George Meredith Rhoda Fleming. I. Band Dieses Werk bildet einen weiteren Band Merediths , dessen hervorragendsten Romane in einer deutschen Ausgabe in J. C. C. Bruns' Verlag in Minden in Westf. erscheinen sollen. Man wolle Prospekte verlangen. Kapitel I. Die kentische Familie In Kent finden sich noch Überreste echten Bauernblutes, das in steifen, biedern, unaufdringlichen Männern und in äußerst stattlichen Frauen zutage tritt. Man unterscheidet dort noch aufs genauste zwischen kentischen Frauen und Frauen aus Kent, wie einem jede Matrone aus dem Südosten auseinandersetzen wird, die das Glück genießt, jenem bevorzugten Teile der Grafschaft anzugehören, in welchem das zartere Geschlecht Mannestaten verrichtete. Gegen was für glücklose Häupter sich solche gerichtet haben mögen, darüber erfahren wir indessen nichts, und wenn die geschwätzige Überlieferung diesem Punkt gegenüber diskretes Schweigen wahrt, wie sollte die strenge Muse der Geschichte sich irgendwelchen Vermutungen darüber hingeben. Anzunehmen dürfte wohl sein, daß es sich dabei um Sachsen gehandelt hat, weil so viel Wesens daraus gemacht wird, sie gebrochen zu haben. Meine einfache Geschichte handelt von zwei kentischen Jungfräulein und zieht sich von einem Heim voller Blumen, durch Regionen, in denen Blumen nur spärlich und kümmerlich gedeihen, nach solchen, wo die Blumen, welche einen süßen Duft aushauchen, in tödlichem Feuer bewährt worden sind. Mrs. Fleming von Queen Annes Farm war die Frau eines in der Grafschaft angesessenen Bauern. Beide waren von gutem kentischen Schlag, trotz gewisser Abweichungen innerhalb der Rasse. Der Bauernhof verdankte seinen Namen einer Überlieferung, die er mit manchen anderen Höfen innerhalb eines gewissen Umkreises der Metropole teilte, wonach die prähannoversche hohe Frau den Platz ihrerzeit zu einem Erholungsaufenthalt für ihre königlichen Kleinen benutzt haben sollte. Es war ein viereckiges, dreistöckiges Gebäude aus rotem Ziegelstein, von Wind und Wetter rissig und fleckig geworden, an dessen einer Wand der Efeu in dichten Massen hinaufkletterte und in triumphierender Fülle das Dach krönte. Malerisch konnte man das Haus kaum nennen. Vielmehr hatte es manch einen durch seine Ähnlichkeit mit einem rotröckigen Grenadier frappiert, der, im Dienst verwittert, fest genug, aber nicht eben mit besonderem Wohlbehagen auf seinem Posten steht. Eine hohe, teils aus Feldsteinen, teils aus Ziegeln errichtete Mauer schloß den Hof ein, sie war rings mit grauen Flechten und bräunlichen Tuffs bärtigen Mooses überwuchert, die von der Berührung mancher Winde und Regenschauer Zeugnis ablegten. Zerstreute Massen bleichen Grases, Goldlacks und rankenden Steinbrechs hingen über eine Mauer herab, und der Efeu schoß hie und da eine Ranke auf den Weg hinaus. Es hieß, daß das große eiserne Tor einstmals von dem königlichen Wappen bekrönt gewesen wäre, doch war dies verschwunden, sei es mit der Familie, sei es vor dem Zeichen herannahenden Rostes. Denn Rost überzog alle seine Gitterstäbe, blickte man aber zwischen diesen hindurch, so gewahrte man die jugendfrische Pracht eines Gartens, der seinesgleichen suchte, und der von dem Geschick einer ordnenden, arbeitsamen und gewandten Hand Kunde gab. Der Garten stand unter Mrs. Flemings Obhut. Auf seinen üppigen Beeten stand, wie sich ein Dichter ausdrücken würde, die Freude ihrer Liebe geschrieben. Sie hatte die poetische Passion für Blumen. Vielleicht würde man heutzutage zu ihrem Geschmack die Achseln zucken. Sie fröhnte einer altmodischen Vorliebe für Tulpen. Auf einem mit Tulpen umsäumten Kiespfade, die bald in einem natürlichen heißen Rot erglühten, bald künstlich gesprenkelt waren, erreichte man das Haus. Sie mochte gern einen ganzen Hümpel Farbe, und als Dahlien in unsern Gärten aufkamen, hing sie ihr Herz an Dahlien. Dank ihrer Sorgfalt erhielt die eifrige Frau auf einer Blumenausstellung einen Preis für eine ihrer Dahlien, und »Dahlia« war der Name, auf den ihre älteste Tochter getauft wurde, worüber das ganze Kirchspiel von Wrexby so lange lachte, wie sich der Spaß nur irgend in die Länge ziehen ließ. Man lachte auch, als Mrs. Flemings zweite Tochter den Namen Rhoda erhielt, aber das hielt nicht solange vor, weil man wußte, daß sie sich mehr dem einsamen, nachdenklichen Bibellesen ergeben und ihre Gedanken mehr den ewigen Blumen zugewandt habe. Landleute haben nicht viel Auffassung für das Hervorkehren irgendwelcher Leidenschaft, sei es, wofür es auch sei. Ihnen kommt eine solche ebenso aufdringlich und ärgerlich vor, wie größeren Gemeinden das Genie. Jahrelang war Mrs. Flemings Benehmen einfach ein Gegenstand des Dorfklatsches, und man verzieh ihr öffentlich ihre kleinen Eitelkeiten, bis der trügerisch wohlhabende Anstrich, den ihre Arbeit dem Hauswesen verlieh, das erzwungene Eingeständnis nicht länger verbergen konnte, daß Armut im Hause sei. Da wurde den Augen Wrexbys der durchgestoßene Ellbogen so aufdringlich sichtbar, daß man die Schönheit des Gesichtes darüber zu würdigen vergaß. Zudem hatte die Kritik allerhand an ihrer Vorliebe für große Mohnblumen auszusetzen. Sie wollte und wollte ihre Sorgfalt an Mohn verschwenden, und man erzählte sich, sie hätte gesagt, so lange sie lebe, sollten ihre Kinder auch ordentlich zu futtern haben. Prunkendes Unkraut in einem ehrbaren Garten zu pflegen, war ein Indizium eines moralischen Mangels, wie er durch den von ihr geäußerten Vorsatz, ihren Tisch mit reichlichen Nahrungsmitteln zu versorgen, einerlei von wo und auf welche Weise sie dahin kämen, gründlichst bestätigt wurde. Die Begründung, durch welche sie, wie man sich erzählte, ihrem strikten Vorsatz einen Rückhalt zu geben suchte, war so ein recht ärgerlicher: unwiderleglich in der Theorie und gänzlich aller Prinzipien bar in der Praxis. Sie sagte nämlich: »Gutes Brot und gutes Fleisch und genug von beidem, das macht gutes Blut; und meine Kinder sollen stämmig sein.« Das ist eine Parole, wie eine fremdländische Prinzeß oder ein Sklavenhalter sie ausgeben könnte, aber das englische Wrexby in seinem schwerblütigen Temperament verlangte ein Äquivalent für sein Rindfleisch und die mannigfaltigen Nahrungsmittel, welche die hungrigen Kinder der gebieterisch dekretierenden Frau konsumierten. In der Praxis zeigte es sich willfährig, denn es hatte sich einmal daran gewöhnt, ihr zu liefern, was sie brauchte. Blieb die Zahlung auch lange im Hintertreffen, so galt doch dies Hintertreffen als kein verlorener Posten, denn Mrs. Fleming besaß, ohne es zu wissen, ein wichtiges Geheimmittel, mit welchem sie die Hüter ihres Kredits meisterte: Sie hatte ein unfehlbares Gedächtnis und eine absolute Anerkennung auch für die allerfernliegendsten ihrer Schulden, so daß es schien, als sei sie nur immer ein klein wenig spät und nur in der Theorie außergewöhnlich querköpfig. Somit half Wrexby willig dazu, ihre Kinder stämmig aufzuziehen, und wären nicht alle Menschen, mit Ausnahme von Künstlern, Poeten und Novellisten, der Größe ihrer eignen Schöpfungen gegenüber so mit Blindheit geschlagen, die Einwohner dieses kentischen Dorfes hätten sich einem erfreulichen Stolz auf die Schönheit und die derbe Anmut dieser jungen Mädchen hingeben dürfen, – waren sie doch blondlockig und schwarzhaarig, ein verwandter Gegensatz, anzusehen wie Feuer und Rauch. In Gestalt, Haltung und Ausdruck waren sie, um mich der wohlrednerischen, modernen Art der Lobpreisung zu bedienen, ihrem Stande weit überlegen. Sie schritten aufrecht daher, wie Geschöpfe, die sich auch eines rein animalischen Stolzes nicht schämen, der nie ganz weit von dem Stolz vollentfalteter Schönheit entfernt ist. Sie trugen sich stattlich, wie junge Orientalinnen, deren Kopf ein edles Gleichgewicht behauptet, weil sie gewöhnt sind, den Krug vom Brunnen zu tragen. Die dunkle Rhoda hätte als Rahel gelten können, und Dahlia nannte sie Rahel. Sie warfen einander gegenseitige Komplimente zu, die dem Buch, das ihre Hauptlektüre bildete, entstammten. Königin von Saba war Dahlias Titel. Kein Meister der Kallisthenie könnte sie besser trainiert haben, als es das Rezept ihrer Mutter für gute Blutmischung, vereint mit einer gewissen Harmonie in ihrem ganzen System getan hatte, noch hätte irgendeine Schulmamsell sie eine korrektere Ausdrucksweise lehren können. Das Charakteristikum für Mädchen, die eine Neigung haben, über ihren Stand hinauszuwachsen, ist ein hungriger Nachahmungstrieb, und Phrasen und Redewendungen hochkorrekter Leute, wie des Herrn Pfarrers und seiner Frau Gemahlin, der Menschen aus ihren Geschichtenbüchern, besonders der höfischen französischen Märchenbücher, in denen die Prinzen in gerade so zierlich abgerundeten Perioden reden, wie es den zarten, seidenen Einbänden entspricht, fast mit Engelzungen, ein Vorbild für alle gewöhnlichen Sterblichen, blieben ihnen im Gedächtnis, sie summten sie immer wieder vor sich hin, und nach und nach gingen sie ihnen in den eignen Wörterschatz über. Die leiseste Andeutung von Liebe auf den Lippen gewöhnlicher Sterblicher, forderte Dahlias Spottlust heraus, und die Jünglinge von Wrexby und Fenhurst hatten ihren heimlichen Prinzen Florizel gegenüber keine Chancen. Mit Schäfertugenden schmückte sie diese nicht aus; im Gegenteil, solche reine, junge Herren gäbe es, meinte sie, nur in der großen, mystischen Stadt London. Natürlich träumten die Mädchen von London. Um sich zu bilden, schrieben sie ganze Seiten aus einem Buch aus, welches »das Marsfeld« hieß und unter den Bänden der kleinen Bibliothek ihres Vaters der Bibel an Umfang fast gleichkam. Die Taten, welche die Helden dieses Buches vollbrachten, assimilierten sich in ihrer Phantasie mit den Reden der Märchenprinzen, und wenn sie die Söhne der Müller, Pächter, Malzbauern und Krämer musterten, stieg als frühreife Besorgnis der Gedanke in ihnen auf, welcher Art Jünglinge sich wohl dereinst um sie bewerben möchten. Rhoda beunruhigte sich hierüber im Alter von fünfzehn Jahren aufs höchste, dank der Gewohnheit ihrer Schwester, ihre eigenen, trübseligen Ahnungen hinsichtlich dieses Gegenstandes, hinter dem Vorwand ständiger Sorge über der Schwester traurige Chancen zu verbergen. Was die Kleidung betraf, so war darin die Frau Pfarrer von Wrexby ihr Vorbild. Und einst erschien die blendende Vision einer wunderschönen Dame in Squire Blancoves sonst immer leerem Kirchenstuhl. Sie erfuhren, daß sie eine Cousine seiner Frau sei, eine Witwe, namens Mrs. Lovell. Während des ganzen Gottesdienstes sahen sie zu ihr hinüber, und ganz entschieden hatte die Dame sie auch wieder angesehen; und dieser Blick blieb, obschon sie durchaus nicht begriffen, warum, lange in ihrer Erinnerung haften, und oft, wenn Dahlia später, ihrer Gewohnheit nach, beim Einnehmen ihres Platzes die Augen eine Zeitlang schloß, versuchte sie sich ihr eigen Bild heraufzubeschwören, wie es sich der Dame in perlgrauer Seide, mit der lila Sammetmantille und dem grünen, rosengarnierten Kapottehütchen gezeigt haben mochte, und das Bild, welches in ihr aufstieg, hielt sie viele Jahre lang als ihr eigenes Bild fest. Mrs. Fleming focht ihren Kampf mit einer ihrer Landsmänninnen würdigen Entschlossenheit und mit so gutem Erfolg, wie er sich unter der Bürde eines stets verzagten Gatten irgend erringen ließ. William John Fleming war eben ein armer Bauer, für den sich das Räderwerk der Welt zu schnell drehte, – ein robuster Mann, der augenscheinlich nicht leicht totzukriegen war, ob ihm die Wunde auch tief ging. Seine Gesichtsfarbe war trotz mancher Falten und Runzeln eine blühende, und seine großen, ruhig dreinblickenden Ochsenaugen, die niemals verrieten, was hinter ihnen vorging, offenbarten nur selten, daß sie dem, was sie sahen, irgendwelche Bedeutung entnähmen. Bis ihm sein Weib genommen wurde, bildete er sich ein, daß er ein mächtig Kreuz an ihr zu tragen habe, aber da er ein Mann von wenig Worten und von Natur gutmütig war, hatte sie den Trost, sterben zu dürfen, ohne dessen gewahr zu werden. Dies sein Kreuz verkörperte sich ihm in der Auffassung, daß sie himmelschreiend extravagant sei. Der Anblick seines reichlich gedeckten Tisches schnitt ihm ins Herz, und obschon er seinen Sprößlingen nichts mißgönnte, was er bezahlen konnte, waren ihm die hungrigen Münder allzeit ein betrüblicher Anblick. »Machst sie bloß fett und lecker,« damit pflegte er seines Weibes Argumenten über Brot und Rindfleisch entgegenzutreten. Doch klagte er nicht. Kam es einmal zu einer Auseinandersetzung, so begnügte er sich damit, aus einer sicheren Ecke seine Prophezeiungen darein zu geben und seiner Frau vorzustellen, was davon kommen werde, wenn ihre Kinder Leckermäuler würden. Er konnte nicht leugnen, daß Brot und Rindfleisch blutbildend wären, noch daß sie billiger seien, als Portwein, den die Doktoren dieser oder jener zarten Person in der Nachbarschaft zu verschreiben pflegten, so mußte er seine Zuflucht zu heimlicher Unzufriedenheit nehmen. Leichter zu ertragen war die Bedrängnis, die ihm aus der Sorgfalt, der Zeit und den nicht unbeträchtlichen Geldsummen erwuchs, die auf den Blumengarten verschwendet wurden. Er liebte Blumen, und es schmeichelte ihm, seines Weibes Gartenbaukunst bewundern zu hören. Der Garten war etwas Besonderes für den Bauernhof, und wenn er Sonntags unter den üppig blühenden Rosen von der Kirche nach Haus kam, so hatte deren Duft solch angenehme Täuschung von Wohlhabenheit an sich, daß es die Kosten wohl lohnte. Und dennoch wurde bei der vollen Blütenpracht des Gartens immer wieder ein grausamer Schlag lebendig. Sein Weib hatte einmal seine Eitelkeit empfindlich verwundet. Wenn aber die konzentrierte Eitelkeit eines schweigsamen Mannes verletzt wird, dann verlangt sie die Rache eines Riesen; weil es indessen kaum möglich ist, solch eine ungeheuerliche Genugtuung zu erlangen, wenn die eigne Prau die Beleidigung verursacht hat, so konnte sich der Bauer nicht anders aus der Affäre ziehen, als daß er auf ein entlegenes Rübenfeld ging und mit zum Himmel gereckter Faust schwur, sie niemals zu vergessen. Seine Frau hatte ihm, da sie sah, wie der Garten gedieh und der Hof verfiel, vorgeschlagen, die Arbeit, die er auf seine Felder verwandte, dem Garten zuzuwenden, also im Grunde ein männliches Kindermädchen unter der Direktion seiner Frau zu werden. Das Weib sah nicht, daß der Garten ohnehin den Bauernhof aussog, die Arbeit zersplitterte und ihn augenscheinlich ärmer machte. Sie hatte kein Verständnis dafür, daß er, wenn er ihr erlaubt, sich dem Zeitvertreib einer Dame hinzugeben, während er selbst sich fruchtlos im Schweiße seines Angesichts abmühte, nur dem Impuls seiner angeborenen Gutherzigkeit, durchaus nicht der ihm innewohnenden Klugheit, gehorchte. Daß sie sich »erster Mann an der Spritze« dünkte und ihm vorschlagen konnte, seinen Namen dazu herzugeben, dies vor der Welt öffentlich zu bekennen, war himmelschreiend. Mrs. Flemings Gesundheit ließ nach. Unter diesem Vorwand, mit der Feierlichkeit, die den ihr vom Schicksal noch zugemessenen Herbsttagen entsprach, überredete sie ihren Gatten wegen eines Volontärs zu inserieren, der eine kleine Summe Geldes zahlen wolle, um die Landwirtschaft zu erlernen und Argumente zugunsten der Korngesetze zu hören. Ihr zu gefallen opferte er sieben Schilling für ein Inserat und lachte, als ein Angebot auf dasselbe erfolgte, indem er die Bemerkung hinwarf, er zweifle, ob Gutes daraus entspränge, daß man sich mit Fremden einlasse. Ein junger Mann, der sich Robert Armstrong nannte, unterzog sich daraufhin einer Begutachtung seitens der Familie. Er zahlte die ausgemachte Summe und war bald dem Hausstand als ein Dazugehöriger eingefügt. Er hatte die Länge eines Gardegrenadiers und die Gewandtheit eines Professions-Cricketspielers, war ein Wassertrinker und augenscheinlich das Opfer einer ausgesprochenen Abneigung gegen seinesgleichen, denn er sprach von der großen, nachterleuchteten Stadt mit einem Schauder, der nicht eben ein Vorzug in den Augen zweier Jüngferlein erschien, durch deren Träume die märchenhafte Metropole gewissermaßen mit feurigen Fransen durch den dunklen Raum flog. In anderer Hinsicht hatte der Fremde etwas Einnehmendes, denn er war hübsch und gesetzten Wesens. Sehr liebevoll sprach er von einem Freunde, einem aktiven Offizier, was man für verzeihliche Eitelkeit hielt. An das Ideal seines Geschlechts, wie es in der Phantasie der Schwestern lebte, reichte er nicht hinan, dennoch flüsterte Mrs. Fleming, im Vertrauen auf ihre Divinationsgabe, kurz vor ihrem Tode ihrem Gatten ein mütterlich Wort über ihn zu. Ihr Gebet an den Himmel ging dahin, ihr zu gewähren, daß ihr eine Doktorrechnung erspart bleibe. Sie starb ohne langes Kranksein in ihrem geliebten Junimonat, während die Rosen, die sie selbst gezogen, zum Fenster hineinrankten und ihren süßen Duft zu ihr hinsandten. Am vorhergehenden Maitag hatte sie auf dem Rasen gesessen, der sich vor dem eisernen Torweg ausbreitete, während Dahlia und Rhoda die Dorfkinder mit Blumen kränzten und die Schönste zur kleinen Maikönigin krönten. Ein Anblick, bei dem in Mrs. Flemings Erinnerung der Tag wach wurde, wo ihre eigne Älteste und Schönste schüchtern in ihrem weißen Kleidchen und mit ihren blonden dichten Locken, diese Huldigung entgegennahm. Es war eine große Versammlung und der Tag der köstlichste aller Maitage, bis der herrische Ostwind ihm sein Regiment aufgezwungen und sein festliches Gepräge gestört hatte. Der Mühlbach der nahen Mühle schlängelte sich blau durch die grünen Weiden, in der Luft lag ein Duft von Rahmkübeln und Weizenbroten, die Tannen von den Hügelketten jenseits Fenhurst und Helms waren näher gerückt, um an dem Schauspiel teilzunehmen und standen da wie Freunde, die eine alte Bekanntschaft aufzufrischen wünschten. Dahlia und Rhoda machten die Kinder darauf aufmerksam, daß sie wie alte gebückte Bettelmänner aussähen. Die beiden Edeltannen auf dem Grundstück des Müllers verglichen sie mit Adam und Eva, wie sie vor dem feurigen Schwerte dem Paradiese den Rücken wandten, und der Ausspruch eines phantasiereichen Kindes, daß sie nichts an hätten, als Haare, machte das Bild sowohl Rhoda wie Dahlia unvergeßlich. Der Zauber des Wetters brachte zahllose Schmetterlinge auf das Feld und auch einen Geiger, zu dessen Fiedel die kleinen Jüngferchen tanzten; andere, die der Zeit weiblicher Reife bereits näher standen, würden auch gern getanzt haben, wenn die Schwestern einen Partner angenommen hätten, aber Dahlia hielt das plötzliche Bewußtsein zurück, daß sie unter der unmittelbaren Beobachtung zweier augenscheinlich Londoner Herren stand, und sie schlug Robert Armstrongs Aufforderung, sie zum Tanze zu führen, aus. Die Eindringlinge waren ein Paar gut aussehende Jünglinge, die man als den Sohn und den Neffen des Squire Blancove von Wrexby-Hall kannte. Sie blieben eine Zeitlang da und sahen dem Treiben zu und zerstörten Dahlias Herzenseinfalt. Gleich vielen Freudentagen, die die Götter gewähren, fehlten auch diesem die Schatten nicht. Am Rande der Festwiese erschien ein junges Weib, die Tochter eines Wrexbyer Käthners, welche ihre Heimat verlassen und vor kurzem mit einem befleckten Namen dahin zurückgekehrt war. Keiner redete sie an, und sie stand demütig abseits. Als Dahlia sah, daß jeder mit einem gewissen, selbstzufriedenen Geflüster von ihr wegrückte, wünschte sie sie in ihren Kreis hineinzuziehen. Sie warf ihrem Vater gegenüber den Namen Mary Burts hin, in der Annahme, daß ein so gutherziger Mann es selbstredend sanktionieren würde, wenn sie zu dem vernachlässigten jungen Weibe hinginge. Zu ihrem Erstaunen geriet ihr Vater in heftigen Zorn, stieß ein strenges Verbot hervor und brauchte dabei ein Wort, das ihr das Blut in die Wangen trieb. Rhoda stand neben ihr und schritt eigenwillig, ohne die Erlaubnis dazu zu erbitten, geradeswegs auf Mary zu, und stand mit ihr zusammen im Schatten Adams und Evas, bis der Bauer ihr eine Botschaft zuschickte, daß er nach Haus wolle. Ihre Strafe für diesen sündigen Akt war eine Woche strengsten Stillschweigens, und der Bauer hätte sie noch länger dazu verurteilt, hätte nicht die verhängnisvoll zunehmende Schwäche ihrer Mutter ihn daran gehindert. Dies Erlebnis warf einen sonderbaren Schatten über die Schwestern. Sie vermochten die Bedeutung der Unfreundlichkeit, Härte und Entrüstung ihres Vaters nicht zu begreifen. Warum? warum nur? fragten sie einander bestürzt. Die Heilige Schrift war in gewissen Dingen hart, aber entsprach es ihrer Lehre, nach der Sühne unerbittlich zu bleiben? Allmählich drängte es sich ihrer Erkenntnis auf, und zwar nicht ohne heiße Bitterkeit, daß der Gutherzigste der Männer grausam wird und seines Christentums vergißt, wenn es sich um gefallene und reuige Frauen handelt. Kapitel II. Queen Annes Farm Mrs. Fleming hatte einen Bruder in London, welcher als kleiner Junge aus seinem kentischen Heim davongelaufen war und Zuflucht in einem Bankhause gefunden hatte. Welche Stellung Anton Hackbutt in diesem wohlrenommierten Geschäft bekleidete, welcherlei Einfluß er dort ausübte, waren Dinge, von denen niemand etwas wußte. – Tatsache war, daß er der Bank seit einer langen Reihe von Jahren angehörte und seiner Schwester einmal angedeutet hatte, er sei nicht gerade ein Bettler. Aus diesen Fakta folgerte der Bauer, daß ein Angestellter eines Londoner Bankhauses, der eigenes Geld besaß, die Mittel und Wege kennen gelernt haben müsse, es in Umlauf zu bringen, – gewissermaßen auf goldenem Grunde zu pflügen; folglich mußte sein Kapital sich inzwischen um eine recht stattliche Summe vermehrt haben. Was für ein Kapital? fragst du. Nun, wenn jemand jahrelang mit der unerschütterlichen Hingebung eines schöpferischen Geistes über einem Chaos brütet, so wird er es schließlich schon fertig bringen, das Konkrete aus dem Abstrakten heraufzubeschwören. Der Bauer sah allerlei rundliche Ziffern unter den Besitztümern seiner Familie und stand seinem Schwager wacker darin bei, goldene Berge zu türmen, er überzählte seine Gewinne, überwand seine Wagnisse, und beäugte den Haufen visionären Goldes mit so platonischem Interesse, daß es beinahe korrekt von ihm war, von Uninteressiertsein zu reden. Es gab zwischen den Schwägern ein Streitobjekt, einen Geldposten, der trennend zwischen ihnen stand: Wenn Anton es, auf eine Anfrage hin, abschlug, dem Bauern hundert Pfund zu leihen, so setzte dies böses Blut zwischen ihnen, das sie einander entfremdete. Gerade hundert Pfund fehlten daran, Queen Annes Farm zu einem blühenden Hof zu machen. Hätte man ihre Hypotheken um hundert Pfund entlasten können, so hätte die Farm ihrem alten Feinde, dem Taxator, siegreich widerstehen und einem Verjüngungsprozeß unterzogen werden können. Aber die Radikalen waren am Ruder, gaben Gesetze und erstickten die Landwirtschaft, und »ich hab' einen Geizhals zum Schwager«, sagte Bauer Fleming. Ja! hätte er nur die hundert Pfund im Rückhalt gehabt, dann hätte er säen können, was er Lust hatte und wann er Lust hatte, dann hätte er den launischen Wolken und ihren Schätzen ein Schnippchen geschlagen und auf seinem eigenen, geliebten Grund und Boden die Melodien gespielt, die er wollte. Statt dessen aber und mit dieser nur allzufesten Überzeugung, daß jene hundert Pfund seiner Tasche in jeder Hinsicht Unberechenbares eingetragen haben würden, stöhnte der arme Mann unter jedem anhaltenden Regen, und doch mußte er, so oft in der Kirche um Niederschläge gebetet wurde, mit der übrigen Gemeinde auf die Knie fallen und inbrünstig darum bitten. Wohl tat er es, doch mit bitteren Vorwürfen für Anton, auf dessen Konto er diesen ihm auferlegten Zwang schrieb. Bei dem Tode seiner Schwester teilte Anton seinem hartbetroffenen Schwager mit, daß er nicht in der Lage sei, der Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. »Mein Platz ist ein Vertrauensposten,« schrieb er, »und ich bin unabkömmlich.« Doch erbot er sich freiwillig, die Hälfte der Beerdigungskosten zu tragen, wobei er eine Summe angab, innerhalb deren Grenzen das Ganze zu halten wäre. Es wäre unrecht, die Ursachen, aus denen die Handlungen eines Menschen, der unter der Prüfung eines großen Kummers steht, entspringen, kritisch zu sondieren, so mag denn des Bauers ärgerliche Zurückweisung von Antons Anerbieten mit Stillschweigen übergangen werden. In seinem Antwortschreiben bemerkte er, daß seiner Frau Beerdigung gerade so viel kosten solle, wie er für gut befände. Jegliche »Einmischung« verbat er sich wütend. Er hoffte, sein Schwager hielte ihn auch seinerseits »nicht für einen Bettler«, und es paßte ihm nicht, sich wie ein solcher behandeln zu lassen. Der Brief zeigte die markige Bauernfaust. Farmer Fleming erzählte seinen Kumpanen und dem Krämer in Wrexby, mit dem er ins Gespräch kam, er wolle seine verstorbene Frau ehren, und sollte es ihm seinen letzten Groschen kosten. Einen oder zwei Monate darauf munkelte man allgemein, er habe Wort gehalten. Antons Erwiderung hierauf trug das Gepräge eigentümlicher Sanftmut. Er schrieb ganz unglücklich darüber, daß der Bauer seine Absicht entschieden mißverstanden habe. Augenscheinlich hatte sein unergründlich tief verankertes Gewissen eine Berührung erfahren. Er schrieb ein zweites Mal, ohne eine Antwort abgewartet zu haben, er erwähnte sogar gewisser Fonds, doch nur, um sie als »weltliche Dinge« beiseite zu schieben, er hoffte, daß sie sich dermaleinst im Himmel alle wieder begegnen möchten, dort, wo brüderliche Liebe sowohl wie Geld immer zur Stelle sei und nicht immer grad ein Haus weiter. Es war ein Wink eingeflochten, daß eine gelegentliche Einladung ihn freuen würde, ob er nun kommen könne oder nicht, denn Ferien seien eine kostspielige Sache, und Eisenbahnfahrten müßten zweimal überlegt werden, ehe man sie unternähme, auch wüßte man nie, wenn man seinen Posten einmal im Stich ließe, wer der Stellvertreter wäre. Er versprach nicht gerade, daß er käme, aber er gab offen zu, daß ihn die Aufmerksamkeit einer Einladung angenehm berühren würde. Daß Farmer Fleming zunächst Genuß darin fand, Antons Annäherungsversuch zu ignorieren, gereicht ihm eben nicht zur Ehre. Groll wird indes durch ein reumütiges Entgegenkommen weit eher genährt als beschwichtigt. Zudem dachte er vielleicht (da Weltklugheit und ein Hang zur Wiedervergeltung einander durchaus nicht immer ausschließen), daß Anton wohl noch etwas wärmer und entgegenkommender sein könnte, nun sein menschliches Gefühl einmal aufgewacht war. Spekulation ist meist ein gefährlich Ding, aber Bauer Fleming war in der verzweifelten Lage eines Mannes, den eine kleine Schuldenlast drückt, und der die ersten leisen Fußtritte der Gläubiger zu hören meint, ein Geräusch, das der ungeübten Phantasie so furchtbar ist, wie der nackte, fürchterliche Gedanke eines Bankerotts. Zudem war es ein so wunderlich Ding, Sanftmut bei Anton zu finden, daß sich danach alles von ihm erwarten ließ. »Woll'n doch 'mal seh'n, was er tun wird,« dachte der Farmer, während er zwischen seinen Zornausbrüchen Atem schöpfte, – und nur ein noch sehr junger Zorn gönnt sich dazu nicht einmal die Zeit. Man beobachte nur die Leidenschaften, sie sind alle mehr oder weniger intermittierend. Wie sich alsbald zeigte, war seine Handlungsweise eine äußerst weise, denn schließlich schrieb Anton, sein Heim in London sei so unfreundlich, daß er beschlossen habe, sich eine freiere und geräumigere Wohnung zu nehmen, in welcher ihm die Anwesenheit einer verständigen jungen Haushälterin, die Lust hätte, London zu sehen und die Welt ein wenig kennen zu lernen, ganz angenehm sein würde. Sein Vorschlag ging nun dahin, eine seiner Nichten könne vielleicht diesen Platz ausfüllen, er schlug seinem Schwager vor, den Gedanken einmal in Erwägung zu ziehen und bat ihn, überzeugt zu sein, daß er jetzt und zukünftig der Freund seiner Familie sei. Dabei sprach Anton sehr salbungsvoll von den Versuchungen Londons. Wer hätte für möglich halten sollen, daß dieser Brief von einem alten, griesgrämigen Geizhals stamme? »Erzähle ihr nur,« schrieb er, »daß hier an jeder Straßenecke ein Stand mit Obst ist das ganze Jahr rund, daß hier Austern zu haben sind und Miesmuscheln, wenn sie die mag, – viel immergrüne Gewächse, eine Unmenge Bilder in den Läden, – immer was Neues zu sehen an Musselins und Seidenstoffen, daß man oben auf den Omnibussen fahren kann, alle möglichen umherziehenden Musikanten hören, und daß wir, wenn sie fürs Militär ist, mitunter mal einen Spaziergang machen wollen, um die Soldaten zu Pferde zu sehen.« Er machte sogar einen ganz fidelen Witz, als er auf die berühmte Garde-Kavallerie zu sprechen kam – Krieger, die nur so dasitzen auf ihren Pferden und sich anstaunen lassen, und denen das ganz egal ist, von wegen der famosen militärischen Zucht. »Blaue Garde-Kavallerie und rote Garde-Kavallerie,« schrieb er, »die blauen sind eben noch nicht gekocht.« Aller Wahrscheinlichkeit nach stammte dieser despektierliche Witz nicht von ihm selbst, aber immerhin erschien sein Charakter dadurch in einem ganz neuen Licht. Nun, wenn eins von den Mädchen hinsollte, so war natürlich Dahlia die gegebene. Der Bauer begann seiner Gewohnheit nach über dem Gedanken zu brüten. Es war unbestreitbar, daß die Klugheit gebot, dem fidelen, alten Geizhals einen von der Familie an die Seite zu geben. Andererseits hatte er Angst vor London, und Dahlia war außergewöhnlich hübsch. Er legte Robert die Sache vor, im Gedanken an die Andeutungen, die seine Frau gemacht hatte, und in der stillen Hoffnung, Robert würde seine mühevollen Erwägungen mit einem verliebten Wort zum Stillstand bringen und die Gelegenheit, sich zu erklären, beim Schopfe fassen. Robert indessen hatte keinerlei Erwiderung und schien gar nichts dagegen zu haben, daß Dahlia reise. Die einzigen Gegner der Sache waren Mrs. Sumfit, eine gutmütige, bescheidene Verwandte des Farmers, eine Witwe aus Sussex, eine rundliche, liebevolle Person, die im Hause die Wirtschaft besorgte, und Master Gammon, ein alter Mann mit den Augen einer antidiluvianischen Eidechse, der ihrem lauten Protestieren stumm beipflichtete, der langsamste alte Mann unter der Sonne, – eine Art Vorarbeiter auf dem Hofe, ehe Robert gekommen war und beide, ihn und den Bauern, in den Hintergrund gedrängt hatte. Master Gammon bemerkte ein für allemal mit Emphase, »er habe für London nie viel übrig gehabt«. Da er niemals in London gewesen war, wurde seiner Meinung nicht viel Wert beigelegt, aber als er sich weiter auf das Thema einließ, erschienen die Sünden und Vergehen der Metropole durch seine höchst mißbilligenden Schilderungen doch in recht eindrucksvoll düsterem Lichte. Weltklugheit und Dahlias Bitten trugen indessen doch schließlich bei dem Bauern den Sieg davon, und so reiste das schöne Mädchen in die große Stadt. Nach Monaten einer Trennung, die wie ein Riß durch ihr Innerstes ging, und als der Trost, der in Briefen zu liegen pflegt, nicht mehr ausreichen wollte, erhielt Rhoda eines Tages, nachdem sie zuvor, ohne zu begreifen, warum, zum Schweigen verpflichtet war, ein Miniatur-Gemälde von Dahlia, so schön, daß ihr Neid auf London, welches ihr die Schwester festhielt, in Dankbarkeit zerschmolz. Sie hatte Erlaubnis, das Bild eine Woche lang zu behalten; es war unmöglich auszuhalten, es Mrs. Sumfit nicht zu zeigen, welche es andächtig betrachtete, und unausbleiblich, daß es in überquellendem Gefühl reichlich mit Tränen benetzt wurde. Sie erkundigten sich nicht danach, weswegen es geheim zu halten sei, wahrscheinlich lag in dem Geheimnisvollen ein Reiz mehr. Es gab neue Tränen, als das Bild wieder eingepackt und fortgeschickt werden mußte. Rhoda dachte fortan in einer zarten Scheu an die ihr neue Veredlung in Dahlias Zügen, und ihr Herz flog ihrem Onkel entgegen, der es sich angelegen sein ließ, das liebliche Gesichtchen so zu schmücken. Eines Tages stand Rhoda an ihrem Schlafstubenfenster und war eben im Begriff, hinunterzugehen und es mit den täglichen Klößen aufzunehmen, dem unausbleiblichen und hauptsächlichen Mittelpunkt des Mittagessens des Hauses, als sie einen Fremden sich an dem Türgriff der eisernen Pforte zu schaffen machen sah. Ihr schlug das Herz. Sie erriet sofort, daß es der Onkel sei. Dahlia war jetzt schon monatelang fort, und Rhodas immer wachsende Ungeduld entsprang einer inneren Überzeugung, es müsse demnächst ein intimeres Lebenszeichen von ihr kommen, als Briefe zu gewähren vermögen. Sie lief die Treppe hinunter und den Kiesweg entlang. Es war ein kleiner, untersetzter Mann, von dürrem, zähem Aussehen, offenbar in seinem Sonntagshabit, ganz schwarz, mit schwarzen Handschuhen, obschon es ein Tag vorm Sonntag war. »Darf ich Ihnen helfen, Herr?« sagte sie, und ihre Hand berührte die seine und empfand einen leichten Druck. »Wie geht es meiner Schwester?« Alle Angst zu fragen, war verschwunden. »Na, laß mich erstmal hinein,« antwortete er in der Art und Weise eines neckischen Jünglings. »Ihr seid so fest eingeriegelt, als wenn ihr vor allen Dieben in London Angst hättet. Bist doch nich bange vor mir, Fräuleinchen? Kann dir sagen, ich bin nich so einer, der lange draußen vor der Festung 'rumflankiert, ich bin von der Sorte, die zupackt, hab' 'n Löwenmut, wenn ich weiß, das Gesetz steht mir bei.« Er sprach mit einer komischen, keuchenden Stimme, als wenn eine zerbrochene Flöte sich mit einem schlecht geharzten Fiedelbogen zusammentäte. »Du bist im Garten von Queen Annes Farm,« sagte Rhoda. »Dann bist du wohl meine hübsche, kleine Nichte, was? ›Die dunkle Deern,‹ wie dein Vater sagt. ›Klein,‹ was sag' ich! Brauchst dich ja nicht zu schämen, neben 'nem Grenadier zu stehen. Wahrhaftig, famoses Land, das so feine Mädels hervorbringt!« »Also du bist Onkel Anton?« sagte Rhoda. »Sag mir, wie's meiner Schwester geht. Ist sie ganz glücklich? Geht's ihr gut?« »Dahly?« gab der alte Anton langsam zurück. »Ja, ja, meine Schwester!« Rhoda sah ihn mit angstvoller Spannung an. »Na, brauchst keine Angst zu haben um deine Schwester Dahly.« Während er sprach, heftete der alte Anton seine kleinen braunen Augen fest auf das Mädchen und schien augenblicklich in tiefes Sinnen verloren. Eine Frage rief ihn wieder zu sich selbst. »Ist sie gesund?« »Gewiß! Magen is' gut, und Kopf is' gut, Lungen, Gehirn, alles gut! Ein büschen schwindlig is' sie manchmal, – das is' aber auch alles.« »Schwindlig? Im Kopf?« »Ja, und so in der Stimmung. Aber da mach' dir man weiter keine Sorgen um. Du siehst ja aus, als ständ'st du ganz gut auf deinen Beinen. Du bist was für mich, glaub' ich! »Aber, meine Schwester« – sagte Rhoda gerade noch einmal, als der Bauer heraustrat und von der Schwelle her grüßte. »Bruder Toni!« »Ja, da is er, Bruder William John!« »Wirklich, ja, da ist er endlich!« Der Bauer kam mit ausgestreckter Hand auf ihn zu. »Hoffentlich nicht zu spät, was?« »Es ist nie zu spät – zum Bessermachen,« sagte der Bauer. »Was denn besser zu machen? Meine Manieren? was?« Anton versuchte den scherzhaften Ton festzuhalten, und so kamen sie über ein gewisses Unbehagen hinweg, das beide nach so vielen Jahren und so mancherlei Differenzen fühlten. »Schon mit Rhoda Bekanntschaft gemacht, wie ich seh',« äußerte der Bauer beim Hineingehen. »Deine dunkle Deern, wie du schriebst. Wie 'ne Kohle beim Licht is sie. Ganz wie du schriebst. Das Gegenstück zu ihrer Schwester. Ja, wir haben schon ein bißchen geschwatzt.« »Kommst gerade recht zum Mittagessen, Bruder Toni. Wir haben nicht viel, aber was da ist, bieten wir dir gern an. Einen Augenblick, Schwager.« Der Bauer führte Anton einen Augenblick außer Hörweite, fragte ihn etwas und erhielt eine Antwort, worauf die Spannung in seinen Zügen nachließ. Doch sah er so etwas perplex aus und nickte ein paarmal nachdrücklich mit dem Kopfe, wenn Anton den seinen gelegentlich hob, als wolle er gewisse Punkte der flüsternd gegebenen Auseinandersetzung auf die Weise bestätigen. Es war, als stelle ein Schuldner seinem Gläubiger in aller Bescheidenheit seinen Fall dar und könne nur hie und da Mut genug zusammenraffen, um den auf ihm ruhenden kritischen Blick zu begegnen. Auf Mrs. Sumfits Ruf, daß die Klöße auf dem Tisch ständen, gingen sie hinein. Der alte Anton verbeugte sich, als der Farmer seinen Namen nannte, und man setzte sich zu Tisch. Aber es war ein Unterschied zwischen dieser Mahlzeit und den sonstigen, an die die Hausgenossen gewöhnt waren, man machte Konversation. Der Farmer fragte Anton, auf welchem Wege er hergekommen. Anton gab umständlich, aber nicht ohne ein gewisses Selbstgefühl zur Antwort, er habe zunächst den Zug benutzt, sei dann an der Station mit einem Droschkenkutscher ins Gespräch gekommen, der ihm geraten hätte, einen Platz auf einem Wagen zu nehmen, der nahe an Wrexby vorüberführe. Er hätte ihm ein Glas Bier gegeben, und dafür hätte der ihm mit dem Fuhrmann bekannt gemacht, und dieser hätte ihn für einen Schilling fünfzehn Meilen mit entlang genommen und eine Stunde von hier abgesetzt. Das wär' ganz nett gewesen. »Zu Haus geschlachtet, Bruder Toni,« sagte der Bauer mit einem gewissen Stolz, und bot dem Schwager das Pökelfleisch. »Zu Haus gebackenes Brot auch, Bruder William John,« sagte Anton, der ganz munter wurde. »Ja, und eigengebrautes Bier, wie man's denn eben hat.« Der Bauer trank und seufzte. Anton kostete das Bier und bemerkte: »Gutes Bier, und nicht teuer.« »Ist jedenfalls nicht verfälscht. Wenn man so liest, wie das Bier in eurem London ist, denn ist dies nicht schlecht. Man muß sich bloß immer sagen: 's ist rein'. Rein, das ist mein Motto. Rein, wenn auch klein!« »Ja, da bei uns bezahlt man sein gutes Geld für schieres Gift,« sagte Anton. »Was tu ich also? Trinke Wasser und danke vielmals, das ist das Klügste.« »Schont Magen und Börse.« Der Bauer legte ein klein wenig Nachdruck auf »Börse«. »Ja, ich rechne so, drei Groschen den Tag spar ich allein an Bier«, sagte Anton. »Und dreimal sieben macht einundzwanzig.« Das sagte Mr. Fleming und machte eine kleine bestürzte Bewegung mit seinem Ellbogen, als Anton den Gedanken aufnahm, »Und zweiundfünfzig mal einundzwanzig?« »Ja, ja, das macht, das macht – na, was macht das, Mas' Gammon,« fragte der Bauer, sich räuspernd. Master Gammon war eifrig und beharrlich dabei sich mit Klößen vollzustopfen. Er hielt einen Augenblick in seiner Anstrengung inne, um sein Hirn mit dieser unerwarteten Last zu beschweren, aber er schob sie gleich wieder beiseite. »Kann nich denken, wenn ich eß'. Konnte nie recht mit den dummen Zahlen. Weiß ich nich'.« »Ach was, Alter, du bist wie ein Pferd, das nie unter dem Sattel gegangen. Versuch's noch mal,« sagte der Bauer. »Wenn ich meine Karre man zieh', brauch' ich nich' über 'n Zaun zu springen,« gab Master Gammon zurück. Der Bauer fühlte, daß er in dem Gleichnis den Kürzeren zog, und mit einer Art Angst, wie sie ein Junge vor seinem Lehrer fühlt, hielt er sich Anton noch weiter vom Hals, indem er fortfuhr Master Gammon mit dem arithmetischen Problem zu hänseln, bis der alte Mann, zur Verzweiflung getrieben, heraus donnerte: »Wenn ich für euch arbeite, Bauer, so brauch' ich noch lange nich' für euch zu denken!« Daraufhin ließ man ihn in Ruh. »Na, Robert?« schob der Farmer die Frage weiter. »Man los! Was macht das?« Robert bat um einen Augenblick Bedenkzeit, während Anton ihn mit Habichtsaugen beobachtete. »Ich will Ihnen sagen, was das macht, fünf Pfund macht das!« sagte Robert. Das kitzelte Anton, der ihn mit dem Ausruf losließ. »Famos! Ja, das macht Goldstücke in der Tasche, Herr, das haben Sie fein ausgerechnet. Ja, woll'n wir mal sagen fünf Pfund? Na, und die fünf auf Zinsen gelegt und Zinseszinsen dazu, – bald sind da noch fünf; und wenn man's mit denen ebenso macht: in zehn Jahren – na? da kommen Sie zu Zahlen, na, ich sag' bloß, da schwimmen Sie rein in Zahlen!« »Na, also das tust du, glaub's schon!« sagte der Bauer mit einem schlauen Lächeln. Anton fing das Lächeln auf, schwieg und sah plötzlich ganz zugeknöpft aus, dann reichte er, um seine Verwirrung zu verbergen, seinen Teller Mrs. Sumfit hin, um sich noch etwas auffüllen zu lassen. Dies augenscheinliche Ausweichen und das stillschweigende Zugeben, das in dieser Bitte um »noch einen Kloß, Madamchen«, lag, erfüllte den Bauer mit heimlichem Entzücken. »Wenn Sie mir erst alles über meinen Liebling erzählt haben, Herr,« meinte Mrs. Sumfit schmeichelnd. »Nach Tisch, Mutter, nach Tisch,« sagte der Farmer. »Also müssen wir darauf warten, bis all die Klöße auf sind?« rief sie mit einem kläglichen Blick auf Master Gammons Teller. »Nach Tisch wollen wir uns sprechen, Mutter.« Diese Zurückhaltung machte Mrs. Sumfit Angst, daß irgend etwas mit Dahlia nicht in Ordnung sei, aber darum verlangte es sie nicht weniger davon zu hören, und immer wieder warf sie einen jämmerlichen Blick auf Master Gammons gemächliches Verfahren. Der Veteran stopfte und stopfte ruhig weiter. Immer aufs neue hatte er einen tüchtigen Mundvoll auf die Zinken seiner Gabel gespießt. Master Gammon war als ein bedächtiger Esser immer der Letzte bei Tisch, und es hatte offenbar einen steten, prickelnden Reiz für ihn, Mrs. Sumfits Ungeduld täglich gegen Ende der Mahlzeit damit aufzuziehen, noch ein kleines Extra zu den ungeheuerlichen Massen zu fordern, deren er Herr geworden. Er sah sie unbeweglich an, mit dem Blick eines wiederkäuenden Ochsen auf dem Felde und sagte, indem er ihr seinen Teller hinhielt, mit der Ruhe eines ausgezeichneten Gewissens: »Sie machen sie so gut, Madam.« Und so ärgerlich Mrs. Sumfit war, so war sie doch für das Kompliment und für die praktische, nachdrückliche Wertschätzung ihrer Leistungen niemals unempfänglich. »Ich will Sie gewiß nicht hetzen, Master Gammon,« sagte sie, »Gott weiß, ich freu' mich immer, wenn ich sehe, wie es Ihnen und allen schmeckt, aber wo ich alles von meiner Dahly hören soll, – ist es so, als hätt' ich Stecknadeln im ganzen Körper, ja, so is' es! Und da in London is' meine Süße,« fuhr sie fort, »und, rein' gar nix weiß man von ihr. Und da sitzt einer und kann einem alles erzählen. Nun, ich hab' aber auch nie gewußt, wie langsam das so mit die Klöße gehen könnte!« Der Kessel auf dem Herde summte leise. Alle anderen Messer und Gabeln waren still, alle Zungen desgleichen. Master Gammon aß, und der Kessel summte. Zweimal stieß Mrs. Sumfit ein verzweifeltes: »O Herrjeh!« hervor, aber es war nutzlos. Keine menschliche Macht hatte Master Gammon jemals zu irgendeiner heftigen Demonstration oder zu irgendeiner Beschleunigung der Gangart, die ihm nun mal paßte, getrieben. Endlich konnte sie sich nicht mehr halten und rief beinahe weinend: »Wann in aller Welt sind Sie denn mal fertig, Master Gammon?« Auf diese pointierte Anrede hin legte Master Gammon Messer und Gabel nieder. Er schlug seine schweren, schläfrigen Augenlider zur Hälfte auf und antwortete: »Wenn ich meine Knöpfe fühl', Madam.« Danach nahm er sein Werk mit unverminderter Gemütsruhe wieder auf. Mrs. Sumfit fiel wie gebrochen in ihren Stuhl zurück. Aber selbst Klöße, so hartnäckig sie sind, müssen sich endlich dem unwiderstehlichen Schritt der Zeit fügen und verschwinden. Master Gammons Teller war leer. In der Schüssel war noch ein halber Kloß nach. Der Bauer und Rhoda, denen ein Unterlassen wie ein Mangel an Gastlichkeit vorgekommen wäre, nötigten ihn, den letzten kümmerlichen Rest zu nehmen. Der rachsüchtige Alte, der so fest und feist war, wie Klöße und Knöpfe vereint ihn machen konnten, lehnte in bekümmertem Tone ab und ging fort ohne jemanden anzusehen. Mrs. Sumfit wandte sich an alle anderen und bat sie, doch nur zu sagen, was sie mehr hätte tun können, um Master Gammon gefällig zu sein. Gerade als Anton bereit war, von ihrer Dahlia zu sprechen, warf sie mit höchst bekümmerter Miene diese Frage auf. Der Bauer forderte Robert freundlich auf, eine Pfeife mit ihnen zu rauchen. Rhoda schob ihm einen Stuhl hin, aber er dankte beiden und sagte, er habe auf dem Felde zu tun und könne sich nicht aufhalten. Sie dachte, daß er sich fürchtete, Dahlias Namen zu hören, weil es ihm weh täte und blickte ihm mitleidig nach. »Macht der junge Mensch seine Sache ordentlich?« fragte Anton. Der Bauer lobte Robert als einen fixen Kerl, doch habe er Raupen im Kopf, habe so seine eigenen Ideen über die Landwirtschaft, und von denen sei er nicht abzubringen, »er ist immer höflich, aber ich weiß nicht, es ist immer so, als dächte er, er verstände alles doch noch mal so gut, als wir aus der alten Schule. Na, so sind ja wohl die jungen Leute heutzutage. Den alten Master Gammon hält er immer zum Narren, lacht ihn einfach aus, den alten Kerl. Na, und das schickt sich doch nicht. Gammon weiß ja nich' viel davon, von der neuen Mode mit dem Schaffüttern und all den verdammten Unsinn mit Melonenzucht und so 'n Krimskrams. Aber Robert is' doch man'n Anfänger. Und was er weiß, das hat er von mir, der dumme Bengel. Bloß frag' ich mich immer, wie kommt er zu all die neumod'schen Ideen, wenn sie doch gerade das Gegenteil von meinen sind? Wenn sie das Gegenteil von meinen sind, dann sind sie doch auch das Gegenteil von das, was ich ihm gelernt hab'. Na, und was is' da denn viel mit los? Und das kann er nich' einsehn. Aber bei der Arbeit is' er gut. Da läßt sich nichts von sagen!« Und der alte Anton gab Rhoda einen Klaps auf die Schulter. Kapitel III. Was es mit dem Dämon des Geldes auf sich hat »Eine Pfeife Tabak mitten am Tage ist die reinste Schlemmerei,« stieß Anton heraus, dessen Art und Weise den gebogenen Pfeifenstiel zu halten, einen der rücksichtslosen Vergnügungssucht hingegebenen Sinn offenbarte, und es klang wie eine für alle Zeiten festgenagelte Sentenz, wie ein in wunderlichen, hölzernen Lettern alter Zeit ausgeschnitzter Wahrheitsspruch, – »das heißt,« fuhr er fort, – »wenn man dabei nicht alle zwei Minuten nach der Uhr kucken muß, als säße einem der Teufel auf den Hacken. Aber wenn man hier so sitzt, weißt du, dann ist der Nachmittag gerad' so wie 'n langer Abend; es ist keiner da, der einem was zu sagen hat. Man kann Pantoffeln anziehen, kann die Beine auf 'n Stuhl legen, man kann reden und in der Stube 'rumgehen, einmal, zweimal, dreimal. – Weiß der Himmel, ich würde noch an das Biertrinken kommen, wenn ich meine Nachmittage in der Stadt so ganz für mich hätte, bloß weil 's mir Spaß machen würde, meine Rechnereien in einer Schenkstube zu machen, wenn's so 'ne rechte große Schenkstube war', solche mit so 'ner Art von Logen darin und mit dunkelroten Gardinen, mit einem Feuer und einem Geruch von Sägespänen, Bier und Tabak, und wo so 'n Jung' immer an einem vorbeiging und so 'ne Melodie pfiff, wie sie gerade Mode is'. Dann kommt einer 'rein. ›Na, was sitzt da denn für 'n fauler, alter Kerl‹ sagt er so vor sich hin (und meint mich), und ich möcht' ihn wohl fragen, wo sein Kopf wohl saß', wenn er so immerzu zweihundertundfünfzigtausend durch fünfundvierzig und ein halb teilen sollte.« Der Bauer nickte ihm aufmunternd zu. Es schien ihm nicht unwahrscheinlich, daß einiges Hin- und Heroperieren mit diesen Summen Anton in Besitz dieser Summen setzen werde, daß es die ganz genaue Ausrechnung seines Geheimschatzes sei, und er arbeitete sich damit ab, sich die Zahlen in seinem Gehirn einzuprägen, wodurch er ein bißchen geistesabwesend wurde. Währenddes mischte Mrs. Sumfit Rum und heißes Wasser und stieß ihn ans Knie und kniff die Lippen fest zusammen und schleuderte Anton von der Seite vorwurfsvolle Blicke zu, wegen seiner abschweifenden Beredsamkeit. Rhoda ertrug es nicht länger. »Nun laß mich von meiner Schwester hören, Onkel,« sagte sie. »Ich will dir was sagen,« antwortete Anton, »sie hat lange nicht so 'ne süße Amselstimme wie du.« Das Mädchen wurde dunkelrot. »Ja, so rot werden, das kann sie auch,« sagte Anton. Die Art, in der er von Dahlia sprach, deutete an, daß sie beide genug voneinander hätten; aber von dem speziellen Zwecke seines außergewöhnlichen Besuches hatte einstweilen nicht einmal der Bauer eine Andeutung bekommen. Mrs. Sumfit erlaubte sich die Bemerkung, ob ihm der Grog auch steif genug sei, aber er trank unter ihren Augen einen herzhaften Schluck und schnalzte hinterher aufs überzeugendste mit den Lippen. »Ja, ja, in London könnt' ich mir so 'n Stoff nich' leisten, weder an einem Alltag, noch an 'nem freien Abend,« meinte Anton. »Warum nicht?« fragte der Bauer. »Da käm' ich ins Spekulieren – immer tiefer – da hülfe nix: Mexikaner und Peruaner und Venezueler und Spanier – alle miteinander. Mit allen Farben Papieren hab' ich zu tun: mit Spaniern in Schwarz und Weiß, mit Peruanern in Orange, mit Mexikanern – so rot, wie die britische Armee. Ja, so bin ich nun 'mal. Wenn ich Rot leiden mag, dann nehm' ich Rot. Vernunft spricht da gar nicht mit. Nein, aber ich spekulier' gar nicht.« »Das is' auch das Sicherste, Bruder Toni,« sagte der Bauer. »Ja, und sicher, das is' mein Fall, war's immer und wird's immer sein! Denkst du,« – Anton goß den letzten Rest Grog hinunter bis zu dem Zucker unten drin, und bis der Teelöffel an seiner Nase festklebte – »denkst du, ich hätte sonst so 'ne Stellung, wie ich sie hab', und sie vertrauten mir all das an, was sie mir anvertrauen? Na, du weißt da auch nicht viel von. Meinst wohl, sie gäben mir Geld in die Hand – Tausende auf einmal, Gold und Banknoten und Wechsel – wenn ich so 'n windiger Kerl war? Sie wissen, daß ich 'n respektabler Mann bin, fünfundvierzig Jahr bin ich nun in Boynes Bankgeschäft, – danke vielmals, Madam, ja, hier macht mir der Grog nichts. Jawohl, noch 'n Glas, gewiß! ›Wenn das Herz von 'nen Mann,‹ – na, mit meinem Singen is' nich' viel los.« Mrs. Sumfit flüsterte geziert: »Ja, mit dem Herzen der Frau ist es ebenso, und ich hab' auch eins, und wenn ich nun nicht bald hör, was das mit meinem süßen Liebling is', dann sterb' ich da wohl noch an; wenn ich man bloß wüßte, wer ihr Haar schneidet, und wo sie ihre Kleider genäht kriegt, und was sie für 'n Pillen –« Der Bauer unterbrach sie gereizt. »Ein paarmal hunderttausend und mehr geteilt durch fünfundvierzig und 'n halb,« sagte er. »Warte doch, Mutter, eins nach dem andern! Fünfundvierzig und ein halb, Bruder Toni, das war die Summe, – vorhin sagtest du doch davon, – ein halb – was? Ist das ›halb‹ ein Bruch oder wie man das nennt? Ach, ich kann' das noch ganz gut, mit Brüchen und Logarimen und Kniffen und so weiter, und Algebra, – aber die kam mir immer so 'n bißchen spanisch vor, das war immer so – hui! und dann war das, als wenn ich auf so 'ner Leiter ständ', ganz hoch, und dann wurd' mir's rein schwindelig. Wie war das mit den fünfundvierzig und ein halb, Bruder Toni, wenn du vielleicht mal so gut sein möchtest und das ein bißchen erklären.« »Fünfundvierzig und ein halb?« murmelte Anton, und es wurde ihm ganz wunderlich. »Na, is' ja auch egal, wenn du da nich' gern von sprichst, Bruder Toni.« Der Bauer tippte ihn freundschaftlich mit dem Pfeifenstiel an. »Fünf und ein halb,« sagte Anton nachdenklich, »das 'n Bruch, Bruder William John, – ich weiß noch die Namen rief der Pastor bei eurer Trauung: ›Ich, William John, nehm' dich, Susanne,‹ – jawoll, das 'n Bruch, aber was soll das?« »Ich mein' nur, is' das fünfundvierzig und die Hälfte von fünfundvierzig oder die Hälfte von eins ? So wie 'n richtiger Bruch: 'ne Eins und dann 'n Strich und darunter 'ne Zwei.« »Ja, so 's ganz richtig,« stimmte Anton bei. »Wieviel Tausend soll ich denn dadurch teilen?« »Wieso? Teilen? Bruder William John? Ich weiß gar nicht, was du meinst.« »Na, nun mal 'raus mit 'n Schlüsseln, nun mal aufgemacht, nun 's Zeit!« lachte der Bauer, ganz stolz über seines Schwagers vollkommene Nüchternheit nach zwei Gläsern steifen Grogs. Er sah, daß Anton, bei aller Freundschaft, fest entschlossen war, keinem Menschen die Summe Geldes in seinem Besitz zu verraten. »Wenn's vier Uhr ist, denn's Zeit zuzuschließen«, sagte Anton, »und die Türen zuzuschlagen, daß es knallt; und dann können die Diebe meinetwegen von dem Geld träumen, soviel sie Lust haben. Was ist die Uhr, Madam?« »Noch nicht drei,« erwiderte Mrs. Sumfit, »aber nun seien Sie gut, und fangen Sie an von Dahly zu erzählen, und wo sie das großartige Kleid her hat und den Hut mit den blauen Blumen, der neben ihr auf'n Tisch liegt; bitte, nun man zu!« Rhoda hustete. »Und hellila Handschuh hat sie an, wie 'ne richtige Dame,« fuhr Mrs. Sumfit fort. Rhoda trat sie auf den Fuß. »Au, du!« die behagliche Alte fuhr vor Schmerz zusammen, während sie mit der Hand nach dem unglücklichen Fuß griff, um ihn zu streicheln. »Was hast du denn bloß, du Racker! Ich werd' wahrhaftig gar nicht mehr 'rumgehen können, und wer soll denn wohl kochen? denn du verstehst da ja gerad' so viel von, wie'n lütje Deern, die zum erstenmal die Nase in die Küche steckt.« »Komm, Dody, nimm dich doch in acht,« sagte der Bauer auf Mrs. Sumfits Lamentationen hin vorwurfsvoll. »Sie hält Onkel Anton auf, wenn er gerade so weit ist, Vater,« verteidigte sich Rhoda. »Möchtest es gern wissen?« Anton heftete seine kleinen Augen auf sie, »möchtest es gern wissen, Kind?« Er hielt inne, putzte umständlich an seiner Brille und fuhr fort: »Ich, Susanne, nehme dich, William John, – und sowas kommt nun davon. Hab' ich gesagt, als ich so schafsköpfig bei deiner Mutter und deinem Vater stand, mein Lieber, sag' ich zu mir selbst, du bist kein Mann zum Heiraten, und wenn die beiden, sag' ich, wenn die mal Kinder kriegen, – ihnen zum Segen, wie die Leute so sagen, aber ich kenne das Leben, und ich weiß, was die jungen Leute sind – na, wo war ich doch? Ja, so 'n Grog, der macht einen gesprächig, Bruder William John, aber wo laufen einem die Gedanken hin? Einfach weg, wie 's Kleingeld! Ja, was ich noch sagen wollte, da dachte ich, vielleicht könnte ich doch einmal dazu kommen, denen zu helfen, die sozusagen das Resultat von der Hochzeit waren, und daß ich denn doch nich bloß so 'n schwarzer Mann sein würde. Meine Pfeife ist aus.« Rhoda stand auf und stopfte die Pfeife frisch und brannte sie stillschweigend an. Sie erriet, daß man dem alten Mann seinen Willen lassen müßte, und so schwatzte er eine ganze Weile fort, entwarf ein Bild von der Hochzeit und von einem Einbruch in Boynes Bank, von der Firma Boyne, Birt, Hamble und Company. Endlich kam er auf Dahlia. »Was sie eigentlich will, das kann ich nich' 'rauskriegen,« sagte er, »und was die gute Dame da oder irgend jemand sonst meint, wie sie das fertig bringt, sich so anzuziehen, da weiß ich auch nichts von! Man kann ja mit ein klein wenig oft weit kommen, wenn man das 'n bißchen klug anzufangen weiß; aber, ich will mal sagen, ich sitz' da bei meinem Tee,« – Anton machte eine Handbewegung, als wollte er ein Bild vor seine Führer hinlegen. Ich bin keiner, der klagt, und ich sag' auch; wenn man jung is', denn soll man das sein, und kann ja ein bißchen spazieren gehen und in die Läden kucken, aber ich sitz' da bei meinem Tee, na ja, und das Teegeschirr ist ja auch da, und Tee gemacht, und vielleicht auch ein klein Stück Butterbrot dazu, – was man so nötig hat, da achtet sie ja wohl auf. Aber wenn man denn so mit allem fertig ist, dann will man doch auch 'n bißchen Gesellschaft haben, denn dann freut man sich doch, – also, ich sitz' denn bei meinem Tee: na, und dann geht das über mir in ihrem Schlafzimmer los: na, und das kenn' ich denn schon: dann kommt sie herunter: ich sitz' da bei meinem Tee, und dann kommt sie 'reingestürzt.« Nun folgte eine dramatische Schilderung von Dahlias Art und Weise, ihn zu provozieren, die mit der Ankündigung schloß, daß seine Pfeife ausgegangen wäre. Da drängte es sich dem Bauern, obschon sein Geist sich noch um die Tausende von Pfund und eine gewisse unbegreifliche mit denselben vorzunehmenden Division zwecks Produzierung einer deutlich faßbaren Totalsumme abmühte, die ihm Antons Reichtümer klar offenbaren sollte, auf, daß seine Älteste durch ihre gedankenlose Flüchtigkeit die wahren Interessen der Familie gefährde, und das bekümmerte ihn. Doch hatte ihm Anton, ehe er das Haus betrat, versichert, daß Dahlia wohl und daß alles mit ihr in Ordnung sei. So sah er Mrs. Sumfit an, die jetzt ihrerseits anfing für Dahlia zu plädieren: sie sei ja noch solch junges Ding und dabei so bildschön! und einmal seien wir schließlich alle jung, und was wir wohl für Barmherzigkeit vom Himmel hoffen könnten, wenn wir über die Jugend so hart zu Gericht sitzen wollten. Was ein richtig frommer Mann wäre, bei dem hieße es immer: noch einmal versuchen. Und am Ende wär' man auch 'n bißchen hart mit Dahlia umgegangen, und etwas empfindlich wär' sie ja. Schließlich appellierte sie an Rhoda, für die Schwester zu sprechen. Rhoda saß still und reserviert da. Ihr stand es ganz fest, daß ihre Schwester völlig recht habe in allem, was sie tue, aber das Bild des alten Mannes, der allabendlich von der Arbeit zurückkam, um seinen Tee ganz allein zu trinken, tat ihr weh. Es war ihr unmöglich, etwas zu sagen, und als sie schwieg, fühlte Mrs. Sumfit plötzlich wieder die heftigsten Schmerzen an ihrem vorhin getretenen Fuß und gab ihr allerhand böse Namen, was eben kein allzuseltener Fall war, denn die gute alte Frau konnte gelegentlich etwas Zänkisches an sich haben und gehörte zu denen, deren Herz gewissermaßen eine Wage ist, so daß es ihnen unmöglich ist, einen Menschen hingebend zu lieben, ohne sich zu einem andern in eine entsprechende Opposition hinein zu steigern. Rhoda lächelte nur dazu. Allmählich zogen sich die beiden Frauen zurück und ließen die Männer allein. Anton wandte sich zu seinem Schwager und schlug ihn aufs Knie. »In dem Mädchen da, hast du 'n Edelstein, Bruder William John!« »Na ja, is 'n ganz gute Deern. Hat nur nicht allzuviel von 'ner Hausfrau. Sie hat 's so mehr mit den Gedanken. Und ein eigen Kraut ist sie auch. Ich muß sagen, mit der andern, das ist mir nicht ganz recht, Bruder Toni. Wenn das nicht anders wird, muß sie aus London weg. Es ist nichts als Gedankenlosigkeit. Du mußt nichts Schlechtes denken von der armen Dahly. Sie ist nun mal immer die Hübsche gewesen, und wenn sie das wissen, dann sind sie auch danach: sie war immer der Verzug von ihrer Mutter.« »Ja, die arme Susanne! eine rechtschaffene Frau vor dem Herrn ist sie gewesen.« »Ja, ganz gewiß,« sagte der Bauer und nickte mit dem Kopf. »Und ein gutes Eheweib,« warf Anton hin. »Hat nie 'n besseres gegeben! Ich wollte, sie lebte noch und könnte selber nach den Kindern sehen.« »Ich bin über den Kirchhof gekommen, da nebenan,« sagte Anton, »und hab' gelesen, was da auf ihrem Grabstein steht. Und das gab mir 'n Stoß. Die Erste, die mir dann begegnete, war ihr Kind, die junge Deern da, Rhoda, und da hab' ich so bei mir gedacht, daß ihr vielleicht fragen könntet, ob ich nich' irgend was für euch tun wollte, – natürlich soweit ich das kann.« In des Bauern Auge blitzte es auf, doch mit der ihm eignen Reserve verbarg er es unter einem Stirnrunzeln. »Mehr als du kannst, wird sicher keiner von dir verlangen,« bemerkte er kühl. »Viel kann's nicht sein,« seufzte Anton. »Ja, wie man's nimmt; nahebei besehen ist schließlich die ganze Welt ein Nichts,« der Bauer stimmte in die gleiche Tonart ein. »Was ist Geld!« warf Anton hin. Sofort nahm der Bauer sein Bürgerrecht in dieser Welt wieder in Anspruch. »Ja, so 'ne Frage magst du wohl an uns arme Teufel stellen,« meinte er, und dabei lachte er sich ins Fäustchen im triumphierenden Gefühl, Anton jetzt wenigstens auf einem relativen Bekenntnis eines gewissen weltlichen Besitzes festgenagelt zu haben. »Was verstehst du unter Geld haben?« bemerkte letzterer, der offenbar in die Falle ging, »fünfzig Pfund?« »Fsss!« stieß der Bauer heraus, als nähme er einen tüchtigen Schluck von irgendeinem kräftigen Stoff zu sich. »Zehntausend?« Mr. Fleming simulierte einen zweiten Schluck mit einer beinah verächtlichen Miene, doch immerhin freundlich. »Na hör mal,« drängte Anton, »zehntausend, das ist doch schließlich nicht so ohne! Mit zehntausend bist du 'n feiner Kerl. Zu fünf Prozent. Ich sag' dir, ich kenn' manchen Vornehmen, der sich gratulieren würde, wenn er die hätte. Bei Gott, das tu ich! Aber du kennst eben nichts von der Welt, Bruder William John. Da sind welche, die haben auch nich' ein – die sind nich' so reich als du!« »Oder als du, Bruder Toni?« der Bauer wagte mit einem Griff das Rühr-mich-nich'-an zu packen. »Ach, ich!« Anton lachte vor sich hin. »Ich hab' das so 'raus, hier ein bißchen was zusammen zu schrappen und da 'n bißchen. Ich hol's auch 'mal aus 'm Rinnstein. Ich will dir was sagen, diese Juden sind gar nich' so dumm, so immer herumzuziehen, wenn da auch ein Fluch auf liegt. Die haben das 'raus mit 'n Multiplizieren. Die wissen, wie man das macht, daß aus Brüchen ganze Zahlen werden. Na, mit 'n vornehmen Herrn da kann ich nich' mit. Was mein Reichtum is', das is' meine geachtete Stellung. Das hab' ich dir von Anfang an gesagt, und das sag' ich dir jetzt auch. Aber ich will dir was sagen, Bruder William John, 'ne Aufregung is' das, wenn man so mit Beuteln voll Tausenden in 'n Arm geht.« Im ganzen war der Farmer ein verständiger Mann und hatte genau soviel simplen gesunden Menschenverstand, wie andere Leute, aber was die Reichtümer betraf, in deren Besitz er den Bruder seines Weibes wähnte, war er derart leichtgläubig, daß das Geringste ihn zu den kindischsten Übertreibungen von deren mutmaßlichem Umfang verführte. Nun Anton selbst den Brand schürte, verlor er gänzlich den Boden unter den Füßen. Zudem hatte er mehr von der kräftigen Mischung zu sich genommen, als er sonst je um diese Tageszeit zu tun pflegte, und da es ihm schien, als könnte er Anton wirklich dazu kriegen, eine spezialisierte Übersicht des Vermögens, dem er (wie Anton es, auszudrücken beliebte) seine geachtete Stellung dankte, zu geben, so arrangierte er in seinem Kopf ein kleines Spiel, indem er durch irgendwelche vage Mutmaßungen seine schlauen Berechnungen mit den von ihm eingeräumten Tatsachen in Einklang zu bringen versuchte. Er zähmte die wilden Sprünge seiner Phantasie nach Möglichkeit, zog in Betracht, was ihm seine Frau von Antons Art, als Knabe Ersparnisse zu machen, erzählt hatte, dachte an die nebelhaften Andeutungen von Fonds und von allerhand kühnen Handstrichen, die kluge Leute in Geldangelegenheiten machen konnten, an Antons knappe Art zu leben und an die Lebensbeschreibungen berühmter Geizhälse: und nachdem er dies alles gewissenhaft in Rechnung gezogen hatte, beschloß er eine sichere Schlußfolgerung aus dem allen zu ziehen, und daher zielte er zu niedrig. Wenn die Phantasie eines Menschen derart mit dem Gelde spielt, so hebt sie es damit außerhalb des Bereiches konkreter Bedeutung. Es ist ein mutwillig Ding, das sich bald dehnt, bald zusammenzieht, während es seine Tänze im Menschenhirn ausführt, etwa wie der Sonnenstrahl auf der Decke des Zimmers, den eine Teetasse zurückwirft, wenn dieses etwas forcierte Gleichnis dem Verständnis hierfür zu Hilfe zu kommen vermag. Der Bauer blieb an dreißigtausend und einigen hundert Pfund hängen – gewisse eventuelle ausständige Schulden ausgenommen – die etwa in Antons Testament verzeichnet stehen möchten, so von dreißigtausend oder, um keinenfalls zu hoch zu greifen, zwanzigtausend Pfund. Die er vermachen würde, – und an wen denn? An ihn und seine Kinder. Aber aller Wahrscheinlichkeit nach an seine Kinder, nach seinem eignen Tode. Oder etwa nicht? Auf alle Fälle könnten sie brillante Heiraten machen, und dann sollte der Hof an denjenigen der beiden jungen Ehemänner fallen, der ihm am besten gefiele. Bauer Fleming verlangte gar nicht nach einem Leben in Gemächlichkeit und Glanz, obschon dreißigtausend Pfund oder selbst zwanzigtausend ein hübsches Vermögen waren. Adelige Herren haben sich um weniger, denn das, zur Heirat einer Erbin herabgelassen! Der Gedanke, daß das wahrhaftig so wäre, durchfuhr ihn so jäh, daß sein Herz in warmer Zärtlichkeit für den guten, geduldig sich abplackenden alten Kerl da neben ihm aufwallte, der gelebt hatte und gestorben war, um seine Familie reich und angesehen zu machen. Gleichzeitig konnte er es nicht lassen, sich auszumalen, daß Anton, wie er da, obschon vom Alter ein wenig gebeugt, so breitschultrig vor ihm saß, mit seinen derben Beinen und seiner für einen Londoner gesunden Gesichtsfarbe, von jeder Lebensversicherung gegen eine für sein Alter mäßige Summe einwandlos aufgenommen werden würde. Der Bauer dachte an seine eigene Gesundheit, und es durchzuckte ihn schmerzlich, als er sich vorstellte, wie ihn der höfliche Arzt der Versicherungsgesellschaft (ein Herr, der den Bewerbern geradezu aus den verhüllten Flügeltüren des Hades entgegenzutreten scheint, ihre Brust beklopft, ein-, zwei-, dreimal und daraufhin seine verhängnisvollen Daten niederschreibt) untersuchte. Wahrscheinlich würde Anton keine höhere Prämie zu zahlen haben als er. »Bist du in einer Lebensversicherung, Bruder Toni?« unversehens entschlüpfte ihm die Frage. »Nein, Bruder William John,« gab Anton zurück, indem er wie ein aufgezogener Automat dazu nickte. »Das hat so seine zwei Seiten. Ich bin langlebig. Langlebige Menschen versichern ihr Leben nicht, d. h., wenn sie nicht verrückt sind. Davon haben nur die Versicherungs-Gesellschaften Vorteil.« »Aber man hört doch von Unglücksfällen,« warf der Bauer hin. »Ach, sowas passiert mir nicht,« entgegnete Anton. Der Bauer sprang auf und reckte sich gähnend. »Wollen wir mal durch 'n Garten geh'n, Bruder Toni?« »Herzlich gern, Bruder William John!« Der Bauer schämte sich doch ein wenig über die ärgerliche Regung, die über ihn gekommen war, und erst, nachdem Anton auf seine Erkundigung hin zugegeben hatte, daß er zwölf Jahre älter sei, als er selbst, beruhigte er sich darüber, daß seine Erwägungen doch ganz angebracht gewesen seien. Anton war ihm doch fast eine Generation voraus. Sie gingen miteinander durch den Garten, und von den Fenstern aus konnte man wahrnehmen, wie einer dem andern brüderlich auf die Schulter klopfte. Als sie zu den Frauen und zum Tee zurückkehrten, war des Farmers Gemüt etwas mehr abgekühlt, und alle seine Rechnereien hatten sich in Nebel aufgelöst. Während des Tees war er niedergeschlagen. »Was hast du, Vater,« fragte Rhoda. »Ich will's dir sagen, liebes Kind,« antwortete Anton an seiner Statt. »Er beneidet mich um eine, von der ich wollte, sie fragte mich das, während ich in London bei meinem Tee sitze.« Kapitel IV. Der Schrifttext Mr. Fleming wartete damit, seiner Tochter den Gutenachtkuß zu geben, bis das Zimmer nach dem Abräumen des Abendessens völlig leer war, und teilte ihr dann, indem er sie herzlich in seine Arme zog, mit, daß ihr Onkel sie eingeladen habe, auf seine Kosten mit nach London zu fahren, wobei er eine Andeutung fallen ließ, als hätte sich ihr hiermit ein goldener Pfad aufgetan, und sie gleichzeitig bat, sich nichts weiter dabei zu denken, vielmehr alle Erwartungen und Träume von irgendwelchen unmöglichen Summen fahren zu lassen und sich einfach Mühe zu geben, ihrem Onkel zu gefallen. Er habe auf sein Vermögen ein Recht und könne damit machen, was er wolle, und wenn er vierzig- und fünfzigmal mehr besäße, als er faktisch hätte, – und wieviel das sei, wußte niemand. Im Grunde war der Bauer, wie viele erfahrene Menschen in ihren Versuchen, anderen zu raten, sehr eindringlich darauf bedacht, sich selbst eine Lektion zu erteilen, und seine Warnung, irgendwelcher Versuchung zu unterliegen, lief vor allem darauf hinaus, die natürlichen Ursachen für eine solche anzudeuten. Es ist für die Alten wie für die Jungen ein Glück, daß die scharfe Urteilskraft der Jugend durch so mancherlei abgelenkt und gemildert wird. Rhoda dankte ihrem Vater und redete sich in den guten Glauben hinein, sie habe allerlei Schönes und Weises vernommen. »Deine Schwester,« sagte er – »aber wir wollen nicht von ihr sprechen. Wenn ich mich von dir trennen könnte, mein Kind, wär's mir lieber, sie wäre diejenige, welche zurückkäme.« »Dahlia würde unser einsames Leben jetzt töten,« sagte Rhoda. »Hm,« meinte der Vater sinnend, »wenn sie jeden Sonnabend Abend sechs Leute abzulehnen hätte, würde sie nicht über das stille Leben klagen. Aber das ist es eben – für Landwirtschaft und Haushalt hat keine von euch rechten Sinn, aber jeder vornehme Herr könnte stolz darauf sein, eine von euch zur Frau zu kriegen. Das hab' ich schon immer gesagt, als ihr klein wäret. Und wenn ihr euch gelangweilt habt, mein Kind, – was hat man denn groß von Geselligkeit? Ja, man meint vielleicht, Teekuchen oder 'n Glas Grog für den Nachbar kosteten nichts, aber man braucht nur 'mal mit der Art von Dingen anzufangen, und mit einmal weiß man nich' mehr, wo das Geld abbleibt. Und es is' nun 'mal so, wie ich das schon immer zu eurer armen Mutter gesagt hab', – kann sein, hab' ich gesagt, daß unsere Mädchens nich' so sind, wie Hollands und Nashaws und Perrets und andere hier im Dorf, – nein, sie sind auch nich' so. Aber warum? sag' ich. Weil die anderen nich' an sie 'rankönnen!« In dieser unklaren Art und Weise versuchte sich der Stolz des Bauern gegen den Vorwurf der Ungastlichkeit und den eines Zurückhaltens seiner Töchter von jedem Verkehr, wie er Mädchen ihres Standes und Alters zukomme, zu verteidigen, und es fiel Rhodas ernstlichen Bemühungen nicht schwer, ihm zu versichern, daß er damit recht gehandelt hätte. Bis spät in die Nacht war Rhoda, unter Mrs. Sumfits Beistand, damit beschäftigt, zwischen dem armseligen Putz, den sie besaß, dasjenige auszusuchen, was ihr für London am geeignetsten und für die Umarmung ihrer Schwester am würdigsten schien; denn um keinen Preis wollte sie das Feingefühl der feinen Dame, die Dahlia offenbar inzwischen geworden war, verletzen. »Du kannst dich darauf verlassen, Rhoda,« sagte Mrs. Sumfit, »mein' Dahly ist über ihn hinausgewachsen. Und das wurmt deinen Onkel, Kind. Das kann er nicht aushalten. Siehst du das nicht? So sind die Männer! Und dann wieder andere dagegen, die möchten, daß man wie 'ne Prinzessin angezogen ginge, und sie fänden's doch noch nich' schön genug. Ach, sie sind so verschieden! Aber das sagen sie nu' doch alle, ob sie das nu' mögen oder nich', daß sie 'ne Frau lieber mögen, wenn sie 'n bißchen nach der Mode angezogen is'. Was mir furchtbar leid tut, daß is' dein Hut. Was war das doch für 'n Hut, der da auf 'n Bild neben ihr lag, bei ihrem netten, runden Arm, – och, nu', wie sie den Finger da so an die Backe legte, daß da orndtlich 'ne Kuhle in kam, ganz, a's wenn sie so 'n bißchen traurig an uns dächte. Das is' g'rad' so, wie die feinen Damen ausseh'n, – so 'n bißchen traurig. Wenn wir doch man bloß 'n Hut für dich hätten!« »Meiner muß gehen,« sagte Rhoda. »Ja, und dann seht ihr aus wie 'ne Dame und 'n Dienstmädchen, die 'n bißchen zusammen spazieren geh'n. Und das muß sie doch fühlen! Das wird wirklich nett!« »Sie wird sich meiner nicht schämen,« stotterte Rhoda, und dann summte sie eine kleine Melodie vor sich hin und fügte tapfer hinzu, »da ist nun 'mal nichts dabei zu machen. Was soll ich versuchen auszusehen, was ich nicht bin.« »Nein, gewiß nicht,« gab Mrs. Sumfit zu. »Wenn du nur nich' so unmodern wärst. Du könnt'st g'rad' so gut so 'ne alte Person sein, wie ich, so wenig werden sich die Leute nach dir umkucken. So auf dem Lande, – das is ja als wenn du in 'n Kohlenkeller säßest, da is' das ja ganz egal. Aber in London, Kind, mit 'n Pflaster und 'n Trottoir und 'n Omnibusverkehr! Wenn du da nich' 'n bißchen modern bist, dann sei dir das da die kleinen, dummen Jungens auf der Straße nach, – och, die haben das so los mit der Mode! Das glaubst du gar nicht. Und das will ich nich', daß sie über mein' Dahlys Schwester lachen und ›Kohlenkasten‹ hinter ihr herschrei'n, wie sie das einmal bei mir getan haben, du machst das nu' glauben oder nicht, und daß sie sie man so beiseite schieben und sagen: ›Was is' das für eine!‹ Denn sie is' wirklich nüdlich. Das haben dein Onkel Anton und Mr. Robert auch gesagt.« Rhoda errötete und sagte nach einer Weile: »Ich möchte viel lieber, die Leute sprächen nicht über mein Aussehen!« Daß sie dem Auge wohlgefällig erscheine, hatte ihr wahrscheinlich ihr Spiegel selbst gesagt, aber ein junger Mann, der überhaupt etwas sieht, soll nicht wie ein Spiegel sein. Der eigene Instinkt raunt einem Mädchen zu, daß sein Bild schwerlich im Herzensgrunde eines Jünglings ruhe, der es genau und objektiv zu beschreiben vermag. Durch Rhodas ganzes Wesen ging in dieser Zeit als Grundton der Wunsch, sich an dem Lob ihrer eigenen Persönlichkeit zu erwärmen und daran zu erstarken. Bisweilen, wenn sie ihr Antlitz sah, durchschauerte es sie. Es war ein so eigenartiges Gesicht mit seinen dicken, dunklen Augenbrauen und den seltsam geradeaus blickenden, braunen Augen, der geraden, langen, roten Unterlippe und der gewölbten Oberlippe, dem Kinn und der Nase, die so gar nichts von Dahlia hatten, deren Nase nach einer geringen Krümmung an der Wurzel in einer sanften Linie verlief, und deren Kinn gleichsam wie eine Schale erschien. Rhodas Züge waren härter. Ihre Nase hatte eine kleine Neigung zum Himmelanstreben und ihr Kinn eine ebensolche zur Eckigkeit. Wenn sie ihr Gesicht einer eingehenden Prüfung unterzog, war sie direkt in Zweifel darüber, ob es wirklich dem Auge wohlgefällig sei, obschon sie wußte, daß ihr in der Unterhaltung, oder, wenn sie errötete, Lebhaftigkeit und Farben zur Hilfe kamen. Sie wußte auch, daß ihr Kopf anmutig auf dem Halse ruhte und daß sie gut und normal gewachsen sei, aber all' diese Weisheit war ihr nie durch jemand bestätigt worden, und daher leicht von einem Zweifel zu überschatten. Wie die rechte Schönheit einer Landschaft der vergoldenden Strahlen der Sonne bedarf, um völlig zum Vorschein zu kommen, so lechzte dieses Mädchen nach einem Trunk goldener Schmeichelworte. Ohne neidisch auf ihre Schwester zu sein, empfand sie doch, daß Dahlia sie aussteche, und sie konnte des sehnlichen Wunsches nicht Herr werden, nicht allzusehr von ihr verdunkelt und in den Hintergrund gedrängt zu werden. Aber das große, gewaltige London – für ihre Phantasie eine ganze neue Welt für sich – streckte die Arme nach ihr aus. In dem Halbschlafe jener Nacht meinte sie das Getöse der Metropole, das schrille Lärmen von einander widersprechenden Harmonien zu hören, und der Glanz der hellerleuchteten Stadt schien in dem dunklen Himmelsblau zu hängen wie ein neuer Planet, der ihr zuwinkte. Es war unausbleiblich, daß die Rede am Sonntag Morgen beim Frühstück auf ihre bevorstehende Reise kam. Robert sprach genau so mit ihr, wie er bei dem gleichen Anlaß mit Dahlia gesprochen hatte. Es fiel ihr auf, daß er in zwei oder drei Fällen die gleichen Straßennamen erwähnte und dieselbe Angst äußerte, was ihre Fahrt zum Bahnhof und das Erreichen des Zuges betraf. »Das ist etwas, das einem die Grenzen seiner Kraft so recht deutlich macht,« sagte er. »Da ist kein Aufhalten möglich. Ich glaube, ich könnte einen Vierspänner in vollem Galopp stoppen. Ich sage nur, ich glaube, ich könnte es; aber wenn sich's um Eisen und Dampfkraft handelt, dann fühl' ich mich wie 'n kleines Kind. Züge aufzuhalten, – das gibt's nicht.« »Aber zum Entgleisen bringen kann man sie,« sagte Anton, eine Bemerkung, die allgemeines Gelächter hervorrief und den Eindruck verstärkte, daß er ein Mann sei, der sich immer zu helfen wisse. Rhoda ärgerte sich über Roberts Pochen auf seine Kraft. Sie reiste, und sie freute sich auf ihre Reise, aber sie hätte doch gern ein Wort des Bedauerns darüber gehört, und sah ihn noch einen Augenblick an. Aber Robert hatte überhaupt kaum einen Blick für sie. Er warf mit Rüben, Hafer, Ochsen und Geflügelzucht, mit allem nur irgend Denkbaren an alltäglichen Sachen um sich, schilderte den Hof und seine Vorliebe für denselben und für die ganze Gegend, sagte, es ginge doch nichts über das Leben eines Landmannes und versprach Rhoda, in einer Woche würde sie von London völlig genug haben. Sie rümpfte heimlich die Nase über ihn, und dachte, »wie wenig ahnt er von der Beständigkeit eines Frauenherzens, wenn es«, fügte sie hinzu, »einmal eine wirkliche Neigung gefaßt hat.« Anton wurde in der Kirche gezeigt, trotzdem er den leisen Einwand wagte, daß es schön sein müsse, in dem Märzsonnenschein umherzugehen und sich an den Äckern und den Feldblumen zu freuen, die einem keine Arbeit und keine Kosten machten und doch immer hübsch wären und alle künstlichen Produkte zwanzigmal aufwögen. »Ganz, was ich Dahly immer sag',« nahm er Gelegenheit zu bemerken, »aber nein, das macht ihr nichts aus! Ich glaub', Frauen hören da einfach nichts von, wenn man ihnen so vernünftig zuspricht. ›Kuck mal,‹ sag ich, ›n Veilchen!‹ ›Nu sieh doch mal,‹ sagt sie, ›ne Rose!‹ Ja, was soll man dazu sagen? Sie schwört darauf, es geht nichts über 'ne Rose. Und ich schwör' darauf, 'n Veilchen kost't nix. Na, und denn is' der Krieg da, ich sprech' vom Kostenpunkt und sie vom Aussehen.« Robert stimmte auf einen auffordernden Blick Antons mit einem höflichen ›Ja, freilich‹, bei. Worauf Rhoda ausrief: »Dahlia hatte recht, Onkel, ganz recht hatte sie.« »Gewiß hatte sie recht, wenn sie'ne Millionärin wäre. Aber da sie eine Bauerntochter ist mit sehr geringen Aussichten, – ich möchte wohl sagen mit bescheidenen Aussichten, – aber bescheiden, das paßt nicht recht zu ihr. Aber als 'ne Bauerntochter könnte sie doch das Veilchen gewählt haben. Das 's klar wie der Tag. Ein Gutes hat sie ja, das geb' ich zu: sie sagt mir, sie macht ihre Hüte selbst, und die seh'n gerad' so schön aus, als wenn sie von 'ner Putzmacherin wären, und ich muß sagen, da bin ich stolz auf, daß ich das von meiner Nichte sagen kann. Und ich glaub' auch, um sich selbst feine Kleider kaufen zu können, hat sie sich hingesetzt und hat welche für feine Damen genäht. Denn da bin ich selbst über zu gekommen. ›Spar' doch das Geld, denn brauchst' nich' so zu arbeiten,‹ sag' ich. Was antwortet sie? – denn 'ne Antwort hat sie immer parat: ›Onkel, ich kenne den Wert des Geldes besser.‹ ›Du meinst, weil du 's so fein ausgeben kannst?‹ sag' ich zu ihr. ›Ich kauf mehr dafür, als das Geld wert ist,‹ sagt sie. Und ich will Ihnen was sagen, Herr Robert Armstrong, – ich höre, so heißen Sie, Herr: wenn Sie den Frauen im Reden über sind, dann sind Sie 'n fixer Kerl!« Robert lachte. »Ich strecke die Waffen in der ersten Viertelstunde.« »Machen sich nichts aus 'n Weibern? Woll'n Sie das damit sagen?« »Ich kann glücklicherweise sagen, ich denke überhaupt nicht an sie.« »Na, na, Mr. Robert Armstrong, denken Sie nicht mal an eine?« »Dann würd' ich noch lieber an zwei denken.« »Und warum das, wenn ich fragen darf?« »Das ist sicherer.« »Na, das seh' ich nu' eigentlich nicht ein,« sagte Anton. »Dann kann mir die eine die andere in Ordnung halten,« erklärte Robert den Fall. »Sie sind ja der reine türkische Großmogul in Ihren Anschauungen über die Frauen, Mr. Robert Armstrong. Ich hoffe doch, Sie haben gute moralische, Ansichten?« Sie waren auf dem Wege zur Kirche, aber Robert konnte trotzdem einen kräftigen Fluch nicht unterdrücken. Er bemerkte, er hoffe, daß seine Moral ebenfalls eine gute wäre. »Ja, ich mein' nur, Herr,« sagte Anton, »so zwei Weiber, sehen Sie –« »Nein, nein, ein Weib,« unterbrach ihn Robert. Sie fragten nur, wie ich ›über die Frauen dächte‹. ›Denken‹ könnt' ich doch schließlich über so viel Frauen, wie ich Lust hätte, wenn ich dazu Zeit hätte. Aber zu der Frau, die man zu seinem Weibe machen will, zu der geht man geradeswegs hin und ›denkt nicht erst viel darüber‹, weder über sie, noch über die ganze Geschichte.« »Sie meinen, die sichern Sie sich erst mal?« »Nein, ich versuche mein Glück bei ihr. Weiter mein' ich gar nichts.« »Wenn sie Sie nun aber nicht haben will?« »Dann wart' ich.« »Wenn sie nun aber jemand anders heiratet?« »Ja, seh'n Sie, aus 'ner Frau, die so dumm ist, mach' ich mir überhaupt nichts.« »Na, ich muß sagen –,« Anton verschluckte, was ihm auf der Zunge lag. »Aber wenn sie es nun doch täte, – ich mein' nur, es könnte ja doch sein, – wenn sie nun doch so dumm wär' und hinginge und sich verheiratete, und Sie mit offenem Mund und einem aufgehobenen Fuß so daständen und das Nachsehen hätten?« »Ja, denken kann ich das ja mal gern,« sagte Robert. »Also wenn sie so dumm wäre, ja, dann müßte ich ja auch schön dumm sein, daß ich mir so 'ne Dumme ausgesucht hätte. Also, meinetwegen, sie gibt mir 'n Korb, dann verschaffe ich mir 'ne Pistole oder 'n tüchtiges Ende Tau, oder ich mache so einen tüchtigen Kopfsprung, mit 'ner Kanonenkugel an den Füßen, oder ich geh' zum Apotheker und hol' mir so 'n Zeug, mit dem man Ratten vergiftet, – oder was denn sonst so 'n dummer Kerl in solchem Falle tut. Schließlich ist's da ziemlich egal, was.« Der alte Anton wartete auf Rhoda, um ihr über ein Hecktor zu helfen und sagte zu ihr: »Er lacht über eure ganze Sippe.« »Wer?« fragte sie, während ihr ein verräterisches Rot in die Wangen stieg. »Na, dein Mr. Robert Armstrong.« »Mein, Onkel?!« »Er macht sich nicht so viel aus einer einzigen.« Onkel Anton schnippte mit den Fingern. »Dann ist es jedenfalls das beste, es macht sich auch keine einzige was aus ihm, Onkel.« »Nein, gerade im Gegenteil! Das ist immer ein Zeichen dafür, daß ein junger Mensch für sein Geschäft gut paßt. Wenn er dich hätte Kartoffeln kochen, Klöße machen, Betten, Tee und all das besorgen sehen, dann hättest du vielleicht dein Glück gemacht. Dann wär' er vielleicht geradeswegs auf dich losmarschiert, ehe du nach London abführest.« »Und hätte gesagt: ›du bist das Weib!‹« Die Vorstellung kitzelte Rhoda zu sehr, sie mußte es sagen, obgleich sie sich ärgerte und innerlich mit sich selbst unzufrieden war. »Oder vielleicht, ›du bist die Köchin!‹« murmelte sie, und mit diesem Worte legte sie gewissermaßen eiserne Riegel vor ihr Herz und bezeichnete ihn innerlich mit Namen, die nichts, was er getan oder gesagt hatte, rechtfertigte – Namen wie tyrannisch, gewinnsüchtig, und ähnliches. In der Kirche hatte Robert allerhand Aufmerksamkeiten für sie. Einmal ertappte sie ihn dabei, daß er seine Augen auf ihrem Gesicht ruhen ließ, aber er verriet keinerlei Verlegenheit und sah einfach weg, zum Prediger hin. Als der Text verlesen wurde, schlug er ihr die Stelle in seiner Bibel auf und reichte ihr dieselbe mit einer gewissen Absichtlichkeit hin, den Finger auf einer Zeile aus dem Buche Josua: »Schlingen und Fallen wird man dir stellen.« Sie nahm die Sache wie eine Abschiedshöflichkeit hin, aber als sie aus der Kirche kam, sah Robert, daß ein Erröten über ihr Gesicht huschte und zerbrach sich den Kopf darüber, was für Gedanken wohl in ihr aufstiegen. Er ahnte offenbar nicht, daß Mädchen zuweilen erst spät die Bedeutung einer Handlung herausfinden, und daß sie glühende Qualen erleiden können, wenn ihnen diese Bedeutung plötzlich klar wird. Rhoda rief all ihren weiblichen Stolz zur Hilfe, um den Mann zu verachten, der es gewagt hatte, ihr zu mißtrauen. Den ganzen Tag ging sie mit einem Gesicht wie eine Mohnblume herum, so empfindlich war dieser Stolz. Aber je mehr sie darüber nachgrübelte, um so mehr ärgerten sie die Zweifel, die Robert offenbar in Dahlia setzte, wenn er seine Finger auf diese flammende Schriftstelle setzen konnte. Ihrer Phantasie erschloß sich damit ein ganzes Reich der Finsternis und warf zum erstenmal seine Schatten über die Welt ihrer Vorstellungen. Ihre Unwissenheit, daß alle diese Zweifel ihrem eigenen Innern entstammten, war nicht erheuchelt; sie hatten ganz still in niemals aufgestörten Tiefen ihrer Seele geschlummert, – ein ganz naturgemäßer Prozeß ihres Verstandes übertrug dieselben mit zwingender Gewalt auf den, der sie ihr durch einen Zufall zum erstenmal aufgedeckt hatte. Kapitel V. Die Begegnung der Schwestern Wenn sich junge Herzen irgendeinem entfernten Ziele entgegensehnen, so tritt alles andere, was um sie her vorgeht, kaum an sie heran. Die Fahrt zur Eisenbahnstation und der Abschied von Robert, die Reise nach London, das ihrer heimlich bangen Ahnung wie eine versunkene Stadt erschien, – eine verzauberte Stätte, über welcher Wasserfluten dahinrollten – alles dies ging glatt vonstatten, und mit einmal galt es, einen Droschkenkutscher zu rufen, für welchen Rhoda, da er ihr den Dienst erwies, ihren Koffer auf seine Schultern zu laden, eine gewisse dankbare Hochachtung empfand, bis sich zwischen ihm und dem Onkel ein Streit über einen halben Schilling entspann – eine armselige Summe, wie sie dachte, aber, wie Onkel Anton ihrem Verständnis während des heftigen Wortwechsels einprägte, eine Sache des Prinzips. Jeder indessen, dem es gelingt, sich einzureden, daß er für ein Prinzip fechte, wird ein tapfer ausharrender Kämpfer sein und den Gegner mit Sicherheit aus dem Felde schlagen, möge es sich auch um ein noch so armseliges Streitobjekt handeln. Der Droschkenkutscher wurde infolgedessen aus dem Felde geschlagen. Er schimpfte indessen in einer Weise hinter ihnen her, daß Rhoda jedes Mitleid deswegen für ihn verlor, und als ihr Onkel achselzuckend meinte, das sei so die Londoner Art zu sprechen, dachte sie niedergeschlagen, wie lange Dahlia diese Art nun schon hätte anhören müssen. Dahlia war nicht zu Hause, aber Mrs. Wicklow, Antons Hauswirtin, nahm es auf sich, es Rhoda gemütlich zu machen, welche Absicht sie zunächst damit zu erreichen suchte, daß sie behauptete, dunkle junge Damen viel hübscher zu finden, als blonde, wobei sie Rhodas Arm nachdrücklich berührte, damit sie auch ja merken sollte, daß sie damit ein Kompliment beabsichtige. »Das is' so in London Sitte,« sagte sie. Aber Rhoda war völlig fassungslos, als sie Mrs. Wicklow erzählen hörte, ihre Tochter und Dahlia wären zusammen aus, und wenn sie nicht schon von vornherein eine Verabredung mit irgendeinem netten und aufmerksamen Herrn gehabt hätten, so hätten sie jedenfalls unterwegs einen getroffen. Ihre Gedanken, die sich um die Schwester drehten, wurden immer wirrer und unbegreiflicher, und London schien sich um sie beide zusammenzuziehen wie ein gigantisches Netzwerk. »Ja, das 's' hier so Sitte mit den Mädchen,« sagte Anton, »darum die feinen Hüte.« Rhoda versank in ein banges, dumpfes Brüten. Die wilde Art ihres jungfräulichen Stolzes empfand schon einen stechenden Schmerz bei dem Gedanken, ein fremder Herr könnte es auch nur wagen, ihre Schwester anzureden. Es schwebte ihr auf der Zunge zu sagen, daß sie allerdings von einem falschen Jerusalem geträumt hätte und daß sie nun die gerechte Strafe dafür empfange. Nach geraumer Zeit kehrte die Tochter der Hauswirtin allein zurück und sagte mit einem häßlichen Lachen, Dahlia hätte sie nach Hause geschickt, um ihre Bibel zu holen, aber irgendwelche Erklärung der seltsamen Mission, mit welcher sie betraut war, war nicht aus ihr herauszubringen, auch zeigte sie nicht die geringste Neigung, den Auftrag auszuführen, sondern wiederholte nur immer, mit einem gemeinen Zurschautragen simulierter Verächtlichkeit, das Rhoda von ihr abstieß, obschon sie am liebsten eine Flut von Fragen in das Ohr derjenigen, die zuletzt mit ihrer geliebten Schwester zusammengewesen war, ausgegossen hätte: »Ihre Bibel!« Nach einer Weile sah Mrs. Wicklow nach der Uhr, und ihr Gesicht bewölkte sich mit düsterem Ernst. »Elf! und dann schickt sie Marianne nach Hause, um ihre Bibel zu holen. Das ist bedenklich. Das dünkt mich geradezu heuchlerisch, so 'n Gedanke mit der Bibel. Ja, wenn sie noch zu Marianne gesagt hätte, hol' mir irgendein anderes Buch, aber gerad' die Bibel!« »Es ist Mutters Bibel,« warf Rhoda dazwischen. Mrs. Wicklow erwiderte: »Ich wollte, alle jungen Mädchen wären so unschuldig wie Sie, mein liebes Fräulein. Geh'n Sie man zu Bett. Sie sind 'n liebes, gutes, süßes, junges Ding. Auf 'n Charakter versteh' ich mich.« Ihren Scharfsinn rühmend, begleitete sie Rhoda auf Dahlias Zimmer und hieß sie schleunigst einschlafen, denn sonst würden sie doch reden, bis der Hahn sich heiser gekräht hätte, wenn Dahlia nach Hause käme. »Ist hier ein Hühnerhof in der Nähe,« fragte Rhoda, und das Gefühl von Verlassenheit verschärfte sich ihr, als sie eine verneinende Antwort empfing. Es war eine ruhige, klare Nacht. Sie lehnte sich zum Fenster hinaus, und das sonntäglich gedämpfte, abendliche Gesurre der Großstadt schlug an ihr Ohr, wie eine zurückebbende Brandung. Und Dahlia war draußen auf hoher See. Rhoda dachte daran, als sie die Laternenreihe entlang sah und auf den fernher brausenden Lärm horchte, bis der Anblick der Sterne sie grüßte, wie freundliche Freundesaugen. »Die Leute hier sind gut,« dachte sie, denn ihre flüchtige Erfahrung mit der Hauswirtin war eine gute, und ein junger Mann, der am Bahnhof eine Droschke für sie herbeigerufen, hatte eine freundliche Stimme. Er war blond. »Ich bin dunkel,« durchschoss es plötzlich ihren Sinn. Sie entkleidete sich und hörte im Halbschlaf mit klopfendem Herzen, wie die Haustür geöffnet wurde, und fast stockte ihr der Puls in dem Gedanken, daß ihre Schwester nun komme; sie setzte sich aufrecht, damit ihr Ohr jedes Geräusch an Tür und Treppe auffange, das ihre Freude zu ihr bringe, aber gleich darauf zwang sie sich zur Ruhe und tat, als ob sie schliefe, um sich in vollem Entzücken an der grenzenlosen Überraschung ihrer Schwester zu weiden. Die Tür flog weit auf, und Rhoda hörte Dahlias Stimme ihren Namen rufen; ein wundervolles Schweigen folgte, und sie fühlte, wie Dahlia auf den Zehen näher schlich und wartete darauf, daß sich ihr Kopf so dicht zu ihr herabbeugen werde, daß sie ihre Arme um sie schlingen und den geliebten Kopf an ihr Herz ziehen könne. Aber Dahlia kam nur bis an das Bett heran, ohne sich über dasselbe zu beugen und sprach flüsternd von ihrem Aussehen, so daß Rhoda sich ganz ruhig hielt. »Wie fest sie schläft! Ja, das ist ländlicher Schlaf!« murmelte Dahlia. »Sie hat sich verändert, aber nur zu ihrem Vorteil. Sie ist nun ganz ausgewachsen; eine vollkommene Brünette ist sie, und die Nase, über die ich immer gelacht habe, paßt zu ihrem Gesicht; und diese dicken, schwarzen Augenbrauen, die sie hat; mein Liebling! O warum ist sie hier? Was soll das? Ich hab' nichts davon gewußt, daß sie käme. Sollte sie absichtlich hierher geschickt sein?« Rhoda rührte sich nicht. Der Ton von Dahlias Reden, so leise und fast feierlich, wie er ihr vorkam, legte sich auf sie, wie eine schwere Hand und hielt sie ganz stille. »Ich wollte meine Bibel holen,« hörte sie Dahlia sagen. »Ich hatte es Mutter doch versprochen, – o meine arme, süße Mutter! Und Dody, die hier in meinem Bett liegt! Wer hätte an so etwas gedacht? Vielleicht hat der Himmel doch ein Auge auf uns und mischt sich darein. Was soll nur aus mir werden?! O, du liebes, unschuldiges Ding, wie gut du da schläfst! Ich liege stundenlang und kann nicht schlafen. Sie schlingt ihr Haar noch immer in so einen Knoten für die Nacht, wie sie es zu Hause auf dem Hof damals tat.« Rhoda wußte, daß sich ihre Schwester jetzt über sie beuge, aber sie war wie gelähmt und konnte sich nicht bewegen. Dahlia ging zum Spiegel. »Wie erhitzt ich aussehe,« murmelte sie. »Nein, nun bin ich ganz blaß, ganz weiß. Ich habe alle meine Kräfte verloren. Was soll ich nur anfangen? Wie könnte ich auch Mutters Bibel nehmen und von meiner Süßen weglaufen, die auf mich wartet und davon träumt, daß ich morgen früh neben ihr liege, wenn sie aufwacht! Ich kann nicht, ich kann es nicht! Wenn du mich liebst, Edward, kannst du es nicht wünschen!« Sie ließ sich in einen Stuhl fallen und brach in ein wildes Weinen aus, während sie dennoch bemüht blieb, ihr Schluchzen zu ersticken. Rhodas Augen wurden feucht, aber Staunen und die kalte Angst wahnsinniger Teilnahme hielten sie noch immer wie mit Eisesbanden. Plötzlich hörte sie das Fenster öffnen. Drunten auf der Straße sprach jemand, Dahlias Name wurde von jemand gerufen. Ein tiefer Glockenton verkündete die Mitternacht. »Geh!« rief Dahlia. Das Vibrieren von Dahlias Stimme durchfuhr Rhoda, wie das schwere Nachzittern der Glocke, nachdem sie angeschlagen, und es war ihr, als summe und surre es noch immer weiter durch die Stube. Es dünkte sie kaum länger als eine Minute, bis ihre Schwester leise ins Bett schlüpfte, und sie einander fest umschlungen hielten. Kapitel VI. Edward und Algernon Boynes Bank gehörte zu jenen alten und festgegründeten Geschäften, deren Wurzeln gewissermaßen eins sind mit denen, aus welchen der Wohlstand des Landes herauswächst, – ehrenfest, wie Englands Name selbst, zuverlässig, wie sein Wohlstand, ihren Aktionären ein üppig grünender Baum: ein granitenes Haus. Boyne selbst hatte seit mehr als einem Jahrhundert das Zeitliche gesegnet: Kurt und Hamble wandelten noch unter den Lebenden, aber bedeutsamer als Kurt oder Hamble war Blancove, der bekannte Baron William Blancove, dessen Name bei städtischen Festlichkeiten und Wohltätigkeitsbestrebungen immer obenan stand, der – abgesehen davon, daß er ein sehr wohlhabender Kaufmann war, mit einem geradezu vorzüglichen Kopf für Bankgeschäfte – den Ruf eines hochgebildeten, seiner Reichtümer durchaus würdigen Mannes genoß. Sein Bruder war der Gutsherr Blancove von Wrexby; zwischen diesen beiden nahen Verwandten bestand indessen keine nähere Beziehung als die, welche sich in einem Zurschautragen offenkundiger Verachtung eines gänzlich in Geschäften lebenden Menschen einerseits und einer schweigenden Verachtung eines dem Müßiggang gewidmeten Lebens andererseits äußerten. Nichts destoweniger schickte der Gutsbesitzer seinem jüngeren Bruder, obschon es allgemein bekannt war, wie sehr er auf denselben um seines im Dienst der Stadt erworbenen Titels und seiner kommerziellen Tätigkeit willen herabsah, seinen Sohn Algernon, um demselben, wenn möglich, etwas gesunde Disziplin beizubringen. Dies geschah, nachdem der Stehauf Algernon, auf einen Wink seines Regimentskommandeurs hin, die militärische Laufbahn und seine Charge als Fahnenjunker aufgegeben hatte. Baron William nahm den hoffnungsvollen Jüngling ziemlich mit den gleichen Gefühlen auf, mit denen er Erzählungen zuhörte, durch welche dieser seine eigenen Lebensregeln zu kommentieren beliebte, das heißt, er sah darin einen Tribut, den man seiner intellektuellen Überlegenheit zollte. Herr Algernon wurde in dem Bankgeschäft eingestellt und begann damit eine nicht abzusehende Laufbahn voller Seufzer hinter dem Pult mit größerer Willfährigkeit, als man es von ihm erwartet hatte. Sir William übersandte seinem Bruder vorzügliche Berichte über die Führung des Erben seiner Güter. Das war seine Art, dem Gutsherrn eine kleine Zurechtweisung zu erteilen; und in Erwiderung derselben, behandelte der Gutsherr seinen Federfuchser von Sohn, obschon ihm dieses Zeugnis ein gewisser Trost war, mit einer Art von Geringschätzung, deren Ungerechtigkeit er indessen noch einsehen lernen sollte. Jünglinge, deren Geschmacksrichtung es entspricht, sich Extravaganzen hinzugeben, pflegen jeden Hauch von Veränderung als eine neue Form von Anregung zu begrüßen; jeder Wechsel ist ihnen eine Art Wollust. So wird sie die Sphäre einfachen Landlebens in den Formen strenger Schicklichkeit, mit Kirchengehen und dergleichen insofern entzücken, als sie ihnen gestattet, in ihrer eignen Unschuld zu schwelgen. Es gibt überhaupt kaum etwas, was sie nicht begeistern sollte, vorausgesetzt, daß man sie niemals bindet und ihnen gestattet, alles zu versuchen. Sir William ließ sich von seinem Neffen blenden. Er würde ihn in seinem Stadthause aufgenommen haben, aber sein eigner Sohn Edward, der die Rechte studierte, hatte eine möbelierte Wohnung im Temple, und so hatte Algernon, auf Edwards Aufforderung hin, diese Wohnung mit ihm zu teilen, eine bescheidene Vorliebe nach dieser Richtung hin geäußert. Der Zuschuß seines Vaters war, wie seine gereiftere Einsicht es für gut befand, derartig festgelegt, daß er ihm keinerlei Exzesse erlaubte, so sah Sir William keinen Grund, etwas gegen diesen Plan einzuwenden und ließ es geschehen. Zweimal im Monat etwa waren die beiden bei ihm zu Tisch. Edward Blancove war dreiundzwanzig Jahre alt, studierte, je nachdem es ihm beliebte, und war ein junger Mann, der seine Launen hatte. Gelegentlich stand ihm eine Lustigkeit zu Gebote, die Algernons Frohsinn weit überflügelte, aber er war nicht ein so leichtherziger Sünder, eine so sorglos auf der Oberfläche treibende Seele. Er befand sich in dem seinen Jahren entsprechenden Gärungsprozeß, in welchem Tat und Reflexion abwechselnd die Herrschaft über die Seele behaupten, wo Gewissensskrupel auf Zeiten der Ausschweifung folgen, und eine etwas laxe Moral wiederum die Gewissensbisse einzulullen liebt. Freunde der beiden jungen Leute wollten wissen, daß Algernon seines Vetters böser Genius sei oder doch werden könnte. In Wahrheit war Edward der gefährlichere Kamerad. Er war aus edlerem Stoff geformt. Algernon war nichts weiter, als eine leichtherzige, jedem äußeren Anreiz leicht zugängliche Natur, seine Seele geriet sehr leicht in Wallung. Edward war als Persönlichkeit weit bedeutender und stand unter dem Druck einer verhängnisvollen Ernsthaftigkeit. Er konnte sich angesichts einer Welt der Opposition einreden, was er tue, sei korrekt, bis er selbst der Sache müde wurde; alsdann stand er ebenso mit Leib und Seele auf seiten der Welt, im Gegensatz zu seinem einstigen Ich. Es war denkbar, daß Algernon eine Zeitlang die Leidenschaften seines Vetters irreführen und ablenken konnte, gingen indessen ihre Wege eine kurze Strecke zusammen, so lag für Algernon die Gefahr nahe, zu einem Spielball ohne jedes Verantwortungsgefühl herabzusinken – zu einer Art Werkzeug, einem Sklaven, der sich unbewußt verführen ließ, im Ernst Sachen zu tun, die für Wesen seiner Art nichts anderes zu bedeuten hatten, als völliges Verderben. Aber der Schlüssel zu dem Charakter eines jungen Mannes ist der Ehrgeiz oder – an dessen Stelle – die romantischen Gefühle, die er hegt. Edwards Absicht war es, Kronanwalt in seinem Vaterlande zu werden, – wohlgemerkt, nicht etwa Richter; denn jugendlichen Gemütern identifiziert sich der Begriff des Richters mit etwas, das stetig auf einem Punkte beharrt, als etwas sehr Ehrenwürdiges, aber nicht Tatenreiches, wohingegen ein Kronanwalt immer da ist, wo's am tollsten hergeht, dabei zumeist auf der gewinnenden Seite, – eine Tatsache, die der weisen Jugend seine Stellung sehr anziehend macht. Algernons Ansichten waren andere. Die Zivilisation hatte die Hände nach ihm ausgestreckt, – da hatte er versagt. Folglich verdammte er sie. Zudem fühlte er sich, Tag für Tag an sein Pult gefesselt, wie er war, als Sklave der Zivilisation. Was Wunder, daß er von Prairien, von Urwäldern und australischen Wildnissen träumte. Im tiefsten Herzensgrund war er davon durchdrungen, daß er dort drüben ein ganz neuer Mensch werden würde, so daß er einem Leben jenseits aller Kultur allzeit entgegensah, wie einem Bade, das ihn so völlig reinwaschen werde, daß es nicht allzuviel darauf ankomme, inzwischen etwas unsauber zu werden. Die beiden jungen Leute hatten eine hübsche angeheiratete Cousine, eine Mrs. Margaret Lovell, eine Witwe. Mit siebzehn Jahren war diese mit ihrem Gatten nach Indien gegangen, wo Harry Lovell mit einem gewissen Sikh Lidar die Klingen kreuzen mußte und damit zum letztenmal seine viel gepriesene Fechtkunst auf die Probe stellte, die ihm in Verbindung mit einer großen Geschicklichkeit im Pistolenschießen bei zwei früheren Duells bessere Dienste zur Verteidigung der Ehre seines lieblichen und schrecklich jungen Weibes geleistet hatte. Er fiel in dem Zweikampfe, voll kritischer Bewunderung für den Streich, dem er den Tod verdankte. Eine Woche nach Harrys Beerdigung machte sein Oberst seiner Witwe einen Heiratsantrag. Mehrere Hauptleute und ebenso ein wahnsinnig verliebter Subalternoffizier versuchten Ansprüche auf sie geltend zu machen. Sie selbst indessen beschloß, weiteres Blutvergießen zu verhindern, indem sie das Regiment verließ. Sie sagte immer, sie hätte Indien verlassen, um ihren Teint zu schonen, »und die Leute wissen gar nicht, wie aufrichtig ich bin«, pflegte sie hinzuzufügen, denn der vorerwähnte Oberst war vermögend, ein Mann, der Ansprüche auf einen vornehmen Namen besaß, eine ausgezeichnete Partie, und man lachte sie aus, wenn sie so geringfügige Gründe für eine so schwerwiegende Entscheidung angab. Es ist ein Luxus, aufrichtig zu sein, und völlige Aufrichtigkeit vermag mehr für uns zu tun, als eine rätselhafte Maskierung. Übrigens war Mrs. Lovells Teint ein derartiger, daß er einer Flucht vor den Verheerungen eines indischen Klimas, wie der Verfolgung von Seiten der Bewerber um ihre Hand wert war. Sie war golden und weiß, wie eine Birke im Herbstschmuck, – ihr gelbblondes Haar, mit seinen warmen Lichttönen, umschattete eine märchenhaft weiße Haut. Überdies war sie groß, rassig, in jeder Bewegung geschmeidig und stolz, eine hervorragende Reiterin und eine höchst distinguierte Erscheinung in dem eleganten Sessel eines Salons, – ein Ruhm, der – wie ich hervorheben möchte – nicht leicht zu erwerben ist. Es erzeugt ein verwirrendes, ein aus Befangenheit und Begeisterung eigentümlich gemischtes Empfinden, nachdem man stundenlang mit einer lieblichen Kameradin ausgeritten ist, die halbwegs den Mantel der Würde von den Schultern geworfen hat, dieselbe urplötzlich in umwölkter Majestät zu erblicken, wie auf rosenfarbenen Wolken hingegossen, in einem mystischen Zauberkreise der Zurückhaltung, – eine Königin, – ob sie auch vor zwei Stunden noch zu eines Witzen gelacht und sie übertrumpft hat. Zwischen Margaret Lovell und Edward herrschte ein Mißverständnis, dessen Wesen niemand recht auf den Grund kam, denn vor der Welt sprachen sie mit vollendeter Hochachtung voneinander. Das Gerücht wollte wissen, daß sie sich einstmals sehr nah gestanden hätten, aber Liebende, die sich erzürnt haben, pflegen zu knurren, zu beißen, sich gegenseitig zu zerreißen, ihre Augen verhüllt kein Schleier, ihren Mund schützt kein Maulkorb. Margaret indessen sagte von Edward: »Er wird es sicher noch zu etwas bringen, er hat so tüchtige Grundsätze.« Edward sagte von Margaret: »Wessen sie bedarf, ist einzig ein Gatte, der sie zu nehmen weiß.« Diese Sätze enthielten kaum eigentliche Komplimente, wenn man die Menschen kannte, doch ist es nicht der Ton, in dem gekränkte Liebende, die miteinander gebrochen haben, voneinander zu sprechen pflegen. Möglich ist es, daß Margaret und Edward einen so scharfen Stachel widereinander zückten, wie es giftgeschwollene, zu erbitterten Gegnern gewordene Liebende nur je getan haben mögen. Einst hatte der Klatsch ihre Namen zusammengefügt, jetzt wußte er nicht recht, was er aus ihnen machen sollte. Die Dame besaß ein kleines Wittum und lebte teils bei ihrem Onkel, Lord Elling, teils bei dem Gatten ihrer Tante, Squire Blancove, teils für sich allein, – und zwar letzteres, wenn sie ihr Geld einmal überzählte und es ihr paßte, ihre unabhängige Stellung gelegentlich zu betonen. Sie hatte in der Welt einen Namen. Von Helena von Troja herab bis auf unsere Tage hat es Frauen gegeben, deren stetes Geschick es zu sein scheint, Blutvergießen zu verursachen. Anlaß zu einem Duell geboten zu haben, verleiht einer Frau einen gewissen Nimbus, zwei machen sie zu einer berühmten Persönlichkeit. Kann man sie für dieselben verantwortlich machen, wenn sie sehr jung ist? Naturgemäß legen wir sie ihrer Schönheit zur Last. Und Mrs. Lovell war zufällig schön. In dem Nimbus jener beiden Duells erstrahlte ihre Schönheit, wie von zwei Pechfackeln beleuchtet. Knaben beteten Mrs. Lovell an. Das sind Motten. Aber, was mehr bedeutet, die Vögel der Luft, ja, ernsthafte Eulen (die in diesem Bilde für bärtige Erfahrung gelten mögen) drängten sich um sie, geradeswegs sich auf die in so unheimlichem Glanze erstrahlende Erscheinung stürzend. War es ihre Schuld, daß sie einen Namen in der Welt hatte? Mrs. Margaret Lovells Bild hing in Edwards Zimmer. Es war eine aufs zarteste kolorierte Photographie und hing zur Linken einer dunklen Judith, dunkel in düsterer Entschlossenheit. Dieser zur Rechten hing eine andere kolorierte Photographie von einer ebenfalls blonden jungen Dame, und es war Geschmacksache, welcher man den Vorzug geben mochte. Gefallen Ihnen schmale Lilienwangen besser, oder frische Rosenwangen? Ziehen Sie feines, golden herabwallendes Haar vor oder eine verschwenderische Fülle kastanienbrauner Locken? Mögen Sie Ihre Blondine lieber mit klaren Blauaugen, oder ist Ihnen ein sonniges Nußbraun ansprechender? Endlich, – bezaubert Sie eine Art kunstreicher Naivetät, die sich schlangengleich um die Fibern Ihres Herzens windet, oder dünkt Sie errötende Einfalt lieblicher? Mrs. Lovells Augenbrauen zeigten die schwach markierte Form eines vollkommenen Bogens. Diejenigen des anderen jungen Geschöpfes waren dicht und geradliniger, von dunkelbrauner Farbe. Sie sah aus, als sei es ihr noch nicht bewußt geworden, daß sie eine ausgesprochene Schönheit sei, während die hübsche Witwe augenscheinlich darauf ausging, einen zu fesseln, wie eine verschämte, lächelnde Koketterie verriet. Ihre reine, weiße Haut schmiegte sich glatt an die Backenknochen, die Lippen wölbten sich in einer leichten Kurve und waren – sofern hier die Kunst nicht nachgeholfen hatte, von entzückender Frische. In diesem Punkte schlug sie unbedingt ihre Rivalin, deren Mund den plebejischen Schönheitsfehler zu großer Gradlinigkeit hatte und sich augenscheinlich auf die Tricks lieblichen Schmollens nicht verstand. Es war Morgen, und die Vettern bereiteten sich, nachdem sie sich durch köstliches, kaltes Wasser gründlich erfrischt hatten, auf ihre allmorgendliche Leibesübung vor. Sie kamen gleichzeitig ins Wohnzimmer, beide in leichten Hausschuhen und Flanellanzügen, und begrüßten einander durch ein flüchtiges Kopfnicken. Dann ging Algernon zu einem Schrank, dem er ein Paar lederne Handschuhe entnahm. Das Zimmer war geräumig und bot, wenn sie den Frühstückstisch ein wenig zur Seite rückten, Platz genug für ihr Vorhaben. Wenn man die beiden jungen Männer einander gegenüber sah, war es leicht zu erkennen, auf wessen Seite die größeren Chancen waren. Algernons rundliches Antlitz, seine vollen Lippen, sein zurückweichendes Kinn hielten den Vergleich mit den scharfen, klugen Augen Edwards, seinem zusammengepreßten Mund, seiner harten Ruhe nicht aus. Beide waren von kräftiger Muskulatur, aber Edward besaß zugleich eine scharf konzentrierte Gehirnkraft, die seine ganze Erscheinung zu durchdringen und zu beleben schien, und ohne welche ein Mensch tatsächlich einem führerlosen Schiffe gleicht. Beide sahen äußerst vorteilhaft aus, wie es Männer beim Boxen immer tun. »Also nun,« sagte Algernon, indem er sich seinem Vetter gegenüber in Boxerpositur stellte, »nun ist es für den ungesunden alten Kerl unter uns wieder an der Zeit, mit seinem Stöhnen anzufangen.« »Tritt möglichst leicht auf,« erwiderte Edward, während er ihm mit einer Bewegung seiner Boxerhandschuhe berührte. »Ich werde so leichte Schritte machen wie ein französischer Tanzmeister. Laß uns doch mal nach Paris reisen und den Savate lernen, Ned. Es muß ein ganz eigenartiges Gefühl sein, auf einem Bein zu stehen und mit dem andern seinen Gegner den Hut vom Kopfe zu schlagen.« »Mal los, mit deinen Fäusten!« »Teufel auch! Ich wollte, deine Fäuste gingen nicht so auf mich los!« »Du red'st zuviel.« »Ach was, ich verlier' nicht halb so leicht die Puste wie du.« »Ich brauche Landluft.« »Du sagtest, du wolltest aus, alter Ned?« »Ich hab's mir anders überlegt.« Auf diese Äußerung hin biß Edward die Zähne fest aufeinander und redete während zwei oder drei heißer Minuten einzig und allein durch seine Fäuste. Die Stube erbebte unter Algernons Sprüngen nach rechts und links, bis ihn ein Schlag gegen den Frühstückstisch schleuderte, so daß eine Tasse zu Boden fiel und sein enganschließendes Flanellhemd mit düsterem Kaffeebraun besprengte. »Zum Teufel auch, ich weiß wahrhaftig nicht, was ich gesagt hab', um das hervorzurufen,« bemerkte Algernon, während er wieder auf die Füße kam. »Ist dir irgendwas unangenehm, was mit dem Lande zusammenhängt? Komm, noch einen regelrechten Boxgang, nicht so 'n verfluchtes Draufloshauen, als wenn du es in irgendwelcher Gesellschaft von Raufbolden extra auf mich abgesehen hättest. Bist du gestern zur Kirche gewesen? Verflucht, nun geht die Geschichte noch mal los!« Und Algernon fuhr fort, eine Flut unverständlicher Worte hervorzusprudeln, während ein Hagel von Schlägen auf ihn niederprasselte. Nun riß ihm die Geduld, und er begann blindlings drauf loszuschlagen. Da es ihm aber schnell klar wurde, daß sich ein Verlieren seiner Selbstbeherrschung an ihm selbst rächte, gewann er sie wohlweislich zurück, boxte, tanzte herum und erschütterte das Zimmer derart, daß Edward schließlich mit Rücksicht auf den beunruhigten Mieter im unteren Stock die Arme sinken ließ. Algernon nahm den Waffenstillstand an und schuf ihn zum Friedensschluß um, indem er einen seiner Handschuhe abstreifte. »So! da hat man sich mal wieder ordentlich Luft gemacht,« sagte er und trat mit ein paar nachlässigen Bewegungen ans Fenster, um auf den Fluß hinunterzuschauen. »Ich entbehr' es doch jedesmal, wenn ich's nicht getan hab'. Lieber 'ne ordentliche Tracht Prügel, als den Tag anfangen, ohne die Boxerhandschuh' anzuziehen. Sieh mal die Schiffe! Stell dir das nur vor, daß ich jetzt in die Stadt muß. Es ist wahrhaftig, als ob einem das Blut verkehrt herum durch die Adern flösse. Wahrhaftig, mein Vater wird noch mal dafür zu brennen haben, daß er mich so verflucht knapp gehalten hat!« Das stieß er mit prophetischer Wucht hervor. »Ich kann nicht mal genug zusammenkratzen, um mich in irgendeinen Klub einzukaufen. Es ist zum Aus-der-Haut-fahren! Ich möchte wirklich wissen, ob ich mich jemals an dies Arbeiten auf der Bank werde gewöhnen können? Da ist solch 'n alter Kommis bei uns, der sagt, er würde krank werden, wenn er nur einen einzigen Tag aussetzen müßte. Und dann ist da ein alter Kassenbote, der ist noch toller. Ich glaube, der stürbe einfach, wenn er das Geschäft nicht auf die Minute geöffnet sähe. Es heißt, der alte Kerl hätte eine hübsche Nichte, aber sie kommt nie mehr aufs Kontor. Dem Verdienste seine Krone! Herr Anton Hackbutt soll jetzt zehn Pfund jährlich Zulage haben. Für seine Ehrlichkeit. Ich möchte wohl wissen, ob ich mir auch solch ein Renommee erwerben könnte, das mir zehn Pfund Zulage zu meinem Gehalt eintrüge. Hurra! ich bekomm' ein Gehalt! Aber wenn sie mich auf meine hundertundfünfzig das Jahr festnageln, dann sollen sie sich in acht nehmen, mir jeden Tag die schweren Geldbeutel anzuvertrauen, wie dem alten Kerl. Ein paar von den Leuten da sagen, er würde einem fünfzig Pfund leihen für 'n Ei und 'n Butterbrot. – Du, kommen die Hammelrippchen, Ned?« »Die Hammelrippchen kommen,« sagte Edward, der einen leichten Rock übergeworfen und sich in ein Buch vergraben hatte. Er wiederholte die Worte gleichsam mechanisch. »Da haben wir die kleine Peggy Lovell.« Algernon stand gerade vor dem Bild. »Es gibt sie nicht wieder. Sie hat viel mehr Leben, mehr Bewegung, mehr Feuer. Ich höre, sie will nach London kommen?« »Sie will nach London kommen,« sagte Edward. »Woher weißt du das?« Algernon drehte sich bei der Frage plötzlich herum. Edward sah zu ihm auf: »Das schließe ich aus der Tatsache, daß du diese Woche nicht nach einem freien Tag geangelt hast. Wie war sie denn gestern, Algy? Hoffentlich ging's ihr gut?« Das geistreiche Gesicht des jungen Mannes wurde dunkelrot. »O, es geht ihr ganz gut,« sagte er. »Sieh mal an, brünette Frauen können doch auch etwas recht Anziehendes haben.« »Du meinst die Judith? Gewiß, die ist als Ablenkung ganz gut.« Edwards Antwort hatte etwas Zweischneidiges. »Mit welchem Zuge bist du gestern abend zurückgekommen?« »Mit dem letzten, der von Wrexby abging. Dabei fällt mir ein: gerade beim Aussteigen sah ich eine junge Judith. Sie brauchte 'ne Droschke. Ich rief ihr eine heran. Sie hängt mit dem alten Hackbutt auf der Bank zusammen, dem alten Kassenboten, weißt du. Wenn diese brünetten Frauen nicht immer so etwas an sich hätten, daß ich denken müßte, sie kriegten mal 'n Schnurrbart, so hätt' ich mich in das Gesicht wohl ein bißchen verlieben können.« Edward stieß eine Verwünschung gegen die Frauen hervor. »Was haben sie dir nur getan, was ist denn mit ihnen?« sagte Algernon. »Mein guter Junge, sie sind nichts als äußerer Schein. Ihnen fehlt jedes Gewissen. Wenn sie dir in einem Augenblicke etwas schwören, brechen sie es im nächsten. Sie können eben nicht anders. Du verlangst ja doch von einer vergoldeten Wetterfahne auch nicht, daß sie irgend etwas anderem die Treue bewahrt, als dem Winde, nicht wahr? Wer einer schönen Frau traut, ist ein Schafskopf, überhaupt jeder, der irgendwas mit dem verfluchten Gelichter zu tun haben will. Cleopatra war schön, Delilah war auch schön, des Teufels Frau ist es sicher auch. Gib mir mal den Notizkalender her!« »Donnerwetter!« schrie Algernon, »mein Magen sagt, daß, wenn nun nicht bald Provision angefahren wird, – Warum hältst du dir keinen französischen Koch, Edward? Laß uns mit den Frauenzimmern aufräumen und einen französischen Koch nehmen.« Edward gähnte krampfhaft. »Alles zu seiner Zeit. Wird schon noch mal kommen. Da ist Philosophie drin, – mit deinem französischen Koch. Ich wollt', ich hätt' so was oder so wen. Ich bin nur bange, man greift seinen Lebensverhältnissen nicht ungestraft vor. So gut hat man's nicht.« »Wahrhaftiger Gott, man muß vorm Frühstück Philosophie treiben,« rief Algernon aus. »Neun Uhr! Um zehn muß ich an meinen Pfahl gebunden sein, Ketten angelegt, Maulkorb vor, – armer kleiner Köter! Ich wollte wahrhaftig, ich hätte den bunten Rock nicht auszuziehen brauchen, Ned. Es war die reine Verschwörung da gegen mich. Der Teufel hol' all diese Krämerseelen! Sitz' ich da auf einem Kontorbock und rechne Zahlen zusammen. Man schuftet sich in solchem Kontor mehr ab, als wär' man ein Neger! So ist mein Leben nun; aber man muß ja sein Futter haben. Es hat gar keinen Zweck, so wütend aufs Kontor zu gehen.« »Wie wär's noch mal mit den Handschuhen?« warf Edward milde hin. Algernon dankte und entgegnete, er kenne ihn. Auf leeren Magen pflegten Edwards Püffe recht kräftig zu sein. Nun fingierten beide Geduld, soweit Stillschweigen ein Element von so erhabener Qualität zum Ausdruck bringen kann. Als die Hammelrippchen kamen, warfen sie die Maske ab. Algernon schleuderte seinen Fechthandschuh gerade über des Kellners Kopf, und Edward redete dem Mann ins Gewissen; daraufhin setzten sie sich an den Frühstückstisch und aßen, ohne viel zu reden. Der Unterschied zwischen den beiden war der, daß Edward Algernons Gemütszustand ganz genau durchschaute, ganz klar wußte, was in ihm vorging, während Edward dem andern ein Buch mit sieben Siegeln war. »Gehst du nach dem Frühstück aus, Ned?« fragte Algernon. »Wir könnten zusammen zur Stadt gehen, wenn du magst.« Edward heftete einen seiner durchdringenden Blicke auf seinen Vetter: »Du gehst heute nicht zur Stadt?« »Hol's der Teufel, nein!« »Du willst Mrs. Lovell, die du Peggy zu nennen beliebst, wenn du dich einige Meilen außer ihrer Hörweite befindest, die Cour machen!« Algernon bemühte sich vergebens, keine Miene zu verziehen. Er wandte sich rasch einem der Bilder zu und fragte: »Wer ist doch das Mädel da? Wie heißt sie doch? Da wir gerade von Mrs. Lovell sprechen, hat sie das Bild da mal gesehen?« »Wenn du deinen Rock jetzt anziehen möchtest, lieber Algy, dann können wir ja meinetwegen gerne von Mrs. Lovell sprechen.« Edwards durchdringende Augen ließen Algernon nicht los. »Hör' mal, du: du könntest übrigens recht eklig dabei 'reinfallen.« »Wenn ich denn zuhören muß, Ned, will ich in Hemdsärmeln zuhören, unbeschadet aller Hochachtung vor der gnädigen Frau.« »Meinetwegen. Hemdsärmel haben immer noch etwas doppelt Herausforderndes. Also gut, du weißt, daß ich einmal, wie man so sagt, zu Mrs. Lovells Füßen gelegen habe. Hübsch ist sie. Bitte, du brauchst nicht gleich loszulegen. Sie ist 'ne schneidige Frau und hat so viel von 'nem Teufel im Leib, wie nur irgendeine, die mir je vorgekommen ist. Weißt du, wodurch wir auseinander gekommen sind? Ich will's dir sagen. Einfach, weil ich nicht glauben wollte, daß einer von ihren Anbetern sie beleidigt hätte. Du verstehst die Bedeutung davon. Ich lehnte es ab, eine Hauptrolle in einem Skandal zu spielen.« »Lehntest es ab, den Kerl zu fordern?« warf Algernon dazwischen. »Um so schmählicher für dich!« »Ich glaube, du bist ein Jahr jünger als ich, Algy. Das gibt dir das Vorrecht, mit etwas größerer Naivität zu urteilen. Mrs. Lovell wird mit dir das gleiche Spiel treiben, wie mit mir. Ich erkenne ihre Macht an und gehe ihr aus dem Wege. Ich bin keiner, der Wetten macht; ich hab' keine Passion für Walzer; Pferde kann ich mir nicht halten; so verliere ich nicht allzuviel durch diesen Verzicht, den ich mir auferlege.« »Ich wette gern, ich tanze Walzer, ich reite,« sagte Algernon. »Somit würde ich unermeßlich viel verlieren.« »Verlieren wirst du, darauf geb' ich dir mein Wort.« »Die Vorlesung von seiten meines mir um ein Jahr überlegenen Seniors beendet?« fragte Algernon. »Ich bin zu Ende,« antwortete Edward. »Dann werd' ich mir einen Rock anziehen und eine Zigarre anzünden. Wenn irgend etwas dir die Versicherung geben kann, daß ich Mrs. Lovell nicht nahe zu kommen gedenke, so wird es das ja wohl tun.« »Das gibt mir nur die Versicherung, daß Mrs. Lovell dir zugute hält, was sie im allgemeinen verabscheut,« erwiderte Edward, ohne eine Handbreit von seiner Überzeugung zu weichen, »und gibt mir infolgedessen die weitere Versicherung, daß sie dich augenblicklich für ihre Absichten besonders brauchbar finden muß.« Algernon hielt ein brennendes Streichholz in der Hand. Er warf es ins Feuer. »Ich will verdammt sein, wenn du nicht die verfluchte Eitelkeit besitzt, anzunehmen, daß sie mich zum Spion gegen dich benutzt.« Über Edwards Lippen huschte ein Lächeln: »Wenn sie es täte, so bezweifle ich, daß du es wissen würdest.« »O, du bist zehn Jahre älter, zwanzig,« stieß Algernon aufs höchste entrüstet hervor. »Als ob ich nicht wüßte, was du für 'n Spiel triebst! Als wenn das nicht klar wie der Tag wär', daß du ein Auge auf ein anderes Frauenzimmer hast!« »Es ist klar wie der Tag, mein guter Algy, daß du ein Bild in meinem Zimmer hängen siehst, und daß du gehört hast, welche Ansicht Mrs. Lovell dieser Tatsache gegenüber geäußert hat. Soviel ist vollkommen klar. Hier hast du meine Hand. Ich bin keineswegs böse auf dich. Sie ist 'ne kluge Frau und, wie viele ihrer Art, sehr gerissen darin, immer das Schlimmste zu erraten. Komm, gib mir die Hand. Ich sag' dir ja, ich verdenk's dir gar nicht. Ich bin selbst wie 'n Schoßhündchen hinter ihr hergelaufen, hab' ihr dies geholt und das getragen und mit dem Schwanz gewedelt. Es ist ganz schön, so lang's dauert. Na, willst du nun?« »Deinen Schwanz , Mensch?« brüllte Algernon in fingiertem Mißverstehen. Edward erleichterte ihm die Rückkehr zu einem freundlichen Ton durch Lachen: »Nein, meine Hand!« Sie schüttelten einander die Hände. »Na ja,« sagte Algernon, »du meinst es ja gut. Es ist ja ganz recht, wenn du solch 'nem armen Teufel Vernunft predigst, du bist los und ledig, oder du bist regelrecht verliebt.« »Tugend! Himmel noch mal!« rief Edward, »ich wollt', ich hätte das Recht, irgendeinem Menschen auf Erden Tugend zu predigen!« Ein glühendes Rot stieg ihm auf. »Na also, auf Wiedersehen, mein Alter,« fügte er hinzu. »Geh' in die Stadt. Wir wollen heut' abend zusammen zu Mittag essen, wenn du Lust hast; komm und iß mit mir im Klub. Ich hab' nichts vor heut'.« Algernon murmelte irgend etwas, was eine Annahme zu Edwards Klubeinladung bedeuten konnte oder nicht, kleidete sich mit besonderer Sorgfalt an, borgte sich ein Goldstück, für das er durch ein Kopfnicken quittierte und verließ ihn. Edward stellte sein Gehirn auf ein juristisches Buch ein. Etwa zwei Stunden mochten vergangen sein, nachdem er sich derart in sein zisterzienser Stillschweigen eingehüllt hatte, als ihm durch einen der Hotelbediensteten ein Brief gebracht wurde. Edward las die Aufschrift und fragte den Kellner, wer ihn gebracht habe. »Zwei junge Damen,« sagte der Kellner. Dies war der Inhalt: »Ich bin nicht sicher, ob Du mir je verzeihen wirst. Ich kann mir selbst nicht verzeihen, wenn ich an das eine Wort denke, was ich Dir in die kalte Straße hinabrufen mußte, ohne irgendwelche Erklärung und ohne Dir dabei zu sagen, wie lieb ich Dich habe. O, wie ich Dich lieb habe! Ich weine, während ich schreibe. Ich kann nicht anders. Ich bin die Nacht hindurch ganz aufgelöst gewesen in Tränen! O, wenn Du mein Gesicht gesehen hättest heute morgen! Aber ich freue mich, daß Du es nicht gesehen hast. Mutters Bibel hat mich nach Hause gebracht. Es muß eine Fügung gewesen sein, denn in meinem Bett lag meine Schwester, und ich konnte sie nicht verlassen, ich habe sie so lieb . Ich konnte nicht mehr hinunterkommen, nachdem ich sie da gesehen hatte, ich konnte nur das eine kalte Wort sagen und das Fenster zuschlagen. Darf ich Dich noch Edward nennen? O, lieber Edward, habe Nachsicht! Schreib mir freundlich! Sag, daß Du mir vergibst! Ich gehe wie ein Geist herum heute. Es kommt mir vor, als wäre mein Leben irgendwo anders, ganz weit von mir weg, und ich fühle kaum, wenn ich irgendwas anrühre. Ich versichere Dich, Liebster, ich hatte keine Ahnung, daß meine Schwester hier sei. Ich war ganz überrascht, als meine Wirtin ihren Namen sagte, und dann sah ich ins Bett, und plötzlich hatte ich gar keine Kraft mehr, und damit war all mein Denken plötzlich ganz anders. Ich hab' früher nie gewußt, daß Frauen so schwach wären, aber nun weiß ich's, und ich weiß auch, daß ich Dir auf Gnade und Ungnade gehöre; mein Edward, und daß ich töricht bin. O, so unglücklich und so töricht. Ich werde nichts essen, bis ich von Dir höre . O, wenn Du mir böse bist, schreibe es mir, aber nur schreibe! Wenn Du Dir mein qualvolles Warten vorstellen kannst, mußt Du Mitleid haben. Ich weiß, daß ich Deinen Zorn verdient habe. Es war nicht, weil ich kein Vertrauen zu Dir gehabt hätte, Edward. Meine Mutter im Himmel sieht in mein Herz, Edward, und daß ich Dir vertraue. Ich vertraue Dir mein Herz, und alles, was ich bin und habe, an. Ich möchte wohl heute im Park auf Dich warten, um Dich zu sehen, aber ich sehe so scheußlich aus von all dem Weinen, ganz gestreift. Wenn ich mein Gesicht mit einem Schrupper bearbeitet hätte, könnte ich nicht schlimmer aussehen, so wage ich mich Dir wirklich nicht zu zeigen. Ich könnt's Dir gar nicht verdenken, wenn Du mich dann hassen würdest. Aber Du tust es doch nicht? Ob er sie haßt? Sie liebt Dich. Sie würde für Dich sterben, lieber Edward. O, ich fühle es, daß es Seligkeit wäre, wenn man mir heute sagte, ich sollte für Dich sterben. Ich sterbe, ja, ich sterbe wirklich, bis ich von Dir höre. Ich bin Deine Dich zärtlich liebende, todtraurige Dahlia.« Ein Postskriptum war auch da: »Darf ich noch weiter zu den Stunden gehen?« Edward las den Brief mit ruhig kritischem Blick zu Ende. Er war bei zwei oder drei Ausdrücken, die er enthielt, ein ganz klein wenig zusammengezuckt, sie waren vielleicht zu Herzen gehend, aber sie waren nicht solcher Art, wie Mrs. Lovell, die dort von der Wand zu ihm herablächelte, sie gebraucht haben würde. »Das arme Kind droht mir damit, kein Mittagessen anzurühren, wenn ich ihr nicht schreibe,« sagte er und antwortete in einem gütigen, großmütigen Ton, indem er schloß: »Geh auf alle Fälle zu den Stunden.« Nachdem er dies vollendet hatte, stand er auf, und kam durch einen Zufall dazu, die beiden Rivalinnen-Porträts zu vergleichen, – ein melancholisch und komisch Ding, wie jedermann zugeben wird, der einmal so zwei gemalte Köpfe nebeneinander gelegt hat, um ihre Vorzüge gegeneinander abzuwägen und über deren Für und Wider nachgesonnen hat, sowie darüber, welchen Vorzügen der gewinnende Teil seinen Sieg verdankt, denen des Künstlers oder denen der eignen Persönlichkeit. Dahlias Bild war eine bewundernswerte künstlerische Leistung: der Charm ihrer reinen Einfalt ohne einen Stich ins Bäurische war in ihrem Gesicht wie in ihrer ganzen Haltung ausgeprägt. Wie das Bild dort an der Wand hing, war Dahlia Mrs. Lovell durchaus ebenbürtig. Kapitel VII. Bedeutungsvolle Nachrichten von Dahlia Um ein Geheimnis reicher, das sie tief in ihrem Innersten verschloß, kehrte Rhoda nach Hause zurück. Jene ganze erste Nacht in London hatten Dahlias zärtliche Liebkosungen, ihr Schluchzen, ihre Selbstvorwürfe sich durch ihre Träume hindurchgezogen, und als der Morgen anbrach, überraschte es sie kaum, zu erfahren, daß Dahlia jemand liebte. Das Geständnis wurde abgelegt, aber der Name verschwiegen. Dahlia sprach mit einer so ehrfurchtsvollen Scheu von ihm, daß sie gleichsam ganz in ihn versenkt schien, eine demütige Magd, die ihm die Füße küßte. Unter strömenden Tränen und qualvollen Seufzern sprach sie von der süßen Wonne zu lieben, jemand zu wissen, dem man seinen Willen und sein Geschick völlig zu eigen gäbe, bis Rhoda, die sah, welch einen wunderbaren Blütenflor die Liebe über das tränenvolle, erschöpfte Antlitz ihrer Schwester warf, selbst eine Art mystischer Verehrung für diesen Mann empfand und vollkommen bereit war, ihn weit über alle anderen Männer zu stellen, ja, ihn für übermenschlich zu halten. Denn sie war in einem Alter und von einer Gemütsanlage, da man über die Schwäche des Allzumenschlichen hinweg geistige Vorzüge, als solche, stark empfindet. Sie dachte, daß jemand, der ihre Schwester so hatte verwandeln können, der sie mit Ehrfurcht berührte, sie so anmutig, so bescheiden mache, durchaus dem Bilde entsprechen müsse, das Dahlia von ihm entwarf. Sie fragte scheu nach seinem Rufnamen, aber selbst den enthielt ihr Dahlia vor. Es war sein Wunsch, daß Dahlia völliges Schweigen über ihn bewahren solle. »Hast du's ihm geschworen?« fragte Rhoda erstaunt. »Nein, Liebling,« erwiderte Dahlia, »er hat nur erwähnt, er wünsche es nicht.« Rhoda schämte sich vor sich selbst, daß sie dies seltsam fand, und sie begab sich ihres eigenen Urteils, um es von der umformen zu lassen, die ihn so gut kannte. Was ihren Onkel betraf, so gab Dahlia zu, daß sie ihn wohl etwas vernachlässigt, ihn etwas unfreundlich behandelt hätte und versprach, es wieder gut zu machen. Von der Farm sprach sie als von einer alten Ruine, deren Mauern von einem schwachen Schatten der Erinnerung umsponnen seien, und schien sich fast zu wundern, daß sie immer noch stehe. »Es soll Vater nicht sein Lebenlang an Geld fehlen,« sagte sie. Es war ihr sehr angelegen, Rhoda Bücher zum Lesen zu empfehlen, gute Autoren, wie sie besonders betonte, sie nannte verschiedene Geschichtswerke und einige Dichter, von denen sie Verse zitierte. »Denn eines schönen Tages wird mein Liebling einen lieben Mann haben, und ich will nicht, daß der auf ihn herabsieht.« Rhoda schüttelte den Kopf und war überzeugt, solche Worte voller Musik würde sie niemals imstande sein, unbefangen herauszubringen. »Doch, Liebste, wenn du erst einmal weißt, was Liebe ist,« sagte Dahlia ganz leise. Würde Robert sie das lehren können? Mit einer Art Neugier beobachtete Rhoda nach ihrer Rückkehr den armen hausbackenen jungen Menschen, um diese Möglichkeit dann sofort wieder zurückzuweisen. Überdies ging ihr jedes eigne Liebesempfinden ab. Ihre leidenschaftliche Hingebung gehörte ihrer Schwester, deren Londoner Briefe mit ihren langen Gefühlstiraden ihren Tagen und Nächten jegliche Einförmigkeit abstreifte. Diese Briefe schlugen mancherlei Saiten an. Ein Leser, der sie mit weniger Hingebung in sich aufgenommen haben würde, hätte sie vielleicht als Variationen über die Sprache der Verblendung kurzerhand abgetan, in Rhoda aber fand jedes Wort, jeder Stimmungswechsel seinen Widerhall, mochte es nun lauten: »Ich bin unwürdig, verloren, elend« oder »kein Engel kann so selig sein, wie ich.« Wenn ein Brief berichtete: »Wir haben uns gestern getroffen,« so klopfte Rhodas Herz weiter bis zu der Frage: »Ob ich ihn morgen wohl wiedersehe?« Wird sie ihn sehen? Hat sie ihn gesehen, – das war es, was ihre Gedanken völlig in Anspruch nahm. Sie nahm an dem Schicksal ihrer Schwester so demütigen Anteil, ohne je zu wagen, irgendwelche Hoffnungen daran zu knüpfen, irgendeine Lösung zu erträumen, daß sie, als ihr eines Sommermorgens am Frühstückstisch ein Brief mit der Aufschrift »dringend und eigenhändig« überreicht wurde, ihn öffnete und alles vor den Augen tanzen sah, als sie die erste Zeile las, – die Überraschung überwältigte sie geradezu. Sie stand von ihrem noch nicht beendeten Mahl auf und ging ins Freie, während es ihr war, als schritte sie auf einer Gewitterwolke dahin. Der Brief lautete folgendermaßen: »Meine süße Unschuld! Ich bin verheiratet. Wir verlassen heute England. Ich darf Dich nicht allzusehr lieben, denn ich brauche alle meine Liebe für meinen Edward, der nun wirklich mein ist, und dem ich mich voller Vertrauen für immer zu Eigen gegeben habe! Aber er wird es mir erlauben, Dir doch ein wenig abzugeben, – und Eifersucht kennt meine Rhoda nicht. Eine ganze Menge sollst Du haben. Aber mitunter wird mir bange bei dem Gedanken, wie unermeßlich ich ihn liebe, so daß alles, alles was irgend ihm recht erscheint, auch mir recht ist. Es erschreckt mich nicht, das zu denken. Wenn ich's versuchen wollte, dann würde es über mich kommen, wie eine Wolke – denn so ist es, wenn ich mir nur eine halbe Sekunde vorstelle, daß ich vorschnell gewesen, daß ich etwas ganz Geringfügiges für ihn bin. Ich kann nicht mehr leben, es sei denn durch ihn. So muß ich ihm denn angehören, und sein Wille ist mein Gesetz. Mein allabendliches Gebet, wenn ich an meinem Bett knie, ist, daß ich für ihn sterben darf. Der Gedanke an den Tod kam uns immer so schrecklich vor. Weißt Du noch, wie gruselig es uns immer war, uns in der Nacht einmal Menschen vorzustellen, die im Grabe lägen? Und wenn ich mir jetzt denke, daß ich vielleicht eines Tages für ihn sterben dürfte, ist es mir im Herzen, als müßte ich vor Freuden weinen. »Ich habe einen Brief an Vater zurückgelassen, ich wollte sagen, abgeschickt, den ich in einen an Onkel eingelegt habe. Mit der Zeit wird er ja Edward einmal sehen. O, der Himmel erspare ihm jeglichen Kummer; Rhoda wird sein Trost sein. Erzähle ihm, wie ich Edward liebe. Es ist, als wäre ich in ein tiefes Wasser gesunken, und keiner wäre da, als der eine. »Wir sehen aufs Meer hinab. In einer halben Stunde werde ich vergessen haben, wie es ist, englischen Boden unter den Füßen zu haben. Ich weiß kaum mehr, daß ich atme. Mir ist gar nichts anderes bewußt, als eine Angst, ich flöge und meine Kräfte könnten versagen. Das kommt so über mich, wenn ich seine Hand nicht in meiner fühle. Vor uns liegt Frankreich. Wenn ich meine Augen schließe, sehe ich das ganze Land vor mir, aber es ist so ähnlich, wie meine Gefühle für Edward – alles wie im dämmernden Mondlicht. O, was für ein Vertrauen ich zu ihm habe! Ich möchte mein Blut für ihn hingeben! Ich könnte alle meine Adern verbluten lassen bei einem einzigen, traurigen Gedanken, der ihn betrifft. Von Frankreich nach der Schweiz und nach Italien! Das Meer glitzert so, als wollte es sagen: »Kommt mit zur Sonne!« und ich komme. Edward ruft. Ob ich nicht büßen muß für so viel Glück? Ich bin zu glücklich, ich bin zu glücklich! »Gott behüte meinen Liebling zu Haus! Das ist jetzt mein Hauptgebet. Ich werde immer an Dich denken, wenn ich in den großen Domen sein werde. »O, Vater im Himmel! segne sie alle! segne Rhoda! Vergib mir! »Ich höre den Dampfer im Hafen pfeifen. Da kommt Edward. Er sagt, ich darf Dich von ihm grüßen . »Meine Adresse: Mrs. Edward Ayrton, Poste Restante, Lausanne. Schweiz. »P. S. Lausanne liegt da, wo – aber davon ein andermal. Ich will Dir auch immer die Geschichte von den Orten schreiben, damit Du etwas davon lernst, Du armes Herz, in dem öden England. Adieu, und Gott segne meine liebe, kleine Unschuld zu Haus, meine süße Schwester! Ich liebe sie. Ich kann sie nie vergessen. Es ist ein so herrlicher Tag. Als wenn er extra für uns ausgesucht wäre. Schreibe ja auf ganz dünnem Papier nach Lausanne. Es liegt an einem blauen See, man sieht Schneeberge da. So, nun läutet die Dampfschiffsglocke – viele Küsse! Das Schiff fährt ab. Ich muß schließen. Dahlia.« Das Lesen dieses Briefes versetzte Rhoda aufs lebhafteste an die Küste, und sie sah ihre Schwester in dem Schiff nach fremden Ländern hinausfahren, sie reiste mit ihr, sie folgte ihr in fliegender Hast durch eine Fülle wechselnder Szenen, opalheller Landschaften voller Glut und traumhafter Schönheit, und durch alles das hindurch tönte ihr immer wieder heller Glockenklang. »O du Süße, o du mein Schönstes!« rief sie in Dahlias Redeweise aus. Als sie Mrs. Sumfit begegnete, nannte sie dieselbe »Mutter Kloß«, wie Dahlia es in alter Zeit, in zärtlicher Neckerei, getan und küßte sie und lief zu Master Gammon hin, der gemächlich nach dem Haferfeld hintrottete, das nach dem Mühlenwerder zu gelegen war. »Meine Schwester läßt Sie grüßen,« sagte sie fröhlich zu dem alten Manne. Master Gammon dankte mit einem kaum wahrnehmbaren Aufleuchten seiner Augen und öffnete und schloß seinen Mund, wie wenn eine Ente den Schnabel auftut, ohne das gewohnte »Nat, Nat« hören zu lassen. »Und euch auch, ihr kleinen Ferkel, und dich, Füchschen, und dich, Schimmel, und dich und dich und dich!« Rhoda nickte allen Bewohnern des Hofes zu und schaffte so der überschäumenden Freude ihres Herzens Luft. Worauf sie eine etwas nachdenklichere Gangart in gedämpfter Freude anschlug und ein Bedauern aufsteigen fühlte. Einfach darüber, daß die Eile, mit der Dahlia ihren Brief hatte schließen müssen, sie um das Vergnügen gebracht hatte, »Dahlia Ayrton« stolz ausgeschrieben zu sehen, in seiner ganzen wundervollen Bedeutung der Wandlung, die in ihrem Leben vorgegangen war. Das war ja eine Kleinigkeit, dennoch dünkte Rhoda der Brief nicht ganz vollkommen durch dieses Fehlen des neuen Namens. Vielleicht, dachte sie, wollte Dahlia damit ausdrücken, daß sie für sie immer die alte Dahlia bleiben würde, keine Fremde. »Immer Dahlia, einzig und allein Dahlia für dich,« hörte sie ihre Schwester sagen. Aber wie entzückend und wie wehmütig, wie schrecklich und süß zugleich in seiner Bedeutsamkeit würde der neue Name »Dahlia Ayrton« in der geliebten Handschrift ausgesehen haben! »Und ich habe einen Schwager,« dachte sie, und es kribbelte ihr in den Backen. Die mit Farnkraut und Fingerhut bestandene Böschung und die grünen jungen Eichen, die das Unterholz umsäumten, schienen noch einmal so reich in der Farbe, als sie sich vorstellte, wie dieser geliebte, unbekannte Gatte ihrer Schwester auch sie selber und ihren Vater in die Arme schließen würde, ja, sogar den alten, zusammengeschrumpften Bettler an dem sandigen Hügel drüben, so elend seine Gestalt war und so jämmerlich er unter dem Reisigbündel einherging, überflutete ein warmes, goldenes Licht mit sanfter Schönheit. Es war Rhoda unmöglich, ins Haus zurückzugehen. Nun war dem Bauern zufällig gerade an jenem Morgen die Bedeutung der Ansicht seiner Frau über Robert in den Sinn gekommen, und wie sie ihm scheidend denselben so warm empfohlen hatte. »Haben Sie ein Auge auf eins meiner beiden Mädchen geworfen?« fragte er Robert kurzerhand, als er sich mit ihm allein fand. Robert atmete einmal schnell auf und antwortete: »Ja.« »Dann wählen Sie,« sagte der Bauer und versuchte seinerseits an die Arbeit zu gehen, aber er hing doch so lange bei Robert auf dem Felde herum, bis er gefragt hatte: »Welche ist es denn, mein Junge?« Robert drehte eine Weizenähre zwischen den Zähnen. »Ich glaube, das will ich ihr selbst überlassen zu sagen,« gab er zur Antwort. »Na? wissen Sie nich', welche Sie haben wollen, Mensch?« fragte Mr. Fleming. »Vielleicht weiß ich nicht, ob sie mich haben will,« sagte Robert. Der Bauer schmunzelte. »Ja, das 's' wohl wahr, da kann man nie so ganz mit rechnen.« Er mußte denken: »Dahlia wird's sein,« weil er meinte, mit der zu sprechen hätte Robert ja weniger Gelegenheit gehabt. »Wenn meine Mädchens erstmals Hausfrauen sind, denn werden sie ihre Arbeit im Haus' ganz ordentlich tun,« fuhr er fort. »Seh'n Sie, 'n büschen Land kriegen sie ja auch mit, na, und auch vielleicht 'n kleinen Teil – na, Gold. Da is' nu' nich' viel auf zu rechnen. Aber immerhin, man kann die Deerns doch nich' anseh'n, ohne zu sagen, 'n büschen was Besonderes sind sie. Ich bin da gar nich für, sie so mit 'n Reinmachen und 'n Essenauftragen und 'n Buttern 'ranzukriegen, wenn sie das nich' brauchen. Mit der Nadel sind sie beide geschickt. Sie können sich anziehen und Putzmachen, das tun sie alles selbst. Und ich weiß, daß sie jeden Abend ihr Gebet sprechen. Das weiß ich ganz gewiß, wenn Ihnen das 'n Trost ist, Robert, und das sollte es doch eigentlich. Denn, wenn man betet, denn kann's nich' so schlimm um einen steh'n, und ganz besonders is' da für Mädchen viel auf zu geben. Mehr sag' ich nich'.« Bei Tisch fehlte Rhoda. Das machte Mr. Fleming kribbelig, bald tadelte er es, bald entschuldigte er sie, aber da es Robert ganz gleichgültig schien, ob sie da sei oder nicht, hielt er seine Annahme, daß es Dahlia sei, mit der seine Phantasie sich beschäftige, für bestätigt. Das Mittagessen war beendet und Master Gammon aufgestanden, als im vorderen Hausflur eine Stimme ertönte, die jeder sofort als die Anton Hackbutts erkannte. Mr. Fleming ging mit erschrockenem Gesicht zu ihm hinaus. »Herrgott!« sagte Mrs. Sumfit, »was zitter' ich!« Auch Robert blickte ernst drein und machte sich davon. Auf ihnen allen lastete schwer die Angst vor schlechten Nachrichten von Dahlia; dennoch machte niemand eine dahinzielende Bemerkung. Robert unterließ es, weil er es für eine Unbescheidenheit von seiner Seite gehalten haben würde, der Farmer, weil er sich selbst eingestand, daß seine Schlauheit, die Dahlias dauernden Aufenthalt in London zuließ, eine gewisse Gefahr berge, während Mrs. Sumfit es schlechterdings nicht zugeben wollte, daß ihrem Liebling, einem so süßen, schönen Geschöpf, irgendwelches Unheil drohen könnte. Solch widersprechende Logik kommt bei den Vertretern ihrer Klasse häufiger vor, – doch wozu dem Eigensinn unerzogener Gemüter viel Gewicht beilegen! Robert schritt quer über die Felder, wie einer, der ein ganz bestimmtes Ziel verfolgt. Als er in einen der schmalen Redderwege einbog, die nach Wrexby-Hall führten, sah er Rhoda unter einem Eichbaum stehen; auf ihrem weißen Kleide spielten Sonnenlichter. Sein erster Impuls war, umzukehren, da er das Problem, wie er zu ihr sprechen sollte, noch nicht innerlich zum Abschluß gebracht hatte. Aber im nächsten Augenblick erstarrte ihm das Blut in den Adern, denn er bemerkte, wenn schon er es zunächst nicht völlig faßte, daß zwei Herren neben ihr standen und mit ihr sprachen. Und es stand unumstößlich fest, daß sie ihnen zuhörte. Gleich darauf lüfteten beide Herren ihre Hüte und verschwanden. Rhoda kam auf Robert zu. »Sie haben Ihr Mittagessen ganz vergessen,« sagte er mit einer wunderlichen Empfindung von Scham, daß er diesen Umstand als Einleitung brauchte. »Ich war zu glücklich, um zu essen,« erwiderte Rhoda. Roberts Blick schweifte den Weg hinunter, aber sie beachtete diese Andeutung nicht und fragte: »Ist Onkel gekommen?« »Haben Sie ihn erwartet?« »Ich dachte, er würde kommen.« »Worüber sind Sie so glücklich?« »Sie werden es von Onkel hören.« »Soll ich hingehen und hören, was jene –« Robert unterbrach sich selbst, doch wäre es besser gewesen, er hätte zu Ende gesprochen. Der fragende Zug, der über Rhodas Mienen geglitten war, verwandelte sich in einen Ausdruck der Verachtung. Sie erheuchelte nicht irgendwelche weibliche Naivität, die so allerliebst mißzuverstehen und eine angedeutete Anklage damit von sich abzuwenden vermag, zweifellos sagte ihr scharfes Feingefühl ihr, daß ihre Verachtung ihn in diesem Augenblick weit empfindlicher treffen würde. Es haftete ihm etwas von der Unbeholfenheit eines Mannes an, der einer Frau gar viel zu sagen hat, aber nicht weiß, wie oder womit er anfangen soll. Ein Ruf ihres Vaters von der offenen Gartenpforte her trieb Rhoda eilends dorthin. Unmittelbar neben Mr. Fleming stand der alte Anton. »Du weißt es schon? Du hast ihren Brief bekommen, Vater?« sagte Rhoda froh, obschon auf seiner Stirn ein finsterer Schatten lagerte. »Du könntest wahrhaftig eine ägyptische Königin sein,« sagte Anton, dessen prüfendes Auge auf Rhodas dunklem, frohem Antlitz ruhte. Rhoda streckte ihm die Hand entgegen, aber ihr Blick blieb an ihrem Vater haften. »Hört alle zu! So schreibt eine Tochter an ihren Vater!« Und er las mit einer wunderlichen Betonung der Anfangssilben jeden Satzes: »Lieber Vater! Mein Mann wird mit mir zu Euch kommen, wenn ich nach England zurückkehre. Ich weiß wohl, ich hätte Dir nichts verheimlichen dürfen. Versuche mir zu vergeben. Ich hoffe, Du tust es. Ich werde immer an Dich denken. Gott befohlen! Ich bin immer in herzlicher Verehrung Deine Dich innig liebende Tochter Dahlia.« »Dahlia Nichts!« sagte der Bauer und sein Blick wanderte von einem zum andern. Augenscheinlich rang er mit einer gewaltigen Aufregung, denn der Brief in seiner Hand knitterte, und seine Stimme war heiser. Aber seine ausdruckslosen Gesichtszüge verrieten nichts. Die runden, braunen Augen und das rötliche Kolorit seiner Wangen waren eine Maske für jeden Kummer, wenn nicht auch für jede Freude. »Dahlia – was? Wie heißt sie denn?« begann er aufs neue, »Hier – ›Mein Mann wird mit mir zu Euch kommen.‹ – wer's denn ihr Mann? Hat er keinen Namen? Und hier ein leeres Kouvert an ihren Onkel, der sie so lange in seiner Obhut gehabt hat! Und das is' alles, was sie mir schreibt! Will mir irgend jemand sagen, was das zu bedeuten hat?« »Dahlia ist sehr eilig gewesen, Vater,« sagte Rhoda. »So, du, na ja! Du bist mir die Richtige, jawoll! Schwester is' Schwester, sagst du.« »Aber sie war ganz gewiß sehr in Eile, Vater. Ich habe auch einen Brief von ihr bekommen, und da steht nur »Dahlia« drunter – kein andrer Name.« »Und du glaubst nicht, daß da was dahintersteckt bei deiner Schwester?« »Vater, was soll denn dahinterstecken?« »Der Brief, mein Kind, brummt mir im Schädel herum, als wenn er sagen wollte: ›Versteht ihr mich denn noch nicht?‹ Ich hab' ihn 'n Stücker zwanzigmal gelesen, und ich kann noch immer nich' dahinterkommen, was er eigentlich meint. Aber, wenn das nicht wahr ist, wenn das Lügen sind in ihrem Brief, wie verhält sich denn eigentlich die Sache? Wie lange sollen wir denn warten, bis wir das hören? Ich geb' Ihnen mein Wort, Robert, Sie tun mir grad' so leid, wie ich mir selbst tu'. Oder war die es nich'? Is' es vielleicht die hier?« er zeigte mit dem Finger auf Rhoda. »Na, jedenfalls, Robert, werden Sie mit mir als Vater fühlen können, Das is' so, a's wenn ich in 'ner dunkeln Stube bin, und das Licht is' ausgepust'. Ich hab' mal so was gehört, daß einer es so mit der Angst kriegen kann, a's wenn er seine Finger auf so'n ganz scharfes Messer legen müßte – und wenn ich bloß daran denk', einen Schritt zu machen und meinen Weg so hintappen möcht', denn schneid' ich mich, und denn blutet das. Ja, so 'n Gefühl is' es. Robert, sagen Sie doch man bloß, daß es die nich' war!« Das einzuräumen schloß das Bekenntnis in sich, daß es diese hier wäre, die er lieb hätte – dies verächtliche Geschöpf, diese Kokette, dieses schamlose Mädchen, das Stelldicheins mit Herren verabredete, oder doch immerhin erlaubte, daß sie mit ihr sprachen, und die ihn danach noch voller Unschuld und Empörung ansehen konnte. »Seien Sie überzeugt, Mr. Fleming, daß ich so stark mit Ihnen fühle, wie's nur irgendein Mensch tun kann,« sagte er befangen und mit halb abgewandtem Gesicht. »Haben Sie irgendwelchen Verdacht?« Der Bauer wiederholte die Frage, wie einer, der nur einer Bestätigung seiner eignen dunklen Vermutungen bedarf, um solche als Tatsache zu erblicken. »Robert, sieht das aus, wie der Brief einer verheirateten Frau? Ist das ein töchterlicher Brief – was, Mann? Hilf mir doch einer! Ich kann selber nich' denken, – sie bindet mir die Hände. Sagt doch was!« Roberts Blick suchte Rhoda. Er würde viel darum gegeben haben, sagen zu können: ›Es ist alles in Ordnung‹. Ihr Gesicht glich einer Blume, die mit aller Macht zum Licht drängt, gerade diese Schönheit verstärkte seine eifersüchtige Leidenschaft, und es schmeichelte ihm, daß er außer stande war, sich durch eine Lüge zu erniedrigen, um sie sich geneigt zu machen. »Sie sagt, daß sie verheiratet ist. Wir müssen annehmen, was sie sagt.« Das war seine Antwort. » Ist sie verheiratet?« Donnerte der Bauer heraus. »Oder ist sie hingegangen und hat über ihre Mutter im Grabe Schande gebracht? Was soll ich denken? Sie ist doch mein Fleisch und Blut, Is' sie –« »Still, Vater, still!« Rhoda legte die Hand auf seinen Arm. »Wie kannst du nur an Dahlia zweifeln? Du hast vergessen, daß sie immer die Wahrheit sagt. Komm mit, Vater. Es ist schändlich hier zu stehen und unmännlichen Worten zuzuhören.« Sie wandte Robert ihr aschfahles Antlitz zu. »Komm mit, Vater. Sie ist doch eine von uns. Sie ist meine Schwester. Ein Zweifel an ihr ist eine Beleidigung für uns.« »Aber Robert hat ja gar keinen Zweifel, was?« Der Argwohn des Bauern war schon halb beschwichtigt. Haben Sie irgendwelchen ernstlichen Zweifel wegen des Mädchens, Robert?« »Ich maße mir nicht an, an irgend jemand zu zweifeln,« sagte Robert. »Sie werden uns doch nicht in Stich lassen, alter Junge?« »Ich bin auf Ihrem Hof in Dienst,« sagte Robert und schritt davon. »Der arme Kerl, er hat allen Grund noch mehr dabei zu fühlen, a's wir alle mit'nander! das 's 'n böser Schlag für ihn!« Damit legte der Bauer seine Hand auf Rhodas Schulter. »Ich wollte, er hätte sein Herz an ein zuverlässiges Frauenzimmer gehängt!« Auf Rhodas Gesicht war noch der Schauder des Widerwillens zu lesen, als sie ihrem Vater die Wange küßte. Kapitel VIII. Der Leser lernt Mrs. Lovell kennen Das ist Wrexby-Hall, dort auf dem Hügel zwischen Fenhurst und Wrexby: jenes weiße, viereckige Gebäude, dessen untere Fenster wie ein einziger großer Glasbogen im Sonnenlicht funkeln, und das rings von großen, vereinzelt stehenden Bäumen umgeben ist, die bis fernhin die grünen Rasenflächen unterbrechen. Aus dem Fallen ihrer Schatten könnte man von Queen Annes Farm aus die Stunden bestimmen. Squire Blancove, der dort wohnte, war ein reizbarer, gichtischer Mann, der mit seiner Zeit nicht mehr im Einklang stand und sogar anfing, – der Unglückliche! – allen rechten Glauben an seinen Portwein zu verlieren, obschon er – der Wahrheit die Ehre! wacker gegen diese arge Ketzerei ankämpfte. Seine Freunde bemerkten diesen Zusammenbruch seines Glaubens früher als er selbst. Er war ebenso mißmutig am Abend wie am Morgen. Es kam kein rechtes Leben mehr in ihn, wenn die Flasche kreiste. Es gab jetzt überhaupt keine Stunde mehr, wo man darauf rechnen konnte, ihn in menschlicher Laune zu finden. Es ist auch ein trauriger Tag, wenn wir das Skelett der Geliebten erblicken, die uns nur Qualen verursacht, und von der wir dennoch nicht loskönnen. Der Squire trank in der bestimmten Überzeugung, daß dem Genuß das greuliche, verfluchte Zwicken in seinem Fuß unausbleiblich folgen werde, aber er war, wie er zu sagen pflegte, ein Mann, der an seinen Gewohnheiten festhielt. Über seinem Portwein geschah es auch, daß es zwischen ihm und seinem Pfarrer in bezug auf seinen hoffnungsvollen Algernon und das mit ihm eingeschlagene System zu Meinungsverschiedenheiten gekommen war. Dieses Ereignis hat etwas mit Rhodas Geschichte zu tun, denn es war die Ursache, weswegen Mrs. Lovell in Wrexby zur Kirche ging. Diese Dame wurde nämlich vom Geist getrieben, ihren eigenen Impulsen zu folgen, die meistens diejenigen der Opposition waren. So beliebte es ihr, als sie gelegentlich in der Hall zum Besuch war, den Squire und seine sich seinen Wünschen unterordnenden Gäste nicht nach Fenhurst zu begleiten, vielmehr bestand sie darauf, in den leerstehenden Kirchenstuhl Wrexbys zu gehen. Sie war eine Schönheit, und als solche besaß sie Macht, andernfalls hätte diese Handlung von Nonkonformität böses Blut zwischen ihr und dem Squire setzen können. Die Sache reichte ohnehin fast dazu aus, denn, anstatt nun behaglich zu Hause zu sitzen und, während er sein krankes Bein pflegte, das neuste Sportjournal zu lesen, mußte sich der unglückselige Herr jetzt jeden Sonntag Morgen nach Fenhurst aufmachen, denn wer hätte es ihm sonst geglaubt, daß sein im großen Ganzen äußerst seltener Kirchenbesuch in der hassenswerten Lehre des Pfarrers von Wrexby seinen Grund habe? Mrs. Lovell war augenblicklich auf dem Gute zum Besuch, und es war Sonntagmorgen nach dem Frühstück. Die Dame stand kampflustig unter den anderen Gästen und horchte, bereits in Hut und Handschuhen, auf die Glockenklänge, welche von Westen her von Wrexby und von Nordosten her von Fenhurst über den Hügel herüber klangen. Jetzt trat der Gutsherr zu seinen Gästen herein, er stöhnte über seine Stiefel, war ärgerlich auf seine sehr zarte Frau und gerade in der Laune jeder Art von Satire zugänglich zu sein, soweit sie nicht auf seine eigenen Kosten ging. »Wie schwer muß es sein, zugleich gichtisch und gut zu sein,« flüsterte Mrs. Lovell der ihr zunächst stehenden Persönlichkeit zu. »Nun,« sagte der Squire, indem er seinen Feind speziell aufs Korn nahm, »Sie gehen wohl, wie gewöhnlich, zu dem Kerl dort drüben, was?« »Nicht, wie gewöhnlich,« erwiderte Mrs. Lovell äußerst sanft, »ich wollte, daß ich das sagen könnte!« »So, wollten Sie das? Finden Sie ihn denn so interessant? Hat er sich etwa darauf verlegt, über Moden zu sprechen?« »Er spricht, wie sich's gehört, mehr verlange ich nicht.« Mrs. Lovell setzte eine Stimme verfolgter Unschuld auf. »Ich dachte, Sie gehörten zur Low-Church?« »Sie meinen wohl, daß ich auf den Gottesdienst überhaupt wenig Wert lege,« verbesserte sie ihn. »Aber, was meinen Geschmack betrifft, so ist mir jede Predigt recht, die einfach gehalten wird.« »Seine Beredsamkeit ist vorzüglich,« sagte der Squire, »das heißt, vor Tische.« »Ja, sehen Sie, ich habe ja nur vor Tisch mit ihm zu tun.« »Nun gut, ich habe einen Wagen für Sie bestellt.« »Das ist mir eine große Ehre und äußerst freundlich von Ihnen.« »Es wäre freundlicher, wenn ich es zustande brächte, Sie von dem Kerl fern zu halten.« »Würden Sie nicht sich selbst die größte Freundlichkeit erweisen,« Mrs. Lovell segelte in all ihrer Liebenswürdigkeit auf ihn los, ergriff seine Hände und heftete ihre schönen blauen Augen mit zärtlichster Überredung auf ihn, »wenn Sie Ihre Zeitung und Ihre Hausschuhe nähmen und unsere Rückkehr erwarteten?« Der Squire fühlte, wie ein Lächeln rings durch das Zimmer ging. Mit einen Stirnrunzeln wies er die Kühnheit der Dame in ihre Schranken zurück. »'s ist meine Pflicht, ein gutes Beispiel zu geben,« sagte er, denn jetzt regte sich zugleich sein gichtischer Fuß und seine gallige Laune. »O wenn es sich für Sie darum handelt, ein Beispiel zu geben,« erwiderte die feinsinnige Witwe, »dann hab' ich nichts mehr zu sagen.« Des Gutsherrn Blicke drückten aus, was er nicht in Worte zu kleiden wagte. Eine Frau hat die halbe Welt, eine Schönheit die ganze auf ihrer Seite, wenn sie Selbstbeherrschung besitzt und ihren Platz behauptet, und augenscheinlich war Mrs. Lovell keine Persönlichkeit, die ihre Vorteile außer acht gelassen hätte. Der Squire drehte sich nach einem Opfer um, an dem er seinen Zorn auslassen könne und versuchte es zunächst mit seiner Frau. Dann blieben seine Blicke an Algernon haften. »Na, so weit wären wir also. Wer von uns darf Sie begleiten?« wandte er sich in blinder Ironie an Mrs. Lovell. »Ich habe meinen Ritter bereits ernannt, er wartet auf mich und wird so fromm sein, wie irgendmöglich.« Mrs. Lovell lächelte Algernon zu. »Dacht' ich's doch!« murrte der Gutsherr. »Also du gehst nach Wrexby, mein Verehrtester. Immerzu, meinetwegen, und ich werde mich über nichts wundern, was daraus entsteht. Wie der Lehrer, so der Schüler!« »Sehen Sie wohl!« Mrs. Lovell lächelte Algernon noch einmal zu. »Sie haben die Sünden Ihres Pfarrers noch neben Ihren eigenen zu tragen. Können Sie das auf sich nehmen?« Das feine, kokette Geplänkel ging über Algernons Gewohnheiten im Verkehr mit Damen ein wenig hinaus. Er murmelte mit einer Verbeugung, daß er sein Bestes tun werde, es zu ertragen, wenn er auf Mrs. Lovells Beistand zählen dürfe, und das war immerhin etwas; daraufhin beruhigte sich die kleine Spannung der Gemüter, und die Unterhaltung der Versammelten ebbte in das gewöhnliche Fahrwasser zurück. Die Wagen fuhren vor, man griff zu Handschuhen, Sonnenschirmen und Parfümfläschchen, worauf der Squire, der barhaupt auf der Freitreppe verharrte, darauf bestand, die Oppositions-Partei zunächst abfahren zu sehen; er ließ es sich sogar nicht nehmen, Mrs. Lovell selbst in den Wagen zu helfen, eine ironische Galanterie, welche die Dame mit einem der weihevollen Stunde entsprechenden feierlichen Ernst entgegennahm. »Ah, mein Bleistift, um den Text für Sie zu notieren, Herr Baron,« sagte sie, während sie ihren Sitz einnahm, und Algernon ging auf ihren Wink hinein, um einen Bleistift zu holen; sie lehnte sich währenddes in den Polstern zurück, ein äußerst harmonischer Anblick in der lieblichen Landschaft, als werde auch sie, gleich der wonnigen Sommerluft, durch jene heiligen Glocken zur Ruhe gesungen, während der Gutsherr, innerlich schäumend, barhaupt, mit kochendem Blut, gerade an der äußersten Grenze des Dekorums auf den Stufen stand. Sie war ihm mehr als gewachsen. Sie war den meisten mehr als gewachsen, und das war kein Geheimnis. Algernon wußte das ebensowohl wie Edward oder wie irgend jemand sonst. Sie flößte seinem jugendlichen Gemüt sowohl Grauen, wie Entzücken ein. Ihr Lächeln war ihm die süßeste Genugtuung, die er kannte, vielleicht eine um so süßere, weil er fühlte, daß es unmöglich von Dauer sein könne. Er hatte allerhand Geschichten über sie gehört, er erinnerte sich wohl an Edwards Warnung, aber einstweilen saß er äußerst bescheiden und äußerst glücklich neben ihr. »Da bin ich 'reingefallen,« sagte er zu seiner anmutigen Gefährtin, »nächstes Quartal wird's keinen Scheck für mich geben und keine Aussicht auf Zuschußerhöhung. Er wird mir einfach sagen, ich hätte ja mein Gehalt. Mein Gehalt! Großer Gott, wozu der Mensch nicht kommen kann! Ich hab's für ein Jahr wenigstens mit dem Squire verdorben.« »Ja, dann gilt's eben zu überlegen, ob die Entschädigung den Verlust aufwiegt,« sagte sie, und er nahm solche einstweilen in Gestalt eines verwandtschaftlichen Händedrucks entgegen. Er wollte die schmale, weiße Hand an seine Lippen ziehen. »Ah,« sagte sie, »für mich gäb's keine Entschädigung, wenn man das sähe,« und ihre zierliche Hand entwand sich ihm leicht. »Und nun erzählen Sie mir,« fuhr sie in anderem Tone fort, »wie steht's mit Ihrer Liebe?« Algernon bat, sie sollte doch das nicht »Liebe« nennen. Sie nickte ihm zu und lächelte. »Also mit Ihrer künstlerischen Bewunderung,« bemerkte sie. »Ich werd' sie ja in der Kirche sehen, nicht wahr? Nur, mein lieber Algy, gehen Sie nicht zu weit. Ländliche Schönheiten sind ebenso gefährlich wie königliche Prinzessinnen. Wo haben Sie sie zuerst gesehen?« »Auf der Bank,« sagte Algernon. »Wirklich! auf der Bank; dann ist doch Ihre Zeit keine absolut weggeworfene. Wie kam sie denn nach London, möchte ich wissen?« »Ach, sie hat einen alten Onkel da, einen gelungenen alten Kerl, so eine Art Bote, Kassenbote, bei der Bank, fürchterlich ehrlich, sonst könnte er sie ganz gut mal eines schönen Tages halbwegs sprengen, wenn's ihm mal einfiele, sich auf und davon zu machen. Sie hat noch 'ne Schwester, die anderen sagen, die war' noch hübscher, ich hab' sie nie gesehen. Aber ich glaub' beinah', ich hab 'n Bild von ihr gesehen.« »So?« Mrs. Lovell lockte ihn mit ihrer Liebenswürdigkeit immer weiter. »War die auch dunkel?« »Nein, die ist blond. Wenigstens auf dem Bild.« »Braunes Haar? Nußbraune Augen?« »O o, – Sie haben so Ihre Vermutungen, was?« »Ich vermute gar nichts, obschon sich's lohnen könnte. Dieser Yankee-Wettenmacher hat immer irgendwelche Vermutungen, und was verdient er für Haufen Geldes damit.« »Ich wollte, das tät ich,« seufzte Algernon. »Aber mein Wetten und Vermuten befindet sich immer auf dem Holzwege. Na, wenigstens hab' ich für nächstes Frühjahr eine Art Sicherheit. Das ist ein Trost. Nächstes Frühjahr verdien' ich zwanzig Tausend.« »Auf Templemore?« »Ja, das Pferd ist es. Und auf Tenpenny Nail habe ich auch etwas gesetzt. Aber was Templemore betrifft, da gehe ich ganz sicher, es sei denn, daß das ›Böse Prinzip‹ mitstartet.« »Meinen Sie, daß das, wenn es mitrennt, sicher Ihr Unglück wäre?« fragte Mrs. Lovell. »Natürlich,« stieß Algernon in ehrlicher Entrüstung hervor. »Schön, Algy, ich hab' es auch nicht gern auf meiner Seite. Vielleicht beteilige ich mich ein wenig an Ihrem Glück, – um es – um es –« In der Art, wie sie ihn behandelte, hatte sie etwas von einer Herrin, die in neckischem Spiel ihr Schoßhündchen nach einem guten Bissen springen läßt. »O Algy,« fügte sie hinzu, »in Ihnen steckt kein Franzose! Um es – göttlich zu machen, mein Herr! Da haben Sie Ihr Glück verpaßt.« »Von einem Glück weiß ich, daß ich nicht gern verpassen würde,« sagte der Jüngling. »Dann nennen Sie es nicht bei Namen,« riet sie ihm. »Und, allen Ernstes, ich will mich an Ihrem Risiko beteiligen. Ich fürchte, ich habe Glück, und das ist mein Verderben. Wir können das gelegentlich miteinander ausmachen. Wissen Sie, Algy, daß die allerkostspieligste Lebenslage, die es in der Welt gibt, die einer Witwe ist?« »Die brauchen Sie gar nicht lange zu sein,« brummte er. »Ja, sehen Sie, ich bin so schauderhaft wählerisch. Übrigens läßt man das Seufzen am besten sein, wenn von Geschäften die Rede ist, sofern ich Ihnen einen Rat in der Hinsicht geben darf. So und dieser alte Mann brachte also diese ländliche Schönheit, dieses Fräulein Rhoda, auf die Bank?« »Einmal,« sagte Algernon. »Grad' so, wie er es mit ihrer Schwester gemacht hatte. Er ist stolz auf seine Nichten, zeigt sie, und dann versteckt er sie. Die Leute an der Bank haben sie nie wiedergesehen.« »Wie heißt sie doch?« »Dahlia.« »Ja, richtig, Dahlia. Hübscher Name! Es gibt goldbraune Dahlien, – Dahlien in allen Farben. Und das Bild dieses schönen, jungen Geschöpfes hängt also in Ihrer Wohnung in der Stadt?« »Sprechen Sie doch nicht von meiner Wohnung,« verwahrte sich Algernon. »Nun, meinetwegen also in Ihres Vetters Wohnung. Wahrscheinlich war Edward zufällig in der Bank, als die schöne Dahlia dort ihren Besuch machte. Es scheint, daß Sie beide an einem Mal genug hatten.« Algernon hatte keine Erfahrung darin, in Frauenherzen zu lesen. Er glaubte, Edwards Verrat an der Gefolgschaft von Mrs. Lovell hätte ihn und sein Geschick jeglichen Interesses und jeglicher Sympathie von ihrer Seite beraubt. »Ich glaube, der arme alte Ned sitzt ein bißchen in der Klemme,« sagte er. »Wo ist er,« fragte die Dame so obenhin. »Paris.« »Paris? Wie komisch! Jetzt ganz außerhalb der Saison. Bei dieser Hitze? Man könnte wirklich auf den Gedanken kommen, er sei durchgegangen, – man versteht nur nicht, aus welchem Grunde.« »Auf Ehre!« Algernon schlug sich aufs Knie. »Bei Jingo!« fügte er als eine etwas weniger kompromittierende Bekräftigung hinzu. »Ned 's verrückt genug dazu! Ich glaub', er ist auf und davon und hat sich verheiratet.« Mrs. Lovell lehnte mit der nachlässigen Grazie ihrer unbestrittenen Schönheit in den Polstern. Keine einzige Linie durchfurchte ihre zarten, weichen Züge. Wie unter einem scharfen Hieb zuckte sie mit einmal zusammen und saß steil aufrecht. Ihr Gesicht war plötzlich scharf und verzerrt, wie das Antlitz einer bildschönen Hexe. »Verheiratet? Aber wie sollt' denn das möglich sein, wenn doch niemand von uns ein Wort davon gehört hat?« »Das glaub' ich wohl, daß Sie nichts davon gehört haben,« sagte Algernon, »das war ja auch nicht gerade anzunehmen. Mich hat er auch nicht ins Vertrauen gezogen, die Versicherung kann ich Ihnen geben. Dazu halt' ich ihm zu wenig dicht. Es gibt nichts Lästigeres, als ein Geheimnis! Ich bin nur dadurch zu dieser Vermutung gelangt, daß ich aus einer ganzen Menge kleiner Begebenheiten meine Schlüsse gezogen und daraus ein Additionsexempel gemacht hab'. Erstlich glaub' ich, war er in der Bank, als das schöne Mädchen da erschien. Zweitens entnehme ich aus der Beschreibung, die mir die Kerls da auf der Bank von ihr gemacht haben, daß sie das Original jenes Pastells ist. Außerdem weiß ich, daß Rhoda eine schöne Schwester hat, die durchgegangen ist. Und endlich hat Rhoda einen Brief von ihrer Schwester gehabt, in dem steht, daß sie aufs Festland gereist ist und sich verheiratet hat. Ned ist in Paris. Das sind meine Tatsachen, nun können Sie sich selbst die Rechnung dazu machen.« Während eines langen, nachdenklichen Augenblicks starrte Mrs. Lovell Algernon an. »Unmöglich,« rief sie aus. »Edwards Herz geht nicht mit seinem Verstand durch.« Und nun war ihr Antlitz scharlachrot. »Wie kam denn diese Rhoda, mit ihrem verrückten Namen dazu, mit Ihnen zusammen zu treffen, um Ihnen solchen Blödsinn zu erzählen? Wahrhaftig, einige von diesen jungen Frauenzimmern sind von einer Einfalt –« den Rest sagte sie nur zu sich selbst. »Sie ist wirklich ein unschuldiges, gutes Geschöpf,« verteidigte Algernon Rhoda. »Ganz gewiß! Die setzt sich keine Dummheiten in den Kopf. Ich hab' sie, wie gesagt, zum erstenmal in der Bank getroffen, gerad' auf der Treppe, und da fiel uns ein, daß ich vor ein paar Tagen eine Droschke für sie herbeigerufen hatte; und gestern habe ich sie zufällig noch mal getroffen.« »Sie sind das reine Kind, Algy, diesen Frauenzimmern gegenüber!« sagte Mrs. Lovell. Algernon nickte in dem Bewußtsein seiner eigenen Überlegenheit. »Darüber scheint mir kein Zweifel, daß ihre Schwester ihr geschrieben hat, sie hätte sich verheiratet. Das hat sie jedenfalls getan. Sie hat was fabelhaft Gerades; die lügt nicht, nicht mal um einer Schwester oder um eines Liebhabers willen, wenn sie sich's nicht extra vorher vorgenommen hat. In dem Falle würde sie es freilich tun ohne zu stocken.« »Aber wissen Sie denn,« sagte Mrs. Lovell – »wissen Sie denn, daß Edwards Vater über eine derartige Torheit noch ganz anders außer sich geraten würde, als Ihrer? Er würde sagen, es schlüge aller gesunden Vernunft ins Gesicht und würde keine Spur von Erbarmen kennen. Er würde aus Prinzip rachsüchtig sein. Es ist ganz ausgeschlossen, daß diese Geschichte wahr ist. Da ist aber auch nichts, was sie entschuldigen würde.« »O ja, Herr Billy wird schon toben, daß ist außer Frage,« gab Algernon zu. »'s ist ja möglich, daß es nicht wahr ist. Ich hoff's ja selbst. Aber eine Schwäche für schöne Blondinen hat Ned nun 'mal. Alles täte er für die. Da verliert er gänzlich den Kopf.« »Es ist ja möglich, daß er sich hat hinreißen lassen,« – Mrs. Lovell deutete errötend die geringere Sünde an, daß er das Mädchen betrogen und verführt haben könne. »Ach, es braucht ja nicht wahr zu sein,« sagte Algernon; und mit einer besonderen Betonung fügte er hinzu: »Schließlich, wenn es so ist, – wen trifft die Schuld?« Mrs. Lovell errötete aufs neue. Sie berührte leicht Algernons Hand. »Auf jeden Fall müssen seine Freunde zu ihm stehen.« »Bei Gott! Sie haben das Herz auf dem rechten Fleck,« rief Algernon aus. Es ging über seine Fassungskraft zu erraten, daß es möglicherweise etwas für ihn Verhängnisvolles bedeuten könne, wenn sie Edward nicht im Stich lassen wollte. Die Berührung von Mrs. Lovells Hand hatte ihn in einem Augenblick Rhoda vergessen lassen. Er hielt sie kühn fest, so lange bis sie ärgerlich die Stirn krauste und mit dem Fuße auftrat. Sie trug eine große Kameen-Brosche am Halse, auf welcher ein Grab unter einem Palmenbaume und die Gestalt einer verschleierten Frau dargestellt war, welche sich über das Grab beugte. Die Brosche löste sich und wäre gefallen, wenn Algernon sie nicht aufgefangen hätte. Die Nadel verletzte seinen Finger, und in dem plötzlichen, scharfen Schmerz schleuderte er die Brosche vor ihre Füße, mit einem gleichzeitigen Ausruf des heftigsten Ärgers über seine eigene Ungeschicklichkeit und einer Bitte um Verzeihung. Er hob die Brosche auf. Sie war offen. Ein wunderliches, mißfarbiges, zusammengefaltetes Etwas lag auf dem Boden des Wagens. Mrs. Lovell starrte darauf hinab, dann auf ihn, sie war geisterhaft bleich. Er hob es an einer Ecke empor, und die winzigen, zusammengefalteten Flächen fielen auseinander und offenbarten den Streifen eines blutgetränkten Taschentuches. Mrs. Lovell griff danach und schleuderte es außer Sehweite. Als sie sich der Kirchentür näherten, sagte sie: »Erwähnen Sie dies niemals gegen irgendeine menschliche Seele, oder Sie haben meine Freundschaft für alle Zeiten verscherzt.« Als sie ausstiegen, lächelte sie in gewohnter Liebenswürdigkeit. Kapitel IX. Roberts Dazwischenkunft Als der Mann, welcher sie liebte, konnte Robert in Rhodas Augen immerhin auf den Vorzug eines höher gestellten Verbrechers Anspruch erheben, und dem entsprechend begnadigte sie ihn zu einer ausgesuchten Qual allerhöchsten Ranges. Ihr Glaube an ihre Schwester stand so fest, daß sie ihm das momentane Unrecht, das er Dahlia in ihres Vaters Urteil angetan hatte, halbwegs vergeben konnte, beurteilte sie ihn aber nach dem hohen Maßstab, den sie an einen, der ihr Gatte zu sein begehrte, legte, so vermochte sie ihm sein unmännliches Zaudern, seine ganze Art zu reden, nicht zu verzeihen. Die alte, tiefe Qual ihres Herzens darüber, wie die Männer über die Frauen dachten, und über die Härte der Männer, wurde durch die Erinnerung an seinen unsicheren Blick und daran, daß er nicht gewagt hatte, ritterlich für Dahlia einzutreten, mochte er auch immerhin Übles von ihr gedacht haben, immer aufs neue wachgerufen. Wie der Fall lag, galt es noch immer, irgendwelchem Unheil entgegenzuwirken. Ihr Vater hatte sich zwar bereitwillig durch einen Schlaftrunk einlullen lassen, aber sein Argwohn schlummerte nur, und ihre eigene Zuversicht, ihre eigene Hoffnungsfreudigkeit vermochte sie ihm nicht einzuflößen. Briefe von Dahlia trafen regelmäßig ein. Der erste, aus Lausanne, schmeichelte Rhodas Vorstellung von ihr als eines seligen Geistes, der auf seinem Fluge in Sphären der Verzückung hie und da auf himmlischen Ruheplätzen rastete. Dahlia konnte im Fluge einen Blick auf die Schneeberge tun, und wiederum vermochte sie in traumhafter Ruhe von ihrem Fenster aus das Spiegelbild der Schneegipfel in den klaren, blauen Wassern zu erblicken, was Rhoda ein Zustand wie im Himmel dünkte. Bei diesen Gelegenheiten, die sie weit über sich selbst hinaustrugen, spielte Robert in ihren Gedanken die Rolle eines bösartigen Reptils. Dann machte Dahlia mit ihrem Geliebten, ihrem teuren Gefährten, Ausflüge in die Gletscherfelder, wobei allerhand kleine Unfälle passierten, ein Ausgleiten, ein Hinfallen, kleine irdische Alltäglichkeiten, welche ihrem sonst wundergleichen Fluge einen entzückenden Beweis von Wirklichkeit gaben. Man überschritt die Alpen: Italien breitete sich vor den Blicken aus. Eine verschwenderische Fülle von »Os!« gab Dahlias Eindrücke von Italien wieder, und ihr »O, diese Hitze!« enthüllte ihre Sterblichkeit, allen erhabenen Ausrufen zum Trotz. Como nahm das glückselige Paar auf. Dahlia schrieb von Como aus: »Sage Vater, Herren in den Verhältnissen meines Edward könnten nicht immer gleich ihre Vermählung der Welt anzeigen. Es gibt eben Gründe dafür. Ich hoffe, er ist ordentlich böse auf mich gewesen, um so schneller wird es dann vorübergehen, und wir werden – doch ich kann nicht zurückblicken. Ich will nicht zurückblicken, bis wir in Venedig sein werden. In Venedig hoffe ich, soll mir Euer aller Bild so klar erstehen, wie nur je, augenblicklich kann ich mir nicht einmal Deine Züge vorstellen, mein Liebling.« Immer noch bildete ihr Taufname ihre einzige Unterschrift. Das zarte blaue und rosa Papier und die ausländischen Postmarken, die Beweise dafür, daß Dahlias Reise nicht ein erträumtes Abenteuer sei, hatten für das einsame Mädchen auf dem Bauernhofe einen seltsam süßen Reiz. Zuweilen, wenn sie darin blätterte, schrak sie zusammen über den Rausch, den sie auf ihre Gefühle ausübten, denn dann drängte sich ihr wohl der wilde Gedanke auf, daß viele, viele, deren leidenschaftliche Herzen gleich dem ihren zu empfinden vermöchten, bereit seien, alle Grundsätze und alle Verpflichtungen einem Jenseits gegenüber für solch einen langen, köstlichen Trunk göttergleichen Lebens dahingeben würden. Mehr als einmal ertappte sich Rhoda auf dem Gedanken, daß es möglicherweise mit Dahlia sich also verhalten könne. Ohne daß sie dessen recht gewahr wurde, kam solch eine seltsame Mattigkeit über sie, die alles, was an Schwäche in ihr war, aufstörte und ihre Augen für Gesetze und Pflichten der Erde schloß, bis sich ihr starkes Weibbewußtsein dagegen aufbäumte und sie in einem Krampf wilden Entsetzens aus dem traumhaften Zustand emporschreckte, ohne realisieren zu können, wie tief sie gefallen sei. Nach solchen persönlichen, inneren Erlebnissen konnte sie eine qualvolle Sehnsucht danach ergreifen, mit ihrer Schwester zusammen zu sein, um aus der Berührung ihrer Hand, aus dem Blick ihrer Augen, dem Klang ihrer Stimme die Zuversicht zu gewinnen, daß Dahlia wohl geborgen sei. Rhodas andächtige Stimmung in der Kirche wurde durch die Besucher des Patronatsstuhles vielfach zerstreut. Mrs. Lovell hatte die Gewohnheit, mit eigentümlicher Schärfe und Stetigkeit, mit einer gewissen, ausdruckslos sondierenden Prüfermiene zu ihr hinüberzusehen, die das Landmädchen verwirrte und verlegen machte. Auch Algernon widmete ihr eine unverkennbare Aufmerksamkeit. An dem Tage, da der junge Mann es gewagt hatte, sie in der Dorfstraße anzusprechen, hatte er ein paar seltsame Äußerungen hingeworfen, die eine leise Möglichkeit in ihr aufdämmern ließen, als kenne er Dahlias Mann oder habe von Dahlia selbst etwas gehört. Es war Rhoda klar, daß Algernon eine weitere Unterredung mit ihr herbeizuführen suche. Samstags ließ er sich in der Nähe des Hofes sehen, und Sonntags war er in der Kirche, mitunter mit Mrs. Lovell und mitunter ohne jede Begleitung. Ihre rasch arbeitende Phantasie zeigte ihr eine Menge Möglichkeiten, welcher Art sein Benehmen sich ausnutzen lasse, doch blieben sie immer wieder an einem bestimmten Punkte haften, – es schien ihr nämlich, daß Roberts unwürdigem Benehmen mit Hilfe dieses Herrn eine Lehre erteilt werden könnte. Es gehörte zu der Strafe, die sie Robert angedeihen ließ, ihm zu zeigen, daß sie nicht unempfänglich für Algernons Bewunderung sei. Der erste Brief aus Venedig bestand in einer Reihe von Ausrufen zum Preise der Poesie der Gondeln, unterbrochen von hingeworfenen Äußerungen über den häßlichen Geruch des Wassers zur Ebbezeit und die entsetzliche Hitze, und dann schrieb Dahlia ruhiger, – »Tizian, der Maler, hat hier gelebt und Damen gemalt, welche ihm ohne das geringste Kleidungsstück gesessen haben; und wahrhaftig, mein Liebling, ich muß oft denken, daß es sicher weit angenehmer für das Modell war; als für den Maler. Selbst die Schamhaftigkeit scheint hier eine zu warme Hülle für menschliche Geschöpfe. Die Sonne erschlafft mich völlig. Von Teint ist überhaupt nicht mehr die Rede. Es tut mir wohl, zu wissen, daß Edward auch so noch stolz auf mich ist. Er hat Bekanntschaft mit einigen der hiesigen Offiziere angeknüpft und scheint sich über die Huldigungen zu freuen, die sie mir darbringen. »Sie haben sehr angenehme Manieren und weiße Uniformen, die ihnen wie Glacehandschuh sitzen. Ich bin Edwards ›wunderbare Frau‹. Ein Oberst der hiesigen Regimenter lud ihn – auf Englisch – zu Tisch ein, ›mit Ihrer wunderbaren Frau‹. Edward hat mit Sprachschnitzern keinerlei Geduld und wollte nicht, daß ich hinginge. Man begreift nie, wie wunderlich die Männer sind. Denke nie an die Möglichkeit eines vollkommenen Glücks, wenn Du nicht immer blind sein kannst. Jetzt sehe ich Euch wieder alle vor mir – Mutter Kloß und alle – wie ich 's ja wußte, daß ich es in Venedig wieder können würde. »Wenn Du doch nur Vater überzeugen könntest, daß alles gut wird. Einigen Menschen kann man doch wirklich Vertrauen schenken. Wenn Du ihm das doch klar machen könntest. Ich weiß, daß ich Edwards ganzes Leben bin. Er hat gelebt, wie die Männer zu leben pflegen, und er hat ein Urteil darüber, daß es nie ein Weib gegeben hat, die einem Manne ihr Herz so vollständig gegeben hat wie ich. Mitunter hat er Lust nachzudenken, oder er hat Lust zu rauchen und dann geht er fort; aber die Freude, wenn er wiederkommt, – er kann es kaum glauben, daß er mich hat, so groß ist sein Glück: wie ein fröhliches, dankbares Kind sieht er aus, er, der doch das allermännlichste Gesicht hat, das ich kenne. Meistens ist es sehr nachdenklich, man könnte sogar, wenn man es zu allererst sieht, denken, es wäre hart. »Aber einige Männer verlangen, daß man schön sei. Du wirst darüber lachen – aber ich habe es mir wirklich angewöhnt, mit meinem Gesicht und mit meinem ganzen Ich im Spiegel zu sprechen. Rhoda würde mich für splienig halten. Und das ist sicher, ich bin nie so demütig gewesen, was mein hübsches Aussehen betrifft. Wie habt ihr mich zu Hause verwöhnt – Du und diese böse alte Mutter Kloß, und unsere eigene, liebe Mutter, Rhoda – o, Mutter! Mutter! ich wollte, ich hätte immer daran gedacht, daß Du auf mich herniederblickst! Ihr habt mich eitel gemacht, viel eitler, als ich's Euch gezeigt habe. Es hat Zeiten gegeben, wo ich mich ganz wahrhaftig für eine Prinzessin hielt. Ich sehe jetzt nicht weniger gut aus, aber ich glaube, ich möchte jetzt so schön sein, daß ich überhaupt durch nichts zufrieden zu stellen wäre. »Wenn ich eine kleine Stelle an meinem Hals entdecke, gerate ich ganz außer mir. Wenn ich mir viel Haar auskämme, kriege ich Herzklopfen, und es ist mein täglicher Kummer, daß meine Hände größer sind, als sie sein sollten, da sie zu Edwards »wunderbarer Frau« gehören. Ich danke dem Himmel dafür, daß Du und ich immer einsahen, wie notwendig es sei, seine Fingernägel gut zu pflegen. Meine Füße sind nicht so besonders groß, obschon es keine französischen Füße sind, wie Edward sagt. Nein, tanzen werd' ich nie lernen. Er schickte mich in London zu einem Tanzmeister, aber es war zu spät. Aber über meinen Gang hat man mir Komplimente gesagt, und das scheint Edward zu freuen. Er tanzt selbst nicht oder macht sich doch nichts daraus, nur mag er nicht, daß es irgendeine Vollkommenheit gibt, die ich nicht besitze. Das kommt, weil er mich so liebt. O! wenn ich vielleicht irgend etwas gesagt haben könnte, woraus Du schlössest, er liebte mich nicht mehr gerade so wie früher, so glaub' das ja nicht! Er ist der allerzärtlichste und treueste Mann. Addio. Ich bin eine signora , und Du bist eine signorina . »Sie haben so hübsche Formen hier den Frauen gegenüber. Edward sagt, sie dächten hier geringer von uns, aber ich glaube, eher höher! Und doch fühle ich immer, daß er recht haben muß. O Du meine liebe, kühle, gutherzige, unschuldige Schwester, breite Deine Arme nach mir aus. Ich werde es fühlen, wie sie sich um mich schlingen, und ich küsse Dich, ich küsse Dich immer und immer!« Weiter, von einer Stadt zur anderen, setzte Dahlia ihre Reise fort, wie eine Flut von Licht erschienen ihre Erlebnisse dem alten Farmhause, das so arm an Licht war; und dann ganz jäh, ohne irgendwelche Vorbereitung, nach einem letzten Wort, das berichtete, daß sie sich Rom näherten, hörten die Briefe auf. In Rhodas Herzen zersprang eine Saite. Solange sie allwöchentlich von ihrer Schwester hörte, wiegte sich ihr Vertrauen wohlig, wie auf sommerlichen Fluten. Bei ihrem Verstummen wich es einer bangen Furcht. In ihrer Seele fand sich keine Antwort auf die unausgesprochene Mißstimmung ihres Vaters, und sie hatte Mühe, die quälende Todesangst zu verbergen. Zwei Monate vergingen ohne Nachricht, ein ödes Brachland, über dem die Furcht lagerte wie ein tonlos summender Wind vor Ausbruch eines Sturmes, unerträglicher, als der Sturm selbst für jedes menschliche Wesen. Rhoda ahnte nicht, daß Robert, der sie nur selten ansah, niemals ein Wort mit ihr zu wechseln suchte, wenn sie einander zufällig begegneten und miteinander allein waren, jeden Wechsel in ihren Mienen studierte und jedes besondere Anzeichen las. Er mußte ihnen seine eigene Deutung geben, aber die Zeichen selbst kannte er genau. Er wußte, daß ihr Stolz herabgestürzt war, und daß ihr Herz sich trostlos einsam fühlte. Er glaubte, daß sie das Elend ihrer Schwester entdeckt habe. Eines Tages kam ein Brief an, der sie nicht freudig erröten ließ, obschon er ihre Wangen höher färbte. Sie öffnete ihn, augenscheinlich ohne die Handschrift zu kennen, ihre Augen überflogen eilig die Zeilen. Nach einer Weile ging sie hinauf, um ihren Hut zu holen. An dem Hecktor, das die Landstraße abschloß, auf der Robert sie früher gesehen hatte, versperrte er ihr den Weg. »Nicht weiter!« war alles, was er sagte, und er war gar wohl imstande, auch Männern ein Weiterschreiten zu untersagen. »Warum lassen Sie mich nicht vorbei?« sagte Rhoda, mit der scheinbaren Unterwürfigkeit eines Weibes. Robert verschränkte die Arme. »Sie werden nicht weiter gehen, Fräulein Rhoda, es sei denn, daß Sie mich mitnehmen.« »Das werde ich nicht tun, Herr Robert.« »Dann wird es geratener für Sie sein, wieder nach Hause zu gehen.« »Darf ich Sie bitten, mir die Gründe zu sagen, weswegen Sie in dieser Weise gegen mich vorgehen?« »Die werden Sie nach und nach erfahren,« sagte Robert, »einstweilen werden Sie dem Stärkeren nachgeben.« Er war immer so sanft und freundlich und harmlos gewesen, daß ihr Spott leichtes Spiel mit ihm gehabt und sich niemals zum Ärger gesteigert hatte. Aber jetzt schäumte ihre Empörung ihm gegenüber hoch auf, und sie rief: »Wagen Sie es, mich anzurühren!« Dabei versuchte sie sich an ihm vorüberzudrängen. Robert ergriff sie leicht am Handgelenk. Zugleich loderte in seinen Augen eine so unbezwingliche Willensstärke auf, daß die ihre darunter erlosch. »Gehen Sie zurück,« sagte er, und sie wandte sich um, damit er die Tränen der Entrüstung und Scham nicht sehen sollte. Er behandelte sie wie ein Kind, aber sie hatte kein Wort der Verteidigung, als in ihrem eignen Innern. Sie wunderte sich, daß ihr Gewissen ihr nicht recht gab, wenn sie über eine direkte Anklage gegen ihn nachsann. »Gibt es für eine Frau keine Freiheit in dieser Welt?« Die bittere Frage kam über Rhodas Lippen. Rhoda ging zurück, wie sie gekommen war. Algernon Blancove tat das Gleiche. Zwischen beiden stand Robert und dachte: »Nun hab' ich auf zeitlebens dieses Mädchens Haß auf mich geladen.« Im November langte ein aus London datierter Brief auf dem Bauernhofe an, der Rhoda das Blut noch einmal schneller durch die Adern trieb. »Ich bin am Leben,« sagte Dahlia darin, und was sie sonst noch sagte, war bitter wenig, abgesehen davon, daß sie sich sehr danach sehnte, ihre Schwester zu sehen und sie dringend bat, allein zu ihr nach London zu kommen. Ihr Vater hatte nichts dagegen einzuwenden. Doch beschloß er, nach einer Unterredung mit Robert, sie zu begleiten. »Sie kann nichts dagegen haben, mich auch zu sehen,« sagte der Bauer, und Rhoda antwortete: »Nein.« Aber ihr Gesicht beim Abschied dünkte Robert wie ein Bronzebildnis. Kapitel X. Dahlia ist nicht sichtbar Der alte Anton empfing sie in London. Es war jetzt Winter und die Saison für Theater; zu dem Vergnügungsprogramm für seine Gäste gehörte es ihm daher auch, seinem Schwager den Spaß einer Theateraufführung zu verschaffen, vorausgesetzt, daß Herr Fleming den Wink verstehen sollte, daß er die Ausgaben dafür selbst zu tragen habe. Anton hatte es sich was kosten lassen, den Bauern bei sich willkommen zu heißen; er war verlegen und nervös, wie ein junges Mädchen, das dem Besuch eines vielversprechenden Jünglings entgegensieht, wenn er alles recht überdachte: seine fette Gans für das morgige Mittagsessen, seine Krabben für den heutigen Nachmittagsthee und sein Stück roten, scharfen Käses, den der Meiereiwarenhändler so nachlässig Cheshire-Käse nannte, zum Abendbrot. Er sagte sich, daß der Bauer sowohl durch Rhoda, wie durch Dahlia gehört haben müsse, daß er keine hohe Stellung an Boynes Bank bekleidete, und es wurmte ihn, daß der geheimnisvolle Nimbus des Reichtums, der ihn in den Augen des Bauern umgab, und der ihn selbst mit einem so neuen Reiz prickelte, durch das, was derselbe nun wahrnehmen würde, erschüttert werden könnte. Während seines letzten Besuches auf dem Hofe hatte Anton noch häufiger als gewöhnlich Andeutungen über die Fonds fallen lassen. Er hatte auf seine eigene Beteiligung an denselben angespielt, hatte Bemerkungen darüber fallen lassen, was er im Falle gewisser Eventualitäten tun oder nicht tun würde und hatte solcherart, in einer Art nebelhaften Glanzes und schattenartiger Unermeßlichkeit angedeutet, was er zu tun vermöge, im Falle sein Scharfsinn ihm zu dem oder jenem Wagnis riete. Der Bauer hatte es durch das fortwährende Schwirren seines unbestimmten Kummers hindurch gehört und nur durch Seufzer darauf geantwortet. »Daß du nur immer Arm in Arm mit mir gehst, Bruder William John,« hatte Anton gesagt, »wenn du in London bist, du könntest sonst zu leicht nach 'm Schein gehen. ›Gott,‹ sagt man wohl, ›was 's' das für 'n Tausendsassa, oder, das 's' doch ganz gewiß 'n Millionär!‹ Und dann gibt man seine Millionen und seine Tausende an die ganz Verkehrten, vielleicht gerad' an solche, die nich' 'n Pfennig haben. Wenn man da keinen Führer hat, denn steht einem ganz London auf 'n Kopf, aber einer, der damit Bescheid weiß, der zeigt einem so 'n alten, lumpigen, dreckigen Kerl, und der kauft dir den ganzen Rummel ab. Die Leute, die ihn nich' kennen, die sagen woll – kuck mal den ! aber wer ihn kennt, na, ich kann dir sagen! ›Hut ab!‹ heißt es da! Und was so 'n Graf is', – ob der in die Stadt kommt oder nich', da fragen wir gar nichts nach, aber die haben's 'raus, wo sie Bargeld riechen! Vor mir hat schon mal 'n Graf den Hut abgenommen! Ganz gewiß! 'n richtiger Graf!« Trotzdem Anton seinem bäuerlichen Verwandten die Warnung eingeprägt hatte, nicht nach dem Augenschein zu urteilen, hegte er fortwährend die Furcht, daß des Pächters Meinung über ihn und damit seine eigene intensive, fast überschwengliche Freude an dieser Meinung gefährdet sein könne. Als er die sorgfältigst ausgewählte fette Gans, die Krabben und den Käse gekauft hatte, fühlte er sich noch immer nicht mehr als halb befriedigt. Sein kühner Gedankenflug verstieg sich bis zu einer Flasche Wein, und er verwandte einen sommerhellen Abend zu einem Rundgange, um die Plakate der Weinhändler zu studieren und die billigste Flasche, die man kaufen könnte, herauszufinden. Und er würde eine gekauft haben – Siegellack besaß er selbst und hätte sie für seinen Zweck mit dem Bureaustempel von Boynes Bank zusiegeln können, um ihr einen ebenso würdevollen und kostspieligen Anstrich zu geben, wie ihn die prahlerischen roten und grünen Siegel auf den Plakaten hatten – er würde eine gekauft haben, wenn ihm nicht durch einen seiner glücklichen Geistesblitze die Möglichkeit aufgedämmert wäre, daß er es in der Hand habe, sich einen Auftrag zu einer Weinprobe in den Docks zu verschaffen, durch welchen man aus großen Six-penny-Gläsern so viel Wein, wie man Lust hatte, trinken und eine Sorte nach der andern ausprobieren konnte, während man die gaserleuchteten Gänge zwischen den enormen, weitbauchigen Weinfässern entlangschritt, die danach schrien, angezapft und probiert zu werden, damit die Menschen sie kennen lernten. Der Gedanke, zweiundeinenhalben Schilling für eine einzige elende Flasche zu bezahlen, verschwand angesichts dieser in den schönsten Farben leuchtenden Perspektive. »Das wird ihm 'n Begriff davon geben, was London is',« dachte Anton, und ein zweiter Gedanke raunte ihm zu, daß der Bauer, wenn er also voll süßen Weines wieder zur frischen Luft emporstiege, nicht klein von dem Manne würde denken können, dem der Zutritt zu diesen wunderbaren Kellern offen stand. »Weiß der Himmel, es ist wie in einem Märchenbuche,« rief Anton im Stillen und kicherte in sich hinein bei der Vorstellung, wie der Bauer staunen würde, – ja, er führte die ganze Geschichte auf, mit lebhaft gestikulierenden Armen, den Hut im Nacken, und unter sich immer wieder erneuernden, krampfhaften Lachanfällen. Am Bahnhof empfing er seine Gäste. Mr. Fleming war sehr ehrbar gekleidet, in einem Kostüm, das für Antons in London geschärftes Auge etwas Kuriositätenhaftes an sich hatte, doch fiel ihm der breite Hutrand, der eckige Schnitt des braunen Rockes und die Gamaschen als äußerst respektabel und einer Vorstellung bei jedweder Londoner Bank durchaus würdig auf. »Du bleibst sicher einem ledernen Geldbeutel treu, Bruder William John?« fragte er, mit einem künstlerischen Auge für Dinge, die miteinander im Einklang stehen. »Jawohl,« sagte der Pächter, indem er den Knopf über seiner Börse behutsam befühlte. »Schön; ich werd' dich doch nicht bitten, sie mir auf offener Straße zu zeigen,« fuhr Anton fort, während er Rhodas herabhängender Hand einen kleinen, verwandtschaftlichen Klaps gab. »Freust dich, deinen alten Onkel mal wieder zu sehen, was?« Rhoda erwiderte ruhig, gewiß täte sie das, aber hauptsächlich habe sie doch der Wunsch hergeführt, ihre Schwester zu sehen. »Sieh mal an!« rief Anton, »ein Kompliment kriegt man doch aus der Deern nich' 'raus. Sie gibt einem 'ne Nuß, und denn kann man sie ja aufknacken, und ob da 'n Kern in sitzt oder nich', – das is' ihr ganz egal!« »Aber da ist nicht viel drin,« stieß der Bauer hervor, indem seine Finger den Knopf fahren ließen, an dem sie sicherheitshalber herumhantiert hatten, seit Anton die Frage wegen der Börse gestellt hatte. »Nicht viel? ach was, Bruder William John.« Anton sah sich etwas ratlos um, als wisse er nicht recht, was er aus dieser Bemerkung machen solle. »Nicht viel Gepäck, das seh' ich,« rief er aus, »ja, Gott sei Dank! keine Koffer. Aha, mein liebes Kind,« wandte er sich an Rhoda, »du entsinnst dich wohl noch der kleinen Lektion von damals, was? Nu' paß mal auf, siehst du, dafür will ich an dich denken. Weißt du was, mein Deern,« er sprach in gedämpften Flüsterton zu ihr, »der elende halbe Schilling damals, den mir der Droschkenkutscher ablassen mußte, – da lag der Hase im Pfeffer, der war für meine Konstitutschon mehr wert, als so 'ne olle Medizin. Der war für mich wie 'ne Lunge voll Seeluft, und denn hat man da noch nich' mal Ausgaben von. Ich könnt' mir rein noch einmal so was wünschen, bloß um mich mal wieder so jung zu fühlen, wenn ich mich so recht schön fest hingestellt hab', um so loszugehen auf – 'n Droschkenkutscher. Ah, als ich jung war, da könnt' ich sogar 'n billigen Jakob auf 'n Markt mundtot kriegen. Zirkulatschon, die is' wie 's Korn in 'n Stroh. Darum mach' ich mir da auch gar nichts aus, so 'n Droschkenkutscher mal 'n büschen zu foppen, – 'n ganzen Tag sitzen die da und haben rein gar nichts zu sagen als ›Hüh‹ und ›Hott‹, und denn 's gut. Ob die Jungens man so losbrüllen, das is' mir ganz einerlei. Ich bin ja doch selber 'n Jung' gewesen. Ich hab' 'n Teufel in mir, aber sei man nich' bang', mit 'n Gesetz kriegt er schon nichts zu tun. Aber nun man los, die Herren kucken dich so an, das tut dir ja nich' gerad' weh, aber, weißt was? ich werd' da eifersüchtig von.« Ehe die Gesellschaft den Perron verließ, entspann sich zwischen Anton und dem Pächter noch ein heftiger Zank darüber, wer den gewichtigen Reisesack tragen solle, aber da die Sache doch nur halb im Ernst war, verschwendete der Bauer nicht allzuviel Kraft daran und ließ Anton den Willen. »Du hast dich wohl gewundert, Bruder William John,« sagte er, als sie auf der Straße waren. Der Pächter gab zu, daß er kräftiger sei, als er aussähe. »Geh man bloß nich' nach 'n Schein, das is' alles, was ich sag',« bemerkte Anton, während er den Sack niedersetzte, um den Finger an die Nase zu legen und dadurch seine Rede eindrucksvoller zu machen. »So, nun lassen wir London Bridge rechts liegen und schwenken links 'um, das 's' 'ne ruhigere Gegend.« Er faßte den Sack aufs neue. »Hör' bloß mal! das, was man da hört, das is' das Rollen von ganzen Lawinen von Gold, Bruder William John. Ganz feines Bild, was? Hör' bloß mal! Ich hab' das Bild aus so 'n Penny-Blatt; für 'n Penny, ach, da kauft man heutzutage alles mögliche. Poesie unterm Strich und Erzählungen, Verführungsgeschichten, – da war ein Kerl, der hat sich mit seines Herrn Geld aus 'm Staube gemacht und is' nach Australien durchgegangen und hat Millionen verdient, als wenn er 'n Graf wäre, und doch – das Gesetz immer hinter ihm her. Alle immer mit 'n Hut ab vor ihm und verrenken sich beinah 'n Kopf mit Verbeugungen, – und wenn er bloß 'n Polizisten sieht, denn schuddern ihm die Knie so an'nander, – is' 'n Kerl gewesen mit 'n roten Gesicht, so 'n robusten, stämmigen Kerl, der gern was essen mochte und auch 'n Glas Wein trinken, aber weil er dann so mit einmal ganz weiß werden konnte, nannten ihn die Leute ›Siegellack und Pergament‹, – das war so ein Name, und ›Karotten und Zwiebeln‹, das war noch einer, oder ›Blumenkohl‹, und ich weiß nich' was und so allerhand. Und stell' dir mal vor, sein halbes Einkommen mußte er für Auszahlungen an Kerls verwenden, die ihn einfach aus seinem Stadthaus oder Landhaus hätten 'rausgraulen und in einem Nu ins Gefängnis hätten stecken können. Und zuletzt haben sie ihn doch gekriegt! So 'ne Geschichten, da hat man doch was zum Nachdenken an. Früher, da bin ich auch man so 'n junger Grünschnabel gewesen. Aber man kann sich wirklich 'n ganzen Berg nützliche Gedanken für 'n Penny kaufen. Ich hab's auch mal mit 'n Half-penny-Blatt versucht. Aber das Billigste ist nicht immer das Vorteilhafteste. Die Hauptsache is': Man muß Geld machen, und denn kann man sich nachher den ganzen Rest kaufen.« Unter solchen Gesprächen und gelegentlichen Unterbrechungen dadurch, daß er des Bauern Bemühungen, ihm seinen Reisesack abzunehmen, mit der Bemerkung zurückwies, daß der Schein trüge, und daß er, so es seinem Schöpfer gefalle, noch ein Weilchen zu leben und ein gut Stückchen Geld beiseite zu legen hoffe, brachte Anton seine Gäste nach Mrs. Wicklows Haus. Mrs. Wicklow versprach, ihnen die beste Omnibuslinie zu Dahlias Wohnung im Südwesten anzugeben, und Marianne Wicklow, die im geheimen keinen glühenderen Wunsch hegte, als den, wenigstens die äußere Schale von ihrer Freundin neuem Glanz zu sehen, erbot sich in selbstlosester Weise, sie zu begleiten. Anton schärfte ihnen beim Abschied aufs nachdrücklichste ein, daß sie sich Punkt halb vier nachmittags an einer Straßenlaterne vor Boynes Bank treffen wollten. »Grüßt Dahlia von mir,« sagte er. »Sie war immer einen guten Kopf größer, als ich. Sagt ihr, wenn sie mir mal in ihrer Karosse vorbeirollt, brauchte sie mich nicht weiter zu beachten. Ich hab' so meine eignen Ideen über den Wert der Menschen. Und wenn ihr Mr. Ayrton sein Geld vielleicht in Boynes Bank deponieren sollte, so werd' ich ihn nicht anders behandeln, als jeden andern Kunden. Dies hier ist das Mädel für mein Geld.« Er streichelte Rhodas Arm und empfahl sich. Der Pächter machte ihr Vorwürfe über ihr kühles Wesen ihrem Onkel gegenüber und raunte ihr zu: »Du hast doch gehört, was er gesagt hat.« Rhoda war eiskalt in der Erwartung dessen, was vor ihr lag, und Andeutungen und Vorwürfe glitten an ihr herab, ohne daß sie ihrer gewahr wurde. Die Menschen, welche in den Omnibus stiegen, kamen ihr vor wie schattenhafte Phantome, die mit jedermann, den sie früher gekannt, Ähnlichkeit hätten, die Eine, Heißgeliebte ausgenommen, die sie nach langer Trennung jetzt wiedersehen sollte. Sie empfand eine Art Mitleids dem Blödsinn gegenüber, der ohne irgendwelchen vernünftigen Grund die Straßen mit solchem Leben erfüllte. Als sie auf den Füßen stand, wurde es ihr zum erstenmal klar, daß sie ihrer Schwester, nach der es sie hungerte, wirklich näher komme, und es war ihr, als sei sie an einem fremden Gestade ans Land gestiegen. Währenddessen redete Marianne Wicklow, unbekümmert, ob ihr jemand zuhörte, ins Blaue hinein. Sie war sehr stolz darauf, daß sie es war, die Dahlias Straße zuerst entdeckt hatte. Nicht um die Welt würde sie mit hineinkommen, sagte sie so nebenher, das fiele ihr gar nicht ein, irgendwo hinzugehen, wenn man sie nicht geradezu dringend dazu aufgefordert hätte. Rhoda ging von ihr fort, um die Nummern der Villenstraße besser zu übersehen, sie stand auf dem Fahrdamm, damit ihr Herz unter all den anderen farblosen Wohnungen Dahlias Heim herauskennen möge. Sie entschied sich für ein bestimmtes Haus, aber es war ein Irrtum, und der Mut entsank ihr. Die hübsche Marianne forderte sie heraus und trug den Sieg über sie davon durch eine sorgsame Berechnung: »Ich mach' meine Augen gut auf,« bemerkte sie, »Nummer 15 ist das Eckhaus, das Erkerfenster dort, ganz gewiß!« Vor den Fenstern waren Gärten oder, besser ausgedrückt, schmale Streifen eines Gartenweges. Dicht vor der berankten eisernen Pforte, die zu Nr. 15 führte, hielt eine Droschke. Marianne trieb sie vorwärts, indem sie ihnen auseinandersetzte, sie könnten noch jetzt auf ein paar Dutzend Schritt Entfernung hin zu spät kommen, denn wenn Londoner Droschken auch im ganzen im Schneckengang kröchen, so könnten sie doch auf Verlangen, und wenn man sie dementsprechend bezahlte, wie der Blitz dahinsausen. Sie war kaum, einen Augenblick zurückgeblieben, als sie eine Illustration ihrer Behauptung erlebten, denn plötzlich sprang ein Herr quer über das Pflaster, warf sich in die Droschke und davon ging's, – für provinziale Augen scheinbar mit einer so zauberhaften Schnelligkeit, als handle es sich um ein pantomimisches Kunststück. Rhoda eilte unwillkürlich ihrem Vater voraus. »Vielleicht war es ihr Mann,« dachte sie und zitterte. Die Vorhänge im Wohnzimmer bewegten sich, wie durch eine Hand, aber wo war Dahlias Gesicht? Dahlia wußte, daß sie kämen, – sah sie denn nicht nach ihnen aus? – das war alles so merkwürdig, daß Rhodas schwarze Brauen sich darüber so dicht zusammenzogen, daß es dem Mädchen welches die Tür öffnete, vorkam, als läge eine Drohung in ihrem Ausdruck. Sein: »Bitte sehr, Fräulein –« prallte zusammen mit Rhodas: »Meine Schwester, Mrs. – sie erwartet mich. Ich meine, Mrs. –«, aber Rhodas Lippen wollten keinen andern Namen formen als »Dahlia«. »Ayrton,« sagte das Mädchen und dann fing sie noch einmal an: »O, bitte sehr, Fräulein, Sie sind wohl die junge Dame, es tut Mrs. Ayrton so leid, sie läßt sagen, ob Sie morgen nicht 'mal wiederkommen wollten, sie hätte eine sehr dringende Verabredung gehabt und hoffte sicher, Sie würden es entschuldigen, aber ihr Mann wollte durchaus, daß sie ginge, und es war nicht aufzuschieben, und es täte ihr so sehr leid, aber ob Sie vielleicht morgen um zwölf mal wieder vorkommen wollten? Dann wollte sie auch ganz pünktlich hier sein.« Das Mädchen lächelte, wie jemand, der seine Lektion sehr korrekt aufgesagt hat. Rhoda war wie vom Blitz getroffen. »Ist Mrs. Ayrton zu Hause? Nicht zu Hause?« fragte sie. »Nein, hörst du denn nicht?« sagte der Bauer herb. »Sie hat doch meinen Brief bekommen – wissen Sie das vielleicht?« Rhodas Augen ruhten flehend auf dem Mädchen. »O ja, Fräulein. Einen Brief von auswärts.« »Heute morgen?« »Ja, Fräulein, heute morgen.« »Und sie ist ausgegangen? Um welche Zeit ist sie weggegangen? Wann wird sie wohl wiederkommen?« Ihr Vater zupfte sie am Kleid. »Laß doch das junge Mädchen ihren Lecks nicht noch einmal herbeten. Sie sagt doch, es ist keiner zu Haus, der uns sehen will. Was willst du sie denn noch länger aufhalten.« »Morgen mittag um zwölf?« stammelte Rhoda. »Ja, bitte, wenn Sie morgen mittag um zwölf mal wieder vorsprechen möchten, dann würde sie ganz pünktlich da sein,« sagte das Mädchen. Der Bauer ließ den Kopf hängen und ging hinaus. Rhoda schritt ihm langsam nach durch den Garten. Miss Wicklow stürzte sich sofort mit Fragen und Ausrufen der Verwunderung auf sie, aber erst durch ihre Frage: »Sie sahen ihn doch wegfahren in der Droschke, nicht?« vermochte Rhoda irgendwelchen Sinn aus ihrem Geschwätz zu entnehmen. War es Dahlias Mann, den sie gesehen hatte? Und wenn er es war, warum war denn Dahlia nicht mit ihm zusammen? In ihrem Herzen tönte die Frage, aber sie versuchte sie nicht zu beantworten, denn sie gestattete sich nicht das Aufsteigen irgendwelcher Zweifel. Der Farmer ging mit seinen schwerfälligen Bauernschritten, mit seinen wie unter einer Last gebeugten Schultern, mit seinem rotbackigen, ernsthaften Gesicht vorwärts, ohne ein Wort an Rhoda zu richten, die auch ihrerseits nach keinem Wort von ihm verlangte und ihn ungestört seinen Gedanken überließ. Marianne funktionierte als Steuermann und rief ihm von hinten zu, in welche Straßen er einzubiegen habe, während sie gegen Rhoda mit lauter Stimme erwog, was für Geschäfte es nur gewesen sein könnten, die Dahlia zu so ungelegener Zeit vom Hause weggeführt haben möchten. Mit einmal rief sie, sie wisse, um was es sich handeln werde, aber Rhoda drückte keinerlei Neugier aus. Marianne konnte nicht widerstehen, ihr allerlei Seltsames hinsichtlich gewisser notwendiger Einkäufe zuzuraunen. In diesem Augenblick schwenkte der Bauer seinen Regenschirm und rief eine Droschke an; Rhoda lief zu ihm hin: »O, Vater, warum wollen wir denn fahren?« »Ja, ja, ich sag's dir ja!« sagte der Bauer, indem er seinen Halskragen lockerte. »Es ist aber doch so teuer, Vater, wir können doch gehen.« »Ach was, teuer oder nicht, ist mir ganz egal. Ich will fahren«. Er schrie noch einmal nach einer Droschke, und es kam eine und nahm sie auf, worauf der Farmer, da ihm niemand weiter dreinsprach, wieder in seine frühere ernste Ruhe versank. Bei Boynes Bank ließ er halten. Anton paßte auf und bedeutete sie, einige Schritte vom Eingang entfernt, stehen zu bleiben. Etwa eine Viertelstunde mußten sie hier zwischen zwei Menschenströmen warten, die sie bald von der einen, bald von der andern Seite drängten, bis endlich die alte, breite, untersetzte Gestalt herauskam und mit kleinen, lächerlich gespreizten Schritten, den Kopf voran, die Arme über der ausgepolsterten Brust gekreuzt, an ihnen vorüberstürzte. Er hielt einen Moment inne, um zu sehen, daß sie ihm folgten, winkte ihnen mit seinem Kinn und ging dann in höchster Eilfertigkeit voran. Bewundernswert war sein Um-die-Ecke-biegen, sein Umgehen jeglichen Hindernisses, sein geschicktes Ausweichen vor jedem Passanten. Plötzlich verloren sie ihn aus den Augen und blieben verwirrt stehen, aber während sie noch überlegten, was zu tun sei, hörten sie seine Stimme. Er stand hoch über ihnen, da er eben zwischen zwei glänzend polierten, schwingenden Türen heraustrat, und er lachte und nickte, während er die Stufen herunterlief und machte ihnen allerhand Zeichen zu, um ihnen begreiflich zu machen, daß er einer Last ledig sei. »Das hab' ich nun zwanzig Jahre meines Lebens getan, Bruder William John,« sagte er. »Ja, das ahntest du wohl nicht, daß ich 'n paar Tausend wert war, als ich eben von euch wegrannte? Da soll mal einer versuchen, mich aufzuhalten. Ebensogut kann er versuchen, 'n Eisenbahnzug aufzuhalten. Dampf dahinter und dann – los!« Er lachte und wischte sich die Stirn. Ein bißchen ärgerlich über den geringen Eindruck, den seine Schilderung auf des Bauern Gesicht entdecken ließ, fuhr er fort: »Du meinst, da wär' nichts Besonderes bei. Na, ich kann dir sagen, in Boynes Bank ist kein Zweiter, dem sie das anvertrauen würden. Dreißig Jahre haben sie mir solches Vertrauen geschenkt, warum sollten sie es nich' noch dreißig Jahre tun? Ein guter Ruf, Bruder William John, der is' wie Zinseszins, wie gutes Bargeld. Hast du nich' so was wie 'ne Art Hitze gefühlt, als ich an euch vorbeifegte? Ja, ja, das war 'ne Sache von ein – zwei – drei – vier« (Anton beobachtete den Bauer, während seine Stimme mit dem Steigen der Zahlen immer lauter anschwoll) »fünf – sechs – sechs tausend Pfund, Bruder William John. Die Menschen müssen doch ein bißchen was auf einen geben, dem sie ungefähr jeden Tag, den sie leben, mit Ausnahme der Sonntage, so 'ne Summen anvertrauen. Was? Meinst das nich' auch?« Er verweilte eine Zeitlang auf dem ungeheuren Vertrauen, das man in ihn setze, auf der fürchterlichen Versuchung, die solches Vertrauen manch einem sein würde, und wie die ihrem guten Stern dankbar sein könnten, daß solche Versuchung nie an sie heranträte, die ihm wahrhaftig gar nichts bedeute, aber auch rein gar nichts, – bis des Bauern Gesichtszüge plötzlich den Ausdruck herber Spannung verloren, denn in seinen Kopf fand ein Problem seine Lösung. Es stand ihm plötzlich ganz fest, daß Anton aus dem Grunde ein so außergewöhnliches Vertrauen genieße, weil die Chefs und die ersten Beamten von Boynes Bank wußten, daß der alte Mann selber ein ganz erkleckliches Sümmchen besitze; aller Wahrscheinlichkeit nach ruhte diese Summe als Sicherheit in ihren Gewölben, und so konnten sie ihn mit dergleichen Beträgen sorglos betrauen. Ja, mehr noch, man konnte sich schön vorstellen, daß der arglose alte Kerl, der sich selber für so gerissen hielt, ihnen all das Seine ohne den geringsten Argwohn, was ihr Hauptbeweggrund dabei sei, in die Hände lieferte. Mr. Fleming sagte: » O ja, gewiß!« Er sah förmlich schlau aus, als er über Antons Hut hinweg lächelte. Die gesunde Kombination seiner Verstandeskräfte hatte sein sorgenvolles Vaterherz etwas erleichtert,, und als er eine Bemerkung darüber fallen ließ, daß sie Dahlia nicht zu Hause getroffen hätten, geschah es mit einem gewissen Sondieren, welche Art der Entschuldigung sein Zuhörer für sie aufzubringen haben werde, indem er selbst ziemlich ungeschickt ein oder zwei Gründe ins Feld führte, als wollte er zeigen, daß er für jeden auch noch so kleinen Trost sehr empfänglich sei. »So, natürlich!« meinte Anton spöttisch. »Aus war sie? Na, ihr werdet überhaupt von Glück sagen können, wenn ihr sie die nächsten drei, vier Tage zu Haus trefft. Ach, Bruder William John!« Halb erschreckt durch Antons bedauerndes Kopfschütteln, rief der Bauer aus: »Was ist denn los, Mensch?« »Was würd' ich stolz sein, wenn du auf eine oder die andere Art mal was in Boynes Bank deponieren würdest!« »Ach!« wehrte der Bauer seinerseits ab und vergrub das Kinn tief in sein Halstuch. »Vielleicht wird es doch noch mal einer aus deiner Familie tun, Bruder William John.« »Sehr wahrscheinlich, daß einer aus meiner Familie es tut, Bruder Anton!« » Wird es tun, sagte ich, Bruder William John, wenn's 'n paar gute Deerns sind und nett, und anständig heiraten, – was?« und er drehte sich zu Rhoda um, die mit Mrs. Wicklow ging. »Warum sieht sie denn so trübselig aus, mein Deern? Trübselig muß man nie sein. Meinetwegen kannst du's gern deinem jungen Mann erzählen, wer's denn auch sein mag. Und ich möchte wohl, es wär' ein gewisser, stämmiger junger Kerl von sechs Fuß Höhe, auf den ich 'n Auge geworfen hab', 'n Landmann. Womit bebaut er sein Feld, damit bei dem Feldbau was herauskommt heutzutage? Jawoll, mit seinem Verstand bebaut er's! Das kannst du in meinem letzten Wochenblatt finden, Bruder William John, und als ich das so bei mir überleg', denk' ich – das sollt' so 'n Landmann lesen! Das kannst du jedem jungen Manne, den du Lust hast, gern sagen, mein Kind, daß dein alter Onkel dich gern leiden mag.« Bei ihrer Rückkehr empfing Mrs. Wicklow sie mit einem Brief in der Hand. Er war von Dahlia an Rhoda und sagte, daß Dahlia von ganzem Herzen betrübt sei, ihren lieben Vater und ihre süße Schwester verfehlt zu haben. Aber ihr Mann habe darauf bestanden, daß sie ausgehen müsse, um einige spezielle Einkäufe zu machen und ein Dutzend Sachen zu bestellen; und es täte ihm außerordentlich leid, daß er sie hätte mitnehmen müssen, aber sie hoffe, ihre liebe Schwester und ihren Vater sehr, sehr bald zu sehen. Sie wünschte, sie wäre Herrin ihrer Zeit, dann käme sie sicherlich gleich zu ihnen gelaufen, aber die Männer verlangten so furchtbar viel von ihren Frauen, daß sie nie auch nur über fünf Minuten frei verfügen könne. Sie würde sie dringend bitten, morgen zu kommen, wenn sie nicht gerade den Tag in ihre neue Wohnung übersiedeln wollten. »Aber o, meine liebe angebetete Rhoda,« schloß der Brief, »nur halte in Deinem Herzen ganz daran fest, daß ich dich so sehr liebe, und bete, daß wir einander bald wiedersehen mögen, wie solches bei Tag und bei Nacht auch mein Gebet ist. Bitte Vater, hier zu bleiben, bis wir uns treffen können. Bald wird sich alles machen lassen. Es kann gar nicht anders sein. 0, o, meine geliebte Rhoda, wie hübsch du geworden bist. Es ist ja eine Zeitlang ganz nett, blond zu sein, aber die Brünetten sind doch glücklicher dran. Ihre Schönheit hält sich besser, und wenn wir Blonden viel weinen oder dünne werden, o, wie sehen wir dann aus!« Es folgten noch einige zärtliche Abschiedsworte aber keinerlei weitere Erklärungen. Wiederum sammelten sich Falten auf des Bauern milder, meist zufriedener Stirn. Rhoda sagte: »Laß uns warten, Vater.« Als sie allein war, drückte sie den Brief an ihr Herz, als wollte sie seinen geheimsten Sinn erforschen. Aber jegliches Nachgrübeln war nutzlos; nur das eine wollte ihr nicht aus dem Sinn: wie wußte ihre Schwester, daß sie sehr hübsch geworden sei? Vielleicht hatte das Hausmädchen geplaudert. Kapitel XI. Ein bezeichnendes Duett in Moll Dahlia, die Ursache all der Zweifel und Fragen im Herzen ihrer Schwester, lag lang ausgestreckt auf dem Sofa eines behaglich eingerichteten londoner Wohnzimmers und schluchzte, das Taschentuch vor den Augen, leise vor sich hin. Ihre Leidenschaft hatte sich in heftigem Weinen Luft gemacht, nun schluchzte sie noch ein wenig zum Trost. In ihrem kostbaren Seidenkleid lag sie da, wie der Schatten ihres einst so lebensfrohen Selbst, während die große, rote Wintersonne, sich dem Untergang zuneigte und ihre letzten, satten Strahlen auf die Wand oberhalb ihres Hauptes warf. Sie spielten auf ihrem nußbraunen Haar und ließen es wie lebendige Feuerfäden funkeln, aber Dahlia hatte kein Auge für ihr Spiel. Gänzliche Abspannung und Angst davor, ihre Augenlider im Spiegel zu sehen, ließen sie in völliger Ruhe verharren. Die Dunkelheit senkte sich auf sie herab, das kümmerliche Gaslicht der Straßenlaternen zeigte ihren fest eingehüllten Körper. Ein Mädchen kam herein, um den Tisch zu decken, und verrichtete seine Obliegenheiten in der den Dienstboten einer londoner Pension eigenen, automatenhaften Art, bereitete durch ihre Schürversuche einem ohnehin müde brennendem Feuer den völligen Untergang und unterdrückte mühsam ein Gelüst zu singen. Dahlia bemerkte sehr wohl, was um sie her vorging, sie hätte viel darum gegeben, ihrer Nase den Geruch des Mittagessens zu ersparen, ihren krankhaft erregten Sinnen erschien es wie eine große, unmittelbar bevorstehende Gefahr, aber es fehlte ihr die Energie zu einem Ausruf oder zu irgendwelcher Initiative überhaupt. Die Speisedüfte fluteten zu ihr hin, und sie konnte sich nur passiv dagegen wehren. Anfangs überwältigte es sie fast gänzlich: das Fleisch roch so herbe, die Kartoffeln so säuerlich, jedes Gemüse kündigte sich so unangenehm sonderlich an, ja, selbst Brot und Salz strömten, so schien es ihrer krankhaften Phantasie, einen feinen, durchdringenden, betäubenden, greulichen Hauch zu ihr herüber, wie der Druck einer Wolke, die Pfeile der Krankheit herniedersendet. So erschien es ihr, bis sie hätte aufschreien können, aber nur ein paar neue Tränen flössen ihr die Wangen herab, und sie lag da und erduldete es still. Todesruhe und Schweigen lagerte über dem gedeckten Tische, als die Haustür unten geöffnet wurde und ein leichter Schritt die Treppen heraufsprang. Ein junger Herr in Dinertoilette trat ein; ein loses, schwarzes Cape hing ihm leicht über die Schultern. Er blickte auf den Tisch, dann auf das Sofa und sagte: »O, da ist sie ja!« ging dann zum Fenster und pfiff vor sich hin. Nach einem Augenblick großer Geduld wandte er sein Gesicht ins Zimmer zurück und fing an, mit dem Fuße leise auf den Teppich zu klopfen. »Nun?« sagte er, als er einsah, daß diese Andeutungen großartiger Selbstbeherrschung keine Beachtung fanden. Seine Stimme war gleichermaßen außerstande, ein Lebenszeichen hervorzurufen. Nun nahm er den Hut ab und sagte: »Dahlia!« Sie regte sich nicht. »Dann hat mein Hiersein ja sehr wenig Zweck,« warf er hin. Einige hastigere Atemzüge waren die Antwort. »Nimm um Himmels willen das Taschentuch weg, mein gutes Kind! Warum läßt du denn das Essen kalt werden? Hier« – er hob einen Deckel auf – »hier ist Roastbeef. Das magst du doch, – warum ißt du's denn nicht? Das ist mal wieder recht ungereimt von dir. Und warum haben sie dir keinen Champagner auf den Tisch gestellt? Du kommst ganz herunter, wenn du den nicht trinkst. Gerade wenn diese melancholischen Anwandlungen über dich kommen, sollst du ihn trinken – aber es ist verlorene Liebesmüh', einer Frau zureden zu wollen, daß sie irgend etwas für ihr eigenes Bestes tut. Dahlia, willst du nicht die Gnade haben, mir ein oder zwei Worte zu gönnen, ehe ich wieder fortgehe? Ich hätte hier gegessen, aber es wartet jemand im Klub auf mich. Was in aller Welt hat es denn für einen Zweck, sich leblos zu stellen? Du hast den gewünschten Erfolg bereits erzielt, ich fühl' mich so ungemütlich, wie nur irgendmöglich. Gräßlich ungemütlich!« »Na, also,« als er sah, daß Worte keinerlei Erfolg hatten, faßte er seine Vorstellungen und Vorwürfe in diesen Seufzer resignierter Philosophie zusammen, »ich gehe jetzt. Warte mal – hab' ich meine Schlüssel für die Tempelstraße? – ja! Ich fürchte, selbst wenn du die Gewogenheit haben solltest, gnädig zu sein und mir einen Blick zu schenken, werde ich dich dennoch ein paar Tage lang nicht sehen können. Morgen um fünf Uhr fahre ich zu Lord Elling. Ich habe da ein Zusammentreffen mit meinem Vater verabredet. Ich fürchte, wir werden wohl Weihnachten über dort bleiben. Adieu.« Er wartete einen Augenblick. »Adieu, liebes Kind.« Nachdem er zwei oder drei Schritte zur Tür gemacht, sagte er: »Übrigens, brauchst du irgend etwas? Geld? – Brauchst du zufällig Geld? Ich werde dir morgen einen Scheck schicken. Ich habe genug für uns beide. Ich werde der Wirtin sagen, daß sie dir ein feines Weihnachtsdiner bestellt. Wie ist es mit Wein? Champagner ist ja da, weißt du, und auch Ale in Flaschen. Sherry? Ich will gleich ein paar Zeilen an meinen Weinhändler schicken, ich glaube, der Sherry geht auf die Neige.« Ihr Gehörsinn war jetzt ebenso empfindlich verletzt, wie ihr Geruchsinn zuvor. Sie hätte nicht sprechen können, und hätte es ihr Leben gegolten. Er würde höchst erstaunt gewesen sein, zu erfahren, daß seine Fürsorge für ihr leibliches Wohl während seiner Abwesenheit nicht als eine Freundlichkeit von seiner Seite aufgefaßt würde, denn dergleichen ist doch entschieden sehr freundlich; und für wen anders, als für jemand, den er gern hatte, würde er die Flaschen gezählt haben, die er zu ihrer Verfügung zurückließ, ja, sich so weit darüber beunruhigen, daß die geringe Anzahl der Sherryflaschen in seiner Wirtschaft seine Gemütsruhe entschieden störte? »Na, leb' wohl,« sagte er endgültig. Dann schloß sich die Tür. Hätte Dahlia ihr Elend irgendwie simuliert, so würden sich jetzt ihre Augen sowohl, wie ihre Ohren positive Gewißheit über sein Fortgehen zu verschaffen gesucht haben. Aber wenn sie ihr Taschentuch entfernt hätte, so würde sich ihr ja der greuliche Anblick des Mittagstisches dargeboten haben, und der hatte sie schon zur Genüge leiden lassen. So blieb sie, wie sie war, sagte nur vor sich hin: »Ich bin tot,« und schwelgte in einem todesähnlichen Gefühl. Sie bemerkte kaum, daß sich die Tür noch einmal öffnete. »Dahlia!« Sie hörte ihren Namen aussprechen und zwar flehentlicher, mehr in ihrer Nähe. »Dahlia, mein armes kleines Mädchen!« Ihre Hand wurde heftig gedrückt, aber es durchschauerte sie nicht. »Ich bin tot,« wiederholte sie im Geist, denn die Berührung griff ihr nicht wie sonst ans Herz und ließ es schneller klopfen. »Dahlia, sei doch vernünftig! Ich kann dich so nicht verlassen. Wir werden eine Zeitlang getrennt sein. Und was hast du hier für ein jämmerliches Feuer! Du warst doch selbst meiner Ansicht, daß es alles so am besten sei. Es ist wirklich schwer für mich! Ich tue, was ich kann, um dich zufr– glücklich zu machen, und wahrhaftig, – zu sehen, wie du dein Mittagessen kalt werden läßt! Deine Hände sind ja wie Eis! Das Fleisch wird gar nicht mehr zu essen sein. Du weißt doch, daß ich nicht mein eigner Herr bin. Komm, Dahlia, mein Liebling.« Er ergriff sie sanft unterm Kinn und zog ihr das Taschentuch fort. Dahlia stöhnte über das Enthüllen ihres vom Weinen entstellten Gesichts und wandte sich müde der Wand zu. »Bist du krank, mein Lieb?« fragte er. Männer sind immer so bedenklich praktisch. Er bat dringend um die Erlaubnis, zu einem Arzt senden zu dürfen. Aber Frauen sind, wenn sie sich's einmal in den Kopf gesetzt haben, unglücklich zu sein, für keinerlei praktischen Trost zugänglich. Sie wies sein Anerbieten, zum Doktor zu schicken, mit einem Stöhnen zurück. »Was kann ich denn sonst für sie tun?« dachte er naturgemäß und sprach es auch naturgemäß, aus. »Sag mir doch adieu,« flüsterte er. »Und mein schönes Lieb wird mir schreiben. Ich werde so pünktlich antworten. Ich lasse sie gar nicht gern allein zu Weihnachten! Und sie wird mir mal eine Zeile italienisch schreiben und mal ein bißchen französisch – aber ja die Accents nicht vergessen! – und mit dem ekligen Deutschen braucht sie sich keine Mühe zu geben: kshrra-kruzzra-kratz ! – das können ihre hübschen Lippen nun mal nicht, und darum wollen sie es auch nicht, nur französisch und italienisch! › La dolcessa d' amor dentro me suona ‹. Weißt du noch, was wir zuerst für Spaß daran hatten? › Amo zoo ‹, › no amo me ?‹ mein süßes Lieb?« Das war so ein Pröbchen der Baby-Liebhaber-Sprache, die zu ihrer Zeit ja gewiß ihren Reiz besitzt und einem liebenden Weibe jederzeit wie eine süße Liebkosung klingen mag, wenn sie nicht eben in Dahlias Lage ist. Selbst in dem Falle kann sie zweckdienlich sein, oder die Frau kann sie nachsichtig beiseite schieben, wenn sie ihr zur Zeit nicht gerade angebracht erscheint, aber die Worte müssen durchaus einfach und ungesucht herauskommen, sonst wird das armselige Machwerk durchschaut und seine Hohlheit erbittert zurückgewiesen. Eine solche Zurückweisung erfolgt wohl mit einem unaussprechlichen Gefühl von Herzweh, denn es handelt sich ja um die Sprache der Stunden, die dem Weibe die heiligsten seines ganzen Lebens waren, die jetzt heuchlerisch mißbraucht wird, um die Unglückliche zu blenden und sie in einen Traum von eitel Täuschung einzulullen. Handelt es sich um ein verworfenes Geschöpf, so mag es sich vielleicht dazu verstehen, trotz alledem darauf einzugehen, es wird seine Rolle in dem Possenspiel auf sich nehmen, allerhand Worte päppeln, schmollen und allerliebst das Mäulchen verziehen, so daß es den Anschein hat, als erständen die alten Tage aufs neue, und obschon beide Teile wissen, daß sie tot sind, wird der Zweck dennoch erreicht werden. Aber Dahlias Gram war ein tiefgehender: ihr Herz war intakt. Sie gewahrte nicht einmal die Gelegenheit zu einem koketten Spiel, die sich ihr bot. Sie empfand die Hohlheit seiner Rede, nichts weiter, und sie sagte: »Lebe wohl, Edward!« Er hatte sich auf ein Knie niedergelassen. Nun sprang er leichtfüßig auf: »Lebewohl, Liebling,« sagte er. »Aber erst muß ich sehen, daß mein Lieb sich an den Tisch setzt. So ein jämmerliches Mittagessen, wie sie da hat!« und er murmelte: »Bei Gott, ich fürchte, ich bekomme überhaupt keins mehr!« Seine Uhr bestätigte ihm, daß jegliches Mittagessen, was ihm im Klub bereitet sein möchte, verdorben sein würde. »Schad't nichts,« sagte er laut und untersuchte betrübt das Roastbeef, während er überlegte, daß sein Gast im Klub inzwischen, da es eine Stunde später war, als die festgesetzte Mittagsstunde, zweifellos weggegangen sein würde. Eine Minute lang etwa starrte er auf das klägliche Bild. Die Kartoffeln sahen aus, als hätten sie sich in ihrem eigenen Dampf das Leben genommen. Dann waren da gestowte Zwiebeln mit einer glasierten Oberfläche, gleich dem blanken Boden einer zinnernen Pfanne. Ein Stückchen Brot lag neben dem einsamen Teller. Weder kalt noch warm, hatte der Gesamtanblick des Mittagstisches etwas Abstoßendes, Ekelerregendes, durchaus nichts irgendwie Verlockendes. Die Erwägung, an dieser Mahlzeit teilzunehmen, stattete ihn plötzlich mit einem Vermögen kritischer Wertschätzung ihr gegenüber aus und ein plötzliche Regung warmen Mitgefühls für das arme Ding, auf welches solche elende Gerichte warteten, hemmt den philosophischen Vorwurf, den er andernfalls einem Menschen gegenüber für angebracht gehalten hätte, der so wenig wußte, in welcher Weise jede Art Mittagessen zu behandeln sei. Er ging mit langen Schritten zum Fenster, schloß die Vorhänge, die er vorher auseinandergezogen hatte, klingelte und sagte: »So, Dahlia – ich will mit dir essen, mein Lieb. Ich habe eben geklingelt, daß wir etwas mehr Licht bekommen. Es ist einem ganz frostig hier. Das Mädchen wird dich sehen, also nimm dich zusammen. Wo ist der Schlüssel zum Schrank? Wir müssen etwas Wein herausnehmen. Auf alle Fälle wird der Champagner nicht schal sein.« Er begann eine Melodie gottergebener Resignation vor sich hinzusummen. Dahlia verharrte noch immer regungslos, aber eben bevor die Tür aufging, richtete sie sich schnell auf und saß zitternd, mit abgewandtem Gesicht auf dem Sofa. Der Befehl, mehr Licht, Kohlen und Holz zu bringen, wurde gegeben. Als das Mädchen das Zimmer verlassen hatte, stand Dahlia auf, hielt sich an der Wand aufrecht und schwankte in ihre Stube. »Armes Ding!« stieß der junge Mann hervor, nicht ohne die Überzeugung, daß diese Demonstration völlig unnötig sei. Denn in der Auffassung eines jungen Mannes ist alles, was inbezug auf eine Frau ausgesprochen unangenehm ist, auch durchaus nicht nötig, – im Gegenteil! Sind nicht die Frauen die Blumen, welche das Leben unter dem wechselnden Monde schmücken? Es ist wahrhaftig höchst peinlich zu entdecken, wie sie sich als eine Art Maschinerie entpuppen, die aus Mangel am rechten Ölen knarrt und festhakt und in Zuckungen zu geraten droht und tragisch wird und unsereins nach der verkehrten Seite hin in Aufruhr versetzt. Indes – Champagner tut ihnen gut: ein wunderbarer Wein, – ein unfehlbares Heilmittel für das ganze Geschlecht! Er suchte nach den Schlüsseln, um eine Flasche zu bekommen und sie sogleich zu entkorken. Die Schlüssel lagen auf dem Kaminsims – ein schlechtes Zeichen für Dahlias hauswirtschaftliche Gabe, aber – mag es hingehen in der Eile. Er begrüßte froh die Kerzen und hatte bald alle Schränke des Zimmers königlich geöffnet. Instinktiv setzt das menschliche Geschlecht Geschäftigkeit an Stelle der Gemütlichkeit. Er bestellte noch mehr Lichter, mehr Teller, mehr Gabeln und Messer. Er ließ Eis holen: das Mädchen erwiderte, das sei nur in einer ziemlich weit entfernten Straße zu haben. »Springen Sie in eine Droschke – Champagner ohne Eis ist nichts, selbst im Winter nicht,« sagte er und klingelte nochmals, als sie das Haus schon verlassen wollte, um ihr einen berühmten Fischhändler zu nennen, bei dem sie sicherlich Eis bekommen könne. Die Pension begriff alsbald, daß Mr. Ayrton innerhalb ihrer Mauern zu speisen beabsichtige. Frische Kartoffeln wurden aufgesetzt. Die Wirtin selbst kam herauf, um das Feuer anzuschüren. Das Mädchen wurde eine Viertelstunde zwischen dem Auftrag, Eis zu holen und der Ausführung anderer, sofort zu erledigender Befehle, hingehalten. Einer derselben war der, Mrs. Ayrton ein Glas Champagner auf ihr Zimmer zu bringen. Er selbst goß auch eins hinunter. Als Mrs. Ayrtons Glas ihm unberührt zurückgebracht wurde, trank er auch das aus, und je animierter er wurde, um so mehr söhnte er sich mit ihr aus, so daß er, als sie erschien, ihre Hände ergriff und sie nur scherzend wegen der Verachtung zur Rede stellte, die sie einer so vorzüglichen Medizin habe angedeihen lassen und – trotz ihres Widerspruchs – erklärte, sie sähe entzückend aus, und so setzten sie sich zu Tisch, sie mit einem verzweifelten Blick in den Spiegel, während sie in ihren Sessel sank. »Es ist übrigens nicht schlecht,« sagte er, indem er seinen Mundvoll saftlosen, halbkalten Fleisches mit Champagner hinunterspülte. »Die Sache ist die, die Klubs verwöhnen einen zu sehr. Dies ist spartanische Kost. Komm, trink mir mal zu, Liebste! Ein Schlückchen!« Durch allerhand zärtliches Zureden bekam er sie schließlich dahin, ihr Glas zu leeren. Sie hatte ein weiches Herz und vermochte sichtlicher, lebhaft geäußerter Freundlichkeit nicht lange zu widerstehen. Ihm machte es Spaß, ihr in frisch aufsteigenden Perlen zuzutrinken, sie machten die Förmlichkeit mit allem Zeremoniell durch, und sie lächelte. Er machte Witze und lachte und erzählte, und sie blickte mit einem Anflug ihres süßen Lächelns zu ihm hinüber. Er bemerkte bald, daß sie nichts weiter bedürfe, als eine Wiederherstellung ihres Selbstgefühls und wagte, indem er sie funkelnden Auges ansah, ein kühnes Kompliment. Dahlia ließ den Kopf sinken; sie glich in diesem Augenblick einer Jacht, deren schlaffe Segel von einem plötzlichen Windstoß, der sie mit dem Salzwasser in Berührung bringt, gefaßt werden; aber sie hob sofort ihr Gesicht wieder zu ihm empor, und nun lag der volle Reiz lieblichsten Errötens darauf: von diesem Moment an war wieder glatter Kurs. »Hat mein Liebling seine Schwester gesehen?« fragte er sanft. Dahlia antwortete in gleichem Tone: »Nein.« Beide sahen weg. »Sie wird die Stadt doch nicht verlassen, ohne dich aufzusuchen?« »Ich hoffe – ich weiß nicht. Sie – sie ist zweimal in unserer früheren Wohnung gewesen.« »Allein?« »Ja, ich glaube wohl.« Dahlia hielt den Kopf gesenkt, während sie antwortete, und sein Blick ging unsicher über sie hinweg. »Warum schreibst du ihr denn nicht mal?« »Sie wird Vater mitbringen.« Ein Schluchzen erstickte ihre Stimme; ach, über ihn, daß ich einräumen muß, daß er, obschon er, während sie auf dem Sofa lag, scheinbar alle Möglichkeiten erschöpft hatte, um sie wieder zu sich zu bringen, wohl wußte, wie vollkommen seine Herrschaft über sie war, sobald er wirklich freundlich gegen sie war! Seine Furcht, sie könne in die alte Melancholie zurücksinken, war gering. »Du kannst deinen Vater nicht sehen?« »Nein.« »Aber versuch's doch! Es ist wirklich das beste.« »Ich kann nicht.« »Warum nicht?« »Nicht –«, sie hielt inne und faltete ihre Hände in ihrem Schoß. »Ja, ja, ich weiß schon,« sagte er, »aber trotzdem! Du könntest ihn sicherlich sehen. Du erregst Verdacht, der gänzlich unnötig ist. Noch ein Glas, mein Lieb?« »Nein, nicht mehr!« »Nun, was ich sagen wollte, du zwingst ihn zu denken – und das ist doch ganz unnötig. Er mag in dieser Hinsicht so schroff denken, wie er will, aber was schadet denn eine kleine unschuldige Täuschung hie und da. Es gilt ja nur Zeit zu gewinnen. Du bringst mich da wirklich in eine höchst fatale Lage. Ich habe auch einen Vater. Und der hat so seine eigenen Auffassungen. Er ist ein stolzer Mann, wie ich dir gesagt habe, grenzenlos ehrgeizig, und es ist ihm darum zu tun, mich zu etwas zu bringen, nicht nur in der Juristerei, sondern auch hinsichtlich irgendeiner glänzenden Partie. Gegen all diese Ideen gilt es für mich Front zu machen. Es kann eben nicht alles auf einmal geschehen. Wenn ich ihm plötzlich die Pistole auf die Brust setze, – wir wollen uns die Folgen gar nicht erst ausmalen. Schreib' deiner Schwester, sie soll mit deinem Vater herkommen. Und wenn sie besondere Fragen stellen – was mir höchst unwahrscheinlich vorkommt – aber, wenn sie es tun sollten, na, dann beruhigst du sie eben.« Sie seufzte. »Warum war denn mein armer Liebling so außer sich, als ich hereinkam?« fragte er. Das Sprechen wurde ihr schwer. Er wartete, indem er geduldig ein Stückchen Brot nach dem andern in seinen Fingern zerkrümelte, und endlich sagte sie: »Meine Schwester ist zweimal da gewesen – in unserer alten Wohnung. Das zweite Mal ist sie in Tränen ausgebrochen. Das Mädchen hat es mir gesagt.« »Aber Frauen weinen so leicht und beinah um nichts, Dahlia.« »Rhoda weint mit festgeballten Händen und festgeschlossenen Augenlidern.« »Na ja, das ist vielleicht so ihre Art.« »Ich hab' sie nur einmal weinen sehen, und das war, als Mutter im Sterben lag und sie bat, ihr noch eine Rose aus dem Garten zu holen. Ich begegnete ihr auf der Treppe. Sie war wie aus Holz. Sie haßt Tränen. Sie hat mich so lieb.« Tränen des Mitgefühls rollten über Dahlias Wangen. »So, und du weigerst dich also bestimmt, deinen Vater zu sehen?« fragte er. »Noch nicht!« »Noch nicht,« wiederholte er. »O Edward, noch nicht, ich kann es nicht. Ich weiß, daß ich schwach bin. Ich kann ihm jetzt nicht gegenübertreten. Wenn meine Rhoda allein gekommen wäre, wie ich hoffte! – Aber er ist bei ihr. Schilt mich nicht, Edward, ich kann es dir nicht erklären. Ich weiß nur, daß ich wirklich nicht die Kraft habe, ihn zu sehen.« Edward nickte. »Für die Sentimentalität, die einige Frauen in alles hineintragen, gibt es keine Erklärung,« sagte er. »Dein Vater und deine Schwester werden wieder nach Hause reisen. Sie werden sich so ihre eignen Gedanken gemacht haben. Du weißt selbst, wie ungerecht dieselben sein werden. Indessen – wenn es dir Spaß macht, dich als Opfer zu fühlen – hm!« Londoner Pensionszimmer im Winter, bei geschlossenen Vorhängen und einem trübe brennenden Feuer im Kamin oder mit zurückgezogenen Vorhängen, zwischen welchen die unfreundlichen Strahlen der Straßenlaternen die Bewohner grüßen, sind für ruhelose Geister kein angenehmer Aufenthaltsort. Edward schritt das Zimmer auf und ab. Er zündete sich eine Zigarre an und paffte verstimmt darauf los. »Willst du noch auf eine Stunde mit in irgendein Theater kommen?« fragte er. Sie stand gehorsam auf, weil sie sich fürchtete, zu sagen, sie glaube in dem aufdringlichen Licht sehr schlecht auszusehen, aber er erleichterte ihr ihren Entschluß durch seine schnelle Auffassungsgabe, indem er ihr das Kleid, das sie tragen sollte, die Juwelen, die Farbe des Theaterumhangs selbst bezeichnete. So angespornt ging Dahlia in ihr Zimmer und zog sich gehorsam an, dankbar dafür, daß er sie der ernsten Mühe einer Wahl ihrer Toilette überhoben hatte. Als sie wieder herauskam, fand Edward sie wunderbar schön. Ein Jammer, daß sie so, gar keine Charakterstärke besaß und gar keine scharfe geistige Gewandtheit, um sich mit der seinen zu messen und mit ihr zu ringen und dadurch den häuslichen Herd anziehend zu machen! Aber schön war sie wahrhaftig. Edward küßte ihr die Hand zur Anerkennung. Obschon es in der Praxis langweilig war, daß sie so traurig war, standen die Farbe und der ganze Geist der Traurigkeit ihr doch vorzüglich. Der Kummer schmiegte sich an ihre sanft herabsinkenden Augenlider wie eine Schwester. Kapitel XII. Im Theater Edwards Verabredung im Klub war mit seinem unglücklichen Vetter Algernon gewesen, der nicht nur das Bedürfnis nach einem Mittagessen empfand, sondern auch nach »fünf Pfund oder so« (diese nebelhafte Umrandung, die sich ins Unermeßliche dehnen oder auch jämmerlich zusammenschrumpfen ließ, je nach der Laune der Leihenden, und deren Notwendigkeit beweist, daß der Borger auf Fortunas Seil über dem alten Abgrunde tanzt). »Über einem guten Glas Rotwein,« das war der Zeitpunkt, den Algernon sich für seine Anfrage gesetzt hatte, und er wartete, sonder Mittagessen, bis die ebenmäßig dahinrollenden Minuten sich dehnten und zu fürchterlichen, schreckenerregenden, gleichsam von einer Viper gebissenen Ungeheuern anschwollen, und der ehrwürdige Signor Zeit eine krankhafte Farbe annahm. Denn dies war innerhalb der ganzen Strecke, welche die Laufbahn dieses jungen Mannes maß, das erste Mittagessen, das er nicht genossen hatte. Man vergegenwärtige sich nur diese jammervoll gähnende Leere! Er vermochte kaum sein Mißgeschick zu fassen. Mit einem blöden Lächeln versuchte er es sich selber begreiflich zu machen, wie eine der schier unmöglichen Schicksalslaunen, die ihn betroffen habe, – war es nicht wirklich komisch? Er wartete von Punkt sechs Uhr bis Punkt sieben Uhr. Er verglich die Uhren auf dem Flur und im Zimmer. Fünfzigmal gab er seinen Beinen eine andre Stellung. Eine Zeitlang rang er mit edler Mannhaftigkeit gegen die augenscheinliche Drohung des Fatums an, ihm heute überhaupt kein Mittagessen zuzuwenden; es schien unmöglich, der reine Hohn, denn ich muß wiederholen, daß ihm solches noch niemals durch irgendwelchen Zufall passiert war. »Man wird geboren – man ißt zu Mittag.« Das schien ihm die einfach selbstverständliche Ordnung der Angelegenheit, eine durchaus angebrachte Regelung der Tatsachen, die sich naturgemäß aus dem Geborenwerden eines jungen Wesens ergaben. Durch welch fürchterliches Mißgeschick geht er denn seines Mittagessens verlustig? dadurch, daß er ein minimales Vertrauen auf das anständige Gefühl eines andern Mannes gesetzt hat! Diese Schlußfolgerung zog Algernon völlig logischermaßen aus seiner eigenen Erfahrung, und es kommt dabei gar nicht darauf an, ob andere »ungegessene« Sterbliche dasselbe sagen würden. Wir haben es indessen hier nicht mit den von Natur Glücklosen zu tun, die betrübliche Tatsache eines einfach leeren Magens möge uns genügen. Diese Tragödie ist handgreiflich. Wahrhaftig, nur allzu handgreiflich, und ich wage dem wütenden Dilemma, dieser Animalkula, gegenüber nur einen blitzschnellen Blick durch das Mikroskop. Fünfundzwanzig Minuten hatten sich nach dem Schlage sieben bereits abgemeldet, als Algernon sein Schlußverdikt über Edwards Betragen durch sein Verlassen des Klubs dartat. Nach einer Viertelstunde kehrte er dahin zurück, um in verzweifelter Stimmung noch bis acht Uhr weiter zu warten. Er hatte weder eine Uhr in der Tasche, noch einen Ring am Finger, noch einen irgend entbehrlichen Knopf in seinem Vorhemd. Die Summe von zweiundzwanzig Pence war sein ganzer Besitz, und ich frage Sie, wie er sich selbst fragte, wie ein anständiger Mensch dafür zu Mittag essen sollte? Er mußte lachen, als er sich das vorstellte. Die Ironie der Vorsehung führte ihn an einer Garküche vorbei, aus welcher die vereinigten Dämpfe von allerlei Fleischgerichten und Puddings gleich Banditen aus dem Hinterhalt den Wanderer überfielen, ihn ergriffen und hineinschleppten oder ihn gedemütigt und mit einem Gefühl von Übelkeit seines Weges ziehen ließen. Zwei kleine Knaben drückten ihre Nasen platt gegen die neidisch angelaufenen Fensterscheiben, daß dieselben weiß wie ein paar Uferschnecken aussahen. Algernon wußte, daß er in dem Ruf eines nobelen Kerls stand und warf, während er an dies, sein Renomee, dachte und gleichsam, als wolle er dem Schicksal einen Wink geben, was ihm in seinem Fall zu tun obliege, den kleinen Bengeln ein paar Kupfermünzen zu; die tauchten wie der Blitz aufs Pflaster nieder und glitten zum Ladentisch hin, ohne das geringste »Danke schön« oder auch nur einen Gedanken daran. Algernon war außer stände, diesen kindlichen Glauben an die Güte der unsichtbaren Mächte, welche uns nähren, zu würdigen, obschon ich zu seiner Ehre sagen muß, daß er ihn bis vor zwei Stunden in sehr gleichem Maße geteilt hatte. Er lachte wegwerfend: »Kleine Vagabunden!« indem er im Grunde seines Herzens dachte, aus solchen setze sich die Menschheit zusammen, wie es mancher seines Mittagessens verlustig gegangene Mann vor ihm gesagt hat und mancher nach ihm sagen wird, wenn ich mich der Redeweise der Narren bedienen soll. Er schlenderte weiter, indem er das beengte, nebelhafte Bild, das die Dinge in London ergaben, mit seiner Vision eines freien Traumes von wunderbaren Prairien verglich, darin er ein zweites Leben führte: die Wälder, die Berge, die sich endlos dehnenden Flächen, – die Herden, die nachlässige Zwanglosigkeit in Sprache und Kleidung und die Grogkneipen. Ah! dort draußen konnte es keinem Zweifel unterliegen, daß er ein Elegant und ein Gelehrter sei! Auch würde die Natur nicht ihre Tasche fest zuknöpfen und dennoch unzählige Dinge von ihm verlangen, wie die Zivilisation es tat. Das dachte er in der rachsüchtigen Stimmung seines tief verletzten Gefühls. Nicht allein, daß Algernon noch niemals seines Mittagessens verlustig gegangen war, er konnte sich auch nicht entsinnen, jemals gegessen zu haben, ohne seinen Wein dazu getrunken zu haben. Seinem Vorstellungsvermögen war die Idee eines Mittagessens ohne Wein unfaßbar. Möglicherweise hatte er eine dunkle Ahnung davon, daß Wein nicht auf Anteil jedes Menschen auf Erden falle, er hatte von Kehlen reden hören, die nicht einmal durch Bier erfrischt werden: aber auf alle Fälle war er selbst an Besseres gewöhnt, und es paßte ihm durchaus nicht, aus der Masse seiner Kenntnisse Tatsachen auszugraben, die ihn mit dem elenden Stückchen Hammelkeule, die er in der Ferne als sein Mittagessen sah, – ein Fleckchen Fleisch in dem arktischen Kreis einer Schüssel, die nicht von irgendeiner rötlichen, warmen Sonne eines gefüllten Pokals bestrahlt wird – hätten aussöhnen können. Aber fort mit dieser metaphorischen Redeweise, obschon keine andere dem hohen Grad seines Elends oder der Art seiner Gedanken gerecht zu werden vermag. »Ach Gott, und jeder Freund, den ich hab', ist aus London fort,« rief er, ganz in der Stimmung in alledem ein abgekartetes Spiel zu sehen. Er steckte die Hände in die Taschen und ein stumpfes, vagabundenartiges Gefühl kam über ihn. Die Straßen schwelgten gleichsam in winterlichem Schmutz. Die vorüberrollenden Equipagen beleidigten ihn durch den Reichtum, den sie zur Schau trugen. Er sah ihnen mit der Empfindung eines Sozialdemokraten nach. Ach, wenn man nur ein Pferd hätte, um über die unendliche Ebene dahinzujagen, seufzte er im Herzen. Erbittert dachte er daran, wie er morgens auf seinem Kontorbock in der Bank geritten und dabei von seiner Wildnis geträumt hätte, wo keine Büttel herumrannten, und keine Gewölbe das Firmament verdunkelten. Und dann gab's Theater hier – ungeheure, luxuriös eingerichtete Plätze! Algernon trat zu dem Portal eines solchen hin, um sich etwas abzulenken und kritisierte den Theaterzettel mit cynischem Blick. Drinnen wurde ein Stück aufgeführt, das sich allgemeiner Beliebtheit erfreute: »Ilexbeeren.« Als Algernon sah, wie es ins. Parket strömte, erkundigte er sich, wie's mit den Logen sei, aber als er in Erfahrung gebracht hatte, daß noch eine Loge leer sei, schien seine Anteilnahme für die Aufführung erloschen. Als er weiter schlenderte, wurde sein Interesse durch einen Lärm an den Türen zum zweiten Rang gefesselt, die plötzlich aufschlugen, und aus denen ein kleiner, untersetzter alter Mann herausstürzte, den ein jüngerer am Rockkragen gepackt hatte, der erklärte, daß er es ihm verleiden wolle, sich am Schluß jeden Aktes an ihm vorbeizudrängen. »Sie scheinen Schauspiele auch gerad' gern zu haben,« höhnte der Jüngere. »Ich hab' alles gern, wofür ich bezahle, junger Mann,« erwiderte der empörte Alte, »und das ist ein Vergnügen, was Sie noch zu lernen haben, – was?« »Meinetwegen, aber drängen Sie sich nicht noch mal an mir vorbei,« schrie der cholerische Jüngling. »Sie glauben doch woll nich', daß ich möglichs' lang' in Ihrer Gesellschaft bleiben werde?« »Auf wessen Kosten haben Sie denn getrunken?« »Auf Kosten meines Vaterlandes, junger Mensch. Nehmen Sie sich doch in acht, daß Sie nicht bald mal auf dessen Kosten zu essen kriegen. Nun lassen Sie mich los!« Algernons Hunger war durch die Aussicht auf eine angenehme Aufregung beschwichtigt, und als er sah, wie der junge Mann den alten ganz häßlich schüttelte, rief er: »Hände weg!« und unterzog sich der Obliegenheit eines Polizisten. Da er indessen nicht in Blau war, erzielte sein herrischer Befehl keinen Erfolg, bis er sich mit seiner Faust ins Mittel warf. Als er das getan hatte, erkannte er den Kassenboten an Boynes Bank, dessen Feind sich unter der drohenden Versicherung zurückzog, daß keiner sich an ihm vorbeidrängen sollte, um zum nächsten Akt auf seinen Platz zu kommen. »Ich habe bezahlt,« sagte Anton, »und Sie haben ein Freibillett, und Sie Freibillettleute sollen mir nicht in den Weg kommen. Ich bin Tausend von euch wert. Halloh, Herr!« rief er Algernon zu, »ich hab' Sie gar nicht erkannt. Sie sind sehr liebenswürdig. Diese Kerls kriegen Freibilletts und machen sich so breit, wie Leute, die bezahlt haben. Der hat nie solchen Wein im Leibe gehabt, wie ich. Darauf könnt' ich schwören. Ha, ha! Ich geh' nach jedem Akt mal 'raus, um 'n bißchen frische Luft zu schöpfen, und da sitzt das halbe Parterre voll Freibillettleuten, und die schreien und stoßen einen, und ich dräng' mich durch und wieder zurück, wie so 'n glutrotes Schüreisen.« Anton lachte und schwankte ein bißchen hin und her, während er lachte. »Kommen Sie hier auf die Straße, Herr,« sagte er, indem er sich seinen Weg auf den Fahrdamm bahnte. »Die Bureaustunden sind vorüber und, ha, ha, was denken Sie bloß? Hab' da 'n alten Bauern mit drinnen, is' bange, sich auch nur zu bewegen auf sein'n Platz, und die Deern auch, hält sich ganz fest an ihm, und is' 'ne gute Deern. Sie glaubt, wir hätten 'n bißchen zu viel gekriegt. Wir sind in den Docks gewesen zu 'ner Weinprobe: Portwein – Sherry: Sherry – Portwein, und, ha, ha, ›was 'n Berg Wein!‹ sagt der Bauer, – und keine Ahnung, was er selber für 'ne Ladung beipackt. ›Hab' ich mir doch gedacht, daß es Nacht wär'‹, sagt der Bauer, als wir an die Luft kommen, und ihn so zu sehen, wie er so vorwärtsgeht, blinzelnd und stolpernd, und dann immer zu mir sagt: ›Kannst du aber Wein vertragen, Bruder Toni!‹ Ich will verdammt sein, wenn ich nicht beinah platze vor Lachen. ›So‹, sag' ich, ›komm, laß uns mal »Die Ilexbeeren« sehen, Bruder William John, es ist das beste Stück, das sie in London geben und so 'n richtiges Winterstück‹. ›Wird da 'n Schuft aufgehängt in dem Stück?‹ fragt er. ›Gewiß,‹ ich lass' ihn das einfach glauben, und er – ha, ha – der alte Bauer weicht nicht von sein'n Stuhl; wie so 'n Richter, so feierlich sitzt er da, bloß um nicht zu verpassen, wie der Galgen auf die Bühne kommt.« Ein Gedanke durchzuckte Algernons Geist. Es war offenes Geheimnis unter den jungen Leuten, welche dazu beitrugen, den Wohlstand von Boynes Bank zu fördern, daß der alte Kassenbote – ›der alte Ant‹, wie sie ihn nannten – Geld besaß und nicht abgeneigt war, gelegentlich kleine Summen gegen gewisse Interessen zu verleihen. Algernon bemerkte so nebenher, daß er seine Börse zu Hause vergessen hätte und »übrigens,« sagte er, »haben Sie vielleicht zufällig ein paar Sovereigns in der Tasche?« »Was? In dem Gedränge, Herr?« Anton verneinte die Frage aufs bestimmteste mit einem Hinweis auf seine allgemeine Lebensklugheit. Algernon wurde dringender, schließlich sagte er: »Na, haben Sie wenigstens einen bei sich?« »Ich glaube kaum, daß ich so 'n leichtsinniger Narr gewesen sein sollte,« sagte Anton, indem er langsam an seiner ganzen Person herumfühlte und dabei etwas von allerhand Veränderungen murmelte, die möglicherweise in den Docks mit ihm vorgegangen sein könnten. »Verflucht, ich hab' gar nicht zu Mittag gegessen!« rief Algernon aus, um die Sache etwas ins Rollen zu bringen, aber daraufhin sah Anton ihn mit einem wunderlichen Blick an: »Was haben Sie denn gemacht, Herr?« »Sehen Sie nicht, daß ich in Diner-Toilette bin? Ich hatte eine Verabredung, mit einem Freunde zu essen. Er hat sie nicht innegehalten. Und nun merke ich, daß ich mein Portemonnaie in meinem andern Anzug hab' stecken lassen.« »Das 'ne schlechte Angewohnheit, Herr,« bemerkte Anton, »denn scheinen Sie sich aus Ihrer Börse nicht viel zu machen.« »Ich nicht aus meiner Börse? Teufel noch mal!« warf Algernon ein. »Sie hätten sie doch fühlen müssen oder hören müssen, wenn da irgendwas Gewichtiges drin gewesen wäre,« blieb Anton bei. »Wie wollen Sie denn Papier hören?« »Aha, Papier, das 's' 'n ander Ding! Papiere, die hat man im Sinn , was? Pfundnoten vergessen? Pfundnoten im Portemonnaie lassen? Und Sie sind Sir Williams Neffe, Herr, der Sie in seinem Bankgeschäft arbeiten und alles, was Ihnen durch die Finger geht, aufschreiben läßt, in 'n Buch, so daß da gar nichts vergessen werden kann, und sollten Sie doch was vergessen, wollte er Sie wohl daran erinnern, und dann kann man seine Kleider so oft wechseln, wie man will, dann braucht man keine Angst zu haben, auch nur einen Pfennig zu verlieren!« Algernon zuckte ärgerlich die Achseln und wollte gerade den Alten als einen hoffnungslosen Fall aufgeben, als Antons Stimmung plötzlich umschlug. »Ach, übrigens, Herr, meinetwegen können Sie kriegen, was ich bei mir hab'. Heut' will ich mich bloß amüsieren. Ich pfeif auf die Geschäfte!« Die Summe von zwanzig Schillingen wurde Algernon eingehändigt, nachdem er sich der peinlichen Notwendigkeit unterzogen hatte, in eine Schenke einzutreten und einen auf den Namen Anton Hackbutts lautenden Schuldschein für dreiundzwanzig (was die Zinsen mit inbegriff) zu unterzeichnen. Algernon widersetzte sich anfangs einer so unnötigen Formalität, aber Anton gab ihm die seinem Sinn zwar recht fernliegende Möglichkeit zu bedenken, daß er doch über Nacht sterben könne. So unterzeichnete er das Dokument, und bald saß er und futterte und trank seinen Wein. Nachdem das geschehen, nahm er einige hastige Züge Tabaks und kehrte alsdann zum Theater zurück in der Hoffnung, das dunkle Mädel, die Rhoda, vielleicht dort zu sehen, denn nachdem er gegessen hatte, war Antons Mitteilung hinsichtlich des Bauern und seiner Tochter sein Hauptgedanke, und eines jungen Mannes Hauptgedanke pflegt meist das treibende Agens seiner Handlungen zu sein. Durch einen günstigen Zufall und mit Hilfe eines Trinkgelds erlangte er einen Vorderplatz, von welchem aus sich das Parterre ausgezeichnet übersehen ließ; dort schien alles völlig in die Betrachtung einer Weihnachtsszene versunken: Schnee, Eis, kahle Zweige, ein ödes Haus, eine vor Kälte bebende Frau, eins der Opfer der Männerwelt. Die Briten sind ein gutes Publikum, das sich alles bieten läßt, solange Schlechtigkeit bestraft wird, und dafür boten die orakelhaften Aussprüche eines sich wiegenden, stämmigen Bühnen-Seemanns, dessen Nase (von seiner Offenheit in diesem Punkte ganz zu schweigen) ihn selbst seinen ärgsten Feind schalt, und dessen Hauptwitz, dank seiner steten Wiederholung, ungefähr des Publikums eigener Witz geworden war, alle Wahrscheinlichkeit; so oft er erschien, ging eine lebhafte Bewegung durch Parterre und Galerie, die sich erst wieder legte, wenn der ihnen vertraute Witz losgelassen war; darob erhob sich dann ein allgemeines Gelächter und ein beruhigendes Summen der Befriedigung. Es war ein Stück, das sich eines großen Zulaufs erfreut hatte. Die Kritik hatte einst Protest dagegen eingelegt, indem sie behauptete, es bestehe nur aus Szenerie, einem Lied und einem dummen Gemengsel von Cokneytum, das sich anmaßte, witzig zu sein, in Wirklichkeit aber nichts weiter sei, als eine Form, das Publikum auf den Rücken zu klopfen. Aber das Publikum läßt sich ganz gern mal den Rücken klopfen, und die Kritik, durch das Medusenhaupt des Erfolges starr gemacht, hatte alsbald Mores zu lernen. Faktisch besteht die Kritik heutzutage ihrem eigentlichen Wesen nach überhaupt nicht, der Geschmack fürs Kitzeln und Klopfen ist allgemein und peremptorisch, alles Klassische appelliert an die geistigen Kräfte, und Leidenschaften, die über den Hausbedarf hinausgehen, sind veraltet. Es gibt Anführer der Legionen, aber Kritiker gibt es nicht. Die Masse ist Herrscher. Und siehe, unser Freund, der Seemann, der nicht an Bord war, dessen Schritt so ebenmäßig ist, wie zwei einander begegnende Wellen, erscheint auf dem einsamen Moor und salzt jene unbewohnte Region mit nautischen Ausdrücken. Seine Beinkleider sind stellenweise eng, und er schlägt klatschend darauf. Es ist kalt: das mag ihm als Entschuldigung dafür dienen, daß er den funkelnden Himmelssphären den Boden seiner Flasche zeigt. Vielleicht nimmt er einen etwas kräftigeren Schluck des Getränkes, als einem offenbaren Werkzeug der Vorsehung ansteht, dessen Dienste jeden Augenblick in Anspruch genommen werden können, aber er teilt uns mit, daß sein Schiff niemals den rechten Kurs verfehlt hat, wenn's darauf ankam. Er steht allein in der Welt, wie er uns ebenfalls mitteilt. Wenn sein einziger Freund, die erhobene Flasche, sich als sein Feind erweist, – nun gut, dann bleibt ihm nichts weiter übrig, als seinen Feind als Freund behandeln. Dies sagte er mit einer feierlichen Anspielung auf seine angeborene Sparsamkeit, der Beifall gezollt wurde, und mit der Bemerkung: »Ist das nicht christlich?« was ein ganz klein wenig riskant war; daher sicherte er sich schleunigst die Gunst des Parterres und der Galerie durch einen überraschend boshaften Ausfall gegen die Bischöfe unserer Kirche, welche – unleugbar – sich nur einer geringen Hochachtung bei der Menge erfreuen, – keiner weiß recht, warum – und es sich gefallen lassen müssen, gelegentlich als Sühnopfer dienen zu müssen. Dieser gute Seemann stand nicht immer allein in der Welt: Ein süßes Mädchen, das er beschreibt, als hätte es ihm bis zur Kniescheibe gereicht, und von dem er in heiligstem Ernst meint, sie sei immer noch von gleicher Höhe, nannte ihn voreinst Bruder Jakob. Ach, nur einmal diesen Namen wieder von ihren Lippen zu hören und ein besonderes Lied! – er versuchte es auf eine drollige Art, die trotz alledem etwas Rührendes hat. Horch! Ist das ein Echo von einem Geist aus den oberen Höhen? Das Lied zitterte mit einem Silberton bis in die äußersten Winkel des Hauses. In diesem Augenblick wurde die atemlose Stille der Zuhörerschaft dadurch in Aufregung verwandelt, daß aus dem Parterre der Ruf: »Dahlia« ertönte. Algernon hatte unter den dicht aneinander gedrängten Gesichtern nach Rhoda gesucht. Da stand Rhoda hoch aufgerichtet, zwischen dem immer mehr anschwellenden Zischen und Rufen. Ihre Augen waren auf eine spezielle Loge gerichtet, vor welche mit heftiger Hand ein Vorhang gezogen wurde. »Meine Schwester!« mit angstvoller Stimme stieß sie es heraus und blieb mit gefalteten Händen und zusammengezogenen Augenbrauen stehen, immer auf den einen Fleck starrend, als wolle sie dorthin fliegen. Sie war in die Menge eingekeilt und vermochte sich nicht zu regen. Man hatte einen Ausruf gehört, der von Bruder Jakob stammte, dessen Ausbruch brüderlichen Staunens und Entzückens danach abfiel, zum Ärger der Menge, die mit lebhafter Spannung an der Szene beteiligt war. Johlende Ausrufe, sie sei wohl betrunken, sie sei wahrscheinlich für einen Abend aus dem Tollhause entsprungen, sie müsse geknebelt und hinausgeschmissen werden, wurden ringsum laut; sie aber stand da, wie ein Marmorbild, nur aus ihren Augen strahlte Leben. Der Bauer legte den Arm um seine Tochter, in dem Augenblick indessen, als Antons Kopf an ihrer anderen Seite auftauchte, veranlaßte der üble Ruf, den er sich während des Abends erworben hatte, einen allgemeinen Aufruhr, in welchen hinein es alsbald von der Galerie herab anfing zu jaulen und zu bellen, als mischten sich Hunde, die doch zu einem derartigen Lärm unbedingt dazu gehören, in denselben hinein. Algernon fürchtete Unannehmlichkeiten. Er verließ seinen Platz und eilte ins Foyer. Kaum hatte er ein halb Dutzend Schritt gemacht, so prallte er mit jemand zusammen, und zwar wurden beide durch den Zusammenstoß mit Wasser begossen. Es war sein Vetter Edward, der ein Glas Wasser in der Hand trug. Algernons Zorn beim Anblick des Beleidigers erhielt neue Nahrung durch das kalte Bad. Aber Edward schnitt ihm das Wort ab. »Geh da hinein,« er wies auf eine der Logentüren, »eine Dame ist ohnmächtig geworden. Sei ihr behilflich, bis ich komme.« Für irgendwelche Erklärungen blieb keine Zeit. Algernon trat in die Loge und befand sich allein mit einer leblosen Gestalt in einem blauen Burnus. Der Aufruhr im Theater tobte fort, das ganze Parterre war auf den Beinen und schrie durcheinander. Er versuchte den bleichen Kopf mit einem seiner Arme zu stützen, in einer jämmerlichen, hilflosen und ungeschickten Art, aber seine Besorgnis um Rhodas persönliche Sicherheit in dieser See tosenden Aufruhrs trieb ihn, den Vorhang ein wenig zur Seite zu ziehen, und so stand er frei da. Rhoda gewahrte ihn. Sie winkte ihm mit beiden Händen in stummer, flehentlicher Bitte zu. Augenblicklich schloß sich der Vorhang wieder zwischen ihnen beiden. Edwards hartes, bleiches Gesicht verfluchte ihn im stillen wegen seiner Torheit, während er sich umwandte, um Dahlias Lippen mit Wasser zu netzen und ihre Stirn damit zu besprengen. »Was ist geschehen?« flüsterte Algernon. »Wir müssen sie so schnell wie möglich hinaus schaffen. So sind die Weiber! Paß auf, sie kommt wieder zu sich.« Edward war, während er sprach, mit unbeweglichem Gesicht um sie beschäftigt. »Wenn sie nicht bald so weit ist, kommt uns das ganze Parterre hier herein,« sagte Algernon. »Ist sie die Schwester von dem Mädchen da unten?« »Laß doch dein verfluchtes Fragen!« Dahlia schlug die Augen auf und sah starr gradeaus. »So, nun kannst du aufstehen, Liebste. Es ist alles gut, Dahlia! Versuch's mal,« sagte Edward. Sie seufzte und murmelte: »Wieviel ist die Uhr?« und dann: »Was ist das für ein Lärm?« Edward räusperte sich in einem ärgerlichen Versuch zärtlich zu sein, er bedurfte seiner ganzen Willenskraft, um freundlich mit ihr zu sein, während er ihr half, wieder auf die Füße zu kommen. Seine Aufgabe war keine leichte inmitten des bedrohlichen Sturmes im Theater und der steten Rufe: »Zeigen Sie dem jungen Mädchen ihre Schwester!« denn Rhoda hatte innerhalb des menschlich fühlenden Publikums eine Partei gewonnen. »Dahlia, um Gotteswillen, steh' mir bei!« rief Edward ihr ins Ohr. Dem schönen Geschöpf schössen Tränen in die Augen, als wollte es damit seine Schwäche dartun. Doch hatte die Ärmste keinen eigenen Willen, so duldete sie es schweigend, daß sie, von den beiden jungen Leuten gestützt, aus der Loge hinausgeführt wurde. »Lauf nach einer Droschke,« sagte Edward, und Algernon flog davon. Als sie hinauskamen, erwartete er sie bereits mit einer. Sie setzten Dahlia sorglich hinein, und Edward schlang, indem er nachsprang, seinen Arm fest um sie. »Ich kann nicht weinen,« stöhnte sie. Die Droschke rollte eben davon, als eine Menschenmenge aus den Türen des Parterres herausdrängte; Algernon hörte die heiser klingende Stimme Pächter Flemings. Er hatte Takt genug, sich zurückzuziehen. Kapitel XIII. Der Pächter redet Robert sollte an einem festgesetzten Tage zur Station fahren, um Rhoda und ihren Vater bei ihrer Rückkehr von London dort zu empfangen. Er hatte sich vorgenommen, recht vergnügt nach Dahlias Befinden und nach ihrem Wohlergehen zu fragen, um dadurch ein für allemal die törichte, allgemeine Auffassung zu zerstören, als liebe er das Mädchen und gräme sich jetzt über ihre Abwesenheit, aber ein einziger Blick in Rhodas Antlitz, als sie aus dem Eisenbahnwagen stieg, hielt ihn davon zurück, auch nur ein Wort über den Gegenstand zu äußern, und des Pächters gebeugtere Haltung, sein Annehmen einer helfenden Hand beim Besteigen des Wagens waren Zeichen von schlechter Vorbedeutung. Mr. Fleming trug seinen Kummer nicht zur Schau wie jemand, der sich darin gefällt. Allem Anschein nach nahm er ihn so ruhig auf sich, wie es ein altes, verwittertes Haus tun würde, obschon ein solches Sich-fügen nach außen hin bei Männern nicht immer der Beweis von Gemütsruhe ist. Er sprach hie und da vom Wetter, von dem Stand der Äcker längs der Eisenbahnlinie, auf der sie gekommen, und zeigte gelegentlich mit Mißbilligung auf dies oder jenes Feld, aber er tat es, wie jemand, der keinerlei Berufsinteresse am Bestellen des Bodens mehr hat. Zweifellos hatte er aus Erfahrung gelernt, kein Verständnis für irgendwelche Erleichterung zu finden, die ihn aus einem Äußern seiner Gefühle, aus einem Verlangen nach Teilnahme hätte verwachsen können. Einmal, als eine Art Unsicherheit über ihn kam, als ein geheimer Stolz auf Dahlias Schönheit und ihre Vorzüge ihm zuflüstern wollte, daß ihre Flucht ihr vielleicht einen Weg zu höherem Glück eröffnen könne, machte er ein kleines Geräusch, sich selbst zum Trost, während er in seinem Herzen hoffte, vielleicht könne ihr noch vergeben werden. Jetzt wußte er es besser. Durch sein Schweigen verschloß er sich gegen das Gefühl von Scham, welches unter dem Reden in ihm laut geworden sein würde. »Ganz gut mit Mas' Gammon fertig geworden?« fragte er, gegen Robert gewendet, und dieser gab zurück: »Vorzüglich! Aus dem alten Mann wird noch was, haben Sie keine Angst.« An dem fertig gedeckten Teetisch war es Master Gammons Los, als Zielscheibe für allerhand Hänseleien zu dienen, anderenfalls wäre es mit Recht zu fürchten gewesen, daß Mrs. Sumfit die Ohren aller Anwesenden mit Ausnahme des glücklichen Veterans vom Pfluge mit der Wiederholung von Dahlias Namen und Klageliedern über ihren Liebling, dessen niemand erwähnte, versengt haben würde. Auch litten sie durch dieselbe trotz aller Vorsichtsmaßregeln. »Na, mein'twegen, wenn 'ch denn bei'n Essen nix' hören soll – a's wenn ich's vielleicht mit 'runterschlucken un' in 'n Magen kriegen könnt' – denn kann ich ja wieder 'mal warten, bis es so weit is',« sagte sie, goß ihren Tee mit einem Schluck hinunter und strich ihre Schürze glatt. Der Bauer hob den Kopf. »Mutter, wenn du so weit bist, wär's mir sehr angenehm, wenn du zu Bett gingst,« sagte er, »wir brauchen die Küche.« »Zu Bett?« rief Mrs. Sumfit, deren Schürze plötzlich in den wirrsten Falten lag. »Hinauf jedenfalls, Mutter, wenn du fertig bist – eher nicht.« »Denn 's da was Schlimmes los! denn 's was passiert, Willem. Und mich willst du da doch nich' von ausschließen? Mein Platz is' bei'n Teetopf, und da laß ich mir nich' von wegbringen, wenn ich doch immer daran denken muß, wie ihr Lockenkopf so ein' Zoll nach 'n andern übern 'n Tisch un' die Tassen 'rüberwuchs. Mas' Gammon,« wandte sie sich überredend an den beharrlichen Futterer »fünf Tassen nehmen Sie doch immer?« Ihre letzte Hoffnung war, unter Master Gammons freundlichem Beistand die Teestunde noch ein wenig in die Länge zu ziehen. »Nee, vier, Ma'm,« sagte ihr eingefleischter Gegner, nachdem er diese Anzahl vollendet und infolgedessen den Löffel über die Tasse gelegt hatte. Mrs. Sumfit wiegte sich hin und her auf ihrem Stuhl. »Herrgott, Mas' Gammon! Es waren doch immer fünf, solang' wie Sie nu' hier sind, auch nie eine Tasse weniger.« »Vier, Ma'm. Ich weiß nich',« sagte Master Gammon mit einem bedächtigen Kopfnicken, »daß ich je fünf Tassen Tee auf einmal getrunken hätte. Nich' so hinter'nander weg.« »Ich weiß es aber doch, Mas' Gammon. Und ich soll das woll wissen. Denn ich gieß' sie Ihnen doch schließlich ein. Immer fünf sind es, und, bitte, nu' geben Sie mir doch 'mal Ihre Tasse her.« »Vier is' immer mein Maß, Ma'm,« beharrte Master Gammon unerschütterlich. Wie ein Fels saß er da. »Wenn's man Klöße wär'n,« stöhnte Mrs. Sumfit, »denn wären's nich' vier un' nich' fünf, denn wären's einfach, bis Sie nich' mehr könnten, und denn könnten wir hier auf unseren Stühlen kleben bleiben, un' Sie würden man immerzu und immerzu beibleiben; das wissen Sie auch ganz genau.« »Ja, das 's' mit 'n Essen, Ma'm,« ließ sich Master Gammon zu einer Erklärung seiner Angewohnheiten herbei: »In 'n Trinken bin ich ganz regelmäßig.« Mrs. Sumfit schlug die Hände zusammen. »O Gott, Mas' Gammon, Sie sind doch auch der langweiligste alte Mann, der mir noch vorgekommen is'. Ich hab' doch so schönen Tee in 'n Topf, und gar nich' dünn, und er würd' Ihnen so schön schmecken! Na, das soll Ihnen der Himmel vergeben, das 's' alles, was ich sag', un' mehr sag' ich nich'. Mr. Robert, vielleicht woll'n Sie so gut sein, un' noch eine Tasse trinken? Is' wirklich 'n guter Tee, und mein' Dody, mein' klein' Haustochter,« fügte sie schmeichelnd hinzu, »die erzählt uns denn, was sie erlebt hat. Ich sitz' ja doch wie auf Kohlen un' wie auf Stecknadeln, um was zu hören.« »Später, Mutter,« warf sich der Pächter ins Mittel. »Morgen.« Er sprach freundlich, aber seine Brauen zogen sich zusammen. Sowohl Robert wie Rhoda merkten, daß sie speziell in die Angelegenheit verflochten seien, die ohne Mrs. Sumfits Beistand zur Verhandlung kommen sollte. Das Benehmen ihres Vaters verbot es Rhoda, irgendeinen Vorschlag zugunsten der unglücklichen alten Frau zu machen. »Un' daß ich gar nich' davon hören soll, wie Ihr in 'm Theater wart!« seufzte Mrs. Sumfit. »O, es is' wirklich hart. Ganz grausam nenn' ich das. O, un' wie meine Süße woll angezogen war? Gewiß wie zu 'm Balle.« Sie sah, wie der Pächter ungeduldig den Fuß bewegte. »Na, wenn denn keiner die letzte Tasse mehr trinken will, denn will ich es,« fuhr sie fort. Keine Stimme außer der ihren war zu hören, bis die Tasse geleert war, worauf Master Gammon, seiner Gewohnheit gemäß, zu Bett ging, um der Versuchung zu einem Abendessen zu entgehen, das er, als ein zum Schlage Neigender, scheute, und Mrs. Sumfit bereitete sich mit betrübter Miene darauf vor, das Teegeschirr abzuwaschen, aber der Bauer ging mit der Bemerkung, das könne morgen geschehen, zur Tür und öffnete dieselbe für sie. Sie seufzte tief auf und faltete resigniert die Hände. Als sie an ihm vorüberging, um ihren jämmerlichen, erzwungenen Rückzug anzutreten, erfüllte der schwere Ernst seines Antlitzes sie mit tiefster Besorgnis, sie fiel auf die Knie und rief: »O, Wilhelm, es is' wirklich nich', um erzählen zu hören, aber du, der du doch weggereist bist, um Dahly, unser Herzblatt, zu sehen, du bist mit großen Schatten unter den Augen wiedergekommen, und es liegt über dem ganzen Hause, als wenn das Jüngste Gericht nahe wär'. Un' gleich in 'n ersten Augenblick setzt du dich an 'n Teetisch, und ich bin mit kein' einzigen von euch allein, un' du weißt doch, wie ich das Mädchen lieb hab'. Und nu' so 'rausgeschmissen zu werden! Wie kann ich denn zu Bett gehen und schlafen, un' mein Herz springt man so; das 's' wirklich nicht christlich. Bloß ein einziges Wort von mein' Dahly.« Der Bauer erwiderte: »Mutter, verschon' uns mit so 'n Weiberkram. Was einer tragen soll, das muß er tragen. Und du sollt'st man vor deinem Gott auf die Knie fallen und nich' so 'n Heide sein, Alte. Steh auf. Du hast ja 'ne Bibel in deiner Schlafstube, da such' dir Trost drin.« »Nein, Wilhelm, nein!« schluchzte sie, immer noch auf den Knien, »da is' auch nich' 'n bißchen Trost in, wenn so 'ne arme Seele ganz im Dunkeln tappt, und denn hat man keine Geduld mit so Bibelsprüchen. Ich un' meine Bibel! Wie kann ich da überhaupt in lesen, wenn ich gar nich' weiß, wo über ich traurig bin, und hab' auch nich' ein gutes Wort gehört, Wilhelm. Das is' mir denn bloß so, a's wenn der Teufel Blitze über die Seite wegschösse, wie mein' arme, selige Großmutter woll sagte, un' glaubte, daß Hexen das damals tun könnten, wenn sie es böse mit einen meinten. Nein. Heute kuck ich das Heilige Buch bloß von außen an, und ich will und will und will es nich' aufschlagen!« Dieser heftige Abschluß ihrer Tirade wurde dadurch bewerkstelligt, daß der Bauer sie am Arm ergriff, um sie wieder auf die Füße zu stellen. »Geh' zu Bett, Mutter!« »Ich mach's nich' auf,« wiederholte sie trotzig. »Un' es is' und is' auch nich' gut,« setzte sie gewissermaßen den Nachdruck ihrer ganzen gewichtigen Person hinter diese Worte, »un' das würd' ich auch den Allerfrömmsten ins Gesicht sagen – ja, gerade würd' ich das! – daß man einen immer so die Bibel um die Ohren haut!« »Nun, nun, nicht so böse,« sagte der Bauer. Sie lenkte sofort ein. »Lieber Wilhelm, ich hab' siebenun'fufzig Pfund Sterling und noch 'n ganz Teil Schillinge auf der Sparkasse, und die sollte mein' Dahly immer haben und nich' die dunkle Deern da, die da so muffig sitzt, un' ich bin doch so unglücklich, ich würd' dir sie alle zusammen geben, wenn du mir bloß sagen wollt'st, was da mit mein' Liebling los ist. Ja, Wilhelm, und mein'm armen Mann sein Haus in Sussex – das sind siebzehn Pfund in 'n Jahr. Wenn du man bloß so gut sein wolltest un' mir man ein einziges Wort sagen!« »Bring sie hinauf,« sagte der Pächter zu Rhoda, und Rhoda ging auf sie zu und nahm ihre Hände, und mit Hilfe ihres Ziehens von vorn und des Bauers Schieben von hinten und unter so viel kreischendem Widerstand, wie eine so fette und dabei so geschmeidige Person ihn nur irgend zu leisten vermochte, wurde sie hinausbefördert. Der Pächter und Robert hörten noch vom Gange her ihr Kämpfen und Schreien, aber plötzlich hörte ihr Widerstreben auf. »Das Mädel hat Kraft,« sagte der Bauer, der neben der geschlossenen Tür stand. Auch Robert dachte das. Seine Phantasie bemächtigte sich der Tatsache, und sein Herz begann so heftig zu klopfen, daß es ihm schmerzte. »Vielleicht hat sie versprochen, ihr zu erzählen. – was geschehen ist, was es auch sein mag,« warf er hin. »Nein, nein, das tut sie nicht. Sie respektiert meine Wünsche.« Robert fragte nicht, was geschehen sei. Mr. Fleming blieb an der Tür stehen, und es kam kein weiteres Wort über seine Lippen, bis er Rhodas Schritt zurückkommen hörte. Er verschloß abermals die Tür hinter ihr, ging an den viereckigen Tannentisch, lehnte seinen Körper auf die Knöchel seiner zitternden Paust und sagte: »Damit wär'n wir denn ziemlich zu Ende. Ich habe den Geschmack am Leben verloren.« Damit hielt er inne. Von den Schweißperlen auf seiner Stirne abgesehen, verriet sein Gesicht nichts von der Qual, die er erduldete. Er sah keinen der beiden an, sondern ließ seinen Blick unter den schwerarbeitenden Brauen hervor gradaus auf einer Lehne des Armsessels am Kamin haften, während seine Schultern auf die lebende Stütze seiner fest zusammengeschlossenen Hände tief herabsanken. Rhodas Augen, starr, wie die ihres Vaters, ruhten voll auf Robert, wie in qualvoller Angst vor dem, was nun ausgesprochen werden würde. Das Feuer flackerte einmal hell auf, und in dem Strahl sah er, daß die Seele des Mädchens nicht mit ihm war. Er würde den Pächter sofort unterbrochen haben, aber er hatte nicht den Mut dazu, selbst wenn er die Fähigkeit in sich gefühlt hätte, dieser seltsamen, ernsten, ochsenähnlichen Starrheit des Blickes, darüber das menschliche Elend gleich einer Tatsache lagerte, die das träge Hirn noch nicht hatte fassen können, ein Leuchten zu entlocken. »Mein Geschmack am Leben,« nahm der alte Mann seine Rede wieder auf, »der 's vorbei. Damit hab' ich, als ich hinreiste, nicht gerechnet, daß ich 'n Kampf mit der ganzen Welt aufnehmen sollte. Das 's zuviel für 'n Mann in meinen Jahren. Da 's der Hof. Soll der verkommen? Ich bin 'n Bauer aus der alten Zeit, von so vor dreißig Jahren und länger. Ich versteh da nich' viel mehr von, als heutzutage ein Tagelöhner. Kosten tu ich nich' viel. Ich will bloß satt zu essen haben, und dafür will ich arbeiten, und ich möcht' mein bißchen Land in Sicherheit wissen, so wie ich es von meinem Vater bekommen hab'. Nich' für mich selbst, darum is' das nich', – wenn da auch vielleicht ein bißchen Stolz mit bei is', wie es das ja meistens is'. Man kann ja sagen, es is' mir um den Namen! Es kommt mir vor, als wenn mein Vater mich ganz laut fragte: ›Was hast du mit Queen Annes Farm gemacht, Wilhelm?‹ und dann hör' ich nichts, as' 'n dumpfes Echo. Na, Gott hat es nich' so gut mit mir gemeint, daß er mir 'n Sohn gegeben hat. Er hat mir Töchter gegeben.« Mr. Fleming beugte den Kopf tief, als böte er ihn der Waffe, die ihn züchtigte, dar. »Töchter!« Er bückte sich noch mehr. Seine Zuhörer hätten glauben können, seine kopflose Anrede an sie ermangele auch eines richtigen Schlusses, denn es schien, als wolle er ebenso abrupt aufhören, wie er angefangen hatte; so lange währte die Pause, ehe er mit einem müden Aufrichten seines Körpers in festerem Tone fortfuhr: »Keiner soll mich unterbrechen.« Seine Hand hatte sich nach der Richtung hin ausgestreckt, wo Rhoda stand, aber kein Blick begleitete die Bewegung, seine Augen sahen nach einer ganz andern Stelle. Der Anblick der leeren, ins Blinde hinein gereckten Hand, die auf die Mauer über sie hinweg deutete, durchschauerte ihre Seele mit einer Ehrfurcht, die sie verstummen hieß, obschon seine nächsten Worte ihr Herz wie Dolchstöße trafen. »Meine älteste Tochter – die hat Schande über dieses Haus gebracht. Ihre Mutter ist im Himmel, und diese Mutter wird über sie erröten müssen. Meine älteste Tochter ist in London unter die Huren gegangen.« Seine Rede hatte die Schärfe der Heiligen Schrift. Robert warf einen raschen Blick unsäglichen Mitleids auf Rhoda. Er sah ihre Hände sich tastend heben, bis sie mit ineinandergeschlungenen Fingern ihre Schläfen umklammerten, so daß ihr Druck wie ein eisernes Band ihr Haupt umschloß, während ihre Lippen sich öffneten und ihre Zähne, ihre Wangen, ihre Augäpfel von gleicher Weiße waren. Ihr trauriges, gleichmäßiges Ein- und Ausatmen, ohne daß die Brust sich hob oder senkte, bei dem die Luft eingesogen und wieder ausgestoßen wurde, als handle es sich um die flache Klinge eines scharfgeschliffenen Schwertes, war furchtbar anzusehen. Sie sah aus wie ein aus dem Grabe erstandener Leichnam, der jemand von den blutigen Feldern des Lebens zurückrufen möchte. Der Pächter fuhr fort: »Begraben wir sie! Nun wißt ihr beiden das Schlimmste. Da 's' meine zweite Tochter. Die hat keinen Flecken, wenn sie die Leute für das nehmen wollen, was sie wirklich ist. Sie 's' träge. Aber ich glaub', sie würd' sich das Fleisch von 'n Knochen schinden für einen, den sie lieb hat. Sie hat Temperament. Aber sie 's' rein an Leib und Seele, das glaub' ich und schwör' ich vor Gott. Ich – alles was ich beten möcht', das is', daß die Deern es gut haben soll. Alles was ich hab', kriegt sie mal. Oder vielmehr – der Mann, der sie, ich mein', der Mann, der sich nich' schämt, sie zu heiraten, mein' ich!« Hier versagte seine Barschheit, und er mußte nach Worten suchen, die ihm bald schwach, bald emphatisch kamen, alle indes gleichermaßen gezwungen und unnatürlich, denn seine Erregung hatte den Punkt erreicht, wo die Natur ihre Grenzen zugeben muß, und er suchte jetzt absichtlich nach Elend und nach Demütigung, rechts und links, zum Teil, um dadurch zu beweisen, unter welch' unseligen Stern ihn die Vorsehung gestellt habe. »Sie wird dankbar sein. Ich werd' mich bald davonmachen. Was für 'ne Schande ich, der ich auch der Vater von der andern bin, dem Bunde bringe, das, hoff ich, wird mit mir ins Grab versenkt werden; der Mann von dieser da soll nicht darüber zu klagen haben, daß ihr Charakter und ihr Arbeiten für ihn die Schande nicht zudeckt, die er vielleicht in der Verwandtschaft sehen könnte. Und mit sonstiger Verwandtschaft wird man ihm ja nicht zur Last fallen. »Ich hab' immer gedacht, Stolz wär' was Schlechtes. Aber ich danke Gott, daß uns Flemings allen was davon im Blute sitzt. Ich danke Gott jetzt dafür, – ja, wahrhaftig. Wir sehen die nicht noch mal wieder an, an denen wir uns versündigt haben. Das heißt, wir strecken nicht die Hand nach ihnen aus. Wir gehen. Keiner sieht uns mehr, und keiner wird sie mehr sehen. Darauf verlaßt euch!« »Ich möchte mein Kind hier so sehen, daß ich keine Angst mehr vorm Tod zu haben brauchte. Denn ich hab' Angst vorm Tod, solange sie nicht sicher in irgend jemandes Schutz ist, – in 'n freundlichen Schutz, wenn ich das so haben könnt'! Irgendeiner – ein junger oder ein alter!« Zum erstenmal hob der Bauer den Kopf und starrte Robert mit leerem Ausdruck an. »Ich würde sie,« sagte er, »wenn ich wüßte, daß ich heute oder morgen früh sterben müßte, irgendwie verheiraten, irgendwie – lieber, als daß ich sie hier allein ließe, würde ich sie an den alten Kerl, den alten Gammon, verheiraten.« Der Bauer wies mit der Hand zur Decke hinauf. Sein düsterer Ernst leitete und trug selbst diese Andeutung von des eventuellen Bräutigams Alter und Lebensgewohnheiten und allem, was damit zusammenhing, durch die Pforten der Lächerlichkeit hindurch. Keiner lachte, keiner dachte auch nur daran, zu lachen. »Das sagt einem ja die Vernunft, daß mir 'n junger Mensch lieber wär, als 'n alter. Der würde den Hof bewirtschaften und ihn nicht verkaufen, und denn blieb er doch in der Familie, wenn er denn auch nicht an 'n Fleming käm'. Wenn er nur orndtlich solide ist und sich nicht wie so 'n Hans in allen Ecken aufspielt mit sein'n Land. In einer Sache recht haben, ja, gewiß, das ist recht haben, – aber ich mein' nur, darum hat man noch nicht in allem recht. Darum hat man erstmal nur in einem recht. Wenn junge Leute bei einer Gelegenheit mal den Nagel auf 'n Kopf treffen, denn möchten sie immer gleich denken, sie hätten in allem recht.« Das ging natürlich auf seine alten Zwistigkeiten mit Robert und bewies zur Genüge, auf wen es der Bauer als Mann für Rhoda abgesehen hatte, wenn bis dahin noch irgendein Zweifel über diesen Punkt bestanden haben sollte. Nachdem er seine Augen aufgeschlagen hatte, verließ ihn seine ungewohnte Rednergabe, und mit schwankender Stimme und unsicherem Blick schloß er: »Beinah hab' ich ihren Onkel vergessen. Solange ich noch was auf Reichtum gab, solange hab' ich seine Reichtümer für was gerechnet. Ich weiß nich', wieviel er hat, aber was er hat – dafür hab' ich sein Wort – das geht alles – Gott weiß, wieviel es sein mag! – an diese Deern. Und er sagt auch, sie wär's wohl wert, daß 'n junger Mensch sein Herz an sie hängte. Mag auch wohl sein. Das kommt ja zur Hauptsache auf 'n Geschmack an. Sie kriegt alles. Und den Hof auch. – Na, denn gute Nacht!« Er gab ihnen kein weiteres Zeichen, sondern ging in seiner gedrückten Art ruhig nach der Tür, die ins Innere des Hauses führte und von dort weiter und überließ ihnen das übrige. Kapitel XIV. Zwischen Rhoda und Robert Die beiden waren allein, und alle einleitenden Schwierigkeiten für das, was er zu sagen hatte, waren Robert so prächtig aus dem Wege geräumt, daß es ihm so gut wie unmöglich schien, überhaupt etwas zu sagen. Dennoch hätte sie ein völliges Schweigen mißverstehen können. Ein einziges Zeichen einer zärtlichen Empfindung ihrerseits – und wie gern hätte er sie an sein Herz gezogen! Aber davon war nicht die Rede. Das Mädchen war wie zerrissen, in ihrem Schamgefühl aufs tiefste verletzt. Sie war die erste, welche sprach: »Glauben Sie, was Vater von meiner Schwester sagt?« »Daß sie –?« Robert verschluckte die Worte. »Nein!« und seine Paust fiel donnernd auf den Tisch. »Nein!« Sie trank das Wort in sich hinein. »Sie glauben es nicht? Nein! Sie wissen, daß Dahlia unschuldig ist?« Rhodas Blick lechzte nach seiner Versicherung, ihr bleiches Gesicht war ganz Eifer, wie ein Schrei nach Leben. Aber die Antwort kam nicht sofort, wie heiß ihr leidenschaftliches Sehnen auch danach verlangte. Sie wurde starr, mit schwacher Stimme murmelte sie: »Sprechen Sie! O, sprechen Sie doch!« Seine Augen wichen den ihren aus. Ihre Liebe würde es vermocht haben, ihn denken zu lassen, wie sie dachte, aber sie verschloß ihr Herz vor ihm, und so stand er da, ein trauriger Richter, mit seinem eigenen Gewissen, daß ihm nicht erlauben wollte, Dahlia unschuldig zu heißen, denn er hatte schon lange das Gegenteil gedacht. Rhoda preßte ihre Hände krampfhaft zusammen und stöhnte: »O!« – wie ein schwerer, kurz abgebrochener Seufzer klang's. »Sagen Sie mir, was geschehen ist?« sagte Robert, denn die vorwurfsvolle Todtraurigkeit ihrer Stimme wahnsinnig machte. »Ich tappe völlig im Dunkeln. Ich kann es nicht übersehen, wie Sie alle. Wenn Rhodas Schwester eines Mannes bedarf, der für sie eintrete und sie verteidige, – was auch immer sie getan haben mag, verlassen Sie sich auf mich! Wenden Sie sich an mich, und ich will sie rächen. Hier bin ich, und ich weiß nichts, und Sie verachten mich, weil – O, halten Sie mich nicht für hart und unfreundlich. Diese Hand gehört Ihnen, wenn Sie nur wollen. Kommen Sie, Rhoda! Oder lassen Sie mich alles hören, und ich will versuchen, Sie zufriedenzustellen, so gut ich kann. Mitgefühl für sie haben? Ich hab' soviel Mitgefühl für sie, wie Sie selbst. Aber Sie verlangen doch nicht, daß ich Ihre Frage als ein Lügner beantworte. Wie kann ich denn sprechen?« Der Instinkt eines Weibes in höchster Glut der Erregung erkennt sofort jede teilweise Unaufrichtigkeit, die Robert nur hätte vermeiden können, wenn er sich zu den Zweifeln, welche er hegte, bekannt hätte. Rhoda wünschte einfach durch seine Überzeugung von der Unschuld ihrer Schwester unterstützt zu werden, und sie empfand Verachtung für einen Mann, der das Risiko, ob Recht, ob Unrecht, nicht ritterlich auf sich zu nehmen willens war, der sich nicht blindlings zum unbedingten Beschützer eines betrogenen, abwesenden und darum hilflosen Weibes aufwarf. Überdies bestand nach Rhodas Überzeugung hinsichtlich Dahlias nur ein Ausweg, – nämlich der, wenn nötig, selbst Tatsachen entgegenzutreten, ihre Unschuld unbedingt zu behaupten und diejenigen bis aufs Blut zu bekämpfen die irgendwelche Verleumdung an das geliebte Haupt zu heften wagten. So weit ging ihr scharfes, instinktives Urteil. Das seine wurde lebendig bei ihrer Weigerung, ihm von den Geschehnissen während ihres Londoner Aufenthalts zu sprechen. Sie fühlte, daß ein Mann die Tatsachen hart beurteilen werde. Ihr Vater und ihr Onkel hatten es getan, sie fühlte, daß Robert es auch tun würde. Hätte sie ihn geliebt, sie würde ihm unbedingtes Vertrauen geschenkt haben. Aber ihr Empfinden wurde durch keine Liebe gemildert, von ihrer Seite war kein Feuer vorhanden, ihre Empfindungen zu schmelzen und in einen Strom fließen zu lassen, – es gab kein Begegnen für sie. »Wenn Sie's mir denn nicht sagen wollen,« begann Robert aufs neue, »wie stellen Sie sich dann zu dem Vorschlag Ihres Vaters? Er meinte, ich dürfe Sie bitten, mein Weib zu werden. Er hat bisher geglaubt, ich mache mir etwas aus Ihrer Schwester. Das ist ein Irrtum. Ich halte etwas von ihr – ja, so, als wäre sie auch meine Schwester: und hier haben Sie meine Hand darauf, daß ich mein Äußerstes für sie zu tun bereit bin, aber ich liebe Sie, und ich habe Sie bereits geraume Zeit geliebt. Ich würde stolz darauf sein, Sie zu heiraten und dem alten Hof weiter zu helfen. Sie lieben mich einstweilen nicht, – die Gewißheit hierfür zu sehen, ist schwer genug für mich. Aber ich liebe Sie, und ich habe Vertrauen zu Ihnen. Mir gefällt der Stoff, aus dem Sie gemacht sind, – 'n schöner Stoff, den ich da einem jungen Mädchen vorrede,« fügte er hinzu, indem er sich die Stirn trocknete, als er sich vorstellte, was für schöne und schmeichelhafte Ansprachen junge Mädchen erwarten, wenn einer um sie wirbt. Wie die Sache lag, hörte Rhoda mit schrankenloser Verachtung auf sein törichtes Reden. Ihr Hirn hämmerte ob all dem Unverständlichen und Traurigen, darin Dahlia versunken lag. Sie hatte keinerlei Verständnis für Roberts Empfindungen, noch für ihres Vaters Verlangen. Da indessen irgendwelche Antwort erforderlich war, sagte sie: »Es ist unwahrscheinlich, daß ich einen Mann heiraten sollte, welcher glaubt, etwas vergeben zu müssen.« »Das glaube ich nicht,« rief Robert. »Sie haben gehört, was Vater sagte.« »Ich hab' gehört, was Ihr Vater sagte, aber ich bin nicht der gleichen Ansicht, wie er. Was hat Dahlia mit Ihnen zu tun?« Gerade wollte er diesen unglücklichen Satz richtig stellen. Aber ihre ganze mühsam zurückgedämmte Feindseligkeit bemächtigte sich desselben: »Meine Schwester? Was meine Schwester mit mir zu tun hat? Sie meinen – Sie meinen – Sie können nur Eins meinen, daß wir getrennt, daß wir als zwei verschiedene Personen gedacht werden können und wir sind Eins und werden Eins bleiben, bis wir sterben. Ich fühle meiner Schwester Hand in der meinen, mag sie auch fort und mag sie verloren sein. Sie ist mein Liebling, jetzt und in alle Ewigkeit. Wir sind Eins!« Ein Krampf der Verzweiflung ließ sie innehalten. »Ich meine,« nahm Robert mit Festigkeit das Wort wieder auf, »daß ihr Benehmen, ob es nun gut oder schlecht sein mag, Sie nicht berührt. Und selbst, wenn es das tun sollte, so wäre mir das einerlei. Ich frage Sie, ob Sie mich zum Manne haben wollen. Denken Sie doch wenigstens einmal über das nach, Rhoda, was Ihr Vater gesagt hat!« Der schreckliche Ausspruch, dessen sich ihr Vater schuldig gemacht hatte, durchfuhr sie und erfüllte sie mit grenzenloser Feindseligkeit, nun sie ein Opfer vor sich sah. »Ja, ich sollt' mir wohl gerad' einen Mann nehmen, der mich immer an das erinnern würde, was er gesagt hat!« Robert blickte bewundernd auf ihren strengen Mund; ihre Verteidigung ihrer Schwester hatte seine Hochachtung herausgefordert, so eigensinnig sie seine ernste Geradheit auch zurückgewiesen hatte. Auch die zierliche Neigung ihres Nackens und die sichere Haltung ihres Körpers berührte ihn angenehm. »Nun, schön!« stieß er mit wunderlich in die Höhe gezogenen Brauen, die es ihr unmöglich machten, einen bestimmten Schluß aus seinem Blick zu ziehen, hervor. Wie der Blick eines Halbwahnsinnigen erschien er ihr, so zornig und zugleich so voll hellen Eifers. »Beim Himmel! Die Aufgabe, dich zu zähmen – um die Gnade möchte ich den Himmel wohl bitten! Und ob du auch so schwer zu bändigen bist, wie eine Wildkatz' – beim Himmel! Lieber möcht' ich dich zu zähmen haben, als so herumzurennen mit 'ner ganzen Koppel von ruhigen –« er riß sich zusammen – »Gefährten.« So überraschend war es ihr, wie seine Zunge plötzlich mit ihm durchging, daß sie in stummem Staunen über die herrische Art, die plötzlich in ihn gefahren, verloren dastand und ihn anstarrte. »Du bist grad' die Schönheit, die mir gefällt; wenn so 'n Teufel in 'ner Frau steckt, das paßt mir grad'! Aus 'nem Mädel wie du, da läßt sich doch noch was machen! Ja, Sie kennen mich noch nicht, Fräulein Rhoda. Sie denken, ich wär' so' 'n guter Mann, was?« Robert richtete sich mit einem sehr harten Lächeln in die Höhe. »Wollt' Gott, ich wär's! Verstehen Sie mich recht, ich hab' Mitgefühl genug für Ihre Schwester. Ich mag Sie nur um so lieber, weil Sie so durch dick und dünn zu ihr halten. Aber ich bin kein so gutmütiges Schaf, wie Sie denken, und ich sag' dir, haben will ich dich, ob du willst oder nicht! Ich kann dir helfen, und du kannst mir helfen; Ich habe hier gelebt, als wenn ich nicht mehr Feuer in mir hätte, als der alte Gammon, der da oben auf seinem Kissen schnarcht. Haben Sie wohl darauf geachtet, daß ich kein geistiges Getränk anrühre? Was haben Sie daraus für 'n Schluß gezogen? Daß ich 'n ruhiger, sanfter Kerl wär'? Das bin ich auch, aber anderswo hab' ich den Ruf nicht. Ihr Vater möchte, daß wir uns heirateten, und ich bin dabei. Wer hat mich zur Arbeit angehalten, so daß ich was von der Landwirtschaft gelernt hab', und daß ich 'n ganzer Mann geworden bin und in der Lage mir ein Weib zu nehmen? Ich bin hierher gekommen – ich will Ihnen sagen, wie ein fauler Hund war ich. Ich bin von zu Hause weggelaufen und hab' als gemeiner Soldat gedient. Und da hinterließ mir 'ne alte Tante ein bißchen Geld, davon wachte ich auf, und das bißchen Gewissen, das ich noch hatte, kam hoch, und da hab' ich mich losgekauft. »Zufällig sah ich Ihres Vaters Inserat – kam her – sah mir Sie alle an und mochte Sie leiden – na, da bracht' ich meine Siebensachen her und ließ mich hier nieder und lebte wie 'n guter junger Mann. Und ich merke, daß mir Frieden und Ordnung angenehm sind. Das hab ich immer geglaubt, auch als ich noch so verrückt herumtanzte, wie 'n Höllenhund. Jetzt weiß ich 's aber, und Sie sind grade das Mädchen, das mich dabei festhalten könnte. Das hab' ich so nach und nach gelernt. Jede andere hätt' ich zum Narren gehalten, und es wäre schon längst die alte Geschichte gewesen. Ich würde sie ins Unglück gebracht haben. Sie sind mir gewachsen. Und allmählich werden Sie auch dahinter kommen, daß ich Ihnen gewachsen bin! Ich hab' Sie nie kokettieren sehen, weder mit mir, noch mit anderen. »Wo ich nun 'mal angefangen hab', will ich mich auch aussprechen. Diesen Sommer dachte ich, Sie wären auch nicht anders, wie and're Mädchen. Eines Tages gingen Sie aus, um einen jungen Herrn zu treffen. Das mag Sie beleidigen oder nicht, ich sprech' mich jetzt aus, und Sie sollen mich anhören. Sie gingen nicht hin. Ich war schon damals in Sie verliebt. Ich sah, daß London Unheil gewirkt hatte. Ich war traurig darüber. Ich fühlte, daß er Sie geringachten würde, aber es paßte mir so, Sie davor zu schützen, seitdem haben Sie mich gehaßt. »Jener Mr. Algernon Blancove ist 'n Schuft. Bitte! Sie können gleich so viel sagen, wie Sie Lust haben. Ich warne Sie – der Mann ist 'n Schuft. Ich hab' nicht an dem herumspioniert, was Sie taten, nur an Ihrem Aussehen. Ich kann ein Gesicht wie das Ihre lesen. Da bin ich drin zu Hause, ganz zu Hause, – bei Gott, das bin ich. So, Rhoda, nun wissen Sie 'n bißchen mehr von mir. Vielleicht bin ich doch 'n and'rer Kerl, als Sie geglaubt haben. Heiraten Sie 'nen andern, wenn Sie wollen, aber ich bin der Rechte für Sie, und das weiß ich, es geht Ihnen nicht gut, wenn Sie 'nen andern nehmen. Komm, Rhoda, laß deinen Vater ruhig schlafen! Gib mir deine Hand!« Während dieser ganzen überraschenden Rede Roberts, die wie eine Offenbarung eines ihr bisher völlig dunklen Menschen wirkte, hatte Rhoda ihr Herz gestählt, denn es war ihr, als risse sie ein ungeahnter Strudel dahin, und sie staunte, als sie entdeckte, daß ihre Hand in der seinen ruhte. Bestürzt, als sei sie in eine Falle geraten, sagte sie: »Sie wissen, daß ich keine Spur von Liebe für Sie empfinde.« »Keine, – zweifellos,« erwiderte er. Sein Anflug von rednerischer Kraft war erschöpft, und er schaute gleichgültig, wenn auch frei zu ihr auf, indem er einen Frohsinn zur Schau zu tragen bemüht war, der ihm innerlich fern lag. »Ich möchte bleiben, wie ich bin,« stotterte sie und staunte über die ihr ebenso überraschende Tatsache ihrer eignen Bescheidenheit ihm gegenüber, die wie ein Druck auf ihr lag. »Ich habe keinen Mut zu irgendwelcher Veränderung. Vater wird das schon verstehen. Ich bin völlig in Sicherheit.« Sie schloß mit einem Aufschrei: »O, meine liebe, einzige Schwester! Wenn nur du in Sicherheit wärest! Schaffen Sie sie mir hierher, und ich will alles tun, was ich irgend kann, wenn Sie nur nicht hart gegen sie sein wollen! Sie ist so schön, sie kann kein Unrecht begehen. Meine Dahlia ist unglücklich. Herr Robert, könnten Sie wirklich ihr Freund sein? »Lassen Sie das ›Herr‹ fallen,« sagte Robert. »Auf Sie hört Vater,« fuhr sie flehentlich fort. »Sie werden doch nicht von uns gehen? Sagen Sie ihm, daß Sie wüßten, ich sei völlig sicher. Aber ich habe überhaupt kein Gefühl, solange meine Schwester fort ist. Ich will Sie auch Robert nennen, wenn Sie's gern wollen.« Sie streckte ihm die Hand hin. »Das 's recht,« sagte er, indem er mit offener Herzlichkeit ihre Hand ergriff, »das ist immerhin ein Anfang, denk' ich.« Sie schrak leicht zusammen bei seinem herzlichen Druck, und er fuhr fort: »Haben Sie keine Angst. Ich habe mich einmal ausgesprochen, und das tu' ich nicht oft. Jetzt kennen Sie mich, und das ist mir genug. Ich vertraue Ihnen, haben Sie auch Vertrauen zu mir. Mit Ihrem Vater werd' ich sprechen. Ich hab' selbst meinen Alten zu Haus, mit dem nicht leicht umzugehen ist. Sie und ich, Rhoda – wir würden ein gutes Paar abgeben. So, – haben Sie keine Angst! Ich dachte nur so – gleich laß ich Ihre Hand los. Wenn Dahlia zu finden ist, werd' ich sie schon finden. Danke für den guten Händedruck! Sie könnten einen Toten aufwecken, wenn Sie wollten. Morgen will ich an die Geschichte 'ran gehen. Das 's abgemacht. So, nun geb' ich Ihre Hand frei. Wollen Sie gute Nacht sagen? Ja, dazu muß ich Ihre Hand wohl noch 'mal wiederhaben. Was für 'n ungeschlachter Kerl schein' ich Ihnen wohl? Ein ganz and'rer Mann, als Sie dachten, was? Ich bin g'rade das, Rhoda, was Sie aus mir machen wollen, vergessen Sie das nicht. Um Gotteswillen, nun gehen Sie schnell, denn wenn ich Sie so anseh' –« Sie ergriff ein Licht und schritt eilig zur Tür. »Aha! Sie können ja so furchtsam wie 'n Reh aussehen! Hinaus! Sputen Sie sich.« In ihrer durch seine drängenden Handbewegungen veranlaßten Hast fiel die Kerze zu Boden; sie wollte sie aufheben, aber als er herankam, trat sie erschrocken zur Seite. »Einen Kuß, Mädchen,« sagte er. »Daß ich nicht rasend werde vor Eifersucht. Einen einzigen, dann bin ich ein gebundener Mann. Nur einen! oder ich schwöre, du weißt, was Küsse sind. Was hattest du den Kerl da zu treffen? Denkst du, dergleichen sei ohne Gefahr? Geht er vielleicht jetzt 'rum und protzt damit und sagt – ›ah, das Mädel!‹ Aber küss' mich, und es soll alles vergessen sein. Ich will es dir verzeihen. Küss' mich nur ein einzig Mal, und ich will ganz überzeugt sein, daß du dir nichts aus ihm machst. Der Gedanke macht mich rein verrückt. Ich halt's nicht aus, nun ich weiß, wie sanft du aussehen kannst. Ich bin stärker als du, das bedenke.« Er schlang den Arm um ihre Taille. »Ja,« keuchte Rhoda, »das sind Sie. Ein Tier sind Sie!« »Dann ist 'n Tier eine glückliche Kreatur, denn ich halt' dich fest!« »Rühren Sie mich nicht an!« »Du bist in meiner Gewalt.« »Das ist erbärmlich, Robert.« »Was wehrst' dich denn nicht, Mädchen? In einer Minute küss' ich dich!« »Dann ist es aus mit der Freundschaft.« »Meinst wohl, weil ich kein feiner Herr bin?« »Niemals, nachdem Sie dies getan haben!« »Ich hab ja noch gar nichts getan! Erst warst du wie 'ne weiße Rose, und nun bist du wie 'ne rote. Wirst du nachgeben?« »O, schämen Sie sich,« stieß Rhoda hervor. »Weil ich kein feiner Herr bin?« »Nein, wahrhaftig nicht!« »So, also wenn ich 'ne Dame aus dir machen könnte, dann wären deine Lippen für mich da im Handumdrehen, ja? Denkst du wirklich, es würd' einer 'ne Dame aus dir machen? 'ne richtige Dame?!« Sein Arm ließ sie halbwegs fahren. Sie machte sich völlig frei und sagte: »Wir sahen Mr. Blancove mit Dahlia im Theater.« Es war ihre Art und Weise, seine Anschuldigung zurückzuweisen, als habe sie Träume weiblichen Ehrgeizes genährt. Er bemühte sich unterdes, um der Verwirrung, die sich plötzlich seiner bemächtigte, Herr zu werden, darum, das Licht wieder in Ordnung zu bringen. »Nun weiß ich, daß man sich auf Sie verlassen kann, Sie können sich selbst schützen,« sagte er, indem er es ihr angezündet reichte. »Sie bewahren Ihre Küsse für diesen oder jenen jungen Herrn. Das ist recht. Sie können sich wirklich wehren. Das wollt' ich nur wissen. Nun sagen Sie mir, daß Sie mir nicht böse sind. Die Tür ist offen. Ich werd' Ihnen nicht mehr lästig fallen. Hassen Sie mich nur nicht allzusehr.« »Sie hätten lernen können, mir zu vertrauen, ohne mich zu beleidigen, Robert,« sagte sie. »Bilden Sie sich wirklich ein, ich würd' mir so unglaublich viel Mühe machen um einen Kuß von Ihren Lippen, so süß sie auch sind?« Sein prahlerischer Anfang endete mit einem durstigen Blick auf ihren Mund. Sie sah, daß es das klügste sein werde, ihn zu nehmen, wie er eben war, und zu gehen, und mit einem sanften: »Gute Nacht,« das wie ein Wort der Verzeihung klingen mochte, schritt sie an ihm vorbei durch die offene Tür. Kapitel XV. Ein Besuch in Wrexby Hall Am andern Tage, als Squire Blancove die Vermessungen zur Anlage eines neuen Fahrweges durch seinen Park überwachte und währenddessen die grüne Böschung auf und nieder schritt, bemerkte er Bauer Fleming am Arm eines hochgewachsenen jungen Mannes, und als das Paar näher herankam, nahm er mit Genugtuung wahr, daß der würdige Bauer sehr gebeugt ging, als leide er an einem neuen akuten Anfall seines wohlbekannten chronischen Leidens, eines Mangels an Geld. Nun gelüstete es den Squire über die Maßen nach dem freien Bauernhofe, Queen Annes Farm. Er hatte so viele Kaufangebote darauf gemacht, daß er dessen endlich müde geworden war und hatte sich den Ruf erworben, das schürende Element einer Unzahl von hypothetischen Kabalen zu sein, die sämtlich dahin zielen sollten, den Bauer von seinem Besitz wegzugraulen und zu vertreiben. Aber wenn Naboth mit seinem Weinberge in der Hand ankam, so konnte, falls er denselben zum entsprechenden Werte übernahm, nicht einmal der Pfarrer von Wrexby (obschon sein Streit mit ihm jedes Ereignis seines Lebens vergällte,) einen Bibelspruch gegen ihn ausfindig machen. Der Squire hatte seine Mußezeit während des Gottesdienstes dazu benutzt, nach einem Text zu suchen, der sich gegen ihn ins Feld führen lasse, falls der Bauer zum Konkurs getrieben werde und er, der Squire, den möglichsten Nutzen daraus ziehe. Seiner heidnischen Auffassung von einzelnen Taten der Erzväter entsprechend, ließ sich indessen – im Gegenteil – im Falle er seinen Grundbesitz vergrößerte, viel mehr zu seinen Gunsten sagen, als umgekehrt, auch vermochte er im ganzen alten Testament keinen einzigen Satz ausfindig zu machen, der seinen Plänen gleichsam ein persönlicher Feind hätte sein und. somit im Munde des Pfarrers zu Wrexby gegen ihn hätte verwertet werden können. »Na, Bauer,« sagte er in einem Ton heiterer Leutseligkeit, »mit der Wintersaat zufrieden? Von meinen Fenstern aus sieht man Ihre Felder so schön daliegen, wie Ihr Land es in einem so ungünstigen Jahr nur irgend leisten kann.« Hierauf entgegnete der Bauer: »Herr Baron, ich habe weder den Mut, noch die Absicht, weitschweifig zu werden. Darf ich Sie um eine Unterredung bitten, hier oder wo Sie sonst befehlen?« »Hat die Sache irgend etwas mit Feder und Papier zu tun, Fleming? In dem Falle gehen wir am besten in mein Arbeitszimmer.« »Nicht, daß ich wüßte. Nicht, daß ich wüßte!« Des Bauers Augen suchten Roberts. »Am besten irgendwo, wo die Wahrscheinlichkeit ist, ungestört zu bleiben,« rief Robert, indem er seinen Hut vor dem Squire lüftete. »Ja, Sie sehen, ich bin beschäftigt.« Squire Blancove fingierte eine auffallende Gleichgültigkeit, wie sie gegebenenfalls, wenn sie mit Glück durchgeführt wird, (wie es Geldfürsten – seien sie nun Gutsbesitzer oder Wucherer, tun können) ihre hundert Pfund wert zu sein vermag. »Läßt es sich nicht aufschieben? Kommen Sie morgen wieder.« »Morgen ist es einen Tag zu spät,« sagte der Bauer ernst. Worauf der Squire mit der Erwiderung: »Nun, meinetwegen, dann kommen Sie nur mit,« ihnen den Weg zum Hause voranschritt. »Sie sind Ihrer zwei gegen einen, falls es sich um ein Geschäft handelt,« sagte er, indem er Robert durch ein Kopfnicken bedeutete, die Tür zur Bibliothek zu schließen. »Setzen Sie sich. Nun also, was führt Sie her? Bitte, wenn ich Gesichter ziehen sollte, legen Sie dem freundlichst keinerlei Gewicht bei, denn mich plagt wieder einmal die Gicht, und da schießt's plötzlich wie ein glühender Pfeil aus dem Fegefeuer durch mein Bein hindurch.« Er stöhnte und ließ sich tief in einen Lehnstuhl sinken, während der Bauer und Robert stehen blieben, und der Bauer das Wort nahm: »Ich werde Sie nicht mit viel Redensarten aufhalten, Herr Baron. Ich habe Ihnen eine Tatsache mitzuteilen und eine Frage zu stellen.« Staunen, welches ein von ihm vorausgeahnter Schmerz auf seinem Gesicht in übertriebenem Maße zum Ausdruck brachte, ließ den Squire wild um sich blicken. »Teufel auch, derart redet man zu einem Gefangenen auf der Anklagebank: ›Dieses ist die begangene Mordtat. – Sind Sie der Schuldige?‹ Tatsache und Frage! Nun, heraus damit! Beide auf einmal!« »Ein Vater ist für die Sünden seiner Kinder nicht verantwortlich,« sagte der Bauer. »Gut, das 'ne Tatsache,« erwiderte der Squire mit Nachdruck. »Der Ansicht bin ich auch immer gewesen. Aber falls Sie zur Kirche gehen, Bauer, – sollten Sie's nicht tun, verdenk' ich's Ihnen nicht! – der Kerl, der da predigt (ich vergeß' seinen Namen), der behauptet ganz das Gegenteil. Der schwört darauf, Sie sind dafür verantwortlich. Bezahlen Sie Ihres Sohnes Schulden und stöhnen Sie nicht weiter darüber! Er hat das Geld ausgegeben, und Sie sind der Hauptschuldner, das 's' seine Auffassung. Na, also weiter! Ihre Frage?« »Ein Vater ist nicht verantwortlich für die Sünden seiner Kinder, Herr Baron. Meine Tochter hat mich verlassen. Sie is' weg. Ich hab' meine Tochter im Theater in London gesehen. Sie hat mich auch gesehen und ihre Schwester, die bei mir war, auch. Sie ist verschwunden. Das is' 'ne harte Sache, wenn man das von sein eigen Fleisch und Blut sagen muß. Sie is' verschwunden. Sie is' weggegangen, obgleich sie wußte, daß ihres Vaters Arme ihr offen standen. Sie war mit Ihrem Sohn zusammen.« Der Baron trommelte auf der Lehne seines Stuhles. Er sah mit einem unsicheren Blick auf, als warte er auf die Frage, die nun kommen sollte, aber als er den ruhigen Augen des Bauern begegnete, rief er gereizt aus: »Na, und was geht mich das an?« »Was Sie das angeht, Herr Baron?« »Wollen Sie mich etwa für meines Sohnes Verhalten verantwortlich machen? Mein Sohn ist 'n Schlingel – das weiß jedermann. Ich hab' ihm einmal seine Schulden bezahlt, und seitdem bin ich mit ihm fertig. Kommen Sie mir nicht mit dem Bengel! Wenn's noch 'n größeren Fluch gibt, als die Gicht, so ist's 'n Sohn!« »Meine Tochter,« sagte der Bauer, »sie is' mein Fleisch und Blut, und ich muß sie finden, und ich bin hier, um Sie zu bitten, daß Sie Ihren Sohn dazu bringen, mir zu sagen, wo ich sie find'. Mit dem jungen Mann abrechnen, das will ich woll. Aber ich will mein Kind wiederhaben.« »Ja, ich kann sie Ihnen doch nicht geben,« brüllte der Squire, den der doppelte Fluch seines Lebens auf einmal quälte. »Was kommen Sie denn zu mir? Ich bin nicht verantwortlich für das, was der Hund tut. Sie tun mir leid, wenn Ihnen daran liegt, das zu hören. Wollen Sie sagen, daß mein Sohn sie aus Ihrem Hause entführt hat?« »Das sag' ich nicht, Herr Blancove. Ich such' meine Tochter, und ich hab' sie mit Ihrem Sohn zusammen geseh'n.« »Schon gut, schon gut,« sagte der Squire, »das zeigt eben, was für Gewohnheiten er huldigt. Mehr kann ich nicht sagen. Aber was hat es mit mir zu tun?« Der Bauer blickte Robert hilflos an. »Nein, nein,« rief der Squire aus, »wir brauchen hier keinen Dolmetscher oder Zwischenträger. Ich verhandle mit Ihnen. Mein Sohn – Ihre Tochter. Das versteh' ich soweit. Das 'ne Sache zwischen uns beiden. Sie haben 'ne Tochter, die irgendwie auf 'n falschen Weg geraten ist, es tut mir leid, das zu hören. Ich hab' 'nen Sohn, der überhaupt nie auf 'nem rechten Wege war, und ich kann Sie versichern, das ist mir auch weiter kein Trost. Wenn Sie die Briefe und die Rechnungen sähen, die ich seinetwegen bekomme! aber ich trag' meinen Kummer nicht bei den Nachbarn herum. Wenn ich Ihnen 'nen Rat geben darf, Fleming, dann tun Sie am besten daran, sich ruhig zu verhalten. Machen Sie weiter keinen Lärm. Nachbarn – Getratsch finde ich so ziemlich das Schlimmste, was 'n Mann, der das Unglück hat, Kinder zu haben, zu tragen haben kann.« Der Bauer beugte sein Haupt in der bitteren Ergebung, die für sein Entgegennehmen der Schickungen der Vorsehung charakteristisch war. »Nachbarn werd' ich überhaupt bald keine mehr haben,« sagte er. »Die mögen schwatzen. Ich verlang' nich' zuviel von Ihnen, Mr. Blancove. Ich bin 'n gebrochener Mann: aber ich will meine arme verlorene Tochter wiederhaben, und bei Gott, ob Sie nun verantwortlich für Ihren Sohn sind oder nicht, Sie müssen mir dabei helfen! Es kann ja sein, daß sie verheiratet ist, wie sie sagt. Kann auch sein, daß sie's nich' ist. Aber finden muß ich sie!« Der Squire nahm rasch ein Stückchen Papier vom Tische und schrieb darauf. »So!« er händigte dem Farmer das Papier ein, »das ist meines Sohnes Adresse: ›Boynes Bank, City, London‹. Gehen Sie da zu ihm, und Sie werden ihn da auf einem Kontorbock hocken sehen, und 'ne ordentliche Tracht Prügel wird ihm nichts schaden. Sie haben meine ausdrückliche Erlaubnis dazu, das kann ich Sie versichern, das können Sie ihm sagen. ›Boynes Bank‹, die kann Ihnen jeder zeigen. Er ist ein Schlingel von einem Kommis da, mag ein kostbar nützliches Mitglied dort sein, darauf könnt' ich schwören. Hauen Sie ihn ordentlich durch, wenn Sie Lust haben!« »Ja,« sagte der Bauer, »›Boynes Bank‹. Da bin ich schon 'mal gewesen. Er ist nicht bei seiner Arbeit da, er 's' irgendwo in Hampshire zu Besuch, sagte mir einer der jungen Leute. Fairly Park heißt es; aber ich komm' zu Ihnen, Mr. Blancove, denn Sie sind doch der Vater.« »Ja, hören Sie, mein guter Fleming, ich hoffe, Sie teilen meine Ansicht, daß ich dafür schon genug bestraft bin.« Der Squire stand unter greulichen Verzerrungen auf. Robert trat vor den Bauer. »Verzeihen Sie, Herr,« sagte er, obschon der Baron mit einem höchst mißbilligenden Stirnrunzeln auf seine Anrede reagierte, »wenn man über diese Geschichte sprechen würde, so wäre das eine ziemlich häßliche Sache, wie Sie sich nicht verhehlen können. Sie würde Mr. Fleming in dieser Gegend schaden, und er würde dieselbe, falls es ihm so gut schiene, verlassen. Aber Sie können Ihren Namen nicht von dem Ihres Sohnes trennen – entschuldigen Sie, daß ich mir die Freiheit nehme, das zu sagen, – öffentlich können Sie das nicht tun; und Ihr Herr Sohn hat das Unglück, an ein oder zwei Orten, wo er als Kavallerist gedient hat, recht gut bekannt zu sein. Die Sache mit dem Juwelier« – »Halloh!« riet der Squire in plötzlicher Bestürzung aus. »Ja, Herr, über die Angelegenheit weiß ich genau Bescheid, weil ich in dem Regiment, aus dem Ihr Sohn, Mr. Algernon Blancove, austrat, als Gemeiner gedient habe, und seinen Namen möchte man, wenn ich so sagen darf, lieber nicht gedruckt sehen. Wie weit er Mr. Fleming gegenüber schuldig ist, läßt sich einstweilen noch nicht sagen; aber wenn Mr. Fleming ihn eines Verbrechens für schuldig hält, so wird Ihr Sohn die Folgen zu tragen haben, und was wir tun, das werden wir gründlich tun. Daß wir uns sachverständigen Rat sichern werden, brauche ich nicht zu sagen. Mr. Fleming hat sich zunächst an Sie gewandt, teils Ihretwegen und teils seiner selbst wegen. Er kann Freunde finden, die ihm sowohl raten, wie helfen werden.« »Sie meinen, Herr,« donnerte der Squire, »daß er Feinde von mir finden kann, wie jenen verdammten Kerl da unten, der sich ›Hochehrwürden‹ nennen läßt. Das genügt, das genügt. Da scheint mir eine Art Erpressungsversuch zugrunde zu liegen. Sie wollen mir wohl Daumenschrauben anlegen!« »Wir wollen Daumenschrauben anlegen, Herr,« sagte Robert kühl. »Keinen Pfennig kriegen Sie aus mir heraus!« Robert schoß das Blut heiß zu Kopf. »Sie können in diesem Augenblick nicht halb so glühend, wie ich, wünschen, daß Sie 'n junger Mann wären,« bemerkte er, und im selben Augenblick gerieten Sie miteinander in Berührung, denn der Baron machte eine schnelle Bewegung zum Glockenzug hin, und Robert fiel ihm in den Arm. »Wir gehen schon,« sagte er, »wir brauchen keine Diener, um uns den Weg zu zeigen. Jetzt will ich Ihnen was sagen, Herr Blancove, Sie haben einen alten Mann in seinem Unglück beleidigt; dafür sollen Sie büßen und Ihr Sohn auch, denn von dem weiß ich, daß er 'n Schuft ist, der am besten außer Landes transportiert würde. Sie meinen, Mr. Fleming wär zu Ihnen gekommen, um Geld zu kriegen. Sehen Sie den alten Mann an, dessen einziger Fehler ist, daß er zu gutmütig ist, er ist einzig und allein zu Ihnen gekommen, damit Sie ihm hülfen, seine Tochter wiederzufinden, mit der Ihr Schuft von einem Sohn zuletzt gesehen worden ist, und Sie schwören darauf, daß er Ihnen Geld hat abnehmen wollen. Wissen Sie nicht selber, daß Sie 'n Hundsfott sind, ob Sie auch hundertmal 'n Baron sind und sich für 'n feinen Herrn halten? England ist lange gut, aber Sie machen es 'nem kühnen, freien Mann zur Hölle. Bleiben Sie in Ihrem Lehnstuhl sitzen, und ich rate Ihnen, daß weder Sie noch irgendeiner von Ihnen mir über 'n Weg kommt, und wenn Sie ein einziges Wort zu Ihren Dienern sagen, ehe wir aus 'm Haus heraus sind, dann stell' ich mich auf 'n Hausflur hin und gebe ihnen die Geschichte Ihres Sohnes zum besten und verekele Ihnen Wrexby so, daß Sie froh sein werden, wenn Sie erst 'raus sind. So, Mr. Fleming, nun haben wir hier nichts mehr zu tun, unser Wild ist anderswo.« Robert nahm den Farmer beim Arm und verließ in guter Haltung das feindliche Gebiet, als der Baron, der einen zwischen Staunen und Wut wechselnden Anblick geboten hatte, sie durch einen Ruf zurückhielt. Er fing damit an zu sagen, daß er mit Mr. Fleming spreche und nicht mit diesem jungen Rauhbein von einem Beschützer, das der Bauer da mitgebracht habe, und fragte dann in sehr vernünftiger Weise, was er tun und welche Art Maßregeln er ergreifen könne, um dem Farmer dabei behilflich zu sein, sein Kind wiederzufinden. Robert hielt sich bescheiden im Hintergrund, während der Bauer mühselig mit ein paar Sätzen zustande kam, die den Fall auseinandersetzen sollten, und zum Schluß sagte der Squire, daß er, falls es ihm sein Fuß gestatte (ein pathetischer Hinweis auf die Schwachheit des Fleisches), am folgenden Tage nach Fairly reisen wolle, um eine persönliche Unterredung mit seinem Sohne zu haben, und, soweit es in seiner Macht stehe, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen, obschon er keineswegs für die Torheiten eines jungen Mannes verantwortlich sei. Er war ein wenig erschrocken über des Farmers Bemerkung, daß Dahlia, ihrer eigenen Versicherung zufolge, verheiratet sei, und darum selbst um. so ungeduldiger, Mr. Algernon zu sehen und von seinem ehrenwerten Sprößling, den er ein zweites Mal als einen Fluch bezeichnete, der ebenso schrecklich sei, wie sein gichtischer Fuß, und trotz alledem seiner eignen Initiative ebensowenig überlassen bleiben dürfe, wie jener, die Wahrheit zu erfahren. Der Bauer verbeugte sich stumm zu diesen Bemerkungen, wie auch dazu, daß ihm der Baron nochmals riet, um seiner selbstwillen nicht in dem Kirchspiel von seinem Unglück zu reden. »Ich bin nicht der Mann, das zu tun, Herr Baron, aber man kann nie sagen, woher das Gerede seine Nahrung zusammenträgt. Man spricht davon, man spricht davon.« »Von meinem Sohn?« rief der Squire. »Von meiner Tochter!« »Na ja, guten Morgen,« setzte der Baron heiterer hinzu. »Ich werde nach Fairly fahren, und mehr können Sie nicht verlangen.« Als der Bauer außerhalb des Hauses und außer Hörweite war, verwies er Robert sein unbedachtes Aufbrausen und wies darauf hin, wie er, der Bauer, durch sein friedliches und ruhiges Vorgehen den Zweck seines Besuchs erreicht habe. Robert lachte, ohne sich zu verteidigen. »Ich kannt' Sie nicht wieder,« wiederholte der Bauer mehrmals, »ich kannt' Sie gar nicht wieder, Robert!« »Nein, ich bin vielleicht 'n bißchen verändert,« gab Robert zu. »Ich hab' die Absicht, Sie um 'n paar freie Tage zu bitten. Ich hab' Rhoda gesagt, daß ich Dahlia, wenn sie zu finden ist, finden will, und das kann ich nicht, wenn ich hier kleben bleib'. Geben Sie mir drei Wochen frei. Auf 'm Feld' ist eben nichts zu machen. Der alte Gammon kann kaum eine Furche gegen den Strich tun. Es gibt gar nichts zu tun, also seine Lieblingsbeschäftigung, wenn man ihn nicht dabei stört.« »Mas' Gammon is' 'n netter alter Mann,« sagte der Bauer mit starker Betonung. »Das sag' ich auch. Wie sähe man sonst so viele blühende Höfe!« »So, so, Robert, Sie sind zu hart mit dem alten Mann; Sie sollten lernen zu vergeben.« »Tu' ich auch. Wenn man einem sein Unrecht sagt, zeigt man ihm den besten Weg zum Bessermachen. Ich würde dem Squire und manchem andern vergeben, wenn ich sie auf zwei Schritt Entfernung von meiner Faust hätte.« »Vergeben Sie meiner Tochter Rhoda, daß sie Sie nicht gewollt hat?« Robert verzog das Gesicht. »Na, ja, das tu ich schon,« sagte er. »Bloß, daß es mir so 'n Gefühl von Durst gibt. Weiter nichts.« Der Bauer mußte daran denken, als sie den Hof betreten hatten. »Unser Bier ist so mäßig, Robert,« sagte er entschuldigend, »aber Rhoda soll Ihnen was bringen, daß Sie 's mal probieren, wenn Sie mögen. Rhoda, Robert ist so schrecklich durstig.« »Soll ich?« sagte Rhoda, und sie stand, seines Auftrages gewärtig da. »Ich bin kein durstiger Geselle,« erwiderte Robert. »Sie wissen ja, daß ich all dergleichen Getränke gemieden habe, seit ich diese Schwelle betreten habe. Aber wenn ich trinke,« er schraubte seine Stimme zu einer harten, hellen Lebhaftigkeit auf, »dann trink' ich ordentlich, und dann muß es ein kräftiger Stoff sein. Ich bin Ihnen sehr dankbar, Fräulein Rhoda, für das, was Sie mir freundlichst zur Stillung meines Durstes anbieten, Sie können mir nichts Besseres geben, und glauben Sie nicht, daß ich mich beklage; aber Ihr Vater hat recht: es ist wirklich 'n bißchen dünn und würde meinen Durst nicht klein kriegen, und ob ich davon tränke, bis Master Gammon nicht mehr an sein Mittagessen denkt.« Dann kündigte er seine bevorstehende Abreise an. Der Bauer sank stumm und mutlos in seinen Lehnstuhl am Kamin. Es lagerte ein Schatten über dem Hause, und die Bewohner besorgten ihre häuslichen Verrichtungen schweigend, wie es Wesen tun, die ein Gewitter herannahen fühlen. Vor Sonnenuntergang hatte sich Robert auf seinen langen Weg zur Station gemacht, und Rhoda empfand heißen Neid der Freiheit eines Mannes gegenüber, der – wenn es ihm nicht gefällt – nicht dazusitzen und unter vertrauten Bildern, in einem Heim, das seinen Kummer stündlich nährt, Trübsal zu blasen braucht. Kapitel XVI. In Fairly Park Fairly, Lord Ellings Gut in Hampshire, lag jenseits des Warbeach-Flusses, ein weißes Herrenhaus zwischen großen Eichen, mit dem Blick auf die Sommersegel und die Wintermasten des Jacht-Klubs. Die Honneurs des Hauses machte während der Anwesenheit der Weihnachtsgäste die reizende Mrs. Lovell, welche der leidenden Dame des Hauses die mancherlei schwierigen Obliegenheiten abnahm, die mit der Aufnahme von Gästen verknüpft sind, und dies mit großer Anmut tat. Unter ihrem Szepter war das Haus äußerst anziehend, und wenn es den Ruf besaß, eine ganz besondere Anziehungskraft auf junge Männer auszuüben, so muß man zugeben, daß sie diejenigen zufriedenstellte, die am kräftigsten ihrer Anerkennung Ausdruck zu verleihen pflegen. Edward und Algernon reisten gemeinsam nach Fairly hinunter, nach dem Vertrauensvotum, welches der vorsichtige junge Advokat seinem Vetter unvermeidlicherweise hatte geben müssen. Sir William Blancove sollte in Fairly sein, und es war auf den bestimmt geäußerten Wunsch seines Vaters hin, daß Edward Mrs. Lovells Einladung Folge geleistet hatte. Halb im Zweifel darüber, wie die Dame gegen ihn gesonnen sein möge, schaffte Edward seinem Herzen Luft durch allerhand ironische Bemerkungen über die sanfte, insgeheim blutdürstige Liebenswürdigkeit, die ihrer wartete, und vergewaltigte die gesamte Mythologie, um möglichst gehässige Vergleiche aufzutreiben, während Algernon sie mit einem Schnellfeuer von britischen Adjektiven im Superlativ aufs glühendste verteidigte. Es prickelte ihn, eine Andeutung dahin fallen zu lassen, daß er berechtigt sei, sie zu verteidigen, und da Edward schließlich mit einem Gähnen seine Berechtigung anerkannte, und er der Ansicht war, daß er Edward jetzt völlig in seiner Gewalt habe und ihn nicht zu fürchten brauche, gestand er ihm seine Schwäche in Gestalt eines kostbaren Schmuckstückes ein, das er Mrs. Lovell zu schenken beabsichtigte – ein in ein Kreuz gefaßter Opal, der an einer Halskette hing, ein wirklich schöner Opal, der in den Farben aller bekannten Edelsteine spielte: er schoß rote, grüne, gelbe Blitze; Smaragd, Amethyst, Topas schienen in ihm zu leben, ja, auch ein verborgener Rubin, er war mit hellblitzenden Farben geädert und zeitweise schlummerte er, jeden Feuers bar, in mädchenhafter Ruhe, in einer milchigen Wolke. »Der wird für sie passen,« bemerkte Edward. »Irgend etwas Gewöhnliches wollte ich nicht haben,« sagte Algernon, indem er den Edelstein vor seinen Augen spielen ließ. »Ein hübscher Stein,« sagte Edward. »Findest du?« »Wirklich sehr hübsch.« »Harlekin-Muster.« »Und Columbine dargebracht.« »Das Harlekin-Muster ist das beste, was man hat, weißt du. Vielleicht magst du die wasserfarbenen lieber? Dieser kommt frisch von Rußland. Es ist ein ganzer Schmuck, auf den ich ein Auge geworfen habe. Mit der Zeit will ich dies vervollständigen. Ich möchte, daß Peggy Lovell die schönsten Opale der Welt trüge. Er ist ganz hübsch, was?« »Es ist ein wunderschöner Opal,« sagte Edward. »Sie liebt Opale,« sagte Algernon, »Sie wird deine Auffassung sofort durchschauen,« sagte Edward. »Was für eine? Du kannst mich totschlagen, Ned, und ich weiß nicht, was meine Auffassung ist.« »Kennst du nicht die Bedeutung deines Geschenks?« »Nein! Wahrhaftig nicht!« »O, du wirst der reinste Orientale sein, wenn du es ihr überreichst.« »Den Teufel auch!« »Es bedeutet: ›Du bist die schönste Witwe der Welt‹.« »Das ist sie auch. Dann hab' ich also ganz recht damit.« »Und: ›du bist 'ne richtige, echte Witwe, das ist zweifellos, du bist allen alles, nicht halb so unschuldig, wie du aussiehst; du bist grün, wie die Eifersucht, rot, wie der Mord, gelb, wie der Neid, und legst die Weiße einer Jungfrau an, wenn du wie eine Büßerin erröten solltest‹. Oder kurz gesagt: ›Du hast kein eigenes Herz, und du gibst vor, ein halbes Dutzend zu besitzen; du hast keinen einzigen ruhigen Strahl und treibst deine Possen mit der ganzen Farbenskala; du bist 'ne durchtriebene Witwe, – das ist's, was du bist!‹ Eine sehr beredte Gabe, Algy.« »Donnerwetter, wenn's das alles bedeutet, wird es sie ja recht für mich einnehmen,« sagte Algernon; »bedeutet ein Opal eine Witwe?« »Natürlich,« war die Antwort. »Na, 'ne Witwe ist sie ja, und ich glaube, sie will auch eine bleiben, denn Anträge hat sie genug gehabt. Wenn ich ein Mädel heirate, werd' ich sie nicht halb so gern haben, wie Peggy Lovell. Sie geht mir über jedes Weib der Welt. Man kommt sich niemals so töricht vor bei ihr, weiß der Kuckuck, sie hat so 'ne Art, mich anzukucken und mich durchfühlen zu lassen, daß sie meine Gedanken ganz gut durchschaut und nicht böse ist. Was hat's für 'n Zweck für mich, weiter an sie zu denken. Sie würde nie in die Kolonien gehen und in einem Blockhaus leben und Käse bereiten, während ich zu Pferde unterwegs wäre und das Vieh zusammentriebe.« »Das glaube ich allerdings auch nicht,« bemerkte Edward mit Nachdruck, »das glaube ich allerdings auch nicht.« »Und ich werde nie Geld haben. Der Teufel hol' alle geizigen Eltern! Es ist noch sehr die Frage, ob ich Wrexby einmal bekomme, es ist kein Majorat. Wahrscheinlich werd' ich nur des Alten Gicht und seine schlechte Laune erben. – Mit dem Gut wird er machen, was er Lust hat. Ich find's 'ne verteufelte Ungerechtigkeit!« Edward fragte, wieviel der Opal gekostet habe. »O, nichts,« sagte Algernon, »das heißt, Schmucksachen bezahl' ich nie.« Edward war neugierig zu erfahren, wie er es dann anfinge, sie zu bekommen. »Ja, siehst du,« setzte Algernon auseinander. »Sie – die Juwelenhändler – ich hab' ihrer zwei oder drei an der Hand – die Kerls kennen meine Lage, und sie spekulieren auf das, was ich zu erwarten habe. Da ist ja weiter nichts dabei, wenn ihnen das Spaß macht. Ich sehe ihre Schmucksachen an und sage: ›Ich hab' kein Geld‹, und sie sagen:. ›Ach, das schad't nichts!‹ und dann schad't's mir ja auch nichts. Der Vorbehalt ist eben der, daß ich sie bezahle, wenn ich meine Erbschaft mal angetreten hab'.« »Deine Erbschaft von Gicht und schlechter Laune?« »Himmel, wenn ich weiter nichts erbe, dann können sie sich ja mit Leichtigkeit schadlos halten. Es ist ein ganz gutes System, Ned, es schafft einem jungen Kerl wie mir die Möglichkeit, durch die besten Jahre seines Lebens – für die ich immerhin die Jugend halte – hindurchzukommen, ohne daß er fortwährend über seine schmutzige Armut stolpert. Man kann auf die Weise Geschenke machen, kann eine Nadel oder einen Ring tragen, wenn einem mal einer ins Auge sticht. Man sieht gut aus, und man macht sich liebenswürdig, und in alledem seh' ich kein Unglück.« »Dann haben die Juweliere so eine Art Einrichtung getroffen, die Mißgriffe der Vorsehung zu korrigieren.« »Ja, meinetwegen kannst du es ja in deiner wohlgesetzten Rede so ausdrücken,« sagte Algernon, »alles, was ich weiß, ist, daß es mir oft an einer Fünf-Pfund-Note gefehlt haben würde, wenn – das heißt, wenn ich nicht zufällig immer wie 'n Gentleman gekleidet wäre. Wenn ich deine Aussichten hätte, Ned, da würde ich morgigen Tages um die reizende Peggy anhalten. Wir sollten sie nicht aus der Familie gehen lassen! Wenn ich sie nicht haben kann, möcht' ich noch am liebsten, du kriegtest sie!« »Du vergißt die Verpflichtungen auf der einen Seite,« sagte Edward, indem sich sein Gesicht verdüsterte. »Ach, das wird schon alles in Ordnung kommen,« tröstete ihn Algernon. »Siehst du, Ned, wenn du erstmal überhaupt etwas kriegst, dann wirst du gleich Zwanzigtausend das Jahr haben, und dann kommst du ins Parlament und mußt Diners geben, und dann würde 'ne Frau, wie Peggy Lovell, für dich zu intrigieren verstehen, wie der Teufel selbst!« »Vielleicht allzu ähnlich,« murmelte Edward. »Was das hübsche Mädel anbetrifft,« fuhr Algernon fort, – aber Edward schnitt ihm gebieterisch jede Dahlia betreffende Äußerung ab. Sein Wunsch war der, solange er Ferien machte, die Vergangenheit mit eherner Tür zu verschließen; als er dies seinem Vetter vertraulich sagte, stimmte ihm dieser mit lärmenden Ausrufen, wie sorglos fidel sie in Fairly Park leben wollten, zu! Sie wollten jagen, rief er, und allen Juden ein Schnippchen schlagen, alles menschliche Elend vergessen und zwei, drei, vielleicht vier Wochen lang das allerherrlichste Leben führen mit guten Pferden, guten Diners, guten Weinen, guter Gesellschaft zur beständigen Verfügung und mit einer Königin von einem Weibe, die alles regiere und anordne. Edward lächelte etwas ironisch zu dieser Aussicht, aber im Grunde war er in seinem Durst danach der Schwächere von den beiden. Sie kamen in Fairly gerade zeitig genug an, sich zu Tisch anzuziehen und fanden im Wohnzimmer Mrs. Lovell zu ihrer Begrüßung. Sie blickte eine unauffällige halbe Sekunde länger in Edwards Gesicht, als die hergebrachte Begrüßungsformalität dies gestattet, – ein Blick, wie er absolut nichts zwischen jungen Leuten bedeutet, zwischen welchen keinerlei innere Fühlung besteht, und so viel, wo solche vorhanden ist. Algernon, der Opal-Blitze auf sie schoß, reichte sie nur die Fingerspitzen. Zu ihrer Rechten saß Sir John Capes, ihr ehrwürdiger Verehrer, ein sehr soignierter, milchweißer alter Herr, mit blitzenden Fingern, der für seine Daphne den Apoll spielte und gänzlich außer Atem war. Lord Suckling, ein Junge von etwas lärmender Gemütsart, ein Gardeoffizier, hatte seinen Platz so nahe ihrer linken Hand, als warte er nur auf die leiseste Ermutigung oder Gelegenheit, um sie zu ergreifen. Edward mußte eine sehr kleine Dame von siebzehn Jahren, Miss Adeline Gosling, die unter der Fülle äußerster Ehrbarkeit vor Schüchternheit bebte, zu Tisch führen, die er schmählich vernachlässigte. Sein Vater, Baron William, war ebenfalls bei Tisch anwesend, ebenso Lord Elling, mit welchem er den Ruf eines unterhaltenden und geistreichen Gesellschafters teilte. Angeregt durch den Ruf von seines Wirtes vorzüglichem Wein (und der bloße Ruf eines Weines wirkt anregend), tat Edward sein Äußerstes, durch seinen Witz zu glänzen. Er hatte eine Ader fürs Epigrammatische, und obschon seine Geistesrichtung eher prosaisch war, wenn er sich allein befand, so konnte er doch erfinderisch und phantasiereich erscheinen, wenn er sich an anderen Geistern rieb. Nun wird aber an einer Tafel, wo auf gute Unterhaltung Wert gelegt wird, niemand auch nur einen Augenblick lang die Triumphe einer hervorragenden Zunge verachten, nicht einmal der gewaltige Appetit des Ungeheuers Eitelkeit. Ein Jahr lang hatte Edward einen derartigen Hochgenuß verschworen gehabt. Ehe das Geflügel noch erschienen war, und der Champagner zu kreisen aufgehört hatte, fühlte er, daß er nun wieder zu Hause sei, und daß der Zeitraum, während welches er sich von der Gesellschaft zurückgezogen hatte, eine Zeit der Narrheit bedeute. Er empfand die Freudigkeit und Kraft eines zu seinem Elemente zurückgekehrten Geschöpfes. Warum hatte er dasselbe je verlassen? Schon blickte er auf Dahlia wie aus einer ungeheuren Entfernung zurück. Er wußte, daß da noch etwas auszugleichen war, daß etwas ins Schicksalsbuch eingetragen war, was noch wieder ausgelöscht werden mußte, und es schien ihm, als tue er dies, während er den perlenden Wein trank, und sich selber reden hörte. Kein einziger Mann am Tische, überlegte er, würde die Verpflichtungen, welche ihn hielten, für irgendwie ernstlich bindend ansehen. Eine Dame ist eine Sache für sich, und ein Mädchen aus den Kreisen, denen Dahlia entstammte, ist eine ganz andere. Er konnte es nicht lassen, sich auszumalen, welche Rolle sie hier spielen würde, der bloße Gedanke daran, legte sich wie eine Fessel auf seine Zunge. Wie pflegte er diese Leute zu verachten! Zumal die jungen Männer hatte er als hirnlose Feiglinge verachtet, wenn er ihre Ansichten über die Frauen und ihr Verhalten gegen dieselben in Betracht zog. Alles das war jetzt anders. Es schien ihm jetzt, im Gegenteil, als müßten sie ihn verachten, wenn sie ahnten, wie ihm eine letzte zögernde Mahnung immer noch zuraunte, daß ihn eine heilige Verpflichtung einer Bauerntochter gegenüber binde. Eins mußte er übrigens noch ergründen, das nämlich, warum Sir William es sich ganz besonders ausgebeten hatte, daß er komme und ihn hier treffe. Konnte es etwa sein Wunsch sein, ihn mit Mrs. Lovell auszusöhnen? Sein gesunder Menschenverstand verneinte diesen Gedanken sofort. Sir William rühmte ihre geistreiche Art und ihren Takt und bewunderte ihre Schönheit, aber Edward erinnerte sich, daß er seiner Schätzung ihres Charakters stillschweigend beigepflichtet hätte, und Sir William war nicht der Mann, der Verbindung seines Sohnes mit einer Frau, wie Mrs. Lovell, Avancen zu machen. Es fiel ihm auf, daß sein Vater und die schöne Witwe häufig lange Beratungen miteinander hatten. Edward lachte bei der Vorstellung, daß der würdige alte Herr selbst Feuer gefangen habe, ohne die Sache indessen völlig durchschaut zu haben, bis er herausfand, daß die kleine Dame, welche er am ersten Tage hatte zu Tisch führen müssen, eine Erbin sei, und hieraus, wie aus verschiedenen anderen Beobachtungen, erriet er die fürsorglichen Wünsche seines Vaters vollkommen. Doch machte diese Entdeckung Mrs. Lovells Benehmen noch unverständlicher. War es glaublich, daß sie ihre ganze weibliche Findigkeit aufbot, um Sir Williams Plänen Vorschub zu leisten? »Bin ich ihr«, dachte Edward, »so gleichgültig geworden, daß ihr an meinem guten Fortkommen gelegen ist?« Er beschloß, sie auf die Probe zu stellen. Er machte Adeline Gosling den Hof. Nichts, was er auch tun mochte, störte den unerschütterlichen Seelenfrieden Mrs. Lovells. Sie warf sie zusammen, wenn sie ihre Gäste durcheinander mischte. Er schien ihr in der Tat so vollkommen gleichgültig geworden, daß sie sich in aller Ruhe mit seinem guten Fortkommen beschäftigen konnte. Edward traf hier in dem seltsamen Gebaren der Frauen oder der Witwen auf einen Punkt, der ihm noch nicht vorgekommen war. Alle speziell beteiligten Parteien, waren augenscheinlich mit seiner Werbung so verzweifelt einverstanden, daß es ihm schließlich ungemütlich wurde. Mrs. Lovell bugsierte ihn nicht nur an die gleichen Orte mit der grünen Erbin, sondern auch mit des Kindes Mutter, über welche er sich gegen Algernon dahin aussprach, daß sie allzu stark nach dem Ehestand dufte, als daß sie den Hunger eines elektrischen Gemüts zu stillen vermöge. »Gib mir freie Bahn, wenn du das Mädel nicht magst,« sagte Algernon. »Singe ihr mein Lob. Sag', ich hätte es in mir, wenn ich's auch nicht so von mir geben könne. Zwischen dir und Peggy Lovell ist's ein verlorenes Spiel, das ist klar. Die vergibt dir nicht, mein Junge!« »Esel,« murmelte Edward, dem seine eigenen Wahrnehmungen verrieten, daß ihm nur allzu gründlich vergeben werde. Ein Hauptreiz an dem Leben in Fairly schien ihm, daß sich hier niemand beklagte. Niemand verfolgte ihn mit vorwurfsvollen Blicken. War eine Dame blaß und reserviert, so schien sie doch ihn nicht anzuklagen, schien kein zärtliches Zureden zu verlangen. Alle Gesichter hier waren so heiter wie die flüchtigen Augenblicke und schleppten nicht die schattenhafte Müdigkeit von Jahren mit sich herum, wie jenes gedrückte schöne Antlitz in der Londoner Familienpension, aus dem alle Schicksalsgöttinnen zu reden schienen. So war er vergnügt. Er klappte gewissermaßen ein schwarzes Buch zu und schlug ein neues und helles auf. Junge Leute reden sich schnell ein, daß ihnen solches erlaubt sei, und daß, wenn das schwarze Buch zugemacht, die Flut auch gehemmt sei. Mit dem Wort: ›Ich bin ein Narr gewesen,‹ glauben sie ein für allemal mit ihrer Narrheit aufgeräumt zu haben. Welcher Vater lehrt sie, daß eine einmal ins Rollen gebrachte menschliche Tat für alle Zeiten der großen Rechenschaft entgegeneilt? Nicht in dem, was wir sind, liegt unsere Unsterblichkeit, sondern in dem, was wir tun. Die sorglose Jugend denkt anders. Die Tage in einem wohlgeordneten Landhause, in dem eine feinfühlige Dame das Szepter führt, eilen im Walzertakt, in harmonischen Kreisen dahin, die gleich Kristallen in den Schoß der Zeit sinken und nichts in das Buch zu schreiben scheinen. Da gibt's keine kreischenden Dissonanzen an den Angeln der Existenz. Keine Nachtisch-Rechnungen werden präsentiert. Man wartet dir auf, ohne daß die Menschlichkeit derer, die dich bedienen, dir auf die Fersen tritt. Es ist ein zivilisiertes Arkadien. Nur, hab' keine Wünsche, auf daß du nicht neidisch werdest. Nimm demütig an, was dir bei deinem Eintritt an Bürgerrechten dargeboten wird. Streife alle Leidenschaften ab, wenn du über die Schwelle schreitest. Atme und schlinge, – weitere Verpflichtungen sollte dir deine Lebensführung nicht vorschreiben, andernfalls – denn so bringt es der geschwollene Zustand der animalischen Seite in diesen verzauberten Regionen mit sich – wird der Geist des Menschen in gefährlicher Weise bedrängt. Edward atmete und schlang und überschritt die Vorschrift durch nichts anderes als durch Sprechen. Kein anderer von den jüngeren Herren konnte die Bibliothek betreten, ohne einem spöttischen Achselzucken von Seiten der älteren zu begegnen, er allein genoß das Privilegium, sämtliche Skandalgeschichten mit anzuhören, und seine natürliche Anlage zum Zynismus erhielt reichliche Nahrung. Mehr als er ahnte, war es eine Schule für ihn. Diese Veteranen in ihren Armsesseln streiften dem Leben seinen Schmelz ab und zeigten das nackte Knochengerippe darunter. Sie faßten ihre Weisheit als eine aus der Vergangenheit gewonnene Erfahrung auf, ihre Empfindungen allein schienen ihnen der Gegenwart anzugehören. Solches nicht zu bemerken, ist der Irrtum der Jugend, wenn sie alte Herren in ungenierter Weise miteinander reden hört. Am dritten Morgen ihres Aufenthalts in Fairly kam Algernon mit einem Briefe in der Hand in Edwards Zimmer. »Da, lies das mal!« sagte er. »Das ist kein Pech, das ist einfach höllische Tücke! Wie in aller Welt – wahrhaftig, ich bin doch in 'ner geschlossenen Droschke zum Bahnhof gefahren! Du hast selbst gesehen, wie ich ausstieg. Ich kann darauf schwören, keiner meiner Gläubiger wußte, daß ich London verließ. Meine Überzeugung ist, daß die Kerls, die einem Kredit geben, an jeder Eisenbahnstation im Königreich ihre Detektivs haben. Keine drei Tage lassen sie einen in Ruh'! Es kann einem wahrhaftig das zivilisierte Leben verleiden, wahrhaftig, das kann es!« Edward warf einen Blick auf das Kuvert: »Nicht bei der Post aufgegeben,« bemerkte er. »Nein, durch irgendeinen verfluchten Büttel abgegeben, der hinter mir hergeschnüffelt hat!« »Büttel pflegen im allgemeinen keine Warnungssignale ertönen zu lassen.« » Lies es doch nur!« schrie Algernon. Der Brief lautete folgendermaßen: »Herrn Algernon Blancove, Der Schreiber dieses beabsichtigt die erste Gelegenheit, Sie zu treffen, wahrzunehmen und macht Sie darauf aufmerksam, daß Sie ihm eine Frage mit Ja oder Nein zu beantworten haben werden, und zwar auf Ihr Gewissen. Sein respektvolles Benehmen Ihnen gegenüber, als eines Gentleman, wird hiervon abhängig gemacht werden.« Algernons Augen folgten denen seines Vetters bis zum letzten Buchstaben auf der Seite. »Was hältst du davon?« fragte er eifrig. Edwards starke, schmallinige Brauen waren düster zusammengezogen. Indem er einiger schwarz aufsteigender Bedenken in seinem Hirn Herr zu werden trachtete, antwortete er auf Algernons Drängen um seine Meinung: »Mir scheint – na, ich würde sagen, Büttel haben außerordentlich an Lebensart gewonnen und wünschen dir zu beweisen, daß sie willens sind, in einem Zeitalter des universalen Fortschritts nicht auf der sozialen Stufenleiter zurückzubleiben. Nichts kann tröstlicher sein.« »Aber, gesetzt den Fall, der Kerl kommt einem über den Weg?« »Kenn' ihn nicht!« »Gesetzt den Fall, er besteht darauf, mich zu kennen?« »Verleugne deine Identität!« »Ja, den Teufel auch, aber wenn er handgreiflich wird?« »Schüttel' ihn ab!« »Wenn er mich aber nicht losläßt?« »Versetz' ihm eins mit der Reitpeitsche!« »Glaubst du denn, daß es sich um Schulden handelt?« »Jedenfalls um eine Einschüchterung.« »Ich werde ihm verkünden, daß der große Edward Blancove nicht einzuschüchtern ist. Du wirst mir deinen Namen borgen, alter Ned. Ich hab' dir seinerzeit auch beigestanden. Was ein Verlassen Fairlys anbetrifft, so sag' ich dir, das kann ich nicht. Es ist zu himmlisch, in Peggy Lovells Nähe zu sein.« Edward lächelte mit besonderer Liebenswürdigkeit, und Algernon ging, voll befriedigt über seinen Vetter, von dannen. Kapitel XVII. Ein Bauersmann von altem Schrot und Korn Etwa eine Meile von Fairly Park lag der Hof eines andern Bauern, aber der war von anderer Art. Der Hampshirer genoß unter den Landwirten der Gegend ein hohes Ansehen; er war der Fünfte einer Familie, die einen kleinen Besitz von hundertundsiebzig Morgen Landes mit sichtlichem Vorteil verwaltet hatte und zwar in einer Weise, die Sutton rings im Lande den Ruf einer Musterfarm erworben hatte. Königliche Augen hatten seine Schweine beifällig gemustert, königlicher Verstand hatte sich in landwirtschaftlichen Fragen von Jonathan Eccles beraten lassen, und es war ein Scherz, mit dem er sich oft tröstete, daß er seinen Prinzen gute Zucht gelehrt habe. Als Revanche für den geleisteten Dienst hatte der Prinz ihn aus einem kräftigen Radikalen in einen zuverlässigen Royalisten verwandelt. An den Wänden seines Wohnzimmers hingen unter Glas und Rahmen Briefe seines Prinzen, die ihm für besonderen Samen und geschätzten Rat dankten – wirkliche autographische Briefe von höchstem Wert. Der Prinz war den Fluß hinaufgedampft, in welchem sich die Erntefelder von Sutton spiegelten und hatte an einem Fleck angelegt, der zu Ehren des Ereignisses mit einem großen grauen Stein bezeichnet worden war, und seit dem Tage stand Jonathan Eccles auf einer so stolzen Zinne, daß er Horizonte der Verzweiflung überblickte, die ihm bis dahin unbekannt gewesen waren. Denn er hatte einen Sohn, und dieser Sohn war ein ausgelassener Teufel, ein überaus wilder, junger Bursche, der an dem Leben eines Landmannes keinen Geschmack fand und offen erklärte, er sei nicht willens, den Sutton-Hof in den Händen der Eccles zu lassen, indem er eines Tages auf und davon ging und sich in die britische Armee anwerben ließ. Diese eingerahmten Briefe wurden ein Gegenstand melancholischer Betrachtungen, wenn Jonathan daran dachte, daß keine Nachkommenschaft von seiner Seite sich eines Tages angesichts neidischer Nachbarn derselben würde rühmen können. Das Streben des Menschen geht nach einem Höhepunkt, aber es ist das traurigste von der Welt, zu fühlen, daß wir ihn erreicht haben. Mr. Eccles zuckte die Achseln mit aller Philosophie, die er aufzutreiben vermochte und übertrug seine persönliche Enttäuschung auf sein Vaterland, dessen landwirtschaftliche Triumphe, wie er sagte, gezählt seien. »Diese Yankees werden uns ausstechen!« Er prophezeite Alt-England noch zwanzig Jahre fortgesetzter Vorherrschaft (dank der treibenden Kraft der jetzigen Generation von Engländern) danach, sagte er, würden die Yankees den Markt überschwemmen. Hinfort keine grünen Weiden in Groß-Britannien, kein schönes Vieh mit sauberen Füßen, keine gelben Ernten, – nein, überall riesige Feueressen, schwarze Erde unter schwarzen Rauchmassen, und rauchgeschwärzte Gesichter. In zwanzig Jahren würde das russige England eine einzige ungeheure Fabrik sein, bis uns die Yankees auch hierin aus dem Felde schlagen würden; darüber hinaus hatte Jonathan Eccles keine Lust, irgendwelche bestimmte Prophezeiungen auszusprechen, sondern begnügte sich damit, dem Herrn zu danken, daß er alsdann unter dem Rasen liegen werde. Der Verfall unseres Ruhmes sollte mit Blut umsäumt sein: Jonathan gab zu, daß in dem gesunkenen Geschlecht immerhin noch ein Stoff lebendig sein werde, der einen heißen Kampf liefern werde, ehe er sich unter sein Schicksal beugen werde. Für diesen gewaltigen Fluch hatte England dem jungen Robert, dem umherschweifenden Sohne Jonathans, zu danken. Es war jetzt zwei Jahre her, daß Robert von einer Tante eine kleine Summe geerbt und – wie der Bauer – verbittert, wie er war – mutmaßte, sie mit Prassen durchgebracht hatte. Er betrachtete in der Morgensonne ein paar ungeheure Saatmelonen, einen neuen Futterstoff seiner eigenen Erfindung für Schafe, als der Gruß eines Wanderers an sein Ohr schlug, und er seinen Sohn Robert an der Gartenpforte gewahrte. »Da bin ich, Vater,« rief Robert von draußen. »Dann bleib' nur da,« war sein Willkommensgruß. In ihrem Körperbau, wie in der Art zu sprechen, glichen sie einander. Anrede und Entgegnung klangen wie zwei Schüsse aus einer Pistole. Der alte Mann war hochgewachsen, breitschultrig und muskulös, eine Ausgabe in Grau seines Sohnes, dessen nachlässigen Anzug er, während er sprach, mit einem Blick eingewurzelten Widerwillens streifte. Roberts Krawatte hing schlaff herab, sein Haar war ungekämmt, aus seiner Tasche baumelte ein Taschentuch. Er bot den Anblick eines verlorenen Sohnes, der, statt reuig, mit unverschämter Dreistigkeit heimkehrt, um seinen Anteil zu fordern. »Aus dieser Entfernung kann ich nicht sehen, wie's dir geht, Vater,« sagte Robert, indem er von seinem Vorrecht einzutreten kühn Gebrauch machte. »Bist du betrunken?« fragte Jonathan, als Robert auf ihn zukam. »Gib mir die Hand, Vater.« »Erst gib mir Antwort. Bist du betrunken?« Robert bemühte sich, den selbstzufriedenen Blick des uneingeschüchterten Gewissens festzuhalten, empfand aber, daß er vor jenem klarurteilenden, streng ehrbar lebenden alten Manne mit den eisernen Nerven eine alberne Figur spiele. Wollte er nicht heftig werden, so hatte er keine andere Alternative als die, wie ein Hanswurst dazustehen. »Komm, Vater,« sagte er mit einem jämmerlichen Versuch zu lachen, das sich wie das Kichern eines dummen Tölpels ausnahm, »hier bin ich endlich. Ich sage nicht, schlachte das gemästete Kalb und nimm dir eine Lehre aus der Schrift, sondern einfach, gib mir die Hand. Ich hab' niemand was zuleide getan, als mir selbst, – ich will verdammt sein, wenn ich je 'ne Gemeinheit begangen hab'. Und 's ist am Ende keine. Schande für dich, deines Sohnes Hand zu schütteln nach solch langer Zeit der Abwesenheit.« Jonathan Eccles behielt beide Hände fest in der Tasche. » Bist du betrunken?« wiederholte er. Robert raffte sich zu einer Antwort zusammen: »Nein.« »Na, dann sag mir eben, wann du zum letztenmal betrunken gewesen bist.« »Das ist eine sehr freundliche väterliche Begrüßung,« warf Robert ein. »Es glückt dir doch nicht, dich um 'ne einfache Frage herumzudrücken, junger Mann,« sagte Jonathan. Robert rief ärgerlich: »Es fällt mir gar nicht ein, mich um 'ne einfache Frage herumzudrücken.« »Na, also, wann bist du zuletzt betrunken gewesen? Beantworte mir das!« »Gestern abend.« Jonathan zog die Hand aus der Tasche und schlug sich aufs Knie: »Darauf hätt' ich doch schwören können.« Roberts ganze Sicherheit war plötzlich verschwunden; wie ein überführter Verbrecher stand er vor seinem Vater. »Du weißt, Vater, daß ich nicht lüge. Ich war gestern abend betrunken. Ich konnt's nicht helfen.« »Das würde ein kleiner Junge auch sagen.« »Ich war betrunken gestern abend. Sag', daß ich 'n Vieh bin!« »Fällt mir nicht ein!« rief Jonathan, und seine Stimme klang, als lege er Verwahrung gegen diese gemeine Anschuldigung des Charakters des Viehs ein. »Dann sag', daß ich schlimmer als ein Vieh bin,« rief Robert außer sich. »Mein Wort darauf, daß mir das in Jahr und Tag nicht passiert ist. Gestern abend war ich wahnsinnig. Einen Grund dafür kann ich dir nicht angeben. Ich dachte, ich wär' 'drüber hinaus, aber ich hab' Sorgen, und eine Flut schwemmt einen über die Untiefen weg, – so kam's mir vor. Komm, Vater, – mach mich nicht noch einmal verrückt!« »Wo hast du zu trinken gekriegt?« fragte Jonathan. »Ich hab' im ›Piloten‹ getrunken.« »So! na, dann wird man ja wieder vier Wochen von ›dem verfluchten alten Eccles‹ reden, von ›dem unnatürlichen Vater‹. Wie lange bist du hier?« »Achtundvierzig Stunden.« »Achtundvierzig Stunden? Wann gehst du wieder fort?« »Ich möchte die Nacht hier bleiben.« »Na, und was sonst?« »Ich möchte ein Pferd leihen, das ein Hindernis zu nehmen vermag.« »Weiter!« »Und zwanzig Pfund.« »O!« sagte Jonathan, »wenn die Landwirtschaft Dir so leicht fiele, wie die Unverschämtheit, dann würdest du ein brillanter Bauer sein. Ganz, was ich mir dachte! Was ist denn aus dem Geld geworden, was deine Tante Hanne blödsinnig genug war, dir zu hinterlassen?« »Das hab ich ausgegeben.« »Bist du ausgekniffen?« Robert stand einen Augenblick da, als könne er nicht recht gehört haben, dann wurde sein Gesicht fahl, er schwankte und schlug die Hände vors Gesicht. Seine kaum verwundene Trunkenheit hatte ihn entnervt. »Geh' hinein, geh' hinein,« sagte der Vater in einem Anflug von Besorgnis, obschon der Zorn die Oberhand hatte. »Ach, du brauchst dich nicht über mich zu beunruhigen.« Robert ließ die Arme sinken. »Mir ist irgendwie 'n bißchen schwach, verdammt schwach, – ich fühl' mich wie 'n Weib, wenn mein Vater mich fragt, ob ich mir 'ne Gemeinheit hab' zu Schulden kommen lassen. Ausgekniffen? Ich würd' nicht mal aus den Hulks Hulks = alte Schiffsrümpfe, die in England zu Gefängnissen benutzt werden. auskneifen. Du magst das Schlimmste hören, und dies ist das Schlimmste: ich hab' kein Geld. Ich bin keinen Pfennig schuldig, aber ich hab' auch keinen.« »Und ich werd' dir auch keinen geben,« ergänzte Jonathan, und stumm maßen sie einander mit den Augen. Eine knarrende Stimme ertönte von jenseits der verschnittenen Taxushecke: »Hi hi, Bauer, ist das der verloren gegangene junge Mann?« und zugleich trottete ein Nachbar, Namens John Sedgett, durch das Tor und den Gartenweg hinauf. »Sieh, sieh,« kicherte er, »was is' denn hier für 'n Spektakel? Da haben wir ja 'n richtigen Krawall in Fairly! O, Bob Eccles! Bob Eccles! Man los! Noch mal!« Mr. Sedgett wollte sich vor Vergnügen ausschütten. Er war ein ausgemergeltes Männchen mit Triefaugen, dessen Atemholen klang, als käme es aus einem Brunnenschacht, der Spürhund für jeden Skandal und Klatsch im Dorfe, dessen einziges menschliches Gefühl »so 'n Tippen in der Brust« war, wie er zu sagen pflegte, und der auf das Glück hin, das ihm in der Energie und Tüchtigkeit seiner dritten Frau im Besorgen des Geschäfts geworden war, seine Hökerei im Dorfe niedergelegt hatte und nun umherlief und die Leute aufeinanderhetzte – eine höchst schätzenswerte Kunst – in einem Lande, wo jedermanns Haus so durchaus seine Burg ist. »Was der Teufel ist denn in Sie gefahren?« rief ihm Jonathan zu. Mr. Sedgetts Leiden machte sich bemerkbar und verlangte Mitleid, aber sobald der Anfall vorüber war, kicherte er aufs neue: »O, Bob Eccles! Wirst du denn nie älter? Und das am ersten Tage, wo du wieder hier bei uns bist! Na, weißt du, Bob, als einer vons Militär könnst du doch auch 'n bißchen Respekt vor deinen Vorgesetzten haben. Ja, und Stephen Bilton, der Jäger, sagt, Bob, du hätt'st den jungen Herrn vom Pferd 'runtergerissen – du zu Fuß und er zu Pferd. Ich hätt' hundert Pfund dafür gegeben, wenn ich bloß dabei gewesen wär'. Und wo Damen dabei waren! Gott bewahre doch! Aber ich freu' mich doch, daß du wieder da bist. Diese Melonen vom Bauer sind wirklich 'ne feine Erfindung, rechts und links sprechen die Leute davon und sagen, ›Bauer Eccles,‹ sagen sie, ›der 's doch unser bester Bauer, auf den kann Hampshire stolz sein, – der 's zwei von den anderen wert‹. Ne, sind das aber feine! Na, und du bist also wieder da, Bob, und willst wohl dabei helfen, was, alter Kerl?« »Ja, hier bin ich, Mr. Sedgett,« sagte Robert, »und spreche mit meinem Vater.« »O, ich möchte um alles in der Welt nicht stören.« Mr. Sedgett tat, als wollte er sich zurückziehen, doch Jonathan bestand darauf, daß er sich erst einmal seine Geschichte vom Herzen rede: »Zum Teufel auch mit deinen dummen Andeutungen, Sedgett! Was 's denn losgewesen? Mir kann keiner was tun!« »Nein, das kann keiner, Nachbar, und Bob auch nicht, wenn sich's um Mann gegen Mann handelt. Können sogar drei auf einen kommen bei Bob Eccles! Mit denen nahm er's schon als Jung' auf. Kann ja sein, weißt du, kann sein, daß er das Gesetz gegen sich hat, – na, Himmel, wenn auch! gegen's Gesetz, da kann eben keiner an! Das Gesetz fragt nicht danach, ob man 'n Held ist. Das Gesetz, das ist jedem über, und irgendein Gesetz ist eben bei allem, nicht wahr, Nachbar Eccles? Da hat dein Freund, der Prinz, gerad' so gut mit zu rechnen, wie du und ich. Aber du weißt ja natürlich, was Bob getan hat. Warum ich mal eben vorkam, war bloß, um zu fragen, warum tust du das bloß, Bob? Was mußtest du den jungen Herrn vom Pferd' reißen? Ich weiß nicht, wieviel Pfund ich darum gegeben hätt', wenn ich bloß dabei gewesen wäre!« »Pfund Talglichte machen nicht viel aus,« warf Robert hin. »Das 's 'ne gräßlich schlechte Sorte Branntwein, im ›Pilot‹,« sagte Mr. Sedgett giftig. »Warst du betrunken, als du diesen Angriff machtest?« fragte Jonathan seinen Sohn. »Ich hab' nachher getrunken,« erwiderte Robert. »Der Branntwein im ›Pilot‹ is' man 'n schlechter Trost,« bemerkte Mr. Sedgett. Jonathan hatte halbwegs Lust, seinen Sohn zum Tor hinauszuweisen, aber Sedgetts Anwesenheit warnte ihn, daß das, was er tue, nackt vor den Augen der ganzen Welt dastehe. »Hast du irgend'nen Schinder im Jagdgebiet aufgegriffen? Wen denn? Wer hat dir zu 'nem Pferd verholfen?« Robert bemerkte, daß er zu Fuß gewesen sei. »Zu Fuß – was? zu Fuß!« Jonathan versank in Nachsinnen; es schien ihm unmöglich, sich seinen Sohn als Fußgänger zwischen den Jagenden vorzustellen oder die Frechheit eines Fußgängers zu realisieren, der es wagen sollte, einen berittenen Jäger anzugreifen. »Du warst zu Fuß? Den Teufel auch, – zu Fuß warst du? Zu Fuß! Und hobst einen Mann aus dem Sattel?« Jonathan gab es auf, das Rätsel zu lösen. Er streckte mit einer sehr entschiedenen Geberde seinen Zeigefinger aus: »Wenn sich's um einen Angriff handelt, mußt du die Folgen tragen, das merk' dir. Mein Land bringt mir Geld ein, und mein Land kostet mir Geld, und kein trunkener Hund soll mir von seinem Ertrag zehren. Ein Streit im Jagdgebiet ist unenglisch; das ist, was ich dazu sage!« »Da hast du ganz recht, Vater,« sagte Robert. »So soll's sein, Nachbar,« sagte Mr. Sedgett. Woraufhin Robert ihn beim Arm ergriff und ihm, während er den hageren Kerl festhielt, befahl, jetzt mit dem, was er wisse, herauszurücken. »O, ich weiß nichts weiter, als was ich gesagt habe.« – Mr. Sedgett flocht einen schwachen Widerspruch ein, daß seine Knochen (sein wesentlichster Bestandteil) ein solches Anpacken nicht vertrügen – »nur, daß du das Pferd beim Zügel gefaßt und es nicht hast loslassen wollen, weil der junge Herr nicht so sprechen wollte, wie sich's für 'n vornehmen Herrn schickte, und – o, kneif doch nicht so –« »Heraus mit der Sprache!« rief Robert. »Und du sagtest, Steeve Bilton sagte, da sagtest du: ›Wo ist sie?‹ sagtest du, und er fluchte, und du fluchtest, und da kam eine Dame herangeritten, und da rissest du ihn 'runter, und sie schrie auf; und der Herr fiel herunter, und Steeve sagte, da hätte sie gesagt: ›Schämen Sie 'sich!‹« »Und das war das richtigste Wort, was den ganzen Tag gesprochen wurde!« Robert gab ihn frei. »Viel wissen Sie eben nicht, Mr. Sedgett, aber es genügt, um meinem Vater die Sache auseinanderzusetzen, und mit Ihrer Erlaubnis möchte ich das jetzt tun.« Mr. Sedgett bemerkte: »Meinetwegen tu das!« und es schien ihm bei weitem vorzuziehen, daß sein Begriffsvermögen als nicht ganz vollgültig angesehen werden könnte, als daß er sich die Gelegenheit entgehen lasse, die wundervolle Geschichte dieses Skandals und seiner Ursache anzuhören. Etwas, was über einen Wink hinausging, setzte ihn in Trab, wobei er sich mit schmerzlich verzogener Miene die Ellbogen rieb. »Der Postbote wird seinen Dienst nicht rascher besorgen, als Sedgett diese Geschichte an jeder Tür im Kirchspiel loslassen wird,« sagte Jonathan. »Ich kann nur sagen, daß mir das um deinetwillen leid tut.« Robert wollte eben seiner Zerknirschung noch weiteren Ausdruck verleihen, aber sein Vater griff das Wort auf: »Wer kann mir etwas anhaben? Meinetwegen ? Hab' ich die Gewohnheiten eines Narren – oder eines ›Viehs‹, wie du sagst. Aber ich kenne das Vieh besser, und wenn du es kenntest, würdest du das Vieh nicht anführen, um deine ekelhaften Schandtaten damit zu bemänteln. Wer kann mir 'was nachsagen? Du hast mit diesem jungen Herrn über 'n Frauenzimmer Streit gehabt – hast du ihm was zu Leide getan?« »Wenn man's mit den Knöcheln tun könnte, hätte ich ihm wohl das Gehirn zerschlagen, Vater,« sagte Robert. »Du hast ihn geschlagen, und du kamst am besten dabei weg?« »Jedenfalls kam er am schlechtesten dabei weg, und das wird er auch weiterhin tun.« »Dich reitet der Teufel! Was bist du denn hingegangen und hast dich betrunken? Ich könnt's ja begreifen, wenn du Prügel gekriegt hättest. Dann ertränk' meinetwegen die Erinnerung daran, wenn dies Fusel-Saufen nach deinem Geschmack ist, aber wenn du doch, sozusagen, den Preis davonträgst, was brauchst dich denn Hals über Kopf in 'ne Mistkuhle zu schmeißen? Wahrhaftig, das kann doch nur 'n verfluchter Idiot tun!« Jonathan tat einen Schlag ins Leere, es war ihm, als müsse er ersticken, wenn er sich nicht irgendwie Luft mache. Dann donnerte er noch einmal los: »Warum gingst du hin und trankst?« »Ich ging, Vater, ich ging – warum ging ich denn?« Robert schlug sich verzweifelt mit der Hand gegen die Stirn. »Warum in aller Welt ging ich doch? weil ich ganz allein auf der Welt bin, wahrscheinlich. Keiner kehrt sich an mich. Ich bin wie auf offener See, und kein Ruder zum Steuern! Das wird's wohl sein. Darum hab' ich getrunken. Ich dachte, es wär' das beste, etwas geistige Getränke an Bord zu nehmen. Nein, dies war der Grund – nun weiß ich's wieder: die Dame da, wer sie denn auch gewesen sein mag, sagte irgend etwas, das tat mir weh. Ich hielt den Kerl vor ihren Augen am Wickel und schüttelte ihn, obschon sie mich bat, ich sollt's sein lassen. Und da sagte sie – aber ich hab's mir rein weggetrunken.« »So, geh' hinein, und sieh dich mal in dem Spiegel,« sagte Jonathan. »Gib mir erst die Hand,« – Robert streckte ihm bittend die seine hin. »Eher laß ich mich hängen,« sagte Jonathan fest. »Ein Bett und einen Platz am Tisch sollst du haben, solange ich lebe, und einen Spiegel, um dich darin anzusehen, – aber meine Hand ist für anständiges Vieh. Den einen Weg oder den andern, du hast die Wahl.« Als er Robert immer noch zögern sah, fügte er hinzu: »Ich würde verflucht viel mehr Respekt vor dir haben, wenn du dich packtest.« Er deutete mit der Hand über sein Grundstück hinaus. »Es tut mir leid, daß du dir seit kurzem das Fluchen angewöhnt hast, Vater,« sagte Robert. »Zwei Feuersteine schlagen Funken, mein Junge. Wenn du dich fern hältst, bin ich ruhig genug in meiner Redeweise, deiner Tante Anne zu Gefallen.« »Sieh, Vater, ich habe deine Hilfe nötig, ich gehe daher hinein.« »Selbstverständlich!« entgegnete Jonathan, durch seines Sohnes derbe Aufrichtigkeit nicht im geringsten verletzt, »wozu ist denn auch ein Vater sonst nütze? Ich werde dir die Grenze angeben, und die steht, wie eine steinerne Mauer. Magst ja d'rüber springen, wenn du kannst! Bild' dir nicht ein, daß es deine Tante Jane ist, die dich drinnen empfängt.« Robert war nie ein Liebling seiner Tante Anne, der Haushälterin Jonathans, gewesen. »Nein, die arme, liebe Seele! Gott segne sie im Himmel!« rief er. »Etwa dafür, daß sie dir hinterlassen hat, was du in 'ne verfluchte Masse von Branntwein umgesetzt und verkonsumiert hast?« »Dafür, daß sie getan hat, was sie irgend konnte, um mich zum Manne zu machen. Und es ist ihr beinah geglückt, der guten, freundlichen alten Seele, die sie war! Mit diesem ihrem Geld hat sie mich auf den besten Standpunkt im Leben gebracht, den ich noch innegehabt habe. Segen über ihr gutes Herz; Segen ihrem Andenken! Alle Segenswünsche über diesen Engel, die ein armer Teufel auf Erden nur irgend aussprechen kann!« Das Fieber in Robert erlosch in einem Strom lindernder Tränen. »So, geh' hinein,« sagte Jonathan, der Trunkenheit für die wesentliche Wasserquelle in eines Mannes Augen hielt. »Ich glaube, du bist heute morgen schon wieder daran gewesen.« Robert schritt seinem Vater, den er völlig verstand und wertschätzte, voran ins Haus. Er wußte, viel väterliche Liebe und ein herzlicher Händedruck war sein und die Vererbung des Hofes noch dazu, sobald er den rechten Weg einschlug. Mittlerweile war Jonathan bereit, seinen väterlichen Verpflichtungen nachzukommen, als da waren, seinen Sprößling, von dem er eine bessere Meinung gehabt haben würde, wenn Robert – da er doch einmal zum Teufel ging – es getan hätte, ohne irgend jemand der Seinen damit zu beunruhigen, ein Obdach und Nahrung zu gewähren und öffentliches Schimpfen über ihn zu vermeiden; wie die Sache lag, nahm Jonathan schweigend das Verhängnis auf sich. Weder in Wort noch Ton forderte er seitens der herben alten Jungfrau, die als Tante Anne bekannt war, jene Geringschätzung dem Wanderer gegenüber, den er ihr zuführte, heraus, die immer angenehm zu hören ist, wenn zwei über den unwürdigen Charakter eines Dritten, unter dem sie zu leiden haben, einig sind. Er sagte: »Hier, Anne, hier ist Robert. Er hat noch kein Frühstück gehabt.« »Er möchte gern ein kaltes Bad vorher nehmen,« sagte Robert, indem er der fleischlosen, halbdurchsichtigen Frau seine Wange bot. Tante Anne öffnete die Lippen, um Jonathan ein kurzes, halbunterdrücktes: »Uff« zuzurufen, nachdem sie Robert von oben bis unten betrachtet hatte, und sie schauderte bei Roberts Anblick und sagte noch mehrmals: »Uff« als ein hingeworfenes Zeichen ihres Verständnisses zu allem, was geäußert wurde, aber es war ein entsetztes: »Nein!« mit dem sie ein Näherkommen von Roberts Wange zurückwies. »Dann sieh, daß du ihm etwas Frühstück besorgst,« sagte Jonathan, »was einen Kuß anbetrifft, so hast du in keiner Weise Verpflichtungen gegen einen betrunkenen –« »Hund, heißt das Wort, Vater,« half Robert ein. »Hunde können sich das leisten. Ich hab' nie einen in dem Zustand gesehen, so leidet ihr Ruf nicht darunter.« Er sprach leichthin, aber in seiner Haltung lag eine tiefe Niedergeschlagenheit. Als seine Tante Anne das Zimmer verlassen hatte, rief er aus: »Weiß Gott, Frauen haben eine ganz besondere Art, einen etwas fühlen zu lassen. Sie 's 'ne fromme Frau. Sie riecht den Teufel in mir.« »Wahrscheinlicher den Branntwein,« erwiderte sein Vater. »Schön! ich bin auf 'm Weg, ich bin auf 'm Weg!« Robert seufzte tief auf. »Ich hab' dir den Weg nicht zurecht gemacht,« sagte sein Vater. »Nein, Vater, das hast du nicht. Hart arbeiten, fest schlafen: das ist Glück. Ein Jahr lang hab' ich's gekannt. Du bist der Mann, dem ich nacheifern möchte, wenn ich könnte. Der Teufel kam zuerst. Der Branntwein kommt erst in zweiter Linie. Ich war so lange ruhig. Ich glaubte, jetzt könnte ich mich auf mich verlassen.« Er setzte sich und brachte sein Haar gänzlich in Unordnung durch einen Versuch, es zu glätten. »Durch die Weiber ist der Teufel zuerst in die Welt gekommen. Die Weiber sind's, die den Teufel in uns wecken, und warum sie –« Er schlug mit der Faust auf den Tisch, gerade als seine Tante Anne das Tischtuch drüber legen wollte. »Erschrick nicht, Weib,« sagte Jonathan, als er sah, wie sie furchtsam zurückfuhr. »Du trinkst zu viel Tee morgens und abends – zum Teufel mit dem Zeug!« »Niemals, niemals hast du mich bisher angefahren, Jonathan,« lispelte sie in strengem Ton. »Ich sag' dir ja nicht, daß du ihn lieben sollst, aber du sollst ihm was zu essen geben. Das ist alles. Und ich muß an meine Arbeit, Acker und Vieh – die vergelten einem, was man ihnen tut. Robert blickte auf. »Acker und Vieh! das klingt wie etwas, darauf ein Segen liegt. Wenn ich das nächste Mal zur Kirche gehe, werde ich wissen, wie's dem alten Adam zu Mute war. Geh' nur, Vater, ich werd' nichts im Haus zerbrechen.« »Du wirst doch nicht gehen, Jonathan?« bat die zitternde alte Jungfer. »Gib ihm etwas von deinem Tee, recht starken, und so viel er trinken kann – er muß etwas herabgeschraubt werden,« war Jonathans Antwort, und mit einem Streifblick auf eines der eingerahmten Bilder, schritt er durch die Tür, und Tante Anne war allein mit dem erhitzten Gesicht und den aufgeregten Augen ihres Neffen, der ihr kaum als etwas anderes erschien, denn als Dämon der Fleischeslust. Aber es war eine Bibel im Zimmer. Eine Stunde später saß Robert zu Pferde und war unterwegs zum Sammelplatz der Meute. Kapitel XVIII. Eine Versammlung im Wirtshaus »Zum Piloten« Eine einzige Nacht im Wirtshaus »Zum Piloten« hatte genügt, um Roberts alten Ruf, als des herzhaftesten unter allen Zechern und netten Kerls im ganzen Umkreise des Seeleute erzeugenden Distriktes, wo noch der Ruf »Dibden« durch die Wirtschaft donnerte und Mannhaftigkeit zum großen Teil nach der Fähigkeit bemessen wurde, geistige Getränke an Bord zu nehmen, wie ein Schiff Ballast einnimmt, im Dorfe Warbeach wieder Leben und Kraft zu verleihen. Wohl fühlten sich die Männer veranlaßt, ein kopfschüttelndes Bedauern über die traurige Tatsache zu erheucheln, daß er so stark trinke, wie je; wohl äußerten die Frauen von Warbeach ein aufrichtiges Mitleid für ihn, aber sein Ruhm stand frisch wieder da. Wie der Frühling seine Blumen wiederbringt, so ließ Roberts Gegenwart seine jugendlichen Taten aufs neue zum Leben erstehen. In der ganzen Nachbarschaft hatte es keinen Boxer gegeben wie Robert Eccles, keinen solchen Preiskämpfer bei allen Spielen, noch – wenn er es sich einmal vorgenommen hatte – einen so unbesiegbaren Zecher. Er war es, der den wüsten Gesellen, Nie Sedgett, durchgedroschen hatte, weil er Harry Boulby, den Sohn der Wirtin des Gasthofes »Zum Piloten«, mit seinem Taschenmesser gestochen hatte, – öffentlich durchgedroschen, zum Gaudium von ganz Warbeach. Er hatte die alte Madam Garble aus ihrer brennenden Hütte getragen und seinen Vater veranlaßt, ihr ein Obdach in seinem Hause zu gewähren, und hatte – wie sehr er es auch haßte – Feldarbeit getan, um für ihren Unterhalt zu bezahlen. Er rettete Warbeachs Ehre durch ein Wettrinken mit einem Yorkshirer Kapitän bis vier Uhr morgens, wo es denn ein feiner Anblick war, Jungens, zu sehen, wie ganz Hampshire dem aus dem Felde geschlagenen Nordländer in seinem erstaunten Zick-Zack-Kurs zu seinem flachkieligen Kumpan hin, zuschaute, alles in dem fröhlichen Sonnenaufgang über dem Fluß – yoho! ahoy! Der berühmte Robert hatte es zunächst mit der See versucht und danach mit dem Soldatenspiel. Na, hoffentlich wird er sich jetzt an die Landwirtschaft machen und dem Beispiel seines alten Vaters folgen und dauernd zu seinen Landsleuten zurückkehren. So klang der Chor der Jüngeren und mancher der Älteren stimmte ein. Rings um Warbeach herum hatte sich dänisches Blut angesiedelt. Ich fürchte, um irgendwie in Britannien als echter, volkstümlicher Held zu gelten, muß in einem Burschen immer noch so etwas von einer skandinavischen Gurgel sein, und wenn er, abgesehen davon, daß er ein gewaltiger Zecher ist, auch noch ein famoser Kamerad beim Becher ist, zu singen und zu verzeihen weiß, eine offene Hand hat und mit den großartigen, kühnen Redensarten eines Feuerkopfes um sich wirft, so stempelt er sich in der Vorstellung seiner Genossen zum Könige. Es war viel Stoff nötig, um König Robert von Warbeach den letzten Stoß zu geben, und meistens konnte er aushalten, bis ihn ein kühler Luftzug von der Außentür her wie ein mahnender Bote daran erinnerte, daß er in all seiner Seelengröße ein König der Schweine sei, woraufhin dann seine Art und Weise, ohne ein Wort an irgend jemand, davonzugehen, die ganze Gestalt hoch aufgerichtet, wenn andere schwankten und gemeine Lieder brüllten, ein Thema allgemeiner Bewunderung wurde, ja, und er war frisch wie ein Apfel am Morgen! Darin vor allem lag das Zwingende seiner Persönlichkeit! Was die Nacht bewies, bestätigte das Morgengrauen. Der vollkommene Gegensatz zu Mr. Robert war Sedgetts Sohn, Nicodemus Sedgett, dessen unglückseliger Rufname ihn seitens der Witzbolde von Warbeach mit einem gewissen Helldunkel umkleidet hatte. Der junge Nic hatte auch eine Vorliebe dahin, seinen Geist in den Becher zu versenken und – abgesehen davon, daß er niemals für seine Extravaganzen bezahlte, trank er, als gälte es die Ehrenrettung seines berühmten Schutzpatrons, und die Nachbarschaft Nic Sedgetts, wenn dieser junge Mann nachdenklich über seinem Glase wurde, war nicht beliebt. Die Geschichte, wie er den Sohn der Wirtin, Harry, gestochen hatte, haftete ihm in höchst fataler Weise an. Die Wunde war im Schenkel gewesen und nichts Gefährliches. Harry war wieder auf und war zur See, ehe Nic aufgehört hatte, die Zeichen von Roberts Vergeltungsakt an seinem Leibe zu zeigen; aber Engländern ist jede Art Blutvergießens, und sei es noch so unbedeutend, so verhaßt, daß Nic sich in den Augen Warbeachs niemals völlig rehabilitierte. Niemand hatte ein landsmännisches Gefühl ihm gegenüber, und man kann sich wohl vorstellen, daß sein Antlitz in dem Hause, wo sich die Jugend des Dorfes zu versammeln pflegte, dem Gasthaus »Zum Piloten« nicht mehr gesehen wurde. Er pachtete einen der Bauernhöfe in Fairly, der unter dem Namen ›Dreibäumen‹ bekannt war, wo er, wie man sagte, sich durch das Geld seiner Haushälterin hielt. Denn er gehörte zu jener Art übler Gesellen, die jeder gerechten Prophezeiung ein Schnippchen schlagen, und es war umsonst, wenn Mrs. Boulby und das ganze Dorf Warbeach erklärten, es könne ihm nicht gut gehen, wenn das Schicksal ihn augenscheinlich immer über Wasser hielt. Er besaß eine für einen Schuft außerordentlich günstige Eigenschaft: trotz eines nicht anziehenden Gesichtes verstand es der Kerl, sich, wie der Augenschein bewies, den Frauen angenehm zu machen. »Das beweist nichts weiter,« sagte Mrs. Boulby, die keine andere Erklärung zu finden wußte, mit der Vorliebe ihres Geschlechts fürs Verallgemeinern, »als daß mein Geschlecht 'ne alberne Gesellschaft ist.« Er hatte eines Tages kein Geld, um seine Pacht zu bezahlen und inserierte flottweg (indem er zu diesem Zweck, wie man behauptete, seine letzten fünf Schillinge verwandte) wegen einer Haushälterin; und ehe noch Warbeach aufgehört hatte, sich über seine Torheit lustig zu machen, besorgte eine angenehme Frau von fünfunddreißig Jahren in seinem Namen Einkäufe. Sie machte Tee und richtete ein Abendessen her für solche Freunde, welche er sich in seinem Hause zusammenbitten konnte und bezahlte offenbar nach einiger Zeit seine Pacht für ihn; Not gab's im Hause keine drei Tage. Warbeach betrachtete es wie einen Druckfehler seitens der Vorsehung, daß Nie immer wieder ins glückliche Fahrwasser geriet, aber unsere modernen Propheten haben wenig Geduld und verlangen vom Geschick, daß es ohne weitere Vorbereitung seiner Waffen und sonder Warnung seines Opfers zuschlage. Ich brauche nicht zu sagen, daß Roberts Beliebtheit mehr zugrunde lag, als sein altes, gelegentliches Laster. Mögen diejenigen, die eine Vorliebe für ethnologische Verallgemeinerungen haben, ein Urteil darüber fällen, ob der alte Gegensatz zwischen Sachsen und Normannen ausgeglichen ist; eins aber scheint mir zweifellos, daß ein Volksheld, wenn er unter der gewöhnlichen Masse des Volkes gefunden werden kann, doppelt beliebt ist. Ein vornehmer Herr mag noch so ritterlich und noch so herablassend sein, – geliebt wird er schwerlich jemals in dem Maße werden, ob uns auch nach seinem Tode Balladen oder Legenden davon erzählen; denn erst der Tod löst die besonderen Grenzen und Unterschiede, die das Volk zwischen sich und den höheren Gesellschaftsklassen empfindet, und die man, um ein allzufeines Auffassungsvermögen nicht zu begünstigen, es sorglich empfinden lehrt. Tote Briten sind alle miteinander Briten, – aber lebende Briten sind nicht vollkommen Brüder. Als dem Sohne eines Bauern, dessen Vorzüge ihnen verständlich waren, erkannten sie Roberts Überlegenheit an. Er war ein äußerst mutiger, gutmütiger und ein hübscher junger Mensch, und er hatte ritterliche Lebensauffassungen, für die manch einer unter dem Einflüsse des Biers oder Branntweins Verständnis hatte, und die anderen gelegentlich irgendwelcher Übereilung, irgendeiner materiellen Not einleuchteten, und sie waren stolz auf ihn, mit einer Art Familienstolzes. Der Stolz mischte sich mit Furcht, die einen zarten Lichtschein über ihn warf, wie der Traum einer Mutter von ihrem Kinde. Wie ich bereits sagte, das Volk ist nicht derart in Selbstverachtung versunken, daß es seine Besten unterschätzen sollte, doch muß es zugegeben werden, daß es nur selten junge Burschen hervorbringt, die den untrüglichen Stempel des Anführers tragen, und die Einzigartigkeit eines Mannes, wie Robert, verlieh ihm in ihren Gedanken einen Anstrich von Traurigkeit. Überdies blies der Wind des Schicksals, der Nic Sedgett immer hilfreich war, stets ungünstig, in welcher Richtung Robert sein Segel auch hissen mochte. Er war nicht die Persönlichkeit, seinen eigenen Vorteil wahrzunehmen; und der Glaube, daß der Mensch der großmütigen Hand seines Gottes kleine Hintertürchen offen lassen muß, wenn er vorwärts zu kommen hofft, lieber als ganz schlicht zu versuchen, vor seines Schöpfers Augen als ein ehrlicher Kerl dazustehen, ist unter armen Leuten beinah so verbreitet, als unter den wohlhabenden Klassen, welche dieselben von oben herab betrachten. Als der fidele Schlachter Billing, einer aus dem kleinen Kreise, die am Abend vorher im Piloten mit Robert zusammen gesessen hatten, erzählte, daß er die Armee verlassen habe, hörte man ihm mit einer Miene des Bedauerns zu, und allgemein war das Gefühl überwiegend, daß der prächtige Robert sich um seine Pension und sein Altenteil gebracht habe. Aber als Gevatter Sedgett die Runde machte und erzählte, daß der Zweck von Roberts Anwesenheit unter ihnen das düsterste Unterfangen sei, was man sich nur irgend vorstellen könne, daß er Morgen für Morgen ausreite in der ganz bestimmten Absicht, einem der Herren in Fairly zu begegnen, daß er ihn schon vom Pferde gerissen und in den Kot geworfen habe, ihn einen Schurken genannt und ihn herausgefordert habe, entweder sein Geheimnis preiszugeben oder zu fechten, daß er ihm folge und öffentlich auf ihn fahnde, daß er sich mit diesem vornehmen Herrn messe, hinter dem doch alle die anderen Herren und der Graf und das Gesetz ständen, um ihn zu schützen, da war des Staunens und Schreckens in dem kleinen Orte kein Ende. Schwachherzige erklärten, nun sei es mit Robert aus. Alle empfanden, daß er meilenweit übers Ziel hinausgeschossen habe. Es waren düstere Tage, Tage, an denen die Nebelmassen von der winterlichen See her flußaufwärts rollten und die Sonne an dem undurchdringlichen Himmel nur eine Stunde ihr Dasein fristete und gegen Mittag erlosch. Man sah Robert ausreiten und hörte den Hufschlag seines Pferdes, wenn er heimkehrte. Im Piloten sprach er nicht mehr vor. Dunkelheit und Geheimnis umhüllte ihn. Unter Mrs. Boulbys Dach gab es abendliche Zusammenkünfte in der Annahme, daß er ihren Versuchungen nicht werde widerstehen können, und sie war nicht so töricht, ihnen die Hoffnung darauf zu nehmen, doch endlich trug das Weib in ihr über die Wirtin den Sieg davon, und sie klagte: »Er kommt nicht mehr vonwegen der Getränke. O, warum hab' ich mich auch überreden lassen, dies Zeug zu verkaufen, von dem er sagt, er schickte ihn zum Teufel, der arme, liebe Jung'! und ich kann doch nicht lassen, ihn zu überreden einen kleinen Tropfen zu nehmen. Ich tat es am ersten Tag, als er herkam, weil ich seine Gewohnheiten vergessen hatte, er sah wirklich so schrecklich verzweifelt aus, und da trank er, und da ging's denn weiter und weiter, bis die Sache ordentlich im Gange war, und ich ganz stolz, daß er aus seinem Elend herauskam. Und jetzt, haßt er den bloßen Gedanken an mich!« In ihrer Verzweiflung ermutigte sie Sedgett zu einem Besuch ihres Ausschanks und ihrer Gaststube, und er wurde überall ein höchst bedeutsamer Mann. Farmer Eccles zurückhaltende (manche sagten, seine stolze) Art und noch mehr die harte, gefürchtete Tante Anne, unter deren Szepter der Haushalt stand, hielt die Leute dem Warbeacher Hof fern, mit Ausnahme Sedgetts, der erzählte, wie sie Robert allabendlich, nach seiner Heimkehr ein Kapitel aus der Bibel vorlese und geduldig aufsitze, bis er komme, um diese Pflicht zu erfüllen, und daß des Bauern Worte an seinen Sohn gewesen wären: »Du magst hier ausruhen, essen und trinken und mein Pferd reiten, – aber du bekommst keinen Heller aus meiner Tasche.« Durch Steeve Biltons, des Jägers von Fairly, Vermittelung war Sedgett in der Lage zu berichten, daß unter den Herren ein Zusammenschluß gegen Robert bestände, dessen Benehmen keiner unbedingt zu billigen vermöchte, mit Ausnahme der Wirtin und des fidelen Schlachters Billing, die ihm in blindem Glauben anhingen. »Hat Bob Eccles jemals,« fragte letzterer, »ich sage, jemals den Respekt gegen seine Vorgesetzten außer acht gelassen? Mußte man nicht bei seinen wildesten Streichen schließlich immer zugeben, daß er recht hätte, – nach dem Urteil jedes verständigen Menschen? – wenn schon nicht im Hinblick auf seine eignen Interessen, – das ist 'ne andere Sache! Und Mr. Billings unerschütterliches Ausharren bei dem Dorfhelden wurde ihm angerechnet, als Sedgett, mit einer Berufung auf Stephen Biltons Autorität, berichtete, daß der Zweck von Roberts Vorgehen die Verteidigung eines Mädchens sei, dem ein Unrecht geschehen, und das alles, was er verlange, sei zu erfahren, wo sie versteckt gehalten werde, damit er sie ihren Eltern wieder zuführen könne. Diese Erzählung ging von Mund zu Mund und erhielt unterwegs zahllose Ausschmückungen. Das in Frage stehende Mädchen wurde zu einer Dame, denn für ein bloßes gewöhnliches Mädchen bedarf es ganz hervorragender Eigenschaften, ehe sie als die passende Gefährtin eines volkstümlichen Helden zu gelten vermag. Sie wurde zu einer jungen Dame mit großem Vermögen, die in Robert verliebt war und durch die Verschlagenheit des vornehmen Beleidigers, den Robert herausgefordert hatte, verborgen gehalten wurde. Dies gab Sedgett, durch hartnäckige Fragen und durch den Nimbus, welchen die ganze Geschichte auf ihn warf, zu immer kühnerer Erfindungsgabe angestachelt, als Wahrheit aus. Mrs. Boulby, die als eine die meisten überragende Frau, Sedgetts schwächliche Erscheinung verachtete, hatte seinen Erzählungen so lange ein williges Ohr geliehen, bis sie ihn als Aufschneider erkannte, und dann widersprach sie ihm grad' heraus, da ihr an seiner Kundschaft gar nichts lag. »Ja, aber, Madam, ich kann Ihnen den Namen nennen, – den Namen des Herrn,« sagte Sedgett mit einem Versuch sie zu versöhnen. »Es ist ein Mr. Algernon Blancove, der irgendwie durch Verschwägerung oder dergleichen ein Vetter von Mrs. Lovell ist.« »Darin mögen Sie wahrscheinlich recht haben, mein Guter,« erwiderte Mrs. Boulby, mit einem intuitiven Unterscheidungsvermögen zwischen Wahrem und Falschem und zugleich von dem Wunsche beseelt, zu zeigen, daß diese Neuigkeit sehr wenig für sie ins Gewicht falle. »Alles and're ist Ihre eig'ne Erfindung, und das wissen Sie sehr gut und ist gr'ad so wenig wahr, wie Ihre Salbaderei über meinen Kognak, der 'ne französische Marke ist, so wahr, wie mein Blut britisch ist!« »O Madam, sagte Sedgett boshaft, »was Geschichten anbetrifft, so weiß ich, daß Sie Zeugen genug dafür haben, daß er über 'n Kanal gekommen ist. Ha ha! Bloß bringen Sie sie nicht vor Gericht! Bringen Sie sie ja und ja nicht vor Gericht.« »Sie meinen, Mr. Sedgett, sie würden nicht schwören?« »Nein, Madam,« schwören würden sie, sofort und ohne zu stocken, wenn Sie es ihnen vorsagen würden. Ich will verdammt sein, wenn sie mit ihrem Schwören den Pilot nich' auf 'n Riff treiben. Ne, 'n gute Gewohnheit is' 's nich'!« »Schön, Mr. Sedgett, das nächste Mal, daß Sie meinen Kognak trinken und schlechte Folgen merken, lassen Sie 's mich wissen!« »Und was wollen Sie dann tun, Madam, wenn ich fragen darf?« Sie hatten Zuhörer, und Mrs. Boulby gab die grausame Antwort: »Ich werd' Sie nicht zu Ihrer Frau nach Haus lassen,« was einen Sturm der Heiterkeit über den als Pantoffelhelden bekannten Mann heraufbeschwor. »Na, was die Folgen betrifft, Madam, so denk' ich Ihretwegen an die,« sagte Sedgett, nachdem er den Schlag verwunden hatte. »Das sagen Sie doch dem Steuereinnehmer, Mr. Sedgett, wahrscheinlich wird's den traurig machen.« »Kognak ist Ihr schwacher Punkt, wie's scheint, Madam!« »Wahrscheinlich würd' Ihr Rücken steifer sein, wenn Sie etwas davon in sich hätten.« »Der arme Bob Eccles hatte solches Steifmachen nicht weiter nötig, als er das erste Mal herkam,« warf Sedgett hin. Worauf Mrs. Boulby, vor Entrüstung glühend, ausrief: »Führt den auch noch an! Ja, er und Sie und Ihr Sohn – 'ne nette Schande für Sie, wenn er Ihnen so gleicht, wie die Leute sagen. Ihr Sohn ist es, Nic Sedgett, der meint, er könne noch 'mal gegen mich zeugen, wie er es einmal geschworen hat, wohl, daß er seinen Lohn dafür kriegt und sich damit aus 'nem zweiten Bankrott rettet? Und das will 'n Farmer sein! Sagen Sie ihm man, daß ich nicht bange vor ihm wär', Sedgett, und daß einer hier wäre, der ihm gleich noch 'ne zweite Tracht Prügel verabfolgen würde, ohne erst abzuwarten, daß er sein Messer gegen einen harmlosen, unschuldigen Jungen braucht.« »Beruhigen Sie sich nur, beruhigen Sie sich nur, Madam,« bemerkte Sedgett, den die Gewohnheit, zu Hause Schläge zu erdulden, gegen Worte außerhalb des Hauses abgestumpft hatten. »Bob Eccles hat alle Hände voll zu tun, und wer weiß, ob er nicht schon eher an die Hulks 'ran kommt, als mein Nic. Und Sie meinen, inwieweit ich für Nic verantwortlich bin?« »Um so glücklicher für Sie, wenn Sie's nicht sind. Und, Sedgett, entweder befassen Sie sich mit Weiberkram, indem Sie herumlaufen und Neuigkeiten auskramen, wie 'n zersprungener Glockenklöppel, oder die Männer sind die allergrößten Klatschbasen, was ich glaube; denn in dem Geschäft ist Ihnen keiner über, und man darf Ihnen ja nicht mal Böses wünschen, wo man doch weiß, was Sie kriegen.« »In aller Freundlichkeit, Madam, –« Sedgett brachte es fertig, sich ein Kompliment über seine Fähigkeit, Neues in Umlauf zu setzen, herauszuhören, »in aller Freundlichkeit! Mir können Sie doch nicht vorwerfen, daß ich das l in Ihrem Namen jemals wegließe, was? Booby = Tölpel, Einfaltspinsel. Ich möchte das nur bemerken, weil der arme Dick Boulby, Ihr beklagenswerter Mann, – ha, armer Dick! Sehen Sie, Madam, die Zähesten sind nicht immer die Langlebigsten, er sang immer: ›Ich bin 'n See-Booby‹ nach der Melodie ›Ich bin 'ne Seejungfer‹, – armer Dick, ›un' lieg' auf dem Meeresgrund‹. Er hielt sich den Kopf frei von Ihrem Kognak, aber was seine Beine betraf – »Sie sind doch nicht böse, Madam?« »Nicht im geringsten, Mr. Sedgett, und wenn ich Ihnen eins mit der flachen Hand versetzen sollte, so denken Sie es ja nicht!« Sedgett warf seinen runzligen, knochigen Kopf in den Nacken und wich vom Schenktisch zurück. Aus sicherer Entfernung rief er: »Schlechte Neuigkeiten das über Bob Eccles, daß er gestern 'nen Schlag hat einstecken müssen!« Mrs. Boulby ließ ihre Blicke gleichmütig auf ihm ruhen, bis er sich zurückzog, dann wandte sie sich an die seines Geschlechts, die um sie herumstanden: »Was gafft ihr mich so an? Manch einem von euch Mannsleuten könnt' 'ne Tracht Prügel jeden Tag eures Lebens nicht schaden. Sedgett da würd' genau so 'n Schuft sein wie sein Sohn, wenn er nicht zu Haus sein Gehöriges kriegte!« Das war ihre Art, auf den parthischen Pfeil zu reagieren, aber sein Widerhaken war vergiftet. Das Dorf war in fieberhafter Erregung über Robert, und die Behauptung, daß er einen Schlag habe einstecken müssen, rief eine beinah ebensogroße Entrüstung hervor, als wenn man verkündet hätte, eine feindliche Flotte wäre oberhalb Sandy Points gesichtet worden. Mrs. Boulby ging in ihr Zimmer und schrieb einen Brief an Robert, welchen sie durch einen der am Schenktische Umherlungernden befördern ließ; der brachte die Nachricht zurück, drei der Herren aus Fairly hielten zu Pferde an Bauer Eccles Pforte und sprächen mit ihm. Die Angelegenheiten spitzten sich zu. Die Herren brauchten Bauer Eccles nur zu drohen, so würde er sich auf seines Sohnes Seite stellen, einerlei, ob er recht oder unrecht hätte. Am Abend zeigte sich Stephen Bilton, der Jäger, an der Tür der langen Schenkstube des Piloten und wurde seitens der zahlreichen Versammelten mit lebhaften Zurufen begrüßt. »'n Abend, meine Herren,« sagte Stephen mit liebenswürdiger Bescheidenheit und tat, als wisse er von keinerlei Aufregung und habe gar nichts zu erzählen. »Na, Steeve?« sagte einer, um ihn zu ermutigen. »Was gibt's Neues über Bob?« sagte ein anderer. Ehe Stephen noch gesprochen hatte, war es der ganzen Stube klar, daß er die allgemeine Ansicht über Robert nicht teile. Er wollte nicht verstehen, wer mit »Bob« gemeint sei. Die Fragen spielte er auf ein anderes Gebiet hinüber, zuckte dann die Achseln mit einem: »Ach, laßt uns doch 'nen ruhigen Abend haben!« Schließlich sagte er: »Was ich von Bob Eccles weiß? Na, das läßt sich ziemlich kurz zusammenfassen, – der 's verrückt.« »Verrückt,« schrie Warbeach. »Das ist gelogen,« sagte Mrs. Boulby von der Tür her. »Schön, Madam, ich lasse einer Dame ihre eig'ne Meinung.« Stephen nickte ihr zu. »Es ist kein Zweifel, daß die Doktoren das sagen werden. Ich sag' nich' bloß, was ich selber denk'. Es steht so klar da, wie großgedruckte Buchstaben in einer Zeitung. Wahnsinnig, das 's das Wort. Ich möcht' 'n Glas was Warmes, Mrs. Boulby. Wir haben 'n heiße Jagd gestern gehabt.« »Wo habt ihr abgefangen, Steeve?« fragte eine gedrückte Stimme. »Wir haben überhaupt nicht abgefangen: es war einer von den Strandfüchsen, er muß auf der Klippe in seinen Bau gekommen sein.« Stephen schlug sich aufs Knie. »Meiner Überzeugung nach gibt ihnen der Geruch von der See 'ne doppelte Portion Schlauheit.« »Der dumme Kerl scheint Ihnen 'n büschen die Laune verdorben zu haben, was, Steeve?« Der Annahme war man allgemein, dennoch hatte die Behauptung, Robert sei verrückt, etwas sehr Beunruhigendes; denn erstlich ist ein Verrückter wehrlos und, wenn er in Freiheit ist, jedermanns Feind, und andererseits sah Roberts Benehmen entschieden etwas danach aus. Der Gedanke hatte bereits wie ein Schatten einige der enthusiastischen Gemüter im Dorfe beunruhigt, und ein kurzes Schweigen bemächtigte sich aller, während welches Stephen sich daran machte, eine Pfeife zu stopfen und anzubrennen. »Du, sag' 'mal, warum meint man denn, daß er verrückt sei?« Der fidele Schlachter Billing sprach, aber die alte Ironie seiner unerschütterlichen Überzeugung fehlte. »O!« Stephen begnügte sich damit, beide Ellenbogen an die Seite zu pressen. Verschiedene Augenpaare musterten ihn prüfend. Er starrte sie seinerseits an und fing an, gemächlich seinen Rauch von sich zu blasen. »Du solltest nicht zufällig irgendwas mit Bob gehabt haben, Steeve?« »Ich nicht!« Mrs. Boulby brachte selber Stephen das Glas und ließ, indem sie sich zurückzog, die Tür zu ihrem Zimmer offen. »Warum meinst du denn, daß er verrückt ist, Stephen?« Ein zweites »O!«, als käme es von Höhen herab, die jenseits allen Argumentierens lägen, kam wie ein Grunzen aus Stephens Kehle. Diesmal ließ er sich dazu herbei, hinzuzufügen: »Wie weiß man denn, daß 'n Hund toll geworden ist? Na, Robert Eccles, das 'ne ganz ähnliche Sache. Wenn man einen Mann nicht nach seinem Tun beurteilen will, dann hat man ja überhaupt keine Möglichkeit, über ihn ins klare zu kommen. Er kommt und fällt Herren an und schwört, er wird beibleiben, es zu tun.« »Schön, und was beweist das?« sagte der fidele Schlachter Billing. Mr. William Moody, ein Schiffszimmermann, ein leberleidend aussehender Bürger übernahm die Antwort. »Was beweist das? Was beweist es, wenn man 'nen Seekadetten mit 'm Kopf im Heringsfaß findet? Es beweist, daß sein Kopf schmal war, und der and're Teil des Körpers rundlicher.« Dies Bild erschien kräftig, aber nicht sonderlich beweisführend, und es wurde nichts weiter daraus klar, als daß Moody und zwei oder drei andere, die vor dem Bild des törichten jungen Seeoffiziers gefesselt waren, zum Feinde übergingen. Stempelte man Roberts Taten mit der Marke des Wahnwitzes, so löste das jedenfalls die Schwierigkeit am leichtesten und ersparte unnützes Kopfzerbrechen. Mittlerweile hatte Stephen sein Glas ausgetrunken, und die Wirkung davon war ersichtlich. »Den Teufel auch!« rief er aus, »ich sag' ja nicht, daß er verdient erschossen zu werden. Und es ist ja möglich , daß ihm Unrecht geschehen ist. In dem Fall soll er fechten. Und das sag' ich auch, der Herr soll ihm Genugtuung geben.« »Hört, hört,« riefen einige. »Und wenn der Herr sich weigert, ihm Mann gegen Mann ehrliche Genugtuung zu geben, dann ist er eben kein anständiger Kerl, und dann braucht er auch nicht so behandelt zu werden. Was ich gegen die Sache habe, ist rein persönlich. Ich mag nicht, wenn einer 'n Spielverderber ist, und ich kann keinen verfluchten Fuchstöter leiden, der einem so bei der Jagd in die Quere kommt, wie er es tut, seit er wieder hier ist. Ich möcht' noch 'n Glas, Mrs. Boulby.« »Aber natürlich, Stephen,« sagte Mrs. Boulby, indem sie sich über sein Glas beugte, als mache sie ihm eine Reverenz, und war so sanft mit ihm, daß die törichten unter den Burschen dachten, die gegen ihren Liebling geschleuderte Anschuldigung habe sie eingeschüchtert. »Ich hätte noch ein paar Fragen wegen des Fuchstötens, Master Stephen,« sagte Farmer Wainsby, ein Bauer, der sich in unglücklicher Lage befand, während er den Ellbogen aufs Knie stützte, um seiner Äußerung mehr Nachdruck zu verleihen. »Da kann man immerzu und immerzu fragen. Sport, ja, das sagt man so. Alles zu seiner Zeit. Aber,« – er beschrieb mit seinem Pfeifenstiel einen Kreis und heftete ihn dann, wie aus dem Zentrum heraus, auf Stephens Brust, mit der schwierigen Frage: »Erhalten wir Diebe auf Gemeindekosten, damit sie mit 'n Stehlen beibleiben – schwarze, weiße oder braune, – einerlei, was für welche? Na also, wenn die Gemeinde das nich' haben will, verdamm' mich, was soll 'n Individibum das denn haben woll'n. Da's gar kein Grund dafür, soweit ich das einseh, un' da mögen die Herren nu' über denken, wie sie wollen: Füchse soll man hängen!« Man wechselte allerhand bedeutsame Blicke. Im allgemeinen schienen Farmer Wainsbys Bemerkungen unenglisch, obschon man es ihm zugute hielt, da von seiner Seite hierbei besondere Interessen im Spiel waren. »Ja, ja, das wissen wir ja alle,« sagte Stephen und sah sich wie Hilfe suchend rings im Kreise um. »Und am Ende tun wir das ja auch,« sagte Wainsby. »Fuchshetzen wird es noch geben, wenn Ihr Urgroßvater Ihr jüngster Sohn sein wird, Bauer, oder umgekehrt!« »Ich wette, Ihre Kinder werden 'n ausgestopften Fuchs jagen, Mr. Steeve, in dem mehr Stroh is, a's Eingeweide.« »Wenn das Land wär', was Ihr daraus machen möchtet,« Stephen schlug mit der Hand auf den Tisch, »da wollt' ich wahrhaftig lieber hängen, als mich noch lang' 'n Engländer nennen lassen.« »Hört, hört, Steeve!« ertönte ein allgemeines Beifallsrufen bei diesem von ihm verkündeten konservativen Grundsatz. »Was ich sage, ist dies: ›Fleisch und Blut über Füchse‹!« Mit dieser Äußerung versuchte Bauer Wainsby einzulenken, aber Stephens Erwiderung: »Sind Füchse vielleicht kein Fleisch und Blut?« zeigte ihm seine Ungeschicklichkeit und, von den tumultuarischen Beifallsrufen angestachelt, fuhr Stephen fort: »Gewiß sind sie das; sie kalten Blutes töten, ist Tiermord, sicher! Was tun wir also? Wir gewähren ihnen einen freien Spielraum – einen freien Spielraum und keine Bevorzugung. Mögen sie dem Instinkt folgen, den die Natur in sie gelegt hat; weiß die alte Dame es nicht am besten? Wenn sie weg können , haben sie gewonnenes Spiel. Das 'ne offene, ehrliche Sache, ohne heimliche Kniffe dabei. Ihr mögt nun Ratten töten und eure Kaninchen, aber Füchse, die überlaßt den Vornehmen. Füchse sind Herrenvolk. Das versteht ihr nicht! Ich will doch gleich gehenkt werden, wenn sie das nicht sind! Ich mag den alten Fuchs gern leiden, und ich mag nicht, wenn man ihn mordet und schlachtet, – den soll man 'n Herrentod sterben lassen, von Herrenhänden – .« »Und Damen,« warf der Bauer spottend ein. Die ganze Stube war auf Stephens Seite und würde stürmisch seine Partei ergriffen haben, wenn er nicht an dem Wendepunkt seiner Periode angelangt wäre, ohne selbst dessen gewahr zu werden, und so seinem Gegner Gelegenheit geboten hätte, jenen blödsinnigen Zusatz zu machen. »Ja, und Damen,« rief der Jäger, der jede Hilfe begierig aufgriff. »Warum nicht auch Damen? Ich hasse ein Treiben ohne irgendeine Frau. Sie nicht auch? und Sie? und Sie? Und Sie, Mrs. Boulby? Da sind Sie, und gleich hat die Stube ein besseres Ansehen, – ist's nicht so, Jungens? Hurra!« Damit war der Anstoß zum Zutrinken gegeben, und Stephens Glas wurde im Triumph neu gefüllt, während der Bauer in tiefes Nachdenken darüber versank, daß sein verhängnisvoller Versuch, sein Argument dadurch zu stärken, daß er eine Bemerkung hinwarf, um das andere Geschlecht zu diskreditieren, dasselbe zu Fall gebracht hatte, – eine Erwägung, zu der manch einer vor ihm gekommen ist. »Ja, armer alter Bob!« Stephen seufzte und nippte an seinem Glase. »Darin kann ich mit jedem von euch einstimmen. Es ist schlimmer für mich, ihn sehen, als für euch, von ihm hören zu müssen. Bin ich nich' immer einer von sein'n Freunden gewesen, un' hab' ich nich manches Mal gesagt, er verdiente, einer von den feinen Herren zu sein? Er hat ganz die Manieren von 'n feinen Herrn, gleich 'n Hut ab, wenn da 'n Dame dabei is', und so 'n feine Art zu sprechen. Aber was ich sag', – die Taten, darauf kommt's an, und sein Betragen, das is' 'n hundsföttisch schlechtes! Das kann man gar nicht anders nennen. Da sind zwei Mr. Blancoves, da in Fairly, Verwandte von Mrs. Lovell, – die ich mir die Freiheit nehmen will, ›Meine Schönheit‹ zu nennen, ohne sie beleidigen zu wollen – und vor die ritt Bob noch gestern hin – der eine von den Herren ist nämlich Mr. Algernon, reitet freihändig und hat 'n guten Sitz, – der andere ist Mr. Edward; aber Mr. Algernon, der 's Bob Eccles Mann – Bob reitet 'ran, gerade als wir Meister Reineckes Rute an den Sattelknopf der Dame anbinden, unten in Ditley-Marsh, und verbeugt sich vor der Dame. Un' sagt – aber er 's verrückt, total verrückt!« Stephen griff aufs neue nach seiner Pfeife, während sich ein Lärm der Enttäuschung erhob, daß die Wände hallten und die Gläser aneinander klirrten. »Ein bißchen mehr Zucker, Stephen?« sagte Mrs. Boulby, indem sie leichten Schrittes von der Tür herantrat. »Danke, Ma'm, Sie sind die beste Wirtin, die je gelebt hat.« »Is' sie auch! Aber wie war's mit Bob?« riefen ihre Gäste, – einige fragten, ob er eine Pistole bei sich gehabt hätte, oder ob er einen Stock geschwungen. »Nich' mal 'n armseligen Zweig – das 's ja gerade der Beweis, daß er verrückt ist,« Stephen brüllte so laut, wie nur irgendeiner der anderen. »Und ich muß ihn da in den Ring hineinreiten sehen und wußte doch, was die Herren geschworen hatten, zu tun, wenn er ihnen in das Treiben 'reinkäme, und mit dem Gefühl, daß er im Unrecht war! Wahrhaftig, ich kann gar nicht so kräftig fluchen, wie ich es tun möchte, um zu sagen, wie wild ich war. Denkt euch nur mal an meine Stelle! Ich hab' doch den alten Bob lieb. Ich hab' mit ihm getrunken, ich hab' Verpflichtungen gegen ihn, seit ich 'n Jung' war, und immer weiter, ich kenn' keinen besseren in ganz England, als Bob. Und da war er und sagte zu Mr. Algernon: ›Sie wissen, weswegen ich hier bin.‹ Ich hab' niemals einen Herrn so totenblaß im ganzen Gesicht gesehen, wie er war, und dabei so rot unter den Augen, so, als wenn ihr mal gesehen habt, daß ein Kerl von Polizisten in Zivilkleidern festgenommen wird. Hui, fuhr Mr. Edwards Reitpeitsche auf Bob los.« »Mr. Algernons,« verbesserte jemand Stephen. »Mr. Edwards,« sag' ich doch – »seines Vetters. Und gerad' übers Gesicht. Bei Gott! Mir sauste das Blut!« Ein Ton wie ein Peitschenhieb drückte die Gefühle der im Piloten Versammelten aus. »Bob steckte ihn ein?« »Was blieb ihm anders übrig, dem dummen Kerl? Er hatte ja nichts, sich zu verteidigen, als seine Hand. Sagt er: ›Das 'n jämmerliche Art, zu versuchen, mich zum Schweigen zu bringen. Ich habe mit diesem Herrn zu tun,‹ und Bob spornt sein Pferd auf Mr. Algernon, und Mrs. Lovell reitet mit aufgehobener Hand auf ihn zu, und gerad' in dem Augenblicke kommt der alte Herr, Squire Blancove von Wrexby, herangetrottet, und Bob Eccles sagt zu ihm: ›Sie hätten Ihrem Sohne was ersparen können, wenn Sie Wort gehalten hätten.‹ Es scheint, so wie Bob das sagte, daß der Squire versprochen hatte, seinen Sohn aufzusuchen und die Sache in Ordnung zu bringen. Alles, was Mrs. Lovell tun konnte, genügte kaum, um Mr. Edward zu hindern, nochmals auf Bob loszugehen. Wie 'n weißer Satan war er und sprach dabei die ganze Zeit ganz ruhig und höflich. Sagt Bob: ›Ich will's gern mit dem andern aufnehmen, wenn ich mit dem einen fertig bin,‹ und der Squire fing an, auf seinen Sohn einzureden und Mrs. Lovell auf Mr. Edward, und all die übrigen Herren um den armen, lieben, alten Bob herum, mein Blut tobte nur so, bis Bob es nicht mehr aushalten konnte und rief: › Meine Herren, ich habe ihn in meiner Macht, und ich bin still, solange ich noch die Möglichkeit sehe, daß ich ihn dazu kriege, sich wie ein Mann mit menschlichem Gefühl zu benehmen.‹ Wenn sie auf ihn losgegangen wären, – ich glaub', ich hätte ihn nicht allein stehen lassen können; Ansichten – das 's ein Ding, aber Blut, das 's 'n ander' Ding, und ich bin entfernt verwandt mit Bob; und ein Mann, der immer daran denkt, wieviel ihm seine Stelle wert ist, der verdient sie nicht. Aber Mrs. Lovell, die legte die Sache bei – eine Dame , Farmer Wainsby, mit Ihrer Erlaubnis. Das 's das Gute, wenn 'ne Dame mit beim Treiben ist. Das muß man 'ner Dame lassen!« »Wenn sie man nich' zufällig an der ganzen Geschichte Schuld hatte,« entgegnete der Bauer mürrisch auf Stephens bedeutsames Kopfnicken hin. »Wie ging denn die Sache aus, Stephen, mein Jung'?« sagte Schlachter Billing in einem Tone, als wollte er sagen: »Laß ihn man reden!« »Die Sache ging so aus, mein Jung', wie mein Glas hier – 'n heißer, starker Stoff, und auf 'm Boden Zucker. Un' ich freu' mich nich' so sehr über dies , wie ich mich über das gefreut hab'. Mein Wort darauf! Jungens, euer Wohl!« Stephen trank den letzten Rest aus. Mrs. Boulby besorgte immer noch die Bedienung. Die Unterhaltung über die Nebenumstände war anziehender, als die nackten Tatsachen an sich, und das wieder gefüllte Glas ermunterte Stephen dazu, die Einzelheiten der aufregenden Szene noch näher auszumalen, ohne daß ihn die ungeduldige Spannung seiner Zuhörer, die zu sehr erregt waren, um die Ausschmückung zu würdigen, daran gehindert hätte. Besonders verweilte er dabei, wie Robert die Zügel hätte fallen lassen und mit den Hacken auf Algernon losgeritten wäre, wie Mrs. Lovell dann ihr Pferd in seinen Weg gedrängt hätte, und die beiden Pferde wie Meereswogen in die Höhe gestiegen wären; da hätten beide Reiter ihre Herrschaft über ihr Tier und Robert zugleich eine so ritterliche Höflichkeit gezeigt, daß die Dame ihm durch ein Neigen ihres Kopfes gedankt hätte. »Ich lief zwischen die Hunde und tat, als wolle ich sie beruhigen und zusammenrufen,« sagte Stephen, »und hörte sie sagen – gerade ehe alles vorbei war und er zurückritt, hörte ich sie. sagen: ›Vertrauen Sie mir hierin: ich will Sie treffen.‹ Ich kann darauf schwören, daß das genau ihre Worte waren, obschon sie noch mehr sagte, noch irgend etwas von einem ›Wo‹ dazu, und dies hab' ich nicht gehört. Ja, bei Gott, alter Bob, du bist 'n glücklicher Kerl, und ich will doch gleich hängen, wenn ich nicht auch verrückt werden wollte für ein oder zwei Minuten kurzer, süßer Privatunterhaltung mit der reizendsten jungen Wittib, die die Sonne jemals beschienen hat. »Seht ihr die Jacht auf hohem Meer. Sie tanzet und tanzet, o! Mein wildes Mädel, ich lieb' dich so sehr, –« Irgend so was von ›bäumt sich, o!‹ auf ihrem Pferd, wißt ihr, oder ihr seid verdammte Narren, wenn ihr's nicht wißt. Ich hab' nie singen können, wollte, ich könnt's! Es ist die schönste Lebensfreude! Dann kann man sich doch Luft machen! Es lebe die Harmonie!« »Bravo, bravo! nun bist du 'n ganzer Mann, Steeve! und willkomm ener und am willkommen sten , yi – yi – o!« der fidele Schlachter Billing sang es schrill heraus. »Man muß das Leben begießen. Bob Eccles soll leben, hoch und nochmals hoch! und es soll keiner sagen, daß ich nicht durch dick und dünn zu einem Freunde, wie Bob, hielte. Hoch, Jungens!« Auf Roberts Wohl wurde mit einem donnernden: »Hoch!« getrunken und Lobpreisungen auf die Reinheit des Kognaks folgten dem allgemeinen Tumult. Mrs. Boulby nahm die dahin zielenden Komplimente entgegen. »Kommt auf die Flut an, Madam, was?« bemerkte einer mit einem so breiten Grinsen, daß die Verschmitztheit deutlich dahinter zu lesen war. »Ja, erst die Flut und die Ebbe dann,« sagte ein anderer. »Manch' Fäßchen hob ich wohlgemut, Grenzwächter, komm! Ich will dein Blut!« Ermunternde Zurufe erfolgten: »Weiter im Text!« aber ›Der kecke Schmuggler‹ haftete leider unzureichend im Gedächtnis und schmolz, wie Steeve Bilton, dahin zusammen, seine Verse in Prosa ausklingen zu lassen, in »so etwas wie«; worob der fidele Schlachter Billing, der aus literarischem Vergnügen an ihrem Inhalt Liederbücher zu lesen pflegte, sich den Kopf kratzte und dann, als hätte er auf eine Feder gedrückt, lossang: »Und brüllt auch das ganze Regierungspack, Doch berg' ich mein Fäßchen von gutem Kognak . –« »wenn ich auch«, nahm er die Gelegenheit wahr einzuflechten, als der Chorus und eine Art Feuerwerk belangloser Reime zur Ruhe gekommen waren, »für derartigen Mumpitz nicht bin. Ehrlichkeit! – das 's der Zucker von meinem Grog.« »Ja, ja, aber du gehst gern so bombensicher, was den Stoff, den du trinkst, betrifft, wie nur je einer,« sagte der Schiffszimmermann, dessen Auge gelblich aufblitzte während dieses sprühenden Hin und Hers von Gesang und Spaß. »Da hast du recht, Will Moody!« gab der fidele Schlachter zu, »oder vielmehr, diesmal hast du nicht unrecht!« »Was soll es denn heißen, daß du deiner Wirtin hier Spitzen austeilst von wegen ihres Kognaks? Hier haben wir ihn – und das ist genug – nur mißvergnügte Kerls verlangen mehr.« »Wie ist es, Madam?« der fidele Schlachter wandte sich an sie und deutete zum Beweis auf Moodys Gesichtsfarbe. Es war eine allgemein bekannte Fabel, daß Fäßchen des guten Kognaks bei niedrigem Wasserstande gesät und bei hohem geerntet würden, nahe beim Schleusentor des alten Wirtshausgartens »Zum Piloten«, aber es war durchaus in Mrs. Boulbys Interesse, die Fiktion aufrecht zu halten, die behauptete, ihr Kognak käme derart aus erster Quelle in ihre Wirtschaft, ohne die garstige Berührung mit Zollbeamten und panschenden Zwischenhändlern, und da zu ihres Mannes Lebzeiten derartiges vielleicht vorgekommen war und wohl gelegentlich noch vorkam, steckte sie gleichmütig den einträglichen Ruhm ein, daß ihr Kognak der beste des ganzen Distrikts sei. »Ich bin überzeugt, Sie sind zufrieden, Mr. Billing,« sagte sie. Der fidele Schlachter fragte, ob Will Moody zufrieden sei, und da Mr. William Moody sich für vollauf befriedigt erklärte, sagte der fidele Schlachter: »Dann bin ich auch zufrieden!« worob der Schiffszimmermann das Gelächter auf den Höhepunkt brachte, indem er erklärte, er sei durchaus nicht befriedigt und, um den Verwünschungen der Mehrzahl zu entgehen, sich dahinter verschanzte, daß er aus dem Grunde nicht befriedigt sei, weil sein Glas leer wäre, und auf die Weise Frieden mit ihnen schloß. Jedes Glas im Zimmer wurde aufs neue gefüllt. Jetzt wurde auch den jungen Burschen die Zunge gelöst, und Dick Curtis, der vielversprechende Kricketspieler von Hampshire, rief: »Mr. Moody, Ihr Spezielles! Das 's Ihr viertes Glas, also nun fangen Sie keinen Streit mit mir an!« »Du!« Moody flammte in galligem Zorn auf und nannte ihn dies und jenes und 'n jungen Strolch, wofür die Gesellschaft, welche mehr Auffassung für die verhängnisvolle Wahrheit in Dick Curtis' Bemerkung hatte als für seine Unverschämtheit, Mr. Moody zu einem Lied verurteilte. Er gab ihnen das: »Manch junger Kap'tän schritt über mich hin, Was Wunder, daß ich ein Kahlkopf bin.« mit pointierter Bitterkeit zum besten, und die Anwesenden dankten ihm. Als sie ihn indessen aufstehen sahen, als wolle er gehen, erhob sich ein Sturm verächtlicher Entrüstung, einige sagten, er sei wohl, wie der alte Sedgett, bange vor seiner Frau, andere, daß er wie Nic Sedgett sei und sich blau getrunken hätte. »Bist 'n Sack voll blauer Teufel, o je, o je, o je!« sang Dick, nach der Melodie: »Nun kommen bald die Campbells.« »Nu' möcht' ich doch jeden der Anwesenden fragen,« Mr. Moody schüttelte seine Faust, »ob 'n Mann das aushalten kann? Hast du nicht gesungen,« er wandte sich an Dick Curtis, »hast du nicht in meinen Chorus hineingesungen: ›'s ist kein Wunder, zu hör'n, wie Sie schrie'n, Herr?‹ Das hast du getan!« »Muß sich nicht Mrs. Boulbys Kognak in seinem Gesicht schämen?« Dick wandte sich an alle Anwesenden, »ich frage jeden der hier versammelten Herren!« Anschuldigungen und Erwiderungen gingen hin und her, im Lauf des Wortgefechts nannte Dick Mr. Moody einen Freund von Nie Sedgett, und es kam zu einer Art Verhör. Es wurde bewiesen, daß Moody mit Nic Sedgett zusammen gesehen worden war, und dann fingen drei oder vier an zu behaupten, Nic Sedgett sei sehr intim mit ein paar von den Herren in Fairly – Glück hätte er ja immer. Stephen ließ durchblicken, das könne er bestätigen, er hätte gesehen, wie Mr. Algernon Blancove Nic unterwegs angehalten und mit ihm gesprochen habe. »In dem Fall«, sagte Schlachter Billing, »wird Unheil gebraut. Hat jemals irgendwer Nic und den Teufel zusammen gesehen?« »Ich hab' Nic und Mr. Moody zusammen stehen sehen,« sagte Dick Curtis. »Was denn? Ich konstatier' bloß 'ne Tatsache,« rief er, als Moody aufsprang, allem Anschein nach, um Händel anzufangen, wofür die Versammelten ruhig ihre Vorbereitungen machten, indem sie ihm die Stühle aus dem Weg räumten, aber der Feigling machte sich das Mißverständnis zu Nutze und gelangte, ob schon verfolgt, zur Tür. »Da haben wir 'n Beispiel dafür, was davon kommt, daß wir keinen Präsidenten haben, seufzte der fidele Schlachter. »Nie ist einer so für den Präsidentensessel geschaffen gewesen, wie Bob Eccles, das sag' ich! Na, nun 's unser Abend unterbrochen, ich für meine Person hätt' gern 'n Morgen draus gemacht. Hört mal, da draußen! Wahrhaftig, da schneeballen sie sich!« »Als sie zur Tür kamen, bot sich ihnen der Anblick einer weißen, stillen Erde unter funkelndem Sternenlicht, und des galligen Schiffszimmermanns und Dick Curtis', Mann gegen Mann, jeder mit einem Schneeball in der Hand. Ein kurzes Hin und Her des munteren Kampfes brachte Mr. Moody wieder zum Lachen, und alle schieden vergnügt, mit einem Abschiedsgeschoß, wo sich ihre Wege trennten. »Dem Himmel sei Dank für das Schneien,« sagte Mrs. Boulby, »sonst möchte Gott wissen, wann ich zu Bett gekommen wäre.« Damit schloß sie die Tür des leeren Wirtshauses ab. Kapitel XIX. Robert im tiefsten Elend Die Nacht war warm mit dem frisch gefallenen Schnee, ob auch die Sterne kalt herniederfunkelten. Eine Flucht südwestlicher Regenwolken war mitten am Himmel mit einem scharfen Wind aus dem äußersten Norden zusammengeprallt, und die Feuchtigkeit war gleich einem gewebten Leichentuch herabgesunken und hatte das ganze Land, die Giebel der Häuser und die Bäume eingehüllt. Der junge Harry Boulby war auf See, und dies stille Wetter war gerade, was seine Mutter für ihn wünschte. Die Witwe sah durch ihr Schlafstubenfenster hinaus und horchte auf, als müsse die völlige Stille einen plötzlichen Schrei erzeugen. Der Gedanke an ihren Jungen wandte ihr Herz zu Robert zurück. Sie dachte an Robert, als das gedämpfte Geräusch eines schnell daherkommenden Pferdes sie zwang, die Straße hinaufzublicken, und da sah sie es herankommen – ein Roß ohne Reiter. Im nächsten Augenblick war es außer Sehweite. Mrs. Boulby stand entsetzt. Es schien, als riefe die Stille der Nacht, die über der Gegend lagerte, sie zum Zeugen dafür auf, daß sie ein wirkliches irdisches Gespenst gesehen habe, und der tote Aufschlag der Hufen auf dem schneeigen Grunde in seinem Vorübereilen jagte einen Schauer durch ihre Glieder, als handle es sich um einen Spuk. Aber sie hatte einen Sattel auf dem Pferde gesehen, und die Steigbügel waren geflogen, und das Pferd hatte einen scheuen Ausdruck gehabt. In ihrem Ahnenlassen eines blutigen Erlebnisses war die Szene eine nur allzu irdische. Was, wenn es Roberts Pferd war? Sie versuchte über ihre weibliche Furchtsamkeit zu lachen und mußte doch fast einen Schrei zurückdrängen, während sie es tat. Es gab keine andere Hilfe dagegen, als an die gute Wirkung ihres Kognaks so fest zu glauben, wie ihre Gäste, so ging sie nach unten und nahm einen kräftigenden Schluck, worauf ihr Blut schneller zu fließen begann und das Ereignis rasch in die Schlupfwinkel der Zeit verschwand und sie einschlief. Noch war der Morgen dunkel und die Straßen ohne ein Zeichen des Lebens, als ein Traum von jemand, der an ihrem Grabstein klopfe, sie aufstehen ließ. »Ach, der Kognak!« stöhnte sie. »Das ist der Zoll, den ein armes Weib zu entrichten hat.« Was wir als reuevolles Bekenntnis einer Schuld auffassen dürfen, als deren Opfer sie sich über Nacht gefühlt hatte. Sie wußte, daß guter Kognak keine schlechten Träume schafft, und war selbst überführt. Seltsame Empfindungen durchzuckten sie, als das Klopfen beiblieb, und bald hörte sie von der leeren Straße herauf einen stöhnenden Ruf: »Mutter!« »Mein Liebling!« antwortete sie, zweifelhaft, ob es Harry oder Robert sei, der sie rufe. Ein Blick aus dem offenen Fenster zeigte ihr Robert, der an dem wunderlichen alten Portal lehnte, den Kopf mit einem Tuch verbunden; aber er hatte nicht die Kraft, auf die Entfernung hin eine Frage zu beantworten, und als sie ihn eingelassen hatte, tat er zwei Schritte und brach dann auf der Diele zusammen. Während er da lag, tastete er nach ihren Röcken. Sie rief nach Hilfe, aber mit schnellem Verständnis für den Stolz seines Charakters, wußte sie, was er mit seinem gebrochenen Flüstern wollte, ehe sie noch ihr Ohr seinen Lippen genähert hatte, und sie schwieg, einen so jämmerlichen Anblick sein schwacher Versuch auch bot, sich auf einem Ellbogen aufzurichten, der sich nicht aufrecht halten wollte. Von seinem Kopf floß Blut herab, und Blutflecken waren auf Nacken und Brust. Sein einer Arm war hilflos, seine Kleider waren wie in heftigem Kampf zerrissen. »Ich bin ganz bei Sinnen,« wiederholte er immer wieder, aus Furcht, sie könne ihren Schrei wiederholen. »Gott segne dich für deinen Mut!« rief die Witwe, und da blieben sie, er wie ein Adler mit geknickten Flügeln, von Zeit zu Zeit einen Versuch machend, sich aufzurichten und in fortwährendem Kampf mit seiner verzweifelten Schwäche. Sein Gesicht war zur Erde gekehrt, nach einer Weile war er still. Erschrocken beugte sich die Witwe über ihn: sie fürchtete, er habe den letzten Seufzer ausgehaucht; aber das Kerzenlicht zeigte ihr, wie ihn ein Schluchzen schüttelte, wenigstens schien es ihr so, obschon sie es kaum glauben konnte von diesem männlichen Burschen. Dennoch erwies es sich als wahr, sie sah sogar die Tränen. Er weinte über seine Hilflosigkeit. »O, mein geliebter Junge!« stieß sie hervor, »was haben sie mit dir gemacht? Diese Feiglinge, die sie sind! aber nun hab' Mitleid mit einer Frau, und laß mich irgend jemand rufen, der dich auf ein Bett trägt, Lieber! Und heb' nicht so die Hand zu mir auf, wie 'n angeschossener Vogel. Du bist ganz vollständig bei Sinnen, das weiß ich, ganz bei Sinnen, mein lieber Jung'; aber mir zu Liebe, Robert, du meines Harry guter Freund, nur mir zu Liebe, laß dich in ein reines, schönes Bett tragen, bis ich Dr. Bean holen lassen kann. Bitte, bitte!« Ihre flehentlichen Bitten hatten eine Reihe von angestrengten Versuchen seinerseits aufzustehen, zur Folge, und endlich gelang es ihm, sich auf den Rücken zu drehen und sich mit Hilfe der Witwe so weit aufzurichten, daß er gegen die Wand gelehnt dasaß. Die Veränderung der Lage machte ihn zunächst schwindlig und betäubt. Er versuchte noch einmal den alten Satz herauszubringen, daß er ganz bei Sinnen sei, aber seine Hand schlug gegen die Stirn, ehe er die Worte zu formen vermochte. »Was so 'n Mann doch für 'n Stolz hat,« dachte die Witwe, als der fürchterliche Kampf, auf die Beine zu kommen, wieder anhob; bald tastete er an ihnen entlang bis zum Knie wie mit fragender Hand, hielt dann wieder inne, als müsse er sich besinnen, bald setzte er sich in Positur, als wolle er mit einem Ruck in die Höhe kommen, der jämmerlich mißlang; es war ein Stöhnen und Sich-wieder-zurück-Lehnen, ein in Verzweiflung Versinken und wieder aufs neue Beginnen, mit einer Geduld, wie sie ein in einem Kreise eingeschlossenes Insekt beweist. Die Witwe ertrug seinen Mannesstolz mit Geduld, bis die Art seiner Bewegungen ihren Nerven zuviel wurde, weil sie dieselben an eine Tür erinnerten, die in losgelösten Angeln haltlos kreischt. Sie umfing ihn mit ihren Armen. »Und sollte mir das Rückgrat daran zerbrechen, aber dich da vor meinen Augen zu Tode winden sollst du nicht, ob aus Stolz oder aus Demut, armer, lieber Kerl,« sagte sie, und mit einem gewaltigen Ruck half sie ihm auf die Füße. Er sank über ihre Schulter mit einem so entsetzlichen Stöhnen, daß sie einen Augenblick dachte, sie habe ihn tödlich verletzt. »Gute alte Mutter,« sagte er in knabenhaftem Ton, um sie zu beruhigen. »Ja, und nun wirst du auch so tun, als wenn du mein Sohn wärest,« sagte sie zärtlich zu ihm. Sie redeten miteinander, während sie langsam, Schritt für Schritt, die Treppe hinaufstiegen. »Ein Schlag über 'n Kopf, Mutter – ein Schlag über 'n Kopf,« sagte er. »War es das Pferd, mein Junge?« »Ein Schlag über 'n Kopf, Mutter.« »Was haben sie meinem Jungen Robert getan?« »Sie haben,« er stieß es launig heraus, so schwach er war, und ob ihm gleich alle Pulse vor Schmerz klopften, – »sie haben etwas von deinem Kognak auf mich losgelassen, Mutter – und der 's in meinen Kopf gekommen.« »Wer hat das getan, mein Junge?« »Sie haben's getan, Mutter.« »O, nimm dich in acht mit deinem Fuß, da ist ein Nagel, und o, da 's ein Balken, dein armer Hinterkopf – arme Seele! Da hat er sich noch mal gestoßen! Und sie haben dir das getan? und warum denn?« nahm sie ihr zärtliches Fragen wieder auf. »Sie haben es getan, weil –« »Ja, mein Liebling, warum denn?« »Weil, Mutter, weil sie gerad' dazu Lust hatten.« »Gott im Himmel sei Dank, daß du noch Spaß machen kannst, mein Junge,« sagte die Frau erstaunt und mit aufrichtiger Bewunderung. »Und dem Herrn sei Dank, wenn du nicht schlimm verletzt bist, und daß sie sein hübsches Gesicht nicht entstellt haben,« fügte sie hinzu. Im Schlafzimmer ließ er sich zum Teil von ihr ausziehen, verbat sich aber jeden ärztlichen Beistand und befahl ihr, kein Gerede über ihn zu machen; dann legte er sich hin und schloß die Augen, denn der Schmerz war furchtbar, raste ihm durch den Körper und riß ihn mit einem plötzlichen Ruck zusammen, – raste aufs neue und riß ihn wieder, so oft seine Gedanken sich einen Augenblick von dem dumpfen Wehgefühl freizumachen vermochten. »Mein Liebling,« flüsterte sie, »ich will eben ein bißchen Kognak; holen.« Sie eilte fort, um es zu besorgen. Er war in derselben Lage, als sie mit Glas und Flasche zurückkehrte. Sie goß ein wenig Kognak ins Glas und pries ihn hoch als Heilmittel, und was nicht alles der Kognak für ihn tun würde, aber er wehrte leicht mit der Hand ab, bis sie ihm vorwarf, er sei unfreundlich und verdreht. »Nun, mein liebster Junge, mir zu Liebe – nur mir zu Liebe. Willst du? Ja, du willst, mein Robert!« »Keinen Kognak, Mutter!« »Nur einen kleinen Fingerhut voll?« »Nie mehr Kognak für mich, Mutter!« »Sieh, Liebling, mußt es nicht so ernsthaft nehmen, es ist doch nur, weil du eine kleine Stärkung brauchst.« »Keinen Kognak,« war alles, was er sagen konnte. Sie sah auf die Etikette, welche die Flasche trug. Ach, sie wußte, woher er kam und welche Qualität es war. Sich selbst konnte sie wohl mal 'was vormachen, wenn sie selbst allein in Betracht kam – aber sie schwankte bei dem Gedanken, ihn Robert als eine zuverlässige Medizin aufzuzwingen, obschon er einen angenehmen Geschmack hatte und wirklich, wie sie meinte, für die Kundschaft gut genug war. Sie machte noch einige schwache Versuche, zu seinen Gunsten zu sprechen, aber er bewies seinen Entschluß als unerschütterlich, indem er ein taubes Ohr für sie hatte. Hätte sie selbst vollkommen an ihn geglaubt, würde sie – und sie war sich völlig bewußt, daß sie es hätte können – seinen Kopf aufgerichtet und ihm ihn hinuntergegossen haben. Aber diesen Versuch verbot ihr ihre aufrichtige Liebe zu Robert. Sie brach in ein unbezähmbares Weinen aus. »Halloh, Mutter,« sagte Robert, indem er seine Augen in dem trüben Kerzenlicht, welches ihn umgab, öffnete. »Mein alter Junge, den ich so lieb hab'! Dir nicht helfen zu können! Was soll ich tun, – was soll ich tun?« Plötzlich auffahrend rief er: »Wo ist das Pferd?« »Das Pferd?« »Mein Alter wird morgen nach dem Pferde fragen!« »Ich sah ein Pferd, mein Junge, gerad' eh' ich mein Abendgebet an meinem Bett sprach, ohne Reiter sah ich's die Straße hinunterkommen. Wie Donnergepolter klang's mir in den Ohren. 0, mein Junge, ich dachte, kann das Roberts Pferd sein? – denn ich wußte ja, daß du Feinde hättest, wie jeder brave Kerl sie hat – wobei Gott im Himmel unsere einzige Hoffnung ist!« »Mutter, puff' mich in die Rippen!« Er streckte sich lang aus für die Operation und schloß den Mund. »Tüchtig, Mutter! – und rasch! – Lang' halt' ich's nicht aus.« »O, Robert!« stöhnte die Frau, ganz versteinert, – »dich schlagen?« »Gerade in die Rippen! Mit geballter Faust tu es, – flink!« »Mein Liebling! – mein Junge! – Ich hab' nicht den Mut dazu!« »Ah!« Roberts Brust sank zusammen, aber noch einmal straffte er alle seine Muskeln und sagte: »Jetzt tu es, – tu es!« »O, wenn man in ein schwaches Feuer hineinstößt, so löscht man es aus, Liebling. Du willst mich doch nicht zu einer Mörderin machen, mich, die du Mutter nennst! O, wie ich den Namen lieb habe! Ich will dir gehorchen, Robert! Aber – so!« »Stärker, Mutter!« »Da! Gott verzeih mir!« »So stark du kannst – es ist alles in Ordnung.« »Da! – und da! – o! – Barmherzigkeit!« »Nun drück gegen meinen Magen!« Sie nahm alle Kraft zusammen um seinen Wunsch zu erfüllen, nahm seinen Kopf in ihre Hände und betastete ihn. Der Schmerz der Berührung entrang ihm einen halberstickten Schrei, auf welchen sie mit einem andern antwortete. Er lachte, während er vor Schmerz zuckte. »Du grausamer Jung', über deine Mutter zu lachen,« sagte sie, von dem Laut der Beruhigung, der ihr in diesem lieben menschlichen Lachen lag, entzückt. »So, nicht dein Gehirn so schütteln, das muß ruhig liegen. Und hier ist die Stelle von dem bösen Hieb – und dabei ist er verliebt – das weiß ich! Was würde sie sagen, wenn sie ihn so sähe? Aber eine alte Frau ist die beste Pflegerin, das glaub' nur!« Sie fühlte ihn schwer auf ihrem Arm. ruhen und wußte, daß er ohnmächtig geworden war. Indem sie ihren ersten Impuls zu schreien, erstickte, ließ sie ihn sanft auf das Kissen niedergleiten und klopfte, um ihr Mädchen aufzuwecken. Gemeinsam hatten die beiden alsbald ein Feuer, heißes Wasser, Bandagen, Essig in einer Schale und jede notdürftige Erleichterung, die in Frage kommen konnte, beschafft; das Mädchen befolgte die Anweisungen ihrer Herrin mit einer Art tröstender Ehrerbietung, denn Mrs. Boulby hatte ihr nichts weiter gesagt, als daß ein Mann verletzt sei. »Ich hoffe, wenn es denn doch einer sein soll, daß es der Moody ist,« sagte das Mädchen. »Eine schöne Art Christ bist du ja, muß ich sagen,« antwortete Mrs. Boulby. »Christ oder nicht, man kann doch nich' helfen, was zu wünschen, Ma'm. Man 's doch nich' bloß Hände und Kniee.« »'S wär' besser für dich, du wärst nichts weiter,« sagte die Witwe. Zunge jedenfalls, das merk' dir, bitte, hast du nicht zu sein! Nun kommst du mir nach, – so, und daß du kein Wort sprichst! Du bleibst hinter der Tür stehen und tust, was ich dir sag'. Bist ja 'n Soldatenkind, Susan, da hast du keine Erlaubnis, dich aufzuregen.« »Meine Mutter war oft ohnmächtig,« sagte Susan, um sich gegen jede mögliche Schwäche zu verwahren. »Du kannst leise hineinkucken.« Den Brocken warf Mrs. Boulby ihrer schwachen Weibesnatur zu. Wäre das Mädchen nicht durch das weise Einräumen dieses Vorrechts vorbereitet worden, es hätte niemals ertragen, Roberts Stimme in ihrem rasenden Schmerz zu hören und sich wirklich vorzustellen, daß es Robert, der Liebling von ganz Warbeach, sei, der da zu Schaden gekommen. Da ihre Angst nicht so lebhaft war, wie die ihrer Herrin, weil ihre Liebe geringer war, erschreckten Roberts Späße, während ihm das Blut abgewaschen, das Haar rings um die Wunde abgeschnitten, der Kopf bepflastert und verbunden wurde, sie mehr, als daß sie sie beruhigt hätten. Die Leichtigkeit, mit der er die Sache nahm, war unheimlich, seine Weigerung, trotz allen Zuredens, einen Arzt rufen zu lassen, ganz heidnisch und gleichsam ein Zeichen, als sei er dem Verderben bereits geweiht. Sie glaubte, sein Arm sei gebrochen und schmollte mit ihrer Herrin, daß sie seine Versicherung des Gegenteils so bereitwillig annahm. Vor allem aber fiel ihr seine Weigerung, einen Tropfen Kognak zu nehmen, jetzt, wo er ihm doch gut tun mußte, als ein Beweis für die Torheit der Männer auf, welcher Verständnis entgegen zu bringen alle Frauen sich wappnen müßten. Vieles, was sie nicht verstand, wurde im Zimmer geflüstert, ehe Mrs. Boulby herauskam, ihr nochmals das strengste Schweigen einschärfte und sagte, daß der Kranke nichts anderes trinken wolle als Tee. »Er bat,« sagte sie halb zu sich selbst, »am Morgen, wenn die Sonne nicht hell wäre, die Fenstervorhänge zurückzuziehen, damit er zu unserm Fluß hinuntersehen könne, bis wohin die Schiffe kommen.« »Das klingt, als wenn er daran dächte, am Leben zu bleiben,« bemerkte Susan. »Er!« rief die Witwe, »es ist Robert Eccles. Der gibt nicht nach, und wenn er nur auf 'm halben Zoll stehen könnte.« »Nein?« stieß Susan hervor und staunte ihn an, ohne eine Frage zu riskieren, wie er das anfangen sollte. »Am allerwenigsten,« beeilte sich die Witwe hinzuzufügen, »wenn er dächte, daß er nur Teufel gegen sich hätte. Ich hab' ihn sagen hören: ›der ist ein Narr, der sich gegen Gott wehrt, und der ist ein Schuft, der dem Teufel nachgibt;‹ und das ist ganz mein Robert, von seiner eignen Hand gemalt.« »Aber bringt ihn das nicht so häufig zu dergleichen, Ma'm?« fragte Susan traurig, indem sie den Teetopf auf den Kessel setzte. »Ich glaube, er ist gefeit,« sagte die Witwe. Mit dem ersten Morgengrauen war Mrs. Boulby drunten auf dem Hof von Warbeach, und als man ihr sagte, Farmer Eccles sei in den Ställen, fand sie den unerschütterlichen Bauern selbst damit beschäftigt, Roberts Pferd zu striegeln. »Na, Madam,« sagte er, indem er ihr zunickte, »Sie gewinnen, wie Sie sehen. Ich dacht' es mir wohl, ich hätte d'rauf schwören können, daß Sie gewinnen würden. Kognak ist bei einigen unserer jungen Burschen stärker, als Blut.« »Wenn ich bitten dürfte, Mr. Eccles,« erwiderte sie, »Robert schickt mich, um mich zu erkundigen, ob das Pferd sicher und unverletzt nach Hause gekommen ist.« »Tragen ihn seine Beine noch nicht selbst, Madam?« »Seine Beine sind gnädig verschont geblieben, Mr. Eccles, es ist sein Kopf.« »Dahin, heißt's ja, steigen die geistigen Getränke meist.« »Bitte, glauben Sie mir, Mr. Eccles, wenn ich Ihnen sage, daß er vergangene Nacht nichts als Tee in meinem Hause angerührt hat.« »Das tut mir leid, ich will noch am liebsten, daß er zu Ihnen geht. Wenn er denn trinkt, laß ihn was Gutes trinken, und wie ich höre, stehen Sie ja in dem Ruf, daß es das bei Ihnen gibt. Bitte, bestellen Sie ihm von mir, daß ich ihm ganz freistelle mit sich selbst den Teufel zu spielen, aber nicht mit meinen Tieren.« Der Bauer fuhr bei seiner Arbeit fort. »Nein, Sie sind doch kein harter Mann,« rief die Witwe. »Sie können doch nicht hart sein, wenn ich Ihnen sage, daß er nüchtern war, Mr. Eccles, daß er gestürzt ist und bewußtlos wurde.« »Hab' noch nie gehört, daß ihm so was passiert wäre, Mrs. Boulby, und was mehr ist, ich glaub's nicht. Am Ende sind Sie wegen seiner Sachen gekommen? Seine Tante ist drinnen und wird sie Ihnen geben, und gern. Und ich laß mich Robert empfehlen, und das nächste Mal, wenn er daran denkt, Warbeach zu beehren, soll er lieber vorher schreiben.« Mrs. Boulby machte einen höflichen Knicks. »Sie denken schlecht von mir, Herr, weil ich eine Wirtschaft habe. Aber ich liebe Ihren Sohn, wie mein eigen Kind, und wenn ich mir erlauben darf, das zu sagen, Mr. Eccles, so werden Sie auch noch mal stolz auf ihn sein, ehe Sie sterben. Ich weiß ebensowenig wie Sie, wie er gestern zu Fall gekommen ist, aber ich weiß, daß er nicht getrunken hat, und daß er schlechte Feinde hat.« »Das 's kein Wunder, Madam.« »Nein, Mr. Eccles, das hat ein Mann, der zugleich tapfer und gut ist, früh zu lernen.« »Gut gesagt, Madam.« »Soll ich Robert sagen, daß sein Vater ihm sein Haus verweigert?« »Das hab' ich nicht gesagt, Mrs. Boulby. Mein Grundsatz ist dies: Mein Haus steht meinem Blut offen, solange es nicht geradezu Schande darein bringt, und dann mag ihn jeder haben, wer irgend Anspruch auf ihn erhebt. Ich will ihm kein Geld geben, weil ich davon bess'ren Gebrauch zu machen weiß, und er soll meine Tiere nicht mehr reiten, weil er sie nicht zu behandeln weiß, das ist alles.« »So bleiben Sie also auf der knappen Linie der Pflicht,« faßte die Witwe seine Rede zusammen. »Das hoffe ich zu tun,« versetzte der Bauer. »Das ist immerhin ein Trost,« meinte sie. »So viel man davon braucht,« sagte er. Die Witwe knickste noch einmal. »Ich kam nicht zu Ihnen, um Sie zu beunruhigen, Herr. Robert ist – dem Höchsten sei Dank! – nicht bedenklich verletzt, wenn auch ernstlich.« »Wo ist er verletzt,« fragte der Bauer merkwürdig rasch. »Am Kopfe ist es.« »Was möchten Sie haben?« »Zunächst seinen besten Hut.« »Gerechter Gott!« rief der Farmer. »Na, wenn das seinen Kopf wieder heilmachen kann, der steht zu seinen Diensten.« Ganz elend von seiner Herzlosigkeit verschwendete die Witwe ein wenig Emphase an ihre Schlußbemerkungen. »Erstens möchte er seinen besten Hut haben und seinen Rock und ein reines Hemd, das gibt einem Manne ein besseres Ansehen, Mr. Eccles, und gut auszusehen ist sein Wunsch, denn er gehört nicht zu denen, die ein groß Lamento über sich anstellen, und Doktoren mögen sterben und verderben, ehe er zu ihnen geht. Und um was ich Sie dringend bitten möchte, ist dies, daß, wenn Sie Ihren Sohn sehen, Sie ihn nicht merken lassen, daß ich Ihnen von der Wunde an seinem Kopfe oder von irgendwelchen sonstigen Verletzungen was erzählt habe. Ich wünsch' Ihnen einen guten Morgen, Mr. Eccles.« »Guten Morgen, Mrs. Boulby. Sie sind 'ne ehrenwerte Frau.« »Ja, nun möcht' er mir um 'n Bart gehen,« murmelte sie in ihrer Empörung in sich hinein. Die augenscheinlich medizinisch wirksamen Kleidungsstücke wurden von Tante Anne verabfolgt, ohne ein einziges Wort von Seiten jener blassen alten Jungfer. Die überaus höfliche Feindschaft zwischen den beiden Frauen verleugnete den gähnenden Abgrund zwischen ihnen nicht. Tante Anne brachte ein Bündel herbei und legte den Hut drauf, auf den sie sorglich ein Traktätchen gesteckt hatte: »Des Trunkenbolds Erwachen!« Mrs. Boulbys Auge streifte diese Überschrift voller Zorn und sie dachte bei sich selbst: »O ihr guten Leute! was für eine glühende Lust, euch irgend was anzutun, weckt ihr einem im Herzen!« Sie bezwang ihren Impuls und beruhigte ihre Seele auf dem Heimwege dadurch, daß sie die einzelnen Blätter des Traktats auf die gerade zusammengefegten Kehrichthaufen verteilte, auch warf sie einem neugierigen Schweine, das von einem übelriechenden Trog nach irgend etwas aussah, das ihm der Himmel senden möchte, eines derselben zu. Sie fand Robert, den gebogenen Arm über ein Becken haltend, und Susan, die ihm denselben mit kaltem Wasser und einem Schwämme kühlte. »Keine zerbrochenen Knochen, Mutter!« rief er ihr entgegen. »Ich bin ganz heil, 's ist alles wieder in Ordnung. Diesmal bin ich mit sechs Stunden davongekommen. Ist es Tauwetter? Du brauchst mir nicht zu erzählen, was mein Alter gesagt hat. In 'ner halben Stunde werde ich zum Frühstück fertig sein.« »Herrgott, was 'n gewaltiger Arm!« rief die Witwe. »Na, das ist auch kein Wunder, wie könntest du sonst der Schrecken der Männer sein? Du unartiger Junge, auch nur daran zu denken, dich zu rühren. Hier wirst du liegen bleiben.« »So? Werd' ich?« sagte Robert, und er machte einen Satz, so daß er aufrecht im Bett saß, etwas blaß von der Anstrengung, die ihn auch seelisch angegriffen zu haben schien, denn er fragte etwas zweifelhaft: »Wie seh' ich denn aus, Mutter?« Sie brachte ihm einen Spiegel, und, nachdem Susan fortgeschickt, prüfte er seine Gesichtszüge. »Na, na!« sagte die Witwe, während sie sich auf das Bett setzte, »es ist nicht schwer für mich zu erraten, du hast 'n Stelldichein.« »Um zwölf Uhr, Mutter.« »Mit ihr?« flüsterte sie leise. »Es ist mit einer Dame, Mutter.« »Und lauern doch so viele Feinde ringsherum, Robert, mein lieber Junge. Sag' mir nicht, daß sie dich gestern abend nicht angefallen hätten. Ich hab' nichts gesagt, aber ich könnt's auf die Bibel schwören. Meinst du, du kannst gehen?« »Ach, Mutter, ich geh' nach meinem Gefühl, und weiter darüber nachzudenken, brauch' ich überhaupt nicht. Gott weiß, was ich sonst denken müßte.« Die Witwe schüttelte den Kopf. »Ich glaub', dich hält doch nichts zurück?« »Aus meinem Innern heraus kann nichts es tun, Mutter.« »Kann sie nicht – doch nein, es ist einerlei: Ich hab' kein Recht zu fragen, Robert, und wenn ich irgendwie neugierig bin, so ist es wegen gestern abend, und warum du schlechte Kerls sollst entwischen lassen. Aber was für Gedanken ein Mann darüber hat, das läßt sich nie berechnen; ich sag' nur eins, und das behaupte ich, Nic Sedgett, der 's die Seele von allem Unheil, was hier gegen dich ausgebrütet wird. Und gestern abend behauptete Stephen Bilton oder sonst jemand, Nic Sedgett da oben in Fairly gesehen zu haben.« »Klatscherei, Mutter! Warum sollt' er nicht? Woll'n doch nicht darüber klagen, wenn einer sich ehrlich sein Leben verdient?« »Er hat Galle im Blut, Robert, ich kann nie begreifen, warum ihm der Herrgott nicht 'n garstiges Gesicht gegeben hat. Ich hab' gehört, daß die Mädchen hinter dem Kerl her sind.« »Uff, Mutter, hinter mir sind sie's nicht.« »Will sie dich nicht haben, Robert?« Er lachte. »Wir werden's heute schon sehen.« »Du Schlingel!« rief die Witwe, »als wenn ich nicht wüßte, daß es Mrs. Lovell ist, die du heute treffen willst! Ja, und wollte der Himmel, daß sie sähe, was in dir steckt, denn du solltest niemand anders heiraten, als 'ne geborene Dame.« »Fühl' nur mal in meine Taschen, Mutter, dann wirst du das Reden über mein Heiraten schon ein bißchen sachte angehen lassen. Und nun will ich aufstehen. Ich hab' so 'n Gefühl, als müßten meine Beine noch einmal von vorne an lernen, wie sie mich tragen sollen. Ich hab' meinem guten Alten wahrhaftig von vornherein 'ne gesunde Puste und gute Glieder zu danken, mich kriegt man nicht so leicht unter, siehst du, obschon ich ein- oder zweimal nah genug daran war.« Mrs. Boulby murmelte: »Ja, willst du denn immer noch den Streit mit diesen Herren weiterführen?« Er sah sie fest an, während ein verschmitztes Lächeln in seinen Zügen spielte; dann nahm er ihre Hand und sagte: »Ich will dir ein wenig erzählen, du verdienst es und wirst nichts weiterplaudern. Mein Fluch ist der, daß ich über meine Gefühle nicht reden kann; aber es ist doch keine Schande, ein Mädchen gern zu haben, nicht wahr, selbst wenn es nichts von einem wissen will? Nein, es ist keine Schande. Ich bin mit dem Gelde von meiner lieben alten Tante zu einem Bauern nach Kent gegangen und hab' Landwirtschaft gelernt, – erst vom Militär frei, so wahr –. Aber ich muß mir das Fluchen abgewöhnen. Während der Hälfte der Zeit, die ich weg war, bin ich dort gewesen. Der Bauer ist 'n guter, nüchterner, 'n bißchen trübseliger Mann, – so eine Art verprügelter Engländer, aber das weiß er nicht, zäh und immer rückwärts gehend. Er hat zwei Töchter: eine ging nach London und kam da irgendwie ins Unglück. Für die andere würd' ich mir diese Ader aufstechen lassen und daran zu Tode bluten – und dabei singen; und die haßt mich. Ich wollt', sie tät's! Sie dachte, daß ich solch ein guter junger Mann wäre! Ich trank niemals, ich ging früh zu Bett und war mit den Vögeln wieder auf und an der Arbeit. Mr. Robert Armstrong. Dieser Wechsel meines Namens war wie eine Kopfbedeckung von Blei. Ich war nie ganz ich selbst damit, fühlte mich wie so ein Armsünder – es war unmöglich für ein Mädchen, sich aus so einem Kerl, wie ich einer war, etwas zu machen. Hör' mal zu, Mutter: Sie 's dunkel, wie eine Zigeunerin. Sie ist das treueste, starkherzigste Geschöpf von der Welt. Schwarzes Haar hat sie, große braune Augen, – du sollst sie nur mal sehen! Sie paßt zu mir. Ich könnte zu ihr sagen: ›Stell dich dahin, bewache mir dies oder jenes!‹ und ich könnte mich todsicher auf sie verlassen, – sie würde zu Grunde gehen auf ihrem Posten. Ist die Tür zu? Mach die Tür zu, ich will nicht, daß man mich sieht, wenn ich von ihr spreche. Na, einerlei, ob sie hübsch ist oder nicht. Sie ist keine Dame, aber meine Dame ist sie; sie ist das Weib, auf das ich stolz sein könnte. Sie schickt mich zum Teufel. Ich glaub', in ihre Backen könnt' sich auch 'ne Frau verlieben: die sind so rund und weich und so zart gefärbt. Kannst gern denken, ich war 'n Narr, – ich bin auch einer. Und hier bin ich, weit weg von ihr, und ich fühle es, daß ihr jeden Tag ein Leid geschehen könnte, und sie könnte auftauen und so sein, daß die Teufel in der Hölle sich über mich lustig machen würden. Wer soll sie beschützen, wenn ich fern bin? Was bleibt mir anders übrig, als zu trinken und zu vergessen? Nur, wenn ich danach wieder zur Besinnung komme, fühle ich mich wie 'n kriechendes Gewürm zu ihren Füßen. Wenn ich nur ihre Füße küssen könnte! Ich hab' sie nie geküßt, – nie! Und kein Mann hat sie je geküßt. Verflucht! mein Kopf! Da kommt der Schmerz wieder. Das ist mein letzter Fluch, Mutter. Ich wollte, da wäre eine Bibel zur Hand, aber ich will versuchen, das Versprechen auch so zu halten. Mein Gott, wenn ich an sie denke, dann kommt es mir vor, als müßte alles auf Erden stillhalten und warten, was nun passiert. Ich bin wie 'n Rad, das nicht aufhören kann mit Spinnen. Nun fühl' mal meinen Puls! Warum kann ich ihn nicht ruhig kriegen? Aber da ist sie, und ich könnte diese alte Welt aufknacken, um zu sehen, was daraus werden mag. Ich war so sanft wie Milch all' die Tage, wo ich in ihrer Nähe war. Mein Trost ist, daß sie mich nicht kennt. Und das ist zugleich mein Fluch. Wenn sie es täte, dann müßte es ihr so klar sein wie der Tag, daß ich zu ihr passe, zu ihr gehöre, gerade der Mann für sie bin. Ich bin es, beim Himmel! – das ist ein erlaubter Schwur. Gerade die Seele zu sehen, deren ich bedarf, und sie nicht haben sollen! Nun bin ich hier, Mutter, sie liebt ihre Schwester, und ich muß erfahren, wo ihre Schwester zu finden sein mag. Einer von den Herren dort oben in Fairly ist der Schuldige. Ich sage nicht welcher, vielleicht weiß ich's gar nicht. Aber o, was für eine Menge Blitze sehe ich hinten in meinem Kopf!« Robert fiel auf das Kissen zurück. Mrs. Boulby wischte sich die Augen. Ihr Mitgefühl und ihre Liebe für den leidenschaftlichen jungen Mann hatte sie überwältigt, und sie setzte ihre Gefühle ins Praktische um, indem sie überlegte: »Ein Rumpsteak verträgt sein armer Magen noch nicht.« Er schien derselben Meinung zu sein, denn als er, nachdem er bis elf Uhr liegen geblieben, aufstand und am Frühstückstische erschien, aß er nichts als einige Brocken trockenen Brotes. Es war komisch, die unendliche Sorgfalt zu beobachten, mit welcher er die Tadellosigkeit seines Huts und Rocks prüfte, die nervösen Blicke, die er auf die Uhr warf, während er diese Kleidungsstücke umständlich abbürstete und anlegte. Der Hut wollte nicht sitzen, wie sonst, wegen der Beule auf seinem Kopfe, und er stand vor dem Spiegel wie ein Weib, das mit seiner Putzmacherin schmollt, bald preßte er den Hut herunter, bis der Schmerz unleidlich wurde, bald versuchte er, ob es ihn einigermaßen kleidete, wenn er ihn so trüge, wie die Umstände es verlangten. Er beschäftigte sich so lange damit, bis Mrs. Boulbys Ausruf des Erstaunens ihn die Gedanken ahnen ließen, die andern bei dieser Beobachtung aufsteigen mochten. In unserm allerinkonsequentesten Handeln liegt oft gerade der beste Schlüssel zu unserm Charakter, und wieviel seine durch Rhoda verwundete Eitelkeit mit seinem ganzen Auftreten in Warbeach zu tun hatte, wäre ungerecht, eben jetzt in Erwägung zu ziehen, weil seine edleren Eigenschaften dadurch in den Schatten gestellt werden könnten; aber bis zu welchem Grade sie mitsprach, wird sich bald zeigen. Auf Mrs. Boulbys Zureden nahm er einen derben Spazierstock ihres Mannes mit silberner Krücke mit, ein aus dem Holz des »Royal George« geschnitztes Andenken, auf welchen gestützt, er mehr das Ansehen eines pensionierten Seemanns hatte, als ihm lieb gewesen wäre zu wissen. So ging er zu dem verabredeten Stelldichein mit der Dame. Kapitel XX. Mrs. Lovell führt ein zahmes Tier vor Der Rasenabhang des Parks von Fairly, jetzt weiß von Schnee, zog sich in langen Wellenlinien bis zum Salzwasser hinunter, und unter den letzten tief herniederschleppenden Eichen war eine mit Ginster bestandene Schneise, die im Sommer grün, jetzt mit einer schweren blütengleichen Last des irisch gefallenen Schnees bedeckt war. Hier saß Mrs. Lovell zu Pferde, allein, die behandschuhte Hand in die Hüfte gestemmt, sehr reizvoll und mit der Landschaft in Einklang gekleidet. Sie erwartete einen Reiter und bemerkte das Nahen eines Fußgängers nicht, doch neigte sie ruhig grüßend das Haupt, als Robert den Hut zog. »Man sagt, Sie seien toll. Sie sehen, ich habe Zutrauen zu Ihnen.« »Ich wollte, ich vermöchte Ihnen für Ihre Güte zu danken, gnädige Frau.« »Sind Sie krank?« »Ich bin gestern abend gestürzt, gnädige Frau.« Die Dame klopfte den Hals ihres Pferdes. »Ich habe keine Zeit, darauf einzugehen. Sie verstehen, daß ich Ihnen nicht mehr als eine Minute schenken kann.« Sie warf einen Blick auf ihre Uhr. »Wir wollen sagen, genau fünf. Um gleich anzufangen: Ich kann nicht vorgeben, nichts von der Angelegenheit zu wissen, die Sie hier herunter führt. Ich werde mir nicht anmaßen, Ihnen die Leviten darüber zu lesen, wie Sie vorgehen, aber lassen Sie mich Ihnen die bestimmte Versicherung geben, daß der Herr, welchen Sie in dieser eigentümlichen Art anzugreifen belieben, weder gegen Sie, noch gegen irgend jemand sonst, ein Unrecht begangen hat. Es ist daher schmählich ungerecht, ihn im besonderen zu belangen. Sie wissen, daß es für ihn ausgeschlossen ist, sich mit Ihnen zu schlagen. Ich spreche deutlich.« »Ja, gnädige Frau,« sagte Robert, »und ich will deutlich antworten. Er kann sich mit einem Manne, wie ich bin, nicht schlagen. Das weiß ich. Ich trage ihm das nicht nach. Ich glaube wohl, daß er in dieser Angelegenheit völlig unschuldig ist, soweit es sich um ein Tun handelt.« »Das macht Ihr Benehmen gegen ihn um so schlimmer.« Robert blickte ihr in die Augen. »Sie sind eine Dame. Sie werden nicht über das entsetzt sein, was ich Ihnen sage.« »Ja, ja,« sagte Mrs. Lovell hastig, »ich habe von der Sache – ich weiß von der Geschichte. Es ist jemand unrecht getan worden, oder wenigstens denken Sie das. Ich behaupte nicht, daß Sie toll sind, aber, gütiger Himmel, wie sind Sie vorgegangen! Wirklich, mein Herr, Ihre Gefühle mögen noch so stark dabei engagiert sein, aber Sie gehen auf eine ganz untunliche Art zu Werke.« »Nicht, wenn ich mir Ihre Hilfe dadurch habe erwerben können.« »Das ist ritterlich gesagt.« Sie lächelte mit ungezwungener Anmut. Im nächsten Augenblick sah sie auf ihre Uhr. »Die Zeit ist rascher vergangen, als ich vorausgesehen habe. Ich muß Sie verlassen. Lassen Sie uns dies Übereinkommen treffen.« Sie senkte die Stimme. »Sie sollen die erforderliche Adresse haben. Ich selbst will es übernehmen, sie aufzusuchen, wenn ich das nächste Mal in London sein werde. Das wird bald sein. Dafür bitte ich Sie, mein Herr, um Ihr Ehrenwort, diesen Herrn nicht weiter zu belästigen. Wollen Sie mir das geben? Sie dürfen mir vertrauen.« »Das tue ich, gnädige Frau, von ganzem Herzen!« sagte Robert. »Das genügt mir. Mehr verlange ich nicht. Guten Morgen.« Ihr Abschiedsgruß geleitete ihn wie eine Vision. Ihre Stimme klang ihm in den Ohren wie Harfenton. Die Farbe ihres Reitkostüms an diesem Tage, das mit der schneebedeckten Erde harmonierte, sowie die gütige Mission, die sie auf sich genommen hatte, trugen dazu bei, sie seiner lebhaften Einbildungskraft wie ein göttliches Wesen erscheinen zu lassen, das er im Herzen segnete. Zum erstenmal in seinem Leben dachte er mit Bitterkeit, ein wie großes Glück dem Höhergeborenen zufalle, mit einem so anbetungswürdigen Geschöpfe zusammenzukommen und mit ihm wie mit seinesgleichen reden zu dürfen, und er gedachte Rhodas als eines derb irdischen Wesens, in ihrer Kälte so abstoßend wie jener schwarze Wassergürtel sich gegen den Schnee am Ufer abhob. Er ging ein paar Schritt in den Spuren von Mrs. Lovells Pferd, bis ihm sein Tun allzu anmaßend erschien, obschon es ihm geradezu verhaßt vorkommen wollte, umzuwenden und seine Schritte nach der entgegengesetzten Richtung zu lenken; so blieb er stehen, allem Anschein nach tief in die Betrachtung eines Kriegsschiffes und der Bäume des Waldes hinter seinen Masten versunken. Sein Herz klopfte, sei es durch die Ermüdung des Stehens, sei es vor Erregung so laut, daß er nichts hörte, nicht einmal das Gelächter näherkommender Menschen; aber plötzlich aufblickend sah er, wie in einem Bilde Mrs. Lovell mit einigen Herren zu Pferde im Schritt auf sich zu kommen. Die Dame sah leise über seinen Kopf hin und grüßte ihn im Vorüberreiten mit einem ruhigen Blick des Erkennens, ein oder zwei der jüngeren Herren gafften ihn spöttisch an. Edward Blancove ritt neben Mrs. Lovell. Seine Augen hefteten sich mit eindringlicher Aufmerksamkeit auf Robert, und Robert betrachtete ihn ebenso gründlich, obschon er nicht wußte, warum. Sein Blick hatte etwas von dem offenen Blick eines Kindes, und er hatte ein kindisches Gefühl währenddessen, als versage sein Hirn den Dienst. Einer der älteren Herren, von militärischem Äußeren, warf sich in die Brust und sagte, während er mit der einen Hand seinen Schnurrbart strich, halb herausfordernd: »Sie sind nicht beritten heute?« »Ich habe nur ein Pferd,« antwortete Robert einfach. Algernon Blancove kam als letzter. Er redete seinen Feind weder an, noch würdigte er ihn eines Blickes, er umkrampfte nur fest seine Reitpeitsche. Alle ritten vorüber und schlossen sich einige Schritt weiter zu einer Reihe zusammen, und wieder hörte man ihr Lachen, während sie sich zu der Dame hinüberbeugten. »Komisch, an einem Tag wie heute, die Pferde herauszuführen,« dachte Robert und sank in die vorherige Träumerei zurück. Die Spur der Dame führte ihn jetzt heimwärts, denn er hatte keinen eigenen Willen. Als er um die Ecke der Landstraße bog, sah er zu seiner Verwunderung Mrs. Boulby an der Hecke stehen. Sie schrak zusammen wie eine Bettlerin mit einem schuldbewußten Gesicht. »Mein Lieber,« sagte sie, um ihr Dortsein zu rechtfertigen, »ich würde mich nicht eingemischt haben, wenn es sich um ein ehrliches Spiel handelte. Dazu bin ich allzusehr Engländerin. Ich habe dabei gestanden, als wenn du mir völlig fremd wärest. Vor einer Frau treiben die Männer immer ein ehrliches Spiel. Darum bin ich hergekommen, falls dieses Stelldichein vielleicht eine Falle für dich hätte sein sollen. Nun kommst du mit nach Hause, nicht wahr, und bist mir nicht böse?« »Ich will jetzt in den alten Piloten kommen, Mutter,« sagte Robert, während er ihr die Hand drückte. »Das 's recht! Und du bist mir nicht böse, daß ich dir nachgegangen bin?« »Folg' du nur deiner eignen Spur, Mutter!« »Das tat ich auch, Robert, und schön ärgerlich bin ich, wenn ich mich nicht in dem versehen habe, was ich zu hören meinte, als die Dame da und ihre Begleiter vorbeiritten, ohne sich an die Ohren einer alten Frau zu kehren. Sie hatten eine Wette deinetwegen gemacht, Robert.« »Dann hoffe ich, die Dame hat sie gewonnen,« sagte Robert, fast ohne zuzuhören. »Sie hat auch gewonnen. Sie sollte dich dazu kriegen, sie zu treffen und dich zu ergeben und dich sozusagen für besiegt zu erklären, soweit ich ihr Geschwätz verstehen konnte; die Vornehmen lachen immer so, wenn sie reden, und sie können sich's ja auch leisten zu lachen, denn sie kommen ja doch immer am besten dabei weg. Aber ich bin wütend. Ich hatte so 'n Gefühl, als wenn ich platzen sollte. Natürlich, ich will ja auch, daß du friedlich sein sollst, aber ich mag nicht, daß man meinen Jungen zum Gegenstand einer Wette macht!« »Still, Mutter, still,« sagte Robert ungeduldig. »Ich hab 's doch gehört, Robert, und wie sie der Dame zu ihrem Erfolg Glück wünschten, während sie vorüberritten. Wenn es dich ärgert, daß ich sowas denke, mein alter Junge, denn will ich 's wirklich lassen. Ich sehe, es nimmt dich mit, denn da bist du wieder an deinem Hut. Es muß einen ja auch mitnehmen, wenn man so zum Gegenstand einer Wette gemacht wird. Ich hab' so 'n Gefühl, daß, wenn du nur ganz fix und kräftig wärest, solltest du dich mit ihnen allen schlagen. Hübsch genug aussehen tut die Dame ja, das steht fest, so feine Knochen und so schlank und so blond.« Robert fragte, welchen Weg sie eingeschlagen hätten. »Zurück zu den Ställen, mein Junge. Ich hörte, wie sie es sagten, weil einer der Herren sagte, nun sei die Komödie ja vorüber, und die Dame habe den Tag gewonnen, und der Schnee ballte sich unter den Hufen der Pferde, und so war 's besser, schnell umzukehren, ehe Mylord sie draußen sähe. Und ein anderer sagte, du wärest ein Wilder, den sie gezähmt hätte, und du müßtest ein Halsband tragen, sagten sie, auf dem Mrs. Lovells Name eingraviert wäre. Aber ärg're dich nicht, du weißt ja doch, daß sie nicht meines Roberts Freunde sind. Und ich versichere dich, Robert, dein Hut 's so hübsch, wenn du ihn nur bequem sitzen lassen wolltest, aber wenn du soviel daran 'rumfummelst, wirst du den Rand noch ganz ruinieren. Am allerbesten machst du dich, – das hab' ich immer gesagt, – wenn du dich zum Boxen zurecht gemacht hast. Hüte, die sind was für die Vornehmen, und stehen ihnen, als wenn sie ein Titel für ihren Kopf wären, obschon du ruhig Baron Robert heißen könntest, das könntest du wahrhaftig, und wenn ich das bedenk', dann steht dir der Hut sehr nett, gar nicht so, wie die gewöhnlichen Sonntagshüte, nur scheint mir, ist er dir nicht bequem. O, o, meine Zunge ist 'ne Elle zu lang. Es is' immer der arme Kopf, der dir weh tut, und daß ich das vergessen kann! Das kommt davon, daß du nie so tust, als ob du krank bist; – o, ich weiß noch, wie hübsch du den einen Tag aussahst, auf dem Feld hinter unserm Haus, bei dem Wettboxen mit dem Bootsführer Simon Billet; und da haben sie auch deinetwegen gewettet, denn mein Mann wettete auf dich, und davon kommt es, daß ich daran hab' denken müssen, zu vergleichen, wie du mit 'nein Hut aussiehst und ohne Hut.« So plauderte Mrs. Boulby den ganzen Weg. Ein wenig seitab von der Landstraße war ein kleiner Hügel, von wo aus man die Ställe in Fairly übersehen konnte. Robert verließ sie und ging auf diesen Punkt, von wo .aus er die Reiter mit den Stallknechten sah, wie sie sich an den Köpfen ihrer Pferde zu schaffen machten. »Gott sei Dank, ich bin doch nur fünf Minuten lang ein Narr gewesen,« das war das Resümee seiner Empfindungen, das er bei diesem Anblick zog. Er schloß die Augen und betete aus Herzensgrund, daß er nur niemals wieder Mrs. Lovell begegnen möchte. Es war ihm unmöglich, sich der Einsicht zu erwehren, daß sie ihn zum Narren gehalten habe, dennoch ließ ihn sein ritterlicher Glauben an die Frauen an der Überzeugung festhalten, daß sie, nun sie Dahlias Geschichte wisse, alles, was in ihren Kräften stehe, für das arme Mädchen tun und ihm ihr Wort halten werde. Das Hämmern in seinem Kopf hinderte alles weitere Denken. Es war äußerst heftig geworden. Er versuchte, seine Gedanken zu sammeln, aber der Versuch glich dem eines im Halbschlaf Träumenden, den Zusammenhang eines Traumes zu erfassen, wenn gleich darauf völlige Finsternis alles Gesagte und Geschehene verschlingt. In seiner Verzweiflung dachte er liebevoll an Mrs. Boulbys Kognak. »Mutter«, sagte er, nachdem er sie eingeholt hatte, »ich hab' die Idee, wenn ein Mann im Bett liegt, kann ihm Kognak nichts tun. Ich will zu Bett geh'n, und du braust mir 'n Grog und sorgst dafür, daß keiner mir nah kommt, und wenn ich anfangen sollte, zu phantasieren, dann denk' nur, daß es nichts weiter ist, als 'n Gekritzel auf leerem Papier.« Die Witwe versprach feierlich, all seinen Wünschen zu gehorchen, aber er hatte bereits angefangen zu phantasieren, ehe er noch ausgezogen war. Er rief wiederholt nach Major Waring, von den Mrs. Boulby ihn liebevoll hatte sprechen hören, als von einem Herrn, der sich nicht schäme, sein Freund zu sein; zuerst machte er ihm Vorwürfe, daß er nicht hier sei, und dann rief er ihn aufs zärtlichste, indem er ihn Percy nannte, und warf sich selber vor, daß er ihm nicht geschrieben habe. »Zwei gegen einen, und im Dunkeln!« stöhnte er immer wieder, »und ich bin einer gegen zwanzig, Percy, und an hellichtem Tage. Ist das ehrliches Spiel, frag' ich dich?« Roberts Rufe wurden alles andere als ›ein Gekritzel auf leerem Papier‹ für die Witwe, als er Nic Sedgetts Namen erwähnte und sagte: »Kuck dir nur seine rechte Schläfe an, ich hab' ihn ein zweites Mal gezeichnet.« An seinem Bett stehend, knüpfte Mrs. Boulby, ein Stückchen ans andere fügend, die Geschichte jenes schändlichen mitternächtlichen Überfalls, welcher ihren tapferen Jungen blutend vor ihr Haus gebracht hatte, zusammen. Sie verstand, daß Nic Sedgett der Helfershelfer einer der Herren in Fairly gewesen sein mußte, welches, konnte sie indessen nicht heraus bekommen, und folglich setzte sie die Sache aufs Konto Mr. Algernon Blancoves. Durch eifrige Erkundigungen erfuhr sie, daß Algernon in Gesellschaft des schändlichen Nic gesehen worden sei, wie auch, daß Nicodemus' Antlitz sich dem hatte bequemen müssen, den Trost kalter Umschläge anzunehmen, was eine ausreichende Bestätigung war. Als die Nacht herabsank, war Robert in den Händen des Doktors, ohne Bewußtsein davon, daß Mrs. Boulby ihr Abkommen verletzt habe. Sein Vater und seine Tante wurden von seinem Zustand in Kenntnis gesetzt und bereiteten sich beide darauf vor, ihre Häupter unter das Ende eines gottlosen Lebenswandels zu beugen. Ganz Warbeach wußte, daß Robert in Gefahr sei und glaubte, er liege im Sterben. Kapitel XXI. Gewährt einen Einblick in allerhand jämmerliche Gemeinheiten Mrs. Boulbys Ohren hatten sie nicht betrogen: es hatte sich wirklich um eine Wette gehandelt, und hätte Mrs. Lovell ihre Wette nicht gewonnen, der Tag wäre für Robert ein äußerst verhängnisvoller geworden. Was in Warbeach für Heldenhaftigkeit galt, nannte man auf Fairly die Gewalttätigkeiten eines Lumpen. Den Herren dort galt der Mann, obschon der Augenschein dagegen sprach, für einen dreisten Raufbold und einen wütenden Narren. Man dachte zunächst daran, ihn vor Gericht zu ziehen, aber hiergegen erhob Algernon Einspruch, indem er mit solcher auffälligen Großmütigkeit erklärte, er sei bereit, selbst seinen Mann zu stehen, daß man wohl durchschaute, daß dieser Mensch eine Art Anspruch an ihn zu erheben berechtigt war. Lord Elling indessen erklärte, als ihm diese systematischen Angriffe auf einen seiner Gäste zu Ohren kamen, seinen bestimmten Vorsatz, die Polizei in Bewegung zu setzen. Algernon hörte dies wie das Grabgeläut seines Besuchs. Er fühlte sich zu glücklich, um freiwillig fortzugehen und die große Judenstadt London war ihm zurzeit ein wenig heiß geworden, aber hierzubleiben und eine Bloßlegung seiner verflossenen militärischen Laufbahn zu riskieren, war nicht möglich. In seiner Verzweiflung zog er Mrs. Lovell vollkommen ins Vertrauen, durch welches Vorgehen er nur die Umrisse zu dem ausfüllte, was sie – hinsichtlich Edwards – bereits wußte. Er war der Dame zu nützlich, als daß sie es sich leisten konnte, ihn gehen zu lassen. Kein anderer Jüngling nannte sie zum Dank dafür, daß sie allerhand seltsame Geschichten über Menschen und ihre Kalamitäten gleichmütig anhörte, einen »Engel«, niemand holte und trug ihr alles, wie Algernon, und sie war eine Frau, die eine hündische Ergebenheit liebte, ja, sie nicht entbehren konnte. Sie hatte auch die Absicht, dieselbe zu belohnen. Auf ihre Vermittelung hin war Robert eine Bekanntschaft mit der Magistratsbehörde erspart geblieben. Sie nahm seine Untaten leicht und versicherte jedem, ein so vorzüglicher Reiter verdiene eine etwas andere Behandlung, als sonstige Missetäter. Die Herren, welche eine Unterredung mit Farmer Eccles hatten, verstanden sich hierzu auf den von ihr geäußerten Wunsch hin. Daran schloß sich die Szene in Dipley Marsh, deren Beschreibung Stephen Bilton den im Piloten Versammelten geliefert hatte; bei dieser Gelegenheit hatte sie wahrgenommen, daß Robert an seidenem Fädchen zu lenken sei und hatte eine Wette vorgeschlagen, daß sie ihn gezähmt vorführen wolle. Sie gewann ihre Wette und befreite damit die Herren aus der fatalen Lage, sich schmutzige Hände zu holen, die unvermeidlich schien:; sie dankten es ihr und entrichteten Algernon, den sie zu ihrem Schatzmeister ernannt hatte, ihr Geld. Man taufte sie die »Mannesbändigerin«, welches Kompliment sie sich anmutig gefallen ließ. Oberst Barclay, der schnurrbärtige Reiter, der im Vorbeireiten die paar Worte an Robert gerichtet hatte, bemerkte, der militärische Beruf sei fortan hinfällig. »Ich strecke die Waffen,« sagte er ritterlich. Ein anderer meinte, hinfort würden die Damen, statt ein Kreuzen der Waffen nur zu verursachen, zu einem solchen aufrufen. »Similia similibus etc.,« sagte Edward. »Augenscheinlich können sie heilen, was sie hervorrufen.« »Ach, unser armes Geschlecht!« Mrs. Lovell seufzte. »Und ob wir auch ein Reich des ewigen Friedens heraufführen, ihr werdet, bin ich überzeugt, selbst dann nicht aufhören, etwas gegen Eva vorzubringen.« Der ganze Rückweg zu den Ställen war ein. Kreuzfeuer galanter Redensarten. »Bei Gott! aber er hätte sich auf die Knie niederlassen müssen, wie ein Pferd, das man gezähmt hat,« sagte Lord Suckling, der junge Gardeoffizier. »Ich möchte doch einen Unterschied zwischen einem Pferde und einem wackeren Manne markieren, Lord Suckling,« sagte die Dame, und Mrs. Lovell wußte ihre Würde so gut zu wahren, so oft eine Anspielung auf Robert gemacht wurde, und ihre Schlagfertigkeit und Anmut waren so bewunderungswürdig, daß keinem einzigen von denen, welche mit ihr ritten, der Gedanke kam, über ihr Benehmen zu Gericht zu sitzen. Frauen vermögen eine eigene Sphäre, eigene Gesetze für sich zu schaffen, wenn sie ihr Recht auf Exzentrizität als etwas ganz Selbstverständliches für sich in Anspruch nehmen und sich inzwischen immer wieder als formvollendete Gesellschaftsdamen zu zeigen wissen. Mrs. Lovells Zeit für diese wichtige Wiederherstellung ihrer Position war der Abend, und manch alberner Junge, der den Tag über lustig genug mit ihr entlang gesegelt war, erlitt Schiffbruch, wenn er sich auf die Gebiete wagte, die sie als die Herrin des Salons beherrschte. Da sie überdies nicht aus Eitelkeit, sondern einfach, weil es ihrer dereinstigen Geschmacksrichtung und ihren jetzigen Bedürfnissen entsprach, exzentrisch war, vermied sie jede burschikose Ausdrucksweise und alle äußeren Merkmale der Exzentrizität. So löste sie das schwere Problem, einen ehrerbietigen Enthusiasmus in den jungen Leuten aufrechtzuerhalten, so daß die Lobpreisungen, mit denen sie nicht zurückhielten, sie nicht (wie dies, sobald sie laut werden, so leicht kommt) zu ihrem Niveau herabzogen, und die Frauenwelt, welcher gegenüber sie sich jeden Abend ihres Lebens so durchaus weiblich und schmiegsam zimperlich gab, wie es irgend zur Neubefestigung ihres Rufes erforderlich war, erkannte ihre Zugehörigkeit voll an, was für einen wagemutigen Geist ihres Geschlechts sehr viel, ja, in der Tat die einzig sichere Operationsbasis bedeutet. Jedermann weiß, daß der Glaube der Männer an eine Frau, die ihre Schwestern kühl behandeln, vielleicht gar zum Teil verleugnen, ein schwankender ist, wie stark sie auch in ihrem Zauber befangen sein mögen. Auf der andern Seite mag sie sich der größten Wunderlichkeiten schuldig machen, ohne daß ihre Hochachtung dadurch beeinträchtigt wird, wenn sie sich nur innerhalb des Kreises der Frauen behauptet. Aber was für ein verhängnisvoller Hauch ging von Mrs. Lovell aus, der die Männer immerwährend zu gegenseitiger Feindseligkeit entflammte? Welche Ermutigung hatte sie Algernon zuteil werden lassen, daß Lord Suckling dadurch auf ihn eifersüchtig werden mußte? Und welche Lord Suckling, daß Algernon den Anblick des jungen Lords haßte? Und warum lag jedem der beiden so viel daran, vor einer so hervorragenden Friedensstifterin ihre Mannhaftigkeit im Kampfe darzutun? Edward lachte: »Ah-ha!« und rieb sich die Hände ob der besonderen Bestätigung seiner Prophezeiung, als Algernon in sein Zimmer trat und sagte: »Ich werde mich mit diesem Kerl, dem Suckling, schlagen. Hol's der Teufel, ich kann gegen seine Unverschämtheit nicht mehr an. Mich verlangt nach einem Kugelwechsel mit einem meinesgleichen, gerade um es Peggy Lovell zu zeigen. Ich weiß, was sie denkt.« »Gerad' um es Mrs. Lovell zu zeigen!« wiederholte Edward. »Das hat sie unzählige Male gesehen, mein lieber Algy. Komm, das scheint mir Ernst zu werden. Ich war überzeugt, sie würde diese ewige Friedens-Wassersuppe bald satt haben!« »Ich sag' dir, sie hat nichts damit zu tun, Ned. Sei nicht so verdammt ungerecht! Sie hat mir doch nicht gesagt, daß ich ihn aufsuchen sollte. Was kann sie für sein albernes Gelispel. Und dann sieht sie zu mir herüber, und ich schwöre, ich will mich nicht von einer Frau verteidigen lassen. Sie muß ja glauben, daß ich nicht so viel Mut wie'n Floh habe. Ich weiß, was sie für 'ne Idee von jungen Leuten hat. ›Nun‹, sagte sie neulich zu mir, als Suckling von ihr fortging, ›das ist also unsere Garde?‹ Ich werd' mich mit ihm schlagen.« »Tu's doch!« sagte Edward. »Willst du meine Forderung übernehmen?« »Ich bin ein Advokat, Mr. Mars.« »Du willst nicht die Forderung eines Freundes übernehmen, wenn er beleidigt ist?« »Ich kann dir nur wiederholen, ich bin Advokat. Aber eins will ich tun, wenn du willst. Ich will zu Mrs. Lovell gehen und ihr sagen, daß du dich auf Pistolen schlägst. Das wird deinen Zweck ja schon erfüllen. Wahrscheinlich wird es ihr eine Enttäuschung sein, da sie die Geschichte ja wird inhibieren müssen, aber der Frauen Bestimmung ist es nun einmal, enttäuscht zu werden – sie verlangen so viel.« »Auf eine oder die andere Art will ich mich mit ihm schlagen,« sagte Algernon, finster vor sich hinblickend, dann hellten sich seine Mienen plötzlich auf: »Was ich sagen wollt', deichselte sie diese Geschichte heute morgen nicht großartig? Keine zweite Frau der Welt hätte das fertig gebracht.« »Oh, Una und der Löwe! Mrs. Valentine und Orson! Hast du mit den übrigen gewettet?« fragte sein Vetter. »Ich hab 'n Zehner verloren, aber was macht das!« »Fünf kommen noch hinzu für den Sedgett. Was macht das!« »Nein, verflucht!« rief Algernon. »Du hast deine Zehn für einen leeren Schatten fröhlich gezahlt. Nun zahl' auch deine fünf für die Wirklichkeit.« »Willst du damit sagen, daß Sedgett –« Algernon starrte ihn an. »Wenn du einem Wunder genau zu Leibe rückst, Algy, wirst du ihm meistens irgendwie den Weg im voraus geebnet finden, und das Wunder der Allmacht weiblicher Überredungskunst, das sich heute morgen vor uns abspielte, stand nicht ganz außer Zusammenhang mit der vorbereitenden Tätigkeit eines Schurken.« »So, darum hast du also nicht gewettet.« Algernon illustrierte das Sich-Öffnen seines Verständnisses durch seine Augenlider, während er der plötzlichen raschen Ideenfolge in seinem Innern durch verschiedene ›Weiß der Teufel!‹ und ›Alle Wetter!‹ zu Hilfe kam. In das Geheimnis hättest du mich übrigens einweihen können, Ned. Ich will gern soviel Zehner wegen Peggy Lovell verlieren, wie's sein soll, aber so völlig im Dunkeln tappen tut doch schließlich keiner gern.« »Mit Ausnahme dessen, der ein großes Licht trägt, um als allgemeiner Erleuchter zu gelten. Laß uns die Sache fallen lassen. Sedgett hat dir eine rechte Unannehmlichkeit erspart. Bring' ihm seine fünf Pfund.« »Ich pfeif auf die Unannehmlichkeit, mein guter Ned!« fühlte Algernon sich bewogen zu erwidern. »Ich beklage mich nicht, und ich habe mein Bestes getan, dir den Rücken zu decken, und da du die Sache mit dem Kerl in Ordnung gebracht hast, sage ich gar nichts. Aber unter uns gesagt: wer ist der schuldige Teil, und wer ist das Opfer?« »Hat er nicht behauptet, er hätte dich in seiner Macht?« »Ich erinnere mich nicht.« »Schön, ich hab's gehört. Der dreiste Bengel sagte, bestechen ließe er sich nicht, so blieb nur ein Weg übrig, ihn zum Schweigen zu bringen, und du siehst, was 'ne Tracht Prügel bei einem Tier dieser Art vermag. Ich lasse niemals einen Freund im Stich, Algy, merk' dir das. Bring' Sedgett die fünf Pfund.« Algernon ging mit großen Schritten durchs Zimmer. »Zuerst schiebst du mich in einem Theater vor, so daß ich mit einem Mädchen gesehen werde, und dann stellst du dich hinter mich und läßt mich mit Steinen bewerfen,« fing er brummend an. »Und verlangst Geld von 'nem Kerl, der keinen Heller hat. Ich hab' buchstäblich keinen Heller, bis das Pferd, Templemore, rennt, und dann will ich, weiß Gott, meine Schulden bezahlen. Juden sind gräßliche Wesen!« »Wieviel hast du augenblicklich nötig?« sagte Edward, seinen Appetit für ein Darlehn damit schärfend. »O fünfzig, das heißt, diesen Augenblick. Es kommt wohl näher an tausend 'ran, wenn ich zur Stadt komme. Und woher soll ich's nehmen? Aber es ist einerlei. Wahrhaftig, ich hab' Mitgefühl mit dem Fuchs, den ich hier zu Tode hetze. In London fühl' ich mich absolut in seiner Lage. Übrigens, wenn ich dir irgendeinen Gefallen tun kann, Ned« – Edward lachte. »Du hättest mir den Gefallen tun können, dich dem Squire gegenüber, als er hierher kam, nicht in einer Weise zu entschuldigen, die mich bloßstellte.« »Aber ich stand so schauderhaft gebrandmarkt da, Ned.« »Du hattest doch 'ne Art Genugtuung dadurch, wie der Squire sich seinem Bruder gegenüber so aufblähte. Und eine Zeitlang blähte er sich doch gehörig.« »Auf Ehre, Ned, was das Blähen anbetrifft, er reiste mit einem Fluch auf mich ab. Peggy Lovell deichselte die Sache irgendwie zu deinen Gunsten. Ich stand wirklich greulich gebrandmarkt da.« »Ja, aber du weißt, was für eine Art Mann mein Vater ist. Er hat solchen Dingen gegenüber nicht die philosophische Ruhe des Squires.« »Meiner Treu, Mr. Ned, auf den Gedanken bin ich noch gar nicht gekommen, aber es kommt mir wirklich so vor, als wärest du mit Sir Billy, dem Bankier, dadurch ins reine gekommen, daß du das schmutzige Wasser mir zuschobst – was?« Edward sah seinem Vetter gerade ins Gesicht und sagte: »Du hättest noch Schlimmeres verdient. Du hast 'n falsches Spiel getrieben. Du hast mir den Beweis gegeben, daß dir nicht zu trauen ist, und du siehst, ich traue dir gleichwohl. Du kannst sagen, das ist mein Pech. Selbstverständlich (dir das zu sagen, stehe ich gar nicht an) brauchte ich meine Geistesgegenwart, um die Spitze des Angriffs nach der andern Seite zu biegen. Mag sein, daß ich, wie man wohl sagt, skrupellos bin, wenn man mich überrumpelt. Ich muß gerade so gut aufs Geld sehen wie du, und sobald mein Vater denken würde, daß es nach einer – seines Erachtens – falschen Seite ausgegeben würde, sofort würde die Quelle durch väterliches, moralisches Gefühl verstopft werden. Du hast mich verraten. Hör' zu!« »Ich sag' dir, Ned, ich habe bloß zu dem Alten gesagt –« »Hör' mir zu. Du hast mich verraten. Ich hab' mich verteidigt, das heißt, ich habe die Sache so eingerenkt, daß ich dir noch weiterhin von Nutzen sein kann. Um ein Haar wäre die Sache schief gegangen, aber da siehst du, was es wert ist, bei seinem Vater gut angeschrieben zu sein. Mach mal eben mein Schreibpult auf und gib mir mein Scheckbuch her. Ich muß gestehen, ich kann nicht einsehen, warum du dich weigertest – aber, sprechen wir nicht mehr davon. Wieviel brauchst du? Fünfzig? Sagen wir fünfundvierzig, und fünf will ich dir extra geben, um Sedgett zu bezahlen – macht fünfzig. Achtzig neulich, und fünfzig – macht einhundertunddreißig. Schreib' mal auf ein Stück Papier, daß du mir die Summe schuldest. Ich sehe nicht ein, warum du so außergewöhnlich tugendhaft erscheinen sollst.« Algernon kritzelte die schriftliche Erklärung hin, obschon er sich selbst verachtete, daß er sie ausstellte, und den Empfänger, daß er sie annahm, aber er war immerhin bereit, sie um des Geldes willen zu geben und sagte, während er den Scheck in seine Börse steckte: »Dieser verdammte Bursche brachte mich gänzlich aus dem Konzept. Wahrhaftig, Ned, wenn an dir so eine Bulldogge immer herumkläffte, du würdest deine Kaltblütigkeit auch verlieren! Er hat mich rein um den Verstand geärgert. Du kannst jetzt von mir verlangen, was du willst. Ich hab' 'n breiten Rücken. Sir Billy kann von mir nicht schlechter denken, als er bereits tut. Wünschst du endgültig mit dieser hübschen Rivalin von Peggy Lovell zu brechen? Ich hab' einen Plan, wie du freikommen könntest, mein armer alter Ned, und jedermann zufrieden zu stellen wäre. Ich werde jetzt den Grund zu einem neuen und glänzenden Ruf für mich legen.« Algernon setzte sich. Edward war bis über die Ohren in sein Buch versenkt. »Mit jedem andern, als dir, würde ich auf die Geldfrage zuletzt kommen, aber du weißt immer, daß Geld der Haken ist, und daß nichts anderes einem Menschen aus einer Klemme heraushilft. Es wird 'n ordentlichen Batzen Geld kosten. Dein Bankier – aber da fällt mir ein, zu Sir Billy kannst du allerdings mit der Sache nicht kommen; du müßtest dir Vorschuß geben lassen – so nach und nach, irgendwie, – na, sieh her: Es gibt eine Menge junger Landleute, die gern auswandern möchten und 'ne Frau und Geld brauchen. Ich kenne einen. Es hat keinen Zweck, sich auf Einzelheiten einzulassen, aber es ist immerhin des Nachdenkens wert. Das Leben baut sich auf gegenseitigen Hilfeleistungen auf, Ned. Du kannst einem andern Kerl besser helfen als dir selber. Was mich anbetrifft, wenn ich irgendwie in der Patsche sitze, ich kann dir mein Ehrenwort darauf geben, ich bin wie 'n Baby, keinen einzigen Gedanken habe ich dann zur Verfügung. Und anderen geht's ebenso. Man kann nichts machen, ohne daß einem jemand beisteht. Was meinst du, alter Junge?« Edward hob den Kopf von seinem Buche. »Einige Lebensanschauungen, die du aus deiner Privaterfahrung hergeleitet hast?« bemerkte er, und Algernon verließ ihn mit einem Fluch über die Bücherwürmer, die keinen Wink annehmen möchten. Aber als er allein war, warf Edward sein Buch auf den Boden und saß in Nachdenken versunken da. Der Schweiß trat ihm auf die Stirn. Er mußte in sein schwarzes Buch schauen und studieren. Es war sein Wunsch, human und großmütig zu handeln, aber immer wieder tauchte die Frage auf: »Wie kann ich meine Aussichten in der Welt so völlig vernichten?« Es würde unmöglich sein, Dahlia in vornehme Häuser einzuführen, und er liebte vornehme Häuser und den Zauber, mit feingebildeten Frauen zu verkehren. Andererseits haben manche Advokaten unter ihrem Stande geheiratet, – haben Köchinnen, Hausmädchen, Gouvernanten und so weiter geheiratet. Und was hat ein Advokat mit einer zartbesaiteten Dame zu tun, die ihn fortwährend mit affektierten Höflichkeiten und Erwägungen auf unfruchtbare Gebiete locken wird. Was er bedarf, ist eine Frau, die so liebenswürdig ist, wie die Oberfläche des Pergaments, so brauchbar, wie sein Tintenfaß, eine, die die Perücke lieben wird, darein er seinen Gerichtstermin zu schließen hat, die garstig geworden ist von übermäßigem Gebrauch, aber ihren Zweck immer noch erfüllt. »Ja, wenn ich nichts weiter als ein Advokat zu sein wünschte!« Edward hemmte die Richtung dieses Gedankenstromes zugunsten Dahlias. Seine Leidenschaft für sie war verstummt. War sie tot? Jedenfalls war sie verstummt. Seit Robert hierher gekommen war, um sein wildes Verfolgungsspiel in Fairly zu beginnen, war der bloße Gedanke an Dahlia Edward wie ein Fiebertraum erschienen. Er verabscheute brutale Gewalt mit dem ganzen Widerwillen einer zartbesaiteten Mannesnatur, und Dahlias verhaßter Ritter war in seiner Vorstellungskraft völlig mit Dahlia verwachsen. Mit Abscheu wehrte er' das Bild beider von sich ab, denn in seiner Erinnerung vermochte er sie nicht voneinander zu trennen. Er redete sich ein, daß Dahlia, der er keinen andern Vorwurf machen konnte, als daß sie litt, an diesem ganzen Komplott teil habe, um ihn zu quälen. Er konnte selbst ihre Schönheit vergessen, konnte alles vergessen – außer den unheiligen Fesseln, die ihn an sie banden. Es war ihm, als halte sie ihn in nackten Kerkermauern gefangen. Er dachte über ihren Charakter nach. Sie besaß keine Kraft. Sie war schüchtern, liebte die Bequemlichkeit, den Luxus, sie war leichtgläubig und hing mit alberner Zähigkeit an gewissen hergebrachten Dingen, das heißt, sie verlangte mehr als andere Frauen ein sorgliches Umhegtwerden, ein Innehalten gewisser Förmlichkeiten – »leerer Förmlichkeiten« sagte Edward und vergaß darüber seine Ansicht über Frauen, die eines derartigen Schutzwalls nicht genossen. Aber es ist möglich, daß wir – sobald wir selbst die Rolle eines Toren und Feiglings spielen – aufhören, uns der absoluten Notwendigkeit zu erinnern, die Schwachen vor der entsetzlichen verbündeten Armee von Feiglingen und Toren zu schützen. Er gab sogar sich selber gegenüber zu, daß er sie getäuscht habe, indem er ihr gleichzeitig ihre unerhörte Leichtgläubigkeit zum Vorwurf machte, die ihn in solche elende Patsche gebracht hatte, und das war der Wahrheit gemäß. Nun pflegt es das Bestreben der Männer, die zugeben, daß sie sich in einer schauderhaften Verlegenheit befanden und wissen, daß sie selbst die Schuld an dem von ihnen unangenehm empfundenen Zustande der Dinge tragen, zu sein, die Seite ihrer Natur zu ersticken, die ihnen durch Anklagen lästig fällt. Die Unterwerfung unter eine Verlegenheit, die durch eine einzige edle Willensanstrengung augenblicklich aufgehoben werden könnte, überführt sie. Viel besser, sie gestehen die Regungen ihres Gewissens und ihres Edelmuts nicht ein, nicht einmal ihrem eigenen innersten Herzen, – denn sie räumen damit nur ein, daß diese hohen Eigenschaften sich auf der unterliegenden Seite befinden. Ihre Neigung ist unter solchen Umständen durchweg eine niedere, und kein geringerer Ratgeber, als ein unverdorbener, gesunder Menschenverstand, wird ihnen zuweilen, wenn sie sich in einer derartigen Verlegenheit befinden, raten, niedrig zu handeln. Aber, ob wir auch die Entschuldigung gelten lassen, die der gesunde Menschenverstand zu ihren Gunsten vorbringt, immerhin dürfen wir gerechtermaßen von ihnen verlangen, daß sie sich in ihrer Niedrigkeit dennoch männlich erweisen. Oder mit anderen Worten – wenn sie dann selbstsüchtig sein müssen, mögen sie es wenigstens ohne die Erbärmlichkeit der Selbstsucht sein. Es war Edwards Wunsch, völlig gerecht zu sein, soweit er es denn jetzt sein konnte, – auch gegen sich selbst, denn wie sollte er jemals irgend jemand, der von ihm abhinge, von Wert und Nutzen sein können, wenn er selbst verkrüppelt dastände? Er wünschte gerecht zu sein, auch seiner Familie, seiner etwaigen Nachkommenschaft, gerecht auch Dahlia gegenüber. Es war seine Aufgabe, die mannigfaltigen Ansprüche auf Gerechtigkeit nach allen Seiten hin miteinander in Einklang zu bringen. Wir wollen annehmen, daß der Kampf ein sehr schwerer war, jedenfalls hielt er ihn dafür; er dachte daran, zu Dahlia zu gehen und das Wort der Trennung auszusprechen, oder zu ihrer Familie zu gehen und sein Unrecht, ohne irgendwelche Selbstbeschönigung, einzugestehen; so war er in Gedanken männlich in seiner Niedrigkeit, aber die Erbärmlichkeit trug den Sieg davon, das Bild seiner Selbst, wie er seiner Schuld und deren Opfern gegenüberstand, brachte ihn zur Verzweiflung, und sein Kampf endete damit, daß er die passende Verwendung eines kleinen, bisher liebevoll gehüteten Erbschaftsrestes von tausend Pfund, in dessen Besitz er war, ins Auge faßte. Einen Tag später sagte Mrs. Lovell zu ihm: »Haben Sie von diesem unglückseligen jungen Mann gehört? Man erzählt, daß er, infolge eines Schlags auf den Hinterkopf in großer Gefahr schwebt. Er sah schlecht aus, als ich ihn sah, und wie toll er auch sein mag, so tut es mir doch leid, daß ein wirklich unerschrockener Mensch, wie er, derart zu Schaden kommen sollte. Sanfte Mittel und Wege sind sicherlich die besten. So ist es mit Pferden, so wird es wahrscheinlich auch mit Männern sein. Was Frauen anbetrifft, so maße ich mir nicht an, sie zu enträtseln.« »Sanfte Mittel sind unbedingt die besten,« sagte Edward, welcher wohl merkte, daß ihr Schoßhündchen Algy ihr Neuigkeiten zugetragen hatte, und daß sie es jetzt darauf anlegte, ihn zu sondieren. Dafür haben Sie gestern einen glänzenden Beweis geliefert. Ich war Ihres Erfolges so sicher, daß ich mich auf eine Wette gegen Sie nicht einließ.« »Warum standen Sie mir denn nicht bei?« Das harte, korrekte junge Gesicht widerstand dem Angriff ihrer sanften blauen Augen, aus denen tausend nadelscharfe Pfeile herausflogen, um auf einen schwachen Punkt seiner Maske zu fahnden. »Die Huldigung, welche ich Ihnen damit darbrachte, war die, Sie zu einer übermenschlichen Anstrengung anzuspornen.« »Wenn das, warum denn die Huldigung nicht äußern?« »Ich äußere niemals eine Huldigung, wo es sich um ein leicht zu durchschauendes Verdienst handelt; ich halte keine Kerzen an Lampen heran.« »Das ist wahr,« sagte sie. »Und da sanfte Mittel so bewundernswert sind, möchte es ebensogut sein, Zwistigkeiten und Blutvergießen zwischen jenen beiden Knaben zu verhindern.« »Zwischen welchen?« fragte sie unschuldig. »Suckling und Algy.« »Ist's möglich? Sie sind noch solche Kinder.« »Sie sind gerade von der Sorte, dergleichen zu tun. Wissen Sie nicht?« und Edward setzte ihr mit beredter Grausamkeit die Art von Knaben auseinander, die sich in Kämpfe stürzen. Ein Rot, tief, wie die Glut des Sonnenuntergangs, färbte ihre Wangen und sie sagte: »Wir müssen sie hindern.« »Ach,« er schüttelte den Kopf, »wenn es nicht zu spät ist.« »Es ist niemals zu spät.« »Vielleicht nicht, wenn die Verkörperung sanfter Mittel so entschlossen vorgeht.« »Kommen Sie, ich glaube, sie sind jetzt im Billardzimmer, und Sie sollen's sehen!« sagte sie. Das Paar befand sich im Billardzimmer, ganz wie 'n paar Hunde, die sich eines Knochens erinnern. Mrs. Lovell forderte sie zu einer Partie auf und bot sich Lord Suckling als Partnerin an. »Bis völlige Niederlage uns auseinanderreißt,« sagte der junge Edelmann, indem er ihren Vorschlag annahm, und völlige Niederlage wurde ihr teil. Während des Hin- und Herfliegens der Bälle beobachtete Mrs. Lovell mit eifersüchtiger Spannung jeden der Stöße, die Algernon machte, ohne etwas zu sagen, aber ihr Blick streifte ihn, so oft er einen glücklichen Stoß gemacht. Sie zuckte zusammen, als sie sah, wie zwischen ihm und Lord Suckling eine stillschweigende Wette abgeschlossen wurde. Sie waren anfangs übermäßig höflich und formell miteinander, allmählich erwies sich der Einfluß, unter dem sie standen, insoweit wirksam, als ihr steifes Benehmen aufzutauen begann, dann kam es zu kurzen Gesprächen zwischen ihnen, welche Mrs. Lovell sich keine Mühe gab, zu früh zu ermutigen. Edward sah und fühlte mit Staunen, wie sie aufgehört hatte, jene verhängnisvoll entzündliche Atmosphäre um sich zu verbreiten, welche die Männer sich in feindlicher Eifersucht um ihre Gunst bewerben ließ und sie toll darauf machte, auf ihr Lächeln den ersten Anspruch zu gewinnen. Es war nicht die Rede von einem irgend ersichtlich andern Benehmen ihrerseits. Sie war noch immer Mrs. Lovell, die Lebhafte und Sanfte, die Flammenfarbene mit den pfeilbeschwingten Augenlidern, ein liebenswürdiger Kamerad, die unter Männern nicht in aufdringlicher Weise die Frau herauskehrte und einen Durst nach Huldigungen zeigte. Der einzige Unterschied zeigte sich in der Abwesenheit einer Art bösen geistigen Ausflusses. Und hier durchzuckte ihn ein Gedanke – einer jener unvergeßlichen kleinen, rasch aufsteigenden und wieder verschwindenden Gedanken, welche gelegentlich unsere zufälligen Schwächen streifen: »Sollte sie glauben, daß es mir an persönlichem Mut fehle?« Obschon nun die zwischen ihnen herrschende Entfremdung von einer verächtlichen Bemerkung herstammte, die sie sich auszusprechen erlaubt hatte, als er sich geweigert, einen Streit mit einem ihrer zahlreichen Trabanten auf sich zu nehmen, hatte sein Bewußtsein von ihrer Wertschätzung seiner geistigen Fähigkeiten und sein eigner Stolz auf diesen gewichtigen Besitz bisher völlig den Gedanken bei ihm ausgeschlossen, daß sie möglicherweise vermuten könne, es fehle ihm an persönlicher Tapferkeit. Die Idee, daß sie ihn derart verkehrt beurteilen könne, war ihm völlig überraschend. So nüchtern-denkend er von Natur war, brachte ihn diese Vermutung außer sich. Mit eifersüchtigem Blick verfolgte er die liebliche Einfachheit ihres ihm neuen Benehmens. Die Art und Weise, wie sie die beiden Jünglinge behandelte, war vorzüglich; ihm, Edward, gegenüber hatte sie sich niemals herbeigelassen, sich derart vermittelnd und liebenswürdig zu zeigen. Warum nicht? Augenscheinlich, weil sie wahrgenommen hatte, daß seiner Veranlagung das männliche Feuer abgehe. Hielt der abscheuliche kleine Teufel albernes Duellieren für einen Beweis von Tapferkeit? Hielt der schöne Seraph ihn für etwas weniger als einen Mann? Wie wunderschön ihr golden gewelltes Haar zur Geltung kam, während sie so über den Rand des Billards lehnte! Wie graziös sie war und wie göttinnengleich mit diesen Knaben, wie er sie nannte! Sie neckte ihren Partner, ohne ihn jemals vergessen zu lassen, daß er die Ehre habe, ihr Partner zu sein, während sie Algernon um seine Geschicklichkeit zu beneiden schien und mit beiden sprach, Gesprächsthemen anregte, die sie beide interessierten, lachte und als die Blüte englischer Frauenlieblichkeit erschien, ohne irgend etwas Dämonisches. »So, Algy, da haben Sie uns geschlagen. Ich glaub' nicht, daß ich Lord Suckling noch einmal zum Partner haben will,« sagte sie, während sie schmollend ihr Queue wegstellte. »Sie sind doch nicht böse?« sagte Algernon lebhaft. »Meine Hand darauf. Nun müssen Sie ein Spiel allein mit Lord Suckling machen und ihn schlagen; aber daß Sie ihn schlagen! Sonst wird es zu meinem Mißkredit ausgelegt!« Mit welchen Worten sie und Edward die beiden verließen. »Algy war ein bißchen mutlos, und kein Wunder,« sagte sie. »Aber er kommt schnell wieder hoch. Nun werden sie gut Freund sein.« »Ist es nicht komisch, daß sie um solcher Kleinigkeiten willen ihr Leben aufs Spiel setzen könnten?« So versuchte Edward, sie auf das Thema zu bringen, welches ihm am Herzen lag. Sie fühlte instinktiv die Falle in seinen Worten. »Oh ja,« entgegnete sie, »es muß wohl sein, weil sie wissen, daß ihr Leben nicht allzu kostbar ist.« So völlig lag er in ihren Banden, daß ihre Anwendung des Wortes »kostbar« ihm einen scharfen Stachel zu enthalten schien, und doch war es nicht mit besonderem Nachdruck gesagt, im Gegenteil: sie wünschte ihm damit anzudeuten, daß ihre Anschauungsweise sich mit der seinen decke, was diese veraltete Art und Weise, Streitigkeiten beizulegen, betraf. Er wandte sich, um zu gehen. »Ich vermute, Sie gehen zu Ihrer Adeline?« sagte sie. »Ah, das erinnert mich daran, ich habe Ihnen noch gar nicht gedankt.« »Für meine guten Dienste? wenn man's so nehmen will. Sir William wird sehr glücklich sein, und es geschah mehr seinet- als Ihretwegen, daß ich mich ganz ausnahmsweise aufs Heiratstiften verlegt habe.« »Selbstverständlich hat Sie dabei die Erkenntnis geleitet, daß unsere Charaktere so ausgezeichnet zueinander paßten.« »Kann ich über den Charakter eines Mädchens urteilen? Sie ist milde und schüchtern und äußerst sanft. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat sie ein Faible für Schlachten und Blutvergießen. Ich ging von Ihres Vaters Gesichtspunkt aus. Sie hat Geld, und Sie bekommen einmal Geld; und die Vereinigung von Geld und Geld gilt im allgemeinen für glücklich. Und überdies sind Sie wetterwendisch, werfen morgen weg, wonach Sie heute die Hand ausstrecken; und Erbinnen bleiben nicht sitzen. Oberst Barclay wartet nur darauf, daß Sie sich zurückziehen. Le roi est mort, vive le roi. Das ist so gut ein Ruf für Erbinnen, wie für Königreiche.« »Ich dachte,« sagte Edward bedeutungsvoll, »daß der Oberst einen besseren Geschmack hätte.« »Wissen Sie nicht, daß meine Freunde darum meine Freunde sind, weil ich ihnen nicht erlaube, von anderen Dingen zu träumen? Wenn sie Anwandlungen von Schwäche bekommen, rate ich ihnen zu einer Seereise – nach Afrika, in den Nordwesten, an die Quellen des Nil. Männer, deren Eitelkeit verletzt worden ist, entdecken die wunderbarsten Dinge! Sie kehren so freundlich wie je zurück, einerlei, ob sie der Geographischen Gesellschaft einen Dienst geleistet haben oder nicht. Das heißt, meistens.« »Dann fange ich an zu denken, daß jene Breitengrade vielleicht etwas für mich sein könnten.« »O, Sie sind ja ein Verwandter.« Er wußte kaum, daß er das Wort »Margaret« ausgestoßen hatte. Sie erwiderte unbefangen mit einem: »Ja, Vetter Ned! Sie haben die Reise gemacht, sehen Sie, und sind als mein guter Freund zurückgekommen. Die Veränderlichkeit der Opale! Ah, Sir John, Sie kommen gerade zur rechten Zeit. Wir sprachen eben von Opalen. Ist der Opal ein Sinnbild für die Frauen?« Sir John Capes strich mit seidenweichen Handflächen über seine Knöchel und erwiderte mit altmodischer Galanterie: »Es ist ein Edelstein, den ich niemals einer Dame anzubieten wagen würde.« »Man sagt, er bringe Unglück, somit können Sie es niemals getan haben.« »Ausgezeichnet!« rief der Veteran, ganz Lächeln, aus, »ich wollte nur, was Sie da anzudeuten geruhen, wäre Wahrheit.« Sie betraten das Wohnzimmer, in welchem sie die Damen fanden. Edward flüsterte Mrs. Lovell ins Ohr: »Er scheint einer Seereise zu bedürfen.« »Er ist sehr nah' daran,« gab sie in der gleichen Tonart zurück und schwamm alsbald im Strom der allgemeinen Unterhaltung. Ihr kalter Witz, teuflisch, wie die Probe davon seine Seele berührte, ließ glühend den Wunsch in ihm aufsteigen, sie in seinen Besitz zu bekommen und zu zermalmen. Kapitel XXII. Edward erwählt sich seinen Kurs Das Schreiben eines Briefes an Dahlia war schon mehrfach in Angriff genommen, aber immer als eine lästige Aufgabe beiseite geschoben worden. Wie ein träger Knabe es mit seiner Ferienarbeit zu machen pflegt, wehrte Edward es wie ein Nachtmahr von sich ab und sagte: »Wie kann ich mich hinsetzen und ihr etwas vorlügen?« und dachte währenddes, sein Stillschweigen werde ihr Herz am besten auf die kommende Wahrheit vorbereiten. Stillschweigen ist meistens das langsame Gift, das von denen in Anwendung gebracht wird, welche die Absicht haben, die Liebe zu morden. Es hat nichts Heftiges, es wirkt ohne einen plötzlichen Stoß, die Hoffnung wird nicht jäh erstickt, sondern träumt von allerhand Übel und kämpft mit Schatten, die ganz allmählich Fleisch und Blut annehmen. Kommen dann die letzten Zuckungen, so sind sie nicht mehr schreckenerregend, das Gefüge ist bereits gelockert und wartet der Auflösung, die Liebe stirbt, wie alles naturgemäß verfällt. Es scheint die mildeste Art, um etwas Grausames zu tun. Aber Dahlia schrieb und schrie ihre Todesqualen während dieser Tortur heraus. Möglicherweise verlangen derart nervös veranlagte Naturen eine gewisse Modifikation des Verfahrens. Jetzt fühlte sich Edward imstande, eine Korrespondenz aufzunehmen. Er sandte das Folgende ab: »Meine liebe Dahlia! »Natürlich kann ich nicht erwarten, daß Du Dir eine Vorstellung von den überwältigenden Anforderungen eines Landaufenthaltes machen kannst, wo ein Mann buchstäblich nicht über fünf Minuten nach seinem Belieben verfügen kann, daher übergehe ich Deine Vorwürfe mit Stillschweigen. Mein Vater ist endlich abgereist. Er hat eine außergewöhnliche Vorliebe für meine Gesellschaft an den Tag gelegt, und ich soll ihn noch anderswo treffen – vielleicht mit ihm nach Paris (Deiner Stadt!) hinüberfahren – aber einstweilen bin ich für ein paar Tage mein eigener Herr, und das erste, was ich tue, ist, Deinen Wünschen nachzukommen, Dir nämlich nicht ›zwei Zeilen‹, sondern einen ordentlichen, langen Brief zu schreiben. »Was in aller Welt bringt Dich auf den Gedanken, daß ich nicht wohl sei? Du weißt doch, ich bin niemals unwohl. Und was die Frage anbetrifft, mich zu pflegen, – wann hätte ich dessen jemals bedurft? »Du mußt wirklich Geduld lernen. Ich bin eine Woche oder so fort, und Du sprichst davon, hierherzukommen und hier im Hause umzugehen? Gespenster wie Du erfahren eine gar seltsame Behandlung, wenn sie ohne Schutz herumgehen, die Warnung möchte ich Dir geben. Ich habe durchaus nichts dagegen, daß Du in den Parks spazieren gehst, um Dir Bewegung zu machen. Mir scheint sogar, Du mußt es aus Gesundheitsrücksichten tun. »Bitte, gib die Redereien über Dein verändertes Aussehen doch auf. Du mußt allmählich lernen, daß Du kein Kind mehr bist. Laß doch dies kindische Schreiben. Wenn Dich die Menschen angaffen, wie Du sagst, so weißt Du sehr gut, daß es nicht geschieht, weil Du häßlich wirst. Ich weiß, daß Du das nicht meinst, aber es liegt in derartigen Bemerkungen eine Unaufrichtigkeit, die mir im höchsten Grade zuwider ist. Vermeide auch den Schatten von Heuchelei! Frauen neigen dazu – in aller Unschuld, sicherlich. Ich will Dir ja keine Rede halten. »Mein Vetter Algernon ist hier mit mir. Er hat nicht von Deiner Schwester gesprochen. Deine Befürchtungen nach dieser Richtung hin sind völlig unnötig. Seine Neigung gehört einer Cousine von uns, einer sehr hübschen Person, die sehr witzig und äußerst gescheit ist und die sich so gut anzieht, wie die Dame, von der Du mir einmal erzähltest, daß Du sie in der Kirche in Wrexby gesehen hättest. Ihre Kammerjungfer ist eine Französin, das erklärt die Sache. Hast Du die Boulevards nicht vergessen? »Ich möchte gern, daß Du Deine französischen Stunden beibehieltest. Arbeite an Deiner Selbsterziehung, und Du wirst über diese armseligen Klagen erhaben werden. Ich empfehle Dir auch tägliche Lektüre der Zeitungen. Kaufe hübsche illustrierte Journale, wenn Dir die Tagesblätter zu nüchtern sind! Wenn man immer nur in sich hineinsieht, wird man mißgestimmt, und die Folge davon ist oder wird, daß man frühzeitig altert. Das hält keine Konstitution aus. Alle die Damen hier nehmen an den Parlamentsverhandlungen Anteil. Sie vermögen sich mit den Männern über männliche Interessengebiete zu unterhalten. Ich kann Dir gar nicht sagen, wie lästig ein immerwährendes Kinderstubengeschwätz wird! Die Idee, daß Männer dessen nicht müde werden, beruht auf irgendwelcher wunderlichen Vorstellung, daß sie keine sterbliche Wesen seien. »Im Februar wird das Parlament eröffnet. Mein Vater wünscht, daß ich mich als Kandidat für Selborough aufstellen lasse. Wenn er oder sonst jemand das Reden unter den Krämern besorgen und für Bier und Geldgeschenke aufkommen will, habe ich nichts dagegen. In dem Falle geht meine Advokaten-Laufbahn zum Kuckuck. Ich muß mich schon willfährig zeigen, denn er hat meine sommerliche Exkursion noch immer nicht recht verwunden. Einstweilen hält er mich wie einen Gefangenen an der Kette für Gott weiß, wie lange, – vielleicht für Monate. »Was die Erbin anbetrifft, die er hier, als eine gute Partie für mich, hat, so wird es wohl betreffs ihrer demnächst einen gründlichen Kampf zwischen uns geben. Einstweilen mahnt mich meine Börse, ihn nicht zu reizen. Wann werden alte Leute jemals junge verstehen? Ich verbrenne Deine Briefe und bitte Dich, meinem Beispiel zu folgen. Alte Briefe sind die trübseligsten Gespenster der Welt, und man kann nichts Zweckloseres und nichts Hinterlistigeres in seinem Besitz haben. Eine Entdeckung würde mich vollständig verderben. »Daß Du Dir einen schwarzen Sammethut mit rosa Bändern gekauft hast, ist sehr schön. Oder schriebst Du mit ›blauen‹ Bändern? Aber zu Deinen Farben steht alles gut. »Du schreibst von Belästigungen bei Deinen Spaziergängen. Bedenke nur, daß eine Frau, die sich immer zu benehmen weiß, niemals der geringsten Unannehmlichkeit ausgesetzt ist. »Was ist das für ein ›Gefühl‹, von dem Du sprichst? Ich kann mir kein ›Gefühl‹ vorstellen, das Dich hilflos machen könnte, wenn Du Dich beleidigt wähnst. Es gibt eben Frauen, die eine natürliche Würde besitzen, und solche, denen diese Eigenschaft abgeht. »Du fragst nach den Namen der hier anwesenden Herren: Lord Carey, Lord Wippern (die beiden reisen morgen ab), Sir John Capes, Oberst Barclay, Lord Suckling. Die Damen: Mrs. Gosling, Miss Gosling, Lady Carey. Und dann noch verschiedene Mrs. Irgendwas. »Sie flicken den ganzen Tag und den halben Abend ihrem lieben Nächsten am Zeuge. Ich geleite sie an die Tür und mache dem nächsten Schub von Gästen meine Verbeugung, und dann weiß ich nicht mehr, wo ich bin. »Lies nur Poesie, wenn Dich das, wie Du sagst, über meine Abwesenheit tröstet. Wiederhole Dir das Gelesene laut, aber denke dabei an das Taktschlagen mit dem Fuß! Geh' ab und zu ins Theater und nimm Deine Hauswirtin mit. Wenn sie eine falsche Katze ist, zieh einem der Hausmädchen eins Deiner Kleider an, und nimm die mit. Du brauchst nur irgendwelche Begleitung, doch genügt eine Strohpuppe. Nimm eine Loge und setze Dich hinter den Vorhang, so daß man Dich vom Zuschauerraum nicht sieht. »Ich habe meinem Weinhändler geschrieben, Champagner und Sherry zu schicken. Hoffentlich hat er es getan: den Champagner in ganzen und halben Flaschen, wenn nicht, so sende sie direkt zurück. Ich kenne Deine Sparsamkeit, wenn Du allein sitzt, armes Ding, würdest Du es doch nicht riskieren, den Schaum einer ganzen Flasche herausperlen zu lassen. »Sei ein gehorsames Mädchen und tu, was mir Freude macht. »Dein gestrenger Mentor »Edward der Erste.« Er las die Epistel zweimal durch, um sich darüber zu beruhigen, daß es ein «warmer Erguß sei und dennoch nicht allzu zärtlich und war durchaus befriedigt. Seine Phantasie spiegelte ihm vor, daß dieser Brief ihn ihr gewissermaßen in eine höhere Sphäre rücke, ging er doch durchaus auf ihre Interessenwelt ein, ohne so vertraulich zu werden, daß sie sich hätte anmaßen dürfen, die seine teilen zu können. Auf diese diskrete Art des Redens ließ er sodann eine zweite Dosis Stillschweigen folgen. Dahlia antwortete mit Brief über Brief, – bald voll blinder Leidenschaft, dann wieder eigentümlich kalt, aber ohne Vorwürfe. Sie studierte, sagte sie. Ihr Kopf schmerzte ein wenig, nur ganz wenig. Sie ginge spazieren, sie läse Gedichte, sie bäte ihn, er möge verzeihen, daß sie keinen Wein trinke. Sie freue sich, daß er ihre Briefe verbrenne, die ja so töricht wären, daß sie gewiß niemals abgesandt würden, wenn sie je den Mut besäße, sie noch einmal anzusehen, nachdem sie geschrieben wären. Er war etwas ärgerlich über einen ihrer Ausdrücke: »Wie ehrgeizig Du bist!« »Weil ich mich nicht mein Leben lang in einer Londoner Familienpension zur Ruhe setzen kann!« dachte er, und sein Blick glitt aus der Ferne über sie hin, wie über ein armes, gutes Geschöpfchen, das ihren definitiven Wohnort schon in einer andern Sphäre, als der seinen, angenommen habe. Von einem solchen Gesichtspunkte aus betrachtet, war es selbstverständlich, daß sein lebhaftes Empfinden für ihre Person mehr und mehr abnahm. Er fühlte, daß er aufgewacht sei, und er schüttelte sie ab. Und nun machte er sich daran, Mrs. Lovell zu unterwerfen. Seine Selbstbezwingung war die erste Frucht dieser Bemühung. Er gestand es sich selbst nicht ein, aber wenn es sich um einen derartigen Wettkampf zwischen zweien handelt, steigt immer die Frage auf: »Wer vermag ohne den andern zu leben?« und es durchfuhr ihn ein jäher Schmerz, wenn er sie mit ihrer melodischen Stimme von den Orten reden hörte, nach welchen sie zu reisen gedächte, den Menschen, welche sie sehen wollte, den Aussichten, einander wiederzutreffen, ehe er noch mit der Erbin Adeline verheiratet sei. »Einstweilen muß ich mich noch an den Gedanken gewöhnen, mit ihr verlobt zu sein,« sagte er. Mrs. Lovell sah ihn scharf an: »Sie hat einen Stiefbruder.« Er trat wütend von ihr hinweg. »Teufel!« murmelte er, murmelte es wirklich, obschon er sich bewußt war, daß er sich wie ein Bühnenheld in tragisch-pathetischen Sollen geberdete und benahm. »Sie denken wohl, mich in diesen brutalen Blödsinn des Duellierens hineinzuhetzen? Auf Ehre,« fügte er in seiner natürlichen Redeweise hinzu, »ich glaube wirklich, das denkt sie!« Aber dieser Blick ließ ihn nicht los. Er berührte und verstärkte seine Eitelkeit, und er vermochte ihrem Auge nicht mehr ruhig zu begegnen. Er versuchte es mit der Lektüre. Jeden Morgen ging er in die Bibliothek hinunter, und in einem Lehnstuhl sitzend, völlig in sein Buch vergraben, sah er alt aus. Dann kam Mrs. Lovell wohl einmal hinein und ließ den Blick gleichgültig über ihn hinschweifen, äußerte auch wohl ein oder den andern Gemeinplatz und ging wieder hinaus. Die albernen Worte hallten in ihm wider. Das Buch schien ihm fade, klang ihm so hohl, als er es schloß. Das Weib atmete tätiges, rastloses Leben. Sie war ein Ansporn zu angespannter Energie, eine ehrenvolle Zierde, ein steter Anreiz zu ritterlichen Taten. Was sie auch sagen mochte, immer schien sie die Männer gleichsam in einer Schale zu wägen: sie entweder anzuerkennen oder zu verwerfen. Dieser neuen Auffassung ihrer Persönlichkeit folgte ein Zustand des Rausches, selbst die kühlere nachträgliche Einsicht ließ ihn im Stich. Was für eine Art Mensch mochte Harry, ihr erster Mann, gewesen sein? Ein schnell dreinschlagender Soldat, ein händelsüchtiger Duellant, ein langweiliger Hund. Langweilig, auch ihr? Jedenfalls bewahrte sie ihm ein ehrerbietiges Andenken. Sie lispelte von Zeit zu Zeit sehr anmutig und mit einer Innigkeit, die etwas Herausforderndes hatte: »Mein Gatte«, und trotz alledem hatte sie eine ausgesprochene Vorliebe für Intellekt. Augenscheinlich dürstete sie nach jener so seltenen Verbindung von Intellekt und persönlichem Mut in einem Manne und wollte sich nicht ergeben, bis sie dieselbe gefunden. Vielleicht glaubte sie, etwas Derartiges gäbe es nicht. Es mochte sein, daß ihr Edward der personifizierte Intellekt war und Harry der verkörperte Mut, und daß sie annahm, wirklich vereint fänden sich die beiden Eigenschaften niemals. Ihre Bewunderung für seine (Edwards) Klugheit befestigte daher die Überzeugung nur immer stärker in ihr, daß ihm die Begleiterscheinung – männlicher Mut – abgehe. Edward mußte vom Bösen besessen sein, denn er knirschte vor Empörung mit den Zähnen, weil er fühlte, das Opfer dieses beleidigenden Verdachtes zu sein. Wie sollte er ihn widerlegen? Wie war er in einem zivilisierten Zeitalter, unter besonnenen Männern und Frauen, denen gegenüber eine heftige Dokumentierung seiner Tapferkeit zweifellos seinen Anspruch auf Intellekt in Frage ziehen würde, zu widerlegen? Sein Schädel war wie ein Kochtopf auf dem Feuer, in dem das Hirn fortwährend Blasen aufwarf. Algernon gegenüber machte er sich über sie lustig und setzte den Jüngling, der sie auf dem besten Wege zu dauernder Vereinigung glaubte, in Erstaunen. »Milch und Paprika« nannte er sie und verglich sie mit der blutdürstigen, blondhaarigen Sachsenkönigin der Geschichte und war kindisch gehässig. Und Mrs. Lovell erfuhr alles getreulich wieder, wie er sehr gut wußte. »Ein Weib, das Anomalien sucht, bedarf eines Herrn.« Mit diesem pomphaften Aphorismus schloß er seinen Vortrag über das schöne Enigma. Große Worte dienen als Notbehelf, wenn eine Möglichkeit, die Vernunft zu befriedigen, fehlt. Um indessen der Herr eines Weibes zu sein, darf man nicht damit anfangen, sich als ihr Sklave zu winden. Der Versuch, eine unergründliche Frau zu durchschauen, verleiht ihr die Macht, nur allzu unumschränkt über uns zu herrschen. Ein herrischer Sinn nimmt sie daher mit hartem Griff, zerbricht die Schale und sagt, indem er den Kern herauszieht: »Also das war des Rätsels Lösung!« Zweifellos ist dies das Geschick, welches Frauen, wie Mrs. Lovell, herausfordern. Tatsache war, daß sie wohl einen Charakter zu enträtseln vermochte, den sie vor Augen hatte – aber sein Gestern-und-Morgen war ihr ein Buch mit sieben Siegeln. Ihre Phantasie kam ihrem Vorstellungsvermögen nicht zur Hilfe, weswegen sie immer eines sichtbaren Beweises für die Tugenden, welche sie schätzte, bedurfte. Der Durst nach tatsächlichen Belegen für Tapferkeit und Klugheit war bei ihr geradezu zur Manie geworden, doch verlangte sie nichts, was sie nicht selbst in ausgiebigem Maße bot, und zwar unter dem Hinzufügen von Schönheit. Ihre Neigung, zu wetten, entsprang ihrer Leidenschaft für den Kampf; sie war, was Geld anbetraf, weder gewinnsüchtig, noch verschleuderte sie achtlos; tauchte aber eine Meinungsverschiedenheit auf, so empfand sie eine unwiderstehliche Neigung, die ihre zu verfechten. Mochte immerhin das Leben eines Liebhabers dabei auf dem Spiele stehen, sie war bereit, den Einsatz zu zahlen, und hätte nur ein geringschätziges Achselzucken dafür gehabt, wenn der Liebhaber sich etwa darüber beklagt hätte. »Schafe! Schafe!« dachte sie von denen, die sich nicht zu schlagen wagten, ja, sie hatte eine leichte Neigung dafür, dies Epitheton auch auf solche anzuwenden, die sich einfach nicht schlugen. Bei alledem war Mrs. Lovell eine verständige Frau, scharfsinnig und schlagfertig, auch logischer, als die meisten ihres Geschlechts und – wie man wohl sagen darf – von Grund aus praktisch. Dies letztere in so hohem Grade, daß sie zwei oder drei ihr von Zeit zu Zeit in stiller Stunde aufsteigende Zweifel an sich selbst systematisch beiseite schob, um sie in späteren Jahren zu enträtseln. »Frankreich«, nannte Edward sie in einer ihrer Unterhaltungen. Es war eine Bezeichnung, die ein gutes Streiflicht auf ihren Charakter warf. Sie liebte die Franzosen (obschon niemand die Ehre des eigenen Vaterlandes lebhafter verfechten konnte, wenn es dasselbe gegen jene zu wahren galt!), sie liebte ihre ritterlich-knabenhafte Art, ihre Hingebung sondergleichen, ihren erbarmungslosen Sarkasmus, die Einheit der Nation, wenn das Schwert aus der Scheide gezogen ist und auf ein ritterliches Unternehmen hinweist. Sie liebte ihren feinen Firnis von Gefühl, das sich so häufig an die Oberfläche drängt, daß Engländer der Ansicht sind, Tiefe habe es überhaupt nirgends, als müsse der Verbrauch nach außen hin notwendig den Vorrat erschöpfen, oder als könne das, was im tiefsten Grunde unseres Wesens ist, niemals nach außen hin sichtbar werden. In ihrer Vorstellung glichen sie einem flatternden Banner im Nachen des Sturmes, Schneemassen dort, wo die Wolken klafften, und Blitzstrahlen, wo Abgründe gähnten – welches Bild seinen Ursprung in der Tatsache haben mochte, daß sie als Mädchen anbetend die Füße Napoleons geküßt hatte, des Riesen der späteren Geister der Weltgeschichte. Es war ein fürstliches Kompliment. Sie nahm es mit einer Verbeugung entgegen und entwaffnete die beabsichtigte Ironie. Als Erwiderung nannte sie ihn »Groß-Britannien«. Ich bedaure, sagen zu müssen, daß er weniger stolz für seine Nation eintrat. Vielmehr errötete er. Er entsann sich gewisser Artikel, welche die Friedenspolitik um jeden Preis verhöhnten, und empfand dunkel, daß Mrs. Lovell ihn mit einem Quäkerhut zu krönen beabsichtigt habe. Seine Benennung kam bald wieder ab, aber »Ja, Frankreich« und »Nein, Frankreich« wurde beibehalten, wobei sein Bemühen dahin ging, diesem Epitheton allerhand frivole Anspielungen anzuheften, vor denen ihr Scharfsinn es ehrenvoll rettete. War sie jemals verliebt gewesen? Er fragte sie danach. Sie traf ihn mit einer so rückhaltlosen Bejahung, daß er die Wunde nicht zu verhehlen vermochte. »Bin ich nicht verheiratet gewesen?« sagte sie. Er fing an, ein quälendes Verlangen danach zu fühlen, die Vorgeschichte dieser Frau, die ihn folterte, übersehen zu können. Eine Leidenschaft nach ihren Mädchenjahren wurde in ihm wach. Er bat sie um Bilder aus ihrer Mädchenzeit. Sie zeigte ihm das Bild Harry Lovells in einem Medaillon. Er hielt das Medaillon zwischen den Fingern. Der tote Harry wurde sehr warm gehalten. Konnte Intellekt jemals ihre Gefühle so stark berühren, wie Tapferkeit es getan? »Wo ist der Intellekt, dessen ich mich rühme?« stöhnte er, inmitten dieser aufregenden leidenschaftlichen Empfindungen. Die Ruhe, in die sein Tätigkeitsdrang gewiegt war, sollte bald aufgestört werden. Es wurde ihm ein Brief gebracht. Er öffnete ihn und las: »Herrn Edward Blancove. »Als Sie mir im Fairly Park vorbeiritten, kannte ich Sie nicht. Ich kann Ihnen ein schriftliches Attest beibringen, daß ich mich seitdem in ärztlicher Behandlung befunden habe. Ich kenne Sie jetzt. Ich fordere Sie auf, mir zu begegnen, mit welchen Waffen Sie für gut befinden, um den Beweis zu liefern, daß Sie kein Meuchelmörder sind. Der Platz mag sein, wo Sie ihn bestimmen. Sollten Sie sich weigern, werde ich Sie zwingen, öffentlich zu bekennen, was Sie getan haben. Wenn Sie mir zur Antwort geben, daß ich kein Gentleman bin, wohl aber Sie, so sage ich, daß Sie mich im Dunkeln angegriffen haben, während ich zu Pferde war, und daß Sie hinfort meinesgleichen sind, wenn es mir passen sollte, dies zu denken. Sie werden nach jener Nacht schwerlich mehr vom Gesetz reden. Den Mann, welchen Sie beauftragt haben, kann ich bestrafen oder laufen lassen, obschon er es war, der den Schlag führte. Aber Sie will ich treffen. Morgen wird ein Freund von mir, ein aktiver Major, hier sein und Sie oder irgendeinen Ihrer Freunde, den Sie bezeichnen wollen, in meinem Namen aufsuchen. Entkommen lassen werde ich Sie nicht. Ob ich einem Schuldigen in Ihnen gegenübertreten werde, weiß Gott allein, aber ich weiß, daß ich ein Recht darauf habe, Sie aufzufordern, mir persönlich zu begegnen. Ich bin, geehrter Herr, Ihr ergebener Robert Eccles.« Edwards Gesicht wurde seltsam weiß, als er den Inhalt dieser unvorbereiteten Kriegserklärung in sich aufnahm. Der Brief war ihm am Frühstückstisch überreicht worden. »Lesen Sie ihn doch, lesen Sie ihn!« sagte Mrs. Lovell, als sie sah, daß er ihn beiseite legte, und er hatte ihn gelesen, während ihre Augen auf ihm ruhten. Ihm schien der Mann ein Mensch mit Klauen, die sich um ihn krallten, wie die Fänge eines Dämons. Würde ihn denn nichts zur Ruhe bringen? Edward dachte an irgendwelche Bestechung um des lieben Friedens willen, aber ein zweiter flüchtiger Blick in den Brief überzeugte seinen Scharfsinn davon, daß Bestechungen in diesem Falle machtlos wären; hier nützten weder Stöcke noch Bestechungen. Ebensowenig würde eine Abreise von Fairly etwas ausmachen: der hartnäckige Satan würde ihm nach London folgen, und, was schlimmer war, als ein Spürhund von Dahlias Familie war er jetzt auf der rechten Fährte und schien dies zu wissen. Wie war es möglich, einen Skandal zu vermeiden? Verließ er augenblicklich Fairly und ging an wer weiß welchen Ort der Welt, – den Mann zurückzulassen war unvermeidlich, und sah der Mann Mrs. Lovell noch einmal, war ihren Instinkten, als einer Frau ihrer Art, nicht zu trauen. Es war ebenso wahrscheinlich, daß sie für den Raufbold Partei nähme, wie gegen ihn, das heißt, sie würde von dem Gedanken ausgehen, daß ihm unrecht geschehen sei, – vielleicht denken, daß man ihm eine Begegnung nicht hätte verweigern dürfen. Ein geheimer demokratischer Giftstoff steckt in jedem Weibe, in Mrs. Lovell war er, nach Edwards Beobachtung, sehr stark vorhanden. Sie würde die individuellen Rechte eines Mannes, wenn sie nur energisch behauptet wurden, aller Wahrscheinlichkeit nach, wie er ärgerlich empfand, voll anerkennen, und zwar jeder Lebensstellung, aller Vernunft, allen durch Erziehung und Gesellschaft eingeprägten Ideen zum Trotz. »Ich glaube, sie wird erwarten, daß ich mich mit ihm schlage,« rief er aus. Jedenfalls wußte er, daß sie ihn verachten würde, wenn er die brutale Forderung ohne das Zurschautragen einer gewissen Würde ausschlüge. Als sie vom Tische aufstanden, zog er Algernon beiseite. Es war ein unleidlicher Gedanke, gezwungen zu sein, seinen hirnlosen Vetter ins Vertrauen zu ziehen, sogar seinen Rat erbitten zu müssen, aber es war nicht zu umgehen. Vergebens fragte sich Edward, warum er solch ein Idiot gewesen, seine Hände überhaupt mit dieser Sache zu beschmutzen. Er schrieb es seiner Rücksichtnahme auf Algernon zu. Da er im allgemeinen die Herrschaft über seine Leidenschaften besaß, lag es ihm nahe, zu vergessen, daß er sie überhaupt je aus der Gewalt verliere, und der leidenschaftliche Grimm, den Roberts tollkühne Verfolgung in ihm entfesselt hatte, war seinem Gedächtnis entschlüpft, obschon er ihm jetzt in voller Kraft wieder zurückkam. »Da siehst du, in was für 'ne Patsche du einen Menschen bringst,« sagte er. Algernon warf einen Blick in den Brief. »O, verdammt, dieser höllische Kerl!« rief er in unmännlicher Ratlosigkeit, dann fuhr er heftig auf: »Ich dich in 'ne Patsche bringen? Bei meiner Ehre, Ned, deine Kaltblütigkeit ist wahrhaftig deine stärkste Seite, wenn es auch nicht deine beste ist!« Edward packte seinen Arm, denn sie waren noch kaum aus Mrs. Lovells Hörweite. Sie gingen nach oben, und Algernon las den Brief durch. »Mitternächtlicher Mörder,« wiederholte er, »weiß der Himmel, das klingt eklig. Das ist doch 'ne Lüge, daß du ihn im Dunkeln angefallen hast, was, Ned?« »Ich hab' ihn überhaupt nicht angefallen,« sagte Edward. »Er hat sich gegen dich wie ein Raufbold benommen und verdiente niedergeschossen zu werden, wie ein toller Hund.« »Ja, aber bist du wirklich,« Algernon beharrte auf seiner Frage, trotzdem sein Vetter augenscheinlich das Thema zu umgehen suchte, »bist du wirklich mit diesem Kerl, dem Sedgett, ausgegangen, um dem Burschen, als er zu Pferde war, den Weg zu verlegen? Er spricht von einem Schlag. Du hast ihn doch nicht geschlagen, was, Ned? Ich meine, du hast ihm doch höchstens einen Hieb versetzt, wenn es deine Selbstverteidigung galt?« Edward biß sich auf die Lippen und ließ einen schnellen Blick zur Seite schweifen, wie er es beim Nachdenken wohl zu tun pflegte. Er wünschte, sein Vetter möge vorschlagen, Mrs. Lovell den Brief zu zeigen. Er fühlte, daß er sie, wenn er die Angelegenheit mit ihr beriete, dazu würde bringen können, sie vom Standpunkt des gesunden Menschenverstandes aus zu beurteilen und sich für das, was er tun würde, so weit verantwortlich zu fühlen, daß sie nachträglich nicht wagen würde, ihr Herz gegen ihn Partei ergreifen zu lassen. Wenn er selbst zu ihr ginge, könnte es aussehen, als erbäte er ihre Vermittlung. Es galt, nach jeder Richtung hin gegen den feinfühligen Scharfblick ihres weiblichen Instinkts auf der Hut zu sein. Er erwiderte Algernon: »Was ich tat, geschah um deinetwillen. Du würdest mich zu Dank verpflichten, wenn du weiteres Fragen ließest. Ich gebe dir die positive Versicherung, daß ich einen unmännlichen Angriff auf ihn nicht befürwortet habe.« »Das genügt, das genügt,« sagte Algernon, voll Eifers nicht mehr zu hören, damit es nicht etwa zu einer Auseinandersetzung über die Dinge kommen möchte, von denen er gehört hatte. »Natürlich, dann hat der Kerl keinerlei Recht, – den reitet der Teufel! Wenn man ihn nur dazu kriegen könnte, den Sedgett zu morden und dafür gehängt zu werden. Er hat 'nen Freund, der 'n aktiver Major ist? Na, hör mal, die Behauptung ist ein bißchen stark. Ich werde darauf bestehen, sein Offizierspatent zu sehen. Wahrhaftig, Ned, da ist schwer zu raten. Selbstverständlich werde ich dir zur Seite stehen – darauf kannst du dich verlassen – aber, was der Teufel, soll man raten! Bring' die Sache vors Gericht ... Laß dir von Lord Elling eine Vollmacht ausstellen, um einem Friedensbruch vorzubeugen. Nein, das ist nichts! Dieser Schwindler von einem aktiven Major wird morgen hier vorsprechen. Wenn er sich richtig auszuweisen vermag, kann er sich meinetwegen amüsieren, wie er Lust hat. Ich kann mir noch nicht darüber klar werden, welcher Plan der beste ist. Teufel auch, Ned, es ist wirklich hart, daß du das Denken mir zuschiebst. Ich gehe immer zu Peggy Lovell, wenn ich mich in 'ner Klemme befinde. Richtig – Mrs. Lovell! Mistreß Lovell! Madame! Frau Prinzeß Lovell! wenn du verlangst, daß ich ihren Namen mit respektvollen Titeln in Verbindung bringe. Du bist wohl zu stolz, eine Frau um Hilfe für dich anzugehen, Ned?« »Nein,« sagte Edward milde. »In gewissen Fällen haben sie einen außerordentlichen Scharfblick. Nur mag man sie nicht gern in so eine Geschichte hineinziehen.« »Hm,« machte Algernon, »ich glaub', ganz so unschuldig, wie du meinst, ist sie nicht.« »Sie ist sehr klug,« sagte Edward. »Sie 's furchtbar klug!« rief Algernon. Er hielt inne, um weiteren Lobeserhebungen auf sie Raum zu geben und fuhr dann fort: »Sie ist so freundlich. Das räumst du nie ein. Ich will 'mal hingehen und die Sache mit ihr überlegen, wenn du wirklich nichts dagegen hast. Daß sie stillschweigen kann, darauf kannst du dich verlassen. Komm, Ned, sie wird ganz gewiß das Rechte treffen. Darf ich es tun?« »Die Sache geht dich mehr an, als mich,« sagte Edward. »Meinetwegen, wenn du meinst,« erwiderte der gutmütige Bursch. »Es ist schon der Mühe wert, die Sache mit ihr zu bereden, um zu sehen, wie fein sie das deichseln wird. Und da verlaß dich drauf, sie wird nicht mehr davon wissen, als du wünschst, daß sie weiß. Ich geh' gleich hin.« Er nahm den Brief mit fort. Edwards eigner praktischer Sinn würde ihm geraten haben, Robert sofort ein kurzes Wort der Erwiderung zu senden, worin er ihm auseinandersetzte, daß er sich zufällig gerade in einer Unterhaltung mit diesem Sedgett befunden hätte, als Robert, ein alter Feind des letzteren, vorbeigeritten sei, und daß er, so sehr er Sedgetts Vorgehen bedaure, unmöglich dafür verantwortlich gemacht werden könne. Aber es war unnütz, daran zu denken, in Übereinstimmung mit den Erwägungen seiner Vernunft zu handeln. Mrs. Lovell war Königin und thronte an der Stelle der Vernunft. Es war durchaus notwendig, sich ihrer Billigung seines Benehmens in diesem Dilemma zu versichern, indem er sich der ausgesprochenen Unannehmlichkeit unterwarf, ein Thema, das ihn fieberhaft erregte, mit ihr zu verhandeln, und sie annehmen zu lassen, daß er der Hilfe ihrer Weisheit bedürfe. Das war die ihm auferlegte Demütigung. Etwas Weiteres hatte er nicht zu fürchten, denn keine Frau würde der Übermacht eines männlichen Hirns widerstehen, wenn es sich darum handelte, eine Schlußfolgerung zu ziehen. Die Demütigung war schlimm genug und führte ihn halbwegs in die Versuchung, zu denken, daß sein alter Traum, angestrengt als Beamter zu arbeiten, während die schöne und sanfte Dahlia für seine Behaglichkeit sorgte, der beste sei. War es nicht, nachdem ein besonderer Schritt einmal getan war, das männlichste Leben, was er sich hätte aufbauen können? Oder redete er sich diesen Augenblick nur ein, weil er ein Feigling war; und weil ihn Stolz, Eitelkeit und Wildheit an Stelle eines edlen Herzens dazu hinaufschrauben mußten, für die Folgen seiner Handlungen einzustehen? War er ein Feigling, so war Dahlia seine Heimat, seine Zuflucht, sein Heiligtum. Mrs. Lovell war Untergang und versengendes Feuer für einen Mann, an dem der Makel der Feigheit haftete. Was er auch sein mochte, Edwards Eitelkeit erlaubte ihm nicht, es sich selbst einzugestehen. Dennoch appellierte er nicht an sein Herz, daß es ihn mit anfeuernden Weisen ansporne. Seine Gedanken suchten nach einer Ausflucht. Sein Wunsch, war der, Mrs. Lovells gute Meinung zu bewahren, während er andrerseits Robert beruhigte, und er ging gradeswegs auf den gefahrvollen Pfad los, zu versuchen, die Instinkte einer Frau zu verwirren und zu täuschen, um sie zu gewinnen. Kapitel XXIII. Major Percy Waring An dem Kaminfeuer eines der oberen Wohnzimmer des Wirtshauses »Zum Piloten« saß Robert mit seinem Freunde, dem geliebten Freunde, von dem er zu Dahlia und Rhoda mit so großem Stolz zu sprechen pflegte, daß es natürlich war, wenn man daraus auf einen Stolz geringerer Güte folgerte. Dieser Freund hatte den Namen eines solchen von einem gemeinen Soldaten seines Regimentes angenommen, eine Tatsache, die beweist, daß ein Mann sowohl Offizier wie Gentleman in einem strengeren und weniger duldsamen Sinne ist, als dieser dem Mund eines militärischen Papageien geläufige Ausdruck gewöhnlich bezeichnet. Major Percy Waring, der Sohn eines Pfarrers, war ein arbeitender Soldat, ein Menschenschlächter, wenn man will, aus reiner Liebe zum Waffenhandwerk und bei alledem der sanftmütigste und gütigste aller Männer. Ich nenne ihn einen arbeitenden Soldaten im Gegensatz zu den Parade-Soldaten, den Gecken in Uniform, den Helden durch Zufall, den in Reichtum und Stellung schwelgenden martialischen Jungen, welche die englische Armee bilden. Er studierte den Krieg, wenn die Schlachtdrommete schlummerte, und sein Platz war im Felde und nirgends sonst, wenn sie ertönte. Ihm war die Ehre Englands wie ein Kind in seinen Armen, er wiegte sie zärtlich, wie eine Mutter ihr Kleines. Er kannte die militärische Geschichte jedes Regiments in der Armee: irgendwelches Mißgeschick, so alten Datums es auch sein mochte, entlockte ihm ein Aufstöhnen. Dieses enthusiastische Gesicht war seltsam weich, wenn die großen, dunklen Augen träumerisch dreinblickten. Wie sein Gesichtsausdruck war, konnte es eine eigentümliche Wirkung ergeben, wenn er gelegentlich von einer auf zusammengedrängte Massen abgegebenen glücklichen Artilleriesalve sprach. Im allgemeinen waren seine klaren Züge nachdenklich bis zur Traurigkeit, sofern sie nicht besonders animiert waren, aber von Zeit zu Zeit konnten sie in begeistertem Aufflammen für eine Tat erglühen. Eine gleichmäßig fröhliche Gemütsstimmung war nicht seine Art. Trotzdem konnte er heiter in der Unterhaltung sein, wie sich aus der frohen Miene entnehmen ließ, mit der Robert ihm zuhörte. Unter sich nannten sie einander »Robert« und »Percy«. Robert hatte ihn an der Küste von Ost-Anglia vom Ertrinken gerettet, und die hieraus entstehende Freundschaft fiel als ein Hauptgrund dafür mit ins Gewicht, daß Robert den Dienst eines Soldaten quittierte und sich loskaufte. Es geschah gegen Percys Rat, der ihm ein Offizierspatent zu verschaffen wünschte, aber der aus bescheideneren Verhältnissen hervorgegangene Mann hatte die unüberwindlichen Bedenken seiner Klasse hinsichtlich der Geldfrage, und da eine Erfahrung der strengen Rangunterschiede innerhalb des Dienstes Roberts romantische Illusionen zerstört hatte, benutzte derselbe, um zu verhindern, daß sein Freund dieselben übertrete, das Legat seiner Tante, um seine Verpflichtungen zu lösen. Seit jenem Tage hatten sie sich nicht wiedergetroffen, aber ihre Freundschaft war eine feste. Percy hatte vorher Queen Annes Farm besucht, wo er Rhoda gesehen und durch sie Roberts Abreise erfahren hatte. Da er Roberts Heimatsort kannte, war er nach Warbeach gekommen und hatte Jonathan Eccles aufgesucht, der ihn an Mrs. Boulby, konzessionierte Inhaberin einer Schankwirtschaft, verwiesen hatte, falls er das Vergnügen einer Zusammenkunft mit Robert Eccles zu haben wünsche. »Der alte Mann hat regelmäßig jeden Tag fragen lassen, wie weit sein Sohn auf dem Wege zu einer andern Welt bereits sei,« sagte Robert lachend. »Er ist zähes, altenglisches Eichenholz. Ihm bin ich eben gerade das, was ich zur Zeit scheine. Es ist besser, ihn so zu haben, als so eine Art sprunghaften Vaters, wie er der Bühne anzugehören scheint. Jedermann achtet meinen Alten, und ich kann über das lachen, was er von mir denkt. Ich brauche ihn bloß wissen zu lassen, daß ich eine Lehrzeit in der Landwirtschaft durchgemacht habe und einige seiner Ideen in die Praxis umsetzen kann – famose Ideen! Jede einzige famos! Jede einzige famos. Das sag' ich von meinem eignen Vater.« »Warum sagst du ihm das nicht selbst?« fragte Percy. »Ich möchte alles von Kent vergessen und die ganze Grafschaft wegschwemmen,« sagte Robert, »und soweit mein Gedächtnis dabei in Frage kommt, will ich es auch.« Percy wartete einige Sekunden lang. Er verstand diesen Eigensinn in einem unerzogenen, feinfühligen Manne vollkommen. »Sie hat einen Ausdruck von unerschütterlicher Festigkeit in ihrem Gesicht, Robert. Sie sieht nicht aus, als wenn sie mit sich spaßen ließe. Wahrhaftig, ein edleres, freimütigeres Mädchen habe ich nie im Leben gesehen; wenn man sich auf Gesichter verlassen kann!« »Es ist grade anders herum. Von Spaßmachen ist in ihrem Fall nicht die Rede. Die geht schnurgrade auf ihr Ziel los.« »Du erwähnst ihrer in deinen Briefen an mich niemals, Robert.« »Nein. Ich hatte von Anfang an den Verdacht, daß ich um des Mädchens willen zum Narren werden würde.« Percy legte die Hand auf die seine. »Du hast da nicht ganz recht gehandelt.« »Das sagst du?« Robert brachte ihn mit dieser Frage zum Schweigen, denn es gab eine Frau in Percys Vorgeschichte. Nachdem dies Thema abgetan, sprachen sie freier. Robert erzählte Dahlias Geschichte, und was er in Fairly getan. »Oh, wir sind einer Meinung,« sagte er, als er ein sonderbares Lächeln, das Percy nicht zu verbergen vermochte, bemerkte. »Ich weiß wohl, daß es eine seltsame Art Benehmen war. Ich habe Achtung vor meinen Vorgesetzten. Aber, du magst mir glauben oder nicht, Percy, es macht mich toll, wenn man diesem Mädchen etwas antut, und dann kann ich mich nicht halten. Und sie ist die Schwester des Mädchens, das du gesehen hast. Beim Himmel! Wenn ich nicht immer ganz den Kopf verlöre, sobald mein Blut ins Kochen gerät, ich hätte Lust, geradeswegs zu dem Hause hinzugehen und das Geheimnis aus einem von ihnen herauszupressen. Was ich sage, ist dies: Gibt es einen Gott dort oben? Dann sieht er alles, und die Gesellschaft ist nur eine Rauchwolke vor ihm, und solange ich den Mut in mir fühle, es zu tun, gehe ich grade auf mein Ziel los.« »Wenn nicht zu gleicher Zeit der Schnaps in dir ist,« sagte Percy, »der dich dann allerdings hindern würde, klar zu sehen und geradeaus zu gehen.« Dieser Einwand war ein herber Stoß. Robert nickte. »Das ist wahr. Ich vermute, es ist die Folge meiner mangelhaften Erziehung, daß ich nicht kühl bleiben kann. Hinterher schäme ich mich selbst deswegen. Ich schreie und wettere, und das Ende davon ist, daß ich davongehe und ziemlich dieselbe Meinung über Robert Eccles habe, wie die, in welche ich die Leute hineingeängstigt habe. Vielleicht findest du, daß ich in diesem Falle zu tadeln bin? Einer jener Herren Blancove – nicht der, von welchem du gehört hast – schlug mich auf freiem Felde, unter den Augen einer Dame. Ich habe es hingenommen. Es war ein Teil dessen, was ich erwartete, als ich ihnen entgegentrat. Spät am Abend ritt ich nach Hause, und da stand er an der Biegung der Landstraße mit einem alten Feinde von mir, einem traurigen Burschen. Sedgett, heißt er – Nic, der Taufname, der dazu gehört. Es war gerade von Norden her eine Menge Schnee gefallen, und das Mondlicht blitzte hinter den flüchtigen, weichenden Wolken hervor, und ich sah Sedgett mit einem Stock in der Hand, aber der Herr hatte keinen Stock. Ich will Mr. Edward Blancove den Ruhm lassen, daß er nicht die Absicht hegte, in dies Memmenstück tätlich einzugreifen. »Aber was hatte er mit meinem Feinde zu beratschlagen? Und er ließ meinen Feind – übrigens, ich weiß, Perey, du magst nicht, wenn man derart von ›seinem Feinde‹ spricht. Du magst lieber, daß man schlicht und einfach spricht, aber wenn ich hier wieder in dieser alten Gegend bin, falle ich in die alten Gewohnheiten zurück, und ich bin immer ein schlechterer Mensch, wenn ich dich mal eine Zeitlang nicht gesehen habe. Also sagen wir Sedgett. Sedgett holte, als ich vorbeiritt, zu einem Schlage gegen meines Pferdes Knie aus und traf es eben über dem Kötengelenk. Das Pferd bäumte auf. Während ich mich im Sattel hielt, holte er zum zweitenmal gegen mich aus und traf mich hier.« Robert berührte seinen Kopf. »Ich fiel vom Pferde herab, wie eine Kastanie vom Baum. Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf der Dorfstraße. Ich glaube, ich habe da eine halbe Stunde lang ausgestreckt gelegen, das Gesicht auf der Erde, bei vollem Bewußtsein und die hübsche Farbe meines Blutes auf dem Schnee angestarrt. Das Pferd war fort. Ich brachte es noch eben fertig, nach diesem Hause zu taumeln, das immer eine Heimat für mich ist. Ja, hältst du nun so etwas für möglich? Am nächsten Tage ging ich aus: Ich sah Mr. Edward Blancove, und ich hätte ebensogut ein Baby an seiner Stelle sehen können, meine Gefühle hätten keine anderen sein können. Ich ahnte gar nicht, wer es war. Gestern früh bekam ich deinen Brief von Sutton-Farm. Ich weiß nicht, wie es kam, aber in dem Augenblick, als ich ihn las, erinnerte ich mich deutlich seines Gesichtes. Ich schrieb ihm, es sei eine Sache zwischen uns zum Austrag zu bringen. Findest du, daß ich verkehrt gehandelt habe?« Major Waring ließ einen bedächtig prüfenden Blick auf ihm ruhen. »Ich möchte noch mehr hören,« sagte er. »Du meinst, ich habe kein Recht, einen Mann in seiner Lebensstellung zu fordern?« »Antworte mir zunächst, Robert. Du glaubst, dieser Mr. Blancove hat diesem Sedgett bei seinem Überfall geholfen oder ihn dazu angestiftet?« »Das steht mir völlig außer Zweifel.« »Direkt ersichtlich ist es nicht?« »Es ist, wie die Umstände liegen, völlig ersichtlich.« »Auf alle Fälle bist du vielleicht berechtigt, ihn dessen für fähig zu halten: obschon man in der Regel nie etwas Unnobles von jemand vermuten sollte, bis es ganz klar bewiesen ist, und dann stößt man ihn mit Schimpf und Schande hinaus. Wenn du es aber für wahr hältst, möchtest du dich dann mit ihm auf gleiche Stufe stellen?« »Ja,« sagte Robert. »Dann nimmst du damit seinen Sittenkodex an.« »Das ist mir zu spitzfindig; aber Männer, die gegen jede Art des Duellierens oder irgendwelchen ernsten Ausfechtens Mann gegen Mann predigen, machen immer derartige Einwände.« »Ich verabscheue jegliches Duellieren,« bemerkte Major Waring. »Ich mag kein System, das Buben und Narren die Möglichkeit bietet, ein Anrecht darauf zu erwerben, das Leben nützlicher Menschen zu bedrohen. Laß mich bemerken, daß ich nicht zu denen gehöre, die dagegen predigen. Ich denke, du kennst meine Ansichten, sie decken sich nicht ganz mit denen des englischen Richterstandes und anderer mildherziger Personen, denen jeder Vorwand recht ist, um in der Praxis ihrem Zorn die Zügel schießen zu lassen. Wir wollen uns an die andere Erörterung halten: Du forderst einen Mann – du erklärst ihn damit für deinesgleichen. Aber warum mit dir hierüber disputieren? Ich kenne deine Gedanken so gut, wie meine eigenen. Du hast noch irgend etwas im Hinterhalt.« »Ich fühle, daß er der Schuldige ist,« sagte Robert. »Du fühlst dich dazu berufen, ihn zu bestrafen.« »Nein. Warte: er will nicht fechten, aber ich habe ihn in der Hand und ich halte ihn. Ich fühle es, daß er der Mann ist, der dies Mädchen ins Unglück gestürzt hat; alle Tatsachen, die ich zusammenreimen kann, beweisen es mir, und was den andern jungen Burschen betrifft, so habe ich ein solches Hundeleben hier geführt, daß ich ihn um Verzeihung bitten könnte. Das Auge dieses Mannes hat in meinem gewurzelt. Ich habe gesehen, daß er auch vor einem Mord kaum zurückgeschreckt wäre – wenn sich ihm die Gelegenheit geboten hätte. Warum? Weil ich auf die richtige Feder gedrückt habe. In einigen Dingen bin ich so schlau, wie ein Weib. Er soll mir büßen! Bei –! Schlag mich ins Gesicht, Percy. Ich hab' mich ans Trinken und Fluchen gewöhnt. Verdammt das Mädel, das mich die guten Lehren hat vergessen lassen! Gesegnet sei sie, wollt' ich sagen. Sie sah dich, nicht wahr? Wurde sie rot, als sie deinen Namen hörte?« »Sehr,« sagte Major Waring. »Was hatte sie an?« »Schwarz mit einem feuerroten Bande um den Hals.« Robert scheuchte das Bild von seinem Blick. »Nein, ich will nicht von ihr träumen. Frieden und kleine Kinder und Landwirtschaft und Stolz auf mich selbst mit einem Weib zur Seite – ach was! Du hast sie gesehen – all das ist nun vorbei. Ich könnte grad' so gut den Ostwind auffordern westlich zu wehen. Ihr Gesicht sieht nach der andern Seite. Natürlich, der Charakter und der Wert eines Mannes zeigt sich in der Art und Weise, wie er einen derartigen Schmerz trägt, und hör' mich nur: Ich schreie darunter auf! Ich dachte, ich hätte es verwunden. Ich hab' einer Dame in die Augen gesehen, die zehnmal lieblicher war – wann? irgendwann! Daten sind mir entfallen. Aber da hat mich das Mädel wieder zu fassen. Sie schlüpft in mich hinein, läßt ihre Hand in meine Brust hineingleiten und reißt da an den Saiten. Ich kann es nicht lassen, mit dir über sie zu sprechen, nun wir das Erste einmal überwunden haben. Ich werd's schon bald wieder aufgeben. »Ein rotes Band trug sie? Wenn es Frühling gewesen wäre, hättest du Rosen gesehen. O was für ein standhaftes Herz das Mädchen hat! Das heißt, wo sie es einmal gegeben hat! Wo dies Menschenkind ihr Herz einmal gibt, da gibt es auch sein Leben. Aber was mich betrifft – nicht für 'n Heller Trost! Ach, eine ganze Woche seh' ich sie nun so, Tag und Nacht, in dem schwarzen Kleid mit dem farbigen Band. Da geht sie hin: zur Kirche, so sitzt sie am Tisch, so sieht sie aus dem Fenster! – »Wirst du glauben, daß mir diese dicken Augenbrauen, die sie hat, einmal häßlich vorkamen? – vor einer unglaublich langen Zeit. Ja, aber was für Augen hat sie darunter! Und wenn sie freundlich aussieht, dann sitzt so ein leichtes Zittern in dem einen Mundwinkel, und die Augen blicken ganz fest, so daß es aussieht wie ein wunderbares Stückchen Barmherzigkeit. »Immer denke ich an dies treuherzige Geschöpf, wie sie für ihre Schwester betet und sich nach ihr sehnt und sich sorgt, daß Schande an ihr haften könnte – das ist es, weswegen sie mich haßt. Ich wollte nicht sagen, ich sei überzeugt, ihre Schwester sei nicht in eine Falle geraten. Ich konnte es nicht. Ich war ein Idiot. Ich dachte, ich wollt' kein Heuchler sein. Ich hätte ja sagen können, ich glaubte, was sie glaube. Da stand sie, ganz bereit, sich nehmen zu lassen, ganz bereit, sich mir zu geben, wenn ich nur ein einzig Wort gesprochen hätte! Es war ein himmlischer Augenblick, und Gott Vater kann ihn nicht zum zweitenmal gewähren! Nun ist das Glück verpaßt! »O, was bin ich für ein elender, toller Hund, in solcher Art loszuplappern. – Herein, herein, Mutter!« Mrs. Boulby trat mit leisen Schritten ein, sie trug einen Brief. »Vom Park,« sagte sie und begann Robert freundlich zu schelten, um dann ihr Recht dazu mit einiger Feierlichkeit zu behaupten. »Immer spricht er, Herr. Er gehört zu denen, die entweder reden oder ganz stumm herumhängen, einen Mittelweg gibt's da nicht; und der Doktor ist ihr persönlicher Feind, und Gesundheit verachten sie, und seit er diesen schrecklichen Schlag bekommen hat, ist es wirklich, als war' ihm der Eigensinn wie so 'n Nagel in 'n Kopf gehauen, und dann kann man reden, wie man will, 's macht rein gar nichts aus.« »Es muß doch geredet werden, wenn zwei Freunde zusammenkommen, Madam,« sagte Major Waring. »Ja,« erwiderte die Witwe, »wenn's man nicht immer bloß von einer Seite war'!« »Ich bin nun fertig, Mutter,« sagte Robert. Mrs. Boulby zog sich zurück und Robert öffnete den Brief. Er lautete, wie folgt: »Mein Herr! Es freut mich, daß Sie die Gewogenheit gehabt haben, mich in gemäßigtem Tone anzureden, so daß ich in der Lage bin, mich von einem ungerechten und höchst unangenehmen Verdachte zu reinigen. Ich will, wenn es Ihnen lieb ist, Sie oder Ihren Freund sehen; vielleicht werde ich letzterem besser auseinandersetzen können, wie unbegründet der Vorwurf ist, den Sie mir machen. Ich werde Sie im Wirtshaus ›Zum Piloten‹ aufsuchen, wo Sie sich, wie ich höre, aufhalten, oder bin, wenn Ihnen solches lieber sein sollte, zu jeder Zusammenkunft, die Sie etwa anderswo festsetzen, bereit. Doch muß es sofort sein, da der Termin meines Aufenthalts in dieser Gegend begrenzt ist. Ich bin, mein Herr, Ihr ganz gehorsamer Edward Blancove.« Major Waring las die Zeilen mit kritischer Aufmerksamkeit. »Es scheint mir billig und offen,« bemerkte er. »Hier,« Robert schlug sich an die Brust, »hier ist meine Antwort für ihn. Was soll ich machen? Soll ich ihn bitten, zu kommen?« »Schreibe ihm, dein Freund würde ihn an einem bestimmten Platze treffen.« Robert sah, wie ihm seine Beute entwischte. »So soll ich ihn nicht sehen?« »Nein. In solcher Art Fällen ist der formell gebotene Weg der richtigste. Dies ist das gegebene Vorgehen zwischen Gentlemen.« »Es kommt mir so vor,« sagte Robert, »als suchten Gentlemen gewissermaßen, den geraden Weg immer zu umgehen.« »Du redest wie ein Zivilist vor einer Festung,« erwiderte Percy. »Entweder findet er die Sache so leicht, daß er nur einfach hineinspazieren kann, oder er gibt sie sofort als uneinnehmbar auf. Du bist deinen eigenen Ideen gefolgt und was hast du erreicht?« »Er wird dich glatt belügen.« »Glatt oder nicht, sobald ich entdecke, daß er nicht die Wahrheit spricht, wird er mir verantwortlich dafür sein.« »Mir, Percy.« »Nein, mir! Dir kann er sich mit List entziehen, und das allgemeine Urteil wird ihn deswegen freisprechen. Wenn er mir hingegen verantwortlich wird, so steht vom allgemeinen – und das ist hier der tatsächlich in Frage kommende – Gesichtspunkt aus, seine Ehre auf dem Spiel, und ich habe ihn in der Hand.« »Das sehe ich ein. Ja, er kann es ablehnen, sich mit mir zu schlagen.« Robert seufzte. »Weiß Gott, es ist 'ne schwierige Welt, wenn die verschiedenen Lesarten in Frage kommen. Aber, Percy, du wirst ihm die Pistole auf die Brust setzen: ›Haben Sie das Mädchen betrogen?‹ und ›wissen Sie, wo das Mädchen jetzt ist?‹ Großer Gott, wir wollen ja nur wissen, wo sie ist! Sie kann ja ermordet sein. Man hat sie vor ihrer Familie versteckt. Laß ihn gestehen, und dann laß ihn laufen.« Major Waring schüttelte den Kopf. »Du siehst die Sache vom Standpunkte etwa einer Frau an, Robert. Jedenfalls redest du wie eine Frau. Ich werde ihm sagen, welchen Verdacht du gegen ihn hegst. Wenn ich das getan habe, bin ich verpflichtet, seine Erwiderung anzuhören. Entdecken wir, daß es sich dabei um Lügen handelt, so habe ich mein Gegenmittel bereits zur Hand.« »Kannst du denn nicht einsehen, daß es nicht mein Zweck ist, ihn zu bestrafen, sondern ihm das Geheimnis zu entreißen, gleich – augenblicklich?« rief Robert. »Ich kenne dein Ziel ganz genau, und du hast ja bereits einige Erfahrungen hinsichtlich deines Systems gemacht. Es ist der in die Tat umgesetzte primitive Aufschrei zu dem Gott des Kampfes, der dieser Tage zu seinem Recht gekommen ist. Es bleibt dir kein anderer Ausweg, als dich an sein Wort zu halten.« »Sie sagte,« – Robert schlug sich aufs Knie – »sie sagte, ich solle die Adresse des Mädchens haben. Sie sagte, sie wolle sie aufsuchen. Sie hat es mir heilig versprochen. Ich spreche von der Dame oben in Fairly. Komm, die Dinge fangen an sich zu klären. Wenn sie weiß, wo Dahlia ist, wer hat es ihr dann erzählt? Dieser Mr. Algernon – nicht Edward Blancove – ist im Theater in einer Loge mit Dahlia gesehen worden. Er ist dort mit Dahlia gewesen, trotzdem halte ich nicht ihn für den Schuldigen. Mir deutet ein bestimmter, leuchtender Fingerzeig auf jenen andern.« »Wer ist diese Dame?« fragte Major Waring mit emporgezogenen Augenbrauen. »Mrs. Lovell.« Bei dem Namen saß Major Waring da, wie vom Schlage gerührt. »Lovell!« wiederholte er leise. »Lovell! Ist sie jemals in Indien gewesen?« »Das weiß ich wirklich nicht.« »Ist sie Witwe?« »Ja, das habe ich gehört.« »Beschreib' sie mir.« Robert unterzog sich der Aufgabe mit einem Dutzend überstürzter Ausrufe und schloß sehr gerechtfertigtermaßen damit, daß er kein rechtes Bild von ihr zu geben vermöge. Aber sein Freund hatte offenbar genug erfahren. Major Warings Antlitz hatte sich mit einer eigentümlichen Blässe überzogen, und das Lächeln war aus seinen Zügen verschwunden. Er fuhr sich mit den Fingern durchs Haar, packte es wie einen Schopf, während er dasaß und in die rote Glut des Feuers starrte, in dem das Licht vergangener Tage und stürmischer Erinnerungen zu hängen pflegt, wie in einer zu Trümmern versinkenden Welt. Robert wußte von einem traurigen Schatten in Percys Leben, und daß er ein Weib geliebt habe und aus seiner Leidenschaft erwacht sei. Der Name war ihm unbekannt. Sein natürliches Zartgefühl und die Ehrerbietung, die er Percy gegenüber empfand, hatten ihn immer zurückgehalten, diese Angelegenheit tiefer zu sondieren. Mochte er, wo seine eigenen Instinkte lebendig waren, den feinen Spürsinn eines Weibes besitzen, wie er selbst sagte, – im Erraten der Ursache von Percys plötzlicher Depression ließen sie ihn im Stich. »Sie sagte – diese Dame, Mrs. Lovell, wer sie denn immer sein mag – sagte, daß du die Adresse des Mädchens haben solltest? Gab sie dir ihr Wort darauf?« Percy sprach halb nachdenklich. »Wie kam denn das? Wann hast du sie gesehen?« Robert erzählte, auf welche Weise er mit ihr zusammengetroffen sei, und wie sie sich bemüht habe, Frieden zu stiften, ohne indessen Mrs. Boulbys Bericht von der Wette anzudeuten. »Eine Friedensstifterin!« warf Percy dazwischen. »Reitet sie gut?« »Die beste Reiterin, die ich je in meinem Leben gesehen habe,« war Roberts rasche Antwort. Major Waring strich sich schnell über die Stirn, als sei er ungeduldig, einen klaren Gedanken zu fassen. »Du mußt zwei Briefe schreiben: einen an diese Mrs. Lovell. Sag' ihr, du seiest im Begriff, die Gegend zu verlassen, und erinnere sie an ihr Versprechen. Die Sache ist unbegreiflich, – aber immerhin. Das schreibe zunächst. Dann an den Mann. Sag', daß dein Freund – Übrigens, sag' mal, hat diese Mrs. Lovell sehr kleine Hände? Ich meine, ganz auffallend kleine? Ist dir das aufgefallen oder nicht? Vielleicht kenne ich sie. Na, es ist einerlei. Schreib' an den Mann. Sage – schreib' nicht meinen Namen – sag', daß ich ihn treffen wolle.« Percy sprach wie im Traum. »Gib irgendeinen Ort und irgendeine Stunde an. Morgen um zehn, unten am Fluß, – bei der Brücke. Schreib kurz. Danke ihm für sein Anerbieten, sich mit dir auseinanderzusetzen. Wir wollen jetzt nicht weiter über die Sache hin und her sprechen. Schreib' nur geradeswegs die beiden Briefe.« Er hatte Robert den Rücken zugewendet, während er ihm diese Anweisungen gab. Robert nahm Feder und Papier und tat, wie ihm geheißen mit dem pünktlichen Gehorsam eines Mannes, der gezwungenermaßen einwilligt, einen besseren Plan fahren zu lassen. Eine Wirkung der zwischen diesen beiden der Lebensstellung nach so verschiedenen, in vollkommen zartem Empfinden so ähnlichen Männer, war dies, daß Robert von dem Augenblick an, wo Percy die Leitung einer Sache übernahm, solche niemals in Zweifel zog. Während er vor sich hinmurmelte, daß er außerstande sei, anders als in leidenschaftlicher Erregung zu schreiben, brachte er, in Percys Augen, ganz zufriedenstellende Briefe fertig, ob schon Robert selbst hinsichtlich des Briefes an Mrs. Lovell voller Zweifel war, sowohl was den Wortlaut, den Aufbau der Sätze, ja, sogar die Handschrift betraf. Diese Botschaften wurden sofort abgesandt. »Du bist ganz sicher, daß sie das gesagt hat?« fragte Major Waring im Laufe des Nachmittags mehr als einmal, und Robert versicherte ihn, daß Mrs. Lovell ihm ihr Wort gegeben. Er wurde sehr bestimmt dabei und versicherte auf seine Ehre, sie hätte es gesagt. »Du könntest dich doch verhört haben.« »Die Worte sind in mein Gedächtnis eingebrannt,« sagte Robert. Ehe es dunkel wurde, gingen sie miteinander nach Sutton-Farm herüber, aber Jonathan Eccles war draußen auf seinen Feldern, so hieß nur Frau Anne sie willkommen, deren Herz zu schmelzen Major Waring nicht die Macht besaß; in dem Augenblick, wo er lobend von Robert zu sprechen anfing, schloß sie ihren Mund ganz fest und kreuzte die Hände in stummer Ergebung. »Ich verstehe,« sagte Major Waring, als sie die Farm verließen, »deine Tante gehört zu jener Art Gottesfürchtiger, die keine Vergebung kennen.« »Ich fürchte,« rief Robert, »kaltes Blut und heißes werden einander nie verstehen, und die alte Dame ist wie gefrorene Milch. Auf ihre Weise mag sie ja recht, haben. Ich mache ihr keinen Vorwurf. Ihre Frömmigkeit ist echt, man muß sie eben nehmen, wie sie ist.« Mrs. Boulby vermutete scharfsinnigerweise, daß vornehme Herren alle Tage ihres Lebens ein vorzügliches Mittagessen einnähmen, und solches von der Vorsehung als ihr Recht in Anspruch nähmen. Sie hatte sich aufs äußerste angestrengt, ein feines kleines Diner für Major Waring zu bereiten und bediente selbst die Freunde, wobei sie lebhaft bedauerte, daß der Major die Obliegenheiten eines Gentleman so weit vernachlässigte, der Mahlzeit nicht die rechte Würdigung angedeihen zu lassen. »Aber,« sagte sie unten am Büffet, »er raucht die schönst-riechenden Zigarren und trinkt den Kaffee, auf seine besondere Art zubereitet. Er ist sehr eigen.« Was ein besonderes Lob für Major Waring bedeuten sollte. Es war gegen Mitternacht, als sie mit einem zweiten Briefe vom Park ins Zimmer kam. Sie warf ihn auf den Tisch, aufgeregt und unter dem Vorgeben eines sich nur mühsamen Beherrschens, wie es einem weiblichen Sturm voranzugehen pflegt. Ihre Entrüstung war die Folge einer Mitteilung von Seiten Dick Curtis' unten im Gastzimmer, des Inhalts, daß Nie Sedgett aus der Gegend verschwunden sei, niemand wisse, wohin. Robert lachte sie aus und nannte sie eine Hebräerin – mit ihrem ›Auge um Auge, Zahn um Zahn‹. »Überlaß richtige Schurken dem Herrn dort oben, Mutter. Er bestraft sie sicherlich. Sie haben das Glück verwirkt. Das ist meine Auffassung. Ich würde keinen Schritt von meinem Wege abgehen, um ihnen einen Stoß zu geben – nein, wahrhaftig nicht! Es sind die Halb-und-halb-Schurken, mit denen wir aufzuräumen haben. Die bringen das Unheil in die Welt, alte Dame!« Percy hingegen stellte einzelne Fragen hinsichtlich Sedgetts und schien sein Verschwinden sonderbar zu finden. Er hatte die Handschrift der. Adresse des Briefes prüfend betrachtet. Sein Gesicht war gerötet, als er ihn Robert zuschob, damit dieser ihn öffne. Mrs. Boulby verabschiedete sich mit einem Knicks, und Robert las mit einer Menge Pausen und verwunderter Betonung: »Mrs. Lovell hat den Brief, welchen Herr Robert Eccles an sie gerichtet hat, erhalten und bedauert, daß irgendein Mißverständnis aus einer während der Zusammenkunft gemachten Äußerung entstanden sein kann. Die Andeutungen sind dunkel, und Mrs. Lovell kann nur ihrem Bedauern Ausdruck geben, wenn sie Mr. Eccles irgendwie durch etwas, was sie gesagt oder versprochen haben sollte, irregeleitet haben kann. Sie ist sich dessen nicht bewußt, ihm irgendwie von Nutzen sein zu können. Sollte sich ihr eine Gelegenheit dazu bieten, möge Mr. Eccles überzeugt sein, daß sie nicht verfehlen wird, sich einer solchen zu bedienen, und ihr äußerstes zu tun, einer Verpflichtung nachzukommen, der er offenbar eine Bedeutung beigelegt hat, die sie in keiner Weise versteht, noch erinnert.« Als Robert fertig gelesen hatte, sagte er: »Es ist wie ein weiblicher Advokat. Wie die Frau schreibt und wie sie spricht, das sind zwei verschiedene Persönlichkeiten – wahrhaftig, total verschieden! Rasch, klar, grade aufs Ziel losgehend, wenn sie spricht, und nun lies dieses! Darf ich es wagen, von einer Dame zu sagen, daß sie eine Lügnerin ist?« »Vielleicht unterläßt du das besser,« sagte Major Waring, der den Brief in die Hand nahm und ihn zu studieren schien. Worauf er ihn in seine Tasche schob. »Morgen? Morgen ist Sonntag,« bemerkte er. »Wir wollen morgen zur Kirche gehen.« Seine Augen blitzten. »Na, dafür bin ich kaum in der Stimmung,« protestierte Robert. »Ich habe diese Gewohnheit in letzter Zeit fallen lassen.« »Du solltest an der Gewohnheit festhalten,« sagte Percy. »Sie hat ihr Gutes für einen Mann wie dich.« »Aber was für eine Art Mensch bin ich denn, daß ich mich da den Leuten zeigen soll, die über mich geredet haben – und den Leuten von Fairly!« Robert schauderte bei dem Gedanken. »Die Leute werden mich wie eine Sehenswürdigkeit anstaunen. Bei meiner Ehre, Percy, ich glaube, das kann ich nicht gut. Ich will zu Hause in der Bibel lesen, wenn du meinst.« »Nein, du wirst Buße tun,« sagte Major Waring. »Ist das dein Ernst?« »Die Buße auf meiner Seite wird zehnmal größer sein, das kannst du mir glauben.« Robert dachte, er mache sich auf irgendeine Weise über die Vermittlerrolle der Kirche lustig. »Dann wollen wir in die Upton-Kirche gehen,« sagte er, »in Upton ist es mir einerlei.« »Ich will in die Kirche gehen, die ›die Herrschaft‹ besucht, wie man bei uns zu Lande sagt, und du mußt mit mir nach Warbeach kommen.« Indem Robert sich mit der einen Hand über die Stirn strich, rief er: »Du könntest nichts von mir verlangen, was ich so sehr hasse. Dahingehen und dasitzen und wie 'n Schaf aussehen und Lobgesänge mit den Leuten singen, die ich eben noch gehetzt habe, und von jedermann gesehen werden! Wie kann es dir irgendwie etwas Ähnliches sein, wie mir?« »Du kannst dich nur auf mein Wort verlassen, daß es mir ebenso schwer und schwerer ankommt, wie dir,« sagte Major Waring mit leiser Stimme. »Komm, es wird dir nichts schaden, hie und da eine kurze Zwiesprache mit deinem Gewissen zu halten. Du wirst dich niemals von der Vernunft leiten lassen, so haben deine Gefühle dich zu lehren, was es für dich zu lernen gilt. Auf alle Fälle bitte ich dich darum.« Damit endete das Gespräch über dies Thema. Robert sah einem der Buße geweihten Sabbath entgegen. »Sie ist immer noch Witwe,« dachte Major Waring, als er allein in seinem Schlafzimmer stand, und indem er die Fenstervorhänge zurückzog, blickte er zu dem weißen Mond empor.