielleicht etwas von der gespannten Eitelkeit zu erwarten. Im Hintergrunde steht der berüchtigte Franzosen-Doktor Rock mit seinem Schilde und Tränkchen, empfiehlt sich und sein Tränkchen denen, die sich seine Brodkrankheit haben empfohlen sein lassen. Er hat selbst, so früh und so kalt es auch ist, schon einige Zuhörer, und darunter auch ein Frauenzimmer mit (der Kälte und Leute wegen) übergezogener Kapuze. Doktor Rock soll sich völlig gleichen, mit so wenigen Strichen das Porträt auch hier abgetan ist. Hogarth ist gegen diesen Mann außerordentlich gütig. Bei jeder Gelegenheit empfiehlt er ihn der – Nachwelt . Was ihm der wohl mag getan haben; Vor jener Gruppe befinden sich, ganz niedlich hingestellt, ein Paar kleine Schulknaben, die, mit ihren Schulsäckchen (satchels) , gleich Schneckenhäuschen, auf dem Rücken, ihren Schneckengang nach der Schule fortsetzen. Creeping like snail unwillingly to school. Shakesp. . Dieses geschieht jetzt stillestehend . Ihre Aufmerksamkeit scheint durch eine noch brennende Laterne rege gemacht, die ein sehr tätiges und beladenes Weib, das sich schon vor Tage aufgemacht haben muß, an sich hängen hat. Zwischen dem Zifferblatt der Uhr und dem aufsteigenden Dampf steht: Sic transit gloria mundi . So hat man zwischen Dunst und Uhrzeiger die Wahl. Vergehende, Herrlichkeit mit oder ohne Hoffnung von Wiederkehr. Ich glaube, dieser kleine Blitz von oben ist auf den Topmast gerichtet mit den Wimpeln. Die arme Tante! Sie wird wohl nach dem Rauche greifen müssen! In Cowper's poems Vol. I. p. 80. findet sich eine sehr gute Beschreibung der alten Jungfer und ihres Bedienten in zehnsilbigen, gereimten Jamben, die wohl verdienen nachgelesen zu werden. Ich habe einige Züge daraus benützt. Doch scheint mir die Butlerische bekannte Versart, oder die von dem Verfasser des Bath guide gebrauchte einem solchen Thema angemessener zu sein. Noon Der Mittag Dieses Blatt stellt, wie alle Ausleger einmütig versichern, die französische Kapelle in Hog-lane St. Giles' zu London vor. Diese Straße so wohl als ein Teil der benachbarten Gegend wurde damals fast ganz von französischen Flüchtlingen und ihrer Nachkommenschaft bewohnt. Daher man auch den papiernen Drachen, der da an der Kirche herabhängt, auf dieses Volk gedeutet hat, das durch einen religiösen Sturm über den Kanal verschlagen, hier eine sichere Zuflucht gefunden habe. Doch von diesem Drachen hernach mehr. Was dieses Hog-lane für eine Straße sei oder gewesen sein muß, wird der Leser leicht mutmaßen können, wenn er weiß, daß Hog auf Deutsch ein Schwein , und Lane einen engen Weg oder auch ein Gäßchen heißt. Es mag den guten Hogarth wohl recht in der Seele gefreut haben, daß das Schicksal, ohne sein Zutun, die Franzosen dahin versetzt hat, wo er sie gewiß selbst würde hingesetzt haben, wenn es bei ihm gestanden hätte: in die Saugasse . Denn einen abgesagtern Feind hatte wohl das sel. Frankreich nie gehabt als ihn; ein Schweinstall und Lutetia minor hieß bei ihm einerlei. Überhaupt aber muß es damals in dem ganzen St. Ägidien-Kirchspiel (St. Giles') in einem hohen Grad lutetisch hergegangen sein. Es wird angemerkt, daß der Fußboden einer dortigen Kirche, die im Jahr 1625 gebaut worden ist, im Jahr 1730 bloß durch Schweinerei acht Fuß tiefer gelegen habe als die Straße. Man sah sich sogar genötigt sie neu zu bauen. Von Hogarths Franzosenhaß trägt dieses Blatt fürwahr Spuren genug, ja es ist im Ganzen ein recht mörderischer Ausfall auf französische Gesichter, Figuren und Trachten. Wenn er auf dieses Kapitel kömmt, so hält er sich selten im Mittelwege, und das ist auch leider! hier der Fall. Wie man an der Turmuhr im Hintergrunde sieht, so ist es jetzt eilf Uhr und die Kirche aus. Die Türe der französischen Kapelle ist geöffnet, und die geistliche Herde strömt, mit dem Wort beladen, aus derselben hervor. Die meisten Mitglieder sind so gezeichnet und bezeichnet, daß man glauben sollte, irgend ein reisender Wunderdoktor habe hier seine klinische Session gehalten, und so eben das wandelnde Hospital dimittiert. Die männliche Hauptfigur ist vermutlich ein Tanzmeister, wie denn nach Hogarths Prinzipien der größte Teil der französischen Nation aus Tanzmeistern bestund. Ist er es nicht, so verdiente er es zu sein. Er ist im reich galonierten Kleide, und einer Weste, die mit schwerer Schabrackenpracht fast die Knie bedeckt. Die ganze Figur hat unglaublich viel Zärtliches und Süßes, wenigstens von Seiten des Willens. Sie steht in einem Menuet-Pas; die linke Hand ist etwas abwärts gesenkt und am Gelenke wieder rückwärts gebogen, voll unverkennbaren Ausdrucks von Unterwürfigkeit gegen die Dame. An dem Gelenke der rechten Hand hängt das modische spanische Rohr. Die Spitze des Zeigefingers ist subtil an die des Daumens angebogen, so daß beide einen Ring bilden, für die feinste Prise Tabak viel zu fein geschlossen, sondern so wie man etwa ungefaßte Brillanten gegen das Licht besieht. Sehr schön und bedeutungsvoll. Er will nämlich mit diesen Fingern die Worte, die aus dem nicht sehr reizenden Munde etwas breit und voll heraus zu laufen scheinen, noch im Laufe feiner spinnen. Dieser Gestus ist auf Kanzeln und Kathedern nicht selten, da wo man den unnützen Schlacken, die der Mund auswirft, zuweilen noch im Fluge das Ansehen von ungefaßten Brillanten, oder dem Hanf, den man spinnt, das von gesponnener Seide geben will. Die Dame mit dem zwar zart aber etwas lang geschlitzten Munde, scheint überhaupt durch vorsätzliche Verengerung eines an sich geräumigen Sprachwerkzeugs, ihren Gedanken den Anstrich geben zu wollen, den ihr Liebhaber, oder wohl gar der ihr Neuangetraute seinen Worten mit dem Daumen und Zeigefinger gibt. Ob sie gleich kaum zwei Schritte von der Kirchentüre weg ist, so lehnt sie sich doch schon mit dem rechten Arme auf dessen Schulter. Dieses wirft etwas Licht auf allerlei, was der Reifrock in den Schatten bringen soll. Der ganz eigene und sonderbare Schnitt desselben scheint nämlich nicht so wohl gewählt zu sein, dem Ganzen mehr Ansehen und Relief durch Ausdehnung zu geben, als vermutlich die etwa zu sichtbar werdende natürliche Ausdehnung, die keiner Beschreibung bedarf, zweideutig zu machen. Das Kleid verträgt sich mit jeder Taille, und bei jeder wiederum mit der Ebbe so gut als mit der Flut. Auch könnte es sein, daß es noch eine kleine Unkorrektheit im Tritt bedecken sollte, die der kleine Erbe derselben aus erster Ehe nicht so gut verbergen kann. Ich rede hier von dem hochgeputzten jungen Menschen letzter Größe, der mit Haarbeutel, Solitaire, Stock und Degen sichtbar gemacht, voraussteigt. Auch könnte der Tanzmeister wohl sein Vater sein, der dann freilich von Seiten des Körpers seines Sohnes wenig Unterstützung im Dienst von ihm erwarten kann. Doch das geht gewöhnlich so: Heroum filii nequam . Daß indessen dieser Zwerg mit so großem Wohlbehagen den Silberblick seines Ärmels auffängt, zeichnet seinen Geist dem Körper ähnlich. Auf diesen Blättern verdienen vorzüglich die Moden von 1738 Rücksicht, die Hogarth pünktlich beobachtet haben soll. An unsrer Dame ist die Situation der Schleife besonders merkwürdig. So auf halbem Wege, zumal ohne Spur von einem Gürtel, erinnere ich mich nicht sie je gesehen zu haben. Ob wohl die dreifarbigen Gleichheits -Kokarden da getragen werden? Hinter diesem lichten Vortrab sieht es sehr dunkel aus. Der alte Kopf, der mit den jugendlichen Köpfen der beiden Verliebten eine etwas stumpfe Pyramide macht, ist herrlich mit denselben kontrastiert. Der Ausdruck scheint etwas gerechter Unwille über das Benehmen dieses Paares so nah an der Türe des Schafstalles, verbunden mit etwas ungerechtem über eignes Unvermögen zu so etwas. Alle sieben Köpfe sind wahre Sinnbilder verschlossener, eiserner Dogmatik, und einer Salbung, die bis auf die Knochen gefressen hat. Gegen diese disputiere einmal jemand. Es hieße die Flut mit einem Sonnenfächer zurückwedeln wollen. Ihr Glaube, wenn er je lebendig war, ist wenigstens jetzt in Versteinerung übergegangen. Man betrachte nur das Gesicht gleich hinter der Schulter des Tanzmeisters, die Miene des Domine in der Kirchentüre, und der Kopfhängerin vor ihm. Man irrt, wenn man glaubt ein Kopfhänger hieße der Mann, oder das Wort sei von dem Manne hergenommen, der ihn vor sich geneigt trägt. Nein! das sind oft sehr brave Leute; sondern es stammt von dem selten ehrlichen, schlauen Horcher ab, der ihn auf der Seite trägt, mit einem Ohr immer aufwärts gespannt, seinen unbefangenen Nebenmenschen zu belauschen oder die Engelchen singen zu hören. Rechter Hand wird von zwei Matronen ein Liebeskuß gewechselt, und mit welcher Innigkeit! Die Seelen scheinen ganz ineinander geflossen, und die Nasen würden diesem Beispiel folgen, wenn sie minder zähe und körperlich wären. Gleich hinter diesen Matronen hat sich ein Heiliger hart an die Wand hingestellt. Die Predigt hat lange gedauert, und doch kann er nicht wegkommen! – Die Krüppelgarde, die dort in die Straße hineinzieht, kehrt uns den Rücken zu: so wollen wir sie ziehen lassen. Der Knabe oder Zwerg mit der Perücke und einer Mütze, wie ein Bienenkorb, und sein Schwesterchen, sind doch übertrieben, und so etwas geht nur durch, wenn es sparsam angebracht, und überdas mit Zügen begleitet ist, die beweisen, daß man auch etwas Besseres kann. Allein dieses ist der geringste Tadel, der Hogarths Darstellung dieser Gemeinde trifft. Das sind keine Franzosen. Unmöglich! Und am allerwenigsten protestantische Franzosen von 1738, im Auslande. Hogarth hat sicherlich diese Menschenklasse nicht gekannt; wo ich sie gesehen habe, habe ich auch nie einen Zug bemerkt, der Veranlassung hätte sein können, ihnen in corpore so zu begegnen. Sie waren vielmehr überall die Zierde der Gesellschaft, und selbst ihre Matronen, Muster zu lernen, wie anständige Fröhlichkeit das Alter kleidet und durch es ehrwürdig werden kann. Was Hogarth hier gezeichnet hat, sind Engländer , methodistische oder sonst religieuse, englisch-melancholische Schwärmer im Tabernakel gezeichnet, wo der finstere Sektenhimmel schwer auf der Erde lag. Hier ist nichts von dem rosenfarbenen Himmel jenes Volks, der auch in dieser Farbe immer anbetungswürdig, zugleich eine zum Genuß eines ohnehin schnöden Lebens erforderliche Distanz hält. An einem methodistischen Bethause, wo so eben die Predigt aus ist , aufgehängt, litte auch nunmehr der Drache noch eine andere Erklärung. Diese Schwärmer von großer Geistes-Beweglichkeit durch den Geist, werden von jedem Kanzel-Lüftchen leicht gehoben, und schweben der Gottheit zu, mit deren Wesen sie sich zu vermischen glauben; sie zittern und glühen und hören unaussprechliche Dinge; aber kaum läßt der Wind nach, so fallen sie herab und bleiben an der nächsten Straßenecke hängen. Auf der entgegengesetzten Seite des Blatts kehrt der Künstler in sein Fach zurück und da sieht man ihm mit Vergnügen zu. Zuerst ein Haus mit dem Kopfe Johannis des Täufers in der Schüssel, mit der Unterschrift: good eating (gut zu essen, oder hier speiset man gut). Die beiden Hundszähne vom Löwen oder Wolf, worin das Motto eingeklammert zu sein scheint, sind hier nicht so wohl die Parenthesen- Zeichen , als die Parenthese selbst: Gutes Essen (für ein solches Gebiß nämlich). In London hatten ehemals die meisten Häuser Schilder, oft ohne den geringsten Bezug auf den Stand oder das Gewerbe des Bewohners. Vielleicht zog, nachdem der Kopf Johannis schon da war, ein Traiteur hinein. Gleich darneben hängt an dem Hause eines Branntweinbrenners (distiller) , wie der Krug auf dem Pfosten und die am Hause herumhängenden hölzernen Krüge andeuten, ein Schild mit einer Frau ohne Kopf , worunter steht: The good woman (die gute Frau). Also dort ein Kopf ohne Körper, und hier ein Körper ohne Kopf. Wie man in England, wo, wie in Deutschland, die besten Weiber immer die besten Köpfe haben, so etwas hat dulden können, und noch immer duldet, ist mir unbegreiflich. Der Einfall ist nicht von Hogarth, denn wirklich ist diese Vorstellung in London sehr gemein, und wie Herr Ireland anmerkt, jetzt vorzüglich den Farbenhändlern eigen. Das verstehe ich nicht. Ein Mensch ohne Kopf bezeichnet hingegen eine Branntweinbrennerei nicht übel; denn Branntwein setzt Geist an die Stelle des Kopfs, und Geister können nicht gemalt werden. Aber damit hat Hogarth nicht genug. In diesem Hause, wo man übrigens noch nach wahrer Zeit speiset, läßt er zwischen dem Manne und seiner guten Frau einen kleinen Disput über das Essen entstehen. Dieses nimmt ihre Güte so übel, daß sie die Hammelskeule mit samt dem Gemüse, selbst am Sonntage, unter die Heiligen auf die Straße wirft. Das ist recht. Denn wenn schon das Essen durch die Versendung nicht besser wird, so ißt sichs doch nun oben mit mehr Ruhe. Lustig ist es, daß einige vorbeigehende Leute, die entweder den soliden Segen von oben kommen hören, oder weil ihn der flüssige schon auf ihren Kleidern vorläufig angekündigt hat, plötzlich unten in das Haus hineinflüchten, Entschädigung für die Flecken zu fordern, oder zu warten bis der Schauer vorüber ist. Einer hat sogar, glücklicher Weise schon einen Besen bei sich, als wäre er gekommen um das gute Essen unten aufzusammeln. Linker Hand im Vorgrunde, gerade unter dem Einfluß des ominösen Kopfs, wird des guten Essens auf und über dem Steinpflaster noch immer mehr. Ein Knabe hat einen in einer irdenen Schüssel im Backhause gebacknen Pudding (baked pudding) , für die rissige Schüssel etwas zu hart, auf den Pfosten gesetzt; sie geht darüber entzwei, und der Pudding wird in demselben Augenblick good eating für ein gesundes englisches Straßenmädchen, die vortrefflich mit dem französischen Zwerge kontrastiert ist. Die Figur des armen Teufels, den dieses Unglück trifft, hat Hogarth aus einem Gemälde von Poussin genommen, das sich in der Sammlung des Herrn Hoare zu Stourhead befinden soll, und den Sabiner-Raub vorstellt. Hinter diesen ist eine etwas üppige Koalition zwischen Afrika und Europa. Das Mädchen, dessen Fülle, vermutlich vorsätzlich, der Flachheit der französischen Dame gegenüber gesetzt ist, so wie die derbe Sinnlichkeit des Mohren dem platonischen Geflüster des Tanzmeisters, hat so eben auch aus dem Backhause eine Pastete geholt. Durch den nachgiebigen Widerstand, den sie ihrem schwarzen Bekannten leistet, fließt auch etwas davon heraus auf die Straße. Das wäre also good eating zum drittenmal , und der müßte Hogarths Schalkheit schlecht kennen, der nicht im ersten Blick sähe, daß dieser Kuß hier als vierter Gang serviert wird. Umsonst stehen diese beiden Köpfe nicht so unmittelbar unter dem Motto. Ganz voran liegt, vermutlich der Unreinlichkeit von Hoglane noch einen Hieb zu geben, eine zu Tode gesteinigte Katze; vielleicht auch neben her zugleich mit als good eating zum fünften und letzten Male. Evening Der Abend Ein schwüler September-Abend in der Gegend von Islington, einem großen Dorfe nahe an der nördlichen Seite von London. Unter mehrern Örtern für öffentliche Vergnügungen der eigentlichen Londonschen Bürgerschaft in dieser Gegend, befindet sich auch da ein Gebäude, Sadlers Wells , wo im Sommer Schauspiele aller Art, Komödien, Seil-, Draht- und Leiter-Tanz und Luftspringereien, vor großen und fröhlichen Versammlungen gegeben werden. Die Gesellschaft ist freilich nicht brillant, und um gesehen zu werden , geht der Mann von Stand nicht dahin, aber nicht selten um zu sehen , und findet da Unterhaltung, während sein Galakleid in der Garderobe, und er im bürgerlichen Frack, fern von allem Tun und Leiden der Komplimentenwelt, ausruht. Die Gegend hat etwas sehr Erfrischendes, und der Erklärer dieser Blätter nimmt dieses Blatt selten in die Hand, ohne die angenehmste Zurückerinnerung an die wenigen Sommer-Abende, die er unter diesem Himmel mit seinen Freunden zugebracht hat. Die Hauptgruppe, womit unser Künstler dieses kleine Paradies zu beleben gesucht hat, besteht aus einer Bürgerfamilie, einem Londonschen Blaufärber und seiner Frau, die so wohl der körperlichen, als wie wir sogleich hören werden, der moralischen Bildung nach, nicht sonderlich geschickt ist die Phantasie auf unsere ersten Eltern zu leiten. Sie haben drei Kinder bei sich, und zu einem vierten hat der Künstler große Hoffnung gemacht. Voran schreitet langsam der Familienhund mit starkem Ausdruck ähnlicher guten Hoffnungen. Alles ist müde, träg und schwer, und – o! wie warm! Hogarth hatte den seltsamen Einfall, auf den ersten Abdrücken dieses Blatts, die Hände des Mannes blau , und Gesicht und Brust der Dame rot abdrucken zu lassen, den Blaufärber und die rote Glut der Blaufärberin damit anzudeuten. Ein Freund riet ihm aber ab, fortzufahren. Daher sind jene Abdrücke äußerst selten und werden teuer bezahlt. Dieses hat zu Verfälschungen Anlaß gegeben. Allein da die unechten Stücke mit einer Farbe übermalt, hingegen in den echten bloß die Striche gefärbt sind und nicht das dazwischen befindliche Papier: so kann ein aufmerksamer Käufer nicht leicht hintergangen werden. Die Hausehre empfindet dieses am meisten. Sie ist, wie man sieht, etwas weit über die Grenzen des Guten und Schönen hinaus genährt. Gorge à la Montgolfière, Hoffnungen à la Montgolfière! Du liebste Zeit! wie schwer! Shakespeare läßt einmal einen Frühlings-Morgen eine Tauperle an das Ohr jeder Schlüsselblume hängen; bei unserm Blumenkohl hier hat der schwüle Abend etwas Ähnliches versucht, und eine Perle, neben dem Ohre vorbei, unter die Haare gehängt. Jedoch scheint es ein bloßer Fehlgriff gewesen zu sein, den er so eben im Begriff ist zu redressieren; die Perle wird sogleich am Ohrläppchen hängen. In der einen Hand trägt sie des lieben Mannes Hut und Handschuhe, der dafür das Kind und sogar einen Teil seiner ihm vom Himmel mit einem so starken Ausschlag zugewogenen Gattin selbst schleppt; denn wirklich ruht sie mit der Hand, worin sie den Fächer hält, auf des Mannes Schulter. Auf dem Fächer sieht man eine Gruppe aus dem Altertum dargestellt, die, wenn man den kleinen Knaben mit dem Bortenhut hier noch mitnimmt, mit der gegenwärtigen einige Ähnlichkeit hat; Venus und Adonis mit dem Amor; nur haben sich diese etwas kommoder gemacht. Unser kleiner City-Amor reitet auf Papas Stock, und bezeigt seinen Unwillen über seine Schwester, die ihm mit ebenfalls schon altem Gesichte und fast noch älterm Affekt und Maulwerk ein Honigkuchen-Bildchen beneidet und rauben will. Was das für Kindermienen sind! Wenn es gewiß ist, daß früh markierte Züge in Kinder-Gesichtern, gemeiniglich die Vorläuferinnen der Häßlichkeit im reifern Alter sind: was mag aus Kindern werden, die die Linie jener unschuldigen, und weil sich alles Gute und Schöne so leicht hinein hoffen läßt, so reizenden Leerheit, schon in Mutterleibe passiert haben müssen. Amor reitet hier auf dem Stock des Adonis, und trägt eine Kokarde auf dem Hut. Der Gedanke, dem Amor eine Cornets-Stelle zu geben, ist nicht übel, nur ist unser Junge hier ein gar häßlicher Cornet. Kurz, der Junge ist nicht Soldat, und wird es auch nie werden. Wo käme er so früh dazu, in einem Lande, wo, neben der heiligen Taufe, kein Sakrament der roten Halsbinde statt findet? Es ist bloßes Kinderspiel. Gerade hinter diesem Ehepaar, wird eine Kuh gemelkt, deren Eiter à la Montgolfière ein redendes Sinnbild des Überflusses der Gegend und des glücklichen Landes ist. Allein dabei ereignet sich ein ominöser, trauriger Umstand, der jedem Ehemanne von Gefühl leid tun wird. Diese Kuh teilt nämlich ihre Kopfzierde unserm Adonis so schwesterlich mit, daß man ungewiß wird, wessen von beiden Eigentum sie eigentlich ist; des Blaufärbers oder der Kuh. O! Madam, Madam ! Der arme Tropf, ein gutmütiges, zahmes Frauenzimmer-Pferd, ist nicht Verfasser , sondern bloß Verleger . Was für eine Lage, bei dem heißen Wetter, für den letzteren, wenn er es nur halb weiß! Zumal bei dem Verlags-Artikelchen auf dem Arm, das ihn so derb bei der Halsbinde faßt, daß ihm das Gesicht davon zu schwellen scheint! Dem Kinde ist ein Schuh ausgefallen, der unten auf der Erde liegt, vermutlich bloß um die durch den Strumpf ganz hervorstehende, nackende Ferse zu zeigen; ein eben so redendes Zeugnis von dem Wert unsrer Liebes-Göttin als Hausfrau , als es die Kopfzierde der Kuh von dem als Ehegattin ist. Unmittelbar dabei steht ein Wirtshaus mit üppig rankenden Reben und schweren Trauben und einem Aushänge-Schild, bei dem wir uns ein Paar Augenblicke verweilen wollen. Der Mann, dessen Bildnis da aushängt, ist Sir Hugh Middleton, ein Londonscher Goldschmied und ein um diese Stadt höchst verdienter Mann. Er führte aus, was man schier für unmöglich hielt, nämlich London aus dem Innern des Landes mit frischem Wasser zu versehen. Er veranstaltete vom Jahr 1608 an bis 1613, eine Wasser-Leitung von 20 englischen Meilen her, aus Hertfordshire, den sogenannten Neuen Strom (The new River) , gerade das Wasser, das hier vorbeifließt, und in welches die durstige Betze mit Begier aber unschlüssiger Trägheit hinabblickt. Er büßte bei der Unternehmung sein Vermögen ein. Seine ganze Belohnung war eine neue Last: Adel ohne Vermögen . Ich wüßte nicht, daß er sonst ein Denkmal erhalten hätte, ein Bildnis ausgenommen, das von ihm auf dem Gilde-Saal der Goldschmiede in London hängt und – dieses Bier-Schild . Dieses leitet zu einigen nützlichen Betrachtungen. Man irrt gewiß gar sehr, wenn man glaubt, jeder verdiente Mann in England speise im Leben aus Silber und ruhe nach dem Tode unter einer marmornen Decke. Wie mancher ißt da sein ganzes Leben aus freier Faust im Gehen, und findet am Ende sein Ehrendenkmal, wenn er es noch findet, auf einem Gastschilde! Allein freilich ist auch ein solches Denkmal nicht schlecht, wenn anders der Mann nicht schlecht war. Wenn sich die Häuser selbst des Namens auf dem Schilde würdig halten, so sind die Schilder unvergänglich. Steinerne Denkmäler werden nicht wieder aufgebaut, wenn sie einmal zerstört sind; die Gastschilder werden renoviert und renofiert und dann wieder einmal ganz neu gemacht, bis ans Ende der Welt. Man hat bisher viel von einem deutschen Pantheon gesprochen. Ich sollte denken, auf diesem Wege müßte es zu Stande kommen können; und wenn deutsch seit jeher so viel hieß, als gut und wohlfeil , so wäre ein Pantheon auf Gastschildern ein wahrhaft deutsches Pantheon . Man lächelt vielleicht; ich selbst fürwahr nicht. Was kann ehrenvoller sein, als Jahrhunderte hindurch von dem Schilde eines Wirtshauses auf die unten aus und ein steigende Nachwelt herabzublicken, oder von ihr herauf angeblickt zu werden? Ich sehe freilich voraus, daß der Gedanke wird bespöttelt werden, aber eben weil er groß ist. Es gibt wenig Menschen, die ein gescheites Gesicht machen können, wenn sie in die Sonne sehen. Würde sich es etwa schlechter im Herrn von Leibniz logieren, als im Könige von Preußen ? Oder wäre jener etwa da oben über der Einfahrt oder an der Stange selbst schlechter logiert, als dieser? Das sage mir einmal jemand laut, wenn er das Herz hat. Und ich möchte wohl den Gelehrten sehen, der sich schämen wollte, die Stelle einzunehmen, die bisher selbst die Kaiser und Könige der Erde mit ihren Kronprinzen und Kronen; die die goldnen Engel; die die Sonne, der Mond und die Sterne; die die Könige der Tiere und der Flur, der Adler mit einfachem und doppeltem Haupt, der Löwe mit einfachem und doppeltem Schwanz und das Roß oft mit gar keinem; die die Rose und die Lilie, die auf dem Felde sowohl, als die französische in aller ihrer Herrlichkeit, nicht verschmähet haben. Hat man nicht ganze Städte, London, Paris und Konstantinopel mit allen ihren Bewohnern zu ehren, so aufgehängt? Man muß hier nicht einwerfen: Es gäbe auf Schildern auch Bären, Ochsen, Böcke und Mohren, die offenbar zu den Affen gehörten; Schlangen und Drachen und Gänse, die, ob sie gleich von Gold wären, doch immer Gänse blieben. Das ist kein Einwurf. Denn so ist es von jeher mit allen Ehrenbezeigungen in der Welt gegangen, mit marmornen Denkmälern und Ordensbändern, mit Adelsbriefen und Doktor-Diplomen, mit Titeln und Schmutztiteln, und wird ferner so gehen, bis an das Ende der Welt, die unser aller Mutter ist. Trug nicht der Teufel selbst in Gestalt des letzten Herzogs von Orleans den Orden des heil. Geistes ? – Vielleicht würden auf diesem Wege endlich die deutschen Wirtshäuser auch etwas gebessert. Da sieht es noch hier und da betrübt aus. Es fehlt uns überhaupt noch an einem deutschen Howard, Die Reise eines solchen Howards durch Deutschland wäre vielleicht kein übler Gegenstand für einen Roman. Er setzte freilich große Wirtshäuser-Kenntnis voraus. der das für die Wirtshäuser täte, was dieser für die Gefängnisse tat. Nun noch ein Paar Worte von dem deutschen Pantheon überhaupt. Zu einem marmornen wollte ich nicht raten. Es ist vorauszusehen, daß es am Ende eine marmorne deutsche Gesellschaft werden würde, die nicht viel mehr wert wäre, als unsere – papiernen . Ja, viel weniger. Denn es ist, dünkt mich, noch eine große Frage, ob es in der Welt überhaupt andere Denkmäler gibt als papierne, seitdem die Tradition alle ihre großen Privilegia den Druckereien abgetreten, und nun in ihrem kindischen Alter nur noch einen nicht ganz honetten Kleinhandel durch Stadt-Frau Basen treibt. Ich glaube es nicht. Selbst die ewigen Denkmäler, die sich unsre Landsleute auf den Felsen des Mondes und an den Grenzen des Weltsystems durch neue Planeten mit neuen Trabanten, und an den Laufbahnen der Planeten und Kometen erbaut haben, wären ohne dabei liegende papierne Attestate ein Nichts . Alexander wäre, wie jeder andere Straßenräuber vergessen, wenn es nicht einem Schriftsteller gefallen hätte, ihm ein Testimonium über seine Käsebier -Historien zu erteilen, das nun immer und immer renoviert und renofiert in der Welt herumläuft. Auf der Reise nach dem Tempel des ewigen Nachruhms läßt sich auf den nächsten Stationen noch etwas Gold und Silber usw. absetzen; wer aber weiter reisen will, kömmt ohne echtes Papiergeld nicht fort. Nun bedenke man, was Papier nicht ist! Ein Feld mit Flachs, welcher Prospekt! Was da nicht, würde ein Physiker sagen, für Dinge latent sind! O wer an einem solchen Felde vorbei fährt oder reitet oder geht, der nehme den Hut ab, und denke einmal nicht bloß an latente Manschettenhemde, sondern auch an Unsterblichkeit. Will man ein übriges tun, so rate ich immer zu den Gastschildern , denn sie besitzen bei der Publizität des Marmors, alle Unvergänglichkeit des Papiers. – So viel über das Schild an diesem Wirtshause, und nun ein Paar Worte über das Wirtshaus selbst. Durch das aufgeschobne Fenster sieht man, daß da keine der brillantesten Gesellschaften Dr. Johnsons Mittel wider den Selbstmord in großer Eintracht gebraucht. Das Lustige hierbei ist (denn Hogarth tut nichts umsonst), daß diese Leute eine Rauch- Stadt ausdrücklich in der Absicht verlassen haben, um der Landluft zu genießen, und sich hier nun in eine Rauch- Kammer einsperren. Diese hier am Fenster haben noch den besten Platz, man kann wetten, daß noch ein Dutzend dahinten steckt. Denn selbst am schattigen Fenster ist es diesen so heiß, daß sie die Perücken abgenommen und um die rasierten Köpfe ihre Schnupftücher geschlagen haben. Außerhalb hat sich ein Mann neben den Weinstock so hingestellt, daß dadurch ein wißbegieriges Wäschermädchen aufmerksam gemacht wird. Daß doch diese Menschenklasse in der ganzen Welt sich immer um Dinge bekümmern muß, die mit dem Waschen nichts zu tun haben, und die sie nicht verstehen. Was das Weib mit dem Schuh dahinten will, ist mir, die Wahrheit zu sagen, nicht ganz deutlich. Die Ausleger gehen alle darüber hin, als hätten sie sie nicht gesehen, bis auf den einzigen Trusler, und der sagt, wie mich dünkt, etwas nicht sehr Wahrscheinliches, nämlich: »daß die Frau dahinten den Schuh des Mädchens (der altern Tochter) weiter macht, zeigt, daß diese eben so müde ist als der Knabe.« Die Leser werden fühlen daß das gar nichts ist. Dahinter aber steckt sicherlich etwas. – Bei den Engländern heißt ein Hufeisen , ein Pferdeschuh , und da wo vom Pferde schon die Rede ist, schlechtweg ein Schuh . Hätten sie nun noch oben drein eine gewisse im Deutschen sehr gemeine Redensart von Hufeisen und deren Verlust, welches ich nicht weiß: so könnte dieser weibliche Schuh wohl sein verloren worden, und so etwas kann einem wohl zu Sadlers Wells begegnen, zumal wenn man ohnehin gewohnt ist, die Schuhe etwas leichtfertig zu tragen. Night Die Nacht Hogarth hat für gut befunden, hier eine Nacht vorzustellen, die nur dem Stand der Sonne nach diesen Namen verdient, denn man sieht hier so gut in die Ferne, als bei den drei übrigen Tages-Zeiten, und kann sogar die kleinste Schrift auf Schildern und Postkutschen etc. lesen. Denn erstens brennt hier im Vorgrunde ein Freuden-Feuer (bonfire) ; zweitens ist gleich dabei eine Handlaterne; drittens werden Schwärmer geworfen, wovon einer den Passagieren in der Kutsche zu Grabe leuchtet; viertens werden diese von einem Knaben an einer Fackel angezündet, die ihr Licht in einen tiefen Winkel sendet, um der Polizei etwas vorzuweisen; fünftens hat ein Kerl, der da bei einem Fasse lukubriert, sein eignes Stümpchen Licht, mit seinem lehmenen Leuchter auf das Faß geklebt; Man hat diesen Mann für einen von den nützlichen Leuten gehalten, die sich dem schmutzigsten Geschäft im Staat widmen, und die man aus Scherz im Englischen zuweilen Goldfinders , Goldfinder nennt. Sonst heißen sie Nightmen und ihre Karren Nightcarts; Nachtmänner, Nachtkarren . Diese Namen und die diesem Geschäfte gemeiniglich gewidmete Zeit, hätten (aber freilich sonst nichts in der Welt) wohl einen Mann wie Hogarth verleiten können, so etwas hieher zu stellen. Ähnliche Mängel an Delikatesse finden sich wohl bei ihm, und wirklich selbst auf diesem Blatt. Aber es ist gewiß was anderes; die beträchtliche Größe des Fasses, und daß ganz und gar keine Spur von einem Karren da ist, läßt schon etwas Reinlicheres vermuten. Herr Ireland ist hier sehr richtig: Man ist hier willens, dem Volk an diesem, wie wir gleich hören werden, freudigen Abend ein Faß mit starkem Bier zum Besten zu geben, und das wird hier gefüllt. Ärger können doch Scholiasten nicht leicht gegen einander laufen. Hier indessen nicht ganz ohne des Autors Schuld; man kennt den Schalk und vermutet nicht viel Gutes von ihm, zumal im Düstern. sechstens sind mehrere Häuser illuminiert; siebentens scheint der Mond; und achtens brennt am andern Ende des Prospekts, dem Freuden-Feuer gegenüber, ein großes Trauer-Feuer , nämlich ein Haus ab. Vielleicht zur nützlichen Lehre, als Folge eines Freudenfeuers. Also Natur, Kunst und Zufall, leihen hier dem Künstler ihr Licht. Bourseault, wenn er seiner Babet dieses Blatt hätte erklären sollen, würde vermutlich gesagt haben: »hier fehlte nichts als noch der Glanz Deiner Augen, um völlig Tag zu machen.« Dieses ist die Nacht nach dem 29ten Mai, als dem Tage, an welchem die Wiederbringung der Monarchie und Karls II. (King Charles's restoration) von den Freunden dieser großen Begebenheit, (und wer sollte der nicht sein?) mit Freudenfeuern und Illuminationen gefeiert wird. Daher kommen hier die Eichenblätter an die Häuser und auf die Hüte, zum Andenken der berühmten Karls-Eiche, Von dieser Eiche wird an einem andern Orte, wo sie auch abgebildet erscheint, mehr gesagt werden. die sogar unter den Sternen steht. In dieser Rücksicht ist wirklich der Schauplatz von dem Künstler gut, und mit einem Gefühl gewählt, wovon die Spuren in diesem Werke eben nicht häufig vorkommen. Denn man muß wissen, daß dieses die Gegend von Charing-Cross in London ist, wo ein Meisterstück der Bildgießerei, die Bildsäule des unglücklichen Königs Karls I. aufgestellt ist, die man auch hier in der Ferne erblickt, und die also unser Künstler gleichsam Teil an diesen Freuden nehmen läßt. Welcher unter unsern Lesern würde wohl nicht mit Sehnsucht wünschen, daß künftige Bildsäulen des gleich unglücklichen Ludwigs XVI. dereinst Zeugen von ähnlichen Freudenfesten sein möchten? Man muß sich den Eindruck, den dieser Gedanke des Künstlers auf jeden gefühlvollen Menschen machen muß, nicht durch den Mutwillen verwischen lassen, den er im Vorgrunde angebracht hat. Bei den öffentlichen Freuden eines großen und gesunden Volks geht es nicht anders. Jedes Wesen freut sich nach seiner Art; der Metzgerjunge (hier stehen welche) anders als der Kammerherr, und der Zechbruder, der ebenfalls hier steht, anders als der Erzbischof; und in einem solchen Falle handelt gewiß der Künstler, der diese Freuden darstellen will, am weisesten, der sich nur diejenigen wählt, denen er gewachsen ist. Der Alte im Vorgrunde ist ein schwer betrunkener und verwundeter Freimäurer, noch in vollem Anzuge, mit Winkelhaken und Schurzfell. Seine Stirn trieft von Blut, so wie sein Mund von Wein. Er glüht über und über, und würde aufbrennen, wenn er nicht glücklicher Weise dem Strom einer künstlichen Pisse-vache Der honorable Name einer berühmten natürlichen Kaskade in der Schweiz. aus einer obern Etage begegnete. Er wird von dem Logenwärter und Lichtputzer der Gesellschaft, der ihm den Degen abgenommen, aber den Stock gelassen hat, nach Haus geführt. Solche signierte und resignierte Schädel und Stirnen, wie diese, fürchten keinen Stock, aber gegen den Degen wird die Weisheit selbst zu Schanden. Der Alte soll das Porträt von einem gewissen Sir Thomas De Veil sein. Sir John Hawkins, der den Sir Thomas gekannt hat, hat Herrn Nichols versichert: es sei gar keine Ähnlichkeit. Indessen versichert Herr Ireland von neuem, es gleiche einem Porträt dieses Edelmanns, das er gesehen habe, sehr. Grammatici certant. Genug, wir sehen den betrunknen Freimäurer unter der Pisse-vache, – Satyre auf den Orden ist es aber sicherlich nicht, wenigstens nicht auf den wahren. Es scheint vielmehr auf die Saufgelage- und Beutelschneider-Clubs zu gehen, die sich Logen nennen, und womit London in allen Winkeln überschwemmt ist. Vermutlich geht der Hieb gar auf das hier bezeichnete, berüchtigte Haus, the Rummer tavern , den Gasthof zum Römer , Bekanntlich eine Art geräumiger, bauchichter Trinkgläser. wo auch ehemals Logen gehalten wurden, aber das zweite Schild, das es trägt: The new Bagnio (das neue Bad-, Schwitz - und *** Haus ) gibt deutlich zu erkennen, was für welche. In dem Hause linker Hand ist eine Barbierstube mit einem Schilde, worauf ein Kopf abgebildet ist, dem eine Hand einen Zahn sanft ausziehen wird, wenn er anders die Hand nicht vorher selbst auffrißt, mit der Unterschrift: Shaving, bleeding and Teeth drawn with a touch . Ecce Signum. Rasieren, Aderlassen und Zahnausziehen (sollte heißen ausbrechen ) mit einem Ruck; wie hier zu sehen . Durch das aufgeschobene Fenster sieht man in die Stube selbst, wo wirklich an einem alten Kopf zwei von den Operationen in Erfüllung gehen, die das Schild verheißt, nämlich Rasieren und Aderlassen mit demselben Ruck . Zähne werden nicht ausgezogen, aber dafür fast die Nase, die Dulderin! Der Geselle, der die Exekution verrichtet, ist, wie man an dem Kamme sieht, zugleich Friseur. Vergleicht man den überströmenden Mund des Kerls und sein in einen rechten Winkel gebogenes Schermesser, mit dem Munde und Winkelhaken des Sir Thomas: so wird man fast geneigt zu glauben, er gehöre mit zur Loge im Römer , und sei nur ein wenig abgerufen worden, um dem alten Herrn aufzuwarten. Wozu auch der alte Herr noch so spät in der Nacht seinen Bart zu entbehren nötig hat? – Unter dem Ausstell-Laden des Barbiers entdeckt man ein öffentliches Dormitorium, dergleichen es in London ehemals viele gegeben haben soll; wahre Diebs-Karavansereien , wo jung und alt beiderlei Geschlechts, mit Hühner-Gleichheit und Hahnen-Rechten öffentlich durch einander schlief. – Also auch hier ein Bagnio , so wie gegenüber noch ein drittes. Zur Linken ist die fliegende Postkutsche von Salisbury (The Salisbury flying Coach) , Wenn die Engländer von flying auf dem Schlag ihres Postfuhrwerks sprechen: so kann man auch auf flying rechnen. Es ist kein cito, citissime auf einem Briefcouvert. Sie halten Wort. Nur muß man sich zuweilen kleine Pausen, wie diese, nicht verdrießen lassen. Die Spanier machen es daher besser, sie setzen auf ihre Postwagen, die von Maultieren gezogen werden: Seguridad y celeridad, sicher und schnell , und halten ebenfalls Wort. Der deutsche Postwagen ist der klügste, er verspricht nichts, und kann daher tun was er will so eben willens, von ihrem Fluge auszuruhen und sich auf die Fußbank niederzusetzen, da alsdann selbst die langsamste und schwerste deutsche Diligence (Negligenzen sollte man sie hier und da nennen) Zeit gewinnen würde, ihr vorzukriechen . An der Seite, wo sie sich hinlegt, ist die Gosse, und auf der andern das Freudenfeuer, welches schon das eine Rad ergriffen zu haben scheint. Die armen Passagiere haben sich mehr auf sanften Schlaf als auf das Dilemma geschickt, das hier schnelle Entschließung fordert: ob sie sich wollen wässern oder sengen lassen. Der kleine Bösewicht beim Dormitorio hat vermutlich Schwärmer nach den Pferden geworfen, und bläst mit fast platzender Ungeduld an einem zweiten. Die Knaben vor der Kutsche sind Fleischerjungen, die das Feuer unterhalten. Sie scheinen sehr fröhlichen Anteil an der glücklichen Ankunft der Reisenden zu nehmen und sie bei der Gosse zu bewillkommen. Einer unter ihnen hält einen Wischer, womit man die Fußböden naß reinigt und wieder abtrocknet (a mop) , vermutlich die Reisegesellschaft naß damit zu reinigen oder abzutrocknen. Dieses Instrument könnte wohl dem Schwärmer gegenüber stehen, so wie die Gosse dem Freudenfeuer. Wer sollte nun nicht glauben, daß hiermit alle Satyre, bei dieser Szene wenigstens, abgetan wäre? Allein das ist sie bei weitem noch nicht halb, ja sie geht eigentlich erst jetzt an. Da oben hängt nämlich auf dem Schilde ein etwas breit und stolz ausgefallener, statiöser Herr, und unten darunter liest man seinen Namen The Earl of Cardigan (der Graf Cardigan ). Dieses ist der Erfinder der fliegenden Kutschen, der also hier hängt, die Exekution da unten mit anzusehen und gleichsam als Epitaphium über dem Grabe seines eigenen Werks. Andere ziehen den Hieb bloß auf das schnelle und oft unvorsichtige Fahren dieses Mannes. Was es aber auch sein mag: so ist die Lehre für ihn herrlich. So etwas hätte sein Bild in einem marmornen Pantheon nie erlebt . Zum Beschluß einen nicht sehr bemerklichen Zug, aber so bald man ihn auch bemerkt hat, einen der schönsten auf dem ganzen Blatt. Dort, vor der Statüe , sieht man einen Karren mit Hausrat. Das sind Leute, die sich aus dem Staube machen wollen und daher des Nachts ausziehen, sind aber so unglücklich, weil Plan und Abrede vielleicht schon einige Zeit voraus festgesetzt worden war, nicht allein in eine Nacht zu geraten, da eine Illumination ist, sondern auch noch zwischen diese Feuer: so, daß man, wie bei den Lichtkugeln von Belagerten, die Silhouetten ihrer Betten und Stühle und ihrer ganzen Machinationen auf ein Paar hundert Schritte sehen kann. Sollten sie von ihren Gläubigern gefunden werden, so wird es auch da ohne Restoration nicht abgehen. Von den Original-Gemälden hat der Herzog von Ancaster den Morgen und Mittag für 57 und Sir William Heathcote den Abend und die Nacht für 64 Guineen gekauft. Zweite Lieferung Hogarth unrivall'd stands, and shall engage Unrivall'd praise to the most distant age. Churchill Vorrede Die Vorrede zur ersten Lieferung von unserm Kommentar über Hogarths Werke schloß sich mit einem Paar Weissagungen, wovon leider! keine ganz in Erfüllung gegangen ist. Nach der einen sollte die zweite Lieferung bereits in der Michaelis-Messe vorigen Jahres erscheinen, und nach der andern, die Erklärung von der Heirat nach der Mode enthalten. Sie erschien damals nicht, und jetzt, da sie ein halbes Jahr später erscheint, enthält sie die Heirat nach der Mode nicht. Wir halten es für Pflicht gegen das Publikum, ihm jetzt den Grund dieses Irrtums kurz anzuzeigen, und ihn dadurch so viel wie möglich zu entschuldigen, so sehr wir auch überzeugt sind, daß das Publikum die Zeit über nichts vermißt haben, und wahrscheinlich das Versehen selbst erst aus der Entschuldigung kennen lernen wird. – Als man nach der Ostermesse v. J. Hand an das Werk zu legen anfing, fand der Künstler bald, daß es ihm bei seinen andern Arbeiten, die weder Aufschub noch Abänderung litten, unmöglich sein würde, die sechs nicht von Hogarth gestochenen und höchst ausgearbeiteten Blätter, welche jene Heirat vorstellen, bis Michaelis fertig zu schaffen; wohl aber sechs andere in Hogarths gewöhnlicher Manier. Man änderte also ab, und die Wahl fiel auf die sechs Blätter, die wir hier dem Publikum überreichen, – auf das Leben der Buhlerin . Da nun dieses eigentlich ein ganzes Gewebe von Heiraten nach der Mode ist: so wurde durch diesen Schritt noch so ziemlich für die Erfüllung der zweiten Weissagung gesorgt. Allein für die der ersten – da war keine Rettung. Es stellten sich Hindernisse ein, die aber auch unsere Entschuldigung mit sich führen: eine Krankheit die sich nicht mit Kupferstechen und eine Kränklichkeit die sich nicht mit Beschreibungen vertrug, wenigstens nicht von Werken dieser Art. – Daß jene Krankheit von Grund aus gehoben worden sei, wird nicht leicht jemand bezweifeln, der unsere Kopien mit den Originalen zusammenhalten will. Aber die Kränklichkeit! – die wird man, fürchten wir, und vielleicht mit Recht, überall finden. Indessen, damit dieser, unserer treuen Begleiterin durch das Leben, auch nicht zur Last gelegt werde, woran sie keine Schuld hat, müssen wir ein Paar Anmerkungen vorausschicken. Diejenigen unter unsern Lesern, die ihre Begriffe von Hogarth nach einem gewissen Ruf, oder nach unsrer ersten Lieferung, formiert haben, werden sich vielleicht bei dieser zweiten etwas betrogen finden. Dieses ist nicht ganz unsere Schuld. Das Leben einer Buhlerin und einer Londonschen obendrein, von Hogarth dargestellt, verspricht allerdings sehr viel launigen Mutwillen. Wir dachten selbst so – ehmals. Es findet sich aber anders, und wir glauben mit Zuversicht behaupten zu können, daß unter allen seinen Werken von Wert, diese sechs Blätter gerade diejenigen sind, die die kleinste Quantität von eigentlich sogenannter lachenmachender Materie enthalten. Die Ursache fällt in die Augen; der Hauptgegenstand verträgt sich nicht damit. Denn die Geschichte eines unschuldigen Mägdchens, der Tochter armer aber rechtschaffener Eltern, die in London ihr Glück sucht, und aus Unerfahrenheit in das tiefste Verderben stürzt, ist wahrlich kein Gegenstand zum Lachen . Auch hatte Hogarth, bei aller seiner Munterkeit, viel zu viel Empfindung und Geschmack, eine daraus machen zu wollen; ja zu einem solchen Pasquill auf sich selbst und die menschliche Natur war er als Mensch, ich will nicht einmal sagen, als rechtschaffener Mann, schon nicht fähig. Wenn also der Erklärer dieser Blätter zuweilen sehr ernstlich spricht, und hier und da so gar in den Fehler zu verfallen scheint, den er in der Vorrede zur ersten Lieferung Herrn Ireland vorwarf, so ist dieses nicht Kränklichkeit gewesen. War sie es indessen, so wünscht er wenigstens aufrichtig, nie davon geheilt zu werden. Auch hofft er, wenn ihn sein Gefühl nicht ganz trügt, sich noch immer hierin von Herrn Ireland, wenigstens in modo, merklich unterschieden, und also seinem damaligen Urteil nicht widersprochen zu haben. Allein was er fürchtet, ist, daß er dieses Gefühl von Mitleid mit dem Hauptgegenstand, das ihn eigentlich nie verließ, bei der Beschreibung von Nebendingen, wo es nicht hätte herrschen sollen und dürfen, mehr gewaltsam erstickt, als ruhig abgelegt, und, anstatt ungezwungen zu lächeln, sich durch Kitzelung seiner selbst zu einer sehr unnatürlichen Lustigkeit gereizt hat. Er zeigt die Stellen nicht an, für welche er dieses besonders fürchtet. Der geschmackvolle Leser wird sie leicht von selbst finden. Dieses Versehen hat vielleicht seinen Grund in Kränklichkeit; vielleicht aber auch (und dieses sollte ihm sehr angenehm sein) bloß die Entschuldigung. Noch muß er ein Paar Worte, die er über eine bedenkliche Materie auf dem Herzen hat – nicht verlieren. Es kommen auf diesen Blättern einige seltsame Dinge vor. Dahin gehört z. B der Restaurations-Besen auf dem dritten und einiges (!) auf dem sechsten Blatt. So etwas erklären zu müssen, ist unstreitig, wo nicht gar eine gefährliche, doch sicherlich eine höchst unangenehme Lage für einen Erklärer von Gemälden. Der Maler, der sie unter dem Schutz der Vieldeutigkeit hinmalt, bekümmert sich um nichts. Denn fragt man ihn: aber wie in aller Welt hast du so etwas malen können? so kann er immer, selbst, während ihm die Röte der Überführung ins Gesicht steigt, antworten: wer sagt dir denn, daß ich das gemeint habe? Eine gemalte Zweideutigkeit also beharrt in ihrem Wesen, so lange sie gemalt bleibt, aber sie fährt sogleich als simple Zote aus, so bald der Beschwörer , ich meine der Erklärer seine Worte über sie spricht. Und hat denn endlich der arme Erklärer alles getan, was er konnte, Sorge und Mühe und Angst genug ausgestanden: so muß er sich doch wohl noch gefallen lassen, daß man am Ende so etwas von losem Vogel und oder gar etwas – von in der Haut , zum großen Dank hinter ihm drein murmelt. Das ist abscheulig. Indessen glauben wir doch, uns noch so ziemlich aus der Sache gezogen zu haben; nicht durch Überspringen , denn das ist gar nichts; auch nicht durch direktes Hinweisen , denn das wäre kein So ziemlich , sondern etwas sehr Unziemliches gewesen; sondern durch ein weises (sit venia verbo) Darumherumgehen und ein Hinwegsehen mit gesuchter Direktion . Wer in einer Gesellschaft von Frauenzimmern, immer nur Eine und ebendieselbe ansieht, verrät sich nicht um ein Haar mehr, als der, der nur immer Eine und ebendieselbe nicht ansieht. Das eine löst das Problem so gut als das andere. In der Algebra sind das längst bekannte Dinge. Auch dieser ganze Absatz unserer Vorrede steht nicht bloß hier als Entschuldigung, sondern auch als Erklärungsmittel für jene Stellen. Denn Unrat wird leicht gefunden, so bald man obiter weiß, wo welcher liegt. Übrigens danken wir dem Publikum für den Beifall sowohl, als die Erinnerungen, womit es die erste Lieferung beehrt hat. Von beiden soll gewiß der beste Gebrauch gemacht werden. Vor allen Dingen versichern wir, daß uns auch der größte Beifall nie zu Nachlässigkeiten verleiten soll, so wenig als der strengste Tadel zu Erbitterung. Es ist mit dem schriftstellerischen Beifall ohnehin bei uns eine eigene Sache, er gründet sich in den meisten Fällen mehr auf das menschenfreundliche Sprechen, und vielleicht noch öfter auf das menschenfreundliche Schweigen derer, die die Sache besser verstehen, als auf innern Wert. Wir haben indessen alles getan was wir konnten, vielleicht auch hier und da etwas aufgedeckt, was bisher übersehen worden ist, aber auch vermutlich sehr vieles geschrieben, was nur so lange einigen Wert behält, als Forster, Wendeborn, von Archenholtz, Küttner usw. schweigen. Einige Druckfehler die den Sinn verstellen, haben wir angezeigt, die übrigen, deren wir erst nach dem völligen Abdruck mehr gefunden haben, als wir erwartet hätten, wird der Leser gütig entschuldigen. Dahin gehört einigemal den statt dem, das statt daß, zeitich, geistich usw. Wichtiger werden vermutlich die gedruckten Fehler sein, die aber bekanntlich, der Autor mag sein Büchelchen drehen und wenden, wie er will, immer eine solche Lage annehmen, daß etwas zwischen sie und sein Auge zu liegen kömmt, das sie ihm verdeckt. So etwas zu sehen, gehört schlechterdings für Personen, die von der Seite stehen, an denen es auch gottlob, nie fehlt. Damit man aber einen Übereilungsfehler, der S. 773 in der 15ten Zeile von unten steht, und den wir erst nach dem Abdruck des Bogens, nicht ohne Lächeln entdeckt haben, nicht dahin rechne: so verbessern wir ihn hier. Es muß nämlich dort nach versteinert ein Punkt stehen, und dann die nächste Periode mit den Worten: Alles Luce etc. anfangen. So wie die Konstruktion jetzt dasteht, erinnert sie fast, wiewohl nicht unter so guten Umständen, an Shakespears Enter three witches solus . – Die nächste Lieferung wird, wann sie erscheint, das Meisterstück von satyrischer Laune, das Leben des Liederlichen in acht Blättern, gewiß enthalten. Die erste Platte ist bereits ihrer Vollendung nah. Göttingen den 18. April 1795. G.C.L. The Harlot's Progress Der Weg der Buhlerin Erste Platte Durch gegenwärtige sechs Blätter hat Hogarth hauptsächlich zuerst den großen Ruhm gegründet, den er, trotz aller Anfechtung von einer Menge jetzt vergeßner Menschen, immer ungeschwächt, ja selbst bis auf diese Stunde sogar ungeteilt, genossen hat. Der Beifall, mit welchem sie aufgenommen worden sind, ist unbeschreiblich. Er erhielt 1200 Subskribenten dazu; man hat sie zur Beherzigung auf Kaffee-Tassen gebracht und auf Sonnenfächern dargestellt, zur Beschauung bei der Hitze und zum Darunterwegschielen in der Not. Die witzigsten Köpfe der damaligen Zeit haben die handelnden Personen dieser Stücke zur Unterstützung ihrer unsterblichen Einfälle zitiert; Theophilus Cibber hat sie als Pantomime auf die Bühne gebracht, und andere haben selbst einzelne Begebenheiten in denselben zu Operetten ausgesponnen. Es war ihnen leichter, den Menschen in dieser untrüglichen Camera obscura nachzuzeichnen, als nach der Natur. Sehr natürlich. Es ist dieses leider recht das Prärogativ dieses papiernen Alters der Welt, daß, seitdem das Universum in den Buch- und Bilderhandel gekommen ist, Tausende von Schriftstellern und Künstlern für den direkten Strahl der Natur erblindet sind, die ganz gut sehen, so bald dieser Strahl von einem Bogen Papier reflektiert wird. Glücklich, wenn die Reflexion immer die erste, und das Blatt selbst immer so plan, so rein und so spiegelhell ist, als dieses, das uns unser großer Künstler hier vorhält. Das Werk ist überschrieben: The Harlot's Progress, Die Fortschritte der Buhlerin . Ich habe es in unserer Überschrift den Weg der Buhlerin genannt. Ich hoffe, daß in diesem sehr verständlichen Ausdruck die etwas biblische Form hinlänglich und gehörig ersetzt, was ihm, mit dem Englischen verglichen, an Präzision abgehen möchte. Es ist nicht das ganze Leben was Hogarth hier gibt, sondern nur jedesmal eine einzige Szene aus jeder Periode desselben, die sich durch auffallende Abstufung von der vorhergehenden unterscheidet. Mit reiner, selbst sanfter Unschuld seiner Heldin fängt er an, und endigt mit dem tiefsten Verderben. Dieses ist der Weg der Buhlerin. – Hier wenigstens! Die Heldin des Stücks ist die Tochter eines armen Dorfpredigers Eigentlich eines sogenannten Curate , eines von den armseligen Geschöpfen, die, wie selbst Johnson das Wort definiert, von einem andern gemietet werden, den Dienst statt ihrer zu versehn. – Die Seelen der Gemeinden sollen darunter gewöhnlich eben nicht leiden, (und das unterhält die Anordnung) hingegen der Leib des Konstituenten würde leiden, wenn die Einrichtung anders wäre. Ich habe diesen Konstituenten in der Folge einigemal den Rektor genannt, denn so heißen sie wirklich in vielen Fällen. Die Klage hierüber ist in England allgemein, und Hogarth mit seiner Satyre hier sehr richtig. in Yorkshire. Vater und Tochter sieht man beide auf dem ersten Blatt. Sie, im Vordergrunde, so eben von dem elenden Wagen abgestiegen, der sie, wie man aus dessen Aufschrift sieht, aus jener Provinz brachte, stehend; den Vater im Hintergrunde, nicht so wohl reitend als bloß zu Pferd. Wie das Mädchen da steht! Eine hohe Schönheit ist sie, wie man sieht, freilich nicht, Hogarth war kein Schönheits-Maler, auch ist er in seinem ganzen Leben, so viel ich weiß, nur von zwei Personen dafür gehalten worden, davon war die eine er selbst , und die andere seine selige Frau . Allein was dem Mädchen an hoher Schönheit abgeht, wird durch höhere Gesundheit, kindliche Simplizität und sanfte Unschuld mit großem Gewinn ersetzt. Ihr Anstand, wie man sieht, ist übrigens der einer derben, reinlichen, braven Dorf-Mamsell, aus der sich was machen ließe – und das geschieht auch. Der Knochenbau an ihr scheint in dem gröbern Dienst der Ceres und Pomona etwas in die Breite getrieben zu sein. Beim Einsammeln von Vergißmeinnicht, Maßliebchen, Veilchen, und der übrigen Busenblümchen der verliebten Schwärmerei wäre der Guß vielleicht feiner geraten. Indessen sie ist noch tief in ihren Zehnen , She is in her Teens , sagen die Engländer von einem Mädchen zwischen zwölf Jahren und zwanzig; weil die dazwischen fallenden sieben Zahlen sich alle in teen endigen: thir teen – nine teen (drei zehn – neun zehn .) Miss in her Teens ist ein bekanntes Schauspiel von Garrick. Man hält die Zeit, da die Mädchen anfangen zu zehnen , fast für gefährlicher als die, da sie anfangen zu zahnen . und wächst noch, auch gehört sicherlich vieles von dem Eckigten in ihrem Zuschnitt auf die Rechnung des Dorfschneiders. In ihrem Anzuge, so ländlich einfach wie ihr ganzes Wesen, ist indessen nicht die kleinste Lüge; nichts ist zu hoch auf, und nichts zu weit hervorgebaut. Hut und Schnürleibchen und Halstuch schützen und bewahren, was man ihnen anvertraut hat, mit Treue, ohne Prahlerei und mit dem kleinstmöglichen Aufwand, wie Bienenzellen. Im ersten keine unbesetzte Etagen, und im letzteren nichts von leerer Galerie. Das Gesichtchen, das unter ersterem ruht, spricht mit beredtem Stillschweigen, allgemein verständlich, und jedem offen, für sich, und bedarf keiner Erläuterung; über die letztern hingegen, wo bloß Konjekturen verstattet sind, hat Flora die fast überflüssige Bürgschaft geleistet, und ihr Röschen vorgesteckt: Jugendblüte mit Unschuld. Von da geht die Fortifikation abwärts in der gewöhnlichen Manier, mit drei- bis vierfachem Walle fort bis zu den parallelen Füßchen. Wenn der Kommandant sich nicht bestechen läßt, so ist von der Seite Hoffnung für die Kampagne. – An der Seite hängt ein Nadel-Küßchen und ein Scherchen, und von dem rechten Arme ein Bündelchen herab, vermutlich von der weinend scheidenden armen Mutter zuerst dahin gehängt, zur Beschäftigung unterwegs und zur Erquickung. Von der gänzlichen Resignation in der Haltung der Arme und von der Schüchternheit im Blick, gehört allerdings vieles auf die Rechnung des Widerscheins von der vornehmen Uhr der Staatsdame, mit welcher das gute Kind hier en rapport gesetzt ist. Wer Ihro Wohlgebornen sind, soll der Leser zu seiner Zeit erfahren. Noch haben wir es mit der Unschuld zu tun, und kommen daher gleich auf den armen Vater. Da sitzt er auf dem treuen Familien-Stück, einem erbarmungswürdigen Schimmel, Roucquet sagt: die englischen Geistlichen ritten gewöhnlich Schimmel. Also Schwarz auf Weiß . Da Roucquet mit Hogarth bekannt war, und dieser vermutlich um die Bemerkung gewußt haben muß, so ist es höchst wahrscheinlich, daß der launige Brite dem leichtgläubigen Franzosen die Schnurre aus Mutwillen aufgebunden hat. Dieses gibt zugleich eine mutmaßliche Probe ab, wie Hogarths Kommentar über seine Werke ausgefallen sein würde, wenn er einen hinterlassen hätte. der vermutlich nun schon seit sechszehn Jahren sein möglichstes getan hat (was freilich andere Geschöpfe Gottes besser tun könnten), den armen Reiter mit einer Frau und zehn lebendigen Kindern, bei einer Einnahme von 150 Talern netto in dem reichen Lande zu unterstützen, dem sie alle zugehören. Eine traurige Figur fürwahr! Das Leder an den Knien ist im schweren Dienste durchgekniet, und von der Natur nur so obenhin wieder geflickt. Die Form des Halses und die Stellung der Beine, die etwas von der Kuh und etwas von der Schnitzbank haben, machen die Sache um kein Haar besser. Auch kann man nicht sagen, daß das Pferd durch die Figur seines Reiters, wie wohl zuweilen geschieht, gehoben würde. Dieser ist selbst so was im Dienst der hohen Kirche , wie sein treuer, vierfüßiger Diener allenfalls in jedem hohen Marstalle sein würde. Auch er ist alt, steif, baufällig, und hat sich im schweren Dienst – (gerechter Himmel!) – durch gekniet , und eben so, wie sein Freund, nun wohl ohne Hoffnung auf ein weicheres Lager. Man sehe nur hin auf den lechzenden Mund und die Lichtblicke auf den Knöcheln der verdorrten Hand! Man erwartet in ihr eher die Sense des allgemeinen Freundes der lebenden Natur, als den Zügel. Er sitzt in seinem Amtshabite da, dem einzigen im Hause, der noch auf der Heerstraße auf den Respekt rechnen konnte, den man dem Stande der Unschuld unter demselben gewiß versagt haben würde; selbst die Beinkleider nicht ausgenommen. Sie sind sicherlich durchgekniet , und die hohe Stiefel-Kappe nicht bloß Zierde, sondern zugleich Schutz gegen Spott und gegen Lappenfraß. Alle Zierde in der Welt sollte so was sein: Decus et tutamen . Die abgeregnete, abgebleichte und abgekämmte Perücke ist hier von großer Bedeutung. Es war nicht schön von der Reformation, daß sie der Tonsur, die sich immer am Ende noch wohl selbst einmal hilft, die Perücke erlaubte, und doch der schwer zu ersetzenden Tonsur der Perücke selbst, wenn sie einmal eintritt, die Kapuze nahm, die alles gut gemacht hätte. In Deutschland hat man gar keinen Begriff von dem, was die Perücke des Geistlichen (The Clergyman's Wig) in England ist. Nicht? – Nein! O! wenn man mir viel widersprechen will, so sage ich gerade heraus, man weiß in Deutschland gar nicht was Perücken sind. Was wir haben, sind bloße Präparate von Perücken. Um kurz von der Sache zu kommen: in Rücksicht auf Würde und Eindruck sind sie dort völlig der Bart der Alten, nur daß die Haare auf der negativen Seite sitzen. Und der Form nach? Gut, ich will wenigstens die des Geistlichen beschreiben; in der Blüte versteht sich; Linneisch . Jedermann weiß wie die Zwiebeln blühen. Die Blümchen bilden, zusammen genommen, eine Art von Sphäre, die auf dem hohlen Zwiebel-Halm wie gespießt, hoch und fest sitzt. Nun denke man sich unter dem hohlen Halm den Hals, und von jener Sphäre so viel Blümchen von vornen weg als nötig ist eine Maske, und von oben so viel, als erfordert wird einen Hut aufzunehmen, jedoch ohne Maske und Hut, so hat man ganz die Gestalt und selbst die Farbe einer englischen Clergyman's Wig . Ich weiß nicht, ob es verwirrte Phantasie oder sonst eine Metastase von Dichtergabe bei mir ist, aber ich habe oft, bei schönen Sommerabenden, wenn ich die hohlen und mageren Halmen nicht mehr deutlich sehen konnte, mich unmöglich enthalten können, ein blühendes Zwiebelfeld für einen englischen Kirchen-Konvent zu halten. Nun werfe man noch einen letzten Blick auf das beregnete Schaf-Fell unsers Armen , dort auf dem Schimmel. Hogarth spricht hier zum Herzen, und der Himmel behüte, daß wir dem kleinsten Zug, der dorthin führt, eine andere Richtung geben sollten! Er redet, sage ich, gerade hin zu dem Herzen derer in der Welt, die wissen, was es dem Redlichen für ein Bürsten und Reiben und Kämmen kostet, ehe er dahin kömmt, immer unverschuldet, nicht einmal öffentlich die armseligsten Insignien seines Standes und Ordens aufstellen zu können; des Ordens, dem er, vor den Augen des ewigen Richters oft wohl mehr Ehre machen mag, als der zeitige Kommandeur. Es ist hier Ernst, teuerster Leser, und deswegen bitte ich dich noch um einen Augenblick. O! ritte doch einmal diese Toden-Figur , in lustiger Gestalt, wie Lenorens Wilhelm beim Gattertor, an der Decke des Saals hin, wo der Bischof oder der Rektor ihr Te Deum – schmausen , oder sprengte auf der Schnitzbank über den Weg, wo sie es in einer Kutsche mit flüchtigen Vieren, rennen ; und sähen in diesem Bilde den Mann, ihres Fleisches, ihres Blutes, ihres Ordens (ihrer Perücke könnte man sagen), der sein Te Deum bei größerm Verdienst sein ganzes Leben durch hungern mußte; es würde besser werden mit der armen Geistlichkeit in dem reichen England. – Doch das ist Poesie . Weg damit – in diesen Tagen. Mit der Poesie versteht sich; denn bei dem armen Pastor und seiner Tochter müssen wir noch einen Augenblick verweilen. Der Alte hat sie, als das erste unter seinen Kindern, das Gangbarkeit für die Welt von der Natur erhielt, nach der Stadt begleitet, Sie auf dem Karren, und Er – auf dem armen Schimmel: er wählte zwischen zwei Stoßmaschinen, und wählte für sich die wohlfeilste, nicht die bequemste. Sie kommen beide so eben in der Glocke (the Bell-Inn) in Woodstreet, einem bekannten Wirtshause an. Der Alte liest die Adresse eines Empfehlungs-Schreibens: To the Right Reverend Bishop – London (An den Hochwürdigen in Gott andächtigen Bischof – London) . Ein Empfehlungsschreiben, das treffen kann, wenn es nicht blind geladen ist. Er hat die Brille nicht bei sich, und studiert mühsam an der Adresse. Diesen Augenblick macht sich der Schimmel zu Nutz, nachzuholen, was er unterwegs versäumt hat, und greift gierig nach dem Packstroh von irdenem Geschirre, das hier zum Verkauf steht. Blumentöpfe, Schüsseln und Pfannen, und was es sonst sein mag, alles leer , stürzt darüber dem Hungernden entgegen. Sehr ominös! Vermutlich wird, wenn es hierüber zur Sprache kömmt, die Rechnung für leere Schüsseln sehr viel mehr betragen, als manche volle unterwegs gekostet haben würde, die man verweigert hat, und als die ganze Ersparnis bei der Stoßmaschine, und als, (die Hoffnungen abgerechnet), der ganze Wert des Briefchens an den in Gott Andächtigen ! Doch wir müssen weg von dieser Jammerszene, es ist noch viel zu tun. Lebe also wohl, du armes Paar, wir sehen uns so bald nicht wieder. Leide noch einige Zeit mit Geduld die wenigen Stöße deines gemeinschaftlichen Schicksals, die noch zurück sein können, bis zu dem großen Gnadenstoße der Natur hin, der allem ein Ende macht. Er wird dir zugleich, guter Alter, den Anblick des unaussprechlichsten Jammers ersparen, der deiner lieben Maria wartet. Noch weißt du es nicht, daß der Zug, den du da von York her mit deinem treuen Diener anführtest, ein Leichenzug war, durch den die Tugend, und folglich die Glückseligkeit deiner Tochter zum schrecklichsten Grabe gebracht wird! Und du, treuer Schimmel, in dessen Seite ich so eben gleich hinter dem Sporn deines Reiters, ein Fleckchen von Wichtigkeit erblicke, das dem Künstler nur einen Druck mit dem Griffel, aber dir dein teures Blut gekostet hat, glaube mir, ich habe bei der Entdeckung dreifach für dich gefühlt. Es war mir leid, so kurz vor unserm Scheiden, noch diese Konjunktion zwischen dir und deinem Herrn zu entdecken. Aber tröste dich. Die Gleichheit zwischen euch ist dennoch sehr viel größer, als du denkst. Auch er hatte sein ganzes Leben hindurch einen unbarmherzigern Reiter als du, und es würde dem Künstler mehr als einen Strich gekostet haben, die Narben darzustellen, die das arme Opfer hier jetzt mit der geistlichen Copri-Miseria Copri-miseria , Jammer-Deckel, der bedeutungsvolle Name einer Art Überröcke ( weltlicher versteht sich) in Italien. bedeckt. Unsere Heldin, das gute, ehrliche Dorf-Mägdchen, steigt also, aus Yorkshire kommend, in London, im Wirtshause zur Glocke ab. Das gesunde Land-Pflänzchen wird aus seinem nativen Erdreich in den unermeßlichen Garten verpflanzt, mitten unter Düngsalze und Insekten, die man in Yorkshire nicht kennt, von tausendfacher Form; Sie gerät auch, unglückseliger Weise, sogleich auf eines der infamsten Beete, weit und breit. Noch ehe sie wurzeln kann, bringt ihr das Insekt, (ich rede hier von Ihro Wohlgebornen mit der vornehmen Uhr,) den giftigen Stich bei, der ihren geraden Schuß, für diese Zeitlichkeit wenigstens, auf immer verderben wird. Dieses hängt so zusammen: Hogarth läßt das Mägdchen aus Yorkshire kommen. Warum aus Yorkshire? Der Künstler und Schriftsteller für die Nachwelt, tut keinen Strich ohne Bedeutung. Yorkshire liefert (ich rede hier mit dem Statistiker) die schönsten Mägdchen; von Pferden wissen sie es schon. Und der Wagen, mit den ärmsten, nicht gerade häßlichsten dieser Geschöpfe beladen, kehrt wöchentlich in der Glocke in Woodstreet ein, oder spricht da wenigstens an. Dieses ist die Szene. Zur weitern Ausmalung derselben nur noch ein Paar Worte. Über der Haustüre sieht man das geschachte Feld. Was es bedeute, ist oft ein Zankapfel auch noch neuerlich in englischen Monatsschriften gewesen. Der Streit scheint aber nun entschieden. Es ist das Zeichen, das alle Häuser, worin starke Getränke geschenkt werden, notwendig führen müssen . Die Familie Warren , die ein so geschachtes Feld im Wappen führt, hat nämlich bis diese Stunde, ein ausschließendes Recht, Freiheit zu einem solchen Schank zu erteilen, und es ist herkömmlich, zur Erleichterung der Taxensammler dieses Wappen-Feld über die Tür und an die Türpfosten groß malen zu lassen, damit sie die Häuser, selbst in der Ferne, erkennen können. Die neueste Untersuchung hierüber befindet sich im Gentleman's Magazine. Sept. 1794. S. 797. Es kömmt in den Werken unsers Künstlers verschiedentlich vor, so wie die Menschen, die in solchen Häusern gewöhnlich angetroffen werden. Der Hof des Hauses liegt, wie man sieht, in einem elenden Winkel. Wenn auch in der Nachbarschaft Häuser stehen, die eine gute Seite haben, so zeigen sie diesem Platze wenigstens nicht die respektabelsten. Das Haus zum Beispiel, linker Hand, mit der Galerie, könnte seinem Nachbar nicht leicht etwas Schlechteres weisen. Auf der Galerie, die im Vorbeigehn zu merken, teils auf Pfosten steht , teils an Stangen hängt , sieht man zwei umgestülpte Töpfe. Es scheint dieses ihr gewöhnlicher Aufenthalt am Tage zu sein, frische Luft da zu schöpfen; des Nachts ziehen sie sich zum Dienst der Familien, deren Zahl da oben also zugleich durch sie bezeichnet wird, gehörig zurück. Auf dem ausgespannten Seile hängt Wäsche oder etwas, was diesen Morgen im Wasser war, ob zu künftigem Gebrauch am Leibe, oder bloß in limbo der Papiermühle, ist von einem Stück wenigstens nicht wohl auszumachen. Das Mägdchen, das da oben herabsieht, hält, wo nicht ein Paar Stiefel, wenigstens ein Paar Steifstrümpfe, die mit Wasser stark versetzt zu sein scheinen. Es soll vermutlich etwas abfließen, und sie scheint, diesem Tropfbade für die Vorübergehenden mit Hoffnung eines guten Erfolgs zuzusehen. In diese elende Winkelschenke hat sich, alles dieses Elendes ungeachtet, der Mann begeben, den man mit etwas verschobenen Waden in der Haustüre stehen sieht. Schon der Umstand, daß er einen Diener mit einem Haarbeutel hinter sich stehen hat, und zwar einen, wie man sieht, ergebensten , läßt nichts Geringes vermuten. Er ist auch bloß hieher gekommen, um den Wagen mit Yorkshirschen Mägdchen abzuwarten, und den Vorkauf beim Ausladen zu haben. Außer dem Trabanten hinter sich, mit dem Haarbeutel, hat er auch noch eine Staatsdame mit dem cul de Paris, vor sich, die offenbar zu ihm gehört. Wer mag der Mann sein? Dieses soll nun der Leser umständlich erfahren. Der Mann da mit einem Fuße im Hofe und mit dem anderen noch im Hause; die linke Hand auf einen Stock gestützt und mit der rechten in einem Privatgeschäfte begriffen, ist der berüchtigte Obrist Charters . Wer da weiß mit welcher Leichtigkeit Hogarth Gesichter und Formen traf, den muß es freuen, auf diesem Blatt die Physiognomie und die Figur eines der größten Schurken aufbewahrt zu sehen, die der Grabstichel je verewigt hat. Es kommen in unserm Drama unter den handelnden Personen zwei vor, die beide am Galgen gestorben sind, aber dieser Mensch ist nicht darunter; nicht als wenn er minder hängenswert gewesen wäre. Nichts in der Welt weniger. Er wurde bloß deswegen nicht aufgeknüpft, weil er zu den unzähligen Betrugskünsten, die zum Galgen führen, und worin er Meister war, noch sehr weislich die hinzustudiert hatte, selbst den Galgen um seine Gebühren zu schnellen . Nie ist wohl ein Galgen mehr beeinträchtigt worden, als an dem Tage, da diese Bestie auf dem Bette starb. Denjenigen unter unsern Lesern, die mit Pope, Swift, Arbuthnot, und überhaupt den klassischen Schriftstellern der Engländer aus der damaligen Zeit bekannt sind, oder die ein Vergnügen darin gefunden haben, den Geist und Charakter dieses großen Volks auch in den Monstrositäten zu studieren, die ihre Kriminalgerichtshöfe jährlich aufstellen, werden wir hier nichts Neues sagen. Gauner , Hurenjäger , Schurke und Obrist Charters hieß gleichviel. Pope, um geschwind von der Sache zu kommen, sagt gar einmal Charters and the Devil Moral Essays. Ep. III. v. 20. Charters und der Teufel . Das klingt fast wie Compagniehandel. Sie hatten auch so was von Verkehr mit einander, wie in unsern Tagen wiederum ein Chartres Herzog von Orleans , vorher Duc de Chartres – Nomen et Omen. Man erinnere sich an den Herzog Regenten. Der nannte sich selbst einen roué , er starb aber bloß rouable , so wie sein Namens-Vetter in England bloß pendable gestorben ist. in Frankreich mit eben jenem warmen Comtoir hatte, und ich glaube es hätte dem Teufel keine Schande gemacht, einige seiner neusten Briefe auf Nantes und Bourdeaux mit: Gebrüder Chartres und Comp. zu zeichnen. Nun zur nähern Schilderung dieses Geschöpfs. Wir wollen mit der Note zu jener Stelle aus Popen den Anfang machen; mit kalter Prose. Franziskus Charters ein Mann, der wegen aller Arten von Laster infam war. Als Fähndrich wurde er einer Betrügerei wegen vom Regiment gejagt, (drummed out of the Regiment) hinaus getrommelt . Bald darauf jagte man ihn aus Brüssel ähnlicher Vergehungen wegen, und trommelte ihn endlich aus gleichen Ursachen aus Gent hinaus. Nach hunderterlei Betrügereien beim Spieltische, fing er endlich an, Geld gegen unerhörte Interessen auszuleihen, forderte große Strafgelder, wenn etwas nicht so richtig fiel, wie es sollte, und Prämien für den geleisteten Dienst. Diese Interessen, Strafgelder und Prämien schlug er wieder zusammen zu einem neuen Kapital, und wenn endlich der Zahltermin eintrat: so griff er auf die Stunde zu. Durch diese unermüdete Aufmerksamkeit auf die Laster sowohl als die Bedürfnisse und Torheiten seiner Nebenmenschen, erwarb er sich ein unermeßliches Vermögen. Man schätzte seine jährliche Einnahme auf mehr als 60000 Rtr. Sein Haus war ein beständiges Bordell. Zweimal wurde er wegen Notzucht angeklagt, auch schuldig befunden, aber pardoniert. Bei einem dritten Prozesse von gleicher Beschaffenheit, kam er nicht so leicht weg, er mußte in Newgate sitzen, und große Summen bezahlen. Er starb 1731 in seinem 62sten Jahr. Bei seinem Leichenbegängnisse erregte das Volk einen großen Aufstand. Es wollte den Leichnam aus dem Sarge reißen, und schmiß endlich tode Hunde zu ihm in das Grab. Die vortreffliche Grabschrift, womit der berühmte D. Arbuthnot dieses Ungeheuer aus der Welt hinaus in eine infamierende Unsterblichkeit getrommelt hat (denn getrommelt wird wirklich ein wenig dabei) ist freilich sehr bekannt, aber mancher Leser wegen steht sie, dünkt mich, hier nicht am unrechten Ort. Die Übersetzung ist in einigen wenigen Stellen nicht ganz wörtlich: Hier setzt sein im Leben schon angefangenes Faulen weiter fort FRANCISCUS CHARTERS, der mit nicht zu beugender Beständigkeit und nur von ihm allein je erreichter Gleichförmigkeit des Lebens, trotz Alter und Schwächlichkeit, in stäter Ausübung jeden Lasters beharrte, dessen der Mensch fähig ist, Verschwendung und Heuchelei allein ausgenommen. Vor jener sicherte Ihn unersättlicher Geiz , vor dieser Unverschämtheit ohne gleiche . So einzig er durch unwandelbare Verderbtheit der Sitten war, so glücklich war er in Aufhäufung von Reichtum . Denn ohne Handel , ohne eigentliches Gewerbe , ohne Verwaltung öffentlichen Geldes , und ohne eine der Bestechung werte Stelle im Staate, erwarb er sich, oder vielmehr, erschuf er sich das Vermögen eines Fürsten . Er war der einzige Mensch seiner Zeit der zu betrügen wußte, ohne die Maske der Ehrbarkeit, und der seine ursprüngliche Niederträchtigkeit noch beibehielt, als er schon Herr war von 60000 Talern des Jahres; der täglich des Galgens würdig, für das, was er wirklich tat , endlich dazu verdammt wurde für etwas, was er nicht tun konnte. Die Erklärung dieser Stelle wird mir der gütige Leser schenken. Die Einleitung zu der Grabschrift enthält bereits, was zum Verständnis derselben nötig ist. Der du dieses mit gerechtem Unwillen liesest, Wanderer , denke nicht, daß sein Leben für dich unnütz war. Die Vorsicht ließ die verruchten Kniffe dieses Scheusals zu, künftigen Zeitaltern deutlich Beweis und Beispiel zu geben: wie gänzlich nichts unermeßlicher Reichtum in den Augen des ALLMAECHTIGEN ist, da er ihn einem Manne gewährte, der vielleicht der größte Schurke war, seitdem die Welt steht . Nun das heiße ich einmal eine Grabschrift. Sit tibi terra levis, Charters, mit deinen toden Hunden! Es ist wahr, es wird hier, wie wir schon erinnert haben, etwas getrommelt . Wenn man aber den großen und gesetzten Charakter des Dr. Arbuthnot dabei betrachtet, dessen Schriftstellerei nichts weniger als ein Phrascs-Handel war, so verliert das Zeugnis durch seine poetische Form nichts von seiner Kraft, und hat den Wert von Prose. Warum man solche Grabschriften nicht auf Kirchhöfen liest? Fürwahr wenn man auf einem Kirchhofe spazieren geht und da die steinernen Empfangscheine liest, die unser aller Mutter gegen vernagelte Kisten ausstellt, die man bei ihr deponiert hat; so kann man nicht anders als glauben, daß sie entweder eine sehr reiche und gute Mutter sein müsse, die willens sei, dereinst die Defekte aus ihren eigenen Mitteln zu erstatten, oder eine sehr einfältige, die sich von manchem Trauerhause ganz erbärmlich schnellen läßt. Ich muß gestehen, daß ich beim Lesen der Grabsteine nicht selten in die Verlegenheit geraten bin, kaum zu wissen, welches denn nun eigentlich die Seite der Herrlichkeit sei. Denn wahrlich! keine glücklichere Welt als die, in welche die Gräber alles ohne den kleinsten Rabatt liefern müßten, was sie da, laut Quittung, empfangen haben, oder die, in welcher alles, was nicht gehenkt wird, solches Probe-Gut wirklich wäre, als aus derselben hieher abgeliefert worden sein soll. Nun nur noch ein Paar Zeilen des Tout comme chez nous wegen: Einige Tage nach Charters Tod soll, wie man sagt, in der Edinburger Zeitung hinten, mitten unter den Steckbriefchen, die man über Diebe, neue Bücher und Universal-Arzneien, ausstellt, um den Leser aufzumuntern, teils zu fangen, teils sich selbst fangen zu lassen, folgender rührende Artikel gestanden haben: Stennihill bei Edinburgh den 22. Mai 1732. So werden Ort und Sterbetag in dem Gentleman's Magazine von jenem Jahre angegeben, und nicht wie oben, 1731. »Gestern abend zwischen 5 und 6 Uhr, vertauschte unser teuerster Gemahl und Vater, der Wohlselige Herr Obrist Wie ein ausgetrommelter pendabler Fähndrich noch als pendabler Obrist habe sterben können, ist nur von einem solchen Tausendkünstler begreiflich. Franziskus Charters von Amsfield, in einem Alter von 62 Jahren, nach einer gänzlichen Entkräftung sein mühseliges aber tatenvolles Leben, mit der frohen Ewigkeit. Religion und Vaterland beweinen in ihm einen tapfern Verfechter, der Waise einen gütigen Vater, und das Armut einen unermüdeten Wohltäter. Diesen schweren Schlag, der die Provinz in Trauer hüllt, fühlt niemand tiefer als wir, seine tiefgebeugten Erben. Überzeugt von dem Anteil, den nicht bloß unsere Freunde, sondern die Welt an diesem Verlust nimmt, verbitten wir uns alle Kondolenz. Helena Charters N. Charters, Gräfin von Weems.« Dieser Charters, 60000 Taler Revenüen schwer, begibt sich in diesen schmutzigen Winkel, bloß um die Mägdchen-Post aus Yorkshire abzuwarten. Der Kerl hinter ihm ist ein gewisser John Gourlay, den Charters meistens um sich hatte, besonders bei Gelegenheiten, wo etwas fürs Haus angeschafft werden sollte, eine Art von Spürhund. Um die Lippen dieses edeln Paares schwebt etwas, nicht sowohl Kosendes , als wirklich Kostendes , von so ekelhafter Wirkung, daß es allein schon die Hand jedes braven, ehrliebenden Kerls reizen könnte, sich in geballter Form mit beschleunigter Bewegung, ohne weitere Untersuchung, darauf zu legen. Sie trauen indessen auch ihrer eigenen Figur, der Unschuld gegenüber, nicht, und haben zwischen sich und selbst dieses arme, unerfahrene Dorfmägdchen, ein Aneignungsmittelchen einzuschieben für nötig erachtet. Dieses sind Ihro Wohlgebornen , ein alter, abgefeimter Lockvogel, der sonst eigentlich bloß Zotenliedchen pfeift, aber doch noch bei solchen Gelegenheiten den nativen, ländlichen Waldton anzustimmen weiß, um den freien Flug der Vögelchen des Himmels, nach Londonschen Käfigen hinzuleiten. Ein berüchtigtes Weib, nicht gehenkt, aber eines Todes gestorben, der an Schimpflichkeit nur um ein kleines Paar Stufen geringer war, als der Galgentod , aber in jeder andern Rücksicht sehr viel empfindlicher. Es ist nämlich das Porträt einer in jenen Tagen allgemein gekannten und verabscheuten Madam Needham, gemeiniglich Mother Needham , (Mutter Needham) genannt. Sie unterhielt ein liederliches Haus in Park place , einer Sackgasse, wo ich nicht irre, die auf St. James's street , eine der Hauptstraßen der Stadt stößt. Mutter hieß sie vermutlich, weil ihr die Tugend und die Ehre ihrer Zöglinge so sehr am Herzen lag, als ihre eigene . Auch diese hat Pope verewigt. Dunciad. I. v. 323. Er nennt sie die fromme Needham. Eine Kupplerin und Hurenwirtin aus bloßer Ironie fromm zu nennen, wäre ein viel zu alltäglicher Spaß gewesen für einen so witzigen Mann. Nein! sie war wirklich fromm ; und trieb die Frömmigkeit, so wie sie von Tausenden getrieben wird, richtig, nach der Uhr. Sie wusch sich jeden Morgen und Abend durch Gebete, nach den besten Rezepten, und alle Sonntage hatte sie große Wäsche ; die übrige Zeit war sie auf dem Comtoir oder sonst in Geschäften. Vielleicht wird man glauben, sie wäre eine Betschwester gewesen. So etwas würde Popens Einfall noch mehr herabsetzen, denn was ist alltäglicher als Hurenwirtinnen die Betschwestern sind? Nein! Sie soll wirklich bei ihrem Gebete zuweilen gedacht haben, und das ist differentia specifica , und so wird der Einfall Popens würdig. Man merkt nämlich ausdrücklich von ihr an, daß sie oft weinend den Himmel angefleht habe: Ihr Gewerbe doch – zu – segnen, damit sie – dereinst von solcher Schande befreit, – ihm ganz im Geist und in der Wahrheit – dienen können möge. War das eine Betschwester ? Indessen diese wohlgemeinte Bitte wurde ihr vom Himmel abgeschlagen . Sie wurde ergriffen, an den Pranger gestellt, und schon beim zweiten Male (dreimal sollte sie die Operation aushalten) von dem Pöbel, einem ganz analogen Sprichworte gemäß, »Ich liebe den Verrat und hasse den Verräter« so mißhandelt, daß sie starb , ehe es zum dritten Versuch kam. – Das ist doch wohl mehr als gehenkt. Hier steht Sie. Freilich stark verwittert, der Bewurf fängt an abzufallen, so wie an der Wand des Wirtshauses, die ihrem Kopfe, bedeutungsvoll, zum Grunde dient. Indessen den noch übrigen Reizen die Flucht möglichst zu erschweren, hat sie die Haupt-Schlupflöcher, durch die sie zu entwischen pflegen, mit Pflästerchen verklebt, und die verblichenen vermutlich aufgefrischt. Ich kann mich irren, aber so oft ich diese Nase ansehe, so kann ich mich unmöglich enthalten, an Brillenzwang und Schnupftabak zu denken. Übrigens sieht man wohl, daß das Gesichtchen, zumal der allerliebste Mund, alles mögliche tut, die abschreckenden Spuren zu maskieren, die eine fünfzigjährige Praxis in mancher Gegend zurückgelassen hat. Um ihr Herz, dem des armen Mägdchens durch die Fingerspitzen näher zu bringen, hat sie den Handschuh ausgezogen, denn die oratorische Figur, womit dieses hier geschieht, wirkt nicht durch Kalbfell. Und so sinkt dann das arme Vögelchen in magnetischen Schlaf, während dessen man es in den Käfig einer vermeintlichen Staatsdame steckt, der aber ein Hintertürchen nach Charters Hecke hat, und so ist – alles und alles verloren! – Und auch dieses geschieht während unser guter Alter über dem Studium einer Adresse das Absteigen vergißt. Also auch da wird auf Rechnung des armen Teufels zerbrechliche Ware – umgeworfen, die kein Bistum je wieder leimen wird. So viel vermag ein Recommendations-Schreiben! So viel von dem wesentlichen Inhalt dieser ersten Szene . Nun noch einiges von der Ausstaffierung. Rechter Hand unten im Winkel, steht ein ganz beträchtlicher Koffer mit M. H. auf dem Deckel gezeichnet. Er enthält des Mägdchens Aussteuer bei dieser ihrer Vermählung mit – der Schande und dem Verderben . Hogarth hat nämlich seine Heldin mit einer Art von Gnadenwahl, die nichts in der Welt rechtfertigen kann, den Namen Mary Hackabout gegeben, der nicht so wohl ihren Charakter, als ihr künftiges Schicksal ausdrückt. Das hätte er bleiben lassen sollen. Das englische Zeitwort to hack drückt, von einem weiblichen Geschöpf gebraucht, allen nur möglichen Schimpf aus, womit es belegt werden kann. Mamsell Maria Jedermanns ist noch die gelindeste Übersetzung, wenigstens frei von den häßlichen Nebenbegriffen, die von dem englischen Worte schwer abzuhalten sind; unter die sich sogar die von Sattel und Zeug mischen sollen. Wozu soll dieses bei einem solchen Werke der Kunst? Und wenn das Mägdchen Hackabout hieß, wie hieß denn der arme, unschuldige Vater? Es macht fürwahr dem Geschmack der Deutschen Ehre, daß sie dergleichen Verrätereien der Dichter an ihren Helden gar nicht, oder wenigstens mit Widerwillen dulden. Wehe auch dem Schriftsteller; der seinen Helden, um ihnen Aufmerksamkeit zu verschaffen, ein Titelchen kaufen muß. Hogarth hatte dieses am allerwenigsten nötig. Er setzt die Geschichte des Mägdchens so durch, und schildert ihr Leben so deutlich, daß man sie am Ende für ein Hackabout Kate Hackabout , Käthe Hackabout , war ein um das Jahr 1730 berüchtigtes öffentliches Mensch. Man weiß von ihr nur, daß sie ihrer öffentlichen Aufführung wegen festgesetzt, und ihr Bruder um dieselbe Zeit gehenkt worden ist. halten würde, und wenn der Sattler die Susanna selbst auf den Koffer genagelt hätte. Und so, dünkt mich, ist es recht. Lateinisch, griechisch oder hebräisch gehen dergleichen Namen noch wohl durch, man hat sich da an ihre Bedeutung gewöhnt, so wie an die von Doktor und Magister , die nunmehr, hier und da, den Wert von Taufnamen zu erhalten anfangen. Die Theophilie manches Theophilus steht auf gleichem Fuße mit der Gebenedeitheit des eingefleischten Benedictus – Spinoza. Pandemchen Vom Griechischen πανδημος, was alles Volks ist . Selbst die, die der Name trifft, werden ihr Schicksal erträglicher finden, wenn sie erfahren, daß es sogar eine Venus Pandemos gab, so gut wie eine Venus Urania. Entschuldigungen gewährt die neue Mythologie, unstreitig die richtige, noch mehr. wäre vielleicht, wenn Hogarth denn doch seine Absicht hätte verraten wollen, der schicklichste Name gewesen. Der Name steht, so viel ich weiß, in keinem Kalender – es müßte ein Frauenzimmer-Kalender sein, und die lese ich nicht. Gleich neben dem Koffer liegt eine arme Gans, fast stranguliert durch die Adresse um den Hals, (ungefähr wie der arme Prediger zu Pferd durch die seinige). Sie heißt: To my lofing Cosen in Tems-stret in London. (An meinen liwen Fetter in der Tems-Gase). Neue Orthographie mit ältlicher Unbesonnenheit in schwesterlicher Verbindung, wie gewöhnlich. Wo soll nun dieses Pandemchen eigentlich hin? Denn in Thamesstreet, einer der tobendsten und wimmelndsten Straßen in London, wohnen die liwen Fetter , die unadressierte Gänse mit Herz und Mund willig annehmen, zu Tausenden beisammen. Das arme Tier ist also gerade so adressiert, wie du gutes Mariechen, und vermutlich deine armen Yorkshirschen Reise-Gefährtinnen dort in dem Wagen, die noch weiter wollen, und denen es an liwen Fettern , auch nicht fehlen wird! Noch liegt da auf der Erde eine verpackte Kiste mit einer Adresse. Wir erwähnen ihrer bloß, um dem Leser zu sagen, daß die Adresse auf dem Original eben so vorsätzlich unleserlich ist als hier. Es ist also bloß etwas Allgemeines, was bei dergleichen Gelegenheiten immer vorkömmt, z.B. eine Kiste, die die Erfüllung ihres cito , citissime mit Geduld tagelang abwartet, bis endlich ein treuer Wagen-Knecht, der nicht lesen kann , oder ein schlauer Dieb, der sich nicht darauf einläßt, die Besorgung übernimmt. Zweite Platte Höher als hier, steigt Pandemchen nicht. Es ist ihr silbernes Alter; Teetisch, Teekessel, und was nicht sonst noch alles, ist von diesem Metall. Ihre goldene Zeit verlebte sie in Yorkshire, – ohne Gold; die silberne in London unter Silber, und das ist sehr viel mehr wert – für ein junges Mädchen. Und wie viele Männer denken besser? O liebe, güldne Zeit, es würde um deinen Kredit in der Welt sehr viel besser stehen, wenn du den Deinigen nur ein einziges Mal jetzt mit etwas Klingenderem zahlen wolltest, als mit Philosophen-Assignaten und Papier-Geld. Die Löwen wollen leider! mit deinen Sitten-Lämmchen nicht mehr spielen, und dein Sitten-Gold ist, weißt du das wohl? zu Rechenpfennigen geworden! Von Charters vielleicht weggeworfen (denn bei dem hatten die Mägdchen das Schicksal von Spielkarten an großen Pharao-Bänken; es war bald vorbei, aber dafür kamen sie auch für neu wieder an andere), hat sie nun ein reicher Sünder aus dem alten Testamente an sich geschachert . Sie erscheint hier als die Mätresse eines Juden aus dem Portugiesischen Tempel. Er unterhält sie, wie man sieht, mit Judenpracht; alles ein wenig reich, ein wenig schwer, auch mit unter, so wie das Mägdchen, ein wenig aus der zweiten Hand, aber immer unter Brüdern was wert. Doch hiervon in der Folge. Ehre dem Ehre gebührt. Molly Hackabout also voran. Man vergleiche ums Himmels willen, diese Figur mit dem Schnitzbilde auf dem ersten Blatt. Wie geschwind nicht aus Füßen Füßchen werden können, auf Londonschem Glatt-Eise ! Dort sind sie, wie das – langsame – treue – schwere und gute Tier, das fette Möpschen, alles parallel, gleichgültig für Ruhe und Bewegung. Hier, ob sie gleich sitzt, ist sie nicht das lebendige Bild der Mobilität? Das Windhündchen, wie aus Email geschmolzen, das auf drei Beinchen mehr schwebt, als steht, und die Kraft, die es nicht verlaufen kann, wenigstens verzittert ; immer geteilt zwischen Luft und Erde? Und ihr Gesicht! Ist das Karikatur? – Wie? O! noch immer nennt man dich den Karikatur-Maler, guter Hogarth, dich Seelenmaler, aber tröste dich. Die dich so verkennen, sind sehr gewöhnliche Menschen. Ein griechisches Stein -Gesicht mit blinden Augäpfeln nach irgend einem verheimlichten Müsterchen, aus Tuschschälchen mühsam zusammen zu lecken, verstundest Du wohl so gut als sie, und wie es hundert deiner Landsleute verstunden, die alle vergessen sind, während Du bleibst und bleiben wirst . Von Hogarths Künstler-Charakter wird umständlich in dessen Leben gehandelt werden. Die Bemerkung im Text trifft nicht den gefühlvollen Bewunderer und Nachahmer der Antike oder der unsterblichen Werke Raffaels, Domenichinos, da Vincis, Guidos usw., sondern nur das Heer von Schönheits-Schwätzern und Sudlern , die ein ekelhafter Connoisseur-Schnupfen entweder im Belvedere selbst gefangen oder gar bloß von daher überliefert, für alle wahre Kenntnis von Kunst und menschlicher Natur auf immer verdorben hat. Ich habe auf das Gesichtchen aufmerksam gemacht. Um es durchaus zu verstehen, wollen wir diese ganze Szene erst in einem flüchtigen Umrisse geben, und dann ausmalen. Das Mägdchen ist die Mätresse dieses Israeliten, der ihr, weit von seinem Comtoir, und vielleicht seiner rechtschaffenen Frau, ein Zimmer gemietet hat, in welchem er ihr, nach Befinden der Umstände, die Visite machen kann, zu jeder Stunde des Tages, den Tag zu 24 Stunden gerechnet. Diesen Morgen ist er zum Frühstück vorgefahren. Gefahren sicherlich, denn eine solche Perücke, solche Rockärmel und einen solchen Chapeau bas zu Fuß dulden die Straßenjungen aus dem neuen Testament in London schlechterdings nicht. Alles, was zu London zu Fuß so prangen will, stellt sich an einen Pranger , zumal in dem geschäftigen Teile der Stadt. Allein der betrogene Betrüger kömmt zu früh. Man hatte Sicht , wo nicht verlangt, doch wenigstens erwartet, und so endigt sich diese Präsentation mit einem Protest . Es steht mit der Kasse erbärmlich. Ein Liebhaber, den man die Nacht bei sich hatte, ist noch vorhanden, und muß erst gewechselt werden, ehe man es wenigstens nur wagen darf, von Zahlung zu sprechen. Dort hinten schleicht er, nur kaum nicht hosenlos , nach der Türe, die sich noch dazu gerade nach der bösen Seite öffnet, unter dem Schutz eines Kammermägdchens, die, aus dem Munde zu schließen, noch nicht sehr geübt scheint. Um diesen Rückzug nun zu decken (eine Kunst, die die größten Feldherrn fast für noch einmal so schwer gehalten haben, als zu siegen ), läßt Molly ihre ganze Artillerie spielen, und sprengt sogar eine Mine . Vermutlich leitete sie die Unterredung auf so etwas wie debet und credit , und in dem Augenblick da der Jude auf dem unterminierten Fleckchen steht, springt die Mine; hebt sie das rechte Bein auf und tritt den silbernen Tisch, mit Teetopf und Tassen, und allem was da war, über den Haufen. Alles klingt und hallt und schallt, selbst Zona torrida, der Mohr mit seinem Landsmann, dem Affen, bebt und erstarrt oder flieht. Man bedenke nun erst, wenn der Tisch fällt, und fallen wird er gewiß! Kein Schild im Homer, wenn sein Träger fiel, hat auf der Heide von Troja vielleicht so geklungen, wie er. Und so ist der Rückzug gedeckt, und der Liebhaber aus dem Portugiesischen Tempel hinaus. Nun zu dem Gesichtchen. Größere Impertinenz, in den Augen eines Mägdchens, noch in ihren Zehnen , größere Geübtheit in allen Künsten der Buhlerei, mit Bewußtsein eines größern noch ungebrauchten Vorrats im Hinterhalt, läßt sich schwerlich anders mit so wenigen Strichen ausdrücken. Im ganzen Gesicht keine Falte und kein abstechender Schatten, und doch wie sprechend! »Sieh, Mauschel, nicht So viel, achte ich dich und deinen elenden Plunder; da liegt er;« und dabei wird mit einem Schnippchen genau gemessen, wie viel sie den Plunder achtet. Es ist ein halbes Fingergliedchen und ein Bißchen Schall, was sie ihm weist. Das rechte Auge hat etwas unbeschreiblich Höhnisches. Allein der Schelm hat Geld, und das ist ein wichtiger Artikel, den das linke deutlich anerkennt. Die Finte ist, dünkt mich, für uns unverkennbar. Auf dem ganzen rechten Flügel des Mägdchens ist Krieg , und auf dem linken , Friede , wenigstens scheint man da sein Unrecht zu erkennen. Auf jenem ist das Knie aufgehoben, wenigstens ein Paar Fäuste hoch über die Linie der Ehrbarkeit, und, häßlich, so, daß die Fußspitze einwärts zu stehen kömmt; der Arm ausgestreckt, um in der Quart das Schnippchen dem Feinde so nahe unter die Nase zu rücken, als wäre es Schnupftabak. Das Armbändchen fehlt. Wo das die Nacht geblieben sein mag» Ich habe es zuweilen bei , und an dem Wegschleicher wiewohl vergeblich gesucht. Der Oberleib ist übergelehnt, um den Ausfall mit Gewicht, und der Kopf zurückgezogen, um ihn mit Verachtung zu unterstützen. Die Brust dringt vor, freilich nicht sehr offensiv, aber die Frechheit der rechten Seite gewinnt offenbar dadurch. Und dann habe ich irgendwo gelesen, daß man einem eingeschlossenen Feinde einmal nicht bloß mit Kugeln zusetzte, sondern auch, auf eine höchst kränkende Weise, mit gebratenen Gänsen und Weizenbroden, die man ihm auf Spießen aus der Ferne wies. Man sagt, die letztere Attaque habe weher getan als die erstere, weil man sie mit nichts erwidern konnte, und jeder Schuß immer richtig traf. Auf der linken Seite ist alles viel verträglicher, selbst das Ärmchen zeugt bloß von Gesprächigkeit. Ich habe sie zuweilen so gesehen, wo gar kein Feind im Spiele war, sondern bloß der unschuldige Nächste . Noch können wir das Köpfchen nicht verlassen. Wäre die ganze Szene kein Überfall , und eigentlich ein Frühstück , das der argwöhnische Jude zu einem Zufrüh-Stück gemacht hat: so würde ich die Frisur des Mägdchens fast für ein künstliches Frühstück halten. Was das sein mag, daß zerstörte Frisur ein schönes Gesicht besser kleidet, als die, von der man nur so eben das Bau-Gerüste abgenommen hat? Der Grund von diesem Reize muß sehr tief liegen, und ganz in menschlicher Natur. Denn selbst die niedrigste Klasse des weiblichen Geschlechts fühlt, daß es wenigstens einträglicher ist, die Frisur zuweilen aus dem Gesicht zu schütteln, als sie zurück zu stecken. Die Römerinnen haben das längst gefühlt. Freilich was fühlten die nicht? Et neglecta decet multas coma. Saepe jacere Hesternam credas; illa repexa modo est. Ovid. Art. am. III. 153. »Was dem Mägdchen so reizend läßt, hältst du für Trümmer der gestrigen Frisur» Du armer Tropf! So eben ist sie erst fertig geworden.« – Es sind Ruinen , die man auch in englischen Gärten sogar bekanntlich ganz neu baut, um die Aussicht zu verschönern. Da zielt es auf Andacht über Hinfälligkeit aller menschlichen Pracht und Größe nach Jahrhunderten . Hier ist die augenblickliche Rechnung auch chronologisch , geht aber allein auf Möglichkeit von mystischer Zerstörung in einer einzigen Nacht. Höchst ungewiß muß diese Möglichkeit allerdings sein, sonst ist alles verloren, und die wärmste Begeisterung erfriert an einem ekelhaften, kalten Perückenstock. – Die guten jungen Weiber, die sich in Intelligenzblättern engagiert haben für ihre – lieben – Ehemänner nicht zu trauern (von Geist und Wahrheit ist hier die Rede nicht, sondern bloß von Flor und Schwarz ) beklage ich sehr. Nehmen Sie, ums Himmels und Ihrer selbst willen, das Wort zurück. Es wird sonst nichts daraus. Schwarz und Flor bei jungen Witwen, hat man längst als eine Art von freilich etwas düsterer Illumination der abgebrannten Stelle eines herrlichen Gebäudes angesehen, wovon gerade der schönste Flügel stehen geblieben ist. Und wer wird, denkt jeder, das Beste und Schönste bei einem Brande nicht retten? Trauern sie nicht mehr, so betrauert man sie auch nicht mehr, und alle die großen Verbindungen durch Fangen und Sichfangenlassen in der Welt, wodurch alles ausgerichtet wird, verlieren hier ihre Kraft, und junge Witwen schwinden zu bloßen Mamsellen von gleichem Alter . Das ist eine schlimme Vergleichung, wenigstens eine, die durch die Ruinen nicht gewinnt. – Soviel von reizenden – Ruinen . Was Mollys Mund spricht oder gesprochen hat, darzustellen, haben wir hier kein Zeichen. Das müßten Musiknoten tun, wenigstens viermal gestrichen. Die Ohren fehlen ihr, wie bei allen diesen Gelegenheiten, ganz. Dafür wird der Mund zweizüngig – Bilinguis-Billings – Billings gate – Billingsgate-language . Für den Engländer, oder den, der England kennt, ist dieses Climax verständlich. Des bloß deutschen Lesers wegen merke ich nur an: daß Billings gate eigentlich der Fischmarkt von London ist, den größtenteils Weiber besorgen. Poissarden. Ein Volk, von ungemeiner Redseligkeit, und einer Volubilität der Zunge, die über alles geht. Bessere Repräsentanten, als diese, hätte das stumme Fischgeschlecht, in einer Welt, wo man notwendig sprechen können muß, nicht erhalten können. Zehn Schimpf-Worte auf eine Sekunde, mit Schnippchen-Takt , wie ein Wetter. Behüte! – und bewahre! – vor solchem Wetter und Porzellan-Hagel! Der Jude, wie sich der benimmt? Unnachahmlich jüdisch. Er hält die viermal gestrichene Diskant-Nötchen seiner Schönen im tiefen, langsamen Nasal-Baß aus, und daran tut er recht. Die erste Violine würde springen, wenn er selbst geschwindem Takt angeben wollte. Davor hütet er sich. Er hat sie auf Leib- und Lieb-Rente . Die Interessen freilich für diesen Morgen, sind fort, aber das Kapital muß gewahrt werden. – Wer noch nicht weiß, was Kleists: Man sieht die Stimm' und hört sie nicht, sagen will, der tue wenigstens, als wolle er diesen Mund und dessen Nachbarin, die Resonanz-Nase , behorchen, und er wird alsdann sicherlich sehen , wie sie tönen. Alles ist Schrecken und Erstaunen und Erwartung in diesem schönen Kopf. Das nicht sehr beschnittene eigene Haar scheint sich unter der Last von künstlichem zu sträuben, wodurch ein Liebesgott Zeit gewinnt, ein Büschelchen von orientalischer Bleiche über die Stirne hervor zu schieben, das nicht reizender sein kann. Hesternam credas . Der arme Schelm! Ohne Lächeln läßt er sich denn doch nicht ansehen. Denn das Schrecken selbst wird lächerlich, wenn Verlust von nicht verlizenteter Ware oder verbotener Frucht die Ursache ist; und dieses ist hier der Fall. Wie er mechanisch zugreift, mit fünf Fingern, (es hätten ganz wohl sechs sein können Wirklich hat Hogarth in seiner Jugend, als er noch Shop-Bills für Kaufleute und Künstler stach, einmal eine Figur, die den Handlungs-Segen vorstellen sollte, an einer Hand mit sechs Fingern gezeichnet. Man nannte es damals ein Versehen, aber ich traue auch dem Fuchs nicht, selbst wenn er jung ist. Auch sehe ich das Ungereimte hiervon nicht ein. Wenn nur die Zahl zehn beibehalten wird, und die andere Hand also vier bekömmt. Jenes wäre alsdann die Nimm-Hand und dieses die Gib-Hand . So hinge alles recht gut zusammen. auf deren einem der Segen Ephraims, ich meine des Berlinschen Juwelierers, sichtbarlich ruht. Es ist Silber was er halten will, allein der Tisch wird sicherlich fallen, weil er kein Bein vorzustrecken hat, wie sein Eigentümer, der sich durch dieses Prärogativ alles Lebendigen mit Beinen , selbst nur kaum in seinem Sitz erhält. Noch ist eine Teetasse gerettet; doch schwebt sie nur noch in der Rechten des Juden. Aber die andern! Man wagt es kaum hinzusehen. Da ist Verwirrung und Not überall. Alles ist auf der Flucht vor dem aufgehobenen Knie, und sucht sich zu retten. Die Zuckerdose und ein Schälchen, und vermutlich ein Milchkännchen, wagten es zuerst über Bord zu springen und – sind nicht mehr! Hinter ihnen drein sprang ein Deckelchen, und sieht bereits gleichem Verhängnis in der Luft entgegen. Ein anderer Deckel nimmt, wie es scheint, auf dem Verdeck einen Zulauf, um über die andern wegzuspringen – zu gleichem Schicksal. Am meisten gefaßt scheint noch der Teetopf. Ehe er den tödlichen Sprung wagt, entledigt er sich erst nicht allein seines Deckels, den er eine beträchtliche Strecke voraus geworfen hat, sondern auch gleich darauf seiner siedheißen Bürde, und zwar seinem Herrn recta in den Strumpf und von da weiter fort in den Schuh. Aus dem übereilten Fluge des Deckels zu urteilen, und weil diese Art Menschenhaut gar zu machen langweilig ist, wird er sich vermutlich vor seinem Ende noch umkehren, um den Guß zu beschleunigen! Ließe sichs mit Teetöpfen sprechen, so wüßte ich wohl was ich diesem zurufen würde: »Das war, würde ich sagen, ein treuloser Streich von dir, und desto treuloser, jemehr er einem Vermächtnis ähnlich sieht. Kömmst du anders ohne gänzliche Zerschellung davon, so nimm dich in acht, daß du nicht wenigstens für deinen Mutwillen, an deinem Haupt-Ende, schlecht geleimt, oder gar verstümmelt , dem Juden-Gesinde, bei jedem deiner künftigen Dienste lächerlich wirst.« Daß das, was das Mägdchen so eben gesagt hat, sehr viel größer muß gewesen sein, als was sie da mit den Fingerchen präsentiert, sieht man aus der Versteinerung des Juden, aus welcher ihn der heiße Tee, ganz am unrechten Ende eingeschenkt, nicht einmal wecken kann. Das hat Hogarth gut gemacht. Denn fürwahr, wer das nicht fühlt, der hört auch wohl das Knarren einer Türe nicht, und noch weniger die Fußtritte eines schlauen und glücklichen Nebenbuhlers, dem man die Schuhe noch dazu nachträgt. Was von Europäern auf diesem Blatte lebt, scheint wenig auf das Prasseln eines stürzenden Teetisches mit allen seinen Herrlichkeiten zu achten. Drei darunter verlieren auch nichts dabei, und der vierte hört vor lauter Verlust nicht. Desto stärker empfinden die beiden dirigierenden Liebes-Götter aus der heißen Zone, Affe und Mohr, die traurigen Bewegungen, zweier ihnen anvertrauten Herzchen, die sich stutzen . Wenn man den Affen neben so gepaarten Liebenden erblickt, so ist es kaum möglich, nicht an Pfeil und Bogen an ihm zu gedenken. Er flieht, der arme Teufel, der noch so eben mit dem Kopfzeuge der Mutter friedlich spielte, wie ehemals das griechische Ideal, wovon er der Affe ist, mit dem Helm des Krieges-Gottes, der mit väterlichen Absichten zur Mutter kam. Und nun der schwarze Liebes-Gott! Sein Wollenhaar scheint sich zu sträuben. In Natur-Trauer, vielleicht über das Schicksal seiner westindischen Brüder, sieht er mit Entsetzen, daß er auch hier – – aufwaschen muß, schwerlich weiter. Diese Figur ist merkwürdig, und der Ausdruck derselben fast sprichwörtlich geworden. Garrick, dessen Figur mehr zu den niedlichen, als den majestätischen gehörte, und dessen ganze Seele vorzüglich im Gesicht ausgedrückt lag, wagte es einst, Shakespears Mohren von Venedig, den starken leidenschaftlichen und donnernden Othello, auf dem Theater vorzustellen; eine Rolle, die ohne körperliche Masse, der biegsamsten Seele zu spielen unmöglich ist. Er mußte also notwendig bei jeder Maske verlieren, und vorzüglich, bei der vom Schornsteinfeger, die aus seinem Tag schlechtweg Nacht machte. Als er erschien, rief der berüchtigte, beißende und liederliche Quin, ein komischer Schauspieler vom ersten Rang: Here is Pompey, where is the Tea-Kettle? Hier ist Pompey, Pompejus, ein Name, den man in England zuweilen Mohren gibt, so wie bei uns Hühnerhunden den von Mylord. wo ist der Teekessel? Noch ein einziges Mal soll es Garrick gewagt haben, nachher in dieser Rolle zu erscheinen (so was erfordern bald Etiquette, bald Kriegs-Recht zwischen witzigen Köpfen) und dann nicht mehr. Den Wegschleicher wollen wir wegschleichen lassen. Es ist genug, daß man ihn sieht. Nur eine einzige Bemerkung auf den Weg, über die Sentimentalität seiner Zusammenkunft. Es ist hier kein Amor sichtbar, der über diesem Adonis hinflattert, und den Rückzug mit zarten Fittigen deckt, und am Ende zum Schlupfloche herein hohnlächelt . Dafür aber erscheinen, und so etwas ist sicherer, Knüppel und Stoß-Degen unter dem Arm . Wer in solche Körbe kriecht, muß immer erwarten, daß das erste was ihm aufstößt, ein anderer Hahn ist. Auf seinem Hute ist die Kokarde nicht zu übersehen. Er war also hier bloß auf der Wache . Gleich vor dem Affen steht die Toilette, vermutlich geht seine Flucht dahin; er will unterkriechen , wo er die Gefahr wenigstens nicht mehr sieht , und dieses ist bekanntlich für Affen und Kinder, und was sonst noch hieher gehört, so viel als Sicherheit . Auf dem Tische steht der Spiegel, und liegt ein Spielchen Visiten-Karten und eine Maske. Vielleicht kam Molly vorige Nacht von der Maskerade, und brachte den neuen Rekruten mit, der dort hinten in der Desertion begriffen ist. Was da rechter Hand unten im Winkel liegt, sieht wenigstens weggeworfenen Dominos sehr ähnlich. Fürwahr eine größere Warnung vor Maskeraden, wenigstens vor Londonschen, gibt es nicht. Solche Menschen ( Menscher möchte ich sagen) mit Menschen bei vollkommener Gleichheit in dasselbe Spiel gebracht, durch einen leichten Überzug! Daraus kann nie was Gutes werden. Wir hoffen alle auf Gleichheit in jener Welt. Sie hier schon zu suchen, ist überall, und selbst im Domino, gefährlich; denn sie hört nicht immer auf, wenn er weggeworfen wird, und auf ein solches Aufhören gründet sich doch allein der ganze Reiz der kurzen Illusion . An der Hinterwand hängen zwei Gemälde, wenn sie nicht gar in die Tapete gewürkt sind, denn über das eine geht wenigstens die Bekleidung der Türpfosten weg. Doch strenge Perspektiv war Hogarths Sache nie. Das eine, zunächst der Türe, stellt den Propheten Jona der Stadt Ninive gegenüber vor, wie er sich mit einem Sonnenstrahlen-Büschel boxt , den der wurmstichige Kürbis nicht mehr abhalten konnte. Solche Fäuste haben in England den Wert von Worten. Das andere stellt den König David vor; nicht in seiner Herrlichkeit, sondern wie er vor der Bundeslade hertanzt, und von Michal, der Tochter Sauls, die aus dem Fenster sieht, verachtet wird. Die Bundeslade wird von Rindern gezogen, die austreten , wie es in der Bibel heißt, und die Bundeslade Könnten wir den Lesern unser Manuskript zeigen, so würden sie finden, daß wir hier aus einer sonderbaren Ideen-Assoziation, statt die Bundeslade , der Teetisch geschrieben hatten. Vermutlich hatten die Wörter fällt und fallen , die wir hier so oft vom Teetische gebraucht haben, allein die Schuld. fällt oder will fallen . Ein gewisser Usa will sie halten, und ein Mann mit der Bischofsmütze rennt ihm, für diesen Dienst, einen Dolch von hinten in die Brust. In der Bibel steht bloß: Und der Herr schlug ihn, daß er starb. Es war mir leid zu finden, daß Hogarth die alte Bibel modern erklären wollte. Nimm dich in acht, guter Freund, dachte ich, Du stehst auf der gefährlichen Brücke, die Sonntags-Glauben mit Werktags-Vernunft zusammenhängen soll. Was wollen deine Blättchen gegen Folianten, wovon du keine Silbe verstehst, und die, wenn sie auch noch so wenig Kraft hätten, immer durch ihre Masse respektabel bleiben. Nimm dich in acht! Von hinten morden wird dich niemand, wie deinen Usa vor der Bundeslade, aber daß Dir nicht, ehe du dich es versiehst, einmal etwas sehr Heißes in die Schuhe geschüttet werde, wie deinem Mauschel am Teetische, dafür möchte ich nicht mit einem Pfennig bürgen. Bleibe bei deinem Leisten , ist ein Sprichwort, auf welchem die Erde ruht. Eben dieses wahre Wort ist es, was uns hier Grenzen setzt, und uns nötigt, die Absicht des andern Bildes schier ganz zu übergehen. Da die Deutung der planen Prophezeiungen selbst der kleinen Propheten für die größten Gelehrten schon so viele Schwierigkeit hat, wie viele wird es nicht der gekünstelte Mißbrauch, den ein schlauer Fuchs von denselben macht, für einen unbedeutenden Schriftsteller haben! Indessen nur ein Wort: Jona klagt über nicht erfolgtes Unheil, und fürchtet Sonnenstich. Lichtstich wenigstens wird auch hier gefürchtet , zumal aus den beiden Brillanten im Juden-Kopfe; und Unheil, sicherlich von jedem Leser fast vermutet, ist auch hier nicht erfolgt. Nun auch nichts weiter über diese Gemälde, worüber ein herzhafterer Erklärer vielleicht mehr sagen könnte und würde. Wer sich versuchen will, kann hierüber nachlesen, das 4te Kap. des Propheten Jona, und 2. Sam. Kap. 6. Noch hängen an derselben Wand zwei Kupferstiche von Männern aus dem neuen Testament, mit Perücken und Chapeau-bas, also von Gelehrten . Der am höchsten hängt, war in den ersten Abdrücken der berühmte Dr. Clarke, und der untere Mr. Woolston. Letzterer hat eine Verteidigung der christlichen Religion gegen die Juden geschrieben, und der erstere Verschiedenes, was hier Stoff zu Mutmaßungen geben könnte. Sie müssen aber unterbleiben, weil Hogarth durch Weglöschung der Namen, ausdrücklich den Wunsch zu erkennen gegeben hat, daß sie unterbleiben möchten . Dritte Platte Molly fällt – fällt! Immer schneller! Dieses ist erst die dritte Station ihrer Reise von den sechsen, die unser Künstler darstellt, und zwei Drittel der Tour sind schon gemacht. Von der zweiten ab gab es noch Sommerwege mit angenehmen Verwirrungen nach der Seite, freilich nicht für jedes Geschirr. Die scandaleuse Chronik redet indessen von Weibern, ja von Gemahlinnen , die von dort ausgefahren, und gut angekommen sind! Die scandaleuse Chronik? – O die venerable Geschichte selbst, und eine nicht sehr alte, weiß von Vice- – Königinnen , die von diesem Posthause aus ihre letzte Station machten. Aber hier ist alles verloren! Sie hat, was Basedow ehemals im Scherz und bloß figürlich von sich selbst sagte, im Ernste vollbracht, und sich mit dem Publikum vermählt . Sie erscheint hier als die Haupt-Person bei einer kleinen Lösch-Anstalt für brennende Herzen vom dritten Rang. Wie gefallen! Fuimus , überall! Sonst verspareten wir die Beschreibung der Ausstaffierungen des Schauplatzes ans Ende. Sie waren da Nebensache. Die Personen erklärten den Wert der Meubel. Hier müssen die Meubel die Person erklären. Ein junger weiblicher Körper, dem es nicht ganz an Reizen fehlt, ist bald geschmückt. Was ihn nicht ziert, das ziert er , und was beiden, Person und Kleid, etwa hier und da noch abgeht, sieht entweder die liebe Jugend vom andern Geschlecht nicht, oder wird auch leicht mit einem Läppchen zugedeckt, das man einer Stelle entzieht, die es mit großem Gewinn für das Ganze willig entbehrt . So geht ein solches Geschöpf noch lange mit, flickt immerweg den Mangel an sichtbarer Kleidung auf Kosten der unsichtbaren, und den Abgang an Schönheit auf Kosten der Ehrbarkeit, bis das Ganze endlich ge - und verflickt , seine Erneurung, nach einem kurzen Tode wieder erhält, und was als Hackabout verweste, als Mutter Needham wieder hervorgeht. Aber an dem Logis und seinen Meubeln in London, wo das Geld so spottwohlfeil, und daher alles so entsetzlich teuer ist, da ist Flicken nicht so leicht und auch nicht so nötig. Denn aus dem Zimmer nimmt man dergleichen nicht mit vor die Augen auf der Straße; und was man von Augen von der Straße mit sich herauf in das Zimmer bringt, kömmt nicht ohne Weihe und nicht ohne Blendung . Der Schauplatz ist in Drurylane, Eine lange und enge Straße Londons, worin nicht allein das weltberühmte Theater befindlich ist, sondern wo noch außerdem Schauplätze, wie der, den das Kupfer vorstellt, zu Hunderten beisammen liegen. Auf diesen werden Jahr aus Jahr ein sehr bekannte Stücke gegeben, die sich gewöhnlich mit der Krankheit des Helden, dem Drurylane-Fieber (Drurylane-Ague) , aber auch nicht selten mit Mord und Totschlag endigen, gerade so wie sehr viele Stücke in ihrer Nachbarschaft – auf dem weltberühmten Theater. wie man aus dem zinnernen Porter-Kruge sieht, der rechter Hand unten im Winkel steht: Die Worte heißen John Dry in Drurylane . Das zweite Wort ist in unserm Kodex sehr undeutlich geschrieben, doch scheint der zweite Buchstabe eher ein r zu sein als ein c . Kopien, die wir vor uns haben, ließe sich nicht trauen, selbst wenn man wollte, denn sie haben an dieser schweren Stelle gar nichts. Wir sind daher zu Konjekturen geschritten. Dry heißt im Englischen bekanntlich so wohl trocken als durstig . Ob dieses Hogarthisch ergänzt sei oder nicht, wird mit etwas Zwang leicht ausgemacht werden können. Das Zimmerchen muß hoch liegen, denn so viel Himmel durch eine Stubentüre zu sehen, als man hier dadurch erblickt, ist in Drurylane wohl nur in der Nachbarschaft von der Rauchkammer möglich. Dieses bezeugen auch schon die Fenster der Stubentüre gegenüber, wo das Licht nicht einmal durch die Stellen herein kann, in denen das Glas fehlt, und in die man ad interim bloß etwas Luft eingesetzt hat. Dieser Schauplatz erhält überhaupt sein Licht hauptsächlich nur von der Seite, von welcher wir hineinsehen, und Hogarth überläßt es gänzlich unsern architektonischen Fähigkeiten, das Loch zu denken, durch das es kommen kann. – Welche Veränderung! Auch hier wird Tee getrunken, aber wie? Sähe man nicht offenbar die Tassen und die Teekanne, so sollte man fast glauben es würden hier Schuhe geflickt? Der silberne Tisch mit seinen leichten Füßchen ist fort, und statt dessen hat sich ein anderer dahin gepflanzt mit einem Fußwerk, das einen Ochsen tragen könnte. Vermutlich ist auch der Dienst, den er jetzt hier versieht, nicht der einzige den er versehen muß. Aus seiner starken und dabei etwas untersetzten Figur wird es wahrscheinlich, daß er wohl zuweilen zum Fleischklopfen gebraucht wird, oder gar als Postament für Waschbütten und ermüdete Gäste, die sonst nicht unterkommen können, dienen muß. Dasselbe Füßchen und dasselbe Knie, die den silbernen umwarfen, sind indessen auch hier wieder dabei, aber nicht ihn umzuwerfen; vielmehr scheint sich ersteres sogar auf das Gebälke desselben zu stützen . Auch der silberne Teekessel ist dahin, und hat einem elenden blechenen Maße Platz gemacht, so wie die Meerkatze einem Landkätzchen, und das Kammermägdchen und der Neger einer Bastard-Art, die etwas von einem Kammermägdchen, etwas von einer Negerin, und etwas von einer Meerkatze zugleich hat. Auf dem Tischchen erblickt man nur ein einziges Paar Tassen , dann die obere Hälfte eines andern, worin vermutlich Zucker ist, ein kleines Brod, ein Messer, und etwas Butter, wozu ein Schriftsteller den Teller geliefert hat. Der Bogen Papier nämlich, worauf sie liegt, ist ein Teil der Pastoral-Briefe (pastoral-letters) des Bischofs von London, Gibson, die der ehrliche Mann an seine Diözese damals sehr wohlmeinend schrieb. Man sagt, sie wären, ihrer deutlich geschriebenen Adresse ungeachtet, nicht eher richtig an die Behörde gelangt, als bis die Gewürzkrämer sich endlich vereinten, sie zu frankieren, und die Besorgung davon zu übernehmen. Neben dem Bette steht ein elender Flecht-Stuhl, und gleichwohl der einzige im Zimmer, sobald das Tischchen beim Frühstück oder bei der Waschbütte aufwartet. Er selbst ist jetzt in einer Art von Tischdienst begriffen, und trägt eine Bouteille, die man zu einem Leuchter erhoben , und einen Suppen-Teller, den man in voriger Nacht so sehr erniedrigt hat, daß er von nun an mit Ehren bloß nur noch unter der Bettlade dienen kann. Über die Stuhllehne ist das Mäntelchen von gestern Abend geworfen, vermutlich rotes Tuch mit falschem Gold, das sich vortrefflich ausnimmt, zumal bei dem Neugierde und Phantasie spornenden Strahl eines Gassenlaternen-Lichtchens von vierter Größe im Winkel. Wo so etwas aushängt, da läuft das Londonsche Gesindel von allerlei Rang ins Garn, wie die Lerchen vor dem Spiegel im Sonnenstrahl. Diesem Stuhle gegen über, bei den leeren Porter-Krügen, steht die Toilette, auch auf Elefanten-Beinen statt Ziegenfüßchen. Es ist eigentlich ein Flügeltisch, der wie alles auf diesem Zimmer, zu allem dient. Gegen einen Punschnapf mit einem Ausschnitt , der neuer ist als der Napf, ist ein dreieckiger Spiegel- Abschnitt , auch neuer als der Ganze, angelehnt. Beide, Ausschnitt und Abschnitt nämlich, sind nicht das Werk der Kunst, sondern des Zufalls. Voran liegt auch hier das elfenbeinerne Waffenstück Siehe I te Lieferung zum Kriege wider Bisse von außen . Gegen die von innen , von welchen man auch hier zuweilen nicht frei sein mag, stehen die Waffen gleich neben dem Spiegel; ein Branntwein- Gläschen , und ein Branntwein- Mäßchen . Ersteres hat, wie man sieht, ebenfalls das Ungefähr durch eine fürchterliche Amputation genötigt immer auf dem Kopf zu stehen, wenn es leer, und sich von andern halten zu lassen, wenn es voll ist, welches gewöhnlich der umgekehrte Fall mit dem Menschen ist, dem es und der ihm dient. Was noch weiter da herumsteht, ist vermutlich kosmetischer Apparat, um das Gesichtchen, das in Yorkshire vielleicht gesunde , natürliche Frucht geblieben wäre, hier nach seinem frühen Verfall, noch auf kurze Zeit in betrügerisches Wachs-Obst zu verwandeln. Ein Briefchen: To Md Hackabout , steht aus der Schublade hervor, vermutlich ein Seufzerchen im Manuskript, das sich Luft macht. An der Hinterwand, neben der Türe, erblickt man einen Bindfaden mit Schlingen, allerlei daran zu hängen, woran aber jetzt nichts hängt. Es scheint die Garderobe zu sein. Auch ein Fuimus . Vielleicht ist ihr ehemaliger Inhalt bloß von dem Leihhause in Schutz genommen, oder durch die Winkel des Zimmers verteilt, oder dient überhaupt nur auf kurze Zeit aufzuhängen, was bloß für den Moment geborgt war. Man hat uns versichert, daß es in London außer den gewöhnlichen Leihhäusern, da man gegen Kleider Geld geliehen erhält, auch inverse welche gebe, wo man gegen Geld Kleider borgen kann. Bloß durch diese letzteren soll das erfinderische London in den Stand gesetzt werden, seine Gassen bis an den frühen Morgen, nicht bloß mit Lampen, sondern auch mit Prinzessinnen und Staatsdamen zu illuminieren, welches vortrefflich läßt, und Nachahmung verdient. Soviel von den Meubeln, die die ökonomischen Umstände der Dame ins Licht setzen. Das übrige was da noch herumsteht, liegt und hängt, dient zur Erläuterung von anderen, die die Heldin selbst einen Grad näher angehen, und ihre Bedeutung wird also am besten mit der Geschichte der Personen selbst verwebt, auf die wir ohnehin, wie wir fürchten, die Neugierde unsrer Leser vielleicht zu lange gespannt gehalten haben. Es ist drei Viertel auf zwölf vormittags, und weil erst gefrühstückt wird, noch sehr früh, ungefähr sieben Uhr nach Stunden der Unzeit. Unsere Heldin hat sich aufgerichtet, und stützt sich etwas matt und schwer auf den rechten Arm; in der linken Hand hält sie eine Uhr am äußersten Ende des Uhrbandes, mit horchendem Kopf, vermutlich repetiert die treue Weiserin die Stunde. Die Stunde? Ach leider nichts als die erbärmliche Eilfe , die es geschlagen hat. Was helfen Dir alle Repetier-Uhren der ganzen Welt! Ein Paar Repetier-Ohren , durch die die Ermahnungen deines rechtschaffenen Vaters dir wieder erneuert in die Seele schallten, wäre dir unendlich mehr wert. Doch horch die Stunde schlägt. Es ist viel verloren, aber noch nicht alles. Die Gerechtigkeit ist erwacht, und hält noch den Todesstreich zurück, der schon über deinem Haupte schwebte. Die Tür öffnet sich, und Sir John Gonson Nicht Gonston , wie Herr Ireland immer schreibt. Sir John Gonson war eine Magistrats-Person von großer Rechtschaffenheit, die sich vorzüglich die Unterdrückung liederlicher Häuser angelegen sein ließ. Er bekleidete die wichtige Stelle, die der berühmte Fielding eine kurze Zeit, und nach ihm dessen Stiefbruder Sir John Fielding lange, und obgleich seines Gesichts beraubt, mit großem Ruhme bekleidete. Jetzt, wo ich nicht irre, wird sie von Sir Samson Wright mit gleichem Kredit verwaltet. Die Hauptbeschäftigung dieser angesehenen Personen ist, Verbrecher aller Art durch ihre Leute aufsuchen zu lassen, oder, wenn sie vor dieselbe gebracht werden, abzuhören, und sie nach Befinden der Umstände, entweder auf freien Fuß zu setzen, oder für den eigentlichen Prozeß in der Old Bailey in Verwahrung zu behalten: Sir John Gonsons Eifer und Tätigkeit wurde damals in mehreren Gedichten gepriesen, darunter befindet sich so gar eine nicht übel geratene Sapphische Ode, Ad Joannem Gonsonum , Equitem, von einem Herrn Loveling. Sie fängt sich an: Pellicum, Gonsone , animosus hostis, Per minus castas Druriae tabernas Lenis incedens, abeas Diones Aequus alumnis. Es verdient hier noch angemerkt zu werden, daß dieses das Blatt ist, das unserm Künstler die erste große Aufnahme verschaffte. An dem Tage, da es erschien, war nämlich gerade Session bei der Schatzkammer. Einer der Lords derselben kaufte es unterwegs, und nahm es mit sich dahin. Die übrigen wurden so durch die große Ähnlichkeit Sir John Gonsons frappiert, daß sie nach der Sitzung sämtlich hingingen und das Werk kauften, und so war Hogarths Glück gemacht. mit seinem Gefolge tritt in das Zimmer, und die Heldin wird arretiert. Vermutlich ist die Uhr eine kleine Beute der vorigen Nacht, und der Beraubte selbst ist vielleicht der erste Kläger gewesen. Das reizende Geschöpf, dessen obere Hälfte hier auf einem Lumpenhügel von Unterröcken gestützt erscheint, ist vermutlich die Präsidentin bei dieser Anstalt. Ihre Nase scheint gelitten zu haben, ob in einer Herzens-Angelegenheit durch inneren Brand, oder in einer affaire d'honneur, wobei sie den Augen und Zähnen sekundierte, ist uns nicht bekannt. Hierbei müssen wir unsere Leser um ein Paar Tränen bitten für einen armen Teufel, der ihnen so viel Vergnügen gemacht hat, aber nun schon lange nicht mehr ist; für den muntern, drolligen halblateinischen Partridge (Rebhuhn) in Fieldings Tom Jones. Tom Jones. Book II. Chap. 3. Denn, wie Fielding versichert, so war die so berüchtigte Haus-Ehre des Märtyrers, diesem Steinbütt Vermutlich der Rhombus der Alten, bekanntlich eine sehr delikate Fischart. Vielleicht wäre die Vergleichung mit einem Rochen schicklicher gewesen. Denn unter diesen soll es gewisse Species geben, die gerade so aussehen wie die Schönen, die damit handeln. hier wie aus dem Gesichte geschnitten! Doch hinweg den Blick von deinem unüberschwenglichen Leiden, guter Tropf, denn mich dünkt ich hörte dich deinen Lieblings- Refrain , womit du so manche Betrachtung schlossest, und den du immer passend fandest, vermutlich weil du ihn nicht verstundest, über mir flüstern. Infandum, Regina, jubes renovare dolorem. Jetzt zur noch übrigen Ausstaffierung des Blatts, die nun verständlicher sein wird. An der Kopf-Wand der Bettlade, oder vielmehr des Verschlags, unter welchem die Bettlade steht, schwebt zwischen Betthimmel und Erde ein Komet mit fürchterlichem Schweife, – der Edukations-Besen. Wir gedenken seiner etwas spät, ob er gleich unter allem Leblosen auf diesem Blatt, gewöhnlich das erste ist, was, nächst der Taschen-Uhr, (und auch die können sterben ) das Auge des Anschauers auf sich reißt. Wir haben ihn fürchterlich genannt, bloß dem Sprachgebrauch zu Liebe; denn diese Kometen am Firmament der Moral sind so wenig jenem System schädlich, als die am Himmel dem System der Welt. So wie Newton gemutmaßet hat, daß die letzteren mit ihren Schweifen vielleicht stärkenden Duft in das System hereinfächeln könnten, so ließe sich, nicht bloß mutmaßen, sondern geometrisch erweisen, daß die ersten mit dem ihrigen eine Menge Übel aus der Welt hinauskehren . Betrachtet man sie aber auch nicht als Besen, sondern bloß als einen Büschel Wellenholz, so ist ihr Nutzen wirklich unübersehbar. Denn, kann man fragen, was würde aus dem reißenden Strome von Unterricht und Lehre werden, der auf Schulen durch beide Ohren in uns hineinstürmt, wenn man ihm nicht mit solchen Faschinen am andern Ende zu gehöriger Zeit entgegen baute, zu verhindern, daß er nicht gerade, mir nichts, dir nichts, da wieder durchbreche? Wie kömmt aber, wird man fragen, die pädagogische Faschine oder der Staupbesen der Philanthropie hieher? und gerade an die Bettwand? Das Problem, ich muß gestehen, ist fürwahr nicht leicht. Ich wünschte es wäre schwerer, oder gar so schwer, daß es schlechterdings nicht aufgelöst werden könnte. O! das sind die herrlichsten Materien für Schriftsteller, die nach Bogen bezahlt werden, wie die Maurer nach Kubik-Fußen. Aber so ist leider! das Problem, bloß nicht leicht , und das ist es gerade, was es schwer macht. Indessen wir wollen es versuchen. Nur noch eine kleine Einleitung. Wir stehen hier bei den Werken unsers Künstlers zum erstenmal an einer Stelle, auf die wir noch oft, und selbst in diesen Blättern noch zweimal zurück werden kehren müssen; nämlich da, wo die Moral selbst das Moralisieren verbietet, und die gesprächigste Hermeneutik verstummt, oder wenigstens sich stumm stellt und dem Vorbeigehenden zuklingelt; oder, wenn sie endlich genötigt wird zu sprechen, wenigstens nichts weiter sagt als: Ich bin stumm . Die Weltweisen haben längst bemerkt, daß Erblinden die Hälfte des Todes sei, und wirklich scheint die Natur diese Meinung zu unterschreiben, welches eben nicht immer der Fall bei Bemerkungen der Weltweisen ist. Ich zweifle nämlich, ob es gegen irgend ein Übel in diesem Jammertal mehr Hülfsmittel gibt, als gegen das nicht sehen können . Bliebe die Sonne aus; gut, so steckten wir Lichter an. Das ist eine Kleinigkeit. Verschließt der Star das Fenster, wiederum gut, so macht der Augenarzt den Laden wieder auf. Wird der Mensch Myops oder sieht er von dem Universo nichts als die Spitze seiner Nase, oder wird er Presbyt und sieht den Kirchturm deutlich, aber nicht seinen Nächsten, der vor ihm steht, so ist der ganze Handel mit zwölf Groschen abgetan, die man an den Glasschleifer bezahlt. Mit Hülfe dieser großen Triple-Allianz von Lichter-Zieher , Augenarzt und Glasschleifer hat der Mensch bisher die absolute sowohl als relative Blindheit so kräftig bekämpft, defensive wenigstens, daß ihre Eingriffe, die sie dennoch hier und da tut, kaum der Rede wert sind. Ja man hat sogar offensive agiert, und Hoffnung, dereinst noch den Splitter in des Bruders Auge im Monde zu sehen. Ist es nicht sonderbar, mit diesem Sehen? Haben wir nicht schon eine Telegraphik mit dem Monde zu Stande gebracht? so daß wir, genau berechnet, immer nach anderthalb Sekunden wissen können, wenn dort oben ein monte nuovo entstanden ist, oder ein Lissabon oder Messina sein Ende erreicht? Aber ach! wenn es doch auch Brillen für die übrigen fünf Sinne gäbe! Allein Da sieht es erbärmlich aus! Da sinkt der Presbyte immer mehr in Myopie; Fernsichtigkeit wird Kurzsichtigkeit , und diese erstirbt bald in völliger Blindheit . Wer da ein Licht anzünden, oder den Star ausziehen oder eine Brille schleifen könnte! O! es wäre der Stein der Weisen, ich meine des Alters , ohne welches keine Weisheit möglich ist. Man hat es tausendmal versucht, aber mit welchem Erfolg? Der Geist, erst voraus und willig, und das Fleisch hinten drein schwach , eröffneten den Zug; dann folgte armselige, erzwungene Willigkeit des Fleisches, hinter welchen der Geist erbärmlich herkroch , und endlich – war gar kein Zug mehr; und Geist und Fleisch , und Auge und Brille waren verloren. – Meistens Jammer-Schade für die – Brille . – Aber wir sprachen, dünkt mich, von dem Edukations-Besen an der Bettwand. Ist denn das eine Brille – für Presbyten ? Die Wahrheit zu gestehn, ich weiß es selbst nicht; nur so viel weiß ich, daß sie, wenn es eine ist, nicht auf die Nase appliziert wird. Ich glaube hiermit meine Pflicht getan, ich meine über eine epineuse Stelle meines Autors so lange kommentiert zu haben, bis ich mich selbst nicht mehr verstehe, und das ist alles was ein ehrlicher Kommentator tun kann. Was indessen diesem loco an Gesprächigkeit abgeht, versprechen wir dem Leser zehnfältig an andern Stellen zu ersetzen, wo sie nicht halb so nötig wäre, und auch dieses – ist alles, was ein ehrlicher Kommentator tun kann. – Auf dem Betthimmel ruht, ganz wie hier zu Hause, die Perücken-Schachtel James Dalton his Wigg box heißt die Aufschrift, so wie man auch im Deutschen im gemeinen Leben wohl sagt, Dalton seine Perücken-Schachtel. Es sollte Wig box heißen. Vermutlich rührt der Fehler wider die Orthographie nicht von James Dalton, sondern von Hogarth her. Seine Blätter wimmeln von dergleichen Unachtsamkeiten. Wir zeigen bei dieser Gelegenheit gleich noch zwei auf diesem Blatt an: unter dem einen Porträt muß Mac statt Mack , und unter dem andern Sacheverel statt Sacheveral stehen. Wir haben indessen alles in unsern Kopien treulich beibehalten, weil doch ein so verschmitzter Mann wie Hogarth, hier und da wenigstens etwas darunter gehabt haben könnte. Denn von dieser Art ist unstreitig die Adresse an dem Halse der Gans auf dem ersten Blatt, dieser Lieferung. eines berüchtigten Gassendiebs (Street robber) James Dalton. Wenn es kein Erbstückchen schon wirklich ist, so wird es bald eins werden, denn der Kerl wurde um jene Zeit gehenkt. Wie tief ist unsere Heldin gefallen! Gassendiebe sind Spitzbuben vom dritten Rang, schlechterdings ohne alle Spitzbuben-Ehre. Man würde sie in einem Staate von Straßenräubern (Highwaymen) , die ihre Ahnen bis auf Alexander hinauf zählen, aufknüpfen. Zu seiner und des Mägdchens Ehre wollen wir annehmen, daß er kein schleichender Taschendieb (Pick-pocket) war, sondern ehrlich und mit Gefahr raubte, Herz gegen Herz , oder wenigstens Pistole oder Messer gegen Prügel; aber doch bloß zu Fuß (Footpad) , also kein Chevalier mehr. Das Pferd erhöht und adelt selbst Spitzbuben – in England. Man will bemerkt haben, daß der Räuber, der sich an der Erde hält, immer etwas vom Yahoo hat, hingegen der zu Pferd immer etwas vom Houyhnhnm . Wer die Geschichte dieser merkwürdigen Völker noch nicht kennt, oder sie kennt, und jetzt etwa Neigung haben sollte zu ihnen zu gehen, wird die nötige Auskunft finden in des berühmten Chirurgus und nachherigen Schiff-Kapitäns Lemuel Gullivers Reisen, im 4ten Teil. Es ist keine Kleinigkeit, was Dalton dem Mägdchen da anvertraut hat. Perücken von allerlei Stand, Form und Schattierung, sind wichtige Stücke des Räuber-Apparats. In der einen sieht er, wie die Hasen und Feldhühner mancher Länder im Sommer aus wie gepflügtes Land oder Stoppel-Feld, und im Winter wie Schnee; oder wenn er in der einen als Raupe geplündert hat, verpuppt er sich in einer zweiten, und schlüpfte der Gerechtigkeit in der dritten als Schmetterling aus den Händen. Man hat Beispiele, daß welche, ehe sie zum Examen und der Promotion gelangen konnten, in Zeit von acht Tagen die Tour durch alle vier Fakultäten mit Perücken gemacht haben. Zeugen werden denn freilich am Ende diese Masken des Hinterkopfs gegen den Kopf selbst, und dieses macht das Pfand auf dem Betthimmel hier desto wichtiger. An der Wand hängt in effigie Mac Heath, einer der größten Männer in seinem Fach. Auch schreibt man ihn M'Heath mit dem M voran, so wie so manchen seinesgleichen mit dem M hintendrein. Selbst der berühmte Gay rechnete es sich zur Ehre, der Curtius dieses Macedoniers von der Heide zu werden. M'Heath ist bekanntlich der Held der Bettler-Oper. Auch wurde ihm bei seinem Tode eine Bildsäule errichtet, aber sehr merkwürdig, ohne Piedestal. Sie erhielt nämlich ihre Unterstützung von oben, vermutlich, weil sein M im Namen voraus stund. Auch wurde er nicht in Marmor oder Erz aufgeknüpft , sondern man nahm ihn, den Bildhauer- und Gießer zu ersparen, und um die größtmögliche Ähnlichkeit zu erhalten, selbst in Person dazu. Niemals habe ich mir noch mehr Raum gewünscht, als hier. Es wäre viel zu sagen. Also nur kurz das Thema. Man hat statuas pedestres und equestres , gerade so wie Footpads und Highwaymen . Aber mich dünkt es fehlt noch eine Haupt-Art von Statuen in der Welt, woran weder Rom noch Griechenland gedacht hat, und die hauptsächlich unsern Zeiten aufbehalten zu sein scheint, und das ist die: Statua pensilis . Eine kleine contradictionem in adjecto zwischen stehn und hängen wird der Kritiker im Namen nicht achten. Es ist ein bloß grammatischer Widerspruch, und bei unsern gewöhnlichen Statuen hat man öfters welche zu verdauen, die tiefer liegen. Ich sehe nicht ein, warum man nicht Personen, die sich um das menschliche Geschlecht cum grano salis verdient gemacht haben, in Erz, mit dem Gesangbuch in der Hand, aufhängt, und das an einen Galgen von Erz, und an Ketten von Erz, z.B. im Hinterhofe des Pantheons. Sollten wohl die geheimen Gießereien zu Meudon auf so etwas gehen? Voraus könnte immer gearbeitet werden. Denn dem französischen Witze und französischen Künstler-Talenten muß es ein leichtes sein, eine Bildsäule mit beweglichen Gliedern so zu gießen, daß sie im Windmonat (Ventose) zur Verewigung aufgestellt , und im Hitzemonat (Fervidor) im Hinterhofe des Pantheons aufgeknüpft werden könnte. Neben M'Heath hängt hier noch ein anderer Mann, mit S.T.P. hinter seinem Namen, das soll heißen: Sanctae Theologiae Professor, Dr. Sacheverel . Es ist sehr gut für einen Erklärer dieser Blätter, daß der Name Sacheverel schon zehnfach wieder aufhebt, was ihm das S.T.P. auf kurze Zeit geliehen haben kann. Er trieb sein Spiel auf der Heerstraße nach dem Himmel, so wie sein Pendant auf der von London nach Oxford. Hogarth verdient Verehrung, ihn so aufgeknüpft zu haben. – Man hat den Prozeß dieses Schwärmers in einigen deutschen Zeitungen neuerlich mit dem vom Schuster Hardy verglichen. Welchem von beiden zu Ehren weiß ich nicht. Der dabei erregte Lärm hatte freilich einige Ähnlichkeit. Gleichheit von dieser Seite ist in London leicht erhalten. Tumult in der Tiefe ist da immer Folge von Bewegung etwas von oben, die Art der Bewegung sei welche sie wolle. Dr. Sacheverel und Hardy erregten Bewegung, nur, dünkt uns, mit dem wichtigen Unterschied, daß man die von dem Herrn Doktor viel zu hoch, und die von dem Schuster vielleicht viel zu geringe angesehen hat. Dr. Sacheverel war einer von den Zionswächtern, von denen Lessing sagt, daß sie sogleich Feuer riefen, wenn sie im Dunkeln etwas schimmern sähen, ohne zu untersuchen, ob es nicht gar am Ende ein Streifchen Nordlicht gewesen sein könne. Eigentlich hatten sich aber der Herr Doktor dieses Mal Ihr eignes Pfeifchen angesteckt, an einem Orte, und zu einer Zeit, wo Sie es hätten sollen bleiben lassen. Mit diesem gingen Sie so unvorsichtig um, daß am Ende Zion und der Stadt beinah der Schaden geschehen wäre, welchem zuvorzukommen der Herr Dr. eigentlich besoldet wurden. Sacheverel war zwar ein äußerst toryisch gesinnter Prediger der damaligen Zeit (1709), da das Ministerium bekanntlich whiggisch war. Es kam ihm aber vor, und das war das Pfeifchen, als würden alle tolerierten Brüder zu sehr vom Ministerio und sogar von der hohen Geistlichkeit begünstigt. Nach einigen starken Zügen im Dunkeln, und vermutlich etwas schwindlig, oder sonst nicht ganz recht bei Trost, glaubte er Flamme zu riechen auf Zion, und schrie um Hülfe. Er predigte nämlich, nicht in einer Winkel-Kapelle, sondern in der Paulskirche selbst, über die Worte des Apostels von der Gefahr von falschen Brüdern, zog das Ministerium und dessen Maßregeln, nicht etwa in Allegorien, sondern mit klaren Worten, auf das abscheulichste durch; brachte den damaligen Lord Schatzmeister unter dem Namen Volpone auf die Kanzel; und rief dem Volk zu: anzuziehen den Harnisch und das Rüstzeug Gottes und aufzustehen gegen die falschen Brüder . – Zum Tage dieser Predigt hatte sich dieser aufrichtige Bruder recht vorsätzlich den 5ten November ausersehen. Bekanntlich ist dies der Gedächtnis-Tag nicht bloß der Pulververschwörung, sondern auch der berühmten Landung, durch welche die wohltätige Revolution bewirkt wurde. Man weiß ferner, daß an demselben die Orthodoxie des Londonschen Pöbels, wenn sie auch das ganze Jahr ruhig auf der Hefe gelegen hat, etwas zu gären anfängt, so wie manche Weine, wenn die Trauben blühen. Es werden nämlich, um des Evangelii willen heilige Feuer auf den Straßen angezündet, und der Pabst in Effigie verbrannt, den falschen Brüdern zur Warnung. Sachevereis Predigt hatte die Folge, daß man nicht bloß, wie sonst, Fensterläden, Ausstelläden, Kellertüren, Buden und dergleichen Brennholz zum Feuer trug, sondern Kirchenstühle der falschen Brüder , und um ein Haar, die falschen Brüder selbst. – Ist das nicht fürchterlich? – War denn, wird vielleicht mancher Leser mit mir fragen, keine Feuerspritze in der Nähe, um auf den Mund, auf welchem dieser Schwefel glühte, einen armsdicken Wasser-Strahl hinzuleiten, und den Kopf mit einer Wasser-Glorie zu weihen? Vielleicht hätte das Volk beim Anblick eines solchen Elementenstreits, angezogen das Gewand der Fröhlichkeit, und angenommen die Miene des lustigen Spottes, und die Sache wäre gelöscht gewesen. – Aber so ging leider! die Sache nicht. Der damalige Lord-Mayor , auch ein Schwefel-Heiliger vermutlich, ließ die Rede des Gerechten drucken, und nun brannte es auf einmal überall; sie wurde von seinen Anhängern in den Himmel erhoben. Die Weisesten im Parlement rieten, die Sache nicht wichtiger zu machen als sie wäre, durch Aufmerksamkeit. Aber es war vergebens. Sacheverel wurde vor die Schranken des Oberhauses als Staatsverbrecher gebracht. Alles was er wünschte. Es wurde immer ärger; sein Wagen wurde täglich von einer Ungeheuern Menge frohlockender Menschen begleitet von Westmünsterhall bis nach Temple-Bar. Die Häuser der dissentierenden Gemeinde wurden geplündert, tolerierte Bethäuser niedergerissen, und selbst des Groß-Kanzlers Lord Whartons und des Bischofs von Sarum Haus mit Zerstörung bedroht. Und am Ende was geschah nach allem diesem Lärm? Er wurde eines Misdemeanors schuldig befunden, das heißt, eines Mitteldings zwischen hängenswertem Verbrechen und Gar nichts , worüber die englischen Gesetze nicht bestimmt entscheiden. Hätten der Herr Doktor ein Petschaft gestohlen, so hätte man Sie aufgeknüpft. So aber wurde er drei ganzer Jahre vom Predigtamt suspendiert und sein Opus öffentlich verbrannt. – War es nun vorbei? Nichts weniger. Es ging immer höher, immer weiter, und wie uns dünkt, von nun an von Rechts wegen. Die leichte Strafe hielt man für nichts weiter als eine Lossprechung, bei der man auch noch sein Bißchen Recht behaupten wollte, und bei lebendigem Leibe wurde nun der Mann als Heiliger und Märtyrer zugleich angesehn. Heilige Feuer und heilige Illuminationen erleuchteten und schmückten ihm zu Ehren die Nächte von England von einem Ende zum andern. Nun fing der Märtyrer erst an seine Lage recht zu genießen. Er kutschte im Triumph durch das Land. Die Universität Oxford, kam ihm mit Pracht und festlichem Aufzug entgegen, und man schmauste den ganzen Tag um des Evangelii willen. Ein großer Teil des englischen Adels bewirtete ihn mit Pracht und frommer Schwelgerei, und der Magistrat der Städte zog ihm mit Musik, Kavallerie und in pontificalibus entgegen. Die Hecken an den Wegen, wo er vorbeikam, waren mit Kränzen geziert und von den Kirchtürmen wehten Wimpel und Flaggen, und die ganze Luft erschallte von Sacheverel und der Kirche . Eine der neusten Schriften, worin man diese Geschichte kurz und gut erzählt lesen kann, sind die Memoirs of the Kings of Great Britain of the House of Brunsvic-Lunenburg by W. Belsham . London. 1793. II Voll. 8 vo. Vol. I. p. 60. usw. So stund die Sache damals. Man sieht, die Nachwelt hat die Akten etwas revidiert und das Urtel umgestoßen, und Hogarth, der in Exekutionen von Sündern, deren Hals für gemeine Kräfte zu stark war, eine unnachahmliche Stärke besaß, hat den Heiligen hier neben Mac Heath aufgeknüpft. Sic pagina jungit amicos . Und wirklich sollen die Mac Heathe und die Daltons mit ihren Nonnen eine Hauptrolle bei Sacheverels Verklärung gespielt haben. Während er seinen geistlichen Segen ausstreute, führten diese das nötige Ackergeräte, um allenfalls damit den Boden weltlich zu bearbeiten, der sich weigern würde ihn anzunehmen. Noch hängen zwei Bilder an derselben Wand. Gleich unter Mac Heath, ein Brust-Bildchen mit einer Glorie, und über den ungleichen Fenstern das Opfer Isaaks. Die Ausleger, die das erste berühren, sagen alle schlechtweg, es sei eine Jungfrau Maria. Dieses ist, um die Sache kurz zu benennen, ein sehr elender Gedanke dieser Herren Ausleger. Denn einmal ist die Figur offenbar männlichen Geschlechts, und so sind wir mit einem Male am Ende. Wäre sie aber auch dieses nicht, so hätte der Gedanke schon in sich etwas Empörendes für ein gewisses Gefühl, welches Hogarth bei allem seinem Mutwillen, so viel ich weiß, nie beleidigte. Es wäre auch kein gutes Zeichen. Freilich mag wohl hier und da in der christlichen Welt, das Bild der Ehrwürdigen Person in manchem Privattempelchen aufgehängt sein, worin Gott so schlecht gedient wird, als hier. Aber so etwas ist viel zu gesucht, und das Empörende beim ersten Anblick, stumpft alle Empfindung ab für den schwachen Reiz einer solchen Alltags-Finesse hintendrein. Mit einem Wort: es ist nicht wahr . Das Ding ist ein Kalenderheiliger freilich. Aber man bedenke die Zahl 365. Sollte unter dieser ganz beträchtlichen Herde auch nicht ein Einziges räudiges Stück gewesen sein, wie Sacheverel, oder Mac Heath? – Über das Opfer Isaaks sagen die Ausleger teils nichts, teils etwas, was eben so viel wert ist. Bei verwickelten Stellen ist das Ausleger-Mode. Vermutlich ist das Bild noch ein Überbleibsel aus dem Portugiesischen Tempel, und vielleicht enthält das, was wir oben S. 761 so ganz unbefangen gesagt haben, schon selbst die beste Erklärung. Wirklich nimmt auch hier die Geschichte des Mägdchens eine Wendung, die man in dieser Lage noch immer glücklich nennen kann. Das Schwert, das über ihr aufgehoben war, wird noch angehalten, und die Stätte, wo Isaak geopfert werden sollte, hieß bloß: der Herr siehet . Was will man weiter! Hogarth sah vermutlich hier nicht sehr tief, und dachte sich bloß Rettung von gewaltsamem Tod oder Zurückhaltung des Schwertstreiches der strengen Gerechtigkeit in besondern Fällen, durch den Arm einer höhern Güte, die die Macht dazu hat. So denken sich Tausende die Geschichte von Isaak, die nicht tiefer sehen. Die Erklärung ist freilich, wenn Hogarth Philologe und Schriftgelehrter gewesen wäre, gezwungen . Allein, sind das nicht auch öfters Bibelerklärungen von Leuten, die alles das sind, was Hogarth nicht war? Wie viel mehr wird man, christlich, dem Manne vergeben, aus dessen Charakter sich ein Bißchen von witzigem Leichtsinn doch nicht ganz so rein wegerklären läßt? Nachdem wir dieses merkwürdige Blatt seinem Haupt-Inhalte nach durchgegangen haben, so wollen wir nun mit einem Paar Federzügen noch hier und da etwas zusammenkehren, das uns bisher entgangen war. Gerade über dem Manne mit dem Prediger-Kragen stehen ein Paar Arznei-Gläschen mit ihren Doktor-Krägelchen, und sehen da zu den Fenstern hinaus, wodurch schwerlich jemand wieder hineinsieht, und am andern steht gar, wo ich nicht irre, eine Salbe! – Gut, weil sie da stehet, so ist es Pflicht sie stehen zu lassen. Hier klingelt die Hermeneutik. Die Katze! Ihr soll so eben ein Mäuschen entschlüpft sein, das sie da sucht, zum Zeichen der Armut und Unreinlichkeit auf dieser Stube. Ratzen und Mäuse sollen, wie man sagt, bei Reichen selten betteln, und da haben sie, wie uns dünkt, nicht so ganz Unrecht. Aber die Stellung des Tieres ist nicht die des intendierten Fangs und der lauernden Aufmerksamkeit. Also auch die mag stehen wo sie steht. Noch hängt am hintern Vorhange des Bettes das geflügelte Kopfzeug vom vorigen Abend angehakt, vermutlich geschwind im Sturm beim Überfall dahin geflüchtet, damit die Plättung nicht zerknittert würde. Der Hut scheint früher und noch im Stehn dahin gerettet worden zu sein. Nun noch etwas von dem Knoten im Bettvorhang . Herr Ireland sieht darin ein Gesicht , und sogar Ähnlichkeit mit der Frau Priesterin, dem Steinbutt. Ich habe so wenig gegen diese Mutmaßung, daß ich vielmehr glaube, Herr Ireland habe eben nicht oft so sehr mit Hogarthischen Augen gesehen, als hier. Es liegt gewiß nicht außer Hogarths Dichter- und Künstler-Charakter, dem Knoten in einem Vorhang um den Altar der Venus Pandemos, die Form eines erbärmlichen Gesichts zu geben, das mit abgewandtem Blick die Opfer beweint, die da gebracht werden. Der Knoten scheint mit Sorgfalt und gewiß nicht ohne Bedeutung geschürzt; vermutlich um nötiges Licht oder auch freien Fall-Raum für den Kometen bei seiner Annäherung zur Sonne zu gewinnen. Ob übrigens das Gesicht der Priesterin gleicht, lassen wir dahin gestellt sein. Enthalten aber können wir uns unmöglich bei dieser Gelegenheit noch mit einer kleinen Betrachtung über das güldne Sprüchlein: Ne quid nimis , zu schließen. Wir haben allerdings hier mit einem sehr schlauen und originellen Schöpfer von Witz zu tun; das ist sehr wahr. Aber man lasse sich auch dadurch seine eignen gesunden Augen nicht verderben, und glaube nicht, Dinge auf dem Blatte zu sehen, die eigentlich ganz diesseits unserer eigenen Nase-Spitze ihr luftiges Spiel treiben. So etwas erinnert an die Prophetinnen der neuern Zeit, die mit der Nadelspitze das Schicksal horchender Mamsellen aus KafFee-Satz in der Tasse heraussticheln und dann predigen: »Sehen Sie, meine allerschönste Mamsell, hier diesen kleinen Zirkel; er ist so deutlich; das ist ein Kutschen-Rad; und hier diese Pünktchen, 4,8,12,16,20,24, das sind Fußtapfen von – warten Sie, liebstes Kind, – ja richtig, von 6 Pferden. O hauchen Sie noch einmal darauf. Nun sehen Sie, hier ist offenbar der Stern. Zählen Sie die Zacken selbst. Also, meine Allerschönste, eine Kutsche mit sechsen und ein Stern dabei, und nun gar hier, ach! was ist das!« – – – doch ne quid nimis . Hiermit wird aber schlechterdings nicht gegen die kleine Saillies des Witzes , wahren oder vermeintlichen geredet, die sich der Ausleger, offenbar auf eigene Kosten, erlaubt, und worüber wir uns in der Vorrede zum ersten Hefte erklärt haben. Diese sind gestempeltes Eigentum des Erklärers, die man nehmen kann wie man will. Die Rede ist nur von tief gewitterten Bedeutungen im Ganzen. Die Bedeutung des Ganzen hat Hogarth nie versteckt, er hätte es auch nur bloß zu seinem Schaden tun können. Was er im Ganzen will, leuchtet sogleich beim ersten Blick ein, und das muß sein. Ohne so etwas kann kein Kunstwerk dieser Art gefallen. Kennt man aber diese, so erhöhet das Bestreben kleine untergeordnete Schwierigkeiten aufzuklären das Vergnügen bei der Betrachtung, das jede Dunkelheit des Ganzen gänzlich zerstören würde. Man würde das Blatt wegwerfen. So stellt das erste Blatt unsers ersten Heftes schlechterdings nichts weiter vor, als die Unordnungen und lächerlichen Kontraste, die sich beim Ankleiden von herumstreichenden Komödianten in einem engen Raum notwendig ereignen müssen; um diesen Kontrast desto auffallender zu machen, wählte er die Götter-Oper , worin, auf dem Theater Diane den Hirsch, und hinter den Coulissen der Hirsch oft Dianen jagt. Diese Unordnungen samt und sonders in einem einzigen Bilde darzustellen, war der reichste Gegenstand für das Talent unsers Künstlers. Hier war sein Genie zu Hause. Wäre er gezwungen worden, sich die Flügel nach irgend einem Konventions-Fuß, oder nach einem bestimmten Thema beschneiden zu lassen, so wäre er sicherlich auf der Erde liegen geblieben. – Das war der Fall bei ihm. Z. B. beim Hudibras sehr augenscheinlich. Wer also in jenem ersten Blatt noch Plan und eine bestimmte Götter-Oper wittert, ist sicherlich sehr schlecht mit Hogarths Geist bekannt. Den gerichtlichen und, wie ich glaube, gründlichen Proklamationen der Ästhetik gemäßer wäre es freilich gewesen, sich noch bei allem Gefühl und Bewußtsein seiner inneren Stärke unter den Kontrakt zu schmiegen, den die rohe Wildheit notwendig mit dem verfeinerten Menschen jetzt eingehen muß, wenn sie ihren Waren auf unsern philosophischen Märkten Abgang verschaffen will. Aber das konnte der Mann nicht; er produzierte bloß, wir andern mögen nun drechseln . Ein einziges Beispiel zu geben: so hat man eben dieses Komödianten-Blatt auf die Liebschaft zwischen Endymion und Dianen gedeutet, zuversichtlich, und mit der Miene der Superiorität. – Einer meiner Freunde ist jener lächerlichen Erklärung nicht mit der Miene sondern dem Gefühl wahrer Superiorität durch eine Deutung jenes Blattes begegnet, die ich hier ganz einrücken zu können wünschte. Er hat es auf die Französische Revolution gedeutet, und mit einem Witze, der jener kleinlichen Machination ganz unendlich überlegen ist. Ich kann und darf nur einiges erwähnen. Etliche der stärksten Züge zu verschweigen, nötigen mich aber sowohl, als meinen Freund, Gefühle einer höhern Art, nach welchen ein solcher Witz jetzt, öffentlich geäußert , leicht mißgedeutet werden könnte, weil Personen genannt werden müßten, die unser Mitleid um so mehr fordern, je weniger wir heute wissen was unser eignes Schicksal morgen sein kann. – Zuerst also die beiden Teufel an dem Altar, nebst der Baßgeige, und dem Medusenkopf, der alles um sich her versteinert, sind, dünkt mich, luce meridiana clarius . Den verlornen Seehandel drücken die Wellen vortrefflich aus, die man in die Ecke geworfen hat. Katzen drehn Weltkugeln um, ohne zu wissen, was sie da machen; Bischofsmützen werden Futterale für Komödienbücher. Juwelen von Bettlern füllen Malter-Körbe. Das können doch wohl nichts weiter als Assignaten auf Juwelen sein, und diesem unermeßlichen Reichtum droht ein brennendes Talglicht den Untergang. Sanscülotterie ist hier überall; so gar das einzige Paar Hosen liegt weggeworfen da. Man schneidet einer wütenden Katze den Schwanz ab. Ist das nicht Robespierres Schweif , mit dem man jetzt beschäftigt ist. Der Dreschflegel, das heißt, der Ackerbau liegt im Winkel. Die leeren Koffer sind so klar wie was. Eine See-Göttin aus West-Indien schenkt einem Sansculotten ihren letzten Rum, und beide weinen; sie selbst ist auf das Land geworfen. Der Affe der seine Geschichte mit dem Helm, vielleicht der Pallas, treibt, ist nicht zu verkennen. Auch das Suchen der Kleiderstücke in den Wolken hat seine Bedeutung. – So geht es durch das Ganze, und die Versammlung, worin alles dieses vorgeht, nennt sich: Senatus populusque Romanus . usw. Vierte Platte Bekanntlich spricht die Chemie von drei Stufen von Gärung : der Weingärung , der Essiggärung , und der fauligen . Aber es ließe sich auch wohl noch an ganz andern Orten davon sprechen, als in der Chemie. Es findet sich etwas Ähnliches überall, wo organischer Stoff aller Art mit einer Portion von volatilem Je ne sçai quoi , Leben oder Geist, oder was es ist, in mannigfaltiger Verhältnis von Quantität sowohl als Kraft verbunden, im Naturumlauf ist, der sich durch steten Wechsel erhält. So ist es mit dem Leben des Menschen und der Staaten, im Ganzen und in ihren Teilen. Die erste Gärung des Lebens, o! wie erfreut die nicht des Menschen Herz! Wie wird da nicht aus allem Begeisterung und Entzücken mit langen Zügen gesogen! Einige Zeit darauf ist es nicht mehr so, wie – im vorigen Kriege , oder was sonst der Annalist für Perioden hat. Es schmeckt nicht mehr. Man setzt mit sauerem Gesicht, und krampfhaftem Kopfschütteln in der Mitte ab. Die Leute verstehn's nicht mehr; es ist wahrlich nicht erlaubt; es ist infam – und so entsteht der Sauertopf. Nun immer weiter. Alter macht vorsichtig; Vorsicht mißtrauisch und Mißtrauen macht wieder älter. Es wird kalkuliert mit Gedanken-Strichen – auf der Stirn, und nicht selten zwischen Abendessen und Frühstück ein kostbares Mitternachtmahl eingenommen von eigenem Fett. So fällt ein Zahn nach dem andern, ein Löckchen nach dem andern, und eine Kraft nach der andern, und so geht es dann ohne Zähne, ohne Haare und ohne Kraft, oder, wie Shakespeare sagt, sans every thing , durch die letzte Gärung zum Faulen über. – O! Wie er riecht! Fort mit ihm in die Kiste mit Hobelspänen; nach dem Resurrektions-Acker mit ihm, mit dem mächtigen Dinge, das nie wieder gesehen wird! Das ist der Mensch. – Geht es mit Staaten und Städten anders? Was von den glorreichsten der Vorzeit noch übrig ist, sind Grabsteine über dem mächtigen Kadaver, oder armselige Sprößlinge um den faulen Stumpf, die sich mit jedem Winter verlieren. Aber nicht immer geht es so langsam, und so durch alle Stufen. Mancher läuft alle seine Gärungen in einer Zeit durch, die bei dem andern kaum zur ersten hinreicht, und daran sind nicht selten die Gärungs-Mittel schuld. Lord Rochester der bekannte witzige Schweinpelz, ward alt in seinem 30ten Jahr, bekehrte sich in seinem 31ten, und starb völlig Lebens satt in seinem 33ten. Das ist alles mögliche, und das bei einer Konstitution, die auf ein Jahrhundert angelegt war. Allein dieses Genie war auch, wie es sich selbst zu rühmen pflegte, einmal fünf Jahre hinter einander betrunken. D. Johnson's Life of the Earl of Rochester, in dessen Leben der englischen Dichter. Es lebte also überhaupt in jedem Sonnenjahre drei von den Jahren durch, die ein gewöhnliches Biometer angibt, dessen Skale nach der Dauerhaftigkeit des menschlichen Körpers geteilt ist. Ob es wohl auch solche Staaten gegeben hat? Zwei Jahre Weingärung; zwei Jahre Essiggärung, und zwei Jahre faulige! Es wäre möglich, zumal bei einem stolzen und hitzigen Volk, das etwa allemal erst handelte und dann überlegte . Dieses alles galt eigentlich Dich, arme Molly. Auch deine Gärung geht sehr geschwind von statten. Kaum zwanzig Jahre, und doch stehst du schon am Ende der zweiten, die der Brauknecht mit der Schürze neben dir schwerlich aufhalten wird. Unsere Heldin ist nämlich nach dem Zuchthause gebracht worden, wovon dieses Appartement, das Refektorium , oder eigentlich der Motions-Saal zu sein scheint, um in den Nebenstunden, aus welchen hier leider! der Tag größtenteils besteht, Hanf zu klopfen, oder wenn dieses nicht gut gehen will, sich selbst klopfen zu lassen. Auch hat man in diesem Fall oft Erlaubnis auszuruhen, so wie der Kerl hinter dem Mägdchen, der, wie einmal ein Knabe glaubte, der dieses Blatt sah, Sperlings-Nester ausheben will. So einmal darüberhin angesehen, ist man hier nicht ganz übel aufgehoben. Die Gesellschaft ist nicht klein und nicht ganz schlecht, und wenn man auch gefangen sitzt, so sitzt man wenigstens nicht in gefangener Luft; es ist hier alles sehr luftig und hoch, und das ist allemal schon etwas, zumal! am Rande – den faulen Gärung. Sie steht am rechten Flügel des Gliedes, als Flügelmännin, auch mit der Flügelhaube, und überhaupt sehr geflügelt . Vermutlich ist sie auch als Nachtschmetterling ergriffen und dieser bunten Sammlung einverleibt worden, oder es ist wenigstens der bunte Apparat, mit welchem sie des Nachts um die Laternen flatterte. Doch dieser Artikel verdient eine nähere Beleuchtung. Wie kömmt, könnte man fragen, das Mägdchen hieher, so en Gala , da sie doch aus dem Bette geholt wurde, und man ihr schwerlich Zeit wird gelassen haben, sich so anzukleiden. Denn setzen wir auch, sie habe das Kopfzeug nur vier- bis fünfmal ausprobiert, und etwa jedes andere Kleidungsstück, im Durchschnitt zweimal, und das ist fürwahr das Geringste was man annehmen kann: so hätten leicht zwei bis drittehalb Stunden darüber hingehen können. Bei einem solchen Handel verdienten die Schmetterlings-Fänger ihre Schuhe nicht. Aber nun bedenke man den erbärmlichen Spiegel am Punschnapf, der kaum den funfzigsten Teil des Prachtgebäudes faßt, und der erst von Zone zu Zone, jede kaum ein Paar Hände breit, um das Firmament geführt werden mußte, um zu sehen, ob dort zu viel oder hier zu wenig war. Gebraucht doch manche Dame drei Stunden Zeit sich für den Ball zu bedecken , und das bei vier Händen, und einem Spiegel, in welchem sie, so wie sie davor tritt, jedesmal den ganzen Himmel übersieht. So etwas geht nicht, und so viel Geduld war von Gerichtsdienern nicht zu fordern, und schwerlich zu erwarten, wenn man sie hätte fordern wollen. Denn wirklich erblickt man in der Hand des einen auf der dritten Platte gerade das Instrument, das, auf der vierten, der Mann in der Hand hält, den wir so eben den Brauknecht genannt haben. Wo dasselbe erscheint, erscheint es nie als Zeichen der Langmut, ich glaube man nennt es einen Ochsenziemer . Also dieses Rätsel aufzulösen, sehe ich nur zwei Wege. Entweder jener erste Arrest war von diesem verschieden, und endigte sich etwa bloß mit einer Privatzüchtigung , hat aber nicht gefruchtet. Das sollte mir sehr leid tun; und so kam es denn zu diesem zweiten : oder (und dieses ist wohl die billigste Vorstellung) das Mägdchen ist dort weggeführt worden, so viel bedeckt, als der Zug der Luft und der Blicke neugieriger Naturforscher auf der Straße notwendig machte und hat sich die Garderobe nachbringen lassen. Nun weiß man, daß in England niemand ungehört verdammt werden kann, und daß man an den Orten wo man gehört, auch noch weit mehr gesehen wird. Das ist ein wichtiger Zeitpunkt für eine arme Sünderin, die ihrem Gesichtchen und ihrer Figur etwas zutraut. Sie weiß zwar, daß ihre Tat einen unerbittlichen und unbestechlichen Richter in dem ehrwürdigen Manne finden wird, der ihr gegenüber sitzt, unter dem Schwert der Gerechtigkeit. Allein sie weiß auch, daß unter den Nonfakultisten ringsherum, ihre Miene , ihre Taille , ihr Haar , und ihr ganzer Anstand manchen Richter finden kann, der die Sache nicht so genau nimmt, und überhaupt auch nicht geschworen hat, ein schönes Mägdchen gleich für verwerflich oder gar für häßlich zu halten, weil sie einmal im Dienst ergriffen worden ist. Wenn daher in England ein Frauenzimmer vor den Richterstuhl gebracht wird, die, bei einer guten Miene, von der Sittsamkeit wenigstens die Formen, von Kleidern aber die Substanz besitzt, oder sonst dazu zu gelangen weiß, so kann man überzeugt sein, daß man nicht: selten etwas Großes zu sehen bekommen wird. Der Name einer gewissen Mrs. Rudd, die im Jahr 1775 zwei Zwillings-Brüder Perreau, ihre Freunde an den Galgen brachte, dem sie selbst bloß durch diesen Liebesdienst entging, lebt noch sicherlich in allen Magazinen der damaligen Zeit, wenn anders die Magazine selbst noch leben. Ihr ganzer Anzug wurde beschrieben, und Band für Band und Schleife für Schleife ausgemalt. Ihr Kopfputz, den die Sittsamkeit selbst dirigiert zu haben schien, ward zergliedert, und allen denen gleichsam vorgemalt, die etwa Lust hätten auch ein Paar Perreaus zu fangen; einer Siddons Eine der größten Schauspielerinnen dieses Jahrhunderts, gleich verehrungswürdig und wirklich verehrt, wegen ihrer Kunst, als ihres großen, untadelhaften Charakters. als Cordelia oder Desdemona, hätte nicht mehr Ehre widerfahren können. Es ging weit. Wer will es also einem Mägdchen, wie diesem, verdenken, wenn es am Tage der Prüfung sein Bißchen zusammensucht; Den Geschworenen ist es freilich verboten, sich dadurch blenden zu lassen, aber der armen Sünderin nicht, zu glauben, daß es dennoch möglich wäre. Wird auch der Schlag selbst damit nicht abgelenkt, so könnte so etwas doch hier und da im Volk einen Samariter erwecken, der nachher Öl in die Wunde gösse; denn es gibt in London gar seltsame Arten von Samaritern, und darunter welche, auf die ein solches Geschöpf mit seiner schweren Maultier-Parade eben so viel Eindruck macht, als die Grazie Julie Potocki im Tanz, auf einen Mann von Welt und dem feinsten Gefühl, gemacht hat. Man sehe die musterhafte Schilderung dieser Dame im Tanz, in den Reisen eines Livländers von Riga nach Warschau etc. im 2ten Heft S. 197. Molly wurde vor den Schranken schuldig befunden und verdammt, nicht bloß privatim gepeitscht zu werden (privately whipped) , sondern zu harter Arbeit (hard labour); zum Hanf-Klopfen (to heat hemp) . Und da ist es denn freilich eine kleine Schärfung der Strafe, sie in diesem Aufzuge den Anfang machen zu lassen. Wenn erst einmal das Gassenlaufen durch die Zungen ihrer Mitschwestern vorüber ist, so wird sie sich wohl kommoder machen. Dort an der Wand hängt ja ohnehin schon ein Reifrock, und ein Bortenhut, der kein Livreestück ist. – Wie trübe ist nicht ihr Auge geworden! Die blauen Ringe um dasselbe wird niemand, selbst im Kupferstich, verkennen. Der Mund wie hülflos offen und das ganze Gesicht wie aufgedunsen! Was ein Paar Fehltritte in der Welt nicht tun können, wenn es bis zu Arznei-Gläschen damit kömmt! Das arme Herz, wie schwer! Und der Hammer, wie sie ihn anfaßt! mit der Linken hoch oben und mit der Rechten tief unten. So klopft man nicht, wenigstens Hanf nicht – und Zucker auch nicht. Ach! es ist ihr unmöglich, sie mag nicht hinsehen, sie kann und kann nicht klopfen. Aber: Du sollst und mußt , steht neben ihr in dem Gesicht von Bronze mit einer Schrift geschrieben, die, ohne Punkte, über die ganze Erde gelesen und verstanden wird. Auch war es ganz unnötig die Worte noch mit einem gravi , ich meine dem schrägen Ochsenziemer, zu akzentuieren; die Sache wird dadurch nicht um ein Haar deutlicher. Ist das nicht ein Kerl, und ein Hüter wie von der Natur eingesetzt für eine solche Herde? Ganz wie Daphnis beim Virgi Ecl. V. 44. Formosi pecoris custos, formosior ipse. »Die Schweinchen schön, der Schweinehirt schöner noch.« Aber wissen unsere Leser wohl wer diesem Folter-Knecht ähnlich sah? Wie ein Ei dem andern, der Herr Magister Thwackum, Hofmeister der beiden Brüder Blifil und Tom Jones. Fielding sagt es ausdrücklich. Tom Jones, Book III. chap. 6. Bekanntlich hatte dieser Gelehrte das Departement der Religion bei der Erziehung der Knaben. Ob er wohl seine Stunden auch mit der weißen Schürze gegeben haben mag? Ich fände so etwas bei dieser Art von Unterricht nicht so ganz unschicklich. Es hat etwas Häuslich-Präparatorisches, etwas Erwartung Erregendes, und erinnert zugleich ein böses Gewissen mitunter an die Begriffe von Fell und über die Ohren ziehen , das, bloß als Territion gebraucht, unmöglich schaden kann. Unterdessen ist das Erz in diesem Kerl nicht ganz verächtlich, ja, seine obere Hälfte könnte so gar den tiefsten Respekt einflößen, wenn man ihm, statt des Ochsenziemers, ein Instrument in die Hand gäbe, das wenigstens nicht so hieße . Um indessen unsere Leser nicht allzu sehr gegen den Mann einzunehmen, oder sie gar wegen der armen Gefangenen unter einem solchen Despoten in Sorge zu setzen, müssen wir notwendig anmerken, daß dergleichen Leute, außer den Gesichtern die die Stadt bezahlt, und die von ihnen umsonst geschnitten werden müssen, noch immer ein halbes Dutzend anderer vorrätig haben, die man gegen ein billiges von ihnen kaufen kann. Diese werden gemeiniglich ganz ohne Ochsenziemer serviert, und einige darunter, wie ich mir habe sagen lassen, mit einem freundlichen Querschnitt unter der Nase weg, von einem Ohr zum andern. Was wir hier sehen, ist gewöhnliche Kost, zur Entree. Gleich hinter unserer Heldin steht das Weib dieses Haushofmeisters, und hält eine Geißel anderer Art über dem Haupte der Dulderin gezückt, die bloß der Seele wehe tut, – die des frechsten Spottes . Wenn der Teufel irgend eine seiner Marionetten in der Welt zu einem noch unsichern Zwecke ziehen und lenken will, so kann er die Drahte dazu unmöglich mit andern Fingern und mit einer andern Miene anfassen, als dieses Weib die Spitzen und die Bandschleifen oder das Schnupftuch hier anfaßt. Kann man sich eine teuflischere Physiognomie denken? Und doch ist ihr Ausdruck noch von der Form, die dergleichen Gesichter am besten kleidet: von satyrischer . Durch Wut und Branntwein illuminiert, würde sie unendlich gewinnen, und doch wäre es noch nicht Karikatur. O wer so etwas noch nicht gesehen hat, hat nichts gesehen in der Welt. Wenn sie anders nicht das Schnupftuch aus der Tasche zieht, wie Ireland glaubt, so zieht sie sicherlich eine witzige Parallele zur Unterhaltung ihres Gemahls und zur Erleichterung ihres eigenen Herzens, zwischen diesem Brautschmuck der Dame und der Gruft, worin man sie hier beigesetzt hat. Ihr Auge ist nicht so wohl verschlossen als ausgeflossen, allein das Gesicht verliert dadurch nichts an Licht von der Seite, es wird alles durch den Gebiß-Brillanten reichlich ersetzt, den die Klapperschlange so unnachahmlich weist, daß man kaum merkt, daß das Auge fehlt. Wenn in diesem Hause je der Gruß gehört worden ist: es freut mich unendlich Sie hier zu sehen , so kann er bloß aus einem Munde von solcher Schlitzung hervorgegangen sein. So viel von des Zuchtmeisters – Zuchtmeisterin . Man laufe nun die Reihe hinunter, was das für ein Hämmerspiel ist! Welche Musik! Sonderbar, daß ihrer gerade sieben im Gange sind, also wirklich Ut, Re, Mi, Fa, Sol, La, Si . Die beiden im Vorgrunde rechter Hand, können nicht gerechnet werden, denn sie spielen dieses Mal nicht mit. Ob etwas in Reparatur ist, oder ob sie für heute ausgespielt haben, (denn ihre Hämmer ruhen nicht bloß, sondern sie haben auch keinen Hanf auf dem Klotze), getraue ich mir nicht zu entscheiden. Auch scheint zwischen ihrer Stelle und den übrigen etwas wie ein kleiner Graben durchzulaufen. So gäbe es wohl gar hier Klassen; prima und secunda . Oder steht unsere Molly andern zum Exempel auf einer Terrasse , und arbeitet am Pranger . Daß man auch den Hund nur halb sieht, zeigt wirklich eine solche Erhöhung an, und weil höherer Rang ohne Insignien nicht denkbar ist, so findet sich auch bei dieser erhabenen Stelle ein Ring in der Erde und ein Retardations-Klotz , Bewegung ganz zu hemmen oder zu mindern . Doch wir kehren zu unserer Tonleiter und dem Hämmerwerk zurück. Neben unserm Grund-Ton Ut , hämmerte Re , ein ganz ehrwürdiger Alter. Ich habe einmal auf einem alten Kupferstiche, der eine Audienz vorstellte, einen Ambassadeur gesehen, der gerade so aussah, auch fast so stund, nur wurde da nicht geklopft, vielleicht aber davon gesprochen. Wirklich, stünde dieser Mann als Ober-Polizei-Inspektor in einem honetten Werkhause so da, oder privatim in seiner Studierstube: so würde man im ersten Falle glauben, er triebe das Hanfklopfen so wie der Chinesische Kaiser das Pflügen, und im zweiten wie die Hunde das Grasfressen, wenn sie sich den Magen verdorben haben. Wie der hieher gekommen sein mag? Die Ausleger insgesamt halten ihn für einen betrügerischen Spieler. Sie schließen dieses aus der zerrissenen Karte, die vor seinem Arbeits-Tische auf der Erde liegt. Es ist wahr, der Mann hat etwas von dieser Menschenklasse, das selten trügt. Die allweise Natur, die diese giftigen Schlangen toleriert, hat gewöhnlich in ihren Aufzug und Anzug, so etwas gelegt, das die Stelle der Klapper vertritt, womit sie die Umstehenden warnen, ohne es zu wissen. Es ist immer etwas nicht so ganz richtig. Bald wird gegen das Jahrhundert geschnitzert, bald gegen die Jahrs-Zeit . Ein Parade-Kleid vom Ryßwickischen Frieden her, macht Bank bei der Krönung Franz des Iten, oder ein Pracht-Pelz an den kühlen Abenden, im August. Dieses ist die schwache Seite dieser Menschen-Klasse, und welche Klasse hat die nichts Die Karte ist eine Pique-Achte , aber solche Achten gibt es nicht, vier Piquen in einer Reihe. Das wäre wohl am Ende eine radierte Neune . Die beiden Stücke sagen: drei gegen fünf , und eins im Sinn, macht das alterum tantum . Betrug ist da gewiß gespielt worden. O! wenn doch die Bemerkung über den Kaffee-Satz S. 772 nicht schon abgedruckt wäre! Hier wäre Gelegenheit, Dinte ohne Mühe zu verkaufen, um einen Preis! – wie Zimtöl. Die Sache hat ihre Schwierigkeit. So ganz darüber hin dürfen wir nicht gehen. Man kann fragen: wie kömmt die Karte hieher? Hat er sie mit dem Schnupftuche herausgezogen, und warum ist sie entzwei? Ist sie vielleicht beim Pointieren so oft umgebogen worden, daß sie endlich entzweigehen mußte. Die Seichtigkeit der englischen Kommentatoren bei diesen Gelegenheiten ist eben so unbeschreiblich, als unbegreiflich. So etwas hätte sich doch wohl zu seiner Zeit müssen erfragen lassen. Wofür schreibt man denn, wenn man dem alten Kapital nichts damit zulegt? Ein Ausländer kann hier nichts weiter tun als tappen, und froh sein, wenn er sich vor dem einheimischen Kenner nicht lächerlich macht. Also etwas bloß auf gutes Glück: Mir scheint der Mann nicht sowohl ein Spieler von Profession, als vielmehr ein alter Glücksritter zu sein, der sich überall, also auch wohl im Spiel versucht hat, und durch gänzlichen Ruin in demselben, in andere Wege geraten ist, die ihn hieher gebracht haben. Bei einem solchen Schicksal kann man wohl die Karten verfluchen, und wo man noch eine in der Rocktasche findet, zerreißen und vor sich hinwerfen, ehe man anfängt – Hanf zu klopfen. Ich halte ihn nämlich für eine von den berüchtigten Personen, die der Gerechtigkeit in London jährlich nicht wenig zu schaffen machen, und die man im Englischen Swindlers nennt. Swindler (im Vorbeigehen anzumerken), eines von den Wörtern, die der große Dr. Johnson in seinem eben so großen Wörterbuche vergessen hat, heißt im Englischen ein Betrüger, der durch fein ausgedachte Ränke, und zwar hauptsächlich unter dem Schein eines Mannes von Stand und Vermögen die Menschen um ihr Eigentum zu bringen sucht. So etwas auszuführen, dazu ist zuweilen eine Interims-Gemahlin , wenigstens als Equipage-Stück oder als Lockvögelchen, ein unentbehrlicher Artikel; sie besorgt das Maulwerk und er die Gravität . Ich fürchte, ich fürchte fast, unser Ut und Re sind ein solches Pärchen. – Daß ihre Plätze so unmittelbar aufeinander folgen, daß sie beide so schwer-prächtig und ganz nach gleichem Geschmack behangen sind, bestätigt diese Mutmaßung nicht wenig. Ob nun Re das Ut , oder Ut das Re bei dem Handel nötig hatte, entscheiden wir nicht, vielleicht verhielt sich die Schuld, wie die 3 zur 5 auf der zerstückelten Karte, und war also von der Verhältnis der Gleichheit nur um ein Achtel der ganzen Last unterschieden. Sie könnten, nach vielem Nachsuchen, endlich einmal im Staatswagen erwischt, und so nach einem kurzen Prozeß hiehergebracht und die merkliche Distinktion unserer Heldin hier die Folge des zweiten Arrests sein, der aller Orten mit gewissen Hänseleien verbunden zu sein pflegt. Wenn man diesen Grund von Mollys Hiersein billiger findet, als den oben angegebenen, so kann man ihn beibehalten. Es kömmt hier bloß auf Geschmack an. Daß der Bortenhut an der Wand unserm Re zugehört, bedarf kaum einer Bemerkung. Auf Re folgt Mi , ein bloßes Kind, der erbarmungswürdigste Gegenstand auf diesem Blatt. Kaum in die Zehne getreten,ist es schon unter diesem Dach und büßt für Verbrechen, wovon es keinen Begriff hatte, und wovon man ihm bloß die Begehungs-Formen einpeitschte, wie dem Pudelhund seine Kunststücke. Wer aus dem Wohnsitz der Tugend, ich meine aus den kleinen Städten Deutschlands, nach London kömmt, dem muß das Herz bluten, wenn er an einem Abend sich von solchen Geschöpfen von zwölf, dreizehn Jahren, herausgekleidet wie Balletschäferinnen, angefaßt und mit theatralisch-zärtlichen Umarmungen aufgehalten sieht. Es geht über alle Vorstellung. Sie sprechen mit kindlich-liebreichen Stimmchen und einer Volubilität die offenbar von Auswendiglernen zeugt, über Dinge, wovon sie sicherlich kein Wort verstehen. Man würde sie daher fast für Konfirmanden halten, wenn alles dieses nicht aus einem Katechismus hergesagt würde, dergleichen nur Charters oder der Teufel verfassen kann. Es ist himmelschreiend. Da wir im Text einmal so weit gegangen sind, so ist es unsere Pflicht, auch anzumerken, daß man in London diesem Unheil mit aller Kraft zu steuern gesucht hat, die bei einem Volke, das nicht selten auch zur Unzeit auf seine Freiheit pocht, nur angewendet werden kann. Auf Veranlassung, und nun unter dem Schutz und durch Unterstützung Unserer Königin existiert dort das Magdalenen-Hospital, worin Mägdchen von dieser Profession, die das Elend ihrer Lage fühlen, und ihre Lebens-Art bereuen, aufgenommen und zu bessern Menschen von neuem erzogen werden. So ward also tiefes, bejammernswürdiges Verderben der menschlichen Natur vonder einen Seite, der erhabensten Tugend von der andern wieder Veranlassung, sich, zur Ehre der Menschheit, in ihrem größten Glänze zu zeigen. Wie wenig indessen manche dieser Geschöpfe geneigt sind, davon Gebrauch zu machen, erhellt aus folgender Geschichte: Eines Tages wurde ein solches Mägdchen, vermutlich durch wohlmeinende Verwandten, mit Gewalt dahin abgeführt. Sie schrie erbärmlich im Wagen. Vorbeigehende, die eine Entführung vermuteten, hielten das Fuhrwerk an, und fragten was man vorhätte?, schrie das Mägdchen, da wollen sie mich nach dem Hospital der bußfertigen Jungfern schleppen, und ich bin weder das eine noch das andere. Das arme Mägdchen hat etwas Gutes in seiner Physiognomie, und der Eifer, womit es seinen Hanf klopft, zeugt von Bereitwilligkeit jeder Instruktion zu folgen. Gerechter Himmel! Wenn dieses Kind das Zuchthaus verdient, welche Strafe verdienen die, deren Unterricht ihre Unschuld vor der Zeit der Überlegung und ihre Jugend noch vor der Blüte so vergiftet haben? Wir kommen nun auf den vierten Ton, Fa , das kurze, runde, kugliche Ding, das da auf den Hammer gelehnt, seine Pause hält, einen wahren kleinen Satan. Ihre Augen, ein allerliebstes Paar Tollbeerchen, scheinen auf ein Mückchen gerichtet, das kaum drei Zolle weit von ihrer Nase in der Luft sumset, in der Tat aber gehen sie auf den prächtigen Nachtvogel Nro 1. im Cabinet und dessen herrliche Flügel. Sie hat scharf angelegt und trifft gewiß, wenn sie abdrückt. Ich möchte wohl das Mägdchen sprechen hören. Hierbei hat Hogarth einen von den Zügen angebracht, die ihn so vorzüglich charakterisieren, die freilich in diesen sechs Blättern nochnicht häufig sind, aber immer dichter kommen, so wie sich sein Genie der Reife nähert. Kein einziger englischer Ausleger hat ihn indessen bemerkt. Hinter diesem Mägdchen steht nämlich der bekannte Pfahl mit der eisernen Halsbinde, den man auch wohl bei uns sieht. Er hat die Überschrift: the wages of idleness; Lohn des Mäßiggängers . Also Fa pausiert, unmittelbar unter der Gesetztafel, die dergleichen Pausen verbietet, und das nicht allein, sondern, weil ihr nördlicher Teil so sehr vorgelehnt ist, so kehrt sich der südliche offenbar stark gegen das Gesetz, welches, glaube ich, bei allen Völkern für Mangel an Respekt erkannt wird. Hier ist es doppelt unanständig mit diesem Pol nach einer bloßen Inschrift hin zu visieren. Denn man weiß zwar, daß dieses Ende zuweilen Züchtigung annimmt, aber daß man schriftliche Warnung je damit gelesen hätte, davon hat man nicht leicht ein Beispiel. Sol , die Quinte von unsrer Heldin, ist ein ganz ansehnliches Mägdchen, man kann sich, wenn man etwas Liebhaber von passivem Gehorsam ist, kaum satt an ihr sehen. Mir ist einmal ein solches Gesicht im Leben vorgekommen, ob in der Natur oder im Gemälde, als Köchin bei einer Dom-Kirche, oder als Sphinx, kann ich mich jetzt nicht besinnen. Etwas mechanische Dienstfrömmigkeit, so wie etwas ägyptischer Parallelismus, ist auch wirklich in dem Gesichte und in der ganzen Kopfhaltung schwerlich zu verkennen. Ihr Hammer ist sehr schwer; sie scheint ihn kaum heben zu können, ohne den Ellnbogen in die Hüfte zu stützen. Offenbar ist auch der Hammer, alle Regeln der Perspektiv in Betracht gezogen, größer als der ihrer Nachbarinnen. Sollte noch gar Blei darin sein? Herr Thwackum hat vielleicht Hämmer so wie er Gesichter hat. La , eine Negerin. Armer Teufel! und noch dazu, wie ich aus deiner Ründe schließe, gar doppelt . Was für eine Einschachtelung von Gefängnissen für den Embryo! Eingekerkert in eine Mutter, die selbst im Zuchthause sitzt, in einer Welt, die wieder ein Zuchthaus für die ganze Fami lie ist. O! Wohl uns, die wir mit der Farbe der Unschuld und der Livree der Freiheit geboren werden! Liebe, liebe Sonne, laß uns nur diese und Gesundheit und unsere Ananas Troglodytes , Die Kartoffel. das übrige wollen wir alsdann wohl finden. Sie macht den Beschluß in der Reihe. Sie ist hier wie Cordelia im König Lear, although our last, not least . Sie arbeitet ernstlicher als alle anderen, hat auch allein den Hammer mit der Rechten oben gefaßt. Sie sieht wenig, und von ihr wird wenig gesehen, und doch tut sie viel, oder eigentlich: eben deswegen tut sie viel , gerade wie in dem großen Zuchthause – der Welt. Mit dieser kleinen Moral aus dem Kaffee-Satze, wenden wir uns zu den beiden in secunda . Die Vorderste ist offenbar, das Scheusal von Stumpfnase, die auf dem dritten Blatte Teewasser eingoß. Daß man sie zugleich hieher gebracht hat, zeigt, daß sie etwas mehr war als bloße Wärterin. Sie scheint sich über das Schicksal ihrer Pflegetochter zu freuen, und zu liebäugeln – mit dem Ochsenziemer , der vielleicht heute zum erstenmal diese Distanz von ihr hält. Etwas viel Brust hatte ihr Hogarth schon dort gegeben, vermutlich nicht ohne Ursache, hier scheint sie fast ganz aus Brust und Beinen zu bestehen. Die Staatsstrümpfe, die sie da aufzieht, sind offenbar nicht von ihrem Geschlecht, weil sie unerlaubt und ganz unanständig weit heraufreichen, und überdas nicht gewebt worden sind für Knie – der zweiten Art, die mehr Raum erfordern. Daher der evidente Durchbruch in dieser Gegend. Schwarz mit weißen, oder gar Silber-Zwickeln! Kennte man doch die Hofund Stadt-Moden der damaligen Zeit, so ließe sich vielleicht ausmachen, wer sie verloren hat. So müssen wir sie, zugleich mit den gestickten Schuhen, für erworbenes Eigentum derjenigen erklären, die um Stadt und Hof zu betrügen, es wenigstens um die Beine herum beiden gleichzutun suchen mußte. Die ganze Figur ist kein Meisterstück von Zeichnung, so wenig als von Schattierung. Wo wohl die Hellheit unter ihremRock herkommen mag. An Phosphoreszenz ist nicht zu denken, wo sollte die herkommen» und doch sieht man so deutlich. Es ist also wohl nichts weiter als ein Reflex des Lichts aus den Schelmen-Augen des Künstlers, die auf den Charakter dieses infamen Geschöpfs einen Augenblick hinblitzten, um die Sittsamkeit selbst zu veranlassen, auch einen Augenblick ein Gleiches zu tun. Um den Strumpf anzuspannen, faßt sie, vielleicht aus einem Rest von Sittsamkeit, jetzt wenigstens mit der Faust in die Handhabe im Strumpf beim Knie. Das Strumpfband scheint, aus den sanften Biegungen, die es freiwillig annimmt, zu urteilen, aus einer alten Wachstuch-Tapete geschnitten. Neben ihr sitzt ein anderes Mensch. Herr Ireland sagt, sie sei mit einer der ägyptischen Plagen beschäftigt, das ist deutlich genug. Beide scheinen sich auf das Hanf klopfen zu verstehn. Es ist nicht das erste Mal. Ihr fertiges Pensum hängt im Korbe über ihnen. Sie haben also Zeit noch vor Tische ihre Toilette zu machen, jede nach ihrer Art. Ganz im Hintergrunde, rechter Hand, ist an einem Fensterladen, oder an einer Schranktüre, im Wachtstubenstil, mit Kreite ein Galgen angemalt mit einem dranhängenden Menschen, der sein Pfeifchen raucht. Der Galgen ist gut getroffen. Man ist sehr bekannt mit ihm unter diesem Dache. Auch wird er nicht selten der Landsitz dieser Noblesse , wenn sie die Stadt verläßt. Der Mensch daran ist bloß in Chiffern. Oben drüber steht die Inschrift S.J.G. (Sir John Gonson) der Name des ehrlichen Mannes, von dem wir oben bei dem dritten Blatt geredet haben. Man sieht, es ist der witzige Einfall eines Schurken mit Kreite ausgeführt, vielleicht weil er zu feig oder zu fromm war, etwas Ähnliches mit dem Stilet zu tun. Die Pfeife im Munde ist von geringer Bedeutung. So etwas muß sich jeder ehrliche Mann gefallen lassen, der in Kupfer gestochen wird. Ich habe die Porträte der redlichsten Leute, zumal wenn sie sich um die Erziehung der Jugend verdient gemacht hatten, durch eben diese Jugend nicht selten damit, und einem Schnurrbart oben drein, beehrt gesehen, der pechschwarz über die gepuderte Perücke hinausstund. Es ist ein schlechter Einfall. Aber freilich sich sogleich vor ein Schulbüchelchen in Kupfer stechen zu lassen, und sich und ihm zugleich dadurch einen Bart zu machen, ist wenigstens einer der nicht viel besser ist. So etwas, wie diese Figur, so ganz modern in Kupfer gestochen zu sehen, ist eine Seltenheit. Hätte sie anderthalb tausend Jahre unter vulkanischer Asche gelegen, so wollten wir kein Wort darüber verlieren. Der Kerl, der Sperlings-Nester holen zu wollen scheint, steht eigentlich im Stock des Stockhauses, muß sich also erst wieder ehrlich arbeiten, um ein Spitzbube von gewöhnlichem Grade zu werden. Auf dem oberen Brett der Klemme stehen die Worte: Better to work than stand thus, (Lieber gearbeitet, als so gestanden ). Diese Szene bedarf keiner Erläuterung, es wäre denn die, daß vermutlich der Eingeklemmte bei der Frau Zuchtmeisterin ein geheimes Vorwort zu seiner Befreiung durch eine Korrespondenz einlegte, die hier ganz bequem durch die gleichnamigen Pole geführt werden könnte. Nun ist nichts weiter übrig, als der Hund , kein leichter Artikel, wo man es mit einem so unergründlichen Schalke, wie Hogarth, zu tun hat. Sollte er bloß als Volontär da sitzen, zum Beweis von unmenschlicher Treue gegen seinen Herrn, nämlich ihm in das Gefängnis zu folgen? Diese Moral ist etwas zu kahl für unsern Sittenlehrer, auch wirklich schon da gewesen, bei der ägyptischen Plage in secunda ; und da noch mit einem Schwanz von Lehre, der hier fehlt, nämlich dem Lohn den man in der Welt für seine übergroße Treue gewöhnlich zu gewarten hat. – Dieses geht nicht. Ich denke daher noch immer, es ist der Schäferhund des schönen Schäfers und seiner Schäferin, der manche Schritte der Herde bewachen und verhüten muß, während das zärtliche Paar in Gardinen-Eklogen begriffen ist. Was lernt ein Hund nicht? Daß er die Ohren so sehr nach dem Flügel hin spitzt, den sein Herr kommandiert, ist sehr verständlich. Er kennt die Stimme, mit welcher Molly angedonnert wird. Vermutlich ist es auch ganz dieselbe Formel, mit welcher man auch ihn zuweilen empfängt. Er glaubt, es gölte ihn. Denn hier ist alles gleich, und auch frei, so weit es unter einem Ochsenziemer möglich ist. Fünfte Platte Hier ist der Übergang zur letzten Gärung – Sie stirbt , und zwar an den scheußlichsten Folgen der pandemischen Liebe . Es würde die Absicht unsers großen Künstlers mutwillig verfehlen heißen, wenn man hier Worte ängstlich wägen wollte, sobald man einmal Worte gebrauchen will. Aber dieses ist hier kaum nötig. Es ist alles sehr sprechend. Von der bleichen Wange und der erstarrten Lippe hat nun der Tod selbst die kleinste Spur buhlerischen Schmucks weggewischt, den Kunst von außen und von innen ehemals hier auftrug. Der Mund ist auf ewig geschlossen, aus dem noch vor wenigen Monaten Schmeicheleien und Fluchpartikelchen mit doppelzüngiger Volubilität in bunten Reihen auf den Vorübergehenden hervorströmten, je nachdem er schwach oder stark gegen die Ränke desselben focht; auf immer erloschen ist das Auge, das seine Blicke voll erkünstelten Feuers umher schoß, minder zum Sehen als zum Gesehenwerden, – und sieht nicht mehr und wird nicht mehr gesehen. Bei dieser gänzlichen Entweichung alles dieses schnöden Prunks bei dem Anblick des Todes, scheint sie ihm mit dem simpeln Anzuge erster, natürlich-guter Anlagen unter die Augen zu treten und um Erbarmen zu flehen. Sie fand es nicht. Wir indessen wollen ihr das unserige nicht versagen. Quiescat! Sie sinkt erbleicht zurück in die tröstenden Arme ihrer bisherigen Seelsorgerin , und treuen Begleiterin im Zuchthause, der scheußlichen Stumpfnase, die nun auf einmal alle Hoffnung verliert, unliebes Zuchtkind, wenn es länger gelebt und geblüht hätte, dereinst noch mit Vorteil an den Galgen beseelsorgern zu können. – Das ist Trost im Sterben! Man hat sie sorgfältig in ein Bett-Tuch eingeschlagen. Vielleicht ist das Nachthemd, das dort auf dem Seile trocknen soll, gar das einzige, das bei dem schnellen Wechsel, den Natur und Kunst hier nötig machen, noch im Gange ist! Das Mensch gebietet mit der Rechten zween ansehnlichen Herren, die in vertraulichem Gespräche begriffen sind, Ruhe und Stillschweigen. Wer diese Herrn sind, soll nun erklärt werden. Die Sache ist wichtig, und der Leser wird uns daher etwas Raum dazu vergönnen. In London kömmt schon seit vielen Jahren ein Wochenblatt heraus, das regelmäßiger erscheint und immer mit Aufsätzen von mehr gleichförmiger Güte angefüllt ist, als irgend ein Wochenblatt in der Welt. Man hat gar kein Beispiel, daß es je an Mitarbeitern oder an Beiträgen gefehlt habe. Alles was darin vorgetragen wird, scheint wie von der Natur selbst diktiert, ob man gleich weiß, daß nicht selten tiefe menschliche Kunst dabei die Feder geführt hat. Dieses ist nicht zu verwundern, ja sogar eine dem Kenner des Menschen sehr bekannte Beobachtung. Denn seit einem gewissen Vorfall im Paradies, wovon man in einem alten klassischen Buche, I. Buch Mose. das nicht viel mehr gelesen wird, umständliche Nachricht findet, ist der Mensch so sehr auf die linke Seite seiner Natur geworfen worden, daß es jetzt ein eigenes Studium ist, die rechte wieder zu gewinnen – In jedem Blatt herrscht die vollkommenste Ordnung; alles hat da seine bestimmte Stelle, wo es der Liebhaber sogleich finden kann. Vorzüglich hat es seine Stärke im Rührenden und Pathetischen. Stellen, wobei die Tränen des Lesers fließen, und andere, wobei ein Schauder sein ganzes Wesen erschüttert, sind darin nichts weniger als selten. Dieses Blatt führt den Titel: Weekly Bills of mortality (wöchentliche Mortalitäts-Tabellen ). Diese kleine Einleitung war nötig, um dem Leser sagen zu können, daß die beiden Herrn, die er da sieht, ein Paar Gelehrte sind, die, zur damaligen Zeit, vorzüglich beschäftigt waren, dem Blatt die möglichste Vollständigkeit zu verschaffen. Sie waren im eigentlichen Verstande das für dieses Wochenblatt, was der berühmte Addison und Steele für ein anderes, nämlich den bekannten Spectator (Zuschauer), gewesen sind. Es hätte ohne sie nicht mit der Vollkommenheit bestehen können. So viel ist mit Gewißheit ausgemacht. Allein wegen der Menge der Mitarbeiter, wovon jeder seine Freunde hatte, die ihm den Ruhm verschaffen wollten, von Hogarth der Ewigkeit wert geachtet worden zu sein, weiß man jetzt kaum die Namen dieser wackern Männer mehr. So viel weiß man, daß es ein Paar Officiers de Santé (Gesundheits-Officianten ), wie jetzt die Ärzte im Paradies von Europa genennt werden, gewesen sind, und, wie man Ursache hat zu glauben, ohngefähr von Profos-Rang. Denn außer diesen und zuweilen einem angesehenen Experimentator, und einer alten Matrone zur Übung, war es niemanden verstattet, Beiträge zum Wochenblatt zu liefern. Indessen ist einer nicht zu verwerfenden Tradition nach, der etwas körperliche mit dem positiven Bauch ein Deutscher, der andere, mehr geistige, mit dem negativen , ein Altfranke, namens Misaubin. Von ihren Lebens-Umständen sind nur noch ein Paar Kleinigkeiten bekannt, die kaum der Rede wert sind. Der erste war nämlich eine Zeit lang, wie man sagt, Harlekin bei Fargatsch in Hamburg; flüchtete von da nach London, um einer Verfolgung wegen seiner Zahnpulver aus Menschenschädeln auszuweichen; praktizierte dort einige Zeit lang auf Leben und Tod, und wurde endlich gehenkt. Man sagt, eines Mords wegen. Wenn dieses ist, so ist es wohl kein medizinischer gewesen, denn bekanntlich haben die Ärzte in England das Privilegium purgandi, saignandi et tuendi so gut wie an andern Orten. Es finden also nur zwei Fälle statt, worin so etwas möglich war: entweder er wurde einer Kur wegen gehenkt, weil er kein kreierter Doktor war, kein erschaffener , sondern ein bloßer Lusus naturae ; oder er tödete mit einem Apparat, der nicht offiziell war. Vor ungefähr zehn oder eilf Jahren wäre schier ein berühmter Londonscher Arzt, Dr. M'Gennis, auf diese Weise an den Galgen gekommen, (verdammt dazu wurde er, aber nachher begnadigt). Er hatte nichts weiter getan, als seinen Hauswirt auf den Kirchhof gebracht. Allein man sah ihn bloß deswegen so scharf an, weil er sich dazu weder einer Mixtur noch eines Pulvers, sondern eines Brodmessers bedient hatte, das er dem Patienten in den Leib stieß, und also den Apotheker vorbeigegangen war. Der andre, Dr. Misaubin, war ein ganz guter Mann, nur hatte er eine etwas zu große Idee von einem gewissen Pulver und gewissen Pillen, wovon er eine Fabrik im Hause hatte; die letzteren waren eine Art von eßbarem Reh-Schrot . Rückte der Tod auf einen seiner Kunden an, gut, so lud er den Patienten damit, wie mit Kartätschen, und gab Feuer. So plänkerte und bataillierte er mehrere Jahre mit allen möglichen Krankheiten. Offizielle Nachrichten von seinen Siegen hat man nicht, der ansehnliche Verlust aber an grobem und leichtem Geschütz fand sich regelmäßig im Wochenblättchen. Man hat diesem ehrlichen Manne, wie ich höre, aus Spott (denn wann fehlt der dem Verdienst?) den Namen Mice-Aubin gegeben. Das soll so viel heißen als Mäus'-Aubin oder Mäus-Albinus oder Ratzen-Albinus , weil der gute Tropf in spätern Jahren, wo ein anderer vielleicht auf der Lorbeern-Streu gefaulenzt hätte, sich zuweilen an Ratzen und Mäusen versucht haben soll. Der Name ist bitter und brodraubend, und das ist alles mögliche für einen armen Teufel, der ohnehin selbst schon den Embonpoint eines Rat d'Eglise hat. Höchst ungerecht sind solche ratzenmäßige Ausfälle auf die Brodschränke des Nebenmenschen allemal. Und handelte denn der Mann so gar sehr unrecht? Zu Patienten konnte er nicht mehr ins Haus gehen, und doch hatte er die Pülverchen einmal liegen, er probierte sie also an solchen, die ihm noch auf die Stube kamen. O es geht oft so in der Welt! Wie mancher schöne Schuß Pulver und Blei, mit dem es auf Feldhühner und Schnepfen angelegt war, wird beim nach Hause gehen auf Sperlinge oder Fledermäuse verplatzt, aus langer Weile oder um seine Kunst zu zeigen, oder weil man nichts Besseres hatte. Und liegt denn die Ungeziefer-Jagd so gar sehr weit außer dem Sprengel der Medizin; Was sind denn die Krätztierchen , die Band - und Spulwürmer und die griechischen Trichuriden ? Auch hat ja jeder Stand seine Stufen. Ich bin daher überzeugt, daß der sinnreiche Verfasser des Gil Blas , wenn er von Execution de la Haute Medecine spricht, eine solche Distinktion im Sinne gehabt hat; so etwas wie hohe Jagd und Kammerjägerei . Soviel von der Geschichte dieser berühmten Männer, und nun von dem Gebrauch den unser Künstler davon gemacht hat. Das Mägdchen bleibt auf dem Platz, und wie war es bei einem solchen Duell anders möglich? Sie focht gegen den Tod, und hatte zur Sekundantin niemand als eine zwar gute, aber von ihr oft gekränkte, bei jeder Gelegenheit vernachlässigte und müde Natur. Und doch wäre sie vielleicht als ein 23jähriges Mägdchen Über dieses ihr Alter gibt das folgende Blatt die nötige Belehrung. noch dieses Mal mit ihrem Gegner fertig geworden. Allein er , der so was wohl wissen konnte, hatte sich dafür ein Paar Sekundanten gewählt, fürwahr, wovon jeder es allein mit einem Dutzend Naturen aufnehmen würde. Daher ging es auch, Veni, Vidi, Vici , Knall und Fall lag sie. Daß dieses die wahre Vorstellung der Sache ist, fällt in die Augen. Denn wären die Kröten-Figur undd die Salamander-Form , die da im Streit begriffen sind, nicht die tückischen Sekundanten des Todes gewesen, und hätten von Seiten der Natur gestanden, so würden sie sich um die Wieder-Erweckung des Mägdchens noch jetzt bekümmern, aber diese überlassen sie – der letzten Posaune , und streiten bloß um die Ehre der Tat. Mein Wässerchen in diesem Glase, sagt die Kröte , ist das wahre Ol ins Feuer; und mein Feuer, schreit der Salamander , bedurfte deines Wässerchens nicht. Welch ein Conflictus pronominum! Ich gegen Ich , und Du gegen Du . Das sind harte Stöße in der Welt, zumal die vom ersten Paar. Und wie herrlich hier vorgetragen, ganz den Gesetzen des Stoßes gemäß. Das Ich des Deutschen hier hat wenig Geschwindigkeit, aber desto mehr Masse, und folglich immer Stoßkraft selbst wenn es zu ruhen scheint; das Ich des Altfranken hingegen hat Geschwindigkeit, aber wenig Masse, es half sich daher mit Tischen und Stühlen, und was sonst noch haften wollte. Ist es nicht Seelen-Speise für den Deutschen zu sehen, wie hier bei dem kraftvollen Stoße des Landmanns die französische Masse auseinander fliegt, die bloß zusammengeflickt war? Stuhl und Tisch und Teller und Löffel und Dinten-Glas, alles trennt sich von dem kleinen Kern und stürzt über den Haufen – gegen das ruhige Wort des andern: Das ist mein Wässerchen , wobei sein Stuhl steht und stehen wird, wie er immer stund. – Aber diese Gruppe enthält noch weit mehr; sie ist von unerschöpflichem Wert. Wäre es möglich, kann man fragen, einen Kongreß von Krankheiten, oder welches auf eins hinausläuft, von Quacksalbern, sprechender darzustellen, als hier mit der Wassersucht und der Hektik geschehen ist? Jene voll, schwer, phlegmatisch und opak, die andere leer, negativ-bäuchig, fieberisch-munter und durchsichtig. Die Wassersucht , wie sie nicht da sitzt! Mixtur-Glas und Stock so angefaßt, als wären sie der Apparat des Blutsfreundes – Stunden-Glas und Hippe . Die Hektik hingegen, die Hippe und Stunden-Glas dem Kollegen abgegeben hat, behält sich die Skelettform vor, und den Mord-Staub in der Büchse, der die Stunde besser zeigt, als alle Stundengläser des Freundes – das Ratzenpulver . Die Augenbraunen beider nähern sich dem benachbarten Haar, den Perücken, mit einer Art von Sehnsucht, welches, wie man gewöhnlich sagt, ein Zeichen von innerer Überzeugung sein soll, gemischt mit etwas gerechtem Verdruß über Mangel an Eindruck. Hier und vorzüglich bei der Wassersucht, kommen indessen diese Haarbogen einander allzunah, und näher als bei der Hektik, wodurch jene Bedeutung eingeschränkt wird. Wo ich nicht irre, so ist eine solche Zusammenkunft das Zeichen von sich selbst bewußter Ungewißheit, die sich hinter Bedächtlichkeit steckt. Bei der Wassersucht scheint sie aus einem Conflictus von unverdauter Lektüre , bei dem determinierten Blick der Schwindsucht , aus einem ähnlichen von Praxis herzurühren. »O! liebe, liebe Frau Schwester,« sagt die Wassersucht, »glauben Sie mir doch auf mein Wort.« »Nein! Nichts, nichts, gar nichts,« keicht die Schwindsucht, – »hier in diesem Büchschen« – und bei dieser Explosion von vornen wird der Stoß nach hinten, wie überhaupt bei Schießgewehren, so stark, daß Stuhl und Tisch umfallen. Dieses ist, wie der Leser sieht, eine zweite Hypothese, die Revolution in diesem Zimmer zu erklären. Wir stellen sie mit Fleiß der andern, die alles durch Stoßkraft des Deutschen begreiflich zu machen suchte, an die Seite, denen zu Liebe, die glauben, daß, wenn bei einem solchen Conflictus der Deutsche nur sein Phlegma lange genug beibehalten könnte, der Gegner von der vulkanischen Nation Ein Ausdruck des Dumouriez, der seine Nation selbst une Nation volcanique nennt. La Vie du Gen . D.T. II. Hambourg 1795. p. 24. von selbst platzen oder sich zertoben würde. Auf keine Weise aber wagen wir es, teurer Leser, bei der Dürftigkeit unsers individuellen Sprachschatzes Der Leser wird diesen Ausdruck entschuldigen; denn selbst leere Schatzkammern sind immer Schatzkammern . und unserm Mangel an Weltkenntnis, Dir die stäten und stillen Kräfte sowohl als die veränderlichen und tobenden, die hier wirkten, zugleich mit der Stoß-Ableitung, die ihnen die Stumpfnase mit dem Wermut-Gesicht entgegensetzt, ganz in Worte zu bringen; und was Hogarth so unnachahmlich gezeichnet hat, in einer Idylle vollständig darzustellen. Ich würde es wagen, und schon längst gewagt haben, hätte ich deine Feder, vortrefflicher Müller , Zu Itzehoe. aus dessen unerreichbaren Romanen immer unverkennbare Menschenstimme noch rein und hell hervortönt, während der größte Teil der übrigen zu immer schlechterer und schlechterer Instrumental-Musik herabsinkt. Noch verzeihlich, wenn es nur mit ihnen bei der eigenen Murky bliebe. Aber nicht immer zufrieden mit eigenem modern-hohem Gedudel für eigene hohe Ohren, wagen sie es, selbst verjährten, ehrwürdigen Volks-Gesang, unser himmlisches Te Deum , unser Stabat Mater und Alexanders Fest , in so genannten Halb-Romanen , auf ihre Maultrommeln und Polnische Böcke zu setzen. Scheußlich fürwahr! Aber fahre du fort, teurer Müller , auf Deinem Wege. Du kannst alsdann Deines Ruhmes sicher sein. Freilich begleiten werden die Werke dieser Stümper die deinigen noch eine Zeitlang, – als Enveloppe und sonach als deutliches Vorbild der Zierde für Deinen bleibenden Altar, ich meine des Felles, das Dein bekannter Freund aus dem Altertum diesen Marsyassen über kurz oder lang über die hohen Ohren ziehen wird. – Wir schweigen also hier und gehen weiter. Die Explosion warf das Tischchen über den Haufen, und mit ihm einen Löffel, einen Teller, ein Dintenglas und Feder und ein Bülletin . Der Löffel hat sich gut gehalten, er liegt auf der hohlen Seite und berührt den reinlichen Boden so wenig als möglich, also gerade dem Verfahren der Butterbrode entgegen, die immer auf die bestrichene Seite fallen. Der Teller! »Zerbrochen, zerbrochen ist er, der schöne Krug, da liegen die Scherben umher.« Geßner. Idyll. Betrübt für einen ganzen , aber bloß so so für einen verstümmelten. Aus den sichtbaren Stücken wenigstens läßt sich kein Teller zusammensetzen, der etwas fassen könnte, wozu nicht der Nachbar Anschlag-Zettel eben so gut fähig gewesen wäre. Das Dintenglas zerbricht, und die Erde nimmt die schwarze Galle, mit der es angefüllt war, auf dem kürzesten Wege zu sich, die in Rezepten und Liebesbriefchen verschmolzen, vielleicht noch manchen armen Teufel zugleich mit sich dahin fortgerissen hätte. Es hat ausgedient. Der Halskragen, mit dem sich die Schreibfeder noch aus dem Ruin gerettet hat, schützt sie wenigstens jetzt vor Zerstörung und gesetzt auch, sie würde in dem Tumult, der aber in diesem Winkel von geringem Belang ist, zertreten, so hat sie noch ein andres Ende, für ein andres Departement. Wie schön ist es, wenn man außer seinem Schreib-Ende noch ein Wisch-Ende hat. Kannst du als Schriftsteller nicht mehr lehren, stilum vertas , so kannst du noch kehren . Eine Moral, die jeder junge Schriftsteller, der sein geistiges und leibliches Vermögen in mißliche Südsee-Aktien vonReichtum und Unsterblichkeit durch Autorschaft gesteckt hat, sich an jedem Morgen von seiner noch trockenen Feder sollte lehren lassen, ehe er sie in das Dintenfaß taucht, um damit der Welt seine Offenbarungen zu predigen. Das Bülletin ist ein medizinisch-praktisches (practical Scheme) über eine neue Methode, Krankheiten aller Art durch Halsbänder oder Halsschnüre zu heilen. Man sieht, die Schnur ist selbst darauf abgebildet. Oben stehen die Worte Anodyne von der Rechten zur Linken, und unten, von der Linken zur Rechten, Necklaces , welches selbst im Original schwer zu lesen ist. Die Zeilen sollten etwas nach der Form des Halsbandes gekrümmt sein, denn sie machen eigentlich eine Umschrift, eine Art von Band um das Halsband aus, und stehen da, dem Projekt den Dienst wirklich zu leisten , den das Projekt selbst dem Patienten bloß verspricht . Also Anodyne Necklaces (Schmerzlindernde Halsbänder) . Ein halb griechischer , das heißt, halb mystischer Wörter-Kreis, um den ganz mystischen eines Amuletts gezogen, konnte seinen Zweck bei einer gewissen Klasse von Menschen nicht verfehlen. Es ist auch wirklich unglaublich, was diese Einrichtung für Nutzen gestiftet hat, ich meine das äußere Band dem innern. Herr Ireland versichert, daß noch im Jahr 1790 die Wand eines ganzen Hauses in Long-Acre , einer Straße in London, mit dem Namen von Übeln beschrieben gewesen sei, gegen welche diese Halsbänder gebraucht werden könnten, und häufig gebraucht worden wären. Denn was das innere den Patienten selbst geleistet habe, davon ist, so viel wir wissen, eben gedachte Wand ausgenommen, nichts öffentlich bekannt geworden. Doch liegt dieses Blatt hier nicht bloß da, als Satyre auf die unzähligen gedruckten Empfehlungsschreiben von Arzneimitteln, die täglich in London durch eine Art von besondern Briefträgern den Leuten franco in die Hände, und sogar in die Taschen gesteckt werden, Diese und ähnliche Briefchen von Menschenfreunden aller Art, sind die einzige Ware, die einem, so viel wir wissen, in London gratis in die Tasche gesteckt wird. In der Tat aber ist dieses Hineinstecken auch bloß eine Art von superfeinem Herausziehen . Es sind nämlich Wechsel, die die Schalkheit auf die Leichtgläubigkeit stellt, von der sie nicht selten mit barer Münze honoriert werden. Auf eine ähnliche Weise geben manche Zeitungsschreiber die medizinischen Lügen am Ende ihrer Blätter scheinbar umsonst, ob sie gleich mancher Familie viel teurer zu stehen kommen, als die politischen , ich meine die politischen Wahrheiten , die voran stehen. sondern seine Bedeutung liegt viel tiefer. Es ist dieses ein Beweis von mehreren, die künftig vorkommen werden, daß Hogarth in seinen Werken, so wie die Natur in den ihrigen, mit demselben Zug oft mehr als eine Absicht zu erreichen, und da auch zu erwärmen gewußt hat, wo man hätte glauben sollen, er wolle bloß leuchten. Nämlich diese schmerzlindernden Halsbänder, waren anfangs eigentlich von dem Erfinder bloß für Kinder berechnet, die mit der sogenannten englischen Krankheit (the Rickets; Rachitis) behaftet waren, von denen auch in England, so wie in manchen Gegenden Deutschlands, das ungegründete Vorurteil im Schwange ging, daß sie gewöhnlich die Früchte verpesteter Liebe wären. Dieses geht also auf den armen kleinen Manser , Manser , diejenige Species von außerehelichen Kindern, von denen selbst die Mutter keinen andern Vater anzugeben weiß, als das große Publikum; ein Aller-Welts -Kind. der da bei dem Kaminfeuer, am Stuhl der sterbenden Mutter, halb kniet und halb sitzt, und weder durch dieses Sterben noch das gelehrte Bellen der Disputierenden, noch den schreienden Einspruch der Dame, die dabei präsidiert, gestört, ganz ruhig sein schmerzstillendes Rippenstück beim Feuer brät. Er ist also rachitisch , und unter diesen Umständen kann er bei dieser Länge leicht sechs Jahre haben; diese von den drei und zwanzig Jahren der Mutter abgezogen, bringen ihr Alter bei der Verpestung auf siebenzehn. So viel weiß Hogarth auf einem Zettel noch zu sagen, der bereits zwischen den Scherben eines zum zweiten Male zerbrochenen Tellers und einigen Meubeln von sehr zweideutiger Form liegt. Wäre der dicke Herr dort auf dem festen Sessel, der Erfinder dieser schmerzstillenden Halsbänder, das leicht sein könnte, so gewönne die Satyre noch neue Äste. Denn, wie wir schon oben angemerkt haben, so starben der Herr Doktor selbst an einer schmerzstillenden Halsbinde, dem Strang (laqueus anodynus) , den Ihnen die Justiz verordnete, die in London Wunder damit tut. Mit diesen Wunder-Kuren hat man ganze Bücher angefüllt: The Lives of celebrated Highwaymen; the bloody Register etc. die sehr häufig gelesen werden. Man hat auch Vorschriften, wie man den fürchterlichen Krankheiten, die ein solches heroisches Mittel notwendig machen, ausweichen soll; diese kauft man wohl, liest sie aber nicht viel. Mit der Sterbe-Szene ist schräg gegenüber eine kleine Besitznehmungs-Szene vortrefflich kontrastiert. Zugegriffen wird hier wenigstens gewiß. Eine Alte, entweder ehemals eine Art von Chaperon für das Mägdchen oder sonst mit ihr verwandt und lachende Erbin, oder welches am wahrscheinlichsten ist, ihre jetzige Hauswirtin, der man wohl etwas an Zinsen und für Auslagen schuldig sein mag, versichert sich hier der kleinen Habseligkeiten, oder überzählt sie wenigstens ihrer Gemütsruhe wegen. Das Röcheln der Sterbenden, das Schnauben und Schnarchen bei der Doktor-Hatze, ja so gar das Lösch-Gezische des überkochenden Topfs stört sie nicht; sie weiß, daß Menschen sterblich sind und daß sich Ärzte zanken, auch daß selbst einen leer gekochten Topf wieder zu füllen nichts in der Welt so kräftig dient, als ein voller, gesicherter Koffer. Ein solches Gesicht gehört dazu, wenn man sich in einer Mördergrube, wie diese, nicht verzählen will, es ist das wahre Bild der Taubheit aus Grundsätzen . Was das Weib hier auskramt, verglichen mit dem, was dort auf dem Armsessel die Verwesung hinrafft, hat etwas, wie jeder Mensch von Gefühl erkennen wird, was viel höher liegt, als sich Hogarths Genie gewöhnlich gewagt, aber nichts desto weniger hier so geschickt erreicht hat, als hätte es ganz innerhalb seiner nativen Flugweite gelegen. Hier liegt zuerst die dunkle Neger-Maske, womit sich das Yorkshirsche freundliche Sonnen-Gesichtchen ehemals auf dem Ball mit erkünstelter Häßlichkeit auf kurze Zeit verfinsterte, um einige Auserwählte im Nebenzimmer desto sicherer mit aller Herrlichkeit bezahlter Gunst durch Kontrast zu blenden. Der Fächer, da hier keine Flammen mehr geschossen werden, schläft ruhig in den Schieß-Scharten und leitet vielleicht vorbildlich-mystisch manche Phantasie auf Attribute der tragischen Muse, selbst durch verliebte Mummerei. Gleich darneben stehen ruhig die Putzschuhe, die einst durch Form und Bewegung und Gold und Flittern und Glitzern die Bedächtlichkeit selbst, die Schrittzählerin, wie ein Paar Irrwischchen verwirrten und hinleiteten, wo kein Rückzug mehr statt fand. Hinter diesen liegt der Hut, den wir oben, beim dritten Blatt, am Firmament des Bettes, unter dem Kometen schweben gesehen haben. Auch Band und Domino werden ausgepackt. Wer sollte nun hier nicht denken, wenn man das Blatt bis auf diesen Winkel bedeckte, eine alte Tugendhüterin wäre beschäftigt, den Anzug zur heutigen Maskerade für ihr untergebenes Lämmchen zusammen zu suchen? Aber nun die Bedeckung weggezogen, und den Blick geworfen dort auf das Jammerbild im Armsessel, dem dieser Flitterstaat einst zugehörte! Gerechter Himmel! Der jetzige Domino , wie schlapp, wie leinen und wie still, gegen den von rauschender Seide, der hier aus dem Koffer hervorquillt. Die jetzige Maske , ach! wie weiß geschminkt durch die kalte Hand des Todes! und das blendende Licht der Augen wie zurückgesunken in ewige, ewige Nacht! Sie sehen nicht mehr, und werden nicht mehr gesehen! Hier ist keine Mummerei. Diese Augen des bleichen Gesichts hat der ernste Pfeil des Todes wirklich durchstochen; dort bei der geschwärzten Maske der Üppigkeit war es ein Dolch jener Augen völlig würdig, ein zusammengelegter Fächer, nicht unähnlich, in Form so wohl als Anwendung , dem Schwerte , ich meine der Klapper-Pritsche des – Harlekins . Und wo sind nun die Irrwisch-Füßchen? Antwort: Das hüpfende elastische Rotkehlchen in den dornigen Lusthecken von Drurylane hatte sie nötig zu seinem Unterhalt, der tiefbehangene Paradies-Vogel , Des Erklärers Glaube an ein geflügeltes Pferd, gibt ihm schlechtweg ein Recht an Paradies-Vögel ohne Füße zu glauben. dort auf dem Armsessel, braucht sie nicht mehr! Eben so wie wir eine Vergleichungs-Linie von dem Sessel der Kandidatin der Verwesung nach dem Reise-Koffer gezogen haben, läßt sich eine von dem Stuhle des Kandidaten des Galgens nach einem andern Koffer ziehen, der rechter Hand im Vorgrund steht. Freilich ist der letzte mehr ein Stuhl als ein Koffer, oder eben so gut oder mehr noch ein Koffer zum Sitzen , als ein Stuhl etwas zu verschließen . Er ist mit allerlei Kleinigkeiten teils bedeckt, teils umgeben, worunter leider! die Feuerschaufel, und die schminkende Steinkohle bei weitem das reinlichste sind. – O! es war uns längst bange vor diesem Winkel der fünften Platte. Haben wir aber auch unsere treuen Leser aus diesem heraus, so ist nur noch ein einziger auf der sechsten übrig, vor welchem wir schon jetzt zittern . Wir gestehen dieses nicht allein sehr gerne, sondern auch wirklich nicht ganz ohne heilsame Absicht, für uns selbst wenigstens, hier zum voraus. Denn, wenn man sich einmal einem etwas mißlichen Geschäfte nicht ganz ohne Zureden, und also nicht ganz freiwillig, unterzogen hat: so entschuldigt nichts so sehr einen ohnehin immer menschlichen Fehltritt, als das offenherzige Vorausgeständnis: man fürchte selbst gar sehr, es werde schwerlich dieses Mal so ganz rein abgehen. Um nicht so ganz kurz von der Sache abzukommen, welches bei manchen Geschäften gefährlich ist, und es namentlich bei dem unsrigen sein würde, müssen wir erst ein Paar Sätzchen vorausschicken, von deren einem man uns den Beweis eben so gerne schenken wird, als wir ihn dafür von dem andern geben wollen. Der erste ist: daß jeder freigeborne Mensch, selbst der Nicht-Zensurfreie , ein natürliches Recht hat, von Stühlen aller Art zu sagen was er will, so lange er die Personen unangetastet läßt, die dieselben mit ihrem Sitz-Teil beehren; und der zweite, daß es überhaupt keine ganz verächtliche Stuhl-Gattung gebe in der Welt. Der letzte Satz ist für uns vorzüglich wichtig. Um die Menschen davon zu überzeugen, darf man ihnen die Sache nur nahe genug vor ihren Ahnen- und Familien-Sinn hinrücken, womit die Natur einen jeden so sorgfältig ausgesteuert hat, daß fast eben so viel Aufklärung dazu gehört, einen sonst unbedeutenden Menschen von Familie nicht zu ehren, als die Sonne nicht anzubeten. Wohlan denn. – In dem ganzen Meubel-Reich , dem es, so viel ich weiß, noch bis diese Stunde an einem Ritter Linné fehlt, ist die Klasse der Stühle (Classis Sellarum) nicht allein bei weitem die ehrwürdigste, sondern auch die ausgebreitetste; die, die unter allen Himmelsstrichen nicht bloß gedeiht, sondern sich so gar notwendig gemacht hat. Mit einem Wort, sie ist unter den Meubeln, was die Klasse der Säugtiere unter allem ist, was da lebt und empfindet. Freilich gibt es große Verschiedenheiten zwischen Stuhl und Stuhl, so wohl der Form, als dem Gewicht nach, gerade wie bei den Mammalien , z.B. zwischen dem Walfisch, der mehr wiegt als manches Wohnhaus mit samt der Herrschaft, und dem sibirischen Spitzmäuschen, das sein Gewicht selten auf dreißig Grane bringt. So wie aber alle diese Tiere die Eigenschaft gemein haben, daß sie ihren Jungen die Brust reichen: so haben auch alle Stühle dieses unter sich gemein, daß ihnen im Dienst vorzüglich ein ganz respektabler Teil des Leibes zum unterstützen gereicht wird. Dahin gehören außer den gewöhnlichen Stühlen und Sesseln mit und ohne Lehnen und mit und ohne Arme, zuerst alle Thronen und alle Katheder , von welchen aus, bekanntlich, die Welt regiert wird, und die durch geschickte Tischler in eins zusammen geschlagen, ehemals das ausmachten, was man so gar einen heiligen Stuhl nannte. Ferner alle Richter-Stühle , die schweren Sorgestühle , zu denen einige der ersten Thronen der Erde gehören sollen, und die leichten Bergeren , an die sich hinwiederum eine Menge von Thronen und sehr viele Katheder anschließen. Hierauf das Geschlecht der Bänke, welche nichts weiter sind, als Systeme von Stühlen. Dahin gehören die adlichen und gelehrten Bänke , alle Schlachtbänke , die so genannte faule Bank , und die ewige lange Bank , der Walfisch dieses Geschlechts. Auf diese folgt der Tragsessel und der Fahrsessel , die elfenbeinene Sella curulis im alten Rom so wohl, als die hölzerne, sogenannte Kammer-Post zwischen Tisch und Bett für Gicht und Podagra. Mit diesen hängt zusammen, das Cabriolet; der englische Etagen hohe Phaëton , der seinen Namen vom Umwerfen hat; alle Kaleschen , alle Kutschen und Reise- und Postwagen vom deutschen Rippenbrecher an bis zur englischen Wiege in Stahlfedern, und zum majestätischen Reichs-Prozessions-Wagen , zu welchem man, anstatt die Tore weit und die Türen in der Welt für ihn hoch zu machen, bescheiden, erst an den Toren das Maß nehmen läßt. Dieses gründet sich auf eine Volkssage , daß einmal ein Fürst, um bei einer Prozession so breit und hoch als möglich in Frankfurt einzufahren, die Maße von den Toren der Stadt habe nehmen lassen, ehe er seine Kutsche bauen ließ. Eine Vorsicht, die von vieler Erfahrung in Regierungs-Geschäften zeugt, aber vermutlich nicht wahr. Gleich neben den Bänken, den Fahrsesseln gegenüber, entspringt das Geschlecht der Schleifsessel , oder der so genannten Schlitten in hundertfacher Form; von dem Prachtgebäude an, das, unter dem Silbergeläute von tausend Schellen, selbst die Flügel eines Winter-Zephyrs übereilt, bis zu der Trauer-Schleife , die unter dem einfachen Klang des Armen-Sünder-Glöckchens nach der Richtstätte hinschleicht. Dann kommen die Reitsättel (auch ein Genus sellarum ), der männliche so wohl, als der minder bekannte weibliche, den jetzt das flüchtigste und stolzeste aller Pferde, Pegasus , selbst nicht mehr verschmäht. Von einer andern Seite ziehen sich die Inquisitions-Stühle der heiligen Justiz und der peinlichen Propaganda zum Accouchieren von Geständnissen, und die medizinisch-chirurgischen zu substantiellern Ablockungen, sehr weit hinaus. Von diesen letztern soll sich eine höchst seltene Varietät in einem Cabinet zu Rom befinden, dessen Namen uns entfallen ist. Nach einem nicht unbeträchtlichen Zwischenraum kömmt denn endlich auch dieser Desobligeant , Heißt so, wie Yoriks Wagen, wegen seiner Einsitzigkeit . von dem hier die Rede ist, der von der Göttin der Nacht den Namen hat. – » Ah! quel bruit pour une omelette! Hätten Sie uns das nicht gleich sagen können?« – Unmöglich, Madam, – »Warum das nicht? Ich hätte bloß gesagt: mit Respekt zu sagen .« – Und also so ziemlich ohne allen Respekt. – Nein! Was sich nur mit Respekt sagen läßt, muß auch mit Respekt gesagt werden, und dieser Pflicht glauben wir uns nun entledigt zu haben. Nach dieser, wo nicht gar diplomatisch genauen, doch wenigstens diplomatisch umständlichen Darlegung des Stammbaums, und folglich des Beweises von der Apartmentmäßigkeit dieses Sitzes hoffen wir nun von dem gütigen Leser freien Paß für dessen Begleitung . Dahin gehört ein kleines blechenes Gefäß mit einem Griff, und gleich darhinter eine sehr zweideutige Schale, und auf der Erde eine nicht minder zweideutige, mit einem zinnernen Teller bedeckte irdene Pfanne. Das kleine Gefäß ist, deutlich, das holländische Spucknäpfchen (Quispedorje) , und paßt in mehr als einer Rücksicht recht gut in die Suite. Es steht auf einem Avertissement des ewigen Dr. Rock. Man sehe, wo möglich, in unsere erste Lieferung S. 709. Sollten das wohl Pillen sein, was darauf liegt? Pillen, die zwischen Dr. Rocks Namen und einem Spucknäpfchen liegen, sind ja wohl Merkurial-Pillen. Aber die Pfeife? Vielleicht liegt sie bloß da zur Beschönigung der Salivation , so wie Branntweintrinker von Stand und Grundsätzen den Branntwein aus Teetassen trinken sollen, der Schwachen wegen. Oder gibt es auch Merkurial-Kanaster? oder war der letzte begünstigte Liebhaber vielleicht ein Schiffer aus dem Lande der Reinlichkeit? Wir haben die Schale in der Höhe und die Pfanne in der Tiefe zweideutig genannt. Sie sind es wirklich in hohem Grade. Wie wenn die erste eine Butter- oder Schmalz-Schale, und die letztere eine so eben mit dem nassen Lappen vom Feuer gegriffene Bratpfanne wäre? So zeugte dieses zwar immer von Winkel-Reinlichkeit, aber auch von Vorsorge der Tugendhüterinnen für sich selbst, an diesem Tage. Gesotten und gebraten wird ohnehin schon sicherlich hier. Vielleicht erschien auch der Tod plötzlich nach einer heiteren Hoffnungs-Aussicht auf endliche Genesung, und man dachte zu früh auf ein Dankfest, bei dem, in England, Topf und Bratpfanne und Bouteille so unentbehrlich sind, als bei den unsrigen Pauke und Trompete. Man dankt da dem Himmel ohne sich selbst zu vergessen, einem jeden nach seiner Art; und das ist sehr billig. Aber sie leiden auch eine andere Deutung, und diese scheint fast, fast die wahre zu sein, und das ist es gerade was diesen Winkel – so gefährlich macht. Wie wenn, kann man nämlich fragen, was da hinter dem Quispedorje steht, nur etwas Größeres von derselben Gattung, z. B. ein Archi-Quispedorje wäre? Und die Pfanne da unten ein bloßer Trabant des Stuhls von Familie ? Die Vermutung ist stark, aber nach einem gewissen Gefühl zu urteilen, so sehr im Geiste Hogarths, daß wir die Gründe dazu, zumal nach unserer höchst respektvollen Einleitung, unsern Lesern unmöglich vorenthalten können. Überdas ist hier bloß von der Suite die Rede. Wir haben vorhin von einer Vergleichungs-Linie gesprochen, die sich von dem henkbaren Quacksalber und Konsorten nach diesem verdächtigen Winkel ziehen lasse. Die Vergleichungsgründe sind folgende: Man hat alles mögliche getan, die Kranke zu retten, aber umsonst. Allein in der Sterbestunde selbst geraten beide Ärzte auf einmal zugleich auf einen Gedanken, der sie hätte retten können, wenn man ihn früher gehabt hätte, und das sind die Arzneien, die sie beide in der Hand halten. Nur rechnet natürlich jeder die Arznei des andern unter die, die nie zu spät gegeben werden können. Beide Gefäße, Glas und Büchse mit den neuen Mitteln sind noch uneröffnet, und folglich stirbt die Kranke. Wo sind aber die alten Arzneien, mit ihren Folgen? Mit ihren Folgen? Die liegen zum Teil im Armsessel neben dem Kamin und dann – in dem verdächtigen Winkel. Mit einem Wort: dieser Winkel enthält in mannigfaltiger Form die Vorlagen , in welche man jene Arzneimittel mit Verlust, erst von Substanz der Retorte, und dann der Retorte selbst, gewaltsam übergetrieben hat. Man ergriff was zunächst bei der Hand war, und half bald am Ende A , bald bei B , und begnügte sich in der Eile die Gefäße dadurch vorläufig ihres Küchenamts zu entsetzen, daß man sie ein Paar Hände breit über die Grenze in das Departement schob, wo da der Stuhl präsidiert. So wußte man wenigstens nachher obiter wo man war. Auf der Pfanne liegt ein Teller, worauf man den Namen Cook (Koch) deutlich liest. Er gehört vermutlich in ein benachbartes Speisehaus. Wir wollen ihn ruhig liegen lassen. Noch gehörte in diesen Winkel eigentlich die Blase von bekannter Form, die über dem Kamin zwischen einem Paar Arznei-Gläschen und einem zerbrochenen Kruge ihren Nagel gefunden hat. Für Meubel ist das die erste Schau-Stelle im ganzen Zimmer. Wo wir nicht irren, so hat Hogarth durch die vorsätzliche Erhöhung dieses Werkzeugs, und das Hervordrängen des verbündeten Geschirres andeuten wollen, daß die Ärzte den Vomitiv- und Lavement-Weg vorzüglich eingeschlagen hätten. Das lasse ich gelten. Will er aber damit spotten, so tut er sehr unrecht. Weiß er wohl, daß diese Methode fast die einzige ist, deren Zweckmäßigkeit sich so zu reden, geometrisch, ja so gar mit Eleganz demonstrieren läßt. Daß das Mägdchen daran gestorben ist, was tut das? Lieber Himmel! woran kann man nicht sterben? Starb doch zu Warschau, im Januar 1792, der Landbote Jablkowsky an dreihundert Stück Austern. S. das Frankfurter Staats-Ristretto, 1792. Nro. 22. Da diese Demonstration, die eigentlich von Dr. Swift, a Voyage to the Houyhnhnms. Chap. VI. einem bekannten Arzt für kranke Seelen und kranke Regierungen herrührt, so viel wir wissen, nicht sehr bekannt geworden ist: so geben wir sie hier, in unsre Büchersprache etwas gelehrt übersetzt, indem Swift die Sache so ausdrückt, daß sie ein Kind verstehen könnte; und so etwas läßt nicht. Da Krankheiten, heißt es, wie jedermann weiß, weiter nichts sind, als Umkehrungen des natürlichen Gangs mancher Funktionen im Körper: so ist gar nicht daran zu denken, diesen wieder umzukehren, das ist, in die rechte Richtung zu bringen, wenn man den alten Lebens-Schlendrian beibehält, durch den die erste Umdrehung geschehen ist. Uns dünkt, dieses ist so klar, daß dem Beweise zur Vollständigkeit nichts fehlt, als die eingeklammerte Zurückweisung auf einen vorhergehenden §, den aber hier jedermann leicht in seinem eigenen Kopf finden wird. Nun fährt er fort: Da aber ferner alle Menschen, die krank werden, bis zu dem Augenblick, da sie es werden, in dubio mit dem Munde , den wir A nennen wollen, gegessen oder eingenommen , und mit dem entgegengesetzten Ende B die Ausgabe besorgt haben: so ist es unmöglich, daß, rebus sic manentibus , der Unordnung gesteuert, und die Gesundheit wieder hergestellt werden kann. Wiederum so klar wie der Mittag. Was hat man also zu tun? Diese Frage beantwortet sich nun von selbst: Man muß mit dem Ende B anfangen zu essen, und die Ausgabe dem Ende A übertragen, id est, Lavements geben und vomieren . Die Natur stutzt, besinnt sich, kehrt um, und so ist geschehen, was verlangt ward. Nun zum Beschluß noch einige Blicke auf das Ameublement und das Zimmer selbst. Der Spiegel scheint, seitdem man die Wahrheiten, die er sagte, etwas lästig zu finden anfing, verstoßen und neben dem Kamin in einen Winkel verwiesen zu sein, der nicht sehr zukommlich, und überdas gar der Ort in diesem sehr komponierten Zimmer nicht ist, sich zu demaskieren und zu bespiegeln, wenigstens für kein Os sublime . Er hängt freilich neben dem Kamin, wenn man mit dem Kamin zu zählen anfängt; fängt man anders an, so hängt er wieder anders, usw. Auf dem Sims des Kamins, wo gewöhnlich die Haus-Götzen stehen, stehen auch hier die jetzigen Penates dieser glücklichen Familie, nebst einigen Opferschalen für die ehemaligen. Jene bloß bildlich, die Parzen in der Gestalt von drei Arznei-Gläschen mit ihren Necklaces , und dann der Vogel Ibis Bekanntlich der erste ἑαυτον ϰλυστηρουμενος scil. ὀρνις. mit seinem berühmten Schnabel, unter der Form einer Blase. Hier hätte der Ober-Haus-Götze stehen müssen, der Spiegel, der seinen Priesterinnen nie genädiger zulächelt, als wenn das Feuer seines Altars durch Vermittelung ihrer keuschen Wangen und Augen voll Andacht, Glut und Licht zu ihm herauf sendet. Über dem Thron dieser Gottheiten schwebt ein Baldachin, von feuchter, vielleicht noch tröpflender Wäsche, der sich so gar über den Sitz der Sterbenden hinzieht, und durch seinen Einfluß den scheinbar warmen Ort in ein wahres sub Dio verwandelt. Zeit und Ort der Trocknung sowohl, als die Zahl der Stücke die getrocknet werden sollen, zeugen von tiefem Elend. O es sind traurige Haushaltungen, in denen diese drei Punkte unter die Familien-Mysterien gehören. Wo das Hemd auf dem Trockenseile noch eben die keusche Unsichtbarkeit affektieren muß, die es am Leibe mit Recht behauptete, da ist wenigstens an Luxus nicht zu denken. Der ganze Dienstwechsel ist alsdann gewöhnlich ein Wechsel – Eines mit Einem oder Eines mit Gar keinem . Das letzte Stück rechter Hand auf dem Seile, scheint etwas Ausgestopftes, das bloß zur Lüftung da hängt. Man weiß nicht recht was es ist, noch begreift man, wie es sich da im Gleichgewicht erhält; doch ist es im Original mehr so gezeichnet, daß es leicht ein gleiches und ähnliches Stück als Gegengewicht verdecken kann. Vermutlich diente es selbst zum Ausstopfen, und wäre alsdann selbst ein Trompeuse . Dem Kamin gegenüber, neben der Stubentüre, hängt hoch an einem Nagel, eine runde Scheibe mit Löchern oder Vertiefungen, deren Bedeutung uns Nichols in Hogarths Leben recht gut aufbewahrt hat. Es ist ein jüdischer Oster-Kuchen, Mazzen oder Mazkuchen heißen sie hier und da, die von dortigen Juden (so wie in manchen Gegenden Deutschlands) jährlich an ihre Kunden, mehr zum Vorbild von Ersatz, als zum Ersatz selbst verschickt, und von letzern dafür nicht als Eßware, sondern kaum als Embleme von Eßware mit vieler Toleranz behandelt werden. In England machen die Rechtgläubigen vom vierten Stande Fliegenfallen (Flytraps) daraus, vermutlich dadurch, daß sie dieselben mit etwas Klebrigem bestreichen, oder wenigstens mit etwas, das den trocknen Kleister einige Zeit in Auflösung erhält. Nichols hat sie verschiedentlich zu diesem Gebrauch von Leuten aus dieser Klasse angewandt gesehen. Ob nun Hogarth dadurch bloß auf die Standes-Gesinnungen der Bewohnerin dieses Zimmers hat hinweisen wollen, deren ganzes Christentum bis auf dieses edle Restchen, ein Bißchen Juden-Verachtung, geschmolzen war, oder ob, welches mir wahrscheinlich ist, der Kuchen zugleich als Restchen der ehemaligen Herrlichkeit auf der zweiten Platte, da oben hängt, überlassen wir gerne der Entscheidung des Lesers. Allemal mußte der kleine Mond vieles Licht nach dem Krankenbette reflektieren, und als Hesperus für die Sterbende, stark in das Gewissen leuchten, das, wie man sagt, an den Abendstunden des Lebens sehr empfänglich für solche Reflexionen sein soll. – Im Wirtshause zur Glocke wurde sie betrogen, und das war ein Unfall! im portugiesischen Tempel, auf den dieses Gestirn hinweist, betrog sie , und fehlte auf eigene Rechnung, und das war ein Verbrechen . Daß es auf diesem Zimmer doch auch schon wieder lustiger zugegangen sein muß, als jetzt , oder vorher im Zuchthause, davon findet sich ein unumstößlicher Beweis an der Decke desselben. Fast über dem Bette sieht man das bekannte M. H. mit der Lichtflamme angeschrieben, das wir auf der ersten Platte auf dem Koffer im Wirtshause, der auch, nur etwas veraltet, hier wieder steht, zuerst gesehen haben. Solche Inskriptionen, wobei der Bel-Esprit der sie verfertigt, auf Tische und Stühle steigen muß, werden ohne Begeisterung selten gemacht. Aber dieses ist noch nicht alles. Hinter diesem M. H. stund noch ein Wort, das Hogarth größtenteils wieder weggelöscht, und dadurch nicht wenig dazu beigetragen hat, es im Andenken zu erhalten. Wir wollen es nicht wieder restituieren, versteht sich, sondern bloß für die Liebhaber – von unleserlichen Inschriften anmerken, daß sie die lateinische Übersetzung davon in Horazens dritter Satyre des ersten Buchs finden können. Wie heilsam und wie luftig dieses Zimmerchen, zumal für eine etwas verquickte Patientin, sein müsse, fällt sogleich beim ersten Blick in die Augen. An der einen Seite ist die Vertünchung von der Mauer abgefallen, und an der andern das Getäfel zum Teil abgefault. Links unter den beiden Talglichtern, die da hängen, läßt es fast als hätte man so gar das Mauerwerk selbst mit einem fremden Körper geflickt. Die Türe hat, wie es scheint, ihre Haltbarkeit nicht, wie gewöhnlich, einem festen Rahmen zu danken, in welchem die Spiegel derselben sitzen, sondern bloß einem einzigen Querbalken, auf welchem die Dielen genagelt sind. Die Schweinstalltüren haben sonst gewöhnlich deren drei, unter einander parallel, oder in Z-Gestalt. Daher kommen denn auch hier die beträchtlichen Schieß-Scharten für heilsame Lüftchen und tröstende Blicke, die man mit vieler Rücksicht auf Eleganz verstopft und verklebt hat. Betrachtet man nun obendrein die kindlich zärtliche Teilnahme des Knaben an dem Schicksal seiner Mutter; die stumme Verzweiflung, womit die Alte, da sie sieht, daß alles verloren ist, sich auf die Knie wirft; den sanften, wiewohl matten Blick, womit die Seelsorgerin, Hülfe von den liebevollen Ärzten noch immer sucht, aber kaum mehr erwartet – So wird Mollys Schicksal fast beneidenswert, wenigstens für manche Menschen, mich dünkt ich hörte hierbei ihr: Où peut on être mieux qu'au sein de sa famille? Sechste Platte Hier liegt sie nun endlich, unsere Heldin, ruhig und stille im Sarge, sicher vor Sir John Gonsons Trabanten, Herrn M. Thwackums Hieben und – D. Misaubins Pillen. Was für eine kräftige Schutzwehre ein Sargdeckel nicht ist! O! sie war noch immer glücklich, denn da, wo sie ihre Nägelchen zum Sarge schmiedete, werden auch nicht selten die Nägel zum Galgen geschmiedet. Auf dem Deckel steht: M. Hackabout died Sept. 3d 1731, aged 23. M. H. gestorben den 3ten Sept. Daß Hogarth eine Ursache gehabt habe, unter allen Tagen des Kalenders gerade den 3ten Sept. zum Sterbetag zu wählen, wird wohl niemand bezweifeln, der nur einigermaßen mit diesem sonderbaren Genie bekannt ist. Vielleicht ist es ein Hieb, den nur allein die Familie merkte, die er traf. Im Gentleman's Magazine Sept. 1731. S. 403 steht: am 3ten Sept. starb Miß Betty Fish zu Enfield. Dieses führe ich an, nicht als den Schlüssel zu Hogarth Satyre, sondern als eine Erläuterung meines Gedankens. Eine solche Schalkheit wäre ganz in seiner Manier. Ich habe sonst nichts finden können, vermutlich findet es aber sonst jemand sehr leicht. Im Julianischen Kalender heißt dieser Tag Mansuetus . Hieraus wird die größte Weissagerin aus dem Kaffee-Satz nichts machen können. Im Gregorianischen freilich heißt er Euphemia . Dieses wäre noch so was von einem Sterbetag für eine Tugendbelobte Jungfer. Aber er läßt sich nicht wohl hieherziehen. Auch enthalten die englischen Kalender, die ich wenigstens nachsehen kann, nur wenige Namen dieser Art, und der von Euphemia ist nicht darunter. Das große Feuer in London (1666), für dessen Jahrtag man gewöhnlich den 2. Sept. angibt, setzt wenigstens Hume auf den 3ten. Aber da hätte Hogarth sicherlich den Löschtag des Brandes gewählt. – Da wir einmal an den 3ten Septembern sind, so können wir unmöglich mit Stillschweigen übergehen, daß dieses der durch Cromwelln so berüchtigte, von ihm selbst belobte, glückliche Tag ist, an dem er seine beiden großen Siege, den bei Dunbar (1650) und bei Worcester (1651) erfocht; an dem ferner sein erstes , so merkwürdiges Parlament (1654) zusammen kam, und an dem er, (der Natur dieses Schwärmers, der, nunmehr kränkelnd, seine Einbildungen gegen sich selbst zu brauchen anfing, sehr angemessen) – endlich starb. Der Tag, der immer schon merkwürdig genug war, ist es noch mehr durch den Sturm geworden, der bekanntlich an demselben wütete, und den Waller in seiner berühmten Ode so vortrefflich, nur etwas sehr hofpoëtice, genützt hat. Daß Hogarth hieran gedacht habe, ist nicht wahrscheinlich, denn daß eine Hure an dem Tage stirbt, an welchem ein Usurpator auch starb, ist nichts besonderes. Wäre aber Hogarth ein Deutscher gewesen, so gäbe es noch einen Ausweg, und das wäre der desperate Einfall, das deutsche Wort Nickel von Nikolaus herzuleiten, und dieses Nikolaus natürlich von νιϰη und λαος (Sieg und Volk) . Denn im besiegen und betriegen dieser nützlichen Menschen-Klasse kommen wirklich der sel. Cromwell und die sel. Molly etwas überein 1731, alt 23 Jahr. Sie wurde also hingerafft noch ehe sie Betschwester werden konnte. Sie war sehr glücklich, denn man hat Beispiele, daß Betschwestern aus dieser Schule gehenkt worden sind. O! Wie vieles ließe sich hier nicht sagen, – – wenn es sich sagen ließe! Allein wir fürchten das Gebet der Betschwestern, respektierenden Sargdeckel und – schweigen. Wenn man diese Assemblee bloß flüchtig oder etwas von ferne ansieht, so ist man geneigt zu glauben, man habe irgend einmal in der Welt schon so etwas gesehen, und erwartet etwas zwar Trauriges, aber immer Honettes. Ein Sarg, in den man ein zärtliches: schlafe wohl hineinblickt; viel Trauerflor; ein Wesen wie ein Geistlicher und eines wie ein Küster; ein Leichen-Wappen an der Wand; ein Kind in tiefer Trauer, Rosmarin, Tränen und weiße Schnupftücher; man erwartet den Leichenwagen. Wer in aller Welt sollte da etwas Arges vermuten. Allein bringt man das Auge näher und die Teile einzeln zur Deutlichkeit: so findet man, daß man nie in der Welt noch desgleichen gesehen hat. Alles verändert sich und verschwindet zum Teil ganz. Da ist Trauerflor ohne Trauer und Geheul ohne Tränen; keine Spur von einem Geistlichen und keine von seinem Küster; das Wappen ist ein Pasquill und der Sarg selbst nebenher ein Schenktisch – für Branntwein. Es ist abscheulich. Nun was gibts denn hier? Das soll der Leser nun zum Teil hören zum Teil leicht erraten. Die Stube, in welche wir hier hineinsehen, ist entweder ein unteres Zimmer des Hauses, worin die Heldin gestorben ist, oder des Mannes, der gegen ein gewisses Geld die ganze Besorgung der Leiche übernimmt. Diese nützlichen Leute heißen in England Undertakers . Sie sind in gewisser Rücksicht das beim Austritt aus der Welt, was die Hebammen beim Eintritt in dieselbe sind. Allein sie gehen dabei viel vorsichtiger zu Werk, und unternehmen bloß den leichtesten Teil bei der Sache, etwa was bei der Geburt das Waschen, Wickeln und Bringen nach der Wiege ist. Die Hauptoperation dabei überlassen sie ganz der Natur oder den Gelehrten. Der Mann mit dem Küster-Gesicht, ist hier dieser Mann. Der weibliche Teil der Versammlung besteht gänzlich aus Klosterjungfern, Priorinnen und Äbtissinnen aus dem Orden von der strengen Regel, zu welchem die Selige gehörte, unstreitig einem der zahlreichsten in der Welt. Das Kloster in Drurylane allein soll mehr Nonnen enthalten, als London Mietkutschen, deren Zahl man auf tausend setzt: Und obgleich die strengen Vigilien und der Märtyrer-Tod ihrer jährlich eine Menge hinraffen, auch die Missionen nach Jacksons-Bay Zu dieser Ehre zu gelangen, ist ein gewisser Probe-Grad nötig. Ehemals wurde es so gehalten: wenn eine zu reif für diese Welt, aber noch nicht reif genug für jene war; so schickte man sie nach einer Art von Mittelwelt, nach der so genannten neuen . Da aber diese neue Welt allmählich anfing selbst alt zu werden und Klöster anzulegen, so machte man eine zweite für sie zurecht, und in dieser ganz neuen liegt nun oben benannte Jacksons-Bay. Weil nun hier der südliche Polarstern schon ganz beträchtlich hoch über dem Horizont steht: so hat man diesen weiblichen Ritterorden den Namen davon gegeben, und die Ritterinnen selbst, Ritterinnen vom Südstern genannt. eine beträchtliche Zahl wegnehmen: so bemerkt man dennoch nicht den mindesten Abgang. – Man wartet hier auf den Abzug, der nicht ganz präzis erfolgen zu wollen scheint. Es geht gewöhnlich so bei Abreisen, die aus dem Leben etwa ausgenommen, wo alles gewöhnlich viel zu früh fertig wird; bei der nach dem Kirchhofe hingegen geht es oft wieder so unpünktlich, als wäre man frisch und gesund. – Indessen man weiß sich hier zu helfen, man amüsiert sich so gut man kann. Es befinden sich in dieser Gesellschaft dreizehn lebendige Personen, eine tode, und dann noch eine Art von Mittelding zwischen beiden, ein Bild im Spiegel , also zusammen funfzehn . Unter diesen stehen drei einzeln für sich; die übrigen zwölf sind paarweise gekuppelt. Zwei Paare von lebendigen Damen machen mit jenen einzelnen Subjekten, sieben ; eine lebendige Dame mit einer toden gekuppelt, sind neun ; zwei höchst lebendige Chapeaux mit zwei Damen von gleicher Beschaffenheit, sind dreizehn ; und endlich eine Dame mit ihrem Bilde im Spiegel – von gleicher Kapazität mit der Dame selbst, sind funfzehn . Wir werden von jeder etwas sagen, wäre es auch nur ein Wort. Der linke Flügel fängt an. Hier fällt sogleich in die Augen, das grobe Geschütz , das an der Flanke aufgepflanzt ist. Wer es bloß flüchtig mit der darneben sitzenden Figur vergliche, könnte es leicht für ein Tränen-Fläschchen halten. Aber dafür hat die Form offenbar viel zu viel vom Mörser und der Haubitze. Es ist eigentlich ein Trink-Geschütz, wenigstens ein Sechspfünder, mit Nants (französischem Liqueur) geladen. Sehr friedlich, und bloß zum Freuden-Feuer und Schwärmerschießen für die Kolonne. Das Echo-Stück dazu, ein kleiner Böller, befindet sich nahe beim rechten Flügel auf dem Sargdeckel, zu gleichem Zweck. Dieses Feuer an den Flügeln hat, wie wir sehen werden, eine ungemeine Wirkung auf das Zentrum. Der Zeitpunkt ist von dem Künstler vortrefflich gewählt. Es ist nämlich der, da das durch Nants exaltierte Alter sich den Gefühlen der Jugend nähert und die Gesellschaft dem schönen Bilde der Schlange gleicht, die mit dem Schwanz im Maule, sich zu dem Zirkel rundet, mit welchem alles Vollendete in der Welt bald mehr bald minder Ähnlichkeit haben muß . Es wird sich auch noch so halten – wenn der Leichenwagen nicht zu lange bleibt, und der Sarg seinen Respekt nicht über der Zögerung verliert. Doch wir wollen nun näher untersuchen wie die Sachen stehn. Die Artillerie wird gut bedient. Der Böller wird durch die Stumpfnase besorgt, die wir schon kennen, und die Haubitze durch die Feuer-Kröte, die da im Winkel die beiden Vorderbeine ringt und ein Hinterbein wegstreckt. Wer nicht weiß was tragicus boatus ist, der blicke, wenn er kann, in dieses Gesicht. Es verträgt keine Illumination, und bedarf auch keiner, nur bitten wir unsere Leser zu merken, daß das, was in dem schönen Munde der Konstablerin so reizend glänzt, keine Zähne sind, denn deren hat sie nur noch ein Paar, sondern das notwendigste Stück aus ihrem Schluck-, Fluch- und Bet-Besteck – ihre eigene, ungeräucherte Zunge. Sie scheint für ihr Departement wie geboren und in ihrer Taille ist die Haubitzen-Form nicht zu verkennen, wenigstens ist es kaum möglich, daß bei einem Menschen die beiden Enden A und B einander näher liegen können; sie ließen sich von einem geschickten Feldscherer beide mit Einer Hand besorgen. Übrigens bedarf es kaum einer Erinnerung, daß sie nur so dasitzt so lange sie nicht trinkt und nicht einschenkt. Sollte es wohl die Frau sein, die auf dem vorigen Blatt vor dem Koffer kniete? Die Gesichter sehen sich freilich nicht so ganz ähnlich, allein Laokoon sah auch am Tage vor seinem Unglück anders aus, als er in diesen letzten Paar tausend Jahren ausgesehen hat. Und die Taille? I nun, an einem solchen Tage zieht man auch das Bißchen Zeug zusammen an was man hat. Neben diesem Feuerlands -Gesichtchen, das unter die einzelnen gehört, erblicken wir das erste Paar gekuppelter, von europäisch-londonscher Kultur. Der Herr Undertaker , der einer Kloster-Jungfer einen Trauer-Handschuh anziehen hilft, nützt diese vorteilhafte Gelegenheit dazu, ihr eine kleine Supplik von ziemlich verständlichem Inhalt zu überreichen, und tut es mit so vielem Anstand und so vieler demütigen Herzlichkeit, daß sie unmöglich unerhört bleiben kann. Wirklich ist auch bereits so was wie ein Widerschein von gnädiger Erhörung selbst im Auge des Supplikanten, obgleich das Zeichen selbst verborgen ist. Vermutlich gab er aber seiner Hülfe beim Anziehen selbst die Form einer Frage, und dadurch Gelegenheit zu einer Antwort, die schlechterdings unsichtbar bleiben mußte. Der Kontrast in diesen beiden Gesichtern ist vortrefflich. Der Undertaker hat weiter keinen Plan, als den, den Auge und Mund verraten, er ist durchaus konzentriert, und so einseitig wie möglich; – jetzt wenigstens. Dem Mägdchen hingegen sieht die Universalseitigkeit und der Plan aus dem Auge. So trübe es immer scheint, so ist es doch sicherlich nicht der Spiritus rector der Assemblee allein der es trübt; es ist Methode darin, die sich durch deutliche Spuren von triumphierendem Lächeln über die Blindheit des gefangenen armen Teufels, jedem verraten würde, der dieser Tropf nicht selbst ist. Drurylanerinnen vergessen sich nicht. Jede Bewegung bei ihnen, wäre sie auch noch so klein, gilt, außer dem Herzen, das sie öffentlich damit angreifen, wenigstens noch ein Schnupftuch heimlich . So wie die Hexe nur längs dem rechten Arme herauf erfährt, daß das Herz über ist, so plündert sie schon mit dem linken. Dieses ist das so genannte kleine Souvenir für den Herrn Undertaker; das große wird sich finden. Gleich nach diesem ersten gemischten Paare kommen nun die vier ungemischten nach einander, wenn man vom linken Flügel nach dem rechten fortgeht, und zwar zuerst eines, das eine Besichtigung vorstellt. Beide Teile sind, wie man sieht, von etwas mehr als mittlerem Alter. Bei beiden ist bereits eine lobenswerte, höchst vernünftige Busen-Ökonomie eingetreten, wovon das junge, unbesonnene Geschmeiß hier noch nichts wissen will. Die eine scheint so gar schon von den Jahren, wo man eine Brille vergessen kann. Man sieht, sie fehlt hier. Die zweite, eine hagere Dulderin, hat da zwischen den Fingern etwas, das schmerzen muß, das von der ersten mit chirurgischem Ernst, und wirklich mit kennerhafter Feinfingrigkeit und Subtilität zur Inspektion gebracht wird. Was mag das sein? Oder ist es vielleicht gar nichts und bedeutet bloß etwas? Offenherzig zu reden, so fürchten wir hier fast – (das Griechische mag es tun) tiefen, esoterischen Mutwillen, unter einer Maske von ganz exoterischem , von dem man natürlich auch sagen kann, was man will. O! wie wohl es einem Kommentator tut, wenn er sich von einer schweren Stelle, zu welcher er dem Leser bloß die Türe geöffnet hat, ohne weiter etwas zu sprechen, als ein Paar griechische Zauberworte, wegschleichen kann. – Die Dulderin hat Warzen an den Fingern, und auf Warzen-Vertreiben verstehen sich bekanntlich die Toden besser als die Lebendigen. Die Dame ohne Brille scheint bloß auf Wege zu denken, eine Warze zwischen den Fingern mit einem Leichnam in Berührung zu bringen. Das Problem ist nicht leicht. Wenn es die Nase nicht tut, so tut es nichts. Hierüber weint das arme Geschöpf. Aber man denke nur, was für ein Schalk unser Künstler ist, selbst in seinem Blendwerk. Er verhüllt einen mutwilligen Gedanken, und seine Hülle ist wieder ein Mutwillen, auch tief, aber verständlicher als der erste, und ohne alle Verbindung mit ihm. Ich habe von einer Politik gehört, tief und unergründlich , die man in eine andere hüllt, die auch tief ist, aber ergründlich und ohne Verbindung mit der ersten (Politik für Journale); aber von solcher Satyre habe ich nie gehört. Die Warzen-Vertreiberin, die hier die Operation kommandiert und lenkt, hat ihrer selbst zwei, gerade vor der Stirne, wie Hörner sprossen. Ist man in der Betrachtung einmal so weit, so gehts nun immer leichter mit der Moral, die sich hier offenbar an Splitter und Balken und Bruders-Augen anschließt, usw. Herr Ireland glaubt noch, es würde hier ein Trauer-Ring aufgesteckt; wir selbst haben es lange vor Herrn Ireland auch einmal geglaubt, aber nachher bereut. Hinter diesem Paare steht das dritte: Eine Nonne in Unterredung mit einer andern, die wir nicht nennen wollen, im Spiegel. Unstreitig das glücklichste Paar unter allen. Bei allen Verbindungen nach Paaren in der Welt, ist zum Bestand gemeinschaftlicher Glückseligkeit eine gewisse Verteilung von Mängeln und Vollkommenheiten in den Subjekten nötig. Was Du nicht hast habe Ich , und was Mir fehlt hast Du , ist die festeste Basis für sie. Allein bei der Verbindung, von welcher hier die Rede ist, ist sie ganz unnütz; und um recht zum Entzücken einig zu sein, ist es völlig hinreichend, daß bloß eine von beiden Parteien entweder alle mögliche Vollkommenheiten hat, oder, welches ganz einerlei ist, alle mögliche zu haben glaubt. So ist z.B. in unserm gegenwärtigen Falle das Mägdchen, das den Rücken herauswendet, jung und schön, oder sie selbst glaubt es wenigstens: ist nun dieses festgesetzt, so bekümmert sie sich nicht ein Bohnenfleckchen weiter um die Eigenschaften der andern, und doch sehe man, mit welcher liebevollen Bewunderung sie einander anstaunen; gleich zween Engeln, die sich einander begegnen und nicht kennen; jeder sieht in dem andern ein höheres Wesen, jeder bewundert, und wird bewundert; jeder beugt seine Knie, und die Szene endigt mit wechselseitiger Anbetung. Wir versparen die Betrachtung über das vierte Paar, nämlich die Lebendige mit der Toden in Verbindung, noch etwas, weil Hogarth aus diesem gleichsam den Schlußstein des Bogens, und, wie uns dünkt, mit Recht gemacht hat; wenden uns zum rechten Flügel und gehen von da aus, wie vorher vom linken, nach diesem Scheitel-Punkt zu. Über dieses Paar, das den rechten Flügel ausmacht, haben wir nicht wenig zu sagen und dennoch sehr viel zu verschweigen. Hogarths Ehre fordert von uns das erstere, und die Achtung, die wir unserm Publikum schuldig sind, das letztere. Verstanden soll und muß indes die Szene werden, nur wird man uns erlauben, daß wir nicht immer hinschreiben: Teufel , sondern dafür so etwas wie Herr Urian , oder auch ein bloßes T. ... Er so wohl als sie sind dieses Mal deklarierte Porträte. Das Mägdchen war ein berüchtigtes Mensch, namens Mary Adams, die nach unzähligen Liederlichkeiten, die sie als Mägdchen verübt hatte, endlich in ihrem dreißigsten Jahre wegen eines Diebstahls, nicht nach der neuen , sondern sehr gravierender Umstände wegen, nach jener Welt geschickt wurde. Sie wurde am 30ten Sept. 1737 gehenkt. Man hat Porträte von ihr, und nach einem von diesen soll gegenwärtiges gezeichnet sein. Da nun diese Blätter schon 1734 erschienen sind, also drei Jahre vor ihrem Tode: so erhellt daraus wenigstens so viel, daß sie ihre Zelebrität nicht bloß ihrem letzten Verbrechen und ihrer Todesart zu danken hatte. Es könnten leicht persönliche Reize gewesen sein, die diesem Gesicht selbst hier nicht fehlen, wo doch britischer Teint und britische Zähne aus dem Spiel bleiben, und wo alles, was von Leben in einem schönen Gesicht in die Welt hinaus gehört, zurück in sich selbst gekehrt zu sein scheint. Der Mann neben ihr, ist kein Geistlicher. Wir bitten unsere Leser inständigst, diesen Gedanken ganz fahren zu lassen, so etwas müßte notwendig gegen den Künstler einnehmen, wodurch der ganze Eindruck, den dieses Stück machen soll, verloren werden würde. Es ist bloß der Rock. Was hier in demselben steckt, ist einer mit von den wenigen eminenten Schurken, denen Hogarth eine infamierende Unsterblichkeit von Rechts wegen zuerkannt hat; ein Charters in seiner Art. Vielleicht, könnte jemand fragen, hätte der Künstler doch besser getan, wenn er auch hier das Kleid geschont hätte? Wir finden diese Erinnerung sehr gegründet, ja sind so gar überzeugt, es wäre besser gewesen. Allein da es nun einmal geschehen ist, so muß man auch des Künstlers Verteidigung hören. Wir übernehmen sie mit wahrem Vergnügen und in der sichern Hoffnung, daß man ihn freisprechen werde. Hogarth hat in seinen Werken an drei Orten Ausfälle auf Menschen in Prediger-Kleidern getan, das ist wahr, Einmal in der Punschgesellschaft, die wir gesehen haben; das zweitemal hier, und zum drittenmal in seinem Wahlschmaus (Election dinner) . daß er aber je einen auf den geistlichen Stand, als solchen , getan hätte, erinnern wir uns nicht. Unter diesen dreien sind zwei, Porträte von bekannten Personen, über deren nichtswürdigen Charakter die Stimme des Publikums schon längst entschieden hatte, als er die seinige gab. Er tat also nichts, als jeder rechtschaffene Mann vor ihm getan hatte, nur zeichnete er und malte er, wo jene sprachen oder schrieben. Ob die Darstellung des dritten auch ein Porträt sei, können wir mit Gewißheit nicht sagen. Es würde aber auch der guten Sache nicht schaden, wenn sie kein Porträt wäre. Der Tropf ist bloß ein wenig Gourmand , und das bei einer Gelegenheit, die regulariter nur alle sieben Jahre wiederkömmt. Überdas treibt er sein Wesen nicht im Winkel, sondern er schmaust, so zu sagen, mitten in dem Schoße seiner Gemeinde, die zugleich mit ihm schmaust, und es kostet dabei seiner Familie nicht einen Pfennig. So etwas ist kaum ein Ausfall zu nennen. Aber hier, hier geht die Situation über alle Beschreibung. Hogarth hat dieses gewiß sehr gefühlt. Er tat daher auch, was er sonst bei keinem seiner Werke, so viel wir wissen, getan hat, ja was selbst mit dem Wesen seiner Satyre kaum vereinbar ist, (aber sich völlig zu rechtfertigen, waren auch solche außerordentliche Mittel nötig) er bezeichnete nämlich auf den 1200 Abdrücken für die Subskribenten diesen Nichtswürdigen mit dem Buchstaben A , der sich auf eine Note unter dem Blatte bezog, worin deutlich angezeigt wurde, wer er wäre und wo und wie er sich der Gerechtigkeit zu entziehen wisse. Nun bedenke man, was für ein vogelfreies Geschöpf dieses Scheusal muß gewesen sein, daß ein rechtschaffener, bekannter und beliebter Mann, wie Hogarth, sich nicht scheut, dasselbe vor der Welt so zu zeichnen, und obendrein die Gerechtigkeit gleichsam dagegen aufzufordern. Auf diese Weise hat er, dünkt uns, nicht bloß bewiesen, daß er nichts gegen den geistlichen Stand damit gemeint habe, sondern, gerade umgekehrt, zu erkennen gegeben, wie sehr ihm die Ehre desselben am Herzen liege. Bei seinen Bilder-Jagden für die Satyre, die er unermüdet anstellte, lief ihm manches Stückchen ins Garn, das sich dem Treiben der Polizei und der Justiz zu entziehen wußte, und er handelte recht, daß er es an die Behörde auslieferte, oder ihm, wenn es die Behörde aus Unachtsamkeit wieder laufen ließ, bei der nächsten Gelegenheit den Genick-Fang selbst gab. Dieser Bösewicht, offenbar die Spadille , so wie das andere schwarze As , der Herr Undertaker, die Basta unter diesen Trümpfchen in Coeur , wurde unter dem Namen Couple-Beggar ( Gesindel-Kopulator , weil er für ein Paar Groschen kopulierte) so bekannt, daß die Erklärer Hogarths seinen eigentlichen Namen darüber vergessen haben. Ein Zug der schon allein von großer Eminenz im Fache zeigt. Wie uns versichert worden ist, so vermählte er sich auch selbst, neben diesem Geschäfte her, regulariter ein paarmal wöchentlich – – mit der Gosse . Nicht so drüberhin, wie der Doge von Venedig mit dem Adriatischen Meer. Anstatt eine Kleinigkeit hineinzuwerfen, warf er vielmehr alles hinein, was ihm am Abend gewöhnlich übrig blieb, – sich selbst . Theologe hat er so gar nicht einmal je geheißen . Er war bloß der Liturgie Beflissener, und auch selbst in dieser salbaderte er bloß über die Kapitel von der Ehe und dem Begräbnis – für ein Paar Groschen. Seine geistliche Hand, wie man sie nannte, griff nie nach mehr, aber griff desto öfter – seine weltliche hingegen forderte die Stol-Gebühren, wo sie sie immer fand, in Taschen mit und ohne Boden, ins Unendliche. Das ist bekannt. Ob Hogarth hier so etwas habe andeuten wollen, ist schwerlich jetzt mehr auszumachen. In seiner so genannten geistlichen Hand, der linken, hält er den Begräbnis-Branntwein sehr schlecht und befleckt damit sein Schnupftuch. Wo die weltliche steckt, hat bis jetzt, so viel wir wissen, noch niemand ausmachen können. Man hat sie unter Couple-Beggars Hut gesucht, den die Manille mit vieler Sorgfalt vorhält, aber auch da nicht gefunden. Wir geben also diesen locum difficillimum gerne und willig auf, und gehen, nach Kommentator-Art, mit innigstem Wohlbehagen, zu einem leichtern über – zur Stumpfnase . Sie steht am Fuße des Sarges ihrer Freundin mit dem Böller in der Hand, wie eine Marketenderin vor dem Schenktische. Das heiße ich mir Gefühl! Und dennoch ist, zur Ehre der menschlichen Natur, in ihrem wilden Blick eine Art von Unwillen über das Benehmen des benachbarten Paares nicht zu verkennen. Es fesselt, wie man sieht, ihre ganze Aufmerksamkeit, allein obgleich ihr Mund von vieler Gelassenheit bei der Sache selbst zeugt, so scheint doch ihr Auge Ort, Zeit und Stunde dazu etwas unschicklich zu finden. Es ist ein schöner Zug von Hogarth, selbst in dieses gefühllose Tigerkatzen-Gesicht einen Ausdruck von Mißbilligung einer solchen Bestialität zu legen und sonach – die Steine darüber schreien zu machen. Im Vorbeigehen bitten wir unsere Leser, einmal für sich selbst kurz zusammen zu nehmen, was dieses Mensch bisher getan und ausgestanden hat, und was das für ein Leben ist, und doch wird es jetzt, da wir dieses lesen, noch von unzähligen geführt! – Doch wir wollen den Betrachtungen über die Erben der ewigen Herrlichkeit und ihre Hofmeister, die sich hierbei aufdringen, nicht vorgreifen! – Ganz hinten bei der Türe erblicken wir das fünfte Paar. Hierher muß man sehen, wenn man noch nicht weiß was Weinseligkeit ist. Man möchte fast mitschmelzen, wenn man diese Herzen zusammen fließen sieht, die wahrscheinlich auch nicht ganz schlecht sind. Welche Glückseligkeit! Sie glauben einem Himmel von Liebe und Freundschaft zuzuschweben, und wissen nicht, daß das Fusel-Gewölke, das sie trägt, in der nächsten Viertelstunde unter ihnen auseinander gehen, und sie mit beschleunigter Bewegung in die Tiefe senden wird, wo Scharwächter, Pranger, Quacksalber und der Hanfklopfer-Club immer bereit sind, sie in Empfang zu nehmen. Die eine Partei des sechsten und letzten Paares, die Lebendige in Betrachtung der Toden begriffen, hat Hogarth nicht umsonst in die Mitte des Blatts gestellt. Er will, daß man auf sie vorzüglich hinsehen soll. So wie sie der höchste Punkt des Halbkreises ist, den die Versammlung formiert, und in welchem sich die beiden Flügel derselben vereinigen, so laufen auch die Linien von Lehre, die der Künstler hier ziehen will, in ihrer Rolle zusammen. Daher ist das Mägdchen auch eine von Hogarths Schönheiten. Dieses ist etwas, das man sich merken muß, denn es könnte kommen, daß man es nicht sähe . Indessen ganz schlecht ist das Mägdchen denn doch nicht. Jugend und Blüte sind wenigstens da, und an diese ist die Lehre gerichtet, die sich wohl am leichtesten durch die Worte aus dem Sarge darstellen läßt: »Was du bist, und wie du, war auch ich vor kurzer Zeit. Verlaß den Weg den du wandelst; wo nicht, so bedenke: Was ich jetzt bin wirst auch du sein, in kurzer Zeit.« Ob das Gänschen diese Worte gehört hat, läßt sich aus dem Gesichtchen nicht schließen; daß aber, wenn es sie gehört hat, sie, noch ehe der Leichenwagen kömmt, das Gänschen wieder vergessen haben wird, das, dünkt mich, läßt sich schließen. Fast unter dem Sarge, so wie vorher unter dem Sterbe-Sessel, sitzt auch hier die kleine Nachkommenschaft, und ist mit einem schmerzstillenden Mittel beschäftigt. Dort war es ein Rippenstück was der Manser drehte, hier bewickelt er einen Spitzkräusel, um ihn im Trauerzimmer schnurren zu lassen. Bei dem Jungen, scheint es, schlagen die anodyna gut an: Es könnte aber auch sein, daß, was man für die Ursache hält, eigentlich die Wirkung wäre. Der Junge betrübt sich nicht, nicht weil er Braten wendet, und an Kräuseln wickelt, sondern weil er sich nicht betrübt, brät und wickelt er. Warum sollte er sich grämen? So wie er keinen Vater hat, weil niemand von einem wußte, eben so hatte er auch keine Mutter, weil in der Gesellschaft wo er lebte, niemand Zeit hatte es zu sein. O die Wörter: Vater und Mutter sagen sehr viel mehr als gewöhnlich in Wörterbüchern dabei geschrieben steht, und von manchen Köpfen dabei gedacht wird. So wie gottlob, manches Kind noch einen Vater oder eine Mutter findet, dessen Eltern längst jenseit des Grabes hingegangen sind, so gibt es leider! auch vater- und mutterlose Waisen, deren Eltern es sich diesseits desselben, einen Tag und alle Tage noch recht wohl schmecken lassen. Vermutlich ist der arme Tropf oft aus einem Winkel in den andern gestoßen worden; nach dem Trauerfall ist aber nun offenbar eine der Stoßenden weniger. Gesetzt auch, die Stumpfnase wirft ihn jetzt einmal in die Ecke, so ist doch nun niemand sogleich bei der Hand, der ihn wieder zurückwirft. Aus den Beinchen des Knaben schließen wir fast, daß die anodyne necklaces nicht viel geholfen haben. – Daß Hogarth den Knaben hier als Chief mourner (Trauer-Chef, Chef des Leichenzugs) herausgekleidet hat, ist in mehr als einer Rücksicht Spott. Kinder werden nie dazu genommen, sondern es muß immer ein Mann von einem gewissen Exterieur sein, das einem leidtragenden Herzen keine Schande macht. Es kann aber auch das englische Wort an etwas wie Erster unter den Leidtragenden erinnern, und so wird die Sache fast lustig. Denn wenn der Tiefstgebeugte noch kurz vorher ehe der Zug abgeht, an seinem Spitzkräusel wickelt, so läßt sich leicht schließen, wie tief die andern erst müssen gebeugt sein. Der Teller mit Rosmarin, so wie das Tischchen mit den Handschuhen nebst den Streckspindeln für die zu engen Fingerlinge, sind deutlich genug. Doch ist die Lage des Handschuh-Paares vielleicht nicht ganz zu übersehen. Sie scheinen im Affekt auseinander gebracht, um wieder zusammen zu schlagen, und durch ihr Beispiel wenigstens zehn Paar Hände von Fleisch und Blut unter den dreizehn zu beschämen, die hier versammelt und etwas weltlich beschäftigt sind. Das Trauer-Wappen an der Wand (escutcheon) wollen wir, unserer Pflicht gemäß, zwar beschreiben, aber ohne uns im mindesten über die Ansprüche zu erklären, die dadurch verewigt, oder die Provinzen die damit angedeutet werden sollen: indem uns der Friede, auch mit dem kleinsten Familienstolz, mehr wert ist, als alle Ehre, die wir mit unserm heraldischen Scharfsinn allenfalls bei dieser Gelegenheit einlegen könnten. – Das Instrument, das man hier im blauen Felde dreimal angestellt sieht, heißt im Englischen Spigot and fosset , das man besser faucet schreibt. Es ist eine Art von Hahn für Fässer . Dieser besteht, wie man sieht, aus zwei Stücken, wovon das kleinere (the Spigot) im größern (the faucet) steckt, so wie das größere selbst in das Faß zu stecken kömmt. Beim Weinzapfen wird nur das kleinere ausgezogen, und wenn die Bouteille voll ist, wieder hineingebracht. Es ist der simpelste Hahn von der Welt. Des gegebenen Worts aber ungeachtet, wird es uns dennoch verstattet sein, eine kleine Anmerkung über dieses Wappen beizubringen, weil, wie der Leser sogleich sehen soll, das gegebene Wort wirklich dadurch nicht gebrochen wird. Dieses Wort ging bloß auf die Deutung vorgespiegelter Ansprüche auf Verwandtschaften und Provinzen, aber gar nicht auf den mutwilligen Mißbrauch, den unser Spötter von einer an sich unschuldigen Sache machen konnte. Dieser hat nämlich, und vermutlich vorsätzlich, die drei Hähnchen so gezeichnet, daß man sie in einiger Entfernung für die drei französische Lilien hält. Ein schönes Lob für eine Mamsell im Sarge, das französische Wappen über demselben aufzuhängen! Ich glaube der Schelm hätte gern die drei Lilien selbst dahin gehängt, wenn er nicht gefürchtet hätte, einer der drei Wappenkönige in England möchte ihm auf die Finger klopfen. Ob wohl Hogarths englischen Kommentatoren etwas Ähnliches, selbst für ihre Deutungen befürchtet haben? Von allem diesem sagt keiner ein Wort. In dem Fenster steckt ein Körper von so zweideutiger Substanz und Form, daß man nicht recht weiß, ob er von innen aus hineingesteckt ist, die Öffnung zu verstopfen, oder von außen herein; und im letzten Falle, ob er nicht selbst das Loch erst gemacht hat, das er jetzt verstopft. Zu dieser letzten Art von Pfuschereien ins Glaser-Handwerk, ist der tugendsame junge Pöbel in London sehr geneigt, wo er so viel Untugend im Zimmer, und vorzüglich Begräbnisse, mit dem französischen Wappen vermutet. Man kann alsdann froh sein, wenn sie den Steinwurf so abmißt, daß er, wie hier, den Schaden zugleich wieder heilt, den er angerichtet hat. Was uns die Deutung, daß dieses ein Stein sei, der beim Hereinwerfen in der bleiernen Fassung stecken geblieben ist, sehr wahrscheinlich macht, ist, daß Hogarth bei einem spätem Werk diesen Zug deutlicher, ja ganz unverkennbar genützt hat. Da ist es ein Backstein, der stecken bleibt, während andere frei durchfliegen. Zum Beschluß nun noch eine Anmerkung über Roucquets Urteil von diesem Blatte. Er meint in der von uns in der Vorrede zur ersten Lieferung S.665-666 angezeigten Schrift, Hogarth würde besser getan haben, wenn er die Geschichte mit dem Tode geschlossen hätte, und sagt von gegenwärtigem Blatte: c'est une farce dont la defunte est plutôt l'occasion que la cause . Man ist es zwar von den Franzosen schon gewohnt, daß sie sehr ernsthafte Dinge oft farcenmäßig behandeln und sehr triviale mit Gravität. Dieses soll nichts weiter sagen, als: den Franzosen ist alles möglich. Allein ganz unrecht hat Roucquet wirklich nicht. Er hat nur den Haupt-Standpunkt, aus dem dieses Gemälde angesehen werden muß, verfehlt, und es aus einem andern betrachtet, für den es leider! nebenher auch entworfen ist, und das heißt mit andern Worten so viel als: Hogarth hat wirklich gefehlt. Hätte Roucquet gleich den ersten Punkt getroffen, so wäre vielleicht das ganze Urteil unterblieben. Hogarth wollte unstreitig sagen, was Gray in seiner vortrefflichen Elegie so schön gesagt hat: selbst der Elendeste und der Niedrigste, sie sterben auch noch so unberühmt, trösten sich mit der Achtung einiger Zurückgebliebenen und wünschen sie. Nicht bloß Beschimpfungen nach dem Tode, (denn wem sind die gleichgültig?) sondern schon der Gedanke an lachende Erben verbittern die letzten Augenblicke auch des Leichtsinnigsten. Hält man nicht z.B. in England die Todes-Strafe für sehr geschärft durch den Zusatz, daß der Körper nach der Anatomie gebracht werden solle? und an anderen Orten dadurch für sehr gemildert, daß man den Enthaupteten nicht unter den Galgen, sondern in einem Winkel des Kirchhofs begräbt? In des Erklärers Vaterland geschah dieses gewöhnlich mit Kindermörderinnen, die des Mitleids würdig waren. Sie wurden aber auch zu dem Ende weder unter dem Galgen geköpft, noch von eigentlichen Henker-Knechten angefaßt. Allein was ist dieses hier für ein Leichenbegängnis? Fürwahr es sind der Staffeln nur sehr wenige, um die eine solche Ehre nach dem Tode, von einem Begräbnis unter dem Galgen unterschieden ist. Dieses war wohl unstreitig Hogarths Gedanke, und so schließt sich die Begräbnis-Szene recht sehr gut an das Ganze an. Aber wie hat er ihn ausgeführt? – Gewiß nicht sonderlich. Mit solchen Umständen, mit einem Chief-mourner , der noch dazu ein Kind und gar das eigene Kind ist, mit einem Wappenschilde, einer Inschrift auf dem Sargdeckel, und überhaupt mit solchem Prunk wird in London keine Hure begraben, oder es müßte eine von Stand gewesen sein. Nichols sagt, ein solcher Zug wäre sicherlich nicht an Ort und Stelle gekommen, zumal in jenen Zeiten, wo die Polizei so sehr schlecht war. Satyre ist freilich darin, aber die Einheit fehlt, und freilich von der Seite betrachtet, gewinnt dieses sechste Blatt allerdings das Ansehen einer Nachkomödie hinter dem Trauerspiel. Dritte Lieferung Hogarth unrivall'd Stands, and shall engage Unrivall'd praise to the most distant age. Churchill Vorerinnerung Was ich in den Vorreden zu den beiden ersten Lieferungen zu meiner Entschuldigung gesagt habe, muß ich die Leser bitten, auch für die gegenwärtige gelten zu lassen. Ich habe hier, zwar nicht oft, aber doch öfter als vorher, in einem ernsthaften Tone geredet, ohne dadurch, wie ich glaube, gegen eine der Regeln zu verstoßen, die ich mir selbst vorgeschrieben habe. »Hogarths launigem Spotte gegenüber nie ernsthafte Moral predigen zu wollen.« Es war dieses vielmehr die natürliche Folge aus der Beobachtung einer andern, wodurch ich hauptsächlich meine Erläuterungen dieser Blätter von den bisherigen zu unterscheiden gesucht habe: nämlich »wo möglich mich bei diesen Erklärungen in einem Tone auszudrücken, den, nach einer gewissen Voraussetzung, Hogarth würde gewählt haben, wenn er seine Satyren nicht gemalt , sondern geschrieben hätte.« Wo ich ernsthaft rede, hat auch Hogarth ernsthaft gezeichnet, und oft in hohem Grade, wenigstens war es seine Absicht. So kam auch mehr Mannigfaltigkeit in den Vortrag. Nur fürchte ich fast, dieser letzten Regel auch da nur zu getreu gewesen zu sein, wo der gute Geschmack eine kleine Übertretung, wenn er sie nicht gar hätte fordern können, wenigstens gerne vielleicht übersehen hätte. Dahin rechne ich einige Wortspiele, Gleichnisse, Anspielungen etc., die ich jetzt, da ich mich ganz unter die Leser stelle, wegwünschte. Diese und einige andere Verirrungen hier als Errata zu beichten, habe ich nicht für ratsam gehalten. Wer sie dann verzeihlich gefunden hatte, übersieht sie jetzt vielleicht ganz, und wer sie jetzt nicht übersieht, hätte sie doch wohl, bloß der Beichte allein wegen, nicht immer verzeihlich gefunden. Für die mir gemachten Erinnerungen über die vorhergehenden Hefte, worunter sich auch die eines einsichtsvollen Anonymen befinden, statte ich den verbindlichsten Dank ab. Ich werde Gebrauch davon machen, und zu seiner Zeit von allem Rechenschaft geben. Mit Vergnügen sehe ich, daß, was auch das Schicksal dieser Unternehmung überhaupt sein mag, sie gewiß dazu beitragen wird, eines der merkwürdigsten Produkte des Genies selbst in England noch mit andern Augen anzusehen, als bisher geschehen ist, und endlich einmal der Welt diejenige Aufklärung darüber zu verschaffen, die freilich nur allein von dort aus erwartet werden kann. Göttingen, im April 1796. G.C.L. The Rake's Progress Der Weg des Liederlichen Erste Platte Ehe ich mich zu der Erläuterung dieser von Laune, Witz und Weltkenntnis überströmenden Blätter selbst wende, wird es nicht unnütz sein, einiges über das Wort Rake Dr. Johnson definiert das Wort durch: a lose, disorderly, vicious, wild, gay, thoughtless fellow , und verweist dabei auf das holländische Rekel , ein Schafhund, oder Hund im verächtlichsten Sinn, das auch in Deutschland noch figürlich im Gebrauche ist, zumal unter Leuten, die der Name selbst am meisten trifft. Im Französischen hat man daher Racaille, so wie Canaille von canis. Der deutsche Ausdruck: liederlicher Hund , vereinigt beides. Der Racker unsers Pöbels ist etwas anderes. Im Jahr 1735 erschien zu London ein Gedicht: The Rake of taste, a poem dedicated to Alex. Pope; und in eben dem Jahre eine Schrift: The female Rake, a modern fine Lady , an Epistle from Libertina to Sylvia . Pope sagt gar: – every woman is at heart a Rake . Sonst heißt Rake in der gewöhnlichen Bedeutung, ein Rechen , eine Harke , die wohl mit dem Englischen einerlei sind; to rake zusammenharken, zusammenscharren hat man sich hier ebenfalls zu merken, weil Hogarth in dem Namen seines Helden, eigentlich des Vaters desselben, darauf anspielt. voraus zu schicken. Man übersetzt es gewöhnlich im Deutschen durch Liederlicher , und ich habe diesen Ausdruck hier beibehalten zu müssen geglaubt, weil dieses Hogarthische Werk in Deutschland unter dem Namen, Leben des Liederlichen vorzüglich bekannt ist. Sonst ist allerdings zwar jeder Rake ein Liederlicher , aber nicht jeder Liederliche ein Rake . Die Liederlichkeit hat ihre Gattungen wie die Poesie und, was sonderbar ist, auch fast ähnliche. Im Leben des Rake ist durchaus etwas Lyrisches , zumal wenn man mit Sulzern Theorie der schönen Künste Art. Lyrisch . den Charakter des letztern in den Umstand setzt, daß durchaus leidenschaftliche Laune darin herrsche, Vorstellungskraft aber und Verstand etwas bloß Zufälliges sei. Der eigentliche Rake (männlichen Geschlechts, versteht sich) trinkt, spielt, hurt, spricht von galanten Pillen und Bougies, wie unser einer von kandiertem Anis und Gerstenzucker; macht aus Nacht Tag und aus Tag Nacht. Daher sein ewiger Offensivkrieg mit Gassenlaternen und seine Aktiv- und Passivprügelei mit der Wache; ruiniert unschuldige Geschöpfe, die ihn liebten, und schießt sich mit Leuten deren Ehre er gekränkt hat; wirft überall Geld und Geldes wert weg, eignes und fremdes durcheinander und nicht selten sich selbst hinterdrein, und in alle diesem sucht er eine Ehre . Daher geschieht es zuweilen, daß er am Ende noch ein guter, brauchbarer Mann wird, wenn sich seine Begriffe von Ehre ändern, ehe die Kraft verraucht ist: da hingegen der eigentliche liederliche Taugenichts gar keine Begriffe von Ehre hat. Der letztere erzählt wenig, oder doch weniger als er tut, der erstere handelt vorzüglich für die historische Muse, die er gewöhnlich selbst in seinen Zirkeln repräsentiert, und korrigiert die Begebenheiten nach der Hand, wie die *** Zeitung . Man will bemerkt haben; daß seit der Erfindung des Branntweins (Brown's-Wein, Spiritus Brunonis), da man sich für einen Sechser, mit transitorischer Seligkeit über die ganze Welt hinwegsetzen kann, die letzte Gattung sehr zugenommen hat. Hogarths Rake hat etwas von beiden. Der Vater des jungen Helden des Stücks, ein alter, reicher, stinkender Geizhals, hieß Rakewell. Das Wort ist offenbar zusammengesetzt aus to rake zusammenharken, scharren, kratzen , und dem Wörtchen well, brav, tüchtig, was das Zeug halten will . Diesen Namen, zugleich mit dem zusammengescharrten Reichtum, hinterließ er seinem Eingeborenen, Rakewell II, dem Pürschchen mit dem Milchsuppen-Gesichtchen, das sich hier ein Paar Beinkleider anmessen läßt. Dieser erklärte den Titel anders, deutete Rake auf Wüstling, bon vivant und Zerstreuer , übrigens aber das Wörtchen well ebenfalls durch, was das Zeug halten will , und so flogen mit der neuen Etymologie die alten Schätze auseinander. Es gibt dergleichen Auslegungen bei Vermächtnissen, auch außer dem Märchen von der Tonne. In dieser Rücksicht ist der Name nicht übel zusammengesetzt, und wenigstens eine erträgliche Species von einem Witz, wovon das ganze Genus nicht viel taugt. Im Deutschen möchte es schwer halten, einen Familiennamen zu erdichten , der das alles eben so sagte, und das ist auch in einem Lande nicht nötig, wo es der wirklichen so viele gibt, diese Relation zwischen Vater und Sohn auszudrücken. Man findet sie leicht in allen drei Ständen. In dem Ora et labora -Stand so wohl, als in dem von Ora et non labora (vorausgesetzt, daß er heiraten darf) und dem von Neque ora neque labora . In jedem wird man leicht irgend einen Et cetera II Ein Swiftischer Ausdruck, der nicht sehr viel mehr sagt, als unser N.N. finden, der durch die Gurgel und dergleichen sagte, was Et cetera I mühsam aufgeschüttet hatte. Der Zeitpunkt, den Hogarth auf dem ersten Blatte gewählt hat, ist der gleich nach dem Tode des Alten, da der junge Patron zum erstenmal zu dem Allerheiligsten des Seligen, ich meine dessen Schatz - und Rumpelkammer, Lombard und Archiv (denn es hat etwas von allen vieren) freien Zutritt erhält. Lange, sieht man wenigstens, kann der, der hier so vieles begrub, selbst unmöglich begraben sein, denn man ist erst willens zu trauern. Vermutlich aber ist er gar noch nicht begraben, und daher ein Tapezierer auf der Leiter beschäftigt, die Stube schwarz zu behängen, worin der Leichnam, und ein anderer kniend das Maß zu der Trauertapete zu nehmen, worin der junge Erbe bei der Leiche paradieren soll. Auf einem schweren, etwas antiken Stuhle, einer Art von Sakristei-Meubel, liegt vorrätiges, schwarzes Tuch aufgerollt, vermutlich bloß für den Tapezierer auf der Leiter, denn der leichtsinnige Erbe von Tausenden trauert für den Erblasser schwerlich in Zeugen die so gerollt werden. – Das Grab also, worin nobler Reichtum mit bürgerlichem Plunder, kirchhöfisch gemischt, vielleicht ein halbes Jahrhundert seiner Erlösung entgegenschlief, und der Erbe , der unter drückender Erwartung lange auf ihre Auferstehung hoffte, werden heute zu gleicher Zeit schwarz tapeziert. – Man trauert am Tage der Erlösung. – Das Signal dazu ist eben so tief als früh gehört worden; jeder Sarg ist gesprengt, und jede Türe aufgetan. Gold und Silber und altes Eisen und Beutel mit Tausenden sehen aus ihren Kerkern hervor und freuen sich des neuen Tages; Dokumente in Pergamenen und Papieren, Inventarien, Reverse, Schuldverschreibungen, Pacht- und Miet-Kontrakte und Aktienscheine von schwerem Gehalt, rollen zu den Füßen des Befreiers, flattern um seine Knöchel und kriechen unter seine Schuhe. So gar Gold, das an der Decke des Zimmers rastete, hört den mächtigen Ruf und regnet herab zum Gericht. Nur einige alte Perücken, Schuhe und Stiefel, zerbrochene Krüge und Näpfe und Bouteillen, ein Hutfutteral, eine Gassenlaterne, ein Überrock nach Dr. Johnsons Muster, ein Grabscheit usw. halten sich, vielleicht sich ihrer Verdammnis bewußt, in ängstlicher Entfernung. Doch war heute nur Probe-Musterung. Hier steht er nun, unser Held, Thomas Rakewell , mit jugendlichem, noch gesundem, aber etwas leerem Gesichte; offenbar mehr dupe als fripon, würde man sagen müssen, wenn das Köpfchen alleinstünde: aber diesen beiden Frauen gegenüber, ändert sich die Sache etwas. Duo cum faciunt idem, non est idem. Die Geschichte ist diese: Das Pürschchen kömmt von Oxford, wo es alles das durcheinander tat und trieb, was man auf Universitäten mit einem runden Wort studieren nennt. Auf den Schall der letzten Trompete, der die Pergamene hervorrief, kamen auch ein Paar Schürzen mit Dokumenten, eigentlich mit opusculis academicis, herbei. Sie sind beide hier abgebildet. Die eine gehört einer Mutter und die andere ihrer Tochter. Erstere enthält , wie man sieht, wirklich Manuskripte, und die letztere, auf welche die Mutter hinweist, bedeckt die Figuren dazu, hauptsächlich einen Entwurf von Wichtigkeit, woraus wohl gar am Ende ein Rakewell III in gerade absteigender Linie werden könnte. Das arme und, wie wir in der Folge sehen werden, höchst gutmütige, rechtschaffene und treue Geschöpf, das da an der Türe steht und weint, haben die Studien unsers Wildfangs in das Verderben gestürzt. Der Affekt des Mägdchens ist gut ausgedrückt. Was darin nicht gefällt, ist, daß es schon zu alt ist, und überhaupt schöner sein könnte und sollte; allein die Zeichnung der Schönheit, war nicht die Sache des Zergliederers derselben. B ekanntlich hat Hogarth eine Analyse der Schönheit geschrieben. Nichols sagt: dieses Gesicht sei auf den ersten Abdrücken besser gewesen. Hogarth habe es verbessern wollen und schlechter gemacht, also verschlimmbessert . Diese Art zu korrigieren, die auch in Werken des Witzes der besten Köpfe nicht selten ist, verdiente wohl einen eigenen Namen, weil dergleichen Fehler nicht die Frucht der Nachlässigkeit, sondern gerade umgekehrt, oft der ängstlichsten Anstrengung sind. Sie weint im eigentlichen Sinne des Worts, wo der tiefste Schmerz und der höchste Grad inneren Leidens in einzelnen Zähren eine kurze Erleichterung mehr sucht als findet. Ihr Gesicht ist nicht kindisch verzogen, sondern erschlafft, entstellt, wie durch den Anfall einer tödlichen Krankheit. – O! in diesem gekränkten Herzen geht sicherlich vieles vor. – Der Schurke der! – Ich sagte, sie weine im eigentlichen Sinne des Worts, denn sonst, weiß man, gibt es bei diesem Geschlechte noch eine andere Art von Tränen, womit es nicht sowohl Erleichterung im Schmerz, als vielmehr den Schmerz selbst erst sucht, wenn es ihn nicht gleich finden kann. Von dieser ist hier die Rede nicht. Das Mädchen heißt Sarah Young . Man sieht dieses aus der ansehnlichen Sammlung von Liebesbriefen, die die Mutter da in der Schürze trägt. Der Roman muß lange oder wenigstens hitzig gespielt worden sein. Alles, was sich davon lesen läßt, ist erstens diese Adresse nach Oxford, dann die Formel dearest Life (teuerstes Leben) , ein bloßes praemissis praemittendis statt Hochedle oder Hochedelgeboren , und endlich to marry You, (Dich zu heiraten) . Das übrige hat der Künstler durch leere Räume ausgedrückt; in den Originalen waren es vermutlich Worte von gleichem Gewicht. Also die Ehe hatte der Unhold dem Mädchen versprochen. Wirklich sieht man auch in ihrer Hand einen Ring, den sie ihm, vermutlich mit ausgestrecktem Arm entgegenhielt, um ihm auch darin sein Versprechen zu weisen. Aber – sie fand die Zeiten nicht mehr, und so sank der Arm erschlafft an den verlassenen, so treulos verlassenen Leib zurück. Die Schürze voll Wechsel, die dieser Pursche ehedem eigenhändig auf sein Herz stellte, will er nun, da dieses zu zahlen aufgehört hat, mit dem Beutel honorieren, und reicht ihr, zugleich mit dem Protest, eine Handvoll Guineen hin. »Es tut mir leid, Jungfer, (dearest Life), daß Sie, wie ich sehe, in andern Umständen ist, aber das bin ich jetzt, wie Sie sieht, auch. Hier hat Sie etwas für ihre Mühe und Gütigkeit. Es gibt mehrere junge Leute in Oxford. – Man kann nicht wissen. – Nimm Sie das. Denn nimmt Sie es nicht; gut, so gebe ich es der Justiz, und dann kriegt Sie gar nichts.« – So etwas könnte wohl aus dem offnen Mäulchen geflossen sein. Indessen das Geld wird verschmäht: von der Tochter gewiß. Für die ist alles dahin. Diese greift so wenig nach diesem Gelde, als das Marmorbild, das in einer Kirche über der Urne einer Heiligen weint, nach dem Trankgelde für den Küster, der es dem Reisenden expliziert hat. Auch die Mutter hier, wiewohl ganz im Fleische, und vielleicht etwas zu viel, verweigert es. Fäustchen so geballt wie das ihrige, und von solchen Gesichtchen unterstützt, nehmen kein Geld, und noch weniger nimmt es ein solcher Ellbogen, das eigentliche Sinnbild der Repulsion. »Wiegst du, Schurke, die Ehre meiner Tochter jetzt auf dieser Waage?« sagt sie, und aus dem wütenden Blick und überhaupt dem ganzen Anstand zu schließen, vermutlich mit einem Wetterchen von Segenswünschen und Weissagungen, die dieses Mal zur Freude der Sittsamkeit und Tugend selbst, alle pünktlich in Erfüllung gehen. An drei Fingern von den vieren, die bei diesem Weibe sichtbar sind, stecken Ringe. Vielleicht hat man sie zu diesem Besuche, dessen Ausgang man nicht wissen konnte, als Putz angesteckt, zu zeigen man sei so kahl noch nicht, um des Geldes wegen zu kommen. Auf dem dritten Blatte von Hogarths Heirat nach der Mode, findet sich ein diesem ähnliches Gesicht mit ähnlichem Affekt und Blick. Da ist es kein Mutter-Gesicht. Ringe an den Fingern würden da als etwas entfernte Mittler gedacht werden müssen, zwischen der verführten Unschuld und dem Verführer. Alles dieses hört und sieht das Herrchen an, steif und mit ausgestrecktem Arm wie ein Weg-Pfosten, und wahrscheinlich mit eben so vieler Empfindung. Er, der Ehre und gekränkte Unschuld vergessen konnte, vergißt nicht einmal den kleinsten Erleichterungsdienst gegen den Schneider, und hält ihm sorgfältig den Rockschoß zurück, den Messungen Platz zu machen. Ich habe oft gehört, daß die Schneider immer desto schlechtere Arbeiter sein sollen, jemehr sie aussehen wie die Schuster. Ist diese Beobachtung richtig, so muß dieses ein erbärmlicher Stümper sein, denn der sieht völlig aus wie ein Schuhflicker . Irre ich nicht, so ist auch der Kerl wirklich über die Hälfte Kalbleder. Auch ist, wie mich dünkt, so etwas von theosophisch-apokalyptischem Licht, das um die Stirne und die Lippen des Knieenden gaukelt, nicht zu verkennen, und diese Beatifikation , wenn sie sich auch hier und da zuweilen etwas, ultra crepidam, in andere Gilden verliert, besucht, so viel ich weiß, nicht leicht ein Schneidergesicht. Offenbar gehörte dieses Geschöpf mit zu dem kleinen Kreise von Menschen, denen aus der gesperrten Haushaltung des Seligen, das, was sie verdient hatten, mit 50 pro Cent Rabatt kümmerlich, wohl gar aus der Rumpelkammer zufloß. Es wäre also nicht unmöglich, daß der, der, wie wir sehen werden, seine Schuhe selbst sohlte, zur Entschädigung, den Schuster des Orts zu seinem Schneider ausersehen hätte, der die Sache als Dilettant trieb. Ein Paar Beinkleider, oder einen Schlafrock zum dritten und vierten Male zu servieren, dazu gehört, wie mancher deutsche Schriftsteller, ohne mein Erinnern, wissen wird, nicht sehr viel, und Dilettanten nehmen nicht viel. Unser Thomas, der hier sein teuerstes Leben selbst verabschiedet, behält indessen den Theosophen für heute, aus kindlichem Respekt, zum Schneider, bei. Freilich macht das Kleid den Mann. Thomas soll aber auch hier nicht gemacht, sondern bloß pro tempore schwarz behangen werden. Gleich hinter unserm Helden, und in unmittelbarer Berührung mit dem zurückgeschobnen Rockschoße, steht der Tisch mit Dokumenten gedeckt, und mit einem Dintenfaß und einem Geldsacke serviert . Beides Gerichte, die ein Kostgänger, der noch zur Zeit allein an der Tafel sitzt, recht sehr gut kennt. Dieser macht sich daher den kleinen Zwist über Ehre und Schande, den der Wirt mit dem teuersten Leben hat, zu Nutz, und greift nach der besten Schüssel. Er kann nicht wissen, ob er bei eröffnetem Mahle dazu genötigt wird. Dieser abgefeimte Gast ist unstreitig einer der bedeutungsvollesten Köpfe, die Hogarth gezeichnet hat. Es ist kein Taxierer, wie Gilpin Abhandlung von Kupferstichen. Frankf. u. Leipzig 1768. S. 171 f. glaubt, auch betastet er das Geld nicht, wie er meint. Offenbar ist dieses ein Verwandter der Justiz, von der Seite wenigstens, ein Attorney oder so etwas von Notarius und Prokurator. Unter seinem rechten Arme hat er den Beutel aus grünem Boy (Baize-Bag) , der diese Menschenklasse ganz untrüglich bezeichnet. Sie tragen darin ihre Papiere umher, und mitunter wohl auch von Gastmählern, wie dieses, etwas aus den Schüsseln nach Hause, zu denen man sie nicht genötigt hat. Wie doch Gilpin glauben konnte, daß die Hand, die einem solchen Kopfe zugehört, das Geld bloß betaste, oder mit entzückendem Guineen-Geräusch in fremden Beuteln irgend einen geheimen Luftschlösser-Bau seiner Phantasie unterstütze? Die Idee an sich ist schön, ja so gar trefflich, allein viel zu fein gesponnen für unsern Hogarth, der richtig und stark fühlte, aber nicht zart, und für den Seiten-Verwandten der Justiz, der gar nicht fühlt. Nein! der Kerl ist ein Spitzbube. Bei einer bloß ästhetischen Betastung wäre sein Blick poetischer. Hier halten offenbar die Rabulistenaugen Wache, während die Hand einbricht. Er stiehlt, aber, wie man denken kann, mit juristischer Sicherheit, mit Vorsicht voran, und mit schlauer Hermeneutik im Hinterhalte. Ich wollte wetten, drehte sich Thomas um, und sähe mit seinen leiblichen Augen, daß der Gast ein halbes Dutzend Guineen in den Aktenbeutel steckte, so liefe er Gefahr, morgen ein Dutzend dafür bezahlen zu müssen, daß er es gesehen hat. Obgleich der Alte tot ist, so ist es doch hauptsächlich – Er , mit dem uns der Künstler hier auf diesem Blatte bekannt macht. Er lebt hier in seinem Bilde über dem Kamin und in seinen schmutzigen Taten durch das ganze Zimmer; alles was sich hier regt, könnte man sagen, regt sich noch in ihm und durch ihn. Das Porträt ist vortrefflich angebracht, und wie fein hat Hogarth nicht durch einen kleinen Zug, der anfangs unbedeutend läßt, angezeigt, daß das Porträt den Alten selbst vorstellt? Auf dem Simse des Kamins liegt nämlich das Original zu der gemalten Pelzmütze, und dieser Wink verbreitet nun auf einmal Licht über jenes ganze Feld. Die Brille, die da hängt, gehörte zu dem Gesichte des Goldwägers, und die Krücken die da stehen, waren seine Vorderbeine. Sie sind ungleich, vermutlich der Hemiplegie angemessen. Bei alten Gebäuden braucht man Stützen von allerlei Längen, auch konnte die kleinere vielleicht hier und da dem Respekt im Hause zum Scepter und Kommando-Stabe und dem Forschungsgeist zum Bohrer dienen, in den Kleiderkammern, oder sonstwo, finstere Winkel damit anzubohren. Hier also will Hogarth sagen, pflegte er zu sitzen, hier stellte er seine Beine hin, wenn er ruhte, und hier hing seine Krücke für die Augen, wenn er Geld im Kopfe wog. Seine Nächte erleuchtete er, wenn es nötig war, mit Lichtstümpchen, die er auf Profitchen (save-all) steckte, die man hier auf dem Kamine erblickt, eins ganz leer gebrannt und eins zur Reserve. Vermutlich mögen auch wohl diese Lichtchen, wenn sie brannten, an manchem kalten Abende, nicht bloß der brillanteste, sondern auch der wärmste Teil, dieses Kamins gewesen sein, der hier, etwas ominös, eine Pelzmütze trägt. Auch sieht das Kleid, worin der Alte gemalt ist, mehr einem Wärmesammler auf offenem Postwagen ähnlich, als einem Schlafrocke zur Bequemlichkeit. In dieser Haushaltung brannte alles auf Profitchen, was brennen konnte, so gar die Lebenslichtchen von zwei armseligen Haustieren, die wir sogleich werden kennen lernen. Vielleicht ist selbst das Leben des Alten an dieser kalten Stelle ausgebrannt. Es war kein Arzt da, das Reserve-Endchen aufzustecken, und so nahm der Schlag auch von der noch rückständigen Hälfte ruhigen Besitz. Kenner der Allegorie oder der Steinsprache der Monumente, werden ohne mein Erinnern finden, wie sehr Hogarth beide durch die Anordnung bei diesem kalten Kamine bereichert hat. Man denke sich ein solches Monument mit seinen Profitchen in Marmor; das Porträt, versteht sich, en bas relief mit Pracht ausgeführt, in irgend einer Kirche aufgestellt, und frage sich, ob wohl hier noch Worte nötig wären, zu erklären, was der Selige war, der darunter liegt, oder der Erbe, der es ihm setzen ließ. Indem der Tapezierer seine Nägel einschlägt und an die Cornische des Zimmers klopft, zerbricht diese oder es gibt sich ein Teil davon los, der ohnehin nicht sehr fest gesessen hat. Er diente nämlich, einen Schatz zu verbergen, der seine Sicherheit mehr der Unzukommlichkeit des Orts, als dem festen Verschluß zu danken hatte. Eine herrliche, wiewohl nicht neue, Idee vom Sicherheitstrieb erzeugt. Verteiltes Geld wird nicht so leicht auf einmal gestohlen. Auch hat schlaues Verbergen seine heimischen Reize für diese Menschen, und ein warmes Nest für ein Kapital, wenn es darin auch nicht weiter heckt, ist ihnen oft mehr wert, als ein anderes, das zwar alle Jahre richtig brütet, aber an dem Wege liegt, wo es dem wachsamen Blick, bald des Rechts bald des Unrechts , leichter ausgesetzt ist. Was ich ein Verbergen hinter der Cornische nannte, könnte auch Begräbnis in der obern Etage gewesen sein, denn Geld, zumal Gold, wie man weiß, rückt. Der goldene Regen fällt dieses Mal, an der Goldwaage und den Profitchen vorbei, auf den gekrümmten Rücken einer alten Danae, der wohl mit andern Lasten, mit dem Vortrage der kleinen Krücke und dem Wörterhagel des Alten bekannter sein mag, als mit einem solchen. Dieses arme Haustier , das man vor nicht gar langer Zeit in Deutschland, schon bloß auf sein ehrliches Gesicht hin, selbst noch als Brandmaterial behandelt haben würde, schleppt hier Holz. Es ist neuer Stil geworden. Die jetzige Regierung hat, wie man sieht, Feuer dekretiert für den Kamin, der unter der vorigen die Jahrszeiten mit der freien Luft immer zugleich und auf gleiche Weise feierte. Das Geld soll von nun an nicht mehr mit steifen Fingern gezählt werden. Indessen rückt hier das Gold nur noch langsam, und noch fehlt es an schottischer Kohle. Das feinste, aber auch das kostbarste Brennmaterial in London. Einem zierlichen, ganz Londonschen Kaminroste ( Grate ), dergleichen sonst nur mit diesen gefüttert werden, ist man hier beschäftigt, mit ländlicher Hausmanns-Kost, Reserve-Endchen von Hopfenstangen und Zaunpfählen, zu befriedigen. Vor der eisernenKiste ( strong Box ), in welcher das gemünzte Gold zu Tausenden liegt, und in deren ungemünztem Metalle sich der Tag der Erlösung spiegelt, steht das andere Haustier , die verhungerte Katze, jammernd über den kalten Silberblick . Ihr Fußschemel ist ein Buch, vermutlich ein Gebetbuch, und ihre linke Vorderpfote ruht auf Guineen-Säckchen mit 2000 und 3000 bezeichnet. Armer Rips! Wem fällt bei dir nicht der Araber ein, der dem Hungertode nahe, wie du, endlich in der Wüste, worin er irrte, ein stramm gefülltes Säckchen fand. Er betastete den Fund. Tausend Dank dem Himmel, rief er aus, Reis, Reis ! Nun löste er die Schnur, und fand in der Welt weiter nichts, als einen unermeßlichen Schatz von – Perlen ! Ach nur Perlen , seufzte er, und stieß mit Verzweiflung den unnützen Plunder zurück. – Nichts in der Welt von Wert ist doch in den Kisten, scheint Rips zu seufzen, ne musculus quidem! – Allerdings, gutes Tier, aber Geduld! dein Freund der Bratenwender dort oben lebt noch und ist frei. Sein Kerker, in welchem er ein halbes Jahrhundert schmachtete, ist, wie du siehst, geöffnet. Schon sieht er des Tages Licht wieder, und ehestens wird er Küchenfeuer schauen, und herrschen; und unter einem mechanischen Minister dieser Art, haben Diener von deinem Fach und deiner ehrlichen Gewandtheit ihr sicheres Auskommen. Seitwärts von der Katze, im linken untern Winkel des Blatts, erblickt man ein Paar alte Schuhe, deren einer, von dem Seligen selbst gesohlt, wiewohl nicht ganz vollendet, als opus posthumum daliegt. Der Draht sitzt noch daran, und man sieht deutlich das Ende desselben, wo ihn die Parze, mit einem gewissen andern zugleich, faßte und unerbittlich abschnitt. Auf der Sohle befindet sich ein Wappen mit Gold eingebrannt, das eigentlich der Decke einer alten Bibel zugehörte, die darneben liegt, und aus welcher die Sohle offenbar geschnitten ist. Das soll doch wohl heißen: Gottes Wort mit Füßen treten. Daß dieses in dieser Haushaltung geschah, wundert mich nicht, der echte Knicker tritt auf nichts anderes. Aber daß hier sein eigener Gott, Gold , mit Füßen getreten werden sollte, das wundert mich. Sind etwa Socken aus Bibeldecken für etwas gut? Krähenaugen oder Podagra? oder sollten es ein Paar Wallfahrts-Schuhe werden? Ich weiß es nicht. Aber das weiß ich, daß einmal jemand, der sonst Religion und Geld gleich, und sehr hochschätzte, offenherzig gestund, er fühle die Borte auf seinem Sonntagshute und ihren Wert, zuweilen, selbst beim Kirchengange, bis in die Schultern. Nun eine solche Pracht, ein goldnes Wappen, an der Stelle, so ganz vor die Säue geworfen! Eine solche Vorstellung könnte einem solchen Subjekte Blasen ziehen. Es ist nicht in dem Charakter des Geizigen. Hätte er mit einem auf Pergamen gedruckten Evangelisten seine Schuhe, und mit dem Buche der Weisheit selbst seine ledernen Beinkleider geflickt, ich hätte kein Wort darüber verloren. Aber hier ist offenbar Beleidigung der Majestät, des einzigen Wesens, das er anbetet. Das ist unmöglich. Auf den ersten Abdrücken soll dieser drollige Zug fehlen. Ich bin mit der Heraldik Englands und den Signaturen seiner Büchersammler zu wenig bekannt, um zu entscheiden, ob nicht der unergründliche Spötter irgend einem Herrn mit diesem Zuge ein Kompliment von der Art hat machen wollen, als man dem bekannten Mr. Tw. ... in Irland machte, der in seinen gedruckten Reisen nachteilig von dem Lande gesprochen hatte. Es wurden zierliche Opferschalen zum Dienste Cloacinens verfertigt, mit dem Bilde des Beleidigers inwendig auf dem Boden, mit der Unterschrift: Come let us p ... on Mr.Tw ... Vor den Füßen des jungen Herrn liegt auf der Erde, also schon dadurch entheiligt und vermutlich noch größere Entheiligungen erwartend, ein anderes Buch. Es ist das Journal des Alten (Memorandum-Book). Zufälligerweise ist es so aufgeschlagen, daß man einige Artikel aus dem Mai-Monat 1721 deutlich lesen kann. Es sind lauter wahrhafte Memoranda, oder so genannte merkwürdige, Epoche machende Begebenheiten in der Monarchie. Kein einziger Artikel von der Art, dergleichen einmal jemand in dem Taschenbuche eines Universal-Gönners, der auch der seinige war, unter der Rubrik fand: »Was ich zu vergessen habe« , und darunter auch sein eignes, demütiges , und wie er glaubte, schon zur Hälfte erhörtes Ansuchen. 1) » Am 3ten Mai kam mein Sohn Tom (Thomschen) von Oxford .« Aus der lateinischen Mastung. Lustig wäre es, wenn die Ankunft des jungen Herrn eine bloße Visite, und der 3te Mai jenes Jahres ein so genannter Termin ( Term ) gewesen wäre, an welchem man eigentlich im Stalle sein muß. Im Vorbeigehen anzumerken, so ist dieses die Stelle, aus welcher man lernt, daß der Pursche Thomas heißt. Ein herrlicher Gebrauch, den Hogarth auf dem zweiten Blatte von diesem Umstande macht, der sonst geringfügig scheinen könnte, macht ihn bemerkenswert. 2) » Am 4ten speiste ich in der Französischen Garküche zu Mittage .« Auch im Originale steht dine statt dined. Höchst vortrefflich. Vermutlich, um dem jungen Fremden ein Essen zu geben, bei dem selbst der Ort Wo? das ubi , etwas Würzhaftes an sich hatte; bei einem französischen Koch. Denn obgleich das gemeine Volk in England, und selbst mancher Mann aus dem behaglichen Mittelstande gewöhnlich glaubt, ein vernünftiger Mensch könne sich in Frankreich (1721) unmöglich satt essen, und gebratene Frosch-Schinken und Soup meagre , der man mit Schmalz ein Paar Fettaugen aufsetze, machen die ganze Französische Küche aus, von welchem Glauben auch unser guter Künstler bis zur Intoleranz war: so sagt dennoch ein französischer Koch bei der großen Welt sehr viel, und fast so viel, als große Welt selbst. Vielleicht war aber auch hier der Name alles, und eine Französische Garküche gerade das Haus in ganz London, das sich, nach einem gewissen Gesetze der Stetigkeit, am besten an eins, wie das Rakewellische , anschloß, worin man nicht allein nicht gar, sondern gar nicht kochte, wo der Bratenwender im Arrest saß, und die Katzen verhungerten, weil die Mäuse ausgewandert waren. 3) » Am 5ten Mai wurde ich (endlich) meinen bösen Schilling los .« Im Originale steht: put off my bad shilling, wie es auch heißen muß. Das put of in unsrer Kopie ist ein Schreibfehler, den ich bei der Korrektur übersehen habe. Ich merke dieses deswegen an, weil Hogarth sonst zuweilen Absichten bei orthographischen Fehlern hat, die er anbringt. Wir werden davon einige Proben selbst in dem Verlauf dieser Geschichte sehen. Ein unnachahmlich schöner Zug, dessen eminente Vortrefflichkeit kaum einer weiteren Hinweisung bedarf. Meinen bösen Schilling! Welche Vertraulichkeit zwischen ihm und dem bösen Schilling! Wie lange mag nicht dieses einzige falsche Siebengroschenstück dem Besitzer von Millionen den geistigen Genuß alles seines echten, vollwichtigen Goldes verbittert haben! Er wurde vielleicht einmal damit betrogen, oder wechselte ihn mit unerhörtem Profit ein, um damit zu betriegen, und – konnte nicht damit betriegen. So wurden Eigennutz und Eigenliebe lange und gleich stark durch diesen Gast gekränkt. Endlich glückte es ihm, am 5ten Mai 1721 ihn los zu werden, und so wurde diese Begebenheit mit einer Freude den Annalen des Hauses einverleibt, wie der Tod eines bösen Weibes. – Ein einziger solcher Zug wäre, glaube ich, hinreichend, dem schalen Bauwerk eines modischen Ritter-Romans Weingeschmack zu geben, und zum Trunk zu reizen. In Trauerzimmern, wo Leichname ausgestellt werden, hängt man auch die Wappen des Verstorbenen auf. Hier sind ihrer zwei schon wirklich angeschlagen, mit einem Wandleuchter darzwischen, ohne Profitchen . Der Selige führte, wie man sieht, drei fest zugeschraubte Zwingen in seinem Schilde, mit dem Motto: Beware, halt fest, was du hast (böse Schillinge freilich ausgenommen). Er war und lebte also seinem Motto getreu. Bei dem Erben, wenn er anders diesen Plunder beibehält, wird es bald zu der Bedeutung und dem Wert herabsinken, die dergleichen Erbsprüche gewöhnlich in den Familienwappen haben. So wie nämlich die Wappenfelder auf Ländereien so enthalten diese nur zu oft bloß längst verjährte Ansprüche auf Tugenden und Talente , die die Vorfahren besessen haben. – Eine solche Schraubzwinge heißt im Englischen Vice , daher bedeutet dieses Wort figürlich, was man mit einer Hand fassen kann, eine Handvoll oder auch mitunter ein Pfote - oder Krallevoll . Dieses alles ist sehr passend. Allein es heißt auch das Laster , und da überlasse ich es dem Gefühle des Lesers, zu bestimmen, ob Hogarth auch diese Bedeutung hier im Sinne gehabt habe. Es wäre möglich. Die natürlichen Anlagen eines Volks für Werke des Witzes, äußern sich, wo sie ohne eigentliche Kultur bleiben, gewöhnlich in Wortspielen. Der Londonsche Pöbel ist daher vorzüglich reich an Wortspielreißern , ( Punsters ). Wäre z.B. der Obrist Charters S. die Erklärung der ersten Platte, der zweiten Lieferung mit diesem Wappen auf der Kutsche über die Straße gefahren, er hätte gewiß an jeder Ecke einen Moralisten gefunden, der ihm die drei Schraubzwingen wahrlich so wenig auf seinen Geiz allein , als auf Glauben , Liebe und Hoffnung gedeutet hätte. Was der Mann in der Rumpelkammer und in der Kiste, die davor steht, nicht alles aufgehäuft hat! Indessen es ist immer Geld, nur von etwas großer spezifischer Leichtigkeit. Dort liegen in einem einzigen Säckchen 3000 Guineen, und hier ist eine Kammer und eine Kiste nötig, ein Paar Schillinge zu fassen. Mit einem Dukaten, sagt man, lasse sich ein starkes Pferd übergülden, und hier mit einem kleinen Taler eins belasten. Er harkte immerzu, ohne sich genau darum zu bekümmern was . Taugte es nicht unmittelbar in sein Eden selbst, so kam es in die Dünger-Grube, ohne welche, heut zu Tage, kein Eden bestehen kann. Drollig ist die Anordnung der alten Stiefel in dem Kasten in der Türe. Es läßt als wäre es das untere Ende eines englischen Sarges , in welchem man irgend einen alten Ritter, der für denselben etwas zu lang gewesen wäre, oder gar den alten Schatzmeister selbst, mit der Cabinets-Chaussüre, worin ihn der Tod übereilte, ad interim unter altem Plunder beigesetzt hätte, bis der eigentliche Sarg fertig und das Zimmer beschlagen ist. Nun zum Schluß einige Fragen: 1) Was bedeuten die Buchstaben P.C. (nach dem Originale könnte es auch wohl P.G. sein), womit die Kiste markiert ist? Ist es ein bloßer Name, oder bezeichnen sie die ehemaligen Contenta desselben, die gegen die jetzigen etwa abstechen würden, wovon wir den umgekehrten Fall, bei dem Juwelenkorbe der Komödiantinnen hatten. S. die erste Lieferung 2) Was ist das alles, was da in der Kiste beisammen liegt? Ist das durchlöcherte Stück ein altes Türbeschläge, oder das zusammengelegte Kreuz von einem Garnbocke, und was da heraushängt ein einbeiniger Dreifuß , oder sonst etwas, das Beine verloren hat? Die englischen Ausleger, die so leicht Rat schaffen könnten, bekümmern sich um diese Dinge gar nicht, und doch mußte ihnen bekannt sein, wie viel feinen Spott unser Künstler hinter solche vermeintliche Nebendinge zu stecken gewußt hat. Man erinnere sich nur an die Komödienbücher in der Bischofsmütze. Ebendas. S. 682-683. Zweite Platte Dieses Kapitel könnte man füglich überschreiben: die Ausbildung . Man sieht, der rohe Oxfordische Block zum Lateinmachen Ein gewisser John Clarke , Rektor der Schule zu Hull, hat wirklich eine Introduction to the making of Latin geschrieben. hat bereits den gröbern Meißel passiert, und kömmt nun unter die feineren. Noch ist freilich der Anstand etwas links , und das Mäulchen des Laffen noch da, allein im erstem ist denn doch die Schlangen-Linie offenbar schon nicht mehr ganz zu verkennen, und letzteres spricht, oder parliert wohl gar schon über die Achsel, und das ist allemal schon viel für die kurze Zeit. Es wird bald besser werden. So eben ist unser Herr aufgestanden, hat sich bloß in einen leichten Cassaquin mit goldenen Trotteln geworfen, ein Paar Pantöffelchen angesteckt, und hält sein Lever . Um aber zugleich den genialischen Einfluß der Aurora nicht zu versäumen, so fängt er ihre letzten, aber kräftigsten Strahlen, ich meine die zwischen XI. und I. gierig und geschwind auf, und nimmt Lektionen, fünf auf einmal, nämlich auf dem Waldhorn , dem Klavier , im Fechten, Tanzen und in der Pugilistik Seitdem die Boxkunst zu den schönen Künsten gehört und von Leuten von Stand getrieben wird, sagt man nicht mehr, der Mann ist ein großer Boxer , sondern großer Pugilist . Auch hat man schon die Wörter Pugilistic und pugilistical. Athletik erinnert an groben Knochenbau; Pugilistik veträgt sich mehr auch mit Grazie in der Figur derjenigen, die sich mit der Athletik abgeben, und das Wort ist bloß deswegen geprägt worden. An Beispielen von ähnlichen Fortschritten der Sprache mit den Sachen selbst, fehlt es nicht. So hatte man gewiß anfangs bloß gemeine filous ; als sich aber Leute von Erziehung mit dem Handwerke zu beschäftigen anfingen, entstunden die Chevaliers d'industrie . (den Prügelkünsten ). Zugleich tut er noch wichtige häusliche Geschäfte ab, und gibt überhaupt Audienz. Was auch mancher Spötter von dieser Art zu studieren sagen oder denken mag, so ist ihr doch sicherlich Enzyklopädizität nicht abzusprechen, und sie selbst ist vielleicht überhaupt nicht so selten, als man glaubt. Man muß nur die Sache aus dem rechten Gesichtspunkte ansehen. Hogarth, der sich beim Vortrage der Wahrheit, der Bildersprache bedient, konnte schwerlich anders fertig werden, wenn er in seiner Sprache deutlich ausdrücken wollte, was in manchen Studierköpfchen täglich, zwar unsichtbar, aber noch viel enzyklopädischer vorgeht. Ein bloß schlafender Jacob ist leicht gemalt; will man aber malen, daß er jetzt von der Himmelsleiter träumt: so sehe ich doch fürwahr kein anderes Mittel sich heraus zu helfen, als man muß, wie in Weigels Bilder-Bibel, die Leiter unten neben ihn stellen, oben an die Wolken anlehnen, und so die Engel auf- und niedersteigen lassen. – Eigentlich wollte ich nur sagen: wenn mancher Kopf, der dort dem Unterrichte so stille zu halten scheint, mit allen den lieben Engelchen gezeichnet werden sollte, die ihm indessen dienen, und denen er Audienz gibt, so würde ungefähr so etwas herauskommen, nicht wie die Himmels-Leiter, sondern – wie Rakewells Lever. Acht Personen befinden sich im Präsenz-Zimmer , und genießen das Glück seiner näheren Gegenwart, und dort hinten versieren ihrer noch sechs in Limbo . Das sind zusammen vierzehn Personen, die wir nun näher kennen lernen wollen; denn wirklich sie verdienen es, so viele wir ihrer kennen, gewiß. Nichols, der es von guter Hand hat, sagt (Biographical Anecdotes of W. Hogarth. 3d Edit. p. 17.) die meisten Köpfe auf diesem Blatte wären Porträte von Personen der damaligen Zeit. Der Mann, im (vermutlich) dunkelblauen Überrocke, mit welchem Rakewell spricht, und bei dessen Anblick es kaum möglich ist, nicht an so was wie Kartaunen oder Pulver und Blei zu denken, ist ein so genannter Bravo , ein Eisenfresser, der sich gegen ein billiges für andere Leute haut , und, wie man aus dem Pflaster über der Nase sieht, auch allenfalls hauen läßt . Der Brief, welchen Rakewell in der Hand hält, ist ein Empfehlungs-Schreiben, das ihm dieser Mann auf alle Fälle, so eben überreicht hat, und dessen Inhalt wörtlich folgender ist: » Der Herr Hauptmann ist ein Mann von Ehre; sein Degen kann Ihnen von Nutzen sein.« Rakewell scheint zu fragen: Sind Sie der Herr Hauptmann? Ja, ist die Antwort, Ich, Ich bin der Mann , dabei legt er die Rechte an den Degen, und die Linke auf den Sitz so wohl der Ehre, für die allein er ihn zieht, als des Muts und der Kraft, womit er ihn führt, wenn er einmal gezogen ist. Indessen verdient angemerkt zu werden, daß das Briefchen unterzeichnet ist: William Stab , das etwa so viel sagt, als Wilh. Messerstich . Hieraus sollte man fast schließen, der Herr Hauptmann wären ein Mann, der, zur Ehrenrettung seiner Kommittenten, sich zuweilen auch anderer Klingen bediene, die nicht ganz so lang wären, als die, welche da an seiner Seite hängt, auch nicht ganz so niedrig, sondern, dem Sitze des Mutes etwas näher, unter Überröcken mit Klappen, getragen werden. Roucquet tadelt in seiner Broschüre unsern Künstler, daß er diesen Charakter hiehergebracht habe; er sei nicht englisch, sondern italienisch, und da deucht mich, hat Roucquet sehr Recht. In dem eigentlichen Charakter der englischen Nation liegt sicherlich nichts vom Banditen, dem Kommittenten so wenig, als dem Kommissär , selbst in dem des niedrigsten Pöbels nicht; Menschen freilich, die für Geld hier und da ein übriges tun, gibt es überall. So arg hat auch wohl Hogarth die Sache nicht gemeint. Er wollte vermutlich bloß sagen: das Pürschchen da, in der Nachtmütze und Pantoffeln, besitzt unter andern männlichen Tugenden, auch die der Poltronerie ; seine Ehre hat neuerlich irgendwo einen kleinen Flecken bekommen, der mit dem Degen radiert werden muß, und da ist ein Sekundant, der für eine kleine Erkenntlichkeit auch ein übriges tut, oder als angeblicher Vater oder Vormund die Sache ganz über sich nimmt, allerdings von Wert. Mit einem Wort; unser Held scheint mit seinem Frauenzimmer-Gesichtchen zugleich das so reizende Schutzbedürfnis dieses wehrlosen Geschlechts von der Natur erhalten zu haben, wodurch sein Herz an nichts so leicht hängen bleibt, als an den Insignien des Schutzes und der Sicherheit, Schärpe und Ringkragen, und einem Backenbart . So wird auf einmal diese Szene zwischen Rakewell und dem Eisenfresser, die so banditisch ließ, wirklich zu einer Art von Ehe-Beredung . Warum sollten auch zwei Herzen von gleichem Geschlecht sich nicht zu Schutz und Trutz eben so vermählen, und ein Ganzes ausmachen können, wie zwei von ungleichem zu Schutz und Liebe; deux courages comme deux coeurs? Ein Ausleger muß sich zurückziehn, wenn er einen schweren locum so weit gebracht hat. – Also genug hiervon. Hinter dem Bravo steht der Waldhornist, mit der linken Hand in den Hosen. Das Recommendations-Schreiben des Hauptmanns gewinnt sicherlich durch den heroischen Jagd-Ton, den der Bläser angibt. Musik ist für Seelen-Verwandtschaften, was Wärme für den Körper ist; sie dehnt aus und verfeinert durch Ausdehnung; was sich sonst abstieß oder in toder Berührung neben einander lag, fängt an seine subtileren Stoffe zu mischen, und so fließt am Ende das Ganze zusammen. Die Ehen werden im Himmel geschlossen, sagt man; man sollte sagen: im Himmel, und wenns da nicht geht, auf Tanz- und Konzert-Sälen. Dieser Waldhornist ist sicherlich nach der Natur gezeichnet. Eben weil er die Hand in den Hosen stecken, und dieses zu verbergen ein Paar der untern Knöpfe seines Rocks zugeknüpft hat; so muß Hogarth einen Mann so blasen gesehen haben. Vielleicht war ihm gar die Ursache dieser Stellung selbst nicht einmal bekannt. Aber ich erinnere mich, in meiner Jugend sehr oft einen Waldhornisten gesehen zu haben, der gerade so stund, wie dieser hier, wenn er blies, und von diesem wußte ich gewiß, daß er es tat, um sich keinen Bruch zu blasen, oder eigentlich das Band zu unterstützen, das er eines Bruchs wegen trug, den er sich bereits geblasen hatte. Bei diesem war die Absicht des Handgriffs nicht zu verkennen, denn wenn er auch zuweilen beim piano unterblieb, so war er beim nächsten forte immer wieder da, und da ließ es dann, als wollte der gute Mann während seines Spiels nach der Uhr sehen. Es war aber bloß mit dem Blasebalge nicht richtig. Der Mann in der Mitte des Blattes, der, mit etwas ausgebreitetem Schweife, in einer Art von Welschen-Hahnen-Pas vor Rakewelln vorbei defilieren zu wollen scheint, ist ein französischer Tanzmeister der damaligen Zeit, und unverkennbar etwas Eignes und Großes . Herr Nichols sagt in der angeführten Stelle ausdrücklich, der Mann sei der berühmte Tanzmeister Essex; S. 210 aber, wo er eigentlich die ihm bekannten Männer nennt, deren Porträte hier gegeben werden, sagt er davon nichts. Herr Ireland hält ihn für einen Franzosen, und das glaube ich auch. Aber Essex ist sicherlich kein französischer Name, auch ist es gar nicht wahrscheinlich, daß Hogarth einen Landsmann mit Haarbeutel und Schönpflästerchen würde abgebildet, oder der Landsmann selbst eine solche Verzierung gebraucht haben. Der ganze Mann ist es also wohl nicht, oder er ist wenigstens nicht in England erzogen. Allein es kömmt immer hier auf die Verhältnisse zwischen unserm Künstler und Essex an. Es wäre immer möglich, daß etwa bloß das Gesicht diesem Manne gehörte, und Hogarth das übrige absichtlich hinzu gezeichnet hätte. Fielding ( Tom Jones , Book XIV, Chap.I.) sagt von diesem Essex, er glaube nicht, daß, wenn Homer und Virgil, Aristoteles und Cicero, Thukydides und Livius ihre Kräfte vereint hätten, sie eine solche Tanzkunst würden haben schreiben können, wie die, welche Essex unter dem Titel Rudiments of genteel Education herausgegeben habe. Das Köpfchen hier gewinnt nicht wenig, wenn man es sich im Genuß eines solchen Triumphs über jene großen Alten denkt, und dabei voraussetzt, daß es sie sämtlich entweder für Tanzmeister von Profession halte, oder sie bedauere, daß sie es nicht gewesen sind. Man sieht, die Begeisterung und die inflammable Luft seiner Nation heben ihn, und er berührt nur noch mit den Zehen die Erde. Man behauptet, die Figur sei übertrieben und außerdem verzeichnet. Aber welcher Tanzmeister, zumal wenn er wie dieser so ganz im geistigen Genuß seines eignen Wesens verloren ist, übertreibt sich nicht zuweilen, und verzeichnet sich nicht zuweilen selbst. Es geht dem Gebärden-Sprachmeister, wie manchen lateinischen, sie können sich vor lauter Syntaxis ornata nicht mehr natürlich ausdrücken. Daß das linke Bein so äußerst rechts aussieht, daran könnte wohl der Stuhl etwas Schuld haben, der den feinen Wellenlinien der Bewegungen seines Körpers oder Kleides irgendwo nicht so nachgeben wollte, wie die Luft, für die sie berechnet waren. Je größer die Feinheit, desto leichter die Zerstörbarkeit. Über einem Hälmchen, das der natürliche Fußgänger nicht einmal fühlt, kann ein Tanzmeister den Hals brechen. Dieser glückliche Sterbliche (und daß er es ist, davon zeugt alles in diesem verklärten Gesichtchen, was nur zeugen kann; das von außen geschlossene und bloß nach der Phantasie-Seite offene Auge, und ach! das Honigmäulchen von der Zufriedenheit selbst geschlitzt); dieser glückliche Sterbliche, sage ich, ist in einem körperlichen Pas frisé begriffen, den aber sein innerer Mensch von Schuh und Steinschnalle frei unter der reinsten Form nie gezeichneter Schönheitslinien mit unaussprechlichem Wohlbehagen anschaut. Welche Seelenruhe! Wahrlich! die Weisheit selbst muß erstaunen, wenn sie hier ein Paar Füße erblickt, die ihren flüchtigen Besitzer zu dem Ziele geführt haben, das er vielleicht, mit ihrem eignen Kopfe auf seinen Schultern, zehnmal verfehlt hätte. Hinter dem Tanzmeister steht Du Bois, ein französischer Fechtmeister; ein Porträt. Er ist im Begriff, einen lebhaften Ausfall mit dem Rapier auf die Luft zu wagen, und ruft dabei diesem Gegner zu. Der Mann ist durch sein tragisches Ende merkwürdig; er wurde den 11ten Mai 1734 von einem Irländer gleiches Namens, ebenfalls einem Fechtmeister, in einem Duell durchgerennt; kam noch vom Schlachtfelde zu Fuß nach Hause, starb aber einige Tage darauf an der empfangenen Wunde. Allerdings mögen die gleichen Namen, die gleichen Geschäfte, und zwar solche Geschäfte , in einer und derselben Stadt, zu allerlei bittern und ehrenrührigen Verwechslungen oder Beinamen Anlaß gegeben haben. Weil sie nun beide privilegierte Dispensatoren des eigentlichen Spezinkums wider gekränkte Ehre waren, so verordnete es einer brüderlich dem andern, und so wurde das Übel glücklich zum Vorteil beider gehoben. Obgleich dieser Mann hier keinen Gegner vor sich hat, dessen Stöße er parieren könnte, so hat er dafür einen hinter sich , der einen Blick auf ihn wirft, den eine Welt voll Du Bois nicht parieren würde, nämlich den der stillen, ruhigen Verachtung, gestützt auf deutliches Bewußtsein hoher Überlegenheit. Dieser stille Gegner ist der Mann dort hinten an der Wand, der mit zwei beträchtlichen Bengeln im Arme, selbst so ziemlich das Ansehen von einem dritten hat. Er hieß Figg, war der größte Klopf-Fechter seiner Zeit, und, wenn man nicht über Worte streiten will, wirklich ein großer Mann. Er starb im Jahr 1734. Man hat ein eignes Porträt von ihm, von Ellis gemalt, von Faber in schwarzer Kunst gearbeitet, und von Overton herausgegeben. In Herrn Samuel Irelands (der oft erwähnte Erklärer des Hogarth heißt John) Graphic Illustrations of Hogarth from Pictures, Drawings andscarce Prints etc. London 1794. kl. 4. mit 52 Kupferplatten, findet man viele Anekdoten von ihm, und zugleich die Kopie von einer Verzierung seinei Adreß-Karte, die Hogarth für ihn verfertigt hat. Er ist da auf seinem Theater abgebildet, wie er die Zuschauer anredet. Die Schriftsteller über diesen Künstler sprechen von ihm als einem Wunder. Seine Stärke lag eigentlich im Hieber (broad Sword) und der Streitkolbe. Mit seiner Faust hätte er einen Ochsen erschlagen, und mit einem seiner Streitkolben Quarter-staff .Dieses ist eigentlich ein derber Prügel von etwas mehr als Mannslänge. Der Name kömmt vermutlich daher, daß man ihn beim Gebrauch mit der Rechten etwas gegen die Mitte zu faßt, und mit der Linken wieder in der Mitte der untern Hälfte und also gleichsam viertelt eine ganze Menagerie von Du Bois auf einem einzigen Hieb. Diese stille Verbindung des britischen Athleten mit dem französischen Fechtmeister , ist gewiß eine der glücklichsten; die britische, feste, ausdauernde Eiche, der flatternden französischen Zitterespe gegenüber, die Keule des Herkules neben dem Rapier, und der Löwe neben dem Tier, das kräht. Wie der handfeste Figg nicht da an der Wand ruht, und auf das possierliche Fechter-Solo des Du Bois herabsieht, mit einem Ausdruck in dem breiten, gelassenen Gesichte, Größtenteils durch einen Zufall ist in unserer Kopie etwas von dem Geiste, eigentlich dem Phlegma und der Kaltblütigkeit dieses merkwürdigen Kopfs verloren gegangen. Viel ist es nicht. Ein nur etwas ungleiches Einfressen des Ätzwassers kann eine Physiognomie, worin alles so scharf abgewogen ist, im Ganzen schon merklich affizieren. Die Platte war schon größtenteils abgedruckt, als ich es gewahr wurde. Auf mein Erinnern aber hat sich Herr Riepenhausen, der bei seinen vorzüglichen Talenten nichts von Künstlerstolz besitzt, sogleich erboten, diesen Kopf noch besonders, und zwar in der Größe, die er im Originale hat, darzustellen. Er ist jetzt, da ich dieses schreibe, damit beschäftiget, und wir werden ihn als Schlußvignette zu diesem Kapitel abdrucken lassen. Was diesen Kopf noch einer besonderen Aufmerksamkeit wert macht, ist, daß es der einzige auf der Original-Platte ist, den Hogarth ganz selbst gearbeitet hat, das übrige ist alles von einem gewissen Scotin, und nur von ihm revidiert worden. Man sieht, Hogarth muß viel auf diesen Kopf gerechnet haben, weil er die Bearbeitung desselben dem Künstler nicht überlassen wollte, dem er sonst diese ganze Geschichte überließ. In den Sammlungen der Liebhaber finden sich daher noch Probe-Abdrücke von diesem Blatte, worauf Figgs Kopf weiß gelassen ist. der zu erkennen gibt: er sei nicht allein Manns genug, den Du Bois in Stücken zu schlagen, sondern auch hintendrein, wenn es verlangt würde, die Stücke aufzuessen! Linker Hand von Figg ab, und in Konjunktion mit der Venus an der Wand, steht der alte Kunstgärtner Bridgeman mit dem Plane von einem Garten, den er dem Rakewell vorlegen will, der aber zu sehr mit dem utili beschäftigt ist, um jetzt viel auf das dulce zu achten. Diesem Kopfe sieht man es, dünkt mich, an, daß er ein Porträt ist. Wie ehrlich und gut! vielleicht der ehrlichste Mann auf dem ganzen Blatte, und daher von der Herrschaft ganz vorzüglich – mit dem Rücken angesehen. Ein solches Gesicht ist fürwahr eine Leibrente, nur freilich in diesem Stadium ihrem Ende nah. Etwas Taubheit oder paralytisches Schütteln würde den Kopf in der Natur nicht schlimmer machen. Man hat den Künstler getadelt, daß er diesem berühmten Verschönerer der Gärten und dem ersten, der die kalte holländische Symmetrie aus denselben verbannte, hier einen Plan in die Hand gegeben habe, der gerade von dem Gegenteil zeuge. Wie aber, wenn gerade dieses auf die Geschmacklosigkeit des jungen Herrn, der vielleicht schon einen bessern verworfen hatte, hinwiese, oder, welches noch wahrscheinlicher ist, daß Herr Bridgeman, der offenbar hier mehr als einen Plan hält, dem Bauherrn erst habe auf den Zahn fühlen wollen. Doch dieses heißt vielleicht zu viel raffiniert. Zur Hieroglyphe einen Garten überhaupt anzudeuten, ist der holländische wirklich schicklicher, als der englische, und hier wäre die Unterschrift: Garden Plan nicht so nötig gewesen, als sie es unter manchem eigentlich englischen hätte sein mögen. Im Vorbeigehen anzumerken, soll dieser vortreffliche Mann auch zuerst die Bild-Scherkunst von Bäumen und Hecken verbannt, und die so genannten Ha Ha's erfunden haben. Walpole's Anecd. of Paint. in England. T.IV. p.136. Ha Ha heißt in England die Befriedigung eines Gartens durch steile, trockne Gräben, die zuweilen Futtermauern haben, zuweilen aber auch, wo sie minder steil sind, die eigentliche Befriedigung durch Staketen in sich enthalten. Sie haben das Angenehme, daß man in dem Garten die Aussicht in das Feld und in die Gegend nicht verliert, welches bei Mauern und Hecken, die sich merklich über die Ebene erheben, der Fall ist. Jemand, der im Garten spazieren geht und dieses noch nicht weiß, wundert sich oft, wenn er Fremde nahe vorbeireisen sieht, wie man den Garten so offen habe lassen können. Bei näherer Untersuchung, und wenn er seinen Irrtum fand, mag dann freilich mancher dabei ausgerufen haben: Ha Ha! Dieses ist der Ursprung des Namens. Zuweilen werden sie aber auch angelegt, um den eigentlichen Garten von dem Park zu trennen, worin das Wild geht, und da ist es dem Herausgeber selbst begegnet, daß er einmal, indem er sich dem Wild nähern wollte, plötzlich auf ein solches Ha ha stieß. Er sagte auch etwas dabei, als er sich so betrogen fand, er erinnert sich nicht mehr was, aber Ha ha war es sicherlich nicht. Vor unserm Helden kniet ein Jockey (Rennpferdreiter), der in dessen Dienst und mit dessen Pferde eine schwere silberne Schale gewonnen hat, die er hier knieend präsentiert, vermutlich weil es ihm, wegen ihres großen Gewichts so am leichtesten fällt, sie so lange zu halten, bis sein Herr wichtigere Geschäfte abgetan hat. Der Vater hätte vielleicht um den hundertsten Teil eines solchen Gewinstes die Ewigkeit vergessen. Auf die Schale selbst hat man schon das Rennpferd mit dem Kunstreiter graviert. Oben stehen die Worte: gewonnen zu Epsom , Epsom, eine sehr wohlgebaute und angenehme Landstadt in Surrey, die wegen ihres Bittersalzes bekannt genug ist. In den Ebenen bei derselben (Epsom Downs) werden jährlich Pferderennen gehalten, die wegen der Nähe des Orts bei London, und der vielen Landhäuser der Reichen darin und dabei, sehr großen Zuspruch haben. Es liegt 16 englische Meilen von London, das sind, im Räume, etwas über 3 deutsche; nach dortiger Postillions-Zeit 2 Stunde Weges. und unten der Name des Pferdes Silly Tom . Dieses ist die Anwendung, die Hogarth von dem Vornamen Rakewells macht, auf die wir oben gezielt haben. Sein Pferd heißt Thomschen, wie Er, läßt sich von andern Leuten zu ihrem Vorteil reiten, wie Er; würde das nicht tun, wenn es klüger wäre, und leidet es bloß, weil es etwas silly ist, wie Er. Mit dem Worte silly werden im Englischen gute, einfältige Tröpfe bezeichnet, mit denen man machen kann, was man will, und die sich nicht zu helfen wissen; etwas dumme . In manchen Gegenden von Deutschland werden die Thomase von dem gemeinen Volke in den Familien Thumme genannt. Nach diesem wäre Silly Tom so viel als der dumme Thumme und das klänge fast wie dun Dun , der Name eines vortrefflichen Rennpferdes, das der Herausgeber selbst im Oktober 1774 über fünf oder sechs andere siegen gesehen hat. Don bezeichnete die Abkunft und dun die Farbe. Ob nicht in dieser Unterschrift: Silly Tom vielleicht das Wort Filly in der Ferne wenigstens zugleich mitklingen soll, kann nur ein englisches Ohr entscheiden. Freilich heißt Filly ein junges Mutterpferd (a young Mare) , und paßt also nicht auf den Namen Tom . Es ist aber bei Pferderennen so häufig von Fillies die Rede, und der Name kömmt auf den ausgeteilten Zetteln so oft vor, es rennt da so manche Filly , auch steht der Name unter so manchem Kupferstiche, daß ich nun schon zweimal erfahren habe, daß geborne Engländer, die diese Unterschrift lesen wollten, im ersten Augenblick Filly lasen, wozu sie die Abbildung des Pferdes verleitete. Wirklich kann auch niemand leicht das Beiwort silly unter der Abbildung eines englischen Rennpferdes vermuten, eines so edeln und herrlichen Geschöpfs, das auf der Leiter tierischer Vollkommenheit, Tätigkeit und Sensibilität, gewiß einige Staffeln höher steht, als andere Pferde, und zuweilen als sein Herr selbst. Hier scheint es auch bloß des sittlichen Unterrichts wegen für seinen Herrn von dem Künstler etwas erniedrigt worden zu sein. – Ich breche diese Tirade ab, damit nicht, bei weiterer Fortsetzung, gar in dem Ohre des Lesers das Wort Filly in der Ferne wenigstens mitzuklingen anfange. Rakewell also hält Rennpferde , und, wie man aus zwei Porträten von Kämpfern an der Wand sieht, auch Streithahnen . Teilte er nun auch obendrein noch goldne Äpfel unter solche Streithennen aus, dergleichen dort Paris an der Wand drei vor sich hat, so würde die Geschichte dieses Herabkömmlings Das Gegenteil von dem parvenu , dem Emporkömmling . sehr begreiflich. Vor dem Klaviere sitzt ein wahrscheinlich nicht mehr junger und, von hinten wenigstens, ganz respektabler Mann. Vor sich hat er eine neue Oper: Der Sahiner-Raub . Auf dem Blatte rechter Hand stehen die Namen der Schauspieler, und oben an Romulus Romulos steht auch im Originale. Sen. Far . unstreitig Segnor Farinelli , ein berühmter mit dem Bistouri gestimmter Sänger der damaligen Zeit, von dem wir sogleich mehr hören werden. Hierauf folgen die Jungfern-Räuber (Ravishers) selbst, und, sehr drollig, numeriert, wie Violinisten: first, second, third Ravisher mit ihren Namen abgekürzt dahinter, an denen wohl niemanden etwas liegt. Was diesem Einfalle Hogarthische Lebhaftigkeit gibt, ist, daß I) diese fürchterlichen Jungfern-Räuber wahrscheinlich samt und sonders gemachte Diskantisten waren, und 2) daß im Englischen das Wort ravisher noch den derben Nebengriff von Notzucht bei sich führt, da das deutsche Wort mehr die gewaltsame Entführung ausdrückt, die auch einen honetten Ausgang nehmen kann. Die oben hingesetzten Worte müssen also dem Engländer fast klingen wie: erster Notzüchtiger, zweiter Notzüchtiger etc. Hieher könnte man vielleicht noch eine dritte Bedeutung ziehen, an die aber Hogarth schwerlich gedacht hat, weil sie den Mutwillen eher vermindert, als vermehrt. Nämlich to ravish heißt im Englischen so wie ravir im Französischen, was wir im Deutschen auch durch ein Raubwort , durch hinreißen ausdrücken, und da war freilich Farinelli durch seine Stimme ein großer Ravisher und Ravisseur , der Herzen wenigstens, und namentlich der Damen-Herzen , wie auf diesem Blatte weiterhin sehr ausdrücklich zu erkennen gegeben wird. – Dieses waren die Jungfern-Räuber; nun kommen die Jungfern: Signora Str...dr, Signora Ne-gr-etc., zwar natürliche Diskantistinnen, aber dafür gemachte Jungfern, und große Ravisseusen in allerlei Bedeutung. Sie gehören sämtlich zu dem bekannten Orden der Sabinerinnen, die mit Gesang die Länder Europens durchstreichen, und nebenher von dem männlichen Geschlechte noch immer Strafgelder wegen der geraubten Unschuld ihrer Ältermütter zu erpressen wissen, wofür sie mit einem elenden Symbol der fatalen Geschichte quittieren, und am Ende alles nach dem Agro Sabino zurückschleppen. Von der Stuhllehne des Klavierspielers herab, hängt eine lange sehr vollgeschriebene Rolle. Flüchtig angesehen, sollte man sie fast für eine Bittschrift an ein gewisses Haus, und die Gesellschaft etwa für ein Preß-Kommando ( Press-Gang ) für Subskribenten dazu halten. Das ist sie aber nicht, sondern etwas viel Reelleres, nämlich ein Verzeichnis von Geschenken, die man dem Ravisher Farinelli, der sich damals schier ein Fürstentum ertrillert hatte, gemacht hat. Sie lautet deutsch also: »Verzeichnis der kostbaren Geschenke, welche Sr. Hochwohlgeboren, Signor Farinelli , der italienische Sänger, von dem englischen Adel und anderweitigen Standespersonen für eine einzige Dero Vorstellungen in der Oper Artaxerxes anzunehmen geruhet haben: (condescended to accept): Ein Paar demantene Knieschnallen, überreicht von ... Ein demantner Ring von ... Eine Banknote in einem kostbaren goldnen Etui, Im Originale steht ganz richtig inclosed in etc. weil aber das cl da so ziemlich einem d ähnlich sieht, so ist hier aus Versehen endosed gesetzt. von ... Eine goldne Dose mit der Geschichte des Orpheus , wie er die Bestien bezaubert, von Thom. Rakewell (Bravo! Also in der bezauberten Gesellschaft war auch eine Bestie die sich silly Tom nennt).« Dieses sind bloß die Pretiosa; nun kömmt das bare Geld, erst 100, darauf 200, und wieder 100, vermutlich Guineen. Die Fortsetzung ist aufgerollt. Daß wirklich dieser Farinelli nach seiner Vorstellung des Artaxerxes Geschenke von ungeheuerm Wert erhalten habe, bekräftigen die öffentlichen Blätter der damaligen Zeit. Herr Ireland versichert es, nicht an dieser Stelle seiner Erläuterung, sondern bei einer andern Gelegenheit, bei der vierten Platte der Heirat nach der Mode . Unten an der Rolle liegt das Titelkupfer zu einem Lobgedicht auf Farinelli, das der Dichter, laut der Unterschrift, unserm Rakewell zugeeignet hat. Also Rennpferde, Streithahnen, H.... und Poeten, die essen was des Jahres. Das Titelkupfer selbst stellt den Farinelli über einem Altar vor, auf welchem Herzen brennen. Vor demselben knieen und stehen Damen, die ihm brennende Herzen zum Opfer bringen. Ein seltsames Opfer für eine solche Gottheit, die nicht einmal recht wissen kann, was diese Nachtlichtchen bedeuten. Die Oberpriesterin ruft aus: one G.d, one Farinelli . Man sagt, eine Dame habe wirklich in einem Anfalle von diesem damals grassierenden Tarantismus , vor Entzücken über den Gesang des Hämlings diese Worte laut aus den Logen ausgerufen. Ein solches Geschöpf hätte wohl die Strafe des Midas verdient; alles was sie berührt hätte, hätte sich verwandeln müssen in angebetetes Gold. Indessen alle die Damen halten ihre Herzen in den Händen (eine faßt es sogar beim Schopf, an der Flamme), und dieser Umstand macht das Opfer noch begreiflich. Es sind nämlich wahrscheinlich bloß Sonntags-Herzen, die bekanntlich manche sogar zum Himmel erheben können, ohne deswegen das andere im mindesten zu genieren. Die Satyre geht, wie man sieht, auf die Raserei für die Italienische Oper, und ist daher sehr gerecht, nur bei weitem nicht geschärft genug, und für einen Mann von dem Geiste unsere Künstlers viel zu flach behandelt. Ob ein beschriebener Zettel von einer Stuhllehne herabhängt, wie ein Handtuch hinten , oder, wie Tabaksdampf, vornen , aus dem Maule aufsteigt, ist im Grunde einerlei. Wenn man nach der Beschauung dieser geistvollen Köpfe auf dieses so ganz heterogene Proclama stößt, so erweckt es auch immer eine etwas seltsame Empfindung, fast wie (ich bitte die schönen Künste , des Gleichnisses wegen, um Verzeihung) ein kräftiger Braten, zu welchem man etwa die Sauce aus einem Kochbuche vorläse. Wer ist denn aber nun der Mann, der da auf dem Stuhle sitzt, denn die Figur soll ja jemanden vorstellen, der damals lebte? Die Meinungen hierüber sind selbst unter den Engländern geteilt, und hier kann kein Ausländer richten. Farinelli selbst ist es sicherlich nicht. Einer solchen Figur opfert keine junge Dame ihr Herz mehr, nicht einmal ihr Sonntags-Herz. Es läßt sich nichts dabei denken. Stellt ihnen über dem Altar auf, was ihr wollt, Marmor oder Holz, nur ums Himmels willen Jugend, Jugend , und diese scheint doch wirklich Farinelli, so wie er da unten im Himmel sitzt, zu haben; selbst aus der mikroskopischen Darstellung sieht man, daß sein Hutwurf noch nicht in den Dreißigen ist. Es geht eine fast allgemeine Sage, es sei unser großer Landsmann Händel. Trusler sagt es, und noch vor wenigen Wochen habe ich die schriftliche Versicherung erhalten, die sich auf die Aussage eines Mannes gründen soll , der unsern Künstler gekannt haben will , es sei gewiß Händel. Nichols ist darwider, gründet sich aber bloß auf ein Argumentum a priori , das Sir John Hawkins einst gegen ihn äußerte: »Händel, sagte Sir John, habe ein viel zu hohes Gefühl von seinem eigenen Werte gehabt, um sich je in eine solche Lage zu bringen. Wäre aber dieses, meinte er, so würde es auch kaum dem Künstler haben einfallen können, ihn hinein zu setzen. Es müsse also wohl sonst irgend ein Opern-Komponist damit gemeint sein.« Eben dieses wiederholt auch Herr Ireland. Freilich, es kann sein, daß es Händel nicht ist, und die Sache steht nunmehr so, daß sie wohl schwerlich eher ausgemacht werden wird, als Hogarths eigene Erklärungen erscheinen, die sich, wie ich aus den Zeitungen sehe, nunmehr gefunden haben sollen. Allein das, glaube ich, läßt sich behaupten, daß Sir John Hawkins Beweis, daß es Händel nicht sein könne , von gar keinem Belang ist. Man muß mit dem Geist der Satyre überhaupt, und der Hogarthischen besonders, schlecht bekannt sein, wenn man ihr noch ein solches Gewissen zutraut. Händeis Figur, die unser Künstler und tausend andere, mehr von hinten , vor dem dirigierenden Flügel, gesehen haben mag, als von vornen , gefiel ihm vielleicht. Sie konnte daher, eben wegen dieser Bekanntschaft des Publikums mit ihr, eine Art von allgemein verständlichem Rebus für die Tonkunst werden, so wie Bridgemans Kopf für die Gartenkunst. Händels ganz getroffenes Gesicht hier aufzuführen, gestehe ich gern, wäre verächtlicher Mutwillen gewesen, aber so – ist es Hogarths Kunst die hier sitzt, und nicht Händels edler und großer Charakter. Die größere Leichtigkeit, einen Mann in dieser Stellung zu treffen, verbunden mit der Wahrscheinlichkeit, daß ihm doch auch mehrere von dieser Seite geglichen haben mögen, benimmt dem Einfalle das Ansehen von studierter Vorsätzlichkeit, wodurch er allein boshaft scheinen könnte. Ist es aber auch Händel wirklich, so hat Hogarth reichlich durch das herabhängende Manifest gut gemacht, was er sonst verdorben haben könnte. »Dem Manne da, könnte der Zettel sagen wollen, dem gebührte, was Du, mein Vaterland, an – elende Hämlinge verschleuderst. Wenn du den Ausländer belohnen willst, so belohne wenigstens den, dessen Melodien deine männlichen Gefühle nicht entnerven, sondern durch ihre Zaubermacht erhöhen, erweiteren und zu Taten entflammen, die deiner würdig sind. Jenen dort – – Give them Brickbatsfor Bread. « Gib ihnen Ziegel-Stücke für Brot . Händels »Give them Hail-stones for Bread« , Gib ihnen Hagelsteine für Brot, ist bekannt genug. So viel von dieser Figur, wenn sie Händeln vorstellte, und dem Beweise, daß sie ihn, trotz Sir John Hawkins' Urteil, vorstellen könne. Daß es aber Händel wirklich sei, wird mir jetzt dadurch doch unwahrscheinlich, daß ich gelesen habe, Händel sei ein starker Mann, und ganz vorzüglich durch eine große Hand und dicke Finger merkwürdig gewesen. Nun noch einen kleinen Blick in den Vorsaal. Da steht schon ein zweiter Akt für diese Morgen-Stunden, völlig fertig bis zum Klingeln. Eine Putzkrämerin (Milliner) hört mit vieler Resignation, die etwas heftigen Reden eines Mannes an. Aus dem Gestus, den er mit dem Hute begleitet, zu schließen, ist es ein kleiner Zank, vielleicht über den Vortritt. Er fürchtet, der sechste bei der Präsentation zu werden. Wäre das Mädchen nicht gekommen, schließt er vielleicht aus ihrem Gesichte, wäre er der fünfte gewesen. Er könnte ein Schuster sein. Neben ihm steht, nach Gilpin, der französische Schneider , und neben diesem der französische Perüquier ; der erste mit dem neuen Galakleide auf dem Arme, der andere mit der neuen Perücke in der Schachtel. Was dieses für ein Schneider ist, verglichen mit dem Dorf-Theosophen, der die Trauer anmaß! Allein dieser trägt auch das Gewand für den Gala-Tag der Auferstehung in der großen Welt. So wie jener durchaus nach dem Schuster roch, so verkündigt hier, trotz einiger kleinen Ähnlichkeiten in den Gesichtern, alles den Titular-Etatsrat. Vermutlich haben beide, Schneider und Perüquier, den Weg hieher in der Kutsche gemacht. Wen mag die lange Figur, neben dem Spiegel, vorstellen? Ein Wesen auf halbem Sold, oder gar ein abgedanktes scheint es fast zu sein. Es hat sicherlich nichts zu bringen, als vielleicht ein Paar Ansprüche auf Rakewells Mildtätigkeit, denen es in der Einsamkeit, die es hier unter solchen Menschen erleidet, die beste Form zum Vortrage zu geben sucht. Aber der Poet! Der Poet mit der Epistel an Rakewelln in der Hand! Wer die Seligkeit dieses Mannes, der sich hier seine eignen Verse vielleicht zum hundertsten Male vorliest, nicht mitschmeckt und mitfühlt, der ist gewiß nie selbst Vater von Versen gewesen, und kennt folglich alsdann eine der größten häuslichen Glückseligkeiten nicht, womit der Himmel das Leben alles dessen zu erheitern gewußt hat, was dichtet oder reimt, es sei nun auf einem Dachstübchen, oder zu Ferney und Twickenham. Bekanntlich die Wohnsitze von Voltaire und Pope. Man sehe nur hin, wie zärtlich und mit welchen Vaterfreuden er die lieben metrischen Kleinen anblickt, die ihm wieder kindlich entgegen lallen. Die Rechte liegt auf dem Herzen und fordert es zum Zeugen der Wahrheit seiner Gefühle auf; Hand und Mund tun wenigstens alles mögliche; und die Perücke ebenfalls, denn diese ist ganz vom seligen Voltaire. Wenn man es nicht sonst schon wüßte, daß Hogarth Verse gemacht hat, so ließe es sich aus diesem so flüchtig hingeworfenen Poetasterkopfe schon vermuten. Es wäre sonst unmöglich zu wissen, daß unter allem was opfert in der Welt, der Dichter das einzige Wesen ist, das sich noch in seinem Opfer-Weine selbst in dem Augenblicke bespiegelt, da es ihn auf den Altar gießt. Indessen was einem schwer dünkt, ist oft dem Genie leicht. Der beste Trost bei solchen niederschlagenden Erfahrungen ist der, zu glauben, daß man auch sein Leichtes habe, das andern ehrlichen Leuten schwer wird, wäre es auch nur die Fertigkeit, solche weise Noten, wie diese, zu einem Fratzengesicht zu schreiben. An der Wand zwischen den beiden Streithähnen hängt das Urteil des Paris. Die Anordnung der Gemälde zeigt von dem Geschmack des Besitzers, oder vielleicht bloß seines Kastellans, oder der Kastellan war ein Fuchs, und die Hahnen sind ein kleiner Hieb auf den armen Paris. Wirklich stehen die beiden Tiere gegen einander da, als wären die drei Göttinnen drei Hennen, und Paris sitzt da, als wären es drei Hahnen. Sollte dieses Gemälde eine Kopie von dem sein, das König Franz I. besaß, und das man unserm Rakewell für das Original aufgehängt hat? »Francois I, Roi de France, avoit un tableau, que l'on disoit ètre Sans défauts; il permit à tout le monde de le venir considérer et ordonna, qu'on lui fit parier tous ceux qui y trouveroient des défauts: ce tableau représentoit Junon, Venus, Pallas et Paris, nues. Rabelais après l'avoir examiné long-tems, dit qu'il y trouvoit un grand défaut de jugement: on le fit parler au Roi, qui lui ayant demandé quel étoit ce défaut, il repondit à Sa Majesté que Paris êtant au milieu des trois plus belles Déesses du Ciel, ne devoit pas être représenté d'un si sang froid, et que c'étoit se tromper lourdement, que de penser que ce Prince, jeune et vigoureux, fût ainsi demeuré, sans donner quelque signe qu'il étoit homme, devant trois Déesses nues qui tachoient à l'envi de lui plaire.« Diese Stelle hat der anonyme Erklärer Hogarths, und Herr Ireland hat sie aus ihm aufgenommen. Sie mag also auch hier stehen. Aber wie kam es, daß es beiden nicht einfiel, daß ihr eigner großer Landsmann Burke mit dem ihm eignen philosophischen Scharfsinne dieses Rätsel gelöst hat? Die Stelle steht in seiner Philosoph. Enquiry into the origin of our Ideas of the Sublime and Beautiful . Part. IV. Sect. 19.7th Edition p. 286 etc. Man muß die Stelle selbst nachsehen. Mit der so eben angeführten hier in unmittelbare Berührung gebracht, würden sie durch Affinität ein Drittes bilden, das durch seine Form schaden könnte. Die Chemie liefert ähnliche Beispiele in Menge, und der Amor auf dem Bilde dort ist ein kluger Amor. Vornen an dem Klaviere steht der Name des Instrumentenmachers, und wo ich nicht irre (denn es ist im Originale sehr undeutlich) heißt es J. Makoon fecit . Vermutlich wird auch hier wieder auf Verschwendung oder Geschmacklosigkeit des Besitzers und Prellerei gedeutet. Über solche Züge schweigen die englischen Ausleger ganz, die doch immer hätten bedenken sollen, daß, was ihrem Zeitalter zu leicht war, es der Nachwelt nicht mehr sein wird. So bald sich Hogarth entschloß, den Namen eines Künstlers dahin zu stechen, so wählte er gewiß den besten und passendsten für seine Geschichte. Hier ist der versprochene Franzosen-Fresser Figg ganz nach dem Leben. Dritte Platte Die größten Naturforscher, zumal die Chemiker, wollen bemerkt haben, daß der Mensch und alles was Odem hat und ihn fein lange behalten will, diesen Odem am besten aus einer Mixtur schöpft, aus einem Teile Lebens - und drei Teilen Todes-Luft . Das ist sehr merkwürdig. Denn steckt man den Menschen ganz in letztere, so kann man ihn nur gleich wieder herausholen; es ist nichts weiter mehr mit ihm anzufangen. – Er ißt nicht mehr . Bringt man ihn hingegen ganz in erstere, – O! da flackert das Leben hoch auf, mit sechsfacher Klarheit, die Jugend glüht auf seinen Wangen und verdaut in seinem Magen mit sechsfacher Kraft, aber es geht schnell, und man fürchtet, man fürchtet, wenns lange so fortginge, das – ewige Leben . Wie weislich hat daher nicht der Himmel der Luft des ewigen Lebens in unsrer Atmosphäre die dreifache Portion Todes-Luft zugesetzt! Ohne diesen Dämpfer möchten wohl die meisten Pflänzchen durch allzu geilen Wuchs am Tage der Ernte mehr in das Bund, als in den Scheffel geben. Ich glaube daher, daß ein gründliches Werk über die Dämpfer bei unserm jetzigen Treibhaus-System in der Erziehung von unendlichem Nutzen sein würde. Jetzt ist viel zu viel Treibstoff darin. Wie erzieht uns denn der Himmel? Bestünden wir bloß aus Seele, so würden wir alle zu Bet-Brüdern und Schwestern aufschießen, die am Ende weder für den Himmel noch die Erde taugten, allein die bekannten fünf Dämpfer machen, daß der Geist zwar etwas langsamer fortrückt, aber dafür auch am Ende sich in beiden Klimaten darf sehen lassen. – Wozu dieses alles? Wozu? Ich sollte denken, die Anwendung fiele in die Augen. – Auf der zweiten Platte stand Rakewell im Treibhause , und hier sitzt er im Dämpfer. Er hatte heute gefochten , getanzt , und zwar bloß mit dem Tanzmeister, er hatte Klavierstunde , eine auf dem Waldhorne , und eine mit dem Kunstprügel ; er hatte eine Vorlesung angehört und eine Menge häuslicher Geschäfte abgetan. So etwas will Ruhe haben, worin der Geist Zeit gewinnt, sich wieder für den Morgen zu spannen, und diese findet er hier; freilich auf eine etwas eigene Weise, aber das geht uns nichts an, das ist Sache des Geschmacks. Es hat ehemals Menschen gegeben, die sich von dem schwersten aller Geschäfte, dem Regierungs-Geschäfte, auf diese Weise erholt und so gar wieder zu den Sorgen für ganze Länder gespannt haben. Hier ruht also der tätige Mann in einem Gasthofe aus. Ob es ein natürliches Bordell ist, oder ein ex tempore selbst gemachtes, weiß ich nicht. Es ist auch gleichviel; wahrscheinlich ist es aber das letztere. Mit Geld läßt sich in London aus jedem Zimmer alles machen, Bibliothek, Bildergalerie, Museum oder Harem, und das in kurzer Zeit. Rakewell hat hier für sich und einen Freund das letzte gewählt. Die Besatzung ist, wie man sieht, von fast orientalischer Stärke, nämlich, die kleine Kröte mit der Ballade an der Tür, die offenbar nicht herein gehört, abgerechnet, zehn Mädchen gegen zwei Männer , eigentlich jetzt bloß noch zwei Mann . Es bedarf wohl kaum einer Erinnerung, daß im Menschenhandel zwischen zwei Mann und zwei Männer eben so scharf unterschieden wird, als im Buchhandel zwischen zwei Buch und zwei Bücher . Es ist fürchterlich hergegangen, und das etwas lange, denn das Licht, das uns hier leuchtet, kann nicht von den vier Flämmchen im Hintergrunde herstammen. Der Tag ist angebrochen und spiegelt sich in den Bouteillen, und das ist für uns sehr gut, denn ohne seine Beihülfe würden wir kaum die Hälfte des Schreckensystems erkennen können, das hier geherrscht hat und noch herrscht. Dieses Blatt mögen diejenigen beherzigen, die das Landleben bloß aus Schäfergedichten kennen. Da sitzt er nun, oder das wenige, was noch von ihm übrig ist; fürwahr sehr wenig. Von sechs Sinnen, die er mitbrachte, ist fast keine einzige Nummer mehr da, und die Restchen der nicht ganz entwichenen sind gar der Rede nicht mehr wert. Die Kleider, so wie die Glieder, hängen nur noch lose um ihn und an ihm, und folgen bloß dem Gesetze der Schwere. Der linke Strumpf hat bereits die tiefste Stelle erreicht, und bei dem ersten Ruck werden die Beinkleider dem Beispiele folgen, und dann vermutlich der Herr selbst hintendrein. Allem Anscheine nach, hat er wirklich schon einen kleinen Kampf mit den Gesetzen der Schwere bestanden, wobei der Stuhl hinter ihm den Rücken zerbrochen hat. Welche Seligkeit in diesem Gesichte! Der ganze kümmerliche Rest von Zeichensprache, die noch um diese Lippen schwebt, scheint bloß gesammelt, um dem Beobachter das unbeschreibliche Glück der Sinnlosigkeit begreiflich zu machen. An der Seite hängt der Degen neben der Scheide und mit ihm im Kreuze, also schon vorbereitet, sich in dieser Verbindung über das Kadaver des Helden als Ehrenzeichen zu legen, so bald er sich zur Erde bestatten wird. Unmöglich können wir ihn so ruhen lassen, ohne einen Blick auf seine Taten zu werfen, und dieses führt uns auf eine nähere Beleuchtung des Schlachtfeldes. Neben ihm auf der Erde liegen Siegeszeichen, die Laterne des Nachtwächters, eigentlich der Wache, nebst ihrem offiziellen Quarter-staff , und das ist so ehrenvoll, als läge die Wache selbst ausgestreckt da. Figgs Zögling hat sich brav gehalten. Gleich dabei, und fast unter der Degenspitze, liegt, durch sie gefallen, das größte was durch den Degen eines Helden fallen kann – Julius Cäsars Kopf. Ein zweiter Kaiser-Schnitt (sectio Caesarea) legte den Herrn der Welt hier in den Staub, mitten unter zerbrochenen Gläsern, geheimen Pillen und Trümmern der Hornleuchte. Rakewell kam nämlich in seinem Taumel (und das ist die beste Zeit dazu) auf den Gedanken, die Römische Republik wieder herzustellen, und fiel daher mit seinem Jakobiner erbärmlich über den Kaiser-Zodiakus des ersten Jahrhunderts her, der dort oben an der Wand prangte Die Ordnung der Zeichen in demselben ist, wie man sieht, ganz nach dem System der Stube, und ihrer Mobilien und Moventien: Sunt: Aries, Cancer, Virgo, Gemini, Leo, Taurus etc. Die Tyrannen sind auch wirklich, so weit man sie sieht, alle geköpft, Nero ausgenommen; das war ein Herr Bruder, ein wahrer Teufelskerl, der hatte Kopf , und den sollte er auch behalten. Den übrigen scheint Hogarth statt der lästigen Regierungsköpfe, die sie hatten, einige leichtere zum Privatgebrauch aufgesetzt zuhaben.Es läßt nämlich, als wären die leeren Räume Köpfe oder umgekehrt. Es mag in Rom auch oft der Fall gewesen sein. August streckt eine ganz beträchtliche Zunge heraus, vielleicht gegen die arme Republik; Vitellius (Vitelius schreibt Hogarth) sieht nun, auf unsrer Kopie wenigstens, durch Perücke und Krägelchen wirklich respektabel aus, und der ehrliche Vespasian trägt einen Schweinskopf. Hielt ihn Hogarth etwa für den Zerstörer Jerusalems. Die Mutmaßung, daß Hogarth mit diesen Löchern nicht bloß leere Köpfe, sondern auch noch einen gewissen Charakter, woran es selbst der Leerheit nicht ganz fehlt, habe ausdrücken wollen, äußerte ich bereits im hiesigen Taschenbuche für 1785 (2te Auflage S. 138), also eigentlich im Jahr 1784. Sie erhielt damals den Beifall eines Kenners, wurde aber von einem andern, der obendrein ein Engländer war, für unwahrscheinlich gehalten. Allein im Jahr 1792, also acht Jahre nachher, kam, in England selbst , der anonyme Erklärer auf einen ganz ähnlichen Einfall; nur hält er Vespasians Kopf für einen Fuchs-Kopf, und bringt eine Stelle bei, wo jemand von diesem Kaiser, der den Geiz, dem er bei seinen übrigen guten Eigenschaften ergeben war, selbst als Kaiser nicht ablegte, sagte: ich sehe wohl, der Fuchs wechselt die Haare, aber nicht den Charakter. Indessen so sehr auch dieser kleine Mutwillen vielleicht in Hogarths Laune gedacht sein mag, so hätte er doch die Sache, ohne dem Zufall zu nahe zu treten, gewiß deutlicher und besser behandelt, wenn er diese Absicht einmal gehabt hätte. Mit etwas Phantasie sieht man leicht in jeder Sommerwolke einen Torso, und eine Silhouette in jedem Dintenfleck. Ich rechne also jetzt nicht mehr viel auf den Einfall. An Cäsars Stelle (und wirklich hing auf den ersten Abdrücken Cäsar hier) hat man einen derben, vierschrötigen Herrn der Welt eingesetzt, der seinen Platz füllt . An einer solchen Figur hat denn doch der orbis terrarum etwas, woran er sich halten kann. Der Mann heißt Pontac, und soll, nach Herrn Irelands Versicherung, ein Koch von Ruf (an eminent Cook) gewesen sein. Ein Deutscher hätte eher auf einen Brauer geraten. Vielleicht auf einen niedersächsischen Pontac-Brauer . Der Anonymus weiß nicht recht, was er aus dem Wanste machen soll, mutmaßet aber, es könne irgend ein famoser H...-Wirt der damaligen Zeit gewesen sein. Also ist es wohl gar der Herr Wirt von dieser Schenke selbst, den Rakewell an Cäsars Stelle setzte: Tyran, descends du Trone et fais place à ton Maitre. In einem Fabel-Buche mit Bildern könnte es auch Klotz I vorstellen, den Jupiter in den Sumpf warf, als man ihn um einen König bat, auf diesen folgte sodann Storch I, Storch II usw., von welchen Sueton das weitere erzählt. Der Spiegel, das Universal-Porträt aller Anwesenden, ist gleichfalls durchgehauen, vielleicht war das ein Selbstmord in effigie von Rakewells Schwerte verübt. Die Speisekammer hat man in dem allgemeinen Tumult, in der Eile, in einem Winkel linker Hand angelegt, der, wie man sieht, schon besetzt war. So etwas tut nie gut. Es entsteht auch da Tumult. Der erste Besitzer, ein Topf, mit dem überhaupt wenig Umstände gemacht werden, und der selbst sehr oft gar keine macht, gießt seinen ganzen Überfluß über gebratene Hühner mit der Gabel noch in der Brust, abgerissene Hühner-Schenkel und Teller und Zitronen, und Creme-Gläschen unerbittlich aus, und behauptet den Platz. Das spanische Rohr ihres Herrn liegt zerbrochen mit seinem Halsbändchen darneben, und gebietet nicht mehr . Im Vorgrunde liegen Frauenskleider von der tiefsten Schälung (man hat es sich hier sehr kommode gemacht), sie erstrecken sich bis zu den Kaiserköpfen, und hängen durch diese mit den geheimen Pillen zusammen; usw. Alle sichtbare Stuhllehnen sind zerbrochen. Dieses wäre kurz der Kreis der Verwüstungen der toden Natur. Nun ein Paar Blicke auf die unter den Lebendigen. Stumpfheit und Erschlaffung haben hier im Äußern , wie gewöhnlich, etwas von der Form der Nüchternheit, und in der Anordnung der Körper überhaupt ist wenigstens malerisches System. Eine Linie durch die schwebenden Köpfe um den Tisch gezogen, steigt von der Rechten zur Linken allmählich auf, und kehrt von einem geschornen Kopfe wieder nach der Linken abwärts mit gleicher Neigung gegen den Horizont zurück. Man hat seine ersten Plätze so ziemlich wieder. Das ist aber auch hier die Methode alle, und diese hat die Form des Tisches allein bewirkt. So etwas vermögen Tische wohl; sie arrangieren, was sonst nicht zu arrangieren gewesen wäre, unterstützen physische Distanz, und gewähren den An - und Um-Sassen Sicherheit, durch steife Neutralität, wo ein Paar Zolle weniger Holz Mord und Totschlag erzeugt haben würden. So geht es überall. Es läßt sich mit der Landcharte erläutern. Dem schwarzen Federhute unsers Helden nähert sich ein weißer sehr vertraulich. Es sind freilich bloß Hüte. Aber gewiß hat das Mägdchen dieser Anordnung ihren Sieg vor so vielen Schwestern mit zu danken. Es geht vermutlich alles in eine Kasse, aber sie war es doch. Rakewell liebt die Federhüte, setzte nun ein Mägdchen hier auch einen auf, und obendrein weiß gegen schwarz , so heißt doch dieses für jeden der lesen kann, deutlich: Ich und Du , und das ist mehr als die Hälfte des Sieges. Mit der Rechten greift sie nach seinem Herzen, nach dem Puls an der Quelle. Die Attaque ist aber eine falsche. Der eigentliche Angriff ging auf einen andern Puls , die Taschenuhr, und diese wird auch, während ihr Auge scharf Wache hält, sicher an das Hintertreffen abgeliefert. Die Uhr weist auf drei. Das wäre selbst für den höchsten Sommer etwas früh für so vieles Licht, als hier leuchtet, und das keinen andern Quell haben kann, als den Tag. Doch das hat keine Schwierigkeit. Es ist eine bekannte Erfahrung: wenn sich Menschen nicht mehr nach ihren Uhren richten, so richten sich die Uhren nach ihnen. Unordnung hat den Vorteil, daß man aus ihr alles erklären kann. Herrlich ist die Gleichgültigkeit ausgedrückt, womit die Arriere-Garde die Beute aufnimmt. Man sollte hinter diesem Gesichtchen kaum so viel Bekanntschaft mit dem Verbrechen vermuten. Ihre Rechte, den Ellbogen auf die Stuhllehne des Besiegten gestützt, nimmt die Uhr auf, als wäre es eine Seifenkugel und sie ist willens, noch vor der Ablieferung an die Schatzkammer, eine Zeit lang damit zu tändeln, und das so nah an Rakewells Ohren. Sie muß wohl wissen wie solche Ohren an solchen Köpfen gehen. Daß sich Hogarth etwas auf dieses Gesichtchen eingebildet haben mag, sieht man wieder aus dem angebrachten Kontraste, wodurch er es hervorzurücken sucht. Hier ist wieder britisches Milch und Blut auf afrikanischen Kienruß getragen. Wie der kleine schwarze Satan dahinten nicht wetterleuchtet! Es sind die lebendigsten Augen auf dem ganzen Blatte. Sie schlagen eigentlich in der Gegend der blanken Schüssel an der Türe ein, wo ein Mägdchen in der Stellung des Trompeters auf dem zweiten Blatte, eine äußerst unzüchtige Ballade, the blackjoke (der schwarze Spaß) abplärrt. An diesem Gesänge scheint die Hexe Vergnügen zu finden. Freilich, man ist auch schwarz, und liebt außerdem auch wohl einen Scherz unter andern Farben. Sie bringt den Finger gegen den Mund, wahrscheinlich sollte es aus einem Rest von weiblicher Schamhaftigkeits-Ziererei die ganze Hand sein, die sie aber auf halbem Wege hier unnötig fand. Gleich dabei sind am Tische zwei weibliche Drachen-Köpfchen merkwürdig, wovon das eine Feuer, das andere verpesteten Wein speist. Vermutlich schlugen sie sich vorher bloß auf den Zungen-Hieb , oder hatten ihre Gewehre bloß mit Segens-Partikelchen geladen; nun aber, da der Sprachschatz verschossen ist, greifen sie nach solidern Waffen. Die eine nach dem Messer, und die andere nach der Feuer-Spritze. Vielleicht bat die brennende von beiden bloß die löschende, die Nymphe des Quells, um einen Trunk, der jener fehlt; diesen sendet sie ihr auch in Strahl-Form zu, und sichert dabei den Quell selbst mit beiden Händen. Einige Zolle weniger Holz am Tische, hätte große Dinge bewirken können. In der Mitte zwischen diesem kriegerischen Paare, da, wo sich die Pyramide der Gruppe zuspitzt, befindet sich ein höchst friedliches . In dem bedeutungsvollen Gesichte des Mägdchens kann selbst der Nebel des Weins den matten Schimmer eines andern Feuers nur kaum verhüllen. Sie scheint ein erschlafftes Lappenmaul von einem Kerl berücken zu wollen, auf eigene Rechnung, und daher vermutlich mit schlechtem Erfolg. Die Szene liegt außerhalb der Grenzen unsrer Blätter. Die beiden übrigen Figuren am Tische sind sehr verständlich. Sie stellen das Mechanische in den Trinkkünsten auf einer der ersten Staffeln ihrer Fortschritte und auf der letzten vor. Die eine, rasch und munter, trinkt noch mit der Linken allein, indem sie in der herabhängenden aber nicht erschlafften Rechten die Bouteille mit Anstand hält. Sie greift das Glas noch mit der bekannten Zierde, wobei der kleine Finger, als wäre es eine Prise , nicht mit anfaßt. Die andere trinkt schlaff und überfüllt, mit beiden Fäusten, und kann nicht mehr . In jener glaubt man den Dichter Griechenlands zu sehen, der beseelenden Chier und Begeisterung in starken Zügen, aber immer mit Grazie einzieht; und in dieser einen der unsrigen, der den Kübel seines Verlegers mit viel versprechendem Hub ansetzt und dabei das schwere Doppelbier, noch zum Glück für seine Leser, zur Hälfte in die Hosen gießt. Im Hintergrunde steht noch ein Mägdchen in einer bedeutungsvollen Verrichtung begriffen. In der Hand hält sie ein Licht, und ist offenbar beschäftigt etwas damit anzuzünden, und dieses Etwas ist nichts Geringeres als das ehemalige Eigentum der hellen Köpfe dort oben an der Wand, nämlich der Orbis Terrarum selbst; totus mundus . Daß Hogarth zu diesem Geschäfte eine H... gewählt hat, zeugt von dessen großer Bekanntschaft mit der alten Geschichte und den frühesten Denkmälern der erhabensten Dichtkunst. Vielleicht steckt noch mehr dahinter. Einer von Hogarths Kommentatoren hilft sich hier sehr kurz. Er glaubt, das Mägdchen habe sich von der Gesellschaft zurückgesetzt gesehen, und zünde daher aus Wut die Welt an, wenn sie auch gleich mit verbrennen sollte. Was das für ein Witz ist, und für eine Divinationsgabe, und für eine Aneignung von Hogarths Laune! Warum nicht lieber das Haus des Monsieur Pontac schlechtweg angesteckt, und das Licht gerade unter die Treppe gehalten. Nein! Wenn diese Handlung, außer dem ganz planlosen Hang des betrunkenen Menschen Zerstörungen anzurichten und sich darin behaglich zu finden, noch eine Bedeutung hat, wie ich glaube, so hat sie gewiß eine tiefere. Vielleicht ist folgende, wo nicht die wahre, doch wenigstens eine Hogarths Genie angemessenere als jene. Wer eine Landcharte (von Ländern selbst ist hier die Rede nicht) ganz unallegorisch anzünden will, fängt in dubio, wenn sie an der Wand hängt, mit dem untern Rande an. Dieses tut aber das Mägdchen nicht, ja sie scheint vielmehr einen besondern Fleck der Charte, mit einiger körperlichen Anstrengung, und wohl gar auf den Zehen stehend, aufzusuchen. Nun ist, wo ich nicht irre, dieses Fleckchen gerade vor der östlichen Küste von Amerika, von welcher bekanntlich die Spanier eine Ware nach Europa gebracht haben, mit welcher diese Mägdchen bis auf diesen Tag eine Art von Schleichhandel treiben. Was man also hier für ein Anzünden hält, könnte wohl gar ein bloßes Beleuchten oder ein Aufsuchen des Hauptcomtoirs aus merkantilisch-geographischer Neugierde sein? Gewiß nicht. Sicherlich zündet sie, weil sie selbst ein naher Bankrott im Handel drückt, die Welt in effigie an der Stelle an, wo die ehemalige Amerikanische Compagnie sie zuerst in natura wirklich ansteckte und ein Feuer anzündete, das man jetzt durch Amalgamation löscht. Einige Einwürfe, die wegen der Umzeichnung dieses Blatts gegen diese Erklärung gemacht werden könnten, werde ich am Ende dieses Kapitels berühren. Diesen Weltbrand begleitet Hogarth mit einem, allenfalls zum Ableugnen, etwas versteckten Mutwillen, also gerade der gefährlichsten Art für einen Ausleger. Hinter der Türe steht nämlich ein blinder Harfenspieler, auf dessen Harfe, drollig genug, der König David, den Hogarth gern in üble Gesellschaft bringt, wieder mit einer Harfe hingepflanzt ist. Hier sitzt er also unmittelbar vor dem Nero, und da kann man sich kaum, wenn man Hogarths mutwillige Laune kennt, des Gedankens erwehren, er habe ihn dahin gesetzt, zum Brand der Welt Musik zu machen, wie jener zu dem von Rom. Die Mamsell, die da im Vorgrunde ihre Toilette zu machen scheint, ist ein unter dem Namen der Posituren-Macherin (the posture-woman) sehr berüchtigtes Mensch der damaligen Zeit. Sie hieß, wie Trusler versichert, Aratine (vielleicht Aretine). Eigentlich kleidet sie sich aus. Sie ist willens ihre Künste zu zeigen, und sich zu dem Ende in der Tracht des Huhns mit der Gabel in der Brust, als lebendiges Gericht, auf die Tafel bringen zu lassen. Die Schüssel, die dort zur Türe herein gebracht wird, und in welche der Pavian der sie bringt, hinein leuchtet, um das Schauspiel anzukündigen, wird die Drehbühne sein, auf welcher sie figurieren wird. Das ist allerdings abscheulich. Aber würde der Mensch viel dadurch gewinnen, wenn er der Fähigkeit beraubt würde, zuweilen so unter das liebe Rindvieh hinab zu sinken? Daß sich in den Schmutzwinkeln der großen Städte hier und da ein Ungeziefer erzeugt, das in solchen Bestialitäten sein Vergnügen findet, macht der menschlichen Natur bei weitem nicht so viel Schande, als ihr das Urteil des inneren Richters Ehre macht, der unbestechlich in der Brust von Millionen wohnt, und jenes Ungeziefer mit ewiger Infamie belegt. Ein gewisser Herr Pawson in England hat Joe Millers Späße (Joe Miller's Jests) mit griechischen Noten herausgegeben, das ist nicht um ein Haar besser, als ein Eulenspiegel mit hebräischen. Dieses Buch fälllt mir immer ein, wenn sich die Neigung bei mir regt, in diesen Erklärungen ernsthaft zu werden. Indessen, da nun hier einmal eine griechische Note steht: so kann ich unmöglich eine zweite zurückhalten, als Balsam für die Wunde, welche Aretinens Geschichte manchem zarten Organ vielleicht geschlagen haben mag. Es ist wahr, es ist eine schändliche Geschichte. Aber es ist nicht bloß der Wille der Gesellschaft, das gerupfte Hühnchen auf der Schüssel zu trillen, sondern zugleich der Wille des Hühnchens selbst, sich trillen zu lassen. Es weiß sich noch groß damit, es lebt darin und schafft sich Federn an davon. – Wie aber, wenn in den kleinen Zirkeln manches höchst christlichen Städtchens; in Zimmern wo vielleicht, statt Pontacs, ein Ecce Homo von der Wand herabblickt, die abwesende Nachbarin, ja die abwesende Freundin selbst, jeder Hülle ihrer menschlichen Schwachheiten beraubt, auf das Kaffeebrett gesetzt, und zur Unterhaltung der Gesellschaft, unter Damen- und Betschwester-Gegickel, getrillt wird, – wie da? – O nehmt wenigstens das Ecce Homo weg, und hängt den Pontac auf! Um die Schüssel steht: John Bonvine (bon Vin) at the Rose tavern Drurylane , wodurch die Straße und der Gasthof bezeichnet werden, wo damals solche Orgien gefeiert wurden. Der Name Bonvin rechtfertigt die Mutmaßung wegen des Pontac. Auch der Pavian ist das Porträt eines berüchtigten Aufwärters zum Gasthofe zur Rose, der unter dem Namen Leather coat (Leder Rock) bekannt war. Er muß sich sehr ausgezeichnet haben, denn Fielding hatte ihn bereits im Jahr 1732 in seiner Coventgarden Tragedy unter dem Namen Leather sides auf die Bühne gebracht. Er soll eine unglaubliche Bekanntschaft mit diesem Handelsgeschäfte besessen haben, wer daher amerikanische Produkte einlegen wollte, den wies er allemal an die besten Comtoire. Gewiß hat sich Rakewell an ihn gewendet. Nicht ganz verstehe ich, was der Bediente mit der Schüssel auf der Treppe bringt oder überhaupt will, und doch steht er dort sicherlich nicht umsonst. Geht es etwa in andern Etagen in dieser Morgenstunde noch eben so zu, oder bedeutet es, daß dieses Zimmer etwas unter der Erde lag, und eigentlich ein so genannter Keller (Cellar) war? Denn aus den englischen Küchen trägt man das Essen für die Gäste gewöhnlich hinauf , nicht hinab. Mit Recht erinnert Nichols, daß dieses die Sitten der Zeit nicht mehr sind. Vielleicht sind die Priester und Götzen noch immer dieselben, und bloß die Liturgie hat sich verändert, oder befolgt man vielleicht Dr. Johnsons sehr vernünftige Bemerkung. Boswell's Life of Dr. J. Vol.II. p.265. . Es ist gut, sagt er, daß unsere jungen Leute, wenn sie liederlich sein wollen, es wenigstens außer Landes sind, so können sie bei ihrer Zurückkunft mit einem neuen Charakter ein neues Leben anfangen. Rakewell scheint hiervon nichts zu wissen; er dachte entweder, bleibe im Lande und nähre dich redlich, oder ist willens sich außer England zu etablieren. Wo? das werden wir sehen. Herr Riepenhausen hat dieses Blatt nicht im Spiegel umgezeichnet, und, wie mich dünkt, nicht mit Unrecht. Da Hogarths Kupferstiche meistens Kopien von größern Gemälden sind, so hat er sich ohne besondere Veranlassung, nicht die Mühe genommen, sie umzuzeichnen; daher stehen oft selbst jedermann bekannte Plätze und Straßen in London ganz umgekehrt da. Bei uns fällt nunmehr das Licht gehörig von der Linken ein, Rakewells Degen hängt an der Rechten, obgleich freilich hier das Kuppel so hängt, als wenn es sich gedreht hätte; die Feuerspeiende faßt das Messer mit der Rechten, und die Rockknöpfe des Mannes an der Spitze der Gruppe, sitzen ebenfalls an der Rechten. Wäre aber hier eine Übereilung begangen worden, so wäre der größte Verlust, für den Erklärer wenigstens, die östliche Küste von Amerika. Denn im Original-Kupferstiche zündet das Mägdchen das östliche Planiglobium, also die alte Welt an. Doch das ist auch wahr. Hier kann bloß die Inspektion des Original-Gemäldes entscheiden. Vierte Platte Hier erscheint unser Held in seiner Sommerhöhe, im größten Glanze. Höher kömmt er nicht. Es ist das vierte Blatt, auf dem wir ihn erblicken, und zugleich tritt er in das vierte Zeichen seiner Bahn. Bei der Sonne heißt das der Krebs (Cancer) , und das ist es auch hier bei unserm Meteore. Es geht von Stund an abwärts mit dem Helden, und wirklich hat selbst der Löwe (Leo) schon ein Auge auf ihn. Die Szene ist an einer Ecke der Straße, die nach der Haupteinfahrt von St.James führt, (St.James' street) dessen Tor man zwischen seinen beiden venerabeln Türmen im Hintergrunde erblickt. Vor demselben findet sich ein großes Kutschen-, Sänften- und Lakaien-Gedränge. Es ist ein Schwärm getreuer Untertanen, der sich hier um St.James verdichtet und drängt, wie der von Bienen um den Korb einer Königin. Auch gilt es hier wirklich einer Königin . Es ist heute hier der erste März , der Geburtstag der Königin Carolina, Gemahlin Georg II. geboren den 1ten März 1683. also ein polititischer Sonntag, den zu feiern man sich zum Tempel und dem praesens Numen drängt. Daß es kein andrer Tag, sondern wirklich dieser erste März sei, hat Hogarth, für seine Landsleute wenigstens, so deutlich gesagt, als er gesagt hat, daß es hier donnert. Rechter Hand schreitet nämlich eine ältliche Figur mit etwas exaltierter Gravität und gespanntem Selbstgefühl einher. Auf dem Hute trägt sie ein Feldzeichen von tiefer Bedeutung, es ist ein Lauchbüschel (a leek) ; der Tag hier ist der St. Davids-Tag (der erste März), und der Mann selbst ein Welscher (a Welshman) . Er trägt den Busch zum Andenken an die Taten seiner Väter, An diesem Tage, den 1ten März 640, erfochten, wie die Sage geht, die Welschen unter Anführung ihres Königs Cadwallo, einen großen Sieg über die Sachsen, und weil sich gerade da ein Feld mit Lauch befand: so steckten die Sieger Blätter davon auf ihre Hüte. Noch jetzt werden an diesem Tage in London künstliche Sträußchen davon, oft mit Silber geziert, auf den Straßen verkauft, und von einer Menge Menschen diesem braven Volke zu Ehren getragen. Shakespear ( Henry V. Act. IV. Sc. I.) spielt darauf an, wo von einem Welschen, Fluellen, die Rede ist. Pistol. Know'st thou Fluellen ? K. Henry. Yes. Pist. Tell him I'll knock his leek about his pate upon St. Davids day. Hierauf antwortet der König, der sich vorher selbst einen Welschen genannt hatte, sehr brav: Do not you wear your dagger in your cap that day, lest he knock that about Yours. Wer wüßte, was unser Fluellen hier tun würde, wenn irgend ein Pistol sich unterstünde ihn in seinem Traume zu stören. An seiner linken Hüfte starrt so was! dünkt sich selbst einer jener Helden der Vorzeit zu sein, und nimmt, wie man sieht, in ihrem Namen, die Bewunderung der Welt, und das Dicier Hic est mit großem Anstand ein, ob es ihm gleich, gerade jetzt, hier niemand zu bieten scheint. Was ein Feldzeichen und eine warme Vorstellung nicht vermögen! Mit offner Brust teilt er die junge Märzluft, die seine Finger bloß zu fürchten scheinen , aber nicht fürchten, denn wirklich gleicht seine Muffe eher einem Kühl-Gebläse, als einem Wärmesammler. – So bezeichnet Hogarth den Geburtstag seiner Königin. Diese vorläufige Erklärung dieses Schauplatzes war nötig, um zu verstehen, wie Rakewell mit so vieler Pracht hieherkömmt. Die Schachtel, so wohl der Putzmacherin, als des Perüquiers, auf dem zweiten Blatte, hat sich aufgetan, und das Werk des Schneiders sich entfaltet, um das künstliche Produkt von Figg, Essex, Du Bois, Pontac und Co. für den Galatag zu behängen. Das Pürschchen will nach Hofe; sich in den Bienenschwarm mischen. – Die Wespe! – Equipage scheint es nicht zu haben (man erinnere sich an das Zeichen des Löwen), es wählte daher zum Transport seiner selbst das wohlfeilere vierbeinige Haustier, die Portchaise. In diesem versteckt, glaubte es, warm und sicher nach St. James zu kommen, und dort das Licht der großen Welt auf eine ganz natürliche Weise, wie hundert andere, durch bloßes Aussteigen zu erblicken. Allein man hat sich sehr verrechnet. Gewisse Umstände treten früher ein. Es ist eine schwere Geburt; das Stutzerchen wird auf der öffentlichen Straße mit der Zange geholt. In Prose: Man hat Schulden gemacht, die man nicht bezahlen kann, und man wird arretiert. Daß dieser Actus hier kein aktives , sondern ein sehr passives Aussteigen ist, sieht man daher, daß der vordere Träger noch die beiden Stangen hält, und nur bloß deswegen nicht weiter kann, weil sein hinterer Kollege (mit dem Lauch auf dem Hute) bereits damit beschäftigt ist, den obern Boden der Portchaise zu lüften, damit Rakewell – die Frisur nicht verdirbt. Herrlich! Ein Polizeidiener hält ihm ein Streifchen Papier entgegen, kaum einige Zolle lang, indessen verbunden mit einem Prügel, der etwas länger ist, und dieses Streifchen wirkt auf unsern Helden, als wäre es der Strahl des Himmels selbst, der uns dort so helle entgegenleuchtet, von seinem Donner begleitet. Es ist auch wirklich nichts ganz Verächtliches was hier einschlägt, nämlich eine von den foudres de poche der englischen Justiz, die immer ihren Mann sicher treffen, ein Arrestzettel ; schon an sich immer ehrwürdig, und hier gar mit einem Donnerschlag vom Himmel eingeleitet, fürchterlich. Auch könnte Hamlet, wenn ihm der Geist beim Aussteigen aus der Portchaise erschiene, kaum anders erstarren, als Rakewell hier. Es läßt, als hätte ihn der Strahl des Himmels ganz unfigürlich getroffen. Elektrizitäts-Seher werden alles hier finden, was sie suchen. Der Haarbeutel hebt sich vom Rücken ab, die Finger gehen wie Büschel auseinander, und das Auge starrt, ohne zu sehen. Er ist wirklich getroffen und liegt, denn das Ungeziefer merkt es, und fällt über ihn her. Ein mutwilliger Laternen-Wärter übergießt die Lampe mit Fleiß, und der Überfluß strömt über das Galakleid. Daß er es mit Fleiß tut, dafür bürgt seine Unterlippe, und das Auge, das hinsieht, wo nicht so viel zu sehen ist, als unter ihm; übrigens schadet er wie ein ehrlicher Mann, ohne alles bare Interesse. Nicht ganz so ehrlich, wie dieser Satyriker auf der Leiter, scheint allerdings ein junges Mitglied eines kleinen Clubs, der hier auf öffentlicher Straße seine Sitzungen, ohne eigentliche Sitze, auf dem Steinpflaster hält.Er stiehlt dem armen Halbgefangenen das Schnupftuch aus der Tasche. So erklärt man diesen Auftritt gewöhnlich. Ich habe auch nichts dagegen; nur wollte ich unmaßgeblich raten, mit dem Gebrauch des Worts stehlen nicht so in den Tag hinein zu hausen, und jedes Erwerbmittel ohne Tausch gleich für Diebstahl zu erklären, und dadurch die Zahl der ehrlichen Leute in der Welt auf die Hälfte zu reduzieren. Die unendliche Feinfingerigkeit der englischen so genannten Taschendiebe verdient den Namen von Dieberei wahrlich nicht. Wirklich tut der Knabe hier nicht mehr als jeder Dornstrauch in einer Hecke am Wege; er raubt nicht durch ziehen , sondern durch gezogen werden , und eine Plünderung durch bloße Reaktion ist eo ipso keine Plünderung mehr. Im Grunde ist es der Gerichtsdiener, der dem Schnupftuche seinen Herrn raubt. Man weiß dieses in London auch recht gut. Wenn jemanden das kleinste Endchen seines Schnupftuchs aus der Tasche hängt, so sagt ihm der erste Mann, der ihmbegegnet: Sir, you'll lose your handkerchief, Sie werden Ihr Schnupftuch verlieren , und nicht, man wird Ihr Schnupftuch stehlen . Pfui wer wird so was sagen? In der Tat werden auch da keine Schnupftücher aus der Tasche gestohlen, sondern man verliert sie bloß an reagierende Finger am Wege. Es kömmt alles zusammen. Selbst der Trost, der ihm hier unvermutet erscheint, und ihn sonst wie ein Sonnenstrahl gewärmt haben würde, hat die Form des Wetterstrahls und der Demütigung für ihn. Es ist unmöglich, tiefer zu fallen; Rakewell fällt vor der Welt und – vor sich selbst. Das ist alles Mögliche. Sarah Young , Daß sie es ist, sieht man aus ihrem Namen Sarah Young auf der fallenden Schachtel, der in unserer Kopie aus einem zu spät bemerkten Versehen, nicht umgestochen worden ist, und also nur im Spiegel richtig erscheint. das Mägdchen, das er auf dem ersten Blatte so leichtsinnig verstieß, hat sich indessen mit Putzmachen genährt. Sie kömmt hier vorbei, sieht die Gefahr, worin ihr treuloser Verführer schwebt, und eilt mit ihrem geringen, aber ganzen Vermögen , die Freiheit des Schurken zu erkaufen, der mit dem tausendsten Teil seiner Einkünfte ihre Ehre und ihre Treue für zu teuer erkauft hielt. Sie reicht dem Gerichtsdiener ihre Börse mit einem Eifer hin, worüber sie alles vergißt, und so fällt ihr kleiner Kram unter dem Arme hervor. So etwas kann helfen. Kömmt auch der Stutzer nicht nach St.James, das nach der erlittenen Salbung nicht wohl gut angeht, so kann er doch wenigstens vielleicht seine Nägel wieder auf seinem eignen Sorgsessel kauen, bis bessere Zeiten kommen! Daß das Mägdchen gerade jetzt hier gehet, ist, wie mich deucht, ganz durch Natur gefügt und eingeleitet. Sie liebt ihn noch immer, sie begleitet ihn in der Ferne auf seinen Wegen, und wollte ihn vielleicht heute einmal im Galakleide sehen. Sehr verzeihlich ist diesem treuen Geschöpfe, die ihn auch, wie wir sehen werden, da noch aufsucht, wo nie ein Galakleid hinkömmt! – Überdas sind Tage, wie dieser, und in dieser Gegend der Stadt, für die Putzmacherinnen, was die Blütezeit für die Bienen ist. Sie schwärmen da von Hofblümchen zu Hofblümchen, die sich zu Hunderten an diesen Tagen drängen, um die reichen Beete von St.James mit ihren Farben zu schmücken. Ihr Auge schwebt von einem zum andern, und sammelt für die Phantasie, die dann nicht selten mit dem feinsten Ideenstoffe beladen nach der Arbeits-Zelle zurückkehrt. Also die Ursachen, warum Sarchen hier ist, sind dichterisch triftig und gut, und moralisch werden es gewiß die Gefühle sein, die unsere gutmütige Sammlerin, statt Ideen, dieses Mal von hier zurückbringen wird, so verächtlich auch das Nesselchen an sich gewesen sein mag, das den Stoff dazu hergegeben hat. Rakewell ergibt sich ohne sichtbaren Widerstand, vielleicht ist noch außer dem Anblick der vollen Börse, die nur allzu sichtbare zweite Keule, die eine Art von Figg mit bereits geflicktem Gesichte dort in der Hand hält, Ursache an dieser friedlichen Übergabe. Der Prügel so wohl, als der Kerl der ihn führt, und der so gar, während er der Justiz pflegt, Tabak kaut, scheinen beide grobe, kalte Naturalisten zu sein, von ungefähr gleichem Gefühl. Gegen jenen läßt sich so wenig mit Putz-Handschuhen fechten, als gegen diesen mit akademischer Beredsamkeit. In dieser Lage ist das Vernünftigste, was man tun kann, alle sperrigen Extremitäten sorgfältig beizustecken, und sich in Worten und Werken so geschmeidig und rund zu halten, als möglich, damit nichts reiße oder breche, während man selbst beigesteckt wird. Dieses wäre der Teil dieses Blattes, worin die eigentliche Geschichte fortgeht. Wir kommen nun zu den Seitenhieben. Man sollte sie kaum hier vermuten. Allein ein Blatt von Hogarth, worin diese fehlten, wäre fürwahr mehr als ein Wouwerman ohne Pferde, und daher auch eben so wenig wert. Hier fehlen sie auch nicht allein nicht, sondern er hat hier selbst mit ungewöhnlicher Stärke und bitterm Mutwillen darzwischen geschlagen, und Geißelhiebe ausgeteilt, die durch Staatsperücken, Ordensbänder und Sterne durchgefühlt werden. Rechter Hand dort unten hängt ein weißes Schildchen an einem Hause, mit dem Namen White darauf. Dieses ist Whites (Herrn Weißens) berüchtigtes Kaffee-Haus, wovon jeder unsrer Leser, der nur etwas mit englischen Schriftstellern bekannt ist, gehört haben muß. Dieses ist gerade das Häuschen, dem zu Ehren der weiße Blitz dort oben ausgehängt ist. Daß euch das Wetter da drinnen , will Hogarth sagen, und wahrlich, die da drinnen verdienen so etwas wie das Wetter . Es ist nämlich das Haus, wo oft der Wert von Rittergütern auf einer Karte oder einem Paar Würfeln steht, und ist der fort, so folgen Häuser, nach diesen oft die goldnen Hemdknöpfe , wovon man vor einigen Jahren ein berühmtes Beispiel hatte, und dann – finis; es ist der Ort, wo Bettelei und Überfluß in einer Sekunde die Stellen wechseln; die Quelle tausendfachen Unheils und Jammers, der Duelle, der Verzweiflung, des unheilbaren Wahnsinns, der Raserei und des Selbstmords. Für dieses Nest hat Hogarth eigentlich den Blitz mit dem Basilisken-Schwänze berechnet. Warum er ihn nicht gerade in das Haus zum Fenster hinein, oder wissenschaftlicher auf den hohen Schornstein, oder den Blitz- Zuleiter , Der Herausgeber begeht hier keinen Anachronismus. Denn ob es gleich im Jahr 1735, da diese Kupferstiche erschienen sind, noch keine Blitz- Ableiter gab, so waren doch die Zuleiter schon längst im Gange. , die herausgesteckte Stange, geführt hat? Jetzt hängt er, ganz wider Gewohnheit, und so unnatürlich da in der Luft, wie Sarah Youngs Manschetten-Schachtel. Er ist doch wohl nicht unentschlossen, wo er eigentlich hier hin soll? Einem sterblichen Schleuderer dieses Feuers wäre so was wahrlich kaum zu verdenken. Es liegt wegen ähnlicher Verbrechen so manches Londonsche Haus unter gleichem Urtel, daß die Wahl bei der Exekution oft schwer fallen könnte. Auch ist das Zickzack wirklich die Linie der Unentschlossenheit, und ich kann daher jene gute Frau nicht ganz tadeln, die glaubte, der Blitz sei deswegen gezackt und ändere seinen Weg so oft, weil er sich immer von Gegenden wieder wegwendete, wo sich die Leute in der Eile noch bekehrt hätten. – Es läßt fast, als schiene, während der Blitz in das Kaffeehaus fährt, auf St.James die Sonne. Eine solche Verteilung von Blitz und Sonnenschein zwischen Häusern in derselben Straße, ist nicht allein nicht unmöglich, sondern selbst nicht einmal sehr ungewöhnlich. Hätte Hogarth wirklich etwas damit gemeint, so hätte er, an diesem Freudentage der Nation, den Glückwunsch für seine Königin vielleicht in feinerer Form hinterbracht, als irgend einer von denen haben mag, die da unten noch erst ausgepackt werden sollen. Hat er aber nichts bei jener Lichtverteilung gedacht oder etwas anderes, so hofft dennoch der Erklärer dieser Blätter von seinen Lesern Vergebung, wenn er eine Mutmaßung, die dann freilich nicht mehr als sonderliche Probe seines Scharfsinnes hier stehen würde, wenigstens als Äußerung seiner Gesinnungen über St.James und Whites Kaffeehaus stehen läßt. So schlägt also der Blitz in Whites Kaffeehaus. Nun wollen wir sehen, wie Hogarth in eben dasselbe Haus schlägt, eigentlich, wie er in demselben Hause dreinschlägt. – Es ist eine wahre Freude zuzusehen. Herrn Weißens Spiel- und Kaffeehause schräg gegenüber etabliert er ein kleines Spiel- und Schnaps-Häuschen, äußerlich etwas von jenem verschieden, innerlich und wesentlich aber einerlei und auf völlig gleichen Fuß eingerichtet. Dieses ist Herrn Blacks (Herrn Schwarzens) Haus. Weil es weder Dach noch Fach hat, so kann der Herr Wirt auch kein Schild aushängen, am allerwenigsten ein so glänzendes, als Herr Weiß, er begnügt sich also, seinen Namen Black Der Engländer bezeichnet überhaupt mit seinem: black alles niedrige Gesindel, das auch wirklich in einiger Entfernung etwas dunkel aussieht. Blackguard heißt ein niedriger, schmutziger Kerl, und beiwörtlich nennt er auch jede Äußerung gesindelhafter Denkungsart, vorzüglich den von niedrigem Eigennutz, blackguard . Der Ausdruck selbst ist keiner von den feinsten. auf einen Pfosten zu malen, der mit den Tischen, Stühlen, Bänken und Sorgsesseln des Hauses ein einziges Continuum ausmacht. Dieser großen Offenheit des Gebäudes hat man aber auch den Vorteil zu danken, daß man die Gäste sitzen sieht, und nunmehr, wegen der völligen Gleichheit der Sitten und Clubs-Gesetze, gleichsam in einem Verkleinerungs-Spiegel liest, was dort hinter den dicken Mauern bei Herrn Weißen vorgeht. Jedermann, der den kleinsten Anspruch auf Dichter-Gefühl macht, wird hier Hogarths Kunst bewundern müssen. Ich kenne auch wirklich in den Werken der Alten keinen Zug, der sich mit diesem vergleichen ließe, als etwa den beim Virgil, wo er den Äneas auf seinem Schilde die Streiche seiner Nachkommen, beinah bis auf Pabst Peter I., durch den dicken Nebel der Zukunft schauen läßt. – Es ist, mutatis mutandis , ganz dasselbe. Was White dort dunkel und ver- maurert gibt, das gibt Black hier illuminiert , oder doch unter freiem Himmel. Also hier alles gerade weg zu lesen was dort vorgeht, erfordert nichts als Augen, und eine kleine Kenntnis von plus und minus und von Schwarz und Weiß , in welche sich alle Farben verlieren. Folgende unter den Rubriken Schwarz und Weiß geordnete kleine Fingerzeige werden jeden Leser sicherlich durch das Ganze führen. Was also hier unter Schwarz steht, wäre etwa so was wie der Schild des Äneas, und das unter Weiß, die Römische Geschichte dazu. Schwarz. Hier sitzt ein Schornsteinfeger-Junge, mit einer schwarzen Perücke; er hat einen ledernen Riemen über die Schulter, und spielt letzten Stich . Weiß. Dort werden es sein reinliche Herrn mit weißen Perücken. Sie haben mit dem Schornsteinfeger oft nichts gemein, als das Emporsteigen durch Kriechen , und das durch schmutzige Kanäle. Über den Schultern haben sie zuweilen breite, seidene Riemen, und spielen Pharao. Schwarz. Der schwarze Junge hat kein Hemd auf dem Leibe, und selbst sein Rock ist nur zum Teil da, aber der souveräne Herr des Teils, der noch da ist, ist der schwarze Junge selbst. Weiß. Dort wird man sehen die feinsten Hemden und die elegantesten Kleider, aber die, deren Körper darin stecken, sind nicht immer die souveränen Herren derselben, sondern häufig eine sublime Art von Livree-Bedienten ihrer Gläubiger, denen sie gehören. Schwarz. Hier würfelt ein Schuhputzer-Junge, und hat sich bereits bis an die Türe des Paradieses, in die erste Modetracht der Welt zurückgewürfelt. Seine ganze Bedeckung ist kaum der Rede wert. Dieser Wurf gilt seinem Besteck, dem einzigen Quell seiner kümmerlichen Nahrung. Ist dieses verloren, so ist sein Adel rein . Weiß. Völlig wie bei Schwarz, nur kein Metier, kein Besteck zum Erwerb, und daher viel reinerer Adel. Schwarz. Hier würfelt man bei Sternen auf der Brust, schwarzen freilich, aber dafür auch auf der Brust im strengsten Verstande festen, fixen. Sie wärmen nicht, aber sie adeln, und das Blut das sie adeln, wärmt sie . Zur Schau werden sie nie getragen, und zeigen sich bloß im Stande der Unschuld. Dafür daß sie kein Goldsticker gestickt hat, kann sie kein Dieb rauben und kein Jude ausbrennen. Weiß. Auch dort würfelt man bei Sternen auf der Brust; bei Sternschnuppen sollte man sagen, denn sie stehen so wenig auf der Brust, als jene am Himmel. Es ist noch viel Fremdes zwischen Ehrenzeichen und Ehre; sie gehen einander nichts an; sie können, jedes einzeln, abgelegt werden, und, um sich recht kommode zu machen, beide zugleich. Nach diesem Wink über die Deutungs-Methode dürfen wir von dem übrigen nur die Worte selbst hersetzen; sie klingen ohnehin fast wie Deutung. Genug, man sieht, Hogarth wollte mit Blacks Kaffeehause eigentlich nichts sagen, als: »Hier wird ok Seepe gesaden.« Die beiden Würfelspieler setzen ihre Güter gegen einander, und schon hängen die Würfel da, wie Sarah-Youngs Manschetten-Schachtel und Herrn Weißens Blitz. Hogarth hat vieles auf dieses Blatt gebracht, was hängen könnte und – sollte . Der Schurke mit der weißen Perücke, der auf dem Punkt steht, ein Schuhputzer mit doppeltem Apparate zu werden, so wie er schon einer mit doppelter Garderobe ist, soll wirklich das Porträt eines französischen Jungens sein, der an der Ecke des Saugäßchens (Hog-lane) , S. erste Lieferung S. 710. wo es vermutlich sehr nötig war, den Leuten die Schuhe putzte. Der schlaue Fuchs hatte die rechte Stelle gewählt, so wie hier seinen rechten Mann. Unter seinem rechten Knie liegen noch andere Würfel, vielleicht hat er gar dem benebelten Baron weisgemacht, er könne nur mit seinen eignen werfen. Der Riemen, den er auf dem Schoße hat, kann auf Riemenstechen gehen, vielleicht ist es aber auch bloß das verlorne Ordensband des Barons. Hinter diesem sitzt ein Spieler mit einem Gesichte, von dem man an einem andern Orte glauben könnte, es hinge . Auf seinem Hute, dem er den Rand aus Gründen abgeschnitten hat, hat er ein Billet stecken, das diesen Verlust zehnfach ersetzt; eine wahre Perle an dieser Krone. Your vote and interest heißt: ich erbitte mir Ihre Stimme und was Sie sonst vermögen . Der Pursche ist ein Wahlherr . Eigentlich aber steckt doch das Haupt-Stimmorgan, das ihn nährt, an der Seite; ein Trompetchen; es ist ein Postjunge, der mit diesem Instrumente viel Trompeterei treibt, und (ins Weiße übersetzt) ein solches Votum kann nützen. An den Wahlherrn nahe von hinten angeschmiegt, sitzt ein Spion, der dem Manne mit dem Ordensbande anzeigt, wie viel Honneurs sein Gegner in der Hand hat. Diese Stelle wollen wir ja schwarz lassen. Fast unmittelbar unter der Stange der Portchaise, sitzt neben seinem Schnaps-Gläschen der kleine Politiker, und studiert seinen Pfennigs-Moniteur bei einem Pfeifchen, durch dessen Glut die kleine Nachbarin, die Nase, zugleich gegen die Märzluft gesichert wird. Es ist unbeschreiblich viel Warmes und Häusliches in dem Staats-Männchen. Es hört nicht den Donner des Himmels, und sieht nicht den Blitz der Londonschen Polizei, der dicht bei Blacks Kaffeehaus einschlägt. Ist es möglich, mit größerm Wohlbehagen in die Politik seines Vaterlandes zu blicken; Es muß recht gut um England stehen, wenigstens um die Notabeln, zu denen das Figürchen gehört. Das übrige von Whites Kaffeehaus, das uns der Spiegel nicht zeigt, werden wir kennen lernen, wenn uns Hogarth selbst dahin führt, welches auf der sechsten Platte wirklich geschieht. Das Hündchen, das entweder dem Welschen oder Sarah Young gehört (es wird etwas hierüber in der Folge gesagt werden), scheint so viel Unordnung da auf der Straße unter vernünftigen Geschöpfen sehr unvernünftig zu finden, und seinen Unwillen mit deutlichem Ausdruck von Befremden zu äußern. So etwas tun die Hunde; sie mißbilligen da, wo sie in die Gesellschaften gezogen werden, nicht selten manche Untugenden derselben, zumal die lärmenden, machen aber gemeiniglich durch ihre Einsprüche, weil es ihnen am Vortrage fehlt, die Sache nur schlimmer. Hinter dem Laternen-Wärter steht eine Statua equestris ohne Reiter. Es wohnt da unten ein Sattler, der dieses Pferd dahin gestellt hat, um anschaulich zu machen, was für ein erbärmliches Geschöpf das Pferd ohne Sattel sei. So wählte sich bekanntlich eine berühmte Putzmacherin zu Paris zum Aushänge-Schild die Mediceische Venus, um recht anschaulich zu machen, was für verächtliche Geschöpfe die Frauenzimmer sind, wenn sie keine Kleider anhaben. In dem Bienenschwarm vor dem Eingange in den Palast, steht hinten eine seltsame Figur; sie scheint fast so was wie einen Bienenkorb übergestürzt zu haben. Der Anonymus merkt an, sie habe eine wiewohl sehr entfernte Ähnlichkeit mit der kleinen Figur auf der Vorstellung des Mittags (Noon) , die aus der Französischen Kapelle geht. S. die vierte Platte der ersten Lieferung. Sehr entfernt ist allerdings diese Ähnlichkeit; eigentlich ist gar keine da. Denn dort ist das Ding offenbar eine Perücke, gleichviel ob aus Menschen- oder Ziegen- oder Schaf-Haar, oder geschnitzt oder in Gips gegossen. Hier aber ist es offenbar ein Korb, den die etwas kurze weibliche Taille übergestürzt hat. Der Anonymus bedachte nicht, daß es hier etwas regnet, und auf den ersten Abdrücken sehr viel stärker geregnet haben soll, und da läßt sich ja wohl begreifen, daß ein Mägdchen unter ein reinliches Körbchen taucht. Wie man sagt, so soll das Donnerwetter auf diesem Blatte unserm Künstler sehr viel Mühe gemacht haben. Er besserte so lange daran, bis es so schlecht wurde, daß er ein anderes mußte aufsteigen lassen, dessen Direktion er einer ganz fremden Hand überließ. Was bedeutet die 41 auf der Portchaise? Daß es eine Miet-Sänfte (hackney-chair) I n der Übersetzung von Gilpins Abhandlung von Kupferstichen, Frankfurt u. Leipzig 1768, ist die Beschreibung dieses Blattes durch ein Versehen des Übersetzers an einer Stelle ganz unverständlich geworden. Es wird da von einem Kommissar gesprochen, dieses verwirrte mich anfangs, weil mir bloß die Übersetzung zur Hand war. Als ich endlich im Original nachsah, fand ich, daß man Chairman durch Kommissar übersetzt hatte. Chairman heißt wohl, wo von Versammlungen die Rede ist, zuweilen so viel als Präses , aber die Chairmen , die die Leute in die Versammlungen tragen, sind Portechaiseträger . bedeutet; daß unser Held nicht einmal einen eignen Tragsessel hält, und sich auch wohl nicht ganz bis an das Tor von St. James in diesem würde tragen lassen können, das ist alles klar. Aber warum gerade 41; Daß Hogarth diese Zahl ohne Ursache gewählt habe, ist nicht wahrscheinlich, ja ich glaube so gar, daß es unmöglich ist. Herr Ireland mutmaßt, aber doch mit dem Mißtrauen, ja selbst mit der Mißbilligung, den ein so gar sehr gewagter und gezwungener Einfall verdient, es könne wohl four to one (Vier gegen Eins) bedeuten, weil Rakewell hier von vieren angefallen wird, von zwei Gerichtsdienern, einem Dornstrauch, und einem Spottvogel mit der Ölkanne. Das ist etwas hart. Aber was kann es sein; Die Königin war geboren 1683; Hogarth 1698, diese Kupferstiche erschienen 1735, und die 41te seiner Arbeiten ist es auch nicht. Es könnte also sein, daß da dergleichen Tragsessel ihre gewisse Standplätze in der Stadt haben, Hogarth hier auf etwas gezielt hat, was nur einigen seiner Freunde verständlich war. Fünfte Platte Unser Held setzt seinen Lauf in dem Tierkreise seines Lebens weiter fort. Aus dem Rachen des britischen Justiz- Löwen scheint er glücklich entkommen zu sein, und hier tritt er nun in die Jungfrau (Virgo) . Das Zeichen selbst ist abgebildet, bedarf jedoch einer Erklärung. Rakewells väterliches Vermögen ist fort, und alle die Kisten und Kasten und Winkel, die wir auf dem ersten Blatte gesehen haben, mögen nun wohl manches für die Katze enthalten, aber leider! enthalten sie nichts mehr für ihn. Diese fürchterliche Leere auszufüllen, eröffnet er in Osten einen kleinen Tauschhandel mit seiner männlichen Figur, und dieser schlägt so herrlich ein, daß alles auf einmal wieder voll wird. Diesen Handel ganz zu verstehen, muß man wissen, daß im Orient von London die eigentlichen Geldpflanzer wohnen, die sich ganz vorzüglich auf das Samenziehen davon legen; im Okzident hingegen legt man sich mehr auf das Genießen der Pflanze selbst, und das oft mit so weniger Rücksicht auf die Zukunft, daß sich die Familien oft genötigt sehen, sich frischen Samen aus dem Orient unter schweren Bedingungen zu verschaffen. Ein solcher Handel ist der, wozu der Kontrakt hier geschlossen wird; nur sind hier die Bedingungen nicht schwer; er muß bloß heiraten, und hier geschieht die Trauung. Braut und Bräutigam haben gefunden was sie suchten; Sie einen jungen und schönen Mann, und Er eine reiche Frau; was will man weiter. Daß beide nicht gefunden haben was sie nicht suchten , geht keinem Menschen etwas an, und ist am allerwenigsten ein Stoff zu Schadenfreude, die ich doch zuweilen bei Leuten bemerkt habe, denen ich diese Vermählung zeigte. Das ist aber nicht recht von ihnen gewesen. Ein vernünftiger Mann äußert seine Schadenfreude bloß, wenn er sieht, daß andere sich in ihren Hoffnungen betrogen finden; aber wo ist hier so etwas. Sie suchte keinen Reichtum, und fand auch keinen; und Er? Er suchte keine Schönheit, und fand ebenfalls keine, ja gegenteils noch Naturschulden oben drein. Dieses ist das Thema. Daß die Braut kein Vermögen findet und finden kann, hat uns Hogarth vortrefflich gezeigt. Wie zeigt er aber, daß der Bräutigam keine Schönheit findet? So etwas erforderte wenigstens die poetische Gerechtigkeit gegen seinen Helden. – Hier, teurer Leser, komm und sieh den freundlichen Engel, der hier neben ihm steht; den hat er gefunden. Klagst du noch über Mangel an poetischer Gerechtigkeit? Viel mehr fürchte ich fast ein: Summum Jus summa Injuria von Dir. Schwerlich wird es ein Paar Freier-Augen geben in der Welt, und schlügen sie auch vorzüglich auf edle Metalle, die nicht von diesem Schätzchen so zurückprallen würden, wie ein anderes Paar auf dem ersten Blatte von einem andern Schatzkästchen abprallte – Ach! nur Guineen. – Es ist zu arg. Wir wollen sehen. Man hat schon längst bemerkt, daß es um den Damen-Putz, und folglich um die Damen selbst, sehr viel besser in der Welt stehen würde, wenn sie mehr auf Subordination zwischen ihren beiden großen Putzmacherinnen, Natur und Kunst , bedacht wären. Aber gemeiniglich ist die letzte, eine freundliche, plauderhafte Hexe, Herrin im Hause, und da ist es denn kein Wunder, wenn die andere sich entweder ganz zurückzieht, oder zuweilen, wenn jene mit ihrem Flitterwerk fertig ist, mit einem einzigen Ruck, aber mit unendlicher Feinheit, ein kleines Kontrast-Fleckchen aufdeckt, und damit alle Kunst zu Schanden macht. So wäre z. B. das Köpfchen der Braut nicht so übel, wenn man nur die Natur hätte gehen lassen. Denn dadurch, daß der Zufall dem armen Geschöpfe ein Auge wegapostrophiert hat, würde sie nicht häßlich werden: aber da kömmt die eben genannte Schwätzerin, und bringt, die Sache gut zu machen, den Schnitzer, durch ein Paar beigeklebte Schönpflästerchen, offenbar in die Errata, daß ihn nun gleich jedermann finden kann. Ich frage alle Welt, ob das Paar natürlicher Augen, das da, wie ein Jambus (υ) im Gesichte der Braut steht, um ein Haar unerträglicher ist, als der schelmische Kunst-Spondäus (–) im Gesichte ihres Bräutigams; Überdas gilt von dem noch übrigen Auge, was der englische Aristophanes Foote in seinem: Taste. von dem Auge von Lady Pentweazles Großtante sagt: »dafür, daß es allein steht, ist es auch ein wahrer Stecher und verschafft ihr drei Männer für einen«. Da Hogarth hier sich nun einmal über einen Naturfehler oder ein Unglück lustig macht oder zu machen scheint, so mußte der Ausleger den Ton beibehalten. Jedoch ist er dem Gefühle des Künstlers so wohl als seinem eigenen, gewisser Menschen wegen, die Bemerkung schuldig, daß das Lächerliche hier nicht in dem Naturfehler liegt, sondern in der ganzen Aufführung dieser unverkennbaren Närrin. Daß sie in diesen Jahren einen jungen Wollüstling heiratet, macht sie um so lächerlicher, da es sie, gewisser geheimer Rücksichten wegen, so gar verächtlich macht, wozu denn ihr Flitterputz oben drein noch das seinige sehr reichlich beiträgt. Ob selbst rohe Menschen jemanden, wegen eines verlornen Auges, verspotten sollen oder nicht, hängt größtenteils von der Aufführung des noch übrig gebliebenen ab. Auch hätte, wie mich dünkt, die Kunst den Mund lassen sollen, wie er war, ohne den ganz zwecklosen (υ)-Schnitt. Das soll das Zeichen für kurze Silben sein. Recht gut; aber ein Mundschnitt nach dem Muster des Zeichens für kurze Silben geführt, ist deswegen noch kein kurzer Schnitt. Das ganze Zeichen taugt ohnehin von Haus aus nichts. Hätten die ersten Poetiker Geometrie verstanden, fürwahr sie hätten das Lange nicht mit dem Naturzeichen für die Kürze , und das Kurze nicht mit dem für die Krümme und den Umweg bezeichnet. Daß die Chorde kürzer ist, als der ihr zugehörige Bogen, ist, dünkt mich, eben so klar, als es unbegreiflich ist, wie man dem ungeachtet mit dem Bogen die kurzen und mit der Chorde die langen Silben bisher hat bezeichnen können. Wie viel eine richtige Nomenklatur oder Zeichensprache zum Fortgange der Wissenschaft beitrage, ist neuerlich von einigen Naturforschern so deutlich gezeigt worden, daß ich auf die Vermutung geraten bin, ob nicht der schlechte Fortgang, den die Versbaukunst unter uns hier und da hat, vielleicht gar von jener ganz widersinnigen Sprache in der Prosodie herrühren könne. Da nun in unsern Tagen die Vernunft ihren alten Familien-Prozeß gegen ihre Verwalter mit besonderm Glück zu führen scheint, so wünschte ich, daß man noch ein Separatartikelchen anhängen und darauf antragen möge, künftig die Daktylen nicht mehr mit – vv sondern mit v – – zu bezeichnen. Dafür, daß die Kunst an dieser Braut manches freilich ein wenig verdorben hat, hat sie aber denn doch wirklich verschiedenes nicht so ganz übel gemacht, und das verdient eine ehrenvolle Erwähnung. So ist, zum Beispiel, dem Umstande, daß die Dame fast um zwei Fuß kleiner ist als ihr Bräutigam, und nur um vier Finger breit größer als ihr Kammermägdchen, das hinter ihr kniet , einem Naturfehler, möglichst von der Kunst entgegen gearbeitet worden. Schade nur, daß die Gala-Länge , die sie der Dame zugemessen hat, nicht für die stille Stickluft einer Dorfkirche, sondern bloß für einen Park-Zephyr oder den Wirbel-Wind eines Walzers auf dem Ball berechnet ist. Man sieht, sie hat die Pfauen-Pracht ihrer schönsten Hälfte, ich meine den Flügel-Schweif des Kopfzeugs, hinten beigezogen. In einem Sturm oder Windwirbel würde sie wie eine Juno einherschweben. Könnte sie sich aber auch hier länger machen, so wäre hier weder Zeit noch Ort dazu. Die Donnerworte: »Und er soll dein Herr sein« , können fürwahr alle Pracht der Welt in Falten legen, so wie der Regen den schönsten Pfauenschwanz. Man hat die Kunst getadelt, daß sie der Braut das Ohr so ganz häßlich frei habe stehen lassen. Darin finde ich nun nichts. Vielmehr tadele ich Rakewells Perüquier, daß er ihm die seinigen so ganz und gar verhängt hat. Bei der Trauungsformel sind Ohren nötiger als Augen; und dann finde ich die kleine Eitelkeit einer Halbblinden, zumal von etwas verdächtiger Physiognomie, zu zeigen, daß sie wenigstens ihre beiden Ohren noch habe, sehr natürlich und menschlich. Aber nun kommen wir zu einer Hauptfrage: Ist die Braut noch eine Jungfrau – oder eigentlich: ist die Braut da eine Witwe oder nicht . An einer Sache, woran keinem Menschen in der Welt sonst etwas liegt, liegt oft einem Autor sehr viel, und dieses ist hier mit uns der Fall. Wäre sie weder Jungfer noch Witwe, so müßte ich den Leser wenigstens bitten, oben am Anfange dieses Kapitels die Zeile wegzustreichen, worin gesagt wird: Rakewell trete hier in das Zeichen der Jungfrau . Aber sie kann ruhig stehen bleiben. Denn wirklich entsteht der Zweifler wegen, über einen so delikaten Artikel, ein Wunder, so schön, daß, wenn es wahr ist, woran wohl niemand leicht zweifeln wird, weil es so schön ist, Mad. Rakewells Namen die Ehre der roten Buchstaben verdiente. – An der Kanzel hinter ihr steht das bekannte Wappen der Jesuiten, eine Sonne mit den Buchstaben I. H. S. Es ist bekannt genug, wie diese Buchstaben gewöhnlich gelesen werden. Bald heißt das S, Salvator bald Socius, und mit dem † verbunden, In Hoc Signo (vinces) ; In Hoc Salvaberis. Ja wohl, ja wohl! Mit diesem Haus-Kreuze zumal verbunden, In Hac Salvabere, armer Rakewell! darin, die das mit den Jesuiten gemein haben, daß man daraus machen kann, was man will, wenn es nur etwas Gutes ist. Dieses Zeichen stellt sich hier, seiner Bestimmung ganz gemäß, der gekränkten Unschuld gerade über den Kopf, und wird zum Jungfern-Kranz. Ja was dieses Wunder selbst als Wunder wunderbar macht, ist, daß sich diese Verbindung nirgends zeigt, als gerade von der Seite, wo wir – – wir, leider die Zweifler und Spötter, stehen! So werden bekanntlich die Geister in den größten Versammlungen nur von denen allein gesehen, die zu bekehren oder zu schrecken sie die Gräber verlassen haben. Glauben und schweigen ist weise sein. Rakewells Figur ist nicht ganz ohne Grazie. Man sieht, Essex kann was machen, wenn er will, und die Vorstellung: Ein Viertel Säkulum jünger und zwei Fuß höher , auch. Es ist offenbar Gefühl von Überlegenheit mit behaglicher Verachtung, und Verstellung mit etwas verliebter Schelmerei in dem Blick. Fehlte die letztere, so ließe sich auch bei diesem Kopfe von Jesuiten-Zeichen sprechen. Die Ohren sieht man nicht, und die Augen – kaum; sie selbst aber sehen sehr scharf. Der Blick geht mitten durch den heiligen Schein der Braut, der ihn nicht stören kann, durch, nach einem Cabinetstückchen aus dem Inventarium der Braut, dem Kammermägdehen, das, zu den übrigen Kapitalien geschlagen, vermutlich den Kauf beschleunigt hat. Das Mägdchen ist beschäftigt, etwas an der Culotte In Frankreich teilte man sonst die gebratenen Tauben bei Tische quer, in unähnliche Hälften, und nannte das Stück mit den Beinen culotte , und das andere, nicht sans culotte , sondern seraphin . Jetzt teilt die Egalité so, daß jeder etwas vom sans culotte erhält. ihrer Dame zu verbessern, der Seraphin ist unverbesserlich. Im Gesichte des Mägdchens entdeckt man etwas von verstecktem Lächeln, man glaubt daher nicht mit Unrecht, der Herr Pastor habe, um der Braut ein Kompliment zu machen, gewisse Worte nicht aus der Trauungsformel weggelassen, die gewöhnlich herausbleiben, wenn die Braut ein viertel Jahrhundert mehr hat, als der Bräutigam, der so eben in das zweite Viertel tritt. Vor dem Brautpaare stehen, wie zwei Liturgie-Uhren, der Herr Pastor und der Küster; sie sind beide auf Trauung gestellt, jener der Regulator , dieser der Zähler . Wirklich ist auch der englische Küsterdienst einer von denen in der Welt, die gewiß eingehen werden, so bald Herr v.Kempelen mit seiner Sprechmaschine zu Stande kommen wird; und schon jetzt, sollte man denken, könnte eine Uhr mit Amen , nicht viel schwerer sein, als eine mit Guckguck . – Man glaubt, man hörte den Mann sein langweiliges Amen blöken. Indessen, durch das kalte Dienst-Gesicht durch, bemerkt man denn doch ein kleines Glimmen von Schelmerei. Ich fürchte, es ist über das Semisäkular -Fest, von dem man hier spricht, als wäre es der Stiftungstag. Über den Pastor drückt sich Herr Gilpin vortrefflich aus; er sagt: jedermann der ihn ansähe, glaube, er habe irgendwo ein solches Gesicht und eine solche Perücke gesehen, könne sich aber nicht gleich besinnen, wo? Es ist unmöglich, unsern großen Künstler mit so wenigen Worten mehr zu loben. Augenbrauen, Auge, Mund (sit venia verbo) , ja bis auf den Daumen so gar, ist alles, wie aus einem Stücke geschnitten. – Der Knabe vor der Braut, der beschäftigt ist, ihr einen Polster vorzuschieben, weil es nun bald zum Knieen kommen wird, gehört, wie man aus seinem Krägelchen sieht, zu der Armenschule (charity school) des Sprengeis. Sein erbärmlicher Anzug zeigt, daß die Vorsteher die Sache so zu führen wissen, daß die Kinder die Bettelei nicht vergessen. Man kann nicht wissen, ob sie sie nicht wieder einmal brauchen. Rock und Strümpfe sind zerrissen, und aus den Schuhen stehen nicht bloß die Füßlinge der Strümpfe, sondern die Zehen selbst hervor. Da, wie wir bald hören werden, diese Kirche, und folglich der ganze Sprengel sehr scharf bezeichnet sind: so muß wohl Hogarth gewußt haben, wen er vor sich hatte, als er so darein schlug. Wenn man den Blick flüchtig über das Ganze dieser Darstellung hinführt, so erinnert sie leicht an den Prospekt von einem Seehafen an einem rauhen Tage, wo im Vorgrunde Schiffe aller Art friedlich vor Anker liegen, während gleich beim Eingange die Wellen noch hoch aufschlagen, den Ankömmlingen das Einlaufen erschweren und Stöße erzeugen, die, wenn man nicht bald das hohe Meer zu gewinnen sucht, sich nicht selten mit dem Verlust der Takelage oder gar der Ladung und des Gebäudes selbst endigen. Die Leser werden bemerkt haben, daß es wirklich im Hintergrunde hier fürchterlich stürmt. Die Sache ist kurz diese. Sarah Young hat ihren schändlichen Verführer mit dem Verlust ihrer kleinen Habseligkeiten gerettet. Er versprach ihr die Ehe zum zweiten Male und – betrügt sie hier zum zweiten Male. Sie erscheint also hier mit dem Kinde, dieses Mal schon auf dem Arme, um sich durch Einsprache der Trauung ihres Verführers mit einer andern zu widersetzen. Das Pärchen wird also hier, sehr vornehm, mit Dispensation (by special licence) getraut, wobei der dreimalige Aufruf ( the bans) in dem Kirchspiel des Bräutigams sowohl, als der Braut, wegfällt. Ohne diesen Umstand würde die Einsprache vielleicht anderswo versucht worden sein. Vermutlich tat sie das alles auf Anraten ihrer Mutter, die, aus ihrer Physiognomie zu schließen, über die Wege des Himmels etwas anders denkt, als ihre gutmütige Tochter. Diese ergibt sich seinem Willen mit Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Jene hingegen will wenigstens versuchen, ob sich nicht mit den Fäusten, die er ihr verliehen hat, hiernieden in der Zeit schon etwas tun lasse. Sie kömmt also mit ihrer Tochter hier vor dem Hafen an, allein indem sie einlaufen wollen, und schon etwas innerhalb, schlägt ihnen noch eine so fürchterliche Brandung entgegen, daß die Tochter sogleich wieder hinausgetrieben wird. Die Mutter sucht zwar den Wellen entgegen zu arbeiten, und wirft selbst einen fünfschauflichen Anker aus, allein so was kann nicht viel helfen, und hat hier, wie wir künftig sehen werden, gar nicht geholfen. Nämlich die Küsterfrau, oder sonst eine alte Stuhl-Beschließerin (pew opener) , die die Rechte der Kirche kennt, und hier die Kraft des Löse-Schlüssels und den Verlust der Stolgebühren befürchten mag, greift daher nach einem Pack Bindeschlüssel, und schlägt damit, aller Vernunft und Billigkeit, und zumal dem compelle intrare stracks zuwider, auf die beiden Einsprechenden los. Die Tochter sanft und nachgiebig, und mehr für ihr Kind und ihre Mutter besorgt, als auf ihre Rechte bedacht, zieht sich vermittelnd zurück. Die Mutter hingegen greift zu den Waffen, und verteidigt sich mit großem und kleinem , wiewohl durchaus natürlichen Gewehr, auf das äußerste. Diese Einteilung der natürlichen Waffen zu verstehen, muß man wissen, daß in England die Männer bei ihren Streitigkeiten die Nägel sorgfältig einziehen, und so mit geballter Faust, bloß durch Masse und Schwungkraft, den Feind zu Boden zu strecken suchen. Hingegen das Frauenzimmer läßt bei solchen Gelegenheiten die seinigen heraus, und sucht den Feind nicht sowohl zu erlegen, als mit dem zehnschneidigen Schnepper bloß zu schröpfen . Madame Young aber ficht hier als Amazone, und verbindet den Schröpf-Schnepper mit der Keule, und dennoch erklärte sich der Sieg nicht für sie; – sie hat die Geistlichkeit wider sich! – Wenn man mit diesem Sturme im Sinne wieder nach Rakewells Gesichte zurückkehrt; so scheint es doch fast, als höre er und fürchte er dessen Brausen ein wenig. Sonst scheint niemand in der ganzen Versammlung viel darauf zu achten, den einzigen, vielgeliebten, andächtigen Zuhörer oben auf der Bühne ausgenommen. Von den vernünftigen Geschöpfen, deren wir hier gerade zehn zählen, wenn wir, wie billig, das junge Kind auf dem Arm und das alte, mit I.H.S. markierte vor dem Priester, zusammen für eines rechnen, geschieht der Übergang zu der toden Natur, am schicklichsten durch die unvernünftigen Tiere. Hier wird indessen die Abstufung durch besondere Umstände kaum merklich. In der so genannten toden Natur lebt und webt hier Hogarths unsterblicher Geist, und die Tiere sind von der Art, daß ihre Sagazität manchem Subjekte in dieser Versammlung Ehre machen könnte, der halbdenkende Hund und die geometrisierende Spinne. Linker Hand, unmittelbar hinter einem Polster zum Knieen, ist ein kleines Tête à tête, das sich zur Hauptszene dieses Blattes fast so verhält, wie oben die Versammlung der schwarzen Patrizier auf dem Steinpflaster zu der in Whites Kaffeehaus. Hogarths verewigter Mops, Hogarth hat diesen Hund auch sonst noch verewigt. Unter andern überläßt er ihm auf einem Blatte wider den Dichter Churchill, die Zensur eines Gedichts, das dieser beißende Spötter gegen Hogarth geschrieben hat, nämlich der berüchtigten Epistle to Hogarth . Der Hund sieht das Feuer der Satyre, macht Anstalt es zu löschen und löscht es. Auch findet sich in einem Verzeichnis von Statuen, Büsten etc., die der Bildhauer Richard Parker, auf dem Strande wohnhaft, verkauft, eine von »Hogarths Favorit-Hunde« (Hogarth's Pug-dog) . namens Trump (Trumpf), ein rasches Mannsbild, ist mit einem ältlichen Geschöpfe seiner Gattung, aber verschiedenen Geschlechts, in einer geheimen Unterredung begriffen, die schon deswegen unsere Aufmerksamkeit verdient, weil sie bloß unter drei Augen geschieht. Betrachtet man die Sache näher, so kömmt man fast auf ganz sonderbare Gedanken. Denn läßt es nicht, als brüste sich die kleine Betze Einige Ähnlichkeit hat dieses Hündchen mit dem auf der vierten Platte. Wäre dieses, so könnte es dort wohl Sarah Youngs Hündchen sein, das auch hier mitgelaufen wäre, und eine bessere Aufnahme in diesem Tempel gefunden hätte, als sie. Ich rechne nicht viel auf diese Mutmaßung, wiewohl nicht wegen des hier fehlenden linken Auges. Aber da Hogarths Pug-dog hier ist, wo steckt Hogarth? Ist er irgendwo mit seinem Crayon hier auf der Gesichter-Jagd, so hat er sehr unrecht getan, sich nicht wenigstens uns auf dieser Seite zu verraten. Ich hätte ihn alsdann in der Liste vernünftiger Wesen sicherlich für zwei gezählt, und so das Dutzend voll gemacht. mit ihrer weißen Gorge , mit ihren Perlen-Schellchen um den Hals, und mit etwas, was fast aussieht wie ein Strich- Plättchen ? Auch hängt wirklich hinten etwas herab, was in der freien Luft, oder bei einem so genannten Hochzeitszug auf der Straße, besser paradieren möchte als hier. Es fehlt nur noch ein Hündchen, das sich mit der Cülotte der Liebenswürdigen beschäftigte, so würde vermutlich Trumpf auch über die Geliebte weg dahin schielen, und dadurch eine gewisse Ähnlichkeit, von der man nicht laut sprechen darf, vollständig werden. Doch nein! Trumpf meint es redlich, und verlangt, wie man aus seinem ganzen Anstande, den ihn kein Essex gelehrt hat, sieht, nichts in den Kauf. Gleich neben der so eben gezeichneten vorbildlichen Gruppe, sieht man, an einem der Kirchstühle befestiget, die arme Armen-Büchse (the poor's box) . Sie muß sehr arm sein, wenigstens mehr von Fliegen als wohltätigen Fingern besucht werden, denn eine Kreuzspinne hat ihr Netz, als an einer der sichersten Stellen für sie im ganzen Hause, darüber gespannt, und vermutlich haben die Vorsteher sie sitzen lassen, um sich die Mühe einer vergeblichen Eröffnung einer Büchse zu ersparen, die nicht geschüttelt werden kann, und dann an jedem Morgen zu sehen, ob sie nicht bestohlen worden ist. Es ist dieses der einzige Gegenstand in dieser Kirche, aus dem sich noch erkennen läßt, daß die Vorsteher derselben wohl etwas leisten könnten, wenn sie nur wollten. Dieser Einfall Hogarths ist sehr berühmt geworden, wenigstens habe ich in meiner frühsten Jugend schon davon erzählen hören. Es muß dem Künstler auch wirklich ernstlich darum zu tun gewesen sein, daß man ihn nicht übersehen möge, daher hat er die Fäden des Gewebes so dick gezogen, daß auch der flüchtigste Blick indem Netze dieses im Winkel lauernden Spottes hängen bleibt. Auf der Gesetztafel, hinter der Klerisei des Orts, geht ein starker Riß durch die zweite Tafel, und namentlich durch das neunte Gebot, unser achtes: »Du sollst kein falsch Zeugnis reden.« . Denn jene Kirche macht aus unserm zweiten Gebote zwei, und dafür aus unserm neunten und zehnten, eins. Aus dieser scheinbar geringen theoretischen Abänderung entsteht für uns nichtsdestoweniger eine große Differenz in Praxi. In England wird jedes Vergehen in pto sexti , wornach im größten Teile von Deutschland kein Hahn kräht, unausbleiblich mit dem Galgen bestraft; denn da ist es gegen den Mord . Dafür hängen wir aber, wenn sonst nichts dazwischen kömmt, die Verbrecher gegen das siebente, da nach dem dortigen Cours der Dieb seine Komplize heiraten und hingehen kann, wo er will. Neben der Gesetztafel, gerade hinter dem Küster, ist eine Stelle, worin etwas gehangen hat, das von Wichtigkeit gewesen sein muß, nicht weil es hinter der Küsterstelle hing, oder weil ein Ritterhelm mit einem Löwen noch wirklich zu Schutz und Trutz darüber hängt, oder ein Cherub-Köpfchen darüber schwebt, sondern weil man es neben das Gesetz gehängt hat. Zum Glück für die Ausleger, hat der Zahn der Zeit, oder welches wahrscheinlicher ist, die Kralle des Mutwillens, oder was es sonst war, noch gerade so viel übrig gelassen, daß man sehen kann, was es gewesen ist. Noch stehen auf der kostbaren Reliquie die Worte: I believe etc. (Ich glaube). Es war also der Glaube (the Creed) , was da gehangen hat, wo nun nichts mehr hängt. Das hieße also: Ich glaube an gar nichts , oder an alles, was man dereinst wieder dahin hängen wird. Schade, daß das Glaubens-Vakuum da, eine so gar unbestimmte faserige Grenze hat. In einem abgerundeten, schön vergoldeten und mit allen Insignien der Philosophie gezierten Rahmen, wäre es das sprechendste Wappen der Toleranz, das sich denken läßt. Überhaupt ist wohl, alles gehörig zusammen genommen, keine Kirche möglich, die bei so wenig äußerem Reiz, so viel inneren für alle Menschen hat, als diese. Sie verlangt nichts als Glauben, ohne zu fragen, an was» Dieses allein führt ihr schon sicherlich alle ehrliche Leute der ganzen Welt zu; sie hat ferner die Gesetztafeln vom sechsten Gebote (unserm fünften) an, zerbrochen, und so kann es ihr selbst an dem Beifall von Spitzbuben, Hurern und Ehebrechern nicht fehlen. Auch ist der Pfeiler der, zwischen dem Kammermägdehen und der Braut, etwas gegen die Kanzel zu, aufsteigt, ganz aus der Säulenordnung der ersten Kirche, und die Kanzel selbst gleicht völlig einem alten Lehrstuhle der Philosophie, was eigentlich jede Kanzel sein sollte. Ein Paar Sonnen mit oder ohne Tonsur, eine oben für den Herrn Pastor, und eine andere für die Gemeinde, lassen sich, wie hier, leicht daran malen, und ändern die Sache selbst wesentlich nicht. – An der Hinterwand der Kanzel sieht man einen dunkeln Kreis, der viel zu deutlich dasteht, als daß er umsonst dastehen könnte. Es scheint etwas Verfinstertes zu sein; ein Flecken auf einem Vorhange, der außerdem, daß er mit der übrigen Reinlichkeit in der Kirche zusammenhängt, noch an manches neue Licht erinnern kann, das von dort ausströmt. Ich weiß es nicht. – Wenn man alles das zusammennimmt, so sieht man wohl, daß es mit dem Leiblichen dieser treuen Marien-Kirche Es ist nämlich die Kirche von Marybone (Mary le Bone) , einem Dorfe bei London, das damals zu einer solchen Trauung im stillen noch weit genug von der Stadt ablag, nunmehr aber mit mehrern andern Dörfern Hoffnung hat, in die Stadt selbst aufgenommen zu werden. hier nicht sonderlich aussieht, daher hat man die alte Rechtgläubige heute für diesen Ehrentag mit allerlei Laubwerk und grünen Büschen etwas heraus zu putzen gesucht. Ja es ist mir wahrscheinlich, daß selbst der ganze Pfeiler weiter nichts ist, als eine Krücke, die man ihr heute, der vornehmen Gesellschaft wegen, zugelegt hat, um sich wenigstens während der Trauungs-Zeremonien aufrecht halten zu können. Also alt, herausgeputzt und pro nunc renoviert, verhält es sich mit Nôtre Dame der Kirche ungefähr so wie mit nôtre dame der Braut. Ja ich glaube fast, etwas von dem Putze hier bezieht sich so gar auf beide Damen zugleich. Die Leser werden bemerken, daß die Büsche sich nicht sonderlich durch Blumen auszeichnen, mit denen man sonst in England bei dergleichen, oder überhaupt bei allen Gelegenheiten, sehr freigebig ist. Es ist ein bloßes Grün, mit dem sich das Jahr heraus zu putzen pflegt, wenn es auch alt wird, Wintergrün. Man nennt es auch wohl aus Gefälligkeit Immergrün , so wie schwarze Kleider Gala-Kleider . Nimmergrün Ein Einfall von Pope, der die immergrünen Pflanzen sehr witzig nimmergrüne nannte (evergreen, nevergreen) . und Trauer für abgeschiedene Röcke, wäre schicklicher. Wie würde es um dein Honorarium stehen, guter Amen-Zähler , dort, wenn das Stückchen Wintergrün, das vor dir steht, die Bedeutung deiner Büsche kennte! Aber woher weiß man, daß dieses die Kirche von Marybone ist? Dort oben stehts an der Emporbühne: This church of Mary le Bone was beautified in the Year 1725. Tho.Sice et Tho. Horn Churchwardens . Also hier steht der Name nicht bloß der Kirche, sondern selbst der Kirchenvorsteher, die sie im Jahr 1725 so verschöneriert haben, daß es im Jahr 1735 so damit aussah. Nichols bemerkt ausdrücklich, daß dieses keine erdichtete Namen seien, sondern daß die damaligen Vorsteher wirklich so geheißen hätten. Hätte wohl eine Kirchenvisitation mehr tun können? Die Kirche wurde auch abgebrochen und nun eine neue gebaut, worin dieser gegenwärtige Stall noch bequemer, wie man sagt, stehen könnte, als der zu Loretto in seinem Futteral. Die Kirche war wirklich so klein; muß also fürwahr sehr klein gewesen sein; nicht über drei Reifrocks-Breiten breit. Es scheinen auch die Kirchenstühle mehr in Verhältnis mit der Kirche, als dem menschlichen Körper zu stehen. In dem zweischläfrigen linker Hand können unmöglich Menschen gewacht haben, stehend gewiß nicht. Trumpf der da neben seinem Wintergrünchen steht , ragt schon bis an das Schlüsselloch. Daß es aber ein Stand , und nicht etwa ein Reliquien- oder heiliger Kleider-Schrank ist, lehrt die Aufschrift. Wir geben sie hier, um unserm Leser die Mühe zu ersparen sie selbst zu entziffern, Englisch und Teutsch . Sie ist merkwürdig wegen der Ordokrafi und wegen des Lapidar-Stils auf Holz . these: pewes: unscru'd: and: tan: insunder: in: stone: thers: graven: what: is: under: to: wit: a: valt: for: burial: there: is: which: Edward-Forset: made: for: him: and: his: Teutsch. Schraubt: man: die: Kirchstihl': ab: und: nimmbt: sie: drauf: in: Sticken: Wird: man: in: Stein: gegrabt: was: drunter: ist: erblicken: Als: nämlich: ein: Gewölb: zu: legen: Todte: drein: Das: Edward: Forset: baut': für: Sich: und: für: die: Sein'n. Nichols sagt, die Inschrift sei getreu kopiert, die Buchstaben erhaben geschnitten, und fänden sich in der neuen Kirche, weil der Bischof, unter welchem diese gebaut wurde, wie billig, Sorge getragen hat, daß diese Denkmäler, so viel wie möglich, beibehalten wurden. Weil die Familie Forset ausgestorben ist, so fiel die Stelle an den Eigentümer des Grundstücks, den Herzog von Portland. Auch ist der kleine Basrelief aus vergoldetem Blei, den man hinten und unter dem Fenster sieht, und die Grabstätte einer Familie Taylor bezeichnet, noch jetzt vorhanden. Also ist es ein verschlossener Kirchen-Stuhl und kein Schrank . Indessen da ein Begräbnis darunter ist, so wird die Sache etwas aufgeklärt. Vielleicht liegt der Stand halb unter der Erde bei den Vorfahren, und hätte sonach, als zeitliche Schlafstelle, des Memento mori wegen, oder auch zur Erinnerung an Auferstehung, Kommunikation mit der ewigen . Herr Gilpin ist mit seiner Connoisseurschaft bei diesem Blatte übel angekommen. Es geht den Kunst-Fühlern oft so in Praxi . »Die Perspektiv, sagt er, verdient Beifall, die Kirche scheint nur zu klein, und die hölzerne Säule, welche weiter keinen besondern Nutzen hat, teilt das Gemälde auf eine unschickliche Art ab.« Der sonst feine Mann hat nicht bedacht, daß der Glaube und die Gesetztafel dort an der Wand und das Gesicht von Rakewells Liebchen, noch viel unschicklicher abgeteilt sind. Hätte er sich bei den Vorstehern erkundigt, so würde er vielleicht haben erfahren können, was die Säule für einen Nutzen hat. Sie dient, die Kirche zu stützen, und war überdas den Leuten ganz unentbehrlich, die Neigung hatten, die Revenüen der Kirche selbst in die Tasche zu stecken. Das Ganze ist nach der Natur und mit einem Zwecke gezeichnet, der, wenn man ja etwas dabei idealisieren wollte, sich nur mit Erniedrigung, und nicht mit Erhöhung des Gegenstands, vertrug. Sechste Platte Hier ist Whites Kaffee-Haus von innen. In diesem Hause kam am 3ten May 1733 Feuer aus, und Hogarth bedient sich dieses Umstandes, den Ort für das damalige Londonsche Publikum zu bezeichnen. Warum er wohl den Blitz nicht selbst gewählt hat? Die Gesellschaft ist, wie wir sehen werden, auf alles gefaßt. Rakewell hatte mit Streithahnen und Rennpferden nicht sehr glücklich gespielt, oder was er damit gewann, zugleich mit dem übrigen an das bunte Geflügel in der Menagerie bei Pontac verfüttert. Durch den Tauschhandel in der Kirche von Marybone gewann er wieder beträchtlich, von der Seite wenigstens wo es fehlte, aber, wie sich von selbst versteht, bei weitem nicht genug. Caetera desunt , dachte er, und griff, der Kontinuation wegen, zu dem Erwerbmittel, das sich am besten mit seinen Fähigkeiten und seiner Philosophie vertrug, dem Hazard . Wie die Welt entstanden ist, kann mehr entstehen, und so entstand hier auch wirklich durch bloßen Hazard für unsern Helden ein Glücks-Gebäude, das sich mit nichts schicklicher vergleichen läßt, als mit der Garderobe des Sternritters sur le pavé . Der Ausdruck in diesen Gesichtern und Figuren dieser Gesellschaft geht über alles, so mannigfaltig sie auch sind, und bei weitem den größten Teil der Tonleiter menschlicher Gemütsstimmung umfassen. Schlaffe Leerheit auf der niedrigsten Stufe, das eigentliche moralische Nichts und wieder Nichts ; bedächtlicher systematischer Ernst und Ernst von kallöser Natur durch erworbene Gefühllosigkeit; Mißmut tief und stille in sich gekehrt und Mißmut mit Äußerungen von angehender Verzweifelung; die knirschende, rasende Verzweifelung, wie sie gegen sich selbst und das Verhängnis, und wie sie mit dem Mordgewehre bewaffnet argwöhnisch gegen andere wütet; kaltes Blut bei günstigem Glück und behagliche Freude dabei mitten in dem tobenden Gewühl von Verwünschungen der Unglücklichen, auf deren Ruin es sich stützt; Furcht, Schrecken in allerlei Gestalten, alles in dem Grade, der für jeden andern Gegenstand als den herrschenden, fühllos macht, sieht man hier in bunter Mischung durch einander. – Es ist fürchterlich! Wenn man nun gar noch hören oder einmal bloß hören könnte, etwa von der Türe; das Umstürzen der Stühle, das Klingen einzeln hoch aufgezählter Guineen, und das schwerfälligere Rauschen über dem Tisch geschleifter Summen in Masse; Flüche, Verwünschungen, mit aller Macht der Sprache und der Menschenstimme ausgestoßen; teilnehmendes Hundegebell, und das alles mitten unter dem Geschrei von Mord und Feuer ! Was sollte man da vermuten» Etwa eine Spielgesellschaft» Wahrlich, wenn die klingende Münze nicht wäre, eher ein weltliches Disputatorium über Menschenrechte oder ein geistliches über den Vortritt in der ewigen Seligkeit, oder, das Gelindeste zu raten, ein launiges Gespräch im Reich der bürgerlich Toden – im Tollhause. – Allein es ist wirklich an dem – sie spielen! Wem fällt hierbei nicht die Erzählung unsers Lichtwers ein, der dieses ansteckende moralische Übel, das sich über kurz oder lang mit Verderben endigt, in einem andern Stadio so schön beschreibt? – Aus jenem Becher dort auf dem Tische erwarteten sie den Ausspruch des Zufalls über den Besitz ihrer Güter, und Rakewell hat alles verloren! – Seine Schätze sind dahin, und nichts ist ihm übrig als sein – Schätzchen! Er wirft sich auf die Knie, knirscht mit den Zähnen, und sucht mit epileptisch starrendem Auge und mit geballter, drohender Faust den Himmel, der keine Schuld hat. Sein rechter Fuß hebt sich bebend auf den Zehen, mit dem rechten Arm zugleich, dem der linke gespannt gegenüber steht, wie Flügel gegen Flügel. Es ist zu spät! Wären es die Flügel der Morgenröte, die Strafe würde über ihm schweben. Was das für Engelstimmen sein mögen, auf die er horcht» Oder ist es das Schlüssel-Gerassel des Kerkers oder das Klirren der Ketten von Bedlam, das er hört» – Da liegt es, das ausgeraufte Haar, die leere Perücke, neben dem leeren Geldbeutel, und zwischen beiden der arme Zopf, der jene schleuderte; ein erbärmliches Zeichen der Exklamation und des Kreuzes zugleich †. Armseliges Geschöpf! Wäre doch nun dein Herr Hauptmann hier, »Sein Degen könnte dir von Nutzen sein«. Mit ihm stürzte sein Stuhl, hinter dessen Lehne hervor ein Hund aus Coventgarden seinen Anteil bezeigt an dem tiefen Falle. Der Glückswechsel muß sehr groß sein, wenn ihn die Pudel bemerken. Zur Rechten kehrt ein Mann, den der Hund noch zur Zeit nicht bemerkt, dem Glück den Rücken, weil es ihm unerträglich ist, den Rücken des Glücks länger anzuschauen. Er kam in tiefer Trauer, so gar mit Pleureusen (weepers) hieher, und wahrscheinlich mit einer Erbschaft in der Tasche, über welcher jetzt die Krötenform einer fremden Hand auf dem Tische brütet. Vorher trauerte er um den Verwandten, und nun sehr viel tiefer um die Erbschaft. Merkwürdig ist die Verschiedenheit in den krampfhaften Äußerungen der Verzweiflung, über den plötzlichen Verlust von erheiratetem Gute bei unserm Helden, und von geerbtem bei dessen Nachbar. Jener, wie mit Knalluft gefüllt und angezündet, fährt auseinander durch Übermaß von Spannkraft; dieser, wie eine angestochene Blase, fällt zusammen. Es ist also wirklich in den Gebärden von beiden so etwas wie Hochzeit und Begräbnis . Der eine hat wenigstens die platzende Sperrigkeit des Jubilierenden, und der andere die zusammenkriechende Gebeugtheit des Leidtragenden, die an Sack und Asche erinnert. Vielleicht ist Rakewells Kleid im Gemälde noch gar hochzeitliches Weiß und Silber. Der Kontrast zwischen diesen beiden Spielern ist von unserm Künstler vorsätzlich weit getrieben. Rakewells Ideen-vollem Kopfe ist selbst die Perücke zu enge, alles sucht das Weite; bei dem Nachbar schwindet alles nach innen, und er drückt selbst mit beiden Fäusten Hut und Perücke nach; und wenn jener den rechten Arm mit großer Stärke aufhebt, so scheint es fast, als hätte sich bei diesem das Bißchen Hebkraft, das ihm noch übrig ist, ganz in das linke Bein geworfen. Zu beiden Seiten von dieser Gruppe finden sich zwei friedlichere, wenigstens stillere. Gerade vor dem Leidtragenden sitzt ein alter Wucherer, der so eben einem Lord Cogg Von to cog. fuchsschwänzen, schmeicheln, betriegen usw. Daher a Cogger . (also nicht Incog.), dessen Ärmel aus Gold oder Silberstück das davorstehende Licht beschämen, 500 Pfund (vermutlich halb Kapital und halb Interessen) freiwillig leiht. Lend to Lord Cogg 500 L., sollte heißen Lent etc. Hinter unserm Neuvermählten wirbelt ein Straßenräuber in tiefen Gedanken die Daumen. Er ist hier weder willens zu leihen noch zu borgen, trägt aber die Instrumente zu einer gezwungenen Anleihe auf der Heerstraße, in der Tasche, eine Pistole und eine Maske. Dort ist der Kreditor der Räuber, und hier ist es der Debitor gewesen und wird es wieder sein, wenn er hinaus ins Comtoir kömmt. Vortrefflich ist der Kopf des Alten, der mitten unter Feuer und Mord und dem Gebrülle der Verzweiflung, das selbst den Hund zu sympathisieren zwingt, ruhig bei seinem Studier-Lichtchen sitzt, und mit wachsamer Feder jedes Pünktchen notiert und ründet. Aber freilich von einer solchen Froschphysiognomie, wie Lord Coggs, ist was zu gewinnen. Es ist doch etwas Unerträgliches in dem Labial- und Brachial-System von Ihro Hochwohlgebornen , deren Lippen mit gleicher Breite, wie ein Feuerstrahl, rings um den Mund herumlaufen, und deren Arme wie ein Paar Schwimm-Beine gebogen sind. Indessen man ist beiderseits zufrieden, was will man weiter. Sie sind glücklich. »Gewiß hat beides sein Vergnügen, Betrogen werden wie Betriegen.« The pleasure, sure, must be as great Of being cheated, as to cheat. Butler Vermutlich hat der Straßenräuber alles, was er diesen Abend auf der Heerstraße mit der Pistole errungen hatte, hier durch die Würfel verloren, und nun hält sein Gewissen Abrechnung mit ihm, wobei die Bilanz schrecklich für ihn ausfällt. Diese Meditation da ist eigentlich eine Gewissens-Exekution; sehr begreiflich. Von der Galgen-Seite her sind die Aspekten immer dieselben; das Verbrechen ist begangen, es kann nie wieder zurückgenommen werden; er gehört von nun an dem Galgen, so bald er erkannt wird, und selbst sein Pferd kann ihn verraten. Von der andern Seite sind sie nicht günstiger. Was man durch das Verbrechen erringen wollte und errungen hatte, ist verloren – fort, auf immer; man ist wieder so arm und so kahl, als vor wenigen Stunden, aber da war man noch unschuldig vielleicht; – jetzt steht der Galgen immer voran, schon ganz fertig; das häßliche griechische Π wird künftig die Einfassung zu jedem Plane des Verstandes und jedem Gemälde der Phantasie. Bei einem solchen Kalkül und einer solchen Perspektive ist es kein Wunder, wenn ein gänzlicher äußerer Sinnen-Schlag erfolgt. Er sieht und hört und fühlt nicht mehr. Der Knabe, der vor ihm steht, der ihm laut zuruft, der ihn so gar schüttelt, ist für ihn nicht da. Um Geruch und Geschmack mag es nicht besser stehen, denn auch der bestellte Labe-Trunk ist jetzt nicht da für ihn. So gar an die Pistole und Maske denkt er nicht. Es ist ein Glück für ihn, daß der Knabe, das einzige vernünftige Wesen, das in dieser ganzen Gesellschaft noch für Beobachtungen vakant ist, nicht an dieser Seite steht, sonst möchte die oben gezeichnete Einfassung um die Bilder der Phantasie dieses Helden, sehr bald zur Einfassung um den Helden selbst werden. Was der weiße Strich bedeutet, der von der Pistole ab nach der Erde geht, verstehe ich nicht ganz. Ist es ein Börtchen am Kleide, oder ist man vielleicht gar ein Schneider? Er sitzt vor dem Kamine, der mit einem Gitter gesichert ist. Dieses Gitter ist kein Garde-Feu , sondern ein Garde-Fou . Noch fehlt es in England dem Kamin an einem Garde-Madame . Denn jetzt könnte es leicht sein, daß sich in einem Winter mehr Frauenzimmer in England lebendig verbrennten, als junge Witwen in Bengalen. Man hat zwar sehr zierliche Befriedigungen angebracht, die man Fenders nennt. Sie schützen aber nur den Fußboden und den Teppich etwas, Unterröcke und Schürzen aber so wenig gegen Unheil, als manche moralische Fenders , die man ihnen zur Schutzwehre mit in die Welt gibt. Es soll verhindern, daß die klugen Leute da nicht Würfel-Becher, Karten, Hüte, kostbare Börsen (wenn sie leer sind versteht sich), und Perücken mit samt den Exklamations-Zeichen ins Feuer schmeißen. Fortunens Priester sollen sehr geneigt sein, ihrer Göttin zuweilen mit solchen Brandopfern an der negativen Seite nachzuräuchern, und sie hinwiederum eben so bereit mit einem so gnädigen Gesichte, als es sich von dieser Seite machen läßt, dergleichen Opfer anzunehmen. Nicht weit von dem Kamine ist eine Nische mit gleicher Befriedigung. Was mag das sein? Vielleicht steht da ein Tisch mit Gläsern oder Erfrischungen, die keine Kollisionen mit Perücken vertragen. Wenn schon jedes Schlüsselloch, wie man sagt, ein Pasquill auf den Adel der menschlichen Natur ist, was mögen nicht solche Gitter sein? Man sieht, man ist hier in der Antichambre des Tollhauses. Hinter dem kleinen Knaben steht, an die Wand gelehnt, auch ein schwer Verwundeter. Er ist sicherlich an einer schmerzhaften Stelle getroffen. Was er da so spitz vor den Mund hält, scheint nicht der Teil seines Ichs zu sein, an dem er nagt; innerlich greift er besser zu. Gehen etwa seine Augen auf den schweren zweisitzigen Herrn am Tische, der das Geld einstreicht, und mischt sich noch Neid in die angehende Verzweiflung? In diesem Falle verdient er doppeltes Mitleid. Mit kaltem Blute anzusehen, wenn man unser verlornes Geld einstreicht, ist an sich schwer; anzusehen, wenn es mit kaltem Blute eingestrichen wird, ist schon viel schwerer, aber es gar von der warmen, bähenden Speck-Hand eines gemästeten, sorglosen Patrons wie hier, langsam und mit heimischer, stiller Behaglichkeit eingestrichen zu sehen, ist nicht auszuhalten. Es ist wirklich an dem, obgleich nicht leicht zu erklären, daß im Spiele an die Wohlbeleibtheit zu verlieren, etwas höchst Kränkendes für die Magerkeit oder selbst schon für die Mittelfülle hat. Ob sich diese für klüger halten, weil sie behender sind, oder aus einem ganz entgegen gesetzten Prinzip, jener ihr zeitliches Fett für zeitliches Gut und baren Überfluß in Anschlag bringen, oder ob sie glauben, der verdiene das Geld mehr, der es mit sanguinischer Planlosigkeit einstreicht, als der, der es wie einen Gänsebraten für den Abend, phlegmatisch vor sich hinrückt, weiß ich nicht. Das Faktum ist unleugbar. Hinter dem Leidtragenden sitzt ein Wesen, von dem man nicht sagen kann, was es eigentlich trägt, aber Leid möchte man um Es tragen. Ein wahres Vakuum; bloß Raum für einen Menschenkopf. Wie gemalt, könnte man sagen, wenn man ihn loben wollte. Behüte, und bewahre alle Menschen vor solchen Wachsfiguren! Wie dieser Geck hieher kömmt, mit seinem Blick ins Blaue und seinem Liebäugeln mit der Luft» Sicherlich ist es der erbärmlichste der Gesellschaft, und von Hogarth vermutlich bloß hieher gebracht, um die übrigen durch Kontrast zu unterstützen. Er scheint einer von den Hasenfüßen zu sein, die ohne Kraft zur tätigen Liederlichkeit, es dennoch für nötig hielten, sich hier und da das Ansehen davon zu geben: »Gestern waren wir bei Whites; da hatten wir verdammt hohes Spiel.« – Das offne Mäulchen will bloß davon erzählen, und erzählt vielleicht jetzt schon. Die Gewinst-Teilung hinter dem Straßenräuber ist vortrefflich. Um die Lippen des unbedeckten Glückseligen schwebt fast ansteckende Behaglichkeit. In Acht mag sich aber denn doch dieser Glückselige nehmen. Der Mann mit dem Hute teilt ein wenig schnell und fast vorsätzlich mit mehr Geklingel als Gewicht. In seiner Vertraulichkeit ist überdas etwas sehr Oratorisches, vermutlich der klingenden Münze noch mehr Klang, und dadurch gar der Zahl selbst die Runde zu geben, die ihr fehlt. Aus dem Anzüge der beiden Compagnons zu schließen, sind sie nicht von gleichem Range, und da nimmt denn die geringere Moitié leicht ein Wort zu seiner Zeit für bar Geld, zumal wenn vorn so dazu geklingelt und hinten auf dem Rücken wohl gar ein gnädiger Takt sanft dazu geschlagen wird. Dieser sehr gesetzten kleinen Gruppe gegenüber, nach der Türe zu, vermißt man noch eine Perücke, und offenbar zugleich noch allerlei was im Kopfe darunter lag. Das Subjekt hat viele Ähnlichkeit mit Rakewelln. Es ist alles fort. Nur sucht er die Ursache davon, nicht wie jener über den Wolken: quod petis, hic est: Est Ulubris Hor. Epist.I. XI. 29. (bei Whites) denkt er, und stößt auf einen, vielleicht unschuldigen, armen Teufel, den er für einen Betrüger hält, fürchterlich zu. Das ist noch viel zu weit gesucht. Zum Glück führt er den Degen eben so ungeschickt wie die Würfel, sonst hätte das Spiel sehr hoch werden können, und dann ersetzt ihm ein gutmütiger Mittler seinen Verlust zum Teil; leiht ihm etwas von seinem Verstände, und fast möchte man sagen, von seiner Perücke. Letzeres ist eine ganz natürliche Folge von ersterem. Denn weil es Köpfen in schweren Fällen, wie dieser, unmöglich ist, sich einander mittelbar durch Worte verständlich zu machen, so ist das Vernünftigste, was sie tun können, daß sie sich von Angesicht sprechen und ihre Gründe mit den Schädeln, worunter sie liegen, zugleich gegen einander anlaufen lassen. Die Methode ist vortrefflich, und man hat Ursache zu glauben, daß es mit manchen Streitigkeiten in der Welt, zumal den gelehrten, nicht so weit gekommen sein würde, wenn man sie auf diesem Wege auszumachen versucht hätte. Denn erstlich fiele auf einmal aller Wortstreit, und folglich 9/10 aller Streitigkeiten von selbst weg, und dann hat das Äußere, wenn dabei mehr sanft gedruckt, als gestoßen würde, etwas sehr Gefälliges, nämlich das Ansehen von Bruderkuß , zu welchem es auch gewiß bald führen würde. Das übrige dieses Blattes bedarf kaum einer Erklärung. Jeder Leser hört hier das: Feuer! Feuer! Der Nachtwächter von der Straße springt zu. Er läßt frische Luft durch die Türe in das dumpfige Zimmer ein, und eine Dampf-Wolke hinaus, alles physikalisch richtig und zum Vorteil der Spielgesellschaft und der Flamme an der Decke. Von der ganzen Gesellschaft bemerken es noch zur Zeit nur zwei. Einer, wenn er die rechte Hand niedriger hielte, ganz in der Stellung von Hamlet, wann ihm der Geist erscheint, das ist ganz Natur, und dann der Markeur mit dem Hammer und seinen beiden Nachtlichtchen, die er nun auslöschen kann, da die Sonne hinter dem Karnies des Getäfels aufgeht. Die Stellung des Kerls ist gut; es ist der erste Augenblick der Entdeckung, und noch ist er über die Hälfte im Dienst am Spieltische. An der Spiegelstelle, über dem Kamine, hat ein Kartenfabrikant, Mr. Justian, sein Adreß- und Intelligenz-Blättchen aufgehängt, und ein Lichtchen hält so gar Vigilien dabei. Aus dem Wappen und dem ganzen Gange der Titulatur zu schließen, ist der Mann Hof-Kartenmacher . Ob das im Jahr 1735 etwas einbrachte, kann ich nicht sagen. Der Titel existiert noch, aber es sollen die Zeiten nicht mehr sein. Siebente Platte Sir William Hamilton in seiner Nachricht von dem letzten Ausbruch des Vesuvs im Sommer 1794 merkt an, daß um den Fuß dieses gefährlichen Berges und des benachbarten Somma, also in einem Umfange von etwa 30 italiänischen oder achtehalb deutschen Meilen, mehr Menschen beisammen wohnten, als auf irgend einem Flecke von gleichem Umfange in Europa. Die Menschen scheinen sich zu dem Feuer-Schlunde zu drängen, wie Mücken um eine Lichtflamme. Verbrennen sich auch ein Paar die Flügel, so kommen immer wieder andere; so wenig scheuen oder kennen jene Menschen die Gefahr. Das ist allerdings seltsam. Aber doch bei weitem noch nicht so sonderbar, als daß mitten in dem Lande der Freiheit und des Überflusses , ich meine in England, gerade die Häuser am dichtesten mit Menschen besetzt sind, in welchen jeder, der sie beziehet, sogleich das Votum obedientiae passivae et frugalitatis an der Türe ablegen muß. Ja, daß alles Dichten und Trachten keines geringen Teiles dieses glücklichen Volks dahin geht, seinen Wandel darnach einzurichten, um dereinst eine solche Klosterstelle im Leben zu erhalten. Es mißlingt auch selten, wenn man es nur ernstlich darauf anlegt, und wie dieses am leichtesten bewirkt werden kann, davon haben wir das vollkommenste Muster in dem Leben unsers Helden. Er ist so eben aufgenommen worden, hat sein Gelübde getan, und ist noch mit jenen Herzerhebungen beschäftigt, die gewöhnlich dergleichen Veränderungen bei Leuten von wahrer Salbung hervorbringen. Lange hat er die Welt noch nicht verlassen. Noch liegt sein Bett gepackt da. Darauf ist ein Brat-Rost gebunden. Das ist alles, was er aus dem Säculo mitgenommen hat. – Wenn es nur mit dem Gewissen so ganz richtig ist. Ich fürchte fast, der äußere Bruder Rakewell hat sich noch nicht so ganz mit dem inneren abgefunden. In dieser Hinsicht könnte der Bratrost, so auf das Bett gebunden, wo nicht das Modell, doch das Sinnbild der Bettlade sein, auf der er willens ist, sich des Nachts an seinen eigenen Vorstellungen lebendig zu rösten. – Was dieses für ein Kloster sei, werden die Leser bereits aus der Gatter-Türe und dem Kammerherrn-Schlüssel erraten haben, der da an der Hüfte des Pater Cubicularius herabhängt. Rakewell sitzt, He is arrested , er sitzt Schulden wegen. In der englischen Sprache wird, mit eben so vieler Philosophie als Billigkeit , sehr zwischen sitzen und sitzen distinguiert. Denn die Nachrede, daß man sitze , ist allerdings schon eine Strafe, die also von Rechts wegen auch nach den Umständen ihre Grade haben sollte. Wenn ein Verbrecher ergriffen und festgesetzt wird, so sagt man, er sei taken up oder apprehended . Ein solcher kann nämlich, nach Befinden der Umstände, oft wieder ohne förmlichen Prozeß loskommen. Wird er aber gesetzt , um den Prozeß zu bestehen (for trial) , so sagt man: er sei committed . Sitzt er zur Strafe, so heißt er imprisoned ; ein Offizier in gleichem Falle is put under arrest ; ein gemeiner Soldat confined ; Schulden wegen wird man arrested . Also Captain N. is arrested sagt ganz etwas anders als he is put under arrest . Ersteres heißt Schulden wegen durch zivile Obrigkeit, letzteres wegen eines Vergehens im Dienst durch seine militärischen Vorgesetzten. und zwar im Fleet, einer Art von Lombard, das sich nur von den gewöhnlichen Instituten dieser Art dadurch unterscheidet, daß es nicht so wohl ein Gefängnis für Mobilien , als vielmehr für die ersten Moventien selbst, und ungefähr das ist, was man in Deutschland Schuldturm nennt. Oben auf der 825ten Seite ist von gewissen Segenswünschen und Weissagungen geredet worden, die an unserm Helden in Erfüllung gehen würden. Da sind sie. Hier krümmt er sich nun unter der Geißel seines gerechten Verhängnisses, – tout beau! Ist es möglich, Kummer, Elend und erwachtes Gewissen mit seiner ganzen zweischneidigen Qual von Furcht und Reue in einem liederlichen Taugenichts stärker zu zeichnen als hier? Worte sind noch nicht da. Statt ihrer aber läuft mit unverkennbarem Ausdruck eine Welle beredter Zuckungen durch die ausgemergelten Glieder von unten nach oben hin. Die auf das Knie gestützte Hand hebt sich mit großer Bedeutung, und ihr folgt der Fuß sympathetisch, so wie der aufgerollten Stirnhaut die Augenlider und die Achseln nachziehen; der Strom geht aufwärts. Es ist keine Erhebung, oder wenigstens bloß die, ohne welche der Ausdruck von tiefem Fall, Ohnmacht und Verderben , durch Gebärden, unmöglich ist. Es fällt alles nur desto tiefer zurück, und so spricht er sich selbst das Verdammungs-Urteil, und wird sein eigner Henker durch Verzweiflung. Was das starrende Auge sehen mag? Den Tanzmeister vielleicht? Oder die Gärten, oder die Rennpferde? Oder sieht es gar nichts, und lauscht bloß das Ohr auf die Töne des Orpheus, der die Bestien zähmte? O hätte man die Dose noch! Hier werden die Bestien wohlfeiler gezähmt. Wir wollen sehen. Die Mittel sind heroisch. Neben ihm steht die kleine Akquisition, die man in der Kirche zu Marybone gemacht hat, sein teures Weib, freilich etwas verändert. Ihr Mund, der dort schön, wie Luna ein Paar Tage nach ihrer Wiedergeburt, sich mit sanfter Krümmung zu einem zärtlichen Lächeln bog, könnte hier mit seiner schwarzen Fülle als Zeichen des neuen Lichts selbst, in jedem Dorf-Kalender figurieren. Ja, was noch mehr ist, das ganze Köpfchen, das dort an das freundliche und friedliche Knarpeln des niedlichen Eichhörnchens erinnerte, ist hier ein männlicher Löwenkopf mit Mähne und Rachen geworden, der Menschenschädel knackt wie Haselnüsse. Es ist doch gewiß, daß es nach der Hochzeit ganz anders ist als vorher. Sie ist hier beschäftigt, mit den Fäustchen, die so eben mit ihrer eignen Frisur in der Eile fertig geworden sind, eine kleine Änderung in der von ihrem Gemahl vorzunehmen. Eigentlich wohl bloß, um seinem Gedächtnis über einige Umstände, die ihr zugebrachtes Vermögen betreffen, etwas zu Hülfe zu kommen, welches nach dieser Methode ohne Störung des Kapillär-Systems schlechterdings unmöglich ist. Wirklich verfährt sie sehr richtig. Sie klopft erst mit der linken Faust auf die Schulter, um die festsitzenden Gedanken loszukriegen, und so bald sie merkt, daß sie flott sind, nimmt sie mit der rechten einen Zulauf gerade nach dem Orte, wo sie schwimmen, um ihnen die neue Richtung zu geben. So gibt man selbst dem Eisen Polarität. Es kann nicht fehlen. Allein alles dieses, so lästig es auch unter solchen Umständen einem Manne von Gefühl sein mag, ist doch diesem armen Teufel bei weitem nicht so empfindlich, als das fürchterliche Kartätschenfeuer, das die Zunge seiner Ehehälfte aus jenem finstern Mordkeller hervor auf seine Ohren und sein Herz macht. Hier verdient er fürwahr unser Mitleid. Das ist zu hart , würde man sagen müssen, wenn es nicht so natürlich wäre, und etwas, was natürlich ist, hart sein könnte. Alle Schriftsteller über das Defensions-System des schönen Geschlechts und die militärischen Operationen desselben in einer Ehe-Kampagne, sprechen von diesem Teil ihrer Artillerie als von einer Art von Wunder. Fielding, einer der vorzüglichsten, merkt an, In seiner meisterhaften Beschreibung der Schlacht im Wirtshause zu Upton. Tom Jones, IXtes Buch, Cap. 8. daß die weisesten Menschen davor gezittert und gebebt, und selbst die tapfersten, die mit kaltem Blute in die Mündung eines geladenen 24-Pfünders hineinschauen konnten, sich mit einem erbärmlichen Gesichte zurückgeschlichen hätten, so bald sie in die Mündung eines solchen Böllers hätten blicken sollen. Dieses taten also die Weisesten und Tapfersten unter den Menschen, was mag nun der nicht leiden, der weder das eine noch das andere ist, und sich obendrein nicht einmal wegschleichen kann? Und doch ist dieses bei weitem noch nicht alles. Während ihn die Frau in der Fronte und auf der rechten Flanke angreift, fällt ihm ein anderer Feind in die linke, ein dritter in den Rücken, und zugleich meldet ihm ein Bekannter in einem freundschaftlichen Billet, sein Haupt-Magazin sei in die Luft geflogen. Fürwahr, unter solchen Umständen anders dasitzen, als hier Rakewell sitzt, könnte doch nur Sokrates oder Carl der XII. Ein Knabe nämlich, oder was es sonst ist, (denn an der Bildung seiner Physiognomie scheint die Insolenz schon wenigstens ein viertel Jahrhundert gearbeitet zu haben) bringt ihm den verlangten schäumenden Porter; noch zur Zeit bloß zum Anschauen. Ohne Tausch wird ihn der arme Lechzende nie schmecken, und hier ist nichts mehr zu vertauschen! Selbst die Schuhschnallen scheinen ein Paar Trauerschnallen zu sein, von denen der Lack oder die Bläuung bereits weggetrauert ist. Hinter ihm steht der hochpeinliche Unterschließer (under turnkey) ! Aus dem Buche, das auf seinem Arme ruht, ersieht man, daß er das Einstandsgeld (Garnish money) , den Willkomm , von dem Arrestanten einkassieren will. Das Gesicht, das der Kerl also hier zum Verkauf anbietet, scheint noch eines der besten zu sein, die er für den Kauf machen kann. Schade, daß es Rakewell nicht sieht, indessen er würde es doch nicht kaufen können. Die Insolvenz , die keinen Trunk Bier bezahlen kann, begnügt sich auch wohl mit Gesichtern, die ihr die Insolenz umsonst reicht. Bemerken die Leser wohl den Schluß in forma Juris , der hier gemacht wird? Ein armer Teufel, den man gesetzt hat, weil er nicht bezahlen kann, soll dafür bezahlen, daß man ihn gesetzt hat. Gerade so vergingen sich bekanntlich vor ein Paar Jahren die Franzosen an der guten, Stadt Worms, bloß weil, wie sie sagten, sich diese Stadt an der guten Stadt Worms selbst vergangen haben sollte. Und nun die Rolle und das Billet mit der Nachricht von dem aufgeflogenen Magazine! Dieser Schlag ist einer der stärksten, und fällt so mächtig auf den Geist, als das Feuer aus dem kasemattierten Gesichte dort auf das Herz. Es ist nicht auszuhalten. Das Billet lautet so: Sir, I have read Your play and find it will not doe (do). Ob Hogarth diesen Fehler wider die Orthographie absichtlich und ab Satyre auf Herrn Richs Erziehung gemacht hat, oder ob er als ein kleines Denkmal seiner eignen da steht, ist jetzt schwer auszumachen. Da man aber ersteres von Anfang allgemein glaubte, nachher aber auch das letztere wahrscheinlich fand, so ist wohl das einzige was sich jetzt mit einiger Gewißheit hierüber behaupten läßt, dieses, daß weder Hogarth noch Herr Rich sonderliche Orthographen müssen gewesen sein. YrsJ. R...ch. (J.Rich). Deutsch: Mein Herr, ich habe Ihr Stück gelesen, finde es aber ganz unbrauchbar . Der Ihrige J.Rich. Der Zusammenhang ist kurz der : Dieser Herr Rich war damals Direkteur und Beständer (Manager) eines der großen Londonschen Schauspielhäuser. Diesem bot Rakewell beigehende Rolle mit Act. 4 markiert an. Sie enthält nämlich ein Schauspiel, das er mit Hülfe der zehnten Muse, die sich, bei allem Verfall der übrigen neun, noch immer in England so wie in Deutschland, hält, ich meine der Paupertas audax , in müßigen Stunden ausgearbeitet hatte. So hoffte er, wo nicht als ein reicher Mann, doch wenigstens mit der splendida miseria eines modernen schönen Geistes in die Grube zu fahren. Alle diese Hoffnungen vernichtet das Billet mit Einem Male. Es ist alles dahin; aufgeflogen; fort – it will not do . Was wohl das Thema des Stücks gewesen sein mag? The Rake's Progress oder the Road to Ruin ? » Der Weg zum Verderben .« Dieses ist der Titel eines Stücks, das in den letzten Jahren mit großem Beifall in London aufgeführt worden ist, und wovon man auch einige Szenen in schwarzer Kunst gut vorgestellt hat. Schwerlich, denn es gehört mit zu dem Wesen eines schlechten Schriftstellers, sich nicht zu kennen, und nie über Dinge zu schreiben, über die er allein schreiben könnte. Was für ein Bild dies, an die Wände zu nageln, zwischen welchen die schriftstellerische Hoffart so manchen hohen Wechsel auf die Musen stellt, der am Ende, wie hier, mit schimpflichem Protest zurückgeht! O! Alle, die ihr auf hohen Musen-Sold im Alter rechnet, tretet her vor den Marter-Stuhl dieses kassierten Genies; auch es rechnete auf diesen Sold. – Dieses ist das Schicksal von Tausenden. Bedenkt, teureste Freunde, daß, seitdem calamus auf Lateinisch mehr heißt, als Halm oder Rohr , auch calamitas mehr heißt als Hagelschlag . Seitdem jenes Wort so gar einen Gänsekiel bedeutet, zieht sich die Zahl der Kalamitäten für Schriftsteller , und mitunter auch für Leser , ins Unendliche. Das geringe Unheil, das in den gediegenmetallischen Zeitaltern der Welt nur zerknickte Saaten über einzelne Menschen bringen konnten, das bringen jetzt in den Tagen ihrer Verkalchungen die präparierten Federwische mit zehnfacher Stärke über ganze Generationen. Was war denn am Ende ein wenig vorübergehender Mangel durch Hagelschlag, gegen die jetzigen ewigen Indigestionen durch schweres; schwarzes, saures Kommißbrot der Musen, woran so mancher Bürger der gelehrten Bettler-Welt kränkelnd umherkriecht, – auf wahren calamis von Beinen und mit Wangen von der Farbe seiner Lorbeern? Jammerschade, daß uns durch einen strafbaren Mißbrauch eines der kräftigsten Mittel zur Veredlung des menschlichen Geschlechts schier ganz unwirksam gemacht worden ist, ich meine die Belehrung durch Tapeten, sonst müßte eine Gruppe, wie diese, schon im Deklinier - und Konjugier-Stalle angeschlagen, dem jungen Anflug von unendlichem Nutzen sein. Ich fürchte aber, es ist auch von dieser Seite vorbei, so wie es bald von allen vorbei sein wird. Man hat das allgemeine Bestreben des menschlichen Geschlechts die Mittel zum Zweck zu machen, als einen zweiten Sündenfall anzusehn, unter welchem am Ende alles erliegen muß. Hat man nicht jetzt schon eine Abart von Gelehrten, die man Bücherfreunde nennt, und sind das nicht schon völlig die Insekten mit Flügeldecken ohne Flügel? Hat sich nicht das Zeit- und Stunde-Halten unserer weisen Vorfahren jetzt in bloßes Anhängen von Taschenuhren verwandelt? Ja hängt man nicht jetzt ihrer zwei einander gegenüber, wie Schildwachen, in einer Gegend auf, wo vielleicht seitdem man das Feigenblatt von dort entfernt hat, nie schlechter Zeit und Stunde gehalten worden ist, als jetzt zwischen den beiden Zeithaltern? (time keepers) . Rakewelln gegenüber fällt eine Frauensperson in Ohnmacht; ein Mann im Negligé bemüht sich, den Fall zu brechen, wenigstens in den Grenzen der Dezenz zu halten, und zwei geborne Doktorinnen haben ihr den Schnürleib gelöst und suchen sie wieder zu ermuntern. Das Erweckungs-Mittel der einen scheint fast hyperphysisch, und wenigstens nicht ganz von dieser Welt zu sein, und die Fiduz in ihrem Gesichte auch nicht. Die Ohnmächtige ist eben die Sarah Young, die wir nun hier schon zum vierten Male erblicken, und das weinende Kind, eine kleine Miß Rakewell, die auch schon sichtbar zum zweiten Male erscheint. Also Sarah Young kömmt auch noch in diesen Kerker ihrem treulosen Verführer nach. Über die Moralität dieses Zugs in einem Charakter, den Hogarth ganz auf Unschuld angelegt hat, sollen weiter unten, wo sich die Gelegenheit dazu noch einmal darbietet, einige Bemerkungen gemacht werden. So schwer auch nun die gänzliche Rettung sein möchte, so leicht ist denn doch nun die Erquickung dessen, für den ein Trunk Porter eine Gnade ist. Das konnte sie wissen. – Daß der erste Anblick des schrecklichen Verfalls ihres ehemaligen Liebhabers, wie man glaubt, allein die Ohnmacht bewirkt habe, glaube ich nicht. Moralisch ist indessen die Ursache gewiß, nur hier vermutlich gar mächtig von physisch-chemischen unterstützt. Denn, wie man sagt, soll die Luft, da, wo man in England die Leute, die am Golde verschuldeten Mangel leiden, eingesperrt, oft nicht um ein Haar besser sein, als die in den geheimen Küchen worin man das Gold macht . Und unglückseliger Weise, dient dieses Cabinet zu beidem Gebrauch. Der Angstschweiß über verschwendetes Gold mischt sich hier, wie wir sogleich hören werden, mit dem sulphurischen Merkurial-Tau, der die Morgenröte des neu geschaffenen Metalls der Metalle bei seinem Aufgange aus dem Tiegel gewöhnlich zu begleiten pflegt; jedoch ist die moralische bei weitem die stärkere. Der bloße Anblick des verfallenen Geliebten kann es indessen nicht gewesen sein, denn Sarah Young ging von der Türe nach dem Ort, wo sie niedersank, und es ist wahrscheinlich, daß sie so gar eine Zeit lang Platz genommen hat. Ich vermute daher, daß sie durch eine Salve aus dem Mordkeller von Rakewells rechtem Flügel her, gefallen ist. Wahrscheinlich wurde sie und ihr Kind von Madam Rakewell erkannt, die dann plötzlich mit Bastard , H ... und Nickel lud und ein Feuer machte, das freilich auf ein Geschöpf von Sarah Youngs Gesinnungen wirken mußte, wie Radnägel und gehacktes Blei. Indem sie fällt, ereignen sich ein Paar Umstände, die man sich – – kaum zu bemerken getraut, die aber unstreitig mit unter die Leiden , und zwar ziemlich oben an, gehören, die hier auf diesen Sündenbalg losbrechen. Der aufgerissene Busen von wenigstens – Hogarthischer Schönheit – die Lage des Fußes, und überhaupt der ganze Umsturz mit dem Stuhle, der vielleicht schon gefährlicher für manche Augen war, als er jetzt für die unsrigen läßt, sind hier sicherlich nicht umsonst gezeichnet. Sie mußten bei Rakewelln, der gerade gegenüber sitzt notwendig Vergleichungen veranlassen, die jeder Leser vermutlich schon angestellt haben wird, zwischen dem, was er einst so leichtsinnig wegwarf, und dem, was er nun da, auf dem rechten Flügel, so ernstlich besitzt. Gesetzt auch, er mache die Vergleichung nicht ganz auf der Waage der Sinne, die bei ihm etwas außer Stand zu sein scheint, so findet doch das wach gewordene Gewissen auf der seinigen noch immer Ausschlags genug zur Verzweiflung! Hier ist sehr viel mehr als Mr. Richs Billet: Es hätte gehen können, aber nun nicht mehr; es ist vorbei; it will do no more! So weit geht auf dem Blatte der Faden der Geschichte. Das übrige sind Verzierungen, aber von so meisterhafter Art, daß man beklagen muß daß ihrer nicht mehrere sind. Hier wäre Hogarth so ganz in seinem Fache gewesen. Den Dezenz-Wächter von Sarah Young haben wir den Mann im Negligé genannt, und hoffen, daß die Leser nichts gegen den Ausdruck einzuwenden haben werden. Die Perücke ist, so wie die von Rakewell, und das Haar seines Engels, bloß vom Hazard akkommodiert; lange nicht ein - aber desto öfter ausgestäubt , vermutlich bloß durch Schwungkraft um die Stuhl-Lehne wie eine Flachsdocke. Sein Bart scheint mit dem Monat zu laufen, und etwas weit in den Zehnen (in its Teens) vorgerückt. Der Physiognomie nach wäre der Mann etwas ganz Gemeines, aber aus dem Schlafrock erkennt man den Schriftsteller. Der Ellbogen hat sich wirklich freigeschrieben, und aus dem Schreib-Ärmel läßt sich auf den Meditier-Ärmel schließen, der muß noch gar den Kopf tragen. – Die Beinkleider sind zwar, wo der Schlafrock Herr im Hause ist, nie von sonderlicher Bedeutung, aber so lichtscheu, wie diese, findet man sie doch selten. Sie hören um die Knie herum auf, man weiß nicht wie, fast mit einem bloßen Und so weiter . Es scheint beinahe als wären es ein Paar Pantalons gewesen, wovon man die unteren Teile zur Unterstützung der oberen, nach und nach habe eingehen lassen. Artig ist es hier zu sehen, daß man schon damals, in den Londonschen Schuld-Türmen wenigstens, um Schuhschnallen trauerte. Die Kalkanten-Stellung, worin sich der Gefangene befindet, hat, außer der Absicht die Ohnmächtige damit zu unterstützen, noch eine doppelte. Denn erstlich verloren, durch die Beschäftigung der Hände, die Beinkleider offenbar ihre vorzüglichste Stütze. Um also zu verhindern, daß sie nicht gerades Weges die Stelle des abgeschnittenen Teils einnähmen, mußte Rat geschafft werden, und dieses geschah am sichersten durch diese waagerechte Stellung des Schenkels. Für das zweite hatte der Mann einige Rollen Manuskripte irgendwo gefaßt, die nun ebenfalls das Weite suchen. Drei davon liegen schon größtenteils auf der Erde, denen eine vierte so eben folgen will, und diese scheint er noch klemmen zu wollen. Es ist zwar hier nichts zu zerbrechen, aber es sieht nicht gut aus, und am Ende muß alles wieder aufgenommen werden. Diese kleine Unordnung ist für den neugierigen Zuschauer von unendlichem Wert. Hier erfahren wir auf einmal, wem der vieleckige Ellbogen gehört. Auf einer der Rollen liest man die Worte: Being a new scheme for paying the Debts of the Nation by T.L. now a prisoner in the Fleet. Es ist nämlich der zweite, erklärende Teil des Titels des Werks: »Das ist, neuer Vorschlag die National-Schuld zu bezahlen, von T.L. gegenwärtig Gefangenem im Fleet; also von einem Autor, der seine eignen Schulden nicht bezahlen kann. Der Einfall hat sich so berühmt gemacht, wie der von der Spinnenwebe über der Armen-Büchse, vermutlich weil er, wie jener, eben so deutlich ist, als treffend. Auch sind die Schwachheiten, gegen die er gerichtet ist, gleich gemein. Andern die Hülfe zu versagen, die er ohne Schaden hätte leisten können, ist dem Menschen so gewöhnlich, als ihnen in der Not mit Verhaltungs-Regeln aufzuwarten, die den Geber selbst zum Bankrott geführt haben. Es soll wirklich damals ein solcher Herr L. vorhanden gewesen sein. Dieses wundert mich nicht; mit andern Anfangsbuchstaben existierer immer welche; und nun gar mit andern Projekten! O da ist kein Land und keine Fakultät von ihnen frei: mutato nomine de Te usw. Dort hinten an der Mauer sitzt wirklich schon mutato nomine ein anderer, ich meine ein halbverkohlter Alchymist, der ein Töpfchen nicht bloß zum Besten der Nation, sondern des ganzen menschlichen Geschlechts auf dem Feuer hat. Die philosophische Ruhe in des Mannes Gesicht und ganzer Stellung hat wirklich etwas sehr Gefälliges; man sieht, er hat warten gelernt, eine Kunst, die auch bei keinem Geschäfte in der Welt so nötig ist, als beim Goldmachen. Daß er nichts von allen dem hört oder sieht, was um ihn herum vorgeht, hat er mit allen den Menschen gemein, die eigentlich durch Sehen und Hören unsterblich geworden sind. Die Freundschaft zwischen dem Manne und seinem Ofen, ist doch in der Tat rührend, wenn man bedenkt, daß beide bloß ihrer Verbindung wegen hier sitzen, und jeder ohne den andern vielleicht etwas sehr viel Besseres hätte sein können. Dennoch halten sie zusammen, wie aus einem Stück, (sehen auch fast so aus) und füttern einander wechselseitig mit Hoffnungen und Kohlen bis zum Tag der Lösung des großen Problems. Weit kann dieser Tag hier unmöglich entfernt sein. Die Abzugs-Röhre durch das Gitterfenster ist zu gut angelegt, – es kann nicht fehlen; die Anstalt hingegen, wodurch das große Produkt in die Flasche geleitet werden soll, gar nicht sonderlich, – es muß fehlen. Ob Hogarth selbst ein Kenner war, oder ob er hier durch einen Kenner geleitet worden ist, oder ob er durch Kunsttrieb des Genies den Griffel zu einem Zweck richtig führte, den er selbst nicht übersah, lassen wir unentschieden. Genug, der circulus in destillando ist hier nicht zu verkennen; die Vorlage ist dem Feuer näher als die Retorte, und während beide um den Besitz der Tinktur streiten, nimmt das unermeßliche Weite draußen alles zu sich, und so ergibt sich die Auflösung des Problems; freilich durch einen Ausdruck, an den man bei der Frage nicht dachte, der aber nichtsdestoweniger die Frage auch beantwortet. – Durch das Gitter-Fenster steckt etwas, das man fast für ein Instrument halten sollte, bei verwickelten chemischen Fällen die Planeten mit in den Rat zu nehmen, wenn das Stativ nicht von allzu eingeschränktem Gebrauch und überhaupt zu unbequem wäre, zumal für Personen, die gewohnt sind, mit dem rechten Auge zu observieren. Auch läge der Lichtfang des Sehrohres etwas zu nahe am Rauchfange des Ofens. Es ist auch wohl überhaupt kein Rohr, sondern nichts weiter, als ein derber, solider Zylinder, den schweren Fensterladen damit aufzustoßen oder zu schließen. – Rechter Hand oben stehen einige numerierte Gefäße. Sie scheinen leicht zu sein, weil sie sich so hoch halten. Ob aber dieses auch von den Büchern der hangenden Bibliothek gilt, ist nicht so leicht auszumachen; der Titel Philosophica läßt wenigstens die Sache noch zweifelhaft. Ein Wunder ist es, daß Hogarth bei dieser Bibliothek die Gelegenheit ungenützt gelassen hat, einigen damaligen Werken seiner Landsleute den doppelten Liebesdienst zu erzeigen, sie als Gefangene im Fleet und als die geheimen Vertrauten des Alchymisten und Universaldoktors zu behandeln. – Wenn man die ganze Anlage des Ofens, dem es wirklich nicht an Eleganz fehlt, betrachtet, und sieht, wie alles gerade so in den Winkel beim Fenster paßt, so gerät man fast auf den Gedanken, die Polizei halte im Fleet in den Käfigen für die Goldmacher, chemische Öfen parat, so wie man Ringe in denen für die Papageien aufhängt. Ist es nicht, so verdient der Gedanke doch allemal als Spekulation die Aufmerksamkeit des Unterschließers . Es ließe sich sicher auf jährlichen Ofen-Zins rechnen. Das wären also zwei Mitglieder aus der Klasse der Phantasiereichen im Fleet, und dort oben über der Bettlade liegt wirklich die Häutung eines dritten. Diesem waren die Mythen der Finanzkunst und der Chemie zu niedrig, er eilte auf Adlerschwingen der Ode dem Olymp zu, blieb aber, so wie oft sein Vorbild, zwischen dem Himmel der Bettlade und der Stubendecke eingeklemmt stecken; mit dem Kopf nach unten. Der Apparat ist vortrefflich; es mag brav gebraust und gedonnert haben. Schade, daß es so bald vorüber war. Wenn die Federn selbst so fest sitzen, als die Flügel am Leibe mögen gesessen haben, so hatte der Mann von der Nähe der Sonne nichts zu fürchten, wie sein Vorgänger Ikarus, denn an Schnallen und Rindsleder ist nichts gespart. Also mit diesem Apparat erhob sich sein Erfinder vermutlich aus dem Schoße seiner Familie und über das niedrige Geist und Körper lähmende Einerlei seiner Amtspflichten bis über den Himmel seiner Bettlade im Schuldturme. Ich habe hier des Himmels über der Bettlade zweimal Erwähnung getan, und ihn einmal so gar dem Olymp gegenüber gesetzt. Es läßt sich im Deutschen nicht anders von der Sache sprechen, und es fügte sich so von selbst. Hogarth konnte sich freilich die Höhe der Bettlade immer als Maßstab für den Flug gedacht haben, aber an einen Olymp dabei denken konnte er nicht. Dieser Vorhangsträger oder Deckel heißt bei den englischen Bettladen schlechtweg Tester . Stünde der Finanzier T.L. etwas weiter zurück, und mehr nach dem Alchymisten zu, und wäre dann der linke der beiden Flügel etwas mehr ausgebreitet, so wäre diese Gruppe das schönste Sub umbra alarum tuarum , das je gezeichnet worden ist. Noch merke ich an, daß Rakewell auch einen ganz feinen Rohrstuhl, vermutlich den letzten vom Dutzend, mitgebracht hat, und daß die Zwickel an seinem rechten Strumpfe sehr merklich kürzer sind, als die am linken. Es sind also entweder zweierlei Strümpfe, oder der eine hat bereits einen Anfang gemacht, aus bekannten Ursachen von oben herunter zu dienen, wie die Hosen des Finanziers von unten hinauf. Achte Platte Hier wird unser Held, nach allen den mannigfaltigen Leiden bei Pontacs, Whites, zu Marybone (!) und im Fleet, endlich zur Ruhe gebracht. Die Handlung ist eine sepultura inter vivos , eigentlich eine Beisetzung unter den bürgerlich Toden; er wird hier in Bedlam, dem Londonschen Tollhause, an Ketten gelegt. Ohne Zweifel hat der letzte schwere Angriff auf sein Gewissen von der Tisch- und Bett-Seite zugleich, hauptsächlich den großen Fall bewirkt. Der Leib hätte wohl noch ausgehalten, aber der Geist, der nie sein stärkster Teil war, erlag endlich. – Es wurde oben (S. 859) vermutet, daß sich Rakewell vielleicht außerhalb Englands setzen würde. Dieses ist nun sein Etablissement. – Also doch im Lande? Ich wage es nicht, hierüber zu entscheiden. Unsere Philosophie weiß noch viel zu wenig von dem eigentlichen Sitz der civiliter Seligen. Was man, nach ihrem Hinscheiden, noch immer Sie nennt, sind doch fürwahr nichts als Bilder, die sie uns hinterlassen zum Aufstellen – als Leichensteine über dem Grabe ihrer Vernunft! – Leichensteine? Gerechter Himmel! Was für Vergleichungen drängen sich hier dem Geiste nicht auf, zwischen dem beredten Marmor über der Asche des Meisterstücks der Schöpfung und hier – dem numerierten, schmutzigen Stalle, worin sein besser als dort getroffenes Bild, auf faules Stroh hingekettet, noch weit beredter dem Vorübergehenden erzählt, wie viel da begraben liegt! – Doch hier ist nicht der Ort für solche Vergleichungen. Sie würden die Empfindung des Lesers für das übrige verstimmen, wenn sie nicht gar die des Erklärers, der sich dieser Betrachtung, für sich wenigstens, nicht ganz entschlagen konnte, bereits für die ganze Erzählung verstimmt haben. Man wird ihm also hoffentlich gern vergeben, wenn er auf einige der schrecklichsten Szenen hier nur bloß hinweist. Sie bedürfen keiner Erklärung, und vertragen auch keine. Rakewell liegt hier im Vorgrunde, größtenteils nackend, und ein Mann ist beschäftigt, ihn in Ketten zu legen. Die Ursache davon ist, Rakewell sinkt noch immer tiefer. In dem Mikrokosmus nämlich, worein er hier versetzt ist, wird es ungefähr so gehalten, wie in dem ausgebreiteten Makrobedlam , der Welt selbst; es liegen nicht alle Narren an Ketten, und selbst die Ketten haben ihre Grade. Auf dem langen Gange, der Katakombe, die wir hier erblicken, dürfen die Unschuldigsten frei herumgehen, wenigstens bis an das große Gitter, wo eine andere Klasse, oder, wie es im gemeinen Leben heißt, Sekte angeht, die andere Principia hat, die sich nicht mit den diesseitigen vertragen; und nur die von einem tiefern und gefährlichern Grade werden in den numerierten Zellen beigesetzt. Vermutlich hatte Rakewell vom Anfang diese Freiheit, die er aber mißbrauchte. Er fing an von andern Grundsätzen auszugehen, und brachte sich selbst sogar in einem Augenblick, den wir heiter nennen würden, einen gefährlichen Stich in der Gegend des Herzens bei. Er paßte nicht mehr in diesen kleinen Freistaat, und soll so eben einem andern einverleibt werden. Diesen Augenblick der Promotion hat der Künstler hier gewählt. Der Blick des Leidenden ist unbeschreiblich, und es ist kaum zu begreifen, wie ein Mann wie Gilpin, der sonst der Zeichnung Gerechtigkeit widerfahren läßt, dieses Gesicht bedeutungslos hat finden können. Herr Ireland rechtfertigt unsern Künstler vortrefflich. Dem verstorbenen Herrn Mortimer, einem Manne von den größten Künstler-Talenten, wurde, wie er sagt, einmal aufgegeben, einige der Leidenschaften zu zeichnen, so wie sie Gray in seinem berühmten Gedicht auf eine entfernte Ansicht des Schulgebäudes zu Eton nach einander darstellt. Unter diesen war denn auch Moody Madness laughing wild Amid severest woe. »Des grämlichen Wahnsinns leeres Gelächel, mitten im herbsten Schmerz.« Sogleich holte Herr M. aus einem Portefeuille die 8te Platte von Hogarths Liederlichen. Hier, sagte er, indem er auf die Hauptfigur hinwies, ist alles beisammen. Wenn ich diesen Kopf nicht gesehen hätte, würde ich es kaum für möglich gehalten haben, so viel entgegen gesetzte Gemüts-Bewegung in einem und demselben Gesicht auszudrücken. Ich könnte hier nichts tun, als abzeichnen; jeder Strich, der anders wäre, würde eine Abweichung vom Charakter sein. – Dieses ist die so genannte Bedeutungslosigkeit dieses Kopfs. Hinter ihm kniet wieder Sarah Young, teilnehmend an seinem Leiden. Herr Gilpin findet diesen Zug unnatürlich, und die Moral tadelhaft. Freilich wohl. Es wäre vielleicht besser gewesen, das Mägdchen wäre nach Rakewells Verheiratung nie wieder erschienen. Ich dachte ehedem auch so, und Herrn Gilpin, einem Geistlichen, ist seine Bemerkung zwiefach zu vergeben. Sie ist und bleibt aber immer besser gedacht als empfunden; ein gutes Aufführungs-Exempel für die, die nach jedem Exempel leben können und nicht gleich eines bei der Hand haben. Aber das Herz, das Herz – hat seine eigene Methoden. Wahre Liebe, zumal die eines sanften, aber stark fühlenden, weiblichen Herzens, tilgt, wenn sie je getilgt werden kann, welches ich kaum glaube, nur allein die Zeit in sehr langen Terminen, ihr Schicksal sei übrigens welches es wolle. Worin liegt also hier das Unnatürliche? Es würde der menschlichen Natur wenig Ehre machen, wenn eine solche Liebe unnatürlich wäre. Aber das Tadelhafte? Auch dieses liegt denn doch wieder nur in der Übertretung von kalten Lebens- Regeln , von denen eigentlich das Herz nichts weiß. Es wäre eine böse Welt, worin nicht zuweilen noch so gefehlt werden könnte. Aber freilich eine noch schlimmere, in welcher listige Nachäffung des rühmlichen Vergebens, eben die Vergebung oder gar das Mitleid fände, auf die bloß das Natur-Original Anspruch machen kann. So hat es leider! die Kunst in mehr als einem Punkt dem Menschen fast verfänglich gemacht natürlich zu sein. Überdas muß man hier bedenken, daß Sarah Young, ein gutmütiges Naturgeschöpf, nicht von dem Stande ist, dem man überall früh genug ein gewisses Exerzieren mit der Tugend beibringt, das sich zu dieser Ausübung immer verhält wie Fertigkeit auf der Parade zu Mut und Tapferkeit im Felde. Aller Wert der erstern (und sie hat allerdings keinen geringen) beruht doch am Ende allein auf der Möglichkeit, die letztere unterstützen, oder hier und da ihren Mangel praeter propter ersetzen zu können. Ohne diese Hinsicht wäre alles leere Maschinerie. Wenn Herr Gilpin einmal vor solchen Menschen gepredigt hätte: Ich bin krank und gefangen gewesen und ihr habt mich nicht besucht, wie würde er eine Zuhörerin beurteilt haben, und beurteilt haben müssen, die sich, nach der Predigt, so herzlich unvorsichtig in das Fleet und in Bedlam geschlichen hätte, wie Sarah Young, ohne alle Hoffnung von zeitlichem Gewinn? Die Antwort ist, dünkt mich, sehr leicht. – Einer der Krankenwärter, der freilich wohl die Verbindung nicht ganz einsehen mag, scheint vom Leiden des Mägdchens gerührt. Er sucht ihr Gesicht von Rakewelln auf eine Art zu entfernen, die seinem Gefühl Ehre macht. Es ist angenehm zu sehen, daß die Hände des Mannes in dem harten Dienst, für den sie besoldet werden, diese Stellungen noch nicht verlernt haben. Von den Zellen sieht man hier nur die Nummern 54, 55 und 56; In Bedlam sind allein hundert Freistellen für Unheilbare auf Lebenszeit. Außer diesen werden aber noch viele auf ein Jahr aufgenommen, kommen sie in dieser Zeit nicht zurecht, so werden sie den Verwandten zurückgegeben. No 56 ist verschlossen. In die beiden offenen wollen wir einen Augenblick hineinsehen, und dann ebenfalls verschließen. In No 54 liegt der schwärmende, religiöse Aberglaube, und in 55 der in die Luft bauende Übermut. Die Szenen sind richtig gedacht, und mit fast schrecklicher Wahrheit ausgeführt. Wäre 56 noch die unglückliche Liebe, so wären diese drei Plätze gerade die, die in Tollhäusern am meisten gesucht werden. Ein Blick in diese traurigen Winkel geworfen, macht alle Beschreibung unnütz, und zu den Betrachtungen darüber ist die Philosophie auch in jedermanns Händen; also nur ein Paar Worte zur vielleicht nötigen Erklärung. Dem Heiligen in Natura No 54, hat Hogarth noch drei in Effigie zur Gesellschaft gegeben, den St. Laurentius, St. Athanasius und St.Clemens. Der Einfall ist etwas derb. Ob besondere Züge in den Leben dieser Männer eine solche Behandlung rechtfertigen können, weiß ich nicht. Unser einer liest wohl legenda , aber Legendas selten. Ginge aber der Spott, wie man fast glauben muß, auf die Heiligen jener Kirche überhaupt , so wäre die Frage; ob es nicht vielleicht ratsam wäre, einem solchen Protestantismus, die vakante Stelle neben dem St. Laurentius einstweilen, bis zur ausgemachten Sache, anzuweisen. Die gütige Sonne ist, wie wir sehen, auch über dieser Zelle und über diesem Kreuze aufgegangen. An dieses Beispiel wollen wir uns halten. In No 55 sitzt auf einem Throne von Stroh, und durch sich selbst gekrönt mit Stroh, der politische Phantast. Es ist alles um ihn her leicht, bloß der Scepter hat volles, orientalisches Gewicht. Vor dem Cabinet stehen ein Paar Mamsellen in ziemlich reicher Seide. Ob das die Hofdamen sein mögen? Sie empfangen so eben Audienz, und zugleich aus der Ferne eine Weihe, die sie sehr viel besser nehmen, als sie gemeint ist. Die eine schmiegt sich an die andere an, und findet sich durch diese Unterstützung stark genug anzusehen, was sie für sich allein nicht einmal zu denken gewagt hätte. Aber im Ernste, was wollen diese Damen hier? Hier bleiben vielleicht? oder wie Sarah Young, die Nackenden kleiden? Oder die Nackenden bloß sehen, und dann so allerliebst tun, als sähe man sie nicht? Gewiß die Mamsellchen müssen viel Freiheit haben, die sich bis hieher verlieren können, und viel Ungezogenheit, wenn sie sich wirklich so weit verlieren. Daher hat sie auch Hogarth meisterhaft mitten unter das gezeichnet, was hier frei herumgehen darf. Papa und Mamma wissen kein Wort davon; das mögen sich Papa und Mamma merken. Was auf eigentlichen Kirchhöfen den Toden gewöhnlich nur des Nachts verstattet ist, verstattet man den hier Beigesetzten unter gewissen Umständen auch, aber bloß am Tage, nämlich die Freiheit, aus ihren Gräbern hervorgehen und spüken zu dürfen. Zu arg müssen sie es aber nicht machen, sonst legt man sie, wie schon erinnert worden ist, in Ketten, gerade so wie man jene, wenn sie sich nicht wollen sagen lassen, in Säcke packt und in den Rhein trägt. Von diesen Tag-Gespenstern gibt uns Hogarth hier, die beiden Mamsellen abgerechnet, nur sechs . Sehr wenig fürwahr für einen solchen Geister-Seher und Zeichner. Es würde ihm kaum zu vergeben sein, wenn er nicht in seinen übrigen Werken den Mangel reichlich ersetzt, und so manchen Bedlamiten in partibus , oder der seine Stelle hier durch einen Vikarius versehen läßt, gezeichnet hätte. An der Treppe da zur Linken spükt etwas, ein Trio, fast so was wie Glaube , Liebe und Hoffnung in Bedlam. Sie scheinen zusammen zu gehören, und doch können diese Köpfe wohl weiter auseinander sein, als immer drei Fixsterne, die eben einen solchen Triangel formierten. Es ist alles bloß scheinbar. Jeder ist eine Welt für sich, wovon keine der andern leuchtet und keine die andere verfinstert; jede hat ihr eignes Licht. Wer noch nicht weiß, daß der Kopf die Welt macht, und nicht die Welt den Kopf, der sehe hieher. Gütiger Himmel! was ist der Mensch, oder eigentlich, was ist die Welt? – Aber weißt du, daß du im Tollhause sitzest? rief einst ein Mann einem Rasenden, den er bekehren wollte, hitzig zu, worauf ihn dieser mit größter Gelassenheit ansah und fragte: »aber bist du gewiß, daß Du in keinem sitzest?« Der Fremde besann sich und schwieg, der Rasende schwieg auch, hatte sich aber vermutlich lange vorher bedacht. Was dieser nachher tat, ist nicht bekannt. Der Fremde aber, sagt man, soll, als er aus dem Tollhause wieder in die Welt trat, zwischen beiden, statt der scharfen Grenze, einen gewissen Strich neutralen Landes angenommen, und sich sein ganzes Leben hindurch vor einer Philosophie gehütet haben, die eigentlich bloß für die Neutralitäts-Lande gehört. Der Glaube da mit dem dreifachen Kreuze und der einfachen Krone (so drückt sich Hogarth aus, wenn er sagen will, mit der dreifachen Krone und dem einfachen Kreuze) singt seine Mette mit seinem Blök-Mäulchen, ohne daß man davon auf den benachbarten Systemen eine Silbe hört. Die Hoffnung, mit dem Notenbuch auf dem Kopfe, geigt fort, und die melancholische Liebe mit ihrem schweren Thema an einem Bändchen vor der Brust, träumt ihr Lamento fort. Gegen letztere bellt der Hund, wie sonst gegen den Schutzheiligen des Hauses, den Mond, und sie hört es so wenig als der Mond. Der Strohkranz, mit dem sich der Wahnsinn sonst so gern krönt, geht hier als Strick um den Hals, vielleicht als erster bloß poetischer Versuch, die Liebe endlich zu krönen. Ein Mund mit einem solchen Schlosse spricht nicht leicht mehr; indessen haben die gefaltenen Hände noch heute den teuren Namen in den Baum geschnitten, der aus dem Hain herabstieg, um hier als Treppen-Geländer zu dienen: charming Betty Careless »reizendes Lieschen Leichtsinn« . Es ist betrübt freilich! Wie kam aber auch in aller Welt, ein solcher Mund, eine solche Stirn, und eine solche Anlage zur Hohläugigkeit an den Leichtsinn, Man sagt, Hogarth habe die Idee zu diesem bedeutungsvollen Kopfe und dem gegenüber in Nro 54, von den vortrefflichen Bildsäulen genommen, die über dem Portale liegen, das in den Hof von Bedlam führt. Sie sind von einem deutschen Bildhauer, Cajus Gabriel Kyber, dem Vater des bekannten Dichters, Colley Cibber , gearbeitet. Pope, dessen Dunciade dieser Schriftsteller leider! seinen Namen größtenteils zu danken hat, nennt daher und der alte Schäfer überhaupt zu einer solchen Liebe? Der Name Betty Careless ist nicht erdichtet. Es existierte damals eine berühmte Liederliche von großer Schönheit unter diesem Namen in London. Fielding in seiner Amelia redet von ihr. Den Einfall des Violinisten, das Notenbuch quer über den Kopf zu legen, wodurch er zugleich das Ansehen eines Musik-Pults erhält, ist ganz in dem Kostüm von Bedlam, und sicherlich ein eigentümliches Produkt dieses Orts. Die vielen Ringe an den Fingern hingegen, gehören mit unter die Moden, die Bedlam mit der übrigen Welt hier und da gemein hat, und sind nichts Eignes. An der Wand zwischen No 54 und 55 sieht es sehr enzyklopädisch aus, wenigstens viel mehr, als in diesen Zellen: ein dreimastiges Schiff, ein Viertel-Mond, eine Projektion der Weltkugel mit dem antarktischen Zirkel noch unengagiert, der größte Teil des übrigen aber mit einer Britannia, eigentlich einem englischen Halfpenny an einer Kette bedeckt; eine Bombe, die über alle diese Projektionen hinaus projiziert wird; unten etwas wie eine Wind-Rose, und oben so etwas wie geometrische Gedanken-Striche. Alles dieses, die Medaille ausgenommen, die ein bekannter Schalk, wie wir hören werden, 28 Jahre nachher dahin geklext hat, scheinen das Werk des Denkers zu sein, der mit der Kohle in der Hand noch wirklich beschäftigt ist, einen der Gedanken-Striche zu verlängern und wenn es so fortgeht, bis an die Türe von No 55. Gerade vor seiner Nase steht das Wort: Longitude (Meeres-Länge). Dieses ist eigentlich der Name einer gewissen charming Betty einer andern Art, deren unglückselige Liebhaber leider! bis auf diesen Tag an den Wänden von Bedlam herumspüken. Die gute Dame verlangte von ihren Freiern weder Reichtum noch Schönheit, noch Stand; von Ahnen-Reihen war so wenig die Rede, als von Fußmaßen, und am allerwenigsten von Jugend. Um sie und ihr Gold zu besitzen, verlangte sie bloß die Auflösung eines Rätsels. – Die Sache machte unglaubliches Aufsehen, und der Erfolg war für viele der traurigste von der Welt. Einige, die bloß die Dame zu besitzen suchten, waren noch so ziemlich glücklich mit ihren Versuchen; andere, die bloß um ihr Geld freiten, rieten in den Tag hinein, verwickelten sich in Stricke und Striche und Rechnungen und Streiche, die sie am Ende selbst nicht mehr verstanden, und endigten nicht selten ihr Leben in Bedlam. Die Striche, die unser Mann hier macht, sind von dieser Art, und die Bomben, die er werfen läßt, gehen alle auf die Eroberung dieser Charming-Longitude . Die Bomben hier zielen eigentlich auf Whiston, der Versuche dieser Art zur Findung der Meeres-Länge vorgeschlagen hatte. . Auch der Alte hinter ihm, der durch die gerollte Himmels-Charte sieht, sieht nicht nach dem Himmel, sondern nach eben dieser Schönen, und ist der Neben-Buhler des Bombardeurs. Vor ihm sitzt auf den Fersen ein Schneider mit der Muster-Charte auf dem Kopfe, wie der Violinist mit dem Notenbuch. Er berstet schier vor Lachen über die eiteln Bemühungen der beiden Längensucher , und namentlich geht sein Spott auf den Alten mit der Rolle. Hans Narre, scheint er sagen zu wollen, sieh, so mußt du dein Papier schneiden und halten, wenn du Längen messen willst; so finde ich meine Longituden , und gegen die sind die deinigen bloßes Kinderspiel. Auch hat der Mann nicht ganz Unrecht, denn das Verfahren des Alten, die Länge zu finden, taugt so wenig für die Geographie, als für die Schneiderkunst. – Daß ein Narr über den andern lacht, ist freilich närrisch genug, allein doch nicht ungewöhnlich, weder in, noch außer dem Tollhause, allein hier steckt mehr dahinter. Es soll wirklich damals ein Schneider in Bedlam gesessen haben, der glaubte, für das Meisterstück der Schöpfung eine Bedeckung zu schneiden, die der schönen Form eben so anpasse, wie die schöne Form der schönen Seele, sei nicht allein eine der wichtigsten Beschäftigungen des vernünftigen Menschen, sondern auch unendlich schwerer, als namentlich Sir Isaac Newtons brotlose Künste. Dafür sitzt der arme Teufel hier. Die Strafe ist hart, zumal für einen Schneider, ein Geschöpf, das ohnehin dafür, daß es die Leute macht , in Zona temperata wenigstens, von diesen Leuten mit der Laune sitten- und schneiderloser Barbaren der Zona torrida bei jeder Gelegenheit bestichelt wird. Die Medaille an der Wand ist, wie gesagt, die Kehrseite eines englischen Halbstübers (Halfpenny) . Sie stellt eine sitzende Britannia mit etwas zerstreutem Haar vor, unten mit der Jahrzahl 1763. Wenn man etwas genau zusieht, so bemerkt man eine Kette, die sich unten von der Medaille ab, rechts, gegen No 54 zieht. Oben wäre mehr Platz gewesen für die Kette. Aber eine Medaille mit der Kette oben , würde an der Kette hängen , und in England erinnern die Wörter hängen und Ketten , selbst von Medaillen gebraucht, leicht an wichtigere Dinge, als an Orden und Kinderstaat. Hogarth wollte also sagen: Im Jahr 1763 lag Britannia, oder verdiente Britannia zu liegen an Ketten in Bedlam. Der damalige glorreiche Friede schien nämlich einigen viel zu friedlich, er hätte feindseliger sein müssen, so wäre er glorreicher gewesen, meinten sie; Britannia hätte ihre Sache besser machen können, sagte der eine; sie hätte klüger sein sollen, sagte der andere; sie gehörte ins Tollhaus, sagt Hogarth. Ecce signum . Da steht die Lästerung, und oben drein in einer Sprache, die die ganze Welt versteht, und auf einem Blatte, das die ganze Welt kauft. Ja, was das Verbrechen noch sehr vermehrt und den Autor, wo nicht zum Block, doch zum Bastillen-Sassen auf Lebenszeit qualifiziert, so ist es kein Jugend-Einfall. Ein Jahr vor seinem Tode und im 65ten seines Lebens, wo er doch fürwahr hätte wissen können, was Recht ist, und nachdem dieses Blatt 28 Jahre exisitiert hatte, machte er hier noch ein Plätzchen für die Britannia zurecht. Ja, noch mehr, er machte öffentlich bekannt (advertised) , er habe sie erst im Jahr 1763 hieher gebracht; die Platte sei von 1735. Hierdurch scheint der Bösewicht noch oben drein anzudeuten, daß er den so ehrwürdigen Namen eines neuen Propheten bei der Nachwelt mehr gefürchtet habe, als den eines Vaterlandsschänders bei der jetzigen. Das ist sehr arg. – Aber sehen wir auch richtig? Ist es wirklich so? In solchen Fällen kann Erfahrung nützen. Was tat die weise Britannia, als sie es erfuhr? Sie tat, was billig eine Regel, zumal für jede minder weise und minder erfahrne Patria sein sollte. – Diese weise und gütige Mutter lächelte über den Einfall eines geliebten Kindes, dessen Herz sie kannte, und verzieh. Also Herzen kennen lernen und zu verdienen wissen, wäre wohl die Sache; der Witz ist eine Pflaum-Feder. Wit's a feather and – Pope Aus diesem Blatte läßt sich für die satyrischen Maler etwas lernen. Der Gedanke, Kupferstiche durch Einschiebsel den Zeiten anzupassen, ist vortrefflich, und verdient Nachahmung. Indessen finden sich schon in unsern Volks-Kupferstichen Spuren dieser Methode, z.B. beim Gänsespiel, wo das von 1756 dem von 1796 gar nicht mehr gleicht. Wir haben da andere Zölle, andere Wirtshäuser und andere Gänse. – O! guter Hogarth, hättest du in das letzte Dezennium deines Jahrhunderts blicken können, keine Wand, ja selbst die Decke hier wäre nicht leer geblieben. – Eine Prinzessin Europa die 1792, mense Fervidor, auf dem Sprunge stand, zum zweiten Male mit einem Bullen durchzugehen, was für ein Gegenstand für das Fleckchen zwischen No 55 und 56! Und zum Deckenstück Brothers Den meisten unsrer Leser wird dieser Prophet aus Placentia in Neufundland gebürtig, und, so viel ich weiß, jetzt in einem Tollhause lebend, aus den Zeitungen bekannt sein. Ein gewisser Herr Nathanael Halhed, Mitglied des jetzigen Parlaments, hat sich in einer besondern Schrift für ihn erklärt, und ihn am 31 März 1795 in einer Rede im Parlament verteidigt. Herr Halhed selbst weissagte, daß das 1000jährige Reich den 19. November 1795 mit Aufgang der Sonne zu Jerusalem seinen Anfang nehmen würde. Ob dieses wirklich geschehen sei, davon hat noch nichts in den Zeitungen gestanden. mit seinen Brethren auf Wolken von sichtbarer Finsternis knieend und verkündigend Unheil und 1000jährigen Schabbes . Die Bedeutung der kleinen Kapelle auf dem Pfosten an der Treppe mit den Buchstaben H.S. verstehe ich nicht, so wenig als das LE an der Wand neben No 55. Diese Silbe würde ein Engländer allenfalls Li aussprechen, und dieses könnte an Lee den unglücklichen Dichter erinnern, der bekanntlich eine Zeitlang eine dieser Zellen bewohnte. Diese Buchstaben vertragen allerdings noch andere Erklärungen. Ich aber wage keine mehr. Dunkle Stellen in den Werken frei herumgehender Philosophen erklären zu müssen, ist schon nicht ganz angenehm, und doppelt unangenehm wird die Sache, bei den Operibus derer, die an der Kette liegen, schon allein wegen des sehr zweideutigen Kredits, den gerade die glückliche Fertigkeit, sich hindurch zu finden, dem Erklärer gewähren würde. – Nun also auch kein Wort weiter. Es könnte sein, daß ich auf manche Blätter dieser und der vorhergehenden Lieferungen wieder zurückkäme. Ja, ich werde auf mehrere zurückkommen müssen . Aber auf dieses achte Blatt – in meinem ganzen Leben nicht wieder. Ich kann und will es nicht leugnen, es ist mir sauer geworden. Mit meiner Empfindung bei dem Schlusse dieses Kapitels weiß ich daher nichts zu vergleichen, als das unbeschreibliche Wohlbehagen, das meinen ersten freien Odemzug begleitete, als ich im Oktober 1775, nach einem kurzen Besuche in diesen Begräbnissen, wieder in die freie Luft von Moorfields Der Distrikt von London, worin Bedlam liegt. hervortrat. Vierte Lieferung Foecunda culpae saecula nuptias Primum inquinavere, et genus et domos. Hoc fonte derivata clades In patriam populumque fluxit. HOR. Carm. Lib. III. ode VI. v.17. Vorerinnerung Daß dieses vierte Stück der Erklärungen Hogarthischer Kupferstiche um ein beträchtliches später erscheint, als es der Herr Verleger zu liefern versprochen hatte, ist allein meinen mißlichen Gesundheits-Umständen zuzuschreiben, wodurch ich genötigt wurde, in der Mitte abzubrechen und die Arbeit schier ein halbes Jahr liegen zu lassen. Zu dieser öffentlichen Erklärung über die Verzögerung der Ausgabe einer an sich unbedeutenden Schrift, die man trotz jenem Versprechen wohl kaum vermißt haben würde, nötigt mich in gegenwärtigem Falle ein Umstand, durch den dieser Aufschub leider! nur allzumerklich gemacht wurde. Dieses war die Verteilung der Kupferstiche ohne den Kommentar , auf der Ostermesse. Damals war nämlich noch Hoffnung letzteren bald nachliefern zu können, die aber nachher gänzlich vereitelt wurde. Da dieses dem Herrn Verleger allerlei Vorwürfe zuzog, indem man an verschiedenen Orten glaubte, die Beschreibung sei aus Versehen zurückgeblieben oder die Nachsendung vergessen worden etc., so habe ich es für meine Schuldigkeit erachtet, jenen gütigen Unterstützern dieses Unternehmens hierdurch zu erklären, daß der Herr Verleger völlig unschuldig war. Wenn nur aber diese Trennung der Kupferstiche von dem Kommentar nicht eine andere Folge gehabt und die Erwartungen der Leser für letztern zu einem Grade gespannt hat, der nun bei dessen Erscheinung unbefriedigt bleibt. Die Beschaffenheit der Kupferstiche sowohl, als die Umstände unter welchen die Erklärung derselben endlich vollendet worden ist, läßt dieses allerdings befürchten. Zu verwundern wäre es wenigstens nicht, wenn ein Übel, das bei einem höhern Grade von Wirksamkeit im Stande war ein Unternehmen gänzlich zu unterbrechen, bei einem geringeren die Fortsetzung desselben, so bald sie wieder möglich ward, wenigstens hier und da merklich affiziert hätte. Sollte dieses zuweilen der Fall gewesen sein, so bitte ich den Leser meinen gewiß durchaus gleichförmigen guten Willen an solchen Stellen gütigst für die Tat zu nehmen. Göttingen im Januar 1798. Marriage à la Mode Die Heirat nach der Mode Erste Platte Man hatte unserm großen Künstler öfters den Vorwurf gemacht: »Er könne bloß Winkel-Szenen des menschlichen Lebens darstellen; sein Genie, wenn er welches besitze, lebe immer nur in dem Troß der Gesellschaft und fände sich nur à son aise in dem Schmutz der Gesindel-Welt.« Dieses erweckte endlich seinen Stolz. Mit Mut stieg er in die so genannten höheren Regionen hinauf, zeichnete alsdann was er im Himmel gesehen hatte, und gab es uns in folgenden sechs Blättern. Diese Voyage pittoresque erhielt ganz ungeteilten Beifall; ja die höhere Welt selbst soll sich, wie man sagt, vielleicht aus Patriotismus, nicht ganz ungerne zwischen das aut, aut eingeklemmt gesehen haben: entweder zugeben zu müssen, Hogarth verstände sich auch auf Ihr dort Oben , oder das gerühmte Dortoben sei weiter nichts als ein ausgeputztes Dortunten und im Ganzen selbst eine Art von Gesindel-Welt. Daß man dieses Dilemma beim vordersten Hörn faßte, versteht sich von selbst. Durch diese Wahl also wurde Hogarths Genie gerechtfertigt ; durch die Verlegenheit dabei wurde es gerochen. Er nannte seine Schilderung Marriage à la Mode . Das erste dieser Wörter ist in England naturalisiert und also englisch, das letzte noch zur Zeit (die Szene liegt im Jahr 1745) französisch: also die Aufschrift halb englisch und halb französisch, gerade so wie die Sitten der Provinz jener höheren Welt, die er hier zeichnet. Der gemeine Mann verheiratet sich dort nach dem Gebrauche seiner Väter , speist sein Rindfleisch darnach und betet sein Vater unser darnach; der Vornehmere hingegen hat nicht selten seine Marriage à la Mode so wie sein Boeuf à la Mode und seine Religion à la Mode . – Die moralische Tendenz dieser Blätter ist vortrefflich und die Justiz die strengste, die sich denken läßt. Die Missetäter sterben alle eines unnatürlichen Todes. Jammer Schade, daß diese Justiz eine bloß poetische ist! – Will denn aber auch die Natur gar niemals anfangen erkenntlich gegen die Dichter zu werden? Schon über die sechstehalb tausend Jahre ahmen sie nun, wie Batteux vortrefflich gezeigt hat, die schöne Natur nach. Ich dächte doch fürwahr es wäre billig, die Natur besänne sich endlich und ahmte nun auch einmal die schöne Poesie nach. Wie richtig Hogarth übrigens gesehen und wie wahr er gezeichnet hat, sieht man schon allein daraus, daß, als diese Blätter erschienen, die christliche Liebe sich nicht wenig verlegen fand, auf wen sie sie deuten sollte. Sie paßten, nach geringen Einschränkungen, auf den Lord X so gut als auf die Lords Y und Z, schon als Geschichte, und als Prophezeiung beinah auf ein halbes Alphabet. Hogarth, der, wie die Sage geht, einen gewissen Lord W ... hauptsächlich gemeint haben soll, befand sich also wirklich in dem Fall von jenem Eiferer, der in der Hitze des Vortrags die Postille nach einem Ehebrecher seiner Gemeinde werfen wollte, und mit Erstaunen sah, daß sich bei seinem Ausholen ein halbes Alphabet Köpfe verkroch. Auf dem ersten Blatte sieht man, in einem reich und schwer möblierten Zimmer, an einem mit Silberblech überzogenen Tische, zwei ansehnliche Männer einander gegenüber sitzen; der eine etwas alt und etwas gichtbrüchig, der andere noch rüstig, wenigstens gesund. Jenes sind Sr. Hochgräfl. Gnaden der Herr Graf von Squanderfield , Zusammengesetzt aus to squander vertun, verprassen und field , Feld, liegende Güter. ein Mann von öffentlich attestiertem Blut und schwer besiegelter Ehre; der andere ein bloß Wohledler Kaufmann von Geld und Kredit, Alderman, und aus seiner goldenen Kette zu schließen, zeitiger Sheriff der Altstadt London (the City), also in so fern Wohlgeh. pro nunc . Sie sind beide beschäftigt entweder einen Kontrakt zu schließen oder einen geschlossenen zu vollziehen, wozu die Veranlassung und wechselseitigen Bedingungen ungefähr folgende sind. Se. Hochgräfl. Gnaden sind, was man denselben kaum ansehen sollte, eben so bankbrüchig als Sie gichtbrüchig sind, und Dero pekuniäres Vermögen fast noch geringer als Dero physisches. Hingegen ist der Wohlgeborne Herr eben so rangsüchtig als er reich ist, und doch sieht es in den Venen und Arterien seiner Familie eben so erbärmlich bürgerlich aus, als in seiner Kasse fürstlich. Jener sucht daher bürgerliches Geld für leere altadelige Beutel und dieser altadeliges Blut für bürgerliche Adern. Da nun das Bedürfnis von beiden Seiten dringend ist, so kömmt die Sache bald zu Stande, und zwar auf folgendem Wege: Der Herr Graf überlassen der Krämer-Familie einen Teil Ihres kostbaren Blutes in der Person Ihres Erstgebornen, des zugleich Hochgebornen Lord Viscounts Squanderfield: dafür öffnet diese Familie dem Herrn Grafen ihre Kasse und übergibt ihm die Tochter und einzige Erbin des ungeheuern Vermögens, unter der Bedingung, daß besagter Lord Viscount Squanderfield die Adels-Inokulation auf eine gesetzmäßige Weise mit besagtem Bürgermädchen vornehmen, vollstrecken und vollziehen soll. Alles dieses wird hier gegeben und besiegelt. Zur Besiegelung brennt das Licht auf dem Tische. Einige wollen einen so genannten Dieb an demselben bemerkt haben, das wäre ein übles Zeichen für diese Ehepakten. So viel ist aber auf alle Fälle gewiß, daß das Licht läuft, und alles Läufische taugt hierbei auch nicht viel. Die Gruppe am silbernen Tischchen ist wohl einer näheren Beleuchtung wert. Der Alderman wie er da sitzt, durchaus gespannt, aufmerksam und geschäftig. Seine Füße scheinen es gar nicht einmal zu merken, daß er sitzt. Die Schienbeine etwas übersenkrecht, wie auf dem Sprung, die Füße parallel, die Schuhe firm mit einem Paar derben Börsen-Sohlen stehen fest, wie sein Kredit. Die Füße des Lords, stehen auch fest, leider! leider! so wie sein Kredit. Der rechte, zwar noch nicht ganz im Grabe, doch tiefgebeugt im Sack und in der Asche, und der linke erbärmlich durch das Gitter seines Lazaretts blickend. Was diesem noch etwas Ansehen gibt, ist bloß der Kontrast mit dem leidenden Bruder. Der Alderman liest die Aufschrift des Ehe-Kontrakts mit einer Aufmerksamkeit, deren der Lord wohl kaum den Inhalt gewürdigt hat. Diese Art von gespanntem Lesen, lernt sich nicht an Büchern und nicht aus Büchern, sondern bloß bei dem Genuß großer Gedanken – in Wechselbriefen. Vielleicht liegt aber auch in dieser Gespanntheit noch etwas mehr als bloße Sorgfalt. Es wäre wenigstens möglich. Man denke einmal an die herrliche Frakturschrift der englischen Schönschreiber, und mit dieser herrlichen Schrift geschrieben die goldenen Worte: The Right Hon\<sub\>ble\</sub\> Lord Viscount , und in diesem Viscount den künftigen Schwiegersohn und im Schwiegersohn den künftigen Grafen und im Grafen den unausbleiblichen Lord des Oberhauses mit allen seinen Rechten und Herrlichkeiten bis ans Ende der Welt. Wahrlich, wenn ein solcher Genuß den Blick eines hoffärtigen Aldermans nicht spannen kann, was in aller Welt will ihn spannen können? Gedacht hat er freilich alles das wohl oft genug, aber mit solcher diplomatischen Pracht und solcher moralisch unauslöschlichen Schrift geschrieben sieht er es hier zum ersten Mal. Neben ihm steht, mit dem Hut unter dem Arm, sein alter, treuer im 60jährigen Comtoir-Dienst gedörrter Buchhalter. Er bringt die Traktaten in Erfüllung und übergibt im Namen seines Herrn, dem alten Grafen das, was man eigentlich in diesem Hause die Tochter des Aldermans nennt. Er verrichtet die Trauung. Es gehört fürwahr viel Philosophie dazu, ganz ohne geheime Regung auf den Tisch zu sehen worauf diese Trauung vorgeht. Banknoten, mit bedeutungsvollen Nullen-Reihen wie mit Perlenschnüren verbrämt, liegen da auf Guineen-Haufen, und ähnliche Stickereien folgen ihnen noch nach. Und dennoch sind dieses, so wie überhaupt die sichtbaren Reize bei solchen Gelegenheiten, nur Nebensachen. Nahe vor sich hat der Alte noch Beutel stehen, die schon deswegen mehr Achtung verdienen, weil man nicht wissen kann wie viel darin ist. Allein das geheimste, und daher vermutlich auch das wichtigste Stück bei dieser ganzen Ablieferung, ist wohl die Urkunde mit der Aufschrift Mortgage . Ich schließe dieses daraus, daß selbst der Buchhalter mit gutmütiger Neugierde den Eindruck beobachten zu wollen scheint, den ein solcher vor unsern Augen verborgener Segen auf den Grafen machen wird. Denn wahrscheinlich ist es die von dem Alderman selbst zurückgegebene oder doch eingelöste Schuldverschreibung, wodurch ein Teil der Besitztümer des Hochgräflichen Hauses bisher in Gefangenschaft gehalten worden war. »Hier, Mylord , erhalten Sie Dero Güter zurück« sagt der Alte. – Die Gabe ist stark, und in der Manier sie darzubringen etwas, das gar nicht kaufmännisch aussieht. Man fühlt dieses auch adeliger Seits sehr tief und greift daher ohne Zeitverlust augenblicklich nach der eigenen Mitgift, um durch die Pracht derselben das Bürger-Pack sogleich wieder in seine natürliche Grenzen zurückzuweisen. Wohlan , sagt der Graf, das bringt Uns euer Bürger-Mägdchen ins Haus, und das, was hierunter pocht , (indem er auf den fünften Westenknopf weist), mein Blut, und hier (auf den Stammbaum deutend) diese Zeder vom Libanon, meinen 7oojährigen Adel, bringt euch Bürger-Leuten mein erstgebomer Sohn ins Haus. – Um die ungeheure Überwucht dieser Worte über jene Tat ganz zu fühlen, muß man noch den orientalischen Pomp bedenken, unter welchem sie hier gesprochen worden sind, wovon wir jetzt nur so viel anführen wollen, als unmittelbar für diese Gruppe gehört. Der alte Graf erscheint sitzend, nahe unter einem Staats- und Audienz-Himmel, mit der gräflichen Wappen-Krone (an Earl's Coronet) zwar nicht unmittelbar auf der Staats-Perücke, aber doch oben auf dem Staats-Himmel; angetan mit hoher, goldner Wappenpracht, und gleichsam selbst eine Art von Pracht-Wappen mit seinen Schildhaltern, den beiden Krücken. Jede Krücke ist mit der Krone gestempelt. Jetzt gebraucht er sie nicht. Die Sorge für seine Unterstützung hat, an einem andern Ende, einer der feinsten Cabinets-Thronen übernommen, den je die Gicht an einem Gala-Tage bestiegen hat. Den kranken Kredit-Fuß trägt ein Schemel, dessen selbst die zarteste Kränklichkeit sich nicht schämen würde als Stütze für ihre Schläfe oder Stirne anzunehmen, und dieser Schemel trägt für seinen Dienst ebenfalls die goldne Krone. Neben ihm liegt Wilhelm der Eroberer mit Panzer, Schild und Schwert und bewundert die nobeln Früchte seines 700jährigen Baumes, an deren jeder die goldne Zierde einer Krone hängt. – Armer Alderman, was ist nun alles dein zeitliches Börsen-Geklimper gegen diese Pracht und den Posaunen-Ton eines fast 1000jährigen Vorruhms ?. Sehr tröstlich ist dieser Stammbaum auch wirklich nicht für den Alderman. Mit seiner Brille wenigstens muß er ihm nicht nahe kommen. Denn, wenn ich recht sehe, so hat der stolze Normann mit seinem Schwert einen Zweig heruntergehauen, weil dieser Zweig ein Krönchen trug, das sich mit einem Non-Krönchen verehelicht hatte. Sitzen bleiben konnte das Ästchen mit seinem Mildtau nicht an dem Baume adeligen Erkenntnisses, der seine Wurzel hinunter bis in den Bauch Wilhelms des Eroberers schlug. Daß die schwarze Nulle , die wir da fallen sehen, ein unadeliges Nichts bedeutet, ist wohl gewiß, ob aber eine Krämers-Tochter oder einen Laufer oder Kammerdiener, kann hier nicht ausgemacht werden. Hinter dem Alderman sitzen nun in einem ganz zierlichen Nestchen die beiden Verliebten und Verlobten selbst – in natura . Es ist nicht ganz leicht zu sagen wie sie da sitzen. Daß sie ihre Herzen nicht gegen einander wenden, ist wohl gewiß, oder die Herzen müßten bei ihnen anders liegen als bei andern Menschen. Es durch ein Gleichnis auszudrücken, ist auch nicht leicht, wenigstens durch irgend ein käufliches der Hochzeits-Sänger nicht. An Turteltäubchen und Schnäbeln z.B. ist gar nicht zu denken, denn wer in aller Welt schnäbelt sich so? Das Gleichnis, das hier vielleicht noch am weitesten reicht, wäre, zu sagen: der Bräutigam sitze neben der Braut, wie ein kranker Seidenhase neben einem raschen Igelweibchen . Er, mit bereits ausgelöschtem Licht und Feuer seiner Augen und mit einem sehr bedeutungsvollen bon ton -Pflaster unter dem Ohre, nimmt mit superfeiner Grazie eine Prise. Sein kaum merkliches Lächeln ist das Lächeln der gedankenlosesten Selbstapprobation bei der äußersten Erschlaffung des Leibes und der Seele. – Was ihn noch hält, ist vielleicht ein halbeifersüchtiges Lauschen auf ein kleines Geflüster, das wir sogleich selbst ein wenig behorchen wollen. – Er sitzt, – freilich wohl – aber er sitze, womit oder worauf er wolle, so ist wenigstens so viel gewiß, er sitzt miserabel . Auch bei ihm sprechen die Füße, wie bei seinem Vater über Kredit. Sie heben sich sogar im Sitzen auf die Zehen, vermutlich um irgendwo in einer höheren Gegend die Berührungspunkte zwischen Sitz und Sitzfleisch so viel als möglich zu vermindern. Sein Gesicht wendet er gegen den Spiegel, aber bloß weil der Spiegel an der Seite hängt, wo die Braut – nicht sitzt. Mit dem Spiegel selbst hat er nichts zu schaffen. Alles, was er da sehen könnte, wäre höchstens ein Bißchen Silberblick von seinem Pracht-Ärmel. Denn daß er sich selbst im Spiegel sehen könne, oder gar die Braut in demselben belauschen, wie Herr Ireland glaubt, ist eine katoptrische Unmöglichkeit. – Es erweckt eine ganz seltsame Empfindung, wenn man diese zerbrechliche Marzipan-Puppe mit dem eisernen Normanne dort vergleicht, von dem sie abzustammen wähnt. Wäre auch der tapfere, feurige, ehrgeizige und nichts weniger als sonderlich weichherzige Wilhelm mit seinem Hieber in Person hier, so möchte wohl das sicherste Plätzchen im Zimmer für Ihro Hochgebornen , wenn sie bessere Springfüße hätten, dort beim offenen Fenster sein. Nun die Braut! Gütiger Hymenäus, was hast du da vor, und wie war es möglich, nur so was zu denken! Sieh nur hin! Wenn man die Kleinigkeit abrechnet (das einzige, worin die beiden Leutchen noch ein wenig harmonieren), nämlich, daß sie sich beide, wie man sieht, einander hassen wie den Teufel, so sind sie denn doch fürwahr in allen übrigen Stücken gerade das Gegenteil. Es ist zu arg. Was bei dieser Handels-Spekulation dort, beim silbernen Tischchen mit Beuteln und Stammbäumen abgetan wird, läßt sich noch hören, aber – aber die Lieferung an Naturalien da auf dem Canapee, taugt nicht den Henker. Man bedenke nur. Er , mit dem geringen aber edeln Rest von Körper, den er noch aus dem Feuer gerettet hat, in die schönste Wellen-Linie Hogarths hingebogen; – Sie , noch ganz, aber in der völligen attitude à dos d'âne Da man sich bei Beschreibungen von Damen- Kleidern durchaus der französischen Sprache bedient, so ist es ja wohl verstattet bei Beschreibungen von Damen selbst ein Gleiches zu tun, zumal da der Unterschied zwischen beiden in unzähligen Fällen auf eine bloße Kleinigkeit hinausläuft. und in eine Sägebocks-Form gebrochen, die selbst das stoffene Kleid nicht verhüllen kann. Seine Arme, wie sanft gestützt! und die Hände, wie leicht gehalten! Antinous und Adonis, wenn sie je hätten schnupfen wollen, hätten nicht reizender können schnupfen wollen. – Die ihrigen in parallele Winkel geknickt, hängen da, wie die lahmen Haken an einem alten Futteral, wenn sie ihre Ösen verloren haben. Er spielt mit dem Döschen und dem Schnupftabak, und damit sind wenigstens drei Viertel der ganzen Bestimmung dieser Spielsachen wirklich erfüllt; – Sie hingegen spielt mit dem Trauring, durch den sie ihr weiches und feines Schnupftuch gezogen hat, woran sie ihn wirbelt und schleudert, und vermutlich verschleudern wird. Der Trauring ist für sie eine Prise, die sie diesen Morgen ehrenhalber genommen hat, und weil sie nicht nach ihrem Geschmack ist, bei der ersten Gelegenheit heimlich verzettelt. Manche Menschen wollen in den Spielsachen dieser Liebenden tiefere Bedeutungen finden. Das mag sein, mag aber auch so bleiben. Ich wenigstens mag aus tiefen Bedeutungen keine Spielsachen machen. Seine Miene, wie holdselig! Etwas matt freilich, aber doch sanft; zwar mit Spuren der Debauche, aber doch auch der Bildung. Aber die ihrige ! – – Behüte und bewahre alle Menschen vor solchem Schnitzwerk am eigenen Köpfchen oder an dem der künftigen Haus-Ehre! Es ginge nicht einmal durch als Schnitzbild am Haus- Schlitten . Unweiblicher kann wohl kein weibliches Geschöpf gezeichnet werden als dieses; häßlicher vielleicht, aber mit so wenigen Strichen schwerlich boshafter, eigensinniger, halsstarriger und dabei duckmäuserischer, als dieses. Gezeichnet sage ich; so gezogen kann man seine Töchter in manchen Kostschulen (boarding schools) in London, gegen ein Paar hundert Pfund Sterling, haben, ohne alle Mühe, so gut als in den galantesten Familien von Deutschland. In der Tat, der Kontrast bei diesem Paare geht sehr weit; nicht bloß auf Kopf und Herz erstreckt er sich, er findet sich sogar in Teilen, die, zumal wenn der Mensch (wozu es nun bald wieder kommen wird) auf allen Vieren geht, so weit als möglich vom Kopf und Herzen abliegen. Ich meine die Leutchen sitzen , oder setzen sich nicht einmal eines wie das andere. Der Bräutigam, schwebt er nicht über dem Sitz, leicht wie der Frühlings-Gott über der Silberwolle eines Tauwölkchens? Die Braut hingegen, sitzt sie nicht völlig da in der Stellung eines Hausknechts, der den Deckel eines allzuvollen Koffers , noch durch einige derbe Final-Stöße mit dem Sitz-Ende, zum Schlusse bringen will? Jener sitzt oder scheint zu sitzen, als fürchtete er Nadeln in der Unterlage, diese , gerade umgekehrt, als merkte sie darin eine Leere zum Ausfüllen , und solche Sitze gibt es in der Welt. Zur Rechten also sitzt ihr der Mann, dem sie auf die rechte Hand angetraut werden soll, und zur Linken steht ihr ein andrer, ein junger muskulöser Matrimonial-Rat, der wirklich im Begriff ist, ein Gleiches mit ihr für seine eigene Person auf die linke vorzunehmen. Der Fuchs merkte, daß dem Fräulein Braut alles auf der Rechten ein wenig links vorkam, und eröffnet daher auf der Linken sogleich die Traktaten; nicht die, wozu Er die Feder, aber die, wozu Sie die Ohren spitzt. Der junge Mann ist kein Geistlicher, wie mancher Deutsche vielleicht aus dem schwarzen Oberkleide und dem Krägelchen schließen sollte, sondern ein Rechtshändler , eine Art von Advokat und Prokurator. In England tragen nämlich die beiden oberen Fakultäten beständig Trauer, wenn sie im Dienst sind, die Justiz wie die Theologie. Hingegen kleidet sich die Medizin, welcher diese Farbe vielleicht noch am besten zu Gesicht stehen würde, mit allen Farben des Regenbogens, wie bei uns. Aus dem Titul einer Rede von ihm, die man hat drucken lassen, und von der wir unten reden werden, erfährt man, daß er Silvertongue , Aus silver , Silber und tongue , Zunge zusammengesetzt. Die Übersetzung ist nach Chrysostomus, Goldmund, formiert. Silbermund hieß. Und in der Tat, er muß da etwas sehr Silbernes hinflüstern, daß er diese Eule damit so tief in eine Aufmerksamkeit hineinzaubert, wovon man die Spannung durch die ganze Länge ihres Halses und Rückens bemerkt, und das alles so beim Federschneiden. Daß sie zu dieser Aufmerksamkeit, die ganz aus dem Innersten des verzogenen Geschöpfs stammt, dennoch die roheste Miene pöbelhaften Unwillens macht, ist, wie mich dünkt, ein herrlicher Zug von Hogarth; denn der charakterisiert nun nicht weiter die Dame und noch weniger das Geschöpf der bloßen Natur, sondern – das eigentliche Mensch , die Schuld falle nun auf wen sie will. Sollte der Vater sich vielleicht durch Fischhandel gehoben haben? Bei dem Justiz-Krägelchen des Herrn Prokurators merke ich noch an, daß er diese Zierde nicht durch das ganze Stück trägt, sondern kurz vor Ausgang der Geschichte von der Justiz mit einem andern unter großen Feierlichkeiten beschenkt wird. Diese kleine Canapee-Szene enthält nun den Keim, aus dem der Künstler mit vieler Feinheit das Ganze entwickelt; hier glimmt der Funke der nun nach und nach zur Glut wird und endlich zu Flammen auflodert, durch welche das Ganze zusammenstürzt. Hogarth macht daher vorzüglich aufmerksam darauf und erklärt was noch undeutlich darin scheinen könnte, mit einem Paar vortrefflicher Züge aus dem unerschöpflichen Schatze seiner Zeichen-Sprache. Unmittelbar vor dem jungen Lord, an der Erde, spiegelt sich diese Canapee-Szene in der Geschichte zweier Leibeigenen ab, die beim Jagdwesen der Familie angesetzt sind. Es ist ein Hund und eine Hündin. Der Hund, durch eine Krone auf der Seite ein wenig nobilitiert, ist schon etwas ältlich, etwas abgejagt und etwas matt. Die Hündin, bloß bürgerlich aber rasch und munter, hat keine Neigung zu schlafen, am allerwenigsten wann der schläft, mit dem sie durch eine derbe Kette von Hals zu Hals Aus der Kette von Hals zu Hals in dieser Spiegel-Szene sollte man fast schließen, daß der junge Lord und seine Dame auch schon an der Kette lägen. Wäre dieses, so würde freilich der Unwille im Gesicht der letztern und die Verlegenheit in den Mienen des ersteren eine leichtere Erklärung leiden. ver-lobt ist. Die kleine Bestie sieht sich ziemlich gierig nach etwas um, vermutlich nach einem – Prokurator . Der schwarze Fleck am Ohre des Hundes ist kein bon ton -Pflaster. Über dem Canapee an der Wand hat Hogarth einen Leuchter aufgehängt. Die beiden Arme desselben, die die Kerzen tragen, sind in einander geschlungen (auch ein Verlöbnis), aber die beiden Kerzen selbst brennen gerade so, wie die beiden Herzen unten darunter. Oder deuten etwa die Kerzen mehr auf den linken Flügel, wo der Prokurator kommandiert? Mir ist dieses wahrscheinlicher als jenes, weil beide noch frisch und unangebrannt sind, und weil wirklich der eine Leuchter-Arm ganz von der Seite kömmt, und sich, aller Symmetrie zuwider , um den Hauptarm schlingt. Hätte Hogarth auf den rechten Flügel hinweisen wollen, so wäre vermutlich ein abgebranntes Stümpfchen mit dabei gewesen. Noch brennen sie nicht, sind aber dazu fix und fertig; es fehlt zum Anzünden nur noch die Nacht, und die – wird kommen. Vor dem aufgeschobenen Fenster steht noch ein anderer Leidtragender aus der zweiten Fakultät. Er scheint etwas mehr zu sein, als der dort auf dem linken Flügel, eines Teils weil er weniger tut und dann weil er wirklich bereits das goldne Vlies der englischen Themis um sein Haupt geschlagen trägt. Denn niemand trägt dieses Fell, der nicht schon Fett und Fleisch sicher in der Speisekammer hat. In seiner Linken hält er den Plan zu dem neuen Palast des alten Grafen und vergleicht den Entwurf mit der Ausführung. Dabei gerät er in ein solches bewunderndes Erstaunen, daß darüber Unterkinn und Nase, die sonst in seinem Gesichte nahe Nachbarn sind, und die fünf Finger der rechten Hand auseinander gehen. Wenn diese Bewunderung nicht gar eine geheuchelte ist, so ist wenigstens so viel gewiß, kunstkennerisch ist sie nicht, sondern bloß juristisch, denn das Gebäude ist abscheulich. Die obern Säulen treffen nicht auf die untern, die Säulen-Stühle sind runde kannelierte Blöcke, die Fenster zu den Souterrains dreieckig; neben der Hauptfacade liegt die finstere Kutschen-Remise, die ihr bißchen Licht durch ein rundes Loch und einen Zirkel-Abschnitt erhält, der so tief liegt, daß es ohne Abschnitt vom Kutscher oder der Kutsche beim Einfahren kaum abgehen kann, und so geht es durchaus. Allein die Geschmacklosigkeit, Stupidität und tolle Verschwendung des alten Herrn zu zeigen, ist nicht die einzige Ursache, warum der Künstler das Fenster aufgeschoben hat. Es ist kein Geld da, will er uns sagen, ein Gerüste und keine Arbeiter, der Bau steht stille, ja, es scheint fast als hätte die Zeit schon hier und da angefangen am Gerüste selbst wieder abzubrechen. Was da im Hofe herumwimmelt sind keine Bauleute, sondern entweder Tagdiebe aus dem Hause selbst (überflüssige Dienerschaft), oder Bediente deren Herrschaften das Gebäude besehen und belachen, und das alles dem Nachkömmlinge Wilhelms des Eroberers zu Ehren. – So eben, da der Erklärer dieser Blätter sich zu der Gemälde-Sammlung in diesem Zimmer wenden will, bemerkt er, daß es ihm mit der Guinee, die da im Bilde halb schon unter dem Kehricht, der Sportel-Kasse der Bedienten, liegt, beinahe ergangen wäre, wie den drei Kupplern am Tischchen mit dem klingenden Originale selbst. Er hätte sie fast über den andern Schätzen dieses Blattes, die noch aufzudecken sind, vergessen. Das Versehen war dieses Mal vorteilhaft; es selbst enthält die beste Erklärung, so wie diese wiederum, für den gütigen Leser wenigstens, die beste Entschuldigung. An den Wänden umher hängen Gemälde, die der übrigen Mannigfaltigkeit unbeschadet alle auf grauenvolle Schilderungen zeitlichen Unheils hinauslaufen. Krieg, Mord, Marter, Überschwemmung, Pestilenz und teuere Zeit, Kanonen und Kometen überall, und das alles in einem Verlobungs-Zimmer. Wahrlich! hätte Heinrich IV. vor seiner Verlobung den Kaffee-Satz befragt und die Zigeunerin ihm eine solche Bilder-Galerie darin sehen lassen, die bekannte Mariage de St. Bartelemi wäre sicherlich nicht zu Stande gekommen. Hier hat man kein Arges daraus, daher geht auch diese Bluthochzeit ihren Gang ungestört fort. Man sehe nur einmal hin. Gerade über dem Haupte des Bräutigams wird der heil. Laurentius auf sein Brautbett, den Brat-Rost , geschleppt. O! könntest du das bedenken, armer Lorenzo, mit deiner Dose da unten! Gegenüber warnen Kain und Abel Herrn Silbermund vor Bruder-Mord. Über dem heil. Laurentius deutet die Geschichte des bethlehemitischen Septembriseurs Herodes auf Kinder-Mord, und diesem gegenüber die des Feuerdiebes Prometheus, an dessen Leber der Geier nagt, auf Gewissens-Angst. An der andern Wand liegt ein ungeheuerer Goliath mit dem Rumpf an der östlichen und dem rechten Bein an der westlichen Seite eines Hügels, an dessen Abhang nun sogleich der Felsen-Block seines Kopfs herabrollen wird. Unter diesem rollt so eben auch ein Kopf, der Kopf Holofernis, in den Arbeitsbeutel seiner getreuen Judith, und neben diesem empfängt der arme St. Sebastian die Pfeile in die Brust. Also hier ist Blutes genug. Das Blut wird sich auch finden; auch Ähnlichkeiten mit den Geschichten selbst würden sich mit etwas Deutungs-Fertigkeit noch finden lassen, alles, nur – die Heiligen nicht. – Nun müssen wir den Leser um ein klein wenig Platz für den Mann ansprechen, dessen Bild da an der Wand den Raum von vier Mordgeschichten einnimmt. Es ist ein Held aus der Familie. Wer Sausen, Sturm und Donner sehen will, ohne sie hören zu wollen, der trete vor dieses Bild. Der Held, in der Art von Perücke, die man, trotz der vielen neueren Fortschritte in der Meteorologie, noch immer und mit Recht unter die Donnerwolken zählt, befindet sich im Gewühle der Schlacht. Daß er an der Spitze seines Heeres steht, ist gewiß; wo aber diese Spitze selbst eigentlich liegt, vorne oder hinten oder auf der Seite, hat der Maler nach Zeitungsschreiber-Art, nicht deutlich angezeigt. Mit selbstgefälliger Miene übersieht er die reiche Ernte des Sieges, und wirft so eben einen Blick nach der Seite wo die besten Schnitter stehen. Den Blitz hat die rechte Hand gnädig und schonend der linken übergeben, wo er friedlich mit den Brüsseler Spitzen der Manschetten spielt. Die Rechte ruht waffenlos auf der eisernen Hüfte. Vierzig bis funfzig Ellen Gewand flattern um ihn her und dem Sturmwind, der aus drei Paar vollen Cherubs-Backen darauf zu bläst, gerade entgegen. Der Held hat also seinen eigenen Wind. Indessen ergreift ein Teil des äußeren Sturms den Hauptschweif der Perücke des Helden und hebt ihn fürchterlich auf. Er steht schrecklich da, und könnte selbst dem von einem Kometen, der über ihm schwebt, Trotz zu bieten scheinen, wenn man nicht wüßte, wie nahe solche Zeichen der Zeit einander verwandt sind. Unten geht eine Kanone selbst unter dem Mantel des Helden los, fast als käme der Schuß aus seiner Hosentasche. Seine Taschen-Puffer sind Kartaunen, wie seine Zöpfe Kometenschwänze. Wie groß! Die Kugel scheint von dem Künstler in einem günstigen Augenblick ad vivum kopiert. Daß sie etwas klein geraten ist, ist ihm wegen der Eile, worin solche Gegenstände gewöhnlich aufgefaßt werden müssen, zu verzeihen. Um das ganze Portrait geht ein Pracht-Rahmen von vergoldetem Zimmerwerk, der oben mit einem Fratzengesicht, einem Mittel-Dinge zwischen Tiger und Affen, ausgeziert ist. Also etwas zwischen Tiger und Affen sogar auch am Rahmen um das Bild. Bekanntlich hat Voltaire, der so etwas wohl wissen konnte, gesagt: Der Franzose habe im Charakter etwas vom Tiger und etwas vom Affen. – Alle Ausleger des Hogarth sind darin eins, daß die Satyre in diesem Bilde nicht sowohl auf Ludwig XIV . selbst, als auf die öfters mit den übertriebensten Attributen verzierten Portraite von demselben ginge. Das Decken-Gemälde ist ein Seestück ! Pharao mit seinem Heer, in dem Augenblicke gezeichnet, da seine Karriole, da oben über dem Herrn Prokurator, flott wird. Zum Gegenstück hätte sich hier das Ptolemäische Welt-System auf dem Fußteppich recht gut gefügt; auch wegen der verkehrten Haushaltung. Eigentlich also geht die ganze Verlobungs-Szene auf dem Boden des Roten Meeres vor, und so etwas hätte wohl hier werden können, wenn das an der Wand gemalte Blut hier wirklich geflossen wäre, oder gar das hierher zu strömen angefangen hätte, auf welches der Kometen-Schweif hindeutet. Zum Beschluß noch eine kleine Rechnung: Das gräfliche Wappen ist hier neunmal gewiß , und wahrscheinlich eilfmal angebracht: einmal über dem Prachthimmel; zweimal an den Krücken; einmal am Fußschemel; einmal am Stuhle des Alderman; einmal über der Familien-Meduse am Wandleuchter; einmal über dem Spiegel; einmal unter dem Spiegel-Tischchen, und einmal an dem schläfrigen Jagdhunde. Die beiden wahrscheinlichen sind die, wovon das eine durch die Perücke des alten Grafen und das andere durch den Haarbeutel des jungen Viscounts an ihren Sitz-Lehnen verdeckt wird. Um das Dutzend durch ein drittes wahrscheinliches , an der Jagdhündin, voll zu machen, erlaubt unsere Kommentator-Ehre nicht, da wir uns einmal vorgenommen haben zu glauben, dieses muntere Tier sei bloß bürgerlich . Am Stammbaume findet sich das Wappen leicht noch vierzehnmal . So etwas läßt doch fast wie Allgegenwart. Für die Besitzer der Onginal- Kupferstiche merken wir noch an, daß in unserer Kopie, durch die mit Fleiß unterlassene Umzeichnung, alles nun wieder so steht, wie auf dem eigentlichen Original- Gemälde . Der Prokurator schneidet seine Feder wieder mit der rechten Hand; der Held trägt sein Schwert wieder an der linken Seite und der alte Graf legt wieder die rechte Hand auf das Herz. Ich glaube, diese unsere Rückübersetzung des englischen Kupferstichs in die primitive Wohlanständigkeit des Gemäldes, ist hier nicht ganz ohne Verdienst. Welcher Mann von Geburt legt bei einer Versicherung die linke Hand auf das Herz? – Meint er es nicht redlich, so kann er freilich nicht verlangen, daß die Welt am Ende sagen soll, er habe es redlich gemeint: aber das, dünkt mich, kann ein Mann von Stand verlangen, daß, wenn er betriegt, die Welt wenigstens sagt, er habe mit Würde betrogen. Zweite Platte Der alte Graf scheint nun bereits aufgelöst und bei Wilhelm dem Eroberer zu sein. Weder der Herr Sohn noch die Frau Schwieger-Tochter, die hier sitzen, scheinen es sonderlich zu empfinden, daß der Tod seinen 80jährigen Prozeß endlich gegen den Alten gewonnen hat. Sie prozessieren hier jetzt auch, aber nicht mit dem Tode, sondern bloß ad interim ein wenig mit dessen Halbbruder, dem Schlafe, und, wie man sieht, mit sehr ungleichem Glücke. Sie verliert ihren Prozeß gewiß, und er, bei welchem der Unmut ein Wörtchen mit drein spricht, wird sicherlich den seinigen gewinnen. Sie haben vorige Nacht beide wenig oder gar nicht geschlafen; Sie hier im Hause nicht, und er in einem andern, vielleicht eine englische Meile davon, auch nicht. Der Verlauf der Geschichte ist der: Es ist hier noch früher Morgen, die Wanduhr mag übrigens weisen was sie will; man gähnt hier noch, man reckt sich noch und man frühstückt noch. Ob das recht ist oder nicht, das geht der Bauern-Sonne nichts an. Verkehrt ist es freilich allemal ein wenig, aber das sind die Fische da oben in den Bäumen auch. Hier ist nun der Geschmack einmal so. Der junge Herr, der aber (im Vorbeigehen zu sagen) die Nacht über um eine ganze schwere Campagne älter geworden ist, scheint, so eben von der Karosse abgeladen, sich hierher geworfen zu haben. Vermutlich stolperte er über den Stuhl mit den zarten Cremoneserinnen, stürzte und zerbrach den Degen. Die Figur ist ein Meisterstück und unstreitig eine der besten, die Hogarth je gezeichnet hat. Das wahre Sinnbild der Erschlaffung nach der wildesten Debauche aller Art. Nichts hält sich an ihm mehr durch innere Kraft. Die Stellung ist bloß so geworden durch Aktion der Schwere, durch Gliedermanns-Reaktion und passive Stuhlform. So wie der Hut und die Haare, so sitzen die Weste und die Strümpfe. Der Haarbeutel ist fort, die Uhr ist fort, und das Geld ist fort. Wo das Geld stak, da stecken jetzt die leeren Hände, die es suchen und nichts finden als eine traurige Unterstützung, für sich und die langen, schweren, lederweich gewachten und geschwärmten Arme. Was noch am wenigsten in dem Tumult gelitten hat, ist das schwarze Fakultäts-Siegel unter dem Ohr. Wo mag der Blick hingehen? Auswärts bleibt er gewiß auf der Hälfte des Weges nach dem umgefallenen Stuhle zu in der freien Luft schweben; einwärts geht er an diesem häuslichen Morgen ungewöhnlich tief. Selbst durch den Nebel von Kopfweh, der um seine Stirne schwebt, sind doch einige Spuren von tieferem Herzensweh nicht ganz zu verkennen. So geht es diesen Fischchen, wenn sie einmal ein allzu mutwilliger Sprung ein wenig zu weit aus ihrem Element wirft. Der Rausch, der bei seiner Ankunft und während seiner Fortschritte den Trinker über seinen gewöhnlichen Geistes- und Herzens-Zustand hinaus spannt, spannt ihn auch bei seiner Entweichung unter diesen Zustand hinunter wieder ab, so, daß er bei jeder Art von Gemüts-Anlage auf dieser Leiter-Tour gewöhnlich irgend ein Sprößchen findet, von welchem aus er sein ganzes Wesen ohne viele Mühe übersehen kann. Er scheint zu rechnen; nicht doch, nein! bloß schwer zu empfinden, was es werden würde, wenn er rechnen wollte . Dieses ist der Unmut, der, wie wir gesagt haben, die Rechte des jungen Herrn wider den Schlaf unterstützt. So sehr geschlagen er indessen da liegt, so ist er doch nicht ganz ohne Beute vom Schlachtfeld abgezogen. Aus seiner Rocktasche hängt ein Produkt aus Linon und Band, dergleichen selten, und nie ohne irgend eine große Revolution, in Männer-Taschen gerät. Es ist ein kleines parfümiertes Kopfzeug, das hier von dem Schoßhündchen der Dame mit Bologneser-Sagazität entdeckt und mit friedliebender Behutsamkeit beschniffelt wird. Also, was kaum ein sicherndes Unterpfand für den bloßen Haarbeutel wäre, ist nun vermutlich noch oben drein der ganze Ersatz für Börse und Uhr! So viel von den Taten des jungen Herrn in voriger Nacht, wovon hier das Hündchen die Witterung hat, – und nun ein Wort von den Taten der jungen Dame die der junge Herr selbst wittert. Sie hatte dort in dem herrlichen ägyptischen Saale die Nacht hindurch Spielgesellschaft und Spiel mit Karten, jungen Herrn und dergleichen, ein wenig Tee, ein wenig Konzert und ein wenig Tanz. Man hat lange und wild gespielt; die Lichter brennen tief und verbrennen, wie man sagt, das Tageslicht, obgleich der Tag ein Wintertag ist. Einer der Tische hat seine Karten auf die Erde geworfen, die Pandekten des Whistspiels, Hoyle on Whist , Hoyle über das Whistspiel. Dieses Buch hat sich in der englischen Literär-Geschichte merkwürdig gemacht. Es wird in Miltons Leben angemerkt, daß der Dichter für sein verlornes Paradies zehn Guineen, Hoyle für sein wiedergefundenes aber zweihundert von dem Verleger erhalten habe. wurden mit Füßen getreten, und vielleicht stürzte auch der Stuhl mit seinem kostbaren Holzwerk, den Violinen, durch ein Getümmel in diesem düstern Winkel. Denn das bloß dämmernde Licht eines Steinkohlenfeuers und das sehr entfernte des Kronleuchters ausgenommen, war hier, vermutlich vorsätzlich, keine besondere Erleuchtung. Die beiden Lichter bei der Uhr haben wenigstens nicht gebrannt. Ein vortrefflicher Zug! wie mich dünkt. Ein Paar unangebrannte Lichter auf einem jeden Wandleuchter hätten schon hinlänglich bezeugt, wie wenig man sich hier um Erleuchtung bekümmert habe; daß es aber oben drein die Uhrlichter sind, bezeugt dieses auch zugleich mit für die Zeit . Wirklich kann aber auch die eigentliche Zeit für die Werke der Dämmerung sowohl, als der Finsternis füglich ohne alle Uhr gefunden werden, oder will man sich ja ihrer dabei bedienen, so wird es wenigstens die sein, da man weder Uhrzeiger noch Uhr sieht. – Die junge Dame ist also freilich sehr – sehr müde. Sie beweist dieses durch einige Manieren, in denen in der Tat nicht viel Adel ist, oder ist ja welcher darin, so ist er wenigstens sehr – sehr neugebacken ; sie reckt sich ein wenig oder droht, wie man in einigen Gegenden sagt, dem Herrn Gemahl mit dem Hörner-Zeichen. Gesund ist sie gewiß, vielleicht allzugesund. Selbst der schläfrige Blick ist nicht ohne Kraft und verrät, so wie die ganze Stellung, Überfluß an allem, woran ihr armer Abgebrannter so großen Mangel leidet. Es scheint sie hat ein wenig auf dem Stuhle geschlafen und wird, wenn die Konversation zwischen ihr und dem Liebsten mit der Lebhaftigkeit fortgesetzt wird, mit welcher sie angefangen hat, vermutlich bald wieder schlafen. – Was das leere Döschen oder das leere Etui in ihrer Hand bedeutet, ist nicht so ganz leicht zu sagen. Wäre ein Spiegelchen im Deckel, so hätte die Sache, und zwar sehr zu ihrer Ehre, keine Schwierigkeit. Sie wäre nämlich alsdann vermutlich beim Erwachen sogleich einer der ersten Pflichten, ich meine der Pflicht der Selbstprüfung nachgekommen, und daß das Gesichtchen diesen Morgensegen gut bestanden habe, erhellte alsdann deutlich aus der ruhigen Dehnung, die sogleich darauf erfolgt. Sie hat das Frühstück vor sich. Es ist wie man sieht, und wie es nach einer solchen Ehestands-Nacht nicht anders möglich war, einpersönig . – O wäre es doch die Dame nur auch! Man vergäbe ihr vielleicht alsdann, bei einem solchen Manne, wohl noch eine Nacht, wie die vergangene. Allein bei solchen Rockfalten , die gar nicht mehr so brechen wollen, wie an dem Hochzeit-Tage, und leider! wegen der Knospe zu Wilhelms des Eroberers Stammbaum, nicht mehr so brechen können ; – mit denen noch, bis an den frühen Morgen auf Karten, Violinen und Pandekten sich so herum zu tummeln, Madam, das war, so sehr es übrigens nach der Mode gewesen sein mag, fürwahr nicht schön. Er , er hat so eben auch gefrühstückt. Es muß erbärmlich geschmeckt haben, denn der alte Haushofmeister, der das Frühstück brachte, trägt es ganz ungenossen wieder weg. Es bestand aus einem Pack Rechnungen, die diesen Morgen berichtigt werden sollten, aber nur eine ist berichtigt und diese schon am 4. Junii, Nicht am 4. Jänner, wie Herr Ireland gelesen hat. da es doch hier offenbar Winter ist. Die berichtigte hängt an dem Sammeldraht (file) des Haushofmeisters mit der Unterschrift. Es war freilich eine harte Kost, und doch sind das nur Semmelschnittchen gewesen gegen den Pumpernickel, den er da unter dem Arm trägt, das Hausbuch (Ledger) ; an dem ist schwerlich nur einmal gerochen worden! – Über den Kopf des Haushofmeisters und über die Bedeutung seines Blicks und des Gestus seiner Hand noch mit Schriftsprache kommentieren zu wollen, wäre wohl der unverzeihlichste Mißbrauch, der von Buchstabenschrift gemacht werden könnte. Dafür werden die Lettern in der Welt nicht gegossen. Die feinste Notenmacherei, nach ihren beiden großen Abteilungen, müßte bei einem solchen Texte zu Schanden werden; die so wohl, die sich ergießt, auf daß man verstehe , als die unendlich gelehrtere, auf daß man nicht verstehe . Wenn ich sagte: Seht so steht es mit den Finanzen von Ihro Gnaden , und wiese dabei auf diesen Haus-Heiligen hin: würde wohl irgendjemand noch fragen: Wie steht es denn eigentlich mit Ihro Gnaden Finanzen? Sicherlich niemand; wenigstens zwischen Kap St. Vincent und Nova Zembla nicht. Umgekehrt soll uns vielleicht dieser Kopf noch erklären helfen , und wir rechnen daher mit Zuversicht voraus auf die Vergebung des Lesers, wenn etwa in der Folge einmal statt einer Erklärung nichts weiter gesagt werden sollte, als: videatur der Haushofmeister . Ob aber gleich die Bedeutung dieses Gesichts keiner Worte bedarf, so erfordert doch die Geschichte desselben noch ein Paar. Das Gesicht ist ein Porträt und zwar, wie man sagt, von einem gewissen Edward Swallow, einem alten ehrlichen Mundschenken des damaligen Erzbischofs von Canterbury. Hogarth, der einen Kopf für diese Haushofmeister-Stelle suchte, wünschte lange diesen wegen seiner redlichen Einfalt zu haben. Endlich nahm ihn ein Freund des Erzbischofs mit nach Lambeth, Die Residenz der Erzbischöfe von Canterbury. , da zeichnete er ihn unbemerkt, und beim Einsteigen in die Kutsche flüsterte er seinem Gefährten zu: now I have him, nun hab' ich ihn . Die stumpfen Schuhe, der altmodische Rock und das stracke Haar, zeigen, daß der Mann nicht von dieser Welt, und am allerwenigsten von derjenigen ist, von welcher neun Zehnteile der englischen Bedienten solcher Häuser sind. Er scheint ein Methodist zu sein, wenigstens hat Hogarth, vielleicht aus Mutwillen, einen aus ihm gemacht. Aus seiner Tasche guckt nämlich ein Buch über die Wiedergeburt ( on regeneration ) hervor, und bekanntlich ist das Wort Wiedergeburt die bleibende Parole dieses geistlichen Corps. Auch mögen die Gespräche darüber wohl für manche ihrer Gesellschaften ein andächtiger Zeitvertreib, eine Art von geistlichem Whist sein, und so kämen denn freilich Hoyle und Whitefield Ein berüchtigter methodistischer Prediger und, wo ich nicht irre, der Stifter dieser Sekte. hier ganz gut zusammen – pagina jungit amicos. – Aber für einen schlauen Betrüger, wozu ihn Herr Ireland macht, kann ich den Mann unmöglich halten. Hierzu hätte wohl Hogarth die nötige Physiognomie näher haben können, denn nach meiner völligen Überzeugung, möchte wohl die alte, und folglich bewährte Dienerschaft eines Erzbischofs von Canterbury, die letzte Menschen-Klasse, nicht bloß in England sondern vielleicht in der Welt sein, worin ein Maler nach Spitzbuben-Physiognomie zu suchen hätte. Dort hinten in dem Tempel der Hochgräflichen Bacchantin, wo, wie wir erinnert haben, die Lichter den Tag verbrennen, scheint eins, das mit seinem Pensum fertig geworden ist, nach der Hinterseite einer Stuhllehne zu greifen. Sie brennt wirklich schon. Die Sache könnte gefährlich werden. Zum Glück aber wird eine andere Stuhllehne, auf welcher ein Bedienter stehenden Fußes etwas geschlummert hat, dieses gewahr, droht ihren Reiter abzusetzen, und so wird die Schwester vermutlich noch gerettet. Der junge Mensch reibt und kratzt sich Kopf und Herz um sich zu ermuntern und scheint alles mögliche zu tun, für einen Beiläufer-Supernumerarius. Denn so was ist er bloß; das eigentliche galonierte Ministerium schläft. Die Gemälde im Salon sind nicht schauderhaft und blutig, wie die im Verlobungs-Zimmer, sie gehen vielmehr ganz auf ruhige, kaltblütige Erbauung. Es sind hauptsächlich vier Heilige mit ihren Glorien. Man kann zwar die Glorie des vierten vor Lichterdampf nicht sehen, aber auf ihre Gegenwart aus der Gesellschaft und der völlig gleichen Einfassung schließen. Herr Ireland hält diese für die vier Evangelisten. Das sind sie nun wohl nicht. Der mittlere von den dreien ist offenbar der heil. Andreas mit dem Kreuze seines Namens, und die Figur, die ihm zur Rechten hängt, eine Heilige, vielleicht eine Madonna mit dem Kelche, und der vierte hält ein Schwert in der Hand. Was sollte einem Evangelisten das Schwert? Mit dem Degen in der Faust schreibt man keine Evangelia, man erklärt sie bloß den Leuten damit, und das ist eine neuere Erfindung. Die heiligste Figur unter allen scheint die zu sein, wovon der Vorhang nur das nackende Füßchen sehen läßt. Das ist Schade! Wären wir früher gekommen, wie die jungen Herrn noch da waren, so hätten wir alles sehen können. – O! Madam! Madam! – So wie unser Künstler durch den liederlichen Kontrast in den Gemälden des Salons auf die Grundsätze der Moral des jungen Ehepaars hingewiesen hat, so zeigt er uns nun in den Verzierungen des Vorzimmers die ihres Geschmacks. Es ist dieses ein Punkt, der, zumal in diesen Blättern, nicht übersehen werden darf, auch wohl nicht leicht übersehen werden kann. Hogarth hat nämlich mit großer Feinheit und überall, wo er nur konnte, den gänzlichen Mangel an Gefühl für das Schöne in den bildenden Künsten sichtbar zu machen gesucht, der in diesen beiden Familien, zumal in der Hochadeligen herrscht. Es ist unmöglich, daß er etwas anders damit habe sagen wollen, als: es würde besser mit diesem Hause stehen, wenn der Geschmack des Besitzers in der Jugend mehr gebildet worden wäre, und es ist auch nicht zu leugnen, daß wenigstens die groberhabnen Sottisen, die das Unglück einzelner Familien und, nachdem der Mann ist, ganzer Länder, ausmachen, gemeiniglich von Leuten herrühren, die mit großem Vermögen oder großer Macht einen gänzlichen Mangel an Gefühl für das Schöne verbinden, das für die Mädchen etwa ausgenommen. Hier ist der ganze Sims des Kamins mit den infamsten Kunstwerken des nordöstlichen Asiens überdeckt. Hochschwangere schinesische Götzen sitzen nackend da, damit die Rockfalten nicht falsch brechen, andere haben die Hände unmittelbar an den Schultern, wollen das Hörnerzeichen machen und können nicht. Vasen wie Geländer-Pfosten und Fläschchen wie Korkstöpsel wechseln hier mit künstlichen Naturalien ab und mit Kunstsachen, dergleichen zuweilen der Zufall macht. Das Beste ist noch eine antike Büste. Schade, daß der Kopf daran neu ist und die Nase noch neuer als der Kopf. Er scheint für eine Faustina gekauft zu sein. Übrigens herrscht unter diesen Lappalien da eine bewundernswürdige Symmetrie und die gewissenhafteste Ordnung. Jedes Fläschchen hat sein Gegenfläschchen und jede Fratze ihre Gegenfratze. Es scheint der regelmäßigste Fleck im Hause zu sein. Man sieht, man kann wohl Ordnung halten unter diesem Dache, wo es der Mühe wert ist. – Das Kamin-Gemälde stellt einen Amor vor, dem es ebenfalls erbärmlich gegangen ist, oder wenigstens jetzt geht. Sein Tempel ist eingestürzt, sein Bogen hat keine Sehne und sein Köcher keine Pfeile mehr, es bleibt ihm nichts, als ein Dudelsack und eine Pfeife, auf der er nun sein einförmiges Lamento fingert. So verächtlich die Uhr da oben mit ihren Fischen in den Bäumen und mit ihrer Katze unter den Fischen aussieht, so wäre es doch möglich, daß sie nicht bloß das größte Kunstwerk in diesem Zimmer, sondern oben drein das größte Meisterstück der Uhrmacherkunst wäre. Ich glaube nämlich aus der feierlichen Stellung der Katze, die nichts weniger als müßig da zu sitzen scheint, schließen zu können, daß diese Uhr eine Katzen-Uhr ist, die die Stunden maut oder miaut , so wie man Guckgucks-Uhren hat, die sie rufen . Eine Uhr worauf ein schön gearbeiteter Hund die Stunden abbellte , soll, wie mir ein Freund schreibt, noch vor kurzen von einem Engländer zu einem hohen Preise feil geboten worden sein, dieses bestärkt diese Mutmaßung nicht wenig. Allein Lord Squanderfields Uhr übertrifft diese bei weitem, zumal wenn man annimmt, daß die Viertel vielleicht durch eine veränderte Stimme, oder gar von jungen Kätzchen abgemaut worden sind. Wie ich höre, so soll jetzt ein Schüler von Le Droz damit umgehen, eine Uhr zu verfertigen, woran ein wildes Schwein die Stunden in kurzen Stößen grunzt . Vermutlich brachte ihn das berühmte Schweine-Konzert des Kapellmeisters Pepusch zu Berlin auf den Gedanken, in welchem die Schweinestimmen auf Bassons, Porco primo , Porco secondo etc. geblasen wurden und das so großen Beifall erhielt. Auf diese Art hätte uns also das 18te Jahrhundert unter so vielem Neuen auch mit einer Menagerie von Uhren beschenkt, unter welchen es sich doch fürwahr künftig lustiger schlafen lassen wird, als bei dem ewigen Memento mori-Schlag unserer Sterbeglocken, die eigentlich auf die Kirchen gehören. – Die beiden Fische sehen mir fast aus, als steckten sie auch an einer Welle, die mit der Uhr in Verbindung steht. Wer weiß, ob sie nicht auch ihren stündlichen Karpfen-Sprung (saut de la carpe) machen. Der Gedanke wäre artig und schon deswegen merkwürdig, weil es in den Hecken geschieht, etwas, was man in der Natur nicht leicht zu sehen bekömmt. Dritte Platte Lord Oxford S. die Vorrede zur ersten Lieferung Seite 666. sagt in dem IVten Teile seiner Anecdotes of Painting in England , wo von unserem Künstler die Rede ist, von demselben: Er sei in seinen Werken, was die Hauptsache betreffe, immer verständlich. So wahr dieses von bei weitem dem größten Teile seiner Blätter wirklich ist, so wenig gilt es von dem gegenwärtigen. Man hat nun, wo ich nicht irre, fünf verschiedene Erklärungen dieser Szene. Dieser Umstand allein wäre schon Zeugnisses genug für die Unverständlichkeit derselben, indessen ist eine Anekdote, die Herr Ireland noch zu gleicher Absicht anführt, zu merkwürdig, um hier übergangen zu werden. Als der berühmte Dichter Churchill einst über die Bedeutung dieses Blattes befragt wurde, gestand er: »sie habe ihm ebenfalls immer so schwankend geschienen, daß er eines Tages den Künstler selbst um eine Erklärung gebeten hätte, er habe aber, so wie mancher andere Kommentator, die Sache eben so dunkel gelassen, als sie war, und ich bin daher, fuhr der Dichter fort, völlig überzeugt, daß Hogarth sein Geschichtchen bloß nach irgend einer Idee Hoadleys, Garricks, Townleys oder sonst eines Freundes formiert und niemals selbst recht verstanden hat, was es sagen will.« Hier erkennt man den erbitterten Spötter. Herr Ireland merkt auch ausdrücklich dabei an, daß zu der Zeit, als Churchill so urteilte, der unglückliche Zwist zwischen ihm und Hogarth schon ausgebrochen gewesen wäre. Unglücklich verdient dieser Zwist auf alle Weise genannt zu werden, denn Hogarths Tod wurde dadurch beschleunigt. Der berüchtigte Wilkes, dessen Busenfreund Churchill, und er, waren gute Freunde, bis Hogarth den Einfall hatte, sich in Politik zu mischen, und mit seinem Grabstichel die Partei seiner Freunde anzugreifen. Wäre es mit dem Witz und dem Geiste geschehen, der in seinen übrigen Werken herrscht, so hätte er ihr sehr gefähr lich werden können. Allein sein Kupferstich, die Zeiten , ist eine höchst mittelmäßige Allegorie. Wilkes fiel deswegen in einem Blatte seines North-Britons (Nr. 17) über ihn her, und als H. eine Karikatur von seinem Gegner herausgab, zog er sich von Churchill die bekannte Epistle to Hogarth zu. Er stach nun auch diesen Freund in Kupfer, unter der Figur eines Bären mit einem Kruge Porter und einer Keule. Allein alles dieses heilte die Wunden nicht, die ihm waren geschlagen worden. Seine Gegner waren ihm hier überlegen, und sein Witz hatte dieses Mal die Stimme des Publikums wider sich, obgleich Churchills Satyre keine der besten dieses Dichters ist. Lord Oxford urteilte vortrefflich über dieses Gefecht: never did , sagt er, two angry men of their abilities throw mud with less dexterity . Es kann zwar dem honettesten Manne begegnen, daß er in einem Anfalle von philosophischem Tiefsinn oder dichterischer Begeisterung, zumal kurz vor der Messe, etwas schreibt, was er selbst nicht mehr versteht, wenn die Messe vorüber ist. Das sind Blitze des Genies und Blitze zielen nicht, auch lassen die Blitze des Genies, so wie die der gemeinen Donnerwetter, zumal die kalten Schläge, keine Spur zurück, weder in dem Elemente aus dem sie stammten, noch in dem, in welches sie fuhren. Allein ein solches Werk der bildenden Kunst wird nicht durch einen coup de main auf die Leinwand hingeblitzt. Jeder Zug muß bezielt und bevisiert werden, ehe er getan wird, und sich nachher noch tage-, ja wochenlang bezielen und bevisieren lassen, und da müßte es doch fürwahr nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn der Belagerer selbst das Werk nicht sehen sollte, das er erobern will. Hogarth hat es gewiß sehr deutlich gesehen. Wir wollen nun versuchen, ob wir nicht die eigentliche Richtung seines mannigfaltigen Geschützes und folglich die Lage des Hauptpunktes, durch ein Paar langsam konvergierende gerade Linien andeuten können. Ganz bis zum Vereinigungspunkte werden wir diese Linien nicht ausziehen; dazu ist unser Papier zu klein. Wir bitten daher den gütigen Leser, sie, so wie sie hier sind, auf einen etwas großen Tisch zu applizieren und dann das eigene Haus-Lineal an dieselben anzulegen, so wird sich alles übrige von selbst geben. Ich glaube wir können nach dieser Reduktion der Auflösung des Problems auf einen bloßen Lineal-Anschlag, kurz sein. Es ist schon einigemal ziemlich laut davon gesprochen worden, daß der junge Herr Graf weder ganz gesund, noch auch sonst ganz ordentlich wären. Es waren aber alles bloße Gerüchte. Man sprach von einem Pflaster unter dem linken Ohre und von etwas Linon und Band in der Tasche usw. Hier aber erhalten wir nun die zuverlässige, offizielle Nachricht, daß sich alles wirklich so verhalte, und, so zu reden, aus des Herrn Grafen eignem Munde. – Er befindet sich hier in dem Sanitäts-Cabinet eines gewissen Monsieur de la Pillule , Jetzt la Pillule . eines französischen Arztes, der sich vorzüglich mit der Art von Krankheit beschäftigt, die der Sprachgebrauch fast aller Nationen zu einer Landsmännin des Herrn Doktors macht, und die vermutlich von ihm auch auf diesen Fuß als Landsmännin mit einträglicher Vorsicht und Schonung behandelt wird. Seinen Namen erfährt man aus einem Exemplar seines prachtvollen Werkes, das da rechter Hand aufgeschlagen liegt, und das Glück seiner Praxis aus der ganzen Lage des eleganten Zimmers mit seinem Bogen-Fenster, das eine ganze Straße enfiliert, und aus dem Schreien nicht bloß der Steine, sondern aller Reiche der Natur und der Kunst an den Wänden. Vermutlich ist dieses auch die Offizin, worin unser Held unter dem Ohre gestempelt worden ist. Er ist so eben mit dem armen, unreifen Geschöpfe, das ihm zur Linken steht, bei Monsieur de la Pillule angekommen, zu welchem er die überreife Hexe zur Rechten ebenfalls entweder bestellt, oder auch jetzt zugleich mitgebracht hat. Hier entspinnt sich nun ein Streit, wovon die Ursache folgende ist: Der Lord hat das kleine Geschöpf, aus dem Erziehungs-Institut der Alten, für seine Haushaltung außer dem Hause , auf eine unbestimmte Zeit zu einem hohen Preise zur Gesellschafterin gemietet. Dafür garantierte die Priorin des Klosters in ihrem Zögling unreife Jugend , Unschuld , gänzliche Unbekanntschaft mit Gallizismen jeder Art und folglich vollkommene Sicherheit. Der letzte Umstand war wegen der Haushaltung im Hause sehr nötig und wirklich hatte man die Unreifheit, zwar hauptsächlich aus Mode, zum Teil aber auch der größern Sicherheit wegen, ausdrücklich mitbedungen. Hierin fand sich nun leider! der Herr Graf gar erbärmlich und weit, weit ultra dimidium lädiert. Er hat wohl sicherlich Recht, weil die Alte statt aller Widerlegung sogleich das Klappmesser gegen den Schänder ihres Instituts zieht. In der Tat ist er aber auch gerade im Vortrag eines Arguments begriffen, gegen welches die bloße Zungendrescherei der Kupplerin nichts mehr vermag. Das junge, wirklich treuherzige Geschöpf hat ihm nämlich selbst gestanden, daß sie die Pillen des Herrn Doktors bisher gebraucht habe und noch gebrauche. Man hat daher den ganzen Vorrat mit hierher vor das Tribunal geschleppt. Ein Büchschen hat der Lord geöffnet in der Hand, zeigt es dem Quacksalber, der vielleicht das Mädchen mit assekuriert hatte, hin, wahrscheinlich mit den Worten: Sieht er, Monsieur, sind das nicht dieselben Pillen, die ich schon über hundertmal genommen habe? Er könnte sie auch der Priorin hinweisen: Sind das die Brustküchelchen, die du deinen Nonnen zusteckst? Ich glaube, daß dieses die simpelste Auflösung des Rätsels ist, weil sie auch zugleich die Miene des armen Schlachtopfers mit erklärt, in welcher offenbar Furcht vor der Alten und der Klosterzüchtigung, wegen des Verrats, herrscht. Der Pillen-Vorrat ist nicht klein gewesen, denn ein Büchschen hat das Kind noch in der Hand, wenn es nicht der Deckel zu dem geöffneten ist, und eines steht vor dem Lord auf dem Stuhle, von dem es gewiß herunter fallen würde, wenn sich nicht gerade in dem Winkel, den die hochgräflichen Schenkel mit einander machen, ein schickliches Plätzchen für dasselbe zeigte. Daß der Lord sich des armen Geschöpfs wegen setzt, um sich ihm gleich zu machen, und es sogar zwischen seine Beine stellt, ist ein sehr schöner und merkwürdiger Zug von unserem Künstler. Er zeigt, wie gering, kindisch und hülfsbedürftig das kleine Ding selbst in den Augen des Nichtswürdigen erscheint. Einem aufrichtigen Verteidiger oder Rächer der Unschuld hätte gewiß diese Stellung allein schon die Liebe des Zuschauers gesichert; hier vermehrt sie nun noch dessen Abscheu vor dem ekelhaften, viehischen Wollüstling. Zum wirklichen Dreinschlagen ist wohl das spanische Rohr nicht aufgehoben, es wird bloß ein wenig geschüttelt, um der ironischen Freundlichkeit des Gesichts und dem zu leichten Spott der Worte, die gehörige knüppelhafte Solidität zu geben, durch die allein man sich einer Gesellschaft wie diese verständlich machen kann. Die Verantwortung der Priorin mit dem Messer, muß nicht von sonderlichen Folgen gewesen sein. Man hört nichts weiter davon. Vermutlich hat sich Herr de la Pillule ins Mittel geschlagen, mit der Beredsamkeit seiner Nation sowohl als seines Standes. Das konnte er auch wohl. Ein Hauptingredienz zu Pillen, wie die seinigen, war seit jeher die oratorische Vergoldung; es konnte also ihm, der so manchen schwereren Frieden zwischen Ich und Nicht-Ich geschlossen hatte, wobei diese Vergoldung schon ein Hauptingredienz war, unmöglich schwer fallen, einen so leichten, als der zwischen Stock und Klappmesser, vermittelst der Vergoldung allein zu schließen. Dem sei, wie ihm wolle, so hält jetzt die Betschwester ihr halbgeöffnetes Klappmesser, so wie ihr Gegner den halb aufgehobenen Stock, wenigstens als weisenden Akzent für diejenigen, die in den Mienen noch Zweideutigkeit finden möchten. Auf ihrer Brust sieht man die Buchstaben F. C. vermutlich mit Schießpulver eingeätzt. Wenn die englische Polizei für gut befunden hätte, die leichten Truppen, worunter dieses Husarenstück vor 40 Jahren gedient hat, und vielleicht in der Dämmerung zuweilen noch Dienste tut, in Compagnien abzuteilen, so könnte es wohl First Company (erste Compagnie) heißen; auch Free-Corps (Freicorps) oder Filia Carissima im Kloster nämlich, oder wenn das Halstuch den Namen des Stifters, Besitzers oder des Lehnsherrn verdeckte, könnte es auch das bekannte Fieri Curavit oder Faciundum Curavit N. N. sein. Nach Herrn Nichols soll es Fanny Cock heißen, und die Tochter eines Auktionators, namens Cock , bezeichnen, mit welchem Hogarth Händel hatte. Ob er auch welche mit der Tochter gehabt hat, wird nicht gesagt, wahrscheinlich hatte sie selbst einige mit dem Publikum. Die Buchstaben mögen aber noch sonst bedeuten was sie wollen, so sind sie selbst schon als Buchstaben hier charakteristisch genug, denn unter allen Londonschen Betschwestern, Äbtissinnen und Priorinnen sind gewiß die, mit eingebrannten oder geätzten Devisen, die verworfensten. Nun einen Blick auf Herrn de la Pillule selbst. Hoffentlich wird der Leser dadurch wegen des Ekels, den die übrige Gesellschaft in ihm erweckt hat, reichlich entschädigt werden. Es ist unmöglich, diesen Vergolder und Vergelder alles dessen, was er berührt, anzusehen, ohne sich um ein Paar Jahre jünger zu fühlen. Man sehe nur allein den Goldmund an! Was für eine Trostquelle, zumal wenn er gebrochenes Englisch speit! Und das unter einer solchen Nase hervor, sicherlich dem vollkommensten Sattel, der wohl je von einer Brille ist geritten worden. Erinnern sich unsere Leser wohl einer Schilderung, die Fabre d'Eglantine von dem sel. Marat gemacht hat? Die Schilderung findet sich in des Hrn. von Archenholz Minerva, April 1794. S.12 etc. Die hier vorgestrichenen Worte sind aus der Schilderung genommen. Oh! c'est Marat tont craché . Sollte auch hier und da etwas fehlen, so wird doch niemand leicht »das von Natur sanfte, sogar gracieuse, und doch scharfspähende Auge, die kurzen Lenden und die krummen Beine« des Marat darin verkennen. Säße die Perücke noch etwas schiefer, als sie sitzt, so würde ich glauben, es wäre Marat unmittelbar nach der Ohrfeige gezeichnet, durch die er auf seine Theorie des Lichts geführt wurde. Marat, der bekanntlich, ehe er sich in die Politik warf, in der Medizin und Physik stümperte, las eines Tages in einer gelehrten Gesellschaft eine physische Abhandlung vor, wogegen einer der Anwesenden einige Einwürfe machte. Dieses nahm Marat so übel, daß er beim Weggehen seinen unbewaffneten Opponenten auf der Straße mit dem Degen anfiel. (Hier zeigte sich also schon der künftige Staatsmann.) Dieser aber, der ein eben so beherzter Respondent als gelehrter Opponent gewesen sein muß, faßte mit der einen Faust den Degen des Marat und versetzte ihm mit der andern einen so derben Schlag an den Kopf, daß er taumelte, und da, sagt man, habe er seine Theorie des Lichts erfunden. Er wischt die Brille zur Inspektion des Corporis delicti, ohne die es hier schwerlich abgehen wird. Auf seinem Tische liegt ein Buch, das gleichsam wie unter dem Beschluß eines etwas kariösen, vermutlich im Leben von der Frau Landsmännin etwas angenagten Todenkopfes steht. Wenn man aus einem solchen Vorlegschlößchen auf den Inhalt des Schatzkästchens schließen darf, so muß notwendig so etwas von memento mori darin sein. In diesem Falle könnte es entweder die Mysterien der Giftkochkünste des Herrn Doktors enthalten, oder das Buch des Lebens sein, in welches er die Namen und die Schulden der selig Kurierten einzutragen pflegt. Diesem zugemachten Buche liegt an der andern Seite dieser Offizin ein aufgeschlagenes gegenüber. So etwas könnte fast an deutsche Doktor-Promotion erinnern, bei der man bekanntlich dem Kandidaten väterlich, wiewohl ernstlich, das Aufmachen der Bücher, aber auch das gehörige Zumachen empfiehlt. In Frankreich ist aber dieser Gebrauch, so viel ich weiß, nicht Mode, wenigstens steht in einem gedruckten Protokoll des D. Molière über diese Handlung nichts davon. Überdas ist auch das aufgeschlagene Buch unsers Herrn Doktors ein eignes Werk, und diese schlagen sich in jeder gelehrten Haushaltung wohl von selbst auf. Der vollständige Titul des Werks, das aus zwei mäßigen Folianten besteht, ist: Explication de deux machines superbes, l'une pour remettre les épaules, l'autre pour servir de Tirebouchon, inventées par Mr. de la Pillule. Vûes et approuvées par l'academie Royale des Sciences à Paris. Also eine Beschreibung von zwei Maschinen, wovon die eine dient, verrenkte Schulterknochen einzurichten, die andere, Korkstöpsel aus Bouteillen zu ziehen, beide von der Königl. Akademie der Wissenschaften zu Paris bloß gesehen (vûes) und sogleich approbiert. Das will was sagen. Diese Ehre erzeigen die Akademien der Wissenschaften nur Leuten, deren Wert sie schon kennen. Bei jedem unbekannten armen Teufel wird entweder strenge geprüft , oder, wenn keine Zeit da ist, gesehen und verworfen . Hogarth gibt uns hier beide Maschinen in einem perspektivischen Aufrisse, wodurch das Urteil der Akademie völlig gerechtfertigt wird. Man darf nur hinsehen um zu approbieren. Im ersten Bande des Werks zeigt der Verfasser, wie wir so eben in einer alten Rezension lesen, den Nutzen der Maschine bei verrenkten Schultern; lehrt, wie der Patient gehörig gebunden, ausgesteift und angeschraubt wird. Durch eine der Federn, die man hier sieht, wird ihm der geballte Zipfel einer Serviette in den Mund gedrückt, und so wie die Spannung, und folglich der Schmerz zunimmt, schiebt sich immer mehr Leinwand von selbst nach, so daß das Schreien völlig verhindert wird. An der großen gezähnten Stange hinten sind, auf eine höchst sinnreiche Weise, gewisse Teilungspunkte angebracht, die er points de démembrement nennt. Ist nämlich die Maschine auf dem gehörigen Punkt, der sich nach den Jahren und der Stärke des Patienten richtet, gestellt, so kann man getrost fortleiern ohne zu befürchten, daß der Kranke zerrissen wird, denn ehe dieses geschehen kann, fällt der große Haken (eine Art von Sperrung) in das dritte Stirn-Rad, hemmt die Maschine und der Patient bleibt ganz. Wird nur um einen Zahn weiter gedreht, so folgt die Zerstückelung (démembrement) , daher haben die Punkte den Namen. Im zweiten Bande zeigt der Verfasser, wie die Maschine leicht gebraucht werden könne, alte Stöcke von Eichbäumen auszuziehen und macht sogar Hoffnung, sie noch zur Reposition schief gewordener Kirchtürme anzuwenden, er verlangt hierbei sehr bescheiden, fast wie Archimedes, weiter nichts, als ein Fleckchen, wo er fußen kann. So heftig und stark sie aber von der einen Seite wirkt, so gelinde schwach, gütig möchte man fast sagen, ist sie auch wieder von der andern. Er hat nämlich, wie er sagt, selbst hohen Standespersonen die Zähne, ja selbst an ihren Tafeln die Korkstöpsel damit ausgezogen. – Den Teil, der zum Korkausziehen dient, hat er nachher besonders bearbeitet, so, daß man ihn allein haben und auch allein gebrauchen kann, und dieses ist die herrliche Idee, die wir da auf dem Boden ausgeführt sehen. So offenbar nun Hogarth alles dieses zum Lobe der edeln Einfalt der Arzneikunst überhaupt sowohl, als der französischen insbesondere, hier beigebracht hat, die, wie er zu verstehen gibt, Krankheiten aller Art ohne viele Anstalten hebt, sie mögen sitzen wie Eichbäume oder wie Korkstöpselchen: so kann doch der lose Vogel sein Spötteln über den verehrungswürdigen de la Pillule nicht lassen. Dieses geht nun so weit, daß man, bei dem besten Willen das Gegenteil zu wünschen, geneigt wird zu glauben, Hogarth habe mit der ganzen Maschinerie nichts weiter sagen wollen, als Monsieur de la Pillule sei ein geldschneiderischer Windbeutel, der zum Nägelabschneiden Anstalten wie zu einer Schenkelamputation macht; und sie hernach im Buche des Lebens auch als solche berechnet. Man sehe nur einmal dort den Schrank mit den Glastüren an. So etwas kann unmöglich Lob sein. Oben auf demselben erblickt man einen ganz merkwürdigen Dreifuß. Der Dreifuß der Pythia ist es schwerlich, ob es gleich sonst da oben ziemlich antiquarisch aussieht. Es scheint vielmehr ein anderer zu sein, von dem herab zwar nicht so viel Unbekanntes verkündigt, aber dafür desto mehr Bekanntes eingeschärft worden ist, als von dem zu Delphi. Ja es ist wohl ganz gewiß der Dreifuß, dessen Anblick so manchen armen Wanderer in Deutschland, dem ein Gastwirt die eine Hälfte seiner Börse wegdekretiert hat, wiederum tröstet, wenn er sieht, daß er wenigstens auf der Heerstraße, wegen der andern so ziemlich unbesorgt sein kann. – Es ist der bekannte Justiz-Dreifuß – der Galgen. Dieser Galgen nun schwebt da wie eine Glorie oder ein Wappen-Krönchen (Coronet), über drei Figuren, die den Menschen und vorzüglich die Werkstätte seiner Gedanken, nach den drei Hauptschichten ihrer Zwiebelförmigkeit darstellen, in den Knochen , in der Haut und in der Perücke . Unglückseliger Weise ist aber hier die edelste Schicht, die Perücke , gerade die von unserm Herrn Doktor. Daß sie da auf einem etwas schöneren Schnitzbilde sitzt, macht keinen Unterschied. Von außen konnte er in jüngeren Jahren wirklich so ausgesehen haben, und von innen gleichen sie sich wohl noch jetzt. Die Gruppe verträgt ebenfalls mehr als eine Erklärung, aber unter dem Galgen weg erklären läßt sich unser Herr Doktor durch keine. Der Nackende, glaubt man, könnte ein Patient sein, und die beiden andern, zwei in einer Konsultation begriffene Ärzte; der eine also unser Doktor und der andere etwa der berühmte Medicinae practicus , von dessen menschenfreundlichem Betragen Horaz so wahr als schön singt: Aequo pulsat pede pauperum tabernas Regumque turres. Der letzte tut zwar, als wäre er gegen den ersten aufgebracht, aber bloß weil der Patient zuhört; im Grunde kurieren beide unter Einer Decke. – Oder: der eine wäre ein bereits Seliger, der dem andern, der noch nicht ganz so weit ist, zu Hülfe käme: »willst du den auch zu einem Gerippe kurieren, wie du mich zu einem kuriert hast, Schurke?« oder es könnten beide zwei Gehenkte sein, wovon der eine honett in Ketten getrocknet, der andere aber schimpflich anatomiert worden wäre, weswegen er denn auch der Fakultät die bittersten Vorwürfe macht: »es ist noch eine Frage, sagt er, wer von uns beiden der Pendabelste ist, Ich oder Du?« Wie es noch jetzt mit diesen graduierten Pendablen in London steht, ersieht man aus den neuesten Zeitungen. In einem Blatte des Hamburgischen Correspondenten vom April dieses Jahrs (1797) wird von London aus gemeldet, gleichviel ob als Satyre oder im Ernst: eine der beiden englischen Universitäten habe die Preisfrage aufgegeben: ob nicht in England eben so viele Menschen durch die Quacksalber umkämen (in gleichen Zeiten versteht sich), als in Frankreich vor einigen Jahren durch die Guillotine umgekommen wären? oder endlich überhaupt ein Concilium medicum . Mit einem Wort, man sieht, das Kleeblättchen da im Schrank ist ein Galgen-Berlöckchen und unser Doktor im eigentlichen Sinn des Worts der Pendant zu dem Gerippe, und das von Rechts wegen . Das Laboratorium dahinten scheint eine bloße chemische Schau-Küche zu sein, in welcher nie gekocht wird. In der Verzierung gemeiner Schau-Küchen ist man in einer der berühmtesten Städte Deutschlands ehemals so weit gegangen, daß das darin aufgehäufte Brennholz nicht bloß aus schön behobelten und bunt gebeizten Stücken bestand, sondern auch an beiden Enden mit Messing beschlagen war, das jedesmal vor den hohen Festtagen sorgfältig poliert wurde. Der Glas-Apparat in demselben ist vermutlich für des Herrn Doktors Pillen, was der Eichbaum-Zieher für seine Korkstöpsel ist. Er selbst zieht seine Korke nicht so und macht seine Pillen nicht so. Es ist hier alles nicht sowohl auf Wesen und Nutzen berechnet, als auf Glanz und Majestät, verbunden mit etwas Territion. Das verstehen die Quacksalber. Sie wissen, ohne Schau-Gerichte lassen sich unzählige Menschen gar nicht traktieren, weder mit leiblichen noch geistlichen Speisen, noch mit denen aus der Apotheke, die ein Mittelding zwischen beiden sind. Über dem Schranke an der Wand hängt noch eine ganze Enzyklopädie von Schau-Gerichten aller Art, vermutlich zur Respekterweckung bei den Patienten oder auch zur präliminären Unterhaltung derselben, bis der Herr Doktor mit dem Plan zum eigentlichen Definitiv-Geschwätz ins Reine ist. Es ist eine sehr bekannte Bemerkung, daß viele Menschen, wo nicht sehr gut, doch wenigstens sehr erträglich über Dinge sprechen können, von denen sie nichts verstehen, wenn man ihnen nur erlaubt zur Stärkung innerer Fiduz sowohl als Erhöhung der Schwungkräfte ihres Maulwerks einige Zeit bei Gegenständen zu verweilen, die ihnen geläufig sind und wovon der Zuhörer nichts versteht. Für einen solchen Zulauf zum Hauptgegenstand ist die Sammlung da oben nicht übel eingerichtet. Denn nicht leicht wird sichjemand noch außer dem Besitzer finden, der die Geschichtchen alle kennte, die da aufgehängt sind. Für das Schöne ist wenig gesorgt, aber destomehr für das Große und das Erhabene . Den Anfang zur Linken macht ein ungeheurer Narwals-Zahn, der, als Horn der Kupplerin angesehen, den Sturm in ihrem Gesichte nicht wenig erhöht. Dieses ist aber die Bedeutung nicht, wenigstens nicht allein. Diese kömmt noch erst. Hierauf folgen einige Backsteine, vermutlich vor 2000 Jahren gebrannt; ein Barbierbecken, vermutlich Mambrins Helm, und ein Uringlas, vermutlich zur Aufnahme irgend einer Aquae regiae der Vorzeit; Riesenknochen, Riesenkindsköpfe mit Pfeifchen oder Röhrchen zum Rauch- und Feuerspeien, ungeheure Riesenkämme gegen Riesen-Plagen und zwischen diesen ungeheuren Vergrößerungen des Kleinen, steht nun die ungeheure Verkleinerung eines der erhabensten Gegenstände der kultivierten Welt. Darneben hängt, damals Antiquität, und jetzt wieder neuestes Modestück, der hohe Hut; eigentlich der Hieb- und Prügel-Ableiter aus Filz. Man läßt ihn zu dem Ende zum Teil leer. Diese Leere erstreckt sich bei den besten Köpfen, die darinne stecken können, wenigstens auf die Hälfte des Raums, bei andern auf Zweidritteile und darüber, und zuweilen, nachdem die Köpfe sind, auf das Ganze. Hierauf folgen die Insignien der Ritterschaft, der Sporn, der Schild und die Lanze ihrer Jugend und die Socken ihres Alters; zwei Krokodile, eines mit amputierten Beinen, und einem Ei vom Vogel Strauß, weil kein besseres bei der Hand war, und ein anderes mit einer Kette am Unterkiefer; eine Mißgeburt und ein Insekt fast zu groß und zu vielbeinig für den Riesenkamm. Ob Hogarth eine Absicht dabei hatte gerade diese Reliquien hier aufzuhängen, ist nun wohl schwer auszumachen. Aber möglich wäre es allerdings, daß er sie gehabt hätte, selbst dann, wann man dieses Cabinet als allgemeine Satyre auf gewisse Allsammler des Natur- und Kunst-Kehrichts betrachtet, schon vollkommen fände. Denn niemand verstund sich wohl mehr als er auf die Kunst seinem Allgemeinen, mit unnachahmlicher Schalkheit immer noch einige Ingredienzien beizumischen, die nur auf diejenigen Individuen mit voller Kraft wirkten, die irgend ein geheimer Schaden dafür besonders empfänglich machte. Ein Zug dieser Art findet sich auch hier und trifft die gelehrte Abkunft unsers Mr. de la Pillule. Dieser hatte nämlich den unglücklichen Einfall seinen Narwals-Zahn in der geneigten Richtung aufzustecken, daß dadurch das in London allgemein verständliche Aushänge-Zeichen In England bezeichnen die Barbier überhaupt ihre Wohnungen durch solche schräg in die Luft hinaus gesteckte Stangen oder Lanzen. In der ersten Lieferung dieser Erklärungen ist auf der sechsten Platte (Night) eine Barbierstube mit einer solchen Stange abgebildet. So wie der deutsche Barbier die Kunden mit der Bartschüssel lockt, so lockt sie der englische mit der Lanzette. der Bartputzer wird (a Barbers pole), und nun wußte sein widriges Schicksal noch Mambrins Helm, die Bartschüssel, und das Uringlas so nahe an die Stange zu führen, daß durch diese Hieroglyphe das reiche Zimmer des Mr. de la Pillule zur Barbierstube und er selbst zu einem harnweisen Bartputzer wird, der bloß etwas medizinisch parlieren kann. So ließe sich vielleicht die Sammlung des Herrn Doktors, teils historisch, teils prophetisch auf sein Leben deutend, etwa so herlesen: Als Bartputzer fing er an; wurde hierauf Harnseher ; erschlich sich bald nachher durch seine Kuren hart am Galgen vorbei, den Doktor-Hut , und rechnet nun noch auf den Ritter-Titul oder hat ihn schon. Man weiß, daß in England bloß wahres Verdienst aller Art zu diesem Titul und so zu dem Recht führt, seinem Vornamen noch die Silbe Sir vorsetzen zu dürfen, z.B. Sir Isaac Newton, Sir John Fielding, Sir John Pringle. Mir ist nicht bekannt, daß je einem Unwürdigen diese Ehre zu Teil geworden wäre, ursprünglich versteht sich. Es ist kaum möglich. Die Achtung, wo nicht der ganzen, doch eines beträchtlichen Teils der Nation, ist immer die Vorläuferin dieses Ehrenzeichens. Der etwas windige, wiewohl nicht ungeschickte Okulist Taylor, den Hogarth bereits im Jahre 1738 in seiner consultation of physicians mitgenommen hatte, (gegenwärtige Blätter sind von 1745), hieß in Deutschland zwar Ritter Taylor: ich fürchte aber der Titul war entweder seine eigene Erfindung, bloß zu häuslichem Gebrauch auf dem festen Lande, oder ein Übersetzungsfehler seiner deutschen Posauner, die das Wort Esqr. hinter seinem Namen dahin deuteten, wovon man auch sonst Beispiele in Übersetzungen hat. Wie aber diesem auch sein mag, so könnte Hogarth immer etwas von der Ritterschaft seines Taylors gehört haben; sie könnte das Gespräch des Tages gewesen sein. – Wäre aber auch alles dieses nicht, so vergibt man ja einem gutmütigen Spötter, wie Er war, gerne den kleinen Mutwillen, einen glücklichen epidemischen Quacksalber zum Ritter geschlagen zu haben; zumal da die Satyriker nie, so viel ich weiß, für sonderliche Fontes Nobilitatis gehalten worden sind. – Ich bitte die Leser wegen dieser Ausschweifung über eine Ausschweifung um Vergebung. Ich bin völlig mit ihnen einverstanden, daß das, was ich in dem Text gesagt habe, vielleicht eben so wenig zu einer Erklärung von Hogarths Werken gerechnet werden kann, als ein Traum über die Figuren in der Baumannshöhle zur Geologie. Ich habe bloß geglaubt, es verlohne sich der Mühe einmal zu versuchen, wie sich eine Lebenslinie ausnähme, die durch vier gegebene Punkte: ein Barbierbecken , einen Galgen , einen Hut und die Insignien der Ritterschaft mit stätem Zug gezogen würde. Die beiden Gemälde, die dort an der linken Wand des Zimmers hängen, stellen zwei Mißgeburten vor. Der einen sind die beiden Arme aus dem Kopfe gewachsen. Vielleicht, wie Herr Ireland will, ist es eine von Sir John Mandevilles Menschenfressern »whose heads do grow beneath their shoulders.« Ihre Arme hängen wie die Prachtflügel der edelsten Perücken-Gattung vom Scheitel herab; die andere hat, ohne irgend eine Spur von fernerer Verdoppelung, bloß zwei Köpfe. Haben diese Geschöpfe wirklich existiert, woran ich nicht zweifle, so kann man sie für nichts anderes halten, als für ein Paar wohlgemeinte Versuche der Natur, das Schriftsteller-Wesen endlich einmal auf einen besseren Fuß zubringen. Dieser Zweck konnte nun freilich am schnellsten dadurch erreicht werden, entweder, daß jeder Schriftsteller zwei Köpfe erhielte, einen zur Alltags-Haushaltung, zum Rauchen, Schnupfen, Kompilieren und Benebeln, und einen zum festlichen Denken und ununterbrochenen Fortlernen und dem eigentlichen Schreiben, oder daß, wenn, wie bisher, mit einem einzigen Kopf alles abgetan werden sollte, wenigstens ein solches Hauptinstrument beim Bücherschreiben, wie der Arm mit seiner Hand, nicht, wie bisher, von der Schulter, sondern mehr vom Kopfe selbst abhängig gemacht würde. Warum das schöne Projekt nicht durchgegangen ist, weiß ich nicht. Vielleicht sind die Buchhändler darwider eingekommen. Rechts über der Küchentüre hängt noch ein Bild; auch eine Mißgeburt. Sie ist nicht sehr deutlich dargestellt. Indessen ließ sich aus der Zudringlichkeit, die in ihrer Art sich zu präsentieren herrscht, nämlich aus den ausgespreizten Beinen und ausgebreiteten Armen, schließen, daß sie etwas Sonderbares zu weisen haben müsse. Nach vieler angewandten Mühe glaube ich gefunden zu haben, daß sie eine besondere Varietät von einem Janus bifrons vorstellt, nämlich einen, bei dem die positive und die negative Fronte , ich meine Gesicht und Sitz-Anstalt auf einer und derselben Seite liegen, und der also, wo er auch hinsieht, in Vergangenheit oder Zukunft, nicht bloß die Leute ansieht, sondern ihnen auch noch etwas weist. Denn offenbar steht bei diesem Geschöpfe der Nabel nicht auf der Seite des Gesichts; woraus denn natürlich folgt, daß, was sonst nicht auf der Seite des Gesichts steht, hier auf dieselbe zu liegen kommen müsse. Daß im alten Rom Janus, ehe er sich beim Frieden einschloß, das Volk nie so angeblickt habe, ist wohl gewiß. Was er aber in dem neuen , ehe er dort jüngst die Tempeltüre zumachte, noch getan hat, oder hätte tun können oder sollen, läßt sich nicht bestimmen. Wollte jemand die Lebens-Linie des Mr. de la Pillule auch noch durch diesen fünften Punkt ziehen, so gebe ich zu überlegen, ob das Bild nicht auf das hündische Kriechen und Schmeicheln dieser Menschenklasse gedeutet werden könne. Denn die Leser wissen, daß manche Hündchen ihren Herren kein größeres Kompliment zu machen wissen, als daß sie sich wie Schlangen krümmen und ihnen wie jenes Bild beim Friedensschluß, beide Fronten zugleich weisen. Über dem ganz ansehnlichen Medikamenten-Apparat linker Hand, droht ein fürchterlicher Hyänenkopf, oder was es ist, jedem, der ihm nahe kömmt, den Untergang. Ein allerdings sehr sprechendes Rebus für den Giftschrank, über welchem es angebracht ist; ein eigentliches Noli me tangere. Bleibt mir vom Leibe oder es setzt Menschenfresserei. In dieser Rücksicht schließt sich dieser Kopf gut an Sir John Mandevills Menschenfresser an. Freilich werden der Herr Doktor die Sache vermutlich anders, und auf die Krankheiten deuten, die in seinen Töpfen und Büchsen unvermeidlichen Tod finden. Neben den Giftschrank hat Hogarth, wie mich dünkt, vortrefflich, zwei Mumien hingestellt. Sie sehen offenbar mit stolz-verächtlichem Blick auf alles Quacksalber-Gewühl und allen Arzneien-Wust dieser Welt, aus ihrer unendlichen Sicherheit, und nach ihrem tausendjährigen Frieden mit der heilenden Fakultät, herab; und das kann man auch, wenn man – eine Mumie ist. Der auf die Erde hingeworfene Überrock und Hut des Herrn Doktors, zeugt von Geschäftigkeit, Eile zu retten und großer Praxi. Vierte Platte Es ist eine bekannte Sache, daß nach manchen Frauenzimmer-Kalendern die längsten Tage im Jahre eigentlich die sind, aufweiche eine Tanz-Nacht folgt. O! das sind Stunden! So lang, so lang! Es ist als wenn der Schlag die Uhrzeiger und die liebe Zeit selbst gelähmt hätte. Es ist kein Auskommen mit der Sonne; es will nicht Nacht werden! – Ein solcher Tag ist der heutige auf dieser Platte, ja es ist diesen Abend noch viel mehr hier, es ist heute nicht bloß Ball , es ist – Maskerade . Würde also hier nicht Rat geschafft, fürwahr, die Zeit käme nicht aus der Stelle. Die Gräfin Squanderfield bot daher alles auf, sie dieses Mal den Sporn fühlen zu lassen, um sie, wo nicht zu einem raschen Trab, doch wenigstens zu dem gewöhnlichen Polizei-Schritt zu zwingen, den sie für sich selbst am Tage zu gehen pflegt, wenn die nächste Nacht eine Schlaf-Nacht ist. Man stand daher diesen Morgen auf, numero rotundo um zehn; frühstückte bis um eilf; lief hierauf im leichten Fang-Kleidchen in eine Auktion auf die Stutzer-Jagd; (hier soll die Zeit wirklich getrabt haben) verwundete ein Paar Herren; ließ sich einige moderne Antiquitäten, die hier auf dem Fußboden liegen, zuschlagen und kehrte so nach Haus zurück. Dieses brachte den Stundenzeiger um ein beträchtliches über den Berg hinüber, in die absteigenden Zeichen. So heißen hier die Abteilungen des Zifferblattes, in welchen die Zeiger abwärts gehen, versteht sich bloß bei Wand-, Tisch- und Turm-Uhren. Denn bei Taschen-Uhren kann es, selbst wenn sie gehörig in der Tasche stecken, plötzlich kommen, daß sich wenigstens einige der aufsteigenden Zeichen in absteigende, und umgekehrt, verwandeln und dieses oft zum größten Nachteil des Herrn, der sie trägt, wovon wir auf dem nächsten Blatt ein betrübtes Beispiel, wenigstens von der Möglichkeit, sehen werden. Aber noch sind die drei bis vier Stunden vor dem Mittag-Essen zurück, bekanntlich für den gesunden Müßiggänger gerade die hartnäckigsten und schwerfälligsten des ganzen Vormittags, weil das Mittag-Essen auf die Zeit des gut Verdauenden eben eine solche Verlängerungskraft äußern soll, als die Ball-Nächte auf die des Tanzlustigen. Lady Squanderfield weiß auch hier Rat und wie? Dieses ist der Hauptinhalt dieses vierten Blattes. Sie hat hier Lever , und das auf einen Fuß, worin Hochgräfliche Würde mit bürgerlicher Vertraulichkeit und Herablassung geschmackvoll gepaart sind. Man nimmt vertraulich Morgenvisiten im Schlafgemach an, läßt sich hochgräflich dabei frisieren und gibt fast hochfürstlich dabei ein Konzert, zwar klein, wenn man die Stimmen bloß zählt, aber, wenn man sie wiegt, es sei nun auf der Waage der Kunst oder auf der Goldwaage, sehr groß und sehr kostbar. Denn im Vorbeigehen anzumerken, so ist der Sänger der berühmte Kastrat Carestini und der Flötenspieler, der treffliche Weidemann, ein Deutscher und ein ganzer Mann. Es ist ein Privatissimum. Das wird was kosten! Hier verweise ich auf das Hausbuch und den Segensblick des Gerechten auf der zweiten Platte. Die Dame selbst sitzt neben ihrem entschleierten Spiegel unter den Händen des Friseurs, mit einem Puder-Mäntelchen angetan zu züchtig-ökonomischer Bedeckung der – – Stuhllehne. Von dem innern Kriege, den wir auf dem ersten Blatte auf ihrer Stirne bemerkten, ist auch nicht eine Spur mehr vorhanden. Auch scheint aller Rost der Altstadt (City) weggeschliffen und alles Linkische, das ihr aus der Kostschule anklebte, wegkultiviert . Vielmehr bemerkt man nicht ohne Vergnügen eine gewisse Behaglichkeit in ihrem Wesen, vermutlich die Folge froher Aussichten in das Vergangene oder in die Zukunft. O! hätte doch häusliches Glück, und namentlich die Begebenheit Anteil daran, wovon wir ein sehr sprechendes Zeichen von der Stuhllehne herabhängen sehen! Es ist eine silberne Kinder-Rassel, mit der Zahn-Koralle, was da herabhängt; die Dame ist Mutter ! – Aber leider! leider! Keine Spur von Empfindungen eines Mutterherzens; dazu ist alle Fähigkeit lange, lange – wegkultiviert ! O! es läßt sich, ohne das Haus-Hofmeister-Gesicht dazu zu machen, kaum denken, woher die Behaglichkeit in diesem Zuckergesichtchen jetzt rührt. Von dem Duett , das dort aus Weidemanns Flöte und Carestinis Goldmäulchen hervorgeht, vernimmt sie nichts, deutlich wenigstens nicht. Sie lauscht vielmehr einzig und allein auf das entzückende Solo ihres geliebten Prokurators, Silbermund, der ihr da, in ihrem eignen Schlafgemach, mit orientalisch-weichlicher Gemächlichkeit, als wäre es in seinem Harem, auf einem Sopha gegenüber ruht. In seiner Rechten hält er ein Einlaß-Billet zu der heutigen Maskerade, das er seiner Dame anbietet oder wirklich überreicht. So wird die Sache von allen Auslegern erklärt, die sich auf diesen Artikel einlassen, und ich kenne die Einrichtungen solcher Billete zu wenig, um ihnen gerade zu zu widersprechen; sehr wahrscheinlich aber ist mir diese Erklärung nicht. Denn erstens hat das Blatt gar kein Billetformat, wenigstens sehen die zu Konzerten anders aus und zweitens ist es offenbar zerlumpt. Wer in aller Welt wird seiner Dame, und wäre sie auch keine Gräfin, einen solchen Einlaß-Wisch überreichen? Sollte das Blatt nicht irgendwo an einer Straßen-Ecke angeheftet gewesen sein, von welcher es Herr Silbermund beim Hierherfahren etwas eilig abnehmen ließ, um sich wegen des Datums darauf zu beziehen? So wäre es mehr ein Avertissement, ab ein Einlaß-Billet. Juristen lieben die Belege und Zettel, und Papier-Rollen in der Hand waren seit jeher das Attribut der Oratoren. Die Worte 1 door, 2 door, 3 door (erster, zweiter, dritter Eingang) scheinen auf die Erfrischungszimmer und die verschiedenen Preise des Zutritts zu denselben zu gehen. Was aber die auf dem Blatte befindlichen Kritzeleien bedeuten sollen, ist mir ganz unverständlich, und war es auch einigen Engländern, die ich befragt habe. Wäre es etwa abgetrockneter Schmutz, so könnte das Blatt in seinem Dienst an der Mauer wohl gar den gerechten Unwillen des redlichen, oft sehr richtig fühlenden und rechtlich denkenden John Bulls erfahren haben, der sich bekanntlich der Einführung dieser Lustbarkeiten oft nachdrücklich widersetzte. Aber warum hat Hogarth gar keinen weiteren Schriftzug auf dem ganzen Blatt angebracht, als die Worte 1 door etc.? Dieses kann nur von Leuten ausgemacht werden, die mit den Gebräuchen der damaligen Zeit bekannt sind. Die Entdeckung der wahren Bedeutung dieses Blattes mit seinem Schmutz oder seinen phantastischen Zügen wäre gewiß ein Gewinn für die Satyre, die in dieser Szene liegt. Was Herr Silbermund da vorträgt, ist ein Vorschlag, sich diesen Abend, wenn es gefällig wäre, auf der Maskerade zu sprechen. Dieses erhellet schon deutlich genug aus des Advokaten Hinweisen auf eine spanische Wand, auf welcher eine Maskerade abgebildet ist; erhält aber völlige Gewißheit durch die fünfte Platte, wo wir finden werden, daß sie sich wirklich auf einer Maskerade gesprochen haben . Man glaubt, er weise vorzüglich auf eine Nonne hin, die da im Vorgrunde bei einem Mönch in der Ohrenbeichte begriffen ist, und empfehle der Dame diesen Anzug für ihre gemeinschaftliche Andachten diesen Abend. Sie wollten Mönch und Nonne sein. Diese sehr gewöhnliche und daher auch nicht ganz zu verwerfende Mutmaßung wird aber auch nicht sonderlich gerechtfertigt. Die Haupt-Hinweisung mußte mit dem Munde geschehen, mit der Hand geschieht sie sehr unvollkommen, zumal für das Auge der Gräfin. Es ist ein sehr unbestimmtes Weisen. Auf dem folgenden Blatte werden wir einen Teil der Maskenkleider sehen. Da hat wenigstens der Habit der Gräfin so wenig von der Nonnentracht, als sie selbst von einer Heiligen. So geringfügig dieses Hinweisen auch hier läßt, so wichtig ist es für den armen Silbermund, es liegt nämlich darin nichts Geringeres als ein Nagel zu seinem – Galgen . Unten, zu seinen Füßen liegt ein Buch mit der Aufschrift: Sopha . Keiner von allen mir bekannt gewordenen Auslegern dieser Blätter berührt diesen Umstand auch nur mit einer Silbe, und doch konnte man leicht denken, daß ein so verschmitzter Mann wie Hogarth sich unmöglich die Mühe würde genommen haben, selbst nur ein simples Buch ohne Bedeutung dahin zu zeichnen; und nun gar eines mit einem Titul? Und das für nichts und wider nichts? – Die Bedeutung ist doch auch in Wahrheit nicht schwer zu finden; es hat sogar eine doppelte. Das Buch ist nämlich das berüchtigte, heißblütige Produkt der Feder des jüngern Crebillon, das diesen Titul führt, Le Sopha, Conte moral. und gerade so in eine Damen-Bibliothek gehört, wie übergoldete Stechäpfel oder überzuckerte Tollbeeren an einen Christbaum. Dieser Zug charakterisiert also hier in hohem Grade, und läßt selbst die schönsten Züge hinter sich, die der Künstler zu gleichem Zweck auf diesem Blatte angebracht hat. Die Gräfin ist ein verworfenes Geschöpf. – Dieses ist wohl die Hauptbedeutung, auf welche der ganze Charakter des Blattes unverkennbar hinweist. Allein außer dieser gibt es noch eine zweite, possierlichere, die etwas tiefer liegt, auf die aber Hogarth, der das Buch gekannt haben muß, ohne Zweifel hinweisen will. Sie wird durch den Charakter des Genies unseres Künstlers eben so gerechtfertigt, wie jener erste durch den des Stücks. Crebillons Märchen dreht sich ganz um folgende Dichtung: Amanzéi, eine Art von Hof-Junker an Schach Bahams Hofe, ward einmal zur Strafe in einen Sopha verwandelt, und erzählt nachher was er als solcher gesehen und gehöret hat, und ein Sopha, wie man weiß, kann wohl etwas sehen und hören in der Welt. Die Bedingungen des Zaubers und der Erlösung sind: er kann sich eine Form, einen Stoff, eine Farbe, Bordierung und Brodierung wählen, welche er will; er kann dienen, wem er will, nur Sopha muß er bleiben, so lange bis er in der Nähe eine Begebenheit erlebt, die freilich in den höheren Regionen der gesitteten Welt so etwas sein mag, wie die große Konjunktion aller Planeten in den Regionen des Himmels: nämlich Unschuld gegen Unschuld wechselseitig verloren . – Es ist also Amanzei, auf dem hier der Prokurator ruht, und auf welchem die Gräfin diesen Morgen ihren Crebillon gebetet hat. – O! trabe von hinnen, armer Amanzéi, auf deinen Vieren; hier, in diesem Hause, ist keine Erlösung für dich! Hinter der Dame, deren stoffener Schoß, wie wir vergessen haben anzuzeigen, hier zugleich als Prachtgehäuse für die Taschen-Uhr, zumal vom Sopha aus gesehen, erscheint, steht der Friseur. Er ist sichtbarlich aus dem Lande, aus welchem England, wenigstens das höhere, schon längst zuweilen Menschen verschrieb, sich den Kopf schmücken und den Magen verderben zu lassen, – Haaristen und Köche , für Putz und Indigestionen – des Magens , sage ich ausdrücklich, denn sie, oder wenigstens ihre Rezepte, zu Beförderung von Indigestionen des Kopfs kommen zu lassen, ist ein neuer Gebrauch. Also das Geschöpf ist ein Franzos. Hogarths Blätter haben, wie unsere Leser nun schon werden gefunden haben, ihre eigne Zeichen für die Franzosen, so wie die Kalender für die Mondsviertel. Für jeden Hauptpunkt ihrer Bahn, die sie über dem britischen Horizont durchlaufen oder durchtanzen oder durchkriechen, haben sie ihr eignes. Dieser hier ist noch einer von den hohlen, hungerigen; er wird erst noch. Man sieht ihn da mit einem pyrometrischen Versuche beschäftigt; er haucht auf das Brenneisen und horcht auf die Stimme des Advokaten und gafft wohl gar obendrein noch nach – der Stuhllehne. Nur Eins auf einmal zu tun ist diesem Volk unmöglich. Trotz der Miene d'un mouton, qui rêve , kann man wetten, daß er jetzt schon mehr von der Maskerade und ihrer Tendenz weiß, als alle die übrigen. Aus dieser Notiz kann etwas werden, wenn er sie gehörig absetzt. Dieses führt auf dem natürlichsten Wege zu einer kleinen Bemerkung über die Barbier und die Friseur. Es ist unglaublich, zu was für großen Zwecken sich die Natur dieser sonst unbedeutenden Wesen bedient. So wie manche Insekten befruchtenden Blütenstaub nach Blumenkelchen tragen, die, ohne diesen Dienst, unfruchtbar geblieben wären, so tragen diese Menschen Familien-Anekdötchen von Ohr zu Ohr zur Beförderung einer Menschenliebe, die ohne diese Vermittler nie erweckt worden wäre: oder schicklicher vielleicht: wie gewisse Vögel unverdaute Samenkörner in unzukommliche Höhen zur Beförderung physischer Vegetation tragen, so tragen sie zur Beförderung einer gewissen moralischen , manches Anekdoten-Körnchen aus den Tiefen der Stadt in die höhern Regionen derselben. Die Sache hat wirklich Ähnlichkeit und der ganze Unterschied liegt hauptsächlich in der geringen Verschiedenheit der Organe, womit beide den unverdauten Stoff an die Behörde absetzen. Zur Linken also sitzt, mit britischem Golde, britischen Demanten und britischem Schmalz reichlich besetzt und behangen, den Arm nachlässig auf einen benachbarten Stuhl gelehnt, der Hämling Carestini, wie man sagt, eines der lieblichsten Pfeifchen, die das Stimm-Messer je aus italienischem Rohr geschnitten hat. Aber man sehe nun auch hin! Gütiger Himmel! was für ein ekelhafter Dudelsack aus dem Meisterstück der Schöpfung wird, sobald es die Kunst unternimmt, aus ihm ein Flötenwerk zu schnitzeln. Dem talgigen Unterkinn fehlt beides, Bart und Kraft. Die starrende Bandschleife mit dem funkelnden Demant-Kreuze, dem heil. Kreuze der Unheiligsten, Pope in s. Lockenraub sagt von Belindens Halsgeschmeide: On her white neck a Diamond cross she wore, Which Jews might kiss and infidels adore.An ihrem weißen Busen hing ein Demant-Kreuz, welches Juden hätten küssen und Ungläubige anbeten mögen. sind nur ein erbärmlicher Ersatz für jenen Verlust. Dadurch erhält das Mäulchen eine gewisse milchbreiichte, schlabberichte Unbedeutsamkeit, die, wenn sie bei einem Erwachsenen noch irgend einen Reiz für den Anschauer hat, es in der Welt kein anderer sein kann, als der zum Daraufschlagen . Wie das Schmalz nicht alle Form und Elastizität aus den dicken Knieen und dem ganzen Beinwerk verdrängt hat! Aus dem kraftlosen, schlotternden Pauschen der Beine zu schließen, sollte man sie fast für die Windschläuche zu dem Flötenwerk halten, die so eben einen guten Teil ihres Vorrates an einen Triller erster Größe abgesetzt haben. – O! wenn schon angeborne Neutralität in der Liebe, obgleich noch immer bewaffnet , die bedeutendsten Züge des menschlichen Gesichts und menschlichen Anstandes für Kennerinnen und Kenner, wie ich gehört habe, verwischen soll, was in der Welt kann die unbewaffnete oder gar entwaffnete anderes erzeugen, als ein solches Scheusal von Balggeschwulst? – Schön ist also freilich dieses Kunstwerk nicht, aber dafür desto kostbarer. Ärmel und Saum des Kleides sind schweres Gold, und an jedem Gliede der Finger, an Knie- und Schuhschnallen und Ohr blitzet der Demant. Als bloße Einfassung für die Stimme hat er alles mögliche getan. Hinter ihm steht unser Landsmann, der berühmte Virtuose auf der deutschen Flöte (so heißt die Querflöte in England), Weidemann. Ich müßte mich sehr irren, oder es lauert in dem rechten Augenwinkel sowohl als Mundwinkel eine Art gutmütiger Schelmerei, die am Ende, zumal mit der Habichtsnase zusammen genommen, für den ehrlichen Mann einnimmt. Er scheint beim Blasen selbst zu lächeln. In einer Gesellschaft, wo jedes Gesicht und jede Gebärde so reich an Lachstoff ist, ist es schwer zu sagen, worüber er lächelt, sobald man annimmt, daß er einmal über die Noten weggeblickt hat. Doch erfordert es Herrn Weidemanns Virtuosen-Ehre hier anzunehmen, er habe nie weggesehen. Dann aber bliebe, um das Lächeln zu erklären, nichts übrig, als etwa ein geheimer Kosten-Überschlag ihrer beiderseitigen Instrumente. Wie viel Geld bezahlte ich für meine Flöte, und was bezahlte der Kastrat für seine Pfeife an Geldeswert? Neutralität ist nicht in Weidemanns Miene. Neben dem gemästeten italienischen Kapaun sitzt der im Dienst vertrocknete englische Haushahn; jeder in seinem Extrem von Beleibtheit so wenig wert als der andere. Über diese Figur ist viel kommentiert worden. Man hat sogar einen Preußischen Gesandten Michel (nicht Mitchel, wie ich im hiesigen Taschenbuch für 1786 gesagt habe) daraus gemacht. Freilich mag wohl mancher Michel in der Welt so ausgesehen haben und künftig noch so aussehen, aber nach allen Regeln der Auslegungskunst ist dieses sicherlich unser Held, der Graf Squanderfield. Träte Hogarth selbst gegen diese Erklärung auf, so hätte er sich es allein zu zuschreiben, wenn man ihn nicht verstanden hat. Magerer erscheinen der Herr Graf hier freilich, als vorher , und, was noch seltsamer ist, auch magerer als nachher, diesen Abend. Aber was schadet das? Aufgestanden ist dieser Kunststutzer vielleicht wohl diesen Morgen, aber sicherlich noch nicht auferstanden . Es ist noch die Raupe erst. Verpuppt hat sie sich um den Kopf herum schon, das übrige folgt nach und noch, ehe die Eßglocke schallt, erscheint der Schmetterling in seiner Herrlichkeit. Das sind Kleinigkeiten. Lenden hin, Lenden her. Seitdem Kleider Leute machen, hat die Natur hierin viel von ihrer Kundschaft verloren. Auch ist es wirklich ein wenig boshaft von unserem Künstler, daß er diesen halbdurchsichtigen Pickling da mit dem gemästeten italienischen Spiegel-Karpfen Bekanntlich verschneidet man auch die Karpfen, aber nicht um ihre Stimme zu verbessern. gleichsam wie in einer Schüssel serviert. Denn wirklich sind die Beine des Lords die Strohhälmchen gar nicht, die sie dem flüchtigen Blick zu sein scheinen. Man bedecke nur einmal die beiden Bambus-Klötze des Italieners, deren Nachbarschaft ihnen offenbar schadet, so sind es immer ein Paar Beine auf denen ein Mann von Stand , der nicht viel stehet oder geht, noch recht gut stehen und gehen kann. Aber was tut Hogarth nun gar? Er bedeckt mit unverzeihlichem Mutwillen nun noch obendrein recht vorsätzlich das linke Bein des Grafen mit dem linken des Italieners weit über die Hälfte. Ist das Recht? Fürwahr, wenn Fehler so zudecken nicht ärger ist als sie aufdecken , so weiß ich nicht was zudecken und aufdecken ist. So freilich läßt sich aus dem derbsten Spazier-Prügel des modernsten Pariser Zier-Bengels (Incroyable) oder gar des Herkules selbst, ein Schwefelhölzchen machen, in einem Augenblick. – Also dieser ganze Beweis gegen die Identität der vorigen und künftigen Squanderfielde, und dieses Geschöpfes hier, der von den schwachen Beinen des Subjekts hergeholt wird, steht selbst auf sehr schwachen Füßen. Überdas war es einem Künstler, von Hogarths Lebhaftigkeit und Witz, schwerer als irgend einem andern, den Kontrast nicht zu übertreiben, so bald er den Gedanken gefaßt hatte, Kontrast zu zeigen. O! der schulrichtigste Witz, von der Vernunft selbst geritten, ist im Stande mit seinem Reiter davon zu laufen, wenn es solche Kunstsprünge gilt. – Man sagt alsdann gewöhnlich entweder nur die Hälfte der Wahrheit oder sechs Viertel davon, welches, mutatis mutandis , auf eins hinausläuft. – Aber nun höre man auch die andere Seite: Es muß Graf Squanderfield sein. Denn erstlich sitzt er in Papilloten da, gerade wie seine Liebste, eigentlich bloß seine Frau , dort auch nicht bei ihrem Manne , sondern bloß bei ihrem Liebsten sitzt. Er erwartet das Brenneisen des gemeinschaftlichen Franzosen. Niemand hat das Recht bei dem Lever einer Dame sich so zwicken zu lassen, als der Mann. Also sie gehören zusammen, civiliter wenigstens; sie sind verheiratet – nach der Mode. Zweitens sehe man nur den Kopf an. Ist das nicht völlig das gehörnte Tier? Wer in der Welt sähe so was nicht? Bemerkt es ja doch der kleine schwarze Junge da, rechter Hand in der Ecke, und weiset mit dem Finger auf die Papilloten eines kleinen Aktäons, der so eben aus der Auktion angekommen ist. Ja der zehnendige Bruder Aktäon scheint sogar mit dem gestumpften Arm auf den siebenendigen Ordensbruder Squanderfield hinzuweisen: » Seht doch, ist das nicht auch einer von den Unsrigen? « Und der arme Teufel (der gräfliche Bruder) scheint wirklich das Brüderchen so eben anerkannt zu haben. O! es zwickt, es zwickt schon jetzt irgendwo etwas an ihm. Wer wird Chokolade so schlürfen, selbst die heißeste, wenn es nicht noch sonst wo brennt. Jetzt sieht sein Auge nicht, so wenig als vermutlich sein Ohr hört, oder seine Zunge schmeckt; es ist geistige Kost, die er genießt, oder zu verdauen sucht; vielleicht ein Paar Papier-Schnitte vom Haushofmeister und etwas von der Herzens-Kollation, die dort jetzt von Almanzéi belauscht wird. Er ist sicherlich der Ehemann – nach der Mode. Drittens streitet sehr stark für diese Behauptung, die Miene und selbst der Anzug, zumal wenn man Squanderfields Figur auf der zweiten Platte dagegen halten will. Er liebt die Palletten-Kleider. Diese breiten Schleifen, zumal die mit Quästchen, hieß man, wo ich nicht irre, ehemals in England Brandenburghs . Vielleicht waren sie durch einen Preußischen Gesandten eingeführt, und daher die Mutmaßung, dieses sei der Preußische Gesandte. Selbst bei der Katastrophe auf der fünften Platte hat er eines an; dessen Schnitt ebenfalls von dem auf der zweiten verschieden ist. – Aber unter dem Ohre fehle das bon ton -Pflaster, wendet man ein. Antwort: So machens die Pflaster in der Nacht, und unter dem Ohre ist auch wirklich so etwas sichtbar, was wohl ein einzölliches Schönpflästerchen verdient hätte. Auch ist dieses das erste Mal, daß uns der Held das rechte Ohr gönnt. Es war immer das linke , was wir gesehen haben. Daß also ein sonst freilich gewöhnlich symmetrisches Übel einmal hier gegen die Regel verstoßen hätte, wäre, wenigstens in dieser Haushaltung (die Kamin-Pracht auf der zweiten Platte etwa ausgenommen), ganz in der Regel. – Stärker ist der Einwurf, den ich mir selbst gemacht habe: Der Herr da hat, wenn ich anders recht sehe, einen Hut mit einer Kokarde unter dem Arme, also, nach englischer Sitte, einen Offizier-Hut. Offizier aber sind der Herr Graf nicht. Wie aber, wenn Sie vorige Nacht vielleicht den Offizier gespielt hätten und so eben erst nach Hause gekommen wären wie neulich, oder sich bloß im Taumel vergriffen oder im Tumult eine Eroberung gemacht hätten wie neulich? Die Leser können hier wählen, wenn sie es der Mühe wert achten. Vielleicht wird ihre Wahl etwas durch die Betrachtung erleichtert, daß unser Held auch wohl deswegen mit dem Italiener hier in so enge Verbindung gesetzt ist, zu zeigen, daß es, um sich in der Welt in Rücksicht auf allerlei Arten von Mut und Tapferkeit, einen gewissen Kastraten-Kredit zu verschaffen, nicht immer gerade des Messers bedarf. Die Dame mit dem Hute, bereits etwas über die Tag- und Nachtgleichen des Lebens nach der Winterseite zu, hinaus, ist eine gewisse Mrs. Lane, und der schlafende Fuchsjäger im Hintergrunde, mit der schwarzen Perücke und schwarzen Halsbinde, Mr. Lane, ihr Mann. Er liebte diese Art Jagd so sehr, daß man ihn schlechtweg Fox-Lane (Fuchs-Lane) nannte. Nach seinem Tode wurde diese sehr einfache Frau Lane noch die sehr zusammengesetzte Lady Bingley. Also teuerste Leserinnen, die ihr, jenseit der Nachtgleichen des Lebens nach der Winterseite zu, noch immer ohne einen Begleiter wandelt, ums Himmels willen nicht zu früh verzweifelt! Eure Glückssonne hält es, in unserem Klima wenigstens, wo nicht ganz, doch nicht selten so, wie die Königin des Tages, von der sie den Namen trägt. Den Frühling des Lebens, und selbst dessen Sommer, beschenkt sie mehr mit Leckerbissen als mit derber, dauerhafter Nahrung. Im Herbst erst reift der Göttertrank, der das Menschenherz erfreut. Der ist die Zeit der königlichen Bergamotte, der erquickenden St. Germain, der schmalzigen Poire de beurrée blanche, und des – braunen Kohls und alles dessen, was sich bis in den spätesten Winter hält. Der Blick von Madam ist ganz nicht bloß auf den singenden Halbmann (physiologisch) sondern auch auf den halben Mann (militärisch) angeschlagen, vermutlich mehr der verächtlichen Mündung des melodischen Stroms auszuweichen, als etwa den Quell selbst zu suchen. Sie ist entzückt; – sie ist wie weg . Der Wurf ihrer Arme versinnlicht dem Auge, was das Ohr hier entbehren muß, nämlich die Cadence , der sich Carestinis Gesang nähert, wenn er nicht schon gar darin begriffen ist; so wie die Hinbeugung der ganzen Madam in corpore das Hinreißende in derselben anschaulich macht. Geht es auch nicht bald mit der Cadence zu Ende, so kann fürwahr diese Cadence von der Tonleiter für Mrs. Lane eine wahre Cadenz vom Stuhle werden. Wie ganz anders beträgt sich dort hinten ihr Gemahl, wenn man anders schlafen sich betragen nennen kann! Keine Spur von Ähnlichkeit, die kleinen Umstände etwa abgerechnet, daß er gleichfalls wie weg , und gegen eine Kadenz vom Stuhle ebenfalls nicht ganz gesichert ist. Sollte aber nicht unser Künstler auch hier unserem Auge etwas haben versinnlichen wollen, was unserem Ohre entgeht, nämlich daß dieses Konzert eigentlich ein Trio ist, wobei Herrn Lane etwa die dritte Stimme, ich meine das Akkompagnement mit dem Nasal-Schnarr-Werk übertragen worden wäre? Gestimmt und angesetzt scheint er wenigstens das Instrument zu haben, und, nach der starken und gesunden Brust zu urteilen, sind auch die Bälge dazu in nicht schlechtem Stande. Wie ruhig er schläft! Aber O! wie würde er erwachen, wenn nun auf einmal das Tally Ho! Jagd-Geschrei der englischen Fuchsjäger. ertönte, oder irgend ein englischer Baß-Kastrat sein: The echoing horn calls the sportsman abroad, etc. Der Anfang eines muntern englischen Jagdgesangs: »Das Horn mit seinem Widerhall Ruft: Jäger, fort! Ins Feld« etc. anstimmte, oder wenn gar, statt Carestini und Weidemann, Melampus anschlüge, akkompagniert von Lälaps, Ocydromus, Pamphagus und Hylactor! Dieses sind die Namen bloß von fünfen von den 82 unsterblichen – Jagdhunden, die einst Aktäon im Stalle hatte, und deren Namen uns zum Teil Ovid in seinen Verwandlungen, am vollständigsten aber Hyginus in seinen Fabeln aufbewahrt hat. Die Namen sind, wie man auch schon aus diesen fünfen sieht, sämtlich sehr bedeutungsvoll und schön. Vornehme Liebhaber von Jagdhunden, die kein Griechisch verstehen, und um Hunde-Namen verlegen sind, könnten daher füglich manche darunter durch ihre Hofpoeten für ihre Koppel übersetzen lassen. – Zur Ehre von Mrs. Lane muß notwendig erinnert werden, daß hier, in dieser Note, Aktäon bloß als eminenter Fuchsjäger genannt worden ist, und gar nicht, wie oben S. 953/54, als Hochwild selbst. Wirklich ist auch Herrn Lanes Kopfzierde , eine der niedrigsten und anspruchlosesten die sich denken läßt. Vielleicht schliefe alsdann Madam. Ist dieses auch Heirat nach der Mode? Unmittelbar neben dem gefühllosen Fuchsjäger erblicken wir leider! in Mannes-Gestalt, die ewige Gegenfüßlerin alles wilden Weidewerks, die süßeste Toiletten-Empfindelei im höchsten Ausdruck affektierten Entzückens. Was für ein Balsam-Büchschen gegen den Teer-Topf dorthinten. Schade, daß das Pflästerchen an der Unterlippe, so sehr es auch sonst die Reize des Gesichtchens erhöht, doch die Wirkung des kostbaren Schmunzelns etwas stört. Ohne dasselbe würde man, was freilich schon der ganze Anstand des Zier-Äffchens beiläufig lehrt, viel deutlicher von dessen Lippen selbst lernen können, nämlich wie man prononcieren muß, wenn man das Unaussprechliche prononcieren will. Um dem Ohre so viel als möglich einzuräumen, versagt er seinem Auge mehr als die Hälfte des Lichts; seinem Gaumen die Chokolade und vermutlich, weil er dem Manne mit der Reitpeitsche so bedachtsam den Rücken kehrt, entzieht er auch seiner Nase einen Teil des Pferdestall-Duftes, der von dort ausströmen mag. Obgleich der laute Ausruf der Bewunderung notwendig fehlt, so verraten doch die fünf Exklamationszeichen, die er mit den Fingern der linken Hand aufstellt, die stille Gegenwart derselben unverkennbar. Von eben dieser wie ein Fächer ausgebreiteten Hand hängt der Sonnenfächer der Dame selbst zusammengefallen herab. Er hat ihn vermutlich in Verwahrung genommen, um ihn am Ende mit einem Kuß auslösen zu lassen. So hängt alles bei diesem Männchen zusammen. Nun nur noch ein Alter von Sechszigen, ein papageigrünes Kleid mit rosenfarbigen Unterfutter und ein Paar Schuhe mit roten Absätzen, so hätte der künftige Naturgeschichtschreiber des erkünstelten Menschen, die Züge des alten Gecken hier so ziemlich beisammen. Hinter der entzückten Dame (ich meine der Carestinischen empfindsamen, nicht der solider denkenden Silbermundischen) erblicken wir einen Kopf, oder klotzt vielmehr ein Kopf gegen uns hervor, der freilich eben nicht der schönste, aber dafür einer der sprechendsten der ganzen Gesellschaft ist. Es ist der Kopf des Negers, der die Chokolade da ins Blaue hinausserviert. Wahrlich, mit seinen drei Brillanten im Gesicht, wovon der eine auf der Nase noch obendrein unecht und bloß vom Fenster geborgt ist, blitzt er alle die Demanten des Kastraten an Ohr und Solitär nieder und wieder nieder. Ist das nicht Sprache und Bedeutung? Und ist es nicht Kunst dem Neumonds -Zeichen, das der Afrikaner da auf seinen Schultern trägt, mehr Bedeutung zu geben, als hier dem italienischen Vollmonde ? Man versuche einmal ein solches Nachtstückchen, so wird mans finden. Affektation ist hier nicht; es ist reiner, derber, menschlich-tierischer Instinkt was seine Augen-Axen so steif auf den Italiener hinspannt. Vermutlich gilt es aber nicht sowohl der Stimme des Sängers, als vielmehr den Gebärden, die sie begleiten und der Mündung, aus welcher sie hervorkriecht. Er lächelt über das Brei- und Lappen-Mäulchen, das sich ehemals aus der weichlichen, weibischen Tiber Uxorius amnis. Horat . wusch, und weist bei der Gelegenheit selbst eines, das sich aus dem Niger oder dem Senegal gewaschen hat, von solchem Umfang, daß fürwahr weder der Senegal noch der Niger noch sonst irgend ein berühmter Fluß-Gott Klage über Mangel zu befürchten haben würde, wenn er seinen Vorrat, den er bisher aus seiner Urne goß , künftig von einem solchen Kopf speien lassen wollte. Wir haben bereits gehört, daß die Gräfin diesen Morgen in einer Auktion gewesen ist. Hier sieht man nun aus dem Auktions-Katalog, der rechter Hand auf der Erde liegt, daß da eine Sammlung verkauft wurde und wem sie gehörte, und aus einigen daraus erstandenen Artikeln, die da herumstehen, ergibt sich, daß es eine Kunstsammlung war. Der englische Titul des Verzeichnisses ist: A catalogue of the entire collection of the late Sir Timothy Bahyhouse to be sold by auction: »Verzeichnis der vollständigen Sammlung des sel. Barons von Püppchenhausen, welche an den Meistbietenden verkauft werden soll.« Der ganze Kram, den die Dame daraus erstanden hat, gehört, wie man sieht, zu der Sippschaft von Antiken, dergleichen wir über dem Kamin auf der zweiten Platte gesehen haben. Die Artikel sind schier so gestellt, daß das Ganze einer Prozession ähnlich sieht, worin die Glieder immer wichtiger kommen je weiter sie hinten gehen. Es läßt wie ein Triumph. Voran trabt ein unbekanntes Tierchen, das bloß seiner Unbedeutsamkeit wegen den Vortritt zu haben scheint, auf seinen Füßen; hinten drein kriecht ein Pärchen ohne Füße, daneben ein Schüsselchen, dann ein gräßlicher Katzenkopf, ein Näpfchen, ein Paar bezauberte Prinzessinnen mit dem Zauberer dazu; hierauf eine fürchterliche Mißgeburt der Töpferkunst als Lichthalter; nun, immer wichtiger, eine Butterbüchse und, noch wichtiger ein mystischer Topf mit der mystischen 7 darauf, und endlich das wichtigste, der Imperator Aktäon selbst mit der Sieges-Krone auf dem Haupte. Er lehnt sich gegen ein Waschbecken aus Majolika von Julio (Giulio) Romano bemalt; eine große Seltenheit. Raffaelschen Plunder dieser Art findet man überall. » Das Gemälde selbst stellt ein entkleidetes Weibsbild vor, welches von einer bösen Gans gebissen wird .« Diese Beschreibung des Gemäldes ist wörtlich aus dem Intelligenz-Blatt eines benachbarten Orts entlehnt, worin bei Gelegenheit des Deckel-Gemäldes einer gestohlenen Dose, eben diese berühmte Geschichte des Altertums gerade so erzählt wurde. Ob es Sittsamkeit allein war, was dem Bestohlenen obige Worte eingab, ist ungewiß. Gewiß aber ist es, daß sie es wenigstens hauptsächlich ist, die jene Worte aus dem Intelligenz-Blatt hierher bringt; denn sonst empfiehlt sich jene Beschreibung hier auch besonders noch durch den Umstand, daß der Schwan dieses Giulio Romano wirklich eine Gans ist. Den Beschluß macht noch eine Pracht-Vase; so etwas von Potpourri. Mystischer vielleicht noch als die 7 auf dem Topfe, mag wohl hier die runde Zahl 100 auf Aktäons Unterleibe stehen, worüber wir hier nicht entscheiden wollen. Auf dem Comtoir des Herrn Vaters der Frau Gräfin, sah man solche runde Zahlen auf wichtigern Zetteln. Auf einer der Figuren steht die Zahl 4. Unsere Dame war also mit Anfang der Auktion bei der Hand, und hat ausgehalten bis No. 100. Das Wort Lot , das, wo dergleichen Dinge mit Würfeln ausgespielt, oder durch Lose gezogen werden, so viel als Gewinst bedeutet, sagt hier, wo von einer Auktion die Rede ist, nicht mehr als unser No., schlechtweg. Sehr lange, wenn es an demselben Morgen war. Es galt aber auch ein Bildchen für den Herrn Gemahl, am Abend – – den Hut darauf zu hängen. – So wird am Ende die Reihe von Schnurrpfeifereien auf der Erde da sehr bedeutungsvoll für unsere Geschichte. Sie zeugt nämlich unwidersprechlich von roher Geschmacklosigkeit , grober Sinnlichkeit und, was am Ende nicht viel besser ist, (videatur der Haus-Hofmeister) von tätiger Kauflustigkeit aus Müßiggang. Was mag sie wohl für die Puppe mit den Hörnern dort bezahlt haben? Hierüber urteilen zu können, denke man sich etwa nur noch ein einziges solches Geschöpf oder ein Paar in derselben Auktion, alle eben so käufisch , eben so weise und eben so wohlerzogen , als Madam. Man denke sich dann die noble Verachtung des Geldes und überhaupt die hohen Gefühle, die sich so leicht der Damen-Seelen in jener Art von Auktions-Begeisterung bemächtigen, zumal wenn ihre abwesenden Männer etwa mit gleichem Feuer in irgend einer ähnlichen Ruhm-, Rang- oder Titul-Auktion begriffen sind. Man höre alsdann, wie sie sich, als wäre es ein Wettgesang, bald mit wechselnden Stimmen, bald im gleichzeitigen Duett und Trio, immer höher und höher treiben, und, wie eifersüchtige Nachtigallen in einem Zimmer, so lange fortschlagen, bis erst eine, dann die andere, endlich kraftlos vom Stengelchen fällt. Wie? O die Puppe, die war keine drei Groschen wert. Aber der Jokus in Gegenwart so vieler Herren und Damen einen Mann mit Hörnern zu erstehen, und das Vergnügen die Nachtigallen eine nach der andern so fallen zu sehen. – Für so etwas sind eben so viele Louisd'or eine Kleinigkeit. Freilich hat unser Künstler wohl hier ein wenig übertrieben. Wer in aller Welt, höre ich manche Dame fragen, wird solche Possen und obendrein gar solche Unflätereien kaufen? Fi donc! – Freilich wohl. Wie aber, wenn wir einmal die Nummern da in Büchertitul übersetzten, und so aus der Sammlung eine moderne Damenbibliothek herausbrächten? Wie da? – Gesetzt auch die Schüsselchen und Näpfchen könnten ein Kochbüchelchen oder eine Anweisung zum Lichterziehen oder Seifenkochen bedeuten, müssen sie es denn deswegen gleich bedeuten? Könnten es nicht eben so gut Anweisungen zur Gesichts-Gerberei, zur Veredelung der Haarzwiebeln und zur Schönfärberei mit Milch und Blut sein? Und wenn man nun gar die verwandelten Prinzessinnen, die Zwerge, den Gänserich in der Schüssel und endlich den Gehörnten mit seiner eins und zwei Nullen auf dem Unterleibe in Bücher umwandelte, würde es da auch nur um ein Haar besser in der Bibliothek aussehen als hier auf dem Fußboden? Schwerlich, schwerlich. – – Fast drollig läßt die kleine Prozession, wenn man bedenkt, daß sie gerade auf Carestini zu geht, und einem dabei Orpheus einfällt. Und warum sollte einem Der nicht dabei einfallen? Wenn Orpheus es mit seiner Leier dahin brachte, daß Eichbäume und Granitblöcke sich ihm in einem Walzer näherten, warum sollte nicht Carestini mit seiner Pfeife Nürnberger-Ware locken können? Entweder jene Geschichte ist nicht wahr, oder diese ist wenigstens möglich. Mit dieser Idee auf die Übersetzung in Bücher-Titul zurückzukommen, müßte wohl das kleine, niedliche Tierchen, das da voran auf Füßchen trabt, eben deswegen, weil es auf Füßchen trabt, und so niedlich ist, ein Musenalmanach sein, und so gerechnet wären seine beiden fußlosen , prosaischen Treiber nichts anderes, als etwa ein Paar Taschen-Kalenderchen . – Neben Carestinis Stuhle liegen Visiten- und Invitations-Karten, Stich auf Stich. Einige kehren die beschriebene, akquirierte Komplimenten-Seite, andere die angeborne heraus, noch andere weisen gar nichts, so wie es fällt. Wir wollen sie kurz durchnehmen. Lady Squander (so heißt sie auf allen diesen Karten statt Squanderfield , vielleicht weil die meisten Felder – bereits versquandert sind) wird eingeladen I ) zu Lady Townleys Trommel ( Drum , eine Art von Assemblee worin gespielt und gemaultrommelt wird) und zwar auf nächsten Montag . Im Englischen steht munday statt monday, also eigentlich Mohntag . Ein wichtiger Umstand. 2) Zu Lady Heathans (Heathens) großer Staats-Trommel (Drum Major) , wo alles weitläufiger und prächtiger ist, Spiel sowohl als Maultrommel, und zwar auf nächsten Sonntag . Spiel und Musik am Sonntage vergibt der fromme John Bull in England keiner Seele, daher heißt die Sabbatschänderin auch hier Lady Heathen, Lady Heidnisch . So viel mir aber bekannt ist, so ist die Maultrommel, die in Assembleen gerührt wird, am Sonntage in England so wenig verboten, als bei uns. 3) Zu Miß Hair-Brains Von hairbrained , eigentlich harebrained, flüchtig, wild, unbesonnen . Alles was hier von Maultrommel , Tumult und Auflauf bei Gelegenheit der Wörter Drum und Rout gesagt wird, ist bloß ein Zusatz des Erklärers, und wohl ein sehr erlaubter. Er soll dienen, die durch die Zeit verblichenen Züge der Satyre wieder etwas aufzufrischen. Von Anfang mögen diese Wörter an den Ursprung erinnert haben, auch wohl noch länger nachher einen Mann, wie Hogarth, der sich wohl schwerlich die Zeit genommen haben mag, sie sich durch Teilnahme geläufig zu machen und in bloß willkürliche Zeichen zu verwandeln. An Maultrommel aber konnte der Engländer unmöglich bei seinem drum denken, die heißt bei ihm Judenharfe (Jews harp) . Drum und Rout waren Namen für das, was jetzt in der großen Welt bloß Assembly heißt, selbst die Benennung Rout , die noch vor nicht gar langer Zeit am westlichen Ende der Stadt galt, ist nun ganz in das östliche, die Altstadt, verwiesen. Drum heißt eine Trommel, und Rout ein kleiner Auflauf von weniger als 12 Personen; über 12 heißt er Riot , und solcher Assembleen gibt es zuweilen auch, sowohl in der Altstadt als in der Neustadt. Tumult (Rout) , auch eine Art Assemblee, die wenn sie das ist, was das Wort sagt, einem kleinen Auflauf ähnlich sehen muß. Endlich liegt noch dabei 4) die Karte, worauf sich ein ausländischer Graf Basset nach dem Befinden der Frau Gräfin erkundigt. Er ist vermutlich nach England gegangen um Englisch zu lernen und legt hier eine Probe seines Fleißes ab, deswegen setzen wir sie ganz her: Count Basset begs to no how Lade Squander sleapt last nite . Sollte heißen C.B. begs to know how Lady Squanderfield slept last night . (Graf Basset winscht su wihß, wi Lehdi Squander fergangen Nackt geslaffen.) In den Gemälden an den Wänden umher fährt unser Künstler fort seiner Zeichnung der Hauptleidenschaft der Gräfin immer mehr Relief zu geben. Mit dem Lesebuch für junge Frauenzimmer , dort auf dem Sopha, fing er an; unten, im Korbe, fuhr er fort, und an der Wand erblicken wir nun die Vollendung. Es sind der Gemälde vier . Hier müssen wir kurz sein. Rechter Hand hängen die Folgen des Rausches , ein Paar Staffeln über dem so genannten Mittel-Hieb , in der Geschichte des Noah mit seinen Töchtern. Die Erklärung des Schüssel-Gemäldes schrieben wir aus einem fliegenden Blatte ab, eben, weil es ein fliegendes Blatt war, das sich nun auch längst verflogen hat. Die Erklärung des gegenwärtigen aber müßten wir von Blättern abschreiben, die nichts weniger als fliegend sind, und sich auch hoffentlich diesseits des Rheins nie verfliegen werden, daher wir die Leser darauf verweisen. – Neben diesem Bilde hängen die Folgen der Maskeraden in der Geschichte der schönen Prinzessin Jo, wie sie von dem erzürnten Jupiter, in seinen gewöhnlichen Donner-Wolken-Domino gekleidet, ebenfalls gebissen wird. Es ist dieses eine Kopie einer sehr bekannten Vorstellung dieser Beißerei von Michelangelo Buonarotti, natürlich hier von unserer Dame für das Original selbst, wenigstens gekauft , und vielleicht gar dafür bezahlt . Zur Linken hängt Jupiter zum drittenmal , wieder en masque , denn wir müssen nur gestehen, daß der Gänserich dort auf der Schüssel, eben dieser Jupiter gewesen ist. So etwas kann aufmuntern, sein Glück auch einmal auf einer Maskerade zu versuchen, zumal eine Freundin von Lady Heidnisch. Jupiter erscheint hier als Adler, wie er seinen Ganymed nach dem Olymp trägt. Bekanntlich wird die Geschichte von Jupiter und Ganymed verschieden erzählt. Nach einigen sandte Jupiter seinen bekannten Trabanten, den Adler, ihn abzuholen; nach andern aber übernahm er dieses Geschäfte höchst selbst , in der Adlersmaske, die er auch bei der schönen Wachtel, Asterie, angenommen haben soll. Die letzte Vorstellungsart empfiehlt sich hier durch reineren Zusammenhang mit dem übrigen Maskenspiel bei den schönen Prinzessinnen Leda und Jo. . Sonderbar ist es, daß der Gott der Götter auch hier wieder beißen will. Es wird einem fast bange zu zusehen. O! ritte doch Ganymed dieses Mal, ich meine, wäre er doch dieses Mal, wie die Franzosen vortrefflich sagen, à cheval sur un aigle . So wie er jetzt da am Adler hängt, nimmt es fürwahr kein gutes Ende. Ich fürchte, ich fürchte, Jupiter, der grade da über Carestinis Kopf schwebt, vernimmt so eben die Götterstimme dieses Sterblichen. Einen solchen Sänger muß ich auch haben, denkt er, und schreitet, gedacht getan, sogleich mit höchst eignem Schnabel zur Operation. Wenn dieses, wie ich glaube, der eigentliche Sinn dieses Zuges ist, so gehört er unstreitig mit unter die vorzüglichsten in Hogarths Werken. Und wie reich mußte nicht das Genie eines Mannes sein, der so etwas, was mancher Dichter vielleicht zu einer ganzen Ballade ausgesponnen hätte, in einen wahren Winkel seines Werks, das heißt, in ein Bildchen an der Wand eines Bildchens, das selbst an die Wand gehängt wird, hinwirft, unbekümmert darum, wer es findet, oder ob es überhaupt je gefunden wird? Zugleich ist dieses die herrlichste Reparation d'honneur für den armen Kastraten, wenn er sich etwa durch das übrige für beleidigt hätte halten können. Carestini konnte leicht lächerlicher gemacht, aber schwerlich feiner gelobt werden. Über diesem Gemälde, also etwas ominös, im Olymp selbst, und unter den Unsterblichen hängt offenbar Herrn Silbermunds Portrait ganz unmaskiert, mit aller der Würde im Äußern, die einem Kommandanten des Hauses geziemt. Zu seinen Füßen nagt das von ihm gestürzte, gehörnte Tier an seiner Kette. Gut. So wollen wir es lassen. Nur noch ein Paar Blätter weiter, so erblicken wir beides, Hängen und Stürzen in – soliderer Form. Daß Silbermunds Bild dem Sopha gerade gegenüberhängt, ist bloß zur Beförderung der Andacht geschehen. Sobald diese aufhört, erhält er, wie wir hören werden, einen andern Platz, oder eigentlich, sobald dieser Götze einen andern Platz erhält, so hört die Andacht auf. Nun zum Beschluß eine Kleinigkeit, denn eine Kleinigkeit ist ja wohl jedes Rätsel. An dem Betthimmel der Dame hat der Künstler die französische Lilie angebracht. Wie kömmt das französische Wappen da an das englische Bett? Fünfte Platte Wie deutlich und wie fürchterlich alles auf diesem Blatte! – Blut, Mord, Todeskampf und Verzweifelung – in der Tiefe der Mitternacht! Wie schaudervoll, wenn man sich hinzudenkt das Getöse der hereinbrechenden Wache, das Angst-Gewimmer des erwachten Gewissens und der entlarvten Tücke, vermischt mit dem gedehnten, eintönigen Ächzen des Sterbenden. – Ist dies Heirat nach der Mode? Gerechter Himmel! Da wankt er nun, der modische Ehemann, durchbohrt von der Hand des Lieblings seines treulosen Weibes. Schon brechen die Knie unter ihm. – Die einzige Stütze, die ihm noch bleibt, sein Arm, wird mit jedem kümmerlichen Schlage seines durchgerennten Herzens kraftloser. Noch steht er einige Augenblicke und dann – nie wieder. Sein brechendes Auge empfindet nicht mehr das Licht, das hier die Züge des sich nähernden Todes von der erschlafften Wange und dem gesunkenen Kinn für uns zurückstrahlt. Vergeblich steigt das Winseln des verzweifelnden Lasters und das Flehen des ertappten Verbrechens um Barmherzigkeit von den Lippen seines schändlichen Weibes zu ihm auf. Sein Ohr vernimmt sie nicht mehr und sein Mund erwidert sie nicht mehr. Zwischen ihm und ihr hat Klage und Verteidigung hier ein Ende. Die Akten sind geschlossen, diesseit des Grabes. Ferneres Gehör und der Spruch des Richters wartet ihrer in einer andern Welt. Da knieet sie nun, das modische Eheweib, barfuß, im bloßen Hemde, vor dem Gerichtsdiener und der Wache ihr Verbrechen abbittend und büßend für dasselbe. Hielte sie das Licht, das neben ihr steht, noch in der Hand, so würde ich sagen: sie bitte ab und büße, wie ehedem die Königsmörder in Frankreich, als ihrer nur noch ein Paar waren. Wie krampfhaft hart sie nicht die Hände zusammenpreßt! Hände, so gefalten, zittern gewiß zugleich mit dem Unterarm, das ist nicht Mode; es ist reine Natur. Ihr Auge starrt auf die sinkenden Gesichtszüge des Jammerbildes hin, wo Stufenjahre jetzt zu Sekunden schwinden. Jeder dumpfe Laut des Ächzenden wird zum Donnerschlag für ihr schlafendes Gewissen, und selbst ihr erstorbenes Ehrgefühl scheint jetzt durch die Schande wieder erweckt, die in so vielfacher Form über sie kommt. – Doch genug von diesem fürchterlichen Duodram. Die Leser werden hoffentlich dem Erklärer dieser Blätter den vielleicht zu feierlichen Eingang zu diesem Kapitel vergeben. Er folgte dabei ganz seiner Empfindung. Der Hauptinhalt des Stückes selbst ist, dünkt mich, feierlich genug und würde es noch mehr sein, wenn der Herr, der dort seinen Abtritt durch das Fenster nimmt, weniger sichtbar, oder wenigstens besser bedeckt wäre, als er sich selbst bedeckt hat. Hogarths Absicht war sicherlich, durch den ersten Anblick dieser Szene, Schrecken , Haß und Abscheu zu erregen, und diese hat er sicherlich erreicht. Freilich hat er sich unmöglich enthalten können, auch hier seiner muntern Laune Raum zu geben. Allein diese Züge sind (den großen Zug dort im Fenster etwa ausgenommen) alle so versteckt, daß sie wirklich gesucht werden müssen und daher auch häufig übersehen worden sind. Sie stören daher den Haupteindruck so wenig, daß, gerade umgekehrt, sie vielmehr eben dieses Haupteindrucks wegen so wenig bemerkt werden. Wären sie aber auch minder versteckt, wie müßte es um das Gefühl eines menschlichen Geschöpfs aussehen, das bei einem solchen Auftritt nicht gerührt werden sollte, bloß weil die Geschichte in einem lächerlich meublierten Zimmer vorfällt, oder ein Paar sonderbar figurierte Menschen zugleich darin auftreten? Ich befürchte so etwas so wenig von meinen Lesern, daß ich mich nicht scheuen werde, ihnen alle diese Züge nahe vor das Auge zu rücken, und haben sie dieselben betrachtet, so bin ich überzeugt, sie werden sie selbst wieder hinsetzen wo sie hingehören. Die Veranlassung zu dieser Begebenheit war folgende: Lady Squanderfield und ihr Herr Prokurator Silbermund hatten, wie oben erinnert worden ist, einen Termin auf der Maskerade, und fanden sich richtig ein. Durch Tanz und vermutlich Loths Becher erhitzt, erinnern sie sich der Wundertaten des maskierten Jupiters, die ihnen Giulio Romano und Michelangelo vorgezeichnet haben, und als treue Zöglinge Crebillons verlassen sie den mit unzähligen Lichtchen prangenden Olymp des Tanzsaals und lassen sich in dem schmutzigen Winkel eines so genannten Bagnios, einer Art Häuser nieder, die in jeder Stunde der Nacht jedem Wundertäter offen stehen, und vorzüglich solchen, die so hoch herabsteigen. Um die nötige Symmetrie in die Vergleichung dieses Abenteuers mit Jupiters Avantüren zu bringen, wird der gütige Leser gebeten, die handelnden Personen durch eine leichte Transposition so zu stellen, daß Lord Squanderfield die Rolle der Juno bekömmt. Lord Squanderfield, der Witterung davon hat, schleicht ihnen mit dem Degen nach, sprengt die verriegelte und verschlossene Türe (Schlüssel und Riegel-Kloben liegen auf der Erde) und findet, was er sucht, völlig demaskiert, ohne Domino und selbst ohne Bekleidung, eine gemeinschaftliche Matratze ausgenommen, die nicht der Rede wert ist. Er stürmt auf den Prokurator los. Dieser, ein juristisch vorsichtiger Fuchs, von großer Praxi, hat bei einem so bedenklichen Termin in subsidium Juris auch einen Degen bei sich; stürzt sich, ehe es noch zum Überfall kommen kann, aus der Matratze und begegnet seinem wütenden Gegner im Freien. Es entsteht ein Kampf, und leider! einer, in welchem Hörner gerade so viel helfen als gar nichts. Die Wut, eine so entschlossene und behende Mörderin sie auch ist, ist bekanntlich die erbärmlichste Fechterin von der Welt. Kurz, Lord Squanderfield rennt in den Degen des Advokaten und sinkt. Nach diesem Siege wirft sich der leichtere Teil der Besatzung unter der Matratze hervor, um ihn zu feiern, wie Siege in Bürgerkriegen gewöhnlich gefeiert werden. – Dieses ist die Feier! – Sie verwickelt sich bei diesem Ausfall in das Bett-Tuch, schleift es hinter sich her – und fällt – vermutlich. Hier steht ihr Charakter wieder auf der Waage. Sank sie vorsätzlich auf die Knie, oder hat sie bloß vergessen aufzustehen? – Über diesem Lärm erwacht der Nachtwächter, weckt den Wirt, und dieser endlich sogar die Polizei. Da stehen sie sämtlich in der Türe, teils in Person, teils repräsentiert, und nach einer Taktik gestellt, die die natürlichste von der Welt ist, nämlich nach dem Interesse der Parteien. Voran der Wirt, mit den fünf Exklamations-Zeichen in der Linken und einem Gesichte, das, wenn die Zeiten nicht bald besser werden, wohl verdiente unter die Buchdrucker-Stöcke aufgenommen zu werden. Es gilt die Ehre seines Hauses. Hinter ihm steht der Constabel, der Repräsentant der Polizei, mit seinem Stabe. Eine herrliche Figur, wie man sie aber zu Hunderten in England sieht; echte, derbe Komposition aus Beef und Pudding, braunrotglühend, untersetzt und stämmig bis zur Zweisitzigkeit; einen kleinen Schritt voran mit einem Verdauungs-Apparat von der behaglichsten Wölbung, dem wahren Sinnbild für National-Schuld und Taxendruck. – Seine rechte Hand ruht ermahnend auf des Wirts Schulter. Er scheint kaltes Blut und Vorsichtigkeit zu empfehlen. Es ist nicht gut zuviel Herz zu haben, zumal bei Fällen, wie dieser, wo blanke Degen umherspiegeln; wären es Weingläser oder ihre Scherben, so ließe sich wohl ein übriges tun. – Der Nachtwächter, noch vorsichtiger als die Polizei, steht an der Spitze des Detaschements, hinten; er wagt sich nicht und will sich nicht wagen, auch kommandiert er nicht einmal, er leuchtet bloß. Man sieht von ihm nichts, als die rechte Hand und die Laterne, deren Zuglöcher sich an der Decke des Zimmers nach den Regeln der Perspektive abbilden und dort eine Art von Baldachin über einem Throne werden, von dem wir zu seiner Zeit reden wollen. Herr Silbermund, seines Sieges zwar gewiß, ergreift dennoch die Flucht des kleinen Detaschements wegen. Als Advokat konnte er besser als irgendjemand wissen, daß der Wohlfahrts-Bauch dort in der Türe, zu den leichten Truppen eines unüberwindlichen Corps, nämlich der englischen Kriminal-Justiz gehört, und daß dieses Corps selten fern ist, wenn sich dergleichen Vortruppen zeigen. Besonders aber scheint er einen gewissen Ab- und Zuläufer in jenem Dienste zu fürchten, einen übrigens ganz unbedeutenden Menschen, dessen Umgang aber nicht immer gut vermieden werden kann, und alsdann etwas sehr Lästiges hat, – den Henkerknecht . Daher die große Eile und die Retirade durch eine Straßen-Türe aus der zweiten Etage mit einer sehr abbrevierten Treppe, deren oberste Staffel die Türschwelle, die unterste aber die Straße selbst ist. Obendrein ist es eine Flucht im Winter, denn die Haupt-Erleuchtung auf diesem Blatte kömmt von dem Kaminfeuer, und eine windige Nacht, denn die Lichtflamme weist auf Schnupfen-Zug vom Fenster nach der Türe. Es ist hart zu einer solchen Zeit so zurückgedrückt zu werden, zumal in einem solchen Sommer-Pelz. Leichter bekleidet, als dieser, hat doch wohl kürzlich kein Sieger die Flucht genommen. Fast sieht man den Herrn Silbermund ganz, bis auf den silbernen Mund , den hier die Schulter bedeckt. Was für eine lächerliche Figur die Schuld nicht macht, wenn sie sich, im so genannten Kleide der Unschuld von einer Seite zeigen muß, die selbst diese, für eine zweite Nacktheit halten würde. Seine Stellung ist sonderbar, so zum Fenster hinaus aus der zweiten Etage (denn man bemerkt keine Fensterladen) und so gerade mit dem Silbermund voran springen zu wollen ohne zu klettern. Es wird ein gefährlicher Sprung werden. Allein freilich was tut der Mensch nicht, um den Umgang mit den Unterbedienten der Kriminal-Justiz zu vermeiden? Fast scheint er etwas voran werfen zu wollen, vielleicht ein Kopfkissen oder etwas von Überrock oder vorzüglich etwas von Beinkleidern. Denn wäre Hogarth willens gewesen ihn dem Publikum oder, da dieses schlief, irgend einem Nachtwächter, ohne Hosen auf der Straße zu zeigen, so hätte er uns vermutlich auch die Hosen ohne ihn irgendwo gezeigt. Aber davon ist keine Spur, obgleich das Schlachtfeld zum Teil mit einigen Armaturen bedeckt ist, die füglich die Pendants dazu sein könnten, als Fischbein-Harnische aller Art für den nahen und fernen Krieg, Schnürleiber und Reifröcke, Ein sehr weitspuriger Reifrock, wie dieser, gehört wohl nicht zur Nonnentracht (siehe oben Seite 949), das gäbe ja Schäfchen in Wolfskleidern. Bei dieser Gelegenheit hole ich eine kleine Bemerkung nach. Es wurde oben (S. 964) gesagt, die Dame kniee hier im bloßen Hemde. Ob nun dieses gleich der Fall im strengsten Verstande nicht ist, so wird doch durch den übrigen Anzug weder für Ehrbarkeit noch Schamhaftigkeit das mindeste gewonnen, daher es dort der Nachdruck in der Darstellung gewissermaßen erforderte, bloß das Hemd zu nennen. Die englischen Damen schlafen, wie auch wohl an andern Orten gebräuchlich ist, mit einem leichten Nachtkleide (bedgown) über dem Hemde. Sollten sie dieses bei irgend einer Gelegenheit etwa einmal entbehren müssen, so würden sie sich nicht allein bloß verlegen, sondern auch selbst, wegen der frühen Angewohnheit im eigentlichen Verstände geniert finden. Da nun unsre Dame außer dem Hause und in einem Winkel-Bagnio schlief, wo dergleichen Bequemlichkeiten nicht zu haben sind, so zog sie über das Hemd bloß die lose Robe (sack) an, die sie vorher über dem Reifrock trug. Der seidene Faltenschlag und die große Länge des Gewandes geben dieses zu erkennen und unterscheiden es sehr von dem Hemde, das indessen, wie man sieht, gar nicht dadurch verdeckt wird. Daß übrigens ein hoher Grad von Zartgefühl für Mode und Bequemlichkeit sich recht gut mit einem gänzlichen Mangel an allem für Ehrbarkeit verträgt, weiß man auch außerhalb Englands. Kapuzen, Masken, gestickte Tanzschuhe, Degen und Degenscheiden usw. Bei dem plötzlichen Ausfall aus der Schanze stieß die junge Mannschaft, wie es scheint aus Versehen, auf die Feld-Apotheke, warf sie um und zerbrach einige Büchschen mit dem kleinen Traubenhagel, den die Pharmazie aus dem bekannten kaltflüssigen Metall zu gießen lehrt, oder was das sonst für Diabolini sein mögen, die da unter der Adresse des säubern Hauses und seines Herrn Wirts, wie unter dem Schutz eines Patents herumfahren. Neben dem Schnürleib liegt noch etwas zum Aufschnüren , nämlich ein Bündel Wellen, jenem ersten an Form nicht sehr unähnlich, und an Steifheit sehr nahe verwandt. Umsonst hat wahrlich unser Künstler diese beiden Faschinen nicht so nahe neben einander hingeworfen, auch wahrscheinlich die beiden Stücke nicht, die da in der Form eines Schwerts mörderisch gegen die untere gekehrt sind. So etwas läßt fast wie Selbstmord. O es spükt gewiß in diesem Zimmer prophetisch vom Künftigen, und der Degen da in der untern Faschine verkündigt nicht viel Tröstliches für die obere. Unsere Leser, die nun mit der sonderbaren Laune des Künstlers bekannt geworden sind, werden diese Vergleichung eines Bundes Wellen mit einer Schnürbrust, und des Bengel-Kreuzes mit einem Schwert und allen dessen Beziehungen, nicht ganz unwahrscheinlich oder gar abgeschmackt finden. Hat aber der Autor selbst, woran wohl nicht zu zweifeln ist, wirklich so etwas zuweilen in seiner Art gehabt: so vergibt ja wohl ein billiger Leser dem Kommentator desselben, wenn er sich einmal auf eigne Rechnung etwas von eben dieser Art, bei einem dunkeln loco zu Schulden kommen läßt. Dieses Wellen-Holz liegt vor dem Kamin, wie man aus dem Schatten der Feuer-Zange erkennt, der sich da über den Degen des Mörders weg, auf dem Fußboden hinauszieht. Er rührt von demselben Lichte her, das hier die Haupt-Gruppe erleuchtet. Allein der Umstand, daß hier halbmorsche Knüppel und keine Steinkohlen gebrannt werden, wirft nach den Regeln einer andern Perspektive auch noch ein anderes Licht auf dieses Zimmer. In der Hauptstadt wenigstens und zumal in öffentlichen Häusern zeugt dieses, so viel ich weiß, allemal von schmutziger Niedrigkeit, und beweist in diesem Falle, was für ein feines Winkelchen es ist, das sich die Leutchen zum Absteige-Quartier gewählt haben. – Ob eine Feuerzange, die einem so beträchtlichen Feuer so nahe steht, einen so scharfen Schatten werfen könne, kann hier nicht näher untersucht werden. Der Schatten ist hier bloß ein halb willkürliches Zeichen Kaminfeuer anzudeuten; ein ganz natürliches scheint es nicht zu sein. Es ist aber nicht das einzige Mal, daß sich Hogarth in seinen Werken der Schatten und eben so unnatürlich bedient hat, bloß um dadurch die Gegenwart von Dingen anzudeuten, die er nicht selbst vor das Auge bringen konnte. Auch sieht man nicht deutlich ein, wie eine solche Feuerzange vor einem solchen Feuer aufgestellt gewesen sein müßte, um einen solchen Schatten werfen zu können, denn sie scheint weder angelehnt noch aufgehängt; sie müßte also wohl entweder in irgend einen Leck des Kaminherdes eingeklemmt, oder eine fallende Feuerzange sein, so wie dort der fallende Degen ebenfalls seinen jedoch etwas natürlicheren Schatten wirft. – Bei dieser Gelegenheit noch ein Paar Bemerkungen über den fallenden Degen. Als sprechendes Zeichen im Vortrage dieser Geschichte selbst bedarf er kaum einer Erläuterung. – Vor einem Augenblick hielt ihn der Sterbende noch in der Hand, will der Künstler sagen, und in dem gleich darauf folgenden, dem nämlich, der hier von der Kunst ergriffen und fixiert erscheint, ist er ihm schon zu schwer; er fällt, oder eigentlich er steht da – wie sein Herr. Das ist alles. Also nur noch einiges über diese Darstellung, teils als Gegenstand der bildenden Künste überhaupt, teils über gegenwärtige Kopie dieser Darstellung; nicht aus schriftstellerischer Zudringlichkeit, sondern auf Veranlassung von Erinnerungen, die, von einigen Freunden gegen mich geäußert, leicht auch von vielen unserer Leser gemacht werden könnten. Ich mache mit dem letzten Punkte den Anfang. Im Original- Kupferstiche , den man von dem Original- Gemälde wohl unterscheiden muß, stützt sich der Sterbende auf den linken Arm, und so scheint ihm der Degen so eben aus der rechten Hand gefallen zu sein. Was ist natürlicher als das, sagt man, denn gewiß hielt er doch wohl den Degen in der Rechten? Allein dieser scheinbare Einwurf wird sogleich dadurch widerlegt, daß der Graf auf eben diesem Original-Kupferstiche, den Teil des Degen-Gehenkes, worin der Degen hing, auf der Rechten hat, welcher auf unserer Kopie richtig auf der Linken sitzt. Der Graf warf nämlich, als er noch frei stand, den Degen weg und sank gegen den Tisch, der ihm zur Rechten war. Auch sehen wir, in unserer Kopie, bei dem Schreiber, oder was er ist, dort über der Stubentüre, die rechte Hand wieder in ihre ewigen und unveräußerlichen Rechte eingesetzt, die sie im Original- Kupferstiche , aller Wahrscheinlichkeit schlechterdings zuwider, der linken abgetreten hatte. Herrn Riepenhausens Kopie hält also auch hier gleiche Seiten mit dem Original- Gemälde . Nun zum ersten Punkt. Es hat mich nicht wenig gefreut zu finden, daß fast alle, denen ich diese Kupferstiche gezeigt habe, die Stellung des Degens unnatürlich gefunden haben. Und warum gefreut? Antwort: bloß weil ich mir aus jedem, der so etwas fühlt, nach einer leichten Spannung desselben auf die Sokratische Tortur, selbst einige Sätze der höheren Rechenkunst mit leichter Mühe herauszufragen getraute. Ein solcher fühlt nämlich, ohne es deutlich zu wissen , daß der Maler des Lebendigen und Beweglichen, eben deswegen weil seine gemalte Darstellung selbst leblos ist und ruht, nur einen unendlich kleinen Zeitpunkt davon auffassen darf; und fühlt zugleich, daß diese unendlich kleinen Zeitpunkte dennoch ihre Verhältnisse gegen einander haben müssen, denn sonst könnte er das Fallen eines gegen den Horizont geneigten Degens, mit dem schweren Degen-Gefäße oben, verglichen mit dem Fallen von dessen Herrn, nicht unnatürlich finden. Allein der sinkende Herr könnte sich noch halten oder gehalten haben, der Degen aber nicht. Dieses macht für ihn einen Unterschied. Auf dem Orden eines so sinkenden Ritters, könnte man noch die Devise lesen, aber den Namen des Schwertfegers oder der Fabrik auf einem so fallenden Degen schwerlich. Die Stellung des Grafen nähert sich mehr der Ruhe, die des fallenden Degens mehr der Bewegung der Kanonenkugel, die auf der ersten Platte aus der Hosentasche des Helden flog. – An der Hinterwand ist auf der Tapete (ob haute-lisse oder basse-lisse ist nicht wohl auszumachen) das Urteil Salomons vorgestellt. Salomo auf dem Throne, freilich, die Krone etwa ausgenommen, nicht in seiner eignen Herrlichkeit, sondern ganz in der Feiertagsblüte eines niederländischen Schiffers. Wer nicht wüßte, daß der Mann einst das Steuerruder eines mächtigen Staats mit großer Weisheit führte, würde glauben müssen, er führe wenigstens hier das von irgend einem Kohlenschiff oder einem Heringsjäger, unter dem mächtigen Einfluß von Habsucht, Kümmel und Anis, die hier offenbar aus Auge und Nase glühen. Auch die leblosen Zierden des Thrones sind nicht viel herrlicher als die lebendigen. Ein nicht sowohl fürchterlicher, als bloß fürchterlich verzeichneter Löwenkopf, und ein Thronhimmel mit zehn Pracht-Sonnen aus den Lichtstrahlen einer Stall-Leuchte gestickt, ist alles! – Vor ihm steht die Mutter des Kindes, das so eben nach Prinzipien der Gleichheit geteilt werden soll. Griffe sie nicht so sehr ernstlich zu, um diese Teilung ihres Herzblättchens zu verhindern, so sollte man sie fast, der Miene nach, für den Herrn Vater halten. Denn Kopf und Kopfputz sind völlig männlich und obendrein schifferartig, und solchen Zügen zu Liebe übersähe man ja wohl ein Paar Kleinigkeiten, nämlich, daß sie einen Weiber-Rock an hat und wahrscheinlich schon wieder ungeteilter guter Hoffnung ist. Daß der Justiz-Bediente da das Kind mit der Linken tranchieren will, ist wieder kein Argument gegen Herrn Riepenhausens unterlassene Umzeichnung des Blattes. Salomo hält hier das Zepter in der Rechten , so wie er es bekanntlich immer hielt. So erforderte es seine Weisheit, und diese Darstellung wird daher Richtschnur für jeden Bildner, der sich an seine Herrlichkeit wagt. Was geht uns denn ein einziger linkischer Kerl von Unterbedienten an? O! wenn man sogleich das Ganze umzeichnen wollte, wenn irgend ein Unterbediente mit der Linken ausführt, wie hier, was eine weise Regierung mit der Rechten verordnet hat, – – so wäre des Umzeichnens kein Ende in der Welt. Über diese Geschichte aus dem alten Testamente hat Hogarth noch zwei Gemälde aus dem allerneusten aufgehängt, die einen sonderbaren Kontrast, wo nicht mit dem auf der Tapete, doch unter einander selbst machen. Das eine ist, wie versichert wird, das Porträt von einer gewissen Moll Flanders, einem berüchtigten drurylanischen Straßen-Mensch (Herr Ireland nennt sie in seiner etwas eigenen Sprache notified, notifiziert ). Ihr Anblick hat von Anfang etwas Ekelhaftes, das sich aber schon so ziemlich über der glücklichen Verbindung von Zier-Äffchen und Viehmagd verliert, wenn man sie einmal ausgefunden hat; aber völlig verschwindet, sobald sich die Absicht des drolligen Künstlers, der sie wirklich hier an den Pranger gestellt hat, völlig offenbart. Auf der Hand hat sie ein Eichhörnchen, auch ein Putznärrchen, und hinter sich einen Papagei in seinem Ringe, auch ein Plappermaul, vermutlich ein Hieb auf andere Zieräffchen, nicht aus dem Kuhstall, sondern aus der bel-étage des Hauses selbst. – Aber, Scherz bei Seite, eine solche Gesellschaft tut wirklich etwas. Diese Tierchen leihen ihren Besitzerinnen, von einem gewissen Alter, immer noch etwas von ihrer Niedlichkeit, und rauben dafür, welches nicht viel weniger wert ist, dem Liebhaber etwas von seiner Aufmerksamkeit, da wo allzuviel zuweilen lästig werden könnte. Mit einem Worte, sobald ein paar Herzen, die sich gerne unterhalten möchten, ihre Muttersprache bereits zu vergessen angefangen haben, welches zuweilen schon im dritten Viertel des Lebens der Fall sein kann, oder wenn sie um ein Thema verlegen sind, oder stocken, und nach dem Souffleur im Kopfe suchen, da können ein Papagei und ein Eichhörnchen Wunder tun. – Das Ding, das da von ihrer rechten Hand herabhängt, habe ich immer für den Anfang von einem Reit-Peitschenstiele gehalten. Herr Ireland aber sagt ausdrücklich: es sei ein Metzger-Stahl (a butcher'ssteel) . Es wäre möglich, aber was in aller Welt kann das Mensch da zu stählen oder zu wetzen haben? Nun der Pranger. Mit echtem, genialischem und hier wahrlich gerechtem Mutwillen hat unser Künstler das Bild dieses Weibesstücks so aufgehängt, daß die Beine eines Kerls von Salomons Schweizergarde auf der Tapete zu den ihrigen werden, und es läßt, als habe man ihr die Röcke bis über die Knie abgeschnitten, ohne daß sie es einmal gemerkt hätte. Dieser letzte Umstand macht die Sache eigentlich schön. Durch diesen glücklichen Schnitt wird nämlich das Mensch wirklich zu einem Berg-Schotten (Highlander) geschnitten, ohne daß diesen seine gerühmte second sight Second sight, (der zweite Gesichtssinn, das Auge Nro. 3.) heißt die Gabe, Dinge zu sehen, die entweder der Zeit oder dem Raume nach sehr entfernt sind, und deren sich die obern Schotten , vorzüglich die auf den Inseln, noch immer rühmen. nur im mindesten davon avertierte, ob sich gleich der Vorfall so sehr in der Nähe zugetragen hat, daß es gar nicht einmal eines neuen Patent-Gesichtes bedurft hätte ihn zu entdecken. Das zweite Bild über der Tapete ist – der Spiegel . Und warum der? O! ganz gewiß hat Hogarth nicht umsonst diesen Spiegel so gehängt, daß dessen Rahmen zugleich zur Einfassung um den Kopf des Sterbenden wird. »Wenn,« scheint er die törichte Eitelkeit anzureden, »wenn du dich durch einen Blick in jenen ersten Spiegel mit dem Berg-Schotten und dem Eichhörnchen, noch nicht von deinem Wahn geheilt fühlst, wohlan, so blicke einmal in diesen zweiten ! Wie da? Kennst du die Schminke wohl, die diese Wangen da überzieht? Was? O! sei wer du wollest in der Welt, so wird, früh oder spät, sicherlich eine Zeit kommen, da dein dir vorgehaltener Spiegel dir so entgegen blicken würde, wie dieser, so wenig du auch dann fähig sein möchtest zu empfinden, daß seine Blicke bloß die deinigen sind, die er mit gewohnter Treue wiederholt!« Über der Stubentüre hängt noch ein drittes Bild, welches Aufmerksamkeit verdient. Es ist diesmal aus dem neuen Testament, und wie man aus dem heiligen Scheine des Mannes und dem Stiere sieht, offenbar der Evangelist Lukas, bekanntlich der Patron der Maler, Die Académie de St. Luc zu Rom hat daher den Namen von diesem Evangelisten, und man zeigte sogar Gemälde von Santo Luca zu Rom, bis Domen. Manni (del vero pittore Luca Santo in Firenze 1764.4.) den Ursprung des Irrtums aufdeckte. wie auch schon Herr Ireland richtig bemerkt. Er zeichnet also da die merkwürdige Geschichte, und wie man sieht, mit großem Eifer und sichtbarlich gespannter Aufmerksamkeit. Selbst das gehörnte Tier wird darüber neugierig zu sehen, was es da unten geben müsse. Vielleicht hat es die Witterung von dem so eben geschlachteten, auf dessen Papilloten gestern Morgen der Bruder Aktäon so mystisch hinwies. Allein ich glaube, daß dieses bei weiten nicht alles ist, und wage daher einen Zusatz zu dieser Erklärung um so eher, als er den völligen Beifall eines einsichtsvollen Engländers und Kenners von Hogarths Unerschöpflichkeit erhalten hat. London hat außer einer Menge von Privat-Tollhäusern, wie alle großen Städte, zu diesem Zweck zwei große öffentliche Anstalten, die auch außerhalb bekannt genug sind, Bedlam und St. Luke's . Das letzte ist vorzüglich für Unheilbare (for incurables) . Dieser Name und das Hospital, das ihn trägt, sind da so bekannt, und ihre Verbindung jedem Kopfe so geläufig, daß wohl unter hundert die ihn aussprechen hören, gegen einen, eher an das Narrenhaus denken, als an den Evangelisten. Nun hält aber der heil. Lukas, der zwar der Patron der Maler, aber eben so gewiß auch der Patron jenes Hospitals ist, keinen Crayon, sondern offenbar eine Feder in der Hand, wie man das sehr deutlich auf dem Original-Kupferstiche sieht. Er schreibt also da. Könnte er also wohl nicht auch hier die Namen von den drei Kandidaten, als sehr würdigen Subjekten für seine Stiftung, in sein Register tragen wollen? Toll genug haben wenigstens alle drei gelebt, und inkurabel sind sie in einer andern Rücksicht auch. Freilich zeichnet man auch mit der Feder, das schadet aber der letzten Vermutung nicht, vielmehr gewinnt die Satyre gerade durch diese Verstärkung ihrer Zweischneidigkeit . Zum Beschluß eine kleine Berichtigung. Es ist wahrscheinlich, daß Lord Squanderfield, als er erfahren hatte, daß sein Liebchen mit dem Ihrigen in einem liederlichen Hause beisammen wäre, vorsichtiger und den englischen Gesetzen gemäßer verfahren ist, als ich ihn oben vorgestellt habe. Er holte eine Vollmacht (warrant) ein, und so kam er selbst mit dem Constabel zugleich nach dem Hause, welches er, ohne diese Vorsicht, nicht einmal hätte wagen dürfen so zu bestürmen. Sie erbrachen also nun unter dem Schutz der Polizei die Türe gemeinschaftlich. Der Graf zog den Degen, der Bürgerkrieg zwischen Squanderfield und Co. brach aus und wurde geendigt; alles in fünf Minuten. Wäre es auch nicht so weit gekommen, so waren, der Ehescheidung wegen, solche Zeugen immer gut. Ist dieses sein Zweck mit gewesen, so hat er auch den erreicht. – Die Ehe ist geschieden. – Dort, unter dem Schatten der Feuerzange liegt der Löse-Schlüssel. Sechste Platte Wir haben die Verbrechen gesehen mit einigen ihrer außergerichtlichen Folgen. Den Grafen in seinem Blute, dessen Mörder im Hemde flüchtig in einer Winternacht, und die Mitschuldige in gleichem Anzuge in Ablegung der Urgicht auf der Folter des Gewissens. Noch war die Strafe gering. Hier auf diesem Blatte steigt sie nun für beide zu einem fürchterlichen Grade, dem höchsten, den sie gerichtlich und außergerichtlich diesseits des Grabes erreichen kann. Unmittelbar nach dem physischen Tode ihres geliebten Lords, und ihrem damit verbundenen eignen moralischen , verläßt die Gräfin die westliche , höhere Welt der großen Stadt und deportiert sich oder vielmehr begräbt sich zugleich mit ihrem Kinde und dessen edlem Blute in der östlichen aus der sie genommen war, in den Gewölben ihres Herrn Vaters, unfern der Altstädter-Brücke (London bridge) , die man mit ihren Gebäuden hier aus dem Fenster sieht. Hier nun, auf immer entfernt von dem Zauber der Sphären-Musik des Hofes, und dem Getöse von Lady Townleys und Lady Heathens Trommeln und Miß Hairbrains Tumult-Pomp, hatte sie Gelegenheit eine Bekanntschaft zu machen, die ihr von unendlichem Nutzen hätte sein können, wenn es in bessern Zeiten dazu gekommen wäre, – mit sich selbst . – Nun war es viel zu spät! – Mit einem Donnerschlag des Gewissens eingeführt, erschien sie nun zum ersten Male vor sich selbst . Was für ein Anblick! – Verstoßen in Westen von allen, um derenwillen sie so manchen in dem mütterlichen Osten verstoßen hatte – und nun selbst von diesen Verstoßenen verstoßen; ohne Visiten und selbst ohne Visiten-Karten; ohne Rang und endlich ohne – Ehre , der Spott und der Hohn, das Gespräch und die Lektüre der ersten Stadt der Welt. Immer näher, erblickte sie sich endlich als die Mörderin ihres Mannes; freilich nicht gerichtlich henkbar, aber dafür außergerichtlich zu einer Selbsthenkerei verdammt, worin sich, bei unauslöschlicher Schande und in der Einsamkeit, große Progressen machen lassen. Wahrlich! So von seines Selbstes Gnaden den letzten Stoß zu erwarten, ist unendlich peinlicher, als der Strang, den die Justiz von Gottes Gnaden dem Verbrecher unverweigerlich verordnet. Indessen blickte noch immer ein schwacher Strahl von Hoffnung in ihren Kerker. Herr Silbermund ward zwar ergriffen und eingesperrt, allein er lebte noch; und kannte die Schliche sowohl als Wege Rechtens, und was braucht ein solcher Vogel mehr, um sich schon mit bloßer Schnabelkraft aus jedem Käfig heraus zu helfen. Es war also noch immer möglich, daß diese beiden Galgen-Täubchen , In einigen Gegenden Deutschlands nennt man die Raben , sehr schön, des Scharfrichters Tauben . wonicht am östlichen oder westlichen Ende der Stadt, doch in irgend einem Winkel der östlichen oder westlichen Erde, ihr Nestchen noch einmal wieder bauen konnten. Allein bald darauf macht man Herrn Silbermund den Prozeß; er wird schuldig befunden und zum Galgen verdammt. Das war auf einmal ein zu großer Schritt auf dem Wege Rechtens; man befand sich also plötzlich auf der letzten Station. Das hölzerne, schmucklose Portal mit der Fangschlinge, durch welches der Weg führte, lag schon ganz nah. Noch immer tröstete sie sich: »Es ist unmöglich – er kann nicht gehenkt werden – es war ein gar zu liebes Herz! Gewiß hatte mein Seliger die größte Schuld. Immer betrunken , immer bepflastert und immer bepillt ! Er hätte mich besser hüten müssen. Da nicht zu stehlen, wo das liebe Eigentum so an der Straße herumfährt, ist nicht in der menschlichen Natur, so wenig als es in der menschlichen Natur ist, sich gutwillig erstechen zu lassen, wenn man selbst einen Degen führt. Und das waren ja doch die ganzen Verbrechen meines Silbermunds. O! mein Vaterland hat eine Gerechtigkeit , aber auch eine Gnade ! Dies, dies war es was ich suchte; dies ist Trost: Gerechtigkeit aber auch Gnade . O! gewiß, Gnade – mein Silbermund lebt und wird leben.« – Mit diesen Träumen hatte sie sich noch so eben diesen Morgen getäuscht, als sich plötzlich eine Begebenheit ereignete, von der fürchterlichsten Wirkung für die Träumerin. Sie enthielt für sie nichts Geringeres als die Donnerworte: »Nein, dein Silbermund wird nicht leben, und lebt nicht mehr. Glock zehn diesen Morgen blieb er in der Schlinge des Portals hängen; du kannst ihn noch schwingen sehen, wenn du willst. « Diese Begebenheit wollen wir nun unsern Lesern kurz und in einfacher Prose erzählen. Dieser Morgen war, wie die Dame wohl aus öffentlichen Blättern wissen konnte, wenn sie es auch nicht sonst erfahren hätte, zur Exekution ihres Liebchens ausgesetzt. Das Verbrechen selbst war von der Beschaffenheit, daß sie, die mit den Subtilitäten des Rechts nicht bekannt war, sich leicht ähnlicher, wenigstens ähnlich scheinender Fälle erinnern konnte, da eine solche Tat bloß mit Gefängnis oder Transportation war bestraft worden. Hierauf gründete sie ihre nicht ganz verwerflichen Hoffnungen, und diese erhoben nun Liebe und sehnlicher Wunsch sie erfüllt zu sehen, mit bekannter Zauberkraft zur Gewißheit. Sie schickte also, um dieser Gewißheit sobald als möglich gewiß zu sein, eine Art von Hausknecht (nämlich das Ding, das dort beim Tische sich in einen Manns-Rock verkrochen hat) nach dem Richtplatze ab. Dieser arme Teufel bringt nun, ohne vielleicht selbst einmal zu wissen wie viel er brachte, nicht allein die Nachricht, daß Herr Silbermund so eben das Zeitliche mit dem Ewigen, und das batistene Justizkrägelchen Siehe oben S. 921. mit dem hänfenen verwechselt habe, sondern noch obendrein das Blättchen Vergiß mein nicht , das wir da unten neben einem leeren Arzneigläschen liegen sehen. Dieser Bogen, dessen Stempel niemand leicht verkennen wird, der einigermaßen weiß was Humanität ist, enthält nichts Geringeres als Herrn Silbermunds Schwanen-Gesang unter dem Galgen, seine Galgen-Rede . Counsellor Silvertongue's last dying speech . Es ist dieses eigentlich das Opusculum , auf welches wir oben S. 920 angespielt haben, und aus welchem allein man eigentlich erfährt, daß der Selige wirklich Silbermund geheißen habe. Übrigens hat es in dem klassischen England mit diesen Reden eben die Bewandtnis wie mit den Reden der Helden bei den alten Autoren, die Helden selbst wußten nicht darum. Dies war zu viel für ein zärtliches Herz. Der Mann – das wäre noch hingegangen, aber der Liebhaber! – Blitz und Schlag eins, greift sie nach einem zwei Unzen-Gläschen Laudanum, Denjenigen unter unsere Leserinnen und Lesern, die nicht wissen was dieses Laudanum sei, dient zur Nachricht, daß es eigentlich eine Art von Böhmischem Liquor ist, der, tropfenweise äußerlich auch wohl innerlich unter der Leitung eines erfahrnen Arztes gebraucht, heilsam sein kann; allein in den Tag hinein und gar lotweis verschluckt, völlig wirkt wie Blei in Pillenform unzenweis aus der Pistole genommen. Weitere Nachricht davon findet man in Apothekerbüchern und Romanen, zumal den recht-süß-empfindsamen; mit Verlobungen im Grabe. das sie sich, vermutlich in den ersten wilden Augenblicken der neulichen Selbsterkenntnis, verordnet hatte, aber doch schon etwas zu kräftig gefunden haben mag, als es ankam – und trinkt es bis auf den letzten Tropfen aus. Bei der Mittagstafel zeigt sich die Wirkung des Giftes; sie stürzt mit dem Stuhle zurück; man rafft sie auf, schleppt sie nach dem Armsessel, ruft den Doktor, ruft den Apotheker und einen Teil der Apotheke; alle erscheinen, aber – wäre Silbermund selbst lebendig und im Fleische mit einem Ball-Billet gekommen, er hätte sie nicht wieder zurückgebracht – es war zu spät. Daß es wirklich zu spät ist, sieht man auch aus dem Arzt, der sich bedächtlich zurückzieht, um der Seele die Honneurs vor die Haustüre zu machen. Dieses ist der flüchtige Umriß dieser Szene, die wir nun nach Vermögen ausmalen wollen. Sie stirbt auf dem Armsessel, mit den Insignien der über sie ausgebrochenen Strafgerichte, Giftfläschchen und Galgen zu ihren Füßen – und so ist endlich Squanderfield gerochen. Eine alte Haushälterin, vermutlich bereits vor zwanzig Jahren von der Natur auf Grau in Grau angelegt, hält der Hingerichteten das Kind entgegen, dessen Rassel wir oben von einem Sessel anderer Art herabhängen gesehen haben. Dieses Jammerbild schlingt die kleinen rachitischen Arme um den Hals, und küßt die erblaßte Wange der Menschen-Gestalt, die man seine Mutter nannte, aber es nie viel mehr gewesen sein mag, als jetzt in diesem Augenblick des auf ewig entwichenen Gefühls. An der Wange trägt das arme Geschöpf bereits das Siegel der Belehnung mit Squanderfieldischem Blute, und so zart und leicht auch das Körperchen geraten ist, so sind dennoch, wie man deutlich sieht, schon jetzt Schnürstiefel mit Stahl-Aussteifungen nötig, damit die abgezehrten Beinchen sich unter der papiernen Last nicht biegen. Bei dieser Szene, die nicht rührender gedacht werden kann, bleibt der alte Vater so ruhig als wäre die ganze Tochter bis auf die Finger-Ringe assekuriert, die er daher vor allen Dingen eigenhändig rettet. Die Philosophie des Mannes geht in der Tat unglaublich weit. Wenn sich unsere Leser die Mühe nehmen wollen, die linke Seite dieses Stoikers mit einem Blatte Papier so zu bedecken, daß der geradelinichte Rand desselben an der rechten Wange und der äußersten Spitze des Daumens der rechten Hand hinstreicht, so werden sie sich, in Rücksicht auf die Handlung dieses Mannes, bloß in der kleinen Verlegenheit befinden, nicht sogleich sagen zu können ob er sich ein frisches Pfeifchen wirklich stopft, oder, um sich eines zu stopfen, ein altes ausräumt. Er empfängt wirklich diese seine secunda -Züchtigung vom Himmel, so wie er vermutlich die primam auch empfangen hat, mit einer Gelassenheit als wäre es ein Frachtbrief. – Was für eine granitmäßige Unerschütterlichkeit in der ganzen Bildsäule da, von der breiten bedachtsamen Stirne an, die selbst der Holzaxt Trotz zu bieten scheint, bis zu den beiden Börsen-Pflaster-Rammen hinab, die mit ihrer Festigkeit selbst das gezimmerte doppelte Fußwerk des Sterbe-Sessels beschämen. Und das alles hart neben dem Leichnam seines einzigen Kindes und mit der kalten Hand desselben in der seinigen, nicht um sie noch einmal zu drücken, sondern zu verhindern, daß sie nicht etwa der Todenfrau heimlich einen Ring zusteckt. – So was kann sicherlich kein Elefant und kein Pudelhund, das kann nur allein der allmächtige Geiz. Der Erklärer dieser Blätter hat auch, was Hogarth hier lehrt, häufig in seinem Leben wahr befunden: nämlich, daß ein gewisser Sammelgeist, eigentlich eine Art von Hamster-Instinkt, jährlich gewisse runde Sümmchen , wie es diese Leute verkleinerend nennen, zurück zu legen, nach und nach das Herz des Menschen mit einem nobeln Kallus überzieht, der es so sicher vor aller moralischen Erwärmung schützt, als ein weiches Schwanenfell die Brust vor physischer Erkältung; ja endlich seinem Besitzer die beneidenswerte Fertigkeit verleiht, alles Ungemach seines Nebenmenschen , wie sich Swift ausdrückt, – mit christlicher Gelassenheit zu ertragen . Übrigens bemerkt man, zumal wenn man den Schnupfen hat, mit wärmendem Wohlbehagen, wie sorgfältig dieser Mensch, oder was er ist, sein Horazisches aes triplex circa pectus mit dem heimischen panno triplici circa stomachum zu vereinen gewußt hat. Er hat drei Röcke an; denn in jenen glücklichen Zeiten standen Rock und Weste noch al pari, so wie zuweilen auch – die Stocks . Man sieht, der Mann wirft nichts weg, weder Geld noch Menschenliebe, noch tierische Wärme; von allen wird so viel wie möglich zurückgelegt. Die Kette unter der kalten Hand ist kein Armband der Tochter, sondern die goldne Amtskette , die der Alte im Hause trägt, vermutlich um im Comtoir den Rock, gewisser Ursachen wegen, nicht so allein stehen zu lassen. Hinter der Alten steht, vermutlich in Gala-Schwarz gekleidet, ein Mann auf einem so derben Waden-Postament, daß es fast scheint, die Natur habe ihn zum Fleischhauer bestimmt und so bei dessen Bildung gleich auf die Ochsen-Viertel mit gerechnet, die er würde zu schleppen haben. Sie irrte sich aber diesmal. Der Mann wurde bloß Apotheker, praktizierte zu Fuß, kurierte auch, In London findet man häufig praktizierende Apotheker oder, wenn man will, Ärzte die zugleich dispensieren . und ließ am Ende die vier Viertel durch andere Leute wegschleppen. Daß er so was ist, erkennt man aus dem pharmazeutischen Lösch-Apparat, der ihm aus der Tasche hervorsteht, einer kleinen Handspritze und einer Flasche Julepp; der dienstfertige Mann kam nur hierher, wie das Gebäude schon in der Asche lag. Mit der Linken faßt er, und zwar gerade mit dem Griff, womit ehemals der Terrorist , Gaßner, den bösen Feind anzupacken pflegte, eine ziemlich freihängende Staats-Liverei beim Kragen, vermutlich um ihr den armen Teufel auszutreiben, von dem sie ad interim besessen ist. Wirklich scheint es auch mit der Beschwörung weit gekommen zu sein. Denn, wenn ich anders in dem Gesichte des Beschwornen richtig lese, so scheint es nebst großer Herzensangst etwas Unentschlossenheit auszudrücken, ob er oben aus dem Rock herausspringen oder aber untertauchen und unten herausschlüpfen soll; gerade so wie es der Teufel bei Gaßnern zuweilen auch machte. Die Geschichte ist diese: Die arme Seele da ist, wie wir schon gehört haben, so etwas von einem Dienstboten im Hause, ein klägliches Geschöpf, das vermutlich ums halbe Brot dient, dafür aber auch nichts weiter zu tun hat, als gleich, so schnell als es die Staats-Liverei verstattet, zu laufen, so bald jemand apporte ruft. Dieses unschuldige Haustier hat nun unglückseliger Weise auch die Gifte apportiert, die da neben einander auf der Erde liegen, die Galgen-Rede und das Laudanum . »Sieh', du Galgenvogel, was du da gemacht hast , donnert ihn der Apotheker an, indem er mit der Rechten auf die Gifte hinweist, wer hat dich das geheißen? Verdientest du Spitzbube nicht, daß man dich sogleich auch aufhinge?« Dabei schüttelt er ihn derb mit der Linken, und das mit einem Blick, der kaum noch einen Zweifel über das übrig läßt, was die Rechte sogleich ferner tun wird. Und der arme Sünder, der sich draußen auf der Brücke gewiß nie schuldig gefühlt haben würde, fängt nun, in den Klauen des Terrorismus , aus Respekt an zu glauben, er habe wirklich den Galgen verdient. Daher der Jammer und der Mund der wirklich so etwas von last dying Speech zu probieren scheint. – Was man nicht dem Herrn der Erde und dem Erbprinzen des Himmels glauben machen kann, wenn man ihn gehörig beim Kragen zu fassen, und seinen Ideen-Vorrat zweckmäßig auseinander zu schütteln weiß! Er tut und denkt und fühlt alsdann sogar alles, was man will. Welche weise Einrichtung der Natur! Wie wäre es auch sonst möglich, ganze Millionen solcher Erbprinzen zu leiten und zu führen, wo man sie hin haben will. Allein so fühlt am Ende ihr Geist die Faust am Kragen und ihre stäte Kraft so wenig wie ihr Körper den Druck der Luft. So sieht der Mensch mit einer Art von Wonnegefühl seinen Namen in Linnés Adreß-Kalender oben an und selbst den Affen himmelweit unter sich, ohne zu bedenken, daß bei weiten der größte Teil seines Geschlechts, nach einem gewissen andern, vielleicht vernünftigem Systeme, unter den Jagdhunden und Müllereseln steht. Der Kontrast zwischen beiden Personen ist herrlich. Die Miene des Apothekers wahres, gediegenes Erz, voll Stierkraft und Entschlossenheit; die des Bedienten erbärmliche Milchsuppe; der ganze Kopf, obgleich nicht übel akkommodiert, ganz der von einem Drehschäfchen ; zitterig, aktiv zu nichts , passiv zu allem entschlossen. O! was auch noch aus dem armen Teufel werden mag, der Orateur du genre humain wird er gewiß nicht. Der Rock des einen fast westenartig und selbst zugeknüpft, dem Kniespiel bei der Sanitäts-Visitation durch die Gassen nicht hinderlich; der des andern viel, o! viel zu lang ein förmliches Sperrwerk beim Apportieren, zumal wenn die Magazinbeutel zu beiden Seiten gut besetzt sind, ein wahrer spanischer Mantel; ferner sitzt das Kleid des ersten firm an, es ist kein Fleckchen leer, alles ist ausgestopft; nur noch ein einziges Pfündchen Pudding, so reißt die Naht oder die Knöpfe fliegen; das Kleid des andern, o! du liebste Zeit! – kaum zur Hälfte bewohnt, mit einem Plus von Vakuum, das ganze Pfündchen Pudding mit samt dem Apotheker aufzunehmen. Da springt sicherlich kein Knopf; herausfallen aber würden die Knöpfe aus ihren respektiven Löchern, wenn das Sperrwerk symmetrisch gerade zugeknüpft wäre. Es ist aber schief geknüpft, und der zehnte Knopf steckt wirklich im neunten Knopfloch und der eilfte im zehnten usw. Die Erfindung ist nicht neu, verriete aber wirklich einiges Talent für Statik in dem armen Teufel, wenn er selbst darauf gekommen wäre. Denn jetzt schließt sich die Knopf-Seite des Rocks an die Löcher-Seite nicht bloß gerade an, sondern die erste hängt an der letzten , sie wird von ihr getragen . Nimmt man nun an, daß, wie es dem Menschen natürlich ist, die Tasche an der Knopf-Seite immer vorzüglich beladen wird, so kann, wenn z.B. beim Brotholen, die Überwucht nur 6 Pfund betrüge, der Knopf so wenig aus seinem Loch heraus, als ein Nagel an der Wand aus der Schlinge, vermittelst welcher ein Kleid an ihm hängt, so weit auch die Schlinge übrigens sein mag. Das stämmige Fußgestell des Apothekers haben wir schon betrachtet, die Beine des Bedienten und der permanente Knicks der Ohnmacht, worin sie begriffen sind, verdienen kaum den Namen von Fußgestell und sind überhaupt nicht der Rede wert. Also nur noch ein Paar Worte über den Rock. Diese Staats- und Alltags-Liverei ist eigentlich ein uraltes Bedienten-Lehn in dieser Familie, das immer, bei jeder Veränderung des Investierten, nach geschehener Häutung, an den Lehnsherrn zurückfällt. Weil nun bei diesem Verfahren mit der Zeit offenbar etwas gewonnen werden muß, so hat man auch gleich anfangs bei dem Kleid das Tuch nicht gespart und alles etwas stark und völlig genommen, so daß es von jedem Menschen von 4 Fuß 6 Zoll an, bis zu der Größe, da er sich allenfalls für Geld sehen lassen könnte, füglich, teils getragen teils geschleppt werden kann. Daß es dem einen nicht so gut sitzt als dem andern, ist freilich an dem, gilt aber in gewissem Grade von allen Bekleidungen der Menschen sowohl als der – Ämter . Ehe wir uns nun zur nähern Beleuchtung des Zimmers und seines Ameublements wenden, müssen wir dem Arzte dort in der Stubentüre noch ein Paar Zeilen mit auf den Weg geben, so wenig sie ihm auch übrigens nützen mögen. Diese Figur hat nämlich etwas Drolliges, das sich besser fühlen als beschreiben läßt. Wenige Personen haben noch diese Retraite des Doktors ohne Lächeln angesehen, aber worin eigentlich das Lächerliche dabei besteht, wußten sie sich selbst nicht anzugeben. Es ist wahr, die breite Knoten-Perücke, das Degengefäß im Rockschlitze, und das spanische Rohr mit dem goldnen Knopfe etwas unter dem Schwerpunkte gefaßt, und mit Meditation sanft gegen den Mund geführt, haben etwas Feierliches und zwar hier zur Unzeit . Aber ist das alles? Schwerlich. Mich dünkt der Anblick des Mannes erweckt offenbar die Idee von Übelangekommen oder dem so genannten Angelaufen sein, einer Situation, die überhaupt äußerst unbehaglich, aber vorzüglich dem Eindruck aller Gravität schlechterdings tödlich ist. Das Zuspätkommen, selbst das unverschuldete, kleidet niemanden sonderlich und kann lächerlich machen, wenn es mit der Miene der Pünktlichkeit geschieht. Über das nimmt sich selbst der beste Arzt vis-à-vis von einem Verstorbenen, den er retten wollte, nie sonderlich aus. Denn, ob man gleich einer Seits sehr gut weiß und gerne glaubt, daß die Heilkunde nichts weniger sei und sein könne und sein solle, als eine Kunst die Menschen unsterblich zu machen, so ist es von der andern doch manchen Menschen auch nicht zu verdenken, wenn ihnen bei einer solchen Zusammenkunft etwa der Gedanke aufstößt: Nicht helfen können sei eine Kunst, die andere Leute auch verstehen. Um einer solchen Vergleichung auszuweichen oder sie wenigstens abzukürzen, schleichen sich der Herr Doktor in der Stille weg und überlassen die Klagen der Leidtragenden, über Dürftigkeit unsers Wissens und vergebliche Unkosten, dem minder feinen Gehör des Apothekers. Das ganze Zimmer des Alten hat Hogarth mit den sprechendsten Zügen des niederträchtigsten Geizes und jener gesindelhaften Geschmacklosigkeit, die der Knickerei immer auf dem Fuße folgt, besetzt und behangen. Zuerst fällt in die Augen der gedeckte Tisch mit dem Mittagsmahl. Hier hätte der Franzos so ganz Unrecht nicht gehabt, der dieses Wort einmal durch Mal de midi übersetzte. Unter den Gerichten findet sich nur ein einziges warmes für die hysterische Gräfin, nämlich ein weichgesottenes Ei auf Salz balanciert. Das übrige ist ein todes Rippenstück, (denn es findet sich hier auch ein lebendiges,) das heute zum letzten Male geschabt werden sollte, und ein halber Schweinskopf, der im Leben von Nahrungssorgen und nach dem Tode, vermutlich von häufigem Hin- und Hertragen zwischen Speisekammer und Tafel durch Luftzehrung etwas gelitten hat. Für den Gaumen ist, wie man sieht, nur mäßig gesorgt, aber desto reichlicher für Auge und Phantasie. Dahin gehört einiges schweres und bis zur Plumpheit schönes Silbergeschirr und vorzüglich der Prospekt auf die Themse. Von letzterm hat der liberale Mann wirklich heute etwas aufgehen lassen, er hat beide Fensterflügel geöffnet; einer wäre genug gewesen. Teller für Gäste sieht man eigentlich nicht, einen kleinen ausgenommen, vermutlich ein Familien- Meridometer Von μερις portio und mensura; portio und μέτρον mensura; ein Portionenmesser. für Suppe und Gemüse. Was in dem großen silbernen Pracht-Gefäße mit Henkeln sein mag, ist schwer zu sagen, versteht sich da, wo man nicht hinsehen kann, denn so weit als man hineinsehen kann, ist es offenbar leer. Wenn, wie es wahrscheinlich ist, der schlaue Wirt durch das Gefäß gut gemacht hat, was dem Getränke abgeht, so könnte es allenfalls schales Bier sein und wäre immer noch ein köstliches Getränk. Was da in dem silbernen Krug an der Erde steht, ist wohl gewiß ehrlicher, reiner Middlesexischer Fünf und vierziger aus der Themse. – Dieses ist also das Mahl, bei welchem der Tod den schönen Gast übereilte. Freilich hatte das Gift da alle Schuld. Allein fürwahr, bei einem Appetit und einer Verdauungskraft, wie z.B. die des Polizeidieners auf der fünften Platte, hätte ein solcher Mittags-Tisch selbst, nur ein Paar Tage fortgesetzt, notwendig ähnliche betrübte Folgen haben müssen. Man sehe nur das lebendige Rippenstück da, den Hund. Der arme Teufel! Feierte man nicht glücklicher Weise so eben den Sterbe-Tag der Haus-Tochter, er hätte fürwahr heute gewiß den seinigen gefeiert. Er greift zu, ohne den Portionenmesser anzuschlagen. Sehr brav! Gewiß ist auch niemand unter unsern Lesern, der nicht dem treuen Tiere einen glücklichen Rückzug mit seiner Beute wünschen sollte. Aber man sieht nur nicht wie ein solcher Rückzug möglich ist, und die Beute vor der Fronte des Feindes zu verzehren, daran ist nicht zu denken. Den rechten Flügel zu umgehen ist völlig unmöglich, da kommandiert der Alte in Person, der mit gleicher haushündischer, geschärfter Allwachsamkeit Demanten-Ringe zu hüten weiß, und alte Schwarten . Das ratsamste wäre also entweder den linken Flügel, wo ohnehin etwas Meuterei herrscht, zu umgehen oder durch die Beine des Apothekers zu brechen, und so vor den alten Doktor und die Seele zu kommen, von deren Verschwiegenheit er überzeugt sein kann, und ihr den Vortritt abzugewinnen. Wir wollen das Beste hoffen. In das prachtvolle Bogenfenster (bow-window) mit Glasmalerei, hat offenbar die Haus-Polizei mit ihrem Staub- und Spinnen-Besen ein Paar häßliche Ventilatoren geschlagen, wodurch der Alte veranlaßt wurde, damit nicht das ganze Fenster zum Ventilator würde, jene Gegend künftig von aller Reinigung zu dispensieren. Dieses Friedens bedient sich eine Kreuzspinne, ihr Netz dort in Sicherheit auszuspannen. Daß das Wappen, welches nicht bloß durch ein Kreuz geteilt ist, sondern überdas noch ein kleines Kreuz enthält, in dem Bogen da hängt, wie die Spinne, die ebenfalls ein Kreuz im Wappen führt, in ihren Bogen, hat gewiß eine Bedeutung, die ich aber nicht zu entziffern wage. Doch ist vielleicht schon dieses genug, daß gerade das Tier mit dem Hausherrn einerlei Wappen führt, das wegen seiner liebreichen Uneigennützigkeit, und seines harmlosen Betragens gegen seine schwächern Nebengeschöpfe, die Geschäfte mit ihm haben, zum Sprüchwort geworden ist. Hierbei ist es einem doch kaum möglich, sich nicht an die Verse Churchills zu erinnern, worin er Schottland, freilich mit südbritischem, antischottischen Spottgeist, als das gelobte Land beschreibt, Where half starv'd spiders feed on half starv'd flies, wo halb verhungerte Spinnen Sich nähren von halb verhungerten Fliegen. Denn, in Wahrheit, wenn der Alderman seine Fliegen nicht besser füttert als seine Hunde, so möchte die eben genannte Kreuz-Ritterin sich allerdings hier in dem Falle ihrer schottischen Ordensschwester befinden, da hier sogar das Skelett von einem Hunde das trockne Präparat von einem Schweine anpackt. – Mit dem Flicken des Vergänglichen hält es der Mann auch auf eine eigene Weise. Die Fensterscheiben läßt er nicht flicken, nicht einmal mit Zuckerpapier, das doch sonst nicht übel läßt, aber dafür die Stuhllehnen von Prachtstühlen, und das auf eine Art, die gar nicht sonderlich aussieht. Die Leser werden bemerken, daß der umgefallene Stuhl schon ehemals einen ähnlichen Fall getan, und dabei beide Hauptstützen der Rücklehne zerbrochen haben muß. Diese hat man nicht etwa geleimt, sondern wenigstens an einer Seite mit einer derben Schiene versehen, welches auch wirklich viel solider ist. Was das Aussehen betrifft, so ist doch auch wieder gewiß, daß, wenn man einmal sitzt, der Verband, von dem, der sitzt, gar nicht, und von den übrigen nur mit Mühe gesehen werden kann. Das einzige Bedenkliche ist der Mangel an Symmetrie bei der Flickerei. Ja es scheint fast, als wenn die Schiene auf der Rechten, den Bruch der Linken zugleich mitdecken sollte, denn da scheinen die Teile etwas ausgewichen, sie anastomosieren nicht mehr, vielleicht ist auch dieser Bruch neu, und wenn der Stuhl nur erst wieder steht, so gibt sich so was bald von selbst. – Tabaks-Pfeifchen findet man an mehrern Orten des Zimmers, eines am Fenster und drei sogar in dem kleinen Schranke der die Handlungs-Manuskripte enthält. So sorgfältig bewahrt der Allsparende sogar das, was jeder Taglöhner in England, nach gemachtem Gebrauch, wegwirft, weil er es bei dem geringsten Trunk, den er fordert, umsonst wieder erhält. Doch da, wo ich nicht irre, die Wassertrinker leer ausgehen, so läßt sich hier die Sache noch entschuldigen. Die Handbibliothek besteht ganz aus Manuskripten: dem Tage-Buch (Day book) , dem Konto-Buch (Ledger) , dem Quittungs-Buch (Rect Book) , und endlich dem dicksten unter allen Dieser Zug ist durch ein gewiß sehr verzeihliches Versehen, in unserer Kopie verloren gegangen. In dem Original ist dieses merkwürdige Manuskript fast um die Hälfte dicker als die andern. Bei dieser Gelegenheit zeige ich noch ein Paar andere kleine Errata auf diesem Blatte an. Im Originale hat das Tischtuch einige ganz notable Flecken, und die Decke des Zimmers ist von dem Weißbinder ungefähr so repariert, wie die Stuhllehne von dem Tischler. Vermutlich rührt beides von einerlei Künstler her, oder ist wohl am Ende gar ein kleines Ipse fecit . zunächst der Schranktüre, betitult Kapitalien auf Interessen von Interessen , (Compound interest) . Das Werkchen in Quart scheint der Briefwechsel von der letzten Post zu sein. In der untern Abteilung des Bücherschranks, neben den Pfeifchen, steht ein selbstgemachter Tabaksbeutel, aus einem Quartblatt gedreht und vermutlich die Dinten-Bouteille. Vielleicht enthält aber auch die Flasche so etwas von Ipse fecit für den Magen, am Sonntag-Morgen in Brunnenwasser zu nehmen. Der so ganz geschmacklosen Stumpfheit dieses Schranks ist, wenigstens vom Giebel-Ende ab, durch eine alte umgestülpte Punsch-Campane vortrefflich abgeholfen. Da die Zeit mit Hülfe der Unvorsichtigkeit bereits, wie man sieht, schon eine zweite Löffelscharte in den Rand derselben gehauen hat, so scheint sie da oben zugleich in ehrenvolle Ruhe gesetzt. Die Verzierungen der Wand stehen an Pracht den Squanderfieldischen unter den beiden letzten Regierungen allerdings nach, sind dafür aber auch durchaus echt englische Arbeit. An einem Nagelbrett hängt der Amtshabit (gown) des Alderman und dessen Hut; darneben eine englische Uhr, wahrscheinlich mit einem Räderwerk aus englischem Holz. Aus dem Kaliber der Glocke zu schließen reguliert ihr Schlag- und Wecker-Werk die Geschäfte des Hauses in allen Etagen. Der Zeiger weist auf eilf Uhr fünf Minuten. Diese Mittag-Essen-Zeit ist nicht die schlechteste Anstalt in dieser Wirtschaft. Es läßt sich auch sogar von Geizigen etwas lernen. Eilf Uhr des Morgens ist allerdings spät für den Mann, der schon um vier beim Renten-Buch wacht. Am westlichen Ende der Stadt speist man zu Mittage, wenn es hier in Osten schon fünf Uhr ist. Dieses gibt also der Stadt London eine sittliche Ausdehnung in Länge von sechs Stunden in Zeit oder 90 Graden im Bogen. Sollte sie noch ferner zunehmen, wozu man die beste Hoffnung hat, und der König von Spanien sich je einmal wieder rühmen, daß die Sonne in seinen Staaten nie unterginge, so könnte ihm jeder Cockney So pflegt man in London spottweise die Stadtkinder, zumal die der Altstadt, zu nennen, die nie aus der Stadt heraus gekommen sind. Die Etymologie des Worts ist unbekannt. Eine vermutlich zum Scherz erdachte ist: daß ein solcher Cockney , der endlich einmal auf das Land geraten sei, bei seiner Zurückkunft seiner Mutter mit Verwunderung erzählt habe, er habe einen Hahn wiehern hören (he had heard a cock neigh ). getrost antworten: seine Vaterstadt allein sei schon so groß, daß die Sonne, sie stehe auch wo sie wolle, immer irgend eine Familie beim Mittag-Essen antreffe. Die übrigen Dekorationen bestehen, außer einem angekleisterten Almanach in Patentform, aus drei Schildereien. Die Originale sind, wie man sieht, nicht aus der italienischen Schule; nicht im südlichen Europa, unter einem reinen Himmel und über vulkanischem Boden so geworden, sondern in irgend einem nordwestlichen Winkel unseres Weltteils, auf angeschwemmtem Torfboden und in etwas schwerer Nebel-Luft. Das größte darunter enthält die, – zum Sprechen kann man nicht sagen – aber fast zum Anbeißen getroffenen Porträte von Hammelskeulen am Spieße, Kohlköpfen, Kartoffeln, Rüben, Zwiebeln etc. alle mit einer Appetitlichkeit ausgeführt, an welche die bare Natur des Schweinskopfs auf der Tafel bei weitem nicht reicht. Das kann die Kunst! Außerdem sieht man hier Stalleuchten, denen bloß die ölige Kleberigkeit, Herings-Tönnchen, denen nichts fehlt, als der Geruch und Spül-Lumpen zum Einstecken reizend, wenn sie nicht, wie lebendig, zu triefen schienen. Von dieser leblosen Natur hat der Besitzer beinah ein ganzes Viertel mit einem lebendigen Teniers bedeckt, und dadurch jenem Küchenparadies gleichsam einen Bewohner gegeben. Ein wahres Meisterstück dieses niederländischen Raffaels. Es hängt da zugleich über dem Almanach, vermutlich an Morgensegens Statt zur Stärkung sittlichen Gefühls, welches doch am Ende der Zweck aller Malerei ist, und ganz vorzüglich der Zweck alles Bestrebens, des Teniers von Urbino, Raffaels, war. Sollte auch dieser Zweck hier etwas verfehlt sein, so läßt sich wenigstens an diesem Stück des Morgens probieren, ob man sein sittliches Gefühl noch hat. Es stellt ein großes leeres Trinkgefäß und ein noch geräumigeres, etwas übervolles vor, die vermutlich ihre contenta vertauscht haben. Ein ganzer Teniers ist das Stück nicht, denn da sieht man wenigstens Gesichter in Menge von allen Seiten. Sollte es etwa aus einem Ganzen ausgeschnitten, oder bei irgend einer Zerstörung des übrigen allein geblieben sein? Dieses ist mir höchst wahrscheinlich, weil einen solchen simplen Filtrier-Prozeß für niederländisches Getränke allein darzustellen, selbst ein Niederländer, des sittlichen Gefühls wegen, kaum unternehmen würde. Ist es aber ein geretteter Ausschnitt, so ist es allemal sonderbar, daß bei einer Zerstörung des Ganzen gerade, einem bekannten Verfahren zuwider, einer übrig bleiben mußte, der an die Wand – sieht . Über der Stubentüre hängt das dritte Gemälde, auch aus der Sumpf-Schule. Dieses herrliche Bild verträgt mehr als eine Erklärung. Entweder brennt der eine dem andern eine Nasen-Warze mit der Pfeife; so etwas geht wohl; oder Hogarth dachte an Bardolphs Nase beim Shakespeare, die im Dunkeln leuchtete, wie eine Kohle, und der Mann will jetzt sein Pfeifchen daran bloß ermuntern. Ohne mein Erinnern werden die Leser bemerkt haben, daß Hogarth in den Wandverzierungen auf diesen Blättern sich teils über die heiligen Mordgeschichten und subtilen Obszönitäten der Italiener, teils über die friedlichem Cochonnerien der Niederländer lustig macht. Er hielt sich also, wie dieses gewöhnlich der Fall mit jedem Manne von Wert ist, für besser als alle. Sehr brav! Nicht ein Sandkorn läßt sich auch ohne einen solchen Glauben versetzen, und an Berge ist gar nicht zu denken; also in des Himmels Namen immer frisch zugeglaubt; bei diesem Verfahren steht sich die Sparbüchse der Zeit und der Menschheit am besten. Ich komme noch einmal auf das vorzüglichste Schaugericht bei der Mittags-Tafel zurück, nämlich die Aussicht auf die Themse. Die Reihe Häuser, die man sieht, sind die berühmten und zuletzt berüchtigten Gebäude auf der Brücke, die 915 Fuß lang und 72 breit ist. Sie war noch vor dem Jahre 1756 zu beiden Seiten mit Häusern besetzt, die eine Tiefe von 26 Fuß hatten, so daß also darzwischen noch eine 20 Fuß breite Straße übrig blieb. Diese Gebäude wurden gegen das Jahr 1746 so baufällig, daß die Bewohner der obern Etagen die seltsame Gefahr liefen, beim nächsten Sturm zu ertrinken, und die Schiffer die nicht minder unerhörte, auf den Verdecken ihrer Schiffe von Backsteinen und Dachziegeln erschlagen zu werden. Den Hang dieser Häuser zum Wunderbaren hat Hogarth nicht undeutlich ausgedrückt. Er tat dieses im Jahre 1745 und im folgenden wurde vom Parlament beschlossen die Häuser abzubrechen. Beschlossen sage ich, aber wirklich abgebrochen wurden sie erst im Jahre 1756. So geht es in der Welt. Jedoch war das Parlament noch unendlich glücklicher bei seiner Absicht mit den Häusern als Hogarth bei der seinigen mit gegenwärtigem Werk. Die Häuser kamen denn doch am Ende noch weg, aber unser ehrlicher Mann wollte die Heiraten nach der Mode abstellen, allein nach den neuesten Briefen aus England dauern sie noch immer fort. Nach Herrn Nichols' Bericht hatte Hogarth auch eine glückliche Heirat entworfen und sogar schon in Farben flüchtig ausgeführt. Diese Blätter sollen jetzt im Besitz der Madam Garrick sein. Er kam aber nicht vor das Publikum damit, ob er gleich noch lange nachher gelebt hat. Hat es ihm etwa an datis gefehlt? In seinem Hause gewiß nicht, denn er selbst lebte in einer zwar kinderlosen, aber sonst sehr glücklichen Ehe. Mir ist es aus dem ganzen Genie des Mannes erklärlich. Wahrscheinlich haben ihm seine Freunde noch zeitig genug zu verstehen gegeben, er befände sich mit seinem großen Landsmanne Milton in einerlei Fall: Milton war bekanntlich im verlornen aber nicht im wiedergefundenen Paradiese. Nach einem Avertissement im daily advertiser von 1750, ließ Hogarth die Original-Gemälde verauktionieren. Sie wurden von einem gewissen Herrn Lane zu Hillingdon bei Uxbridge für 120 Guineen erstanden, obgleich die Rahmen allein dem Künstler 24 Guineen gekostet haben sollen. Im März 1792 wurden sie, wie ich aus dem European Magaz. April 1792. p. 317 sehe, für 910 Guineen ebenfalls in einer Auktion gekauft, es wird aber nicht gesagt von wem. Das vorletzte Gebot tat der berühmte Boydell mit 900 Guineen. Endlich wurden sie, einer Nachricht zufolge, die ich in einigen Zeitungen und Journalen gelesen habe, zu Anfang des Jahres 1797 von einem Bankier namens Angerstein für 1000 Guineen gekauft. Die Original-Kupferstiche kosteten bei der Witwe des Künstlers, von welcher ich mein Exemplar im Jahre 1775 selbst gekauft habe, 1 Guin. 11 ½ Schilling, also den Louisd'or zu 5 Rtl. gerechnet, etwa 9 ½ Taler. Fünfte Lieferung Vorerinnerung des Verlegers Statt, wie bisher, mit dem Publikum die Freude zu teilen, die unser unvergeßliche Lichtenberg allen Kennern und Verehrern seines seltenen Geistes jedes Mal von neuem gewährte, so oft ein neuer Band seiner Erklärung Hogarthischer Kupferstiche erschien, muß ich jetzt die traurigste der Freundespflichten erfüllen und den Nachlaß meines verstorbenen Freundes besorgen. Unser Lichtenberg starb am 24sten Februar 1799. Was die Welt an ihm verloren hat, wird sie selbst wissen. Aber sie würde es doch noch besser wissen, und noch viel mehr an ihm verloren haben, wenn jeder seiner Leser ihn gekannt hätte, wie ihn seine Freunde kannten. So viel kunst- und prunklose Herzensgüte, so viel wahrhaftige Menschlichkeit bei so seltenen Talenten und Kenntnissen, soll, wie die Gelehrten sagen, auch in der gelehrten Welt eine gar ungewöhnliche Erscheinung sein. Aber ich kann das Andenken an einen solchen, seit dreißig Jahren mit mir unzertrennlich verbundenen Freund nur mit Tränen ehren. Seine kunstverständigen Lobredner mögen andere sein. Diese fünfte Erklärung Hogarthischer Kupferstiche hat der sel. Lichtenberg noch beinahe ganz besorgt. Nur den letzten Bogen der Erklärung hat ein Freund von ihm und mir zum Druck befördert. Auch die Platten zur sechsten Lieferung sind unter der Aufsicht Lichtenbergs von Herrn Riepenhausen schon vollendet. Ich werde Sorge tragen, daß das Publikum nun auch die Erklärung dazu aus Lichtenbergs Nachlasse erhalte. Bei dieser Gelegenheit wiederhole ich die Ankündigung einer vollständigen Ausgabe von Lichtenbergs Schriften , von denen besonders der noch ungedruckte Teil überdem doch keinem unbefugten Sammler zu Gute kommen kann. Göttingen, im März, 1799. Joh. Chr. Dieterich Industry and Idleness Fleiß und Faulheit Erste Platte Obgleich die hier gewählte Überschrift: Fleiß und Faulheit , das englische Industry and Idleness nicht ganz ausdrückt, das vielleicht etwas richtiger durch Emsigkeit und Müßiggang gegeben worden wäre: so haben wir dennoch jene Worte gewählt, weil sie gerade derjenigen Klasse von Menschen, welcher diese Blätter nicht bloß zur Unterhaltung , sondern vorzüglich auch zur Lehre gewidmet sind, die verständlichsten sein, und ihr auf dem kürzesten Wege die Absicht des Künstlers anschaulich machen möchten. Der übrige Teil unserer Leser, der, gerade umgekehrt, alles dieses nicht zur Belehrung, sondern zur Unterhaltung ansieht, kann sich leichter zu einer schicklicheren Deutung einer nicht ganz passenden Überschrift bei höherer Einsicht herablassen, als jene sich zum Verständnisse einer schicklicheren erheben, wovon ihm die Sprache noch nicht ganz geläufig ist. – Es wird nun so gerade recht sein für beide Parteien. Wo man das Wort Industrie nur so eben kennt, kennt man auch den Chevalier d'Industrie vielleicht mehr als so eben, und bei uns weiß der gemeinste Mann, daß der nicht emsige Spitzbube sicherlich ein erbärmlicher Spitzbube ist. Sir Horace Walpole (der vor einiger Zeit verstorbene Lord Oxford) urteilt in der Schrift, wovon wir in der Vorrede zur ersten Lieferung eine Anzeige gegeben haben, von diesen Blättern: sie hätten mehr Verdienstliches in der Absicht als in der Ausführung. Dieses ist allerdings wahr, man mag nun unter Ausführung die dichterische verstehen oder die mechanische . In beiden bleiben sie hinter den meisten Werken unseres Künstlers etwas zurück. Wegen des letzteren hat sich Hogarth, wie Nichols anführt, gut entschuldigt: Es sei deswegen geschehen, um sie durch einen geringeren Preis derjenigen Menschenklasse leichter in die Hände zu bringen, für welche sie hauptsächlich bestimmt seien, Handwerksleuten und Fabrikanten. Es kostet auch wirklich das Blatt nur einen Schilling (7 Ggr.), obgleich die beiden letzten eine sehr große Menge von Figuren enthalten, da sein Paulus vor dem Felix , in Rembrandts Manier, wie er es selbst nennt, (eigentlich ein Pasquill auf Paulus, Felix und Rembrandt, und so nach auf sich selbst), ein schlecht gearbeitetes Blatt, deren fünfe kostet. Was die dichterische Ausführung betrifft, so vermißt man freilich hier den Verfasser der herumstreichenden Komödianten , des Marsches nach Finchley , der Parlaments-Wahl-Szenen und des Bartholomäus-Markts . Die drei hier zuletzt genannten Darstellungen werden den Inhalt der nächsten Lieferungen ausmachen. Allein das seltsame Genie dieses ungewöhnlichen Mannes ist auch hier nicht zu verkennen, und diese Blätter lassen noch immer alles, was mir in diesem Fache von andern vorgekommen ist, sehr weit hinter sich. Das Genie ist auch in seinen Fehlern zu erkennen, so wie der Mangel desselben auch bei der stärksten Anstrengung, bald im Gesuchten, bald im mühsam Gesammelten, bald im Übertriebenen sichtbar bleibt. Überhaupt ist alles, was Hogarth hier hat, gut, nur hätte man dessen vielleicht hier und da mehr gewünscht. Das Korn der Münze ist rein, nur dem Schrot fehlt es, wie es scheint, zuweilen hier und da. Doch gewinnt auch Hogarth selbst an dieser Seite wieder, wenn man bedenkt, daß, so wie er wohlfeiler zeichnen wollte, er auch wohlfeiler sprechen mußte, und also gleichsam eine Art von Platt reden, das der höhern Klasse von oben herab auf alle Fälle verständlicher erscheint, als die höhere Sprache der tieferen Weltkenntnis dem andern Teile, für den doch eigentlich hier geredet wird, in seiner Tiefe; so wie wir Gegenstände deutlicher sehen, wenn wir die Sonne hinter uns, oder gar unser eignes Licht haben, als der, dem die Sonne selbst mit ihrem unparteiischen Glanz oder wir mit schriftstellerischer oft parteiischer Gnade in die Augen leuchten. Die Folgen des Fleißes und der Faulheit einem sehr wichtigen Teile seiner großen Nation zu versinnlichen, hat der Künstler das Leben zweier Kameraden gewählt, die beide bei einem Zeugfabrikanten in Spittalfields arbeiten, wo Weber aller Art beisammen wohnen. Daß die Szene in Spittalfields liegt, ersieht man aus dem zinnernen Porterkruge , der linker Hand auf dem Webstuhle steht. Spittle steht hier, ohne weitere Absicht für Spital , so wie dieses für Hospital , gerade wie bei uns. Da dieses Getränke in London überall in der Nähe zu haben ist, so hat sich Hogarth nicht selten dieser Krüge bedient, Gegenden der Stadt zu bezeichnen, weil diese Krüge mit den Namen der Straßen und Gegenden bezeichnet sind. Sie liegen oft, wie der Pflug in Deutschland, selbst in der Dämmerung ohne Hüter, sicher und wie heilig da, und vor Häusern, worin viel gepflügt wird, sogar in Haufen. Diese Gefäße mit ihren Inschriften können zu Wegweisern durch die Straßen zu London allenfalls jedem dienen, der sich bloß auf die Inschrift einläßt. Nähere Bekanntschaft mit dem Inhalt selbst ist allerdings mit Vorsicht zu machen. Er hat oft seine eignen Wege, die er den Frager führt. Die Geschichte beider Kameraden beginnt in derselben Werkstätte am Webstuhle. Allein die Züge derselben fangen bald an stark zu divergieren, und endigen sich beide mit gewissen Prozessionen, die den Helden zur Ehre angestellt werden. Der Faule nämlich entsagt der Welt, unter großem Auflauf, und begibt sich am Ende seiner Taten in den bekannten Luft-Bad-Orden zur Ruhe, in welchem, nach einem sehr alten Gebrauch, nicht der Ritter das Band, sondern das Band den Ritter trägt. Er wird gehenkt. Der Fleißige wird Lord-Mayor von London, und hält seinen prachtvollen Einzug, unter dem Jubel eines glücklichen Volks, in das Mansion-Haus, einer Residenz, deren Bedeutung und Bauart sich von Seiten der Ehre sowohl als der Solidität, von jener ein- , zwei- und drei-säuligen , jota-gamma-pi Jota , Gamma , Pi , drei griechische Buchstaben, Ι, Γ, Π, sind als Pfahl und als Galgen-Formen auch denen bekannt, die sich sonst wenig um griechische Literatur bekümmern. Der Dreifuß bedarf als allgemein bekanntes Justiz- und Küchen-Geräte keiner Erklärung. – Im Vorbeigehen anzumerken, so scheint mir aus diesem Tasten nach der besten Galgenform deutlich hervor zu gehen, daß man noch keine eigentliche Theorie dafür hat. Da nun, wie ich höre, selbst nach dem Zeugnis einiger unsrer ersten Schriftsteller, nicht einmal ein gutes Gedicht ohne vorläufige Kenntnis der Theorie verfertigt werden kann: so hat man Ursache zu glauben, daß es mit der besten Galgenform nicht besser aussehe. Ohne hier alle Gründe anzugeben, wozu der Raum fehlt, glaube ich, daß der menschlichen Natur so wohl als der Antike, die eigentlich eine Versteinerung derselben ist, am besten Genüge geschähe, wenn der Galgen eine Justitia vorstellte, mit ausgestrecktem linken Arm, worin sie, statt der Waage, an ihren Ordensbändern die Krammetsvögel schüttelte, die sie gefangen hat. und dreifußförmigen , luftigen Ordens-Anstalt gar sehr auszeichnet. – Den zweifachen Gang der beiden Kameraden, und das Ziel ihrer Wege hat Hogarth auf den zehn ersten Blättern sogar bei der Verzierung der Rahmen um seine Bilder zu versinnlichen gesucht. Auf der einen Seite immer der Strang, an welchem der Mann, und an der andern die goldne Kette, die an den Mann gehängt wird; die Beinschelle steht dem Zepter und die Geißel dem Schwert der Gerechtigkeit gegenüber. Also die Folgen des Fleißes und der Faulheit darzustellen, hat unser Künstler das Leben zweier Zeugweber gewählt. Freilich mit deutschen Webergesellen ließe sich so etwas nicht so durchsetzen, wenigstens nicht mit so vieler Symmetrie. Wer in Deutschland ein Handwerk erlernt, kann wohl einmal, wenn er es gehörig anfängt, am Ende mit Eklat gehenkt werden. Dem Galgen gegenüber aber gibt es für seinen Fleiß keinen Lohn von ganz symmetrischem Eklat: Tugend und Rechtschaffenheit haben ihn auch, gottlob! nicht nötig. Allein freilich Darstellung geräuschloser, häuslicher Glückseligkeit, wiewohl sicherlich der größten, vielleicht auch der einzigen wahren dieser Welt, kann der Mann nicht zum Vehikulum seines Unterrichts wählen, der vorzüglich auf die Klasse von Menschen, die man gewöhnlich die niedern nennt, mit dem Grabstichel wirken will. Eine Kutsche mit sechsen voran und mit zweien hinten auf, ist leichter gezeichnet, wenigstens gewiß leichter verstanden, als das Kinderstübchen mit seinen sechsen um den Tisch, oder auch, wenn sichs fügt, halb dran und halb drunter , mit seinen zweien glücklichen Senioren obenan. O es müßte ein erbärmlicher Stümper von einem Künstler sein, der die Herrlichkeit nicht treffen könnte, in die sich der Mensch bloß anderer wegen kleidet; allein die ungleich größere, häusliche, innere auszudrücken, dazu waren die Maler zu allen Zeiten selten, und da, wo sie gemalt wurde, die Augen sie zu erkennen, oft eben so selten. Hogarth wählte also, aus mehr als einer Ursache weislich, dem Galgen gegenüber, äußere Herrlichkeit, die freilich sehr gut mit jener inneren, gottlob! bestehen kann. Denn in seinem Vaterlande ist es nicht selten, daß der Sohn des Zeugwebers oder des Bierbrauers im Unterhause, und der Enkel oder Urenkel im Oberhause glänzt. O! was für ein Land, in welchem kein Schuhflicker sicher ist, ob nicht dereinst Königreiche und Kaisertümer sich um die Gunst seines Urenkels bewerben müssen! Und dennoch klagt man! Vermutlich, weil Klagen unter allen Regierungen, bei manchen Menschen wenigstens, mit zur Leibes-Nahrung und Notdurft gehören. – Nicht aller, sondern nur gewisser Leser wegen, halte ich es für nötig, zwischen diese Einleitung und die Erklärung der Kupferstiche selbst, eine Kleinigkeit einzuschieben. Sie kann füglich, wie man's nimmt, zu jeder einzelnen oder zu beiden gerechnet werden. Ich verstehe darunter die unmaßgebliche Erinnerung an das güldne: de Te fabula narratur; Du, Du bist gemeint . – »Ich, höre ich fragen, Ich soll von diesen Weber-Purschen lernen?« – Warum das nicht? Lernst du doch, unbefiedertes, zweibeiniges Geschöpf, vom Hunde, vom Storch, vom Fuchs, vom Pferde und dessen berüchtigtem Cousin , den ich nicht nennen will, in der Fabel? Bedenkst du auch wohl, was diese Menschen da auf der ersten Platte machen? Gut; sie weben oder wollen weben. Freilich wohl, aber auch Du webst, oder willst weben. Alles was lebt und webt , steht in einem klassischen Buche, und alles was lebt, webt , könnte wenigstens darin stehen. Ihr Theorien-Weber, und Ihr Journal-Romanen- und Republiken-Weber, seid Ihr nicht allzumal Weber? Wie? – Die Antwort erlasse ich Euch gerne, gegen die Erlaubnis, noch ein Paar Worte hinzufügen zu dürfen. Vor mehr als fünf und zwanzig Jahren habe ich einmal von einem Gemälde in Paris gelesen, das den Apoll mit den neun Musen vorstellte. Es war, wo ich nicht irre, von Vanloo gemalt. Zu diesem Gemälde hatte ein parisischer Künstler ein Glas geschliffen (oder eigentlich hatten sich Vanloo und der Künstler einander in die Hände gearbeitet), das dem Gemälde gegenüber befestigt war. Wenn man nun den Apoll und die neun Musen durch dasselbe beschaute, so sah man weder den Apoll, noch die neun Musen, sondern bloß den Mann der damals dort mehr als beides galt, Ludwig den XV. vollkommen ähnlich. Die Schmeichelei war wenigstens nicht schlecht ausgedacht, und der Cours der Schmeicheleien möchte überhaupt gewinnen, wenn sie immer mit so vieler Kunst und Anstrengung geprägt würden. – Wozu nun alles dieses? Ich meine, es würde nicht viel Kunst erfordern, ein Glas zu schleifen, wodurch die beiden Webstühle des ersten Blattes in Thronen oder Katheder anamorphosiert werden könnten. An Untertanen sowohl als Auditoribus könnte es nicht fehlen, da der Möbeln und Striche hier so viele sind, aus denen sich alles machen läßt. Ich kann nicht leugnen, daß es mich bei den jetzigen ungeheuren Fortschritten in den optischen Wissenschaften, wodurch selbst die gewöhnlichsten Menschen in den Stand gesetzt worden sind, Entdeckungen zu machen, oder am Himmel zu messen, so wie Damen etwa oval drechseln, nicht wenig befremdet hat, daß noch niemand auf den Einfall gekommen ist, diesen großen Wink der Natur, ich meine die polyedrischen Gläser aller Art, politisch und statistisch zu nutzen. Denn, da sich offenbar durch diese Gläser nicht allein einzelne Hirsche und wilde Schweine zu ganzen Herden, sondern auch einzelne Soldaten zu ganzen Bataillons, mit sehr geringem Aufwand und ohne allen Schaden für das Land, vervielfältigen lassen, so könnte manchem Monarchen der zwölften Größe, der alles dieses nur zum Staat oder Zeitvertreib hält, ein großer Dienst damit geschehen, und ein noch größerer den Untertanen. Ja es ist und bleibt in dieser Rücksicht eine Frage, ob nicht gerade dieser Gebrauch vom geschliffenen Glase dem menschlichen Geschlechte mehr wahren Nutzen gewährte, als alles, was es uns bis jetzt über Sternen-Nebel und Infusions-Tierchen gelehrt hat. Man hat über der Vergrößerung der Gegenstände die Vervielfältigung derselben vergessen, die ungleich mehr wert ist. Hier sitzen sie nun, auf der ersten Platte, die beiden Zeugweber und Nebengesellen an ihren Stühlen ( The fellow Prentices at their Looms ). Dem Fleißigen von beiden hat Hogarth den Namen Gutkind (Goodchild) , dem andern den von Thomas Faulhans (Thomas Idle) gegeben. Welcher hier welcher ist, bedarf wohl keiner weiteren Hinweisung, die beiden Gesichter verhalten sich offenbar wie Empfehlungsschreiben und Steckbrief. Obgleich Gutkind in tätiger Wachsamkeit ist, so ist dennoch der Ausdruck seines Gesichts Ruhe , und der des andern wilde Unruhe , ob er gleich schläft. Faulhansens Gesicht hat sich vor dem Schlafe, wie man sieht, kommode gemacht, und die biegsame Hülle abgelegt, die sich Arglist, Betrügerei und schlaue Kriecherei im Wachen zu einiger Empfehlung bei der Welt immer zuweilen noch zusammen zu stümpern weiß. Es ist nur der zähere Stoff mit den früher eingedrückten und zum Teil verhärteten Spuren wilder Leidenschaften sitzen geblieben, wovon die einzig mögliche Korrektur allein der Verwesung überlassen bleibt. Die Kräfte, die diesen Klotz so gebildet haben, werden wir im Folgenden bei einigen wiederholten Ausbrüchen derselben näher kennen lernen. Gutkinds schuldloses Haupt würde durch pathognomische Entkleidung im Schlafe so gut gewinnen, als hier durch den sittsamen Überzug, den ihm wachender Respekt angelegt hat. Ehe wir weiter gehen, verdient wohl Faulhansens gefährliche Physiognomie eine kleine Erläuterung aus der Geschichte. Die berühmte Madam Piozzi, die unsere Leser aus ihren Reisen, oder auch vielleicht aus Boswells Leben des D. Johnson kennen werden, worin sie als damalige Madam Thrale und Freundin des Doktors, eine nicht unbedeutende Rolle spielt, sagt in jenen Reisen: der Kaiser Caracalla sehe auf allen Denkmälern, die man von ihm habe, dem Thomas Idle beim Hogarth, das ist, unserem Faulhans, vollkommen ähnlich, und fügt die Frage hinzu: warum sollte sich auch nicht der Pöbel in allen Ständen ähnlich sehen? Es verlohnt sich also wohl der Mühe, hier mit wenigen Worten die Data anzugeben, die nötig sind, in der Folge den Taugenichts auf dem Throne mit dem in der Werkstätte zu vergleichen, und so die Natur und Madam Piozzis Urteil zu rechtfertigen. Es ist unglaublich, was für ein Licht sich die Geschichte dieser beiden Patronen einander zuwerfen. Für den redlichen Gutkind irgend einen Titus A la Titus und à la Caracalla , nennt man jetzt in Paris, und also nächstens in der ganzen Welt, zwei Arten von Frisuren. Nach dem Urteile eines Kenners, den ich befragt habe, sind es gerade die, womit unser Künstler hier seine beiden Helden geziert hat. Caracalla selbst hatte zu Rom eine Art Kleider eingeführt, die man Caracallen nannte. S. Tillemont , Hist. des Empereurs. Paris 1720. 4to. T. III. S. 105. in der Geschichte aufzusuchen, wäre wohl ganz unnötig. Diese finden die Leser zu Dutzenden in jedem Jahrhundert. Caracalla ward im Jahr 188 nach unserer Zeitrechnung, zwar von blinden Heiden geboren, hatte aber, nach Tertullians Bericht, das Glück, sehr früh christliche Ammen-Milch zu erhalten. Diese soll, wie glaubwürdige Zeugen versichern, ganz ungemein auf die Natur des Kindes gewirkt haben. Ebendaselbst S. 89. Das Knäbchen wurde liebreich, gesprächig, mitleidig, und machte der Milch Ehre. Dieses dauerte aber leider nur so lange, bis es den Spirituosen Geistes-Leckereien, die ihm von einigen besoldeten Prinzen-Verderbern , ich meine den Schmeichlern am Hofe, in vollem Maße gereicht wurden, Geschmack abgewann. Von Stund an ging alles anders. Es war als wenn alles, was die Christen-Milch in ihm zum Keimen und selbst zu einer Art von Schuß gebracht hatte, auf einmal in Brand und Fäulnis übergegangen wäre. Er wurde einer der nichtswürdigsten Galgenvögel, die sich je auf einen Thron niedergesetzt haben; stolz, treulos, abergläubig, Verächter aller Gelehrsamkeit und aller Gelehrten, grausam, Brudermörder, Vatermörder und Volksmörder; verabscheut von dem Senat, und doch von eben diesem Senat auf Verlangen der Armee zum Gott erklärt, und nach der Vergötterung wiederum von eben diesem Senat mit Lästerung und Schimpf belegt. Er wurde schon in den ersten Tagen seines dreißigsten Lebensjahres und des siebenten seiner so genannten Regierung ermordet. – Wir kehren nun vom Caracalla auf dem Throne, zu dem auf dem Weberstuhle zurück. Faulhans hat, wie man sieht, die Zettelwalze seines Stuhls mit dem Bierkruge gesperrt. Dieses ist völlig die Spinnenwebe über der Armenbüchse in der Kirche zu Marybone. S. die dritte Lieferung S. 878. Der Krug steht da fürs erste sehr sicher, obgleich auf einer Drehwalze. Soll ja Fortuna selbst auf ihrer Kugel dem Schlafenden gegenüber öfters gnädigst verweilen. Außer dieser hydrostatischen Sperrung der Zettelwalze werden die Leser noch eine mechanische bemerken, nämlich einen Haken, der durch seinen Eingriff den Rückgang der Walze hemmt, und diese mechanische Sperrung ist noch einmal durch ein Favorit-Pfeifchen gesperrt, so daß also der Haupt- und Erz-Sperrbengel, Faulhans, wenn er wieder erwacht, eine Menge von Dingen zu lösen finden wird, bloß um seine Tätigkeit, als Weber, nur erst wieder rein auf Null zu bringen. Das Pfeifchen ist hier sehr bedeutend, nicht bloß als höchst unnützes Streubüchschen für Schmutz und Feuerfunken bei diesem Gewerbe, sondern auch in jenem Lande, wo ich nicht irre, für den Charakter des Rauchers selbst. Ich meine: das menschliche Fahrzeug, das sich, mit einem solchen bleibenden Signal am Haupt-Mast, dort in den Strom der Betriebsamkeit hineinwagt, wird von der Flagge der bedachtsamen Emsigkeit nie anders salutiert werden, als etwa bei uns die dreifarbige Nase, die ein Paar Finger breit höher wehet. – Auch der Bierkrug auf dem Zettel des Gewebes, zeugt von dem Reinlichkeits-Sinn des schönen Schläfers. Hätte überdies die mechanische Sperrung, wie es fast scheint, nicht ganz fest gefaßt: so wäre es leicht möglich, daß beim Auffahren dieses Glückskindes aus einem süßen Traume, die Fortuna von Spittle-Fields ihren noch übrigen Biersegen über das noch werdende und zum Teil schon gewordene Gewebe ausschüttete. Auf der Erde liegt bei jedem Webstuhle ein Exemplar von The Prentice's Guide (dem Wegweiser für Lehrbursche). Es ist doch sonderbar, daß diese Wegweiser wirklich etwas aussehen, wie die Wanderer, die sich ihnen anvertraut haben, zumal wie ihre Röcke. Faulhansens Exemplar zeigt Meditations-Risse und Fetzen, gerade wie seine Caracalle Betriebssamkeits-Löcher an Ellbogen und Schultern. Hingegen ist Gutkinds Lesebuch rein und ganz, wie sein Kleid, und dennoch gewiß zu heilsamem Zweck eben so weislich genützt wie dieses. Indes ist denn doch nicht zu leugnen, daß der letztere, ein so gutes Kind er auch immer sein mag, und wirklich ist, doch wohl leicht eine bessere Stelle für sein Handbuch hätte finden können, als da auf der Erde und an dem Haspel, so viel Recht auch dieser haben mag, sich jetzt nicht zu drehen, oder so wenig er dem Buche oder das Buch ihm schaden könnte, wenn er sich drehte. Gibt es ja doch bei den wichtigsten Maschinen, von deren stätem Fortgange so vieles in der Welt abhängt, bei den Mehl-Papier- und Kaffeemühlen, den Staatsmaschinen und Bratenwendern, ja bei dem Perpetuum mobile selbst, und zwar in seinen besten Zeiten, ich meine, wenn es wirklich im Gange ist, immer ein Winkelchen oder ein Plätzchen, das ex officio stille steht. Auf einem solchen ruht, was ruhen soll und kann, immer sicherer, als auf dem Fußboden des Zimmers, der immer eine Art von Gemein-Trift für allerlei Füße und Zufälle, und obendrein die Werkstätte des Kehrichts ist. Diese Betrachtung ist wirklich jedes Defensor-Herz dem ohnehin unglücklichen und nicht zu rettenden Faulhans als Almosen schuldig. Es waren nicht so wohl Faulhansens Finger, die das Werkchen so zerfaulenzt, als die spielerische Emsigkeit des Kätzchens, die es vel quasi so zerrezensiert haben. Wie leicht hätte nicht eben diese Kritik auch das andere Opusculum treffen können. Freilich wenn man die beiden Webstühle mit Kathedern und die beiden Lehrbursche mit Respondenten vergleicht, so möchte wohl nächst der Wachsamkeit des Respondenten rechter Hand, auch der Decisions-Prügel seines Präsidis, der da zur Türe hereinsieht, Ursache sein, daß die kleine, mutwillige Opponentin sich nicht nach dieser Seite gewagt hat. – Mit Faulhansens Büchelchen selbst ist sie bereits fertig, sie schreitet also, wie sichs gehört, zu Personalitäten, und pfötelt an seinem Weberschiffchen. Der Gedanke Hogarths, einem faulen Weber-Purschen, der sein Schiffchen ruhen läßt, ein Kätzchen gegenüber zu stellen, das ihn den Gebrauch desselben, wie durch mimischen Spott, wieder beibringen will, hat etwas sehr Drolliges. Es kann helfen, wenn Faulhans etwa durch das nahe Geklapper geweckt werden und hinter sich sehen sollte, wo sich Augen befinden, denen diese kleine drollige Zuchtmeisterin Vergnügen macht. Ein kaum merkliches Lächeln in Gutkinds Gesicht, scheint wirklich auf dieses Spiel zu gehen. Der Prinzipal der zur Türe hereinsieht, verhält sich ruhig. Vermutlich soll dieses die Definitiv-Ertappung sein, um nun sogleich beim Erwachen den Taugenichts ohne fernern Beweis weiter promovieren zu können. An der Wand, hinter Gutkinds Stuhle, sind verschiedene Blätter angenagelt, vermutlich Haustafeln; blinde Fenster geistliches Licht in die Zimmer zu lassen, die daran Mangel leiden, oder eine Art moralischer Ventilatoren, stockende Grundsätze wieder in Zug zu bringen. Sie wirken wenigstens anfangs, als Qu' est ce que c'est , So hieß man in Frankreich eine von D. Franklin oben an den Fenstern angebrachte Vorrichtung, rauchenden Kaminen Zug zu verschaffen, weil gewöhnlich von Personen, die dergleichen noch nicht gesehen hatten, gefragt wurde: was das wäre? etwas. Zunächst an der Türe hängt indessen ein Blatt, das etwas anderes ist. Es hat die Überschrift: Whittington L\<sup\>d\</sup\> Mayor (Whittington Lord-Mayor), und ist eigentlich das Gegenstück zu dem Moll Flanders' , das über dem Haupt des Schläfers angeheftet ist. Dieses bedarf für den deutschen Leser einer Erläuterung. Dem Engländer sind diese Zettel für die Schicksale der beiden Helden eben so prophetisch , als ihre Namen für jedermann charakteristisch sind. Whittington und seine Katze sind ein so bekanntes Volks-Märchen in England, daß ich mich keines einzigen entsinnen kann, das in Deutschland eben so epidemisch wäre, es müßte denn das von D. Faust und der höllischen Katze sein, das aber einen ganz von jenem verschiedenen Ausgang nimmt. Der tätige Whittington wurde durch seine Katze glücklich; der tätige D. Faust aber bekanntlich von der seinigen in die Luft geführt. Der deutschen Mißmütigkeit, die hieraus einen Stoff zu neuen Gram und Klagen über deutschen Lohn des Verdienstes ziehen wollte, können wir hier zum Trost melden, daß vermutlich die eine Geschichte so wenig wahr ist, als die andere. Indes haben beide das mit einander gemein, daß es so gewiß einen Whittington gegeben hat, als einen D. Faust, und daß in beide, zu verschiedenem Zweck, Fabeln eingemischt worden sind, die nun bei der ersten die gesunde Vernunft nicht mehr so leicht zu scheiden weiß, als von der letztern. Hier ist sie, ein Paar Erläuterungen abgerechnet, in möglichster Kürze: Richard Whittington, ein armer Knabe, aus Sommersetshire, der seine Eltern nicht einmal gekannt haben soll, wuchs im größten Elend endlich so weit heran, daß er sich nach London betteln konnte. Nach allerlei Ungemach wurde er ums liebe Brot Küchen-Junge in eines Kaufmanns, wo er den Tag über von einer zänkischen Köchin und des Nachts in dem erbärmlichsten Winkel des Hauses von Ratzen und Mäusen tyrannisiert wurde. Gegen die erstere (die Köchin) waffnete er sich mit Geduld, worin er einige Stärke besaß, und gegen die letztern mit einer Katze, die er auf der Straße für den einzigen Groschen gekauft hatte, der sein Vermögen ausmachte. Nun hatte der Herr vom Hause, ein guter Mann, die Gewohnheit, so oft er ein Schiff nach fremden Ländern schickte, seinem Gesinde zu erlauben, einiges Geld in Waren darin anzulegen, wovon sie alsdann bei der glücklichen Retour des Schiffs den verhältnismäßigen Profit ohne allen Abzug zogen. Hierbei war aber eine Bedingung; das Geld mußte notwendig wahres Eigentum sein, nicht geborgt, und dieses mußte unwidersprechlich dargetan werden. Als nun der Tag kam, an welchem die Beträge abgeliefert werden sollten, erschien alles Gesinde vor dem Hausherrn, nur der arme Whittington nicht. Der Herr bemerkte dieses sogleich, und fragte, wo der Küchenjunge wäre? Er mußte gerufen werden. Hier erklärte der arme Teufel mit zitternder Stimme: er habe gar kein Eigentum, als eine Katze, und diese würde man wohl nicht annehmen. Warum nicht? hieß es. Sie wurde angenommen, weil dem Kapitän der große Diensteifer und die Fertigkeit derselben gerühmt worden war, und man solche Subjekte auf Schiffen gar wohl brauchen kann. Der ehrliche Kapitän dachte diesen Vorteil zu berechnen, und zu seiner Zeit den Ertrag dem armen, treuherzigen Küchenjungen zufließen zu lassen. Die Katze wurde an Bord gebracht, und segelte mit dem Einhorn , so hieß das Schiff, nach der Küste der Barbarei ab. Kaum aber hatte Whittington seine tätige Mit-Regentin in dem ihm beschiedenen Winkel unter dem Dache verloren, so fielen Ratzen und Mäuse wieder über den Alleinherrscher her. Endlich verlor er auch seine einzige Schutzwehr gegen die Köchin, die Geduld, und eine Katze, wie die deportierte, gab es für den, für welchen es keinen Groschen gab, in der Welt nicht mehr. Er beschloß also, das Haus zu verlassen und wieder das Weite zu suchen. Es war an einem schönen Sommer-Morgen, frühe, da er die Haustüre, um niemanden zu wecken, sanft auf und ebenso sanft nicht ganz wieder zu, sondern bloß beimachte, und emigrierte. Als er, über sein Schicksal nachdenkend, über Moorfields ging, fing man gerade an die Glocken auf einer berühmten Kirche der Altstad ( Bow-church ) zu läuten. Nun werden in England die Glocken auf eine bei uns ganz ungewöhnliche Weise geläutet. Nämlich bei uns überläßt man den Schwung der Glocken ganz der Natur und der Lage des Mittelpunkts ihres Schwungs; daher die großen Glocken langsamer schwingen, als die kleinen, und manche kleinen, wie die Vorderräder an einer Kutsche dreimal und drüber herumkommen, während die großen eine einzige Revolution machen. Hingegen nötigt man in England durch einen eignen Kunstgriff die Glocken, groß und klein, gleich lange dauernde Schwingungen hinter einander zu machen, so daß also ein ungleiches Geläute von sechs Glocken ungefähr gerade so klingt, als wenn jemand auf einem Klavier die Tasten ut, re, mi, fa, sol, la nach einem gewissen Takt nach einander anschlüge, und wenn er damit durch ist, wieder von vornen anfinge: ut, re, mi usw. Nur fängt man mit den höhern Tönen an, und steigt so zu den tiefern herab. Da man in England die Glocken des Kirchspiels läuten lassen kann, so oft man will, wenn man dafür bezahlt, so hört man sie, zumal in den östlichen Gegenden der Stadt und in den Provinzial-Städten, sehr häufig, bei allerlei Veranlassungen. Zu meiner Zeit ließ sie zu Richmond, als ich eben da war, ein gewisser Herr Gardner läuten, weil er die englischen Astronomen nunmehr überzeugt zu haben glaubte, der Mond drehe sich nicht um seine Axe, und bei der Gelegenheit eine große Summe Geldes unter die Armen austeilen ließ. Ich kann nicht leugnen, daß mir dieses Geklimper öfters unerträglich gewesen ist. Ich weiß in Deutschland nichts damit zu vergleichen, als ein altes Studentenlied, das sich mit All mein Leben lang anfängt, mit All mein Leben lang fortfährt, und endlich, wenn es sich schließt, auch mit All mein Leben lang schließt. Doch geht diese Ähnlichkeit mit jenen Glocken nur auf den Text, nicht auf die Melodie des Liedes, die wirklich drei Variationen hat. Bei dem deutschen Geläute, wo die Glocken ihren natürlichen Schwung behalten, entstehen freilich öfters und meistens harsche Dissonanzen. Aber, da sie sich gewiß nicht selten auch in gefällige Akkorde auflösen, so ist es oft angenehm zu bemerken, wie sich die akkordierenden Töne einander, wie die Teilungs-Striche an einem Vernier den Strichen der Hauptteilung, immer näher und näher rücken, bis sie endlich zusammen fallen. So entsteht wenigstens Mannigfaltigkeit. Bei dem englischen Geläute ist nichts dergleichen. Wer die erste Ton-Folge gehört hat, wird All sein Leben lang nichts andres hören. In diesem Geläute, glaubte unser guter Richard Whittington, der die Haustüre nur sanft beigemacht hatte, die Worte zu hören, die bei dem dortigen Volke, zumal der gesprächigen Klasse, die, neben der eigentlichen Geschichte her, noch immer einen kleinen Schleichhandel mit Traditionen treibt, sehr berühmt sind: Turn again, Whittington, Thrice Lord Mayor of London! »Kehre um, Whittington, Dreimal Mair' von London!« Einiger Leser wegen, die noch immer Mayor wie das militärische Major aussprechen, wird erinnert, daß dieses Wort, so wie das Wort thrice , in der Aussprache einsilbig ist, und völlig, wie das französische Maire in der Prose, ausgesprochen wird. Ich habe daher auch das französische Wort in der Übersetzung gewählt, und einsilbig gebraucht, weil Versen, wie diese, niemand leicht die Ehre der Prose versagen wird. Übrigens ist es gut, beim Lesen dieser Zeilen, zumal der zweiten, nicht an Daktylen zu denken, sondern die Silben einzeln, wie in ut, re, mi etc. alle gleichlang abzustechen. So kömmt auf jede Silbe ein Glockenschlag und mit jeder Zeile das Geläute einmal ganz herum. Dieses Geläute weckte in Whittington endlich den Entschluß, umzukehren, der vermutlich vorher schon, zwischen Schlaf und Wachen, halb sicher, halb unsicher, bei ihm geschlummert haben mag, völlig. Er kehrte zu seinem Herrn zurück, und fand nun die bloß beigezogene Türe, die er wahrscheinlich auch in jenem Schlummer von Entschluß nur beigezogen hatte, sehr vorteilhaft. Er immigrierte nun wieder, so wie er emigriert war, ohne daß man eines von beiden oder die Zwischenzeit bemerkt hätte. Der Erklärer dieser Blätter kann nicht leugnen, daß ihm dieser Zug, es sei nun Wahrheit oder Erdichtung, sehr gefallen, und zuerst bewogen hat, in der Geschichte weiter zu lesen. Er ist ganz aus menschlicher Natur geschöpft. Wer lebt wohl, der nicht in seinem Leben irgend einmal einer regelmäßig wiederholten Folge von Tönen, oder anderer Schall-Arten, Bedeutung und Sprache untergeschoben hätte? Und wer in der Welt weiß sich so frei von allem kleinen Aberglauben, daß er nicht gewisse Ereignisse, sie haben auch Namen wie sie wollen, eine kurze Zeit als Vorbedeutung angesehen, oder sich wohl gar selbst solche Ereignisse geschaffen hätte? Es sind dieses kleine unschuldige Spiele, die Herz und Phantasie mit einander treiben, und denen die herrschende Vernunft gerne und lächelnd vom Thron herab zusieht, die aber, wo diese Zuchtmeisterin fehlt, leicht, wie es mit mehreren Kindern geht, die man ungezäumt fortwachsen läßt, zu einer gefährlichen Bengelhaftigkeit hinan gedeihen können. Genug, dieses Geläute stieß bei unserem Whittington auf ein Paar Ohren, deren innere Gänge zu einem Kopf und einem Herzen führten, worin Keime von Kräften lagen, die durch die geringste Wärme, selbst die des Aberglaubens nicht ausgenommen, den ersten beseelenden Anstoß erhielten, und nun frei zu wirken anfingen. Ein armer Küchenjunge freilich, der ohne äußere Vorbereitung durch Zigeuner und Kaffee-Satz, die Glocken verkündigen hört, daß er dereinst Lord-Mayor werden würde, der ist es schon, möchte ich sagen, über die Hälfte. Die Leser werden diese kleine Ausschweifung verzeihen, und gütigst als ein bloßes Geläute ebenfalls dulden, das, so viele es auch, wie ich das englische, für Geklimper halten mögen, doch immer hier oder da vielleicht seinen Whittington antrifft, der es gehörig aufnimmt. – Dafür kann ich Ihnen aber auch jetzt sogleich die angenehme offizielle Nachricht erteilen, daß während der Zeit das Schiff Einhorn von der Küste der Barbarei glücklich angekommen ist. Es lief mit reicher Ladung in die Themse ein. Alles kam gesund und froh zurück; nur Whittingtons Rips nicht, den hatte man zurück gelassen, wiewohl ebenfalls gesund und froh, wie wir sogleich hören werden. Der Kapitän berichtete seinem Patron: daß sie glücklich in einem den Engländern bisher ganz unbekannten maurischen Staate gelandet wären, wo sie der König sowohl als die Königin mit ganz besonderer Gnade und Distinktion aufgenommen hätten. Bald nach ihrer Ankunft wurden sie zur Tafel geladen. Damals war es also dort anders als jetzt. Dieses ist nicht zu verwundern. Die Jahrbücher sagen, daß dieser Whittington im 17ten Jahr der Regierung Richards II. Sheriff von London gewesen sei, also im Jahr 1393, und folglich vor 400 Jahren. Es lassen sich also die heutigen Gebräuche auf jener Küste sehr gut aus den Fortschritten erklären, die das menschliche Geschlecht mit jedem Jahrhundert der Reife näher bringen. Die Speisen wurden, der dortigen Gewohnheit nach, auf dem Boden des Zimmers serviert. Kaum aber waren sie aufgetragen, als eine Menge von Ratzen und Mäusen hervorkam, und über die Schüsseln herfiel. Weil der König und seine Gemahlin dieses mit ziemlicher Gleichgültigkeit ansahen: so fragte der Kapitän den König, ob dieses mit Sr. Majestät gnädigster Bewilligung geschähe? Nein! versetzten Sr. Majestät, aber wir können nicht anders; wir müssen es wohl dulden; es ist mit diesen Schranzen gar kein Auskommen mehr. O! die will ich wohl wegschaffen, erwiderte der Kapitän. Ich habe ein Tier am Bord, das soll in wenigen Minuten dieser Impertinenz ein Ende machen. Rips wurde alsbald gelandet und gebracht. Die Geschichte sagt, daß die Freude und das Erstaunen beider Majestäten ganz unglaublich gewesen wäre (es ist aber wirklich das Glaublichste bei dieser ganzen Geschichte), als sie den kleinen Tiger, nicht über die Speisen, sondern bloß über diese ungebetenen Gäste hätten herfallen sehen, wovon er einige fraß, andere tödete und die übrigen verjagte. Der Tag wurde sogleich in den Jahrbüchern der sonst langen und glücklichen Regierung, als der erste angemerkt, an welchem man bei Hofe ruhig zu Mittag gespeiset habe. – Und wo ist denn nun Rips? fragte der Kaufmann – den habe ich dem König schenken müssen. – Müssen? Er wird doch wohl etwas dargegen geschenkt haben. – Das hat er, aber bloß einige maurische Kleinigkeiten. – Nun die muß der arme Whittington haben. Laß sehen. Nun wurden erst die sehr beträchtlichen Gewinne der übrigen Bedienten gebracht, die schon über den armen Küchenjungen und seinen promovierten Kammer-Jäger zu lächeln anfingen; als es auf einmal ein Gepolter und Gefluche auf der Treppe setzte. Das trage der Henker weiter, ich wahrlich nicht , wetterte ein Kerl. Als die Last dann endlich doch von demselben weiter getragen wurde, fand sichs, daß es eine Kiste mit Gold war; dieser folgten noch andere, und endlich brachte der Kapitän selbst ein Kästchen mit Juwelen von so ungeheurem Wert, daß Whittington alle Kirchen von London mit allen Glocken dafür hätte kaufen können. Sieh, sagte er, Whittington, das bringe ich dir für deine Katze, für deine Redlichkeit, für dein Leiden, indem er nach der Köchin blickte, und für dein gescheites Gesicht. Noch verdient bemerkt zu werden, daß der König doch vielleicht nicht so äußerst liberal gewesen sein würde, wenn sich nicht zur Freude des Hofes und des ganzen Landes der glückliche Zufall ereignet hätte, daß die Katze, bald nach ihrer Promotion, von sechs Jungen entbunden worden wäre, die durch ihre Treue im Dienst, endlich nicht bloß den Hof von Ratzen und Mäusen reinigten, sondern überhaupt diese schwarzen Legionen im ganzen Lande nötigten, einen gewissen Grad von Subordination anzuerkennen. Daß dieses Gold und diese Edelsteine auch die geheimen Wege zu Whittingtons Kopf und Herzen wieder gefunden haben, die das Geläute durch das Ohr fand, ist gewiß. Er ward freigebig, sogar gegen die Köchin, trat mit seinem Herrn in Compagnie, heiratete dessen Tochter, und wurde unter drei Königen, nämlich im 20ten Regierungsjahr von Richard II, in dem 8ten von Heinrich IV, und im 7ten von Heinrich V. Lord Mayor und ein großer Mann. Es hat seine völlige Richtigkeit, daß es in jenen Zeiten einen Mann dieses Namens gegeben habe, der dreimal Lord Mayor gewesen ist. Von seinem Reichtum machte er den weisesten Gebrauch, und mehrere öffentliche Gebäude, die er aufführen ließ und einige milde Stiftungen werden seinen Namen weiter auf die Nachwelt bringen. Er stiftete unter andern ein eigenes Bethaus mit einem Directeur, Collegiaten, Chorsängern etc. und eine Anstalt für 13 arme Männer, welches Whittingtons Collegium hieß; der größere Teil des Bartholemäus-Hospitals in West-Smithfield, das schöne Bibliotheks-Gebäude in Grey-Friars, jetzt Christus-Hospital genannt, ein Teil von Guildhall, wie auch das ehemalige Newgate sind sein Werk. Dem letzten der oben genannten Könige schoß er große Summen zum Kriege gegen Frankreich vor, und verbrannte nachher, wie man sagt, die Obligation bei einem Gastmahle, das er dem Könige gab. Die historische Muse fügt hinzu, es sei dieses in dem Kamin geschehen, worin Zimt und andere wohlriechende Hölzer gebrannt habe. In einer handschriftlichen Nachricht, die mir über diesen Mann zugekommen ist und die seine Geschichte mit Ernst behandelt, wird am Ende gesagt, daß wenn man dem Testamente, das man von ihm habe, Glauben beimessen könne, so sei er der Sohn eines Baronets gewesen, und habe seinen Reichtum nicht so wohl einer maurischen Majestät, als vielmehr einem englischen Könige zu danken gehabt. Indes findet sich die Geschichte mit der Katze auch sogar auf den Kupferstichen, die man von diesem würdigen Manne hat, angedeutet. Er wird auf denselben in dem reichen Ornat eines Lord Mayor vorgestellt mit der Katze neben sich. Die Geschichte nennt ihn Sir Richard Whittington, weil er unter Richard II. zum Ritter geschlagen worden ist. Diese Geschichte erzählt eine Ballade von 32 Strophen, wovon ich eine Abschrift besitze. Sie fängt sich sehr tröstlich so an: Here must I tell the praise Of worthy Whittington, Known to he in his days Thrice Lord Major of London. Deutsch und ebenfalls tröstlich: »Das Lob will ich erheben Des wackern Whittington, Der war in seinen Leben Dreimal Mair' von London.« Mehr wird wohl nicht nötig sein, von der Ballade anzuführen, um den Rest für entbehrlich zu halten. Vermutlich ist es nun dieses Lied, was hinter Gutkinds Sitz angenagelt ist, und in dieser Rücksicht würde die Geschichte, die dessen Inhalt ausmacht, schon hierher gehören, wenn auch die öftere Erscheinung der Katze in diesen Blättern nicht schon so etwas ratsam gemacht hätte. Die Katze kömmt wirklich in diesen Blättern dreimal vor, vielleicht nicht ohne geheime Rücksicht des Künstlers auf die erzählte Geschichte. – Über Faulhansens Haupte ist ebenfalls eine Ballade, Moll Flanders , angenagelt, die ich nicht kenne, die man aber auch nicht zu kennen braucht, wenn man den jungen Menschen kennt, dessen Lieblingsgesang sie ist. Wirklich ist sein Kopf auch so erklärend für alles, was ihm auf irgend eine Weise zusteht, daß man bei einem flüchtigen Blick auf das Stuhlgebälke jener Gegend, fast Gefahr läuft, es für Galgen-Boiserie zu halten. Einer Moll Flanders ist übrigens in der vierten Lieferung, S. 971, gedacht worden. Man hat eine Lebensbeschreibung von ihr in einem mäßigen Oktav-Bändchen, das ich flüchtig durchgesehen habe. Ist die hier angeheftete Ballade ebenfalls ein gereimter Auszug daraus, wie es die whittingtonsche aus Whittingtons Leben ist, so läßt sich ihr Gehalt auch ohne den beigedruckten Kopf finden. Denn das Buch ist, vorzüglich in dessen letzter Hälfte, ein wahrer Gradus ad patibulum , und übertrifft den Gradus ad Parnassum an zweckmäßiger Behandlung seines Gegenstandes bei weitem. Unter jedem dieser Blätter finden sich passende Stellen aus der Bibel angeführt, die ein gewisser Geistlicher, Herr Arnold King, unserem Künstler, dessen Freund er war, angegeben haben soll. Bei gegenwärtigem Blatte sind beide aus den Sprüchen Salomons genommen. Unter dem Fleißigen: Lässige Hand macht arm, aber der Fleißigen Hand machet reich. Unter dem Faulen: Die Säufer und Schlemmer verarmen, und ein Schläger muß zerrissene Kleider tragen. Dieses Verfahren verdient Nachahmung, und kann dem, der zu zeichnen versteht und die Welt kennt, ein unerschöpflicher Quell von Erfindung lehrreicher Unterhaltung für allerlei Stände werden. Die weisesten Sprüche verlieren bei unzähligen Menschen, so wie die Arzneien, ihre relative Kraft durch öftere Wiederholung in derselben Form. Sie werden noch gehört, auch wohl noch verstanden aber nicht eigentlich mehr mit der Anschaulichkeit, ohne die kein fester Entschluß gegründet werden kann. In diesen Fällen übernehmen oft die schönen Künste, redende und bildende, die Bestellungen der Sittenlehre an die Behörde. Sie stärken durch schickliches dem Stande und den Kenntnissen des Lehrlings angemessenes Detail den Flüchtigsten wieder mit Empfänglichkeit für die Lehre. Was er überhört hatte, als es für alle gesprochen wurde, vernimmt er nun deutlich, wenn es ihm in sein Cabinet und in seine Werkstätte zugerufen, oder nach Befinden der Umstände zugeflüstert wird. Gegenwärtiges Werk unseres Künstlers ist eigentlich ein solcher gezeichneter Kommentar über jene beiden Sprüche der Bibel, für den Horizont einer Gattung des dritten Standes berechnet. Die Sprüche unter den übrigen Blättern, sind alle jenen ersten untergeordnet. Sie erklären und unterrichten, aber der Unterricht ist bloß Entwicklung des Hauptsatzes. So betrachtet, gewinnt dieses Werk angenehme Einheit. Das Dutzend Blätter, woraus es besteht, erinnert an zwölf Monatskupfer. Sollte Deutschland keine Künstler haben, die eben diese Sprüche einmal für einen andern Gesichtskreis, oder ein Paar andere auf eben die Weise behandeln könnten, um irgend einen unserer unzähligen Almanache damit auszusteuern? Was für ein Beitrag zu einer Bilder-Bibel! – Ehre und Honorarium dem der es unternimmt. Zweite Platte Industry and Idleness The industrious 'Prentice performing the Duty of a Christian Fleiß und Faulheit Der Fleißige in Erfüllung der Pflicht eines Christen Spruch: Wie habe ich dein Gesetz so lieb: täglich rede ich davon. Psalm 119. V. 97 Die Christenpflicht, die Gutkind hier erfüllt, heißt Besuchung des öffentlichen Gottesdienstes. Das Blatt stellt das Innere einer Kirche vor. Unser Künstler hat es derselben an Schmuck nicht fehlen lassen, weder an leblosem, architektonischem, noch an jenem höherer Art, ich meine dem lebendigen, unstreitig dem größten, dessen eine Kirche fähig ist, nämlich einer zahlreichen Versammlung andächtiger Menschen. Freilich werden Kenner der Architektur und der Andacht finden, daß manches unter dem Architektonischen nicht so ganz architektonisch, und unter dem Andächtigen nicht so ganz andächtig ist. Ja es scheint fast, als hätten sich einige der letzteren sogar, wo nicht der Leblosigkeit, doch der Taubheit der erstern gar merklich genähert. Wirklich hat der Schlaf, der beliebte Halbbruder des Todes, einige zu wahren Halbbrüdern von Säulen-Blöcken gemacht. Doch hiervon mehr, wenn wir erst die wahren Zierden werden kennen gelernt haben. Gleich voran, rechter Hand, steht unser Held, der fleißige und fromme Gutkind, und singt mit Miß West, der Tochter seines Prinzipals, aus demselben Gesangbuche. Die sanfte Öffnung des Mundes, die Art wie er das Gesangbuch hält, die unverkennbare Aufmerksamkeit auf das, was er singt, und selbst die Wellenlinie seines Haares, sind so ganz im Charakter, daß man wohl sieht, daß Hogarth auch Sinn für edle Einfalt hatte. Gutkinds sanftes Ausweichen mit dem Kopfe, um der Miß West den bequemsten Augenpunkt beim Lesen zu überlassen, ist gewiß sehr schön, weil es sich so ganz außerhalb der Grenzen der Komplimenten-Künste mit einer Feinheit hält, die man unserem Künstler kaum hätte zutrauen sollen. Das jugendliche Paar vergißt bei seiner Herzensgüte im Angesicht dessen, den es hier anbetet, alle die Submissions-Zeichen, die Er nicht selbst in ihr Herz geschrieben hat. Es ist wohl kaum nötig zu erinnern, daß Gutkinds rechte Hand nicht sowohl auf das Herz gelegt, als bloß in der Gegend untergesteckt ist, um nicht zu hindern. Fäuste werden wohl zuweilen in der Tasche gemacht, aber keine Hand unter der Weste auf das Herz gelegt, aus Andacht. Die andächtigen Fäustchen wollen gesehen sein, und so andächtig ist unser frommer Held nicht. Im Vertrauen können wir wohl hier unsern Lesern sagen, daß diese junge Miß West, noch vor dem Ende der Geschichte, Madam Gutkind wird. O! welch ein Augenblick für den Himmel, jetzt ihre Ehe zu beschließen! Und wer weiß, was diesen Augenblick im Himmel vorgeht. Die Fäden des Bandes, das tugendhafte Herzen verknüpfte, sind alle schon im Kleinen, was das Band selbst im Großen ist, sie laufen alle so weit als das Auge sie verfolgen kann, doppelt fort, und verlieren sich endlich in tausend Dinge, unter andern auch wohl einmal in einem gemeinschaftlichen Gesangbuche, in der Kirche. Dieses scheint hier der Fall zu sein, nur wissen unsere beiden Naturheiligen sicherlich nichts davon, und das ist auch recht gut. Der Mensch muß nicht gleich alles wissen . Es ist vielmehr eine sehr weise Einrichtung seiner Natur, daß er von den großen Haupt-Prozessen, die sie zu seinem Vorteil führt, und worin er endlich mithandeln muß, nur alsdann erst etwas erfährt, wenn er sie nicht mehr verstümpern kann. Nur, teuerstes Pärchen, ums Himmels willen nicht näher gerückt! Daß sich eure Blicke in diesem Buche begegnen, ist vollkommen gut, wenigstens gleichgültig und selbst gleichgültiger, als daß es eure Hände gemeinschaftlich halten. Aber bleibt ja außerhalb des Wirkungskreises (der Schlagweite , würde ein Elektriker sagen) eures jugendlichen Atems, oder, wenn sich dieses so nicht gut tun läßt, so bringe künftig jedes fein sein eignes Gesangbuch mit. Es ist in Wahrheit Jammer Schade, daß uns Hogarth diese Platte nach einem so kleinen Maßstabe geliefert hat. Die Folge davon ist, daß man hier größtenteils nicht so wohl Menschen, als bloß besetzte Plätze sieht, wodurch bloß dem Prediger und seinem Kirchspiele eine Ehre erzeigt wird, wobei aber der Künstler selbst leer ausgeht. Gewisse Menschen, wenn sie singen, zumal wenn sie, ohne abgerichtet zu sein, lobsingen, haben eine solche Menge Register zu ziehen, worunter (sehr sonderbar) das Register vox humana gewöhnlich nur selten vorkömmt, und wissen alles dieses mit einem Gebärden-Accompagnement vorzutragen, das so ganz innerhalb des eigentlichen Reviers von Hogarths Genie fällt, daß man sich wundern muß, wie er diese Gelegenheit so ungenützt hat können vorbeigehen lassen. Vielleicht wäre es auch noch ohne Vergrößerung möglich gewesen, wie einige Proben ausweisen, von denen wir hernach reden wollen. Im Vorgrunde gibt er uns neun Subjekte mit völliger Deutlichkeit. Sieben darunter sind in tönender Andachtsbezeigung begriffen, von einem achten ist es ungewiß; ein neunter pausiert, oder hat wenigstens ein außerandächtliches Schnarrwerk gezogen. Ist es der Kürze wegen verstattet, diese Sänger des Tempels und ihre Manieren mit denen des Waldes, der Felder und des Meierhofes zu vergleichen: so hätten wir hier 1) zwei liebliche junge Himmels-Lerchen ( Alauda aruensis Linn. Engl. Sky-Lark ), die sich auf Flügeln der Andacht zu ihrem Schöpfer erheben. Hinter diesen entweder einen Kropf-Tauber, Kröpfer (Columba guttturosa; Franz. le pigeon à grosse gorge) , wenn es nicht gar eine Kropf-Gans (Pelecanus onocrotalus) ist. Aus der Schnabel-Öffnung zu schließen, wäre wohl der dort an der Säule ein Antvogel (Anas Boschas) , und das alte Weib, die Stuhlbeschließerin, die da linker Hand mit dem dritten Gelenke kniet, ein Nußhäher (Corvus Caryocatactes, Engl. the nut-cracke So heißen im Englischen im Scherz Personen, bei denen sich Unterkinn und Nasen zu begegnen anfangen. . Die beiden so sehr Beschatteten sind schwer zu erkennen, und man weiß nicht, ob es Stare (Sturnus vulgaris) oder Schwarzdrosseln (Turdus Merula) sein sollen. Die meiste Schwierigkeit macht unstreitig das schlafende Vögelchen auf der Bank dahinten. Wäre das niedliche Tierchen gesangreicher: so wäre, gewisser Ähnlichkeiten wegen, der Dom-Pfaffe oder Gimpel (Loxia Pyrrhula) das passendste Geschöpf. So aber mag es wegen seiner Schwerleibigkeit und der Rolle der Non-Existenz, die es hier spielt, S. Blumenbachs Naturgesch. 5te Auflage. 1797. S. 201. ein Du Du (Didus ineptus, Cygnus cucullatus) sein. Diesen Du Du , den Hogarth, um die Andacht der Hauptgruppe zu heben, als Schlag-Schatten gleich hinter ihr angebracht hat, hält der anonyme Erklärer für einen Lichtgießer; vermutlich doch wohl mehr des Talgs als der Erleuchtung wegen. Alle Ausleger dieses Blattes haben diesem Manne ein Paar Zeilen gewidmet, die er schwerlich erhalten haben würde, wenn er gewacht hätte. So gewiß ist es, daß der Mensch nie stärker interessiert, als wenn er in seinem Charakter handelt. Wie sanft er sich da, in eignes Fett wie einbalsamiert, ohne alle Parade beigesetzt hat, und dem vollstimmigen Requiem, das die Gemeinde anstimmt, mit behaglichem Scharrwerk accompagniert: O wie habe ich dein Gesetz so lieb; wöchentlich schlafe ich ein paarmal publice darüber ein. – Der guten alten Stuhlbeschließerin sind wir noch eine kleine Reparation d'honneur schuldig . Das arme Weib kam, ornithologisch geächtet, unter die Nußhäher zu stehen. Dieses macht ihr so wenig Schande, als einem Heiligen die Habichtsnase, oder dem Löwen, daß er im System unter den Katzen steht. Das sind die besten Weiber, die so beten, wenn sie in der Kirche beten, stille für sich und sogar mit dem Rücken nach dem Parade-Platz. – Warum die unzähligen Gesichter unten abwärts vom Prediger, alle gerade hierher gerichtet sind, ist nicht so ganz deutlich. Wissen können sie es doch da unten unmöglich, daß hier oben jetzt ein Band vom Himmel geknüpft wird; und eine so große Seltenheit ist ja dieses auch in England, selbst in den Londonschen Kirchen nicht. Um sich dem Anschauer zu zeigen, kann es auch nicht sein, denn sie zeigen zu wenig; man könnte sie, ornithologisch behandelt, fast eben so gut unter die Kirchen-Sperlinge als unter die Kirchen-Schwalben rechnen. Hätte Hogarth die Köpfe abwärts gedreht, so wäre die Arbeit, seiner Absicht gemäß, wohlfeil geworden, und mancher Zuschauer hätte sich die Gesichter selbst so kostbar und gut vorgestellt, als sie seine Phantasie nur immer hätte liefern können. Jetzt sind die Gesichter fast wohlfeiler als die Arbeit, und der Leser muß sie, wohl oder übel, nehmen wie sie sind. Diese Übereilung Hogarths soll sich, wie ich höre, Sayer, ein berühmter Kupferstichhändler, zu Nutz gemacht haben. In einem Nachstich, den er von diesen Blättern besorgt hat, sollen diese Gesichtchen meisterhaft behandelt worden sein. Was hier vom Zufall hingeworfen, wie Verschimmelung oder Staub läßt, zeigt dort pathognomisches Organen-Spiel oder physiognomische Krystallisation. Was Hogarth hätte tun können, wenn er gewollt hätte, hat er, außer einigen andern Köpfchen, vorzüglich an den drei Personen gezeigt, die hier präsidieren, nämlich (in aufsteigender Linie gezählt) dem Küster , dem Vorleser und dem Prediger . Wenn ein Küster, nachdem er die Rippenstöße des Küster-Schicksals in dieser Welt lange ertragen hätte, zum zweitenmal zu einem Embryo, von der Größe einer Roß-Ameise, zusammenschwände, mit Rock und Sonntags-Perücke versteht sich, so könnte er schwerlich in Spiritus anders aussehen, als dieser hier. Wie gelassen und hohlwangig! Leidender Gehorsam und Anspruchlosigkeit war sein Charakter, und Mangel ein Teil seiner Natural-Besoldung. Beim Vorleser hat sich offenbar mit der größern Masse, als der des Küsters, auch mehr Prätension eingestellt; man sieht, er will gesehen sein, und er selbst sieht bloß deswegen so scharf hin, wo wahrscheinlich nichts ist, um die Leute zu nötigen, hinzusehen, wo, seiner Meinung nach, sehr viel ist. Im Prediger wenig hervorstechende Ausdehnung nach irgend einer der drei Dimensionen, und weder im Gesicht noch im Anzuge etwas Auffallendes, das doch gewiß dem Schöpfer des Vorleser- und Küster-Gesichts zu Gebote stand. Man sieht wohl, der Künstler hat seinen Griffel vorsätzlich angehalten, um nicht den gänzlichen Mangel an Prätension in dem Manne durch irgend einen positiven Zug zu verdecken. So ist es ein ganz unbefangenes Studier-Gesicht. Ruht diese Kirche nun nicht recht sicher auf diesen drei Stützen? So würde aber überhaupt alles in der Welt, was gestützt werden muß, stehen, wenn es mit so vieler Weisheit gestützt würde, wie hier. Alles, wo es hingehört. Hier stehen sie, diese Säulen der Kirche, nach der Rang-Ordnung ihrer Kraft. Der eine weiß nicht viel, und weiß dieses auch; der andere weiß nicht viel, und weiß es nicht, und der dritte weiß viel und glaubt es nicht. So trägt also jeder gerade so viel als er vermag, und würde seine Last vielleicht nicht so tragen, wenn er sich wirklich stärker fühlte, und so ist alles gut. Da nun in allen Fakultäten und in allen Geschäfts-Fächern, sie mögen Namen haben, wie sie wollen, Menschen aus jenen drei Ständen gebraucht werden können und gebraucht werden müssen: so lasse es der Himmel, wenigstens dem anordnenden Departement nie an Männern fehlen, sie wenigstens so anzustellen wie hier! Freilich Jammer Schade, daß selbst im anordnenden Departement nur zu oft der Küster auf der Kanzel steht. Warum der Künstler wohl der Treppe auf die Kanzel die seltsame Bogen-Form gegeben haben mag? Hogarth verstand sich zu gut auf die Perspektive, um nicht zu wissen, daß zwar manche krumme Linie dem Auge in gewissen Lagen gerade, aber die geraden nie krumm erscheinen können. Einem Mathematiker könnte wohl bei dieser Krümmung die Zykloide einfallen. Was könnte aber die hier für einen Nutzen haben? Etwa den, daß, wer von der obersten Staffel herabstürzt, nicht mehr Zeit brauchte unten anzukommen, als von jeder andern Staffel auf dem Wege? Dieses wäre zwar bequem, ist aber nicht sehr wahrscheinlich, und überdas möchte wegen der Staffeln und der Friktion wenig Kluges bei der Anwendung herauskommen. Auch fällt ja das Meisterstück der Schöpfung, wenn es fällt, zumal in pontificalibus , nicht wie ein Kugel-Tier. – Ob die Baukunst überhaupt von solchen Treppen wisse, weiß ich nicht, wenigstens habe ich nie eine dergleichen gesehen oder davon gehört. Krumme Wege auf die Kanzel gibt es wohl, dahin gehören z.B. die Wendel-Treppen, eine seht bekannte Art, und dann eine nicht minder gewöhnliche, von der ich hier schweige, um der Ehre des Herrn Pastors zu schonen, die ich so ernstlich in Schutz genommen habe. – Was für eine Kraft den nichts weniger als ätherischen Prachthimmel dort über der Kanzel schwebend erhält, leuchtet ebenfalls nicht ein. So ganz ohne sichtbare Unterstützung, wie ein heiliger Schein oder ein Luftball da zu hängen, ist bei einem solchen Schnitzwerk gegen die Gesetze der Natur, und wäre er an die Säule angeklammert, gegen die Gesetze der Baukunst: denn Säulen dürfen bekanntlich nur auf den Köpfen tragen. Dem Künstler hierbei eine geheime Absicht unterzulegen, halte ich gar nicht für ratsam. Hatte er eine dabei, so war es sicherlich keine ernsthafte, und eine kurzweilige, bei so wenigem Anlaß dazu erst aufzusuchen, ist der Erklärer dieser Blätter eben so wenig fähig als geneigt. Unsere Kanzeln, sagte einmal ein Trinker, erinnern mich immer an meinen kostbaren Pokal; und mich lehrt der kostbare Pokal, zu genießen, was darin dargereicht wird, aber nicht viel weder mit ihm noch auch nur mit dem Deckel zu spielen. Nun noch zum Beschluß ein Paar Worte über die Überschrift des Blattes: » Der Fleißige in Erfüllung der Pflicht eines Christen .« Und was ist das für eine Pflicht, die er da erfüllt? Antwort: Er besucht die Kirche, den Gottesdienst , wie man im Deutschen sagt. Es sollte also doch wohl heißen: in Erfüllung Einer der Pflichten eines Christen, denn es gibt bekanntlich derselben mehrere, ohne deren Erfüllung das Verdienstliche bei der gegenwärtigen, die hier so schlecht weg die Pflicht heißt, auf ein wahres Nichts hinausläuft. Und dieses heißt noch oben drein Gottesdienst . Gütiger Gott, wie verkennt man dich! Man sollte doch endlich einmal Singen , Beten und Predigten anhören mit einem schicklichem Wort bezeichnen, wodurch der wahre Begriff dieser an sich sehr löblichen Handlung einer großen Klasse von Menschen, bei denen nicht Singen und Beten , sondern Religion selbst eine bloße Sonntags-Affaire ist, zu nicht geringem Heil ihrer Seele näher vor die Augen gerückt würde. Den Götzen und ihren Priestern dient man in den Tempeln; man frönt ihnen; der Christ soll seinem Gott da nicht dienen , sondern dienen lernen. Außer dem seinen Nächsten lieben wie sich selbst , und Recht tun , gibt es keinen Gottesdienst in der Welt. Wer das noch nicht weiß und nicht glauben will, der erzeige sich selbst den Dienst , gehe in die Kirche und lerne es dort. So wie das Kirchengehen, Singen und Beten von Neun unter Zehn jetzt getrieben wird (denn ein Treiben ist es), ist es nicht einmal ein heiliger Börsen-Besuch, wo man wenigstens Neuigkeiten aus dem Reiche der Sitten zu hören wünschte und hoffte. Nein, diese Besuche sind den meisten nur eine Art von wöchentlichem Ablaß , den man am Ende wohl gar noch dadurch einlösen zu können glauben wird, daß man bloß vorfährt und eine Karte mit p.e.s. (pour entendre sermon) abgibt. Dritte Platte Industry and Idleness The idle 'Prentice at Play in the Church-Yard, during divine Service Fleiß und Faulheit Der Faule auf dem Kirchhof beim Hazardspiel, während der Predigt Spruch: Den Spöttern sind Strafen bereitet und Schläge auf der Narren Rücken. Sprüchw. Sal. Cap. 19. V. 29 Der Schauplatz hier ist der Kirchhof zu der Kirche, in deren Inneres wir noch so eben hinein geblickt haben, und wovon man jetzt im Hintergrunde die Außenseite und den Eingang sieht. Daß wenigstens die Freiplätze des dritten Standes, die so genannten Jedermanns-Stellen alle besetzt sind, sieht man hier auf dem Kirchhofe besser, als da, wo wir vorher gestanden haben. Selbst in der Vorlaube drängen sich noch andächtige Menschen. Die Haupt-Gruppe des Blattes stellt ebenfalls eine kleine Brüderschaft vor, die auch ihre Andacht, wiewohl außerhalb der Kirche, hält. Doch ist es keine gemeine Privat-Andacht; sie wird aus Mangel an Raum im Gotteshause, wenigstens auf dem Gottesacker geübt, der seinen Namen und Ursprung ganz ähnlichen Grundsätzen unserer frommen Vorfahren bei einer ähnlichen Verlegenheit zu danken hat. Jeder Gerechte wünschte nämlich dereinst sein Ruhekämmerlein so nahe am Altar zu haben, als möglich. Daß es zu einer Zeit, wo sowohl der Gerechten als der Ärzte mehr waren, als jetzt, und wo die Gerechten noch Geld hatten, ihre Wünsche zu unterstützen, bald an Raum fehlen mußte, ist sehr begreiflich. Man gab also dem Altar, unter der Erde weg, einen größern Wirkungskreis, und bewies von der einen Seite, was von der anderen sehr gern geglaubt wurde, daß man am Altar läge, wenn man innerhalb jenes Kreises lag. So entstanden Kirchhöfe. Also Vorsorge für das Heil ihrer Seelen, veranlaßte unsere guten Alten, die Begräbnisse in und um die Kirchen anzulegen; Wir, aus ähnlicher Vorsorge für unsere Leiber, haben nun diese Stellen selbst, jedoch mit Beibehaltung des Charakters von Kirchhöfen und Gottesäckern, außerhalb der Stadt verwiesen. Die Prinzipien, auf die sich beiderseitiges Verfahren gründet, liegen vor Augen. Dort war es größtmögliche Annäherung zum Altare im Tode, und hier größtmögliche Entfernung von Stick-Gas, von gekohltem, geschwefeltem und gephosphortem Wasserstoff-Gas im Leben. Dieses ist sehr klar. Aus was für Prinzipien man aber in einem gewissen berühmten Städtchen den Juden-Kirchhof unmittelbar beim Galgen angelegt hat, verstehe ich nicht. Hier kann es offenbar nicht aus einem Bestreben nach Annäherung geschehen sein, auch aus keinem nach Entfernung. Denn bei jeder zweckmäßigen Entfernung von Personen sowohl als Sachen, ist es unumgänglich nötig, daß sie in einer Richtung geschehe, wobei aller Verdacht so wohl, als alle Gefahr einer Annäherung zu einem weit mißlichem Punkt vermieden wird. Es ist sonderbar. So viel zur Rechtfertigung dieses Häufleins von Seiten des Orts. Wirft man überdies nur einen flüchtigen Blick auf dasselbe, zumal zu rechter Zeit, worunter ich unmaßgeblich die Abend-Dämmerung, kurz vor dem Lichtanstecken, aus Menschenliebe empfehle, und wirklich auch selbst hierzu gewählt habe: so gewinnt es auch noch von einer andern gar sehr. Vor ihm nämlich ein offenes Grab, dessen Moder-Duft selbst die gedankenloseste Sinnlichkeit aus ihrem Traum zu wecken im Stande ist. Am Rande desselben die schauervollen Gegenstücke von Krone und Zepter, modernde Schädel und Schenkelknochen! Was mag da nicht das zerschlagene Herz dieser Brüder sich öffnen und jedes Samenkorn der Lehre mit geistischer Vegetations-Kraft umfassen und aufnehmen! Der Bruder-Redner hat sich über sein Thema, ein Epitaphium, wie man sieht, ausgebreitet; vermutlich ist es der Leichenstein eines reichen Geizhalses, den er für heute gewählt hat. Schon ist er im Text nahe ans Ende fortgerutscht. Hier ergreift ihn hoher Redner-Eifer; er zieht eine Handvoll Guineen aus der Tasche und wirft sie auf den Leichenstein. Sieh, Tor, solchen Kehrichts wegen verscherztest du die Ewigkeit. Nimms hin und bestich damit, wen du kannst, nur Eine der Tränen der Witwen und Waisen, die dich zu Tausenden verklagen! – – Das Häuflein wird gerührt; die Brüder fallen auf die Knie, einige auf eines, andere auf beide. Einer darunter, ganz in der Livree des heiligen – Labre , Ein berüchtigter römischer Faulhans, der, Salomons gerechtem Urteil gemäß, sein ganzes Leben hindurch zerrissene Kleider mit allen oneribus entomologicis trug, und nach dem Tode heilig gesprochen wurde. Sein Schutzdepartement sind die Papiermühlen. scheint das Weltgericht vor sich zu sehen; das Haar steht ihm zu Berge; er schlägt sich vor die entblößte Brust, und mit breitem, reuig-büßendem Franziskaner-Fuß stampft er auf die dünne Brücke, die hier über dem Abgrund der Verwesung liegt, gleichsam als spräche er: Sei du mir künftig das Bild des Lebens-Pfades, den ich noch zu wandeln habe. – Ein zweiter , auf beide Knie hingeworfen, scheint in Tränen der tiefsten Rührung wie zerflossen. Seine gefalten gewesenen Hände haben sich so eben getrennt; sie haben größere Zerknirschung auszudrücken, als einfache Faltung auszudrücken vermag. – Ein dritter , schon der Verzweiflung mehr als nahe, fühlt sich gestärkt; Trost kehrt zurück; er legt die Rechte auf das Herz, und die Linke, die bereits ausgesandt war, das Haupthaar auszureißen, fühlt die Wärme des innern Friedens, und kratzt nur noch vor dem Rückzuge. Wer sollte nun diesem, obgleich von der Kirche getrennten, Häufchen, nicht allen nur möglichen Frieden gönnen. Allein hier nicht also. Ein Emissarius der bischöflichen Kirche wittert die Separatisten, die sich erkühnen, den Acker Gottes nach andern Prinzipien zu bauen, als die hohe Kirche, und schleicht sich mit einem Endchen Bannstrahl hinter den Bruder-Redner, und gibt ihm – – – Nein! das wäre doch zu arg fürwahr. So was tut jene Kirche nicht. Hier wenigstens fordert die Menschenliebe, Licht anzuzünden! – – Gütiger, gerechter Himmel, was für eine Veränderung! – Was für ein Unterschied, eine kniende Gesellschaft, die sich obendrein an eine Kirche anschließt, erst in ihrer nativen, heimischen Dämmerung, und dann bei der Fackel der Wahrheit zu betrachten! O! Sie haben Recht, verehrungswürdiger Z... Diesmal wenigstens habe ich im Hogarth gesehen, was nicht ist. Ich bekenne es, ich stand schier auf dem Punkt eine Menagerie von Galgenvögelchen für ein Konventikel von Theophilanthropen zu halten. Der Irrtum war groß, ist aber nicht ohne Beispiel, selbst in natura nicht. Der meinige war doch nur in effigie . Hier ist die Wahrheit: Der lange Kerl, der da so gestreckt liegt, ist unser berüchtigter Caracalla Faulhans. Sein Prinzipal schickt ihn nach der Kirche. Unterwegs begegnen ihm drei gleichgeschaffene Seelen, Busenfreunde nicht so wohl aus dem dritten, als vielmehr dem verbotenen Stande, dessen Nummer gewöhnlich ein Bruch ist. Alle haben wenig Sinn, die moralischen Grillenfängereien dort an der Türe noch einmal zu fangen, und einer oder zwei sogar nicht einmal den Rock dazu; und so entsteht aus langer Weile die kurzweilige Quadrille-Partie über einem Grabe , eigentlich eine Art von Bänkchen auf einem Leichensteine. Das Spiel, das da gespielt wird, heißt im Englischen Hustle-cap (Schüttel-Kappe) . Ich kenne die Gesetze desselben nicht, aber so viel weiß ich, daß es eines von den Hazardspielen ist, wobei das Glück noch ein Wort mit sich sprechen läßt. Wirklich scheint Faulhans in einer kleinen Unterhandlung mit demselben zu stehen. Man sieht ihm an den Augen an, daß er mit seinem Hute und Rockzipfel eine Lüge mit Mühe bedeckt. Eine seiner eigenen Lügen versteht sich, keine schriftliche auf dem Grabstein, denn da ist es gewöhnlich leicht. Was für Gesichter, gütiger Himmel! Zwischen solchen Menschen wäre ehrliches Spiel fürwahr ein Wunder, das glaube ich unmöglich wäre, und wenn der Abbé Paris oder der heil. Labre selbst mit allen oneribus unter diesem Spieltische begraben läge. Unter dem rechten Beine unseres Müßiggängers erblickt man die Worte der Grabschrift, die er mit seinem Leibe bedeckt: Here lies the body of etc. » Hier liegt der Leib « usw., und, möchte man hinzusetzen, zugleich einer der drolligsten Einfälle Hogarths. Es sind nämlich hier der Leiber, und also der Lesarten, eigentlich zwei; einer über und einer unter der Erde. Welches die bessere sei zu entscheiden, gehört nicht für diese Welt. Indessen, wenn man nur nicht gegen die Regel, de mortuis non nisi bene , verstößt, so läßt sich wohl in einer so verwickelten Sache ein Wörtchen mitsprechen. Dieses vorausgesetzt, wäre ich ganz dafür, das Keller-Geschoß des Kirchhofs zu lassen, wo es ist, aber oben über der Erde in der Bel-Etage mit den Worten unseres verewigten Henslers fort zu lesen: »Hier liegt der Leib; das Glück ist Schuld daran, Daß man nicht, statt hier liegt, hier hängt er, sagen kann.« In diesem Quadrille ist Faulhans, wo nicht der beste, doch gewiß der reinlichste. Wenigstens ist ihm das Hemd noch immer näher als der Rock, da sicherlich zweien seiner Partie der Rock näher ist, als das Hemd. Man scheint diese Superiorität eines Hemdes zu fühlen. Im Reiche der Lumpen machen schon bloß die ganzen Kleider Leute. Er ist da ein Herr Diener, ein Herr Geselle. Eine Art von wenigstens transitorischer Unterwürfigkeit ist in den dreien auch nicht zu verkennen, und Faulhans scheint wirklich befehlend zu betriegen. O! ein gutes Kleid (hier ein ganzes) gewährt seinem Besitzer in tausend Fällen, und selbst an Orten, wo man es kaum denken sollte, das süße Recht, Unrecht zu tun. Faulhans ist Meister über zwei sicherlich, nicht aber so ganz über den Calculateur mit der gestreiften Nachtmütze über der Perücke, der da in der Mitte kniet, einen wichtigen Mann, den wir näher kennen lernen werden. Um ihn zu seiner Zeit desto leichter wieder zu erkennen, fügen wir dem künstlichen Merkmal der gestreiften Mütze noch ein natürliches hinzu. Es hat nämlich das volle Licht seines linken Auges, bei einer eigenen Art von Opposition mit einer fremden Faust, wobei es nämlich in die Bahn der Faust selbst geriet, nicht so wohl eine Total-Verfinsterung, als vielmehr eine totale Zerstörung erlitten. Dieses nun zu verbergen, oder der Zerstörung wenigstens das Ansehen von einer bloßen Verfinsterung zu geben, hat er ad interim ein großes, rundes, schwarzes Pflaster, also das Zeichen des neuen Lichts , über die Stelle geklebt, welches ihn sehr kenntlich macht. Faulhans, der hier seinen Solo-Betrug schon für völlig gesichert hält, kann sich in Acht nehmen, daß er nicht durch diesen Skeptiker noch Codille wird. Wie scharf er mit dem noch übrigen Auge sieht, kann man an seinen Händen sehen. So guckt kein flüchtiger Kopf. Ja gäbe man dem Manne sein Auge wieder und in die eine Hand etwa ein Vergrößerungs-Glas, so dürfte sich wahrlich kein Naturforscher und Papa, und wäre er auch membre de plusieurs académies , schämen, sich in dieser Stellung vor einer mikroskopischen Augen- und Gemüts-Weide in Kupfer stechen zu lassen. Von den beiden andern merkt keiner nur halb so viel als er ; eine wahre Prostitution für das: oculi plus vident quam oculus . Freilich könnte der Mangel an Scharfblick bei den übrigen auch daher rühren, daß beide so eben genötigt sind, einen Vertilgungs-Krieg gegen einen eben so listigen als lästigen Feind, der eine auf dem Kopfe, der andere in der Gegend der Achsel, zu führen. Man kann seinen Kopf nicht aller Orten haben. Es wäre aber auch möglich, daß der scharfe Beobachter nur der einzige Mitspieler wäre, die andern aber bloß zuschauende Kollegen, die nur sehen wollen, wer hier gewinnt, um ihm beim Nachhausegehen aus der Kirche mit fertigen Fingern oder fertiger Zunge kollegialisch so viel als möglich davon wieder abzunehmen. Aber ist unser Labre da, der Schuh- und Stiefel-Wixer, nicht ein herrliches Köpfchen? Wenn man das Muster zu dem Schnitt eines Kleides von einem Gesicht nehmen könnte, so könnte man von dem Anzuge dieses Kerls sagen, er wäre ihm wie aus dem Gesichte geschnitten. Was hier der Ellbogen dieses Geschöpfs für den Lumpenberg und die Papiermühle, selbst auf Unkosten seiner schönen Form, getan hat (denn ich halte für ein wahres Hühner-Auge auf dem Ellbogen, was vielleicht die Leser für das Kümmel-Eckchen halten), das hat die Bildnerin des Leibes, die tätige Seele des Mannes, für den Pranger und den Galgen, auf Kosten seines Profils getan. Es ist fast von dieser Seite zu viel geschehen, denn an Liebreiz übertreffen doch offenbar die beiden Fasten-Schädel da unten diesen Fleischkopf. Aber dafür ist er ihnen auch an Gabe überlegen, jedem Vorübergehenden auf der Heerstraße, der sich nur im mindesten einer Uhr oder Börse bewußt ist, ein kräftiges Memento mori zu bieten. Und doch ist dieser Kopf nichts weniger als Karikatur. O! wer London nicht kennt, kann sich unmöglich einen Begriff von der Biegsamkeit des physiognomischen Stoffes bei diesem großen Volke und dem Spiele machen, das die unerschöpfliche Natur dort mit Gesichtern treibt. Von der eigentlichen National-Physiognomie, die an sich schön ist, steigen sie und sinken sie von der einen Seite zu hohen idealischen Formen hinauf, und von der andern zu Pavians-Gesichtern hinab. Wenn es den Gesichtsformen der ersten Gattung freilich selten oder nie an jenen Beimischungen sympathisierender Züge fehlt, denen sogleich herzliches Zutrauen und Freude über zugesicherte Verwandtschaft in jedem Bewunderer auf den ersten Wink entgegenfliegt: so wäre es bei denen der zweiten, zu welcher namentlich unser Stiefel-Wixer gehört, nicht selten nötig, sie zeigte, wie er, eine der Hinterklauen, um den Zweifler zu belehren, daß es keine Hand sei. Bekanntlich haben die Paviane vier Hände . Der Herausgeber dieser Blätter hat Gelegenheit gehabt, mehrere von beiden Gattungen zu beobachten. Über die der ersten erklärt er sich an diesem Orte nicht weiter. Zu solchen Noten wäre hier kein Text. Allein eine kurze Beschreibung eines aus der zweiten kann er dem Leser als wahre Erläuterung des Textes nicht vorenthalten. Der Kerl, dem der Kopf gehörte, war stark und untersetzt, und allem Anschein nach vollkommen gesund und munter. Was sein Gesicht von allen unterschied, die ich in meinem ganzen Leben gesehen habe, war der gewiß sonderbare Umstand, daß man es beim ersten Anblick für gar kein Gesicht hielt, und es Zeit brauchte sich zu orientieren und sich mit den datis einzeln bekannt zu machen, um sie unter der Form eines Gesichts anschauen zu können; etwas, was mir sonst im ersten Augenblick, möchte ich sagen, mit jeder Sommerwolke und jedem Dintenfleck gelingt. Nach näherer Untersuchung fand es sich, daß der ganze Lärm von der Nase herrührte. Diese war eigentlich nicht platt, sondern ihr Rücken vielmehr beträchtlich hoch. Allein statt, daß sonst die hohen Nasen gewöhnlich sehr steil von beiden Seiten gegen die Backen abschießen, so neigte sich diese so sanft, daß die radices dieses Gesichts-Gebirges beinahe gegen die Ohren hin zu liegen kamen, wohin sie auch von den Nasen-Läppchen, wenigstens bis auf halben Weg begleitet wurden. Die Wirkung, welche diese sonst ziemlich einfache Abänderung im Ganzen tat, ist in Wahrheit unbeschreiblich. Es ließ, als hätte der Kerl eine breite fleischfarbene Binde über das Gesicht gebunden, in die man ein Paar Nasenlöcher geschlitzt, und ihr hier und da etwa ein Bißchen Relief aufgepinselt hätte. Der Kerl pflasterte mit mehreren andern die Straße, da wo unser Wagen genötigt ward Halt zu machen, daher ich Muße hatte, ihn mit Sicherheit zu beobachten. Schön war das Gesicht allerdings nicht, aber auch nicht ekelhaft, welches vorzüglich durch die gute Farbe, ein Paar Reihen vortrefflicher Zähne, und durch Augen, wie ein Paar Stilette, bewirkt wurde. Er sprach viel und lachte viel, und ganz gewiß auch über uns. In der Tat ist es auch sehr gut bei einer solchen Physiognomie, den Angriff nicht abzuwarten. Wirklich hielt er uns durch die Art des Vortrags seiner Satyre, von der wir übrigens nichts verstehen konnten, ziemlich in Respekt. Diese Geschichte führt mich auf eine physiologische Betrachtung, die mir der Gerechtigkeit liebende Leser hier beizubringen verstatten wird, weil ich diesem mörderischen Satyriker schon längst eine kleine Vergeltung zugedacht habe. Man hat nämlich schon längst bemerkt, daß sich die Natur manche künstliche Verstümmelung, wodurch der Mensch ihre Werke zu verbessern glaubt, endlich gefallen, und in ihrer eignen Werkstätte nachahmen läßt. Haut man Hunden, Katzen usw. in linea recta descendente die Schwänze öfter ab, so merkt sich dieses die Natur und läßt die Schwänze endlich weg. Wenn man ferner einen Hund von dunkler Farbe sieht, der mit einem weißen, natürlichen Halsband gezeichnet ist, so kann man sicher glauben, daß es seinen Vorfahren irgend einmal mit dem Strick, oder der Kette oder dem eben so lästigen Halsband-Orden inokuliert worden ist. Ja es ist mir mehr als wahrscheinlich, daß es mit den künstlichen Verstands-Verstümmelungen eben die Bewandtnis hat. Erst werden die Eltern durch Feuer und Schwert, oder den Popanz ungeprüfter Autorität, genötigt, Dinge zu begreifen und zu glauben, die man mit Güte kaum einem Elefanten weismachen würde. Was hat die Natur da zu tun? Antwort: weil sie sieht, daß man es nicht besser haben will, gut, so gibt sie den Kindern solche Verstandsformen, daß ihnen Albernheiten aussehen wie notwendige Wahrheiten. – Nun wieder zu unserem Non-Gesicht . Wäre es nicht möglich, daß die Voreltern dieses Kerls in gerader, absteigender Linie, aus odiösen Ursachen genötigt gewesen wären, immer ein Schnupftuch über die Nase gebunden zu tragen, und daß die Natur endlich aus Gefälligkeit gegen die Familie, das Schnupftuch aus ihrer eigenen Fabrik gestellt hätte? Unwahrscheinlich ist diese Hypothese wenigstens nicht, und aussah die Sache völlig so. Diese Episode kann, außer der Erläuterung, die sie diesem Blatte gewährt, auch noch als Passier-Zettel für einige Gesichter gelten, die auf den folgenden Blättern dem Leser zusprechen werden. Sie sind allesamt Kinder der dortigen Natur, freilich ob der freien, für sich wirkenden, oder der gefälligen, die dem freien Menschen zu Liebe Schwänze und Verstandsformen kappt, muß wohl unausgemacht bleiben, so wie die Fragen: wie hängt diese Biegsamkeit mit dem Genie dieser großen Nation zusammen, und wiederum dieses Genie mit dem bessern animalischen, vegetabilischen und atmosphärischen Dünger der Insel? Oder ist Veredlung von einer Seite ohne Verunedlung von der andern bei einem freien, aber stark empfindenden Volk überhaupt möglich? Daß dieses Gesindel, dicht neben einem offenen Grabe, Bank macht, ist nicht zu verwundern. Sie sehen das Grab vor dem Galgen nicht, der ihnen näher steht, so wie der ehrliche Mann den Galgen nicht über die Kluft des Grabes weg, das ihn auf immer von ihm trennt. Der Mann, den wir in der Dämmerung fälschlich für einen Unteroffizier der Kirchen-Miliz gehalten haben, ist ganz weltlich; es ist der Bettelvogt, und, wie man sieht, willens, unserem Helden einen Verweis zu geben, zwar nicht ore rotundo , aber doch, wie ich glaube, verständlich, obgleich eigentlich nicht gegen die Verstands-Seite gerichtet. Es ist unglaublich, was sich der ehrliche Mann für Mühe gibt, alles Mögliche zu tun, um sich den zweiten Hieb zu ersparen. So wie der Stock seine Zulaufs-Distanz rechts aufwärts sucht, so folgt ihm alles an dem Manne rechts aufwärts; die linke Hand, die Lippen mit einem Teil der Nase, und sogar auch die untere Kinnlade sympathetisch, so wie bei manchen Leuten, wenn sie Pappdeckel mit der Schere schneiden. Es ist aber auch ein zähes Stückchen, was er da zu schneiden hat. – Nur noch einen Augenblick, so wird alles, was da rechts aufwärts gestiegen ist, auf demselben Wege, aber mit beschleunigter Bewegung, zurückkehren, und wie Posaunen-Ton des letzten Tages, Auferstehung der Gruppe bewirken. Die Idee könnte bei einer Vorstellung vom jüngsten Gericht genützt werden. Hazardspieler, die zu spät erfahren was vorgeht, wird es unter den Lebendigen auch dann noch geben, und unter den Wiedererwachten welche, die noch einmal auf den Leichensteinen zu würfeln anfangen. – Wie da der Vogt gezeichnet werden müßte, der sie vortreibt? – – Behüte und bewahre! – kein Wort von dem hier! – – An der Mauer der Kirche so wohl als auf dem Kirchhofe selbst, erblickt man einige Leichensteine. Schade, daß Hogarth so wohlfeil gearbeitet hat. Bei einer etwas größern Skale, wäre hier ein unerschöpfliches Feld für sein Genie gewesen. Oft schon mit eben so vielen Strichen, als hier für nichts da stehen, hätte er vieles tun können. Er hatte es in seiner Gewalt, irgend einem verkannten großen Manne, von dem nirgends ein Marmor spricht, hier in einem bemoosten Winkel die versagte Ehre zu geben; oder einen andern unter seinem unverdienten Marmor hier ganz hervor zu holen und in der Stille aufzu – knüpfen. Hinter dem Kerl, der hier der Stiefel-Wixer heißt, steht auch wirklich ein Leichenstein mit fast leserlicher Inschrift. Alles was sich selbst auf dem Originale einigermaßen davon herausbringen läßt, ist G. Wilo.. oder . Wilo.... Daß mit diesen Buchstaben irgend jemanden ein derber Hieb versetzt worden ist, bezweifle ich keinen Augenblick. Der Mann, der so vortrefflichen Gebrauch von den Worten: Here lies the body etc. machte, hat diese Buchstaben sicherlich nicht umsonst so leserlich und auch nicht umsonst so unleserlich gemacht. Daß er mit der Sprache nicht recht heraus wollte, sieht man auch daraus, daß er diesen Leichenstein vorsätzlich in den Schatten gelegt hat. Der andere Stein bei der Kirchentüre wird stark von der Sonne beschienen, und da die Leichensteine sich in dubio einander parallel gesetzt worden, so müßte auch diesen die Sonne treffen. In diesem Falle aber wäre Undeutlichkeit der Schrift unverzeihlich gewesen. Hogarth läßt also einen nicht sehr breiten Schatten von irgend einem Gegenstande darauf fallen. Wirklich werden die probatorischen Klauen des Stiefel-Wixers und die vier Beine des Wixer-Schemelchens, und sogar ein Teil des Henkels des Wixer-Bestecks schon nicht mehr davon getroffen. Auch könnte das statt D geflissentliche Entstellung sein. Dieses vorausgesetzt, will ich eine Mutmaßung wagen. Wie wäre es, wenn dieses . Wilo .. eigentlich Dr. Wilo ... heißen, und dieses der Grabstein eines damals (1747) etwa noch lebenden berüchtigten und beliebten Quacksalbers und Erfinders irgend eines Methusalem-Tees oder Elixir proprietatis Diesen Namen gab der berühmte van Helmont einem Elixier, womit er sein Leben auf etliche Hunderte von Jahren verlängern wollte. Er starb aber, wo ich nicht irre, schon in seinem 48ten. sein sollte, dessen Namen sich so angefangen hätte? Mit Gewißheit kann ich hierüber nichts sagen. Die bekannten Ausleger des Hogarth bekümmern sich um solche Dinge gar nicht, zum sichern Beweis, wie wenig fähig sie sind, in den Geist des Mannes einzudringen. Die Kommentator-Pflicht forderte wenigstens von ihnen, bei einer solchen Gelegenheit ihre Unwissenheit zu gestehen, um dadurch andere, die unterrichteter sind, aufmerksam zu machen. Denn sicherlich lebt noch jetzt in England eine Menge Menschen, die alles dieses erklären könnten. Daß statt D gesetzt worden ist, könnte auch ein Schriftstecher-Fehler sein, in welchen Kupferstecher, die nicht Schriftstecher von Profession sind, in der Eile leicht verfallen. Überhaupt aber möchte es nicht ganz uneben sein, wenn man nur allein echten Ärzten verstattete, an ihre Namen das M. D. anzuhängen, den Quacksalbern aber schlechterdings auferlegt würde, sich nie anders als M. D. zu schreiben. Vierte Platte Industry and Idleness The industrious 'Prentice a Favorite and intrusted by his Master Fleiß und Faulheit Der Fleißige, der Liebling seines Prinzipals und im Besitz von dessen Vertrauen Spruch: Du frommer und getreuer Knecht, du bist über Weniges getreu gewesen; ich will dich über Viel setzen. Matth. Cap. 25. V. 21 Man hat unserem Künstler, und wohl nicht ganz mit Unrecht, vorgeworfen, daß sein Genie auf diesem und den beiden folgenden Blättern nicht in dem vorteilhaften Lichte erscheine, das man an ihm gewohnt sei, und worin es sich auch, selbst in dieser Geschichte, weiterhin sogleich wieder zeige. Über diesen Vorwurf in allgemeinerer Form habe ich mich bereits oben in der Einleitung zum ersten Blatte dieses Hefts S. 993, 994 u. f. erklärt: hier mögen nur noch einige Bemerkungen stehen, die denselben in dieser eingeschränkteren treffen. Hogarth hat, nach einem gewiß sehr überlegten Plane, der Lebensgeschichte eines jeden seiner Helden sechs Blätter zugedacht. Weniger konnten es ihrer nicht wohl sein, wenn leichte und natürliche Übergänge erhalten werden sollten. Da fand es sich denn bei der Ausführung, daß das, was nun einmal nötig war, seinem Genie eben nicht immer behagte. Er erfüllte also zwar bei solchen Gelegenheiten seine Pflicht treu und redlich, war aber auch herzlich froh, wenn er sie erfüllt hatte, und eilte nun den Szenen zu, wo diese Erfüllung zugleich Bedürfnis für seinen Geist war. Sein Werk wird also immer reichhaltiger, jemehr sich die Geschichte ausbreitet, und das Genie des Künstlers erscheint schier in seiner völligen Glorie da, wo diese Familien-Geschichte endlich (und das will in London schon was sagen) zur Stadtgeschichte wird. Bei einem geschriebenen Roman, wo gewöhnlich weder der Blätter- noch selbst der Kapitel- Wechsel von sonderlicher Bedeutung für das Stück selbst ist, würde man so etwas kaum bemerkt, vielweniger Nachlässigkeit genannt haben. Aber bei dem in Kupfer gestochenen verhält sich alles ganz anders. Wer da ein Blatt umschlägt, glaubt einen Vorhang aufzuziehen, der vor dem nächst folgenden hing. Das neue Blatt läßt wie ein neuer Aktus des Schauspiels, und von dem gleichen Format erwartet man gleiche Fülle in der Darstellung. Hei gedruckten Werken merkt man es bei weitem nicht so leicht, wenn der Herr Verfasser, um ein Kapitelchen voll zu kriegen, zwei Drittel davon mit leerem Papier ausstopft. – Bei einer künftigen Theorie der hogarthischen Romane, die, so viel ich weiß, noch nicht entwickelt ist, wird vielleicht ausgemacht, daß es nötig wäre, manche Übergänge von einem Folio-Blatt zum andern durch Duodez-Blättchen in Vignetten-Form zu machen, und wenn denn doch nun einmal in menschlichen Kunstwerken dieser Art leere Räume nicht zu vermeiden sind, sie wenigstens so klein zu nehmen, als möglich. Um indessen nicht ungerecht zu sein, muß man bedenken, daß der Tadel, von dem hier die Rede ist, doch nur dieses vierte Blatt hauptsächlich trifft, das fünfte und sechste schon sehr viel weniger, und von allen bleibt, wie mich dünkt, das oben gegebene Urteil wahr: das Korn ist immer gut, nur an Schrot scheint es zu fehlen. – Hier stehen sie nun beide im Comtoir, Herr West, der Prinzipal, und Gutkind, der getreue Knecht, der in Wenigen getreu gewesen ist, und nun über Viel gesetzt wird . Dieses alles ist sicherlich mit großer und gefälliger Deutlichkeit ausgedrückt. Wests Gesicht, Figur und Stellung haben etwas sehr Edles, und, was mehr wert ist, als alles das, etwas sehr Gutes. Sein linker Arm sanft auf Gutkinds Schulter gelehnt, als Zeichen, nicht allein von Vertrauen , sondern auch von Vertraulichkeit , das nicht so leicht verschwendet wird, und, gottlob! noch nicht so häufig verfälscht in der Welt herumläuft, als Umarmung und Bruderkuß. Mit der Rechten weist er sprechend auf den stäten und richtigen Gang der Maschine hin, die ihn zu dem Manne gemacht hat, der treue Diener belohnen kann, auf die Fabrik. Der Gestus bedarf keiner Erklärung. Man sieht wohl, der Knoten, dessen Schürzung vielleicht in der Kirche den Anfang nahm, wird immer stärker angezogen. Miß West ist hier freilich nicht gegenwärtig, auch würden wir schwerlich einmal ihren Namen nennen hören, wenn wir hören könnten, was hier gesprochen wird. Allein die sanften Lichtblicke von Zufriedenheit und Vertrauen, die hier wechselseitig von Auge zu Auge und von Herz zu Herz auf dem kürzesten Wege überzugehen scheinen, sind sicherlich zum Teil ihr Werk, und gelangen wenigstens, erst von ihr reflektiert, von dem einen zum andern; und man versteht sich hier leichter, und nähert sich leichter, weil sie die stille Vermittlerin ist. Dieses weibliche Geschöpf ist nämlich, wiewohl hier unsichtbar, dennoch das Aneignungs-Mittel bei dem Herzens-Verein, den wir hier erblicken. Mit beiden Teilen durch Liebe verschiedener Art verwandt, vereinigt sie beide durch das Band einer dritten Art, und also sich selbst und sie, zu dem Glückseligkeits-Triangel, der wohl mit größerem Recht den Namen des gleichseitigen verdiente, als der berüchtigte italiänische. Triangolo equilatero heißt in Italien das häusliche Glückseligkeits-System aus Mann, Frau und Amant . Denn dort wird die Stelle des letztern nicht durch den Mann selbst versehen, wie bei uns und in England. Dem eben genannten pathognomischen Zeichen des Zutrauens von Seiten des Prinzipals, hat Hogarth noch sehr starke merkantilisch-praktische beigefügt; und so etwas war des Publikums wegen nötig, für welches er hier hauptsächlich arbeitete. Gutkind hat, wie man sieht, den Beutel , die Schlüssel und die Bücher . Das ist alles Mögliche, zumal wenn es unter dem sanften Einfluß des Gestirns geschieht, das wir aus dem Widerschein von diesen Gesichtern kennen, und das nun für dieses Familien-Leben die schöne Jahrszeit allmählig heraufführt. Außer diesen hat Hogarth, vermutlich für eine gewisse Klasse von Beschauern, noch ein Zeichen dieses Vertrauens angebracht, das bei weitem der feinere Teil seiner Verehrer nicht bloß für einen Überfluß, sondern für einen Mißgriff halten wird. Auf der herabgeschlagenen Klappe des Bureau liegen ein Paar rechte Handschuh (man sieht nicht gleich, wie sie hierher kommen), die sich in ihrer Leerheit so anfassen, als wären es volle, warmblütige Hände. Ein sehr gemeines Sprichwort im Englischen sagt von sehr Vertrauten: they are hand and glove (sie sind Hand und Handschuh) , aber nicht they are glove and glove . Gäben sich hier ein Paar Betrüger die natürlichen Hände, und ihre Handschuhe machten es auf dem Tische nach, so wäre der Einfall hogarthisch gewesen. O! so was können wir auch, hätte es geheißen. Wenn warmer Händedruck Fülle der Freundschaft bezeichnet, so bezeichnen diese Bälge da puls- und freundschaftsleeren Raum, ein Herzlichkeits-Vakuum , und was soll das hier? Handschuhe sind Masken. Beim Eide werden sie nicht geduldet. Ja, die Ohrfeige sogar mit dem Handschuh gegeben, soll, wie ich höre, sich mehr Wertes vergeben als geben. Solche Zartgefühle muß man nicht töden; lieber neue zu erwecken suchen. Es hat mich daher unendlich gefreut, einst selbst unter meinem Fenster zu sehen, wie wenig deutscher Biedersinn, bei Geschäften, die Maske duldet, nicht einmal die maskierte Hand . Ein Fremder fragte, wo nicht einen Einwohner unserer Stadt, doch jemanden der die Stadt kannte, nach einer gewissen Straße. Der Befragte hatte Finger-Handschuh an, und einen Stock in der Hand, damit hätte die Marschroute leicht gezeichnet werden können, aber das war dem ehrlichen Manne nicht genug. Er zog seinen rechten Handschuh, mit Mühe, unter vermutlich gleichgültigen Gesprächen, ab, und zeichnete nun den Weg nach der verlangten Straße mit dem bloßen Zeigefinger in die Luft. So recht, dachte ich, und werde sicherlich diese wahrhaft deutsche Zurechtweisung nie in meinem Leben vergessen. In dem Blick des jungen Lieblings ist sehr viel Treuherzigkeit und hoffnungsreiche Gesetztheit, obgleich in Figur und Anstand weniger Eleganz, als bei dem Prinzipal. Sie wird aber durch bedeutungsvolle Stämmigkeit ersetzt, die sich besonders in den untern Extremitäten zeigt. Es gibt aber sicherlich, wo nicht gar eine elegante, doch gewiß eine edle Stämmigkeit . – Nicht wahr Madam? Zur Linken tritt so eben ein Packträger der Altstadt (City-porter) ) mit vier Ballen Zeug, vermutlich aus einer entferntem Westischen Fabrik herein. Vielleicht ist es die Probe von einem neuen glücklichen Versuch, den man gemacht hat. Daß der Kerl privilegiert ist, zeigt das Stichblatt vor der Brust. Es ist kein Ritter-Kreuz, sondern ein Ableiter gegen den fürchterlichen Strahl der Zwang-Wetter (Press gangs) , die zuweilen im Lande der Freiheit aufsteigen und große Verheerung anrichten. Über der Weste sieht man bei uns, außer dem militärischen Ringkragen, der nicht hierher gehört, dergleichen Amulette nicht; unter derselben aber sollen sie häufig, sogar auf bloßem Leibe, getragen werden; nicht von Freien, als Privilegium gegen Gewalt, sondern gerade umgekehrt, von armen Geschöpfen, die Amor gepreßt und verhandelt hat. Deutlich kann ich das Zeichen davon nicht angeben; ich habe nur ein einziges einmal flüchtig angesehen. Ein Kreuz war es, aber kein solches, wie gegenwärtiges, auch kein Malteser-Kreuz , und noch viel weniger ein Andreas-Kreuz , sondern wo ich nicht irre, ein kleines, niedliches – – Haus-Kreuz . Außer den vier Ballen, die der tätige Mann schleppt, werden unsere Leser noch ein Päckchen bemerken, das fast aussieht, wie ein sub No 5 zum Beischluß. Es ist aber des Kerls Nase, eigentlich eine von den schwefelkiesartigen Excrescenzen, die sich leicht an Menschenköpfen, worin viel körperlichen Geistes destilliert wird, in dieser Gegend ansetzen. Die Punkte auf derselben sind nicht, wie einige geglaubt haben, Nägel oder Schrauben-Köpfe, den Krystall fest zu halten, sondern vielmehr das Gegenteil, nämlich Beweise, wie fest dieses Wesen sitzen müsse, indem jede innere Kraft, anstatt es abzusprengen, sich bloß in kleinen Eruptionen an der Oberfläche zeigt, ohne die mindeste Erschütterung des Ganzen. Es sind bloß so genannte Nasen der zweiten Ordnung ( nez secondairs ). Ganz wohl mag es indessen dieser Nase nicht behagen, sich in der Gesellschaft von solchen Formen zu finden, als sie hier an den beiden Männer-Köpfen antrifft. Es ist kaum möglich, hier nicht an ein Nos poma etc. zu denken. – Bei sich hat der Kerl seinen Hund, dessen Nase eine weit größere Gefahr, als die einer bloß symbolischen Vergleichung, läuft. Der Hund wird nämlich von der Hauskatze mit instinktmäßiger Etikette und der Miene einer Art von bewaffneter Neutralität empfangen, die bedenklich aussieht. Die Katze ist im Besitz des Terrains und der Anhöhen, denen sie noch mit ihrem Rücken eine Gebirgs-Etage zulegt, und wirklich scheint es, über diesem Drohungs-Pomp, zu Traktaten zwischen ihr und einem Mächtigeren zu kommen. – Wie diese Neben-Szene hierher kömmt, ist nicht so ganz leicht auszumachen. Vielleicht sind Katzen als nächtliche Fädenhüter gegen Mäuse in diesen Fabriken gebräuchlicher, als ich weiß; oder deutet die Katze hier auf Whittingtons Rips und Glück, oder steht sie als Äußerung von Mißtrauen hier zum Kontrast von dem Vertrauen dort bei dem Bureau. Hund und Katze sind wenigstens nicht Hand and glove , so viel ist gewiß. Vielleicht ist es hier, wie überhaupt bei epinösen Dingen, am besten getan, nicht allzu weise zu sein. Es wäre nämlich eben so möglich, daß Hund und Katze hier bloß als Attentions-Fänger ( Captatio attentionis ) für die handelnde Jugend von Cheapside und Cornhill Namen von Londonschen Straßen, die statt aller dienen können, wo erfreuliches Handels-Gewühl durch Namen von Straßen ausgedruckt werden soll. ständen. Schriftsteller mögen hieraus lernen, was für ein wichtiger Artikel in ihrem ganzen Leben die Attentions-Jägerei ist, aber zugleich auch, wie gefährlich, sie episodenweise, ohne Verschmelzung mit dem Hauptwerke, bloß an dasselbe anzukleben . Selbst der Almanach an dem Bureau, so flüchtig er auch da aufgehängt erscheint, hängt fester mit der Geschichte zusammen. Der Kupferstich auf demselben stellt eine personifizierte Industrie vor, die die fliehende Zeit mit der Linken bei den Haaren faßt, und zugleich mit der Rechten die Sense pariert, womit diese jener die Beine abmähen oder das Knie lähmen will. Gut und verständlich. – Dieses Blatt wäre vielleicht noch einer andern Deutung fähig, zumal wenn der Kupferstecher noch ein wenig hätte nachhelfen oder der Leser ein Auge zudrücken wollen. Aus den Webern an den Webstühlen, dort im Hintergrunde, hätten sich leicht Weber am Schreibpulte, und so die Zeugfabrik in eine deutsche Übersetzerei verwandeln lassen. Doch wir lassen dieses, um nicht, was Hogarth leer gelassen hat, mit bloßem Papier, und am Ende gar mit Makulatur auszustopfen. Fünfte Platte Industry and Idleness The idle 'Prentice turned away and sent so Sea Fleiß und Faulheit Der Faule, weggejagt und auf die See geschickt Spruch: Ein törichter Sohn ist seiner Mutter Grämen. Sprüchw. Sal. Cap. 10. V. i Auf dem dritten Blatte bekam unser Caracalla auf dem Kirchhofe einen derben Auferstehungs-Hieb, und hier, könnte jemanden einfallen, wird er über den Acheron oder Styx gesetzt. Es ist auch wirklich fast so was, wenigstens bringt ihn dieses Boot in ein neues Leben hinüber. Die Geschichte hängt so zusammen. Trotz aller Ermahnungen, die ihm sein Herr mit liebreichem Munde gegeben, und der Bettelvogt mit rechts aufwärts gezogenem gab, blieb Faulhans immer Faulhans vor wie nach. Der Porter-Krug sperrte seinen Zettelbaum und der Porter ihn selbst; das Kätzchen spielte mit seinem Weberschiffchen, und er selbst mit Würfeln und Karten auf Bier- und Weber-Bänken, Leichensteinen, und was er sonst dergleichen finden konnte. Also die Laufbahn, die er mit Gutkind zugleich angefangen hatte, zu wandeln, war nicht für ihn; sein ewiges Spielen, Schlafen und Schlummern, war nicht für dieses Leben. Er wurde also weislich in ein anderes versetzt, und schlummerte diesmal im eigentlichen Verstande zu einem bessern Leben hinüber, und dieses bessere Leben war – das See-Leben . Man hat nämlich in London, so wie in andern Seehandels-Städten, die bekannte Küchen-Maxime, daß manche Dinge, die leicht faulen, sich besser halten, wenn man sie durch Salzwasser zieht , sogar bis auf den moralischen Menschen ausgedehnt; böse Buben würden zur See besser. Ich weiß nicht, ob diese Maxime sonderlich viel mehr wert ist, als eine andere, sehr bestrittene, von der ich in Wahrheit nicht zu sagen weiß, aus welcher Küche sie eigentlich in die andere gekommen ist; aus der mit dem Präzeptor-Stuhl und Präzeptor in die mit dem Feuerherd und Koch, oder umgekehrt. Ich meine nämlich die: Was man bald gar haben wolle, müsse man vorher brav klopfen. Daß die Versuche, aus bösen Buben, wo nicht gute Buben, doch wenigstens gute Exbuben zu machen, so häufig fehlschlagen, rührt, wie so mancher Fehlgriff in Theorie und Praxi in der Welt, bloß daher, daß man noch keine rechte Definition von einem bösen Buben hat. – Man hat allerdings Beispiele, daß manche durch See-Reisen besser geworden sind, wie bekanntlich der Madeira, oder durch Klopfen, wie die Hammels-Keulen. Aber, sonderbar, es muß auch da immer echter Madeira sein, was man einschifft, und derbes gesundes Hammelfleisch, was man klopft, sonst wird in Ewigkeit nichts daraus. Hätte Capt. Cook unsere berühmte Saale- und Werra-Weinchen dreimal um die Welt und sechsmal unter der Linie weggeschleppt, so hätte er am Ende vermutlich Essig, oder wohl gar etwas Erbärmlicheres mit zurückgebracht. Und was aus den Schinken der Ur-Groß-Mütter unserer Woll-Herden, selbst unter der Stampfmühle werden würde, lieber Himmel, daran mag ich gar nicht denken; animalischer Flachs vielleicht! Dieses ist der Fall mit den so genannten bösen Buben. – Hier aber haben wir mit einer besondern, sehr scharf charakterisierten Species zu tun, mit dem faulen, trägen Buben, dem Schläfer, dem frühen Säufer, und dem so genannten Tagdiebe. Dieses ändert die Umstände gar sehr. Denn um diese Gattung vor allem Fortfaulen zu sichern, hat man am Ende sogar oft nichts anderes dienlich befunden, als sie an der freien Luft zu trocknen. Die Art, wie mans macht, ist hinlänglich bekannt, und auf gegenwärtiger Platte im Hintergrunde auch wirklich abgebildet, wo der Leser die ganze Trocknungs-Anstalt auf einer Landzunge aufgeschlagen sehen wird. In dem Boote befinden sich vier Männer. Alle haben auf gleiche Art ein Tuch um den Hals geknüpft. Welchem unter diesen wäre wohl, statt des Halstuchs, mit einem Strang oder einem Mühlsteinchen besser geraten? O! dem Teufel da, ganz gewiß , der sich die Hörner zu seinem Gesicht mit den Fingern macht. Ich glaube nicht, daß, wenn man dieses Blatt mit dieser Frage um die ganze Welt trüge, sie irgendjemand außerhalb und innerhalb der Wendekreise anders beantworten würde, als so oder da hinaus; und dieses selbst noch, ehe man wüßte, gegen wen diese Bestie die Schnauze eigentlich spannt. Es ist aber gegen die Mutter; das arme, abgehärmte, weinende Weib da, ist die Mutter des Kerls, die ihn nach dem Schiffe hin begleitet, nach welchem man ihn bringen will. Sie ist, aus ihrem Anzuge zu schließen, noch nicht lange Witwe; ihre Hauptstütze ist gefallen, und die andere, gerechter Himmel! auf die sie vielleicht dereinst für ihr Alter rechnete (die Mißgeburt da), ist mehr als gefallen, sie ist zu einer Zentner-Last von Jammer und Gram für sie geworden, unter welcher sicherlich ihr Herz brechen wird. Daß die unglückliche Mutter dem Gift und den Flammen, die dieser Drache speit, die friedliche Hand, die mehr streichelt als droht und mehr fleht als gebietet, mütterlich entgegenstellt, ist sehr weiblich, und sehr gut von unserem Künstler gedacht. Es ist sicherlich kein verdorbenes Weib. – Mit der Linken, die er über seinem Kopfe hat, macht der Kerl offenbar das Hahnrei-Zeichen . Man glaubt, gegen seine Mutter. Ungeheuers genug wäre er wohl dazu, aber ohne großen Zwang und Einschaltungen, wozu die Geschichte keine Veranlassung gibt, kann der Gestus nicht füglich auf die Mutter gedeutet werden. Natürlicher wird die Sache so erklärt: die Landspitze, die man hier in der Ferne sieht, und auf welcher so eben jetzt getrocknet wird, ist bekannt genug, und heißt bei den Seeleuten cuckolds point (die Hahnrei-Spitze) . Sie liegt gegen den Ausfluß der Themse hin. Unter den Erklärungen, die man von dem Ursprung dieser Benennung hat, ist vielleicht folgende die witzigste, obgleich der Einfall für einen aus der illüstren Familie der Matrone von Ephesus nicht gewandt genug ist. Man glaubt nämlich, daß die tiefgebeugten Strohwitwen der Seefahrer nicht allein mit der Tränentrocknung, sondern auch mit der Regulierung des nötigen Vikariats gewöhnlich schon völlig zu Stande wären, wenn ihre Männer beim Auslaufen diese Spitze passieren. Faulhans nämlich, der sich nun bereits in der Nähe des Schiffs und beim Eintritt in die Wiedergeburt erblickt, von welcher man seine Besserung erwartet, fängt, nach Art aller Taugenichtse in der Klemme, an zu toben, auf Freiheit zu trotzen und zu drohen: hier wolle er es nun noch viel ärger machen, sagt auch wohl, bloß um die schwache Mutter zu schrecken und zu kränken, einiges, was er tun wolle. Diese Ungebühr in einem so verächtlichen Schurken, weckt daher auf einmal die Erzieher-Talente zweier Bootsleute. Der eine mit der Pelzmütze setzt sogleich seine Zeigefinger, den Weiser sowohl als den Beweiser , beide ohne Handschuh, in Bewegung. Mit dem rechten setzt er offenbar eine Lehre auseinander, und der linke, der sehr wohl zu wissen scheint, was der rechte tut, illustriert sie mit einem sehr verständlichen Exempelchen, indem er auf den Galgen weist: »Verstehst du wohl, könnte der Lehrer sagen, was der Telegraphe dort auf der Landspitze zu solchen Buben spricht, wie du, oder da du, infamer Tagdieb, noch von Freiheit reden willst, kennst du das Freiheits-Bäumchen dort und das Früchtchen, das es trägt? Sieht er, junges Herrchen, das war gerade ein solches Kerlchen wie er.« Diese Warnung mit der Linken gegeben, erwidert nun der Schurke auch mit der Linken und Matrosen-Witz, er macht das Hörner-Zeichen: »Weißt du wohl wie die Landspitze dort heißt, infamer Hahnrei?« – Dieser Sprache hauptsächlich scheint die Mutter Einhalt tun zu wollen, und erhält nun, statt einer mündlichen Antwort, die so unaussprechliche , die hier gezeichnet ist. Herr Lavater, in dessen physiognomischen Fragmenten (S. erster Versuch Tab. IX. S. 100) man diesen Kopf abgebildet und beurteilt findet, drückt sich darüber in seiner starken Sprache folgendermaßen aus: »Ich bemerke mit Entsetzen den allerhöchsten Grad – der Teufelei in dem Gesicht, das einer flehenden Mutter mit einer namenlosen, grimmig-hämischen Verachtung entgegen trutzt! Wenn Hogarth dies Gesicht gesehen und diese Stellung kopiert hat, so ist das Original – ein Inbegriff von Teufeln! Hat ers erschaffen – so ist Hogarth – nein! Er hats zusammen gedichtet aus vorhandenen Gesichtern, und so ist er und das Menschengeschlecht gerettet. – Doch, ach Gott! ich habe schon Gesichter, Gebärden und Stellungen gegen Mütter gesehen – die zwar nicht so waren, aber so hätten werden können! – Während sich die Pelzmütze da von vorn an den Rest von Vernunft dieses Unholden wendet und vom Künftigen spricht, adressiert sich ein andrer von hinten , sehr viel weislicher, an das Fell des Kerls, und redet mit ihm vom Gegenwärtigen , von Strafen, die nicht schleichen, sondern in diesem Boote, in dieser Minute, Blitz und Schlag eins, eintreffen können. Das ist sehr brav. Das Schellen-Geläute nämlich, womit hier unserem moralisch-taub Gebornen von dem andern Bootsmanne geklingelt wird, ist die sogenannte Katze von neun Schwänzen (cat o' nine tails) ; himmelweit unterschieden von Whittingtons Geläute und von Whittingtons Katze, und womit der Kehrum (Turn again) auf dem bloßen Buckel solcher moralischen Ausreißer gespielt wird. O! ist es aber nicht herz- und geistlabend, eine solche Hyäne so zwischen Knute und Galgen von solchen Moralisten eingeklemmt zu sehen? Zur Linken steht ihm seine Kiste (his chest) , vermutlich mit seinem ganzen Erbteil, und zur Rechten schwimmt, nicht sonderlich aufgehoben, der Kontrakt (Indenture) mit seinem Herrn, den die Aufführung des Bösewichts erst gebrochen und seine Hand hier noch einmal als unnütz eingerissen und der Themse übergeben hat, ihn in dem großen Archiv der Thetis beizulegen. Mit dem Risse in dem Papier hat Hogarth unstreitig auf den Namen des Kontrakts: indenture angespielt. Keiner seiner englischen Ausleger hat dieses gefühlt, und doch besteht gerade der Charakter des Genies dieses Mannes in solchen Zügen. Das ist es gerade, worin er weder Muster vor sich, noch bis auf diese Stunde auch nur halb erträgliche Nachahmer gefunden hat. Indenture , auf Deutsch ein Zerter oder eine Zerte ( charta indentata, eingezähnter Kontrakt), hieß bekanntlich diejenige Urkunde, die man zweimal auf denselben Bogen Papier neben oder unter einander schrieb, und nachher die beiden gleichlautenden Exemplare durch einen gezähnten Schnitt mit der Schere trennte. Die Absicht dabei war, natürlich, die von dem bekannteren Kerbholz. Herr Adelung (Art. Zerte ) hält es für wahrscheinlich, daß das Wort aus Charta verdorben sei, doch ist er auch denen nicht entgegen, die es von zerren, reißen herleiten wollen, da es denn mit der untrennbaren Vorsilbe vieler Wörter, als zerreißen, zerschlagen etc. zusammenhänge. Dieses letztere angenommen, ließe sich der hogarthische Einfall fast ohne Verlust der beabsichteten Anspielung im Deutschen durch zerzerrten Zerter geben. An dem untern Rande des schwimmenden Papiers sieht man hier noch die gerichtlich-rechtlichen Einzähnungen. Das Lächerliche also besteht hier eigentlich darin , daß Hogarth Faulhansen seine eigene Hälfte noch einmal einzähnen läßt, wo doch die ganze indenture bloß Null- und Nichtigkeit beweist. Gerade vor dem Ruder schwimmt ein kleines Wrack, ein kleiner Zerter von einem Schiffe, und so wenig selbst ein Schiff als jenes Papier ein Kontrakt. Nun, ehe wir dieses Blatt und Boot verlassen, noch ein Wort von dem Manne, der es mit seinen Rudern bewegt und lenkt. Er rudert fort, durch das Toben dieser lebendigen Streiter in seinem Boote so wenig gerührt, als der Postillion, durch den gelehrten Zank in Briefen, den er von einer Station zur andern reitet, oder edler , denn der Kerl ist es wert: er bleibt der Bewegung seines Boots, alles Lärmens ungeachtet, so treu, als es Schwungkraft und Schwere der Erde ihrem Laufe um die Sonne trotz allem Armeen-Gezänke bleibt, das auf ihr vorgeht. Sie mögen sich zanken. Worum? das ist nicht seine Sorge. Er sorgt nur dafür, daß sie sich immer in andern Räumen zanken. Dort in dem Zeichen des Krebses oder der Waage, wovon es Beispiele gibt, oder hier bei der Hahnrei-Landspitze, das ist ihm gleichviel. – Aber ist das nicht ein Kerl? Freilich nicht von dieser Welt, wenn süßes Wasser und festes Land die Welt ausmachen; auch kein gelecktes Gemmen-Köpfchen, ja, eher geeignet, so etwas, wie den metallenen Ring an einer Haustüre im Maule zu tragen, aber wahrlich sehr respektabel da, wo Eichenholz und Teer und nicht Milch und Blut die Muster-Farbe abgeben. Man muß wissen, daß sich, an diesem Kopfe da, gerade die drei unbändigsten unter den vier Elementen vielleicht in drei verschiedenen Zonen unserer Kugel so lange zerarbeitet haben, bis nichts weiter mehr auszurichten war. O! es ist ein herrliches Volk, getreu seinem Könige und seinem Vaterlande (pro Rege et grege) , so lange kein religiöser und kein politischer Quacksalber moderne Destillationen in sein alt-englisches bewährtes, kräftiges Haus-Getränke mischt. O! es ist eine Erquickung, diese Menschen zu sehen! Sie sind nicht selbst die Seele der siegreichen Flotten Britanniens, aber sicherlich die Lebensgeister derselben, die die Entschlüsse des dirigierenden Geistes durch das Tauwerk, wie durch Nerven, nach den Segeln, wie nach schwellenden Muskeln, auf den Wink hintragen, wodurch dann der große Gedanke erst zur großen Tat wird. Wenn daher, wie neulich am 1. August 1798, Bei Abukir. Der erste August ist (mancher Liebhaber wegen im Vorbeigehen anzumerken) ein merkwürdiger Tag: Am ersten August (1759) wurde Contades bei Minden geschlagen, und am ersten August (1774) entdeckte D. Priestley die dephlogistisierte Luft (Gaz oxygène) , die daher in Schriften der Geburts-Tag der französischen (antiphlogistischen) Chemie genannt wird. manches schön mundierte Projekt der Feinde Britanniens durchgerissen und andern zum Exempel im Archiv der Thetis niedergelegt wird, so ist es unmöglich, dieser Menschen-Klasse den Namen wenigstens von Archivarien dabei abzusprechen. Sechste Platte Industry and Idleness The industrious 'Prentice out of his time, and married to his master's daughter Fleiß und Faulheit Der Fleißige vermählt sich, nach überstandener Lehrzeit, mit der Tochter seines Prinzipals Spruch: Ein fleißig Weib ist eine Krone ihres Mannes, aber eine unfleißige ist ein Eiter in seinem Gebeine. Sprüchw. Sal. Cap. 12. V. 4 Hogarth hat hier die Geschichte seiner beiden Helden so künstlich verbunden, daß nicht allein, welches freilich strenge gefordert werden konnte, Stück und Gegenstück richtig gepaart erscheinen, sondern auch die Paare selbst wieder so geschickt an einander anzuschließen gewußt, daß je eins in das andere eingreift. Das letzte Vergleichungs-Paar, waren die Blätter vier und fünf , das nächst sind die Blätter sechs und sieben . Daß die Paarungen durch Stück und Gegenstück in dieser Geschichte mit 2 und 3, 4 und 5, 6 und 7 gezählt werden müssen, rührt daher, daß das erste Blatt beiden gemeinschaftlich ist, der Stamm. Aber auch fünf und sechs sind verbunden. Vier und fünf enthielten Herrn Wests Vertrauen auf den einen und Mißtrauen gegen den andern der beiden Lehrlinge. Die natürliche Folge war: der eine wurde beibehalten, und der andere fortgejagt. Dieses Fortjagen wird bei dem letztern zugleich zur Epoche eines neuen Lebens. Dieses wird nun auch hier, auf dem sechsten Blatte, dem ersten eines neuen Paares, jenes Beibehalten , für den ersten. West vermählt ihn mit seiner Tochter, und auf dem siebenten vermählt sich auch der Weggejagte, nach seiner Art versteht sich. Auf dem zehnten Blatte kommen beide wieder zusammen, daher denn am Ende die große Entwickelungs-Paarung, die sechste der Vergleichung sich eben so gerecht gedacht als üblich gezählt, mit verdientem Lohn und den Nummern 11 und 12 schließt. Was im Himmel längst beschlossen war, kam nun vorige Nacht auf der Erde wirklich zu Stande. Hier stehen die Neuvermählten am Vorsaal-Fenster, und empfangen die Glückwünsche des Volks in ihren hochzeitlichen Nachtkleidern . Sehr brav. Man kam sich in jenen Zeiten viel näher. Man tat alles mögliche, und wußte sich doch zu helfen. Die Chokolade-Becher hatten noch keine Henkel, und man wußte sie doch zu fassen, ohne sich zu verbrennen. Wie geschickt die junge Dame den Becher hält, und wie schicklich sie sich dem gutmütigen Volke präsentiert! Weniger konnte nicht geschehen und auch nicht füglich mehr. Es sind der Berührungs-Punkte gerade genug. Wissen mußte man freilich, daß sie da wäre, und dazu war schon der flüchtigste Linon- oder Band-Blick, der nicht von der nämlichen Mütze kam, hinreichend. Nachdem sie ihre Gegenwart bloß signaliert hatte, zog sie sich sogleich mit Anstand hinter den Gemahl zurück. Da hört sie das Instrumental-Getöse, ohne doch den mutwilligen Text zu vernehmen, der, ihr zu Ehren, oder wohl gar zu Gefallen, von der Menge, mit gutgemeinter Bengelei, aus dem Stegreif sogleich hinzugelächelt, geflüstert und geblickt werden würde, wenn sie sich länger am Fenster hätte zeigen wollen. Sie zieht sich zurück. Die Empfindung, aus der es geschieht, ist höchst verehrungswürdig, und sicherlich die schönste Mitgift, womit die Jungfräulichkeit die junge Frau beim Abschiede aussteuern kann. Sie ist selbst mehr als schön, sie ist nötig. O! mit der Telegraphik der Liebe ist es schon vor undenklichen Zeiten zu einem fast undenklichen Grad von Vollkommenheit gekommen! Nicht bloß im Ansprechen , sondern auch im Antworten . Jammer Schade, daß der antwortende Telegraphe, durch einen Naturfehler vielleicht, immer etwas vom Echo hat. Es ist als wenn Frage und Antwort an einem und eben demselben Faden hingen. – So viel ist wenigstens gewiß: nicht zu antworten , ist unmöglich. Zu antworten, aber zugleich der Verständlichkeit der Antwort vorzubeugen, ist vielleicht in den meisten Fällen möglich: erstens durch Nebel, die jede Dame, so gut wie die Sonne, immer in ihrer Gewalt hat, und zweitens durch Richtung des Telegraphen in dem Augenblick, da er antworten muß , nach einem anderen Punkte des Horizonts, als dem , aus welchem gefragt wurde, welches nicht schwerer zu bewerkstelligen ist, als eine ähnliche Bewegung, nicht der Sonne, sondern der Windmühle. – Jedoch ich gestehe gerne, daß diese ganze Materie, wenigstens die psychologische Behandlung derselben, große Schwierigkeiten hat, weil es unmöglich ist, in einige der Haupt-Kapitel Deutlichkeit zu bringen, ehe eine andere große Frage beantwortet ist, nämlich: ob ein Frauenzimmer im Dunkeln rot werden könne? Wie aber diese beantwortet werden soll, dazu sieht, so viel ich weiß, selbst das 18te Jahrhundert, dem so vieles möglich war, keine Möglichkeit. Denn offenbar kann man im Dunkeln nicht sehen, und, wo man sehen kann, ist es nicht dunkel . Hiermit hätte es denn mit der Antwort, auf dem Wege der Erfahrung, mit einem Male ein Ende. Gottlob aber, daß auch hier die gütige Natur zur Ehre des einen und zur völligen Beruhigung des andern Geschlechts, das Rätsel mit einem Glauben löst, der wenigstens für die Haushaltung den Wert einer Demonstration hat. – Wo ein Geldbeutel klingelt, da versammeln sich gewöhnlich die Klingelbeutel, wie die Weibchen mancher Insekten da, wo ein Männchen zirpt. Gutkind ist gestern nicht bloß Tochtermann, sondern auch, wie man aus dem Schilde des Hauses sieht, West and Goodchild (West und Gutkind). Mit dieser Aufschrift ging es unserem Künstler wie dem Apelles. Auf den ersten Abdrücken stand Goodchild and West . Dieses wurde ein vorübergehender Kenner solcher Inskriptionen noch zu rechter Zeit gewahr, und sagte dem Künstler, der Name des Tochtermannes müsse nachstehen. Einsichtsvoller, oder wenigstens klüger, als des Apelles Schuster, muß dieser Rezensent gewesen sein; denn von einem weiteren Urteil desselben weiß man nichts. Handels-Compagnon des begüterten West geworden. Bei solchen großen Konjunktionen ertönt öfters die entzückende Musik der vollen Börse, deren süßem Lockschlage keine Beutel-Gattung so willig folgt, als die der perennierend-durchsichtigen und die nicht immer ganz leeren einiger Bastard -Arten der schönen Künste. Auf diese hat sich hier vorzüglich unser Geschichtsmaler eingelassen. Es erscheint hier die hölzerne Gratulations-Trommel der Bürgerschaft mit hölzernen Klöppeln und durch eine Art menschlicher Klöppel gedroschen; 2) ein derbes Straßen-Violon, das aber so eben eine gefährliche zeitliche Pause hält, die es wahrscheinlich bald mit einer ewigen verwechseln wird; 3) eine Hackmesser-Harmonika, ebenfalls gedroschen, und zwar mit Ochsen-Knochen von einer Art kongenialischer Fäustchen geführt; und endlich 4) ein Gedicht, unter dem bescheidenen Titel, ein Lied (a Song), vermutlich aber eine Ode. Es scheint nämlich die in Deutschland nicht unbekannte Gattung, ohne Flügel und Füße zu sein, die sich auf dem Rutsch-Ende an der Erde so gut forthilft, als sie kann. Ihr positives Haupt-Attribut, woran man sie gleich erkennen kann, ist außer den schon erwähnten negativen , die unaussprechliche lederne Schürze des Bergknappen, als natürliches Emblem des Sinkens , so wie es die Flügel von der Erhebung sind. Nun noch ein Paar Bemerkungen zur nähern Kenntnis dieser Gratulanten. Daß die Trommelschläger sämtlich durch ihr eigenes, dringendes Interesse zu diesem einträglichen Dienst für diesen Morgen gepreßt worden sind, sieht man ihnen nicht undeutlich an. Der Schmiedehammer, die Zimmeraxt und die Pflasterer-Ramme mögen wohl die Haupt-Instrumente gewesen sein, die hier den leichteren Trommelstöcken haben weichen müssen. Doch scheint einer darunter ein leichteres Werkzeug dafür zurückgelassen zu haben, nämlich die Nähnadel, und das ist der etwas galante Wortführer vor dem Fenster. Man hat über diesen ehrlichen Mann und das Kompliment, das er da vor den Augen des Publikums macht, hin und wieder gelächelt und gespottet. Warum aber, das sehe ich doch in Wahrheit nicht ein. Daß er als Tambour den Hut abnimmt, dazu hat er, Kraft seiner Haarbeutel-Perücke, unwidersprechlich das Recht. Ja, er hätte sogar Chapeaubas trommeln können, wenn er gewollt hätte, selbst wenn seine Trommel von Messing wäre. Freilich ist nicht zu leugnen, seine Stellung hat etwas vom Sägebock, aber doch so gar außerordentlich viel nicht, und dann wünschte ich, daß einmal ein solcher Spötter versuchen möchte, ob er unter solchen verwickelten Umständen ein besseres Kompliment machen könne. Wahrlich, wenn eine Sache immer desto künstlicher ist, je näher sie an das Unmögliche grenzt, so ist diese Stellung, zumal wenn die Trommel von Messing wäre, fürwahr höchst künstlich, denn sie ist alsdann beinah völlig unmöglich. Wer je in seinem Leben einen Tambour, mit der Trommel versteht sich, so stehen gesehen hat, der hat ihn gewiß gesehen, wenn er die Trommel auf dem Rücken trug, und das ändert die Sache gar sehr. Ich glaube daher bis diese Stunde noch, daß der Schneider mit der Trommel ein so schlecht berechnetes Kompliment machte, daß sich die Trommel genötigt sah, ohne Rücksicht auf Eleganz, in der Geschwindigkeit einen neuen Unterstützungs-Punkt für sich und ihren Herrn zu suchen, und an der Mauer auch wirklich fand. Ja man ist sogar nicht einmal recht sicher, ob nicht die Hand mit dem Hute auch so etwas von Unterstützung vor hat. O! der Mensch ist nie erfindungsreicher, als wenn er ein verlornes Gleichgewicht sucht! Aber ohne allen Scherz: das Lächerliche bei dieser Stellung besteht eigentlich darin , daß der Mann das Unmögliche möglich machen will, ich meine, einen Bauch tragen und zugleich dünne tun . So was ist gegen die ewigen Gesetze des Schwerpunkts und der Natur. Wer einen Bauch trägt, der tue dick , das ist ihr ewiger Wille. Dieser Bauch sei nun eine Trommel oder eine hängende Boutique mit Glas- oder mit Nürnberger-Ware, oder ein gesegneter Leib, und dieser Segen bestehe nun aus Schmalz oder aus guten Hoffnungen, das ist alles einerlei. Doch dies ist nicht der Rede wert. Desto mehr ist es vielleicht für manche Leser das Fleischer-Chor. Es ist nämlich in England, wenigstens in London, der Gebrauch, daß die Fleischer am Morgen nach Hochzeiten, wobei es der Mühe wert ist, vor den Häusern der Neuvermählten eine Art von wilder Janitscharen-Musik dadurch machen, daß sie ihre Hackmesser mit den Markknochen ihrer Überwundenen schlagen. Um diese Musik nicht so wohl erträglich (denn das gehört nicht hierher) als eigentlich bloß verständlich zu finden, muß man wissen, daß sich die Breiten der dortigen Hackmesser zu den unsrigen fast verhalten, wie die Durchmesser der englischen Ochsen zu denen der deutschen. Sie geben daher, gehörig angeschlagen, keinen schlechten Klang, wenigstens einen bessern als Scheitholz beim Abladen, das auf die Strohfiddel geführt haben soll. Ja, gehörig gestimmt und abgewogen, wie etwa die Hämmer des Pythagoras, müßte sich immer mit englischen Fleischhackemessern etwas machen lassen, das manche Nägel-, Gurken- und Ziegel-Harmonika bei weitem überträfe. Nicht zu gedenken der großen Neben- Ideen an Rinder-Braten, die sich hier unaufhaltsam in jene feinern Gefühle mischen. Es ist unglaublich, was für subtile Zeichen der Magen hat, wenn er dem Herzen zu verstehen geben will, daß er sein naher Nachbar in der gemeinschaftlichen Bastille ist. Die große Wahrheit, von der hier die Rede ist, gilt auch umgekehrt. Wenigstens ist der Erklärer dieser Blätter, für seine Person, überzeugt, daß er einmal in einer italiänischen Oper eine Dido, die am Ende gebraten wurde, nicht würde haben verdauen können, wenn die Arien-Sauce nicht gewesen wäre, die sie selbst erst einrührte, ehe sie in den Ofen kroch. – Aber freilich, so wie diese Metzger-Pursche jetzt ihre Hackmesser schlagen, ist der ganze Bettel wenig wert. Man hört es wohl, sie verstehen besser Markknochen mit Hackmessern, als Hackmesser mit Markknochen zu schlagen. Indessen klingt doch dieses Geklimper nicht ganz unangenehm. Es hat einige Ähnlichkeit mit dem verwirrten Geräusche der Posthörner, wenn sie ehemals zum neuen Jahre gratulierten, und gerade so damals wenigstens an erfochtene Siege erinnerten, wie hier die Hackmesser an Rinderbraten. – So viel vom Hören dieser Musik. Gesehen! O! da nimmt sie sich ungleich besser aus. Die Kerle sind größtenteils stark, frisch, gesund, jung und schön, wie es auch bei deutschen Metzgern häufig der Brauch ist, dabei in die Farbe der neu gewaschenen und gebleichten Unschuld gekleidet! Ich muß daher die Leser bitten, bei jeder Kritik dieses Hackmesser- und Markknochen-Spiels, die etwa der meinigen widersprechen sollte, ja auf das Geschlecht des Kritikers Rücksicht zu nehmen. Denn es wäre gar wohl möglich, daß manche andere Phantasie, um sich diese rohe Kost schmackhaft zu machen, die Würze, nicht wie wir, von der Bratenschüssel herholte. Hogarth hat, ich gestehe es, alles was ich so eben von Jugend und Schönheit der englischen Fleischer gesagt habe, seiner Gewohnheit nach, ganz vernachlässigt. Das war des wackern Mannes Sache nicht. Selbst mit der Stärke hat er sich übel benommen. Die Wahl des Ausdrucks ist wenigstens nicht ganz glücklich ausgefallen. Die vereinte Macht der Markknochen eines Metzgers und eines Ochsen, mit einer Kraft gespannt, als sollte ein Stadt-Tor gesprengt werden, ist hier in einem bloßen Rangstreite, gegen die Brust eines armseligen französischen Violoncellisten gerichtet. Hogarth wälzt den Zentner schweren, eichenen Hack-Klotz des britischen Fleischers, um eine französische Geige zu zerknirschen. Freilich wird nur noch bloß gedroht. Aber man hat Beispiele, daß, nachdem die Personen sind, Drohungen letal werden können. Hier ist wenigstens der Fall nah. Man sehe nur die rechte Hand des armen Teufels. Der Fiddelbogen ist fort und vermutlich der Puls auch. Nicht ein Finger wird zur Verteidigung gekrümmt. So lange die Welt steht, hat noch keine Hand in dieser Stellung etwas getan, das der Rede wert gewesen wäre. Und nun gar das Gesicht! Todesschrecken und ein Paar Nasal-Töne von gebrochenem Englisch, ist alles, was sich darin lesen läßt. – Ich habe einmal von einem Virtuosen gelesen, der mitten in einem Solo, das er geigte, am Schlage starb. Was für eine Vignette, vor das Leichen-Carmen dieses Mannes zu drucken, wäre nicht diese Gruppe, wenn es, wie billig, Mode würde, den bekannten Knochen-Mann so abzubilden, wie hier den Mann mit dem Knochen. Wer sollte nun nicht glauben, daß hiermit die Sache abgetan wäre? Aber sie ist nichts weniger als das. Franzosen und Katholiken, wenn sie unser unerschöpflicher Künstler zu fassen kriegt, kommen so wohlfeil nicht weg. Im Hintergrunde sieht man den Fuß der berühmten Säule, die zum Andenken des großen Londonschen Brandes von 1666 errichtet worden ist, und unter dem Namen des Monuments schlechtweg bekannt genug ist. Unten wird umständlicher davon geredet werden. In einer der Inschriften, die sich auf demselben befinden, werden die Katholiken beschuldigt, und zwar sehr merkwürdig, in englischer Sprache, da alle übrige Inschriften lateinisch sind, daß sie das Feuer angelegt hätten. Diese Inschrift gibt nun Hogarth hier auf einer der Seiten des Würfels, wo sie eigentlich gar nicht steht, mit großer Deutlichkeit, vermutlich bloß dem armen Musikanten und seinen Glaubens-Genossen eins anzuhängen. Gerade über dem Hute des Musikanten stehen die Worte: of the popish faction (von der papistischen Rotte). Sind das nicht die Hörner der Kuh über dem Haupte des Blaufärbers, in dem Abend ? S. die erste Lieferung fünfte Platte. Also der Fleischer ficht nicht bloß um den Rang der Hackmesser vor der Geige, sondern zugleich für den protestantischen Glauben , und gewiß so gut, als nur immer ein Metzger-Knecht dafür fechten kann. Mit dieser, wie ich glaube, echt hogarthischen Idee, die aber die Ausleger übersehen haben, kehre man nun einmal zu der Stellung des Kerls und seinem Mundstücke zurück. Es ist unmöglich, eine gewisse Art von Salbung darin zu erkennen. No popery here (kein Papsttum hier) , oder sonst irgend eine Kontrovers-Formel, ist es gewiß, was da hervorfährt; Fluchpartikelchen, versteht sich, die mehr zur Form als der Materie gehören, abgerechnet. – Ich habe einmal gehört, und gewiß es läßt sich hören, daß die Tätigkeit der englischen Fleischer bei Religions-Streitigkeiten mit der römischen Kirche sich etwas mit auf die Fasten und Fast-Tage überhaupt gründen soll. Es wäre auch fürwahr kein Wunder. Denn sobald der Magen, wie es in jener Kirche gewöhnlich ist, nach animalischer Nahrung nicht mehr auf dem festen Lande, sondern im Wasser sucht und untertaucht, so stehen natürlich die Fleischwaagen und Hackmesser stille, und dieser Stillstand kann in manchen Gegenden leicht, die Fasten und Fast-Tage zusammen gerechnet, über ein Drittel des Jahres betragen, wodurch also der Gilde über 33 1/3 Prozent Profit jährlich gestrichen wird. So was kann wirken, zumal auf den Magen, der seiner eingeschränkten Auster-Talente, ja, möchte ich sagen, seines einzigen Sinnes ungeachtet, bisher meistens seine Prozesse gegen alle vier Fakultäten mit ihren fünfen gewonnen hat. – Lustig wäre es in der Tat, wenn hier Fastenzeit wäre, und der britische Ochse also dem französischen Hering seine Markknochen an den Milcher setzte. Schlechtweg so was zu behaupten, wage ich nicht. Denn hier war gestern Hochzeit, und ich kenne die englischen Sitten viel zu wenig, um sagen zu können, ob nicht dort, so wie in manchen Gegenden, sogar des protestantischen Deutschlands, Hochzeiten und Bälle in den sonst sehr gelinden Fasten noch unter die verbotenen Speisen gerechnet werden, oder nicht. Linker Hand, ganz an der Erde, kriecht, unmittelbar unter dem Hackmesser, die Ode, fast in Gestalt einer Napf-Schnecke. Dieses Winkelchen des gegenwärtigen Blattes ist von den Auslegern gut bearbeitet, wenigstens historisch . Der arme Teufel von einem Barden, der da seinen Glückwunsch anzubringen strebt, war unter dem Namen Philipp in the tub (Philipp in der Mulde) damals sehr bekannt. Er hatte keine Beine, oder das wenige, was er davon übrig hatte, war nicht der Rede wert. Um diesen Mangel zu ersetzen, warf er sich mit seinem untern Ende in einen hölzernen Napf (eine rundliche Mulde), der zwar auch keine Beine hatte, aber doch diesen Mangel besser ertrug, als sein Herr. Bei den Franzosen, die für alles in der Welt ein artiges Wort haben, heißen diese Leute Culs de Jatte, Napf-Sassen . Seine Arme erhob er dafür zu Vorderbeinen, durch eine Art von hölzernen Tatzen, wovon hier die rechte abgebildet ist. So kroch er und seine Hochzeits-Oden mit ihm, nach der Versicherung der Ausleger, gratulierend durch ganz England, Irland und die sieben vereinigten Provinzen. Ob er wohl auch nach Deutschland gekrochen sein mag? Ich habe mich danach erkundigt. Alles, was ich habe auftreiben können, waren Nachrichten von Oden à la Philipp in the tub , nämlich ohne Flügel und Füße, aber von einem deutschen Sänger ohne Beine habe ich nichts gehört; von welchen ohne Beinkleider wohl, männlichen Geschlechts versteht sich, so genannten Ohne-Hosen , erotischen und politischen. Sie waren aber alle neuer als Philipp. In der Hand hält er sein Epithalamium und sucht damit, wie mit einem Spiegel, nach dem Gnaden-Fenster hin zu blenden. Es wird auch gewiß gesehen werden, wenn nur der Schneider erst wieder im Gleichgewicht ist. Bei allen so genannten titulierten Gedichten, zumal den Epithalamien, ist der erste Anblick, und folglich der Titel, alles. Mit Recht ahmte daher die gratulierende Dichtkunst hier der gratulierenden Baukunst nach, ich meine derjenigen, die ihre Ehren-Pforten und Tempel aus geöltem Papier aufführt und von Nachtlichtchen bescheinen läßt. O! es war ein großer Gedanke, Ehren-Pforten, durch die niemand einzieht, und Gedichte die niemand liest, nach einem und demselben Plane zu bearbeiten. Das mochte Philipp in der Mulde wissen. Das Portal zu seinem Gedichte, ist gut angelegt, und fast noch besser erleuchtet: Jesse, or the happy pair, a new song (Jesse, oder das glückliche Paar, ein neues Lied) heißt es. Sehr stark freilich, Jesse zeugte den König David usw. heißt es. aber, mit Dedikations-Maß gemessen, doch immer erträglich. Wer auf dieser umnebelten Erde einen entfernten Gegenstand sicher treffen will, muß den Bogen so halten, als ziele er nach des Gegenstandes Bilde, von der Klarheit des Himmels reflektiert, der sich über demselben aufgetan hat. Dieses tut Philipp wirklich, so demütig auch seine Stellung ist. Sie ist offenbar die der personifizierten Dedikations-Courtoisie ; denn etwas Untertänigsteres , etwas plus très humbleres und plus très obeissanteres , oder etwas das humillimius wäre, läßt sich doch kaum gedenken. Wie sich Autoren vor die Titel-Blätter ihrer Werke in Kupfer stechen lassen, ist so bekannt, daß man die ganze Verewigungs-Operation ohne Gefahr den Fabriken übertragen kann. Allein wenn sie sich einmal einer hinter das Titel-Blatt, vor die Dedikation, wollte stechen lassen, so kenne ich doch fürwahr keine schicklichere Stellung, als die vom Dichter Philipp in der Mulde. Ob unser Barde sein Lied singt (denn in England werden die Noten zu neuen Straßen-Gesängen gewöhnlich mündlich gegeben), läßt sich hier eben so schwer sehen, als es unter Hackmessern, Markknochen und Trommeln an der Stelle selbst zu hören gewesen sein würde. Einer der schönsten Züge auf diesem Blatte ist wohl die Verbindung des armen Philipp mit seinem Hunde. Das treue Tier! Mit geneigtem Haupte und mit sichtbarer Ergebung in den Willen seines Herrn, der, das Dichter-Talent abgerechnet, wohl so arm und oben drein auch wohl so hungrig ist, als er, achtet er nicht der Markknochen-Musik, und selbst der reichlichen Brot- und Bratenspende an der Haustüre kehrt er den Rücken zu. O! wie leicht wäre es ihm nicht, mit seinen zwei Paar Füßen seinem Richter und der strafenden Gerechtigkeit zu entgehen, die, obgleich hier für ihn zu einer Person verbunden, nicht einmal ein einziges Paar haben. Allein er bleibt. Ich will nicht richten; aber, wenn mich, welches ich kaum fürchte, mein Gefühl nicht ganz trügt, so hängt hier die Aufschrift the happy pair (das glückliche Paar) nicht vergeblich an der Seite des Treuen herab. Sie geht auch auf Eure Verbindung und Euren Compagnie-Handel, armer Philipp und armes Tier! Die Austeilung der von gestern noch übrigen Brocken an der Haustüre ist sehr verständlich. Sie geschieht durch einen Bedienten, aus dessen Anstand und Livereischnitt man wohl sieht, daß die ganze Haushaltung, zu ihrem großen Vorteil, nicht unter dem Einfluß des Moden-Mondes steht. Er warf im gestrigen Getümmel nichts weg und wird daher auch selbst nicht weggeworfen werden. Die Augen des Kindes scheinen, zur Ehre der armen Mutter, mehr auf den schönen Ärmel des Bedienten, als auf das Brot und Fleisch gerichtet, sie hat also wenigstens ihr Kind nicht, wie dort manche Mütter tun, durch Viertels-Pension eingetrocknet, um die mitleidige Großmut damit ins Garn zu locken. In ihren Mienen lächeln wahre Freude und Dankbarkeit. Es ist auch in diesem Stande keine Kleinigkeit, sich auf ein Paar Tage der Mühe überhoben zu sehen, einen Küchenzettel zu machen. Die Straße, in welche man auf diesem Blatte hineinsieht, ist wohl Fischstreet-Hill; sie streicht hier, vom Auge ab, von Süden nach Norden. Da steht nämlich das berühmte Monument , dessen südliche Seite man hier erblickt. Es wäre möglich, daß Hogarth auf diese Weise einen neuen Gebrauch von dem Monument gemacht hätte, nämlich den, einer gewissen Familie ein Kompliment zu machen; denn das glückliche Haus müßte sich leicht nach diesem Aufrisse finden lassen, und ist vermutlich damals auch von Neugierigen gesucht worden. Daß die Schilder keine Wirtshäuser oder Herbergen bedeuten, ist schon bei einer andern Gelegenheit erinnert worden. Sie waren eine Art von Telegraphen, die Wanderer, die ein Haus suchten, oft schon auf eine große Strecke gehörig zu leiten. Allein es wurden der Zeichen am Ende so viele, daß man sie vor den Zeichen selbst nicht mehr sehen konnte. Wer einen Habicht suchte, konnte ihn oft nicht finden, weil gerade eine Taube über ihn hergefallen war, oder den Mond nicht, weil er hinter einem Sterne stand. Endlich wurden sogar die Straßen, zumal die engeren, ganz dadurch verdüstert. Um also Licht zu machen, riß man endlich Sonne, Mond und Sterne usw. weg, und so ist es noch bis auf den heutigen Tag. Das West- und Gutkindische Haus führt einen daherschreitenden Löwen (Lion rampant) zu beiden Seiten mit umgestürzten Füllhörnern, weiter hin hängt eine Sonne, die etwas falliert zu haben scheint, und noch weiter hinaus wohl gar das Chaos selbst. Daß Hogarth uns von dem Löwen am Westischen Hause heute bloß die regionem hypogastricam , mit ihren Anhängseln, den Hinterbeinen, zeigt, also ungefähr gerade die propositionem inversam vom armen Philipp, kann ein bloßer Zufall sein. Ich muß aber gestehen, ich bin sehr geneigt, dieses – – nicht zu glauben. Warum! Die Antwort ist nicht schwer. – Hogarth hat den halben Löwen angegeben, dazu paßt am besten eine halbe Erklärung, und so schneide ich die Note, so wie er den Text, hiermit mitten durch. –   So weit hatte der Verfasser sein Manuskript für den Druck ins Reine geschrieben, als die Parze unvermutet auch seinen Lebensfaden durchschnitt. Seinen Verlust zu beweinen, ist hier nicht der Ort. Aber wer wird fortfahren können, wo er aufhörte? – Wir wollen, was wir vorrätig finden, um diesen Teil zu schließen, aus den Papieren des Unersetzlichen zusammenlesen. Anmerkung des Herausgebers dieses letzten Bogens   Nun zum Beschluß die versprochene Nachricht von dem Monument . Es wird hier verstattet sein, einiges mancher Leser wegen beizubringen was nicht unmittelbar zu dem bessern Verständnis dieses Blattes dient, aber gewiß mittelbar den Total-Eindruck verstärkt. Es besteht dasselbe aus einer einzelnen Säule, die unstreitig unter die merkwürdigsten gehört, die die Baukunst je hervorgebracht hat, denn sie übertrifft so wohl die trajanische und antoninische zu Rom, als die theodosische zu Constantinopel, an Höhe. Man sieht von ihr auf unserem Blatte einen Teil des Piedestals, und den Anfang des Schafts. Um unseren Lesern sogleich einen Begriff von diesem erstaunlichen Werke zu geben, darf nur bemerkt werden, daß von dem Pflaster der Straße an bis dahin, wo die Drachen liegen, eine Höhe von 40 Fuß ist. Der unterste Teil des Postaments, der Sockel, hält 28 Fuß ins Gevierte, und bedeckt 784 Quadrat-Fuß Boden. Der größte Durchmesser des Schaftes ist 15 Fuß, und die ganze Höhe der Säule und des Aufsatzes, vom Pflaster an gerechnet bis zum äußersten Gipfel, ist 202 Fuß. Die Wendeltreppe inwendig hat 345 Staffeln von schwarzem Marmor, die oben auf eine mit eisernen Staketen eingefaßte Galerie führen, mit welcher sich die Säule , im architektonischen Sinn des Worts genommen, schließt, und also eigentlich nur 170 Fuß hoch ist. Die übrigen 32 Fuß werden durch eine so genannte Ulta erhalten, die sich mit einer Art von Urne schließt, auf welcher vergoldete Feuerflämmchen auflodern. Dieser Gedanke rührt auch nicht von dem großen Baumeister der Säule, Sir Christoph Wren, her, und konnte auch aus einem solchen Kopfe gar nicht kommen. Er hatte vielmehr vorgeschlagen, nach Art der Alten eine kolossalische Bildsäule, z. B. Karls des Zweiten, unter dessen Regierung sich die Begebenheit ereignete, dem die Säule zum Denkmal dienen soll, oder das allegorische Bild der Stadt London anzubringen usw. Urceus exit. Sie heißt in allen Beschreibungen dorisch . Selbst Sir Christopher nennt sie so, gesteht aber, daß er sogar in den Verhältnissen des Schaftes davon abgegangen wäre. Daß sie überhaupt nicht echt dorisch ist, werden Kenner schon aus dem wenigen abnehmen können, was man hier davon sieht. Die Wirkung, die dieses Kunstwerk, in der Nähe angesehen, auf jeden Menschen tut, dessen natürliches Gefühl für das Erhabene noch nicht durch ästhetische Regeln abgestumpft ist, ist unbeschreiblich groß. Sie ist für unbefangene menschliche Natur mit großem Glücke berechnet. Ich kann unmöglich glauben, daß, wie einige behaupten wollen, ein Obelisk eine größere Wirkung getan haben würde; ich fürchte vielmehr, daß sich dieses Urteil schon auf kalte Abstrakte gründet. Man baut ja solche Denkmale nicht für die Schönheits-Schwätzer. Der Obelisk hat eigentlich kein durch die Natur bestimmtes Maß. Ich kann, also nicht sagen, wie groß der gewöhnliche, und wo eigentlich die Riesen anfangen. Hingegen bei der Säule ist dieses ganz anders, sie haben ihre natürliche Länge wie der Mensch, wo man, bei aller Verschiedenheit der Staturen, das Riesenmäßige ohne den Maßstab anzuschlagen, sogleich durch ein untrügliches Gefühl findet. Das mögen die Römer wohl gefühlt haben, als sie Säulen statt der Obelisken wählten. Und warum soll sich der Künstler nicht diese Anlage unsrer Natur zu Nutze machen, wenn er auf uns wirken will? Um dieses Urteil richtig zu finden, sehe man nur einmal eine Zeichnung dieses Monuments, z.B. in Maitlands Werk, an, und denke sich an dessen Stelle einen Obelisk von gleicher Höhe. Die Wirkung wird über die Hälfte wegfallen. Und doch ist, natürlich, jene Abbildung der Rheinfall auf einem Lackier-Bildchen. So viel von der Säule selbst; nun von ihrer Bedeutung. Sie wird am Ende im Stande sein, den Mutwillen abzuwägen, mit dem sie unser Künstler hier aufgeführet hat. In der Nacht vom 2ten auf den 3ten September 1666 kam in dieser Gegend, 202 Fuß (die Länge des Monuments) von der Stelle, wo es steht, das größte Feuer aus, dessen die Geschichte gedenket. Herschel und Schröter im Monde hätten es sehr gut sehen können. Es brannten nämlich 13200 Häuser, 78 große Pfarrkirchen, 6 Kapellen, und die hauptsächlichsten öffentlichen Gebäude, die Börse, das Zollhaus, Guildhall und Justicehall in drei bis vier Tagen ab; also ungefähr eine Stadt dreizehnmal so groß als unser Göttingen, und in drei Jahren (dieses mögen sich die Feinde dieser Nation merken) stand alles, und sehr verbessert, wieder da. Man muß sich nicht wundern, daß es der Theorien dieses Brandes so viele gibt, als der des Feuers überhaupt. Man beschuldigte 1) die Franzosen, 2) die Holländer; mit beiden Nationen führte England damals Krieg; 3) die Republikaner, denn der Brand ereignete sich unter der Regierung des ersten Königs, der nach Cromwells so genannter Republik den Thron wieder bestieg (Karl II.), und 4) die Katholiken. Man sieht wohl, es kömmt hier auf einen Liebhaber an. Indessen fand Nro 4 die meisten. Das ist sehr natürlich; Nro 4 geht auf den Glauben, und in nichts glaubt der Mensch leichter als in Glaubenssachen. Es ist als wenn das Wort schon dazu einladete. Allein zur Ehre selbst jener immer etwas finstern Zeiten muß nicht vergessen werden anzumerken, daß es auch schon damals, und noch mehr nachher, eine Menge Menschen gab und noch gibt, die sich für eine fünfte Theorie erklärte, zu der ich mich, nach sorgfältiger Durchlesung der Aktenstücke, so weit sie Maitland erteilt, mit vollkommener Überzeugung erkläre, daß es ein unglücklicher Zufall war. Man läßt es also sehr viel weiser in seiner erloschenen Bedeutsamkeit stehen, als ihm durch Weglöschung der Inschrift eine neue zu geben, deren Folgen unabsehbar sind. Siebentes Blatt. G. Idle ist von der See schon wieder zu Hause. Was gehenkt sein soll ersäuft nicht. Hier liegt er (6) mit einer weltlichen Fastenschwalbe Hirondelles de Carème nennt man in Frankreich eine Art wandernder Nonnen, deren Sitten nicht die besten sein sollen. (5) auf einer Dachstube in einem erbärmlichen Bette. Das Grausen, das sein Gesicht verstellt, rührt von dem Getöse her, das eine Katze verursacht, die den Schornstein herabgestürzt kömmt, und einige Fragmente desselben mitbringt. In seiner Miene ist der Widerhall eines schweren Donnerschlags des Gewissens. Er hat die Nacht vorher auf der Heerstraße geraubt, und seine Geliebte hat den geraubten Schatz auf der Bettdecke verbreitet, und betrachtet am Tageslicht ein Ohrgehenke. Auf einem Paar geraubten Taschenuhren sieht man, daß es ein Viertel nach Zwölfe des Mittags ist. Das sinnreiche Paar hat, um die Türe der Schlafkammer zu verwahren, die Bodendielen aufgebrochen und sie gegen dieselbe angestemmt. Die vier andern auf (G) befindlichen Köpfe gehören zu einem der folgenden Blätter. Unterschrift: z.B. Mosis Cap. 26. V. 36. Das Rauschen eines Blatts soll sie jagen etc. Fleiß und Faulheit. G. Achtes Blatt. H. Goodchild ist nun schon zum Sheriff von London erwählt worden, und hier gibt uns Hogarth das Beste davon, den Schmaus nach der Wahl. Wenn Hogarth Traktamente vorstellt, so ist gemeiniglich die Beschauung selbst ein Fest. Das ist ganz sein Fach. Die Sache ist leicht zu erklären. Bei Schmausen, zumal bei so etikettelosen, als die englischen, ist der Mensch gerade in der Lage, die einem solchen Zeichner nötig ist, um ihn und sich zu zeigen. Hier wird Kraft gesäet und auch geerntet, reichlich, weil es nichts kostet, und frei, weil der Wein hier und da die Grenzlinien verwischt, welche Tee und Coffe oder Bier und Tobak ungeändert läßt. Nro 1 der sich eine beträchtliche Kalbsribbe selbst im Munde apportiert, hat die Gans seines Nachbars (2) in seinem Auge, und in der gedankenreichen Stirne, die Prätension dazu. Das Quadrat oder vielmehr der Kubus Nro 2 sitzt eigentlich nicht bloß am zweiten Platz, sondern offenbar am zweiten und dritten zugleich, sowohl dem Raum als der Obliegenheit nach. Er ißt auch für zwei. Dieser hat sich offenbar an der Gans das Maul verbrannt. Auf der einen Seite desselben sieht man noch die Kohle vorstehen und daneben das Zugloch zur Abkühlung. Sonst hat dieses Mistbeet nicht sehr für Abkühlung gesorgt, sondern eine sehr warme Decke über Kopf und Schultern geschlagen. Die Serviette scheint er gerade vorgesteckt zu haben, nunmehr hat er sie sich aber ganz nach der Magenseite hingegessen, denn im Original ist es die linke, die geschwollen ist. Nro 3 ist, wie die Buchdrucker sagen, ein bloßes Spatium zwischen (2) und (5), dem Raume und der Obliegenheit nach. So kommt die Zahl der Plätze am Ende wieder heraus. Er ißt nicht viel und wird überhaupt nicht viel mehr essen. Bei dem Löffel fällt einem das: Alle 2 Stunden einen Eßlöffel voll sogleich ein. Das arme, hohlwangige Geschöpf! der Kuhstall mit seiner Luft, wäre ihm heilsamer, als die von diesem Sheriffsschmaus. Nro 7, der französische Pastor ( Platelle von Barnet , wie die Ausleger sagen), ißt eifriger: alle Sekunde 2 Eßlöffel voll, und der gehört hieher. Was Nro 4 und 6 zu meditieren haben, fällt in die Augen, so wie die Absicht von Nro 5. Wenn man hierbei bedenkt, oder wenn dieses zu weitläuftig sein sollte, als bekannt annimmt, daß Studieren eigentlich eine Art von geistischem Essen ist, und dieses Bild mit jener Rücksicht im Sinn betrachtet, so bekömmt es auf einmal noch eine Seele, ein neues Leben, das den Geist unvermerkt zu allerlei Betrachtungen führt. Die Wißbegierde an dieser Tafel ist nämlich erschrecklich. Keiner schläft, auch glaube ich nicht, daß gesprochen wird, wenigstens wird immer gesprochen und meditiert zugleich, auch hört hier vermutlich niemand für seinen Herrn das Collegium par procuration. Was für Vorteil hat sich nicht dereinst das Vaterland von Nro 1 und 2, und zumal von Nro (4) zu versprechen, wenn der Satz, den er da auf der Gabel hat, einmal glücklich hinunter und verdaut sein wird. Eine Dogmatik oder eine Polemik so gehört, wie Nro 7, was für Friede in der Kirche wird da nicht entstehen, und der Pierische Quell nach Popens Rat so gekostet, wie Nro 5, was für Dichtergeist wird da nicht entflammen! Nur der arme, arme Nro 3, was wird aus dem werden? Er geht zum Schmaus und ißt nicht. Oder zehrt er vielleicht an sich? Die Feinde der neuern Philosophie werden sagen: seht da das Ebenbild einer Metaphysik, die sich selbst auffrißt. Das Auditorium ist übrigens sehr zahlreich. Es befinden sich auch Damen darunter, die wenigstens sehr eifrig nachschreiben, zumal zeichnet sich eine von hinten besonders aus. Sie hat, nahe an der Bank gemessen, völlig zwo Männer-Breiten. Das Auge stößt unmittelbar auf sie, wenn es an der Perücke von Nro 2 hinsieht, vielleicht gehört das doppelte Pärchen zusammen. Sie lernen gewiß so viel wie vier andere. – Nicht weit von Nro (1) und (2) steht ein Neger, der mit Verwunderung der Geschäftigkeit beider zusieht. Wer in der Welt herumkömmt, der sieht freilich was. Nro 8 ist ein von seiner Würde enthusiasmierter – Ratspedell im Ornat. Mit wichtigerem Anstand kann man wohl unmöglich buchstabieren, als die Stütze des Staats hier an der Adresse eines Briefs buchstabiert. In unserer Kopie ist freilich auch ein Schreibfehler: Es soll heißen To the worshipful Francis (nicht Esqu.) Goodchild Esqu. usw. Im Saale umher hängen Porträte, auch steht eine Bildsäule da mit der Unterschrift: Sr. William Walworth . Es ist dieses der Mann der Richard den Zweiten noch rettete, als der berüchtigte Wat Tyler ihn so eben durchstoßen wollte. Sr. William wird daher immer mit dem Dolch in der Hand vorgestellt. Oben wird auch auf einer Galerie musiziert. Die Gesichter der Musikanten sind hier alle leer. In Sayers Nachstich finden sich einige drollige darunter. Es sind dieses ein Paar erträgliche Noten des Übersetzers zu einem Werk, das er selbst nicht hätte schreiben können. So eben da ich die Unterschrift hersetzen will, finde ich meine obige Vergleichung zwischen studieren und essen unvermutet gerechtfertigt, denn wirklich paßt diese eher auf ein Auditorium, manches wenigstens, als einen Speisesaal. Sie ist aus den Sprüchw. Salom. Cap. 4. V. 7, 8. genommen: Der Weisheit Anfang ist, wenn man sie gerne hört, und die Klugheit lieber hat, als alle Güter. Achte sie hoch, so wird sie dich erhöhen, und wird dich zu Ehren machen, wo du sie herzest. Fleiß und Faulheit. H. Neuntes Blatt. Hierher wieder das Blatt G. Das Zimmer hier ist ein sogenannter Londonscher Keller, wo die lichtscheue Geschäftigkeit ihre kleinen und großen Galgenstreiche auch am Tage mit einiger Sicherheit ausübt, und namentlich ist dieses einer der ehemals in Blood Bowl Alley (Blut Bowl-Gäßchen , wie man sagt Punschbowl) in Fleetstreet befindlich war. Die Begebenheit, die hier vorgestellt wird, ist wie Nichols, ein kritischer Ausleger des Hogarth und ein strenger Prüfer der Wahrheit von Begebenheiten die er sich zunutze macht, versichert. Nro 1 ist Idle und (4) sein Kamerad mit dem verklebten Auge; den wir auf dem dritten Blatte bei dem Grabstein gesehen haben. Sie haben hier einen Menschen ermordet, in dessen Habseligkeiten sie sich teilen, während ein Dritter den Entleibten in ein Loch, einen Keller im Keller, mit einer Falltüre, steckt, das vermutlich für dergleichen Vorfälle besonders angelegt ist. Nro 2 ist die Fastenschwalbe, die wir schon vorher im Nest gesehen haben, welche ihren Liebling gegen einige Schillinge an die Gerichtsdiener verraten hat, die hier zur Türe herein kommen und ihn arretieren. Wer sehen will, wie tief der Mensch, das Meisterstück der Schöpfung, wie er sich nennt, und wogegen freilich die Affen, die Pudelhunde und die Elefanten wenig einzuwenden haben, fallen kann, der sehe auf dieses Blatt. Ich bin zwar nicht geneigt mit einigen Überfrommen unsre Welt für den Hospitalplaneten, unter den übrigen zu halten. Aber solches Elend! – Es erweckt Schaudern hier zu sehen, was man werden kann, wenn man einmal ein Mensch ist, und oft ist weiter nichts zu dieser Promotion nötig, als etwas schlechte Erziehung, etwas schlechte Polizei, und ein Bißchen Temperament. Jeder, der sich sicher sieht, muß bei einem solchen Anblick in Lob und Dank für die rechtschaffnen Eltern und Lehrer ausbrechen, die seinen noch lenksamen Geist auf den Pfad leiteten, der ihn zu der sichern Höhe hinführte, von welcher er auf diesen Sturm ruhig herabsehen kann. Nro 3 ist ein damals berüchtigtes Mensch, deren Nase mit der ganzen Gegend umher untergegangen ist. Man sieht kaum mehr wo Sodom und Gomorrha gestanden haben. Von einem ähnlichen Geschöpfe, das wo ich nicht irre, in einem Hospital zu Berlin herumtrieb, habe ich einen Arzt reden hören: Bei diesem war die versunkene Stelle noch ungleich größer, dabei war sie mutwillig, und besäete noch immer zum Andenken der Nase die Stelle mit Schnupftobak, wo sie Vorjahren gestanden hatte. Im Hintergrunde ist eine Prügelei, mit Knüppeln, Stühlen, Feuerschaufeln und dergleichen, vermutlich wird auch dort wieder Wild erlegt für den Keller im Keller. Mitten in diesem Mordgewühl schläft ein Kerl so sanft, wie der auf dem zweiten Blatt in der Kirche. Um aber anzudeuten, was da für ein Held schläft, und nach was für Siegen, so hängt über ihm ein Strick herab, der aus einer Wolke mit Posaunen nicht gerechter herabhängen könnte. Ein anderer neben ihm sieht so ruhig bei einer Pfeife Tabak in die Flamme des Kamins, als wäre das Feuer seine ganze Gesellschaft, und ein Dritter, ein Grenadier, steht an der andern Seite des Kamins, und zeichnet oder dichtet Zoten an die Wand, und das in einem Loche, wo ein Ermordeter versteckt wird, wo andere vermutlich so eben noch erschlagen werden und wo Mörder ihren Raub teilen. Der Strick wird wohl über alle kommen. Die Unterschrift ist dieses Mal nicht zum besten gewählt, sie ist aus den Sprüchw. Salom. Cap. 6. V. 26. Eine Hure bringet einen ums Brot, aber ein Eheweib säet das edle Leben. Im Englischen steht gar: The adulteress will hunt for the precious life. Dieser Text ist zu gelinde für die Musik die hier gespielt wird. Fleiß und Faulheit. G. Zehntes Blatt. I. Nun ists getan! Hier wird Idle (1) wegen des Mords in Ketten vor den Alderman gebracht, und dieser ist – Goodchild (2). Diese schwere Szene hat Hogarth vortrefflich durchgesetzt. Es war ein harter Stand, für einen Karikatur-Zeichner. Goodchild, der hier als Richter seinen ehemaligen Kameraden erkennt, wendet mit tiefer Wehmut sein Angesicht weg, und der rechte Arm glitscht wie erschlappt an den Schranken nieder; dieser Zug ist vortrefflich. Überhaupt drückt die ganze Stellung des Aldermans ein Herz aus, das unendlich mehr adelt, als die reiche goldne Kette, die hier darüber weghängt. Nro 3 ist wieder das Tränengesicht der Mutter, die wir im Boot gesehen haben, und (4) unser oft belobter Einäugiger. Er tritt hier als Zeuge gegen seinen Kameraden auf und schwört, aber, um sein Gewissen bei seinen Lügen nicht mit einem Meineid zu beflecken, mit der linken Hand auf der Bibel, welches der Mann (7); der ihm den Eid abnimmt, nicht bemerkt, weil in demselben Augenblick seine eigne Rechte hinter seinem Rücken beschäftigt ist eine kleine Bestechung in Empfang zu nehmen, die ihm das Mensch (6) zusteckt. Daß Hogarth bei (4) wirklich die linke Hand gemeint hat, und sie es nicht etwa aus unterlaßner Umzeichnung auf der Platte geworden ist, sieht man daraus, daß der Schreiber hinter dem Alderman, der das Mittimus ausfüllt, die Feder in der Rechten hält. Einer von Hogarths Erklärern, der sonst allerlei gute Notizen hat, aber ohne alles Mitgefühl schreibt, hält die Person (5) für die Fastenschwalbe. Das heiße ich mir den Hogarth erklären. Einmal wäre es Unsinn, einen Mann, der den Eid bloß abnimmt, bestechen zu wollen, damit er nicht sehen soll, daß der Kerl mit der Linken schwört. Ihrem Liebhaber kann es nicht helfen, denn dessen Sache geht fort sobald der Eid abgenommen ist, er sei nun wahr oder falsch. Auch freigeschworen hat er ihn nicht, denn der gute Freund wird gehenkt. Auch die Seele des Einäugigen wird nicht damit gerettet, denn wenn er ihn an den Galgen schwört, so ist es gleich viel mit welcher Hand, und ein falscher Eid wider einen Freund, falsch geschworen wird noch kein Eid für ihn. Vielleicht sind es bloß geheime Ordensgesetze die der Kerl hier befolgt, oder der Aberglaube treibt hier sein geheimes Spiel. Und die erste tätige Verräterin, sollte hier die unnütze Bestecherin sein? Und dann das Gesicht dieser Bestecherin! Hier, und noch mehr im Original, sieht man, daß Hogarth wohl schwerlich dabei an die Fasten gedacht hat. Es ist sicherlich eine Person, die nicht mit zu diesem Prozeß gehört, und die diesen Menschen für eine andere Szene, wo er mehr tun kann, zu bestechen sucht, und etwas von einem Gefühl und einem Herzen, das sich wenigstens einen Schimmer von Hoffnung ernstlich mit dem Gelde zu erkaufen sucht, läßt sich unmöglich in diesem Gesichte verkennen. Nro 5 ist ein Gerichtsdiener, der die weinende Mutter ex officio zur Ruhe verweiset. Ein wichtigeres Ex officio-Gesicht kann wohl nicht leicht ein Mann machen, der weiter kein Ansehen in der Welt hat, als was er sich nebenher selbst gibt. Degen und Pistolen des Mörders werden eingeliefert. Oben im Saale hängen Feuereimer, alle mit S. A. bezeichnet, vermutlich ist es der Name des Kirchspiels St. Albans in Woodstreet, wo solche Sitzungen gehalten werden. Die Unterschrift ist hier wegen des Kontrasts wieder doppelt. Zur Linken: Ps. 9. V. 16. Die Heiden (the wicked) sind versunken in der Grube, die sie zugerichtet hatten. Und zur Rechten: 3. B. Mos. Ihr sollt nicht unrecht handeln im Gericht etc. Fleiß und Faulheit. I. Eilftes Blatt. K. Hier ist nun endlich Idle (i) an der Schwelle des dreisäuligen Altars der Gerechtigkeit, mit ihrem Opferpriester (3) oben drauf. Idle (1) sitzt auf einem Karren mit dem Rücken gegen seinen Sarg angelehnt. Auf dem Sarge steht sein Name T. I. Thomas Idle (auch im Original steht aus Versehen I.T.), vor ihm sitzt oder kniet ein methodistischer Prediger, wie man aus dem Haarschnitt und einem Traktätchen von Wesley sehen kann, das er in der Hand hat, und hält den Zeigefinger hoch, wie einen Blitzableiter über ihn. Außerdem sieht man auch noch den Prediger von Newgate in der Kutsche vorausfahren, dieser wird zu ihm treten, wenn die Katastrophe noch etwas näher rückt, denn in England kann man zu keiner Ehrenstelle im Staat gelangen, wenn man nicht wenigstens die äußern Gebräuche der hohen Kirche mitmacht. Daß Hogarth seinen Helden zu einem Methodisten macht, ist ein mutwilliger Seitenhieb auf diese Sekte, dergleichen sich schwerlich ein methodistischer Kupferstecher gegen eine andere Sekte erlaubt haben würde, überhaupt sollen sie die Satyren lieber und besser ertragen als schreiben. Ich habe einmal gehört, man könne in einem schlechten Wagen ein Gesicht machen, daß der ganze Wagen dadurch ein gutes Ansehen bekäme; Idles Gesicht hier könnte wohl eine Staatskarosse zu einem Leichenwagen oder noch etwas Schlimmerem verderben. Das Gewühl ist hier groß, von allerlei Menschen, besonders der Klasse, die sich um die Exspektanz zu ähnlichen Promotionen bewerben. Wir können nur einiges hier mitnehmen. Nro 4 ist eine Gin trinkende Heilige. Der Gestus ist gut gewählt, und kann eben so gut Bewunderung des Branntweins, als der unbegreiflichen Führungen des Himmels bezeichnen. (5) ist ein Kerl der einen lebendigen Hund beim Schwanze hält, und im Begriff ist ihn voll gerechten Unwillens nach dem Missetäter zu schleudern. Ein braver Kerl, will er sagen, kann wohl einmal gehenkt werden, aber morden muß man nicht. Es ist ein starker Zug von Niederträchtigkeit, den Hogarth hiermit dem Charakter seines Helden einwebt, daß er andeutet, er sterbe selbst unter den Verwünschungen solcher Menschen. Denn auch in der Stimme dieser Volksklasse, ist immer noch ein leises Hallen von Gottes Stimme nicht ganz zu verkennen. (6) die Frau mit dem Kinde, verkauft unter schrecklichem Schreien the last dying speech von Thomas Idle; die Rede die der Mann vor seiner Hinrichtung gehalten haben soll, der noch nicht hingerichtet ist, und vermutlich, wie man aus dem gänzlichen Mangel von oratorischer Fassung in seinem Gesichte sehen kann, auch nicht halten wird. Die Frau ist indessen um diesen kleinen Anachronismus wenig bekümmert, und ihr Publikum eben so wenig, das sie begierig kauft und liest, so wie wir die Reden der Helden bei den alten Geschichtschreibern. (7) mit dem Federhut ist das Porträt eines berüchtigten Honigkuchenbäckers, Tiddy Doll genannt, nach einem Refrain, womit sich jedes Mal die Stanzen schlossen, worin er seine Kuchen singend anpries. Ein kleiner Junge, oder wohl gar ein kleines Mädchen, beraubt mit vieler List die Tasche dieses Sängers. (10) und (11) haben einen kleinen Disput über das Meum und Tuum bei einem Umsturz, den eine Schiebkarre mit Apfelsinen erlitten hat. (8) und (9) ein Paar drollige Galgenfrüchtchen, die ihre Freude über einen Stadtsoldaten äußern, dessen Unvorsichtigkeit ihn bei seinem Landdienst in eine Pfütze führt, in welcher es sich leichter schwimmen als marschieren läßt. Zur Rechten steht die Mutter des Helden mit verhülltem Gesicht in tiefstem Schmerz, auf einem Karrn, worin sie nach dortiger Sitte den Leichnam wegführen will. Ein kleiner Knabe der etwas in die Familie sieht, ist bemüht sie zu trösten. Oben auf der Galerie läßt ein Kerl eine Taube fliegen, die dem Stockhausverwalter von Newgate Nachricht von der Ankunft des Delinquenten bringen soll. Trusler nennt dieses einen alten Gebrauch . Hier bei diesem Blatte verwandeln sich nun die emblematischen Verzierungen der Einfassungen in aufgeknüpfte Todengerippe. Unterschrift: Sprüchw. Sal. Cap. 1. V. 27, 28. Wenn über euch kommt, wie ein Sturm, das ihr fürchtet, und euer Unfall, als ein Wetter; wenn über euch Angst und Not kömmt: dann werden sie mir rufen, aber ich werde nicht antworten; sie werden mich frühe suchen und nicht finden. Fleiß und Faulheit. K. Zwölftes Blatt. L. und M. Hier sind die Verzierungen der Einfassung sich ergießende Füllhörner. Goodchild ist Lord-Mayor geworden. Man sieht ihn hier im Staatswagen, bei (1) sieht man etwas davon und einen nicht sehr majestätischen Schwertträger am Schlage stehen. Goodchild hat nun durch seine Tugend ein solches Glück gemacht, daß Hogarth es für unschädlich hält, wenn er ein wenig über den Pomp dieser City-Majestät herfällt. Wenn man von diesem ganzen Blatt nur einen Charakter angeben soll, so ist es: Spott über die Stadtsoldaten der guten Stadt London , und man kann nicht leugnen, daß ihm. dieses in einem hohen Grade gelungen ist. Freilich hat hier die Natur sehr stark vorgearbeitet. Wenn der Soldatenstand in der Welt derjenige ist, der vorzüglich vor andern auf Schönheit des Leibes, Mut, Reinlichkeit im Anzuge, und Gewandtheit in allen Bewegungen mit Recht Anspruch macht, so kann man sich freilich des Lächelns nicht enthalten, wenn man diese Hospital-Präparate aufmarschieren sieht. Es sind Invaliden, nicht in der militärischen Bedeutung des Worts, sondern im strengsten Hospitalsinn genommen. Einige tragen nicht die Flinte, sondern werden, wie Nro 1. M, von ihr getragen. Wie der arme Tropf da steht, man glaubt, er wolle den Tod fürs Vaterland hier auf der Stelle sterben. Auch Nro 3. M. wird die Flinte bald zur Krücke machen. Dafür ist (4) desto wichtiger. Er hat vermutlich ehedem als Marketender dienen sehen. Die Grenadiermütze scheint seine eigene Erfindung zu sein, denn es ist sonst kein Grenadier auf dem ganzen Blatt. Nro 8 feuert in einem Anfall von Mut sein Gewehr in die Luft und wendet dabei sein Gesicht sorgfältig weg. Es bemerkt aber diese Heldentat niemand als er selbst und ein kleines Kind (5), auch sind das gerade die beiden Personen, denen sie Schrecken einjagt. Einige, zum Beispiel (5) und (6) L. haben bloß Mut zu trinken gesucht und haben Übermut getrunken. Nro 2. M. hält eine gedruckte Nachricht in der Hand, die eine vollständige Erzählung enthält, wie der Geist Th. Idles dem Lord-Mayor wirklich erschienen sei usw. Was nicht gleich gelogen wird, wenn ein großer Mann stirbt! Außer dem Jubel eines braven Volks das hier um die Kutsche hängt, wie Bienen um ihre Königin, und der hier sogar auch von allen Dächern erschallt, beehrt Hogarth den Lord-Mayor oder sein Fest mit einem Zug, von dem er nicht würde Gebrauch gemacht haben, wenn so etwas ganz ungewöhnlich gewesen wäre, nämlich auf einem mit reichen Tapeten behangenen Balkon befindet sich der Prinz von Wallis mit seiner Gemahlin, die Eltern unsers jetzigen Königs, und darneben, etwas abgesondert, der Hofstaat, die das frohe Volksfest mit ansehen. Einige Köpfe die hier auf unsern Blättern vorgestellt sind, erklären wir nicht, weil sie sich selbst erklären. – Auf diesem und dem vorhergehenden Blatt hat Hogarth hier und da seinem Mutwillen den Zügel etwas gelassen. Es finden sich auf demselben fünf bis sechs Szenen, die ein künftiger Editor derselben in usum Delphini, wohl wird besonders stechen lassen müssen. So etwas war freilich nicht zu vermeiden, wenn das Gemälde der Natur treu sein sollte. Unterschrift: Sprüchw. Sal. Cap. 3. V. 16. Langes Leben ist zu ihrer rechten Hand und Reichtum und Ehre zu ihrer linken. Fleiß und Faulheit. L. Fleiß und Faulheit. M.