George Meredith Rhoda Fleming. II. Band Kapitel XXIV. Die Dorfkirche von Warbeach Wenn im Winter die Sonne zu scheinen und der Südwest zu wehen beginnt, können sich die Ecken und Winkel der Erde nicht davor verstecken – die Morgende sind wie Hallen voller Licht. Robert hatte alle Hoffnung auf einen regnerischen Tag gesetzt, der die Gemeinde nur spärlich gesäet hätte erscheinen lassen, die Gäste von Fairly dem öffentlichen Gottesdienste gänzlich ferngehalten haben würde. Er bemerkte sofort, daß er dazu verurteilt sein würde, wenn er das Schiff hinunterschritt, jedermanns Augen auf sich gerichtet zu fühlen, denn an einem Morgen, wie diesem, würde jedermann dem Gottesdienst beiwohnen. Mit seinem Gewissen hatte er bereits insoweit Zwiesprache gehalten, als er es gescheut hatte, Percy noch einmal nach dem Grunde, weswegen sie zur Kirche sollten, zu fragen, und er hatte nicht den Mut, dafür zu plaidieren, daß sie, statt am Morgen, am Nachmittag gehen könnten. Die Frage: »Schämst du dich denn etwa?« klang ihm als bereitwillige Antwort darauf bereits in den Ohren. Es gab kein Entrinnen; so verwandte er denn seinen ganzen Scharfsinn darauf, einen möglichst guten Eindruck hervorzurufen, indem er Hut und Rock mit besonderer Sorgfalt bürstete. Percy ließ sich von ihm den für die Zusammenkunft ausgemachten Platz bezeichnen, bat ihn, auf dem Kirchhofe von Warbeach oder in dessen Sehweite auf ihn zu warten und schlenderte in der Richtung des Flusses davon. Seine schlichte Eleganz und seine ruhig vornehme Art schüchterten Robert ein und lenkten seine Gedanken von dem intensiven Sich-Versenken in die abstrakte Betrachtung von Recht und Unrecht, die ihn bis dahin ermutigt und angespornt hatte, ab, so daß ihn die Aussicht, den Augen der Kirchgänger zu begegnen, niedergeschlagener, denn je, machte, und er betrachtete sich mit der zitternden Empfindsamkeit eines Weibes, das in einem Augenblick, wo die Leidenschaft eine ihrer verhängnisvollen Pausen hat, die Verdienste ihres Liebhabers abwägt, verglich sich mit der Klasse derjenigen, die er beleidigt hatte, und versuchte, besser von sich zu denken, sich vor sich selbst zu rechtfertigen und Vergleiche standhaft zurückzuweisen. Doch ließen sie sich nicht abweisen. Seinen Feinden gegenüber hatte er sie nie empfunden, aber der Anblick seines Freundes drängte sie ihm auf. Jeder Mensch, der das Gesetz selbst in die Hand nimmt, und dem es beliebt, gegen das Front zu machen, was im allgemeinen für passend gilt – gegen die Welt, wie wir wohl sagen – ist solchen Stimmungen sich selbst erniedrigender Depression zugängig. Robert wartete auf das Läuten der Glocken mit den Empfindungen eines gemeinen Verbrechers. Hätte er zur Kirche getrieben und plötzlich auf seiner Bank abgesetzt werden können, sein Gemüt würde ruhiger gewesen sein. Das Hingehen, das Durch-das-Schiff-gehen, das Bewußtsein, daß er der Bursch sei, der es mit allen jenen wohlgekleideten Herren aufgenommen hatte, war es, was ihn völlig verwirrte. Und nicht eigentlich seinetwegen – zum Teil Percys wegen. Es war ihm ein schrecklicher Gedanke, an Major Warings Seite gesehen zu werden. Sein bester Anzug und sein Hut waren ja soweit ganz gut, nur empfand er – er wußte selbst nicht recht, wie – daß er sie nicht in angemessener Weise, nicht mit dem Anschein eines Sich-darin-wohl-Befindens trage. Die Sache war die, daß sich ihm unvermutet die elegante Nonchalance in dem Auftreten eines englischen Gentleman offenbart hatte, und es wunderte ihn, daß sich Percy niemals sein Manko aufzudrängen schien, daß er ihn immer noch bei seinem Rufnamen nenne, und nichts dagegen habe, öffentlich mit ihm gesehen zu werden. Robert bedachte nicht gleichzeitig, daß die Krankheit sein Blut geschwächt habe. Jeder sensitive Mensch bedarf eines starken, guten Kreislaufs des Blutes, um jederzeit auf der Höhe der geforderten Situation zu sein. Er dachte verwundert daran, wie leicht sein Gang und wie scharf sein Witz gewesen sei, wenn er von Queen Annes Farm in die Wrexbyer Dorfkirche gewandert war. Warum war er jetzt ein so ganz andrer Mensch? Er vermochte keine Antwort auf die Frage zu finden. Zwei oder drei seiner Warbeacher Bekannten begegneten ihm auf der Dorfstraße. Sie wünschten ihm einen guten Morgen und sprachen freundlich, mit einem liebenswürdigen, gutmütigen Ausdruck zu ihm. Ihr Eindruck von ihm, als sie von ihm fortgingen, war der, daß er stolz werde. Der fidele Schlachter von Warbeach, der ihm herzlich zugetan war, bestand darauf, ihm die Hand zu schütteln, ihn Mrs. Billing zu zeigen und Robert seine beiden Kleinen sehen zu lassen. Robert küßte die Kinder und ließ sie mit einem Kopfnicken vorbei. Hie und da begrüßten ihn ein paar junge Burschen in flotten Röcken, den Hut keck auf einem Ohr, denen der Sonntag als ihr besonderer froher Schaustellungstag galt, mit lautem Zuruf. Er schenkte ihrem Gruß keine Beachtung. Er versuchte, den Rotkehlchen und den zwitschernden Zaunkönigen Interesse abzugewinnen, sich auf Verse über kleine Vögel zu besinnen und sich dieselben zu wiederholen, hinter der Maske eines Gesichts, das jeden freundlichen Menschen, der ihn kannte, eisig berührte. Moody, der Schiffszimmermann, fragte ihn unter unverschämtem Anglotzen, ob er zur Kirche gehe, und auf Roberts Erwiderung, vielleicht täte er's, sagte er: »Ich bin starr!« was auf jemand in Roberts Lage sonderlich deprimierend wirken mußte. Um seinen Mut noch mehr zu heben, begegnete ihm Jonathan Eccles, der die gleiche Frage an ihn richtete, und, als ihm die gleiche Antwort wurde, auf der Stelle umdrehte und nach Hause ging. Robert fühlte eine ungemeine Erleichterung, als die Glocken verstummten, und schlenderte mit überlegener Ruhe um die Ilex- und Lorbeerbüsche herum, welche die Kirche versteckten. Über die Begegnung zwischen Major Waring und Mr. Edward Blancove dachte er kein einziges Mal nach, bis er den ersteren allein an der Pforte des Kirchhofs stehen sah, und dann beschäftigte ihn der leere Kirchhof und die Abwesenheit jeglichen Wagens weit mehr, mahnte ihn doch jetzt alles, augenblicklich darüber ins klare zu kommen, wie er sich unter den Augen einer scharf und kritisch beobachtenden Gemeinde am besten benähme. Major Waring bemerkte: »Du kommst spät.« »Habe ich dich warten lassen?« sagte Robert. »Nicht lange. Man ist eben bei der Liturgie.« »Ist es voll drinnen?« »Ich glaube wohl.« »Ich nehme an, du hast ihn gesehen?« »O ja, ich habe ihn gesehen.« Percy sprach sehr kurz und war so bleich, wie ihn Robert, nie gesehen hatte. Er fragte hastig nach der Lage von Lord Ellings Kirchenstuhl. »Meinst du nicht, wir könnten auf die Empore gehen?« sagte Robert, aber er erhielt keine Antwort, und mit einem innerlichen Aufstöhnen: »Guter Gott! man wird denken, daß ich gewissermaßen als reuiger Sünder hier erscheine!« kam es ihm plötzlich zum Bewußtsein, daß er das Schiff hinunterschritt, und plötzlich fand er sich, zu seiner Überraschung, dem Kirchenstuhl von Fairly direkt gegenüber, die Augen auf Mrs. Lovell geheftet, sitzen. Was war ihr? War sie krank? In einem Augenblick hatte Robert seine eigene Bedrängnis vergessen. Ihr Gesicht war marmorbleich, und während sie mit dem Gesangbuch in der Hand dastand, schwankte ihr Kopf darüber hin, ihre Lippen machten einen schwachen Versuch, zu lächeln, dann setzte sie sich leise nieder und war den Blicken entzogen. Algernon und Sir John Capes saßen neben ihr im Kirchenstuhl, ebenso Lady Elling, welche ihr mit nach rückwärts gestreckter Hand und einem teilnahmlosen Gesichtsausdruck ihr Riechfläschchen reichte. »Ist das, weil sie meint, ich habe erfahren, daß sie mich zum Gegenstand einer Wette gemacht hat?« dachte Robert, und es war nicht seine Eitelkeit, die ihm diese Annahme zuraunte, obschon eine Eitelkeit durch dieselbe geweckt wurde. »Oder schämt sie sich ihrer Lüge?« dachte er aufs neue und vergab ihr, angesichts ihres süßen, blassen Gesichts. Das Singen der Hymne ließ ihr augenscheinliches Leiden heilig, wie das einer Märtyrerin, erscheinen. Er hatte kaum Kraft genug, den Schein der Andacht aufrechtzuhalten, so stark war sein Verlangen, ihr seine Teilnahme zu zeigen. »Das ist Mrs. Lovell, – hast du sie eben gesehen?« flüsterte er. »Hm!« sagte Major Waring. »Ich fürchte, sie ist ohnmächtig geworden.« »Wohl möglich!« Aber Mrs. Lovell war nicht ohnmächtig geworden. Sie stand auf, als die Zeit zum Aufstehen wiederkam und schien, die Augen fest und in ernster, frommer Sammlung auf den Vikar am Lesepulte gerichtet, wieder vollkommen Herrin ihrer selbst, – doch nur so lange Herrin ihrer selbst, wie sie dieselben derart fest auf ihn richtete. Sobald sie abschweiften, war es, als habe sie einen stützenden Pfeiler fahren lassen, und dann blickten sie völlig unsicher; über ihr Gesicht huschten fahle Schatten, wie Regenwolken über graues Seewasser. Irgend jemand ihr gegenüber lastete schwer auf ihren Augenlidern. So viel war klar. Robert erschien sie ein Wunder von Schönheit. Ihre Farben glichen Tagen, die seine Gedanken stark beschäftigt hatten. Tagen mit purpurfarbenen Stürmen und golden umsäumtem Horizont. Sie trug ein Kapottehütchen von schwarzem Sammet mit zarten weißen Spitzen garniert, durch das ihr warmgetöntes, goldblondes Haar nicht beeinträchtigt wurde. Ihre kleinen behandschuhten Hände umschlossen beide das Buch, zuweilen verschlangen ihre Blicke dasselbe gleichsam, dann, als werde die Schwüle sonst unerträglich, wandten sich ihre Augen einer Ecke der Kanzel zu, um sich hierauf aufs neue auf das Buch zu heften. Robert verwarf alle Gedanken, als könne er irgendwie die Ursache ihrer seltsamen Verwirrung sein. Er warf einen Blick auf seinen Freund. Ein schwacher Verdacht war in ihm aufgestiegen, zu schwach indessen, als daß er vor Percys vollkommener Selbstzucht standgehalten hätte, denn wie er die Sache aufgefaßt hatte, war Percy der leidende Teil gewesen, und die Dame ohne eine Wunde davongekommen. Und war das der Fall, wie hätte sie eine so tiefe Bewegung zeigen können, während er in völliger Selbstbeherrschung vor ihr stand. Robert glaubte, daß er, wenn er viele Tage nacheinander dieses anbetungswürdige Gesicht anschauen könnte, Rhoda völlig aus seinem Gedächtnis zu verscheuchen vermöchte. Ihm war die Predigt nicht lang genug, und er war ärgerlich auf Percy, weil er aufstand, ehe im Patronatsstuhl noch irgendwelche Aufbruchsbewegung stattfand. Im Portal der Kirche nahm Percy seinen Arm und bat ihn, ihm das Erbbegräbnis der Gutsherrschaft zu zeigen. Sie standen dort, als Lady Elling und Mrs. Lovell vorbeikamen und zum Wagen schritten, während die Leute von Warbeach sie ehrerbietig grüßten. »Wie entzückend sie ist!« sagte Robert. »Findest du sie hübsch?« sagte Major Waring. »Ich kann mir nicht vorstellen, daß ein solches Wesen sterben könnte.« Robert schritt über ein offenes Grab hinweg. In Percys Augen war ein Ausdruck von Bitterkeit. »Ich möchte annehmen, ihr wäre ein solcher Gedanke ebenso unmöglich!« Die Dörfler von Warbeach warteten darauf, daß Lady Ellings Wagen fortrollen sollte, danach gingen auch sie, nach einem letzten Blick auf Robert, in plaudernden Gruppen davon. Roberts Bußgang war zu Ende, und er konnte sich nicht enthalten, zu fragen, welchen Nutzen sein Zur-Kirche-gehen gehabt habe. »Ich kann's dir nicht sagen,« sagte Percy. »Übrigens, Mr. Blancove leugnet alles. Er hält dich für verrückt. Er verspricht, jetzt, nachdem du vernünftige Maßnahmen getroffen, mit seinem Vetter zu reden und dir – soweit er vermag – zum Auffinden der von dir gewünschten Adresse behilflich zu sein.« »Das ist alles?« rief Robert. »Das ist alles.« »Inwiefern bin ich dann nur um das Geringste weiter, als zu Anfang?« »Du stehst zu Anfang eines neuen und besseren Weges.« »O, warum bin ich je davon abgegangen, meiner eigenen rechten Hand zu trauen!« murmelte Robert. Aber der Abend brachte ihm ein Billett von Algernon Blancove. Es enthielt eine wohlgesetzte Mißbilligung für Roberts bisheriges wahnsinniges Vorgehen und schloß mit Dahlias Adresse in London. »Wie in aller Welt ist dies zu Wege gebracht?« fragte Robert jetzt. »Ja, es ist merkwürdig, nicht wahr?« sagte Major Waring, »aber wenn du wünschst, daß ein Hund dir folgt, ist der Weg dazu nicht der, ihn am Halsband zu zerren, und wenn du möchtest, daß dir die Erde Kartoffeln gebe, mußt du Kartoffeln pflanzen, ehe du zu graben anhebst. Du bist ein Soldat aus Instinkt, mein guter Robert, dein erster Weg ist immer der der Gewalt. Ich, siehst du, bin ein Zivilist: ich versuche unentwegt die mildere Art des Vorgehens. Reist du heute nach London? Ich bleibe noch hier. Ich möchte mir die Nachbarschaft noch ein wenig ansehen.« Robert verschob seine Reise auf den folgenden Tag, teils aus Furcht vor dem bevorstehenden Zusammentreffen mit Dahlia, hauptsächlich aber, um noch ein wenig länger in der wohltuenden Gesellschaft dessen zu verweilen, dessen Freundschaft die Freude seines Lebens war. Sie machten einen zweiten Besuch in Sutton-Farm. Robert widersetzte sich dem hartnäckig, daß seinem Vater gegenüber ein Wort darüber verlaute, daß er sich auf die Landwirtschaft geworfen habe, und Jonathan hörte allem, was Major Waring über seinen Sohn sagte, zu, wie ein Mann, der einer wohlgesetzten Rede alle Achtung zollt, aber mit seinen Gedanken zu weit weg ist, als daß er mehr als ein zufälliges Wort in sich aufnimmt. Er sprach seinerseits ganz vergnügt über das Wetter und die Beschaffenheit des Landes, warf die Bemerkung hin, daß der Boden ein Gegenstand steten Studiums sei, daß er sich auch ein wenig auf Pferde und Hunde verstehe, und Yorkshire-Bauern wie Juden wären in ihrem Bemühen, einen übers Ohr zu hauen. Galoppierende Menschen, sagte er, seien nur ein armselig Ding im Vergleich zu der galoppierenden Natur, und dann führte er dies, wie es seiner Ansicht entsprach, noch näher dahin aus, daß er sagte, einen Mann im Kaufen und Verkaufen zu übervorteilen, sei eine ebenso gesunde Beschäftigung, wie die Gossen nach Abfall und Schnitzeln zu durchsuchen. Er selbst ziehe es vor, den Dingen direkt zu Leibe zu gehen. »Die Natur macht einen reich, wenn man selbst den gleichen Zweck für sie im Auge hat. Yorkshire-Burschen denken an nichts anderes, als wie sie sich an anderer Leute Blut fett saugen können, wie Schafzecken.« Mit einem Wort, Jonathan sprach sehr verständig und schimpfte auf die Bewohner von Yorkshire, ohne zu verhehlen, daß ein gewisser Bauer aus Yorkshire, mit dem er bei einem Verkauf von Pferdefleisch seine eigene Schlauheit gemessen hatte, ihm diese Begegnung aufs lebhafteste eingeprägt hatte. Percy fragte ihn, was für eine Ansicht er über sein Vaterland hege. »Das will ich Ihnen sagen,« antwortete Jonathan, »der Beruf der Engländer ist es, sich mit den Elementen zu messen, und so lange wir mit ihnen kämpfen, sind wir in der rechten Schule, um zu lernen, wie das Spiel geht. Unsere Verwundbarkeit beginnt dann, wenn wir denken, nun wollen wir uns hinsetzen und die Früchte verzehren, und wenn ich Anzeichen dafür sehe, dann will ich selbst meinetwegen darangehen, Maulwurfsarbeit zu tun. Zu große Nachsicht mit sich selbst ist das Verderben unserer Zeit.« Dies war die Bemerkung, welche seine Beziehungen zu Robert am nächsten streifte, während dieser ihm mitteilte, daß er andern Tages nach London reisen wolle. Jonathan schüttelte ihm herzlich die Hand, ohne sich mit irgendwelchen näheren Fragen abzugeben. »Es ist so viel von dem alten Mann in mir,« sagte Robert, als sich Percy auf dem Rückwege anerkennend über ihn aussprach, »daß ich ihn nicht eine Perle von einem alten Knaben zu nennen wage: da 's keine Spur von Gehässigkeit in seiner Seele. Habe irgendwie einen Anspruch auf ihn – und dein Platz an seinem Tische ist bereit; geh' hin und beleidige ihn – dein Platz bleibt dir offen. Iß und trink«, aber an sein Herz kommst du nicht heran. Eines Tages will ich ihn noch überraschen. Er meint, er sei über Überraschungen hinaus.« »Nun gut,« sagte Percy, »du bist jünger als ich und magst immerhin denken, die Zukunft gehöre dir.« Früh am andern Morgen trennten sie sich. Gegen Mittag war Robert in der Stadt. Ohne Zeit zu verlieren, eilte er in die nach Westen gelegene Vorstadt. Als er sich dem Hause näherte, in welchem Dahlia, wie man ihn hatte vermuten lassen, lebte, sah er einen Mann durch die blattlosen, schwarzen Büsche zur Seite der eisernen Pforte gehen, und als er selbst zu der Pforte gelangte, war der Mann an der Haustür. Die Tür öffnete und schloß sich hinter dem Manne. Es war Nicodemus Sedgett, oder Roberts Augen spielten ihm einen unerhörten Streich. Er schlug heftig mit dem Klopfer gegen die Tür, er mußte ein zweites, ein drittes Mal klopfen. Zutritt zu Dahlia erhielt er nicht. Man sagte ihm, Mrs. Ayrton habe hier gewohnt, aber sie sei fortgezogen und ihre jetzige Adresse sei unbekannt. Er bat um die Erlaubnis, ein Wort mit dem Manne sprechen zu dürfen, der eben in das Haus gekommen sei. Man erwiderte ihm, seit zwei Stunden habe niemand das Haus betreten. Einen Augenblick durchzuckte Robert der Gedanke, sich an der dummen, kleinen Lügnerin vorbeizudrängen, aber die frischen Lehren Percys hemmten seinen Impuls, obschon er sicherlich seiner natürlichen Eingebung gefolgt sein würde, wenn es sich um ein stämmiges Weib oder einen Lakaien gehandelt hätte, der ihm den Weg vertrat. Er ging fort und hielt sich draußen auf, bis es anfing zu dunkeln, und die Wunde an seinem Kopfe wieder stark zu klopfen begann, dann entfernte er sich trübselig weiter und weiter von dem Hause. In seinem Heimatdorfe schien es ein leichtes Ding, den Kampf mit dem Übel aufzunehmen, aber in dem riesenhaften London wuchs die Aufgabe ins Übermenschliche. Kapitel XXV. Von der schrecklichen Versuchung, die an Anton Hackbutt herantrat, und von seiner Begegnung mit Dahlia Es gehört glücklicherweise eine lange Reihe von Jahren in dem Leben eines gewöhnlichen Sterblichen dazu, ihn an die außerordentliche Mannigfaltigkeit und Menge von Dingen glauben zu lehren, die man für Geld kaufen kann, hat indessen ein unbefangenes Gemüt den vielvermögenden Charakter des Metalls voll erfaßt, so wird es sehr leicht zu der Annahme kommen, daß sich alles dafür kaufen lasse – und alsdann folgt das sehnliche Verlangen, es zu besitzen. Diese Entwickelungsphase ist in den großen Seelen von Geizhälsen der springende Punkt. Es ist der Augenblick ihres Erwachens, ihr erstes völliges Realisieren einer Ernte, die sich in ihren Händen befindet. Sie haben angefangen, unter dem Einfluß der Leidenschaft, die noch nichts anderes ist, als eine blinde Leidenschaft der Fingerspitzen, Schätze zu sammeln. Der Gedanke, daß sie bei kleinem eine Macht aufgespeichert haben, wandert erst ganz allmählich ihr langsam arbeitendes Hirn hinauf. Haben sie ihn indessen erst einmal erfaßt, so umklammern sie ihren Besitz wie einen Götzen. Jedermanns Hunger danach ist ihre Nahrung. Und – daß wir es nur gestehen! – er wird ihnen zu einem wundervollen Festmahl. Anton Hackbutt war kein Geizhals. Er war nur ein alter Mann, der gern zurücklegte. Sein Ehrgeiz war der, für einen Geizhals zu gelten, als ein Geizhals beneidet zu werden. Er lebte in der täglichen Hörweite des lieblichen Geklimpers mit dem Golde und er liebte diesen Klang, aber eher mit einer Art poetischer Liebe, als mit dem niedrigen Gelüsten, Goldstücke anzuhäufen. Obschon er ein alter Mann war, der gern zurücklegte, gab er doch etwas auf eine gewisse Behaglichkeit des Lebens, und wenn er hie und da Gewissensbisse darüber empfand, daß er einem gelegentlichen Verlangen nach Hering und Miesmuscheln und anderen See-Leckerbissen nachgab, die nach ihrem Verschwinden keinerlei Ergebnis aufzuweisen haben, so legte er doch fortwährend etwas Kupfer und Silber zurück, alle Woche, alle Monat, und war Besitzer einer kleinen Summe. Er wußte den Umfang dieser Summe ganz genau, auch wie hoch sie bis heute übers Jahr, und wahrscheinlich heute über fünf Jahr angewachsen sein würde. Er wußte es nur allzu gut. Große Sprünge machte die Summe nicht. Sie vermehrte sich, aber sie schien sich niemals zu verdoppeln. Er war der Besitzer von zwölfhundert Pfund, die sicher und im Hafen geborgen lagen, das heißt, der größere Teil befand sich auf der englischen Bank und ein Teil in Boynes Bank. Dazu kamen ein paar verstreute Sümmchen und einige Papierfetzen, wie ihm Algernon einen an jenem denkwürdigen Abend seines Theaterbesuches in dem Wirtshaus gegeben hatte. Diese erfüllten ihn, wenn die Schuldner säumige Zahler waren und um eine Verlängerung der Zahlungsfrist baten, mit einem Gefühl von Bedeutung, die ihm sein solider Besitz nicht gewährte. Dennoch lag die antipoetische Neigung in seinem Innern mit der poetischen in steter Fehde, sie zwang ihn, seine Forderungen in nackten Ziffern zu Papier zu bringen und beeinträchtigte den vollen Genuß innerer Befriedigung. Er brauchte sich nur Farmer Flemings Vorstellung seines Reichtums vor die Seele zu rufen, um die elende Geringfügigkeit dessen, was er rechtmäßig zu besitzen schien, zu empfinden, und er empfand sie zuzeiten mit einem so stechenden Schmerzgefühl, daß das Bewußtsein, ein Toter sei unfähig, hinsichtlich der endgültigen Klarlegung seiner Vermögensverhältnisse nebelhafte Umrandungen anzudeuten, ihn mit einer Furcht vorm Tode erfüllte. Da würde es liegen, tot, gleich ihm selber! zusammengeschrumpft, eingesargt, verächtlich! Was würde der Bauer denken, wenn er erführe, daß der Besitz seines Bruders Toni nicht ausreichte, um Queen Annes Farm aufzukaufen? wenn er tatsächlich herausfände, daß er die ganze Zeit der Reichere von ihnen beiden gewesen sei! Antons Trost lag in der unerschütterlichen Zähigkeit seiner Konstitution. Er erlaubte sich, dieselbe so hoch einzuschätzen, daß er eine Bemerkung betreffs der Wahrscheinlichkeit hinzuwerfen wagte, daß er seinen Bruder William John, dem er kein irdisches Ungemach wünschte, sondern nur, daß er eine leichte Verehrung für ihn während seines Lebens bewahren sollte, überleben werde. Er weidete sich buchstäblich an dem gierigen Entzücken, mit dem der Bauer seine gemutmaßten Haufen von Reichtümern betrachtete. Manchmal konnte er sich wochenlang in die Vorstellung hinein versetzen, er sei selber Teilhaber der Bank, mit der er so lange in Verbindung stand, und nachher folgte dann eine jammervolle Reaktion. Dann konnte es passieren, daß die Berührung des Geldes der Bank ihn wunderlich berauschte. Zeitweise drückte er Tausende an seine Brust, und sein Herz schwoll ins Unermeßliche mit den Geldbeuteln. Er war, nachdem er sie abgeliefert hatte, ein trauriges, aber ein dankbares Geschöpf. Das Delirium befiel ihn stoßweise, als lauere ein Teufel im Verborgenen, um ihn von Zeit zu Zeit zu überfallen. »Mit diesem Gelde«, sagte der Dämon, »könntest du spekulieren und könntest die Summe in zwei Tagen verzehnfachen.« Worauf Anton antwortete: »Der Ruf, den ich genieße, ist das Fünfzigfache der Summe wert.« Eine solche Antwort gab er dem Versucher in seinem Innern wohl, aber seine eigentliche Überzeugung war es nicht. Er war ehrlich, und seine Ehrlichkeit war ihm zur Gewohnheit geworden, aber das Geld war das einzige, was seine Phantasie in Bewegung setzte, sein Charakter war noch nicht bis zu einem Heiligenschein gediehen, sein jährliches Einkommen und seine persönliche Hochachtung für das Gesetz zogen ihm die ganz genauen Grenzen. Das Geld entflammte sein Hirn! »O, wenn es mein wäre!« seufzte er. »Wenn ich es nur einmal vierzig oder fünfzig Stunden lang mein nennen könnte! Aber das ist es nich', und das kann ich nich'!« Er focht hartnäckige Kämpfe mit dem Versucher aus und schlug ihn wieder und wieder zurück. Eines Tages hatte er eine Vereinbarung mit ihm getroffen, er hatte nämlich gesagt, wenn jemals der Bauer einen Nachmittag in der Stadt sein würde, wollte er zehn Minuten oder so stehlen, er wollte irgendwo eine Verabredung mit ihm treffen und ihm dann, ohne ein weiteres Wort, die Geldbeutel zeigen, wollte ihn sie wägen und ansehen lassen und dann – so ging Antons Plan weiter – wollte er sie einstecken und von Politik zu reden anfangen, während des Farmers Seele sich in einem Aufruhr befinden würde. Mit diesem Übereinkommen schien die höllische Macht zufriedengestellt, und Anton war zeitweise aus aller Bedrängnis heraus. Mit anderen Worten, dies alte Geschöpf war von einer Art intermittierenden Fiebers, einer Art harmlosen Spitzbubentums befallen. Den Gedanken, richtig mit dem ihm anvertrauten Gelde davonzulaufen, hatte er niemals gehabt. Wohin sollte ein alter Mann fliehen? An fremde Länder dachte er nur als an Orte, die ihn schaudernd vor die Notwendigkeit stellten, von neuem in aller Nacktheit und Hilflosigkeit geboren zu werden, im Falle er sie je sehen und betreten sollte. London war seine Heimat, und sie gewährte ihm warme und ehrbare Kleidung, und das sagte er dem Dämon bei ihrem nächsten Zwiegespräch. Anton hatte sich der Torheit schuldig gemacht, ihm Unterredungen zu gestatten und wie mit seinesgleichen mit ihm zu verhandeln. Man sagt, daß die Torheit der Weiber, an die eine Versuchung herantritt, solcher Art sei, und vielleicht trieben Ursachen, die denen, welche sie gefährden, ähnlich sind, auch Anton an den Rand des Abgrundes, vielleicht auch war der Widerstand, den er zu leisten versuchte, ähnlicher Art. Infolge dieses Kompromisses nahm der Dämon allgemach an seinem Frühstückstisch Platz, so daß Mrs. Wicklow, seine Wirtin, Anton in einem Tone reden hören konnte, als werde er zum Äußern der bestimmtesten Gegengründe gezwungen. Sie dachte sich, der alte Mann werde wohl ein wenig kindisch. Eines Nachmittags im Frühling befand er sich auf einem seiner eiligen Gänge, die das Tragen des Geldes mit sich brachte, als ein junges Weib ihn am Rock ergriff und seinen Zorn gegen einen Vergewaltiger des Rechts augenblicklich zu hellster Wut auflodern ließ. »Hände weg, Dirn!« rief er. »Gleich laß ich dich in Verwahrsam bringen. Wo 's 'n Polizist?« »Onkel!« sagte sie. »Bist mir 'n schöner Schwindler in Frauenröcken!« Anton schäumte. Aber eine seltsame Erinnerung an das Gesicht stieg in ihm auf, und als sie in jämmerlichem Ton wiederholte: »Onkel!« sah er sie genauer an und sagte – »Nein!« mehrmals hintereinander, wie in Verwunderung. Ihr Haar war wie das eines Knaben geschnitten. Sie war in einfachen Gewändern, trug eine festanschließende Kappe über dem Kopf und einen schwarzen Strohhut darüber, keine Handschuhe, ihr Teint war schlecht, und tiefe dunkle Linien zogen sich von den Augenwinkeln herunter. Dennoch überzeugte ihn eine genaue Betrachtung, daß er Dahlia, seine Nichte, vor sich sähe. Er war sehr erstaunt, aber da er sich sofort wieder des unschätzbaren, ihm anvertrauten Gutes in seinen Armen und zugleich der Schlechtigkeit der Straßen erinnerte, hieß er sie, ihm zu folgen. Sie tat es mit Anstrengung, denn er lief und bewegte sich in wunderlichen Zickzacklinien und behandelte die ganze Welt als seinen persönlichen Feind, plötzlich verschwand er und erschien dann frei aufatmend wieder. »Nun, mein Kind?« sagte er. »Nun, Dahl – Mrs. Wie-heißt-du-noch? Na, wer hätte dich denn erkennen können? Ist das« – er näherte seine Augen ihrem Haar – »ist das jetzt Mode für Damen? Denn, wenn es is', denn brauchen unsere jungen Strömer ja man bloß 'n Kapottehut zu kaufen, und, – na, aber, 'n Staat is' das ja nich' gerade mit dir. Gar nich' wie sonst, Miss, – Ma'am, mein' ich – ne, gar nich' wie sonst. Na, was gibt's denn Neues? Was macht dein Mann?« »Onkel,« sagte Dahlia, »könnt' ich wohl, bitte, irgendwo mit dir sprechen?« »Stehen wir hier denn nicht zusammen?« »O, bitte, wo nicht so viele Menschen sind!« »Dann komm mit mir nach Haus, wenn meine Wohnung nicht zu armselig für dich is',« sagte Anton. »Onkel, das kann ich nicht, ich bin krank gewesen. Ich kann nicht weit gehen. Willst du mich an irgendeinen ruhigen Platz bringen?« »Willst du mich vielleicht mit 'ner Droschke traktieren?« Anton lachte höhnisch. »Ich fahre nicht mehr, Onkel.« »Was? Halloh!« rief Anton. »Hast wohl das Geld denen zu Hause in den Rachen geworfen, was? Na, sag mal?« Dahlia senkte die Augenlider und bat ihn nochmals eindringlich, sie zu einem ruhigen Platz hinzuführen, wo sie, vom Lärm entfernt, zusammen sitzen könnten. Sie war sehr ernst und sehr traurig und schien nicht viel Kräfte zu haben. »Ist es dir unangenehm, meinen Arm zu nehmen?« sagte Anton. Sie legte ihre Hand auf seinen Arm, und er zog sie mit sich über den Fahrdamm, zwischen Omnibussen und Droschken hindurch, während er ihnen durch das Getöse hindurch zurief: »Wir sind die zweibeinige Unabhängigkeit, garantiert zuverlässig und ohne Konkurrenz,« und während er zu Dahlia sagte: »Allmächtiger Gott! die da wissen einem nichts zu antworten, sonst wollte ich ihnen mal was zurufen, was des Hörens lohnte! Aber das 's, als ob du 'n Löwen in 'n Käfig mit rohem Fleisch vollstopftest, nich' so viel wie 'n Schwefelholz kriegst du aus denen 'raus, 'n paar kennen mich. Die könnten, wenn sie wollten, die Burschen da! Ich hab' die ganz gute Sachen sagen hören. Aber da sitzen sie un' haben kein'n Blutumlauf im Leib – nie zur rechten Zeit da, höchstens, wenn's sich um 'ne alte Frau handelt, oder wenn sie einen in 'ner Brodullie finden und merken, daß man nich' 'raus kann. Das kannst dir merken, du kriegst nie 'n männlichen Schnack aus 'n großen Hümpel von solchen Burschen 'raus, die kein'n richtigen Blutumlauf haben. Dafür is' der Fluß der rechte Platz. Auf 'n Fluß hab' ich ganz gute Schnacke gehört, – nich' von denen da, aber gehört hab' ich sie. So 'n andern Kram, da 's meist nich' viel mit los. Un' ich hab' auch sagen hören, so zu Pferde, das wär' fein für Schnäcke. Sieht man wieder: Blutumlauf! Schlagfertig und lebhaft, mein' ich, nich' so 'n Schrei'n, un' so 'n Über-die-Schulter-'rüber-sprechen, – das 's meist nur Unverschämtheit un' sonst weiter nichts – un' dann auf und davon. Das 'n feige Art Schnack! Jungens, das 'n schlimme Bande – da 's auch Blutumlauf! Da lass' ich mich meist nich' viel mit ein, höchstens, daß ich da mal so mitten mang fahr', wie 'ne Kugel zwischen die Kegels. 's allens 'ne Frage des Blutumlaufs. Übrigens, liebes Kind,« Anton wandte sich mit großem Ernst an sie, »mußt mich nie beim Arm kriegen, wenn mich so losrennen siehst wie heut' Nachmittag. Ich dacht', du wärst 'n Dieb oder noch was Schlimmeres – ganz gewiß, das dacht' ich! Hattest du da auf mich gewartet?« »Ein bißchen,« antwortete Dahlia ganz außer Atem. »Bist wohl wirklich krank gewesen?« »Etwas,« sagte sie. »Hast nach 'n Hof geschrieben? 'türlich hast du das!« »O, Onkel, wart' ein bißchen,« stöhnte Dahlia. »Aber sag bloß, bist krank gewesen un' hast nich' nach Haus geschrieben?« »Warte, bitte, warte,« flehte sie ihn an. »Ich will schon warten,« sagte Anton, »aber das 's wahr, wenn eine wunderlich is', dann 's da nichts bei zu machen, un' wunderlich, das bist du! Nu' müssen wir über London Bridge. Da 's der Tower, – der 's aus 'ner Zeit, wo kein Mensch sich auf sein eigen Geld verlassen konnte, weil die Könige so happig danach waren, – allens Krallen und Kronen. Ich bin 'n Republikaner, soweit sich's um 'n ›Keiner-von-der-Sorte‹ handelt. Da sind die Schiffe. Da geht die Sonne hinter auf und geht davor unter, un' man könnt' fast meinen, da wär' immer Gold in ihrer Takelage! Deerns von deiner Art meinen – ja, hör' mal, im' sag' mir bloß, – bist du im' eig'n'lich 'ne Dame?« »Nein, Onkel, nein!« rief Dahlia, und dann fügte sie leiser hinzu, »wenigstens nicht für dich.« »'s letzte Mal, daß ich über diese Brücke ging mit 'nem jungen Mädchen an 'm Arm, da war's dein' Schwester. Ich hab' gehört, sie 's bei dir gewesen, un' du hast sie nich' sehen woll'n, un' so 'ne treue Deern, die findet man doch nich' alle Tage als Schwester! Was ziehst mich denn so?« Dahlia sagte nichts, sie klammerte sich nur mit tiefgesenktem Kopf an ihn an, und so eilten sie vorwärts, bis Anton vor einem Laden anhielt, vor dessen Fenster Tassen und gestrichene Semmel und schimmelig aussehende Streifen Speck und Würste zu sehen waren, die so lange nach hungrigen Mäulern geangelt hatten, bis sie ganz blasse, weiche Dinger, gleichsam ausgeblichener Köder, geworden waren. In diesen Laden führte er sie hinein, sie nahmen an einem der Tische Platz und bestellten Tee und Semmel. Der Laden war leer. »Das 's nu' eine von den Ausgaben, die die Verwandtschaft mit sich bringt,« seufzte Anton, nachdem er vergeblich abgewartet hatte, ob es Dahlias Absicht sei, für beide oder wenigstens für sich allein zu bezahlen und fand, daß sie auch gar keinen Stolz besäße. »Meine Schwester heiratet deinen Vater und infolgedessen – na! ein Semmel hie und da, das macht schließlich so viel nicht aus. Woll'n's vergessen, wenn es auch – das 's ja wahr – beim Zusammenzählen nachher is' es 'n Extra! und wenn das alle Tage so ging', mit zwei Groschen extra, dann macht das in 'm Jahr 'n Loch in 'ne Schloßmauer, so groß wie 'ne Kanonenkugel! Hast du nach Haus geschrieben?« Dahlias Gesicht zeigte die helle Verzweiflung unvergossener Tränen. »Onkel, o, sprich 'n bißchen leise. Ich bin ganz nah' am Tode gewesen. Ich bin so furchtbar lange krank gewesen. Ich bin zu dir gekommen, weil ich gern was von ihnen hören wollte, – von meinem Vater und von Rhoda. Erzähl' mir, was sie machen, schlafen sie gut, und essen sie gut, und haben sie keine Sorgen? Ich konnte nicht schreiben. Ich war hilflos. Ich konnte keine Feder halten. Sei so gut, lieber Onkel, und mach mir keine Vorwürfe. Bitte, sag' mir, daß sie nicht traurig gewesen sind!« Bin scharfer Blitz aus Antons Augen traf sie: »Dann sag' du mir, wo dein Mann ist!« Sie machte einen traurigen Versuch zu lächeln. »Er ist auf Reisen.« »Wie 's denn mit seinen Verwandten? Is' da denn keiner von denen, der ihm schreiben kann, wenn du krank bist?« »Er ... Ja, er hat Verwandte. Die könnt' ich nicht bitten. O, ich bin nicht stark, Onkel; wenn du es nur lassen wolltest, mich so mit Fragen zu quälen, aber erzähl' mir, erzähl' mir, was ich wissen möchte!« »Na, denn sag' du mir, auf welcher Bank dein Mann sein Geld hat!« blieb Anton bei. »Wirklich, das kann ich nicht sagen.« »Bekommst du,« Anton streckte erst einen, dann einen zweiten Finger aus, – »bekommst du dein Geld von ihm, mit dem du deine Ausgaben bestreiten mußt, in Gold, ober bekommst du's in Papier?« Sie starrte ihn an wie jemand, der eine Fallgrube wittert. »In Papier,« sagte sie aufs Geratewohl. »Schön, dann nenn' mir die Bank.« Es war keinerlei Verschmitztheit in ihrem Blick, als sie antwortete: »Ich kenne keine andere Bank als die Englische Staatsbank.« »Was Teufel sagst du das denn nich' gleich – was?« rief Anton. »Er gibt dir Banknoten. Bess'res gibt's ja überhaupt nich' in der Welt. Un' in der letzten Zeit hat er dir wohl nich' g'rad' viel gegeben, – was? Was für 'n Beruf hat er denn, oder was für 'n Geschäft?« »Er ist – er hat gar keinen Beruf.« »Was is' er denn? Is' er 'n feiner Herr?« »Ja,« hauchte sie klagend. »Also dein Mann is' 'n feiner Herr. Na – und hat er denn sein Geld verloren?« »Ja. »Wie 's das denn gekommen?« Das arme Opfer dieses hartnäckigen Verhörs wand sich innerlich, um ihm zu entschlüpfen. »Das darf ich nicht sagen,« antwortete sie. »Du versuchst 'n Geheimnis zu bewahren, was?« sagte Anton, und sie, in dem Gefühl der Erleichterung, das sie bei der Pause ihrer Qual empfand, erwiderte mit einem müden, etwas kindischen, halben Lächeln: »Ja.« »Na, schön! 'n Geheimnis bist du ja selbst ziemlich lange gewesen und 'n gut bewahrtes,« fuhr der alte Mann fort. »Dein Mann is' woll recht stolz? Is' woll orndtlich stolz, was? Wird woll aus 'ner vornehmen Familie sein, nehm ich an. Is' er aus 'ner vornehmen Familie? Mocht' er das denn gern, daß du dich wie so 'n Putzmamsell aufwertest, un' in die Stadt kamst un' mich aufsuchtest?« Dahlia dachte nicht an Verstellung und Vorsicht. »Das war ihm einerlei.« »So, das war ihm einerlei? Na, un' daß du dein Haar so abschnittst, das 's ihm auch woll einerlei? Was? Is' ihm das auch einerlei?« Sie schüttelte den Kopf. »Nein!« Anton schoß wie ein Habicht auf sie herab. »Was denn? Er 's doch auf Reisen!« »Ja, ich mein' nur, er hat mich ja nicht gesehen.« Damit war sie ihm für den Augenblick entschlüpft; aber ihr Herz schlug laut, ihre Lippen waren trocken, und ihre Gedanken verwirrten sich. »So, das weiß er denn also nich', daß du dich so hast abrasieren lassen, un' 'n Schädel hast wie 'n Stiftekopf von 'nem Dieb? So, das soll er also erst noch wissen, was?« Das Bild ihrer verblühten Schönheit versengte ihre Augen wie heißes Metall. Mit einer festen Hand ergriff sie Antons Arm, um ihn zum Schweigen zu bringen, mit der andern bedeckte sie ihre Augen, bis der Weinkrampf vorüber war. Als die Tränen versiegt waren, ließ sie den Griff, mit dem sie den erstaunten alten Mann, der sich über den Tisch zu ihr hinübergelehnt hatte, gepackt hatte, fahren. Als habe der Geist, der von ihr ausging, mit diesem Griff die Herrschaft über ihn erlangt, flüsterte er, wie einer, der unter dem Druck eines Geheimnisses steht, ihr zu: »Dem alten Bauern geht's gut, un' Rhoda, mein' dunklen Deern, auch. 'n büschen mitgenommen hat es sie ja. Un' denn haben sie's mit der Religion gekriegt, zum Trost. Der alte Bauer geht nu' immer nach die Methodisten-Versammlungen un' wirft mit Bibelsprüchen um sich, a's wär er 'ne Pumpe, die auf die Schrift aufgeschraubt is', un' a's könnt' er gar nich' anners atmen, a's mit 'n Bibelspruch. Rhoda, die 's meist immer mit 'n Pastor seine Frau, un' geht bei die Armen un' Kranken zu pflegen, und liest ihnen vor – na, un' das Predigen, das besorgt der alte Bauer. Un' die alte Mutter Sumfit is' noch immer gerad' so fett wie sonst un' sagt, ihr Geld, das 's für dich. Un' der alte Mas' Gammon, der ißt immerlos seine Klöße weiter, 'n komischer alter Kerl is' er. Kommt mir immer so vor, a's wenn der aus 'ner Zeit war', wo's noch kein Geld gab. Der Mr. Robert, der 's weg ... is' nich' wieder hingekommen, seit er wegging, damals, weil mein' dunkle Deern sich zu gut für ihn dünkte. Un' das is' sie auch – die 's zu gut für jeden. Sie woll'n von 'n Hof weg, woll' 'n verkaufen un' nach London ziehen.« »O nein!« rief Dahlia aus, »nicht den alten lieben Hof verkaufen! und die Dorfstraße und die alten Eichen, an denen vorbei es in die Heide geht. Das woll'n sie doch nicht? Vater wird sich so dahin zurücksehnen. Und Rhoda wird so traurig sein. Kein anderer Platz kann ihnen je sein, was ihnen der Hof war! Ich hab' ihn auch lieber als irgendeinen Platz auf der Welt.« »Das 's ja komisch,« sagte Anton. »Warum gehst da denn nich' mal hin oder läßt deinen Mann dich da mal hinbringen, wenn du den Hof so rasend gern hast. Aber ›komisch‹, das 's immer dein Fall! Die Sache is' die – nu' hör' mal gut zu! Hör' zu – still! Ich will das nich' so laut rufen. Bist doch 'ne vernünftige Deern, un' du weißt nicht, – das heißt, du verstehst das nicht – der alte Bauer, dem is' das ungemütlich –« »Aber ich hab' ihm doch nie geholfen, als ich noch dort war,« sagte Dahlia, die plötzlich, als erriete sie, was er sagen wollte, mit einem sichtlichen Zittern zusammenfuhr. »Ich war ja gar nichts nütze. Ich hab' ihm nie geholfen, – gar nicht. Ich war nichts wert, gar nichts!« Anton zwinkerte mit den Augen, er wußte gar nicht recht, wie ihm war, daß er so ganz von seinem Wege abgekommen war. Er fing in seinem umständlichen Zartgefühl noch einmal an: »Na, das is' einerlei, aber der alte Bauer, der fühlt das, er mag da nun Hilfe von gehabt haben oder nich', – und das is' auch ganz natürlich. Man hat doch sein Gefühl, als Vater und auch als Mensch, un' was der alte Bauer fühlt, das is' –« »Aber Rhoda ist Vater immer mehr gewesen als ich,« rief Dahlia, die jetzt mit dem Mut der Verzweiflung weiter redete, um ihrem Onkel die Stange zu halten und seine Rede abzulenken und zu hindern, daß er das eine Schreckliche sage, das sie fürchtete: »Rhoda war ihm alles. Mutter hielt vielleicht was von mir, – meine Mutter!« Ihre lange, schmale Unterlippe bildete eine scharfe Linie in ihrem Bemühen, neue Tränen zurückzuhalten, und sie hielt im Sprechen inne. »Das 's' alles ganz schön mit Rhoda,« sagte Anton, »mir is' sie auch alles.« »Jeder, jeder hat sie lieb!« stimmte ihm Dahlia bei. »Das laß sie man, so lange ihr nur keiner was zuleide tut,« bemerkte Anton. Er hatte seine besonderen Gedanken, als er das sagte, und seine Phantasie malte ihm denselben weiter aus. Es dauerte eine Weile, ehe er seinen Angriff erneuerte. »Die Nachbarn haben natürlich immer was zu schnacken. Aber das wirst du ja auch wissen.« »Ich höre nie darauf hin,« sagte Dahlia, und es war ihr, als stände sie nackt da, und als müsse der Streich, den sie kommen sah, jeden Augenblick auf sie niedersausen. »Nein, in London kann man das wohl; aber auf dem Lande, da is' das anders, un' wenn 'n Mann von sein'n Kind hört – ›Das 's doch komisch!‹ un' ›Immer so wegzubleiben!‹ un' ›Was mag wohl mit ihr los sein?‹ im' so was Ähnliches, das nimmt ihn doch bös' mit.« Dahlia verschluckte eine Antwort, als höre sie das in vollkommener Gemütsruhe und sähe nicht die geringste Anzüglichkeit in Antons Worten, die ihr gelten könne. Aber sie sagte zerstreut: »Mein lieber Vater!« und damit gab sie Anton einen neuen Ausgangspunkt. »Das is' es ja. Du hast ihn ja sicher lieb. Hast den alten Bauer lieb, der dein Vater is'. Was willst' da denn nich' 'mal hingehen ins Dorf, un' ihnen das zeigen. Ich hab' mein' Vater lieb, sagst du. Ich kann mein'n Mann mitbringen oder nich' mitbringen, scheinst du zu sagen, aber ich bin da un' will mein'n Vater besuchen. Willst du morgen mit mir hinfahren?« »O!« Dahlia fuhr zusammen, und jede Spur der Verteidigung ging in einem Aufstöhnen unter: »Ich kann nicht, ich kann nicht!« »Also du kannst nich',« sagte Anton, »du gibst zu, du kannst nich', das 's denn auch wohl der Grund, weswegen dein Vater so schwermütig is'. Er hört das ja doch, was die Nachbarn schnacken, un' so ab un' an, kommt ihm doch was davon zu Ohren, – wenn so jeder fragt: ›Wo 's ihr Mann?‹ un' sie darauf antworten: ›Sie hat wohl gar kein'n‹ – denn 's am Ende ganz natürlich, daß er aus 'n Dorf weg geht. Ich kann ihm da ja nichts von sagen, wie du weggegangen bist, und wer der Mann ist, der Glückliche oder der Unglückliche. Du gingst eines Morgens ganz plötzlich davon, hattest mir noch 'n Kuß gegeben nach 'n Frühstück, – un' denn – keine Dahly mehr zu sehen. Un' er hat so 'ne Ahnung, – mehr, a's so 'ne Ahnung hat er. Der Hof ist zum Verkauf ausgeschrieben. Der alte Bauer denkt, ich bin 'n schlechten Bruder, daß ich 'n nich' kauf, un' ich kann ihm das nich' begreiflich machen, daß ich doch nichts von 'n Land versteh'; mir kommt das so vor, a's wenn ich mir für Goldstücke Lehmklumpen vertauschen wollt', un' das 's nich' nach mein 'n Geschmack. Na, das Kurze und Lange von der Sache is' – die Leute da unten in Wrexby un' da 'rum sagen, du bist gar nich' verheiratet. Un' er hat da keine Antwort auf, das 'n grausame Sache zu hören, un' is' noch viel grausamer zu denken: er hat da keine Antwort auf, der arme alte Bauer! un' so muß er 'rein in 'ne Verbannung. Der Hof is' zum Verkauf ausgeschrieben.« Anton trat mit dem Fuß auf den Boden, als wollte er damit sagen: »Die Sache ist abgemacht!« »Zu sagen, ich sei nicht verheiratet!« sagte Dahlia, und ein glühendes Rot flog über ihr Gesicht. »Sie sagen, ich wär' nicht verheiratet – und das bin ich doch, ich bin verheiratet. Es ist grausam von Vater, darauf zu hören, – auf solche schlechten Menschen, gemeine, schlechte Menschen! Ich bin verheiratet, Onkel! Sag' Vater das' und laß ihn nicht den Hof verkaufen! Sag' ihm, ich hätte dir gesagt, ich wäre verheiratet. Ich bin eine ehrbare Frau. Ich hab' nur eben ein wenig Sorgen, das haben doch and're auch sicher mitunter. Das haben wir alle. Sag' Vater, er soll nicht weggehen. Es bricht mir das Herz. O, Onkel, sag' ihm das von mir!« Dahlia zog ihr Tuch fester um sich und griff mit unsicherer Hand nach ihren Hutbändern, mit einer Bewegung, als habe die Hand ihrer Bestimmung vergessen. Sie konnte nichts mehr sagen. Sie konnte nur die Augen auf ihren Onkel heften, um die Wirkung dessen, was sie gesagt, zu beobachten. Anton nickte ins Leere. Er hatte die Brauen in die Höhe gezogen und ließ sie nicht sinken. »Ja, siehst du, dein Vater wünscht 'ne Sicherheit, er verlangt Tatsachen. Die sind leicht zu geben, wenn du sie geben kannst. Ja, richtig, 'n Trauring am Finger hast du ja. Richtiges Gold – und, großer Gott, was sind deine Finger mager geworden, Dahly. Wenn du 'ne Sünderin bist, bist du jedenfalls 'n magere jetzt, und so schlecht kommst du mir nich' vor. Ich klag' dich nich' an, mein liebes Kind. Ich möcht' vielleicht ganz gern 'mal deines Mannes Bankbuch sehen. Aber was deinem Vater zu Ohren kommt, das is' – daß du auf 'n schlechten Weg gekommen bist.« Dahlia lächelte, als wolle sie in diesem Lächeln ihre ganze erheuchelte Verachtung zusammenfassen. »Und dein Vater hält es für wahr.« Sie lächelte in einem ebenso erheuchelten, traurigen Mitleid. »Und er sagt dies: ›Beweise!‹ sagt er, ›ich will nur 'n Beweis, daß sie 'ne ehrbare Frau ist. Er verlangt, daß du dich von dem Verdacht reinigen sollst. Er sagt: ›Es is' hart für 'n alten Mann,‹ das sind seine Worte, – ›es is‹ hart für 'n alten Mann, wenn er hört, daß man seine Tochter 'ne –« Anton schlug sich mit der Hand fest auf den offenen Mund. Es lag ihm fern, absichtlich grausam zu sein, und Dahlias erster Impuls, als sie wieder zu Atem gekommen war, war der, ihm freundlich zuzusprechen. Sie nahm seine Hand. »Der liebe Vater! der liebe, liebe Vater!« sagte sie immer wieder. »Rhoda glaubt es nich',« versicherte Anton sie. »Nein?« und Dahlias Brust hob sich jauchzend, – aber es tat nur um so weher. »Rhoda versichert, du wärest verheiratet. Zu hören, wie die Deern für dich kämpft, – da 's in ganz Wrexby kein einziger, der es wagen würde, auch nur 'ne Andeutung von so 'was zu machen, auf 'ne Meile Entfernung hin von ihr.« »Meine Rhoda! meine Schwester!« stieß Dahlia heraus, und Tränen überströmten rückhaltlos ihre Wangen. Vergebens bemühte sich Anton, sie zu trösten, indem er die Tasse Tee und den Teller mit Brötchen zu ihr emporhob. Sein Zuspruch und seine Beruhigungsversuche waren lauter als ihr Weinen. Außerstande, einer solchen Beteuerung ihrer Unschuld zu widerstehen, sagte er: »Und ich glaube es auch nicht.« Sie drückte ihm krampfhaft die Hand und bat ihn, zu zahlen, auf welches Zeichen ihrer anscheinenden Mittellosigkeit hin Anton sich nicht enthalten konnte zu murmeln: »Wenn ich auch nicht herauskriegen kann, wie sich die Sache mit deinem Manne verhält, und wie er dich so hat abrasieren lassen können, – na, vielleicht kann er da ja nichts für! – aber warum er dich so wie 'ne Putzmamsell 'rumlaufen läßt und dir nicht mal 'ne Droschke leisten kann. Is' er sehr arm?« Sie neigte den Kopf. » Arm ?« »Er ist sehr arm.« »Is' er denn 'nen vornehmen Herrn oder nich'?« Dahlia schien wiederum der Verzweiflung nahe. »Na, ich kann's mir denken,« sagte Anton. »Er geht 'rum und versucht dir einzureden, daß er einer ist, un' nu' hast du 'rausgefunden, daß das nich' so is', nicht? Dann könnt' ich mir dein komisches Wesen ja noch so ziemlich erklären. War's der Mensch, mit dem dich diese Wicklow gesehen hat?« Dahlia schüttelte heftig verneinend den Kopf. »Denn hab' ich wohl richtig geraten, denn is' es keinen richtigen Herrn, – was, Dahly? Brauchst ja bloß immer zu nicken, wenn das lieber machst. Ach was, die Leute im Laden! Denen 's das ganz egal! Wir sind anständige Leute, un' das 's alles, was sie was angeht. Also, sag' mal Dahly, 'n richtigen Herrn is' er nich'? Brauchst bloß ja oder nein zu sagen oder mit 'n Kopf zu nicken. Dacht'st, du hätt'st dir 'n feinen Herrn gekapert, un' nachher war's gar keiner. Ja, die feinen Herren, die sind nich' so leicht zu kapern! Die sind alle zu Schule gegangen, un' da sind sie so gerissen von! Na also, – 'n feinen Herrn is' er nich.« Dahlias Stimme klang wie aus schwerem, innerem Kampf heraus, als käme sie aus dem Grabe hervor: »Nein,« sagte sie. »Kannst mir ihn denn nich' mal zeigen? Laß mich ihn mal seh'n.« Von einer elenden Empfindung zur andern gestoßen, kämpfte sie wiederum mit sich, dann sagte sie mit der gleichen hohlklingenden Stimme: »Ja« »Willst du's wirklich?« »Ja.« »Sehen un' glauben, das is' eins. Wenn du mir ihn zeigen willst oder mich ihm –« »Ach, sprich doch nicht so!« Dahlia schlang ihre Finger krampfhaft ineinander. »Bloß sehen möcht' ich ihn, mein' Deern! Wo wohnt er denn ungefähr?« »Da unten, ganz da unten, ganz, ganz im Westen.« Anton starrte sie an. Als Antwort auf diesen Blick wiederholte sie: »Im Westen Londons, ganz, ganz weit im Westen.« »Da wohnt er?« »Ja.« »Ich dachte – hm!« fuhr der alte Mann argwöhnisch fort. »Wann soll ich ihn denn sehen? Gelegentlich?« »Ja, gelegentlich.« »Sagte ich nicht Sonntag ?« » Nächsten Sonntag?« Dahlia stieß einen halb unterdrückten Schrei aus. »Ja, nächsten Sonntag. Übermorgen. Un' morgen schreib' ich dem alten Bauer, daß er sich die Sache man nich' so zu Herzen nehmen soll, un' Rhoda wird ganz stolz auf dich sein. Ob's 'n feinen Herrn is' oder nich', das is' der ganz egal. Un' den alten Bauern auch! Wenn das man bloß 'n ehrbares Leben un' Sterben is' un' keine Schande auf Vater und Mutter bringt. In so'n Sachen is' das Altmodische immer noch die beste Mode, mein' ich. Komm also Sonntag, da bringst mir deinen Mann mal in meine Wohnung, wenn du das lieber nich' willst, daß ich zu euch hingeh'. Sag' man bloß, was du lieber magst.« »Nicht nächsten Sonntag. Den Sonntag darauf,« flehte Dahlia. »Augenblicklich ist er nicht hier.« »Wo 's er denn hin?« »Er ist auf einem Gut.« Anton fuhr scharf auf sie los, wie schon einmal. »Du sagtest doch, er wär' im Ausland.« »Ja, im Ausland, auf einem Gut. Nicht – nicht in 'ner großen Stadt, mein' ich. Ich könnte ihm deine Wünsche nicht mitteilen.« Ihre Augen wichen scheu zur Seite, während sie diese kaltblütige Erwiderung abgab, und sie erhob sich, während sie dieselbe aussprach, doch wollten ihre Beine sie kaum tragen, denn während der eben verflossenen Stunde hatte sie die schärfste Prüfung ihres Lebens durchgemacht und sich ein für allemal für den Weg entschieden, den sie einschlagen wollte. Anton war dem gegenüber völlig ahnungslos, seine Unfähigkeit, zu ergründen, worin und inwieweit sie ihn getäuscht hatte, führte ihn gänzlich irre, aber er hatte sämtliche Butterbröte auf dem Teller verzehrt, und entnahm aus ihrem Aufstehen, daß sie nicht die Absicht habe, weitere zu bestellen, was immerhin angenehm war. Ohne abzusetzen trank er ihre Tasse Tee aus. Die Kellnerin nannte die zu entrichtende Summe und beschleunigte, nachdem ihr in Erwiderung ihres erwartungsvollen Aufschauens, nachdem der Betrag auf den Tisch gelegt worden war, nichts als ein nachdenklicher Blick geworden, ihren Abzug aus dem Lokal dadurch, daß sie ihnen die Tür öffnete. »Wenn ich überhaupt Pfennige zu verschenken hätte, würde ich sie dir schenken,« sagte Anton, sobald er außer Hörweite war. »Darin einen Mann nach seinem Gesichtsausdruck zu taxieren, seid ihr Frauen den Männern über. ›Du bist 'n ehrlicher Kerl,‹ sagte sie, ›'n respektabler Kerl, – aber 'n Verschwender bist du nicht.‹ Das ist es, was sie so ohne Worte sagt, wenn sie den Menschen durchschauen kann. So, Dahly, mein Deern, nu' nimm man meinen Arm. Häng' dich man ornd'tlich ein. Wir woll'n nach 'n Westen. Weißt noch, der alte Bauer, der sagt immer: › noch 'n Westen‹. Also ›noch 'n Westen!‹. Ich kann's mir leisten, über die vornehmen Häuser da zu lachen. »Wo 's der Grund davon, wenn sie fest und solide sind. Na, in der City! »Ich will dich 'mal beim Haus von unserm Chef vorbeiführen. Du weißt doch, Dahly, oder weißt du's nicht? daß wir erst seinen Neffen in Verdacht hatten? Weil wir den mit dir ins Theater sahen. »Ich hab' ihn nicht in Verdacht gehabt. Ich wußte , daß er bloß irgendwie per Zufall da mit zwischen kam. Un' ich hab' auch gesehen, was du da an hattest. Kein Wunder, daß dein Mann arm is'. Er wollte, daß du da auffallen solltest wie eine von den Allerschönsten, un' das 's grade so bös' wie Droschken, das ruiniert 'n Mann. Ja, ja!« Anton lachte, aber ohne zu offenbaren, was ihm plötzlich aufgefallen sei. »Sir William Blancoves Haus, das 's 'n ganz nobles Haus. Bin da 'mal drin gewesen. Er wohnt in der Bibliothek. All die anderen Zimmer – wenn man da 'rein kommt, wie in 'n Erbbegräbnis is' es da. Ich will verdammt sein, wenn er seinen Sohn dazu kriegen kann, da bei ihm zu wohnen, un' dabei steh'n sie sich ganz gut, un' alles Geld kriegt er auch 'mal un' kommt ins Parlament un' wird da sicher 'ne Rolle spielen, – da brauch' man gar nich' bange um zu sein. » Übrigens , Robert hab' ich auch geseh'n. Er hat mich in der Bank aufgesucht. Fragte nach dir. »›Sie gesehen?‹ sagte er. »›Nein‹, sag' ich. »›Mr. Edward Blancove kürzlich hier geseh'n?‹ sagt er.« »Ich sagte, ich hätte gehört, Mr. Edward Blancove reiste auf 'n Kontinent. Und damit ging Robert weg. Er meint, du wärst gar nich' in England, weil 'n Polizist, mit den er gesprochen hat, dich nirgends finden kann. »›Komm‹, sag' ich, ›den Polizisten, denen wollen wir man die Diebe überlassen, was willst du die 'rankriegen, daß sie 'n armen Ding von Frauenzimmer auflauern‹. »Er 's ganz auseinander über Rhoda. Die könnt' auch wirklich was Dümmeres tun, als ihn nehmen. Aber ich glaub', er hat auch nich' für 'n Groschen Aussicht nu', wo sie das mit der Religion gekriegt hat, wenn er auch der sanftmütigste Kerl is, den ich kenn'. Ich hab' ganz vergessen, aus ihm 'rauszukriegen, was er von Mr. Edward wollte. Das hab' ich ja gesagt, nich'? daß Mr. Algernon da nix mit zu tun hat? Nich'? Wie bist du bloß mit ihn ins Theater gekommen?« Dahlia sprach mit heiserem Ton. »Er hatte mich gesehen. Er kannte mich von zu Hause her. Es war ganz zufällig.« »Na ja, ganz wie ich's Robert sagte. Un' er sah's auch ein. Ja, das 'n verständigen jungen Mann. Na, un' dein Mann, der wollte das nich' haben, daß du nach uns hinkommen solltest, – ja, warum wollt' er das doch bloß nich'? Wie war das doch?« Dahlia hatte auf der Zunge zu sagen: »Weil er ärmer war, als ich dachte«, aber die Fülle ihres Jammers bäumte sich gegen die Erbärmlichkeit dieser Lüge auf. »O, um Gottes Willen, Onkel, laß mich doch damit in Frieden!« Der alte Mann murmelte: »Ja, ja!« und fand es natürlich, daß sie Andeutungen hierüber nicht liebte. Sie passierten eine der Brücken, Dahlia blieb plötzlich stehen und sagte: »Gib mir einen Kuß, Onkel.« »Ich schenier mich nich',« sagte Anton. Nachdem es geschehen, bestand sie darauf, daß er sie nun nicht weiter begleite. Anton nahm ihr, als einer verheirateten Frau, ihr Ehrenwort ab, daß sie ihren Mann am nächsten Sonntag um drei nach eben diesem Fleck, wo sie standen, hinbringen wollte. Sie versprach es. »Ich will dem alten Bauer gleich schreiben – kost't 'n Groschen,« sagte Anton, um zu beweisen, daß er die Ausgabe wohl erwogen habe und bereit sei, sie auf sich zu nehmen. »Und Onkel,« nun formulierte sie ihrerseits ihre Bedingungen – »sie sollen mich einstweilen noch nicht sehen. Sehr bald, aber noch nicht. Halte Wort und komm' allein, sonst ist es deine Schuld – sonst komm' ich nicht. Also denk' daran. Und bitte sie, die Farm nicht zu verlassen. Das wäre Vaters Tod. Kannst du« – in ihre Stimme kam der alte, süße Klang von früher, als sie das sagte – »kannst du sie denn nicht kaufen Onkel, und sie Vater in Pacht geben? Er würde sicher regelmäßig bezahlen.« Anton zuckte ärgerlich die Achseln. »Adieu, Dahly. Sei du man 'n gute Deern, un' denn läuft sich schon allens zurecht. Der alte Bauer hat das jetzt mit 'n Beten gekriegt. Wenn die Geschichte nich' so was verflucht Düsteres an sich hätte, denn könnte ich auch noch dazu kommen. Aber du solltest es 'mal versuchen. Versuch 's man 'mal, Dahly. Bet' 'n büschen jeden Abend.« »Ich bete jeden Abend,« sagte Dahlia. Ihr Blick resignierter Verzweiflung ging Anton auf seinem ganzen Heimwege nach. Er schrieb ihre Traurigkeit dem Mangel an Geld zu, und noch einmal begann der fürchterliche Kampf mit dem Dämon des Geldes sich in ihm zu regen. Kapitel XXVI. Im Park Sir William Blancove arbeitete bis drei Uhr nachmittags auf der Bank, um welche Zeit ihn seine Equipage nach dem Tattersall, in der Nähe des Hydeparks, brachte, wo er ein Pferd bestieg, um sich, dem Rat seines Arztes zufolge, Bewegung zu machen, zu welchem Zweck er in einem angenehmen, behäbigen, steckenpferdchenartigen Trabe eine Weile die Hauptallee auf und ab ritt. Es war der Haupttag der großen Epsom-Rennen, und die von ihren Doktoren angestachelten älteren Herren ganz Londons befanden sich zu Pferde am Start. Gleich Achilles (der gallige Schatten möge den unverschämten Vergleich verzeihen!) hatten sie ihren Feind, die Gicht, für ein Weilchen an ihres Rosses Fersen geheftet und gingen, nach vollendetem Racheakt, zu ihrem Mittagsessen, um ihn aufs neue zum Leben erstehen zu lassen. Baron William beunruhigte die Abwesenheit seines Sohnes von England. Ein Jüngling, dem einmal der Freiherrntitel und ein Vermögen hinterlassen werden soll, ist ein wichtiger Organismus, und obschon Baron William Vertrauen in seinen Sohn setzte, war er dessen unerklärlich ausgedehntem Aufenthalt in der französischen Hauptstadt durchaus abgeneigt, – denn mag dieselbe immerhin eine hohe Schule für manches sein, für das Studium der parlamentarischen Laufbahn, wie auch für den Beruf eines Ehemannes – zwei Bahnen, die dem Baron für seinen Sohn sehr am Herzen lagen – ist sie kaum die geeignete Vorstufe. Edwards köstlicher Cynismus – die Tiefe des Weltmannes – und sein geschicktes Zitieren der cynischen Bemerkungen anderer würden auch weiterhin ihren Charm auf Baron William ausgeübt haben, hätte es denselben nicht allzusehnlich danach verlangt, ihn persönlich zur Stelle zu haben, damit er gewisse Fragen, die Mama Gosling mit einiger Hartnäckigkeit hinsichtlich ihres Töchterchens stellte, selbst hätte beantworten können. »Von einer Verlobung ist nicht die Rede,« schrieb Edward, »laß das Mädchen sich gedulden und selbst über ihre Wahl ins klare kommen: laß sie heranreifen,« und ein Zitat Horaz' folgte auf diese Äußerung. Sein Vater mußte unwillkürlich zu diesen Linien lächeln und sie vollenden. Er lachte auch, als er das hingeworfene Fragment eines Verses las: »Wenn ich das Gänschen (Gosling) wähle, wer ist der Gänserich?« Er lachte, aber es mischte sich der Schatten einer Enttäuschung in dieses Lachen, weil er zu bemerken glaubte, wie die, für seinen Sohn charakteristische geistige Schlagfertigkeit ein wenig im Abnehmen sei, und Baron William kannte die Gefahr des beißenden Witzes, er wußte, wie leicht eine scharfe Klinge die jungen, sprossenden Schößlinge abzuschneiden vermöchte. Er hatte Edward für echtes, zähes Eichenholz gehalten und seinem leichten Spiel mit dieser Waffe Vorschub geleistet. Jetzt drängte sich ihm die Frage auf, ob cynischer Witz und Ehrgeiz sich in eines jungen Mannes Seele miteinander vertrügen, ob sie nicht vielleicht eine ähnliche Betätigung ihrer sozialen Gewohnheiten zu Tage kehren möchten, wie zwei zusammen in einen Käfig gesperrte Rotkehlchen es zu tun pflegen: deren eines man binnen kurzem mit etwas zerzaustem Gefieder zwischen den Federchen seines aus dem Leben geschiedenen Gefährten entdecken wird. Während Baron William solcherart die Fragen nackter Tatsachen und persönlicher Empfindungen gegeneinander abwog, ritt er im leichten Galopp dahin und parierte plötzlich wie eine gegen den Wind geschleuderte, kurz abgeschnittene Meereswoge, sein Pferd vor Mrs. Lovell. Er ließ sich in eine Unterhaltung mit dieser Dame ein, für deren nadelspitze Bemerkungen er die ganze Würdigung eines erfahrenen Gourmands besaß. Doch fand er bei ihr keinerlei Trost. Vielmehr deutete sie ihm an, irgend etwas – sie könne nicht recht sagen, was – sei mit Edward nicht in Ordnung. Sie sprach in einem gelangweilten Ton von ihm, als wenn seine Briefe nichts als öde Phrasen über geringfügige Alltäglichkeiten enthielten. »Er scheint sich Mühe zu geben, ein Pseudo-Franzose zu werden,« sagte sie. »Das ist wirklich für die Franzosen schmeichelhaft, aber ihm, dünkt mich, gereicht es kaum zur Ehre.« »Alcibiades ist eben kein Tugendheld,« murmelte Baron William. »Miss Goslings erwähnt er nicht?« »O doch! gewiß! Ich habe ein französisches Akrostichon auf ihren Namen.« »Ein Akrostichon!« Eine jämmerlichere Betätigung seiner geistigen Fähigkeiten ließ sich nach Baron Williams Auffassung überhaupt nicht finden. »Ein Akrostichon!« das Wort kam bei ihm mit einem Gutturallaut heraus. »Na ja!« »Er schreibt auch, daß er jeden zweiten Abend Molière hört. Das kann ihm weiter keinen Schaden tun. Seine Lektüre besteht in erster Linie aus Memoiren. Wenn ich mich recht entsinne, bezeichneten Sie solche einmal als ›Die Hintertreppen der Geschichte‹. Wir hier neigen ja entschieden zur Schwermut, und mich dünkt, der Aufenthalt hier kann unmöglich ein gesunder sein, wenn die Abwesenheit von Freunden und die Gegenwart von Sonnenschein sich miteinander verschwören, die Menschen schwermütig zu machen. Algy sitzt heute natürlich in seine Rechnungsbücher vergraben.« Baron William bemerkte, er habe den jungen Mann im Kontor nicht erblickt, sich freilich auch nicht nach ihm umgesehen, aber bei der Erwähnung Algernons fiel ihm etwas ein, und er sagte: »Ich höre, er schickt Ihnen fortwährend Billetts während seiner Kontorstunden. Sie halten ihn unter eiserner Fuchtel. Man erzählt mir, gestern habe er unsern alten Kassenboten mit einem Brief, der die Aufschrift ›Dringend‹ trug, zu Ihnen gesandt.« Mrs. Lovell lachte, als wolle sie damit ein gutes Wort für Algernon einlegen. »Nein, er soll es nicht wieder tun. Gestern geschah es allerdings, aber ich entsinne mich nicht, daß es ein zweites Mal vorgekommen wäre. Er nimmt an, daß mich die Rennen ebenso glühend interessieren, wie ihn selbst –« Die Dame grüßte einen vorübertrabenden Reiter, ein tiefes Rot färbte ihr Antlitz. »Er wettet wohl?« sagte Baron William. »Ein junger Mensch, dessen Einkommen im günstigsten Falle zweihundert Pfund jährlich beträgt!« »Sollte die geringe Höhe seines Einkommens nicht gewissermaßen das Wetten rechtfertigen?« fragte sie mit einem Anflug von Schelmerei. »Wissen Sie – ein wenig, ein ganz klein wenig wette ich auch. Wenn ich nur eine kleine Summe habe, kommt es mir gewissermaßen so vor, als müsse ich sie als Einsatz wagen; die Versuchung, sie fliegen zu lassen, ist zu groß.« »In seinem Falle bedeutet ein derartiges Verfahren geradezu die Laufbahn eines Schurken einschlagen,« sagte Baron William streng. »Er ist nicht auf gutem Wege.« »Dann glaube ich, muß man den Gutsherrn für sein Verhalten verantwortlich machen.« »Sie wollen sagen, er sei nur darum so, weil ihm sein Vater so wenig Mittel zum Geldverschwenden gewährt? Wie viele junge Leute müssen ihre Ausgaben mit zweihundert Pfund jährlich bestreiten!« »Keine Söhne von Gutsherren und Neffen von Baronen,« sagte Mrs. Lovell. »Leben Sie wohl! Es ist mir, als sähe ich dort oben eine Brieftaube fliegen, und, wie Sie begreifen werden, bin ich in äußerster Spannung.« Baron William verbeugte sich. Sie hatte einzelne Züge, die ihm durchaus nicht gefielen, aber es handelt sich dabei um einen leicht zu durchschauenden Übermut und eine gewisse Unruhe, wie sie zu einer jugendlichen Witwe fast unbedingt gehören, und sie zeigte in allen Dingen eine so anmutige Herrschaft über sich selbst, daß er niemals auf den Gedanken gekommen wäre, daß man sie vor irgendwelchen Exzentrizitäten hätte warnen können. Alte Herren pflegen ihre Lieblinge zu haben, und Mrs. Lovell gehörte zu Baron Williams Lieblingen. Sie war im vorliegenden Falle völlig Herrin ihrer selbst, obschon der Einsatz, der auf dem Spiel stand, ein hoher war. Sie war völlig Herrin ihrer selbst, als Lord Suckling, der vom Rennplatz hergefahren war und – um vor ihren Augen zu bestehen, bis auf ein paar Körnchen weißlichen Sandes in seinem sprossenden Schnurrbärtchen – allen Staub von sich abgebürstet hatte, zu ihr hergetrabt kam, um ihr mitzuteilen, daß das Pferd Templemore geschlagen sei, und daß seine Weisheit, immer gegen die Lieblinge des Publikums zu wetten, in diesem Falle einen ganzen ›Topf voll Gold‹ aus fremder Leute Taschen in die seine geschafft habe. »Algy Blancove hat fünfhundert an mich verloren,« sagte er, und mit starker Emphase fügte er hinzu: »Ich hoffe, Sie haben nicht verloren? Nein! Dämpfen Sie meine Fidelität nicht dadurch, daß Sie sagen, Sie hätten verloren. Heiß hergegangen ist's aber! Hals an Hals kamen sie durchs Ziel! Haben Sie verloren?« »Ein klein wenig,« gab sie zu. »Ich habe nun mal ein kleines Faible für allgemeine Lieblinge. Algy tut mir leid.« »Ich bin bange, er ist bös' 'reingefallen.« »Warum meinen Sie das?« »Er ist so verteufelt kühl bei der Sache.« »Das kann auch das Gegenteil bedeuten.« »Bei ihm kaum. Aber, bitte, Mrs. Lovell, sagen Sie mir, daß Sie nicht verloren haben! Nicht viel, hoffe ich? Denn ich weiß wohl, wenn Sie betroffen sind, so kommt man mit dem Raten jedenfalls nicht weit.« Die Dame spielte mit ihrem Zaumzeug. »Ich kann's Ihnen wirklich noch nicht sagen. Mag sein, daß ich verloren habe. Gewonnen hab' ich jedenfalls nicht. Ich bin nicht kaltblütig genug, um gegen allgemeine Lieblinge zu setzen. Addio, Sie Sohn Fortunas, heut' abend geh' ich in die Oper.« Als sie ihr Pferd von Lord Suckling fortlenkte, ritt der Herr, welcher sie während ihrer Unterhaltung mit Baron William gegrüßt hatte, ein zweites Mal an ihr vorüber. Sie gab ihrem Reitknecht einen Wink und schickte den Mann in fliegender Hast hinter ihm drein, während sie selbst umwendete und im leichten Galopp weiterritt. Nach kurzer Zeit wurde sie eingeholt. »Gnädige Frau, Sie haben mir die Ehre erwiesen?« »Ich möchte wissen, warum es Ihnen Vergnügen macht, mich zu schneiden, Herr Major.« »Inwiefern? Hier?« »Wo irgend wir uns begegnen.« »Das muß ich bestreiten.« »Ich möchte doch bitten, das zu lassen. Die Sache ist allzu offenkundig.« Schweigend ritten sie nebeneinander weiter. Ihr Gesicht war der untergehenden Sonne zugewandt. Das Licht spielte in ihrem goldgelben Haar und zeigte wie in einem Bilde ihre ernste, gekränkte Miene. »Ungehört verdammt zu werden!« sagte sie. »Dem elendesten Verbrecher gewährt man doch Gehör. Halten Sie mich denn für aller menschlichen Regungen bar? Ist es eines Mannes würdig, mich mit raffiniert erdachten Kränkungen zu verfolgen? Den Haß von Narren kann ich tragen. Verachtung habe ich nicht verdient. Tot! Ich wäre tot, wenn mein Gewissen mich ein einzig Mal angeklagt hätte. Ich bin die Zielscheibe für Verleumdungen, und ein Mann von Ehre sollte sich davor hüten, mit jämmerlichen Verleumdern gemeinsame Sache zu machen.« Sie starrte die ganze Zeit geradeaus, während sie sprach. Die Gangart ihres Pferdes hinderte die konzentrierte Leidenschaftlichkeit ihrer Aussprache keineswegs. Für ihn war es eine schwierigere Aufgabe, Erklärungen abzugeben, so lange sie dies Tempo beibehielten, zudem war sie hinreißend schön anzusehen. Die Strahlen der untergehenden Sonne hüllten sie in eine weiche Lieblichkeit, die blutenden Erinnerungen neues Leben verlieh. »Wenn ich mich verteidige?« sagte er. »Nein. Alles, was ich verlange, ist, daß Sie mich nicht verdammen. Ich möchte nur wissen, was ich getan habe, – was irgend ich getan und nicht reichlich gebüßt habe. Sagen Sie mir nur das! Was ist es? Warum verhängen Sie eine derartige Qual über mich, so oft Sie mich nur sehen? Nicht durch irgendein Wort, nicht durch einen Blick! Ihre Grausamkeit ist zu raffiniert, als daß sie mir irgendwelche Handhabe biete. Sie wissen, wie tief Sie mich verletzen. Und ich stehe allein.« »Sagen Sie das etwa, um mein Verhalten zu erklären?« Sie wandte ihm ihr Gesicht zu. »O, Major Waring! sagen Sie nichts, was Ihrer unwürdig ist. Das würde mir nur ein neuer Kummer sein.« Er verneigte sich. Trotz des Zornes, der ihn gegen sie erfüllte, regte sich in seinem Herzen eine leise, sanfte Stimme zu ihren Gunsten. »Es fällt Ihnen vielleicht auf, daß ich meinen Stolz habe fallen lassen,« sagte sie. »Das ist der Fall, oder sonst ist mein Stolz von besserer Art.« »Das hoffe und glaube ich von Herzen, gnädige Frau.« »Das glauben Sie,« sagte sie, indem sie seine Worte ironisch wandte, »glauben Sie meinetwegen – Sie tun es ja doch – daß mein Stolz tief gesunken ist. Oder habe ich je zuvor in dieser Tonart zu Ihnen gesprochen?« »In dieser Tonart nicht, das kann ich beschwören.« »Habe ich überhaupt gesprochen, wenn ich verletzt war?« Sie verriet, daß er ihr einen neuen Stachel in die Seele getrieben. »Wenn ich mich recht erinnere,« sagte er, »besaßen Sie immer eine erstaunliche Selbstbeherrschung.« Mrs. Lovell hemmte die Gangart ihres Pferdes. »Sie erinnern sich alles Geschehenen nur allzugut, Major Waring. Ich war ein Kind. Sie beurteilten mich, wie man eine reife Frau beurteilt. Ich war ein Kind, Ihnen aber gefiel es, allem, was ich tat, Ihre eigene Deutung unterzulegen. Sie brandmarkten mich angesichts der ganzen Armee. War das nicht genug? Ich meine, war das Ihnen nicht genug? Für mich mag es ja nicht genug gewesen sein, denn ich habe viel gelitten seitdem, und vielleicht bin ich zum Leiden ausersehen. Ich sah Sie in der kleinen Kirche dort in Warbeach, ich bin Ihnen auf der Dorfstraße begegnet, auf dem Dampfer traf ich mit Ihnen zusammen, auf dem Eisenbahn-Perron, bei der Parade. Allüberall hielten Sie die Miene eines Richters aufrecht. Sie! – und doch war ich einmal ›Margaret‹ für Sie. Major Waring, wie manche Frau in meiner Lage würde Ihre unerbittliche Verurteilung ihrer Person einer beleidigten Eitelkeit, einem Verlangen nach Rache zuschreiben! In jener Zeit spielte ich mit jedermann. Ich spielte mit dem Feuer. Ich kannte das Leben nicht. Ich war meinem Manne treu, und weil ich treu war und weil ich das Leben nicht kannte, wurde ich in Tragödien verwickelt, von denen ich keine Ahnung hatte. Das ist es, was mir bei Ihnen den Namen einer Kokette eingetragen hat. Jemandem mit einem Namen stempeln, erspart einem Menschen weiteres Nachdenken. Vermochte ich meines Mannes Temperament zu beurteilen? Würde eine Kokette ihre Karten nicht ganz anders gemischt haben? Es bedurfte wahrlich keiner Anstrengung meinerseits, meinen Mann zu einem Kampfe zu reizen. Meine Macht reicht nicht aus, ihn zurückzuhalten. Nun bin ich weiser, und nun ist es zu spät, und nun sitzen Sie über mich zu Gericht. Warum? Das ist nicht gerecht, das ist unfreundlich.« Tränen waren in ihrer Stimme, wennschon nicht in ihren Augen. Major Waring versuchte sie mit der kühlen Ruhe eines Mannes zu beobachten, der gelernt hat, an der Wahrhaftigkeit der Frauen zu zweifeln, aber er hatte dereinst in dem Liebeswahnsinn eines jungen Mannes danach gedurstet, diese zarte Gestalt in seine Arme zu nehmen, und er fühlte sich dem ernsten, süßen Gesicht, dem ehrlichen, traurigen Klang ihrer Stimme nicht gewachsen. Er sprach eindringlich: »Sie erweisen mir die Ehre, mir zu zeigen, daß Ihnen an meiner Meinung gelegen ist. Die Vergangenheit ist begraben. Ich habe um Verzeihung zu bitten. In mancher Hinsicht, – wenn ich's recht bedenke. – in mancher Hinsicht. Ich habe Ihnen öffentlich Unrecht zugefügt. Das ist von Seiten eines Mannes einer Frau gegenüber unverzeihlich. Es ist ein Fleck auf meiner Offiziersehre. Ich bitte Sie demütig, mir zu glauben, daß ich es bereue.« Die Sonne flammte unter den Nebeln auf wie große, rote Flügel, und in der Erinnerung jener beiden, die vorwärts ritten, den Blick auf dies Schauspiel geheftet, erstand der Tag in den indischen Dschungeln, wo ein englisches Roß seinen Reiter verlor, eine Erinnerung an Donner und Staub und Feuer und die grimmige Verschlingung zweier Kämpfer. Und als glitte ein Gespenst an ihren Augen vorüber, so sah Mrs. Lovell teils in der vollen Frische seines Engländertums, teils von Blut entstellt, das Bild jenes ritterlichen Jungen, der dahingeritten war, um infolge ihrer wahnsinnigen Torheit den Tod zu suchen. »Percy!« sagte sie. »Gnädige Frau?« »Percy!« »Margaret?« »O Percy, was für ein Tag, der den Tod nicht kennt!« Und dann verstummte sie. Kapitel XXVII. Enthält die Betrachtung eines Narren in harter Bedrängnis Der Park war leer gewesen, aber das Opernhaus war voll, und unter dem strahlenden Glänze der Lichter und dem erhabenen Rauschen der Musik diskutierte der Geist der Champagnerfrühstücke über das Schicksal des Rennpferdes Templemore; die einen behandelten es wie ein Stück weit zurückliegender Geschichte, die anderen wie eine neue Desillusion in Gestalt von Pferdefleisch, die Mehrzahl indessen unter dem Entschluß, an dem besiegten Liebling festzuhalten, obschon er unterlegen war und ihn als das beste Rennpferd, das aber in diesem Rennen jämmerlich schlecht behandelt worden sei, hinzustellen. Leise geflüsterte Andeutungen, hingeworfene Äußerungen, bestimmte Behauptungen tauchten auf, die bald den Jockei, bald den Besitzer Templemores betrafen. Die Manchester-Partei und die Yorkshire-Partei und ihre mannigfaltigen, schändlichen Kniffe wurden einer eingehenden Betrachtung unterzogen. Einige erboten sich auf Templemore gegen den Sieger um den doppelten Einsatz, den sie verloren, zu wetten. Ein allgemeiner Liebling, für den bedeutende Summen eingesetzt worden sind, hat nicht nur Freunde, der Glaube an ihn wird auch im Mißgeschick festgehalten; wie könnte es auch anders sein, sind doch die Geldsummen in diesem Falle zweifellos das Symbol des Glaubens, wie hätte man sie sonst an das Risiko einer Wette gewagt. Unter den aufgeregten jungen Leuten, welche in erster Linie und am heftigsten Parkett und Foyer in Bewegung setzten, war Algernon. Er war der leibhaftige Genius des Champagner-Frühstücks. Um ihn dreht sich für eine Zeitlang der Lauf dieser Geschichte, und wir werden wohl daran tun, ihn des Näheren zu betrachten, obschon er dessen möglicherweise gar nicht wert ist. Was ist wertlos, wenn man es recht betrachtet? Nein, die wertlosesten Geschöpfe leisten – unter das Mikroskop gebracht – als einfache Studie des menschlichen Mechanismusses bei eingehender Prüfung die wichtigsten Dienste. Dieser Jüngling ist einer der Hansnarren der erhabenen Natur, äußerlich ein eleganter junger Herr aus der weitverbreiteten Klasse derer, welche lediglich durch ihren Appetit in Umlauf gehaltene Maschinen sind, und die für das Auge des Philosophen noch wild im Urwald hausen wie jene primitiven Aristokraten, die eine Welt früherer Tage in Aufruhr brachten. Algernon hatte an diesem Tage zehnmal so viel verloren, wie er hoffen durfte, innerhalb zehn Jahren bezahlen zu können, jedenfalls, sofern sein Vater während dieser Zeit erfolgreich gegen die Vorsehung ankämpfen und am Leben bleiben sollte. Er hatte verloren und durfte darauf gefaßt sein, binnen kurzem in allen Kreisen, in denen Wetten an der Tagesordnung sind, für ein Etwas zu gelten, das in keinem allzu guten Geruch steht. Trotz alledem war der Jüngling von überschäumender Lustigkeit. Von seinen Wangen und aus seinen Augen strahlten die vereinten Genien von Kückenbraten und Wein. Er lachte und scherzte über das Pferd – sein Pferd, wie er Templemore nannte – und gewann, als er mit Lord Suckling zusammentraf, eine Wette von fünf Sovereigns gegen diesen, weil er behauptete, die Farben eines der besiegten Pferde, Benloo, seien durch eine Chokoladenstange bezeichnet worden. Der Austrag wurde einem würdigen Unparteiischen, einem Franzosen, übertragen, welcher mit seiner Rechten einen höchst distinguierten Haarpull entlangstrich, der ihm vom Kinn herabhing und seine Entscheidung zu Algernons Gunsten abgab. Lord Suckling bezahlte die Summe auf dem Fleck, und Algernon steckte sie triumphierend ein. Es kam ihm vor, als sei dies für ihn der Anfang, gegen die Flut Front zu machen. Einen Augenblick darauf hätte er sich auf die Erde werfen und brüllen können. Denn eine von Kückenbraten und Champagner leicht animierte Seele ist ebenso leicht zu Boden geworfen, und hätte er zu Lord Suckling gesagt, daß die Auszahlung gar keine Eile habe, so hätte die Sache als Präzedenzfall gelten und behandelt werden können, und auch seine eigene Schuld hätte sich vertagen lassen. Er sagte mehrmals rasch vor sich hin: »Ach, es ist ja ganz egal, Suckling, stecken Sie's doch ein!« und die peremptorische Notwendigkeit zu reden und sich vorzustellen, was den Tatsachen zuwiderlief, ließ ihn eine Zeitlang glauben, er hätte wirklich so gehandelt, wie seine Weisheit es ihm nachträglich diktiert hatte. Es wunderte ihn, warum die Leute nur so dasaßen und aufhorchten. Je mehr er sich da hineinredete, um so unerträglicher wurde es. Diese Menschen, die da umhersaßen und sich herumrekelten, kamen ihm wie wunderliche, steinerne Abbilder seiner selbst vor. Wenn er auch nur für einen noch so kurzen Augenblick ruhig dasaß, quälte ihn ein Gefühl absoluter Leere, trotzdem er sich selbst sagte, bei einem Manne, der ein Kücken und einen Teil einer Wildpastete gegessen und den ganzen Tag dazu Champagner getrunken habe, bis das Knallen der Pfropfen ihm ein so gewohnter Laut geworden war wie die Nebelhörner, könne von Leere nicht wohl die Rede sein. Es war merkwürdig. Er blieb eine Weile stehen, nur, um diesen Umstand näher zu erwägen – es war so sonderbar. Die Musik rauschte in triumphierenden Klängen empor. Und jetzt war er völlig überzeugt, daß ihn keinerlei Tadel traf, wenn er diese Art der Unterhaltung unausstehlich fand. Wie konnten die Leute nur vorgeben, an dergleichen Geschmack zu finden! »Bei meiner Ehre!« sagte er laut. Der heuchlerische Blödsinn, vorzugeben, daß einem Opernmusik gefalle, degoutierte ihn geradezu. »Wo ist die, Algy?« fragte ein Freund von ihm und Suckling mit einem faden Lächeln. »Wo was ist?« »Ihre Ehre!« »Meine Ehre? Zweifeln Sie an meiner Ehre?« Algernon blickte den harmlosen jungen Mann herausfordernd an. »Nicht im mindesten! Es tut mir zudem sehr leid, daß ich Sie auch in meinem Buche notiert habe.« »Neuerdings? Ach ja, richtig!« sagte Algernon, als fiele es ihm plötzlich ein, und er ließ die Unterlippe hängen, um der Versuchung, sich auf dieselbe zu beißen, aus dem Wege zu gehen. »Fünfzig oder hundert? Wieviel war's doch? Ich habe mein Buch auf dem Rennplatze verloren.« »Fünfzig. Aber warten Sie ruhig bis zum Abrechnungstag, alter Freund, und wühlen Sie, bitte, nicht in Ihren Taschen herum, als wenn ich Sie wegen des Geldes hätte mahnen wollen. Haben Sie nicht Lust, heute abend mit mir zu soupieren?« Algernon murmelte in freundschaftlichem Tone irgendeine banale Ausrede und entschlüpfte ihm. Die Erwähnung des Abrechnungstages gab ihm plötzlich seine Besinnung zurück. Er vermochte jetzt mit Aufmerksamkeit, wenn nicht gar mit Befriedigung, der Musik zu folgen. Während er es tat, erhob das zur Ruhe getrunkene Gedächtnis plötzlich durch die in seinem Hirn aufgeworfenen Weinblasen hindurch das Haupt, und, um sich Erleichterung zu verschaffen, klammerte er sich an einen ihm völlig fernliegenden Gedanken: »Wie wäre es, wenn ich mit jenem brünetten Mädel, der Rhoda aus Wrexby, England verließe, sie mit männlichem Entschluß heiratete und in den Kolonien ein wild umherschweifendes Leben führte?« Ein Flor senkte sich über die Aussicht; aber wenn das Gedächtnis seinerseits darauf bestand, sich nicht einschläfern zu lassen, so hatte er es doch immerhin vorübergehend mit einem Mittelchen eingelullt, welches ihm auf Augenblicke das Gleichgewicht hielt. Sein Opernglas hatte inzwischen das Haus nach Mrs. Lovell durchforscht, und endlich erschien sie in Lord Ellings Loge. »Ich kann Ihnen zwei Minuten schenken, Algy,« sagte sie, als er eintrat und sie durch einen glücklichen Zufall allein fand. »Wie ich höre, haben wir verloren. Bitte, unterbrechen Sie mich nicht. Lassen Sie die Sache ›fors l'honneur‹ zwischen uns sein. Kommen Sie morgen zu mir. Sie haben mir Pretiosen in den Schoß geworfen. Sie waren Zeichen Ihrer Wertschätzung für mich, lieber Vetter. Nehmen Sie dieselben in gleichem Sinne zurück. Machen Sie sie zu Geld und tragen Sie damit das Dringendste ab. Dann gehen Sie zu Lord Suckling. Er ist ein guter Junge und wird Sie nicht unglücklich machen wollen; aber Sie müssen sofort offen mit ihm reden. Vielleicht hilft er Ihnen. Ich will mein Bestes tun, obschon ich einstweilen noch nicht weiß, ob ich es kann.« »Liebe Mrs. Lovell,« rief Algernon, und es zuckte ihm nervös um die Mundwinkel. Er freute sich ihrer Güte und er war zugleich außer sich über ihr Angebot, ihm seine Geschenke zurückzugeben. Eines Mannes Geschenke wollen den königlichen Reichtum seiner Seele symbolisch zur Darstellung bringen, und er verträgt eher alles andere, als daß man sie als Dinge aufzählt, über die man zur Tagesordnung übergeht, wenn er gegen den Untergang kämpft. Mrs. Lovells Menschenkenntnis erwies sich in diesem Falle als wenig feinfühlig. Sie schob seine Bewegung der Dankbarkeit zu. »Die Tür kann jeden Moment geöffnet werden,« sagte sie warnend. »An mich selbst denke ich gar nicht,« sagte er, »nur an Sie. Ich glaube, ich war es, der Sie dazu verführt hat, auf diesen dämlichen Gaul zu setzen. Und er hätte auch gewonnen – in einem fairen Rennen hätte er unbedingt gewonnen. Er hat überhaupt gewonnen. Er ging mit einer Kopflänge als Erster durchs Ziel. Er hat gewonnen. Es ist eine Schande für den Rennplatz. Sie sollten überhaupt das Rennen in England nur aufgeben. Es ist nichts damit. Sie haben sich heute ihr eigenes Todessignal geblasen. Es ist so 'ne infame Gesellschaft da. Die ganze Sache liegt in den Händen von Leuten, die sich verabredet haben.« »Das können Sie ja denken, wenn Ihnen das ein Trost ist,« sagte Mrs. Lovell, »aber lassen Sie es lieber nicht laut werden. Den Rat möchte ich Ihnen geben.« »Ich glaube es aber. Warum sollen wir uns solches Räuberwesen gefallen lassen? Es ist ein abgekartetes Spiel. Dieser Franzose, Baron Vistocq, sagt, wir könnten uns hiernach überhaupt nicht mehr sehen lassen.« »Ich hoffe doch, er benimmt sich passend.« »Ach was, er hat gewonnen!« »Machen Sie's ihm doch nach!« Mrs. Lovell ließ ihr Opernglas über das Parkett hinstreifen. »Wenn man verloren hat, bleibt einem nichts anderes übrig als das Verhalten derer, die gewonnen haben, nachzuahmen,« nahm sie ihre Rede wieder auf. »Übrigens, um auf etwas anderes zu kommen: ich habe in letzter Zeit gar nichts von Edward gehört. Er sollte seine Rückreise doch etwas beschleunigen. Heute morgen habe ich dies unglückliche Mädchen aufgesucht. Sie geht darauf ein.« »Das arme Ding,« murmelte Algernon und fügte hinzu, »jeder braucht Geld.« »Sie hat das bessere Teil erwählt, sie könnte überhaupt gar nichts Besseres tun. Sie verdient Mitgefühl, denn sie ist wirklich gemein behandelt worden.« »Der arme alte Ned hat das sicher nicht gewollt,« versuchte Algernon ein gutes Wort für seinen Vetter einzulegen, aber Mrs. Lovells verächtliche Miene erstickte seinen schwachen Anlauf. »Ich bin eine Frau und in gewissen Punkten nehme ich für mein Geschlecht Partei. »Hat er es nicht um Ihretwillen getan?« »Sie betrogen? Wenn das der Fall wäre, müßte ich in Sack und Asche Buße tun.« Algernons Blick zeigte nur allzudeutlich, daß er – was sie beträfe – am Ende seiner Weisheit angelangt sei. Die Naivität seines Erstaunens entlockte ihr ein Lächeln. »Ich glaube wirklich, Algy, Ihre Kolonien wären der beste Ort für Sie, wenn Sie irgendwie eine Anstellung dort bekommen könnten, was mit der Zeit bewerkstelligt werden muß. Kommen Sie morgen zu mir, wie ich Ihnen schon sagte.« Algernon bedeutete sie energisch, daß er das keinenfalls tun werde und verweigerte hartnäckig eine Auskunft darüber, warum nicht. »Dann werde ich zu Ihnen kommen,« sagte Mrs. Lovell. Ihm lag eine ärgerliche Erwiderung auf der Zunge, als Mrs. Lovell ihn unterbrach: »Still! sie singt!« Algernon hörte auf die Primadonna unter innerlichen Verwünschungen. Er hatte so vielerlei zu fragen und so vielerlei zu erzählen, hatte ein solches dringendes Verlangen, zu quälen und sich trösten zu lassen! Ehe er ein weiteres Wort auszusprechen vermochte, öffnete sich die Tür, und Major Waring erschien. Algernon sah Mrs. Lovell eigentümlich erröten. Bald darauf kam auch Lord Elling in die Loge und warf die hergebrachten ein oder zwei Sätze zum Tagesgespräch – dem Rennpferd Templemore – hin. Algernon verließ die Loge. Seine Ohren waren überladen von Klängen, die seiner Gemütsstimmung durchaus nicht entsprachen, und er verließ mißgestimmt das Theater und schlenderte seinem schmutzigen Chambre garni zu, das ihm jetzt allein zur Wohnung diente, er sah die versiegelten Briefe an Edward an, die demselben auf speziellen Wunsch nicht nachgeschickt worden waren. Nicht weniger als ihrer sechs waren in Dahlias Handschrift. Seine Phantasie genügte, um ihm die Klagen auszumalen, die sie enthalten mochten, und den Vorwurf für sich selber herauszulesen, daß er sie nicht nachgesandt hatte. Er sah die Poststempel an. Der letzte datierte zwei Monate zurück. »Wie kann sie sich auch nur ein Atom aus Ned gemacht haben, wenn sie gleich bereit ist, hinzugehen und irgendeinen dummen Michel zu heiraten, bloß um 'n Heim und einen ehrlichen Namen zu haben?« dachte er mit einem Anflug von Verachtung, und nachdem er dieses wegwerfende Urteil einer des Geschlechts hatte angedeihen lassen, fühlte er sich berechtigt, über sie alle die Achseln zu zucken. »Ganz wie die Weiber sind! Sie – Nein! Mit Peggy Lovell ist's ein ander Ding. Sie ist ein Trumpf-As, und sie ist eine Kokette, – dafür kann sie nichts. Das liegt im Blut. Ich hab' sie nie so verdammt süß aussehen gefunden, wie in dem Augenblick, als der Kerl in die Loge kam. Der eine kommt, der andere geht. Ned ist weg, nun ist der Kerl an der Reihe. Was der Teufel hält sie mich nur immer noch für 'n grünen Jungen oder behandelt mich wenigstens so? Aber ich muß mich in die Geschäfte vertiefen!« Er zog sein Wettbuch aus der Tasche, das seine lebhafte Phantasie auf dem Rennplatze verloren haben wollte. Dann ging er – einer plötzlichen Eingebung folgend – nach dem Briefkasten, indem er sagte: »Wer weiß? Man soll nicht auf den Tag schimpfen, bevor er zu Ende ist.« Ein ausländischer Brief an ihn von Edward war darin, ein anderer an ›Mr. Blancuv‹ adressierter, den er aufriß und mit wegwerfendem Lachen las. Er war ›N. Sedgett‹ unterzeichnet. Algernon las ihn zweimal durch, um seinen Spaß an der kritischen Würdigung der verhunzten Grammatik zu haben, stieß ein »Donnerwetter, ja!« nach dem andern hervor und sagte schließlich: »Das ist wirklich eine Kuriosität.« Es war der Brief eines Bauern, unorthographisch, schlecht stilisiert, ein Brief, dessen ganze Abfassung Algernon ein ihm völlig neues Gefühl wohltuender Überlegenheit im Punkte der Bildung gab. Alle Welt zog Algernon damit auf, daß er Ihrer Majestät allersimpelstes Englisch in seinen Episteln so sehr mißhandle; aber hier war ein Brief, im Vergleich zu welchem seine eigenen geradezu gelehrte Abhandlungen waren, und infolgedessen fiel er mit einem beißenden Hochgenuß von Pedanterie darüber her, wie ihn nur ein sehr bescheidener Verstand empfinden kann, den ein außergewöhnlicher Glückstreffer einem noch bescheideneren in den Weg geführt hat. »Also du willst ›vergäben un vergössen‹, so, wirklich, du Hund?« rief er aus und tanzte beinah vor Vergnügen. »Du würdest jedes falsche Dokument ausstellen, du Schuft, wenn du nur die Fähigkeit hättest, deine Hand zu verstellen, daran zweifle ich keinen Augenblick. Du ›erwartest, daß die tausend Pfund dir an dein' Hochzeitstag ausgehändigt werden‹, – so, also das tust du, du unverschämter Lump! ›nach 'n Übereinkummen‹. Was für ein gemeiner Gauner der Kerl ist!« Algernon versank eine Minute in Nachdenken. Das Geld sollte durch seine Hände gehen. Er unterdrückte einen Wunsch über den letzterwähnten Punkt, das Übereinkommen, betreffend, mit Sedgett zu disputieren und öffnete Edwards Brief. Er enthielt eine Anweisung auf eine Anwaltsfirma, so und soviel Staatspapiere zu verkaufen und Mr. A. Blancove eintausend Pfund zu bezahlen. Die tadellose Stilisierung dieses Dokuments erfüllte Algernon dem Recht und seinen Vertretern gegenüber mit tiefster Ehrfurcht. »Sieh mal an, so muß man schreiben!« sagte er. Kapitel XXVIII. Edwards Brief Dies anziehende, gewichtige Stückchen Papier, eine so bewundernswerte Probe literarischer Vortrefflichkeit, war von einigen flüchtig hingeworfenen persönlichen Zeilen Edwards an Algernon begleitet, die letzterem völlig unverständlich waren. Da sich hinter diesem Schreiben der träge, unbewußt vollzogene Entwicklungsprozeß abspielt, in welchem sich jemand, der eine ganz verfluchte Ähnlichkeit mit einem Spitzbuben hat, in etwas um ein klein wenig Achtungswerteres verwandelt, wird es das beste sein, dasselbe unverkürzt auf sich wirken zu lassen. Es beginnt mit einem sehr artigen Demonstrieren von Gefühlen aufrichtigster Wertschätzung der angeredeten Persönlichkeit, wie es allen Briefen eigen zu sein pflegt, die übermäßiger Egoismus diktiert hat. »Lieber Algy! »Hoffentlich bist Du an eifriger, regelmäßiger Kontorarbeit. Lege in erster Linie darauf und auf Deine Gesundheit Wert. Glaube mir, es gibt nichts Wichtigeres als Arbeit. Vertiefe dich in sie mit fest aufeinander gepreßten Zähnen. Arbeit ist Medizin. Das ist ein Gemeinplatz. Aber Gemeinplätze – mögen sie nun der Tiefe menschlichen Denkens entspringen oder auf dessen Oberfläche liegen – sind jederzeit Perlen persönlicher Erfahrung. »Ich bin auf dem Wege nach Hause. Gib mir sofort Nachricht, wenn diese Affäre erledigt ist. Ich kann Dir nicht auseinandersetzen, warum ich hier warte. Ich versinke in völlige Lethargie. Ich schreibe niemandem als Dir. Deine Mutmaßung, ich gehörte zu der Gefolgschaft der vollendetsten Kokette ihrer Zeit und versuchte um ihretwillen, meine Freiheit zurückzugewinnen, beweist mir einmal wieder Deinen gewohnten Scharfsinn. Um Margaret Lovells willen? Meinst Du, ich wollte mich mein Leben lang auf die Wagschale der Kaprice legen und mich zu leicht befinden lassen, meine offenkundigen Vorzüge loben, sie nach jeweiliger Laune hervorheben, mich auf meine schwachen Seiten hin prüfen und dann in den Ofen werfen lassen wie das Spielzeug eines Kindes? Denn solches ist das Schicksal derer, welche die Livree der langohrigen Lovell-Gefolgschaft tragen. »Die Weiber sind einander alle gleich. Wenn Du eins kennst, kennst Du sie alle. Also gilt es, auf seiner Hut und weise genug sein, sich eines allzu eingehenden Studiums zu enthalten, – diese Sprache eignet sich vorzüglich für Dich, Algy! Ich kann augenblicklich nichts anderes schreiben als Unsinn. Mir ist das Leben verleidet. Es ist mir, als sollte ich ersticken. Nach Ablauf eines Monats hat Paris für einen etwas von der Art übersüßer Kakes. »Ich habe Dir einen Scheck für das Geld angelegt. Meinetwegen hätten es auch zwei oder zwanzigtausend Pfund sein können, es wäre mir egal gewesen. »Beim Himmel, ich schwöre dir, daß meine niedrigsten cynischen Ideen über die Frauen und der Ekel, mit dem ihre lediglich animalischen Instinkte einen Mann von einigem Nachdenken erfüllen, mir den tatsächlichen Ereignissen meiner eigenen Erfahrung gegenüber nur als eine sehr gelinde Kritik erscheinen. Ich behaupte, daß es Torheit ist, einer Frau Glauben zu schenken. Selbst jetzt – obschon es aller Vernunft ins Gesicht schlagen würde – glaube ich nicht, daß diese Dahlia die Sache bis zu Ende durchzuführen gedenkt. Sie will mich nur auf die Probe stellen. Ich habe ihr gesagt, sie wäre meine Frau. Ihre Selbstachtung – alles, was ein Weib veranlaßt, den Kopf hoch zu tragen, muß sie das haben glauben lassen. Ja, und sie ist durchaus keine Närrin! Wie könnte es ihr ernstlich in den Sinn kommen, sich einem albernen Dorflümmel hinzugeben? Sie wird es nicht tun, paß auf! Daß sie – die wahrhaftig eine so feinfühlige Natur ist, wie mir nur irgend vorgekommen – scheinbar hierauf eingeht und dabei glaubt, mich täuschen zu können, gereicht ihrem Verstande nicht gerade zur Ehre, und doch kann ich Dich versichern, sie hat eine ganz gehörige Portion davon mitbekommen. »Meine Absicht war es einmal, mich in allen Ehren mit ihr zu vermählen. Ein Trost, daß Absicht und Ausführung nicht Mann und Frau sind, – sonst würde ich mich heute an ein bloßes Spielzeug gefesselt finden, das jeder Laune und jeder Stunde gehorcht, an ein Geschöpf, dessen heutiges ›Nein‹ morgen ›Ja‹ ist. Weiber dieser Sorte enden allemal so, daß sie selbst gut dabei wegkommen, weil sie auf die Peitschenhiebe des Schicksals gehörig reagieren. »Aber ich sage Dir ganz offen, Algy, ich glaube, sie drängt mich nur so weit, um zu sehen, wie weit ich sie werde gehen lassen. Doch ich lasse nicht ein solches Spiel mit mir treiben. Die Schwierigkeit ist die, den Weibern beizubringen, daß wir Wesen anderer Art sind, wie sie, und daß wir mit voller Absicht ernst sind, während sie – die sich unter einem gewissen Zwang so sicher geborgen fühlen – ihr Spiel mit uns treiben in der Voraussetzung, daß in einem gewissen kritischen Moment ein Vorhang herabrollen wird, und wir mit einem tiefen Aufatmen die Hände ineinander legen und womöglich unter strömenden Tränen ausrufen werden: ›O, welch ein interessantes Spiel!‹ – Ihnen müssen die Erfahrungen des Lebens auf den Rücken gebläut werden, – ihr Hirn bekommt man einfach nicht dazu, aus ihnen zu lernen. »Die armen Dinger! Man muß sie bemitleiden. Ich will ja gern zugeben, ich habe mein ihr gegebenes Versprechen nicht gehalten. Es tut mir sehr leid, daß sie krank gewesen ist. Selbstverständlich ist es, da ihr der Verstand abgeht, da sie nichts als ihr Gefühl jeder neuen Umwälzung von Fortunas Rad entgegenzustellen hat, nicht anders möglich, als daß sie krank wird. Aber an sie denken tue ich doch, – wollte Gott, ich tät's nicht! Sie steht im Begriff, in ihre eigene Lebenssphäre zurückzukehren, obschon die Sache, wenn's zum Klappen kommt, so werden wird, wie ich Dir sagte, paß nur auf, – dann gibt's ein Geschrei und ein Staunen darüber, daß der Vorhang nicht fällt und das Ganze sich nicht – wie sie es ausdrücken – in einen Traum (wir würden sagen, in ein Possenspiel) auflöst. »Es wundert mich, daß keine Briefe für mich da sind. Ich verstehe ja ganz gut, daß sie im Anfang nicht geschrieben hat, dies hat aber wirklich den Anschein, als wenn sie ernstlich grollte. Das sieht ihr kaum ähnlich. Es kommt mir unmöglich vor, daß nicht ein Brief von ihr da sein sollte, den Du mir vielleicht nur vorenthältst. Ich weiß wohl, daß ich Dir, als ich England verließ, sagte, ich möchte keine Briefe nachgeschickt haben, aber inzwischen habe ich Dich verschiedentlich gefragt, ob kein Brief da sei, und es ist mir so, als wenn Du in Deinen Briefen mit absichtlichem Stillschweigen darüber hinweggegangen wärest. Mich verlangt nur, zu wissen, ob ein Brief da ist, weil ich momentan dem Studium ihres Charakters gegenüber am Ende meiner Weisheit bin. Es scheint mir so ungeheuerlich, daß sie gar nicht geschrieben haben sollte! Siehst du es nicht auch in dem Lichte? Bereit zu sein, mit mir zu brechen, ohne ein Wort des Lebewohls! – es ist ja recht angenehm, aber erstaunlich ist es doch; denn ich kenne kein zweites Geschöpf, das einen Vergleich mit ihrer Sanftmut und Zärtlichkeit aushielte. Ce qui est bien la preuve, que je ne la connaissais pas . Ich dachte, ich täte es, – na, das war mein Fehler. Ich habe die verhängnisvolle Gewohnheit, meiner Beobachtung weniger zu trauen, als meiner Intuition, und La Roche Foucauld hat recht: › On est quelquefois un sot avec de l'esprit; mais on ne l'est jamais avec du jugement. ‹ Na, – es ist immer noch besser, sich in einem Charakter zu irren, als an ihm zu zweifeln. »Dies wird ja bald zu Ende sein. Dann geht's in die alte, düstere Wohnung zurück, mit Axt und Hacke in die Minen der Juristerei, bis ich einmal auf eine Goldader treffe und ihr so lange nachgehe, bis sie in einen Sitz im Oberhause ausläuft. Mich verlangt nach Frieden. Des ewigen Plaidierens bin ich überdrüssig. Ich hoffe, dem Tod einmal in wohlgepuderter Perücke entgegenzutreten. Meiner Treu, ich werd' ihn gerade so grimmig anschauen wie er mich. Mittlerweile will ich Dir – während der Gerichtsferien oder – besser noch – im Februar, wenn's meine Zeit erlaubt und jedem billigen Verlangen genug getan sein wird – ein paar gute Tage machen, Dir ein paar feine Diners vorsetzen und Dir einmal den Strudel von Paris vorführen. Du hast ein paar gute Tage nötig. Nunc est bibendum . Das sollst Du einmal singen. Schreib' mir doch, was Du zu ihrem Benehmen sagst. Du hast ein gutes Urteil über Frauen. Ich glaube, ich fange an, zu erfahren, was Nerven sind. Im Grunde ist es Arbeit, wonach mich verlangt – ich muß was zu beißen haben. Schreib mir doch auch den Namen des Mannes, der sich auf den Handel eingelassen hat, – der künftig ihr Gatte sein wird. Und beschreibe ihn mir ein wenig. Es ist meine Pflicht, darauf zu achten, daß es ein Mann von Grundsätzen ist, wenigstens müssen wir seinen Ruf eingehend zu prüfen suchen, wenn die Sache wirklich ihren Lauf nehmen wird. Ich möchte wohl wissen, ob Dir dies ganze Possenspiel des Lebens jemals aufgehen wird. Ich zweifle daran, daß ein Mensch glücklicher ist, wenn er es übersieht. Vielleicht ist die Sache die, daß ihm bis zu dem Zeitpunkte meistens die Fähigkeit zu lachen verloren gegangen ist, – es sei denn, daß es sich um einen ganz außerordentlichen Philosophen handelt. »Ich glaube, wir komischen Figuren der Lebensbühne leiden mehr, als Ihr tragischen es tut. Wir versuchen, immer glücklich und behaglich zu leben, siehst Du, aber in einer Tragödie sehen die vom Schicksal Gezeichneten von Anfang an leberleidend aus. Ihrem Gelächter haftet etwas von der Eule an, ihr ausgesprochenes Lächeln hat immer noch etwas vom Zwielicht. Um uns her lauern alle drohenden Schrecken der Finsternis, denn über uns gibt es eine Sonne; sie aber sind im Schatten geboren und schauen das Licht nur durch eine Spalte des Vorhanges, ihnen kann nicht viel geraubt werden; so hat der unvermeidliche Todesstreich kaum irgendwelchen Schrecken für sie. Nein, es gibt nichts Schmerzvolleres, als eine Komödie! Zwei alte Junggesellen, wie Du und ich, Algy, mögen sich schon ein Recht darauf erwerben, sich ins Fäustchen zu lachen. Wir betrachten die Sache eben vom wissenschaftlichen Standpunkte aus, sind gewissermaßen die Zimmerleute der Bühne und lassen die Schauspieler auftreten und sich wieder entfernen. Auf diese Weise bekommt man seinen eigenen Stolz, was die Maschinerie betrifft. Bühnenzimmermann zu werden bedeutet, die höchste Rangstufe des intellektuellen Menschen erklommen zu haben. Aber die eigene Maschinerie muß eine gute sein, sonst kann man nicht auf diejenige der Bühne achtgeben. Vor allem, o Jüngling, mute nicht Deinem Magen allzuviel zu! »Und hiermit leb wohl, mein verehrter Esel. Für einen solchen wirst Du mich etwa während einer reichlichen Hälfte dieses Briefes gehalten haben, so beeile ich mich, Dir dadurch zuvorzukommen, daß ich Dich einen heiße. Du bist ein Esel, ich bin es ebenfalls. Wir alle sind Esel. Die Weltsprache ist ›i–ah‹, in einem jämmerlichen Gähnen zum Ausdruck gebracht. Dein Edward B. »P. S. Schreibe mir unter allen Umständen mit nächster Post; danach suche sie auf; schreibe mir genau wieder, was sie sagt, und laß mich ja den Namen des Mannes erfahren. Bitte, verliere keine Minute ! Und verschwende keine Tinte daran, Mrs. Lovells Namen aufs Papier zu kritzeln, es verlangt mich durchaus nicht danach, irgend etwas von diesem Weibe zu hören.« Algernon las diesen Brief ohne jegliches Verständnis; über eins mußte er sich immer wieder den Kopf zerbrechen, wie es nämlich möglich sei, daß Edward und Mrs. Lovell sich wieder erzürnt hätten und das, ohne zusammengetroffen zu sein. Sie hatten sich, wie er wußte oder doch zu wissen meinte, unter dem Übereinkommen getrennt, die Präliminarien einer dauernden Verbindung wieder aufzunehmen, sobald Edward von Frankreich zurückgekehrt, mit anderen Worten, sobald Edward über eine leichtfertige Episode seines Lebens den Staub des Grabes gestreut und eine törichte Beziehung gelöst haben würde. Jedenfalls war das Edwards Auffassung gewesen. Aber Mrs. Lovell hatte niemals mit Algernon über diesen Punkt gesprochen. Sie hatte gern und mit aller Teilnahme von Dahlia geredet. Sie hatte sie aufgesucht, sie bemitleidet, ihr tröstend zugesprochen, und es war Algernon aufgefallen, daß sie einen sehr harten und verächtlichen Zug um den Mund gehabt hatte, so oft sie Dahlias erwähnt hatte; aber wie sie und Edward es zustande gebracht hatten, einander aufs neue mißzuverstehen, war ihm ein unlösbares Problem, und warum beide – wenn's mit ihrer Verlobung doch geschnappt hatte – damit einverstanden waren, Dahlias Heirat (die ihnen offenbar beiden eine höchst fatale Angelegenheit war) ihren Lauf nehmen zu lassen bis zum Abschluß der Zeremonie, konnte er nicht begreifen. Es gab indessen so vielerlei in der Welt, was er nicht begreifen konnte, und er hatte sich so daran gewöhnt, wenn er einer Schwierigkeit nicht Herr werden konnte, seinen Kopf in die weichen Polster des Nichtwissens versinken zu lassen, daß er diesen bedeutsamen Brief Edwards wie eine allzuschwer verdauliche Lektion behandelte und ihn samt jeder Verpflichtung, die ihm derselbe auferlegte, gemächlich beiseite schob. So hätte der Brief, was das Praktische betraf, das er enthielt, geradesogut ungeschrieben bleiben können. Der Wert des Briefes beruht auf der Charakterisierung eines einigermaßen bemerkenswerten jungen Mannes, der durch die Hände eines – (wie nenn' ich sie gleich? Ich kann nur sagen – und alle Hanswürste der Wissenschaft, die in Ermangelung eines grammatikalischen Königs und Regierungskörpers über der englischen Sprache zu Gericht sitzen, wollen es mir zugute halten!) Feuerproben-Weibes gegangen ist. Mag sein, daß es für sie selbst keine Entschuldigung gibt, – aber ihn, den andern, in seiner Niedrigkeit, in seiner Schurkenhaftigkeit, in seiner Schwäche – mag dieselbe immerhin auf Liebe zu ihr basieren, – mag er immerhin zu seinen Gunsten ins Feld führen, alles, was er getan, sei nur ihretwegen, ja, teilweise auf ihr Drängen hin geschehen – ihn wird sie mit der unerbittlichen Verächtlichkeit, wie sie die Natur selbst ihren Geschöpfen gegenüber an den Tag legt, die sie gewogen und zu leicht befunden hat, von sich stoßen. Margaret Lovell könnte man etwa so charakterisieren: Eine Frau, gleich stark prädestiniert zum Guten wie zum Bösen, aber außerstande, jemals um eines andern willen einen gemeinen Plan zu sanktionieren oder auch nur ihm gegenüber durch die Finger zu sehen, eine Frau, in deren Gegenwart jedermann sehr bald genötigt wird, Farbe zu bekennen. Abgesehen von einem gewissen Reiz, den Edwards scharfer Witz auf sie ausübte, erkannte sie völlig klar, daß er kalten Blutes eine feige Tat zu verrichten imstande sei. Es bedarf keiner Einsicht in ihre Korrespondenz. Im Verlauf weniger Wochen hatte dieselbe einen gähnenden Abgrund zwischen den beiden geöffnet, der sie als Liebende für immer trennte. Wäre er in England geblieben und hätte die Folgen seines erbärmlichen Tuns mutig auf sich genommen, sie würde sich besiegt erklärt haben, denn wie scharf sie auch den wahren Charakter eines Mannes sondieren mochte, der Beweis eines unbeugsamen Mutes bezwang sie immer; aber seine Abreise, die all das Grausame, was vollzogen werden mußte, hinter seinem Rücken geschehen ließ, erfüllte diese Frau mit brennendem Zorn. Für einige Männer genügt es, sich durchschaut zu fühlen, um sich haßerfüllt von dem Gegenstande ihres einstigen heißen Begehrens abzuwenden; und wenn sie sich so abwenden, kehren sie nicht selten mit einem plötzlichen Empfinden alter Zärtlichkeit zu denen zurück, die ihnen in vergangenen Tagen großmütig vertraut haben und sie blind für verehrungswürdige Geschöpfe hielten. Algernon lag die Fähigkeit fern, beurteilen zu können, ob solches mit seinem Vetter in Paris der Fall sei. Kapitel XXIX. Weiteres von dem Narren So lange es Narren in der Welt geben wird, so lange werden sie auch ihren Platz in jeder Geschichte behaupten, und so vermag auch ich den Narren aus dieser Erzählung, die mehr oder weniger ihren eigenen Lauf nehmen muß, nicht auszuschalten. Algernon ging zu Bett, ohne auch nur im geringsten an Edward oder auch an sein eigenes Mißgeschick zu denken, gänzlich unter dem berauschenden Gedanken, daß er einen auf tausend Pfund lautenden Scheck in Händen habe, den er jeden Moment einzulösen vermöge. Er verlebte den Morgen in stiller Heiterkeit, bis ihm ein kleines Päckchen, in Begleitung eines Billetts von Mrs. Lovell überbracht wurde, in welch letzterem sie ihm auseinandersetzte, daß dieses Päckchen die Kleinodien enthalte, seine kostbaren Gaben »der Wertschätzung« für sie, wie sie dieselben kränkenderweise zu bezeichnen beliebt hatte. Algernon nahm es in die Hand und erwog einen Augenblick, ob er es aus dem Fenster werfen solle, aber da das Fenster zufällig offen war, beherrschte er seinen Impuls und schleuderte es mit großer Vehemenz in eine Ecke des Zimmers, ein Vorgehen, wie es eines Narren durchaus würdig ist, denn der Narr ist in seiner Art ein Weiser und wird sich wohl hüten, jemals sich selbst irgendwelchen Schaden zuzufügen, auf daß er nicht etwa daraus lerne und gescheiter werde. »Ich dulde keine Beleidigung,« murmelte er selbstgefällig vor sich hin und fühlte sich um ein Beträchtliches männlicher. »Nein, selbst von Ihrer Seite nicht, meine Gnädige,« wandte er sich an Mrs. Lovells Porträt, das keine Nebenbuhlerschaft an der Wand mehr hatte, und das seinem Mut einen harten Kampf zu bestehen gab, so bezaubernd war es anzusehen. Daß sie ihm nicht schrieb, sie habe den Wunsch, ihn bei sich zu sehen, machte den Kampf leichter. »Es sieht fast aus wie ein Bruch zwischen uns,« sagte er. »Sollte es wirklich etwas derartiges zu bedeuten haben, Mrs. Margaret Lovell, so sollen Sie mich nicht so gefügig Ihren Launen gegenüber finden, ob Sie auch eine schöne Frau und selbst völlig davon durchdrungen sind. Lächeln Sie immerhin! Ich ziehe trotz alledem eine treue, zuverlässige Art Frau vor. Und meine Überzeugung wird immer sicherer die, daß es für mich doch wohl auf die Kolonien herauslaufen wird. Dieser Gedanke brachte ihn dazu, Rhodas Bild vor seinem inneren Auge heraufzubeschwören, bis er ausrief: »Da soll mich doch gleich der Teufel holen, wenn das Mädel mir nicht fortwährend im Kopfe herumspukt!« – und er vertiefte sich mit einer gewissen Spannung des weiteren in diese Angelegenheit. Ohne irgend Zeit zu verlieren, war er auf und davon, quer über das Square von Lincoln-Inn-Fields bei der Anwaltsfirma, wo man sein Kommen offenbar erwartet hatte, und wo er den Bescheid empfing, daß er das Geld am folgenden Tage erhalten werde. Darauf setzte er sich mit Edward in Verbindung und zwar in dem knappen cäsarischen Stil des Telegraphs: »Alles in Ordnung. Bleib dort. Alles Erforderliche arrangiert.« Sobald dies erledigt, rief er eine vorüberfahrende Droschke an und sank, nachdem er das Wort »Epsom« ausgesprochen hatte, in deren Kissen zurück, er tastete an seiner Rocktasche nach seinem Zigarren-Etui, ohne das offenbar tiefe Nachsinnen, darein die Plötzlichkeit des Auftrags seinen Droschkenkutscher versetzt hatte, auch nur eines augenblicklichen Interesses zu würdigen. »Teufel auch, das ist gerad', was ich heut' nacht träumte und tat,« sagte der Droschkenkutscher, während er sich anschickte, die Reise zur Ausführung zu bringen. Ein paar Jungen gaben ihm den Rat, nur ordentlich draufloszuhauen, dann würde er am Ende noch den Sieg davontragen können. »Wo soll ich essen, Herr?« fragte der Kutscher durch die kleine obere Tür, um sich eine annähernde Idee davon zu verschaffen, welcher Art der Lohn sein möge, der ihn erwarte. »Sie können Ihr Essen unterwegs verzehren,« sagte Algernon. »Nicht irgendein Eßkorb unterwegs abzuholen, Herr?« »Sie möchten wohl einen sehen?« »Na, ich hätt' nich' g'rad' was dagegen.« »Dann sputen Sie sich nur, mein Lieber, um so eher werden Sie einen ganzen Berg Eßkörbe zu sehen kriegen.« »Wenn Sie ein bißchen später anfangen wollten, Ihre Späßchen zu machen, würd' ich dem Rummel mehr trauen,« sagte der Droschkenkutscher, aber das sagte er nur zu sich selbst. »Vielleicht 'ne Vorliebe für irgend'ne besondere Farbe, die ich tragen sollte, wie? Wenn's Ihnen Spaß macht, Herr, könnt' ich mir ja 'ne Rosette anschaffen und im Triumph angefahren kommen. Sieht immer nach 'n bißchen was aus. Das hab' ich wenigstens immer gefunden, und das ist so meine Erfahrung.« »Zum Teufel mit Ihren Erfahrungen! Fahren Sie zu!« schrie Algernon. »Rot, gelb und grün.« »Austern, Bier und Salat!« sagte der Droschkenkutscher und knallte mit seiner Peitsche, »gute Farben, das! Tenpenny Nail ist das Pferd. Zu dessen Farben halt' ich mich.« Und fort ging's, während die Londoner Straßenjugend den Kutscher beneidete, wie nur irgend Sterbliche einen Wagenlenker beneidet haben möchten, der vor ihren Augen zum Olymp hinaufgefahren wäre. Algernon verschränkte die Arme mit einem Stirnrunzeln, als sähe er von allem, was ihn umgab, gar nichts – ein völlig in sich Gekehrter. In der Schule hatte dieser Jüngling alles Summieren gehaßt. Alle arithmetischen Probleme hatten ihn verwirrt und angeödet. Aber jetzt arbeitete er mit unermüdlichem Fleiß auf einer Schiefertafel eigener Phantasie, stellte seine Voraussetzungen auf, zog alle Wahrscheinlichkeiten in Rechnung, räumte gewisse Möglichkeiten ein, addierte, subtrahierte, multiplizierte und verrichtete ahnungslos wahre algebraische Kunststücke, bis seine Brauen vom Stirnrunzeln ganz steif geworden waren, und sein Gehirn nach einem Anregungsmittel lechzte. Die Notwendigkeit ließ seine Hand an die Börse greifen, denn das Anrufen der Droschke war keine im voraus von ihm erwogene Sache. Er entdeckte einige halbe Kronen und kleinere Silberstücke in ihr, welche letzteren er mit einer verächtlichen Miene ein paar Jungen zuwarf, welche die Gefährte zu ihrer lustigen Fahrt durch lustige Zurufe anfeuerten. Es lag etwas verteufelt Spaßiges für ihn in dem Gedanken, daß er nicht einmal Geld genug habe, den Kutscher zu bezahlen oder für eine Mahlzeit zu sorgen. Seine augenblickliche Armut machte ihn ganz übermütig. Gestern war er mit einem Kreis junger Gardeoffiziere in königlichem Train hinausgefahren, und gestern hatte er verloren. Heute fuhr er ärmer, als mancher Bettler, dem er dort begegnen konnte, zu dem Rennen hinaus, und heute mußte er – den natürlichsten Berechnungen zufolge, gewinnen. Er pfiff nach dem Rhythmus der Räder tolle Walzerweisen vor sich hin. Er glaubte an seinen guten Stern. Er schnellte seine halben Kronen den Chausseearbeitern zu und suchte die Glücksgöttin dadurch für sich einzunehmen, daß er jegliches Kleingeld mit souveräner Gleichgültigkeit behandelte, mit welcher Methode, ihr ein wenig den Hof zu machen, es ihm heiliger Ernst war. Kupfermünzen schleuderte er einfach schaudernd von sich. Sie »kreuzten sein Glück«. Und ich wüßte nicht, wie ich ihm eine gewisse Autorität diesem Verhalten gegenüber absprechen sollte, denn es steht fest, daß die Göttin mit Kupfermünzen durchaus nichts zu schaffen hat. Beängstigende Versuche, sich klar zu erinnern, beunruhigten ihn. Er konnte sich nicht darauf besinnen, ob er »sein Geld umgedreht habe«, als er den letzten Neumond sah. Wann hatte er doch den letzten Neumond gesehen, und wo? Eine Wolke verhüllte ihm denselben, er hatte es vergessen. Er tröstete sich damit, auf allen Aberglauben zu fluchen. Tenpenny Nail sollte der Held des Tages werden, Fortuna zum Trotz. Das sagte Algernon vor sich hin, und sein hin und her flatternder Geist verkroch sich hinter den gesunden Menschenverstand, aber er fand diesen Winkel recht frostig. Sein Verlangen, sich durch einen Trunk Champagner anzuregen, nahm an Glut zu. Seine Arithmetik ließ allmählich nach. Als es den Hügel hinaufging, hörte das Wagengerassel ein Weilchen auf, und als der Ruf »Tenpenny Nail« an sein Ohr schlug, steckte er den Kopf hinaus und fragte, was mit dem Pferd los sei. »Lahm geworden,« war die Antwort. Die Antwort traf sein Nervenzentrum, ohne daß sie sein Verständnis erreicht hätte, und da auf den Rennplätzen von Epsom alle Engländer dasselbe gelten, setzte sein stierer Blick auf den Mann, der gesprochen hatte, und seine krankhafte Farbe ihn allerhand beißenden Bemerkungen aus. »Halloh! Hier 's noch ein Ninepenny – ein Penny zu knapp!« und ähnliche Pröbchen von Epsom-Witz, wie sie ein lustiges Zwinkern und ein schlagfertiges Entgegnen seines Wagenlenkers noch begünstigte, surrten rings um ihn, – aber ihm bedeutete es nichts als ein leeres, äußerliches Getöse. Ein tolles Sich-Jagen erregter Empfindungen schwemmte jeden klaren Gedanken aus seinem Kopfe davon, und gelang es ihm einmal, eines einzelnen Herr zu werden, so war es nur ein bitterer Hohn auf die Vorsehung, daß sie ihm die letzte Möglichkeit abgeschnitten habe, sein Verhalten zu reformieren und gut zu werden. Was würde er nicht alles Herrliches und Schönes und Besänftigendes vollbracht haben ohne diese wahnsinnige Verschwörung aller Schicksalsmächte gegen seine Person! Es war klar, die Vorsehung kümmerte sich ›kein Jota‹ darum, ob er gewann oder verlor – ob er gut oder böse sei. Man konnte ebensogut ein Heide sein; warum nicht? Er sprang aus der Droschke heraus (bei welcher Prozedur er seinen Rock zerriß – ein geringeres Übel, aber, wie er sagte: »Es paßte alles zusammen!«) und bahnte sich einen Weg mitten in den Kreis der Zuschauer hinein. Der Bienenschwarm auf dem goldenen Zweig war so dicht wie nur je. Algernon vernahm keinerlei Verwünschungen, und seine Hoffnung begann sich, während er weiterging, aufs neue zu regen. Er fing an, glühend zu hoffen, daß jenes Gerücht über das Pferd vielleicht ein falsches sein könne, denn von irgendwelcher besonderen Aufregung, von irgendeiner stürmischen Auseinandersetzung war nichts zu merken. Er drängte sich vor, um in den lärmenden Kreis hinein zu kommen, obschon das Verlangen nach Eintrittsgeld ihn bedeutete, daß es sich dabei um ein Privilegium handle, und er stotterte irgend etwas Unverständliches und vergaß völlig der vornehmen Ruhe, die ihm im allgemeinen eigen war, über dem empfindlicher stechenden Schmerz seines altehrwürdigen Leidens, einer gänzlichen Geldlosigkeit. Und dann verlangte der Droschkenkutscher Gehör; ein höflicher Droschkenkutscher, aber einer, den Zweifel hinsichtlich seines Mittagsessens wie seiner Bezahlung befallen hatten, und der durch sein Herjagen inmitten einer drängenden Volksmenge hinter einem völlig tauben Herrn, ein wenig hitzig geworden war. Sein halbbeleidigter Blick gab Algernon seine Selbstbeherrschung zurück. »Ah, da sind Sie ja: – laufen Sie mal flink hin und holen mir mein Portemonnaie aus Ihrer Droschke, ich hab' es da liegen lassen.« Der vertrauensselige Droschkenkutscher zog sich auf diesen Auftrag hin zurück. Sich an das Portemonnaie eines Herrn zu halten ist sogar noch sicherer, als sich an den Herrn selbst zu halten. Während Algernon nachdenklich mit seinem Zeigefinger in seiner Westentasche herumhantierte, sagte ein Mann in seiner unmittelbaren Nähe mit einem kleinen Anflug von Familiarität: »Wenn's Ihnen angenehm sein könnte, Herr,« und zeigte ihm den Rand eines Goldstücks zwischen Zeigefinder und Daumen. »Schon gut,« entgegnete Algernon bereitwillig und fühlte, daß man ihn hier offenbar kenne, doch versuchte er vergebens zu vermeiden, den Mann anzusehen, – eine Bemühung, die sich als gänzlich unnütz erwies. Er nahm das Geld, nickte flüchtig und trat in den Kreis. Sobald er die Barriere einmal passiert hatte, blieb ihm keine weitere Zeit, sich zu schämen. Er war mitten in der Atmosphäre der Wetten. Er hörte Stimmen und sah Menschen, mit denen nicht zu wetten, ja, nicht einmal einen Versuch zu wagen, so viel hieß, als sich selbst für einen ganz jammervollen Kerl erklären und allem Mannesgefühl den Rücken wenden. Algernons Wettbuch war alsbald hervorgezogen und in vollem Betriebe. Während er solcherart beschäftigt war, sah er Gesichter an sich vorüber und wieder vorübergehen, die gleichsam eine Anwartschaft auf ein Frühstück und eine Anleihe bedeuteten, und dies Bewußtsein war ein so wohliges, daß er alle weiteren Bedenken beiseite schob, ganz weit fort in den fernsten Hintergrund, und leichten Herzens zu wetten fortfuhr. Geringfügige, sinnlose Wetten; sie beschäftigten ihn lediglich, und sie zu gewinnen, war noch weniger befriedigend, als sie zu verlieren, denn, verlor er, so konnte er immerhin das Anklagekonto gegen die unsichtbaren Mächte, die das Weltregiment in der Hand hielten, noch etwas schwerer belasten. Algernon war zu ärgerlich, große Wetten zu entrieren, nun das eigentliche Kennen vorüber war. Er wies sowohl Sticheleien wie schmeichelnde Überredungen zurück, aber Lord Suckling sagte, im Vorbeigehen: »Welches ist denn Ihr Pferd?« und – so überrumpelt – nannte Algernon aufs Geratewohl ›Little John‹, ein Pferd des großen Haufens, das keinerlei Aussichten hatte. Lord Suckling gab ihm eine letzte Chance, indem er sagte: »In Zehnern? Fünfzigern?« »In Silber,« entgegnete Algernon achselzuckend, denn er wollte Fortuna gegenüber unerbittlich bleiben, und der gutmütige junge Edelmann nickte und ließ ihn seine schlechte Laune und seinen Kleinmut nicht entgelten, wußte er doch, welch hohen Einsatz er auf seinen Liebling gewagt hatte. Little John setzte den Rennplatz dadurch in Erstaunen, daß er bei einem leichten Galopprennen als Erster durchs Ziel ging. »Es haben schon Menschen um geringfügigerer Ursache willen Selbstmord begangen,« murmelte Algernon zwischen den Zähnen, und ein milder Ausdruck von Resignation gegen die Gerechtigkeiten des Schicksals legte sich auf seine Züge. Er blieb im Zuschauerkreise, bis er ganz hager vor Übermüdung aussah. Seine ganze Natur lechzte nach Champagner, und endlich zerriß er die teuflischen Stricke dieses Bannkreises, um nach Lord Suckling und einem Eßkorbe Umschau zu halten. Ein ordentlicher Bissen und ein eisgekühlter Trunk war alles, was er noch vom Schicksal verlangte. Es kam ihm vor, als wenn die Menschenmenge auf dem Zuschauerplatz rastlos hin und her woge. »Ich möchte wahrhaftig wissen, was sie eigentlich machen,« dachte er laut. »Nun, Herr, das letzte Rennen ist ja gerade keins für das allgemeine Interesse,« sagte sein Droschkenkutscher, der urplötzlich hinter seiner Schulter auftauchte. »Sollten Sie vielleicht hungrig sein, Herr? – denn ›Glück oder Unglück‹, das 's so mein Fall. Ihr Portemonnaie hab' ich aber nirgends finden können.« »Scheren Sie sich zum Teufel! Was soll dies ewige Bei-mir-Herumlungern? Was wollen Sie eigentlich?« schrie Algernon und fand alsbald selbst die richtige Antwort auf seine Frage, indem er den Kutscher mit dem Rest seines Geldes nach einer Kneipe hin in Trab setzte und ihm zugleich einen Platz angab, wo sie sich für die Rückfahrt treffen wollten. Worauf er einen verstohlenen Blick um sich warf, um festzustellen, daß der Mann, welcher ihm das Goldstück geliehen hatte, nicht in Sehweite sei. Augenscheinlich flutete der Zuschauerkreis allmählich nach London zurück. Er eilte an den Wagenreihen entlang, die sich alle in Bewegung zu setzen begannen. Die gespenstische Ahnung zuckte in ihm auf, daß er freundlos hier zurückgelassen und dem Verhungern preisgegeben werde. Wohin er blickte, überall sah er fremde Gesichter und leere Frühstückskörbe, Flaschen, Stroh, Einwickelpapier – die Nachbleibsel festlicher Mahlzeiten, während die Ironie des Schicksals Bettler zu ihm gesellte, die seine Verwünschungen als die Kehrseite der an solchen Orten ausgeübten Mildtätigkeit herunterschluckten. Allmählich gelangte er fast dahin, nach dem Manne zu seufzen, der ihm den Sovereign geliehen hatte, und kaum war dieser Wunsch in ihm aufgestiegen, als Nicodemus Sedgett herankam und seinen mit wunderlichen Holzfiguren geschmückten Hut schwenkte. Er war fast ein wenig leichter gekleidet als die Damen vom Ballet, und was sein Beinwerk betraf, so trug er dasselbe ebenso kühn zur Schau wie jene Damen. Algernon musterte den plumpgebauten, grobknochigen Schlingel mit allem Widerwillen, der ihm für einen Menschen zu Gebote stand, welcher als das Werkzeug der Versuchung zu ihm kam, um ihm zu einer armseligen Erfrischung zu verhelfen. Sedgett teilte ihm mit, daß er nie in seinem Leben solchen Spaß gehabt hätte. »Gerad' vordem einer in den Ehestand eintritt,« raunte er ihm in einem momentanen Flüstertöne zu, »sollte er doch 'n büschen von der Welt sehen, sag' ich, – sagen Sie das nich' auch, Herr? un' dies is' 'n Extraspaß gewesen, ja, wahrhaftig! Ihre Börse gefunden, Herr? Ach, das Pfund, das 's ja ganz schnuppe! Ich geb' Ihnen gleich noch eins, wenn Sie eins wollen. Na? Sagen Sie bloß: Ja oder Nein?« Algernon sann offenbar über ein weitabliegendes Problem nach. Er nickte kurz und herrisch. »Ja. Kommen Sie morgen in meine Wohnung.« Ein zweites Goldstück wurde ihm zugesteckt. Aber so leicht war Sedgett nicht abzuschütteln. »Ich möcht' übrigens gerad' gern ein paar Worte mit Ihnen sprechen,« sagte er im Flüsterton. »Den Teufel auch! Ich hab' den ganzen Tag noch nichts gegessen,« fuhr es dem reizbaren, jungen Herrn heraus, der jetzt Angst bekam, er könne in der Gesellschaft des Kerls gesehen werden. »Kommen Sie man mit! Ich zeig' Ihnen die allerfidelste Kneipe, die Sie sich denken können,« sagte Sedgett und hob ein Bein wie zum Tanz. »Kommen Sie man mit längs, Herr, mich soll doch gleich dieser oder jener holen, wenn ich je in 'ner fideleren Kneipe gewesen bin! Bier und Musik, das 's so meine Passion!« Der Elende redete in dem allergemeinsten Englisch. »Un' 'n paar Worte mit Sie reden, das will ich nu' mal. Ich kleb' mich einfach an Sie an. Ja, wenn ich fidel bin, denn bin ich vor die Geselligkeit, das bin ich nu' mal. Un' ich kenn' auch kein' ein' hier auf 'm Rennplatze. Da haben wir 'n Salat. Nu' man los: Alles in Ordnung? Un' krieg' ich das Kleingeld in Kleingeld oder in was sonst? Un' vor dem Festrummel oder nachher? Na? Man los, sag' ich! Ja oder Nein?« Algernon verfluchte ihn innerlich mit aller ihm zu Gebote stehenden Kraft, aber ihm war die Kehle trocken, er fühlte sich mutlos und schwach, und so ging er vorwärts, während Sedgett neben ihm herschritt. Er trat in eine Kneipe und beteiligte sich an einer Mahlzeit von Schinken und Bier, während er das Gefühl hatte, als genösse er die Hefe allen Elends. Obschon ihm das Bier ein wenig gut tat, erheiterte es doch seine Stimmung keineswegs, und er hörte Sedgetts Reden mit einer Art moralischen Jammers zu. Sedgett nahm seine unhöfliche Art als etwas hin, was man um der Ehre eines vertraulichen Gesprächs mit einem Gentleman willen in den Kauf nehmen müsse. Ein paarmal kam er auf das Thema zurück, über das er, wie er sagte, ein paar Worte mit ihm zu sprechen wünsche. Er erzählte, wie er dem jungen Frauenzimmer »ganz verlegen« den Hof gemacht habe, und wie sie ihn wirklich ganz verlegen gemacht habe; denn sie wäre wirklich eine schöne junge Person, nicht so hübsch, wie sie im Winter gewesen sei, als er sie einmal gesehen hätte; aber ihre Krankheit hätte sie ein bißchen von ihrem hohen Roß heruntergebracht und sie bescheiden gemacht; während des Fiebers wäre ihr das Haar abgeschnitten worden und damit schiene ihr ganzer Stolz weg zu sein; und als er letzten Sonntagabend die Frage an sie gerichtet hätte, da hätte sie so was wie 'ne Ohnmacht gekriegt, und nun ginge er mit ihrem Jawort in der Westentasche herum, und gut behandeln wolle er sie immer, das hätte er sich vorgenommen – und dabei stieß er einen Fluch zur Bekräftigung aus. »Erstmal verheiratet un' das Geld in der Tasche, un' meine Pacht auf 'ne orndtliche Weise an 'n Mann gebracht, dann geht's auf und davon nach Australien, und dann laß ich das alte England links liegen, un' vielen Dank auch, Mutter, vielen Dank! Un' sobald kriegst du mich denn nich' wieder zu sehen! Un' was ich denn für 'ne Melodie singen soll an Stelle von ›England ist mein Vaterland‹, da hab' ich noch nich' genug über nachgedacht. Australien, das 's so 'n doll langes Wort, na, aber da kommt man woll mit der Zeit über. Un' da will ich 'ne feine Farm haben, un' da soll mir keiner von die Vornehmen an 'n Wagen fahren können!« Des Burschen Augen hatten einen wilden Blick, als er das sagte; ein eigentümlicher, schwärzlicher Schatten, der sich ihm auf Stirn und Backenknochen legte, gab ihm etwas Grimmiges, im übrigen blieb das Gelb, welches das kleine braune Pünktchen im Zentrum seines Auges umgab, unverändert, aber der Blick hatte zweifellos etwas Wildes, Böses, Bestialisches. Er schloß die Lider und verzog gleich darauf die Miene zu einem gemeinen Grinsen. »Einigkeit, das ist die Sache! Erfüll' du, was an dir ist, dann halt' ich, was an mir ist. Ich hab' die Bedingungen innegehalten. Sie weiß nichts von meinen Angelegenheiten – will sagen, wo ich zu Haus bin, un' sie meint, ich hätt' sie zum erstenmal in ihrem Zimmer getroffen. Das 's wahr, Mr. Blancove. Un' sie denkt, ich bin so 'n Schaf, un' das bin ich auch, wenn ich mit sie zusammen bün. Sie kann da nich' hinter kommen, wie ich nach ihr Haus hingekommen un' sie zuerst kennen gelernt hab'. Hat woll nu' alle aufgehört, sich da 'n Kopf über zu zerbrechen, denn sie sagt nix mehr davon. Un' ich erzähl' ihr so was vor von Australien, un' wie das Leben da is'. Un 'n paarmal hat sie da 'n büschen zu gelächelt. Die wird noch dazu kommen, Käse zu machen, da brauchen Sie nich' bange vor zu sein. Aber dies sag' ich: Das Geld muß ich haben. Ein Tausend is' abgemacht, un' dabei muß es auch bleiben. Is' da kein Tausend, na, dann is' da auch keine Frau. Nich', a's wenn ich nich' an das festhalten wollte, was abgemacht ist. Ich bün 'n zuverlässigen Mann.« Algernon besaß nicht die Fähigkeit, einem Menschen fest ins Auge zu sehen, andernfalls würde er dem Manne mit einem Blicke gezeigt haben, wie widerwärtig er einem Gentleman sei. Etwas wie Gewissenspein beschlich ihn, es kam ihm vor, als sei er daran Schuld, diesem Elenden ein Opfer in die Hände zu liefern. Aber das Frauenzimmer folgte ja doch ihrer eigenen Neigung. Oder tat sie das etwa nicht? Es handelte sich ja doch um keinerlei Zwang: sie nahm diesen Mann an. Und wenn sie das zu tun vermochte, war jedes Mitleid an ihr verschwendet! So dachte er, und so würde die Welt über diese arme, verlassene Seele urteilen, die nur nach dem einen strebte, ihren Fehler zu sühnen, damit ihr Vater und ihre Schwester Frieden fänden und der Schande ledig würden. Algernon bedeutete Sedgett, daß von seiner Seite das Übereinkommen fest und unwiderruflich sei. Sedgett goß einen Krug Bier hinunter. »Die Hand darauf,« sagte er und streckte seine gewaltige Hand offen quer über den Tisch. Das war zu viel. »Mein Wort muß Ihnen genügen,« sagte Algernon, indem er aufstand. »Das soll es. Un' das tut es auch,« erwiderte Sedgett, während er seinerseits ebenfalls aufstand. »Woll'n Sie's mir schriftlich geben?« »Fällt mir nicht ein.« »Das 's deutlich.« »Haben Sie Lust, sich 'n Ringkampf da in der Bude mit anzukucken, Herr?« »Ich will nach London zurück.« »London un' 's Thiater – das 's jetzt der Hauptjux, nich?« Sedgett lachte. Algernon entdeckte seinen Droschkenkutscher, sah, daß sein Wagen in Ordnung war und winkte ihn heran. »Vielleicht, Herr,« sagte Sedgett, »wenn ich so frei sein dürfte – nich', daß ich über die Sovereigns sprechen wollte – aber ich muß schließlich auch zurück, un' mit 'n Kleingeld is' das nich' mehr recht was. Is' Ihnen einerlei, Herr? Sind Sie so freundlich?« Nun besaß Algernon von jeher eine gewohnheitsmäßige, übergroße Höflichkeit seinen Gläubigern gegenüber, sobald dieselben anwesend waren. Er haßte den Kerl, aber die letzte Frage faßte ihn bei seinem schwachen Punkt, und er überlegte, vielleicht könne er auf der Fahrt nach London Sedgetts Geist den Gedanken nahe bringen, daß es ganz gut sein könne, die Tausend zu teilen, wie er schon früher angedeutet hatte. »Springen Sie auf,« sagte er. Als Sedgett saß, würde Algernon gern den ganzen Weg bis London zu Fuß gegangen sein, um dieser unangenehmen nächsten Nachbarschaft zu entrinnen. Er nahm in hellem Entsetzen über dieselbe den leeren Platz ein. Bis zu diesem Augenblick hatte der Mann ein gewisses achtungsvolles Benehmen zur Schau getragen, und in Dahlias Gegenwart hatte er den Eindruck eines braven, ungeschlachten Kerls mit einem ehrerbietigen, gütigen Herzen gemacht. Sedgett brachte ihm alsbald eine andere Meinung bei. »Sie haben Pech gehabt – das sieht man Ihnen schon an der Nase an. Wenn Sie 'n Frauenzimmer wären, würd' ich sagen: ›Lauf man hin un' les' 'n büschen in deine Bibel‹. Das sag' ich ümmer zu meiner, un' wahrhaftig, das 's wie 'ne Medizin vor ihr. Ganz gewiß! Ich hab' ihr so lang' vorgelesen, bis ich zwei Maß Bier auf einen Schluck hätt' heruntergießen können, so verflucht durstig machte mich die Geschichte. Ich weiß nich', besser machen tut 's die Menschen auch nich' ümmer. Mir hat's nich' gut getan. Da stand ich un' fluchte über das Gewäsch, daß 's nur so krachte, un' sie, mit 'n Händen man so gerungen, un' ins Feuer 'reingestarrt, a's wenn sie sich die Augen aus 'm Gesichte kucken wollte, 'n armselige, schwächliche Bande is' die ganze Sorte!« Das unleidliche Gerede des Schurken veranlaßte Algernon plötzlich, um sich Luft zu machen zu dem Ausruf: »Ein Schuft, wie Sie, ist freilich wohl darüber hinaus, noch irgend etwas Gutes aus der Bibel herauszuholen.« Sedgett wandte ihm seine ausdruckslosen braunen Augen zu, die das dickflüssige, hassenswerte Aufsteigen bösen Blutes mit abscheulicher Bosheit füllte. »Halloh! Sei'n Sie gefälligst höflich, wenn Sie mit mir zusammen fahren wollen,« sagte er. »Schimpfworte, davon will ich nichts wissen, die kann ich nich' verdauen. ›Schuft‹, das 'n Wort, da hab' ich meine ganz besondere Antwort vor, un' wenn Sie's nich' gewesen wär'n, un' sind doch 'n vornehmen Herrn, denn hätten Sie 'n ganz Gehörigen mit der Faust gekriegt, Am Ende is' Sie das noch nich' recht klar, was ich vor 'n Arm hab'. Bitte, fühlen Sie mal eben die Muskeln!« Er krümmte seinen Arm und hielt Algernon die Knöchel seiner Hand gerade vors Gesicht. »Herunter mit der Faust, du Hund!« schrie Algernon und sprang auf, wobei er seinen Hut arg zerdrückte. »Die wird schon noch auf Ihre Nase kommen, wenn ich sie erstmal fallen lass', mein Gnädigster,« sagte Sedgett. »Übrigens haben Sie sich Ihren Hut 'n büschen eingetrieben.« Er zog Algernon an den Enden seines Rockes wieder auf den Sitz zurück. »Halt!« schrie Algernon dem Droschkenkutscher zu. »Losfahren!« brüllte Sedgett. Dies Signal einer auseinandergehenden Meinung hallte über die Hauptstraße von Epsom hin und erweckte die abflauende Heiterkeit der Landstraße aufs neue. Algernons Befehle kamen mit einer sich überschlagenden Stimme heraus, Sedgett donnerte die seinen hervor. Es kam zu einer Balgerei, und nachdem jeder dem andern einen unangenehmen Knuff beigebracht hatte, trennten sie sich infolge gegenseitigen Übereinkommens und wechselten fortan nur verstohlene Püffe. Der Droschkenkutscher über ihnen – schließlich nicht bloß ein Droschkenkutscher sondern ein Individuum – hieb dem Pferde in die Flanken, zwinkerte listig mit den Augen und zuckte verschmitzt die Achseln in Erwiderung auf allerhand Zeichen, die man ihm von der Straße und den Ladentüren her machte. »Das mögen die miteinander ausmachen, ich bin 'n Unparteiischer,« sagte er gelassen, und nachdem er seine kleine Beobachtungstür aufgemacht und – wie ein Falke – einen Blick hinuntergeworfen hatte, verschloß er sich dem Anblick dieser Sterblichen und fuhr gleichmäßig weiter. Epsom ließ die Sache zu; aber Ewell nannte einen handfesten Bürger sein, der, seine Pfeife rauchend, unter seiner Tür stand, die Vorbeikommenden musterte und den Kampf dort im Wagen meteorgleich an sich vorüberrauschen sah. Er erhob das gewachste Ende seiner Pfeife und machte mit einer gleichzeitigen autoritativen Bewegung seines Kopfes einen Mann in einem Eselskarren auf den Fall aufmerksam; dieser sah zurück, erblickte die Streitlust auf Rädern und manövrierte so geschickt mit seinem sanftmütigen und wundervoll ebenmäßig dahintrottenden Esel, daß er den Droschkenkutscher zwang, anzuhalten. Die Kämpfenden sprangen auf die Landstraße. »Das 's recht, ihr Herren, 'n Spaßverderber bin ich ja auch nich',« sagte der Eseltreiber. So 'n Epsomtag der muß mit 'n düchtigen Schnaps begossen werden, das gehört dazu!« »Die Gesichter haben so was von Sonnenuntergang,« sagte der Droschkenkutscher, »wie wär's mit 'ner Seitengasse, meine Herren?« Aber inzwischen hatte der Eseltreiber die Gesichter des feindlichen Paares einer genaueren Musterung unterzogen. »Das 's kein ehrliches Spiel,« sagte er zu Sedgett. »Sie lassen den Herrn da in Ruhe, hören Sie woll!« Nun kam der Mann mit der Pfeife auch dazu. »Gekämpft wird nicht mehr,« bemerkte er. »Wir woll'n hier keinen Krawall auf unserer Dorfstraße haben. Man soll nich' sagen, Engländer wüßten nich', sich zu amüsieren, ohne daß sie betrunken un' roh würden. Sie lassen die Fäuste jetzt ruhen!« Die Trennung mußte gewaltsam vollzogen werden, denn nun war Algernons Blut in Wallung. Es dauerte nicht lange, so hatte sich eine Menschenmenge angesammelt, wodurch ein allgemeiner Stillstand unter den Fuhrwerken jeder Art entstand. Aus einem offenen Wagen heraus lehnte ein Herr, um die Prügelei mit einem kritischen Blick zu mustern, und als auch sein Begleiter den Kopf herausstreckte, entfuhr dessen Lippen ein unwillkürliches: »Sedgett!« Die beiden ursprünglichen Kämpfer (denn inzwischen waren der Kämpfenden mehr geworden) wandten den Kopf gleichzeitig dem Wagen zu. »Wollen Sie 'rankommen?« brüllte Sedgett, doch war nicht zu unterscheiden, ob es Algernon oder einem der Herren oder jemand aus der Volksmenge galt. Da niemand reagierte, schüttelte er sich, gleich einem wütenden Stier, warf die Schultern zurück und schmiß sich selbst in die Polster des Wagens mit einer solchen Vehemenz, daß der Kutscher oben schwankte und bebte, und der Droschkengaul zusammenfuhr und groteske Sprünge machte. Zum großen Erstaunen der Zuschauer ließ der augenscheinliche Gentleman (soweit sich aus dem Beobachten ergab), der sich noch eben zuvor mit dem andern im Handgemenge befunden hatte und die Spuren davon deutlich an sich trug, den Kopf hängen, stieg in die Droschke und ließ sich davonfahren. »Scheint, 'ne Art Ehestandszwist,« gab der Eseltreiber seiner Meinung zur Sache Ausdruck. »Irgendwas treibt den Pfropfen 'rein, un' irgendwas treibt 'n wieder 'raus, – aber was das is', das kann weder ich noch du dem geehrten Publikum sagen.« Und er rieb seinem kleinen Esel zärtlich die Schnauze. »Will vielleicht einer der Herren 'ne Wette mit mir machen, daß ich die Droschke da innerhalb drei Meilen von Ewell einhole?« fragte er und ergriff die Zügel. Aber seines kleinen Esels vorzügliche Qualität war in der Gegend berühmt. »Denn man los!« sagte er, »denn woll'n wir mal zeigen, was du ohne 'ne besondere Auszeichnung leisten kannst, Master Tom.« Und der kleine Esel setzte sich in Trab. Kapitel XXX. Die Sühne Jene beiden in dem offenen Wagen, deren einer Sedgetts Namen ausgerufen hatte, waren Robert und Major Waring gewesen. Als die Droschke vorübergesaust war, sanken sie in ihre Polster zurück und rauchten, denn sie hatten von vorn herein abgemacht, daß bis zum Abend nichts irgend Aufregendes berührt werden solle. Diesem Vorsatz getreu, bemühte sich Robert krampfhaft, an das bunte, vergnügte Bild zu denken, das sie soeben verlassen hatten. Pferde waren ihm, was Musik dem Dichter ist, und die ruhmreichen Rennen, deren Zeuge er soeben gewesen war, ließen sein Herz noch schneller schlagen und hoben bis zu einem gewissen Grade sein Staunen darüber auf, seinen alten Dorfgegner in Gesellschaft Algernon Blancoves zu sehen. Es wunderte ihn nicht im geringsten, daß es zwischen ihnen zu einem Streit, ja, zu Schlägen gekommen war, denn er kannte Sedgett gut und kannte die absolute Notwendigkeit, mit ihm zu kämpfen, wenn man irgendwie seine Selbstachtung und eine gerechte Friedens Verteilung aufrecht halten wollte, sobald man einmal so weit mit ihm gekommen war, daß er seine schwarze Seele zu erkennen gab. Aber wie war es denn dazu gekommen? Wie war es möglich, daß sich ein vornehmer Herr dazu herbeilassen konnte, sich öffentlich mit solch einem Kerl zu zeigen? Er kam zu dem Resultat, daß die Sache etwas zu bedeuten habe und zwar irgend etwas Verhängnisvolles – aber was? Wen mochte es betreffen? War Algernon Blancove ein so armseliger Kerl, daß er – weil er sich durch gewisse dunkle Beziehungen zu Sedgett genötigt sah, ihm stille zu halten – dem kläffenden Köter erlaubte, sich an seine Rockschöße zu hängen? Es schien unwahrscheinlich, daß irgendein junger Herr so schwach sein sollte, aber es konnte immerhin der Fall sein; und »verhält es sich wirklich so«, dachte Robert, »und laß ich ihn wissen, daß ich's ihm nicht nachtrage, daß er Sedgett auf mich gehetzt hat, kann ich ihm vielleicht einen Dienst erweisen«. Er erinnerte sich mit einer Art Schmerzgefühls des Blickes wütender Demütigung, mit dem Algernon aufgeschaut hatte, bevor er sich anschickte, Sedgett in die Droschke zu folgen, und kam zu dem Resultat, daß er freundlich auf ihn zukommen und ihm eine Entschuldigung sagen müsse, als habe er selber sich über nichts zu beklagen, nur, um ihm wieder zum Gleichgewicht zu verhelfen. Er nahm sich vor, es zu tun, sobald sich ihm die Gelegenheit dazu biete. Inzwischen, – was in aller Welt konnte die beiden zusammengeführt haben? »Wie weiß die Hecken sind!« sagte er. »Es ist recht viel Staub da,« antwortete Major Waring. »Ich hab' gar nicht gewußt, daß Droschken zu den Rennen können.« »Augenscheinlich tun sie es.« Robert bemerkte wohl, daß Percy ihn zum Narren zu halten beabsichtige, sobald er den Versuch mache, das Abkommen zu brechen; doch lag ihm so sehr daran, Percys Ansicht über das seltsame Bündnis zwischen Sedgett und Algernon Blancove zu erfahren, daß er unter allen Umständen sagen mußte: »Ich kann der Sache nicht auf den Grund kommen.« »Der Balgerei da auf der Dorfstraße?« sagte Percy. »Deren werden wir wohl noch zwei oder drei sehen, ehe wir nach Hause kommen.« »Nein. Aber was hat es zu bedeuten, wenn ein Gentleman und ein Spitzbube gemeinsame Sache machen?« beharrte Robert. »Wahrscheinlich hat der eine oder der andere etwas entdeckt, was sie miteinander gemein haben,« gab Percy zur Antwort. »Das ist eine seltsame Wahrnehmung, die man auf dem Rückwege von Epsom machen kann: diejenigen, die in den gleichen Teich hineinspringen, haben meistens von vornherein ein und dieselbe Farbe gehabt.« Robert sprach mit gedämpfter Stimme. »Meinst du, daß es irgend etwas mit dem armen Mädchen zu tun hat?« »Ich habe dir gesagt, daß ich es ablehne, irgend etwas zu meinen, bis wir wieder zu Hause sind. Donnerwetter, Mensch, hast du denn gar keine Idee davon, was 'n Feiertag ist?« Robert stieß seinen Zigarrenrauch von sich. »Dann laß uns von Mrs. Lovell sprechen,« sagte er. »Das ist auch kein Feiertag für mich,« murmelte Percy, aber Roberts Seele war zu stark mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, um auf den Ton zu achten; so fragte er: »Kann man darauf bauen, daß sie diesmal gewissenhaft Wort halten wird?« »Komm,« sagte Percy, »wir haben heute noch gar nicht gewettet. Ich will gegen dich darauf wetten, daß sie, es tun wird, wenn du magst. Wettest du dagegen?« »Denk' nicht daran. Ich kann nicht an allem herumnippen. Wetten ist wie trinken.« »Aber du kannst doch ein Glas Wein trinken. Diese Art Wette kommt dem etwa gleich. Aber, tu's lieber nicht. Du würdest verlieren.« »Sieh mal her,« sagte Robert. »Ich hab' wohl gehört, daß man auf die Frauen schilt, weil sie unbeständig und wetterwendisch und ich weiß nicht, was sonst noch seien. Sie ist eine Dame, bei der ich nie recht verstehen konnte, daß man ihr wirklich böse zu sein vermöchte, und der Grund dafür ist der, – es besteht kein Grund dafür – sie bezaubert mich einfach. Ich sage dir glatt heraus, ich vergesse Rhoda, ich vergesse das Mädchen ganz und gar, sobald ich Mrs. Lovell nur von weitem sehe. Wie kommt das? Ich bin kein Hansnarr, der sich Raupen in den Kopf setzt. Ich weiß, was es bedeutet, ein Weib zu lieben, und ein Mann in meiner Stellung könnte Esel genug sein, um – na, um alles mögliche zu tun. Aber das ist es nicht; es ist wie ein Zauber. Ich bin bange vor ihr. Wenn sie mit mir spricht, dann ist es mir geradeso, als wenn ich 'ne Flasche Wein heruntergegossen hätte. Vor einigen Weibern hat man Respekt, einige möchte man lieben, einige verachtet man, – ihr gegenüber da hab' ich immer so ein Gefühl, als wär' ich berauscht.« Major Waring heftete seinen Blick fest auf ihn. Er sagte: »Ich will dir das Rätsel, wenn ich es vermag, so lösen, daß es dir selbst verständlich wird. Sie bewundert dich um dessentwillen, was du wirklich bist, und sie zeigt dir das, ja, ich glaube sogar, es ist ihr erwünscht, daß du es siehst. Sie betet jede Art von Mut an, das ist bei ihr eine tödliche Leidenschaft.« In Roberts Antlitz stieg ein Rot der Bescheidenheit auf, was ihn gut kleidete. »Warum aber, wenn sie mir denn die Ehre erweist, irgend etwas von mir zu denken, wendet sie sich gegen mich?« »Ja, nun gehst du tiefer. Sie bietet dir die Art Hilfe, die in ihrer Macht liegt; für jetzt genüge dir dies: sei dankbar, wenn du mit ihrem einstweiligen Tun zufrieden sein kannst. Vielleicht kann ich dir mit der Zeit die andere Frage beantworten. Jetzt sind wir wieder in London und unser Tag ist vorüber. Wie gefiel er dir?« Vor Roberts Phantasie erstand aufs neue der Rennplatz. »Das Rennen war großartig. Ich wollte, wir könnten in dem Tempo durchs Leben jagen, dann wäre mir die Aussicht auf einen Sieg gewiß. Wie entsetzlich öde die Straßen aussehen, und die Leute kriechen geradezu dahin, – sie kriechen und scheinen das auch noch zu mögen. Auf dem Rücken eines Pferdes bin ich in meinem Element!« Sie fuhren nach Roberts Wohnung, wo er seit dem Winter einfach und sorgenfrei gelebt hatte, durch sein eigenes Zartgefühl aus seiner, doppelten Heimat, Warbeach und Wrexby, verbannt und Dahlia in ganz London suchend, – von der Güte seines Freundes lebend, und darin hatte für einen Mann seiner Gemütsart das bedrückende Elend seiner zeitweiligen Existenz gelegen. Oftmals hatte er wieder daran gedacht, militärische Dienste zu nehmen und sich nach irgendeiner überseeischen Garnison detachieren zu lassen. Nichts anderes, als das Bewußtsein, von fremdem Gelde zu leben, hätte ihn von seinem alten Laster zurückzuhalten vermocht. Wie die Sachen lagen, lebte er während der Monate zwischen Winter und Frühling wie einer, der sich an einem Faden durch die qualvoll langen Gänge einer Höhle hindurchwindet, ohne jemals ans Tageslicht zu kommen, aber durch sein stetes Bemühen, dasselbe zu erreichen, in die wunderlichsten Kalamitäten geratend. Seine Abenteuer in London hatten etwas von denen in Warbeach an sich, abgesehen von dem Opfer, an dessen Stelle zwei oder drei Herren auf den öffentlichen Hauptverkehrsstraßen getreten waren. Doch dieser Vergehen angesichts der bürgerlichen Gesellschaft erwähnte Robert in seinen Briefen an Percy nicht. Aber jetzt war ein Lichtstrahl dort, obschon zunächst nur ein schwach glimmender, in Gestalt eines farbigen Billetts einer Dame, das auf dem Wohnstubentisch lag. Robert öffnete es hastig und las es, er griff Dahlias Adresse mit glühendem Kopf und sagte: »Es ist ›Margaret Lovell‹ unterzeichnet, und diesmal redet sie mich ›Sehr geehrter Herr‹ an.« »Weniger konnte sie nicht gut tun,« bemerkte Percy. »Ich weiß wohl, aber immerhin ist es etwas Neues an ihr. In ihrem Schreiben liegt so etwas Sommerliches. Sie hat Wort gehalten, Percy. Sie ist wirklich die reizendste Dame auf der Welt. Ich frage gar nichts mehr danach, warum sie mir nicht früher geholfen hat.« »Du erkennst also die Diplomatie milder Maßregeln an?« sagte Major Waring. »Sie ist die reizendste Dame auf der Welt,« wiederholte Robert. Dann zügelte er seinen Enthusiasmus. »Gott im Himmel, was wird das für ein Abend werden!« Der Gedanke an die bevorstehende Zusammenkunft mit Dahlia ließ ihn verstummen. Als sie sich auf der Straße trennten, sagte Major Waring: »Ich will um zwölf Uhr hier sein. Laß mich dir dies sagen, Robert: sie ist drauf und dran, sich zu verheiraten, sage nichts, um sie davon abzubringen, es ist das beste, was sie tun kann, betrachte die Sache von dem Standpunkte eines Mannes. Lebewohl.« Diese Anweisung berührte Robert nur wenig. Seine Gedanken beschäftigten sich mit Dahlia, wie er sie zuerst gesehen hatte in der Blüte ihrer Jugend, die Schwester seines Lieblings, und jetzt elend, ein zu Boden geworfenes Geschöpf. Bei ihm verlor sich das Mitleid mit einem unglücklichen Opfer sehr bald in der Wut auf den Urheber des Unrechts, und während er seines Weges dahinging, dachte er verächtlich seiner armseligen Versuche in Warbeach, sie zu rächen. Sie lebte zwischen einer Reihe ärmlicher Hütten, die von einer der Hauptstraßen der südwestlichen Vorstadt abzweigt, nicht sehr weit von seiner eigenen Wohnung entfernt, was ihm seltsam und gleichsam wie eine grausame Ironie des Schicksals erschien. Er vermochte die Nummern nicht zu erkennen und mußte mehrere der kleinen Gartenstreifen hinaufgehen, um die Hausnummern an den Türen zu lesen. Ein schwacher Fliederduft ließ die alten Tage und das Landleben wieder in ihm erstehen und ein paar Kirchenglocken hüben an zu läuten. Die Hausnummer, wo er Dahlia finden sollte, war sieben. Er war an der Tür des nächstgelegenen Hauses, als er in dem Garten nebenan Stimmen hörte. Ein Mann sagte: »Also habe ich deine Antwort?« Eine Frau erwiderte: »Ja, ja.« »Du willst meiner dir verpfändeten Ehre keinen Glauben schenken?« »Verzeihung. Das ist es nicht. Ich will kein Leben in der Schande.« »Wenn ich dir bei meiner Seele verspreche, daß ich dich in demselben Augenblick, wo ich frei bin, vor der Welt rehabilitieren will?« »O, Verzeihung!« »Also du willst?« »Nein, nein! Ich kann nicht!« »Du willst dich an irgendeinen unbekannten Schafskopf wegwerfen, der dich mißhandeln wird, und aus dem du dir auch nicht das geringste machst? Und warum? Nur, damit du hinter einem Wall sitzt, über den der Klatsch nicht hinüber kann, aus keinem Grunde sonst. Ich habe dich für ein Weib gehalten, was über dergleichen stände. Und dies ist ein simpler Bauer. Wie willst du die Art Leben aushalten? Du, die für Eleganz und Glück geschaffen ist! Ich biete dir solches. Ich habe dich vor deiner Krankheit gesehen, als du mich nicht anhören wolltest, ich bin dir nachher wieder begegnet. Ich habe dich sofort wiedererkannt. Bin ich denn anders? Ich schwöre dir: nur von dir habe ich all die Zeit geträumt, und ich liebe dich. Sei meinetwegen so verblüht, wie du willst, sei abschreckend, wenn du Lust hast, – nur komm mit mir! Du kennst meinen Namen und weißt, was ich bin. Zweimal bin ich dir nachgegangen, habe deinen Namen und deine Adresse ausfindig gemacht; zweimal habe ich dir geschrieben und dir den gleichen Vorschlag gemacht. Warum traust du meiner Ehrenhaftigkeit nicht? Wenn ich dir doch sage, wie zärtlich ich dich liebe? Wenn ich dir doch die heilige Versicherung gebe, daß du es niemals bereuen sollst? Ein Mann hat dich betrogen; warum willst du mich das büßen lassen? Ich weiß – ich fühle es, daß du unschuldig und gut bist. Dies ist das dritte Mal, das du mir erlaubt hast, zu dir zu sprechen: laß es das endgültige sein! Sag', daß du dich mir anvertrauen willst, glaube an meine Ehrenhaftigkeit! Sag', daß es morgen sein soll. Ja, sag' es! Nur das eine Wort! Morgen! Bitte, mein süßes Geschöpf, bitte!« Der Mann sprach eindringlich, aber ein Dritter und Unbeteiligter konnte schwerlich umhin, durch den pathetischen Schluß frappiert zu werden. Im Tone wenigstens war er hart an der Grenze einer schimpflichen Überredung, aber das Weib empfand dies augenscheinlich nicht. Sie erwiderte: »Sie meinen es gut, Herr. Ich danke Ihnen aufrichtig, denn ich bin sehr arm an Freunden. O, verzeihen Sie mir, ich bin ganz, ganz fest entschlossen. Gehen Sie fort, bitte, und vergessen Sie mich.« Dies war Dahlias Stimme. Robert war sich dessen nicht bewußt geworden, daß er dies vorher vermutet habe. Tief beschämt darüber, daß er geheimer Unterredung gegenüber den Lauscher gemacht, ging er aus dem Garten hinaus und überschritt die Straße. Er wußte, hier hatte er eine der Versuchungen vor Augen gehabt, denen junge Frauenzimmer in London ausgesetzt sind. Kurze Zeit danach kam der Mann durch das eiserne Gittertor des Gartens. Er ging unter dem Licht der Laterne dahin, und Robert bemerkte, daß es ein Herr in Dinertoilette war. In dem Fenster des Hauses flammte ein Licht auf. Nun er ihre Stimme gehört hatte, waren seine Schrecken vor dieser Zusammenkunft verflogen, und was ihn bewegte, war nur noch eine tiefe Niedergeschlagenheit. Ruhig klopfte er an die Tür. Eine geraume Zeit verstrich, nachdem er das Mädchen mit seiner Meldung hineingeschickt hatte, aber schließlich wurde er vorgelassen. »Wenn ich sie geliebt hätte!« stöhnte Robert, ehe er sie ansah, aber als er es tat, spülte ein zärtliches Mitgefühl alles selbstische Empfinden aus ihm heraus. Alle jene falschen Gefühlsregungen, die den Männern der in den Schmutz gezogenen Reinheit, dem Brandmal der Schande, der verlorenen Unschuld eines Weibes gegenüber eigentümlich sind, und die doch nichts anderes sind, als faule Sentimentalitäten solcher, die sich selbst nur allzu eifrig an der Jagd, Verderben zu bringen, beteiligen, wenn es die Gelegenheit mit sich bringt, nichts anderes, als eine besondere Art von Sinnenkitzel, wie er auch den besten unserer jungen Leute nicht fremd ist, – sie alle fielen in Dahlias Gegenwart von ihm ab. Ein junger Mann, welcher auf diejenigen, die wir als gefallene Frauen zu bezeichnen pflegen, mit einem edlen Blick zu sehen vermag, ist nach meinem Dafürhalten der wahrste Edelmann und hat alle Aussichten, der Ahnherr eines adligen Geschlechtes zu werden. Robert war kein solcher. Aber Dahlias Anblick verhalf ihm zu seiner rechten Männlichkeit. Er sah, daß ihre Würde ihren Fall überlebt hatte. Die Seele dieses Geschöpfes hatte ihre Sünde nicht mit irgendwelchem Mäntelchen umhängt; sie hatte gesündigt und ihr Leiden war offenbar. Sie hatte sich entschlossen aufzustehen und die Geißel Gottes auf sich niedersausen zu lassen, – danach haben die Steine, von Menschenhand geworfen, nicht mehr die Macht, wehe zu tun. Damit will ich sagen, daß sie freiwillig ihrem Geiste jedes Entschlüpfen unterbunden hatte: sie hatte sich selbst gesehen, wie sie war, ohne auf eine Entschuldigung Anspruch zu erheben. Seine Geißel ist die Wahrheit, und sie hatte sich derselben gebeugt. Unzählige Ideen, deren wenige ganz feste Form gewinnen, bemächtigen sich während einer Unterredung, wie dieser, einer Seele, aber Robert verspürte deutlich den starken Eindruck, den ihr Blick ihm machte. Er war wie der Blick eines Menschen von einem jenseitigen Ufer herüber. Obschon sie nahe beieinander standen, hatte er ein Gefühl, als wären sie weit voneinander getrennt, als läge ein Abgrund zwischen ihr und ihm. Die Farblosigkeit ihrer Gesichtszüge trug hierzu bei, und die kleine altmodische, enganschließende weiße Leinenkappe, welche sie trug, um die eben wiederwachsenden, völlig gestutzten Locken ihres geschorenen Kopfes zu verbergen, ließ sie ungleich den Frauen unserer Welt erscheinen. Sie war ganz in Schwarz gekleidet, das ihre Gestalt bis zum Hals hinauf eng umschloß. Ihre Augen hatten noch das leuchtende Blau, und sie ließ dieselben einen Augenblick mit weichem Ausdruck auf Robert ruhen, während sie ihm schüchtern die Hand reichte. »Dahlia! meine liebe Schwester , wollte ich, dürfte ich sagen, aber das Glück ist mir versagt,« begann Robert. Sie saß da, die Hände im Schoß gefaltet und starrte auf den Boden zu ihren Füßen, wobei sie den Kopf ein wenig auf die Seite neigte. »Ich glaube,« fuhr er fort, »ich habe es nicht gerade gehört, – aber ich glaube. Rhoda geht es gut.« »Sie und Vater sind gesund,« sagte Dahlia, »ich weiß es.« Robert fuhr zusammen. »Stehen Sie mit ihnen in Verbindung?« Sie schüttelte den Kopf. »Nach Ablauf einiger Tage werde ich sie sehen.« »Vielleicht legen Sie dann ein gutes Wort für mich ein und machen mich für mein ganzes Leben Ihnen verpflichtet, Dahlia?« »Rhoda liebt Sie nicht.« »Das ist wohl wahr, wenn man sich darauf verlassen kann, daß ein junges Frauenzimmer erstlich über diesen Punkt selbst Bescheid weiß und zweitens sich ehrlich darüber ausspricht.« Dahlia schloß die Lippen. Ihre lange und schmale Unterlippe war nicht mehr von einem intensiven Rot. Ihr Herz wußte, daß er nicht zu ihr gekommen war, um von sich selbst zu reden; aber ihr Denkvermögen war durch die physische Entkräftung geschwächt und funktionierte weder in die Weite, noch in die Tiefe über das augenblicklich angeregte Thema hinaus. Er unterhielt sie mit allerhand Ideen, die ihm hinsichtlich Rhodas aufstiegen, bis er schließlich sagte: »Aber im Laufe einer Woche werden Sie sie sehen, und ich denke, dann wird sie Ihnen vielleicht sagen, was sie über mich denkt. Dahlia, wie werden Sie hierüber glücklich sein. Wahrhaftig, vom Grund meiner Seele sage ich hierzu: ›Gott sei Dank!‹« Sie preßte zitternd die Hände in ihrem Schoß fester zusammen. »Bitte, Herr Robert, wenn Sie davon vielleicht lieber nicht sprechen möchten!« »Sagen Sie mir nur, daß Sie wirklich die Absicht haben, Dahlia. Sie haben wirklich die Absicht, zu ihnen hinzureisen?« Ein bebendes »Ja« war ihre Antwort. »Das ist recht. Denn ein Vater und eine Schwester, – nicht wahr? die haben doch Ansprüche an jemand? Denken Sie nur mal einen Augenblick nach. Sie haben eine furchtbare Zeit durchgemacht. Und ist es wahr, Dahlia, daß Sie darauf eingegangen sind, einen Mann zu nehmen? Ich freue mich, wenn es so ist, und wenn er ein guter, freundlicher Mensch ist. Ich bin so recht von Herzen froh darüber.« Während er sprach, hoben sich ihre Lider, und ihre Augen hefteten sich in einem gleichsam versteinerten Schreckensglanz auf ihn wie ein Geschöpf, das in Todesangst vor seinem Henker bebt. Dann senkten sich ihre Lider wiederum. Sie hatte ihre zusammengekauerte Haltung nicht aufgegeben. »Sie lieben ihn?« fragte er etwas verwundert. Sie gab keine Antwort. »Machen Sie sich nichts aus ihm?« Keine Erwiderung. »Weil, Dahlia, wenn Sie ihn nicht gern haben – Ich weiß, ich habe keinerlei Recht, das zu denken. Wie ist es damit? Sagen Sie es mir. Eine Ehe ist etwas Schreckliches, wenn es an der Liebe fehlt. Und ist dieser Mann, wer es denn ist, – lebt er in guten Verhältnissen? Ich würde ja nicht von ihm sprechen, aber Sie sehen, ich muß es doch als Ihr Freund – und ich bin wirklich Ihr Freund. Sagen Sie es mir! Liebt er Sie? Natürlich tut er das. Das hat er Ihnen ja gesagt. Das glaube ich auch. Und er ist ein Mann, den Sie achten und ehren können? Ohne das würden Sie ja nicht Ihre Zustimmung gegeben haben, davon bin ich ganz überzeugt. Was mir Sorge macht – sehen Sie, ich betrachte Sie als meine Schwester, einerlei, ob Rhoda es haben will oder nicht, ich bin besorgt, sehen Sie – ich wollte nur, es wäre erst überstanden, denn dann wird Rhoda stolz darauf sein, daß sie immer an ihrem Glauben an Sie festgehalten hat, und des alten Mannes Herz wird leichter werden.« Der unerklärliche, gleichsam erfrorene Blick aus ihren weitgeöffneten Augen heftete sich zum zweitenmal auf ihn, als hätte eine der Minuten der Zeit vor ihm ihre gähnende Tiefe erschlossen, hätte ihn in ihren traurigen, totenstillen Abgrund hineinblicken lassen, um sich dann wiederum zu verschließen. »Wann soll es sein, Dahlia?« Ihre lange Unterlippe, die fast ebenso weiß war wie die Zahnreihe, die sie bloßlegte, hing lose herab. »Wann ist es?« fragte er, indem er sich vorwärts neigte, um ihre Antwort zu hören, und er vernahm das Wort »Sonnabend«, das mit tonloser Schärfe herausgestoßen wurde, die nichts mit Dahlias sanfter Stimme gemein hatte. »Diesen nächsten Sonnabend?« »Nein.« »Sonnabend über acht Tage?« Ein sichtliches Zittern befiel sie. »Sie haben mir den Tag genannt?« Er drang in sie, um irgendeine Andeutung freudiger Zustimmung zu dem Schritt, den sie zu tun willens war, oder eines Zurückschreckens vor demselben zu hören. Vielleicht gewahrte sie das, denn jetzt antwortete sie:. »Ja!« Tief aus der Kehle heraus klang der Ton. »Sonnabend in acht Tagen,« sagte Robert. »Ich habe dem Manne gegenüber ein Gefühl wie 'n Bruder, – jetzt schon. Werden Sie – werden Sie auf dem Lande leben?« »Im Auslande.« »Nicht im lieben alten England? Das tut mir leid. Aber, – na, die Dinge müssen eben so gehen, wie es bestimmt ist. Ja, ja! Das hab' ich auch zu lernen!« Dahlia lächelte ihm freundlich zu. »Rhoda wird Sie noch lieben. Und wenn sie einmal liebt, ist sie felsenfest darin.« » Wenn sie liebt. Inwiefern kann mich das trösten?« »Glauben Sie, daß sie mich ebenso liebt wie, – ebenso, wie –« »Wie früher? Sie liebt ihre Schwester von ganzem Herzen – ihr ganzes Herz gehört ihr, denn ich hab' auch nicht den kleinsten Teil davon gekriegt.« »Ich meine nur, weil –« sagte Dahlia leise, »nur, weil sie doch denkt, ich sei eine –« Hier hob sich die Brust des armen Geschöpfes in einem qualvollen Stöhnen. »Was hat sie von mir gesagt? Ich wollte, sie hätte mich verurteilt – es würde weniger weh tun.« »Hören Sie,« sagte Robert. »Sie hat Sie nicht verurteilt, und sie vermöchte es auch gar nicht, denn es ist ihr gleichsam eine Art Religion, daß sie nichts Böses von Ihnen denken kann. Und der Grund, weshalb sie mich haßt, ist der, daß mir – weil ich die Welt etwas besser kenne, der Verdacht aufstieg, und daß ich sie das wissen ließ, ich sagte nämlich, – wahrscheinlich wären Sie betrogen von einem –. Na, es ist jetzt ja nicht der Augenblick, um andere anzuklagen. Sie hätte mich genommen, wenn ich es für angebracht gehalten hätte, zu denken, wie sie dachte, oder mich zu verstellen und zu tun, als wenn ich so dächte. Ich will Ihnen offen sagen, Dahlia, Ihr Vater glaubt das Schlimmste. O, nun sehen Sie wieder so geisterhaft aus. Es ist bitter für Sie, das zu hören, aber Sie geben mir die Überzeugung, daß Sie Kraft genug haben, es zu hören. Es ist einmal Ihres Vaters Art, das Schlimmste zu glauben. Wenn Sie ihm nun aber Ihren Mann zuführen werden, liebe Dahlia, dann wird er sich wieder aufrichten. Er ist ein alter Brite. Es wird ihm nicht im Traume einfallen, Sie mit Fragen zu quälen. Er wird einen braven, ehrlichen, jungen Mann sehen, der Sie sicherlich liebt – oder – nein, sicher liebt er Sie, das steht fest. Ihr Vater wird ihm die Hand schütteln, und was Rhoda anbetrifft, die wird triumphieren. Der einzige Mensch, mit dem es eine offene Aussprache gilt, ist der Mann, der Sie heiratet, und das ist ja geschehen.« Roberts Augen drückten die Frage aus, die sein Mund nicht sprach. »Das ist geschehen,« sagte Dahlia. »Gut: wenn ich ihn eines Tages Bruder nennen darf, um so besser für mich! Noch eins, – Sie werden England nicht bereits an dem Tage verlassen, an dem Sie heiraten werden?« »Sehr bald nachher. Es ist mein Gebet, daß es sehr bald sein möge.« »Ja; gut! An dem Morgen will ich dafür sorgen, daß Vater und Rhoda in meiner Wohnung sind, die nicht weit von hier ist. Wenn ich es nur früher gewußt hätte! Und dann sollen Sie und Ihr Mann auch dahinkommen und dort mit uns zusammen sein. Das wird denn zu guter Letzt ein glückliches Zusammensein!« Dahlias Atem stockte plötzlich: »Wollen Sie morgen zu Rhoda fahren?« »Ich werde morgen zu ihr fahren, wenn Sie wollen.« »Wenn ich sie sehen könnte, gerade ehe ich von England abfahre, nicht früher.« »Das ist nicht großmütig,« sagte Robert. »Ist es nicht?« fragte sie wie ein Kind. »Stellen Sie sich doch nur vor, sie hat sich nun so lange danach gesehnt, Sie wiederzusehen, und soll sie nur zugleich mit dem Schiff sehen, das Sie – vielleicht für immer – soweit es sich um diese Welt handelt – von ihr fortführt?« »Mr. Robert, ich möchte meine Schwester nicht täuschen. Vater kann der Kummer erspart bleiben. Rhoda soll alles wissen. Ich will mich nicht noch einmal einer Lüge schuldig machen, nie wieder! Wollen Sie zu ihr gehen? Sagen Sie ihr – sagen Sie Rhoda, was ich bin. Sagen Sie ihr, daß ich krank gewesen bin. Es wird ihr einen großen Schrecken ersparen.« Sie bedeckte ihre Augen mit der Hand. »Ich habe in all meinen Briefen gesagt, daß mein Mann ein vornehmer Herr sei.« Es war ihr erstes offenes Bekenntnis ihrer Schmach ihm gegenüber, und ein schwaches Rot stieg in ihre Wangen. Vielleicht war es diese Regung ihres Blutes, welche das unterdrückte menschliche Empfinden in ihr wieder zum Leben erweckte, ihr Herz klopfte stärker, und sie rief aus: »Ich kann sie sehen, wie ich bin. Ich glaubte, es sei unmöglich. Aber ich kann es. Ob sie zu mir kommen wird? Meine Schwester ist eine Christin und kann vergeben. O, wenn ich sie sehen könnte! Gehen Sie zu ihr, lieber Herr Robert, und bitten Sie sie – sagen Sie ihr alles, und fragen Sie sie, ob es mir erspart bleiben könnte, ob ich mich vielleicht an irgendeiner Arbeit beteiligen könnte, – ganz einerlei, an was für einer, damit ich in der Nähe meiner Schwester mein Brot verdienen könnte. Es ist schwer für Frauen, Geld zu verdienen, aber ich glaube, ich würde es können. Ich habe es seit meiner Krankheit getan. Ich habe mit Nervenfieber im Krankenhause gelegen. Als ich herauskam, ging er mit mir, um mich zu stützen, denn ich war sehr schwach. Er las mir vor und dann fragte er mich, ob ich ihn heiraten wolle. Er fragte mich ein zweites Mal. Eines Nachts lag ich, im Bett, und sah mit weitgeöffneten Augen die Gefahren, denen Frauen ausgesetzt sind, und sah den Kummer, den ich meinem Vater und meiner Schwester gemacht, und erkannte die Fallen der Bosheit. Ich gewahrte Orte, in denen es gleichsam von Schlangen wimmelte. Ich hatte solch eine verzehrende Sehnsucht nach Schutz. Da gab ich ihm mein Wort, daß ich seine Frau werden wollte, wenn er sich eines Weibes, wie ich, nicht schämte. Es verlangte mich danach, noch einmal meines Vaters Gesicht zu sehen. Mir schien, Rhoda müsse mich von sich stoßen, wenn sie meine Lüge entdecken würde. Das süße Geschöpf! Als ob sie das könnte? Ja, gehen Sie zu ihr. Sagen Sie ihr, daß ich keinen Mann liebe. Mein Herz ist tot. Ich habe gar kein Herz mehr, – nur für sie habe ich es noch. Es ist mir unmöglich, einen Mann zu lieben. Er ist gut, er ist freundlich, – aber, o, wenn es mir erspart bleiben könnte! Sein Gesicht –« Sie preßte die Hände fest in ihre Augenhöhlen. »Nein, es kann nicht von mir verlangt werden, Ich bin sehr undankbar! Es kommt mir unmöglich vor, daß dies Gottes Wille sein sollte. Nur, wenn es sein muß; nur, wenn es sein muß! Wenn es meiner Schwester ohne das unmöglich ist, mich anzusehen! Er ist gut, und es ist selbstlos, ein entehrtes Geschöpf, ohne einen Pfennig Geld, zu nehmen, – aber ich bin so elend! Wenn meine Schwester mich nur sehen wollte, ohne daß ich es tue! – Gehen Sie hin zu ihr, Herr Robert. Sagen Sie, Dahlia hat euch betrogen, und nun bereut sie es, sie hat mit ihrer Nadel gearbeitet, um ihr Leben zu bestreiten, und sie kann und will es, denn ihre Seele ringt danach, rein zu werden. Versuchen Sie es, ihr zu erklären. Wenn Rhoda Sie lieben könnte, dann würde sie alles verstehen. Sie ist in sich verschlossen – sie lebt in einer bloßen Gedankenwelt. Mein süßer Liebling ist so stolz. Ich liebe sie um ihres Stolzes willen, wenn sie mich nur zu ihren Füßen wollte hinkriechen lassen, daß ich ihre Füße küssen dürfte. Lieber Mr. Robert, ach, helfen Sie mir, helfen Sie mir! Ich will alles tun, was sie sagt. Wenn sie sagt, ich soll ihn heiraten, will ich es tun. Kehren Sie sich nicht an meine Tränen, – die haben jetzt nichts zu bedeuten. Sagen Sie meinem Liebling, ich wolle in allem gehorchen, was sie mir sagt. Ich werde sie nie mehr hintergehen. Ich möchte mich ihr ohne jede Beschönigung zeigen. Rhoda soll mich kennen, und wenn sie es vermag, soll sie mir vergeben. Und – O, wenn sie meint, Vaters wegen müßte ich es tun, dann will ich mich fügen und will das Wort sprechen: ›Ich will es, ich bin bereit! Ich flehe um Gnade.‹« Robert saß da, die Fäuste an die Schläfen gepreßt, in tiefem Nachdenken. Hätte sie gleich im ersten Augenblick ihrer Unterredung ihre Abneigung gegen den zu unternehmenden Schritt erklärt, so wäre er vielleicht bereit gewesen, sie zu unterstützen; ist aber ein Plan erstmal richtig vom Stapel gelassen, so wird er im Gehirn zu einer Tatsache; – ein Ding, über das man einmal gesprochen hat, wird gleichsam zu einem lebenden Wesen, das sich einem freiwilligen Tode widersetzt. Robert sah jetzt alles, was zugunsten der Angelegenheit sprach, und die Gründe, welche dagegen sprachen, schienen ihm leichter, oberflächlicher Art. Ihr unerwarteter Ausbruch erregte ihn kaum. Zudem kam bei der Sache sein eigenes Interesse in Betracht. Rhoda würde ihm freundlich zulächeln, wenn er ihr Dahlia wieder zuführte, und so zuführte, daß sie in den Augen der Welt für glücklich galt. Das scheint gewissermaßen eine Art Signal für das allgemeine Glück. Aber wenn er zu ihr hingehen und ihr Sachen auseinandersetzen müßte, die jämmerlich und traurig waren, würde kein Lächeln über ihre Züge gleiten, und ihre Brust würde wenig Dankbarkeit empfinden. Eine Zeitlang wahrscheinlich gar keine. Die Nähe ihrer verblühten Schwester ließ sie ihm plötzlich wieder erreichbar und durch den Gegensatz dreifach begehrenswert erscheinen. Er heftete seinen Blick auf Dahlia, und die Vornehmheit ihres einfachen Wesens gab ihm plötzlich den Gedanken ein, vielleicht empfinde sie die ins Auge gefaßte Verbindung als unangemessen. »Ist er ein klotziger Patron? Ich meine, sind Sie davon durchdrungen, daß er nichts von den Manieren eines feinen Herrn an sich hat, – vielleicht das Gegenteil davon?« Auf diese Frage, die mit einigem Zögern über Roberts Lippen kam, antwortete Dahlia: »Ich achte ihn.« Sie wollte ihrer flehentlichen Bitte nicht dadurch einen besonderen Nachdruck verleihen, daß sie ein Bild des Mannes entwarf. Sie vergaß im Augenblick, inwiefern solches Tun ihre Bitte irgendwie hätte verstärken können. Die Erregung wich einer doppelten Stumpfheit ihres Denkvermögens. Sie tat kaum noch etwas anderes, als daß sie mit einem milden Ausdruck vor sich hinstarrte und wie geistesabwesend ihren Kopf neigte, während Robert sagte, daß er am folgenden Tage zu Rhoda fahren und ernstlich mit ihr reden wolle. »Aber ich glaube, ich kann darauf bauen, daß ihre und meine Gedanken über diese Angelegenheit die gleichen sein werden, daß es zu Ihrem Besten ist, Liebe, nach Möglichkeit zu versuchen, warm für einen Mann zu empfinden, den Sie achten können, und der Ihnen einen klaren Lebenspfad eröffnet,« sagte er. Bei diesen Worten zitterten Dahlias Augenlider leicht. Als er aufstand, erhob sie sich gleichfalls. »Soll ich Rhoda einen Kuß mitnehmen?« sagte er, neigte sich, als er die Antwort in ihren Augen las, zu ihr herab und senkte die Stirn, auf welche sie ihre Lippen drückte. »Und nun muß ich die ganze Nacht über die beste Art und Weise nachdenken, ihr alles zu sagen. Leben Sie wohl, Dahlia. Übermorgen früh sollen Sie Nachricht von Ihrer Schwester haben. Leben Sie wohl!« Er drückte ihr die Hand und ging zur Tür. »Kann ich nichts weiter für Sie tun, Dahlia?« »Gar nichts.« »Gott behüte Sie, liebe Dahlia.« Robert atmete in einem einfach animalischen Wohlgefühl, als er wieder auf der Straße war. Staunen darüber, daß das, was ihm so sehr bevorgestanden hatte, so leicht überstanden sei, ließ ihn nach seiner Weise über die Seltsamkeiten des Lebens und die Natürlichkeit, mit der sich alles darstelle, wenn man ihm nur gerade ins Auge schaue, nachsinnen. Aber im tiefsten Grunde seines Herzens lag doch eine Art Unruhe. »Es ist das beste, was sie tun kann,« sagte er, »etwas Besseres kann sie überhaupt nicht tun,« und er sagte es häufiger, als ein von dieser Überzeugung durchdrungenes Gemüt es hätte zu sagen brauchen. Allmählich ging ihm ein Empfinden dafür auf, daß gewisse Dinge, die man mit den eigenen Augen wahrnimmt, so natürlich und so wenig schreckenerregend sie uns im Augenblick erscheinen mögen, deutliche, greifbare und tiefernste Eindrücke hinterlassen. Es beschlich ihn ein Gefühl davon, was unsere menschliche Tragödie angesichts des hohen Himmels zu bedeuten haben mag. Er sah es abseits von jeder Art von Sentimentalität in der Person Dahlias verkörpert. Er vermochte weder einen phantastischen Heiligenschein um sie zu flechten, noch konnte er einen einzigen Gedanken in sich wahrnehmen, der das arme Geschöpf herabgesetzt hätte. Wie das nackte Elend stand sie da und spukte ihm im Kopf herum. Und noch immer blieb er dabei zu sagen: »Es ist das beste, was sie tun kann. Es ist für alle Teile das beste. Etwas Besseres kann sie nicht tun.« Das bleiche, nonnenartige, geisterhafte Antlitz stand immer vor ihm, und seine Konturen wurden nur um so deutlicher, je mehr der zeitliche Zwischenraum zwischen ihm und jenem Stück Menschenelend anwuchs. Kapitel XXXI. Das Dahinschmelzen der tausend Pfund Die tausend Pfund waren endlich in Algernons Händen. Früh am Nachmittag hatte er sich von Boynes Bank fortgeschlichen, um den Wechsel einzulösen und das Geld in seiner Tasche zu fühlen, ehe die Sonne dieses Tages sich ihrem Untergange zuneigte. Da war eine Fünfhundertpfundnote, vier Hundertpfundscheine und zwei Fünfziger. Und alles dies war durch das simple Hinschreiben seines Namens als Empfängers dieser Summe zu ihm gewandert! Es war wirklich dazu angetan, sich direkt in die Zivilisation zu verlieben. Hat man erst einmal das Geld in der Tasche, kommt es einem immer vor, als wäre es leicht dahingekommen, selbst, wenn man dafür gearbeitet hat; hat man aber keinerlei Arbeit dafür getan und findet es trotzdem dort, so wird es (im Falle es sich um einen Schmetterlings-Jüngling, das typische Kind eines wohlhabenden Landes, handelt) Gefühle eines wahren Freudenrausches auslösen, die jenem Glücklichen Schwingen verleihen, welche ihn über alle irdische Mühsal hinaustragen. Er kannte geradezu die Züge der Banknoten. Jener wackere, alte Fünfhunderter, der es zu einem Tausender hätte bringen können, wenn er es nicht vorgezogen hätte, sich großmütigerweise in Zenturionen und Tirailleurs zu spalten, wurde in seiner Phantasie zu einem hünenhaften, weißhaarigen Kriegsmann, der sonder Tadel aus dem Gemetzel der Schlachten und dem Geplänkel der Hofintriguen hervorgegangen war, etwa wie Blücher am Hofe des Regenten von Waterloo. Die Hunderter waren seine Generale, die Fünfziger seine Hauptleute, und jeder derselben besaß wiederum die unbegrenzte Fähigkeit, sich in nützliche Regimenter zu zerspalten, sobald ihr Herr, Algernon, den Befehl ausgab. Er mochte sich kaum leise eingestehen, daß es die größte Summe Geldes sei, die er jemals bei sich getragen, aber da es sein Vergnügen daran erhöhte, machte er sich dennoch für eine halbe Sekunde das Eingeständnis. Fünfhundert auf einen Fleck – schon eine solche Summe hatte er niemals besessen. Es erschien ihm wie ein Bollwerk gegen jedes Mißgeschick des Lebens. Für einen jungen Mann, der im allgemeinen in Verlegenheit war, seinen Droschkenkutscher zu bezahlen, und vor kurzem sogar die Schwierigkeit kennen gelernt hatte, sich ein Mittagessen zu verschaffen, war das erhebende Gefühl, das von der Summe ausströmte, geradezu berauschend. Aber allzuviel über die Fünfhundert nachzusinnen, wurde den Fünfzigern gefährlich, sie schrumpften dadurch zu solcher Bedeutungslosigkeit zusammen, daß es für ihre Selbstachtung geradezu gefährlich werden konnte. Daher richtete Algernon, im Verfolg einer großartigen Taktik, sein Vorstellungsvermögen auf ein paar vereinzelte Schillinge, die er in seinem Besitz hatte, den Rest von fünf Pfund, welche er von dem alten Anton geborgt hatte, als dieser das ihm an jenem Theaterabend geliehene Pfund samt Zinsen von ihm zurückzuerlangen gesucht hatte. Algernon hatte ihm, sowohl in dieser Beziehung, wie auch hinsichtlich seiner Bekanntschaft mit Dahlia, den Mund zu stopfen gewußt, indem er sofort einen Versuch zu einer neuen Anleihe machte, sowie Anton es irgendwie auf eine Unterredung unter vier Augen mit ihm anlegte. Ein Gläubiger, dem er ein Pfund schuldig war, besaß keine sonderliche Schrecken für ihn, und er wußte sich den alten Mann geschickt vom Leibe zu halten, indem er – wie schon früher – sagte: »Wahrhaftig, ich kenne das junge Frauenzimmer nicht, von dem Sie sprechen, ich bin ihr oder jemand, der ihr ähnlich sah, ein oder das andere Mal begegnet,« – und alsbald in gedämpftem Ton fortfuhr: »Übrigens, mir ist eben das Kleingeld etwas ausgegangen, – wie ist es, könnten Sie vielleicht mit irgendeiner unbedeutenden Kleinigkeit –,« auf welches Stichwort hin Anton sofort die Flucht ergriff. Aber an dem Tage, der die Epsom-Rennen abschloß, gab er Anton einen geheimen Wink, ihm aus dem Kontor heraus zu folgen und erbot sich freiwillig dazu, ihm Mitteilungen hinsichtlich Dahlias zu machen, die er soeben erhalten hätte. »O,« sagte Anton, »ich habe sie gesehen.« »Das habe ich nicht,« sagte Algernon, »auf Ehre nicht.« »Ja, Herr, ich habe sie gesehen und zu meinem Bedauern gehört, daß es ihrem Manne ein bißchen schlecht geht.« Anton deutete auf seine Tasche. »So was man ›Ebbe‹ nennt, wissen Sie!« Algernon ließ alsbald ein Kompliment auf ihn los, das den eitlen alten Kerl geradezu elektrisierte, er mochte wollen oder nicht, und das dahin zielte, anzudeuten, daß Antons Fluten den Einflüssen des wechselnden Mondes nicht unterworfen seien. »Nun, nun, Mr. Blancove, solche Vorstellungen von mir dürfen Sie sich nicht machen. Ich will ja nicht gerade sagen, daß ich nicht reicher wäre, wenn ich alles das hätte, was ich an Schulden ausstehen habe.« »Dann könnten Sie sich überhaupt nicht mehr ohne Schutz sehen lassen, Sie wandelnder Goldbarren,« sagte Algernon, der immer eine feine Witterung für die Schwächen anderer hatte, »dann dürften Sie nur noch mit einer Sicherheitswache zu beiden Seiten ausgehen und müßten in einem eisernen Geldschranke schlafen.« Das Ende der Unterhaltung war der Besuch eines Wirtshauses und die Übermittelung einer neuen rechtskräftigen Urkunde von Algernon an Anton. Der letztere verabschiedete sich mit einem Stöhnen über die fünf Pfund, zehn Schilling auf dem Papier, der andere frohlockend über seine fünf Pfund in Gold. Das war am Sonnabend. Am Montag waren nur noch ein paar Schilling von den fünf Pfund, aber sie genügten, eine Droschke zu bestellen und – sofern man bescheidene Ansprüche auf ein Mittagessen auf die Tagesordnung setzte, – zu einem Diner. Algernon ließ sich in den Westen fahren. Er erinnerte sich daran, wie sorglos er sich ehemals inmitten dieses modernen Strudels gefühlt hatte, aber als er die Wege jetzt hinabschritt, empfand er, wie gesetzt er jetzt geworden sei. Eine gewisse Equipage, ein Pferd stach ihm ins Auge, und sonst, pfenniglos wie er war, würde. er gesagt haben: »Das ist gerade mein Fall!« Jetzt zog er im Gegenteil die möglichen Kosten der Sache in Betracht, sagte zu sich selbst: »Wie ist's?« und antwortete mit schwachem Widerstreben »Nein«, um alsbald in bestimmterem Tone hinzuzufügen: »Ist nichts für mich!« Er steigerte sich keineswegs nur in das Gefühl hinein, mit den Leuten, die er ringsum sah, auf gleichem Fuße zu stehen. Ein Mann, der in der Lage ist, um tausend Pfund darauf zu wetten, daß kein anderer der Anwesenden eine solche Summe in der Tasche hat, kann sich schwerlich seiner Umgebung nicht ebenbürtig fühlen. Reitende Damen zu Pferde kamen in leichtem Galopp an ihm vorüber. »Mögen sie doch,« dachte er. Noch tags zuvor hätte ihn der Anblick einer dieser Reiterinnen von großartigen Verbindungen träumen lassen. Wenn man es sich leisten kann, ein Junggeselle zu sein, liegt der Fall ganz anders. Nach einer Weile, – wer anders sollte an ihm vorüberreiten, als Mrs. Lovell! Sie sprach in ernsterem Tone, als es ihr stand, mit jenem dunkeläugigen, gewandten Menschen, jenem Manne, der ihn geradezu wild dadurch gemacht hatte, daß er in die Opernhaus-Loge gekommen war. »Armer, alter Ned!« sagte Algernon, »ich muß ihn doch warnen.« Aber er wußte, daß das bloße Aufheben eines Fingers, ein aufs Papier geworfener Wink Edward sofort von Paris herüberbringen würde, und das lag durchaus nicht in seinem Plan, so beschloß er nur, gelegentlich seinem Vetter zu schreiben. Eine Flut abendlichen Goldes lag über dem Park des Westens. »Das Großartige an diesem Platze ist das,« sagte Algernon zu sich selbst, »daß man hier niemand als Gentlemen trifft,« und der Gegensatz zu den Rennplätzen von Epsom machte sich ihm angenehm bemerklich. Ein abergläubisches Entsetzen packte ihn, als er – indem er seine Augen umherschweifen ließ, unter den Gruppen geschmackvoll gekleideter Menschen Sedgett gewahrte, – eine so unharmonische Figur wie möglich in diesem Milieu, der sich in seiner Unbeholfenheit augenscheinlich dessen bewußt war, denn er vermochte weder in seinen Bewegungen noch in seinem Aussehen den Anschein eines Menschen zu erwecken, dem es in seiner Haut wohl ist. Algernon drehte sich kurzerhand um und ging denselben Weg zurück, den er gekommen, aber Sedgett hatte gute Augen. »Hab' so viel von London gehört« – schlug alsbald der verhaßte Klang seiner Stimme an Algernons Ohr, – »bün auch schon mal früher in London gewesen, wollte mal 'n büschen von die Vornehmen sehen, – Teufel noch mal, so 'ne nette Gesellschaft sieht man nicht leicht auf 'n Haufen! Das is' schon 'n kleinen Spaziergang von 'ner Stunde wert. Sünd Sie oft hier, Herr?« »Wie beliebt? Wer sind Sie? O!« sagte Algernon, halb toll vor Wut. »Entschuldigen Sie,« und er ging rascher. »Mein'twegen können wir fufzigmal hier auf un' ab pendeln, wenn Ihnen das Spaß macht,« erwiderte Sedgett gutgelaunt, »'n feiner Anblick, die Pferde! Was? Ich mag hier noch lieber sein a's auf 'n Rennplatz. Un' was die Damens sind – ach was, Damens hin, Damens her! wenn mein Schatz man erst Zeit kriegt, daß ihr Haar wiederwächst un' sie wieder frische Farben kriegt, Teufel noch mal, denn will ich doch gleich stockblind sein, wenn sie nich' gerad' so fein is', wie eine von diesen hier! Un' das soll sie auch! Australien soll mal was zu sehen kriegen! Ich muß Ihn'n noch dankbar sein, daß Sie mir damit bekannt gemacht haben, un' sei'n Sie man nich' bange, ich vergess' das schon nich'.« Sobald sie an eine größere Menge Menschen kamen, vermochte Algernon es, seinem Verfolger dadurch zu entkommen, daß er sich sehr rasch seinen Weg bahnte, aber die freien Zwischenräume gaben ihn ohne Gnade der Bloßstellung preis, neben ihm gesehen zu werden, und er floh mit einer geradezu staunenerregenden Geschicklichkeit vor Augen, die seine Einbildungskraft verzehnfachte. Die Spitzen seiner Finger, die Wurzeln seiner Haare prickelten ihm vor Ärger, und wie geschickt er auch manövrieren mochte, immer blieb Sedgett ihm auf den Fersen. »Sie können mich in meiner Wohnung aufsuchen!« sagte er gebieterisch. »Sie sünd ja nie zu Hause, Herr.« »Kommen Sie morgen früh um zehn.« »Um eine große schwarze Tür zu sehen und daran zu stoßen, bis mir die Zehen durch die Stiefel durchkommen! Danke vielmals!« »Ich sage Ihnen, ich verbitte es mir, daß Sie mich öffentlich belästigen, ein für allemal!« »Was is' denn los, Herr? Mir däucht, wir sünd doch letztes Mal ganz freundschaftlich aus'nandergegangen. Haben Sie mir nich' die Hand geschüttelt? na, wie is' es? Haben Sie mir die Hand geschüttelt oder nich'? Ich will wissen, ob Sie mir die Hand geschüttelt haben oder nich', Herr? 'ne runde Antwort! Wir hatten ja so 'n lütten Tanz mit'nander, bei 'n Nachhausefahren. Das geb' ich ja zu. Aber wenn man sich danach die Hand schüttelt, dann heißt es doch: ›Na, nun sünd wir wieder gute Freunde‹. Ich weiß ja, daß Sie 'n vornehmen Herrn sünd, un' 'n Mann wie ich sollte woll nich so frech sein un' 'n besseren hauen. Na ja, aber sehen Sie, ›Voll-von-Bier‹, das 'n hitzigen Racker, un' der is' gleich hoch, un' nachher, ja, denn tut's einen leid.« Ein glorreicher Gedanke stieg in Algernon auf. Er zog fünf Schilling aus der Tasche, reichte sie Sedgett hin, hieß ihn nach seiner Wohnung fahren und dort auf ihn warten. Sedgett nahm das Geld, aber es waren verlorene fünf Schilling. Er tat nicht im geringsten, als habe er irgendwelchen Auftrag erhalten, und es war ausgeschlossen, ihn gebieterisch anzureden, ohne sich Bemerkungen lebhafter Art von Seiten der eleganten Menschengruppen auszusetzen, die umherstanden, oder -saßen. Der junge Harry Latters fing einen Blick Algernons auf, niemals wurde ein Jüngling wohl freudevoller begrüßt. Harry sprach von dem Rennen am Freitag und von dem Abfall des Rennpferdes Tenpenny-Nail. Ein Herr ging mit einem Kopfnicken und einem »Wie geht's?« vorüber und empfing seinerseits ein kühles Anstarren als Erwiderung. »Wer ist das?« fragte Algernon. »Der Sohn eines hohen Würdenträgers.« »Und Sie schneiden ihn?« »Sie sehen, ich kann es tun, wenn es zur öffentlichen Pflicht wird.« »Was ist denn los mit ihm?« »Er ist einfach ein Gauner, ein Grieche , ein Betrüger, ein Schwindler oder was Sie sonst wollen,« sagte Harry. »Keiner von uns grüßt einen berufsmäßigen Spieler, und ich habe keine Lust, mit einem Amateur von der Sorte einen Gruß, zu wechseln. Ich bin 'n bißchen eigen in dergleichen. Er befand es für gut, an dem gegebenen Tag vorig Jahr abwesend zu sein; schön, von dem Tage an gilt er mir in toto für abwesend. ›Nichts von euren Rrrrr–n, Rechnereien, laß uns doch die ganze Sache in toto rrrr–n!‹ Sie kennen doch Sucklings famose Geschichte von dem Yankee-Kerl? Übrigens, auf übermorgen, ja? Dann essen Sie mit mir und Suckling im Klub.« Andere Freunde riefen Latters an. Algernon mußte ihn notgedrungen gehen lassen. Er kroch unter dem eisernen Geländer durch und kreuzte laufend die Hauptstraße; ein völlig ungehöriges Unterfangen, aber er konnte es nicht helfen. Seine Hoffnung war, daß Sedgett nicht die gleiche Kühnheit besitzen würde, oder daß man ihn, wenn er sie hätte, daran hindern würde, und Algernons Lohn für eine so logische Berechnung war, daß er sich, als er sich umsah, wirklich befreit fand. Eiligst schlüpfte er aus dem Park heraus. Sedgetts Gegenwart wirkte auf die tausend Pfund mit einer so tödlichen Gewalt wie ein Torpedo. Eine Viertelstunde lang hatte Algernon nicht das geringste von ihnen verspürt. Der Gedanke an eine Droschke, um seines Erstaunens ganz gewiß zu sein, tauchte ihm auf, und er würde eine angerufen haben, hätte ihm nicht seine neuerdings erregte Sparsamkeit, die wie ein Spuk in ihm waltete; daran gemahnt, daß er soeben fünf Schilling in die Gosse geworfen habe. Für vier und einen halben Schilling konnte ein Mensch mit bescheidenen Ansprüchen zu Mittag essen und sich sogar noch eine bescheidene halbe Flasche Wein dazu leisten, und die Summe besaß er. Um sich selbst ein bißchen zu quälen und sich bei der Vorsehung etwas einzuschmeicheln, beschloß er, an diesem Tage nicht Wein, sondern Bier zu trinken. Er sagte den Namen des Getränkes vor sich hin: ein halbes Maß Ale, und lachte, wie es einem königlichen Ökonomie-Kommissar wohl ansteht, der sich selbst ein wenig kurz hält, nur weil's ihm selbst Spaß macht. »Kollossal fidel, was, Herr?« sagte Sedgett unmittelbar neben ihm. Algernon drehte sich um und stieß einen grimmigen Fluch aus, so lang er war, so jäh war sein Entsetzen und so stark sein Widerwille. »Das Spiel will ich Ihnen versalzen,« sagte Sedgett. »Infamer Schurke!« »Nehmen Sie sich mit dem Schimpfen in acht!« »Was wollen Sie von mir?« »Das will ich Ihnen sagen, Herr. Ich wünsche weder zu einem Hahnenkampf, noch zu einem Wettlokal zu gehen.« »Hier, kommen Sie diese Straße herauf,« sagte Algernon, indem er ihm von der Hauptstraße der eleganten Welt in eine düstere Nebengasse voranschritt. »Also jetzt, was wollen Sie von mir? Hol' Sie der Teufel!« »Na, Herr, mich wird der Teufel sobald noch nicht holen, darauf will ich doch gleich –, na, da fang' ich auch schon mit 'n Fluchen an. Kurz und gut – ich muß etwas Geld haben, ehe die Woche um ist.« »Von mir kriegen Sie keinen Heller!« »Das is' deutlich, wenn ich's auch nich' in der Tasche hab',« sagte Sedgett grinsend. »Ich sag' Ihnen, Herr, mit allem Respekt, den Sie haben wollen, ich muß Geld haben. Ich muß die Passage auf 'n Schiff bezahlen, für mich und meine Frau, und schnell muß es sein. Da sind auf beiden Seiten Sachen zu kaufen, 'n kleinen Vorschuß, un' denn will ich Sie auch nich' weiter belästigen. Sagen wir fufzig. Fufzig, un' denn sollen Sie mich bis Sonnabend nich' wiedersehen. Denn woll'n Sie mir ja, wie abgemacht, das Geld an der Kirchentür einhändigen, un' dann woll'n wir uns adjüs sagen auf Nimmerwiedersehen. Immer fidel! – ich will mal 'n büschen singen!« Algernons Widerwille gegenüber der Gemeinheit und Roheit dieser Spitzbubenart vertiefte sich fast zu einem Gefühl des Hasses, während er Sedgett zuhörte. »Ich werde nichts Derartiges tun,« sagte er, »keinen Heller werden Sie kriegen. Machen Sie, daß Sie wegkommen! Wenn Sie mir folgen, werde ich Sie einem Polizisten in Verwahrsam geben.« »Wenn Sie das man wagen!« sagte Sedgett mit einem schlauen Zwinkern. Er konnte, dank der Seelenverwandtschaft in seiner eigenen Feigheit, eine physische Schwäche ebenso rasch herausfinden, wie Algernon durch die gleiche Art von Bruderschaft eine moralische. »Sie wagen es nicht,« fuhr Sedgett fort. »Und warum sollten Sie es auch, Herr, es liegt ja nicht der geringste Grund dafür vor. Ich bin 'n höflicher Mann. Ich verlang' nichts anderes, als was mir gehört, nichts anderes, als was im Grund' schon mein ist. Ich nenn' den Handel gut. Warum sollt' ich 'n nich' halten? Ich hab' das Geld bös' nötig. Das Land hier hängt mir zum Hals heraus. Ich möcht' mit 'n ersten besten Schiff los, was abgeht. Können Sie mir nich' wenigstens zehn geben bis morgen? Un' denn die anderen vierzig? Ich hab' sie, wahrhaftigen Gott, nötig. Kommen Sie, daß Sie so rennen, hat gar keinen Zweck, meine Beine sünd gerad' so gut a's Ihre.« Algernon hatte sich zu der großen Hauptstraße zurückgewandt. Er fürchtete, zehn Pfund müßten diesem quälenden Dämon des Fleisches wohl geopfert werden, und er suchte den Anblick seiner wohlgekleideten Gefährten, um seinen Widerstand daran zu stärken. Es wollte ihm kein Vorwand mehr einfallen, Drohungen waren augenscheinlich nutzlos. Dennoch verursachte ihm der Gedanke, eine der Banknoten zu wechseln, und zwar für ein so unwürdiges Geschöpf, Gewissensqualen, die ihm noch eine Weile halfen, seinen unentwegt neben ihm hertrottenden Schritt und seine unflätige. Zunge zu ertragen. Dies ging so lange, bis die Hand einer Frau, die aus einer Droschke heraus winkte, ihn stutzen ließ. So wenig einwandsfrei ein derartiges Zeichen war, so nahm er doch bestimmt an, es gelte ihm, und überlegte gerade, ob er seinen Hut lüften oder nur mit einem Lächeln für die erwiesene Gunstbezeichnung quittieren sollte, wie ein Mann, der sich immerhin bevorzugt, aber nicht allzu geschmeichelt fühlt, als die Droschke anhielt und die Frau: »Sedgett!« sagte. Es war eine gut aussehende Frau, von kräftiger Gesichtsfarbe, mit braunen Augen und derbem Auftreten. »Was für 'n Beest du bist, Sedgett, nich' zu Hause zu sein, wenn du mich mit allen Kisten und 'n Bettzeug un' alles nach London kommen läßt! Guter Gott, das is' wahrhaftig 'n Glückstreffer, daß ich dich noch gerad' erwische, sonst wär' ich gleich nach 'n Dock 'runtergefahren un' hätte mich nach 'n Schiff umgekuckt. Du bist wirklich 'n Beest. Nu' komm mal gleich 'rein.« »Wenn du hier mit Schimpfwörtern um dich schmeißt, hab' ich auch gleich ein oder zwei für dich auf Lager,« knurrte Sedgett. Algernon hatte genug gehört. Überzeugt, daß er Sedgett nun Händen überlassen hätte, die ihn sobald nicht wieder freigeben würden, eilte er mit elastischem Schritt vorwärts. Nach diesen Qualen hatte er ein starkes Verlangen nach Wein. Wo würde man ihm Kredit gewähren? Es war ja wahr, er sah jetzt mit lächelnder Verachtung auf das blumige Land des Kredits herab, aber trotzdem hätte ihm der Eintritt in dasselbe durch irgendein Hintertürchen augenblicklich recht gut gepaßt, wäre ihm doch damit die Möglichkeit geboten, sich mit Hilfe eines wohltuenden Mittagessens zu sättigen und zu erfrischen, während er seine Tausend intakt in der Tasche behielt. Doch ließ er die Betrachtungen über irgendwelchen Kredit und seine vorübergehenden Reize alsbald fahren. »Ich will überhaupt nicht zu Mittag essen,« sagte er. Eine Bettlerin streckte ihm die Hand hin – er ließ einen Schilling hineinfallen. »Hol's der Kuckuck, wenn ich mir das leisten kann,« war seine nächste Erwägung, und er trat mit den übrigen dreieinhalb Schillingen in einen Tabaksladen und kaufte Zigarren, um sich vor der Extravaganz weiterer Wohltätigkeit zu bewahren. Nachdem er dem Tabakshändler mit ernster Miene Vorwürfe gemacht hatte, daß seine Zigarren immer teurer würden, trat er wieder ins Freie mit dem Gefühl einer außerordentlichen Leere. Die Ursache hiervon wurde ihm alsbald klar und machte ihm Spaß. Da er von jeher an den Geruch von Tabak gewöhnt war, wenn er vom Mittagessen kam, schien es ihm, als die Düfte des Ladens ihm in die Nase stiegen, als richte ein inquisitatorischer Geist Fragen an sein Inneres, und als äußere er alsbald seine Mißbilligung über die Hohlheit, der er daselbst begegnete. »Was hilft's? Ich kann nicht zu Mittag essen,« murmelte er, sich vor sich selber rechtfertigend. »Eine von den Banknoten wechseln will ich nicht, und zu Mittag essen will ich auch nicht, 'n Klub hab' ich nicht. Und es ist kein anständiger Kerl zu sehen, der mich vielleicht zu Tisch bitten könnte. Ich will nur langsam nach Hause schlendern. Da ist noch etwas Sherry.« Aber Algernon wußte nur allzu gut, daß er sich aus dem Sherry gar nichts mache. »Ich habe von jungen Leuten gehört, die sich zu Hause Würste kochten und von so was wie zwei Schilling den Tag lebten,« meinte er nachdenklich; und dann fiel es ihm plötzlich ein, daß Mrs. Lovells Paket mit zurückgesandten Schmucksachen zu Hause in einer seiner Schubladen liege, – das heißt, im Falle die Wäscherin es unberührt da hatte liegen lassen. In einer plötzlichen, tödlichen Aufregung rief er eine Droschke herbei und fuhr wie im Fieber nach dem Temple. Als er das Paket unbeschädigt dort liegen fand, steckte er ein paar Ringe und den Schmuck mit dem Opal in die Westentasche. Natürlich mußte der Droschkenkutscher bezahlt werden, so mußte eins der Kleinodien verpfändet werden. Welches sollte es sein? Der Diamant oder der Opal? Ein Dutzend Mal die Sachen vertauschen und dann das Schmuckstück in der rechten Hand! Der Opal! Schön, also soll es der Opal sein. Wieviel mochte der Opal ihm eintragen? Darüber kann der Pfandleiher jedenfalls die beste Auskunft geben. So fuhr er zu einem Pfandleiher, zu einem, den er kannte. Der Pfandleiher bot ihm fünfundzwanzig Pfund für den Opal. »Was in aller Welt können Leute Ehrenrühriges darin finden, in ein Pfandbüreau zu gehen?« fragte sich Algernon, während er seinen Schein und die fünfundzwanzig Pfund in Empfang nahm und gleichzeitig den erstaunten Blick eines Mannes, der jenseits einer Querwand verhandelte, zurückwies. »Es gibt wenige seinesgleichen im Königreich,« sagte er zu dem Pfandleiher, welcher leicht mit dem unseligen Opal spielte. »Ja, wer weiß? Vielleicht! Mag schon sein,« räumte der Pfandleiher bereitwillig ein, nun das Übereinkommen getroffen war. »Ich werde Ihnen denselben nicht lange überlassen können.« »Sie können ihn zurückholen, sobald Sie Lust haben, Herr.« Algernon bemerkte, als er sich wegwandte, daß der Mann jenseits der Querwand, der mehr das Aussehen eines gewandten jungen Verkäufers als das eines irgendwelcher Anleihe oder Garantie Bedürftigen machte, sich vorbeugte, um den Opal zu betrachten, und er hörte zweifellos seinen Namen aussprechen. Das machte ihn wütend, aber die Klugheit riet zu einem ruhigen Verhalten an diesem Orte und verbot irgendwelchen Streit mit dem Pfandleiher. Zudem schrie seine ganze Natur nach einem Mittagessen. So dinierte er denn und trank seinen Wein, so gut wie ihn, nur irgend jemand für Geld bekommen konnte (behauptete er kühn), denn er kannte die Restaurants, deren Keller einen altehrwürdigen Ruf besaßen. »Ich würde einen erstklassigen Reisemarschall für einen Millionär abgegeben haben,« sagte er mit verächtlicher Aufrichtigkeit, ohne indessen auf die Lage der Dinge zu schelten, die ihn als Gentleman hatten zur Welt kommen lassen. Da er eine geraume Weile, ohne auch nur ein Bein zu bewegen, über seinen Wein gesessen hatte, gab er sich dem guten Glauben hin, er habe tief nachgedacht, aus welchen Tiefen er plötzlich mit sehr ähnlichen Empfindungen wie einer, der ein wenig geschlummert hat, emporfuhr und ein plötzliches Mißbehagen in Kopf und Gliedern verspürte. »Ich muß mich selbst zu vergessen suchen,« sagte er. Kein ernster Mentor war in der Nähe, der ihn hätte überzeugen können, dieser tragische Zustand sei die Folge schlechter Verdauung seines Mittagessens und seines Weines. »Ich muß mich selbst zu vergessen suchen. Ich bin das Opfer eines Verhängnisses. Ich sehe es jetzt. Niemand macht sich etwas aus mir. Ich weiß nicht, was Glück ist. Ich bin unter einem unglücklichen Stern geboren. Mein Schicksal ist unausbleiblich vorher bestimmt.« Und seiner jugendlichen Weisheit folgend, schleppte dies wunde Wild seine trägen Glieder nach den Hallen hin, wo es Kognak und Gesang gab. Man lernt Mitleid mit Narren empfinden, wenn man sie eingehender studiert, und obschon die Natur voller Weisheit ist, bleibt der Narr dennoch der Natur nahe verwandt. In seiner Einfalt steht er nackt da, er kann uns manches sagen und noch mehr ahnen lassen. Meine Entschuldigung dafür, daß ich mich so lange bei ihm aufhalte, ist, daß er das Bindeglied ist, welches meine Erzählung zusammenhält. Wo Narren zahlreich sind, muß ihrer einer hie und da in einer glaubwürdigen Geschichte die Hauptrolle übernehmen dürfen. Es kommt eine Stunde, wo es den Schleier über ihn zu werfen gilt, da er einem leichteren Winke zu gehorchen nicht immer die genügende Reinheit besitzt. Algernon kam andern Tags spät und nicht in heiterer Stimmung auf die Bank, obschon er seine gewohnte Zurechtweisung mit Ergebung hinnahm. Der Tag verlief nach dem Muster des vorhergehenden, abgesehen davon, daß er nicht den Park besuchte; mit dem Abend war es das gleiche. Am Mittwoch Morgen erhob er sich mit der Überzeugung, daß England nicht der rechte Platz für ihn zum Leben sei. Wie wäre es, wenn ihn Rhoda in die Kolonien begleiten würde? Der Gedanke hatte allmählich in seinem Hirn Gestalt angenommen von dem Augenblick an, wo er in Besitz der tausend Pfund gelangt war. Konnte sie nicht vorzüglich Butter und Käse bereiten, während er zu Pferde über die unermeßlichen Ebenen dahinritt? Sie war ein starkes Mädchen, ein rechtschaffenes Mädchen, und sie würde eine dankbare Gattin sein. »Ich will sie heiraten,« sagte er und machte eine kleine Pause. »Ja, ich will sie heiraten.« Aber es müßte sofort geschehen. Er beschloß, augenblicklich nach Wrexby zu reisen, sie durch eine Liebeserklärung zu beglücken, durch einen Heiratsantrag in Erstaunen zu setzen, ihr kleines Herz mit überhastenden Eigenschaftswörtern zu verwirren, sie im Sturm nach London zu wirbeln und in wenig mehr als einer Woche, mit ihr als ein neuer Mensch, auf hoher See dahinzusegeln, jenseits aller Zivilisation, abgesehen von ein paar letzten sehr prima Zigarren, welche er sich vornahm, auf dem Achterdeck des Schiffes zu rauchen, um dabei von der Welt zu träumen, die er hinter sich zurückließe. Er ging in weit besserer Stimmung auf die Bank, schrieb dort an Rhoda, die er geradeheraus um eine Unterredung bat, deren Zweck er durchblicken ließ. Während er hiermit beschäftigt war, fielen ihm Harry Latters und Suckling ein und die Torheit, in seiner jetzigen Lage mit anderen zu dinieren. Es konnte heute oder gestern der Abrechnungstag sein, aber ein Kolonist braucht von derartigen Vereinbarungen nichts zu wissen. Einer seiner Kollegen erinnerte ihn an eine Anleihe, die heute ablief, und zeigte ihm seine Namensunterschrift unter einem Schuldschein. Er bezahlte die Summe, indem er ostentativ einen seiner Fünfziger aus der Tasche zog. Sofort kam ein anderer mit einem ähnlichen Streifen Papier. »Sie können doch kaum verlangen, daß ich dies wechsele, nicht wahr?« sagte Algernon, und alsbald wurde ihm eine Geschichte von häuslicher Not und einer habgierigen Hauswirtin aufgetischt. Er stöhnte innerlich: »Wirklich komisch, daß ich dafür zahlen muß, daß seine Wirtin 'ne böse Sieben ist!« Die Banknote wurde gewechselt, die Schuld liquidiert. Auf der Türschwelle, gerade als er zum Frühstück gehen wollte, verlegte ihm der alte Anton den Weg und wurde fast lärmend eindringlich in seinem Verlangen, daß er ihm das eine Pfund drei Schilling und die fünf Pfund zehn Schilling zurückzahlen sollte. Algernon bezahlte beide Summen, und es kam ihm fast vor, als sei der Verdacht, daß er die Absicht habe, ein Ansiedler zu werden, bereits durchgesickert. Er benutzte die Frühstückspause zu dem Besuche eines überseeischen Schiffs-Kontors und prallte in der Tür fast mit Sedgett zusammen. Die Frau, die ihn aus der Droschke angerufen hatte, war in Sedgetts Gesellschaft, aber Sedgett sah niemand. Er ließ den Kopf hängen, und seine Brauen waren mißmutig zusammengezogen. Algernon entging seiner Aufmerksamkeit. Seine erste Anfrage in dem Kontor betraf die Geschäfte des Paars, das ihm soeben begegnet sei, und er war beruhigt, als er erfuhr, daß Sedgett für sich und seine Frau Zwischendecksplätze belegt habe. »Ich möchte wohl wissen, wer dies Frauenzimmer sein mag,« dachte Algernon, um sie sofort wieder zu vergessen. Er erhielt einige detaillierte Auskunft und wurde, als er auf die Bank zurückkehrte, zu seinem Onkel gerufen, welcher seine Verdienste in einem verächtlichen Vorwurf kurz und bündig zusammenfaßte und ihn in seinem Entschluß bestärkte, sich dieser Art Behandlung nicht länger auszusetzen. Infolgedessen versprach er Sir William, sich zu bessern, und dies waren die ersten hoffnungsvollen Worte, die Sir William je von ihm gehört hatte. Algernons Plan ging dahin, sich an diesem Abend in den allgemein üblichen Gesellschaftsanzug zu werfen, so daß er Harry Latters, im Falle er ihm begegnen sollte, versichern könne, er komme noch in den Klub, sei aber gezwungen, anderswo, bei seinem Onkel oder irgendwo sonst, zu Mittag zu essen. Als er die Tür seiner Wohnung erreichte, stand ein Mann davor, welcher sagte: »Mr. Algernon Blancove?« »Ja,« Algernon zog die Bejahung in die Länge, um womöglich das dadurch angeregte Vertrauen wieder etwas zu dämpfen. »Darf ich Sie um eine Unterredung bitten, Herr?« Algernon hieß ihn, ihm zu folgen. Der Mann war hochgewachsen, von starken Gesichtszügen mit einem schwer zu enträtselnden Ausdruck im Gesicht. »Ich komme vom Mr. Samuels, Herr,« sagte er in ehrerbietigem Tone. Mr. Samuels war Algernons Haupt-Juwelenlieferant. »O,« bemerkte Algernon. »Schön, augenblicklich brauche ich nichts, und lassen Sie mich Ihnen gleich sagen, dies seiner Kundschaft Nachlaufen liebe ich nicht. Ich dachte, Mr. Samuels stände über dergleichen Sachen.« Der Mann verbeugte sich. »Mein Auftrag geht nicht dahin, Herr. Hm. Ich darf wohl annehmen, daß Sie sich noch eines Opals entsinnen, den Sie von unserer Firma empfingen? Er war in einen Halsschmuck gefaßt.« »Ganz recht, ich erinnere mich desselben sehr gut,« sagte Algernon kühl, aber ohne das Wechseln seiner Farbe verhindern zu können. »Er kostete fünfundfünfzig Pfund, Herr.« »Ja? So, das habe ich vergessen.« »Wir haben entdeckt, daß er für fünfundzwanzig versetzt ist.« »Etwas weniger als die Hälfte,« sagte Algernon. »Pfandleiher sind einfach Betrüger.« »Sie sind vielleicht nicht schlechter als andre Leute,« bemerkte der Mann. Algernon war gerade in der Stimmung, wo ein rechtschaffener Zornausbruch die beste Waffe, wenn nicht die einzige Hilfsquelle scheint. Er errötete, aber er war nicht sicher, ob der Augenblick, loszubrechen, bereits gekommen sei. Der Mann deutete sein Erröten richtig. »Darf ich fragen, ob Sie ihn versetzt haben, Herr? Ich bin gezwungen, diese Frage an Sie zu richten.« »Ich? Wahrhaftig, ich – es paßt mir nicht, unverschämte Fragen zu beantworten. Was hat Ihr Hierherkommen zu bedeuten?« »Es scheint mir ebenso richtig, Herr, ganz offen zu sprechen, um Mißverständnissen vorzubeugen. Einer unsrer jungen Leute war zugegen, als Sie ihn versetzten. Er hat es mit angesehen.« »Und wenn er das getan hat?« »So vermag er als Zeuge zu dienen.« »Gegen mich? Ich habe seit drei, vier Jahren bei Samuels gekauft.« »Ja, Herr, aber Sie haben bisher noch niemals eine Rechnung beglichen. Und ich glaube, ich irre mich kaum, wenn ich sage, daß dieser Opal nicht das erste Stück aus unserm Hause ist, das versetzt wird, wenn schon ich nicht behaupte, daß Sie es bereits bei früheren Gelegenheiten getan haben.« »Das möchte ich Ihnen doch auch raten,« fiel ihm Algernon ins Wort. Er unterbrach ein peinliches Schweigen mit der Frage: »Was sonst noch?« »Mein Chef hat Ihnen seine Rechnung geschickt.« Algernon warf einen Blick auf die ungeheuerlichen Zahlen. »Fünf Hun–!« keuchte er und wich einen Schritt zurück, dann fügte er hinzu: »Schön, auf der Stelle bezahlen kann ich es nicht.« »Erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß Sie sich eines Vergehens schuldig machen, Herr, wie Sie es, um Ihrer Angehörigen willen, besser vermeiden würden.« »Sie wagen doch nicht am Ende, mir damit zu drohen, mich meinen Verwandten anzugeben?« sagte Algernon hochmütig und bemerkte sofort, daß Entrüstung bei dieser Gelegenheit ein guter Coup sei, denn während der Mann den Gedanken zurückwies, als könne er etwas Derartiges beabsichtigen, zeigte er zugleich, wie fest sein Glaube an die eventuelle Kraft einer solchen Drohung sei. »Das durchaus nicht, Herr, aber Sie wissen, daß ein Verpfänden nicht bezahlter Gegenstände gesetzlich unzulässig ist und für strafbar gilt. Kein Geschäftsmann mag dergleichen, sie können es einfach nicht zulassen. Ich kann Sie ebensogut gleich wissen lassen, daß Mr. Samuels –« »Genug!« unterbrach ihn Algernon mit einem, wie er meinte, recht herzlichen Lachen. »Mr. Samuels ist ein sehr anständiger Jude, aber er scheint sich doch nicht darauf zu verstehen, mit Gentlemen zu verkehren. Irgendwelche Verlegenheit taucht auf,« er machte eine vague Handbewegung, »man hat Geld nötig und verschafft es sich, wie man eben kann. Mr. Samuels soll nicht mit dem Gedanken schlafen gehen, als sei er um das Seine betrogen. Ich werde Herrn Samuels einen besseren Begriff über die Vornehmen beizubringen suchen. Schreiben Sie mir eine Quittung.« »Für welchen Betrag?« fragte der Mann rasch. »Für den Wert des Opals, das heißt für den Wert – zu welchem Mr. Samuels, ihn angesetzt hat. Verfl– Teufel – na, 's ist egal. Schreiben Sie die Quittung aus.« Er warf einen zerknitterten Fünfziger und einen zerknitterten Fünfer auf den Tisch und schob dem Mann Papier zu, um die Quittung auszustellen. Der Mann dachte einen Augenblick nach, dann verweigerte er die Annahme. »Ich glaube nicht, Herr,« sagte er, »daß sich Mr. Samuels mit weniger als zwei Dritteln der Rechnung zufrieden geben wird. Sie sehen, dieser Opal war in einem Halsschmuck. Er war nicht in einen Ring gefaßt, den man einfach vom Finger streift. Es handelt sich um ein Damenschmuckstück, und Sie machen, bald nachdem Sie es von uns erhalten haben, davon in der Weise Gebrauch, daß Sie es zu Gelde machen. Es ist ein Fall für die Kriminalpolizei, – um Ihrer Verwandten willen würde Herr Samuels sich allerdings nur ungern entschließen, dieselbe in Bewegung zu setzen. Die Anklagebank ist kein Platz für Sie, Herr, aber Mr. Samuels muß das Seine behaupten. Er nimmt die Sache nicht leicht. Ich würde mich ungern dazu entschließen, einen Polizisten herbeizurufen.« »Hoho!« rief Algernon, »dazu würde es immerhin einer Vollmacht bedürfen.« »Die besitze ich, Herr!« Obschon Algernon für kleine Spitzbübereien eine gewisse Neigung besaß, hatte er doch niemals die Rechte studiert, und so schloß er aus seinem eignen Angstgefühl und dem steinernen Gesicht des Mannes, daß Haftbefehle ebenso leicht zu erlangen wären, wie Parlamentseinberufungen. Seine Muskeln strafften sich. Seinerzeit hatte er leichthin von einem möglichen Ruin gesprochen, aber dies war ureigene Erfahrung. Er und der Mann maßen einander mit den Blicken. Algernons Mut sank. »Meinen Sie?« murmelte er. »Nun ja, Herr, halbe Maßregeln haben keinen Zweck. Wenn ein Geschäftsmann sagt, er muß sein Geld haben, dann scheut er auch die dazu erforderlichen Schritte nicht.« »Sind Sie in Mr. Samuels Geschäft?« »Das nicht gerade, Herr.« »Sind Sie ein Detektiv?« »Ich habe als solcher gedient.« »Ah! jetzt verstehe ich.« Algernon erhob mit einem Anflug von Hochmut den Kopf. »Wenn Mr. Samuels Sie begleitet hätte, würde ich meine Schuld beglichen haben. Es ist durchaus gerechtfertigt, daß ich darauf bestehe, eine Quittung von ihm persönlich zu empfangen und zwar eine solche, die auf die ganze Summe lautet.« Hiermit zog er seine Brieftasche und zeigte die in Frage kommenden Fünfhundert. Sein Triumphgefühl war von kurzer Dauer. Der steinerne Mann hatte ihm ebenfalls etwas zu zeigen. »Ich versichere Sie, Herr,« sagte er, »daß Herr Samuels sehr wohl weiß, auf welche Weise man mit Gentlemen verkehrt. Wenn Sie mir die Ehre erzeigen wollten, Herr, mit mir in Mr. Samuels Geschäft zu kommen? – Oder nicht? Wie Sie wollen, Herr, um Ihnen diese Unbequemlichkeit zu ersparen, – hier ist die von ihm unterzeichnete Quittung zu der Rechnung.« Algernon zerknitterte mechanisch die Banknote in seinen Händen. »Samuels?« stieß der unglückliche Junge hervor. »Wahrhaftig, meine Mutter hat bei Samuels gekauft. Meine Tante hat bei Samuels gekauft. Meine ganze Familie kauft seit Jahren bei ihm, und er redet davon, derartig gegen mich einzuschreiten, weil – meiner Treu, das ist wirklich ein bißchen stark! Und mir einen Polizisten zu schicken! Ich will Ihnen etwas sagen, – wenn ich diese Geschichte laut werden ließ, könnte sie Herrn Samuels beträchtlich in Mißkredit bringen. Natürlich würde mein Vater die Sache zu ordnen haben, aber Herrrrr – Herrrrr Samuels möchte sich doch sobald nicht davon erholen. Er würde froh sein, die Fünfhundert – wie war es? und fünfundzwanzig – warum nicht und sechs Groschen drei Heller? – wieder zurückzahlen zu dürfen! Ich sag' Ihnen, ich werde meinen Vater die Sache bezahlen lassen. Mr. Samuels wird mir am besten mit einer simplen Vorladung aufwarten. Ich sag' Ihnen, ich habe nicht die Absicht, mich gänzlich blank zu machen. Ich habe die Rechnung noch nicht genau angesehen. Lassen Sie mir dieselbe hier. Sie können den Quittungszettel abreißen. Lassen Sie sie hier.« Der Mann machte sich das Vergnügen, einen wiederholten leichten Protest einzulegen. »Mein Herr, das geht nicht.« »Die halbe Rechnung,« brüllte Algernon, »ich würde mir nichts draus machen, die halbe Rechnung zu bezahlen.« »Herr Samuels verlangt rund zwei Drittel; dann will er stehen bleiben und ruhig so weiter gehen, wie bisher.« »So, also dann will er stehen bleiben und ruhig weiter gehen? Mr. Samuels hat 'ne ganz merkwürdige Ähnlichkeit mit seinen eigenen Uhren,« spöttelte Algernon in gezwungenem Ton. »Na,« fuhr er in der Zuversicht, hiermit ganz sicher zu gehen, fort, »zwei Drittel will ich bezahlen.« »Dreihundert Pfund, Herr.« »Jawohl, dreihundert. Sagen Sie ihm, er möchte mir eine Quittung für die dreihundert schicken, dann werde ich. sie ihm auszahlen. Was die Frage betrifft, ob ich jemals wieder seinen Laden betrete, so werde ich mir das noch sehr überlegen.« »Darauf muß es ein Herr in Mr. Samuels Lage ankommen lassen, Herr,« sagte der Mann. Algernon sah weniger mit einer Regung der Furcht, als des Staunens, wie er an seiner Brusttasche herumtastete. Dies Tun hatte das Ergebnis, eine zweite Rechnung zutage zu fördern, mit einer vollgültigen Quittung über dreihundert Pfund. »Mr. Samuels möchte Ihnen auf jede Weise entgegenkommen, Herr. Er verlangt gar nicht die volle Summe, nur einen Teil. Er dachte sich gleich, vielleicht sei es Ihnen angenehmer, nur einen Teil zu bezahlen.« Nach dieser Offenbarung von Voraussicht seitens des Juweliers, gab Algernon jeden weiteren Widerstand auf, nur, daß er ein »Uff!« gründlichen Dégouts herausstieß. Er prüfte Rechnung und Quittung in des Mannes Händen scheinbar mit genauster Gründlichkeit, während er in Wirklichkeit keine einzige Silbe klar zu sehen vermochte. »Nehmen Sie das, und wechseln Sie es,« er warf die Fünfhundert auf den Tisch, doch entriß er sie alsbald wieder dem Griff des Feindes, und mit einem: »Eins, zwei, drei,« schmiß er seine Hunderter auf den Tisch, für welche ihm die verwünschte Quittung alsbald eingehändigt wurde. »Wie,« fragte er mit halberstickter Stimme, »wie konnte Mr. Samuels wissen, daß ich – daß ich Geld hätte?« »Ja, Herr, sehen Sie,« der Mann lächelt ganz kordial, nachdem er die drei Hundertpfundscheine in seinen Rock geknöpft, wie einer, der eine lästige Maske abwirft, »›Kredit‹ müßte wohl bald den Geist aufgeben, wenn er nicht so seinen ganz speziellen Geist hätte, – das ist so 'n ›Kniff‹, wenn ich so sagen darf. Es ist von Mr. Samuels Seite nur so ein Riecher. Er hört, daß seine Sachen ins Pfandhaus getragen werden. ›Halloh‹, denkt er. Und Geschäftsleute sind eben auch Menschen, Herr. Unter uns gesagt, ich selbst stehe meistens auf Seite der Herren Kunden. Aber ich bin ja, so zu sagen, doch bei Mr. Samuels in Amt und Brot. Da 's ein junger Herr in Schulden, bring' ihm mal 'n orndtlichen Schreck bei, und sein Geld, wenn er was hat, wird schon herausspringen. So eine quittierte Rechnung schicken, das ist immer ein ganz guter Fühler. Anzunehmen, daß jemand zahlen kann, ist doch immer 'ne Art Kompliment. Mr. Samuels würde ja nicht so weit gehen, mit einem Haftbefehl vorzugehen, das würde er doch nur im allerhöchsten Notfall tun. Sie fingen von einem Haftbefehl an, dadurch kam ich erst darauf. »Mir wär's nicht im Traum eingefallen, daß ein Gentleman die Sache anders auffassen könne. Haben Sie nicht mein steinernes Gesicht bemerkt? Das hätt' ich mit einem geriebenen Schuldenmacher, verzeihen Sie, ich meine mit einem richtigen – mit 'nem Schuft, nie riskiert. Die regelrechten, die müssen unser Mienenspiel sehen, mit denen dürfen wir nicht allzu schlau sein, sonst schöpfen sie Verdacht, die sind so scharf wie 'n Fuchs. Das können Sie mir glauben! Guten Abend, Herr!« Algernon hörte die Tür schließen. Er sank in einen Stuhl und, den Kopf in beide Arme auf dem Tisch vergrabend, schluchzte er verzweiflungsvoll, sah er sein eigen Spiegelbild doch allzu deutlich in einer der vielen Facetten der Torheit blinken. Das Tageslicht wurde ihm unleidlich, er ging zu Bett. Ein Mann, der in solchem Paroxismus der Verzweiflung mit vollem Vorbedacht zu seinem Kopfkissen seine Zuflucht nehmen kann, gehorcht einem animalischen Instinkt, um das Vergessen zu finden, dessen seine Nerven bedürfen. Algernon wachte in tiefem Dunkel auf, mit einem köstlichen Gefühl von Hunger. Er sprang auf. Sechshundertfünfzig Pfund des Geldes waren noch intakt, und er war froh gestimmt. Er machte Licht, um nach seiner Uhr zu sehen, die Uhr war stehen geblieben, – ein schlechtes Zeichen! Er konnte es nicht vergessen. Warum war seine Uhr stehen geblieben? Ein frostiges Schauergefühl, ob nicht vielleicht Vorherbestimmung die Welt regiere, hemmte alle anderen Erregungen, welche ihn bestürmten. Er kleidete sich sorgfältig an, und bald hörte er eine große Stadtuhr, mit entsetzlichen Zwischenräumen zwischen allen Schlägen, die elfte Stunde der nahenden Mitternacht verkündigen. »Nicht spät,« sagte er. »Wer hätte das gedacht!« rief eine Stimme auf dem Treppenabsatz, als er seine Wohnung verlassen wollte. Es war Sedgett. Algernon fühlte eine Regung, den Elenden zu erdrosseln, eine zweite, ihn zu besänftigen. »Na, Herr, ich hab' hier just darauf gewartet, daß Sie von Ihren tollen Streichen nach Haus kommen sollten. Hab' nicht geahnt, daß Sie zu Hause wären!« »Nützt Ihnen gar nichts,« begann Algernon. »Nützt mir doch was, Herr,« sagte Sedgett und erzwang sich den Eintritt ins Zimmer. »Jetzt geben Sie acht. Ich hab' da 'n junges Frauenzimmer, das muß ich aus 'n Land 'raus haben. Un' das muß ich tun, solang ich – na, solang ich noch 'n Junggesell' bin. Sie muß 'raus oder sonst kriegen wir Krakeel. Sie haben ja gesehen, wie sie mich aus 'ner Droschke heraus abfing. Sie ist ganz sicher immer da, wo man sie nich' braucht. Sie geht nach Amerika. Ich muß ihr 'n Billet lösen und mir auch. Un' – um die Wahrheit zu sagen – so ist das so: sie meint, ich will mit ihr weg. Sie weiß, daß ich zu Haus bankrott bin. Un' das bin ich auch. Um so mehr meint sie, muß ich mit ihr kommen. Ich bring' sie mit 'n Zug auf 'n Schiff im' an Bord, un' da geb' ich ihr 'n Laufpaß. »Morgen abend um diese Zeit geht das Schiff ab. Ich hab' die Überfahrt für sie bezahlt, un' für mich auch – wie sie meint. Das können Sie mir ruhig überlassen. Das will ich schon alles kriegen! Aber was ich sagen wollt' – nu' bin ich ganz auf 'n Hund. Ich muß un' will die fufzig haben, un' ich möcht' nich' erst viel drohen. Ich brauch' das Geld, und wenn Sie es mir nich' geben, dann brech' ich die Geschichte ab; und merken Sie sich das wohl, Mr. Blancove, – Sie kommen nicht so leichten Kaufs davon, wenn ich die Sache abbrech'. Ich weiß von all Ihren Verhältnissen ganz genau Bescheid, und, beim Himmel! ich werd' die Sachen schon herumbringen! Nee, Sie hören das so ruhig an, Herr, als wenn Sie meilenweit weg wären, in irgend'ner Holzhütte und kein Hund in der Nähe.« Das dachte auch Algernon, und ohne irgendwelches Licht zu gewahren, von der Gaslaterne draußen auf dem Platz abgesehen. Sie stritten eine Stunde lang miteinander. Als Algernon sich ein zweites Mal auf den Weg machte, war er um fünfzig Pfund ärmer. Er tröstete sich damit, daß dies Geld seine Bestimmung nur etwas früher erreicht habe, als festgesetzt, und es gereichte ihm zu einer gewissen Befriedigung, sich vorzustellen, daß er auf alle Fälle so viel von der Summe der Verpflichtung gemäß, unter welcher er deren Besitz angetreten hatte, verwandt habe. Und was sollte er nun weiter tun? Seine Schritte standen so augenscheinlich unter der Leitung des Fatums, daß er es ablehnte, sich irgendwie ihretwegen zu beunruhigen. Am nächsten Morgen kam das gewohnte kurze, ungeduldige Gekritzel auf dünnem, blauem Papier von Edward, das kaum einen flüchtigen Gedanken lohnte. In einem Postskriptum fragte er: »Kannst du wirklich schwören, daß keine Briefe für mich da sind? – Sollten welche da sein, schicke sie mir augenblicklich – jeden einzigen, auch Rechnungen. Versäume es nicht. Ich muß sie haben.« Algernon ließ sich endlich dazu bewegen, Dahlias Briefe zusammenzupacken, indem er sagte: »Vermutlich können sie jetzt kein Unheil mehr anrichten.« Die Ausgabe des Portos tat ihm leid, aber er bemerkte dazu: »Weiber kosten einem doch immer gleich ein Dutzend, wo unsereins mit einem Stück auskommt.« Auf seinem Wege zur Stadt mußte er darüber schlüssig werden, ob er auf die Bank gehen oder den nächsten Zug nach Wrexby benutzen wolle. Er wählte letzteres, bis er in dem Gefühl, daß er damit doch am Ende einem allzu ernsten Ziele zusteuere, zu sich selber sagte: »Nein, erst die Pflicht!« und diese Expedition auf den folgenden Tag verschob. Kapitel XXXII. La question d'argent Da Squire Blancove in der Stadt zu tun hatte, sprach er auf der Bank bei seinem Bruder vor und fragte, ob »Baron William« zu Hause sei, wobei er einen sarkastischen Nachdruck auf den Titel legte, der für ihn einen Beigeschmack nach Handel hatte. Baron William lud ihn ein, in seinem Hause zu dinieren und zu übernachten. »Du wirst Mrs. Lovell und einen Major Waring, einen Freund von ihr, treffen, der sie und ihren Mann in Indien gekannt hat,« sagte der Baron. »Teufel noch mal, natürlich will ich!« war des Squires Antwort, und mit einem maliziösen Lächeln nahm er die Einladung an. Wo der Squire zu Mittag aß, da trank er auch, allen Damen und allen Mäßigkeitsvereinen, denen man neuerdings mit so viel Unterwürfigkeit zu begegnen anfing, zum Trotz. Das war allgemein bekannt. So erlaubte man Major Waring, nachdem Rotwein und Portwein ein paarmal die Runde gemacht hatten, Mrs. Lovell zu folgen, und der Squire und sein Bruder blieben zu einem behaglichen Zwiegespräch sitzen, wobei zunächst das Thema der Gicht aufs Tapet kam. Baron William hatte vor kurzem einen leichten Anflug dieses Familienleidens empfunden und sprach in Ausdrücken davon, welche in dem Gutsherrn ein gewisses brüderliches Gefühl rege machten. Hierauf kamen sie auf das Gebiet der Politik, auf welchem ihre Ansichten auseinandergingen. Eine Wendung des Gesprächs zu einer Unterhaltung über ihre Söhne heilte diesen Bruch wieder. Der Squire wußte sehr wohl, daß sein Sohn ein Taugenichts sei. »Du wirst nie irgend etwas mit ihm erreichen,« sagte er. »Schwerlich,« gab Baron William zu. »Hab' ich dir das nicht gleich gesagt?« »Das hast du. Aber die Frage ist die, was gedenkst du mit ihm zu machen?« »Ich werde ihn wohl nach Jericho schicken und ihn wilde Esel zureiten lassen. Das ist das einzige, wozu er sich vielleicht eignen mag.« Das überlegene Wohlwollen, das Baron Williams Lächeln zum Ausdruck brachte, erregte des Gutsherrn Aufmerksamkeit. »Was für Absichten hast du mit Ned?« »Ich hoffe, ihn zu verheiraten, ehe das Jahr um ist,« war die Antwort. »Mit der Witwe?« »Der Witwe?« Baron William runzelte die Brauen. »Mrs. Lovell meine ich.« »Wie kommst du darauf?« »Nun, Ned hat ihr ja einen Antrag gemacht. Weißt du das nicht?« »Davon weiß ich nichts.« »Glaubst es auch nicht? Aber die Sache steht fest. Er wartet nur augenblicklich, drüben in Paris, ab, daß er mit heiler Haut aus einer Unannehmlichkeit herauskommt, – du entsinnst dich wohl dessen, was ich dir in Fairly sagte? – und dann wird Mrs. Lovell ihn nehmen, wenigstens denkt er das. Aber, weiß der Himmel, mir scheint dieser Major Waring, den du da eingeladen hast, versteht sich auf Weiberröcke und weiß seine Ernte unter Dach zu kriegen, solange der Feind abwesend ist.« »Ich glaube, du bist hinsichtlich beider völlig im Irrtum,« bemerkte Baron William. »Warum meinst du das?« »Ich habe Edwards Wort.« »Lügen ist ihm etwas so Natürliches, wie dem kleinen Kinde Saugen.« »Da muß ich doch bitten! Du sprichst von meinem Sohne.« »Gewiß. Und ich trinke deinen Portwein, und darum will ich nicht mehr sagen.« Der Squire leerte sein Glas, und Baron William trommelte auf dem Tische. »Na, mein Windhund hat bereits seinen Namen,« nahm der Gutsbesitzer das Gespräch wieder auf. »Ich bin nicht ehrgeizig, was ihn betrifft. Du bist es ja entschieden für deinen Sohn, und du mußt ihn ja kennen. Mag er nun verschwenden oder nicht. Die Frage ist nicht die, ob er sich in Schulden stürzt, sondern, ob er mit dem, was er ausgibt, Unheil anrichtet. Wenn Algernon ein leichter Vogel ist, so hat Ned ein bißchen von einer Schlange; verdammt gescheit, zweifellos. Ich nehme an, du würdest schwerlich damit einverstanden sein, wenn er des alten Flemings Tochter heiratete.« »Wer ist Fleming?« donnerte Baron William heraus. »Fleming ist des Mädchens Vater. Er tut mir recht leid. Er verkauft seinen Hof – ein Grundstück, auf das ich seit Jahren ein Auge geworfen habe, so kommt mir die Sache nur sehr gelegen, aber ich sehe nicht gern einen Mann, wie ihn, auf diese Weise zusammenbrechen. Algy ist ein leichter Vogel, wie ich schon sagte. Aber ich möcht' mich doch gleich begraben lassen, wenn ich mir vorstellen würde, er könnte wie Ned gehandelt haben. Wenn er es getan hätte, würde ich ihn gezwungen haben, das Mädel zu heiraten, und würde sie beide sofort außer Landes befördert haben, damit sie anderswo ihr Glück versuchten. »Du bist stolz, ich bin praktisch. Nicht, als ob ich von dir etwas Ähnliches erwarten würde. Ich bin augenblicklich in London, um Geld aufzunehmen und den Hof, Queen Annes Farm, zu kaufen. Ich sehe, daß er zum Verkauf ausgeschrieben ist. Unter der Hand will Fleming ihn mir nicht verkaufen, weil ich den Namen Blancove trage und der Vater meines Sohnes bin, und er Algy für den Verführer hält. Warum? Er hat Algy mit dieser seiner Tochter in London im Theater gesehen, – schließlich waren wir ja alle mal jung! – und der Schlingel nahm Neds Kreuz auf seine Schultern. So muß ich mit anderen Käufern auf den Hof bieten und höchstwahrscheinlich infolgedessen das Grundstück ein paar hundert Pfund höher bezahlen. Glaubst du jetzt, was ich dir sage?« »Kein einziges Wort,« erwiderte Baron William liebenswürdig. Der Squire ergriff die Karaffe und goß in heller Wut ein Glas hinunter. »Ich weiß es von Algy.« »Das würde mich um so weniger veranlassen, der Sache Glauben zu schenken.« »Hm!« der Squire runzelte die Stirn. »Ich kann dir sagen, – ein Windhund ist er, – aber immerhin ist's 'ne verteufelt harte Sache, von seinem eigenen Fleisch und Blut so mißachtend sprechen zu hören. Sieh mal her: Die beiden geben sich nichts nach. Einer von ihnen hat ein Mädchen zum Narren gehalten. Mein Schlingel kann es nicht gewesen sein – einen Augenblick, bitte! – er ist nicht der Mann, denn ihn würde das Mädchen unbedingt zum Narren gehalten haben, das steht fest. Er ist ein gutmütiger Gesell. Er würde auf 'nen Spatzen zielen und sich freuen, wenn er vorbeischösse. Das ist ganz er. Er war immer, was man so einen guten Jungen nennt. Ich pflegte zu seiner lieben Mutter zu sagen: ›Wenn du aufhören wirst, für ihn zu denken, wird er dem ersten besten pfiffigen Gesellen in die Hände fallen, und das heißt so viel wie, er wird zum Teufel gehen.‹ Und so ist es auch gekommen. Aber da steckt der Unterschied: er geht selber, – er läßt nicht jemand anders an seiner statt gehen. Ich will dir was sagen: wenn du von Mr. Neds sauberen Streichen nichts weißt, ist es hohe Zeit, du erfährst einmal etwas davon. Und du müßtest darauf dringen, daß er das Mädchen heiratet und mit ihr nach Neu-Seeland oder sonst nach irgendeinem gottvergessenen Ort auswandert, wo er damit anfangen kann, eine kleine Farm zu bewirtschaften und mit seinen Fähigkeiten bald genug überall Hahn im Korbe sein wird. Am Ende schreibt er uns dann noch mal einen Brief, um uns die Mitteilung zu machen, er ziehe es vor, sich von seinem Vaterlande loszusagen und eine Republik zu gründen. Er hat ja die gleichen politischen Anschauungen wie du. O, er wird sich ja hier gut genug machen, selbstredend! Er ist gerade der Mann, seinen Weg gut zu machen. Klopf an, wo du willst, er ist hart wie Stahl, und was er einmal festhält, das läßt er nicht wieder fahren. Als ich hierüber in Fairly, wo irgendein alter Liebhaber des Mädchens den armen Pechvogel von Algy für ihn hielt und wie ein Wahnsinniger auf ihn loshaute, mit dir sprach, wolltest du nichts davon wissen.« »Nein,« sagte Baron William, »nein, das wollt' ich nicht. Und jetzt will ich es ebensowenig. Übrigens –«, fügte er sanfter hinzu, »zuhören tu ich ja.« »Kannst du mir sagen, was er tat, als er nach Italien ging?« »Er ging zum Teil auf meine Anregung dahin.« »Ja, er weiß dich um den kleinen Finger zu wickeln! Mit seinem Mädel ist er dagewesen; er wollte sie bilden oder irgendeinen derartigen Blödsinn. Das war es, was Mr. Ned da zu suchen hatte. Wahrhaftig, um des alten Flemings willen tut mir die Geschichte leid. Ich höre, er soll sich die Sache sehr zu Herzen nehmen. Er ist ganz daran zusammengebrochen. Na, wenn sich die Sache nun wirklich so verhalten sollte, daß Ned derjenige ist, würdest du ihn dazu zwingen, das Mädel wieder ehrlich zu machen, indem er es heiratete? Das würdest du nicht tun!« »Dir ist augenscheinlich der Grundsatz unbekannt, daß es ratsam sein dürfte, eine Hypothese auf ihre Richtigkeit hin zu prüfen, ehe man sie als entscheidendes Moment benutzt,« bemerkte Baron William, nachdem er ein mildes Lächeln über den Squire hatte hingleiten lassen, der sich gegen die frostige Verstandessphäre seines Bruders zu schützen suchte, indem er trank. Sir William hatte in dem stolzen Bewußtsein seiner intellektuellen Überlegenheit von den gegen seinen Sohn erhobenen Vorwürfen so gut wie nichts in sich aufgenommen. »Nun,« sagte der Gutsherr, »du magst ja in diesen Dingen denken und tun, was du Lust hast, mir soll's gleich sein. Du bist befriedigt, das liegt klar zutage, und ich bin um einige hundert Pfund ärmer geworden. Dieser Major macht der Witwe also den Hof, nicht wahr?« »Das kann ich nicht behaupten.« »Es wäre recht gut, wenn sie heiratete.« »Ich würde mich freuen.« »Ich meine, für sie wäre es recht gut.« »Ich hoffe, für ihn wäre es auch gut.« »Ja, – wenn er ihre Schulden bezahlen kann.« Baron William schwieg und nippte von seinem Wein. »Und wenn er die Zügel fest in der Hand zu halten vermag. Denn das wird nötig sein,« sagte der Squire. Der Herr, dem man solcherart seinen Weg zum Glück vorzuzeichnen bemüht war, stand im Wohnzimmer neben Mrs. Lovells Stuhl. Er hielt einen Brief in der Hand, nach welchem die ihre sich bittend ausstreckte. »Ich weiß, daß Sie die Wahrheit in Person sind, Percy,« sagte sie gerade. »Das kommt nicht in Betracht. Vielmehr ist die Frage die, ob Sie die Wahrheit zu ertragen vermögen.« »Sollte ich das nicht können? Wer möchte ohne Wahrheit leben?« »Ich bitte um Verzeihung, hier handelt es sich um mehr. Sie behaupten, diesen meinen Freund zu bewundern, und das tun Sie auch zweifellos. Geben Sie wohl acht, ich werde Ihnen den Brief geben. Einstweilen möchte ich nur, daß Sie sich fragen, ob es Ihnen gefällt, daß ich einen Mann in Robert Eccles' Lebensphäre zu meinem Vertrauten mache, ob Sie das natürlich und berechtigt dünkt? Bitte, antworten Sie mir darauf.« »Berechtigt finde ich es durchaus,« sagte Mrs. Lovell. »Ob natürlich? Ja, natürlich auch, wenn schon außergewöhnlich. Exzentrisch ist es, was nichts anderes bedeutet als hors du commun, und was natürlich sein kann. Es ist natürlich. Ich war davon überzeugt, daß er ein Mensch von vornehmer Gesinnung sei, ehe ich wußte, daß Sie ihn zu Ihrem Freund gemacht hätten. Jetzt bin ich um so sicherer. Und hat er Ihnen nicht das Leben gerettet, Percy?« »Ich habe Ihnen im voraus gesagt, daß sich der Brief hauptsächlich mit Ihnen beschäftigt.« »Vergessen Sie, daß ich ein Weib bin, und darum nur um so ungeduldiger danach verlange?« Major Waring ließ sich den Brief aus der Hand nehmen und stand da wie jemand, der sich einer Prüfung unterzieht oder die Wirkung eines verhängnisvollen Medikaments abwartet. »Es ist ein zweiter Brief an Sie,« murmelte Mrs. Lovell. »Ich sehe, es ist eine Antwort auf einen Brief von Ihnen.« Sie las einige Zeilen und blickte dann errötend auf. »Beschuldigt man mich nicht härter, als ich verdiene?« »Wenn Sie ein solches Unheil einem Manne gegenüber, der ein anderes Weib liebt, anzurichten vermögen, ohne sich etwas dabei zu denken,« sagte Percy. »Ja,« nickte sie, »ich verstehe Ihre Schlußfolgerung wohl. Aber solche Schlußfolgerungen sind gleich Schatten an der Wand – sie werden von irgendeinem Gegenstand geworfen, aber sie sind nichts anderes als scheußliche Verzerrungen desselben. Aus diesem Grunde haben Sie ein so verkehrtes Urteil über die Frauen. Sie folgern eins aus dem andern und lassen sich von den Schlüssen, die Sie daraus ziehen, leiten.« Er verneigte sich stumm. Edward würde ihr in einer glänzenden Rede geantwortet und sie selbst veranlaßt haben, allerlei Außergewöhnliches zu sagen, um ihr dann plötzlich, wie in einem blendenden Lichtstrahl zu beweisen, daß sie auf Abwege geraten sei und sie die Kraft und Überlegenheit seines streng-logischen Verstandes fühlen zu lassen. Der Gedanke durchfuhr ihr Hirn. Im nächsten Augenblick wies ihr Herz denselben zurück. »Percy, als ich um die Erlaubnis bat, einen Blick in diesen Brief zu werfen, hatte ich keine Ahnung davon, eine wie große Auszeichnung es für mich bedeuten würde, wenn Sie es mir gestatteten. Der Brief verrät Ihren Freund.« »Er verrät noch anderes.« Mrs. Lovell schlug die Augen nieder und las ohne weitere Zwischenbemerkung. Der Inhalt des Briefes war der folgende: »Mein lieber Percy! Jetzt, wo ich sie Tag für Tag wieder sehe, bin ich schlimmer dran als je, und doch habe ich ein- oder zweimal denken müssen, daß mich Mrs. Lovell kuriert habe. Ich bin eine Art Mensch, der springen würde, um den Gipfel eines Berges zu erreichen. Ich begreife vollkommen, wie weit Mrs. L. allen Frauen der Welt, die ich je gesehen, überlegen ist; aber in dieser Hinsicht kuriert mich Rhoda. Mrs. Lovell macht die Männer toll und glücklich, und Rhoda macht sie verständig und elend. Meine Unterredung mit Rhoda liegt hinter mir. Es ist alles vorbei. Seitdem habe ich ein Gefühl, als wäre ich allein in einem großen Zimmer mit einer einzigen Kerze darin. Sie hat mich nicht angesehen, sie tut nichts, als sich in ihres Vaters Nähe halten, soweit sie dies nur irgend kann, als seine Hand in die ihre nehmen und sie festhalten. Ich sehe, wo der Schlag sie getroffen hat: er hat ihren Stolz tödlich verletzt, und Rhoda ist kaum etwas anderes als Stolz. Ich vermute, unser Plan dünkt sie der beste. Sie hat es nicht gerade gesagt, sie erwähnt ihrer Schwester überhaupt nicht. Sie wird entweder sterben oder in ein Kloster gehen oder einen vornehmen Herrn heiraten. Ich werde sie nie bekommen. Sie wird mir niemals verzeihen, daß ich der Überbringer dieser Nachrichten gewesen bin. Ich schrieb Dir, wie sie errötete, an dem ersten Tag, als ich kam, das geschieht jetzt nie mehr. Nur, daß sie eben die Lippen öffnet. Du erinnerst Dich an Korporal Thwailes? Du hieltst sein Pferd an, als er sich beinah den Fuß abgeklemmt hätte, während er durch das Tor jagte – und an seine Art und Weise, durch die untere Zahnreihe hindurch die Luft einzuziehen, – der arme Kerl litt solche fürchterlichen Schmerzen – gerade so ist es, wenn sie Atem holt. Dann kann sie zuweilen das Aussehen des Weibes haben, das statt der Haare Schlangen hatte. Hierüber zerbreche ich mir den Kopf: wie bringen Du und Mrs. Lovell es nur fertig, über derartige Dinge miteinander zu reden? Zwei Männer, – na, selbst die werden dabei ein wenig verlegen. Meine Ansicht ist die, Frauen – und vor allem Damen, sollten von derart traurigen Dingen überhaupt nie etwas hören. Natürlich meine ich nicht, daß es ihnen schaden könnte, wenn sie es einmal tun. Aber es bringt sie so gänzlich aus der Fassung. Warum sind Damen in derart Dingen weniger eigen, als Mädchen von Rhodas Schlag? (›Weil Schamgefühl eine Tugend ist,‹ kommentierte Mrs. Lovell innerlich.) Morgen kommt sie mit ihrem Vater zur Stadt. Der Hof ist ruiniert. Der arme alte Mann mußte eine Anleihe bei mir machen, um die Reise zu bezahlen. Glücklicherweise hat Rhoda mit ihrem Zurücklegen von Pennys und Twopence ein bißchen zusammengespart. Die ganze Zeit, seit ich von hier fort bin, ist der Hof in den Händen eines alten Esels gewesen, der ihn nach seiner Manier bewirtschaftet hat. Was im Grund und Boden steckt, das ist einmal drin und kann auch drin bleiben. Ich lasse das Schreiben sein, ich schreibe ja doch nur Unsinn, und wenn ich noch länger schreibe, werde ich schließlich mit lauter solchen Dingern enden: ›–! –! –!‹ Die Art und Weise, in der Du über Mrs. Lovell schreibst, beweist mir, daß Du Dich nicht in einer ähnlichen Patsche befindest, wie ich, oder sonst sind Herren ebenso grundverschieden von unter ihnen Stehenden, wie Damen von Frauen niederen Standes. Wer weiß? Was bedeutet es, daß Du ›sie nicht einen einzigen Tag verlassen kannst aus Furcht, sie könne anderen Einflüssen anheim fallen‹? Ich muß noch ein paar andere Worte aus Deinem Brief abschreiben. Du sagst: ›Sie ist jedem alles und kann es nicht helfen.‹ Ist das der Fall, so würde ich meine Gelegenheit beim Schopfe und sie selbst um die Taille lassen und ihr sagen, daß ich sie vor anderen unter Schloß und Riegel zu halten gedächte. Freundschaften mit Männern – aber ich kann Freundschaften mit Frauen nicht verstehen, und wenn man sie bewachen muß, um sie auf dem rechten Wege zu halten, was doch am Ende so viel bedeutet wie, daß Du nicht allzu viel auf sie gibst –« Bei dieser Wendung erhob Mrs. Lovell ihre Augen plötzlich von dem Briefe und gab ihn zurück. »Sie sprechen recht freimütig mit Ihrem Freunde über mich,« sagte sie. Percy beugte sich zu ihr herab. »Ich habe Sie gewarnt, als Sie den Wunsch äußerten, den Brief zu lesen.« »Aber Sie haben ihn gänzlich verwirrt, wie Sie sehen. Es war kaum weise von Ihnen, etwas anderes, als nackte Tatsachen zu schreiben. Männer dieser Gesellschaftsklasse –« Sie unterbrach sich. »Dieser Gesellschaftsklasse?« sagte er. »Männer aller Gesellschaftsklassen meinetwegen, – und Sie selber auch – wenn Ihnen irgend jemand etwas Derartiges schriebe, was für einen Schluß würden Sie daraus ziehen? Es ist höchst ungerecht. Ich genieße aus dem Grunde täglich die Ehre, Sie zu sehen, weil Sie mich nicht aus ihrem Sehkreise zu lassen wagen? Was habe ich Unerklärliches an mir? Nimmt es Sie etwa wunder, daß ich offen über betrogene Frauen rede und mein Bestes tue, um ihnen zu helfen?« »Im Gegenteil, damit erwerben Sie sich meine Hochachtung,« sagte Percy. »Aber Sie halten mich für eine Drahtpuppe?« »Vielleicht lieben Sie Drahtpuppen?« Der Ton seiner Frage hatte etwas, das ihr unwillkürlich ein Lächeln entlockte. »Ich hasse sie,« sagte sie, und ihr Gesicht bekräftigte ihre Worte. »Aber Sie machen die Menschen dazu.« »Inwiefern? Sie quälen mich.« »Wie kann ich den Zauber erklären? Machen Sie mich nicht augenblicklich zu einer Drahtpuppe, wie ich da gehe und stehe?« »Dann setzen Sie sich doch!« »Oder vielleicht darf ich knien?« »O Percy, machen Sie sich nicht lächerlich.« Einen Menschen bis auf Herz und Nieren zu prüfen war ein charakteristischer Zug Major Warings, aber nichtsdestoweniger befand auch er sich in Mrs. Lovells Netzen. Er wußte, daß dies ein Zauber war, den sie unbewußt ausübte. Sie war nichts anderes als ein liebliches Instrument für diejenigen, die darauf zu spielen verstanden, und darin lag ihr gewaltiger Reiz. Roberts derber Rat, er solle doch die Gelegenheit beim Schopfe fassen, sie nehmen und sie sich zu eigen machen, klang mächtig in ihm nach. Er bezwang eine Aufwallung zu der speziellen besitzergreifenden Handlungsweise, die Robert ihm vorgeschlagen. »Ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig,« sagte er, »Margaret, meine Freundin.« »Können Sie an mich, als an Ihre Freundin denken, Percy?« »Wenn ich Sie meine Freundin nennen kann, welchen Namen würde ich Ihnen nicht sonst noch geben mögen? Ich habe Ihnen, als Sie jünger waren, ein bitteres, schändliches Unrecht zugefügt. Still! Sie verdienten das nicht. Urteilen Sie über sich selbst, wie Sie wollen, aber ich weiß jetzt, welcher Art meine Gefühle damals waren. Der erhabene Richter war nichts weiter als ein gehässiger Mann. Sie gewähren mir Ihre Verzeihung, nicht wahr? Ihre Hand?« Sie hatte ihm die Hand hingereicht, aber sie entzog ihm dieselbe schnell. »Nicht Ihre Hand, Margaret? Irgend jemand müssen Sie dieselbe geben. Sie werden ruiniert sein, wenn Sie es nicht tun.« Sie blickte ihn groß an. »Das wissen Sie also?« sagte sie langsam, aber das Leuchten in ihrem Blick erlosch allmählich, als er fortfuhr: »Ich weiß aus allem, was ich von Ihnen weiß, daß Sie in allererster Linie eine Frau sind, die eines direkten Schutzes bedarf. Kommen Sie, gestatten Sie mir einmal ein Privilegium. Sind Sie frei?« »Würden Sie derart mit mir reden, wenn Sie mich nicht für frei hielten?« fragte sie. »Ich glaube wohl,« sagte Percy. »Etwas würde es natürlich von der Person abhängig sein. Sind Sie in irgendwelcher Weise Mr. Edward Blancove verpflichtet?« »Halten Sie mich für eine Frau, die sich verpflichtet?« »Er macht sich einer gemeinen Handlungsweise schuldig.« »Dann möge Ihnen als Antwort meine Versicherung genügen, Percy, daß ich das weiß.« »Sie lieben den Mann nicht?« »Sprechen Sie lieber von verachten!« »Weiß er das?« »Wenn er eine klare und bündige Auseinandersetzung darüber versteht.« »Sie haben ihm das alles gesagt?« »Jedenfalls kann er sich den Schluß daraus ziehen!« »Und weiter, Margaret, ich muß jetzt sprechen: Handelte er, so wie er es getan, mit Ihrer Zustimmung oder mit Ihrem Vorwissen?« »Himmel, Percy, Sie fragen mich aus, als wenn Sie mein Mann wären!« »Das ist es, was ich sein möchte, wenn Sie mich haben wollen.« Die Gestalt der schönen Dame erbebte wie unter einem Peitschenhieb, und dann schlug sie mit einem weichen Ausdruck ihre Augen zu ihm auf. »Ich dachte doch, daß Sie mich kennten. Dies ist unmöglich.« »Sie wollen nicht die Meine werden? Warum ist das unmöglich?« »Ich könnte fast sagen, weil ich Sie dazu zu hoch stelle.« »Weil Sie meinen, Sie hätten nicht den Mut dazu?« »Wozu?« »Einzugestehen, daß Sie unter einem schlechten Einfluß gestanden haben und nicht die Margaret waren, die ich aus Ihnen würde machen können? Lassen Sie das alles beiseite! Wenn Sie bleiben wollen, was Sie sind, bedenken Sie, was für Fallen auf Sie lauern! Wenn Sie jemand heiraten, den Sie verachten, bedenken Sie den Abgrund, den das bedeutet! Ja, Sie werden die Meine sein! Meine halbe Liebe zu meinem Vaterland und zu meinem Beruf ist nur Liebe zu Ihnen. Margaret ist das Feuer in meinem Blut. Ich habe zu Gott gefleht, er möge mir Möglichkeiten senden, durch die Margaret von mir hören werde. Ich wußte, daß jedes tapfere Tun ihr ans Herz griffe, ich würde froh gefallen sein, war ich doch sicher, daß ihr Herz rascher schlagen würde, wenn sie von mir hörte. Laß es an meinem schlagen. Sprich!« »Ich will sprechen,« sagte Mrs. Lovell, und sie versuchte das heftige Klopfen ihres Herzens zu beschwichtigen. Ihre Stimme klang rauh, und aus ihrem Antlitz war alles Blut gewichen. »Wieviel Geld haben Sie, Percy?« Dieser plötzliche Guß kalten Wassers auf seine Leidenschaft versteinerte ihn. »Geld?« sagte er, indem er ihre Züge mit eiskaltem Blick musterte. Wie in einem plötzlich grell beleuchteten Spiegel sah er, wie hart, wie erschöpft, wie habgierig und unanziehend ihr Gesicht aussah. Dennoch bemühte er sich, sich selber einzureden, daß es eine völlig berechtigte Frage ihrerseits wäre, über die sie zunächst Klarheit haben müsse. So erwiderte er bedächtig: »Ich besitze ein Einkommen von fünfhundert Pfund jährlich, abgesehen von meiner Gage als Major in Ihrer Majestät Diensten, die also noch dazu käme.« Er hielt inne, und das Stillschweigen legte sich zwischen sie wie ein gähnender, immer breiter werdender Abgrund. Sie brach es, indem sie sagte: »Haben Sie noch weiteres zu erwarten?« Dies war noch grausamer, obschon es ihn kaum mehr überraschte. Nur in seinem Herzen weinte etwas darüber, daß ihre Stimme so jeden Zauber eingebüßt habe. Mit einer Präzision, der jede Gefühlsregung abzugehen schien, erwiderte er: »Bei dem Tode meiner Mutter –« Sie unterbrach ihn mit einem sanften Ausruf: »Bei meiner Mutter Tode wird mir ein Erbschaftsanteil von fünf- oder sechstausend Pfund zufallen. Bei meines Vaters Tode wird mir wahrscheinlich sein Besitztum vermacht werden. Aber darauf kann ich nicht rechnen.« In ihren Augen standen wirkliche Tränen. Fingierte sie Tränen der Teilnahme angesichts dieser fernliegenden Möglichkeiten? »Sie werden jetzt kaum mehr vorgeben, Sie kennten mich, Percy,« sagte sie, indem sie zu lächeln versuchte, und in ihrer Stimme war wieder der natürliche weibliche Ton. »Ich bin sehr auf meinen Vorteil bedacht, wie Sie sehen; nur als Freundin bin ich es nicht. Darum lassen Sie mich Ihre Freundin bleiben, – sagen Sie mir, daß Sie mein Freund sein wollen.« »Nein, Sie hatten ein Recht darauf, das zu erfahren,« widersprach er ihr. »Es war schmählich, schändlich, – aber es war notwendig für mich, das zu wissen.« »Und nun Sie es wissen?« »Nun ich es weiß, kann ich nur das eine sagen, denken Sie so milde über mich, wie Sie es irgend vermögen!« Sie ließ ihre Hand in die seine sinken, und mit einem Schauer der Verzweiflung empfand er die heißaufwallende Leidenschaft, die seine erstarrten Adern noch einmal neu belebte. »Sei meinetwegen auf deinen Vorteil bedacht, aber sei mein! Ich will dir einen besseren Lebenszweck geben, als dies alberne Leben der Mode, das du jetzt führst. Du berechnest deine Bedürfnisse nach diesem Maßstab. Gewiß – es wird relative Armut für dich zu bedeuten haben; trotzdem, – trotzdem vermag ich dir einigen Luxus zu bieten. Du kannst einen Wagen haben und ein Reitpferd. Ich kann jeden Tag wieder einberufen werden, ich kann avancieren. Gib dich mir zu eigen, und du wirst mich lieben und nichts vermissen!« »Nichts! Ich würde nichts vermissen. Ich verlange gar keinen Wagen noch Pferde, noch sonstigen Luxus. Ich könnte mit dir von der Gage eines Subalternoffiziers leben. Ich kann dich nicht heiraten, Percy. Ich kann dich aus eben dem Grunde nicht heiraten, aus dem ich es sehnlich wünschen würde, es zu können.« »Sie sprechen in Rätseln!« sagte er, und unter dem verächtlichen Ton dieses Ausspruches beugte sie ihr Haupt tief. »Liebster Freund, Sie brauchen nicht erst zu lernen, auf welche Weise Sie mich am besten strafen.« Der kleine Vorwurf, der noch zu der Wunde hinzukam, die sie seinem Stolz geschlagen, verlangte nach einer heilenden Berührung: sie zog seine Finger an ihre Lippen. Sicherlich würde die Komödie damit noch nicht ihren Abschluß gefunden haben, aber sie wurde durch den Eintritt des Squires, dem Sir William folgte, jäh abgebrochen. Der Squire – voll süßen Weines und rachsüchtiger Gefühle – summte ein »Ah! Hm–m–m! So–o–o–o!« vor sich hin, Sir William dagegen wandte sich in der Tür zu jemand zurück, der ihm folgte und sagte: »Nun, wenn du deinen Schlüssel verloren hast, und Algernon fort ist, hat es ja keinen Zweck für dich, nach dem Temple zurückzufahren, um dir dort ein Nachtquartier zu suchen. Ich möchte es mir speziell ausbitten, daß du heute nacht mein Gast bist. Ich wünsche es, denn ich habe mit dir zu reden.« Mrs. Lovell erfuhr, daß der Baron mit seinem Sohne gesprochen habe, der frisch von Paris zurückgekommen und – seiner eignen bescheidenen Meinung nach – nicht in der Verfassung sei, sich vor den Augen einer Dame zu präsentieren. Kapitel XXXIII. Edwards Rückkehr Wieder einmal trafen Farmer Fleming und seine Tochter Rhoda Vorbereitung zu einer melancholischen Fahrt nach London. Ein leichter Wagen hielt am Tor, neben welchem Robert mit dem Bauern stand, der in seinem steifen, braunen, ihm bis auf die Knöchel herabreichenden Überrock und seinem breitrandigen Schutzhut in trägem Stumpfsinn dastand und wartete, wie ein Ochse im Stall und gedankenlos zu Roberts Bemerkungen, wieviel Sorgfalt neuerdings wieder auf den Garten verwandt sei, wieviele Knospen die Rosen hätten, und wie zierlich sich die rot und blauen Beete mit Sommerblumen ausnähmen, nickte. Jedes seiner Worte war ihm wie ein Schlag ins Gesicht, aber er nahm es, ebenso wie Rhodas anscheinende Saumseligkeit hin, wie Dinge, die ein Mann eben auf sich zu nehmen hat, dem die Wurzeln in seiner Heimat, seiner Arbeit, seinen alten Beziehungen abgeschnitten worden sind. Über seinem gesenkten Haupte hing eine Tafel, welche dartat, daß Queen Annes Farm samt allem Zubehör zum Verkauf stände. Seine Aussicht in der dunklen Wildnis einer ungewissen Zukunft war die, als gewöhnlicher Tagelöhner Arbeit auf irgendeines freundlichen Gutsherrn Besitz zu suchen. Die Redensart »ein freundlicher Gutsherr« hatte seine absichtliche Ironie dem Schicksal gegenüber, das ihm den Stuhl vor die Tür setzte, selbst gefunden. Robert stampfte ungeduldig mit dem Fuße, daß Rhoda kommen solle. Von Zeit zu Zeit erschien Mrs. Sumfits Kopf an ihrem Schlafstubenfenster, um ein »In 'n Augenblick!« ertönen zu lassen und alsbald wieder zu verschwinden. Im übrigen bot das Haus an dem strahlenden Mainachmittag einen friedlichen Anblick. Außer auf Rhoda wartete man auch noch auf Master Gammon, dem das Zurückfahren des Wagens von der Station aufgetragen war. Robert häufte seine ärgerlichen Ausrufe auf diesen alten Mann. Der Bauer hielt mit Mühe eine Verteidigung Master Gammons zurück, wenn er einen Vergleich zwischen ihm und Robert zog, denn Master Gammon war niemals vom Hofe gelaufen und fortgeblieben, so daß der Hof auf sich selber passen konnte. So langsam Gammon war, treu war er, und seine Schuld war es nicht, daß der Hof unter den Hammer kam. Gammon war ein eigensinniger Geselle, aber er hatte nicht, nachdem er einmal alles in die Hand genommen und die Farm völlig von seiner Initiative abhängig gemacht hatte, heimlich seinen Posten verlassen und dem Hof damit gewissermaßen Hirn und Hand entzogen. Gedanken solcher Art gingen dem Bauern durch den Kopf. Rhoda und Mrs. Sumfit kamen miteinander den sorglich geharkten Gartenpfad hinab, und nun konnte Robert seinem Ärger auf Master Gammon berechtigtermaßen die Zügel schießen lassen. Er stimmte für sofortiges Wegfahren. »Das Pferd wird grad so gut und so schnell allein nach Haus finden, als mit Gammons Hilfe,« sagte er. »Wenn's man nich so klappern und schütteln tät', so daß man gleich weiß, da sünd Gold- und Silberstücke in,« wandte sich Mrs. Sumfit an Rhoda, »könntest du den Kasten ja auch gern selber tragen. Man sollt' doch gar nich' denken, daß er so fest war, un' daß ich da mit 'n Feuerpöker auf loshauen konnte un' ihn doch nich' kaput kriegte. Aber ich konnt' un' konnt' es nich', un' durch 'n Spalt ging auch kein einziges Stück. Was ich wohl ausgesehen hab', so mit 'n Pöker in 'ner Hand! Ich kann dir sagen, ich hatte so 'n Gefühl wie 'n Einbrecher, – un' daß man bloß keiner da was von merkt, was du da trägst! Wenn du das Gold klappern hörst, mein Kind, dann tust du so« – Mrs. Sumfit stieß einige kräftige »Ahems« aus – und schrammte mit ihrem Fuß über den Kies hin – »un' denn werden die Leute schon denken, sie hätten sich geirrt.« »Was 's denn das?« Der Bauer deutete auf eine beträchtliche Erhöhung unter Rhodas Plaid. »Das ist ein Geschenk für meine Schwester, Vater,« sagte Rhoda. »Was ist es denn?« fragte der Bauer aufs neue. Mrs. Sumfit erwiderte in kriechender Unterwürfigkeit: »Ach, Willem, sie 's doch so arm, un' 'n büschen ausgeben mag sie doch auch manchmal gern, sonst wird sie ja ganz pover un' ausgefroren mit der Zeit, ja, ganz gewiß. Un', wer weiß, das arme Ding, vielleicht weiß sie mitunter nich', wo sie das Mittagessen für morgen hernehmen soll, un' das weiß ich, das 's denn ein ganz entsetzliches Gefühl für so 'n arme Frau, denn 's ja gar nich' mal, weil sie Hunger hat, Willem, – ne, denn 's doch auch ihr Mann da, an den sie denkt. Un' denn nich' kochen zu können! Un' denn denkt sie natürlich: ›Das zieht er mir von 'n Hausstandsgeld ab!‹ denn so unvernünftig sind die Mannsleut'. Ja,« fügte sie in Erwiderung der unveränderlichen Schwermut in seinem Blick hinzu, »ich hab' dir die Wahrheit gesagt, Willem. Ich weiß woll, ich hab' gesagt: ›Ich kann an kein'n Penny 'ran, Willem,‹ als du mich fragtest, ob ich dir nich was leihen könnte. Un' ich kann da auch nich' 'ran. Ich kann da jetzt auch nich' bei. Kannst ja selbst sehen, Willem!« Sie nahm den Kasten unter Rhodas Schal hervor und schüttelte ihn erst nach der einen Seite und dann nach der andern. »Du hast mich ja nich' gefragt, ob ich vielleicht 'n Geld kasten hätte, liebster Willem. Dann hätt' ich ja sicher gleich: ›Ja‹ gesagt, aber da hast du mich nich' nach gefragt. Un' wenn du gesagt hättest: ›Gib mir dein'n Geldkasten,‹ denn hätt'st ihn auch gekriegt, du brauchtest das nur zu sagen. Aber daß da nix rausgeht, das kannst doch selber sehen. Wenn du also fragtest, ob ich Geld hätte, dann hatt' ich doch recht zu sagen: ›Nein, ich hätt' keins.‹« Der Bauer ließ ihr trübseliges Gerassel mit der Kassette, zum Beweis für deren zurückhaltenden Eigensinn stillschweigend über sich ergehen. Der bloße Eifer, mit dem sie ihm die Sache explizierte, hielt jeden Einwand seinerseits zurück, als sie aber, um Master Gammons Zuspätkommen zu entschuldigen, erzählte, er hätte auch eine Sparbüchse, und die suchte er jetzt, da warf der Bauer seinen Kopf mit der Kraft eines Jünglings in den Nacken und donnerte Master Gammons Namen in einer rasenden Wut über die verbündete Heuchelei des Paars heraus. Er rief zweimal, und sein Gesicht war blau und rot angelaufen, als er sich dem Wagen mit den Worten wieder zuwandte: »Wir wollen ohne den alten Mann fortfahren.« Nun rang Mrs. Sumfit die Hände und erzählte, wie sie und Master Gammon vor sechs Jahren an einem einsamen Abend über die unglücklichen Lebensverhältnisse miteinander geredet hätten, denen arme Leute ausgesetzt wären, wenn sie alt und schwach würden, oder wenn ihnen irgend etwas zustieße, und wie sie dann nichts anderes wären als ›altes Eisen‹, und wie sie doch auch ihre Gefühle hätten. Es war ein langes, vertrauliches Gespräch an einem Sommerabend gewesen, und nach Beendigung desselben war Master Gammon nach Wrexby gewandert und hatte Mr. Hanmond, dem Zimmermann, einen Besuch gemacht, der ihm zwei starke, eigenhändig gearbeitete Sparbüchsen gezeigt habe, ohne Deckel, ohne Schloß noch Schlüssel, so daß man an den Inhalt der Kasten nur kommen konnte, wenn sie vollkommen gefüllt waren, oder ein dringender Notfall zu einem Zerstören der Kasten raten sollte. Ein ständiger Gegenstand der Neckerei zwischen Mrs. Sumfit und Master Gammon war die Frage, über wen von ihnen beiden, zuerst die Neugier, zu erfahren, bis zu welcher Höhe ihre respektiven Ersparnisse angewachsen seien, den Sieg davontragen werde und ihre Bekenntnisse beiderseitiger Schwachheit und fruchtloser Bemühungen, ein einziges Goldstück aus dem Schatz zurück zu bekommen. »Und nun magst du es glauben oder nicht,« sagte Mrs. Sumfit, »durch mein Herumdoktorn und mein Kochen für ihn hab' ich ihn dazu gekriegt, daß er mein' arme Dahly helfen will, wo mein' söte Deern doch so in Not is'. Ich hätt' ja ganz gern gewollt, er solle ihr erst man die Hälfte davon geben, aber das konnt' er ja nich'.« Jetzt zeigte sich Master Gammon in einer Ecke des Hauses, seinen in ein Tuch gewickelten Kasten sorglich im Arme haltend. Der Bauer und Robert wußten, daß alles Winken und Rufen, durch die man die äußerste Notwendigkeit zu höchster Eile hätte dartun können, nun er glücklich in Sicht war, ein vergebliches Bemühen sein würde, seine Schritte zu beschleunigen, so ließen sie ihn in dem ihm eigenen, ebenmäßigen Trott herankommen, ruhig wie die Zeit selbst, mit den eigentümlich schlaff gebogenen Knien, welche den bewegungslosen Oberkörper regelmäßig vorwärts schoben und den runden, alten Augen, die in stummer Bedächtigkeit geradeaus gerichtet waren. In diesem Blick des mechanisch vorwärts schreitenden alten Mannes, der seinen armseligen Schatz in der Hand trug, um ihn zu verschenken, lag etwas Rührendes. Robert entfuhr es unwillkürlich: »Man darf ihn nicht seine paar Heller verschenken lassen!« »Nein,« pflichtete der Bauer ihm bei, »das gebe ich auch nicht zu.« »Ja, Vater!« kam Rhoda seiner Absicht, sich an Master Gammon zu wenden, zuvor. »Ja, Vater!« sagte sie noch einmal, und der Ton ihrer Stimme klang härter. »Es geschieht für meine Schwester. Er tut ein gutes Werk. Laß ihn es tun!« »Mas' Gammon, was haben Sie da?« rief der Bauer laut. Aber Master Gammon wußte, daß das, was er tue, lediglich seine eigene Angelegenheit sei. Er war ein schwieriger alter Mann, wenn es sich um seine Dienste bei dem Bauern handelte, aber wo seine Privatangelegenheiten in Frage kamen, war er völlig unlenksam. Ohne sich auf eine Antwort einzulassen, sagte er zu Mrs. Sumfit: »Ich hab' ihn zugeklebt.« Die Seitenwand des Kastens zeigte deutlich, daß man ihn aus Gründen größerer Sicherheit mit einer andern Substanz in Verbindung gebracht hatte. »Dazu brauchten Sie denn woll so lange Zeit, Mas' Gammon?« Der Veteran des Ackerfeldes antwortete mit einem Grinsen, das ein Zurschaustellen lebhafter Schlauheit sein sollte. »Himmel, Mas' Gammon, da wollt' ich nu' doch gern ganze vierzehn Tage für arbeiten, wenn ich bloß herauskriegen könnt', wieviel Sie zusammengespart haben. Das wollt' ich wirklich! Ja, nu', ich sag' man! Den Lohn davor, den tragen Sie selber in Ihrem Herzen. Un' Gott wird Ihnen da auch für belohnen. Un' ich bitt' wahrhaftig den Himmel, er soll mir in Gnaden verzeih'n,« wimmerte sie, »wenn ich Ihnen je mit Wissen und Willen 'n büschen gehetzt haben sollte, bei Ihren Essen, oder wenn ich Sie vielleicht mal angeführt hab', wenn Sie nachkuckten, ob wir 'n Schwein geschlachtet hatten. Aber Sie sollten man bloß wissen, was das heißt, – zu kochen! – wie das 'ne Frau auf die Nerven fällt! Was mein' Tante war, die war Köchin in 'n reichen Herrn seine Familie, un' der machte doch jeden einzigen Tag seine dreizehn Teller schmutzig – nich' mehr un' nich' weniger, un' einmal wahrhaftig, ich glaub', so is' nie 'ne Frau angekommen, – da hat sie ihr schönes, allerbestes, swarzseiden Kleid, aber von oben bis unten, zugeschmutzt, – un' da schickt er ihr neun reine Teller 'runter, – un' nich' 'n einziges Wort von 'ner Erklärung dabei. Denn so 'ne Vornehme, die können sich rein gar kein' Begriff davon machen, wie das so mit 'ner Köchin un' 'ner Küche zusammenhängt –« »Springen Sie auf, Mas' Gammon,« rief der Bauer, in hellem Zorn darüber, daß ihn zwei Mitglieder seines Haushalts getäuscht hatten, die ihm beide geschworen, sie hätten kein Geld und seine Not für nichts geachtet hatten. Ja, so waren die Menschen! Mrs. Sumfit vertraute Rhoda das Ende ihrer Geschichte an, oder vielmehr, sie deutete ihr an, an welchem weitentlegenen Punkt sie enden könne, dann gab sie auch Master Gammons Kasten in ihren Verwahrsam, schärfte ihr allerlei Verhaltungsmaßregeln für Dahlia ein, daß sie die Kasten in eine Zimmermannswerkstatt bringen und beileibe sich nicht mit einem Feuerpöker daran versuchen solle, und daß sie sie zählen und sich den Betrag der beiden Rivalen-Schätze ja merken solle, trug ihr allerhand Botschaften an Dahlia auf, die den Charakter zärtlicher Vorwürfe und schwärmerischer Liebe trugen und hoffte, sie würden einander bald wiedertreffen, und daß das Glück dann vollkommen sein möge. Rhoda hatte, wie gewöhnlich, keine überflüssige Gefühlsäußerung. Sie nahm den zweiten Kasten in ihre Obhut und gestattete Robert, sie so beladen auf den Wagen hinauf zu heben. Sie fuhren durch das grüne Weideland, an der Mühle und ihren blitzenden Wassern vorüber und auf die Landstraße, wo man zum letztenmal das Wehen von Mrs. Sumfits Taschentuch gewahrte. Ein Reiter kam an ihnen vorbei, den Rhoda erkannte; sie errötete, und ein ahnungsvoller Schauer durchrieselte sie. Robert bemerkte ihn auch, und ihr Erröten bemerkte er gleichfalls. Es war Algernon auf einem gemieteten Pferde. Sein Gesicht drückte eine gewaltige Enttäuschung aus. Der Bauer sah von alledem nichts. Die Undankbarkeit und der Verrat von Robert, Mrs. Sumfit und Master Gammon ließ ihn in einem Gefühl dumpfen Ekels am Leben hinbrüten. Es fiel ihm nur auf, daß der Wagen stark schüttelte. »Wenn man in 'nen kleinen Wagen fährt mit vier Mann hoch, schüttelt das natürlich,« sagte Master Gammon. »Es scheint, Sie mögen das ganz gern,« bemerkte Robert gegen letzteren gewandt. »Stört mein Inneres nich',« sprach der Gleichmütigste aller Menschen. »Gammon,« richtete der Bauer vom Vordersitz her jetzt das Wort an ihn, ohne den Kopf zu wenden, »Sie können sich nach 'n neuen Platz umsehen.« Master Gammon verdaute diese Anempfehlung in Schweigen. Als der Bauer seine Worte wiederholte unter dem Hinzufügen eines: »Hören Sie?« gab er zur Antwort, er höre gut genug. »Schön. Na, denn sehen Sie sich nur gut um, sonst könnte es Ihnen vielleicht passieren, daß Sie in der Kälte draußen bleiben müßten!« »Ach,« entgegnete Master Gammon, »ich heul' nie, eh' man mich kneift.« »Ich hab's Ihnen vorher gesagt,« sagte der Bauer. »Nein, das haben Sie nicht!« sagte Master Gammon. »Ich sag's Ihnen jetzt.« »Nein, das tun Sie nicht.« »Wie meinen Sie das?« »Weil ich da nichts auf gebe.« »Dann werde ich Sie hinausschmeißen, Alter!« »Ja, wenn Sie das man können,« sagte Master Gammon. »Ich bin auf dem Hof aufgewachsen, un' 'n Baum, der da wächst, können Sie auch nich' sagen, nu' soll er da weggehen.« Rhoda legte ihre Finger in des Alten Hand. »Sie sind langlebig in Ihrer Familie, nicht wahr, Master Gammon?« sagte Robert, indem er voller Neid Rhodas Tun sah. Master Gammon bedeutete ihn, er möge einmal einen gewissen Kirchhof in Sussex aufsuchen und einen speziellen Grabstein dort besonders untersuchen, auf dem das Alter seiner Vorfahren angemerkt sei. Es gliche mehr dem Alter von Eichen, als von Menschen. »Das Herz ist es, das tötet,« sagte Robert. »Das verfluchte Unglück ist es,« murmelte der Bauer. »Es ist die Schlechtigkeit der Welt,« dachte Rhoda. »Wird woll 'n schwacher Magen sein,« meinte Gammon nachdenklich. Am Bahnhof verabschiedeten sie sich von ihm; von der Höhe desselben bot es einen sehenswerten Anblick, ihn unten auf der Landstraße zu beobachten, wie er weitläufige Vorbereitungen für seine Rückfahrt traf, gleich einem Feldherrn, der über die Stunden gebietet. Mochten andre rennen und schwatzen, wenn es ihnen Spaß machte: Master Gammon hatte sein Tempo gewählt und hatte nicht die Absicht, es wegen irgend jemand oder irgend etwas zu beschleunigen. Es war sein Ruhm, daß er niemals auf der Eisenbahn gefahren sei, noch »es jemals zu tun gedenke, wenn ich es irgend helfen kann«, pflegte er zu sagen. Er war durchaus im Einklang mit der universalen Natur, wenn das das Geheimnis des menschlichen Lebens ist. Inzwischen war Algernon in tiefster Niedergeschlagenheit zum Bahnhof zurückgekehrt, wo er gerade in dem Augenblick anlangte, als der Zug in Sicht kam. Er gewahrte den Wagen mit Master Gammon darin und fragte ihn, ob alle seine Leute nach London reisten, aber die Antwort war augenscheinlich eine Meile weit fort und hatte sich noch nicht auf den Weg gemacht. Algernon hieß daher den alten Mann sein Pferd nach dem Wirtshaus »Zum weißen Bären« führen, während er ihm gleichzeitig dessen Zügel und einen Sovereign in die Hand drückte, und ließ ihn, nachdem er ihn so gewaltsam von dem Gleise seiner Fassungskraft herabgestoßen hatte, völlig verloren zurück. Da er ein vornehmer Herr war, hatte er natürlich ein Retourbillet erster Klasse gelöst. In der verzweifelten Hoffnung, daß er vielleicht in ein und denselben Wagen mit Rhoda gelangen könne, sprang er in eins der Coupés zweiter Klasse, ein Faktum, das nicht allein seinem Geschmack und seinen Gewohnheiten völlig zuwiderlief, sondern dem in seiner Vorstellung gewissermaßen etwas Ehrenrühriges anhaftete. Doch war er der guten Zuversicht, daß er von niemand als den Unvornehmen dieser Welt gesehen worden sei; unter allen Umständen war sein Billet, wie der Schaffner sofort und ehrerbietig bemerken würde, erster Klasse, und wenn es gewisse Unbequemlichkeiten der Tugendhaftigkeit in den Kauf zu nehmen galt, so empfand er doch daneben auch einige ihrer Tröstungen. Wenn er einmal so weit war, überzeugte der harte Sitz und die unwürdige Umgebung, in der er sich befand, seinen nachdenklichen Geist von dem Umstand, daß er liebe, denn wie würde er sich sonst derartigen Unannehmlichkeiten ausgesetzt haben? »Ich liebe das Mädel wahrhaftig,« sagte er, indem er nervös nach den besten Kissen suchte. Er war erhitzt und wünschte, man möge das Fenster hinaufziehen, worauf sich seine Mitreisenden bereitwillig einließen. Als dann später die Luft seinen erregbaren Geruchsnerven schlecht erschien, wünschte er das Fenster herabgelassen, und wiederum hatten sie nichts dagegen. »Bei Gott! ich muß das Mädel lieben!« rief Algernon im Geiste aus, als ein Krampf vom unbequemen Sitzen, Kälte und affizierte Geruchsnerven gemeinsam seine physischen Empfindungen in Erstaunen setzten. Noch war es ihm unangenehm, die Tatsache festzustellen, daß ihm kahle Wände etwas durchaus Ungewohntes seien. »Wir sind 'n reiches Land,« sagte ein Mann zu seinem Nachbarn, »aber wenn man nicht dafür bezahlt, muß man's eben nehmen, wie's kommt, und sich die Sache so ungemütlich machen lassen, wie 's ihnen paßt.« »Jawoll,« sagte der andere. »Ich bin auf dem Festland gereist. Da sind die Wagen zweiter Klasse so, daß jedermann drin reisen kann. Dies kommt davon, wenn man solchen Götzendienst mit dem Gelde treibt, – da hat man keine Achtung für den einzelnen. Das rechnet immer nur nach Pounds.« »Das sind ja ganz gemeine Sozialdemokraten,« dachte Algernon. Ihre Bemerkungen hatten sich durchaus mit seinen Äußerungen gedeckt, ja, sie waren wahrscheinlich durch sie hervorgerufen. Er blickte finster zum Fenster hinaus, mit einer Miene, die deutlich sagte, er fühlte sich durchaus nicht hierher gehörig. Eine einfach gekleidete Frau bat, man möge das Fenster schließen. Einer der Männer machte sich augenblicklich daran, es zu tun. Algernon hinderte ihn daran. »Ich bitte um Verzeihung, Herr,« sagte der Mann, »eine Dame bat darum, daß das Fenster geschlossen werde.« Und es wurde geschlossen. Eine Dame! Algernon kam zu dem Schluß, daß er diese Art Leute geradezu haßte. »Geht nur einmal in ihre Mitte und seht, welcher Art sie sind,« wandte er sich gewissermaßen von einem Senatssessel der Zukunft aus an eine Versammlung von Anti-Demokraten, die seine Phantasie blitzschnell einberief. Der Krampf, die Kälte, undefinierbare schlechte Gerüche und eingewurzelter Haß gegen seine Mitreisenden überzeugten ihn im Verein, daß er wirklich nichts Geringes aus Liebe zu Rhoda erduldete. Im Dämmern langte der Zug in London an. Algernon sah Rhoda aus einem Wagen, welcher nahe an der Lokomotive war, aussteigen, sah, wie Robert ihr half, und wie der alte Anton auf dem Perron stand, um sie zu bewillkommnen; und Anton ergriff ihre Reisetasche und der Trupp Reisender setzte sich in Bewegung. Man wird vermuten, daß beim Anblick Roberts nicht eben freundliche Regungen in Algernons Seele lebendig wurden, bis zu einem gewissen Grad war dies auch sicherlich der Fall, aber er war ein leichtbeweglicher Jüngling, und jemand, der ihm in ziemlich nachdrücklicher Weise seine überlegene Kraft bewiesen hatte, erfreute sich immerhin einer gewissen Hochachtung seinerseits. Überdies würden Robert und er – im Falle Robert etwa Rhoda den Hof machte – sich auf einem neuen Gebiet der Gegnerschaft messen können, und dann würde er Robert eine Lektion zu erteilen vermögen. Er folgte der Gesellschaft zu Fuß, bis sie Antons Wohnung erreichten, merkte sich das Haus und eilte zum Temple. Dort fand er eine Depesche von Edward vor, mit der Nachricht, daß er ihn seit dem Morgen erwarte. » Halt es auf ,« waren die einzigen Worte, welche einer Mitteilung gleich kamen; kurze, – wenn man will, – rätselhafte Worte. »Was in aller Welt meint er damit?« rief Algernon und tat, als bemühe er sich wieder und wieder vergeblich, einen Sinn aus Edwards Worten herauszulesen. »Halt es auf! Halt was auf? Halt den Zug auf? Halt die Uhr auf? Halt das Universum auf? O, dies ist wirklich blühender Blödsinn!« Er warf das Papier auf die Erde und machte sich daran, das Geld zu zählen, daß er noch in seinem Besitz hatte. Je mehr es zusammenschrumpfte, um so gebieterischer wurde für ihn die Notwendigkeit, außer Landes zu gehen. Über die Zahlen hinweg berechnete er, daß Rhoda diesen Abend voraussichtlich ihre Schwester besuchen werde. » Das kann ich nicht aufhalten,« sagte er, und als er die Uhr schlagen hörte, »noch das!« Ein Klopfen an der Tür ertönte: »Noch das!« Diese Erwägung erfüllte ihn mit allerhand fatalistischen Ideen. Sedgett erschien und war ihm willkommen. Algernon mußte den Impuls, dem Burschen die Hand entgegenzustrecken, zurückhalten, so willkommen war er ihm in diesem Augenblick. Sedgett berichtete, daß alles für den folgenden Tag in Ordnung sei. Er hatte alles besorgt, was zu besorgen war. »Un' es is' mehr, a's manch einer denkt,« sagte er und rieb sich die Hände und lachte. »Heute morgen war ich an Bord des Schiffs in Liverpool. Ja, ja. Das junge Frauenzimmer is' nu' von ihren Traum aufgewacht,« (er sprach das Wort Traum, als wenn es drei Silben hätte), »ja, nachgerade is' sie das nu'. Aber ich mußte für mein Billet gleich bezahlen,« bei welcher Erinnerung er einen kräftigen Fluch ausstieß. »Das Geld 's futsch. Na, schad't nix, Schlimmeres ist auch futsch. Is das nich' 'n ekligen Kram, Herr, wenn man auf so 'n junges Frauenzimmer müde wird, wo man sonst mit gegangen is', un' nu' muß man bei ihr bleiben, ob man mag oder nich? Sie 's jetzt woll ornd'tlich seekrank. Wir sind die ganze Nacht gefahren. Ich kriegte sie glücklich an Bord, kriegte sie dazu, zu Bett zu gehen, un' sag', nu' wollt' ich noch mal nach 'n Gepäck sehen. Un' denn – ich 'runter in'n Boot, un' das Schiff weg, – ich hab' den Rauch davon noch 'n ganzes Ende gesehen. Hol' mich der Teufel, wenn ich nich' gesungen hab'. Und hatt' doch kein Tropfen nich' getrunken, un' will das auch nich', bis die Geschichte morgen vorbei is'. Mein'n Sie nich', ›Dahli‹, das 's 'n hübschen Namen, Herr? Ich zu ihr zurück, so schnell, wie der Zug man gehen wollte. Sie hat 'n Brief von ihr' S'wester gehabt, die sagt auch, sie soll mich man heiraten, ›'n edlen Mann‹ nennt sie mich, – ha, ha! das 's 'n guten Witz! ›Nu' was meinst du denn, mein Schatz?‹ sag' ich, un' Teufel noch mal! Aber 'n Kompelment oder 'n Kuß is' da nich' 'rauszukriegen. Sie hat nu' mal so was von 'ner feinen Dame. Aber leiden mag ich sie, ganz gewiß. Schön, Herr, also an der Kirchtür, nach der Trauung, da bringen Sie die Sache in Ordnung, – un' ›fleckenlose Ehre!‹ heißt 's nich' so?« Algernon nickte. Sedgetts Redeweise hatte für sein feinsinniges Gefühl immer etwas Ungemütliches. »Übrigens, was für 'ne politische Richtung haben Sie eigentlich?« fragte er. Sedgett starrte ihn etwas verwundert an, sagte, er wäre ein Tory, Algernon nickte wieder, aber seine Brauen zogen sich mürrisch zusammen bei dem Gedanken, daß der Schurke die gleiche politische Überzeugung habe wie er. »Übrigens,« rief Sedgett, »mit Ihren Parlamentsphrasen hab' ich gar nichts zu tun. Morgen sind Sie an der Kirchtür, oder Sie können sich auf 'n schönen Krawall gefaßt machen, – das lassen Sie sich gesagt sein. Abgemacht is' abgemacht. Ich mag das junge Frauenzimmer woll leiden, aber das Geld muß ich haben. Warum woll'n Sie 's mir nich' jetzt geben?« »Nicht, bis alles geschehen ist,« sagte Algernon sehr verständigermaßen. Sedgett studierte seine Gesichtszüge, und das Resultat dieser Prüfung war der Ausspruch: »Also die Sache ist die: Ich will es tun un' soweit vertrau' ich Ihnen; aber wenn Sie mich nur zum besten gehalten haben, dann schmeiß ich das Frauenzimmer über Bord und mach' Ihnen die allerschlimmsten Ungelegenheiten. Aber Sie meinen es ehrlich?« »Gewiß mein' ich's ehrlich,« sagte Algernon und behielt sich seine Meinung vor. Wieder ertönte ein Klopfen an der Tür. Diesmal war es ein Diener in der Livree Baron Williams, der ihm einen Brief von Edward brachte, ein Kommentar zu dem Telegramm: »Lieber Algy! Halt es auf. Ich bin zurück und muß mit meinem Vater sprechen. Es kann sein, daß ich um zwei, drei oder vier Uhr früh nach Haus komme. Ich hab' keinen Schlüssel, also halt Dich zu Hause. Ich muß Dich unbedingt sehen. Mein ganzes Leben wird fortan ein anderes werden. Ich muß sie sehen. Hast Du mein Telegramm erhalten? Antworte mir durch den Boten. Ich komme zu Dir, sobald mein Vater mit seiner Rede zu Ende sein wird. Dein E. B.« Algernon hieß Sedgett warten, während er sich in Diner-Toilette warf, gab ihm inzwischen eine Zigarre und schrieb: »Lieber Ned! »Halt auf – was? Natürlich denke ich mir, daß es sich nur um eine einzige Sache handeln kann, und wie kann ich die aufhalten? Warum auch? Du komischer Kauz! Was bist Du doch für ein wetterwendischer Gesell. – Ich gehe los, um zu sehen, was noch zu tun ist. Nach morgen früh um elf wird's Dir in Deiner Haut wieder wohl sein. Wenn Dein Alter milde ist, leg' ein gutes Wort für den › Alten Braunen ‹ ein, und bring gleich zwei Dutzend davon in einer Droschke mit. Es lohnt sich sonst wirklich schlecht, hier zu Hause zu sitzen. Mach' ihm das mal ein bißchen klar. Wenn ich an Deiner Stelle wäre, wollte ich es schon tun. Stell' ihm vor, daß es weit praktischer wäre. Wenn ich besseren Wein in einem Hotel finde, gehe ich natürlich in ein Hotel und gebe zwei- oder zehnmal soviel dafür aus. Und erzähle ihm, daß wir uns von jetzt an in der Regel unser Mittagsessen von der Wirtin aufs Zimmer schicken lassen wollten. Ein guter Vorwand für den ›Alten Braunen‹. Dein Dich liebd. A. B.« Diese Epistel gab er dem Diener zur Besorgung und stöhnte bei dem Gedanken daran, daß er aller Wahrscheinlichkeit nach, wenn der alte braune Sherry käme, kaum mehr als ein halbes Dutzend von dieser exquisiten Marke trinken würde. Bald darauf fuhren er und Sedgett miteinander nach Dahlias armseliger, im Westen gelegenen Wohnung. Unterwegs kam ihm ein Gedanke. Würde Sedgett ihn nicht weit lärmender um die Tausend bedrängen als Edward. Wenn er Edwards Weisung gehorchte und die Heirat verhinderte, so konnte er ihm doch immerhin noch ein gut Teil Hunderter zurückerstatten und die Vermutung offen lassen, daß er Sedgett die übrigen als Vorschuß gegeben habe. Wie fing er das am besten an? Sedgett sagte beiläufig: »Wenn Sie mir das Geld jetzt nicht einhändigen wollen, muß ich es jedenfalls sofort nach der Trauung bekommen. Schwören Sie mir, daß ich Sie in der Sakristei finden werde, wenn wir dort unsere Namen unterzeichnen. Ich weiß mit Eheschließungen ganz genau Bescheid. Schwören Sie, oder das sag' ich Ihnen, wenn ich mich betrogen finde, so bin ich mit dem jungen Frauenzimmer in'n Handumdrehen fertig.« Algernon nickte. »Ich werde dort sein,« sagte er und dachte währenddes, daß er sich schon hüten werde, dort zu sein. Dieser Gedanke befreite ihn von allerhand Skrupeln, obschon er die hübsche Aussicht auf ein Blockhaus in den Kolonien, auf ein Pferd und auf Rhoda, welche ihm das Mahl bereitete und auf ein Aller-Sorgen-ledig-sein zerstörte. Er tat sein Bestes, den Vorsatz, wenn's ihm möglich sein werde, die Geschichte abzubrechen, in sich zu befestigen. Aber wenn schon es einem Narren gestattet sein mag, Verwicklungen zu schaffen und Unheil zu stiften, so ist doch das letzte, was Gott seinen Händen überlassen würde, das, den Lauf solchen Unheils zu hemmen. Kapitel XXXIV. Vater und Sohn In dem Halbdunkel der Bibliothek, während draußen das Zwielicht lagerte, saß Edward bei seinem Vater. Beide schwiegen, denn Edward hatte seinem Vater sein Herz erschlossen, und seinem Vater war etwas von der dürren Weisheit aufgegangen, die darin heimisch war. Mehr als einmal war Edward aufgestanden, um zu gehen, und hatte Sir William ihm durch ein Zeichen seiner Hand bedeutet, daß er bleiben solle; ein stummer Wink, dem keinerlei Auseinandersetzung folgte. Und in der Tat mühte sich der Baron mit der Lösung eines Problems ab, das auch ein lebenslanges, erfolgreiches, durch klassische Geistesgymnastik auf der Höhe gehaltenes Wirken als Bankdirektor nicht entwirren half. Da saß der Sohn, der sein Vertrauen genossen und sein Stolz gewesen, dessen gleichmäßiges, nüchternes Temperament, dessen frühreifer, weltkluger Witz, dessen schlagfertiger und vielumfassender Scharfsinn ihm immer als der Trost künftiger Tage vorgeschwebt hatte, und sein Sohn hatte ihm erzählt, – in eingehender, bis ins einzelne genauer Redeweise, wie ein Staatsanwalt dem präsidierenden Richter seinen Fall vorträgt, erzählt – daß er ein den unteren Volksschichten angehöriges Mädchen ohne jede Erziehung betrogen und ins Elend gestürzt habe, daß er nach einigen Wochen des von ihr Getrenntseins entdeckt habe, wie sie ein Teil seiner selbst geworden, und daß er infolgedessen mit der Absicht umgehe – » Heiraten willst du sie?« fragte Sir William, obschon seine Stimme weniger scharf klang, als wenn er ihr eine Dosis moralischer Entrüstung hätte hinzufügen können. »Das ist meine Absicht, mit deiner Erlaubnis, Vater,« erwiderte Edward fest, und sein Vater entdeckte, daß er seinen jungen Mann bisher noch gar nicht gekannt, daß er in Wirklichkeit in seinem Sohne bisher mit einem Fremden verkehrt habe, – ein so harter Schlag, wie ihn die Eitelkeit, die ein Bestandteil jedes väterlichen Empfindens ist, irgend erdulden kann. Er vermochte die Worte »Cerritus fuit« nicht über die Lippen zu bringen, obschon sie ihm sowohl auf Vergangenes wie Gegenwärtiges höchst anwendbar schienen. Edward pflegte sich seine Handlungen allzu gründlich zu überlegen, und was hatte es für einen Zweck einem eigenwilligen Burschen, der es sich einmal in den Kopf gesetzt hatte, auf die Felsen loszusteuern, mit großen Worten und altehrwürdigen Weisheitssprüchen zu begegnen. So stieß er nur zwischen den Zähnen hervor: »Mir scheint, daß du die Maßregel des ›Misce stultitiam‹ allzu wörtlich befolgst. Ich zitiere nur, was du bei Gelegenheit von jemand anders sagtest.« »Das mag sein, Papa,« sagte Edward. »Ich hab' mit meinem Urteil ja nicht weiter zurückgehalten, solange ich selbst noch auf dem hohen Pferd saß. ›Non eadem est aetas, non mens.‹ Jetzt denke ich anders über dergleichen.« »Ich vermute, daß ich dein jetziges Verhalten als die Frucht deiner frühzeitigen Weisheit auffassen muß. Wenn sich die gleiche Regel an deinem Vetter Algernon bestätigt, kann er ja noch einmal dahinkommen, seinem Vetter Trost und Stütze zu werden.« »Hoffen wir das Beste. Sein Vater wird es nicht in solchem Maße verdient haben, wie der meinige.« »Es ist bereits Morgen,« sagte Baron William, indem er auf die Uhr sah, und in der Bitterkeit seiner Betrachtungen durchzuckte ihn ein Schatten von Triumph über seinen schlafenden Bruder oben. »Du bist dein eigener Herr, Edward. Ich will dich nicht länger aufhalten.« Edward dehnte seine Glieder, froh, daß die Unterredung zu Ende. »Du gehst einem Leben harter Arbeit entgegen,« nahm Sir William wieder das Wort, nicht, ohne einen durch dieses offen zur Schau getragene Aufatmen hervorgerufenen Anflug von Strenge. »Ich würde dir raten, es mit einem Anwaltsposten in den Kolonien zu versuchen.« Edward entnahm dem ersten Satz, daß sein Einkommen fortan ein beschränkteres sein werde und dem zweiten, daß sein Vater ihre beiderseitigen Gesellschaftssphären fortan als verschiedenartige betrachte. »Da hast du recht, Papa, dieser Gedanke war mir auch schon gekommen,« sagte er, und sein Herz krampfte sich zusammen, seine Gesichtszüge wurden scharf. »Und, wenn ich dir noch einen weiteren Rat geben dürfte, würde ich es richtig finden, du schränktest deinen Verkehr für einige Jahre sehr ein.« »Damit kommst du nur dem Aussprechen meiner eigenen bereits gefaßten Entschlüsse zuvor, Papa. Mit einem Bubenstreich auf dem Gewissen und einem als leichtfertig gestempelten Mädchen auf dem Halse würde ernste Arbeit so gut wie unmöglich für mich sein, wenn ich noch dazu mitten in der großen Welt Londons stände. Das kostbare Metall der Wissenschaft erringt man nur, wenn man danach gräbt , und diese segensreiche Beschäftigung hält den Menschen notgedrungen für eine Reihe von Jahren außerhalb der allgemeinen Sehweite. Inzwischen ›mea virtute me involvo‹.« »Du brauchst nicht da aufzuhören,« sagte sein Vater mit einem sardonischen Blick, der auf die Schlußstrophe zu lauern schien. »Der Schluß würde nur den Lippen eines Helden anstehen; bescheidenere Persönlichkeiten, dünkt mich, sollten sich daran genügen lassen, über die offenstehende Tatsache einstweilen Stillschweigen zu beobachten.« Edward wurde wärmer, während er sprach. »Ich bin bereit, was sein muß, auf mich zu nehmen. Ich hasse Armut, aber, wie gesagt, ich bin bereit, sie zu tragen. Komm, Papa, einmal hast du mir die Ehre erwiesen, wie ein Freund mit mir zu sprechen innerhalb gewisser Grenzen, die ich wissentlich niemals überschritten habe; laß mich offen und einfach zu dir sprechen dürfen.« Sir William bedeutete ihm: »Bitte, sprich!« aus seinem Lehnstuhl heraus, und Edward fuhr stehend fort: »Alles richtig erwogen, ist die hingebende Liebe einer Frau, die nicht alle zehn Minuten um Kleingeld bittet, immerhin etwas wert. Ich weiß wohl, daß die philosophische Weisheit, daß man im Leben nichts geschenkt bekommt ohne dafür zu zahlen, recht hat. Die Sache, auf die es ankommt, ist die, das, was wir uns wünschen, richtig einzuschätzen, so kommen wir allmählich auf ein Niveau, wo uns der Kostenpreis geringer erscheint.« Er lachte. Sir William vermochte kaum ein ironisches Lächeln zu unterdrücken. »Dies ist nicht die Sprache, die einem Anwalt in den Kolonien anstehen würde,« fuhr der Redner fort. »Ich möchte dir beweisen, daß ich wohl begreife, welcher Art mein Beruf dort sein wird. Nein, Papa, sehnlicher in mir ist der Wunsch, dich davon zu überzeugen, daß dies der einzige Weg ist, der einem Manne offen steht, dessen Ehre mit der Neigung seines Herzens eins ist und mit seinem klareren Urteil nicht in Widerspruch steht.« »Vorzüglicher Gerichtsstil,« sagte Baron William, dem diese vielversprechenden Perioden durchaus nicht mißfielen. »Nun, Papa, ich brauche wohl nicht zu bemerken, daß rhetorischer Schwung, obwohl er kein Beweis für die innere Bewegung des Sprechenden ist, solche doch auch nicht ausschließt oder tötet; vielmehr, daß seine Phantasie sich an seinem Thema entzündet, und daß sich seine Ansprachen an ein größeres Auditorium richten, als zugegen sein mag. Wie die Masken der Römer, ist es auf umfassende Versammlungen berechnet.« »Um eine ähnliche Wahrheit aufzustellen, also, –« Sir William vermochte der Versuchung zu einer Entgegnung nicht zu widerstehen – »ein ewiges breites Grinsen braucht nicht unter allen Umständen in das Feld der Komödie zu fallen –« »Vielmehr kann es der Deckmantel tiefen Kummers sein.« Edward ließ seine Augen funkeln. »Ich kann lachen, – zu lächeln dürfte mir schwerer fallen. Papa, ich bitte dich, mir ernsthaft zuzuhören, wenn schon meine Sprache vielleicht nicht derart sein mag, daß du daraus auf völligen Ernst meinerseits schließen kannst, sofern du mich nicht sehr genau kennst.« »Wogegen ich unbedingt Verwahrung einlegen muß,« warf Sir William hier ein. »Ich will mein Bestes tun, mich dir verständlich zu machen, Papa. Bis vor kurzem habe ich mich selber nicht gekannt. Ich lernte dies Mädchen kennen. Sie schenkte mir ihr Vertrauen. Du wirst zugeben, daß ich eine gewisse Kenntnis von Männern und auch von Weibern besitze, und wenn ich dir sage, daß ich sie jetzt noch höher achte, als ich dies zu Anfang tat – viel höher – daß ich sie so von Grund auf achte, daß ich meine Ehre ihren Händen ruhig anvertrauen würde, weil meine Erfahrung sie mir dort so sicher erscheinen läßt, wie sie instinktiv und zuversichtlich dereinst ihre Ehre in meine Hände gelegt, – so wirst du – wenn schon du mich vielleicht auch in der Folge eines übereilten Handelns zeihen magst – zugeben, daß sie in Besitz hervorragender weiblicher und achtunggebietender Eigenschaften sein muß. Ich habe sie betrogen. Daß ich es tat, geschah, um dich zu schonen. Es ergaben sich die Folgen, die kaum ausbleiben können, wenn von zwei Menschen, die miteinander leben, die Frau im Nachteil ist und sich klaglos verzehrt. Ich hätte eine zänkische Zunge besser ertragen können, vermutlich, weil ich ihr besser gewachsen gewesen wäre. Es ist weit schlimmer, ein bleiches, trauriges Antlitz zu sehen, auf dem das Lächeln unveränderlicher Zärtlichkeit niemals verlischt. Die Süße selbst widersteht einem schließlich.« »Mit dieser Erfahrung sind kleine Knaben, die viel Medizin einnehmen mußten, dir bereits zuvorgekommen,« bemerkte Baron William. »Ich danke dir für dieses Bild.« Edward verbeugte sich, aber es schmerzte doch. »Ein Mann in dieser Lage lebt unausgesetzt mit dem Gespenst seines eigenen Gewissens zusammen.« »Eine etwas zweifelhafte Redefigur,« unterbrach ihn Baron William. »Mir würde es richtiger erscheinen, zunächst ein klares Bild der Persönlichkeit zu entwerfen, ehe du dazu übergehst, ihren Wesensausfluß zu schildern. Aber fahr' nur fort.« Edward begriff, daß sein Versuch, sich der einfachen Darlegung seiner Sache zu begeben, um sich der besonderen Vorliebe seines Vaters anzupassen, diesen völlig kalt ließ, ja, ihm Zweifel an dem Bestehen des mächtigen Impulses, unter dem er handelte, einflößte. Es ist ein Grundfehler eines Redners, nicht zuerst darauf auszugehen, seine Hörer zu ergreifen und ihr menschliches Gefühl in seine Gewalt zu bekommen. Edward wurde sich seines Fehlers bewußt. Trotzdem hatte er gut daran getan, seinem Vater einen Beweis seiner unverminderten geistigen Fähigkeiten zu geben. In des Barons Ton lag keine Verachtung. Im Gegenteil, redeten und maßen sie sich miteinander, parierten sich gegenseitig, wie in alter Zeit, und angesichts des Bruches, den Edward zwischen seinem Vater und sich hatte veranlassen müssen, war dies ein positiver Gewinn. Er nahm den Faden wieder auf: »Alle Redefiguren sind unzulänglich –« »Verzeihung,« sagte Sir William eigensinnig, »die Figur, welche ich beanstandete, war nicht unzulänglich . Eine Seifenblase ist nicht unzulänglich !« »Scherz beiseite, Papa, laß mich ausreden,« rief Edward. »Ich habe sie – wie nenn' ich sie gleich? ich habe meine Maitresse, meine Geliebte, wenn du willst – lassen wir den Namen auf sich beruhen – ›meine Frau‹ sollte sie geheißen haben und soll sie in Zukunft heißen – verlassen, monatelang habe ich sie nicht gesehen. Ich glaubte, ich sei ihrer müde – ich habe unter allerhand wunderlichen Einflüssen gestanden, – unter Zauberkünsten, möchte ich sagen. Wahrhaftig, ich könnte jetzt an Zauberkünste glauben. Brutale Selbstsucht ist der richtige Name für mein Verhalten. Ich habe meine Niederträchtigkeit erkannt. Keinen Tag habe ich vernünftig gearbeitet, keinen einzigen klaren Gedanken gehabt, seit ich mich von ihr getrennt habe. Sie hat ein Nervenfieber durchgemacht. Sie hat im Krankenhause gelegen. Sie ist jetzt gänzlich entkräftet vom Elend. Während sie litt, habe ich, – nein, ich kann auf die Zeit nicht zurückblicken. Wenn ich dich um mehr als das Verständnis eines Mannes für den andern zu bitten hätte, weiß ich, daß ich dein Herz rühren könnte. Ich bin mein eigner Herr und bereit, mich durch eigne Anstrengung zu erhalten, so ist für mich nichts weiter nötig, als dir zu sagen, daß ich bei meiner Wahl beharre und die Folgen meiner Handlungsweise auf mich zu nehmen willens bin. Mein Entschluß, sie zu heiraten, ist ein guter – was ich tun will, ist recht. Ich werde dir beweisen, daß es auch klug ist. »Laß mich dich an das erinnern, was du mir die Ehre erwiesest, über meine Briefe aus Italien zu sagen. Die schrieb ich, während sie neben mir saß. Jede andre Frau hat etwas Irritierendes für mich. Diese gibt mir nur Frieden und Kraft zur Arbeit. Meinst du, wenn ich nicht den Wunsch hätte, zu arbeiten, ich würde das Risiko auf mich nehmen, dich zu erzürnen? Die Mädchen unserer Gesellschaft haben keinerlei Reiz für mich. Und wahrhaftig, für einen schwer arbeitenden Advokaten dürfte sich unter ihnen kaum die passende Frau finden. Nein, für einen Mann der Arbeit kaum. »Sie wirken ja dekorativ, und sie mögen auch vortrefflich, und wie man es ja wohl nennt, hochgebildet sein. Ganz England würde zu den Waffen greifen, um ihre unbestreitbare Überlegenheit darzutun. Ich wünsche durchaus nicht, in irgendwelcher Frage meinen Landsleuten entgegenzutreten, obschon ich nach fremden Küsten zu schiffen beabsichtige und vielleicht aus einer derartigen Gegnerschaft Kapital schlagen könnte. Sie sind zweifellos bewunderungswürdige junge Geschöpfe. Eine Bauerntrulle bringe ich dir nicht als Schwiegertochter, Papa. Wenn ich Karriere mache, wird sie meinem höheren Rang gewachsen sein. Sie hat das Benehmen einer Dame – einer Dame, sage ich, nicht das der modernen jungen Dame, mit der sie es, wie ich mich freue, nicht aufzunehmen braucht. Man hat sie nicht geschäftig dazu erzogen, an ihrem eignen Strang zu ziehen, wenn sie doch mit einem Gefährten zusammen unterm Joch gehen soll. »Aber ich könnte dich zu dem Schluß verführen, als empfände ich meine Position als schwach, weil ich es darauf anzulegen scheine, die entgegengesetzte lächerlich zu machen. Du magst von mir denken, wie du willst, Papa, du wirst doch wissen, daß ich meiner besten Eingebung und meiner klarsten Einsicht in diesem Punkt folge. Ich brauche nicht erst zu lernen, daß ich, wenn es mein Los wird, England zu verlassen, den Zusammenhang mit dem verliere, der mir immer der beste Freund sein muß. Und wenig junge Leute können wohl das gleiche von dem Manne sagen, der in dem Verhältnis des Vaters zu ihnen steht.« Hiermit schloß Edward; nicht völlig zu seiner eignen Befriedigung; denn, um seinem eignen kritischen Geschmack zu entsprechen, welcher dazu erzogen war, sich an scharfen Antithesen und glänzenden Perioden zu berauschen – den großen Biscayischen Wellen rhetorischen Schwunges, gegen welche seine Rede nur dem kleinen Geplätscher eines vom Winde bewegten Sees glich – hatte er mit allzu sichtlicher Aufrichtigkeit gesprochen. Dennoch hatte er, wie er wohl wahrnahm, einen gewissen Eindruck erzielt. Sein Vater erhob sich. »Ich hoffe, wir werden immer Freunde bleiben,« sagte Baron William. »Was eine deinem Stande entsprechende Zulage betrifft, so werde ich dafür Sorge tragen. Der Komfort, an den du gewöhnt bist, soll dir auch fernerhin nicht fehlen. Gleichzeitig nehme aber auch ich vollkommene Freiheit für mein eigenes Tun und Lassen in Anspruch.« »Selbstverständlich, Papa,« sagte Edward, ohne in dieser Redewendung ein neues Moment zu entdecken. »Du schätzest Mrs. Lovell sehr hoch, nicht wahr?« Edward errötete. »Meine Hochachtung für sie würde vollkommen sein, wenn –« er lachte flüchtig auf – »du wirst denken, ich möchte jedermann verheiraten oder auf den Weg dazu bringen, – sie wird niemals recht lenksam sein, ehe sie nicht verheiratet ist.« »Der Meinung bin ich auch,« sagte Baron William. »Ich will dich nicht länger aufhalten. Es ist Viertel vor fünf. Natürlich schläfst du hier.« »Nein, ich muß nach dem Temple gehen. Übrigens, Algy läßt dich um etwas Sherry bitten. Er fängt an, guten Wein von schlechtem zu unterscheiden, was ich für ein günstiges Omen halte.« »Ich werde Holmes anweisen, ihm einigen in seine Wohnung zu schicken, wenn er eine Woche lang ordentlich auf der Bank gearbeitet haben wird.« »Also früher oder später. Guten Morgen, Papa.« »Guten Morgen!« Sir William schüttelte seinem Sohne die Hand. Eine Minute darauf hatte Edward das Haus verlassen. »Das wäre überstanden!« sagte er, indem er dankbar die frische Morgenluft einsog und einige leichtgefärbte Wolkenfetzen beobachtete, die an dem blauen Himmel eine Linie zogen. Kapitel XXXV. Die letzte Nacht Eine scheue und demütige Bitte Dahlias, des Inhalts, daß es ihr Wunsch sei, vor vollzogener Trauung niemand der Ihren zu sehen, hatte Robert Rhoda überbringen müssen; aber Rhoda war ihrer Schwester gegenüber innerlich streng geworden und hatte – teils in dem Gedanken, sie dem Schritt gegenüber, der ihr die verlorene Reinheit wiedergeben sollte, zu stützen, teils in dem Verlangen, das liebe, lang vermißte Haupt an ihr Herz drücken zu können, – Dahlias törichtem Flehen keine Beachtung geschenkt. Und es erwies sich als gut, daß sie es nicht getan; denn zu ihrem großen Erstaunen liebte Dahlia, verhärmt, geschoren, durch die Krankheit niedergebrochen, wie sie war, und durch die Selbstsucht eines lügnerischen Mannes so gänzlich jeden Reizes bar, daß sie der Erbärmlichkeit, welche in der Welt ist, zur Zielscheibe verächtlichen Spottes dienen konnte, diesen Mann noch immer und zitterte oder schrak vielmehr mit einem jämmerlichen physischen Grauen vor dem; edlen Manne zurück, der den Schandflecken von ihrer Stirne zu waschen willens war. Als die Schwestern einander nach langer Trennung wiedersahen, war Dahlia völlig Herrin ihrer selbst und flüsterte liebevoll Rhodas Namen, als sie ihr entgegenging, um sie zu küssen. Rhoda vermochte nicht zu sprechen. Durch das Seltsam-Fremde des weißen Gesichts, welches durch die Glut des Feuers gegangen war, bedrückt, küßte sie die Schwester stumm und stöhnte ein einzig Mal tief auf, während Dahlia leise liebkosend ihre Schulter streichelte. Die sanfte Berührung ihrer Hand war schwerer zu ertragen, als es die trostlose Trennung gewesen war und schien weniger von der Wirklichkeit an sich zu tragen, als mancher Traum. Rhoda saß neben ihr, von der Feierlichkeit eines tiefen Grames überwältigt, den sie sich nie vollständig hatte vorstellen können, obschon sie manches vague Bild Dahlias vor ihrer Phantasie heraufbeschworen hatte. Sie hatte sich heftiges Jammern, Tränen, Verzweiflung vorgestellt, aber nicht diese geisterhafte Veränderung, diesen erloschenen Blick. Es war ein Gesicht, das einer Kristallampe glich, darin die Flamme erstorben. Die schreckliche kleine Kappe zeigte in unerbittlicher Härte das jämmerlich zusammengeschrumpfte Köpfchen. Es wunderte Rhoda, sie ganz einfach über zu Hause und über das alte Leben dort sprechen zu hören. Bei jeder Frage traf sie der Gegensatz zwischen einst und jetzt, wie ein greller Blitzstrahl, der die stärksten Gegensätze beleuchtet. Aber das Gespräch ging mehr in die Tiefe. Dahlias Martyrium kam heran und ihre Zungen wurden einer unverblümten Aussprache über die nahende Stunde zugetrieben, da stockte Dahlia und kroch in sich zusammen, wie jemand, der sich dem Sturm preisgegeben fühlt; Rhoda erfuhr, daß, statt Haß und Abscheu für den Mann zu empfinden, der so teuflisch an ihr gehandelt hatte, die Liebe dennoch lebendig geblieben war. Willig unterzog sich Dahlia der Qual der Frage: »Liebst du ihn wirklich noch, kannst du ihn noch lieben?« und seufzte in einem Gefühl der Scham und Furcht der Schwester gegenüber, ohne doch auszusprechen zu wagen, daß sie ihr hart scheine, ohne die Bitte zu wagen, ihr doch das Furchtbare zu ersparen, wie sie es Robert gegenüber getan hatte. »Warum gibt es keine Stätte für die Unglücklichen, die nicht zu leben wünschen und nicht zu sterben vermögen?« stöhnte sie. Und Rhoda nagelte sie grausam an diese Heirat fest, indem sie tat, als sei dieselbe unwiderruflich und löschte jedes armselige Licht, was noch aus der freien Außenwelt zu ihr herüberblinkte, durch ihr Lob aus, ihr leidenschaftliches Lob, als Dahlia ihr berichtete, wie sie – halb bewußtlos nach überstandenem Fieber und in der Hoffnung, ihrem Vater doch danach wieder vor Augen kommen zu können – ihre Einwilligung gegeben habe, ihr Leben dem einzigen Menschen zu eigen zu geben, der ihr damals nahe und der freundlich gegen sie war. Rhoda ließ sich von ihr erzählen, wie dieser Mann sie zuerst gesehen habe, wie er ihren Spuren unermüdlich nachgegangen sei und sie endlich wieder aufgefunden habe. »Er – er muß dich lieben,« sagte Rhoda, und je mehr ihr die Schwäche ihrer Schwester klar wurde, ja, mit jedem neu aufwallenden Gefühl der Zärtlichkeit fühlte sie, daß man Dahlia in mancher Hinsicht wie ein Kind behandeln müsse. Dahlia versuchte mit ihren schweren Seufzern ein oder das andre stammelnde Wort um Barmherzigkeit herauszubringen, aber es lastete wie Blei auf ihrem Hirn. Sie dürstete in ihrer Verlassenheit nach Rhodas Lob, es klang ihr so süß, so verhaßt auch der Preis war, den sie dafür zahlte. Verhaßt? Sie machte sich die Folgen ihrer Handlungsweise nicht klar, sonst würde ihr die Kraft gekommen sein, gegen das Furchtbare anzukämpfen: der Aufruhr ihres Blutes würde ihre weibliche Vorsicht und ihr weibliches Entsetzen wachgerufen haben, auch hätte Rhoda sich einer wirklich heftigen Abneigung gegen diese Ehe von Seiten Dahlias nicht widersetzt. Aber Dahlias Blut war wie erstarrt, ihr Hirn wie unter bleiernem Druck. Sie klammerte sich an die armselige Wonne, die das Lob ihrer Schwester in ihr weckte und schauderte und lechzte. Sie wünschte die Minuten festzuhalten und sah sich dieselben dennoch entschlüpfen. Alles, was an gesundem Denken in ihr war, konzentrierte sich in der blinden Überzeugung, daß Gott – nun er sie genugsam gestraft habe – nicht zugeben werde, daß ein neues großes Elend über sie hereinbreche. Sie erwartete irgendein plötzliches Dazwischentreten und sei es am Altar selbst. Sie überredete sich selbst, daß ein Elend, welches die Folge einer Versündigung sei, uns unter keinen Umständen länger quälen könne, wenn wir Buße getan und auf den rechten Weg zurückzukehren suchen, denn ihr Gedankengang war der, daß, wenn sie abließe, sich gegen den Strom zu stemmen und sich einfach von demselben tragen lasse, Gott sich ihrer vielleicht erbarmen werde. Mit der geringen Spannkraft eines geschwächten Geistes befleißigte sie sich einer stummen Ergebenheit und täuschte sich derart in dieselbe hinein, daß ihr die Minuten darüber in verringertem Grauen und Schrecken vergingen. So war es während des ersten Viertels der Nacht. Die Dämmerung nahte. Rhoda hatte Sedgett gesehen, ein ruhiges Zusammentreffen, wenig Worte von beiden Seiten, denen keins von beiden irgendwelche Aufmerksamkeit zollte. Aber das Mädchen hielt sich an seine Häßlichkeit, in ihr glaubte sie einen augenscheinlichen Beweis seiner Würdigkeit zu erblicken, wie auch einen Beweis dafür, daß ihre Schwester den Mann sicherlich sehr genau kennen gelernt haben müsse, denn sonst könnte sie sich auf diese Heirat nicht eingelassen haben. Dahlia sah nach den Fenstervorhängen und nach dem Kerzenlicht. Die wenigen Worte, die zwischen ihrer Schwester und ihr in einem so langen Zeitraum gewechselt worden waren, gaben den Stunden einen entsetzlich raschen Verlauf. Mit einer Art Aufschrei barg sie ihr Gesicht in Rhodas Schoß. Da Rhoda dachte, mit dieser Gefühlsäußerung lasse sie den Plan endgültig fahren, bereitete sie sich auf das vor, was ihr in diesem Fall zu sagen übrig blieb und nachzugeben. Aber, wie nach einem Paroxismus der Schwäche natürlich war, ließ Dahlias Verzweiflungsausbruch keinen weiteren Mut in ihr zurück. Dahlia zog die Brauen zusammen und sagte: »Ich habe noch immer unter nervösen Anfällen zu leiden.« »Das wird sich bald geben,« sagte Rhoda, während sie ihr die Hand streichelte. Um Dahlias Lippen zuckte es. »Ist Vater noch immer so hart gegen Frauen?« »Der arme Vater!« warf Rhoda, statt jeder andern Antwort, hin, und Dahlias Körper schüttelte sich, wie unter einem Krampf. »Wo werde ich ihn morgen treffen?« fragte sie, und mit einem Blick von dem glanzlosen Kerzenlicht auf die Fenstervorhänge fuhr sie fort: »O, es ist Tag. Warum haben wir nicht geschlafen? Es ist Tag! Wo werde ich ihn treffen?« »In Roberts Wohnung. Wir gehen alle dahin.« »Wir alle? Er auch?« »Dein Mann wird dich dahinbringen.« »Mein Himmel, mein Himmel! Ich wollte, du wüßtest von alledem ein bißchen besser Bescheid, ein klein bißchen besser!« »Ich weiß, daß es etwas Gutes und Köstliches ist, recht zu tun,« sagte Rhoda. »Wenn du nur einmal eine Neigung gehabt hättest, Schwester. O, wie undankbar ich dir gegenüber bin.« »Nein, ich fürchte nur, daß es dir so vorkommen muß, als sei ich unfreundlich gegen dich ,« sagte Rhoda. »Meinst du, ich muß es tun? Muß ? Warum?« »Warum?« Rhoda krampfte ihre Finger ineinander. »Warum hast du mir, als du krank warst, nicht geschrieben: ich sollte zu dir kommen?« »Ich schämte mich,« sagte Dahlia. »Du sollst dich nicht länger schämen, Schwester!« Dahlia ergriff mit zitternden Fingern die Fenstervorhänge und sah in das Tageslicht hinaus. Als habe es ihre Augen verletzt, so rasch bedeckte sie ihr Gesicht, während ein trocknes Schluchzen aus ihr hervorbrach. »O, ich wollte, ich wollte, ich hätte früher gewußt, was all dies bedeutet. Muß ich es tun? Sein Gesicht! Liebste, es tut mir so leid, daß ich dir Kummer mache. Muß ich es tun? Der Doktor sagt, ich sei so kräftig, daß nichts in mir zerbrechen werde, daß ich leben müsse, wenn man mich nicht geradezu tötete. Aber wenn ich nur als Dienstmädchen in Vaters Haus leben könnte, – ich wollte alle meine Liebe einem kleinen Blumenbeet zuwenden.« »Vater hat kein Heim mehr,« sagte Rhoda. »Ich weiß – ich weiß. Ich bin ja bereit. Ich will ja nachgeben, und dann wird sich Vater nicht länger dessen schämen, auf dem Hof zu bleiben. Ich bin bereit, Liebste, ich bin bereit. Rhoda, ich bin bereit. Es ist nicht viel.« Sie blies das Licht aus. »Sieh, niemand wird das für mich tun. Wir haben nicht das Recht für uns selbst zu leben. Ich habe unrecht getan, und ich will mich demütigen, ja, ich will es. Ich kannte keine Demut, solange ich glücklich war, und das beweist, daß ich kein Recht auf Glück hatte. Alles, was ich erbitte, ist nur noch eine einzige Nacht mit dir. Warum haben wir uns nicht zusammen schlafen gelegt? Nun können wir nicht schlafen. Es ist Tag.« »Komm, laß uns uns noch ein paar Stunden zusammen hinlegen, mein Liebling,« sagte Rhoda. Während sie sprach, zog Dahlia den Fenstervorhang zurück, um noch einmal in das leere, unerklärliche Tageslicht hinauszublicken – sie tat es, und dann neigte sich ihr Kopf, wie sich ein Habicht vorwärts schwingt, der seine Beute zuerst erblickt, sie drehte sich rasch um, erhob die Arme mit einer krampfhaften, verzweifelten Bewegung: »Er ist da!« Kapitel XXXVI. Edward trifft jemand, der ihm gewachsen ist Rhoda war augenblicklich mit sich im klaren, daß der Augenblick zu energischem Eingreifen gekommen sei. Ihrer Schwester Antlitz verriet nur allzu deutlich den Namen des Mannes, der da unten auf der Straße stand. Sie trat zu ihr, ergriff ihre Hände und raunte ihr zu: »Komm mit! Du sollst mit mir kommen! Sag' nichts. Ich weiß alles. Ich will hinuntergehen. Ja, du mußt jetzt gehorchen und tun, was ich dir sage.« Dahlia öffnete die Lippen, aber ihre Gedanken verwirrten sich, wie bei einem Kinde, dem man verbietet zu weinen; ein schwacher Klagelaut brach sich Bahn, dann ließ sie, in sich zusammenschauernd, alles über sich ergehen. »Was soll ich tun?« sagte sie flehend, als Rhoda sie in ihr Schlafzimmer führte. »Dich hier ein wenig ausruhen! Sei ganz still. Du kannst mir alles ruhig überlassen. Ich bin ja deine Schwester.« Rhoda schloß die Tür hinter ihrer Schwester, die wie im Bann dieser kalt hingeworfenen Worte zurückblieb. Rhoda selbst befand sich in großer Aufregung, doch war ihre Empörung so überwiegend, daß sie ohne Schwanken tat, was ihres Erachtens geschehen mußte. Sie trat einen Augenblick vor den Spiegel, um ihren Hut aufzusetzen und ihren Schal zu befestigen. Die durchwachte Nacht hatte ihren Wangen nicht die blumige Frische, noch ihren dunklen Augen den träumerischen Glanz genommen. Zufrieden damit, daß an ihrem Aussehen nichts auszusetzen sei, eilte sie die Treppe hinab, schob den Riegel zurück und ließ ohne einen Moment des Zögerns die Tür hinter sich ins Schloß fallen. Im selben Augenblick kam ein Herr über den Fahrdamm zu ihr herüber. Er fragte, ob Mrs. Ayrton in dem Hause wohne. Ihm schwebte dunkel vor, als habe er Rhodas Züge schon irgendwo gesehen, sie aber erkannte sofort, ohne Schwanken den verhaßten Feind. »Meine Schwester, Dahlia Fleming, wohnt hier,« sagte sie. »Dann sind Sie Rhoda?« »Mein Name ist Rhoda.« »Der meine ist – ich fürchte, es wird Ihnen wenig Freude machen, meinen Namen zu hören, – ich bin Edward Blancove. Ich bin gestern abend vom Festlande zurückgekehrt.« Sie ging eine Strecke vom Hause fort, damit man sie von dort weder zu hören, noch zu sehen vermöge, und er folgte ihr schweigend. Die Straßen waren, von dem vereinzelten Daherkommen eines frühen Arbeiters, der an sein Tagewerk ging, abgesehen, völlig leer. Sie blieb stehen und er sagte: »Ich hoffe, es geht Ihrer Schwester gut?« »Es geht ihr ganz gut.« »Gott sei Dank. Ich hörte, sie sei krank gewesen.« »Sie hat sich völlig erholt.« »Hat sie – sagen Sie mir die Wahrheit – hat sie einen Brief bekommen, den ich ihr vor zwei Tagen geschrieben habe? Er war an ›Miss Fleming, Wrexby, Kent, England‹ adressiert. Hat sie ihn bekommen?« »Ich habe ihn nicht gesehen.« »Ich habe geschrieben,« sagte Edward. Er musterte ihre Züge scharf, ohne indessen eine Beruhigung für sich daraus entnehmen zu können. Doch stieg ihm dabei ein Nebengedanke auf, welcher der Bewunderung für ihre vollendet schöne Gestalt, den beherrschten Ausdruck ihrer Züge und die ruhig-sichere Art ihres Sprechens entsprang, und der sich, etwa dahin hätte formulieren lassen, daß der englische Bauernstand wunderbare Frauen hervorbringe. Vielleicht – wer weiß? selbst eine entschlossene menschliche Natur durchströmt eine besondere Kraft, wenn ihr ein neuer Knoten hinzugefügt wird, – erschien ihm diese Wahrnehmung wie ein Gutheißen des von ihm gefaßten Entschlusses, drückte gewissermaßen der Aufeinanderfolge von wilden Impulsen, Gewissensskrupeln und wiedererstandener Liebe und Mannhaftigkeit, die ihn an diesen Ort geführt hatte, einen rechtfertigenden Stempel auf. »Sie kennen mich, nicht wahr?« sagte er. »Ja,« antwortete sie kurz. »Ich möchte Dahlia sehen.« »Das können Sie nicht.« »Natürlich nicht sofort. Aber wenn sie aufgestanden sein wird, – im Lauf des Morgens. Wenn sie meinen Brief bekommen hat, wird sie – muß sie mich sehen wollen.« »Nein, auch später nicht, überhaupt nicht,« sagte Rhoda. »Überhaupt nicht? Warum nicht?« Rhoda bezwang die Aufwallung, ihm heftig zu antworten, sie wiederholte einfach: »Sie werden sie nicht sehen.« »Mein Kind, ich muß sie sehen.« »Ich bin kein Kind, und was ich sage, das meine ich auch.« »Aber warum soll ich sie nicht sehen? Wollen Sie damit sagen, es sei ihr Wunsch, mich nicht zu sehen? Das können Sie nicht. Ich kenne sie zu gut. Sie ist die Güte selbst.« »Ja, das können Sie wohl sagen,« sagte Rhoda, indem ihre Augen ihn zornig anblitzten und sich so gerade in die seinen hefteten, wie es für ein Mädchen ihres Standes derart außergewöhnlich ist, daß ihn eine bange mit Staunen und Schmerz gepaarte Furcht beschlich. »Sie kann sich nicht so verändert haben? Rhoda – Verzeihung, wir haben so oft von Ihnen gesprochen. Sie werden allmählich besser von mir denken lernen. Es ist ja so natürlich, daß Sie mich einstweilen hassen. Ich habe wie ein Niederträchtiger gehandelt. Ich kann Ihnen keine Erklärung, und ich will Ihnen keine Entschuldigung bieten. Ich gebe nur die Tatsache zu – Ihnen, ihrer Schwester, gegenüber. Es ist mein Wunsch, Vergangenes wieder gutzumachen. Wollen Sie eine Botschaft von mir an sie übernehmen?« »Nein!« »Sie sind recht kurz angebunden.« Persönliche Bemerkungen überging Rhoda mit Stillschweigen. »Warum sind Sie so schroff?« sagte er eindringlicher. »Ich bin mir wohl bewußt, Sie aufs tiefste beleidigt und verletzt zu haben. Ich wünsche und beabsichtige mein Unrecht, soweit irgend es in meiner Macht liegt, wieder gutzumachen. Es ist sicher nichts als bloße, törichte Feindseligkeit Ihrerseits, wenn Sie versuchen, mir hierin entgegenzuarbeiten. Gehen Sie hin zu ihr, sagen Sie ihr, ich sei hier. Lassen Sie ihr wenigstens die Wahl, ob sie mich sehen will oder nicht. Sie kann meinen Brief nicht erhalten haben. Wollen Sie nicht so viel tun?« »Sie weiß, daß Sie hier sind; sie hat Sie gesehen.« »Hat mich gesehen?« Edward atmete kurz und hastig. »Nun? Und sie schickt Sie herunter, um mit mir zu sprechen?« Rhoda antwortete nicht. Die Versuchung, Dahlias Gemüts Stimmung Lügen zu strafen, wallte heftig in ihr auf. » Hat sie Sie hergeschickt, um mit mir zu sprechen?« drängte Edward. »Sie weiß, daß ich gekommen bin.« »Und Sie wollen ihr nicht eine Bestellung von mir machen?« »Ich nehme keine Bestellung von Ihnen an.« »Sie hassen mich wohl?« Wieder beherrschte sie das heftige Drängen ihres Herzens, ihm eine schroffe Antwort zu geben. Er fuhr fort: »Ob Sie mich hassen oder nicht, kommt übrigens nicht in Frage. Es handelt sich hier um Dinge zwischen Dahlia und mir. Ich will sie sehen. Wenn ich einen Entschluß gefaßt habe, gibt es keine Hindernisse für mich, auch nicht in Gestalt querköpfiger Mädchen. Zuerst gestatten Sie mir die Frage, – ist Ihr Vater in London?« In Rhodas Augen flammte etwas auf wie Mannestrotz. »Ihm kommen Sie nicht vor Augen, rate ich Ihnen.« »Wenn Sie wüßten,« sagte Edward mit fast weiblicher Sanftmut, »was ich in den letzten achtundvierzig Stunden durchgemacht habe, so würden Sie wissen, daß ich mich jeder Begegnung gewachsen fühle, obschon ich ihn – die Wahrheit zu sagen – lieber nicht sehen möchte, ehe ich getan habe, was ich zu tun beabsichtige. Wollen Sie sich nicht überzeugen lassen? Glauben Sie, daß ich aufgehört haben könnte, Ihre Schwester zu lieben?« Dieses Wort, das ihr, von seinen Lippen kommend, wie eine Lästerung erschien, warf ihre Selbstbeherrschung zu Boden. »Friert Sie?« sagte er, als er das Zittern sah, das ihre ganze Gestalt durchflog. »Nein, mich friert nicht. Ich kann hier nicht bleiben.« Rhodas verschränkte Hände krampften sich fester zusammen. »Versuchen Sie nicht, meine Schwester geradezu zu töten. Sie ist nur noch der Schatten ihres früheren Selbst. Seien Sie so gut, fortzugehen. Sie wird bald außerhalb Ihres Bereiches sein. Sie werden mich zuvor töten müssen, ehe Sie zu ihr gelangen. Nie, nie lasse ich das zu! Sie haben sie belogen, Sie haben Schande auf ihr armes Haupt gehäuft. Wir armen Leute lesen unsere Bibel, und wir finden nichts, was Sie entschuldigen könnte. Sie werden Ihrer Strafe entgehen, weil in unserer Familie kein junger Mann ist. Gehen Sie!« Edward starrte sie eine Weile an. »Nun, ich habe noch Schlimmeres verdient,« sagte er; nun er einen Gegner in ihr sah, tat es ihm nicht leid, daß sie ihre aufgespeicherte Feindseligkeit ihm gegenüber solcherart versprühte, vielmehr freute er sich ihres Zeugnisses, daß es jedenfalls einstweilen noch nicht zu spät sei. »Sie wissen, Rhoda, daß sie mich liebt.« »Wenn sie es tut, möge sie auf ihren Knien zu Gott flehen.« »Meine Gute, seien Sie doch vernünftig. Warum bin ich hier? Um ihr Böses zu tun? Sie halten mich für eine Art Ungeheuer. Sie blicken mich ungefähr an – verzeihen Sie den Vergleich – wie eine wütende Katze. Die Straßen füllen sich mit Leuten, man sollte Sie hier nicht sehen. Gehen Sie zu Dahlia. Sagen Sie ihr, daß ich hier bin. Sagen Sie ihr, daß ich gekommen bin, um sie für immer zu der Meinen zu machen, daß all ihr Herzeleid nun zu Ende sein soll. Dies ist ein Augenblick, wo es für Sie Ihre ganze Vernunft zusammenzufassen gilt. Wollen Sie tun, um was ich Sie bitte?« »Ich wollte mir lieber die Zunge abschneiden, als ihnen einen Dienst erweisen,« sagte Rhoda. »Citoyenne Corday,« dachte Edward und bemerkte: »Dann werde ich mich ohne Ihren Beistand zu behelfen wissen.« Er ging nach der Richtung des Hauses zu. Rhoda schnitt ihm eiligst den Weg ab. Gemeinsam erreichten sie die Tür. Sie warf sich vor dieselbe. Er versuchte zu parlamentieren, aber sie blieb stumm. »Ich erlaube niemandem, sich zwischen sie und mich zu stellen,« sagte er und ergriff sie beim Arm. Sie ließ ihre Blicke rasch nach rechts und nach links schweifen. In eben diesem Augenblick erschien Robert an der Straßenecke. Er ließ seine Stimme ertönen, und mit einem schnellen Satze herankommend, packte er Edward Blancove beim Kragen und stieß ihn zur Seite. Rhoda bedeutete ihm durch einen Wink, zu schweigen, und die drei musterten einander stumm »Sie sind es,« sagte Robert und forderte Edward, da er Rhodas Schachzug sofort durchschaute, auf, ein oder zwei Schritt mit ihm zur Seite zu treten. Edward brachte seinen derangierten Rockkragen in Ordnung, gewissermaßen eine symbolische Handlung, um sein Gleichgewicht wiederzugewinnen, und ging neben Robert her, während Rhoda ihnen folgte. »Was hat dies zu bedeuten?« fragte Robert hochmütig. Edwards niedrigere Natur rang in ihm nach der Oberherrschaft. Die Heftigkeit dieses Mannes war es, die ihn in Fairly bis aufs Blut gepeinigt, ihn gegen Dahlia aufgebracht und ihn – wie er sehr wohl wußte, mehr als die Zauberkünste Mrs. Lovells dazu angestachelt hatte, den schändlichen Plan zu fassen, sie zu verlassen und um jeden Preis all der Unannehmlichkeiten ledig zu werden. »Ihr habt euch alle miteinander verschworen, sie ins Unglück zu stürzen,« rief er. »Wenn Sie Dahlia Fleming meinen sollten,« sagte Robert, »so könnte nur ein Mensch von niedriger Gesinnung daran denken, ihr jetzt irgendein Leid zuzufügen.« Sein Mannesinstinkt sagte ihm, daß Edward sich in diesem Augenblick schwerlich in Dahlias Nähe befinden würde, wenn er irgendwie Böses gegen sie im Schilde führte, obschon sich schwer erraten ließ, welche Motive ihn leiteten. Doch da er selber großmütig war, neigte er auch zu einer möglichst großmütigen Auffassung, wo es sich um andere handelte. »Ihr Name ist, so viel ich weiß, Eccles,« sagte Edward. »Mr. Eccles, die Rolle, die ich hier spiele, ist eine höchst traurige. Lassen Sie mich Ihnen zunächst die Genugtuung verschaffen, zuzugeben, daß ich Ihnen persönlich unrecht getan habe. Ich bin bereit, Ihre Vorwürfe über mich ergehen zu lassen, oder was Sie sonst für gut befinden mögen, auf mich zu nehmen. Alles, um was ich Sie bitte, ist, mir gütigst fünf Minuten einer Unterredung unter vier Augen zu gewähren. Es ist dringend.« Rhoda brach mit einem: »Nein, Robert!« in das Gespräch ein. Aber Robert sagte: »Das ist ein durchaus berechtigtes Verlangen,« und trotz ihrer zornig blitzenden Augen winkte er ihr, zurückzutreten und ging mit Edward eine Strecke weiter fort. Sie stand und beobachtete die beiden, während sie versuchte, aus ihren Gesten zu erraten, welche Wendung das Gespräch nehme, und ihren möglichen Äußerungen in ihrer zornigen Stimmung irgendwelche Deutung zu geben. Es ging Robert schlecht in ihrem Urteil, weil er den Mann nicht mit einem jähen Griff packte und zu Boden riß, um ihn dann liegen zu lassen. Roberts aufhorchende Stellung zu beobachten, empörte sie aufs äußerste. »Nichts als Lügen,« sagte sie zu sich selbst, »und er wird sie nicht als Lügen erkennen.« Die Fenstervorhänge in Dahlias Zimmer blieben, wie zuvor, unberührt; aber sie befürchtete, das Mädchen könne ihrer Schwester inzwischen hilfreiche Hand zum Entkommen leisten. Die Zeit schritt bedenklich rasch vorwärts. Endlich kehrte Robert allein zu ihr zurück. Rhoda stählte ihr Herz zu neuem Widerstand. »Er hat Sie zum Narren gehalten,« murmelte sie hörbar, ehe er sprach. »Vielleicht ist es unrecht, uns ihm in den Weg zu stellen, Rhoda. Er wünscht zu tun, was ein Mann in seiner Lage irgend zu tun vermag. Das hat er mir gesagt, und es liegt kein Grund für mich vor, ihm keinen Glauben zu schenken. Er sagt, daß er bereut, was er getan, – er hat dies spezielle Wort gebraucht, und wenn ein Herr das braucht, so pflegt er es auch zu meinen. Ich achte dies Wort, und ich achte auch die, welche bis zu jenem Wort gekommen sind. Er hatte ihr geschrieben, daß er sie nicht heiraten könne, und dadurch ist das Unglück entstanden, was er augenscheinlich bereut. Nun verlangt ihn danach, ihre Vergebung zu erhalten und wieder gut zu machen – so gut er es vermag. Er ist auf dem Kontinent gewesen und hat Dahlias Briefe erst in den letzten zwei, drei Tagen bekommen. Er scheint, sie zu lieben und wirklich von Herzen betrübt zu sein. Lassen Sie mich zu Ende sprechen: die Entscheidung soll bei Ihnen stehen, aber, bitte, seien Sie nicht vorschnell. Er wünscht, sie zu heiraten, sagt, er habe in eben dieser Nacht mit seinem Vater darüber gesprochen, sei direkt von Frankreich herübergekommen, nachdem er ihre Briefe gelesen. Er sagt – und das scheint mir nicht mehr als gerecht – daß er Dahlia nur zwei Minuten sehen will. Wenn sie ihn gehen heißt, geht er. Er ist kein Freund von mir, wie ich Ihnen beweisen könnte, aber es scheint mir allerdings, Dahlia sehen muß er. Er sagt, er betrachtet sie als seine Frau, habe auch immer die Absicht gehabt, sie zu seiner Frau zu machen, aber alles sei gegen ihn verschworen gewesen, als er ihr den Brief schrieb. Na, jedenfalls sagt er das, – und das ist sicher, es gibt für Herren aus der vornehmen Gesellschaft Situationen – sie können nicht immer, oder jedenfalls bilden sie sich ein, sie können nicht immer wie ehrliche Männer vorgehen. Wenn wir eine Sache zu bedenken haben, handelt es sich für sie gleich um hundert. Das ist meine eigene Erfahrung, und ich kenne ein paar von den besten unter jenen. Die Schwierigkeit ist nur dieser arme Bursch, – der sie heute heiraten soll. Mr. Blancove spricht davon, ihm eine anständige Summe – tausend Pfund zu bieten und ihn ordentlich zu etablieren –« »Sehen Sie wohl?« rief Rhoda, und ihr Gesicht flammte auf. »Ich begreife nicht, daß Sie die Sache nicht durchschauen! Wenn er dergleichen sagen kann! O!« Sie hielt inne, überwältigt von ihrer Empörung. »Wollen Sie mich denn nicht einmal zu diesem jungen Mann, wo er denn auch sein mag, hinlaufen lassen, um ihm selbst den Fall einmal vorzustellen, – das heißt in Dahlias Namen. Und das wissen Sie doch auch, Rhoda, sie mag die ganze Heirat nicht sonderlich. Vielleicht denkt er auch anders, wenn er alles hört. Was Mr. Blancove anbelangt, ja, Männer denken bald so und denn mal wieder so, wenn sie jung sind. Ich meine, Herren! Wir müssen lernen, zu vergeben. Entweder der Mann ist so klug wie 'n Satan, oder es ist ihm Ernst mit dem, was er sagt, und dann verdient er unser Mitleid. Sie hätten ihn nur hören sollen!« »Meine arme Schwester!« seufzte Rhoda. Die Erwähnung einer Summe, die ausgezahlt werden sollte, hatte sie völlig schwach und elend gemacht, hatte ihr gewissermaßen physischen Ekel erregt. Robert dachte, als er den Seufzer hörte, sie lenkte ein. Hierauf sagte Rhoda: »Wir haben diesem jungen Manne gegenüber, der meine Schwester liebt, eine Verpflichtung, – eine Ehrenschuld: und Dahlia muß ihn hochachten, wenn sie hat einwilligen können, ihn zu heiraten. Was den andern betrifft –« Sie schob den Gedanken an irgendwelche Ansprüche an ihre Schwester von seiner Seite mit einem raschen Kopfschütteln beiseite. »Ich verlasse mich in dieser Hinsicht auf Sie. Mit Mr. Blancove will ich selbst sprechen. Dort ,« sie deutete auf das Haus, »soll er sie nicht sehen! Gehen Sie zu meiner Schwester hin und bringen Sie dieselbe, ohne Zeit zu verlieren, in Ihre Wohnung, Vater wird nicht vor zwölf kommen. Warten Sie da auf mich, und reden Sie ihr ein wenig zu, bis ich komme, aber lassen Sie sich nicht darauf ein, irgendwelche Fragen zu beantworten. Robert,« sie reichte ihm mit einem milden Ausdruck die Hand und sah ihn einen Augenblick warm an, »wenn Sie das tun wollten!« »Ob ich das will!« rief Robert, durch diese hoffnungsvolle Freundlichkeit von ihrer Seite hingerissen. Das Hausmädchen hatte in diesem Augenblick gerade die Vordertür geöffnet, um die Schwelle zu scheuern, und er trat an ihr vorbei ins Haus. Rhoda ging weiter zu Edward. Kapitel XXXVII. Edward versucht, was seine Beredsamkeit vermag Ein fester Glaube an den Erfolg seiner Beredsamkeit, wenn er sie auszuüben beliebte, war eine der wesentlichen Stützen von Edwards Überlegenheitsgefühl, – eine geheime Überzeugung, die gewissen Leuten in jeder Lebenssphäre eigen ist und manchem sonst jedwedem Eindruck zugänglichen und hin und her schwankenden Intellekt als Stütze dient. Hatte er ein wenig getändelt, oder war er irgendwie ins Gleiten geraten, so konnte er sich mit dieser Gabe, wie er mit Befriedigung feststellte, immer wieder ins rechte Licht setzen. Es ist eine Gabe, die einem vielversprechenden Jüngling gelegentlich zum Verderben gereichen kann, obschon sie selbst in derselben in der Regel eine außerordentlich gute Hilfsquelle sehen werden. Edward hatte diese Gabe sowohl seinem Vater wie Robert gegenüber mit Glück ins Feld geführt. Als er Rhoda auf sich zukommen sah, dachte er ihrer, wie ein siegreicher Kämpfer seiner Waffe gedenkt, seine Phantasie ließ ihre mutmaßlichen schwachen und starken Seiten Revue passieren, und er studierte sie aufs genauste, noch als sie dicht an ihn herangekommen war. Mit Robert, dem Repräsentanten der Kraft, als Verbündeten, war sie nicht länger im Lichte eines verächtlichen Hindernisses für seine Wünsche anzusehen. Obschon er stark dazu hinneigte, sie zu verabscheuen, war er dennoch gezwungen, sie zu achten. Sie besaß Initiative und verfügte über eine würdevolle Haltung, ein wunderbar blühendes Äußeres und einen Verstand, der nach jeder Richtung hin tätig war. Als sie sprach, wobei sie den Wunsch an den Tag legte, er möge neben ihr hergehen, war er angenehm berührt von ihrer Stimme und von der Konzession, die sie den Gesetzen der Schicklichkeit machte, und es dünkte ihn jammerschade, daß sie nicht das Weib eines Gentleman werden sollte. Nach und nach gelang es ihm, nachdem er nur zögernd begonnen, sie mit seinem Zauber zu umspinnen, denn sie hörte ihm aufmerksam zu und schritt neben ihm dahin, den ernsten, gradaus gerichteten Blick auf das Pflaster gesenkt; in Wirklichkeit achtete sie nur wenig auf das, was er sagte, bis er – wie unwillkürlich – einige Sätze aus Briefen Dahlias zitierte: und da heftete sie ihre Augen auf ihn, in einem Gefühl des Staunens, daß er solcherart Verdammnis auf sein eigen Haupt heraufbeschwören könne. Die Sätze, welche er zitierte, waren höchst eindringlicher Natur und bewiesen den Kampf zwischen ihrer Liebe und der versteinernden Überzeugung von deren Hoffnungslosigkeit, sowie dem Heranschleichen einer sie verzehrenden Krankheit. Sie gaben ein solches Bild von Dahlias anbetender Liebe zu diesem Mann, von ihrer langen Qual, der Rauschzeit ihrer Seele, ihrer einfältigen Unschuld und dem immer stärker werdenden, erdrückenden Angstgefühl, wie Rhoda es niemals vollkommen erfaßt hatte. Durch einen Nebel von Tränen hindurch versuchte sie zu ihm hinzusehen. »Wie konnten Sie es aushalten, die Briefe zu lesen?« schluchzte sie. »Konnte irgendein menschliches Wesen diese Briefe lesen, ohne daß ihm das Herz um sie gebrochen wäre?« sagte er. »Wie konnten Sie das lesen und sie dennoch dem Verderben überlassen?« Seine Stimme vertiefte sich zu einer äußerst eindrucksvollen dunklen Färbung: »Ich habe sie gestern morgen in Frankreich zum erstenmal gelesen, und ich bin hier.« Es war unleugbar in seiner Wirkung auf Rhoda eine Glanzleistung flehender Beredsamkeit. Es entschuldigte zum Teil, jedenfalls erklärte es seine Handlungsweise, während es Gefühle in ihr wachrief, von denen sie fühlte, daß auch er sie empfände, und daher war es ihr unmöglich, länger als ein teilnahmloser, fremder Mensch neben ihm herzugehen. Als er so viel erreicht hatte, ließ er alle Künstelei beiseite. Er erzählte ihr die ganze Geschichte, mit Ausnahme der einen schwarzen Episode, dem einen unbegreiflichen Vorgehen verzweifelter Gemeinheit, das er in dem blinden Verlangen, frei zu werden, mit voller Absichtlichkeit zugelassen, oder dem gegenüber er wenigstens bewußt die Augen zugedrückt hatte, und dessen Schuld somit an ihm haften blieb. Im Geist machte er eine Pause, während er zu ihr sprach, um mit staunendem Schauder darüber zur Klarheit zu gelangen, wie und wodurch er so weit hatte sinken können, seiner Manneswürde ins Gesicht zu schlagen, und er blieb davor stehen, wie vor einem ihm selbst unlösbaren Rätsel. Im übrigen beschönigte er sein Tun in keiner Weise. Er verurteilte seinen krassen Ehrgeiz aufs schärfste und sprach verächtlich von ihm, als von einem Irrlicht. »Dennoch habe ich nur wenig vollbracht, seit ich mich von ihr getrennt habe.« Und dann versicherte er sie mit überzeugender Beredsamkeit, daß er, getrennt von Dahlia, weder zu arbeiten noch zu leben vermöge. »Sie ist mir das Liebste auf Erden, sie ist die reinste Frau, die es geben kann. Ich habe mit ihr gelebt, ich habe getrennt von ihr gelebt, – ich kann nicht ohne sie leben. Ich liebe sie mit der Liebe eines Gatten. Glauben Sie noch, daß ich mich auf eine Trennung von ihr einlassen kann? Ich weiß, daß ihr Herz mir gehört, solange es schlägt. Versuchen Sie, sie von mir fern zu halten, und Sie werden sie töten.« »Sie ist nicht gestorben,« sagte Rhoda; seine Drohungen verwirrten sich ob ihrem Einwand. »Diesmal könnte sie daran sterben,« konnte er sich nicht enthalten zu murmeln. »Ah!« Rhoda wich unwillkürlich von ihm zurück. »Aber ich sage Ihnen, ich will sie sehen,« stieß er heraus. »Wir sagen, daß sie tun soll, was ihr zum Besten gereicht.« »Sie haben einen Plan? Lassen Sie mich ihn hören. Sie sind wahnsinnig, wenn Sie irgendwelche Pläne für sie gemacht haben.« » Wir haben nichts Derartiges getan, Mr. Blancove. Was geschehen soll, geschieht auf ihren eigenen Wunsch. Sie will sich nicht ihr Lebenlang zu schämen haben, ihrem Vater ins Gesicht zu sehen. Sie wagt ihn nicht zu sehen, ehe sie dessen wieder würdig geworden ist. Ich glaube, daß sie auf dem rechten Wege ist.« »Und was ist es, was sie zu tun beabsichtigt?« »Sie hat selbst die Wahl getroffen, einen guten und würdigen Mann zu heiraten.« Edward rief aus: »Haben Sie ihn gesehen, – diesen Mann?« Rhoda, welche glaubte, daß er nur die Bestätigung der von ihr behaupteten Tatsache zu hören wünsche, erwiderte: »Ja.« »Ein guter und würdiger Mann,« murmelte Edward. »Krankheit, Schwäche, Verzweiflung haben ihre Sinne verwirrt. Sie hält ihn für einen guten, würdigen Mann?« »Ich halte ihn dafür.« »Und Sie haben ihn gesehen?« »Ja.« »Nun, um was für eine entsetzliche Täuschung kann es sich hier handeln? Es ist unmöglich! Mein gutes Mädchen, ich fürchte, Sie sind das Opfer einer ganz unbegreiflichen Täuschung. Wie heißt der Mann? Ich kann es ja begreifen, daß Dahlia ihren Willen und ihren klaren Blick verloren haben kann, aber Sie sind eine Frau von klarem Urteil, Sie vermögen einen Menschen richtig abzuschätzen. Wie heißt der Mann?« »Das kann ich Ihnen sagen,« sagte Rhoda, »sein Name ist Mr. Sedgett.« »Mister –!« Edward antwortete mit einem einzigen hohlen, scharfen Auflachen. »Und Sie haben ihn gesehen und halten ihn –« »Ich weiß sehr wohl, daß er kein Gentleman ist,« sagte Rhoda. »Aber er ist von Herzen gut gegen meine Schwester gewesen, und ich bin ihm dankbar und achte ihn.« »Von Herzen!« wiederholte Edward ihre Worte. Das Verlangen, alles zu verraten und einzugestehen, überkam ihn, aber der Mut versagte ihm. Gleichzeitig sahen beide sich um, denn sie hörten nahende Schritte. Der Mann, von dem sie soeben sprachen, erschien – im Sonntagsanzug, erregt, lächelnd, einen Rosenstrauß in der Hand. Er studierte augenscheinlich die Kunst, den Frauen zu gefallen. Sein Auge fiel auf Edward, und das Lächeln erstarb auf seinen Lippen. Rhoda zeigte ihm durch kein Wort, daß sie ihn erkannte. Im Weitergehen schloß er aus dem Umstand, daß er an Stelle Mr. Algernons – Mr. Edward gesehen habe, und aus dem Blick des letzteren, daß mutmaßlich allerhand Wechsel in der Luft schwebe, vielleicht irgendwelche Chikanen, und er hoffte aufrichtig, daß es ihm gelingen möge, dem Paar, das ihn so fein zu prellen hoffte, ein Schnippchen schlagen zu können. Nachdem er vorübergegangen, sahen Edward und Rhoda einander an. Beide wußten, für wen der reizende Strauß bestimmt war. Dies gemeinsame Bewußtsein ließ in ihrem Hirn gleichsam einen erleuchtenden Funken aufflammen, aber sie blieb dennoch im Dunkeln und dachte nur, daß er eine merkwürdig starke Divinationsgabe besitze, vielleicht auch nur, daß er ihr schwer verständlich sei. Was ihn betraf, so fuhr ihm ein eisiger Schauer durch alle Glieder. Er fühlte, daß er in diesem entsetzlichen, grinsenden Schurken einen Teufel heraufbeschworen habe. Vielleicht darf man zu seiner Ehre hoffen, daß er nicht mit Bestimmtheit gewußt, daß Sedgett der Mann sei. Sicherlich hatte er indessen an die Möglichkeit, daß er es sei, gedacht. Sehr selbstsüchtige und eigensinnige Naturen besitzen nicht die Fähigkeit, die Taten, welche auf ihre Veranlassung oder mit ihrer Zustimmung geschehen, genau zu übersehen. Sie verstehen sie nicht eher, als bis die finstere Wirklichkeit vor ihren Augen dasteht. Ein »Großer Gott!« hervorstoßend, entfernte sich Edward ein paar Schritt von Rhoda und kehrte dann zurück. »Es ist ein Wahnsinn, Rhoda! der größte Wahnsinn, der jemals erdacht worden ist. Ich glaube nicht – ich weiß, Dahlia würde niemals darin willigen, erstlich überhaupt einen andern Mann, als mich, zu heiraten und zweitens einen Mann zu heiraten, der nicht ein vollkommener Gentleman ist. Ihr feines Empfinden zeichnet sie vor allen Frauen aus.« »Mr. Blancove, meine Schwester ist halbtot, nur ihre zähe Natur hält sie noch aufrecht. Die Schmach hat sie völlig gebrochen, das hat sie. Wenn sie erst verheiratet ist, wird sie ihm danken und ihn achten und wird nichts anders sehen als seine Liebe und Güte. Ich lasse Sie jetzt allein.« »Ich gehe zu ihr,« sagte Edward. »Tun Sie es nicht!« »Genug des Redens! Ich hoffe, es wird mir niemand in den Weg kommen. Wo bin ich?« Es sah nach dem Namen der Straße und schoß davon. Rhoda ging in andrer Richtung fort, fest entschlossen, seit sie Sedgett hatte vorübergehen sehen, daß sein Edelmut ihm nicht mit Undank vergolten werden solle. Sie legte ihm allerlei schöne moralische Eigenschaften bei, die sie mit den bösen Edwards verglich, und es geschah mit der Wut demokratischen Hasses, daß sie die äußeren Vorzüge, welche den vornehmen Herrn auszeichneten, von ihrer Betrachtung ausschaltete. Kapitel XXXVIII. Zu spät Edward war die Gegend, in der er sich befand, fremd, und nachdem er bald in der einen, bald in der andern Richtung sein Heil versucht hatte, kam er zu dem Ergebnis, daß er sich verirrt habe. Er eilte unzählige, düstre Straßen mit niedrigen Häusern entlang, von deren Fenstern schmutzige Vorhänge herabhingen und ereiferte sich immer mehr. Einen Augenblick packte ihn die wilde Freude, daß er zu einem Entschluß gekommen, im nächsten geriet er über all die kleinlichen Hindernisse, die ihn zum Narren hielten, in Verzweiflung. »Mein Liebstes!« rief sein Herz Dahlia zu, »habe ich dir so schweres Unrecht zugefügt? Ich will alles wieder gut machen. Es war das Werk eines Teufels!« Er wandte sich bald rechts, bald links, die Minuten eilten dahin. Sie flogen nur so, und je mehr ihm der Kopf glühte, um so mehr vergrößerte sich ihm alles, bis das Opfer, was Dahlia in ihrer Person zu bringen beabsichtigte, in seiner Phantasie wie in der Gloriole himmlischen Lichtes erschien und ihm in der ganzen Hoheit einer antiken Tragödie vor Augen stand. »Sie hat ihre Augen blind werden lassen, ihre Sinne betäubt, ihr Herz verzehrt! Oh, meine Geliebte, mein Weib, mein armes Mädchen! und alles das, um in ihres Vaters Augen der Schande ledig zu werden!« Wer hätte glauben sollen, daß ein Mädchen aus Dahlias Stande gleichzeitig die Schmach so scharf empfinden und sich zu einer solchen Höhe des Heldentums emporschwingen könnte? Das Opfer spottete jeder Vorstellungskraft, es schien des ruhigen Morgens zu lachen. Er weigerte sich, daran zu glauben, aber, das schnelle Pulsieren seines Blutes war weiser, als seine verständigen Überlegungen. Ein pfeifender Straßenjunge übernahm es, ihn. zu führen. Der kleine Bursche pfiff sorglos eine volkstümliche Opernmelodie vor sich hin, mit einer glücklichen Unbekümmertheit um deren Richtigkeit. Zufällig war es eine Melodie, die Dahlia liebte, und als Edward daran dachte, wie Dahlia sie in vergangenen Tagen so lieblich vor sich hingesummt hatte, verschwanden seine ringenden Zweifel mit dem Verhängnis der Stunde selbst, so völlig stand er unter der Herrschaft seiner kommenden und gehenden Stimmungen. Er gab dem Jungen ein reichliches Trinkgeld in einem abergläubischen Verlangen, ein menschliches Wesen möchte diese Stunde segnen. Jetzt war das Haus in Sicht. Er klopfte und ein seltsames Gemurmel, das eine abschlägige Antwort auf seine Frage bedeuten sollte, schlug an sein Ohr. »Sie ist hier,« sagte er drohend. »Sie ist vor zehn Minuten von einem Herrn abgeholt worden,« versuchte ihm das Mädchen zu versichern. Die Hauswirtin, die in diesem Augenblick aus der Küche heraufkam, bestätigte die Aussage. In einer Regung des Mitleids seiner starren Ungläubigkeit gegenüber bat sie ihn, sich selbst davon zu überzeugen, indem er das Haus vom Boden bis zum Keller untersuche und führte ihn selbst in Dahlias Zimmer. »Es hat niemand in dem Bett geschlafen,« sagte der Anwalt, indem er mit seinem Finger darauf hinwies. »Nein, Herr, das arme Ding! Sie hat heute nacht nicht geschlafen. Sie hat sich durch Wochen nur so müde hingequält, und gestern abend kam ihre Schwester, und sie hatten sich sehr lange nicht gesehen. Zwei lange Kerzen haben sie aufgebraucht oder doch beinah.« »Wo –?« – Edward vermochte kaum ein Wort herauszubringen. »Wohin sie gegangen sind, Herr? Das weiß ich nicht. Natürlich wird sie wieder zurückkommen.« Die Wirtin bat ihn, zu warten; aber sich hinzusetzen und die Minuten – die schwarzen Sendboten der Zeit – dahinfliegen sehen, war ebensogroße Qual, als sollte man sich das Fleisch abreißen lassen, bis das Skelett nackt dastand. Bis zu diesem Moment hatte er sich selbst Vorwürfe gemacht, jetzt klagte er den gerechten Himmel an. Ja, ist nicht der Sünder seine rechtmäßige Beute? und läßt er nicht in wilder Freude die Hunde auf ihn los, daß sie ihn von Elend zu Herzeleid, von Herzeleid zu Schlechtigkeit, von Schlechtigkeit zum Tode, vom Tode zu ewiger Verdammnis hetzen? Und ist das des Himmels Gerechtigkeit? Er mußte sich an den rostigen Stangen des Gartengitters festhalten, damit seine Füße nicht den Dienst versagten. Algernon war damit beschäftigt, sein Frühstück behaglich zu vertilgen, und dachte eben darüber nach, ob er noch eine Scheibe Schinken oder etwas von dem Yorkshire-Pie auf seinen Teller befördern, oder ob er seine Mahlzeit als erledigt betrachten und zu einer Zigarre übergehen sollte, als Edward vor ihm erschien. »Weißt du, wo dieser Mensch wohnt?« Algernon dachte einen Augenblick daran, zu erwidern: »Ja, was meinst du eigentlich? Was für ein Mensch?« Aber Leidenschaft läßt auch dem Narren das Wort im Munde ersterben. So antwortete er: »Ja.« »Hast du die tausend Pfund in der Tasche?« Algernon nickte mit einem krankhaft verzerrten Grinsen. »Steh' auf! Geh' zu ihm hin! Bring' sie ihm! Sag' ihm, er solle London augenblicklich verlassen, und bring' ihn selbst an den Zug, – sag', er solle das Doppelte bekommen. Wart' einen Augenblick! ich will ihm das Versprechen schriftlich geben und meine Unterschrift darunter setzen. Sag' ihm, auf mein Ehrenwort, er solle noch ein zweites, ein zweites Tausend haben, sobald ich es irgend bekommen kann, wenn er nur schweigen und mit dir gehen will, und paß auf, daß er wegkommt. Sprich nicht über irgend etwas anderes mit mir, und verliere keine Minute.« Algernon richtete sich schwerfällig auf und versuchte, sich zu besinnen, in welche spezielle Tasche er sein Zigarrenetui gesteckt habe. Edward schrieb eine Zeile auf ein Stück Papier und setzte seine Unterschrift darunter. Hiermit und mit seiner unbefriedigten Sehnsucht nach Tabak machte sich Algernon auf den Weg, nachdem er versprochen hatte, seinen Vetter in der Straße, in welcher Dahlia wohnte, zu treffen. »Bei Gott! Zweitausend! Es ist 'ne kostspielige Sache, nicht zu wissen, was man will,« dachte er. »Wie soll ich nur aus dieser Klemme herauskommen? Dies Mädel, die Rhoda, macht sich keinen Strohhalm aus mir. Kolonien für mich – wird nichts! Wenn ich allein ginge, das wäre mit so einem Sträflingsgefühl! Was in aller Welt soll ich tun?« Es schien ihm widersinnig, eine Droschke zu nehmen, da er einstweilen noch keinen festen Plan hatte. Der Anblick eines Tabakladens lullte wenigstens eine seiner nächstliegenden Sorgen in Schlaf. Er war bald in der Lage, beruhigenden Rauch von sich zu blasen. »Ned ist verrückt,« fuhr er in seinem Selbstgespräch fort. »Er 's' der reine Wetterhahn. Handle ich jemals so wie er? Und doch bin ich immer der Sündenbock, an dem alles Schlechte hängen bleibt. Diese Idee – dem Kerl zweitausend – zwei – tausend Pfund zu geben! Wahrhaftig, er könnte geradezu wie 'n Gentleman davon leben!« Und es wurde Algernon plötzlich untrüglich klar, daß das Freundschaftlichste, was man tun könne, wenn der Freund augenscheinlich an einer Gemütsverwirrung leidet, sei, das Denken für ihn zu besorgen. »Natürlich ist es Neds Geld. Ich würd's ja geben, wenn's mein wäre, aber es ist nicht mein; und der Kerl wird auch nicht einen Heller weniger nehmen, ich kenn' ihn. Indessen, es ist immerhin meine Pflicht, zu sehen, was sich tun läßt.« Er rief einen Wagen herbei. Es war der Ruhm seiner stolzen Jugendlichkeit, daß er nie in seinem Leben in einer geschlossenen Droschke fuhr. In die Polster zurückgelehnt, betrachtete er nachlässig die Welt der Fußgänger. »Komische Gesichter sieht man doch,« ging es ihm durch den Sinn. »Wahrscheinlich haben sie ihre eigenen Gefühle wie andere Leute, aber man fragt sich unwillkürlich – was soll das bloß? Wenn ich richtig erbe, so wie sich's gehört, – und warum sollt' ich nicht? – dann werd' ich behaglich in dem alten Wrexby hocken, 'n bißchen gärtnern, 'n bißchen Landwirtschaft treiben und meinen Portwein trinken. Ich hasse London. Der Squire hat gar nicht so unrecht, scheint mir.« Es kam ihm plötzlich der Gedanke, so sehr dunkel seien seine Aussichten auf die Erbschaft doch schließlich nicht. Warum waren sie ihm eigentlich jemals so dunkel vorgekommen? Es war doch offenbar so gut wie gewiß, da er einziger Sohn war. Und des Squires Gesundheit war nicht sonderlich. Während er sich solchen Erwägungen hingab, sah er Lord Suckling und Harry Latters Arm in Arm die Straße herunterkommen. Sie sahen ihn an und sprachen offenbar miteinander, aber sie erwiderten seinen kordialen Gruß weder durch ein Kopfnicken, noch durch ein Lächeln oder einen Zuruf. Wütend und eingeschüchtert durch diesen Beweis, daß man ihn von der Welt ausschließe, gerade in dem Augenblick, wo er beinah leichten Herzens zu ihr zurückkehrte, ließ er die Droschke anhalten, sprang heraus und lief dem Paar nach. »Mir scheint, ich muß Herr Latters sagen,« begann Algernon. Harry dachte einen Augenblick oder zwei nach. Dann sagte er: »Nun ja, nach unseren Gesetzen der Primogenitur komme ich nicht zuerst und entbehre infolgedessen eines besseren Titels.« »Was machen Sie denn?« Algernon nickte Lord Suckling zu, welcher antwortete: »Danke sehr, mir geht's sehr gut.« Ihre Beine gingen in gleichem Tempo vorwärts. Algernon zog seine Börse aus der Tasche. »Ich muß Sie übrigens um Entschuldigung bitten,« sagte er schnell, »mein Vetter Ned hat da so 'ne fatale Sache, und ich hab' ihm, so gut ich kann, geholfen – hab' kolossal damit zu tun – keine Stunde zur Verfügung. Fünfzig, nicht wahr?« Er reichte Harry Latters die Summe hin, der sie äußerst kühl in Empfang nahm. »Tausend?« wandte er sich an Lord Suckling. »Geteilt durch zwei,« erwiderte der junge Edelmann, und der Blücher der Banknoten wurde ihm eingehändigt. Er lächelte eigentümlich und zögerte, sie zu nehmen. »Ich habe gestern abend in allen Klubs nach Ihnen ausgesehen,« sagte Algernon. Lord Suckling und Latters waren in ihrem eigenen Klublokal gewesen, wo sie bis Mitternacht Whist gespielt hatten, doch ist Geld, selbst, wenn es in solch eigentümlich öffentlicher Weise mit nervöser Hand dargereicht wird, ein solches Zeugnis für eines Menschen Aufrichtigkeit, daß sie ihm gleichzeitig eine Aufforderung zuriefen, doch in einer Stunde mit ihnen im Klub zu frühstücken oder abends dort mit ihnen zu essen. Algernon nickte ihnen scheinbar eilig und bejahend zu und rannte davon, damit sie seinen schweren Seufzer nicht hören sollten. Er hieß den Droschkenkutscher nach Norden zu fahren, statt nach Südwesten. Die Frage der tausend Pfund war für ihn erledigt worden – »durch das Schicksal«, wie es ihm festzustellen gefiel. Die Betrachtung, daß man vom Schicksal verfolgt wird, verleiht selbst dem Erbärmlichsten unweigerlich das Bewußtsein einer gewissen Würde. »Schließlich, wenn ich in England bleiben will,« sagte er, »kann ich's mir nicht leisten, meine Stellung in der Gesellschaft dranzugehen. Alles andere ist überdies besser, als daß ein Erzschurke, wie Sedgett, die Beute einsäckeln sollte.« Und ist es nicht überdies reichlich skeptisch, wenn das Schicksal die Entscheidung in einer Sache übernommen hat, demselben nicht zuzutrauen, daß es die Wagschalen genau geprüft und die Entscheidung getroffen hat, wie es das beste ist? Inzwischen setzte er die ganze Kraft seines Intellekts in Bewegung, um die besondere Art Lüge zu erdenken, die Edward, seiner Natur und der Gelegenheit entsprechend, am besten herunterschlucken würde. Er verließ die Droschke und ging in den Park und dort – au diable mit ihm! Der Narr hat seine Schuldigkeit getan. Es war nun halb elf. Robert hatte schweren Herzens die Aufträge, die ihm Rhoda gegeben hatte, erfüllt. Er hatte Dahlia in seine Wohnung gebracht, wohin sich Rhoda, nachdem sie Edward losgeworden war, in einer Stimmung äußerster Entschlossenheit, ebenfalls begab. Sie hatte weder ein Wort des Dankes für Robert, noch ein Lächeln für ihre Schwester. Dahlia blickte einmal zitternd zu ihr empor und kauerte sich dann noch mehr in ihren Stuhl neben dem Fenster zusammen. »Vater kommt um zwölf?« fragte Rhoda. »Ja,« erwiderte Robert. Worauf sich ein Stillschweigen auf das Zimmer herabsenkte, das fast unerträglich für die Nerven eines Mannes wurde. »Ich hoffe, Sie werden hier alles finden, was Sie irgend brauchen,« sagte Robert. »Meine Hauswirtin kommt herauf, sobald Sie klingeln. Sie ist sehr aufmerksam.« »Danke, wir brauchen nichts,« sagte Rhoda. »Meine Schwester hat ihre Bibel in ihrer Wohnung liegen lassen.« Robert erbot sich mit Vergnügen, sie zu holen, und entfernte sich mit einem Gefühl der Erleichterung, das beinah' der Freude gleichkam. Er wartete einen Augenblick an der Tür, um zu hören, ob Dahlia etwas zu ihm sagen werde. Er wartete auf der Schwelle des Hauses, um sicher zu sein, daß Dahlia ihn nicht etwa zu Hilfe rufen werde. Ihr Hilfeschrei würde ihn gestählt haben, Rhoda die Stirn zu bieten, aber kein Schrei ertönte. Er horchte noch eine Weile, blieb stehen, hoffte, er werde erfolgen und seiner völligen Bestürzung irgendwelchen Ausweg zeigen. Die andauernde Stille hatte etwas Beunruhigendes für ihn, denn nun er von den Schwestern fort war, vermochte er es, die Todesangst in Dahlias Herzen, ihre gleichsam erstarrte Unzulänglichkeit und die starke und skrupellose Herrschaft, die Rhodas unbeugsamer Wille über sie ausübte, voll zu ermessen. Nachdem er ein paar Häuser weiter gekommen war, traf er Major Waring, der auf dem Wege zu ihm war. »Hier handelt es sich um eine Sache von fünf Minuten, die sogleich vor sich gehen soll, und die wir vielleicht samt und sonders bis an unser Lebensende bereuen könnten,« sagte Robert und erzählte ihm, was sich in den Morgenstunden zugetragen hatte. Percy billigte Rhodas Handlungsweise mit den Worten: »Sie muß mit allen Mitteln ihre Schwester zu retten suchen. Die Sache ist zu ernst, als daß sie dabei auf Gefühle, Gewissensskrupel oder Einwände irgendwelcher Art Rücksicht nehmen dürfte. Die Welt ist entsetzlich ungerecht gegen ein armes, alleinstehendes Weib, Robert. Ich komme, um dir mitzuteilen, daß ich England in ein bis zwei Tagen verlasse. Willst du mich begleiten?« »Wie kann ich wissen, was ich tun werde oder tun kann?« sagte Robert traurig, und so schieden sie voneinander. Rhodas unerschütterlicher Entschluß, diesen traurigen Konflikt zwischen Pflicht und Neigung durchzuführen und zu Ende zu bringen, ihr Vorwärtsdrängen völlig auf eigene Verantwortlichkeit hin, ihr dem Schicksal gleiches Handeln, das jeder Gefühlsregung spottete, – das schienen ihm die einzigen Wirklichkeiten, mit denen es für ihn rechnen galt. So oft er sich alles genau vorstellte, so oft drängte sich ihm die Überzeugung auf, daß sie unter der Last zu Boden brechen müsse. Stand es wirklich in ihrer Macht, Dahlia bis an die Stufen des Altars zu zerren? Und würde ihr Herz sich nicht erweichen, wenn Dahlia endlich wieder die Kraft, zu reden, zurückgewann? »Diese Heirat kann niemals stattfinden!« sagte er und war völlig überzeugt, daß es unmöglich sei. Er vergaß, daß Rhoda, während er seine Kraft in Fairly zersplittert hatte, in der Stille ihrer Farm gesessen und eine Fülle unbarmherziger Energie in sich aufgespeichert hatte, während ein einziges entsetzliches Epitheton ihr fortwährend vor den Ohren gehallt hatte und ihre Pulse den Takt zu keiner andern Melodie schlugen, als zu der unerschütterlichen, tiefverwundeten Liebe zu ihrer armen abwesenden Schwester. Er fand den Weg zu Dahlias Zimmer, nahm ihre Bibel unter den Arm und blickte traurig um sich. Die Uhr zeigte einige Minuten nach elf. Er warf sich in einen Stuhl und dachte daran, hier zu warten, aber sofort bedrängte ihn eine Flut undefinierbarer Empfindungen. Als er auf der Straße unter dem Fenster Edward Blancove gewahrte, öffnete er in einer Regung des Mitleids die Flügel, und Edward kam über die Straße herüber, nachdem er seine Blicke nach rechts und nach links hatte schweifen lassen. Robert ging zu ihm hinunter. »Ich warte auf meinen Vetter,« Edward hatte die Uhr in der Hand. »Ich glaube, meine Uhr geht vor. Können Sie mir genau sagen, welche Zeit es ist?« »Ich weiß nicht, ich glaube, meine Uhr geht nach,« sagte Robert, indem er einen vergleichenden Blick auf beide Uhren warf. »Bei mir ist es vier Minuten nach elf.« »Bei mir sind es vierzehn Minuten,« sagte Edward. »Ich nehme bestimmt an, meine Uhr geht vor.« »Ich glaube, es wird etwa zehn Minuten nach sein.« »So viel bereits?« »Vielleicht ein oder zwei Minuten weniger.« »Es wäre mir viel wert,« sagte Edward, »es ganz positiv feststellen zu können.« »Ich glaube, hier in der Küche ist eine Uhr,« sagte Robert. »Aber sicherer ist jedenfalls noch die Kirchenuhr, die man von dort sehen kann.« »Danke sehr, ich werde dahin gehen und mir die ansehen.« Robert überlegte plötzlich, daß es besser sein könne, Edward tue dies nicht. »Ich kann Ihnen die Zeit auf die Sekunde angeben,« sagte er, »es ist jetzt zwölf Minuten nach elf.« Edward ließ seine Uhr hin und her pendeln. »Zwölf,« wiederholte er, und hinter der Maske nichtssagender Redensarten beobachteten die beiden einander bedächtig und von Roberts Seite immer noch mit einer Beimischung von Mitleid. »Es ist doch gar kein Verlaß auf Taschenuhren,« sagte Edward. »Nein, ich glaube auch nicht,« bemerkte Robert. »Wenn man nur die Sonne täglich sehen könnte in diesem Klima!« Edward blickte zum Himmel empor. »Ja, sicherlich! Die Sonne ist die zuverlässigste Uhr, die es gibt, wenn man sie nur sehen kann,« gab Robert zu. »Hinterwäldler in Amerika bedürfen keiner Taschenuhren.« »Es sei denn, um die Indianer damit zu verblüffen.« »Ja, ja,« murmelte Robert. »Zwölf, – vierzehn – nun muß es Viertel nach sein. Oder Viertel auf die nächste Stunde, wie die Deutschen sagen würden.« »Komisch,« griff Robert diese Wendung auf. »Ausländer haben zu sonderbare Eigentümlichkeiten. Sie meinen 's nicht böse, aber man muß immer über sie lachen.« »Sie denken wohl das Gleiche über uns, und vielleicht lachen sie nur um so lauter.« »Mögen sie doch,« sagte Robert nicht ohne einen Anflug verächtlicher Entrüstung, obschon seine Gedanken weit entfernt von dem Gegenstande ihres Gesprächs waren. Auf Edwards Stirn standen große Schweißtropfen. »In ein paar Minuten wird es halb sein, halb zwölf! Ich erwarte einen Freund, das macht mich ungeduldig. Mr. Eccles –« Edward zeigte seine eigentümlichen, feinen, hartgeschnittenen, aufs äußerste angespannten Gesichtszüge – haarscharf, als hätte ein zur Seite gewehter Nebel sie bloßgelegt – »Sie sind zu sehr ein ganzer Mann, als daß Sie jemand etwas nachtragen könnten. Wo ist Dahlia? Sagen Sie es mir gleich! Es kommt mir vor, als wenn jemand mit grausamer Energie auf sie eindränge. Hat sie den Verstand verloren? Entweder das ist der Fall, – oder man vergewaltigt sie in einer unerklärlichen und schmachvollen Weise.« »Mr. Blancove,« sagte Robert, »ich trage Ihnen nicht das Geringste nach, – wenn ich es auch wollte, ich vermöchte es nicht. Ich bin nicht sicher, daß ich mich zu dieser Art von Dingen hätte bekennen können, um einem meiner Feinde einzuräumen, daß ich bereute, was ich getan, und ich achte Sie um Ihres Mutes willen. Ich bin es, der Dahlia von hier fortgeführt hat.« Edward nickte, wie um kurz sein Aufnehmen des Gesagten anzudeuten, während seine Züge sich strafften. »Warum?« fragte er. »Auf den Wunsch ihrer Schwester.« »Hat sie keinen eigenen Willen?« »Ich fürchte, augenblicklich ist ihr eigener Wille sehr schwach, Herr.« »Eine vortreffliche Schwester! Ist die Familie puritanisch?« »Soviel ich weiß, nein!« »Und dieser Vater?« »Mr. Blancove, er gehört zu der Art Menschen, – er vermag den Kopf nicht hoch zu tragen, wenn er einen Schatten von Schmach auf seinen Kindern liegen sieht.« Edward versank in ein dumpfes Brüten. »Ich wünsche – wie ich Ihnen, wie ich auch Dahlias Schwester gesagt, wie ich es meinem Vater gestern abend auseinandergesetzt habe – ich wünsche sie zu meiner Frau zu machen. Was kann ich mehr tun? Sind sie denn verrückt in ihrem törichten Bauernstolz? Halb zwölf! – es ist direkter Mord, wenn sie sie dazu zwingen. Wo ist sie? Einem solchen Manne! Die arme Seele! Ich kann es kaum fürchten, denn es ist mir unmöglich, es mir vorzustellen. Hier – die Zeit vergeht. Sie kennen den Mann ja selbst.« »Ich kenne den Mann?« sagte Robert. »Ich habe ihn nie mit Augen gesehen und hab' auch nie nach ihm fragen mögen. Ich hatte so eine Art Gefühl, das es mir unmöglich machte. Ihre Schwester sagt, er sei ein guter, freundlicher, achtbarer Mensch, und das muß er sein.« »Ehe es zu spät ist,« murmelte Edward hastig – »Sie kennen ihn, – sein Name ist Sedgett.« Robert stürzte auf ihn zu, seine breite Brust wogte heftig. » Der Sedgett?« stieß er heiser heraus, und es war unheimlich, seinem Blick zu begegnen. Edward blickte finster zu Boden, er vermochte nicht, den Kopf zu erheben. »Allmächtiger Gott! Da hat jemand etwas angerichtet, was schwer zu verantworten sein dürfte!« rief Robert. »Kommen Sie mit! Kommen Sie mit zur Kirche. Dieser gemeine Hund? Oder, nein, bleiben Sie, wo Sie sind. Ich werde gehen. Der – Dahlias Mann! Den haben Sie gesehen und durchschauen ihn nicht? So verteufelt schlau ist er mit den Weibern? Wie sind die zusammen gekommen? Wissen Sie es? Können Sie es begreifen?« Ein Blick, wie ein Blitzstrahl, fuhr zu Edward hinüber, dann rannte er davon. Als er' in das Schiff der Kirche hineinstürzte, sah er, wie der Pastor gerade die Bibel am Altar zuschlug, und wie drei Personen in die Sakristei gingen, deren letzte er sofort erkannte – es war Rhoda. Kapitel XXXIX. Dahlia geht nach Hause Spät am Nachmittag finden wir Bauer Fleming in einem Stuhl in Roberts Wohnung sitzen, wo er seit zwölf Uhr gesessen hatte, ohne ein Glied zu regen, ja, ohne zu denken, und ganz allein. Nichts deutete darauf hin, daß er die Ankunft von irgend jemand erwarte. Stumm und widerstandslos, wie ein gefällter Baum und fast ebenso unempfindlich wie ein solcher, mit halbgeschlossenen Augen und auseinander gespreizten Händen, so hielt die große Gestalt des alten Mannes die gleiche Haltung aufrechten Zusammengebrochenseins durch lange, sonnige Stunden hindurch inne, umtost von dem Lärm der Londoner Vorstadt. Daß die Hochzeitsleute eigentümlich spät waren, ging achtlos an ihm vorüber. Als die Tür aufging und Rhoda ins Zimmer trat, war es ihm nicht bewußt, daß er gewartet habe, er wußte nichts weiter, als daß sich die Stunden irgendwie, gleich einer schweren Last, auf ihn gelegt hätten. »Sie kommt, Vater, Robert bringt sie herauf,« sagte Rhoda. »Laß sie kommen,« antwortete er. Robert hielt Dahlias Arm mit festem Griff, als sie durch die Tür traten, und dann stand der Bauer auf. Robert schloß die Tür. Während einiger qualvoller Augenblicke vermochte der Bauer nicht zu sprechen, und seine Hand streckte sich wie abweisend aus. Die Rückkehr menschlichen Empfindens in sein Herz machte seinen Ausdruck härter, als es seinem Gefühl entsprach, aber es galt, sich einer furchtbaren Frage zu entledigen, ehe er dem immer stärker werdenden Verlangen nachgeben durfte, seine Tochter an seine Brust zu ziehen. Endlich kam sie: wie ein kurzer Trommelwirbel klangen die Worte, die er hervorstieß: »Kommt sie als eine ehrbare Frau?« »Ja,« sagte Rhoda. Der Bauer blickte zu Robert hinüber. Robert gab die gleiche Antwort, er murmelte sie nur leise, aber sein Blick war ruhig und fest. Da wandte sich sein Blick Dahlia zu, und ein Nebel von Zärtlichkeit verdunkelte ihm die Augen. Er warf den Kopf zurück, und mit einem erstickten kindischen Schrei stieß er hervor: »Komm!« Robert legte Dahlia an ihres Vaters Brust. Er selbst trat ans Fenster zu Rhoda, flüsterte ihr zu und sie antwortete, und doch wußten beide nicht, was sie sagten. Die vereinigten Seufzer von Vater und Tochter – das unaussprechliche Zusammenklingen eines solchen Vereintseins – tönte ihnen im Ohr. Der Gram hielt sie ebenso sehr den beiden fern, wie die Freude. In den beiden Herzen von Vater und Tochter war weder Gram noch Freude, nichts, als die undefinierbare Befriedigung bitteren, unendlich bitteren menschlichen Verlangens. Der alte Mann gab sie frei, und Rhoda löste ihre Hände von seinem Nacken und führte das arme Opfer in ein anstoßendes Zimmer. »Wo ist – –?« fragte Mr. Fleming. Robert verstand ihn. »Ihr Mann kommt nicht.« Der Bauer legte sich diese Tatsache als Stolz von Seiten ihres Mannes aus. Oder vielleicht hatte der Mann, der ihr Gatte war, sie endlich ehrlich gemacht, und sie dann, trotz allem, wozu man ihn gezwungen, von sich gestoßen. »Man täuscht mich nicht, Robert?« »Nein, Herr, bei meiner Seelen Seligkeit!« »Ich habe das hier,« der Bauer schlug auf seine Brusttasche. Rhoda kam zurück. »Dahlia ist erschöpft,« sagte sie. »Sie wird mit Dir nach Hause fahren, für – – – ich hoffe, für lange.« »Um so besser, solange wir noch ein ›Zu Hause‹ haben. Wir haben keine Zeit zu verlieren, Mädchen. Gammon muß schon auf dem Wege zum Bahnhof sein. Er wird warten. Bis Mitternacht wird er warten. Auf einen langsamen Menschen wie Gammon kann man immer rechnen, wo es sich ums Warten handelt. Robert kommt mit?« »Vater, wir haben allerlei Geschäftliches zu erledigen. Robert überläßt mir seine Wohnung auf kurze Zeit, seine Hauswirtin ist eine nette Frau und wird für mich sorgen. Du vertraust mich Robert wohl an.« »Ich will Rhoda Montagabend zurückbringen,« sagte Robert zum Bauern. »Sie dürfen mir vertrauen, Mr. Fleming.« »Das weiß ich. Dessen bin ich ganz sicher. Das steht fest,« sagte der Farmer. »Ich würde sie Ihnen für immer anvertrauen, wenn des Mädchens Herz sich Ihnen für immer zuwenden wollte, Robert. Es scheint so,« er hielt einen Augenblick inne, »es scheint so, Robert, als wenn auf jedem von uns seine Last läge. Irgendwas gibt's noch zu tun? Na, wenn ich nur mein eigen Fleisch und Blut habe und niemand auf sie schimpfen kann, was soll ich denn noch viel nach dem ›Was‹ und ›Warum‹ fragen. Ich beuge mein Haupt, und Gott verzeih' mir, wenn ich jemals gemurrt habe. Und Rhoda wollen Sie bestimmt am Montag zurückbringen?« »Ja, und ich will versuchen, ob wir den Hof nicht noch wieder in Ordnung bringen können, wenn Gammon besorgen will, was da zu tun ist.« »Der arme alte Mas' Gammon! Er 's 'n braver alter Mann. Hat ihn das Unglück anders gemacht, Robert? Er 's 'n wunderliches Geheimnis, der alte Mann! Denken Sie 'n bißchen an Gammons Treue, Robert.« »Ja, in dem Punkt ist er den meisten Menschen überlegen,« gab Robert zu. »Laß Dahlia 'n Hut aufkriegen! flink!« kommandierte der Bauer. Nun er sich weiter an die sonstige Beobachtung der Dinge zu gewöhnen begann, drängte es sich ihm auf, daß die Gesichter und Stimmen um ihn her anders waren, als wie sonst an gewöhnlichen Tagen. »Mir scheint, wir haben alle 'n huschen von Mas' Gammons Langsamkeit an uns.« »Vater,« sagte Rhoda, »sie ist schwach. Sie ist sehr angegriffen gewesen. Beunruhige Sie nicht durch irgendwelche Fragen. Sorg' dafür, daß man ihr zu Hause keinerlei Fragen stellt. Jedes Sprechen greift sie an, es kann ihr gefährlich werden.« Der Bauer starrte sie an. »Ja, ja, und das mit ihrem Haar – nun fällt's mir wieder ein. Sie trägt 'ne Kappe und ihr Haar 's abgeschnitten wie bei 'n Zuchthäusler. Da kriegen die Nachbarn ja gleich noch mehr zu reden.« »Die verrückte Gesellschaft! Was fragen die nach der Wahrheit?« stieß Rhoda in der ihr eignen leidenschaftlichen Art heraus. »Wir sagen die Wahrheit, nichts als die Wahrheit. Sie hat ein Nervenfieber gehabt. Das hat sie so sehr geschwächt, und alle zu Hause müssen recht still sein. Vater, zieh den Verkauf des Hofes zurück, Robert wird es alles in Ordnung bringen. Er hat versprochen, unser Freund zu sein, und Dahlias Gesundheit wird sich da wieder kräftigen, und sie wird in der Nähe von Mutters Grab sein.« Der Bauer erwiderte, wie aus weiter Ferne her: »Ich hab' Geld genug in der Tasche, um die Rückfahrt für zwei zu bezahlen.« Er fuhr fort: »Aber ich hab' nicht Geld genug, um unsere Familie noch eine Woche länger durchzufüttern, ich muß es dem Herrn überlassen. Ich säe, ich grabe, und ich säe, – und wenn wir kein Brot mehr haben, muß das Land drauf gehen; und dann laß es drauf gehen, und macht kein großes Geschrei drum. Mir ist erstaunlich leicht ums Herz, obschon ich, wenn ich verkaufen muß und verkaufe, es nicht werde lassen können, an meinen Vater und an dessen Vater zu denken – vielleicht, ja, wahrscheinlich tüchtigere Leute als ich – denn die konnten zur Blüte bringen, was sie einmal von Geburt an hatten. Sie werden im Grab noch weinen. Eines Menschen Herz hängt doch mal an 'm Land, Robert, das werden Sie auch noch mal einsehen. Ich dachte, ich kehrte mich überhaupt nur an mein Land, bis das arme, schwache, weiße Ding ihre Arme um meinen Hals schlang.« Rhoda hatte sich wieder von ihnen weggestohlen. Der Bauer beugte sich zu Roberts Ohr hinab: »Hat sich wohl 'n bißchen mit ihrem Mann gezankt?« Robert räusperte sich: »Ja, so ist's,« sagte er. »Ernstlich? Was?« »Ja, seh'n Sie, das läßt sich schwer sagen.« »Und 's nicht ihre Schuld? Nicht meiner Tochter Schuld?« »Nein, das kann ich Ihnen schwören.« »Na, dann ist sie in ihre rechte Heimat gekommen. Da wird sie bei ihrer Mutter und bei mir sein. Laß sie 'n Abend beten, un' sie wird immer wissen, sie 's bei ihrer seligen Mutter. Vielleicht wär' den beiden Frauen 'ne kleine Erfrischung ganz angenehm, wenn wir so frei sein dürften, wo wir doch Ihre Gäste sind, aber es muß ganz schnell sein, Robert – oder wollen sie nichts? Essen können sie woll nicht und ich auch nicht.« Bald darauf führte Mr. Fleming seine Tochter Dahlia aus dem Hause und aus London fort. Das tief betrübte Geschöpf war, wie die Ärzte von ihr sagten, allzu zähe, um dem gewöhnlichen Verlauf der Dinge zu erliegen. Sie konnte gehen und sich aufrecht halten, obschon die Feuerprobe, durch die sie an diesem Tage gegangen war, eine solche war, daß wenige Frauen sie hätten durchmachen können. Das Entsetzen, das auf die von ihr vollbrachte Tat folgen mußte, hatte sie noch nicht realisiert, und augenblicklich empfand sie, wennschon keinen Frieden, so doch die momentane Leidenspause, wie sie eine erledigte Tatsache gewährt. Robert und Rhoda saßen, bis die Dämmerung herabsank, in verschiedenen Zimmern. Als sie im Zwielicht zu ihm trat, zeigte ihr Antlitz die Verheerung eines Sturmes, der darüber hingebraust war. Sie setzte sich hin, um den Tee zu bereiten und sprach mit wunderbarer Selbstbeherrschung. »Mr. Fleming erwähnte des Geklatsches in Wrexby,« sagte Robert, »ist es sehr schlimm damit?« »Nicht schlimmer als in andern Dörfern,« sagte Rhoda, »Sie sind nicht unfreundlich gewesen. Sie haben wohl über uns gesprochen, aber in keiner unfreundlichen Art und Weise – ich meine nicht irgendwie gehässig.« »Und Sie vergeben ihnen?« »Gewiß. Sie können uns jetzt nichts anhaben.« Robert rang danach, klares Verständnis für ihren Charakter zu gewinnen. »Was sollen wir nun beschließen, Rhoda?« »Ich muß das Geld haben, das diesem Mann versprochen worden ist.« »Obschon er sein Weib an der Kirchtür verstoßen hat?« »Um des Geldes willen hat er meine Schwester geheiratet. Das hat er gesagt. O! das hat er gesagt. Er soll nicht sagen, wir hätten ihn betrogen. Ich hab' ihm gesagt, er solle das Geld haben. Er hat sie um des Geldes willen geheiratet.« »Das hätten Sie ihm nicht sagen dürfen, Rhoda.« »Ich hab' es getan, und ich will nicht wortbrüchig werden.« »Verzeihen Sie, wenn ich Sie frage, woher Sie das Geld nehmen wollen? Es ist eine bedeutende Summe.« »Ich werde es bekommen,« sagte Rhoda bestimmt. »Durch den Verkauf des Hofes?« »Nein, denn ich will Vater nicht unglücklich machen.« »Aber der Mann ist ein Schuft. Ich kenne ihn. Ich hab' ihn schon Jahre lang gekannt. Meine Furcht ist die, daß er Ansprüche auf seine Frau erheben wird. Wie konnte ich nur. niemals darauf bestehen, den Mann vorher zu sehen? Ich habe daran gedacht, ich wollte danach fragen, aber ich dachte, – ach, Gott, was hab' ich nicht alles gedacht! Daß Sie es nicht wünschten, und daß er vielleicht sehr befangen sei. Gott im Himmel! Was für Unglück doch daraus entsteht, wenn man den Dingen nicht gerade ins Gesicht sieht! Wir können nicht leugnen, daß sie jetzt seine Frau ist.« »Nicht, wenn wir ihm das Geld geben.« Rhoda sprach von »dem Geld«, als ob sie glühendes Metall in den Mund nähme. »Dafür ist wenig Wahrscheinlichkeit vorhanden,« sagte Robert. »Lassen wir ihn in Ruhe. Haben Sie ihn angesehen, als er mich in der Sakristei erblickte? Jahrelang hat mich der Kerl für seinen tödlichen Feind gehalten, weil ich ihn einmal abgestraft habe. Was für eine Szene! Ich würde eines meiner Glieder, ich würde mein Leben darum geben, Rhoda, wenn ich Ihnen die Szene hätte ersparen können.« Sie entgegnete: »Hätte nur meine Schwester geschont werden können! Für mich ist es nötig, zu erfahren, wieviel Böses es in der Welt gibt. Unwissenheit ist es, die Mädchen ins Unglück stürzt.« »Wissen Sie, daß ich ein Trunkenbold bin?« »Nein.« »Er hat mich irgend etwas Derartiges genannt, und er hat damit etwas gesagt, was der Wahrheit nahe kommt. Das ist der Stachel. Geben Sie mich dem Ungefähr preis, und ich fange an zu trinken. Was er sagte, war die Wahrheit, und ich vermochte ihm nichts darauf zu entgegnen.« »Ja, die Wahrheit ist es. immer, die einem wehtut,« sagte Rhoda schaudernd. »Wie können Mädchen wissen, was Männer sind? Ich konnte nicht ahnen, daß Sie irgendwelche Fehler hätten. Dieser Mann hatte etwas so Ehrbares an sich. Er saß so bescheiden im Zimmer, als ich ihn gestern abend sah, – war es wirklich gestern abend? Ich dachte, der ist zwischen Mutter und Schwestern groß geworden! Und er ist freundlich gegen meinen Liebling gewesen – und alles, was wir für Liebe zu ihr gehalten haben, ist nichts gewesen, als – o, es ist schändlich! schändlich!« Sie preßte die Hände auf die Augen und fuhr fort: »Er soll das Geld haben – er soll es haben. Wir wollen einem solchen Menschen nichts schuldig bleiben. Er hat meine Schwester von einem ebenso schlechten Menschen gerettet, – einem, der es ihm angeboten hat, um von ihr loszukommen. O, die Männer! Haben Sie das gehört? Und nun gibt er vor, er liebe sie. Es kommt mir vor, als müßte das alles ein Traum sein. Wie hätte sie jemals glücklich auf dies verhaßte Gesicht sehen können!« »Er gilt im ganzen für hübsch,« sagte Robert und staunte, daß Rhoda Sedgett auch nur einen Augenblick hatte ansehen können, ohne seine niederträchtige Art zu erkennen. »Ich möchte nicht, daß Sie irgend etwas bereuten, Rhoda, was Sie getan haben oder noch tun wollen. Aber ich muß Ihnen sagen, was mich aufschreien ließ, als ich jenen Mann sah und erfuhr, daß er Dahlias Mann werden sollte: Er wird eine stete Qual für sie sein. Das Temperament, die Lebensgewohnheiten dieses Mannes, – Gott, Sie mögen wohl sagen, Sie kennen uns Männer nicht. Ich wollte, Sie lernten uns auch nicht kennen! Um was ich Sie von ganzem Herzen anflehen möchte, ist – ein Versteck für Ihre Schwester zu suchen. Nur lassen Sie ihn sie niemals mit fortführen! Es gibt auf Erden etwas wie eine Hölle. Wenn sie mit ihm fortgeht, wird sie das erfahren. Seine Wut wird nicht anhalten. Er wird kommen und seine Ansprüche auf sie geltend machen.« »Er soll Geld haben.« Mehr sagte Rhoda nicht. Auf einem Seitentische im Zimmer stand unter einem darüber gebreiteten Schal ein umfangreiches Etwas. Robert hob den Schal auf und erblickte zwei hölzerne Kasten, einen auf den andern gesetzt, welche Master Gammons und Mrs. Sumfits Konkurrenz-Ersparnisse enthielten, die sie Dahlia in dem Glauben, ihr Mann befinde sich in einer Geld-Kalamität, die ihr stolzes Herz ihren alten Freunden vorenthalten wolle – zum Geschenk gemacht hatten. Der Bauer hatte die Kasten mitgebracht und sie da stehen lassen, ohne weiter an sie zu denken. »Mir scheint,« sagte Robert, »wir könnten diese öffnen.« »Vielleicht sind sie doch eine kleine Hilfe,« sagte Rhoda. »Eine sehr kleine,« dachte Robert; aber um den Druck, der von dem Gegenstand, über den sie gerade sprachen, ausging, ein wenig zu erleichtern, machte er sich augenblicklich daran, Werkzeuge herbeizuschaffen, mit deren Hilfe er zunächst den Kasten öffnete, der sich als der Mrs. Sumfits erwies, denn er enthielt, neben sechs Goldstücken und viel Silber- und Kupfergeld einen Streifen Papier, auf welchem in einer Handschrift, die Rhoda als die dieser liebevollen Frau eigentümliche erkannte, die Worte standen: » Und die zärtlichsten Grüße für ihre Heißgeliebte .« Die Summe betrug alles in allem neun Pfund, drei Schilling und einen Heller. »Nun zu Master Gammon – er 's schwer,« sagte Robert, und er beförderte die Ersparnisse dieses anspruchslosen Veteranen ans Tageslicht. Auch Master Gammon hatte ein Begleitwort hinzugefügt. Sie entdeckten es auf dem leeren Rand eines Stückchens Zeitungspapier, und es machte ein wenig den Eindruck, als hätte sich ein fetter Regenwurm in ein Tintenfaß gestürzt und wäre in seinem literarischen Delirium unsicher an dem Rande des Papiers entlang geschwankt. Mit Mühe entzifferten sie: » Kompelment .« Robert rief: »Bravo, Gammon!« und überzählte den Schatz. Er bestand nur aus Kupfermünzen, spartanisch und streng, und belief sich auf eine Summe von einem Pfund und siebzehn Schilling. Eine Anzahl Heller aus der Zeit der Königin Anna waren noch dabei, von denen Robert annahm, daß sie vielleicht einen gewissen Wert haben möchten. »So daß sich einstweilen noch nicht sagen läßt, wer von beiden den Sieg davon trägt,« bemerkte er. In Rhodas Augen standen Tränen. »Bitte, seien Sie recht gut mit ihm, wenn Sie ihn sehen,« flüsterte sie. Die geringere Gabe hatte ihr Herz noch stärker berührt. »Gut mit dem alten Mann!« Robert lachte leise und wickelte die beiden Schätze in getrennte Papiere, welche er zuband und in einen der Kästen legte. »Dieser ganze Betrag zusammengenommen reicht nicht eben weit, Rhoda.« »Nein,« sagte sie, »ich hoffe, wir werden ihn nicht anzugreifen brauchen.« Und dann brach es aus ihr heraus: »Diese lieben, guten, anspruchslosen Freunde! Die Armen sind Gottes Kinder im besonderen. Das hat Christus gesagt. Dies ist gutes, gesegnetes Geld!« Rhodas Wangen färbten sich mit dem ihnen eigenen tiefen, gesunden Braunrot, und in ihre dunklen Augen trat die Begeisterung einer warmen Freude. »Sie sind für allezeit meine Freunde. Sie bewahren mich vor gotteslästerlichen Gedanken. Sie sind mir eine solche Hilfe, als hätte Gott mein Gebet erhört. Diese armen Heller! und wo der arme Mann doch nicht weiß, wo er seine Tage beschließen mag! Er gibt sein Alles, – er muß wirklich ein echtes Vertrauen in die Vorsehung setzen! Möchte es ihm tausendfältig vergolten werden! Solange ich noch Kräfte zum Arbeiten haben werde, will ich das Brot, das ich verdiene, mit ihm teilen. Alter Mann! Alter Mann! ich hab' dich lieb – o, wie ich dich lieb hab'! Du errettest mich, wie aus einem tiefen Abgrund. O, du guter, lieber alter Mann, möchte mir Gott, wenn er mich vor dir von hinnen nehmen sollte, die Macht verleihen, für dich bei ihm einzutreten, wenn du irgend gesündigt hast. Es ist doch nicht jeder Mensch auf der Welt schlecht! Einige gibt's doch noch, die die Wege gehen, welche die Bibel vorschreibt. Dir schulde ich mehr; als ich je abtragen kann!« Sie schluchzte, aber sie versicherte Robert, es geschehe nicht aus Kummer. Er vermochte mit seinem Verlangen, sie in seine Arme zu ziehen und in seiner Gewissenhaftigkeit, die Pflichten seines Beschützerpostens nach keiner Seite hin zu verletzen, nichts weiter zu tun, als dabei zu sitzen und darüber nachzusinnen, wie eigenartig sie doch sei, ein Mädchen, gleich den Gestalten der Bibel, mit hebräischer Strenge der Grundsätze und hebräischer Begeisterungsfähigkeit der Seele, dazu schön, gleich den dunklen Weibern des Orients. Er gestand sich selbst ein, wie er es niemals auf sein Gewissen geladen haben könnte, den strauchelnden Willen eines Nebenmenschen zu vergewaltigen, wie Rhoda es ohne Zögern mit Dahlia getan hatte, ihre Entschlüsse zu erzwingen und alle daraus erfolgende Verantwortlichkeit auf sich zu laden. Für sie gab es kein Zusammenbrechen mit einem Aufschrei, kein Versagen der Kraft, wie plötzlich auch das Entsetzen jener Entdeckung in der Sakristei über sie hereinbrechen mochte. Als Rhoda erkannte, daß die Hand, in welche sie in verhängnisvoller Weise die ihrer Schwester gelegt, nicht die eines Mannes, sondern vielmehr die eines Ungeheuers war, stand sie da und rang um die Sicherheit, sofort den ratsamsten Weg einzuschlagen; sie hatte – so schien es Robert – weniger von einem Weibe an sich, als von einem Wesen, das geboren war, um im Schlachtgewühl seinen Mann zu stehen. Und noch jetzt schien sie unverzagt, mit Leib und Seele ihren Plan zu verfolgen, ja, sie vermochte zu weinen, ohne Gefahr zu laufen, ihre Selbstbeherrschung darüber einzubüßen. Etwas von der ritterlichen Zurückhaltung, die er den Regungen seines Herzens antat, entsprang jener unaussprechlichen Ehrfurcht, welche ihn ihr gegenüber beseelte. Und dies Gefühl war es auch, das ihn blindlings ihrer Klugheit und ihrer Entscheidung für das, was recht war und was geschehen mußte, vertrauen ließ. »Sie versprachen ihm dies Geld,« sagte er, während es ihm halb und halb unmöglich vorkam. »Für Montag,« sagte Rhoda. »Es gilt Ihrerseits, ein Versprechen von ihm zu erlangen.« Sie antwortete: »Warum? wo er es doch jeden Augenblick brechen könnte, wenn es ihm angebracht schiene; ein Versprechen würde ihn nur dazu reizen. Er liebt sie ja nicht.« »Nein, er liebt sie nicht,« sagte Robert und überlegte, ob es möglich sei, ihrem unschuldigen Sinn eine Idee von dem Charakter der Männer beizubringen. »Er hat sie verstoßen. Dem Himmel sei Dank dafür! Ich wäre zu hart, allzu hart bestraft worden. Er hat sie von der Gefahr errettet, den Versuchungen zum Opfer zu fallen. Dafür soll er bezahlt werden. Sie von einem solchen Manne fortgeführt zu sehen! O!« Sie schauderte, als gewahre sie einen fürchterlichen Abgrund. Aber Robert sagte: »Ich kenne ihn, Rhoda. Das war eine Aufwallung. Die wird vierundzwanzig Stunden währen, und nach deren Ablauf werden wir all unsere Kraft und unsern Scharfsinn zusammennehmen müssen. Liebe Rhoda, das wäre Dahlias Tod! Sie haben den Mann in seiner wahren Gestalt gesehen. Lassen Sie sich das zur Warnung dienen. Sie gehört ihm. Das ist Gesetz, göttliches und menschliches.« »Doch nicht, wenn er sie von sich gestoßen hat, Robert?« rief Rhoda verzweiflungsvoll. »Lassen Sie uns diesen Vorteil uns zunutze machen. Er hat sie von sich gestoßen und hat das schwärzeste höllische Komplott enthüllt, von dem ich je im Leben gehört. Er ist nicht der schlimmste Sünder, ein so großer Schurke er auch ist. Das arme Ding! Die arme Seele! ein hartes Los, das der Frauen in dieser Welt! Rhoda, ich hoffe, ich darf morgen früh mit Ihnen frühstücken? Ich höre Major Warings Klopfen unten. Ich muß durchaus mit einem Manne sprechen.« »Ja, bitte, kommen Sie, Robert,« sagte Rhoda und reichte ihm die Hand. Er versuchte zur Klarheit darüber zu gelangen, wie es nur kam, daß ihm in diesem Augenblick ihre Hand lediglich eine Hand, nichts weiter, war, – er drückte die kalten Finger und verließ sie. Kapitel XL. Eine Laune des Dämons des Geldes, die vorauszusehen war Solange wir nicht wissen, daß wir irgendein besonderes Unternehmen wagen, vermögen wir auf der schmalsten Planke zwischen zwei Abgründen mit vollkommenster Sicherheit dahinzuschreiten, aber in dem Moment, wo wir unserm Bewußtsein erlauben, einen Blick in die gähnende Tiefe unter uns zu tun, beginnt die Gefahr für uns, und in dem Augenblick, wo wir dem verräterischen Gedanken Raum geben, daß jemand anders in unserer Lage wahrscheinlich kopfüber hinabstürzen würde, liegt für uns selbst die furchtbare Angst nahe, das Gleichgewicht zu verlieren. Anton Hackbutt von Boynes Bank hatte sich seit kurzem einem solchen verhängnisvollen Vergleiche-Ziehen hingegeben. Die Stunde, wo ihm Gold anvertraut wurde, fand ihn fieberisch und nervös erregt. Er fragte sich, ob er denn eine bloße Maschine sei, um Gold von einem Platz zum andern zu befördern, und er zuckte verächtlich die Achseln zu der geringen Wertung, die man der Ehrlichkeit in diesem Leben angedeihen läßt. Wo vermochte Boynes Bank einen so ehrlichen Mann zu entdecken, wie ihn? Und weil er ehrlich war, war er arm. Die Betrachtung, daß wir , einzig und allein, imstande sind, etwas Unerhörtes zu tun, vermag uns zuweilen mit außergewöhnlicher Kraft zu beseelen, doch wird solches großenteils von den sittlichen Anfechtungen abhängen, in denen unser bisheriges Leben uns bewährt gefunden hat. Es ist unter allen Umständen eine Versuchung, etwas, was wir vollbringen, in diesem Lichte zu betrachten. Und da eine solche Versuchung aus unserm eignen Innern herauskommt, ist sie kurzweg ein Beweis innerer Verderbnis. Anton hatte sich daran gewöhnt, während seiner Gänge zu sagen: »Wenn ich jetzt einen Schritt zur Rechten oder zur Linken machte,« und hatte er das ihm anvertraute Gut abgeliefert, so pflegte er sich in einer Empfindung verzweifelten Hochgefühls seiner aufs neue erwiesenen Zuverlässigkeit gegenüber, den Schweiß von der Stirn zu trocknen. Er hatte dies nun schon jahrelang getan. Und was wußten die Leute auf der Straße von ihm? In früheren Zeiten hatte er auf die Leute auf der Straße und ihre Ansichten mit einer Art frohlockender Verächtlichkeit herabgesehen, aber er gab sich nicht mehr süßen Berechnungen über seine Ersparnisse und seine Glückschancen und seine Beziehungen zu einer bedeutenden Bank hin. Die Tugend war aus seinem Innern entwichen. Trotzdem dürstete ihn nicht im geringsten nach anderer Leute Geld, noch hing er besonderen Vorstellungen von irgendwelchen Hochgenüssen nach, die er sich durch Geld, das nicht sein eigen war, verschaffen könne. Die Einbildungskraft allein war es, die den alten Mann auf Abwege führte. Ein fleckenloser Ruf ist schon oft in dem Dienst der Tugend erworben worden, und keusche, schöne Menschenkinder sind unter dem Neid und der Bewunderung anderer auf der schmalen Planke entlang geschritten, gelegentlich ins Schwanken geraten und nur mit genauer Not dem Sturz entgangen, oder sie sind gestürzt aus keiner schlimmeren Ursache, als aus Neugier. Kalte Neugier ist, wie uns scharfe Beobachter der menschlichen Natur lehren, ein trügerisches Laster, welches bei kühlem Blut in die Sünde hineinführt, zu einer Zeit, wo uns die Früchte der Sünde die geringste Befriedigung gewähren. Sie ist in der Tat die letzte Prüfung, die an uns herantritt und eine der letzten Täuschungen, denen wir uns hingeben. Haben wir sie erfolgreich überwunden, so dürfen wir in Wahrheit Anspruch auf einen gewissen Wert erheben. Anton wünschte seiner Neugier in ganz bescheidenem Maße nachzugeben, etwa insoweit, davonzulaufen, hin auf der einen Seite von London Bridge und zurück auf der andern, während er das Geld fest an sich drückte. Zwei Wochen lang dachte er sich in dieses absonderliche Manöver hinein, wie in eine komische und angenehme Abwechslung. Was für ein Gefühl mochte es wohl sein, wenn er die Richtung nach den Hügeln von Surrey einschlüge? Und wie wäre das, wenn bei seiner Rückkehr die Möglichkeit bestände, daß die Bank, zu welcher er das Geld zu tragen hatte, bereits geschlossen wäre? Gesetzt den Fall, er käme eine halbe Minute zu spät, – würde man die Türen wohl, weil man auf sein Kommen rechnete, so viel länger offen halten? Und wenn er das Geld nicht ablieferte, was würde man dann denken? Was würde man in Boynes Bank denken, wenn er am nächsten Morgen zu spät käme? »Na, Hackbutt, was soll denn das heißen?« – »Ich hab' mich 'n bißchen verspätet, Herr, 'n Morgen!« – »Verspätet? Sie haben sich gestern abend verspätet, was?« – »Ja, sehen Sie, Herr, wie die Beamten in der Bank von Mortimer und Pennycinck nach Geschäftsschluß davonrennen und die Türen hinter sich zuschlagen, als wenn ihr Tag erst um vier Uhr nachmittags anfinge, und das Geschäft bloß 'ne lästige Zugabe wäre, das ist geradezu eine Schande für London! Ich bitte um Verzeihung, daß ich 'n bißchen spät komme, aber da ich die ganze Nacht, aus Angst wegen dieses Geldes, kein Auge habe zutun können, so komm ' ich 'n bißchen spät, wie ich gar nicht leugnen will. Als ich bei der Bank ankam, waren die Türen zu. Unsere Uhr geht richtig, das weiß ich ganz bestimmt. Was ich glaube, Herr, das ist, daß die Beamten bei Mortimer und Pennycinck ihre Uhren vorrücken.« – »O, das müssen wir doch mal näher untersuchen!« Anton stellte sich die ganze possenhafte Szene, wie er dachte, daß sie sich zwischen ihm und Mr. Sequin, dem Aufsichtsbeamten bei Boynes, abspielen könnte, mit einem unbeschreiblichen Genuß dramatisch vor, und das Ende vom Liede war jedesmal, daß sein Ruf äußerster Ehrlichkeit fester gegründet, denn je dastehe, nach welcher heftigen Anstrengung seiner Phantasie der alte Mann mehrere Tage lang in eine Art völliger Lethargie versank. Einmal übernachtete der Bauer in seiner Wohnung und sprach über Geld und davon, daß er den Hof verkaufen müsse, wobei er eine beiläufige Bemerkung fallen ließ, als würde es von Antons Seite nicht mehr als brüderlich sein, wenn er ihn kaufen und erhalten würde, so daß er im Besitz der Familie verbliebe. Des Bauers festgewurzelter Glaube an das Bestehen seiner Schätze war für Anton immer die schlimmste Versuchung. Anton empfand ein Gefühl von Schwindel und war den nächsten Tag kaum imstande, seine Obliegenheiten zu erfüllen. Aber den darauf folgenden Tag war er ruhig und aufmerksam. Man gab ihm zwei Beutel voll Gold zur Besorgung, und er schritt vorsichtig die Stufen des Bankgebäudes hinab, bog um die Straßenecke und ging geradeswegs nach dem Westen, ohne auch nur zu zögern oder einen Gedanken zu Mortimer und Pennycinck zurückzuschicken. In der Tat hatte er keinen einzigen zur Verfügung, den er hätte zurückschicken können. Alle Gedanken kochten in seinem Hirn und umgaben ihn nebelgleich mit einer Art dichter Rauchwolke, durch welche er das Wogen der Stadt und das Sich-Winden der Straßen, gleich Furchen im Wasser, wahrnahm, auch beobachtete, wie die Menschen sich untereinander vermischten, zusammenkamen und sich trennten in einer geradezu Staunen erregenden Weise – ohne daß sich ein einzelnes Gesicht unterscheiden ließ, die ganze dicke Masse machte den Eindruck von Leim, der in einem mächtigen Tiegel durcheinander gerührt wird. Der einzige deutliche Gedanke, den er hatte, entsprang einer Furcht, daß die unehrlichen Kerle versuchen würden, ihm sein Geld zu stehlen, und er drückte es zärtlich an sich und stöhnte über die Schlechtigkeit der Welt, die er ringsum wahrnahm. Wunderbar war auch, daß die Uhren an allen Kirchen den ganzen Weg durch die Hauptstraße, die nach dem Westen führte, an der Stunde hängen blieben, wo die Bankgeschäfte geschlossen wurden! Es dauerte eine ganze Zeitlang oder schien doch jedenfalls eine ganze Zeitlang zu dauern, bis die Minutenzeiger diese Schwierigkeit überwunden hatten. Nachdem sie es getan, rannten sie auf die folgende Stunde mit der wahnsinnigen Hast eines pantomimischen Mechanismusses zu. Ihr Anblick, wie sie plötzlich wieder die volle Stunde zeigten, gleich Schildwachen, die das Gewehr präsentieren, war überwältigend – geradezu zum Lachen! Anton hätte in der Zwischenzeit nicht fünfzigmal mit den Fingern schnippen können, dessen war er ganz sicher, »oder jedenfalls nicht viel öfter«, sagte er. So schloß sich das Geschäftsviertel der Stadt hinter ihm, als legten sich eiserne Querbalken davor. Dort im Westen ist von der Raublust der Menschen nicht so viel zu befürchten. Da hört man nicht Tag für Tag von solchen entsetzlichen Raubanfällen, da fährt nicht jede Hand dem andern an die Kehle oder in die Tasche, wenigstens nicht vor Einbruch der Dunkelheit, und wenn die Dämmerung käme, hatte sich Anton fest vorgenommen, eiligst seine eigne Wohnung aufzusuchen. Dunkelheit in unbekannten Gegenden hat etwas Entsetzliches, aber bei Tageslicht haben unbekannte Gegenden nicht etwas derart Anklägerisches. Der Park war dem alten Manne ungeheuer angenehm. »Ah!« atmete er wohlig, »Landluft!« und ließ sich auf eine Bank nieder. »Wunderlich«, dachte er, »wie klein die Menschen auf ihren Pferden und in ihren Equipagen aussehen! Das ist also die Aristokratie, – ja, ja!« Die Aristokratie schien ihm wunderlich winzig. Er schlug der ganzen Aristokratie ein Schnippchen, aber als er einen Polizisten erblickte, sah er gänzlich verstört aus. Der Polizist war ein Bindeglied mit dem Geschäftsviertel Londons, dem wahren Beherrscher seiner furchterfüllten Seele. Obschon er die Geldbeutel unter dem Arm, in seinem Rock eingeknöpft, hielt, bedurfte es dennoch eines tiefen Nachdenkens seinerseits, um sich wirklich vorzustellen, was er getan hatte, und dann fing der Park um ihn her an, sich im Kreise zu drehen und sich zu winden, gleich den Straßen, und Himmel und Erde schienen einander seltsame Verbeugungen zu machen. Er mußte seine Geldsäcke ganz fest halten, um sie davor zu bewahren, daß sie in entsetzliche Abgründe stürzten. »Ich kann mich doch nicht erinnern, daß ich irgend etwas getrunken hätte,« sagte er, »seit der alte Bauer und ich zusammen nach den Docks gingen. Wie kommt denn das?« Es schien ihm, als taumelte er. Ein Anfall von Entsetzen wollte sich seiner bemächtigen, aber der Gedanke, daß es unklug wäre, sich etwas davon merken zu lassen, bewahrte ihn vor irgendwelcher Äußerung davon, von einem unwillkürlichen, krampfartigen Schmerzenslaut abgesehen. Nachdem dieses verwunden, wurden sein Blick und seine Empfindungen wieder klarer, er saß in einem Halbtraum da und blickte mit ruhiger animalischer Beobachtung auf die Dinge rings umher. Seine Erinnerung an diesen Zustand, nach Verlauf einiger Minuten, war eine angenehme. Das Bedürfnis, sich zu bewegen, brachte ihn indessen wieder auf die Füße, und weiter ging's, immer noch in westlicher Richtung, aus dem Park heraus und auf die Straße. Er trabte in einem guten Tempo dahin. Plötzlich hörte er seinen Namen rufen und warf einen Arm, wie zum Selbstschutz, in die Höhe. »Onkel Anton, kennst du mich nicht?« »Wie? Ja, natürlich! Gewiß kenn' ich dich,« antwortete er, indem er unsicher auf Rhoda blickte. »Irgend jemand von euch begegne ich ja immer.« »Ich war den ganzen Tag unten in der City und versuchte dich zu treffen, Onkel. Nun begegne ich dir – wie leicht hätte ich dich verfehlen können. Das ist eine Fügung des Himmels. Ich habe so zu ihm gebetet.« Anton murmelte: »Ich hab' mir mal 'n freien Tag gemacht.« »Hier« – Rhoda wies auf ein Haus – »wohne ich.« »O!« sagte Anton, »und wie geht es deiner Familie?« Rhoda bemerkte, daß er sehr zerstreut war. Nach einigem Zureden vermochte sie ihn dazu zu bringen, mit ihr nach oben zu kommen. »Nur für zwei Minuten,« bedang er sich aus, »ich kann mich nicht erst setzen.« »Du wirst doch eine Tasse Tee bei mir trinken, Onkel?« »Nein, ich glaube nicht, daß ich Appetit auf Tee habe.« »Nicht mit Rhoda?« »Es ist ein Name aus der Heiligen Schrift,« sagte Anton und kam näher an sie heran. »Hier ist's gemütlich und dunkel, meine Liebe. Wie bist du denn hierher gekommen? Was ist passiert? Du wolltest mich doch nicht überraschen?« »Ich bin nur für ein bis zwei Tag hier in London, Onkel.« »Ah! London ist auch 'n böser Ort, ja wahrhaftig. Freilich vielleicht nicht böser als andre Orte auch, darauf könnt' ich wetten. Na, ich muß mich wieder aufmachen. Ich kann mich nicht erst setzen, sag' ich dir. Es ist hier ja auch so dunkel wie in 'n Gefängnis.« »Laß mich klingeln, daß man Licht bringt, Onkel.« »Nein, ich gehe schon.« Sie versuchte ihn festzuhalten, ihn zu einem Stuhl hinzuziehen. Der behende alte Mann entwand sich ihr gewaltsam, und sie mußte sich alle liebevolle Mühe geben, ihn zu beruhigen, bis er sich endlich dazu überreden ließ, sich zu setzen. Das Teegeschirr wurde gebracht, und Rhoda machte Tee und schenkte ihm eine Tasse ein. Anton begann die Ruhe des Zimmers zu genießen. Aber um so ungemütlicher wurden ihm die Geldbeutel, die ihm wie Schlangen vorkamen, die sich an seine Brust schmiegten. Indem er unruhig auf seinem Stuhl hin und her rückte, rief er aus: »Nun? Über was reden wir denn? Man kann doch nicht Tee trinken und nichts dazu reden?« Rhoda dachte einen Augenblick nach, dann sagte sie: »Onkel, ich glaube, du hast mich immer lieb gehabt.« Es schien ihm ein Verdienst, daß er sie lieb gehabt haben sollte. Er griff den Gedanken auf. »Gewiß, Rhoda, das hab' ich auch, liebes Kind! Das hab' ich, und ich hab' dich immer noch lieb!« »Du hast mich wirklich lieb, mein guter Onkel?« »Wenn ich mir das so recht überleg', Rhoda – mein Dody, dann glaub' ich, ich hab' eigentlich nie jemand anders lieb gehabt. Ich hab' nie in mein' Leben 'n junges Mädchen lieb gehabt. Als 'n jungen Mann auch nich', mein ich.« »Sag' mir, Onkel, bist du nicht sehr reich?« »Nein, das bin ich nich'; sehr reich nich'? überhaupt nich' reich.« »Du mußt keine Unwahrheiten sagen, Onkel.« »Tu' ich auch nich',« sagte Anton, aber er sagte es zu eigensinnig, als daß es überzeugend geklungen hätte.« »Ich habe immer gefühlt, daß du zu sehr am Gelde hingst, Onkel. Was hat denn Geld für einen andern Wert, als daß es einem das Leben behaglich machen, und daß es einem helfen kann, anderen, wenn sie in Not sind, zum Segen zu werden. Verleiht Gott es einem nicht zu dem Zweck? Aber wenn man es nur so aufspeichert, dann wird es einem zum Fluch. Onkel, du hast mich lieb. Ich bin in großer Not, ich brauche Geld.« Anton strich mit langem Arm über den Wulst unter seinem Rock hin und preßte ihn sicher an sich, dabei verweigerte er hartnäckig jede Erwiderung. »Lieber Onkel, hör' mich zu Ende! Ich komme zu dir, weil ich weiß, daß du reich bist. Ich war auf dem Weg zu deiner Wohnung, als wir uns begegneten, wir sind einander in die Arme geführt. Du hast mehr Geld, als daß du wüßtest, was du damit anfangen sollst. Ich komme als eine Bettlerin um Geld zu dir. Ich habe niemals zuvor um etwas gebeten, und ich werde auch niemals wieder bitten. Aber jetzt flehe ich dich an: hilf mir! Mein Leben und ein Leben, das mir teurer als mein eignes ist, hängt von dir ab. Willst du mir helfen, Onkel Anton? Ja?« »Nein!« schrie Anton. »Ja, ja!« »Ja, wenn ich es kann. Nein, wenn ich es nicht kann. Und, ich kann nicht, das ist die Sache. Also: ›Nein!‹« Rhoda entsank der Mut, aber es war nur, als ebbe eine Woge ihrer meeresgleichen Energie zurück. »Onkel, du mußt!« Der Friede, welcher im Zimmer herrschte und die Furcht vor der Einsamkeit, nachdem er Gesellschaft gekostet hatte, hielt Anton davon ab, aufzuspringen und davonzurennen. »Du hast Geld, Onkel. Du bist reich, du mußt mir helfen. Denkst du denn nie daran, wie es sein wird, wenn du ein alter Mann sein wirst, und es ist niemand da, um dich lieb zu haben und dir dankbar zu sein. Warum verschränkst du deine Arme so fest?« Anton leugnete, daß er seine Arme fest verschränke. Rhoda zeigte auf seine Arme, um ihn durch den Augenschein zu überzeugen und er sprudelte heraus: »So, das ist es also! weil man denkt, ich hätte 'n büschen was zurückgelegt, da soll ich woll nich' mehr sitzen, wie ich Lust hab'? Das ist wahrhaftig zu toll! Es ist wirklich großartig!« Rhoda, welche sah, daß er seine Arme nicht löste, vielmehr trotzig in seiner zusammengekauerten Stellung verharrte, beobachtete ihn stumm. Sie fühlte, daß Geld im Zimmer war. »Laß es nicht zum Fluch für dich werden,« sagte sie, und ihre Stimme war heiser vor Erregung. »Was?« fragte Anton, »was ist ein Fluch?« »Das da!« Wußte sie es denn? Hatte sie es erraten? Ihre Finger legten sich grade auf die Beutel. Hatte sie das Geld gewittert? »Es wird dir zum Fluch werden, Onkel. Bald kommt der Tod. Was nützt dir dann das Geld? Onkel, nimm die Arme auseinander! Du fürchtest dich. Du wagst es nicht. Du trägst es mit dir herum. Nirgends fühlst du dich sicher. Es frißt dir noch das Herz ab. Sieh mich an, Onkel! Ich habe nichts zu verbergen. Kannst du mir das nachmachen, – so – die Hände ausbreiten? Onkel, Onkel, soll ich mich denn deiner schämen müssen? Da hast du das Geld. Du kannst es nicht leugnen. Und da stehe ich und flehe dich an, mir zu helfen. Wovon haben wir doch gesprochen? Daß wir zusammen in einem Landhaus sitzen wollten, und ich die Blumen besorgen sollte und immer darauf achten, daß du 'ne ganz große Schüssel voll grüner Erbsen hättest! eine ganze Menge, schon im Juni, und du wolltest den Dorfjungens beweisen, was du für 'ne Zunge hättest, wenn sie immer mit ihren Stöcken am Gitter entlang klapperten, und du wolltest deinen Tee trinken mit dem Blick auf eine Wiese und auf den Sonnenuntergang. Onkel! Arme, alte, gute Seele! Du meinst es ja gut. Du mußt auch gut sein. Ein Tag, und es ist zu spät! Du hast das Geld da. Du wirst jede Minute älter bei deiner Anstrengung, mir das Geld zu versagen. Du weißt, daß ich dich glücklich machen kann. Ich habe die Kraft dazu, und den Willen dazu habe ich auch. Hilf mir in meiner großen Not! Dir ist das Geld nur eine Last. Du mußt es mit dir herumschleppen aus lauter Angst. Du siehst wie ein Verbrecher, aus, wenn du so durch die Straßen rennst, weil du vor jedermann Angst hast. Tu Gutes damit. Laß es Geld sein, auf dem ein Segen ruht! Uns wird es von furchtbarem Elend befreien, vom Tode! von Qual und Tod! Denk dir das doch nur, Onkel! Sieh mal, Onkel! Du hast das Geld – und ich brauch' es. Ich flehe den Himmel an, und ich begegne dir, und du hast es. Willst du sagen, daß du dich weigerst, es mir zu geben, wenn ich doch sehe – wenn ich dir doch zeigen kann, daß du mir in den Weg geführt bist, um mir zu helfen? Die Arme weg! Nimm den Arm da weg!« Anton hielt diesem Ansturm von flehenden Blicken und dunklen Drohungen mit aller äußeren Ruhe stand, bis sie, während sie den Befehl aussprach, den Arm wegzunehmen, ihn gebieterisch berührte, – da sank er, wie gelähmt, herab. Rhodas Augen waren nicht schön, als sie auf dem in Frage stehenden Gegenstand hafteten. Sie entsprachen dem Charakter ihrer Mission. Sie gab sich mit etwas Bösem ab und hatte den Ausweg gewählt, zu handeln, wie es ihr recht schien und geleitet von ihrem kampflustigen und gewalttätigen Temperament. Bei jedem Schritt mußten neue Hilfstruppen gegen neue Schwierigkeiten ins Feld geführt werden, und Geld – Geld allein war augenblicklich das einzig notwendige Mittel zu ihrem Zweck. Ihre Vorstellungskraft stieß überall an Grenzen, – nur hinsichtlich der Geldfrage sah sie klar, und als das Geld vor ihren Augen offen dalag, schoß ein fürchterlicher Strahl von Gier aus ihnen über dasselbe hin. Ihre Hände gerieten mit denen Antons aneinander in einem gemeinsamen Griff nach den Geldbeuteln. »Es ist nicht meins!« schrie Anton verzweifelt. »Wessen Geld ist es denn?« sagte Rhoda, und ihre Hände fuhren von den Beuteln zurück, als hätten sie ins Feuer gegriffen. »Mein Gott!« stöhnte Anton, »Du sprichst wahrhaftig wie 'n Gerichtshof. Hör' doch nur selbst!« »Ist es dein Geld, Onkel, oder nicht?« ›Es ist‹ und ›es ist nicht‹ – die Qual war groß! »Ist es nicht deins?« Rhoda stellte die Frage noch direkter in dem Entsetzen eines verächtlichen Schauders. »Es ist meins. Ich – natürlich ist es meins, wie sollte es denn nicht meins sein? Mein Geld? Ja. Wie kann man so was fragen – ob das, was ich habe, mein ist oder dein oder ich weiß nicht wessen? Ja!« »Und du sagst, du bist nicht reich, Onkel?« Ein reizendes, beglückwünschendes Lächeln flog zu ihm hin, von einem Kopfschütteln leichten Vorwurfs begleitet, dem seine Eitelkeit nicht zu widerstehen vermochte. »Reich! Ja, mit all den Anforderungen, die an einen gestellt werden! Jeder kommt und will was von mir leihen. Schön reich! Und nun kommst du an! Daß man euch Weibern doch nie 'n rechten Begriff vom Geld beibringen kann!« »Onkel, nun wirst du dich entschließen, mir zu helfen! Ich weiß es!« Sie sagte es mit verblüffender Sicherheit. »Wie weißt du das?« rief Anton. »Warum trägst du so viel Geld in Beuteln mit dir herum, Onkel?« »Hör' mal, mein Kind.« Er simulierte die Freude eines Geizhalses. »Ist das nich' Musik! Ach was, Opern! Hör' das! Sagte es nicht was? Klimpert es nicht fein? Singt es nicht?« Er stöhnte auf. »O Gott,« und dann fiel er zurück. Dieser jähe Übergang von einem Zustand übermäßigen Entzückens zum tiefsten Schmerz erschreckte sie. »Nichts, es ist nichts!« kam Anton ihren Fragen zuvor. »Die Beutel sind bloß so schwer.« »Aber warum schleppst du sie denn herum, Onkel?« »Vielleicht is es 'n Herzfehler,« sagte Anton und grinste, denn er kannte die eiserne Zuverlässigkeit seiner Konstitution. »Du bist sehr blaß, Onkel.« »Ach? Was du nicht sagst?« »Du bist entsetzlich weiß, lieber Onkel!« »Will mich doch mal in 'n Spiegel sehn,« sagte Anton. »Nee, will ich doch nich'.« Er sank in seinen Stuhl zurück. »Rhoda, wir sind allzumal Sünder, nich' wahr? Alle mit'nander, jeder Mann un' jede Frau un' jedes kleine Kind auch schon. Das 's 'n Trost, ja, das 's 'n Trost! Das 's 'n ganz furch'baren Trost – denn kann keiner was sagen. Ach, ich weiß schon, was du sagen willst – 'n paar sind besonders große Sünder. Aber wenn denen das denn leid tut, was sagst du denn? Sie können doch bereuen, nich'?« »Sie müssen das Unheil, was sie angerichtet haben, wieder gut zu machen trachten. Sünder sollen nicht bloß mit Worten bereuen, Onkel.« »Die letzte Zeit fühlt' ich so was –« Rhoda wartete auf das Geständnis eines Geizhalses. »Die letzten zwei, drei Tage fühlte ich so was –« »Was denn, Onkel?« »So 'n Art Geschmack auf der Zunge, wie von 'ne ganz schrecklich süße Apfelsine, un' das war mir sehr angenehm, bis, – ja, bis ich sie auf einmal ganz 'runter schluckte – 'n Schluck war das! Eben fühl' ich's wieder. So, nun geht's mir wieder gut.« »Nein, Onkel,« sagte Rhoda, »es geht dir nicht ganz gut; dies Geld bringt dich ganz herunter. Ganz gewiß tut es das, ich kann es ja sehen. So, nun gib mir mal die Beutel in die Hand. Einen Augenblick nur! Versuch's mal! Es wird dir gut tun! Glaub' mir, es tut dir gut. Oder, gib sie mir überhaupt! Für dich sind sie das reine Gift. Du brauchst sie nicht.« »Tu' ich auch nicht,« rief Anton, »meiner Seel', nein, tu ich auch nicht! Ich brauch' sie auch gar nicht! Ich gäbe sie – das is' auch wahr, mein Kind, ich brauch' sie gar nicht! Sie sind auch Gift!« »Für dich sind sie Gift,« sagte Rhoda, »mir aber sind sie Gesundheit, Leben. Ich sagte: ›Onkel Anton wird mir helfen. Er ist kein – ich kenne ja sein Herz! – er ist kein Geizhals.‹ Bist du ein Geizhals, Onkel?« Ihre Hand faßte nach den Beuteln. Er hielt sie krampfhaft fest, aber als sie weiter sprach, und das Wort ›Geizhals‹ immer wieder fiel, erschlafften seine Hände endlich. Sie bemächtigte sich des schweren Beutels und erschrak über sein Gewicht. Er bemerkte den Eindruck, den der Beutel auf sie hervorbrachte, und rief: »Ja, ja, und ich hab' zwei von der Sorte getragen!« Rhoda keuchte vor Erregung. »Nun gib ihn mir wieder,« sagte er. Sie gab ihn zurück, er drückte ihn freudlos an seine Brust, und dann hieß er sie das Gewicht beider prüfen. Sie wog beide in ihren Händen, und Anton schwelgte an dem Erstaunen, das sich in ihren Zügen malte. »Onkel, nun sieh, was der Reichtum aus dem Menschen macht! Du fürchtest jedermann – du denkst, kein Platz ist sicher – hast du noch mehr? Trägst du all dein Geld mit dir herum?« »Nein,« kicherte er, sich an ihrem Erstaunen weidend. »Ich hab' – Ja, ja! Ich hab' noch mehr Geld, was mir gehört.« Ihre weit aufgerissenen Augen wirkten auf ihn wie ein berauschender Trunk. »Mehr. Ich hab' zurückgelegt. Ich hab' gespart. Sag' du man, ich war 'n alter Sünder. Na, was würd' der alte Bauer denn nu' sagen? Na, hast 'n Onkel Toni lieb? ›'n alten Ant‹ ant = Ameise. nennen sie mich auf –« ›Auf der Bank‹, wollte er sagen, aber die Erinnerung an die Bank tauchte wie ein Schreckgespenst vor seiner Phantasie auf, und nun sie endlich heraufbeschworen, wollte sie nicht mehr weichen. Das unerträgliche Bild schwamm in einer Umgebung sich mehr und mehr zusammenballenden Gewölks vor seinen Augen, fern und doch bis ins kleinste genau, wie besondere Erinnerungen unserer Kinderzeit, aber gewaltig, als rührte ein gebieterisch ausgestreckter Arm unmittelbar an den seinen. »Ich bin 'n ehrlicher Mann,« schrie er. »Ich bin immer 'n ehrlicher Mann gewesen! Jeder kennt mich als 'n ehrlichen Mann. Ich brauche niemand anders sein Geld! Ich hab' selbst Geld genug. Ich hasse Sünde. Ich hasse Sünder. Ich bin 'n ehrlicher Mann. Prag' sie doch bloß darnach – Rhoda, Liebling! Ich sag' doch, hör' mich doch bloß an! Rhoda, du meinst, ich war 'n Geizhals. Das 's nich' wahr, Rhoda. Meine armseligen Ersparnisse, und es ist doch so schwer, ehrlich zu bleiben, wenn man arm ist, und ich bin doch all die Jahre ehrlich geblieben, trotz all der Versuchungen, durch die 'n Masse Menschen nach 'n Hulks gekommen sein würden. Sicher in meine Hand – sicher wieder 'raus! Aber ein Ausrutschen – und kein Mensch kennt Erbarmen! Und wenn man sagt: ›Ich hatte so 'n Schwindel in 'n Kopf, und alles ging mir rundum, und ich wußte auch nich' 'n Augenblick, wo ich war, un' vergaß, wo ich hinsollte, un' ging nach 'n ruhigen Platz hin, – bloß, daß ich mich mal besänne‹ –« Er hielt jäh inne in seinen irren Reden. »Gib mir das Geld her, Rhoda!« Sie reichte ihm die beiden Beutel. Er ergriff sie und warf sie mit der Kraft des Wahnsinns zu Boden. Kniend zog er sein Messer aus der Tasche und schlitzte die Seiten der Beutel auf und hielt sie offen und ließ das Gold in Strömen herausfließen, daß es schier unerträglich zu sehen war, dann stieß er ein Gelächter aus, das ihr noch lange hinterher entsetzlich in den Ohren gellte, schwenkte die leeren Beutel hin und her und rannte aus dem Zimmer heraus. Entsetzt saß sie mitten in einem Haufen Goldes. Kapitel XLI. Dahlias Wahnsinn Am Montag Abend war Master Gammon mit der Gig an der Bahn. Robert und Rhoda kamen mit einem späteren als dem angegebenen Zuge, aber der alte Mann schien sich der Verzögerung nicht bewußt geworden und nahm ihre Entschuldigungen mit einem blöden Lächeln und Nicken entgegen. Mehr als einmal fragten sie ihn, ob auf dem Hofe alles gut ginge, worauf er antwortete, es ginge alles gut, und ihm ginge es nie anders wie gut. Etwa eine halbe Stunde darauf war an seinen unteren Gesichtsmuskeln ein sachtes, stummes In-sich-hinein-Lachen wahrnehmbar. Er berührte leicht und wie zweifelhaft sein Pferd hie und da mit der Peitsche, wandte dann den Kopf um, erst nach Roberts Seite, dann nach Rhodas, und endlich wurde sein Kichern laut: »Die letzten Melonen sünd gestern abend verrottet!« »So?« sagte Robert. »Dann muß man frische zur Aussaat besorgen. Was denn weiter?« Master Gammon deutete nur pantomimisch an, daß er anderer Ansicht sei. »Sie haben wahrscheinlich Unfug mit den Schafen getrieben,« beschuldigte ihn Robert. Das traf den alten Mann an seiner schwachen Stelle. »Ich treib' kein' Unfug mit irgendwelchen Schafen auf der Welt, Mr. Robert. Das Vieh will sein gewöhnliches Futter haben, un' kein anderes nehmen sie nich'. Ich mag auch nich' mit einmal anderes Essen, un' 'n Schaf auch nich', un' 'n Kuh nich', un' 'n Bull' auch nich', wenn 'n Tier da was über zu sagen hätt'. Ebensogut künnt' ich 'n Schaf Bier geben, a's daß ich ihn – mit freier Hand – ich mein', freiwillig – 'ne Melone geben tät. Verrottet sünd sie.« Robert lächelte, obschon er ärgerlich war. Die köstliche, harmlose, ländliche Unterhaltung hatte für Rhoda etwas geradezu Wohltuendes; sie blickte liebevoll zu dem alten Manne hinüber in dem Gedanken, daß er unmöglich so in seiner gewohnten gemächlichen Art reden könnte, wenn nicht zu Hause alles gut stände. Die Hügel jenseits ihres Vaterhauses, deren einen der Leuchtturm bekrönte, und die Reihe verkrüppelter Fichten, die sie die »gebeugten alten Bettelmänner« getauft hatte, tauchten jetzt in der Abenddämmerung auf. Ihre Augen flogen nachdenklich darüber hin, mit einem Gefühl, als müßten sie längst alles vorausgesehen haben, was ihr und ihren Lieben geschehen sei und in der glühenden Hoffnung, daß sie, wie sie dalagen, als die Grenze ihres Horizontes, nicht noch weitere Schrecknisse voraussehen möchten. »Wenn nur die Schafe gedeihen,« wagte sie zu bemerken, um den alten lieben Unterhaltungsstoff nicht ausgehen zu lassen. »Ja, das ist das bedeutsame ›Wenn‹« sagte Robert, mit einer Anspielung auf eine Sache, der sich nicht aus dem Wege gehen ließ. Master Gammon nahm dieses Hindernis mit größter Behendigkeit. »Die Schafe waren noch nie so munter,« sagte er mit energischer Betonung. »Viel Angebote für Melonen-Samen, Gammon?« Hierauf entgegnete der Veteran zögernd: »Gibt ja mehr Narren als ein'n, denk' ich!« und Robert räumte ihm, indem er von einer Rückäußerung abstand, den Sieg ein. »Nichts Neues in Wrexby? Gar nichts?« sagte Rhoda. Jede direkte Frage stürzte Master Gammon so tief in den Abgrund seines Nachdenkens, daß es kein sichereres Mittel gab, um von vornherein eine Antwort von seiner Seite auszuschließen, aber diesmal wurde sein ehrliches Besinnen doch von Erfolg gekrönt. »Squire Blancove, der 's' tot.« Der Name jagte einen Schauder durch Rhodas Glieder. »Tot in 'n Bett gefunden, Sonnabend früh,« fügte Master Gammon hinzu und fuhr, sich gleichsam an seinem Gegenstande erwärmend, fort: »Er 's' so steif, sagen die Leute, so steif is' er, daß man 'n runden Sarg für ihn machen muß. Gerad' wie so 'n halber Tonnenreif soll er daliegen. Ganz in 'n Haufen zusammen, sagen sie. Hat sich mit sein'n Kopfkissen 'rumgeschlagen, un' 'n kürzeren dabei gezogen. Aber ob das nun von 'n Druck gekommen, oder ob er die Gicht in 'n Bauch gekriegt hat – mausetot is' er. Un' 'n Hof wird er nu' auch nich' kaufen. Un' die Läden an 'n Herrenhaus sind alle zu. An 'n Mittwoch soll er begraben wer'n. Männer, die trinken, kann man nich' lang' liegen lassen.« Rhoda schlug sich vor den Kopf, um zu erwägen, inwieweit dieser Todesfall als Strafe des Himmels über einen Missetäter aufgefaßt werden und wirken könne, aber der Strahl des Zornes war zu schwer daraus ersichtlich, so gab sie sich dem Frieden, der über den Feldern und den Hecken, die an ihnen vorüberzugleiten schienen, lagerte, hin. Das Gehöft kam in Sicht, und der freundliche alte Adam mit seiner Eva stand im Mondlicht da. Sie hörte das Murmeln des Wassers. Jedes Zeichen tiefen Friedens lagerte über dem Hofe. Die Kühe waren längst gemolken worden, die Gänse waren still. Nichts, als die weiße Tafel über dem Gartentor redete von der Geschichte, die ihr Herz beschäftigte. Sie fanden den Bauer allein, die Stirn in die Hand gestützt, dasitzen. Rhoda küßte ihn auf die Wangen und fragte flüsternd, wie es Dahlia gehe. »Geh' hinauf zu ihr,« sagte der Bauer. Rhoda fröstelte es. Auf scheuen Füßen ging sie hinauf, und als sie Mrs. Sumfit vor Dahlias Tür erkannte, umarmte sie sie und hörte sie sagen, daß Dahlia von drinnen abgeschlossen habe und von früh bis spät weine. »Das kann so nicht weitergehen,« schluchzte Mrs. Sumfit, »solche einsame Weinkrämpfe, das is' der Tod! Sie wird noch ganz wunderlich werden. Ich will gehen, denn mein Anblick regt sie auf.« Rhoda klopfte und wartete geduldig, bis das stete Wiederholen ihres Namens ihr Einlaß verschaffte. Sie erblickte in der Tat ihre Schwester, aber nicht die gebrochene Dahlia, von der sie Abschied genommen hatte. Dahlia verhielt sich ihren Liebkosungen gegenüber völlig passiv und stand mit dem Ruf: »Ist er gekommen?«, ein Bild der Verzweiflung, da; das Weiße ihrer Augen trat hervor, und die ganze Erscheinung hatte etwas vollkommen Starres. »Nein, Liebste, er wird dich nicht beunruhigen; hab' keine Angst!« »Bist du ganz voller Heuchelei?« sagte Dahlia und stampfte mit dem Fuß auf. »Ich hoffe nicht, meine Schwester.« Dahlia stieß einen langen, zitternden Seufzer aus. Sie ging auf ihr Bett zu, auf dem die Bibel ihrer Mutter lag und hielt dieselbe in ihren beiden Händen Rhoda vors Gesicht: »Schwöre auf dieses Buch!« »Was soll ich schwören, Liebste?« »Schwören, daß er nicht im Hause ist.« »Das ist er nicht, meine süße Schwester, glaube mir. Es ist keine Lüge. Er ist nicht hier. Er wird dich nicht beunruhigen. Sieh, ich küsse die Schrift und schwöre es dir, Geliebte. Ich spreche die Wahrheit. Komm zu mir, Liebling!« Rhoda streckte ihr bittend die Arme entgegen, aber Dahlia trat zurück. »Du betrügst mich nicht? Du bist nicht kalt? Du bist nicht unmenschlich? Unmenschlich! Bist du es wirklich nicht? Bist du es nicht? O mein Gott! Sieh sie nur an!« Die tonlose Stimme klang Rhoda ebenso traurig, wie die Anschuldigungen. Sie antwortete nur mit einem müden Lächeln. »Ich bin nur keine Lügnerin. Komm, und sieh mich an. Du wirst nicht beunruhigt werden.« »Woran bin ich gebunden?« Dahlia rang müde, als wehre sie sich gegen ein Gewicht von Ketten. »O, woran bin ich festgebunden? Es haftet an mir, ganz fest, wie Zähne. Ich kann nicht los. Es läßt mich nicht atmen. Ich war wie ein Stein, als er mich fragte – ihn heiraten! mich zu lieben! Irgend jemand hat gepredigt – meine Pflicht! Ich bin verloren, ich bin verloren! Warum? Mädchen, – warum? – was hast du getan? Warum hast du im Schlaf meine Hand genommen und hast mich so weit gehetzt? Was habe ich dir getan? Warum stießest du mich weiter? – ich konnte nicht sehen, wohin? Ich hörte das Geplärr in der Kirche. Für dich – unmenschlich! unmenschlich! Was hab' ich dir getan? Was hast du damit zu tun, Sünden zu bestrafen? Es ist keine Sünde. Laß mich meinetwegen sündig sein. Ich bin es. Ich bin schlecht. Hör' mich. Ich liebe ihn, ich liebe meinen Liebhaber und« – sie schrie es heraus, »er liebt mich!« Rhoda hielt sie nun für wahnsinnig. Sie sah die unbeugsame Gestalt ihrer so ganz verwandelten Schwester einmal an, dann setzte sie sich, bedeckte ihre Augen mit den Händen und weinte. Dahlia waren diese Tränen zunächst eine glühende Freude; da sie aber schwach war, sank sie neben dem Bett hin, lehnte sich schwer dagegen und vergaß eine Zeitlang ihr irres Toben. »Du hast mich betrogen,« murmelte sie und noch einmal, »du hast mich betrogen.« Rhoda antwortete nicht. Während sie danach rang, zu verstehen, warum ihre Schwester sich einbilden mochte, daß sie sie betrogen habe, begann es ihr klar zu werden, daß sie dieselbe tatsächlich betrogen habe. Die Versuchung, ein hilfloses menschliches Wesen dahin zu bringen, recht zu tun, hatte sie dazu verführt, einem guten Zweck zuliebe eine Lüge zu äußern. Hatte sie unrecht damit getan? Fern von der tragischen Gestalt im Zimmer hätte sie sich vielleicht eingeredet, sie sei im Recht gewesen, aber das Entsetzen in Blick und Stimme des zum Bewußtsein erwachten Opfers nahm ihrer theoretischen Rechtfertigung jegliche Stütze. Mitleid für das arme zerstörte Leben, das sich in seiner Hilflosigkeit vor ihr wand und auf dem Gipfel weiblichen Elends keine andere Zuflucht sah, als Wahnsinn oder Tod, ließ jede vernünftige Überlegung sich in einer Flut von Tränen auflösen. Mehr als eine Stunde hörte Dahlia sie weinen und immer wieder murmelte sie: »Du hast mich betrogen!« Aber es klang nicht mehr wie ein Vorwurf, sondern vielmehr wie eine Rechtfertigung für ihre Vorwürfe: »Du hast mich betrogen, Rhoda.« Rhoda richtete ihren Kopf halb empor; der leise Wechsel des Tones zu sanfter Freundlichkeit ließ ihr Mitleid völlig überfluten, sie weinte laut. Dahlia kam mühsam wieder auf die Füße, schwankte vorwärts, sank an ihrer Schulter nieder und rief sie: »Mein Lieb! Meine gute Schwester!« Eine lange Zeit hielten sie einander stumm umschlungen. Ihre Lippen fanden einander, und sie küßten sich, wie im Krampf. Aber als Dahlia Rhoda genau ins Gesicht sehen konnte, wich sie zurück und sagte mit tonloser Stimme: »Weine nicht! Wenn du weinst, sehe ich mein ganzes Elend.« Rhoda versprach ihrer Tränen Herr zu werden, und sie saßen ruhig, Hand in Hand nebeneinander. Mrs. Sumfit draußen vor der Tür wurde zweimal fortgeschickt, als sie mit einer frischen Auflage trostreichen Tees und Toasts und den Kuchen heraufkam, die, wenn man sie warm mit guter Landbutter und einer Prise Salz zu sich nähme, den allerelendesten menschlichen Geist wieder neu belebte, wie sie ihr Äußerstes tat, die Schwestern durch die geschlossene Tür hindurch zu versichern. Von Zeit zu Zeit wechselten sie einen innigen Händedruck, und die Augen hefteten sich liebevoll ineinander. Mitten in der Nacht sagte Dahlia: »Ich fand einen Brief von Edward hier vor beim Nachhausekommen.« »Geschrieben? – O, der erbärmliche Mensch!« konnte Rhoda sich nicht enthalten auszurufen. »Vorher geschrieben,« sagte Dahlia, die sofort erriet, was sie meinte. »Ich habe ihn gelesen und hab' nicht geweint. Ich habe keine Tränen. Willst du ihn sehen? Er ist kurz – genug; er sagt genug, und er ist geschrieben, vordem –« Ihre Finger schlossen sich krampfhaft um Rhodas. Als Rhoda, um ihr einen Gefallen zutun, sagte: »Ja,« ging sie zum Bett hin und zog den Brief unter dem Kopfkissen hervor. »Ich weiß jedes Wort auswendig,« sagte sie, »ich würde sterben, wenn ich ihn wiederholte: ›Mein Weib vor Gott,‹ fängt er an. Ich war also sein Weib. Ich muß sein Herz gebrochen haben, – meines Mannes Herz.« Dahlia warf einen furchtsamen Blick um sich; ihre Augenlider zuckten, als habe sie einen plötzlichen, harten Schlag erhalten. Dann trat ein harter Zug, wie von bitterm Spott um ihre Lippen: »Meines Liebhabers Herz,« rief sie. »Das ist er. Er liebt mich. Und wenn er mich liebt und ich ihn, so ist er mein Liebhaber, mein Liebster, mein Liebster! Niemand soll mir verbieten, das zu sagen: Mein Liebster! Und keiner hat einen Anspruch auf mich zu erheben, als er. O, entsetzlich! Was für eine Schlange ringelt sich da um mich? Und du sagst mir, die habe Gott dahin getan? Das sagst du? Antworte mir! Denn ich muß es wissen, und ich weiß nicht, wo ich bin. Ich bin verloren! Ich bin verloren! Ich will zu meinem Liebsten. Sag', Rhoda, würdest du mir fluchen, wenn ich zu ihm ginge? Hör' mir zu. Laß ihn nur die Arme aufmachen, so komme ich. Ich folge ihm so weit, wie mich meine Füße nur tragen wollen. Und ob es vom Himmel blitze, ich wollte doch gehen! Und wenn da oben die Warnung geschrieben stände: ›Geh nicht!‹ ich wollte doch gehen! Aber sieh mich an!« Sie schlug an ihre Brust, und es lag etwas Verächtliches in der Bewegung. »So ein Ding, wie mich, würde er doch nicht rufen! Mich, jetzt? Meine Haut muß ihm doch widerlich sein. Ich bin nicht besser, als ein Wurm im Staube. Ich könnte zischen, wie es Schlangen tun. Ich bin ganz verstockt. Ich knie an meinem Bett und bete, den Kopf auf der Bibel, aber ich sage nur: ›Ja, ja! Es ist geschehen, ich hab's verdient, wenn es denn keine Barmherzigkeit gibt.‹ O, wenn es keine Barmherzigkeit gibt, ist es ja verdient. Das sag' ich jetzt auch. Aber was ich sage, Rhoda, ist dies: (wenn ich bete, sehe ich nichts, als lauter Finsternis!) ich sage: ›Laß nichts Schlimmeres zu!‹ ich sage: ›Laß nichts Schlimmeres zu, oder die Folgen fallen auf dich zurück!‹ Er nennt mich sein Weib. Ich bin sein Weib. Und wenn –« Dahlias Reden verlor sich in einem dumpfen Keuchen, ihr Mund war noch geöffnet, ihre Hände bewegten sich, Entsetzen, als wolle ihr eine Gotteslästerung über die Lippen, lähmte ihr die Zunge, aber die Leidenschaft, die sich nicht länger wollte zurückdämmen lassen, war unbezähmbar ... »Lies es,« sagte sie mit mühsamer Stimme, und Rhoda neigte sich über den Brief, las ihn und verlor dennoch den Sinn jedes Satzes wieder, sobald ihre Augen darüber hingeglitten waren. Dahlia waren die wesentlichen Worte sichtbar, als wären sie mit Flammenschrift ins Leere geschrieben. Sie sah sie gleichsam durch die Vorstellungskraft der Schwester hindurchrollen, und gerade, als dieselbe zum Schluß gelangt war, kam es, fast rhythmisch, von ihren Lippen: » Und ich, der ich mich gegen meinen unschuldigen Liebling versündigt habe, ich will sie darum anflehen, mit mir darum zu beten, daß unsere Zukunft eins werde, so daß ich an ihr gut zu machen vermöge, was sie gelitten hat und vor Gott, den wir beide verehren, die Missetat sühnen, die ich begangen .« Rhoda blickte in ein totenbleiches Antlitz mit zwei durchdringend forschenden Augen. »Lies; hast du bis zu Ende gelesen?« sagte Dahlia. »Wiederhol' es mir. Laß mich es noch einmal hören. Er schreibt es ... Ja? Du willst es nicht? – ›Gatte‹, sagt er,« und dann nahm sie die Sätze seines Briefes auf, von hinten nach vorn bis zum Anfang, nach jedem einzelnen mit einem kurzen Aufstöhnen innehaltend und ihre Brust zerschlagend. »Ich hab' ihn hier gefunden, Rhoda. Ich hab' seinen Brief hier gefunden, als ich heimkam. Ich bin wie tot hergekommen, und der Brief hat mich wieder zum Leben erweckt. O, es ist Seligkeit, tot zu sein! Ich habe nichts gefühlt, gar nichts – seit Monaten schon!« Sie warf sich auf das Bett und stopfte ihr Taschentuch in den Mund, um sich selbst daran zu hindern, laut aufzuschreien. »Ich bin gestraft. Ich bin gestraft, weil ich kein Vertrauen in meinen Liebling setzte! Nein, nicht mal ein Jahr lang! Ist es so lange her, seit wir auseinander gingen? Ich bin ein ungeduldiges Geschöpf, und er macht mir keinerlei Vorwürfe. Ich quälte meinen Liebsten, mein Bestes, meinen Einzig-Geliebten, und er glaubte, ich – ich sei unseres Zusammenlebens müde. Nein, er klagt mich nicht an,« antwortete Dahlia auf die unausgesprochene Gefühlsregung ihrer Schwester, mit dem scharfen Instinkt, der das Atemholen der Leidenschaft ist. »Sich allein klagt er an. Er sagt es, – er spricht es aus – er schreibt es: › Ich habe meinen Liebling verkauft .‹ O, in ihm ist kein Falsch. Sei doch gerecht, Rhoda. Liebste,« – sie kam ganz nahe zu Rhoda heran – »du hast mich betrogen, nicht wahr? Du bist eine Betrügerin, Liebling?« Rhoda zitterte und mit einem Aufschlagen ihrer Augenlider sagte sie: »Ja!« »Du hast ihn den Morgen auf der Straße gesehen?« Dahlia lächelte mit einer so gezwungenen Zärtlichkeit, daß es unmöglich war, nicht zu bemerken, daß sie zum Teil trügerisch war, obschon sie dennoch etwas Bezwingendes hatte. »Du hast ihn gesehen, Rhoda, und er hat dir gesagt, daß er mir treu sei, und daß er bereute, was geschehen; und du, Liebling, du hast ihm gesagt, daß ich kein Herz mehr für ihn habe, daß ich nichts wünsche, als zur Hölle zu fahren – nicht wahr, gute Rhoda? Vergib mir; ich meine ›gut‹, meine wahrhaftige, gute Rhoda. Ja, du haßt die Sünde, sie ist schrecklich, aber du sollst niemals Sünder belügen, denn das lehrt sie niemals, ihre Schuld bereuen. Bedenk' es wohl, du darfst nie wieder lügen. Sieh mich an. Ich bin in Ketten geschlagen, und in meinem Herzen ist kein Gefühl der Reue. Sieh mich an. Mir liegt es näher, – das andre – die Sünde, mein ich. Wenn der Mann kommt ... kommt er?« »Nein – nein!« rief Rhoda. »Wenn der Mann kommt – –« »Er kommt nicht!« »An der Kirchentür stieß er mich von sich und sagte, man hätte ihn betrogen. Geld! O, Edward!« Dahlia ließ den Kopf sinken. »Er wird wegbleiben. Du bist geborgen,« sagte Rhoda. »Weil – wenn keine Hilfe kommt, bin ich verloren – dann bin ich auf ewig verloren.« »Aber es wird Hilfe kommen. Ich meine, es wird Friede kommen. Wir wollen lesen. Wir wollen im Garten arbeiten. Du hast den armen Vater wieder aufgerichtet, Liebling.« »Ach! den alten Mann!« Dahlia seufzte. »Er ist unser Vater.« »Ja, der arme alte Mann!« Und Dahlia flüsterte: »Ich habe kein Mitleid mit ihm. Ich bin weggeschleppt, ich fürchte, ich könnte ihm fluchen. Er scheint ein alter Mann von Stein. Ich verstehe Väter nicht. Er wollte, ich sollte weggehen. Er spricht in Bibelworten, wenn er aufgeregt ist. Ich bin bange, er könnte mir die Bibel noch ganz verleiden. Solche alten Männer wissen nichts von dem Herzen einer Frau. Nun geh' in dein Zimmer, Liebling.« Rhoda bat dringend, bleiben zu dürfen, aber Dahlia sagte: »Meine Nächte sind ein fortwährendes Fieber. Ich kann keine Arme um mich vertragen.« Sie reichten einander die Hände zur guten Nacht, aber sie küßten sich nicht. Kapitel XLII. Antons Zusammenbrechen Die nächsten Tage auf dem Hofe vergingen ruhig. Dahlia kam jeden Morgen zum Frühstück herunter und saß bei den Mahlzeiten mit den Ihren zusammen, bleich, mit traurigen, tiefliegenden Augen, aber eine geduldige Erscheinung. Niemand tat eine Frage. Besucher hielt man dem Hause fern, und – oberflächlich gesehen – machte das Haus einen friedlichen Eindruck. Am Mittwoch wurde Squire Blancove begraben. Master Gammon, der nur selten um einen freien Tag bat oder irgendein Vergnügen erwähnte, daran er Lust hätte teilzunehmen, bat um die Erlaubnis, einige Stunden fortzugehen, um der feierlichen Bestattung eines Mannes beizuwohnen, zu dem er in einer Art vaguen Gefolgschafts-Gefühls, als zu dem vornehmsten Manne der Gegend, aufgesehen hatte, und der ihm insofern einen Anspruch auf die Bezeigung seiner Hochachtung zu haben schien. Ein Begräbnis war für den alten Mann ein Gegenstand großen Interesses. »Zum Mittagessen bin ich wieder da; da wird man Hunger von kriegen,« sagte Master Gammon feierlich, und er marschierte in seinem ernsthaften Sonntagshut und sorglich gebürsteten Rock, aufgeräumter als gewöhnlich, davon. Nachdem er gegangen, saß Mrs. Sumfit und redete über Sterben und Begrabenwerden, als dem sicheren Ende aller; »wenigstens«, verbesserte sie sich selbst, »kann man das doch vom Sterben sagen«. Das Begrabenwerden blieb ja immerhin etwas ungewisser. Infolgedessen ließ sich ein Begräbnis gewissermaßen wie eine Vergünstigung, eine besondere Segnung auffassen, den Fall ausgenommen, wo es sich um ein Lebendig-Begrabenwerden handle. Sie bemühte sich, ihren Zuhörern plausibel zu machen, daß ihr diese Kalamität immer ganz unerträglich vorgekommen wäre und erzählte von zahlreichen Fällen, in welchen man, durch ein nachträgliches Öffnen des Sarges, entweder an dem zusammengekrampften Zustand des Leichnams oder an Blutstropfen auf dem Leichentuch konstatiert habe, daß das unglückselige Geschöpf todesverlassen aufgewacht sei, »und konnte auch nich' mal 'n büschen herumbumsen, Ihr Lieben!« »Es passiert auch bei Frauen, nicht wahr, Mutter?« sagte Dahlia. »Die sind solchen Starrkrämpfen am meisten ausgesetzt, meine Süße. Weil sie immer gern 'n büschen was vorstellen mögen, stellen sie schließlich mal vor, sie wär'n tot, – und oh ha!« Diese Vorstellung versetzte Mrs. Sumfit beinahe in nervöse Zuckungen. »Allein! – ganz im Dunkeln! nur hartes Holz auf 'er Brust un' an 'n Ellbogen, an 'ner Nase, an 'n Zehen, und man selbst ganz unter 'n ganzen Berg Kies! Un' dann nich' recht Atem holen zu können, wie man auch Luft schnappt un' so gern will – schlimmer a's 'n Fisch auf 'n Trocknen!« »Es ist bald vorüber, Mutter,« sagte Dahlia. »Was so junge Frauensleute doch kalt sünd! Ja, – aber ich mein' man, die Zeit bis dahin, – wenn man so fühlt, wie man Luft holen möcht', es is fuchbar! O Gott, o Gott! Denk' du man mal darüber nach?« »Ja, das tu ich schon,« sagte Dahlia. »Man sieht Sargnägel anstatt Sterne. Man würde die ganze Welt darum geben, wenn man sich nur einmal umdrehen könnte. Man vermag nicht zu denken. Man kann nur die hassen, die einen dahin gebracht haben. Man stellt sich vor, wie sie Tee trinken, beten, in ihrem Bett schlafen, Hüte aufsetzen, zur Kirche gehen, Teig kneten, essen – alles auf einmal, als ob man eine Kanone abschösse. Sie sind in einer Welt – man selbst ist in einer andern.« »Nein, Gott bewahre, man könnt' ja fast meinen, du hätt'st das all schon mal erlebt,« stieß Mrs. Sumfit entsetzt hervor. Dahlias Augen suchten Rhodas. »Ich muß hin und sehen, wie der arme Mann unter die Erde kommt,« Mrs. Sumfit gab einem plötzlichen Entschluß nach, indem sie tat, als habe sie sich schon lange mit dem Gedanken getragen. »Schön, Mutter,« sagte Dahlia, indem sie sie zurückhielt, »versprich mir etwas! Leg eine Feder auf meinen Mund, halte einen Spiegel an mein Gesicht, ehe du mich hinaustragen läßt. Willst du? Rhoda verspricht es mir. Ich habe sie schon gebeten.« »Gott, was für Gedanken die Deern hat!« platzte Mrs. Sumfit heraus. »Un' dabei sieht sie so aus, wie sie das sagt. Mein Liebling, du denkst doch nich' daran, zu sterben?« Dahlia beruhigte sie und ließ sie gehen. »Ich bin lebendig begraben,« sagte sie. »Ich fühle es alles – das Steifwerden, den hoffnungslosen Krampf! Laß uns ein bißchen im Garten arbeiten. Rhoda, hast du wohl etwas Opium im Hause?« Rhoda schüttelte den Kopf, das Herz tat ihr zu weh, als daß sie hätte antworten können. Sie gingen in den Garten, wo sich Dahlia am wohlsten fühlte. Es war ihr, als spräche ihre verstorbene Mutter dort mit ihr. Es war nicht eine Redensart, wenn sie sagte, sie habe ein Gefühl, als sei sie lebendig begraben. Sie litt wirklich unter zeitweisen Sinnestäuschungen. Es gab Augenblicke, wo sie ihre eigene Bewegungsfähigkeit neugierig beobachtete, neugierig die Hände ausstreckte, Dinge berührte und bewegte. Der Anblick hatte etwas Überzeugendes, aber der Schauder kam immer wieder. In einem weniger widerstandsfähigen Körper würde das Gehirn versagt haben. Die Widerstandskraft ihres Gehirns selbst war es, welche sie, zu einer Zeit, wo ihr Blut nichts weiter als ein einfaches Lebensfluidum in ihren Adern, keine Lebenskraft, gewesen war, dazu verdammt hatte, die Weisheit und Gerechtigkeit in der Aufopferung von ihrer Seite zu sehen, ja, die sie bis zu den Stufen des Altars herangenötigt hatte. Dann hatte das plötzliche Abwerfen der Maske seitens des Mannes, dem sie ihr Wort gegeben hatte, und das Lesen von Edwards Brief voller Reue und Liebe ihre Vernunft Lügen gestraft, ohne dieselbe indessen zu verschleiern oder zu verwirren. Die Leidenschaft gewann die Oberhand, doch hatte ihre Leidenschaft nach allen Seiten hin gegen so tödlichen Widerstand zu kämpfen, daß sie unter einem verdunkelten Himmel, sichtlich gekettet, gebunden und hoffnungslos, von Zeit zu Zeit das Gefühl hatte, als sei sie tatsächlich lebendig begraben. Ihre Sinne waren halb und halb in Wahnsinn befangen. Sie redete ganz vernünftig, und wenn Rhoda sie bei den Mahlzeiten wie einen verständigen Menschen Fragen stellen und Antworten geben hörte, stiegen ihr Zweifel auf, ob ihre Schwester vielleicht, wenn sie miteinander allein waren, absichtlich eine Art Wahnsinn simuliere. Nun, im Garten, sagte Dahlia: »Alle die Blumen, Liebling, haben in Mutter und mir ihre Wurzeln. Sie kann sie nicht fühlen, denn ihre Seele ist im Himmel. Aber meine ist dort unten. Der stete Schmerz ist der Versuch, die Seele loszureißen. Es ist wie die Schneide eines Messers, das nicht ganz durchgreifen kann. Kennst du das?« Rhoda sagte, so ruhig sie konnte, zustimmend: »Ja.« »Wirklich?« flüsterte Dahlia. »Das ist, was man ›Todeskampf‹ nennt. Aber so allein da hindurch zu müssen, wenn man ganz im Dunkeln ist! und ringsum eingeschlossen! das wirst du doch nie kennen lernen. Und dann kommt mitunter ein Engel und bringt mir eine von Mutters Rosen, und ich rieche daran. Ich sehe Felder von Schnee, und es ist warm und kein Raum zum Atemholen. Große Blumenbeete sehe ich, und ich gehe durch sie hindurch wie ein Windhauch. Ich bin zu Tode getroffen, und ich klopfe an den Erdboden, und dann begraben sie mich wieder für tot. Wirklich, Liebste, es ist wahr!« Sie meinte, wahr, insoweit, als es sich um ihre Empfindungen handelte. Rhoda konnte kaum mit einem Lächeln auf ihre Reden reagieren, und da Dahlias Auffassungsvermögen ungewöhnlich rege war, las sie die Zweifel ihrer Schwester und rief aus: »Dann laß mich von ihm sprechen!« Es war die leidenschaftliche Portsetzung ihrer vorhergehenden Rede, und ihre Bitte sollte so viel bedeuten wie eine Erklärung, daß sie ihre Begriffe wohl zu klären vermöge, sobald man ihrer Leidenschaft erlaube, sich in Worte zu. kleiden. Aber der kürzeste Augenblick, da sie ihrer Leidenschaft die Zügel schießen ließ, weckte aufs neue ihr blindes Entsetzen. Rhoda stützte sie, wenn sie die Gartenwege entlang schritt, und betete innerlich, die Zeit möge nicht mehr fern sein, wo ihre Freunde, der Pfarrer und seine Frau, ihr bei der Aufgabe, diese arme Schwester zu trösten, helfen dürften. Da ihr der bloße Gedanke an Liebe ein Greuel war, war ihre Teilnahme fast wertlos, und gab es nicht irgendwelche reelle Arbeit, für die sie Dahlias Hilfe in Anspruch nehmen konnte, war sie fast unnütz, zumal das Gefühl, daß sie sich selbst eines Unrechts schuldig gemacht habe, sie niemals losließ. Der Tag war milde und still. Die Blumen leuchteten im Widerschein der Sonne. Durch das Tosen des Mühlbachs hindurch hörten sie das Geläut der Grabglocken. Es gab in Rhoda einen Klang, als predige es von einem Ende, das einen neuen Anfang verheiße und einem Lande voll Mühe und Sorge eine Grenze stecke. Der leise Windhauch schien voller Gnade. Hier in voller Weltvergessenheit mit Dahlia zu leben, war das Ziel ihrer Wünsche. Vielleicht würde sie Robert – wenn er sich dazu verstände, dauernd mit ihnen zu arbeiten – dankbar die Hand reichen. Das heißt, wenn er kein Wort von Liebe sagen würde. Master Gammon und Mrs. Sumfit kehrten um die Essensstunde pünktlich zurück, und die Notwendigkeit, die Klöße und Kartoffeln fertig zu machen, das kalte Fleisch und den Salat anzurichten, hielt eine Zeitlang die Erzählung von dem Verlauf der Begräbnisfeierlichkeit zurück. Die Hauptsache unter ihren Erlebnissen war die, daß Mrs. Sumfit wirklich und wahrhaftig – Master Gammon konnte es ihr bestätigen! – Anton Hackbutt unter den letzten Leidtragenden gesehen hatte. Master Gammon war indessen kein Freund davon, Vermutungen an irgendwelche Tatsache zu knüpfen. Was er gedacht hatte, das hatte er gedacht, aber darauf kam es ja doch nicht weiter an. Er wollte nicht auf irgend etwas schwören, was er nicht selber mit seinen Händen betastet hatte – schließlich, die Augen konnten einem einen Streich spielen, auf Vermutungen ließ er sich nicht ein. Er überließ es Mrs. Sumfit, sich in ihrer Bestürzung bis zu einem Eid zu versteigen, daß sie mit ihren leibhaftigen Augen Anton Hackbutt gesehen habe, und was mehr war, sie habe nach der Feierlichkeit beobachtet, wie der junge Squire Anton, der sich in eine Ecke des Kirchhofs verkrochen hätte, bemerkt, und einen Mann zu ihm geschickt habe, und wie sie dann alle miteinander versehwunden wären. Man lachte herzlich über Mrs. Sumfit, und sowohl der Bauer wie Robert neckten sie weidlich. »Toni bei einem Begräbnis! und sich die Ausgaben für 'n Zug zu machen!« warf der Bauer ein. »Glaubst du, Mutter, Toni würd' nach 'n Wrexbyer Kirchhof gehen, eh' er nach Queen Annes Farm käme? Und wo sollt' er nu' woll sein? He?« Mrs. Sumfit wandte sich mit verzweifelten Blicken und mit einem eben fertigen Kloß zu Master Gammon. »Na, Mas' Gammon, warum woll'n Sie so tun, a's wenn Sie da nich' an glauben täten. ›Glaub' ich nich'!, glaub' ich nich!‹ un' ob's auch noch so 'n feierlichen Augenblick war, un' a's ob Sie mir nich' gesagt hätten, das könnt' auch 'n Paar Stiefeln kosten, wenn er heut' morgen zu Fuß von London 'reingekommen war'. Jawoll! Das sind Ihre eigenen Worte, Mas' Gammon! un' ›Stiefeln‹ haben Sie gesagt, un' wenn Sie gar nichts weiter gesagt hätten. Denn ›Stiefeln‹, sag' ich bei mir selber –, an ›Stiefeln‹ denkt er natürlich zuerst, weil daß da 'n Schuster in seine Familie is', – von seine Mutter her nämlich – das haben Sie mir selber gesagt, Mas' Gammon, un' nu' sind Sie bockig wie 'n olles Pferd.« »Hoho! schlägt Gammon hinten aus?« sagte der Bauer, und ein Schatten seines alten lustigen Zwinkerns huschte über sein Gesicht. »Er hat mir die Geschichte erzählt,« fuhr Mrs. Sumfit fort, mit einem herausfordernden Blick auf ihren nicht reagierenden Gegner, ihr doch zu widersprechen. »Er hat mir die Geschichte erzählt, jawoll, das hat er getan, un' ich glaub', er macht sich da 'n Spaß aus, un' treibt mich in 'ne Sackgasse, daß die Leute mir auslachen sollen! Mas' Gammon, wenn Sie nich' 'n ollen Schlauberger sind, Sie haben gesagt, ja, das haben Sie getan! er war' ertrunken, Ihre Mutter ihr Bruder seine Frau ihr Bruder, un' der hatte 'n Bruder, un' was der für Sie gewesen is', der Bruder –« Mrs. Sumfit schlug die Hände zusammen – »o, du, meine Güte, mein armer Kopf! aber Sie soll'n mir nich' so davon loskommen, Mas' Gammon, nee, un' ob Sie sich da noch so viel Mühe um geben. Ertrunken is' er doch, un' acht Tage hat er ins Wasser gelegen, un' das haben Sie mir einmals erzählt, a's wir zusammen über 'n Glas Eierbier saßen, an 'n Ofen, un' das 's' nu' all Jahre her. Un' ich glaub', die Klöße, die machen Ihnen noch ganz obsternatsch, denn das wird immer schlimmer mit Sie, un' wo Sie sie doch so gern mögen, daß ich da bald nicht genug von kochen kann in unsern allergrößten Kochtopf. Ja, das haben Sie gesagt! Acht Tage hätt' er ins Wasser gelegen, un' was sein Gesicht war, haben Sie gesagt, der arme Kerl! das hätt' so ausgesehen, wie 'n Stück Handtuch in 'n Amidam, das sind Ihre eigenen Worte, un' man hätt' da nix nich' mehr von erkennen können; un' Joe, der andere Bruder, 'n Schuster oder 'n Schuhmacher, wie sie da nu' zu sagen, der hat ihn angekuckt, a's er da auf 'n Strand ausgestreckt gelegen hat, der Länge lang, un' kannt' ihn auch nich', bis daß er nach 'n Stiefeln gekommen is', im' da sagt er: ›Das 's' Abna‹, denn an die Stiefeln, da hat er ihn an erkannt. Na, Mas' Granamon, woll'n Sie nu' noch behaupten, Sie hätten nich' was von Mr. Hackbutts Stiefeln gesagt? Un' daß er da 'n weiten Weg in gehabt haben müßte, ganz von London? Un' ich laß mir nich' zu 'n Narren halten, von wegen so 'n ollen Schlauberger seine Kunststücker!« Die wesentliche Beschuldigung blieb ohne Eindruck auf Master Gammon, von dem man nur hie und da eine halblautes Gemurmel vernahm, wie aus dem Allerinnersten eines tief verstauten Kloßes heraus, er überließ es dem Gelächter des Bauern, seinen Fall zu rechtfertigen. Die Erwähnung ihres Onkels hatte in Rhoda eine wachsende Unruhe hervorgerufen, und die Andeutung über sein seltsames Gebaren war nur ein um so deutlicherer Beweis für seine Anwesenheit in der Nachbarschaft. Und warum war er hierher gereist? War er gekommen, um sie wegen des Geldes zur Rechenschaft zu ziehen, das er ihr in den Schoß geschüttet hatte? Rhoda wußte in einem Augenblick, daß eine große Probe ihrer Kraft und ihrer Wahrhaftigkeit für sie herannahe. Mehr als einmal, nachdem sie Sedgett einen Haufen davon gegeben hatte, war ihr, wenn auch nur ganz, ganz von ferne, der Gedanke aufgestiegen, daß es sich bei dem Golde um Geld gehandelt habe, auf das man den allermildesten Ausdruck für ›gestohlenes Gut‹, der irgend zu finden sein dürfte, anwenden müsse. Nicht ›gestohlenes‹, auch nicht ›angeeignetes‹, aber daß es Geld gewesen, das man Anton vielleicht anvertraut habe, und von dem er vergessen habe, wer der eigentliche Besitzer sei. Diese Gedanken hatten sie nicht übermäßig gequält, aber unter der Last einer Fülle von überwältigenden Erscheinungen hatten sie sie – obschon in geringerem Maße – beunruhigt. Die Bestimmung über das Geld, die Notwendigkeit desselben hatte Rhoda mehr Verständnis für seinen Wert und sein Wesen verliehen. Sie hatte sich selbst eingeredet, ihr Verdacht entspringe nur dem wilden Gebaren ihres Onkels und dem Anblick des auf dem Fußboden verstreuten Goldes, das den Eindruck gemacht hatte, als sei zu ihren Füßen ein Herz zersplittert. Kaum hatte sie die Vermutung aussprechen hören, daß Anton gesehen worden sei, als das Fünkchen einer geheimen Befürchtung wie ein rasender Schreck durch ihre Adern flammte. Sie stand vom Tische auf, ehe Master Gammon noch aufgestanden war, und verließ das Haus, um sich nach ihrem Onkel umzusehen. Er war nirgends auf den Feldern, noch auf dem Kirchhof zu sehen. Sie ging in trüben Sinnen durch die benachbarte Gegend, bis ihre plötzlich aufgestiegene Furcht sich allmählich beruhigte und kehrte erleichterten Herzens nach Hause zurück, indem sie sich selbst einredete, es sei Torheit, sich von ihrem Onkel eine andere Vorstellung zu machen, als die, daß er ein Mann sei, der allerhand Reichtümer zusammengehäuft habe, und anzunehmen, daß er hier sei. Aber sie hatte, inzwischen allerlei Gemütsbewegungen durchgemacht, die ihr von bevorstehenden Kämpfen redeten. Wer würde sich freundlich ihrer annehmen, wessen Arm würde ihr Stärke verleihen? Der Gedanke an den Sturm, den sie überall entfacht hatte, ließ sie ein törichtes Beben empfinden. Als sie ihre Hand in Roberts legte, gab sie seinen Fingern einen vertraulichen Druck, und fast hätte sie ihren Kopf an seine Brust gelehnt, so elend, fühlte sie sich vor lauter Schwäche. Es würde ein, Betrug ihm gegenüber gewesen sein, und das hielt sie davon zurück, – und vielleicht hielt sie noch mehr die dunkle Ahnung zurück, daß sie auf Worte der Liebe zu antworten haben würde, ohne zu wissen, was sie sagen sollte, und ein Ekel vor Zärtlichkeiten jeder Art. Sie sah sich dazu verurteilt, allein stehen zu müssen zu einer Zeit, wo sie den Rückhalt festen Selbstbewußtseins nicht ausreichend empfand, um Kraft daraus zu schöpfen. Rhoda hatte die eiserne Überzeugung nicht fallen lassen, daß sie recht damit getan, Dahlia zu der Heirat zu zwingen, so schlecht die Sache auch ausgegangen war. Noch immer, wenn sie darüber nachdachte, empfand sie die harte Freude derer, welche mit der vollen Überzeugung von ihrer Rechtschaffenheit einem störrigen, sündigen und irrenden Geist ihren Willen aufgezwungen haben. Alles, was sie zugab, war, daß die Sache einen traurigen Ausgang genommen, immerhin sah sie nichts Schlimmeres darin, als eine bittere Enttäuschung, jedenfalls schien es ihr einstweilen nichts weiter. Der Mann, der ihrer Schwester Gatte war, konnte nicht länger die Klage erheben, das Opfer eines Betrugs zu sein. Sie hatte sein Versprechen erkauft, das Land zu verlassen und hatte die Ehre der Familie dadurch gerettet, daß sie ihn bezahlt hatte. Um welchen Preis? Das fragte sie sich jetzt, und dann geriet ihre Sicherheit ins Schwanken. Konnte ihr Onkel sich von der großen Summe getrennt – dieselbe über sie ausgeschüttet haben, nur aus reinem Wohltätigkeitsdrang, und weil er sie lieb hatte. War es möglich, daß es seine Gewohnheit war, seine eignen Reichtümer durch die Straßen Londons zu tragen? Sie mußte alle derartigen Fragen gebieterisch zur Ruhe verweisen, und sich ihre Auffassung seiner Persönlichkeit und den Umstand genau wieder ins Gedächtnis zurückrufen, welchen Wert das Geld in jenem Augenblick für sie besaß, da es ihr zu einem Gegenstand des Hungers wurde, so daß sie wie ein Wolf darüber hergefallen war, ohne sich seines Wertes bewußt zu sein, ja, ohne ihn auch nur zu ahnen. Rhoda öffnete das Fenster weit, ehe sie sich schlafen legte, um die kühle Nachtluft einzuatmen, und als sie sich hinauslehnte, hörte sie Schritte sich entfernen und wußte, daß es Robert sei, in dem jener Druck ihrer Hand das Verlangen nach ihr grausam neubelebt hatte. Sie zog sich mit einem Kopfschütteln über die Torheit der Männer zurück, die Sklaven sind, solange sie um eines Weibes Liebe werben, Wilde, wenn sie dieselbe gewonnen haben. Sie versuchte Mitleid für ihn zu empfinden, aber sie hatte keine Gefühle übrig, vielleicht das Gefühl einer dumpfen Genugtuung ausgenommen, daß sie allein unter den Frauen sich von jenem elenden Netzwerk frei fühlte, welches die Menschen Liebe nennen, und mit diesem Bewußtsein schlief sie ein. Am nächsten Tage zwischen dem Frühstück und dem Mittagessen war es, als der junge Squire in Begleitung von Anton Hackbutt Bauer Fleming auf dem Wege, der einen seiner äußeren Weizenplätze begrenzte, begegnete. Anton hatte kaum mehr als ein stumpfes Nicken für seinen Verwandten und schlurrte weiter zum hellen Erstaunen des Farmers, während der junge Squire ihn anhielt, um mit ihm zu sprechen. Anton ging weiter dem Hause zu. Kurz darauf sah man ihn durch die Gartenpforte gehen, und zwar in Begleitung von Rhoda. Um die Mittagsstunde nahm der Bauer Robert beiseite. Weder Rhoda noch Anton zeigten sich. Sie erschienen nicht vor Einbruch der Nacht. Als Anton das Zimmer betrat, erwiderte er keinen Gruß, noch sprach er selbst einen aus. Er setzte sich auf den ersten Stuhl, welcher neben der Tür stand, und schüttelte, leeren Blicks, seinen Kopf. Rhoda nahm ihren Hut ab und saß ebenso seltsam stumm da. Vergebens fragte Mrs. Sumfit sie: »Was soll es sein, Liebling? Tee oder etwas kaltes Fleisch?« Die zwei stummen Figuren wurden, jede für sich, gefragt, aber sie gaben keine Antwort. »Komm, Bruder Toni!« versuchte ihn der Bauer aufzumuntern. Dahlia strickte an irgendeinem weiblichen Gebrauchsgegenstand. Robert stand bei den Moschustöpfen am Fenster und sah starr zu Rhoda hinüber. Sein Blick brachte sie schließlich zum Bewußtsein zurück, sie blickte an ihm vorbei nach der Uhr. »Es ist spät,« sagte sie, indem sie aufstand. »Aber du hast ja nix im Magen, mein Kind. Nee, sowas! ohne Mittagessen im' Tee un' Abendbrot zu Bett zu gehen! Du wirst rein nich' beten können, Kind, wenn du gar nix essen tust,« sagte Mrs. Sumfit. Diese Bemerkung löste in des Farmers Hirn eine Vorstellung aus, daß Anton ganz besonders gebetslos sein müsse. »Ich höre, du hast eine Nacht beim jungen Herrn geschlafen, Bruder Toni. Das 's ja ganz schön. Mußt nich' meinen, daß ich dir das übelnehme. Wenn du dich mit der Herrschaft drüben angefreundet hast, dann will ich dich gewiß nich' dazu überreden, dich mit unsrer Familie hier einzulassen, nee, da sollen dir wahrhaftig keine Unannehmlichkeiten von kommen. Bloß, mein' ich man, wenn du nun doch mal hier bist, Mensch, dann könnt'st du auch woll mal 'n Wort sagen. Oder soll ich nach 'n Doktor schicken? »Hab' ich doch recht gehabt,« murmelte Mrs. Sumfit, »un' er is' doch beim Begräbnis gewesen, Gott sei Dank! Ich dach' wahrhaftig, meine Augen wär'n nich' mehr recht. Mas' Gammon, da hätten Sie nu' auch weiter keinen Schaden von gehabt, wenn Sie mir 'n büschen unterstützt hätten!« »Hier ist auch Dahlia,« sagte der Farmer. »Bruder Toni, siehst du sie nicht? Sie fängt an, wieder mehr sie selbst zu werden, wenn nur ihr Haar 'n bißchen schneller wachsen wollte! Sie ist – na, da ist sie ja.« Eine zitternde, schwache Stimme, die von Anton herkam, sagte: »Wie geht 's dir denn?« Wie der erste Versuch, aus einer Rohrpfeife einen Ton hervorzubringen, klang's. Aber Anton warf keinen Blick auf Dahlia. »Willst du essen, Mensch? – willst du 'ne Pfeife rauchen? – willst du nich' 'n Wort sagen? – willst du zu Bett gehen?« Diese verschiedenen Fragen, die in Zwischenräumen ausgesprochen wurden, entlockten dem vor sich hinstarrenden Mann keine Äußerung. »Ist was auf der Bank schief gegangen?« rief der Bauer, und Anton zuckte auf und sank dann ganz klein in sich zusammen. »Hm?« drang der Bauer weiter in ihn. Rhoda warf sich ins Mittel: »Onkel ist müde; er ist nicht wohl. Morgen wird er mit dir sprechen.« »Nein, aber sag' mal, ist irgend was da oben in Unordnung?« fragte der Bauer mit reger Neugier und einem triumphierenden Lächeln bei dem Gedanken, daß auch diese Banken und diese Leute aus dem Geschäftsviertel Londons nur sterblich wären und trotz ihres kreischenden Räderwerks in Unordnung geraten könnten. »Bruder Toni, sag' doch mal was! Hat irgend jemand Bankrott gemacht? Ach was, pfeif doch auf 'n kleinen Krach, natürlich bloß so lang, wie dein Geld nicht mit dabei übergeschluckt wird. Wie is' 's damit? Mein Gott, so was hab' ich doch noch gar nich' gesehen. Kommst du von London hier 'runter un' spielst Versteck um dein Schwager sein Haus herum, und hier, wenn du so gütig bist un' uns mit 'n Besuch beehrst – denn – na, wie is' die Sache? Ich hoffe, du bist nich' ruiniert, Toni, was?« Rhoda stand über ihren Onkel geneigt da, um ihn vor den auf ihn gerichteten Blicken zu bergen. »Er soll nicht sprechen, bis er sich etwas ausgeruht hat. Und, ja, Mutter, 'n bißchen Tee soll er oben haben im Bett. Setz etwas Wasser auf. Nun komm mit mir, Onkel.« »Hat einer Bankrott gemacht?« Anton rollte die Worte gewissermaßen nach. Rhoda ergriff seinen Arm. »Sie fragen mich so viel, mein Kind, das kann ich nich' aushalten. Du sagtest doch, hier war so 'n ruhiger Fleck. Ich weiß gar nichts von Geld. Kannst meine Taschen nachsuchen. Jawohl, un' wenn da vierzig Polizisten beikämen, sie sind ganz leer, kannst es selber sehen. Un' ich wüßte auch nich', warum ich nich' zu 'n Gebet nicken sollte, aber selber hab' ich nie eins gelernt. Wo geh'n wir hin, Liebe?« »Wir gehen zusammen hinauf, Onkel.« Es war Rhoda gelungen, ihn zum Aufstehen zu bewegen. Der Bauer tippte sich auf die Stirn, um den anderen anzudeuten, daß es mit Antons Kopf nicht seine Richtigkeit habe, was ihn daran erinnerte, daß er solches bereits vorausgesagt. Er reckte sich, sprang mit einem Satz in die Höhe und rief: »Halloh, Bruder Toni, aber, Mensch! Nu' sag' doch mal einer! Zu Bett gehen willst du? Was, Toni? Ich sag' man, ich sag' man! Du meine Güte!« Und während dieser Ausrufe tanzten verworrene Visionen von ineinander geschlungenen Goldfäden vor seinem inneren Auge. Rhoda ging rasch mit Anton hinaus. Nachdem die Tür sich hinter den beiden geschlossen, sagte der Bauer: »Das kommt davon. Früher oder später mußte es ja so kommen. Da hängt man sein Herz an Geld, – das 's grad so gut, a's wenn man sich bei 'n Schiff versichert un sagt: Hier hab' ich 'n Schiff, und nu' mag das mein'twegen donnern un' blitzen, – ich pfeif darauf. Währenddem wir, die wir nur so von 'er Hand in 'n Mund leben, wenn es da stürmt un' donnert und blitzt, und die Wellen so ankommen wie 'n Lawine, wir haben nix zu verlieren. Der arme alte Toni! Das 's 'n Krach, soviel is' sicher. Da 's irgend 'n Krach gewesen, un' er is' unter 'n Pflug zu liegen gekommen. Un' das könnt ihr alle, so viel ihr da seid, sagen, daß ich das immer gesagt hab', nix kann ewig dauern. Na, sagt selbst? Hab' ich das gesagt oder nich'?« Die Anwesenden gaben sanftmütig zu, daß sie seinen prophetischen Geist insoweit anerkennten. Mrs. Sumfit sagte trübsinnig: »Oft, Willem, oft!« und nahm die unbestreitbare Wahrheit in tiefer Herzensdemut in sich auf. »Spart,« fuhr der Bauer fort, »spart und legt zurück, aber tut euer Herz nich' mit in 'n Spartopf!« »Das 's wahr, Willem.« Mrs. Sumfit gab die Responsorien zu der Predigt. Dahlia umarmte sie sanft und küßte sie. »Hast die alte Frau so lieb?« murmelte Mrs. Sumfit zärtlich, und Dahlia küßte sie aufs neue. Der Bauer hatte sich inzwischen überlegt, inwieweit er selbst von Antons Mißgeschick in Mitleidenschaft gezogen werden könnte, in der Annahme, daß Antons augenscheinlicher Kummer nicht lediglich Mitgefühl sei, das einer sentimentalen Anhänglichkeit an das Geschäft entspränge, für das er nun einmal eine Vorliebe hatte, und eine solche Überlegung lenkte seinen Hang zu moralisieren augenblicklich ab. »Wir werden es morgen schon hören,« damit schloß er die Erörterung, und da – hierdurch angeregt – sich der Wunsch in seinem Busen regte, es möchte doch bald morgen sein, suchte sein Blick Master Gammon, der eine halbe Stunde länger als gewöhnlich aufgeblieben und auf seinem Stuhl eingeschlafen war. Dies ungewöhnliche Schauspiel öffentlicher Schlafsucht seitens Master Gammons, vereint mit des würdigen Alten Renommee für Langsamkeit, machte den Bauer ärgerlich auf ihn, als halte er gewissermaßen den lebhaften Gang der Stunden auf. »He, Gammon!« rief er so laut, daß jedes gewöhnliche Ohr davon hätte erwachen müssen; aber Master Gammon gehörte nicht zu denen, welche wie gewöhnliche Sterbliche in den Abgrund des Schlafes versanken; es bedurfte eines kräftigen Rüttelns und Anschreiens, Erdbebens und Donnergebrülls zugleich, ehe seine blinzelnden Eidechsenlider die großen Augen, die gleichsam einer untergegangenen Welt anzugehören schienen, entschleierten; als es endlich geglückt, rollte er, wie ein aus Lehm gebildetes Ungeheuer, das sich der Einwirkung des himmlischen Feuers widersetzt, erst auf die rechte Seite seines Lehnstuhls, dann auf die linke, schwankte dann vorne über und bestand darauf, bewußtlos zu bleiben. Als er endlich bis zum gewissen Grad seine Besinnung wiedererlangt hatte, sah er seinen Brotherrn lange an und murmelte zum Erstaunen aller: »Bauer, es gehen seltsame Dinge in diesem Hause vor.« Dann entspann sich ein Kampf zwischen ihm und Mrs. Sumfit in betreff der Kerze: sie behauptete, man könnte sie ihm nicht anvertrauen, und er stritt eigensinnig dagegen, das könne man wohl. »So, wir wollen alle zu Bett gehen,« sagte der Bauer. »Wenn der eine wunderlich is', und der andre auch, dann bekomm' ich Kopfweh, wenn ich das noch mit 'n Nachdenken krieg'. Gammon ist ein Mensch, der im Schlaf sieht, was ihm im Wachen entgeht. Und nun sagt mir doch bloß mal,« damit wandte er sich an alle Anwesenden, »ist euch schon mal so was vorgekommen, wie dies, daß Anton Hackbutt in das Haus seiner Verwandten kommt und da sitzt und mit keinem ein Wort spricht? Ich muß sagen, ich bin selbst wie auf 'n Mund geschlagen davon. Un' ich selbst? Warum konnt' ich denn nich' hingehn und ihm die Hand schütteln, kann man wohl fragen? Ja, warum nich'? Wenn er nich' weiß, daß er willkommen is', ohne daß man da viel Wesens von macht, dann kann er mir gewogen bleiben. Weiß der Himmel, ich hab' doch noch andre Sachen in 'n Kopf, meint ihr nich'? Das hat jeder, der eine mehr und der andre weniger, – ich sprech' gar nich' von 'n Kreuz, das jeder zu tragen hat. Aber da 's irgend was nich' in Ordnung mit mei'n Schwager Toni, das steht fest. Komisch, daß wir Landleute, die doch warten gelernt haben und unseres Herrgotts Gaben so hinnehmen –«, der Bauer führte den Gedanken nicht weiter aus, vielmehr hob er seinen Arm in die Höhe, wie ein Schäfer und blies vor sich hin, als wollte er die beiden Frauen aus dem Zimmer heraus in ihre Betten pusten, dann streifte er Robert mit einem scheuen Blick und nickte ihm eine »Gute Nacht!« zu. Robert antwortete mit einem Kopfnicken seinerseits. Er kannte die Ursache für des Bauern ungewöhnlich aufgeräumtes Wesen: Algernon Blancove, der junge Gutsherr, hatte bei ihm um Rhodas Hand angehalten. Kapitel XLIII. Rhoda verschenkt ihre Hand Anton hatte die Bank beraubt. Der junge Gutsherr wußte von der Geschichte und hatte sich, erboten, für ihn einzutreten und der Bank das Geld zu ersetzen unter einer Bedingung. So viel hatte Rhoda den unzusammenhängenden Reden ihres Onkels während des Tages entnehmen können. Der Bauer wußte von nichts, als von dem Antrag des jungen Squires, der ihm direkt gemacht worden war, und er hatte es Robert überlassen, Rhoda davon Mitteilung zu machen und seine eigne Sache zu führen. Als sie in das Zimmer zurückkam, wo Robert auf sie wartete, war sie fest davon überzeugt, daß sie nur den Mund aufzutun brauche, um eine Mine zum Explodieren zu bringen; und halb darauf hoffend, halb davor zurückbebend, trat sie ein und versuchte ihre Augen fest auf Robert zu heften, während sie ihm die Geschichte erzählte. Robert hörte mit einem überlegenden Ernst zu, der ihre physische Angst vor einem Ausbruch seiner Heftigkeit beschwichtigte. Nun war sie zu Ende, und er sagte: »Vielleicht bedeutet das für Ihren Onkel Rettung. Jedenfalls wird es Ihrem Vater eine Freude sein.« Sie setzte sich. Ein Gefühl überkam sie, als sei eine wärmende Hülle von ihr abgefallen, und als säße sie in ihrer ganzen Nacktheit da. »Muß ich denn ›ja‹ sagen?« »Wenn Sie es können, müssen Sie es wohl.« Da sie beide Menschen waren, die zum kräftigen Handeln geschaffen waren, fand eine solche Kalamität sie hilflos, wie Kinder. Zudem verletzte es ihn, zu sehen, daß sie die Frage überhaupt in Erwägung zog, und Schwierigkeiten, die seinem Herzen und seinen Händen nichts zu tun gaben, brachten ihn zur Verzweiflung. Ein tatenloses Über-sich-ergehen-lassen schien ihm die ihm auferlegte Lektion zu sein, und er wollte ihr zeigen, daß er sie gelernt habe. »Wollten Sie ausgehen, Robert?« »Ich mache gewöhnlich noch mal die Runde durchs Haus, um zu sehen, daß alles in Ordnung ist.« So hatte dann also sein im Garten Umherwandern zur Nachtzeit nicht den Zweck, nach ihrem Fenster zu sehen. Rhoda wurde dunkelrot vor Scham bei dem Gedanken, daß sie gemeint hätte, es geschähe ihretwegen. »Ich muß mich morgen früh entscheiden.« »Man sagt ja: ›Guter Rat kommt über Nacht!‹« Eine Antwort, welche die Vermutung in sich schloß, sie könne diese Nacht schlafen, kam ihr äußerst unfreundlich vor. »Ist es Vaters Wunsch?« »Aus dem, was er sagte, habe ich es nicht schließen können.« »Sie meinen, heimlich wünscht er es doch?« »Welcher Vater würde das nicht tun? Natürlich wünscht er es. Er ist gutherzig genug, aber daß er es wünscht, darauf können Sie sich verlassen.« »O Dahlia, Dahlia!« Rhoda stöhnte auf, eine Flut neuer Empfindungen rauschte in ihr empor, unkindlicher Art, denen gleich, durch deren rückhaltslose Äußerung ihre Schwester sie so betrübt hatte. »Ach, die arme Seele!« fügte Robert hinzu. »Mein Liebling muß tapfer sein: sie muß viel Mut haben. Dahlia hat nichts von einem Feigling an sich. Ich fange an, das einzusehen.« Rhoda warf den Kopf zurück, sie saß eine Weile ganz; still da wie jemand, der alte Tatsachen in einem neuen Licht sieht. »Ich kann mir nicht darüber klar werden,« sagte sie, plötzlich emporfahrend. »Bin ich schrecklich grausam gewesen? Hab' ich unschwesterlich gehandelt? Mir graut so vor einzelnen Dingen – vor der Schande. Und Männer sind so hart, was Frauen anbelangt; und Vater – ich konnte es Vater so nachfühlen! Und ich haßte diesen erbärmlichen Menschen. Er ist sein Vetter, und er trägt seinen Namen. Ich könnte mir fast vorstellen, diese Prüfung würde als Strafe über mich verhängt.« Ein mutwilliger Teufel gab es Robert ein zu sagen: »Sie können Ihren Onkel unmöglich dem Unheil überliefern.« Was er da andeutete, war weiter als irgend etwas anderes davon entfernt, sich mit seinem Begriff von eventuellen Pflichten einer Frau zu identifizieren. »Sind Sie der Meinung?« fragten Rhodas Augen, aber sie sprach es nicht aus. Nun hatte er tatsächlich in einem fast ironischen Ton gesprochen. Sie hätte das bemerken können. Und wie konnte ein edeldenkendes Mädchen ihn dessen für fähig halten, derjenigen, die er liebte, einen solchen Rat zu geben? Ekel und Ärger darüber schüttelten ihn, aber er war allzu mannhaft, um diese in ihm wogenden Empfindungen zu verraten, so fuhr er fort zu heucheln. Er konnte es ihr noch nicht vergeben, daß sie so gleichgültig gegen ihn gewesen war. »Sie sind nicht mehr Ihre eigene Herrin,« sagte er, während er doch ganz das Gegenteil meinte. Das war es, was Rhoda fürchtete: verpflichtet zu sein, sich selbst aus Großmut zu opfern. In ihrem Herzen regte sich keine stürmische Leidenschaft, welche die Fülle schwachherziger Vernunftgründe und Eitelkeiten kraftvoll durchbrochen und ihr geboten hätte, ein Weib zu sein, nicht der Spielball anderer; und die Leidenschaft in dem Manne, zu dem es sie mit allen Fasern zog, daß er sie darin einhülle und sie fortwirble in ein vollkommenes Vergessen, indem er ihr das Siegel eines Verlöbnisses auf die Lippen drückte, schwieg; sie war in diesem Augenblick an Roberts Liebe zu ihr irre geworden. Sie war des Grübelns und des Handelns auf eigne Verantwortung so müde, wie gerne hätte sie ihren Willen daran gegeben; dennoch sagte ihr das eigene Urteil, wenn sie dasselbe denn noch in Anspruch nehmen sollte, daß der Schritt, zu welchem man sie überreden wollte, die direkte Folge und Frucht ihrer vorhergehenden schwankenden Schritte sei. Ihr Stolz flüsterte ihr zu: »Deine Schwester vermochtest du zu dem zu zwingen, was sie haßte,« und ihr Mitleid trat für den armen, alten Onkel Anton ein. In Gedanken versetzte sie sich noch einmal in jenes Erlebnis zurück, was sie in London mit ihm gehabt; ihre wahnsinnige Kraft, zu handeln, erfüllte sie mit Entsetzen, und wiederum schauderte es sie – als sie von jener Betrachtung sich wieder der Gegenwart zuwandte – vor ihrer augenblicklichen Kraftlosigkeit. »Ich bin nicht dazu imstande, eine eigne Entscheidung zu treffen,« sagte sie. »Dann entscheiden Sie sich nur je eher, je lieber,« warf Robert hin, und die Stube wurde ihm dumpf und enge. »Man läßt mir so wenig Zeit,« murmelte sie. Es klang wie ein Weinen, – jemanden, der ihre mitleidslose Energie von ehemals gesehen hatte, mußte es irritieren. »Ich denke, Sie werden das Unglück nicht so groß finden,« sagte er. »Sie meinen,« sie sah schnell zu ihm auf, »weil ich ihm einmal ein Rendezvous gegeben habe? Meinen Sie das, Robert? Ich ging zu ihm, weil ich auf Nachrichten von meiner Schwester hoffte. Ich hatte keine Briefe von ihr bekommen. Und er hatte mir geschrieben, um mir zu sagen, daß er mir etwas über sie erzählen könnte. Mein Onkel nahm mich einmal mit auf die Bank. Da hab' ich ihn zum erstenmal gesehen. Und da sprach er von Wrexby und von meiner Schwester. Und es tut einem unerfahrenen Mädchen wohl, sich von jemand loben zu hören. Seit dem Tage, wo Sie mich umkehren hießen, habe ich immer Respekt vor Ihnen gehabt.« Seine Brauen wurden etwas weniger strenge. Hätte sie sich noch tiefer vor ihm demütigen können? Aber sie hatte zugleich seine alte Wunde berührt, und sein Rivale von damals war ihr Bewerber von heute, und er war reich und ein vornehmer Herr. Und dies Zimmer, mußte Robert denken, während er sich in demselben umsah, war dasselbe, in dem sie ihn abgewiesen hatte, als er sie zum erstenmal gebeten hatte, sein Weib zu werden. »Ich glaube,« sagte er, »ich habe Sie noch gar nicht um Verzeihung gebeten wegen des letzten Mals, wo wir hier zusammen waren. Ich legte damals meinen Arm um Sie. Fürchten Sie nichts. Es handelte sich um meine Heirat, und es handelte sich um mein Weib. Und damit genug von dem, was ich gewünscht und verkehrt angefangen. Verzeihung, daß ich Sie daran erinnerte.« »Nein, Robert, nein!« Rhoda hob die Hände empor, dann – als erschrecke sie selbst über den Impuls, ließ sie sie fallen und sagte: »Was soll ich verzeihen? Bin ich Ihnen je böse gewesen?« Ein Blick warmer Zärtlichkeit begleitete diese Worte, und als er sie ansah, wurde sie glühend rot. »Als Sie in den Wald gingen, sah ich Sie. Ich wußte , daß Sie einen guten Grund haben mußten,« sagte er, und nun errötete auch er. Aber durch sein abermaliges Anspielen auf jene Szene hatte er die in ihr aufwallende, sanfte Regung unterdrückt. Einen Augenblick ließ sie, wie erschlafft, den Kopf hängen und langsam ebbte jene Purpurglut wieder aus ihren Wangen. »Sie sind sehr freundlich,« sagte sie. Er aber empfand dunkel, daß mutmaßlich eine Gelegenheit zum Glück – in diesen paar erbärmlichen Sekunden gereut – verdorrt und abgefallen sei. Wütend über seine Kurzsichtigkeit und ängstlich besorgt, sein Bedauern – im Fall er sich geirrt haben sollte – nicht zu zeigen (der Mann war ein Liebender!), bemerkte er zugleich wahrhaftig und heuchlerisch: »Es hat mir immer geschienen, als wären Sie zur Dame geboren.« (Ihr Ehrgeiz stand dahin, meine Gnädigste!) Sie antwortete: »Das versteh ich nicht.« (Nämlich, daß du so etwas sagen kannst, mein Freund!) »Sie werden demnächst neue Pflichten übernehmen.« (Sie hätten schon jetzt nichts dagegen!) »Ja. Wenn nicht, so hätte mein Leben nur geringen Wert.« (Du könntest wissen, daß die Verantwortung dafür dich trifft!) »Und ich wünsche Ihnen Glück, Rhoda.« (Allerdings gefährden Sie jede Aussicht dafür aufs blödsinnigste!) Jedem von ihnen war der geheime Sinn ihrer Worte schattengleich hinter denselben ersichtlich. Und weiter ging's: »Ich danke Ihnen, Robert.« (Für den Ausgang werde ich Ihnen allein zu danken haben.) »Jetzt ist es Zeit zu gehen.« (Siehst du denn nicht die Gefahr, die für mich in einem längeren Bleiben liegt?) »Gute Nacht.« (Sieh, ich füge mich einfach deinem Willen.) »Gute Nacht, Rhoda.« (Du hast das erste Zeichen zum Aufbruch gegeben.) »Gute Nacht.« (Ich füge mich nur deinem Willen.) »Warum nicht meinen Namen? Sind Sie mir böse?« Es war Rhoda, als solle sie ersticken. Die indirekte Sprechweise war gleichsam ein Schutz gewesen, unter dem sie mehr anzudeuten vermochte, als sie in Worte zu kleiden wagte. Wieder stieg ihr das süße tiefe Rot zwischen die Augen. Aber er hatte ihr die Hand entgegengestreckt, und sie hatte sie nicht genommen. »Was habe ich Ihnen getan? Ich weiß es wahrhaftig nicht, Rhoda.« »Nichts.« Die Blume hatte ihren Kelch wiederum geschlossen. Er redete sich ein, er glaube, daß sie sich im Herzen der Aussicht auf eine so gute Partie freue, und fing nun an, über Antons Vergehen zu sprechen, indem er sagte: »Er hat das Geld nicht des Geldes wegen genommen, das kann jeder sehen. Ich dachte mir schon halb und halb, als Sie mir davon erzählten, daß er das Geld nicht hätte weggeben dürfen, aber wenn Sie etwas tun, dann denk' ich eben immer, es muß das Richtige sein!« »Und das ist es doch nie,« sagte Rhoda und ärgerte sich sowohl über ihn, wie über sich selbst. »Von Geldsachen verstehen Frauen meistens nicht sonderlich viel. Hat denn Ihr Onkel nicht ein eignes Konto auf der Bank? Er galt doch immer für 'ne Art Geizhals.« »Ich ahne nicht, was er ist, oder was er war. Seit dem Tage ist er weder in der Nähe der Bank, noch in seiner Wohnung gewesen. Er ist zu Fuß hierher gewandert und hat hie und da in einer Kate übernachtet. Es scheint, daß ihm das Herz gebrochen ist. Ich habe noch einen großen Teil des Geldes. Ich behielt es, weil ich dachte, es könnte ein Schutz für Dahlia sein. O, was dachte ich nicht alles! und was hab' ich getan! Natürlich glaubte ich, er wäre reich. Tausend Pfund schien mir sehr viel, aber ich dachte, für einen, der reich wäre, bedeutete es nur eine Kleinigkeit. Wenn ich überhaupt nachgedacht hätte, hätte ich mir ja sagen müssen, daß Onkel Anton nie so viel durch die Straßen tragen würde. Aber ich war wie ein Teufel hinter dem Gelde her. Ich muß unrecht getan haben. Wenn man sich so nach etwas sehnt, muß es ein Zeichen sein, daß es unrecht ist.« »Was für ein Unrecht Sie denn auch immer begangen haben mögen, Rhoda, Sie wollen es ja nun wieder gutmachen.« »Dann verkaufe ich mich also.« »So schlimm ist es wohl kaum. Das Geld kommt dann eben von Ihnen, anstatt von Ihrem Onkel.« Rhoda neigte sich in ihrem Stuhl nach vorn, die Ellbogen auf ihre Knie gestützt saß sie da, wie ein in tiefes Nachsinnen versunkener Mensch. Vielleicht war es recht, daß das Geld von ihr kam. Und wie hatte sie hoffen dürfen, das Geld durch irgendwelche andere Mittel zu erhalten. Hier auf alle Fälle war eine offenbare Lösung der ganzen Schwierigkeit. Es kam gerade zur rechten Zeit; war es eine göttliche Hilfe? Welche Feigheit raunte ihr zu sich zu widersetzen. Konnte es alles in allem ein so furchtbarer Schritt sein, um den es sich handelte? Ihre Augen begegneten denen Roberts, und er sagte ganz abrupt: »Recht wie ein Weib!« »Inwiefern?« Aber sie hatte die Bedeutung seines Ausrufs wohl verstanden, und sie errötete wider ihren Willen. »Er war der erste, der Ihnen schmeichelte.« »Sie sind brutal, Robert.« »Kriege ich endlich einmal meinen Namen zu hören? Dessen haben Sie mich in diesem Zimmer schon einmal beschuldigt.« Rhoda stand auf. »Ich will Ihnen gute Nacht sagen.« »Dann nehmen Sie meine Hand.« »Gute Nacht,« sagten sie beide gleichzeitig, aber Robert gab die Hand, die er in der seinen hielt, nicht frei. Seine Augen blitzten, und er preßte ihre Finger. »Ich bin gebunden,« schrie sie auf. »Ein einzig Mal!« Robert zog sie zu sich heran. »Lassen Sie mich los!« »Nur einmal!« wiederholte er. »Rhoda, ich hab' dich nie geküßt, – einmal!« »Nein! Machen Sie mich nicht böse!« »Hat Sie nie jemand geküßt?« »Nie!« »Dann bin ich –« Seine Kraft bezwang ihre straff aufgerichtete Gestalt. Hätte er gesagt: »Sei mein!« vielleicht hätte sie sich von seiner Zärtlichkeit erweichen lassen, aber in ihrem Herzen glühte kein hellsehend machendes Feuer, das imstande gewesen wäre, den Worten des Mannes, der sie liebte, die rechte Deutung zu geben. Sie las nur seine Worte, wie sie eine inhaltslose Druckschrift auf einer Holztafel gelesen haben würde, und alles in ihr widersetzte sich der Kränkung, ihre Lippen einem Manne darzubieten, der nicht ihr Gatte werden sollte. Seine Eifersucht verlangte zunächst nach dieser Genugtuung. Er würde ihr nur allzu bereitwillig das »Sei mein!« haben folgen lassen. »Lassen Sie mich gehen, Robert!« Er ließ sie los. Die Ursache dafür war die, daß sich die Tür plötzlich öffnete. Anton stand da. Kein Anblick konnte mehr von der Phantasmagorie eines Traumes an sich tragen. Sein Anzug zeigte die Zerrüttung seines Verstandes, halb war er noch in seinen Tageskleidern, halb im Nachtgewand; auf dem Kopf hatte er eine von des Bauern Nachtmützen, über der sein Hut thronte. Eine dunkle Vorstellung von der Notwendigkeit von Beinkleidern hatte ihn dieses Kleidungsstück soweit anlegen lassen, um die Bewegung seiner kurzen Beine zuzulassen, an welchem Punkte ihre Willfährigkeit zu nützlicher Verwendung gescheitert war. Von Kopf zu Fuß in Kleidungsstücke gewickelt, von denen keines zu dem andern paßte, vom Licht geblendet, blinzelte er sie an, wie eine erschrockene und gleichsam versteinerte Maus. »Liebster Onkel!« Rhoda ging auf ihn zu. Anton nickte und deutete auf die Tür, die zum Hause hinaus führte. »Ich möchte nur eben fort, – fort. Kehrt euch nicht weiter an mich. Ich möchte nur fort.« »Du mußt zu Bette gehn, Onkel.« »Mein Gott, nein! Ich muß fort, Liebe. Ich hab' ja schon so viel geschlafen, daß vierzig Leute damit auskönnten. Ich –« er brachte seinen Mund ganz nahe an Rhodas Ohr, »ich möchte den alten Bauer nich' erst seh'n.« Und als habe er damit einen völlig ausreichenden Grund für seine Abreise gegeben, wandte er sich der Tür zu und wiederholte die Worte noch einmal, indem er kreischend hinzufügte: »Wenn's Tag wird.« »Du hast ihn ja schon gesehen, Onkel. Du hast ihn gesehen. Das ist schon überstanden,« sagte Rhoda. Anton flüsterte: »Ich möcht' den alten Bauer nich' sehn!« »Aber du hast ihn gesehen, Onkel.« »Wenn's Tag wird, meine Liebe. Nich', wenn's Tag wird. Er wird mich so ankucken un' fragen: ›Wohin, Bruder Toni?‹ ›Wo 's dein Sparkassenbuch, Bruder Toni?‹ ›Wie steht's auf 'n Geldmarkt, Bruder Toni?‹ Ich kann den alten Bauer nich' sehn!« Man konnte unmöglich ein Lächeln unterdrücken. Er traf den ländlichen Dialekt des Bauern gar zu gut. Sie ergriff seine Hände und überredete ihn auf jede Weise, die ihr nur irgend einfallen wollte, zu Bett zu gehen, auch war er ihrem Zureden gegenüber nicht unzugänglich oder über ihre Auseinandersetzungen erhaben. »Der alte Bauer glaubt, ich hätt' Millionen, Kind. Kannst ihn da'über beruhigen. Er ... nein, ich will 'n nich' sehen, wenn's Tag wird. Er glaubt, ich hätt' Millionen. Sein Mund zieht sich denn so 'runter. Ich mag nich' ... Du magst doch auch nich', wenn er so aussieht ... Un' ich kann jetzt nich' zählen, ich kann nich 'n büschen mehr zählen. Un' überall seh' ich 'n Polizist. Ich versteck' mich ja gar nich'. Sie können den alten Mann ja gern einstecken. Er 's immer treu gewesen, bis er 'n einen Tag in so'n Wirbel 'reinkam, un' seitdem ... wie so'n kleinen Jung'! Ich bin sogar vor dir bange, Rhoda.« »Ich will alles für dich tun,« sagte Rhoda, die jämmerlich weinte. »Weil der junge Herr sagt,« Anton dämpfte seine Stimme zu einem geheimnisvollen Flüsterton. »Ja, ja,« Rhoda fiel ihm ins Wort, »ich willige ja ein .« Sie warf einen gehetzten halben Blick nach rückwärts. »Komm, Onkel. Oh! um der Barmherzigkeit willen! Laß mich nur nicht denken müssen, du habest den Verstand verloren. Ich kann das Geld bekommen. Aber wenn du verrückt wirst, kann ich dir nicht helfen.« Ihre Tatkraft war ihr mit dem Bewußtsein ihres Opfers zurückgekehrt. Anton erspähte ihre, Tränen. »Wir haben zusamm' auf 'ner Bank gesessen un' geweint, nich'?« sagte er. »Un Ameisen haben wir gezählt. Woll'n wir morgen zusamm' in 'ner Sonne sitzen? Sag', ja! Woll'n wir! Einen schönen langen Tag in 'ner Sonne sitzen, un' von keinen angekuckt werden, das mag ich gern!« Rhoda versicherte ihm, das wollten sie, und daraufhin drehte er um und ging mit ihr hinauf, völlig gefügig gemacht durch die Aussicht auf die Stunden, die sie miteinander im Sonnenschein verbringen wollten. Als indessen der Morgen kam, war er verschwunden. Auch Robert fehlte am Frühstückstisch. Der Bauer machte keinerlei Bemerkung, abgesehen davon, daß er die Hoffnung aussprach, Master Gammon wäre »ganz auf 'n Damm«, – eine Anspielung auf die im Schlaf gemachte Bemerkung des Greises am Abend vorher. Und seltsame Dinge spielten sich vor seinen Augen ab. Die Morgenpost brachte einen Brief mit der Aufschrift: »Miss Fleming.« Er sah, wie seine Töchter aufstanden, die Hand ausstreckten und ihn in einem Atem beide für sich in Anspruch nehmen wollten, und dabei maßen sie einander mit einem Blick, wie die zwei Weiber, die von dem Richterspruch des weisen Königs ihren kleinen Sohn forderten. Der Brief wurde in Rhodas Hand gelegt, Dahlia legte die ihre darauf. Beider Lippen waren geschlossen, niemand, der sie nicht gerade ansah, hätte geahnt, daß sich im Zimmer ein heftiger Kampf abspielte. Es war ein zorniges Sich-Messen in ihren Augen, gleich dem: »Willst du nachgeben?« von Athleten, die einen Augenblick im Ringkampf innehalten. Aber die wahnsinnige Kraft siegte über die gesunde. Auf Dahlias hohlen Wangen zeichnete sich ein hartes, triumphierendes Lächeln ab; Rhodas dunkle Augen schlössen sich; sie ließ ihren Raub fahren, und Dahlia ließ den Brief blitzschnell in ihr Gewand gleiten, riß ihn dann wieder heraus, neigte ihr Gesicht tief zu einigen Rosen hinab, die in einer Vase standen, küßte Mrs. Sumfit und rannte aus dem Zimmer, aber nur für die Dauer einer Minute, dann kam sie mit einem ernsten, aber freudig bewegten Ausdruck in den Augen zurück und beendigte in ruhiger Bereitwilligkeit ihr Frühstück. Was mochte das zu bedeuten haben? Der Bauer hätte allenfalls Rhoda, deren intellektuelle Überlegenheit alle anerkannten, die Berechtigung zu einem derartigen Verhalten eingeräumt, denn er war gewöhnt, jede Laune und jedes absonderliche Vorgehen auf Rechnung des Intellekts zu setzen. Aber Dahlia war ein sanftmütiges Geschöpf, das keinerlei Berechtigung zu irgendwelchen Extravaganzen besaß, und welches Anrecht hatte sie auf Briefe, die an »Miss Fleming« adressiert waren? Der Bauer schickte sich an, eine dahinzielende Frage zu stellen, wozu ihn Mrs. Sumfits Augen, die unter der Last überwältigender Neugier und unwiderstehlichen Staunens verständnisvoll zu ihm herüberfunkelten, noch besonders anspornten. Im Begriff zu sprechen, erinnerte er sich indessen daran, daß er sein Wort gegeben habe, keinerlei Fragen zu stellen; auch fürchtete er – das war die Sache! er hatte Rhodas Versicherung vertraut und schrak vor der Äußerung irgendwelchen Verdachts zurück. So bezwang er sich und wandte sich mit einem: »Na, Mutter?« an Mrs. Sumfit, die nun ihrerseits in Verwirrung geriet und schuldbewußt lächelte, hatte doch auch sie sich eidlich verpflichtet, alles Fragen zu lassen, ebenso wie Master Gammon, den sie mit einer Empfindung tiefen Neids betrachtete. Mrs. Sumfit fand für den besorgten Ausdruck ihres Gesichts eine Entschuldigung darin, zu sagen, sie müsse eben an die Meierei denken, wohin sie sich alsbald, von dem Veteranen gefolgt, zurückzog. Rhoda stand da und maß Dahlia mit den Augen, völlig gewappnet, gegen den Inhalt des Briefes mit ihr zu kämpfen, obschon sie im ersten Gefecht zurückgeschlagen worden war. »O dieser Fluch der Liebe!« dachte sie in ihrem Herzen, und als Dahlia mit glühenden Wangen, wie berauscht und betäubt das Zimmer verließ, teilte Rhoda ihrem Vater um so bereitwilliger den Entschluß mit, der das Ergebnis ihrer Unterhaltung mit Robert war. Kaum hatte sie dies getan, als ein seltsam unruhiges Verlangen in ihr wach wurde, Robert zu sehen. Sie verließ das Haus, indem sie sich selbst einredete, sie wolle nach ihrem Onkel sehen und bestieg eine niedrige Rasenkuppe, die ein Stückchen hinter dem Hof lag, und von wo aus sie die grünen Kornfelder und Wiesen am Fluß, diesen selbst, wie er träge in der sommerlichen Beleuchtung dahinschlich, die sich langsam von der Stelle bewegenden, den Kopf zu den Kräutern hinabneigenden Kühe, die fernen Schafe, die weißen Dornbüsche und die lauschigen Redderwege, über denen die ganze Blütenfülle des Frühsommers lag, übersehen konnte; in den Haselbüschen neben ihr sang eine Nachtigall. Zum erstenmal nahm Rhoda diese Szene ungestörten Friedens mit bewußtem Entzücken in sich auf. Sie überblickte den ganzen Hof und empfand dabei einen raschen, neuen Impuls von Zärtlichkeit für ihre alte Heimat. Und wessen Hand war es, welche die Arbeit für die Farm einzig und allein übernehmen konnte, ja, es getan hatte, ohne auf eine Belohnung zu hoffen? Ihre Augen wanderten nach Wrexby Hall, jedes Gedankens bar, daß sie dort hin wollte, außer dem einen, daß solches über alle Begriffe schmerzlich für sie sein werde. Sie klagte sich selbst an, daß sie die Verantwortung dafür auf sich genommen habe, die Ereignisse zu bezwingen, welche das teure alte Leben auf dem Hofe zum Abschluß bringen und in die Welt der Erinnerungen zurückdrängen wollten, und daß sie ihr jetzt nicht gerecht zu werden vermöge. Noch vermochte sie einen Grund dafür zu sehen, weshalb sie Robert dauernd so kühl gegenüberstehe. Sie besaß ein genügend scharfes Urteil, um zu erkennen, daß die Grundursache ihrer jetzigen Unzufriedenheit in der Unzufriedenheit mit ihrer Lebensstellung zu suchen sei. Sie war im Begriff zu ernten, was sie gesäet hatte, und die Ernten unserer Träume sind meist jämmerlich farblos! Sie sind reif geworden, ohne von der Sonne beschienen zu sein. Mögen sie immerhin eine tragische, blutrote Farbe zeigen, wie bei Dahlia, niemals werden sie den warmen, frischen, gesunden Duft, – die Vollsaftigkeit atmen, die ein einziges Hähnchen Gras besitzt. Eine Sehnsucht überkam Rhoda, hineinzugehen und sich am Buttern zu beteiligen. Es verlangte sie danach, die frische Butter zu riechen, wie Mrs. Sumfit sie in der Meierei schlug und klopfte, flach ausstrich und wieder zusammenballte, sie lief den Abhang hinunter und prallte am Tor mit ihrem Vater zusammen. Er war in sauber gebürsteten Sonntagskleidern, und sie wußte wohl, auf welchem Wege er sich befand; als er sie fragte, ob sie ihren Onkel gesehen, antwortete sie mit einem kurzen »Nein!« und das Verlangen, mit ihren Händen zu arbeiten und die wohlbekannte rahmige Luft der Meierei einzuatmen, wurde um so lebhafter in ihr. Kapitel XLIV. Ein Feind taucht auf Sie folgte ihrem Vater mit den Augen, als er durch das Feld hindurch und die Dorfstraße entlang schritt. Sie hielt den Atem an, solange sie seine Gestalt hie und da wieder auftauchen sah, in immer größerer Entfernung, und wieder regte sich eine Hoffnung in ihr, die keine bestimmte Gestalt annahm. Als er zum letztenmal zu sehen war, ertappte sie sich selber darauf, daß sie ihn – gleichsam mit der Stimme eines Schlafwandelnden – rief, wobei sie der Gedanke bewegte: »Wie kannst du nur so grausam gegen Robert sein?« Er ging über die Heide von Wrexby und über die schwarze, verkohlte Fläche, wo sich in einer Mainacht der Ginster entzündet hatte, und verschwand seitwärts vom Schloß. Wenn wir mit Sorgen erfülltem Herzen ein Bild stillen, grünen Lebens betrachtet haben, und das Unglück nun über uns hereinbricht, machen wir gern die Natur für den von uns selber an ihr verübten Verrat verantwortlich. Rhoda eilte von der Tür der Meierei fort in ihr Zimmer, um sich dort möglichst vor dem Tageslicht zu verbergen. Sie hatte den Riegel vor die Tür geschoben und wollte mechanisch die Vorhänge schließen, als das Erstaunen darüber, Dahlia den Garten verlassen zu sehen, sie einen Augenblick ihres eignen jämmerlichen Gefühls vergessen ließ. Dahlia war wie zu einem Spaziergang angekleidet und ging sehr rasch. Eine gleiche Lähmung befiel Rhoda, wie da sie ihrem Vater nachgeblickt, aber ihre Hand streckte sich instinktiv nach ihrem Hut, als Dahlia den Rasen und die Brücke über den Mühlbach überschritten hatte und ihren Blicken entschwunden war. Rhoda setzte den Hut auf, nahm ihren schwarzseidenen Mantel auf und sank, ohne die Kraft zu haben, ihn umzuwerfen, vor ihrem Bett nieder, um ein seltsames Gebet auszustoßen: »Mein Gott, mein Gott, laß sie lieber sterben, als wieder der Schande anheimfallen!« Sie versuchte aufzustehen, aber ihr Bemühen mißlang, und abergläubisch wiederholte sie ihr Gebet: »Lieber laß sie sterben!« – und in Rhodas Phantasie erstanden Wolken und Blitze und flammende Sphären. Nichts ist so bezeichnend für fieberhaft erregtes oder für krankes Blut, wie die Neigung, dem Allmächtigen diktieren zu wollen, wie er mit seinen Geschöpfen verfahren soll. Die Anspannung einer anhaltenden Ungewißheit und die fieberische Erregung der letzten Wochen hatten das edle Blut des Mädchens krank gemacht, und ihre Taten und Worte waren nicht, wie sonst, das klare Bild ihres Charakters. Sie neigte den Kopf in einer stumpfen Müdigkeit, die ihr dennoch die Kraft aufzustehen verlieh. So schnell sie es vermochte, schritt sie den Weg hinab, den ihre Schwester eingeschlagen hatte. Robert hatte an jenem Morgen ebenfalls einen Brief bekommen. Er war von Major Waring und enthielt eine Banknote und eine Aufforderung, nach London zu kommen, wie auch eine Einlage von Mrs. Boulby in Warbeach; letztere wiederum enthielt die aus einem Dorfblättchen ausgeschnittene Anzeige, daß seine Tante Anne gestorben sei und ihm, auf eine Meldung von seiner Seite hin, ein Vermächtnis derselben überwiesen werden würde. Robert lief quer über die Felder und lachte wie toll über die Ironie des Schicksals, das ihm bald hier, bald da ein wenig zulächelte, immer nur genug, um ihn gerade über Wasser zu halten und nicht mehr. Der Brief von Major Waring lautete: »Ich muß Dich sofort sehen. Komme möglichst schnell hierher. Ich fange an, Deine Ansicht zu teilen, daß es einige Sachen gibt, die es in die eignen Hände nehmen und rasch erledigen gilt.« »Ei, ei!« Robert stieß es laut in den klaren Morgen heraus, er witterte die Erregung und lechzte nach ihr, wie ein edler Jagdhund. »Ich tue der Besten der Frauen unrecht,« fuhr Percy in seinem Brief fort. »Sie wurde zu meiner Tür getrieben. Es scheint, daß etwas Hoffnung vorhanden ist, Dahlia Freiheit zu verschaffen. Auf alle Fälle wache über sie und verlasse sie nicht. Mrs. Lovell hat selbst sich unten in Warbeach bemüht, Entdeckungen zu ihren Gunsten zu machen. Mr. Blancove ist fast daran gestorben. Sie hat ihn gepflegt – ich war eifersüchtig! Da steht das Wort. Wahrhaftigkeit, Mut und Leiden finden immer eine Statt an Margarets Herzen. »Dein Percy.« Ein Sprung über eine Bank brachte Robert mit Anton zusammen, der mit unsicherem Blick einen Esel betrachtete, welcher das Gras an einem Hecktor abweidete. »Also da sind Sie,« sagte Robert und nahm seinen Arm. Anton wehrte sich, obschon er sofort empfand, daß es sich um einen freundschaftlichen Griff handelte, aber er mußte mit, Robert ließ ihn nicht los, bis sie Greatham, einen Ort fünf Meilen jenseits Wrexbys erreicht hatten, wo er das Hauptwirtshaus betrat und Wein bestellte. »Sie bedürfen Alkohol, Sie brauchen Leben!« sagte Robert. Anton wußte, daß er keines Weines bedürfe, welcher Art seine Bedürfnisse sonst auch sein mochten. Trotzdem war die süße Wollust, auf jemandes andern Kosten zu leben, unwiderstehlich für ihn, so trank er mit den Worten: »Nun denn, ein Glas!« Robert tat ihm Bescheid. Sie waren in einem Privatzimmer, dessen Tür Robert, nachdem er drei Flaschen Sherry bestellt hatte, verriegelte. Der Teufel war in ihm. Er zwang Anton dazu, mit ihm gleichen Schritt im Trinken zu halten, indem er dem alten Mann abwechselnd drohte und liebevoll zuredete. »Trinken Sie, sag' ich Ihnen! Sie haben mich beraubt, und Sie sollen trinken!« »Das ist nicht wahr, das ist nicht wahr,« winselte Anton. »Trinken Sie, und halten Sie den Mund. Sie haben mich beraubt, und Sie sollen trinken, und, beim Himmel, wenn Sie sich widersetzen, dann werde ich Sie blaueren Teufeln überliefern, als Sie irgend im Traum gesehen haben, alter Herr! Sie haben mich beraubt, Mr. Hackbutt. Trinken Sie, sag' ich Ihnen!« Anton weinte in sein Glas hinein. »Das 's 'n Kunststück, was ich nie herausgekriegt hab',« sagte Robert, indem er mitleidslos zusah, wie die zitternde alte Träne in das Glas hineintropfte. »Ihr Wohl, Mr. Hackbutt. Sie haben mir meinen Schatz geraubt. Na, schad't nix! Das Leben ist auch nur 'n Schuß Pulver wert. Einige von uns zerplatzen schon auf der Pfanne, und das sind die, die kein Unglück anrichten. Sie gehören nicht zu denen, Herr, darum müssen Sie trinken. So, und nu' mal fidel!«' Allmählich fing der Wein an, Antons Blut in Wallung zu bringen, und er fing an, leise vor sich hinzusummen, wie einer, der sich dunkel erinnert, daß er eigentlich unglücklich sein muß. Robert hörte seinem Gefasel über sein Abenteuer bei der Bank zu, während er mit strenger Miene sein Glas immer aufs neue füllte. Seine Aufmerksamkeit wurde plötzlich durch Dahlia gefesselt, die an der dem Wirtshaus ungefähr gegenüberliegenden Straße aus einer Apotheke heraustrat. »Dies ist meine Medizin,« sagte Robert, »und Ihre ebenfalls,« wandte er sich an Anton. Die Sonne stand bereits hoch im Mittag, als sie wieder auf die Straße traten. Robert trug den Kopf hoch, wie ein Kampfhahn, und Anton lehnte sich schwer auf seinen Arm und vollführte allerhand halbe Wendungen mit dem Oberkörper nach vorwärts, bis ihn der kräftige Arm zurückhielt und wieder aufrichtete. Sie befanden sich bald auf den Feldern, die nach Wrexby führten. Robert sah weit vor sich zwei weibliche Gestalten. Ein Mann eilte hinter ihnen her und versuchte sie einzuholen. Die Frauen fuhren plötzlich zusammen und wandten sich um, eine von ihnen warf die Arme in die Luft und bedeckte dann ihr Gesicht mit den Händen. Es war auf einem Fußpfad, der durch ein breites Wiesengelände führte, auf dem das Gras sehr hoch stand, und roter Sauerampfer über gelben Butterblumen nickte, als legte sich Rost auf das Gold des Vorsommers. Robert eilte vorwärts. Er. erkannte in dem Augenblick kaum den Mann, den er an der Schulter packte, aber er hatte Dahlia und Rhoda erkannt, und plötzlich sah er sich Auge in Auge mit Sedgett. »Du bist es!« »Vielleicht wirst du ein ander' Mal die Hand von mir lassen, bis du deiner Sache sicher bist.« Robert sagte: »Ich bitte wirklich um Entschuldigung. Willst du dich einen Augenblick mit mir hier auf die Seite begeben?« »Nich', solang' ich für 'n Sechsling Verstand in 'n Kopp hab',« war Sedgetts Antwort in einem Ton, der offenbar seines Feindes höfliche Ansprache ins Lächerliche ziehen wollte. »Ich will meine Frau holen. Bin grad' mit 'n Zug längs gekommen, un' hab' mich, scheint's, woll 'n büschen verlaufen. Da bin ich, un' hab's 'n büschen hilde. Sie soll flink nach Haus un' ihre Sachen zusammenpacken, Koffer und Geschichten, un' dann woll'n wir los.« Robert gab Dahlia und Rhoda einen Wink, eilends nach Haus zu gehen. Anton war gegen die Wurzeln einer Ulme gefallen und blickte mit philosophischem Gleichmut auf die Szene. Rhoda ging vorwärts, indem sie Dahlia bei der Hand ergriff. »Halt!« schrie Sedgett. »Halten mich die Leute hier zum Narren? Eccles, du kennst mich doch besser. Diese junge Person da ist meine Frau. Und ich sag' dir, ich bin gekommen, um sie mir zu holen.« »Sie haben keinerlei Anspruch auf sie,« entfuhr es Rhoda, aber ihre Stimme war schwach und zitterte, und ihre Augen hingen flehend an Robert. Dahlia stand da wie eine Bildsäule eisigen Entsetzens. »Du hast sie von dir gejagt und jedes Recht, daß du etwa auf sie gehabt haben magst, verkauft, Mensch,« sagte Robert, indem er nach dem Punkt spähte, wo er den elenden Patron packen könne, um ihn von den Frauen abzuhalten. »Das hat vor dem Gesetz keine Gültigkeit,« nickte Sedgett. »Das kann wohl jedem passieren, daß er wütend wird, wenn er merkt, daß er betrogen is'.« »Ich habe Ihr Ehrenwort,« sagte Rhoda, indem sie flüsternd hinzufügte: »O dieser Teufel, der kommt, um uns zu verderben!« »Dann hätten Sie 's bleiben lassen sollen, mir in meiner Gegend nachzuspionieren. Sie oder Eccles, oder wer's sonst war – is' mir ganz egal, – haben sich mit mein'n Leuten eingelassen, um hinter meine Geheimnisse zu kommen. Irgend jemand hat es getan. Sie haben den Krieg erklärt. Sie haben versucht, mir 'n Grund unter 'n Füßen wegzuziehen. Das 's Friedensbruch. So nenn' ich das wenigstens. Un' mir 's auch ganz egal, ich will meine Frau haben. Un' da laß ich mich nich' von abbringen!« »Niemand von uns, niemand von uns ist in Ihrem Hause gewesen,« sagte Rhoda eifrig. »Sie leben in Hampshire, Herr, soviel ich weiß, irgend etwas Näheres weiß ich überhaupt nicht. Wo Sie leben, ahne ich gar nicht. Ich hab' meine Schwester nicht danach gefragt. Erbarmen Sie sich unsrer, und gehen Sie fort!« »Niemand von uns ist in deiner Heimat gewesen,« sagte Robert mit vollkommener Selbstbeherrschung. Worauf Sedgett derb heraus antwortete: »Da lügst du, Bob Eccles,« und im selben Augenblick hatte ein furchtbarer Schlag ihn zu Boden geworfen. Robert stieg über ihn hinweg, nahm Dahlia beim Arm und führte sie einige Schritte fort, als wollte er sie in Bewegung setzen. »Vorwärts!« schrie er Rhoda zu, deren Augenlider sich unter seinem zornigen Blick schüchtern senkten. Es war das beste, ihre Schwester aus dem Wege zu schaffen, und so kehrte sie um und schritt eilig vorwärts, auch Dahlia zur Eile treibend, indem sie ihren Arm ergriff. »O, rühr' mich nicht an!« sagte Dahlia stöhnend, denn ihr stockte der Atem. Sie schritten miteinander vorwärts, ohne zu reden, mit dem schnellsten, halb laufenden Schritt, der Frauen zu Gebote steht. Am letzten Hecktor, das sie zu passieren hatten, sah Rhoda, daß ihnen niemand folgte. Nach Luft ringend blieb sie stehen, Herz und Augen waren erfüllt von dem feurigen Menschen, der ihr Liebhaber war. Dahlia zog den Brief aus der Tasche, den sie am Morgen erobert hatte, hielt ihn offen in beiden Händen und las ihn. Die Pause war nur kurz. Dahlia schob den Brief wieder in ihr Kleid, in ihre elenden Züge war etwas von der Blüte des Lebens zurückgekehrt. Sie behielt die rechte Hand in der Tasche, und Rhoda fragte alsbald: »Was hast du da?« »In einigen Sachen bist du meine Feindin,« erwiderte Dahlia, während ein nervöses Zittern ihre Gestalt durchflog. »Ich glaube,« sagte Rhoda, »ich könnte etwas Geld auftreiben, um dich fortzuschicken. Willst du reisen? Ich beklage tief, was ich getan habe. Gott verzeih es mir.« »Bitte, sprich nicht so, laß uns gar nicht sprechen,« sagte Dahlia. Versengt an Leib und Seele, wie sie sich fühlte, erschien ihr jede Berührung, jedes Wort wie eine Verwundung. Dennoch war sie die erste, das Gespräch wieder aufzunehmen: »Ich glaube, ich werde noch gerettet werden. Ich kann das Gefühl, daß ich völlig verloren sein sollte, nicht fassen. Ich bin so schlecht nicht gewesen, daß ich das verdient hätte.« Rhoda antwortete ihr mit einem liebevollen Wort, und wiederum schrak Dahlia zurück vor dem armseligen Trost, den Worte zu gewähren vermögen. Als sie zu dem grünen Rasen kamen, der sich dem eisernen Tor gegenüber ausbreitete, bemerkte Rhoda, daß die Tafel verschwunden war, auf welcher Queen Annes Farm zum Kauf ausgeboten wurde, und mit einmal verstand sie die Bereitwilligkeit ihres Vaters, nach Wrexby Hall zu gehen. »Er würde mich verkaufen, könnte er nur den Hof retten!« Sie schalt sich selbst wegen solchen Gedankens, aber es war ihr unmöglich, gerecht zu sein; vor ihren Augen stand das Bild ihres Vaters, wie er mitleidslos über die abgebrannte Heidefläche dem Schlosse zutrottete, wie ihre Augen es am Morgen gesehen, allzu lebhaft, als daß sie gerecht hätte sein können, obschon sie wohl wußte, daß der Tadel ihre eigene Unentschlossenheit traf. Master Gammon begegnete ihnen im Garten. Mit einer vagen Handbewegung nach dem Tor zu bemerkte er: »Das haben wir 'runtergenommen,« und die drei grünlichen Vorderzähne, die sein ruhiges Schmunzeln bloßlegte, machten auf die reizbaren Sinne der Mädchen einen solchen Eindruck, daß sie mit einem bittern, wehen Lächeln einander ansahen. Früher wäre es ein Lächeln des Vergnügens gewesen. »Sag' es Vater,« flüsterte Dahlia, als sie die Tür erreicht hatten, und ein jammervolles Leuchten war in ihren Augen, während sie die Zähne in die Unterlippe preßte. Rhoda versuchte sie zurückzuhalten, aber Dahlia wiederholte: »Sag' es Vater!« sie war, was Kraft und Willen betraf, ihrer Schwester plötzlich gewachsen. Kapitel XLV. Der Bauer wacht auf Rhoda sprach von der Tür aus mit ihrem Vater, die Hand am Türgriff. Zuerst schenkte er ihr nur geringe Aufmerksamkeit, und als er anfing achtzugeben, sagte er zunächst, er hoffe, sie wisse, daß sie sich verpflichtet habe, den jungen Gutsherrn zu heiraten und beabsichtige nicht etwa, launenhaft und störrisch zu sein, denn der junge Herr habe es eilig damit, die Sache in Ordnung zu bringen, damit er selber zur Ruhe komme. »Ich leugne nicht, daß es eine Ehre für uns ist und auch 'n Trost,« sagte der Bauer. »Seit Jahren ist dies der erste Morgen, an dem ich ohne Sorgen in meinem Lehnstuhl gesessen habe. Robert tut mir ja leid, denn er 's unglücklich genug dran, aber du wolltest nun mal höher hinaus, wie mir scheint.« Es durchzuckte Rhoda, ein Wort zu ihrer Selbstverteidigung einzuschalten, aber sie bezwang sich und erzählte aufs neue Dahlias Erlebnis, voll Staunen, daß der Vater keinerlei Erregung darüber zeigte. Im Gegenteil erschien ein Anflug seines tonlosen In-sich-hinein-Lachens auf dem Hohl der einen Wange, der auf eine langsame, ihm durchaus nicht unangenehme Überlegung hindeutete. Er sagte: »Nun ja, das 's recht traurig, – das heißt, wenn es sich wirklich so verhält,« und vorerst sagte er nichts mehr. Sie entdeckte, daß er auf ihren Onkel Anton anspielte, an dessen glücklichen Verhältnissen ihm gewisse Bedenken aufzusteigen anfingen. »Oder sonst«, sagte der Bauer und tippte auf seine Stirn, »is' es hier nich' richtig bei ihm. Es wär' doch wirklich komisch, wenn sein verachteter Schwager geschäftlich', wie er zu sagen pflegte, und das sag' ich, ohne daß ich ihm was nachtrüge, schließlich doch noch, – ich will ja nich' grade sagen Millionen! – aber doch immerhin etwas wert wäre.« Der Bauer nickte mit einer Art mißbilligender Befriedigung. Rhoda konnte kein Gehör für ihre Nachrichten erlangen, bis ihr instinktiv der Gedanke kam, welches Interesse die Geschichte ihres Onkels und der Geldsäcke für ihn haben werde. Sie erzählte ihm dieselbe, und das rüttelte ihn auf. Darauf erzählte sie ihm zum drittenmal von Dahlia. Rhoda sah ihres Vaters Brust sich dehnen und ein seltsames Leuchten in seine Augen treten. Er blickte sie mit einem völlig fremden Gesicht an. Zorn und neuaufsteigende Befürchtungen und ein unerschütterlicher Wille lagen darin, und als er sie um jede Einzelheit der Wahrheit befragte, die ihm vorenthalten worden war, empfand sie einen Respekt, der in ihren Gefühlen dem Vater gegenüber etwas ganz Neues war, aber er ging auf Kosten ihrer Liebe. Nachdem er alles gehört und verstanden hatte, war alles, was er sagte: »Schick mir Dahlia her.« Aber Rhoda flehte: »Sie ist zu elend, alles an ihr zittert. Sie erträgt kein Wort hierüber, nicht mal soweit es sich um Freundlichkeit und Liebe handelt.« »Dann sagst du ihr,« sagte der Bauer, »daß sie jetzt eine Pflicht hat, die für sie die allererste Pflicht ist. Gehorsam gegen ihren Mann! Hörst du? Dann laß sie es auch hören! Gehorsam gegen ihren Mann! Und der Mann soll mir willkommen sein, wenn er zu mir kommt. Er soll mir willkommen sein. Meine Tür steht ihm offen. Ich bin ihm dankbar. Ich achte ihn. Ich segne seinen Namen. Ihm verdanke ich – Du gehst jetzt zu ihr und sagst ihr, ihr Vater verdanke es dem jungen Mann, der sie geheiratet hat, daß er seinen Kopf wieder hoch tragen darf. Geh' hinauf. Ach, seit Jahren habe ich etwas derartiges gefürchtet. Ich sage dir, Mädchen, ich verstehe nichts von Kirchtüren und Verstoßen, – er 's hier un' will sie holen. Is' es nich' so? Ich sag dir, von der ganzen Geldgeschichte verstehe ich kein Wort: aber geheiratet hat er sie. Gut, also dann is' sie seine Frau. Un' wie kann er sich auf 'ne Verpflichtung einlassen, sie nich' zu sehen?« »Der elende Lump!« rief Rhoda. »Hat er sie nich' geheiratet?« blieb der Bauer hartnäckig bei. »Hat er dem armen Ding nich' 'n Namen gegeben? Ich will ihr ja nichts Schlechtes nachsagen, aber ihm bin ich dankbar, un' ich sag' nochmal, wenn er kommt, hier 's meine Hand! Hier, meine Hand ist ausgestreckt un' wartet auf ihn!« »Vater, wenn du mich das sehen läßt –«, Rhoda hielt den leidenschaftlichen Ausbruch zurück, der ihr auf den Lippen lag. »Vater, es ist ein schlechter, – ein schlechter Mann. Er ist ein sehr böser Mensch. Wir sind alle miteinander von ihm hintergangen worden. Robert kennt ihn. Er kennt ihn seit Jahren und weiß, daß er ein ganz schlechter Mensch ist. Dieser Mann hat unsre Dahlia geheiratet, nur um –«, Rhoda stöhnte auf und die Worte versagten ihr. »An der Kirchtür stieß er sie mit gräßlichen Worten von sich. Wie kann er nach alledem Ansprüche auf sie geltend machen? Ich habe ihm von Onkels Geld alles bezahlt, was er nur irgend erwarten konnte, und dafür hat er mir bei seinem heiligsten Eid versichert, meine Schwester nie zu beunruhigen, noch ihr nahe zu kommen. Danach kann er, kann er sie gar nicht fordern! Wenn er es tut –« »Er ist ihr Mann,« unterbrach sie der Bauer, »und wenn er hierher kommt, soll er mir willkommen sein. Ich sage, er is' mir willkommen. Meine Hand streckt sich ihm entgegen. Und sei es nur darum, daß er den Namen Fleming vor Schande bewahrt hat. Ich bin ihm dankbar, und meine Tochter ist sein. Wo ist er jetzt? Du sagtest was von 'ner Rauferei mit Robert? Ich hoffe, Robert wird nicht vergessen, wie er sich zu benehmen hat. Geh' zu deiner Schwester hinauf un' sag' ihr, ich ließe ihr sagen: Alles wäre vergeben im' vergessen, sag' ihr, alles wäre so gut wie begraben, aber sie müsse von heute an ein gutes Kind sein. Und wenn sie am Tor stehen will, um ihren Mann hier willkommen zu heißen – so würd' sich ihr Vater um so mehr über sie freuen, – das sag' ihr. Ich wünsche den Mann zu sehen. Es ist mir ein aufrichtiger Kummer gewesen, daß er sich die ganze Zeit nicht hat blicken lassen; wenn ich ihn sehe, will ich ihn willkommen heißen, und das werde ich auch von diesem ganzen Haus verlangen.« Das war die Art, wie Farmer Fleming den Bericht von der unglückseligen Lage, in die seine Tochter geraten, aufnahm. Rhoda hätte für Dahlias Sache besser eintreten können, wäre sie nicht zu entsetzt, zu empört gewesen über die Selbstsucht, die ihr in ihrem Vater entgegentrat und besonders über seinen entschiedenen Wunsch, Dahlia zu züchtigen, den ihr feines Empfinden aus der väterlichen Verzeihung und aus der Klausel, die an diese Verzeihung geknüpft wurde, deutlich herausfühlte. Sie ging zu Dahlia hinauf, der sie einfach mitteilte, daß ihr Vater von der ganzen Lage der Dinge in Kenntnis gesetzt sei. Dahlia blickte sie an, wagte aber keine Frage zu stellen. So verging der Tag. Weder Robert noch Anton erschien. Die Nacht brach herein; alle Türen wurden verschlossen. Die Schwestern schliefen die Nacht zusammen, es war ihnen, als fühlten sie jeden Pulsschlag der Zeit; keine von ihnen war völlig hoffnungslos, obgleich eine bange Angst auf beiden lag. Als der Tag dämmerte, war Rhoda angekleidet. Das alte, vertraute Gelände rings um das Haus lag so still da, als wüßte es nichts von irgendwelcher Erwartung. Sie bemerkte Master Gammon, der feldeinwärts stapfte, und bald hörte sie auch ihres Vaters Stimme unten im Haus. Das ganze Getriebe des Alltagslebens setzte sich in Bewegung, aber augenscheinlich waren Robert und Anton immer noch abwesend. Bin Gedanke durchfuhr sie, Robert könne den Mann getötet haben. Er stieg auf wie ein Freudenstrahl, der alsbald jähem Entsetzen wich, und sie begann heftig und zusammenhangslos zu beten. Dahlia lag erschöpft auf dem Bett, aber als die Stunde nahte, wo die Briefe ausgetragen zu werden pflegten, richtete sie sich auf und sagte: »Es ist ein Brief für mich da, hole ihn herauf.« Es war wirklich ein Brief für sie unten, er lag in ihres Vaters Hand und war geöffnet. »Komm mit nach draußen,« sagte der Bauer, als Rhoda zu ihm ins Zimmer trat. Als sie im Garten waren, befahl er ihr den Brief zu lesen und ihm zu erklären, was das zu bedeuten habe. Der Brief war an Dahlia Fleming adressiert. »Er ist für meine Schwester,« murmelte Rhoda halb empört und halb furchtsam. Der Bauer bedeutete sie mit strenger Miene zum zweitenmal zu lesen, und sie las: »Dahlia, es gibt noch eine Erlösung für uns. Du bist mir nicht verloren. Edward.« In einer Frauenhand folgten hierauf die Worte: »Es ist wirklich Hoffnung vorhanden. In wenigen Stunden wird sich alles entschieden haben. Bleiben Sie standhaft. Wenn er Ihnen nähe kommt, halten Sie sich fern. Sie sind nicht sein . Laufen Sie fort, verbergen Sie sich, gehen Sie irgendwohin, wenn irgend Sie Grund haben anzunehmen, daß er in der Nachbarschaft ist. Ich wage nicht zu schreiben, was es ist, das wir erwarten. Gestern hieß ich Sie hoffen, heute darf ich sagen: Glauben Sie daran, daß Ihre Rettung nahe ist. Sie sind nicht verloren. Alles hängt von Ihrer Standhaftigkeit ab. Margaret L.« Rhoda hob die Augen. Der Bauer ergriff den Brief und legte den Finger auf die erste Unterschrift: »Ist das der Taufname des Verführers meiner Tochter?« Er wartete eine Antwort nicht ab, sondern drehte kurz um und trat an den Frühstückstisch, wo er anordnete, daß Dahlia ein Tablett mit ihrem Frühstück aufs Zimmer gebracht werde. Sobald dies geschehen, drehte er selbst den Schlüssel ihrer Schlafstubentür um und verriegelte sie. Mrs. Sumfits Gesicht war all diesem seltsamen Gebaren gegenüber voll stummer Verzweiflung, aber keiner achtete auf sie, und so verschluckte sie ihre Klagen. Der Bauer erwähnte weder Roberts noch Antons. Er saß bis zum Mittagsessen in seinem Lehnstuhl ohne Buch oder Pfeife, ohne irgendwelche Beschäftigung weder für die Augen, noch für die Hände, ganz stillschweigend, aber mit scharf gespanntem Ohr. Der Nachmittag brachte Rhoda eine gewisse Beruhigung. Ein Bote kam auf den Hof gelaufen, mit einem mit Bleistift beschriebenen Zettel von Robert an sie, des Inhalts, daß er mit ihrem Onkel gemeinsam Sedgett vermittels physischer Gewalt dem Hause fern halte, und daß kein Grund vorliege, sich zu fürchten. Rhoda küßte die Worte, eilte auf ein paar Minuten aufs Feld hinaus, um dem zu danken, den zu segnen, von dem zu träumen, der gesagt hatte, es sei kein Grund zum Fürchten vorhanden. Sie wußte, daß Dahlia keine Ahnung davon habe, daß sie gefangen gehalten werde, so empfand sie weniger Gewissensbisse darüber, die Minuten ihrer Abwesenheit nicht zu zählen. Die Sonne prangte in vollem Gelb und fing an rötliche Strahlen zu werfen, ehe sie daran dachte, zurückzukehren, so süß erschien es ihr plötzlich, ihre Gedanken bei Robert weilen zu lassen, und als sie endlich ihre Schritte heimwärts lenkte, war es ihr halb und halb entfallen, welche Traurigkeit im Hause herrschte. Als sie indes den Riegel am Tor hob, beschlich sie ein plötzliches Angstgefühl, welches einer halb unbewußten Selbstanklage entsprang. Sie betrat das Zimmer und sah ihren Vater und Mrs. Sumfit, welche dasaß und die Schürze über den Kopf geschlagen hatte. Sedgett saß zwischen ihnen. Kapitel XLVI. Wenn die Nacht am dunkelsten ist Kaum war Rhoda eingetreten, als ihr Vater den Schlüssel zu Dahlias Schlafzimmer in die Höhe hielt und sagte: »Laß deine Schwester heraus und laß sie zu ihrem Manne herunterkommen.« Mechanisch nahm Rhoda den Schlüssel. »Laß unsre Tür offen,« fügte er hinzu. Sie ging zu Dahlia hinauf, eine plötzliche furchtbare Angst, Robert könne irgendein Unglück zugestoßen sein, da sein Feind hier war, machte sie ganz krank; aber Dahlias Anblick verscheuchte jeden andern Gedanken. »Er ist im Hause,« sagte Dahlia und fragte: »War kein Brief da? kein Brief? gar keiner? heute morgen?« Rhoda preßte sie an sich und versuchte ihres heftigen Zitterns Herr zu werden. »Kein Brief! kein Brief? keiner! nicht eine Zeile? O Gott, kein Brief für mich!« Die seltsam mannigfaltige Tonart, in der sich Ausruf und Frage abwechselten, hatte etwas Jammervolles. »Hast du einen Brief erwartet?« sagte Rhoda und verachtete sich selbst, daß sie so zu sprechen vermochte. »Er ist im Hause. Wo ist mein Brief?« »Was war es, was du hofftest, was du erwartet hast, Liebling?« Dahlia stöhnte: »Ich weiß es nicht. Ich bin blind. Ich sollte hoffen, hat man mir gesagt. Gestern hatte ich meinen Brief, und er hieß mich hoffen. Er ist im Hause!« »O mein Lieb, mein Liebling!« rief Rhoda, »komm einen Augenblick herunter. Sieh ihn, Vater wünscht es. Nur einen Augenblick komm! Komm, damit du Zeit gewinnst, wenn Hoffnung da ist.« »Aber da war kein Brief für mich heute morgen, Rhoda. Ich kann nicht hoffen. Ich bin verloren. Er ist im Hause.« »Liebste, es war ein Brief da,« sagte Rhoda, im Zweifel, ob sie recht daran tue, es zu verraten. Dahlia streckte in stummer Bitte die Hände nach ihrem Brief aus. »Vater hat ihn offen gemacht und gelesen und behalten,« sagte Rhoda, während sie das arme Geschöpf fest umschlungen hielt. »Dann ist er gegen mich? O mein Brief!« Dahlia rang die Hände. Während sie noch sprachen, hörte man die Stimme ihres Vaters von unten rufen, Dahlia solle herunter kommen. Dreimal kam er bis an den Fuß der Treppe und rief nach ihr. Das dritte Mal stieß er einen Fluch hervor, auf den sich als Erwiderung ein Schrei aus Dahlias Brust entrang. Rhoda ging auf die Diele und sagte sanft: »Komm zu ihr herauf, Vater.« Nach einigem Zögern stieg er die Treppe hinauf. »Na, Kind, ich verlange ja nichts weiter, als daß du herunterkommst und deinen Mann begrüßt,« sagte er mit einem Versuch, einen freundlichen Ton anzuschlagen. »Was ist denn das für 'n Unglück? Komm nur, un' sag' ihm guten Tag, das 's ja alles, komm nur, un' sag' ihm guten Tag.« Dahlia versuchte, sich den Blicken ihres Vaters zu entziehen, als er da in der Tür stand. »Sag' ihm,« flüsterte sie Rhoda zu, »sag' ihm, daß ich meinen Brief haben will.« »Komm!« William Fleming wurde ungeduldig. »Gib ihr erst ihren Brief, Vater,« sagte Rhoda. »Du hast kein Recht, ihr denselben vorzuenthalten.« »Der Brief, mein Kind« (er berührte Rhodas Schulter, als wolle er sie darüber beruhigen, daß er nicht böse sei), »der Brief ist wo er hingehört. Ich hab' mir herausklamüsert, was er bedeuten soll. Der Brief ist in den Händen ihres Mannes.« Dahlia, die gespannten Ohrs auf alles horchte, was gesagt wurde, hörte dies. Hinter der Tür hervorkommend, trat sie ihrem Vater gegenüber. »Meinen Brief hat er bekommen!« rief sie. »Du schändlicher alter Mann! Kannst Du mich ansehen? Vater, das konntest du tun? Ich bin eine tote Frau!« Sie zerschlug sich die Brust und taumelte zurück; Rhodas Arm fing sie auf. »Du bist ein schlechtes Mädchen gewesen,« verteidigte sich der im ganzen schwer zu rührende Mann. »Dein Mann ist gekommen, um dich abzuholen, und du wirst mit ihm gehen. Das weißt du jetzt, und nun keine Widerrede! Er 's 'n bescheidener, ruhiger junger Mann, ist 'n Bauer wie ich selbst, und mir ist er gut genug. Du kommst jetzt sofort zu ihm 'runter. Ich sag' dir ja, er is' gekommen, um dich abzuholen, und sein Wagen steht vorm Tor. Bis zum Tor wirst du mit ihm gehen. Wenn ich dich das nächste Mal wieder sehe, – wenn du mich mal besuchst, oder ich dich – dann werd' ich 'ne geachtete Frau sehen und nicht, was du gewesen bist, und was du gern wieder sein möchtest. Du hast jahrelang unser Haus durch Sorge und Schande zerrüttet. Nun komm, und mach' wieder gut, was du angerichtet hast. Du hast meinen Befehl gehört, un' 's mir ganz egal, ob du 'ne tote Frau bist oder 'ne lebendige. Rhoda, krieg du deine Schwester mal beim einen Arm. Deine Tante kommt 'rauf und wird den Koffer packen. Ich sag' dir, ich will's, und wenn ich das sag', dann möcht' ich doch den sehen, der mich hindern will. Komm heraus, Dahlia, und laß den Abschied zwischen uns sein, wie's sich zwischen Vater und Kind gehört. Es wird schon dunkel, und dein Mann will gern weg. Er hat Geschäfte, und vorm letzten Zug in die Stadt werdet ihr die Station kaum mehr erreichen. Hörst du, da ruft er schon. Er wundert sich natürlich, das 's auch nich' weiter merkwürdig. Du stellst seine Geduld auch wahrhaftig auf die Probe. Da würde 'n andrer Mann auch ungeduldig von. Nu' komm! Un' wenn wir uns mal wiedersehen, dann bist du 'ne glückliche Frau.« Er hätte seine Worte gerade so gut an eine Tote richten können. »Sprich noch eine Weile zu ihr, Vater,« sagte Rhoda, während sie einen Stuhl heranzog, gegen den sie die Gestalt ihrer Schwester lehnte; dann lief sie in der ganzen Eilfertigkeit ihres Hasses und Ekels hinunter, um es ihrerseits mit Sedgett aufzunehmen; aber so groß ihre innere Kraft war, seine brutale Entschlossenheit, sein Weib von hinnen zu führen, war ihr noch überlegen. Keine Vernunftgründe, keine Ironie, keine flehentlichen Bitten, vermögen der hartnäckigen Wiederholung eines Satzes, in den sich jemand verbissen hat, lange standzuhalten. »Ich will meine Frau holen,« sagte Sedgett auf all ihre Einwände. Seine Stimme wurde laut und frech, und bei ihrem Klang stöhnte Mrs. Sumfit auf und warf wieder und wieder die Schürze über den Kopf. »Ja, wie hast du ihn denn heiraten können?« Von oben her hörten sie den Bauer Dahlia diese Frage, auf die es keine Antwort gab, zuschreien. »Ja, wie konnte sie es?« rief Rhoda, indem sie gänzlich vergaß, welche Rolle sie selbst bei dieser Eheschließung gespielt hatte. »Es ist zu spät, einen Mann zu hassen, wenn du ihn geheiratet hast, mein Deern.« Sedgett ging an den Fuß der Treppe. »Mr. Fleming – sie ist meine Frau. Ich will sie schon lehren, was hassen und lieben bedeutet. Ich will sie gut behandeln, das schwöre ich. Ich bin von Feinden umgeben, aber ich sag' Ihnen, ich liebe meine Frau, und ich bin hierher gekommen, um sie mir zu holen, und sie haben will ich. Ich geb' ihr noch zwei Minuten. Mr. Fleming, mein Wagen hält am Tor und ich hab' zu tun, und sie ist meine Frau.« Der Bauer rief Mrs. Sumfit nach oben, damit sie Dahlias Koffer packe, und das unglückselige Frauenzimmer machte sich auf den Weg ins Schlafzimmer. Das ganze Haus war still. Rhoda schloß die Augen und dachte: »Läßt Gott uns wirklich im Stich?« Sie gab ihrem Vater ein: »Vater, du weißt, daß du dein Kind tötest,« zu hören. »Ich höre, was du sagst, mein Kind.« »Sie wird daran sterben, Vater.« »Ich höre, ich höre.« »Sie wird sterben, Vater.« Er stampfte wütend mit dem Fuß auf und rief: »Wer hat ihr mehr zu sagen als ihr Mann? Das 's das Gesetz. Nimm doch Vernunft an und komm und hilf mir deine Schwester herunterholen. Sie geht!« »Vater,« schrie Rhoda und starrte auf ihre geöffneten Hände, als vermöge sie deren Hilflosigkeit nicht zu fassen. Eine Zeitlang herrschte im Hause die Totenstille, die über einem Krankenzimmer lagert, während der Arzt des Patienten Puls untersucht. Und in die Stille hinein fiel ein erlösender Laut – das Aufheben der Türklinke. Rhoda sah Roberts Gesicht. »So,« sagte Robert, als sie auf ihn zutrat, »Sie brauchen mir nicht zu sagen, was passiert ist. Hier ist der Mann, wie ich sehe. Er hat mich schlau hintergangen. Ein Jagdhund bedarf der Übung, der Fuchs wird mit seiner Schlauheit geboren.« Wenige Worte genügten, um ihn über die Lage der Dinge im Hause zu orientieren. Rhoda sagte alles ohne Zögern, obschon es in Sedgetts Hörweite geschah. Aber der Bauer hatte genug Respekt vor Robert, um zu ihm hinunterzukommen und ihm seine Ansichten über seine Pflicht und die Pflicht seiner Tochter auseinanderzusetzen. Bei dem Lichte des Herdfeuers lasen er und Robert und Sedgett einer in des andern Zügen. »Er hat ein Recht darauf, sein Weib zu fordern, Robert,« sagte der Bauer. »Er hat sie vor der Welt wieder ehrlich gemacht, und ich bin ihm dankbar dafür, und wenn er sie von mir verlangt, so muß er sie haben und soll sie haben.« »Schon gut, Herr,« erwiderte Robert, »ich sag' auch soll , und sollte ich darüber so steif werden wie 'n Stück Holz.« »O Robert, Robert!« rief Rhoda in heller Freude. »Woll'n Sie damit sagen, daß Sie zwischen mich und mein eigen Fleisch und Blut treten wollen?« sagte Mr. Fleming. »Ich will nicht, daß Sie zu einem direkten Mord Ihr Jawort geben sollen, das ist alles,« sagte Robert. »Sie – Dahlia, diesem Kerl die Hand reichen!« »Warum hat sie mich geheiratet?« donnerte Sedgett. »Ja, das gehört ins Reich des Unbegreiflichen!« räumte Robert ein. »Davon abgesehen, daß Sie 'n verteufelter Heuchler sind, den Frauen gegenüber, war sie ja halbtot und hatte keinen eignen Willen, und jemand hatte Sie dazu angestachelt, sie zu Tode zu hetzen. Ich sag' Ihnen, Mr. Fleming, grad' so gut, wie diesem Kerl da, könnten Sie Ihre Tochter dem Henker in die Hände liefern.« »Sie 's seine Frau, Mensch!« »Mag sein,« gab Robert zu. »Du, Robert Eccles!« sagte Sedgett mit heiserer Stimme, »ich bin gekommen, mir meine Frau zu holen, hörst du wohl?« »Scheint so,« antwortete Robert. »Du hast mich schlau angeführt, das hast du wahrhaftig. Ich möchte wohl wissen, wie das anging. Ich sehe, du hast 'n Wagen draußen und 'n Jungen, der dir das Pferd hält. Läuft das Pferd gut? Was? Ich bin drei Stunden später angekommen, soviel ich weiß, – immerhin nicht zu spät.« Ein Seufzer tiefster Ermüdung entrang sich ihm. Rhoda ging zum Speiseschrank und nahm eine nur selten in Angriff genommene Flasche heraus, mit der sie ein kleines Glas füllte, sie reichte ihm das Glas und sagte: »Trinken Sie!« Er lächelte ihr freundlich zu und goß es in einem Schluck hinunter. »Der Mann ist in Ihrem Hause, Mr. Fleming,« sagte er. »Und er ist mein Gast und der Mann meiner Tochter. Ich hoffe, das werden Sie nicht vergessen,« sagte der Bauer. »Und ich habe nicht die Absicht, auch nur noch eine halbe Minute zu warten, bis ich sie fortbringe – das merk' dir,« fiel Sedgett ein. »Nun, Mr. Fleming, beweisen Sie, daß Sie mir Wort halten.« »Das will ich,« sagte der Bauer. Er ging auf den Hausflur und rief Mrs. Sumfit zu, sie solle den Koffer herunterbringen. »Sie bittet,« antwortete ihm Mrs. Sumfit, »sie bittet, William, man möge sie nur fünf Minuten allein lassen, um zu beten, das wirst du ihr doch zugestehen, Lieber? Sicher! Herrgott, was ist doch über uns gekommen!« »Flink, Mutter, und jetzt also herunter mit dem Koffer!« wiederholte er noch einmal. Der Koffer wurde aus dem Zimmer getragen, und Dahlias Tür geschlossen, damit sie die letzten Minuten für sich allein haben möge. Rhoda küßte ihre Schwester, ehe sie sie verließ, und Dahlias Lippen waren so kalt, ihre Hände krampften sich so fest zusammen, daß sie sagte: »Denke an Gott, Liebste!« und Dahlia antwortete: »Das tue ich.« »Er wird dich nicht verlassen,« sagte Rhoda. Dahlia nickte mit geschlossenen Augen, und Rhoda ging fort. »Und jetzt, Robert, wollen wir beide mal sehen, wer Herr im Hause ist,« sagte der Bauer. »Hört alle zu! Ich habe eine heilige Verpflichtung gegen den Gatten meines Kindes zu erfüllen, und des Herrn Zorn treffe den, welcher sich darein mischt und mich daran zu hindern versucht, meine heilige Verpflichtung zu erfüllen. Platz da! Ich will die Tür aufmachen. Rhoda, sorg' du für Hut und Zeug deiner Schwester! Robert, aus dem Weg sag' ich! Sie wollen nicht irgendeine kleine Erfrischung zu sich nehmen vor der Abfahrt, Mr. Sedgett? Nicht die geringste? Nun, meine Gastlichkeit ist nicht Schuld daran. Aus dem Wege, Robert!« Ihm wurde gehorcht. Robert blickte Rhoda an, aber er hatte auf ihren Blick der Verzweiflung nichts zu erwidern. Der Bauer öffnete die Tür weit. Drei Menschen standen im Garten – Fremde. Im Dunkeln wurde sein Name fragend ausgesprochen. Dann hörte man ein Flüstern zwischen den schwer zu unterscheidenden Gestalten, und der Bauer trat zu ihnen hinaus. Robert horchte scharf auf, aber die Berührung von Rhodas Hand, die sich auf die seine legte, lenkte seine Aufmerksamkeit ab. »Dennoch muß es so sein!« sagte er. »Wie kommt sie hierher?« Er sowohl wie Rhoda folgten dem Bauer auf dem Fuße, vorwärts getrieben durch den leicht angefachten Hoffnungsfunken, welcher jeder unerwarteten Unterbrechung eines verzweifelt elenden Zustandes entspringt. Während sie immer näher an die Gruppe herankamen, hörten sie eine drollige alte Frau ausrufen: »Hierher zu Ihnen zu kommen, um seine Frau abzuholen, wenn er doch seine eigne Frau zu Hause hat, – so 'n armes Ding, das er nach Amerika eingeschifft hat, und kam sich dabei wohl schlauer vor, als Engel und Teufel zusammen; und sie wurde in irgend 'nen Hafen an Land gesetzt, weil das Wetter so schrecklich war, recht als wenn sie die Schlechtigkeit von ihrem Mann ans Licht bringen sollte. Wenn ich Ihnen das nicht beweisen könnte, Herr, daß er 'n verheirateten Mann is', was freilich keiner von uns in 'n Dorf gewußt hat, bis das arme Ding, das er so angeführt hatte, ohne 'n Pfennig nach 'n Dorf zurückgekrochen is', um ihn wiederzufinden, – un' nu' is' sie da und erzählt jedem, der es nur hören will, die Geschichte, wie schlau er die Sache angefangen hat – und warum er 's alles geheim gehalten hat, weil sie 'n Pension kriegte, und er die nich' verlieren wollte. Na, Sie sollen die Geschichte noch gelegentlich mal zu hören kriegen.« Robert brach in ein jubelndes Gelächter aus. »Sieh mal an, Mutter! Mrs. Boulby? hast du denn nicht ein einziges Wort für mich?« »Mein allerbester Robert!« rief die alte Frau, während sie auf ihn zustürzte, um ihn zu küssen. »Wenn ich auch' nich' grade gekommen bin, um dich zu besuchen.« Dann flüsterte sie ihm zu: »Der Major und der gute Herr – sind hinter mir. Ich bin mit ihnen hergereist. Junge, das mußt du gleich hören! – Mrs. Lovell schickte ihren schlauen, kleinen Diener vor grade zwei Wochen nach Warbeach 'runter, um sich nach diesem Schuft zu erkundigen, und der Diener ließ mir ihre Adresse da, – für alle Fälle, weißt du – und da kam dies arme Geschöpf – seine wirkliche Frau – nach Hause, und wir in Dreibäumen hörten von ihr und erfuhren ihre ganze Geschichte. Na, und da hab' ich denn gleich an Mrs. Lovell geschrieben, und die süße, gute Dame schickte ihren Diener, damit er mich hierher brächte, daß ich die ganze Geschichte klar machte. Du wirst das schon bald alles verstehen. Da hat die Vorsehung ihre Hand mit im Spiel. Ich glaube ganz gewiß, nun kommt der Augenblick, wo die Schlechten ihre Strafe kriegen.« In der Haustür tauchte Rhodas Gestalt auf, die zwei Lichter in der Hand trug; und bei ihrem trüben Schein sah sie den alten Anton gegen das Haus lehnen und ganz dicht neben ihm, bei der Gartenpforte, standen Major Waring und ein anderer Herr. Gleichzeitig hörte man das Rollen von Wagenrädern. Robert rannte in die große Küchenhalle zurück und stampfte zornig mit dem Fuße auf, als er sie leer fand. Seine Beute war ihm entschlüpft. Doch war jetzt keine Zeit, diesem dem Hause angetanen Schimpf weiter nachzusinnen. Das war vorüber. Major Waring redete ernst auf den alten Fleming ein, der gesenkten Hauptes, wie erstarrt, dastand, und nichts weiter in sich aufzunehmen vermochte, als daß da vor ihm ein Herr stehe, der ihm gar seltsame Mitteilungen machte, Allmählich waren alle unter des Bauern Dach getreten – alle bis auf einen, der gebeugten Hauptes an der Schwelle stehen blieb. Unsere Geschichte hat eine Art Helden und eine Art Bösewicht: sie sind nur Werkzeuge. Held und Bösewicht vereint finden sich in der Person Edwards, der jetzt hier war, um sich vor dem alten Manne und der Familie, der er Unrecht zugefügt hatte, zu demütigen und reuig zu den Füßen des Weibes zu knien, das alle Ursache hatte, ihn mit Schimpf und Schande von sich zu weisen. Er hatte sie verkauft, wie man einen Sklaven verkauft, er hatte gesehen, wie sie in den dunkelsten Abgrund hinabgesunken war, dennoch war sie, gleichsam durch ein Wunder, für ihn rein erhalten, und vermochte, wenn sie ihm Verzeihung gewähren wollte, noch jetzt die Seine zu werden. Das Leiden, für das es kein Mitleid geben konnte, hatte ihn endlich so geläutert, daß er ihre Umarmung erwidern durfte. Die Todesangst, die er in letzter Zeit durchgemacht, hatte seinen unwürdigen Stolz getötet. Er stand da, bereit, hervorzutreten und Vergebung zu erflehen von unfreundlichen Gesichtern und zu bitten, daß man ihn nur einmal vor Dahlias Angesicht führe, – daß er sie einmal sehen dürfe. Er war dahin gekommen, sie mit der Vollkraft einer selbstsüchtigen, aber keineswegs niedrigen Natur zu lieben. Oder vielmehr, er hatte sie immer geliebt, und von seiner Liebe war viel Selbstsucht abgestreift. Es war nicht die höchste Form der Liebe, aber diese Liebe war die höchste Entwicklungsphase, die ihm zu Gebote stand. Er hatte gehört, daß Dahlia, nachdem sie für ihn verloren gewesen, jetzt frei war. Etwas wie das todesbange Verlangen, einen Toten zu schauen, der neu zum Leben erwacht ist, ließ es ihm unmöglich erscheinen, fern zu bleiben und in seinen Zweifeln zu verharren. Er war bereit, sich jeder Demütigung zu unterziehen, um noch einmal die wiedererstandenen Züge zu sehen, er war willens, jede Buße auf sich zu nehmen. In dem zuversichtlichen Glauben, Vergebung zu erlangen, wußte er, daß Dahlias Herz ihm entgegenschlagen, nach ihm verlangen würde, und so war er gekommen. Von den wunderbaren Fügungen, welche ihn, Major Waring und Mrs. Boulby nach dem Hofe gebracht hatten, erzählte diese erregte Frau soeben an Mrs. Sumfit in einem andern Teile des Hauses. Der Bauer, Percy und Robert saßen im Familienwohnzimmer, als, nach Verlauf einiger Zeit, William Fleming mit lauter Stimme sagte: »Kommen Sie herein, Herr!« und Edward zu ihnen trat. Rhoda war oben und suchte Eintritt zu ihrer Schwester zu erlangen, sie hörte ihren Vater jenen Willkommensgruß aussprechen. Ihre Glieder erstarrten, denn immer noch haßte sie den Übeltäter. Ihr Haß auf ihn war zur Leidenschaft bei ihr geworden. Sie beugte sich über das Treppengeländer und horchte auf eine leise, gedehnt sprechende Stimme, die eintönig und ohne Veränderung in dem Zimmer, in welchem sich die Männer befanden, immer dasselbe zu wiederholen schien. Worte vermochte man nicht zu unterscheiden. Nachdem sie Dahlia dreimal gerufen hatte, ohne eine Antwort zu erhalten, horchte sie aufs neue, und in ihre Seele schlich ein Schauer, denn wie sehr sie ihn auch verabscheute, sie vermochte sich dennoch seiner Macht nicht zu entziehen; sie begriff etwas von dem Ernst, welcher den Missetäter zwang, seinen Mitmenschen von seinem Unrecht, seiner Scham, seinen Gewissensbissen zu sprechen, ruhig und geradezu wie einer, der mitten in einem Flammenmeer gestanden hat, gegen geringere Schmerzen unempfindlich geworden ist. Die Stimme verstummte. Da wurde sie sich dessen bewußt, daß sie einen Zauber auf sie ausgeübt habe. Die Stimmen, welche auf sie folgten, klangen farblos. »Hat er wohl – kann er wohl in Worten seine ganze schändliche Erbärmlichkeit eingestanden haben?« dachte sie, und die Größe seiner Vergehungen warf in ihrer Seele einen Schimmer von Glanz auf seinen Mut, bei dem bloßen Gedanken, er könne das getan haben. In dem Gefühl, daß Dahlia gerettet sei und fortan die Freiheit besitze, ihn zu verachten und zu quälen, erkannte Rhoda um so bereitwilliger an, daß ihn vielleicht wahre Liebe zu ihrer Schwester beseele. Von der Höhe einer Möglichkeit zur Rache herab, war ihr solches erkennbar. Sie wandte sich zu der Tür ihrer Schwester zurück und klopfte, indem sie rief: »Gerettet! Gerettet!« aber es kam keine Antwort, und sie empfand etwas wie Freude darüber, denn es hatte sie die Furcht beschlichen, rein irdische Liebe könne in dem raschen Umschwung der Gefühle ihrer Schwester gleich himmlischer Barmherzigkeit handeln, und Edward könne allzu bereitwillige und rückhaltlose Vergebung finden. In dem kleinen, lavendelduftenden Fremdenzimmerchen gab Mrs. Boulby Mrs. Sumfit und dem armen, alten, schlaftrunkenen Anton einen Bericht von der wunderbaren Entdeckung von Sedgetts Bosheit, die alles, was irgend vom Himmel zu hoffen war, gerechtfertigt hatte, zum besten, dem sich eine Erzählung von dem Messerstich, den ihr Junge bekommen, und von Roberts Großmut und Heldenhaftigkeit anschloß. Rhoda hörte ihr eine Zeitlang zu, dann ging sie wieder an die Tür von ihrer Schwester Zimmer; als sie wieder an der Küchentür vorbeikam, war dort alles still. Für William Fleming war es in der Tat nicht schwer, seine Ansicht über die Bedeutung der Umstände ebenso rasch zu ändern, wie sich diese Umstände selbst geändert hatten, dennoch war es sehr bitter für ihn, Edward an dem Platze zu sehen, den Sedgett eben noch eingenommen hatte. Ihm lähme die vollständige Umwälzung aller Angelegenheiten in seinem Hause die Zunge, und nur die Achtung, welche ihm das ganze Auftreten Major Warings einflößte, hatte ihn von der Billigkeit überzeugt, einem unbekannten jungen Herrn, auf den er mit Recht zürnte, Gehör zu schenken. Er hatte Edwards Auseinandersetzungen angehört, ohne irgend etwas anders davon zu verstehen, als die Tatsache, daß sein Verhalten ein höchst außergewöhnliches sei. Er begriff, daß jedes von Seiten Edwards mit so eigentümlicher und tiefernster Offenheit gemachte Eingeständnis ihn von Rechts wegen einer Bestrafung hätte überliefern müssen, wie es andrerseits des Missetäters wunderlich aufrichtige und monotone Selbstanklage unmöglich erscheinen ließ, sie über ihn zu verhängen. Er wußte auch, daß ihm da eine ganze Geschichte erzählt werde, und daß die beiden andern Zuhörer, obschon sie dieselbe offenbar durchaus nicht billigten, von ihm erwarteten, er solle dem Sprecher eine gewisse Nachsicht erweisen. Einmal sagte er: »Robert, sei'n Sie so gut, und sehen Sie sich draußen 'mal nach dem andern um!« Robert antwortete ihm, der Mann sei inzwischen schon weit fort. Der Bauer warf eine Andeutung hin, er könne doch auch demnächst ein Wort dazu zu äußern haben. »Verstehen Sie denn nicht, daß Sie sich mit einem Schurken eingelassen haben, Herr?« rief Robert. »Sowie das Gelichter eine Ahnung davon kriegt, daß man sie zu durchschauen beginnt, – fort sind sie, hast du nicht gesehen! Mr. Fleming, ich beschwöre Sie bei Ihrer Ehre, kein Wort mehr von dem Kerl! Alles, was man jetzt von Ihnen verlangt, ist, jeden Gedanken an ihn zu begraben!« »Er hat meine Tochter wieder ehrlich gemacht, als sie in Schande geraten war,« erwiderte der Bauer. Das war die Vorstellung, die sich seinem Verständnis unumstößlich eingeprägt hatte. Für Edward war es schlimmer, solches anzuhören, als mit Ruten gegeißelt zu werden. Er ertrug es, indem er die letzte Spur aufwallenden Stolzes unter die Füße zwang und sich mit der müden Hoffnung zu trösten suchte, daß er bald die Hand der ihm Verlorenen, der Geliebten, die ja doch im Hause war und die gleiche Luft mit ihm atmete, würde drücken dürfen; vielleicht war sie in dem Zimmer über ihm, vielleicht saß sie da und preßte ungeduldig die Hände zusammen, auf ein Zeichen harrend, um sie zu öffnen und sie ihm entgegenzustrecken. Er konnte sich die feuchte Berührung ihrer Finger, in denen die Erwartung noch nachzitterte, den ersterbenden Blick ihrer nach Leben dürstenden Augen, ach – und die Hilflosigkeit ihrer Glieder, wie sie dasaß, und ihr das Herz in seliger Wonne fast stillstand – so genau vorstellen! Es war ihm unbekannt, wie furchtbar das grenzenlose Elend, durch das sie gegangen, sie gefährdet hatte, und das Bild von ihr, das seine Phantasie heraufzubeschwören vermochte, war das eines sanftmütigen, wenn auch sorgenvollen Antlitzes, einer bekümmerten Seele, die aber die Hoffnung nicht sinken ließ, weil man sie gebeten, zu hoffen und die voller Zuversicht auf eine Rettung vertraut, welche ganz plötzlich, ganz unerwartet herannaht, um alle Schatten völlig zu zerstreuen. Augenscheinlich hatte er – nach dem bleichen, ernsten Ausdruck seines Gesichts zu urteilen – heftigen und verzehrenden Gram durchkostet. Roberts Herz wurde weich, als er die Veränderung in Edwards Erscheinung wahrnahm. »Ich glaube, Mr. Blancove, auch mich trifft in dieser Sache ein Tadel. Vielleicht waren Sie, als ich Ihnen in Fairly so heftig gegenübertrat, der Meinung, daß ich in Dahlias Auftrag handelte, und das mag Sie eine Zeitlang gegen sie aufgebracht haben. Ich würde das ganz gut verstehen können.« Edward sann einen Augenblick nach und neigte alsbald dieser Mutmaßung zu; denn unter diesem Dach, in unmittelbarer Nähe der Frau, die er liebte, erschien es ihm vollkommen unfaßlich, daß der Wunsch, mit Dahlia zu brechen und die zu diesem Zweck von ihm ergriffenen oder doch gebilligten Maßnahmen seiner eignen, durch nichts unterstützten, zeitweiligen Erbärmlichkeit entsprungen sein sollten. Nun sprach Robert mit dem Bauern. Rhoda konnte seine Worte hören. Es befiel sie eine plötzliche Angst, daß Dahlia sie ebenfalls hören könne, so warm trat er für Edward ein. »Aber warum denke ich denn immer so anders, wie Robert?« fragte sie sich, und mit dieser Entschuldigung für eine Änderung ihrer Ansicht, die sie einräumte, begann das Eis ihres Herzens zu schmelzen. Sie horchte gespannt auf ihres Vaters Entgegnung, sie blieb lange aus. Sie empfand, daß er nicht überzeugt war. Aber plötzlich wurde die Tür geöffnet, und der Pächter rief in die Dunkelheit hinaus: »Dahlia soll herunterkommen!« Wenn Rhoda bis hierher ohne eine bestimmte Empfindung den Vorgängen gelauscht hatte, so durchzuckte jetzt eine jähe Bewegung ihre Brust, eine Bewegung der Freude. Sie lief nach oben, klopfte und wunderte sich selbst, als sie ihre eigne Stimme rufen hörte: »Er ist hier – Edward!« Aber es kam keine Antwort. »Edward ist hier! Komm, komm, sieh ihn doch!« Noch immer nicht die leiseste Erwiderung. »Dahlia! Dahlia!« Es schien, als rolle der Klang von Dahlias Namen endlos weiter. Rhoda kniete nieder, legte den Mund an die Tür und sagte: »Mein Liebling, ich weiß, daß du mir Antwort geben wirst. Ich weiß, daß du nie an dem zweifelst, was ich dir sage. Hör' mich doch! Du sollst herunterkommen, hin zum Glück.« Die Stille legte sich schwer auf sie, und dann jagte eine plötzliche Angst durch ihre Seele. »Vater!« hallte ihr Schrei durchs Haus. Der Vater kam, dann kam auch der Liebende, und weder auf des Vaters noch auf ihres Liebhabers Rufen kam von Seiten Dahlias ein Wort der Erwiderung. Man fand sie neben dem Bett am Boden liegen, scheinbar leblos, bleich wie eine Braut des Todes. Doch fürchtet nichts, ihr, die ihr durch all ihre Trübsal um sie gebangt habt, fürchtet nichts für dieses zärtliche Herz! Das Schlimmste war nahe, aber es war nicht da. Kapitel XLVII. Der Morgen dämmert herauf Bis zu den schwarzen Toren hin, aber nicht durch sie hindurch! Die Morgendämmerung, die auf eine solche Nacht folgt, scheint eher eine Tochter der Finsternis, als eine Verkünderin des Tageslichtes. Dennoch ist es der Tag, der auf sie folgt. Das traurige blonde Weib erwachte aufs neue zum Leben, und ihre schwache Lebensflamme war das einzige Licht des Hauses, bald begrub sie dessen Insassen in Finsternis, bald leuchtete sie ihnen gleichsam wie ein in die Länge gezogenes Lebewohl, nicht wie ein frohes Wiedererwachen. Sie wurde gerettet durch etwas, was wir Zufall nennen würden; denn ihre Absicht war es nicht gewesen, sich retten zu lassen. Die Hand, die den Todestrunk an die Lippen geführt, hatte nicht gezittert. Soweit sich vermuten ließ, hatte sie ihn während des hastigen Lesens in der Bibel ihrer Mutter zu sich genommen, dieser Bibel, die sich ihr als einzige Zuflucht erwiesen, an die sie sich oftmals, wenn schon oft voll banger Zweifel, angeklammert hatte. Die Bibel lag neben ihr, als sei sie vom Stuhl gefallen, neben dem sie gekniet hatte, um die letzten Verse in zitternder Hast zu lesen, und mochte mit ihr zugleich zu Boden geglitten sein. Mit dem einen Arm hielt sie dieselbe umschlungen, die andre Hand hielt das zerbrochene Fläschchen mit der entsetzlichen Inschrift.   In Master Gammons Gedächtnis wurde unter den wenigen deutlich lesbaren Tatsachen seines Lebens klaglos diejenige eingezeichnet, daß es volle drei Wochen auf der Farm keine Klöße zum Mittagessen gab; und obschon eine ungefähre Abschätzung ergeben mußte, daß er (wenn wir es sehr genau nehmen wollen) etwa dreiundsechzig der gedachten Artikel zugute hatte und – da es jenseits aller menschlichen und sogar übermenschlichen Möglichkeiten steht, jemand für ein einmal versäumtes Mittagessen schadlos zu halten – weiterhin zugute behalten mußte, so äußerte Master Gammon doch kein Wort, welches hätte andeuten können, daß er eine solche Vernachlässigung empfände, – die einzige Andeutung von seiner Seite, daß er sich des Leids bewußt sei, welches alles auf dem Hofe in Verwirrung brachte. An dem Tage, wo die Klöße wieder auf dem Tisch erschienen, bemerkte er mit einem Blinzeln nach der Decke: »Geht besser oben, Ma'm, wie?« »O Master Gammon,« platzte Mrs. Sumfit heraus, »wenn ich nur sicher wäre, daß Sie jeden Abend beteten!« Master Gammon faßte diese Bemerkung offenbar nur als eine beiläufige Gefühlsäußerung von Mrs. Sumfits Seite auf, denn er hatte weiter keine Antwort darauf. Sie beobachtete ihn, wie er in seiner bedächtigen Weise, mit dem gebeugten Rücken und den träge kauenden alten Backenknochen seine Mahlzeit einnahm, und rief, von einer plötzlichen Rührung über diesen Anblick ergriffen, aus: »Wir sind alle schwer heimgesucht worden, Master Gammon! Ich fühle, daß ich mich jetzt in- und auswendig kenne. Ich kann woll sagen, ich war' nich' in 'n stände gewesen, Ihnen Klöße und Tränen zugleich zu geben, aber man soll nich' sagen, wie schlecht 'n Mensch is', – ich will man zugeben, ich hab' Ihnen förmlich gehaßt, daß Sie nur an Klöße denken konnten, während wir doch alle so fuchbar traurig waren, und man immerzu so zitterten, a's bei 'n Erdbeben, im' immer dachten, nu' kommt das Schlimmste! Un' darum hab' ich Ihnen keine Klöße gemacht. Ja, 's war grausam von mir, un' Sie können woll Ihren Kopf da'über schütteln. Wenn ich bloß sicher wäre, daß Sie jeden Abend beteten!« Was sie mit ihrem neuerdings erweckten Herzen sagen wollte, war dies, daß wenn sie ganz sicher wäre, daß Master Gammon regelmäßig betete, und daß auch er die Heimsuchung empfände und, wie sie das Gefühl darin gewonnen habe, sich in- und auswendig zu kennen, sie ihn – in Anerkennung seines absoluten Gleichmuts – einen vorzüglichen Christen nennen wollte. Wie es nur zu wohl begreiflich ist, ließ Master Gammon auch diesen Ausruf ruhig über sich ergehen, in dem er nichts weiter sah, als einfach eine zufällige Äußerung dieses lebendigen Sprechanismusses, während Mrs. Sumfit, begabt mit der Aufnahmefähigkeit für wunderbare, wenngleich nicht immer verständliche Dinge, die ein Inquisitor haben muß, ihn in ungetrübter Herzensfreundlichkeit und mit etwas verminderter Überzeugung von dem vorzüglichen Stande seines Christentums verließ. Nichtsdestoweniger empfanden alle, die im Hause waren, den Anblick von Master Gammon wie eine wohltuende Arznei. Er war Mrs. Sumfits Uhr, für Rhodas Augen war er Balsam und Segen, Anton war eifersüchtig auf ihn, der Bauer klammerte sich an ihn, wie an einen fest in den Grund gerammten Pfahl: sogar Robert, der ihn neckte und quälte und sich über ihn ärgerte, gab zu, er sei ein Zwischending zwischen einem aufmunternden und einem abschreckenden Beispiel und insofern eines gewissen Studiums wert. Die erhabene, altehrwürdige Eigenschaft unerschütterlichen Gleichmuts, die der alte Mann zur Schau trug, berührte alle während Dahlias allmählichen Wiedergenesens von dem Sturm und dem Schiffbruch vergangener Stunden so seltsam, daß sie sich des Gedankens nicht zu erwehren vermochten, es offenbare sich ihnen in Master Gammon eine besondere Macht, vermöge deren er in ungestörtem Gleichgewicht verharre, während sie alle ihr Leben bis in seine Tiefen erschüttert fühlten. Ich habe niemals Gelegenheit gehabt, das götzendienerische Gemüt eines Wilden zu erforschen, aber es mag sein, daß ihn die Unwandelbarkeit seines kleinen, hölzernen Gottes hie und da mit einer ähnlichen staunenden Ehrfurcht erfüllt, – selbst dann, ja, vielleicht gerade dann, wenn er ihn geprügelt hat. Hätte der alte Mann seine Sterblichkeit durch ein Zeichen der Neugier verraten, zu erfahren, was all diese lärmende Unruhe zu bedeuten habe, wen ein Tadel treffe, und was das Ganze eigentlich für eine Geschichte sei, die Wirkung, die er auf sie ausübte, wäre beträchtlich geschmälert worden. Er wirkte unleugbar gleich einem Granitfelsen im Anprall der Wogen. »Gib mir Gammons Leben!« war ein Ausruf, dessen sich der Bauer gern bediente, wenn er ihn kommen und gehen sah, sein Sitzen bei den Mahlzeiten, sein Einschlafen und Wiederaufwachen, jedes zu seiner Zeit, auch während dieser ganzen Zeit qualvoller Ungewißheit hindurch, ohne je an irgend jemand eine Frage zu richten, beobachtete. Er bemerkte gelegentlich, daß man niemals für irgend jemand in seiner Familie den Doktor gerufen habe, und er vermöchte augenscheinlich eine Komplikation von Umständen, die des Doktors Besuch notwendig machten, nicht zu verstehen. »Sie werden niemals so alt werden wie Gammon,« sagte der Bauer zu Robert. »Nein, aber wenn er einmal vergeht, wird alles, was mit ihm zusammenhängt, auch vergangen sein,« antwortete Robert. »Aber Gammon hat die Weisheit begriffen, unter allen Umständen seine Sicherheit zu wahren, Robert; um seiner eignen Runzeln willen soll man keinen Menschen tadeln.« »Gammon ist ein Pergament, auf welches die alte Zeit ihr Nichts schreibt,« sagte Robert. »Er ist sicher – sicher genug. Ein alter Schiffsrumpf wird es nicht leicht fertig bringen, im Schlick zu versinken, und Gammon hat sein Lebenlang im Schlick vor Anker gelegen.« »Mag dem sein, wie ihm wolle,« erwiderte der Bauer, »es hat in meinem Leben Tage gegeben, wo ich den alten Mann furchtbar beneidet habe.« »Na ja, es kommt eben alles darauf an, ob man lieber Amboß oder Hammer ist,« meinte Robert. Anton beneidete der alte Bauer nicht mehr. In ihm sah er – obschon er ebenso passiv dahinlebte, wie Master Gammon – nichts als einen abgestumpften Greis, keine stetig ihren Gang verfolgende Maschine. Er wußte, daß Anton von einem eigentümlichen Mißgeschick betroffen worden war. »Er soll einen guten Bruder an mir haben,« sagte Mr. Fleming, aber Anton hatte ihm seinen goldenen Horizont verdunkelt und war nicht länger ein Gegenstand seines Interesses. An einem Herbstnachmittage kam Dahlia, bleich wie eine Frühlingsblume, wieder zu ihnen hinunter. Sie sagte ihrer Schwester, daß sie den Wunsch habe, Edward zu sehen. Rhoda hatte jede Widerstandskraft verloren, selbst wenn es noch ihr Wunsch gewesen sein sollte, diese beiden auseinander zu halten. Sie teilte ihrem Vater Dahlias Wunsch mit, der sofort seinen Hut vom Nagel nahm und sagte: »Zieh dich 'n bißchen nett an, mein Deern!« Sie wußte, was diese Bemerkung zu bedeuten hatte. Botschaften aus dem Herrenhause waren täglich zu ihr gelangt, aber der Haushalt dort hatte unter dem Szepter einer einsichtsvollen Dame gestanden, und ein Besuch sowohl von Seiten Edwards wie Algernons war Rhoda erspart geblieben, obschon sie wußte, daß beide nur eines Rufes harrten. Während Dahlias Rekonvaleszenz hatte der Bauer nicht zu Rhoda von ihrer Verlobung mit dem jungen Gutsherrn gesprochen. Ihr kam es vor, als müsse das große Herzeleid, das sie betroffen, alle irdischen Verpflichtungen gelöst haben, und als ihr Vater ihr anbefahl, besondere Sorgfalt auf ihren Anzug zu verwenden, erweckte er urplötzlich eine Furcht in ihrer Seele zu neuem Leben, als zerre er sie gewaltsam zu dem Rande eines gähnenden Abgrundes. Aber Mrs. Lovells Takt war noch immer wirksam: nur Edward kam, und er und Dahlia wurden miteinander allein gelassen. Es bedurfte jenen sanften Augen gegenüber keiner Bitte um Vergebung. Sie reichten einander die Hände. Sie war erschöpft und sehr schwach, aber sie zitterte nicht. Die Leidenschaft war erloschen. Er unterdrückte jede Regung, von einer Vereinigung zu sprechen, er fühlte zu sicher, daß sie vereint waren. Er mußte sie sehen, um voll zu erkennen, wie sehr er sich an ihr versündigt hatte. Verblüht wie sie war, war er dennoch völlig bereit, sie zu der Seinen zu machen, und sei es nur, um an dieser teuren, edlen Seele wieder gutzumachen, was er gefehlt. Ihr Bild, das Bild einer Heiligen, prägte sich tief in seine Seele, einerseits als eine Erwiderung auf das Staunen der Welt, die das Opfer seiner selbst, welches er brachte, nicht begriff, andrerseits immer mehr und mehr als eine konkrete, sichtbare Sache in Fleisch und Blut. Sie war aus ihrem Martyrium hervorgegangen mit dem Stempel himmlischer Verklärung. »Dies sind die alten Bäume, von denen ich so oft gesprochen habe,« sagte sie, indem sie auf die beiden Fichten im Mühlengrunde deutete. »Sie sehen immer aus wie Adam und Eva, die dem Paradies den Rücken wenden.« »Es macht dich nicht unglücklich, sie zu sehen, Dahlia?« »Ich hoffe, ich darf sie sehen, bis ich selbst von hinnen gegangen sein werde.« Edward preßte ihre Hand. Er dachte, bald würden wärmere Hoffnungen ihre Seele durchfluten. »Sind die Nachbarn freundlich?« fragte er. »Sehr freundlich. Sie fragen täglich, wie es mir geht.« Seine Wangen färbten sich rot. Er hatte halb gedankenlos gefragt, und es wunderte ihn, daß sich Dahlia darüber freuen könne, wenn man sich nach ihr erkundige, sie, die gegen die leiseste Berührung so empfindlich war. »Der Prediger kommt täglich zu mir und kennt mein Herz,« fügte sie hinzu. »Der Prediger ist Frauen ein Trost,« sagte Edward. Dahlia blickte ihn herzlich an. Ihre matten Augen ruhten lange auf ihm. Sie wünschte etwas. Sie wagte den Wunsch nicht in Worte zu kleiden, dem gegenüber, dessen Meisterschaft in der Handhabung des Wortes sie sich nur allzuwohl erinnerte, um ihre armselige Ungewandtheit im Reden besonders scharf zu empfinden. Aber Gott würde ihren Gebeten für ihn Gehör schenken. Edward bat um die Erlaubnis, oft kommen zu dürfen, und sie sagte: »Komm!« Er mißverstand die Bereitwilligkeit ihrer Aufforderung. Als er sie verlassen hatte, fiel es ihm auf, wie ihrer Sprache jede liebevolle Zärtlichkeitszeichnung gefehlt hatte, und er empfand den Mangel. Da er selbst so sehr gelitten hatte, bedurfte er derselben. Weswegen hatte sie so hart mit dem. Tode gerungen, wenn es nicht war, um ihm um den Hals zu fallen und in überströmender Freude die Seine zu werden? Im Grunde lechzte er nach der sofortigen Belohnung für sein öffentliches Bekennen seiner Missetaten. Er ging in der hiesigen Gegend herum als einer, von dem jedermann wußte, was er getan, und sein sehnlichster Wunsch war der, sein Weib von hinnen zu führen, um sich nie mehr hier sehen zu lassen. Einer so tiefen Finsternis, meinte er, müsse wenigstens ein freudiges Morgenrot folgen, kein reuevolles Grau, keine verschleierte Dämmerung, als sollten die Pfade des Lebens fortan wie unter Klostergängen dahinführen. Und ihn verlangte danach, eine Rose süßer Weiblichheit in der Hand zu halten, wie die, von welcher er sich einst getrennt, und welche zurückzuerlangen er jede irdische Kränkung, ja, völlige Selbsterniedrigung auf sich genommen hatte. Die zarte, tief gebeugte Lilie schien ihm fremd. Kann ein Mensch über seine eigne Natur hinausgehen? Niemals, wenn er Leidenschaft an Bord hat. Andre Mittel vermögen seine Natur größer und stärker zu machen, aber die Leidenschaft wird immer seinen schwachen Punkt ausfindig machen und wird ihn – ob sie ihn gleich stetig vorwärts dränge – fortwährend an diesem zu fassen wissen. Dreimal hatte Edward eine Zusammenkunft mit Dahlia; und ebenso oft schrieb er ihr. Sie hatte immer die gleiche Antwort für ihn, und als er aufhörte, ihr Unversöhnlichkeit vorzuwerfen, kam er zu der seltsamen Schlußfolgerung, daß – abgesehen davon, daß wir ein Weib in rhetorischer Absicht eine Heilige nennen und sie in bildlichem Sinne für eine solche ansehen – die Möglichkeit besteht (wie ihm in dieses Weibes Gegenwart aufgegangen war), wirklich an sie zu denken, als an etwas Heiliges und durch das Überirdische ihrer Persönlichkeit mit Gefühlen solcher Art erfüllt zu werden. Ihre Stimme, die einfachen Worte, in die sie – auch brieflich – ihren Entschluß kleidete, und die einer Fähigkeit, Böses auf sich zu nehmen und es zu vergeben, entsprangen, offenbarten diesen Charakter einem Gemüt, das von vornherein die Sanftmut nicht besaß, solchen Eindrücken zugänglich zu sein. Kapitel XLVIII. Schluß Major Waring kam gegen Ende Oktober nach Wrexby Hall. Er kam, um bei Mrs. Lovell seine eigne Sache zu führen, aber sie unterbrach ihn kurz durch den Hinweis darauf, daß sein Freund Robert Gefahr laufe, seiner Liebe verlustig zu gehen. »Sie ist ein Weib, Percy, – lassen Sie mich Ihrer Bemerkung zuvorkommen. Aber es handelt sich hier darum, daß sie sich verpflichtet glaubt, meinem Vetter, dem Squire, ihre Hand zu reichen. Es ist eine verwickelte Sache, die irgendwas mit Geldgeschichten zu tun hat. Sie macht sich nicht das Geringste aus Algy, eine Tatsache, die ihn sehr wenig anficht. Er hat ihr auf irgendwelche mysteriöse Weise einen Dienst geleistet, indem er sich eines alten Onkels von ihr angenommen hat. Algy hat ihm, glaube ich, die Stelle eines Landbriefträgers für den Distrikt verschafft, wenn es das ist, aber mir scheint, es muß sich wohl noch um andres handeln, wenn man sich ihr Benehmen erklären will. Wie sich die Sache auch verhalten mag, es scheint, daß sie sich für gebunden erachtet. Sie wissen ja, was für eine Art Mädchen es ist, für das Ihr Freund eine Neigung gefaßt hat. Überdies besteht ihr Vater darauf, daß sie »den Squire« heiraten soll, was ja natürlich am leichtesten zu begreifen ist. Glauben Sie darum nicht, lieber Percy, es wäre das beste, Sie reisten ein paar Wochen mit Ihrem Freunde aufs Festland? Ich muß ja gestehen, daß ich nie sehr viel Verständnis für die Intimität, die zwischen Ihnen beiden besteht, gehabt habe, aber auf alle Fälle scheint sie ja durchaus aufrichtig zu sein.« »Sind Sie das auch?« sagte Percy. »Ja, völlig, aber ich bin es vielleicht auf eine etwas weitläufige Art. Warum fragen Sie mich in diesem Moment danach?« »Weil Sie dieser törichten Geschichte in einem Tag ein Ende machen könnten.« »Das weiß ich wohl.« »Und warum tun Sie es dann nicht?« »Aus eben dem Wunsche heraus, aufrichtig zu sein. Percy, das bin ich immer gewesen, wenn Sie mich nur immer recht zu lesen verstanden hätten. Ich versuchte meinen Vetter Edward aus einer Sache zu befreien, die mir eine elende Schlinge erschien. Seine egoistische Falschheit verletzte mich, und ich zeigte ihm, daß ich ihn verachtete. Als ich herausfand, daß er ein Mann sei, der Mut und auch etwas Herz besäße, gewann er meine Freundschaft zurück; und ich stand ihm, so gut ich konnte, bei – und wie der Zufall wollte, mit Glück. Ich sage Ihnen das alles, weil ich Ihrer Achtung nicht verlustig gehen möchte, – Gott weiß, es mögen noch Tage kommen, wo ich derselben bedarf. Ich glaube, ich bin die beste Freundin, die es in der Welt geben kann, wenn ich auch zu gar nichts anderem zu gebrauchen bin. Niemand gefällt mir vollkommen, nicht einmal Sie: Sie sind ein zu kritisch veranlagter Charakter und verlangen, wie ich selbst, in ein oder zwei Punkten absolute Vollkommenheit. Aber nun hören Sie, was ich getan habe, und billigen Sie es, wenn Sie wollen. Ich habe mit meinem Vetter Algy – kokettiert, – es ist ein gräßliches Wort, aber ich muß mich schon des Wörterschatzes der jungen Damen bedienen. Ich weiß wohl – ich kann es nur allzu gut, – von Natur, so sehr ich es auch hasse. Er hat heute morgen einen Brief auf die Farm geschickt, in welchem er schreibt, er fürchte, es sei ihm nicht gelungen, Rhodas Zuneigung zu gewinnen, er entsage allen Ansprüchen etc., harre ihrer Wünsche etc. etc. Ich bezweifle, daß er viel Vergnügen von seinem Hofmachen gehabt haben kann. Meine bezaubernde Liebenswürdigkeit gegen ihn während der letzten vierzehn Tage wird ihm jedenfalls unendlich viel angenehmer gewesen sein. So kann es immerhin angehen, daß Ihr Freund Robert mit der Zeit noch glücklich wird, das heißt, wenn Rhoda nicht allzusehr ein Wesen ihres Geschlechts ist.« »Sie sind eine Zauberin,« rief Percy aus. »Halt,« sagte sie und wurde plötzlich ernst. »Bevor Sie mich loben, müssen Sie noch mehr hören. Percy, jenes Duell in Indien –« Er streckte ihr die Hand entgegen. »Ja, ich vergebe Ihnen,« begann sie aufs neue. »Sie waren damals grausam. Bedenken Sie das, und seien Sie darum jetzt gerecht. Den armen Jungen ereilte sein Geschick. Ich hätte es aufhalten können. Ich habe es bis zu einem gewissen Grade veranlaßt. Mir schien, die Ehre der Armee stehe auf dem Spiel. Mich traf die Hauptschuld damals, und mich trifft noch jetzt die Schuld, aber ich habe das Gefühl, als sei ich halbwegs zu entschuldigen, wenn Sie nicht ein allzu strenger Richter sind. Nein, ich bin nicht zu entschuldigen! Ich bin verabscheuungswürdig, aber vergeben Sie mir!« In Percys Augen spiegelte sich staunendes Entsetzen, als Margaret das Schmuckstück, das sie am Halse trug, löste und ihm das schmutzigrote Stückchen Tuch entnahm. »Es war zwischen uns abgemacht,« fuhr sie fort, »daß ich Ihnen dies an dem Tage zurückgeben wollte, wo ich nicht mehr meine eigne Herrin sein würde. Nennen Sie mich ein erbärmlich herzloses Weib. Ich tue, was ich kann. Sie brachten mir das Stückchen Tuch, das mit dem Herzblut des armen Jungen getränkt war, der um meinetwillen fiel. Ich habe es getragen. Es war mein Talisman. War es Ihr Wunsch, daß es mir als ein solches dienen möchte? O Percy, ich habe jeden Augenblick das Bewußtsein mit mir herumgetragen, daß Blut auf meinem Herzen laste. Ich fühlte, wie es mit mir rang. Es hat mich vor manchem bewahrt. Und jetzt lege ich es in Ihre Hände zurück.« Er konnte nur hervorstoßen: »Warum?« »Lieber Freund, um des Versprechens willen, welches zwischen uns bestand. Als ich Indien verließ, fragte ich Sie, wie lange ich es bewahren solle. Sie sagten: ›Bis Sie heiraten.‹ Nicht heftig werden, Percy! Dies war unvermeidlich.« »Ist es möglich,« rief Percy aus, »daß Sie das Spiel so weit trieben, ihm zu versprechen, Sie wollten ihn heiraten?« »Es liegt wie ein Gewitter auf Ihrer Stirn, Percy. Diesen Ausdruck kenne ich!« »Margaret, ich glaube, eher könnte ich ertragen, eine zweite Niederlage unserer Armee zu erleben, als zu sehen, daß ich Sie verachten müßte!« »Sie kennen keine halben Maßregeln, wenn Sie züchtigen, Percy.« »Fahren Sie fort,« sagte er. »Sie sind noch nicht fertig. Sie haben ihm versprochen, ihn zu heiraten?« »Ich habe ihm versprochen, den Namen ›Blancove‹ anzunehmen.« »Für den Fall, daß er davon abstände, Rhoda Fleming mit seinen Anträgen zu verfolgen?« »Das war wörtlich die Bedingung, die ich stellte.« »Und Sie denken dieselbe innezuhalten?« »Mein Wort zu halten? Ja, Percy.« »Sie wollen Algernon Blancove heiraten?« »Sie würden allerdings ein Recht haben, mich zu verachten, wenn ich das täte, Percy.« »Sie wollen es also nicht?« »Nein.« »Und doch sprechen Sie von Wort halten? Bei allen Mächten des Himmels und der Erden, es gibt keinen größeren Wahnsinn, als sich mit einem lebendigen Rätsel einzulassen! Worauf wollen Sie hinaus?« »Wie ich Ihnen sagte: Ich will mein Wort halten. Aber ich war ebenfalls verpflichtet, Ihrem Freunde einen Dienst zu leisten. Es ist leicht, zugleich passiv und ehrlich zu sein.« Percys Stirn zog sich düster zusammen: »Wollen Sie damit sagen, daß Edward Blancove der Mann ist?« »O nein! Edward wird niemals heiraten. Ich muß ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, zu sagen, daß Treulosigkeit niemals unter seine Fehler zählte. Er hatte eine einzige Liebe, und ihr Herz ist völlig erstorben. Für ihn gibt es kein Heiraten – denn sie weist ihn ab. Vielleicht verstehen Sie den Grund dafür nicht, – aber eine Frau wird ihn verstehen. Sie würde ihn heiraten, wenn Sie sich selbst dazu bringen könnte, – die Sache ist die: er hat ihren Stolz vernichtet. Sie hat keinen Geschmack mehr am Leben. Ihr einziger Wunsch ist der, ihre Schwester und Ihren Freund vereinigt zu sehen. Jeder andere Gedanke an eine Heirat hegt ihr fern und wird ihr immer fern liegen. Ich kenne den Zustand. Er ist dem meinen nicht unähnlich.« Waring blickte sie fest an: »Es handelt sich um einen Mann?« »Ja,« antwortete sie kurz. »So will ich hoffen, daß es sich um einen handelt, dessen Bankbuch Ihnen Befriedigung verheißt?« »Ja, Percy;« sie blickte rasch zu ihm auf, als wolle sie ihm dafür danken, daß er sie von einer schweren Notwendigkeit erlöst habe. »Sie verstehen es immer noch, die Peitsche zu handhaben, aber ich empfinde den Stachel an ihrem Ende nicht mehr. Ich heirate ein Bankbuch. Erinnern Sie sich des Tages im Park, als ich einen Reitknecht hinter Ihnen herschickte? Da hatte ich soeben erfahren, daß ich ruiniert sei. Sie kennen meine Manie zu wetten. Ich hörte es, und als mein Herz Ihnen aufs neue warm entgegenschlug, wußte ich bereits, daß ich Sie nicht würde heiraten können. Vielleicht ist das einer der Gründe, weswegen ich Ihnen ein Rätsel erschien. Ich spreche die Wahrheit, wenn ich Algy sage, daß ich den Namen Blancove annehmen will: ich heirate den Bankier. Jetzt nehmen Sie Ihre Gabe von ehemals zurück.« Percy ergriff das Tuch und verließ ihre Gegenwart – für immer; er fühlte, daß er von dem Geschlecht genug gekostet hatte für sein ganzes Leben. Dennoch kam er mit der Zeit zu der Mutmaßung, daß sie für alle Teile am praktischsten, – ja, vielleicht am weisesten gehandelt habe. Nachdem ihre Schulden getilgt waren, wurde sie eines alten Herrn ehrbare junge Frau, eine reizende Wirtin und – was sie allezeit gewesen war – eine gute Freundin: sie blieb immer etwas wie ein Wunder für einen, der sein Lebenlang dazu geneigt hatte, eine Heldin in ihr zu sehen, obschon er ihre Mängel nur allzu deutlich sah. In Wahrheit bezahlte die Dame mit dieser Heirat den ehrlichen Preis für die Torheiten ihrer Jugend.   Frohe Hochzeitsglocken läuteten für Robert und Rhoda; für Dahlia und Edward läuteten keine. Dahlia teilte sieben Jahre lang die Häuslichkeit ihrer Schwester, als Pflegerin des sich immer mehr vergrößernden jungen Nachwuchses. Sie war, wie wenige Frauen, durch ein Läuterungsfeuer gegangen, in dessen Asche sie ihr Herz gelassen hatte. Die Seele dieses jungen Wesens trat an Stelle ihres Herzens. Sie leuchtete aus ihren Augen, aus ihrer Arbeit heraus, ein helles Licht für ihre nächste Umgebung, und kein weniger helles und heiteres Licht, weil ein jeder ihrer Tage dem andern glich. In Wahrheit, sie lebte jenseits der Wolken. Als sie starb, galt es für sie kein Verzichten. Andere empfanden ihren Verlust. Zwischen ihr und Robert gab es hinsichtlich einer Sache ein tieferes Verstehen, als Rhoda je zu teilen vermochte. Beinahe die letzten Worte, die sie an ihn richtete, mit ruhiger Stimme, aber mit einem zitternden Hauch, der etwas von einem tiefen Schluchzen an sich hatte, waren diese: »Hilf armen Mädchen!«