Alfred Meißner Ich traf auch Heine in Paris Unter Künstlern und Revolutionären in den Metropolen Europas Kindheit in Nordböhmen Teplitz, das jetzt zu einer ganz bedeutenden Bade- und Fabrikstadt herangeblüht ist, war vor einem halben Jahrhundert nur ein mäßig besuchter Kurort, dessen jährliches Fremdenkontingent wenig über tausend Personen betrug. Das heute mit Teplitz zusammengewachsene Schönau stand damals noch ziemlich weit abseits und hatte, die Badeanstalten abgerechnet, noch einen rein dörflichen Charakter. Die Stadt und Dorf verbindende Mühlstraße bestand aus einer ganz lückenhaften Reihe einzelner zerstreuter Wohnungen, die sich an eine kahle, steinige Bergwand lehnten und den Ausblick auf Felder und einen weiten Wiesengrund hatten. Dort lief ein Bach zwischen uralten Weiden hin, dort weideten Kühe, und eine primitive Mühle, die sogenannte Pulvermühle, tummelte dort ihre Räder. Dieser einsamen Mühle gegenüber hatte sich mein Vater nach bewegten Wanderjahren als Badearzt niedergelassen und sich ein nur einstöckiges, aber nettes und wohnliches Haus gebaut. Von den beiden hüttenähnlichen Wohnungen in unserer Nachbarschaft gehörte die eine einem Vogelhändler, die andere dem »Dresdener Boten«, Kuhmann. Dies Haus, das wir allein bewohnten – es war geschlossen, und wer bei uns erscheinen wollte, mußte den stets blanken messingenen Glockenzug benutzen, was für Teplitzer Gewohnheiten neu war –, bildet mit seinem Garten den bescheidenen Hintergrund meiner Erinnerungen aus der Knabenzeit. Der Vater hatte denselben dem Geröll der nackten Klingsteinwand abgewonnen, indem er Terrassen aufführen und fruchtbare Gartenerde hinaufschaffen ließ, was den Kostenvoranschlag seines Baues sehr stark modifizierte. In der Zeit, da ich ihn in meiner Erinnerung vorfinde, ist »der Berg« schon mit schattenden Bäumen bewachsen. Die Hecken sind dicht, die Gebüsche hoch, Singvögel sind in sie eingezogen. Man kann von Absatz zu Absatz teils auf Treppen, teils auf bequem gewundenen Wegen bis zur Höhe des »Judenbergs« – jetzt Königshöhe genannt – heransteigen, wo mitten auf dem kahlen Plateau ein barocker Bau, eine Restauration stand, die wegen der an ihr angebrachten Zieraten, aus Schlacken geformt, die »Schlackenburg« hieß. Auf jeder Terrasse ist eine Laube oder ein Sommerhäuschen, mit Kletterrosen, Efeu und Nachtschatten umrankt, angebracht, die Birken aber mit der silberweißen Rinde, die auf einem sanfteren Abhang stehen, bilden bereits ein Wäldchen. Da steht ein grünangestrichener Tisch, welcher an schönen warmen Abenden zum Nachtmahl gedeckt wird; man hat von der Bank aus eine prachtvolle Aussicht einerseits auf die Stadt in der Ferne mit dem von Gärten umgebenen Claryschen Schlosse, vor dem der Turm der Dechantkirche zierlich emporragt, anderseits auf Dorf Schönau mit dem daran grenzenden Turner-Park. Die lachende, fruchtbare Ebene zwischen dem Erzgebirge und dem böhmischen Mittelgebirge ist von unaussprechlichem Reize. Die erste Sprache, die ich erlernte, war die englische. Meine Mutter, eine Schottin von der Insel Bute, war damals des Deutschen noch gar wenig mächtig, und alles Gespräch im elterlichen Hause wurde englisch geführt. Schottische Lieder sind die ersten Dichtungen gewesen, die ich vernahm, noch in späten Jahren sind mir viele Fragmente davon im Gedächtnisse geblieben und üben einen eigentümlichen Reiz auf mich aus. Ebenso war Percys Sammlung altenglischer und schottischer Balladen eines der ersten Bücher, das ich in die Hand bekam. Meine Kindheit hatte wenig Gespielen. Ich war das einzige, das zuletzt übriggebliebene Kind, nachdem zwei Schwesterchen vor mir gestorben, und hatte, da ich den Unterricht im Hause genoß, nicht einmal Schulkameraden. Im Sommer sahen die Eltern viel Besuch bei sich, zwei Figuren blieben besonders im Gedächtnis des Knaben haften, weil sie auf die Fantasie wirkten. Es war dies eine alte Gräfin Stollberg, die mit ihrem Krückenstock mir noch heute wie eine Figur aus Theodor Amadeus Hoffmann erscheint, und der Freund meiner Eltern, ein uralter polnischer General Klicki, der aus der Geschichte der napoleonischen Kriege her einen Namen hatte. Alljährlich kam er mit seinem Reitpferd und seinem Hund Fido nach Teplitz. Wenn er seinen Morgenritt machte, pflegte er den Knaben abzuholen, setzte ihn vor sich aufs Pferd und nahm ihn im Trab durch die nahen Wiesen, Dörfer und Felder mit sich. Kein Wunder, daß ich mit zärtlicher Liebe an dem alten Herrn hing. Alljährlich besuchten uns zwei Persönlichkeiten, die ihre warme Freundschaft für meinen 1807 verstorbenen Großvater auf meinen Vater übertragen hatten: Frau Elise von der Recke und deren Freund Tiedge. Es waren zwei Liebesleute, von denen eines in den siebziger Jahren, das andere am Rand der Sechzig stand. Sie blickten auf eine Bekanntschaft von einigen vierzig Jahren zurück, hatten mehrjährige Reisen miteinander gemacht, verharrten aber einander gegenüber in einem sonderbaren Ton, der aus Überspannung und Reserve gemischt war. Tiedge hatte die Haltung eines ritterlichen Toggenburg, Elise die einer edlen Burgfrau einem Troubadour gegenüber beibehalten. Beide waren im Besitze bedeutender Mittel, reisten mit Kammerdiener und Kammerjungfer, nahmen jedoch ihr Absteigequartier regelmäßig bei uns, wo dann streng darauf gesehen werden mußte, daß alles nach ihren Gewohnheiten hergerichtet werde, was ohne Umständlichkeiten nicht möglich war. Vor allem anderen durfte keine allzugroße Nachbarschaft der Schlafzimmer Raum zu Mißdeutungen geben. Es waren zwei herzensgute, vortreffliche Menschen absonderlicher Art, die den Verkehr mit abgeschiedenen Geistern für möglich hielten und herzlich ersehnten und in einer Gedankenwelt lebten, die sie selber erbaut. Wenn ich von Teplitz nach Schönau ging, mußte ich an dem – nunmehr verschwundenen – Kirchhof vorüber, wo das Grabmal des russischen Generals Millesimo, das des Fürsten Anhalt-Pleß und mehrere Kreuze bei Kulm gefallener Krieger zu sehen waren. Am öftesten hielt ich da vor einem liegenden Grabstein betrachtend still. War's, daß ich damals meinte, auf jedem Grabe müsse ein Kreuz stehen, und ich hier nur einen breiten, flachen Stein sah, den junge Eichen beschatteten, war's, daß ich zu Hause öfter von dem Grabstein sprechen hörte – ich betrachtete denselben immer mit einer gewissen scheuen Ehrfurcht. Kamen nun Elise von der Recke und ihr alter Gesellschafter zu uns, so wurde ein gemeinsamer Gang zum Grabstein gemacht, denn diese zwei hatten ihn legen lassen und die Eichen davor gepflanzt, weil der, der darunter lag, sich im Leben als treuer und charaktervoller Deutscher bewährt habe. Nun erfuhr ich erst, daß das Grab einen Dichter, Gottfried Seume, berge, der die allergrößte Unbill des Schicksals erfahren, indem er von seinem Landesvater an die Engländer verkauft worden sei, damit er in Kanada gegen die Verteidiger der Freiheit kämpfe. Seumes Gedichte standen im Schranke meines Vaters, ich las sie, suchte das Weitere über den Soldatenhandel deutscher Fürsten im vorigen Jahrhunderte und Seumes Schicksal insbesondere zu erfahren und kann wohl sagen, daß dadurch ganz absonderliche Gedankenkeime in meine Seele kamen. Das Ende des Jahres 1830 hatte die mächtigen Kämpfe in Polen gebracht. Die Teilnahme aller freisinnigen Zeitgenossen begleitete die Ereignisse, und auch bei uns im Hause wurden die Kämpfe um Warschau mit atemloser Spannung verfolgt. Eine Wiederherstellung Polens auf Kosten Rußlands erschien nicht nur als Akt der Gerechtigkeit, sondern als Akt politischer Klugheit, insofern damit ein Sturmbock gegen asiatische Barbarei geschaffen werden sollte. Polen hatte ja jahrhundertelang als selbständiges Reich bestanden, hatte seine Waffen nie zur Eroberung außerhalb seiner Landesgrenzen getragen, sondern sein Schwert zur Verteidigung der Christenheit gegen den Islam gezogen. Man vergaß, wie die selbstsüchtige Willkür des polnischen Adels den Bauer durch unmenschliche Leibeigenschaft gedrückt. Die enthusiastische Sympathie aller Liberalen begleitete die polnische Sache. Wilhelm Müller, Mosen, Graf Platen schrieben Polenlieder. Aber Polens Untergang war nicht aufzuhalten, Warschau fiel, und es ward stille an den Ufern der Weichsel. Tausende von Polen wanderten nun aus und zogen nach Frankreich. Teplitz lag auf einem Übergangspaß nach Deutschland. Flüchtlinge trafen mit Empfehlungen Bekannter bei uns ein, nächtigten bei uns, wurden mit Geldmitteln versehen und weitergeschafft. Besonders unser alter Freund, General Klicki, war unermüdlich, uns zerzauste Männer in verschnürten Röcken und mit viereckigen Mützen zuzusenden, denen dann der Dresdener Bote Kuhmann, unser Nachbar, den Weg über die Grenze wies. Die Behörden drückten, wenn die Persönlichkeiten nicht Rußland gegenüber besonders graviert waren, ein Auge zu. Ich gewöhnte mich daran, in diesen Männern, die für die Unabhängigkeit ihres Vaterlandes mit dem Säbel in der Faust eingestanden und nun arm und entblößt ins Exil hinauszogen, romantische Gestalten, die eigentlichen Helden der Zeit zu sehen. Um diese Zeit, da die Politik alle Gemüter in Anspruch nahm, wurde ich Augenzeuge eines kleinen Ereignisses, das meinem Gedächtnisse für immer eingeprägt bleiben sollte. Es war im ersten Frühjahr, um die Mittagszeit, die Mutter stand in der Küche, ich neben ihr. In der Bratröhre schmorte ein mächtiger Kalbsbraten und wurde unter der Mutter Anleitung von der Köchin fleißig mit Fleischbrühe begossen. Da stürmt jemand die Treppen hinauf; es ist der Vater, der kurz zuvor ausgegangen war. Einige Minuten darauf schießt er, sehr aufgeregt, den Arm mit Makulatur beladen, in die Küche und stößt in größter Hast das bedruckte Papier in den Küchenherd, daß die Flammen hoch auflodern. Gleichzeitig erscheint von der Hofseite her ein sogenannter »Grenzjäger« mit Militärkappe und Gewehr und springt auf den Ofen los, um die hineingeworfenen Papierstöße hervorzuziehen. Das will ihm der Vater wehren, und es gibt einen wilden Auftritt. Den Grenzjäger verleitet seine Aufregung zur größten Unvorsichtigkeit, er greift mitten hinein in die Flammen, zieht aber beide Hände schrecklich verbrannt zurück. Der wilde Angreifer windet sich jetzt vor Schmerz und jammert ganz erbärmlich. Den Vater hat auch der Zorn verlassen, er leert eine Flasche Olivenöl auf einen Teller und beginnt dem Manne die verbrannten Hände zu salben, die Mutter ist hinausgelaufen und bringt aus dem Nähzimmer Watte herbei. Das alles sieht der erschrockene Knabe durch den Qualm, den die brennenden, auf den Steinfliesen rauchenden Papierstöße erzeugen. Endlich läuft der Grenzjäger mit den verbrannten, eingewickelten Händen jammernd davon. Was bedeutet das alles? Mein Vater war ein Abonnent des – natürlich verbotenen – »Nürnberger Correspondenten«. Allwöchentlich brachte Kuhmann die Nummern; von diesem holte sie mein Vater, um sie auf einsamem Spazierwege zu lesen. Aber längst war er schon dieser Gesetzesübertretung verdächtig. Der Grenzjäger lauerte ihm auf, war ihm nachgelaufen, um das corpus delicti und wohl auch die daheim aufgehäuften Beweise längeren verbotenen Zeitungsbezuges zu fassen. Der Vater hatte noch eben das Haus erreicht und die äußere Tür verriegelt, da war der Grenzjäger durch den Garten und die Hintertüre eingedrungen. Es folgten Haussuchungen, Vorladungen, Verhöre. Schließlich wurde mein Vater wegen »heimlichen Bezugs ausländischer mit dem non admittitur bezeichneter Zeitungen« in eine namhafte Strafsumme verurteilt. Ein ganzer Aktenstoß über diese Angelegenheit war nach Prag ans »Gubernium« gegangen und zog meinem Vater dort namentlich beim Landeschef, Grafen Chotek, eine böse Note zu. Das alles hatte der arge »Nürnberger Correspondent« verschuldet.   Von der Höhe des Schloßbergs hatte einst im August 1813 die ganze Bevölkerung von Teplitz dem Donner des groben Geschützes gelauscht und der ewig denkwürdigen Schlacht zwischen Kulm und Nollendorf zugesehen, in welcher Ostermann das Corps Vandammes gefangennahm. Es gab noch Leute, die jede Position, jedes Manöver der alliierten Armeen und der Napoleons beschreiben und erklären konnten. Bald darauf hatte der Teplitzer Kongreß stattgefunden, wo zwei Kaiser und ein König sich in der ihnen neuen Rolle des Siegers befanden; gekrönte Häupter von allen Rangstufen, zwanzig Generäle, den Fängen des napoleonischen Adlers entgangen, hatten demselben beigewohnt. Da hatten die tapferen und treuen deutschen Fürsten mit ihren frommen Ministern das neue deutsche Reich aufzurichten beschlossen. Und Losung ward, das wieder zu erlangen, was für die Machthaber, für die Throne und ihre Stützen, die bevorrechtigten Stände, an Berechtigungen verlorengegangen war. Es kam das Deutschland der Karlsbader Beschlüsse und der Mainzer Zentral-Untersuchungskommission. Die Patriotenpartei wurde vernichtet und wanderte ins Gefängnis, der schauderhafteste Byzantinismus kam an die Tagesordnung. Abspannung und Ermüdung hatten die Welt überkommen und schienen der Charakter der Zeit bleiben zu wollen. Infolge der noch frischen Waffenbrüderschaft waren die Beziehungen Preußens und Österreichs sehr intim. Viele Jahre nacheinander kam Friedrich Wilhelm III. nach Teplitz, wo er auch ein Militärbadehaus für preußische, der dortigen Bäder bedürftige Krieger gegründet hatte. Da gab es denn Ausfahrten in sechsspänniger Karosse, Konzerte im fürstlich Claryschen Schloßgarten, bei anbrechender Nacht Feuerwerk. Ein paarmal im Sommer wimmelte es von den buntesten Uniformen: Die Gedenktage von Kulm und Arbesau wurden von österreichischer wie von preußischer Seite gemeinsam mit feierlichem Glockengeläut und unter dem Donner von Kanonen begangen. Auch die Friedrich Wilhelm III. in morganatischer Ehe angetraute Gräfin Harrach, jetzt Fürstin von Liegnitz, traf jeden Sommer in Teplitz zur Badekur ein. Vielen im Orte schien die Sonne der königlichen Gnade, aber niemand empfand die Gunst des preußischen Monarchen lebhafter als der Teplitzer Bürgermeister. Er hieß Josef Wolfram, war ein Deutschböhme und Opernkompositeur. Schon als kleiner Beamter, Magistratsrat in Graupen, hatte er eifrigst komponiert. Es gelang ihm endlich, eine Oper, »Die bezauberte Rose«, vom Dresdener Schriftsteller Eduard Gehe nach Schulzes Gedicht zugerichtet, in Dresden zur Aufführung zu bringen. Nun, von Graupen nach Teplitz versetzt, brachte ihn sein Amt in Berührung mit dem König. Er gewann dessen Wohlwollen durch Geschmeidigkeit und gute Manieren, und fortan ging jedes Jahr eine Oper von Wolfram auf der Berliner Hofbühne in Szene. Denn Wolfram war sehr produktiv. Es war für ihn das leichteste in der Welt, zwischen der Ausfertigung zweier magistratlicher Aktenstücke ein großes Duett oder Terzett zu Papier zu bringen. Der »bezauberten Rose« folgten »Die Normannen in Sizilien«, »Prinz Lieschen«, der »Bergmönch«, das »Schloß Candra«. Auf allerhöchsten Wink öffnete sich diesen Werken eine Bühne, die selbst einem Karl Maria von Weber so lange verschlossen und, während Spontini regierte, so unfreundlich gewesen war. Der »Bergmönch«, das »Schloß Candra« wurden glänzend ausgestattet und wiederholt gegeben, worauf dann dem Berliner Hoftheater manch andere Bühnen folgten. Erstaunt vernahmen wir, welches Genie unter uns wohne, und konnten diese Erfolge kaum begreifen. Endlos habe ich als Knabe vom »Schloß Candra« reden hören, bis es vor meiner Fantasie architektonisch zur höchsten Höhe emporwuchs, denn Bürgermeister Wolfram pflegte uns im Winter ganze Akte daraus am Klavier vorzutragen. Daß sich seine Werke über das Niveau der Mittelmäßigkeit erhoben, möchte ich sehr bezweifeln; der Mann aber ist ein denkwürdiges Exempel dafür, was, namentlich bei einem Opernkompositeur, die Gunst zufälliger Verhältnisse, zumal die Gunst eines Königs vermag. Auf dem Theater ist Schein und Blendwerk zu Hause. Als sein Gönner nicht mehr war, gab es auch keinen Wolfram mehr. Seine Partituren fielen ihrem Verhängnis anheim. Selbst aus den musikalischen Lexikons, in denen er seinerzeit einen breiten Raum eingenommen, ist sein Name verschwunden.   Ein großer Vorzug von Teplitz war in den Augen meines Vaters die Nähe seiner Vaterstadt Dresden. Dort lebte die einzige Schwester, die ihm erhalten geblieben war; jahrelange Abwesenheiten hatten an den herzlichen Beziehungen der beiden Geschwister nichts geändert. Alljährlich pflegte Tante Bianca uns mit ihrer Familie zu besuchen; es war für uns alle ein Fest. So war denn auch die erste Fußreise, die ich mit meinem Vater unternahm, nach Dresden gerichtet. Wir wanderten über die Nollendorfer Höhe nach Tetschen, zogen durch das herrliche Elbtal und langten am dritten Tage durch den Odewalder Grund in Dittersbach an. Mein Vater war ein leidenschaftlicher Fußgänger. Als junger Arzt war er in Nachahmung Seumes zu Fuß von Paris quer durch die Schweiz nach Mailand gegangen; er hatte dazu zweiunddreißig Tage gebraucht. Dittersbach und Eschdorf waren zwei Güter meines Onkels, beide am Eingang der Sächsischen Schweiz gelegen. Sie hatten schon den romantischen Charakter derselben. Im Schlößchen war es schön und wohnlich. An meinen beiden Vettern Gustav und Erwin hatte ich liebe Kameraden. In nächster Nähe gab es herrlichen Wald und eine von wildem Wasser durchrauschte Schlucht; man konnte sich stundenlang, drin ergehen und die schönsten Räuberspiele aufführen. Ein reizender Weg, einerseits von Felsen und Tannen, andererseits vom wildrauschenden Bache begrenzt, lief zu einer kleinen auf dem Felsen stehenden Einsiedelei, eine Brücke über dem Wildwasser führte dahin. Weiterhin bot ein Schweizerhaus mit freiem Altane eine Aussicht auf Dresden und dessen Umgegend. So gelangte man zur Schönhöhe, dem eigentlichen Aussichtspunkt des Gutes. Von dort konnte man die schwarzen Basaltsäulen von Stolpe mit freiem Blick erkennen, von der anderen Seite boten sich die Sandsteinkegel der Sächsischen Schweiz dar, von der Elbe durchzogen, von Wäldern umgeben. Dort, auf der Schönhöhe, hatte mein Onkel ein Belvedere bauen lassen, das er mit Fresken schmücken ließ: die Darstellungen waren aus Goethes Balladenkreis gewählt. Kaum minder gut gefiel es mir in Dresden. Mein Onkel, J.G. von Quandt, als Kunstkenner und Kunstschriftsteller in großem Ansehen stehend, hatte sich sein Haus auf der Neustadt mit prachtvoller Aussicht auf die Elbufer nach Art eines italienischen Palazzo eingerichtet und eine Enfilade von neun Zimmern im ersten Stockwerk ganz mit Gemälden angefüllt. Es waren teils Werke alter Meister, die der erfahrene Bilderfreund in italienischen Klöstern und Villen aufgestöbert, teils moderne Bilder, die er bei noch lebenden Malern bestellt hatte. Neben seltenen Fiesoles, Filippo Lippis und Francesco Francias sah man prachtvolle historische Landschaften von den Deutsch-Römern Koch, Rohden, Schick, Bonaventura Genelli. Alle Zimmer der Bel-Etage waren mit grünem Damast tapeziert oder mit Stuck bekleidet, aber völlig unbewohnt. Nur die nach Dresden kommenden Fremden durchzogen sie mit der Lorgnette in der Hand. Hinten, in einem unermeßlichen Bibliothekzimmer, seinem Sanktuar, hauste mein Onkel unter Tausenden von Büchern. Man kam, wenn man zu ihm wollte, an einer auf hohem Postamente ragenden Büste Goethes vorüber, sie war von Christian Rauch, Original und aus karrarischem Marmor, ein Meisterwerk. Sie hatte hier eine symbolische Bedeutung. Mein Onkel war ein Goetheaner, wie es selten einen gab. Er besaß alle älteren Ausgaben Goethescher Schriften sowie alle Bücher über denselben. Goethe war ihm der Mittelpunkt einer Welt. Ein philosophischer Lebenskünstler und Epikuräer, im höchsten Grade gelehrt, geistreich, witzig, liebte er es auch wie Goethe, jeden unangenehmen Eindruck von sich fernzuhalten. Allerdings hatte er bereits mit dem Unglück Bekanntschaft gemacht – so hatte er, der leidenschaftliche Baumeister, bei einem Sturze von einem Gerüste beide Beine gebrochen und hinkte an einem Stocke –, das focht aber seinen philosophischen Optimismus nicht an. Allerdings half ihm der Besitz von Wagen und Pferden, seine Lahmheit leichter zu tragen als tausend andere. Er ahnte noch nicht, daß ihm die furchtbarsten Heimsuchungen des Schicksals für die letzten Lebensjahre aufgespart seien. Bei diesem meinem ersten Aufenthalt in Dresden sollte ich auch einen der berühmten literarischen Abende bei Ludwig Tieck erleben. Tieck, der, wenn er nach Teplitz kam, meinen Vater zu konsultieren pflegte, war mir schon längst bekannt, ein kleiner, gedrungener Mann, dessen wunderbar tiefbraune, geradezu lichtsprühende Augen in meiner Erinnerung unvergänglich leben. Er wohnte auf dem Altmarkt in einem schwarzen Hause, einem Kaufmann gehörig, eine Treppe hoch. Wir betraten einen Salon, der gut beleuchtet und mit vielen Bildern geziert war. Längs der Wände standen Kanapees und Divans. Eine zahlreiche Gesellschaft, aus Herren und Damen bestehend, war anwesend. Am Teetische präsidierte eine alte Dame mit einem grünen Augenschirme, vornehm, in aristokratischer Gemessenheit: es war dies des Dichters Freundin, die Gräfin Finkenstein. Zwei ältere Fräuleins unterstützten sie in ihrer Tätigkeit: die eine derselben war Dorothea Tieck, die Tochter des Dichters. Nachdem uns eine Tasse Tee gereicht worden, setzte sich Tieck an ein Tischlein, auf dem ein niederer Armleuchter stand, ergriff ein dort liegendes Buch und begann mit einer wunderbar wohllautenden Stimme die Vorlesung eines Theaterstückes. Vergeblich suchte ich mich in diesem zurechtzufinden, denn siehe da, schon das Personenverzeichnis war von einer verblüffenden Seltsamkeit. Da war ein Herr von Fuchs, der einen Hausfreund namens Fliege hatte, dann ein Herr Geier, ein Herr Rabe und ein Herr von Krähfeld; ich wurde nicht klug daraus, ob ich es mit einer menschlichen Gesellschaft oder mit redenden Tieren zu tun habe. Im Grübeln darüber schlummerte ich ein. Viele Jahre später erfuhr ich, daß das Stück, welches Ludwig Tieck uns vorgetragen, Ben Jonsons »Volpone« gewesen sei.   Durch die Kriegsereignisse von 1831 war die Cholera aus Asien nach Europa verschleppt worden und nahm von Polen aus den Gang nach Westen. Die schreckliche Seuche trat, ganze Strecken überspringend, auf den verschiedensten Punkten auf, von der sporadischen Form zur wirklich asiatischen sich steigernd. Die Welt wurde beim ersten Erscheinen der Epidemie von einem ungeheuren Entsetzen erfaßt. Man zog Militärkordons, man errichtete Quarantänen. Aber das Kontagium spottete aller Absperrungsmaßregeln. Es verbreitete sich immer weiter. Es folgten die großen Epidemien von Paris, Berlin, London, die Tausende und aber Tausende von Opfern forderten. Noch gehörte das nördliche Böhmen zu den verschonten Strecken, als aber in Prag und in Brünn zahlreiche Fälle mit tödlichem Ausgang vorgekommen waren, wurde auch das Kurpublikum von Teplitz sehr beunruhigt. Man sprach von nichts anderem als von dem schrecklichen asiatischen Gaste. Jeder Brief, der, durchräuchert und von Nadeln durchstochen, die Zeichen der Quarantäne an sich trug, war ein Gegenstand des Grauens. Noch nie war die Fremdenfrequenz eine so geringe gewesen, und doch stand die Saison auf ihrem Höhepunkte. Am zweiten Juni hatte in der Teplitzer Schloßkapelle die Trauung des Fürsten Wilhelm Radziwil mit der Gräfin Mathilde Clary stattgefunden, bei dieser Gelegenheit wurde ein Volksfest auf einer Wiese bei Teplitz abgehalten, bei welchem viel geschmaust und getrunken wurde. Dies Volksfest wirkte verderblich. Von den Landleuten, die den ganzen Tag getanzt hatten, erkrankten viele unter Symptomen der Cholera und starben plötzlich. Der fürstlichen Familie blieb dies nicht verhohlen, sie untersagte einen Bürgerball, der am nächsten Sonntag stattfinden sollte. Dennoch fuhr der Magistrat fort, das Dasein der Krankheit zu leugnen und ergriff keine Maßregeln gegen dieselbe. Fast täglich hörte man von neuen Todesfällen; man suchte sie zu vertuschen, die Toten wurden in der allerersten Morgenfrühe, fast noch in der Nacht, in aller Stille bestattet. Es war kein Zweifel mehr übrig, daß die Cholera im Orte immer mehr um sich griff. Diese Tatsache war auch jenseits der Grenze bekannt, und sicheren Nachrichten zufolge stand es in Aussicht, daß von sächsischer Seite demnächst ein Militärkordon aufgestellt werden sollte. Nie vergesse ich den Nachmittag, an welchem mein Vater, der zu einem Kranken in der Judengasse abgerufen worden war, bei seiner Rückkehr schnurstraks auf sein Zimmer ging und dieses hinter sich abschloß. Es war geschehen, um die Kleider zu wechseln und die Hände mit Chlorwasser zu reinigen. Der Vater war nämlich bei einem Kranken gewesen, bei dem die Diagnose nicht schwerfiel: Das unstillbare Erbrechen, der Abgang reiswasserähnlicher Flüssigkeiten, die bläuliche Hautfarbe, die furchtbaren Krämpfe, durch welche die Gliedmaßen bald steif gestreckt, bald wild umhergeworfen wurden, sprachen deutlich genug. Mir fiel an diesem Tage der Ernst meiner Eltern bei ihrem gewohnten Abendspaziergang nach Turn auf. Ich horchte auf jedes Wort, das sie miteinander sprachen. Mein Vater erzählte, daß er zum Bürgermeister gegangen sei und die Anzeige des von ihm konstatierten Cholerafalles erstattet habe. Er habe darauf gedrungen, daß der Kranke gehörig isoliert werde und daß für Desinfizierung der ganzen äußerst schmutzigen und verwahrlosten Gasse, in der der Krankheitsfall vorgekommen, Anstalten getroffen würden. Zum mindesten müsse das Haus abgesperrt und der Zutritt in dasselbe – es war ein Kaufladen darin – verhindert werden. Wolfram hatte geantwortet: »Wo denken Sie hin. Das würde die Stadt, die ohnehin von Besorgnis erfüllt ist, ganz in Alarm bringen. Polizei vors Haus stellen, vielleicht gar eine schwarze Tafel aufhängen, das wäre was Schönes! Schon haben viele Fremde Teplitz verlassen, und Teplitz lebt von seinen Fremden. Schweigen Sie, es geschieht im Interesse des Kurortes. Wir wollen noch immer hoffen, daß bei uns nur sporadische Fälle der Cholera nostras vorgekommen. Die echte asiatische Cholera ist das noch lange nicht. Es wird bei vereinzelten Fällen bleiben.« Mitten in seiner Erzählung wurde mein Vater von einer Frau, die ihm nachgeeilt war, eingeholt. Er mußte wieder zu seinem Kranken in der Judengasse, der nicht zu retten war und gegen Morgen in Gegenwart seines Arztes starb. Einige Stunden später besuchte mein Vater die fürstliche Familie Radziwil, deren Arzt er war. Die Rede kam sofort auf die schwebende Tagesfrage, und die Fürstin sagte: »Man spricht schon wieder von plötzlichen Todesfällen. Diesmal schreibt man sie einer Vergiftung durch schlecht verzinntes Kochgeschirr zu. Was sagen Sie? Es ist doch kein Anlaß zu ernstlichen Befürchtungen da? Geben Sie uns Ihr Wort, daß nichts zu besorgen ist!« Mein Vater erwiderte: »Dies Wort kann ich leider nicht geben. Ich bin nämlich selbst in die Lage gekommen, einen Cholerafall mit tödlichem Ausgang zu konstatieren ... Geraten Sie darum nicht in Unruhe. Der Mann lebte in einem kleinen feuchten Hause, in einer schmutzigen Gasse und unter den ungesundesten Verhältnissen. Noch immer kann man nur von einzelnen sporadischen Fällen sprechen. Von diesen zu einer Epidemie ist noch weit hin.« An diesem Tage speiste mein Vater noch beim Fürsten in großer Gesellschaft. Man war beim Diner heiter und guter Dinge. Indes hatte das von ihm gesprochene Wort gewirkt. Die Familie faßte plötzlich den Entschluß, von Teplitz abzureisen. Dies konnte bei einer Familie, die einen ganzen Hofstaat um sich hatte, nicht ohne Aufsehen geschehen. Das Publikum wurde alarmiert. Der Entschluß, die Badekur abzubrechen, konnte nach der Meinung der Leute dem Fürsten nur durch seinen Arzt eingegeben worden sein – also war mein Vater der Veranlasser des Alarms. Alle Unzufriedenheit mit der Lage kehrte sich plötzlich gegen ihn. Er war, so schien es, besorgter um das Wohl seiner Patienten als um das der Stadt. Die Saison sei jetzt ruiniert. Eine wilde Gärung bemächtigte sich der ohnehin aufgeregten Gemüter und hielt, noch ohne sich zu äußern, mehrere Tage an. Wir hatten bei unserem geringen Verkehr mit den Bürgern keine Ahnung davon. Am Abend des 5. Juli hatten wir mehrere Personen zum Tee bei uns gehabt und gingen erst spät in unserem großen Dachzimmer zu Bette. Da weckte uns plötzlich ein wildes Geschrei von der Straße her und das Zusammenklirren aller Fenster des ersten Stockwerks aus dem Schlafe. Wir hörten noch immer die Scheiben klirren und die Steine zu Boden fallen, erhoben uns mehr tot als lebendig und wußten nicht, wie wir uns den Angriff auf unser Haus erklären sollten? Nun stieg, da sich das Toben einigermaßen beruhigt hatte, der Vater die Treppe herab, um den Schaden zu besehen. Die Mutter folgte ihm, ich blieb allein, lauschte zitternd jedem Geräusche und vernahm, wie die Zimmertüre aufging und der Vater in das Mittelzimmer des ersten Stockwerks trat. Da durchschlug wieder ein Stein eine übriggebliebene Scheibe und kollerte zu Boden. Man hatte das Licht im Zimmer gesehen und meinen Vater darin vermutet; das mochte ein Steinwurf aus persönlicher Rache sein. Darauf ward alles still, wir brachten die Nacht sinnend und voll trüber Ahnungen zu. Am nächsten Morgen standen wir früh auf, noch ganz betäubt vom gestrigen Schrecken, und traten in die bisher gemiedenen Räume. Ach, wie sah es da aus! Welche Zerstörung starrte mich da an! Der Fußboden, die Tische, das Klavier waren mit Steinen, Ziegelstücken, Glassplittern bedeckt. Ein hoher Trumeauspiegel war gerade in der Mitte von einem Steinwurf getroffen worden und in hundert Stücke zertrümmert. Alle Fenster waren eingeschlagen. Wir verloren uns in Mutmaßungen, den Grund des Geschehens zu erfahren und die ferneren Absichten der uns übelwollenden Menschen zu erforschen. Um neun ging der Vater aufs Rathaus, die Anzeige zu machen; Wolfram war sehr entrüstet und versprach, sofort eine Kommission zu senden, die den Schaden in Augenschein zu nehmen habe. Aber Stunde um Stunde verging, niemand erschien. Inzwischen erhielten wir Besuch von zahlreichen Fremden und vernahmen erst durch diese die richtige Deutung. Aber noch immer wollte mein Vater nicht glauben, daß der Sache eine größere Bedeutung zuzumessen sei, oder gar, daß die Rotte von gestern in Sold und Auftrag eines größeren Teiles der Bevölkerung gehandelt habe. Der Kommandant des Militärbadehauses, Major von Schwaiger, kam zu uns und erbot sich, Wachen vor unser Haus zu stellen. Mein Vater dankte, er hielt die Sorge für unnütz, und Baron Schwaiger ging. Abends blieben ein Herr von Symanowski und Baron Korff bis gegen zehn bei uns, letzterer sagte, als er fortging, scherzend, er wolle bis Mitternacht vor unserem Hause patrouillieren und irgendwelche Halunken, die sich zeigen würden, mit seiner Krücke vertreiben. Gegen elf wollte sich mein Vater wie gewöhnlich in die Dachstube begeben, da ihn aber die Mutter bat, im ersten Stockwerk zu bleiben, wo die besonders festen Fensterladen besten Schutz gewährten, ließen wir Matratzen herunterbringen und legten uns in unsern Kleidern nieder. Wir schliefen ein. Da weckte uns abermals wilder Lärm, Schreien und Pochen an der Türe. Nach langem Fragen hatte die Magd geöffnet, der Bürgermeister Wolfram und Baron Schwaiger traten ein. Die Sache, sagten sie, habe größere, ungeahnte Dimensionen angenommen. Es sei eine große Zusammenrottung von Gesindel auf der Straße. Manche darunter seien mit Hacken, Mistgabeln, sogar mit alten Gewehren bewaffnet. Sie drohten Fenster und Türen einzubrechen und das Haus zu demolieren. Sie verlangten, daß mein Vater Teplitz verlasse. Die Schutzmannschaft sei unzureichend, den Pöbel auseinanderzujagen. Bei diesen Worten Wolframs waren wir wie vom Schlage gerührt. Es war fast unverständlich, wie eine Bevölkerung, die sich uns gegenüber immer freundlich verhalten hatte, uns nun auf einmal mit feindseligen Absichten gegenüberstehe? Wir hatten niemand gekränkt, niemand geschädigt, wir hatten die, die für uns arbeiteten, immer gut bezahlt. Meine Eltern pflegten dem niedrigsten freundlich zu begegnen. Welcher Geist war plötzlich in diese Leute gefahren? Doch was half da Grübeln und Nachdenken? Das Lärmen, Toben, Pfeifen, ein Treiben wie von besoffenen Irokesen hörte nicht auf, dauerte ungemäßigt fort. »Nun gut, so will ich von Teplitz fortgehen!« brach mein Vater sein langes Schweigen. Wolfram und Baron Schwaiger entfernten sich. Der letztere kündigte nun dem Pöbel die Absicht meines Vaters an und ermahnte die Leute heimzugehen. Der Morgen begann schon zu grauen, die Haufen entfernten sich, und wir fingen sofort mit Einpacken an. Der einzige Schutz, der uns wurde, war der, daß Baron Schwaiger unsere Koffer und Möbel durch Militär ins Badehaus schaffen ließ und uns dort eine Wohnung einräumte, in der wir, nach zwei schlaflos zugebrachten Nächten, doch in Sicherheit schlafen konnten. Nun gab's zu packen, unausgesetzt zu packen. Wir brachten unsere ganze Habe in Kisten unter, auch die Bücher meines Vaters. Als der Abend herankam, waren wir so ziemlich mit allem fertig. Baron Schwaiger hatte indes eine halbe Schwadron Ulanen aus Theresienstadt kommen lassen, welche die Nacht hindurch vor unserem Hause Wache hielt. Eine noch größere Anzahl Jäger wurde teils im Hofe, teils auf dem Berge postiert. Am 9. Juni blieben meine Eltern zwei Stunden auf dem Rathause, um ihre Aussagen zu Protokoll zu bringen; man versprach eine umfassende Untersuchung und strenge Bestrafung der Exzedenten. Sodann speisten wir bei Baron Schwaiger. Um fünf nahmen wir von unserem lieben Hause Abschied, nachtmahlten früh bei Schwaigers und gingen dann zu Bette, um mit dem Morgengrauen wieder auf zu sein. Doch, wie hätten wir schlafen können nach solcher Katastrophe! Ein jähes Unwetter hatte unser Dach abgedeckt, unsere Mauern umgeworfen, unser Hab und Gut zerstreut und vernichtet. Und was war die Schuld meines Vaters, die wir nun so schwer zu büßen hatten? Daß er, um die Wahrheit gefragt, die Wahrheit gesprochen hatte. Noch vor vier, bei kaum grauendem Morgen, stiegen wir in den Wagen; ein Rat Nechodom gab uns bis Brüx das Geleit, zwei Ulanen, die uns zur Bedeckung mitgegeben worden waren, folgten dem Wagen in einiger Entfernung. Lange blieben unsere Blicke unserem Hause, unserem Garten zugekehrt, bis alles in der dunstigen Ferne verschwand. Unweit Brüx verließen uns die beiden Ulanen, in Saaz wurden wir von mehreren Freunden begrüßt. Am anderen Tag, Mittwoch, den elften, langten wir in Karlsbad an. Nach längerem Suchen fanden wir eine nette, passende Wohnung im »Englischen Hause«, welche nebst dem Vorzug einer geringen Entfernung von den Quellen auch den einer schönen freien Aussicht – etwas sehr Seltenes in Karlsbad – hatte. Sie war auf der Höhe des »Schloßbergs« gelegen. Wir haben dieselbe alle Sommer bis zum Herbste 1861 innegehabt, wo wir Karlsbad für immer verließen. Unmittelbar nach der Katastrophe, die uns betroffen, trat die Epidemie in Teplitz so stark hervor, daß ihr Vorhandensein nicht mehr geleugnet werden konnte. Ganz Böhmen wurde in diesem Jahre von der Cholera überzogen. Nach einer anfangs 1833 erschienenen amtlichen Publikation gestalteten sich die Verhältnisse folgendermaßen: Auf eine Bevölkerung von 3.875.657 Seelen erkrankten im ganzen 63.112 Individuen. 40.098 genasen, 23.014 starben, eine enorme Zahl! Von allen sechzehn Kreisen Böhmens blieb nur der Elbogner mit Karlsbad völlig verschont. Karlsbad hat diese Immunität auch in allen späteren Choleraepidemien aufrechterhalten. Im Gymnasium Inzwischen hatte ich das Alter erreicht, in dem der Knabe gewöhnlich in die Lateinschule eintritt. Die Eltern wählten von den Gymnasien das nächstgelegene, kaum zwei Wegstunden von Karlsbad entfernte Schlackenwerth. Es war dies ein elendes trauriges Städtchen, das sich von einer Feuersbrunst, die es vor Jahren heimgesucht, noch nicht hatte erholen können. Damit der Ort doch von einer Seite her einen kleinen Verdienst habe, hatte die Regierung dort ein Gymnasium, aus vier Klassen bestehend, unter der Leitung von Piaristenordenspriestern weiter vegetieren lassen. Doch mit jedem Jahre schmolz die Anzahl der Schüler, wuchs die Verarmung der Bürgerschaft. Öde Gassen, ein Marktplatz von grauen, alten, baufälligen Häusern eingefaßt, wo die Höckerin mit ihrem Obstkorb die längste Zeit hindurch das einzige anwesende lebende Wesen war, eine niedrige Kirche mit daranstoßendem Schulgebäude und draußen vor der Stadt, jenseits eines kleinen Flüßchens, ein großes Klostergebäude im nüchternsten aller Stile – so war Schlackenwerth im Jahre 1832. Es war im Oktober, als mich der Vater an diesen Ort meiner Bestimmung brachte und durch die öden Gassen dem Kloster zuführte, in welchem ich fürderhin meinen Unterricht erhalten sollte. Eine eigentümliche Scheu ergriff mich, als ich die kalten hallenden Gänge durchwanderte, die zu der Zelle des Rektors und des Klassenlehrers führten, mich ihnen vorzustellen. Ein farbloses Licht fiel durch halberblindete Fenster, kein Wesen war in den Korridoren sichtbar, bis wir auf die ärmlichen Gestalten zweier Schüler stießen, die, eine blaue Schürze vorgebunden, in einer tiefen Fensternische die hohen Kanonenstiefel der Herren Professoren wichsten. Ich hatte in meinen Büchern viel von Klosterzellen gelesen und hatte mir hohe nackte Wände, einen Kasten mit Büchern in Schweinsledereinband, dabei ein Kruzifix und den traditionellen Schädel gedacht – ich fand jedoch wohnliche Zimmer, gut möbliert und ohne jedes besondere mönchische Abzeichen. Pater Nikolaus, mein künftiger Lehrer, ein höherer Fünfziger im schwarzen Talar, erhob sich vom Sofa, empfing uns freundlich. Es war ein ernster, trauriger Mann. Das gelbbraune Gesicht, das spärliche graue Haar, das unter dem schwarzen Käppchen hervorsah, die müden grauen Augen, der zusammengezogene Mund erzählten von einer leidenvollen Vergangenheit. Er versprach, mich unter seine besondere Obhut zu nehmen; ich sollte mit seinem Neffen, der auch eben ins Gymnasium trat, Wohnung und Kost teilen beim Kantor und Schullehrer, Herrn Hessenteufel. Herr Hessenteufel, Regens Chori an der Stadtkirche und Lehrer an der »Trivialschule«, war trotz seines deutschen Namens tschechischer Abkunft, ein kleiner, untersetzter, schwarzhaariger, olivengrüner, galliger Mann in den Vierzigern, der dem Jähzorn in bedauerlicher Weise unterworfen war und in Momenten des Affekts alle, die er schlagen durfte, Weib, Kinder, Schulkinder, mit dem ersten besten Instrumente, das ihm in die Hand kam, sei es nun Lineal, Bakel, Eßlöffel oder Fidelbogen, über den Kopf zu hauen pflegte. Seine Gattin, eine Frau in den Dreißigern, stammte aus dem Musikantendorf Gottesgab. Sie war vor Jahren umhergezogen, die Herzen der Menschen durch Gesang und Saitenspiel zu erfreuen, und hatte in den Stürmen des Lebens ein Auge eingebüßt. Seitdem sie Frau Hessenteufel war, hatte sie keine Lieder mehr, die Harfe war beiseite gestellt. Niemand hätte ihr mehr eine musikalische Seele zugetraut. In ihrer Ehe bewährte sie eine seltene Fruchtbarkeit. Noch hatte der Säugling kaum mit dem mütterlichen Busen recht Bekanntschaft geschlossen, als der Schoß schon wieder an die bildende Arbeit ging. So war es von Jahr zu Jahr. Diese leidenschaftliche Produktivität entsetzte den Gatten und war wohl der hauptsächlichste Grund seiner wilden cholerischen Ausbrüche. Seine Besoldung mit allen Nebeneinkünften betrug zwischen drei- und vierhundert Gulden. Damit war schwer zu leben. Herrn Hessenteufels Reizbarkeit steigerte sich im mathematischen Verhältnisse zum Zuwachs seiner Familie. Wohnung und Haushalt, alles trug den Stempel größter Dürftigkeit. Unser Mittagsmahl war elend über jeden Begriff und wechselte Tag für Tag zwischen Klößen und Kartoffeln, selten kam ein Stück gekochtes Rindfleisch auf den Tisch. Nicht besser war es um unsere Schlafstätte bestellt. Eine Kammer, in die tagüber kein Sonnenstrahl drang und von deren Wänden die Nässe troff, war alles, was mir Herr Hessenteufel nach dieser Richtung anbieten konnte. Da wurde mein Bett neben dem seinigen und dem des Professorsneffen aufgestellt. Ich hatte mich Hessenteufels beiden ältesten Knaben angeschlossen, ihre Tätigkeit interessierte mich. Mit ihnen stieg ich auf den Kirchturm, die Glocken zu läuten, mit ihnen trat ich die Balken, wenn die Orgel unter den Händen ihres Vaters erbrauste. Der älteste, etwa sieben Jahre alt, ministrierte täglich in der Kirche und verdiente damit einige Kreuzer, die den Einkünften der Schullehrerfamilie sehr zustatten kamen. Auch der Zweitälteste hatte schon ministriert, hatte jedoch seine Leistungen einstellen müssen. Die Kirche fordert nämlich mit Recht vom Ministrantenknaben nebst mehreren moralischen Eigenschaften auch ein Paar ganze Stiefel, damit die beim Knien auf den Altarstufen der Gemeinde zugekehrten Schuhsohlen kein Ärgernis erregen. Dieses Ärgernis hatte stattgefunden und war vorerst nicht zu beseitigen gewesen. So war der junge Mann einstweilen beiseite geschoben worden. Die Tätigkeit des Erstgeborenen am Altar imponierte mir nicht wenig, ich sah ihn gern in seiner Funktion. Es kam die Adventzeit, die Zeit der »Rorate«, der Frühmesse, nach Rorate coeli, einem Versanfang aus Jeremias, so benannt. Da hieß es zeitig aufstehen und durch den hohen Novemberschnee in die Stadtkirche eilen. Der schmale, halbdunkle Raum, die spärlichen Lichter, die ärmlichen Besucher, das zusammen machte einen eigentümlichen Eindruck. Wie kalt es war! Mich fror in meinen Fausthandschuhen, die schlecht bekleideten Schullehrerknaben klapperten vor Kälte. Allerdings hatten sie es zu einer kleinen Abhilfe gebracht. In irgendeiner Rumpelkammer hatten sie ein großes steinernes Ei gefunden, das wurde vor dem Gange in die Kirche heiß gemacht und mitgenommen. Zuerst wurde es in den Kelch gelegt, damit dieser sich etwas erwärme, dann herausgenommen, und der älteste behielt es bei sich. Der jüngere, der immer ärger fror, rückte immer mehr und mehr heran, gab wohl auch im Schutze des herrschenden Dunkels dem andern einen Puff und raunte: »Das Ei gib her!« – »Du kannst schon warten!« brummte der andere. Der Priester am Altar wendete sich um und sagte: »pax vobiscum!« dann sotto voce: »Verflixte Buben, was habt ihr wieder da untereinander?« – »Et cum spiritu tuo!« erwiderte der Ministrant. »Der Wenzel will mir das Ei nicht geben!« rief der Mißvergnügte herüber, indem er sich grollend entfernte.   In seinen ruhigeren Momenten, den kurzen Windstillen, welche zwischen den Stürmen seines Gemüts zuweilen einfielen, las Herr Hessenteufel gern in einem der drei Bücher, aus welchen die Bibliothek bestand: einem vereinzelten Bande der »Messiade«, Wielands »Neuem Amadis« und Schillers »Jungfrau von Orleans«. Diese drei Bücher lernte ich auch bei ihm kennen und las sie wiederholt. Indes war es uns streng untersagt, andere Bücher als unsre Schulkompendien zu lesen, alle übrigen wurden – und nicht nur in der Schule – konfisziert. Von Zeit zu Zeit pflegte der Herr Präfekt zu ungewohnter Stunde in den Wohnungen einzufallen, um nach unerlaubter Lektüre zu forschen. Solche Gänge verbreiteten Schrecken in der Gymnasialjugend, einzelne Schüler machten sich auf und kündigten, von Haus zu Haus laufend, ihren Kameraden an, daß man sich auf eine Visitation gefaßt machen könne. Alles, was nicht Kompendium war, wurde dann sorgfältig versteckt, man atmete aber, da man fast immer etwas geschwärzte Ware im Hause hatte, erst dann auf, wenn man versichert war, daß der Herr Präfekt den Heimweg angetreten. Bei solch einer Visitation, die in unserm Hause in Herrn Hessenteufels Abwesenheit stattfand, wurde nebst einem Bande Hermann und Dorothea, der mir gehörte, auch der »Neue Amadis« mitgenommen. Nur der Band der Messiade und die Jungfrau von Orleans blieben zurück, nach diesen war der Herr Präfekt nicht lüstern gewesen. Erst nach umständlichen Reklamationen erhielt Herr Hessenteufel diesen dritten Teil seiner Bibliothek zurück. Von Zeit zu Zeit hing Herr Hessenteufel mit uns philosophischen Gedanken über das nach, »was den Menschen zieret«. »Sehen Sie«, sagte er und entwickelte damit einen seiner Lieblingsgedanken, »es gibt ein unfehlbares und nicht allzu schweres Mittel, in den Ruf gediegener Bildung zu gelangen. Man muß sich der Umschreibung bedienen. Der gewöhnliche Mensch sagt z. B.: Ich war in Karlsbad. Nun sagen Sie selbst – das sieht nach gar nichts aus! Drückt sich aber einer so aus: ich habe das benachbarte Weltbad besucht – o, das weckt gleich ein günstiges Vorurteil, man wird als gebildeter Mann erkannt. Sagte ich: ich bin auf dem Heimweg von dort mit der Meinigen eingekehrt, so ist das gar nichts, sage ich aber: ich habe auf meinem Heimwege von dem benachbarten Weltbade eine Zeitlang mit meinem teuren Ehegesponst an kühler Bierquelle gerastet – da versichere ich Sie, daß die Leute den Kopf nach einem umwenden und, wenn man fortgegangen, fragen, wer man ist! Solche Umschreibungen, sehen Sie, gleichen ungemein leicht zu lösenden Rätseln. Daß sich ein jeder ein klein wenig anstrengen muß, sie zu lösen, das ruft Respekt hervor. Merken Sie drum, meine jungen Freunde, wie ich die Umschreibung anwende – es wird Ihnen zustatten kommen.« Auch seine Gedanken über deutsche Sprache entwickelte er vor seinen jugendlichen Zuhörern. »Ich bin weit herumgekommen«, sagte er, »habe Deutsche aus aller Herren Länder reden gehört, habe aber die Überzeugung gewonnen, daß nur der Böhme gut und richtig deutsch spricht. Mein Gott, was bekömmt man in Sachsen und in Schlesien für ein Deutsch zu hören! Es zerreißt unsereinem die Ohren! Aber einen Fehler hat auch der Böhme mit allen Österreichern, Sachsen und Schlesiern gemein: er spricht immer ein e statt des ö und ein i statt des ü. Nach dieser Richtung hin habe ich mich streng überwacht, und ich schmeichle mir, diese Doppellaute, welche der deutschen Sprache ihren eigentlichen Wortlaut verleihen, wie selten jemand auszusprechen.« Wenn er drauf zu sprechen kam, pflegte Herr Hessenteufel die breiten wulstigen Lippen so zuzuspitzen, als ob er sie an ein unsichtbares Fagott setzte. Es war auch leicht zu bemerken, daß er mit Vorliebe ungewöhnliche Konjunktive in Anwendung brachte, um sein schönes ö oder ü brillieren zu lassen. »Wenn Du es in Erwägung zögest – wenn man mir eine Krone böte – wenn ich dies je erführe – daß doch der Bäcker bald besseres Brot büke – wenn Du mir eine Wurst brätest« – in solchen und ähnlichen Sätzen feierte Herr Hessenteufel wahre Triumphe ... Eine eigentümliche Institution dieses Gymnasiums, die schon in der zweiten Klasse ins Leben trat, war das sogenannte Signum. Die erlangte Kenntnis des Lateinischen sollte nämlich dazu verwendet werden, daß wir Schüler auch untereinander und außer der Klasse lateinisch sprächen und dasselbe so zur Geläufigkeit ausbildeten. Um diese Monstruosität lateinischer Unterhaltung aufrechtzuerhalten, dazu war das Signum da. Das Signum war ein winziges Büchlein, eben groß genug, um in der Hosentasche eines Knaben Platz zu finden. Es wurde vom Professor zuvörderst einem Knaben übergeben, der sich seines besonderen Vertrauens erfreute, und dieser mußte nun wandern und mit dem Büchlein ausziehen, bis er einen das Sprachverbot Übertretenden fand. Beim ersten deutschen Wort, das in der Rede vorkam, wurde dem Übertreter das Signum zugeworfen. Dieser mußte es bei schwerer Strafe annehmen, Namen und Tag des Empfanges darin notieren und zusehen, wie er es wieder loswurde. Für jeden Tag, an dem man das Signum behielt, wurde man mit einer schriftlichen Ausarbeitung gestraft, die jeder öftere Empfang des gefährlichen Büchleins empfindlich steigerte. Es gab Jungen, die sich des Signums bald wieder zu entledigen wußten, und gab andere, die es wochenlang bei sich trugen. Daß die wohlgemeinte Einrichtung demoralisierend wirkte, liegt auf der Hand. Der mit dem Signum Behaftete mußte auf die Lauer gehen, hinter Hecken lauschen, an Fenstern und Türen horchen. Mancher falsche Eid, daß man das Signum nicht bei sich trage, wurde geschworen: im Moment darauf flog das schnöde Buch aus der Tasche. Es wurde kein Mittel gescheut, es an den Mann zu bringen. Das Signum hatte übrigens den Nutzen, daß wir Knaben geläufig, wenn auch schlecht genug, Latein reden lernten, und dies Latein war fast der einzige Gewinn dieser drei Jahre. Dem Griechischen wurden wöchentlich nur ein paar Stunden gewidmet, und keiner kam über die erste Konjugation hinaus. Auch der Unterricht in Mathematik, Geographie, Geschichte war äußerst dürftig. Das Griechische habe ich später unter der Anleitung meines Vaters nachgeholt, der ein perfekter Grieche war; in der Mathematik aber bin ich zeitlebens nicht vorwärts gekommen, ja ein Ignorant geblieben.   Der Sommer kam, und eine abermalige Rückkehr Frau Hessenteufels zu interessanten Umständen hatte die Aufnahme einer Magd nötig gemacht. Diese war ein ungemein schönes Mädchen von höchstens neunzehn Jahren mit schwarzen Haaren und dunklen Augen, gewachsen wie eine Königin. Sie war eine Waise, hieß Viktoria und hatte ein sehr gutes Herz. Einmal, als ich mit ihr nach Joachimsthal wanderte, wo wir eine befreundete Müllerin heimsuchen wollten, und die Stiefel mich drückten, zog die schöne Viktoria ihre Schuhe aus, lieh sie mir und ging barfuß nebenher. Jeden Nachmittag pflegte sie mit den kleinen Schullehrerkindern in den Schloßgarten zu gehen, wo es etwas zu sehen gab, wenn Kurgäste aus Karlsbad angefahren kamen. Eines Nachmittags kam die schöne Viktoria aufgeregt mit hoch geröteten Wangen heim. Sie rief Herrn und Frau Hessenteufel herbei und begann in abgerissenen Sätzen zu erzählen. Ein prachtvoller Wagen, auf dessen Bock ein Jäger mit wallendem Federbusch neben dem Kutscher saß, war vorangefahren, eine Reihe von Equipagen hinterdrein. Ein hochgewachsener Herr, vor welchem die Diener mit abgezogenen Hüten stehen blieben, schien der Mittelpunkt der Gesellschaft zu sein. Beim mittleren Pavillon war eine Tafel prächtig zum Nachmittagkaffee gedeckt. Die Herrschaften waren auf und ab promeniert, da seien einige Herren an der Bank vorübergekommen, auf der sie, die Viktoria, mit den Kindern gesessen. Einer derselben, eben der hochgewachsene, vor dem alle sich verneigten, sei freundlich auf sie zugetreten und habe gar leutselig allerlei Fragen an sie gestellt: Bei wem sie im Dienst stehe? Ob ihre Eltern noch leben? Ob sie nicht ihr Los zu verbessern wünsche und derlei mehr. Bald nachdem sich der Herr entfernt, sei ein zweiter gekommen und habe ihr gesagt, sie möge ihren jetzigen Dienstherrn ersuchen, sie sofort zu entlassen, da der regierende Herzog von ..., von ihrem freundlichen Wesen eingenommen, willens sei, sie bei einer der Hofdamen unterzubringen. Schon während der Erzählung des Mädchens war der gute Schullehrer mächtig aufgebraust. »Diese Sprache müßte man nicht kennen!« fuhr er auf. Der Versucher lasse sich sanft und süß an und verspreche schöne Dinge; in Wahrheit wolle er leibliches Verderben und den Tod der Seele. Der genannte Herr stehe im Rufe, allen Frauenzimmern nachzustellen, er werde wohl daheim ein Serail wie ein Türke haben. Möge doch die Törin, die das alles unbefangen erzähle, einsehen, daß es sich nicht um ihr Glück, sondern um ihr Verderben handle. Er entlasse sie nicht, eher rufe er die Polizei um Beistand an. Er fasse die Stellung eines Dienstherrn nicht bloß äußerlich, sondern auch im moralischen Sinne als die eines Vormundes an. Träte der gekrönte Mädchenräuber in diese Stube, er solle die ihm gebührende Strafpredigt hören ... So wild gebärdete sich Herr Hessenteufel, so laut reporierte er, daß er das Klopfen an der Türe ganz überhörte. Da trat ein Kammerherr ein und begehrte höflich, mit dem Herrn Schullehrer unter vier Augen zu sprechen. Die beiden Männer gingen in das Nebenzimmer. Die Verhandlungen dauerten wohl eine Viertelstunde. Wir lauschten, vor Neugier und Unruhe verzehrt. Da entfernte sich der Kammerherr, und Herr Hessenteufel trat wieder in den Kreis der Seinigen. »Es gibt Momente«, wendete er sich mit großer Feierlichkeit an uns alle, indem er sich den Schweiß von der dunkelroten Stirn trocknete, »es gibt Momente, die über ein ganzes Leben entscheiden! Ein solcher ist dagewesen. Viktoria verläßt uns. Die Weltgeschichte lehrt, daß junge Mädchen bisweilen ein großes Glück an Höfen gemacht haben. Ich will niemandes Glück im Wege stehen. Ziehe denn hin, Viktoria, da Du es wünschest, und vergiß nie, daß Du es bei uns gut gehabt hast.« Am folgenden Tage hatte uns die schöne Viktoria unter Tränen verlassen, um sich in Karlsbad dem Gefolge Serenissimi anzuschließen und bald nachher abzureisen. Am nächsten Sonntage hatten wir Schweinebraten. Das war ein gar ungewohntes Essen auf dem Tische der armen Schulmeisterfamilie, die nur von Kartoffeln, Nudeln und Klößen zu leben pflegte. Als der Braten aufgegessen war, wischte sich Herr Hessenteufel den fettglänzenden Mund und sagte: »Einen so saftigen Braten habe ich lange nicht gegessen. Er hat mir geschmeckt – sehr geschmeckt, muß ich sagen – und doch –«, er hielt eine Weile still, indes er sich pathetisch erhob –, »träte der Versucher noch einmal über diese Schwelle –«, er spitzte die Lippen, wie wenn er dieselben an das unsichtbare Fagott setzte –, »böte er mir noch einmal von seinem Mammon, ich würde ihm sagen: Satanas! Hebe dich fort von mir. Es war doch ein Sündengeld, ja ein Sündengeld. Aber reden wir nicht mehr davon. Oh, daß es dem Menschen so selten vergönnt ist, in dieser Welt seine Pflicht zu tun und edel zu handeln, ohne dabei auf den Schweinebraten verzichten zu müssen!« Nachdenklich saßen wir um den Tisch und weihten der Entlassenen eine stille Erinnerung. Letzte Schuljahre in Prag So waren mir drei Jahre vergangen, drei Jahre, von denen ich zehn Monate in Schlackenwerth im Hause des Schullehrers Hessenteufel in der Schulzucht der Piaristen, zwei Monate in Karlsbad bei meinen Eltern zubrachte. Mit Schaudern dachte ich daran, daß ich auch noch ein viertes Jahr dort werde hingehen müssen. Da, gegen den Herbst 1835, faßten meine Eltern den Entschluß, fortan die Wintermonate in Prag zuzubringen, wo ich dann auf dem dortigen Altstädter Gymnasium weiter studieren könne. Und so sah ich mich denn im Oktober 1835 in die böhmische Hauptstadt versetzt. In Prag entwickelte sich nun mein Leben unter freieren Verhältnissen, nachdem ich unter den Piaristen die größte Beschränkung hatte ertragen müssen. Ich befand mich plötzlich unter zahlreichen Genossen, unter denen ich manchen Freund fand und für die Zukunft festhielt. Ich war der steten Aufsicht ziemlich ledig. Statt des elenden Schulmeisterquartiers hatte ich die freundliche Wohnung meiner Eltern in der Neustadt Prags, der »breiten Gasse«, um mich waltete wieder liebende Sorgfalt. Ich sah das erste Theater, ich las die ersten Bücher neben meinen Schulkompendien. Ich lernte zeichnen und hatte Klavierunterricht bei einem guten Lehrer. In der Schule waltete ein vernünftiges und humaneres System. Ein günstiger Wechsel machte sich nach allen Seiten hin fühlbar. Und noch besser wurde es in den zwei letzten Gymnasialjahren, damals Humanitätsklassen genannt. Professor Dittrich, der uns durch diese beiden Jahrgänge führte, war ein wackerer Mann. Er war Prämonstratenser, aber aufgeklärt, den Meinungen seines Lehrers Bolzano zugetan. Er hatte, ich weiß nicht mehr wo, Goethe kennengelernt und sprach mit Verehrung von diesem, eine grenzenlose Bewunderung aber zollte er Tiedgen. Die »Urania«, aus der er viele Stellen zu zitieren wußte, wurde uns als das erste aller Bücher, als die glänzendste Blüte deutscher Dichtung ans Herz gelegt. Vom Tage an, wo er zufällig erfahren hatte, daß Tiedge unserem Hause befreundet gewesen, hatte ich beim Professor einen großen Stein im Brette. Auch Goethe – natürlich mit Auswahl – zu lesen war uns erlaubt. Er war ein sonderbarer Klostermann, der die Poeten begünstigte und es gern sah, wenn der oder jener ein aufgegebenes Thema metrisch bearbeitete. Um diese Zeit las ich zum erstenmal die Ilias in der Voßschen Übersetzung. Kein Buch hat einen tieferen Eindruck auf mich hervorgebracht, es war ein Ereignis in meinem Leben, und es ist mir von diesen Tagen eine unauslöschliche Erinnerung geblieben. Mit hoher Neugier las ich Gesang um Gesang, wunderbar und immer stärker gefesselt, je weiter ich vordrang, und als ich zu Ende stand, ergriff mich zum erstenmal die geistige Gewalt einer Dichtung, die wie keine andere dem in uns niedergelegten Triebe nach künstlerischer Schönheit entgegenkommt. Die bewunderungswürdige Weisheit der Anordnung, die herrliche, so einfache und doch verschlungene Führung der Helden zu ihrem Geschicke trafen mich wie eine Offenbarung. Die sanftesten Regungen des Mitleids wechselten in mir mit dem Hochgefühl, das die Darstellung kraftvoller Männlichkeit in der Brust eines Knaben hervorruft. Nachdem ich zuerst die Griechen gehaßt hatte, die mit so unsäglicher Beharrlichkeit Priams heilige Feste in Schutt zu legen bemüht waren, nachdem Hector mein Liebling gewesen, gewann Achilles mein ganzes Herz, und trotz aller Grausamkeit wagte ich doch nicht, ihn einen Frevler zu nennen, wenn ich seine Liebe zur fernen Mutter und die Hingabe eines ganzen Lebens an seinen verstorbenen Freund in Betracht zog. Achill und Patroclos sind Urbilder der Freundschaft, vom Dichter gezeichnet, wie es hinterhin keinem zweiten gelang. Wo ist der Jüngling, dessen Herz bei dieser Schilderung nicht in Bewegung gerät und schwört, seinem Achill, dem er noch begegnen wird, ein Patroclos zu sein! So hob mich die Ilias durch alle Entzückungen, und da ich im letzten Gesänge an die Schilderung kam, wie der greise Priam in Achilles' Zelt den Leichnam seines Sohnes erbittet und dem Gewaltigen die Hände küßt, »ach, die entsetzlichen Würger, die viel der Söhn' ihm gemordet«, da hielt ich die Tränen nicht mehr zurück und ließ sie fließen, ohne mich ihrer zu schämen. Lange, lange ist die Ilias meine Begleiterin geblieben. Sooft ich mich zu ihr flüchtete, öffnete sich mir der Blick auf eine starke, einfache, lichte Welt, deren Luft mir Erquickung war. Wohl hatte ich inzwischen gehört, daß Homer nie gelebt habe und eine ganze Schar von Homeriden an diesen Gesängen gedichtet haben soll. Aber in diese Anschauung habe ich mich nie finden können: dazu war mir die in der Ilias herrschende Einheit und Harmonie doch zu stark. Eine Partitur, an der statt eines großen Genius viele Musikanten komponieren, ist mir unbegreiflich. Oder ich müßte mir den Mann, der die zerstreuten Teile, die dichterischen Produktionen eines ganzen Zeitraums in ein Letztes und Ganzes umgeschmolzen, als einen Dichter denken, der dem ursprünglichen Homer kaum nachsteht. Man hat Prag oft ein steinernes Geschichtsbuch genannt, es ist dies keine Redensart. Prag ist wirklich eine steinerne Chronik, und zwar eine mit den schönsten Illustrationen und den wunderbarsten Ornamenten geschmückte. Das fabelhafte Bad der Libussa auf dem einsamen, trümmerreichen Wischehrad, die einfache Kapelle, in der Huß gepredigt, der majestätische Theyn, der grabsteinbesäte Judenkirchhof, jenseits der Brücke der Palast des Friedländers mit seinen ausgedehnten Gärten, wie für einen Monarchen mit einem Heer von Dienern geschaffen, das Goldschmiedegäßchen, in dem die Alchimisten des zweiten Rudolf wohnten, der in der Einsamkeit seinen Träumen nachhing, während er eine Provinz nach der andern verlor, das Ferdinandeische Lustschloß, wo Tyho de Brahes Observatorium stand, der Wladislawsche Trakt des Hradschins, aus dessen breitem Fenster zwei königliche Statthalter und ihr Sekretär in den achtundzwanzig Fuß tiefen Wallgraben flogen – alle diese und noch hundert andere denkwürdige Ruinen, Gräber, Häuser, Paläste sah ich wieder und wieder an, bis die Vergangenheit, die Geschichte, die sich an sie knüpfte, vor meinem Blicke lebendig ward. Dabei las ich alles, was ich an Chroniken, Geschichtsbüchern, Monographien auftreiben konnte, so fleißig, daß ich mich frühe schon zu einem guten Cicerone durch Prags Gassen ausbildete. Dabei sagte ich mir immer, daß von den Schätzen, die allenthalben lagerten, nur wenige gehoben seien. Die poetische Ausbeute, wie sie von Brentanos »Gründung Prags« bis auf Grillparzers »Ottokar« und wieder bis auf Rellstabs und Herloßsohns Romane vorlag, erschien mir sehr dürftig. Insbesondere die reiche Rudolfinische Zeit, die einen Walter Scott verdiente, schien mir ihres Poeten zu harren.   Wenn ich auf die Studentenjahre 1837 bis 1839 zurücksehe, tritt auch der Genosse vor meine Erinnerung, der mir am nächsten stand: Moritz Hartmann. Es wächst jetzt – zwölf Jahre nach seinem Tode – schon etwas Moos über diesen Namen. Wir leben in einer rasch und viel produzierenden Zeit; so viele neue Namen sind auf die Tagesbühne getreten und haben die Aufmerksamkeit an sich gerissen; früher als sonst stellt sich jetzt für die Dahingegangenen das Dämmerlicht des halben Vergessenwerdens ein. Die erst nach Hartmanns Tode erschienene Sammlung seiner Schriften ist nicht gehörig berücksichtigt worden. Indes, er ist eigentlich früh geschieden; die Generation, die ihn kannte und durch seine kräftige Persönlichkeit gefesselt worden war, ist größtenteils noch am Leben. Sie findet seine Lieder noch in den Anthologien, greift dann und wann, um sich das Jahr 1848 zu vergegenwärtigen, zu seinem »Pfaffen Mauritius«; sie erfreut sich noch an einer der schönen Erzählungen wie »Der Krieg um den Wald«, »Von Frühling zu Frühling«. Wie weit auch Hartmann hinter den Zielen zurückgeblieben, die er sich gesteckt, und hinter den Hoffnungen, die man von seinem Talente gehegt, im Kreise der österreichischen Dichter nach 1848 wird er doch seinen Platz behalten. Wie es nach der gleichen Anzahl Jahre nach dem Todestage mit den Tagesgrößen von heute aussehen wird, ist ja auch sehr fraglich ... Wir lebten anderthalb Jahre zusammen im alten, schwarzen Prag und saßen ein Jahr lang, wenn nicht auf derselben Schulbank, doch im selben Lehrsaale, dem großen, ebenerdigen Saale des Clementinums, wo wir im sogenannten »ersten philosophischen Jahrgange«, jetzt etwa dem Obergymnasium entsprechend, eine Schar von vier- bis fünfhundert zusammen waren. Es zog uns beide zur Literatur, zur Dichtung, und wir waren unzertrennlich. Wir lasen außerordentlich viel, Altes und Neues, gewiß täglich einen Band: dies und jenes von Goethe, alles von Schiller, Uhland, Heine, Grabbe, Immermann, Byron, Shelley. Das waren so unsere Leute. Von allen Lebenden stellten wir Lenau obenan, und das Erscheinen eines neuen Buches von diesem hatte für uns die Bedeutung eines neuentdeckten Weltteils. Der Jugendfreund ist eine gar wichtige Person. Das Mädchen verliebt sich und folgt einem ihr bisher fremden Manne ins Haus; der junge Mensch wählt sich einen Freund infolge einer gewissen Anziehungskraft, und dieser gewinnt den größten Einfluß über sein Denken, Tun und seine ganze Zukunft. Dem Freunde vertraut er, was er sogar den Eltern nicht sagen würde. Wer von uns bei unserem Bunde den größeren Einfluß auf den anderen übte, weiß ich noch heute nicht zu sagen. Hartmann war eine glücklich organisierte und wirklich ursprünglich liebenswürdige Natur. Er hatte ein schönes, offenes Gesicht, auf dessen Zügen ein gewisser Enthusiasmus festgehalten war, und war von großer körperlicher Anmut. Er war voll feurigen Lebensmutes und sah alle Dinge in einem gewissen romantischen Lichte. Das Dorf, in dem er geboren war, der Eisenhammer seines Vaters, die Wälder um Duschnik mit ihren Sagen, alles erschien ihm selbst so eigenartig und bedeutsam. Es flogen ihm Lieder und Balladen zu wie einem Musiker Melodien; er fixierte sie rasch und rezitierte sie gern. Er hatte etwas Selbstbewußtes; man sah, daß er eine Freude an sich selbst hatte. Immer etwas romantisch herausgeputzt, sei's auch nur mit einem farbigen Halstuch oder Sacktuch, das er hervorsehen ließ – er mußte schon beim ersten Erscheinen jedem auffallen, und das wußte er auch. Er hatte die Absicht, nach Beendigung der beiden »philosophischen Jahrgänge« Medizin zu studieren und Arzt zu werden. Es gab damals in Österreich noch keine Studentenverbindungen, kein Korpswesen, keine Burschenschaft. Ich glaube, wir haben dadurch viel Kopfschmerz und viel Zeit erspart. Den Bierhumpen sind wir ferngeblieben, und noch bis heute habe ich keinen Sinn für eine Richtung der Poesie, die das Zecherleben der Jugend feiert. Ich verstehe diese Poesie einfach nicht. Hartmann war der Sohn eines nicht unbegüterten Vaters, der aber für mehrere Töchter zu sorgen hatte. Er scheint dem Grundsatz gehuldigt zu haben, die Söhne müßten, wenn sie das siebzehnte oder achtzehnte Jahr erreicht, sich selbst durchzubringen lernen. Sonach war Hartmann als Hauslehrer bei einer Familie eingetreten und bezog nichts von Hause als den Sparpfennig, den ihm seine gute Mutter jedesmal beim Abschiede in die Hand drückte. Diese Mutter war auch sein guter Genius. Wir träumten alle politischen Ideale unserer Zeit: freie Staatsformen, Ausgleich der Klassenunterschiede, Toleranz und Friede auf politischem und nationalem Gebiete. Wir waren des Glaubens, daß die Kriege eine Barbarei, die in nicht allzu ferner Zeit zwischen Kulturvölkern abgeschafft werden müsse. Wir hatten da schon ganz bestimmte Überzeugungen und hielten sie fest. Drei Ständen gingen wir aus dem Wege: den Theologen, den Adeligen (die in unserer Klasse die vordersten Bänke zugewiesen hatten) und den Militärs; wir wußten, daß es zwischen ihren Überzeugungen und den unsrigen keine Brücke gäbe. Zum weiblichen Geschlechte hatten wir noch gar keine Beziehungen. Das Thema von der Liebe wurde vorerst nur ganz aus der Ferne gestreift. Wir sahen sie auf dem Theater dargestellt, wir lasen von ihr in Büchern, wir hielten es auch dann und wann für passend, uns verliebt zu stellen, aber das war eitel Spiel und Selbstbetrug. Unsere Sehnsucht, unser Denken ging ausschließlich über die nördliche Grenze nach Deutschland. Der Rhein mit seinen historischen Städten, Thüringen mit seinen Wäldern, der Neckar und der Schwarzwald, das waren die romantischen Lande für unsere Phantasie. Nur in Deutschland gab es eine größere Literatur, eine edlere Journalistik, ein Schreiben ohne Zensurzwang. Ein Buch konnte auch nirgend anderswo als in Deutschland erscheinen. Das letztere ist eigentlich noch immer so. Es war eine Zeit, die den Schriftsteller sehr hochstellte, höher jedenfalls, als die unserige ihn stellt. An Gelderwerb wurde dabei weit weniger gedacht als heute. Das gelungene Gedicht, die gelungene Erzählung wurden als ein Gemeingut betrachtet, und man freute sich, sie fleißig nachgedruckt zu sehen. Für Verse Honorar einstreichen zu wollen, daran dachte niemand. Wahrlich, die Musen haben ihr Gesicht sehr verändert. Einst lebte man für sie, jetzt will man von ihnen leben! Hartmann war Jude, aber die vielen Schmerzen, welche die Juden von heute plagen, hat er meines Wissens nicht durchgemacht. Kränkungen seiner Abstammung wegen hat er nie erfahren. Damals, in einer Periode des Humanismus, hatte man den Juden gegenüber das Gefühl, sie jahrhundertelang in ein Ghetto gesperrt und sie darin nicht selten mißhandelt zu haben, und empfand ein Bedürfnis, das Unrecht durch Schonung gutzumachen. Man ignorierte in Gegenwart eines Juden dessen Judentum und das Judentum überhaupt; kam doch die Rede darauf, sprach man von den »Israeliten« als abwesenden Leuten. Der gebildete Jude dagegen hatte sich in dieser Zeit des Liberalismus von seinen Traditionen abgekehrt und hatte das lebhafteste Bestreben, durch Erziehung, Bildung, Sitten den Christen gleich zu werden und durch nichts von ihnen abzustechen. Hartmann war kein Verehrer altjüdischer Traditionen, aber das alte Judentum, wie man es in Prag vollauf zu sehen bekam, hatte für uns beide den Reiz eines Kuriosums. Die Prager Judenstadt ist für mich ein Studienfeld gewesen, von welchem ich in späteren Jahren vieles für meine Bücher (»Die Sansara«, »Lemberger und Sohn«, »Sacro Catino«) verwendet habe. Nie versäumten wir, dem Purim beizuwohnen und die grotesken Zeremonien des langen Tages zu studieren.   Im sogenannten »ersten philosophischen Jahrgang« drehte sich alles um den Professor der Mathematik, Ladislaus Jandera. Niemand konnte im voraus wissen, ob er diesem furchtbaren Eiferer genügen werde, und genügte man ihm nicht, so war man verloren; denn mit einer schlechten Zensur aus der Mathematik konnte man nicht aufsteigen. Uns beiden – Hartmann und mir – hatte, scheint es, die Natur alle Anlagen auf diesem Gebiete versagt. Wir fühlten, daß wir zurückblieben; aber statt auf diesem Felde unsere Anstrengungen zu verdoppeln, ließen wir nach und waren voll böser Ahnungen betreffs des schließlichen Ergebnisses. Der furchtbare Ladislaus Jandera war ein ganz kleines altes Männchen, eine Gestalt wie einem Märchen von E. T. A. Hoffmann entnommen. Er war Prämonstratenser, trug jedoch kein Mönchskleid, sondern bei hohen Kanonenstiefeln einen bürgerlichen Rock, und zwar, weil er so viel mit der Kreide hantierte, einen blau-weißen Rock wie ein Müller. Auf seinem Gesichte, dem harten, eckigen Gesichte eines erbosten Gnomen, war ein furchtbarer Eifer für die heilige Wissenschaft gleichsam erstarrt. Wenn er das Katheder erklettert hatte, was meist unter einem Sturme des Auditoriums geschah, hatte er die Gewohnheit, die Arme à la Napoleon über die Brust zu kreuzen und die Zuhörerschaft mit wilden Blicken zu beherrschen, bis alles still wurde. Vor sich auf dem Tische das sogenannte »Me-mo-ri-a-le«, in der Hand die Kreide, unter dem Arme einen kurzen, weißen Stock, mit dem er zu demonstrieren und oft wie besessen auf die Tafel loszuhämmern pflegte, begann er mit einer gellenden, durch jeden Sturm gehenden Stimme, jedes Wort in seine einzelnen Silben zerlegend, seinen Vortrag. »Klar-heit!« war seine Losung, und »Das muß jetzt je-de Kö-chin be-grei-fen!« sein letztes Wort nach jeder längeren Auseinandersetzung, womit er sich selbst das seiner Meinung nach größte Lob zollte. Leider muß ich gestehen, daß ich sehr oft das, was jede Köchin begreifen sollte, nicht begriff. Als uns einmal eine Sammlung alter Kupferstiche aus der Zeit der Französischen Revolution in die Hand fiel, machten wir beide gleichzeitig die Entdeckung, daß Professor Ladislaus Jandera die größte Ähnlichkeit mit Robespierre hatte. Es war ganz derselbe Kopf, nur weit älter, dieselbe Stirne, derselbe Mund. Ich kann aber auch den Mann mit keinem anderen und keinem Geringeren vergleichen als mit dem tugendhaften Abgeordneten von Arras. Auch Jandera war die personifizierte Tugend, die Gerechtigkeit und Unbestechlichkeit selbst, aber furchtbar, weil er nichts als sein Prinzip gelten ließ und die Individuen vor seinen Augen nichts waren. Wer vor ihm und seinem »Memoriale« nicht bestand, der hatte eben »sei-ne Un-brauch-bar-keit für den wissen-schaft-li-chen Be-ruf dar-ge-tan«. Tausende von jungen Leuten hatten schon ihre Laufbahn ändern müssen, weil sie seinen Forderungen nicht genügten. Ihm störte das nicht den Schlaf. Auch die persönliche Verwendung aller übrigen Professoren hätte ihn von einem ausgesprochenen »Nein« nimmermehr abgebracht. Eines schönen sonnigen Vormittags stand Professor Ladislaus Jandera vor seiner Tafel und erklärte uns den Satz aus der Lehre von der Ellipse, daß, wenn man durch die Achse KC eines Kegels eine Ebene KLM senkrecht gegen die Ebene RS lege, die Ebene der Kurve AQMQ senkrecht auf dem Dreieck KLM stehen und jeder beliebige Schnitt, der parallel mit der Grundfläche LBMD gelegt würde, unbedingt seinen Mittelpunkt in der Achse KC haben müsse. Indes saß Hartmann still beglückt in seiner Bank und las ein Buch, das ich mir gestern verschafft und ihm heute zugesteckt hatte, Grabbes »Faust und Don Juan«. Grabbe zählte zu unseren Lieblingsdichtern. Ein wie ein Hahnenruf in die Luft geschmettertes »Quod erat de-mon-stran-dum!« weckte den Leser aus seinen Träumen. Das furchtbare Nußknackergesicht da oben war mit seiner Beweisführung fertig geworden. »Und jetzt«, fuhr der Schreckliche in scheinbar mildem Tone fort – sein scharfes Auge mochte schon die längste Zeit den Unachtsamen verfolgt haben – »und nun (langsam im Katalog blätternd, bis er ihn gefunden), mein lieber Hartmann Moritz, kommen Sie zu mir herauf und zeigen Sie es Ihren Kollegen, daß Sie mich kapiert haben. Hartmann Moritz, herauf!« War das ein Schrecken, bei dem auch mir, dem Freunde, Sehen und Hören verging! Dem Aufrufe mußte unbedingt Folge geleistet werden. In der gewaltigen Schüleranzahl regte sich schon der Sturm der Erwartung. Es gab indes nur einen ganz kurzen Auftritt. Hartmann war hinaufgestiegen, hatte einige Linien auf die Tafel gezogen und einige Worte gemurmelt. Dann hatte er die Flucht ergriffen und war mit einem feuerroten Gesichte in das Meer von Köpfen wieder untergetaucht, während auf der Höhe der bösartige Kobold, jammernd über so viel Unwissenheit, die Hände zusammenschlug. Nun war aber auch das Los über ihn geworfen. Man durfte nicht ohne Furcht dem Kommenden entgegensehen. Den schärfsten, aber auch den liebenswürdigsten Gegensatz zu dem furchtbaren Jandera bildete Exner, damals noch ein junger Mann, der uns philosophische Propädeutik, Geschichte der Philosophie, Psychologie nach Herbart usw. vortrug. Er war eine vornehme Erscheinung, und sein edles Denkerantlitz bleibt mir unvergeßlich. Er pflegte nie in ein Heft zu sehen und spann, was er vortrug, sozusagen aus sich selbst heraus. Die Hand im vollen braunen Haare, in der Haltung und teilweise in der Sprache eines halbwachen Träumers, pflegte er zu untersuchen, ob der Wirklichkeit irgendeine Realität zugeschrieben werden könne, und soviel ich mich erinnere, gelangte er dabei zu keinem für die Wirklichkeit günstigen Resultate. Ob dem Seienden als solchem räumliche und zeitliche Bestimmungen zukommen können, wie denn das Ding zu seinen Merkmalen komme, wie es sich mit dem Ding an sich verhalte u. dgl. mehr wurde weitläufig erörtert. Die Lieblinge Exners, auf die er immer wieder zu sprechen kam, waren die als Vorläufer Kants erklärten Eleaten und ganz besonders der ehrwürdige Zeno, welcher über das »sich selbst gleiche Sein« so viele Spitzfindigkeiten ersonnen hat. Daß der »fliegende Pfeil« in der Tat ruhe, weil er in jedem Punkte seiner Bahn seine bestimmte fixierbare Lage habe und sich hierdurch in sich selbst gleich erhalte, daß der schnellfüßige Achilleus die langsame Schildkröte nimmermehr einholen könne, weil diese, während er den Vorsprung, den sie vor ihm voraus hat, zurücklegt, einen neuen gewonnen haben muß – diese und noch viele andere spaßhafte Sophismen, die uns von den alten Eleaten aufbewahrt sind, wurden mit einer, wie mir scheint, sehr ungerechtfertigten Gründlichkeit durchkritisiert und erwogen. Ach, was muß nicht die Jugend alles über sich ergehen lassen! ... Indes habe ich Exner eine aufrichtige Verehrung bewahrt. Seine Kritik der Willensfreiheit, seine Versuche, die Ethik aus ästhetischen Prinzipien abzuleiten, haben sich meiner Erinnerung dauernd eingeprägt und auf meine späteren Überzeugungen Einfluß gewonnen. Indes war der Juli herangekommen. »Meine Herren«, redete uns der Professor der Weltgeschichte an, »die Prüfungen stehen vor der Tür! Wir sind leider erst bei dem zweiten punischen Kriege angelangt. Es ist unwahrscheinlich, daß es uns gelingt, in den zwei Wochen, die wir noch vor uns haben, die gesamte weitere Geschichte bis in die neuere Zeit hinein zu bewältigen. Ich bemerke Ihnen aber, daß ich die ganze Weltgeschichte in den Kreis meiner Fragen ziehen werde.« Und nun begann eine Arbeit, die uns fast aufrieb. Dicke Bücher und Berge von Explikationsheften waren zu verdauen, Philosophie, Mathematik, Natur- und Weltgeschichte. Man saß achtzehn Stunden des Tages dabei, trank nachts schwarzen Kaffee, um wachzubleiben und ging erst schlafen, wenn die rosenfingrige Eos am Himmel erschien. Ach, man hätte sich schließlich mit allem abgefunden! Mit allen Helden und Heerführern von Sesostris bis Napoleon, mit allen Tiergattungen, wie sie die Arche Noahs beherbergte, auch mit Anaximenes und Anaximander und sämtlichen Eleaten – aber da war Ladislaus Jandera das war eine entsetzliche Realität, die alle Eleaten zusammen nicht hätten leugnen können. Die schweren Tage kamen. Fünf Fragezettel mußten gezogen werden, und man setzte sich, sie auszuarbeiten, auf die sogenannte Schwitzbank. Ernst und feierlich saß der Robespierre der Mathematik im bläulich-weißen Rocke vor seinem Tische und sprach heute kein Wort. Einer nach dem anderen hatte an die Tafel zu treten. Es kam einigermaßen anders, als wir gedacht. Hartmann fiel durch – wie ich durchgekommen, begreife ich heute selbst nicht. Ich weiß nur noch, daß mein Erfolg mich nicht freute, da der Freund unterlegen war. Mit dem Medizin-Studieren war es nun für Hartmann vorüber. Die Bahn mußte aufgegeben werden. Zwar vielleicht war die Erlaubnis einer Reparaturprüfung zu erwirken. Diese konnte aber Aussicht auf Erfolg nur vor einem anderen Forum haben. Hartmann beschloß, nach Wien zu gehen. Vorerst schied uns die Ferienzeit, er sollte in seine Heimat zurück. Studium der Medizin Im Haag, in der königlichen Bildergalerie, hängt im breiten schwarzen Rahmen ein gewaltiges Bild des großen Rembrandt, das sowohl durch seinen Gegenstand wie durch die Macht der Behandlung die Aufmerksamkeit des Besuchers unwiderstehlich fesselt. Es wird »Die Anatomie« genannt und stellt den Professor Nikolaus Tulp vor, der seinen Zuhörern, schon gereiften Männern, die Funktionen der Flexoren der menschlichen Hand erklärt. Er ist in ruhiger Darlegung begriffen. Vor ihm auf dem Tische, quer verkürzt, liegt der Kadaver. Tulp hat die Hautdecken abgelöst, die Muskeln des Vorderarmes bloßgelegt und zeigt nun seinen Zuhörern, wie die einzelnen Sehnenbündel der Muskeln eine wunderbare Mechanik erzeugen. Das ist der Mittelpunkt der Darstellung; dabei aber hat der gewaltige Rembrandt noch ein übriges getan und jedem Gesichte der sieben anwesenden Zuhörer einen anderen Ausdruck zu geben verstanden. Der eine hat, was Tulp demonstriert, schon im voraus begriffen und konstatiert lediglich mit dem Blicke, was er schon weiß; ein zweiter ist ganz verwundert über das, was er ohne Demonstration des Lehrers nie gefunden hätte. Einer ist aufmerksam, vermag aber der Darlegung nicht zu folgen. Drei im Hintergrunde Stehende sind zerstreut und geistig abwesend. Man sieht das Schicksal eines jeden klar voraus, falls die Herren noch eine Prüfung bei Tulp zu bestehen haben sollten. Zwei werden ein glänzendes Examen machen, zwei vermutlich ein Genügend davontragen, minder gut dürfte es den übrigen ergehen, das leuchtet sofort jedem Beschauer ein. Ein alter Kupferstich nach diesem Bilde hing in breitem schwarzem Rahmen im Studierzimmer meines Vaters. Ich hatte dasselbe schon als Knabe unzählige Male angesehen: es wirkte mit unheimlicher Anziehung auf mich. Und nun war alles, wie es auf dem Bilde zu sehen war. Eine große Lampe mit tiefherabreichendem Schirm beleuchtete eine kupferne Tischplatte, auf der Tischplatte lag ein Kadaver. Wir standen um ihn herum, der Prosektor demonstrierte. Ich sehe noch immer sein blasses Gesicht mit den hellblauen Augen, die so starr hervorlugten hinter einer großen, schweren, in Horn gefaßten Brille, die immer von seinem Nasenrücken heruntergleiten wollte und die er wieder, und zwar mit dem Handrücken zurückschob, damit er die Gläser mit seinen blutigen Fingern nicht beschmutze. Seine Erscheinung hatte etwas Gespenstiges, Grabentstiegenes. Seine Stimme, von öfterem Husten unterbrochen, klang so heiser. Es hieß, daß seine ungesunde Tätigkeit ihn zugrunde richte. Und dessenungeachtet fleißig und tätig zu allen Stunden! Welcher Eifer im selbständigen Forschen! Welche Plage mit den jungen Leuten, und wie er sich Mühe gab, uns alle zu tüchtigen Skolaren heranzubilden! Ich glaube, nur der ärztliche Stand bildet so edle, enthusiastisch aufopferungsvolle Ausnahmsnaturen ... Und dennoch gab es nur einzelne unter den Zuhörern, die ihm mit aufrichtiger Aufmerksamkeit folgten. Dagegen war für viele der Seziersaal eine Art Kasino, da sie kein Geld hatten, ins Kaffeehaus zu gehen, im Winter eine Wärmestube. Unberührt vom furchtbaren Ernste der Umgebung, war ihnen die Beschäftigung mit den Toten eine tote Beschäftigung. Wie oberflächlich ist doch die Mehrzahl der Menschen! Von allen Gedanken, die Hamlet durch den Kopf gehen, wenn er den Schädel des armen Yorick in die Hand nimmt, Gedanken über die Vergänglichkeit und das Elend des Lebens, kam ihnen kein einziger in den Sinn! Auch ich, ich fürchte es, gehörte zu denen, die sich auf Rembrandts Bild etwas im Hintergrunde halten. Kann man es ihnen eigentlich so sehr verdenken? Es gibt Menschen, die vor dem Toten und Verwesenden zurückbeben, und, ich merkte schon, ich zählte zu diesen. Und doch hatte ich mir die Medizin als Lebensberuf gewählt. Aber ich dachte: die Medizin ist ein ganzer großer Organismus, teils von sie begründenden, teils von Hilfswissenschaften. Manche davon sind abstoßend und fordern eine große Selbstüberwindung, manche sind schön. Daß ich mir die Chirurgie oder die pathologische Anatomie zum Lebensberuf nicht wählen werde, wußte ich schon; wie aber, wenn ich mich unterwegs auf einem der erfreulicheren Felder ansiedelte? Was kann interessanter sein als Arbeit auf physiologischem Gebiete? Oder auf dem der Chemie? Der glücklichste aller Menschen erschien mir ein Professor der Botanik mit seinem Mikroskop und seinem Häuschen inmitten eines großen botanischen Gartens ... Sollte ich mich schließlich doch der praktischen Medizin zuwenden, so schien es mir nicht so übelgeraten, dem Beispiel meines Vaters zu folgen und Badearzt an einem großen Kurort zu werden. Es ist eine internationale Tätigkeit. Jeder Sommer bringt uns mit interessanten Persönlichkeiten in Berührung. Und nach vier Monaten Praxis hat man acht Monate Ferien, sich seinen individuellen Studien oder Liebhabereien zu widmen. Es war eine oberflächliche und dilettantische Auffassung einer schweren, gewichtigen Angelegenheit. Vom großen Karolingebäude, zwischen der Eisengasse und dem Obstmarkt gelegen, gehörte der ganze rückwärtige, auf zwei Höfe gehende Trakt uns Medizinern. Dort war das chemische Laboratorium, der Lehrsaal der Chemie, wo Professor Redtenbacher, ein Schüler Justus Liebigs, waltete, dort die Anatomie, das anatomische Kabinett und im zweiten Stocke die Privatwohnung des Anatomieprofessors. Alles hatte hier seine eigentümliche Physiognomie, die zur Umgebung stimmte, alles bis auf die dienenden Persönlichkeiten. Da war der »Leichendiener« Andres (Andreas), ein starker, breitschultriger Mann mit einem Stierkopfe, immer polternd, immer mürrisch, und nur durch Geldstücke zähmbar. Er war sehr geschickt im Skelettisieren und trieb einen, wie es hieß, sehr einträglichen Handel mit Schädeln und ganzen Skeletten. Trat man in seine ebenerdige Wohnung, traf man ihn meist mit einem Schädel zwischen den Knien beschäftigt, das Hirn mit Pincetten, Drähten und umgebogenen Löffeln herauszubefördern und die noch anhaftenden Sehnen mit scharfen Messern sorgfältig abzuputzen. Vor ihm auf einem niederen Tische standen allerhand Gläschen, welche Säuren zum Entfetten enthielten, und Töpfe mit weißer Pfeifenerde. In dunklen Winkeln sah man größere und kleinere mit Wasser gefüllte Bottiche, in welchen Körperteile und ganze Leichen maceriert wurden. Das zu dieser Arbeit verwendete Material bezog Herr Andres aus dem Strafhause, und dieser Umstand gab einem von uns, der schon damals ein eifriger böhmischer Patriot war, der erste, der mir bisher vorgekommen war, häufig Anlaß zu bitteren Klagen. »Da sehe nur einer«, pflegte er zu sagen, »was dieser Kerl uns armen Tschechen für Unheil bereitet! Kein Deutscher könnte mörderischer an unserer Ehre handeln! Die Köpfe, die er präpariert, gehen samt und sonders in die anthropologischen Kabinette nach England, Schottland, Nordamerika, wo, dem Himmel sei's geklagt, die Phrenologie im Schwunge ist, sie werden in öffentlichen und Privatsammlungen aufgestellt. Die Leute dort berücksichtigen nicht, woher Andres die Köpfe hat, sie betasten sie als types of the chech race und finden allerlei abscheuliche Buckel, Organe des Diebssinnes und der Mordlust. Die Folge davon ist, daß sie denken, wir Böhmen trügen alle solche Buckel herum. Welch Verhängnis liegt doch auf uns armen Slawen! Ein Mensch, selbst ein Tscheche, ein Kerl, der selbst nur gebrochen deutsch spricht, bringt uns in Mißkredit, schlägt uns die ärgsten Wunden! Einmal habe ich ihm zu Gewissen sprechen und von seinem verderblichen Handeln abbringen wollen. Aber dabei bin ich schön weggekommen!« Die Leichen zu reinigen, sie die Treppe hinaufzutragen, die Überreste zu entfernen und die Tische abzuwaschen, das alles stand natürlich unter Herrn Andres' Würde. Da mußte ihm eine arme Anverwandte, die er zu sich genommen, aushelfen. Ein ernsteres Mädchen ist mir nie im Leben begegnet. Man durfte sich mit ihr keinen Scherz erlauben, kaum hatte sie für heitere Anreden ein flüchtiges bitteres Lächeln. Ob sie wohl einen Liebhaber hatte? Schön war sie und jung genug, um gefallen zu können, aber totenblaß wie ihre Leichen und wie geistesabwesend. Sie war trotz ihres lieblichen Gesichts das traurigste Geschöpf in diesen Räumen. Was nun unsern Professor betraf, einen Gelehrten von mehr als europäischem Rufe, dessen Name für alle Zeiten mit dem seiner Wissenschaft verbunden bleiben wird, so war er damals ein Mann von etwa vierzig Jahren, dem volles braunes Haar die edelgeformte Stirn beschattete. Er gehörte wie Franz Liszt seiner Abstammung nach zu jenem Geschlecht in alter Zeit aus der Gegend von Regensburg ins westliche Ungarn eingewanderter Kolonisten, die in Ungarn »Heinzen« heißen, sich selbst so nennen und ihr Deutschtum nach Kräften bis heute bewahrt haben. Ein reizbarer Hypochonder, voll Eigenheiten, Launen und Schrullen, die Zuchtrute des jedesmaligen Prosektors, fesselte er seine Schüler durch einen eigentlich schwer definierbaren Zauber; die Verehrung, die wir ihm entgegentrugen, ging bis zur Liebe. War es sein gefeierter Name, der uns so imponierte? War es die merkwürdige Persönlichkeit, die er so wirkungsvoll in Szene zu setzen wußte? Hatte das blasse Gesicht mit den scharfgeschnittenen Zügen, welche unveränderlich den Ausdruck herber Schwermut festhielten, solche Magie in sich? War's die klangvolle Stimme, die uns so ans Herz griff? Wir sahen ihn eigentlich nur in der Vorlesungsstunde. Im Seziersaal erschien er nur flüchtig; abends, im Winter, wenn es viel »Einläufe« gab, trat er manchmal zu uns, immer mürrisch, wortkarg, reizbar, musterte ein Präparat, murmelte ein paar halb unverständliche Worte und war wieder in sein nebenanliegendes Arbeitszimmer verschwunden. War unser Professor wirklich ein solches Original von einem Misanthropen, oder war auch das Streben dabei, dafür zu gelten? Darüber habe ich nie zu einer festen Meinung kommen können. Freilich, solche Beschäftigung ist nicht dazu angetan, Lebensfreude und gleichmäßige Stimmung aufkommen zu lassen. Vor allem war er ein Feind jedes kleinsten Geräusches, insbesondere eines solchen, welches durch Räuspern oder Schneuzen entsteht. Ein solches Geräusch, nach seinem Ausdruck das unanständigste und widrigste aller Geräusche, und doch in jeder größeren Versammlung beinahe unvermeidlich, konnte ihn bis an die äußerste Grenze des Unwillens führen. Sein Eintritt in die Vorlesung ging jedesmal mit großer Feierlichkeit vor sich, wie um uns recht zu Gemüte zu führen, daß jedes Wort, das wir zu hören bekommen würden, Gold sei. Nachdem die Glocke die Stunde angezeigt hatte, pflegte Andres als Vorläufer zu erscheinen und auf einer schwarzen Platte die für den Tag erforderlichen Präparate, zierlich ausgelegt, nebst Messern und Pincetten zu bringen. Einige Minuten tiefster Stille und gleichsam innerlicher Sammlung vergingen. Nun trat der Erwartete ein, erwiderte das Aufstehen der Zuhörer stumm mit raschem, leichtem Kopfnicken, stellte sich vor den Tisch, die Arme rechts und links aufgestemmt, und sah zuerst, ohne sich zu regen, die Präparate aus der Ferne an. Wohl fünf Minuten vergingen. Dann nahm er dieses oder jenes Objekt in die Hand und betrachtete es mit eindringlicher Aufmerksamkeit, wie jemand etwas ansieht, was ihm völlig neu ist. Die lautlose Stille konnte nicht noch stiller werden. Wieder vergingen einige Minuten. Der feierlichste Ernst lagerte auf dem Gesichte des Gelehrten. Es lag etwas tragisch Würdevolles, unaussprechlich Feierliches in diesem langsamen Vorgehen, in diesem berechneten Pomp einleitender Zeremonien. So sprach sich das volle Bewußtsein eines Hohepriesters der Wissenschaft aus. Es machte einen unbeschreiblichen Eindruck. Wir konnten es gar nicht erwarten, bis die Lippen, auf welche aller Augen gebannt waren, sich endlich zum Worte öffneten. Schließlich öffneten sie sich doch. Hyrtl begann, mit wunderbarer Klarheit und Prägnanz den Gegenstand der heutigen Demonstration vorzulegen. Höchste Anschaulichkeit und Deutlichkeit sein Ziel. Allmählich belebte sich der Vortrag und wußte dem scheinbar trockensten Gegenstand Leben abzugewinnen. Hyrtl hatte ja alle Autoritäten wie lebendig um sich. Bald würzte er die Rede mit wörtlich angezogenen Zitaten aus alten Autoren. Bald wirkte er poetisch, indem er ein glückliches Bild brachte, bald humoristisch, wenn er einen grotesken Irrtum der guten Alten anführte. So lauschten wir denn in tiefster Stille – doch selten erlebte eine Vorlesung ihr natürliches Ende. Gefiel es einem schadenfrohen Gnomen, die Nase oder die Luftröhre eines Zuhörers mit einem unsichtbaren Grashalm zu kitzeln und der Unglückliche nieste oder hüstelte – so war alles aus. Der Professor warf Skalpell und Präparat beiseite und wäre, wenn die Vorlesung noch kaum erst eine Viertelstunde gedauert, um keinen Preis zu bewegen gewesen, den abgerissenen Faden seines Vortrages wieder anzuknüpfen. Er ging davon. Der herbe, vorwurfsvolle, an allem Menschlichen verzweifelnde Blick, mit dem er den Hörsaal verließ, fuhr durch jedes Herz. Wir hätten den Kollegen, der das Verbrechen, zu niesen oder zu husten, begangen, gleich zu Boden schlagen mögen! So wurde jede Vorlesung als Weihestunde aufgefaßt. Dennoch gab es im Laufe des Jahres Tage, an welchen sich der Ernst und die Würde des Vortrags noch höher steigerte. Es waren die Tage, an denen der Professor bei den großen Zentren des Lebens, den großen Gegenständen seiner Wissenschaft, anlangte. Es ist geradezu unbeschreiblich, wie er und in welchem Tone, nachdem er uns das Wissenswerteste über das Gefäßsystem vorausgeschickt, endlich eines Tages sagte: »Das Herz ! Cor!« Oder, nachdem er mit den peripherischen Nerven fertig geworden, vor sich auf der Platte eine ovale von Windungen durchzogene Masse betrachtend, endlich sagte: »Das Gehirn ! Cerebrum, Encephalon!« Die Anatomie, die unser Professor bei stets verschlossenen Türen trieb, stand natürlich himmelhoch über der, die er den Schülern tradierte. Ihn interessierte jetzt nur noch die vergleichende Zootomie, und zwar die von Geschöpfen, die uns völlig unbekannt waren und deren hochromantische Namen, wenn ich ihrer gedenke, heute noch merkwürdig auf meine Fantasie wirken. Lepidosiren paradoxa, Cryptobranchus japonicus, Gymnarchus und Mormyrus hießen die wunderlichen Gesellen, die ihn dermaßen beschäftigten, daß er ihre abnorme Struktur später in elegant geschriebenen Monographien vor einer exklusiven Gelehrtenwelt erläuterte. Eine andere Lieblingsbeschäftigung Hyrtls war die Herstellung zierlicher Gehörapparate, wunderbarer anatomischer Filigranarbeiten, fast nur mit der Lupe zu würdigen, und die Herstellung von Injektionen verschiedener, mit den feinsten Kapillarnetzen ausgestatteter Organe. Er hatte die verschiedensten farbigen Flüssigkeiten aufgefunden, die in die engsten Verzweigungen drangen und dort, allmählich erstarrend, die letzten Kapillaren zeigten. So erwarb er sich Verdienste um die feinere Anatomie und um den technischen Teil einer Wissenschaft, in der bereits alles entdeckt zu sein scheint. Wollte er uns einmal besonders wohl, so kündigte er uns nicht ohne Förmlichkeit an, daß er uns »zu besonderer Augenweide« ein Präparat zeigen wolle, wie selbes noch kein anatomisches Kabinett der Welt aufzuweisen habe. Er pflegte dann von den groteskesten anatomischen Objekten zu behaupten, daß sie »den Boudoirtisch jeder Dame schmücken würden und einen Platz auf demselben verdienten«. »Diese Objekte«, fügte er dann schwunghaft hinzu, »haben ja auch den Wert von Juwelen!«   Im zweiten Jahrgang der Medizin hatten uns Chemie und Physiologie ganz in Anspruch genommen. Professor Redtenbacher, unlängst als Professor der Chemie nach Prag berufen, erschien mir als ein Phänomen. Eine ähnliche Beherrschung des schwierigsten Stoffes, wie sie ihm zu eigen war, ist mir nie wieder vorgekommen. Er erschien, ein Weltmann durch und durch, im modernsten Anzug und wußte spielend, in einer Art Übermut der Genialität die kompliziertesten Rechnungen auf die Tafeln zu zaubern, leider auch mit einer Schnelligkeit, der zu folgen sehr schwer war. Seine Experimente wurden mit einer unirrbaren Virtuosität vorgeführt: er hantierte mit den hundert Fläschchen auf dem Tisch wie etwa Thalberg vor seiner Klaviatur. Es war etwas Kaltes, aber auch etwas unendlich Überlegenes in der Art und Weise dieses noch ganz jungen Mannes, eines Lieblingsschülers Justus Liebigs. Er ist der Wissenschaft früh entrissen worden. Die Physiologie lag in Hyrtls Händen. Handbuch war uns Johannes Müller. Doch die alte Tradition verlangte damals noch lateinischen Vortrag der Physiologie. Hyrtl fügte sich dieser obsoleten Anordnung, doch nur scheinbar, indem er zwischendurch Prolegomena lateinisch vortrug. Er liebte es, ein Cicero medicus, mit seinem klassischen, an Antonio Scarpa und Andreas Vesal genährten Latein zu prunken. Ich wüßte gern, wie sich der große Hyrtl seitdem zu Darwins Deszendenz- und insbesondere Selektionstheorie gestellt hat. Damals stand er fest auf teleologischem Grunde. Die Frage: zu welchem Zwecke ist dies? wurde immer gestellt. Ich habe von dieser früh aufgenommenen Anschauung nie loskommen können. Ich kann dem Begriff des Zweckes, eines mir unentbehrlichen Fundamentalbegriffs, nicht entsagen, mag ihn die neuere Wissenschaft immerhin als veraltete Hineindichtung verdammen. Wie, von hundert anderen Erscheinungen nicht zu reden, auf dem Wege der bloßen Anpassung ein augenloses Geschöpf sich in ein mit Augen versehenes verwandelt, oder wie durch zufälliges Saugen eine einfache Hauttalgdrüse sich in eine solche umbildet, die dem Neugeborenen seine zweckmäßige Nahrung spendet, dies und hunderterlei anderes ist mir bis heute unauffindbar geblieben. Inzwischen war unser Prosektor, sonst der offenste, treuherzigste Mensch auf Gottes Erde, allmählich eine rätselhafte Persönlichkeit geworden. Es nahm seinen Anfang damit, daß von den beiden Zimmern, die er bewohnte, eines jetzt stets verschlossen blieb und der Hausherr seinen Besuchern gegenüber behauptete, den Schlüssel verloren zu haben. Aus dem Zimmer heraus roch es aber so seltsam ... Es waren keine anatomischen Gerüche, vielmehr, seltsam genug, der Duft von Harz und Weihrauch. Um dieselbe Zeit ereignete es sich, daß ein Freund, Dr. Lindblatt, als er den Tabaksbeutel suchte, zufällig des Prosektors Kommodeschublade öffnete und darin zwei Frauenschuhe von karmesinfarbigem Samt mit Gold bestickt fand. Der Schnitt derselben war wunderlich, schier wie aus der ersten Zeit des deutschen Mittelalters. Das Rätsel verwickelte sich. »Was ist das?« fragte der Freund. »Du beherbergst doch nicht etwa im verschlossenen Zimmer eine asiatische Prinzessin?« »Dummes Zeug!« erwiderte der Prosektor leicht errötend. »Siehst Du denn nicht, daß diese Schuhe, trotzdem sie wie neu aussehen, uralt sind?« Es war wirklich so. »Bist Du etwa Antiquar geworden?« »Und warum nicht? Du sammelst alte Bilder und hängst sie mit berühmten Namen darunter in Deinem Zimmer auf. Warum soll ich mich nicht für altes Kostüm interessieren?« »Sieh«, sagte er, indem er die Schublade wieder öffnete und einen sorgfältig verwahrten Gegenstand herausnahm, »da habe ich auch ein schönes, weiß atlasnes Jäckchen.« »Wahrlich, es sieht wie das ›Kürsit‹ einer deutschen Edelfrau zu Gottfried von Straßburgs Zeit aus«, sagte Lindblatt. »Doch es kann ja auch ein Stück aus einer Theatergarderobe sein. – Du wirst doch nicht ein Dämchen auf den Maskenball führen wollen?« Der Anatom schüttelte den Kopf auffällig und brachte das Gespräch auf andere Dinge. Bald nachher sah einer von uns, der zufällig in eine Kirche getreten war, zu seiner größten Überraschung unsern Freund im Gespräch mit dem Pfarrer des Sprengels. Was war das! Wollte der Gelehrte heiraten? Doch wohl nicht gar die abenteuerliche Persönlichkeit, der die altdeutschen Schuhe und die Atlasjacke gehörten? Wieder ein anderer traf den Prosektor in einem Klosterhofe in eifriger Unterredung mit mehreren weißberockten geistlichen Herren. Unbegreiflich! Neigte er, jüngst noch ein entschiedener Materialist, zum Pietismus? Nun erhielt er Einladungen zu dieser und jener Klostertafel. Man stutzte, man zerbrach sich den Kopf. Wochen vergingen. Warum war jetzt zu seiner Wohnung der Zutritt so schwer zu erlangen? Warum meldete er sich erst, nachdem man lange geklopft und er sich nach dem Namen des Besuchers erkundigt? Was waren das für Männer, denen ein Freund spät abends auf seiner Treppe begegnete? Sie trugen einen mit einem großen Tuch bedeckten Gegenstand und schafften ihn mit großer Vorsicht hinauf. Es sah aus wie ein Sarg, aber dabei klirrte es wie von vielen Fenstern. Der Prosektor kam mit dem Lichte in der Hand aus der halbgeöffneten Tür hervor und sagte wiederholt: »Schon da? Nur sachte – und achtgeben – achtgeben!« Darauf verschwand das Ding, das einem Sarge glich und unter dem bedeckenden Tuche wie lauter Fenster klirrte, in des Prosektors Zimmer; er selbst aber antwortete dem Besucher, der auf der Treppe stehengeblieben war und ihn fragte, was man ihm da bringe? »Nichts, was der Mühe lohnt, daß man davon spricht! Gute Nacht! Kommen Sie gut herunter.« Und damit war er verschwunden. Nein, hier handelte es sich augenscheinlich um große Geheimnisse. Jedoch, wie mit der Zeit so vieles an den Tag kommt, so auch hier. Unser Freund hatte sich auf einen Zweig der Osteologie geworfen, welche man vielleicht – wenn der Ausdruck nicht allzu gewagt erscheinen sollte – religiöse Osteologie nennen könnte. Die Sache verhielt sich so: von einem durchreisenden berühmten Arzt, der mit einer Gesellschaft die Domkirche und die auf dem Hradschin gelegenen Kirchen besichtigte, sollte bei einem Reliquienschrein die Bemerkung gemacht worden sein, der darin verwahrte Heilige habe zwei rechte Schenkelbeine. Diese Bemerkung war höheren Persönlichkeiten und schließlich dem Kardinal-Erzbischof zu Ohren gekommen. Daß mit Reliquien nicht alles so bestellt ist, wie es sein sollte, ist eine nicht zu leugnende Tatsache. Nicht nur, daß gewisse heiliggesprochene Personen, welche unzweifelhaft nur einmal gelebt haben, im Reliquienzustande mehrmals vorkommen; es weisen auch Heilige, die sich im Leben bloß der normalen Anzahl von Gliedmaßen erfreuten, im Reliquienzustande einen Überfluß von Gliedmaßen auf. Es ist damit fast wie mit den Nägeln vom Kreuze Christi, von welchen die Kirchen des Morgen- und Abendlandes wohl an hundert Stück besitzen. So kommen z.B. drei Arme der heiligen Anna, drei Arme der Mutter Maria vor – in Köln, Nürnberg und Rom – und Arme des heiligen Vitus sind in Siena und im Dom zu Bamberg verwahrt, ohne daß darum, wie man vermuten möchte, dem Leibe dieses Märtyrers, den die Prager Domkirche in ihrem Schoße verwahrt, irgendein Arm mangele. Es ist aber auch notorisch, daß in der Anordnung und Aufstellung heiliger Überreste manches seltsam und problematisch erscheinen muß, so daß Anatomen vom Fach darüber den Kopf schütteln. Genug, die Bemerkung des durchreisenden Arztes hatte starke Bedenken wachgerufen, so daß man eine Revision des gesamten Heiligenmaterials, eine kritische Prüfung durch einen Fachmann und teilweise Reparatur für nötig gehalten hatte. Nun erklärten sich des Herrn Prosektors Kirchenbesuche, die Einladung zu Klostertafeln, sein heimliches Arbeiten, die Vorfindung der seltsamen Schuhe, die altertümlichen Gewänder in der Schublade und der geheimnisvolle heraufgeschaffte Kasten, der wie ein Sarg aussah und wie ein Fenster klirrte ... Der Mann von Kraft und Stoff reparierte eine Anzahl Heilige. Es läßt sich nicht anders annehmen, als daß er die heilige Aufgabe mit gewohnter Geschicklichkeit und der Sachkunde des Gelehrten löste.   Ich war die längste Zeit des Tages einquartiert und angesiedelt im allgemeinen Krankenhause. Noch oft versetzt mich ein Traum in das ungeheure Haus mit den weiten Sälen, in denen die Krankenbetten, durch Schirme geschieden, nebeneinander stehen. Ich wandle in den hallenden Gängen. Und jetzt aus dieser, jetzt aus jener Tür treten Männer im Gefolge ihrer Schüler – fast jeder mit einer charakteristischen Physiognomie – ich erkenne die Züge derer, auf deren Antlitz mein Blick einst mit Verehrung, Achtung, ja Andacht geweilt hat. Wohl eine andere Zeit als die heutige! Wer möchte behaupten, daß Prag heute noch in der medizinischen Welt gar viel bedeute? Damals aber war es, als habe aller wissenschaftliche Geist Österreichs sich in den medizinischen Studien konzentriert. Eines großen Rufs vor allem genoß die medizinische Hochschule Prags. Sie zählte Männer in ihren Reihen, die in der Wissenschaft tonangebend waren, und aus allen deutschen Ländern, aus Rußland und der Schweiz kamen Schüler herbei, ihren Vorträgen zu lauschen. Diese bildeten, alljährlich sich erneuernd, eine Fremdenkolonie, die viel studierte, viel braunes Bier trank und gelegentlich auch viel Lärm machte in den melancholischen Gegenden in der oberen Neustadt, zwischen dem »Steinernen Tisch« und dem »Windberg«. Die Männer, die damals zugleich oder doch rasch hintereinander in diesen Räumen wirkten – sei es als Professoren oder Assistenten – werden in der Geschichte der Medizin ihren Platz behalten. Ich nenne nur die Namen J. Oppolzer – Pitha – Arlt – Hamernjk – Bochdalek – Scenzoni – Josef Hasner. Die bisher übliche Medizin hatte durch diese Männer eine vollständige Umgestaltung erfahren. Müde des Wechsels von Systemen, von denen das eine das andere widerlegen will, wollte man lediglich auf der sicheren Basis der reinen Erfahrung bleiben. Jede aprioristische und philosophische Spekulation war verbannt, man hielt sich lediglich an das, was die fünf Sinne an die Hand gaben, drang aber auf die gründlichste und allseitigste Krankenuntersuchung. Es wurde sehr scharf beobachtet, fast durchwegs mit Zugrundelegung der von Skoda und Rokitansky gewonnenen Resultate. Allerdings, in bezug auf Therapie interner Krankheiten waltete bei uns eine arge Skepsis. Man ließ die Krankheitsprozesse ihren Verlauf nehmen und beschränkte sich darauf, ihre Verheerungen möglichst einzudämmen. Es gab auch einen krassen Widerspruch zwischen der Masse der Heilmittel, die man in der Pharmakologie aufzählen gelernt hatte, und der Zahl derer, die man wirklich anwendete. Man kam mit gar wenig aus, und die Gegner konnten mit Recht sagen, daß die damalige Prager Schule sich bescheide, die Kranken zu beobachten, anstatt es zu versuchen, sie zu heilen. Wir hatten ausgezeichnete Männer an unserer Anstalt, unser klinischer Lehrer, Professor Oppolzer, damals noch in den dreißiger Jahren stehend, überragte sie alle an Geist und Persönlichkeit. Er genoß eines ausgebreiteten Ruhmes. Seine Lehrgabe war groß und selten; seine Klarheit in der Entwicklung des Lehrstoffes, sein großer, ja unfehlbarer Blick am Krankenbette, seine Ruhe, Würde und Sicherheit machten ihn zum Vorbild eines Arztes. Er war ganz seiner Pflicht hingegeben und lebte einzig seinen Kranken und der Wissenschaft. Zu allen seinen großen Eigenschaften trat aber als schönste die Humanität. Er war den Bedürftigen und Armen wie ein brüderlicher Freund und empfand es fast als ein Zugeständnis und als eine Verkürzung seiner eigentlichen Gemeinde, wenn er an das Bett der Begüterten und Vornehmen trat. Er schränkte darum seine äußere Praxis soviel als möglich ein. Er hatte einen schönen Johanneskopf, auf dem ein ernst-freundliches Lächeln wie festgehalten stand, ein bartloses Gesicht von blühendem Rot und trug das dunkelblonde Haar fast bis auf die Schultern fallend. Von seiner Persönlichkeit ging ein Zauber aus, den alle empfanden. Jeder Kranke richtete sich auf, jedes müde Auge begann zu leuchten, wenn er in die Nähe kam. Er war geradezu bezaubernd in seinem Umgang mit Kranken, immer gut, ein freundlicher Tröster, immer geduldig; kein barsches Wort kam von seinen Lippen. Irgendwelche Scheu kannte er nicht. Auch der stärkste Grad der Ansteckungsfähigkeit einer Krankheit konnte ihn von der genauesten Untersuchung nicht abhalten. Es war grausig und bewundernswürdig zugleich, wie er, als ob er gefeit wäre, sein Ohr der Brust eines am Flecktyphus Erkrankten auflegte, ruhig die Herzenstöne belauschend, als ob da keine Gefahr sei. Aber, gut wie er war, zwang er keinen seiner Schüler, es ihm darin nachzutun. Geld schien für ihn keinen Wert zu haben. Jeden Nachmittag bis spät in die Dunkelheit empfing er in seiner Wohnung Leute, die bei ihm Hilfe suchten und nahm von ihnen kein Entgelt für seinen Rat entgegen. Waren die häuslichen Konsultationen vorüber, erschien er wieder zum Abendbesuch auf der Klinik. So verging ihm Tag um Tag, er kannte keinen Spaziergang, suchte keine Zerstreuung. Einem Fonds für die Pflege erkrankter Studenten pflegte er alljährlich schlicht und einfach eine Banknote von eintausend Gulden zuzuwenden. Den schärfsten Gegensatz zu Oppolzer, dem Edlen und Milden, nicht sowohl was die wissenschaftliche Überzeugung als was den Charakter betraf, bildete Professor Hamernjk, der der Klinik für interne Krankheiten auf der wundärztlichen Abteilung vorstand. Er war ein geborener Tscheche und merkwürdig unbeholfen in der Handhabung der deutschen Sprache. Als Arzt stellte er sozusagen die äußerste Linke in der damaligen Medizin dar, als Mensch war er die Inkarnation des kaustisch scharfen Verstandes ohne jede auffindbare Gemütsseite. Seiner Überzeugung zufolge, daß nur die Natur selbst unter Beihilfe passender Diät die Krankheitsprozesse heile, war er ein abgesagter Feind aller Arzneimittel, die seiner Ansicht nach der alten alchimistischen Epoche der Medizin entstammten. Seinen gesamten Arzneischatz bildete Wasser – natürlich nur solches, das nicht von »Chemikalien verunreinigt« war, etwas Chinin, etwas Jodkali, etwas Morphium. Und seine sonstigen Überzeugungen! Welche Fortschritte auch seitdem die materialistische und pessimistische Anschauung gemacht haben mag, schärferen Aufdruck in einem Kopfe hat sie wohl schwerlich gefunden! Hamernjk büßte bald seine Stellung ein, und zwar aus Ursachen, die mit der Wissenschaft nichts zu tun hatten: er war seit langer Zeit schon die Zielscheibe klerikaler Denunziationen. Er hatte Konflikte mit dem Spitalgeistlichen gehabt. Hamernjk, der unverbesserlich Ungläubige, dachte gering von den Tröstungen, die der Priester ans Sterbebett bringt, und sah in dessen letzten Besuchen nur schädliche, ja verderbliche Beunruhigungen der Sterbenden sowohl wie der umliegenden Kranken. Wenn der Spitalgeistliche dahergekommen war im vollen Ornate, die Monstranz in Händen, da pflegten alle Kranken im Saale unter ihre Decke zu schlüpfen, denn es war Volksglaube, daß der, den der Priester mit dem Blicke oder dem Kleide streife, demnächst selbst an die Reihe kommt. Und die Folge davon im ganzen Krankenzimmer waren beschleunigte Pulse, erhöhte Temperaturen, schlaflose oder unruhige Nächte. Der Geistliche dagegen, verpflichtet, die Sterbenden mit den Gnadenmitteln der Kirche zu versehen, wenn diesen nicht unermeßlicher Schaden an ihrer Seele zugefügt werden sollte, hatte seinen Standpunkt zu verteidigen. So gab es Konflikte und endlich Berichte an die oberen geistlichen Behörden. Die Sache wurde ärger, als Hamernjk nun – er sagte, es wäre der Wanzen wegen – die kleinen bunten Heiligenbilder hatte wegreißen lassen, welche gläubige Wärterinnen an die Tapetenwände zwischen den Betten aufzukleben pflegten, ein andermal den Kranken die Gebetbücher weggenommen und verächtlich beiseite geworfen hatte. Angeberei und Denunziation gelegentlicher extravaganter Äußerungen trieben die Sache auf die Spitze. Hamernjk kam um seine Stelle. Er ward vom Ministerium unter möglichst schonender Form seiner Professur enthoben. Es läßt sich von ihm sagen, daß er als Diagnostiker seinesgleichen suchte und daß es sich unzählige Male am Sektionstisch erwies, daß der menschliche Organismus mit seinen geheimsten Komplikationen für ihn gleichsam durchsichtig war. Anderseits ist ein Kliniker, der alle Pharmakopoe leugnet, eine fast unmögliche Existenz. Noch mancher andere Name, der jetzt der Geschichte der Medizin angehört, wäre hier zu nennen, denn, wie gesagt, die Prager Fakultät vereinigte damals die ausgezeichnetsten Forscher wie in einem Kranze. Aber es ist hier nicht der Ort, ihrer zu gedenken. Natürlich fehlte es auch bei uns nicht an bizarren Figuren; sie waren gleichsam die Folien und Gegensätze jener ersteren. Denn wo der Eifer, Großes zu leisten, alles durchdringt, und das Streben, sich hervorzutun, an der Tagesordnung ist, wird immer zugleich auch das Komische geboren, weil der mittelmäßige Kopf sich bei den Heroen gleichzustellen sucht. Wer es aus seinen Erinnerungen heraus noch zu schildern vermöchte, dies Professoren- und Studentenleben mit seinen leidenschaftlichen Episoden, die nie fehlen, wo scharf ausgeprägte Charaktere nebeneinander wirken, das Alte seinen Platz behaupten will und junges Verdienst nach Anerkennung ringt! Wer sie noch zeichnen könnte, diese Charakterköpfe, wie sie sich aus dem eigentümlichen Rembrandtschen Halbdunkel hervorheben, das in einem Spital waltet! Wenn uns der Griffel eines Callot oder die Feder eines Dickens Bilder, Porträts aus dieser Zeit malte! In literarischer Opposition zu Metternich Es ist unbestreitbar, daß über Prag eine Atmosphäre der Melancholie lagert. Jeder Fremde, der längere Zeit innerhalb Prags Mauern lebt, empfindet sie und fühlt sich davon bedrückt. Was aber muß der empfinden, den sein Beruf fast den ganzen Tag im Krankenhause festhält und der, wenn er es verläßt, keinem frischen Luftzug begegnet, keine Aufheiterung findet? Das Düstere der Umgebung begann mehr und mehr auf mich einzuwirken; es war ein gar zu grausiger Aufenthalt für ein von Hause aus allzu zart besaitetes Gemüt. In diesem Gemüte sah es seltsam aus. Der ganze innere Mensch befand sich in einem gärenden Entwicklungsprozeß. Die Fantasie schweifte mit leidenschaftlicher Vorliebe in einer dichterischen Welt, der Kopf grübelte und machte sich mit den Grundfragen der Philosophie unendlich viel zu schaffen, an das Herz trat das Leid der Welt in allen Formen und erschreckend nahe heran. Verließ ich das Haus, wo Krankheit und tiefstes Elend gewissermaßen angehäuft und registriert beisammenlagen, so war es, um in ein anderes hinüberzugehen, wo umnachteter Geist wild tobte oder stumpfsinnig vegetierte, und in ein drittes, das durch das Martyrium kreißender Weiber und alles, was sich daranknüpft, noch entsetzlicher als die beiden anderen war. In diesem Kreis eingeschlossen, fühlte ich mich unglücklich über das Leid der Welt. Hang zu einsamer Träumerei, Hypochondrie, Schwermut überkamen mich mehr und mehr. Ich hatte Hegel so gut wie mancher andere studiert, aber das Resultat, zu welchem er scheinbar gelangt, das: »Was vernünftig ist, das ist wirklich, Was wirklich ist, das ist vernünftig«, wollte mir gar nicht in den Kopf. Dieser Spruch erschien mir eigentlich nur als die modernisierte Fassung des alten: »Was ist, ist von Gott, Was Gott tut, das ist wohlgetan.« Ich konnte mich über die Zustände der Welt nicht beruhigen, und meine Überzeugungen waren die revolutionärsten. Ich sah, wohin ich blickte, eine grausame harte Notwendigkeit, in die ich mich nicht ergeben, mit der ich mich noch weniger einverstanden erklären konnte. Der Zufall der Geburt, der den einen von Kindheit an trägt und begünstigt, dem anderen jedes Mittel des Emporkommens entzieht, der Fluch der Armut, welche die Entartung der Familie im Gefolge hat, schien mir die Weltordnung laut anzuklagen. Dazu eine auf die Lehre vom Sündenfall, der Erbsünde und einem sühnenden Opfertod basierte Religion. Das Ganze erschien mir wie ein schnöder, nur bei systematischer Irreführung der Massen möglicher Betrug – wer sich nicht dagegen erhob, mußte ein Feigling sein. Auf politischem Gebiete verlangte mein Verstand einen Volksstaat, ein Gemeinwesen, in welchem die Pflege des Gemeinwohls erster und letzter Zweck ist. Im Gegensatz zu dieser Forderung sah ich im existierenden Staate den baren Absolutismus, die Herrschaft eines mit der Geistlichkeit verbündeten, übermütigen und ungebildeten Adels; dagegen die zahlreichste und intelligenteste Klasse von jeder Beteiligung am politischen Leben ausgeschlossen. Der ewige Stillstand war dekretiert worden, jede freie Äußerung des Gedankens wurde innerhalb der chinesischen Mauer, die die regierenden Kräfte erbaut hatten, ausgeschlossen. Ein argusäugiges, Wort und Tun kontrollierendes Polizeisystem wachte Tag und Nacht. Österreich führte damals im Auslande das Epitheton »das glückliche«, zog man aber das Denken und Fühlen der unendlichen Mehrzahl in Betracht, konnte man es ebensogut »das unzufriedene« nennen. Seine Kultur lag trotz aller Begünstigung der Natur tief darnieder. Der Adel war im Erbbesitz aller höheren amtlichen und militärischen Stellungen. Die Klöster waren im Zunehmen begriffen und die Unterrichtsverhältnisse so eng mit der Kirche verknüpft, daß nicht nur die Volks- und Mittelschule, sondern auch die höheren Unterrichtsanstalten von Geistlichen, sogar von Mönchen, geleitet wurden. Die bäuerlichen Untertanenverhältnisse bestanden noch in mittelalterlicher Form fort mit Robot und Zehnten. Vom Staatshaushalte war gar nichts bekannt, jede Kontrolle durch eine Volksvertretung fehlte, kein amtlicher Bericht gelangte zur öffentlichen Kenntnis. Alle Berührungen mit dem Auslande wurden vermieden, Pässe waren schwer zu erlangen, eine strenge Zensur hielt alles unter Vormundschaft. Jeder Bewegung von unten herauf wurde entgegengearbeitet, jede, wo sie sich nur im Bereiche der österreichischen Machtsphäre zeigte, kräftig durch Waffengewalt niedergezwungen. Der deutsche Stamm Österreichs, berufen, der historische und politische Mittelpunkt des Staates zu sein, machte keine sichtbaren Anstalten, sein Dasein zu bestätigen. Wien schien sich nur um seinen Prater und Lanners Geige zu kümmern. Ja, alles wünschte Änderungen und zeitgemäße Umgestaltungen, aber in verschwiegener Brust. Innerhalb der schwarzgelben Schranken durfte niemand solch hochverräterische Wünsche zur Sprache bringen. Es gab, ein paar wortkarge Regierungsblätter ausgenommen, keine politischen Zeitungen, in den literarischen Journalen wurden Anspielungen auf Politik nicht geduldet. Das Unbehagen war allgemein, aber niemand wußte, wie es anders werden könne. Leute, die sich draußen umgesehen hatten, wollten Österreich den Bildungsverhältnissen Deutschlands genähert, die Untertanenverhältnisse umgemodelt, die Jesuiten zurückgedrängt, das Lehr- und Bildungswesen von der Kirche emanzipiert sehen, aber wie sollte das geschehen? Es gab keine Tribüne für das gesprochene Wort; dagegen herrschte die Verpflichtung, jede Zeile, die im Druck erscheinen sollte, der Zensur zu unterbreiten. Nein, für diesen Staat konnte man keine Liebe empfinden. Ich war ein Österreicher, hatte aber nicht nur über die Regierungsform Österreichs, die ich für den höchsten Ausdruck des Absolutismus und Ultramontanismus hielt, sondern auch über den Staat an sich die ketzerischsten Ansichten. Es ist seitdem oft gesagt worden, indem man die bekannten Aussprüche Voltaires über die Notwendigkeit des Deismus variierte: Österreich müsse erfunden werden, wenn es nicht bereits existierte. Ich höre dies geflügelte Wort noch immer, zum Teil von sehr gescheiten Leuten wiederholen. Abgesehen davon sagen sie, daß die in Österreich so häufige Rassenkreuzung von großem Vorteile für die Welt sei, so gehe aus der großen Annäherung und teilweisen Verschmelzung im Gegensatz zueinander stehender Nationalitäten sehr viel Gutes hervor. Indem ferner die Steuerkraft der industriell vorgeschrittenen deutschen Provinzen fortwährend dazu verwendet werde, um zahlreichen anderen materiell zurückgebliebenen und in Mißwirtschaft verlotternden Ländern zu Hilfe zu kommen und deren Ausfälle zu decken, werde gerade in diesen Ländern eine regere Vitalität, eine lebendigere Tätigkeit hervorgerufen. Wenn auch das Prinzip der Verlegung deutscher Beamten und Soldaten in fremde, mitunter halbwilde, fast immer feindselig gesinnte Länder für die Betreffenden anfangs sehr unangenehm werden könne, so gehe doch schließlich für sie selbst und ihre Familien ein Zuwachs an Kenntnis fremder Sitten, Gebräuche und – mitunter höchst absonderlicher – Sprachen hervor. Auch übernähmen dafür wieder Persönlichkeiten aus den für alles, was mit Polizeidienst zusammenhängt, besonders talentierten slawischen Stämmen die Überwachung des bürgerlichen und politischen Lebens in deutschen Provinzen. Das alles ist als sehr heilsam und zweckmäßig erkannt worden. Darauf beruht die Lehre vom »echten« Österreichertum, und sie wird von allen verteidigt, die »das politische Prinzip über das nationale stellen«. In der Zeit, von welcher ich rede, war nun der Kreis dieser großen österreichischen Kulturaufgabe noch viel weiter gezogen als heutzutage: er reichte bis nach Mainz, Frankfurt, Rastatt, er reichte bis an den Po und den Ticin, ja, er dehnte sich nicht selten bis über die Marken am Adriatischen Meere und über die päpstlichen Staaten hinaus. Bald rückten die weißen Röcke im Neapolitanischen, bald in ein oder dem anderen italienschen Fürstentum ein. Der Territorialbestand der Monarchie hatte seit dem Wiener Kongresse keine Alteration erfahren, und geheiligte Verträge gaben ihr das Recht, bald da, bald dort eine kleine Exekution auszuführen. Wir nun und eine ganz kleine Anzahl junger Leute konnten uns damals mit den regierenden Anschauungen durchaus nicht befreunden. Wir hielten das Zusammenleben mit so vielen fremdsprachlichen Elementen in einem Staatsverbande, die Gemeinschaft der Deutschen Österreichs mit so vielen andern, in ihrem Naturell entgegengesetzten Stämmen für eine unglückliche Tatsache, die uns dem übrigen deutschen Tun entfremde, für eine Kette, ein Hemmnis jedes wirklichen nationalen Fortschrittes. Wir träumten von einer nicht mehr allzu fernliegenden Vereinigung aller deutschen Länder in ein Deutschland, das heißt in eine kompakte Nation von vierzig Millionen, die eine Sprache sprechen, vereinigt in einem Nationalheer, befähigt, sich allenthalben niederzulassen, daheim von denselben Staatsmännern regiert, im Auslande von denselben Gesandten vertreten. In diesem Bunde wollten wir nicht fehlen. Aber wie sollte es dazu kommen? Uns umgaben lauter Leute ohne jedes nationale Bewußtsein, die sich lediglich als Untertanen und beherrschte Masse fühlten. Diese unnationalen Zwitter, die weder kalt noch warm, weder Fisch noch Vogel, waren uns besonders widerwärtig. Noch eher, so schien es, könnte man sich mit Individualitäten fremder Nationalitäten verständigen, die dasselbe wollten wie wir: die Trennung und Auseinandersetzung einer unharmonischen Verbindung. Man geht eben in der Jugend sehr weit, sträubt sich gegen gewisse Notwendigkeiten und ist allen Kompromissen abgeneigt. Kurz, in dieser Welt schien mir getrennt, was zusammengehörig, und zusammengeschmiedet, was innerlich unvereinbar. Geistesbildung und Soldatentum waren Gegensätze geworden, das Soldatentum nur der verlängerte bewaffnete Arm des absoluten Monarchen, der bloß durch den anderen Arm des bewaffneten Volkes pariert werden könne. Oft fühlte sich das Gemüt gleichsam von allem Jammer der Welt zugleich angefaßt. Sehnsuchtsvoll blickte der junge Mensch nach Abhilfe her, hoffte auf andere Zeiten und meinte, nur aus einem vollständigen Zusammenbruch des alten Systems könne eine bessere Welt hervorgehen.   In den Ferien 1843 kam ich zum ersten Male nach Wien und wohnte dort auf dem »Salzgries«. Die Stadt erfüllte meine Erwartungen nicht. Die eigentliche Stadt, die ein Fußgänger bequem in einer Stunde umgehen konnte, schien mir, in ihren Wallgürtel, in das Korsett ihrer Basteien eingeschnürt, eine große und düstere Kaiser- und Adelsburg zu bilden, die vierunddreißig weiten Vorstädte aber waren von trostloser Monotonie. Die Herrlichkeit der Stephanskirche war mit Baugerüst umstellt, am Turme wurde geflickt und gequacksalbert, er war wie ein Kranker von Bandagen umwickelt. Nur die beiden Plätze des Neumarktes und des Grabens mit ihren verzierten Brunnen machten einen heiteren Eindruck auf mich. Nein, Alt-Wien war nicht schön! Das »'s gibt nur a Kaiserstoadt, 's gibt nur a Wean« war mir ein Ausbruch des aufs höchste forcierten Lokalpatriotismus. Da es ein Sonntag war, wanderte ich nachmittags dem Prater zu. Eine unabsehbare Reihe von Wagen bewegte sich langsamen Schrittes die Jägerzeile entlang. In der bis an die Donau führenden Hauptallee gab es ein Durcheinander von herrschaftlichen Wagen, Cabriolets und Fiakern, nicht wenige Reiter, zu beiden Seiten eine wogende Menschenmenge. Mädchen und Frauen: teils niedliche Püppchen mit blitzenden Augen, teils üppige Matronen, wandelten in den auffallendsten Trachten. Der Wurstelprater bot das Bild eines Jahrmarkts mit buntem Gewühl. Schaubuden und Ringelspiele luden von allen Seiten ein. Mir aber schien die rechte Heiterkeit, die Stimmung echten Volkslebens zu fehlen. Allerdings war die Hitze drückend, der Staub sehr arg, und ich wanderte einsam in der Menge. Das »Capua der Geister« hatte für mich keine sonderliche Anziehung. Am anderen Morgen holte mich Moritz Hartmann nach Baden ab, und ich ließ mich gern entführen. Er hatte dort bei einer reichen Bankiersfamilie als Erzieher zweier Knaben eine angenehme Stellung. Ich wurde freundlich aufgenommen. In Baden traf ich meinen älteren Freund Max Schlesinger und schloß gute Freundschaft mit Karl Beck, der, nachdem er sich draußen im Reich mit »Gepanzerten Liedern« Ruhm ersungen, nach längerer Abwesenheit in sein Vaterland zurückgekehrt war. Wir teilten einander unsere Arbeiten, unsere Pläne mit. Nachmittags pflegten wir Pferde in einer dortigen Reitschule satteln zu lassen und jagten, wiewohl wir sämtlich mangelhafte Reiter waren, durchs Helenental und in die Brühl, wobei es nicht ohne Fährlichkeiten abging. Eines Tages, als ich zu kurzem Besuch nach Wien zurückgekehrt war, machte mich Hartmann auf einen ältlichen Herrn aufmerksam, der, verdrießlich vor sich hinredend, daherschritt: es war Franz Grillparzer. Ich sah ihn mit seltsamen Gefühlen an. Wir betrachteten die Zensur als ein geistiges Inquisitionstribunal und hatten sie nie respektiert. So ließen wir denn unsere Gedichte und sonstigen poetischen Erzeugnisse über die Grenze wandern, und da sie in Blättern erschienen, die in Österreich nicht gelesen wurden, blieben wir unbelästigt. Ich glaube, wir jungen, unzufriedenen Köpfe hielten damals diejenigen für gar keine eigentlichen und rechten Poeten, die sich einer unserer Meinung nach unwürdigen Institution fügten, oder wir blickten auf sie wie etwa wilde ungezähmte Elefanten auf solche blicken, welche den Palankin der Fürsten tragen. Mit Kopfschütteln hörten wir, daß ein Friedrich Halm, ein Grillparzer, von allen anderen nicht zu reden, sich solchem Joche fügten. Da wurde uns gar gesagt, daß Grillparzer das Institut der Zensur sogar prinzipiell billige, rechtfertige, gutheiße. Das war doch zuviel. Ich sah mir den sonst verehrten Mann mit Empfindungen an, wie sie sich etwa in der Brust eines Niederländers regten, wenn ihm ein Spanier begegnete, von dem es hieß, daß er die Inquisition billige und zeitweise selbst im San Benito erscheine.   Nie, wenn ich die Geschichte Böhmens, zumal die seiner Religionskriege, las, hatte ich mich eines tiefen Mitgefühls erwehren können. Es war doch ein arger Frevel an diesem Volke begangen worden, es hatte ein schreckliches Schicksal erfahren! Aus seinem Schoße waren die ersten reformatorischen Bestrebungen auf dem Gebiete der Kirche hervorgegangen. Aber sein großer Reformator starb elendiglich auf dem Scheiterhaufen. Das Volk rächte seinen Tod in einem furchtbaren Aufstand, zu dessen Niederwerfung ganz Europa herbeieilte. Darauf war dasselbe Volk unter Georg von Podiebrad zu großer Bedeutung und Blüte gelangt, zum Beweis, daß ein tüchtiger Kern darin war. Böhmen befand sich auf einer hoch zu nennenden Stufe intellektueller Bildung und wehrte sich seiner Freiheit. Dem allen machte die von den Jesuiten in Szene gesetzte Gegenreformation ein Ende, und wie das geschah, bleibt ewig ein Schandfleck in der Geschichte. Die protestantische Religion, zu der sich mehr als drei Vierteile der Einwohner bekannten, wurde gewaltsam ausgerottet, der Adel des Landes nach der verlorenen Schlacht am Weißen Berge teils hingerichtet, teils verbannt und seiner Güter verlustig erklärt. Mehr denn dreißigtausend Familien wanderten aus. Nun wurde dem Volke eine ihm fremde Sprache aufgedrängt und sein ganzes Geistesleben damit zerstört. War denn das alles nicht unleugbar wahr, und war das nicht tragisch? Das alles wirkte auf mich, und ich beschloß, ein historisches Gedicht in drei Teilen zu schreiben. Der erste Teil der Trias sollte den Hussitenkrieg schildern. Der zweite das große Zeitalter Böhmens unter dem edlen und tapfern Georg von Podiebrad, der ja nahe daran war, deutscher Kaiser zu werden. Das dritte Gedicht sollte mit der Wahl Friedrichs von der Pfalz beginnen, den Kampf gegen Ferdinand den Zweiten, die Schlacht am Weißen Berge und die Greuel der Gegenreformation malen, in welcher Böhmen an Körper und Geist erlag. Damit glaubte ich in eine reiche Fundgrube dichterischer Motive zu greifen. Ich begann mit dem Hussitenkriege. Da konnte ich wenigstens nach einer Seite hin die volle Seele entladen. Der Kampf eines ganzen Volkes um Rechte der Glaubens- und Gewissensfreiheit, tragisch auslaufend in der Vernichtung einer ganzen Generation – dem Vorwurf schien es mir nicht an Großartigkeit zu fehlen. Und welche Gelegenheit bot mir dieser Teil, in Hussitenpredigten gegen Rom und das Papsttum loszustürmen! Das Bedenken, daß der Kampf der Böhmen dazumal ein Krieg gegen das deutsche Reich gewesen, schien mir unerheblich, da es sich um eine so ferne Vergangenheit handelte und stets die allgemeinen freiheitlichen Ideen im Vordergrunde des Gedichtes standen. Hatte doch auch Fr. Lessing seinen »Huß vor dem Concil« und seine »Hussitenschlacht« gemalt und damit ein geistiges Erwachen der Malerei zu neuen Stoffen kundgegeben. Warum sollte die Dichtung nicht wagen, was die Malerei bereits getan? Es sollte aber auch mein Gedicht ein Mahnruf an Deutschland sein, welches, meiner Ansicht nach, die begonnene Führung der protestantischen Idee, die mit der deutschen identisch, des lieben Friedens wegen eingestellt und dadurch eine Rückbildung in der ganzen mitteleuropäischen Welt verschuldet hatte. Es war kurz vor meinem letzten Rigorosum, im Sommer 1846, daß mir der Gedanke, den »Ziska« zu schreiben, gekommen war. Ich ging sogleich an die Arbeit. In unmittelbarer Nähe des Prager Krankenhauses steht ein großes altes Gebäude, vom fünfzehnten Jahrhundert her als ein den Herzögen von Troppau gehöriger Palast bezeichnet. Man nennt es das »Faustische Haus«, und die Sage behauptet, der Alchimist und Buchdrucker Dr. Johannes Faust habe hier jahrelang gewohnt und in den unteren Kellerräumen unheimliche Künste getrieben. Ein kleiner, sich selbst überlassener, von einem steinernen Geländer umfaßter Garten liegt daneben, von welchem man einen Blick in die Tiefe hinter dem Kloster Emaus und weiter hinaus auf die kahlen Höhen des Wyšehrades und dessen sagenberühmte Mauern hat. Dieser Garten war mir besonders lieb. Hier, auf dem Boden einer romantischen Vorzeit, alte Mauern neben mir und vor mir, saß ich, von einem seltsamen Reize angezogen, viele Stunden, während mir das alte Steingeländer als Schreibtisch diente.   Am letzten Tage des Jahres 1845 hatte ich mein erstes Rigorosum abgelegt aus den Fächern der Anatomie, Physiologie, Botanik, Mineralogie und allgemeinen Pathologie. Nun sollte die fortgesetzte und angestrengte Repetition der weiteren Studiengegenstände folgen, damit auch das große Examen aus der Chemie, speziellen Pathologie, Pharmakologie, der gerichtlichen Medizin und der Geburtshilfe mit Ehren vor sich gehe. Voll Eifer hatte ich mich auf meine Studien geworfen, steckte über Hals und Ohren in meinen Büchern und Heften und ließ mir kaum Zeit zum Schlafen. Alle Gedanken an meinen »Ziska« waren verbannt, und eine Zeitlang ging alles gut. Ich arbeitete unverdrossen. Aber es war mir vorausbestimmt, daß ich neue große Störungen erleben sollte. Diesmal kamen sie nicht von meinem Kopfe, sondern von meinem Herzen. Ich war seit Jahren mit einer ausgezeichneten Prager Familie befreundet und in ihrem Kreise wie ein Sohn aufgenommen. Ihr gehörte ein herrlicher Besitz, die schöne, mitten in der Stadt gelegene Färberinsel, in deren Saalgebäude alle Bälle und Konzerte abgehalten wurden. Vier in gleicher Weise für Musik begeisterte Schwestern teilten sich in das Regiment des edlen, gastfreien Hauses, in dem alle in Prag wohnenden und alle nach Prag kommenden Künstler Aufnahme fanden. Zu den ersteren gehörte W. Ambros, von Hause Jurist und Beamter, dabei Musikschriftsteller, Alexander Dreyschock, sodann Fr. Kittl, unlängst Direktor des Prager Konservatoriums geworden, ein großes Talent; er komponierte eben an einer Oper »Die Franzosen vor Nizza«, zu der ihm Richard Wagner den Text überlassen hatte. In diesem Hause hatte ich Hector Berlioz kennengelernt, der im Januar 1846 nach Prag gekommen war und uns in großen starkbesuchten Konzerten seine Symphonie fantastique, seinen »Romeo und Julia«, die großen Ouvertüren »Harold«, »Lear« und den »Carneval romain« vorgeführt hatte, Produktionen, von denen ich einen gewaltigen, unverlöschlichen Eindruck empfangen. In dieser Familie saß als Hausgeist, als Spiritus familiaris, ein alter Italiener, ein Musiker namens Giovanni Gordigiani. Er war Opernsänger gewesen, hatte auf allen größeren Bühnen Italiens gespielt und gesungen und hatte, als seine Stimme nachließ, eine Stelle als Gesangslehrer am Prager Konservatorium übernommen. Er war ein sanfter und freundlicher alter Mann, dessen Kopf noch die auffallenden Spuren ehemaliger Schönheit zeigte und der durch absonderliche Tracht, bis auf die Schultern fallendes Haar und langen schwarzen Bart eine Stadtfigur geworden war. Er glich in seiner Erscheinung dem Harfner aus Wilhelm Meister. Dieser alte Künstler hatte eine Oper, »Consuelo« – nach George Sands Roman – gedichtet und in Musik gesetzt. Sie sollte am Schlusse des Sommerkurses von den besten Schülern und Schülerinnen des Konservatoriums aufgeführt werden. Dazu war ihm die Benutzung des Stadttheaters zugestanden worden, auch der Opernchor sollte mitwirken. Der Alte wollte nicht aus der Welt gehen, ohne gezeigt zu haben, was er vermöge. Eines Tages traf ich in der befreundeten Familie ein wunderbares Geschöpf, das mir wie ein schöner Knabe in Frauenkleidern vorkam. Dies Geschöpf hatte einen herrlichen Kopf, umflattert vom üppigsten, nach Knabenart kurzgeschnittenem Haar, schwarz wie Ebenholz. Die Wangen waren voll und kindlich zart wie die einer rosig angehauchten Kamelie, und auf einer dieser Wangen saß ein kleines schwarzes Mal, das einem Schönpflästerchen glich. Dies Zwitterwesen zwischen Knabe und Mädchen hatte schwellend rote Lippen, dunkelbraune, feurige Augen und welche Büste! Welche Arme! Dabei eine Stimme, fast wie die eines Mannes. »Diese schöne Dame«, sagte Gordigiani, indem er mich an der Hand nahm und mich vorführte, »ist die große Sängerin Marietta Alboni. Schon mit sechzehn Jahren ist sie in Bologna aufgetreten wie ein Phänomen. Alles ist fehlerlos an ihrem Gesang, alles virtuos und doch alles Gabe der Natur, nicht des Studiums. Auch eine ausgezeichnete Darstellerin ist sie, die alles aus dem Leben herauszugreifen weiß. Nun kommt sie von Wien, wo Marelli sie engagiert hat, und wird hier in mehreren Rollen auftreten. Aber aus Freundschaft für den alten Gordigiani, ihren Landsmann, hat sie ihm soeben ihre Mitwirkung in seiner Oper zugesagt. Sie wird den Barkarolenknaben Pierrotto singen.« Meine Freude über dies Anerbieten war groß. Das Piano war aufgetan, Gordigiani setzte die Finger auf die Tasten, und Marietta sang die große Arie aus Händels »Rinaldo«: Lascia, eh' io pianga la dura sorte. Nein, etwas Mächtigeres und Herzenbezwingenderes als diesen Alt hatte ich nie im Leben gehört! Mein Herz geriet in große Unruhe, und diese wuchs, als ich Marietta als Arsace in Rossinis »Semiramis« und als Maffio Orsini in Donizettis »Lucrezia« gehört. Wenn ich fortan über meinen Büchern saß, wie tauchte ihre Gestalt vor mir auf! Zudem gab es nur zuviel Verlockungen, sie da und dorthin in die Stadt zu begleiten. Abende wurden ihr geopfert, die besser angewendet hätten sein können. Die Aufführung der »Consuelo« rückte immer näher; die Theaterwelt war mit der Macht einer Invasion bei mir eingebrochen. Ich ließ mich verleiten, größeren und kleineren Proben beizuwohnen, das nahm viel Zeit fort. Die Gattin des Kompositeurs hatte sich an einer Übersetzung des Librettos versucht; als man es in Druck geben wollte, zeigte sich, daß viele Verse nichts taugten und eine Umarbeitung dringend nötig sei. Da sollte ich helfen und half nach Kräften. So wurden Verse geschrieben in einer Zeit, da ich ungeteilt über meinen Büchern hätte sitzen sollen. Ich liebte und machte alle Qualen der Eifersucht durch. Marietta reiste nicht nur mit einer alten Duenna, sie hatte auch einen Begleiter zur Seite, der als ihr Sekretär bezeichnet war. Signor Carlo war ein kleines unbedeutendes, bescheidenes Männchen, ganz jung, in Mariettas Jahren, nahm sich aber vieles seiner Herrin gegenüber heraus. Das konnte zu denken geben. Zudem wohnten sie nebeneinander, Zimmer an Zimmer, nur durch eine Tür getrennt. Carlo folgte seiner Herrin wie deren Schatten. Und wenn man ihn irgendwo hinschickte, zog er es vor, die Kommission einem Lohndiener zu übergeben und sofort wieder zur Stelle zu sein. Ein seltsamer Sekretär! Außer dem Italienischen verfügte er nur über einige Brocken Französisch, führte aber auch im Italienischen die Feder höchst ungelenk. Hatte er den einfachsten Brief an eine Theaterdirektion zu schreiben, so verfaßte er mehrere Entwürfe, die er uns zur Begutachtung vorzulegen pflegte. Dessenungeachtet sprach er von seiner gewaltigen Korrespondenz. Aber eines Tages, als er in seine Brusttasche griff, um uns den Artikel einer Mailänder Musikzeitung vorzulesen, zog er zugleich einen langen, schmalen, mit Linien und Sternchen bedruckten Lederstreifen heraus. Was das sei, darüber konnte niemand im Zweifel sein, der einmal ein Schneidermaß gesehen. Hocherrötend steckte er es hastig wieder ein. Eines Tages war ich, da die Sängerin noch nicht zu sprechen war, in Signor Carlos Zimmer getreten. Er saß – auf einem Tische, und zwar noch in Hemdärmeln. Vor ihm lag ein halbfertiges Wams von braunem Tuch. Rasch räumte er alles weg, sprang herunter, war sehr verlegen. Aber eine Schere und ein Endchen Wachslicht, welches noch die Spur gewichster Fäden trug, war auf dem Tische liegengeblieben. »Wer ist Signor Carlo?« fragte ich an diesem Tage den alten Maestro. Er erwiderte mit einem Seufzer: »Carlo ist Mariettas Jugendgeliebter, ein Schneider! Beide stammen aus einem Dorfe unfern Cesena in der Romagna. Er hat ihr aber- und abermal eine wahre Hundetreue bewiesen – das hat sie gerührt, denn sie ist die beste Seele. Nun führt sie ihn als ihren Sekretär mit sich. Er näht ihr die Männerkleider, auch Pierrottos Wams und Beinkleid geht aus seiner kunstfertigen Hand hervor. Nun wirst Du vieles verstehen ...« »Sind sie am Ende verheiratet?« fragte ich. »O nein. Für einen so dummen Streich ist Marietta zu gescheit. Sie hat sehr viel Ehrgeiz. Carlo wird sich nicht lange mehr bei ihr halten. Doch noch ist für den armen Teufel der böse Augenblick nicht gekommen ...« Ich war von diesen Eröffnungen ganz niedergeschmettert. Was, die himmlische Marietta, diese große Sängerin liebte eine erbärmliche Schneiderseele? Wenn irgend etwas, hätte mich das von einer übertriebenen Begeisterung heilen sollen. Aber ich stand bereits in jenem Stadium, wo kein Heilmittel mehr anschlägt. Der Tag der Consuelo-Aufführung kam. Der alte Maestro hatte eine Oper im Stile Mozarts und Cimarosas geschrieben. Consuelo hatte mehrere innige, ergreifende Momente, Porpora – Gordigiani selbst gab den Porpora – konnte mit seiner gealterten Stimme nicht durchgreifen, nur Marietta als Knabe Pierrotto war unübertrefflich. Es gab einen Achtungserfolg. Die Oper war melodiös, hatte aber einen Haarbeutel mit auf die Welt gebracht; die Instrumentation war in kindlichen, längst überwundenen Formen gehalten. Einige Tage später legte ich mein zweites medizinisches Rigorosum ab. Ich bestand mit Ehren, aber es wäre alles noch weit besser gegangen, wenn nicht Marietta Alboni nun schon seit sechs Wochen in Prag gewesen wäre. Jetzt wurde, abermals unter großen Störungen, eine bereits früher ausgearbeitete Dissertation, »De Helminthiasi« in Druck gegeben. Demnächst sollte die Promotion stattfinden. Dieser Akt ging damals unter Formen vor sich, die einer längst vergangenen Zeit angehörten. Zur Feier einer Doktorpromotion wurde der schöne, hohe, mit den Bildern aller Rektoren geschmückte Saal des Carolinums weit aufgetan, das eingeladene Publikum aufzunehmen. Nicht nur Männer, auch Frauen, die beste Gesellschaft pflegte diesen Feierlichkeiten beizuwohnen. Der Doktorand empfing die herankommenden Gäste, die verwandten und ihm befreundeten Familien schon an der Treppe, und geleitete sie gruppenweise zu ihren Sitzen. Das weibliche Geschlecht, das sonst nie die geheiligten Räume der alma mater betrat, drängte sich mit Vorliebe zu dieser Feier. Es fehlten nie die schönen Mädchen, mit denen man auf den Bällen getanzt; sie erschienen an der Seite ihrer Mütter in den elegantesten Promenadetoiletten, denn ein gemachter Doktor darf ja demnächst ans Heiraten denken. Die, welche den Vorgang nie gesehen hatten, waren sehr neugierig, die Doktoranden aber befanden sich immer im Zustand großer Erregung. Beim Eintreten lächelten wohl die Schönen über die seltsame Tracht, in der sie ihre jungen Freunde trafen. Vorgeschrieben war ein schwarzer, rundgeschnittener Frack, dazu Kniehosen, Seidenstrümpfe und Schnallenschuhe, ein mit Straußenfedern besetzter Dreispitz unter dem Arm, ein Galanteriedegen an der Seite. Inzwischen schlug die feierliche Stunde, das Professorenkollegium versammelte sich auf dem erhöhten Podium. Der Rector magnificus, der spectabilis Decanus, alle präsidierenden Männer erschienen in Amtstracht, der Oberpedell in scharlachrotem Mantel stand im Hintergrunde, in der Hand das Abzeichen seiner Würde. Nun hatte der Doktorand in wohlgefügter lateinischer Rede seinen Lebenslauf zu erzählen und seine Studien gehörig herauszustreichen; schließlich richtete er an den Herrn Promotor die Bitte um Verleihung der ersehnten Doktorwürde. Der Promotor erwiderte, wieder lateinisch und in weitläufigen ciceronianischen Formen, daß der Herr Kandidat dieser Auszeichnung würdig befunden sei. Der Rector magnificus trat vor, und nachdem auch er sich in breiter Gegenrede ergangen, entschloß er sich zum feierlichen Akte. Er hing, vom herbeigetretenen Pedell bedient, dem Doktoranden eine schwere güldene Kette um den Hals und steckte ihm an den zweiten Finger der rechten Hand einen ansehnlichen Ring zum Zeichen, daß der junge Doktor auf Lebenszeit mit der alma mater vermählt sei. Während nun von der Höhe Trompetengeschmetter und Paukenwirbel erscholl, wurde die Szene mit feierlichen Umarmungen beschlossen. Jetzt war der Glückliche aller akademischen Ehren teilhaftig. Ganz nach diesem Ritual bin ich am 2. Juli 1846 um elf Uhr vormittags im großen Carolinsaale zum Doktor der Medizin promoviert worden. Es war gebräuchlich, gleichzeitig zwei bis drei Kandidaten zu promovieren; ich erlangte die Doktorwürde gleichzeitig mit meinem lieben Freunde Johannes Spielmann, der später eine Autorität auf dem Gebiete der Geisteskrankheiten geworden ist. Wir hatten beide viel Bekanntschaften. So war denn die Versammlung eine glänzende. Man war zu Fuß und zu Wagen herangekommen. Auch schöne Töchter fehlten nicht, der Saal war bis zum Drücken voll. Ich war bei dem Akte sehr gerührt. Dankbarkeit gegen meine Lehrer erfüllte meine Seele. Wiederholt blickte ich zum Bilde meines Großvaters empor, der mich von der Wand ernst und nachdenklich ansah. Tränen traten mir in die Augen, als Professor Oppolzer, den ich wie ein höheres Wesen verehrte, mich in seine Arme schloß. Und nun war alles vorbei, die Trompeter auf der Estrade bliesen ihre uralte, traditionelle Fanfare. Ich hieß fortan Doktor. Der Name hat doch einen eigenen Klang in deutschen Ohren, im Lande, wo man von Doktor Faust und Doktor Martin Luther zu sprechen gewohnt ist! Als ich unmittelbar darauf auf meinem Zimmer Rokokofrack, Kniehosen, Seidenstrümpfe und Schnallenschuhe abstreifte und den federbesetzten Dreispitz wegwarf, hatte ich doch das Gefühl, daß mir etwas für alle Zeit von diesem Akte geblieben sei. Dann flog ich in den »blauen Stern«, um mit Marietta, die dort wohnte, zu speisen. Sie war bei der Festlichkeit zwar nicht anwesend gewesen, doch hatte sie mir bei dieser Erhebung zum Doktor einen kleinen Beistand geleistet. Sie hatte mir nämlich, als meine schwarzen Seidenstrümpfe beim Anziehen gerissen waren, mit einem Paar ihrer Theaterstrümpfe ausgeholfen. Ich verwahre sie noch heute als eine Erinnerung an die große Sängerin, die ich später mit ihrem Carlo in Paris wiedertraf, aber seitdem sie Gräfin Pepoli wurde, nie mehr gesprochen habe. So war ich denn Doktor der Medizin, aber schon während meines Studiums hatte ich einsehen gelernt, daß mir zum praktischen Arzte die rechte Befähigung abgehe. Wenigstens zum praktischen Arzte von ernster, ich möchte sagen, heroischer Richtung. Das Messer in ruhiger Hand zu führen, war mir versagt. Dazu fehlten mir die nötigen Stahlnerven. Nie würde ich, das fühlte ich, den tragischen Teil des ärztlichen Berufes, der aber den Arzt erst zum Arzte macht, erfüllen können. Ein ernstes Duell mit dem Tode zu führen, dem weinenden Gatten die freudige Kunde der Rettung zu geben, der liebenden Mutter den Neugeborenen zum Kusse zu reichen und dabei die halbgebrochenen Augensterne wieder aufleben zu sehen – das alles und vieles andere, den edelsten Teil, den Triumph des Medizinerlebens, würde ich nie erfüllen können. Selbst im Laufe der Jahre war es mir nicht gelungen, mich gegen die furchtbaren Eindrücke nach dieser Seite hin abzuhärten. Ich bewahrte ein Grauen vor Operationen, der Schmerzensschrei des Patienten lähmte mich. Selbst vor stark widrigen Gerüchen habe ich eine krankhafte Scheu nicht überwinden können.   Ungeduldig erwarteten indessen meine Eltern in Karlsbad den jungen Doktor. Wohl begab ich mich hin – die Saison stand auf ihrer Höhe –, doch statt mich als Praktikus in die Badelisten einrücken zu lassen, ging ich allem geselligen Leben aus dem Wege und schloß mich ein, um an meinem »Ziska« weiterzuarbeiten. In meinem kleinen Dachzimmer im »Englischen Hause«, den Blick aufs Egertal und das Erzgebirge, entstand ein Gesang um den anderen; es gab keinen Tag, der nicht mindestens seine fünfzig Verse eingebracht hätte. Und doch zeigte es sich bei jedem Schritte klarer, daß das Werk nicht nur den Verfasser in arge Konflikte mit der Staatsgewalt bringen müsse, sondern auch in allem, was seinen Beruf und seine Stellung zu den Eltern betraf, eine gewaltige Änderung herbeiführen werde. Vor allem ist zu sagen, daß dazumal für den Österreicher, der ein Buch oder auch nur ein Blatt daheim oder draußen im Reiche in Druck geben wollte, die Verpflichtung bestand, es der einheimischen Zensur als Manuskript zur Begutachtung vorzulegen. Erhielt es das behördliche Admittitur, so durfte es gedruckt werden; war es mit einem Damnatur zurückgekommen und erschien es trotzdem, so wurde gegen den Autor eine gerichtliche Verfolgung eingeleitet. Nun aber widersprach es meinen Grundsätzen, mich diesen Anordnungen zu fügen: die österreichische Zensur war mir wie Geßlers Hut, den nicht zu grüßen ich für eine Ehrensache hielt. Ich hatte bis jetzt bei meinen poetischen Arbeiten keine namhafte Behelligung erfahren. Erst meine bei Philipp Reclam erschienenen »Gedichte« hatten mich in Konflikt mit der Polizei gebracht, der jedoch noch so ziemlich still verlief – ich wurde zu einer Geldstrafe verurteilt. Anders stand es jetzt. Ich konnte nicht erwarten, daß mein »Ziska« unbeachtet bleibe, und brachte ich den in ihm liegenden politischen und religiösen Inhalt zu lebensvollem Ausdruck, konnte es nicht ohne Fährlichkeiten geschehen. Sollte ich auswandern, mich auf Jahre aus meiner Heimat entfernen? Auch das hatte seine Schwierigkeiten. Man bedurfte, um sich in den deutschen Städten zu halten, eines von der Heimatbehörde ausgestellten Passes. Verweigerte die Behörde die Verlängerung desselben, war man gezwungen, von Ort zu Ort umherzuwandern und den Punkt zu suchen, wo man geduldet wurde. So hatten erst nach längerer Irrfahrt Eduard Duller in Darmstadt, Dräxler-Manfred in Wiesbaden, Hormayr in Bremen, Fallmerayer in München, Schuselka in Hamburg ruhige Stätten gefunden. Ohne Drangsal ging es nicht ab. Wie glücklich stand es um Nikolaus Lenau, Karl Beck, Anastasius Grün, die allerdings auch bei ihren Publikationen die österreichischen Zensuredikte nicht achteten! Die ersten beiden waren Ungarn, somit einer anderen Gesetzgebung unterworfen, der letztere war ein Graf, einer der ersten und ältesten Adelsfamilien des Landes angehörig. Ihn anzutasten unterließ man. Man ließ sein Pseudonym gelten und ignorierte sein Wirken. Rastlos wanderte ich auf den Waldwegen um Karlsbad umher und erwog, was ich zu tun habe. Wenn ich mein der Beendigung entgegenreifendes Buch drucken lassen wollte, blieb mir nichts übrig als, wie kurz zuvor Moritz Hartmann getan, aus Österreich auf unbestimmte Zeit auszuwandern. Aber Hartmann hatte keine Stellung aufzugeben. Für mich dagegen hieß Auswandern soviel, als der Berufswissenschaft, für die ich mich an der Universität gemüht, und der durch den Doktorsgrad errungenen Stellung wieder entsagen. Heute, ruhiger und gerechter, als ich es ehedem war, begreife, entschuldige, rechtfertige ich alles, was mich damals so schwer traf: den Zorn des Vaters, der den Sohn nicht die kaum eingeschlagene Laufbahn aufgeben sehen wollte und dessen Vorgehen Torheit, Trotz und Verblendung schalt, ich verzeihe ihm die Härte der Drohung, für immer seine Hand von mir abzuziehen. Es war der letzte Versuch, mich zum Einlenken zu zwingen. Aber dämme einer den überschwänglichen Überzeugungseifer eines jungen Menschen, der mit seinem bald fertigen Büchlein sein Teil zur Befreiung der Geister beitragen zu müssen glaubt! Keine Einschüchterung verfing. Ich hatte bei mir beschlossen, den »Ziska« erscheinen zu lassen und demnächst die dazu nötigen Schritte zu tun. Impressionen aus dem sächsischen Vormärz Leipzig, das jetzt einen kalten und vornehmen Eindruck auf mich macht, erschien mir, als ich im September 1846 dort eintraf, äußerst interessant, sogar romantisch. Der Charakter Leipzigs war damals noch der einer alten deutschen Stadt. Die herannahende Michaelimesse hatte eine Bretterstadt innerhalb der großen Plätze hervorgezaubert, es wogte von Menschen in den Gassen. An allen Schaubuden wurde geblasen und getrommelt. Man fand sich in diesem Wirrsal kaum zurecht. Nun hatte ich auch Moritz Hartmann lange nicht mehr gesehen, und wenn zwei Freunde einander wieder begegnen, die sich lange nicht getroffen, was gibt es da nicht alles zu erzählen! Es war eine Zeit, wo man der Idee lebte und derselben eine weltbewegende Kraft zutraute. Jeder dachte: Es muß doch anders werden und hielt es für seine Pflicht, dazuzutun, daß es also werde. Ich hatte den Kopf voll Lektüre und wollte alle historischen Gebäude sehen. Zuerst das Haus in Gohlis, in welchem Schiller 1785 sein Lied »an die Freude« gedichtet: tiefbewegt besichtigte ich die jämmerlichen Räume, in denen ein hochgewachsener Mann wie Schiller nur barhaupt einhergehen konnte. Nun wollte ich wissen, wo Gottsched und seine Gattin Adelgunde, die Ahnfrau aller schreibenden Frauen, und wo der Studiosus Wolfgang Goethe logierte. Sogar das Wohnhaus des frommen Christian Fürchtegott Gellert und der Quandtsche Hof, dem mein Onkel entstammte, durch Zachariäs »Renommisten« unter dem Namen des Zotischen Hofes bekannt, war mir nicht gleichgültig. Wir gingen ins Rosenthal; die Bäume dort waren noch nicht vom Herbste gestreift, das Wetter noch außerordentlich schön; ich wünschte zu erfahren, wo der Ort sei, an welchem Schrepfer von den Geistern geholt worden war. Aber niemand wußte davon. Ich machte viele Bekanntschaften. Ich lernte Heinrich Laube kennen, der unlängst unter die Dramatiker gegangen war; er hatte die Freundlichkeit, uns beiden jungen Leuten seine eben beendeten »Karlsschüler« vorzulesen. Ich sah Gerstäcker, den schon damals vielgereisten, der in seinem Zimmer in einer Hängematte zu liegen pflegte, den sanften und boshaften Maria Oettinger, der damals für den deutschen Paul de Kock galt, aber dabei gar sentimentale, tränenfeuchte Lieder dichtete; ich lernte den biederen Ernst Willkomm, den vornehmen Gustav Kühne und den längsten aller deutschen Schriftsteller, Friedrich Saß, kennen, dem es, wenn er ins Theater ging, wiederholt passierte, daß ihm zugerufen wurde, er möge sich doch setzen, während er längst saß. Ich machte auch die Bekanntschaft Herloßsohns, des talentvollen Romanschriftstellers und vortrefflichen Menschen, dem man schon nach fünf Minuten herzlich gut sein mußte, des Mannes, den der Wein, den er so liebte, immer trauriger stimmte, bis er endlich ganz in Wehmut zerfloß, und der, wenn die Stunde, nach Hause zu gehen, endlich heranrückte, gar so schwer in seine Galoschen hineinkam. Endlich wäre noch Dr. Haltaus zu nennen, der Verfasser einer Weltgeschichte, die im Stile der nach kerniger und gedrängter Kürze strebenden Römer geschrieben war. Es wurden damals aus derselben im Kreise der Freunde viel komische Stellen zitiert. Eine derselben ist mir noch im Gedächtnis, es ist die, wo er vom Sturze des Tarquinius berichtet: »Sie stritten im Lager über die Vorzüge ihrer Frauen. Bei dem nächtlichen Ritte trug Lucretia den Sieg davon.« Ich wohnte in einem kleinen Gasthaus, zur »Stadt Wien« genannt, fast am Ende der Hainstraße. Der wackere Johannes Nordmann, der Dichter und Feuilletonist, war mir ein lieber Zimmernachbar. Ich hatte ein schönes, helles Erkerzimmer inne, von welchem man die Straße und die Leute, die sich unten tummelten, nach beiden Seiten übersehen konnte. Da stand ich stundenlang am Fenster. Nach des Tages literarischen Mühen suchte man das unterirdische Leben auf und traf sich bei Äckerlein oder in Auerbachs Keller. Der Ort der wahren Einkehr ist immer ein unterirdischer. Man suchte damals keine großen, eleganten Lokale, man liebte das trauliche, enge, nachgedunkelte Stübchen. Dort in der rauchgeschwängerten Atmosphäre mundete der Wein und das »Töpfchen« Bayrisch am besten. Da war auch der »Nobiskrug«, in einem gar engen Gäßchen, zu dessen Auffindung man die Führung eines wohlbewanderten Freundes nötig hatte. Schon der Name wirkte anlockend, wenn man erst unlängst Friedrich Daumers »Geheimnisse des christlichen Altertums« gelesen und daraus erfahren hatte, daß das geheimnisvolle Wort »Nobiskrug« keineswegs von nobis abzuleiten sei (locus, ubi potus nobis concessus), sondern jedenfalls von abis, abyssus, gleichbedeutend mit Abgrund, Krypte, Ort des Greuels, Teufelswirtschaft, ein Ort, wo ehedem finstere Mysterien vollzogen worden seien. Kuranda, der Herausgeber einer Wochenschrift, die besonders in Österreich viel gelesen wurde und alle Kräfte der dortigen liberalen Opposition in sich zu sammeln verstanden hatte, war ein geistreicher Mann und liebenswürdiger Redakteur. Er war mehr der Kapellmeister der »Grenzboten«, der das Zustandekommen eines Programms von schöner Abwechslung, das gute Ensemble und die tadellose Aufführung überwachte, weniger ein exekutierender Künstler; selten griff er selbst zur Geige. Seine Artikel schrieb er mit großer Sorgfalt, und sie waren so elegant wie seine Erscheinung. Er redigierte eigentlich auf Reisen, bald von da, bald von dort aus, und wohnte auch jetzt im Hotel de Bavière, wo der König aller Wirte, der treffliche Redslob, waltete. Kurandas Auge wachte über jeder Nummer mit zärtlicher Sorgfalt, und er sprach am liebsten davon, was das letzte Heft enthalten habe oder das nächste bringen werde. Er war mit ganzer Seele bei der Sache. Man konnte es ihm auf dreißig Schritte ansehen, wenn wieder einmal eine Feder ersten Ranges ihm ein Manuskript eingesandt. Dann trug er sein Haupt mit besonderem Schwunge, die Hand führte noch kecker als sonst das zierliche Stöckchen, die Augen strahlten von siegreichem Feuer. Er hatte damals etwas von einem kleinen provenzalischen Troubadour, und das war er auch in der Tat. Auf seinem Zimmer, ganz allein, pflegte er die Gitarre zu spielen, er besaß auch eine angenehme Tenorstimme. Schon in den ersten Tagen meines Aufenthaltes in der großen Buchhändlerstadt sollte ich darüber orientiert werden, was es mit den Buchhändlern auf sich habe. Ich hatte meinen neuen Verleger geneigt gefunden, zu meinem »Ziska« die »Gedichte« zu erwerben, die vor anderthalb Jahren als dünnes Löschpapierheft erschienen waren. Ich sollte mich erkundigen, wieviel Exemplare davon noch auf Lager seien, dann könne man es vielleicht mit einer neuen vermehrten Auflage versuchen. Ich eilte zu meinem früheren Verleger und trug ihm mein Anliegen vor. Er gab sofort einem seiner Leute den Auftrag, die Reste abzuzählen. Während dies geschah, hielt mir der Buchhändler einen Vortrag, daß »siebenhundertundfünfzig Exemplare« eben die richtige Zahl für das Buch eines jungen Autors sei. Sechs Freiexemplare fielen dem Verfasser zu, mit vierzig Exemplaren seien die Redaktionen zu bedenken, so blieben ungefähr siebenhundert Exemplare übrig, mit welchen der Bedarf der lesenden Welt genügend gedeckt sei. Ich fand dies wenig, aber: es war nun einmal nicht anders im deutschen Vaterlande, selbst bei Büchern, die Aufsehen gemacht hatten. Da kam der Gehilfe zurück und meldete, daß noch achthundert Exemplare vorrätig seien. »Das ist entsetzlich!« rief ich. »Nicht nur kein Absatz; die Exemplare haben sich auf Lager noch selbst vermehrt!« Der Buchhändler wurde verlegen. Er sprach von einem Irrtum, den er persönlich aufklären müsse. Übrigens möge sich mein neuer Verleger zu ihm verfügen, da werde man sich über die Sache leicht einigen. Und sie einigten sich in der Tat. Schriftsteller wird schwer mit Kaufmann fertig; Kaufmann mit Kaufmann schon weit leichter.   Als ich mit meinem Verleger in bezug auf meine beiden Bücher ins reine gekommen, eilte ich nach Dresden, um dort in größerer Stille und Zurückgezogenheit mein Gedicht zu beendigen und Lücken darin auszufüllen. Es hatte deren genug, beinahe das ganze letzte Buch war zu schreiben. Dresden war damals ungewöhnlich interessant. Es ist von jeher der Fall gewesen, daß eine Stadt zeitweise die geistige Führerschaft in Deutschland übernahm. Einst war Weimar ein Hauptpunkt der Entwicklung gewesen, dann Berlin, jetzt war es Dresden mehr als Berlin. Es war entschieden ein geistiger Vorort. Bedeutende Männer der Kunst und der Literatur waren beisammen und bedeutsame Schöpfungen tauchten fast gleichzeitig auf. Gutzkow, Auerbach – Richard Wagner, Robert Schumann – Rietschel, Semper – waren diese Namen nicht glänzend genug, um den Blick auf diese Stadt zu lenken? Es war eine literarische Stadt. Alles las dort, vor allem die Frauen, allerdings mit dem Strickstrumpf zwischen den Fingern. Es lasen selbst die kanariengelben Portchaisenträger in der Schloßgasse und die Soldaten auf der Hauptwache, wenn sie nicht gerade das Gewehr auf der Schulter hatten. Auch ein literarischer Prinz und Thronfolger war da; aber damit der Schillersche Vers von des Medicäers Güte nicht Lügen gestraft werde, kümmerte er sich nicht um seine literarischen Kollegen. Philalethes übersetzte den Dante, und alle Danteforscher sind furchtbar ernste Geschöpfe. Das Theater besuchte er nur, wenn ein Stück seiner Anverwandten, der Prinzessin Amalie, gegeben wurde. Mir war im Hause meiner Tante ein bescheidenes Quartier angewiesen worden. Es bestand aus zwei Stuben im dritten Stockwerke, aus deren Fenstern ich eine prachtvolle Aussicht auf die Elbufer, die Brücke, die Altstadt Dresden hatte. Hier wachte ich noch lange in die Nacht hinein, wenn schon alles schlief. In einer unbeschreiblichen Aufregung, in welcher ich gleichsam aus mir selbst heraustrat, schrieb ich den »Winzerzug«, die »Adamiten« und den vielbesprochenen Schlußgesang meiner Dichtung, und nun war das Buch fertig. Allwöchentlich einmal sah mein Onkel die Maler, Architekten und Bildhauer Dresdens bei sich im großen Bibliothekzimmer, das mit Kartons von Overbeck, Thorwaldsen und Carstens, mit Gipsabgüssen von Antiken und römischen Marmorresten reich geschmückt war. Es wurde in diesen Reunionen, die früh nachmittags begannen und sehr spät endigten, sehr viel guter Bordeaux getrunken und viel feine Havannas geraucht. Ich durfte als bescheidene Existenz diesen Symposien beiwohnen. Da lernte ich die Maler Julius Hübner und Julius Schnorr, die Bildhauer Rietschel und Jul. Hähnel, den Architekten Semper kennen. Letzterer, der Erbauer des Dresdener Theaters, Professor der Baukunst an der Dresdener Akademie, war eben epochemachend aufgetreten. Er hatte bereits seine Schrift über die Polychromie der Alten veröffentlicht. Durch ihn entschied sich, daß weder die Wiederaufnahme des griechischen Stils noch die Wiederaufnahme der Gotik möglich sei, sondern die Bauformen der Renaissance unsern Kulturformen entsprachen. Er hatte zuerst beim Bau der Dresdener Synagoge koloristische Wirkungen angewendet und hatte durch den Theaterbau gezeigt, was er vermöge. Nun war ihm der Bau des Museums übertragen worden, zunächst um die Schätze der alten Bildergalerie aufzunehmen. Es war bestimmt, es dem Zwingerpalaste vorzulegen und so beide Flügel desselben zu einem Ganzen zu verbinden. Die Debatte über diesen Bau und was damit zusammenhing füllte den ganzen Abend aus. Ich hörte von nichts als von Einkehlungen und Lisenen, von selbständig und organisch gegliederten Bogen; von Friesen, Pilastern, Füllungen und Gurtbändern, bis mir der Kopf zu wirbeln anfing. Im stillen beschloß ich, von der Erlaubnis, diesen Sitzungen beizuwohnen, nur den mäßigsten Gebrauch zu machen. Doch bewahre ich eine dankbare Erinnerung an Professor Rietschel, der freundlich und liebenswürdig an mich herankam und das Gespräch auf mir näherliegende Dinge lenkte. Da war es doch unterhaltender bei Ferdinand Hiller! Dieser, ein feiner, weltkluger, behaglicher Mann, ein ausgezeichneter Pianist, als Musiker im Mendelssohnschen Geiste in allen Formen tätig, hatte sich seit ein paar Jahren in Dresden angesiedelt und sah jeden Mittwoch alles, was Kunst betrieb oder sonst einen Namen hatte, in seinem Salon. Dort eingeführt zu sein, war eine Auszeichnung und bot Gelegenheit, alles kennenzulernen, was Dresden an einheimischen und durchreisenden Notabilitäten aufwies. An manchen Abenden waren alle Räume gedrängt voll, und fast jeder der Anwesenden hatte auf irgendeinem Felde einen bekannten Namen. Es war kein ausschließlich deutscher Salon, man hörte auch viel französisch reden; die Hausfrau, eine ausgezeichnete Sängerin, die unlängst erst, um ihrem Gatten zu folgen, der Bühne Lebewohl gesagt hatte, war eine Polin, schön, jung, von halbslawischem Reize. Sie hatte die wunderbarsten Augen. Drei oder vier glänzende Schönheiten gruppierten sich um sie, Verwandte, die längere oder kürzere Zeit in Dresden zubrachten. Seit Mazarin hat vielleicht niemand so schöne Nichten gehabt wie Ferdinand Hiller. Sie sind auch alle durch ihre Schönheit zu Heiraten in ungewöhnlichen Sphären gelangt: die eine wurde eine Gräfin Kolowrat, die andere die Frau des französischen Schriftstellers Ernst Feydeau usw. Bei Hiller als Gast wohnte Berthold Auerbach. Er hatte eben, nachdem seine früheren Romane fast unbeachtet vorübergegangen, mit der ersten Sammlung seiner »Schwarzwälder Dorfgeschichten« einen großen Erfolg erlebt. Man verdankte ihm die Mahnung, daß in der einfachen Heimatswelt, in dem anspruchlosen Menschentume eine sittlich erhebende Kraft ruhe. Nun hatte er seine Novellen »Die Sträflinge« und »Die Frau Professorin« geschrieben und arbeitete damals an einer Schrift »Schrift und Volk«. Seine Kompositionsweise war eine auffallend musivische. Auf den weiten Spaziergängen, die wir in die Umgebung Dresdens unternahmen, trug er beständig ein Büchlein mit sich, in welchem er sofort jeden sich ihm aus der Debatte ergebenden Gedanken fixierte. Aus feinen und empfundenen Bemerkungen wurde so allmählich ein Buch. Eines Tages wurden in Hillers Salon einige vierzig oder fünfzig Stühle aufgestellt, Einladungen waren nach allen Seiten ergangen, Auerbach sollte seine »Frau Professorin« vorlesen. So lernten wir das Lorle kennen, das vollendetste Porträt, das er je gemalt, seine vollkommenste Schöpfung, lebendig, wahr in allen Zügen, rührend, bezaubernd, teilweise – z.B. im Abschied Lorles – von tragischer Größe. Nicht zu seinem Vorteile hat Berthold Auerbach später seine Form zu erweitern gesucht. Seine Stärke lag nicht in der Komposition, sondern in der rührend einfachen, schlichten und väterlichen Weise, zu erzählen. Er beeinträchtigte selbst seine edelsten Eigenschaften, wenn er ausgebildeter Technik nachtrachtete. Seine Muse selbst war jenes Lorle, welches in der Stadt seinen Reiz einbüßte. Wieder einmal hieß es, Robert Schumann sei aus Leipzig zu Besuch in Dresden angekommen. »Nun, das ist schön, daß Du da bist«, hatte Hiller beim Wiedersehen lachend zu ihm gesagt. »Da werden wir uns tüchtig ausschweigen können.« Mir, der seit den Knabenjahren die tiefste Bewunderung und Verehrung für Schumann im Herzen trug, schien der Scherz pietätlos. Indes lernte ich bald das merkwürdige Insichgekehrtsein des Meisters kennen. Er war der größte Schweiger, sei's, daß der Gegenstand der meisten Reden ihm zu unbedeutend schien oder daß ihm, der doch auch so glänzend zu schreiben verstand, der hergebrachte Ausdruck nicht genügte. In Hillers Salon, im Schwarme der Besuchenden versteckte er sich wohl einen ganzen Abend, ohne zehn Worte zu sprechen. Ich erinnere mich auch einer Kahnfahrt auf der Elbe, bei der die Frauen Lieder von ihm sangen, er aber schweigend, dann und wann mit zugespitzten Lippen vor sich hinsummend, stumm am Steuer saß und in das Abendrot hinausstarrte. Er lebte nur in sich und in der wunderbar tönenden Welt, die er in sich trug. Auch Gutzkow war eine ganz meditative, in sich gekehrte Natur, aber wie verschieden geartet, wie ganz anders als Schumann! Sein Schweigen barg ein ununterbrochenes Verarbeiten der Eindrücke, die ihm von außen zukamen. Und alle Fragen der Zeit gingen ihm nahe. Wie er mit gewohnheitsmäßig halbgeschlossenen Augen alles aufnahm, alles bemerkte, so beschäftigten ihn alle Probleme, wofern sie sein Jahrhundert in Anspruch nahmen. Alles wurde zum Stoffe, aus dem er seine Fäden spann; während seines ganzen literarischen Wirkens waren ihm seine Stoffe durch Ereignisse diktiert worden. Sein Verfallen in Selbstversenkung alternierte mit plötzlichem Erwachen, in welchem er das Wort scharf wie eine Stahlklinge führte und die Dinge wie mit einem fremdartigen elektrischen Lichte zu beleuchten verstand. Eine große Weichheit des Gemüts war in ihm mit durchdringlicher Schärfe des Verstandes beisammen. In diese Kreise trat der junge Mensch und war vorerst schon glücklich, in ihnen geduldet zu werden. Alle diese Männer standen noch in der Fülle ihrer Kraft, hatten ihr Bestes gegeben, nach dem sie beurteilt werden konnten und traten fortwährend mit neuen Werken hervor. Der junge Mensch wünschte nichts dringender, als sich die Achtung dieser Männer zu erwerben, der Beifall ausgezeichneter Menschen war ihm das Höchste. Und dieser Beifall wurde ihm zuteil, als sein Buch endlich gedruckt vorlag. Da begannen für ihn glückliche Tage ... Gutzkow war seit 1845 als Dramaturg der Dresdener Bühne angestellt, er war mit Leib und Seele dabei und glaubte an eine Wiederbelebung der deutschen Dramatik. Es ließ sich aber nicht ersehen, daß seine Oberleitung viel geändert habe. Das war begreiflich, denn Emil Devrient war der heimliche oberste Leiter der Bühne. An allen bedeutenden Männern, die es besaß, hatte Dresden zu mäkeln, einzig Emils Größe stand unbestritten da. Er war der Abgott der Frauen, der »göttliche Emil«. Er galt für den ersten deutschen Schauspieler. Ein Heldenspieler war er gewiß schon damals nicht mehr, schon darum, weil meist schon im dritten Akte Kraft und Stimme zu Ende waren. Dann forcierte er nur noch und stieß die Worte zwischen den halbgeschlossenen Zähnen hervor. Seine Affektation und Effekthascherei waren ohne Grenzen. Hatte er sich wieder einmal den Dresdnern in einer neuen Rolle gezeigt, so ging er auf Gastrollen aus, kein Theater war ihm zu gering. Trotz allem laut proklamierten Kultus des Ideals spielte er am liebsten in Stücken der Frau Birch-Pfeiffer, Holteis und Raupachs, die ihm vergönnten, in Paraderollen beliebig aus dem dramatischen Rahmen herauszutreten. Unendlich viel hat Gutzkow von der Eitelkeit dieses Mimen zu leiden gehabt, die unersättlich war und nach immer neuem Lob in den Zeitungen verlangte.   Schon in den ersten Wochen meines Dresdener Aufenthalts hatte ich Richard Wagner kennengelernt, ich hatte mit ihm und zahlreicher Gesellschaft, zu der auch Gutzkow gehörte, einen Spaziergang nach dem Waldschlößchen gemacht. Fast unter Mittelgröße, eher klein, mit stechenden Augen, zusammengekniffenen Lippen und scharf gebogener Nase, auffallend breiter, stark ausgearbeiteter Stirn und vorstehendem Kinn, hatte er viel von einem Professor an sich, wie er denn auch in einer Zeit der Barte sich ganz rasiert zeigte. Aber frühe Kämpfe hatten ihm schon eine ungewöhnliche Reizbarkeit gegeben, er hatte bereits etwas ewig Aufgeregtes, Gereiztes, Giftkochendes in sich. »Tannhäuser« hatte unlängst das Licht der Bretter gesehen. Man hatte das Textbuch gelobt – die Ausstattung war eine ungewöhnlich brillante gewesen – den musikalischen Teil fand man »ungenügend«. Man vermißte eigentliche Charakteristik und geniale Naturkraft, man meinte, das Ganze sei mehr künstlich zurechtgelegt und leide an Langweiligkeit. Auf diesem ersten Spaziergang hatten wir viel miteinander gesprochen, doch ausschließlich über Politik. Richard Wagner hielt die politischen Zustände für reif zur gründlichsten Änderung und sah einer in nächster Zeit stattzuhabenden Umwälzung als etwas Unausbleiblichem entgegen. Die Umwandlung werde leicht und mit wenig Schlägen vor sich gehen, denn die staatlichen und gesellschaftlichen Formen hielten nur noch ganz äußerlich fest. Ich erinnere mich noch genau der Worte: eine Revolution sei bereits in allen Köpfen vollzogen, das neue Deutschland sei fertig wie ein Erzguß, es bedürfe nur eines Hammerschlags auf die tönerne Hülle, daß es hervortrete. Inzwischen hatte sich Gutzkow uns genähert, er opponierte, betonte die Kraft der Trägheit, die Macht des Alten und Furcht vor Neuem, die Gewohnheit der Massen, zu dienen und zu folgen, den Mangel an Charakter in der unendlichen Mehrzahl. Er äußerte in seiner vorsichtigen Weise hunderterlei Bedenken. Wagner verlor die Selbstbeherrschung und brach die Debatte mit starken, unmutig gesprochenen Worten ab. Wem hat die Zukunft recht gegeben? Bald genug kam das Jahr achtundvierzig! Wohl fielen schon in nächster Zeit die geweissagten Schläge, aber sie änderten kaum etwas an der Gestalt der Welt. Am allerwenigsten trat ein neues Deutschland in Erzguß zutage. Der kreißende Berg gebar eine – rote – Maus, und bald war wieder alles wie vorher. Deutschland legte sich nach der ungewohnten Aufregung bald wieder aufs Ohr, um wieder sechzehn Jahre zu schlafen. Am 6. Oktober kam ich endlich dazu, den Tannhäuser zu hören: es war die dritte Aufführung. Bei der zweiten war es nicht glatt abgegangen, das Publikum war in eine gereizte Stimmung geraten, es war viel gezischt worden, nun hatte sich Tichatschek krank gemeldet, und die Wiederholung war neun Tage ausgesetzt worden. Diesmal war der Erfolg ein solcher, daß der Komponist – – damals gab es noch keinen Meister! – zufrieden sein konnte. Das Haus war anständig gefüllt und die Stimmung eine so gute, daß Wagner und seine Sänger nach jedem Akte gerufen wurden. Ich gestehe offen, daß ich dieser Musik nie die weltaufregende Wirkung zugetraut hätte, die sie denn doch gehabt hat. Nur das Lied zum Lobe der Frau Venus, das Finale des ersten Aktes, in welchem die Wartburggenossen den wiedergefundenen Freund begrüßen, der Einzugsmarsch und das Lied an den Abendstern rissen mich aus der Ermüdung heraus, die mich bald überfallen hätte. Für das Verschwimmende, Träumerische, das bloße Auf und Nieder der Tonwellen hatte ich keinen Sinn; die Pilgerlieder erschienen mir eintönig, der Sängerkrieg, in welchem ich die frappantesten Melodien erwartet hatte, mißlangen. Mein für derlei Hören noch ungeschultes Ohr glaubte in den zur Liebe lockenden Dämonengesängen des Venusberges eine gelinde Katzenmusik und in den schneidenden Violinfiguren, welche das Pilgerlied mit den Venusbergsklängen durchsetzen, ein unorganisches Tohuwabohu zu vernehmen. Dagegen hatte das Textbuch, das keck genug die Gestalt Heinrichs von Ofterdingen im Tannhäuser aufgehen läßt und die Hörselbergsagen mit dem Sängerkriege auf der Wartburg verschmilzt, mich sehr interessiert. Der Stoff behandelte gewisse Punkte, die man noch nicht auf der Bühne behandelt gesehen: das Versinken eines genialen Individuums in die Sinnlichkeit und sein Sichherausreißen aus dem Sinnestaumel. Das war neu und einer Wirkung sicher. Und doch war wieder die Durchführung dieses Problems eine solche, die man auf keine Weise mit dem Freidenker und Revolutionär, den ich unlängst hatte sprechen hören, vereinigen konnte. Wenn man mit einem etwas modernen Geiste an den Stoff herantritt, denkt man sich doch den Tannhäuser als einen Mann, der sich von mittelalterlich christlicher Anschauung emanzipieren wollte. Nun war aber alles ganz im Sinne eines Mönchstums gefaßt, das sich die alten Götter als ein herabgekommenes Geistergesindel vorstellt und in dem Schwärmer für die antike Welt nur einen Gesellen von liederlichen Sitten sieht. Und nichts anderes ist Tannhäuser in der Oper. Darum erfaßt ihn auch bald Mißbehagen und Ekel vor solchem Heidentum und vor sich selbst, und durch den Ruf: »Mein Heil ruht in Maria!« sieht er sich schon wieder in die Oberwelt versetzt; denn vor dem heiligen Namen der Gottesmutter ist aller heidnische Spuk verschwunden. Auf der Wartburg gerät er nun wieder in eine Versammlung von Minnesängern und Rittern, welche, höchst absurd, nur eine Liebe feiern, die vom bloßen Anschauen lebt. Liebe soll absolute Enthaltsamkeit sein; man meint, Tannhäuser sei unter lauter Mönche geraten. Kaum wagt er eine Rechtfertigung und tritt schon schuldbewußt, ein gar sonderbarer Held, die Bußfahrt nach Rom an. Er erhält dort keine Absolution, kehrt, ein gebrochener Mann, in die Heimat zurück und ruft wieder Frau Venus an, ihm den Lustgarten aller Freuden zu öffnen. Doch wir erleben wieder Wunder, ja Wunder über Wunder. Auf bloße Nennung des nunmehr heiligen Namens Elisabeth schwindet aller heidnische Spuk; Tannhäuser sinkt tot zur Erde – die Fürbitte einer Heiligen hat ihn erlöst ... Sein Stab grünt. Wenn das nicht der bare mittelalterliche Katholizismus ist, verstehe ich das ganze Stück nicht. Jedenfalls muß man zu solcher Dichtung bedenklich den Kopf schütteln. Lange noch nach der Aufführung saß ich, alles dies besprechend, mit Hähnel im Wirtshause zusammen. »Und doch irren Sie«, sagte dieser, der zu den besonderen Freunden Wagners zählte, »wenn Sie wegen alledem Wagner für einen Kryptokatholiken halten ... Er arbeitet nur mit Vorliebe mit den Mitteln der alten Romantiker Tieck, Arnim, Brentano. Er ist sehr klug und weiß recht wohl, welche Macht diese Romantik noch über die Geister ausübt. Was wollen Sie? Meyerbeer ist wohl auch ein schlechter Christ und arbeitet in den ›Hugenotten‹ mit protestantischen Tendenzen? Schließlich«, fügte Hähnel lächelnd hinzu, »ist Eines zu bedenken, wenn wir die Oper im Licht der Tagesfragen ansehen: Tannhäuser müßte ja ein Deutschkatholik sein, weil er sich vom Papste lossagt«. An einem der folgenden Tage sah ich Ferdinand Hiller eine Rolle in der Hand halten. »Da hat Richard Wagner«, sagte er, »einen neuen Operntext geschrieben und mir ihn zu lesen gegeben. Er heißt ›Lohengrin‹ und behandelt die Sage vom Schwanenritter. Ein ganz vortreffliches, höchst effektvolles Libretto! Wie schade, daß Wagner selbst es komponieren will! Seine musikalische Begabung reicht dazu nicht hin! In anderer Hand würde das eine ganz andere Wirkung haben!« So urteilte man zu jener Zeit. Richard Wagner strafte allerdings dies Urteil Lügen und gab in seinem »Lohengrin« sein bestes Werk, meiner Ansicht nach, dasjenige, das von seinen Werken am längsten leben wird. Mit der »Unzulänglichkeit«, die damals so allgemein betont wurde, hatte es aber doch seine gute Bewandtnis. Man verstand darunter den Mangel an wirklicher Dramatik, das geringe Maß von Melodienzauber, das stete Vorwiegen pathetischen Ernstes, den Mangel an wirklicher lebendiger Charakteristik. Allerdings, alle diese Unzulänglichkeiten sind seitdem als der Anfang einer neuen Kunstform gepriesen worden. Darauf gehe ein, wer alle Moden und Torheiten seiner Zeit mitmachen zu müssen glaubt! Vielleicht muß man, um das Kunstwerk der Zukunft recht zu fassen und zu würdigen, schon heute mit den Ohren der Zukunftsgeneration ausgestattet sein.   Vor ein paar Jahren hatte man von Leipzig aus einen schüchternen Anfang gemacht, Schillers Geburtstag als geschichtlichen Festtag zu feiern. Nun hatte Heinrich Laube es versucht, unsern nationalsten Dichter zum Helden eines Theaterstückes zu machen und trug sich mit der Hoffnung, dasselbe werde am Schillertage gleichzeitig auf allen Hauptbühnen gegeben werden. Diese Hoffnung war zu sanguinisch gewesen, aber drei Theater fanden sich, die an Schillers Geburtstage mit den »Karlsschülern« hervorkommen wollten: Mannheim, München und Dresden. Alles blickte der Aufführung mit Spannung entgegen, alles war begierig zu sehen, wie der verwegene Mann seine Aufgabe gelöst habe. Er kam herüber, der Inszenierung beizuwohnen. Emil Devrient spielte den Schiller, Fräulein Bayer, spätere Frau Bürk, die Gräfin von Hohenheim, Frl. Berg die Generalin, Fräulein Lebrun die »Laura«. Der Erfolg war ein bedeutender und durchgreifender. Der Autor wurde nach dem zweiten Akte und im vierten Akte, Fräulein Bayer sogar bei offener Szene gerufen, was in Dresden nicht wenig sagen wollte. Am Schlusse des Stückes mußte der Dichter nochmals vor dem Publikum erscheinen, und man ging mit dem Eindruck fort, daß dem deutschen Theater ein wirksames und interessantes Stück gewonnen sei. Nach dem Theater versammelten wir uns, etwa zwölf Personen, bei Richard Wagner. Der geistreiche Friedrich Pecht, der unlängst mit einem Bilde »die Bekränzung Goethes durch Corona Schröter im Park von Tieffurt« Aufsehen machend hervorgetreten war, der Novellist Robert Heller, der mit Laube aus Leipzig herübergekommen, ferner ein Redakteur R. Schmieder befanden sich unter den Eingeladenen, die den gedeckten Tisch in einer bescheidenen Wohnung umstanden. Nun erschien der zu Feiernde, stramm und in bester Laune. Man nahm Platz, die Unterhaltung war zuerst sehr munter. Man war der Ansicht, während die ersten Platten umhergingen, Laube habe da sein bestes Werk geliefert. Der vierte Akt besonders sei eine poetische Produktion in echt deutschem Sinne. Richard Wagner hatte sich schon lange auf seinem Stuhle hin- und hergewiegt. Nun begann er die Frage aufzuwerfen, ob man denn nicht, um überhaupt einen »Schiller« zu schreiben, etwas von Schillers Genius haben müsse? Diese Frage war häklich, man vermittelte, man widersprach, nun aber schritt Wagner immer entschiedener zum Angriff vor. Es sei doch nur ein wohlkomponiertes Intrigenstück in Scribeschem Geiste, in welchem einige sehr pikante Szenen – namentlich jene, wo Schiller die Fürstengruft in Gegenwart des Fürsten vorlesen muß – herumschwimmen. Es löse keineswegs die Aufgabe, wie wir sie bei einem Drama voraussetzen, dessen Held der schwungvollste und populärste Dichter des deutschen Volkes sei. Dies war vielleicht in der Tat wahr, es war aber außerordentlich widrig, solche Kritik aus dem Munde des Gastgebers in einem Kreise zu vernehmen, der ja den heutigen Abend hatte feiern wollen. Mit solcher Schärfe zu urteilen, wo ein ganzes Publikum sich zufrieden erklärt hatte – das war eine seltsame Ovation! Aber Richard Wagner ließ sich nicht stören. Er behauptete weiterhin, daß der Fürst im Stücke seine Grundsätze mit Gründen rechtfertige, die erst eine absolutistisch gesinnte Geschichts-Philosophie von heute zusammengeklügelt, und schließlich, daß Laube dem theatralischen Effekt zuliebe über alle Wahrscheinlichkeit hinausgegangen sei. Solche Nichtachtung alles gesellschaftlichen Brauches machte sich allen fühlbar, nur der »Festgeber« empfand sie nicht oder setzte sich über sie hinweg. Immer unbehaglicher wurde das Beisammensein. Zudem schien etwas in der Auffahrt des Mahles nicht zu klappen. Wagner warf unruhige Blicke nach allen Seiten und wurde immer unwirscher. Seine Frau hatte sich ihm genähert. »Nun, liebes Weibchen?« fragte er mit einem grimassierten Lächeln. Und während die eine, der Gesellschaft zugekehrte Gesichtshälfte noch lieblich lächelte, veränderte sich die andere, und aus der andern Mundecke pfiff es mit unterdrückter Wut: »Na, wo bleibt denn der verfluchte Champagner?« Dabei war er ihr ganz nahe gerückt, seine Finger kniffen ihren Arm. Der ersehnte Eiskübel kam. Nun wurde wieder eingelenkt, ein beglückwünschender Toast sollte alles wieder gutmachen, aber nichts wollte mehr verfangen, man leerte die Gläser und ging verstimmt auseinander. Ich war mit Laube fortgegangen und irrte mit dem ganz unmutig Gewordenen noch lange in den stillen, schwarzen Gassen am Flusse umher. Am anderen Tage kam die Nachricht, daß die »Karlsschüler« am selben Tage in Mannheim und in München gegeben worden seien und auch dort einen vollen Erfolg gehabt hätten.   Seit einiger Zeit sah man Gutzkow noch nachdenklicher als sonst und noch gesenkteren Kopfes im blauen, kragenbesetzten Mantel vom Dippoldiswalder Platz, wo er sein Quartier genommen, den Weg zum Schauspielhause wandeln. »Uriel Acosta« war beendigt, wurde einstudiert und sollte demnächst mit Emil Devrient in der Hauptrolle in Szene gehen. Man wußte im voraus, daß man es mit einem Werke zu tun habe, das für die Ideen der Toleranz und reinen Aufklärung mit Entschiedenheit eintrete, und sah der ersten Aufführung, die am 13. Dezember stattfinden sollte, mit großer Spannung entgegen, mit um so größerer, als man wußte, daß der Verfasser des »Werner« und des »Urbild des Tartüffe« hier den ersten Schritt in die hohe Tragödie getan habe und man infolge seiner Stellung zur Dresdener Hofbühne besondere Anforderungen an dies Debüt machen zu dürfen glaubte. Der langerwartete Abend kam. Man war angenehm erstaunt, wohlklingende Verse von einem Autor zu vernehmen, der bisher nur in Prosa zum Publikum gesprochen; nun sah man, daß ein wesentlich politischer Stoff in poetischen Formen vorgeführt werde. Das Konfessionelle war nach seinen verschiedenen Richtungen, der blinden Orthodoxie, dem versöhnlichen Justemilieu der fortschreitenden Aufklärung, außerordentlich treffend hingestellt, und jedem lag es nahe, sich diese Typen jüdischen Lebens ins Christliche zu übersetzen. Emil Devrient, der den Uriel, einen schrecklich koketten Uriel, in wunderbaren Gewändern spielte, war leider dem leidenschaftlichen Teile der Rolle, zumal im dritten Akte, gar nicht gewachsen und brachte diese mit seinen allzu drastisch angewandten bengalischen Feuerkünsten in bedeutende Gefahr. Da aber kam Ben Akiba, dessen »Alles schon dagewesen!« das erste Mal hier gesprochen wurde, und lenkte wieder alles zum Guten. Er wurde trefflich gespielt; der Greis mit weißem Haar und Bart, in dessen Worten sich Tiefsinn mit Blödsinn so seltsam mischte, hatte den stärksten Applaus des Abends hervorgerufen. Der fünfte Akt ließ gar sehr starke Kürzungen wünschen, schmälerte aber im ganzen und großen den Erfolg nicht wesentlich. Das Stück hatte einen großen Sukzeß erlebt, der Autor wurde nach dem Schlusse enthusiastisch gerufen. In der Tat hatte Gutzkow sein bisher bestes Werk geschrieben, weil er einfacher, weniger raffiniert, weniger auf der Suche psychologischer Seltsamkeiten, weniger spitzfindig ans Werk gegangen und einen immer bedeutsamen Stoff: den Konflikt des Glaubens mit den Banden der Familie, herzlich und ergreifend behandelt hatte. Natürlich gab es ihm zu Ehren in Hillers Hause einen Uriel-Acosta-Abend, es war am dritten Tage nach der Aufführung. Emil Devrient war da, die schöne Marie Bayer, welche die Judith gespielt hatte, saß vielumworben in prachtvoller Toilette auf dem niederen Diwan, den ihr Kleid ganz bedeckte, und blickte fortwährend in der Richtung der Türe, um dem Helden des Tages entgegenzufliegen, sobald er eintrete. Endlich kam er, langsamen Schrittes sich vorwärts bewegend, verstimmt und malkontent, mit gesenktem Haupte wie Hamlet. Kein Autor, dessen Stück einen Durchfall erlebt, hätte müder und trüber blicken und dem Lobe ängstlicher ausweichen können. So blieb er auch bei Tische. Kaum lichtete sich seine Stimmung, als der feurige Uffo Horn, mit Gutzkow von Hamburg her befreundet, eine begeisterte Improvisation losließ. Und Gutzkows Verstimmung war nicht ohne Grund. Es verlautete schon, daß wenig Hoffnung vorhanden sei, in Dresden den »Acosta« wieder zu erleben. Er sollte, flüsterte man, hohen Ortes bedeutendes Mißfallen erregt haben. Man erzählte sich besorgt, daß eine hohe Frau während der Vorstellung zu mehreren Malen unwillig den Fauteuil gerückt. Man wußte nicht, ob das genüge, in einem konstitutionellen Staate das Stück verbieten zu lassen? Die »Uriel Acosta«-Aufführung war das letzte literarische Ereignis, dem ich in Dresden beiwohnte. Ich war auf eine kurze Zeit nach Berlin gereist. Diese Stadt, die sich in neuerer Zeit äußerlich völlig umgestaltet und zugleich einen neuen Charakter, sozusagen eine neue Volksseele erhalten hat, machte damals auf mich den Eindruck kalten Ernstes. Das rauhe Novemberwetter, das der mächtigen Doppelallee der Linden das letzte Laub entführt hatte, die weiße Schneedecke auf den Plätzen – Eis und Schnee blieben auf den Straßen liegen – waren nicht angetan, diesen Eindruck zu mildern. Unendlich großartig erschien mir das königliche Schloß, das architektonische Ensemble in römischem und griechischem Stil gedachter Strukturen, die sich in weiter Perspektive bis zum Brandenburger Tor erstreckten, aber die übrige Stadt mit ihren endlosen Straßenquadraten nüchternsten Stils hatte für mich nichts Anlockendes. Nirgends war auch nur der Schein eines öffentlichen Lebens zu erblicken. Eine in Europa einzige Polizeimaßregel war eingeführt, das Straßen-Rauchverbot; es war ein Verbrechen, im Freien eine Zigarre anzuzünden. Die Genüsse, die dem Fremden geboten wurden, waren äußerst dürftig. Im Schauspielhause bildeten Invaliden die Mehrzahl, an Lustspielen fehlte es völlig, da die satirische Benutzung der Gegenwart, die Seele des Lustspiels, nicht erlaubt war, die Opernsänger schienen mir unter dem Maß der Mittelmäßigkeit zu stehen, selbst das gerühmte Corps de Ballet, aus Hopfenstangenfiguren bestehend, enttäuschte mich völlig. So brachte ich denn meine Vormittage im Museum, meine Abende in Julius' Zeitungshalle zu. Aber auch die Berliner Zeitungen, in welcher Rötscher, Gubitz und Rellstab ihre bocksteifen Kritiken schrieben, waren schon äußerlich abstoßend durch Format und Druckpapier. Zwei Zeilen in einem damals vielverbreiteten Gassenhauer lauteten: Unter den Linden bei Kranzler wär's fein, Streckt' nicht der Leutnant so weit vor sein Bein. Dies Bein des – allzeit hoffähigen – Leutnants war in der Tat oft lästig weit vorgestreckt, daß man darüber stolpern und in lästige Händel verwickelt werden konnte. Die Anmaßung privilegierter Kasten trat allenthalben sehr prononciert hervor. In dieser großen Stadt, die ich zum ersten Male sah, interessierte mich ein Philosoph, dessen Buch mich kurz zuvor gewaltig, wiewohl im gegensätzlichen gegnerischen Sinne aufgeregt hatte. Es war Max Stirner, Verfasser des Werks der »Einzige und sein Eigentum«, in welchem wie bei Helvetius das Interesse als Prinzip der moralischen Welt angenommen wurde. Der Verfasser gehörte mit den Gebrüdern Bruno und Edgar Bauer, mit Buhl, Eduard Meyen u. a. zur Koterie der sogenannten »Freien«. Ich machte seine Bekanntschaft, und er wurde der allererste Leser meines »Ziska« in seiner vollständigen Ausführung. Ich war außerordentlich gespannt auf sein Urteil. Als Stirner mir das Buch zurückbrachte, sagte er: »Sie hätten den ›Ziska‹ zu einem komischen Heldengedicht gestalten sollen. Zu einer Art Batrachomyomachie! Die Mythen der christlichen Kirche sind dem Schicksal verfallen wie die heidnischen. Die Gegensätze vom Papsttum und Protestantismus haben sich so total überlebt, daß ein Gedicht mit diesem Inhalte nur etwa Theologen noch interessieren könnte. Feindschaft gegen die Kirche sollte es nicht mehr geben. Sie ist uns völlig gleichgültig geworden; gegen überwundene Standpunkte kämpft man nicht mehr. Ja, ich fühle es klar: ein komisches Heldengedicht hätte das werden sollen.« Dies war das erste Urteil, das ich über mein Buch vernahm. Es belustigte mich ungemein. »Ja wenn man ›der Einzige‹ ist, kann man nicht wie andere Leute urteilen!« erwiderte ich, und damit war die Sache erledigt. Im Leben hatte Max Stirner sein System des weitgehenden Egoismus nicht eben mit besonderem Glücke durchgeführt. Er, der als Fortsetzer Macchiavells den Begriffen des Rechts, der Pflicht und der Treue den Krieg erklärt, hatte soeben in der »Vossischen Zeitung« einen Hilferuf veröffentlicht, ihm fünfhundert Taler zu leihen, die er treu und ehrlich zurückzahlen wolle. Bald darauf gründete er ein Milchgeschäft. Soviel ich weiß, ist er homo unius libri geblieben. Die Kritik hatte sich indes rasch meines »Ziska« bemächtigt. Ich habe heute noch die Genugtuung, daß die ersten lobenden Rezensionen, was nicht häufig der Fall ist, nicht von meinen speziellen Freunden, sondern von mir ganz unbekannten Federn ausgingen. Meinen Freunden hatte ich gesagt: »Ihr dürft nicht über mich schreiben. Ihr seid wie ein Stück von mir. Lob von Euch wäre eigentlich Selbstlob.« Und sie hielten sich darnach. Trotzdem brachten – es war eine literarische Zeit – alle Literaturzeitungen weitläufige Besprechungen. Der Absatz des Buches war ein außerordentlicher, schon in der ersten Woche nach dem Erscheinen stellte sich eine zweite Auflage als nötig heraus; die Wirkung des Gedichts in der Heimat und anderswo ging über alle Erwartung. Wie viel Brandstoff mußte damals vorhanden sein, daß Verse – jetzt das letzte, wovon man spricht – solche Wirkung haben konnten! Ich war bei meiner Rückkehr von Berlin nach Dresden nicht mehr bei meinem Onkel Quandt eingezogen, welcher, sobald er von seinem Landgut in die Stadt gezogen war, nicht das kleinste seiner Zimmer für den Neffen entbehren konnte, weil alle Gemächer seines Hauses mit Bildern altitalienischer und altdeutscher Meister angefüllt waren. Ich war mit meiner Habe in ein kleines Privatquartier gezogen. Welche Habe, in welcher das Hauptwertobjekt eine Kaffeemaschine war, welche die Lebensgeister bis in die Nacht hinein wachzuhalten hatte! Da wurde eines Morgens ein Couvert an meine Adresse abgegeben, in welchem ein lithographiertes Blatt lag. Irgendein ungenannter Freund schickte mir das folgende »Kreisschreiben« zu: »Ein Werk unter dem Titel Ziska ist von der k.k.Zensurhofstelle bei der darob gepflogenen Verhandlung mit damnatur belegt worden. Zufolge eines herabgelangten hohen Präsidialschreibens vom 16. Dezember vorigen Jahres werden die Herren Amtsvorsteher angewiesen, die Verfügung zu treffen, daß gegen die Einschmuggelung und Verbreitung des gedachten Buches in Böhmen, woselbst der Verleger ohne Zweifel einen ausgiebigen Markt für dasselbe zu finden hofft, die eingreifendsten Maßregeln in Wirksamkeit gesetzt und gegen jene, welchen desfalls ein Verschulden zur Last fällt, die strengste Strafamtshandlung eingeleitet werde. Von jeder sich ergebenden Wahrnehmung haben die Herren Amtvorsteher das Kreisamt sogleich in Kenntnis zu setzen.« Am Abend des Tages, an welchem ich dieses Blatt erhalten hatte, war ich mit Richard Wagner, Friedrich Pecht und Bildhauer Hähnel in einer Restauration unfern von der Brücke beisammen gewesen. Nun ging ich heim. Es war um die Zeit, wo die bereits öde gewordenen Straßen sich durch den Heimgang der Theaterbesucher wieder flüchtig beleben. Ein dichter Januarnebel füllte den Neustädter Platz, daß er die gegenüberliegende Häuserreihe dem Auge zugleich entzog, geisterhaft tauchte aus dem Nebelmeer das metallene, hoch sich bäumende Roß des sächsischen Kurfürsten auf. Ich schenkte ihm noch einen Blick. Eben schritt ich eilig über das Glatteis des Trottoirs, auf das die Schneeflocken langsam herabstäubten, als ich – fast im Angesichte des Hauses, dem ich zueilte, von einem Unbekannten angeredet wurde. »Ach, mein gutes Herrchen, schön, daß ich Sie treffe!« klangen die Worte einer freundlichen gedämpften Männerstimme im besten Sächsisch. »Ich habe wohl schwerlich die Ehre, von Ihnen gekannt zu sein, weil ich nämlich immer in meinem Laden stecke, ich aber kenne Sie, weil Sie täglich an meinem Fenster vorübergehen. Ich bin nämlich Friseur, dort ist mein Laden« – er wies in die Richtung eines matt herüberglänzenden Fensters – »und ich wohne im selben Hause rückwärts. In Anbetracht nun, daß wir Hausgenossen sind, erlaube ich mir, Ihnen eine freundliche Mitteilung zukommen zu lassen. Nur so einen Wink, eine Warnung. Nämlich: vor einer Stunde, während Sie fort waren, sind zwei Herren Polizeikommissäre in einer Droschke vorgefahren. Die haben sich Ihr Zimmer aufsperren lassen und erwarten jetzt auf demselben Ihre Wiederkehr. Es ist auch ein Mensch nachgekommen, der mir ein Schlosser zu sein scheint. Jedenfalls haben die Herren jetzt vollauf Zeit gehabt, Ihre Papiere und sonstige Korrespondenzen zu durchschnüffeln. Von diesem Vorgang habe ich Sie auf alle Fälle in Kenntnis setzen wollen –« »Und Sie warten wohl schon längere Zeit bei diesem schlechten Wetter auf mich? Wie soll ich Ihnen danken?« »Ach, lieber Herr«, entgegnete der kleine Mann, »es ist nur Christenpflicht, einem bedrängten Mitmenschen beizustehen! Nämlich: ich kann mir Sie durchaus nicht als Missetäter denken! Übrigens habe ich schon gehört, daß Sie Schriftsteller sind. Solche Herren, das weiß ich recht gut, kommen in unserem Zeitalter gar oft in unliebsame Beziehungen zu den hohen Regierungen. Aber jetzt muß ich fort, ich eile, denn mein Gehilfe ist nicht von den routiniertesten! Also: ich überlasse es jetzt ganz Ihrem werten Ermessen, meinen freundlichen Wink zu benutzen oder nicht. Ich weiß nicht, was mein Gehilfe in meiner Abwesenheit für Dummheiten macht, also leben Sie wohl! Sehen Sie dort die Droschke? Die steht nun schon über eine Stunde da. Es ist die bewußte!« Ich blickte in die angegebene Richtung, betrachtete das mir freundlich zugedachte Vehikel, war aber entschlossen, dasselbe nicht zu benutzen. »Danke, danke tausendmal!« rief ich, noch die Hand des Unbekannten schüttelnd. Da war nun, was ich längst hätte voraussehen können, zur Tatsache geworden. Alle Stellen meines Gedichts, aus welchen man Anklagen formulieren konnte, standen plötzlich vor meinem Gedächtnisse und wiesen wie mit Fingern auf die verschiedenen Paragraphen des Strafgesetzes hin. Gewiß, ohne den freundlichen Unbekannten war mir, wie jetzt die Sache stand, eine lange Haft gewiß. Ich trat in das nächstgelegene Wirtshaus, verlangte Tinte und Feder, schrieb ein paar auf Ordnung meiner Schuldausstände und die Nachsendung meiner Effekten bezügliche Briefe und eilte sodann dem Bahnhofe zu. Ohne weiter in mein Stübchen eingekehrt zu sein, sagte ich in der Nacht dem Österreich folgsamen, auslieferungslustigen Königreiche Sachsen Lebewohl. Erst, als ich auf preußischem Boden stand, fühlte ich mich wieder sicher. Meine Wanderjahre begannen. Unter Flüchtlingen in Brüssel Keineswegs aus freien Stücken hatte ich im Januar 1847 von Dresden aus, meines »Ziska« wegen von der österreichischen Regierung verfolgt, meine Wanderschaft angetreten. Ich sah mich aus Arbeiten und Studien herausgerissen. Ohne Stimmung, tief verdrossen, mehr geschoben als vorwärts getrieben, zog ich dahin. In Köln machte ich zuerst Halt. Aber – wie sehr überträgt sich unsere Stimmung auf die Dinge – was ich um mich sah, drückte mich nieder. Die engen Gassen, die Giebel der altertümlichen Häuser, die alten Kirchen machten den düstersten Eindruck auf mich. Gegen Abend stand ich im Dome, die große Fensterrose, von einem Blick der Januarsonne beleuchtet, warf ein dämmeriges Licht hinein – ich verweilte nur kurz und ging weiter, ohne etwas von der Erhebung zu spüren, von welcher an diesem Orte sich alle Schilderer ergriffen geben. Der Dom hatte mich wie ein unheimliches Rätsel angemutet. Ein mächtiger Südwest ging über das Land. Die Luft war beinahe schwül, und das Moseleis trieb den Rhein hinab. Ich wohnte in Deutz. Rasch packte ich meine wenigen Effekten zusammen, um noch bei freier Passage hinüberzukommen. Es dunkelte, und es gab eine der lebendigsten Szenen, die ich je gesehen. Wohl an fünfzig Menschen waren in ein großes Floß gestiegen, das von acht Männern vorwärts gelenkt wurde, während andere vollauf zu tun hatten, die herantanzenden Eisschollen vom Fahrzeug abzuhalten. Das Durcheinander von Menschen, ihre Rufe, das Brausen des mächtigen, gewaltigen Stromes stimmte seltsam zusammen. Die Macht des Eises war eine so große, daß wir weit vom gewöhnlichen Zielpunkt kamen und eine ganze Strecke hinabtrieben. Endlich langten wir weit außerhalb des Bereichs der Häuser an, und ich konnte mir durch die Dunkelheit den Weg zum Bahnhof suchen. Weiter ging's durch das winterlich tote Aachen nach Lüttich. Die Fahrt vor und hinter Verviers hat wohl noch jeden in Erstaunen gesetzt. Immer wieder steigen senkrechte Felswände im Angesicht der Bahnlinie auf, es ist, als wolle sich der Zug am Fels zerschmettern, da hat schon ein Tunnel den Bahnzug aufgenommen, und mit höllischem Donnergepolter geht es durch den Berg weiter, bis endlich wieder ein Tal im Licht der Sterne daliegt. Im Tale aber drängt sich Fabrik an Fabrik, jede ein Palast von vielen Stockwerken, Maschinenwerkstätten glühen in Feuerhelle, und aus den Schloten wirbeln feurige Dämpfe. Die erste Nachtfahrt durch diese Gegend bleibt wohl jedem unvergeßlich. Nun war ich in Brüssel, meine Stimmung wurde gelassener. Stundenlang saß ich auf dem Steingeländer der oberen Stadt und schaute hinab auf das Meer grauer Dächer, das im Wintersonnenschein unabsehbar vor mir ausgebreitet dalag. Dann erst stieg ich herunter. Vor wessen Geist werden, wenn man Brüssel betritt, nicht tausend alte Erinnerungsbilder lebendig? Man steht ja auf dem Boden, auf welchen den Knaben bereits Egmont und Schillers Geschichte des Abfalls der Niederlande geführt! Leider existiert das alte Brüssel kaum mehr. Nur der Platz mit dem in seiner Art einzigen Stadthause und ein paar benachbarte Gebäude erinnern an die alte Pracht und sind intakt geblieben, während man sonst unermüdlich tätig gewesen ist, alles übrige in eine Stadt ohne Geschichte und ohne historische Denksteine zu verwandeln. Das ist das Brüssel Egmonts, Hoorns, Arteveldes nicht mehr! Alles ist neufranzösisch geworden, Baustil und Menschen. Auch ein Klärchen würde man hier heute vergeblich suchen. Aber schöne Läden mit Spitzen, Sammet und Seidenstoffen gibt es da, wie wohl kaum anderswo. Hier endlich wußte ich mir einen Freund. Jakob Kaufmann, ein Name, der unvergessen sein soll, wenn man von deutschen Schriftstellern spricht, die aus Böhmen hervorgegangen, lebte hier. Er erteilte Unterricht in der englischen Sprache an einer Brüsseler Privatschule. Er war ein Mensch, der immer unendlich größer als seine Stellung, sein Name, seine Anerkennung war. Aus engen Verhältnissen hervorgegangen, von Gitschin gebürtig, hatte er es unter dem Alpdruck der Metternichschen Zeit daheim nicht aushalten können und war nach Leipzig gezogen, das ja eine Zeitlang das Koblenz der österreichischen Emigranten war. Er hatte viel schöne Gedichte geschrieben, die er jedoch schämig verbarg und nur in guter Stunde seinen vertrautesten Freunden zeigte. Zu einem Buche brachte er es vorerst nicht, nicht einmal zu einem Büchlein; dazu war sein Geist zu aphoristisch, zu epigrammatisch; er wollte alles so kurz als möglich sagen. Aber in seiner Filigran-Arbeit, in kleinen Bildern, kleinen Satiren literarischer und politischer Gattung, geistreich und graziös gefaßt, war er ein Meister. Der jüdische Stamm, so eifrig auf Erwerb bedacht, hat andererseits auch Naturen aufzuweisen, welche den Erwerb ganz verschmähen und fast selbstlos scheinen. So war gewiß Baruch Spinoza, so Moses Mendelssohn, so war auch Jakob Kaufmann. Hatte er sein warmes Stübchen, Feder und Papier, so wußte er, ein Stoiker edelster Art, seine bescheidenen Bedürfnisse zu decken und war glücklich auf seine Weise. Sanft, gut, anspruchslos, war er der Berater aller Österreicher, die nach Leipzig kamen, wofern sie seines Anteils würdig waren. Weich und freundlich klang seine Rede, und fast immer spielte ein wohlwollendes Lächeln um seine Lippen. Er hatte keinen literarischen Ehrgeiz. Die Arbeit selbst war sein Lohn. Selbst seine gelungensten Artikel unterzeichnete er nicht, ihm selbst schienen sie zu unbedeutend, während seine Freunde einen Geist darin erkannten, der dem Ludwig Börnes verwandt war. Im Leben war er ein humoristischer Philosoph oder philosophischer Humorist, an Einfällen unerschöpflich. Saß man in der English Tavern oder sonstwo bei Porter und Ale und Jakob Kaufmann kam herein, hastig nach allen Seiten grüßend, und zog er den alten hyazinthfarbenen Überrock aus, da wußte man auch: nun wird bald gelacht werden, nun wird man viel gescheite und viel pudelnärrische Dinge zu hören bekommen. Er war ein Causeur seltenster Art, und man wurde förmlich eingeladen, ihn sprechen zu hören. Bald horchte alles an den benachbarten Tischen zu ihm herüber. Die Heimat, die hinter ihm lag und die er kaum je wiederzusehen gedachte, erschien ihm nicht selten im rührend-groteskesten Lichte; er wußte von magyarischer Einfalt und slawischer Schlauheit die wundersamsten Anekdoten, die dann wieder als Themata für philosophische und kulturhistorische Betrachtungen dienten. Nie hat jemand Österreich besser gekannt als Jakob Kaufmann; seine Urteile über den Kaiserstaat haben leider noch heute Gültigkeit. Das Land seiner Vorliebe war England, er wurde nicht müde, englische Institutionen zu loben. Mit jedem Glase wurde er wärmer und mehr Engländer; da wollte er schließlich nur englisch sprechen. Unzählige Stellen englischer Dichter wurden ihm gegenwärtig, das Lied vom fine old english gentleman vor sich hersingend, trat er den Heimweg an. Täglich, sobald es Abend wurde, verließ ich mein Zimmer, wo ich von der Kälte auf dem abscheulichen roten Backsteinestrich nicht wenig zu leiden hatte, und eilte aus der Vorstadt trotz Wind, Regen und Dunkelheit in das Café du Boulevard, wo allabendlich an einem bestimmten Nagel der hyazinthfarbige Überrock hing. Unweit davon saß der freundliche Philosoph, nie allein, immer von einem Kreis von Bekannten umgeben. Sie waren alle seine Gäste, die er mit seinen Einfällen bewirtete. Brüssel wimmelte dazumal von Flüchtlingen und Emigranten aller Art; wir lernten manche derselben an unserem Tische kennen. An problematischen Existenzen, die der Polizei Louis Philippes aus dem Wege gegangen, war kein Mangel. Ein paar hatten ihrer Aussage nach wichtige militärische Posten im polnischen Revolutionskriege eingenommen und ließen merken, daß ihnen im Generalstabe der kommenden Revolution noch größere Posten anvertraut werden würden – sie sind später wirklich im badischen Aufstande flüchtig aufgetaucht. Da war einer, den wir den »düstern Wahrsager« nannten – Zug für Zug der Apemantus Shakespeares in die Wirklichkeit von damals übertragen. Er war ein unerreichtes Muster pessimistischer Darstellung. Täglich brachte er Kunde von einem neuen Greuel, »der unsere Zeit den finstersten Tagen des Mittelalters gleichstelle«, oder von einer neuen Schandtat der Könige, »die das Blut der Ruhigsten zum Sieden bringen müsse«. Der Ausgangspunkt aller Politik datierte für ihn von der von Robespierre formulierten Erklärung der Menschenrechte, doch war er der Meinung, daß man bei der nächsten Erhebung die Prinzipien Babeufs zu realisieren haben werde. Darüber duldete er keinen Widerspruch. Dem, der ihn wagte, wurde bedeutet, er sei zwar ein ganz guter Geselle; dennoch würde die Volkspartei nicht umhin können, ihn bei so perversen Gesinnungen »ein wenig zu verkürzen«. Er sah sich schon im Geiste auf dem Berge eines europäischen Konvents sitzen, ein neuer Marat oder Anacharsis Cloots. Mit seinen Ansichten harmonierte die ganze Erscheinung – der verwitterte Kopf mit den fanatischen Augen, der struppig rote Bart, ja auch die Kleidung, Hut, Rock und Hosen, welche sämtlich den Zerfall mit der Zeit zum Ausdruck brachten ... Es war eine merkwürdige Zeit und der »rote Wolf« – denn dies war sein Name, und ich habe ihn, wie er war, in meinen Roman »Zwischen Fürst und Volk« hinübergenommen – eines ihrer merkwürdigsten Originale. Die Epoche der Pariser Kommune hat gezeigt, daß solche Typen noch heute existieren, aber sie bleiben jetzt in den Tiefen ihrer Konventikel, sie tauchen nicht mehr an die Oberfläche. Man würde sie aber auch nicht mehr wie damals belustigt anhören und sie lediglich für Originale und seltsame Träumer halten ... Während ich so in Brüssel dahinlebte, morgens Gemäldegalerien, Museen, Sehenswürdigkeiten aller Art durchmusternd, abends in einer Gesellschaft, in der mich das Durcheinander der Meinungen interessierte, machte ich mir Vorwürfe, daß ich eine Familie nicht besuche, die Jahre hindurch meinen Eltern sehr befreundet gewesen. Und doch blieb ich aus gutem Grunde fort. General Skrzynecki, der Oberfeldherr der Polen im Freiheitskampfe von 1831, hatte, seitdem er mit seinen Truppenresten nach Galizien übergetreten war, in Prag gelebt und war mit den Seinigen viel in unser Haus gekommen. Ich war seit meinen Knaben Jahren gewohnt, mit scheuer Verehrung zu ihm hinaufzusehen, und wohl mußte diese hohe stattliche, vom Nimbus des Unglücks umgebene Gestalt, der schöne Kopf von trübem melancholischen Ernste mit den ruhigen schwermütigen Augen und dem feingezogenen Munde auch auf solche, die die Verdienste des Mannes nicht im entferntesten zu verstehen und überschauen imstande waren, einen imponierenden Eindruck machen. Der General hatte aus einer großen Stellung nichts gerettet und war beinahe arm. So lebte er Jahr um Jahr unter polizeilicher Aufsicht, durfte den Umkreis der Prager Mauern nicht verlassen und mußte selbst um eine Badereise nach Karlsbad »bittlich einkommen«. Mit der Unruhe eines Schiffbrüchigen, der immer auslugt und immer geneigt ist, den weißen Flecken am Horizonte für das Segel eines vorüberziehenden Schiffes zu halten, hatte er hingelebt – sein Leben ein stetes Erwarten. Da wurde einmal ein Briefchen bei uns abgegeben, darin stand ein Lebewohl. Der General hatte Prag und Österreich heimlich verlassen. Welche Bewegung verursachte bei uns, die ihm anhingen, dieser Schritt! »Das steht mit Ereignissen, die bald hervortreten werden, im Zusammenhange!« sagte mein Vater mit erhobenem Finger. Wir verlebten auch mehrere Tage in ängstlicher Sorge, daß er auf seiner Flucht aufgegriffen werden könne. Doch nein, die österreichische Polizei erfuhr seine Flucht erst aus belgischen und französischen Blättern, und nach langen Bemühungen erhielt die Familie die Erlaubnis, dem Flüchtling nachfolgen zu dürfen. Die Sache gab viel zu reden, und manche Konjektur wurde geschmiedet. Aber die Vorhersagungen trafen nicht ein, die Welt blieb ruhig, und Polen schien nach Grochow und Ostrolenka in tödlicher Ermattung verharren zu sollen. Eines Tages wandelte ich mit Kaufmann in den entblätterten Alleen des Parks, als ein hochgewachsener, stattlicher Herr, der mit einem Hündchen daher gekommen war, vor mir stehenblieb und sagte: »Mein Gedächtnis ist besser als das Ihrige.« Jetzt erst sah ich empor in das schöne ernste Gesicht und erkannte trotz seiner seit Prag ganz ergrauten Haare den General. Ich entschuldigte mich, so gut ich konnte. Abends trat ich in eine Parterrewohnung in der Rue des cerfs. Sie war sehr gewöhnlich möbliert, ein echtes Emigrantenquartier, das man nicht komfortabel macht, weil man es bald zu verlassen gedenkt. Ein Kaminfeuer war erloschen, ohne die Räume zu erwärmen, von der Wand blickte ein großes schwarzes Kruzifix. Und nun kam die Generalin heran und die schöne blonde Hedwig, und auf dem Tische sah ich wieder einmal den Samowar und die Teekanne mit den dünnen Butterbrötchen, von denen ich so oft als Knabe hungrig heimgekommen. Ach, wären es nur der Tee und die Brötchen gewesen! Der General trat ein, und kaum hatten wir uns gesetzt, als die längst erwartete Strafpredigt über mich hereinbrach. »Ich habe Ihr Gedicht gelesen«, sagte er, »aber mit welchen Empfindungen! So sind Sie den Krallen des Bösen verfallen! Sie konnten es wagen, das einzige, das ewige Institut, die römische Kirche anzugreifen? Unglücklicher! könnte ich Ihnen die Augen öffnen und Ihre Seele dem ewigen Heile zuführen.« »Aber, Johann«, fiel die Gemahlin ihrem Gatten ins Wort, »du vergissest, daß unser guter Freund in protestantischen Anschauungen herangewachsen ist! Was kann ihm der Papst sein?« Die Einrede half nichts. Der General fing an zu beweisen, wie Staat und Kirche untrennbar seien und jede echte Kunst und Poesie nur als katholische gedacht werden könne. Wie die Reformation ein Werk des Teufels sei, den Keim der Zerstörung in sich trage und die Bevölkerungen, die sich ihr anheimgegeben, stufenweise zum Materialismus, Atheismus, Pantheismus führe ... Alles das hatte ich vorausgesehen. Schon in Prag hatte der General neben seinen kriegswissenschaftlichen Büchern den Grafen Le Maistre und den Abbé Lamennais so eifrig gelesen – den Thomas a Kempis pflegte er in der Tasche bei sich zu tragen. Welch unerquicklicher Abend und wie bedauerte ich den Gang! Doch was war zu tun? Opponieren mochte ich nicht. Mit der stumpfen Gelassenheit eines Schlachtopfers, etwa eines Negers vor dem Missionär, ließ ich alles an mir dahingehen. Nur sagte ich, damit sich der Akt nicht noch einmal wiederhole, daß ich morgen wieder abreisen werde. Endlich war die Stunde gekommen, in der ich mich mit Anstand wieder entfernen konnte. Beim Abschied schlug das gute Herz des Generals wieder durch. Er küßte mich nach Art der Polen auf beide Wangen, zeichnete ein Kreuz über mich und entließ mich mit den besten Wünschen. Auch er gehört mit in das Bild der Emigrierten von allen Farben, die Brüssel damals beherbergte, ein Gegensatz zu den anderen, wie er schärfer gar nicht gedacht werden kann. Ich habe ihn seit diesem Abend nie wiedergesehen und weiß nur, daß er vor nicht gar zu langer Zeit in hohem Alter zu Krakau gestorben. Er hatte seinerzeit ohne Beihilfe von irgendeiner Seite den Kampf von vier Millionen gegen fünfzig geführt, zudem noch von Nachbarmächten eingeschlossen, von denen jede die Wiederaufrichtung des Polenreiches fürchtete. Auch bei größter militärischer Begabung hätte seine hoffnungslose Sache kein anderes Ende nehmen können. 1847 bei Heinrich Heine An einem schneidend kalten Wintermorgen – genau gesagt, am 8. Februar 1847 – wurde ich in Paris ausgesetzt. Seit ich die Stadt betreten, glaubte ich ein unaufhörliches weitverbreitetes Getöse wie von einer Meeresbrandung zu vernehmen. Möglich, daß es Täuschung war; es mag aber auch wirklich eine ununterbrochene Erschütterung der Luft, wie sie eine solche Stadt bedingt, sich gewissen Nerven bemerkbar machen. Dieses ozeanische Brausen wuchs mir im Ohre, als ich mich ins Innere der Stadt führen ließ, um im Palais Royal zu frühstücken, und es steigerte sich bis zum Widerwärtigen, als ich in die Rivolistraße hinaustrat. Erst im nahen Tuileriengarten ward es schwächer. Dort hielt ich lange still vor einer Statue in Erzguß. Es war der Spartakus von Foyatier, der vor dem mittleren Pavillon des Tuileriengartens stand. Er hat die Fesseln zersprengt, beide Arme mit geballten Fäusten übereinandergeschlagen, das kurze Gladiatorenschwert in der Linken, im Gesicht den Ausdruck energischer Empörung. Dieser vor das Königschloß aufgestellte Spartakus gab mir zu denken. Sollte er Frankreich symbolisieren? Ich wanderte weiter und kam auf den Platz de la Concorde. Die Sonne trat aus den Wolken und warf ihr Licht auf das ungeheure Bild, das sich vor mir auftat. Eine Fülle von Erinnerungen stürmte auf mich ein, aber welche Fülle der Gegenwart war auch da! Die Springbrunnen, die ihr Wasser in die kolossalen Becken schütteten, die Wagen, die Menschen, die ungeheure Strecke der elysäischen Felder in Dunst und Nebel verschwimmend ... Es war am 10. Februar 1847 in einer der Nachmittagsstunden zwischen drei und sechs, als ich mich aufmachte, einen Brief Heinrich Laubes bei Heinrich Heine abzugeben. Ich hatte das Haus, das in der Nähe meines Absteigequartiers, des Hotel Violet, lag, bald gefunden. In der Rue Faubourg Poissonnière biegt links ein enges Gäßlein ein; das dadurch entstandene Eckhaus war die bezügliche Nummer 46. Ich stieg drei hölzerne, schmale, gefährlich glatt polierte Treppen aufwärts und stand vor einer schmalen braunen Türe, an der eine grünseidene Glockenschnur herabhing. Ich schellte, eine korpulente, noch ziemlich jugendliche Dame öffnete, warf einen prüfenden Blick auf meinen vaterländischen Rock und sagte mir, daß Monsieur Eine ausgegangen sei. »Je suis desolé«, sagte ich mit wirklicher Enttäuschung, »de ne pas trouver Monsieur Heine. Je viens de Leipzig, porteur d'une lettre de Monsieur Laube. Quand, Madame, pourrai-je avoir le plaisir? –« »II n'est pas sorti! II n'est pas sorti!« rief in diesem Augenblicke eine sehr dünne Stimme, und ein eher kleiner als großer Mann, nicht alt, nicht jung, den Kopf ein wenig vorgerückt, erschien zwischen der Tür in einem Schlafrock, der um seine nackten Beine flatterte. Es war Heinrich Heine, und ein Druck seiner weichen sanften Hand hieß mich willkommen. »Entrez, entrez! Ich bin soeben heimgekommen – muß mich umziehen, weil ich ganz in Schweiß gebadet war!« rief er keuchend, aber so laut, als wenn er zu einem Schwerhörigen spräche. »Ja, ma biche, das ist ein Freund aus Deutschland, der mir einen Brief von Laube bringt«, erklärte er der Gattin. »Madame Heine will keine Deutschen zu mir lassen. Sie erkennt dieselben auf den ersten Blick«, fügte er lachend hinzu. Damit eilte er in das Nebenzimmer. »Ja, mein Err!« sagte Madame gezwungen lächelnd. »J'ai vu du premier abord que Monsieur est Allemand.« »Woran erkennen Sie uns?« fragte ich schüchtern. »Oh, mon Dieu – an den Kleidern – an den Stiefeln –« »Der deutsche Stiefel sieht fast immer so aus, als habe ihn Hans Sachs verfertigt«, rief Heine aus dem Nebenzimmer lachend herüber. Ich warf einen Blick auf meinen Rock – mein Schuhwerk – Dresdener Fabrikat und konnte an beiden nichts Ungewöhnliches erkennen. Dennoch mußte etwas daran nicht stilgemäß sein. »Und warum«, frage ich, »sind die Deutschen bei Ihnen so in die Acht erklärt? – Doch – ich kann's mir denken, Ihr Gemahl wird mit Besuchen überlaufen –« »Ich kann es nicht leugnen«, sagte jetzt Heine, der mittlerweile in etwas vervollständigter Toilette wieder erschienen war. »Es kommt mir selten aus dem Vaterlande etwas Erfreuliches zu. Was sich als deutsche Landsmannschaft präsentiert, ist oft so zweifelhafter Natur – dagegen schenkt mir ein ehrenhafter Landsmann, dessen Namen mir bekannt ist, die Ehre seines Besuches, so kann er einer freundlichen Aufnahme gewiß sein. – Doch, kommen Sie auf mein Zimmer. Wir müssen ein langes und breites schwatzen. Ich höre ja selten etwas –« Erst jetzt sah ich mir Heine näher an. Er war bei weitem noch nicht der kranke Mann, als den wir ihn einige Jahre später uns zu denken gewöhnt sind. Freilich war das rechte Auge geschlossen, aber andere Spuren des vorangegangenen Schlaganfalls waren auf seinem Gesichte kaum bemerkbar. Dieses Gesicht war von eigentümlicher Schönheit, die Stirne hoch und edel, die Nase fein und vornehm geschnitten, den Mund von zierlicher Bildung umschattete ein Bart, der auch das ganze Kinn umkleidete. Dieser Bart war schon weiß gesprenkelt, während das volle braune Haupthaar, das tief in den Nacken hinabhing, in seiner Üppigkeit noch keine Spur des Alters verriet. Der Gesamteindruck seines Gesichtes war schwärmerische Schwermut, doch wenn er sprach und sich bewegte, brach eine ungeahnte Energie und ein überraschendes, fast dämonisches Lächeln hervor. Er war noch so ziemlich gut auf den Beinen und konnte, auch nur um eines Zeitungsartikels wegen, den weiten Weg vom Faubourg Poissonnière bis zum Palais Royal ins Cabinet de Lecture zurücklegen. Heine stand damals im achtundvierzigsten Jahre. Zu seiner Krankheit, welche später zu so schrecklichen Verwüstungen führte, war durch Aufregungen in einem Erbschaftsstreite der Grund gelegt worden. Heine hatte von seinem Oheim, dem dreißigfachen Millionär Salomon Heine, eine Jahresrente bezogen und hatte nie einen Zweifel gehegt, daß ihm diese auf Lebzeiten gesichert bleiben werde. Da war Salomon Heine im Dezember 1844 gestorben, und im Testamente fehlte die Rente. Zahlreiche Institute und Personen waren mit den splendidesten Legaten bedacht, und er, der Neffe, ging so gut wie leer aus. Ihm war ein für alle Mal die Summe von achttausend Mark ausgesetzt, und selbst an Auszahlung dieser geringen Summe war noch die Bedingung geknüpft, daß der Dichter die Verpflichtung eingehe, niemals eine Zeile zu schreiben, durch welche irgendein Mitglied der Heineschen Familie verletzt werden könne. Wer hatte in so unheimlicher Weise auf den alten Herrn eingewirkt, in welchem Heine einen zweiten Vater verehrt hatte? Von wem rührte diese Rache her? Obschon nun das Testament die Klausel enthielt, daß jede Unzufriedenheit mit den Bestimmungen des Erblassers sowie jeder Versuch, den Haupterben im ruhigen Besitze des ihm Vermachten zu stören, den gänzlichen Verlust jedes Anrechts auf das ihm Zugesprochene nach sich ziehen solle, war Heinrich Heine bei der ersten Kunde, daß sein Vetter das Aussprechen der vorgenannten Verpflichtung verlange, entschlossen, sein bedrohtes Recht auf gerichtlichem Wege geltend zu machen. Da gab es Stürme, schlaflose Nächte, Aufregungen aller Art. Der Kämpfer, dem hundert wütende Angriffe nichts geschadet hatten, erlag jetzt dem Ärger und der Kränkung. Wie würde es um seine alten Tage bestellt sein. Sein Organismus schien ihn schon jetzt fühlen zu lassen, daß dieser Zustand über kurz oder lang mit dem Tode enden müsse. Ohne Besserung zu fühlen, war er das Jahr zuvor aus dem Pyrenäenbad Bagnères zurückgekehrt und hatte es in Paris mit ebensowenig Erfolg mit mehreren Ärzten versucht. Dessenungeachtet war er noch immer gesellig, liebte es, Gäste bei sich zu sehen, konnte ausgelassen lustig sein, scherzen, lachen, spotten. Sein Geist schien von den Leiden des Körpers völlig frei geblieben zu sein und arbeitete in einer in Trümmer gehenden Wohnung weiter mit der alten Kraft, wie unbekümmert darum, wann das Dach über ihm zusammenstürzen sollte. Es ist erzählt worden, daß Heine sehr gesellig gelebt habe, viel in hochgestellte Pariser Kreise gekommen sei und mit den Notabilitäten der französischen Presse vielfachen Verkehr gepflogen habe. Das mag in den früheren guten Tagen so gewesen sein; jetzt war es nicht der Fall, er lebte sehr zurückgezogen. In deutsche Familien kam er gar nicht, vermutlich deshalb, weil er seine Frau nicht dahin mitnehmen konnte, und in französische ebensowenig. Er war mit der französischen Schriftstellerwelt bekannt, aber die Beziehungen waren keine lebendigen, er kam mit keiner dieser Persönlichkeiten öfter zusammen. Ein paar davon waren ihm immer fern geblieben. Victor Hugo auf seinen Stelzen, Lamartine auf seinem weihrauchduftenden Wolkenthron. Mit George Sand war er ehedem befreundet gewesen, jetzt hatte er die Schriftstellerin, die mit Chopin zusammen in der akazienbeschatteten Cour du Orleans wohnte, schon manches Jahr nicht mehr gesehen. Nächst dieser genialen Frau interessierte ihn Balzac am meisten, er erzählte oft von Spaziergängen im Tuileriengarten, wo dann Balzac die erste beste etwas auffallende Erscheinung zum Anlaß nahm, die wunderbarsten Kenntnisse in der Naturgeschichte der Stände zu entwickeln. Mit Leon Gozlan und Jules Janin war der Verkehr, der ehedem bestanden, auch ganz eingeschlafen. Die großen Entfernungen, der Ernst der Arbeit und das Leben einer Stadt wie Paris mit seinen tausend Zerstreuungen bringen es mit sich, daß auch solche, die großen Gefallen aneinander finden, sich lange nicht sehen und sich zuletzt aus den Augen verlieren. Vollends aber der Kranke ist nur ein halber Mensch. Alles schien ihn vergessen zu haben. Nur der arme Gerard de Nerval, der ein lebendiges Interesse an deutschem Geistesleben nahm, kam zuweilen ins Haus. Heines Hauptumgang war sonach der mit einfachen Sterblichen, ohne Prätensionen auf Kränze und Nachruhm. Er beschränkte sich schließlich auf deutsche Literaten, die als Berichterstatter nach Paris gekommen waren. Unter diesen stand Dr. Heinrich Seuffert obenan; er war der einzige, der Heine gemütlich nahegekommen. Heine suchte seinen Umgang und hatte es nicht gern, wenn Seuffert länger ausblieb. Heinrich Seuffert war ein hübscher Mann in den Dreißigern mit blondem, zu Locken geneigtem Haarwuchs und echt germanischer Wangenröte, scheinbar sehr gesund, aber von hochgesteigerter Nervosität. Er hatte eine Gewohnheit angenommen, die vieles Flüstern und Kopfschütteln erzeugte, wenn er ein öffentliches Lokal betrat und ihm bei Leuten, die seinen Namen nicht wußten oder nicht behielten, den Namen: le monsieur au ruban (der Mann mit dem Bande) verschafft hatte. Er pflegte nämlich ein mehrere Meter langes, schmales schwarzes Seidenband bei sich zu tragen, das er auf und ab bewegte, in die Luft warf und wieder auffing. Es mußte neben ihm liegen, wenn er schrieb. Manchmal trieb er es, sich und die Umgebung selbst vergessend, so arg damit wie ein junges Kätzlein mit einem Knäuel. Nahm man ihm scherzeshalber sein Spielzeug weg, was nicht selten geschah, so wurde er unruhig, machte ein betrübtes Gesicht und bat schließlich inständig, daß man ihm sein Band zurückstelle, denn er konnte ohne dasselbe nicht leben. Ein solches Band dauerte nicht lange, allwöchentlich wurde ein neues gekauft und das alte Spielzeug weggeworfen. Dieser wunderliche Mann schrieb gleich gut französisch wie deutsch und war überhaupt ein merkwürdiger Stilist. Er schrieb die Woche mehrmals politische Berichte für die »Augsburger Allgemeine Zeitung« und von Zeit zu Zeit längere Artikel über Kunst und Literatur für die Beilage derselben und für das »Stuttgarter Morgenblatt«. Seine Artikel, denen er das Marszeichen voranstellte, glichen in der Form so sehr denen Heines, daß sie vielfach von jenen, welche die vorgesetzten Zeichen nicht beachteten – Heine führte das Davidsschild –, für Heinesche gehalten wurden. Als die »Lutetia« erschien, vermißten viele diesen und jenen witzigen Brief, den sie im Gedächtnisse behalten und Heine zugeschrieben hatten. Es waren Briefe Heinrich Seufferts gewesen. Er hatte sich ganz an Heines Stil herangebildet, bewegte sich in denselben Sprüngen und Kapriolen, aber ein anderer Geist schlug dann und wann durch. Er war nämlich ein gar gläubiger Katholik von Haus aus – er entstammte einer Würzburger Familie – und ging in dieser Richtung immer weiter, seitdem er sich in eine junge Französin aus einer legitimistischen Familie verliebt hatte. Das Fräulein hatte sich mit der Absicht getragen, ins Kloster zu gehen, sie wollte lange von Seufferts Werbungen nichts wissen. Endlich machte ein Abbé die junge Dame darauf aufmerksam, daß sie ja bei ihrem Geiste als verheiratete Frau im Verkehre mit Weltmännern der Kirche weit größere Dienste leisten könne als im Kloster. So war ein Ausweg aus den sich kreuzenden Neigungen gefunden, und Seuffert atmete wieder auf, voll Hoffnung, daß er die, welche eine Gottesbraut hatte werden wollen, sein eigen nennen werde ... Alles, was in Paris damals an deutschen Berichterstattern beisammen war, fand sich zwischen drei und fünf in einem größeren Lesekabinett ein. Dieses, der Cercle Valois genannt, befand sich im Palais Royal, also einem bequem in der Mitte gelegenen Punkte. Auf einem großen Mitteltische waren an die fünfzig Zeitungen, französische und fremdländische, aufgelegt; es war für Tintenfässer und Federn gesorgt; die Herren lasen, schrieben ihre Berichte und trugen sie dann eigenhändig auf das unfern gelegene Postbüro der Börse. In diesem Lesekasino erschien Heine sehr häufig, höchst regelmäßig an den Tagen, da die Wochenblätter ankamen, und da er für Lob und Tadel keineswegs unempfänglich war, stöberte er in den Blättern herum, seinem Namen zu begegnen. Was er über sich und seine Schriften las, war selten erfreulich. Es war eine starke Gegenströmung gegen ehemals eingebrochen; man behauptete, er habe sich ausgeschrieben, sein Talent habe sich abgeschwächt und sei im Verfalle begriffen. Und das wurde nicht etwa zu begründen versucht, es sprach sich durch die Kürze und den wegwerfenden Ton gelegentlicher Erwähnungen aus. Heine äußerte sich nicht darüber, aber man sah wohl, wie ihm dabei zumute war. Besonders schien eine Anzahl kleiner deutscher Notizler aus Paris es auf ihn abgesehen zu haben. Einer derselben hatte, während Heine die Bäder in Bagnères gebrauchte; in der Deutschen Allgemeinen erzählt, Heine sei in eine Pariser Irrenanstalt gebracht worden. Nun hatte derselbe Berichterstatter gemeldet, Heine sei gestorben. »Mich ärgert nur«, sagte Heine, »daß der Herr Professor Bülau, der Chefredakteur, so wenig Wert auf mein Leben legt, daß er es nicht einmal der Mühe wert gehalten hat, vorn im Inhaltsverzeichnis meines Todes Erwähnung zu tun. Da hat doch die »Preußische Allgemeine«, wiewohl sie mir nicht hold ist, besser gehandelt. Sie hat mir armem Sünder ein Kreuz gespendet. Heine †.« »Nun leben Sie aber, und das ist die Hauptsache.« »Ja, ich lebe und fühle, daß ich gestochen werde«, entgegnete Heine bitter. »Das Schlimme ist, daß man sich gegen das Ungeziefer nicht wehren und es auch nicht bestrafen kann. Je kleiner das Insekt ist, um so weniger kann man ihm beikommen. Das ist's: Flöhe kann man nicht brandmarken! – Von den Franzosen«, fuhr er, sich selbst tröstend, fort, »werde ich anders behandelt. Balzac hat mir seine letzterschienene Novelle gewidmet. Er nennt mich in der Zueignung den würdigsten Repräsentanten französischen Geistes in Deutschland und deutscher Poesie in Frankreich. Theophile Gautier sagt mir in seiner Vorrede zu den »Willis« die liebenswürdigsten Schmeicheleien. – In der teueren Heimat dagegen – doch ich will schweigen!« Ich hatte im Cercle Valois alle Berichterstatter der »Augsburger Allgemeinen Zeitung« nacheinander kennengelernt, nur einen derselben, den Baron Ferdinand v. Eckstein, hatte ich nie zu Gesicht bekommen. Es war dies ein getaufter und geadelter Jude, der, wie es hieß, Sanskrit und andere indische Sprachen trieb und der Zeitung ab und zu ganz lose, mit den Ereignissen verknüpfte Betrachtungen, wenn man will Parabasen, in einem äußerst wunderlichen apokalyptischen Stile geschrieben, einsendete. In jedem Artikel war von der indischen Trimurti, von dem Geheimnisse der heiligen Dreifaltigkeit, und vom Thomas von Aquin die Rede; in jedem wendete er sich mit Erbitterung gegen die von ihm sogenannten »Hegelingen«. »Sie wünschten Eckstein zu sehen? Den können Sie nicht zu sehen bekommen«, rief Heine herüber, als ich einmal fragte, warum man diesen Baron nie sehe. »Eckstein ist tot – schon vor vielen Jahren gestorben. –« »Ich habe doch neulich erst wieder einen Pariser Artikel in der ›Allgemeinen‹ gesehen«, meinte ich, »den kein anderer als er geschrieben haben kann. Er handelte von Buddha, Schiwa und vielen anderen indischen Größen, um schließlich auf Hegel zu kommen.« »Eckstein ist doch tot«, sagte Heine mit jenem Tone aufrichtiger Trauer, von dem man immer wußte, daß er einen Scherz verberge. »Der arme Eckstein ist vollständig tot. Er hat aber ein Rezept hinterlassen, das in der Apotheke der Redaktion niedergelegt ist. Nach diesem Rezepte wird von Zeit zu Zeit die Mixtur – eine Art Theriak, sehr kompliziert – bereitet. Sie ist in die Augsburger Pharmakopöe vollständig aufgenommen. –« Wie an den meisten seiner Witze hatte Heine auch an diesem großes Wohlgefallen. Um ihn lachen zu hören, fragten wir ihn später öfter, ob denn Baron Eckstein wirklich gestorben sei, und erhielten immer dieselbe Versicherung, die gleiche Antwort mit kleinen gelegentlichen Ausschmückungen. Es ist begreiflich, daß solche Scherze weitergetragen wurden und endlich denen zu Ohren kamen, die sie betrafen. Die Folge waren Anfeindungen, Gehässigkeiten, mündliche und gedruckte Sottisen. Er hatte nach dieser Richtung hin Erfahrungen genug gemacht, aber sie brachten ihn von seinen Gewohnheiten nicht ab. Er konnte den Witzkitzel, wenn er über ihn kam, nicht unterdrücken. Potius amicum, quam dictum perdere, nannte das der Römer. Angeborener leichter Sinn, der sich bei phantasievollen Naturen bis in die Periode der Dreißig erhält, hatte Heine ein Band knüpfen lassen, dem ursprünglich eine nur flüchtige Dauer zugedacht war und das sich allmählich, weil sich in ihm ein weiches, nachgiebiges Herz mit einem sehr schwachen Willen vereinigte, in ein sehr festes, unzerreißbares Band verwandelt. Ich meine damit das Verhältnis zu Mathilde. Wie war es damit bestellt? Hat es seinem Leben eine bestimmte Richtung gegeben? War es ihm zum Heil oder Unheil? Hat es ihm mehr Glück oder mehr Leid gebracht? Ich glaube, diese Frage jetzt weit richtiger als ehedem beantworten zu können, und doch beantworte ich sie heute ganz anders als vor zwanzig Jahren. Ich glaube aber auch durch mein von Adolph Strodtmann stark benutztes Buch Anlaß zu einer sehr falschen Auffassung der Dinge gegeben zu haben, zu einer Auffassung, die später gang und gäbe geworden. Es gibt eben Dinge im Leben, die ein Mensch in jenen Jahren nicht durchschaut, weil er noch ein Novize im Leben ist und den Worten der Menschen mehr Bedeutung beilegt, als sie in der Tat haben, anders gesagt: weil er gläubig ist. Es gibt aber merkwürdigerweise auch Dinge, über die man sich erst klar wird, wenn Jahre und Jahre über sie dahingegangen. Zu den Dingen, die ich heute ganz anders ansehe als vor zwanzig und mehr Jahren, gehört nun auch Heines Verhältnis zu Mathilde. Die ersten Andeutungen über seine leidenschaftliche Neigung finden wir heute in seinen Briefen an Campe vom Jahre 1835. Aber bald darauf schreibt er demselben: »Gott sei Dank, meine Seele ist wieder beschwichtigt, die aufgeregten Sinne sind wieder gezähmt, und ich lebe heiter und gelassen auf dem Schlosse einer schönen Freundin, in der Nähe von Saint-Germain, im lieblichen Kreise vornehmer Persönlichkeiten ... Ich glaube, mein Geist ist von allen Schlacken jetzt endlich gereinigt, meine Bücher harmonischer. Das weiß ich; vor allem Unedlen und Unklaren, vor allem, was gemein und muffig ist, habe ich in diesem Augenblick einen wahren Abscheu.« Aber der Rückfall bleibt nicht aus; drei Monate später schreibt er aus Boulogne an einen andern Freund: »Den Überbringer Ihres Briefes habe ich leider nicht sehen können, da ich mich auf dem Lande befand, bei Saint-Germain, auf dem Schlosse des schönsten und edelsten und geistreichsten Weibes – in welches ich aber nicht verliebt bin. Ich bin verdammt, nur das Niedrigste und Törichtste zu lieben – begreifen Sie, wie das einen Menschen quälen muß, der stolz und sehr geistreich ist?« Er hatte in der Tat bei seiner Rückkehr nach Paris das Verhältnis zu Mathilden wieder aufgenommen und stellte sie seinen Freunden als Madame Heine vor, obschon er nicht daran dachte, den bürgerlichen Kontrakt einer Ehe zu schließen oder gar die Sanktion der Kirche für dieselbe nachzusuchen. Mathilde, ein Dorfkind aus der Normandie, durch irgendeinen Zufall nach Paris verschlagen, war gänzlich unwissend. Heine, darauf bedacht, daß sie sich doch einige Bildung aneigne, brachte sie, die doch schon längere Zeit mit ihm einen sogenannten Ménage parisien geführt, in einem Pensionate, einer Erziehungsanstalt für junge Mädchen, unter. Hier besuchte er sie unter dem Titel eines Freundes oder Verwandten nur an Sonntagen. Ein Jahr zuvor hatte er an Lewald geschrieben: »Wir leben eingezogen und halb und halb glücklich; diese Verbindung wird aber ein trübes Ende nehmen. Es ist deshalb heilsam, dergleichen vorher zu wissen, um nicht vom dunklen Augenblicke bezwungen zu werden ...« Offenbar dachte er: Wohin sende ich sie? Wie führe ich sie wieder in ihre alten Verhältnisse zurück? In ihrem Laden kann sie nicht mehr stehen. Wie tröste ich sie für das, was ich ihr wieder nehmen muß? Das alles ist auf die Länge nicht haltbar und doch so schwer zu ändern, zu lösen ... Wie hätte er glücklich sein können mit einer Frau, die unwissend war bis zum Unglaublichen und sich dabei als bildungsunfähig herausstellte, so daß alle Versuche, ihr auch nur einigen Anteil für geistige Interessen beizubringen, völlig scheiterten? Sie hatte sich die Sprechweise eines vier- bis fünfjährigen Kindes angewöhnt, wie das damals in einer gewissen Klasse von Mädchen Mode geworden, und das mochte ihr außerordentlich nett gestanden haben, als sie sehr jung und hübsch war, fiel jetzt aber sehr albern aus, nachdem sie an die Dreißig und stark geworden. Sie war einfältig und liebte es, sich noch einfältiger zu stellen, als sie wirklich war; sie meinte, es sei drollig. Aber Gurli muß jung sein, oder sie wird abgeschmackt. »Ich höre von den Leuten«, pflegte das alte Kind zu sagen, »daß Henri ein geistreicher Mann ist und sehr schöne Bücher geschrieben hat; ich muß mich begnügen, es aufs Wort zu glauben, ich habe noch nichts davon bemerkt.« Henri hatte gewünscht, daß ihr die Elementarbegriffe der deutschen Sprache beigebracht würden. Jener Literat aus Köln, mit dem ich neulich in Brüssel zusammengetroffen war, der »rote Wolff«, hatte es versucht, ihr Lehrer zu werden; es zeigte sich, daß sie zur Erlernung jeder Sprache unfähig sei. Nach einem halbjährigen Studium war sie noch nicht imstande, einen deutschen Satz auszusprechen, »nemen-sie-platz« war die eingelernte Formel, mit welcher sie Landsleuten ihres Gemahls den Fauteuil anzuweisen pflegte, worauf sie ob der Anstrengung und der Schwierigkeit der Sache jedesmal in ein herzliches Lachen ausbrach. Einmal hat sie zu mir allen Ernstes gesagt, sie habe die deutschen Stunden aufgeben müssen, weil der Versuch, sich die deutschen ch und sch anzueignen, ihr Halsweh und eine Art Katarrh verursacht hätten. Eine eheliche Verbindung zwischen zwei Personen so ganz verschiedenen Standes und verschiedener Bildung ist, wie die Erfahrungsresultate lehren, nie ratsam; es gibt aber auch Geschöpfe, die, wären sie auch in der niedrigsten Lebensstellung geboren, doch höchst vornehmer Abkunft sind und den Abstand sozusagen durch ein Genie des Herzens ausfüllen. Aber das war hier nicht der Fall. Dies Frauengemüt war seicht, es interessierte sich nur für Kleinigkeiten und hatte für nichts in der Welt eine innige Teilnahme. Sollte der klare Kopf Heinrich Heines das nicht eingesehen haben? Heine trug sich somit, wie aus jenen angeführten Briefstellen erhellt, eher mit Scheidungs- als mit Heiratsgedanken. Aber es sollte anders kommen. Er mußte im Sommer 1841 die Herausforderung zu einem Duell annehmen und wandelte einige Tage zuvor in aufgeregter und nicht normaler Stimmung seine »wilde« Ehe in eine »zahme« um, wie er sich im Briefe an einen Freund äußerte, »Mathildens Position in der Welt zu sichern.« Der Schritt war doch wichtiger, als sich Heine gedacht haben mag. Sein Leben hatte fortan eine andere Richtung. Er war auf Paris, und zwar auf einen Kreis von Freunden reduziert, die in ähnlichen Verhältnissen lebten. Er wurde krank und hatte keine Häuslichkeit, denn seine Frau, die ebensowenig Sinn fürs Haus, Herd, Komfort wie für geistige Interessen hatte und sich nicht zu beschäftigen verstand, mochte es daheim nicht leiden. Tagtäglich mußte im Mietswagen eine Spazierfahrt in die Champs-Elysées oder ins Bois de Boulogne gemacht werden, oder es wurde der Hippodrom besucht. Eine junge Verwandte, Pauline, leistete dabei Gesellschaft. Heine, seiner Augen wegen unfähig, zu lesen, blieb stundenlang allein. Kam Mathilde dann zurück, so hieß es: »Voyons, as-tu souffert beaucoup? Oui? Voyez donc ce pauvre chien? Voyez ce pauvre chéri!« Es wurde wohl auch ein Tränlein vergossen. Dann mußte man nach Cocotte, dem Papagei, sehen und was der Torheiten mehr waren – ein paar Minuten später scholl schon aus dem Nebenzimmer ein helles Lachen herüber. Heine war nicht eifersüchtig und hatte wohl auch keine Ursache dazu; aber er sah seine Frau doch nicht ohne Sorgen allein in diesem Babel. Er entlud sich dieser Sorge in kurzen Ausrufungen. »Ach«, seufzte er, »was kann ich tun? Ich muß jetzt alles dem Schicksal und dem lieben Gott überlassen. Wie kann ich kranker Mann mit einer halben Million Männer konkurrieren?« Manchmal steigerte sich diese Unruhe so, daß er klagte. »Ich war gestern«, sagte er einmal zu einer Freundin, die ihn besuchte, »recht unruhig, wirklich recht unruhig. Mathilde war gegen zwei mit ihrer Toilette fertig geworden und ausgefahren. Sie hatte versprochen, um vier zurück zu sein. Es wird fünf, sie kommt nicht; sechs, sie kommt nicht. Es wird acht, sie ist immer noch nicht da; meine Sorge wächst. Sollte sie des kranken Mannes überdrüssig geworden und mit einem schlauen Verführer durchgegangen sein? In meiner peinlichen Angst schicke ich die Wärterin in ihr Zimmer hinunter und lasse fragen, ob Cocotte noch da sei? Ja, Cocotte ist noch da. Da fällt mir ein Stein vom Herzen. Ohne Cocotte mitzunehmen, geht sie mir gewiß nicht durch.« Der Welt wurde das alles sorgfältig verborgen. Heine rühmte fortwährend die guten Eigenschaften Mathildens, ihren Humor, ihr Kindergemüt, als ob dies allein genüge, einen Mann glücklich zu machen, und als ob er nicht mehr fordern dürfe: aufrichtige Teilnahme, Interesse am geistigen Leben des Mannes, Freude an seinen Erfolgen, Anregung zum Weiterstreben, Trost und Zuspruch im Leiden. Heine war gut, er wußte, woran es fehlte, aber er äußerte es nie. Er vermißte viel, aber er verbarg es. Wenige werden ahnen, in welchem seiner Gedichte er sein verwundetes Herz gelüftet hat. Es steht da in der Sammlung ein Gedicht: »Unterwelt«, geschrieben im Frühling 1840, da läßt er den Gott Pluto sprechen, und dieser Pluto ist er selbst. Blieb' ich doch ein Junggeselle! – Stets vergeblich, stets nach Frieden Ring' ich. Hier im Schattenreich Kein Verdammter ist mir gleich! Ich beneide Sisyphus und die edlen Danaïden. Es plagt ihn nämlich seine Gattin, es gibt Streit, sie will zu ihrer Mutter Ceres. Schließlich kommt es dazu, daß Proserpina sechs Monate in der Oberwelt weilt und – »Pluto kann verschnaufen«. Dies Gedicht findet seine Erklärung darin, daß Mathilde in den ersten Jahren der gemeinsamen Menage die Sommermonate bei ihren Eltern zuzubringen pflegte und ihnen den Haushalt besorgte, während sie draußen bei ihrer Feldarbeit waren. Den Schluß des kleinen Zyklus bildet die Ansprache eines Freundes, die also lautet: »Zuweilen dünkt es mich, als trübe Geheime Sehnsucht deinen Blick – Ich kenn es wohl, dein Mißgeschick: Verfehltes Leben, verfehlte Liebe! Du nickst so traurig! Wiedergeben Kann ich dir nicht die Jugendzeit – Unheilbar ist dein Herzeleid: Verfehlte Liebe, verfehltes Leben!« Dieser Zusatz, voll tiefer Schwermut, einem übermütigen Gedichte angehängt, sagt beredt genug, wie es damals in Heines Gemüt aussah. Dennoch wurde ein Jahr später Mathilde sein eheliches Weib. Pariser Begegnungen Henri Beyle (Stendhal), Prosper Merimée, Alfred de Musset waren damals die drei französischen Schriftsteller, die ich am höchsten stellte, ich kannte die Werke aller drei sehr genau. Besonders die große Anziehung, die Alfred de Musset auf junge Gemüter übt, hatte ich frühe erfahren gelernt. Schon 1839, also in meinem siebzehnten Jahre, brachte ich von einer Reise nach Leipzig einen Brüssler Nachdruck in Miniaturformat, »Poésies de Alfred de Musset«, mit heim. Ich hatte sie mit stürmischer Eile durchlesen, bevor ich noch in Prag eintraf, und teilte die für einen Primaner gefährliche Lektüre meinem Freunde Moritz Hartmann mit. Eine Zeitlang waren wir ganz in Musset aufgegangen. Uns gefiel vor allem andern die »Komödie« von den aus dem Feuer geholten Kastanien (les marrons du feu) und das merkwürdige Drama »Zwischen Kelch und Lippenrand«. Auch »Rolla« – ein Trunk aus schwerem Wein, der mit Bilsenkraut gewürzt ist – erhitzte uns die Köpfe gewaltig. Wir verschafften uns bald Mussets weitere Werke, die kleinen Dramen »Andrea del Sarto«, »Mariannens Launen«, den Roman die »Bekenntnisse eines Kindes des Jahrhunderts«, die erste Novellensammlung. Bald hatte ich eine Reihe Mussetscher Gedichte und ein paar seiner Novellen, darunter den »Tizianello«, übersetzt, sie erschienen in einem Prager Blatte. Nun wollte auch ich so eine »Geschichte aus Italien«, nach Mussetscher Art, gemischt aus Wollust und Grauen, geschrieben haben. Ich dichtete eine Erzählung in Alexandrinern: »Die Geheimnisse des Grabes«, sie war 1840 im Leipziger »Kometen« erschienen. Nun, diese maßlose Schwärmerei war verflogen, dennoch war meine Bewunderung Alfred de Mussets noch immer sehr groß. Es stieg der lebhafte Wunsch in mir auf, den Dichter kennenzulernen. Ich verschaffte mir seine Adresse, packte meine Übersetzungen zusammen und sandte sie dem Dichter mit einem Briefe ein, in welchem ich ihn bat, ihm auf seiner Bibliothek – er war ja Bibliothekar – meine Aufwartung machen zu dürfen. »So so«, sagte Heine, dem ich davon erzählte, mit einem sonderbaren Gesichte. »Sie haben Musset Ihre Übersetzungen eingeschickt? Und wie denn, wenn er – er ist immer in Geldverlegenheit – die Hälfte des von Ihnen bezogenen Honorars beansprucht? Haben Sie das in Bereitschaft? Langt es zu einem Souper mit Damen bei den Frères Provenceaux?« – Das wurde bedenklich, das war mir nicht eingefallen. Ein Honorar hatte ich bei »Ost und West« nie zu sehen bekommen, und auch der gute Herloßsohn vom »Kometen« huldigte nicht dem Honorarbrauche ... Doch Heine fuhr fort: »Das war ein unüberlegter Schritt. Eine Beziehung zwischen Musset und Ihnen ist gar nicht denkbar. Er lebt das tolle und unnütze Leben vornehmer junger Gecken. Sie würden überdies nur eine Ruine sehen. Seine Produktion hat längst aufgehört, der Quell ist versiegt, und was da noch nachtröpfelt, ist nicht der Rede wert. Der vorfrüh geleerte Freudenbecher hat ihn körperlich ganz heruntergebracht, früh geschwächt, frühzeitig abgenutzt an Leib und Seele. Er ist ein unerquicklicher Anblick.« ... »Wenn ich Ihnen sage, daß seine einzige größere Produktion aus neuerer Zeit dem bedenklichsten Genre angehört, wissen Sie genug. Das Ding heißt »Deux nuits d'excès«. Sie können es sich bei geheimen Verschleißern schmutziger Ware im Palais Royal verschaffen. Es ist ein Büchlein, das Kaiser Tiber auf Capri jedenfalls in seine Handbibliothek aufgenommen hätte.« ... Ich wurde ganz niedergeschlagen, als ich Heine so sprechen hörte. Man will nicht an das Verlöschen einer Flamme glauben, deren Glanz uns einst entzückt, und doppelt schwer glaubt man daran, daß sie noch bei Lebzeiten eines Autors erloschen sein könne. »Mit Musset ist es seltsam zugegangen«, fuhr Heine fort, »und es wundern sich alle, die ihn sehen. Als er berühmt wurde und in die Mode kam, war er schon der Mensch nicht mehr, der jene Bücher geschrieben, und überhaupt kein Dichter mehr. Er hat drei Perioden gehabt: zuerst eine wilde und kühne, dann metamorphosierte sich sein Talent und wurde graziös, ruhig – er schrieb seine dramatischen Salon-Idyllen.« »Jetzt steht er in seiner dritten Epoche, und alles ist aus. Wenn Sie zu mir kommen, will ich Ihnen zeigen, was ich in meinem Buche »Shakespeares Mädchen und Frauen« schon vor Jahren über ihn geschrieben, es ist gewiß nicht ungerecht.« Ich hörte das alles ruhig mit an und bereute doch nicht, an Musset geschrieben zu haben. Mehrere Tage blieb ich neugierig, welche Antwort mir auf die Zusendung der Übersetzungen zuteil werden würde. Aber es kam nichts, Musset hatte von meinen Einsendungen gar keine Notiz genommen. »Sie wollten ihm in seiner Bibliothek Ihre Aufwartung machen!« lachte Heine. »Ich glaube nicht, daß er weiß, in welcher Straße die Bibliothek, der er vorsteht, gelegen ist! Die Stelle haben ihm die Orleans gegeben, weil er die Geburt des Grafen von Paris mit Versen begrüßt hat, in denen, nebenbei gesagt, eine sehr nüchterne Staatsweisheit in sogenannter gewählter Sprache vorgetragen wird. Es ist französische Poesie.« – Am selben Tage holte Heine einen Quartband mit rotgewordenem Goldschnitt und losgegangenem Deckel hervor. Es waren »Shakespeares Mädchen und Frauen«, bei Brockhaus und Avenarius mit Stahlstichen erschienen; die Musset betreffende Stelle wurde aufgesucht. Ich zitiere sie hier, weil sie, soviel ich weiß, von Paul Lindau in seinem Buche über Musset nicht berücksichtigt worden ist. »Die Gerechtigkeit verlangt«, sagt H. Heine, »daß ich hier einen französischen Schriftsteller erwähne, der mit einigem Geschick die Shakespeareschen Komödien nachahmte und schon durch die Wahl seiner Muster eine seltene Empfänglichkeit für wahre Dichtkunst beurkundete. Dieser ist Herr Alfred de Musset. Er hat vor etwa fünf Jahren einige kleine Dramen geschrieben, die, was den Bau und die Weise betrifft, ganz den Komödien Shakespeares nachgebildet sind. Besonders hat er sich die Caprice (nicht den Humor), die in demselben herrscht, mit französischer Leichtigkeit zu eigen gemacht. Auch an einiger, zwar sehr dünndrähtiger, aber doch probehaltiger Poesie fehlte es nicht in diesen hübschen Kleinigkeiten. Nur war zu bedauern, daß der damals jugendliche Verfasser außer der französischen Übersetzung des Shakespeare auch die des Byron gelesen hatte und dadurch verleitet wurde, im Kostüm des spleenigen Lord jene Übersättigung und Lebenssattheit zu affektieren, die in jener Periode unter den jungen Leuten in Paris Mode war. Die rosigsten Knäbchen, die gesundesten Gelbschnäbel behaupteten damals, ihre Genußfähigkeit sei erschöpft, sie erheuchelten eine greisenhafte Erkältung des Gemüts und gaben sich ein zerstörtes und gähnendes Aussehen. Seitdem freilich ist unser armer Monsieur de Musset von seinem Irrtume zurückgekommen, und er spielt nicht mehr den Blasé in seinen Dichtungen – aber ach, seine Dichtungen enthalten jetzt statt der simulierten Zerstörung die weit trostloseren Spuren eines wirklichen Verfalls seiner Leibes- und Seelenkräfte ... Ach! dieser Schriftsteller erinnert mich an jene künstlichen Ruinen, die man in den Schloßgärten des 18. Jahrhunderts zu erbauen pflegte, an jene Spielereien kindischer Launen, die aber im Laufe der Zeit unser wehmütigstes Mitleid in Anspruch nehmen, wenn sie in allem Ernste verwittern und in wahrhafte Ruinen sich verwandeln.« So hatte Heine in seinem 1839 geschriebenen Buche im Schlußkapitel, wo er auf die Schüler und Nachahmer Shakespeares zu sprechen kommt, über Alfred de Musset geurteilt, wie man sieht, nicht gar günstig. Als ich eines Tages, da das Gespräch wieder auf Musset gekommen war, eine seiner Komödien lobte, in der sich die Handlung, wenn man es Handlung nennen kann, um eine Börse dreht, ich glaube, es war »Le Caprice«, – und es eigentlich eine Frauenarbeit nannte, selbst ein Ding wie eine Börse, mit feiner, eleganter Hand aus Gold- und Seidenfäden in künstlichen Maschen gewoben, sagte Heine kurzweg: »Ja, so etwas ist es, doch eine Börse darf nicht leer sein. Man muß Gold darin sehen; diese Börse aber ist ganz leer!« Dabei konnte Heine ganz heftig werden, wenn man, wie es von mancher Seite geschah, der George Sand gedachte und ihrem Verhältnisse und ihrer tatsächlichen oder vermeintlichen Untreue eine Schuld an Mussets frühem Verfall zuschreiben wollte. »Beim Himmel«, sagte er dann, »Musset war schon körperlich verkommen und jeder echten Liebe unfähig, als die beiden miteinander nach Venedig gingen. Das war ein sauberer Romeo! Auch an ihrer Seite konnte er von den Ausschweifungen, die ihm zur Gewohnheit geworden waren, nicht lassen, und das verzeiht wohl auch eine Heilige nicht. Er verfiel in Venedig in eine Erschöpfungskrankheit, Lelia pflegte ihn Tag und Nacht, und als er wieder auf die Füße kam, zog er heim. Sie blieb zurück, ihre Geldmittel waren erschöpft, sie sehnte sich zu ihren Kindern und hatte kein Reisegeld. Sie wohnte ärmlich, lebte von schlechter Kost und arbeitete von Nachmittag bis zum Tagesanbruch. So sind »André«, »Indiana«, »Mattea« entstanden, bis endlich Buloz (der Redakteur der »Revue des deux Mondes«) genügende Summen schickte, daß sie ihre Schulden zahle und heimreisen konnte! Man lasse sich doch nicht durch die Maske des Unglücks täuschen, die der schlaffe und mit sich unzufriedene Mann sich später vors Gesicht gesteckt hat!« »Es ist unerfreulich«, schloß er, »eine ursprünglich hoch angelegte Natur in ihrem allmählichen Hinabsteigen zu verfolgen und ihren Verfall in ihren verschiedenen Stadien zu konstatieren. Doch bleibt dem nichts anderes übrig, der Mussets schriftstellerische Laufbahn ohne Voreingenommenheit betrachtet. Dieser Geist von unbestreitbar hochgenialer Anlage ist fast gleich nach seinem ersten Auftauchen bergab gegangen: es ist in ihm ein stetiges Zugrundegehen nachzuweisen. Das Übermaß an Lebenslust zeugte den Lebensüberdruß, den Ekel, und die Langeweile, die weder in der Welt noch im eigenen Wesen einen rechten Inhalt findet, zog ins verödete Herz ein. So sehen es jene an, die ihn gekannt haben und unbestochen beurteilen.« Vom Tage an, da Heinrich Heine mir sein Wohlwollen geschenkt, hatte er es auch übernommen, mein Berater und Mentor zu sein und meine Schritte auf dem Pariser Pflaster zu lenken. Oft sagte er mir, wie leid es ihm tue, mich nicht selbst da- und dorthin begleiten zu können. »Sie müssen«, sagte er, »alle Bäume dieses Gartens kennen und ihre Früchte unterscheiden lernen. Es genügt nicht, daß Sie die Monumente von Paris: den Obelisken von Luxor, die Vendômesäule, den Arc de l'Étoile in Augenschein nehmen. Sie müssen mit dem Besuch des architektonischen und des pittoresken Paris auch die Besichtigung seiner ›lebendigen Ruhmesobelisken‹ verbinden, sonst haben Sie Ihre Zeit und Ihr Geld verloren. Schon ein Morgenspaziergang ins Collège de France ist lohnend. Der Literaturhistoriker Saint Marc Girardin, der Nationalökonom Michel Chevalier, der Historiker Michelet und Arago, der Astronom, lesen fast zu gleicher Zeit, da haben Sie nur die Wahl, welchen berühmten Mann Sie sehen wollen.« Ich ließ mir das nicht zweimal sagen. Schon am andern Tage, an einem frischen Wintermorgen, wanderte ich in das Quartier latin hinüber und wollte es darauf ankommen lassen, wen ich zu hören bekomme. »Zu wem gehen alle diese jungen Leute?« fragte ich eine Obstverkäuferin, die am Tore des Kollegs ihre Früchte und Kuchen feilhielt. »Alle zu Professor Michelet«, antwortete sie. »Der hat jetzt die allermeisten Zuhörer.« So hatte ich es denn gut getroffen. Jules Michelet hatte seine Werke: »Des Jesuites« – »Le prêtre, la femme et la famille« – »Le Peuple« bereits geschrieben und elektrisierte eben, wie ich wußte, die Jugend durch Vorträge über die Geschichte der großen Revolution. Es war eine Zeit, wo die Geschichtsbücher über diesen Gegenstand gleichsam im Vorgefühl der kommenden Ereignisse einander jagten. Es war noch früh. Wir hatten im Hofe zu warten. Die Universitätsbehörde, die den Zudrang der Leute zu diesem Lehrer ungern sah, spielte nämlich dem Auditorium den Schabernack, die Türen zu Herrn Michelets Kolleg immer erst im letzten Moment öffnen zu lassen. So vertrieb man sich die Zeit mit Rauchen und Singen, und alles stampfte, trampelte, schüttelte und bewegte sich, um sich am kalten Wintermorgen warm zu halten. Zeitweise erschollen Rufe: Aufgemacht! Aufgemacht! aber Rufen und Stampfen blieben erfolglos. Langsam rückte der Zeiger auf der Uhr über dem Portale vor, erst als er die X erreicht und die Stunde vollständig ausgeschlagen hatte, öffneten sich von innen die Türflügel. Nun – kaum wußte ich, wie mir geschah – wurde ich gleichsam in die Höhe gehoben und unter greulichem Toben und Poltern erst einige Treppen vorwärts getragen, um schließlich als Teil einer Menschenlawine in einem kleinen, amphitheatralisch gebauten Hörsaale niederzugehen. Endlich zu mir gekommen, musterte ich das Auditorium. Es war eine echte Jugend des Lateiner Viertels, die mich umgab. Abgetragene Röcke, phantastische Hüte, hübsche, aber blasse und verlebte Gesichter. Hie und da verkündigte eine rote Czapka den polnischen Emigranten, der sein Nationalwahrzeichen auch in der Fremde nicht abgelegt. Vorn in den ersten Bänken saßen fünfzehn bis zwanzig Damen, die durch eine Nebentüre Eingang gefunden haben mochten, echte Blaustrümpfe, sämtlich reizlos. Bald machten sich die politischen Demonstrationen hörbar, die in Michelets Kollegium nie fehlten. Ein tiefer Baß stimmte die ersten Noten der Marseillaise an und sofort erscholl aus Hunderten von Kehlen das Kriegslied der Revolution. Als dies zu Ende, kam das »Jamais Anglais en France ne regnera« an die Reihe, auch das Ça-ira wurde angestimmt, aber auch schnell fallengelassen. Denn nun traten Virtuosen auf, welche Vögel- und Säugetierstimmen nachahmten. Das Krähen des Hahns, das Gebell des Hundes, sogar das Iah des Esels ließen sich vernehmen. »Worüber wird der Professor heute sprechen?« fragte ich einen Nachbar, ein ziemlich bemoostes Haupt. »Das weiß er vermutlich selbst noch nicht«, war die Antwort. »Ich meine, wo er zuletzt geblieben?« »Hm! Das letzte Mal hat er vom heiligen Christoph, dem Buddha und der dreisaitigen Leier gesprochen.« »Von der dreisaitigen Leier?« »So ist es. Die Leier, erklärte er uns, war im Collège de France aufgestellt und erfüllte die Welt mit ihrem Wohllaute. Ihre erste Saite war von Gold und hieß Mickiewicz, die zweite von Silber und hieß Edgar Quinet. Die dritte Saite ist von Stahl, und die ist Michelet selbst. Die Regierung hat zuerst die Saite von Gold, dann die von Silber zerrissen und weggeworfen, die dritte schwingt noch einsam, vermag aber wenig ohne ihre Schwestern. Ihr Ton ist Klage geworden ... Wunderbar gesagt, nicht wahr?« »Und wie kam«, fragte ich weiter, »der heilige Christoph in den Vortrag?« »Der heilige Christoph«, erwiderte mir der Student, »ist eine Allegorie Frankreichs. Christoph war nämlich ein Riese und wollte nur demjenigen dienen, den er stärker befunden als sich selbst. Da kam er eines Tages an den Hof des Königs von Syrien – nein, von Medien« – Ein plötzlich losbrechendes Donnerwetter, Bravorufen und Händeklatschen durcheinander, unterbrach in diesem Augenblick die Erzählung. Michelet war eingetreten und wand sich durch die Reihen von Blaustrümpfen, die sich allmählich aus den vorderen Bänken in die unmittelbare Nähe des Katheders gezogen hatten. Er verbeugte sich, winkte wiederholt den Beifall ab, wie wenn er sagen wollte, nun aber laßt es genug sein; umsonst, der Enthusiasmus wollte sich nicht beschwichtigen lassen. Nun richtete er sich, die Hände auf den Tisch gestemmt, auf und blickte starr vor sich hin, das Ende des Beifallssturmes ruhig abzuwarten. Es war ein kleines hageres Männchen mit beinahe weißem Haar. Auf seinen Wangen saß eine hektische Röte, die Augen blickten scharf, sogar stechend. Er war ganz schwarz, aber höchst elegant gekleidet, im Knopfloch blühte wie eine dunkelrote Nelke das Bändchen der Ehrenlegion. Als der Sturm vorübergegangen, setzte er sich, ließ den Kopf nachdenklich hängen, begann einen schmalen Papierstreifen zwischen den Fingern zu rollen und hob endlich in ganz kurzen Sätzen von sieben bis acht Worten folgendermaßen an: »Meine Herren, ich setze heute die Vorlesungen über die französische Revolution fort, die ich vorigen Mittwoch abgebrochen. Und zwar wollen wir ins Auge fassen die Epoche vom Zusammentritt der konstituierenden Nationalversammlung bis zur Errichtung der Republik. Juni 1789 bis 21. September 1792. Merken Sie sich diese Daten. (Pause.) Meine Herren, als ich heute aufstand – zur Stunde, wo der Ouvrier aufsteht – um vier – denn ich bin ein Ouvrier – da war es sehr kalt. Meine Fensterscheiben zeigten dicke Eisblumen. Ich zündete meine Lampe an. Mich fror, doch wollte ich niemand wecken, mir Feuer im Kamin anzuzünden. Um mich zu erwärmen – dachte ich – an Sie! (Großer Beifall.) Ich sagte dann zu mir: die Welt leidet zwiefach: geistig und leiblich. Es ist kalt in der Welt und finster! Ich gedachte der Armen. Aller derjenigen, welche leiden. Ich sagte zu mir: ja, der Winter wird zu Ende gehen, der Frühling wird kommen, der Sommer wird die Ernte bringen – aber wann haben wir eine Ernte des Geistes? Wer wird sie hereinbringen, die Ernte des Geistes? (Pause.) Etwas antwortete mir darauf: Derjenige wird sie einbringen, die Ernte des Geistes, der es verstehen wird, in einem Buche zu lesen. In welchem Buche? Es gibt zweierlei Bücher. Zur ersten Art gehört die orientalische Tradition, die sogenannte Bibel. Dann die italienische Bibel: Dante, die englische Bibel: Shakespeare, endlich die glorreiche französische Bibel: Rousseau und Voltaire. (Großer Beifall. Michelet reibt sich das Kinn und blickt unwillig, weil man ihn unterbrochen hat.) Aber – die zweite Gattung Bibel ist noch viel wichtiger und lehrreicher als die erste – diese Bibel ist das menschliche Herz. (Bravo! Bravo!) In dieser Bibel sollen Sie lesen, meine Herren, und das werden Sie, wenn Sie die beobachten, die da arbeiten und darben ... (Bravo! Bravo!) Es gibt nun wieder zwei Arten, diese letztere Bibel zu lesen: zu Hause oder auf dem Markte. Zu Hause liest man im eigenen Herzen – auf dem Markte im fremden. Man hat gesagt: der Anfang der Weisheit sei die Furcht des Herrn. Nein! der Anfang der Weisheit ist – (der Professor hält inne, große Spannung) der Anfang der Weisheit ist, seinen Türschlüssel nicht draußen stecken zu lassen! (Großer Beifall.) Sich abzuschließen, sich absperren, das, meine Herren, ist der Anfang der Weisheit. Oder – man muß sich dahin begeben, wo sich die Massen des Volkes treiben, wo Mensch mit Mensch verkehrt. Molière, der größte Beobachter der Herzen, wurde auf einem Markte geboren. Dante pflegte sich auf dem öffentlichen Platze niederzusetzen. Das ist's! Auf den Markt muß man gehen, ins Menschengedränge als Zuschauer und Beobachter – da lernt man lesen im Herzen des Volkes, das ist das Buch der Bücher. Gehen Sie also abends, wenn das Volk aus den Fabriken strömt und nach seiner Arbeit Erholung sucht, in die Faubourgs St. Monceau und St. Antoine. Da werden Sie lernen, was Ihnen in den Kollegien nimmermehr gelehrt wird. Sie brauchen nicht mit Geld in der Tasche dahin zu gehen, Sie brauchen nur Menschenliebe im Herzen und die Gesinnung der Gleichheit – da wird sich das Buch der Bücher vor Ihnen auftun. Eine Parabel! ... Ein Schriftgelehrter in alter Zeit war auf dem Wege ins Kollegium. Er hatte das Buch unter dem Arme, das ihm zum Vortrag diente. Auf dem Wege begegnete ihm ein Bedürftiger. Der Gelehrte leerte seine Tasche, schenkte ihm, was er eben bei sich trug. Siehe da! An einer Ecke traf er einen zweiten Bedürftigen, der fast unbekleidet im Winterfroste stand. Der Weise schenkte ihm seinen Mantel. Und schon kam ein dritter Bettler heran, der noch elender war als die beiden anderen. Der Meister hatte nichts weiter ihm zu schenken als das Buch, das er am Herzen trug. Der Arme bittet, und der Meister schenkt es ihm. Und plötzlich verklärt ein heller Schimmer den Scheitel des Armen. Es war der Christus, der dem Schriftgelehrten erschienen. Und seit dem Tage las der Weise keine Bücher mehr. Meine Herren, es ist spät geworden, zu spät, als daß wir heute noch den Faden unserer Geschichtsstudien aufnehmen könnten. In der nächsten Vorlesung wollen wir fortfahren in der Betrachtung der Periode vom Zusammentritt der konstituierenden Versammlung bis zur Errichtung der Republik.« Das war Jules Michelets Vorlesung. Ich habe sie, ohne ein Wort daran zu ändern, nach den Noten in meinem Gedenkbuch wiedergegeben. Man möge sich nicht wundern, daß sie so kurz ist, durch die Art, in der sie vorgetragen wurde, und bei den Unterbrechungen von Seiten des Publikums mag sie wohl fünfundzwanzig Minuten gedauert haben. Das Quartier latin war von ihr sehr befriedigt. Ein donnernder Applaus begleitete den Professor auf seinem Rückzuge, einige Chöre stimmten wieder die Marseillaise an, dazwischen ließen sich wieder die Virtuosen in Tierstimmen vernehmen. Auf dem Hofe steckte alles in großer Erregung die kurzen Pfeifen an und verabredete die Unterhaltungen für den Abend. Ich meinesteils konnte mir die Art des Mannes kaum deuten und zurechtlegen. Ein Komödiant war er doch nicht, auch kein Mann des Humbugs, im Gegenteil, ein Mann von ehrlich demokratischer Gesinnung. Wie kam er dazu, sich so wunderlich zu gebärden? Dachte er bei sich: was kann ich und darf ich einer blasierten Jugend bringen, die ohne Ernst, ohne jeden Sinn für Wissenschaftlichkeit bloß daherkommt, zu demonstrieren, allerhand Ulk zu treiben, Spektakel zu machen und dann wieder zu ihren Kneipen, ihren Biergläsern, ihren Liebchen zurückkehrt? Ihr einen methodischen Vortrag zu halten, wäre vergebliche Mühe. Ich habe alles getan, wenn ich ein paar Saatkörner der Humanität, wie sie in mir lebt, ihr hinwerfe, vielleicht geht doch da und dort ein Halm auf ... Als ich in diesen Gedanken auf dem Schwellenstein zauderte, huschte ein kleines Männchen an mir vorüber. Es war Michelet. Ich sah ihn nun in nächster Nähe und sah erst jetzt recht, wie alt, gebrechlich und hager das Männchen mit dem roten Bändchen im Knopfloch seines schwarzen Rockes. Und ein heimliches Mitleid ergriff mich, aber auch Unwille. Nein, die besten und nützlichsten und wahrsten Gedanken können es nicht vertragen, daß man sie mit phantastisch scheckigen Lappen verkleidet durch die Menge spazierenführt. Einige Tage später lernte ich auch Michelets ehemaligen Kollegen, den Dichter Adam Mickiewicz kennen. Er wohnte draußen in Batignolles, Rue du Boulevard 12, in einer ebenerdigen Wohnung, welche die Zeichen äußerster Armut und Verwahrlosung an sich trug. Ärger kann es auch bei Milton nicht ausgesehen haben. Die Erscheinung des größten Dichters, den die Slawen je gehabt haben, hat die traurigste Erinnerung in mir zurückgelassen. Mickiewicz stand erst im achtundvierzigsten Jahre, sah aber schon ganz verfallen aus. Es war im Februar; er ging auf den Ziegelfliesen eines ungeheizten Zimmers in ungeheuren Filzschuhen umher Vor zwei Jahren hatte er seine Professur der slawischen Sprachen am College de France verloren. Armut, Verfolgung, häusliches Unglück hatten ihn einem Zustand entgegengeführt, der wohl der Geistesstörung sehr nahe war. Ich sprach französisch mit ihm, aber er mußte auch deutsch verstehen, denn er hatte meinen »Ziska«, den ihm ein Landsmann, Chodecky, gebracht, unlängst gelesen. Sodann kam er auf Polen zu sprechen und erzählte, daß es eine alte Wahrsagung gebe: Polen werde befreit werden durch einen Mann, dessen Name einundvierzig Buchstaben habe. Dieser werde einen Bund von einundvierzig Städten stiften und ein Heer von einundvierzig Legionen aufstellen. Mickiewicz schien an diesen Unsinn fest zu glauben, er äußerte die Überzeugung, daß dieser Heiland bereits geboren sei. Schließlich gab er mir sein Werk: »Le Messianisme« mit, in welchem Napoleon für eine Art Heiland erklärt wird. Mickiewicz hat, ebenso wie sein ausgezeichneter Zeitgenosse, der Dichter Slowacki, den Eindruck eines großen Unglücklichen auf mich gemacht; sonst weiß ich über ihn nichts zu sagen.   Als der Mai herangekommen war, verließ Heine seine Wohnung in der Rue Poissonnière und zog nach Montmorency. Er meinte, Landluft und Stille würden seinen Nerven guttun. Er hatte in der »Chataigneraie« ein hübsches Häuschen mit schattigem Garten gefunden. Bald darauf erhielt ich einen Brief von ihm folgenden Inhaltes: »Tausend Grüße von allen Nachtigallen meines Gartens! Auf übermorgen sind Sie freundlichst bei mir zu Tische geladen. Sie kennen unsere Stunde. Vergessen Sie nicht Seuffert mitzubringen, der uns sehr willkommen sein wird.« Am bezeichneten Tage machten wir uns gegen drei auf den Weg. »Der Mann mit dem Bandl«, sonst im Punkt der Toilette sehr nachlässig, hatte sich festlich gewandet und sich sogar mit einem neuen schwarzen Spielbändchen versehen. Montmorency, zu Rousseaus Zeit fast eine Wildnis und vier Wegstunden von Paris entfernt, war schon damals durch die Stadtbahn fast an die Barriere gerückt. Die Fahrt dauerte fünfzehn Minuten. Man fliegt am Montmartre, an den Forts, an St. Denis vorüber, und ehe man's merkt, ist man in Enghien. Hier sind Landhäuser zwischen Wiesen und Baumpartien zerstreut; ein kleiner Weiher wird jeden Sonntag zu Wasserfahrten benutzt. Der Weg schlängelt sich in Krümmungen durch die Weinberge die Anhöhe hinan. Endlich sieht man Paris wie einen erstarrten Meeresspiegel mit einzelnen grauen Klippen in der Ferne liegen. Nun erscheint ein kleines Gehölz, von einzelnen Eichen überragt; zahlreiche Landhäuschen liegen in den Senkungen und auf den Höhen. Man ist in Montmorency. Wir fanden Heine in seinem Gärtchen, auf einem Plaid ins Grüne gelagert, die Mappe vor sich, den Bleistift in der Hand. Wenn man ihn damals fragte, woran er schreibe, antwortete er: an meinen Memoiren. Aber es lag nicht in seinen Gewohnheiten, von der Prosa, die er schrieb, etwas vorzulesen oder sonstwie mitzuteilen. Die Mappe wurde, wenn ein Besucher herantrat, sofort zugeklappt. So habe ich auch späterhin niemals erfahren, mit welchem Abschnitt seines Werkes er soeben beschäftigt war. Frau Mathilde hatte ihrerseits ein paar Freundinnen eingeladen. Ihr Papagei war nicht in der Stadt geblieben, der grüne Geselle saß in seinem Käfig von Messingstäben und begrüßte die Herankommenden mit einem lauten Bon jour! Das größere Zimmer im Erdgeschosse wurde als Speisesaal benutzt; auf dem zierlich gedeckten Tische war ein riesiges Bouquet zu schauen. Nicht ungern sah man das kleine Arsenal diverser Gläser neben dem Kuvert: das winzige Gläschen für den Madeira, das größere für den Sauterne, das gewöhnliche für Rotwein und den edlen Spitzkelch, der da Champagner bedeutet. Heine als Wirt – nach den Indizien zu schließen, ein paar hübsche junge Damen als Gäste – ich meine, das verspricht ein paar heitere Stunden ... »Was haben Sie indes erlebt, lieber Seuffert?« war eine der ersten Fragen. »Mir hat das Unglück fatal mitgespielt«, war die Antwort. »Sie wissen, ich habe seit Jahren den leidenschaftlichen Wunsch, der Rachel vorgestellt zu werden. Endlich habe ich Aussicht dazu, Roger gibt mir eine Empfehlung an sie. Ich sende sie ein, erhalte Antwort, es wird Tag und Stunde bestimmt, wo die Tragödin mich empfangen wird. Ich gehe hin – in welcher Bewegung können Sie sich denken ... Doch da sehen wir den Pechvogel! Fräulein Rachel hat plötzlich zu einer Probe fahren müssen – es empfangen mich an ihrer Stelle die beiden Eltern, Papa und Mama, die allereinfachsten, ich sage Ihnen, die allereinfachsten Leute! Was kann ich mit diesen anfangen? Was habe ich vom Besuche? Die alten Leute haben mich freundlich aufgenommen – aber was nützt mir das? Ich wollte ja die Tochter sehen! Zum größten Unglück ist die Sache nun abgetan – man hat mich nicht aufgefordert, wiederzukommen ...« »Die Rachel«, erwiderte Heine, »darf man nur auf dem Theater sehen wollen, nicht im Hause. Auf dem Theater, wo ihr ein Dichter die Worte souffliert, ist sie groß und sublim. Weiß geschminkt, Brust und Arme herrlich drapiert in ihrem weißen Gewande, gleicht sie einer griechischen Statue. Sie hat aber auch eine Stimme, alle Herzen umzudrehen, und wie weiß sie die jähen Übergänge des Gefühls zu malen, wie stellt sie die Ausbrüche der Leidenschaften dar! Vor allem aber hat sie so merkwürdige Töne für die Darstellung geheimer, sich verbergender, verbrecherischer Liebe ... Auf dem Theater, ja, ist sie so groß! Daheim aber in ihrer Wohnung finden Sie nur ein gelbes, hageres, breitstirniges Frauenzimmer, das ganz Gewöhnliches spricht, ohne jeden Adel, sogar ohne jeden eigentlichen Geist. Ich habe sie daheim gesehen und bedauere es! Freuen Sie sich vielmehr, daß Sie sie nicht daheim gefunden! So bewahren Sie sich Ihre Illusionen! Übrigens erinnert mich die Erzählung Ihres Besuches an die Geschichte des Mannes, der in der Jahrmarktsbude das seltene Tier, das ›Naturwunder‹, sehen wollte, entsprossen dem Bündnis einer Häsin mit einem Karpfen. So war nämlich auf dem Zettel zu lesen. Der Mann zahlte das Eintrittsgeld, ging hinein, bekam aber nur ganz gewöhnliches Menageriegetier zu sehen. Da verlangte er, daß man ihm das Naturwunder zeige. ›Das ist nicht da‹, war die Antwort, ›wir haben es nicht mehr. Aber wenn Sie die beiden Eltern, die Häsin sowohl wie den Karpfen, zu sehen wünschen – so spazieren Sie in das Kabinett!‹ Sie, lieber Seuffert, wollten das große Naturwunder sehen, und man hat Ihnen nichts gezeigt als dessen Eltern, ein altes jüdisches Ehepaar!« Es wurde zu Tische gerufen, und wir gingen lachend ins Speisezimmer.   Ich wohnte noch immer im Hotel Violet; meine Aussicht ging auf einen Hof, der durch zwei Reihen hoher düsterer Häuser gebildet war. Dicht daneben, nur durch ein vorstehendes Haus geschieden, brauste ein Strom von Menschen die gewundene Linie der Rue du Faubourg Poissonnière herab, aber die Passage Violet blieb still und öde wie eine entlegene Insel, auf der nur landen, die dort wohnen. Auch die Frühlingssonne wollte mit der Passage Violet nur wenig zu tun haben, sie kam des Morgens zu Besuch auf eine kurze Stunde, fast gleichzeitig mit dem alten Leiermann und dem Handelsjuden, der nach alten Kleidern fragte, und ward dann den ganzen Tag über nicht mehr gesehen. Um so freudiger wurde sie begrüßt. Wenn ich beim Frühstück saß und sie mir plötzlich in das Buch und auf das Papier guckte, brachte sie mich mit einem Male aus der grauen Stimmung, die von dem ernsten Quartier auf mich übergegangen war. Ich schlug dann wohl das Fenster auf, blickte nach meinem Nachbar Jakob Venedey hinüber, der drüben schon lange am Pulte stand und Korrespondenzen für deutsche Blätter schrieb, und rüstete mich langsam zum Ausgang, dessen Ziel meist die königliche Bibliothek war. Indes ließ sich die Drehorgel in klagenden Tönen vernehmen, der alte Leiermann hüstelte und begann mit gebrechlicher Stimme sein Lied: »Le Dieu des bonnes gens«: II est un Dieu; devant lui je m'encline, Pauvre et content sans demander rien, De l'univers observant la machine J'y vois du mal et n'aime que le bien. Mais le plaisir à ma philosophie Relève assez des cieux intelligents; Le verre en main, gaiment je me confie Au Dieu des bonnes gens. Tag für Tag hörte ich dasselbe Lied und hörte es gern. Ich dachte dabei an den, der es gedichtet: an Beranger. Was ist es doch um einen Dichter, der gleichmäßig zu allen Klassen der Bevölkerung spricht, der auch den Geringsten zu seinem Tische lädt und Lieder zu verschenken hat, zu deren erfreulichem Verständnisse wie zu dem eines guten Glases Wein oder eines warmen Sommertages man nur eines menschlich warmen Herzens bedarf! Béranger, dachte ich, wie klein deine Welt auch ist, wie eng umgrenzt, sie ist doch schön! Dir ist die Erde ein grünes, umschlossenes Tal, wo kleines Menschenvolk fröhlich zecht und liebt. Der Himmel ist nur die blaue Kuppel dieses schönen Grundes, und durch deren Fenster blickt der liebe Gott als Herbergsvater vergnüglich auf seine Kinder herab. Klein ist dein Lied und hat wie eine Hirtenschalmei nur wenig Töne, du besingst darauf im gleichen Metrum den Ruhm des Soldatenkaisers und die Reize Lisettens, aber die Töne sind schön und klar und stimmen ebensogut zum Tanze wie zur Feldmusik. Du bist ein exklusiv französisches Gewächs, aber hier, wo alles in deine Lieder einstimmt, der Lastträger und der Invalide, der Student und die Grisette, hier lernt man dich lieben und verstehen ... Das waren meine Gedanken, indes der Leierkasten im Hofe spielte, und nicht minder als ich schienen auch die übrigen Bewohner der Passage Violet den Einfluß Bérangers zu spüren. Die Schneidergesellen, die im Erdgeschosse arbeiteten, stellten ihre Arbeit eine Weile ein und singen den Refrain im Chorus mit, die Grisette, die im Dachstübchen nähte, wickelt ein dickes Sousstück in Papier und wirft es dem greisen Sänger vor die Füße. Eines Morgens war ich wieder unter dem Einflusse des »Dieu des bonnes gens«, des Sonnenscheins und des Frühlings, als Venedey bei mir eintrat und mich fragte, ob ich ihn nicht auf einem größeren Spaziergange begleiten wolle? Er gönne sich heute Ferien. Er habe gestern ein mehrbändiges Werk beendigt und werde kaum vor ein oder zwei Tagen ein ähnliches in Angriff nehmen. Ein merkwürdiger Mann, desgleichen mir seitdem nie wieder einer begegnet! Er brachte die ernsthaftesten Werke mit einer Ruhe und Leichtigkeit zu Papier, als wenn es Kopistenarbeit oder ein Stoß Briefe an Freunde wäre. Ein Berg blauen Briefpapiers in Quartformat lag unter seinem Pulte, er hob einen Bogen nach dem andern ab und bedeckte ihn mit Schrift, daß es halb lustig, halb tragisch anzusehen war. Trat jemand bei ihm ein, so hieß er ihn willkommen und sagte, daß seine Anwesenheit gar nicht störe, er möge nur eine Weile sitzen bleiben, bis dies Kapitel zu Ende geführt sei. Der Besucher setzte sich dann wohl, griff nach einem Buche, kam aber selten zum Lesen, denn Venedey fragte dies und jenes, und Venedey nickte der Antwort freundlich entgegen. Die Feder in seiner Hand, scheinbar unabhängig von seinem Kopfe, fegte weiter. So behandelte er die ernsthaftesten und schwierigsten Themata, mochten diese nun Montesquieu, Voltaire, Rousseau oder anders heißen. Also entstanden die breit und mächtig angelegten Werke, von denen Heine behauptete, daß er sie so gerne habe, während er doch Venedeys kurze Pamphlete nicht ausstehen könne. »Was?« fragte ich verblüfft, als ich zuerst aus seinem Munde die Ansicht hörte. »Venedeys vielbändige Werke sind Ihnen lieber als seine kleinen Sachen?« »Allerdings«, war die Antwort. »Wasser in unabsehbarer Ausdehnung, als Binnensee, als Meer, als stolzer Ozean ist eine Sache, für die ich schwärmen kann. Dagegen ist mir Wasser im Kaffeelöffel geradezu verhaßt ...« Nun, das waren Bosheiten, wie man sie von Heine gewohnt war. Mit welchem liebenswürdigen Lächeln wurden diese scharf gespitzten Pfeile abgeschossen! Jacob Venedeys Bücher mochten langweilig sein, man hat aber kaum ein Recht, scharf gegen sie zu verfahren. Die herbe Nötigung des Lebens hatte den Flüchtling zum Schriftsteller gemacht, und wenn er auch nur ein geringes Maß schöpferischer Gedanken besaß, die Gesinnung und das Wollen des Verfassers waren gewiß immer im höchsten Grade nobel und achtungswert ... Bald waren wir aus unseren düsteren vier Mauern heraus. Es war ein schöner Morgen im angehenden Mai, Paris lag unter dem blauen Frühlingshimmel wie eine verzauberte Stadt da. Über das reinliche glänzende Pflaster des Boulevards wogte ein Menschenstrom, jeder einzelne schien sich des hellen Tages, der milden Luft zu freuen. In den Weinläden standen Leute aus den unteren Volksklassen und nahmen ihren zweiten Morgentrunk, auf den vor den Kaffeehäusern hinausgerückten Stühlen frühstückte die elegante Männerwelt. Wagen und Karren rollten vorüber, die Verkäufer boten ihre Waren aus, in bunten Farben bemalte Omnibusse zogen wie seltsame Ungeheuer durch das verworrene Gewühl von Menschen und Wagen. Militär kam des Weges, die Trommeln wirbeln, die Bajonette glitzern in der Sonne. Blumenverkäuferinnen boten ihre frischesten Sträuße aus, Putzmacherinnen trippelten mit ihren lackierten Modewarenschachteln hin, alte Herren führten ihre kranken Möpse am roten Bande spazieren. In den Tuilerien, die wir jetzt durchschritten, waren schon alle Hecken grün, da blüht der Hollunder und der Orangenbaum im Kübel, ein lieblicher Duft durchwürzt die Luft. Wahrlich, die Welt schien voll Jugendfrische und Hoffnung zu sein! In den Alleen welch ein Leben! Tausend und tausend Kinder waren dort versammelt, Ball zu schlagen, den Reifen zu jagen und sich mit dem Springseil zu tummeln. Welch' dummes Wort: il n'y a plus d'enfants – mußte man bei diesem Treiben denken. Da treten leuchtend die weißen Marmorstatuen aus dem grünen Hintergrunde der Kastanien hervor, der Obelisk aber, ein steinernes Rätsel, blickt vom Concordeplatz leuchtend in den Himmel hinauf, indes die Fontainen um ihn herum rauschen und singen: Sie hätten noch immer so viel zu tun, das Blut hinwegzuwaschen, das hier einst geflossen ... Wenn ich mit Venedey beisammen war, suchte ich ihn immer auf seine Vergangenheit und auf die Erzählung seiner Erlebnisse zu bringen. Er hatte das Hambacher Fest mitgemacht, er war am sogenannten Frankfurter Attentat vom April 1833 mitbeteiligt gewesen, einer jener unerschrockenen Jünglinge, die mit Waffen in der Hand den deutschen Bundestag zu sprengen versuchten. Er war durch eine lebensgefährliche Flucht lebenslänglicher Gefängnisstrafe entgangen. Man denkt heutzutage zu geringschätzig von diesen Unternehmungen, die doch in der Absicht veranstaltet waren, den Gedanken deutscher Nationaleinheit zur Wahrheit zu machen. Weil die Mittel gar so klein, scheinbar lächerlich, zuckt man die Achseln, und doch weiß jedermann, daß unter gegebenen Bedingungen ein bißchen Hefe alle Moleküle eines Teiges in Bewegung setzt und ein kleiner Funken zuweilen die großartigste Explosion herbeiführt. Der Teig war nicht gehörig vorbereitet, der Funke fiel in Sand und Staub, die jungen Leute büßten für ihre sehr irrigen Voraussetzungen. Nun war Venedey allerdings das Gegenteil von dem geworden, was er gewesen. Seines Irrtums gewahr, ging er jetzt zu weit in die entgegengesetzte Richtung und bekämpfte allenthalben den praktischen Revolutionär, der er doch selbst gewesen. Der ehemalige Mann des »jungen Europa« wiederholte fortwährend den Spruch, daß, wer das Schwert ziehe, durch das Schwert umkommen müsse. Nur protestieren solle man, seine Meinung nämlich sagen, etwa auch die Zahlung der Steuern verweigern und dann dulden. Wie wunderlich kam mir oft dieser politische Quäker vor! Wir hatten die Champs-Élysées, den grünen innerhalb der Mauern von Paris liegenden Wald, erreicht. Reiter und Amazonen in flatternden Gewändern flogen die Avenue von Neuilly hinab, der Staub wirbelte ihnen nach. Ein zarter schillernder Schleier umhüllte den mächtigen Bau des Triumphbogens. Aus den Toren heraus, befanden wir uns bald in einer an einem mäßigen Hügel hingebauten Vorstadt, die ich jetzt zum ersten Male sah. Sie hatte mit ihren kleinen niederen Häusern und schlechtgepflasterten Gassen den Charakter eines ärmeren Faubourg. Schön war nur die Aussicht auf das weite Marsfeld, das sich auf dem jenseitigen Seineufer hindehnte. »So wären wir unerwartet bis Passy gekommen«, sagte Venedey. »Hier wohnt Béranger, wir könnten eigentlich bei ihm einsprechen. Es ist ein freundlicher alter Herr und hat sich mir immer gewogen gezeigt.« Ich erwiderte, daß ich täglich an Béranger gemahnt werde und ihn gerne kennenlernen möchte. Gleich darauf blieb Venedey vor einem kleinen Häuschen stehen. Ein paar Schritte, und er pochte an der Tür einer Parterrewohnung. Mehrere Stimmen riefen herein, wir standen in einem freundlichen kleinen Zimmer, durch dessen offenes, auf einen Garten hinausgehendes Fenster grünes Weinlaub hereinwinkte. Da saß ein freundlicher alter Herr, eine Sammetmütze auf dem Kopfe, ihm gegenüber eine alte Dame, sie hatten eine Flasche Wein und ein tüchtiges Frühstück vor sich. Ein junger Mensch mit charakteristischem Gesichte, offenbar ein Südfranzose, las dem alten Herrn die Zeitung vor. Da hatten wir denn alles beieinander: der freundliche alte Greis war Béranger, die alte Dame die Nachfolgerin Lisettens, Judith Frère, vermutlich dieselbe, die als bonne vieille in seinen Gedichten vorkommt, der junge Mensch ein Redakteur des »National«. Ein Porträt von Béranger zu geben, ist wohl unnütz, sein Kopf ist nach einem von David d'Angers modellierten Medaillon unzähligemal gezeichnet worden. Er stand damals in seinem siebenundsechzigsten Jahre und glich diesem Bilde noch so sehr, daß ich ihn gleich danach erkannt hätte. Ein Kopf, um den nur spärliche Flocken grauer Haare spielten, eine bedeutende Stirne, gerötete Wangen, kluge, schelmische Augen, ein bald schmunzelnder, bald sarkastisch zuckender Mund – das zusammen gab das Bild des Alten, der bei Tische saß und seiner Flasche eifrig zusprach. Es war eben um die Zeit des von Friedrich Wilhelm dem Vierten einberufenen Vereinigten Landtags, der damals das ganze Interesse von Paris in Anspruch nahm. Der Romantiker auf dem Throne hatte schon Ende 1846 seinem Volke versprochen, durch Einberufung eines Landtages die Einführung einer Verfassung in Preußen anzubahnen. Nun war er zusammengetreten. Gleich nach den ersten gewechselten Begrüßungsworten sprang das Gespräch auf das politische Gebiet. »Was gibt's für Neuigkeiten aus Deutschland?« fragte der Alte in leicht satirischem Tone. »Was macht Berlin? Lassen Sie hören. Was macht das erste Volk der Welt?« »Das erste Volk der Welt«, erwiderte Venedey, die feindliche Absicht merkend, »können in Frankreich nur die Franzosen heißen.« Béranger lachte: »Mitnichten! Das erste Volk der Welt sind unzweifelhaft die Deutschen. Ich höre und lese das jetzt überall. Die Berliner Redner sagen es jeden Tag, und auch die französischen Blätter behaupten, daß Deutschland jetzt auf dem Punkte stehe, der Welt ein Schauspiel von außerordentlicher Großartigkeit zu geben. Wir armen Gallier sind jetzt ganz beiseite gestellt, und es ist nur die Frage, ob uns die Deutschen erlauben, das zweite Volk des Kontinents zu bleiben?« »Aus der Ironie, mit der Sie das sagen«, erwiderte Venedey, »blickt nur zu deutlich hervor, daß Sie sich nicht an den Gedanken gewöhnen können, daß die zwei gebildetsten Völker Hand in Hand, sozusagen in einer Front vorwärtskommen können.« »Verzeihen Sie einem alten Manne, der von den Erinnerungen der alten Tage nicht loskommen kann!« erwiderte Béranger gleichsam beschwichtigend, als er Venedeys Wangen sich bei den letzten Worten röter färben sah. »Ich weiß von Deutschland gar so wenig ... Ich verstehe nur französisch und bin nie über den Rhein gekommen ... Ich weiß, daß Sie viele kleine Fürsten haben und daß Zensoren bestellt sind, Ihre Bücher und Zeitungen zu kontrollieren. –« Hier fand ich endlich Gelegenheit, eine kleine Bemerkung anzubringen. »Wohl gibt es Zensoren in Deutschland«, sagte ich, »doch sie stehen zwischen der Regierung und der öffentlichen Meinung mitten inne, und die Zeit ist vorauszusehen, wo die Zensur faktisch aufgehört haben wird, indes sie formell noch besteht. Zudem existiert Zensurfreiheit für alle Bücher über zwanzig Bogen. In der Tat bewegt sich der deutsche Gedanke frei von allen Fesseln. Es werden bei uns Bücher gedruckt, die den französischen Autor auf den Mont-Michel bringen würden ...« Béranger lachte laut auf. Er schien es ganz vergessen zu haben, daß er selbst unter Karl X. wegen einiger spottender Bemerkungen in seinen Liedern der Beleidigung der königlichen Familie und Schmähung der Staatsreligion geziehen und zu neun Monaten Gefängnis und einer Geldstrafe von zehntausend Francs verurteilt worden war. »Zum Beweis dieser Behauptung«, fuhr ich fort, »kann ich Ihnen Ludwig Feuerbach aufführen. Ludwig Feuerbach ist einer der größten Aufklärer, er nimmt das Werk Ihrer Enzyklopädisten wieder auf und gibt demselben erst die tiefere philosophische Begründung. Seine Bücher erscheinen, wie wenn es bei uns kein Institut der Zensur gäbe. Doch ich kann Ihnen noch ein weit frappanteres Beispiel weitgehender Meinungsfreiheit sagen. Sie haben wohl nie von Friedrich Daumer und seinen ›Geheimnissen des christlichen Altertums‹ gehört?« »Nie!« erwiderte Béranger lachend. »Was hat dieser Mann für ›Geheimnisse‹ aufgestöbert?« »Daumer«, sagte ich, »ist überzeugt, daß in den ersten Zeiten des Christentums, lange nachdem bei den Juden und anderen Völkern das Menschenopfer durch das Tieropfer abgelöst war, ja bis tief ins Mittelalter hinein, das Blut eine große Rolle gespielt hat und das erste Christentum zum Menschenopfer zurückgriff.« »Aber das ist abscheulich! Wer derlei behauptet, verdient meiner Meinung nach den Galgen!« »Ich halte«, erwiderte ich, »jedes Urteil über Daumers Meinungen zurück. Ich führe sie nur einfach an, um Ihnen zu zeigen, was bei uns in Deutschland gesagt und geschrieben werden kann. Übrigens bin ich der Ansicht, daß wissenschaftlich vorgetragene Überzeugungen nur wissenschaftlich widerlegt, nicht aber polizeilich gestraft werden sollen.« Diese Ansicht schien dem alten Herrn sehr paradox, er wandte sich an Venedey und fragte: »Ist das ein Landsmann von Ihnen?« »Nur ein halber«, war die Antwort. »Also lassen Sie hören«, fragte Béranger. »Wo kommen Sie her? in welcher Stadt haben Sie gelebt, ehe sie in unser liebes Paris kamen?« »Ich bin aus Prag«, antwortete ich. »Also ein Ungar!« »Um Verzeihung! Prag –« »Prag ist aber doch die Hauptstadt Ungarns?« (mais voyons, Prague est donc la capitale de la Hongrie?) »Sie verwechseln Prag mit Pest, Monsieur Béranger.« »Peste, vouz avez raison! Die Hauptstadt von Ungarn heißt Pest. Und Sie sind aus Prag. J'y suis. Prag! Prag! Wer kennt das nicht! Wer hat nicht davon gehört! ... Sie scheinen mir zu jung, als daß ich annehmen könnte, daß Sie in den letzten Kämpfen mitgefochten?« ... »Pardon! Wir haben seit Napoleons Zeiten keinen Krieg gesehen.« »Wie? Was? keinen Krieg? Sie nennen das keinen Krieg? Die Sensenmänner – unter dem General – mein Gott, wie heißt er doch? Sein Name geht auf ski aus« (quelque chose en ski). »Monsieur Béranger verwechseln, wie ich sehe«, entgegnete ich, »Prag mit Praga«. Praga ist die jenseits der Weichsel gelegene Vorstadt von Warschau, Prag dagegen –« »Ganz recht! Wir wickeln uns schon aus dieser Konfusion heraus. Aber ein Pole sind Sie doch?« »Keineswegs. Ich bin ein Deutscher. Prag ist die Hauptstadt von Böhmen und mitten, man kann sagen, im Zentrum von Deutschland gelegen.« »Was? Prag? Mitten in Deutschland? Was Sie mir da sagen! Nun, Sie merken schon, daß die Geographie nicht meine besondere Stärke ist. Und nun sagen Sie, gehört Böhmen zur confédération allemande oder zu Österreich?« »Es gehört zu Österreich und zur ›Confédération allemande‹.« »Da haben wir's nun!« rief Béranger, aufs höchste belustigt. »Es liegt in Österreich und auch im deutschen Bunde! Da soll sich der Teufel zurechtfinden! Sehen Sie, meine Herren, wir Franzosen sind Freunde der Klarheit. Was nicht klar ist, das ist nicht französisch, das widerstrebt unserem Geiste. Nun aber herrscht bei Ihnen eine solche Wirrnis, eine solche Konfusion, eine solche Unklarheit ... Wir werden nie klug werden über Ihre Verhältnisse; es geht nicht; wir können es nicht beim besten Willen.« Dabei blickte Béranger, Beistimmung heischend, auf seinen französischen Freund. Dieser nickte ihm zu. »Sehen Sie«, wandte sich Béranger wieder an Venedey, indem er sich offenbar auf seine Unkunde, die ihm ein Zeugnis für die überlegene Klarheit des französischen Geistes abzulegen schien, etwas zugute tat, »sehen Sie, so geht es mir in allen Deutschland betreffenden Dingen! Nehmen wir die Thronrede Ihres Königs, die eben so großes Aufsehen macht. Haben Sie jetzt eine Verfassung oder haben Sie keine? Ich werde nicht klug daraus. Für uns oberflächliche Franzosen, die wir nicht viel Philosophie studieren, gibt es keine Konstitution ohne Charte, ohne politische Rechte, ohne gehörige Garantie. Die Unterschiede zwischen ständischen und konstitutionellen Staaten kennen wir auch nicht und wissen nur von absoluten und von mehr oder minder beschränkten Regierungen ... Sie dürften mit Ihren beratenden Ständen schlecht beraten sein.« ... Nachdem das Gespräch noch eine Weile in dieser Weise hin und her gegangen, verabschiedeten wir uns. »Béranger hatte heute keinen guten Tag«, meinte Venedey kleinlaut, als wir draußen waren. Das hatte ich mir allerdings auch gedacht. Es war zwar viel verlangt, daß ein Dichter, den zwei Leute bei seinem zweiten Frühstück überfallen, gleich den Dichter herauskehren soll, aber etwas mehr Geist, Herz, Blick, Bildung hätte sich doch beanspruchen lassen. Wie man mit einem sehr kleinen Kapital, das man gut anlegt und richtig verwendet, doch Großes ausrichten kann! war mein Gedanke beim Weitergehen. Kleine Lieder, ungeheure Wirkungen! Wie einseitig nüchtern, prosaisch, ja, wie beschränkt und borniert war alles, was wir da aus dem Munde des gefeierten Mannes gehört hatten! Welche Selbstzufriedenheit in der Unwissenheit! Welche Sicherheit im Fehlgreifen! Und bei scheinbarer Bonhommie, welcher Mangel an Gutartigkeit! Wahrlich, sie hatten die Rollen ausgetauscht: Venedey war der überlegene Mensch, der Poet, Béranger der Philister – und welcher Erzphilister! Ich mußte mir ihn allmählich wieder von Anfang an konstruieren als den Mann, der so viel schöne Lieder gesungen und damit so viele Menschen erheitert hatte ... Als ich abends in mein Zimmer zurückkam, sah ich den Greis im Erdgeschosse seines Häuschens noch immer vor mir. Indes öffnete sich das Fenster gegenüber: die Nähterin drüben im Dachstübchen trällerte die Verse von »Le Dieu des bonnes gens«, wie sie es heute früh vom Leierkastenmanne gehört.   Es gab um diese Zeit wohl kaum einen Schriftsteller, der die Aufmerksamkeit seines Publikums so wachzuhalten wußte wie Alexandre Dumas. Nicht nur, daß er mit unermüdlicher Tätigkeit einen Roman nach dem andern, ein Drama nach dem andern in die Welt hinausschickte, er verstand es auch durch das, was er sonst tat und trieb, fortwährend von sich reden zu machen. Jetzt hatte er auf eine seiner Tragödien – den »Caligula« – eine goldene Denkmünze schlagen lassen, jetzt verwickelte ihn der Zufall in eine cause célèbre, und er hatte in öffentlicher Sitzung entscheidendes Zeugnis abzulegen. So war immer etwas von ihm zu erzählen. Die Zeitungen, die sich fast alle die Miene gaben, als ob sie den Vielschreiber mißachteten, verschmähten es nicht, weit öfter über sein Tun und Treiben Notizen zu bringen, als eben nötig gewesen wäre. Auch in diesem Jahre hatte es wieder von Dumas viel zu erzählen gegeben. Sein Theatre historique auf dem Boulevard du Temple hatte er noch immer nicht eröffnen können; inzwischen aber stand er selbst fortwährend auf der Bühne und wußte – wunderbar bei einem Stücke von solcher Dauer – dies veränderliche Volk der Franzosen in beständiger Spannung zu erhalten. Diese Komödie war sein Prozeß mit den Herren Veron und Girardin, den Redakteuren des »Constitutionnel« und der »Presse«. Diesen beiden hatte Dumas alljährlich 18 Bände Romane zu liefern versprochen, wogegen ihm eine Rente von 65 000 Franken zukommen sollte. Nur diese beiden Journale sollten künftighin die neuen Bücher des berühmten Alexander bringen. Indes hatte Dumas von früheren Jahren her noch andere Verpflichtungen und war anderen Journalen und Buchhändlern gegenüber im Rückstand, und zwar – es war ganz genau berechnet worden – mit nicht weniger als 162 000 Zeilen. Er aber, im göttlichen Leichtsinne und als wäre dies Zentnergewicht gar nichts für seine Schultern, hatte den Bau einer Villa unternommen, durch seinen Gönner, den Herzog von Montpensier, das Privilegium zu einem neuen Theater erwirkt, hatte das Theater von St. Germain angekauft, um darin junge Schauspieler für die Bühne des Theatre historique heranzubilden, und war schließlich nach Spanien zu den königlichen Hochzeitsfesten, dann endlich zur Tigerjagd nach Algier und Tunis gegangen, ohne sich weiter um Veron und Girardin zu kümmern. Daher Klagen und gerichtliche Vorladungen, glänzende Plädoyers und unendliche Bonmots über den zu Zwangsarbeiten verurteilten und diesen entfliehenden Dichter. Was nun die Villa in der Nähe von St. Germain betraf, so hieß es, sie solle ein Wunder von Pracht, eine Art Duodezalhambra werden und den Namen »Monte Christo« erhalten. Monte Christo, das war um so pikanter, als alle Welt damals den »Monte Christo« las. Jedermann sprach von der Villa und niemand wußte Bestimmtes davon: der Erfindung war offener Spielraum gelassen. Einige behaupteten, Monte Christo sei auf einer Insel erbaut und übertreffe an Pracht Aladins Schloß, andere sagten, es müsse schon darum auf dem festen Lande liegen, weil es bei St. Germain en Laye gar keine Inseln gebe. Noch andere behaupteten, Monte Christo sei eine Mythe und Fanfaronade. Es gebe kein anderes Monte Christo als das Felseneiland unweit Marseille. Ich leugne nicht, daß ich gern einmal den Mann gesehen hätte, dessen Romane mich schon so oft ergötzt und dessen Tun und Lassen im gewöhnlichen Leben auch so bunt und abenteuerlich war. Der Zufall war mir günstig. Eines Tages hatte mich Madame A..., die ich von Karlsbad her kannte, zu einer Soirée mit dem Beisatze eingeladen, ich werde diesmal Alexandre Dumas bei ihr kennenlernen. Am Abend, an dem der seltene Gast einziehen sollte, war der kleine Salon voller, als ich ihn je gesehen. Da gab es keine Gruppen mehr, sondern ein kompaktes Gedränge. Die Hausfrau, eine wohlkonservierte Matrone, der ein vortreffliches Haarfärbemittel noch den Anschein einer Vierzigerin verlieh, saß, von einem kleinen Damenkreis umgeben, am eleganten Kamin und schürte diesen von Zeit zu Zeit mit nervöser Hastigkeit. Ich merkte auch, daß sie sich oft unruhig umkehrte. Nun ging die Türe rasch auf, und ein Mann, der an Statur alle Umstehenden überragte, trat mit energischem Schritt ein. Es war Alexandre Dumas. Ganz unlängst war ein großes Folioblatt, ein Karikaturbild, erschienen, das die bekanntesten französischen Tagesschriftsteller in Gruppen beisammen zeigte. Im Vordergrunde desselben sah man einen hochgewachsenen Mann mit einem Negergesichte, der mit Siebenmeilenstiefeln über Berge und Täler hinwegschritt. Ein Stern, vermutlich der Orden des Nischan oder der phantastische Elefantenorden des Schahs von Persien, hängt ihm wie ein Amulett um den Hals, auf dem Rücken aber trägt er eine Unmasse Bücher. Schwer scheint die Last, aber für den herkulischen Bau des Mannes ist sie soviel wie nichts. Mit unzerstörbarem Gleichmut trägt er sie, und auch die Berge und Täler da unten mit all ihren Hindernissen sind für ihn nicht vorhanden. An diese Karikatur wurde man sofort erinnert. Nicht nur, daß Alexandre Dumas in ihr zum Sprechen getroffen, auch seine ganze Art und Weise war damit gezeichnet. Dumas zeigte in seinen Zügen noch viel von seinen afrikanischen Vorfahren. Das schwarze, gekräuselte Haar, das breite Gesicht mit den dicken Lippen, das feurige Auge gaben zusammen ein Ganzes, wie man sich den Kopf Othellos, des Mohren von Venedig, denkt. Hoch und stark gebaut, war er wie zum Tragen gewaltiger Lasten geschaffen. Der Bau seiner Stirn war nicht eben edel, aber Charakter und Phantasie saßen da beisammen. Dabei zeigte er in allen Bewegungen etwas Energisches und Robustes, und wer ihn sprechen hörte, begriff sofort, daß er einen Mann von fabelhafter Arbeitskraft und sprudelndem Erfindungsgeist vor sich habe, nebenbei auch einen Mann, der vor allen andern die größten Münchhausiaden mit Sicherheit vorzutragen verstehe. Auch ich wurde dem Helden des Abends vorgestellt. Dumas erkundigte sich nach dem neuen Drama in Deutschland. Es war nicht schwer, ihm darüber etwas Neues zu sagen, da ihm alles unbekannt war. Im Interesse des Theatre historique fragte er nach übersetzbaren Stücken, ich erzählte ihm von »Uriel Acosta«, den »Karlsschülern« und von Hebbels »Maria Magdalena«. Er hörte zu und kam dann wieder auf seine Achtung für Schiller und Lessing zurück. Er erzählte, wie er eben mit einer Übersetzung von »Kabale und Liebe« beschäftigt sei – eine Arbeit, die um so erstaunlicher erscheint, wenn man bedenkt, daß Dumas kein Wort Deutsch verstand. Unser Gespräch konnte nicht lange dauern. Dumas, der selten nach Paris zu kommen pflegte, hatte gar viele zu begrüßen. Er lud mich ein, ihn auf seinem Landsitze in St. Germain zu besuchen. »Ich werde Ihnen dabei«, setzte er hinzu, »Monte Christo zeigen können.« Ein paar Monate vergingen, ehe ich im Strom des Pariser Lebens wieder an diese Einladung dachte. Endlich, an einem schönen Sommertage, fuhr ich auf der Eisenbahn hinaus. Der Weg nach St. Germain en Laye ist reizend. Er führt durch ein Land, das wie ein Garten bepflanzt und mit den freundlichsten Dörfern übersäet ist. Auf der letzten Station, eine Viertelstunde von St. Germain, beginnt ein Stück atmosphärischer Eisenbahn. Der kleine Zug fährt mit gleicher Schnelligkeit, aber ohne Dampf und Kohlenstaub, ganz geräuschlos in sanfter Steigung hinan. Nun erscheint das Städtchen auf der Anhöhe mit seiner prächtigen Terrasse, seinen weiten Kastanienalleen, es erscheint das Schloß, der uralte Königssitz, ein Bau mit grauen Türmen und Zinnen. Es gibt in der Nähe von Paris keinen schöneren Anblick. Ich fragte nach Monsieur Alexandre Dumas; als wäre er ein souveräner Herr, so schien er bekannt, es wurde mir sofort Auskunft zuteil. Ja, man gab mir das Geleit zu seinem Hause. Ich traf den grand Romancier in einer ausgedehnten Parterrewohnung, deren Einrichtung heutzutage vielleicht nicht mehr ganz absonderlich wäre, mir aber damals ganz eigentümlich und einzig erschien. Die Ausstattung der Zimmer war im Geiste französischer Spätrenaissance und des Barocks gehalten, hatte aber nebenbei einen starken Beigeschmack orientalisch dekorativer Phantasie. Schränke aus dunkelgebeiztem Eichenholze, teilweise mit eingelegter Arbeit, Wandgestelle mit phantastischem Schnitzwerk reichten bis an die Decke, dazwischen ließen persische und türkische Teppiche, hier als Wanddrapierung, hier als Portieren, dort als Möbelüberwurf verwendet, den Zauber ihres Farbenspiels und den Reiz ihres Linienornaments wirken. Uralte Fauteuils und hochlehnige Stühle, Kronleuchter von Schmiedeeisen, verblaßte Gobelins gaben dem Schreib- und Studierzimmer des Dichters das Aussehen eines historischen Museums. An der einen Wandseite des eigentlichen Schreibzimmers bildeten Helme, Harnische, Schwerter und Schilde einen großen Stern. Darunter hingen arabische Säbel in emaillierten Scheiden, türkische Flinten, wie Flammen gestaltete Dolche. Athos, Porthos und d'Artagnan, die wackeren Musketiere, waren, in Bronze gegossen, auf einer hohen Konsole zu sehen. Selbst das Schreibzeug, selbst die Karaffe mit Wein, die auf dem Tische stand, und das Glas dazu schienen der Zeit des Vierten Heinrichs und der Königin Margarethe zu entstammen. Beim Apollo, wie kontrastierte diese Hauseinrichtung mit derjenigen der vaterländischen Schriftsteller, die ich bisher zu sehen bekommen! Daheim brachte alle Arbeit und alles Talent keinen Lohn ins Haus; wer da Schriftsteller geworden, hatte das Gelübde freiwilliger Armut auf sich genommen. Nur die machten eine Ausnahme, die einen Onkel beerbt oder eine reiche Frau geheiratet hatten. Warum die Misere daheim? Weil – ähnlich wie bei dem Speisungswunder des Evangeliums, wo fünf Brote und zwei Fische genügten, fünftausend Mann zu sättigen bei uns eine Auflage von einigen hundert, von höchstens tausend Exemplaren genügt, eine Nation von dreißig Millionen zu speisen und zu sättigen. Hier dagegen Luxus, weil der berühmte Autor nebst seinen französischen Lesern Leser in aller Welt und namentlich auch alle deutschen Leser hat! Bei uns hatte August Lewald eine gewisse Berühmtheit erlangt, weil er zwei Dutzend silberne Gabeln und Löffel besaß – das war ja etwas Unerhörtes! Hier sah ich einen Schriftsteller eingerichtet wie einen König ... Ich fragte mich im stillen, ob es wohl bei uns je anders werden würde? Der Dichter, der in Hemdärmeln, mit abgelegtem Halstuch vor seinem Schreibtische saß, war offenbar durch meinen Besuch gestört und in seiner Arbeit unterbrochen worden. Trotzdem schenkte er mir die liebenswürdigste Aufnahme. »Ich bin einer von denen«, sagte er, »die man immer zu Hause trifft; es ist mir aber ganz recht, zuweilen gestört zu werden. Ich schreibe eigentlich immer, jeden Tag vor dem Essen etwa acht Stunden, und wenn ich die Feder nicht mehr halten kann, diktiere ich. Sie werden wissen, daß ich meinen Prozeß gegen den ›Constitutionel‹ verloren habe. Ich muß furchtbaren Verpflichtungen nachkommen ...« Mein Blick streifte durch das Fenster, vor dem die Hügel und Waldanflüge von Marly, Vesinay und Chatou im weiten Panorama ausgebreitet lagen, und wandte mich wieder der kostbaren Zimmereinrichtung zu. Als Dumas bemerkte, wie sehr ich sie bewunderte, fing er an, den Erklärer der einzelnen Stücke zu machen. Er nannte die Meister der einzelnen Bilder, ließ mich auf Schwertern und Harnischen die eingeprägten Ornamente betrachten, schließlich öffnete er eine Schublade und holte einen Rosenkranz aus Achatsteinen hervor, von dem ein massives goldenes Kreuz herabhing. »Der Rosenkranz des Herzogs von Alba!« sagte Dumas. »Ich habe ihn unlängst in Madrid erstanden. Er war nicht wohlfeil, aber ich habe die Belege, daß er echt ist ...« Der Rosenkranz eines Menschen, den vieles Beten nicht am Morden hinderte, warf mich in ein Meer von Gedanken; Dumas, in der leutseligen Laune eines großen Herrn, fuhr mit seinem Erklären fort. »Im ganzen«, sagte er, »werden Sie meine Wohnung recht bescheiden finden. Ich habe sie aber auch nur provisorisch inne, bis meine Villa ausgebaut ist. In zwei Monaten, hoffe ich, ist sie bewohnbar. Haben Sie Lust, sie anzusehen?« Ich erwiderte, daß dies zu meinen besonderen Wünschen gehöre. Dumas kleidete sich rasch an, und wir gingen hinaus. Wir schritten die Anhöhe herab, auf der Saint Germain erbaut ist, und kamen, immer der Landstraße auf einem Seitenwege folgend, in ein grünes, hügeliges Land an den Ufern des Flusses. Gruppen und ganze Haine von Pappeln gaben dieser Gegend einen eigentümlichen Charakter, auf den Hügelabhängen zogen sich Terrassen der Weingärten hin, von den Strahlen des Abends beschienen. Dumas hatte das Gespräch auf die deutsche Literatur gebracht. »Mir kommt vor«, sagte er, »als hätten die Deutschen eigentlich noch gar keine Literatur, sondern seien erst auf dem Punkte, eine zu gewinnen. Ein Aggregat von Büchern, die kein gemeinsamer Geist beseelt, ist noch immer keine Literatur. Ich verkenne nicht die Bedeutung Schillers und Goethes, deren Hauptwerke mir wohl bekannt sind, aber sie scheinen mir doch den Ansprüchen einer so großen Nation nicht zu genügen.« »Allerdings«, erwiderte ich, »haben wir keinen Shakespeare, ich glaube aber, wir besitzen Werke von einer Innigkeit und Tiefe, die bei keiner anderen Nation so angetroffen wird. Unsere Literatur teilt den zerfahrenen Charakter und die zerfahrene Erziehung der ganzen Nation, überrascht aber mehr als jede andere durch geniale Naturen. Das Drama ist allerdings nicht unser eigentliches Gebiet. Wir besitzen nämlich kein maßgebendes deutsches Theater im Sinne des Théatre français, wie wir auch keine eigentliche Hauptstadt, keine geschmackbestimmende Kapitale haben. Dafür besitzen wir eine Menge Theater, je nach der Eigentümlichkeit der Stämme. Doch haben wir neben Lessing, Schiller und Goethe auch auf diesem Gebiete den gewaltigen Heinrich von Kleist und einen wunderbaren Dichter des Märchendramas, Ferdinand Raimund, den Verfasser von »Alpenkönig und Menschenfeind«. Ich bedaure, daß unsere Lyrik Ihnen unbekannt ist: von Klopstock, Goethe, Uhland bis auf Lenau und Heine, welche Mannigfaltigkeit der Töne! Auch unsere Romantiker der Erzählung sind einzig: Tieck, Achim von Arnim, Immermann. Ein Dichter dieser Schule, Amadeus Hoffmann, ist den Franzosen zufällig bekannt geworden und wird von denselben höher gestellt, als es von uns geschieht. Unseren Satiriker Ludwig Börne werden Sie gekannt haben. Unzählig sind unsere originellen Geister: bei keinem Volke ist die Literatur ein so umfassendes Ganzes, eine Einheit in unzähligen Abzweigungen ...« Dumas hatte aufmerksam zugehört. »Ich muß doch noch Deutsch lernen ...«, sagte er mit nachdenklichem Gesichte. »Glauben Sie, daß ich, wenn ich der Sache ein halbes Jahr widmete ...?« Leider konnte ich ihm binnen eines so kurzen Zeitraumes keinen Erfolg versprechen. Unter solchen Gesprächen erreichten wir nach einer halben Stunde raschen Gehens Dumas' Besitzung. Ein parkähnlicher Garten zog sich an dem Abhang einer Anhöhe hin. Ein kleiner Bach, irgendeiner höher gelegenen Schlucht entsprungen und durch diese geleitet, bildete über herbeigeschaffte Felsstücke einen kleinen künstlichen Katarakt. Nun erblickte ich auch in der Mitte des Parks die Villa, im luftigen Stile der überreichen französischen Spätrenaissance ausgeführt. Die Wände waren weißer Sandstein, das Dach bläulich glänzender Schiefer. Die Fensterverzierungen waren von trefflicher Steinmetzarbeit, Reihen von Köpfen und Figuren liefen um die Gesimse. »Monte Christo ist prächtig«, sagte ich. »Ich bedaure, daß ich es noch teilweise von Gerüsten umstellt sehe. Die Pariser haben recht, wenn sie sagen, Sie bauten da ein kleines Alhambra. Doch auch die Kapelle will ich mir ansehen, die Sie da droben aufführen lassen.« Dumas lächelte und führte mich die gewundenen Gartenwege entlang, dem Häuschen entgegen, das wie ein gotischer Miniaturdom aussah. Bald zeigte es sich als ein wahres Wunderwerk der Steinmetzarbeit. Der durchbrochene Turm erhob sich leicht neben dem Schiffe, die gotischen Fenster waren mit Rosetten verziert, Figurinen füllten alle Nischen. Die farbigen Glasfenster blitzten in der Sonne wie Juwelen. Nun sah ich auch, daß die Kapelle auf einer Insel stand. Der kleine Bach war daran- und herumgeleitet, angepflanztes Schilf reichte bis an die Stufen der Pforte. Als ich noch höher kam, bemerkte ich an der Vorderwand Inschrift an Inschrift; jedem einzelnen Quaderstein war der Name eines Buches von Dumas eingegraben. Wohl an hundert Namen standen da und bedeckten die ganze Wand. Was ich für ein Kirchlein gehalten hatte, war das eigentliche »Monte Christo«, zu gleicher Zeit Kartause und selbsterbautes Ruhmesdenkmal. »Die Inschriften werden vergoldet«, sagte Alexandre Dumas. »Wenn sie sodann mit Arabesken eingerahmt und untereinander verbunden sein werden, wird sich die Wand gut ausnehmen.« Sehr befriedigt und angeregt kam ich in später Nacht nach Paris zurück, ging aber nicht zu Bette, ehe ich, was ich tagsüber gesehen und gehört, in mein Notizbuch eingetragen. Viele, viele Jahre später kam Alexandre Dumas nach Prag, besuchte mich und äußerte sofort beim Eintreten, daß er mir den Besuch erwidere, den er in Paris zu machen verhindert gewesen. Ich erwähne dies nur als ein Zeichen des außerordentlichen Gedächtnisses eines Mannes, dem nichts entging. Er wußte auch noch, daß ich ihm die Märchendramen Ferdinand Raimunds zugeschickt hatte, im guten Glauben, daß eine Übersetzung derselben auf einer Pariser Bühne Fuß fassen könne. Wir besahen uns die Stadt nach allen Richtungen; ich fand mehr Kenntnisse bei ihm als bei allen anderen Franzosen, die ich kennengelernt, und einen sehr entwickelten Sinn für das Historische. Dumas' Name war indes in der literarischen Wertschätzung sehr gesunken. Er hatte sich verleiten lassen, äußerst nachlässig zu arbeiten, und schließlich Werke gebracht, die seiner unwürdig waren. Tolle Verschwendung hatte ihn finanziell ruiniert. Seine Residenz, Monte Christo, hatte er längst, von Gläubigern bedrängt, preisgeben müssen. So endigte er in Ermattung und Abnahme und starb, fast unbeachtet, in Armut und Verlassenheit. Ich kann von Dumas dem Ältern nicht gering denken. Er hatte ein phantastisches Element in sich, das den verständigen und witzigen Kelten ganz abgeht und nur bei Victor Hugo wieder vorkommt. Seine Romane sind allerdings Improvisationen, aber voll wunderbar dramatischen Lebens. Er hat an hundert und hundert Figuren eine schöpferische Kraft bewährt. Jedenfalls hat er bei vielen seiner Romane Mitarbeiter gehabt – man nennt als solche Fiorentino und Auguste Maquet –, muß diese aber wie ein Architekt seine Maurer dirigiert und sie doch nur in von ihm selbst geschaffenen Plänen beschäftigt haben, denn was diese Leute auf eigene Faust geschaffen, nimmt sich daneben völlig nichtig aus. Eine Zeitlang ist Alexandre Dumas ganz in den Hintergrund gedrängt worden. Jetzt zeigen sich wieder Symptome seines Auflebens. Die großen Romane seiner ersten Periode: »Die Musketiere der Königin«, »Monte Christo«, die »Königin Margot« werden neu gedruckt und in seinem Vaterlande wieder begierig gelesen; die kleinlich subtile, mühsam gedrechselte, affektiert geistreiche Produktion berühmter Namen der Gegenwart vermag auf die Dauer nicht zu befriedigen. Er hat auch jetzt seine Statue in Paris auf dem Platz Malesherbes erhalten. Es ist richtig bemerkt worden, daß sie von Gold sein könnte, wenn jeder von Dumas' Lesern auch nur einen Centime beigesteuert hätte. Revolutionstage in Prag Ein schweres häusliches Ereignis – die plötzliche Erkrankung meiner Mutter – hatte mich in die Heimat zurückgerufen. Ich war nach Prag zurückgekehrt, nachdem ich über ein Jahr fortgewesen. Schon in den nächsten Tagen erhielt ich eine gerichtliche Vorladung und hatte mich wegen meines »Ziska« zu verantworten. Indes, die Zeit hatte den Zorneifer der Behörden abgekühlt, ich wurde nicht in Haft genommen. In meiner Verteidigung machte ich geltend, daß ich für eine auf fremdem Gebiete geschehene Publikation, die am Druckort unbeanstandet geblieben, nicht hier zur Rechenschaft gezogen werden könne, es hieße dies im vorliegenden Falle die sächsische Presse unter österreichische Zensur stellen wollen. Diese Verteidigung, die eine Lücke im österreichischen Preßgesetze zu benutzen suchte, hatte nun freilich keine Aussicht auf schließlichen Erfolg. Meine Verurteilung konnte nicht ausbleiben; ein paar Monate unter Schloß und Riegel waren mir gewiß. Die Gefahr, meine gute Mutter zu verlieren, war jedoch vorübergegangen, und so freute ich mich der mir noch gegönnten Freiheitsfrist. An die Erlangung einer ärztlichen Praxis wurde nicht gedacht, dagegen wurden Pläne zu verschiedenen Dramen entworfen. Sie sind alle im Entwurf steckengeblieben. Im Kaffeehause, das ich jeden Tag unmittelbar nach dem Mittagsmahl zu besuchen pflegte, war ich sicher, einen neuen Bekannten zu treffen, der mich täglich mehr und mehr interessierte. Es war ein junger Westfale, der, ich weiß nicht mehr, wie lange schon in Prag lebte, wo er in mehreren wohlhabenden Häusern Unterricht erteilte und nebenbei – wie man sich unter dem Siegel der Verschwiegenheit sagte – Korrespondent auswärtiger politischer Blätter war. Er hatte einen schöngeschnittenen Kopf von geistreichstem Ausdruck, den ein Wald dunkelbrauner Haare einrahmte. Sein Alter war sieben- oder achtundzwanzig Jahre. Seine Augen schauten so klug darein, über seiner Oberlippe stand ein feines, wohlgepflegtes Bärtchen, er lächelte immer. Doktor Schütte – dies war sein Name – hatte die außerordentlichste Suade zu eigen. Er wußte über alles so trefflichen Bescheid wie ein ausgezeichnetes Lexikon. Besonders war es die Nationalökonomie, mit der er uns in Erstaunen setzte. Er hatte die Ziffern aller Staatsschulden, aller Anleihen im Kopfe, wußte, wieviel Ballen Baumwolle die Spinnereien Englands und des Kontinents, wieviel Tonnen Kohlen die Essen aller Länder verbrauchten, wieviel Meilen Eisenbahn auf der Welt seien, was jede gekostet und tausend ähnliche Dinge mehr, über die er so glatt und ausführlich Auskunft erteilte, als ob er alles aus einem unsichtbaren, ihm vorgehaltenen Buche ablese. Sein Gedächtnis war bewunderungswürdig und sein Gespräch ein unaufhörliches Probeablegen desselben. Er hatte aber auch die Alten so gut im Kopfe wie die zeitgenössischen Dichter. Als einmal die Rede auf Sophokles': »Vieles Gewaltige lebt, und nichts Ist gewaltiger als der Mensch –« kam, da wußte er die ganze Strophe und die Antistrophe dazu in solchem Flusse herzusagen, als ob die griechische Sprache seine gewöhnliche Umgangssprache sei, und das alles so natürlich, ohne jeden Prunk und Gelehrsamkeit! Wie das uns imponierte! Wie wir ihn darum beneideten! Wir alle waren weltschmerzlich gestimmt und fanden die Zustände unerträglich, sahen aber nicht ein, wie es anders werden sollte; er dagegen nahm die Dinge leichter, Fröhlichkeit war der Grundton seines Charakters, er meinte, wir hätten am längsten gewartet, die Änderung stehe bevor; die Zensur, die Bücherverbote, die polizeiliche Bevormundung, das Spionentum rechts und links, Metternichs Regime müsse demnächst ein Ende nehmen. Seltsame Zuversicht in jenen Tagen. Es war nirgends ein Anschein dazu da. Wir schüttelten oft den Kopf darüber.   Um diese Zeit, während eine unbestimmte Gewitterschwüle auf allen Gemütern lag, ging die Oper eines Freundes und Landsmannes über die Bretter des Prager Theaters und erregte einen schwer zu beschreibenden Enthusiasmus. Die Oper hieß: »Die Franzosen vor Nizza«, der Kompositeur Friedrich Kittl. Das Werk im Stile Herolds oder Aubers hatte eine Fülle der reizvollsten Melodien, die im frischesten Glanze jugendlicher Erfindung funkelten. Besonders aber regte der zweite Akt das Gemüt auf und wirkte auf die Zuhörerschaft beinahe wie ein bedeutendes Ereignis. Situation und Musik trafen mit gleicher Stärke zusammen und erzeugten einen in seiner Art einzigen Eindruck. Doch um einen ungefähren Begriff von dieser Wirkung zu geben, muß ich zuvörderst etwas von der Handlung der Oper, deren Textbuch sagen. Dieses hatte keinen geringeren Verfasser als Richard Wagner. Dieser hatte sich das Libretto nach Heinrich Königs Roman »Die hohe Braut« zurechtgelegt und es, da ihm die Lust, dasselbe selbst zu komponieren, vergangen war, Friedrich Kittl überlassen. Man befand sich beim Aufgehen des Vorhangs im Jahre 1794 düsteren Andenkens. Die französische Revolutionsarmee steht vor Nizza und droht der dortigen Lehnsherrschaft den Untergang. Zwei Liebende, einander höchst ungleich an Rang, die hochgeborene Bianca, die, von ihren stolzen Brüdern gezwungen, einem Baron zum Altare folgen soll, und der Jäger Giuseppe, treten uns entgegen, des Barons Schwester hat sich einem andern Lehnsmann, Sormano, in Liebe ergeben und diesen heimlich geheiratet. Der Bruder hat die Ehe gewaltsam getrennt, Sormano von Haus und Hof verjagt und die Schwester in einen Kerker geworfen, aus welchem sie, dem Irrsinn verfallen, entflohen ist. Als nun die Eifersucht des Barons gegen Giuseppe erwacht, steht dessen Freiheit und Leben auf dem Spiel. Da rettet ihn Sormano und bringt ihn auf einer einsamen Spitze der Seealpen in Sicherheit; er selbst ist der Häuptling einer revolutionären Schar, die es mit den Franzosen hält. Sie erwartet nur das Kanonensignal, um über ein in der Tiefe liegendes Fort, das den Schlüssel Nizzas bildet, herzufallen. Die Irrsinnige wird indes tot gefunden, Sormano schwört bei ihrer Leiche den Aristokraten Rache und dringt in Giuseppe, sich den Republikanern anzuschließen. Dieser sträubt sich lange. Da tönt von der einen Seite des Tales die Musik herauf, die Biancas Gang zur Kirche anzeigt, zugleich aber werden die Trommeln der Revolutionsarmee vernehmbar und tönen immer lauter herauf. Eine mächtige Musik dringt empor. Es ist die Marseillaise. Sein Gefühl in feurigen Liedstrophen ausströmend, eilt Giuseppe mit den übrigen in den Kampf. Richard Wagner besitzt das spezifische Talent, eine starke sinnenfällige Wirkung dermaßen zu gipfeln, daß sie das Gemüt des Hörers mit unmittelbarer Gewalt fortreißt. Ein solches Meisterstück des Aufbaues ist die Ankunft des Schwans in »Lohengrin«; hier gab es etwas Ähnliches. Zuerst die Nacht, Sormanos Erzählung seiner Leidensgeschichte, die Ankunft der Leiche, Sormanos Racheschwur, nun der aufgehende Morgen in den Bergen, die Gruppe der Republikaner, die vom Gipfel herab auf die Bewegungen der Verbündeten lauscht, dazwischen die Hochzeitsmusik von hüben, die Feldmusik von drüben – die Marseillaise – dies alles gab ein an Gegensätzen reiches, immer voller anschwellendes Ganzes. Kittl hatte es aus begreiflichen Gründen nicht gewagt, hier nach Richard Wagners Absicht die Marseillaise einzuführen, wohl aber ein schwungvolles Marschmotiv erfunden. Ebenbürtig und mit starkem dramatischem Naturell trat zur Dichtung die Musik, alle Gemüter bezwingend und fortreißend. Von der ersten Aufführung an hatten der Marsch und Giuseppes Strophen eine ungeheure Popularität, man hörte sie überall. Wo nur Musiker aufspielten im musikliebenden Prag, verlangte man Kittls Marsch zu hören. Aber es sollte noch anders kommen, die »Franzosen vor Nizza« sollten für Prag eine Bedeutung erlangen wie die »Stumme von Portici« für Brüssel 1830. Der Marsch sollte die Festmusik der Märzbewegung werden. Einige Tage nach der ersten Aufführung dieser Oper, am neunundzwanzigsten Februar, sollte der Künstlerverein »Concordia« einen kostümierten Ball abhalten. Er war besonders durch die Bemühungen des Präsidenten dieses Vereins, Ferdinand Mikowec, zustande gekommen, und ganz Prag war auf das Fest gespannt wie auf etwas noch nicht Dagewesenes. Ferdinand Mikowec war ein weit über sechs Fuß hoher jugendlicher Recke von einer Schulterbreite, die gewöhnliche Mannesarme kaum umspannen konnten. Dem starken wuchtigen Körperbau entsprach die blühende Gesichtsfarbe, das rotblonde Haar, das blaue Augenpaar. So sah er aus wie aus der Germania des Tacitus herausgetreten. Auch eine gewisse Schwerfälligkeit, körperlich wie geistig, stimmten zu diesem Bilde. Nachlässig in Gang und Tracht kam er daher, mit unbeholfenen Bewegungen setzte er sich nieder; erhob er sich, was nicht ohne Schwierigkeit geschah, so war es, als ob er sich von einer ihm lieb gewordenen Bärenhaut trenne. Aber dieser alte Germane wollte nichts anderes als ein Tscheche sein. Er arbeitete in böhmischer Geschichtsforschung und Archäologie, sammelte alle möglichen historischen Inschriften, wofern sie böhmisch waren, und war nebenbei Dichter vaterländischer Dramen. Mit diesen jedoch hatte es seine eigene Bewandtnis. Er schrieb sie heimlich deutsch, wie denn seine ganze Bildung eine deutsche war, und ließ sie dann ins Böhmische übersetzen; er selbst wäre nicht imstande gewesen, eine korrekte Übersetzung davon zu liefern. Der langerwartete Abend kam heran, und das Kostümfest, für welches so viele Vorbereitungen getroffen worden waren, ging in Szene. Das Theater, in einen Redoutensaal verwandelt, war bis auf den letzten Galerieplatz besetzt, alles hatte sich herbeigedrängt, die mitwirkenden Maler, Architekten, Musiker, Schriftsteller in ihren Kostümen zu sehen. Man hatte alle Anzüge historisch treu anfertigen lassen und die Porträtähnlichkeit bei der Wahl nach Möglichkeit berücksichtigt. Da entrollte sich nun ein ganzes Stück Literatur- und Kunstgeschichte. Hier zogen, das Barett mit Pfauenfedern geschmückt, die zierlichen Gestalten der deutschen Minnesänger einher, Walther von der Vogelweide, Wolfram von Eschenbach, Heinrich von Ofterdingen; zwischen sinnreich charakterisierten allegorischen Gestalten, welche die Künste und deren verschiedene Richtungen darstellten, folgten die Meister altdeutscher Kunst. Die markig derbe Gestalt eines damaligen Theaterkritikers, Bernhard Gutt, als Peter Vischer mit Hammer und Schurz trat unter ihnen besonders hervor. Jetzt erschienen italienische Dichter, darunter ein Dante, frappant ähnlich, was Gesichtsschnitt und Farbe anbelangt, ein heiterer, lorbeergekrönter Ariost, hierauf eine Schar späterer Musiker, Dichter und Maler, Pergolese und Gluck, Mozart und Beethoven, Voltaire und Rousseau, Sebastian Bach, Lessing, Goethe und Schiller wandelten, die meisten treffend charakterisiert, den Saal entlang. Nun aber erschien einer, der mächtiger als alle die Aufmerksamkeit der staunenden Menge auf sich zog. Es war der Präsident der »Concordia« Ferdinand Mikowec. Sein Riesenkörper stak in einer enganliegenden fleischfarbenen Scheide und hatte infolge der hohen Temperatur die Farbe eines zart gesottenen Seekrebses angenommen. Um seine Stirne saß ein Kranz von Lindenzweigen, seine Linke hielt ein seltsam geformtes Saiteninstrument empor, um seine Schultern hing, von einer kolossalen Stahlagraffe festgehalten, ein ungeheurer Wolfspelz. »O weh, er ist fast in adamitischer Tracht!« flüsterte alles im gelinden Schrecken. »Wen stellt er denn vor?« »Den Lumir!« »Wer ist Lumir?« »Der Gott des slawischen Gesanges.« »Wohl heidnisch?« »Wie könnte man darüber im Zweifel sein?« »Aber was ist das? Riechen Sie nichts?« gingen die flüsternden Stimmen weiter. »Sehen Sie nur – vor und um ihn flüchtet alles!« Es war wirklich so. Der Wolfspelz, eigens für das Fest aus Polen bestellt und kaum einige Tage vor dem Feste ausgepackt, ein wahres Prachtstück, roch dämonisch, wie eine Menagerie von Wölfen! Den ganzen Tag über hatte sich Mikowec – seinen näheren Freunden war es nicht unbekannt – bemüht, seine kulturfeindliche Wildschur zu bändigen – umsonst! Er hatte sie mit Wacholderbeeren durchräuchern lassen, er hatte sie an die Luft gehängt, er hatte sie schließlich mit Kölner Wasser flaschenweis begossen – es half nichts. Der Pelz stank ruhig weiter und schlug jeden mit Schrecken, der die Nase in seine Nähe brachte. Jetzt aber – es war wohl eine Wirkung der im Saale herrschenden Hitze – schien es, als ob alle in diesem mächtigen Felle kondensierten Ammoniaksalze in Empörung losgebrochen seien. Vor und um den slawischen Liedergott bildete sich eine Einöde. Nur der Hühne, der den Pelz trug, schien nicht von dem Geruche zu leiden und wandelte feierlich langsam, von dem Bewußtsein erfüllt, daß er den Sangesgott der Slawen darzustellen habe, majestätisch dahin. Zu dreien Malen zogen die Künstler im Saale umher, zu dreien Malen wandelte Lumir in ihrer Mitte. Sein Wandeln ist dem Gedächtnis aller Nasen der Zeitgenossen und Teilnehmer am Feste als Phänomen eingeprägt geblieben. Zwei Orchester spielten im Saale. Wenn der »Künstlermarsch«, den ein begabter Prager Komponist, Veit, für diese Veranlassung gedichtet hatte, verstummt war, fiel die auf der Galerie postierte Militärkapelle ein und spielte, von lautem Applaus des Publikums begrüßt, den Marsch der »Franzosen vor Nizza«. Ich, am Zuge unbeteiligt, saß inzwischen in der Loge eines mir wohlgeneigten Bankiers, Herrn von Lämmel, sah auf das Treiben unten und auf den sich mächtig und farbig aufrollenden Zug herab und lauschte den Klängen der Musik. Da machte sich eine große Bewegung in der Loge des Statthalters auffällig bemerkbar. Mehrere Personen traten hastig ein und sprachen heftig zusammen. »Es muß etwas Wichtiges in der Stadt vorgefallen sein!« sagte der Bankier nicht ohne eine gewisse Ängstlichkeit. Und sich an einen jungen Chemiker wendend, der neben ihm saß und in Sprache und Haltung noch den ehemaligen österreichischen Kavallerieoffizier erkennen ließ, bat er: »Herr von Görgen, wollten Sie nicht so freundlich sein, nachzufragen, was geschehen?« Zugleich flog die Türe der Loge auf, der Prokuraführer des Geschäfts stürzte mit aufgeregtem Gesicht herein. Die Post von Paris war eingetroffen und hatte zwei Briefe gebracht. Der erste lautete: »23. Februar. Abends fünf Uhr. Paris im Aufstande. Kämpfe im Quartier St. Eustache und am Carré St. Martin. Das Ministerium Guizot ist gestürzt.« Der zweite Brief war nur eine Nachschrift zum ersten. Er lautete lakonisch also: »Louis Philippe hat abdiciert. Keine Bourbons mehr! Eine republikanische Regierung ist gebildet.« Beim Lesen dieser Worte war mir, als habe mich die Hand eines Dämons in die Höhe gehoben und in der Luft umgedreht. »Glück auf! Nun ist der Bann der Erstarrung von der Welt genommen!« rief es laut in mir. »Jetzt hat die Politik des Verneinens und der Abwehr ein Ende. Der dreißig Jahre lang erstarrt gebliebene Strom kommt in Bewegung. Endlich, endlich werden wir Einrichtungen erhalten, wie sie der Geist der Zeit verlangt.« Ich bat um die Briefe, ich las und überlas sie. »Nein, es ist kein Satyrspaß, es ist kein Fastnachtsscherz, es ist Wahrheit, das Langersehnte ist gekommen. Eine Bombe ist mitten in den Karneval geflogen, aber – o Menschen! – die Tänze unten gehen ununterbrochen ihren Gang weiter. Doch wie lange noch? Eine neue Zeit setzt sich nicht ohne Kampf und Blut durch. Gleichviel, von nun an ist es eine Lust zu leben!« So dachte ich. Nur wer da weiß, wie die bisherigen Zustände allen Lebensmut zu rauben geeignet waren, wer da weiß, wie unerträglich und entwürdigend die Formen des Metternichschen konservativen Regiments gewesen, wird ermessen können, mit welchen Gefühlen wir, die engeren Gesinnungsgenossen, die neue Zeit begrüßten, welche Hoffnungen wir auf sie setzten! Während sich die Pariser Nachrichten immer weiter verbreiteten, die Menschen je nach ihrer Parteistellung und ihren Ansichten aufgeregt in Freude oder Sorge zusammentraten, wie vom Schauer dessen, was kommen sollte, angehaucht, spielte das Orchester ungestört weiter. Der Marsch der Jakobiner von 1793 tönte drein in die Bewegung der französischen Republik von 1848. Wir aber, eine Trias von Freunden, begaben uns jubelnd in die fürs Nachtmahl hergerichteten Räume. Als gäbe es keine Polizei mehr, toastierten wir auf die Republik, die Volksfreiheit und eine Bewegung, von der wir einen Anstoß auf die ganze übrige Welt und vor allem andern die staatliche Einheit aller Deutschen erwarteten. Der Morgen tagte bereits, als wir den Heimweg antraten. Welthistorische Ereignisse gleichen einer Kraft, welche das ruhige Gleichgewicht einer flüssigen Masse stört: die Fortpflanzung der Bewegung bis in die entferntesten Teilchen derselben geht überraschend schnell vor sich und ist mitunter von fast komischer Wirkung. Ich hatte den großen Kostümball kaum ausgeschlafen, als ein reichgekleideter Bedienter bei mir eintrat und mir ein Billet überreichte, das mich in den schmeichelhaftesten Ausdrücken einlud, heute beim Grafen D... den Tee zu trinken. Es ist nun immer hübsch, wenn der Mensch von sich sagen kann, er habe einen Grafen kennengelernt. Wenn man den ungeheuren Abgrund in Betracht zieht, welcher zwischen den Sprossen des wahren Adels und den Nachkommen der Hörigen gähnt, ein Abgrund, über welchen eigentlich weder Talent noch Kenntnisse noch wirkliche Verdienste eine Brücke zu schlagen vermögen, so darf man immerhin darauf stolz sein, wenn ein höheres, blaublütiges Wesen die Bekanntschaft eines einfachen Erdensohns zu machen wünscht. – Ich nahm die Einladung an. Der Graf war aber auch eine stadtbekannte Persönlichkeit. Einem uralten Geschlechte entsprossen, Besitzer mehrerer großer Herrschaften und Güter, hätte er sich wie die übrigen seines Standes ganz von den bürgerlichen Menschenkindern isolieren können, aber er mochte das nicht, er war nun einmal, um mit Aristoteles zu sprechen, ein ???, ein politisches Geschöpf. Mitglied des ständischen Landtages, einer Korporation, die damals zu gewissen Zeiten mit einem roten Fracke bekleidet in einem großen Saal zu erscheinen, dort die Anträge der Regierung zu vernehmen und diese zu bejahen hatte, fühlte er den Beruf in sich, wenn jemals in Österreich außer und über den Provinzialvertretungskörpern sich eine zentrale Körperschaft, sei es nun Haus der Pairs oder Staatenhaus genannt, entwickeln sollte, eine noch höhere politische Stellung zu erringen. Als nun so merkwürdige, unerhörte Gewitterschläge von jenseits des Rheins herüberdröhnten, mit Erderschütterungen Hand in Hand gehend, die den ganzen Bestand der alten Gesellschaft in Frage stellten, hatte der Graf als ein Mann, der eine ganze Welt von Rettungsplänen in seinem Kopfe trug, das Bedürfnis gefühlt, diese Rettungsgedanken in einem größeren Kreise zum Vortrag und zur Debatte zu bringen. Diesem Drange dankte ich die Einladung. Schwarz befrackt, in gehörig feierlicher Stimmung betrat ich die vornehmen Räume. Ich sah hier zum ersten Male den böhmischen Geschichtsschreiber Franz Palacky und den Doktor Ladislaus Rieger, zwei Männer, an Jahren ungleich, die später in Böhmen eine so große Rolle spielen sollten. Der erstere war eine hagere Gelehrtengestalt, dessen Gesicht die gelbliche Farbe der Pergamente angenommen hatte, mit denen er sich seit Jahren ausschließlich beschäftigte, der letztere ein interessanter, ja schöner junger Mann von gewinnendem Wesen, brünett, mit feurigen Augen. Ein geistvoller Advokat mit spitzer Feder, Doktor Pinkas, einige Finanzmänner, deren Blick und Bildung über den Comptoirtisch hinausreichten, vervollständigten den Kreis. Auch Moritz Hartmann, vor kurzem aus Leipzig in Prag eingetroffen, war anwesend. Schließlich fehlte es nicht an Statisten. Man sprach von der Flucht Louis Philippes, von der Einsetzung der Republik, von Lamartine und Louis Blanc. Es war klar, daß die Bewegung Frankreichs nicht ohne Einfluß auf die Nachbarländer bleiben könne. Der Graf begann seine Ideen zu entwickeln, und wir erfuhren, wieviel Freiheit er uns gönne. Er war, wenn der Ausdruck gestattet ist, ein liberaler Hochtory, dessen Ideal England gewesen wäre, wenn es dort nicht neben dem Haus der Lords auch ein Haus der Gemeinen gäbe. Nur der Großgrundbesitz verlieh, seiner Auffassung nach, dem Sterblichen politische Rechte. Er erklärte es uns ganz deutlich, wie es sich damit verhalte. Was wir »Staat« nennen, ist ein gewisses Quantum von Quadratmeilen Bodens; natürlich kann nur derjenige Vertreter des Staats sein, der ein paar Quadratmeilen – ja nicht weniger – dieses Bodens besitzt. Daß das Volk, die Menge der vielleicht schon demnächst dem Hunger preisgegebenen Menschen, nicht regieren dürfe, war klar, aber auch der sogenannte Mittelstand war hierzu keineswegs berufen. Sollte der Besitz eines großen Hauses, einer gut eingerichteten Fabrik oder einer gefüllten, feuersicheren Kasse jemanden befähigen, an der Gesetzgebung teilzunehmen? Nimmermehr! Häuser, Fabriken und feuersichere Kassen sind nichts Ursprüngliches; Häuser brennen ab, Fabriken fallieren, Kassen schützen ihren Inhalt wohl vor Feuer und Diebshänden, nicht aber vor Entwertung, nur der Boden, die Erde selbst, ist das Ewige, Fundamentale, Unzerstörbare. Also: Wo kein Grundbesitz, keine Sicherheit, somit keine Garantie guten Verhaltens, keine ruhige Empfänglichkeit für das Große, Schöne, Bleibende. Der Wohlstand wurzelt im großen Grundbesitz, alles übrige ist Flugsand. Auch die Vaterlandsliebe ist nur beim Grundbesitzer zu finden, denn dieser besitzt ja eben Land, einen Teil des Vaterlandes. Kurz, der Grundbesitz war ihm der Acker aller großen Tugenden, in ihm wurzelte die »Gabe der Gesetzgebung« und aller Einsicht in das Wesen des Staatslebens. So sprach der Graf; möge ihn niemand für engherzig oder egoistisch halten, weil er uns eigentlich gar nichts gönnte! Er konnte nicht anders. Sein Sinn ging ins Hohe und Große. Aber welches Vertrauen er doch zur Kraft der Wahrheit hatte! Und was traute er nicht alles seiner Beredsamkeit zu! Keiner von uns allen, an die er seine Worte richtete, war ein Großgrundbesitzer, uns allen mußte er für die Zukunft jede Wirksamkeit absprechen, und dennoch traute er es sich zu, uns zu bekehren. Er war fest überzeugt, alle, die ihn gehört, würden sagen: »Ja, wir sehen es ein, wir sind nicht berufen, ein Parlament zu bilden, denn wenn wir auch Bedürfnisse, Wünsche, Verstand, Ideen haben mögen, wir haben keinen Grundbesitz.« Und wenn dann an einem der nächsten Tage das Volk draußen zusammenträte und spräche: »Ihr habt gesprochen, während alles schwieg, Ihr habt über die Grundlagen eines vernünftigen Verfassungsbaues nachgedacht und sie, so gut ihr konntet, entwickelt, wir wählen euch zu unseren Vertretern« – wir müßten antworten: »Danke, danke, wir müssen Eure Wahl ablehnen! Was man Staat nennt, ist ein Quantum von Quadratmeilen, und keine einzige davon ist unser eigen!« Der Graf hatte sich vom Ständehaus ein stetes Dozieren in parlamentarisch-oratorischer Form angewöhnt, er trug in dieser Art, nur zeitweise von Äußerungen des Bedenkens und kleinen Einwendungen unterbrochen, die Grundzüge seines Systems vor. Der schmetternde Ton, mit welchem er das Wort Grundbesitz! Grundbesitz! unseren Gemütern einprägte, klingt mir noch immer in den Ohren! Als der Vortrag des Grafen über die Befähigung zur Gesetzgebung zu Ende war, löste sich die Gesellschaft in Gruppen auf. Riegers bedeutende Persönlichkeit machte auf mich den freundlichsten Eindruck. Palacky trat heran und sagte mir viel Schmeichelhaftes über meinen »Ziska«, es war kein ungewichtiges Lob, wenn dieser spezielle Kenner sagte, daß ich die historische Seite der hussitischen Bewegung mit richtigem Instinkt gezeichnet. Er habe das Gedicht daraufhin geprüft und könne sich dahin äußern, daß nirgendwo ein wesentlicher Verstoß gegen die Geschichte vorkomme. Er selbst war eben mit der Durcharbeitung der Hussitenzeit beschäftigt; es ist dieser Teil seines großen Geschichtswerkes zehn Jahre später erschienen. Es war um diese Zeit die sogenannte soziale Frage stark an der Tagesordnung; auch auf diesem Terrain hatte der Graf seine reformatorischen Pläne. Während ein Fisch in einer vortrefflichen Mayonnaise serviert wurde, entwickelte er uns den Plan einer eigentümlichen Bank, die keine geringere Wirkung haben sollte, als rasch nach ihrer Einführung der Armut auf der Welt ein Ende zu machen. Ihre Wirkung war einem artesischen Brunnen zu vergleichen, der in einer Wüste gegraben wird. Ringsherum bildet sich ein exotischer Pflanzenwuchs, durch dessen Absterben entsteht ein üppiger Pflanzenboden, und ehe man sich's versieht, ist eine Oase da. Damit war allen Proletariern geholfen. Es wäre zu wünschen, daß andere sich gemerkt hätten, wie diese Bank organisiert gewesen, ich erinnere mich nur, daß trotz allen Respekts vor der Autorität des Vortragenden die größten Zweifel an ihrer Möglichkeit laut wurden. Nur einem einzigen, einem quieszierten Großindustriellen, waren alle Absichten des Grafen klar. Er erkannte in dieser Bank die einzige Lösung der sozialen Frage und erbot sich, wenn der Herr Graf Finanzminister geworden, ihr als Direktor vorzustehen. Dieses Gesuch wurde ihm gewährt. Gelangweilt und den Kopf voll ganz anderer Gedanken, war ich während dieser Vorträge und indes noch allerlei Zugaben zum Tee serviert wurden, in einer Ecke des Kanapees sitzen geblieben, ich fühlte, daß mich die ganze Sache nichts anging. Ich war ja weder Grundbesitzer noch Proletarier, mir konnte nicht geholfen werden. Ich sehnte mich nach einer Zigarre. Und, als habe mein Wunsch magnetische Gewalt, schritt der Graf, der eben zu Ende gesprochen, auf ein Stufengestell zu, von dem er ein unscheinbares Kästchen herabholte, nahm es unter den Arm und begann in feierlich streng oratorischer Form und, wie er es gewohnt war, in österreichischem Kavalierdeutsch folgendermaßen: »Wir haben uns soeben, meine Herren, ziemlich eingehend mit den Prolettariern beschäftigt« (der Graf hatte eine eigentümliche Art, die Worte hervorzustoßen und die Konsonanten, besonders die ts, fs und s zu verdoppeln, wenn nicht zu verdreifachen). Hier, meine Herren, erlaube ich mir nun, Ihnen eine Zigarre anzubieten, die, von mancher Seite heftig angefeindet und mißachtet, unter einem ungerechten Drucke seufzt und als der Prolettarier der österreichischen Zigarren bezeichnet werden kann. Meine Herren, ich rede von der Kreuzer-Zigarre und stehe keinen Augenblick an, das Vorurteil, das auf ihr lastet, als ein ungerechtfertigtes zu bezeichnen. Meine Herren, die Kreuzer-Zigarre ist besser als ihr Ruf. Unsere Regierung, von der es nicht zu leugnen ist, daß sie sich ein offenes Auge wenigstens für die matteriellen Bedürfnisse, Anliegen und Interessen ihrer Untertanen zu bewahren gewußt hat, diese Regierung, sage ich, hat es nie außer acht gelassen, uns in richtiger Erkenntnis der volkswirtschaftlichen Wichtigkeit des Gegenstandes ein in der Tat brauchbares Rauchmatterial zu liefern. Meine Herren, ich behaupte keck, daß dieser Prolettarier unserer Regie sich mit den besseren Produkten aus den Fabriken der Hansestädte messen kann! Reif sein ist alles, sagt Hamlet, und von dieser Zigarre« – er nahm eine in die Hand, zeigte sie und ließ sie wieder fallen – »sage ich nur: Sie muß abgelagert (er wollte sagen: abgelegen) sein. Meine Herren, es gilt die Rehabilitation eines ungerecht zurückgesetzten, echt österreichischen Produktes – der Kreuzer-Zigarre! Greifen Sie zu!« Dieser schöne, von oratorischer Wärme durchglühte Erguß des Grafen war zu eindringlich, als daß nicht viele von uns eine eingewurzelte Abneigung überwunden hätten. Selbst mehrere Zigarrenfeinschmecker machten gute Miene und versorgten sich aus dem bescheidenen Kästchen; wir taten es um so mehr, als wir gewiß waren, den Grafen uns nachfolgen zu sehen. Um so außerordentlicher war es, als dieser nach beendigter Austeilung mit größter Ruhe und wahrhaft souveräner Kaltblütigkeit in die Brusttasche griff, ein Etui herauszog, es öffnete, daraus eine Havanna, welche mit Recht den Namen einer königlichen, einer Regalia, führte, nahm und diese mit der vollendeten Ruhe eines Kavaliers an der nächsten Wachskerze anzündete. Diese kaltblütige Tat überraschte alle, aber niemand äußerte eine Bemerkung. Von mir weiß ich nur, daß ich mit nachdauernder Bewunderung diese Havanna betrachtete, als ob etwas Ungewöhnliches an ihr sei, dann aber den verruchten Glimmstengel, den ich dem unscheinbaren Kästchen entnommen, eiligst wegwarf. Ein paar Wochen vergingen, bis ich der erneuerten Einladung des Grafen, in seiner Soirée zu erscheinen, wieder Folge leistete. Die Geschichte mit der Zigarre ging mir nicht aus dem Kopfe. Heftigeren Gemütes als heutzutage, machte mich jene bewußte Zigarre so grimmig, daß ich den Grafen gar nicht wieder sehen mochte. Wie sehr war ich im Unrecht! War er nicht einer jener Landstände, die einen roten Frack für unentbehrlich zur Gesetzgebung hielten? War es denn nicht nur im Sinne jener »organischen Gliederung der Gesellschaft«, die er immer empfahl, gedacht, wenn er uns etwas anderes zuwies, als er selbst rauchte? Sollte er denn wirklich gar nichts vor uns voraus haben? ... Indes waren die Ereignisse ungestüm vorwärtsgeschritten. Als ich mich wieder bei dem Grafen sehen ließ, fand ich diesen tief verstimmt. Er ließ die Berechtigung einer Revolution nur insofern gelten, daß sie ihm und seinen Standesgenossen zu einer lebenslänglichen Pairswürde verhelfen solle – doch nicht darüber hinaus. Er sah die Dinge im trübsten Lichte und weissagte Anarchie. Rings verlangte die Welt konstituierende Versammlungen. Was aber konnten Versammlungen leisten, bei deren Wahl eben das Moment, das einzige zur Gesetzgebung befähigende, das Moment des Grundbesitzes, nicht berücksichtigt werden sollte? Und nachdem er nun noch über einen beliebten Gegenstand, die organische Gliederung der Stände im Staate, gesprochen und insgesamt »patriotische Selbstgenügsamkeit« empfohlen hatte, welche nichts Fremdes kopiert, keinen Schwerpunkt draußen sucht, weder fremden Beifall noch fremde Hilfe beansprucht und ausschließlich auf der Basis eigenster Interessen steht, nahm er wieder das bewußte Kästchen unter den Arm und begann: »Wir haben soeben, meine Herren, von der patriotischen Selbstgenügsamkeit gesprochen. Diese patriotische Begnügsamkeit, meine Herren, betätigen wir nicht nur, wenn wir von Frankfurt nichts wissen wollen, sondern auch, indem wir, hinwegsehend von überseeischen Produkten, zu unserem einheimischen Rauchmaterial zurückgreifen usw.« Nun ging der Spruch zu Ehren der Kreuzerzigarre in ruhigem Flusse weiter. Indessen hatte der Streich mit der echten Havanna die Gemüter so aufgerüttelt, daß jetzt, wie ich sah, nur wenige zugriffen. Palacky behauptete, daß er nicht rauche, Rieger, daß er etwas Halsweh habe, Herr v. Lämmel das Erstaunlichste: daß er selbst derlei Zigarren bei sich führe! Ich aber machte mich eines furchtbaren Vergehens schuldig, indem ich, meine Zigarrentasche hervorziehend, mit einer frevelhaften Kühnheit erwiderte, daß sich meiner Meinung nach das Recht, eine gute Zigarre zu rauchen, nicht an den Grundbesitz knüpfe. »Ich mache es«, sagte ich, »wie Sie, Herr Graf, und rauche etwas Importiertes.« Und da mir ein Blick auf die Pendeluhr eine vorgerückte Stunde wies, nahm ich von der nahen Fensternische den Hut und wandelte fort, um nicht mehr zu erscheinen.   Der Sturm, der in Frankreich die Julimonarchie niedergerissen, war indessen über den Rhein gegangen. Die Rufe: Deutsches Parlament, Zentralgewalt, wurden immer lauter und dringlicher. Auch in Prag steigerte sich die Aufregung. Eine schwüle, dumpfe Luft lag über der hunderttürmigen Stadt, es gärte in allen Kreisen. Am elften März war der Aufruf zu einer Bürgerversammlung im Wenzelsbade ergangen. Ihr nächster Veranlasser war Peter Faster, seines Zeichens ein Gastwirt, ein wackerer Mann von geringem Talent, aber kräftiger Art, einer von jenen, die, wo es nottut, vorangehen, während die übrigen unentschlossen zaudern. Er trug im eigentlichen Sinne des Wortes seine Haut, die allerdings kein feiner Saffian war, zu Markte: denn eine solche Versammlung war zu jener Zeit höchst ungesetzlich; Metternich saß ja noch fest am Ruder. Wirklich fanden sich mehrere hundert Personen ein, einige energische Redner entwickelten kurz die Sachlage. Man stellte ein »Was wir wollen« auf: elf Artikel, elf Forderungen, deren weitere Entwicklung einer demnächst einzuberufenden Volksvertretung anheimgestellt werden sollte. Ein komischer Zug darf dabei nicht in Vergessenheit kommen. Da keine Druckerei sich mit der Publikation dieser elf Punkte befaßt hätte, mußte man ihre Verbreitung lediglich wie in alter Zeit durch geschriebene Zettel erzielen. Da man nun rasch viele Schreiber brauchte, eilte Dr. Johannes Spielmann, ein Genosse unseres Kreises, in die Irrenanstalt, wo er Sekundärarzt war, und ließ die Forderungen durch seine Pflegebefohlenen kopieren. So waren es Narren, welche sich um die vernünftige Klärung der Köpfe verdient machten. Auch von Wien aus waren Reformen angekündigt, doch ohne daß man über den Umfang oder die Richtung derselben sich irgendeine klare Vorstellung hätte machen können. Da kamen die Nachrichten von den Vorgängen am denkwürdigen 13. März. An diesem Tage hatten die niederösterreichischen Landstände zusammentreten sollen. Da kam ein Zug heran von Studenten und Bürgern: die Stände sollten ein Gesuch um Preßfreiheit und Reformen aller Art dem Kaiser vortragen. Die Massenhaftigkeit des Zuges, der drohende Charakter desselben, dabei der blutige Konflikt und die gefallenen Opfer waren von einer Wirkung, die mit der Sache selbst in gar keinem Verhältnis zu stehen schien. Darauf der Sturz Metternichs – Aufhebung der Zensur – Verleihung einer Konstitution – Volksvertretung: es regnete Wunder vom politischen Himmel, zahlreicher als Sternschnuppen in einer Septembernacht. Gewöhnlich wird behauptet, die Revolution von 1848 sei etwas ganz Unverabredetes, Ungeplantes, etwas ganz Spontanes gewesen, ein Werk der Zufälligkeit, in Paris sowohl wie anderswo. War dies wirklich so? Freilich waren die Brandstoffe allenthalben angehäuft und lagen in allen Gemütern, gab es aber nicht auch Personen, dazu ausersehen, die Lunte zur verabredeten Stunde anzulegen? Man erinnert sich vielleicht noch jenes Freundes, der kurz vor Weihnachten bei seiner Abreise nach Wien uns den Eintritt großer, das Völkergeschick umändernder Ereignisse versprochen hatte. Eben dieser, der junge Westfale Dr. Schütte, hatte die Sturmpetition vom 13. März organisiert und war ihr Führer gewesen! Hatte er vor uns gewußt, was in Paris geschehen würde? Gab es geheime Gesellschaften und war er Mitglied einer solchen? Hatte er den Posten in Wien wie ein zur Brückensprengung beorderter Soldat bezogen? Mir war es, als habe er, durch Eide gebunden, uns nicht in das Geheimnis seiner Verbindungen einweihen dürfen und es bei Andeutungen bewenden lassen. Ich überlasse es den Forschern, hierüber etwas Licht zu verbreiten. Ein Steinchen hatte die Lawine ins Rollen gebracht, nun ging es im Sturmlauf vorwärts. Die Nachrichten verbreiteten sich blitzschnell, der Altstädter Ring bedeckte sich mit Gruppen, die Menschenmenge wogte in den Straßen. Kein Soldat, kein Polizeimann ließ sich sehen, die Behörden, klug oder voll Furcht, ließen alles gewähren. Vorerst war alles Freude, Jubel. Es freute sich jeder, dem dereinst die unwürdigen Zustände unter Metternich die Schamröte ins Gesicht getrieben; jeder, der von Hausdurchsuchungen, Denunziationen, Paßplackereien zu leiden gehabt. Die Studenten waren die glücklichsten von allen, denn sie glaubten sich als Kommilitonen der Wiener einen Teil am Umschwunge beimessen zu dürfen. Sie hatten das Schlagwort: Lehr- und Lernfreiheit. Fortan sollte ihnen der Besuch deutscher Universitäten gestattet sein, sie sollten ihre Verbindungen, ihre Mützen, ihren Komment haben. Sie beriefen eine Versammlung und verabredeten eine Totenfeier für die in Wien Gefallenen. Der Bürgermeister erschien in ihrer Mitte, und Uffo Horn, ein alter Studio und Poet, schwenkte in der ehrwürdigen Aula die alte Schwedenfahne der Prager Studenten von 1639. Es freuten sich die Wirte, denn so viele Gäste hatten ihre Lokale nie gesehen, bis tief in die Nacht hinein; es freuten sich die Buchhändler: es gab keine Zensur mehr, und alle bisher verbotenen Bücher fanden rasch ihre Käufer. Neue Zeitungen entstanden über Nacht und wurden ohne Zensur gedruckt, neue Politiker und Publizisten schossen plötzlich empor wie junge Spargel. Nun aber kam das Gefühl, daß alle diese Errungenschaften nur eben abgerungen seien und mit den Waffen in der Hand verteidigt werden müßten. Es bildeten sich Legionen, man zog zu den Zeughäusern, viertausend Gewehre wurden verteilt. Die Studenten traten zusammen, hielten Sitzungen über Sitzungen, alles wollte Waffen haben und sich in Waffen üben: die jungen Leute exerzierten von nun an Tag und Nacht in den weiten Höfen des Clementinums. Verwundert sahen die alten schwarzen, festungsartigen Mauern des Prager Jesuitenkollegiums auf die Scharen hinunter, die sich beim Schein der Fackeln militärisch übten. Und wieder gab es unheimliche Tage, wo sich die Massen stumm drängten und ein besorgtes Flüstern durch die Gruppen ging. Der Vorfrühling brachte seine eiskalten Stürme, und der Himmel hing tief und schwer herab, und man sprach davon, daß sich große Militärmassen in der Umgebung Prags sammeln, so daß mancher Bauer achtzehn bis zwanzig Mann Einquartierung im Hause habe. Und die Besitzenden munkelten vom beutegierigen Proletariat und weissagten Übles. Und die Bürger, die Waffen trugen, schlossen die Stadttore und ließen nur die Seitentüren offen für die Fußgänger. Die Studenten aber waren in einer Stimmung, daß sie am liebsten gleich gegen feindliche Batterien geführt werden wollten. So kam das Ende des Monats heran, und warme Apriltage brachten wieder Sonnenschein und bessere Stimmung. Für den zehnten des Monats war abermals eine Bürgerversammlung im Garten des Wenzelsbades angekündigt, sie war von denselben Männern einberufen, welche die erste veranstaltet hatten. Ich schlenderte, mich nicht genau an die Eröffnungsstunde haltend, die eine ziemlich frühe war, hinaus und traf die Verhandlungen schon in vollem Gange. Eine Menge von Tausenden stand Kopf an Kopf auf dem freien Platze vor dem Gebäude. Vom Balkon desselben sprach Hawlitschek, der tüchtigste Journalist und Volksschriftsteller, den die Böhmen je gehabt. Besser als er traf keiner den populären Ton, er besaß den trockenen, kaustischen Humor, den der Böhme so sehr liebt, dabei ein wild aufloderndes Feuer. Ich konnte, was er in feierlicher Rede entwickelte, bei meiner mangelhaften Kenntnis der böhmischen Sprache nur halb und halb verstehen, soviel entnahm ich, daß eine Versammlung von Vertrauensmännern gewählt werden solle, um die im neuen Landtage vorkommenden Verfassungsgesetze zur Beschlußfassung vorzubereiten. Es müßte ein Zentralorgan gebildet werden, um Ordnung zu schaffen und die Forderungen der Nation vorbereitend durchzuführen. Die versammelte Menge war, wie die lauten Zurufe bezeugten, damit einverstanden. Das Wenzelsbad ist ein Haus mit Bädern, welche von einer kühlen Felsenquelle gespeist werden; an schönen Sommertagen pflegen Gartenkonzerte dort stattzufinden. Ich war den gewundenen Fußsteig entlanggegangen, hatte mich in eine Laube gesetzt, zog die Korrekturbogen eines »Märzgedichts« aus der Tasche und ging an die Durchsicht desselben. Da hörte ich den Redner die Namen jener nennen, die nach bester Überzeugung der bisherigen Leiter der Bewegung als Vertrauensmänner zu wählen seien. Es waren die Namen des seit dem 11. März bestehenden Bürgerkomitees und einige neue dabei. Unter diesen Namen hörte ich auch den meinigen. Der Zuruf der Menge gab dem Wahlantrag seine Sanktion, und so sah ich mich, der ich als Spaziergänger ins Wenzelsbad gekommen war, plötzlich in ein Mitglied des böhmischen Nationalausschusses verwandelt. Nun hieß es, hinüber auf die Kleinseite! Es galt, den Statthalter, den Oberstburggrafen Graf Stadion, von den Beschlüssen des Volkes in Kenntnis zu setzen. Die Nachricht des Vorgefallenen hatte sich indes weiter und weiter verbreitet. Als wir Gewählten aus dem Garten heraustraten, fanden wir in den Straßen ein dichtes Gedränge. Bürgergarden scharten sich um uns und gaben uns das Geleit durch die Stadt, diese fuhren, jene gingen; in einer Stunde hatten wir uns im Statthaltergebäude einzufinden. Es war eine wunderliche Szene, als der Statthalter vor uns trat. Er war ein hochgewachsener Aristokrat in den mittleren Jahren, eine elegante, fast geckenhafte Erscheinung von englischem Zuschnitt. Er hatte seine Toilette gemacht, auf seinem wohlgeformten Gesichtsvorsprung wiegte sich ein Nasenklemmer am breiten schwarzen Bande. Es freute ihn ungemein, uns zu sehen. Männer, die das Vertrauen des Volks genießen – ja, das wollte er betonen – es freute ihn – es war nicht zuviel gesagt, eher zuwenig – dieser Kreis – es war ein ehrenwerter Kreis tüchtiger Männer, bewährter Namen. Er – einesteils im Dienste der Regierung stehend, andererseits die Sache des Vaterlandes vor Augen – Aber seinen rednerischen Erguß, der ihn, die Götter wissen, wohin geführt hätte, schnitt in diesem Augenblick Peter Faster mit barbarischer Derbheit ab. »Herr Graf«, sagte er barsch, wie wenn er zu einem seiner Bräuknechte rede, »wir sind nicht hierhergekommen, Phrasen zu dreschen. Wir haben lange genug Phrasen gehört. Die Zeit der Phrasen ist vorüber. Es ist Ihnen nicht zu verdenken, wenn Sie uns zum Teufel wünschen, aber wir sind nun einmal da. Es ist kurz so: wir sind vom Volke gewählt und haben den Auftrag übernommen, die Vorlagen für eine künftige, vorn ganzen Lande gewählte Volksrepräsentation auszuarbeiten; denn es muß alles schnell gehen. Überdies werden wir Maßregeln treffen, wie sie die Zeit erheischt.« Dem Grafen war bei dieser Anrede das Pince-nez wie schreckbetäubt von der Nase gefallen. In diesem Tone hatte ihn gewiß noch niemand angefahren. Er antwortete, mühsam nach Fassung ringend, daß er alles billige – das heißt, im Prinzip. Er habe selbst das Bedürfnis gefühlt – die schwere Verantwortlichkeit der Lage – mit andern zu teilen. – Er würde die Tatsache über die Wahl nach Wien berichten – er lade uns ein, in den Konferenzsaal zu treten – um über unser Sitzungslokal zu beraten – einen Beschluß zu fassen ... Wir traten in ein größeres Zimmer und nahmen um einen großen, mit grünem Tuch ausgeschlagenen Tisch, auf dem viele Tintenfässer standen, Platz. Wir befanden uns im Synedrium der Statthalterbeiräte. Der Graf, der an der Spitze des grünen Tisches Platz genommen hatte, war während der nun folgenden Debatte wie geistesabwesend. Er mochte sich seinen Mangel an Fassung vorwerfen, er mochte an Auswege denken. Was alles, während wir berieten, ihm der Zwicker zu tun gab, bleibt mir ewig unvergeßlich. Bald sah er ihn mit staatsmännischem Ernste an, bald zog er ein Foulard hervor, ihn zu reinigen, bald setzte er ihn mit gedankenvoller Würde auf, bald ließ er ihn wieder fallen. In seiner Verlegenheit hielt er ihn mehrmals geschlossen in die Nähe der Nase, eine nervöse Erregung ließ ihn einen Druck auf die Feder tun, der Nasenklemmer schnappte auf und versetzte ihm einen heftigen Nasenstüber. Und über den erlebten kleinen Schreck milde lächelnd, blickte der Graf im Kreise umher. Es wurde festgestellt, daß wir vorderhand unsere Sitzungen im Gewerbeverein abhalten und vor allem die Verhältnisse der Grundentlastung zur Behandlung bringen sollten, da die Zustände der arbeitenden Landbevölkerung vor allem Abhilfe forderten. Noch einmal, als der Graf Renitenz zeigte, wandte Faster das derbe Mittel gewaltsamer Einschüchterung an, dann verließen wir das Statthaltereigebäude. Als wir auf die Straße hinaustraten, sahen wir alle Straßen und Plätze mit Menschen bedeckt. Zurufe schollen uns entgegen, aus unzähligen Fenstern wurden weiße Tüchlein geschwenkt, die Bürgerwehr fiel mit Kittls Marschmusik ein. Jetzt erst kam mir in den Sinn, daß ich seit der Frühe nichts gegessen, daß es jetzt etwa fünf Uhr nachmittags sei und daß es geraten wäre, nach Hause zu gehen.   Der Nationalausschuß war zusammengetreten und hielt zuerst im Gewerbeverein auf der Altstadt, sodann im Kameralzahlamt auf der Kleinseite seine Sitzungen. Sie waren endlos. Der Himmel hatte den Mund mehrerer Mitglieder mit unendlicher Redegabe gesegnet, und was gab es, worüber nicht verhandelt worden wäre! Vor allem schienen die Ansprüche des Landvolks auf Abstellung der Robot und Aufhebung der bäuerlichen Lasten dringend, denn Stürme drohten auf dem flachen Lande. Aber noch, ehe es zur Debatte kam, interpellierte der oder jener den Präsidenten, was man denn zur Durchführung der im Prinzip angenommenen Volksbewaffnung zu tun gesonnen sei; ein zweiter hielt den Entwurf einer Kommunalverfassung für Stadt- und Landgemeinden für dringender als alles übrige; ein dritter verlor sich in einer Abhandlung über die Notwendigkeit verantwortlicher Minister. Es brach ein Schwall von Dingen über uns herein; die Sitzungen, die morgens 8 Uhr begannen, waren noch bei dunkelndem Abend nicht zu Ende; und wenn sie vorüber, sollte noch in den einzelnen Sektionen gearbeitet werden. Indessen organisierte die engere tschechische Partei sich rasch und bildete eine Legion, welche sich altböhmisch kostümierte und ein böhmisches Kommando bei sich einführte. Ein kleines putziges Männchen mit einem wilden Gesicht, das ein riesiger Schnauzbart in zwei Hälften teilte, Baron Villani, war Chef dieser Schar; auch unser Freund Lumir, dem Leser vom Maskenball her in Erinnerung, spielte dabei eine Rolle. Die Sprachenfrage hatte uns bisher eigentlich noch nicht gestört. Sie war nur insoweit ventiliert worden, als man die Gleichstellung der beiden Landessprachen in Schule und Amt verlangte, was billig erschien. Im übrigen war der Spalt zwischen deutscher und slawischer Nationalität bisher verdeckt und unausgesprochen verblieben. Aber so sollte es nicht lange dauern. Die Deutschen sahen in Frankfurt Anstalten im Werden zum Aufbau eines neuen deutschen Reiches und wollten diesem angehören. Nicht am Erz- und Fichtelgebirge sollte die Grenze ihrer Heimat sein. Nachdem sie so lange von der höheren Kultur und Freiheit Deutschlands durch unerbittliche Schranken getrennt gewesen, ersehnten sie doppelt den Anschluß an Deutschland. Die Wechselwirkung mit Deutschland schien ihnen ein Bedürfnis. Die Böhmen dagegen perhorreszierten die Unterordnung irgendeines österreichischen Staatsteils unter einer deutschen Zentralgewalt und hofften sogar, wenn Österreich sich aus dem absolutistisch regierten Bundesstaat, der er stets gewesen, in einem mehr zentralisierten verwandle, die Suprematie in diesem neuen Staate zu gewinnen. Allen diesen Gedanken gab Palacky einen herben und scharfen Ausdruck, als der Fünfzigerausschuß auf den sonderbaren Gedanken kam, ihn aufzufordern, der Versammlung deutscher Verfassungsfreunde beizutreten, welche ein deutsches Parlament vorbereiten wollten. Er antwortete in verletzendem Tone, das Verlangen, daß sich das böhmische Volk mit dem deutschen verbinde, sei eine jeder historischen Basis ermangelnde Zumutung. Böhmen trete einer Versammlung nicht bei, welche Projekte in Ausführung bringen wollte, darauf berechnet, Österreich zu schwächen, übrigens sei eine Reorganisation Deutschlands auf dem eingeschlagenen Wege unausführbar. Dieser Brief machte das größte Aufsehen und wurde das Manifest einer Partei. Es schien mir nötig, daß aus Prag selbst eine deutsche Antwort auf diesen Brief erfolge, und so ungeschult meine Feder auch auf solchem Gebiete war, ich hatte schon am andern Tage eine Antwort. Das »Constitutionelle Blatt für Böhmen«, eine neugegründete Zeitung im großen Stile, das Organ der Deutschen, erwies mir die Ehre, diese Replik an hervorragender Stelle zu drucken. Indes spitzten sich die Meinungen auf beiden Seiten zu, die Stellung der Parteien wurde kriegerisch. Die Wahlen für Frankfurt waren ausgeschrieben worden, man dachte in Wien, es stehe eine Kaiserkrone für Österreich in Aussicht, und gab den Kreisämtern die Ordre, die Wahlen vollziehen zu lassen. Der Nationalausschuß brachte die Sache zur Erörterung; eine übergroße Majorität verwarf jeden Gedanken an Frankfurt, Graf Stadion mußte die von Wien aus erlassene Kundmachung unterdrücken. Indes begaben sich zwei Deputationen nach Wien, eine deutsche, die Wahlen zu verlangen, eine böhmische, die Wahlen untersagen zu lassen. Sie trafen sich zur selben Stunde im Vorzimmer des Ministers Pillersdorf und sagten sich gegenseitig die bittersten Dinge. Die schließliche ministerielle Antwort konnte nicht unlauterer sein, als sie war: die Beschlüsse des deutschen Parlaments, hieß es, würden gewiß weder der Nationalität noch den Interessen der einzelnen Reiche der österreichischen Monarchie nahetreten. Die österreichische Regierung habe die Pflicht, diese Interessen zu schützen. Österreich habe aber auch als Mitglied des Bundes die bestehenden Verträge zu vollziehen. Es werde kein Staatsbürger gezwungen, sich an den Wahlen zu beteiligen, aber es dürften auch keinem die Mittel entzogen werden, an den Frankfurter Verhandlungen teilzunehmen. In dieser Form, die dem gesunden Menschenverstände Hohn sprach und die Wahlen zur völligen Bedeutungslosigkeit herabdrückte, ging der Erlaß des Ministers an die Kreisämter. Die meisten deutschen Bezirke wählten ohne Verzug, aber wenige Tage darauf kam an jedes Kreisamt ein Paket Schriften, die den Wahlmännern vorgelesen werden sollten: es waren die Akten des Nationalausschusses, in welchen vor dem Anschluß an Deutschland wie vor dem Pakt mit dem Teufel gewarnt und das Abschicken von Deputierten nach Frankfurt Landesverrat genannt wurde. Aus diesen Papieren, die die Statthalterei dem unschuldigen Landvolk zusandte, sollte es erfahren, an welchem Abgrunde es stehe. Indes wurde deutschen Redakteuren gedroht, das Volk werde ihre Pressen zerstören, wenn sie Artikel für den Anschluß brächten. Die Folgen wurden bald sichtbar. Selbst deutsche Kreise wurden irre und verzögerten die Wahl. Anonyme Briefe liefen aus Prag an alle deutschen Wahlkomitees ein: sie wurden von »deutscher Seite« beschworen, harmlose Menschen nicht zu Landesverrätern zu machen. Andere anonyme Zirkulare rieten zu einem »ehrenvollen Rückzug« und Rücknahme der Wahlen, weil durch letztere notwendig Krieg und Anarchie ins Land kommen müsse. Halbtschechische Städte wie Pilsen hatten es auf eine große Demonstration gegen die Wahlen abgesehen: sie ließen diese zuerst in aller Formalität vom Kreisamt ausschreiben und sorgten nun dafür, daß niemand bei den Wahlen erschien. Das war ein großer Triumph, und alle tschechischen Journale rieben sich darob die Hände. Ich war nach den letzterwähnten Vorgängen aus dem Nationalausschuß ausgetreten. Nun hatte ich Ruhe. Ich saß am Abend des vorletzten April auf meinem Zimmer, als drei Herren bei mir eintraten. Es waren zwei Abgeordnete des Frankfurter Vorparlaments, die Herren Kanzler von Wächter und Dr. Schilling; ein Badearzt aus Franzensbad begleitete sie. Die beiden Herren wünschten Auskunft üben den Stand der Dinge in Böhmen. Sie kamen aus einem ruhigen Lande und wollten mir kaum Glauben schenken, als ich die Dinge in dunklen Farben malte. So bereiteten wir uns vor, in den Konviktsaal zu gehen, wo das Prager Komitee für die Frankfurter Wahlen eine Sitzung halten sollte. Am Knopfloch des Franzensbaders fiel mir ein violettes Bändchen auf. Man sah damals österreichische und böhmische Bänder, deutsche und slawische Trikoloren, aber ein solches Band von sanfter Veilchenfarbe hatte ich noch nie gesehen, ich fragte nach dessen Bedeutung. Der Badearzt antwortete nicht ohne Wunde: »Der Egerkreis sendet demnächst eine Adresse an den Kaiser, worin die Trennung des Egerlandes von den übrigen böhmischen Landen verlangt wird. Der Bezirk erscheint nicht in den böhmischen Landesbüchern als Kreis angeführt. Das gibt uns ein volles Recht, unsere Selbständigkeit zu verlangen, mit Anschluß an den deutschen Bund. Dies Violett ist die Landesfarbe des Egerkreises.« Bald darauf traten wir in den Konviktsaal. Die ohnehin düstern Räume boten heute ein noch finstereres Aussehen: das kundigere Auge erkannte leicht, daß in dieser Versammlung der Deutschgesinnten eine mindestens gleiche Anzahl Tschechen eingedrungen sei. Grimm und Hohn lag auf ihren Gesichtern. In einer der mittleren Bankreihen saß Hawlitschek, von einer entschlossenen Garde umgeben. Und kaum hatte der Frankfurter Delegat sich in seiner Ansprache zu einer heißspornigen Äußerung hinreißen lassen, als der Spektakel losging. Hunderte von Pfeifern gellten bald aus dieser, bald aus jener Ecke, bald aus der Höhe, bald aus dem Hintergrunde, einzelne knüttelbewaffnete Gesellen sprangen auf die Bänke und verlangten die Beendigung der Debatte. In weniger als drei Minuten bot der ganze Saal das Bild eines wüsten Handgemenges. Am anderen Tag waren die Frankfurter Abgesandten abgereist, bestürzt, fassungslos darüber, die Dinge soviel schlimmer angetroffen zu haben, als sie sich gedacht. Sie gestanden, daß sich in bezug auf die böhmischen Kreise nichts machen ließe und daß auch die halbdeutschen übel genug daran seien. Sie klagten uns nicht mehr der Halbheit oder der Schwäche an. Indes verwandelte sich Prag immer mehr und mehr. Die stehengebliebene Uhr, welche auf eine längst vergangene Stunde wies, wurde jetzt gewaltsam zurückgerichtet, so daß ein durchreisender Fremder sich gar nicht mehr zurechtgefunden und auf jedem Schritte endlos hätte erstaunen müssen. Wer durch die von Menschen wogenden Straßen wanderte, hörte kaum mehr ein deutsches Wort. Elegante Damen in feinster Toilette, die sich vom Lakai das Gebetbuch nachtragen ließen, radebrechten jetzt böhmisch und hatten doch diese Sprache ihr ganzes Leben lang nur mit ihren Köchinnen gesprochen, welche ihresteils, sooft sie ihren Putz anlegten, deutsch zu radebrechen versucht hatten. Tschechische Proklamationen waren an der Ecke zu lesen, tschechische Schilder wurden über den Kaufgewölben aufgehängt. Und welches Aussehen hatten die Leute! Man hätte sich nach Venedig versetzt glauben können, und zwar in das Venedig der allerbesten Zeit, in den venetianischen Karneval mit schrankenloser Maskenfreiheit. Da zogen Männer in weißen, rotbeschnürten Röcken, ein rotes Kreuz als Abzeichen am Arm, einen silbernen Löwen auf der Brust, und schwitzten geduldig unter grauen Lammfellmützen. Kreuz, Lammfellmütze und Schleppsäbel kennzeichneten sie als Mitglieder der »Swornost«; dort wieder, noch fabelhafter anzusehen, wandelten Repräsentanten ferner, außer aller Verbindung mit der Kulturwelt stehender, aber, wie man es damals nannte, »stammverwandter« Länder. Die einen trugen die Tracht der Drahtbinder, jedoch weiß und bunt verziert, die anderen Röcke von schwarzem Samt und weite Pumphosen; das Streben nach dem Absonderlichen und Antieuropäischen hatte kolossale Dimensionen angenommen. Eine wahrhaft bedauernswerte Figur spielte Peter Faster, den sein plötzliches Berühmtgewordensein schier um den Verstand gebracht hatte; er ging in einem Herzogsmantel von violettem Samt mit einem Hermelinkragen umher. Und während nun die Tschechen behaupteten, der Anschluß an Deutschland gefährde die Souveränität des Kaisers von Österreich, für dessen Machtstellung sie jetzt die zärtlichste Sorge empfanden, gingen sie selber an die Vorbereitung eines sogenannten slawischen Vorparlaments. Zwei Aristokraten mit deutschen Namen, ein Graf Mathias Thun und ein Herr von Neuperg, leiteten die darauf bezüglichen Vorarbeiten. Eins noch machte Prag in diesen Tagen häßlich und unheimlich. Ein recht mittelalterlicher Judenhaß organisierte fast täglich kleinere oder größere Raubzüge gegen die harmlosen Bewohner der Judenstadt. Meine Erinnerung bewahrt als eines der unheimlichsten und widrigsten Bilder eine Judenhetze, der ich am ersten Tage des »Wonnemonats« beiwohnte. Man denke sich die krummen, engen, elenden Gassen des Prager Ghetto mit den schwarzen schmalen Häusern, die Nacht ist beinahe angebrochen, ein eisiger Wind geht stoßweise und peitscht den feinen, aber durchdringenden Regen. Eine wilde Menge staut sich brüllend in der Gasse, es sind meist Buben und betrunkene Kerle, leider sind auch Weiber darunter. Der Pöbel ist in zwei Häuser eingebrochen, die Fenster sind aufgerissen, Möbel und Eigentum wird in die Gasse hinuntergeworfen, und die Menge johlt. Ein Schein von einer schräg gegenüber brennenden Straßenlaterne beleuchtet das Bild. Einer der Plünderer hat sich aufs Fenster gesetzt und reißt seine Witze, die der Pöbel bejubelt. Jetzt schwimmen Millionen Flocken durch die Luft, als gäb's ein Schneegestöber, der Kerl hat Betten aufgeschnitten, die Flaumen wirbeln und tanzen. Was das für ein Spaß ist! Das Gelächter und Gebrüll der Menge durchtönt ein herzzerschneidendes Jammergeschrei. Ist es nur das Jammern um die verlorene Habe? Ist's mehr? Wird auch zum Spaß ein bißchen gemordet? Doch schon gibt's wieder neuen Ulk! Ein Mensch wird aus der Mitte des Getümmels wie ein Kreisel herausgewirbelt. Er wollte sich mit einer gestohlenen Gans unter dem Rocke still davonmachen, und jetzt fallen seine Kameraden mit Knütteln über ihn her. Noch immer das gleichmäßige Wehen der Flocken, das künstliche Schneegestöber, bald aus einem Fenster, bald aus dem anderen, das Gebrüll in der Gasse, das Geschrei im Hause und die Erwartung, bald den roten Hahn auf dem Dache zu sehen. Ziehst Du Dich aus dem Getümmel zurück? Versuchst Du es? Jetzt aus dieser, jetzt aus jener Seitengasse stürzt einer, den man verhöhnt und geneckt, bis er zu laufen angefangen hat, herbei, seine Verfolger hinter ihm, und sucht sich im Gewirr zu salvieren. Wo ist er? Man drängt, man stößt sich, ein Unrechter wird beschuldigt und wehrt sich seiner Haut. – Da vernimmt man Trommelwirbel – es kömmt näher – Militär rückt heran – werden sie schießen? Indes waren die Wahlen für das deutsche Parlament in den deutschen Kreisen vollzogen worden. Die Deputierten, etwa zehn an der Zahl, waren abgereist, und mit eigentümlicher Besorgnis blickte ihnen die deutschgesinnte Bevölkerung nach. In welcher Eigenschaft eigentlich gingen sie ab? Sie waren von einer Minorität im Lande gewählt und wurden von der herrschenden, ungleich zahlreicheren Partei laut verleugnet und verketzert! Würden sie vom Parlament selbst nur als eine berichtende Körperschaft angesehen werden? Wahrlich, sie konnten von den Schwierigkeiten berichten, mit denen sie zu kämpfen gehabt, berichten von der Zweideutigkeit der Regierung, dem Terrorismus, von der Verräterei im eigenen Lager. Wie man aus einer überrumpelten Stadt noch Boten um Rettung ausschickt, so waren sie gegangen! Journalist in der Stadt der Paulskirche Meine Reise führte mich zuvörderst in das romantische Waldgebirge des nordöstlichen Deutsch-Böhmens, nach Niedergrund und Schönlinde, wo ich eine Zeitlang bei Freunden verweilte. Ein leichtes Wägelchen brachte mich nach Löbau, von da ging es auf der Eisenbahn weiter. In Leipzig besuchte ich Arnold Ruge. Der blonde Sohn der Insel Rügen, gleich energisch im Denken wie im Wollen, hatte kürzlich eine täglich erscheinende Zeitung, die »Reform«, gegründet, ich gehörte zu deren Mitarbeitern, das brachte uns rasch zusammen. Ruge stand eben auf dem Punkte, nach Frankfurt abzugehen; Frankfurt war auch mein Ziel, so wurde denn für den anderen Tag gemeinsame Fahrt verabredet. Ich war glücklich, die Reise in solcher Gesellschaft machen zu dürfen. Eben schritten wir miteinander durch das Gewühl von Menschen, das ein schöner Pfingstmontagsmorgen den Bahnhöfen zuführt, auch Jakob Kaufmann, den ich zuletzt in Brüssel gesehen, hatte sich uns angeschlossen, als ein alter Bekannter auf mich zutrat. Es war Dr. Schütte, der Wiener Sturmvogel, den ich seit Dezember vorigen Jahres nicht mehr gesehen hatte. Er hatte eben sein Billet an der Kasse gelöst und stand wieder vor mir, elegant gekleidet, mit dem buschigen Haar, dem wohlgepflegten Schnurrbärtchen, auf dem schwarzen zottigen Filzhut ein rotes Bändchen. »Wohin des Wegs?« – »Nach Frankfurt.« – »Schön; das ist auch mein Ziel. Doch machen wir, meine ich, in Eisenach Halt. Die Studenten wollen ein großartiges Pfingstfest auf der Wartburg feiern.« – »Ich bin gern dabei.« Und da sitzen wir nun im Coupé, Schütte erzählt seine Wiener Erlebnisse, während Stadt um Stadt an uns vorüberfliegt; Ruge horcht zu mit nachdenklicher Miene. Ich wußte wohl, daß der Sturmvogel, seit er Prag verlassen, ein gar bewegtes Leben geführt habe. Jede Woche beinahe brachte uns von ihm weitere Kunde. Er war in Wien Volksredner und Agitator geworden; wozu er wahrlich trefflich befähigt. Seine öffentlichen Reden im Odeon, im Universitätsgebäude, im Klub der »Volksfreunde« übten den merkwürdigsten Zauber auf die Menge. Keiner der Wiener Literaten, Professoren, keiner der Wortführer im literar-politischen Leseverein vermochte es ihm in oratorischer Kunst gleichzutun. Ein herrliches Organ, schöne Gestalt, imponierende Ruhe begünstigten ihn wie kaum einen. Er konnte donnern wie der olympische Jupiter und das alles so glatt in wohlstilisierten Sätzen, wenngleich in einem für österreichische Ohren sehr fremdartig klingenden Dialekte, der kein Sch kannte, nur ein säuselndes Sk. Doch das dauerte nicht lange. Es mochte um den 20. April herum sein, als durch Prag die Kunde lief, Schütte sei, von Polizeikommissären eskortiert, durchgekommen, ohne daß es ihm gestattet worden sei, sich aufzuhalten oder nur mit einem seiner Freunde zu sprechen. Und so war's auch. Er war tags zuvor in seinem Gasthof überfallen, nach dem Kriminalhof geführt und in einen Wagen gesetzt worden, um sodann eiligst über die Grenze geschafft zu werden. Darüber entstand große Aufregung, besonders in Studentenkreisen. Zeitungen mit schwarzen Rändern brachten vorn an der Spitze: »Dr. Schütte gewaltsam aus Wien geschafft.« Es war in der Tat ein Stückchen, das an Sedlnitzkys Zeiten erinnerte. Man schickte eine Deputation zum volkstümlichen Minister Pillersdorf. Die Antwort, die dieser ihr erteilte, war des ältesten Staatsmannes würdig. »Niemand«, sagte er, »beklagt aufrichtiger als ich den Abgang dieses talentvollen jungen Gelehrten. Wir handelten nur in seinem Interesse. Er war nur durch die schleunigste Entfernung vor gewaltsamen Angriffen der entrüsteten Bürger zu schützen.« Von allen diesen kleinen Ereignissen wurde im Coupé geplaudert; indessen legten wir rasch den Weg zurück. Endlich kommen wir ins Thüringer Waldgebiet, nähern uns dem speziell deutschen Zauberkreise. Die Sonne war im Sinken, als wir in Eisenach ankamen. Hier das bunteste Gewühl auf dem Platze, denn an zwölfhundert Studenten sind in das kleine Städtchen eingezogen. Die Mützen und Bänder der Landsmannschaften, die Kittel der Turner geben ein buntes Bild. Hier sind Jenenser in Hemdärmeln mit roten Mützen, dort Freischärler, aus Schleswig-Holstein heimgekehrt; Ruge verteilt unter sie Probeblätter seiner »Reform«. Wiener Studenten – im ganzen sechsundzwanzig – sind in Wallensteinhüten und mit Schleppsäbeln zu sehen. Welche romantischen Burschen! Sie haben ohne kleinliche Frachtgeldbedenken ihre Fahne mitgebracht und werden überall mit Hurra empfangen. Denn sie sind ja schon im Feuer gestanden, was allen übrigen, die Schleswig-Holsteiner ausgenommen, noch nicht zuteil geworden ist. Auch altes Burschenkostüm ist zu sehen. Schöne Gestalten, junge Gesichter: alles steht in Gruppen zusammen. Lieder erklingen, vor allem das Gaudeamus. Der Vers: ubi sunt, qui ante nos? hat eine eigene Wirkung aufs Gemüt am Fuße der Wartburg, aus deren Fenstern verschollene Generationen herabsehen. An dem Fenster eines Hauses zunächst dem »Rautenkranze« erscheint oft eine blasse Frau mit zwei Knaben und blickt ernst hinab auf die Gruppen, die sich auf dem Markt bilden. Es ist – die durch die Februarrevolution vertriebene Schwiegertochter Louis Philippes, die Herzogin von Orleans mit ihren beiden Söhnen, dem Grafen von Paris und dem Herzog von Chartres. Schlecht beraten, unangemeldet irren Schütte und ich lange in der überfüllten Stadt von Haus zu Haus und suchen vergeblich Unterkunft. Es ist spät, wir sind müde. Endlich kommen wir in einer ebenerdigen Stube der Schneiderherberge unter. Noch sehe ich das niedrige Zimmer mit dem roten Ziegelboden vor mir, in welchem ein grün angestrichenes Tischlein, zwei Stühle und zwei Betten mit bunten Überzügen das einzige Mobiliar sind. Wir legen uns nieder, ach, wie hart ist der Strohsack, wie kurz sind die Betten! Einmal ums andere stoßen wir den Kopf gegen die Bettpfosten, sooft wir auch versuchen, das dünne Kissen, so gut es geht, unterzuschieben. Da liegen wir nun und schwatzen, da es noch dazu eine ungewöhnlich helle Mondnacht war, Stunde um Stunde. »Ich muß leider gestehen, daß ich unsere Sache schon für so gut wie verloren halte«, sagte Schütte. »Wenn die Kleinstaaterei, die uns zum Spotte der Welt macht, ausgetilgt, wenn aus Deutschland ein Reich werden sollte, wenn, was deutsch ist an österreichischen Besitzungen, dem übrigen Deutschland zugeführt werden sollte, hätte es im März geschehen müssen. Ja, im März! Da war alles begeistert, man kannte nur ein Ziel, hatte nur einen Wunsch, einen Glauben: das ganze Deutschland soll es sein! Es bedurfte nur einiger Männer von gehöriger Energie, und alle Fürsten wären auf der Flucht gewesen. Die Flamme hätte sich nach allen Seiten verbreitet. Unsere Vorbereitungen waren mangelhaft, unsere Leute unter ihrer Aufgabe. Die Überrumpelung der Gewalthaber war keine genugsam plötzliche, und nun sammeln sie bereits wieder ihre Kräfte. Die Begeisterung ist ein vergängliches Moment: es ist denkbar, daß sie wieder aufflammt, doch – ich weiß es nicht. Ich meinesteils rede noch wie sonst, agitiere, schüre das Feuer nach Kräften, habe die Hand Tag und Nacht am Blasebalg – aber – die Massen sind schon nicht mehr recht im Fluß – wie soll der Guß aus der Form gehen?« »Und Sie erwarten nichts von Frankfurt?« »Gar nichts. Schon vorüber. Das Parlament verzettelt die Zeit. Hält Pfingstferien, du lieber Gott! während jeder Tag zu nutzen wäre. Es sollte eine starke revolutionäre Zentralmacht schaffen, ein Parlamentsheer aufstellen, für tüchtige Geldmittel sorgen – und es debattiert über Grundrechte, während es vielleicht nicht tausend Gulden im Säckel hat. Es ist eigentlich eine Akademie der staatsrechtlichen und politischen Wissenschaften – aber eine höchst verderbliche, da sie die Hoffnungen eines großen Teils der Nation absorbiert und auf eine falsche Fährte führt. Nun beabsichtigt es die Wahl eines Oberhauptes. Wen aber wird es wählen? Einen Fürsten. Der wird aber doch nur die Interessen seiner Standesgenossen vertreten und dafür sorgen, daß alles beim alten bleibe. Deutschland aber bedarf eines bewaffneten Reformators, der kein Bedenken und keine Rücksicht kennt, wo es die Wiederaufrichtung des Vaterlandes gilt. Wo ist er? Aller Herzen rufen nach ihm, wir bereiten ihm die Wege. Aber wo ist er?« Am Morgen des nächsten Tages begaben wir uns in den mit Fahnen, Schlägern und studentischen Abzeichen reich dekorierten Saal der »Erholung«. Phrasenhafte und unfruchtbare Adressen wurden verlesen, nun kamen Debatten über Korpsfragen und den Begriff der akademischen Freiheit. Ach, welche Verwirrung reißt jedesmal ein, wo das Wort Freiheit genannt wird! Ein Moment – und die beiden großen Parteien der damaligen Studentenwelt platzten gegeneinander los. Die »Reformisten« wollten den Unterschied zwischen Studenten und den übrigen Staatsbürgern ausgeglichen wissen, die Landsmannschaften wollten ihn verstärken. Hier Abschaffung der Studentenprivilegien, dort Erneuerung und Verstärkung derselben. Die Delegierten der Reformpartei wollten die akademische Gerichtsbarkeit abgeschafft haben und verlangten absolute Lehr- und Lernfreiheit, die Delegierten der Korps dagegen verlangten die Rückkehr zur alten Zeit, da ein Seniorenkonvent höchste Instanz war und den »Verruf« gegen Philister und gegen Studenten zu schleudern Macht hatte. Es gab ein Chaos von Meinungen, und diesem zu entfliehen, zumal der Tag wunderschön war und grüner Wald durch die Fenster hereinblickte, war es für Nichtstudenten das beste, sich still davonzumachen. Schütte und ich stehlen uns fort und wandern zuerst auf die Wartburg, uns die Lutherstube anzusehen, die dem Reformator während seiner freiwilligen Gefangenschaft angehört, sodann auf den Wate-, eigentlich Wuotansberg, um die Stelle zu grüßen, wo das Wartburgfest von 1817 stattgefunden. Ich weiß noch, wie auf dem Wege dahin mich der Anblick eines Ackermannes am Pfluge sonderbar berührte. Ein Mensch, der, völlig unbekümmert um das Treiben der Zeit, ruhig seine Feldarbeit bestellte, ohne auch nur den Kopf nach uns zu wenden, war mir eine merkwürdige Erscheinung. Es war mir nämlich damals, als ob alle und jede Arbeit liegenbleiben müsse, bis die große politische Arbeit verrichtet sei. Als wir heimkehrten, vernahmen wir, daß die Verhandlungen im Saale der Erholung völlig ohne Resultat geblieben seien. Man hatte Resolutionen fassen und diese der Frankfurter Versammlung vorlegen wollen. Nichts dergleichen war zustande gekommen. Das war demütigend, indes ging nachmittags ein Zug von mindestens tausend Studenten lustig zur Wartburg hinauf, wo ein großer Kommers abgehalten werden sollte. Bunte Trachten, zahlreiche Fahnen; die ganze Prozession zum mons sacer deutscher Nation hatte etwas unendlich Ergreifendes. Verschiedene Musikchöre spielten. Wenn sie schwiegen, ertönten Lieder: eine feste Burg, das Gaudeamus. Im Schloßhof angekommen, lagerte sich alles auf der niedrigen Mauerumfriedung. Andere hatten die Bänke des für nicht allzu viele reichenden Wirtschaftsraums erobert. Fässer kühlen Biers wurden entspundet, es wurde mit vollen Gläsern angeklungen. Dabei sprachen Arnold Ruge und Julius Fröbel. Auch Schütte trat auf und sprach fließend, vortrefflich, wiewohl nicht zu seinem eigentlichen Publikum. Er hatte, der Besitzer des wunderbarsten Gedächtnisses, mein in Prag geschriebenes »Märzlied«, Gott weiß durch welchen mnemotechnischen Prozeß, behalten. Kaum sah er mit seinen Falkenauge, daß ich mich seiner improvisierten Rednerbühne näherte, als er, mich seltsam anlächelnd, seine oratorischen Brücken schlug, um seine Rede mit meinen Strophen zu beschließen. Nie habe ich Verse von mir besser vortragen hören. Tolle Possen hatten den Abend beschlossen. In einer Rüstung von Pappendeckel und Goldpapier, eine groteske Krone auf dem Kopfe war der »deutsche Kaiser« aufgetreten inmitten seiner wunderlich ausstaffierten sieben Kurfürsten und hatte eine Ansprache an den deutschen Reichstag in Knüttelversen gehalten. Da aber brachen Republikaner ein und verjagten Kaiser und Fürsten. Ein wirres Durcheinander folgte. Als die Sterne am sommerlichen Himmel hervortraten, ging der Zug in die Stadt zurück. Nun wurde an fünfzig Orten flott getafelt. Aus den Fenstern des Hauses, das die Herzogin von Orleans bewohnte, glänzte das Licht angezündeter Kronleuchter. Man meinte, daß die da oben noch zu übermütig seien und ließ unter den hellen Fenstern die Republik leben. Spät kam ich in meine Herberge zurück. Am 16. Juni traf ich in Frankfurt ein. Das schönste Sommerwetter stand über der Ebene zwischen Taunus und Rhein; die sonst nichts weniger als geräuschvolle Mainstadt hatte ein lebendiges Aussehen gewonnen, das ihre, wenigstens damals, vorstechend orientalische Physiognomie weniger stark als sonst hervortreten ließ. Eine städtische Feierlichkeit hatte die Bürgergarde zusammenberufen, sie stellte sich in langen Kolonnen auf dem Roßmarkt auf und wurde von den regierenden Bürgermeistern und dem Generalstabe inspiziert. Nun defilierte sie an ihnen in langsamem Paradeschritt vorüber. Peinliche Pflichterfüllung lag auf den Gesichtern der grotesk uniformierten Mannschaft ausgedrückt, und in den Scharen der versammelten Zuschauer fehlte es nicht an Witzen und Spöttereien. Ich kam am Alleeplatz vorbei. Dort hatte vor zwei Jahren Goethe sein Standbild erhalten. Man behauptete, Frankfurts großer Sohn habe früher dem Schauspielhause zugewendet gestanden; aus Abscheu vor der Komödie, die sie dort spielten, habe er sich umgewendet. In der Tat zeigt das Standbild dem nahen (alten) Theater den Rücken. In dieser »freien Stadt« waren jedenfalls die beim Bundestage akkreditierten Gesandten, Attachés und Sekretäre die freiesten Leute gewesen und hatten mehr Rechte genossen als die Bürger selbst. Rasch war alles zur Seite gesprungen, wenn der Wagen einer dieser Herren über das Pflaster rasselte. Nun war der Bundestag schwer bedroht, die Gesandtenequipagen rollten nicht mehr zum Thurn und Taxisschen Palais in der Eschenheimer Straße. Dafür war die Stadt weit lebendiger geworden. Auf den Trottoirs drängten sich Spaziergänger und blieben mit Vorliebe vor den Schaufenstern der Buchhandlungen stehen. Alle Schaufenster derselben waren voll politischer Broschüren, Pamphlete, poetischer Ergüsse, Porträts von Abgeordneten. Da standen denn die Gruppen, studierten die verschiedenen Gesichter und machten ihre Kommentare zu den Persönlichkeiten. Zahllose Karikaturbilder, hier von konservativem, dort von radikalem Gesichtspunkte gezeichnet, gaben Anlaß zur Erheiterung oder Ärger. Der Demokratenkongreß, der eben in Frankfurt tagte, hatte mehrere Tausend neuer Gäste von nah und fern herbeigeführt, die ihre Parteigesinnung schon von weitem sichtbar durch Tracht und Abzeichen kundgaben. Der Vollbart, der schattende Schlapphut, das rote Bändchen im Knopfloch kennzeichneten die Delegierten der Arbeiter- und Turnvereine. Alles strömte dem »Deutschen Hause« zu, in dessen ebenerdigem Saale die Verhandlungen stattfanden. Julius Fröbel und Bayrhofer, Friedrich Kapp und Ludwig Bamberger bildeten das Bureau. Ich ließ die Blicke über die Versammlung schweifen, während mir ein Freund die berühmten Persönlichkeiten nannte. Da saß Ferdinand Freiligrath als Abgeordneter des Düsseldorfer Volksklubs, Otto Lüning als Delegierter des Volksvereins aus Bielefeld, dort Gottfried Kinkel, Zitz aus Mainz, Ludwig Feuerbach aus Bruckberg. Nach einer brillanten Rede Hermann Krieges aus Newyork hatte man eine Pause eintreten lassen. Ich saß im Hofe unter Hunderten bei einem Glase Bier, als plötzlich von vielen Seiten zugleich ein lautes Hallo erscholl. Ein Zufall hatte – ich begreife heute noch nicht wie – eine Persönlichkeit herbeigeführt, die in direktem Gegensatze zu den Anwesenden stand. »Vivat der Erfinder des deutschen Kaisers!« rief eine dröhnende Stimme und hundert Stimmen fielen höhnend ein. Eine hochgewachsene, aber vorwärts geneigte Gestalt mit einem echten Professorenkopf, auf dem ein herber Ernst ausgeprägt war, schritt, durch diese Rufe aufgescheucht und geängstigt, rasch quer über den Hof dem Torweg zu. Es war Dahlmann. Einen Kaiser wünschten sich damals nur Gelehrte und solche, die auf dynastische Zwecke lossteuerten. Der Romantiker auf dem Thron der Hohenzollern hatte die monarchische Idee nicht populär gemacht, allerdings dies auch nicht beabsichtigt. Die Paulskirche hatte einige Tage hindurch Ferien gehalten, nun begann sie wieder ihre Tätigkeit. Ach, die Paulskirche! Mit welcher Verehrung hatten wir in der ersten Zeit aus der Ferne nach ihr ausgeblickt. Unser ganzes Herz war an sie verpfändet. Sie war das Haus des deutschen Volkes, das Haus, aus dessen Schoß die deutsche Einheit hervorgehen sollte. Es schien großartig, den lieben Gott auf eine Zeitlang zu delogieren und an die Stelle des Predigtstuhls die Rednerbühne zu stellen. Es würde, meinten wir, in diesem Hause zum Bruche mit einer schnöden Vergangenheit kommen, eine neue Ära darin proklamiert werden, eine neue Gestaltung Europas daraus hervorgehen. Nun, dieser Glaube war dahin. Es zeigte sich bereits, daß die Versammlung nicht gesonnen sei, der theoretisch proklamierten Souveränität eine reale Unterlage zu geben. Es handelte sich nun, spät genug, um die Schaffung einer Exekutivgewalt, denn ohne Arm und Hand, das sah sie ein, war die Versammlung nichts. Die Linke verlangte einen aus dem Parlamente gewählten, ihr verantwortlichen Vollziehungsausschuß, sie erklärte die Nationalversammlung für souverän. Dies leugnete die Rechte. Ihr war das Parlament nur ein debattierender Körper, der Vorlagen für die Regierungen auszuarbeiten habe, die diese dann nach Belieben annehmen oder ablehnen könnten. Das hieß: die Regierungen sind souverän – und es war auf diesem Standpunkt eigentlich nicht einzusehen, warum der alte Bundestag nicht weiter wirtschaften sollte? Seltsam unklarer Ansicht waren die Zentren. Das rechte Zentrum war vorläufig von der Kaiserfrage abgegangen. Als am 18. Juni ein Herr Braun aus Köslin die Übertragung der provisorischen Zentralgewalt an Preußen beantragte, erscholl von allen Seiten ein so mächtiges Gelächter, daß schließlich der Antragsteller selbst mitlachen mußte. Das rechte Zentrum schlug jetzt ein Provisorium von dreien vor. Die Regierungen sollten diese drei vorschlagen, die Nationalversammlung sie annehmen, das nannte das rechte Zentrum: gemeinschaftlich schaffen. Das linke Zentrum dagegen stellte die beinahe mystisch zu nennende These auf: in der Versammlung seien Nationen und Regierungen zugleich gegenwärtig. Die Versammlung sei souverän, sie dürfe die Zentralgewalt aus ihrer eigenen Machtfülle schaffen, die Regierungen würden sie annehmen. Aus dieser Ansicht ist Heinrich v. Gagerns »kühner Griff« hervorgegangen. Eine Zeit, die wie die unsrige gewohnt ist, alles nach dem Erfolg zu messen, ist geneigt, das Parlament von 1848 geringschätzig abzufertigen, weil es absolut nichts geschaffen, höchstens einen Samen ausgestreut hat, der lange genug vergraben ruhen mußte, um dann wenigstens teilweise wieder aufzugehen. Dennoch ist die Frankfurter Versammlung eine in ihrer Art einzige Erscheinung gewesen. So stürmisch auch seitdem unsere Geschichte war, so wundersame Erscheinungen auftauchten und die Aufmerksamkeit herausgefordert haben – die Frankfurter Versammlung ist denkwürdig geblieben und wird ihren Platz in der Geschichte behalten. Zum ersten Mal, seitdem überhaupt ein Deutschland existiert, saßen hier Vertreter aller Stämme beisammen und hatten die Mission übernommen, aus denselben ein Ganzes zu machen, ein Deutschland zu schaffen. Alle Stände waren in dieser Versammlung vertreten, der Adlige saß neben dem Bürgerlichen, der arme Schlucker neben dem Millionär; Junker, Soldaten, Diplomaten, Literaten und Advokaten bunt durcheinandergewürfelt. Alles, was Deutschland an populären Namen hatte, war da. Die Literatur – das Wort im weitesten Sinne genommen – war die Trägerin der Einheitsidee gewesen, sie hatte das Vielgestaltige als Eines, als eine Nation gefaßt, die Literatur und Wissenschaft hatten die zahlreichsten Vertreter in die Versammlung geschickt, und diese sollten nun für die ideelle Einheit die staatliche Form finden. Sie wählten die unrechten Mittel, sie arbeiteten mit einer unsicheren und ungeschickten Hand, sie täuschten sich über die Reife, die Hingebung und Energie der Massen und sahen zu spät, daß sie es mit einem in sich unklaren, nicht gehörig vorbereiteten, an einer verrotteten Vergangenheit klebenden Volke zu tun hatten, das erst langsam seine Schule durchzumachen hatte. Übrigens läßt sich nur von der kleineren Hälfte der Versammlung Gutes sagen. Wohl umschloß die Paulskirche ausgezeichnete und charaktervolle Persönlichkeiten, das Beste, was das damalige Deutschland an Männern besaß, aber es waren auch genug Leute da, das Werk der Guten zu hindern und alle auf dessen Durchführung zielenden Anstrengungen zu vereiteln. Wollte die Linke das Parlament zu einer wirklichen Macht gestalten, so fanden sich wieder Stimmen genug, um alle auf diesen Zweck hinauslaufenden Anträge zu beseitigen. War somit die Paulskirche einerseits wirklich ein Parlament, so war sie andererseits eine Akademie, in welcher mehr als vierzig vermeintlich Unsterbliche sich wollten reden hören, und auch ein Museum, in dem an greulichen Karikaturen und vertrockneten Mumien kein Mangel war. Aber auch die Linke hatte sich eines allzu großen Werkes, eigentlich eines undurchführbaren unterfangen. Preußen und Österreich waren der Neugestaltung prinzipiell zuwider, die Linke vermaß sich des Gedankens, die Großstaaten zu zerschlagen, in kleinere aufzulösen und das Ganze durch eine Föderation zu verbinden. Sie kam dadurch mit den Staatsangehörigen selbst, welche Großstaat bleiben wollten, in Widerspruch. Vieles, was die Linke in betreff der großen politischen Gestaltung wollte, hat die Zeit realisiert. Es hat sich ein deutscher Nationalstaat gebildet, der auch Schleswig-Holstein umfaßt, Italien ist von der Fremdherrschaft frei. Anderes ist zur Hälfte durchgeführt. Dahin gehört der Dualismus in Österreich, die Personalunion mit Ungarn; jene feste und unmittelbare Hereinziehung Deutsch-Österreichs steht aus oder ist auch für die Folgezeit in Frage. Noch andere Gedanken der Linken, z.B. die Errichtung eines Polenreiches, um Rußland nicht unmittelbar auf dem Leib zu haben, ist von den Staatsmännern völlig aufgegeben worden – ob mit Recht, steht dahin. Im großen und ganzen, kann man sagen, bestand das Parlament aus zwei großen Fraktionen: aus der der Männer, welche ganz und wirklich in der Paulskirche waren, d.h. in ihr, innerhalb der Paulskirche, den Schwerpunkt politischer Tätigkeit sahen und fanden, und aus der Fraktion der Männer, die nur zum Schein darin waren, d.h. den Schwerpunkt der Tätigkeit draußen, in den Hofburgen und Kabinetten sahen und demgemäß den Plan verfolgten, bis diese Kabinette wieder zu Kräften gekommen, durch Verschleppung der Geschäfte und durch Niederschlagen aller vitalen Anträge die Hoffnungen, die das deutsche Volk auf das Parlament gesetzt, allmählich zu reduzieren und schließlich zu vereiteln. Die Politik dieser letzteren war die siegreiche. Wenn es nun gestattet ist, von der Versammlung selbst ein Bild zu geben, wie es sich dem in dem unteren Zuhörerraum Eintretenden darbot, so will ich mich auf die äußersten Umrisse beschränken. Man konnte die mit einer Kuppel überwölbte von etwa zwanzig Säulen getragene Rotunde mit einem Blicke überschauen. Alle Gegenstände, die an die frühere Bestimmung der Kirche erinnern konnten, Kanzel, Altar, Bilder, waren verschwunden und durch Rednerbühne, Präsidentenstuhl und Drapierungen ersetzt. Der einzige bildliche Schmuck des Raumes war ein riesiges Freskobild der Germania mit der Aufschrift, die sich tief ins Gedächtnis jedes Beschauers grub: »Des Vaterlandes Größe, des Vaterlandes Glück, O schafft sie, o bringt sie dem Volke zurück!« Oben lief eine Galerie, der nicht selten unter der Last fremder und einheimischer Gäste der Einsturz zu drohen schien. Blickte man über den Saal, dessen Sitzraum nicht amphitheatralisch war, so hatte man alle Schattierungen der öffentlichen Meinungen verkörpert vor sich. Rechts hatten sich alle schwarzweißen und schwarzgelben Freunde des absoluten Systems, alle Partikularisten zusammengefunden, welche eine unvorbereitete, überrumpelte, mißleitete Wählerschaft ins Parlament geschickt. Treue Anhänger des Bestehenden oder vielmehr Bestandenen, Schranzen, die darum keine anderen geworden, weil sie ihre Uniformen zu Hause gelassen, Repräsentanten des Junkertums à la Lichnowsky, Diplomaten, Kirchenfürsten, ehemalige Liberale, die jetzt nach den Plätzen derer verlangten, die sie einst bekämpft, saßen hier kompakt beieinander. Jesuiten von der langen und kurzen Robe: von Ketteler, Philipps, Lassaulx mit dem bieraufgedunsenen, finnenbesetzten Gesicht, Reichensperger, von Diepenbrock, Buß richteten sich häuslich neben den protestantischen Jesuiten ein. Die imponierendste Erscheinung auf dieser Seite und eigentlich der General dieses aus den verschiedensten Elementen bestehenden Haufens war Herr von Radowitz; ein Gesicht von gelblicher, fast spanischer Färbung mit einer feinen, oft verächtlich gerümpften Nase, die meist zusammengekniffenen Lippen von einem kurzen Schnurrbart leicht beschattet, mit fremdartigen Augen, die den Beschauer zu verwirren verstanden, in Haltung und Erscheinung wie ein italienischer oder spanischer Kardinal. Bei ihm dominierte der Kopf – auch physisch. Niemand hat ihn je lachen gesehen; auch der Schalk und Hofnarr der Partei, der Thersites Detmold, hat ihm nie ein Lächeln entlocken können. Und Detmold konnte doch so gute Witze machen! Wer hätte nicht über seine natürlich satirisch gemeinte, aber in sehr ernstem Tone vorgetragene Interpellation an das Reichsministerium von der leeren Tasche gelacht: »Angesichts des täglich steigenden Goldgewinnes in Kalifornien frage ich: welche Vorkehrungen das Reichsministerium getroffen hat, um der zu befürchtenden Entwertung des Goldes in der Reichskasse vorzubeugen?« Zu den ehrwürdigen Trümmern ihrer selbst, die auch nicht im Saale fehlten, gehörte eine urgroteske Gestalt in altdeutschem Rock, über den ein großer Hemdekragen, wie ihn damals nur kleine Jungen zu tragen pflegten, schmutzig herabhing. Eine Turnerweste von grauem Zwillich hinter einem Barte von fabelhafter Länge, ein schwarzes Mützchen auf der zurückweichenden Stirne vervollständigte den Anzug. Das war der Vater Jahn, der besser getan hätte, zu Freiburg an der Unstrut zu verbleiben. Über die Männer des rechten Zentrums (Kasinopartei), vorwiegend Professoren, die sich um Dahlmann scharten, lauter Männer, die in der Überzeugung lebten, eine »tiefere Einsicht in das Wesen des Staates« gepachtet zu haben, und mit dieser Einsicht so schöne Erfolge erzielen sollten – können wir rasch hinweggehen, wiewohl sich auch hier Männer von größerer wissenschaftlicher Bedeutung fanden: ein Droysen, ein Waitz, ein Mittermaier, ein Gervinus, ein Friedrich von Raumer, endlich auch Bassermann und der ehemalige Demokratenverfolger Mathy, von dem wir erst durch G. Freytags Buch erfahren sollten, daß er ein großer Charakter gewesen. Hier saß auch Jakob Grimm, wiewohl seine Gesinnungen weiter links gingen. Im linken Zentrum (Württemberger Hof) wurden dem Ankömmling vornehmlich zwei Männer, zwei hinreißende Redner gezeigt, der ehrliche, enthusiastische Raveaux aus Köln und der – gewandte Giskra. Auch Vater Arndt, ein Greis von quecksilberner Lebendigkeit, war hier zu sehen. Die eigentliche Linke, stark aus Rheinpreußen, Sachsen, Schwaben, Thüringen, Deutsch-Österreich, sehr schwach aus dem deutschen Osten und Norden beschickt, zählte etwa hundertunddreißig Mitglieder. Hier saßen zwei edle, herrliche Dichter, dem Vaterlande teuer, die zu sehen jeder junge Mensch gerne meilenweit gegangen wäre: Ludwig Uhland und Anastasius Grün. Hier saß ein unvergleichlicher Meister deutschen Stils und feinster Satire, J. Ph. Fallmerayer. Hier der blondlockige Venedey, der zur Verzweiflung seiner Freunde in jeder Frage reden mußte. Hier saß als Führer seiner Partei ein Mann von unvergeßlichem Namen, breit, fest, wohlgenährt, in den Dreißigern, ein Kopf mit mächtigem Bart, leichthin an den des Sokrates erinnernd: Robert Blum. Seine Bedeutung wird keiner unterschätzen, der ihn gehört. Ein mächtiges Organ, das alle Affekte des Mannes auszudrücken wußte, und eine Organisation von unerschütterlicher Ruhe traten in ihm bei einem wunderbar klaren Verstande von fast intuitiver Schärfe in Dienst, um das Muster eines Volksredners zu bilden. Klar, allgemein verständlich, im besten Sinne populär, die Rede mit den einfachsten, aber anschaulichsten Bildern schmückend, wußte er so recht eigentlich zum Herzen zu sprechen, konnte niederdonnernd fortreißen; alles gruppierte sich ihm einfach und wie von selbst, und man sah es heraufziehen wie ein großes Gewitter mit unwiderstehlicher, elementarer Gewalt. Nie soll es seinen Feinden gelingen, bei uns, die ihn gehört und gekannt haben, sein Bild zu verkleinern. Von ihm gilt das Wort: »Es war ein Mann, nehmt alles nur in allem: Wir werden nimmer seinesgleichen sehn.« Die äußersten Plätze der Linken nahm die Partei des Donnerbergs ein: Arnold Ruge, Karl Vogt, Zitz, Wesendonck, Heubner, Temme, Schlöffel, Friedrich Kapp, Schaffrath, Ludwig Simon, Titus von Bamberg, Adolf von Trützschler, J. N. Berger. Es waren Feuerköpfe und Männer des Prinzips; die Reinheit der Gesinnung, die Treue der Überzeugung hat später fast jeder von ihnen schmerzlich erprobt. Eigentlich eine tragische Schar: verfolgt, ihrer Ämter verlustig, abgeurteilt, in Festungen gesteckt, standrechtlich erschossen, dem Mangel preisgegeben, über Meer gezogen – so stuft sich das Schicksal jedes einzelnen ab. Das deutsche Volk wird ihre Namen nicht vergessen.   Ich hatte es für meine bescheidenen Bedürfnisse bald wohnlich genug eingerichtet. Der Besitzer eines größeren Quartiers in der Schützenstraße hatte sich auf die Parlamentszeit hin auf den Gebrauch weniger Zimmer beschränkt und die übrigen an Fremde abgegeben. So wohnte ich denn unter einem Dache mit J. Venedey, Moritz Hartmann, Joseph Rank, von Rochau; doch wie es dem bescheidenen Journalisten zieme, nicht auf demselben Flur, sondern in der Mansarde. Das Parlament debattierte die Grundrechte. Es war ein Unglück, daß es sich so sehr in diese Debatte vertiefte, ein rascher Aufbau ließ sich nun gar nicht mehr erwarten. Selbst den Besten lag – leider – daran, sich sprechen zu hören. Die Linke wollte dem Bassermann eins versetzen, der von der Rechten wollte eine Rede halten, daß selbst die auf den Bänken der Opposition sagen sollten: Ja, der kann sprechen! Und wie der gebildete Mensch gern die Katastrophe verschiebt, so verschob man das Handeln und lieferte einander Wortschlachten. Hamlet, der das Schwert hätte ziehen sollen, verlor sich in tiefsinnigen und geistreichen Erörterungen. Wie verderblich war dieser Geist und doch – wie schwer für den Draußenstehenden, sich seinem Zauber zu entziehen! Wie interessant, über so viele Fragen die Gedanken der ausgezeichnetsten Männer, der größten Autoritäten im Für und Wider zu vernehmen! Es schien Erziehung im höchsten Sinne des Wortes. Kostbare, zum Schaffen nötige Zeit ging verloren, aber die Grundsätze neuer Staatsfassung prägten sich Tausenden von Köpfen ein. Man war, wenn man die Debatten des Parlaments gelesen hatte, in die politische Schule gegangen. Auf die Tagesordnung kam der Paragraph der deutschen Grundrechte: »Alle Deutschen sind gleich vor dem Gesetze, Standesprivilegien finden nicht statt.« In dieser abstrakten Form hatte der Satz alle Aussicht auf Annahme, aber die Minoritätsanträge gingen weiter: die einen auf förmliche Abschaffung aller Adelsvorrechte, die anderen auf Abschaffung des Adels und der Ordenstitel. Abschaffung des Adels – welche gewaltige, der Zeit vorgreifende Frage! Der Adel ist ein Stand, dessen Mitglied man durch die Geburt geworden und dessen unleugbare Vorrechte, ganz abgesehen vom eigenen Verdienste, auf Kinder und Kindeskinder übergehen. Er soll eine edlere Menschenklasse vorstellen, die im berechtigten Besitze größeren Ansehens, größeren Besitzes, größerer Macht ist, und dem gegenüber steht die moderne Forderung, daß Talent und Verdienst vor dem Stande zur Geltung gelangen, daß der Staat seine Wohltaten allen Bürgern ohne Unterschied zukommen lasse und keinem Teile gestattet sei, sich die übrigen dienstbar zu machen. Was dem einen kleinen Teile als natürliche Grundlage der Gesellschaft erscheint, ist dem anderen ein Trümmerwerk der Vergangenheit, das wegzuräumen ist. In den Augen des einen kleineren Teiles begeht der Staat, der den Adel aufhebt, einen unverzeihlichen Eingriff in erworbene Rechte; in den Augen der anderen gibt er nur allen das, was bisher wenige hatten. Aber den Einfluß mächtiger Familienverbindungen brechen nur Katastrophen, nicht Aussprüche friedlich waltender Versammlungen. Was konnte man sich da für Erfolg versprechen? Den Antrag auf Abschaffung der Orden und Titel hatte Jakob Grimm gestellt, er wird ihn vertreten. Wen hätte es da nicht in die Sitzung gedrängt? Aus dem Mittelpunkte seines speziellen, ihm eigentümlichen Gedankenkreises entwickelte der große Germanist seinen Standpunkt. Er sei der Überzeugung, daß der Adel als bevorrechteter Stand aufhören müsse. Man könne nicht verkennen, daß er in Deutschland seine historischen Verdienste gehabt. Er sei von den Minnesängern an, die zur Mehrzahl adeligem Stamme angehört, auch auf dem Felde der Literatur tätig gewesen, in den letzten Jahrhunderten aber habe sich das Verhältnis geändert. Fast alle großen Geister unserer Nation seien bürgerlichen Familien entsprossen. Nun entwickelte Grimm die grammatikalische Bedeutung des Wörtchens »von«. Es sei ganz widersinnig vor Namen, die keine Ortsnamen seien. Grafen und Barone seien eben Herren einer Landschaft, eines Ortes, einer Burg, aber einen Herrn von Goethe, einen Herrn von Schiller zu konstruieren sei Unsinn, weil es nie einen Ort Goethe oder Schiller gegeben habe. Was vor der Grammatik nicht bestehen könne, sei auch im Leben nicht haltbar. Orden und Ordenszeichen, fuhr er fort, seien keine eines wahren Verdienstes würdige Auszeichnungen, übrigens hätten sie durch Mißbrauch allen und jeden Wert verloren. Deutschland habe mehr Orden hervorgebracht als das ganze übrige Europa, und zwar zu einer Zeit, wo es weniger Verdienste gegeben als irgendwann und irgendwo. Er hoffe, die Fürsten würden die Selbstverleugnung haben, diese byzantinischen und chinesischen Zieraten nicht mehr an Zivilisten zu verteilen, für das Heer mögen sie bleiben, da sie in den Augen des Soldaten etwas seien. Orden seien die Livreezeichen der Fürsten, Zeichen ihrer Huld, Belohnungen für einem vergänglichen System erwiesene Dienste. So Jakob Grimm. Natürlich hat sein Antrag ebensowenig Aussicht auf Annahme wie die Anträge der Minorität, die auf förmliche Abschaffung des Adels gehen. Man erhitzt sich, es überstürzen sich die Gegner. Fürst Lichnowsky, die Hände nicht mehr in den Hosentaschen, erinnert, daß die französische Revolution den Adel abzuschaffen gedachte, später habe man die kostbaren Überbleibsel desselben mit der Laterne zusammengesucht, um ihn mit neuen Ehren zu schmücken. In die Bank zurückkehrend, sagte er, vielen Umstehenden vernehmlich, zu seinem Freunde General von Auerswald, den er ein paar Monate später in ein so tragisches Schicksal hinabziehen sollte: »Da hab' ich dem Gesindel meine Meinung gesagt.« Das Wort wird verbreitet, die Aufregung wächst maßlos. Rösler von Oels verlangt die Abschaffung des Adels aus Gründen der Gerechtigkeit. Er sagt: Es werde dem Volke die Schmach angetan, daß der zum Zuchthaus verurteilte Adelige zum Bürger degradiert werde; er verlange, falls dieses Gesetz beibehalten werde, im Namen der Gerechtigkeit, daß man den Bürgerlichen, der im Zuchthaus war, zum Adeligen mache. Nun fallen alle Minoritätsanträge, auch der Jakob Grimms, daß künftighin keine Adelsverleihungen mehr stattfinden sollen. Karl Vogt bringt den persiflierenden Antrag ein: es solle künftighin jedem Deutschen freistehen, seinem Namen beliebige Adelsbezeichnungen als Baron, Graf vorzusetzen. Schallendes Gelächter auf der Linken, der Antrag selbst sinkt in den Orkus. So ungefähr die Debatte über den Adel. Wer mir sagen könnte, wie viele Jahre, vielleicht Jahrhunderte, die Linke hier der Zeit voraus war? Wachsender Reichtum und wachsende Bildung der anderen Klassen, Änderungen des Staatswesens und der Heeresverfassung haben seitdem wenig oder nichts verändert. Das Adelsinstitut ist unerschüttert das geblieben, was es früher war: die mächtigste Assekuranzgesellschaft aller in ihr Hereingeborenen. Diese Assekuranz sorgt nach wie vor für das Gelangen zu den besten Militär- und Hofstellen, sorgt für unentgeltliche Erziehung in unzähligen Instituten und sogar für passende Heiraten. Es wird noch lange so fortgehen. Damals, 1848, galt der Adel als ein Trümmerwerk der Vergangenheit, heute hat der »Erzeugungstrieb« der Gesellschaft ihn sogar wieder gekräftigt, allerdings mit sonderbaren Elementen. Was geschah? Ein neuer Lebensdrang durchzog zwanzig Jahre später die alternde Welt, und aus dem durch die Sonne der Gnade befruchteten Schlamme – stieg, gleichsam als Karikatur der alten Ritterschaft – eine ganze Schar geharnischter Geldbarone und jüdischer Ritter empor. Die Natur gefällt sich in seltsamen Schöpfungen. Welche Toren saßen doch damals auf den Bänken der Linken! ... Endlich war die provisorische Zentralgewalt geschaffen worden. Gagern hatte seinen »kühnen Griff« getan, Erzherzog Johann von Österreich war zum Reichsverweser gewählt worden, und zwar zum unverantwortlichen; der Zusatzparagraph: die provisorische Zentralgewalt hat die Beschlüsse der Nationalversammlung zu verkünden und zu vollziehen, war gefallen. Übrigens besagte die Wahl, wie sympathisch das neue Deutschland dem vermeintlich neuen Österreich entgegenkommen wollte. Ja, Deutschland warf die Seilenden hinüber, eine fliegende Brücke zu errichten. Wir Österreicher faßten das Seil mit vor Freude zitternder Hand und suchten es festzubinden. Daß es gelinge, war uns eine höchste Lebensfrage, denn alles österreichische Slawentum loderte bereits auf und drohte mit Krieg. Verschlossen stand die Regierung beiseite, scheinbar jeden Augenblick bereit, das Seil zu zerschneiden, wofern es nicht ihren speziellen Zwecken zustatten komme. Es waren aufgeregte Tage bis zu jenem 11.Juli, da der Reichsverweser in Frankfurt einzog. Während dieses ersten Monats meines Frankfurter Aufenthaltes pflegte ich allabendlich in ein kleines Bierhaus unweit von der Ecke der Allerheiligengasse meine Schritte zu lenken. Es hieß »Zum Pfau«. Hier, zu bestimmter Stunde der sinkenden Dämmerung, immer in gleicher Ecke wußte ich einen Mann zu finden, für den ich seit Jahren die tiefste Verehrung im Herzen trug: Ludwig Feuerbach. Der große deutsche Philosoph wußte wie jeder brave deutsche Mann das germanische Getränk zu schätzen, das die Geister mäßig, aber nicht stürmisch aufregt und sie zur Beschaulichkeit stimmt. Er saß gern in der Wirtsstube, aber sie mußte von rechtschaffen deutschem und demokratischem Charakter sein, einfach, mit niederer Balkendecke und gedämpftem Licht. Das Bier mußte bayrisch sein und frisch vom Faß im Steinkrügel daherkommen. Er liebte dabei keine große Gesellschaft, aber ebensowenig völlige Einsamkeit. Ein Feind alles Lärms, hatte er es doch gern, wenn aus dem Nebenzimmer ein Lied erklang. Von der Zeit an, da er für mich eine Sympathie gefaßt hatte, die ich heute noch als die größte Ehre empfinde, die mir im Leben zuteil geworden, drang er darauf, daß ich täglich im »Pfau« erscheine. Strengen Gesichts, das Kinn mit dem langen blonden Barte über das Krügel geneigt, pflegte er mir dann zuzunicken und lächelnd zu fragen: »Was macht Absalon?« Worauf ich dann regelmäßig antwortete: »Ei, der hänget schon!« und mich an seiner Seite am eichenen Tische niederließ. Diese stereotyp gewordene Begrüßungsformel bedarf einer Erklärung, ich muß aber dazu etwas ausholen. Die Sache verhielt sich folgendermaßen: Das deutsche Bewegungsjahr hatte, so viele Dichter es auch angeregt, kein eigentlich volkstümliches Lied geboren. Die alten Lieder aus der Burschenschaftsperiode paßten nicht mehr auf die neuen Verhältnisse; von Freiligraths und Herweghs Gedichten hatte keines größere Popularität erlangt. Um so verbreiteter waren ein paar Strophen, die ein völlig unberühmter Mann, er hieß Wilhelm Sauerwein, einem deutschen Flüchtling in den Mund gelegt hatte; man hörte sie in Süddeutschland allenthalben, wo radikal gesinnte Leute beisammen saßen; die Melodie war ein Gassenhauer, aber gut sangbar. Das »Lied vom deutschen Flüchtling« – es sei hiermit der Vergangenheit entrissen – lautete: Wenn die Fürsten fragen, Was macht Absalon? Soll man ihnen sagen: Ei, der hänget schon! Aber nicht am Baume, Aber nicht am Strick, Sondern an dem Traume Deutscher Republik. Wollen sie gar wissen, Wie's dem Flüchtling geht, Sprecht, der ist zerrissen, Wo Ihr ihn beseht! Nichts blieb ihm auf Erden Als Verzweiflungsstreich, Und Soldat zu werden Für ein freies Reich! Fragen sie gerühret: Will er Amnestie? Sprecht, wie sich's gebühret: Er hat steife Knie! Gebt nur Eure großen Purpurmäntel her, Das gibt rote Hosen Für das Freiheitsheer. Die zweite Zeile dieses Liedes war es, die Feuerbach, vielleicht mit Bezug auf meinen damaligen Haarwuchs, vielleicht mit Bezug auf meine persönliche Lage auf mich anwendete; worauf ich ihm ebenso regelmäßig die vierte Zeile entgegenbrachte. Und unmittelbar nach dem Wechsel dieser Begrüßungsformel waren wir im eifrigen Gespräche. Oh, hätte ich mir doch über diese Gespräche Aufzeichnungen gemacht! Sonst war ich gewohnt, es zu tun; jetzt, in gar aufgeregter Zeit, versäumte ich es. Ich weiß nur noch, daß er gern von Daumer erzählte und dessen Übersetzungen des Hafis pries, daß die Erwähnung Nürnbergs ihn zu Exkursen über altdeutsche Kunst und die Nennung der Universitätsstadt Erlangen zu Exkursen über den Pietismus führte. Auf allen möglichen Gebieten sprach er lichtbringende, wahrhaft befreiende Worte. Mein Gott, dachte ich bei mir, warum steift sich dieser Mann, dessen Geist alles umfaßt, darauf, immer Kritik der Religionen zu schreiben! An Abenden, die nicht durch Klubsitzungen in Beschlag genommen waren, kamen Professor Kapp (aus Heidelberg), Arnold Ruge, Karl Nauwerk. Ruge besonders war von sprudelnder Verve, die Fragen, die eben im Parlamente debattiert wurden, und die übrigen politischen Vorgänge regten ihn heftig auf. Dann ward Feuerbach stiller und stiller und verstummte endlich ganz. Wenn dann Rugen, wie dies öfter geschah, Ausdrücke wie »Idee und Substanz«, »An sich und für sich« entschlüpften, schüttelte sich Feuerbach vor Lachen und sagte: »Mensch, Du steckst trotz alledem noch stark im Scholastizismus! Diese Phraseologie sollte schon abgetan sein! Laß ruh'n den Hegel!« Es war mir äußerst interessant, aus Feuerbachs gelegentlichen Äußerungen einen Schluß zu ziehen auf seine Lebensphilosophie, die in seinen Büchern vor lauter Theogenie und Unsterblichkeitsuntersuchungen so gut wie nicht zur Sprache kommt. Er war vom Pessimismus wie vom Optimismus gleich weit entfernt, Voraussetzung alles Lebens war ihm eine Mischung von Einstimmung und Widerstreit. Die Zeit nahm er hin mit ihren Ausschreitungen und Unannehmlichkeiten; »wenn man daran ist, den Stall des Augias auszumisten«, sagte er, »kann es nicht nach Veilchen duften«. Affekte und Leidenschaften nahm er in Schutz, da sie ebenso die Beglücker wie die Störer des Lebens seien. Liebe und Ehre, ihm keine Illusionen wie bei Schopenhauer, machten bei ihm das Glück des Lebens aus und gaben demselben festen Wert. Feuerbach war ein Republikaner und keiner von den gelinden. Vor dem »roten Gespenst« hatte er keine Furcht. Wäre die Revolution eine wirklich starke gewesen, er wäre mitgegangen und hätte, wie ich glaube, auch vor terroristischen Maßnahmen nicht zurückgeschreckt. Er war einer »vom Berge«. Wie es nun einmal stand, wußte er, daß diese Bewegung seine Ideale nicht realisieren werde, und verhielt sich rein als Zuhörer und Beobachter. Er sagte damals schon den traurigsten Ausgang voraus. »Die Märzrevolution«, hat er später einmal geschrieben und damit die Summe seiner Frankfurter Erfahrungen gezogen, »die Märzrevolution war noch ein, wenn auch illegitimes Kind des christlichen Glaubens. Die Konstitutionellen glaubten, daß der Herr nur zu sprechen brauchte: es sei Freiheit, es sei Recht! so ist auch schon Recht und Freiheit, und die Republikaner glaubten, daß man eine Republik nur zu wollen brauche, um sie auch schon ins Leben zu rufen, glaubten also an die Schöpfung, scilicet einer Republik aus nichts. Jene versetzten die christlichen Wortwunder, diese die christlichen Tatwunder auf das Gebiet der Politik ...« Feuerbach blieb in Frankfurt bis Mitte August. Während wir im »Pfau« saßen, saß Arthur Schopenhauer nach eingenommenem feinem Diner im englischen Hofe, ein alter Mann, glatt rasiert, unter jungen Offizieren und Aristokraten, die er wegen ihrer reaktionären Gesinnung hochverehrte, und die schlechte Witze über ihn machten. Merkwürdig ist es mir heute, daß ich damals, während so vieler Abende, Feuerbach nie Schoperhauers erwähnen gehört habe, der doch bereits seine Lehre mit allen Konsequenzen in seinen Büchern niedergelegt hatte und nur einige Häuser fern saß. Ich glaube, Feuerbach hat ihn nie gesehen und sich, wenigstens damals, um dessen Philosophie nicht gekümmert. Feuerbach lehrte eine Philosophie, die einen ganz konkreten unmittelbaren Anteil am Leben, dessen Wünschen und Bedürfnissen hatte; was konnte ihm der aus Indien nach Deutschland importierte, der erneuerte Buddhismus sein? Ich habe den außerordentlichen Mann seitdem nur zweimal wiedergesehen, im Sommer 1867, wo ich ihn auf dem Rechenberge bei Nürnberg besuchte, und zu München im September 1869, wo wir das Bild seines Neffen, das »Gastmahl des Plato«, betrachten gingen, als schon der tiefe Schatten der Krankheit auf ihm lastete. An der Ecke der Allerheiligengasse in Frankfurt, wo ehedem der »Pfau« gestanden, bin ich jedoch seitdem nie vorübergegangen, ohne jener tiefaufregenden Abende vom Juni, Juli und August 1848 zu gedenken.   Indessen fuhr das Parlament fort, sein eigenes Werk zu untergraben. Die italienische Frage trat heran, es kam zur Debatte über die Radetzkyschen Siege. Alles, was liberal war, empfand, daß die Italiener um ein Gleiches wie die Deutschen kämpften, jene noch auf dem Schlachtfelde, diese bereits in einer konstituierenden Versammlung. Die Rechte dagegen freute sich der österreichischen Waffentaten, die gleichzeitig von Lyrikern wie Herrn von Dingelstedt dithyrambisch gefeiert wurden. Es wurde eindringlich betont, die Freiheit könne keinem Volke geschenkt werden, die müsse es sich immer selbst erringen, so auch hier das kleine Piemont die Freiheit gegen den großen Feind, der ihm im Nacken saß! Herr von Radowitz bestieg mit hohepriesterlicher Feierlichkeit den Katheder und vindizierte dem deutschen Reiche den Mincio als militärisch-unentbehrliche Grenze. Das deutsche Reich, belehrte er uns, könne auch auf Venetien nie verzichten, denn ohne Venedig sei Triest unhaltbar. Peschiera und Mantua waren auch unumgänglich nötig, denn lasse man diese Posten frei, so werde Oberitalien dem Einflusse Frankreichs, Unteritalien dem Englands anheimfallen. Daß Italien, eigentlich das Königreich Sardinien, sich bis zur Selbständigkeit kräftigen könne, wurde nicht angenommen. Herr von Radowitz sparte seine Beredsamkeit immer nur für die wichtigsten Fragen auf. Seine Taktik bestand darin, zu Zivilisten als Militär zu sprechen und sie mit kriegerischen Fremdwörtern zu verblüffen. Er war in jedem Satze General. Enceinte, Débouchés, staffelförmige Aufstellung usw., rhetorisch aneinandergereiht; er wußte, wie das imponierte! Das im Alleinbesitze tieferer Einsicht stehende rechte Zentrum war mitfortgerissen und bekehrt. Ernst stieg dann Herr von Radowitz von der Tribüne, die leicht zum Himmel gekehrten Augen schienen zu sagen: »Ich danke Dir, Herr, daß Du sie töricht geschaffen, auf daß sie ein Werkzeug in meiner Hand seien!« Die Gutheißung des berüchtigten Waffenstillstandes von Malmö, in welchem die mäßigsten Ansprüche der deutschen Nation schnöde geopfert wurden, war ein weiterer Schritt des Parlaments nach abwärts. Jetzt war es genug, jetzt hätte die Linke in corpore austreten sollen. Aber wer unternimmt es, ein so gewaltig gewordenes Werk als undurchführbar aufzugeben? Das Jahr neigte sich seinem Ende zu. Der Herbstwind entführte das vergilbende Laub und lichtete die Baumkronen in den Alleen; auch unsere Hoffnungen waren gelichtet, es war kaum noch etwas davon übrig. Ferne wie ein Traum lag die Zeit der Zuversicht hinter uns. Es waren Tage ohne Sonnenschein, höchstens dann und wann von einem unheimlichen Rot erhellt. Es ging alles nur so fort, weil es eben im Gange war, doch ohne Freude und Mut. Das Parlament fühlte sich immer mehr gedrängt, bezüglich Österreichs ins klare zu kommen. Es aufgeben, hieß, wie damals die Sachen standen, die Deutschen Österreichs den Slawen anheimgeben. Aber wie sollte sich Österreich an Deutschland anschließen? Mit seinem ganzen Länderkomplex? Das war undenkbar. Mit seinen deutschen und halbdeutschen Provinzen? Das hieß einen Großstaat spalten wollen, der durchaus nicht gesonnen war, sich spalten zu lassen. In Österreich reiften indessen die militärischen Maßnahmen heran, mit welchen die Hofpartei die ihrer Ansicht nach gefährdete Staatseinheit zu retten unternommen hatte. Die Hauptschwierigkeit für sie lag in Ungarn. Ungarn sollte gebändigt werden: man benutzte hierzu die ungarisch-kroatische Verwicklung. Man hatte beschlossen, die militärischen Kräfte außerhalb Wiens zu konzentrieren; so entzog man sie dem demoralisierenden Einfluß der Volksmassen und konnte sie schließlich mit dem als Retter ausersehenen Banus Jellaèiæ verwenden. Alle Welt weiß, wie die Wiener Demokratie sich diesem Ausmarsch widersetzen wollte und was die Folge war: der allerdings mit Blut befleckte 6.Oktober. Wir erhielten in Frankfurt die Nachricht dieser Vorgänge am 10. Verworrene Gerüchte kreuzten sich und erzeugten eine ungeheure Unruhe. Wir wußten, daß gewaltige Armeekorps an Wien heranzögen und daß sich die Stadt in Verteidigungszustand setze. Der Antrag J. N. Bergers (desselben J. N. Berger, der – o Wechsel der Dinge! – im Herbst 1867 einen österreichischen Ministerposten erhalten sollte): die Nationalversammlung möge aussprechen, die Stadt Wien habe sich um das deutsche Vaterland verdient gemacht, war gefallen. Da beschlossen denn die beiden Fraktionen der Linken, der deutsche Hof und der Donnersberg, vereinigt eine Adresse; eine Deputation sollte sie überbringen. Der deutsche Hof hatte Robert Blum, der Donnersberg J. Fröbel abgeordnet, Moritz Hartmann und ein vierter, Trampusch, schlossen sich den beiden an. Es war am dreizehnten um zwei Uhr, als wir, eine ganz kleine Schar engerer Freunde, die vier Abreisenden in den Hof des Thurn und Taxisschen Postgebäudes begleiteten, wo der bekannte rote Postwagen stand. Man hatte über den Stand der Dinge in Wien noch die unklarsten Begriffe. Noch saß der Reichstag dort beisammen und bot »mit Hilfe der Minister« alles auf, den Rückzug des kroatischen Heeres durchzusetzen, vielleicht war noch eine friedliche Lösung der Wirren zu erwarten, vielleicht, so dachten wir, könne Wien ohne blutigen Zusammenstoß aus der Krise hervorgehen ... Und so stieg der eine nach dem andern in den unwirtlichen Kasten. Noch wurde gefragt, ob jeder für die Nacht warme Sachen habe, und es hieß, man sei wohlversorgt, darauf wünschte alles glückliche Reise, und der Postillon schnalzte und setzte die Gäule in Trab. Und man sah dem roten Kasten nach, bis er um die Ecke war. Es war ein ernster Abschied gewesen, dennoch sagte uns keine innere Stimme, daß wir den verehrten Mann, der uns Zurückbleibenden der Reihe nach die Hand geschüttelt, nie wiedersehen sollten. Er hatte einmal, als auf seinen Wuchs, den kurzen, dicken Hals und die breite, gewölbte Brust, die Sprache kam, scherzhaft geäußert: »ja, schlecht zu köpfen, gut zu erschießen!« An dieses Wort haben wir oft zurückdenken müssen. Blums Grundsatz: »Reden und Handeln in Einklang bringen«, der Sturmatem jener Tage, die Umgebung mit ihren aufgewühlten Leidenschaften sollten ihn in Wien von Tag zu Tag aufhalten und – ihn schließlich als Opfer fordern. Wien war zerniert worden, es erhielt die Aufforderung, sich auf Gnade und Ungnade zu unterwerfen. Windischgrätz verlangte die Auslieferung Bems, Pulzkys, Schüttes und noch einiger »Individuen, die er später bezeichnen würde«, – forderte Geiseln, es war, als höre man einen Tilly vor Magdeburg. Die Stadt, die sich dieser Bedingungen weigerte, wurde bombardiert, mit Brandraketen überschüttet und schließlich mit Sturm genommen. Wien hatte der Aufforderung gegenüber, sich Windischgrätz und Jellaèiæ zu unterwerfen, den Kampf gewagt und war gefallen, die fieberhafte Spannung, in der die Welt lebte, war gebrochen, aber die Art, wie die gesetzliche Ordnung wieder eingeführt worden, war eine solche, daß sich die schlimmsten Konservativen ihres Sieges nicht freuten. Wenn man es noch nicht gewußt, so wußte man es jetzt, was es heißt, die halbbarbarischen südslawischen Stämme aufrufen. Schaudernd sah man in einen Abgrund. Von diesen Tagen an war über Deutschland ein Grauen gekommen, das, so kurzen Gedächtnisses die Menschen auch sonst sind, nicht entschwand. Und eines war ganz tot seit diesem Tage: die österreichische Kaiseridee, die Idee der Hegemonie Österreichs in Deutschland und was damit zusammenhing. Das war gründlich, für immer, bis ans Ende der Zeiten abgetan. Nun kam noch die Nachricht von Robert Blums Erschießung. Ein General Österreichs, jenes Österreichs, das über hundert Abgeordnete im Parlamente zählte, hatte, ehe er einen seiner populärsten Führer erschießen ließ, nicht daran gedacht, mit dem Parlamente zu verhandeln. Der Versammlung war durch diese Tötung eines ihrer Mitglieder die schwerste Verletzung widerfahren. Man drängte, mit Bezug darauf einen Beschluß zu fassen. Allen erschien es dringlich, allen, außer der Partei Vincke-Radowitz. Ein furchtbares Ferment – so groß war die Popularität des Mannes – war in die Bewegung hineingeworfen worden. Schließlich wurde doch das Reichsministerium aufgefordert, die an der Verhaftung und Tötung Robert Blums mittelbar oder unmittelbar Schuldigen zur Verantwortung und Strafe zu ziehen. Allerdings, wie es stand, eine groteske Idee, daß Herr von Schmerling den Fürsten Windischgrätz zur Verantwortung ziehen solle! Um fünf Uhr an Parlamentstagen, um ein Uhr an Sonntagen pflegten sich die Abgeordneten des Donnersberges zum Mittagstisch im »Grünen Baum«, einem Wirtshaus in einem Gäßchen unfern des Mains, zu versammeln. Ich war der tägliche Genosse dieses geselligen Kreises geworden, zu dessen bemerkenswertesten Mitgliedern Franz Raveaux aus Köln, Karl Vogt, Lud. Simon von Trier, der Geschichtsschreiber Zimmermann aus Stuttgart, Vater Schlöffel, J. N. Berger, Hugo Wesendonk, Rösler von Oels und Adolf v. Trützschler zählten. Hatte, wie dies in früherer Zeit öfter der Fall gewesen, die Linke einen guten Tag gehabt, so war dies gesellige Mahl, bei dem man von Arbeit und bösem Wortkampf ausruhte, ein Fest. Da wurde auch das »Parlamentslied« gedichtet, zu welchem jeder eine Strophe oder mindestens einen Vers beitrug. Es wurde bald nachher auf den Straßen nach der Melodie des Liedes vom »deutschen Flüchtling« gesungen. Seit Wochen und Wochen war alles ernst und schweigsam, unser Mahl kurz, wir waren in schwerer, tiefer Trauer. Und nun – wer malt die Empfindungen der Anwesenden, als am 17.November zur gewohnten Stunde Julius Fröbel, der Totgeglaubte, in unsere Mitte trat! Er kam direkt vom Postwagen, der ihn nach Frankfurt gebracht, in den Grünen Baum, wo er um diese Zeit seine Freunde versammelt wußte. Oh, daß dieser Mann später ein Schmerlingscher Journalist werden sollte! Damals stand er vor uns wie Schillers Roller, der recta via vom Galgen kam, die dunklen Augen seines schönen, von einem schwarzen Barte tiefbeschatteten Römerkopfes funkelten seltsam ... Diese Augen hatten den Tod schon nahe gesehen. Sie hatten das Todesurteil gelesen, die Verurteilung zum Galgen, die »Begnadigung« zu Pulver und Blei ... sie hatten Opfer um Opfer zum Tode führen sehen. Er brachte Robert Blums letzte Grüße. Ruhig, beinahe kalt – nur die Augen leuchteten – erzählte er die Geschichte seiner schließlichen »Pardonierung«. Ebenso ruhig, ernst, schmucklos, fast wie eine fremde Begebenheit sollte er sie am anderen Tage im Parlamente vortragen. Und jetzt – wunderbar – nach dem Falle Wiens schier unglaublich, machte die österreichische Regierung wieder Anstalten, die Wahlen für Frankfurt zu vervollständigen! Sie wollte Leute – ihre Leute im Parlamente haben. Nichtvollzogene Wahlen wurden neu ausgeschrieben. Welche Persönlichkeiten gedachte die Wiener Regierung in das hohe Haus des deutschen Volkes zu schicken! Mitte November war gar ein untergeordneter Detektiv der Prager Polizei als Kandidat für einen Wahlbezirk Böhmens aufgetreten, glücklicherweise kam die Wahl dieses »Stadthauptmannschaftsbeamten«, wie er sich nannte, nicht zustande! Aber wer stand vor mir, eines Morgens plötzlich, als ich im Begriffe war, in die reformierte Kirche – denn dahin war die Nationalversammlung jetzt übersiedelt – zu treten? Lang, hager, barock wie der Ritter von la Mancha, mit Augenbrauen, so buschig, wie ich deren noch bei keinem anderen Sterblichen gesehen, pflanzte sich der Kreuzerzigarrengraf, dessen ich zu Anfang dieser Skizzen ausführlich gedacht, leibhaftig vor mir auf. Weiß Gott, welcher Wahlbezirk ihn hergesandt! Provokatorisch, wie es in seiner Art lag, war er mit einem Sprunge in der Politik. Seinen Stock mit leidenschaftlicher Heftigkeit in die Erde bohrend, rief er: »Gewiß schwärmen Sie für die Ungarn! I sag: die Ungarn müssen zertretten werden, zertretten, zertretten, und wenn es unseren letzten Kreitzer und unseren letzten Soldatten kosten sollt!« Die Zeit war schon da, wo solche Gestalten den Ton angaben, und das sollte von da ab Jahre und Jahre dauern. Die sogenannten »Gemäßigten« begannen zu wüten in Worten und Taten. Wenn man im Herbst nach einem Regenfalle um die Stunde, wann es zu dunkeln beginnt, die Wege eines Parks hinwandelt, sieht man erstaunt ein Heer von großen und kleinen Kröten und fragt sich: woher so plötzlich die unheimliche Brut? Auch persönlich Bedrohendes trat nun an mich heran. Ein Brief aus der Heimat brachte mir eine böse Kunde. »Du hast«, schrieb mir mein alter treuer Schulfreund, Johannes Spielmann, »in den Oktobertagen ein Gedicht drucken lassen, dessen Tragweite Du wohl kaum recht bedacht hast. Doch deshalb von mir keine Vorwürfe! ... Es lag von seiten der hiesigen Behörden sicherlich keine Veranlassung vor, eines Gedichtes wegen, das bei uns gar nicht bekannt geworden ist und gewiß keinen nachweisbaren Schaden angerichtet hat, gegen Dich vorzugehen, zumal als es, da in Wien erschienen, in die Amtswirksamkeit des Staatsanwaltes in Wien fällt. Dennoch hat ein edler Streber, unser neuer Staatsanwalt, sich dieser Improvisation bemächtigt und, wie ich aus sicherer Quelle erfahren, am 29.Oktober eine Klage gegen Dich beim hohen Preßgericht (d.h. dem Kriegsgericht auf dem Hradschin) eingereicht. Wenn man die von ihm gestellte Motivierung akzeptiert, wird gegen Dich vorgegangen: 1. wegen Schmähung des Landesfürsten mit der Absicht, gegen ihn Abneigung zu erwecken, 2. wegen Aufforderung zum Aufruhr, 3. wegen Aufforderung zur Unterjochung des Vaterlandes durch einen äußeren Feind (hier deutsche Reichsarmee), 4. wegen Aufforderung zu gewaltsamer Veränderung des österreichischen Kaiserstaates – denn alles dies hat der Mann aus Deinen Versen herausgelesen – Du kannst zwanzig Jahre schweren Kerkers davontragen! ... Ich würde Dir anraten, einen Boden zu verlassen, wo usw.« Ich war über diese Mitteilung tief bestürzt. Freund Spielmann war kein Mann der blassen Furcht, im Gegenteil. Er war, wie sein Brief zeigte, über die Einzelheiten der Anklage genau unterrichtet und sein Rat nicht ohne Grund. War ich noch sicher in Frankfurt? Würde die dortige Polizei mich schützen? Wer damals ausgeliefert wurde, der war gut aufgehoben, und wer einmal auf dem Hradschin oder in den Kasematten von Königsgrätz saß, der saß auf lange Zeit ... Ja, ich hatte ein Gedicht an die Oktoberkämpfer in Wien gerichtet, es war in einem halb belletristischen, halb politischen Blatte ohne besondern Einfluß erschienen, was war da mehr? In dieser Zeit dichtete alles. Die Poeten der Rechten hatten fort und fort die Militärmacht aufgefordert, aus eigener Machtvollkommenheit »Ordnung« zu schaffen, mit Kartätschen gegen Parlament und Volk vorzugehen. Grillparzer hatte sein berühmtes Gedicht: »In Deinem (Radetzkys) Lager ist Österreich« geschrieben, Herr von Dingelstedt in Stuttgart war noch viel weiter gegangen; die »echt konstitutionellen« Regierungen hatten keinem von beiden ein Haar gekrümmt. Sollte nicht auch ein Poet der Linken seine Gesinnungen lyrisch äußern dürfen? Doch – jetzt waren andere Zeiten gekommen. Und noch eines trat hinzu, den Stachel zu schürfen: der Staatsanwalt, der so gegen mich vorging, nicht etwa in einem Konflikt der Pflichten, nein, ohne Drang und Nötigung, dieser Mann, der über die Sphäre seiner eigentlichen Amtswirkung hinausging, um mich zu verderben, war mein Freund, wir duzten uns, kein Zerwürfnis hatte zwischen uns stattgefunden, wir waren in bester Freundschaft geschieden. Eine tiefe Trauer ergriff mich über das Erbärmliche und Niederträchtige in der Menschennatur und drückte mich zu Boden. Ängstliche und trauervolle Briefe meiner Mutter, die durch Spielmann von der Gefährlichkeit der Sache unterrichtet worden war, mehrten meine innere Zerrissenheit und hielten mich in der tiefsten Verstimmung fest. Um diese Zeit machte mir ein Frankfurter Verleger den Vorschlag, nach Paris zu reisen und ein Buch über die soziale Bewegung im republikanischen Frankreich zu schreiben. Ich nahm das Anerbieten an. Es war jetzt auch für den Kurzsichtigen klar geworden, daß Frankfurt nicht der Ort sei, wo etwas geschaffen werden würde. Die »Grundrechte« waren fertig ausgearbeitet, hatten aber keine Existenz. Alles war da – aber nur auf dem Papiere. Es waren Leute gekommen, die einen Turm hatten bauen wollen, eine Burg mit festen Wällen, wie solche einem großen Volke geziemt. Ein Teil der Meister hatte gemeint, es sei vor allem nötig, ein Heer von Arbeitern in Dienst zu nehmen und einen gewaltigen Schatz zu schaffen, dies Arbeiterheer zu besolden. Man müsse altes, unnützes Gemäuer abreißen und Felsen sprengen, um feste Fundamente und gute Keller zu gewinnen. Der andere Teil hatte gegen alles dies Einsprache erhoben und sah die Rechte der alten Besitzer überall gefährdet. Darüber waren sie in Streit und Fehde geraten, und alles war in unnützen Reden verlaufen, und der Ort, wo dies geschehen, hieß jetzt Babel. Nun war die Arbeitszeit versäumt, eine Schneedecke war über alles Land gebreitet, Weihnachten kam heran. Drüben in der Ferne ruhten die Schlachten, nur da und dort knallte es, wenn sie einen standrechtlich erschossen. Die Aufstände in Böhmen, Krakau, der Lombardei, in Ungarn, in Wien, in Mailand waren niedergeschlagen. Welche Stille jetzt, Weihnachten, das Christfest naht! Predigt den, der als Christ erstanden ist und die Welt erlöset hat! Bilanz des Jahres 48 In der Nacht, die das erste Jahr der Revolution zu Grabe trug und das zweite hervorrief aus dem Schoße der Zeiten, in der Neujahrsnacht auf 1849 saß ich abermals in Köln, auf dem Wege nach Frankreich. Von nah und fern, von den vielen Kirchen und Türmen tönten die Glocken durch die Nacht, erschollen die Lieder verspäteter Zecher, von Freudenschüssen und Jauchzen unterbrochen, ich saß allein auf meinem Zimmer, warf Holz in den Ofen und bereitete mich vor, den Rest der Nacht zu durchwachen, bis zur Stunde, da mich der erste Frühtrain nach Brüssel führen sollte. Es tut wohl, einen Ort zu verlassen, wo man mit einer Periode seines Lebens zum Abschluß gekommen. Hat man irgendwo einen Lebensabschnitt durchgemacht mit Hoffnungen, Plänen und Gedanken, und sind die Gedankenreihen abgespielt, die Pläne abgebrochen, die Hoffnungen vertagt oder gescheitert, da tut man auch wohl daran, sein Zelt abzubrechen von der Stelle, wo dies alles geschehen, und wie der Nomade des Orients die neue Weide aufzusuchen. Nur ein Schwacher gefällt sich darin, auf dem Kirchhofe seiner Täuschungen zu wohnen und melancholisch herumzugehen im Herbstlaub, das er einst grün gesehen. Kaum zwei Tage war ich auf der Reise, und schon lag Frankfurt, wo ich acht Monate lang gelebt, hinter mir wie ein unkenntlicher Traum. Fern und fremd wie die Herrlichkeit Karls des Großen oder die Tafelrunde des Königs Artus. Die schönen Attitüden des Herrn von Gagern, die Glocke Gabriel Riessers, der Rechtsboden des Herrn von Vincke, die »historische« Physiognomie des Ritters Anton von Schmerling, die Wunder der Geschäftsordnung, das Einbringen und Zurückziehen der Anträge, all das Abstimmen mit weißen Zetteln und blauen Zetteln, das ganze Tun und Lassen jener großen Knaben lag hinter mir, fremd, sinnlos und gleichgültig. Dem furchtbaren Ernste der Zeit gegenüber die Bemühung der Professoren, uns ein deutsches Kaisertum auf theoretischem Wege zu schaffen! Ein Kyffhäuserkaisertum mit neuer Zivilliste als Erledigung auf die große Frage der Zeit, die schließlich keine andere ist als die Frage nach dem irdischen Glück! Nein, es tat wohl, aus den sinnbetörenden Kreisen herauszukommen, wo man sich in solchem Spuk gefiel. Mögen sie weiter wirtschaften, dachte ich, diese Doktoren und Professoren, bis die Fürsten oder das Volk sie mit einem Fußtritt verabschieden von der Tribüne, die sie zu einem langweiligen Katheder gemacht. Was sie auch tun, es kommt doch dabei nichts heraus; laßt sie schwatzen wie jene griechischen Sophisten, die nicht von ihren Bänken weichen wollten, als die neuen Völker, die Barbaren schon draußen standen, ganz nahe vor den Mauern und Toren. Laßt sie weiterschwatzen, die sich feig nach oben, feig nach unten erwiesen und nun zwischen der Bekämpfung der »Anarchie von oben« und der »Anarchie von unten« sitzenbleiben, von den Fürsten verhöhnt, von den Völkern mißachtet. Laßt sie weiterschwatzen, sie sind der Ausdruck der alten, tatlosen vormärzlichen Zeit in der ganzen Ohnmacht ihres Wesens, sie sind der Ausdruck der alten Welt in ihrer letzten Abnutzung. Das neue Jahr wird uns bringen, was das alte uns versagt hat, ich höre sein wildes Atmen schon im Schnauben des Windes, das über den Rhein daherkommt, ich sehe den weißen Schimmer seines Gewandes schon in jenem seltsamen Schimmer, der sich ausdehnt über die ruhende Stadt und die unermeßliche Gegend. Sei gegrüßt, neues Jahr. So dachte ich, so sprach ich zu mir selbst in Köln, am Fenster in der einsamen Stube. Ich hatte den Sylvesterabend mit Karl Marx und Freiligrath bei einem gastlichen Engländer, Mister Keene von der »Daily News«, zugebracht, und die Aufregung der Gespräche zitterte noch in mir nach. Wir hatten mit dem Glase in der Hand der Wiener gedacht und der Ungarn. Freiligrath war, als ich ihn besuchte, eben vom Schreibtisch aufgestanden, an dem er sein »Sylvesterlied an Ungarn« gedichtet. Auch auf manche kühne Zukunftslosung hatten wir angeklungen, und so war ich unentmutigt darüber, daß das Jahr 1848 mit der Unterdrückung der Revolution ringsum und an allen Orten schloß. Wir hielten diese Unterdrückung vorerst noch für eine scheinbare. Und doch, die Macht der Tatsachen ist groß, man lehnt sich vergeblich gegen dieselben auf. Mir war, als erscheine die Wahrheit nur auf der Erde, um nicht durchzudringen, das Recht nur, um zu unterliegen. Es war mir, als erschiene das Feuer der Leidenschaft und der Begeisterung nur darum, um zu beleuchten, wie starr und unbeweglich die Massen sind, es war mir, als würden die Revolutionen nur gemacht, um die ans Ruder zu bringen, die sich verkrochen hatten, indes die andern ihr Leben wagten. Ein drittes Mal war Deutschland mit seinen Fürsten in Verhandlung getreten, ein drittel Mal war es getäuscht worden. Im Jahre dreizehn hatten die Fürsten für die Befreiung vom Drucke Napoleons freie Verfassungen versprochen. Das Volk traute den Zusagen, erhob sich und machte der Fremdherrschaft ein Ende. Aber kaum war der Sieg errungen, da waren die Versprechungen vergessen, und die Männer, die am lautesten und besten gesprochen, wanderten in den Kerker. 1830 war es nicht anders gewesen. Noch einmal erschraken die Fürsten, und einige wurden gezwungen; ihren Völkern Verfassungen zu geben: es waren Scheinverfassungen. Zur Gründung einer kräftigen und fortschrittlichen Zentralgewalt kam es nicht. Es war ein Schritt vorwärts geschehen, aber stand er im Verhältnis zu den berechtigten Forderungen einer so großen Nation? Nun knüpfte sich 1848 daran. Was war es gewesen, dieses Jahr? Ein ungeheures Ringen, mit Blut, Aschenhaufen, Verarmung, drei Schritte vorwärts getan, um zwei zurück zu tun, nur damit die schönrednerische Opposition der alten Ständekammern ans Ruder käme. Die staatliche Einigung Deutschlands war nicht gelungen, Deutschösterreich von Slawen bedroht und in Gefahr, für Deutschland ganz verlorenzugehen. Vom Parlamente in Frankfurt, das eine rein deklamatorische Anstalt geworden, war nichts mehr zu erwarten. Der Septemberaufstand hatte ihm den letzten Atem ausgeblasen. Zwei »Errungenschaften«, wie man damals sagte, hielten sich noch: die Freiheit der Presse und das Versammlungsrecht. Aber wie lange würden sie noch bestehen? Offenbar nur so lange, als das Volk den Thronen gegenüber eine drohende Haltung einnahm. Was also sollte, konnte noch werden? Noch war Ungarn nicht völlig besiegt, in Italien bereiteten sich, unsern Nachrichten zufolge, große Veränderungen vor. Vielleicht war das Einschlummern der Welt doch nicht zu erwarten, vielleicht das Gegenteil! Aber der Begriff der Revolution mußte tiefer gefaßt werden, es mußten neue und gewaltigere Kräfte herangezogen werden. »Vorwärts« und »durch!« mußte Losung sein. Kam noch einmal die Welt ins Glühen, so konnte vielleicht Deutschland aus der zerbrochenen Form hervorgehen, ein Ganzes an Macht und Größe. 1848 hatte keinem der Sechsunddreißig die Souveränität genommen. Nun war 1849 da. Vielleicht würde nach dem Jahre der Putsche das Jahr der deutschen Revolution kommen. Wieder in Paris Es war kaum sechs morgens, als wir im Bahnhofe abgesetzt wurden. Der Morgen dämmerte kaum, und ein feuchter, stickender, übelriechender Nebel hüllte die Stadt in undurchdringliche Schleier. Einzelne Piketts Soldaten lagen im Bahnhof, die Wachtfeuer qualmten und beleuchteten bärtige Gesichter unter grauen wollenen Kapuzen. Kein Laut nah oder fern, kein Ton, kein Licht kam aus dem Häusermeer herauf, das in der Tiefe unabsehbar ausgebreitet lag. Eine abscheuliche Nacht lag hinter mir. Wir waren langsam in die weiten Schneefelder hineingefahren, von Zeit zu Zeit aufgeschreckt durch das Festsitzen der Lokomotive im Schnee oder das Versagen der Räder auf dem Glatteis. Die Zahl der Reisenden, die schläfrig und verdrießlich aus den Coupés hervorkrochen, war ungewöhnlich klein und bestand meist aus belgischen Kaufleuten. Sie stiegen in die erwartenden Omnibusse, ich nahm mein Gepäck in die Hand, trug es in ein Cabriolet und befahl dem Kutscher, ins Quartier Latin zu fahren. Ich hatte in der mehr als bescheidenen Wohnung, die ich zuletzt vor zwei Jahren innegehabt, meine Ankunft bereits angekündigt. Nun war ich wieder in Paris. Wie würde ich es bei Tage wiederfinden, dies Paris, das ich als schöne und heitere Stadt verlassen hatte? Die Februarrevolution, die fast ohne Kampf und Blutvergießen in die Welt getreten, war ja bald verwildert und hatte zu den furchtbaren Proletariatskämpfen des Juni 1848 geführt. Das Terrain, auf dem ich mich befand, mußte mich daran erinnern. Dort, die Anhöhe zwischen der Barrière Poissonière und der Barrière Rochechouart war eines der blutigsten Schlachtfelder des Juni gewesen. Wer hatte nicht vom Kampf im Clos St. Lazare gelesen! Es liegt in der Nähe. Auf der runden Place Lafayette, zu der wir jetzt kamen, erhebt sich malerisch die Kirche Vincent de Paul, ich sah sie in unbestimmten Umrissen durch den Frühnebel schimmern. Abermals ein Schlachtfeld: die Kirche war am 23. Juni des vorigen Jahres eine Zitadelle der Insurrektion geworden. Stundenlang arbeiteten die Kanonen gegen die haushohen Barrikaden, die sie von allen Seiten umschlossen, ein Teil der Bürgergarde dieses Stadtteils war zum Proletariat übergegangen und focht mit erbitterter Wut. General Lefèvre war in dieser Gegend gefallen. Nun begann die Straße jäh hinabzugehen, der Kutscher stieg ab, das Pferd zu führen, das bei jedem Schritte ausglitt. Noch immer kein Mensch, kein Ton, kein Licht. Nichts, was sich rührte oder bewegte, alles ausgestorben, öde, wie in einer fabelhaften Totenstadt. Endlich waren wir in besser aussehende Gassen gelangt, kreuzten den Boulevard und fuhren durch das schwarze Labyrinth, das mit der Rue Montorgeuil anfängt und mit der Kirche St. Eustache endet, dem Innern der Stadt zu. Wir kamen auf die Place des Innocents. Hier ward es noch häßlicher. Die Regierung, die bereits dem später von Louis Napoleon weiter verfolgten Prinzip huldigte, daß die alten, gefährlichen Festungen der Insurrektion geschleift und an ihrer Stelle breite Straßen geschaffen werden sollten, hatte hier bereits großartige Demolierungen vornehmen lassen. Dadurch hatte dieser Stadtteil ein wahrhaft grauenhaftes Aussehen bekommen. Von dem Knäuel alter, baufälliger Häuser, die seltsam zusammengedrängt eine scharfe Ecke in den Markt hinein bilden, war schon die Hälfte abgetragen. Zackig starrten die Ruinen in den Himmel hinein. Wie aufgerissene Leichen standen die Häusertrümmer da, ein Chaos von Schutt und Baugerüst. Die schwarzen Rußstreifen der einstigen Schlote glichen, wie sie Zickzack durch alle Stockwerke liefen, schwarzen, schlaff herabhängenden Fahnen. Nicht häßlicher kann Feuer und Krieg entstellen als hier die Haue und das Brecheisen des Arbeiters. Dieser Häuserklumpen erschien mir als das Bild von Paris nach der Junischlacht. Wir kamen zur Seine. Ruhig, den Widerschein der Gaslaternen von Brücken und Quais spiegelnd, floß die Seine dahin und umschloß mit ihren Armen die alte Cité, über deren graue gieblige Häuser die Turmstumpfe der Notre-Dame aufragen. Es war, als läge ein phantastisches Felseneiland oder ein ungeheures Geisterschiff da. Im Quartier St. Germain, das wir jetzt nach langer Fahrt erreicht hatten, regten sich schon die ersten Lebenszeichen der erwachenden Stadt. Eine ganze Armee trauriger Gestalten war auf den Beinen. Die Gassenkehrer, die zuerst erwachenden Kinder der großen Städte, standen dort in Reih und Glied, den Besen auf der Schulter, um an ihre Arbeit zu gehen. Lumpensammler und deren Weiber, den Korb auf dem Rücken, die Harke in der einen, die Laterne in der anderen Hand, irrten von Winkel zu Winkel und suchten schweigend und tiefsinnig nach Schätzen von dem Wert eines Glasscherbens oder eines Stückes Papier. Einzelne Schnapsbuden hatten sich aufgetan; bei dem Stümpfchen Licht, das die Spelunken erleuchtete, tat das frühwache Volk seinen Morgentrunk. Es war ein unheimliches Bild; wer Paris zu solcher Stunde und mit solcher Staffage nach längerer Abwesenheit wiedersah, mußte meinen, es sei mit Glanz und Schönheit vorbei. Es war, als sei sie zur Metropole des Elends herabgesunken, die Stadt, die noch unlängst der Ballsaal, das große Freudenhaus Europas gewesen. Und doch fand ich Paris, als ich einige Stunden später auf die Straße hinauskam, so gut wie gar nicht verändert. Äußerlich war alles beim alten geblieben. Dasselbe Gedränge auf den Trottoirs, dasselbe Durcheinander von Röcken und Blusen, dasselbe Gerassel von Karren und Wagen. Omnibusse von allen Farben rollten dahin, um so neuer, weil von den alten so viele bei Barrikaden Verwendung gefunden, hoch auf ihnen thronend die Kutscher mit den farbig gefirnißten Hüten. Dieselben Verkäufer, jeder an den hundert Orten mit seinem eigenen Rufe und dadurch kenntlich wie die Vögel im Walde. Dieselben Modeladen mit neuem Flitter und in ihnen dieselben Comptoirdamen mit demselben Lächeln für den eintretenden Käufer: das gesellige Winterleben hatte bereits begonnen. Dieselben Zettel mit wunderbar großen Lettern an den Ecken – nicht etwa wie im Vorjahr Manifeste und Aufrufe zum Schreck aller Wohlgesinnten, sondern, ganz wie in alter Louis-Philippistischer Zeit, die Zettel der vierunddreißig Pariser Theater und nebenbei die Verkünder musikalischer und choreographischer Puffs: Jardin d'hiver, fête venetienne, fête romaine. »Zehntausend Gasflammen!« Dieselben Herren in feiner Toilette, das Bändchen der Ehrenlegion doppelt in Rock und Überzieher, dieselben Grisetten im schwarzen Kleid, in der einfachen Haube, die große Putzwarenschachtel in der Hand. Das Wetter war sonnig und mild. Ich schritt durch das Palais Royal, es war der glänzende Basar von ehedem. Die Laden nicht geschlossen, wie noch unlängst in den Zeitungen zu lesen war, sie funkelten von Schmuck und Juwelen und buntem Trödel aller Art wie ehemals. Ein Flügel des Palais war Kaserne geworden. Ein Regiment Elsässer war dort einquartiert, Trommeln wirbelten unter den Arkaden, aus den Fenstern, in denen die Soldaten plaudernd lagen, klang ein deutsches Volkslied heraus. Ein unermüdlicher Begleiter auf Schritt und Tritt war mir Herr Louis Napoleon. Von allen Schaufenstern der Buch- und Bilderhandlungen sah die schon verwetterte Maske des Weltmannes mit den stark gesteiften Schnurrbartspitzen heraus; ein Gesicht, an welchem alle Schmeichelei der Retouche scheiterte. Daneben der Totenkopf Cavaignacs und – welche Überraschung – die große österreichische Trias: Jellaèiæ, Radetzky, Windischgrätz. Aber ich war ja im aristokratischen Viertel, im Quartier der Börse. Das Gewühl auf den Boulevards war nicht gelichtet. Dort wogten wie sonst die Menschenströme, wogten von morgens bis abends und versiegten nicht. Neue Passagen hatten sich geöffnet und prunkten mit großartigen Warenlagern. Auch die kleinen Blumenmärkte an den Straßenecken waren noch da, schmucke Verkäuferinnen banden schon Veilchensträuße. Unter Louis Philippe hieß es, daß Paris täglich für dreitausend Franken kleine Veilchen- und Rosensträuße verbrauche, auch diese Passion hatte sich noch erhalten. Endlich doch etwas, was wie eine Mahnung an die veränderte Staatsform aussieht. Dort steht ein »Freiheitsbaum«. Freilich sind die Tage ferne, da er grünte und in seinem Wipfel die Freiheitsmütze und die tricolore Fahne trug. Der Baum, eine italienische Pappel, ist schlecht fortgekommen. Er kränkelt wie die Republik selbst, seine Fahnen sind mißfarbene Fetzen, kahl und laublos streckt er die Äste in den winterbleichen Himmel ... Merkwürdig war mir auf dem Boulevard des Capucines ein altes Haus mit hohen Schornsteinen, von alten ästigen Lindenbäumen beschattet, das hinter einer Vorhofmauer mit großem Portal gleichsam verschanzt lag; das Ministerium des Äußern, ehedem die Wohnung Guizots. Von da hatte die Februarrevolution ihren Ausgang genommen. Hier war die erste mörderische Salve aufs Volk gefallen, bald darauf waren die Leichen auf Karren geschichtet, die Fackeln angesteckt und »Rache!« »Rache!« wurde gerufen, bis die Glocken zu stürmen anfingen ... Am Morgen des anderen Tages war Paris eine Festung. 1512 Barrikaden standen errichtet, zu denen allein, wie genau berechnet worden, 4013 Baumstämme und 1 277 000 Pflasterwürfel in Verwendung gekommen, ungerechnet des übrigen Materials an Wagen, Balken, Möbeln, das aus jedem Hause herbeigeschafft worden war. Jetzt lag ein mehr als klösterlicher Ernst auf dem Hofraum und dem dahinterstehenden schwarzen Hause Guizots. Zwei Wachen, die vor dem Tore auf- und abgingen, schienen hier das einzige Lebende zu sein; auf der Mauer war: Liberté, Fraternité, Egalité zu lesen. Nachdem ich zu Mittag gegessen, setzte ich meinen Spaziergang durch Paris fort. Ich fand den Eintrachtsplatz wie ehedem mit Spaziergängern, Equipagen, Reitern belebt. Wie groß und prächtig war alles! Von der andern Seite der Seine blickt das Haus der Deputiertenkammer wie ein griechischer Tempel herüber, dort, wo sich die »Rue nationale« weit öffnet, schaut die Madeleinekirche, auf der ruhigen Pracht ihrer Säulen ruhend, wie ein zweites griechisches Götterhaus herüber. Paläste von allen Seiten; von fern herblickend die Tuilerien, davor der herrliche Park mit weißen Marmorstatuen bevölkert, auf der anderen Seite der menschenbelebte Wald der elyséeischen Felder, von der Avenue de Neuilly durchschnitten, über die sich der Arc de l'Étoile groß und mächtig erhebt. Und auf dem Platze Fontänen, wo sich steinerne Flußgötter das Wasser ins Gesicht speien, vergoldete Kandelaber, der Obelisk des Ägypterkönigs Osimandias, der Moses und Pharao, Cäsar und Pompejus, Herodot und Napoleon gesehen hat. Die Sonne schien so warm, als wolle sie der Welt im tiefsten Winter einen Maitag schenken. Immer reicher und üppiger wird das Menschengewühl. Stattliche Wagen kommen herangefahren und rollen den elyséeischen Feldern zu, es ist die Stunde, um welche Louis Napoleon die gewohnte Ausfahrt zum Arc de l'Étoile macht. Da kommt er, er sitzt in einem offenen zweispännigen Kutschierwagen, Americaine genannt, der russische Gesandte Graf Orloff sitzt zu seiner Linken. Er sieht leichenblaß und kränklich aus, kein Zug seines Gesichtes bewegt sich, indes die Hand, mechanisch grüßend, den Hut lüftet. Wie sich alles herandrängt, ihn zu sehen, wie sie ihm den Hof machen, die noch vor einem Monat über den Attentäter von Straßburg und Boulogne spotteten! Es war, als habe Paris nur den Herrn gewechselt, sei aber im übrigen das alte geblieben ... So war ich in die Nähe der Rue d'Amsterdam gekommen. Dort hatte Heinrich Heine, wie ich aus mittlerweile erhaltenen Briefen erfahren, eine neue Wohnung, Nr.50, bezogen. Ich machte mich dahin auf den Weg. Es dämmerte bereits – die Sonne geht im Januar bald nach vier unter – nur mit Mühe fand ich in der schlechtbeleuchteten Straße die Nummer. »Monsieur Einé, au second, au fond!« sagte die Hausbesorgerin. Ich stieg hinan, klingelte an der mir bezeichneten Türe, ein schwarzbraunes Mulattengesicht grinste mir freundlich entgegen: Treten Sie ein! Ich schritt auf den Zehen vorwärts. Auf dem Simse eines kleinen Kamins brannte eine beschattete Lampe, eine spanische Wand schied das ohnehin kleine Zimmer in zwei Abteilungen. In der dunklen Abteilung stand das Bett. Qui est là? hatte es gefragt – ich nannte meinen Namen. Ich hörte ein Ah! der Überraschung, und als ich näher trat, streckte sich mir eine feine Hand entgegen, die ich heute noch vor mir sehe ... Sie war so zart und weich, man fühlte alle Knöchelchen durch, und diese schienen in einer gallertartigen Masse zu schwimmen. Vor zwei Wochen hätte ich den Tod für wahrscheinlicher gehalten, als daß ich abermals nach Paris kommen und Heine wiedersehen sollte. Auch ihm kam mein unangekündigtes Erscheinen sehr überraschend. Ich hielt die wunderzarte Hand noch immer fest. Im tiefsten Gemüt ergriffen, suchte ich vergebens nach Worten. Wie verändert fand ich ihn wieder! In Montmorency war er noch aufrecht, seiner Glieder mächtig gewesen, jetzt, in der weit kleineren, geradezu ärmlichen Wohnung in der Rue d'Amsterdam traf ich ihn ganz abgezehrt, beinahe blind, als einen, der das Schmerzensbett seit Jahr und Tag nicht verlassen. Er erzählte von den schrecklichen Fortschritten, die seine Krankheit gemacht. »Sehen Sie, lieber Freund«, sagte er schmerzlich, aber mit dem alten ironischen Lächeln, das ihm auch später noch blieb, »da haben Sie in Ihrem ›Ziska‹ von den alten böhmischen Sansculotten, den Adamiten, erzählt. Sie haben wohl nicht geahnt, daß einmal auch Ihr Freund sich zu dieser Sorte bekennen werde. Und doch ist es so, es ist so. Nun ist es schon mehr als ein Jahr, daß ich ein Adamit bin und die Blöße meiner Beine nicht mehr bekleide.« Er richtete sich auf seinen Kissen empor und sprach davon, wie er die Zeit verlebt, in der wir uns nicht gesehen. Er erzählte von seinen fast ohne Unterbrechung wütenden Schmerzen, von der schrecklichen Hiobspein, welche nun schon so lange dauerte. Er schilderte, wie er sich selbst gleichsam ein Gespenst geworden, wie er als ein abgeschiedener und in einem Zwischenreiche lebender Geist herabsehe auf seinen armen, gebrochenen, gefolterten Leib. Er schilderte, wie er in Bildern und Intuitionen in der Vergangenheit lebe, wie er zwar noch schreiben, dichten, schaffen möchte, und wie dann das blinde Auge, die unsichere Hand, der immer wiederkehrende Schmerz wieder alles vernichte. Er schilderte seine Nächte mit ihren Qualen, in denen der Gedanke des Selbstmordes immer wieder an ihn herankrieche, bis er Kraft genug gefunden, ihn wegzuschleudern in Erinnerung an seine Frau und manche Arbeit, die er noch vollenden wolle – und wahrhaft entsetzlich war es, als er zuletzt mit furchtbarem Ernste und mit gedämpfter Stimme ausrief: »Denken Sie doch an Günther – Bürger – Lenz – Heinrich von Kleist – Hölderlin – den unglücklichen Lenau – es liegt doch ein eigener Fluch auf den deutschen Dichtern ...« So klagte er, und wahrlich, er durfte klagen! Er war schrecklich weit im Niedergange angelangt, seitdem ich ihn zuletzt gesehen. Sein körperliches Leiden hatte ihn hilflos wie ein Kind gemacht, es gab fortan für ihn keinen Tag ohne furchtbare körperliche Schmerzen. Aber auch seine materielle Lage hatte sich sehr verschlimmert und war, da vorderhand an literarischen Erwerb nicht gedacht werden konnte, kläglich. Diese veränderte Lage sprach sich in allem aus, in seiner Wohnung, die nur zwei Fenster auf die Gasse hatte, in seiner Bedienung, die von einer alten Person, einer Mulattin oder Kreolin, die zugleich als Wärterin und Köchin fungierte, versehen wurde; in der ganzen Reduktion seines Haushaltes, der weniger als bescheiden war. Die Sache verhielt sich folgendermaßen: Vom Jahr 1837 an hatte Heine aus der Kasse des Ministeriums des Äußern ein Jahrgeld von eintausendfünfhundert Franken bezogen, diese Hilfsquelle, die ihm zehn Jahre hindurch einen bescheidenen Komfort ermöglicht, hatte mit dem Sturze des Ministeriums Guizot aufgehört. Die Annahme dieses Jahrgeldes ist Heine sehr verübelt und zu einem Akte halben Vaterlandsverrats gestempelt worden; ich glaube aber nicht, daß sie die schlimme Auslegung verdient, die sie damals, unmittelbar nach ihrem Bekanntwerden durch eine Publikation der »Revue Retrospective« – gefunden und größtenteils noch jetzt findet. Man muß die Dinge aus ihrer Zeit heraus betrachten. Heutzutage käme die Annahme französischen Geldes von Seiten eines deutschen Schriftstellers einer Infamie gleich, damals aber hatte der exklusiv nationale Standpunkt seine Geltung verloren. Das Frankreich der Julirevolution regierte sich als der Ausdruck der liberalen Ideen in Europa. Es war aber auch eine friedfertige Epoche herangekommen, und niemand glaubte mehr an die Wiederaufnahme alter nationaler Zwiste. Diese Gelder waren, wie Heine sich ausdrückte, »das große Almosen, welches das französische Volk vielen Tausenden von Fremden spendete, die sich durch ihren Eifer für die Sache der Revolution in der Heimat kompromittiert hatten.« Nicht Louis Philippe, das Frankreich der Juli-Revolution zahlte diese Summe aus. Auf der Pensionsliste standen Exulanten aus allen Ländern, Schriftsteller wie Mickiewicz, Staatsmänner wie Godoy, Generale, Gelehrte, Notabilitäten aller Art. Mit dieser Pension hatte Heine keine Verpflichtung irgendwelcher Art übernommen, wie denn auch nicht der geringste Dienst von ihm begehrt worden ist. Und anstatt daß er ein Schmeichler geworden wäre, machte er in seinen Korrespondenzen für die »Allgemeine Zeitung« kein Hehl daraus, daß die Juli-Monarchie nur das wenigste von dem gehalten habe, was sie versprochen. Wir dürfen es bedauern, daß ein in den wichtigsten Menschheitsfragen so unabhängig denkender Mensch den Stolz, den er den deutschen Regierungen gegenüber bewahrt hatte, nicht auch gegen die französische Regierung kehrte. Aber die ihn wegen der Annahme dieser Unterstützung tadeln, sollten zuvor nachweisen, wie er ohne diese bei seiner Art zu produzieren und bei deutschen, damals üblichen Honoraren überhaupt in Paris hätte existieren sollen? Die Stoiker haben leicht reden; allerdings muß man eingestehen, daß Heine zum sich selbst aufopfernden Märtyrer gar keine Anlage hatte. Der Hilfe verlustig, die bisher seinem Leben etwas Behagen geliehen, durch seine Krankheit und den Sturm der Zeit um die Aussichten auf literarischen Erwerb gebracht, dabei von allen Seiten angegriffen und in den Augen vieler an seiner Ehre geschädigt, hatte für ihn eine schreckliche Zeit begonnen, die mit seiner heiteren, sonnenhellen Vergangenheit entsetzlich kontrastierte. Anfeindungen, Widerwärtigkeiten, Nahrungssorgen, moralische Qualen aller Art traten heran, den schon durch seine Krankheit Gefolterten auch geistig hundertfach zu peinigen. Dabei ist zu bedenken, daß eine Zeit herangebrochen war, die alle seine Hoffnungen und Überzeugungen negierte und die bisherige Arbeit seines Lebens für Irrtum oder Wahnsinn zu erklären schien. Es war, als sollte die Zeit zurückgeschraubt werden bis zur Nacht des tiefsten Mittelalters. Alle seine alten Feinde waren rege geworden. Man schilderte ihn als einen Harlekin, der aufs Siechbett gekommen und bald statt der Pritsche, die er einst geführt, zum Rosenkranz greifen werde. Er wurde als ein Wüstling hingestellt, der allmählich bis zur Entnervung herabgesunken. Die Krankheit, der er erlegen, wurde von moralisierenden Federn als die gerechte, selbst heraufbeschworene Nemesis eines verworfenen Lebens bezeichnet. Ein Leiden, das ihn ebensogut hätte treffen können, wenn er als der ehrsamste Kleinbürger in der ehrsamsten deutschen Stadt gelebt hätte, mußte kommen, um seinen Renommagen von tollem Liebesglück, den Fanfaronaden der Laune den Anschein der Wahrheit zu geben! Wir sprachen lange darüber, und er schloß ein großenteils medizinisches Gespräch mit den Worten: »Glauben Sie mir, ich habe moralischer gelebt als die meisten der Menschen, die mich der Unmoralität zeihen. Nie, im ganzen Leben, nie, habe ich eine Unschuld verführt oder eine Ehefrau zur Untreue verleitet. Ist das nicht sehr merkwürdig? Können viele Menschen dasselbe auch von sich behaupten? Wird es mir jemand glauben? Es ist doch so.« Und nach seiner Art, den ernstesten Ton in den spöttischsten umschlagen zu lassen, fügte er hinzu: »Ich habe mir am Abende meines Lebens keine Vorwürfe zu machen. Ich habe nie ein Mädchen verführt und nie eines verlassen. Ich bin nie der erste Liebhaber und nie der letzte gewesen!« So hatte ich Heine bei unserem Wiedersehen am 2. Januar 1849 gefunden.   Am Morgen meiner Abfahrt von Köln war in aller Frühe Karl Marx zu mir gekommen und hatte ein ziemlich großes Paket, in ein unscheinbares graues Papier gewickelt und mit Oblaten zugeklebt, unter seinem Mantel hervorgezogen. »Daß Sie eben heute nach Paris abgehen«, sagte er, »kommt mir sehr gelegen. Ich möchte Sie bitten, dies Paket in Ihren Koffer zu legen. Sie erweisen uns und unserer Sache einen Dienst. So kurz auch unsere Bekanntschaft ist, ich vertraue unbedingt Ihrer Diskretion und Umsicht.« Ich erklärte meine Bereitwilligkeit, Marx zu dienen, und er fuhr fort: »Sorgen Sie nur, daß es nicht in unrechte Hände fällt. Sie wissen, in Frankreich herrscht jetzt das Kriegsgesetz. Am besten, Sie verbergen es in Ihrer Wäsche. Die Polizei des Herrn Louis Napoleon ist dieselbe wie aller Monarchien; darum Vorsicht! Ein Reisender, der vor vier Tagen Livorno verlassen hat, hat uns das Ding zur Weiterbesorgung übergeben. Es geht an einen Herrn Sarpi, einen Italiener – auf diesem Zettel, den Sie bewahren wollen, ist seine Adresse. In Paris bewahren Sie das Paket nicht lange. Zur Abgabe wählen Sie die Abendstunde, da wird man weniger beobachtet. Sollte man im Hause die Anwesenheit des Adressaten verleugnen, so sagen Sie folgendes: La verrue de Tom disparaîtra au bout d'une quinzaine. (Im Laufe von zwei Wochen wird Toms Warze verschwunden sein.) Mit diesem ›Sesam‹ wird sich Ihnen die Türe sofort öffnen.« Ich hatte das Paket heil und unbeanstandet nach Paris gebracht und es den ganzen Tag mit mir herumgetragen. Aber es brannte mich in der Tasche. Nun war die rechte Zeit gekommen, es abzugeben. Kaum hatte ich Heine verlassen, als ich schon Anstalten traf, mich meines Auftrages zu entledigen. Es war zwischen acht und neun, die Boulevards hinauf und hinab, von der Madelaine bis zur Pforte St. Martin wogte der große lärmende Jahrmarkt, die ewig lustige Kirmes. Wie offene gelbrote Tulpen in unabsehbar langen Zeilen flackerten die Gasflammen auf ihren Kandelabern, wie Leuchtkäferscharen flogen die tausend Wagenlaternen dahin. Kaufläden prangten bis in den Mezzanin hinauf wie phantastische Schlösser, in denen Teppiche, Tücher, Bronzen, Vasen und funkelnde Juwelen ausgelegt sind. Auf dem Trottoir vor den Theatern und den Cafés drängte sich die Menge in der lauen Winternacht. Ich verließ das alles und ging, meinen Auftrag auszuführen, mitten durch das Labyrinth der inneren Stadt über die Seinebrücke. Die mir von Marx gegebene Adresse wies mich ans äußerste Ende des Faubourg Monceaux. Die Rue St. Jacques hinansteigend, kam ich am Pantheon vorbei, dessen säulenunterstützte Kuppel mit ungewissen Konturen durch den Winternebel blickte, und befand mich bald in einem der traurigsten Viertel von Paris. Immer enger wurden hier die Gassen, schwarz und drohend wie Felswände; sie ließen nur einen schmalen, dunkelgrauen Streifen Himmel sehen. Ich geriet in die Rue Mouffetard, ins Quartier der Brotlosen. Eine seltsame Welt! Alles wimmelt von Menschen, und sie scheinen eine andere Sprache zu sprechen, jedes Haus gleicht einem durcheinandergewühlten Ameisenhaufen. Hier ist kein Rock zu sehen, die Bluse herrscht unbeschränkt, und die Kappe sitzt schief auf den schwarzen struppichten Köpfen der Männer. Weiber mit undenklichen Hauben keifen und schreien, elendgekleidete Kinder lärmen vor den Rinnsteinen. Ebenerdige Kneipen lassen durch die Vorhänge ein zweifelhaftes Licht aufs feuchte Pflaster fallen, sie widerhallen von Lärm und Gesang und erfüllen die Atmosphäre mit alkoholischen und brenzligen Gerüchen. Laternen hängen über den Türen, Zettel mit Ziffern schwanken darunter, hier wird blauer Kunstwein der Liter zu zwei und vier Sous geschänkt. Warenlager seltsamer Gattung gibt es von Haus zu Haus; altes Eisengerät, altes Kleiderzeug, undenkliches Gerät aller Art ist in diesen Spelunken aufgespeichert. Zerrissene Hemden und geflickte Kleider hängen bei den Fenstern heraus. Da und dort liegt Obst und Fleisch von erbärmlichsten Aussehen zum Verkauf. Viele Leute stehen mitten auf der Straße, meist Männer, alle von wildem Aussehen, mit schwarzen Augen, schwarzem Bart. Hinter den beleuchteten Fenstern arbeiten Frauen und Mädchen bis tief in die Nacht hinein. Alles ist arm hier, doch niemand streckt die Hand nach einem Almosen aus. Es ist ein gar berüchtigtes Viertel, das bei jedem Aufstand seine Leute hinausgeschickt; auf der Schulter eine alte Flinte, mit Fensterblei und Nägeln geladen, zieht der Arbeiter aus, wenn es »losgeht«. Wann wird die Trommel hier wieder wirbeln? dachte ich und war bis an das Eckhaus der Rue Copeau gekommen. Endlich hatte ich das Haus gefunden, in dessen drittem Stockwerk mein Italiener wohnen sollte. Die Haustüre war unverschlossen, aber der Flur stockdunkel. Ich zündete mein Feuerzeug an und stieg auf einer steilen, schmalen Treppe mit stark ausgetretenen Stufen in die Höhe. Es war wie im Schacht eines Bergwerks. In der dritten Etage angelangt, fand die herumtastende Hand endlich den Drücker einer Tür. Ich klopfte und stand vor einer Küche, eine alte Magd in einer weißen Haube trat mir entgegen. »Signor Sarpi?« fragte ich. »Mir unbekannt«, war die Antwort. »Das tut mir leid. Übrigens wird Toms Warze in zwei Wochen verschwunden sein.« »Ah so, dann treten Sie ein.« Die Magd klopfte an einer Türe nebenan. Ich hatte nach dem Aussehen des Hauses erwartet, in die armseligste aller Wohnungen zu treten, aber dem war nicht so. Ich stand in einem netten, reinlichen Zimmer. Ein schwarzer Lehnstuhl war da, ein Sofa, über dem ein schottischer Plaid ausgebreitet war, an der Wand hing ein Spiegel. Vor einem mit Büchern, Zeitungen und verschiedenen Schriften bedeckten Tische, auf dem eine Lampe brannte, saß mein Italiener und schrieb. Er erhob sich, ein schlanker Mann in den vierziger Jahren, das Gesicht von einem schwarzen Vollbart umschattet. Dies Gesicht, wenn auch auf den ersten Blick nichts weniger als einnehmend, hatte den Ausdruck tiefen Ernstes und eines grübelnden Geistes. Ich überreichte das Paket. Signor Sarpi wog es eine Weile in der Hand, während seine Augen scharf prüften, ob alles darin in Ordnung ... »Sie kommen direkt von Köln?« fragte er, indem er mich mit einer Handbewegung einlud, auf dem Sofa Platz zu nehmen. »Direkt.« »Und das Paket war unlängst dort angekommen?« »Soviel man mir gesagt hat, hatte es ein Reisender aus Livorno soeben gebracht.« Signor Sarpi schien sehr befriedigt und wiederholte mehrmals: »ich danke, ich danke!« Dabei spielte ein Lächeln um seine Lippen, als ob er dächte: damit, junger Mensch, hättest Du Dir die Finger verbrennen können! In seinem weißen Hemde blitzte eine kleine Demantnadel. Nun erkundigte er sich mit guten Manieren, doch nur wie abwesenden Geistes nach Mr. Keenes und Karl Marx' Befinden. Kaum hörte er, was ich antwortete. Ich sah, daß er von Verlangen brenne, den Inhalt des Pakets, das er mittlerweile auf den Schreibtisch gelegt hatte, kennenzulernen, es aber nicht in meiner Gegenwart öffnen wollte. Dieser Situation ein Ende zu machen, entfernte ich mich. Ich war froh, als ich aus dem unheimlichen Viertel heraus war. Ich hatte das Paket mit seinem problematischen Inhalte fast vergessen, als ich plötzlich wieder an jenen Abend gemahnt wurde. In Rom gingen die Wahlen für das römische Parlament vor sich. Am vorletzten Dezember 1848 hatte die Deputiertenkammer des Kirchenstaates allen Protesten Pio Nonos, der in Gaeta saß, zu Trotz die Zusammenberufung einer konstituierenden Nationalversammlung beschlossen. Das radikale Livorno wählte Joseph Mazzini. Dieser erschien in Rom, und bald darauf vernahm man, daß er neben Saffi und Armellini die Regierung Roms mit diktatorischer Gewalt übernommen habe. Als nun die illustrierten Zeitungen das erste Bild der römischen »Triumvirn« brachten, erlebte ich eine Überraschung. Ich hatte in dem Bilde Mazzinis unverkennbar die Züge meines Italieners vor mir. Hatte sich Mazzini, während man ihn im Kanton Tessin verborgen wähnte, unter dem Namen eines Signor Sarpi in Paris aufgehalten? Ich kann mich irren, muß es aber beinahe glauben, daß ich an jenem Abend den großen Wühler gesprochen, der bei seiner geheimen Arbeit zugleich den Grund des neuen Italiens gelegt hat.   Es ist wohl niemandem, der sich um Literatur bekümmert, unbekannt, welche mannigfachen Unannehmlichkeiten über Heine hereinbrachen, nachdem dieser sein Buch über Börne herausgegeben hatte. Ein Duell mit dem beleidigten Gemahl einer in diesem Werk oft erwähnten Frau war die erste Folge davon. Es fand, wenn ich nicht irre, im Jahre 1844 im Bois de Vincennes statt. Ein Herr Tessier de Malo und Seuffert waren Heines Zeugen. Strauß hatte als der Geforderte den ersten Schuß. Heine hatte, als er seinen Platz nahm, einen Zweig von dem Baume, unter dem er stand, gebrochen. »Ich stellte mich damit«, sagte er mir, »gleichsam unter den Schutz der Oreade. Wir Poeten sind ein abergläubisches Volk.« Die Kugel zischte hart an seinem Ohre vorüber, traf ihn aber nicht. Da kam die Reihe an Heine, er schoß in die Luft. Es lag ihm nur daran, daß das Duell vor sich gehe. Damit war der Ehre genug getan, die Gegner versöhnten sich, aber von seiten der beleidigten Frau war der Krieg noch nicht eingestellt, er brach vielmehr bald mit all seinen Furien hervor. Die Briefe des toten Börne erhielten nun allerlei Supplemente, in denen Heines auf die unangenehmste Art Erwähnung geschah. Diese Supplemente kamen nicht alle auf einmal, sie kamen in Zwischenräumen und immer wieder, da man sie nun bereits erschöpft glaubte; die beleidigte Dame langte immer wieder in ihre Kassette und brachte immer wieder ein gehässiges Blatt hervor, das wie ein letztes aussah und doch nicht das letzte sein sollte; kurz, alle Blätter, die Börnes Haß gegen Heine in unermüdlichem Eifer viele Jahre hindurch beschrieben und bei Lebzeiten entweder im Pult begraben wollte oder nur an vertraute Personen gesendet hatte, kamen allmählich zum Vorschein. Bedenkt man die Anzahl derselben, so muß man darüber erstaunen, wie ein im Grunde großmütiges Herz, wie das Börnes jedenfalls war, für einen ganzen Köcher voll kleinlicher Waffen Raum genug hatte, und wie im Busen einer von Menschenliebe emporlodernden Seele eine so lange währende und so tief gehende Verfolgungslust mitbrennen konnte, zumal der gehaßte und verfolgte Mann einer war, dessen Streben im Grunde mit dem seinigen eins und dasselbe, ebenso frei und so groß war und an den er durch mannigfache Jugenderinnerungen sich gebunden fühlen mußte. – Aber es zeigte sich oft und zeigt sich auch hier wieder, daß aufgelöste Freundschaft grimmigste Feindschaft gibt. Gleichzeitig hatte ein heftiger journalistischer Kampf gegen Heine begonnen. Ich weiß nicht, ob es eine Halluzination seiner Sinne war, wenn Heine abermals auch in der Mitte dieser, ihn mit allen Waffen angreifenden Phalanx die Gestalt des beleidigten Weibes zu erkennen glaubte, aber er ist fest überzeugt geblieben und glaubte Beweise zu haben, daß auch diesmal die Kassette der Madame Strauß sich auftat, diesmal, um den Kämpfern einen pekuniären Succurs zukommen zu lassen. Lachend pflegte er zu sagen, dies sei das einzige Mal gewesen, daß andere etwas an ihn gewandt hätten, aber sein Lächeln war bitter, und er schien im Glauben befangen, daß die erbitterte Feindin in der Tat seinem Lorbeer zu schaden vermocht hätte. »Mein Leben war schön«, sagte er einmal, »ich war der Lieblingspoet der Deutschen geworden und wurde sogar gekrönt wie ein deutscher Kaiser zu Frankfurt. Mädchen in weißen Kleidern streuten mir Blumen, o es war schön! Warum mußte ich doch meinen Heimweg durch die Judengasse nehmen, die, wie Sie vielleicht wissen, vom Römer nicht gar weit entfernt ist! Als ich sie auf meinem Triumphzuge durchschreite, geht ein häßliches Weib mir quer über den Weg und droht mir, als wolle es mir Unglück weissagen. – Ich stutze vor der Gestalt, fahre einen Schritt zurück, und mein Kranz – mein prächtiger Kranz fällt in den Staub dieser unreinen Gasse. Seitdem klebt ein fataler Geruch an meinem Lorbeer, ein Geruch, den ich nicht wegbringen kann! Schade um den schönen, schönen Kranz!« – – So seufzte Heine; ich aber, in befreundeter Stellung zu ihm und ein entschiedener Feind der Art, wie Madame Strauß, die Freundin Börnes, den Krieg gegen Heine geführt, fühlte das Leid und die Verunglimpfung, die ihm angetan worden, mit. Um so voller war mein Anteil und um so vollständiger meine Erbitterung, als ich von dieser Gegnerin Heines bis dahin gar nichts gehört und sonach keine Gegenvorstellung meine Gefühle mindern konnte. Die Gestalt, die Heinen, quer über den Weg gehend, Unglück weissagte, schwebte mir daher immer mit allen Attributen der Wesen vor, die der abergläubischen Phantasie des Mittelalters als schlimme Vorbedeutung erschienen. Ich fürchtete mich vor Madame Strauß und ihrem bösen Auge ... Doch schien es mir beschieden, ihrer Bekanntschaft teilhaftig zu werden. Der Frankfurter Buchhändler, der mir zu dem Buche über Paris den Auftrag erteilt, ein Neffe der Dame, hatte mir ein Paket und einen Brief an sie mitgegeben und mir aufgetragen, sie ja gleich in den ersten Tagen meines Pariser Aufenthalts in ihrem Landhaus in Auteuil aufzusuchen. Ich sandte Brief und Paket hin und verschob die Fahrt. Erst als der Gemahl, Herr Strauß, mich auf meinem Zimmer in der Cour de Commerce besucht hatte, konnte ich die Fahrt nicht länger verschieben und machte mich nach Auteuil auf. Auteuil ist ein Dorf wie fast alle Dörfer in der Nähe der großen Metropole, ein kleiner Flecken voll eleganter Sommerwohnungen, teuer und fashionable, wo man vergeblich ländliche Sitten und ländliche Einfalt suchen würde. Es liegt am Ende des berühmten Boulogner Hölzchens, auf dessen Rasenplätzen die beleidigten Dandys von Paris sich Genugtuung zu geben pflegen. Die Allee des Holzes verlängert sich bis dahin, und so wird Auteuil der Zielpunkt jener täglichen Morgenpromenaden, die der Pariser Lebemann auf dem Vollblutpferd, die Pariserin nonchalant im Wagen hingestreckt unternehmen. Die grünen Jalousien der Häuser sind meist von breiten Lindenwipfeln beschattet, und in der Ferne erblickt das Auge erfreut grüne, weithingedehnte Saatfelder und das blitzende, vielgewundene Band der Seine. Ich hatte leider, um nach Auteuil zu fahren, das ökonomische, aber geduldprüfende Beförderungsmittel des Omnibus gewählt, diesmal noch zu besonderem Unglück, denn die Pferde waren todmüde und schienen auf dem kotigen Pflaster gar nicht fortkommen zu wollen. Alle Augenblicke zog der Kondukteur die Klingel, der Kutscher hielt an, bald stieg einer mißvergnügt aus, entschlossen, den weiteren Weg zu Fuß zu machen, bald galt es, eine dicke Bäuerin, die ihre Einkäufe in Paris gemacht hatte, mit ihren Körben und Schachteln aufzunehmen. Überdies war ich zu spät ausgefahren. Es mochte vier Uhr sein, da ich aufsaß, der Februar hat so kurze Tage, und nun dunkelte es bereits, das unübersehbare Häusermeer von Paris hüllte sich in einen grauen, unheimlichen Schleier; nur die Kuppel des Pantheon glühte in rötlichem Feuer. Wir kamen an Passy vorüber, wo Franklin einst wohnte und ich vor bald zwei Jahren Beranger besucht hatte. Ich sah bereits Licht in dem kleinen rebenumpflanzten Hause des greisen Dichters. Allmählich zog sich der Nebel immer dichter zusammen, und ein stiller, aber eindringlicher Regen fiel. »Ei!« dachte ich, »das hast du schlecht gemacht! Kurz vor der Essensstunde willst du bei den Leuten erscheinen! Wer aber hätte auch geglaubt, daß Auteuil so weit ist, die Pferde so müde sind und der Omnibus so oft anhalten würde! Ich komme der Freundin Börnes vielleicht recht ungelegen über den Hals!« Trotz oder vielleicht gerade wegen des düstern Bildes, das ich mir von dieser Frau machte, war ich neugierig, sie zu sehen. Börnes Freundin konnte kein gewöhnliches Wesen sein. An sie, die damals noch in Deutschland lebte, waren die »Pariser Briefe« gerichtet, diese wilden Dithyramben des Zornes, diese Bündel von Schwertern, diese Feuerregengüsse von Witz, Erbitterung, Schmerz. Börne, ein Prophet, zum Haß getrieben aus Übermaß der Liebe, ein Apostel, nicht mit einem Palmzweig, mit der Brandfackel in der Hand, konnte nur ein Weib lieben, ihm ähnlich, ihm verwandt. So dachte ich, und langsam trabten die Pferde; es ward immer dunkler, immer heftiger schlug der Regen an die Fenster, die klappernd in ihrem schlecht gefügten Rahmen auf und ab gingen. Der dicke Nachbar mir gegenüber schlief regelmäßig ein, bis ihn ein stärkeres Poltern auf dem Pflaster weckte, und ebenso regelmäßig fiel mir sein nasser Regenschirm zwischen die Beine. Verdammter Einfall, so spät auszufahren oder vielmehr welch' kläglicher Mangel an Berechnung! Der Kondukteur hatte sich endlich auch in den Wagen hineingesetzt, ich fragte ihn, ob heute noch ein Omnibus nach Paris zurückfahre. »Unmittelbar nach Ankunft dieses fährt einer«, ist die Antwort. »In einer halben Stunde, eine Stunde später?« »Geht keiner mehr«, ist die Antwort. »Die Abfahrt, die sich anschließt, ist die letzte.« Erfreulicher Gedanke, einer Visite wegen in Auteuil übernachten oder einen Wagen nehmen zu müssen! Doch da ist nicht zu helfen. Wenn sich der Besuch nur lohnt! Indes hält der Wagen, wir sind in Auteuil. Bei Dunkelheit und Regenwetter ist es nicht eben angenehm, an einem fremden Ort nach einer Wohnung zu fragen. Mit immer wachsendem Mißmut gehe ich von Haus zu Haus. Endlich ist die Wohnung gefunden, ich klopfe an, das Tor geht auf, eine alte Portiersfrau entsteigt ihrer Spelunke, bestätigt, daß Herr und Madame Strauß zu Hause seien, meint aber, sie müsse sich erst näher erkundigen, ob sie heute jemanden vorlassen könne. Sie geht hinauf, sich zu erkundigen. Ich stehe fröstelnd im Torwege. Lange stand ich da und hörte den Omnibus seine Rückfahrt antreten. Die Alte kam nicht wieder. Was ich übersah, war der Hofraum eines alten, vierstöckigen, schweigsamen Hauses. Alle Fenster waren dunkel, nur eines war matt erleuchtet, hinter niedergelassenen Vorhängen mußte dort eine Lampe brennen. Der Regen gießt immer stärker herab, er klatscht auf die Pflastersteine vor meinen Füßen, ich verschlucke manchen Fluch. Endlich höre ich Schritte. Die Portiersfrau, ein Licht in der Hand, kommt die Treppe herab, ein Mann in schwarzem Frack folgt ihr. Es ist Herr Strauß. »Ach mein Gott!« sagte er, als er mir näher tritt und mich erkennt, mit verlegener Miene. »Es tut mir leid, aber Sie haben einen schlechten Tag getroffen. Meine Frau ist eingesperrt und läßt niemand vor. Sehen Sie, ich selbst darf nicht zu ihr. Sie sitzt auf der Erde in ihrem Zimmer, sie hält ›Jahrzeit‹. Wirklich, es tut mir leid, aber es ist heute der Sterbetag des Börne.« Er verbeugte sich, ich verbeugte mich, mein Besuch war gemacht. In der Tat, heute war der 13. Februar, Ludwig Börnes Todestag. Ich tappte hinaus und ging, aber nicht weit. Von der Straße abbiegend, blieb ich mitten im Regen stehen und blickte, ich weiß nicht wie lange, auf das eine beleuchtete Fenster im Hinterhause, wo durch eine Gardine das Neschamahlicht hervordämmerte, wie festgebannt. Meiner Seele hatte sich nach den Worten, die der bescheidene Gemahl zu mir gesprochen, ein Sturm bemächtigt, welcher mich nicht allein erschütterte, sondern auch machtvoll belebte. Nie wieder werden wohl so anspruchslose Worte einen solchen Schlag auf mein Herz führen. Meine Vorstellungen über Heines Todfeindin, die ich nach Auteuil mitgebracht, kämpften gegen ein neugewonnenes Bild einen heißen Kampf. Nach langer Gegenwehr zog sich mein Haß, soweit er Parteisache war, ehrfurchtsvoll zurück. Die leidenschaftliche Trauer dieses Weibes, das Jahre nach dem Tode des Geliebten noch keinen Trost gefunden, flößte mir Hochachtung ein. Ich erkannte und bewunderte zugleich die energische Seele der Börne-Freundin, die sogar den Gatten von sich weist, wenn sie das Totenamt nach jüdischem Brauche hält. Ich habe auch seitdem diese merkwürdige Frau nicht kennengelernt, die Anschauung aber, die sich auf dem Feldwege von Auteuil mit vulkanischer Macht in mir emporbildete, herrscht noch heute in meinem Innern vor. Wie eine überlebensgroße Statue des Schmerzens, die mit der Linken einen Aschenkrug an das Herz preßt, in der rechten Hand aber ein Schwert schwingt, mit welchem sie den Toten an seinem Feinde rächt – so schwebt mir diese Frau vor den Augen.   Als eines der Häupter der zentraleuropäischen Demokratie galt damals Georg Herwegh. Er stand in seinem zweiunddreißigsten Jahre, ein schöner, schlanker Mann, mit einem Kopfe wie ein Armenier. Das regelmäßige Profil mit der stark hervortretenden Nase und den schönen braunen Augen, in denen ein unheimliches Feuer aufflammte, der gelbliche Teint, der kurzgehaltene, rabenschwarze Bart, das tiefdunkle, wenngleich bereits spärliche Haar gaben ihm, dem Württemberger, dem Sohne eines Stuttgarter Speisewirts, das Aussehen eines Prinzen von den Ufern des Oxus. Er hatte schon 1841, in einer Zeit allgemeiner Gedrücktheit, seine »Lieder eines Lebendigen« hinausgesandt, die mit unwiderstehlicher Gewalt, dabei in den vollendeten Rhythmen den kühnsten Hoffnungen und Wünschen Ausdruck gaben, und hatte damit das deutsche Bewußtsein, wenn nicht aus den Angeln gehoben, doch in seinen Angeln erschüttert. Seitdem war ihm bei jungen Jahren eine überspannte Aufmerksamkeit auf seine Person zuteil geworden. Alles schaute auf ihn. Er aber hatte seitdem fast vollständig geschwiegen. Er wollte nichts bringen, was hinter dem zurückblieb, was er früher geleistet, und tat darum gar nichts mehr. Während er auf neue Eingebungen harrte, verging die Zeit. Zuerst war er wie eine Rakete emporgestiegen, jetzt glich er dem Stab derselben, der langsam verkohlt. Schon im April 1848 war Herwegh mit seiner »französisch-deutschen Legion« von Straßburg über den Rhein gegangen und hatte in einem Aufruf dem deutschen Volke die Republik angekündigt. Natürlich hatte er mit seinem Freischarenzuge nichts ausgerichtet, das Fiasko war grenzenlos. Seine Schar war auf eine württembergische Kompanie gestoßen und hatte sich nach einem unbedeutenden Gefechte, in welchem der republikanische Hauptmann von Schimmelpfennig gefallen war, aufgelöst. Herwegh entkam über den Rhein; ganz selbstverständlich war ihm nicht gelungen, was nicht geleistet werden konnte. Nun war er von getäuschten Hoffnungen innerlich verzehrt. Von allen deutschen reformatorischen und revolutionären Bestrebungen sprach er mit der größten Verachtung. Er wollte sich fortan nur mit naturwissenschaftlichen Aufgaben beschäftigen. So grübelte er fortwährend über Dinge, die nie fertig wurden, und verharrte, während alles um ihn her lebendig war, in einem Schweigen, das wie Verachtung aussah und schließlich in kurzen, schroffen, hochmütig hingeworfenen Urteilen auslief. Diese ihm gewöhnliche Haltung verschwand aber sofort, wenn er einer einzelnen Persönlichkeit, der er ganz trauen konnte, gegenübersaß. Dann gab es keinen eifrigeren Debatter. Nur hatte er die Eigenheit, über jede Opposition, die man ihm machte, in eine wahre Berserkerwut zu geraten. Herwegh war durch seine Verheiratung mit Emma Siegmund, der Tochter eines Berliner Bankiers, einer vortrefflichen, mutigen Frau, reich geworden und wohnte höchst luxuriös in einer Avenue der elysäischen Felder, der Rue du Cirque. Er hatte nicht nur das Aussehen, sondern auch die Schwermut eines Orientalen und ruhte nun auf opulenten Sofas von grünem Samt aus von den Strapazen des badischen Feldzuges. Man wurde durch einen feingekleideten Diener angemeldet und traf den Dichter noch um die Mittagsstunde im seidenen Schlafrock. Herwegh war ein weiches, vertrauensvolles Poetengemüt und ging mit seiner mangelhaften Menschenkenntnis immer wieder schlauen Gesellen in die Falle, wenn sie die bei ihm wirkenden Schlagworte anbrachten. So war er der wirkliche Simplizissimus I., wie ihn Heine mit bitterm Hohne zu nennen pflegte. Auf seinem »Feldzuge« hatte er die Kriegskasse einem Polen anvertraut. Natürlich war dieser beim Zusammenbruch des Putsches mit dem Gelde verschwunden. Man machte ihn ausfindig, er lebte unangefochten an der badischen Grenze. Herwegh verlangte die Kriegskasse. Der Pole meldete zurück, er habe die eiserne Kiste regelrecht in einem Walde nächst Dossenbach vergraben, habe auch eine Aufnahme des Ortes zu Papier gebracht, sei aber jetzt halb erblindet und könne den Kriegsschatz nicht wieder auffinden. Er wußte recht gut, daß die Sache nicht bei Gericht anhängig gemacht werden könne. Bald stellte sich heraus, das Augenleiden des Polen sei heilloser Schwindel. Herwegh tobte, wetterte, verzichtete aber schließlich auf jede Verfolgung oder Bloßstellung des Mannes. Die Welt behauptete, Herwegh sei unter dem Spritzleder eines Wägelchens, das seine Gattin gelenkt habe, den Verfolgern entgangen. Auch wenn die Geschichte wahr wäre, sähe ich nichts für die Ehre des Dichters Nachteiliges darin. Nur derjenige, der sich nach der Glorie des Märtyrertums sehnt, stellt sich einem übermächtigen Feinde; ist man einmal geschlagen, flüchtet man, wie man eben kann. König Enzio entflieht in einer leeren Tonne, Louis Napoleon in Ham zieht Maurerkleidung an und geht mit einem Mörteltrog davon. Guizot soll in Weiberkleidern entflohen sein, Pio Nono verließ die heilige Stadt als Kammerdiener der Gräfin Spaur verkleidet auf dem Kutschbock. Ich sehe nicht ein, warum der vom Erschossenwerden bedrohte Herwegh nicht unter ein Spritzleder hätte kriechen sollen? Doch ist die ganze Geschichte nicht wahr, die Fabel erhielt sich nur, weil Herwegh zu stolz war, in der Sache eine Erklärung von sich zu geben. Ein Turnlehrer namens Spieß, Vorstand hessischer Turner, erzählte viele Jahre später, wenn sich Gelegenheit dazu ergab, wie die ganze Spritzledergeschichte eine Erfindung von ihm sei. Er führte sie als ein schlagendes Beispiel dafür an, wie eine beim Glase Wein zum besten gegebene Fabel, wenn sie sich an einen berühmten Namen knüpfe, lustig weiter kursiere, in die Zeitungen gelange und schließlich als »Tatsache« figuriere, wo sie alsdann im Partei-Interesse ausgebeutet werde. In der Tat hat die Lüge, wenn sie nur auf den richtigen Boden fällt, ein Wachstum wie die Wasserpest. Durch Herwegh wurde ich mit Alexander Herzen bekannt. Dieser, jetzt am Rande der Dreißig stehend, eine imposante, männlich schöne Gestalt, feurig im Auftreten, liebenswürdig im Verkehre, war ein Sohn des russischen Fürsten Jakowleff und einer deutschen Mutter. Er war wiederholt im Ural interniert gewesen, hatte Novellen geschrieben und schrieb jetzt nur Sozialpolitisches, Dialoge, Unterredungen über Philosophie der Geschichte. Er war einer jener Russen, die im westlichen Europa nur »Untergangstum« sehen. Es wird die Möglichkeit, die Massen freizumachen, geleugnet, die schöpferischen Gedanken großer Geister, Aristoteles, Sokrates, Bacon, Spinoza erklingen so nutzlos wie die Lehren des Evangeliums oder der französischen Revolution. Indessen birgt Rußland die Anfänge neuer Lebensformen: Herr von Haxthausen hatte nämlich vor kurzem den russischen Gemeinbesitz an Land und Äckern entdeckt und als Zukunftsform sozialistischer Wirtschaft bezeichnet! Abgesehen von diesem bodenlosen Pessimismus von speziell moskowitischer Färbung, der ihn zum Vater des modernen Nihilismus macht, war Alexander Herzen vorerst noch ein Anhänger Proudhons, wie er denn auch, als der »Peuple« einging, Proudhon die »Voix du peuple« mit großen Geldopfern begründen half. Vom Glück mit großartigen Mitteln ausgestattet, war Alexander Herzen grenzenlos freigebig, wo irgend sein Mitgefühl geweckt wurde oder seine Prinzipien ins Spiel kamen. Er ist bald darauf nach England gegangen, eine Druckerei für den »Kolokol« zu gründen, der für Rußlands politische Entwicklung so bedeutungsvoll wurde. Herzen war eine großartige Natur, in der sich Energie und Verstand die Waage hielten. Ihm zur Seite stand ein wahres Engelsgebilde – ebenso schön als sanft und klug – seine Gattin. Ein etwa achtjähriger Knabe, der kleine Alexander, war ihr Abbild. Als Erzieher desselben war der junge Friedrich Kapp eingetreten. Von diesen philosophischen und abstrakten Revolutionären, die sich eine neue soziale Welt konstruierten, durch die ganze Breite einer anderen Weltanschauung getrennt, waren die praktischen Revolutionsmänner, die der Sturm der Zeit nach Paris verschlagen hatte, nämlich die polnischen und ungarischen Flüchtlinge, die in den eben beendigten Kämpfen eine Rolle gespielt hatten. Es waren dies ganz praktische Naturen, Monarchisten, die für eine ganz konkrete Sache, die alte ungarische Verfassung, gekämpft hatten. Zu diesen zählte Graf Ladislaus Teleky, vom ungarischen Ministerium als Vertreter Ungarns nach Paris entsandt. Er war bereits wegen seines Protestes gegen die Niederwerfungsmaßregeln in contumaciam verurteilt und in effigie gehenkt – ein feiner, liebenswürdiger Weltmann, von weichem Gemüt und den humansten Formen. Ich kam öfter in sein Haus, wo sich an gewissen Abenden eine Zahl seiner Landsleute einfand. Da wurden keine theoretischen Fragen besprochen, es wurden hiefür die Fragen der gegenwärtigen Politik behandelt und Erlebnisse erzählt. Fast jeder der Anwesenden hatte merkwürdige Schicksale hinter sich, die oft völligen Romanen glichen. Die Kriegsereignisse standen damals für die Ungarn geradezu verzweifelt. Sie hatten sich überzeugen können, daß mit ihrem zusammengelesenen Landsturm keine Schlachten gegen reguläres Militär zu liefern seien. Goergey hatte im Herbst das Oberkommando der Honvedtruppen übernommen, jedoch schon in den ersten Tagen des Januar Pest-Ofen geräumt und sich nach den Bergstädten des nördlichen Ungarns gewendet. Nur die Unfähigkeit des Fürsten Windischgrätz, der in dem ihm unverständlichen Rückzug der Ungarn einen tiefangelegten Plan argwöhnte, gab Kossuth und Klapka Zeit, in neuen Rüstungen eine bewundernswerte Energie zu entfalten. Die ungarischen Revolutionäre waren durchgängig Männer mit ganz bestimmten praktischen Zwecken, von monarchistischer Gesinnung, meist Militärs. Von Frankreich begaben sich die meisten nach Italien und traten in sardinische Kriegsdienste. Mehrere derselben haben später Garibaldi nach Sizilien begleitet und sind, wofern sie noch leben, in hohen Stellungen tätig. Sie wollten damals nichts weiter als die volle staatliche Unabhängigkeit Ungarns. Diese ist auch, wenngleich lange nachher, in die Welt getreten als eine Notwendigkeit, durch nicht vorauszusehende Ereignisse herbeigeführt. Die mit Händen greifbare Unmöglichkeit, mit dem Zentralismus weiter zu regieren, und die Notlage nach dem Kriege von 1866 zwangen die Wiener Regierung zur Nachgiebigkeit, und die Verfassung von 1848, für die jene Flüchtlinge eingestanden, wurde wiederhergestellt, allerdings sehr überstürzt, zum finanziellen Nachteil der übrigen Provinzen und ohne Erwirkung von Garantien zugunsten der innerhalb Ungarns sitzenden deutschen Elemente. So konnten die damals Verfemten noch zu Ehren und Wirksamkeit gelangen, während alles Denken und Arbeiten der deutschen Ideologen so gut wie unfruchtbar geblieben ist. Inzwischen war mir aus der Heimat die Nachricht zugekommen, daß die im Oktober vorigen Jahres vom Prager Staatsanwalt gegen mich eingereichte Klage zurückgewiesen worden sei. Zuerst glaubte ich kaum, der Kunde trauen zu dürfen; aber nachkommende Nachrichten bestätigten sie. Dieser Ehrenmann war mit seinem Versuch, einem Jugendfreunde freies Quartier in einer österreichischen Kasematte zu verschaffen, schmählich durchgefallen! Das Kriegsgericht auf dem Prager Hradschin, doch aus besseren Elementen zusammengesetzt, war der Ansicht gewesen, daß ein lyrisches Gedicht, während eines heftigen politischen Sturmes entstanden, doch kein so drastisch zu strafendes Reat bilden könne. Man hatte den Streber abfahren lassen. Wenige Tage, nachdem mir die freudige Kunde zugekommen, erhielt ich eine Postsendung größeren Formats. Ich öffnete das Couvert: ein Aktenstück lag darin von mir wohlbekannter Schrift: ein unbekannt bleiben wollender Freund schickte mir die vom Staatsanwalte eigenhändig geschriebene Klage zu! Ich war ordentlich neugierig zu erfahren, was ich denn alles in meinem Gedichte »An Wien im Oktober 1848« verbrochen, und las. Die Klageschrift hob mit dem Bedauern an, daß kein Gesetz existiere, um das in meinem Poem vorkommende Wort: »verbündete Slawen und Sklaven« zu strafen. »Da unser Preßgesetz«, hieß es, »das Vergehen l'excitation des citoyens entr'eux, les uns contre les antres, wie solches im französischen Gesetze vorkömmt, nicht enthält, so mag der Vaterlandsfreund diese Verirrung wie tausend ähnliche, täglich vorkommende, beklagen, es ist aber weiter dagegen nichts zu tun. Nun sagt Meißner aber in der sechsten Strophe: Laß sie nicht wiederkehren!« und meint damit nicht bloß die sogenannte Kamarilla! Das zielt auf die Flucht des Kaisers und des Hofes nach Olmütz! »Laß sie nicht wiederkehren!« Das heißt, sage Dich von Deinem Kaiser los und verwehre ihm, wenn es not tut, den Eintritt mit Gewalt. Die Slawen aber, die ihren Kaiser mit Leib und Leben schützen, die Slawen, die zu einer Zeit, wo man neben jedem liberalen Gedanken das Bild des Spielbergs wie eine Fata morgana aufsteigen sah, man kann sagen, mit Heldenmut für die Freiheit vorarbeiteten, nennt Herr Meißner »königswütig«, weil sie demokratische Monarchie, die Wahrung des konstitutionellen Thrones wollen und für Anarchie und Republik keine Sympathien äußern. Nun fragt er weiter: »ist Deutschland ganz entwaffnet?« Das wäre wohl im besseren Falle Kriegserklärung und Einrücken deutscher Truppen, im schlimmeren Falle, was der Dichter übrigens offenbar vor Augen hat, Einbrechen von Freischaren. Der Kommentar zu diesem Gedicht ist leicht zu geben. Der Sinn desselben ist: Österreich, schließe Dich an Deutschland an und werde mit ihm Republik. Sonst wirst Du in den alten Absolutismus, ja in einen ärgeren (Knute!) zurückfallen. »Und so«, fuhr der Staatsanwalt in seiner Klageschrift fort, »hat Alfred Meißner, der im Leben als edeldenkender, herzensguter, sanfter Mensch allbekannt ist, sich von blindem Parteiwahn und poetischer Hirnwut zu einer Reihe verbrecherischer Äußerungen hinreißen lassen, als da sind: 1. Aufforderung zum Angriff auf die Person des Landesfürsten und Schmähung desselben mit der Absicht, gegen ihn Abneigung und Verachtung zu erwecken (zuwider den §§ 10 und 11 des provisorischen Preßgesetzes). 2. Aufforderung zum Aufruhr (zuwider § 66). 3. Aufforderung zur Unterjochung des Vaterlandes durch einen äußeren Feind (zuwider § 10). Nicht unbemerkt möge bleiben«, schloß der Biedermann und setzte damit seinem Vorgehen die Krone auf, »daß das Gedicht ›An Wien‹ in Wien erschienen ist und also eigentlich der Amtswirksamkeit des Staatsanwalts in Wien anheimfiele. Da aber in Wien die Bande der Ordnung gelöst sind, sonach auch die Wirksamkeit des Staatsanwalts gehemmt ist, so hat der unterzeichnete Anwalt es für seine Pflicht gehalten, Anklage gegen den Verfasser zu erheben. Geruhe ein hohes k.k. Gericht, diese Klage zu Gerichtshänden anzunehmen und die Voruntersuchung anzuordnen. Prag, am 29. Oktober 1848. Dr. Ambros.«   Ich hätte, wenn das Gericht auf die Forderungen eingegangen wäre, zehn bis fünfzehn Jahre schweren Kerkers zugemessen erhalten können. Nun, diese Gefahr war vorübergegangen! Die Zurückweisung der Klage und vollends die Einsendung der Schrift zeigte mir, daß ich daheim, wenn auch Feinde, auch tätige Freunde habe. Ich war nun in eine neue Lage versetzt. Ich hatte keine Verfolgung mehr zu fürchten. Ich konnte gehen oder bleiben, wie mir beliebte. Mein Lebensfrohsinn, der ganz verschwunden war, kehrte wieder. Das Aktenstück ist noch in meinen Händen und hat jetzt, da W. Ambros eine Autorität in der Musik geworden ist, einen Wert als Autogramm. Erst viele Jahre später in Prag erfuhr ich, wem ich die Zusendung zu danken hatte. Ein ehemaliges Mitglied des Kriegsgerichts, das jetzt bereits die goldene Borte eines höheren Stabsoffiziers trug, war der Zusender gewesen. Von nun an fühlte ich mich nicht mehr als Flüchtling, sondern als einfacher Beobachter in Paris. Ich studierte fleißig und schrieb sehr viel. Dem Verlagsbuchhändler, der mich nach Paris entsandt, konnte ich ankündigen, daß mein Buch so gut wie fertig sei. Heine hatte mich aufgefordert, ihn jetzt in seiner Einsamkeit recht oft zu besuchen. Ich machte von dieser seiner Erlaubnis im vollsten Maße Gebrauch. In dieser Zeit seiner Krankheit, seiner Sorgen, seiner Verlassenheit rückte ich Heine näher; erst von da ab, kann ich sagen, begann unser Verkehr. Selten verging jetzt ein Tag, an welchem ich nicht ins Haus gekommen wäre. Ich sah, daß ihm ein Landsmann not tat und willkommen war. Er war noch so voll Anteil an der Welt, und dieser war ohne eine Mittelsperson nicht zu befriedigen. Fortan las ich Zeitungen und Zeitbroschüren immer mit der Absicht, ihm das Wichtigere von dem, was draußen vorging oder erörtert wurde, mitzuteilen und ihn so mit der Welt in Kontakt zu erhalten. Ich gewöhnte mich allmählich und schrittweise an seinen sich ununterbrochen verschlimmernden Krankheitszustand, dessen Anblick die Nerven der ihn Besuchenden meist auf das peinlichste erschütterte und so manche derselben von weiteren Besuchen abhielt. Der Platz an seinem Bette und die Unterhaltung mit ihm ward mir allmählich lieber als der Spaziergang über die Boulevards oder der Verkehr mit den meisten Gesunden. Im Gespräch vergaß ich die Krankenstube. Der Reiz, den seine Bücher auf mich geübt, setzte sich hier fort, und mir war, als lese ich manches Kapitel, von dem die übrige Welt nichts erführe. Aber auch den Menschen gewann ich lieb. Die Güte seines Herzens, von fast allen in Frage gestellt, stand für mich über jeden Zweifel erhaben. Wie leicht hätte ich damals, wo er noch so diskursiv war und die Nennung eines Namens genügte, ihn zu den geistreichsten Auslassungen über Zeitfragen, Persönlichkeiten und Bücher zu bewegen, aus seinen Erzählungen und Urteilen ein Buch von der Gattung Eckermanns zusammenstellen können! Aber ich hatte eine Scheu davor; es hätte mir nicht korrekt geschienen, Dingen einen Leserkreis zu geben, die schließlich doch nur für Einen gesprochen waren. Dem gesprochenen Worte fehlt nur allzu oft das Maß und die richtige Abwägung. Auch bei Eckermann, nachdem er seine Notizen lange geführt hat, tritt ein Zeitpunkt ein, in welchem er sein Gebaren nicht als ganz loyal ansieht, und er macht Goethe das Geständnis, daß er über dessen Äußerungen Buch führe. Aber die kluge Exzellenz hat das längst schon ausgewittert und hat schon seit langer Zeit ihre Antworten auf Eckermanns Fragen so eingerichtet, daß ihr deren Fixierung ganz willkommen ist. Nun beschließen sogar beide, zusammen das Ganze zu revidieren. Heine war nicht also geartet; er ließ sich gehen und sprach nur, weil er wußte, daß er sich gehen lassen könne. Ich glaube, er hätte dem Manne, in welchem er einen Aufschreiber seiner Urteile und Einfälle zu vermuten Grund gehabt, einfach die Tür gewiesen. Was er vor das Publikum gebracht sehen wollte, wollte er auch selbst geschrieben haben.   An einem Abend einige Wochen später kam ich mit Heine auf die Politik zu sprechen, was eben nicht oft geschah, Heine hatte die Politik aufgegeben. Seine literarischen Arbeiten standen ihm obenan, und die religiöse Frage schlich sich allmählich in sein Gemüt. »Es wird nicht mehr lange so bleiben«, sagte er bitter lächelnd. »Ein Staatsstreich ist ein öffentliches Geheimnis. Man plaudert so viel von ihm, daß man gar nicht mehr daran glaubt, aber er bleibt nicht aus. Der Präsident arbeitet nach der Schablone seines Onkels und geht auf den 18. Brumaire los. Nur zu! nur zu!« Er sagte dies alles ohne Zorn, und ich wunderte mich darüber. Was sollte, kann man fragen, der politische Sarkasmus, der den Priesterrock zerreißt und sich sogar an den Szepter der Könige wagt, wenn er dann später lächelnd dem Verrat zusieht? Warum die titanische Verachtung des Bestehenden, der luxuriöse Aufwand von politischem Haß, die blutige Satire, die guillotinierende Ironie? Was war denn Heine noch, wenn er kein Republikaner war? Er war, das wußte ich, einst ein Anhänger der Julimonarchie gewesen, weil er, wie er sagte, sich keinen besseren Zustand in dem damaligen Frankreich denken konnte. Er hatte eine Unterstützung als Flüchtling bezogen, was ihn nicht hinderte, über die französische Politik zu schreiben, wie er dachte; wogegen die französische Politik wieder mit größter Bereitwilligkeit seinen Steckbrief mit den ehrenrührigsten Bezeichnungen an die deutschen Polizeiämter sandte. Er hatte den Prinzen Nemours gelobt, doch nur, weil er sich in Bagnères höflich und aufmerksam gegen ihn benommen. Dessenungeachtet schien mir Heine nie ein aufrichtiger Monarchist – was war er also? Er merkte meine Verwunderung und ergriff meine Hand. »Verstehen Sie mich recht«, sagte er. »Als vor ungefähr einem Jahre die Republik proklamiert wurde, war der Welt zumute, als ob etwas, was nichts als ein Traum war und ein Traum sein sollte, Realität geworden wäre. Aber ich habe das Unglück, Frankreich durch langjährigen Aufenthalt nur zu genau zu kennen, und ich bin über das, was wir zu erwarten haben, gar nicht im unklaren. Die Republik ist nichts weiter als ein Namenswechsel, ein revolutionärer Titel. Wie könnte sich diese korrupte weibische Gesellschaft so schnell verwandeln? Geld machen, Ämter erhaschen, vierspännig fahren, eine Theaterloge besitzen, aus einem Vergnügen ins andere jagen war bisher ihr Ideal. Wo hätten diese Menschen ihren Vorrat von bürgerlichen Tugenden bisher so sorgfältig versteckt? Paris, glauben Sie mir, ist gut napoleonistisch – ich meine, hier herrscht der Napoleond'or. Mögen es andere zu ihrer Parteisache machen, einen Namen aufrechtzuerhalten, mag selbst Proudhon die bestehende Staatsform in dieser ihrer kläglichsten Phase für gegeben, unantastbar und unveränderlich, sogar über den Ursprung aller Rechte und das allgemeine Wahlrecht erhaben erklären – eine solche Politik ist nicht die meine. Der Name ist mir nichts. Nur das Farbige kann mich entzücken, die abstrakte Idee ist ohne Reiz für mich. Was wäre die Liebe, wenn es keine Frauen, die Freundschaft, wenn es keine Freunde gäbe? Verzichten Sie auf die Republik, denn es gibt keine Republikaner!« Später lächelte er herb und erbarmungslos bei der Agonie der Republik und erwartete ihr Ende mit einer gewissen Schadenfreude. Er lächelte, als wäre er der Gott des Zerfalls und der Zerstörung selber. Es war, als wünsche er, daß etwas zusammenfalle, was es auch sei, damit er nur das Geräusch eines großen Umsturzes vernehme und riesenhafte Trümmer erblicke. Die furchtbarste Krankheit selbst konnte ihn nicht konservativ und zum Freund der Ruhe machen. Der Kampf war seine Natur, das Mißvergnügen mit dem Status quo und die Negation sein Wesen. Diesem Zuge in ihm lag keine Wildheit, keine Barbarei, kein Vandalismus zugrunde, sondern er hatte mit dem künstlerischen Bedürfnis ein und dieselbe Wurzel, jeden Gegenstand immer von einer neuen Seite aus verändert, umgebaut, umgestaltet zu sehen. Es war der Drang einer nach mächtigen Aufregungen sich sehnenden Natur und zugleich ein charakteristischer Zug seiner Skepsis. Charakteristisch ist einer seiner Aussprüche, daß ihm an keiner Erscheinungsform menschlicher Gedanken etwas liege, weil er an der Quelle der Gedanken selbst stehe. Aus allem geht hervor, daß er an gar keine Staatsform glaubte.   Die Pariser Junischlacht hatte die soziale Frage in den Vordergrund gerückt: das Schreckbild des Kommunismus hatte dadurch bestimmtere Züge bekommen. Es war Pflicht für jeden Gebildeten geworden, sich über die einschlägigen Fragen näher zu unterrichten. Ich hatte mich auf Proudhons Werke geworfen und las sie mit außerordentlichem Interesse. Proudhon verdankt Hegel seine dialektische Form, Feuerbach seine metaphysischen Ideen, nur in seiner Kritik des Eigentums ist er original. Aber ebenso original ist die Darstellung. Dem Reiz derselben entzieht sich kein Leser. Zum Geiste der Analyse tritt ein Selbstbewußtsein, ein Taumel des Hochmuts, ein Rausch, der die Resultate seines Denkens in der bilderreichsten Sprache verkündet. Nun war Proudhon unlängst mit seinem Projekt der Volksbank aufgetreten. Eine ganz utopische Institution natürlich, aber wie wußte Proudhon sie anzukündigen! »Ich beginne«, schrieb er mit einem lyrischen Feuer ohnegleichen, »eine Unternehmung, die nie ihresgleichen hatte und der nie eine andere gleichkommen wird. Ich will die Grundlage der Gesellschaft verändern, die Achse der Zivilisation versetzen, will machen, daß die Welt, die bisher unter der Einwirkung des göttlichen Willens sich von Westen nach Osten bewegt hat, durch den Willen der Menschen bewegt, sich von nun an von Osten nach Westen drehe. Es handelt sich um nichts anderes, als die Beziehungen der Arbeit und des Kapitals umzustürzen, auf die Art, daß die erstere, welche stets gehorcht hat, befehle, und daß das letztere, das stets befohlen hat, gehorche ... Möge der Haß der Privilegierten gegen mich wüten, die Akademie mich beschimpfen, die Regierung mich strafen, der Priester verfluchen: ich bin gewiß, recht zu haben gegen alle; mein Keim, in das Volksbewußtsein gelegt, wird aufblühen! Ich habe als Bürgschaft dafür das Elend der Arbeiter und der Unternehmer, der Proletarier und der Eigentümer, das Elend der Bürger und des Staates, das Elend der Geister und der Herzen!« Merkwürdige Worte. Der Mann verstand es wirklich, mit Flammen zu schreiben. Nun hatte sich Proudhon der ihm drohenden Verfolgung durch Flucht entzogen, aber sein Blatt erschien noch unter Alexander Herzens Leitung als »Voix du Peuple«. Ich las es leidenschaftlich gerne. Mein Leben hatte sich indes freundlicher gestaltet. Mein Naturell wies mich aus der Gesellschaft der Flüchtlinge fort und in andere Kreise. Ich war mit Emile Augier, dem französischen Dramatiker, bekannt geworden und verkehrte ziemlich viel mit ihm. Ich kam auch öfter zu Madame Kalergi, der wunderbaren Blondine, die Heine später in seinem Gedicht »der weiße Elefant« so seltsam gefeiert hat. Die Welt war noch in großer Unruhe. Die Honveds standen wieder vor Pest und hatten die Lager bezogen, die vordem die österreichische Armee innegehabt. Das republikanische Venedig rüstete zum hartnäckigsten Widerstand. Die Franzosen waren in Civita-vecchia gelandet und rückten gegen Rom. Die heilige Stadt verschanzte sich unter Mazzinis Diktatur mit Barrikaden und erwartete Garibaldi als ihren Retter. Unter solchen Umständen und Zeichen wurde der erste Jahrestag der Verkündung der Republik durch die Nationalversammlung gefeiert, und zwar mit dem größten Gepränge. Ein prachtvoller Morgen hatte am vierten Mai eine zahllose Menge auf den Eintrachtsplatz gelockt, wo die Bürgergarde und die reitende Artillerie der Nationalgarde ihre Aufstellung genommen hatten. Die Ausschmückung des Platzes mit den zahllosen dreifarbigen Wimpeln an hohen Masten war von überraschendster Großartigkeit. An den Obelisken war ein Altar gelehnt, an welchem eine kurze kirchliche Feier gehalten worden war. Das Pariser Volk strömte daran vorüber, den elyseeischen Feldern zu, harmlos und spektakelfroh wie zu Louis Philippes Zeit. Abends stiegen mächtige beleuchtete Ballons in die Luft, und das schönste Feuerwerk, das ich je gesehen, beleuchtete den ungeheuren Raum taghell. Ganze Zauberpaläste, aus Flammen gebaut, erschienen und verschwanden, dabei wirbelten die Trommeln und erscholl die Marseillaise. Es war für mich ein Fest, dem ich keins vergleichen konnte. Am anderen Morgen trat ich meine Reise in die Heimat an. Finale der Revolution Als ich Mitte Mai 1849 wieder in Frankfurt eintraf, hatte der fünfte Akt des Trauerspiels dort schon begonnen. So laute und furchtbare Stürme waren im Parlamente, das die Paulskirche wieder bezogen hatte, noch nicht erlebt worden. Die Zahl der Abgeordneten war stark geschmolzen, die meisten österreichischen Deputierten waren ausgetreten oder rüsteten sich gleichzeitig mit dem Erzherzog-Reichsverweser zur Abreise. Das Zentrum, die erbkaiserliche Partei, war übel daran. Solange hatte sie ihre Anhänger mit dem Argumente hingehalten: wie würden wohl Leute wie Heinrich von Gagern, Dahlmann, Vincke einen Kaiser machen wollen, wenn sich die Seele ihnen nicht längst verschrieben hätte? Nun hatte der König die ihm von der Majorität angebotene Kaiserkrone abgelehnt. Dazu trat die Auflösung der Berliner Kammer. Die Anrufung russischer Hilfe von seiten Österreichs ließ auf weitgehende zusammenhängende Pläne der Regierungen schließen. Die Nationalversammlung oder vielmehr ihre Überbleibsel sahen dem Tage entgegen, an dem man sie auseinandertreiben werde. Einer meiner ersten Gänge hatte meinem Freunde Trützschler gegolten, dem ich mich im vorigen Jahre aufs engste angeschlossen hatte. Adolf von Trützschler, Mitglied der Frankfurter Linken, gehörte durch Blutsverwandtschaft und Verschwägerung den ältesten Familien Sachsens an. Er besaß zwei schöne Rittergüter im Vogtlande. Er war ein Mann von etwa zweiunddreißig Jahren, von mittlerer Größe, schlank, hatte ein schönes Gesicht, blaue Augen, schlichtes, blondes Haar. Er war im höchsten Grade talentvoll, liebenswürdig, voll Offenheit, dabei ruhig, gelassen, voll Sachkunde in juristischen, technischen und landwirtschaftlichen Dingen. »Ich bin zum Regierungskommissär für die Pfalz ernannt«, sagte Trützschler sofort, »und gehe morgen nach Kaiserslautern ab. Komm mit, begleite mich! Es ist etwas Herrliches, ein Volk zu sehen, das für seine Freiheitsrechte einsteht!« »Meinst Du denn«, fragte ich nach längerem Besinnen, »daß die Bewegung dort Aussicht auf Erfolg hat?« »Hätte ich denn die Aufgabe übernommen, wenn ich nicht an ihre Durchführbarkeit glaubte?« erwiderte Trützschler. »Die Pfalz tritt mit ihrer gesamten Bevölkerung für die von Frankfurt votierte Reichsverfassung ein.« »Mein Gott, die Reichsverfassung!« rief ich. »Ihr seid ja tot, habt ja nur noch eine Schein-Existenz. Wie sollte die von Euch votierte Reichsverfassung lebendig werden?« »Du bist lange fortgewesen«, war die Antwort. »Du kennst die Situation nicht mehr. Es hat ein gewaltiger Umschwung in der öffentlichen Meinung stattgefunden. Das Frankfurter Parlament ist nicht tot, wie Du meinst, es ist jetzt eigentlich stärker als je zuvor. Tausende und Tausende, die den Gang der Versammlung nicht immer gebilligt, haben sich jetzt ihr angeschlossen, um nicht allen Boden unter den Füßen zu verlieren. Die Reichsverfassung, vom Parlamente votiert, tritt in Kraft. Allerdings auf begrenztem Terrain. Sie wird sich weiteren Boden, glaube mir, schon noch erobern. Die Pfälzer sind ein gar besonnener Stamm. In diesem Lande ist nicht von Anarchie und sozialem Umsturz die Rede, man will nur ein zu Recht anerkanntes Gesetz verteidigen, wofern es gefährdet sein sollte. Die Erhebung dort ist nichts als der Unwille eines durch seine freien Institutionen durch und durch politisch gewordenen Volks über die Schmach gröbster Rechtsverletzungen. Wir haben am elften April im Parlamente die feierliche Erklärung vor der deutschen Nation abgegeben, an der Reichsverfassung einschließlich des Reichswahlgesetzes unwandelbar festzuhalten. Jeder von uns ist durch sein Ehrenwort gebunden. Die Reichsverfassung ist unsere Fahne. Man irrt, wenn man glaubt, die Sache sei aus. Die Revolution tritt in ihr zweites Stadium. Im Süden wird sich die deutsche Frage entscheiden.« »Heute abend werde ich Dir sagen können, ob ich Dich begleite«, war meine Antwort. Unmittelbar darauf fand ich einen Brief meiner Mutter vor, die mich aufs dringendste zur Heimkehr aufforderte. Ich zeigte Trützschler den Brief. »So gehe heim«, sagte er. »Mit einem geteilten Herzen sollst Du nicht mitkommen. Ich bin nun auch seit Jahr und Tag vom Hause fort. Ich sehne mich nach meiner Frau und meinen lieben Kindern. Auch auf meinen Gütern wäre ich dringend nötig. Aber es geht nicht anders. Wir haben uns feierlich verpflichtet, für die Reichsgrundgesetze mit Gut und Blut einzustehen und jeden Angriff darauf, er komme, woher es auch sei, abzuwehren. Wir haben eine Pflicht zu üben. Es ist übrigens auch Zeit, daß wir, nachdem wir hier so lange gesprochen und sprechen gehört, etwas vollbringen.« »Über mir ist das Los geworfen, daß ich in allen Dingen nur ein halber Mensch sein soll«, sagte ich. In innerem Zwiespalt, voll Gram, die Ideale meines Herzens nicht verwirklichen zu können, reiste ich unmittelbar darauf von Frankfurt ab. In Karlsbad angekommen, folgte ich mit atemloser Bewegung den Vorgängen in der Pfalz. Es ging nicht gut dort, man geriet immer mehr auf eine abschüssige Bahn. In Baden, wo eine Militärmeuterei ausgebrochen und der Großherzog entflohen war, wurde ein Landesausschuß gebildet, der sich mit der provisorischen Regierung der Pfalz verbrüderte, worauf in militärischer Beziehung die Rheinpfalz und Baden ein Land bilden sollten. Nun wurden 120 000 Mann Preußen, Mecklenburger, Hessen gegen die Pfalz und Baden dirigiert. Die Höfe, die sich ein ganzes Jahr lang über keinen einzigen Plan zum Heile Deutschlands hatten einigen können, einigten sich jetzt rasch. Es kam zu blutigen Entscheidungen. Die Hauptschläge waren gegen Baden gerichtet. Das Korps unter Peuker, dessen Kern hessische und mecklenburgische Kontingente bildeten, rückte unaufhaltsam vorwärts, und im Treffen von Waghäusel wurde die Insurrektionspartei, deren Oberbefehl der Pole Mieroslawski übernommen hatte, vollständig geschlagen. Die Regierung und die stark zusammengeschmolzene konstituierende Versammlung floh nach Offenburg und von da nach Freiburg. Auch die Murglinie erwies sich als unhaltbar, Peuker bedrohte die Insurgenten im Rücken. Ein Rest badischer Truppen und Freischärler ließ sich in Rastatt einschließen, konnte sich aber nicht halten. Viertausend Mann streckten die Waffen und wanderten in die Kasematten. Mit den Preußen war das Standrecht eingezogen. Baden war plötzlich eine preußische Provinz geworden. Wochenlang war die Karlsruher Zeitung Nummer für Nummer angefüllt mit Steckbriefen und Fahndungen gegen Personen, die wegen Teilnahme am Aufstand verfolgt wurden. Unter den Spitzkugeln der Sieger verbluteten Dortu, Biedenfeld, Neff, Elsenhans, Tiedemann usw. Auch Trützschler war gefangengenommen worden. Am dreizehnten August fand in Mannheim die Verhandlung gegen ihn statt. Er hielt vor dem Kriegsgerichte eine fast dreistündige meisterhafte Verteidigungsrede, die alle Anwesenden aufs tiefste erschütterte, aber über die von wildem Parteihaß erfüllten Richter nichts vermochte. Nach neunstündiger Verhandlung, der auch seine Frau mit den drei Kindern beiwohnte, wurde Trützschler einstimmig zum Tode verurteilt und das Urteil sofort, abends acht Uhr, vollzogen. Hunderttausende hatten zu jener Zeit bei mehr oder minder feierlichen Gelegenheiten den Schwur geleistet, »mit Gut und Blut« für die »Reichsverfassung« einzustehen. Trützschler war einer gewesen, der diesen Eid ernst genommen hatte. Ich habe meinem Freunde ein treues Gedächtnis bewahrt, doch erst dreiunddreißig Jahre nach seinem Ende war es mir vergönnt, sein Grab zu besuchen. Schon lange vor dem Zusammenbruch der Bewegung in der Pfalz und Baden hatte das deutsche Parlament ein klägliches Ende gefunden. Die Nationalversammlung war nach Stuttgart übersiedelt. Einhundertundacht Mitglieder trafen dort ein und wurden von Ergebenheitsadressen zahlreicher württembergischer Städte, Orte und Vereine begrüßt. Ein an sich selbst trauriges Lokal, die Fritzsche Reitbahn, war ihnen eröffnet. Aber schon nach der ersten Sitzung wurde ihr mitgeteilt, daß weitere Sitzungen in Stuttgart und Württemberg nicht mehr zugegeben werden könnten. Am 18. Juni waren die dem Sitzungslokale zunächst gelegenen Straßen militärisch abgesperrt. Als gegen drei ein Zug von Abgeordneten, Uhland, Schott und der Präsident Löwe an der Spitze, auf das Parlamentslokal zugehen wollten, ritt ihnen ein Major entgegen und forderte sie auf, auseinanderzugehen. Reiterei sprengte heran und hätte Uhland beinahe über den Haufen geritten. Das Volk wich, und alles war vorüber. Das deutsche Parlament hatte einen Verlauf genommen wie die Abschiedssymphonie des deutschen Meisters, in der ein Musiker nach dem andern das Licht ausbläst und verschwindet. Doch zum Finale war es nicht gekommen; die letzten hatte ein Wetterschlag auseinandergejagt. Heroischer, aber kaum weniger traurig, hatte fast gleichzeitig die Bewegung in Ungarn geendet. Im Juni waren die Russen von mehreren Punkten aus zur Unterstützung der Österreicher unter Jellaèiæ und Haynau eingerückt. Sie drangen vor, nahmen Pest-Ofen und siegten bei Temesvar. Kossuth übergab im August die Diktatur an Goergey und ging in die Türkei, Goergey aber streckte am dreizehnten August mit dreißigtausend Mann und hundertzwanzig Kanonen die Waffen vor Rüdiger. Die Führer des Aufstandes flohen, endigten am Galgen oder wurden zu Pulver und Blei begnadigt. Nur Komorn wurde noch von Klapka – bis zum 27. September – verteidigt. Die vergrabenen Reichskleinodien sollten erst vier Jahre später wieder aufgefunden werden. Auch in Italien war die Ruhe wieder hergestellt worden. Venedig war im August in den Besitz Österreichs zurückgekehrt, die Mittelstaaten nahmen ihre früheren Souveräne wieder auf, in Rom lag die Republik in den letzten Zügen, die französische »Schwesterrepublik« ward die Zerstörerin der römischen. Der gleichzeitige Zusammenbruch aller aufständischen Bewegungen konnte gar nicht vollständiger sein. Furchtbar war das Schicksal der deutschen Abgeordneten, die in Frankfurt und anderswo die deutsche Volkssache verteidigt hatten. Steckbrieflich verfolgt, flüchtig, zu Rechenschaft und Strafe gezogen, suspendiert, abgesetzt, polizeilich und gerichtlich geplagt, blickten die meisten auf zerstörte Lebens- und Vermögensverhältnisse und waren mit ihren Familien dem Mangel und dem Elend preisgegeben. Von den Zweihundert, welche in Frankfurt die entschiedene Linke gebildet hatten, war kaum einer unversehrt geblieben. Dreiundvierzig lebten im Exil in der Schweiz, in Frankreich, Belgien, England, Nordamerika (darunter Fröbel, M. Hartmann, A. Ruge, Schlöffel, Heinrich und Ludwig Simon, Titus, Wesendonck, Wiesner, Würth, Zitz). Verurteilt waren Temme, Trampusch (Österreicher, 3 Jahre Spielberg), Dr. Zimmer (Österreicher, fünf Jahre), Zimmermann aus Spandau (zwölf Jahre), Heubner (Dresden) (zum Tode verurteilt, zu lebenslänglichem Gefängnisse begnadigt), Hensel aus Zittau (zwölf Jahre), Damm (fünfzehn Jahre), Brentano und Werner zu lebenslänglichem Zuchthaus. Standrechtlich erschossen waren R. Blum und v. Trützschler. Es war eine furchtbare Liste, die sich aufrollte, wenn man an seine Bekannten und Freunde zurückdachte. Die Idee und der Rausch der Zeit hatten diese Männer erfüllt und sie auf einen Standpunkt gehoben, von welchem aus das Einzelleben und sein Glück als etwas Unwesentliches betrachtet wurde. Nun mußte man fast die Toten als die Glücklicheren preisen, weil sie dem Widerspruch zwischen der Welt und ihren eigenen Idealen entrückt waren. Im Innersten getroffen zog ich mich von allem Verkehr zurück und irrte auf den einsamsten Waldpfaden von Karlsbad umher. Was war im ganzen und großen durch die Revolution gewonnen, welche die Welt während zweier Jahre erschüttert und so viel Opfer gekostet hatten? Die Antwort war: Das alles sei Werden, sei Entwicklung. Man beruhigte sich, der Philosophie jener Zeit gemäß, damit: durch diese Gegensätze müsse die Sache hindurchgehen. Aber dies Beruhigungsmittel war trügerisch und schlug auf die Länge nicht an. In diesen furchtbaren dialektischen Prozeß, wo die »Idee durch das logisch sich Widersprechende hindurchzugehen habe«, hineingeworfen, konnte man lange auf den Rückschlag warten. Würde man ihn noch erleben? War ein Ende abzusehen? Was konnte jetzt einer schreiben, der so tief wie ich mit dem Gemüte an der Bewegung von 1848 beteiligt gewesen war? Das Auge blickte gleichsam in eine vom Sturm verheerte Gegend hinaus. Es war wie nach einem Erdbeben. Da war kaum etwas aufrecht stehengeblieben. Ich fühlte mich krank vor Gram und Enttäuschung. Ich sann und sann, schließlich kondensierte ich meine Frankfurter Erinnerungen in ein satirisches Gedicht »Der Sohn des Atta Troll«. Es ist ein bitter-schmerzliches Gelächter über den braven, vertrauensvollen, ehrlichen, aber total unpraktischen deutschen Michel, der mit der Revolution so wenig anzufangen wußte und sich nach Verlauf eines Jahres fast wieder um alle seine »Errungenschaften« gebracht sieht; mehr ein Produkt des dem Schmerze verwandten Humors als der Komik. Es ist im Spätherbst bei meinem damaligen Verleger erschienen, hat damals viele Leser gefunden, ist aber jetzt verschollen und vergessen.   Es sah indes kriegerisch aus. Österreich machte Miene, die Ordnung der Zustände in Deutschland diktieren zu wollen. An der Grenze Böhmens wurde – und ebenso in Vorarlberg – ein »Observationskorps« aufgestellt und auf fünfzigtausend Mann verstärkt. Prag sah täglich neue Soldatenscharen, zahllose Transporte von Munition und Geschützen. Theresienstadt und Josefstadt wurden die Knotenpunkte militärischer Vorbereitungen, man wußte nicht, was aus diesen Hexenküchen hervorgehen werde. Man hörte, daß diese Aufstellungen dezimiert wurden durch Seuchen, die man aus der Tiefebene Ungarns mitgebracht. Trotz der jämmerlichen Finanzlage sagte man: Österreich sei mächtiger als je zuvor, seine Stellung in Italien und Deutschland stärker als je. Im Bunde mit den Mittelstaaten werde es Preußens Politik vereiteln und diesen Nebenbuhler zur Unterwerfung unter den alten Bundestag zwingen. Die Tschechen waren in großer Bewegung und samt und sonders höchst unzufrieden. Die österreichische Zentralisation bedrohte sie in allen ihren Erwartungen. 1848 hatten sie sich aus Furcht vor einer großartigen Gestaltung des deutschen Reiches in die Arme Österreichs geworfen und: »Erhaltung des österreichischen Gesamtstaates« zu ihrer Losung gemacht. Nun, da die Revolution erstickt war, sahen sie sich nicht besser behandelt als die Besiegten. Sie sahen sich von jeder Hoffnung auf Erringung eines selbständigen Lebens abgeschnitten, es schien, als ob ihre Sprache, eben erst wieder zu einigen Ehren gebracht und durch die patriotischen Anstrengungen ihrer Publizisten neu belebt, nie in die Sphäre parlamentarischer Äußerung treten solle. Hawlitschek war aus Wien, wo er sich vergeblich um die Erlaubnis zur Widerherausgabe seiner Zeitung bemüht hatte, zurückgekehrt und wanderte in seinem slowakischen Kostüm finsterer als je durch die Gassen Prags. Ich begegnete ihm nie, ohne mit ihm zu reden, denn wir waren im Clementinum auf derselben Bank gesessen, und so sprachen wir auch jetzt miteinander. In Wien hatte ihm ein Minister gesagt: »Es ist tief bedauerlich, daß in die slawische Nation ein solcher Geist politischer Bewegung gefahren ist. Das ist ganz unnatürlich, widerspricht dem Wesen des Slawen. Erinnern Sie sich doch an die Worte, die einst Abgeordnete Ihres Volkes an den Ungarkönig Asmus richteten. Sie sagten: »Wir sind Slawen, spielen die Flöte und wissen nichts von Politik!« Hawlitschek antwortete: »Freilich sind wir arme Flötenspieler, die von Politik nichts verstehen. Aber wir haben einen reichen Onkel, der spielt die Baßgeige. Und wenn der nicht herbeigekommen wäre, hätten alle Könige Europas nicht ihr Tedeum aufspielen können.« Es ist begreiflich, daß solche Antwort die Petition Hawlitscheks um Weitererscheinen seiner Zeitung nicht förderte. Der März, ein Monat der Reminiszenzen, brachte Prag zwei bedeutungsvolle Tage. Der 13. März, der Jahrestag der Wiener Revolution, wurde doch gefeiert, wenn auch nur mit einer Totenmesse, die diesmal wahrlich den Namen einer »stillen Messe« verdiente. Um zehn Uhr morgens versammelte sich die Studentenschaft in der Theynkirche. Vor dem Altar brannte ein dickes, kolossales Wachslicht, und auf einer schwarzen Tafel, die mit Flören umhangen war, standen nur die Worte: 13. März 1848. Ein Geistlicher las die Messe für diesen Toten, nach dem er sich nicht näher erkundigt hatte, und mag sogar, wie die Ritualien es befehlen, den Herrn im Namen des Verstorbenen um ein freudiges Auferstehen gebeten haben. Seltsamer Akt, eine ergreifende Erinnerung für jeden, der ihm beigewohnt! Mindestens tausend Studenten füllten die Kirche, Deutsche und Slawen, und gedachten der damals Gefallenen. Die Feier blieb ungestört von der Polizei; als sie von ihr Kunde erhielt, war alles bereits vorüber. Auch wurden die Veranstalter der Feier nicht unters Militär gesteckt, wie es im vorigen Jahre den Studenten in Wien geschehen, die eine Gedächtnisfeier in der Stefanskirche abhalten wollten. Niemand konnte ihre Namen erfahren. Lärmend hatte sich neben dieser stillen Geisterbeschwörung das Fest der »Konstitutionsoktroyierung« am 4. des Monats ausgenommen. Schon am frühen Morgen begann ein Trommeln und Blasen, die starken Heeresmassen, die in und um Prag garnisonierten, waren mit grünen Reisern auf den Tschakos den Hradschin hinaufgezogen, wo ein Tedeum gesungen worden war. Bald donnerten die Batterien vom Zwinguri der Marienschanze und erinnerten die stille Bevölkerung daran, was sie sich von der neuen Regierungsform zu denken hätte. Geradezu merkwürdig war die Konstitutionsfeier in einem Lande, in welchem auch nicht eines der Grundgesetze aufrechterhalten geblieben war und in dem eine diktatorische Regierung mit einer Willkür schaltete, wie sie kaum noch in der Geschichte dagewesen. Auch blieb es der offiziellen und offiziösen Presse allein vorbehalten, den Tag zu preisen, weil man durch die Konstitution »wenigstens einen Boden erhalten«, auf dem sich später, wenn der Säbel beiseite gelegt wäre, ein gewisser Rechtszustand einführen ließe. Indes erwartete man in Prag von Tag zu Tag die Publizierung der Kriegsurteile über einen größeren Teil der unglücklichen jungen Leute, die seit dem Mai des vorigen Jahres in den Gefängnissen des St. Georgsklosters schmachteten und die durchaus an einer »weitverzweigten Verschwörung« schuldig sein sollten. Aber Kommissionen reisten von Prag nach Breslau und von Breslau nach Dresden, ohne etwas auffinden zu können. Die Zahl der Gefangenen war allmählich auf achtzig herangewachsen; es waren beinahe ohne Ausnahme Studenten. Sie waren ihren gesetzlichen Richtern entzogen, wurden von einem Kriegsgerichte wegen problematischer Verbrechen abgeurteilt, die sie lange vor Einsetzung dieses Ausnahmegerichtes begangen haben sollten. Dennoch wagte keine Stimme diese Tatsachen zur Sprache zu bringen. Alles fragte sich, wie lange dieser Zustand einer schrankenlosen Militärherrschaft dauern solle? Man glaubte ihr Ende nahe. Da wurden Plakate über Verschärfung des Belagerungszustandes an die Ecken geschlagen. Und in der »kaufmännischen Ressource«, angeblich aus Deutschen bestehend, fanden sich hundertunddrei Mitglieder, die dem Fürsten Windischgrätz vor seiner Abreise nach Wien einen silbernen Lorbeerkranz überreichten. Ihre Abreise und die Antwort des Fürsten ließen sie für ihr Geld als Annonce in der Zeitung einrücken, ihre Namen hinzuzufügen, hatten sie weislich vergessen. 1850 – London und Paris Zögernd war ich nach Prag zurückgekehrt und verhielt mich dort ganz still. Aber so still man sich auch verhielt, man konnte den fortwährenden Provokationen doch nicht entgehen. Eines Tages, es war im Mai, als ich über den Graben ging, erblickte ich die Don-Quichote-Figur des Kreuzerzigarrengrafen. Er »stellte mich«, indem er, seinen Stock in die Erde bohrend, vor mir stehenblieb. »Nun, mein Lieber«, sagte er, »jetzt müssen's ja ganz zufrieden sein?« »Warum?« »Warum? Sie haben ja immer gesagt, der Volkswille soll regieren. Jetzt regiert ja der Volkswille!« »Daß ich nicht wüßte!« »So? Sehen's das noch immer nicht ein: jetzt regiert der Volkswille. D' Völker wollen nicht frei sein. Sie und der Hartmann wollen frei sein. Aber wegen Ihnen zwei kann man die Weltgeschichte nicht anders machen. Guten Morgen!« – Damit zog er weiter. Mir war die Luft zum Ersticken. Ich sehnte mich fort, und meine Eltern waren damit einverstanden, daß ich reiste. Lange schon hatte ich mich erfolglos um einen Paß beworben, jetzt war ich entschlossen, mich auch ohne Paß aufzumachen. Mein Ziel war England, das ich durchaus kennenlernen wollte.   In London in den ersten Tagen des Juni angekommen, folgte ich einer Einladung der Lady William Russell, die während mehrerer Winteraufenthalte in Karlsbad meinen Eltern befreundet worden und uns allen sehr zugetan war, und zog in ihr Haus: Parklane, Audley Square. Lady William Russell war eine geniale Frau von imponierender Erscheinung und fast männlichem Geiste. Sie war eine vollständige Gelehrte, las lateinische und griechische Autoren im Original und hatte die Erziehung ihrer beiden jüngeren Söhne, Arthur und Odo, selbst geleitet. Voll Dranges, alles zu kennen, hatte sie sich in der Einsamkeit des Karlsbader Winters sogar aufs Hebräische geworfen und bei einem kleinen jüdischen Graveur Unterricht genommen, um den Pentateuch und den Kohelet im Original lesen zu können. Ein langer Aufenthalt auf dem Kontinent hatte sie stark entengländert und von vielen Vorurteilen befreit. Mir hatte sie seit Jahren eine große Teilnahme bewiesen, hatte mich, meinem Vater entgegen, in meinen schriftstellerischen Plänen unterstützt und vermutlich auch vor polizeilicher Verfolgung geschützt. Ich weihte ihr dafür eine unbedingte Verehrung. Es war die Zeit der vornehmen Londoner »Season«. Alltäglich gegen zwei stieg Lady Russell in den herrlichen Galawagen, um durch die Straßen des vornehmen Viertels zu rollen, von fünf zu fünf Minuten anzuhalten und Karten auszuwerfen, während wieder vor ihrer Türe endlos Galawagen vorfuhren und Karten abgegeben wurden, die, auf silbernen Platten gesammelt, einen Berg bildeten. Ebenso hatten meine jungen Freunde jede Nacht ein Ballfest in der Aristokratie mitzumachen. Die Sitte des High life verlangte, daß sie jede Nacht zur Zeit, da andere Leute schlafen, sich in hellbeleuchteten Sälen herumtreiben, bei sommerlicher Hitze tanzen, den Magen mit warmem Teewasser und Gebäck überladen und musikalischen Genüssen frönen mußten. Zur Zeit, als ich aus dem Theater kam, also kurz vor Mitternacht, hatten sie sich in die allerengsten Stiefeln gezwängt und waren mit ihrer Toilette fertig geworden; bald darauf hörte ich sie im Wagen davonfahren, der sie in der Morgenstunde zwischen drei und vier wieder abholen sollte. Solche Lebensführung auf der höchsten Höhe gesellschaftlicher Existenz ist wohl bedauernswürdig und der Gipfelpunkt des Unsinns. Man muß das Leben der englischen Aristokratie aus einiger Nähe angesehen haben, um recht zu begreifen, wie es, von allen andern nicht zu reden, einen Byron aus einer so ungesunden Atmosphäre hinaustrieb, in sonnigeren Klimaten ein natürlicheres Leben aufzusuchen und in seinem »Don Juan« die bittersten Satiren auf dies High life zu schreiben. Meine beiden jungen Freunde schützte nur ihre in der Fremde genossene Erziehung und ihr gesundes Naturell. Sie machten alles wie ein in London nun einmal nicht zu umgehendes Zeremoniell mit, ohne sich über den Wert oder Unwert dieses Treibens einer Täuschung hinzugeben. Ich blieb den ganzen Vormittag allein: alles schlief im Hause. Ich konnte meine Kaffeemaschine anzünden und frühstücken, konnte im benachbarten Park Spazierengehen oder zu Hause in einem großen Bücherzimmer die ungeheuren Bücherschätze der Familie benutzen. Ich machte vom letzteren nach Kräften Gebrauch. Nach ein Uhr fand ich mich wieder im Dining-room ein, wo ein großer Tisch mit allerlei kalten Platten besetzt war. Noch immer waren meine jungen Freunde nicht erschienen. Aber die Zeitungen waren eingelaufen, und ich konnte, wenn ich danach Verlangen trug, schon die ausführliche Beschreibung der fashionable assembly lesen, der sie beigewohnt. Der abgeschmackte Kultus, der sich in der detaillierten Beschreibung aristokratischer Bälle und routs, in der Hereinziehung von Familienangelegenheiten in die Öffentlichkeit, in der begeisterten Schilderung von Damentoiletten äußert, war damals noch auf England beschränkt. Erst mit der Kräftigung der guten Gesinnung und ihrer Zurschautragung ist dieser Ton auch auf den Kontinent gelangt. Nach zwei erschienen meine Freunde, ich setzte mich mit ihnen an den Frühstückstisch, der mir ein Mittagstisch war, und es wurde aufs heiterste geplaudert, bis für sie die Stunde schlug, ins Amt zu gehen. Jeder arbeitete im Ministerbüro, Odo in Downingstreet bei Lord Palmerston, Arthur bei seinem Onkel, Lord John Russell. Längst war mir ganz in der Nähe von Audley Square, in der St. Jamesstraße, ein kleines Haus mit freier Aussicht auf den Park gleichen Namens aufgefallen; es war so sonderbar rot und gelb übertüncht. Es wurde mir noch weit merkwürdiger, seitdem ich erfahren, wem es gehöre. Dort wohnte Edward George Lytton Bulwer, von seiner Gattin getrennt, mit einer etwa zwanzigjährigen, sehr schönen Tochter, die er unlängst aus einem deutschen Pensionate zurückberufen hatte. Mehrmals sah ich Vater und Tochter auf kleinen schwarzen Ponys vorüberreiten. Bulwer stand erst am Rande der vierziger Jahre, war aber schon, wie ich hörte, von Gebrechen des Alters, Schwerhörigkeit und anderem geplagt. Ich sah und verehrte in ihm den größten lebenden Meister im Romanfach, einen Dichter von umfassendster Menschenkenntnis, feinster Psychologie, größter Kunst der Gruppierung; ich machte aber wiederholt die Bemerkung, daß er in England nicht in dem Ansehen stehe, das seinem europäischen Rufe entsprach. Man nergelte an seinem Charakter, nannte ihn eitel und selbstgefällig; seinen Büchern wurde vorgeworfen, daß sie Immoralität beschönigten und vergoldeten. Man hatte bereits angefangen, ihm den allerdings weit volkstümlicheren Dickens gegenüberzustellen. Meine Bewunderung seines Genies war grenzenlos, ich wurde immer ganz ingrimmig, wenn ich erklären hörte: Bulwer ist aus der Mode! Ums Leben gern hätte ich einmal an die Türe des grell rot und gelben Hauses gepocht und dort Zutritt gesucht. In jedem anderen Lande hätte ich es getan, hier hatte ich nicht den Mut dazu. Die Furcht vor dem starken englischen Konventionalismus und Formalismus hielt mich zurück. Habe ich darum vom Dichter des Ernest Maltravers als Menschen eine zu geringe Meinung gehabt? Ich habe mir darüber heute noch keine feste Ansicht gebildet. Wie unerschüttert war dies England, während die übrige Welt in Krämpfen lag und die Grundlagen einer neuen gesellschaftlichen Ordnung suchte, in seinen royalistischen und feudalen Überzeugungen geblieben! Noch ganz unlängst hatte man dies an einem schlagenden Exempel studieren können. Die Witwe des letzten Königs, Königin Adelaide, war gestorben. Es war über ihren persönlichen Charakter so gut wie nichts zu sagen, dessen ungeachtet hüllte sich Groß und Klein, Arm und Reich auf Monate in tiefe Trauer. Es war nun einmal so Stil. Man sah keinen »anständigen« Menschen ohne seinen Flor am Hute. Die Frauen gingen ganz in Schwarz. Selbst die in London so furchtbar zahlreichen Antivestalinnen stationierten jetzt in Trauer auf dem Trottoir. Niemandem erschien das komisch. Um diese Zeit hatte Reinhold Solger, einer der besten deutschen Publizisten in der damaligen Presse, etwas bei Herrn Tussaud, dem Eigentümer eines großartigen, ein ganzes Haus okkupierenden Wachsfigurenkabinetts, zu tun. Auf seine Anfrage bemerkte ihm die Dame an der Kasse, Herr Tussaud werde heute kaum zu sprechen sein, da er sämtlichen Wachsfiguren Trauer für die Königin-Witwe anzulegen habe. Und so war es in der Tat. Selbst die Puppen aller berüchtigten Mörder in den sogenannten cabins of Horror erhielten ihren schwarzen Flor und trauerten sechs Wochen lang nach Vorschrift des Hofmarschallamts. Ganz London fand dies sehr sinnig und anstandvoll, und der Franzose Tussaud, der so vollständig auf die »englischen Gefühle« eingegangen, wurde eine allbeliebte Persönlichkeit. Eines Nachmittags nahmen mich meine jungen Freunde nach Pembroke-Lodge mit, wo ihr berühmter Oheim mit seiner Familie in einer parkartigen Anlage wohnte. Er empfing uns freundlich. Lord John Russell war gleichsam das Duodezmodell eines Mannes, klein und auf den ersten Blick unscheinbar. Sein Köpfchen, das er in einen großen Zylinderhut zu vergraben pflegte, war winzig, das Haar dürftig. Sein Gesicht von sphinxartigem Schnitte hatte den Ausdruck gedankenvollen Ernstes und tiefer Ruhe mit einem Beisatz von Schwermut. Der Mund war breit, von zwei tiefeingegrabenen Linien eingefaßt, aber schön geformt, die Lippen meist wie in tiefer Meditation fest aneinandergepreßt ... So erschien Lord John als ein gar stiller Mann, und es war schier unbegreiflich, wie diese winzige Figur der Träger der Politik einer Weltmacht und der Führer einer großen Partei sein sollte. Dennoch ist er dies unleugbar gewesen. Ich sah das Parlamentshaus und wohnte einer Sitzung des Unterhauses bei. Ein ungeheures Gebäude gotischen Stils hat das 1834 durch Feuersbrunst größtenteils zerstörte Haus ersetzt. Die Fronte mit den zahllosen Fenstern will gar nicht enden, die Türme und Türmchen geben dem Palast der gesetzgebenden Körper Ähnlichkeit mit einer Kathedrale, das Streben nach malerischer Wirkung hat dem Charakter des Neubaues geschadet, dem mehr Würde und Einfachheit zu wünschen wäre. Zutritt zu erhalten ist sehr schwer, es bedarf der Intervention eines Mitgliedes des Hauses. Man durchwandert anfangs den alten Teil des Gebäudes, und in den Hallen und Gängen stehen alle Gestalten des alten Englands auf. Hier wurde Cromwell zum Lord-Protektor ernannt, hier wurde Gericht gehalten über Thomas Morus, Jane Gray, Essex, Carl I. In den Korridoren hängen Bilder, stehen Bildsäulen: John Hampden, Falkland, Walpole, Burke, Pitt, Fox. Im Prinzip sind die Sitzungen geheim. Es wird angenommen, daß die Abgeordneten von der Anwesenheit der Personen, denen sie Eintrittskarten verschafft haben, gar nichts wissen. Es würde genügen, daß ein Mitglied des Hauses sagte: Herr Speaker, ich bemerke dort auf der Galerie Personen, die mir nicht zum Hause zu gehören scheinen – der Speaker müßte die Tribüne sofort räumen lassen. Dessenungeachtet gibt es eine reporters gallery und dahinter eine lady's gallery. Man nimmt an, daß sie nicht existieren. Die gentlemen of the house of commons sitzen meist von ein Uhr nachmittags bis zwei oder drei Uhr morgens. Merkwürdige Wahl der Zeit, wird man sagen, aber hier ist ja alles anders als sonstwo. Der »Speaker«, eine ungeheure weißgepuderte Perücke auf dem Kopfe, sitzt in einer Art von hölzerner Nische, die durch grüne Vorhänge und Schirme vor dem Licht geschützt ist – er wohnt mehr der Versammlung bei, als daß er ihr präsidiert. Er ist so unbeweglich, daß man meint, er schlafe. Er hat das Haupt unbedeckt, während alle übrigen, Minister und Abgeordnete, den Hut auf dem Kopf haben wie die Juden in der Synagoge. Dem Tische der Sekretäre gegenüber sitzen die Minister auf einer Bank: hier saß Lord John, hier Lord Palmerston, den ich nach den Bildern im »Punsch« sofort erkannte. Die Versammlung bestand aus wenig mehr als fünfzig oder sechzig Mitgliedern. Die Debatte hatte ganz den Charakter einer Privatunterhaltung. Gegen sieben lichteten sich die Bänke, es war die Essensstunde herangekommen. Gegen neun füllten sie sich wieder. Die Reden wurden etwas lebhafter, behielten aber ihren ruhigen Charakter. Nur mein eiserner Vorsatz, bis gegen Ende auszuharren, hielt mich fest. Es mochte um Mitternacht sein, als man zur Abstimmung schritt. Der »Sprecher«, der die ganze Zeit keinen Laut von sich gegeben, erhob sich und sprach die drei Worte: strangers must withdraw! (Wer hier fremd ist, muß sich zurückziehen.) Ich meinte gehen zu müssen, aber die Zuhörer auf den Galerien regten sich nicht. Es war nicht von ihnen die Rede. Von ihnen wird ja angenommen, daß sie nicht da sind. Nun verliest der »Sprecher« die Frage, die zur Abstimmung gelangt, und fordert die, welche mit ay (ja) stimmen, rechts, die mit no (nein) stimmen, links abzugehen auf. Die tellers (Zähler) stellen sich auf, die Parlamentsmitglieder defilieren in zwei Reihen. Die Zähler verkünden die Ziffern, der Sprecher verkündet die Majorität, und die Sitzung ist zu Ende. Marietta Alboni war in London, ihr Name war an allen Ecken zu lesen. Es wurde Meyerbeers »Prophet« gegeben, sie sang die Fides. Begreiflicherweise zog es mich hin, aber ich erfuhr eine schwere Enttäuschung. Ich wurde von den Zensoren, den Hütern guter Sitte, die rechts und links von der Kasse sitzen, zurückgewiesen. Mit einem verächtlichen Blick auf meinen Rock und einem Schütteln des erhobenen Zeigefingers ertönte mir gleichzeitig von beiden Seiten der Ruf: French cut, sir! No admittance, sir! (Französischer Schnitt, mein Herr! Kein Zutritt, mein Herr!) und mir blieb nichts übrig, als kehrtzumachen. Ich hatte nicht gewußt, daß in Coventgarden auch für den Besuch der Galerien ein schwarzer Frack und weiße Halsbinde unerläßliche Bedingung seien. Im Fortgehen dachte ich: es ist auch so gut. In der Rolle einer alten Frau will ich Dich nicht zuerst wiedersehen, schöne Marietta! Du sollst fortleben in meiner Erinnerung wie bisher, schön, blühend und ewig jung! Um so sorgfältiger in meiner Toilette war ich tags darauf, wo Lady Russell ihre Loge hatte und mich in dieselbe einlud. Sie war im ersten Range. Ringsum saß lauter patrizisch´ Blut, edle Abkunft von höchster Reinheit. Jeder im weiten Halbkreise konnte seinen Stammbaum gleich arabischen Vollblutpferden auf eine unabsehbare Reihe von Ahnen zurückführen. Und sollte doch ein Geringerer da sein, so hatte er mindestens eine halbe und ganze Million jährlicher Rente zu verzehren. Man gab »Die Hugenotten«. Mario und Julia Grisi, beide jung, beide schön, eins in das andere verliebt, sangen den Raoul und die Valentine mit Stimmen, wie ich ähnliche noch nie gehört, mit einem leidenschaftlichen Spiel, wie ich es noch nicht gesehen. Aber das war auch alles. Die Ausstattung war weniger als mäßig, das Ensemble schlecht, die Zwischenpausen von willkürlicher Länge. Das Publikum des ersten Ranges machte einander von Loge zu Loge Besuch. Die Damen musterten mit dem Operngucker die Diamanten ihrer Gegenüber; die Aufmerksamkeit wendete sich nur in den Hauptmomenten der Szene zu. Unvergeßlich sind mir die Bilder vor dem Opernhause, wenn das vornehme Publikum den hellen Räumen entströmte. Diese Grandezza der harrenden Lakaien, der Ernst und die beinahe priesterliche Hoheit des heranfahrenden Kutschers, das Sichbäumen der edlen Pferde unter dem Wink der Peitsche, das Aufschreien der Fußgänger, die überfahren zu werden fürchteten, das plötzliche gemeine Fluchen des Oberpriesters mit der Peitsche, wenn solch ein Elender sich in Gefahr gebracht, der Lärm der davonfahrenden Karossen, dem Tosen einer Meeresbrandung vergleichbar – das war alles sehr merk- und denkwürdig. Ein paar hundert Schritte weiter konnte man dann sicher sein, einem weiteren Bilde des Londoner Nachtlebens zu begegnen: einem halbverhungerten Weibe mit einem Kinde an der Brust, ein Bild des Jammers, doch zu gewöhnlich, um von jemandem beachtet zu werden, einer obdachlosen Familie, die auf der Gasse übernachten zu wollen schien. Schnapsbuden wie Paläste waren aufgetan mit großen Spiegelfenstern, auf denen in Goldbuchstaben: Talmilch, Bergestau geschrieben stand, mit buntbemalten Fässern und marmornen Büffets, die im Schein des Gaslichtes funkelten: in ihrer Umgebung Gruppen von Weibern mit bleichen eingefallenen Gesichtern, trockenem Husten, ekelhaften Lumpen. Ich suchte rasch die nächste Kutsche, um in mein stilles Quartier von Audley Square zurückzukehren ... Unter den Schätzen, welche das britische Museum besitzt – Spolien einer Welt, durch eine weltbeherrschende Nation in einem riesigen Palaste aufgespeichert – waren die neulich herübergebrachten Überreste aus Ninive nicht die am wenigsten sehenswerten. Sie erregten eben ungeheures Aufsehen. Schön genug, daß man sie ohne ästhetisches Mißbehagen beschauen kann, nachdem man die Friese des Parthenon, die Überreste des Tempels von Aegina und die Bildwerke des athenischen Bacchustempels gesehen hat, sind sie durch ihr kulturhistorisches Interesse überaus anziehend, indem sie den Beschauer mit packender Gewalt in die Zeit jener babylonischen Weltmonarchie hinüberversetzen, welche ungefähr ein Menschenalter vor Beginn des trojanischen Kriegs durch Ninus und seinen Sohn Ninyas gegründet wurde, von Ninive und Babylon aus Phönizien und Palästina eroberte, ganz Westasien beherrschte und erst 550 vor Christi Geburt durch die Perser zertrümmert wurde. Mehrere hundert Tafeln, mit flach erhabenen Basreliefs bedeckt, erschließen uns eine ganz eigentümliche Welt, fremder und seltsamer als alles, was sogar die ägyptische Vorwelt uns geboren, indes die langen Inschriften in Keilschrift, welche allen Raum bedecken, der nicht mit bildlicher Darstellung erfüllt ist, uns wie seltsame Rätsel erscheinen, die uns ein Letztes und Verschlossenes noch zu entfalten scheinen. Zu ganzen Stunden konnt' ich trotz aller Ungunst der Räumlichkeit vor diesen wunderbaren Überresten stehen, die einer besseren Aufstellung in neuerrichteten Sälen entgegensahen, und mich in ihnen vertiefen. Ich sah die Monarchie vor mir in ihrer vollen naiven Urform. Um die Person des gottähnlichen und gottbeschützten Kaisers gruppiert sich ein ganzes Leben von Feldzügen und Triumphen, von Opferungen und religiösen Zeremonien. Vor seinen Pfeilen erliegt die Revolution, welche in der Gestalt des Greifen, des unreinen Tieres, dargestellt wird. Unter seinen Händen entzündet sich auf dem Altare das heilige Feuer, denn der Monarch ist nicht nur unbeschränkter Herr der Leiber, sondern auch als erster Priester Herr der Seelen. Um seinetwillen fallen hier unter den Geschossen der Feinde die Krieger von den Sturmleitern hinab in die Gräber und Ströme, welche die Festungen schützen, ihm gehört alle Beute des Sieges, mag sie nun in den goldenen Gefäßen ausgeraubter Tempel oder in den Frauen der bezwungenen Stämme bestehen. Und seltsam! nicht der oder jener Herrscher ist es, den diese Tafeln verherrlichen, es ist die Monarchie an und für sich, abstrahiert von ihren jedesmaligen Trägern und nur ganz zufällig in dem oder jenem Herrscher vergegenwärtigt. Aus wieviel verschiedenen Jahrhunderten daher auch diese Tafeln stammen, sie zeigen uns immer denselben oder doch einen allen früheren ganz ähnlichen König, der den Kampf gegen Aufrührer oder Feinde besteht. Im langen engen Gewande steht er größer als die übrigen in der Mitte seiner Leibwache da und führt den Kampf an. Selten ist er zu Wagen, meistens zu Fuß, zunächst von zwei Personen begleitet, von denen die eine seinen Köcher trägt, die andere ihm den Sonnenschirm über den Kopf hält. Er, in gemessener Ruhe und Würde, schießt den Pfeil ab. Sein Schutzgott, ein phantastisches Idol, das in Wolken über seinem Haupte schwebt, schießt zu gleicher Zeit, und so ist es natürlich, daß der König nie sein Ziel verfehlt. Auf anderen Basreliefs sitzt er wieder zu Thron und empfängt Gesandte, welche an ihrer Tracht als Bewohner fremder Gegenden zu erkennen sind. Lange Züge von Frauen werden mit gebundenen Händen und schmerzvoll gesenkten Gesichtern entgegengeführt: er wird mit den Schönsten unter ihnen gar bald seinen Harem füllen. Wir finden ihn zuletzt vor dem Altare, den Göttern das heilige Feuer anzündend. Priester, welche Geierköpfe haben und Schlachtmesser in den Händen halten, bringen ihm das Opfertier. Alle diese Figuren sind großartig, würdevoll, und doch leben sie nicht, es sind keine Menschen. Sie wollen schreiten und haften mit beiden Fußsohlen an dem Boden; sie handeln scheinbar, und doch kann sich niemand darüber täuschen, daß ihnen die lebendige Wärme fehlt. Man denkt an die Menschen der griechischen Mythe, an ihr Tun und Wesen, ehe ihnen Prometheus das belebende Feuer herabgebracht. Lange Inschriften erläutern diese bildlichen Darstellungen; sie erschienen mir stets wie höchst anlockende Rätsel. – Ich schäme mich nicht zu gestehen, daß ich noch vor wenig Monaten geglaubt hatte, die Keilschrift sei unentziffert geblieben. Sah ich diese seltsamste aller Schriftarten, in welcher sich stets dasselbe Zeichen, der Keil, in verschiedenen Stellungen und immer wechselnder Verbindung wiederholt, da schien es mir, diese Schrift, welche sich bei keinem lebenden Volke mehr erhalten hat, müsse ebenso unlesbar bleiben als die, welche die Natur auf dem Rücken einer Eidechse oder einer Schlange eingeschrieben. Dem ist aber nicht so. Der Menschengeist, der der Hieroglyphenschrift Ägyptens Herr geworden ist, ist auch mit der Keilschrift fertig geworden. Wie? Das sollte ich bald erfahren. Durch einen Freund unseres Hauses, Major Forbes, der alljährlich nach Karlsbad zu kommen pflegte, lernte ich einen jungen Gelehrten kennen, der täglich im British-Museum beschäftigt war. Mister Makay, so hieß er, hatte dem Obristen Rawlinson jahrelang in Persien zur Seite gestanden und sich mit diesem an den Ausgrabungen beteiligt. »Und Sie können wirklich diese Inschriften lesen?« fragte ich den jungen Mann. »Sie machen mir nicht mehr Schwierigkeiten«, erwiderte dieser mit schlichter Bescheidenheit, »als dem Studenten die Übersetzung einer Stelle aus dem Xenophon oder Thukydides.« Ich war außer mir vor Erstaunen. »Die Sache begreift sich sehr leicht«, sagte Makay. »Wir haben, teils in Felsen eingegraben wie in Hamadan und in Besistum, teils auf wohlerhaltenen Mauern wie in Persepolis, Inschriften gefunden, welche dreispaltig geschrieben und in drei Sprachen abgefaßt waren. Drei Völkerfamilien wohnten dort auf demselben Sprachgebiete, und zwischen ihnen herrschte Gleichberechtigung der Idiome. Jedes Feld zeigte ein eigenes Alphabet. Eins war in Keilschrift, eines der beiden anderen persisch, das gab den Schlüssel. Es war nicht mehr schwer, die Eigennamen herauszufinden. Diese mußten allenthalben gleich sein, das gab das Alphabet der Keilschrift. Auf ähnliche Weise hat vor ungefähr fünfzig Jahren die griechische Schrift auf dem Stein von Rosette zur Entzifferung hieroglyphischer Inschriften geführt.« »Als dieser Schlüssel einmal gefunden war«, fuhr der junge Gelehrte in seiner Darlegung fort, »sprangen alle Türen auf. Die Tafeln zu Besistum, Persepolis und Naksch lieferten mehr als achtzig Einzelnamen, deren Aussprache durch die persische Orthographie festgestellt wurde und für die man auch babylonische Äquivalente erhielt. Mit Hilfe der bekannten Worte galt es die unbekannten zu entziffern. Es mußten alle semitischen Analogien herhalten, damit man, die persische Übersetzung zur Seite, den Sinn der Sätze verstehen lerne, die man nun bereits lesen gelernt hatte. Die Sprache, in welcher die Inschriften verfaßt waren, war weder hebräisch, chaldäisch noch syrisch, aber die elementaren Worte und die grammatikalische Konstruktion zeigten bald, daß man es mit einer verlorengegangenen semitischen Sprache zu tun habe. Manche Worte waren mit solchen derselben Bedeutung in syrischer, hebräischer oder arabischer Sprache identisch.« Wir standen während dieses Gespräches vor einer Tafel von besonders schöner Arbeit, die soeben ausgepackt worden war. »Könnten Sie mir sagen, was auf dieser Tafel steht?« fragte ich Mister Makay. »Wenn Sie in einer Stunde wiederkommen, will ich Ihnen die Übersetzung vorlegen«, war die Antwort. Ich kam wieder. Herr Makay hatte bereits die Inschrift entziffert. Sie lautete: »Dies sind die Taten Temenbar des Zweiten, des Sohnes Sardanapals, im zehnten Jahre seiner Herrschaft!« »Ich kreuzte zum achten Male den Euphrat. Ich nahm die Städte ein, welche zu Aralura gehören, und gab sie meinen Kriegern zur Plünderung.« »Herausgehend aus dem Lande Shaluma ging ich weiter in die Länder, welche dem Arama untertan sind.« »Ich nahm die Hauptstadt Arnia und gab sie und hundert Städte der Nachbarschaft der Plünderung anheim. Viel gab es der Böswilligen; ich schlug sie und nahm ihre Schätze mit mir.« »Sodann stieg ich hinab in die Ebenen von Sambura, verheerte die Städte Aramas, Königs des Ararat, verheerte auch alles Land und die Quellen des Euphrat.« »Ich wohnte dort bei den Quellen, die den Euphrat bilden, baute Altäre dem großen Gotte Rimon und setzte Priester ein, den Gottesdienst zu leiten.« »Dann zog ich in das Land der Arianen und nahm die Huldigung von siebenundzwanzig persischen Königen entgegen.« »Ich besetzte darauf die Städte Kathidra, Tarzane und Kharkhar sowie alle Städte, die von diesen abhängen. Viel waren dort der Übelgesinnten. Ich konfiszierte ihre Güter, gab ihr Land der Plünderung und sah bald das Reich zu meinen Füßen.« »Aber in den Stämmen Shetina war eine Empörung ausgebrochen. Ich überwand sie mit Hilfe des mächtigen Gottes Assarac. Ich nahm den Shetina gefangen samt seinen Söhnen und Ministern und hing sie auf an den Bäumen. Die Verführten begnadigte ich, nachdem ich ihnen ihr Gut weggenommen. Ich setzte Arhafit und Sirzakisba zu Statthaltern ein. Dann forderte ich einen großen Tribut, bestehend aus Gold, Silber, Ebenholz und edlen Steinen, führte unsre Sprache ein und ließ ein großes Dankopfer feiern in der Stadt Kamala.« »Dies waren die Taten Temenbars im zehnten Jahre seiner Herrschaft.« Selten noch hat mir ein Blatt so viel zu denken gegeben wie das, welches ich soeben in den Händen hielt. Die Inschrift war aber auch angesichts der eben erlebten Feldzüge und Niederwerfungen von einer entsetzlichen Aktualität. Ich mußte mich fragen: Hat sich die Welt und ihre Geschichte seit dreitausend Jahren in ihrem Wesen eigentlich verändert? Haben alle Versuche der Menschheit, eine Ordnung zu schaffen, in der jeder einzelne seiner Würde als Mensch und als integrierendes Glied des Ganzen sich bewußt wird, irgendwelchen Erfolg gehabt? Alles ist auf die Gewalt gebaut, und das Gesetz der Erbfolge gibt Leben und Glück von Millionen dem Zufall und der Willkür anheim. Auf einen schwachen und schlaffen Sardanapal folgt ein gewaltsamer Temenbar. Mit den siegreichen Despoten sind die Götter und das Priestertum. Was ist der Unterschied von damals und heute? Hier ist alles schroff, nackt und kalt gesagt, was unsere Zeit mit einem Wust von Beschönigungsphrasen umhüllen würde. Ist es aber wesentlich ein anderes als das, was sich heute vor unseren Augen begibt? Es sind eiserne Furchen gezogen, in denen sich die Geschichte bewegt. Ein Tor derjenige, der sie nicht begreift!   Ich hatte in London viele Bekannte gefunden, darunter versprengte Reste der Revolution, wie Moritz Hartmann, Reinhold Solger, Ludwig Bamberger, Arnold Ruge. Auch Adolf Stahr, den ich zuletzt in Heidelberg gesehen, und Fanny Lewald tauchten flüchtig auf. Ich lernte Franz Pulsky kennen, einen geistvollen und liebenswürdigen Mann, der an Kossuths Seite eine bedeutende Rolle gespielt hatte. Und damit zu den Revolutionären der Gegensatz nicht fehle, war auch Ladislaus Rieger da. Dieser, damals noch ein junger Mann, unverheiratet, hatte in Wien auf Seite der Regierung gegen die Revolution gestanden und nur allzuoft auf die Häupter der Deutschen und der Liberalen ein Strafgericht durch orthodoxe Slawen herbeigerufen. Nun hatte aber gar bald die Auflösung des Reichstages zu Kremsier den slawischen Hoffnungen ein Ende gemacht, die Slawen hatten einsehen gelernt, daß das österreichische Kabinett sich nur ihrer bedient habe, um dem deutschen Liberalismus entgegenzutreten und die Bundesgenossen nicht besser als die Besiegten zu behandeln gedenke. Vorläufig waren Rieger und seine Freunde ebenso bankerott mit ihren Theorien wie wir mit den unsrigen. Wir trafen uns als Landsleute und schlossen Frieden. Seine Laufbahn schien beendigt, wie die unsrige beendigt war. Mit Moritz Hartmann konnte ich mich leider, zumal in politischen Fragen, nicht mehr so verständigen wie ehedem. Wir waren zu lange getrennt gewesen. Mich hatte der Ausgang der Dinge von Achtundvierzig belehrt, daß man mit gegebenen Kräften rechnen müsse. Ich wünschte unter den gegebenen Verhältnissen eine völlige Sonderstellung Österreichs und Deutschlands. Daraus, meinte ich, könne Deutschland keinen Vorteil ziehen, daß es zu seinem eigenen einheimischen Knechtungsapparat noch den mit fremden Elementen über und über gesegneten Knechtungsapparat des österreichischen Gesamtstaates erhalte. Man müsse vorerst die Trennung der unglücklichen Ehe Deutschland mit Österreich wünschen. Was später zu wünschen, sei Sache zukünftiger Erwägung. Das nannte nun Hartmann einen Abfall von der deutschen Demokratie, die unter keinerlei gegebenen Verhältnissen eine Sonderstellung Österreichs und Deutschlands adoptiere, vielmehr überall theoretisch die Einheit beider Länder aufrechterhalte. So war er ein »Großdeutscher«, ich aber sollte, was beleidigend klang, ein »Kleindeutscher« geworden sein. Das war ich allerdings geworden und bin es geblieben. Es gab allerlei Debatten, und Hartmann, mit großem Selbstgefühl ausgestattet, führte sie in einer Weise, daß ich an ihnen keinen Gefallen fand. Wir fingen schon an, verschiedene Wege zu gehen. Von meinem alten Mentor Major Forbes war ich im Carlton-Club in Pall-Mall eingeführt worden. Die vornehmen Klubhäuser wie Carlton, Travellers usw. sind der Stolz des Engländers. Eine Front von edlen Quadern, Gesimse, mit Marmor und Granit verbrämt, ungeheure Spiegelfenster, dunkle Marmorsäulen zwischen den Fenstern kündigen schon von draußen einen Tempel der guten Welt an. Wir betreten ein prachtvolles Treppenhaus, es empfängt uns die Pracht säulengetragener, mit Fresken, Medaillons, Arabesken, Zieraten aller Art dekorierten Hallen, es öffnen sich Lese-, Spiel- und Gesellschaftszimmer, mit allem modernen Komfort ausgestattet. Das Ganze ist so exklusiv, der Zugang so schwer möglich wie die Passage des Kamels durch das bekannte Nadelöhr. »Hier kommen wenige herein!« sagte Freund Forbes mit erhobenem Finger. »Sie müssen wissen, daß selbst hohe Familien ihre Söhne gleich nach der Geburt als Kandidaten zur Aufnahme vormerken lassen ...« Und dabei sah er mich mit einem Blicke an, als wolle er sagen: »Fühlst Du nun auch, mein Junge, was ich für Dich getan habe? Weißt Du jetzt, wer ich eigentlich bin, ich, der humane, schlichte Mann und doch einer, der hier zu Hause ist, ja einer, der auch Dir den Eintritt in dies Heiligtum öffnen konnte?« Indes wandelten wir über weiche Teppiche und Läufer durch eine Reihe von Lesezimmern. Schwere Tische von Mahagoniholz, mit grünem Tuch bekleidet, waren mit Zeitungen und Monatsschriften bedeckt, niedere Divans und behagliche Lehnstühle, mit dunkelgrünem Leder tapeziert, luden zum Sitzen ein. Der Besuch war sehr spärlich – allerdings war es noch um die Nachmittagsstunde, und diese Räume mögen sich erst in später Nacht beleben – da und dort saß eine feierliche unnahbare Persönlichkeit, den Hut auf dem Kopfe in eine Zeitung versunken, kaum daß irgendwo zwei Personen im Gespräch miteinander in der Fensternische standen. Forbes ging an eine Türe – ein ungeheuerer Büchersaal tat sich dem Blicke auf. »Hier stehen vierzigtausend Bände zu Ihrer Verfügung!« sagte er. Wir wanderten wieder eine Strecke und blickten in ein Restaurationslokal mit prachtvollem Buffet. »Hier werden Sie es gut, aber nicht wohlfeil finden«, sagte er. »Hier ist für alle Bedürfnisse gesorgt. Es gibt sogar ein Rauchzimmer, allerdings im dritten Stock unter dem Dache für die, welche der häßlichen Gewohnheit des Rauchens frönen ... Und nun lasse ich Sie allein. Sie sind hier eingeführt. Ihr Name steht im Buche, die Dienerschaft kennt Sie, Sie können so oft kommen, wie Sie wollen, und so lange bleiben, als Sie mögen. Sie dürfen sich wie zu Hause fühlen, jeder Engländer fühlt sich zu Hause in seinem Klub. Sehen Sie, da sind kleine Tische mit allem, was man zum Schreiben braucht. Papier und Couverts tragen den Stempel des Hauses: Carlton-Club. Schreiben Sie jetzt gleich ein paar Briefe, vor allem einen an Ihre Eltern. Wie werden die staunen, wenn sie »Carlton-Club« auf dem Blatte lesen! Und nun noch eines: ich habe eine dringende Bitte an Sie zu stellen! Sie haben eine verzweifelte Neigung, im Zimmer Ihren Hut ablegen zu wollen. Es ist allerdings sehr heiß, aber das darf nicht sein, der Hut muß auf dem Kopfe bleiben. Ihn abzunehmen, ist so schrecklich vulgär. Das gibt es nur auf dem Kontinente.« Darauf entfernte sich mein Freund, nachdem wir ein kräftiges shake-hands gewechselt, aber unsere Hüte nicht gerückt hatten, und ließ mich als Leser in den prachtvollen Räumen zurück. Die Novitäten der Presse, die eben Sensation erregten, lagen auf dem Tische. Ich hatte die Wahl zwischen Ledru Rollins »Verfall Englands«, Carlyles »Later days pamplets« und den berühmten Artikeln des »Morning Chronicle«, »The Labour and the Poor«. Es ist selbstverständlich, daß ich meinen Aufenthalt in London nach besten Kräften zu nutzen bestrebt war. Ich besuchte Sanct Paul, die Westminster-Abtei mit ihren historischen Grabsteinen – Byron ist nicht da, wohl aber der Schmierer Southey – durchwanderte zu wiederholten Malen das gigantische Museum, das mit seinen aufgestapelten Schätzen geradezu verblüffend wirkt, besah den Tower, Buckinghampalast, die National-Galerie und Hampdencourt mit seinen Raphaels und Mantegnas. Ich besah auch den Themsetunnel und durchwanderte die unermeßlichen Räume der Docks. Nachdem ich auf solche Weise die Stadt kennengelernt, sollte ich wenigstens einen oberflächlichen Begriff von den berühmten englischen Landsitzen erhalten. Meine beiden jungen Freunde geleiteten mich nach Woburn, wo der Senior ihrer Familie einen Teil des Jahres residierte. Wir durchwanderten herrliche, aber unbewohnte Räume, Wohnzimmer, in denen, von keinem profanen Auge gesehen, alte Van Dycks und Holbeins an den Wänden hängen, Kabinette, in denen mehr als die Waffen mich die Jagdstücke von Snyders interessierten. Wir sahen die Gärten mit ihren Gewächshäusern, Treibkasten, Pfirsichspalieren, Trüffel- und Spargelbeeten, kurz, allem, was ein englischer Großer zum Leben unentbehrlich braucht. Wir kosteten schon im August süße, riesengroße Trauben. Nun wandelten wir durch die Anpflanzungen, wo bald hier, bald dort ein Fasan mit trägem Flügelschlage aufflatterte. Nun folgten weitere Ausflüge aufs Land. Wir besuchten Salisbury, die merkwürdige Stonehendge, Old Sarum, Ashby de la Zouch, mit den Ruinen der Burg, die aus Walter Scotts »Ivanhoe« bekannt ist, endlich Plymouth. Beim herrlichsten Wetter wurde eine Dampfbootfahrt durch den Kanal unternommen, bei der wir auf der Insel Wight, in Ryde und Cowes Halt machten. Es waren schöne, sonnige Tage, an denen ich des Interessanten überviel sah. Ende Juli trat ich eine Reise nach Schottland an, das mich als das Heimatland meiner Mutter unwiderstehlich anzog. Ich war in Glasgow wieder mit dem »Pfaffen Mauritius« zusammengetroffen; auch Ladislaus Rieger, der dieselbe Tour in Absicht hatte, stellte sich ein, wir beschlossen gemeinsame Fahrt. Zuerst sahen wir Edinburgh, die Stadt, der an malerischer Wirkung keine Europas, selbst Neapel nicht, gleichkommt. Wir hatten uns in einem Hotel der Highstreet einquartiert und befanden uns dort sehr wohl. Zu wiederholten Malen wanderten wir nach Calton-Hill, besichtigten die verblichene Pracht von Holyrood und genossen von der Höhe des Kastells die Aussicht auf die labyrinthischen Gassen der Stadt, die blauen Gebirgsketten des Hochlands und das weithingebreitete Meer. Nun wurde das Hochland durchwandert. Die romantischen Seen Loch Long und Loch fine, das reizende Inverary hielten uns mehrere Tage fest. Eine projektierte Fahrt nach der Insel Staffa, der Fingalshöhle und dem Riesendamm (giants causeway) wurde leider durch den Eintritt schlechten Wetters vereitelt. Meine schottische Reise ging unter seltsamen psychologischen Prozessen vor sich. Hundert Bände von Walter Scott hatten mich, da ich noch ein Knabe war, mit Edinburgh, Holyrood, dem schottischen Hochland, seinen Seen, Höhlen und Heiden bekannt gemacht. Nun sah ich mit Augen die Orte wieder, die ich zuvor, von den Gebilden der Dichter belebt, im Geiste geschaut. Hier fand ich mich zurecht, dort fühlte ich mich verwirrt. Die Wahrheit blieb in den meisten Fällen hinter dem Phantasiegebilde zurück. Wieder in Edinburgh eingetroffen, nahm ich Abschied von Moritz Hartmann, der nach Rotterdam abging. Ich habe ihn, merkwürdig genug, seitdem er, in einen schottischen Plaid gehüllt, eine Hochlandsmütze auf dem Kopfe, zu Schiffe stieg, nicht wiedergesehen. Unsere Korrespondenz geriet ins Stocken, und nach und nach hatte keiner mehr das Bedürfnis, den andern aufzusuchen. Der »schönste Mann des deutschen Parlamentes« hatte sich allmählich, verwöhnt durch Frauengunst und gesellschaftliche Erfolge, sehr verändert, er hatte ein Wesen angenommen, das mir theatralisch erschien. Das Leben hatte uns, seitdem wir auf derselben Schulbank gesessen, in gar verschiedene Formen gegossen; wir verstanden uns nicht mehr. Jugendfreundschaft ist ein Kristall, der zuweilen aus kaum nachweisbaren Ursachen verwittert und den keine Kunst mehr erhalten und zusammenfügen kann. Mitte August war ich wieder in London, nahm aber den Rückweg über Paris, um Heine wiederzusehen, dessen Tage gezählt schienen.   Ich traf Heine diesmal in einem besseren Gesundheitszustande, als ich erwartet hatte. Im Vergleich zum vorigen Jahre hatten sich seine Schmerzen gemäßigt und seine Stimmung gehoben. Ich konnte mich ihm täglich nähern. Trotzdem in den damals tonangebenden deutschen Kreisen kein Schriftstellername schlimmer angeschrieben stand als der seinige, war doch im allgemeinen und besonders bei der in Trümmern noch vorhandenen liberalen Partei das Interesse für den kranken Dichter ein lebhaftes geblieben, und ein Deutscher, der in Paris gewesen war und Heine besucht hatte, konnte ganz gewiß sein, von Fragen bestürmt zu werden: ob er vielleicht wieder aufkommen könne? Ob er denn wirklich fromm geworden? Ob er noch schreibe und ob die Welt von ihm noch Bedeutendes zu erwarten habe? Ich zog in der Voraussicht solcher Fragen eine schriftliche Beantwortung derselben vor und teilte Heine eines Tages mit, daß ich den Vormittag damit zugebracht, einen Artikel über ihn zu schreiben, den ich der in Prag erscheinenden »Deutschen Zeitung« zugedacht habe; ich wolle denselben morgen abschicken. »Zeigen Sie mir ihn zuvor«, rief er, »zeigen Sie mir ihn zuvor. Ich will ihn lesen! Bringen Sie mir ihn morgen mit. Ohnehin sind Sie auf morgen abend sechs zu mir zu Tische geladen, Sie werden die schriftliche Einladung bei Ihrer Rückkehr schon zu Hause finden!« »Sie geben ein Diner, dem Sie nicht beiwohnen können?« »Ich werde vom Krankenzimmer aus assistieren.« Als ich am andern Tage eine Weile vor der anberaumten Stunde zu Heine kam, zog ich sofort mein Feuilleton aus der Tasche. Als ich an die Stelle gekommen war: »Heine ist mit der Komposition von Gedichten beschäftigt, wenngleich seine gelähmte Hand die Feder kaum zu halten vermag, wir haben sogar von ihm eine neue größere Dichtung ›Die Insel Bimini‹ zu erwarten«, rief er lebhaft: »Nichts von Gedichten! Das ist jetzt Nebensache. Mit der Komposition seiner Memoiren.« Ich äußerte meine Freude darüber, daß er die Arbeit fortführe, mit der ich ihn bereits in Montmorency beschäftigt gesehen, er fuhr fort: »Ich arbeite seit Jahren daran. Das Buch wird drei Bände haben, mindestens drei Bände. Einzelne Partien sind ganz fertig, aufs sorgsamste ausgearbeitet. Eine solche Partie will ich demnächst veröffentlichen, vermutlich unter dem Titel ›Bekenntnisse‹. Doch zuerst in französischer Übersetzung. Gerard de Nerval hilft dabei mit. Eben bin ich wieder mit der Ausfüllung von Lücken beschäftigt. Es verschwindet eine nach der anderen. Oh, ich bin fleißiger, als Sie denken ...« Dabei hatte er einen Bleistift ergriffen, zog auf meinem Blatte einen Strich durch das Wort »Gedichte« und die »Insel Bimini« und korrigierte »mit der Komposition des stattlich heranwachsenden Buches seiner Memoiren« herein. Indes wurde das nebenstehende Zimmer, das den stolzen Namen Salon führte, aufgetan. Mathilde erschien, festlich gewandet. Der runde Speisetisch war feierlich gedeckt, auf dem Büffet erblickte das verwunderte Auge einen ungeahnten Luxus von Tellern, Gläsern und Flaschen. Die Gäste, die Madame Heine erwartete, waren mir seit Jahren bekannt, hatten sich aber im Laufe der Zeiten verändert. Madame Arnault war aus einer Pariser Bürgersfrau eine Weltdame geworden. Ihr Gatte, vor zwei Jahren noch Schnittwarenhändler, war durch glückliche Börsenoperationen in den Stand gesetzt worden, das Hippodrom, den großen Zirkus am Eingange des Boulogner Wäldchens, zu kaufen, und machte damit die glänzendsten Geschäfte. Er hat den unleugbaren Instinkt, wie man es anfangen muß, das Publikum zu beschäftigen, und es steht ihm aller Wahrscheinlichkeit noch bevor, Millionär zu werden. »Sie kommen spät, sieben Uhr ist vorüber, das Essen droht zu verderben«, sagte Heine zu der eintretenden Freundin seiner Frau, die ihr Töchterchen, ein fünfjähriges, schwarzlockiges Kind mitgebracht hat. »Wo bleibt Ihr Mann, warum ist er nicht mitgekommen?« »Er hatte noch Geschäfte, muß aber gleich erscheinen.« »Gleich! Er läßt immer warten, wenn man ihn einladet; das ist unerträglich.« »Que voulez vous!« seufzt Elise, »ich kann ihn nicht ändern.« Schon fängt Heine an, ernstlich unwillig zu werden. Da rollt ein Cabriolet in den Hausflur. »Er ist's«, sagt die junge Frau, und der Barnum des Hippodroms, den langhaarigen Filzhut auf dem Kopf behaltend, tritt ins Zimmer. Herr Arnault ist eine jener Gestalten, denen man vorzüglich in den Foyers der großen Oper und auf dem Turf der Wettrennplätze begegnet; ein schöner Mann von ungefähr fünfunddreißig Jahren mit bleichem, südlichem Gesichtsausdruck und pechschwarzem Haar und Barte. Seine Toilette ist überaus sorgfältig, seine Manieren sind brüsk, und wie wir sehen werden, von einer unangenehmen Familiarität. Er spielt mit einem kleinen Stöckchen, das einen schönen goldenen ziselierten Knopf hat, und ahnt eigentlich ebensowenig wie dieses Stöckchen, wer der Mensch ist, bei dem er zu Besuche ist. »Wie geht's Ihnen, Heine?« fragte er, »wohl recht schlecht? Bei Gott, Sie sehen nicht viel besser aus als ein Toter. Mein Lebtag habe ich keinen Menschen gesehen, dem das Sterben so schwergefallen wäre wie Ihnen. Apropos: Das Hippodrom macht unglaubliche Geschäfte.« Um Heines Mund spielt ein ingrimmiges Lächeln. Solch einen Menschen muß man ertragen, weil er der Mann seiner Frau ist. Doch noch eins! Der Mensch klopft fortwährend mit seinem Stöckchen auf der Bettdecke des Kranken herum. Was weiß auch so ein Gesunder davon, was Nerven sind! Er bemerkt oder achtet den Eindruck nicht, welchen er erregt. »Ja, das Hippodrom«, fährt er fort, »macht unglaubliche Geschäfte! An jedem Tag, an dem schönes Wetter ist, streichen wir mindestens zehntausend Franken ein. Nicht wahr, das läßt sich hören, lieber Heine? Ich will es meinen! Aber mein Gehirn bringt auch die unglaublichsten Sachen zutage, je me fais poète, ich verwirkliche Tausend und eine Nacht, ich speise sozusagen die Pariser mit Wundern!« »Sie haben doch gehört«, fährt er fort, und sein Teufelsstöckchen klopft immer beängstigender an der Bettdecke des Kranken herum – »daß Poitevin, dieser verwegenste, größte, außerordentlichste aller Aeronauten, der alle früheren Luftschiffer, alle Greens und Gales mit einbegriffen, aus dem Felde, ich will sagen aus der Luft geschlagen hat, zu Pferde mit seinem Luftballon in die Höhe steigt? Nun, nächste Woche soll er auf einem Esel sitzend in die Luft fahren! Ich nenne dies: Ascente à la Sancho Pansa! – Sancho Pansa ist eine Figur aus einem spanischen Roman. Eine köstliche Idee, nicht wahr? Und die Verfolgung der Kabylen durch französische Spahis? Auch diese Farce ist von meiner höchsteigenen Erfindung und ohne Renommage – ganz köstlich! Die Spahis sind Knaben, die auf kleinen Korsikanerpferden sitzen, die Kabylen auf ebensolchen Pferden sind Affen. Jeder Affe ist als Kabyle angezogen, hat einen weißen Burnus an und eine Flinte zur Seite. – Sie sollten sehen, lieber Heine, wie die weiße Kapuze zu den braunen Affengesichtern steht! Die Spahis verfolgen die Kabylen; sie erreichen sie und hauen mit ihren Säbeln ein, die Affen schreien, die kleinen Korsikanerpferde greifen aus – es ist die komischste Jagd, die Sie sehen können ... Nun, das ist etwas für die Kinder und Grisetten. Für die Männer gibt es andere Dinge! Da ist der Char du printemps – ein Wagen, von zwölf Schimmeln gezogen, darauf wohl an zwanzig Mädchen, alle schwebend in den verschiedensten und verwegensten Stellungen, in fleischfarbenen Trikots, nur auf das Oberflächlichste in Gaze drapiert – luftschwebende Bajaderen, die Beine nach oben gestreckt und nach allen Seiten hin! Wirklich Houris! Es ist kaum zu glauben! Houris nämlich, lieber Heine, nennt man bei den Mohamedanern die Mädchen des Paradieses! Ha, was für Nymphen habe ich fürs Hippodrom geworben! Die schönsten Mädchen, die in Paris und in ganz Europa zu finden sind! Wie schade, Heine, daß Sie krank sind! C'est là, mon vieux, que vous auriez fait vos farces!« Der Hohlkopf glaubt durch diese Erzählungen Heine sehr gut zu unterhalten. Er ist kein Menschenkenner. Der Kranke hat sich während der langen Auseinandersetzung der Vergnügungen des Hippodroms unwillig auf seinem Bette herumgeworfen und Laute von sich gegeben, die Herr Arnault für Ausrufe der Anerkennung und Bewunderung hält, die jedoch nichts anderes sind als gute deutsche Kernflüche. Bei dem letzten Satze des Dandy, der mittlerweile sogar seinen Fuß auf den Rand des Bettes setzen wollte, richtet er sich auf, sieht mich an und sagt auf deutsch: »So ein durchwegs gesunder Mensch ist ein halbes Tier!« Aber Herr Arnault ist noch nicht fertig. »All dies Zeug«, sagt er, »gibt viel zu tun, und ich werde mich mit der Sache nicht länger abgeben, als nötig ist. Jeden Tag fünftausend, vielleicht auch fünfzehntausend Franken einzunehmen, ist freilich eine schöne Sache, aber man muß nichts, auch das Beste nicht zu lange treiben. Sobald ich eine Million Franken am Hippodrom verdient haben werde, verkaufe ich ihn, verdiene noch fünfzigtausend beim Verkauf und ziehe mich dann ganz zurück, um auszuruhen. O glauben Sie mir, lieber Freund, man zerbricht sich den Kopf genug bei meinem Geschäfte, und man ist oft recht müde! Man muß die unglaublichsten, die pyramidalsten Sachen erfinden, und nur ein Mensch von Geschmack und Phantasie ist einer solchen Stellung gewachsen. Wäre ich nicht seit Jahren ein Kenner von Opern, vom Ballett und allem, was dazu gehört, gewesen, ich hätte all mein Vermögen beim Hippodrom einbüßen müssen. Ja man muß sich dabei den Kopf zerbrechen, mehr als ein Dichter. Und dabei die Gefahr, lieber Heine, die Gefahr! Wenn Sie etwas schreiben und es Ihnen nicht gefällt, so ist nur ein Stück Papier verdorben, und Sie können es wegwerfen. Das ist nicht so bei mir! Eine mißlungene Erfindung kann mich halb ruinieren!« »Sehen Sie«, fährt er fort, indem er sich endlich niedersetzt, »eben jetzt trage ich in meinem Kopfe – hier –«, Herr Arnault zeigt mit dem Zeigefinger einer weißen eleganten Hand auf den »edlen Thron des Verstandes« – »eine Idee, bei der ich vierzigtausend Franken entweder verliere oder gewinne! Ich nenne das Zeug (er artikuliert sehr deutlich): Ein Fest in Peking! – Peking, müssen Sie wissen, ist die Hauptstadt des chinesischen Reiches. Auf einer prächtigen Estrade, im Vordergrund eines Tempels, der mit den Standbildern von Götzen geziert ist – die Chinesen, müssen Sie wissen, glauben noch an Götzen –, sitzen die Mandarine im Kreise herum. Die Mandarine sind sozusagen die Pairs, die Senatoren, die Aristokraten des Landes –.« Der Direktor ist erst im Anfange seiner Erzählung begriffen, aber Heine, dessen Ungeduld sich bis zur Wut gesteigert hat, richtet sich ungewöhnlich rasch auf, blickt mich an und sagt auf deutsch mit einer Stimme, in welcher sich Wehmut und Ingrimm mischen: »Hören Sie dieses Tier, das mir erklärt, wo Peking liegt und was die Mandarinen sind – es verdient täglich zehntausend Franken! Fragen Sie doch einmal nach, was mir Julius Campe für eine Auflage meines Buches der Lieder zahlt?« Und mit einem komischen »Du lieber Himmel!« sinkt er wieder aufs Kissen. »Das Weitere nach dem Essen, lieber Arnault«, sagt er mit verzweifelter Miene, »der Braten wird nicht eßbar sein, wenn Sie mir noch vor Tisch Ihr ganzes Fest von Peking genau erklären wollen ...« Als ich drei Stunden später durch das Gewühl, das um diese Zeit den Boulevard bevölkert, meinen Rückweg ins Quartier St. Germain antrat, begegnete ich einem Zuge von Wagen, vor dem die Spaziergänger schweigend stehenblieben und der in seiner Begleitung von reitenden Gendarmen ein äußerst begräbnismäßiges Aussehen hatte. Es war mir im Laufe des Tages gesagt worden, daß man die Leiche Louis Philippes nach Paris zu bringen beabsichtige, und so dachte ich denn gleich daran, daß dies wohl der tote Exkönig, der seinen schweigsamen Einzug in seine ehemalige Residenz halte. Ich hatte mich geirrt. Es war nicht der tote König, sondern der lebendige Präsident und zukünftige Kaiser, der von einer Gastreise durch Nordfrankreich und von den Seemanövern in Cherbourg ins Elysée zurückkehrte. Ein paar Gruppen, die sich über das stille Fiasko des Einzuges freuten, belehrten mich darüber sofort. Aber als ich weiterging, traf ich auf andere Gruppen, die heftig durcheinander sprachen und ihre Reden mit leidenschaftlicher Mimik begleiteten. »Wenn Paris auch schweigt«, sagte ein feingekleideter Herr, »so spricht dagegen die Provinz laut genug. In drei Wochen haben wir das Kaiserreich!« Weiterhin ließen es Arbeiter in reinlichen Blusen nicht an Schimpfworten auf den Polizeichef Carlier und sein »Lumpengesindel«, die sogenannte Dezembergesellschaft, fehlen. Ich fragte, was vorgefallen sei? »Nichts eben Schreckliches oder Ungewöhnliches«, war die Antwort. »Jemand hat auf dem Wege des Präsidenten den Ruf: Vive la République hören lassen, da haben ihn die Polizisten verhaftet.« »Es ist nicht ganz so«, warf ein anderer Blusenmann ein, »der, der gerufen hat, ist entwischt. Dafür haben sie einen Unrechten gefaßt.« So standen damals die Dinge in Frankreich. Auf dem Börsenplatze angekommen, warf ich meinen Artikel in den Schalter. Einige Tage darauf war er gedruckt und wurde von zahlreichen Blättern, unter anderen auch von der »Allgemeinen Zeitung«, nachgedruckt. Die Nachricht, daß die Welt Memoiren von Heine erhalten solle, erregte Aufsehen, sie war neu. Wie man sieht, war sie von Heine selbst ins Leben gerufen worden.   Die bescheidenen Mittel, die mir eine neue Auflage meiner Dichtungen verschafft, waren durch Reisen und den Aufenthalt in der Fremde aufgezehrt; es blieb nichts übrig, als den Rückweg in die Heimat anzutreten. Rückwärts, rückwärts, Don Rodrigo! Aber mir graute vor der Rückkehr, wenn ich der in der Heimat herrschenden Zustände gedachte. Auch meine Stellung zu meinem Vater war keine solche, daß es mich heimgezogen hätte. Er hatte abermals in Karlsbad eine bedeutende ärztliche Praxis erworben, hatte aber an derselben nie Geschmack finden können. Die vielen an diesem Kurorte unumgänglichen chemischen Untersuchungen – ich erinnere nur an jene bei Diabetikern – von häßlicheren Dingen gar nicht zu reden – widerte ihn, der voll künstlerischen Sinnes war, furchtbar an. Er hätte einst gar zu gern seinen Sohn in dieser Praxis an seine Stelle treten lassen, und dieser Sohn widerstrebte. Da hatte er die Praxis ganz aufgegeben und verbrachte den Sommer in Karlsbad nur noch aus stiller Anhänglichkeit an den Ort und seine Umgebung, teilweise auch als Brunnengast. Mich betrachtete er als einen Verblendeten, der konsequent darauf ausging, seine Lage unangenehm zu gestalten. Es kam der Tag der Abreise, es kamen die letzten Abschiedsbesuche. Es war ein heller, sommergleicher Tag im Spätherbst, ein hellblauer wolkenloser Himmel stand über Paris und dem Gewühl seiner Gassen. Ich verließ mein Zimmer in der düstern Cour du commerce und schritt über den Pont neuf, von dessen Höhe sich die Cité mit ihren Türmen und Zinnen so phantastisch ausnimmt, schritt den Quai entlang, unter dem der Strom mit tausend Lichtern glitzerte, und befand mich wieder im Tuileriengarten, der mir mit seinen Blumenparterren und Bassins, seinen schattigen Kastanienalleen und seinen Statuen so lieb geworden. Da wogte ein Gewühl von Herren und Damen, kleine Mädchen schlugen Ball, Knaben ließen kleine Schiffchen auf der Wasserfläche der Bassins fahren. Es war das unendliche, stets erneuerte, nie versiegende Leben des Ortes. Und der starre Oppositionsmann, der Spartakus Foyatiers, stand noch immer da, das kurze Gladiatorenschwert in der Linken, die geballten Fäuste gegen das Königsschloß gekehrt. Alles mahnte mich zur Eile. Ich erinnerte mich, daß ich in der Rue de Castiglione noch einen Landsmann zu besuchen habe, und schritt aus dem Garten hinaus. Der Freund war nicht zu Hause. Ich wollte ein paar Zeilen für ihn zurücklassen und schrieb diese in der Loge des Portiers. Als ich sie überlas, mußte ich lächeln. Ich hätte kaum anders schreiben können, wenn ich auf dem Punkte gestanden hätte, mir das Leben zu nehmen. »Es muß sein, ich scheide aus dieser herrlichen Welt«, so ungefähr war es mir in die Feder gekommen. Mein letzter Gang war in die Rue d'Amsterdam. Ich traf Heine aufrecht im Bette sitzend, beschäftigt, die lyrischen Gedichte des »Romanzero« zu ordnen. »Ich weiß, weshalb Sie kommen«, sagte er. »Sie kommen Abschied zu nehmen. Lassen Sie ihn kurz sein, jeder Abschied erschüttert jetzt meine Nerven. Ich werde recht allein sein, wenn Sie fort sind.« »Wir werden uns wiedersehen«, sagte ich. »Ich glaube es kaum«, erwiderte Heine. »Diese Vorrede des Todes hat nun schon zu lange gedauert. Sie kann nicht ewig währen und mehrere Bände stark werden. Plötzlich, mitten in einer spannenden Periode wird mein Leben abbrechen, wie manches schöne Kapitel in einem Buche ... Nun leben Sie wohl, ich könnte Ihnen beinahe zürnen, daß Sie mich aus der gespensterhaften Ruhe gestört haben, in der ich liege und in der ich meistens von der kommenden Stunde nur das weiß, daß ihrer vierundzwanzig einen Tag geben. Doch nein, seien Sie gedankt für die Stunden, die Sie an meinem Bette zugebracht haben, seien Sie innig gedankt. Ich werde nun wieder recht einsam sein ...« Ich sah ihn an. Tränen standen in seinen Augen. Tränen in Heines Augen, in den Augen des Mannes, den die Welt so oft als herzlos gescholten! Ich konnte nicht widerstehen, unbezwingbare Rührung erfaßte mich ... Ewig unvergeßlich steht dieser Augenblick vor meiner Seele. Ich faßte die Hand und drückte sie. »Möge das endlose Sterbelied des Schwanes der Rue d'Amsterdam Sie nicht zuletzt gelangweilt haben«, flüsterte der Kranke und wandte sich ab. Ich ging, und wie die Bilder einer Phantasmagorie flohen die Menschen und Häuser an meinen aufgeregten Sinnen vorüber. Eine Stunde später saß ich in der Ecke des Eisenbahnwagens und sah mich mit Dampfeseile fortgeführt. Der Tag war, meiner Stimmung gemäß, grau und trüb geworden; lagernde Wolken am Horizont schienen böses Wetter bringen zu wollen. Paris, ein Meer von Dächern und Turmspitzen, verlor sich allmählich, nur die Ausläufer der Vorstadt umgaben mich, auf der Höhe des Montmartre drehten sich fast beängstigend die Flügel der Windmühlen. Leb' wohl! Ja, lebe wohl! Ein so kurzes Wort tut alles ab, alle peinlichen Zuckungen des Schmerzes, der Entsagung, der Mutlosigkeit. Wie viele Lebewohl waren in diesem einen enthalten! Auch ein schmerzliches Lebewohl der Jugendzeit war mit dabei. Diese lag schon hinter mir, es galt, mit ihr abzuschließen! – In den nächsten Tagen würde ich mein achtundzwanzigstes Jahr beendet haben. Unterm Joch der habsburgischen Reaktion Kaum hatte ich auf der Grenzstation meinen Fuß auf den Boden des Vaterlandes gesetzt, als mir schon meine Papiere aus dem Koffer genommen wurden. Darauf war ich vorbereitet gewesen und hatte vor meinem Eintritt in die Heimat jedes mißliebige Zeitungsblatt beseitigt. Der Entwurf eines Trauerspiels und eine angefangene Erzählung »Der Müller vom Höft« waren das einzige Konfiszierbare. Ich konnte ruhig sein. In der Tat erhielt ich die Papiere, die auf die Prager Stadthauptmannschaft gewandert waren, zwei Wochen später nach gehöriger Durchprüfung durch den Polizeidirektor Herrn Sacher-Masoch unbeanstandet zurück. Es war für Österreich eine Zeit gekommen, mit der verglichen der Zustand vor 1848 ein beneidenswert glücklicher, ein wahrhaft arkadischer genannt zu werden verdiente. Die Spuren der Zerstörung waren an Häusern und Straßen beseitigt, aber wie sah es in der bürgerlichen Gesellschaft aus! Der Staat hatte neue politische Einrichtungen erhalten, aber alle waren darauf berechnet, jede Verfassungsidee, jede nationale Regung in der Idee eines rein absolutistischen, abstrakt einheitlichen Österreichs zu begraben. Das Bild der Reaktion war scheußlich und widerwärtig. Vereins- und Versammlungsrecht waren mit der Einführung des Belagerungszustandes in den Hauptstädten verschwunden, die Presse war unter die allerschärfste Polizeiaufsicht gestellt worden. Von den Rechten einer Volksvertretung war nichts mehr zu hören. Noch immer saßen Kriegsgerichte und Untersuchungskommissionen beisammen, fast jeder Tag brachte Nachrichten von ihrer Tätigkeit. Die »Intelligenzblätter« der Regierungszeitungen waren noch immer mit Steckbriefen und Fahndungen angefüllt, das Hauptblatt publizierte Strafurteile. Ein System war aufgestellt und im Gange, das heute, noch so ruhig angesehen, als ein unmenschliches und mehr als barbarisches bezeichnet werden muß. Allerdings muß der, der sich in den Kampf begibt, die Selbstverteidigung des angegriffenen Teils in der Ordnung finden und den üblen Ausgang zu tragen wissen. Andernteils aber sollte die siegreiche Macht nicht durch Umfang und Härte ihrer Strafurteile über das durch Notwendigkeit Gebotene und das in der Zeit Zulässige hinausgehen. Ob diese Linie des Notwendigen und Zulässigen in der Periode der großen Reaktion eingehalten worden sei, möchte ich sehr bezweifeln. Von 1848 bis 1852 waren im Bereich des Kaiserstaates bereits zweitausendeinhundertundsiebenundzwanzig Todesurteile über politische Verbrecher erfolgt und vollzogen worden. Diese Ziffer erscheint heute phantastisch und unmöglich. Aber sie ist authentisch. Sie stammt aus den Aufzeichnungen eines Mannes, der über diese Dinge Buch führte und Namen und Tag der Hinrichtungen genau notiert hat. Alle Gefängnisse, alle Festungen waren mit Personen angefüllt, welche sogenannte politische Vergehen verbüßten. Der zufällige Besitz einer verbotenen Druckschrift, ja eines wertlosen Geldzeichens, der sogenannten Kossuthnote, konnte zu jahrelanger Haft und Untersuchung führen. Der harmloseste Mensch konnte ins Unglück kommen. Ein Exempel unter vielen ist der Fall des Bauers Konrad Deubler, Wirt in der protestantischen Gemeinde Goisern. Dieser war ein Freund philosophischer Lektüre; eine Linzer Buchhandlung schickte ihm Bücher zu. Eines Tages kommt ein Reisender zu ihm, bleibt eine Weile in seiner Herberge und durchstöbert seinen Bücherschatz. Es ist M. G. Saphir. Nach seiner Rückkehr schreibt er einen Aufsatz über den sonderbaren Bauern Deubler. Er wußte wohl, was er tat. Unmittelbar darauf erscheinen höchste Herrschaften in Deublers Wirtschaft. Sie durchsuchen in seiner Abwesenheit seinen Bücherschatz und tragen mehrere Bände daraus fort. Tags darauf kommen Gendarmen, und Deubler wird mit elf anderen politischen Verbrechern nach Graz geführt. Das Grazer Gericht findet keine Schuld an ihm, es sind keine zweckmäßigen, aber auch keine verbotenen Bücher. Deubler kann wieder heimgehen. Aber höheren Orts ist man gegen seine Freilassung. Die Gendarmen erscheinen ein zweitesmal. Deubler wird gefesselt wie ein Räuber und Mordbrenner von Gefängnis zu Gefängnis geführt und endlich auf eine mährische Festung gebracht. Er ist mit Einbrechern und Mördern eingekerkert. Erst nach vier Jahren öffnet sich ihm das Gefängnis, und er darf als »freigelassener Sträfling« wieder zu Haus und Familie heimkehren. Eine schöne Erfindung waren auch die »Internierungen«. Man setzte den Mann, der mißfällig geworden war, mit einem Polizeikommissär in einen Wagen und führte ihn von seiner Familie fort, oft hundert Meilen weit in einen kleinen Ort, wo er unter Polizeiaufsicht zu leben hatte. Ein Exempel dieser Kategorie ist Hawlitschek, der im Jahre 1851 von Prag nach Brixen gebracht wurde. Er erkrankte dort an Heimweh. Endlich freigelassen, starb er an der Lungensucht, zu der er wahrlich zuvor keine Anlage gezeigt hatte. Alles das verbreitete über das Leben ein schauderhaftes Gefühl der Unsicherheit. Man stand in einem rechtlosen Staate. Briefe wurden geöffnet. Ein Passus darin, der übler Deutung fähig, konnte die schlimmsten Folgen haben. Die Angeberei und der Spähdienst der Polizei standen in Blüte. Die Verdrehung eines am Wirtshaustisch geführten Gesprächs durch ein urteilsloses Polizeiorgan konnte das Unglück eines ganzen Lebens herbeiführen. Wenn dieser Zustand jeden, auch den Harmlosesten drückte, um wieviel mehr den bereits malâ notâ Bezeichneten! Wie aber den, der, mit Heine zu reden, »mancherlei Erschießliches« geschrieben! Dem hing ein Damoklesschwert an einem Haare über dem Haupte, das jeden Moment herabfallen konnte. Man kannte viele unter den Spionen und Denunzianten und durfte ihnen die Verachtung, die sie einflößten, nicht zeigen, denn was konnten diese Leute, wenn sie sich beleidigt glaubten, alles ersinnen! Man mußte zu ihren Provokationen schweigen, mußte sie reden lassen und durfte nichts entgegnen. Zehnmal des Tages ballte sich die Faust in der Tasche, und man gedachte der Goetheschen Verse: Über's Niederträchtige Niemand sich beklage, Denn es ist das Mächtige, Was man Dir auch sage. Der Blick in die Zukunft war desolat. Von einer Änderung der Weltverhältnisse war voraussichtlich auf Jahre hinaus keine Rede. Die Jünglinge neuen Schlages, die in der Wiener Aula und anderswo aufgelodert, saßen gefangen und durften über ihre Illusionen nachdenken. Das kurierte alle anderen von ihren Ideen. Den Universitäten sollte nun ein ganz anderer Geist eingeblasen werden. Vom Rhein und von Bayern wurde eine ganze Schar von Gelehrten bezogen, um da, wo die gute Gesinnung ausgegangen schien, einen besseren Geist einzuführen. In diesem Sinne wurden alle Schulen und Bildungsanstalten reformiert. Die religiöse Heuchelei kam an die Tagesordnung. Der Hochadel ging mit dem Beispiele voran und fand vielfach Nachahmung. Vom Minister Bach, der vor kurzem noch ein arger Freigeist gewesen, ist bekannt, daß er das schier Unglaubliche auf dem Gebiete frömmelnder Schauspielerei leistete. Alles, was vorwärtskommen wollte, besuchte kopfhängerisch die Kirche, zumal in den Stunden, wo man sicher war, ein großes Publikum dort anzutreffen und recht bemerkt zu werden. Unser Staatsanwalt W. Ambros erregte Aufsehen, indem er jeden Sonntag, ein Gebetbuch in der Hand, durch die belebtesten Gassen den Weg zum Hochamte in die Domkirche auf dem Hradschin antrat. Zur politischen und religiösen Reaktion trat auch die literarische: sie war ebenso durchgreifend wie die auf den beiden anderen Gebieten. Die Presse schlug fast ohne Ausnahme den servilsten Ton tiefster Unterwürfigkeit an. Die offizielle und offiziöse Presse herrschten unumschränkt. Der Demokratie wurde alles Böse aufgeladen, sie hatte den Frieden der Welt gestört. Ihre Exilierten wurden beschimpft und verhöhnt, ihre Toten im Grabe verunehrt; und sie hatte kein Organ mehr zu ihrer Rechtfertigung. Wer mit der Bewegung sympathisiert hatte, wurde über Bord geworfen, war ein abgetaner Mann; nur wer sich korrekt gehalten, der besaß Talent. Vor allem waren die »politischen Poeten«, die »Leute vom Vormärz« in den Bann getan: es war nur eine Schar »wüster Schreier« gewesen. Aber die Zeit mußte doch Dichter haben, man nahm sie, wo man sie eben fand: es kam die Zeit der loyalen Dichter. Freiherr von Zedlitz und ein jetzt ganz verschollener Wiener, Rudolf Hirsch, das waren die neuen Geister. Von Oskar von Redwitz' »Amaranth« sollte eine neue Aera der Poesie datieren. Die großen Journale hatten die Losung erhalten, nur das anzuerkennen, was mit den Prinzipien von Thron und Altar zusammenhing. Eine erlogene heuchlerische Schönfärberei aller Gefühle, eine pietistisch angestrichene Sentimentalität waren an der Tagesordnung. Ich war zu tief mit allen meinen Gefühlen an der Bewegung von 1848 beteiligt gewesen, als daß nicht diese Zustände die nachhaltigste Einwirkung auf mein Gemüt gehabt hätten. Ja, 1849 hatte alle Träume und Ideen der Humanisten ad absurdum geführt! Es war uns, die eine andere Zeit für die Völker so nahe gewähnt, ungefähr so zumute, als hätten wir etwas unendlich geliebt, was sich zuletzt als ein Phantom zu erkennen gegeben. Gewiß, die Völker hatten eine schreckliche Unreife bekundet, die Fürsten und ihre Ratgeber eine schreckliche Überlegenheit. Man hatte sich über die Bildung des Volkes, über dessen Mut und Ausdauer einer furchtbaren Selbsttäuschung hingegeben; kein Wunder, daß ein Zug kalter Enttäuschung alle Spitzen der Partei erfaßte. Im allgemeinen aber ging aus den Ereignissen für uns alle die Aufforderung hervor, alle unsere Überzeugungen einer Revision, einer durchgängigen kritischen Prüfung zu unterziehen. War unser Programm darum gescheitert, weil wir uns in den Mitteln zum Zwecke verrechnet, wie auch das alltägliche Werk einer Hand mißrät, der die praktische Geschicklichkeit der Ausführung abgeht, oder litt es an innerer Unausführbarkeit? Das war die große Frage. Der römische Dichter ist mit seinem Urteil rasch fertig. Für ihn steht fest, daß der Erfolg über den Wert der Dinge entscheide. Die richtigen Prinzipien sind ihm die, bei denen man sich wohl befindet. Stultorum magister eventus est, Toren kann nur der Ausgang belehren. Wir Modernen dagegen wissen, daß es viel Vortreffliches gibt, das vom Erfolge nicht gekrönt wird. Und doch haben wir alle einen großen Respekt vor dem Erfolge. Was dagegen Mißerfolg hat, sagen wir uns, muß entweder schlecht angefangen worden sein oder an und für sich nichts taugen. Was Mißerfolg hat, stellt sich eben dadurch als »ein Unrechtes oder wenigstens als ein zur Zeit noch nicht Zulässiges« hin. So kam es, daß man sich sagte: Du hast alles, was Du bisher gedacht hast, auf seinen Gehalt hin von neuem zu prüfen. Vielleicht gedeiht die Menschheit wirklich nur in jenen alten, konstanten Formen, die Dir so sehr mißfielen! Wenn Du nicht umsonst gelebt haben willst, mußt Du neu zu denken anfangen! Oder: Du hast Dich mit Deinen Freunden nur in der Zeit geirrt. Der Zeiger der menschheitlichen Entwicklung rückt auf seinem Zifferblatte nur unendlich langsam vor. Vielleicht hast Du mit den andern das gewollt, wofür die Stunde noch lange nicht geschlagen hat. Wirst Du's erleben, daß sie schlägt? Große, herzbeängstigende Fragen! Und inzwischen war abzuwarten, ob ihrerseits die neuen Institutionen, die uns gegeben worden waren, sich durch Erfolg und Dauer als die richtigen und berechtigten bewähren würden.   Am 1.Februar 1851 sah halb Prag einem Begräbnisse zu, das unter Umständen vor sich ging, die ein beredtes Zeugnis vom Geiste jener traurigen Epoche ablegten. Angesichts einer großen, schweigenden Volksmenge wurde ein verspätetes Opfer der vorhergegangenen Bewegungsjahre, Augustin Smetana, zu seiner letzten Ruhestätte geführt, ohne Kreuz und geistliches Geleite, aber auch ohne Sang und Klang und ohne Kränze. Ich war diesem Manne schon seit vielen Jahren befreundet. Schon in den ersten Märztagen 1848 war es gewesen, daß mehrere befreundete Gesinnungsgenossen die Gründung eines liberalen Blattes anstrebten und mich zu einer Unterredung darüber ins Kloster der Kreuzherren beschieden. Dr. Smetana, der seit Exners Abgang nach Wien dessen Lehrkanzel supplierte, sollte an die Spitze der Zeitung treten. »Ein Klosterinsasse Hauptredakteur!« dachte ich. »Was kann da zustande kommen!« Und ich ging lediglich aus Neugier hin ... Ich war zu früh gekommen, der Doktor war noch abwesend, man wies mich in sein Zimmer, und erst nachdem ich eine ganze Weile mich an der Aussicht aus den Fenstern dieses herrlich gelegenen Hauses geweidet, trat ich an die Bücherschränke heran, die eine breite Wand entlang standen. Mein Erstaunen war groß: ich sah die ganze radikale Denkerwelt damaliger Zeit beieinander versammelt. Strauß' »Leben Jesu« stand neben Bruno Bauers Synoptikern, Ruge und Echtermayers »Jahrbücher« waren da neben L. Feuerbachs Werken. Indes war Smetana mit den übrigen eingetreten, ein blaßgelber hagerer Mann in den Dreißigern mit milde sinnenden Zügen. Man setzte sich. Er entwickelte in den Grundlinien, wie er sich ein Blatt denke, das für liberale politische Institutionen wirken, namentlich aber für die Befreiung der Geister auf religiösem Gebiete mit Nachdruck eintreten sollte. Wir hatten nur politische Veränderungen im Auge. Das Hereinziehen des religiösen Moments schien uns störend und konfliktdrohend. Auch über die Art, wie Smetana auf föderalistischer Basis tschechisches und deutsches Element zu versöhnen gedachte, konnten wir uns nicht vereinigen. Die Debatte verlief resultatlos – aber ich hatte eine interessante Persönlichkeit kennengelernt. Ich kam von da ab öfter mit dem supplierenden Professor zusammen, den ich inzwischen aus seiner Schrift »Die Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters« näher kennengelernt hatte. Smetana war, nur durch die äußerlichsten Umstände veranlaßt, Theologe und Geistlicher geworden. Er war der älteste Sohn einer zahlreichen Familie; sein Vater fungierte als Kirchendiener bei St. Heinrich. Natürlich war die Familie dürftig; es galt, die Söhne rasch zu versorgen. Und was sollte der Knabe werden, der immer schwächlich und kränklich gewesen und Tag und Nacht über seinen Büchern saß? Die Wünsche der alten Frau, die in der Kirche Wachslichtlein verkaufte, mochten alle erfüllt scheinen, als ihr Sohn zum Priester geweiht und Kaplan zuerst in einem Dorfe bei Karlstein, später in Eger wurde. Aber fortwährende Beschäftigung mit der deutschen Philosophie führte allmählich in den Ansichten des jungen Mannes und Gelehrten eine völlige Zersetzung und Umbildung herbei. Nach Prag zurückgekehrt, wo er supplierender Professor der Philosophie wurde, vermied er aufs ängstlichste das dogmatische Gebiet, wollte die Kanzel verlassen und sich auf den Katheder beschränken. Wofern ihm dies nicht möglich, war es seine Absicht, Österreich zu verlassen. Die Meinung, für die Wissenschaft lebende Männer fänden in der Stille der Zelle, geschieden von den Interessen und Reibungen der Welt die ungestörteste Muße, ist ziemlich verbreitet, aber nur eine ungenaue Kenntnis des Klosterlebens verleiht ihr den Schein der Wahrheit. Die geistige Einengung, der gemüttötende Formendienst, der eintönige, nur durch Feste und deren Feier unterbrochene Müßiggang, die gegenseitige, oft zur Denunziation sich steigernde Spionage sind dazu angetan, gewisse Gemüter zur Verzweiflung zu bringen. Ein solches Gemüt war das Smetanas. Der Aufenthalt im Ordenshause ward ihm allmählich unerträglich. Seine Ansichten standen mit dem Kleide, das er trug, im Widerspruch. Da war das Jahr Achtundvierzig gekommen. Obwohl kein Mann der Tat, schüchtern und vor der Berührung mit der Welt bangend, verhehlte er doch seine Sympathien und Überzeugungen nicht und gab ihnen sogar, als die Prager Studentenschaft eine Totenfeier für die in Wien im Märzaufstand Gefallenen hielt, von der Kanzel herab einen beredten Ausdruck. Bald darauf, wenige Tage nach unserer ersten Unterredung, war er aus dem Kloster geschieden und hatte eine Privatwohnung bezogen. Er wollte aufhören, Geistlicher zu sein. Kein weltlicher Ehrgeiz, keine Leidenschaft des Herzens, nicht etwa der, freilich auch berechtigte Wunsch, ein weibliches Herz sein zu nennen, einzig nur der Drang des Forschers und Gelehrten, der unkontrolliert die Wahrheit nach seiner Weise suchen will, trieb ihn hinaus. Und nun begann eine Kette von Verfolgungen, die, immer anwachsend, sein Leben verbitterten und ihm jede Ruhe raubten. Er bestand auf nichts als auf dem Rechte, in seiner eigenen Studierstube leben zu können, und dies war nur um so natürlicher, da er, seitdem er den Katheder für sich verschlossen sah, die Redaktion der »Union« übernommen hatte. Zuerst ließ man es bei Ermahnungen und im Tone der Mäßigung gehaltenen Aufforderungen zur Rückkehr bewenden, als aber sich die Reaktion im ganzen Staatsleben immer kraftvoller geltend machte, wurden auch die Mahnbriefe der Oberen immer drängender und drohender. Da – eines Tages brachte ein Freund die verbürgte Nachricht, daß die Geistlichkeit das brachium sacculare aufbieten und den abtrünnigen Sohn mit Gewalt zur Rückkehr ins Kloster zwingen werde. Smetana mußte eine Versetzung in eine ferne Provinz, Internierung, vielleicht gar Haft im gefürchteten weißen Turme auf dem Hradschin, dem geistlichen Korrektionshause, erwarten. Diesen Schlag zu parieren, schien ihm nur auf eine Weise möglich: Er gab tags darauf in seinem Blatte die Erklärung ab, daß er »infolge seiner Überzeugung von der Unhaltbarkeit des katholischen Lehrbegriffes aufgehört habe, Priester und Mitglied des Kreuzherrn-Ordens zu sein«. Das Aufsehen, das diese Erklärung machte, war sehr bedeutend. Jedermann wollte die Nummer, die das seltsame Aktenstück enthielt, besitzen. Das Redaktionskomitee entließ ihn, und bei der Furcht und der Engherzigkeit, die unter dem damaligen Drucke an der Tagesordnung waren, wendeten sich selbst Freunde und Bekannte, die Entrüsteten spielend, von ihm ab. Aber auch die Exkommunikation ließ nicht lange auf sich warten. Sie kam freilich ohne den krassen Pomp und das phantastische Schrecknis, die sie im Mittelalter begleitete; dennoch aber traf sie Smetana in seiner eigentümlichen Lage bitter genug. Seine Eltern waren beide noch am Leben. Man denke sich einen alten, grauen Kirchendiener, der das Blatt, das die Exkommunikation seines Sohnes enthält, austeilen muß; man denke sich eine alte Frau, »ein Lichtelweib«, die hören muß, wie ihr Stolz, ihr Herzblatt, ihr lieber Sohn als Ketzer und Verlorener erklärt wird. Und damit alles zusammenkomme, meldeten sich bei dem Hartbetroffenen nun auch die Anzeichen eines rasch fortschreitenden Brustleidens, das ein Leben der Entbehrung in früheren Jahren geweckt, Studium, Nachtwachen, Kummer über Verfolgung gezeitigt hatten. Bald hieß es, Smetana sei von den Ärzten aufgegeben, und nur eine Luftveränderung könne sein Leben noch eine Zeitlang hinhalten. Smetana war dadurch, daß eine Krankheit, die bereits lange in ihm gelauert, nun zum Ausbruche kam, zu einem Objekt geworden, an welchem fanatische Klerikale beweisen konnten, wie dem Abfall von der Mutterkirche schon hier auf Erden die Strafe auf dem Fuße folge. Man konnte ihn auch erfolgreicher molestieren als z. B. einen Kollegen von ihm, der wie er im Jahre Achtundvierzig das Kloster verlassen hatte, aber trotz der über ihn verhängten Exkommunikation sich einer vortrefflichen Gesundheit und des heitersten Humors erfreute. Diesem, einem liebenswürdigen jovialen Weltmann und trefflichen Gesellschafter, war gar nichts anzuhaben; er wurde daher fortwährend ignoriert, während Smetana in den Vordergrund geschoben und zum Gegenstand des Angriffs in klerikalen Journalen gemacht wurde. Wohl ihm, daß sein Leben selbst, das Leben eines stillen bescheidenen Forschers, keinen Makel bot, an dem man ihn fassen konnte, und man sich einzig an seine Schriften und Artikel halten mußte! Er hatte indessen Prag verlassen und eine Hofmeisterstelle in Altona angenommen; bei Campe in Hamburg war ein größeres Werk von ihm, »Die Katastrophe in der Philosophie« erschienen. Ich habe diese Schrift nicht gelesen, wohl aber ist mir von Männern, die auf diesem Felde kompetente Richter sind, gesagt worden, daß sie überaus wertvolle Gedanken, des originellsten Denkers würdig, enthält. Wenn auch Smetana nicht das glänzende Talent eines Lamennais verliehen war, die Wärme seines Gemüts, sein schwunghafter Idealismus, der eine bevorstehende Revolution des durch die Kultur der Naturwissenschaften befreiten Menschengeistes vorhersagte, sind eine über jeden Einspruch erhabene Tatsache. Auch jetzt noch sollte kein Freudenstrahl über sein zertrümmertes Leben hereinbrechen. Das neue Werk, sein Hauptbuch, sein Vermächtnis an die Nachwelt, fand der teilweise obstrusen Sprache wegen nicht die Aufnahme, die der Verfasser gehofft hatte, Smetana blieb nach wie vor ein verborgener Denker. Not und Armut brachen über ihn herein. Es hatte ihn aus dem Kloster, wo er gemächlich hätte leben können, aus dem Hause mit der schönen Aussicht auf den Strom, wo der Humpen nie leer ward, hinausgetrieben, und nun sah er die hohlwangige Sorge Tag um Tag in seiner engen Studienkammer sitzen. Mußte er nicht oft die rotberockten Pfleglinge beneiden, die in den Mauern des alten Hospitaliterhauses behäbig umhergingen! Warum war er nicht bei bequemer Versorgung geblieben? Wie viele Glaubenslose tragen die Klerik und verkünden Wunder, an die sie nicht glauben; wie viele schlechte Gläubige der alten Monarchie, im Herzen Konstitutionelle oder gar Demokraten, dienen irgendeiner bestehenden Ordnung, bis die Stunde kommt, die diese zerstört. Nicht die Einheit des Glaubens und Wollens mehr, die ökonomische Notwendigkeit hält unsere zerfressene, in ihren Vesten erschütterte Welt von heute zusammen. Es war in den letzten Tagen des Jahres 1850, als der Exkommunizierte wieder in seine Vaterstadt zurückkehrte, doch nur, um in ihr zu sterben. Er sah die Seinigen wieder, ein Schatten dessen, der ehemals war. Bald konnte er das Bett nicht mehr verlassen. Einen seltsamen, und mich dünkt, herzzerreißenden Anblick mochte ihm jetzt seine alte Mutter gewähren. Mit dieser einfachen Frau, für die der Kampf in der Brust des Sohnes, der Widerspruch der freien Persönlichkeit mit der Macht der Überlieferung und Autorität ein ewiges Geheimnis geblieben war, deren mit der Muttermilch eingesogenen Glauben kein Bildungsferment zersetzt hatte und deren Leben in der Kirche zu Ende gelaufen war, wo sie unter Rosenkranz-Abbeten, von Betstuhl zu Betstuhl gehend, den Gläubigen die buntbemalten Wachslichtlein verkauft und diese zum Heil dahingeschiedener Seelen angezündet hatte, war inzwischen eine merkwürdige Verwandlung vorgegangen. Das Elend und die Verfolgungen, die ihren Sohn noch auf dem Sterbebette Schlag auf Schlag trafen, hatten sie an der Barmherzigkeit der irdischen Vertreter Christi ganz irre gemacht, so zwar, daß sich ihre Zweifel an die Religion selber hinanwagten. Nur ein oberflächliches Auge vermöchte da die Umbildung zu freierer Denkungsart erkennen; in Wahrheit mußte es als der Ausdruck eines an Ideenzersetzung grenzenden, wilden, unermeßlichen Mutterschmerzes gelten! Es mußte den Kranken auf eine fürchterliche Weise berühren, wenn er sah, wie diese Frau, die ihr Lebelang gewohnt gewesen, von ferne herbeizueilen, um einem Geistlichen die Hand zu küssen, jetzt mit Flüchen auf den Lippen vor den zeitweiligen Besuchern ihres Sohnes davonlief. Und es kamen viel, viel Besuche! Hatte man ihn früher nicht ruhig leben lassen, so ließ man ihn jetzt nicht ruhig sterben und drängte ihn unablässig zum Widerruf. Zuletzt kam noch der Kardinal-Erzbischof als oberster Seelenhirt zu ihm, um ihn zur Rückkehr in den Schoß der Kirche zu bewegen. »Wenn Sie sich bekehren«, sagte der Kirchenfürst, »so ist es gar wohl möglich, daß Ihnen Gott Ihre verlorene Gesundheit zurückerstattet!« Der Kranke lächelte schmerzhaft, er wußte wohl, daß eine zerstörte Lunge nicht wieder atmungsfähig werde. Mit gebrochener Stimme bat er, ihn ruhig zu lassen, und beharrte bei seiner Überzeugung. Er hätte sagen können: »Die Zeit der Wunder ist vorüber. Lassen Sie das Wunder geschehen, nachher will ich glauben; aber fordern Sie nicht vorher meinen Übertritt als Bedingung meiner Heilung!« Als sich diese geistlichen Besuche vermehrten, wurde in dem Kranken das Mißtrauen rege, daß man nach seinem Tode, der alle Augenblicke eintreten konnte, das Gerücht von seiner Buße und seinem Widerruf in Umlauf setzen könne. Dem wollte er zuvorkommen. Er bat seine Freunde, abwechselnd bei Tag und Nacht sein Krankenbett zu umgeben. Dies geschah. Am vorletzten Januar 1851 schlief er ein und erwachte nicht mehr. Smetana war kaum verschieden, als sein Todesfall schon jedermann in der Stadt bekannt war und den Gegenstand des allgemeinen Gesprächs bildete. Die Oberin im ... Nonnenkloster, die eben beim Mittagstische saß, hielt plötzlich mit dem Zerlegen des Bratens inne, legte, wie von einem Gedanken erfaßt, die Hand an die Stirne und sagte dann nach längerem Nachdenken: »Um diese Zeit wird es dem armen Smetana wohl schon schlecht gehen!« Sie meinte nach ihren Begriffen von jenseitiger Topographie und der Schnelligkeit der Seelenbeförderung, daß der Exkommunizierte jetzt bereits in der Hölle angelangt und der Justiz höllischer Peiniger überliefert sein dürfte. Eines in allem war bei dem Leichenbegängnisse, das für den folgenden Tag angesagt war, ein ungewöhnlicher Menschenzudrang zu erwarten; die Menge aber, die sich einfand, überstieg jede Voraussetzung. Auf dem oberen Teil des Roßmarktes, wo das Haus, in welchem Smetana verschieden war, lag, hatten sich mindestens zehntausend Menschen versammelt und standen dicht gedrängt wie Pflastersteine beieinander. Selbst Handwerker hatten ihre Werkstätten geschlossen und die Arbeit verlassen, um mit dabeizusein. Während draußen die Polizei ihre liebe Angst vor revolutionären Demonstrationen hatte, waren im Zimmer, wo der Tote lag, die Anverwandten in nicht minderer Sorge. Wir hatten vollauf damit zu tun, ihnen zuzusprechen. Klerikale Persönlichkeiten hatten allenthalben verbreitet, das »Volk« würde aus Wut gegen den in Unglauben Geschiedenen seinen Sarg beschimpfen, vielleicht gar seine Leiche entehren. Es ist ein alter Kniff derer, die das Volk hetzen, zu behaupten, daß sie nur es sind, die seine gerechte Entrüstung zügeln. Als die Menschenmenge immer mehr anschwoll, blickten die Anverwandten ängstlich aus den Fenstern heraus, um die Physiognomie der Menge zu studieren und ihre Stimmung kennenzulernen. Sie war geheimnisvoll ernst. Als die Fackelträger ausblieben, die sonst gewöhnlich den Sarg hinabtragen, wuchs die Verlegenheit. »Rufen wir ein paar junge Leute herauf, daß sie uns helfen«, meinte einer. »Nein«, sagte Dr. Pinkas, »die Polizei würde sich die Namen der jungen Leute notieren und ihnen Unannehmlichkeiten bereiten; greifen wir selbst zu, an uns ist nichts zu verderben!« Er faßte den Sarg, wir folgten seinem Beispiele; es ging die Treppe hinab. »Nun kann's uns schlecht gehen!« flüsterte ein Furchtsamer, »weiß Gott, wie die Menge gesinnt ist.« Da rief eine tiefe, ernste Stimme mitten in der allgemeinen Stille: »Hut ab!« und wie mit einer einzigen Handbewegung entblößten sich die Häupter von mindestens zehntausend Menschen. »Im Namen Seiner Exzellenz des Statthalters! Ich befehle, daß der Leichenzug seinen Weg nicht durch die Marien- und Basteigasse, sondern direkt durch das Roß-Tor nehme«, ließ sich die scharfe, schneidige Stimme eines Polizeikommissärs vernehmen. Kein Glockengeläute ließ sich hören, ohne Priester und Ministranten setzte sich der schwarze Wagen in Bewegung. Kein schwarzumflortes Kreuz war darauf. »Schneller! Schneller!« rief der Kommissär noch einmal, und der Kutscher setzte die Pferde in so scharfen Trab, daß der alte Pedell der Universität in seinem langen roten Talar, das Pedum in der Hand, kaum nachkommen konnte. Eine Minute später war der Wagen durch das Roß-Tor verschwunden. Ich habe die von Augustin Smetana zurückgelassenen Denkwürdigkeiten, die Erzählung eines kampf- und leidvollen Lebens einige Zeit nach seinem Tode unter dem Titel: »Die Geschichte eines Exkommunizierten« herausgegeben. Ich erwähne das nur als historische Notiz, denn als Charakter ist Smetana gänzlich veraltet und dürfte unserer Epoche beinahe unverständlich erscheinen. Heute hat die Kirche keine Häretiker, keine Abtrünnigen mehr, nirgendwo vernimmt man von einem Austritt, einem Abfall. Neue und schwer begreifliche Dogmen wie das der unbefleckten Empfängnis und der päpstlichen Unfehlbarkeit sind inzwischen dekretiert worden; ein minimaler Teil der katholischen Priesterwelt hat sich eine Zeitlang gegen sie gesträubt, sie bald darauf aber freudig aufgenommen. Auch die altkatholische Bewegung ist kläglich im Sand verlaufen. Alle katholischen Priester haben sich imstande gefühlt, das von ihnen verlangte Opfer des Intellekts, den sacrifizio del intelletto zu bringen, keiner macht sich mehr Gewissensnöte, die demütige Unterwerfung, die opferfreudige Hingabe an die geoffenbarten Dogmen ist allgemein. Die alleinseligmachende Kirche triumphiert auf allen Punkten. Theaterleben Zur winzig kleinen Anzahl derer, denen der Aufenthalt in der Paulskirche Glück gebracht, gehörte vor allem Heinrich Laube. Er hatte sich, der Preuße, der zum Kurgebrauch nach Karlsbad gekommen war, als die Wahlen fürs Frankfurter Parlament ausgeschrieben wurden, rasch entschlossen im benachbarten Elbogen als Kandidat gemeldet und einen leichten Sieg davongetragen. In Frankfurt hatte er sich, was bei seinen jungdeutschen Antezedentien überraschend war, auf die rechte Seite des Hauses begeben und mit Vorliebe den Österreichern vom rechten Zentrum, den Herren von Schmerling, Andrian, von Somaruga angeschlossen. Nachdem er im März 1849 aus dem Parlamente ausgetreten war, fand sich leicht eine Veranlassung, nach Wien zu gehen, und seit Ende 1849 war Heinrich Laube artistischer Direktor des k.k. Hofburgtheaters. Hätte ich damals auch nur einen Gran reifer Menschenkenntnis besessen, so hätte ich dafür Sorge tragen müssen, daß mein nunmehr gedrucktes Stück, als es zur Versendung an die Direktionen kam, unter keiner Bedingung nach Wien oder Berlin gelange, denn an beiden Orten war mein Name verpönt. Aber ich besaß diesen Gran Menschenkenntnis nicht. Ich ließ mein Stück wahllos an alle Bühnen abgehen, und nachdem dasselbe auch in Hannover und Oldenburg mit günstigem Erfolge gegeben worden war, meldete mir Laube, daß auch er es aufzuführen gedenke. Am 15. Mai sollte die erste Aufführung stattfinden. Das war eine seltsame Zeit, das Stück eines jungen Autors zu bringen, vollends in einer Stadt wie Wien, die keinen Fremdendurchzug hat. Abgesehen davon, daß zur Zeit des erwachenden Frühjahrs das Publikum des Theaters überdrüssig wird, selbst im Falle des größten Erfolges würde dieser durch die sofort eintretenden Theaterferien entzweigeschnitten werden. Nur ein »reiner Tor« konnte auf diese Bedingungen eingehen. Leider war ich dieser reine Tor. Was ich wohl heute einem Direktor schreiben würde, der mir einen solchen Antrag stellen würde? Doch es würde sich keiner getrauen, einem Manne, der das Schwabenalter überschritten, den Antrag zu machen! Aber die Jugend ist blind. Ich werde wohl dankbar gerührt geantwortet haben. Ich machte mich sogar reisefertig nach Wien. Und doch war mir der Boden höchst unheimlich. Aus Wien war mir noch nie im Leben etwas Gutes zugekommen. In der dortigen Presse war ich von jeher totgeschwiegen worden. Dort war der Zentralpunkt des Systems, das alle meine Illusionen in Grund geschossen. Schon im Vormärz hatte es mir dort nicht gefallen, nun aber hatte sich der gutmütige, nur einfach bornierte Absolutismus von ehedem in einen gemütlos drauflos kanonierenden Militarismus verwandelt. Man hatte hier die arbiträre Gewalt, die wie ein Schwert über dem Kopfe aller Freidenkenden hing, doppelt und dreifach zu fürchten. Briefunterschlagungen, Hausdurchsuchungen, Einkerkerungen und Internierungen waren an der Tagesordnung. In welche Fatalitäten konnte eine Denunziation auch den Harmlosesten verwickeln! Um wieviel mehr einen, der als Freund so manches justifizierten Hochverräters bekannt war! Ich fühlte zudem, daß ich mich in geistigem Widerspruch zu allen dort das Wort führenden Literaten befände. Die meisten meiner alten Freunde und Gesinnungsgenossen lebten in der Verbannung, andere waren in das Lager der Macht gelaufen und bedacht, durch loyalen Eifer Verzeihung zu erkaufen; ein winziger Rest Gleichgesinnter, der noch dort aushielt, sah sich zu völliger Unbedeutsamkeit reduziert und war sehr kleinlaut geworden. In den größeren Zeitungen herrschten entschlossene Condottieri, Männer, die durch Granier de Cassagnacs Exempel begeistert, den Kultus der Gewalt in logische Formeln zu bringen suchten, die Allüren der regierenden Militärmachthaber kopierten und deren Parolen wie aufgegebene Themata ausspannten und variierten. Es war eben die Zeit der engsten Allianz mit Rußland; Kaiser Nikolaus befand sich seit den ersten Tagen des Mai in Wien. Da gab es fortwährend Revuen; auf jenen weiten öden Plätzen, die sich zwischen der innern Stadt und den Vorstädten hinzogen, sah ich durch Staubwolken Regimenter auf Regimenter hineilen wie bewegliche Mauern und in offener Kalesche die riesige Gestalt des Zaren aller Reußen an der Seite des jugendlichen schlanken Franz Josef vorüberjagen. In dieser Allianz Rußlands und Neu-Österreichs schien alles erdrückt, was das Jahr Achtundvierzig als Forderung oder als Ziel geahnt. Wenn mich diese politische Konstellation ängstigte und bedrückte, suchte mein Zimmernachbar im Gasthof zum »Erzherzog Karl« mich durch gute Laune und kleine Scherze zu zerstreuen und aufzuhellen. Dieser Zimmernachbar war kein anderer als Odo Russell, den ich als Attaché der englischen Gesandtschaft in Wien wiederfand. Odo Russell war einer der liebenswürdigsten Geister, früh weltklug geworden, aber voll Herzensgüte, offen, heiter, witzig. Geistig ein Engländer, in den liberalen Traditionen seines Hauses aufgewachsen, vorurteilsfrei und mit den politischen Verhältnissen der alten und neuen Welt vertraut, hatte er sich in Wien, wo seine geselligen Gaben ihn zu einem Liebling der Gesellschaft machten, ganz eingelebt und schien fast ein Wiener geworden zu sein. Er war der Ansicht gewesen, daß es nicht an der Zeit sei, mein Stück hier spielen zu lassen, da es aber einmal beschlossene Sache war, riet er, den Kopf oben zu behalten, und sprach mir fröhlichen Mut zu. Eine der ersten Personen, der ich meinen Besuch gemacht, war Friedrich Hebbel gewesen. Er wohnte in der Bräunerstraße. Ich hatte mir ihn nach seinen Dichtungen als eine Art Polyphem vorgestellt, als einen einsam hausenden, ungebärdigen, steineschleudernden Riesen, er war es, geistig genommen, in der Tat, wenigstens teilweise. Er empfing mich sehr freundlich, doch so, daß das angewöhnte hoheitsvolle Etwas immer durchschlug. Ich begriff ihn bald. Hebbel interessierte in der Welt nur ein Wesen und eine Sache, Hebbel und die Sache Hebbels. Um diese Achse drehte sich bei ihm alles. Er sprach immerfort nur von sich selbst, von seinem großen, von ihm hochverehrten Ich; aber er besaß das Geheimnis, dies tun zu können, ohne zu langweilen, denn er sprach ausgezeichnet und war wirklich ein interessanter Gegenstand. Er befand sich zur Zeit eben im heftigsten Kriegszustand zu Laube, von dem er annahm, daß er aus konsequent feindseliger Absicht seine Stücke nicht aufs Theater bringe, wodurch ihm, Hebbel, einerseits an die Subsistenz gegriffen, anderseits der Weg zu immer größerem Ruhm und zur Beherrschung der deutschen Bühne verlegt sei. Sonach betrachtete er Laube als einen, der ihm geistig nach dem Leben trachte, oder eigentlich, da er sich doch für den Messias der Poesie hielt, als den leibhaften Antichrist. Ähnlich wie Kirchenväter und fromme Schriftsteller älterer Zeit den Teufel nicht gern beim Namen nennen, ihn lieber als den »Bösen«, den bösen Feind, am liebsten aber mit +++ bezeichnen, so vermied auch Hebbel konsequent, Laubes Namen auszusprechen, und bediente sich zur Bezeichnung desselben stets einet Umschreibung, der unabänderlich ein arges Beiwort beigegeben war. Wenn ich kurz zusammenfasse, was er mir bei meinem ersten Besuch sagte, so war es etwa folgendes: »Ihr ›Weib des Urias‹, aus welchem ich Sie zuerst kennengelernt habe, ist ein bedeutendes Stück, das ich mit Interesse gelesen und sogar meiner Büchersammlung einverleibt habe. Die ersten drei Akte sind Ihnen so vortrefflich gelungen, daß ich sie selbst nicht besser hätte machen können. Was den Wert Ihres jetzigen Stückes betrifft, so muß ich darüber in Zweifel geraten, da es jener – Leipziger Literat, der jetzt unserer Bühne vorsteht, zur Aufführung angenommen hat. Dieser bringt nur Triviales, und am meisten sagen ihm die Stücke jenes dicken Weibes in Berlin zu, welches seit zwanzig Jahren so viel zum Verderb des deutschen Geschmacks beigetragen (er meinte die Birch-Pfeiffer). Allerdings bringt er dann und wann das Werk eines talentvollen Autors, wie z.B. neulich den Erbförster, doch dann wird dafür gesorgt, daß dem Stücke der Hals gebrochen werde. Ich bedaure, daß ich Ihr Trauerspiel, das, wie ich höre, der bürgerlichen Welt unserer Tage entnommen ist, nicht kennenlernen werde, denn ich besuche das Hofburgtheater, seitdem die Leitung den Händen jenes bewußten Leipzigers anvertraut ist, aus Prinzip nicht mehr. Ich verliere dadurch ungemein viel, es entgeht mir das Glück, die größte deutsche Schauspielerin in ihren Rollen zu sehen. Das ist meine Frau. Wäre Frankreich Deutschland, so würde sie wie die Rachel gefeiert dastehen. Jede ihrer Rollen ist eine Schöpfung. Sobald sie die Bühne betritt, befindet man sich auf klassischem Boden!« Von da ab sah ich Hebbel sehr oft, er nahm mich fast täglich auf die weiten Spaziergänge mit, die er nachmittags zu unternehmen pflegte. Er hatte eben seine »Agnes Bernauer« beendet und sprach ganze Abhandlungen über dieses Werk; er äußerte auch allerlei über ein Drama »Die Schauspielerin«, an das er demnächst zu gehen beabsichtigte. Ruhig und in seiner eigentümlichen, feierlich umständlichen Weise erzählte er ferner über das entsetzliche Schicksal, das »Herodes und Mariamne« und der »Rubin« in Wien gehabt. Das erste hatte ein selten dagewesenes Fiasko erlebt, das Publikum hatte die Träger der Hauptrollen laut verhöhnt, und diese hatten sich allmählich genötigt gesehen, ganze Reihen von Versen, lange Tiraden, wegzulassen, um nur das Stück zu Ende zu bringen. Hebbel aber hatte ruhig von der Loge aus, aller Blicken ausgesetzt, dem Treiben zugesehen und war nicht gewichen, denn es habe, sagte er, für ihn nur die Bedeutung gehabt, daß das Wiener Publikum, nicht aber das Stück durchgefallen sei. Nur allmählich, ließe sich erwarten, könne dies Volk zu größerer Reife und besserem Verständnis gelangen; auch sei alles Große, was auf Erden erschienen, anfangs heftigem Widerstand begegnet. Er selbst schaffe weniger, als er schaffen könne, um der Welt Zeit zu lassen, sich von einem seiner Werke zum andern im Verständnis weiterzuarbeiten. Ich brauche nicht erst zu sagen, daß alles dies bizarr Persönliche von großartigen und treffend richtigen Blicken und geistreichen Bemerkungen über Allgemeines durchzogen war, so daß ich von diesen Spaziergängen einen eigentümlichen Genuß entgegennahm. Ich weiß auch noch, wie mich Hebbel auf die Höhe des Schwarzenberg-Parkes führte und mir von weitem das in Bau begriffene Arsenal zeigte. Das Gefühl, mit welchem mich dies Ungeheuer militärischer Architektur, diese monströse Steinmasse erfüllte, die ein ungeheures Areal bedeckt, vergesse ich nie im Leben, und ich weiß, daß ich sie minutenlang wie ein Betäubter anstarrte. Sie erschien mir als der steingewordene Ausdruck des damaligen Systems, und ich war von der Kolossalität der Dimensionen wie zermalmt. Es war eine Zeit, in welcher die Kriege zwischen Staaten und Staaten aufgehört und die Regierungen sich das Wort gegeben zu haben schienen, ihre militärischen Hilfsmittel nur nach innen zu entfalten. So hatte der Bau für mich die Bedeutung einer Zwingburg in den unermeßlichen Formen. Die Phantasie suchte sich die Zahl der Bomben, Kanonen, Mörser, Wurfgeschosse aller Art, die solch ein Arsenal beherbergen könne, zu berechnen und faßte das alles als einen Hausbedarf nach innen, sozusagen zu Familienzwecken auf. Hebbel äußerte nichts. Welcher politischen Meinung er huldigte, habe ich nie erfahren, doch möchte ich meinen, daß ihn selbst ein alt-assyrischer Absolutismus nicht gestört hätte, wofern dieser die Theaterinteressen fest im Auge behalten. Wenigstens erzählte er davon, wie er, »ein anderer Archimedes«, am Tage der Einnahme Wiens im Oktober 1848 eifrig an der Schlußszene des »Herodes« gearbeitet habe, ohne sich durch die Kanonade und das Pelotonfeuer in den Gassen stören zu lassen. Wenn eine gewisse Feierlichkeit Hebbel immer kennzeichnete, so steigerte sich diese noch bedeutend, wenn er »empfing«, d.h. wenn man nicht bloß als Besucher, sondern als Gast bei ihm war. Er hatte mich kurz nach meiner Ankunft zu Tee geladen; der Kreis, den ich traf, bestand ausschließlich aus jungen Literaten, seinen Jüngern und Verehrern. Schon sein »Nehmen Sie Platz«, stereotyp von einer rollenden Armbewegung begleitet, hatte etwas Feierliches, als wollte er sagen: Es ist Ihnen wirklich erlaubt, sich zu setzen! Nun schloß sich der Kreis, auf den Gesichtern der Jünger malte sich das Gefühl ihrer Nichtigkeit dem Meister gegenüber, alles lauschte, bis Hebbel das Wort ergreife. Bald war man bei Hegel angelangt, die Vorzüge und die Mängel seiner Ästhetik wurden erörtert, dann kam Hebbel auf seine »Judith« zu sprechen. Seine Feierlichkeit wuchs. Mit der Weihe eines Priesters, der da Auserlesenen verkündet, wie ihm sein Gott erschienen, erzählte er uns, wie Judith und Holofernes zuerst vor seine Phantasie getreten. Der oberste der anwesenden Leviten – Emil Kuh – lauschte mit dem bewegten Mienenspiele eines Jüngers, dem sich Mysterien enthüllen. Der und jener Levit, der bisher in kurzen Absätzen das Weihrauchfaß geschwenkt, wagte nun eine Entscheidung über allgemeine Fragen zu erbitten. Hebbel antwortete in schweren, feierlichen dogmatischen Formen. Ich bemerkte dabei, daß er sich nie zur Affirmation des einfachen »Ja«, zur Verneinung nie des banalen »Nein« bediene, sondern ein feierliches »Allerdings«, ein tremolierendes »Nie und nimmermehr« anwendete, das in seinem Munde wie ein gedämpfter Donner klang. Ich habe das Gefühl, diesen Abend durch manche zwanglose Bemerkung gestört und wiederholt Mißbilligung auf den Gesichtern der Leviten gelesen zu haben.   Ein so herrlicher Maihimmel hatte viele Jahre nicht auf die alte Kaiserstadt herabgeschaut, so beständig war das Wetter schon lange nicht gewesen, die Vegetation selten noch um diese Zeit so entwickelt. Der sonntägliche Anblick der Praterstraße mit ihren Tausenden und Tausenden von Spaziergängern, das Gefährt aller Art, vom stolzen, prächtigen Viergespann bis zur bescheidensten der Kutschen, der Prater selbst mit seinem mailichen Grün, seinen Reitern, seinen schönen Frauen, kurz mit seinem ganzen, großartigen Leben machte auch auf mich den mächtigen Eindruck, den er bei keinem verfehlt, dem Wien bisher fremd war. Doch wie wuchsen die Hunderttausend zu Hunderttausenden heran, als an solch' ähnlich schönem Maitage sich der Zar aller Reußen öffentlich im Wagen mit dem Kaiser zeigen sollte! An diesem Tage war auch ich mit Hebbel, seiner Frau und seinem Töchterlein in den Prater gegangen. Frau Hebbel nannte mir alle Persönlichkeiten, die einen Fremden interessieren konnten; Hebbel war sehr schweigsam geworden im Gedränge. Und als das glänzende Bild der Praterfahrt erlosch, die Wagenreihen sich lichteten, die Dämmerung kam und der kühle Abendwind zu wehen begann, da gingen wir stadtwärts, und ich half dem Dichter sein Töchterlein heimtragen; es war sehr ermüdet und schlief von der Ferdinandsbrücke ab ruhig auf meinem Arme, das blonde Köpfchen auf meiner Schulter. Ganz Wien war auf den Füßen gewesen, um den Zaren zu sehen; der Empfang war gleichsam eine Gutheißung dessen, was geschehen, der Niederwerfung Ungarns, der Befestigung der absoluten Gewalt und aller ihrer terroristischen Maßnahmen. Ich konnte diesem Plebiszit nicht beiwohnen, ohne darüber im stillen zu reflektieren. Wenn du dir den Weltlauf ansiehst, sagte ich mir, so wirst du stets erkennen, daß das Stärkere herrscht. Und zwar mit Recht; denn die Gesellschaft kann zu keiner Stunde einer festen Ordnung entbehren. Eine Gewalt, welche auch immer, ist schlecht, die das Alte und Überlebte aufdringen will, aber auch die, welche das noch Unfertige ins Leben rufen möchte, ist unberechtigt und geht zugrunde. Unser Werk mißlang, also muß es nichts getaugt haben; unsere Ideen scheiterten, also müssen sie zu den vorhandenen Bildungselementen nicht gepaßt haben, und das ist hier ebensoviel, wie wenn sie falsch wären. Von solchen und ähnlichen Gedanken war ich damals heimgesucht, und sie verdüsterten mich jedesmal gründlich. Während ich so, durch alles, was mich umgab, tief herabgedrückt, gewissermaßen ein Verdammungsurteil gegen mich selbst erließ, sollte ich auf Schritt und Tritt erfahren, wie ein ähnliches Verdammungsurteil tatsächlich auf mir lastete. Nebstdem, daß speziell offiziöse Organe den Wert des in Vorbereitung stehenden Stückes bereits herabzusetzen anfingen, wiewohl sie dasselbe noch nicht kennen konnten, bloß weil der Name des Verfassers ein ihnen mißliebiger war, wurde mir auch sonst noch in jedem der wenigen Zirkel, die ich damals in Wien betrat, fühlbar klar, wie es mit mir stehe. Irre ich nicht, so war es am nämlichen Abend, wo ich mitten im heitern Geplauder mit ein paar derben Worten an meine politische Mißliebigkeit erinnert wurde. Ich war mehrmals längere Zeit zwischen zwei Damen gesessen und, ohne es zu ahnen, einem General im Wege gewesen, der einer derselben den Hof gemacht und durch mich an dem Fortgang seiner Operationen gestört worden war. »Wer ist denn dieser junge Mensch?« fragte er zufälligerweise einen meiner Bekannten. – Es ist Alfred Meißner. – »Was Sie sagen! Das ist er?« erwiderte der Kriegsmann. »Der sollte auch anderswo sitzen als zwischen zwei schönen Frauen!« Vornehmlich aber war es der, mit dem ich zunächst zu tun hatte, Heinrich Laube, der es mir mit einer – frappanten – Deutlichkeit heraussagte, wie ominös mein Name sei. Als ich in der Sache eines Freundes, der aus den allergeringfügigsten Gründen interniert, d. h. aus seiner Vaterstadt, dem Orte seines Berufes gerissen und in einen andern Ort gewiesen worden war, wo er bequemer polizeilich überwacht werden konnte – ein paar Schritte bei einer einflußreichen Persönlichkeit tat, um eine Revision seiner Sache zu veranlassen, und dies Laube zu Ohren kam, fuhr er mich an: »Was fällt Ihnen ein, sich für andere zu verwenden? Bleiben Sie ruhig, machen Sie kein Aufsehen, seien Sie froh, daß Sie selbst das Leben haben!« Das hieß: seien Sie froh, daß Sie nicht in den Kasematten von Josefstadt oder Olmütz oder auf dem Spielberg sitzen! Seien Sie froh, daß kein hochnotpeinliches Gericht irgendwelcher Art an Ihnen vollzogen ist! Und ein andermal, da in Gesellschaft jemand äußerte, daß es doch schön sei, bei der Wahl eines Stückes über die mißliebigen Antezedentien des Autors hinwegzusehen, sagte Laube: »Ei was, ich nehme ein Stück, das ich für wirksam halte, und sollte ich es vom Galgen schneiden.« Mutige und offene Worte, die mir zwar meine Situation klar machten, mir aber kaum ein größeres Wohlbehagen schaffen oder mich sehr à mon aise setzen konnten! Es ist natürlich, daß ich von da ab mehr als die gewöhnliche Unruhe empfand, die den Menschen vor einer großen Entscheidung erfüllt. Ja, einer großen Entscheidung; man versetze sich nur in die Lage eines jungen Schriftstellers, der sein ganzes Wesen daran gesetzt, etwas auf dem Gebiete des Dramas zu leisten. Wenn ein Erfolg auf einer Bühne wie das Burgtheater ihn mit einmal bekannt macht, so ist ein Mißerfolg ein Schlag, von dem sein Name sich nicht in Jahren erholen wird. Sei der Erfolg gut oder zweifelhaft, er wird den Erfolg auf allen Bühnen, die nachfolgen, beeinflussen und mitbestimmen. Es ist eine Schlacht. Geht sie verloren, so hilft es nichts zu klagen, daß vielleicht das Terrain ungünstig gewählt war. Der Schaden ist unwiderruflich. Nur noch einmal, höchstens noch zweimal, und das erst nach Jahren, wird der Autor, der Unglück gehabt, wiederkommen dürfen! Drei Chancen sind das allerhöchste, was ihm gestattet ist; wer dürfte noch weiter schaffen, wenn sie fehlgeschlagen? So kam der Tag der Aufführung. Machte ich mir einerseits meine Mißliebigkeit klar, erwog ich andrerseits, welches Publikum einer ersten Vorstellung im Hofburgtheater beiwohnt: Hofchargen, Militärs, eine Geldaristokratie, welche die oben herrschenden Anschauungen noch potenziert vertritt – denn das Theater ist nicht geräumig genug, daß die mittleren Klassen gleich anfangs darin vertreten sein könnten – betrachtete und erwog ich dies alles, so mußte ich mir sagen, daß mein Stück heute von einer entschieden parteiischen und mir ungünstigen Jury gerichtet werde. Doch dem konnte nicht mehr gesteuert werden, die Sache mußte ihren Fortgang haben. Und – das Unerwartete geschah. Schon der erste Akt hatte die günstigste Wirkung. Die Charaktere interessierten, der Dialog fand ein aufmerksam auf jedes Wort lauschendes Publikum. Noch tiefer griff der zweite Akt ein, das Interesse wuchs immerfort, schon hatte ich ein paarmal, vom einstimmigen Wohlwollen des Publikums herausgerufen, vor die Lampen treten müssen. »Alle Wetter, Sie haben viel Freunde im Hause!« wandte sich Laube barsch an mich. – »Freunde? Ich kenne in ganz Wien kaum ein Dutzend Personen.« – »Ich meine Leute, die sich für Sie interessieren«, erläuterte der Direktor. Nach dem Schlusse des dritten Aktes war ein Sturm des Beifalls durch das ganze Haus gegangen, der am Erfolg des Abends keinen Zweifel übrigzulassen schien. O kurzsichtiger Menschenwitz! Es kam zu Ende des vierten Aktes eine Szene, in welcher die Frau, von der Untreue ihres Gatten unterrichtet, als sie den letzten, entscheidenden Blick in seine Seele getan, von einem Herzschlag getroffen zusammensinkt. Diese allzu herbe Szene – allzu herb für Wien – in Prag, Braunschweig und Hannover war sie es ja nicht gewesen – wendete mit einem Male die Sympathie, die sich der Autor gegen die dagewesene Voreingenommenheit Schritt für Schritt und in immer steigendem Maße erkämpft hatte. Ohne jene Beifallszeichen, die vorhin noch so stürmisch gewesen waren, fiel der Vorhang. Ich ahnte nicht, was das zu bedeuten habe. Ich befand mich noch auf der Bühne. Da kam Laube die kleine Stiege, die auf diese herabführt, herunter; sein Gesicht hatte einen fatalen Zug; er sah mich ein paar Sekunden lang an, ohne ein Wort zu sprechen, und zugleich war's, als ob alle die glänzenden goldenen Knöpfe seines dunkelblauen Fracks Augen würden und mich gleichfalls ansähen; dann sich aufrichtend, sagte er kurz, scharf und kalt: »'s Stück ist tot!« Zuerst verstand ich ihn nicht oder wollte ihn nicht verstehen, oder es sträubte sich mein Gefühl, das Gehörte aufzunehmen. Und so mag es auch der Passagier, der zum ersten Male zur See gegangen und keine Sturmwolke zu Gesicht bekommen hat, nicht gleich fassen, wenn plötzlich der seekundige Kapitän vor ihn hintritt und meldet, daß das Schiff ein Leck bekommen habe und sinken werde. Endlich waren mir die Schuppen von den Augen gefallen. Nun begriff ich die Tragweite der drohenden Vorzeichen, nun begriff ich das Wort eines Bekannten, der mir auf dem Bahnhofe in Prag gesagt: »Was? Sie eilen zur Aufführung nach Wien? Weit eher sollten Sie Ihr Stück zurückziehen.« In dieser Stimmung, welche sich von Stunde zu Stunde verstärkte, reagierte es in mir gegen die Mächte des Tages; auf meinem Zimmer angelangt, ergriff mich ein finsterer Trotz. Nein, sagte ich, mein Stück ist darum nicht schlechter, weil es Euch nicht gefallen hat. Ich kann vom heutigen Abend nichts entnehmen, als daß Ihr alles in der Art jener sanften Tragik haben wollt, an die Euch Eure literarischen Koryphäen gewöhnt haben. Es wird eine Zeit kommen ... doch ich breche ab; man glaubt gar nicht, wie vornehm und übermütig ein Autor zuweilen nach einem Mißerfolge sein kann! An diesem Abend wollte ich vor allem andern kein Menschengesicht mehr sehen, denn mir graute vor allen Trostworten. Ich hatte mich auf meinem Zimmer verschlossen. Da kam Odo Russell mit einigen Freunden heran und pochte. Er war der Ansicht, daß der Champagner, der den Erfolg hätte feiern sollen, sich auch als Lethetrunk eignen würde. Umsonst pochte er und rief meinen Namen; ich meldete mich nicht und öffnete nicht. Das Stubenmädchen und der Kellner wurden gerufen, das Zimmer mit dem Passepartout aufzusperren, aber ich hatte verriegelt. Immer lauter wurde der Lärm der Einlaß fordernden Freunde, da mußte ich endlich meine Anwesenheit im Zimmer zugeben. Ich rief hinaus, daß ich mich schlafen gelegt und um Ruhe bitte. In Wahrheit saß ich noch auf dem Stuhl am Fenster, als der Morgen herankam. Zwanzig Jahre später hat mir Odo Russell gestanden, daß, als er so vergeblich klopfte, er nahe daran gewesen, die Türe sprengen zu lassen, weil ihn plötzlich Furcht erfaßt habe, ob ich mir nicht ein Leid angetan. Er kannte mich doch nicht. Von einem Gallenfieber war ich bedroht, doch nicht von Selbstmordgedanken. Was half es nun, daß sich die Aufführung an den nächsten Abenden ganz anders gestaltete und die letzten beiden Akte ebenso applaudiert wurden wie die ersten? Das Verdikt war gesprochen, die Blätter sprachen es nach. Saphir überbot alles, was ich bei ihm für möglich gehalten – und das war nicht wenig. Und die Ferien waren vor der Türe. Es war ein großer Schlag und der Eindruck mächtiger, als ich mir ihn lange gestehen wollte. Was ich damals, unmittelbar darnach, gedacht und zu mir gesprochen, war eitel leeres Zeug. Ich hatte die Schlacht verloren; gleichviel warum, sie war verloren. Ich sah, daß ich eine andere Form wählen müsse, um meine Gedankenwelt zum Ausdruck zu bringen.   Vom Sturmvogel, der mir zuletzt auf dem Bahnhofe in Hannover aus den Augen gekommen war, hatte ich seit zwei Jahren nichts gehört; ich wußte nur, daß er unangefochten in Berlin lebte. Ich war aus dem politischen Gedankenkreise ganz herausgekommen und dachte an die alte Zeit und ihre Leute nur wie an ein halbes Märchen zurück. Was Schütte betraf, so war er den österreichischen Kriegsgerichten mit wunderbarem Glücke entgangen; es hätte angenommen werden sollen, daß er sich nie mehr innerhalb der schwarzgelben Schranken würde sehen lassen. Um so fabelhafter klang es, als sich im Frühjahr 1853 in Karlsbad die Nachricht verbreitet, Dr. Schütte sei in einem Gebirgsstädtchen Nordböhmens verhaftet worden. Die Sache verhielt sich folgendermaßen: Ein Bergwerksunternehmen in Nordböhmen, das Aktionäre außerhalb Österreichs hatte, war auf finanzielle Schwierigkeiten gestoßen. Infolgedessen war im Auftrag der Teilhaber ein Sachverständiger zur Prüfung der Lage im Orte erschienen. In diesem jungen Manne, von dem ein ordnungsmäßiger Paß, auf den Namen Schulze lautend, vorgelegt worden war, hatte irgend jemand den Doktor Schütte erkennen wollen. Es ging nicht an, einen Ausländer, dessen Papiere in Ordnung waren, auf Grund einer, vielleicht nur täuschenden Ähnlichkeit ohne weiteres zu verhaften, und die Sache wurde dem damaligen Karlsbader Polizeikommissär Dederra anvertraut. Das war ein geriebener Mann, der seine Schule auf allerlei bösen Punkten in Brescia, in Lemberg, in Krakau durchgemacht hatte, ein Mann, wie ihn die Regierung in jener Zeit brauchte. Er begab sich in das Gebirgsstädtchen, beobachtete den Fremden und ließ, nachdem sein Verdacht dringend geworden war, durch einen Boten von unverfänglichem Aussehen einen Brief mit der Adresse Dr. Schütte bei dem Reisenden abgeben. Der schlaueste der Vögel ging auf den Leim, der Reisende nahm den Brief mit den Worten, er werde ihn dem Adressaten zukommen lassen, in Empfang. Unmittelbar darauf war der Polizeikommissär mit Assistenz im Zimmer. Der Gefangene wurde an das Militärgericht in Prag abgeliefert, welches den Prozeß über die Schuld vom März 1848 wieder aufnahm. Schütte wurde zu zehn Jahren schweren Kerkers verurteilt und auf die Festung Josefstadt gebracht. Jahre vergingen. Ein Mann seines Charakters war natürlich gleich darauf bedacht gewesen, Mittel zur Flucht zu ersinnen, dieser aber stellten sich die größten Hindernisse entgegen. Die preußische Grenze war allerdings nicht ferne, das war aber auch der einzige günstige Umstand in der Sachlage. Saßen die Gefangenen nicht hinter dreifachen Türen und vergitterten Fenstern, so bewachten sie wildfremde, einer feindlichen Nationalität angehörige, jeder Verführung unzugängliche Soldaten mit geladenem Gewehr, immer bereit, den niederzuschießen, der Miene machte, einer Anordnung Widerstand zu leisten oder zu entfliehen. Mauern und tiefe Ravelins schlössen die Gefangenen von allen Seiten ein, alle Tore hatten ihre Wachen. An die Schlüssel zu gelangen, war undenkbar, diese wurden mit größter Pünktlichkeit jeden Abend in die Wohnung des Platzkommandanten abgeliefert, der das verkörperte Militärreglement war. Einmal hatte Schütte eine Zeitlang im Vorzimmer des Platzkommandanten antichambrieren müssen. Dort hing eine Spezialkarte von Böhmen. Schütte benutzte dies, um sich genau alle Wege und Stege bis zur preußischen Grenze einzuprägen, worauf er dann aus der Erinnerung eine Karte des einzuschlagenden zweckmäßigsten Weges entwarf. Diese Karte sollte ihm später trefflich zustatten kommen. Allmählich stellte sich heraus, daß, wenn die Flucht überhaupt möglich, diese nur dadurch zu bewerkstelligen sei, daß man durch den Schornstein den Dachboden erreiche. Dieser verbreitete sich weithin bis in einen entlegenen Trakt, von dessen Dachluken aus man sich ungesehen von den Wachen möglicherweise in einen öden Hof mit niedrigen Mauern herablassen könnte. Aber zu solchem halsbrecherischem Werke bedurfte es Seile von ungewöhnlicher Länge und Festigkeit. Die Gefangenen waren je nach ihren Fähigkeiten zu beschäftigen, und Schütte hatte mit Rücksicht auf einen Fluchtversuch das Tapeziererhandwerk gewählt. Er brachte es darin sehr weit und hatte im Laufe der Jahre mehrere vollständige Möbelgarnituren, Kanapees und zahlreiche Stühle verfertigt. Der Oberst, für dessen Salon er besonders tüchtige Arbeit geliefert, bewunderte seinen Fleiß und seinen guten Willen und ahnte nicht im mindesten, daß der Gefangene für sich selbst arbeite. Er hatte allmählich eine Quantität jener starken Hanfbänder beiseite gebracht, auf denen die Drahtspiralen unserer Sitze ruhen. Sie waren sämtlich im Strohsack, dem gewöhnlichen, aber nicht immer mit gebührender Aufmerksamkeit visitierten Versteckplatz der Gefangenen untergebracht. Als die Bänder in gehöriger Länge vorhanden waren, stand nichts mehr im Wege, die Flucht zu wagen; aber es waren dazu noch die mannigfachsten Vorbereitungen zu treffen. Es lag Schütte daran, seine Flucht so auszuführen, daß das Aufsichtspersonal gegen jede Beschuldigung der Teilnahme oder Nachlässigkeit sichergestellt sei. Die Gefängnisse wurden um vier Uhr nachmittags geschlossen, erst um sechs am anderen Morgen erschien der wachthabende Korporal. Somit blieben also täglich vierzehn Stunden ungestörter Zeit. Vor allem andern wurde in den Teil der Wand, hinter welchem der Kamin in die Höhe stieg, ein Loch gegraben, eben groß genug, daß ein Mensch da durchschlüpfen konnte. Der Mörtel wurde sorgfältig beseitigt und das Loch durch ein Plakat verdeckt, dem schon lange zuvor mit gutem Vorbedacht diese Stelle angewiesen worden war. Nun wurde der Aufstieg durch den Schornstein auf den Dachboden eingeübt. Aber in den finstern Räumen des Dachbodens war eine Leuchte vonnöten. Ein gewöhnliches Trinkglas wurde als Blendlaterne hergerichtet und mit allem Nötigen versehen. Ferner war es unumgänglich nötig, daß die Flüchtlinge, wenn sie durch den Schornstein auf den Dachboden gestiegen waren, sich dort waschen könnten, damit sie nicht auf der Flucht durch schwarze Färbung auffielen. Es wurde unter dem oben verwahrten Rumpelzeug ein Holzgefäß hervorgeholt und an passender Stelle aufgestellt. Am letzten Tage sollte Wasser in Flaschen zu dem Gefäß hinaufgetragen und darin ausgeleert werden. Damit ferner kein unvermutetes Hindernis die Flucht gefährde, erkletterte Schütte, zumal in mondhellen Nächten, wiederholt den Dachboden, befestigte seine Seile und ließ sich an ihnen herab. So rekognoszierte er die ganze Umgebung seines Kerkers. Sein Streifzug ging bis an ein äußeres Ausfallstor. Dort war eine Türe mit einem schweren Vorlegeschloß gesperrt. Dieses Schloß wurde mittelst eines Sperrhakens geöffnet und wieder geschlossen an seinen frühern Platz gehängt. Nachdem das alles geschehen, kehrte der Gefangene wieder in seine Gefängnisstube zurück. Endlich war alles vorbereitet. Zwei Mitsträflinge schlossen sich Schütte an. Es war in einer Nacht des Juni 1857, als Schütte gleichzeitig mit zwei Leidensgefährten an das Unternehmen ging. Man stieg durch die Schornsteine auf den Dachboden, öffnete die verschiedenen Lattentüren, welche ihn in Zwischenräume teilten, und gelangte auf den zum Niedersteigen geeigneten Fleck. Es war eine schwindelnde Tiefe, in die man von der Luke hinabsah. Die Sträflingskleider wurden mit unauffälligen vertauscht, die man mit hinaufgenommen hatte, die Hanfbänder an den Dachsparren festgebunden, Dachziegel herausgehoben, den Durchgang auf dem niedrigsten Punkte zu gestatten, und ungesehen ließen sich alle drei hinab. Sie befanden sich unmittelbar auf dem Festungswalle. Von diesem stiegen sie auf einer hinabführenden Treppe in den Gang eines Ausfalltores. Das schwere Vorlegeschloß desselben hing offen an der Kette. So wurde endlich der Hauptfestungsgraben erreicht. Nun ging es weiter im Zickzack mit Übersteigen einiger Mauern zum zweiten, dritten und vierten Graben, endlich direkt auf das Glacis. Nun waren sie geborgen! Schon um zehn Uhr abends passierten die drei Gefährten das Dorf Alt-Pleß. Hier wurde ein Wirt aus dem Schlaf gepocht und ein Wägelchen gemietet, das die drei gegen die preußische Grenze führen sollte. Sie waren noch nicht weit gekommen, als zwei patrouillierende Gendarmen auf die Reisenden stießen und nach ihren Ausweispapieren fragten. Heiter und sicher, die Zigarre im Munde, mit seinem gewinnendsten Lächeln sagte Schütte, sie seien Koloristen aus einer benachbarten Spinnerei und auf dem Wege nach dem ...berg, um dort als leidenschaftliche Naturfreunde den Sonnenaufgang zu genießen. Der Gendarm sah sich die drei Herren eine Weile an, fand ihr Aussehen unverfänglich, wünschte einen guten Morgen und ließ sie ihres Weges ziehen. Einige Stunden später hatten sie die preußische Grenze erreicht und waren in Sicherheit. Indes konnte die Flucht nicht lange unentdeckt bleiben. Der wachthabende Korporal, der gegen sechs mit dem Frühstück zu erscheinen pflegte, war durch drei kostümierte Puppen getäuscht worden, welche die Stelle der Sträflinge in deren Betten vertraten; nun aber kam der diensthabende Offizier zur Visite. Er fand die Zelle leer und schlug Lärm. Während Kanonenschüsse die Flucht der Sträflinge dem Lande verkündigten, sollte nun noch ein unheimliches Nachspiel stattfinden. Der herbeigeeilte Oberst durchstürmte das Haus; alles wies ihn nach dem Dachboden, aus dessen Luke noch das verräterische Seil herabhing. Auf welchen Gegenstand fielen dort seine Augen? In einer Ecke des Dachbodens stand ein Kübel zur Hälfte mit schmutzigem Wasser angefüllt, ein Stück ordinärer Seife lag daneben. Mit einem Male schien es ausgemacht, daß die Flucht der Gefangenen nicht ohne Beihilfe des Profossen oder der seines Weibes habe stattfinden können. Daß die Flüchtlinge, die durch den Kamin hinaufgestiegen, das Wasser nicht selber hatten hinaufschaffen können, schien offenbar. Es war allerdings ein Kübel, der nachweislich lange leer oben gelegen, und er war sogar neulich, als ein Unwetter Ziegel vom Dache gerissen hatte, von den Maurern benützt worden. Das Wasser konnte Regenwasser sein. Aber die Seife! Wie hätten die Flüchtlinge Seife mitgebracht, wenn sie nicht sicher gewesen wären, hier einen Kübel mit Wasser zu finden? Der unglückliche Profoß sah sich in einem Gewirre von Inzichten verstrickt, denen er nicht zu entrinnen wußte. Er brach plötzlich durch, eilte von Gelaß zu Gelaß, bis er in einem finsteren Raum verschwand. Als man ihn fand, war er bereits tot. Er hatte sich mittelst einer Waschleine an einem Dachbalken erhängt. Während die Flüchtlinge in Sicherheit die Gläser freudig anklingen ließen, kostete ihre Flucht einem Unschuldigen das Leben. Schuttes Absicht, seine Flucht so einzurichten, daß das Aufsichtspersonal gegen jede Beschuldigung sichergestellt sein sollte, hatte fehlgeschlagen. Bald darauf wanderte Schütte nach Amerika aus. Er ist dort anfangs der sechziger Jahre an der Lungensucht gestorben. Ich kann nur sagen, daß er einer der talentvollsten und gescheitesten Männer war, denen ich je begegnet. Ich gestehe schließlich, daß ich nicht recht begreife, wie selbst noch in unseren Tagen übrigens gerecht denkende, scharfsinnige und liberale Männer, durch Tatsachen unbelehrt, ein abfälliges oder gar wegwerfendes Urteil über die Agitatoren von 1848 fällen können, zu welchen, abgesehen von einzelnen zweideutigen Subjekten, wie sie sich in jede Aktion mischen, auch ganz merkwürdige Männer zählten, Männer, welche aufopferungsvoll ihre Kraft und ihr Leben daran setzten, die Zustände zu schaffen, die heute da sind. Es kommen mir diese Männer wie Verzweifelte vor, welche mit einem unsäglich schlechten Instrumente, einem Taschenmesser etwa, sich vermaßen, ein Schiff zu bauen, oder wie Künstler, die fast ohne Werkzeug einen riesigen Block in eine künstlerische Form umzugestalten suchten. Das schlechte Instrument, das sie handhabten, war die inkohärente, ungezügelte Masse, die immer wieder versagte. An unserem Staatsbau von heute haben Generäle einen großen Teil, die Ideen aber, welche sie verwirklicht, sind nicht aus ihren Köpfen hervorgegangen. Zum Teil aus den Köpfen jener vielgelästerten Männer. Diese waren auch Generäle, aber Generäle einer schlechtbewaffneten Armee, die nur zusammenlief, wenn es ihr beliebte, und auseinanderlief, wenn sie genug hatte. So mußte das Werk von Achtundvierzig mißlingen, weil es mit einem ganz falschen Instrumente angefaßt wurde. Aber die Ideen blieben, kämpften sich durch und wurden teilweise von jenen ins Leben geführt, die im feindlichen Lager gestanden. Letzte Besuche bei Heine Auf einen Brief Heines hin, der den Wunsch aussprach, mich wiederzusehen, war ich abermals nach Paris gereist. Die Metropole des neuen Kaiserreiches sah damals sehr düster aus. Wer fortkonnte, war fortgezogen. Die Cholera zog wie eine Miasmawolke vom heißen Strande von Marseille daher und hatte in Arles furchtbar gewütet. Und schon zeigten sich Erkrankungen an den lachenden Ufern der Seine. Mein erster Gang galt dem Hotel der britischen Gesandtschaft, wo Odo Russell wohnte. Dieser war durch seine Stellung den neuen Gottheiten der Tuilerien ganz nahe gerückt und wußte mit unerschöpflichem Humor hundert Anekdoten von ihnen zu erzählen – sie haben seit dem Sturze des napoleonischen Olymps alle Bedeutung verloren. Mein zweiter Gang war zu Heine. Er wohnte noch immer Nr. 50, Rue d'Amsterdam, in jenem fatalen Zimmer mit der Aussicht auf einen engen Hof, wo kaum jemals frische Luft an ihn herankam. Sein Zustand war ein entsetzlicher. Sein noch ungelichtetes Haar war grau geworden, sein edles Duldergesicht hatte die Blässe des Wachses angenommen. Heine pflegte zu sagen, er halte sich für ein Versuchstier, an welchem Gott physiologische Experimente vornehme. Weit eher läßt sich sagen, daß er das Versuchstier seiner verschiedenen Ärzte war. Diese, wiewohl deutschen Ursprungs, hatten sich der französischen medizinischen Schule anbequemt. Sie erprobten an ihm die Wirkung des Strychnins als Mittel gegen Lähmungen, bohrten Fontanelle in seinen Nacken, zündeten Moxen auf ihm an und bearbeiteten seinen Rücken in der Lendenwirbelgegend mit dem Glüheisen. Dergleichen hatte ich meiner Lebtage nicht gesehen! Es waren dies Kurmethoden, von denen Oppolzer sagte, daß man sie Schinderknechten überlassen solle und daß sie in die Folterkammer des Mittelalters gehören. Sie waren samt und sonders an ihm versucht worden; er hatte sie mit blindem Zutrauen über sich ergehen lassen. Eine ganz besondere Folter seiner überfeinen und bis zum Zerreißen gespannten Nerven war die schreckliche Modemusik, die zu allen Stunden des Tages von früh bis spät in seine Matratzengruft herübertönte. Das Haus war von mehreren jungen Pianistinnen bewohnt; Heine hatte die Entwicklung ihrer Fertigkeit von Tag zu Tag verfolgen müssen. Noch lieber waren ihm dereinst die einfachen Fingerübungen und Skalen gewesen als jetzt die großen Stücke, die er anzuhören hatte. Ich dachte bei mir: Franz Schubert, Mendelssohn, Robert Schumann, die größten musikalischen Genien der letzten Zeit haben Lieder von ihm komponiert; er hat kein einziges derselben je singen hören! Er, der Dichter, ist fast der einzige Mensch, der die »Blumen des Ganges«, den »Zweig von Zypressen«, die »zwei Grenadiere« – »Das Meer erglänzte weit hinaus«, – das grandiose »Ich grolle nicht« nicht kennt, all' die Lieder, die jetzt in jedem deutschen Hause, in jedem deutschen Konzertsaal erklingen. Was hat er alles der Musik gegeben und was gibt sie ihm zurück? Er muß Tag für Tag die Kompositionen von Goria anhören! Es war um ihn einsamer geworden, der kleine Kreis von Freunden, der ihn früher umgab, hatte sich stark gelichtet. Der »Mann mit dem Bändchen«, Heinrich Seuffert, hatte geheiratet und lebte mit seiner jungen Frau in Venedig; die Ehe war; wie man vernahm, keine glückliche. Den deutsch-pariser Journalisten, den sogenannten »westöstlichen Männern«, hatte Heine seine Tür ganz verschlossen, und er dehnte den Widerwillen, den er gegen sie empfand, auf den ganzen Volksstamm aus, dem sie angehörten. Der Führer derselben, Alexander (Abraham) Weill hat später für diesen Abbruch aller Beziehungen schnöde Rache genommen. Auch der Verkehr mit Frau Arnault bestand nicht mehr; Frau Mathilde hatte ihn fallenlassen müssen, weil im Salon des Zirkusunternehmers ganz unmögliche Persönlichkeiten erschienen. Aber auch Frau Mathilde war selten im Hause zu sehen, sie glich der Frau Benoiton im Stücke Sardous, die immer ausgegangen ist, wenn man sie nötig hätte. Sie brauchte bei ihrer Korpulenz Bewegung und konnte die gesperrte Luft des Krankenzimmers nicht vertragen. Unmittelbar nach dem zweiten Frühstück pflegte sie mit Fräulein Pauline, der jungen Anverwandten, die sie zu sich genommen, auszugehen, besuchte Kaufläden, unternahm eine Droschkenfahrt ins Bois de Boulogne und was dergleichen harmlose Zerstreuungen mehr sind. Von diesen Ausflügen brachte sie meist Spitzen mit, die mitunter sehr teuer waren, denn Spitzen waren ihre Hauptpassion. Heine sollte sich dann mit ihr über diese höchst vorteilhaften »Gelegenheitskäufe« freuen. Eben war Heine von grimmigem Ärger gegen Meyerbeer erfüllt. Er hatte diesem sein Tanzpoem: »Faust« zugesandt, in der Hoffnung, daß der Generaldirektor der Berliner Oper dasselbe zur Aufführung bringe. Heines »Tanzpoem« war nicht angenommen worden, dagegen wurde ein Ballett »Satanella«, durchwegs auf Heines Zurechtlegung des Stoffes fußend, in Szene gesetzt. Der Dichter sah sich um alle schönen Tantiemehoffnungen gebracht, seine Ideen gestohlen und entstellt, sein Vertrauen zu dem ehemaligen Freunde getäuscht. Da hatte er seinem Zorn in wilden und unmäßigen Satiren Luft gemacht. Ach, die Theater und die Theater-Intendanten! Heine hatte doch auch zwei Trauerspiele, den »Almansor« und den »Ratcliffe« unter seinen Werken. Laube war jetzt in der Lage, mit Leichtigkeit eines derselben vorführen zu können. Er dachte nicht daran! Waren vielleicht die Novitäten Wiener Dramatiker, die er spielen ließ, besser? Der »Ratcliffe« ist erst mehrere Jahre nach Heines Tode in – einer italienischen Übersetzung auf italienischen Bühnen gespielt worden! Schicksal deutscher Dichter! Heine langte nach Papieren, die auf seinem Nachttischchen lagen und gab mir Gedichte, die er eben geschrieben, zu lesen. Ich las: Die Freunde, die ich geküßt und geliebt, Sie haben an mir das Schlimmste verübt, Mein Herze bricht, doch droben die Sonne, Lachend begrüßt sie den Monat der Wonne. Es blüht der Lenz. Im grünen Wald Der lustige Vogelgesang erschallt, Und Blumen und Mädchen, sie lächeln jungfräulich – O schöne Welt, du bist abscheulich! Da lob' ich mir den Orkus fast; Dort kränkt uns nirgends ein schnöder Kontrast, Für leidende Herzen ist es viel besser Dort unten am stygischen Nachtgewässer. Sein melancholisches Geräusch, Der Stymphaliden ödes Gekreisch, Der Furien Singsang, so schrill und grell, Dazwischen des Zerberus Gebell, Das paßt verdrießlich zu Unglück und Qual – Im Schattenreich, im traurigen Tal, In Proserpinens verdammten Domänen Ist alles im Einklang mit unsern Tränen. Hier oben aber – wie grausamlich – Sonne und Rosen stechen mich! Mich höhnt der Himmel, der bläulich und mailich – O schöne Welt, du bist abscheulich! Von Strophe zu Strophe hatte sich meine Bewegung gesteigert. Hier gelangte die Stimmung des Kranken zum entsetzlichsten Ausdruck. Ja, so war's. Draußen lag der Sonnenschein auf den Straßen, die Karossen fuhren nach dem Bois de Boulogne, die guten Freunde flanierten, und hier lag einsam der Unselige auf seinem Lager. »Lesen Sie weiter«, sprach Heine. »Hier finden Sie auch religiöse Gedichte.« Ich las: Laß die heil'gen Parabolen, Laß die frommen Hypothesen, Suche die verdammten Fragen Ohne Umschweif uns zu lösen! Warum schleppt sich blutend, elend, Unter Kreuzlast der Gerechte, Während glücklich und als Sieger Trabt auf hohem Roß der Schlechte? Woran liegt die Schuld? Ist etwa Unser Herr nicht ganz allmächtig? Oder treibt er selbst den Unfug? Ach, das wäre niederträchtig! Also fragen wir beständig, Bis man uns mit einer Handvoll Erde endlich stopft die Mäuler – Aber ist das eine Antwort? »Das nennen Sie religiös?« fragte ich. »Ich nenne es atheistisch.« »Nein, nein, religiös, blasphemisch-religiös«, erwiderte er lächelnd. »Da ist aber eins, das ich besonders liebhabe; lesen Sie es laut, daß ich es noch einmal höre.« Ich las: Ein Wetterstrahl, beleuchtend plötzlich Des Abgrunds Nacht, war mir Dein Brief, Er zeigte blendend hell, wie tief Mein Unglück ist, wie tief entsetzlich! Selbst Dich ergreift ein Mitgefühl, Dich, die in meines Lebens Wildnis, So schweigsam standest, wie ein Bildnis, So marmorschön und marmorkühl. O Gott! wie muß ich elend sein! Denn sie sogar beginnt zu sprechen, Aus ihrem Auge Tränen brechen, Der Stein sogar erbarmt sich mein! Erschüttert hat mich, was ich sah! Auch Du erbarm Dich mein und spende Die Ruhe mir, o Gott und ende Die schreckliche Tragödia! Ich mußte innehalten. »Welche Gedichte sind das«, rief ich, »welche Klänge! Nie noch haben Sie dergleichen geschrieben, und ich habe nie dergleichen Töne gehört.« »Nicht wahr?« fragte Heine und richtete sich mit aller Mühe ein wenig auf seinem Kissen auf, indem er mit dem Zeigefinger seiner blassen, blutlosen Hand das geschlossene Auge ein wenig öffnete – »nicht wahr? Ja, ich weiß es wohl, das ist schön, entsetzlich schön, entsetzlich schön! Es ist eine Klage wie aus einem Grabe, da schreit ein Lebendigbegrabener durch die Nacht oder gar eine Leiche oder gar das Grab selbst. Ja, ja, solche Töne hat die deutsche Lyrik noch nie vernommen und hat sie auch nicht vernehmen können, weil noch kein Dichter in solch einer Lage war.« »Ein Ruf von Jenseits liegt darin«, antwortete ich, »ein Wehruf wie von den acherontischen Ufern, es ist der Sehnsuchtsschrei eines Schattens nach dem sonnigen Leben. Und es ist kein gewöhnlicher Toter, der heraufschreit, es klagt und jammert ein Lear! Die tiefste Schwermut Ihrer gesunden Tage, ach, sie ist eine helle prachtvolle Mondnacht gegen diese sternenlose, noch nie von Licht durchschnittene Finsternis!« Ich fühlte es tief: das schreckliche Krankenlager hatte seine Natur auf eine tragische Höhe gehoben, die ihm eigentlich gar nicht eigen war. Die Tortur der schweren physischen Leiden hatte seine Seele gewaltsam ausgedehnt und bis zu einer unheimlichen Tiefe durchbohrt. Heine bemerkte die Gefühle, die er in mir erweckt, und wollte mich durch kleine Erzählungen und Erinnerungen aus alter Zeit erheitern. Aber jede größere Aufregung, jedes längere Gespräch rächte sich an ihm. Seine täglich wiederkehrenden Schmerzen ergriffen ihn plötzlich und streckten ihn regungslos hin. Leichenblaß und unbeweglich lag er da, als wäre sein Geist schon entflohen. Nur das über sein Gesicht oft blitzartig fahrende Zucken verriet noch, daß er lebe – aber ein unsäglich gequältes Leben. Von dem tiefsten Mitleid erfaßt, ich kann wohl sagen, zerrissen, sah ich eine Zeitlang stumm auf ihn, da aber sein Zustand sich nicht änderte, richtete ich ein paar Fragen an ihn, die er nicht beantwortete, nicht einmal zu hören schien. Da wollte ich mich aber zur Tür hinausbegeben, um die Magd herbeizurufen, aber Heine machte eine Bewegung mit dem Arm, und ich blieb stehen, um zu erfahren, was er wolle. Er wiederholte die Bewegung, die mir jedenfalls einen Wink geben sollte, ohne daß ich sie verstand. Da machte Heine meinem Zweifel ein Ende, indem er auf das mühseligste ein »Bleiben Sie« flüsterte. Sein Wille erzwang eher den Gehorsam von seiner Sprache als von seinem Arm. Fast eine halbe Stunde lag er in diesem Schmerzensanfall reglos da. Ich erwähne diese Szene, um ein Bild von einem Krankenlager zu geben, welches Tag für Tag solche Vorspiele des Todeskampfes darbot, um die Macht und Elastizität eines Geistes zu zeigen, der beinahe noch in den Trümmern eines Leibes wohnte. Bei ähnlichen Auftritten verweilen und sie in ihrer Gräßlichkeit ausmalen will ich nicht. Draußen war der hellste Tag, der blaueste Himmel; die lachende Sonne blickte durchs Fenster, das rege freudige Leben der andern rauschte geräuschvoll vorüber. In meiner Seele klangen die Verse: O schöne Welt, Du bist abscheulich! seltsam kontrastierend nach. So hatte ich Heine bei meinem letzten Besuche gefunden. Sein Wesen stand in der letzten Phase seiner Entwickelung und war keiner Metamorphose und keiner Steigerung mehr fähig. Diejenigen, die ihn später gesehen, werden nichts Neues oder anderes zu berichten haben. Am 20.Februar 1856 kam mir die Kunde zu, daß Heinrich Heine am 17.Februar die Augen zum ewigen Schlummer geschlossen. Wiewohl mit anderen Plänen beschäftigt, war ich rasch entschlossen, noch eine Pflicht der Pietät zu üben und den Teil von Heines Leben, den ich genau kannte, in einem kleinen Büchlein zu beleuchten. Ich schrieb es rasch, in einem Zuge, ohne viel an Stil und Form zu denken. Am vorletzten Tage des März war ich damit fertig. Inzwischen war ein Brief von Margot eingetroffen. Sie schrieb unter anderem: »Vorgestern haben sie Heine begraben. Wir beide haben durch diesen Tod einen entsetzlichen Verlust erlitten. Ich lernte Heine vor etwa acht Monaten in den ersten Tagen meiner Rückkehr von England kennen und saß seitdem sehr viel an seinem Krankenlager. Nicht drei Wochen sind es, daß wir zusammen von Dir sprachen. Immer dachte ich, das Schicksal würde uns noch einmal an seinem Krankenbette zusammenführen – das ist nun vorbei. Ich fühle das innigste Bedürfnis, mit Dir, der ihn auch geliebt, mit Dir, einem der wenigen Menschen, die ihn wahrhaftig gekannt und gewußt, was er war, zu sprechen ... usw.« Auf diesen Brief hin war ich rasch entschlossen, nach Paris zu reisen. Campe, der Verleger meines Büchleins, hatte mich längst schon dazu gedrängt, damit ich ihm melden könne, wie es sich mit Heines Nachlaß verhalte. Ich schrieb an Margot zurück, daß ich am 13. April morgens in Paris ankommen werde und sie mittags zwölf im Tuileriengarten vor der Bildsäule des Spartakus erwarte. Ich führte meine Absichten vollständig und unbehindert aus. Am Morgen des 13. war ich in Paris, kurz vor der anberaumten Zeit begab ich mich auf den Ort des Rendezvous. Margot saß schon dort, auf der Bank unter den Kastanienbäumen, um manches Jahr älter, aber noch immer recht hübsch, sehr einfach gekleidet. Gleich nach der ersten Begrüßung fragte ich, wie sie denn mit Heine zusammengetroffen? »Ich war«, antwortete sie, »seit früher Jugend für ihn begeistert. Du wirst Dich erinnern, wie oft ich mich bei Dir nach ihm erkundigt und Dich über alles, was ihn betraf, befragt habe. Nun führte mich ein Ungefähr zu ihm. Er muß Gefallen an meinem bißchen Geplauder gefunden haben, denn er lud mich sofort ein, meinen Besuch zu wiederholen. Ich kam wieder, und endlich meinte er, nicht ohne mich bestehen zu können. Ich las ihm vor, revidierte ihm die Druckbogen, wurde sein Sekretär. Wohl an hundert Blätter von seiner Hand liegen bei mir, die er aus der Einsamkeit seines Krankenzimmers an mich gerichtet. Wenn Du mich besuchst, sollst Du sie sehen.« Indes waren wir in einen Mietwagen gestiegen, und eine Viertelstunde später war ich in Margots Wohnung, Rue Navarin. Ich sah nette Räume, wechselte ein paar Worte mit einer alten Dame von würdigem Aussehen, die mit einer Handarbeit beschäftigt am Fenster saß. Nun wurde ich in ein Boudoir geführt, das sogar elegant war. Sie öffnete einen Schrank, holte eine Kassette daraus und sperrte diese mit einem Schlüsselchen auf, das sie bei sich trug. Zu meiner größten Verwunderung sah ich, daß sie ausschließlich mit Briefen und Zetteln von Heines Hand gefüllt war, die aus der letzten Zeit stammten. Das waren die großen Schriftzüge, die noch, da er als halb Blinder schrieb, einen edlen schwunghaften Charakter bewahrten. Ich las und las und wurde von einer seltsamen Rührung ergriffen. Die vielen, vielen kleinen Zettel waren meist nur an die Geliebte gerichtete Bitten, ihn zu besuchen, oder Entschuldigungen, ihren Besuch nicht haben annehmen zu können, weil er zu krank gewesen, mit der Bitte vereint, ihm deshalb nicht zu grollen und seiner bald wieder zu gedenken! Doch wie innig, wie rührend war das alles gesagt! So wie der Gefangene dem Vögelchen schmeichelt, das auf dem Sims seines Fensters erscheint, und es zärtlich füttert, um es bald wieder herbeizulocken und ihm die Stätte angenehm zu machen, damit es den grünen luftigen Baumwipfel vergesse, so hatte auch Heine seine Freundin mit kleinen Geschenken überhäuft, welche sein Wohlwollen ausdrücken sollten, und hatte die des Schreibens kaum noch fähige Hand angestrengt, die süßesten Schmeichelworte zu Papier zu bringen. Ich sah die Blätter an, dann wieder die vor mir Sitzende, mir ward eigen zumute. Wir mußten beide mitten in unserm Leide lächeln. Und wieder sah ich mir Margot an, die gealterte Margot. Wir haben sie beide geliebt, sagte ich zu mir. Ich in sonnigen Tagen mit Gelächter und Leichtsinn, er in Leid, Gram und Verzweiflung. Welche Wandlungen, welche Metabolen hat das Leben!   Nachdem ich auf diese Weise die ersten Tage meines Pariser Aufenthalts meiner Freundin von ehedem gewidmet, die ich als Freundin des Dahingegangenen wiedergefunden – jeder irgendwie orientierte Leser wird sofort begriffen haben, daß Margot identisch mit der der Welt als »Mouche« bekannt Gewordenen, die wir uns nun sogar unter einem dritten Namen als Camilla Selden zu denken haben –, hatte ich wie selbstverständlich auch Frau Mathilde zu besuchen. Ich traf diese in Asnières, wo sie ein Häuschen mit Garten, Rue Traversière 7, gemietet hatte, das sie mit ihrer treuen Anverwandten, Mademoiselle Pauline, und einer Dienstmagd bewohnte. Sie war in Trauer gekleidet, doch sonst in jeder Beziehung die alte. Ja, Henri war tot – aber hatte man denn seinen Tod nicht seit Jahren voraussehen müssen? Tränen habe sie keine mehr – sie hatte deren schon im voraus genug geweint. O la-la! Nun war sie ganz glücklich über ihren Garten, der etwa zehn Quadratmeter groß und mit ein paar Obstbäumen bepflanzt war. Das werde vortreffliche Pflaumen geben. Und nun der Salat, der prächtige Salat! Den hatte sie selbst gepflanzt, und er gedeihe vorzüglich. Wenn nur nicht die verdammten Schnecken wären! Die fressen gerade die schönsten Salatköpfe. Ah les vilaines bêtes! Ja, Henri war nicht mehr. Aber habe man ihm ein längeres Leben wünschen können? Er hatte gar so viel gelitten. Sein Tod war eine Erlösung. Der liebe Gott wußte wohl, was er tat, als er ihn zu sich nahm. O la-la! Aber die verdammten Schnecken! Es gibt deren, scheint es, drei Arten. Große graue, ganz kleine gescheckte und endlich sogar nackte; abscheuliche Tiere, die sich nicht schämen, nackt herumzugehen. Die sind die scheußlichsten, denn man bringt es nicht über sich, sie zu zertreten. Comment, Monsieur Mesnère, vous ne detestez pas les colimaçons? II paraît, Monsieur, que vous n'aimez pas la salade, la bonne salade? Quant à moi, je les ai en horreur, les colimaçons! C'est parceque j'aime la salade, la bonne salade! Tiens, en voilà un! Attention, Monsieur Mesnère! Sie hob das schwarze nachschleppende Kleid auf und setzte das Füßchen in Positur! »Crac!« An Frau Mathildes Seite stand jetzt Herr Henri Julia, ein hübscher, eleganter Südfranzose, etwa achtundzwanzig Jahre alt, von scharfem, nüchtern praktischem Verstande. Er war für den finanziellen Teil einer Zeitung, ich weiß nicht mehr welche, tätig und hatte sich nebenhin als literarischer Dilettant mit einer Geschichte seiner Vaterstadt Beziers und einer Reihe von Skizzen »Les amis de Voltaire« hervorgetan. Mit Heine mochte er nur ganz flüchtig in Berührung gekommen sein. Dagegen hatte er es übernommen, das »dicke Kind« in allen geschäftlichen Dingen zu führen – Mathilde, ihrer Unkunde bewußt, fügte sich gern darein. Ich kam beiden, der Witwe und ihrem Anwalte, sehr gelegen. Henri hatte seine Papiere und Manuskripte in großer Unordnung zurückgelassen. Nun war es beiden darum zu tun, den Nachlaß passend zu verwerten, und keines wußte, was mit den zurückgebliebenen Papierstößen anzufangen sei. Weder Frau Mathilde noch Herr Julia verstanden auch nur ein Wort deutsch und konnten noch viel weniger ein Wort deutscher Schrift entziffern. Vor allem hätte man gewünscht, auch unveröffentlichte Gedichte zu finden, um sie Campe anzubieten. Nach dieser Richtung hin hatte Herr Julia doch einen ersten Schritt getan. Er hatte alle Blätter gesondert, welche sich durch Absätze und große Anfangsbuchstaben der Zeilen als Gedichte charakterisierten. Er hatte dabei den Rat eines älteren Freundes Heines namens Gathy gesucht. Dieser aber wußte nicht, was neu und unveröffentlicht und was alt und bereits gedruckt sei. Unter diesen Umständen war mein Erscheinen ein erwünschtes. Ich sollte den Nachlaß sichten und alles, was irgend druckbar, sondern und zusammenstellen. Ich nahm den Antrag sofort an. Heines ganzes Denken und Trachten hatte in den letzten Jahren dahin gezielt, seiner so unpraktischen und hilflosen Frau nach seinem Tode ein behäbiges und sorgenfreies Leben zu sichern. Daraufhin war alles geordnet worden. Mit den deutschen und den französischen Verlegern hatte er sonach auf Grund der Zahlung einer Jahresrente abgeschlossen. Der alte Testamentstreit mit Carl Heine war dahin geschlichtet worden, daß er eine Pension von 2000 Franken bezog. Diese Pension sollte nach Heines Tode auf seine Frau übergehen und sogar auf 5000 Franken erhöht werden. Die Unterhandlungen darüber waren eben im Gange. Frau Mathilde bezog ihre Rente quartalweise im Bankhause Fould, auch Campe und Michel Levy lieferten pünktlich ihren Tribut, aber Mathilde kam dabei nicht aus. Bei Heines Tod hatte es gänzlich an Geld gefehlt, Michel Levy hatte Geld vorstrecken müssen. Nun hatte sie die Sommerwohnung in Asnières zum Preise von 3000 Francs gemietet, was vorerst die Hälfte ihrer Jahreseinnahme repräsentierte. Es war ein leichtsinniges Wirtschaften, und es schien wünschenswert, daß sich aus dem Nachlaß Geld münzen lasse ... Indessen waren die Maurer auf der Höhe des Friedhofes Montmartre mit der Aufstellung des kleinen Monuments eben fertig geworden. Es war am letzten Mai 1856, zwölf Wochen nach dem Tode des Dichters, als ich auf der Bahnstation Frau Heine erwartete, um mit ihr das Grab ihres Gemahls zu besuchen. Es war – ich erinnere mich des Tages, wie wenn es gestern gewesen wäre – ein schöner, sonniggoldener, lachender Morgen. Der Zudrang derer, die aus der Stadt heraus wollten, wie derer, die vom Lande nach Paris kamen, war ungeheuer. Endlich erschien Frau Mathilde mit Mademoiselle Pauline an ihrer Seite. Sie hielt ein großes Bouquet jener großen samtartigen, dunkelvioletten Stiefmütterchen in der Hand, die eine Lieblingsblume des Verstorbenen gewesen waren und die sie in ihrem Gärtchen zu Asnières zu ziehen fortfuhr. Wir gingen zu Fuß die lange Rue d'Amsterdam hinauf und kamen endlich an dem schönen und malerisch gelegenen Friedhof von Montmartre an. Auf der Höhe im elegantesten Gräberquartiere, gerade am Abhang, mit der Aussicht auf die große, zypressendurchwachsene Nekropole, nicht allzuweit von den Gräbern der Republikaner Armand Marrast und Godefroy Cavaignac stand ein einfacher Stein mit der vergoldeten Inschrift: Henri Heine. Ein Immortellenstrauß lag noch dort vom Begräbnistage her. Die Unmittelbarkeit des Grabes wirkte auf die Nerven der Frau, die bis dahin ganz heiter gewesen war und den Gang zum Grabe wie einen Spaziergang an einem schönen Morgen aufgefaßt hatte. War es Gefühl des Verlustes, war auch ein Stachel des Vorwurfs dabei? – Bitterlich weinend legte sie ihren Stiefmütterchenstrauß zu dem schon verbleichenden Immortellenkranze. Pauvre Henri, il etait si bon! wiederholte sie immer. Sein Geist hatte sie nur erheitert und ergötzt, nie gehoben, nie gebildet, aber sein Herz lag klar vor ihr, und um dies verlorene, in Jammer gebrochene, kalt gewordene Herz weinte sie heiße, bittere, rasch fließende Tränen. Als wir uns wieder vom Grab entfernten, mußte ich daran denken, wie Heine selbst einen ähnlichen Grabesbesuch beschrieben: Keine Messe wird man singen Keinen Kadosch wird man sagen, Nichts gesagt und nichts gesungen Wird an meinen Sterbetagen. Doch vielleicht an solchem Tage Wenn das Wetter schön und milde Geht spazieren auf Montmartre, Mit Paulinen Frau Mathilde ... Ich murmelte das Gedicht aus dem »Romanzero« vor mich hin. Es wäre unnütz gewesen, Frau Mathilde an das merkwürdige Inerfüllunggehen desselben zu erinnern, sie hatte ja nie eine Zeile ihres Henri gelesen. Aber seiner Mahnung eingedenk Süßes dickes Kind, du darfst Nicht zu Fuß nach Hause gehen – rief ich einen Fiaker am Barrieregitter, und wir fuhren die Rue d'Amsterdam herab, zurück zum Bahnhof.   Die Sichtung des Heineschen Nachlasses hatte mir inzwischen viel zu tun gegeben. Sechs Vormittage hatte ich in Herrn Julias Wohnung, Rue Fontaine St. Georges, wohin die Papiere geschafft worden waren, mit deren Revision verbracht. Nach Heines Tod war alles durcheinandergeworfen worden. Zahllose Zettel mit hingeworfenen Gedanken, Briefkonzepte, Gedichte älteren und neueren Datums lagen durcheinander. Das Ergebnis einer Prüfung war ein sehr ungleiches. Da waren ergreifende Lazaruslieder, Fabeln, Satiren, Balladen, an seine schönsten Sachen heranreichend; anderes erschien mir als Spreu; ich war keineswegs der Ansicht, daß alles gedruckt werden solle. Ich ordnete die Gedichte nach ihren Gattungen: sie sind teils im letzten Bande seiner »Gedichte«, teils im Nachlaßbande erschienen. Vergeblich fragte ich zu wiederholten Malen an, was denn aus den großen Foliobogen geworden, an denen ich Heine öfter hatte schreiben sehen, seinen Memoiren? Mir wurden immer ausweichende Antworten zuteil. Ich sollte mich nur mit den Gedichten und den diversen Papierschnitzeln beschäftigen. Ich begriff sofort, daß man die »Memoiren« vor mir geheimhalte. Endlich war ich mit meiner Arbeit fertig geworden, abends sollte ich abreisen. Da hörte ich, daß mich Frau Mathilde mit Herrn Julia zu Tisch erwarte, wie dies bereits öfter der Fall gewesen war. So fuhren wir denn nach Asnières und trafen Frau Mathilde wie gewöhnlich im Garten, in einem fliegenden Negligégewande auf und ab promenierend, ihre Bäume, ihr Beet mit Stiefmütterchen und vor allem ihre Salatköpfe bewundernd. Ich war sehr zerstreut, sehr unruhig und sah fortwährend nach der Uhr, denn der Abend rückte vor, ich hatte ein gutes Stück Weg bis Paris, hatte dort noch meinen Koffer zu packen und sollte doch um halb zehn auf der Bahn sein. Es war mir wie eine Erlösung, als sich endlich aus einem Fenster des ersten Stockwerks die Stimme Fräulein Paulinens vernehmen ließ: es sei angerichtet. Wir brachen sofort auf. Eben gingen wir durch das kleine, niedere, beinahe unmöblierte Zimmer des Erdgeschosses, als sich Frau Mathilde rasch an mich wandte. »Nun muß ich Ihnen doch noch zeigen«, sagte sie, »was wir noch von Henri haben.« Dabei schloß sie einen Wandschrank auf. Die unteren Fächer desselben waren leer, im obern Fache stand ein breiter, über eine große Manneshand hoher Stoß von Papieren. Es waren lauter ausgebreitete übereinandergelegte Foliobogen, wohl geordnet. Ich erkannte am Formate die mit Bleistift beschriebenen Bogen wieder, die ich vor Jahren öfter auf Heines Bett gesehen, die Bogen, nach denen ich jetzt vergeblich gespäht hatte. Aber konnten ihrer wirklich so viele sein? Ich mußte die Zahl derselben auf fünf- bis sechshundert schätzen. »Sind das die Memoiren?« fragte ich in hoher Erregung. »Es sind die Memoiren!« »So viel davon ist da! Es ist kaum zu glauben. Doch – er arbeitete wohl seit sieben Jahren daran – und war so fleißig ... Gehören sie Campe?« »Nein, nein, nein!« Man überreichte mir ein paar Bogen von den oberstliegenden, ich betrachtete nachdenklich die charakteristischen Schriftzüge. »Aber nun zum Essen, die Suppe wird kalt!« rief Frau Mathilde. Und der Wandschrank flog zu. Warum flog er so rasch zu? Und warum war mir dieser Stoß von Schriften nicht früher gezeigt worden? Warum sah ich ihn erst jetzt, am letzten Tage meines Pariser Aufenthaltes, ganz zufällig, nur im Fluge, während alle übrigen Papiere durch meine Hand gegangen waren? Warum war dies Manuskript von allen anderen separiert, im Zimmer ebener Erde, während alle anderen Schriften im ersten Stockwerk lagerten? Erst jetzt, nach achtundzwanzig Jahren, glaube ich den Grund aller dieser Umstände zu wissen, er wird mir immer klarer, je mehr ich über die Sache nachdenke. Frau Mathilde hatte mich, durch eine momentane Laune verleitet, unüberlegt, wie sie nun einmal war, etwas sehen lassen, das ich ursprünglich ebensowenig als alle anderen hatte sehen sollen! Dieser Manuskriptenstoß war bereit zur Ablieferung oder Absendung. Zur Absendung an wen? Jedenfalls an ein Glied der Geld-Dynastie Heine, das der Aufdeckung von Personalien durch diese Memoiren entgegenzutreten entschlossen war. Und in diese Ablieferung hatte der durch Krankheit und Gram gebrochene Heine jedenfalls selbst eingewilligt, sie vermutlich selbst angeraten. Nur unter dieser Annahme erklären sich die merkwürdigen Verse, die ich nicht verstand, als ich sie zuerst unter den Nachlaßgedichten las und die also lauten: Wenn ich sterbe, wird die Zunge Ausgeschnitten meiner Leiche, Denn sie fürchten: redend käm' ich Wieder aus dem Schattenreiche. Stumm verfaulen wird der Tote In der Gruft und nie verraten Werd' ich die an mir verübten Lächerlichen Freveltaten. Ich halte dafür, daß der ganze Papierstoß kurze Zeit, nachdem ich ihn gesehen, durch Feuer vernichtet worden ist. Vernichtet bis auf einen kleinen Bruchteil: die durchwegs harmlose Jugendgeschichte, die wir in diesen Tagen gelesen haben. Am Abende dieses Tages verließ ich Paris mit dem Bewußtsein, daß mich nichts so bald wieder dahin führen werde. Meine Lehr- und Wanderjahre waren zu Ende. Neue Pläne, größere Bilder des Lebens tauchten in immer bestimmteren Umrissen vor meiner Seele auf und heischten Ausführung. Ich sah ein Arbeitsfeld, weit ausgebreitet, sah den Bau, den ich zu vollenden hatte, vor mir und war entschlossen, dabei auszuharren.