Richard Feverel Eine Geschichte von Vater und Sohn von George Meredith   Autorisierte Übertragung von Julie Sotteck     Berlin 1904 S. Fischer, Verlag     Erstes Kapitel. Die Einwohner von Schloß Raynham. Vor einigen Jahren erschien ein Buch unter dem Titel »Das Manuskript des Pilgers«. Es enthielt eine Auswahl origineller Aphorismen von einem Anonymus, der sein verwundetes Herz auf diese verschämte Weise der Welt offenbarte. Er erhob nicht Anspruch darauf, neues zu bringen. »Unsere neuen Gedanken haben schon die Geister unserer Vorfahren bewegt,« schrieb er, und dieses Zugeständnis zeigte, daß er über die Jugendjahre offenbar hinaus war, da er aufgehört hatte, auf die alten Klassiker eifersüchtig zu sein. Ein leiser Seufzer schien über jenen Seiten zu schweben, die von den Tagen geistiger Unreife erzählten, wo neue Ideen uns unter dem Schein jungfräulicher Umarmungen aufsuchen und uns schwören, daß sie uns allein angehörten, daß sie niemand sonst je aufgesucht hätten: und wir glauben ihnen. Um ein Beispiel zu geben von seinen Ansichten über das schöne Geschlecht, sagte er: »Ich vermute, daß die Frau das letzte sein wird, was der Mann zivilisiert!« Eine solch ungeheure Verspottung verursachte eine gewisse Erregung in den Herzen der Damen. Eine unternehmungslustige Person begab sich nach dem Heroldsamt und stellte dort fest, daß ein Greif zwischen 2 zwei Weizengarben auf dem Titelblatt des Buches das Wappen Sir Austin Absworthy Bearne Feverels darstellte, des Barons von Schloß Raynham in einer westlichen Grafschaft an der Themse, eines reichen und angesehenen Mannes mit einer etwas traurigen Lebensgeschichte. Der äußere Umriß dieser Geschichte war durchaus nicht neu. Er hatte eine Frau und einen Freund. Er hatte aus Liebe geheiratet; seine Frau war eine Schönheit, sein Freund war so etwas wie ein Dichter. Sein ganzes Herz gehörte seiner Frau, und sein volles Vertrauen dem Freunde. Als er unter seinen Universitätsgenossen Denzil Somers zum Freunde wählte, geschah es nicht, weil sie in ihren Ansichten übereinstimmten, sondern weil er eine große Verehrung für das Genie hegte, und weil er über den glänzenden Anlagen seines Freundes den gänzlichen Mangel an Charakter übersah. Denzil besaß beim Beginn seiner Laufbahn ein kleines Erbteil, aber er verschwendete es, ehe er die Universität verließ, und war nun ganz von seinem Verehrer abhängig, bei dem er jetzt lebte, dem Namen nach die Stelle eines Gutsverwalters ausfüllte und Verse voll satirischen und sentimentalen Inhalts vom Stapel ließ: denn da er zum Laster neigte und sich ihm auch hin und wieder verstohlen ergab, war er natürlich sentimental und satirisch und dazu berufen, das Zeitalter mit Geißelhieben zu züchtigen und über die menschliche Natur zu klagen. Seine Jugendgedichte, die er unter dem Pseudonym Diaper Sandoe herausgegeben hatte, waren in ihren Liebesstellen so rein und farblos gewesen und dabei so scharf in ihrem moralischen Ton, daß er sich des besten Rufes bei den Tugendhaften erfreute, die in England den größeren Teil des Bücher kaufenden Publikums bilden. Zur Zeit der Wahlen berief man ihn zum Balladendichter der Konservativen. 3 Diaper besaß zweifellos Gewandtheit des Ausdrucks, aber er schaffte wenig, obgleich Sir Austin nicht aufhörte, viel von ihm zu erwarten. Eine schmachtende, unerfahrene Frau, deren Gatte in geistiger und moralischer Größe sie mehr als gewöhnlich überragt, und die, nachdem ihre erste romantische Bewunderung für sein edles hoheitvolles Benehmen sich abgestumpft hat, für ihre kleinen launenhaften Ansprüche auf Geschmack und Gefühl nicht immer gleich Befriedigung findet, sieht sich in ein ungesundes, häusliches Zusammenleben mit einem Manne versetzt, der Gewandtheit besitzt, Gewandtheit in Prosa und Poesie. Als Lady Feverel ihre Pflichten in Raynham übernahm, war sie zuerst eifersüchtig auf den Freund ihres Gatten. Allmählich duldete sie ihn. Dann fing er an, seine Laute in ihrem Zimmer ertönen zu lassen, und sie spielten Rizzio und Maria miteinander. »Denn ich bin nicht der erste im Land, Der den Namen Maria verhängnisvoll fand«, singt ein späteres gefühlvolles Liebesgedicht Diapers. Das war der äußere Umriß der Geschichte, zu der der Baron die Details hätte geben können. Er hatte diesen beiden sein Herz geöffnet, war ganz edle Liebe für die eine, ganz vollkommene Freundschaft für den andern gewesen. Er hatte die, die er liebte, gebeten, einander Bruder und Schwester zu sein und mit ihm in Raynham ein goldenes Zeitalter zu erleben. Er war mit den vortrefflichen Eigenschaften seines Charakters verschwenderisch umgegangen, was niemals gut tut, und wie Timon litt er Schiffbruch und wurde verbittert. Die treulose Dame gehörte keiner bekannten Familie an; sie war die verwaiste Tochter eines Admirals, der 4 sie von seiner Pension hatte erziehen lassen, so traf ihr Benehmen nur den Mann, dessen Namen sie trug. Nach fünf Jahren der Ehe und zwölf Jahren der Freundschaft sah sich Sir Austin der Einsamkeit überlassen, und nichts blieb ihm zum Troste für sein liebendes Herz als ein kleiner Knabe in der Wiege. Er verzieh dem Manne, er gab ihn auf als zu niedrig für seinen Zorn. Der Frau konnte er nicht vergeben, sie hatte nach jeder Richtung hin gesündigt. Einfache Undankbarkeit gegen einen Wohltäter war ein verzeihliches Vergehen: denn er war nicht der Mann, dem Schuldigen die Menge seiner Wohltaten vorzuzählen und ihn damit zu erdrücken. Aber sie hatte er zu seinesgleichen gemacht und beurteilte sie auch wie seinesgleichen. Sie hatte ihm den Glanz der Welt verdunkelt. In den Augen dieser Welt, die nun ein so verändertes Aussehen für ihn hatte, bewahrte er seine gewohnte Haltung und verwandelte ihr gegenüber seine Gesichtszüge in eine gefügige Maske. Mrs. Doria Forey, seine verwitwete Schwester, meinte, Sir Austin solle sich eine Zeitlang von seiner parlamentarischen Laufbahn zurückziehen und Lustbarkeiten und dergleichen vermeiden: die Meinung aber, die sie sich von ihm bildete, wenn sie ihn in der Öffentlichkeit und im Privatleben beobachtete, war, daß das leichtfertige Wesen, das von ihm geflohen war, in dem Feverelherzen ihres Bruders leicht wie eine Feder wog, und daß er seine gewohnte Lebensweise wohl wieder aufnehmen werde. Es gibt Zeiten, in denen gewöhnliche Menschen nicht einmal so viel ertragen können. Hippias Feverel, einer seiner Brüder, fand, daß sein Unglück ihn sehr zu seinem Vorteil verändert hätte, wenn man den Verlust einer solchen Person überhaupt als Unglück bezeichnen könnte. Und wenn man in Erwägung zieht, daß Hippias infolge dieses Ereignisses freie Aufnahme in 5 Raynham fand und den Flügel des Schlosses bezog, den sie bewohnt hatte, so gewinnt es an Interesse, seine Gedanken kennen zu lernen. Hätte der Baron zwei oder drei prunkvolle Diners in der großen Halle des Schlosses gegeben, so hätte er die Menge wohl ebenso getäuscht wie seine Verwandten und intimen Freunde. Doch dazu war er zu tief verwundet; er war nur fähig zu passivem Widerstand. Wenn das Kindermädchen nachts erwachte, sah sie, wie eine einsame Gestalt die Lampe über ihrem kleinen Schützling verdunkelte, und gewöhnte sich so sehr an diesen Anblick, daß sie gar nicht mehr erschreckt aufwachte. Eines Nachts wurde sie durch schluchzende Töne seltsam aufgestört. Der Baron stand in seinem langen, schwarzen Mantel und mit seiner Reisemütze auf dem Haupte neben dem Bettchen. Seine Finger beschatteten eine Lampe und leuchteten rot in dem dunkeln Schatten, der zuweilen an der Wand emporkroch. Sie traute kaum ihren Sinnen, als sie den strengen Herrn sah, wie er schweigend Träne auf Träne vergoß. Sie lag wie erstarrt, gebannt von Schrecken und Trauer und zählte mechanisch die fallenden Tränen, – eine nach der andern. Das verhüllte Antlitz, das Fallen und Leuchten der schweren Tropfen in dem Lichte der Lampe, die er hielt, die aufrechte, ehrfurchtgebietende Gestalt, die in regelmäßigen Zwischenräumen – wie durch ein Uhrwerk – durch den leisen, schweren, stockenden Atem bewegt wurde, erschien ihrer armen, menschlichen Natur so mitleiderregend, daß ihr Herz wild zu schlagen begann. »Ach Herr,« rief das arme Mädchen unwillkürlich und fing an zu schluchzen. Sir Austin richtete die Lampe auf ihr Kissen, hieß sie rauh wieder einschlafen und schritt sofort aus dem Zimmer. Am nächsten Morgen entließ er sie mit einem Geldgeschenk. Als der kleine Bursche sieben Jahre alt war, erwachte 6 er einmal in der Nacht, wie sich eine Dame über ihn neigte. Er sprach am folgenden Tage darüber, aber man behandelte es als einen Traum, bis im Laufe des Tages sein Onkel Algernon mit einem gebrochenen Bein von dem Lobourner Kricketplatz nach Hause gebracht wurde. Da erinnerte man sich daran, daß es einen Familiengeist gäbe; zwar glaubte kein Mitglied der Familie an diesen Geist, aber es wollte doch auch niemand ein Ereignis fortleugnen, das sein Vorhandensein beweisen konnte; denn der Besitz eines Familiengeistes ist eine viel größere Auszeichnung als alle Titel. Algernon Feverel verlor sein Bein und nahm seinen Abschied. Von den andern Onkeln des jungen Richard kam Cuthbert, der Seemann, bei einem kühnen Schiffsunternehmen gegen einen mit Sklaven handelnden Negerhäuptling auf dem Niger um. Einige Kriegstrophäen des tapfern Leutnants schmückten die Spielhütte des kleinen Knaben in Raynham, auch sein Schwert vermachte er Richard, dem er wie ein Held erschien. Vivian, der Diplomat und Stutzer, beendete sein Flattern von Blume zu Blume mit einer unpassenden Heirat, wie es schon manchem Stutzer vor ihm ergangen ist, und wurde von der Liste der Besucher gestrichen. Algernon, der gewöhnlich das unbenutzte Stadthaus des Barons bewohnte, war ein unglücklicher Mensch, der seine Zeit zwischen Pferden und Karten teilte und der, wie man ihm nachsagte, die abgeschmackte Ansicht hatte, daß ein Mann, der durch den Verlust eines Beines sein Gleichgewicht eingebüßt hätte, es dadurch wiedererlangen könnte, daß er sich an die Flasche hielt. Wenn er und sein Bruder Hippias zusammenkamen, unterließen sie es wenigstens niemals den Versuch zu machen, ob ein oder zwei Beine der Flasche besser standhielten. Aber wenn Sir Austin auch in seinen Gewohnheiten viel vom 7 Puritaner hatte, so war er doch viel zu gastfrei und vornehm in seiner Gesinnung, um seine Gäste damit zu belästigen. Seine Brüder und andern Verwandten mochten tun was sie wollten, so lange sie ihrem Namen keine Schande machten: trat das ein, so war er mit ihnen fertig, sie durften ihm nicht mehr unter die Augen kommen. Algernon Feverel war ein schlichter Mann und nach seinem Unfall wurde es ihm klar, wovon er vorher vielleicht ein unbestimmtes Gefühl gehabt hatte, daß seine Karriere von seinem Beine abhinge und nun unwiderruflich zu Ende war. Er lehrte den Knaben boxen, schießen und fechten und überwachte mit melancholischem Eifer die Ausbildung seiner physischen Kräfte. Die ihm noch bleibende Energie widmete Algernon der Kritik des Kricketspiels. Er belehrte die ganze Grafschaft darüber und quälte sich mit mühsamen Aufsätzen für Sportzeitungen über den Verfall des Spiels. Algernon war es auch, der von dem ersten Kampfe, den Richard mit dem drei Jahre älteren Tom Blaize von Belthorpe Farm ausfocht, Zeuge und Berichterstatter war. Man hatte Hippias Feverel früher für das Genie der Familie gehalten. Sein Unglück war, daß er einen starken Appetit und einen schwachen Magen hatte, und da ein Mann, der dauernd im Kampfe mit seinen Mahlzeiten liegt, für den Kampf des Lebens nicht sehr geeignet ist, so ließ Hippias die Aussichten, die ihm die Richterlaufbahn bot, im Stich und verfaßte, von seinen Magenbeschwerden sehr in Anspruch genommen, ein gewichtiges Werk über die Feensagen Europas. Er kam mit dem hoffnungsvollen Erben von Raynham nur dann in Berührung, wenn er unter seinen jugendlichen Streichen zu leiden hatte. Eine ehrwürdige Dame, bekannt als Großtante Grantley, eine Erbtante, wohnte mit Hippias in den 8 Hinterzimmern des Hauses und teilte ihre stärkenden Tränkchen mit ihm. Man sah diese beiden selten vor der Dinerstunde, für die sie sich tagsüber vorbereitete und an die sie wahrscheinlich die ganze Nacht über zurückdachten; denn Hippias war ein bewundernswerter Tellerheld und verleugnete seine Jahre, so lange noch eine Schüssel auf dem Tische erschien. Mrs. Doria Forey war die älteste der drei Schwestern des Barons, eine blühende, liebenswürdige Frau mit schönen Zähnen, sehr schönem, hellem, lockigem Haar und einer normannischen Nase. Man sagte ihr nach, daß sie die Männer verstünde, was bei solch praktischen Geschöpfen die Kunst bedeutet, sie zu behandeln. Sie hatte den jüngern Sohn einer vornehmen Familie geheiratet, der gute Aussichten für die Zukunft hatte, aber starb, ehe sich diese erfüllten; und als sie die zukünftigen Chancen ihres einzigen Kindes, ihrer kleinen Tochter Klara, erwog, faßte sie eine Möglichkeit ins Auge. Der weite Blick, die feste Entschlossenheit, die zielbewußte Ausdauer, die ihr Geschlecht besitzt, wenn es sich darum handelt, eine Tochter zu versorgen und einen Mann zu besiegen, veranlaßten sie dazu, sich selbst in Raynham zu Gast zu laden und sich mit ihrer Tochter dort festzusetzen. Die beiden andern Damen der Familie Feverel waren die Frau des Obersten Wentworth und die Witwe des Justice Harley. Das einzig Erwähnenswerte an ihnen war, daß sie Mütter nicht unbedeutender Söhne waren. Austin Wentworths Geschichte war von jener traurigen Art, daß, wenn man sie verstehen und ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen will, sie offen erzählt werden müßte, und so etwas wagt heutzutage niemand mehr. Für einen Jugendstreich, den er ehrenvoll gesühnt hatte, wurde er von der Welt hart verurteilt; nicht um des Fehlers – um der Sühne willen. – »Heiratete 9 das Stubenmädchen seiner Mutter,« flüsterte Mrs. Doria und schauderte voller Abscheu vor diesem jungen Manne mit republikanischer Gesinnung; denn die setzte man bei ihm voraus. »Für die Ungerechtigkeit, die uns widerfährt,« sagt das Manuskript des Pilgers, »finden wir Entschädigung darin, daß wir in dieser dunkeln Prüfung die Würdigsten um uns versammeln.« Und Lady Blandish, die schöne Freundin des Barons, sowie einige andere ehrliche Männer und Frauen stellten Austin Wentworth sehr hoch. Er lebte nicht mit seiner Frau, und Sir Austin, dem die Zukunft des Menschengeschlechts am Herzen lag, machte es ihm zum Vorwurf, daß er der Nachwelt keine Erben gäbe, während Schurken sie bevölkerten. Die Haupteigenschaft des zweiten Neffen Adrian Harley war sein Scharfsinn. Er war durch und durch der weise Jüngling, in Rat und Tat. »Im Kampf des Lebens,« bemerkt das Manuskript des Pilgers, »entscheidet sich die Weisheit nach der Majorität.« Adrian hatte den rechten Instinkt für die Majorität, und da man ihn immer in ihren Reihen sah, gestand man ihm ohne Ironie zu, daß er ein weiser Jüngling sei. Der weise Jüngling hatte also die Welt auf seiner Seite, aber keine Freunde. Er sehnte sich auch nicht nach diesem lästigen Anhängsel des Erfolges. Er brachte es dahin, daß diejenigen Leute seinen Verkehr suchten, die ihm nützen konnten, und daß diejenigen, die ihm hätten schaden können, ihn fürchteten. Nicht daß er ungewöhnliche Mittel angewandt hätte, um sein Ziel zu erreichen, oder daß er Intriguen gewagt hätte. Er verrichtete seine Arbeit so leicht, wie er sein tägliches Brot aß. Adrian war ein Epikuräer, allerdings einer, den Epikur sicherlich aus seinem Garten gepeitscht hätte: er war Epikuräer nach 10 unsern modernen Anschauungen. Seine Neigungen zu befriedigen, ohne seinen Ruf unvorsichtig aufs Spiel zu setzen, war des weisen Jünglings Lebensaufgabe. Er hatte keinen intimen Verkehr außer mit Gibbon und Horaz, und die Gesellschaft dieser feinen Aristokraten der Literatur verhalf ihm dazu, die Menschheit als das anzusehen, was sie war und ist, eine erhabene ironische Prozession mit dem Gelächter der Götter im Hintergrunde. Aber warum nicht auch mit dem Gelächter der Sterblichen? Adrian lachte in seiner behaglichen Ecke. Er besaß die besondern Eigenschaften eines heidnischen Gottes. Er verstand die Menschen zu lenken: er genoß Eleganz, Luxus und Glück auf ihre Kosten. Er lebte in äußerster Selbstzufriedenheit, wie jemand, der in Sonnenschein eingehüllt auf sanften Wolken ruht. Weder Jupiter noch Apollo warfen ihre Blicke auf die irdischen Mädchen mit kühlerem Feuer, oder verfolgten sie im geheimen mit unverletzlicherer Straflosigkeit. Und sein Ruf der Tugendhaftigkeit erhöhte noch sein Vergnügen. Man sagt, daß gestohlene Früchte am süßesten sind; unverdiente Belohnungen sind köstlich. Das beste von allem war, daß Adrian ganz ohne Ansprüche auftrat. Er warb nicht um das günstige Urteil der Welt. Die Natur und er verbargen sich nur unter der gewöhnlichen Maske, die die Menschen tragen, und doch hielt ihn die Welt für ebenso moralisch wie weise und in jeder Beziehung für das angenehme Gegenteil seines in Schande gefallenen Vetters Austin. Kurz gesagt, Adrian Harley beherrschte seine Philosophie in dem jugendlichen Alter von einundzwanzig Jahren. Wie viele wären froh, wenn sie, doppelt so alt, dasselbe von sich sagen könnten, aber diese andern tragen in ihrer Brust eine Last, von der Adrian frei war. Mrs. Doria wußte ungefähr, wie es mit seinem Herzen 11 bestellt war. Ein sonderbares Mißgeschick (wahrscheinlich bei seiner Geburt oder noch vorher) hatte dieses Organ von seinem Platze entfernt und bis in den Magen herabgeschüttelt, wo es viel leichter wog, ja dazu beitrug, ihn anzufeuern und zu ermutigen, immer fröhlich so weiter zu streben. Da es dort herrschte, trat wenig in seinen Weg, das nicht dazu diente, ihm Befriedigung zu gewähren. Schon fing diese Region an bei dem weisen Jüngling etwas hervorzutreten und trug so zu sagen die Fahne seiner philosophischen Grundsätze vor ihm her. Nach dem Diner war er bezaubernd, mit Männern sowohl wie mit Frauen: entzückend sarkastisch, vielleicht ein wenig zu frei in seinem moralischen Ton, aber das mußte man seiner großmütigen Gesinnung zu gute halten, denn sein eigner moralischer Wandel strafte ihn Lügen. Das war Adrian Harley, einer von Sir Austins klugen Lieblingen und aus der Menschheit dazu erwählt, die Erziehung seines Sohnes in Raynham zu überwachen. Adrian war für die Kirche bestimmt gewesen. Er wurde nicht ordiniert, und nachdem er eines Tages eine Unterredung mit dem Baron gehabt hatte, wurde er ein ständiger Bewohner des Schlosses. Sein Vater war gestorben, als der hoffnungsvolle Sohn noch auf der Universität war, und hatte ihm nichts hinterlassen als seine juristischen Neigungen; und so wurde Adriau ein bezahlter Beamter in seines Onkels Haushalt. Ripton Thompson, der Sohn von Sir Austins Rechtsanwalt, ein Knabe ohne besondere charakteristische Merkmale, war gelegentlich Richards Spielgefährte und der einzige Altersgenosse, den er jemals sah. Irgend ein Gefährte war nötig, denn Richard sollte weder die Schule noch die Universität besuchen. Sir Austin hielt die Schulen für verderbt und behauptete, daß väterliche Wachsamkeit dem Jüngling die Schlange so 12 ziemlich fern halten könne, so lange sich nicht Eva ihr zugeselle, eine Periode, die man hinausschieben könne, wie er meinte. Er hatte für seinen Sohn ein System der Erziehung. Wir werden sehen, wie es wirkte.   Zweites Kapitel. Welches zeigt, wie die Schicksalsgöttinnen den vierzehnten Geburtstag dazu ersahen, die Stärke des Systems zu erproben. Die Oktobersonne schien glänzend auf Richards vierzehnten Geburtstag. Die braunen Buchenwälder und goldenen Birken glühten im hellen Sonnenschein. Wolkenbänke türmten sich Hügeln gleich bewegungslos am Horizont nach Westen zu, wo der Wind schlief. Alles versprach einen großen Tag für Raynham, und ein großer Tag wurde es auch, wenn auch anders als man geplant hatte. Schon waren Schießbuden und Kricketzelte auf den Wiesen am Flusse aufgeschlagen, und die jungen Burschen von Bursley und Lobourne zogen in Böten und auf Karren fröhlich zu ihnen hin, einem Tag voll Bier und Ehre entgegenjauchzend, an dem sie sich als heldenhafte Briten von neuem miteinander messen und den frischen Lorbeer einander wieder entreißen konnten. Der ganze Park wimmelte schon von Menschen und hallte wieder von festtäglicher Fröhlichkeit. Sir Austin Feverel, obgleich echter Konservativer, war kein Pfleger seines Wildstandes und konnte leutselig sein, sobald es ihm beliebte, was Sir Miles Papworth auf der andern Seite des Flusses, einem knauserigen Liberalen und Schrecken der Wilddiebe, 13 niemals möglich war. Das halbe Dorf Lobourne zog in Scharen durch die Alleen des Parks. Musikanten und Zigeuner lärmten an den Gittern und verlangten eingelassen zu werden, weiße und schiefergraue Kittel, überragt von feierlichen, breitrandigen Hüten, und dann und wann ein scharlachroter Rock, der noch an alte Landgebräuche erinnerte, belebten die Rasenabhänge nach der Wiese zu. Und unterdessen zog der Stern dieser Festlichkeiten immer weiter und weiter von Raynham fort und verbarg sich in Dunkelheit, sich sowie seinen widerstrebenden Vasallen Ripton, der wiederholt fragte, was sie denn eigentlich vorhätten und wohin sie gingen, und wie spät es schon wäre, und dann meinte, daß die Lobourner Burschen schon nach ihnen rufen und Sir Austin nach ihnen fragen würde, ohne daß seinem Kummer oder seinen Vorstellungen irgend welche Beachtung geschenkt wurde. Denn Richards Vater hatte von ihm verlangt, er solle sich einer ärztlichen Untersuchung unterwerfen, wie ein Knecht, der Soldat werden wollte, und er war sehr zornig. Er floh, als ob er den Gedanken an diese schmachvolle Forderung entfliehen wollte. Endlich fing er an Ripton seine Gefühle mitzuteilen, und dieser behauptete, nur ein Mädchen würde so denken. Das war eine beleidigende Bemerkung, und nachdem sie sich in dem Verwalterhause ein paar Flinten geborgt und Ripton schlecht geschossen hatte, erinnerte sich Richard daran und nannte seinen Freund einen Narren. Dieser fühlte, daß ihm die Umstände wunderbar viel Ähnlichkeit mit einem solchen verliehen, daher warf er den Kopf zurück und erwiderte trotzig: »Das bin ich nicht!« Dieser zornige Widerspruch ärgerte Richard, den Riptons schlechter Schuß und der Verlust der Vögel noch schmerzte, und der der Meinung war, daß er allein der Beleidigte wäre. Er wiederholte daher das 14 verletzende Wort noch einmal und zwar mit stärkerer Betonung. »Du sollst mich nicht so nennen, ob ich es nun bin oder nicht,« erwiderte Ripton und biß sich auf die Lippen. Das fing an persönlich zu werden. Richard zog die Augenbrauen in die Höhe und sah den Trotzbietenden einen Augenblick scharf an, dann tat er ihm kund, daß er ihn sicherlich so nennen würde und nicht abgeneigt wäre, es zwanzigmal hintereinander zu tun. »Versuch es einmal,« erwiderte Ripton, sich auf seinen Füßen wiegend und schnell atmend. Mit einer Ernsthaftigkeit, deren nur Knaben und ähnliche Barbaren fähig sind, wiederholte Richard die Schmähung wirklich zwanzigmal hintereinander, mit zunehmender Stärke, um den Hohn zu vermehren und Eintönigkeit zu vermeiden, während Ripton jedesmal mit dem Kopfe nickte, um der Genauigkeit seines Gefährten gewissermaßen zuzustimmen und seine tiefe Demütigung zu bezeugen. Der Hund, den sie mit hatten, starrte mit einem fragenden Wedeln seines Schwanzes auf diesen außerordentlichen Vorgang. Zwanzigmal regelrecht und bedächtig wiederholte Richard das verhaßte Wort. Bei der zwanzigsten feierlichen Wiederholung der Ripton charakterisierenden Bezeichnung versetzte ihm dieser mit dem Handrücken einen kräftigen Schlag auf den Mund und stellte sich dann sofort zum Boxen zurecht; vielleicht tat es ihm leid, als es geschehen war, denn er war ein gutmütiger Junge, und als Richard den Schlag nur mit einer Verbeugung erwiderte, glaubte er zuweit gegangen zu sein. Er kannte den jungen Herrn noch nicht, mit dem er es zu tun hatte. Richard war außerordentlich kaltblütig. »Wollen wir hier fechten?« sagte er. 15 »Wo es dir paßt,« erwiderte Ripton. »Etwas tiefer im Walde, denke ich. Wir könnten gestört werden.« Und Richard führte mit höflicher Zurückhaltung, die Riptons Kampfesmut etwas abkühlte. Am Saume des Waldes warf Richard Jacke und Weste ab und erwartete ruhig, daß Ripton dasselbe täte. Dieser war erhitzt und aufgeregt; älter und breiter als Richard, hatte er nicht so kräftige Glieder und war weniger gut gebaut. Die Götter als einzige Zeugen des Kampfes konnten sicher gegen ihn wetten. Richard hatte die weiße Kokarde der Feverels angelegt, und etwas in seinem Aussehen zeigte, daß es harter Arbeit bedürfen würde, seinen Stolz zu vernichten. Seine Augenbrauen, die sich nach den Schläfen zu leicht hoben, waren über der geraden, wohlgebauten Nase fest zusammengezogen; seine großen grauen Augen und offenen Nasenflügel, seine festwurzelnden Füße und ein vornehmer Ausdruck von Ruhe und Wachsamkeit gaben das lebensvolle Bild eines jungen Kämpfers. Was Ripton anbetraf, so war er seiner Sache durchaus nicht sicher, und focht im Stile eines Schuljungen: das heißt, er stürmte mit dem Kopf voran auf seinen Feind los und schlug um sich wie eine Windmühle. Er war ein unbeholfener Junge. Wenn er traf, so fühlte man seinen Schlag, aber der Kunst gegenüber war er hilflos. Wenn man ihn mit zugekniffenen Augen keuchend vorstürzen sah, seine Arme schwenkend, während der fällende Schlag gerade dazwischen traf, dann erkannte man, daß er einen Kampf der Verzweiflung kämpfte und es auch wußte. Denn die fürchterliche Aussicht starrte ihm entgegen, daß er, wenn er nachgab, als das gelten mußte, was er zwanzigmal verleumderisch genannt worden war; und er wollte lieber sterben als nachgeben und seine Windmühlenflügel schwingen, bis er umfiel. Der arme Junge, er fiel häufig. Der tapfere Bursche focht um des Scheines 16 willen und unterlag. Die Götter begünstigen immer nur eine Partei. Prinz Turnus war ein tapferer Jüngling, aber Pallas Athene stand ihm nicht zur Seite. Ripton war ein Prachtjunge, aber er verstand nicht die Kunst des Kampfes. Minerva wandte ihm den Rücken. Er konnte – konnte nicht beweisen, daß er kein Narr sei. Wenn man es recht erwägt, so wählte Ripton den einzig möglichen Weg, und wir alle würden es sehr schwer finden, das Gegenteil auf irgend eine andere Art zu beweisen. Ripton wurde immer wieder das Opfer der unfehlbaren Faust seines Gegners, und es traf zu, was er in kurzen Sätzen hervorkeuchte, daß man ihn so lange wie ein Ei schlagen müßte, wenn er gründlich geschlagen sein sollte, und nur ein glücklicher Zwischenfall rettete ihn davor, in diesen Zustand zu geraten. Die Knaben hörten rufende Stimmen und sahen, wie Mr. Morton von Poer Hall und Austin Wentworth sich ihnen näherten. Man blies zum Waffenstillstand, die Jacken wurden aufgenommen, die Flinten geschultert, und fort ging es einträchtiglich durch die Tiefen des Waldes, bis dieser, ein halbes Dutzend Felder und noch eine Lärchenpflanzung hinter ihnen lagen. Als sie anhielten, um Atem zu schöpfen, studierten sie gegenseitig ihre Gesichter. Ripton war sehr entstellt und sah mit seiner natürlichen Kriegsschminke grimmiger aus, als es seinen Gefühlen entsprach. Nichtsdestoweniger stellte er sich auf dem neuen Boden sofort wieder unerschrocken zum Kampfe bereit, und Richard, dessen Zorn nachgelassen hatte, konnte nicht umhin ihn zu fragen, ob er denn wirklich noch nicht genug hätte. »Niemals,« rief der edle Feind. »Sieh mal,« sagte Richard, sich an den gesunden Menschenverstand wendend, »ich bin es müde, dich zu Boden 17 zu schlagen. Ich will zugeben, daß du kein Narr bist, wenn du mir die Hand geben willst.« Ripton zögerte einen Augenblick, um seine Ehre zu Rate zu ziehen, die ihn hieß, die günstige Gelegenheit zu ergreifen. Er streckte die Hand aus. »Da!« und die Jungen schüttelten sich die Hände und waren dicke Freunde. Ripton hatte seine Sache durchgesetzt, und Richard war im Kampfe entschieden am besten fortgekommen. So standen sie gleich. Beide konnten den Sieg beanspruchen, und das war gut für ihre Freundschaft. Ripton wusch sich an einem Bach das Gesicht und kühlte sich die Nase und war nun bereit seinem Freunde zu folgen, wohin er ihn auch führen würde. Sie fuhren fort auf Vögel zu pürschen. Diese zeigten sich auf dem Raynhamer Gebiet besonders schlau und wichen wiederholt den Schüssen der jungen Jäger aus, die sich deshalb auf der Suche nach einer dümmeren Sorte bis auf das Gebiet der Nachbarn begaben, in glücklicher Vergessenheit der Gesetze und Bedingungen für das widerrechtliche Betreten fremden Gebietes, auch ohne daran zu denken, daß sie Wilddieberei betrieben in dem Bereich des bekannten Farmers Blaize, des Freihändlers, der unter dem Schutze der Papworth stand und kein Verehrer des Greifs zwischen den Weizenbündeln war; und der doch dazu bestimmt war, mit Richards Schicksal von Anfang bis zu Ende eng verknüpft zu sein. Farmer Blaize haßte Wilddiebe und besonders die jungen, die das Wildern meist aus Unverschämtheit betrieben. Er hörte, wie die kühnen Schützen rechts und links knallten, und ging hin, um sich die Eindringlinge anzusehen, und als er sah, wie klein sie waren, schwur er, er wolle den Herrchen eine Lehre geben, ob sie nun adlig wären oder nicht. Richard hatte einen wundervollen Fasan 18 heruntergeschossen und triumphierte über seine Beute, als des Farmers gewichtige Gestalt vor ihm auftauchte und mit der rächenden Reitpeitsche knallte. »Gute Jagd gehabt, meine Herren?« begrüßte er sie ironisch. »Habe soeben einen famosen Vogel erlegt,« berichtete Richard strahlend. »So!« Farmer Blaize gab ein warnendes Zeichen mit der Reitgerte. »Lassen Sie mal sehen!« »Erst ›bitte‹ sagen,« warf Ripton ein, der drohenden Anzeichen gegenüber nicht blind war. Farmer Blaize warf den Kopf zurück und lachte grimmig. »Sie soll ich bitten, Herr? Nun, mein Bürschchen, du scheinst dir nicht viel daraus zu machen, wenn du was auf die Nase bekommst. Du siehst schon wie ein alter Wilddieb aus. Ich werde dir sagen, was das heißt.« Er hörte auf zu spotten und kam zur Sache. »Der Vogel gehört mir. Nun gebt ihn mir her und schert euch fort, ihr verdammten jungen Schurken! Ich kenne euch!« Und nun fing er an fürchterlich zu schimpfen und mit Verachtung von den Feverels zu sprechen. Richard riß die Augen auf. »Wenn du Prügel haben willst, dann bleibe da stehen,« fuhr der Farmer wütend fort. »Giles Blaize läßt sich keine Frechheiten gefallen.« »Wir bleiben, wo wir sind,« sagte Richard. »Gut! dann wirst du es auch kriegen, mein Bursche.« Zur Vorbereitung ergriff Farmer Blaize einen Flügel des Vogels, auf welchen sich beide Jungen verzweiflungsvoll stürzten und den sie auch mit Verlust eines Fittichs wieder eroberten. »Nur immer zu,« rief der Farmer. »Du sollst die Peitsche schmecken. Ich lasse mir keine Frechheiten 19 gefallen.« Und herab sauste die mächtige Peitsche, geschickt geschwungen. Die Knaben versuchten mit ihm handgemein zu werden. Er hielt sich von ihnen fern und peitschte unbarmherzig drauf los. Blutig waren die Taten des Farmers Blaize an jenem Tage. Die Knaben krümmten sich, so sehr sie sich auch dagegen sträubten. Es war wie das Winden und Beißen einer grausamen Schlange und trieb ihr junges Blut zur Raserei. Wahrscheinlich fühlten sie die Schande, sich krümmen zu müssen, mehr als die Schmerzen, aber auch der Schmerz war heftig, denn der Farmer schlug zu mit geübtem Arm und meinte nicht genug getan zu haben, bis er ganz außer Atem war, und sein rotes Gesicht flammte. Er hielt inne, und der Überrest des Fasans wurde ihm ins Gesicht geschleudert. »Nimm deinen verfluchten Vogel,« schrie Richard. »Geld, meine Jungen, und mit Zinsen,« brüllte der Farmer und fing wieder an zu schlagen. So schmachvoll der Rückzug war, es blieb ihnen kein andrer Ausweg. Sie beschlossen, das Feld zu räumen. »Hör' mal, du roher Kerl,« Richard schüttelte seine Flinte, heiser vor Leidenschaft. »Ich hätte dich erschossen, wenn ich geladen gehabt hätte, aber kommst du mir in den Weg, du Feigling, wenn ich einen Schuß in der Flinte habe, dann schieße ich.« Die Art dieser Drohung reizte Farmer Blaize aufs neue, und er nahm die Verfolgung zeitig genug auf, um ihnen noch einige Abschiedshiebe beizubringen, während sie mit prallen Hosen auf neutrales Gebiet entwischten. An der Hecke verhandelten sie einen Augenblick. Der Farmer fragte, ob sie genug gegerbt und zufrieden wären, und meinte, wenn sie noch weitere Zahlungen von derselben Art wünschten, möchten sie nur nach Belthorpe Farm kommen, da würden sie es gesalzen bekommen; die Knaben ergingen sich in wütenden Drohungen der Rache, 20 denen der Farmer verächtlich den Rücken kehrte. Ripton hatte schon einen Arm voll Kieselsteinen aufgelesen und freute sich auf ein kleines Gefecht, aber Richard warf sie alle zu Boden und erklärte: »Nein! Herren werfen nicht mit Steinen, überlasse das den Schurken.« »Nur einen Wurf!« bat Ripton mit einem Blick auf die breite Zielscheibe, die der Bauer bot, und ganz berauscht von der plötzlichen Erkenntnis der Vorteile, die sich den leichten Truppengattungen boten im Kampfe mit der schweren Reiterei. »Nein,« sagte Richard gebieterisch, »keine Steine,« und ging schnell weiter. Ripton folgte ihm seufzend. Seines Führers Großmut ging über sein Verständnis. Ein gut gezielter Wurf auf den Bauer wäre für Ripton ein großer Trost gewesen, Richard Feverel hätte es die Schande, die er gezwungen erduldet hatte, nicht gemildert. Ripton war mit der Rute vertraut, und das Ungeheuer hatte durch intime Bekanntschaft viel von seinem Schrecken verloren. Über Birkenfieber war dieser Junge hinaus. Das schreckliche Gefühl der Schande, die Selbstverachtung, den Haß gegen alles und jedes, das ohnmächtige Gefühl der Vernichtung, als ob der Geist in die Abgründe der Hölle getaucht sei, welches einen mutigen und empfindlichen Knaben überkommt, wenn er zum erstenmal diese Bitterkeit des Fleisches fühlt und das erdulden muß, was er als Schändung seiner Ehre empfindet, all das hatte Ripton überstanden und vergessen. Er war trocknes Holz und faßte das Leben weise auf; nicht gleichgültig gegen Züchtigungen, wie es einige Jungen werden, aber auch nicht übertrieben empfindlich für die Schmach, wie es der Freund und Kamerad neben ihm war. Richards Blut war vergiftet. Er fieberte vor Erregung. Er hatte nicht zugeben wollen, daß Steine geworfen wurden, weil es seine Gewohnheit war, es nicht zu 21 billigen. Nur Erwägungen vornehmer Gesinnung waren es nicht gewesen, die Farmer Blaize geschützt hatten, und es waren sicher sehr wenig vornehme Pläne, die in dem Tumult seiner Gedanken geisterhaft auftauchten und nur zurückgewiesen wurden, weil ihre Unausführbarkeit selbst diesem jungen Verstande einleuchtete. Nur eine durchgreifende und alles umfassende Rache für die Beschimpfung würde ihm Befriedigung gewähren. Etwas ganz Ungeheures mußte getan und ohne Aufschub getan werden. Einen Augenblick dachte er daran, alles Vieh des Bauern zu töten, dann ihn selbst zu töten, ihn zum Zweikampf herauszufordern auf Waffen, nach Art der Herren. Aber der Bauer war ein Feigling, er würde die Herausforderung nicht annehmen. Dann wollte er – Richard Feverel – an des Bauern Bett treten und ihn aufrütteln, aufrütteln zum Kampfe mit Pulver und Blei, in den feigen Stunden der Nacht, wo er wohl zittern, aber nicht sich weigern konnte. »Himmel,« rief der einfältige Ripton, während in dem Gehirn seines Freundes diese hoffnungsvollen Pläne aufblitzten und zu augenblicklicher Ausführung drängten, um dann wieder in Dunkelheit zu versinken, weil sie verächtlich erschienen in ihrer Aussichtslosigkeit. »Himmel, wie ich wünschte, du hättest mir erlaubt, ihm eins zu versetzen, Richard! Ich bin ein guter Schütze, ich treffe immer. Ich wäre jetzt ganz vergnügt, wenn ich ihn nur einmal getroffen hätte. Bei dem Spiel wären wir ihm überlegen gewesen. – Du!« plötzlich tauchte ihm ein Gedanke auf, der ihn wieder mehr an zu Hause erinnerte. »Sieht meine Nase eigentlich so schlimm aus, wie er sagt? Wo kann ich mich nur besehen?« Diesen Klagen gegenüber war Richard taub, er trabte ruhig vorwärts, nur ein Ziel im. Auge. Nachdem sie sich durch unzählige Hecken durchgearbeitet 22 hatten, über Zäune geklettert, über Gräben gesprungen und durch Dorngebüsche gedrungen, und schmutzig zerlumpt und müde geworden waren, erwachte Ripton aus seinem Nachsinnen über den Bauer Blaize und eine blaue Nase durch das lebhafte Gefühl des Hungers, das mit Blitzesschnelle bei ihm zunahm, so daß er im Verlauf einer Minute alle Qualen einer Hungersnot durchmachte und es wagte seinen Gebieter zu fragen, wohin er ihn führe. Raynham war nicht mehr zu sehen. Sie waren ein tüchtiges Stück das Tal hinab, Meilen von Lobourne entfernt, in einer Gegend versumpfter Teiche, gelber Bäche, üppiger Weiden und öder Heide. Einsame Krähen waren zu sehen, der Rauch einer Lehmhütte, ein mit Torf beladener Karren, ein behaglich weidender Esel, der von der Unfreundlichkeit der Welt nichts wußte, Gänse, die an einer Pferdeschwemme schnatterten, wie sie es in der ersten Einsamkeit nach Erschaffung der Erde getan haben: alles ungekochte Dinge, die einen verhungernden Jungen unmöglich interessieren konnten und die er verachten mußte. Ripton war in Verzweiflung. »Wohin gehst du?« fragte er mit einer Stimme, die zeigte, daß er zum letzten Male fragte, und blieb entschlossen stehen. – Richard brach nun sein Schweigen, um zu erwidern: »Irgend wohin!« »Irgend wohin!« Ripton wiederholte das mürrische Wort, »aber bist du denn nicht schrecklich hungrig?« Er keuchte heftig, um die vollkommene Leere seines Magens zu zeigen. »Nein,« war Richards kurze Antwort. »Nicht hungrig!« Riptons Erstaunen lieh ihm erhöhten Nachdruck. »Aber du hast doch seit dem Frühstück nichts zu essen gehabt? Nicht hungrig? Ich komme um 23 vor Hunger. Ich fühle ein solches Nagen, ich könnte trockenes Brot und Käse essen!« Richard lachte höhnisch, nicht aus Gründen, die einen Philosophen veranlaßt haben würden, so zu lachen. »Hör' mal,« rief Ripton, »auf jeden Fall sage wenigstens, wo du anhalten wirst?« Richard wandte sich um, im Begriff eine mürrische Antwort zu geben. Das entstellte unglückliche Gesicht, das sein Auge traf, entwaffnete ihn. Die unglückselige Nase des Jungen fing wirklich an, ihre Farbe zu verändern, wenn sie auch noch nicht grade das gefürchtete Blau angenommen hatte. Ihn zu schelten wäre grausam gewesen. Richard erhob sein Haupt, überblickte die Situation und rief aus: »Hier!« ließ sich auf einem dürren Abhang nieder und überließ es Ripton, ihn für einen rätselhaften Menschen zu halten, bei dem jede neue Bewegung schlimmere Verlegenheiten heraufbeschwor.   Drittes Kapitel. Gott oder Teufel. Knaben haben Ehrengesetze und einen ritterlichen Kodex, der nicht niedergeschrieben ist oder förmlich gelehrt wird, den aber alle von selbst verstehen und den die treuen und ehrlichen unter allen Umständen befolgen. Wir dürfen nicht vergessen, daß dieses Lebensalter noch nicht auf der Höhe der Zivilisation steht. Einem Führer nicht folgen, er führe uns, wohin er wolle, einem Unternehmen den Rücken kehren, weil sein Ausgang zweifelhaft erscheint und der augenblickliche Erfolg nur Unbequemlichkeiten mit sich bringt, einen Kameraden unterwegs verlassen und ohne ihn nach Hause gehen: all das 24 würde sich ein tüchtiger Junge niemals zu schulden kommen lassen, wenn es auch allen nur erdenklichen Kummer für ihn im Gefolge hätte. Besser immer noch so, als daß sein eignes Gewissen ihn einen Duckmäuser schelten sollte. Einige Knaben, die sonst tapfer genug sind, lassen sich durch ihr Gewissen nicht beunruhigen, aber Augen und Lippen ihrer Gefährten ersetzen diesen Mangel. Sie quälen sie mit ebenso unaufhörlicher und vielleicht noch schrecklicherer Hartnäckigkeit als die innere Stimme, und wenn die Prüfung nicht sehr schwer und scharf ist, ist das Resultat dasselbe. Der Führer kann sich auf die Folgsamkeit seiner Scharen verlassen; der Kamerad ist auf Treu und Glauben verpflichtet, ihm zu dienen. Ripton Thompson war von Hause aus treu. Der Gedanke, umzukehren und seinen Freund im Stich zu lassen, kam ihm überhaupt gar nicht in den Sinn, so verzweifelt auch seine Lage war, und so sehr auch das Benehmen seines Führers dem eines Tollhäuslers glich. Er erinnerte verschiedene Male daran, daß sie zu spät zum Essen kommen würden. Sein Freund rührte sich nicht. Für ihn schien das Essen keine Bedeutung zu haben. Da lag er, rupfte Gras aus, tätschelte die Nase des alten Hundes und schien gar nicht begreifen zu können, was Hunger wäre. Ripton ging ein halbes Dutzendmal auf und ab und warf sich schließlich neben seinem schweigsamen Freund nieder, in sein Schicksal ergeben. Nun sandte der Zufall, der immer einen bestimmten Zweck im Auge hat, um Sonnenuntergang einen tüchtigen Regenschauer, und die Nässe ließ zwei Fremdlinge auf dem Landwege hinter der Hecke Schutz suchen, vor der die Knaben ruhten. Der eine, ein herumziehender Kesselflicker, spannte seinen bräunlichen Regenschirm auf und steckte seine Pfeife in Brand. Der andre, ein plumper, junger Ackerknecht, war ohne Pfeife und ohne Schutzdach. 25 Sie begrüßten sich mit einem Kopfnicken und fingen an, ihre Ansichten über das Wetter auszutauschen, wie es ihre persönlichen Erfahrungen beeinflußt und ihren Voraussagungen entsprochen hätte. Beide hatten schon gewußt und es auch schon ausgesprochen, daß ein bißchen Regen vor Abend kommen würde, und begrüßten die Nässe daher mit einer gewissen Befriedigung. Dann und wann folgten weitere kurze Bemerkungen, in voller Harmonie mit dem eintönigen Rauschen in der Luft. Von dem Wetter kamen sie auf den Segen des Tabaks: wie er der Freund des armen Mannes wäre, sein Gefährte, sein Trost, sein Labsal, seine Zuflucht am Abend, sein erster Gedanke am Morgen. »Besser als 'ne Frau,« bemerkte schmunzelnd der Kesselflicker, »keine Gardinenpredigten von 'ner Pfeife. Die Pfeife ist kein Zankteufel.« »Das muß wahr sein,« stimmte der andere zu. »Die Pfeife nimmt dir auch am Sonnabend Abend nicht alles Geld weg.« »Nimm eine,« sagte der Kesselflicker und reichte ihm in der Begeisterung des Augenblicks eine rußige, kurze Tonpfeife. Unser Ackerknecht nahm und stopfte aus dem Tabaksbeutel des Kesselflickers und fuhr in seinen Lobpreisungen fort. »'nen Groschen den Tag, und man ist versorgt! Besser als 'ne Frau, ha, ha!« »Und dann kann man sie wieder los werden, wenn man Lust dazu hat,« fügte der Kesselflicker noch hinzu. »Das kann man,« nahm der Landmann das Thema wieder auf, »das kann man, und man will's nicht einmal. Wenigstens in diesem Falle. Ich meine die Pfeife.« »Und,« fuhr der Kesselflicker fort, der ihn vollkommen verstand, »man hat es hinterher nicht zu bereuen.« »Ne, Meister, das hat man nicht! Und dann« – der 26 Landmann zwinkerte mit den Augen, »dann ißt sie auch nicht die Hälfte von allem auf, das tut unsere Pfeife nicht.« Hier machte der ehrliche Ackersmann eine Bewegung, die deutlich zeigte, wie er meinte, den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben, was der Kesselflicker auch anerkannte: und da sie nun so zu sagen den Gegenstand erledigt hatten, nachdem das Beste darüber gesagt worden war, was man darüber sagen konnte, rauchten sie eine Zeitlang schweigend fort bei dem eintönigen Rauschen des Regens. Ripton suchte Trost für seinen elenden Zustand, indem er sie durch die Dornenhecke beobachtete. Er sah, wie der Kesselflicker eine weiße Katze streichelte, sich ab und zu an sie wandte, sie sein Frauchen nannte und sie um ihre Meinung oder Zustimmung fragte, und fand das sehr komisch. Der Ackerknecht hatte sich in seiner vollen Länge ausgestreckt, mit seinen Stiefeln im Regen und seinem Kopf unter den Töpfen des Kesselflickers und rauchte in tiefes Nachdenken versunken. Sie pafften abwechselnd in regelmäßigen Zwischenräumen. Der Kesselflicker war es, der die Unterhaltung wieder aufnahm. »Schlechte Zeiten,« sagte er. »Ja wahrhaftig,« stimmte sein Gefährte zu. »Aber es kommt doch alles wieder in Ordnung,« fuhr der Kesselflicker fort, »was kommt dabei heraus, wenn man Trübsal bläst! Es kommt alles wieder in Ordnung. Ich komme viel herum. Ich habe meine regelmäßige Runde. Erst neulich hatte ich Gelegenheit nach Newcastle zu kommen.« »Kohlen!« rief der Ackerknecht. »Kohlen?« wiederholte der Kesselflicker. »Du willst wahrscheinlich wissen, weshalb ich nach Newcastle kam? 27 Das braucht dich nicht zu kümmern. Man sieht ein schönes Stück Welt in meinem Geschäft. Für Kohlen war es nicht. Und ich tue auch nichts Unnützes. Jedenfalls kam ich dorthin. Nach London wollt' ich. Will mal etwas von der See sehen, sag' ich zu mir, und geh' auf ein Kohlenschiff. Beinahe hätten wir Schiffbruch gehabt, wie der Apostel Paulus.« »Wer ist denn das?« wünschte der andere zu wissen. »Lies du deine Bibel,« erwiderte der Kesselflicker. »Auf und ab ging es: das ist auf der See nicht so wie auf dem Lande, das kann ich dir sagen. Sag dein Gebet, Bob Tiles, denk' ich, denn nun gehen wir unter. Das war 'ne Nacht! Aber Gott kann mehr als der Teufel, und da bin ich, wie du siehst.« Der Ackerknecht drehte sich auf dem Ellenbogen herum und sah ihn gleichgültig an. »Denkst du, das soll eine Lehre sein? Er kann nicht immer mehr als der Teufel, oder ich würde mir nicht die Hacken ablaufen, ohne was zu tun zu finden, und was schlimmer ist, ohne was zu essen zu haben. Ja, siehst du, Glück bleibt Glück, und Unglück ist das Gegenteil davon. Dem Bauer Bollop brennt neulich sein Heuschober runter. Die nächste Nacht brennt ihm die Scheune ab. Was geht er hin und tut? Er geht hin und hängt sich auf, und wir verlieren den Dienst. Da war Gott dem Teufel nicht über, oder ich versteh' die Rechnung nicht.« Der Kesselflicker räusperte sich und meinte, das wäre eine böse Sache. »Eine verdammt böse Sache, darauf will ich schwören,« rief der Ackerknecht. »Nun paß mal auf, da ist noch 'ne verdammte Geschichte. Ich hatte für den Bauer Blaize gedroschen, den Blaize von Belthorpe – eh ich zum Bauer Bollop ging. Dem Blaize fehlen Äpfel. – – Er schwört, daß wir Burschen ihm die Äpfel – stehlen. Ich hab' sie nicht gestohlen. Was geht er 28 hin und tut? Er geht hin und jagt uns fort, mich und noch einen, Hals über Kopf; wir können herumstrolchen und verhungern, was kümmert's ihn. Da konnte Gott auch nicht mehr als der Teufel, sollt' ich denken. Wenigstens so weit ich sehen kann.« Der Kesselflicker schüttelte den Kopf und meinte, das wäre auch eine böse Geschichte. »Und man kann nichts dagegen tun,« fügte der Ackerknecht hinzu. »Es ist schlimm und bleibt schlimm. Aber ich will dir was sagen, Meister. Man muß das Böse heimzahlen.« Er nickte und zwinkerte geheimnisvoll mit den Augen. »Böse Dinge finden so gut ihren Lohn wie ehrliche Arbeit, denke ich. Dem Bollop trage ich nichts nach, aber dem Blaize. In einer trocknen, windigen Nacht möchte ich gern ein Streichholz in seinen Heuschober stecken.« Der Ackerknecht verzog das Gesicht zu einem schurkischen Grinsen. »Man muß ihn zu treffen wissen, den Bauer Blaize, gerade da, wo sein Geldbeutel sitzt. Und dann wird er rufen: ›Ach du mein Gott,‹ ja das wird er tun. Man wird den Blaize nicht unterkriegen, wenn man ihn nicht gerade da trifft, wo der Geldbeutel sitzt.« Der Kesselflicker qualmte heftig und meinte, das hieße ja mit dem Teufel gemeinsame Sache machen. Der Knecht erklärte, daß er das schon wolle, wenn der Bauer Blaize sich zu der andern Seite hielte. Es war ein junger Herr in seiner Nähe, der seine Ansicht teilte. Der hoffnungsvolle Erbe von Raynham hatte halb gezwungen und gleichgültig dem Gespräche zugehört, in welchem ein gewöhnlicher Arbeiter und ein herumziehender Kesselflicker Fragen aufstellten und über die ältesten Theorien von überirdischer Herrschaft und überirdischem Einfluß auf irdische Angelegenheiten diskutierten. Jetzt sprang er auf, zwängte sich durch die Dornenhecke und 29 verlangte von ihnen den nächsten Weg nach Bursley zu erfahren. Der Kesselflicker unter dem Regenschirm war grade bei den Vorbereitungen zum Tee. Er hatte ein Brot herausgeholt, auf das sich Riptons Augen, der noch in der Hecke steckte, gierig richteten. Der Knecht meinte, Bursley wäre noch gut drei Meilen entfernt und noch gute acht Meilen von Lobourne. »Ich gebe dir eine halbe Krone für dein Brot,« sagte Richard zu dem Kesselflicker. »Abgemacht,« meinte der Kesselflicker. »Nicht wahr, Frauchen?« Die Katze erwiderte durch einen Buckel, den sie dem Hunde machte. Die halbe Krone wurde hingeworfen, und Ripton, dem es gerade gelungen war, sich aus der Dornenhecke loszumachen, die stachlig wie ein Igel war, packte das Brot. »Die jungen Herren sind schön ausgehungert, scheint es,« sagte der Kesselflicker zu seinem Gefährten. »Komm, wir wollen ihnen nach, nach Bursley, und bei einem Krug Bier weiter sprechen.« Der Ackerknecht hatte nichts dagegen, und bald folgten sie den beiden Knaben auf dem Wege nach Bursley, während sich von dem westlichen Rand der Regenwolke ein leuchtender Streifen über das herbstliche Land ergoß.   Viertes Kapitel. Brandstiftung. Man hatte das ganze Raynhamer Gebiet nach den verschwundenen Knaben durchsucht, und Sir Austin war sehr ärgerlich und verstimmt. Außer Mr. Wentworth und Mr. Morton hatte sie niemand gesehen. Als der 30 Baron hörte, daß die Knaben fortgelaufen wären, nachdem man sie angerufen hätte, erklärte er ihr Verschwinden für eine rebellische Tat von seiten seines Sohnes. Bei Tische trank er des jungen Erben Gesundheit in unheilbrütendem Schweigen. Aber Adrian Harley stand auf, um die Gesundheit auszubringen. Seine Rede war ein rhetorisches Meisterstück. Er wurde so warm dabei, daß nach ciceronischem Vorbild leblose Dinge Gestalt annahmen und Richards Serviette und leerer Stuhl aufgefordert wurden, in die Fußstapfen seines unvergleichlichen Vaters zu treten und durch ein würdiges Benehmen die Ehre der Feverels aufrecht zu erhalten. Austin Wentworth, den der Soldatentod seines Vaters auch dazu zwang, als Redner aufzutreten, erschien matt nach einer Rede von solcher Grandezza. Aber die Erwiderung, der Dank, den der junge Richard persönlich hätte aussprechen sollen, blieb aus. Adrians Beredsamkeit hatte Stuhl und Serviette nur vorübergehend Leben verliehen. Die Gesellschaft von würdigen Freunden, von Tanten und Onkeln und Vettern der entfernteren Grade war froh, als sie sich von der Tafel erheben und bei Musik und Tee vergnügen konnte. Sir Austin tat sein Äußerstes, um gastfrei und fröhlich zu erscheinen, und forderte seine Gäste auf, zu tanzen. Hätte er sie gebeten, zu lachen, sie hätten ihm auch gehorcht und in ebenso herzlicher Weise. »Wie trübselig,« sagte Mrs. Doria Forey zu dem jungen Kuraten von Lobourne, als der verliebte Automat sich so steif, wie es seinem Berufe zukam, mit ihr im Tanze drehte. »Jemand, der nicht darunter leidet, kann Ihnen kaum beistimmen,« erwiderte er und sonnte sich in ihren Strahlen. »Ach, Sie sind gut!« rief die Dame, »sehen Sie aber 31 meine Klara. Sie will an dem Geburtstage ihres Vetters nur mit ihm tanzen. Was sollen wir tun, um Leben in die Gesellschaft zu bringen?« »Ach, gnädige Frau! Sie können ja nicht für alle tun, was Sie für einen tun,« seufzte der Kurat, und wohin sie sich auch in der Unterhaltung wandte, immer zog er sie mit seidenen Fäden zurück, um seine verliebte Seele vor ihr zu enthüllen. Er war unter den anwesenden Fremden der einzige, der zufrieden war. Die andern hatten Absichten auf den jungen Erben gehabt. Lady Altenbury von Longford hatte ihr höchst vollkommenes Exemplar von Marktware mitgebracht, Lady Juliana Jaye, um sie ihm zum ersten Male vorzustellen, da sie meinte, er hätte nun das Alter erreicht, in dem er ihre schwarzen Augen und ihr keckes Mündchen bewundern und anschmachten würde. Lady Juliana mußte sich mit einem geschniegelten jungen Papworth als Kavalier zufrieden geben, und ihre Mama mußte die Artigkeiten von Sir Miles Papworth über sich ergehen lassen, der über Landwirtschaft und Dampfmaschinen mit ihr sprach, bis ihr ganz schlecht davon ward, und sie ungezogen wurde, um sich vor ihm zu schützen. Lady Blandish, die reizende Witwe, saß mit Adrian allein und amüsierte sich über seine sarkastischen Bemerkungen über die Gesellschaft. Um zehn Uhr war das traurige Fest zu Ende, und die Zimmer waren düster, düster wie die Prophezeiungen, die von den enttäuschten und niedergeschlagenen Gästen in reichem Maße ausgesprochen worden waren, in bezug auf die voraussichtliche Zukunft des hoffnungsvollen Erben. Die kleine Klara küßte ihre Mama, machte dem Kuraten, der sich noch immer nicht trennen konnte, einen Knix und ging zu Bett, wie ein artiges, kleines Mädchen. Sobald die Jungfer sie aber allein gelassen hatte, zog die kleine Klara 32 sich behutsam wieder an. Sie war als gehorsames Kind bekannt. Sie hatte immer die Erlaubnis, das Licht in ihrer Stube eine halbe Stunde brennen zu lassen, weil sie sich im Dunkeln fürchtete. Sie nahm das Licht und schlich auf Zehenspitzen in Richards Zimmer. Kein Richard war da. Sie durchsuchte das ganze Zimmer nach ihm. Eine leichte Bewegung der Gardinen trieb sie eilig wieder durch die Türe und den Korridor entlang in ihr eigenes Schlafzimmer. Sie fürchtete sich nicht, aber ihre Schuldbewußtsein hieß sie auf der Hut sein. Doch bald ging sie wieder unruhig im Korridor auf und ab. Richard hatte das kleine Fräulein mit Geringschätzung behandelt und beleidigt, und man mußte ihn fragen, ob er ein solches Betragen gegen seine Cousine nicht bereute: – ob er auch vergessen hätte, seinen Geburtstagskuß entgegenzunehmen, das wollte man ihn nicht fragen; denn wenn es ihm nicht beliebte von selbst daran zu denken, Fräulein Klara würde ihn niemals daran erinnern; und heute abend würde man ihm zum letzten Male die Gelegenheit zur Versöhnung bieten. So überlegte sie, als sie, auf einem Stuhle sitzend, plötzlich unten in der Halle Richards Stimme hörte, wie er nach seinem Abendessen rief. »Herr Richard ist zurückgekommen,« verkündete der alte Diener Benson. »Nun und?« sagte der Baron. »Er klagt über Hunger,« der Diener stockte mit einem Blick voll Würde und Verachtung. »Gib ihm etwas zu essen.« Der gewichtige Benson stockte noch mehr, als er verkündete, der Knabe habe nach Wein verlangt. So etwas war noch niemals vorgekommen. Sir Austins Augenbrauen zogen sich fast drohend zusammen, aber Adrian meinte, er würde wohl seinen Geburtstag feiern wollen, und eine Flasche Rotwein wurde bewilligt. 33 Die Knaben waren in eine Rebhuhnpastete vertieft, als Adrian in das Zimmer schlenderte. Sie hatten jetzt ihre Rollen getauscht. Richard war aufgeregt und laut. Er brachte mit jedem Glase eine Gesundheit aus, seine Wangen glühten und seine Augen funkelten. Ripton sah sehr nach einem Spitzbuben aus, der vor der Entdeckung zittert; einstweilen schützten ihn aber sein ehrlicher Hunger und die Rebhuhnpastete vor Adrians prüfendem Blick. Adrian erkannte, daß es etwas herauszufinden gäbe, wäre es auch nur Riptons bedenklich aussehende Nase, und setzte sich zu ihnen, um zu hören und zu beobachten. »Gute Jagd gehabt, meine Herren, wie ich annehme?« fing er an, sie zu necken, wodurch er Richard zu einem lauten Gelächter veranlaßte. »Ha, ha! Höre doch, Rip! Gute Jagd, meine Herren? Denkst du noch an den Bauern? Deine Gesundheit, Pfarrer! Unsere Jagd soll noch erst kommen. Wir werden ein Jagdvergnügen erster Güte haben. Wir haben nicht viel Vögel aufzuweisen. Wir schossen nur zum Vergnügen und gaben die Beute den Besitzern zurück. Du liebst Geflügel, Pfarrer? Ripton ist ein unfehlbarer Schütze in dem, was Vetter Austin das Reich des ›Würde-getan-haben‹ und ›Könnte-gewesen-sein‹ nennt. Die Vögel fliegen auf, und Rip schreit: ›Ich habe vergessen zu laden.‹ Oho! Rip! – noch ein Glas Wein? – Laß doch deine Nase in Ruhe. Auf deine Gesundheit, Ripton Thompson! Die Vögel waren nicht rücksichtsvoll genug, auf ihn zu warten, und so siehst du, Pfarrer, es ist ihre Schuld und nicht Rips, daß er dir nicht mindestens ein Dutzend zu Füßen legt. Was habt ihr hier zu Hause getan, Vetter Rady?« »Wir haben Hamlet gespielt in Abwesenheit des Prinzen von Dänemark. Du weißt, mein lieber Junge, ohne dich mußte der Tag langweilig sein.« 34 »Er spricht, doch kann ich seinen Worten trauen? Hart ist sein Lächeln, härter als sein Hohn.« Aus Sandoes Gedichten. Du kennst die Verse, Rady? Warum soll ich nicht Sandoe zitieren? Ich weiß, du hast ihn gern, Rady. Aber es tut mir leid, wenn du mich vermißt hast. Rip und ich haben einen herrlichen Tag gehabt. Wir haben etwas von der Welt kennen gelernt, und ich will dir alles erzählen. Zuerst kommt ein Herr, der eine Büchse für eine Vogelflinte hält. Dann kommt ein Bauer, der alle Leute, Herren und Bettler, von seinem Gebiete fortjagt. Dann kommt ein Kesselflicker und ein Ackersmann, die der Meinung sind, daß Gott und der Teufel immer darum kämpfen, wer das Reich der Erde beherrschen soll. Der Kesselflicker ist für Gott, der Ackersknecht –« »Auf deine Gesundheit, Ricky,« unterbrach ihn Adrian. »Ach, ich vergaß, Pfarrer! Es war nicht böse gemeint, Adrian. Ich erzähle nur wieder, was ich gehört habe.« »Tut nichts, mein lieber Junge,« erwiderte Adrian, »ich weiß sehr gut, daß Zoroaster noch nicht tot ist. Du hast nur bekannten Glaubenssätzen gelauscht. Trinke meinetwegen auf das Wohl der Feueranbeter.« »Auf Zoroasters Wohl denn,« rief Richard. »Höre doch, Rippy? Wir wollen auf die Feueranbeter heut abend trinken, nicht wahr?« Ein fürchterliches, auf ein geheimes Einverständnis deutendes Stirnrunzeln, welches Guy Fawkes nicht zur Unehre gereicht hätte, flog über Riptons plastische Gesichtszüge. Richard lachte laut auf. »Was sagtest du doch vom Feuer, Rippy? Meintest du nicht, es mache Spaß?« Wieder zur Antwort ein schreckliches, Stillschweigen gebietendes Stirnrunzeln von seiten Riptons. Adrian 35 beobachtete die ahnungslosen Jünglinge und wußte, daß sie sich auch unter dem Tische miteinander verständigten. »Sieh mal an,« dachte er, »hat dieser Junge heute zum ersten Male das Leben von der rauhen Seite kennen gelernt, und schon spricht er wie ein alter Praktikus und hat, wenn ich nicht irre, auch so gehandelt. Mein sehr verehrter Vorgesetzter,« damit wandte er sich in Gedanken an Sir Austin, »Brennstoff wird nur gefährlicher, wenn man ihn unterdrückt. Dieser Junge wird die Erde zu verschlingen suchen, wenn er nur erst losgelassen wird, und wird dafür sorgen, daß sein Anteil daran sehr bald so lächerlich aussieht, wie die Reste dieser Wildpastete« – eine Prophezeiung, die Adrian aber für sich behielt. Onkel Algernon humpelte herein, um seinen Neffen zu sehen, ehe er mit dem Abendessen fertig war, und seine gemütlichere Gesellschaft brachte etwas mehr von den Vorgängen ans Licht. »Höre mal, Onkel!« sagte Richard. »Würdest du dich von einem rohen, alten Kerl von Bauern schlagen lassen, ohne es ihm heimzuzahlen?« »Ich nehme an, ich würde seine Höflichkeitsbezeugungen erwidern, mein Junge,« versetzte der Onkel. »Natürlich würdest du es. Und ich auch. Und er soll auch dafür büßen.« Der Junge sah sehr zornig aus, und der Onkel suchte ihn gutmütig zu besänftigen. »Ich habe seinen Sohn geprügelt und ich werde auch ihn prügeln,« sagte Richard und rief nach mehr Wein. »Was, Junge, der alte Blaize war es, der dich so in Zorn brachte?« »Schadet nichts, Onkel!« und der Junge nickte geheimnisvoll. »Sieh da!« Adrian studierte Riptons Gesicht, »er sagt: schadet nichts und verrät sich.« »Haben wir heute gesiegt, Onkel?« 36 »Ja, mein Junge, und wir werden immer siegen, so lange nach den Regeln gespielt wird. Ich bin ihnen noch auf einem Beine überlegen. Natkins und Featherdene sind die einzigen, die was taugen.« »Wir haben gesiegt!« rief Richard, »wir müssen mehr Wein haben und ihre Gesundheit trinken.« Man klingelt und bestellt Wein. Aber sogleich erscheint der gewichtige Benson, um zu melden, daß weitere Zufuhr abgeschnitten wäre. Nur eine Flasche und nicht mehr. Der Kapitän pfiff durch die Zähne, und Adrian zuckte die Achseln. Adrian besorgte aber doch noch eine Flasche, denn es machte ihm Spaß, berauschte Knaben zu beobachten. Trotz seiner Aufgeregtheit war Richard in einem Punkt zurückhaltend, der ihm am meisten am Herzen lag. Er war zu stolz, um zu fragen, wie sein Vater seine Abwesenheit aufgefaßt habe, und brannte doch darauf zu hören, ob er in Ungnade gefallen sei. Er lenkte das Gespräch verschiedene Male darauf hin, aber Algernon und Adrian wichen ihm immer aus. Schließlich, als der Junge den Wunsch äußerte, seinem Vater Gute Nacht zu sagen, mußte ihm Adrian sagen, daß er nach dem Essen direkt zu Bett zu gehen hätte. Richard machte ein langes Gesicht, und seine Ausgelassenheit verließ ihn. Ohne ein weiteres Wort ging er auf sein Zimmer. Adrian gab Sir Austin einen geschickten Bericht von dem Betragen und den Abenteuern seines Sohnes und verweilte besonders bei seinem plötzlichen Verstummen, als er von seines Vaters Entschluß gehört hatte, ihn nicht zu empfangen. Der weise Jüngling sah, daß sein Herr, trotz seiner unbeweglichen Maske, milder gestimmt war und zog sich in sein Schlafzimmer und zu Horaz zurück, während Sir Austin in seinem Studierzimmer blieb. Viele Stunden saß der Baron allein. Das Schloß 37 hatte heute abend nicht seinen gewöhnlichen Besuch von Feverels. Austin Wentworth war Gast in Poer Hall und war nur für eine Stunde herübergekommen. Um Mitternacht lag das Haus in tiefem Schlaf. Sir Austin legte Mantel und Mütze an und nahm die Lampe, um seine regelmäßige Runde zu machen. Er befürchtete nichts besonderes, aber da sein Gemüt niemals ruhig war, hatte er sich selbst zur Schildwache von Raynham gemacht. Er ging an dem Zimmer vorüber, in dem die Großtante Grantley schlief, die Richards Vermögen vermehren und damit den Hauptzweck ihres Lebens erfüllen sollte. An ihrer Türe murmelte er: »Du gutes Wesen, du schläfst in dem Gefühl, deine Pflicht erfüllt zu haben,« und ging weiter, indem er überlegte, wie sie das Geld nicht zu einem Dämon der Zwietracht gemacht hätte, und segnete sie. Vor der Tür, die Hippias' Schlummer bewachte, hatte er auch seine Gedanken, denen die Welt wohl zugestimmt hätte. »Das ist einer, der von einer fixen Idee besessen ist und statt eingesperrt zu sein frei herumläuft und sich anmaßt, den Schlummer der geistig Gesunden zu überwachen,« denkt Adrian Harley, als er Sir Austins Schritte hört, und in der Tat gewährte er einen sonderbaren Anblick. Aber wo ist die Festung, die nicht einen schwachen Punkt hat? wo der Mann, der in jedem Winkel seines Gehirns gesund ist? »Ja,« überlegt sich der ruhende Cyniker, »ist nicht jeder Mutter Sohn mehr oder weniger toll? Günstige Umstände, gute Luft, gute Gesellschaft, zwei oder drei gute Lebensregeln, die man strenge befolgt, bewahren einen vor dem Tollhause. Aber verfällt der Mensch einmal der Leidenschaft, ist dann nicht das Irrenhaus der sicherste Aufenthalt für ihn?« Sir Austin stieg die Treppe hinauf und wandte sich dem Zimmer in dem linken Flügel des Schlosses zu, in 38 dem sein Sohn schlief. Am Ende des Korridors, der dahin führte, entdeckte er ein trübes Licht. Ungewiß, ob es nur eine Einbildung sei, beschleunigte er seinen Schritt. Dieser Flügel hatte von altersher einen schlechten Ruf. Trotz allem, was im Lauf der Jahre geschehen war, um sein Ansehen zu heben, hielt das Küchenpersonal noch an der alten Überlieferung fest und bewahrte gewisse Geschichten von Geistern, die man gesehen und von denen man gehört hatte, sie seien gesehen worden, so daß sein Ruf bei den furchtsamen Gemütern neuer Haus- und Küchenmädchen immer wieder angeschwärzt wurde, und es ihm unmöglich gemacht wurde, sich von seinen Sünden rein zu waschen. Sir Austin hatte von den Erzählungen gehört, die in den Küchenräumen bei den Dienstboten umgingen. Er hielt an seinem Glauben fest, bekämpfte aber den ihren, und es galt in Raynham als Hochverrat, den linken Flügel zu verleumden. Als der Baron weiterging, wurde es ihm klar, daß tatsächlich ein Licht brannte. Einige Stufen brachten ihn in den Durchgang, wo er vor der Türe seines Sohnes eine armselige irdische Kerze brennen sah. In demselben Augenblick schloß sich eilig eine Tür. Er trat in Richards Zimmer. Der Knabe war fort. Das Bett war unberührt, keine Kleider lagen herum, nichts zeigte, daß er am Abend das Zimmer benutzt hätte. Sir Austin fühlte eine unbestimmte Angst. »Ist er in mein Zimmer gegangen, um auf mich zu warten?« dachte sein Vaterherz. Etwas wie eine Träne zitterte in seinen Augen, als er überlegte und hoffte, daß es so sein möchte. Sein eigenes Schlafzimmer lag dem seines Sohnes gegenüber. Er trat mit klopfendem Herzen ein. Es war leer. Die Angst vertrieb den Ärger aus seinem eifersüchtigen Herzen, und die Furcht vor einem Unglück ließ tausend Fragen in ihm aufsteigen, die keine Antwort fanden. Nachdem er in seinem Zimmer auf- und 39 abgegangen war, beschloß er zu dem jungen Thompson zu gehen, wie er Ripton nannte, und ihn zu fragen, was er wüßte. Das Zimmer, das für Ripton Thompson bestimmt war, lag an dem nördlichen Ende des Korridors und hatte die Aussicht nach Lobourne und dem westlichen Tal. Das Bett stand zwischen Fenster und Türe. Sir Austin fand die Türe halb offen und das Zimmer dunkel. Zu seinem Erstaunen zeigte das Licht der Lampe, daß Thompsons Lager auch leer war. Als er sich zurückwandte, schien es ihm, als höre er leises Flüstern in dem Zimmer. Richard und Thompson drückten ihre Köpfe eng aneinander gelegt an das Fenster und sprachen aufgeregt miteinander. Sir Austin lauschte, aber er hörte Reden, die er nicht verstand. Sie sprachen von Feuer und von Aufschub, von Aufregung unter den Bauern, die sie erwarteten; von dem gewaltigen Zorn eines Farmers; von einer an Edelleuten verübten Gewalttat und von Rache; alles Reden, die die Jungen stoßweise hervorbrachten und die wie die zerbrochenen Glieder einer Kette erschienen, deren Zusammenhang man unmöglich finden konnte. Aber sie erweckten Neugierde. Der Baron ließ sich dazu herab, bei seinem Sohne den Spion zu spielen. Über Lobourne und dem Tale lag dunkle Nacht und funkelten unzählige Sterne. »Wie wohl ich mich fühle,« sagte Ripton vom Weine angeregt, und dann nach einer behaglichen Pause, »ich glaube, der Bursche hat sein Goldstück eingesteckt und sich aus dem Staube gemacht.« Richard ließ eine lange Minute verstreichen, ehe er antwortete, und der Baron wartete ängstlich auf seine Stimme, die er kaum erkannte, als er ihren veränderten Ton hörte. 40 »Wenn er das getan hat, werde ich hingehen und es selbst tun.« »Das würdest du?« erwiderte Ripton. – »Donnerwetter! – Höre mal, wenn du zur Schule gegangen wärest, hättest du schöne Streiche gemacht. Vielleicht konnte er die Stelle nicht finden, wo wir die Schachtel hineinsteckten. Ich glaube wirklich, er drückt sich. Beinahe wünschte ich, du hättest es nicht getan. – auf Ehre, wirklich! – Paß auf! was war das? – Das sieht nach etwas aus. – Hör mal, glaubst du, daß sie uns ausfinden werden?« Ripton gab seiner abgebrochenen Frage eine sehr ernste Betonung. »Das kümmert mich nicht,« sagte Richard und richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf Zeichen von Lobourne her. »Ja, aber,« beharrte Ripton, »wenn wir nun doch entdeckt werden?« »Wenn wir entdeckt werden, müssen wir bezahlen.« Sir Austin atmete leichter nach dieser Antwort. Er fing an den Schlüssel zu dem Gespräch zu finden. Sein Sohn war in ein Komplott verwickelt, war vielmehr der Leiter eines Komplotts. Er lauschte, um weitere Aufklärung zu bekommen. »Wie hieß der Bursche?« fragte Ripton. Sein Gefährte antwortete: »Tom Bakewell.« »Ich werde dir mal was sagen,« fuhr Ripton fort, »beim Abendessen hast du die ganze Geschichte deinem Vetter und deinem Onkel gegenüber herausgelassen. – Wie famos Rotwein zu Rebhuhnpastete schmeckt. Ich habe furchtbar viel gegessen! – Sahst du nicht, daß ich dir zuwinkte?« Der junge Materialist fühlte begeisterte Dankbarkeit für seine letzte Labung, und das geringste Wort konnte 41 ihn wieder darauf zurückbringen. Richard antwortete ihm: »Ja, und ich fühlte auch, wie du mich anstießest. Es schadet nichts. Rady ist zuverlässig, und der Onkel schwatzt nicht.« »Nun, meine Absicht ist es, nichts zu verraten. Man ist niemals sicher, wenn man es tut. Ich hatte noch nie so viel Rotwein getrunken« – Riptons Gedanken wanderten wieder, »aber jetzt werde ich, Rotwein ist mein Wein. – Sieh mal, es kann alle Tage herauskommen und dann ist es um uns geschehen,« fügte er ziemlich zusammenhangslos hinzu. Richard beachtete nur den geschäftlichen Teil seiner abschweifenden Reden und antwortete: »Wenn wir entdeckt werden, so hast du nichts damit zu tun.« »Nicht, natürlich habe ich. Ich habe zwar die Schachtel nicht hineingesteckt, aber ich bin ein Mitschuldiger, das ist klar. Und außerdem,« fügte Ripton hinzu, »denkst du. ich werde es zulassen, daß du alles auf deine Schultern nimmst? So ein Kerl bin ich nicht, Ricky, das kann ich dir sagen.« Sir Austin fing an, sich eine bessere Meinung von Thompson zu bilden. Es schien aber eine abscheuliche Verschwörung zu sein, und das veränderte Wesen seines Sohnes machte ihm großen Eindruck. Er war nicht mehr der Knabe von gestern. Sir Austin schien es, als hätte sich plötzlich eine Kluft zwischen ihnen aufgetan. Der Knabe hatte sich eingeschifft und schwamm auf den Wassern des Lebens in seinem eigenen Fahrzeuge. Es war vergebens ihn zurückzurufen, und ebenso vergeblich der Versuch, den unwiderruflichen Urteilsspruch der Zeit aufzuheben. Dieser Knabe, für den er Nacht für Nacht in Inbrunst und Demut zu Gott gebetet hatte, war jetzt 42 von Gefahren umgeben, Versuchungen stürmten auf ihn ein, und der Teufel steuerte das Fahrzeug. Wenn ein Tag so viel vermochte, was würden die Jahre tun? Waren die Gebete und die Wachsamkeit, die er auf ihn verwendet hatte, von keinem Nutzen? Ein Gefühl unendlicher Trauer überkam den armen Mann, ein Gefühl, als ob er um diesen geliebten Sohn mit dem Schicksal kämpfte. Er war halb und halb geneigt, die beiden Verschwörer sofort zu verhaften, um ihnen Gelegenheit zur Beichte und Absolution zu geben; aber dann schien es ihm doch besser, weiter im geheimen über seinem Sohne zu wachen: Sir Austins altes System gewann die Oberhand. Adrian charakterisierte das System richtig, wenn er sagte, Sir Austin wolle für seinen Sohn die Vorsehung spielen. Wenn unermeßliche Liebe auch vollkommene Weisheit wäre, dann könnte ein menschliches Wesen beinahe die Vorsehung verkörpern für ein anderes. Ach, die Liebe, göttlich wie sie ist, kann nicht mehr tun, als das Haus erleuchten, das sie bewohnt, sie muß sich seiner Gestalt anpassen, muß das Gefühl für seine Enge manchmal noch verschärfen, kann die lebenslangen Einwohner in den oberen und unteren Stockwerken wohl vergeistigen, aber nicht vertreiben. Sir Austin beschloß zu schweigen. Noch lag das Tal schwarz unter dem hohen herbstlichen Himmel, und die Ausrufe der Knaben wurden fieberhaft und aufgeregt. Ab und zu behauptete einer, er hätte ein Funkeln gesehen in der Richtung, die ihren Erwartungen entsprach. Wieder wurde das Funkeln angekündigt. Beide Jungen sprangen auf die Füße. Jetzt blitzte es wirklich auf in der erwarteten Richtung. »Er hat es getan,« rief Richard in großer Erregung. 43 »Nun wird der alte Blaize bald blasen, Rip. Ich hoffe, er schläft.« »Sicherlich schnarcht er! Sieh hin! Es faßt schnell genug Feuer. Es ist trocken! Der wird brennen. – Höre mal,« Ripton nahm wieder seinen ernsthaften Ton an, »glaubst du, sie werden jemals Verdacht auf uns haben?« »Was schadet's? Dann müssen wir es aushalten.« »Natürlich müssen wir es. Aber ich wünschte, du hättest sie nicht auf die Spur gebracht. Ich sehe so gerne unschuldig aus, und das kann ich nicht, wenn ich weiß, daß die Leute Verdacht haben. Himmel! Sieh bloß, wie es jetzt anfängt aufzulodern!« Das Besitztum des Bauern fing in der Tat an, sich in dunkeln Schatten abzuheben. »Ich will mein Fernrohr holen,« rief Richard. Aber Ripton, der nicht gerne allein bleiben wollte, hielt ihn fest. »Nein, gehe nicht, dann verlierst du das Beste von der Sache. Ich werde das Fenster aufmachen, dann können wir sehen.« Das Fenster wurde aufgestoßen und beide Knaben hingen sich weit hinaus; Ripton schien die aufsteigenden Flammen mit dem Munde zu verschlingen, Richard mit den Augen. Dunkel und unbeweglich, einer Statue gleich, stand die Gestalt des Barons hinter ihnen. Der Wind war schwach. Dichte Rauchmassen hingen zwischen den aufzüngelnden Feuerschlangen, und ein unheilvolles, rotes Licht ruhte auf den nahen Bäumen. Keine Gestalten waren zu sehen. Augenscheinlich fanden die Flammen gar keinen Widerstand, denn sie machten schreckliche Fortschritte in der Dunkelheit. »Ach,« rief Richard ganz überwältigt von seiner 44 Aufregung, »wenn ich nur mein Fernrohr hätte. Wir müssen es haben. Laß mich gehen und es holen. Ich will es.« Die Knaben kämpften, und Sir Austin trat zurück. Als er das tat, hörte er einen Schrei auf dem Korridor. Er eilte hinaus, schloß die Türe und fand die kleine Klara, die besinnungslos auf der Erde lag.   Fünftes Kapitel. Adrian wirft seine Angel aus. An dem Morgen nach dieser Nacht gab es viel zu erzählen zwischen Raynham und Lobourne. Im Dorfe erzählte man sich, daß dem Farmer Blaize auf Belthorpe Farm ein Heuschober von Schurkenhänden angezündet worden wäre; seine Ställe hätten Feuer gefangen, es hätte nicht viel gefehlt, so wäre er selbst lebendig verbrannt, bei dem Versuch sein Vieh zu retten, von dem viel in den Flammen umgekommen war. Raynham dagegen konnte von einem wirklichen Gespenst berichten, das Fräulein Klara in dem linken Flügel des Schlosses gesehen habe, dem Geist einer Frau in dunkeln Trauergewändern, mit einer Narbe auf der Stirn und einem blutigen Tuch auf der Brust, schrecklich anzusehen! Kein Wunder, daß das Kind bis auf den Tod erschrocken in einem traurigen Zustand dalag und man auf die Ankunft der Londoner Ärzte wartete. Man erzählte weiter, daß sämtliche Dienstboten gedroht hätten, das Schloß zu verlassen, und daß Sir Austin, wie es einem Herrn zukäme, versprochen hätte, um sie zu beruhigen, den ganzen linken Flügel niederreißen zu lassen; denn kein anständiger Mensch – so sagte Lobourne – könnte in einem Hause leben, in dem es spuke. Diesmal enthielten die Gerüchte ein Körnchen mehr 45 Wahrheit als gewöhnlich. Die arme kleine Klara war krank, und das Unglück, das den Farmer Blaize mit dem Heuschober betroffen hatte, war nicht sehr übertrieben geschildert worden. Sir Austin verlangte, daß man ihm beim Frühstück einen Bericht darüber gäbe, und schien so sehr zu wünschen, genau über die Ausdehnung des Schadens unterrichtet zu werden, daß der gewichtige Benson nach dem Dorfe hinunterging, um den Schauplatz in Augenschein zu nehmen. Benson kam zurück, und auf Adrians boshaftes Anstiften gab er einen schriftlichen Bericht über die Katastrophe, in dem die Beinkleider des Farmers eine Rolle spielten und gewisse kühlende Mittel, die man auf einen Teil seines Körpers hatte anwenden müssen. Sir Austin las den Bericht durch, ohne zu lächeln. Er nahm auch Veranlassung, ihn in Gegenwart der Knaben vorlesen zu lassen, die sehr ehrbar zuhörten, als ob es sich um einen gewöhnlichen Zeitungsartikel handelte; nur als der Bericht das besondere Kleidungsstück erwähnte, das durch das Feuer gelitten hatte, und die ungewöhnlich traurige Lage des Farmers schilderte, die ihn ans Bett fesselte, bekam Ripton unpassenderweise das Niesen, und Richard biß sich auf die Lippen und brach in ein lautes Gelächter aus, in das Ripton einstimmte, ohne sich um etwaige Folgen zu kümmern. »Ich hoffe, du hast Mitleid mit dem armen Manne,« sagte Sir Austin in etwas strengem Tone zu Richard. Er sah keine Spur von Gefühl. Es war eine schwere Aufgabe für Sir Austin, dem hoffnungsvollen Erben gegenüber seine gewöhnliche Fassung zu bewahren, da er wußte, daß er Mitschuldiger bei einer Brandstiftung war, und annahm, daß die Tat nicht herausgefordert und nur im Übermut begangen worden wäre. Aber er mußte so handeln, um seinen Sohn auf die Probe stellen zu können. Es mag auch nicht 46 unerwähnt bleiben, daß der Baron sich geschmeichelt fühlte, um seines Sohnes Geheimnis zu wissen. Es war ihm dadurch möglich, als Vorsehung zu handeln und gewissermaßen auch so zu fühlen; es setzte ihn instand zu beobachten und im voraus Anstalten zu treffen gegen die Handlungen der noch Uneingeweihten. Er behandelte deshalb den Jungen wie gewöhnlich, und Richard sah keine Veränderung in seinem Vater, die ihm die Vermutung erwecken konnte, daß man Verdacht gegen ihn hegte. Schwerer war sein Spiel mit Adrian. Adrian jagte nicht und fischte nicht. Freiwillig tat er nichts, um sich von dem verderblichen Nerven-Fluidum zu befreien, oder was es sonst sein mag, das in der Natur des Menschen liegt; so war es nicht wahrscheinlich, daß die beiden jugendlichen Verbrecher, die in seiner Macht waren, die sanfte Hand der Barmherzigkeit spüren würden; und Richard und Ripton mußten für manche Forelle und manches Rebhuhn büßen, die Adrian verschont hatte. Es verging kein Augenblick am Tage, an dem Ripton nicht in Angstschweiß geriet, wenn bei einer gelegentlichen Bemerkung oder Botschaft Adrians die Entdeckung unmittelbar bevorstehend schien. Er war wie ein Fisch mit dem Angelhaken im Kiemen, der auf geheimnisvolle Weise gefangen war, ohne angebissen zu haben; und in welche Tiefen er auch untertauchen mochte, er verlor nie das Gefühl, daß es eine starke Gewalt gab, die ihn immer wieder zwang, an der Oberfläche zu erscheinen, und der er sich unweigerlich nähern mußte, sobald die Glocke zum Mittagessen rief. Hierbei drehte sich das Gespräch ausschließlich um Farmer Blaize. Wenn man im Begriff war, den Gegenstand fallen zu lassen, lenkte Adrian das Gespräch immer wieder darauf zurück, und die liebevolle Art, mit der er Ripton dabei behandelte, glich der Kunst eines Fischers, 47 der eine Zeitlang mit der Forelle spielt, um seine Beute dann schließlich der Welt vorzuführen. Sir Austin beobachtete die Manöver und bewunderte Adrians Schlauheit. Aber er mußte der Entfaltung dieser natürlichen juristischen Veranlagung einen Zügel anlegen, denn das andauernde versteckte Aushorchen fing an verderblich auf Richard zu wirken. Auch dieser Fisch fühlte den Haken in seinem Kiemen, hatte aber mehr die Natur des Hechtes und schwamm in andern Gewässern, in denen es galt, sich um alte Baumstumpfe und schwarze Wurzeln herumzuwinden, und in denen man dem starken Reißen sowohl wie dem sanften Anziehen Trotz bieten konnte. Mit andern Worten – Richard gab Anzeichen davon, daß er seine Zuflucht im Lügen suchte. »Du kennst ja das Terrain, mein lieber Junge,« bemerkte Adrian ihm gegenüber. »Sag mir doch, würdest du es für leicht halten, sich dem Heuschober unbemerkt zu nähern? Ich höre, daß man auf einen von dem Farmer fortgejagten Arbeiter Verdacht habe.« »Ich kann dich versichern, ich kenne das Terrain nicht,« antwortete Richard mürrisch. »Nicht?« Adrian heuchelte höfliches Erstaunen. »Ich meinte Thompson verstanden zu haben, daß ihr noch gestern dort wart?« Ripton, sehr froh darüber, daß er die Wahrheit sprechen konnte, beeilte sich, Adrian zu versichern, daß er es nicht gewesen wäre, der das gesagt hätte. »Nicht? Aber ihr hattet doch gute Jagd, nicht wahr?« »O ja,« murmelten die unglücklichen Opfer, tief errötend, da der leichte Anklang an bäurischen Ton, mit dem Adrian sprach, sie an die erste Anrede des Farmers erinnerte. »Ich glaube, ihr gehörtet letzte Nacht auch zu den Feueranbetern?« fuhr Adrian beharrlich fort. »Ich höre, 48 daß man in einigen Gegenden am besten zur Nachtzeit jagt und das Wild mit Fackeln auftreibt. Es muß ein schöner Anblick sein. Überhaupt wäre es doch auf dem Lande sehr langweilig, wenn nicht irgend ein Galgenstrick dann und wann für eine kleine Feuersbrunst sorgen würde. Natürlich wißt ihr ja, daß es eine ziemlich ernste Sache ist, nicht wahr? Bei uns sind ja überhaupt die Landleute immer die Lieblinge der Gesetze. – Traft ihr nicht gestern,« fuhr er dann fort, als wenn er sich einem neuen Gegenstande zuwenden wollte, »traft ihr nicht gestern auf euren Entdeckungsreisen zwei Landstreicher, die auch Feueranbeter waren? Wenn ich erster Gerichtsbeamter der Grafschaft wäre, wie Sir Miles Papworth, würde sich mein Verdacht sofort auf die Leute richten. Ein Kesselflicker und ein Ackersmann denke ich, sagten Sie, Mr. Thompson? Nicht? – Nun denn wohl zwei Ackersleute?« »Eher zwei Kesselflicker,« sagte Richard. »Ach, wenn du meinst, es war kein Ackersmann, dann war es wohl einer, der keine Stelle hatte?« Ripton stammelte unter Adrians unbarmherzigem Blick eine bejahende Anwort. »Der Kesselflicker oder der Ackersmann?« »Der Ackers – – –,« der offenherzige Ripton blickte auf, als ob er sich Mut machen wollte, die Wahrheit zu sagen, und als er sah, was für ein finsteres Gesicht ihm Richard machte, verschluckte er die andere Hälfte des Wortes. »Der Ackersmann also,« fuhr Adrian fröhlich fort. »Wir haben also einen Ackersmann ohne Stellung. Auf der einen Seite ein Ackersmann ohne Stellung, auf der andern ein in Brand gesteckter Heuschober. Das Anzünden eines Heuschobers ist ein Racheakt, und ein entlassener Ackersmann ist ein rachsüchtiges Tier. Der 49 Schober und der Ackersmann werden einander gegenübergestellt. Das Motiv der Tat ist festgestellt, wir haben nur noch ihre räumliche Nähe zu einer bestimmten Stunde zu beweisen, und unser Ackersmann reist über das Meer.« »Steht Deportation auf Brandstiftung?« fragte Richard entsetzt. Adrians Rede nahm einen feierlichen Ton an: »Die Haare werden abgeschoren, Handschellen angelegt. Die Kost besteht aus saurem Brot und Käserinden. Man arbeitet zu zwanzig oder dreißig an einer Kette. Deportation wird dem Verbrecher mit einem großen D auf den Rücken gebrannt. Theologische Schriften sind die einzige literarische Erholung, die man zur Belohnung für gutes Betragen erhält. Stelle dir einmal das Schicksal dieses armen Burschen vor, und was er sich durch einen Akt der Rache zugezogen hat. Weißt du, wie er heißt?« »Wie sollte ich das wissen,« sagte Richard mit einem Versuch unschuldig zu erscheinen, der einen peinlichen Eindruck machte. Sir Austin meinte, man würde es wohl bald erfahren, und Adrian sah ein, daß er aufhören müsse, seine Schnur anzuziehen, wunderte sich aber, daß der Baron blind erschien gegen das, was doch so klar war. Er wollte nicht darüber sprechen, das hätte für die Zukunft seinem Einfluß auf Richard geschadet, er wünschte aber Anerkennung seines Scharfsinns und seiner hingebenden Pflichterfüllung. Die Knaben standen vom Tisch auf und nach langer Beratung kamen sie zum Entschluß, wie sie ihr ferneres Benehmen einrichten wollten. Sie wollten ihr Mitleid mit Farmer Blaize laut aussprechen und sich in ihrem Benehmen so weit wie möglich nach der Menge richten, so weit wie es zwei solche Übeltäter konnten, von denen 50 einem Adrians Feuerzeichen schon mit dem Grimm des prometheischen Adlers am Rücken fraß und ihn für immer von der menschlichen Gesellschaft ausschloß. Adrian genoß mit Vergnügen ihre neue Taktik und brachte sie dazu, lang und breit ihr Mitgefühl mit Farmer Blaize auszusprechen. Was sie auch tun mochten, der Angelhaken saß in ihren Kiemen. Unter der Peitsche des Bauern hatte sich ihr Körper krümmen müssen, wie viel mehr litten sie unter den seelischen Qualen, denen Adrians Behandlung sie aussetzte. Ripton verwandelte sich rasch in einen Feigling und Richard in einen Lügner, als am nächsten Morgen Austin Wentworth von Poer Hall herüberkam und die Nachricht brachte, daß ein gewisser Thomas Bakewell, ein Landmann, unter dem Verdacht der Brandstiftung festgenommen und in das Gefängnis gebracht worden wäre, wo er warten müßte, bis es Sir Miles Papworth beliebte, über ihn zu Gericht zu sitzen. Austins Blick ruhte auf Richard, als er diese schreckliche Nachricht verkündete. Der hoffnungsvolle Erbe erwiderte den Blick vollkommen ruhig und hatte sogar die Geistesgegenwart, Ripton nicht anzusehen.   Sechstes Kapitel. Jugendliche Strategen. Sobald sie entwischen konnten, begaben sich die Jungen in eine dunkle Ecke des Parks, um über ihre verzweifelte Lage zu beraten. »Was in aller Welt sollen wir jetzt nur tun?« fragte Ripton seinen Führer. Kein vom Feuer eingeschlossener Skorpion war je in einem schrecklicheren Gefängnis als der arme Ripton. Das 51 tobende Element, das er selbst geholfen hatte zu entzünden, schien von Minute zu Minute engere Kreise um ihn zu ziehen. »Es gibt nur einen Ausweg,« sagte Richard, aus seinem Nachsinnen auffahrend und die Arme entschlossen kreuzend. Sein Gefährte war äußerst begierig zu erfahren, was für ein Ausweg das sein könnte. Richard blickte starr auf einen Kieselstein und erwiderte: »Wir müssen den Burschen aus dem Gefängnis befreien.« Ripton blickte in äußerstem Erstaunen auf seinen Freund. »Aber mein lieber Ricky, wie sollen wir das tun?« Richard starrte noch immer auf die Kieselsteine und erwiderte: »Wir müssen eine Feile und einen Strick zu ihm hineinbringen. Es ist möglich, sage ich dir. Es ist mir ganz gleich, wie viel ich dafür zahle, es ist mir ganz gleich, was ich dazu tue. Er muß heraus.« »Zum Teufel mit dem alten Blaize!« rief Ripton, nahm seine Mütze ab und trocknete sich die Stirn. Wieder erhielt er einen scharfen Verweis von seinem Freunde. »Laß jetzt den alten Blaize zufrieden. Du sprichst davon, daß ich uns verraten hätte. Und was tust du? Ich schäme mich deiner! Du sprichst von Robin Hood und König Richard! Du hast ja nicht einen Funken von Courage. Du verrätst dich ja in jeder Minute des Tages. Sobald Rady anfängt zu sprechen, zuckst du zusammen. Ich sehe, wie der Schweiß dir herunterläuft. Fürchtest du dich denn? – Und dann widersprichst du dir immer. Du bleibst nie bei einer Geschichte. Nun höre auf mich. Wir müssen alles wagen, um ihn herauszubekommen. Vergiß das nicht. Und dann bleibe Adrian 52 fern, so viel du kannst. Und erzähle immer dieselbe Geschichte.« Mit diesen weisen Befehlen schickte der junge Führer seinen Mitschuldigen fort, um das Gefängnis zu untersuchen, wo Tom Bakewell lag und über die Folgen seufzte, die sein Gespräch über Gott und Teufel gehabt hatte. In Lobourne hatte Austin Wentworth den Ruf, ein Freund des armen Mannes zu sein. Als Frau Bakewell, Toms Mutter, von ihres Sohnes Gefangennahme hörte, war sie zu ihm geeilt, um ihn zu trösten und ihm alle Hilfe zu gewähren, die in ihrer Macht stand; und das waren nur Seufzer und Tränen und: »Ach mein Himmel!« was den armen Tom nur beunruhigte. Er bat, man sollte doch einen so unglücklichen Burschen wie ihn sich selbst überlassen und ihm nicht noch das Gefühl erwecken, ein ganz abgefeimter Schurke zu sein. Worauf Mutter Bakewell ihn bat, Mut zu fassen, es würde auch ein rechter Tröster zu ihm kommen. »Und wenn er auch ein Herr ist, der zu dir kommen will, Tom, – denn er hat noch keinem armen Menschen etwas abgeschlagen,« sagte Frau Bakewell, »so ist er doch ein wahrer Christ, Tom! und Gott mag wissen, ob sein Anblick dich nicht retten wird, denn er ist wie ein Licht zu sehen und wie eine Predigt zu hören, das ist er.« Tom war nicht sehr eingenommen von der Aussicht auf eine Predigt und sah mürrisch genug aus, als Austin in seine Zelle trat. Er war überrascht, als er sich, nach Verlauf von einer halben Stunde, in einer unbefangnen Unterhaltung mit einem Herrn befand, der sich als Christ und Mitmensch zeigte. Als Austin sich zum Gehen erhob, bat Tom um die Erlaubnis, ihm die Hand schütteln zu dürfen. 53 »Sagen Sie dem jungen Herrn auf dem Schlosse, daß ich kein Petzer bin. Er wird schon verstehen. Er ist ein junger Herr, der jeden Menschen dazu bringen kann, zu tun, was er will. Er ist ein fürchterlich wilder, junger Herr! Und ich bin ein Esel. Das ist es. Aber ich bin kein Schurke. Sagen Sie ihm das, Herr.« So kam es, daß Austin den jungen Richard scharf ansah, während er in Raynham die Neuigkeit erzählte. Der Knabe fürchtete Austin mehr als Adrian. Warum, wußte er selbst nicht, aber er machte es Austin schwer, ihn allein zu treffen, und als Austin ihn traf, wurde er sogleich verstockt. Austin war nicht klug wie Adrian, er erriet selten andrer Leute Gedanken und ging immer graden Wegs auf sein Ziel los. So, statt auf den Busch zu klopfen, die Wachsamkeit des Knaben zu erregen und ihn bis zum Äußersten, zum Lügen, zu bringen, sagte er nur: »Tom Bakewell läßt dir sagen, daß er dich nicht verpetzen wird,« und ließ ihn dann allein. Richard teilte Ripton die Nachricht mit, der laut erklärte, daß Tom ein famoser Kerl wäre. »Er soll nicht darunter leiden,« sagte Richard und plante ein dickeres Seil und eine schärfere Feile. »Aber wird dein Vetter uns verraten?« war Riptons Erwägung. »Der!« Richards Lippen verzogen sich verächtlich. »Ein Knecht weigert sich zu petzen, und du fragst, ob einer aus unserer Familie es tun wird?« Ripton erhielt wieder einmal einen Vorwurf in dieser Angelegenheit. Die Knaben hatten die äußeren Mauern des Gefängnisses untersucht und kamen zu der Überzeugung, daß sich Toms Befreiung bewerkstelligen ließe, wenn Tom Mut hätte und man ihm Strick und Feile auf irgend eine Weise zustecken könnte. Aber um dieses zu tun, mußte 54 irgend jemand Zutritt zu der Zelle erlangen, und wen sollten sie ins Vertrauen ziehen? »Versuch es mit deinem Vetter,« schlug Ripton nach langen Beratungen vor. Richard wünschte lachend zu erfahren, ob er vielleicht Adrian meine. »Nein, nein,« versicherte Ripton eiligst, »Austin.« Denselben Gedanken hatte Richard auch schon erwogen. »Laß uns zuerst den Strick und die Feile besorgen,« sagte er, und sie gingen nach Bursley, um die Werkzeuge einzukaufen, mit welchen sie den Gesetzen Trotz bieten wollten. Ripton kaufte die Feile in einem Laden, und Richard den Strick in einem andern, mit so meisterhafter List führten sie ihre Pläne aus, um jeder Möglichkeit einer Entdeckung vorzubeugen. Um nun ganz sicher zu gehen, zog sich Richard in einem Walde, in der Nähe von Bursley, bis aufs Hemd aus, wand sich den Strick um seinen Körper, und kostete so die Qualen der Anachoreten und büßenden Mönche, damit nur nichts versäumt würde, um Toms Befreiung zu sichern. Sir Austin sah die Spuren bei Nacht, als sein Sohn schlief, durch das halb offen stehende Nachtgewand. Nach all ihren Plänen und Mühen war es ein harter Schlag, als Austin Wentworth sich weigerte, das Amt zu übernehmen, das die Knaben ihm mit solchem Eifer aufbürden wollten. Die Zeit drängte. In wenigen Tagen würde der arme Tom dem fürchterlichen Sir Miles gegenübergestellt und verurteilt werden, denn Gerüchte gingen durch Lobourne, daß man ihn durch überwältigende Beweise überführen könnte, und Farmer Blaizes Zorn war nicht zu besänftigen. Wieder und wieder bat Richard seinen Vetter, Tom von der Schande zu befreien und ihm in dieser äußersten Gefahr beizustehen. Austin lächelte nur. »Sie prägt sich am tiefsten ein,« sagte Austin, »aber ob er Gutes oder Böses daraus lernen wird, das ist die Frage.« 55 »Mein lieber Ricky,« sagte er, »es gibt zwei Wege, einer Verlegenheit zu entgehen, einen langen und einen kurzen. Wenn du den Umweg vergeblich versucht hast, so komm zu mir, ich werde dir den geraden Weg zeigen.« Richards Gedanken waren so ausschließlich auf den Umweg gerichtet, daß er in diesem Rat nur leere Worte sah, und bei Austins unfreundlicher Weigerung mit den Zähnen knirschte. In letzter Stunde machte er Ripton die Mitteilung, daß sie es selbst tun müßten, und Ripton willigte schweren Herzens ein. Am Vorabend des Tages, an dem Tom verurteilt war, vor seinem Richter zu erscheinen, hatte Frau Bakewell eine Unterredung mit Austin, der darauf sofort nach Raynham ging, um Adrians Rat einzuholen, was sie nun tun sollten. Ein homerisches Gelächter war alles, was er von Adrian erlangte, als dieser von den Taten der verzweifelten Jungen hörte. Wie sie Frau Bakewells Laden, den kleinsten aller Kramläden, betreten und Tee, Zucker und Stearinlichte gekauft hätten und allerhand Süßigkeiten, bis kein Kunde mehr in dem Laden war; wie sie Frau Bakewell dann eiligst ins Hinterzimmer gezogen hätten, wo Richard sein Hemd aufgerissen und den um seinen Körper gewundenen Strick enthüllt hätte; wie Ripton aus den Windungen und Schlupfwinkeln seiner Tasche die Spitze einer Feile hätte erscheinen lassen; wie sie der erstaunten Frau dann erzählt hätten, daß dieser selbe Strick und diese Feile Werkzeuge wären zur Befreiung ihres Sohnes; daß es in der ganzen Welt kein anderes Mittel gäbe, nachdem sie – die Knaben – alles andere erfolglos versucht hätten; wie Richard sie dann höchst ernsthaft hätte überreden wollen, sich zu entkleiden und den Strick um 56 ihren eignen Körper zu winden; und wie Ripton seine ganze Beredsamkeit entfaltet hätte, um sie dazu zu veranlassen, die Feile zu verbergen. Frau Bakewell hätte sich entschlossen dem Strick widersetzt, da wären aber beide Knaben für die Feile eingetreten; und in einer bösen Stunde – wie sie fürchtete, sagte Frau Bakewell – hätte sie die gnädige Erlaubnis von Sir Miles Papworth, ihren Sohn besuchen zu dürfen, damit vergolten, daß sie Tom hätte veranlassen wollen, das Gesetz durchzufeilen. Aber dem Himmel sei Dank, fügte Frau Bakewell hinzu, Tom hätte die Feile verachtet, und das hätte sie auch dem jungen Herrn Richard gesagt, der für einen jungen Herren sehr böse fluchen könne. »Knaben sind wie die Affen,« erklärte Adrian, nachdem er sich ausgelacht hatte. »Sie sind die ernsthaftesten Akteure possenhaften Unsinns, die die Welt besitzt. Möchte ich doch nie gezwungen werden, da zu leben, wo es keine Knaben gibt. Ein paar Jungen, die man sich selbst überläßt, versorgen uns mit mehr Amüsement, als irgend eine Truppe geschulter Komödianten. Nein – in der Komödie reicht keine Kunst an die Kunstlosigkeit der Natur heran. Du kannst den Affen nachahmen, aber deine Luftsprünge werden langweilig bleiben, denn sie haben nicht die bezaubernde Widersinnigkeit des natürlichen Tieres. Beobachte nur diese beiden! Denke an all die Ausflüchte, die sie tagüber ersinnen müssen! Sie wissen, daß ich alles weiß, und doch wird ihre heitere Unschuld durch meine Gegenwart fast gar nicht beunruhigt. – Du bist traurig, wenn du an das Ende der Geschichte denkst, Austin? – Das bin ich auch! Ich fürchte den Augenblick, da der Vorhang fallen wird. Aber es wird Ricky unendlich gut tun. Eine praktische Lektion ist immer die beste.« Adrian streckte sich behaglich aus. »So kosten sie zum ersten Male von der Erfahrung, 57 von der Frucht der alten Zeit, die dem Gaumen der Jugend so verhaßt ist! aber welchem Alter ist sie willkommen! Erfahrung! Du kennst Coleridges vortreffliches Gleichnis? – Du nennst es traurig? – Nun ja, alle Weisheit ist traurig. Deshalb, Vetter, lieben ja auch alle weisen Männer die komische Muse. Ihre eigne erhabene Nahrung würde sie töten. Du wirst die großen Dichter, die vortrefflichen Philosophen Abend für Abend in hellem Gelächter vor dem gelben Licht der Lampen und vor den Fratzen schneidenden Masken finden. Und warum das? Weil bei ihnen zu Hause alles dunkel ist. Die Bühne ist der Zeitvertreib großer Geister. Deshalb liegt das Theater jetzt so darnieder. Die kleinen Geister nehmen überhand, mein lieber Austin! – Wie ich dein Gerede hasse über ein Zeitalter der Arbeit – du und deine Mortons, und dein Pfarrer Brawnley, böse Radikale seid ihr alle, niedrige Materialisten.« Adrian streckte sich behaglich aus und lächelte. Das Zeitalter war ein altes Schlachtfeld für ihn und Austin. »Mein Pfarrer Brawnley hofft nicht nur das Beste von dem Zeitalter, – dabei könnte er zu deiner Genugtuung toll werden, sondern er tut sein Bestes dafür. Warte, bis du ihn kennen lernst. Er wird in kurzem nach Poer Hall kommen, und dann wirst du sehen, was ein Mann der Zeit bedeutet. – Aber nun, bitte, gib mir deinen Rat in betreff der Knaben.« »Ach diese Knaben!« Adrian winkte mit der Hand. »Gibt es Knaben der Zeit sowohl wie Männer? Nicht? Nun dann sind die Knaben besser als die Männer, sie passen in jedes Zeitalter hinein. Was denkst du wohl, Austin? Sie haben Latudes Flucht studiert. Ich fand das Buch offen in Rickys Zimmer, auf Jonathan Swift liegend. Jonathan hat die Geheimnisse seines Berufes bewahrt und ihnen nichts verraten. So wollen sie aus 58 Herrn Tom Bakewell einen Latude machen. Er muß der Bakewell der Bastille werden, ob er will oder nicht. Laß sie doch. Laß das wilde Füllen sich frei tummeln! Wir können ihnen nicht helfen. Wir können nur zusehen. Wir würden das Spiel verderben.« Es war Adrians Gewohnheit, das reizbare Tier Ungeduld mit Scherzen zu füttern, keine angenehme Kost; und Austin, der geduldigste aller Sterblichen, fing an, seine Selbstbeherrschung zu verlieren. »Du sprichst, als wenn die Zeit dir gehörte, Adrian. Es bleiben uns nur wenige Stunden. Handle erst und scherze dann. Das Schicksal des Knaben wird jetzt entschieden.« »Auch das jedes andern Menschen, Austin,« gähnte der Epikuräer. »Ja, aber dieser Knabe steht augenblicklich unter unserer Leitung, unter deiner besonders.« »Noch nicht, noch nicht,« warf Adrian gleichgültig ein. »Er wird nicht mehr in Verlegenheiten geraten, wenn ich ihn erst habe. Die Leine, junger Hund! die Halfter, junges Füllen! Augenblicklich habe ich gar keine Verantwortung.« »Wenn du jetzt so denkst, dann wirst du mit noch anderm zu tun bekommen, sobald die Verantwortung auf dir liegt.« »Ich nehme meinen jungen Prinzen, wie ich ihn finde, Vetter: ein Julian oder ein Caracalla, ein Konstantin oder ein Nero. Wenn er die Geige spielen will zu einer Feuersbrunst, dann soll er sie gut spielen: wenn er ein streitsüchtiger Apostat sein will, dann soll er wenigstens Logik und die Menschen verstehen gelernt haben und sich daran gewöhnt haben, seine Gebete zu sagen.« »Dann überläßt du es mir also, allein zu handeln?« sagte Austin und erhob sich. 59 »Ohne dich im geringsten zu beschränken;« Adrians Miene deutete sein ruhiges Zurücktreten an. »Ich bin sicher, daß du keinen Schaden tun willst, noch sicherer, daß du keinen tun kannst. Und erinnere dich meiner prophetischen Worte. Was auch geschieht, der alte Blaize muß mit Geld abgefunden werden. Damit ist die Angelegenheit sofort erledigt. Ich werde wohl heute abend noch zu unserm Gebieter gehen müssen und es in Ordnung bringen. Wir können es nicht zugeben, daß der arme Teufel verurteilt wird, obgleich es Unsinn ist zu behaupten, daß ein Knabe der Anstifter war.« Austin warf einen Blick auf die selbstzufriedene Gleichgültigkeit des weisen Jünglings, und wie wenig er auch von seinen Mitmenschen wußte, so viel wußte er doch, daß er hier in alle Ewigkeit sprechen könnte, ohne verstanden zu werden. Die Ohren des weisen Jünglings waren durch seine eigne Weisheit verschlossen. Es war klar, Adrian fürchtete nur eins: die Kraft des Gesetzes. Als er fortgehen wollte, rief ihm Adrian noch nach: »Halt, Austin! Sei nicht zu ängstlich. Du nimmst alles zu schwer. Ich habe schon etwas getan. Es kommt nicht darauf an, was es war. Wenn du nach Belthorpe gehst, sei höflich, aber nicht zu entgegenkommend. Besinnst du dich auf die Taktik des Scipio Africanus gegen die punischen Elefanten? Also verrate es nicht – nur ein Wort dir ins Ohr, Vetter: Ich habe Meister Blaizes Elefanten zur Umkehr bewogen. Wenn sie zum Angriff vorgehen, geschieht es nur zum Schein, und zurückdrängend werden sie seine übrigen Gruppen vernichten! Du verstehst doch? Nicht? Nun, schadet auch nichts. Nur soll keiner sagen, daß ich schlafe. Wenn ich ihn heute abend noch aufsuchen muß, dann geschieht es in dem Bewußtsein, daß er uns nicht in seiner Macht hat.« Der weise Jüngling gähnte und streckte seine Hand 60 nach dem Buche aus, das ihm zunächst erreichbar war. Austin verließ ihn, um den Park nach Richard zu durchsuchen.   Siebentes Kapitel. In Daphnes Laube. Ein kleiner, lorbeerbeschatteter weißer Marmortempel stand, mit der Aussicht auf den Fluß, auf einem Hügel an der Grenze des Raynhamer Buchenwaldes und wurde von Adrian Daphnes Laube tituliert. Hierher hatte sich Richard zurückgezogen, und hier fand ihn Austin, das Haupt in die Hände vergraben, ein Bild der Verzweiflung, deren letzter Versuch zur Rettung fehlgeschlagen ist. Austin begrüßte ihn und setzte sich zu ihm, ohne daß Richard den Kopf hob. Vielleicht wollte er seine Augen nicht sehen lassen. »Wo ist dein Freund?« fing Austin an. »Fort,« war die Antwort, die hinter Haaren und Händen dumpf hervortönte. Dann folgte noch die Erklärung, daß am Morgen eine Nachricht von Mr. Thompson gekommen wäre, und daß Ripton gegen seinen Willen hätte abreisen müssen. Wirklich hatte Ripton die Absicht ausgesprochen, seinem Vater Trotz zu bieten, um seinem Freunde in der Stunde der Not und auf dem Posten der Gefahr zur Seite zu stehen. Sir Austin aber gab seiner Meinung, daß ein Knabe seinem Vater zu gehorchen hätte, dadurch Ausdruck, daß er Benson den Befehl erteilte, Riptons Koffer zu packen und vor Mittag fertig zu haben; und Riptons Bereitwilligkeit, die Ansichten des Barons über kindliche Pflichten anzunehmen, war ehensowenig verstellt, wie sein 61 Anerbieten an Richard, kindliche Pflichten in den Wind zu schlagen. Er freute sich, daß das Schicksal es beschlossen hatte, ihn aus der heißen Nachbarschaft von Lobourne zu entfernen, und war als ehrlicher Bursche doch traurig sehen zu müssen, wie sein Freund der Gefahr allein entgegenging. Die Knaben nahmen freundschaftlichen Abschied voneinander, wie sie es ja auch kaum anders konnten, nachdem Ripton den Feverels Treue geschworen und feurig erklärt hatte, daß er Leib und Leben einsetzen würde, um, auf das Geheiß des Erben des Hauses, zu jeder angegebenen Stunde und auf jedem angegebenen Platze zu erscheinen, um mit allen Bauern Englands zu fechten. »So bist du also allein gelassen,« sagte Austin und betrachtete des Knaben wohlgeformtes Haupt. »Das freut mich. Wir erfahren niemals, was in uns liegt, so lange wir nicht auf uns selbst gestellt sind.« Darauf schien keine Antwort zu erfolgen. Die Eitelkeit brachte dann aber schließlich doch die Worte hervor: »Er konnte mir nicht viel helfen.« »Vergiß nicht seine guten Eigenschaften, Ricky, nun, da er fort ist.« »Ach, er war treu,« murmelte der Junge. »Und einen treuen Freund findet man nicht so leicht. Hast du es nun auf deine eigne Art versucht, die Sache in Ordnung zu bringen, Ricky?« »Ich habe alles getan, was möglich war.« »Und ohne Erfolg?« Es entstand eine Pause und dann kam in feierlichem Ton, wie zur Entschuldigung – »Tom Bakewell ist ein Feigling.« »Wahrscheinlich will der arme Bursche nicht noch tiefer hineingeraten,« sagte Austin in seiner freundlichen Art. »Daß er ein Feigling ist, glaube ich nicht.« »Er ist ein Feigling,« rief Richard. »Denkst du, ich 62 würde im Gefängnis bleiben, wenn ich eine Feile hätte? Ich würde in der ersten Nacht heraus sein. Und er hätte auch den Strick haben können, einen Strick, stark genug, um zwei Männer von seiner Größe und seinem Gewicht zu tragen. Ripton und ich und Ned Markham haben eine ganze Stunde darauf geschaukelt, und er hielt. Er ist ein Feigling und verdient sein Schicksal. Ich habe kein Mitleid mit Feiglingen.« »Ich auch nicht viel,« sagte Austin. Richard hatte im Eifer der Beschuldigung gegen den armen Tom sein Haupt erhoben. Er würde es verborgen haben, hätte er in Austins klaren Augen die Gedanken lesen können, als er ihn ansah. »Ich habe noch niemals einen Feigling kennen gelernt,« fuhr Austin fort, »ich habe von einem oder zweien gehört. Der eine ließ einen unschuldigen Mann für sich sterben.« »Wie gemein!« rief der Knabe. »Ja, es war schlecht,« stimmte Austin zu. »Schlecht!« Richard war empört über diesen milden Ausdruck. »Wie hätte ich ihn verachtet! Das war ein Feigling!« »Ich glaube, er brachte die Gefühle seiner Familie als Entschuldigung vor und versuchte mit allen Mitteln, ihn loszubekommen. Ich las auch in den Bekenntnissen eines berühmten Philosophen, wie dieser in seiner Jugend einen kleinen Diebstahl begangen und die Schuld auf ein junges Dienstmädchen geschoben hatte, welche deshalb verurteilt und entlassen wurde und ihrem schuldigen Ankläger verzieh.« »Was für ein Feigling,« rief Richard, »und er bekannte es öffentlich?« »Du kannst es selbst lesen.« »Er schrieb es wirklich nieder, und ließ es drucken?« 63 »Das Buch ist in deines Vaters Bibliothek. Hättest du das tun können?« Richard zögerte. Nein! gab er zu, er hätte es niemals andern Leuten sagen können. »Wer will es dann wagen, den Mann einen Feigling zu nennen?« sagte Austin. »Er büßte seine Feigheit, wie es alle tun müssen, die einem Augenblick der Schwachheit nachgegeben haben und eben keine Feiglinge sind. Der Feigling denkt dagegen: Gott sieht nicht. Ich werde entwischen! Der aber, der kein Feigling ist, weiß, wenn er unterlegen ist, daß Gott alles gesehen hat, und daß es keine solch schwere Aufgabe für ihn ist, der Welt sein Herz zu offenbaren. Aber es muß schlimm sein, sich von den Leuten loben zu lassen, wenn man weiß, daß man ein Betrüger ist.« Die Augen des jungen Richard wanderten über Austins ernstes, mildes Gesicht. Ein Ausdruck scharfer Spannung hielt sie plötzlich fest, und er senkte sein Haupt. »So denke ich, du hast unrecht, Ricky, wenn du den armen Tom einen Feigling nennst, weil er sich weigert, deine Mittel zur Flucht zu benutzen,« nahm Austin das Gespräch wieder auf. »Ein Feigling hat meistens nichts dagegen, seine Mitschuldigen mit hineinzuziehen. Und wenn die fragliche Person einer vornehmen Familie angehört, und er es freiwillig übernimmt, sie nicht zu verraten, dann scheint mir das bei einem armen Ackerknecht zu zeigen, daß er alles andere eher ist, als ein Feigling.« Richard blieb stumm. Es war ein furchtbares Opfer, seinen Strick und seine Feile ganz aufzugeben, nach all der Zeit, Unruhe und Überlegung, die er auf diese beiden Rettungswerkzeuge verwandt hatte. Wenn er Toms männliches Benehmen anerkannte, dann geriet Richard Feverel in eine vollständig neue Situation. So lange Tom ein Feigling war, blieb Richard Feverel der 64 beleidigte Teil, und der Beleidigte zu sein, ist immer ein angenehmes Gefühl; manchmal eine Notwendigkeit, ob es sich nun um Knaben oder Männer handelt. In Austin würde der Kampf zwischen Gott und Teufel nicht lange gedauert haben. Er hatte nur eine undeutliche Vorstellung davon, mit welcher Heftigkeit er in Richard tobte. Zum Glück für den Jungen war Austin kein Prediger. Das geringste Zureden, eine salbungsvolle Phrase, ein väterliches Wesen hätte ihn zum Scheitern bringen können, indem sie den alten schlummernden Widerspruchsgeist geweckt hätten. Den geborenen Prediger fühlen wir instinktiv als unsern Feind. Er mag den Elenden, die zu Boden geschlagen sind und seufzend auf dem Schlachtfelde liegen, Gutes tun, in den Starken erweckt er tödliche Feindschaft. Richards Natur bedurfte, wenn sie sich selbst überlassen blieb, wenig mehr als eines Hinweises auf den rechten Weg, und als er sagte: »Sage mir, Austin, was ich tun kann?« hatte er den größeren Teil des Kampfes schon durchgekämpft. Der Ton seiner Stimme zeigte, daß er besiegt war. Austin legte seine Hand auf des Knaben Schulter. »Du mußt zu Farmer Blaize hingehen.« »Ja, aber« – sagte Richard, die Tat der Buße dunkel vor sich sehend. »Du wirst wissen, was du ihm zu sagen hast, wenn du da bist.« Der Knabe biß sich auf die Lippen und runzelte die Stirn. »Ich soll das dicke Ungeheuer um eine Gunst bitten, Austin? Das kann ich nicht.« »Erzähle ihm nur die ganze Sache und sage ihm, daß du nicht dabei stehen wolltest und den armen Burschen leiden lassen ohne einen Freund, der ihm aus der Verlegenheit hülfe.« »Aber, Austin!« bat der Junge. »Ich werde ihn dann 65 bitten müssen, Tom Bakewell zur Freiheit zu verhelfen! Und wie kann ich ihn um etwas bitten, wenn ich ihn hasse?« Austin bat ihn, nur hinzugehen und nicht an die Folgen zu denken, bis er dort wäre. Richard stöhnte. »Du hast keinen Stolz, Austin.« »Vielleicht nicht.« »Du weißt nicht, was es heißt, einen Kerl, den man haßt, um eine Gunst zu bitten.« Richard hielt sich an diese Auffassung der Sachlage und zwar um so mehr, je zwingender die Dringlichkeit des Handelns vor ihm auftauchte. »Aber,« fuhr der Junge fort, »es wird mir kaum möglich sein, meine Fäuste von ihm fern zu halten.« »Du hast ihn doch sicherlich schon genug gestraft, mein Junge?« sagte Austin. »Er hat mich geschlagen!« Richards Lippe bebte. »Er wagte es nicht, mich mit seinen Händen zu berühren. Er schlug mich mit einer Peitsche. Er wird allen Leuten erzählen, daß er mich gepeitscht hat, und daß ich gekommen wäre und ihn um Verzeihung gebeten hätte! Ein Feverel ihn um Verzeihung bitten! Ach, wenn ich könnte, wie ich wollte!« »Der Mann arbeitet, um sein Brot zu verdienen, Ricky. Du hast auf seinem Gebiet gewildert. Er weist dich fort, und du steckst seinen Heuschober an.« »Und ich will seinen Verlust bezahlen. Und mehr will ich nicht tun.« »Weil du ihn nicht um eine Gunst bitten willst?« »Nein! Das will ich nicht.« Austin sah den Jungen fest an. »Du ziehst es vor, von dem armen Tom Bakewell eine Gefälligkeit anzunehmen?« 66 Als Austin auf diese neue Auffassung der Sache hinwies, hob Richard den Kopf. Ein neues Verständnis schien ihm unklar aufzugehen. »Eine Gunst von Tom Bakewell, dem Ackerknecht? Wie meinst du das, Austin?« »Um dir selbst eine Unannehmlichkeit zu ersparen, duldest du es, daß ein armer Landmann sich für dich opfert? Ich gestehe, daß ich so viel Stolz nicht besitzen würde.« »Stolz!« rief Richard, getroffen von dem Hohn, und blickte starr auf die fernen, blauen Hügelreihen. Da er im Augenblick nicht wußte, was er sonst tun könnte, entwarf Austin ein Bild von Tom im Gefängnis und wiederholte Toms freiwilligen Entschluß. Das Bild, obgleich er weit davon entfernt war, es zu beabsichtigen, hatte für Richard, dessen Sinn für Humor viel schärfer war, einen schrecklichen Beigeschmack von bäurischer Tölpelhaftigkeit. Vor ihm erschien die Gestalt eines grinsenden Lümmels, mit einem Mund von einem Ohr zum andern, ungekämmt, roh, schiefbeinig, und flößte ihm das stärkste Gefühl des Abscheus und der Lächerlichkeit ein, vermischt mit Mitleid und Reue – eine Art von verzerrtem Pathos. Ein Speck kauendes, sorgloses, Bier saufendes Tier! und doch ein Mensch, ein liebes, tapferes, menschliches Herz, trotz alledem, der Aufopferung und Selbstlosigkeit fähig. Die bessere Natur des Knaben regte sich, und es reizte seine Phantasie, sich die elende Gestalt des armen, plumpen Tom vorzustellen und sie mit einem Heiligenschein der Trauer zu umgeben. Sein Herz war wach. Gefühle, wie er sie noch nie gekannt hatte, stürmten auf ihn ein, wie aus himmlischen Regionen: eine ungewohnte Zärtlichkeit, ein alles umfassender Humor, das Bewußtsein einer unaussprechlichen Größe, eine Verklärung des Wesens der Menschlichkeit. All das war in dem Herzen des Knaben, und durch alles hindurch tauchte die 67 Erscheinung des wirklichen, plumpen Tom auf, roh, ungekämmt, mit einem Mund von einem Ohr zum andern; und die Gegenwart dieses Mannes wurde zu einem Zeichen der Schande für ihn, und er bedrückte ihn mit seiner Tölpelhaftigkeit; und doch empfand er ein liebevolles Wohlwollen für ihn, das über alles hinausging, was er je für irgend ein lebendes Wesen empfunden hatte. Er lachte und weinte über ihn. Er lobte ihn, während er doch vor ihm zurückschrak. Es war der natürliche Kampf des Engels in ihm mit weniger göttlichen Vertretern, aber der Engel war zu oberst und führte die Vorhut, löschte den Abscheu aus, machte das Gelächter menschlicher, vernichtete den Stolz – den Stolz, der darauf bestehen wollte, die bäurische Erscheinung des grinsenden Tom ins Auge zu fassen und ganz in dem ironischen Ton von Adrians Stimme ihm zuzurufen: »Schau her, das ist dein Wohltäter!« – Austin saß neben dem Knaben ohne zu ahnen, welch erhabenen Kampf er in ihm entfacht hatte. Wenig davon war in Richards Zügen zu bemerken. Die Linien seines Mundes waren fest zusammengezogen, der Blick in die Ferne gerichtet. So verharrte er einige Minuten. Endlich sprang er auf und sagte: »Ich werde jetzt gleich zum alten Blaize gehen und ihm alles sagen.« Austin ergriff seine Hand, und sie gingen zusammen aus Daphnes Laube nach Lobourne zu.   Achtes Kapitel. Der bittere Kelch. Farmer Blaize war nicht so erstaunt über Richard Feverels Besuch, als der junge Mann es von ihm erwartete. Der Farmer saß in seinem Lehnstuhl in dem kleinen niedrigen Wohnzimmer eines alten Landhauses; 68 ein lange Tonpfeife lag auf dem Tisch an seiner Seite, und ein ehrwürdiger Jagdhund zu seinen Füßen. Er hatte schon drei hervorragenden Mitgliedern der Familie Feverel Audienz erteilt, die, gemäß ihrer gewohnten Heimlichtuerei, einzeln gekommen waren, aber in der gleichen Absicht. Am Morgen war es Sir Austin selbst. Kurz nachdem er gegangen, kam Austin Wentworth; auf den Fersen folgte ihm Algernon, den man in Lobourne den Kapitän nannte, und der überall, wo man ihn kannte, beliebt war. Farmer Blaize lehnte sich zurück und war in sehr gehobener Stimmung. Er hatte diese hohen Herrschaften in eine recht demütigende Lage gebracht. Er hatte sie gastfreundlich empfangen, wie es sich für einen englischen Freibauern geziemte, aber er hatte nicht einen Fuß breit nachgegeben in seinen Forderungen: nicht dem Baron gegenüber, nicht dem Kapitän, nicht dem guten, jungen Herrn Wentworth gegenüber. Denn Farmer Blaize war ein praktischer Engländer und, nachdem er den Baron offen hatte bekennen hören, daß er, der Bauer, die Familie in seiner Gewalt habe, beschloß er diese Gewalt auszunutzen und nur nachzugeben um greifbarer Vorteile willen: Entschädigung für seinen Geldbeutel, seine verwundete Person und seine noch mehr verwundeten Gefühle. Die Gesamtentschädigung sollte in der Zahlung von dreihundert Pfund bestehen und einer persönlichen Abbitte des jungen Herrn Richard, als des Hauptbeleidigers. Auch dann blieb noch ein Vorbehalt. »Vorausgesetzt,« sagte der Farmer, »daß niemand versucht hätte, seine Zeugen zu beeinflussen.« In diesem Falle, erklärte Farmer Blaize, möge das Geld verloren gehen; er würde dafür sorgen, daß Tom Bakewell deportiert würde, wie er es geschworen habe. »Und dem Mitschuldigen ergeht es schlecht vor Gericht,« fügte er hinzu, und klopfte ruhig die Asche aus seiner Pfeife. Er hätte nicht den Wunsch, 69 irgendwohin Schande zu bringen, er achtete die Einwohner von Raynham, wie es ihm zukäme, er würde traurig sein, wenn sie in Kummer gerieten. Nur dürfte sich niemand mit seinen Zeugen zu schaffen machen. Er wäre ein Mann des Gesetzes. Rang wäre viel, Geld wäre viel; aber Gesetz wäre mehr. In diesem Lande stände das Gesetz über dem Herrscher. An den Gesetzen rühren wollen, wäre Vaterlandsverrat. »Ich komme direkt zu Ihnen,« erklärte der Baron. »Ich sage Ihnen ganz offen, wie ich es herausfand, daß mein Sohn in diese elende Sache verwickelt ist. Ich verspreche Ihnen Entschädigung für Ihren Verlust, und eine Entschuldigung, die, wie ich hoffe, Ihre Gefühle befriedigen wird, und versichere Sie, daß Zeugenbeeinflussung nicht im Bereiche der Feverels liegt. Alles was ich von Ihnen erbitte ist, daß Sie die Sache nicht weiter verfolgen. Gegenwärtig hängt es nur von Ihnen ab. Ich bin verpflichtet für diesen Gefangenen alles zu tun, was in meiner Macht liegt. Wie und warum mein Sohn dazu veranlaßt wurde, eine solche Handlung anzustiften, oder zu unterstützen, das kann ich Ihnen nicht erklären, denn das weiß ich nicht.« »Hm!« sagte der Farmer, »ich glaube, ich weiß es.« »Sie kennen die Veranlassung?« rief Sir Austin erstaunt. »Ich bitte Sie, sie mir mitzuteilen.« »Wenigstens glaube ich, daß ich es ziemlich gut raten kann,« sagte der Farmer. »Ihr Sohn, Sir Austin, und ich sind grade jetzt nicht sehr gute Freunde; wir stehen uns nicht freundschaftlich. Sehen Sie, Sir Austin, ich bin ein Mann, der es nicht gerne sieht, wenn junge Herren auf seinem Gebiet wildern, ohne seine Erlaubnis – besonders nicht, wenn sie auf ihrem Gebiet genug Vögel haben. Es scheint, daß er das liebte. Folgedessen mußte ich mit dieser Peitsche knallen – wie die Leute es bei den 70 Wettrennen tun. Alles hier im Umkreise gehört mir, sollte das heißen. Und wer getroffen wird, der ist vorher gewarnt worden. Es tut mir leid, aber so war die Sache.« Sir Austin zog sich zurück, um, sobald er seinen Sohn treffen würde, mit ihm zu sprechen. Algernons Unterredung ging unter Biertrinken und Versprechungen vorüber. Auch er versicherte Farmer Blaize, daß kein Feverel durch seine Bedingungen berührt werden könnte. Dasselbe tat Austin Wentworth. Der Farmer war zufrieden. »Das Geld ist sicher, wie ich weiß,« sagte er, »bleibt noch die Entschuldigung;« und Farmer Blaize streckte seine Beine weiter aus und legte seinen Kopf zurück. Der Bauer dachte natürlich, daß die drei einzelnen Besuche zusammen geplant wären. Doch des Barons Freimütigkeit, und daß er sich nicht für den dritten und letzten Angriff aufgespart hatte, setzten ihn in Erstaunen. Er überlegte noch, ob sie eine sehr tiefe oder sehr oberflächliche Gesellschaft wären, als der junge Richard ihm gemeldet wurde. Ein hübsches, kleines Mädchen, mit den Rosen von dreizehn Sommern auf ihren Wangen und üppig schönen, blonden Zöpfen, hüpfte vor dem Knaben her und blieb schüchtern zögernd an dem Armstuhl des Farmers stehen, um einen verstohlenen Blick auf den hübschen Ankömmling zu werfen. Sie wurde Richard als des Farmers Nichte, Lucy Desborough, vorgestellt, die Tochter eines Leutnants bei der königlichen Marine und was noch mehr wert war, wie der Farmer leise hinzusetzte, ein wirklich gutes Mädchen. Weder die Vortrefflichkeit ihres Charakters, noch ihre Stellung im Leben führten Richard in die Versuchung das kleine Fräulein näher anzusehen. Er machte eine ungeschickte Verbeugung und setzte sich. 71 Der Farmer zwinkerte mit den Augen. »Ihr Vater,« fuhr er fort, »focht und fiel für sein Vaterland. Ein Mann, der für sein Vaterland kämpft, hat das Recht den Kopf hoch zu tragen – ja, jedem gegenüber im Lande. Desborough aus Dorset, kennen Sie die Familie, Mr. Feverel?« Richard kannte sie nicht und schien, nach seiner Miene zu urteilen, auch nicht den Wunsch zu haben, mit irgend einem Sprößling der Familie bekannt zu werden. »Sie kann Puddings und Pasteten machen,« fuhr der Farmer fort, unbeirrt durch die mürrische Miene seines Zuhörers. »Sie ist eben so gut eine Dame, wie nur irgend eine. Mich kümmert's nicht, daß sie Katholiken sind; – die Desboroughs von Dorset sind vornehme Leute. Und sie versteht auch was vom Klavier! Sie klimpert mir was vor am Abend. Mir gefallen die alten Lieder, sie ist mehr für die neuen, das ist so Mädchenart. So lange sie bei mir ist, soll sie nützliche Sachen lernen. Sie kann auch parlez-vous und tanzen wie sich's gehört: ist ein paar Jahr in Frankreich gewesen. Mir gefällt das Singen besser als das Parlieren. Komm mal her, Lucy, schieß mal los – was? du willst nicht? – Das Lied von« – Farmer Blaize versuchte die Übersetzung eines Titels – »du weißt doch, von der Frau, die mit den Soldaten marschiert. 'n hübsches Lied, sollt' ich denken.« Mademoiselle Lucy verbesserte das Französisch ihres Onkels, weigerte sich aber mehr zu tun. Der hübsche, mürrische Knabe hatte ihr schon beinahe die Sprache genommen, in seiner Gegenwart singen konnte sie erst recht nicht. So stand sie, mit einer Hand auf ihres Onkels Stuhl gestützt, drückte durch allerhand Windungen ihres Körpers ihre Weigerung aus, und schüttelte den Kopf mit starrem Blick. 72 »Ach so,« lachte der Farmer und schickte sie fort, »sie lernen schnell genug den Unterschied zwischen einem Jungen und einem Alten. Geh', Lucy, und lern' deine Aufgaben für morgen.« Zögernd schlich die Tochter der königlichen Marine fort. Des Onkels Blick folgte ihr bis zur Türe. Hier zögerte sie noch ein Weilchen, um einen letzten Eindruck von dem finstern Gesicht des jungen Fremden mitzunehmen, und schoß dann hinaus. Farmer Blaize schüttelte sich vor Lachen. »Sie ist nicht alle Tage so zärtlich zu ihrem Onkel! Nicht, daß sie keine gute Pflegerin wäre – das freundlichste kleine Herz, das man nur finden kann. Sie kann einem vorlesen und den Trank zurecht machen und vorsingen, wenn man's gern hat, und wird nicht müde. Wirklich gut ist sie. Gott segne sie.« Der Bauer hatte wohl die Absicht, durch dieses Lob seiner Nichte seinem Besucher Zeit zu geben, sich zu sammeln und mit einem gewöhnlichen Gesprächsthema anzufangen. Aber diese Ablenkung reizte und verwirrte nur unsern vor Scham fast vergehenden Jüngling. Richards Absicht war es gewesen, auf des Bauern Schwelle zu treten, ihn dorthin zu bitten und in lautem und hochmütigem Tone dort auf der Stelle die ganze Last der Anklage gegen Tom Bakewell auf sich selbst zu nehmen. Auf dem Wege nach Belthorpe war er wieder etwas in sein altes Wesen zurückgefallen; und daß er nun gezwungen worden war, das Haus seines Feindes zu betreten, auf seinem Stuhle zu sitzen, daß er es dulden mußte, seiner Familie vorgestellt zu werden, war mehr, als was er übernommen hatte. Er zog die Augenbrauen fest zusammen zur Vorbereitung auf die schreckliche Dosis, die er zu schlucken hatte, und die der Aufschub und des Farmers Leutseligkeit noch unendlich viel bitterer machte. 73 Farmer Blaize fühlte sich äußerst behaglich, war durchaus nicht in Eile. Er sprach von dem Wetter und der Ernte, von den letzten Vorgängen auf dem Schlosse, erwähnte das Kricket des letzten Jahres, hoffte, daß nicht noch einmal ein Feverel ein Bein dabei verlieren würde: Richard sah und hörte in allem nur Brandstiftung. Er blickte immer finsterer, je näher er dem bittern Kelche kam. In einem Augenblick des Stillschweigens griff er mit einem tiefen Atemzuge zu. »Mr. Blaize! Ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, daß ich es war, der Ihren Heuschober angesteckt hat.« Des Bauern Mund zog sich wunderlich zusammen. Er richtete sich auf und sagte: »So! und deshalb sind Sie hergekommen, Herr?« »Ja,« sagte Richard entschlossen. »Und das ist alles?« »Ja,« wiederholte Richard. Der Bauer veränderte wieder seine Stellung. »Dann, mein Junge, bist du hergekommen, um mir eine Lüge zu erzählen.« Farmer Blaize sah den Knaben fest an, unbekümmert um den flammenden Zorn, den er entzündet hatte. »Sie wagen es, mich einen Lügner zu nennen!« schrie Richard und sprang auf. »Ich sage,« wiederholte der Bauer mit demselben Nachdruck und schlug sich dabei auf den Schenkel, »daß das eine Lüge ist.« Richard streckte seine geballte Faust vor. »Sie haben mich zweimal beleidigt. Sie haben mich geschlagen, Sie haben es gewagt, mich einen Lügner zu nennen. Ich wollte um Entschuldigung bitten, ich würde Sie um Verzeihung gebeten haben, um den Burschen aus dem Gefängnis zu befreien. Ja! ich wollte mich selbst 74 erniedrigen, damit nicht ein andrer für meine Tat büßen sollte –« »Ganz wie's sich gehört!« warf der Bauer ein. »Und Sie nehmen die Gelegenheit wahr, mich von neuem zu beleidigen. Sie sind ein Feigling, Herr! nur ein Feigling konnte mich in seinem eigenen Hause beleidigen.« »Setzen Sie sich, setzen Sie sich, junger Herr,« sagte der Farmer auf den Stuhl zeigend, und den Zornesausbruch mit einer Handbewegung beschwichtigend. »Setzen Sie sich. Seien Sie nicht zu hastig. Wären Sie neulich nicht zu hastig gewesen, würden wir Freunde geblieben sein. Setzen Sie sich, Herr. Es würde mir leid tun, wenn ich es Ihnen, Herr Feverel, oder irgend einem andern Ihres Namens vorrechnen müßte, daß er ein Lügner ist. Ich achte Ihren Vater, obgleich wir politische Gegner sind. Ich bin ganz bereit, gut von Ihnen zu denken. Was ich sage, ist nur, daß das, was Sie sagen, nicht die Wahrheit ist. Passen Sie wohl auf, ich habe deshalb keine schlechtere Meinung von Ihnen. Aber es ist nicht so, wie Sie sagen. Das ist alles. Und Sie wissen es eben so gut wie ich!« Richard verschmähte es zu zeigen, daß er besänftigt war, aber er setzte sich wieder. Der Bauer sprach vernünftig, und nach seiner letzten Unterredung mit Austin war der Knabe imstande, dunkel zu begreifen, daß ein gewaltiger Zorn kaum als Rechtfertigung für ein solches Benehmen angesehen werden kann. »Und nun sagen Sie mal,« fuhr der Farmer nicht unfreundlich fort, »was haben Sie sonst noch zu sagen?« Wieder wurde der bittere Kelch, den er schon einmal geleert hatte, randvoll an Richards Lippen gesetzt. Ach, die arme menschliche Natur, die den bösen Trank ein Dutzendmal bis auf die Hefe trinkt, um nur den einen 75 Trank zu vermeiden, aus dem das viel weniger grausame Schicksal besteht. Der Knabe kniff die Augen zu und trank ihn aus. »Ich kam, um Ihnen zu sagen, daß ich es bedauere, mich so an Ihnen gerächt zu haben, weil Sie mich geschlagen haben.« Farmer Blaize nickte. »Und nun sind Sie fertig, junger Herr?« Noch ein Becher voll! »Sie würden mich sehr verpflichten,« fing Richard ganz förmlich an; aber er wurde von heftigem Ekel erfaßt und konnte nur tropfenweise schlucken, wodurch sein Widerwille so stark wurde, daß er drohte, die Ausführung seiner Buße unmöglich zu machen. »Sehr verpflichten,« fuhr er fort, »sehr verpflichten, wenn Sie so freundlich wären,« und es wurde ihm klar, daß, wenn er dieses zuerst gesagt hätte, seine Worte überzeugender gewesen wären und seinem Stolze mehr entsprochen hätten, sie wären ehrlicher gewesen; denn das Bewußtsein von der Unehrlichkeit dessen, was er sagte, ließ ihn Demut heucheln, um den Farmer zu täuschen; und je mehr er sagte, desto weniger fühlte er bei seinen Worten, und je weniger er fühlte, desto schwülstiger wurden sie. »Wenn Sie so freundlich sein würden,« stammelte er, »so freundlich« (man stelle sich vor, ein Feverel bat einen groben Kerl, so freundlich zu sein), »und mir den Gefallen tun« (mir den Gefallen!), »sich zu bemühen« (alles nur, um Austins Wunsch zu erfüllen), »zu versuchen zu – hm – zu –« (man kann es nicht sagen). Der Kelch war noch ebenso voll wie vorher. Richard faßte ihn noch einmal. »Was ich Sie bitten wollte, ist, ob Sie die Freundlichkeit haben wollten, zu versuchen, was Sie tun können« (was für eine schreckliche Schande, so bitten zu müssen), 76 »tun könnten, zu befreien – zu sichern – ob Sie die Freundlichkeit haben würden,« – es schien über alle menschliche Kraft hinauszugehen, das hinunterzuschlucken. Der Trank wurde immer unerträglicher. Seine eigene Missetat bekennen, um Entschuldigung bitten für das Unrecht, das man getan hat, so viel konnte man tun, – aber den Beleidigten auch noch um eine Gunst bitten, das war mehr, als wozu sich die Selbsterniedrigung eines Feverel verstehen konnte. Der Stolz aber, dessen unvermeidlicher Kampf gegen sich selbst gerichtet ist, zog den Vorhang fort von des armen Tom Gefängnis und rief ihm noch einmal zu: »Schau her, das ist dein Wohltäter!« und während diese Worte auf seiner Seele brannten, schluckte Richard den Rest. »Also, ich wollte Sie bitten, Mr. Blaize, wenn es Ihnen nicht unangenehm ist, mir zu helfen, daß dieser Mann, dieser Bakewell, nicht bestraft wird.« Man muß dem Bauern die Gerechtigkeit widerfahren lassen, er hatte sehr viel Geduld mit dem Knaben, wenn er auch nicht recht verstehen konnte, weshalb er nicht gleich auf das hinauskam. »Ach,« sagte er, als er die Bitte gehört und darüber nachgedacht hatte. »Wir werden mal morgen sehen, was sich tun läßt. Aber wenn er unschuldig ist, wissen Sie, können wir ihn doch nichts schuldig machen.« »Ich habe es getan,« erklärte Richard. Der halb belustigte Ausdruck des Bauern wurde wieder etwas schärfer. »So, junger Herr! und die Arbeit jener Nacht tut Ihnen nun leid?« »Ich werde zusehen, daß Ihnen der volle Umfang Ihres Schadens ersetzt wird.« »Danke Ihnen,« sagte der Farmer trocken. 77 »Und wenn der arme Mann morgen frei wird, kommt es mir auf die Höhe der Summe nicht an.« Farmer Blaize neigte zweimal schweigend sein Haupt. »Bestechung,« drückte eine Bewegung aus, » Beeinflussung« die andre. »Nun,« sagte er und lehnte sich dabei vor, die Ellenbogen auf die Knie stützend, und zählte den Fall an seinen Fingerspitzen ab, »entschuldigen Sie die Freiheit, aber da ich wissen möchte, wo das Geld herkommen soll, möchte ich doch auch fragen, ob Sir Austin davon weiß?« »Mein Vater weiß nichts davon,« erwiderte Richard. Der Farmer warf sich in seinen Stuhl zurück. »Lüge, Nummer zwei,« drückte die Bewegung seiner Schultern aus. Seiner echt englischen Art war es äußerst zuwider, daß man Ränke gegen ihn schmiedete und nicht offen mit ihm verfuhr. »Und Sie haben das Geld bereit, junger Herr?« »Ich werde meinen Vater darum bitten.« »Und er wird es Ihnen geben?« »Sicherlich wird er das.« Richard hatte nicht die leiseste Absicht, seinen Vater jemals in sein Vertrauen zu ziehen. »Es sind runde dreihundert Pfund, wie Sie wissen,« bemerkte der Farmer. Keine Erwägung über die Ausdehnung des Schadenersatzes und den Umfang der Summe konnte Richard Eindruck machen, der kühn sagte: »Er wird sich nicht weigern zu zahlen, wenn ich es ihm sage.« Natürlich schien es Farmer Blaize etwas zweifelhaft, daß ein Jüngling sich für die Zahlung einer solch kräftigen Summe verbürgen sollte, wenn er nicht vorher seines Vaters Einwilligung und Vollmacht erhalten hätte. »Hm!« sagte er, »weshalb haben Sie ihm nicht vorher davon gesagt?« 78 Der Bauer legte eine abstoßende Verschmitztheit in den Ton seiner Frage, was Richard dazu veranlaßte, die Lippen zusammenzupressen und ihn hochmütig anzusehen. Farmer Blaize war sicher, daß es eine Lüge war. »Hm! Sie halten noch daran fest, daß Sie den Heuschober angesteckt haben?« »Die Schuld ist mein,« erwiderte Richard mit der Erhabenheit eines alten Patrioten in Rom. »Na, na!« beschwichtigte ihn der ehrliche Brite. »Entweder Sie haben es getan, oder Sie haben es nicht getan. Haben Sie es nun getan oder nicht?« So in die Enge getrieben, sagte Richard: »Ich habe es getan.« Farmer Blaize griff nach der Klingel. Sie wurde sogleich durch die kleine Lucy beantwortet, die den Befehl erhielt, einen Angestellten von Belthorpe zu holen, den man den Kampfhahn nannte, und die wieder hinausging, wie sie hereingekommen war, den Blick auf den jungen Fremden gerichtet. »Nun,« sagte der Bauer, »das sind meine Grundsätze. Ich bin ein einfacher Mann, Herr Feverel. Immer ehrlich mit mir, und Sie werden mich großmütig finden. Versuchen Sie mich zu überlisten, und ich bin ein böser Kunde. Ich werde Ihnen zeigen, daß ich keinen Groll hege. Ihr Vater zahlt, und Sie bitten um Entschuldigung. Das ist für mich genug. Laß Tom Bakewell es vor dem Gesetz ausfechten, ich werde nur zusehen. Das Gesetz hat nicht zugesehen, nehme ich an? So ist das Gesetz auch kein Zeuge. Aber ich bin einer. Das heißt, der Kampfhahn ist einer. Ich werde Ihnen was sagen, junger Herr, der Kampfhahn hat es gesehen. Sie können beim besten Willen das Zeugnis nicht wegleugnen. Und was nützte es auch, Herr, frage ich Sie? Was kommt dabei heraus? Ob Sie es nun waren, oder Tom Bakewell – das ist 79 ganz gleich. Wenn ich mich zurückhalte, ist das nicht dasselbe? Die Wahrheit will ich! Und hier kommt sie,« fügte er hinzu, als Fräulein Lucy den Kampfhahn hereinführte, der eine sonderbare Figur bildete zur Verkörperung dieser erhabenen Gottheit.   Neuntes Kapitel. Ein feiner Unterschied. In Körperbau, Gang und Haltung war Giles Jinkson, der Kampfhahn, ein ziemlich guter Vertreter des punischen Elefanten, dessen Rolle er zu spielen bestimmt war, nach der Meinung und nach den sehr verschiedenen Erwartungen der Generäle aus den feindlichen Feldlagern der Blaize- und Feverel-Truppen. Giles, mit dem Beinamen »der Kampfhahn«, den er einigen vergessenen Jugend- oder Kindheitsstreichen verdankte, war in Aussehen und Bewegung elefantenmäßig. Es genügte, daß Giles gut gefuttert wurde, um sich auch seine Treue zu sichern, – vorausgesetzt, daß er nicht bestochen wurde. Dem Bauernhof, der ihn mit Futter versorgte, stellte er willig seine große Arbeitskraft zur Verfügung; den Bauern, dem der Hof gehörte, verehrte er instinktiv als die Quelle von Rindfleisch und Speck, ganz abgesehen von dem Biere, das in Belthorpe reichlich und gut war. Das wußte Farmer Blaize sehr wohl und rechnete infolgedessen darauf, daß er in ihm ein Haustier hätte, auf das er sich verlassen könnte – eine Art menschlicher Zusammensetzung von Hund, Pferd und Stier, die in ihrer Brauchbarkeit etwas von jedem dieser Vierfüßler an sich hatte und verhältnismäßig auch mehr kostete, im ganzen aber doch seinen Preis wert war und deshalb unschätzbar, wie alles was 80 seinen Preis wert ist, es für einen weisen Mann sein muß. Als der Getreidediebstahl in Belthorpe bekannt wurde, hatte der Kampfhahn den Verdacht der Schuld mit Tom Bakewell geteilt, mit dem er zusammen gedroschen hatte. Wenn Farmer Blaize auch zweifelhaft war, auf wen er mehr Verdacht haben sollte, so zweifelte er doch keinen Augenblick, wen er entlassen würde, und wie der Kampfhahn erzählte, er hätte gesehen, daß Tom heimlich Hafer in einen Sack gesteckt hätte, beliebte es Farmer Blaize dieses zu glauben, und der arme Tom wurde fortgeschickt, und es wurde ihm noch zu verstehen gegeben, er könne froh sein über die Nachsicht, die ihm das Erscheinen vor Gericht ersparte. Die kleinen, schläfrigen Augen des Kampfhahns sahen manches und wie es schien immer zur rechten Zeit. Er war natürlich auch der erste, der in der Nacht des Brandes in Belthorpe die erste Aufklärung gegeben hatte, er mochte vielleicht wirklich, wie er es behauptete, gesehen haben, wie sich der arme Tom heimlich von dem Schauplatz fortstahl. Lobourne hatte seine eigene Auffassung von der Sache. Das ländliche Lobourne wies deutlich darauf hin, daß ein junges Mädchen in den Fall verwickelt wäre, und erzählte außerdem eine Geschichte, wie diese beiden Drescher eines Tages in edlem Wettstreit gegeneinander aufgetreten wären, um zu sehen, wer von ihnen beiden besser dreschen könne; wovon der Kampfhahn, wie man sagte, noch die Narben und den Groll zurückbehalten hätte. Da stand er nun jedenfalls und rückte an seiner Mütze, und wenn die Wahrheit wirklich in ihm verborgen war, dann mußte sie in sehr bedrängter Lage gewesen sein, um einen so ungeeigneten Zufluchtsort zu wählen. »Nun,« sagte der Farmer, seinen Elefanten mit dem Vertrauen vorführend, mit dem ein Mann sein Trumpfaß ausspielt, »nun erzähle mal dem jungen Herrn 81 hier, was du in der Feuernacht gesehen hast, Kampfbahn.« Der Kampfhahn machte eine Art Verbeugung vor seinem Schutzherrn und drehte sich dann so herum, daß er ihn vollständig vor Richard verbarg. Richard heftete seine Augen fest auf die Erde, während der Kampfhahn im gröbsten bäurischen Dialekt seine Erzählung anfing. Da er wußte, was kommen würde, und fest entschlossen war, die Haupttatsache zu bestreiten, hörte Richard dieser barbarischen Redeweise ruhig zu; als sich aber die Erzählung dem Punkte näherte, wo der Kampfhahn behauptete, daß er »Tom Bakewell gesehen hätte mit diesen seinen eigenen Augen,« sah Richard ihn an und war sehr erstaunt, als er sich durch eine Reihe von sehr ausdrucksvollen Grimassen, Zeichen und Winken stumm angeredet fand. »Was meinen Sie damit? Weshalb schneiden Sie mir solche Gesichter?« rief der Knabe zornig. Farmer Blaize bückte sich vor, um den Kampfhahn anzusehen, und sah das dümmste Gesicht, das ein Mensch nur haben konnte. »Ich schneid' keine Gesichter, keinem gegenüber,« grunzte der mürrische Elefant. Der Bauer befahl ihm, sich umzudrehen und weiter zu erzählen. »Ich hab' Tom Bakewell gesehen,« fing der Kampfhahn wieder an, und wieder richtete sich ein Zwinkern, das sein Gesicht schrecklich verzerrte, an Richard. Der Knabe durfte wohl glauben, daß dieser Kerl log. Er glaubte es auch und war kühn genug auszurufen: »Sie haben auf keinen Fall gesehen, daß Tom Bakewell den Heuschober ansteckte.« Der Kampfhahn schwor, es wäre so gewesen, und schnitt schreckliche Gesichter dazu. 82 »Ich sage Ihnen,« rief Richard, »ich habe die Streichhölzchen selbst hineingesteckt.« Der bestochene Kampfhahn wurde stutzig. Er wollte dem jungen Herrn zutelegraphieren, daß er gewisse Goldstücke, die man ihm gegeben hatte, auch treu und ehrlich verdienen wollte, und es am rechten Ort und zur rechten Zeit beweisen würde. Warum brachte man ihm so viel Argwohn entgegen? warum verstand man ihn nicht? »Ich hab' doch gedacht, ich hätt' ihn gesehen,« murmelte der Kampfhahn, indem er so versuchte einen mittleren Kurs einzuschlagen. Das brachte den Bauer in Wut und er brüllte ihn an: »Dachte! Du dachtest! Was soll das heißen? Sprich und denke nicht. Dachte? Was zum Teufel soll das?« »Wie konnte er in der pechschwarzen Nacht sehen, wer es war?« warf Richard ein. »Dachte!« brüllte der Bauer noch lauter. »Dachte – der Teufel soll dich holen, wo du doch schon geschworen hast. Halloh! Was zwinkerst du dem Herrn Feverel zu? – Hören. Sie mal, junger Herr, haben Sie mit diesem Burschen vorher gesprochen?« »Ich?« erwiderte Richard, »ich habe ihn nie vorher gesehen!« Farmer Blaize packte die Lehne seines Armstuhles und glotzte ihn mißtrauisch an. »Vorwärts,« sagte er zu dem Kampfhahn, »sprich zu Ende und dann genug davon. Sag', was du gesehen hast, und nicht, was du denkst. Verflucht deine Gedanken! Du hast gesehen, daß Tom Bakewell jenen Heuschober da ansteckte?« damit zeigte der Farmer über die Moschustöpfe auf dem Fensterbrett hinweg. »Was hast du zu denken? Du bist ein Zeuge! Denken ist kein Beweis. Was wirst du morgen vor dem Richter sagen? Paß wohl auf! Was du heute sagst, daran mußt du morgen festhalten.« 83 Als man so in ihn drang, rückte sich der Kampfhahn seine Hosen zurecht. Was in aller Welt der junge Herr meinen konnte, das konnte er nicht erraten. Er konnte doch nicht denken, daß der junge Herr den Wunsch hatte deportiert zu werden; aber wenn man ihn bezahlt hatte, daß er dazu mithülfe, gut, dann wollte er es auch tun. Und da er sich überlegte, daß ihn seine heutige Zeugenaussage auch für morgen binden würde, beschloß er, nachdem er längere Zeit durch sein widerspenstiges, zottiges Haar gepflügt und geeggt hatte, in betreff der Person nicht ganz sicher zu sein. Möglicherweise wurde er dadurch mehr zur Verkörperung der Wahrheit, als er es vorher gewesen war; denn die Nacht, wie er sagte, war wirklich so dunkel gewesen, daß man nicht die Hand vor Augen sehen konnte, und obgleich man, wie er sich ausdrückte, wohl möglichst sicher seinen Mann erkennen konnte, könnte man doch nicht darauf schwören, daß er es wäre, und das Individuum, das er für Tom Bakewell gehalten hätte, und darauf hätte schwören können, könnte ja auch der junge Herr hier gewesen sein, besonders da der ja selbst bereit wäre, es zu beschwören. Damit endete der Kampfbahn. Er hatte kaum aufgehört, als Farmer Blaize von seinem Stuhle aufsprang und den Versuch machte, ihn bei den Beinen aufzuheben und hinauszuwerfen. Das mißlang ihm, und er sank stöhnend von der Anstrengung und Enttäuschung in seinen Stuhl zurück. »Ihr seid Lügner, alle zusammen,« schrie er, »Lügner, Meineidige, Bestecher und Bestochene! Halt!« – als der Kampfhahn sich hinausschleichen wollte. »Du hast dir selbst dein Schicksal zuzuschreiben. Du hattest schon geschworen!« »Das hatt' ich nicht,« sagte der Kampfhahn mürrisch. »Du hast geschworen,« brüllte der Bauer von neuem. Der Kampfhahn spielte ein Musikstück auf dem Griff 84 der Türe und behauptete noch einmal, daß er es nicht getan hätte; der Bauer auf seinem Lehnstuhl raste förmlich gegen diesen Widerspruch und war ganz heiser, als er zum dritten Male schrie, der Kampfhahn hätte geschworen. »Nee,« sagte der Kampfhahn und duckte seinen Schädel. »Nee,« wiederholte er noch einmal etwas leiser, und dann, während ein mürrisches Grinsen sein idiotisches Vergnügen an dieser spitzfindigen Wortverdrehung ausdrückte, fügte er noch hinzu: »Nicht mit 'nem heiligen Eid!« zuckte dabei mit den Schultern und machte eine eckige Bewegung mit den Ellenbogen. Farmer Blaize sah Richard verständnislos an, als ob er ihn fragen wollte, was er von Englands Landbevölkerung dächte nach dem Beispiel, das er hier vor sich hatte. Richard würde lieber nicht gelacht haben, aber seine Würde konnte seinem Sinn für das Lächerliche nicht stand halten, und er brach in ein unbezähmbares Gelächter aus. Dem Bauern war nicht nach Lachen zumute. Er starrte wieder nach der Türe. »Das war sein Glück,« rief er, als er sah, daß der Kampfhahn verschwunden war, denn es juckte ihm in den Händen, diesen widerspenstigen Schädel zu brechen. Er war sehr von oben herab, als er Richard jetzt feierlich anredete: »Nun, sehen Sie mal, Herr Feverel! Sie haben meinen Zeugen bestochen. Es hilft Ihnen nichts, wenn Sie leugnen! Ich sage Ihnen, Sie haben es getan, Herr! Sie, oder irgend einer von Ihnen! Mir sind alle Feverels gleich! Mein Zeuge hier ist bestochen worden,« und mit einem kräftigen Schlag auf den Tisch, bei dem er seine Pfeife zertrümmerte, »der Kampfhahn ist bestochen worden! Bestochen – das weiß ich! Ich könnt' es beschwören!« 85 »Mit einem heiligen Eide?« fragte Richard mit ernstem Gesicht. »Ja, mit einem heiligen Eide,« sagte der Bauer, der die Unverschämtheit gar nicht bemerkte. »Ich könnte auf die Bibel schwören! Er ist bestochen – mein Hauptzeuge! Ach, es ist eine verfluchte Schlauheit, aber der Streich wird Ihnen nicht gelingen. Ich werde Tom Bakewell deportieren lassen, so gewiß wie etwas. Er soll reisen, das soll er. Mir tut es leid um Sie, Mr. Feverel – schade, daß Sie nicht verstanden haben, mich richtig zu behandeln, Sie oder die andern. Geld kann nicht alles machen, nein, gewiß nicht. Es kann einen Zeugen bestechen, aber es wird einen Schurken nicht loskaufen. Ich hätte Sie entschuldigt, Herr, Sie sind noch jung, und werden klüger werden. Ich hätte nicht mehr verlangt als Bezahlung und eine Abbitte, und ich wäre zufrieden gewesen, immer vorausgesetzt, daß sich niemand mit meinen Zeugen eingelassen hätte. Nun müssen Sie die Folgen tragen.« Richard stand auf und erwiderte: »Sehr wohl, Mr. Blaize.« »Und wenn Tom Bakewell Sie nicht mit hineinzieht,« fuhr der Bauer fort, »nun, dann sind Sie sicher, da ich hoffe, daß Sie aufrichtig sein werden.« »Ich habe nicht um meiner eigenen Sicherheit willen diese Unterredung mit Ihnen gesucht,« sagte Richard mit erhobenem Haupte. »Das gebe ich Ihnen zu,« erwiderte der Bauer. »Das gebe ich Ihnen zu. Sie sind kühn genug, junger Herr, das liegt bei Ihnen im Blute und sollte so sein. Wenn Sie nur die Wahrheit gesprochen hätten! Ihrem Vater glaube ich – glaube jedes Wort, das er gesagt hat. Ich wünschte, ich könnte von Sir Austins Sohn und Erben dasselbe sagen.« 86 »Was,« schrie Richard mit einem Erstaunen, das kaum verstellt sein konnte, »Sie haben mit meinem Vater gesprochen?« Aber Farmer Blaize witterte jetzt überall Lügen, so daß er sie auch da entdeckte, wo sie gar nicht waren, und murmelte ärgerlich: »Ja, wir wissen alles darüber!« Des Knaben Erstaunen rettete ihn vor einem neuen Zornesausbruch. Wer konnte es seinem Vater erzählt haben? Die alte Furcht vor seinem Vater kam wieder über ihn und eine alte Neigung zur Empörung. »Mein Vater weiß davon?« sagte er sehr laut und versuchte den Farmer durch und durch zu sehen. »Wer hat mich betrogen? Wer konnte mich ihm verraten? Es muß Austin gewesen sein! Nur Austin wußte es! Ja, und Austin war es auch, der mich überredete, hierher zu gehen und all diese Beschimpfungen zu ertragen. Warum war er nicht aufrichtig gegen mich? Ich werde ihm nie mehr trauen!« »Und warum waren Sie nicht aufrichtig gegen mich, junger Herr?« sagte der Bauer. »Ich hätte Ihnen Glauben geschenkt, wenn Sie ehrlich gewesen wären.« Richard sah die Übereinstimmung nicht ein. Er verbeugte sich förmlich und verabschiedete sich. Der Bauer zog die Glocke. »Begleite den jungen Herrn hinaus, Lucy,« winkte er dem kleinen Fräulein an der Türe zu. »Gib ihm das Geleite! Und, Mr. Richard, Sie hätten mich zum Freunde haben können, und es ist auch noch nicht zu spät. Ich bin nicht grausam, aber ich hasse die Unwahrheit. Ich habe meinen Sohn Tom, der größer ist als Sie, geschlagen, weil er nicht aufrichtig war, erst gestern noch. Er stand hier, im Bereiche dieses Stuhles, und erhielt sein volles Maß. Wenn Sie wiederkommen wollen und die Wahrheit sprechen vor der Gerichtsverhandlung – und wenn es nur fünf Minuten 87 vorher ist; oder wenn Sir Austin, der ein vornehmer Herr ist, mir sagen will, daß sich niemand mit meinen Zeugen eingelassen hat, wenn er mir sein Wort darauf geben will, – gut und schön! Ich werde tun, was ich kann, um Tom Bakewell frei zu kriegen. Und ich freue mich, junger Herr, daß Sie für einen armen Mann Mitgefühl haben, wenn er auch ein Schurke ist. Guten Abend, Herr.« Richard ging eilig aus dem Zimmer und durch den Garten und würdigte seine ernsthafte, kleine Führerin nicht eines Blickes. Sie blieb an der Pforte stehen und beobachtete ihn, wie er den Feldweg hinauf ging, und ihre Phantasie wob eine Welt von Bildern um den schönen, stolzen Knaben.   Zehntes Kapitel. Richard macht eine Vorprüfung durch und gibt Veranlassung zu einem Aphorismus. Wenn man sich zu einer Handlung entschlossen hat, die an Heroismus grenzt und sie dann mit kräftigem Lügen ausführt und somit das ganze Gebäude edlen Entschlusses zerstört, so erscheint das ein trauriger Sturz von stolzer Höhe, wenn wir vergessen, woraus die menschliche Natur in ihrer grünen, an Unkraut reichen Frühlingszeit besteht. Richard hatte seinen Vetter Austin mit dem festen Entschluß verlassen, Buße zu tun und den bittern Kelch zu trinken; und er hatte ihn auch getrunken, er hatte viele Becher bis zur Neige geleert, und es war alles unnütz gewesen. Noch schwebten sie vor ihm her, randvoll, dreifach bitter. Fern von Austins Einfluß war er beinahe wieder derselbe Junge, der in Tom Bakewells Hand ein Goldstück und in Farmer Blaizes Heuschober die 88 Streichhölzchen gesteckt hatte. Denn guter Samen reift langsam, und ein guter Junge wird nicht in einer Minute gemacht. Genug, daß das Samenkorn in ihm lag. Auf seinem Wege nach Raynham dachte er mit Wut an das, was er hatte erdulden müssen, und die Gestalt des dicken Belthorper Bauern brannte wie glühendes Eisen auf der Tafel seiner Erinnerung, unerträglich herablassend, und, was das Schlimmste war, dazu berechtigt. Wenn sein Verständnis auch durch seinen verwundeten Stolz getrübt war, das erkannte er doch deutlich und haßte seinen Feind deswegen um so mehr. Die Zunge des gewichtigen Benson verkündete das Mittagessen, als Richard auf dem Schlosse ankam. Er eilte auf sein Zimmer, um sich umzukleiden. Zufall oder Absicht hatte das Buch mit Sir Austins Aphorismen offen auf seinen Ankleidetisch gelegt. Während er hastig sein Haar kämmte, blickte er darauf und las – »Der Hund kehrt zu seinem Auswurf zurück: der Lügner muß seine Lüge wiederkäuen.« Darunter war mit Bleistift hingeworfen: »Eine Teufelsspeise!« Richard lief hinunter mit dem Gefühl, daß sein Vater ihm ins Gesicht geschlagen hätte. Sir Austin bemerkte die heißen, roten Flecken auf den Wangen seines Sohnes. Er suchte des Knaben Auge, aber Richard wollte ihn nicht ansehen und saß und blickte auf seinen Teller, mit einem kläglichen Versuch, Adrians wohlgefällige Miene nachzuahmen. Wie konnte er sich anmaßen, das Vergnügen eines Epikuräers nachzuahmen, wenn er sich qualvoll abmühen mußte, »Teufelsspeise« herunterzuwürgen. Der gewichtige Benson lastete schwer auf dem trübseligen Mittagsmahl. Hippias, der gewöhnlich ein schweigsamer Gast war, schien durch die unnatürliche Stille 89 aufgeweckt zu werden und wurde lebhaft, wie die Nachtschwalbe um Mitternacht. Er sprach viel von seinem Buch, seiner Verdauung und seinen Träumen, und Algernon und Adrian ließen es ihm durchgehen. Er erzählte einen unzusammenhängenden Traum, wie er sich jung und reich vorgekommen wäre und sich plötzlich inmitten eines Feldes befunden hätte, auf dem um ihn herum Rasiermesser gewachsen wären; und als er grade mit vorsichtigen Schritten, wie ein französischer Tanzmeister, den Mittelpunkt erreicht hätte, hätte er zu seinem Kummer einen Pfad entdeckt, der von dieser blutdürstigen, scharf geschliffenen Frucht ganz frei war, und den er von Anfang an hätte wählen können, wenn er nur genau zugesehen hätte; und da war er nun. Hippias' Brüder sahen ihn mit Blicken an, die deutlich zeigten, wie sie wünschten, er wäre auch dort geblieben. Sir Austin dagegen zog sein Taschenbuch heraus und schrieb eine Bemerkung nieder. Ein Verfasser von Aphorismen kann selbst von einem Rasiermesserfelde Blüten ernten. War nicht Hippias' Traum das wahre Seitenstück zu Richards Lage? Würde er nur genau hingesehen haben, so hätte auch er den freien Pfad wählen können; auch er hatte vorsichtige Schritte gemacht, bis er sich von grinsenden Klingen umgeben sah. Und über diesen Text predigte Sir Austin seinem Sohne, als sie allein waren. Die kleine Klara war noch zu unwohl, als daß man ihr hätte erlauben können, bei dem Nachtische dabei zu sein, und Vater und Sohn waren bald mit einander allein. Es war ein seltsames Beisammensein. Es schien, als wären sie lange voneinander getrennt gewesen. Der Vater nahm des Sohnes Hand; sie saßen, ohne daß ein Wort zwischen ihnen gewechselt wurde. Das Schweigen war beredt genug. Der Knabe verstand seinen Vater nicht; der Vater hatte oft seine Pläne durchkreuzt, 90 zuweilen hatte er den Vater für töricht gehalten; aber dieser väterliche Druck der Hand sprach beredt genug zu ihm, wie warm er geliebt wurde. Er versuchte ein- oder zweimal seine Hand fortzuziehen, da er fühlte, wie er weich wurde; sein Stolz und seine alten rebellischen Gefühle flüsterten ihm zu, hart zu bleiben, ungebeugt, entschlossen. Hart war er in seines Vaters Studierzimmer eingetreten, hart hatte er seines Vaters Blick erwidert. Jetzt konnte er ihn nicht ansehen. Der Vater saß freundlich neben ihm; sein liebevolles Wesen grenzte beinahe an Schwäche, so sehr liebte er diesen Knaben. Des armen Mannes Lippen bewegten sich. Er betete innerlich zu Gott. Allmählich erwachte ein Gefühl der Rührung in des Knaben Brust. Liebe ist der gesegnete Zauberstab, der der Härte des Herzens Tränen entlockt. Richard kämpfte dagegen, um der Ehre seines alten Widerstandes willen. Die Tränen wollten kommen, heiß und widerstrebend über die Wälle des Stolzes. Schmachvoll schnell fingen sie an zu strömen. Er konnte sie nicht länger verbergen oder sein Schluchzen unterdrücken. Sir Austin zog ihn näher und näher an sich heran, bis das geliebte Haupt an seiner Brust lag. Eine Stunde später wurden Adrian Harley, Austin Wentworth und Algernon Feverel in des Barons Studierzimmer gerufen. Adrian kam zuletzt. Es lag eine Art liebenswürdiger Überlegenheit darin, wie sich der weise Jüngling in einen Stuhl warf und mit den zusammengelegten Spitzen seiner Finger einen Bogen bildete, durch welchen er auf seine in Irrtümern befangenen Verwandten blickte. Sorglos, wie es dem zukam, dessen Weisheit alles vorausgesehen und dessen wohlwollende Bemühungen die Gefahr schon vor der Schwelle abgewendet hatte, nahm 91 er nur insofern an der einleitenden Unterhaltung teil, als er halblaut vor sich hinsummte: »Ripton und Richard waren zwei wackere Männer,« eine alte Ballade so parodierend. Richards gerötete Augen und des Barons unruhiges Wesen deuteten darauf hin, daß eine Aussprache und eine Versöhnung stattgefunden hatten. Das war gut. Der Baron würde nun freudig zahlen. Adrian rechnete und überlegte in Gedanken und hörte ruhig zu, als der Baron um ihre Aufmerksamkeit bat für das, was er ihnen zu sagen hätte, nämlich alle Anwesenden ausführlich von dem in Kenntnis zu setzen, was alle Anwesenden sehr gut wußten: daß ein Heuschober in Brand gesteckt worden war, daß sein Sohn als Anstifter in der Tat verwickelt war, daß der Ausführende jetzt im Gefängnis saß, und daß für Richards Familie es seiner Meinung nach Ehrensache wäre, ihr Äußerstes zu tun, um die Befreiung des Mannes zu bewerkstelligen. Dann erzählte der Baron, daß er selbst in Belthorpe gewesen wäre, und sein Sohn ebenfalls, und daß er Blaize durchaus geneigt gefunden habe, seinen Wünschen entgegenzukommen. Das Licht, das hochgehoben wurde, um endlich die Handlungen dieses verschwiegenen Geschlechtes zu beleuchten, fing langsam an seine Strahlen zu verbreiten; und wie ein Bericht dem andern folgte, sahen sie, daß sie alle von der Sache gewußt hatten, daß sie alle in Belthorpe gewesen waren, alle, mit Ausnahme des weisen Jünglings Adrian, der sich mit der schuldigen Ehrfurcht und einem sarkastischen Achselzucken gegen dieses Verfahren aussprach, da es sie in die Hände des Mannes Blaize brächte. Seine Weisheit entfaltete sich in solch überzeugender und an Sentenzen reicher Beredsamkeit, daß Sir Austin wohl schwankend geworden wäre, hätte nicht Adrian Einspruch erhoben gegen das, was er für durch die Ehre 92 geboten hielt. Aber die Basis von Adrians Weisheit war die Zweckmäßigkeit, und der Baron hatte einen eigenen besseren Spruch, um ihn zu widerlegen: »Zweckmäßigkeit ist die Weisheit der Menschen, Adrian Harley; recht zu tun ist die Weisheit Gottes.« Adrian unterdrückte seinen Wunsch, Sir Austin zu fragen, ob der Versuch, dem gerechten Walten des Gesetzes entgegenzuwirken, »recht tun« wäre. Die direkte Anwendung eines Aphorismus war in Raynham nicht beliebt. »Wenn ich recht verstehe,« sagte er, »willigt also Blaize ein, die Klage fallen zu lassen?« »Natürlich tut er das,« bemerkte Algernon. »Zum Teufel mit dem Kerl! Er wird sein Geld bekommen, was kann er mehr verlangen?« »Diese Herren vom Lande müssen sehr zart behandelt werden. Wenn er indessen wirklich einwilligt –« »Ich habe sein Versprechen,« sagte der Baron, seinen Sohn zärtlich an sich ziehend. Richard sah zu seinem Vater auf, als wenn er zu sprechen wünschte. Er sagte aber nichts, und der Baron nahm den Blick als eine stumme Antwort auf seine Zärtlichkeit und wurde noch zärtlicher. Adrian bemerkte eine gewisse Zurückhaltung in des Knaben Wesen. Er war nicht zufrieden damit, daß sein Gebieter ihn für das einzig müßige und nicht vielmehr für das schärfste und wachsamste Mitglied der Familie halten sollte und fing daher ein Kreuzverhör an und fragte Richard, wer den Bauern von Belthorpe zuletzt gesprochen hätte. »Ich glaube, ich sah ihn zuletzt,« sagte Richard und ließ seines Vaters Hand los. Adrian hielt seine Beute fest. »Und du verließt ihn mit einer klaren und befriedigenden Versicherung seiner freundschaftlichen Absichten?« 93 »Nein,« sagte Richard. »Nicht?« Die Feverels vereinigten sich in einem Chor des Erstaunens. Richard schob sich noch weiter von seinem Vater fort und wiederholte ein verschämtes: »Nein!« »War er feindselig gesinnt?« fragte Adrian, rieb sich die Hände und lächelte. »Ja,« bekannte der Knabe. Hier zeigte sich eine ganz neue Auffassung ihrer Lage. Adrian, der gewöhnlich ruhig abwartete, zeigte deutlich, wie er über das Resultat, das er erreicht hatte, triumphierte, und wandte sich gegen Austin Wentworth, dem er Vorwürfe machte, daß er den Knaben dazu veranlaßt hätte, nach Belthorpe zu gehen. Austin sah bekümmert aus. Er fürchtete, daß Richards guter Entschluß fehlgeschlagen wäre. »Ich hielt es für seine Pflicht zu gehen,« bemerkte er. »Das war es auch,« sagte der Baron mit Nachdruck. »Und du siehst, was dabei herauskommt,« warf Adrian ein. »Ich wiederhole noch einmal, diese Herren vom Lande müssen zart behandelt werden. Was mich anbetrifft, so würde ich lieber in der Hand eines Polizisten sein. Wir sind entschieden in der Gewalt dieses Blaize. Was waren seine Worte, Ricky? Laß sie uns in seiner eignen bäurischen Sprache hören.« »Er sagte, er würde Tom Bakewell deportieren lassen.« Adrian rieb sich die Hände und lächelte wieder. Dann könnten sie es übernehmen, Herrn Blaize Trotz zu bieten, meinte er wichtig, machte noch einmal eine geheimnisvolle Anspielung auf die punischen Elefanten und bat seine Verwandten, vollständig ruhig zu sein. Sie legten seiner Meinung nach Richards Mitschuld viel zu viel Bedeutung bei. Der Mann wäre ein Narr und wäre ein sehr ungewöhnlicher Brandstifter, wenn er überhaupt einen 94 Mitschuldigen nötig hätte. Das wäre in den Annalen der Heuschoberbrände überhaupt noch nicht vorgekommen. Man würde strenger sein, als das Gesetz selbst, wenn man behaupten wollte, ein vierzehnjähriger Knabe hätte einen erwachsenen Mann zu einem Verbrechen angestiftet. In dem Falle wäre dann allerdings »der Knabe der Vater des Mannes«, und dann würde man wohl nächstens hören, daß das Kind in der Wiege der Vater des Knaben wäre. Man würde aber etwas gesunden Menschenverstand eine bessere Richtschnur nennen dürfen als poetische Metaphysik. Als er aufhörte, fragte ihn Austin mit seiner gewohnten Gradheit, was er eigentlich meine. »Ich gebe zu, Adrian,« sagte der Baron, als er hörte, wie Austin wegen seiner Dummheit zur Rede gestellt wurde, »daß auch ich dich nicht verstehe. Ich höre, daß dieser Mann Bakewell sich freiwillig dazu entschlossen hat, meinen Sohn nicht anzuklagen. Ich habe selten etwas gehört, das mich so befriedigt hätte. Es gewährt einen Einblick in die innere Vornehmheit in dem Charakter dieses Landmannes, an der sich manch ein Edelmann ein Beispiel nehmen könnte. Wir sind verpflichtet, unser äußerstes für den Mann zu tun.« Und indem er erklärte, noch einen zweiten Besuch in Belthorpe machen zu wollen, um die Gründe zu erfahren für des Bauern plötzliche Neigung zur Rachsucht, erhob sich der Baron. Ehe er das Zimmer verlassen hatte, fragte Algernon Richard, ob der Bauer ihm irgend welche Gründe gegeben hätte, und der Knabe sprach nun von der Bestechung der Zeugen und von des Kampfhahns »nicht mit einem heiligen Eide!« worüber Adrian fast vor Lachen erstickte. Selbst der Baron lächelte über diesen feinen Unterschied zwischen dem Schwören und dem Schwören mit einem heiligen Eide. »Wie wenig,« rief er aus, »kennt ein Bauer den 95 andern. Solch eine kleine Abweichung zu einem Unterschiede zu erheben, ist die natürliche Handlung ihres Verstandes. Ich will Blaize darauf aufmerksam machen. Er soll erkennen, daß solche Gedanken den Bauern natürlich sind.« Mit Gewissensbissen sah Richard seinen Vater gehen, und auch Adrian fühlte sich nicht ganz behaglich. »Dieses nach Belthorpe traben verdirbt alles,« sagte er. »Die Sache würde morgen vorüber gehen – Blaize hat keine Zeugen. Der alte Schurke will nur noch mehr Geld erpressen.« »Nein, das will er nicht,« widersprach ihm Richard, »das ist es nicht. Ich bin überzeugt, er glaubt, daß man sich mit seinen Zeugen zu schaffen gemacht hat, wie er sagt.« »Und wenn man das getan hätte, mein Junge,« warf Adrian mutig ein. »Der Boden ist ihm unter den Füßen entzogen.« »Blaize sagte mir, daß wenn mein Vater ihm das Wort darauf gäbe, daß nichts derartiges geschehen sei, er es glauben würde. Mein Vater wird ihm sein Wort darauf geben.« »Dann lasse ihn lieber nicht hingehen,« sagte Adrian. Austin sah Adrian scharf an und fragte ihn, ob er glaube, daß der Verdacht des Bauern gerechtfertigt wäre. Der weise Jüngling ließ sich nicht fangen. Man hätte ihm nur zu verstehen gegeben, daß die Zeugen ziemlich unsicher wären, und daß der Kampfhahn bereit wäre, fröhlich zu schwören, aber nicht auf die Bibel. Es beliebte ihm nicht zu sagen, wie er das gehört hatte, aber er wiederholte, daß man es nicht zulassen solle, daß der Baron nach Belthorpe ginge. Sir Austin war auf dem Feldwege, der nach dem Bauerngehöft führte, als er eilige Schritte hinter sich 96 hörte. Es war dunkel und er schüttelte rauh die Hand ab, die ihn am Mantel hielt, da er seinen Sohn nicht erkannte. »Ich bin es, Vater,« sagte Richard keuchend, » verzeih mir, du darfst nicht hingehen.« »Warum nicht?« fragte der Baron und legte seinen Arm um ihn. »Jetzt nicht,« fuhr der Knabe fort, »ich werde dir heut abend alles sagen. Ich muß den Bauern selbst sprechen. Es war meine Schuld, Vater. Ich – ich habe ihn belogen – der Lügner muß seine Lüge widerkäuen. Ach, vergib mir, daß ich dir Schande mache, Vater. Ich tat es – ich hoffe, ich tat es, um Tom Bakewell zu retten. Laß mich allem hingehen und die Wahrheit sagen.« »Geh' und ich werde hier auf dich warten,« sagte sein Vater. Der Wind, der die alten Ulmen niederbeugte und die trocknen Blätter durch die Luft wirbelte, hatte Stimme und Bedeutung für den Baron, während dieser einsamen halben Stunde, die er in der Dunkelheit auf- und abschritt, um auf seinen Sohn zu warten. Die feierliche Freude seines Herzens gab der Natur eine Zunge. Durch die trübe Stimmung der Luft, durch das Wehklagen der Mutter Erde über das kahl gefegte Land – vernahm er deutliche Zeichen von der wohltätigen Ordnung des Weltalls, vernahm sie mit einem Herzen, das neu bestärkt worden war in seinem Verständnis für das Prinzip menschlicher Güte, wie es sich in dem geliebten Kinde, das ihn soeben verlassen hatte, offenbarte: bestärkt worden war in seinem Glauben an den schließlichen Sieg des Guten, ohne den die Natur keine Harmonie, keine Bedeutung hätte, nur Fels, Stein und Baum wäre und nichts weiter. In der Dunkelheit, während die welken Blätter an 97 sein Antlitz schlugen, nahm er sein Taschenbuch hervor und schrieb mit hastenden Fingern: »Es gibt für den menschlichen Geist nur ein Erfassen des Glücks; von jenem höchsten Gipfel der Weisheit aus, von dem aus wir erkennen, daß diese Welt weise geplant ist.«   Elftes Kapitel. In welchem der letzte Akt der Bakewell-Komödie mit einem Briefe schließt. Von all den wichtigsten Akteuren in der Bakewell-Komödie erwartete Ripton Thompson den verhängnisvollen Morgen, welcher Toms Schicksal entscheiden sollte, in der trübseligsten Stimmung und litt in der Einbildung die furchtbarsten Schrecknisse. Als Adrian sich von ihm trennte, hatte er die Gelegenheit wahrgenommen, beiläufig von der Lage der Verbrecher im modernen Europa zu sprechen. Er hatte ihm erzählt, daß internationale Auslieferungsverträge jetzt das leisteten, was das römische Reich früher getan hätte, und daß ein Verbrecher bei den Wilden an der Küste des atlantischen Meeres, jetzt wie zu der Zeit der alten Skythen, nur eine unsichere Zuflucht und immer einen geheimen Abgesandten finden würde, der ihn aufsuchte. Unter dem väterlichen Dache, unter dem Schutze des Gesetzes und fern von dem Einfluß seines gewissenlosen jungen Führers, überwältigte die bedenkliche Natur der Handlung, in die er verwickelt war, den armen Ripton durch ihr furchtbar verbrecherisches Aussehen. Es wurde ihm jetzt zum ersten Male recht klar, was er getan hatte. 98 »Es ist beinahe so schlimm wie Mord!« schrie es in seiner geängstigten Seele und er ging im Hause umher mit einem prickelnden Gefühl auf der Haut. Gedanken an Amerika und wie er sein Leben neu beginnen könnte, als unschuldiger Mann, hatten Riptons erregtes Gemüt durchkreuzt. Er schrieb an seinen Freund Richard und schlug ihm vor, alle verfügbaren Gelder zu sammeln, damit sie sich einschiffen könnten, im Falle, daß Tom sein Wort brechen oder der Zufall sie verraten sollte. Er wagte es nicht seiner Familie das Geheimnis anzuvertrauen, da Richard es ihm streng zur Pflicht gemacht hatte, jede derartige Schwäche zu vermeiden; und da er von Natur ehrlich und mitteilsam war, war ihm diese Beschränkung schmerzlich und er wurde melancholisch. Mama Thompson schrieb es der Liebe zu. Die Pandektentöchter neckten ihn mit Fräulein Klara Forey. Sein unaufhörliches Schreiben nach Raynham, sein Schweigen über alles und jedes dort, seine Appetitlosigkeit, seine Reizbarkeit, seine ungewohnte Neigung zu plötzlichem, flammendem Erröten, alles das wurde als sicheres Zeichen der Verliebtheit ausgelegt. Miß Letitia Thompson, die jüngste und hübscheste der Pandektentöchter, war von ihrer Mama für dem Erben von Raynham bestimmt worden. Sie war bekannt mit diesen Plänen und hatte sich, obgleich sie erst fünfzehn Jahre alt war, nach Riptons Abreise ihrer glänzenden Zukunft angemessen gekleidet und Triller und Kadenzen in schmachtenden Tönen vor ihrem Stubenmädchen geübt, wobei dem kleinen Laufburschen das Herz im Leibe dahinschmolz. Da Ripton Miß Lettys unersättlichen Durst nach Auskunft über den jungen Erben nicht befriedigen konnte, rächte sie sich durch tägliche Quälereien und jagte ihm einmal, ganz ohne es zu beabsichtigen, einen fürchterlichen Schrecken ein. Als Herr Thompson nach dem Essen am Feuer saß und die Zeitung las, um 99 sich zu dem Schlaf auf seinem gewöhnlichen Posten vorzubereiten, und Mama Thompson mit ihrer gehorsamen weiblichen Nachkommenschaft von den Schwierigkeiten der Nadelkünste in Anspruch genommen war, die sie mit ihren Zungen begleiteten, stahl sich Fräulein Letty hinter Riptons Stuhl und schob zwischen ihn und sein Buch, groß und schön gemalt, den lateinischen Anfangsbuchstaben des Gegenstandes, von dem sie ihn ebenso erfüllt glaubte, wie sie selbst es war. Die unerwartete Erscheinung dieses anklagenden Anführers des Alphabets, dieses glänzende und beunruhigende »A«, das ihm kühn entgegenstarrte, ließ Ripton in seinen Stuhl zurücksinken, während das Schuldbewußtsein mit der gewohnten Unsicherheit, welche Farbe es bei der Entdeckung annehmen sollte, auf seinen eingefallenen Wangen von Röte zu Blässe, von Blässe zu Röte floh. Letty lachte triumphierend. »Amor,« das Wort, das sie im Sinne hatte, konnte sicherlich mit »Ausweisung« in Verbindung gebracht werden. Die Ankunft eines Briefes an Ripton gab ihr indessen neue und mehr Erfolg versprechende Aussichten zum Studium. Denn kaum hatte Ripton sich in das Sendschreiben vertieft, als er in solch hellen Jubel ausbrach, daß das kleine Fräulein, die trotz ihrer schmachtenden Triller genug gesunden Menschenverstand besaß, meinte, dieses könnte sie für eine deutliche Erklärung halten. Der Knabe blieb nicht bei Tisch. Er besann sich darauf, daß er nicht allein war und eilte in sein Zimmer. Und nun beschäftigte sich Fräulein Lettys Scharfsinn damit, wie sie in den Besitz des Briefes gelangen könnte. Natürlich hatte sie Erfolg, denn sie machte sich wenig Gewissensbisse bei ihrer Jagd, und das Wild war nicht auf seiner Hut. Mit erstaunten Augen las sie folgenden merkwürdigen Inhalt: 100 »Lieber Ripton! Wenn Tom verurteilt worden wäre, hätte ich den alten Blaize erschossen. Weißt Du, mein Vater stand hinter uns in der Nacht, als Klara den Geist sah, und hörte alles was wir sagten, ehe das Feuer ausbrach. Man muß gar nicht versuchen, irgend etwas vor ihm geheim zu halten. Da Du natürlich in einem furchtbaren Zustand bist, will ich Dir alles erzählen. Nachdem Du fort warst, hatte ich eine Unterredung mit Austin, und er beredete mich, zum alten Blaize zu gehen und ihn zu bitten, Tom frei zu geben. Ich ging, denn ich wollte alles was möglich war für Tom tun, nach dem, was Austin gesagt hatte, und ich wollte den alten Kerl hindern, das Schlimmste zu tun. Dann sagte er, wenn mein Vater das Geld bezahlen würde, und niemand seine Zeugen bestochen hätte, dann wäre es ihm gleich, wenn Tom freikäme; und dann ließ er seinen Hauptzeugen hereinkommen, der der Kampfhahn genannt wird und seinem Herrn sehr ähnelt; und der Kampfhahn fing an, mir Gesichter zu schneiden, und sagte, er hätte geschworen, daß er Tom Bakewell gesehen hätte, aber nicht mit seinem heiligen Eide. Er meinte, nicht auf die Bibel. Er könnte es schwören, aber nicht auf die Bibel. Ich mußte lachen und Du hättest sehen sollen, in welche Wut der alte Blaize geriet. Es war ein Hauptspaß. Dann hatten wir zu Hause eine Besprechung, Austin, Rady, mein Vater, Onkel Algernon, der wieder bei uns ist, und Dein Freund in Glück und Unglück R. D. F. Mein Vater sagte, er würde zum alten Blaize gehen und ihm sein Ehrenwort geben, daß wir uns nicht mit seinen Zeugen eingelassen hätten; und als er fort war, sprachen wir noch weiter, und Rady meinte, er solle lieber nicht zu 101 dem Bauern gehen. So wahr ich lebe, ich glaube, Rady hat den Kampfhahn bestochen. Ich lief also und holte meinen Vater ein, und sagte ihm, er solle nicht zum alten Blaize gehen, ich würde gehen, und würde alles widerrufen und ihm die Wahrheit sagen. Er wartete auf mich auf dem Feldwege. Was zwischen mir und dem alten Blaize vorging, ist nicht weiter wichtig. Er ließ mich bitten und betteln, daß er nicht weiter gegen Tom vorgehen wolle, und schließlich brachte er noch ein kleines Mädchen herein, eine von seinen Nichten, und sagte mir, sie wäre meine beste Freundin und ich sollte mich bei ihr bedanken. Ein kleines Mädchen, zwölf Jahre alt! Was für ein Recht hatte sie, sich in meine Angelegenheiten zu mischen. Verlaß Dich darauf, Ripton, immer wo Unfug geschieht, stecken Mädchen dahinter! Sie hatte die Unverschämtheit, eine Bemerkung über mein Aussehen zu machen und mich zu bitten, nicht unglücklich zu sein. Ich war natürlich höflich, aber ich habe sie nicht angesehen. Der Morgen kam also, und Tom wurde vor Sir Miles Papworth geführt. Sir Miles' Gicht hatte uns den Aufschub verschafft, sonst wäre Tom verhört worden, ehe wir Zeit hatten, etwas für ihn zu tun. Adrian wollte mich nicht hingehen lassen, aber mein Vater sagte, ich solle ihn begleiten, und er hielt mich die ganze Zeit bei der Hand. Ich werde mich wohl in acht nehmen, wieder solche Geschichten zu machen. Wenn man irgend etwas Anständiges getan hat, dann ist es einem gleich; wenn man aber unter Polizisten und Gerichtsbeamte gerät, dann schämt man sich. Sir Miles war sehr aufmerksam zu meinem Vater und zu mir und sehr hart gegen Tom. Wir saßen neben ihm, und Tom wurde hereingeführt. Sir Miles sagte zu meinem Vater, daß nichts in der Welt so sehr den gemeinen Schurken kennzeichne 102 als Brandstiftung. Was meinst Du dazu? Ich sah ihn scharf an und er sagte zu mir, er täte mir einen Dienst, wenn er Tom verhaften ließe und das Land von solch einem Burschen befreie, und Rady fing an zu lachen. Ich hasse Rady! Mein Vater sagte, sein Sohn hätte es noch nicht so eilig mit der Erbschaft und der Verwaltung eigenen Landes, und Sir Miles lachte auch. Anfangs dachte ich, man hätte uns entdeckt. Dann fingen sie an, Tom zu verhören. Der Kesselflicker war der erste Zeuge, und bewies, daß Tom gegen den alten Blaize gesprochen und auch etwas von dem Anstecken eines Heuschobers gesagt hätte. Ich wünschte, ich hätte mit ihm allein auf dem Wege nach Bursley gestanden. Unser Anwalt hier auf dem Lande, den wir für Tom genommen hatten, fing ein Kreuzverhör mit ihm am und dann sagte er, er könnte nicht ganz genau die Worte beschwören, die zwischen ihm und Tom gefallen wären. Das glaube ich, daß er das nicht konnte! Dann kam ein anderer, welcher schwor, daß er gesehen hätte, wie Tom auf dem Gebiet des Bauern in der Nacht herumgeschlichen wäre. Dann kam der Kampfhahn und ich sah, wie er nach Rady hinblickte. Ich war furchtbar aufgeregt und Vater drückte mir die Hand. Stell Dir bloß vor, wie ich fühlen mußte, daß ein Wort von dem Burschen mich für mein ganzes Leben unglücklich machen konnte, und daß er falsch schwören mußte, um mir zu helfen. Das kommt davon, wenn man sich von der Leidenschaft fortreißen läßt. Mein Vater sagt, wenn wir das tun, dann suchen wir Hilfe beim Teufel. Dem Kampfhahn wurde also befohlen zu sagen, was er gesehen hätte, und im Augenblick wie er loslegte, fing Rady, der dicht neben mir stand, an sich zu schütteln, und ich weiß, daß er lachte, obgleich sein Gesicht so ernst 103 war wie Sir Miles'. Du hast in Deinem ganzen Leben nicht solchen Unsinn gehört, aber ich konnte nicht lachen. Er sagte, er glaubte, er wäre sicher, daß er jemand an dem Heuschober gesehen hätte, und Tom Bakewell wäre der einzige Mann, von dem er wüßte, daß er einen Groll gegen den Farmer Blaize hätte, und wenn der Jemand ein klein wenig größer gewesen wäre, dann würde es ihm nicht darauf ankommen, zu schwören, daß es Tom gewesen wäre, – und er wollte auch schwören, denn er wäre ganz sicher, es wäre Tom gewesen, nur war er kleiner und es war pechfinster zu der Zeit. Er wurde gefragt, zu welcher Zeit die Person sich von dem Heuschober weggestohlen hätte, und da fing er an sich den Kopf zu kratzen, und sagte, es wäre Abendbrotzeit gewesen. Und dann fragten sie ihn, um welche Zeit er Abendbrot äße, und er sagte: »Schlag neun Uhr;« und wir bewiesen, daß Tom um neun Uhr mit dem Kesselflicker in dem Gasthaus in Bursley getrunken hätte und Sir Miles fluchte und sagte, leider könne er Tom nicht verhaften, und als er das hörte, sah Tom mich an und ich sage, Tom ist ein nobler Bursche, und niemand soll über Tom spotten, so lange ich lebe. Merke Dir das. Sir Miles lud uns dann zum Essen ein, und Tom war gerettet, und wenn ich will, soll ich ihn haben und zu meinem Diener erziehen, und ich will. Und ich werde seiner Mutter Geld geben und sie reich machen, und er soll niemals bereuen, daß er mich kennen kernte. Hör mal, Rip! Der Kampfhahn muß mich gesehen haben, als ich die Streichhölzchen hineinsteckte. Als wir am Abend von Sir Miles fortgingen, er hat eine Menge Töchter mit roten Gesichtern, aber ich tanzte nicht mit ihnen, obgleich sie Musik machten und sehr lustig waren; ich hatte keine Lust dazu; ich war so glücklich, ich hätte 104 mich beinahe verraten. Als wir nach Hause ritten, sagte Rady zu meinem Vater, der Kampfhahn wäre kein solcher Narr, wie man dächte, und mein Vaters sagte, man müßte in einen Zustand großer, persönlicher Erregung sein, wenn man diese Bezeichnung auf irgend einen Menschen anwendete, und Rady schwieg; und ich schlug mein Pony mit den Hacken vor Vergnügen. Ich glaube, mein Vater vermutet, was Rady getan hat, und billigt es nicht. Und er hätte gar nicht nötig gehabt es zu tun, und hätte beinahe alles verdorben. Mein lieber Austin geht nach Süd-Amerika. Mein Pony ist in ganz vorzüglichem Zustand. Mein Vater ist der klügste und beste Mensch in der Welt. Klara geht es etwas besser. Ich bin sehr glücklich. Ich hoffe, wir werden uns bald wiedersehen, mein lieber, alter Rip, und dann werden wir nicht wieder solche Geschichten machen, nicht wahr? Ich verbleibe Dein geschworner Freund Richard Doria Feverel. PS. Ich bekomme eine hübsche Segeljacht. Leb wohl, Rip, vergiß nicht, daß Du boxen lernen mußt. Du darfst diesen Brief bei Strafe meiner Ungnade keinem von Deinen Freunden zeigen. NB. Lady B. war, als ich ihr alles erzählte, sehr ärgerlich, daß ich nicht früher zu ihr gekommen war. Sie möchte alles in der Welt für mich tun. Nach meinem Vater und Austin habe ich sie am liebsten. Leb wohl, alter Rip.« Nachdem die arme, kleine Letitia diese geistreiche Epistel, in der die Gesetze des Stils so großartig verachtet waren, dreimal durchgelesen hatte, steckte sie sie wieder in eine der Taschen von Riptons bester Jacke und 105 war sehr verliebt in den sorglosen Briefschreiber. Und so endete der letzte Akt der Bakewell-Komödie, nach welcher der Vorhang in dem Augenblicke fällt, als Sir Austin seinen Freunden erklärt, wie vorteilhaft sich das System seiner Erziehung von Anfang bis zu Ende darin bewährt habe.   Zwölftes Kapitel. Blütezeit. Geistererscheinungen zu erklären ist jedermanns Pflicht, und da der geheimnisvolle Vorfall, der die kleine Klara erschreckt hatte, auf dem Schauplatze der Ereignisse in Raynham niemals aufgeklärt wurde, und das Schreckliche weiter im Schlosse umging, wollen wir einen Augenblick hinter die Kulissen blicken. Obwohl der Baron im Grunde seines Herzens abergläubisch war, widersetzte sich sein Verstand doch jeder übernatürlichen Einwirkung auf menschliche Verhältnisse, und als ihm das Rätsel aufgeklärt wurde, schüttelte er die ihn bedrückende Schwäche ab und erlangte sein geistiges Gleichgewicht wieder, so daß er von dieser Zeit an wieder der Alte war und die große Wahrheit fester erfaßte, daß »diese Welt wohl ersonnen war«. Ja, er konnte lachen, als er hörte, wie Adrian, im Andenken an das böse Geschick, das einen der Familie bei der ersten Kundgebung des Geistes betroffen hatte, dieses unruhige Wesen »Algernons Bein« nannte. Mrs. Doria war empört. Sie blieb dabei, ihr Kind hätte gesehen – daran nicht zu glauben, war beinahe so schlimm wie Raub an ihrem persönlichen Eigentum. Nachdem Sir Austin seinen eigenen früheren Gemütszustand genügend an ihr studiert hatte, bewog ihn das 106 Mitleid, sie eines Tages beiseite zu nehmen und ihr zu zeigen, daß ihr Geist Worte schreiben konnte, wie ein lebendiges Wesen. Es war ein Brief von der unglücklichen Dame, die Richard das Leben gegeben hatte, – kurze, kalte Zeilen, in denen sie ihm einfach mitteilte, daß sein Haus künftig nicht mehr von ihr beunruhigt werden würde. Kalte Zeilen, aber welch tief traurige Selbstverleugnung hatte sie geschrieben, und welche Seelenqual lag ihnen zu Grunde! Wie die meisten Leute, die mit ihm zu tun hatten, hielt Lady Feverel ihren Gatten für einen unbeugsamen, harten und unversöhnlichen Mann; und sie handelte, wie törichte Wesen zu handeln pflegen, wenn sie sich einbilden, das Schicksal wäre gegen sie: weder bat sie um das, was ihr zukam, noch beanspruchte sie es. Sie hatte versucht, die Sehnsucht ihres Herzens heimlich zu befriedigen und nun verzichtete sie auf alles. Mrs. Doria, der es nicht an Familiengefühl und Warmherzigkeit fehlte, schauderte, als sie sah, wie gelassen er das Opfer annahm. Er bat sie zu bedenken, wie beunruhigend für den Knaben der Einblick in solche Beziehungen zwischen Mutter und Vater sein müßte. Noch einige Jahre später, und als Mann sollte er alles erfahren und selbst urteilen und sie lieben. »Laß dies ihre Buße sein, sie ist von mir nicht verschuldet.« Mrs. Doria beugte sich vor seinem Erziehungssystem, da es eine andre betraf, und bedachte nicht, daß die Zeit kommen könnte, in der auch sie sich davor würde beugen müssen. Noch weiter hinter den Kulissen erblicken wir Rizzio und Maria, älter geworden und aus der Verzauberung erwacht; sie ihrer Krone beraubt und unordentlich, – er mit gichtischen Fingern auf einer abgenutzten Harfe spielend. Der vielversprechende Diaper Sandoe leiht seine Feder für geringen Lohn. Sein Ruhm ist gesunken, sein körperlicher Umfang hat merklich zugenommen. Er 107 spricht noch immer über das, was er tun kann und was er tun wird; mittlerweile ist ihm der Wachholderlikör zum Bedürfnis geworden, es scheint, als ob die kleinen Lohnarbeiten nicht ohne diese Hilfe ausgeführt werden können. Als die Dame von ihrer traurigen Reise zu ihrem noch viel traurigeren Heim zurückkehrte, mußte sie den milden Vorwurf des leichtsinnigen Diaper hören – ein Vorwurf, der so milde war, daß er ihn in Jamben kleidete; denn da er jetzt selten metrisch schrieb, gewöhnte er es sich an in Versen zu sprechen. Mit einer stets bereiten Träne des Mitgefühls erklärte er ihr, daß sie durch ein solches Vorgehen ihre Interessen geschädigt hätte, schreckte auch nicht davor zurück ihr ausführlich zu erklären, inwiefern sie es getan hätte. Mit einem Lächeln auf seinen feuchten Lippen, sagte er ihr, wie die Armut, in der sie lebte, so ganz und gar nicht ihrer zarten Erziehung angemessen wäre und er Grund hätte zu glauben, – er könne sie versichern – daß ihr Gatte im Begriff wäre, eine Jahresrente für sie auszusetzen. Und er ließ die Knospe seines Lächelns sich zu voller Blüte entfalten, als er ihr diese Nachricht mitteilte. Sie erfuhr, daß er sich an ihren Gatten um Geld gewendet hatte. Es ist hart, wenn uns die letzte Stütze der Selbstachtung entzogen wird, grade wenn wir die Qualen eines Märtyrers auf dem Scheiterhaufen erdulden. Eine fünf Minuten lange tragische Unterredung folgte nun, die besonders traurig für Diaper war, der so darauf gehofft hatte, sich in den warmen Strahlen jener Jahresrente zu sonnen und sich aus seinem Zustand der Verpuppung wieder zum Schmetterling zu entfalten. Dann schrieb die Dame jenen Brief, den Sir Austin seiner Schwester zeigte. Aber ich halte die Luft hinter den Kulissen für ungesund, und da wir die Erscheinung erklärt haben, wollen wir umkehren und vor den Vorhang treten. 108 Die unendlich kleine Dosis »Welterfahrung«, die durch Ripton mit solch schnellem und überraschendem Erfolg dem System beigefügt worden war, hatte nach Sir Austins Meinung ihre Schuldigkeit getan und genügte für eine Weile; so erhielt Ripton keine weitere Einladung nach Raynham, und Richard hatte zur Anregung seiner starken Lebenskraft keinen besondern Vertrauten seines eigenen Alters und vermißte ihn auch nicht. Er hatte genug zu tun mit Tom Bakewell. Außerdem war er mit seinem Vater ein Herz und eine Seele. Das Gemüt des Knaben tat sich auf und wandte sich mit ehrfurchtsvoller Liebe seinem Vater zu. In dieser Periode, in der der junge Wilde höherem Einfluß entgegenreift, ist die Fähigkeit zu verehren vorherrschend in ihm. In dieser Periode drücken die Jesuiten ihrer Zöglingsschar den Stempel auf; und alle, die die Jugend nach einem System erziehen und sie beobachten, wissen, daß sie zu dieser Zeit das Eisen schmieden müssen. Für Knaben mit irgend einer starken geistigen oder moralischen Veranlagung ist diese Zeit die entscheidende, und wenn sie unter Aufsicht stehen, nehmen sie zu dieser Zeit die Richtung an, die ihnen gegeben wird, um sie meistens nicht wieder zu verlieren und jedenfalls nie ganz zu verlieren. In Sir Austins Taschenbuch fand sich niedergeschrieben: »Zwischen dem einfachen Knabenalter und dem Jünglingsalter – in der Blütezeit – auf der Schwelle der Pubertät gibt es »Eine selbstlose Stunde« – nennen wir sie die »Geistige Saatzeit.« Er war darauf bedacht, daß gute Saat in Richard gelegt würde, und daß die fruchtbarste Saat für einen Jüngling, nämlich das Beispiel, von der Art wäre, die in ihm die Liebe zu jeder Form des Edelmuts zum Keimen bringen könnte. »Ich bemühe mich nur meinen Sohn zu einem Christen 109 zu machen,« gab er denen zur Antwort, die ihn wegen des Systems zur Rede stellten. Und seinen Belehrungen gab er ein bestimmtes Ziel. »Zunächst sei tugendhaft,« sagte er zu seinem Sohn, »und dann diene deinem Vaterland mit Herz und Seele.« Der Ehrgeiz des Knaben wurde auf die Staatskunst gerichtet, und er las mit seinem Vater die Geschichte und die Reden der großen englischen Staatsmänner, und nicht ohne Erfolg, denn eines Tages fand ihn Sir Austin, wie er, das Kinn auf die Hände gestützt, gegen eine Säule lehnte, die die Büste Chathams trug, und, mit Augen voller Tränen, den Helden des Parlaments betrachtete. Man meinte, der Baron ginge in dem Prinzip des Beispiels so weit, daß er seinen zechenden, magenkranken Bruder Hippias nur in Raynham behielt, um seinem Sohn die traurige Vergeltung vor Augen zu führen, mit der die Natur ein charakterloses Leben straft; denn der arme Hippias war zu einer verkörperten Klage geworden. Das war ungerecht, aber zweifellos machte er sich in seiner Umgebung jedes Beispiel zu nutze, das bei seinem Sohne Abneigung oder Nacheiferung erregen konnte. Er schonte seinen Bruder nicht, gegen den Richard eine Abneigung hegte, die im richtigen Verhältnis zu der Bewunderung für seinen Vater stand, und die ihn dazu führte, sich eine übertriebene Enthaltsamkeit aufzuerlegen, die sein Vater dämpfen mußte. Der Knabe betete mit seinem Vater morgens und abends. »Wie kommt es, Vater,« sagte er eines Abends, »daß ich Tom Bakewell nicht dazu bringen kann zu beten?« »Weigert er sich?« fragte Sir Austin. »Er scheint sich zu schämen,« erwiderte Richard. »Er will wissen, wozu es gut ist. Und ich weiß nicht, was ich ihm sagen soll.« 110 »Ich fürchte, es ist schon zu weit mit ihm gekommen,« sagte Sir Austin, »und so lange er keinen tiefen Kummer hat, wird er das göttliche Bedürfnis nach Gebet nicht empfinden. Strebe danach, mein Sohn, wenn du eines Tages das Volk vertreten wirst, für seine Erziehung zu sorgen. Tom fühlt jetzt alles durch eine stumpfe, undurchdringliche Rinde; Geistesbildung ist der halbe Weg zum Himmel. Sage ihm, mein Sohn, wenn er dich jemals fragen sollte, wie er die Wirkung des Gebetes erfahren und wissen kann, ob sein Gebet erhört ist, sage ihm (er zitierte aus dem Manuskript des Pilgers): »Dessen Gebet ist erhört, der sich vom Gebet erhebt als ein besserer Mensch.« »Das will ich, Vater,« sagte Richard und ging glücklich zu Bett. Der Knabe lebte jetzt in glücklicher Zufriedenheit mit seinem Vater und sich selbst. Das Gewissen wurde in ihm lebendig, und er fing an einen Teil der Last zu tragen, die die Menschen tragen müssen, doch noch in einer so unfertigen Form, daß sie bald nach der einen, bald nach der andern Seite das Übergewicht hatte. Der weise Jüngling Adrian beobachtete diese weiter fortschreitende Entwicklung seines Schülers kühl und zynisch. Sir Austin hatte es ihm streng untersagt, den Knaben zu hänseln, und so erleichterte er sich die bittere Stimmung, in die ihn der Anblick eines zum Heiligen gewordenen jungen Brandstifters versetzte, durch scheinbar ernsthaftes Mitempfinden und führte ein genaues Verzeichnis der nicht weit auseinander liegenden Daten seiner verschiedenem Veränderungen. Der Brot- und Wasser-Zustand dauerte vierzehn Tage, der vegetarische – eine Nachahmung Vetter Austins – etwas länger als einen Monat, der fromme noch etwas länger; der religiöse Bekehrungszustand, in dem er sich bemühte, die gottlosen 111 Bewohner von Lobourne und Bursley und die Dienstboten des Schlosses, einschließlich Tom Bakewells, der Religion zuzuführen, dauerte wieder etwas länger und war schwer zu ertragen, denn Richard versuchte auch Adrian zu bekehren. Die ganze Zeit wurde Tom Bakewell wie ein Rekrut gedrillt. Richard ließ einen Unteroffizier von der nächsten Kaserne für ihn kommen, um ihm die rechte Haltung zu geben, und ließ ihn mit unendlicher Befriedigung auf und ab marschieren. Großen Kummer erlebte er, als er es versuchte, dem rundschultrigen Landmann die ersten Anfangsgründe des Lesens beizubringen, denn er setzte unbegrenzte Hoffnungen auf Tom und traute ihm alle Eigenschaften eines Helden zu. Auch seinen Stolz legte Richard ab. Er stellte sich demütig und glaubte auch wirklich es zu sein. Worauf Adrian ihm beiläufig die Tatsache mitteilte, daß alle Menschen Tiere wären, und er ein Tier wäre, wie alle andern. »Ich ein Tier!« rief Richard voller Hohn, und quälte sich wochenlang ebensosehr mit diesen Anfangsgründen der Selbsterkenntnis, wie Tom mit seinen Buchstaben. Um ihm seine Selbstachtung wieder zu geben, sorgte Sir Austin dafür, daß er in die Wunder der Anatomie eingeweiht wurde. So verging die Saatzeit ohne Störung, und das Jünglingsalter nahte, und seine Cousine Klara fing schon an zu fühlen, daß sie einem anderen Geschlecht angehörte als er. Sie wuchs auch heran, aber niemand kümmerte sich darum, wie sie aufwuchs. Äußerlich schien sich sogar ihre Mutter mehr für das Aufschießen des grünen Sprößlings des Feverel-Stammes zu interessieren, und Klara war nur eine seiner Dienerinnen, die er wenig beachtete. Lady Blandish fühlte eine ehrliche Zuneigung zu dem Knaben. Sie sagte mehr als einmal zu ihm: »Wenn ich ein junges Mädchen wäre, würde ich dich zum Manne 112 nehmen.« Und mit der Freimütigkeit seiner Jahre pflegte er zu erwidern: »Und wie können Sie denn wissen, ob ich Sie genommen hätte?« Worauf sie lachte und ihn einen törichten Jungen nannte, denn hatte er nicht gehört, daß sie ihn nehmen würde? Schreckliche Worte, deren Bedeutung er damals noch nicht erkannte! »Du liest ja nicht in deines Vaters Buch,« sagte sie. Ihre eigne Ausgabe war in purpurnen Samt gebunden, mit goldenen Ecken, wie Damen mit Sinn für Dekoration ihre frommen Bücher gerne haben. Sie trug es mit sich herum und zitierte daraus und jagte – wie Adrian zu Mrs. Doria bemerkte – ein edles Wild und faßte ihr Ziel besonnen ins Auge. Auch Mrs. Doria war davon überzeugt und sprach ihr Bedauern darüber aus, daß ihr Bruder nicht mehr auf seiner Hut wäre. »Sieh her,« sagte Lady Blandish und legte ihren rosigen Fingernagel auf einen der Aphorismen, welcher davon sprach, wie Alter und Trübsal erst eine undurchdringliche Schicht um uns bilden müßten, bevor wir dem Magnetismus jedes menschlichen Geschöpfes, das unsern Pfad kreuzt, wirksam widerstehen könnten. »Kannst du das verstehen, Kind?« Richard meinte, wenn sie es läse, könnte er es. »Nun wohl, mein edler Ritter,« sie berührte sanft seine Wange und ließ ihre Finger durch sein Haar gleiten, »lerne es so schnell du kannst, dich nicht von hundert verschiedenen anziehenden Gegenständen hierhin und dorthin leiten zu lassen, wie es mir erging, ehe ich einen weisen Mann traf, der mich führen konnte.« »Ist mein Vater sehr weise?« fragte Richard. »Ich halte ihn dafür.« Die Dame legte einigen Nachdruck auf ihr persönliches Urteil. »Haben Sie ihn –« platzte Richard heraus, und wurde durch das starke Klopfen seines Herzens zurückgehalten. 113 »Habe ich – was?« fragte sie ruhig. »Ich wollte sagen, haben Sie ihn – ich meine, ich habe ihn so sehr lieb.« Lady Blandish lächelte und errötete leicht. Sie näherten sich häufig diesem Thema und zogen sich immer wieder davon zurück, immer mit demselben Herzklopfen bei Richard, welches von dem wachsenden Bewußtsein von etwas Geheimnisvollem begleitet war, das ihn indessen bis jetzt noch nicht beunruhigte. Das Leben wurde ihm in Raynham sehr angenehm gemacht, da es zu Sir Austins Erziehungsprinzip gehörte, daß der Knabe vollkommen heiter und glücklich sein sollte. Jedesmal wenn Adrian einen befriedigenden Bericht über die Fortschritte seines Schülers abgab, womit er ziemlich freigebig war, wurden Zerstreuungen ersonnen, ebenso wie man fleißigen Knaben in der Schule Preise gibt. So lange er seinen Studien oblag, sollte keiner seiner Wünsche unerfüllt bleiben. Das System blühte. Groß, stark, vor kräftiger Gesundheit wurde er zum Führer aller seiner Gefährten zu Wasser und zu Lande und hatte mehr als einen Gefolgsmann in seinen Diensten außer Ripton Thompson – dem Knaben ohne besondere Bestimmung. Vielleicht war sich der Knabe mit einer Bestimmung derselben ein klein wenig zu sehr bewußt. Seine Großmut seinen jeweiligen Gefährten gegenüber war fürstlich, wurde aber auch etwas zu sehr nach der Art eines Fürsten ausgeteilt, und trotz seiner Verachtung für niedrige Gesinnung konnte er diese doch leichter übersehen, als eine Beleidigung seines Stolzes, welcher unbegrenzte Unterwerfung verlangte, sobald er einmal erregt war. Hatte Richard seine Gefolgsleute, so hatte er auch seine Fehden. Die Papworth waren ebenso unterwürfig wie Ripton, aber der junge Ralph Morton, der Neffe von Mr. Morton auf Poer Hall, war in zahlreichen, vielversprechenden 114 Eigenschaften, den Faustkampf mit eingeschlossen, Richard gewachsen, und dieser Jüngling sprach seine Meinung zu offenherzig aus und duldete keine verächtliche Behandlung. Für Richard gab es bei seinen Kameraden keinen Mittelweg zwischen inniger Freundschaft oder absoluter Sklaverei. Es fehlte ihm an jenen weltmännischen Gewohnheiten und Gefühlen, die es Knaben und Männern möglich machen zusammenzuhalten ohne gegenseitige Neigung; und wie jeder alleinlebende Sterbliche schrieb er diesen Mangel, dessen er sich wohl bewußt war, der Tatsache zu, daß er eine höher stehende Natur sei. Der junge Ralph war ein lebhafter Plauderer, daraus schloß Richards Eitelkeit, daß er keinen Verstand besäße. Er war liebenswürdig, daher müsse er oberflächlich sein. Die Frauen liebten ihn, daher wäre er ein Schmetterling. Kurz, der junge Ralph war populär, und da unserm erhabenen Prinzen das Recht genommen war ihn zu verachten, fing er an ihn zu hassen. Schon in den frühesten Tagen ihrer Nebenbuhlerschaft sah Richard ein, wie abgeschmackt es sein würde, Verachtung gegen seinen Rivalen zu heucheln. Ralph war ein Eton-Schüler und, da er kräftig und gewandt war, als solcher natürlich ein Schwimmer und Kricketspieler. Ein Schwimmer und Kricketspieler kann in der Republik der Jugend niemals verachtet werden. Da also dieses Mittel ihm gegenüber versagte, sah sich Richard ein- oder zweimal dazu veranlaßt, sich hinter seinem größeren Reichtum und seiner Stellung zu verschanzen; aber bald gab er das auch auf, zum Teil weil seine Furcht vor dem Lächerlichen ihm sagte, daß er sich damit eine Blöße gäbe, und hauptsächlich weil sein Sinn zu ritterlich war. Und so wurden er von Ralph in die Schranken gefordert und lernte das Schicksal eines Kämpfers kennen. Im Kricket und im Tauchen trug Ralph den Preis davon. Richards 115 Mittelpfahl wankte vor seinem Ball und er konnte selten mehr als drei Eier unter Wasser aufnehmen, während Ralph ein halbes Dutzend herauf holen konnte. Auch beim Springen und Laufen wurde er geschlagen. Warum streben die törichten Sterblichen nach den steilen Höhen der Meisterschaft? Oder wenn sie sie einmal erreicht haben, warum sind sie nicht großmütig und vorsichtig genug, sich sofort in das Privatleben zurückzuziehen? Gereizt durch seine Niederlagen, schickte Richard einen seiner untergebenen Papworth nach Poer Hall mit einer Herausforderung an Ralph Barthrop Morton, in der er sich verpflichtete über die Themse und zurück zu schwimmen, ein-, zwei- oder dreimal in kürzerer Zeit als Ralph Barthrop Morton dazu gebrauchte. Die Herausforderung wurde angenommen, die Erwiderung erfolgte ebenso förmlich mit dem Austrompeten aller Namen und meldete, daß Ralph Barthrop Morton die Herausforderung Richard Doria Feverels erhalten hätte und sich ihm stellen würde. Der Wettkampf sollte an einem Sommermorgen ausgefochten werden und Kapitän Algernon der Schiedsrichter sein. Sir Austin war unter dem Schutze einer Anpflanzung am Flußufer Zuschauer, ohne daß sein Sohn es wußte, und; zur Schande ihres Geschlechts muß es gesagt werden, Lady Blandish begleitete ihn. In ihrer freimütigen Art und da sie wußte, was das Manuskript des Pilgers über Prüderie sagte, hatte sie sofort eingewilligt, dem Wettkampf beizuwohnen, was Sir Austin außerordentlich gefiel. »War das nicht eine Frau, die des goldenen Zeitalters wert wäre? eine, die den Mann als ein göttlich geschaffenes Wesen ansehen konnte, ohne daß sie sich durch die Schlange verführt oder verhöhnt fühlte! Solch eine Frau war selten!« Sir Austin unterließ es, seinem Gefallen Ausdruck zu verleihen, um sie nicht in Verlegenheit zu bringen. Sie fühlte nur seinen Beifall 116 in einer noch größeren Zartheit seines Benehmens, durch ein etwas in seiner Stimme und in den Mitteilungen, die er ihr machte, die ihr bewiesen, daß er zu ihr wie zu einer Vertrauten sprach, was von seiner Seite ein großes Kompliment war. Während die Knaben bereit standen und auf das Zeichen zum Sprunge von dem grünen Rasen in das glänzende Wasser warteten, forderte Sir Austin sie auf, ihre Schönheit zu bewundern, und das tat sie auch und streckte sogar ihren Kopf etwas über seine Schulter vor. Es wurde gerade das Zeichen zum Sprung gegeben, als sie dieses tat, und so bekam Richard einen Damenhut zu sehen. Des jungen Ralph Hacken waren in der Luft, ehe Richard sich noch rührte, der dann ins Wasser fiel wie Blei. Er wurde mit mehreren Längen geschlagen. Das Resultat des Wettkampfes war allen Anwesenden unerklärlich, und Richards Freunde drangen alle einstimmig in ihn, einen falschen Start geltend zu machen. Aber obgleich der Jüngling, in vollem Vertrauen auf seine bessere Kunst und seine ebenbürtige Stärke, sehr hoch gegen seinen Nebenbuhler gewettet und seine kleine Segeljacht an Ralph verloren hatte, so wollte er doch nichts derartiges tun. Der Damenhut hatte ihn geschlagen, nicht Ralph. Der Damenhut als Symbol des Geheimnisses, das ihm solch heftiges Herzklopfen verursachte, war sein geliebter und sein gehaßter Feind. Und nun, wie er von Stimmung zu Stimmung fortschritt, wandte sich sein Ehrgeiz einem Felde zu, wo Ralph nicht mit ihm wetteifern konnte und wo der Damenhut, in höhere Regionen versetzt, als glänzende Königin herrschte. Ein Dämpfer für seinen Stolz führt einen Knaben häufig auf den Pfad, auf dem seine schönsten Gaben liegen. Richard gab seine Gefährten aus, die dienstbaren und die feindlichen; er überließ die materielle 117 Welt dem jungen Ralph und zog sich in sich selbst zurück, wo er ein Herrscher von Königreichen wurde, wo die Schönheit seine Dienerin wurde und die Geschichte sein Minister, die Zeit sein alter Harfner und die Romantik seine Braut; wo er in einem Reiche wandelte, das größer und prächtiger als der weite Orient und mit Helden aller Zeiten bevölkert war. Denn kein fürstlicher Reichtum, keine stolze Erbschaft kommt diesem Erbteil der Jugend gleich, das so vielen freigebig zu teil wird, wenn das reifende Blut die Einbildungskraft entzündet hat und man die Erde durch den rosigen Nebel tausend neu erwachter namenloser und zielloser Wünsche sieht; wenn man nach Glück lechzt und es ergreift, wo es sich bietet, und aus jedem Bild oder Ton, vermöge der Zauberkraft, die ihnen eigen ist, den Schlüssel macht zu unendlichen, weil unschuldigen Freuden. Noch sind die Leidenschaften wie junge spielende Bären, nicht die gierigen Ungeheuer späterer Jahre. Sie haben ihre Zähne und ihre Krallen, aber noch beißen und zerreißen sie nicht. Noch stehen sie in Einklang und in guter Kameradschaft mit dem Verstande und dem schneller schlagenden Herzen, und das ganze schöne Dasein gestaltet sich vollkommener Harmonie. Sir Austin hatte ähnliche Anzeichen von Veränderungen, wie sie sich jetzt in dem Gemüte seines Sohnes offenbarten, als seinem System gemäß erwartet und in seinem Plane vorgezeichnet. Das Erröten des Jünglings, seine langen Nachtwachen, seine Neigung zur Einsamkeit, seine Zerstreutheit, seine niedergeschlagene, aber nicht traurige Miene, gaben dem alles vorherwissenden Herrn Veranlassung zur Freude. »Denn« sagte er zu Dr. Clifford von Lobourne, nachdem er dessen ärztlichen Rat in betreff des Jünglings eingeholt und völlig beruhigt worden war, »es ist nur der Ausdruck vollkommener Gesundheit. Das Blut ist frisch, das Gemüt tugendhaft; 118 keines treibt das andre zum Bösen an, und beide reifen der Blüte der Männlichkeit entgegen. Wenn er diese rein erreicht – in der unbefleckten Fülle und Vollkommenheit seiner natürlichen Kräfte – dann bin ich in der Tat ein glücklicher Vater! Das eine wenigstens wird er mir zu danken haben: daß er zu einer Zeit seines Lebens das Paradies gekannt hat und Gottes Handschrift in der Natur lesen konnte! Und dagegen diese Scheusale, die man frühreife Knaben nennt – diese kleinen, verhätschelten Ungeheuer, Doktor! – wer kann sich wundern, daß die Welt jetzt so aussieht, wenn sie so voll von dieser Sorte ist. Diese Knaben können in ihrem eignen Leben auf keine göttliche Zeit zurückblicken, wie können sie da an Unschuld und Güte glauben? oder wie können sie etwas anders sein, als Söhne der Selbstsucht und des Teufels? Aber mein Junge,« und des Barons Stimme sank zu einem Ton herab, der rührend zu hören war, »wenn mein Junge fällt, dann fällt er von einer Region wirklicher Reinheit. Daran kann er niemals zweifeln. Wie dunkel auch sein Leben wird, er wird das führende Licht seiner Vergangenheit hinter sich haben. Das wenigstens ist sicher.« Im Ton tiefster Überzeugung unsinnig oder poetisch zu reden oder eine Mischung von beidem, und feierlichen Widerspruch gegen überlieferte Ansichten in so feierlichem Tone auszusprechen, daß es den Eindruck höchster Einsicht hervorruft, das ist die besondere Gabe, durch welche Leute mit einer fixen Idee, nachdem sie sich selbst überzeugt haben, versuchen, auch ihre Umgebung zu beeinflussen, um durch diese die größere Hälfte der Welt im Guten oder im Bösen zu erobern. Sir Austin hatte diese Gabe. Er sprach, als ob er die Wahrheit vor sich sähe, und beharrte so lange dabei, daß diejenigen, die ihn nicht verstanden, ihm glaubten, und diejenigen, die ihn verstanden, still wurden. 119 »Wir werden ja sehen,« war alles, was Dr. Clifford und andern Ungläubigen dagegen einzuwenden blieb. So weit war das Experiment entschieden gelungen. Man konnte sich keinen hübscheren, stattlicheren, besseren Knaben vorstellen. Er war zweifellos sehr vielversprechend. Und wenn auch das Fahrzeug noch im Hafen lag und sich noch nicht in der Gewalt der Elemente auf dem offenen Meere bewährt hatte, so hatte es doch schon eine gute Probefahrt gemacht und stürmisches Wetter bestanden, wie es die Bakewell-Komödie bewiesen hatte, deren Zeuge man in Raynham gewesen war. Keine Vorzeichen konnten hoffnungsvoller sein. Das Schicksal müßte in der Tat dunkel und hart sein, die Prüfung schwer, um einen so glänzenden Frühling zu zerstören! Aber so glänzend er auch war, der Baron ließ in seiner wachsamen Aufsicht nicht nach. Er sagte zu seinen Vertrauten: »Jede Handlung, jede Neigung, der er folgt, beinahe jeder Gedanke dieser Blütezeit trägt den Samen der Zukunft in sich. Der lebendige Baum bedarf jetzt unausgesetzter Wachsamkeit.« Und dieser Auffassung gemäß wachte Sir Austin. Der Jüngling mußte sich jeden Abend, ehe er zu Bett ging, einer Prüfung unterwerfen; vorgeblich um einen Bericht über seine Studien zu geben, in Wahrheit aber, um seine moralischen Erfahrungen kurz zu wiederholen. Er konnte es tun, denn er war rein. Irgend eine Wildheit, die sein Vater in ihm fand, irgend welche fremdartigen oder phantastischen Ausdrücke wurden, als der Blütezeit eigentümlich, vermerkt. Es gibt nichts, was einen Weisen so blind machen kann, wie eine Theorie. Sir Austin wußte, trotz seiner strengen Behütung und Beobachtung, weniger von seinem Sohne als die Dienstboten des Hauses. Und er war ebenso taub wie blind. Adrian hielt es für seine Pflicht ihm mitzuteilen, daß der Jüngling sehr viel Papier verbrauche. Auch Lady 120 Blandish spielte auf seinen Hang zum Schwärmen an. Sir Austin behauptete, daß er das von dem erhabenen Wachtturm des Systems vorausgesehen hätte. Aber als er hörte, daß der Jüngling dichtete, fühlte sich sein Herz verwundet und sehr beunruhigt. »Sie wußten doch sicherlich, daß er schriftstellert?« sagte Lady Blandish. »Das ist etwas ganz anders, als dichten,« sagte der Baron, »kein Feverel hat je Verse geschmiedet.« »Ich halte es nicht für ein Zeichen der Entartung,« bemerkte die Dame, »meiner Meinung nach reimt er sehr hübsch.« Ein Londoner Phrenologe und ein befreundeter Oxforder Professor beruhigten Sir Austin. Der Phrenologe sagte, daß es Richard vollständig an der Gabe der Nachahmung fehle, und der Professor sagte dasselbe in bezug auf sein rhythmisches Gefühl, und zum Trost führte er in den Ergüssen, die ihm vorgelegt wurden, verschiedene falsche Verslängen an. Außerdem konnte Sir Austin Lady Blandish noch mitteilen, daß Richard auf sein Geheiß das getan hätte, was noch nie ein Dichter vor ihm vollbrachte, er hätte mit eignen Händen und kalten Blutes sein jungfräuliches Manuskript den Flammen übergeben, was Lady Blandish den Seufzer entlockte: »Armer Junge!« Sein eignes Lieblingskind töten zu müssen, ist eine harte Aufgabe. Von einem Jünglinge, der sich für einen Dichter hält, zu verlangen, daß er in seiner Blütezeit sein Erstgeborenes zerstören soll, ohne ihm einen Grund dafür anzugeben – obgleich es Hohn wäre zu behaupten, daß irgend ein Grund zwingend genug wäre für solch ein Verlangen – ist eine Tat des abscheulichsten Despotismus, und Richards Blüten welkten darunter. Man hatte einen fremden Mann zu ihm geführt, der seinen Schädel mit 121 steifen Fingern scharfsinnig untersuchte und erforschte und seine Seele zu Boden drückte, als er mit unfehlbarer Stimme erklärte, was für eine Art von Tier er wäre, und ihm so sehr das Gefühl erweckte, ein Tier zu sein! Nicht nur seine Blüten welkten, sein ganzes Wesen schien seine Triebe und Schößlinge einzuziehen. Und als noch zu alledem – der fremde Mann hatte seine Arbeit getan und war abgereist – sein Vater in seiner sanftesten Weise sagte, daß es ihn freuen würde, wenn er jene verfrühten, gänzlich wertlosen Kritzeleien im Feuer sähe, fiel auch die letzte Blüte ab. Richards Geist stand kahl. Er widersetzte sich nicht. Wenn man so etwas überhaupt von ihm verlangen konnte, dann wollte er auch nicht einen Augenblick mit der Ausführung zögern. Er bat seinen Vater ihm zu folgen, ging an eine Kommode in seinem Zimmer, und aus einem Wäschefach, das Sir Austin nicht im Verdacht gehabt hatte, zog der verschwiegene Jüngling ein Bündel nach dem andern heraus, jedes sorgfältig gebunden, mit Nummer und Namen versehen, und warf alles in die Flammen. Und so lebe wohl, du junger Ehrgeiz, und lebe wohl, jedes wahre Vertrauen zwischen Vater und Sohn!   Dreizehntes Kapitel. Das magnetische Alter. Jetzt folgte nach Sir Austins Aufzeichnungen: »Das magnetische Alter,« das Alter leidenschaftlicher Zuneigungen, in dem es gefährlich ist, von Liebe sprechen zu hören, und in dem der Anblick Verliebter ansteckend wirkt. Die Leute in Raynham wurden von dem Baron gewarnt, und man unterzog den Ruf seiner Weisheit einer ernsten 122 Kritik, als man von den Befehlen hörte, die er durch Hausmeister und Wirtschafterin bis herab zu dem niedern Haushalt ausgeben ließ, um seinen Sohn davor zu bewahren, irgend welche sichtbaren Zeichen der Leidenschaft bemerken zu müssen. Ein Diener und zwei Hausmädchen wurden, wie vermutet wird, entlassen, weil der gewichtige Benson von ihnen berichtete, daß sie verliebt wären oder zur Liebe neigten. Ein Küchenmädchen und ein Milchmädchen gaben freiwillig ihre Stellung auf, indem sie behaupteten: »wir machen uns zwar nichts aus den Mannsleuten, aber wenn ein elender, alter Kerl wie der,« womit der anmaßende Hausmeister gemeint war, »unsereins nachspioniert, so ist das etwas viel für ein christliches Mädchen;« und dann waren sie so wenig edelmütig, auf Bensons eigne, wohlbekannte unglückliche Eheverhältnisse hinzuweisen und anzudeuten, daß manche Leute das erhielten, was sie verdient hätten. So unerträglich wurde die Spionage des gewichtigen Benson, daß Raynham von aller Weiblichkeit entvölkert worden wäre, hätte nicht Adrian Einspruch erhoben und den Baron darauf aufmerksam gemacht, wie gefährlich die Macht sei, die sein Hausmeister ausübte. Sir Austin gab es niederschlagenen Sinnes zu. »Es zeigt nur,« sagte er mit seinem feinen Gerechtigkeitsgefühl, »wie es beinahe unmöglich ist, Gesetze durchzuführen, wo Frauen sind!« »Ich habe ja nichts dagegen einzuwenden,« fügte er hinzu, »ich hoffe ich bin zu gerecht, um etwas dagegen zu sagen, daß sie ihren natürlichen Neigungen folgen. Alles was ich von ihnen verlange ist, daß sie die Öffentlichkeit vermeiden.« »Allerdings,« sagte Adrian, der in dieser Beziehung Wunderbares leistete. »Kein paarweises Herumschlendern,« fuhr der Baron 123 fort, »kein öffentliches Küssen. Bei solchen Vorgängen sollte kein Knabe Zeuge sein. Wo auch immer Leute beiderlei Geschlechts zusammentreffen, benehmen sie sich albern; und wenn sie gut genährt sind, ungebildet und nicht genügend beschäftigt, muß man dies als eine natürliche Folge erwarten. Laß es deshalb bekannt werden, daß ich nur die Öffentlichkeit nicht dulde.« Diskretes Benehmen sollte also in dem Schlosse herrschen. Unter Adrians geschickter Leitung eigneten sich die hübschesten der Dienstmädchen diese Tugend an. Dasselbe wurde auch dem oberen Haushalte zur Pflicht gemacht. Sir Austin, der bis dahin von der hoffnungslosen Liebe des Lobourner Kuraten scheinbar keine Notiz genommen hatte, wünschte jetzt, daß Mrs. Doria seine Besuche untersagte oder ihn wenigstens nicht zum Kommen ermutigte, denn das Aussehen des Mannes war das eines verkörperten Seufzens und Schmachtens. »Aber Austin,« sagte Mrs. Doria, die erstaunt war, ihren Bruder wachsamer zu finden, als sie vermutet hatte, »ich habe ihm wirklich nie erlaubt, sich Hoffnungen zu machen.« »So zeige es ihm auch,« erwiderte der Baron, »zeige es ihm.« »Der Mann amüsiert mich,« sagte Mrs. Doria. »Du weißt, daß wir minderwertigen Geschöpfe hier wenig Amüsement haben. Ich gestehe zu, eine Drehorgel wäre mir lieber, die erinnert einen wenigstens an die Stadt und die Oper und spielt außerdem mehr als eine Melodie. Wenn du aber meinst, daß meine Gesellschaft schlecht für ihn sei, dann mag er doch fortbleiben.« Mit der Selbstverleugnung einer Frau wurde sie geduldig und sanft, sobald es sich um ihre Tochter Klara handelte und ihr Lebenszweck in Sicht kam. Mrs. Dorias mütterliches Herz hatte Vetter und Cousine, hatte Richard 124 und Klara schon lange miteinander verlobt, hatte sie schon verheiratet und mit Nachkommen gesegnet gesehen. Dafür gab sie die Vergnügungen der Gesellschaft auf, dafür schloß sie sich in Raynham ein, dafür ertrug sie die tausend törichten Forderungen und Ansprüche des Barons, so schrecklich sie ihr auch waren. Der Himmel mag wissen, was sie sich alles für Qualen und Unbequemlichkeiten auferlegte und lächelnd erduldete, denn was erträgt nicht die größeste aller freiwilligen Märtyrerinnen – eine Mutter, die eine Tochter zu verheiraten hat. Mrs. Doria, als liebenswürdige Witwe hätte sicher wieder geheiratet, wenn nicht ihre Tochter Klara gewesen wäre. Ihr schönes Haar hätte keine Frau haben können, ohne stolz darauf zu sein. Es war das tägliche Gesprächsthema ihrer Jungfer – ein natürlicher Strahlenkranz um ihr Haupt. Sie war heiter, witzig, körperlich noch jugendlich genug, um selbst noch Ansprüche an das Leben machen zu können, und sie opferte alles, um ihrer Tochter willen! opferte, sagen wir, mit der Schere des Heroismus Haar, Witz, Fröhlichkeit – wir wollen nicht versuchen aufzuzählen, was sonst noch alles! – mehr als man sagen kann. Und sie war nur eine unter Tausenden, unter Tausenden, denen der Lohn des Heldentums nie zuteil wird; denn der Held darf auf den Beifall rechnen und auf Bedauern und Mitgefühl und Ehre, sie aber, die armen Sklaven, sie haben nichts zu erwarten, als den Widerstand ihres eignen Geschlechtes und den Hohn des andern. Ach, Sir Austin! wärest du nicht so blind gewesen, was für ein Aphorismus hätte von diesem Beobachtungspunkt aus entstehen können! Mrs. Doria wurde so ganz geschwisterlich kühl davon benachrichtigt, daß während des »magnetischen Alters« die Gegenwart ihrer Tochter in Raynham nicht erwünscht wäre. Sie fühlte sich nicht beleidigt, es wurde ihr nur klar, mit welch einem Berg von Vorurteilen 125 sie zu kämpfen hätte. Sie fügte sich und meinte, daß für Klara Seeluft zuträglich sein würde, – sie hätte sich von den Erschütterungen jener furchtbaren Nacht niemals ganz erholt. Mrs. Doria wünschte aber zu wissen, wie lange man erwartete, daß diese besondere Periode dauern würde? »Das,« sagte Sir Austin, »hängt ganz davon ab. Ein Jahr vielleicht. Er tritt grade in diese Periode ein. Es wird mir sehr schwer werden, dich zu verlieren, Helen. Wie alt ist Klara jetzt?« »Siebzehn.« »Sie ist heiratsfähig.« »Heiratsfähig, Austin! mit siebzehn! Sprich nicht von so etwas. Mein Kind soll nicht um ihre Jugend betrogen werden.« »Die Frauen unserer Familie heiraten früh, Helen.« »Mein Kind soll das nicht!« Der Baron dachte einen Augenblick nach. Er wollte seine Schwester nicht gerne verlieren. »Wenn du so denkst,« sagte er, »könnten wir vielleicht Einrichtungen treffen, um dich bei uns zu behalten. Würdest du es vielleicht ratsam finden, Klara eine Zeitlang – es wäre gut, wenn sie Disziplin kennen lernte – für einige Monate vielleicht – in ein Institut zu schicken?« »In ein Asyl, Austin?« rief Mrs. Doria und versuchte so gut wie möglich ihre Entrüstung zu verbergen. »In irgend ein vornehmes, höheres Seminar, Helen? Es gibt solche Institute.« »Austin!« rief Mrs. Doria und kämpfte mit den Tränen. »Ungerecht, abgeschmackt,« murmelte sie. Dem Baron erschien es ganz natürlich, daß sie entweder heiraten oder lernen sollte. »Ich kann mein Kind nicht verlassen,« rief Mrs. Doria zitternd. »Wo sie hingeht, gehe ich auch hin. Ich weiß 126 sehr wohl, daß sie nur eine meines Geschlechts ist und daher von keinem Wert für die Welt, aber sie ist mein Kind. Ich werde dafür sorgen, daß du keine Ursache hast, dich über das arme, liebe Ding zu beklagen.« »Ich glaubte,« bemerkte Sir Austin, »daß du meine Ansichten in betreff meines Sohnes teiltest.« »Ja – im allgemeinen,« sagte Mrs Doria und fühlte sich schuldig, daß sie es nicht schon lange ihrem Bruder gesagt hatte, und auch jetzt nicht sagen konnte, wie er ein Götzenbild in seinem Hause aufgerichtet hätte, ein Götzenbild von Fleisch und Blut, – verhängnisvoller und abscheulicher als irgend eins aus Holz, Erz oder Gold. Aber sie hatte sich zu lange vor dem Götzenbilde gebeugt, – sie hatte sich zu fest gebunden, da sie gehofft hatte, ihr Ziel durch Unterwürfigkeit zu erlangen. Sie hatte, wie sie jetzt dunkel erkannte, einen größeren strategischen Fehler damit begangen, daß sie auch ihre Tochter gelehrt hatte, sich vor dem Götzenbilde zu beugen. Liebe dieser Art nahm Richard als schuldigen Tribut. Er war gleichgültig gegen Klaras sanfte Augen. Der Abschiedskuß, den er ihr gab, war so unbefangen und kühl, wie es sein Vater nur wünschen konnte. Sir Austin wurde jetzt sehr beredt im Lobe männlicher Beschäftigungen: aber Richard erschien seine Beredsamkeit trocken, seine Versuche, kameradschaftlich mit ihm zu verkehren, waren ihm unbequem, und alle männlichen Beschäftigungen und Bestrebungen, sowie das Leben selbst leer und wertlos. Wozu? seufzte der seiner Blüten beraubte Jüngling, und rief es laut aus, sobald er von seines Vaters Gesellschaft befreit war, was für einen Zweck hat das Leben überhaupt? Was er auch tat, welchen Pfad er auch wählte, es führte alles wieder nach Raynham zurück. Und was er auch unternahm, wie elend und launenhaft er sich auch zeigte, es diente alles dazu, 127 Sir Austin die Wahrheit seiner Vorhersagungen zu bestätigen. Tom Bakewell, der jetzt des Jünglings Stallknecht war, mußte dem Baron über die Unternehmungen seines jungen Herrn Bericht erstatten, er und Adrian, und so lange es seinem jungen Herrn nichts schaden konnte, sprach Tom die Wahrheit. »Er reitet wie toll jeden Tag nach dem Hunderücken,« – so hieß der höchste Berg der Nachbarschaft, – »und steht da und starrt ohne sich zu bewegen, wie 'n Verrückter. Und dann wieder zurück, ganz langsam, als wenn ihn einer im Wettrennen geschlagen hätte.« »Da steckt keine Frau dahinter,« sann der Baron. »Wenn eine Frau ihm im Kopfe steckte, würde er ebenso schnell zurückreiten, wie er ausritt,« überlegte dieser tiefe, wissenschaftlich gebildete Menschenkenner. »Er würde die weiten Fernblicke meiden und den Schatten, die Verborgenheit, die Einsamkeit aufsuchen. Der Wunsch nach der Ferne zeigt Leere und ziellosen Hunger. Wenn das Herz von einem Bilde erfüllt ist, fliehen wir in Haine und Wälder, wie die Schuldigen.« Adrian konstatierte eine außerordentliche Zunahme von Menschenverachtung bei seinem Schüler. »Natürlich,« sagte der Baron, »ganz wie ich es voraussah. In dieser Periode wird ein unstillbarer Hunger von einem anspruchsvollen Gaumen begleitet. Nichts Geringeres als die Quintessenz des Daseins, und auch diese nur in unerschöpflichem Vorrat, würde dieses Sehnen befriedigen, welches eben nicht zu befriedigen ist. Daher seine Bitterkeit. Das Leben kann ihm keine Nahrung gewähren, die für ihn passend wäre. Die Stärke und Reinheit seiner Lebenskraft haben eine beinah göttliche Höhe erreicht und durchschweifen das Weltall. Poesie, Liebe und ähnliches sind die Betäubungsmittel, die die Erde großen Naturen zu bieten hat, wie Ausschweifungen 128 den niedrigen. Seine Bitterkeit ist ein Zeichen dafür, daß er dem herrschenden Empirismus noch nicht verfallen ist. Nun kommt es darauf an ihn davor zu bewahren.« Die Erstürmung des Olymps durch die Titanen war eine leichte Aufgabe im Vergleich zu der Durchführung des Systems. Und doch konnte man bis jetzt nicht sagen, daß es fehlgeschlagen wäre. Im Gegenteil, es hatte einen Jüngling hervorgebracht, schön, klug, gesittet, und wie die Damen mit scharfem Nachdruck bemerkten – unschuldig. Wo, fragten sie, findet man wieder einen solchen jungen Mann? »Ach,« sagte Lady Blandish zu Sir Austin, »wenn die Männer ihre Hände unbefleckt den Frauen reichen könnten, – wie anders würde dann manch eine Ehe sein! Glücklich das Mädchen, das Richard zum Gatten erhält!« »Glücklich in der Tat,« rief der Baron mit satirischem Ton. »Aber wo soll ich die finden, die ihm gleichkäme und die für ihn paßte?« »Ich war ein unschuldiges Mädchen,« sagte Lady Blandish. Sir Austin drückte durch eine Verbeugung aus, daß er sich darüber kein Urteil erlaube. »Glauben Sie denn, daß kein junges Mädchen unschuldig wäre?« Sir Austin meinte galant, daß es alle wären. »Nein, Sie wissen, daß das nicht der Fall ist,« sagte die Dame mit dem Fuße stampfend. »Aber ich bin sicher, daß sie unschuldiger sind als die Knaben.« »Das liegt an ihrer Erziehung, verehrte Frau. Sie sehen nun, was ein Jüngling sein kann. Vielleicht, wenn mein System veröffentlicht wird oder – um mich bescheidener auszudrücken – wenn es sich bewährt haben wird, kann das Gleichgewicht hergestellt werden, und wir werden tugendhafte Männer haben.« 129 »Für mich Arme ist es zu spät, auf einen Gatten aus ihren Reihen zu hoffen,« sagte die Dame lachend und schmollend. »Für die Schönheit ist es nie zu spät Liebe zu erwecken,« erwiderte der Baron und sie scherzten in diesem Tone weiter. Sie näherten sich Daphnes Laube, traten ein und setzten sich, um die Kühle des sinkenden Sommerabends zu genießen. Der Baron schien zu würdigen Scherzen aufgelegt, die Dame zu ernster Unterhaltung. »Ich werde wieder anfangen, an König Artus und seine Ritter zu glauben,« sagte sie. »Als ich ein Kind war, träumte ich von einem Ritter.« »Und war er auf der Suche nach dem heiligen Gral?« »Wenn Sie es so auffassen wollen.« »Und zeigte einen guten Geschmack, indem er seinen Weg verließ, um des leichter erreichbaren heiligen Blandish willen?« »Natürlich nehmen Sie an, daß es so gewesen sein müßte,« seufzte die Dame verletzt. »Ich kann nur nach unserer Generation urteilen,« sagte Sir Austin mit einer huldigenden Verbeugung. Die Gesichtszüge der Dame glätteten sich wieder. »Entweder sind wir sehr mächtig, oder Sie sind sehr schwach.« »Beides, verehrte Frau!« »Aber was wir auch sein mögen, und selbst wenn wir schlecht sind, ja schlecht! so lieben wir doch Tugend und Weisheit und erhabene Seelen bei den Männern, und wenn wir diese Eigenschaften in ihnen finden, dann sind wir treu und würden für sie sterben – ja, für sie sterben. Ach, Sie kennen die Männer, aber nicht die Frauen!« »Die Ritter, die solche Eigenschaften besitzen, müssen wohl jung sein, nehme ich an?« sagte Sir Austin. »Alt oder jung!« 130 »Wenn sie aber alt sind, können sie kaum noch Heldentaten ausführen?« »Sie werden um ihrer selbst willen geliebt, nicht um ihrer Taten willen.« »Ah!« »Ja – so ist es,« sagte die Dame. »Der Geist kann die Frauen unterwerfen und sie zu Sklaven machen, und sie verehren die Schönheit vielleicht eben so sehr, wie die Männer es tun. Aber nur da lieben sie, nur da binden sie sich für immer, wo sie eine edle Seele finden.« Sir Austin sah sie sinnend an. »Und trafen Sie den Ritter Ihres Traumes?« »Damals nicht.« Sie senkte ihre Augenlider. Das sah sehr hübsch aus. »Und wie ertrugen Sie die Enttäuschung?« »Ich träumte, als ich noch in der Kinderstube war. An dem Tage, an dem ich das erste lange Kleid anzog, stand ich am Altar. Ich bin nicht das einzige Mädchen, das an demselben Tage, an dem es die Kindheit verläßt, in die Hände eines Ungeheuers fällt, statt in die eines treuen Ritters.« »Guter Gott!« rief Sir Austin, »die Frauen müssen viel ertragen.« Hier wechselte das Paar die Rollen. Die Dame wurde heiter und der Baron ernsthaft. »Sie wissen, daß das unser Los ist,« sagte sie. »Und man gestattet uns auch viele Vergnügungen. Wenn wir unsere Pflicht erfüllen und Kinder zur Welt bringen, dann liegt schon darin, wie in der Tugend, unsere Belohnung. Und dann – jetzt als Witwe habe ich wundervolle Vorrechte.« »Und zur Erhaltung derselben bleiben Sie Witwe?« »Natürlich,« erwiderte sie. »Ich brauche mir jetzt keine Mühe mehr zu geben, den Fetzen, den die Welt guten Ruf 131 nennt, zu flicken und auszubessern. Ich kann täglich zu Ihren Füßen sitzen, ohne daß jemand danach fragt. Andere tun es ja freilich auch, aber das sind überspannte Frauen, die jenen Fetzen ganz abgeworfen haben.« Sir Austin rückte näher an sie heran. »Sie würden eine bewundernswerte Mutter geworden sein!« Das von Sir Austin sah sehr nach einer direkten Werbung aus. »Es ist tausendmal schade,« fuhr er fort, »daß Sie es nicht sind.« »Glauben Sie?« sagte sie demütig. »Ich wünschte,« fuhr er fort, »daß der Himmel Ihnen eine Tochter gegeben hätte!« »Glauben Sie, daß sie Richards wert gewesen wäre?« »Unser Blut, verehrte Frau, hätte sich verbinden sollen.« Die Dame klopfte mit dem Sonnenschirm auf die Spitze ihres Fußes. »Aber ich bin eine Mutter,« sagte sie. »Richard ist mein Sohn! Ja, Richard ist mein Junge,« wiederholte sie. Sir Austin fügte sehr huldvoll hinzu: »Nennen wir ihn unsern Sohn, teure Frau,« und beugte das Haupt, als ob er das Wort von ihren Lippen auffangen wollte, aber sie hielt damit zurück oder schob es noch auf. Sie richteten beide ihre Blicke auf die westliche Abendröte, und dann sagte Sir Austin: »Da Sie nicht sagen wollen ›unser Sohn‹, so lassen Sie es mich sagen. Und da Sie deshalb dasselbe Recht an den Knaben haben, will ich Ihnen einen Plan enthüllen, den ich kürzlich gefaßt habe.« Die Ankündigung eines Planes schmeckte wenig nach einem kommenden Antrag, aber bei Sir Austin waren vertrauliche Mitteilungen einer Frau gegenüber beinahe 132 gleichbedeutend mit einer Erklärung. So dachte auch Lady Blandish, und das sprach aus dem sanften, ernsten Lächeln, mit dem sie zu Boden blickte, während sie dem Plane lauschte. Er betraf Richards Heirat. Er war jetzt beinahe achtzehn. Er sollte heiraten, wenn er fünfundzwanzig wäre. Unterdes müßte man in den Familien Englands nach einer jungen Dame suchen, die einige Jahre jünger wäre, und die in jeder Weise durch Erziehung, Neigung und Abstammung – über jeden dieser Punkte sprach sich der Baron rückhaltlos aus – geeignet wäre, einen so vollkommenen Jüngling zu heiraten und die ehrenvolle Pflicht zu übernehmen, zur Fortpflanzung der Feverels beizutragen. Der Baron bemerkte dann weiter, daß er beabsichtige, sich sogleich auf die Reise zu begeben und einige Monate diesem ersten Versuch in der Brautschau zu widmen. »Ich fürchte,« sagte Lady Blandish, nachdem der Plan ausführlich erörtert worden war, »Sie haben sich eine schwierige Aufgabe gestellt. Sie dürfen nicht zu viel verlangen.« »Ich weiß es,« sagte der Baron mit einem Mitleid erweckenden Kopfschütteln. »Selbst in England wird sie schwer zu finden sein. Aber ich beschränke mich nicht auf eine Gesellschaftsklasse. Wenn ich gute Abstammung verlange, so meine ich unbefleckte, nicht, was man hohe Abstammung nennt. Ich glaube, daß viele Familien des Mittelstandes häufig vorsichtiger sind – reineres Blut haben, meine ich – als unser Adel. Zeigen Sie mir unter jenen eine gottesfürchtige Familie, die ihre Kinder erzieht – ich würde allerdings einem Mädchen ohne Geschwister den Vorzug geben – wie ein christliches Mädchen erzogen werden sollte, sagen wir nach dem Muster meines Sohnes, dann mag sie ohne einen Pfennig Vermögen sein, ich werde sie mit Richard Feverel verloben.« 133 Lady Blandish biß sich auf die Lippen. »Und was werden Sie mit Richard tun während Ihrer Abwesenheit zu diesem Zwecke?« »Ach,« sagte der Baron, »er begleitet seinen Vater.« »Dann geben Sie es auf! Seine zukünftige Braut trägt jetzt noch ein kurzes Kleidchen und schwärmt für Butterbrot. Sie tobt noch herum, ist laut und lärmend und träumt von Spiel und Pudding. Wie kann er sie da lieb gewinnen? In seinen Jahren hält er mehr von Frauen meines Alters. Glauben Sie mir, er wird sich sicherlich gegen die Erwählte auflehnen und Ihren Plan zerstören, Sir Austin.« »Ja, glauben Sie das wirklich?« sagte der Baron. Lady Blandish gab ihm eine Menge Gründe. »Ja, es ist wahr!« murmelte er. »Adrian sagt dasselbe. Er darf sie nicht sehen. Wie konnte ich nur daran denken! Das Kind ist die unverhüllte Frau. Er würde sie verachten. Natürlich!« »Natürlich,« tönte es von Lady Blandish zurück. »Dann, verehrte Frau,« und der Baron stand auf, »bleibt mir nur eine Entscheidung übrig. Ich muß ihn, zum ersten Male in meinem Leben, verlassen.« »Wollen Sie das wirklich?« fragte Lady Blandish. »Es ist meine Pflicht, nachdem ich ihn so erzogen habe, auch zu sehen, daß er passend verheiratet wird und nicht Schiffbruch leidet auf dem Triebsand der Ehe, wie es einem so zart erzogenen Jüngling leichter geschehen könnte, als jedem andern! Sobald er verlobt ist, ist er vor tausend Fallen sicher. Ich glaube, ich kann ihn eine Zeitlang verlassen. Meine Vorsichtsmaßregeln haben ihn vor den Verführungen seines Alters bewahrt.« »Und wem wollen Sie ihn anvertrauen?« fragte Lady Blandish. Sie war aus dem Tempel herausgetreten und stand 134 auf den obersten Stufen neben Sir Austin, in der klaren Dämmerung des Sommerabends. »Teure Frau!« er faßte ihre Hand und seine Stimme klang ritterlich und zärtlich, »wem anders als Ihnen?« Als der Baron dieses sagte, beugte er sich über ihre Hand und führte sie an seine Lippen. Lady Blandish fühlte, daß man um sie warb und sie zur Gemahlin begehrte. Sie zog ihre Hand nicht zurück. Des Barons Kuß war ehrfurchtsvoll und zärtlich. Er verweilte lange dabei, als wenn er eine feierliche Zeremonie ausführte. Er, der Verächter der Frauen, hatte sie für seine Huldigungen erwählt. Lady Blandish vergaß, daß sie sich auch Mühe gegeben hatte, es zu erreichen! Sie empfand die köstliche Gabe in ihrer ganzen Süße: denn in der Liebe müssen wir nichts erworben haben, oder der Zauber des Genusses ist dahin. Noch wurde ihre Hand festgehalten und noch hatte der Baron sich nicht von seiner tiefen Verbeugung erhoben, als ein Geräusch von dem nahen Birkenwalde die beiden Akteure in dieser höfischen Pantomime aufschrecken ließ. Sie wandten sich um und erblickten den jungen Erben von Raynham, der zu Pferde die Szene beobachtete. Im nächsten Augenblick war er davongesprengt.   Vierzehntes Kapitel. Ein Zauberbild. Die ganze Nacht warf sich Richard schlaflos auf seinem Lager hin und her. Herz und Verstand jagten in stürmischem Galopp über die reiche, noch ungekostete Welt dahin und durch das große Reich des Geheimnisvollen, 135 von dem er nun nicht länger ausgeschlossen war. Monatelang war er an den Eingangspforten des Frauenreiches herumgewandert, erwartungsvoll, seufzend, anklopfend und hatte weder Eintritt noch Antwort erhalten. Jetzt hatte er den Schlüssel. Der eigene Vater hatte ihn ihm gegeben. Sein Herz war ein flinkes Roß und trug ihn weiter und immer weiter in unbeschränkte Regionen, die in übermenschliche, wundersame Schönheit getaucht waren, wo Kavaliere und Damen flüsternd auf verborgenen, grünen Abhängen ruhten, wo Ritter und Frauen in wilden Wäldern Glanz und Pracht verbreiteten, wo Lanzenspiele und Turniere an goldenen Höfen abgehalten wurden, denen Frauenaugen helles Licht verlieh, von denen ein Paar, nur halb gesehen, aber deutlich erkennbar, ihm durch das Dickicht des Waldes folgte und im Gedränge der Menschen strahlend auf ihm ruhte, während er sich über eine Hand neigte, die so glänzend und weiß und duftend war, wie die glimmernden Blüten einer Maiennacht. Zuweilen stand sein Herz still, in zitterndem Schreck, wenn er alle irdische Seligkeit auszukosten vermeinte, indem er auf eine schmale, weiße Hand seine Lippen drückte. Nur das tun und dann sterben! rief es in dem magnetisch gewordenen Jüngling: die Perle des Lebens in diesen einen Becher schleudern und ihn leeren! Die Erwartung berauschte ihn. Dazu war er geboren! So gab es also einen Zweck des Daseins, etwas, wofür es sich zu leben lohnte! die Hand einer Frau küssen und sterben! Er sprang von dem Lager auf und stürzte sich auf Feder und Papier, um seinen schwärmenden Gefühlen Luft zu machen. Kaum saß er, so ließ er auch schon die Feder wieder fallen und warf das Papier zur Seite, indem er ausrief: »Habe ich nicht geschworen, niemals wieder zu schreiben!« Sir Austin hatte dieses 136 Sicherheitsventil verschlossen. Der Unsinn, der in dem Jüngling lebte, hätte harmlos ausströmen können. Er drängte so stark zum Ausdruck, daß er wiederholt seinen Schwur vergaß und sich unter der Lampe sitzend fand, im Begriff, Verse zu schreiben, noch ehe der Stolz zu Worte kam. Vielleicht wäre selbst der Stolz von Richard Feverel unterlegen, wäre das Dichten leicht gewesen in solcher Stimmung und hätte sich ein Gedanke klar herausgestellt; aber Tausende drängten sich auf den ersten Platz, chaotische Scharen, gleich Reihen brausender Wogen, drängten ungestüm zum Ausdruck, und die Unmöglichkeit, ihnen Gestalt zu verleihen, war es ebensowohl wie der Stolz, mit dem er so gerne seine Unfähigkeit vor sich selbst entschuldigte, die die machtlose Feder zur Seite warf und ihn wieder auf sein unruhiges Lager brachte, wo er von neuem das rosenumkränzte Land durchstürmte. Gegen Morgen ließ die Tollheit des Fiebers etwas nach, und er ging hinaus ins Freie. Noch brannte eine Lampe in seines Vaters Zimmer, und Richard glaubte, als er aufblickte, das immer wachsame Haupt auf seinem Beobachtungsposten zu sehen. Sogleich aber verlöschte die Lampe und das Fenster hob sich kalt ab gegen die Farben der Morgendämmerung. Scharfes Rudern ist für eine gewisse Art von Fieber ein ausgezeichnetes Heilmittel. Richard griff instinktiv danach. Das klare, frische Wasser glänzte im Sonnenaufgang, funkelte vor dem pfeilspitzen Bug seines Bootes; die weichen, tiefen Schatten wichen vor seinem dahingleitenden Kiel. Über ihm entfaltete der einsame Morgen seine Blüten zu Knospen, seine Knospe zur Blume, in immer neuem entzückendem Wechsel von Licht und Farbe, Eindrücke, gegen die er gleichgültig war, während er unter Weiden und Espen dahinschoß, auf breiten Stromflächen, 137 die die überhängende Pracht wiederspiegelten. Einsame Morgenstille herrschte auf dem Strome. Irgendwo, an dem Urquell des Lebens lag das Land, dem er entgegenruderte; etwas von seinem unendlichen Licht konnte er hier und dort erkennen. Er wußte jetzt, es war kein Traum. Ein Geheimnis lag in der Luft. Der Wald war voll davon, Wasser und Wind trugen es mit sich. Ach, warum konnte man nicht auch heute noch, wie in König Artus' Zeiten, hohe ritterliche Taten vollbringen, die die Blicke der Frauen aus ihren himmlischen Höhen auf sich zogen. Dahin zielten die unbewußten Seufzer des Jünglings, als er sich von seiner ersten fieberhaften Aufregung freigerudert hatte. Er war auf der Höhe von Bursley und war in jene nachdenkliche Ruhe versunken, welche starker körperlicher Anstrengung zu folgen pflegt, als er hörte, wie sein Name gerufen wurde. Es war keine Frau, auch keine Fee, sondern der junge Ralph Morton; ein Überfall gewöhnlichster, männlicher Prosa. Richard wünschte herzlich, daß er, wie die übrige Menschheit, noch zu Bett wäre, ruderte aber heran und sprang an Land. Ralph ergriff sogleich seinen Arm und sagte, daß er sehr den Wunsch gehabt hätte, mit ihm zu sprechen, entzog den magnetischen Jüngling seinen Wasserträumen und wanderte mit ihm auf und ab auf dem feuchten, frisch gemähten Gras. Was er ihm zu sagen hatte, ließ sich offenbar schwer aussprechen, und obgleich Richard kaum zuhörte, hatte er doch bald genug von der Wiedersehensfreude seines alten Rivalen und wurde ungeduldig; worauf Ralph, wie jemand, der sich auf ein ihm ziemlich fremdes Gebiet begibt, ihm plötzlich die Frage stellte: »Sag' mal, welcher Frauenname gefällt dir am besten?« »Ich kenne keinen,« erwiderte Richard gleichgültig. »Warum bist du eigentlich so früh auf?« 138 Als Anwort darauf meinte Ralph, daß man den Namen Mary wohl hübsch finden könnte. Richard gab zu, daß das möglich sein könnte; die Haushälterin in Raynham und die Hälfte aller Köchinnen und Hausmädchen trügen diesen Namen; bei ihm zu Hause wäre er gleichbedeutend mit Weiblichkeit überhaupt. »Ja, das weiß ich,« sagte Ralph, »wir haben auch furchtbar viel Marys. Er ist sehr gewöhnlich; ach, mir gefällt Mary gar nicht am besten. Wie gefällt dir Lucy?« Richard meinte, einer wäre wie der andere. »Weißt du,« fuhr Ralph fort, indem er die Maske abwarf und sich auf den Gegenstand stürzte. »Ich könnte alles in der Welt für einige Namen tun – für einen oder zwei. Es ist nicht Mary, auch nicht Lucy. Klarinda ist hübsch, aber es klingt zu sehr nach einem Roman. Klaribel habe ich auch gern, überhaupt alle Namen, die mit Kl anfangen. Die Kls sind immer sanfte und liebliche Mädchen, für die man sterben könnte! Meinst du nicht auch?« Richard war noch niemals mit einer bekannt geworden, die ihm diesen Wunsch eingeflößt hätte. Diese dringende Inanspruchnahme seiner Phantasie in betreff weiblicher Namen um 5 Uhr morgens überraschte ihn in der Tat etwas, obgleich er für die Außenwelt nur halb wach war. Allmählich bemerkte er, daß Ralph sich sehr verändert hatte. Statt des frischen, lärmenden Jungen, seines Rivalen in männlichen Künsten, der so gradezu in seinen Worten war und auch danach handelte, fand er jetzt einen schüchternen, dauernd mit dem Erröten kämpfenden Jüngling, der inständig um ein freundschaftliches Ohr bat für die ihn allein beherrschenden Gedanken. Allmählich begriff Richard, daß auch Ralph an den Grenzen des geheimnisvollen Reiches angelangt sei, vielleicht ihm 139 näher war, als er selbst; und in plötzlich erwachter Sympathie enthüllte sich ihm mit einem Male die wunderbare Schönheit und Tiefe in der Bedeutung weiblicher Namen. Das Thema schien neu und bezaubernd, der Jahreszeit und der Stunde angemessen. Aber das Unglück war, daß Richard keinem von allen den Vorzug geben konnte; sie waren alle gleich für ihn, er liebte sie alle. »Hast du wirklich die Kls nicht besonders gern?« sagte Ralph mit überredendem Tone. »Nicht mehr als die die auf ›a‹ und ›y‹ enden,« erwiderte Richard und wünschte, er könnte es, denn Ralph war ihm entschieden voraus. »Komm hier unter die Bäume,« sagte Ralph, und unter den Bäumen schüttete er sein Herz aus. Er sollte Offizier werden. Eton lag hinter ihm. In wenigen Monaten mußte er bei seinem Regiment eintreten, und bevor er abreiste, wollte er seinen Freunden Lebewohl sagen. Könnte Richard ihm Mrs. Foreys Adresse geben? Er hatte gehört, daß sie irgendwo an der See wäre. Richard besann sich nicht auf die Adresse, sagte aber, daß er sehr gerne jeden Brief nehmen und adressieren würde. Ralph steckte seine Hand in die Tasche. »Hier ist er; aber laß niemand ihn sehen.« »Meine Tante heißt aber nicht Klara,« sagte Richard, als er gelesen hatte, was auf dem Briefumschlag stand. »Du hast ihn ja an Klara selbst adressiert.« Das war nicht zu leugnen. »Emmeline, Klementina, Matilda, Laura, Gräfin Blandish!« murmelte Richard leise vor sich hin, ließ die Namen in verschiedener Ordnung einander folgen und freute sich an ihrem melodischen Klang. Dann sagte er: »Frauennamen! wie lieblich sie ihre Namen wählen!« Er sah Ralph fest an. Hatte er noch mehr entdeckt, so sagte er doch nichts, verabschiedete sich nur von dem 140 guten Jungen, sprang in sein Boot und ruderte mit der Flut hinab. Sobald ihn ein Ufervorsprung vor Ralph verbarg, las er die Adresse noch einmal. Zum ersten Male kam es ihm in den Sinn, daß seine Cousine Klara ein sehr reizendes Geschöpf wäre; er erinnerte sich des Ausdrucks ihrer Augen und besonders an den letzten vorwurfsvollen Blick, den sie ihm beim Abschiednehmen zugeworfen hatte. Wie kam Ralph dazu, an sie zu schreiben? Gehörte sie nicht zu Richard Feverel? Er las wieder und wieder die Worte: Klara Doria Forey. Natürlich – Klara war der Name, der ihm am besten gefiel, – ja, den er liebte. Doria auch – sie hatten denselben Namen. Vorwärts stürmte sein Herz, nicht im Galopp nur, sondern in Karriere, als ob er die Beute vor sich sähe. Er fühlte sich zu schwach, um zu rudern. Klara Doria Forey! – welche vollkommene Harmonie! Mit der Flut treibend, hörte er ihr melodisches Anschlagen an den Fuß der Hügel. Wenn die Natur uns reif gemacht hat für die Liebe, geschieht es selten, daß das Schicksal zögert, uns einen Tempel für die Flamme zu errichten. Über dem grünfunkelnden Strudel des Wehrs, von dem donnernden Rauschen da unten erschüttert, wiegten sich goldgelbe und weiße Lilien zwischen dem Schilf. Wiesenspiräa hing dicht von dem Flußufer herab, zwischen Unkraut und langen Brombeerranken, und dazwischen hing auch eine Tochter der Erde. Ihr Gesicht wurde von einem großen Strohhut mit biegsamem Rande beschattet, der Lippen und Kinn frei ließ und unter dem zuweilen, wenn er aufklappte, ein Strahl aus vielversprechenden Augen zu sehen war. Über ihre Schultern und ihren Rücken herab hingen reiche Locken, bräunlich im Schatten und beinahe golden, wo 141 der Strahl der Sonne sie traf. Sie war einfach gekleidet, schicklich und der Jahreszeit angemessen. Bei näherem Hinsehen hätte man bemerken können, daß ihre Lippen gefärbt waren. Dieses blühende, junge Wesen erquickte sich an Brombeeren. Sie wuchsen auf dem Abhange nach dem Wasser zu. Die Frucht war augenscheinlich reichlich vorhanden, denn sie führte die Hand häufig zum Munde. Anspruchsvolle Jünglinge, deren Geschmack sich dagegen auflehnt, daß Frauen ihr entzückendes Ebenmaß mit Brot und Butter anfüllen, und die sie deshalb, wie man annehmen muß, lieber mager sehen möchten, so lange sie nur poetisch sind, können gegen Brombeeren kaum etwas einzuwenden haben. Das Essen derselben erscheint in der Tat zierlich und setzt Überlegung voraus. Die Brombeere ist eine Schwester der Lotuspflanze und unschuldiger als diese. Man ißt: Mund, Auge und Hand sind beschäftigt und der unbeschwerte Geist kann frei herumgreifen. Und so war es mit dem kleinen Fräulein, das hier kniete. Die Lerche stieg über ihr empor – ein verkörpertes Lied – zu den weichen Wolken, die nach Süden zu in dem blauen Äther schwebten, aus dem dunklen, tauigen Gebüsch über ihrem nickenden Hut flötete die Amsel ihr in den süßesten Tönen zu. Das Gefieder des Eisvogels blitzte smaragdfarben durch die grünen Weiden, mit bogenförmigen Schwingen schwebte ein Reiher in die Höhe und suchte die Einsamkeit. Ein Boot glitt auf sie zu, das einen träumenden Jüngling enthielt, und sie pflückte die Früchte und aß und sann, als ob kein Märchenprinz in ihr Gebiet eingedrungen wäre, als ob sie sich nach keinem sehnte oder ihre Wünsche nicht kännte. Umgeben von den grünen, gemähten Wiesen, in dem Summen der sommerlichen Luft, bei dem donnernden Rauschen des schäumenden Wehrs, in dem Duft und der Schönheit der wilden Blumen, war sie ein Stück lieblichen 142 Menschenlebens in schönster Umrahmung, unheimlich anziehend. Der magnetische Jüngling lehnte sich aus dem Boot, um zu sehen, wie weit er noch von den Pfeilern des Wehrs entfernt wäre, und erblickte die süße Vision. Stiller und stiller wurde es in der Natur, wie bei dem Treffen zweier Gewitterwolken. Des Mädchens Stellung war so anmutig, daß er nicht wagte, das Ruder einzutauchen, obgleich er unaufhaltsam dem Wehr entgegentrieb. Grade da fesselte eine verführerische Brombeere ihren Blick. Er trieb unbemerkt vorbei und sah, wie ihre Hand sich ausstreckte, aber nicht erreichen konnte, was sie suchte. Ein Ruderschlag brachte ihn neben sie. Das Fräulein blickte erschreckt auf, und ihr ganzer Körper schwebte über dem Abgrund. Richard sprang aus seinem Boot in das Wasser. Eine Hand unter ihren Fuß legend, mit dem sie auf dem zerbröckelnden, feuchten Uferrand eine Stütze suchte, machte er es ihr möglich, das Gleichgewicht wieder zu erlangen und sichern Boden zu gewinnen, wohin er ihr folgte.   Fünfzehntes Kapitel. Ferdinand und Miranda. Er war auf dem Eiland der viel umstrittenen Bermudas gelandet. Die Welt lag in Trümmern hinter ihm, Raynham in ferne Nebel eingehüllt, ein Phantom im Vergleich zu der lebensvollen Wirklichkeit dieser weißen Hand, die ihn hierher gezogen hatte, tausende von Meilen in einem Augenblick. Horch, wie Ariel in den Lüften sang! Wie herrlich glänzt der Himmel! Welche Wunder umstrahlen sein verzaubertes Haupt! Und o Wunder! 143 Schöne Flamme! in deren Lichte sich die Herrlichkeit des Daseins zum ersten Male enthüllt . . . Göttliche Miranda! Prinz Ferdinand liegt dir zu Füßen! Oder ist es Adam, dem im Schlafe eine Rippe genommen ist, die nun so verwandelt ihn das Paradies sehen und verlieren läßt? . . . Mit solch glühenden Blicken sah sie der Jüngling. Für ihn war sie die erste Frau. Und sie – die ganze Menschheit war ihr Kaliban, diesen fürstlichen Jüngling ausgenommen. Das sprachen ihre Blicke, als sie so einander gegenüber standen; er bleich, sie errötend. Sie war in der Tat wunderbar lieblich und würde für schön gegolten haben neben vielen Rivalinnen. An einer verzauberten Küste konnte ein Jüngling, der nach einem System erzogen und so scharf angespannt war wie ein Pfeil auf der Bogensehne, mit ihr auf- und davonfliegen. Die sanften Rosen ihrer Wangen, die Klarheit ihrer Augen zeugten für die Reinheit ihres Körpers, und ihre Haltung offenbarte Gesundheit und Fröhlichkeit. Hätte sie mit andern Bewerberinnen vor Sir Austin gestanden, so hätte dieser gebildete Humanist ihr zur Vollendung seines Systems den Handschuh seines Sohnes zugeworfen. Der große Sommerhut, der über ihrer Stirne nickte, schien eins zu sein mit dem lose herabhängenden Haar, und diese von feurigen Lichtern durchwobenen Locken, die doch kaum Locken waren, sondern leicht gewellt sich nur an den Spitzen kräuselten, fielen als sonniger, rötlicher Strom an ihrem Rücken beinahe bis zur Taille hinab; eine wundervolle Vision für den Jüngling, dem das Ganze als eine Blume der Schönheit erschien, ohne daß er die einzelnen Züge erkannte. Und doch zeigten sich in ihrem Antlitz Farbentöne, aus denen 144 er viel hätte lesen können. Ihre vollen, dunkeln Augenbrauen hoben sich kräftig gegen die durchsichtig zarte Stirne ab, trafen sich in schön geschwungenen Bogen in der Mitte und verlängerten sich zu einer langen, geraden Linie nach den Schläfen hin; man sah, daß dieses Mädchen geformt war, um die Bilder der Erde in sich aufzunehmen, und erkannte an der geschmeidigen Beweglichkeit ihrer Brauen, daß dieses wundervolle Geschöpf ihre Anlagen gebrauchte und für den, der sie erblickte, keine Statue bleiben würde. Unter den dunkeln Brauen schossen leichtgewölbte Wimpern hervor, die den großen, freimütigen, blauen Augen einen dunkeln Glanz, eine geheimnisvolle Tiefe verliehen – mehr als der Verstand jemals würde ergründen können: für Prinz Ferdinand deshalb reicher als alle irdische Weisheit. Denn wenn die Natur zum Künstler wird und auf einem schönen Antlitz Gegensätze der Farbe hervorzaubert, wo ist dann der Weise oder wo das Orakel, das an Tiefe des Ausdrucks dem leichtesten Blicke solcher Augen gleich käme? Aber auch Prinz Ferdinand war schön. Sein dünner Ruderanzug zeigte seine kräftige, ritterliche Gestalt. Sein leicht gelocktes Haar, das von Lady Blandish sehr bewundert wurde, fiel seidenweich an den Schläfen herab über den beinahe unmerkbar leicht nach oben gerichteten Bogen seiner Augenbrauen und gab seinem Profil eine kühne Schönheit, der seine stumme Schüchternheit einen erhöhten Reiz verlieh. Ein scharf gespannter Pfeil, der weit mit ihr davon fliegen konnte. Er lehnte sich etwas vor, um sie mit der ganzen Kraft seiner Augen in sich aufzunehmen, und junge Liebe hat tausende von Augen. Jetzt triumphierte das System wahrlich, noch kurz bevor es stürzen sollte; und wäre Sir Austin damit zufrieden gewesen, den Bogen anzuspannen, und hätte er 145 es dem Pfeil überlassen zu fliegen, wann er fliegen wollte, dann hätte er noch einmal auf seinen Sohn zeigen und zu der Welt sagen können, »zeige mir den, der ihm gleichkommt!« Nur ein unschuldiger Jüngling hat die Kraft der Seele, ein solch starkes Glücksgefühl bei dem Anblick eines Mädchens zu empfinden, wie er es an sich erfuhr. »Ach ihr Frauen,« sagt das Manuskript des Pilgers in einem seiner in einsamen Stunden geschriebenen Aphorismen, »ihr Frauen, die ihr es liebt, einen Wüstling zu eurem Helden zu machen, wie bald müßt ihr erkennen, daß ihr einen Bankrotteur an euer Herz gezogen habt, und daß das Gold der Fäulnis, das euch anzog, der Schlamm ist aus dem See der Sünde.« Wenn diese beiden Ferdinand und Miranda waren, so war Sir Austin nicht Prospero und war nicht zur Stelle, oder ihr Schicksal hätte sich anders gestaltet. So standen sie einen Augenblick, sahen sich an, und dann sprach Miranda, und sie kamen wieder zur Erde zurück und fühlten sich weniger überirdisch. Sie sprach, um ihm für seine Hilfe zu danken. Sie gebrauchte ganz einfache, gewöhnliche Worte, und brauchte sie zweifellos zum Ausdruck ganz einfacher, gewöhnlicher Dinge; aber für ihn klangen sie wie Zauberworte, und die Wirkung, die sie auf ihn hatten, zeigte sich in der Zusammenhanglosigkeit seiner Antworten, die zu töricht waren, um hier wiedergegeben zu werden. Dann waren sie wieder stumm. Dann schlug Miranda plötzlich in die Hände und rief, während unzählige, wechselnde Lichter auf ihrem lieblichen Antlitz spielten: »Mein Buch, mein Buch,« und lief nach dem Ufer. Prinz Ferdinand blieb ihr zur Seite. »Was haben Sie verloren?« sagte er. »Mein Buch,« antwortete sie, und ihre entzückenden 146 Locken fielen über ihre Schultern und hingen über dem Strom. Dann wandte sie sich zu ihm: »Ach, nein, nein, bitte lassen Sie, ich mache mir nicht so viel daraus, wenn ich es verliere.« Und in ihrem Eifer, ihn zurückzuhalten, legte sie halb unbewußt ihre sanfte Hand auf seinen Arm und nahm ihm alle Kraft der Bewegung. »Wirklich, ich mache mir nicht so viel aus dem dummen Buch,« und zog, errötend, ihre Hand schnell zurück. »Bitte, lassen Sie!« Aber schon hatte der junge Herr seine Schuhe fortgeschleudert, und so bald der Zauber der Berührung aufgehoben war, sprang er in den Fluß. Das Wasser war noch unruhig und aufgerührt von seinem ersten Abenteuer, und obgleich er mit der Kühnheit einer Ente tauchte, so war das Buch doch verloren. Ein Blatt Papier, das bei den Brombeerranken auf dem Wasser schwamm und aussah, als ob Feuer schon einmal seinen Rand ergriffen hätte und als wenn es nun von einem feindlichen Element zu dem andern geflogen wäre, war alles, was er ergreifen konnte. Er kehrte ganz betrübt zum Ufer zurück, um zu hören, wie Miranda ihren Dank mit freundlichen Vorwürfen mischte. »Lassen Sie es mich noch einmal versuchen,« sagte er. »Nein, gewiß nicht!« erwiderte sie und fügte die schreckliche Drohung hinzu, »ich laufe fort, wenn Sie es tun, was die Wirkung hatte, ihn zurückzuhalten. Ihr Auge fiel auf das mit Brandflecken versehene Blatt Papier, und sie rief mit leuchtenden Blicken: »Da, da! Sie haben ja, was ich haben wollte. Das ist es ja. Das Buch ist mir gleichgültig. Nein, bitte! Sie dürfen es nicht ansehen, bitte, geben Sie es mir!« Bevor sie halb scherzhaft ihr Verbot ausgesprochen hatte, hatte Richard schon auf das Schriftstück geblickt und 147 den Greif zwischen zwei Weizenbündeln entdeckt, und darunter, oh, unaussprechliches Wunder! seine eigene Handschrift! Er reichte es ihr hin. Sie nahm es und verbarg es an ihrer Brust. Wer hätte denken können, daß, wo alles andere vernichtet wurde, Oden, Idyllen, Verse und Stanzen, dieses eine Sonett an die Sterne zu einem solch himmlischen Geschick bewahrt werden sollte, – zu einer alles übertreffenden Seligkeit. Als sie schweigend über die Wiese wanderten, versuchte Richard sich die Stunde und Stimmung zurückzurufen, in welcher er dieses bemerkenswerte Gedicht verfaßt hatte. Die Sterne hatte er darin angerufen, die alles sahen und alles voraussahen, ihm zu sagen, wo seine Geliebte weile und so weiter; Hesperus war so liebenswürdig gewesen seine Frage zu beantworten und hatte sie in zwei Zeilen beschrieben: »Durch das goldne Abendrot scheine ich so klar, Wie ihr blaues Auge scheint durch ihr goldnes Haar.« Und sicherlich gab es nie prophetischere Worte. Hier waren blaue Augen und goldenes Haar; und durch einen wunderbaren Zufall, der wie das Wirken einer göttlichen Hand erschien, war sie in den Besitz dieser Prophezeiung gelangt, die sie erfüllen sollte! Der Jüngling war zu erregt, um zu sprechen. Zweifellos hatte das junge Fräulein weniger zu denken, oder fühlte irgend eine kleine Last auf ihrem Gewissen, denn sie schien unruhig zu werden. Endlich hob sie ihr Kinn, um unter dem nickenden Rande ihres Hutes zu ihrem Begleiter aufzublicken – die Bewegung sah bezaubernd anmutig aus – und rief: 148 »Aber wohin gehen Sie eigentlich? Sie sind ja ganz naß. Lassen Sie mich Ihnen noch einmal danken, und dann, bitte, verlassen Sie mich, und gehen Sie gleich nach Hause sich umziehen.« »Naß?« erwiderte der magnetisierte Träumer, mit dem Ausdruck des zartesten Interesses, »hoffentlich doch nur ein Fuß. Ich werde Sie allein lassen, während Sie Ihre Strümpfe in der Sonne trocknen.« Darauf konnte sie nicht umhin, schüchtern zu lachen. »Nicht ich, sondern Sie. Sie wollten doch versuchen, das dumme Buch für mich zu holen, und sind nun ganz naß. Fühlen Sie sich nicht sehr unbehaglich?« Er konnte ihr ganz aufrichtig versichern, daß er das nicht täte. »Und fühlen Sie wirklich nicht, daß Sie naß sind?« Das täte er wirklich nicht, und er sprach die Wahrheit. Sie verzog ihr Brombeermündchen höchst belustigt, und ihre blauen Augen blitzten fröhlich unter den halb geschlossenen Lidern. »Ich kann nicht anders,« sagte sie und ein glockenhelles, harmonisches Lachen tönte an sein Ohr. »Bitte, verzeihen Sie mir!« Er lächelte auch, weil er sie bewunderte. »Nicht zu fühlen, daß Sie im Wasser waren, gleich nachdem Sie herausgekommen sind!« rief sie lachend, da sie sah, daß er ihr nicht zürnte. »Es ist wahr,« sagte er, und mußte selbst über seine Ernsthaftigkeit lachen; und dies gemeinsame Lachen ließ sie das Fremdsein vergessen und tat für ihr Vertrautsein das Werk von Monaten. Besser als Empfindsamkeit öffnet Lachen das Herz der Liebe; öffnet das ganze Herz ihrem vollen Köcher, statt ein Eckchen hier und da einem einzelnen Pfeile. Segne die günstige Gelegenheit, britischer Jüngling! lache, und behandle die Liebe als einen 149 ehrlichen Gott, und tändele nicht mit der Schminke der Empfindsamkeit. Diese beiden lachten und ihre Herzen riefen einander zu: »Ich bin es, ich bin es!« Sie lachten und vergaßen die Ursache ihres Gelächters, und die Sonne trocknete seinen leichten Ruderanzug, und sie schlenderten nach dem Amselwalde und standen und lehnten an einem Gitter und blickten auf den Schaum des Wehrs und die vielfarbigen Ringe, die der Strudel bildete. Richards Boot war unterdessen das Wehr hinabgeschossen und drehte sich, mit dem Kiel nach oben, den Strom hinab in dem strudelnden Stauwasser. »Wollen Sie es gehen lassen?« fragte das junge Mädchen, es neugierig betrachtend. »Es kann nicht mehr aufgehalten werden,« erwiderte er, und hätte hinzufügen können: »Was kümmere ich mich jetzt darum.« Sein altes Leben wirbelte dahin, zusammen mit dem Boote, tot, ertränkt. Sein neues Leben war bei ihr, ein göttliches Leben. Der Rand ihres Hutes hing tief herab. »Sie müssen wirklich nicht weiter kommen,« sagte sie leise. »Und wollen Sie gehen, ohne mir zu sagen, wer Sie sind?« sagte er kühn, als ihn die Furcht erfaßte, daß er sie verlieren könnte. »Und wollen Sie mir nicht sagen, ehe Sie gehen« – sein Antlitz glühte – »wie Sie zu jenem Papier kamen?« Sie wählte lieber die leichtere Frage zur Beantwortung. »Sie sollten mich kennen, wir sind einander schon vorgestellt worden.« Ihre offenherzige Freundlichkeit war sehr lieblich. »Wer sind Sie denn, ums Himmels willen? Sagen Sie es mir doch? Ich hätte Sie doch nie vergessen können?« 150 »Das haben Sie doch, wie ich glaube,« sagte sie. »Unmöglich, daß wir uns je getroffen und ich Sie vergessen hätte!« Sie sah zu ihm auf. »Erinnern Sie sich an Belthorpe?« »Belthorpe, Belthorpe!« wiederholte Richard, als ob er sein Gedächtnis anstrengen müßte, um sich eines solchen Ortes zu entsinnen. »Meinen Sie den Bauernhof des alten Blaize?« »Und ich bin des alten Blaize Nichte.« Sie machte ihm einen kleinen Knix. Der magnetisierte Jüngling starrte sie an. Welcher Zauber konnte dies göttlich schöne Geschöpf mit dem alten Kerl in Verbindung bringen. »Wie ist dann – wie ist Ihr Name?« sagten seine Lippen, während seine Augen hinzufügten: »Oh, wunderbares Geschöpf, wie kam es, daß du die Erde so reich gemacht hast?« »Haben Sie denn die Desboroughs von Dorset auch vergessen?« sie blickte seitwärts unter dem Rande ihres Hutes zu ihm auf. »Die Desboroughs von Dorset?« jetzt ging ihm ein Licht auf. »Und das ist aus Ihnen geworden? Aus dem kleinen Mädchen, das ich damals sah?« Er trat dicht an sie heran, um jeden Zug dieser wunderbaren Erscheinung zu erforschen. Über die durchdringende Glut seiner Blicke konnte sie nicht mehr mit Lachen hinweggehen. Unter seinem tiefen, sinnenden Blick geriet ihre Gesprächigkeit in Verwirrung; sie sprachen beide leise und waren beide befangen. »Sie sehen,« flüsterte sie, »wir sind alte Bekannte.« Richard dessen Blicke noch fest auf sie gerichtet waren, erwiderte: »Sie sind sehr schön!« Die Worte entschlüpften ihm. Vollkommene 151 Einfachheit ist unbewußt kühn. Ihre überwältigende Schönheit traf sein Herz, und wie eine Saite bei leisestem Anschlag ertönt, so antwortete sein Herz dieser Berührung. Miß Desborough machte den Versuch, diese schreckliche Deutlichkeit scherzhaft zu nehmen, aber seine Blicke, denen sie nicht widersprechen konnte, hemmten ihre Worte. Etwas in ihr, ein rebellisches Gefühl ihres Herzens lehnte sich gegen ihn auf; sie wandte sich ab. Aber Bewunderung, die so leidenschaftlich ausgesprochen wird und von dem ausgesprochen, der eines Mädchens erster Traum war, – von dem sie manche lange Nacht geträumt und den ihre, noch in der Knospe liegenden Gedanken mit einem silbernen Strahlenkranz umgeben hatten – Bewunderung von ihm ist eine Münze, die das Herz nicht zurückweisen kann, auch wenn es wollte. Sie beschleunigte ihre Schritte. »Ich habe Sie beleidigt,« sagte eine tödlich verwundete Stimme hinter ihr. Daß er das denken konnte, war zu schrecklich. »Ach, nein, nein, Sie könnten mich gar nicht beleidigen.« Sie wandte ihm ihr süßes Gesicht voll zu. »Warum, – warum verlassen Sie mich dann?« »Weil,« brachte sie zögernd hervor, »weil ich gehen muß.« »Nein, Sie müssen nicht gehen. Warum müssen Sie gehen? Ach gehen Sie nicht.« »Ich muß wirklich,« sagte sie und zog an dem Rande des widerspenstigen Hutes; und sein Stillschweigen als Zustimmung zu ihrem vernünftigen Entschluß auffassend, blickte sie ihn schüchtern an, hielt ihre Hand hin und sagte: »Leben Sie wohl!« als ob das die natürlichste Sache von der Welt wäre. Die Hand war vom reinsten Weiß – weiß und duftend wie die glimmernde Blüte einer Maiennacht. Es war die Hand, die ihren Schatten vorausgeworfen hatte in 152 der vergangenen Nacht, über die er sein Haupt ehrfurchtsvoll gebeugt, die er geküßt hatte, bereit für solche Kühnheit jede Buße zu tun, keine wäre für solche Seligkeit zu schwer gewesen. Er nahm ihre Hand, hielt sie fest und blickte in ihre Augen. »Leben Sie wohl!« sagte sie noch einmal, so unbefangen wie möglich, und drückte leise seine Hand zum Zeichen des Abschieds. Das veranlaßte ihn, ihre Hand nur noch fester zu umschließen. »Sie werden doch nicht gehen?« »Bitte lassen Sie mich,« bat sie, ihre liebliche Stirne leicht runzelnd. »Sie werden doch nicht gehen?« mechanisch zog er die weiße Hand näher an sein klopfendes Herz. »Ich muß,« stammelte sie traurig. »Sie werden doch nicht gehen?« »Ach, ja, ja!« »Sagen Sie mir, wünschen Sie zu gehen?« Die Frage war schwer zu beantworten. Ein oder zwei Sekunden zögerte sie, und dann sprach sie die Unwahrheit und sagte: »Ja.« »Sie wünschen zu gehen?« Er sah mit unsicheren Blicken in ihre Augen. Ein schon schwächeres Ja antwortete ihm. »Sie wünschen, mich zu verlassen?« Er atmete schwer bei diesen Worten. »Ich muß wirklich.« Ihre Hand wurde noch fester umschlossen. Plötzlich ging ein beunruhigender, wundersamer Schauer durch ihre Gestalt. Von ihm zu ihr strömte er und zurück von ihr zu ihm. Hin und her eilten die elektrischen Boten der Liebe von Herzen zu Herzen, klopften 153 an, bis es stürmisch gegen das Gitter seines Gefängnisses anschwoll und nach seinem Gefährten rief. Sie standen zitternd, im Einklang, ein liebliches Paar unter dem schönen Morgenhimmel. Als er wieder sprechen konnte, sagte er: »Werden Sie gehen?« Aber sie konnte noch nicht antworten und versuchte nur stumm ihre Hand zurückzuziehen. »Leben Sie denn wohl!« sagte er, drückte seine Lippen auf die sanfte weiche Hand, küßte sie, senkte sein Haupt und wandte sich von ihr ab, bereit zu sterben. Sonderbar, jetzt wo sie frei war, zögerte sie zu gehen. Sonderbar, daß seine Kühnheit ihm nicht Strafe brachte, sondern Erröten und schüchterne Zärtlichkeit und die süßen Worte: »Sie sind mir doch nicht böse?« »Dir böse, Geliebte!« rief es in seinen Herzen. »Und du vergibst mir doch, holdes Wesen?« »Es war sehr unhöflich von mir, fortzugehen, ohne Ihnen noch einmal zu danken,« sagte sie und bot ihm noch einmal die Hand. Der zitternde Sang des Vogels tönte über ihm. Der liebliche Glanz des Himmels fiel in seine Seele. Er berührte ihre Hand, ohne seine Augen von ihr abzuwenden, ohne ein Wort zu sprechen, und mit einem leisen Lebewohl ging sie von ihm auf dem Pfade dahin, durch die tauigen Schatten des Hains, trat aus dem Walde hinaus und entschwand seinen Blicken. Und mit ihr entschwand die romantische Verzauberung. Er blickte in leere Luft. Aber es war nicht mehr die Welt von gestern. Der wunderbare Glanz hatte eine Saat in ihm ausgestreut, die bereit war aufzugehen und sich zu Blüten zu entfalten unter ihrem Blick; und die lebhafte Erinnerung an ihre Stimme, ihr Gesicht, ihre Gestalt läßt diese Saat in seinem Herzen aufblühen und erfüllt 154 ihn mit sommerlichem Leuchten – mit dem Abglanz der verschwundenen Sonne. Nichts sagte ihm, daß er mit außerordentlicher Geschwindigkeit um Liebe geworben und Liebe erklärt habe; er wußte es nicht. Sanft gerötete Wangen, süße Lippen! wunderbar liebliche Blumen! Augen voll sanftestem Feuer! wie konnten seine sehend gewordenen Augen euch erblicken und nicht darum bitten, euch behalten zu dürfen? Ja, wie war es möglich, daß er euch wieder gehen ließ? Und er stellte sich ernsthaft selbst diese Frage. Morgen wird an diesem Platz eine Erinnerung haften – an dem Fluß und der Wiese und dem weiß schäumenden Wehr: sein Herz wird hier einen Tempel bauen; die Lerche wird die hohe Priesterin und die alte Amsel der schwarzrockige Chorist sein, und man wird ein heiliges Mahl von Brombeeren halten. Heut ist das Gras nur Gras und sein Herz wird von Vorstellungen umhergetrieben und findet nirgends Ruhe. Nur wenn seine Blume in ihrer zarten Unberührtheit in seinen Gedanken auftaucht, empfindet er einen Augenblick der Ruhe; aber so bald ihr Bild vor ihm erscheint, empfindet er auch mit bitterem Schmerz die Furcht, daß sie vielleicht niemals die Seine werden könnte. Nicht lange dauert es, so erfährt er, daß ihr Name Lucy ist. Nicht lange, so trifft er Ralph und entdeckt, daß er ihm in einem Tage um eine Welt vorausgekommen ist. Er und Ralph und der Kurat von Lobourne vereinigen sich zu gemeinschaftlichen Spaziergängen und haben klassische Diskussionen über das Haar der Frauen, besprechen Tausende von entzückenden Locken, von Kleopatra angefangen bis zu denen der Borgias. »Schön, schön! sie sind alle schön!« seufzt der melancholische Kurat, »wie es die Frauen sind, die zu unserm Verderben geschaffen wurden. Ich denke, unser Land kann sich mit 155 Italien und Griechenland wohl messen.« Sein Sinn flattert zu Mrs. Doria, Richard errötet vor Lucys Bild, und Ralph, dessen Heldin dunkelglänzendes Haar hat, weicht von der Meinung der andern ab und will sich im Männerkampfe messen zum Ruhme dunkelhaariger Schönen. Sie machen sich gegenseitig keine Bekenntnisse, aber sie sind wunderbar freundlich miteinander, diese drei Kinder des Instinkts.   Sechzehntes Kapitel. Ripton Thompson wird entlarvt. Lady Blandish und andre, die behaupteten, sich für das Glück und die Zukunft des nach Systemen erzogenen Jünglings zu interessieren, hatten bei verschiedenen Gelegenheiten die Namen von Familien erwähnt, mit denen sich zu verbinden, allem Anschein nach, nicht gegen seine Ehre gehen würde. Sir Austin hatte diese Namen auf einem besonderen Blatte seines Taschenbuches niedergeschrieben und ließ, als er sich der Hauptstadt näherte, sein Auge wiederholt darauf weilen. Es waren historische Namen und Namen, die pilzartig aufgeschossen waren, Namen, die vielleicht schon Wilhelm der Eroberer in seinen Listen geführt hatte, und Namen, die augenscheinlich durch ein Maschinenrad oder durch den Kontorstuhl in die oberen Schichten des zivilisierten Lebens geworfen worden waren. Diesen hatte der Baron die Worte: Geld, oder Stellung, oder Grundsätze hinzugefügt, und Grundsätze besonders unterstrichen. Die Weisheit des Weltmannes, die er ab und zu annehmen konnte, bestimmte ihn, ehe er seine Besuchstour unternahm, seinen Rechtsanwalt und seinen Arzt zu Rate zu ziehen, da 156 Rechtsanwälte und Ärzte die Ratten sind, die die Verdienste eines Hauses am besten kennen lernen und am besten wissen, auf welchen Grundlagen es ruht. Sir Austin betrat die große Stadt in trauriger Stimmung. Die Erinnerung an sein Unglück überkam ihn so lebhaft, als wenn nicht Jahre dazwischen lägen und als wenn der Brief erst gestern gekommen wäre, der ihm sagte, daß er keine Frau und sein Sohn keine Mutter mehr hätte. Er wanderte am Abend seiner Ankunft zu Fuß durch die Straßen; die Läden und Ausstellungen und das Geräusch der Welt, von der er sich getrennt hatte, blickten ihn fremd an und erweckten ihm das Gefühl, so verlassen zu sein wie der ärmste Landstreicher. Er hatten beinahe verlernt sich in der Stadt zurecht zu finden und kam, bei seinen Bemühungen sein Hotel wiederzufinden, an seinem alten Wohnhause vorbei. Die Fenster waren erleuchtet, fröhliches Leben herrschte darin. Er stand im Dunkeln auf der andern Seite der Straße und starrte hinauf. Er kam sich wie ein Geist vor, der auf sein vergangenes Leben schaut. Und der Geist der Vergangenheit, der seinen Spott über ihn ausgoß, so lange er wie ein anderer Mensch fühlte und litt, und der wieder zum Leben erwacht schien, erfüllte sein Herz, das noch immer nicht vergeben konnte, mit dem bittern Gift der Ironie. Sobald er wieder ruhiger wurde, erinnerte er sich, daß es Algernon wäre, dem er das Haus zur Verfügung gestellt hatte, und daß dieser wahrscheinlich eine Kartengesellschaft oder ähnliches gäbe. Am folgenden Morgen erinnerte er sich auch, daß er die Welt verlassen und sich einem System gewidmet hätte und diesem anspruchsvollen Gefährten jetzt Treue halten müßte, da er der einzige war, der ihn jetzt stärken und belohnen konnte. Mr. Thompson empfing den Baron mit so viel Ehrerbietung und Aufregung, wie es einem so vermögenden 157 Klienten und dem unerwarteten Besuch entsprach. Er war ein magerer, stattlicher Mann des Gesetzes, gekleidet wie jemand, der begüterte Bischöfe in Audienz empfängt, während seinen Gesichtszügen die Zugehörigkeit zu den Pandekten und eine tugendhafte Neigung zu Portwein aufgedrückt waren, die genügten, sein Ansehen in den Augen des moralischen Englands noch zu erhöhen. Nachdem er Sir Austin zu dem günstigen Ausgang einiger Rechtsfälle beglückwünscht und die Versicherung erhalten hatte, daß des Barons Anwesenheit in der Stadt nichts damit zu tun hätte, erlaubte sich Mr. Thompson die Hoffnung auszusprechen, daß der junge Erbe seinem Vater Freude mache, und hörte mit Befriedigung, daß er ein Musterjüngling wäre. »Es ist ein schwieriges Alter, Sir Austin!« sagte der alte Rechtsanwalt, sein Haupt schüttelnd. »Wir dürfen unsere Söhne nicht aus den Augen lassen – müssen sehr wachsam sein! Im Augenblick kann Unheil geschehen!« »Wir müssen genau gesehen haben, wohin wir pflanzten und daß die Wurzel gesund war, oder das Unheil geschieht trotz oder gerade bei unserer Überwachung,« sagte der Baron. »Ganz gewiß,« murmelte sein Rechtsbeistand, als ob das auch seine Ansicht wäre. »Das ist auch mein Plan mit Ripton, der die Ehre gehabt hat, Ihnen vorgestellt zu werden, und eine sehr schöne Zeit mit unserm jungen Freunde verleben durfte, die er noch nicht vergessen hat. Ripton soll Jurist werden. Er arbeitet jetzt bei mir und wird, wie ich hoffe, mein würdiger Nachfolger in Ihrem Vertrauen sein. Ich nehme ihn am Morgen mit mir zur Stadt und bringe ihn abends wieder heraus. Ich darf wohl sagen, daß ich ganz zufrieden mit ihm bin.« »Glauben Sie,« sagte Sir Austin, ihn fest ansehend, 158 »daß Sie jede seiner Handlungen auf ihre Motive zurückführen können?« Der alte Rechtsanwalt beugte sich vor und bat höflich, man möchte die Frage noch einmal wiederholen. »Stellen Sie sich,« fuhr Sir Austin mit demselben durchdringenden Blick fort, »stellen Sie sich in das Zentrum der Erkenntnis, basieren Sie Ihre Wachsamkeit auf einer so vollständigen Bekanntschaft mit seinem Charakter, auf einer so vollkommenen Beherrschung der Konstruktion, daß alle ihre Bewegungen – selbst die exzentrischen – von Ihnen vorausgesehen und voraus bedacht sind?« Diese Erklärung war etwas zu lang, als daß der alte Rechtsanwalt um eine nochmalige Wiederholung bitten konnte. Mit dem Ausdruck eines Tauben, der um Nachsicht für sein Gebrechen bittet, lächelte Mr. Thompson höflich, hüstelte beschwichtigend und meinte, er könne wohl nicht ganz so viel von sich sagen, obgleich er zu seiner Freude mitteilen könne, daß Ripton in der Schule immer sehr gute Zeugnisse gehabt hätte. »Ich finde,« bemerkte Sir Austin, der seine ausforschende Stellung und Miene etwas aufgab, »daß es Väter gibt, die damit zufrieden sind, wenn man ihnen einfach gehorcht. Ich verlange aber nicht nur, daß mein Sohn mir gehorcht, ich verlange, daß er nicht einmal den Trieb empfindet, meinen Wünschen widersprechen zu können, daß bis zu einer gewissen Periode, wo meine Verantwortung aufhört und die seine beginnt, er meinen Willen in sich stärker empfindet als seine unentwickelte Natur. Der Mensch ist eine selbsttätige Maschine. Er kann nicht aufhören eine Maschine zu sein, aber durch die Selbsttätigkeit kann er die Selbstleitung verlieren und, grade durch seine lebensvolle Kraft, in einen falschen Gang und zum Verderben getrieben werden. So lange er jung ist, ist er ein Organismus, der dem regelmäßigen, mechanischen 159 Kreislauf des Tages entgegenreift, und während dieser Zeit müssen alle Engel ihn bewachen, damit er gerade und gesund aufwächst und geeignet wird zu der Erfüllung seiner materiellen Pflichten, welcher Art sie auch sein mögen.« Mr. Thompsons Augenbrauen arbeiteten heftig. Er war gänzlich außerstande zu folgen. Er hatte viel zu viel Hochachtung vor Sir Austins Besitztümern, um auch nur einen Augenblick zu denken, daß das, was er hörte, purer Unsinn wäre. Wie aber sollte er es sich sonst erklären, daß ihm sein vortrefflicher Klient so ganz unverständlich war? Denn ein Herr mittleren Alters und einer, bei dem es zur Gewohnheit geworden ist, Rat zu erteilen und Verhältnisse zu ordnen, wird selten darauf verfallen, sein eignes Verständnis anzuzweifeln, und Mr. Thompson kam es auch durch aus nicht in den Sinn, das zu tun. Aber des Barons Herablassung so zu ihm zu kommen und mit ihm über den Gegenstand zu sprechen, der seinem Herzen am nächsten lag, berührte ihn tief, und er legte sich die Sache schnell so zurecht, daß sie für beide Personen günstig erschien. Er sagte sich, daß sein sehr geehrter Klient sicher eine Meinung habe; diese wäre aber so tief und fein, daß es nur natürlich wäre, wenn er Schwierigkeiten hätte, ihr die richtigen passenden Worte zu verleihen. Sir Austin verbreitete sich zur Erbauung seines Rechtsanwalts noch weiter über seine Theorie des Organismus und Mechanismus. Als das Wort »gesund« wieder dabei vorkam, griff Mr. Thompson es auf: »Ich verstehe Sie! Oh, ich stimme vollständig mit Ihnen überein, vollständig, Sir Austin! Erlauben Sie, daß ich klingele und meinen Sohn Ripton rufen lasse. Ich bin überzeugt, daß wenn Sie sich herablassen würden, ihn zu prüfen, Sie mir zugeben werden, daß regelmäßige 160 Gewohnheiten, ausschließlich juristische Lektüre – denn jede andere Literatur habe ich streng verboten – ihn ganz zu dem gemacht haben, was Sie erwähnten.« Mr. Thompsons Hand griff nach der Klingel. Sir Austin hielt ihn zurück: »Erlauben Sie mir, daß ich den jungen Mann bei seiner Beschäftigung aufsuche.« Unser alter Freund Ripton saß in einem Zimmer allein mit dem alten Prokuristen Mr. Beazley, einem Veteranen des Gesetzes, der selbst nicht viel mehr war, als ein Dokument, das unterzeichnet und versiegelt war, um bald abgeliefert zu werden, und der von seinem Schüler und Gefährten nichts verlangte als absolutes Stillschweigen. Wenn Ripton dieses streng beobachtet hatte, so lobte Mr. Beazley ihn seinem Vater gegenüber, kümmerte sich aber nicht darum und dachte auch nicht darüber nach – so ein vertrocknetes altes Dokument wie er war – welcher Zauber es sein konnte, der einen lebhaften, normal beanlagten, jungen Mann sechs Stunden täglich veranlaßte still zu sein. Man nahm an, daß Ripton sich dem Studium des Gesetzbuches hingab. Ein Band des klassischen Kommentars der Gesetze lag auf seinem Pult, unter dessen halb offenem Deckel der Kopf des fleißigen Studenten steckte, wodurch das Gesetz in direkten Kontakt mit seiner Hirnschale gebracht wurde. Die Bureautüre öffnete sich, und er hörte es nicht, sein Name wurde gerufen, und er rührte sich nicht. Seine Methode sich die Gesetze einzuprägen war eigenartig, schien aber seine Gedanken vollständig in Anspruch zu nehmen. »Er vergleicht Notizen, vermute ich,« flüsterte Mr. Thompson Sir Austin zu, »das nenne ich studieren.« Der Prokurist erhob sich und verbeugte sich, ganz altersschwache Unterwürfigkeit. »Ist es alle Tage so mit ihm, Beazley?« fragte Herr Thompson mit väterlichem Stolz. 161 »Ahem!« sagte der alte Sekretär, »er ist sich alle Tage gleich, ich könnte von einer Maus nicht mehr erwarten.« Sir Austin trat an das Pult heran. Seine Nähe erweckte einen von Riptons Sinnen, der die andern zusammen rief. Der Deckel des Pultes klappte zu. Bestürzung und Studieneifer glühten auf Riptons Wangen. Er glitt von seinem hohen Sitz herab, viel mehr mit der Miene eines Mannes, der gesonnen ist seine Stellung zu verteidigen, als eines, der einen Vorgesetzten begrüßt. Seine rechte Hand spielte mit einem Schlüssel in der Westentasche, die linke hielt sich an dem leeren Stuhl. Sir Austin legte zwei Finger auf des Jünglings Schulter und sagte, indem er, wie es ihm zur Gewohnheit geworden war, den Kopf ein wenig auf die Seite neigte: »Ich freue mich, den alten Kameraden meines Sohnes so nützlich beschäftigt zu finden. Ich weiß selbst was Studium heißt. Aber nehmen Sie sich in acht, es zu übertreiben! Seien Sie nicht böse, daß wir Sie unterbrochen haben, Sie werden den Faden bald wieder aufnehmen. Auch müssen Sie sich ja, wie Sie wissen, an die Besuche Ihrer Klienten gewöhnen.« Mr. Thompson klangen diese Worte so herablassend und freundlich, daß er Ripton, der in Ausdruck und Haltung noch immer seine Verwirrung und seinen versteckten Trotz zeigte, Winke und Zeichen gab und ihn aufforderte, dem Baron zu sagen, mit welcher besonderen Materie er augenblicklich beschäftigt wäre. Ripton zögerte einen Augenblick, und brachte dann sehr undeutlich heraus: »Das Gesetz Gravelkind.« »Was für ein Gesetz?« sagte Sir Austin verwundert. »Gravelkind,« stotterte Ripton noch einmal. Sir Austin wandte sich um eine Erklärung an Mr. Thompson. Der alte Rechtsanwalt schüttelte seinen Gesetzeskasten. 162 »Wunderbar,« rief er aus, »er macht noch solch einen Fehler. Wie heißt das Gesetz?« Ripton erkannte seinen Irrtum an dem ernsten, schmerzlichen Ausdruck in seines Vaters Antlitz und verbesserte sich: »Gavelkind, Vater.« »Ach so,« sagte Mr. Thompson mit einem Seufzer der Erleichterung. »Wie konntest du nur Gravelkind sagen! Gavelkind! Ein altes kentisches Gesetz.« Er fing dann an nähere Erklärungen darüber zu geben, Sir Austin versicherte, er kenne es, es wäre ein sehr wunderliches Gesetz, setzte dann aber hinzu: »Ich würde gerne Ihres Sohnes Notizen und seine Bemerkungen in bezug auf die Judikatur dieses Familiengesetzes lesen, falls er einige darüber gemacht haben sollte.« »Du machtest doch gerade Notizen oder suchtest sie auf, als wir eintraten,« sagte Mr. Thompson zu dem angehenden Rechtsgelehrten, »eine sehr gute Art zu arbeiten, die ich dir immer zur Pflicht gemacht habe. Nicht wahr? das tatest du doch?« Ripton stammelte, daß er leider keine Notizen hätte, die zu zeigen der Mühe wert wäre. »Was tatest du denn?« »Ich machte Notizen,« murmelte Ripton, die verkörperte Ausrede. »So zeige sie doch!« Ripton blickte auf sein Pult und dann auf seinen Vater, auf Sir Austin und den Prokuristen. Er nahm seinen Schlüssel heraus, aber er paßte nicht in das Schlüsselloch. »Zeige sie,« wurde energisch noch einmal verlangt. In seinen lobenswerten Bemühungen den Schlüssel hereinzubringen, entdeckte Ripton, daß das Pult unverschlossen war. Mr. Thompson trat näher und hob den Deckel in die Höhe. Ein Buch lag offen darin, das 163 Ripton eiligst nach hinten, in eine dunkle Ecke, unter einen Haufen Papiere schob, aber Sir Austins Auge hatte noch ein buntes Titelblatt entdeckt. Der Baron lächelte und sagte: »Sie studieren auch Heraldik? Interessieren Sie sich für diese Wissenschaft?« Ripton erwiderte, daß er sie sehr gern habe, sich sehr dafür interessiere, und warf noch einen Haufen Papiere in die dunkle Ecke. Die Notizen lagen nicht so offen da, und das Suchen nach ihnen war langweilig und vergeblich. Papiere, die nichts mit dem Gesetz oder juristischen Studien zu tun hatten, fanden sich vor und gaben Mr. Thompson einen intimen Einblick in die Finanzen seines Sohnes, aber nichts fand sich, das auf das fragliche Gesetz bezug hatte. Mr. Thompson fragte seinen Sohn, ob die Notizen sich nicht unter den Papieren befinden könnten, die er sorglos in die dunkle Ecke geschoben hatte. Ripton war ganz sicher, daß sie darunter nicht wären, willigte aber ein, sie durchzusehen. »Was haben wir hier?« sagte Mr. Thompson, als Ripton ein Papier nach dem andern hervorbrachte, und ergriff ein sorgfältig zusammengefaltetes Blatt, das an den Herausgeber einer juristischen Zeitschrift adressiert war. Mr. Thompson setzte seine Brille auf und las laut: »An den Herausgeber des ›Juristen‹!« »Mein Herr, – in Ihren kürzlich veröffentlichten Bemerkungen zu dem Falle« – Mr. Thompson räusperte sich und hielt an, wie ein Mann, der plötzlich eine Schlange auf seinem Wege entdeckt. Mr. Beazley scharrte mit den Füßen. Sir Austin veränderte seine Stellung. »Es ist, denke ich, auf der andern Seite,« keuchte Ripton. Mr. Thompson drehte das Blatt um und las vertrauensvoll mit lauter Stimme: 164 »An Absalom, den Sohn Davids, den kleinen, jüdischen Wucherer in Bond Court, Whitecroß Gutters, schulde ich 5 Pfund Sterling für die Einführung bei Venus. Zahlbar, sobald ich kann. Gezeichnet: Ripton Thompson.« Diesem nachgemachten gesetzlichen Dokument war vorsichtigerweise hinzugefügt: (»NB. Dieses Dokument ist nicht bindend.«) Es entstand eine Pause: ein schrecklicher Hauch heiligen Staunens und Vorwurfs schwebte durch das Bureau. Sir Austin nahm eine würdige Haltung an. Mr. Thompson warf seinem Prokuristen einen strengen Blick zu, den dieser durch aufgehobene Hände abwehrte. Ripton, der jetzt vollständig verwirrt war, schob ein andres Blatt unter seines Vaters Nase, da er hoffte, daß ihn hier wenigstens die Außenseite befriedigen würde. Es war bezeichnet: »Juristische Betrachtungen.« Mr. Thompson lag aber der Gedanke, seinen Sohn schützen oder schonen zu wollen, sehr fern. Ja, wie viele Männer, deren Eigenliebe durch ihre Nachkömmlinge verletzt ist, fühlte er sich rachsüchtig und war bereit, ihn bis zu einem gewissen Punkte preiszugeben, zu beider Nutzen. Er öffnete deshalb das Papier in der Erwartung, trotz der förmlichen Überschrift noch Schlimmeres zu finden, als was er bisher gesehen hatte, und sah sich nicht enttäuscht. Die juristischen Bemerkungen bezogen sich auf denselben Fall, dessentwegen Ripton sich veranlaßt gesehen hatte an den Herausgeber des »Juristen« zu schreiben. Es war wirklich ein bedeutender und sehr ehrwürdiger Fall und war entschieden ausdrücklich wieder hervorgeholt worden, damit der junge Jurist, Mr. Ripton Thompson, seine richterliche Beredsamkeit zugunsten des Klägers entfalten konnte, wozu sich der Anwalt, in seinen einleitenden Worten, besonders beglückwünschte. Das war ziemlich 165 ungewöhnlich und wahrscheinlich nur hervorgerufen durch die Bedeutung und den Ruf dieses jungen Juristen vor dem Gerichtshofe seines Bezirks. Man konnte dieses aus dem Zeitungsberichte ersehen, der den Bemerkungen oder juristischen Betrachtungen des jungen Rechtsbeflissenen vorangestellt war, über die Vernehmung oder Nichtvernehmung gewisser Zeugen und über das Endurteil des Richters. Mr. Thompson senior hob das Papier hoch und mit erhobener Stimme, wie jemand, der bereit ist, das Urteil über einen Schuldigen zu sprechen, las er mit bitterm, höhnischem Tone: »Vulkan kontra Mars. Für den Kläger erschien der Staatsanwalt, unterstützt von Mr. Ripton Thompson. Für den Beklagten Herr Richter Cupido und Herr Gute Gelegenheit.« Mr. Thompson senior stöhnte und warf dem unglücklichen Ripton einen giftigen Blick über die Brille zu: »Darüber machst du dir Notizen! Dazu verwendest du deine Zeit!« Nach einem zweiten vorwurfsvollen Blick auf den Prokuristen, der mit einem Achselzucken antwortete, trieb der Teufel der Erbitterung Mr. Thompson an weiter zu lesen: »Dieser Fall ist zu gut bekannt, um mehr als kurze Angabe der Einzelheiten –« »Hm! Wir wollen uns die Einzelheiten sparen, wären sie auch noch so kurz gegeben,« sagte Mr. Thompson – »aber – was meinst du hiermit? – genug! Man kann es uns wohl kaum verdenken, wenn wir deine juristischen Studien über solch einen Fall nicht lesen! Hierauf verwendest du sie? Mr. Beazley! Sie werden von jetzt ab wieder allein sitzen. Ich muß diesen jungen Mann unter meiner persönlichen Aufsicht haben. Sir Austin, 166 ich muß Sie um Entschuldigung bitten, daß ich Sie zum Zeugen einer so unangenehmen Szene machte. Es war die Pflicht des Vaters, ihn nicht zu schonen.« Mr. Thompson wischte sich die Stirne, wie es Brutus getan haben mochte, nachdem er den Sprößling seines Hauses gerichtet hatte. »Diese Papiere,« fuhr er fort, indem er die kostbaren Erzeugnisse von Riptons ernstem Studium in seiner richterlichen Hand schwenkte, »werde ich behalten. Der Tag wird kommen, wenn er sie mit Scham sehen wird. Und das soll seine Buße, seine Strafe sein! Halt!« rief er, als Ripton sein Pult geräuschlos schließen wollte. »Hast du noch mehr von derselben Art? Bringe sie hervor, damit wir dich von der schlimmsten Seite kennen lernen. Was hast du da – in der Ecke?« Ripton murmelte undeutlich, daß er alte Briefe über wichtige Fälle in der Ecke verwahre. Mr. Thompson suchte mit zitternden Fingern unter den alten Akten und zog das Buch hervor, das Sir Austin schon bemerkt aber nicht beachtet hatte, da sein Verdacht nicht auf Gedrucktes gerichtet gewesen war. »Ein Handbuch der Heraldik?« fragte der Baron höflich und vielleicht etwas ironisch, bevor Ripton Zeit hatte, das Buch zu verstecken. »Ich habe es sehr gern,« sagte Ripton und hielt das Buch krampfhaft fest. »Lassen Sie mich einmal sehen, ob unser Wappen darin richtig abgebildet ist.« Der Baron streckte seine Hand nach dem Buche aus. »Ein Greif zwischen zwei Weizenbündeln,« rief Ripton und hielt das Buch in schrecklicher Angst fest. Ohne sich recht klar zu machen, was er tat, nahm Mr. Thompson das Buch aus Riptons Hand, und die beiden alten Herren beugten ihre grauen Häupter über 167 das Titelblatt. Neben einem bunten, sehr vielversprechenden Titelbilde verkündete es in schönen Buchstaben die bezaubernden Abenteuer einer gewissen Miß Random. Wäre im Bereich dieses richterlichen Hauses ein tiefer Kerker gewesen, um Ripton darin einzusperren, oder feurige Zangen, um sein sündiges Fleisch zu züchtigen, Mr. Thompson hätte auf der Stelle davon Gebrauch gemacht. Wie es nun einmal war, begnügte er sich damit, den entlarvten Jüngling mit Blicken zu strafen, die Kerker und Zangen ersetzen konnten, während Ripton ganz zusammengesunken auf seinem hohen Stuhle saß, vollständig gleichgültig gegen alles, was jetzt noch kommen konnte. Mr. Thompson warf das gottlose Buch mit einem Ausruf der Verachtung fort, nahm es dann aber wieder auf und ging damit hinaus. Sir Austin gab Ripton zwei Finger seiner Hand, legte leicht die andere Hand auf sein Haupt und sagte: »Leben Sie wohl! In späteren Jahren wird Richard sich freuen, wenn Sie ihn in Raynham besuchen.« Zweifellos bedeutete dieses Ereignis einen großen Triumph für das System!   Siebzehntes Kapitel. Guter Wein und gutes Blut. Die Unterhaltung zwischen dem Rechtsanwalt und seinem Klienten wurde wieder aufgenommen. »Wäre es möglich,« rief Mr. Thompson, »könnten Sie wirklich einwilligen, ihn wiederzusehen und ihn bei sich zu empfangen, Sir Austin?« »Natürlich,« erwiderte der Baron, »warum nicht? Ich 168 bin durchaus nicht überrascht. Wenn das Zusammensein mit ihm für meinen Sohn keine Gefahr mehr in sich birgt, soll er mir ebenso willkommen sein wie vorher. Er hat die Schule besucht. Ich wußte es, ich erwartete es. Die Resultate Ihrer Erziehungsgrundsätze, Mr. Thompson!« »Es ist eins der schlimmsten Bücher dieser verabscheuungswürdigen Sorte!« rief der alte Anwalt und schlug das farbige Titelblatt auf, von dem aus die schamlose Miß Random den Beschauer bestrickend anlächelte, als ob sie ganz sicher erwartete, daß sie auf dem Felde der Schönheit die Zeit und ihre Veteranen schlagen würde. »Pah!« Er schlug das Buch mit einer Energie zu, die er gerne auch gebraucht haben würde, um ihr öffentlich in das Gesicht zu schlagen. »Von heute an soll er von Brot und Wasser leben – ich werde sein Taschengeld verkürzen! Wie konnte er in den Besitz eines solchen Buches kommen! Wie konnte er nur –! Und was für Ideen er in seinem Kopfe hat! Wie schlau er sie vor mir zu verbergen gewußt hat! Er spielt mit dem Laster! Sein Gemüt ist im Zustande äußerster Verderbnis! Ich hätte glauben können – ja, ich habe auch geglaubt – ich hätte immer wieder glauben können, daß mein Sohn Ripton ein moralischer junger Mann wäre!« Der alte Anwalt erging sich weiter in Ausrufen darüber, wie Väter getäuscht würden, und versank dann in einen beklagenswerten Zustand tiefen Sinnens. »Der junge Mann ist unter die Leute gekommen,« sagte Sir Austin. »Seine Anwendung juristischer Ausdrücke ist sehr amüsant. Sie haben recht, er spielt mit dem Laster; die Neulinge darin erscheinen ebenso schlimm, wie die Erfahrenen; und die Vergnügungen eines jungen Sünders werden denen eines alten Wüstlings häufig ähnlich sehen. Den Hungrigen, sowie den Übersättigten 169 reizt das Extrem. Sie sind über die Entdeckung dieses Zustandes an Ihrem Sohne erstaunt. Ich habe sie erwartet, obgleich, wie ich Sie versichern kann, ich nicht diesen plötzlichen und unwiderleglichen Beweis dafür erwartet hätte. Aber ich wußte, daß das Samenkorn in ihm lag und habe ihn deshalb in letzter Zeit nicht nach Raynham eingeladen. Die Schulerziehung und die Verderbnis, die sie mit sich bringt, wird früher oder später ihre Früchte tragen. Ich könnte Ihnen raten, Thompson, was Sie mit ihm tun sollten, was mein Plan sein würde.« Mr. Thompson, als Mann von Welt, murmelte, daß er es sich zur Ehre anrechnen würde, Sir Austin Feverels Rat zu hören, war aber im stillen als echter Engländer entschlossen, nur seinem eigenen zu folgen. »Lassen Sie ihn,« fuhr der Baron fort, »das Laster in seiner ganzen Nacktheit sehen. Suchen Sie seinen Ekel zu erregen, so lange er sich noch einige Unschuld bewahrt hat. Wenn man das Laster allmählich kennen lernt, so erfaßt es schließlich den ganzen Menschen. Mein Rat, Thompson, wäre, führen Sie ihn durch alle Lasterhöhlen der Stadt.« Mr. Thompson kniff die Augen zu: »Ich werde ihn bestrafen, Sir Austin, fürchten Sie nichts. Ich bin dem Laster gegenüber nicht nachsichtig.« »Das meine ich nicht, Thompson. Sie verstehen mich falsch. Er sollte sanft angefaßt werden. Glauben Sie denn wirklich, er würde das Laster hassen lernen, wenn Sie ihn, um der Sünde willen, zum Märtyrer machen? Sie müssen die Würde, die Ihnen das Alter verleiht, ablegen und zu seinem Mentor werden; lassen Sie ihn sehen, wie unbarmherzig und unvermeidlich das Laster seine Strafe in sich trägt; begleiten Sie ihn in die Höhlen –« 170 »Hier in der Stadt?« rief Mr. Thompson ganz entsetzt. »Hier in der Stadt,« sagte der Baron. »Und verlassen Sie sich darauf,« fügte er hinzu, »so lange die Väter sich nicht dazu entschließen, besser ihre Pflicht zu tun, werden wir das sehen, was wir jetzt in den großen Städten sehen und in den Dörfern hören müssen, was Tod und Verderben in unsere Häuser bringt und kommenden Generationen ein Erbteil von Kummer und Schande hinterläßt. Ja,« rief er aus, indem er immer erregter wurde, »hätte ich nicht die Pflichten meinem Sohne gegenüber und die Hoffnungen, die ich seinetwegen hege – wenn ich das Elend sehe, das wir einer unschuldigen Nachkommenschaft aufhäufen – für die durch unsere Sünde der frische Hauch des Lebens vergiftet wird, – ja, dann würde ich selbst – Ich würde einen andern Namen annehmen! Denn wohin treiben wir? Welches Haus ist noch wirklich rein? Was können uns die Ärzte und Juristen nicht alles erzählen?« Mr. Thompson machte eine zustimmende Bewegung. »Und was soll daraus werden?« fuhr Sir Austin fort. »Wenn die Sünden der Väter durch die Söhne noch vermehrt werden, ist dann schließlich nicht Verderben das Ende aller Dinge? Und wird nicht das Leben, das eine Gabe des Himmels ist, schließlich zum Spielball des Teufels? Wäre es nicht um meines Sohnes willen, so würde ich meinen Namen ablegen. Ich möchte ihn nicht vererben, wenn diejenigen, die auf meinem Grabe wandeln, ihm fluchen müßten.« Das war ja eine schreckliche Ansicht von dem menschlichen Dasein. Mr. Thompson fühlte sich unbehaglich. Es lag eine Würde in dem Benehmen seines Klienten, eine Kraft in seiner Rede, die jeden Widerspruch und die Auflehnung jahrelanger, behaglicher Ehrbarkeit zum 171 Schweigen brachte. Mr. Thompson ging regelmäßig zur Kirche. Er bezahlte seine Steuern, ohne zu sehr, oder besser gesagt, ohne mehr als andre Leute darüber zu murren. Allem Anscheine nach war er ein guter Bürger, liebevoll zu seinen Kindern, seiner Frau treu, auf den Wegen der Frömmigkeit einem schönen Platz im Himmel zuwandernd, auf Wegen, die mit Besserem, als tausend Pfund jährlichem Einkommen, gepflastert waren. Und nun kam hier ein Mann, der ihn von innen heraus erforschte, und obgleich das eine wenig anständige, ungewöhnliche, um nicht zu sagen, unenglische Mode war seine Mitmenschen in Augenschein zu nehmen, fühlte sich Mr. Thompson doch dadurch beunruhigt. Wie aber, wenn sein Klient übertrieben hätte? Dem, was er sagte, lagen Tatsachen zugrunde; er hatte Ripton entlarvt. Seit Riptons Bloßstellung fürchtete er eine persönliche Anwendung des Textes, über den sein Klient redete. Vielleicht war das zum Teil die heimliche Quelle seines Zornes gegen den schuldigen Jüngling. Mr. Thompson schüttelte sein Haupt und erhob sich mit schmerzlich verzogenem Gesicht und einem bedauernden Achselzucken langsam von seinem Stuhle. Er wollte augenscheinlich etwas sagen, ging aber nachdenklich zu einem Wandschrank, öffnete die Tür, nahm ein Tablett und eine Flasche Portwein heraus, füllte ein Glas für seinen Klienten, lud ihn höflich zum Trinken ein, füllte ein zweites Glas für sich selbst und trank. Das war seine Antwort. Sir Austin trank niemals Wein vor dem Essen. Da Thompson Miene gemacht hatte, sprechen zu wollen, wartete er auf das, was er sagen würde. Als sein Klient nicht trank, erkannte Mr. Thompson, daß die Beredsamkeit dieser Portwein-Antwort keine Wirkung hatte. 172 Nachdem er das kostbare Getränk langsam geschlürft und sein Aroma mit richterlicher Weisheit wieder und wieder geprüft hatte – man hätte glauben können, daß er die ganze Menschheit dabei abzuwägen hätte – seufzte er und sagte, indem er die Lippen über dem köstlichen Getränk spitzte: »Ich fürchte, Sir Austin, die Welt ist in einem sehr bösen Zustand.« Sein Klient sah ihn mit einem wunderlichen Blick an. »Aber das,« fügte Thompson unmittelbar darauf hinzu, und der Ausdruck seiner Augen konnte es nur schlecht verbergen, wie warm er sich innerlich zu dieser Tatsache beglückwünschte, – »aber dieser Wein ist, wie Sie mir zugeben müßten, denke ich, Sir Austin – wenn ich Sie nur zu einem Versuch überreden könnte, – eine sehr gute Sorte!« »So ist doch noch etwas auf der Welt gut, wie ich sehe, Thompson,« murmelte Sir Austin, ohne das behagliche Schmunzeln von dem Gesichte seines juristischen Ratgebers zu vertreiben. Der alte Rechtsanwalt setzte sich, um sein Glas auszutrinken, und sagte, daß man einen solchen Wein nicht überall bekommen könne. Sie schwiegen dann eine Weile. Einer von ihnen fühlte innerlich triumphierende Erregung, als ob bacchantische Scharen plötzlich die ernsthaften Gebiete der Gesetzeskunde überschwemmt und in Besitz genommen hätten; um dabei einen anständig niedergeschlagenen Gesichtsausdruck zu bewahren, und sich in gleicher Stimmung mit seinem Gefährten zu erhalten, mußte er grinsen wie der melancholische Clown im Zirkus. Mr. Thompson strich sich das Haar aus der Stirne. Der Baron saß und wartete. Mr. Thompson seufzte und leerte sein Glas. Er kämpfte mit dem Wechsel der 173 Stimmung, der ihn befallen hatte. Er versuchte nicht alles im rosigen Lichte zu sehen. Er versuchte traurig zu sein, und es gelang ihm nicht. »Es geht sehr zurück,« sagte er, indem er sich bemühte eine Bemerkung zu machen, die dem Gesichtsausdrucke seines Klienten entspräche und zeigte, daß er mit ihm übereinstimmte. Der Baron nickte. »Nach dem, was mein Weinhändler darüber sagt,« fuhr Mr. Thompson fort, »kann gar kein Zweifel mehr darüber herrschen.« Sir Austin starrte ihn an. »Entweder ist es die Beere oder der Boden oder sonst irgend etwas,« fuhr Mr. Thompson fort. »Alles, was ich sagen kann, ist, daß für unsere Söhne die Aussichten schlecht sind. Meiner Meinung nach, wäre es Pflicht der Regierung, eine Kommission auszusenden, zur Untersuchung der Ursache. Es wird für England zu einer öffentlichen Kalamität. Ich bin erstaunt – man hört heute sehr betrübt von dieser ungewöhnlichen Krankheit des Weines sprechen, und keiner scheint es für seine Pflicht zu halten, zu handeln und alles, was möglich ist, zu tun, um sie aufzuhalten.« Er sah seinen Klienten an mit der Miene eines Mannes, der sich bewußt ist, als Ankläger gegen ein fürchterliches, öffentliches Verbrechen aufzutreten. »Keiner rührt sich. Die Gleichgültigkeit der Engländer wird sprichwörtlich werden. Bitte, versuchen Sie ihn, Sir Austin! Bitte, erlauben Sie mir! Solch ein Wein muß zu jeder Stunde des Tages bekömmlich sein. Tun Sie mir den Gefallen! Mir sind zwei Gläser drei Stunden vor Tisch zugemessen. Magenstärkend! Ich finde, es bekommt mir ganz überraschend gut, es macht mich zu einem ganz andern Menschen. Ich hoffe, er wird vorhalten, so lange wir leben. Er muß es! Was sollen wir ohne ihn tun! Ohne solchen Wein 174 kein Gesetz! Keiner von uns Rechtsanwälten könnte ohne ihn leben. Unsere Beschäftigung trocknet das Blut aus.« Der Auftritt mit Ripton hatte ihn aller Kraft beraubt, der Wein hatte sie ihm wiedergegeben, und Dankbarkeit gegen den Wein begeisterte seine Zunge. Er war der Überzeugung, daß sein Klient, der sehr seltsame Ideen, obgleich unzweifelhaft durchaus korrekte, moralische Ansichten hatte, gut daran täte, ein Glas Wein zu trinken. »Es war dieser selbe Wein, Sir Austin – ich glaube, ich irre mich nicht, wenn ich das sage – derselbe Wein, den Ihr verehrter Herr Vater, Sir Pylcher Feverel, jedesmal zu trinken pflegte, wenn er meinen Vater konsultieren kam, als ich noch ein Knabe war. Und ich besinne mich, wie ich eines Tages hereingerufen wurde und Sir Pylcher mir selbst ein Glas eingoß. Ich wünschte, ich könnte jetzt Ripton hereinrufen und dasselbe tun. Aber nein! Keine Nachsicht in solch einem Falle! – Der Wein würde ihm allerdings nichts schaden; ich fürchte, es wird nicht viel bleiben, womit er seine Gäste wird bewirten können. Ha! ha! – Da Sie nun aber vor Tisch keinen Wein trinken, Sir Austin, wünschte ich nur, ich könnte Sie dazu überreden, mir eines Tages die Ehre Ihres Besuches in meinem kleinen Landhause zu geben – ich habe da einen Wein – er kommt diesem gleich – dann, glaube ich, würden Sie –« Mr. Thompson wollte eigentlich sagen, er glaube, sein Klient würde dann zu einer ähnlich fröhlichen Ansicht über die Entartung seiner Mitmenschen gelangen, wie sie sein Rechtsanwalt durch den Genuß von gutem Wein gewonnen hatte, aber er faßte diese Ansicht in den Worten zusammen – »dann würden auch Sie ihm Ihren Beifall nicht versagen.« Sir Austin stellte mit einem sauersüßen Gesichtsausdruck Betrachtungen über seinen Rechtsbeistand an. 175 Es war ihm klar: Thompson vor dem Portwein und Thompson nach dem Portwein, waren zwei ganz verschiedene Menschen. Ihn jetzt belehren zu wollen, war zu spät; vielleicht war jetzt der richtige Zeitpunkt, den praktischen Nutzen aus ihm zu ziehen, dessen er bedurfte. Er schrieb mit einem Bleistift auf ein neben ihm liegendes Blatt Papier: »Zwei Zinken einer Gabel; die Welt liegt dazwischen – Portwein und Geschmack – eines von beiden versagt zuerst – und die Welt geht unter;« und dann folgte die mysteriöse Bemerkung: »Portweinbrille.« Dann sagte er: »Ich werde Sie gerne heute abend begleiten, Thompson,« Worte, die den beglückten Rechtsanwalt vollständig verklärten. Dann steckte er den Entwurf eines bedeutenden Aphorismus in seine Tasche, damit er dort Gestalt und Form annähme wie zahllose andre, die sich auch noch in ähnlichem Zustande befanden. »Ich kam, um meinen Rechtsanwalt zu besuchen,« sagte er zu sich selbst, »ich habe, wie es scheint, ein verkleinertes Abbild der Welt gesehen.«   Achtzehntes Kapitel. Die Theorie des Austobens tritt dem System gegenüber. Das Gerücht verbreitete sich, daß Sir Austin Feverel, der Einsiedler von Raynham, der entschiedene Weiberfeind, der reiche Baron, in der Stadt wäre, um für seinen einzigen, unverdorbenen Sohn und Erben eine Braut zu suchen. Doktor Benjamin Bairam war die nicht anzuzweifelnde Autorität für diese Nachricht. Dr. Bairam 176 hatte Frau Fama von diesem Kindlein entbunden, das nun Dutzende von Frauen auf ihren Schoß nahmen und hätschelten. Dr. Bairam konnte sich rühmen, der erste gewesen zu sein, der mit dem berühmten Einsiedler gesprochen hatte. Er hatte es aus seinem eigenen Munde, daß es der Zweck des Barons wäre, für seinen unverdorbenen Sohn und Erben eine Braut zu suchen; »und,« fügte der Doktor hinzu, »glücklich die, die ihn gewinnt.« Was man sich so auslegte, daß er eine gute Partie wäre, während der Doktor augenscheinlich darauf anspielte, daß gewisse außergewöhnliche Schwierigkeiten mit der Wahl verknüpft wären. Der Verleger des »Manuskripts des Pilgers« verkaufte alle noch vorhandenen Exemplare. Man überging alle gesellschaftlichen Formalitäten. Ein Sommerregen von Einladungskarten fiel auf den Tisch des Barons. Er hatte wenige intime Freunde. Er vermied die Klubs, weil er sie für Klatschnester hielt. Die Karten, die er vor sich sah, kamen meist von dem schönen Geschlecht; der Gatte, wenn einer vorhanden war, war augenscheinlich nur anstandshalber bei diesen Einladungen beteiligt. Er las die Karten und lächelte. Er kannte ihren Zweck. Was für ein schreckliches Licht hatten Thompson und Bairam auf einige von ihnen geworfen! Himmel! In welchem Zustand war das Blut dieses Landes! Bevor er seinen Feldzug anfing, machte er zwei alten Bekannten, Lord Heddon und seinem entfernten Verwandten Darley Absworthy, seinen Besuch. Beide waren Parlamentsmitglieder, beide, obgleich gichtisch, brauchbare Männer, die sich in ihrer Jugend recht tüchtig ausgetobt hatten und sehr befriedigt darauf zurückblickten, da sie meinten, daß sie dadurch nicht schlechter geworden wären. Er fand den einen mit einem schwachsinnigen 177 Sohn, den andren mit schwindsüchtigen Töchtern. »Das genügt,« schrieb er in sein Taschenbuch, »für die Theorie des Austobens.« Darley war stolz auf die weiß und rote Haut seiner Töchter. »Wundervollen Teint,« nannte er es. Die Älteste war auf dem Heiratsmarkt und wurde ungeheuer bewundert. Sir Austin wurde ihr vorgestellt. Sie plauderte gewandt und liebenswürdig. Ein Jüngling, der nicht auf seiner Hut war, von einfacher Schuljungenart, auch vielleicht ein Mann hätte sich in sie verlieben können, sie war so freundlich und hübsch. Es war etwas Poetisches an ihr. Sie wäre ganz gesund, sagte sie, als der Baron sie wiederholt über diesen Punkt ausfragte. Sie wäre sehr kräftig, meinte sie, aber gegen Ende ihrer Unterhaltung preßte sie die Hand ab und zu auf ihre Seite, atmete mühsam einen Augenblick und sagte dann: »Ist es nicht wunderlich? Dora, Adela und ich haben alle dasselbe komische Gefühl – am Herzen ist es, glaube ich – immer wenn wir viel gesprochen haben.« Sir Austin nickte mit traurigem Blick, während es in ihm rief: »Austoben! austoben!« Er verzichtete auf das Vergnügen Dora und Adela kennen zu lernen. Lord Heddon sprach sehr energisch für die Theorie des Austobens. – »Es ist alles Unsinn, Feverel,« sagte er, »wenn wir versuchen, einem jungen Manne eine ungewöhnliche Erziehung zu geben. Es ist besser für ihn, wenn er etwas wild ist, so lange er noch grün ist, wenn er seine Knochen und Muskeln fühlt, wenn er die Welt kennen lernt. Er wird niemals ein Mann werden, wenn er nichts zu einer Zeit seines Lebens das alte Spiel getrieben hat, je früher er es tut, um so besser. Ich habe immer gefunden, daß die besten Männer recht wild gelebt haben. 178 So lange er ein Grünschnabel ist, ist es mir gleich, was er treibt, es ist außerdem dann leicht, ihn zu entschuldigen. Du kannst doch nicht erwarten, daß er ein Mann wird, wenn er nicht die Nahrung hat, die einem Manne zukommt. – Er wird eine Milchsuppe werden. Und verlaß dich darauf, bricht er dann los, dann geht er zum Teufel und niemand bemitleidet ihn. Sieh dir mal an, was die Gewürzkrämer tun, wenn sie einen neuen – wie nennen sie es doch schon – Lehrling, glaube ich, – wenn sie einen neuen Lehrling erhalten. Sie wissen, daß der Schurke mit einer Leckerschnauze geboren ist. Sie lassen ihm freien Spielraum im Laden, und es dauert gar nicht lange, so wiegt er die Ware sehr ruhig ab und ist viel zu weise geworden, um auch nur einen Bissen zu veruntreuen, selbst nicht einmal, um des Vergnügens des Stehlens willen. Ich weiß, du hast gerade entgegengesetzte Ansichten. Du meinst, des jungen Gewürzes Sinn sollte über Zucker erhaben sein. Das läßt sich nicht machen! Nimm mein Wort darauf, Feverel, es ist ein gefährliches Experiment, Fleisch und Blut im Zaume halten zu wollen. Wenn ein Füllen sich das gefallen läßt, so ist es ein sehr zahmes Tier. Und sieh dir mal die Sache vom medizinischen Standpunkt aus an. Von frühen Ausschweifungen kann sich die Natur erholen, späte vernichten die Gesundheit. Da hast du die Sache in einer Nußschale. – Wie geht es deinem Sohne?« »Er ist wohl und gesund!« antwortete Sir Austin. »Und deiner?« »Ach, Lipscombe bleibt immer derselbe!« seufzte Lord Heddon verdrießlich. »Er ist ruhig, das ist wenigstens etwas. Aber man will ihn nicht ins Parlament wählen, so muß ich diese Hoffnung aufgeben.« Lord Lipscombe betrat grade das Zimmer; Sir 179 Austin sah ihn an und wunderte sich nicht, daß man ihn nicht zum Landesvertreter wählen wollte. »Austoben,« dachte er, als er das kopflose, entartete Erzeugnis und Resultat dieser Theorie betrachtete. Darley Absworthy sowohl wie Lord Heddon sprachen von der Heirat ihrer Sprößlinge als von einer ganz selbstverständlichen Sache. »Und wenn ich nicht feige wäre,« sagte sich Sir Austin, »würde ich vortreten und das Aufgebot verbieten! Diese allgemeine Unwissenheit über die unvermeidlichen Folgen der Sünde ist furchtbar. Diese Theorie des Austobens scheint die Welt moralisch gefühllos gemacht zu haben.« Man brachte ihn indessen zum Schweigen. Er mußte die Gefühle der anderen schonen in betreff einer Sache, die ihm selbst so sehr heilig war. Das gesunde Bild seines stolzen Sohnes stieg vor ihm auf, eine siegreiche, lebendige Widerlegung aller feindlichen Vernunftgründe. Er begnügte sich damit, seinem Doktor gegenüber zu bemerken, daß er glaube, die dritte Generation der Austobetheorie würde nur dünn gesät sein. Die Familien, gegen deren Vorfahren, weder von väterlicher noch mütterlicher Seite, Rechtsanwalt Thompson oder Dr. Bairam etwas einzuwenden hatten, waren nicht zahlreich. »Sie müssen nur heutzutage nicht gar zu viel verlangen, mein verehrter Sir Austin,« sagte der Arzt, »man kann Ihre Prinzipien unmöglich anfechten, und Sie tun der Menschheit einen unberechenbaren Dienst, wenn Sie Ihre Aufmerksamkeit auf diese ernsteste Ihrer Pflichten hinlenken. Aber im Fortschritte der Kultur müssen wir auch, sozusagen, etwas mit der Masse gehen. Ich kann Sie aber versichern, die Welt erwacht – und Sie können mir glauben, ich sehe nicht nur die Oberfläche der Dinge – die Welt erwacht und erkennt die Wichtigkeit dieser Lebensfrage.« 180 »Doktor Bairam,« erwiderte Sir Austin, »würden Sie einen edlen Araberhengst mit einer Schindmähre kreuzen?« »Sicherlich nicht,« erwiderte der Doktor. »Dann erlauben Sie mir auch zu sagen, daß ich alle mögliche Sorgfalt anwenden werde, um meinen Sohn nach seinem Wert zu verheiraten,« entgegnete Sir Austin. »Ich hoffe auch, wie Sie sagten, daß die Welt erwacht. Ich bin nach meiner Ankunft in der Stadt mit einem Manuskript zu meinem Verleger gegangen, ›Vorschläge zu einem neuen Erziehungssystem für die englische Jugend‹, die vielleicht gerade jetzt zeitgemäß sind. Ich denke, ich kann mir wohl das Recht anmaßen, über diesen Gegenstand zu sprechen.« »Natürlich,« sagte der Doktor, »Sie werden mir aber zugeben, Sir Austin, daß wir im Vergleich mit den Nationen des Kontinents, mit unsern Nachbarn zum Beispiel, in der Moral, sowie in allem anderen, sehr vorteilhaft erscheinen. Ich hoffe Sie werden das zugeben?« »Ich finde keinen Trost darin, durch den Vergleich mit einem niedrigeren Maßstab besser zu erscheinen,« sagte der Baron. »Wenn ich zum Beispiel Ihre aufgeklärten Ansichten – denn Sie stimmen meinem Prinzipien zu – mit der eigentümlichen Ungläubigkeit eines Landdoktors vergleiche, der nichts von der Welt sieht und kennt, dann werden Sie sich kaum geschmeichelt fühlen, nehme ich an?« Doktor Bairam meinte natürlich, daß solch ein Vergleich kaum schmeichelhaft für ihn sein könnte. »Außerdem,« fügte der Baron hinzu, »erheben die Franzosen keinen Anspruch darauf, moralisch zu erscheinen, machen sich also auch nicht der Heuchelei schuldig. Während wir –! Aber glauben Sie mir, ich werfe mich nicht zu ihrem Anwalt auf. Es ist vielleicht besser, daß wir der Tugend die schuldige Ehrfurcht darbringen. Das 181 hält wenigstens die Verbreitung vollständiger Verderbtheit etwas auf.« Doktor Bairam wünschte dem Baron den besten Erfolg und bemühte sich eifrig, ihn in seiner Suche nach einer würdigen Gefährtin für seinen edlen Araber zu unterstützen, in dem er verschieden Mamas, die er besuchte, darauf aufmerksam machte und sie ermahnte, auf dem Posten zu sein.   Neunzehntes Kapitel. Ein Zwischenspiel auf der Weidenpfeife. Fort mit Systemen! Fort mit der verderbten Welt! Laßt uns die Luft atmen, die auf der Zauberinsel weht. In goldenem Glanze liegen die Wiesen, golden strömt der Fluß dahin, in rötlichem Golde schimmern die Fichtenstämme. Die Sonne ist zur Erde herniedergestiegen und wandelt über Wasser und Feld. Die Sonne ist zur Erde herniedergestiegen und Feld und Wasser jauchzen ihr entgegen. Sie kommt und ihre Herolde eilen vor ihr her und tauchen die Blätter der Eichen und Platanen und Buchen in leuchtend klares Grün, färben die Fichtenstämme mit röterem Gold und lassen helle Fußspuren auf den blumigen Abhängen des Flusses, wo des roten Fingerhutes obere Glöckchen niederhängen und Brombeerranken sich zwischen frischem Grün dahinschlängeln. Die Kronen der Bäume sind hell beleuchtet, und über ihnen jagen lange Schatten dahin, jagen über Heide und Hügel, bis die Herolde der Sonne die am östlichen Horizonte aufgetürmten Wolkenmassen mit rosigem Finger berühren und Ruhe finden. 182 Lieblich sind die verborgenen Ruheplätze des Waldes. Sanft weilt das Licht auf diesen Stätten. Ein leichter Hauch spannt sich über den Waldpfad und zittert in unzähligen Farben in dem warmen Licht der Fichtenstämme, über dem tiefen weichen Moosboden und den zart gefiederten Farnen. Das kleine braune Eichhörnchen läßt seinen Schwanz herunterhängen und hüpft von Baum zu Baum; ganz im Verborgenen ertönt das leise Lied eines Vogels. Schweigen herrscht im Walde. Von all der zauberhaften Schönheit ringsumher fällt auch ein verstohlenes Licht in das empfängliche Herz. Der flammende West, die rotglühenden Höhen werfen ihren Glanz durch das volle Laub. In diesem Haine aber wohnt die höchste Seligkeit, erhabene Freude, die unabhängig ist von jenem Glanze, in dem das junge Lamm spielt und die Herzen der Menschen froh werden. Steige herab, göttliches Licht! umfasse die Schöpfung mit deinem wohltätigen Feuer und leuchte auch aus unserm Innern heraus. Du und dein Abglanz, der königliche Mond, ihr seid wie jedes himmlische Schauspiel nur Diener und Boten des Glücks, das sich im Innern regt. Denn hier ist Zauberland. Hier treffen sich fern von feindlichen Gestaden der Prinz und die Prinzessin. Hier sitzen sie wie die Nachtigall im Schatten verborgen, und Augen und Ohren und Hände empfangen immer neue unendliche Schätze der Seele. Rollt weiter, ihr knarrenden Räder der Welt: das Klagegeschrei der auf stillem Meere Versinkenden, die Seufzer eines Systems, das die rechte Zeit seines Triumphs unerkannt vorübergehen läßt, steigen zum Himmel empor. Hier verhallen sie ungehört. Er nennt sie mit ihrem Vornamen, er nennt sie Lucy, und sie, errötend über ihre große Kühnheit, hat ihn Richard genannt. Diese beiden Namen bilden das 183 Leitmotiv für die wundervollen Harmonien, die Engel in der Höhe ertönen lassen. »Lucy! Geliebte!« »Ach, Richard!« Draußen in der Welt, an dem Rande des Waldes, flötet in der nachdenklichen Abendstimmung ein Hirtenknabe auf einer Weidenpfeife. Das Musikinstrument der Liebe ist so alt und so armselig, es hat nur zwei Töne, und doch kann der Musiker soviel daraus machen. Sie haben kaum andre Worte. Ein leichter Schaum spielt auf den Wellen des Gefühls, eines tiefen Gefühls, das nur hervorbricht, wenn ein zu mächtiger Inhalt es fortreißt und in einem zärtlichen Seufzer seinen Ausdruck findet. Vielleicht spielte die Liebe ihre Melodie so schön, weil sie noch nicht abgestumpft dagegen waren, weil sie den Segen noch in seiner ganzen Frische empfanden und ihn mit vollem Vertrauen hinnahmen. Für Herren und Damen spielt die Liebe mit seinem Bogenstrich auf der Violine oder in weichen Cellotönen, oder sie erweckt die Heldenkühnheit der Trompete, spielt auch vielleicht ein ganzes Orchester für sie. Und das gefällt ihnen. Liebe bleibt immer ein kluger Musikant. Sie schmachten und sind bezaubert. Aber bei allem Wohlklang bleibt es doch ein irdisches Konzert. Ihnen erklingt nicht Sphärenmusik aus zwei Tönen. Sie haben das erste übersinnliche Entfalten der reifen Sinne zur Leidenschaft verloren oder verpfändet oder vielleicht nie gekannt, wenn die Leidenschaft die Seele noch mit sich fortreißt und der Geist das Vorrecht hat, körperlos zu wandeln, grenzenlos zu fühlen. Oder der eine hat es noch, und der andere ist zu einem toten Körper geworden. Laßt sie Ambrosia essen und 184 Nektar trinken, hier sitzt ein Paar, dem das einfache Brot und Wasser der Liebe ein köstlicheres Mahl bereitet. Flöte, glücklicher Schäferknabe Eros! Strahlende Engel, entfaltet eure Schwingen und laßt eure Stimmen ertönen! Sie sind über alle Philosophie erhaben. Ihr Instinkt hat sie über das Erkennen der Wissenschaft hinausgeführt. Sie waren für das Paradies geschaffen. »Solch ein göttliches Geschenk sollte mir zuteil werden!« Das wiederholte einer dem andern unaufhörlich. Es ist der immer wiederkehrende Refrain ihrer Harmonien. Welchen Glanz verbreitet er über die vergangenen Jahre und wie verklärt und belebt er die Zukunft. »Du bist mein und ich bin dein!« »Wir sind für einander geboren!« Sie glauben, daß die Engel sich von der Wiege an mit ihnen beschäftigt haben. Die himmlischen Scharen haben sich ernstlich bestrebt sie zusammen zu bringen. Und oh, Sieg! oh, Wunder! nach Sorgen und Mühen, nach außerordentlichen Schwierigkeiten, ist es den himmlischen Scharen gelungen. »Hier sitzen wir zwei beieinander, von denen es im Himmel geschrieben steht, daß sie eins sein sollen.« Flöte, glücklicher Eros! flöte weiter diesen beiden Unschuldigen! Die Farbenflut des Himmels schwindet dahin. Im Westen versinkt das flüssige Feuer. Die Sterne blitzen auf in zitterndem Licht und dunkeln wieder vor dem aufsteigenden Mond, der den silbernen Wolkenschleier von seinen Schultern gleiten läßt und auf den Wipfeln der Fichten ruhend den Himmel überschaut. »Hast du niemals davon geträumt, daß du mich wieder treffen würdest, Lucy?« 185 »Ach, ja, Richard, ich hatte dich ja nicht vergessen.« »Und hast du darum gebetet, Lucy, daß wir uns wieder treffen möchten?« »Ja, das habe ich.« Mit jugendlichen Strahlen, wie sie die Liebenden des Paradieses beschienen, gleitet der Mond dahin. Wo sein Licht leuchtet, ist es nicht Nacht, sondern verschleierter Tag. Nur halb ist der Himmel beleuchtet, nicht Dunkelheit herrscht und nicht Tag, das Dämmerlicht erster Liebe. »Meine einzig Geliebte, meine einzige in alle Ewigkeit. Sage, daß du die Meine bist. Flüstere es mir zu!« Er lauscht der zauberhaften Musik. »Und du bist ganz die Meine?« Ein sanfter Strahl trifft das Farngebüsch unter den Fichten, wo sie sitzen, und als Antwort hat er ihre Augen, die sie ihm einen Augenblick zuwendet und die schüchtern zitternd seinen tiefen Blick empfangen und sich dann senken. In ihren Augen liegt ihre Seele unverhüllt vor ihm ausgebreitet. »Lucy, meine Braut, mein Leben!« Die Nachtschwalbe spinnt ihr eintöniges Lied auf dem Fichtenzweige. Der sanfte Strahl umfaßt sie und lauscht an ihren klopfenden Herzen. Ihre Lippen schließen sich aufeinander. Flöte nicht, oh, Eros, flöte jetzt nicht mehr! Flöte, wie du willst, du kannst diesem ersten Kuß nicht Ausdruck verleihen, nichts von seiner Süße, nichts von seiner Heiligkeit, nichts. Wenn die heilige Cäcilie dort oben auf den silbernen Orgelpfeifen des Paradieses alle Töne erklingen läßt, von denen die Liebe nur einer, dann könnte sie vielleicht das rechte Lied dafür finden. Doch die Liebe bedarf keiner Töne. Draußen in der Welt, an dem Rande des Waldes pfeift der genügsame 186 Schäferknabe wohlgefällig noch einmal die ganze Skala seiner Weidenpfeife herunter, endet mit einem wunderlichen Triller und geht schweigend nach Hause, wo ihm das Abendessen winkt. Stille ruht über dem Walde. Nur die Nachtschwalbe spinnt ihr Lied auf dem Fichtenzweige, vom Mondlicht umwoben.   Zwanzigstes Kapitel. Altehrwürdiger Überlieferung getreu bekämpft der Held den Drachen. Verzauberte Inseln sind noch immer nicht von ihrer Drachenbrut befreit. Wo immer noch Romantik lebt, da fühlen sich diese Ungeheuer auf verderbliche Weise angezogen. Da der Himmel den Liebenden sicherlich günstig gesinnt ist, haben sich die Ungeheuer der Tiefe, angeregt durch unzählige traurige Siege, dazu vereinigt, ihnen zu schaden, und jede Liebesgeschichte ist ein Epos, das den Kampf der oberen und unteren Gewalten besingt. Ich wünschte, die guten Feen wären etwas tätiger. Es scheint, sie haben sich durch das Glück ihrer Günstlinge in Sicherheit wiegen lassen, während die bösen immer wachsam und immer auf dem Posten sind. Sie warten, bis das junge Volk die Augen geschlossen hat und sich einbildet, nicht gesehen zu werden, und dann fangen sie ihre Arbeit an. Diese Verabredungen und Zusammenkünfte, die es mit sich brachten, daß Richard von Tisch aufstehen mußte, in der Stunde, in der der weise Jüngling Adrian ein behagliches Gespräch liebte und sich in dem träumerischen Bewußtsein zurücklehnte, daß ein gutes Werk in ihm vorginge; diese Zerstreutheit bei seinen Studien, diese 187 wechselnde Übertreibung von Frohsinn und Verdrießlichkeit, diese Seufzer und andere seltsame Zeichen, vor allem aber dieses unpassende Benehmen seines Schülers bei Tische, ließen Adrian erkennen, daß der junge Mann, obgleich er sehr geschickt in der Erfindung von Entschuldigungen war, auf irgend eine Weise erfahren hatte, daß der Apfel der Schöpfung zwei Hälften hätte, und daß er sich eingeschifft hatte zu der großen Reise zur Erforschung der Verschiedenheit der beiden Hälften. Mit gewohnter Kaltblütigkeit überlegte Adrian, ob er wohl in dem beobachtenden oder schon in dem praktischen Studium der Reise angelangt sein mochte. Was ihn selbst betraf, so hätte Adrian, als Mann und Philosoph, gegen keines der beiden etwas einzuwenden gehabt, und er hatte nur in Erwägung zu ziehen, durch welche der beiden Stadien augenblicklich das lächerliche System, das er zu unterstützen hatte, mehr bedroht wurde. Richards Abwesenheit ärgerte ihn. Der Jüngling war lebhaft und seine Begeisterungsfähigkeit amüsierte ihn, außerdem blieb Adrian, wenn Richard gegangen war, mit der Großtante und Hippias allein. Beiden hatte er schon alles Amüsement entlockt, das von ihnen zu erwarten war, und er fürchtete, daß seine Gesundheit ernstlich durch die Gesellschaft zweier kranker Mägen bedroht werden könnte, die ihm grade dann lästig fielen, wenn er sich selbst so recht lieb hatte. Der arme Hippias war nun so weit gekommen, daß er die tiefsinnigsten Berechnungen anstellen mußte, ob ein besonderes Gericht oder ein extra Glas Wein eine böse Wirkung auf ihn haben und sich für den Rest seiner Jahre fühlbar machen könnten. Er hatte sich daran gewöhnt, diese Berechnungen halblaut anzustellen, wobei die prophetische Furcht vor dem Versuch und die verlockenden Einflüsterungen des Appetits einen heißen Kampf kämpften. Es war schrecklich ihm zuzuhören; so konnte man es 188 Adrian wohl verzeihen, wenn er die Neigung spürte, ihn zugunsten des letzten Stündleins in Versuchungen zu führen. »Ich freue mich, ein Glas mit dir trinken zu können,« pflegte Adrian zu sagen, worauf Hippias die Flasche mit schmerzlichem Ausdruck ansah und den Doktor ins Treffen führte. »Trink nur, Neffe Hippy, und denke erst morgen an den Doktor,« sagte die Großtante mit fröhlich knisternden Haubenbändern und empfahl ihm dann ihre eigne Methode. »Das macht die literarische Arbeit,« sagt Hippias und faßt sein Glas mit Gewissensbissen. »Ich weiß nicht, was es sonst sein könnte. Ihr habt keine Ahnung davon, was für Beängstigungen ich manchmal fühle. Ich habe schreckliche Träume, ich bin beständig in Angst.« »Das wundert mich gar nicht,« sagte Adrian, der sich über die kindische Einfalt amüsierte, zu der der arme Hippias durch das hingebende Studium seines materiellen Daseins gekommen war. »Das wundert mich gar nicht. Zehn Jahre Feen-Mythologie! könnte irgend ein Mensch erwarten, danach noch friedlich zu schlafen? Was deine Beschwerden anbetrifft, so kann ich dich versichern, kein Mensch hat einen gesunden Magen, der in der Hand der Ärzte ist. Sie verschreiben nach der Schablone und ziehen nicht die Konstitution in ihre Berechnung. Sie haben dich von zwei Flaschen auf zwei Gläser gebracht. Es ist vollständig abgeschmackt. Du kannst nicht schlafen, weil deine Konstitution nach dem verlangt, woran du gewöhnt bist.« Hippias schlürft seinen Madeira mit sehr geringem Vertrauen und versichert Adrian, daß er wirklich lieber nicht wagen möchte eine ganze Flasche zu trinken, es wäre reine Tollheit eine Flasche zu wagen, meint er. 189 Erst gestern abend, als er gegen seinen Willen von dem fetten, französischen Gericht gegessen hatte, oder kam es vielleicht von der Ente? – Adrian riet ihm die Schuld lieber einem solch gewöhnlichen Vogel zuzuschieben. – Dann war es also die Ente; gestern abend, gleich nachdem er sich im Bett ausgestreckt hatte, war es ihm erschienen, als wäre er von einer ganz ungeheuren Größe, alle seine Glieder – seine Nase, sein Mund, seine Zehen – waren elefantenmäßig gewesen. Ein Elefant war ein Zwerg im Vergleich mit ihm. Und seine ungeheure Größe schien sofort zuzunehmen, sobald er die Augen schloß. Er wandte sich von der einen Seite auf die andere. Er lag auf dem Rücken, er versuchte sein Gesicht in den Kissen zu vergraben, es half alles nichts, er schwoll immer mehr. Er wunderte sich, daß er noch Raum im Zimmer hatte, er meinte es müßte bersten – und er mußte wirklich Licht anstecken und an den Spiegel gehen, um zu sehen, ob er noch erträglich aussähe. Als er so weit gekommen war, konnten sich Adrian und Richard nicht mehr vor Lachen halten: In der Großtante aber fand er ein interessierte Zuhörerin. Sie meinte, es müßte eine neue Krankheit sein, die man in ihrer Jugend noch nicht gekannt habe, und die wohl näherer Untersuchung wert wäre. Sie fand Freude daran, ihre Empfindungen mit den seinigen zu vergleichen, aber ihre waren nicht von solch verwickelter Art, und Medizin brachte sie bald wieder in Ordnung. Nahrung und Medizin schien in der Tat ihre Konstitution als streitbares Land anzusehen, auf dem sie ihre Schlachten kämpften, und sie konnte Hippias frohen Herzens verkünden, daß sie sich durchaus nicht schlechter befände, wenn der Kampf vorüber war. Ein Bauer hat niemals einen Prinzen, oder ein Landmädchen eine Schönheit des Hofes mit mehr Neid betrachtet, als in den Blicken lag, mit denen Hippias die 190 Großtante ansah. Die Sache war ihm zu ernst, als daß er sich um das Gelächter der jungen Leute hätte kümmern sollen. Diese »Tragödie des Kochherdes,« wie Adrian Hippias' Krankheit bezeichnete, wiederholte sich regelmäßig an jedem Abend. Es war nur natürlich, wenn ein Jüngling suchte, solchen Magengesprächen so schnell wie möglich zu entfliehen. Adrian hatte rücksichtsvolle Nachsicht mit Richards Benehmen, bis ihn ein Brief des Barons, in dem dieser das Haus und das mütterliche Erziehungssystem einer Mrs. Karoline Grandison und die hoffnungsvollen Aussichten ihrer jüngsten Tochter beschrieb, dazu aufrüttelte, an seine Pflicht zu denken und einmal nachzusehen, was vorging. Er gab Richard eine halbe Stunde Vorsprung, setzte dann seinen Hut auf und folgte seinem scharfen Instinkt, während Hippias und die Großtante bei Piquet zurückblieben. Auf dem Landwege nach Belthorpe traf er ein Bauernmädchen, die ihm nicht unbekannt war, eine gewisse Molly Davenport, ein dralles Mädel. Als sie ihn sah, rief sie nach solcher Mädchen Art: »Ach du mein Himmel,« und kicherte, als lebhafte, wenn auch alte Erinnerungen, in ihr auftauchten. »Suchen Sie Ihren jungen Herrn?« fragte Molly dann sofort. Adrian blickte wie ein kaltblütiger Straßenräuber den Weg entlang, um zu sehen, ob das Feld frei wäre, und antwortete dann: »Ja, Molly, und du sollst mir alles sagen, was du von ihm weißt.« »Ach, Gotte,« sagte das dralle Mädel, »kommen Sie heute abend das von mich zu hören?« Adrian wies sie zurecht, wahrscheinlich wegen ihrer schlechten Grammatik. »Ich kann nämlich heut abend nicht lange draußen bleiben,« erklärte Molly, indem sie den Verweis nur auf ihre schlechte Grammatik bezog. 191 »Du kannst hineingehen, wenn es dir Spaß macht.« »Kommt da jemand?« »Tritt hier in den Schatten.« »Nanu, machen Sie aber keine Geschichten,« sagte Molly. Jetzt sprach Adrian mit sehr viel Nachdruck: »Höre zu, Molly Davenport, was ich dir zu sagen habe.« Er steckte ihr eine Münze in die Hand, was einen besänftigenden Einfluß hatte und sie so beruhigte, daß sie aufpaßte. »Ich will wissen, ob du ihn überhaupt gesehen hast?« »Wen? Ihren jungen Herrn? Natürlich habe ich ihn gesehen. Ich sah ihn nur eben noch, heut abend. Hübsch ist er geworden. Er ist jetzt immer um Belthorpe herum. Jetzt braucht er keine Heuschober mehr anzustecken, jetzt brennt er selber. Haben Sie die noch nicht zusammen gesehen? Er ist hinter dem Fräulein her –« Adrian hieß Molly Davenport nicht den Respekt vergessen und sich auf Tatsachen beschränken. Das Mädchen erzählte ihm also, daß ihr junges Fräulein und Herrn Adrians junger Herr ein hübsches Paar wären und sich jeden Abend träfen. Aber ganz unschuldig, wie sie beteuerte. »Fräulein Lucy ist ganz natürlich und er auch.« »Ich bin überzeugt davon, daß sie ganz natürlich sind,« sagte Adrian. »Wie kommt es, daß ich das Fräulein nicht in der Kirche gesehen habe?« »Sie ist katholisch oder so was,« sagte Molly. »Ihr Vater war das, und er war Leutnant. Sie hat 'n Kreuz in ihrem Schlafzimmer. Sie geht nicht zur Kirche. Ich hab' Ihnen neulich in der Kirche gesehen und mit so 'nem feierlichen Gesicht,« Molly strich mit der Hand an ihrem Kinn herunter, um seinen Ausdruck nachzuahmen. Adrian bestand darauf, daß sie sich an Tatsachen halten 192 sollte. Es war dunkel, und in der Dunkelheit war er gleichgültig gegen den ausfallenden Widerstreit in dem Mädchen, aber er wollte alles hören, was sie zu sagen hatte, und drückte ihr noch einmal Geld in die Hand, damit sie nichts als Tatsachen erzählte. Worauf sie ihm dann weiterhin mitteilte, daß ihr junges Fräulein ein unschuldiges, harmloses Geschöpf sei, das bis vor drei Jahren bei den Nonnen in der Schule gewesen wäre und etwas eignes Geld hätte und schön genug wäre, um eine große Dame zu sein, und immer in Herrn Richard verliebt gewesen wäre, schon wie sie ein ganz kleines Mädchen war. Molly hatte von ihrer Freundin Mary Garner, die Stubenmädchen auf dem Schloß war, gehört, wie sie einmal, als sie Herrn Richards Stube aufräumte, ein Stückchen Papier gefunden hätte mit des jungen Herrn Handschrift. Und das hätte sie Fräulein Lucy gegeben, und Fräulein Lucy hätte ihr dafür ein Goldstück gegeben, nur für seine Handschrift! Fräulein Lucy scheine auf dem Bauernhofe nicht sehr glücklich zu sein, von wegen dem jungen Herrn Tom, der immer nach ihr hinschielte, und sie wäre auch wirklich eine Dame und könnte spielen und singen und sich anziehen, wie nur irgend eine. »Sie sieht wie ein Engel aus in ihrem Nachthemde,« fügte Molly noch zum Schlusse hinzu. Im nächsten Augenblick trat sie dicht an ihn heran und sprach nun zum erstenmal so, als ob ein Standesunterschied zwischen ihnen bestände, mit bittendem Tone: »Mr. Harley, Sie werden doch nicht gehen und ihnen was zu leide tun, weil ich was gesagt habe, nicht wahr? Sagen Sie doch, daß Sie das nicht tun werden, Mr. Harley! Sie ist gut, wenn sie auch katholisch ist. Sie war freundlich zu mir, als ich krank war, und ich möchte nicht, daß ihr jemand in die Quere käme – lieber möcht' ich schon, daß mir selbst so was passierte!« 193 Der weise Jüngling gab Molly kein bestimmtes Versprechen, und sie konnte seine Zustimmung nur daraus ersehen, daß seine Strenge nachließ. Das Geräusch eines polternden Schrittes, der schwerfällig den Weg herunterkam, veranlaßte indessen, daß sie augenblicklich frei gegeben wurde. Molly ergriff die Flucht, der polternde Fuß beschleunigte seinen Schritt, und man hörte ländliche Laute, die ihre fliegenden Röcke aufzuhalten versuchten – »Moll – bist du da – ich bin es, der Kampfhahn.« Aber die mutwillige Sylphe wollte nicht auf sein Werben hören, und lachend über diese Schäferspiele wandte sich Adrian heimwärts. Adrian war ein fauler Drache. Er begnügte sich fürs erste mit Anspielungen und Neckereien. »Es ist das Unvermeidliche,« sagte er sich und fragte sich selbst, warum er versuchen sollte, es aufzuhalten. Er hatte kein Vertrauen zu dem System. Der gewichtige Benson hingegen hatte Vertrauen dazu. Benson mit den dicken, vorsintflutlichen Augenlidern, Benson, der Saurier und Weiberfeind, war wachsam. Es bestand zwischen dem weisen Jüngling und dem gewichtigen Benson eine Art von Nebenbuhlerschaft. Die Treue des letztgenannten Dieners hatte den Baron dazu bewogen, ihm einen Teil der Verwaltung von Schloß Raynham zu übergeben, was Adrian mißfiel. Keiner, der seinen Ehrgeiz darein gesetzt hat, einen andern an der Nase herumzuführen, kann einen Teilnehmer in dieser ehrenvollen Beschäftigung dulden. Bensons mürrischer Instinkt ließ ihn erkennen, daß er dem weisen Jüngling im Wege war, und er beschloß, seinem Herrn einen schlagenden Beweis davon zu geben, wie viel mehr seine Treue wert wäre. Einige Wochen lang hatten die Augen des Sauriers diese beiden geheimnisvollen Geschöpfe bewacht. Am Tage sah er Briefe kommen und gehen, und nun war sein junger Herr jeden Abend aus 194 und schien Flügel bekommen zu haben. Benson wußte, wohin er ging und weshalb er ging. Es handelte sich um eine Frau – das genügte ihm. Sein Saurierauge hatten tatsächlich gesehen, wie das sündhafte Geschöpf den hoffnungsvollen Erben in das Dickicht des Waldes gelockt hatte. Er verfaßte über das, was im Gange war, verschiedene Warnungsbriefe an den Baron, aber ehe er einen davon abschickte, wünschte er etwas von ihrer sündhaften Unterhaltung berichten zu können, und zu diesem Zwecke trottete der treue Bursche über den abendlichen Tau, um den Lauscher zu spielen, und weckte dadurch die gute Fee in der Gestalt Tom Bakewells, des einzigen Vertrauten von Richards Zustand. Tom sagte zu seinem jungen Herrn: »Wissen der gnädige Herr was? Der gnädige Herr werden bewacht.« Richard bat ihn voller Zorn den Elenden zu nennen, worauf Tom die Arme herunterhängen ließ und des Hausmeisters Art, den Kopf vorzustrecken, nachäffte. »Er ist es?« rief Richard. »Er soll es bereuen, Tom. Finde ich ihn in meiner Nähe, wenn wir zusammen sind, dann soll er sein Leben lang dran denken.« »Schlagen sie ihn nicht zu sehr, Herr,« meinte Tom, »der gnädige Herr können fürchterlich schlagen, wenn Sie es ernst meinen.« Richard behauptete, er könne alles andere eher vergeben, als das, und befahl Tom, sich morgen in der Nähe zu halten; wo, wüßte er schon. Als die Stunde des Wiedersehens kam, hatte der Liebende alles vergessen. Lady Blandish war an diesem Abend auf Adrians besonders dringende Einladung zum Diner in Raynham. Nach seiner Gewohnheit sprang Richard mit wenig Worten der Entschuldigung von Tisch auf. Die Dame zeigte keine Überraschung. Sie und Adrian gingen auch ins Freie, um den schönen Sommerabend zu genießen. Sie 195 hatten nicht die Absicht zu spionieren. Vielleicht dachten sie, daß, wenn sie Richard und seine Geliebte treffen sollten, sie Gelegenheit haben könnten, sein Verhältnis lächerlich zu machen und dadurch die Leidenschaft zu untergraben. Vielleicht dachten sie so – sie handelten nichts im ausgesprochenen Einverständnis. »Ich habe das kleine Mädel gesehen,« sagte Lady Blandish. »Sie ist hübsch. In der richtigen Fassung würde sie sehr einnehmend sein. Sie spricht hübsch. Wie abgeschmackt von diesen Leuten, ihre Frauen über ihren Stand zu erziehen! Das Kind ist wirklich zu gut für einen Bauern. Sie fiel mir auf, noch ehe ich von dieser Sache gehört hatte; sie hat beneidenswertes Haar. Ich glaube nicht, daß sie ihre Augenbrauen malt. Ganz die Art Mädchen, die einen jungen Mann fesselt. Ich vermutete schon, daß etwas nicht in Ordnung war. Ich bekam vorgestern ein leidenschaftliches Gedicht, das augenscheinlich nicht für mich bestimmt war. Mein Haar wäre golden. Das Schicksal hätte bestimmt, daß ich ihn treffen sollte. In meinen Augen wohnte das Licht von Nacht umgeben. Ich schickte das Gedicht zurück und korrigierte die Angabe der Farben.« »Was wahrscheinlich die Reime umbrachte,« sagte Adrian. »Ich sah sie heute morgen. Der Junge hat keinen schlechten Geschmack. Wie Sie schon sagten, sie ist zu gut für einen Bauern. Solch ein Funken könnte jedes System zur Explosion bringen. Sie hat auch mich nicht ganz unberührt gelassen. Unserm wilden Jungen hat sie ganz den Verstand verdreht.« »Aber wir müssen wirklich schreiben und es dem Vater mitteilen,« sagte Lady Blandish. Der weise Jüngling sah nicht ein, weshalb sie eine Kleinigkeit so wichtig nehmen sollten. Die Dame meinte, sie würde mit Richard sprechen und dann schreiben, wie es 196 ihre Pflicht wäre. Adrian zuckte mit den Schultern und wollte das Benehmen des Jungen wissenschaftlich erörtern, worauf die Dame nicht einging. »Der arme Junge,« seufzte sie, »er tut mir wirklich leid. Ich hoffe, es geht ihm nicht zu tief. Sie fühlen beide tief, Vater und Sohn. »Und wählen weise,« setzte Adrian hinzu. »Das ist ein ander Ding,« sagte Lady Blandish. Sie sprachen dann darüber, wie langweilig ihre ländlichen Nachbarn wären, es schienen fast gar keine Skandalgeschichten im Umlauf zu sein: dann davon, daß Lady Blandish eine Saison in der Stadt versäumt hätte, was sie nicht zu bedauern behauptete, obgleich sie über allgemeine Abgespanntheit klagte; dann von Mr. Morton von Poer Hall und ob er wohl um Mrs. Doria anhalten würde; von der zu erwartenden Verzweiflung des unglücklichen Lobourner Kuraten und anderem Klatsch – auf französisch. Sie waren um den See herumgegangen und kamen auf den Weg, der durch den Park nach Lobourne führte. Der Mond war aufgegangen. Die Luft war warm und weich. »Recht eine Nacht für Liebende,« sagte Lady Blandish. »Und ich habe niemand zum lieben – bemitleiden Sie mich,« der weise Jüngling versuchte einen Seufzer. »Und Sie werden auch nie jemand haben,« sagte Lady Blandish kurz, »Sie kaufen Ihre Lieben.« Adrian verwahrte sich dagegen. Er widersprach allerdings nicht ausdrücklich der Beschuldigung, war aber sehr erstaunt über die scharfe Einsicht der Dame. Er fing an, Respekt vor ihr zu bekommen, er freute sich an der bezaubernden Geringschätzung, die aus ihren Worten sprach und kam zu der Überzeugung, daß Witwen schreckliche Geschöpfe sein könnten. Er hatte auf einen kleinen Gefühlsaustausch mit Lady 197 Blandish gehofft, da er ihre Neigung zur Sentimentalität kannte. Diese Mischung von scharfem Verstand mit der Miene, die ausdrückte: »Ich kenne euch Männer,« und dazu Romantik und ein verfeinertes Temperament, besiegten den weisen Jüngling mehr als eine direkte, durch Zeugen gestützte Anschuldigung es hätte tun können. Er sah Lady Blandish an. Ihr Gesicht war zum Monde erhoben. Sie wußte nichts Bestimmtes – sie hatte einfach aus der Fülle ihrer Menschenkenntnis gesprochen und ihre Worte bereits wieder vergessen. Vielleicht war ihre Bewunderung für den Baron, oder was für ein Gefühl es sonst sein mochte, doch aufrichtig und wirklich die Sehnsucht nach einem tugendhaften Manne. Vielleicht hatte sie die entgegengesetzte Art genügend kennen gelernt. Adrian zuckte mit den Achseln. Jedesmal, wenn der weise Jüngling auf eine geistige Schwierigkeit stieß, hob er instinktiv seine Schultern zu gleicher Höhe, womit er wohl ausdrücken wollte, daß er nicht daran zweifelte, die Sache wäre der Erwägung wert, und man könnte sehr viel für und wider sagen, was für ihn einer endgültigen Lösung gleich kam. An ihrem Zusammenkunftsorte im Walde, der an den Raynhamer Park angrenzte, ganz ineinander versunken, während der nie ermüdende Eros ihnen zuflötete, saßen Richard und Lucy und vergaßen Anfang und Ende der Zeit! Wie ewig scheinen diese Augenblicke, als ob sie nie enden würden! und wie winzig, wenn sie vorüber sind! Und wie gewinnen sie Leben in der Erinnerung, mit der Länge der Zeit und wachsen und glühen und erscheinen uns als bei weitem der größte und sicher der beste Teil unsers Lebensfeuers. Mit dem Zunehmen der Vertrautheit hörten die Liebenden auf, so ängstlich jeden gewöhnlichen Gesprächsstoff zu vermeiden, und ihre Rede wies nicht mehr alles das 198 als wertlos zurück, was nicht das reine Gold des Gefühls war. Lucy fragte viel nach allen Einrichtungen und allen Bewohnern von Raynham. Von jedem, der seit Richards Geburt um ihn gewesen war, wollte sie die Lebensgeschichte erfahren, und für einen Kuß erzählte er alles, was sie wissen wollte. So klang das Liebesduett: »Du solltest meinen Vetter Austin kennen, Lucy, Liebling! Geliebte!« »Mein einziger Richard!« »Du solltest meinen Vetter Austin kennen. Du wirst ihn auch kennen kernen. Er wird am schnellsten Zuneigung zu dir gewinnen und du zu ihm. Er ist jetzt in den Tropen und sucht einen Ort – es ist noch ein Geheimnis – wohin arme englische Arbeiter auswandern können und eine Kolonie gründen: du weißer Engel!« »Liebster!« »Er ist solch ein edler Mensch. Keiner außer mir hat Verständnis für ihn. Ist es nicht sonderbar? Seit ich dich kennen gelernt habe, liebe ich ihn noch mehr. Das kommt daher, daß ich alles Gute und Edle jetzt mehr liebe – du Schöne! Ich liebe – ich liebe dich!« »Mein Richard!« »Weißt du, was ich beschlossen habe, Lucy? Wenn mein Vater – aber nein! Mein Vater liebt mich – nein! Er wird es nicht tun, und wir werden hier glücklich werden. Und ich werde mir meine Stellung im Leben gewinnen mit dir. Und alles, was ich gewinne, wird dir gehören, denn ich werde es dir verdanken. Ich fühle, als ob ich keine Kraft hätte, die nicht von dir käme – keine! Und du machst mich – ach Lucy!« Er läßt die Stimme sinken. Dann murmelt Lucy: 199 »Aber dein Vater, Richard!« »Ja, mein Vater?« »Liebster Richard! Ich fürchte mich so vor ihm!« »Er liebt mich, und er wird dich lieben, Lucy!« »Aber ich bin so arm und niedrig, Richard.« »Keine, die ich je gesehen habe, kommt dir gleich Lucy.« »Das denkst du, weil du –« »Weil ich?« »Weil du mich liebst,« flüsterte sie errötend, und das Duett wird auf eine neue stumme Weise fortgesetzt, aber ebenso harmonisch. Nun sprechen sie wieder. »Du schwärmst für die Ritter, Lucy. Austin ist so tapfer, wie nur irgend einer von ihnen – meine geliebte Braut! Wie ich dich anbete! Wenn du gegangen bist, könnte ich niederknien und das Gras küssen, das dein Fuß betreten hat. Es ist mir, als hätte ich kein Herz mehr in der Brust. – Lucy, wenn wir in jenen Tagen gelebt hätten, wäre ich ein Ritter gewesen und hätte Ehre und Ruhm für dich erworben. Ach! jetzt kann man nichts derartiges tun! Du Dame meines Herzens! – Was, Lucy! Eine Träne?« »Ach, liebster Richard! Ich bin keine Dame.« »Wer wagt das zu sagen? Der Engel, den ich liebe, keine Dame?« »Bedenke doch, Richard, wer ich bin.« »Du Herrliche! Gott hat dich erschaffen und dich mir gegeben.« Ihre Augen füllen sich mit Tränen, und als sie sie zum Himmel erhebt, um Gott zu danken, fällt das Licht auf sie, und sie ist so entzückend in ihrer reinen Schönheit, daß der junge Mann am ganzen Körper zittert. »Lucy! O du Himmlische! Lucy!« 200 Sanft tönt es von ihren Lippen – »Ich weine nicht aus Kummer.« Die großen, leuchtenden Tropfen fallen nieder und prägen sich in seinem Herzen ein. Sie lehnen sich aneinander – unaussprechliche Zärtlichkeit zittert auf ihren Wangen und Stirnen. Er hebt ihre Hand auf und preßt seine Lippen darauf. Sie hat wenig von den Menschen gesehen, aber ihr Herz sagt ihr, daß dieser eine verschieden ist von den andern, und bei diesem Gedanken, in dieser großen Freude müssen ihr Tränen strömen – ihr Herz würde sonst brechen – Tränen grenzenloser Dankbarkeit. Und er, wenn er in diese sanften, leuchtenden, dunkelumschatteten Augen blickt und auf diese anmutig herabfallenden Flechten, fühlt, wie ein kaum erträgliches, heiliges Feuer durch seine Glieder strömt. Es dauert lange, bis sie wieder Worte finden. »O, glücklicher Tag, an dem wir uns gefunden haben!« Was die Stimme des einen ausspricht, findet ein Echo in dem Herzen des andern. »Wie herrlich ist der Himmel, der auf uns herabblickt.« Ihre Herzen haben sich verbunden, sind eins geworden unter dem segnenden Himmelsgewölbe. »O du Ewigkeit voller Segen.« Dann geht die himmlische Stimmung vorüber, und sie kommen wieder zur Erde herab. »Lucy! Komm heut abend mit mir und sieh den Ort, an dem du eines Tages leben sollst. Komm, ich werde dich über den See rudern. Du entsinnst dich doch noch des Traumes, von dem du in deinem Briefe schriebst? – daß wir über das Schloß hinwegschwebten, und Nonnen bei Fackelschein Cypressen fällten und jedem 201 von uns einen Zweig gaben. Liebling, das war ja das beste Omen von der Welt, daß sie die alten Bäume fällten. Du schreibst solch entzückende Briefe. Ich liebe die Nonnen, weil du es bei ihnen gelernt hast.« »Ach siehst du, Richard, wir vergessen es ganz.« Sie hebt ihr Gesicht bittend empor, als ob sie sich selbst anklagen müßte. »Siehst du, selbst wenn dein Vater meine niedrige Geburt vergeben würde, er würde mir niemals meine Religion vergeben. Und wenn ich auch für dich sterben könnte, Liebster, ich könnte sie nie aufgeben. Ich würde mir vorkommen, als ob ich Gott verleugnete – und ach, ich würde mich meiner Liebe schämen.« »Fürchte nichts!« Er umschlingt sie mit seinen Armen. »Komm! Er wird uns beide lieben, und dich nur um so mehr, weil du deines Vaters Glauben treu bleibst. Du kennst ihn nicht, Lucy. Er erscheint hart und streng – er ist voller Freundlichkeit und Liebe. Er ist durchaus kein Frömmler. Und außerdem, wenn er hört, was die Nonnen für dich getan haben, wird er ihnen dann nicht eben so dankbar sein, wie ich es bin? Und – ach! Ich muß bald mit ihm sprechen, und du mußt dich darauf vorbereiten, ihn bald zu sehen, denn ich kann es nicht ertragen, daß du in Belthorpe bleibst, wie eine Perle vor den Säuen. Denke nicht, daß ich irgend etwas gegen deinen Onkel sage. Ich erkläre, daß ich jeden liebe, der dich sieht und dich berührt. Bleibe immer! Es ist ein Wunder, wie du dort hast aufwachsen können. Aber du bist nicht dort geboren, und dein Vater war aus guter Familie. Desborough – es gab einen Kapitän Desborough – das ist aber ganz gleich. Komm!« Sie fürchtet sich. Sie bittet, nicht gehen zu müssen. Sie wird fortgezogen. Der Wald ist still und dann – 202 »Was halten Sie von diesem hübschen Schäferspiel?« sagt eine ganz andere Stimme. Adrian lehnte sich an eine Fichte, die über dem Farndickicht stand. Lady Blandish saß auf den abgefallenen, braunen Fichtenzapfen und sah auf das niedrige Gebüsch, das sich nach dem mondbeschienenen Tal zu öffnete, ihre Hände waren um ihre Kniee geschlungen, ihre Züge erschienen beinahe finster in ihrem entschlossenen Ausdruck. Sie hatten, ohne es zu wollen, ungefähr so viel gehört, wie man in solcher Lage hören kann, ein oder zwei lauter tönende Worte. Die Dame antwortete ihm nicht. Eine Bewegung zwischen dem Farnkraut erregte Adrians Aufmerksamkeit, er schritt den Abhang hinab über die Fichtenwurzeln und sah unten den gewichtigen Benson, der Farnsamen und Spinnweben von seinem runzligen Gesicht abschüttelte. »Sind Sie es, Herr Adrian?« rief Benson aufspringend, pustend und sein Taschentuch eifrig benutzend. »Sind Sie es, Benson? Haben Sie die Kühnheit gehabt, diesen Mysterien nachzuspüren?« rief Adrian zurück und fügte näherkommend hinzu. »Sie sehen aus, als wenn Sie eben tüchtig Prügel bekommen hätten.« »Ist es nicht schrecklich, Herr,« schnaufte Benson. »Und ohne daß der Herr Vater irgend etwas davon weiß, Herr Adrian!« »Er wird es erfahren, Benson! Er wird es erfahren, wie Sie Ihr wertvolles Leben in seinem Dienst in Gefahr gebracht haben. Wenn Herr Richard Sie jetzt da gefunden hätte, würde ich nicht für die Folgen einstehen wollen.« »Pah!« erwiderte Benson verächtlich. »Das soll nicht so weiter gehen, Herr Adrian. Das darf nicht sein. Der Sache wird bald ein Ende gemacht werden. Das nenne 203 ich Verführung eines jungen Herrn und Liederlichkeit nenne ich es. Ich möchte jede Frauensperson prügeln lassen, Herr, die einen unschuldigen, jungen Herrn dazu bringt.« »Warum haben Sie denn der Sache nicht selbst ein Ende gemacht, Benson? Ach, ich verstehe, Sie haben noch abwarten wollen, was? Es ist wohl nicht das erstemal, daß Sie Apollo und Fräulein Nymphe belauscht haben? Und Sie haben an das Hauptquartier geschrieben?« »Ich habe meine Pflicht getan, Herr Adrian.« Der weise Jüngling kehrte zu Lady Blandish zurück und erzählte ihr von Bensons Eifer. Die Augen der Dame funkelten. »Ich hoffe, Richard wird ihn so behandeln, wie er es verdient,« sagte sie. »Wollen wir zurückgehen?« fragte Adrian. »Tun Sie mir einen Gefallen,« erwiderte Lady Blandish, »lassen Sie meinen Wagen herumfahren und mich am Parkgitter erwarten.« »Wollen Sie nicht? –« »Ich will allein sein.« Adrian verbeugte sich und verließ sie. Sie saß noch immer mit den Händen um ihr Knie geschlungen da und blickte in das mondbeschienene Tal. »Ein wunderbares Geschöpf!« murmelte der weise Jüngling. »Sie ist so wunderbar wie nur irgend eine. Sie sollte eine Feverel sein. Vielleicht bereitet sie sich darauf vor. Verflucht der alte Esel Benson! er hat die Frechheit gehabt mir zuvorzukommen.« Die Schatten der Cypressen auf dem See wurden kürzer. Der Mond stieg höher. Während Richard ruderte, sang Lucy mit leiser Stimme. Sie sang zuerst ein kleines, modernes, französisches Lied und erinnerte ihn dadurch 204 an den Tag, an dem man sie gebeten hatte, vor ihm zu singen, und er sie nicht hatte hören wollen. »Lebte ich denn damals?« fragte er sich. Dann sang sie ein Stück aus einem jener majestätischen, gregorianischen, alten Kirchenlieder, die, wo wir sie auch immer hören mögen, die Bogen einer Kathedrale um uns aufzurichten scheinen. Er ließ die Ruder sinken. Die seltsam feierlichen Klänge brachten eine fromme Stimmung in seine Liebe und trugen ihn fort in Ritterzeiten und zu ritterlichen Gefühlen. Zwischen zwei Himmeln schwebend, gleiten sie dahin bei Lucys Gesang; der Mond zieht durch die weißen, weichen Wolken; sie gleiten dahin bei ihrem Gesang: kein anderer Hauch schwebt in der Luft. Seine Seele scheint den Körper verlassen zu haben. Sie müssen sich trennen. Er rudert langsam zum Ufer. »Ich war noch nie so glücklich wie heute abend,« flüsterte sie. »Sieh, Lucy! Die Lichter aus dem Schlosse spiegeln sich im See. Sieh, dort wirst du wohnen.« »Welches ist dein Zimmer, Richard?« Er zeigt es ihr. »Ach, Richard, könnte ich doch eine der Frauen sein, die dich bedienen! Ich würde nichts anders verlangen. Wie glücklich könnte ich sein!« »Mein Liebling, mein Engel. Du sollst glücklich sein, aber alle sollen dir dienen und ich vor allen andern, Lucy.« »Liebster, darf ich morgen auf einen Brief hoffen?« »Um elf Uhr, morgen. Und ich?« »Du sollst auch meinen haben, Richard.« »Tom wird darauf warten. Aber bitte einen recht langen! Gefiel dir mein letztes Lied?« 205 Sie legt ihre Hand sanft gegen ihre Brust, und er weiß, wo es ruht. Oh, Liebe! Oh, Himmel! Sie werden durch das Knirschen des Kieses auf dem Ufersand aufgeschreckt. Er springt aus dem Boot und hebt sie heraus. »Sieh,« sagt sie noch errötend von seiner Umarmung, »sieh,« sie stellt sich furchtsam und ist es wohl auch, »die Zypresse zeigt nach uns hin. Ach, Richard! sie tut es wirklich!« Und er sieht mehr sie an, als die Zypresse und erwidert, entzückt von ihrem schelmischen und doch halb ernsthaften Wesen – »Aber sie wirft ja kaum einen Schatten, Lucy. Mein Liebling muß nicht träumen oder nur von mir!« »Das tue ich auch, Lieber.« »Auf morgen, Lucy! Der Brief am Morgen und du am Abend. Oh, glückliches Morgen!« »Du wirst doch sicher kommen, Richard?« »Wenn ich nicht gestorben bin, Lucy.« »Ach, Richard, bitte, bitte sprich nicht von so etwas. Ich könnte deinen Tod nicht überleben.« »Laß uns beten, Lucy, daß wir zusammen sterben, wenn mir sterben müssen. Tod oder Leben mit dir! Wer steht dort? Ich sehe jemand – ist das Tom? Es ist Adrian.« »Ist es Mr. Harley?« Das schöne Mädchen zittert. »Wie kann er es wagen, hierher zu kommen!« rief Richard. Adrians Gestalt, statt näher zu kommen, bewegte sich diskret nach der andern Seite des Sees zu. Sie schlichen sich fort, als sie ihn rufen hörten. Sein Rufen wiederholte sich. Lucy bat Richard zu ihm zu gehen; aber der junge Mann zog es vor, seinen Diener Tom herbeizurufen und ihn zu Adrian zu schicken, um zu erfahren, was man von ihm wollte. 206 »Kann er mich gesehen haben? Kann er mich erkannt haben?« flüsterte Lucy zitternd. »Und wenn er dich sah, Liebste?« sagte Richard. »Ach! wenn er mich sah, Richard, ich weiß nicht weshalb, aber ich habe solch eine Ahnung. Du hast heute abend nicht von ihm gesprochen, Richard. Ist er gut?« »Gut?« Richard drückte ihre Hand, um dieser unschuldigen Mädchenfrage willen. »Er ißt gerne gut, das ist alles, was ich von Adrian weiß.« Er drückte seine Lippen auf ihre Hand, als Tom zurückkehrte. »Herr Adrian wünscht ausdrücklich mit dem jungen Herrn zu sprechen,« sagte Tom. »Geh zu ihm, Liebster, bitte geh!« bittet Lucy. »Ach, wie ich Adrian hasse,« der junge Mann knirscht mit den Zähnen. »Bitte geh!« treibt ihn Lucy. »Tom – der gute Tom wird mich nach Hause bringen. Auf morgen, mein Geliebter! Auf morgen!« »Du wünschst von mir zu scheiden?« »Ach, wie kannst du so unfreundlich sein! aber du mußt jetzt wirklich nicht mit mir kommen. Vielleicht hat er wichtige Nachrichten für dich. Bedenke doch, Richard!« »Tom, geh fort!« Auf diese dringende Aufforderung geht der gut gedrillte Tom zwanzig Schritte weiter und sieht nichts. Dann wird ihm der kostbare Schatz anvertraut. Richards Herz bricht beinahe. Richard ging zu Adrian. »Was willst du von mir, Adrian?« »Sind wir Sekundanten oder Duellanten, du kleiner Wüterich?« war Adrians Antwort. »Ich will nichts von dir; ich wollte nur wissen, ob du Benson gesehen hast?« 207 »Wo sollte ich Benson gesehen haben? Was weiß ich von Bensons Taten?« »Natürlich weißt du nichts von ihm – von solch einem verschwiegenen alten Kerl, wie der ist! Ich suchte nach jemandem, der Lady Blandish' Wagen nach dem Parkgitter schicken sollte. Ich dachte, er wäre vielleicht drüben bei dir – ich traf ihn eben zufällig im Schloßwald. Was ist dir, Junge?« »Du hast ihn dort getroffen?« »Er wird wohl auf der Jagd nach der Diana gewesen sein. Er meint vielleicht, sie wäre nicht so keusch, wie man von ihr sagt,« fuhr Adrian fort. »Was hat dir der Baum getan, daß du so auf ihn losschlägst?« Richard stand nach der Zypresse zugewendet und zerrte an ihren Ästen. Er ließ die Zypresse los und wandte sich nach der Esche. »Du ruinierst den Zweig,« rief Adrian, »da kommt er schon herunter! Gute Nacht, Ricky. Wenn du Benson triffst, vergiß nicht, es ihm zu bestellen.« Als Adrian sprach, tauchte Bensons plumper Schatten auf dem mondbeglänzten Wege auf. Sein Urteil war gesprochen. Der weise Jüngling ging lachend am See entlang und blickte ab und zu zurück. Es dauerte nicht lange, so hörte er einen Hilfeschrei – das Heulen eines Drachen in schrecklichen Schmerzen. Adrian setzte sich ruhig auf das Gras nieder und blickte ins Wasser. Dort, während das Echo das Gebrüll in schauerlichen Tönen wiedergab, hing der weise Jüngling seinen Gedanken nach: »Das Schicksal handelt mit uns wie die Juden, wenn es die Strafe aufschiebt,« so sagt das Manuskript des Pilgers, oder drückt wenigstens denselben Gedanken in ähnlichen Worten aus. Benson ist augenscheinlich ein Liebling des Himmels, da er seine Strafe auf der Stelle 208 erhält. Herr Richard ist ein leidenschaftlicher Junge. Das hat er von dem Vorfahren Gruffudh geerbt. Ich glaube, es liegt doch etwas in Rasse. Was für einen Spektakel der alte Schurke macht. Wir werden ihm morgen Umschläge und Trost aus dem Manuskript des Pilgers geben müssen. Morgen werden wir eine Botschaft erhalten, dann wird wohl alles in Aufruhr geraten, und vielleicht fahren wir alle nach der Stadt. Das wäre gar nicht so übel für einen, in dem die Langeweile alle möglichen Wünsche großgezogen hat. Benson heult, der alte Hund lebt also noch. Er bellt den Mond an. Und wie ruhig der aussieht! Und doch hat er ebensoviel Sympathie mit Benson, wie mit Cupido. Er würde ebenso lächeln, wenn beide Prügel bekämen. War das ein Rabe oder Benson? Er heult nicht mehr. Es klingt wie Röcheln – wie ein Frosch, halb wie Breckekekex und halb wie das heisere Gekrächz eines Raben. Der Junge schlägt ihn tot. Es ist Zeit, daß ich zu Hilfe komme. Der Befreier erlangt mehr Ehre, wenn er beim letzten Atemzug erscheint, als wenn er die Katastrophe vorausgesehen hätte. – Heda, was ist los?« Mit diesem Ausruf stand der weise Jüngling auf und schlenderte langsam nach dem Orte des Gefechts, wo der heilige Georg keuchend über dem am Boden liegenden Drachen stand. »Hallo, Richard! bist du das?« sagte Adrian. »Was ist los? Wen hast du da vor? – Benson, so wahr ich lebe!« »Mache doch, daß dieses Biest aufsteht,« erwiderte Richard, schwer atmend und seinen Eschenzweig schüttelnd. »Er scheint nicht aufstehen zu können, mein lieber Junge. Was ist hier vorgegangen? – – Benson! – Benson– Hör mal Richard, das sieht böse aus.« »Er verstellt sich nur!« schrie Richard wie ein Wilder. 209 »Hinter mir her zu spionieren! Ich sage dir, er stellt sich nur so. Er hat noch nicht halb genug bekommen. Ein Spion kann gar nicht hart genug gestraft werden. Sage ihm, daß er aufsteht.« »Du unersättlicher Jüngling! Wirf mal erst deine fürchterliche Waffe fort.« »Er hat an meinen Vater geschrieben!« schrie Richard. »Dieser elende Spion! Sag ihm, daß er aufsteht!« »Hu – hu – hu! Ich will nicht,« stöhnte Benson in heiseren Tönen. »Mr. Adrian, Sie sind mein Zeuge, daß er mich – ach, mein Rücken!« Gurgelnde Töne traten an Stelle des weiteren Berichts über die Mißhandlung. »Ihr Rücken wird Ihnen wohl augenblicklich der wichtigste Körperteil sein,« brummte Adrian. »Kommen Sie, Benson! ermannen Sie sich. Mr. Richard hat den Stock fortgeworfen. Machen Sie, daß Sie nach Hause kommen, damit wir den Umfang des Schadens feststellen können.« »Huh –! Er ist ein Teufel! Herr Adrian, er ist ein Teufel, Herr!« stöhnte Benson, sich halb umdrehend, um seine Schmerzen zu erleichtern. Adrian packte Benson beim Kragen und brachte ihn in eine sitzende Stellung. Er gewann eine Vorstellung davon, was die Hand seines hoffnungsvollen Schülers im Zorn zu leisten imstande war. Des elenden Hausmeisters Rock hing in Fetzen an ihm herab, sein Hut war eingedrückt, sein Mut so gänzlich gebrochen, daß er zusammenfuhr und zitterte, wenn sein unbarmherziger Richter sich nur rührte. Richard stand über ihm, er hatte seinen großen Stock fest gepackt, in seinem Ausdruck war kein Schatten von Erbarmen mit Benson. Benson drehte seinen Hals nach ihm um und stöhnte dann sogleich wieder. »Ich will nicht aufstehen! In will nicht! Er wartet nur darauf mich tot zu schlagen! Mr. Adrian, wenn Sie dabei stehen und zusehen, kommen 210 Sie auch vors Gericht – ich stehe nicht auf, so lange er da ist.« Keine Überredung konnte Benson zu einem Versuche bewegen sich zu erheben, so lange sein Richter in der Nähe war. Adrian nahm Richard beiseite: »Du hast den armen Kerl beinahe tot geschlagen, Ricky. Damit mußt du dich zufrieden geben. Sieh ihn doch nur an!« »Der Feigling duckte sich, während ich schlug. Da bekam er es auf den Rücken. Er duckte sich noch mehr, da sagte ich ihm, daß die Prügel dann noch schlimmer würden.« Adrian stand mit offenem Munde vor so planvoller Wildheit. »Tatest du das wirklich? Das bewundre ich. Du sagtest ihm, daß er dann noch schlimmere Prügel bekommen würde?« Adrian brach in ein schallendes Gelächter aus. »Höre mal,« sagte er, »dein Racheschwert hat seine Schuldigkeit getan. Wirf es in den See. Und sieh, hier kommt Lady Blandish. Du kannst vor einer Frau nicht wieder anfangen. Geh ihr entgegen und sage ihr, daß das Geschrei von einem Ochsen gekommen wäre, der geschlachtet wurde. Oder sage auch von Argus.« Bensons Rücken zuckte zusammen, als der große Eschenzweig schwirrend durch die Luft sauste. Richard ging Lady Blandish entgegen, um sie aufzuhalten. Adrian brachte Benson auf seine Füße. Der gewichtige Hausmeister versuchte so viel Mitleid wie möglich für seinen gemißhandelten Körper zu erregen. Bei jedem halben Schritt, den er machte, schien er sich zu verrenken. Sein Stöhnen und Seufzen war schrecklich anzuhören. »Wie viel hat der Hut gekostet, Benson?« sagte Adrian, als er ihn ihm auf den Kopf setzte. »Ein fünfundzwanzig Schilling-Zylinder, Mr. Adrian!« sagte Benson und streichelte seine Wunden. 211 »Das ist die billigste Lebensversicherungspolize, von der ich jemals gehört habe,« sagte Adrian. Benson schwankte und brachte vor seinem grausamen Tröster stoßweise hervor: »Er ist ein Teufel, Mr. Adrian! Er ist ein Teufel, Herr – Hu – hu – er ist ein Teufel. Ich kann nicht gehen, Mr. Adrian. Sie müssen mich holen lassen, Herr. Ich werde niemals mehr arbeiten können. Ich habe keinen ganzen Knochen im Leibe, Mr. Adrian!« »Sehen Sie, Benson, das kommt davon, daß Sie der Aphrodite den Krieg erklärt haben. Ich hoffe, die Mädchen werden Sie ordentlich pflegen. Wie war es doch? Sie sind mit der Wirtschafterin sehr befreundet, nicht wahr? Es hängt ja jetzt alles von der Pflege ab.« »Ich bin nur ein treuer Diener, Mr. Adrian,« knurrte der elende Hausmeister. »Dann ist also Ihr Bett Ihr einziger Freund. Gehen Sie so schnell wie möglich zu Bett, Benson.« »Ich kann nicht gehen,« Benson blieb entschlossen stehen. »Sie müssen mich holen lassen,« winselte er. »Es ist eine Schande, daß Sie von mir verlangen, daß ich gehen soll, Mr. Adrian.« »Sie können nicht leugnen, daß Sie sehr schwer sind, Benson,« sagte Adrian, »ich kann Sie also nicht tragen. Ich sehe aber, daß Herr Richard so freundlich ist, zurückzukommen, um mir zu helfen.« Bei diesen Worten fand Benson plötzlich den Gebrauch seiner Beine und ging mit schlotternden Schritten weiter. Lady Blandish war in großer Unruhe, als Richard sie traf. »Ich habe mich furchtbar erschreckt,« sagte sie. »Was bedeutete nur das Geschrei, das ich hörte?« »Es wurde nur über einen Spion Gericht gehalten,« 212 sagte Richard, und Lady Blandish lächelte und blickte ihn zärtlich an und strich mit ihrer Hand über sein Haar. »War das alles, das hätte ich auch getan, wenn ich ein Mann gewesen wäre. Gib mir einen Kuß.«   Einundzwanzigstes Kapitel. Richard wird zur Stadt gerufen, eine Predigt zu hören. Am folgenden Tage um 12 Uhr mittags wußten die Bewohner von Raynham, daß des Barons Diener Berry mit Eilpost aus der Stadt gekommen wäre mit dem Befehl, den jungen Herren dorthin zu begleiten. Man hatte gehört, daß Richard sich geweigert hätte zu gehen, daß er geschworen hätte, er würde es nicht tun, daß er seinem Vater getrotzt und Berry zur Hölle gewünscht hatte. Berry war ganz das Gegenteil von Benson. Während Benson die Frauen haßte, brachte Berry ihnen warme Bewunderung entgegen. Nächst seiner eigenen stattlichen Person beherrschte das weibliche Geschlecht seine Gedanken und forderte seine Huldigungen heraus. Berry war von majestätischem Benehmen und hatte eine Schwäche für gelehrte und hochtrabende Worte. Unter den Mädchen von Raynham gaben seine stolz zur Schau gestellten Waden Veranlassung zu all der Uneinigkeit und Tollheit, die dieser Schmuck bestimmt zu sein scheint in zarten Herzen zu erwecken. Er stand außerdem in dem Ruf, um des schönen Geschlechtes willen gelitten zu haben, was ihm die Erreichung seines Zieles, das schöne Geschlecht um seinetwillen leiden zu lassen, sehr erleichterte. Mit seinen Waden und seinen gelehrten Ausdrücken und dem anziehenden 213 Heiligenschein, den ihm die mysteriöse Rachsucht der Venus verliehen hatte, war dieser Adonis des niederen Haushaltes in den unteren Regionen eine mächtige Persönlichkeit und trat dem entsprechend auf. Als Adrian hörte, welcher Tumult durch Berrys Ankunft hervorgerufen worden war, schickte er nach ihm, hörte den Inhalt seiner Botschaft und das Resultat derselben. »Sie hätten zuerst zu mir kommen sollen, Berry,« sagte Adrian, »ich hätte Sie für klug genug gehalten, das zu tun?« »Verzeihen Sie, Mr. Adrian,« Berry zog die Ellenbogen an, um seine Handlungsweise zu erklären. »Verzeihen Sie, Herr! Als Empfänger spezieller Instruktionen war ich in der Bewegung gehindert.« »Gehen Sie wieder zu Mr. Richard, Berry. Wir werden Unannehmlichkeiten haben, wenn er nicht kommen will. Vielleicht wäre es besser, wenn Sie auf Schlaganfall oder so etwas hinwiesen. Eine leichte Andeutung würde genügen. Und wenn Sie nach der Stadt zurückkehren, Berry, wäre es besser, Sie erwähnten, um mich gewählt auszudrücken, nichts von Bensons Verprügelung.« »Natürlich nicht, Herr!« Des weisen Jüngling Andeutung hatte die gewünschte Wirkung auf Richard. Er schickte Tom mit einem eilig geschriebenen Brief nach Belthorpe, bestieg sein Pferd und galoppierte nach der Station Bellingham. Sir Austin hatte sich zu einem ruhigen, frühen Mittagessen in seinem Hotel hingesetzt, als sein hoffnungsvoller Sohn und Erbe ins Zimmer stürmte. Der Baron war nicht ärgerlich auf seinen Sohn. Er war gerecht und, so lange sein Stolz nicht erregt war, auch bereit die Schuld auf sich zu nehmen. Daher hatte er nach 214 dem Empfang von Bensons Brief den Tag über darüber nachgedacht, ob er seinem Sohne nicht freundlich genug entgegengekommen wäre, ob er trotz seiner großen Sorgfalt nicht kameradschaftlich genug mit ihm verkehrt hätte, ob er ihm nicht, wie es doch sein Bestreben gewesen war, genügend Vater und Mutter gewesen wäre, Lehrer und Freund, Ratgeber und Gefährte. Er durfte sein Gewissen nicht erst fragen, in welcher Hinsicht er noch kürzlich, in bezug auf das System, Tadel verdient hatte. Er hatte sich gerade in der Krisis des »Magnetischen Alters« aus Raynham fortgestohlen, und diese junge Person aus dem Dorfe (wie Benson die süße Lucy in seinem Briefe bezeichnet hatte) war die Folge davon. Ja! Stolz und Empfindlichkeit waren seine Hauptfeinde, und er wollte sie zu Boden werfen. Um einen Anfang damit zu machen, umarmte er seinen Sohn, was einem Engländer zu jeder Zeit schwer fällt – doppelt schwer einem, der sozusagen kühlen Blutes Empfindung zeigen soll. Er empfand aber doch ein ungewohntes Vergnügen daran. Und der Jüngling schien die Zärtlichkeit zu erwidern. Er war aufgeregt. Fing seine Liebe vielleicht an, der seines Vaters zu entsprechen, wie in jenen Tagen der Intimität vor der »Blütezeit«? Aber als Richard in seiner Eile zunächst stammelnd hervorbrachte: »Mein lieber, lieber Vater! Du bist gesund! Ich fürchtete – Es geht dir besser, Vater? Gott sei Dank!« trat Sir Austin von ihm zurück. »Gesund?« sagte er. »Was gab dir Veranlassung zur Besorgnis?« Statt zu antworten, warf sich Richard auf einen Stuhl, ergriff seines Vaters Hand und küßte sie. Sir Austin setzte sich und wartete darauf, daß sein Sohn sich näher erklären sollte. »Die Ärzte sind solche Narren!« brach Richard los. 215 »Ich war ja sicher, daß sie sich geirrt hätten. Sie können Kopfschmerz und Schlaganfall nicht unterscheiden. Dich wiederzusehen, Vater, lohnt den Ritt. Du verließest Raynham so plötzlich. – Aber du fühlst dich jetzt wohl. Es war wirklich nicht ein Schlaganfall?« Seines Vaters Brauen zogen sich zusammen, als er antwortete: »Nein, das war es nicht.« Richard fuhr fort: »Wenn du krank warst, konnte ich gar nicht schnell genug kommen. Wenn das Gesetz Pferdemord bestrafte, würden deine Ärzte verurteilt werden. Kassandra wird dran glauben müssen. Ich kam zu früh auf die Bahn in Bellingham und wollte nicht warten. Sie legte den Weg in vierdreiviertel Stunden zurück. Das ist ziemlich gut, nicht wahr?« »Das hat dir wenigstens guten Appetit zu Mittag verschafft, hoffe ich,« sagte der Baron, nicht sehr erfreut, zu finden, daß nicht nur Gehorsam den Jüngling so schnell zu ihm gebracht hatte. »Ich bin bereit,« erwiderte Richard, »ich kann dann den letzten Abendzug zeitig genug erreichen. Ich werde Kassandra in deiner Obhut lassen, damit sie sich etwas ausruhen kann.« Der Vater legte schweigend die Suppe vor, welche Richard mit einem Eifer zu löffeln anfing, der für Appetit gelten konnte. »Ist alles wohl in Raynham?« sagte der Baron. »Ganz wohl, Vater!« »Nichts Neues passiert?« »Nichts.« »Ist alles so, wie ich es verlassen habe?« »Es hat sich nichts geändert!« »Ich werde froh sein, wieder nach dem alten Schloß zu kommen,« sagte der Baron. »Mein Aufenthalt in der 216 Stadt ist allerdings nicht unnütz gewesen. Ich habe einige angenehme Leute kennen gelernt, die uns vielleicht mit einem Besuch im Spätherbst erfreuen werden – Leute, deren Bekanntschaft dir Vergnügen bereiten wird. Sie sind sehr begierig, Raynham kennen zu lernen.« »Ich liebe das alte Haus,« rief Richard, »ich möchte es niemals verlassen.« »Aber, mein Junge, du hast doch früher immer darum gebeten, die Stadt kennen lernen zu dürfen.« »Ich, Vater? Wie komisch! Nun, jetzt möchte ich jedenfalls nicht hier bleiben. Ich habe genug davon gesehen.« »Wie hast du deinen Weg hierher gefunden?« Richard lachte und erzählte, wie die meilenlangen Ziegelreihen, das Geräusch und das Gedränge der Menschen ihn verwirrt hätten, und schloß mit den Worten: »Es gibt nur ein Zuhause.« Der Baron beobachtete seine verräterisch glänzenden Augen und erwiderte mit den doppelsinnigen Worten: »Es ist die Torheit der Jugend, mein Sohn, das Herz Anker werfen zu lassen, ehe wir die halbe Welt kennen gelernt haben. Eile mit Weile! Das ist ein besserer Grundsatz.« »Er weiß alles!« dachte Richard und zog sich innerlich meilenweit von seinem Vater zurück und warf Verschanzungen auf um sich und seine Liebe. Nachdem das Mittagessen beendet war, sah Richard eilig auf seine Uhr und sagte sehr eifrig: »Ich werde grade zur Zeit kommen, Vater, wenn wir jetzt gehen. Kommst du mit mir zum Bahnhof?« Der Baron antwortete nicht. Richard wollte die Frage eben wiederholen, als er bemerkte, daß sein Vater ihn so bedeutungsvoll ansah, daß er unsicher wurde und mit seinem leeren Glase spielte. 217 »Ich denke, wir trinken noch eine Flasche Rotwein,« sagte der Baron. Der Wein wurde gebracht und sie blieben allein. Der Baron rückte seinem Sohne auf Armeslänge näher und fing an: »Ich weiß nicht, was du während der Jahre, die wir zusammen gelebt haben, von mir gedacht haben magst, Richard, und ich habe mich auch wahrlich nicht damit beeilt, mich dir zu offenbaren, und wenn ich gestorben wäre, ehe mein Werk vollendet war, hätte ich mich nicht darüber beklagt, die Hälfte meines Lohnes zu verlieren – deinen Dank. Vielleicht werde ich, wie die Dinge liegen, diesen Lohn nie erlangen. Aber alles, außer der Selbstsucht, trägt eine Belohnung in sich. Ich werde zufrieden sein, wenn dein Glück blüht.« Er holte tief Atem und fuhr fort: »Du hattest in deiner Kindheit einen großen Verlust.« Vater und Sohn erröteten gleichzeitig. »Um dich dafür zu entschädigen, beschloß ich, mich von der Welt abzuschließen, um ausschließlich für dich zu leben, und ich denke, es ist nicht Eitelkeit, wenn ich mir jetzt sage, der Sohn, den ich erzogen habe, ist unter Gottes Geschöpfen eins der hoffnungsvollsten. Aber grade deshalb bist du der Verführung am meisten offen und kannst am tiefsten sinken. Der höchststehende unter allen Engeln war es, der den Weg zur Hölle eröffnete.« Er hielt wieder an. Richard spielte mit der Uhr. »Wir sind in unserer Familie eigentümlich beanlagt, mein Sohn. Wir erleiden leicht Schiffbruch. Es klingt wie Aberglauben, aber ich muß annehmen, daß wir stärkere Versuchungen zu bestehen haben, als die meisten Menschen. Ich sehe es bei uns allen. Und du, mein Sohn, vereinigst das Blut zweier Geschlechter. Du hast starke Leidenschaften. Du hast das Gefühl der Rache kennen gelernt. Du hast in 218 kleinem Maßstabe erkannt, daß das Pfund Fleisch Ströme von Blut nach sich zieht. Aber eine andere Macht herrsche jetzt in dir. Du trittst jetzt auf den Kampfplatz des Lebens, wo sich eingebildete Kämpfe in wirkliche verwandeln, und du betrittst dieses Land beladen mit gleicher Kraft zu schaffen, wie zu zerstören.« Er zögerte, um dem folgenden Ausspruch besondere Bedeutung zu verleihen. »Es gibt Frauen in der Welt, mein Sohn.« Der jungen Mannes Herz stürmte im Galopp nach Raynham zurück. »Wenn du mit ihnen zusammentriffst, dann beginnt die entscheidende Prüfung. Wenn du sie kennen lernst, wird dein Leben dir entweder zum Gaukelspiel oder, nach der Erfahrung anderer, zu einer Gabe des Segens. Die Frauen sind unsere Feuerprobe. Liebe zu irgend einem menschlichen Wesen ist die Feuerprobe der Seele; und sie sind unsere Feuerprobe, ob wir sie lieben oder nicht.« Der junge Mann hörte das Pfeifen des Zuges. Er sah den mondbeleuchteten Wald und die Erscheinung der Geliebten. Es war ihm kaum möglich, still zu sitzen und zuzuhören. »Ich glaube,« sagte der Baron, aber von der Freudigkeit des Glaubens lag wenig in seinem Ton, »ich glaube, es gibt gute Frauen.« Ach, wenn er Lucy kennte! »Aber,« und er blickte Richard scharf an, »es wird nur wenigen vergönnt, sie auf der Schwelle des Lebens zu treffen, ich darf wohl sagen, niemandem. Wir finden sie, nachdem uns das Leben hart herumgestoßen hat, und gewöhnlich, wenn wir die eine finden, die für uns paßt, hat unsere eigne Tollheit unserm Geschick schon die falsche Gestalt gegeben, ist unser Los schon gefallen. Denn die Frauen sind nicht der Zweck, sondern das Mittel des Lebens. In der Jugend halten wir sie für den Zweck, 219 und tausende, die nicht einmal die Entschuldigung der Jugend haben, wählen eine Gefährtin – oder Schlimmeres – nur in diesem Sinne. Ich glaube, die Frauen strafen uns dafür, daß wir ihren Zweck so verkennen. Sie strafen die Gesellschaft.« Der Baron legte die Hand an die Stirn und ließ seine Gedanken wandern. »Unser fleißigster Schüler lernt nicht so viel, wie ein ernster Lehrer,« sagt das Manuskript des Pilgers, und indem Sir Austin sich selbst dazu zwang, mit Überlegung von den Frauen zu sprechen, fing ihm an ein leises Verständnis aufzugehen für ihre Seite der Frage. Das kalte Blut sprach jetzt über die Liebe zu dem heißen Blut. Das kalte Blut sagte: »Es ist eine Leidenschaft, die nach der Bestimmung der Natur über uns kommt, als reife Frucht unsers tierischen Wesens.« Das heiße Blut fühlte: »Es ist etwas Göttliches. Es ist das einzige, was dem Leben in dieser Welt Wert verleiht.« Das kalte Blut sagte: »Es ist ein Fieber, das unsere Kraft auf die Probe stellt und nur zu oft zum Verderben führt.« Das heiße Blut fühlte: »Führe es, wohin es mag, ich folge ihm.« Das kalte Blut sagte: »Es ist der Name, mit dem Männer und Frauen sich gewöhnt haben, ihren Appetit zu heiligen.« Das heiße Blut fühlte: »Es ist Anbetung, Religion, Leben!« Und immer weiter fort liefen diese beiden Linien parallel nebeneinander her. Der Baron wurde persönlicher: »Du kennst meine Liebe zu dir, mein Sohn. Ihre 220 ganze Ausdehnung kannst du nicht ermessen: aber du mußt wissen, daß sie sehr tief ist, und – ich spreche nicht gern davon – aber ein Vater muß manchmal um Dankbarkeit bitten, da die moralische Unverdorbenheit seines Sohnes der einzige, wahre Ausdruck derselben ist. Wenn du dir etwas aus meiner Liebe machst oder sie erwiderst, dann hilf mir mit deiner ganzen Kraft dich so zu erhalten, wie ich dich erzogen habe, und hüte dich vor den Fallen, die dir gestellt werden. Einstmals lag dieses in meiner Hand. Es ist nicht länger so. Erinnere dich daran, mein Sohn, was meine Liebe bedeutet. Sie ist, wie ich fürchte, sehr verschieden von der Liebe anderer Väter; aber ich lebe nur in deinem Wohlergehen: was du tust, trifft mich bis ins Innerste. Du kannst keinen Schritt tun, der nicht mit meinem Glück oder meinem Elend verknüpft ist. Ich habe große Enttäuschungen erlebt, mein Sohn.« So weit war alles gut. Richard liebte seinen Vater und konnte ihn trotz seines aufgeregten Zustandes nicht ohne Bewegung so sprechen hören. Ein böses Schicksal ließ den Baron niemals erkennen, wenn er im Begriff war die Schlacht zu gewinnen, und so wollte es das Unglück, daß er es in seiner Weisheit für angebracht hielt, die Trockenheit seiner Predigt mit einigen Scherzen anzufeuchten. Er fing an über junge Leute zu sprechen, die sich einbildeten, verliebt zu sein, und die, wenn sie noch ganz unreif und grün wären, durchaus heiraten wollten – diese furchtbar ernste Sache, die die weisesten und stärksten Männer nur zögernd und nach Selbstkasteiung und Buße zu unternehmen wagten. Er gab eine Schilderung des törichten, jungen Mannes, wie er sich vor aller Welt lächerlich macht und im geheimen von jedermann verachtet wird. Er schilderte dann dieses seltsame Bild, die Frau, die nach unserm Bilde 221 gemacht und mit all unsern Fähigkeiten ausgestattet ist, wie sie unter die Herrschaft eines Mannes gerät, der schon allein dadurch, daß er sich mit ihr verbindet, beweist, daß er nicht einmal sich selbst beherrschen kann, und der von ihr nicht mehr wußte, als daß sie ein außergewöhnlicher Leckerbissen sei, für dessen Besitz er die ganze Welt und sich selbst dazu in Brand zu stecken bereit gewesen war. Er sprach lang und breit über den »törichten, jungen Mann«, bis dem törichten, jungen Mann die Haut brannte und er vor Scham und Wut beinahe erstickte. Jetzt hätte dem Baron keine Weisheit mehr helfen können: er hatte sein Werk vollständig vernichtet. Mochte er auch jetzt die Liebe analysieren und die Frau anatomisch zerlegen. Mochte er ihr die ihr zukommende Stellung zugestehen, mochte er ihre Schönheit schildern, mochte er klug oder scherzhaft, sanft oder pathetisch oder wunderbar weise sein, er sprach vor tauben Ohren. Nachdem er seine Predigt mit der sanft geäußerten Frage geschlossen hatte: »Hast du mir irgend etwas zu sagen, Richard?« und auf ein Bekenntnis und eine vollständige Wiederherstellung des Vertrauens gehofft hatte, traf ihn mit vernichtender Kälte die gefühllose Antwort: »Nein, nichts!« Der Baron sank in seinen Stuhl zurück und legte seine Finger zum Dreieck zusammen. Richard wandte sich von einem weiteren Gespräche ab, indem er an das Fenster trat. An dem Stück Himmel, das er über der Straße sehen konnte, funkelten zwei oder drei Sterne, schienen mit blassem Licht, da sie die Nähe des Mondes fühlten. Bald würde der Mond aufgehen, die Wälder würden ihm entgegenrauschen, sein Stern des Waldes würde da sein. Eine Moosbank in Blumen gebettet erschien vor ihm, ließ ihn deutlich und scharf 222 die Waldluft atmen und erfüllte ihn mit trunkenem Sehnen. Er seufzte schwer, und die Hand seines Vaters legte sich auf seine Schulter. »Du hast nichts, was du mir sagen könntest, mein Sohn? Sage es mir, Richard! Vergiß nicht, daß die Seele keine Ruhe findet, wo nur ein Schatten der Unwahrheit wohnt!« »Gar nichts, Vater,« erwiderte der junge Mann, ihn voll ansehend. Der Baron zog seine Hand zurück und schritt auf und ab in dem Zimmer. Schließlich wurde es Richard unmöglich, seine Ungeduld noch länger zu beherrschen, und er sagte: »Hast du die Absicht mich hier zu behalten, Vater? Soll ich heute abend gar nicht nach Raynham zurück?« Und wieder scherzte der Vater zur unrechten Zeit: »Was? Du willst den Zug einholen, nachdem du ihm zehn Minuten Vorsprung gegeben hast?« »Kassandra wird mich zurückbringen,« sagte der junge Mann ernsthaft. »Es ist ja nicht nötig, daß ich zu schnell reite, Vater. Oder vielleicht leihst du mir deinen Winkelried? Auf ihm würde ich in wenig mehr als drei Stunden zu Hause sein.« »Du weißt, daß selbst dann die Parkgitter schon geschlossen sein würden.« »Dann könnte ich ihn im Dorfe einstellen. Dowling kennt das Pferd und wird es jedenfalls richtig behandeln. Darf ich Winkelried haben, Vater?« Richards Gesicht hellte sich auf, als er so fragte. Wenn er seine Liebste heut abend nicht treffen sollte, so würde er doch wenigstens in ihrer Nähe sein, dieselbe Luft atmen, sehen, welcher Stern über ihrem Schlafzimmer stände, das leise Nachtgespräch der Bäume über ihrer Wohnung 223 hören, würde in die Ferne blicken, die halb erfüllter Hoffnung glich und Gestalt angenommen hatte, seit er sie kannte. Zwei Schwalben wohnten unter der Dachrinne, die Lucys Zimmerfenster beschattete, zwei Schwalben, Gefährten eines Nestes, glückselige Vögel, welche der einsam in ihrem Bett liegenden Schönheit zuzwitscherten und schiepten. An diese Vögel klammerte sich das Herz des Liebenden, er wußte nicht, weshalb. Mit ihnen verknüpften sich alle seine unklaren Träume von Glück. Es verging kaum ein Morgen, an dem er nicht beobachtete, wie sie ihr Nest auf ihrem Frühstücksausflug verließen, geschäftig in der glücklichen Stille der Morgendämmerung. Es schien ihm nun, daß, wenn er nur in Raynham sein könnte, um die Schwalben im ersten Morgengrauen zu sehen, er entschädigt sein würde für den unberechenbaren Verlust des Abends, daß er seinem Vater vergeben würde und seinen Vater und London und das Leben und die Welt wieder lieben könnte. Nur grade diese glänzend schwarzen Rücken und weißen Brüste in der ruhigen Morgenluft aufblitzen sehen! Mehr verlangte er nicht! Des Barons Zögern hatte dieses unermeßliche Glück der Einbildungskraft des jungen Mannes erreichbar erscheinen lassen. Aber er hörte nicht auf, die Geduld des Knaben auf die Probe zu stellen. »Du weißt, daß niemand in Raynham zu deinem Empfange bereit sein würde. Es ist nicht recht, die Mädchen so aufzustören.« Richard widerlegte jeden Einwand. »Nun denn, mein Sohn,« sagte der Baron, indem er seine halb scherzhafte Miene beibehielt. »Ich muß dir sagen, daß es mein Wunsch ist, dich in der Stadt zu haben.« 224 »Dann bist du überhaupt gar nicht krank gewesen, Vater?« rief Richard, als er in seiner Verzweiflung das ganze Komplott zu begreifen anfing. »Ich bin so gesund gewesen, wie du es nur wünschen konntest,« sagte sein Vater. »Warum haben sie mich denn belogen?« rief der junge Mann zornig. »Ich denke, Richard, daß du dir das selbst am besten beantworten kannst,« bemerkte Sir Austin mit ernster Freundlichkeit. Die Furcht, als der »törichte, junge Mann« bezeichnet zu werden, hielt Richard vor weiteren Äußerungen zurück. Sir Austin sah, wie er seinen Zorn zu Pulver verrieb für kommende Explosionen und hielt es für das Beste, ihn eine Zeitlang allein zu lassen.   Zweiundzwanzigstes Kapitel. Anzeichen von nahendem Fieber. Drei Wochen lang mußte Richard in der Stadt bleiben und die Lehren des Systems in einer neuen Atmosphäre über sich ergehen lassen. Er mußte sitzen und Männern der Wissenschaft lauschen, die zu ihnen kamen, um ihre Freundschaft mit seinem Vater zu erneuern, und von denen sein Vater ganz besonders wünschte, daß er sie kennen und achten lernen sollte, denn nach des Barons Meinung war der Umgang mit praktischen Männern der Wissenschaft der einzig passende und erstrebenswerte. Er mußte sich den Grandisons vorstellen lassen und wurde jungen Leuten seines eigenen Alters gegenübergestellt, während der Gedanke an den »törichtem jungen Mann« ihn nicht losließ. Die Vorstellung, daß er durch irgend 225 einen Zufall als zu dieser Sorte gehörig erkannt werden könnte, brachte den armen Jüngling fortgesetzt zu stillschweigender Unterwerfung. Und das war schrecklich. Denn es war eine dauernde Schmach für das schöne Bildnis, das er im Herzen trug. Die Vorstellung, daß die Welt über ihn lachen könnte, weil er die süße Lucy liebte, trieb ihn zeitweise förmlich zur Raserei und entwickelte frühzeitigen Menschenhaß in seinem Gemüt. Es gehörte auch zum System, ihm zu zeigen, wohin die Dorfmädchen uns bringen können, und er wurde zur Nachtzeit herausgezerrt, um, nach dem Rezept, das sein Vater Mr. Thompson vorgeschlagen hatte, die Söhne und Töchter der Dunkelheit zu sehen, wie sie auf dem breiten Wege des Verderbens dahintanzten mit verliebten Blicken. Aber von diesem Anblick lernte der Lehrer vielleicht mehr, als der Schüler, denn wir finden, daß er in einer nachdenklichen Stunde in seinem Taschenbuch ernsthaft die Frage notiert: »Warum spricht man nur von dem Austoben des einen Geschlechts?« – ein Frage, die ihm in Raynham sicher nicht aufgetaucht wäre, und weiter – »Legen die Menschen nicht zu viel Gewicht auf . . .?« es schien ein Etwas zu sein, das er nur durch Punkte andeuten konnte, denn er bezeichnete es nicht näher in seinem Taschenbuche. Aber ich nehme doch an, daß er zum besten der Frauen sprechen wollte und nach persönlichen Beobachtungen neue Anschauungen gewonnen hatte. Für Richard wurden die Szenen, deren Zeuge er war, zu seltsam wilden Bildern, die vor allem dazu gedient hätten, seinen Menschenhaß zu bestärken, hätte ihn nicht seine Liebe davor bewahrt. Während der ersten zwei Wochen der Verbannung hielten einige süße, kleine Briefchen von Lucy den Liebenden aufrecht. Sie hörten auf; und nun verfiel Richard in eine solchen Zustand der Niedergeschlagenheit, daß 226 sein Vater beunruhigt wurde und Maßregeln traf, um die Rückkehr nach Raynham zu beschleunigen. Am Schluß der dritten Woche legte Berry Briefe auf den Frühstückstisch, die den Poststempel Raynham trugen, und nachdem der Baron einen derselben aufmerksam gelesen hatte, fragte er seinen Sohn, ob er geneigt wäre, die Hauptstadt zu verlassen. »Um nach Raynham zu fahren, Vater?« rief Richard freudig, fiel dann aber wieder in sein altes Wesen zurück und sagte ruhig: »Ganz, wie du willst, Vater!« da er sich bewußt wurde, etwas von dem »törichten, jungen Mann« gezeigt zu haben. Berry erhielt also Befehl, Vorbereitungen für ihre sofortige Rückkehr nach Raynham zu treffen. Der Brief, von dem Sir Austin seine Blicke erhoben hatte, um seines Sohnes Wünsche zu erfahren, war von dem weisen Jüngling Adrian verfaßt worden und lautete wie folgt: »Benson ist mürrisch, erholt sich aber wieder. Er verlangt hohen Schadenersatz. Es ist noch ein Glück, wenn keiner im Hause leidet außer dem treuen Narren. Ich stimme ganz mit Dir überein, daß ein treuer Narr für große Pläne der beste Diener ist. Benson wird jetzt zur historischen Persönlichkeit. Ich sagte ihm, daß schon dieses allein Schadenersatz genug wäre, und daß die schöne Muse sich gewöhnlich erst dann dazu herabließe von einem Herrn Notiz zu nehmen, wenn er halb geschunden wäre, aber zu meinem Bedauern muß ich sagen, daß Benson den Trost zurückweist, den eine so schöne Erwägung ihm gewähren könnte, und lieber seine Haut behalten und im Verborgenen blühen möchte. Der Heroismus scheint zum Teil Sache der Erziehung zu sein. Treue Dummheit liegt in Bensons Natur, das Übrige ist ihm aufgedrängt worden. 227 Die junge Person hat die Nachbarschaft verlassen. Ich hatte selbst eine Unterredung mit der schönen Papistin und auch mit dem Manne Blaize. Sie waren beide vernünftig, obgleich der eine fluchte und die andere seufzte. Sie ist hübsch. Ich hoffe, sie schminkt sich nicht. Ich weiß, daß sie kräftige Beine hat, denn sie geht zweimal wöchentlich nach Bellingham, um ihr Reinigungsbad bei einem Rotrock zu nehmen. Wenn sie gebeichtet hat und durch die römische Salbung gereinigt worden ist, geht sie um so schneller wieder zurück, was mein protestantisches Muskelsystem noch bezeugen kann. Es war auf dem Wege nach Bellingham, wo ich sie traf. Sie hat sehr schöne Haare. Frau Godiva könnte sie herausfordern, sie würden einander gewachsen sein. Ist es Dir noch nie aufgefallen, daß die Frau dem Pflanzenreich näher steht als der Mann? – Mr. Blaize hat sie für seinen Sohn bestimmt – eine Verbindung, die jeder Liebhaber der Feenmythologie nur wünschen kann. Der junge Tom ist ein Erbe aller Vorzüge des Tieres. Die Mädchen von Lobourne sagen, daß er unter ihnen den Prokulus spiele. Unser Schönchen drückt sich gar nicht so ungebildet aus, es ist überhaupt besser, man schafft sie aus dem Wege.« Der andere Brief war von Lady Blandish und lautete: »Ich habe Ihren Auftrag so gut ich konnte ausgeführt, und ich bin dabei von Herzen traurig geworden. Sie ist in der Tat sehr über ihren Stand hinaus gebildet – es ist schade, daß es so ist! Sie ist eine Schönheit – manchmal ist sie wirklich schön und durchaus nicht so, wie man es Ihnen hat einreden wollen. Das arme Kind hatte nicht viel zu erzählen. Ich habe sie noch einmal gesehen und eine Stunde lang so freundlich mit ihr gesprochen, wie es mir möglich 228 war. Ich konnte nichts mehr herausbekommen, als was wir schon wissen. Es ist eben die Geschichte der Frau, wie sie immer wieder anfängt. Richard ist der Gott ihrer Anbetung. Sie will ihn aufgeben und sich um seinetwillen opfern. Sind wir so schlecht? Sie fragte mich, was sie tun sollte. Sie würde alles tun, was man von ihr verlangte, alles, nur nicht behaupten, daß sie einen andern liebe; das würde sie niemals tun, und ich glaube auch wirklich, das tut sie nicht. Sie wissen, ich bin sentimental, und ich muß Ihnen gestehen, wir weinten ein paar Tränen zusammen. Ihr Onkel hat sie für den Winter nach dem Institut geschickt, wo man sie, wie es scheint, erzogen hat, und wo man sie sehr lieb hat und gerne behalten möchte. Es wäre gut, wenn man es täte. Der Bauer ist ein guter Mann. Sie ist ihm von ihrem Vater anvertraut worden, und er mischt sich nie in ihre religiösen Angelegenheiten ein und ist sehr gewissenhaft in allem, was damit zusammenhängt, obgleich er selbst, wie er sagt, ein Christ ist. Im Frühling, aber das weiß das arme Kind nicht, soll sie zurückkommen und mit seinem Lümmel von Sohn verheiratet werden. Ich bin fest entschlossen, das zu verhindern. Wollen Sie mir nicht versprechen, mich dabei zu unterstützen? Wenn Sie sie gesehen hätten, würden Sie es sicherlich tun. Es wäre Frevel, dabei zu stehen und so etwas zuzulassen. Sie müssen nicht vergessen, daß er ihr Vetter ist. Sie fragte mich, wo in der ganzen Welt irgend jemand wäre, der Richard gleichkäme. Was konnte ich darauf antworten? Das waren ja Ihre eigenen Worte und mit einem solchen Ton der Überzeugung gesprochen! Ich hoffe, er ist wirklich ruhig. Ich schaudere, wenn ich daran denke, wie er nach Hause kommen und entdecken wird, was ich getan habe. Ich hoffe, ich habe wirklich recht getan. 229 Eine gute Tat, sagen Sie, stirbt niemals; aber man kann nicht immer wissen – ich muß mich auf Sie verlassen. Ja, ich glaube, daß es leicht ist, ein Märtyrertum auf sich zu nehmen, wenn man seiner Sache nur sicher ist! aber man muß eben sicher sein. Ich habe mir in den letzten Tagen wiederholt Ihren Ausspruch Nr. 54, aus dem siebenten Kapitel, ins Gedächtnis gerufen; und er hat mich getröstet, ich kann nicht sagen warum, nur, daß alle Weisheit, ob man sie nun direkt anwenden kann oder nicht, etwas Tröstendes hat. ›Es fallen viele von Gott ab, die nach ihm gestrebt haben, weil sie sich mit ihrer Schwachheit an ihn geklammert haben und nicht mit ihrer Stärke.‹ Ich möchte oft wissen, was Sie gedacht haben, wenn Sie diesen oder jenen Ausspruch niederschrieben, – was die Veranlassung gab. Wäre es nicht möglich, einen Einblick zu tun in die Werkstatt der Weisheit? Ich würde gerne wissen, wie Gedanken – wirkliche Gedanken – entstehen. Nicht, daß ich hoffe, in den Besitz des Geheimnisses zu gelangen. Hier haben Sie den Anfang eines Gedankens, aber wir armen Frauen können nicht einmal zwei oder drei Ideen zusammenfassen, was doch nach dem, was Sie sagen, zur Bildung eines Gedanken notwendig ist. ›Wenn ein weiser Mann einen falschen Schritt tut, wird er dadurch nicht weiter gebracht werden, als ein Narr?‹ Es kam mir nur grade so in den Sinn. Mit Gibbon komme ich nicht vorwärts und warte lieber Ihre Rückkehr ab, um die Lektüre weiter aufzunehmen. Der höhnische Geist seiner Schriften mißfällt mir. Ich muß immer wieder sein Gesicht ansehen, dadurch wird die Abneigung schließlich persönlich. Wie anders ist es mit Wordsworth! Und doch kann ich nicht von dem Gedanken loskommen, daß er sich selbst zu 230 wichtig nimmt (aber ich verehre ihn trotzdem). Es ist aber wunderlich; Byron war ein größerer Egoist, und doch habe ich ihm gegenüber nie dieses Gefühl. Er erinnert mich an ein Tier der Wüste, wild und schön, und der andere ist nur, was ein höherer Esel sein würde, der vom Heidentum bekehrt ist, um – nun, um ein ganz ungewöhnlich hochstehender Esel zu sein – ich meine, einer, der große Kraft der Rede besitzt, und große natürliche Selbstgefälligkeit, und dessen Eigensinn man als einen Teil seiner Mission bewundern muß. Ist es nicht seltsam? Ich liebe Wordsworth am meisten, und doch hat Byron größere Kraft über mich. Warum ist das so?« »Weil,« schrieb Sir Austin mit Bleistift neben die Frage, »die Frauen Feiglinge sind und sich von Ironie und Leidenschaft leichter unterwerfen lassen, als daß sie ihre Herzen der Vortrefflichkeit und Natürlichkeit hingeben.« Der Brief fuhr fort: »Ich habe Bojardo beendet und Berni angefangen. Der letztere beleidigt mich. Ich glaube, wir Frauen haben nicht viel Sinn für Humor. Sie haben recht, wenn Sie sagen, wir ›kichern‹ statt zu lachen. Es ist wahr (wenigstens was mich betrifft), daß ›Falstaff für uns nur ein unverbesserlicher, dicker Mann ist‹. Ich möchte wissen, was er eigentlich darstellen soll. Und Don Quixote – wozu kann es nützen, wenn ein edler Geist lächerlich gemacht wird? – Ich höre, wie Sie sagen, es diene praktischen Zwecken! Das ist es auch. Ich weiß, wir sind sehr engherzig. Aber wir lieben Witz, praktischen Witz wieder! Oder in Ihren Worten (wenn ich wirklich denke, kommen Sie mir gewöhnlich zur Hilfe – vielleicht sind es manchmal nur alles Ihre Gedanken); wir ›ziehen ein Streiflicht der Erkenntnis dem vollen Erfassen vor‹.« 231 Er verweilte noch eine Zeitlang bei dem Briefe, las einige Stellen noch einmal, während er im Zimmer auf- und abging und selbst kaum wußte, worüber er nachdachte. Es gibt Gedanken, für die die Sprache zu grob und jede Form zu willkürlich ist, welche über uns kommen und einen entscheidenden Einfluß auf uns ausüben, und doch können wir die luftigen Gebilde nicht fesseln, können sie uns nicht sichtbar und deutlich machen und noch viel weniger anderen. Warum warf er zweimal einen Blick in den Spiegel, als er daran vorüberging? Er stand einen Augenblick mit erhobenem Haupte davor. Seine Blicke schienen jetzt weniger seine äußeren Züge zu prüfen: die grauen, eng zusammengezogenen Brauen, und die Runzeln, die ihre lebhaften Bewegungen halbkreisförmig über seine hohe gerade Stirn gezogen hatten, das eisengraue Haar, das sich über der Stirne erhob und wie Richards lockig zur Seite fiel. Seine ganze Erscheinung zeigte die Spuren der Jahre, aber nichts von ihrer Last, und noch war nichts von der Kraft seiner Jugend verloren gegangen. Soweit war alles befriedigend, aber seine Augen blickten scharf, wie die eines Mannes, der durch die äußere Maske sein inneres Wesen erschaut. Vielleicht dachte er während des Schauens darüber nach, welchen Anblick er wohl dem prüfenden Blick der Dame gewähren mochte. An ihren Gefühlen zweifelte er nicht. Aber er wußte, mit welch außerordentlicher Klarheit die Frauen, wenn sie wollen, und wenn ihre Gefühle nicht in der Glut der Mittagssonne kochen, alle Seiten eines Charakters erkennen und ihre Finger auf die schwachen Stellen legen können. Er war sich des vollkommenen Mangels an Humor in seinem Wesen bewußt, eines Mangels, der am meisten dazu beitrug, ihn von seinen Mitmenschen auszuschließen, und vielleicht hatte der klardenkende, sich scharf prüfende 232 Mann die unbestimmte Vorstellung: sie hält auch mich, wie den Dichter, für eine höher stehende Sorte von – grauen Tieren. Vielleicht faßte er den Fall so auf; er war imstande so groß zu denken und konnte zuweilen einen sehr klaren Blick in den Spiegel werfen, den die Welt der Tatsachen, die außerhalb unserer kleinen Sphäre liegt, uns entgegenhält, damit wir uns darin erblicken, wenn wir wollen. Unglücklicherweise war ihm die Fähigkeit zu lachen, die mit einem großen Geiste verbunden sein sollte, versagt; und nachdem er das Bild erblickt hatte, konnte er, ebenso wie der Gefährte von Freund Bileam, nicht weiter gehen. Ein tüchtiges Gelächter hätte ihn von dem Meltau der Selbsttäuschung, der Wunderlichkeit und Übertreibung befreit und ihm eine gesündere Ansicht von unserer Lebensatmosphäre beigebracht; aber es war ihm versagt. Auf der Rückreise nach Bellingham, im Zuge, mit den glänzenden Augen seines aufgeregten Sohnes an seiner Seite, bemühte sich Sir Austin sehr, sich für unfehlbar zu halten, was für einen Mann mit einem System doch notwendig ist; und da es ihm trotz großer geistiger Anstrengung nicht gelang, ließ er sich dazu herab, eine persönliche Abneigung gegen die junge Person zu hegen, die zwischen sein Experiment und den Erfolg getreten war. Er dachte nicht liebevoll von ihr. Lady Blandishs Lobpreisungen ihres Benehmens und ihrer Schönheit ärgerten ihn. Indem er vergaß, daß er gewissermaßen das Recht dazu verloren hatte, stellte er sich auf den Standpunkt gewöhnlicher Väter und fragte sich selbst: ob er nicht das Recht habe, alles zu tun, was in seiner Macht stand, um seinen Sohn daran zu hindern, sich an das erste beste hübsche Gesicht, dem er begegnete, fortzuwerfen? Bei solchen Überlegungen verlor er die 233 Zärtlichkeit, die er für sein Experiment hätte empfinden sollen, – für den lebenden, glühenden Jüngling an seiner Seite, und seine große Liebe zu ihm gewann einen Anflug von Strenge. Es erschien ihm politisch, vernünftig und gerecht, daß der Onkel dieses jungen Frauenzimmers, der solange den weisen Plan gehegt hatte, sie mit seinem Sohne zu verheiraten, nicht nur bei der Erreichung seines Zieles nicht gehindert, sondern dazu ermutigt und sogar unterstützt werden sollte, – wenigstens nicht gehindert. Sir Austin hatte keinen Spiegel vor sich, während sich diese Gedanken in seinem Gemüt verhärteten, und er hatte Lady Blandishs Brief beinahe vergessen. Vater und Sohn waren allein im Coupé. Beide waren zu sehr in Gedanken, um zu sprechen. Als sie sich Bellingham näherten, breitete sich Dunkelheit über das Land. Über dem Fichtenhügel hinter der Station lag noch ein letzter rosiger Streifen auf dem grünlichen Himmel. Richard blickte darauf hin, während sie dahinflogen. Der helle Streifen zog ihn vorwärts, schien von dem Geiste seiner Liebe erfüllt zu sein und brachte Tränen trauernder Sehnsucht in seine Augen. Die traurige Schönheit dieses einen hellen Scheins schien seiner Seele zuzurufen, auf die Treue seiner Lucy zu bauen; sie glich dem melancholischen Antlitz seiner Lilie, wie er sie nannte, wenn sie flehend um seine Treue bat. Die schüchterne, zärtliche Art mit der sie manchmal, mit halb geschlossenen Augenlidern von unten herauf ihren Liebsten anblickte, war so lieblich und so geheimnisvoll, daß dieser Blick zur Quelle seiner Träume wurde; er sah ihn dort drüben und sein Blut erbebte. Kennst du die zaubergleichen unerklärlichen Empfindungen, vor denen unser gröberes Wesen dahinschmilzt, und vor denen wir, so sehr wir auch das Gefühl haben, wach zu sein, vergeistigt dastehen, zitternd vor 234 neuempfundener Freude? Diese Empfindungen kommen nur selten; selten selbst in der Liebe, und dann halten wir sie törichterweise für Offenbarungen. Sie sind zweifellos nur Empfindungen und um ihretwegen stehen wir auf keiner höheren Stufe, als irgendwelche prächtigen, durchsichtigen Polypen, die am Strande liegen und zittern, wenn die Sonnenstrahlen sie durchleuchten. Doch in dem Herbste unserer Tage bedeutet es schon etwas für das Tier, auf solche rein fleischliche Polypenempfindungen zurückblicken zu können, die ihm einen Horizont verschaffen – ein bleiches Meer lockenden Glanzes. Der, der sie gehabt hat (wenn er ihnen nicht unterlegen ist), kann die Insel der Seligen leichter finden, als jeder andere. Sinnlicher Glaube an überirdische Herrlichkeit ist auch etwas. »Vergessen wir nicht,« sagt das Manuskript des Pilgers, »daß die Natur, wenn sie auch heidnisch ist, in ihren besten Teilen bis an den Fußschemel des Höchsten hinanreicht. Sie ist nicht nur Staub, sondern ein lebendiger Teil der Sphäre. In unserem Streben nach Höherem begehen wir den Irrtum, sie zu verachten, indem wir vergessen; daß wir nur mit Hilfe der Natur emporsteigen können. Liebevoll gehegt, erzogen und gereinigt, wird sie des göttlichen Genossen wert, der sie selbst zur Göttlichkeit erhebt. St. Simeon sah, daß das Schwein ein Teil der Natur war, und hielt deshalb die ganze Natur für ein Schwein.« Es war eine dieser wunderlichen, körperlichen Erregungen, die den jungen Mann durchbebten, er wußte nicht, wie es kam, seine Traurigkeit und seine bösen Ahnungen waren verschwunden. Der sanfte Zauberstab berührte ihn. Hätte Sir Austin in diesem Augenblick offen mit ihm gesprochen, so wäre Richard ihm wahrscheinlich ans Herz gesunken. Er konnte es nicht. Er zog es vor, sich nach der Art gewöhnlicher Väter beleidigt zu fühlen, und durch das Aussinnen von Plänen sein System 235 weiter zu verfolgen. Lady Blandish hatte aufs neue seine Eifersucht gegen das Geschöpf erregt, das dem System gefährlich zu werden drohte, und Eifersucht ist in bezug auf ein System ebenso unüberlegt und rachsüchtig wie in bezug auf eine Frau. Heidekraut und Fichten dufteten scharf an dem kalten Herbstabend auf der Station in Bellingham. Richard stand, nachdem er den Zug verlassen hatte, einen Augenblick still und sog mit tiefen Zügen die Landluft ein. Er überließ seinen Vater den Begrüßungen des Stationsvorstehers und ging nach dem Lobourner Wege, um nach seinem treuen Tom auszuschauen, welcher durch Berry persönlichen Befehl erhalten hatte, mit dem Pferde seines jungen Herrn, mit Kassandra, bereit zu sein. Er hielt sich jetzt in einer am Wege liegenden, uneingeschlossenen Fichtenpflanzung versteckt, wo Richard, der seines Gefolgsmannes Vorliebe für heimliche Verschwörungen zu gut kannte, um ihn irgendwo anders, als in dem verborgensten und geschütztesten Ort zu suchen, ihn fand, wie er verstohlen seine Pfeife rauchte. »Was gibt es Neues, Tom? Ist irgend jemand krank?« Tom schob seine Mütze auf ein Ohr, um sich in dieser schwierigen Lage den Kopf zu kratzen, eine alte, ländliche Angewohnheit, der er zuzeiten tiefen Nachdenkens oder plötzlicher Schwierigkeiten noch immer unterworfen war. »Nein, ich brauch' auch nicht zu kratzen, Herr Richard,« grinste er, als er sah, wie seines Herrn Auge unwillkürlich der Bewegung folgte. »Sprich!« wurde ihm befohlen. »Ich habe seit einer Woche keinen Brief erhalten!« Richard erfuhr die Neuigkeit. Er empfing sie äußerlich überraschend ruhig, trat nur ein wenig näher an Kassandras Hals heran und blickte scharf nach Tom hin, 236 ohne doch das Geringste von ihm zu sehen, was auf Tom die Wirkung hatte, daß er aufrichtig wünschte, sein Herr möchte ihn nur lieber gleich durchprügeln, anstatt ihn so eulenartig anzusehen. »Weiter!« sagte Richard heiser. »Ja? Sie ist fort! Nun also?« Tom fing an zu verstehen, daß er jede Kleinigkeit ausmalen müsse, und berichtete, wie er von einem Dienstmädchen aus Belthorpe, Davenport genannt, die er früher gekannt hatte, gehört hätte, daß die junge Dame keinen Augenblick mehr geschlafen hätte, von der Stunde an, da sie wußte, daß sie fort sollte; aber daß sie bis zum Morgen in ihrem Bett gesessen und höchst jämmerlich geweint hätte, obgleich sie sich niemals beklagte. Hierbei strömten die Tränen Richards Wangen herab, ohne daß er sich dessen bewußt wurde. Tom sagte, daß er versucht hätte, sie zu sprechen, daß aber Mr. Adrian ihn bei der Arbeit gehalten hätte; schreckliche Summen hätte er zusammenzählen müssen – das und nichts anderes den ganzen Tag! das würde seinen jungen Herrn erfreuen, wenn er zurückkäme, hätte man ihm gesagt. »Und dann noch was Lateinisches,« fügte Tom hinzu, »so was wie Nom'tive! genug, um einen Menschen verrückt zu machen, Herr!« rief er mit Pathos. Man hatte von dem Unglücklichen verlangt, daß er die Deklination lerne. – Tom hatte sie an dem Morgen gesehen, an dem sie fortging, erzählte er; sie hätte sehr traurig ausgesehen und ihm freundlich zugenickt, als sie mit dem jungen Tom Blaize im Wagen an ihm vorbeifuhr. »Sie hat ganz ungewöhnlich freundliche Augen, Herr,« sagte Tom, »und das Weinen verdirbt sie nicht,« wofür ihm die Hand gedrückt wurde. Mehr hatte Tom nicht zu erzählen, nur daß an der Biegung des Weges die junge Dame ihre Hand hätte 237 heraushängen lassen und es geschienen hätte, als habe sie sie hin und her bewegt, als ob sie hätte sagen wollen, lebe wohl, Tom! »Und obgleich sie mich nicht sehen konnte,« sagte Tom, »nahm ich doch meinen Hut ab. Mir kam es so freundlich von ihr vor, daß sie an so 'nen Kerl wie mich denken sollte.« Er sprach unter dem Hochdruck des Gefühls, sei es infolge seiner Erziehung zum Helden, oder in Berücksichtigung des verliebten Zustandes seines Herrn. »Dann sahst du nichts mehr von ihr, Tom?« »Nein, Herr. Das war das letzte!« »Das war das letzte, das du von ihr sahst, Tom?« »Ja, Herr. Ich sah nichts mehr.« »Und so verschwand sie!« »Rein weg, so war es, Herr!« »Warum brachten sie sie fort? Was haben sie mit ihr getan? Wo haben sie sie hingebracht?« Diese glühend heißen Fragen richteten sich mehr an den allwissenden Himmel, als an Tom. »Warum hat sie nicht geschrieben?« fuhr er weiter fort. »Warum ist sie fortgegangen? Sie ist mein Eigentum! Sie gehört mir! Wer wagte es, sie fortzubringen? Warum ist sie gegangen, ohne zu schreiben? – Tom!« »Ja, Herr,« sagte der gut gedrillte Rekrut und stellte sich stramm bei dem Kommandowort. Nach dem Ton der Stimme, mit dem sein Name ausgesprochen worden war, erwartete er ein neues Thema, aber es ging wieder weiter: »Wo haben sie sie hingebracht?« und das brachte den armen Tom in noch größere Verwirrung, als seine schweren Rechenaufgaben es getan hatten. Er konnte nur die Mundwinkel herunterhängen lassen und seinen Herrn traurig ansehen. »Sie hat geweint – das hast du gesehen, Tom?« »Daran kann gar kein Zweifel sein, Mr. Richard. Die ganze Nacht geweint und den ganzen Tag sozusagen.« 238 »Und sie weinte, als du sie sahst?« »Sie sah aus, als ob sie grade für einen Augenblick aufgehört hätte, Herr.« »Und ihr Gesicht war blaß?« »Weiß wie 'n Laken.« Richard hielt an, um herauszufinden, ob sein Instinkt aus diesen Tatsachen eine neue Auffassung der Sachlage gewinnen könnte. Er war wie in einem Käfig und stieß immer wieder gegen dieselben Eisenstäbe, er mochte fliegen, wie er wollte. Ihre Tränen waren die Sterne in seiner schwarzen Nacht. Er klammerte sich an diese goldenen Gestirne. So unerklärlich sie auch waren, sie waren wenigstens ein Unterpfand der Liebe. Die Farben des Sonnenunterganges waren aus dem Westen verschwunden. Kein Licht herrschte außer dem blassen, gleichmäßigen Licht der Dämmerung. Dorthin zog es ihn. Er bestieg Kassandra, und mit den Worten: »Sage ihnen, was du willst, Tom, ich komme zum Essen nicht nach Hause,« ritt er der verlassenen Heimat des Lichtes zu, nach Belthorpe hin, wo er Lucys blasse Hand zu sehen meinte, die ihm ihr Lebewohl zuwinkte und immer weiter zurückwich, während er vorwärtsritt. Sein Juwel war gestohlen, er wollte wenigstens die leere Schachtel sehen.   Dreiundzwanzigstes Kapitel. Eine Krisis in der Apfelkrankheit. Die Nacht war hereingebrochen, als Richard den von alten Ulmen beschatteten, grasigen Pfad erreicht hatte, der von Raynham nach Belthorpe hinabführt. Das blasse Licht der Abenddämmerung war dahin. Der Wind 239 hatte die im Westen ruhenden Wolken aufgejagt, die nun breit und düster über den Himmel dahinflogen, breit und erfrischend wie keuchende Renner vor den rollenden Rädern des Südwests. Als er sich dem Bauernhof näherte, schlug sein unruhiges Herz in schnelleren Schlägen. Er war sicher, sie mußte da sein. Sie mußte zurückgekehrt sein. Warum sollte sie für immer fortgegangen sein, ohne ihm zu schreiben? Er packte den Argwohn bei der Gurgel und erstickte seine Stimme, wenn er sprechen wollte, er brachte die Vernunft zum Schweigen. Daß sie ihm nicht geschrieben hatte, war ein Beweis davon, daß sie zurückgekehrt war. Er hörte auf nichts, als seine gebieterische, fordernde Leidenschaft, flüsterte seiner Liebsten süße Worte zu, als ob sie ihm nahe wäre: sanfte, zärtliche Ausdrücke, süße Liebesworte unschuldiger Vögel. Sie war da, – irgend wo in dem lieben alten Hause schwebte sie umher wie eine lichte Flamme und erfüllte ihre lieblichen häuslichen Pflichten. Sein Blut fing an zu singen: Ach die Glücklichen da drinnen, die sie sehen, die um sie sind! Auf wunderbare Weise brachte er es fertig, selbst die plumpe Person des Farmers Blaize mit einem Glorienschein zu umgeben. Und ach! wenn man mit einem Engel zusammenlebt, muß man dann nicht auch die Segnungen eines Engels an sich erfahren und mußte man nicht auch den jungen Tom beneiden? Der Duft der herbstlichen Clematis, vom Winde zu ihm getragen, umwehte ihn, erfüllte sein Gehirn und ließ das alte rote Ziegelhaus in einem neuen Licht erscheinen, denn er erinnerte sich, wo die Clematis wuchs, und an den Winterrosenbaum und den Jasmin und die Passionsblume, an den Garten vor dem Hause mit den hochstämmigen Rosen, die von ihrer Hand gepflegt wurden, an die lange Mauer zur Linken, mit den überhängenden Zweigen des Kirschbaums, an den Blick 240 über die Mauer nach dem weiteren Garten und an den Obstgarten und die Felder dahinter – an den ganzen glücklichen Umkreis ihres Wohnortes! es leuchtete alles vor seinen Augen auf, während er in die Dunkelheit blickte. Und doch war es das Gegenteil der Hoffnung, welches dieses Licht entzündete und die vorübergehende Ruhe erzeugte, die er empfand, es war die Verzweiflung, die die Täuschung bis zum äußersten trieb und eigensinnig auf grundloser Basis baute. »Denn die Zähigkeit wahrer Leidenschaft ist furchtbar,« sagt das Manuskript des Pilgers: »sie stellt sich eher den Heerscharen des Himmels, Gottes großer Heeresmacht der Tatsachen entgegen, als daß sie ihr Ziel aufgibt, und wird sich nicht unterwerfen, so lange sie nicht zermalmt und in den tiefsten Abgrund geworfen ist!« Er wußte, daß sie nicht da war, daß sie fort war. Aber die Kraft des Willens kämpfte bis zum Wahnsinn angespannt dagegen, hielt den Gedanken nieder, beschwor ihren Geist herauf, und bestand darauf, daß alles so war, wie er es wollte. Armer Jüngling! die große Heeresmacht der Tatsachen war in voller Marschordnung. Er hatte verschiedene Male ihren Namen ausgesprochen und einmal überlaut; es war fast ein Schrei nach ihr, der ihm entschlüpfte. Er hatte nicht das Öffnen einer Türe bemerkt und das Geräusch eines Schrittes auf dem Kieswege. Er lehnte sich über Kassandras unruhigen Hals und beobachtete mit scharfem Blick nur das eine Fenster, als eine Stimme aus der Dunkelheit ihn anredete. »Sind Sie das, junger Herr? – Mr. Fev'rel?« Der Zauber, der Richard umfing, war gebrochen. »Mr. Blaize!« sagte er, als er die Stimme des Bauern erkannte. »Guten Abend, Herr,« erwiderte der Bauer. »Ich 241 erkannte das Pferd, wenn ich Sie auch nicht erkannte. Es ist ziemlich rauh, heut abend, was? Wollen Sie nicht eintreten, Mr. Fev'rel? es fängt an zu sprühen – es wird 'ne stürmische Nacht werden, glaub' ich.« Richard stieg ab. Der Bauer rief einen seiner Leute heran, das Pferd zu halten und führte den jungen Mann herein. Sobald er einmal drin war, hörten die Erscheinungen auf. Es herrschte eine Totenstille in dem Zimmer und auf dem Korridor, die deutlich von ihrem Fernsein sprach. Die Mauern, die er berührte – das waren nur die leeren Schalen. Seit er sie kannte, war er nicht mehr in dem Hause gewesen, und nun, welch seltsam süßes Gefühl umfing ihn und welche Schmerzen! Der junge Tom Blaize war im Wohnzimmer, lag breit über den Tisch gelehnt und betrachtete mit offnem Munde ein altes Journal mit Sommermoden aus der Jugendzeit seiner Mutter. Der junge Tom studierte ehrfurchtsvoll die strahlenden Schönheiten der vornehmen Welt. Auch er war ein Sklave der Frauen, war es erst neuerdings geworden, und war voller Staunen. »Was, Tom!« rief der Farmer sobald er die Tür geöffnet hatte, »wieder bei deiner Modenzeitung, wirklich wieder? Was hast du nur von den Moden, möchte ich wirklich wissen? Komm, hör auf, und geh und sieh nach Mr. Fev'rels Stute. Er ist jetzt immer hinter der Modenzeitung her. Solche Narrheiten! Und da rede noch einer von schönen Stellungen!« Der Farmer preßte lachend seine dicken Hüften in einen Sorgstuhl und nötigte seinen Gast zum sitzen. »Es ist noch ein Trost, daß es meist weibliche Wesen sind,« fuhr er fort und schlug sich klatschend aufs Knie, während er sich behaglich in seinem Stuhl zurechtsetzte. »Es kommt ja nicht viel darauf an, was die tun, außer daß sie sich schnüren und sich Wespentaillen machen. Zeigen 242 Sie mir Natur, sage ich – eine Frau, wie sie geschaffen wurde! nicht wahr, junger Herr?« »Sie scheinen hier sehr einsam,« sagte Richard, sah sich im Zimmer um und sah zur Decke auf. »Einsam?« sagte der Farmer. »Na, das sind wir wohl, grade jetzt trifft's sich so, ich habe meine Pfeife, und Tom hat seine Modenzeitung. Er sitzt an einer Seite des Tisches und ich an der andern. Er starrt auf seine Bilder und ich sehe so vor mich hin. Wir sind ein bißchen einsam. Aber sehen Sie – es ist doch zum besten!« Richard fuhr weiter fort: »Ich hatte kaum darauf gerechnet, Sie heut abend zu sehen, Mr. Blaize.« »Sie haben sich wie ein Mann benommen, dadurch daß Sie kamen, junger Herr, und ich ehre Sie dafür,« sagte Farmer Blaize mit plötzlicher Energie ganz geradezu. Was unter Farmer Blaizes Worten verborgen war, ließ Richards Atem schneller gehen. Sie sahen einander an und sahen wieder fort; der Bauer trommelte auf der Armlehne seines Stuhles. Über dem Kaminsims, umgeben von verblichenen, unbedeutenden Miniaturbildern wohlhabender Bauern früherer Generationen, die sich mit ihren hohen Kragen sehr viel Mühe gaben nicht zu grinsen, und hochgeschnürten alten Damen, die aus ihren vielfach gefältelten Hauben ermutigend heraus lächelten, hing ein ziemlich gut ausgeführtes Porträt in halber Figur von einem Marineoffizier in Uniform, mit einem Fernglas unter dem linken Arm, bei dem es deutlich zu erkennen war, daß er nicht zu dieser Verwandtschaft gehörte. Seine Augen waren blau, seine Haare blond, seine Haltung zeigte den Mann, der wohl wußte, wie er Kopf und Schultern zu tragen hätte. Der Künstler, der ihm die Epauletten gemalt hatte, die seinen Rang bezeichneten, wollte auch zeigen, wie jugendlich ein Mann in der Marine noch aussehen 243 kann, nachdem er zu solch einer Stellung gelangt ist, und hatte ihn mit glatten Wangen und frischen roten Lippen gemalt. Auf dieses Bild richteten sich Richards Blicke. Farmer Blaize bemerkte es und sagte: »Ihr Vater, Herr!« Richard dämpfte seine Stimme, um die Ähnlichkeit zu loben. »Ja,« sagte der Bauer, »ziemlich gut. Es ist wenigstens etwas, wenn man sie nicht haben kann, aber natürlich lange nicht so gut!« »Eine alte Familie, Mr. Blaize – nicht wahr?« fragte Richard in so gleichgültigem Tom wie es ihm möglich war. »Gute Familie – so viel noch von ihnen geblieben ist,« erwiderte der Farmer mit ebenso affektierter Gleichgültigkeit. »Und das ist ihr Vater?« sagte Richard jetzt kühn genug, um von ihr zu sprechen. »Das ist ihr Vater, junger Herr.« »Mr. Blaize,« Richard sah ihn voll an und platzte dann heraus: »Wo ist sie?« »Fort, Herr, weggeschickt. Kann sie jetzt nicht hier haben.« Der Bauer trommelte noch schneller auf der Lehne des Stuhles und sah entschlossen in das aufgeregte Gesicht des jungen Mannes. »Mr. Blaize,« Richard lehnte sich vor, um ihm näher zu kommen. Er war ganz benommen und wußte kaum, was er sagte oder tat. »Wo ist sie hingegangen? Warum ist sie fortgegangen?« »Das brauchen Sie doch nicht zu fragen, Herr! Sie wissen es doch,« sagte der Bauer, den Kopf zur Seite werfend. »Aber sie ging doch nicht – es war doch nicht ihr Wunsch fortzugehen?« 244 »Nein! ich denke, sie ist gerne hier. Vielleicht zu gerne!« »Warum haben Sie sie fortgeschickt und unglücklich gemacht? Mr. Blaize.« Der Bauer bestritt gerade heraus, daß er derjenige wäre, der sie unglücklich machte. »Niemand kann mich anklagen. Ich werde Ihnen was sagen, Herr. Ich will nicht, daß sich die Klatschzungen ihretwegen in Bewegung setzen, das ist die Sache. So werden Sie und ich uns schon miteinander verständigen.« In ferner blinden Neigung, sich beleidigt zu fühlen, richtete Richard sich gerade auf. Aber im nächsten Augenblick hatte er es schon wieder vergessen und sagte demütig: »Bin ich die Veranlassung ihres Fortgehens?« »Nun!« erwiderte der Farmer, »wenn wir gerade heraus sprechen wollen – das sind Sie!« »Was kann ich tun, Mr. Blaize, daß sie wieder zurückkommen darf?« fragte der junge Heuchler. »Nun,« sagte Mr. Blaize, »kommen Sie zur Sache. Ich freue mich, daß Sie so vernünftig sprechen, Mr. Fev'rel. Sie können sich wohl denken, wie sie mir fehlt. Es ist gar nicht dasselbe Haus, nun da sie fort ist, und ich bin auch nicht der Alte. Also, Herr! Eins können Sie tun. Wenn Sie mir versprechen, sich ganz und gar nicht mit ihr einzulassen – ich kann es nicht verstehen, wie Sie überhaupt bekannt geworden sind – wenn Sie nicht versuchen wollen, sie zu bereden, sich mit Ihnen zu treffen – und wenn Sie sie gesehen hätten, wie sie fortging, würden Sie es wohl versprechen – wann trafen Sie sich eigentlich? – im letzten Herbst, nicht wahr? – dann würden Sie wohl als Mann von Ehre versprechen, ihr nicht zu schreiben und hinter ihr her zu spionieren – und dann werde ich sie sofort zurückholen. Dann soll sie zurückkommen.« »Aufgeben soll ich sie!« rief Richard. »Ja, das ist es!« sagte der Bauer. »Geben Sie sie auf.« 245 Der junge Mann hielt an sich, um nicht das »Niemals« auszusprechen, das auf seinen Lippen schwebte. »Sie haben sie also fortgeschickt, um sie vor mir zu schützen?« sagte er zornig. »Es ist nicht ganz so, aber es mag genügen,« erwiderte der Bauer. »Glauben Sie denn, daß ich ihr schaden könnte, Herr?« »Die Leute scheinen zu denken, daß sie Ihnen schaden könnte, junger Herr,« sagte der Bauer etwas ironisch. »Mir schaden – sie? Wer sagt das?« »Leute, die Ihnen recht nahe stehen, Herr!« »Was für Leute? Wer hat von uns gesprochen?« Richard fing an, ein Komplott zu spüren, und wollte sich seine Beute nicht entgehen lassen. »Ja, sehen Sie mal, Herr,« sagte der Bauer. »Es ist kein Geheimnis und wenn es auch eins wäre, ich sehe nicht ein, weshalb ich es bewahren sollte. Es scheint, daß Ihre Erziehung sonderbar ist!« Der Farmer zog das Wort so lang aus, als ob er die Figur einer Schlange beschreiben wollte. »Sie sollen nicht so werden, wie andere junge Herren. Um so besser! Sie sind ein schöner, forscher junger Herr, und Ihr Vater hat das Recht, stolz auf Sie zu sein. Er hört also – und ich bin ihm sicherlich dankbar dafür – er hört von Ihnen und Luce, und natürlich will er nichts davon wissen – ich wahrhaftig auch nicht. Darin verstehen wir uns. Ich will gar nichts davon wissen. Sie ist mein Mädel. Man hat sie meinem Schutz überlassen. Und sie ist eine Dame, Herr. Das kann ich Ihnen sagen, Sie werden nicht viele finden, auf die so gut aufgepaßt wird, wie auf sie – auf meine Luce. Also, Mr. Fev'rel, entweder Sie oder Luce, einer von Ihnen muß aus dem Wege geräumt werden. Das hat man uns gesagt. Und was Luce anbetrifft – na, ich glaube, sie ist ebenso besorgt um Ihre Erziehung, wie Ihr Vater – sie hat gesagt, sie 246 wird gehen und wird nicht schreiben und wird alles abbrechen, um Ihrer Erziehung willen. Und sie hat ihr Wort gehalten, nicht wahr? – Man kann sich auf sie verlassen. Was sie sagt, das tut sie! – Treu wie Gold ist meine Luce. Und nun, Herr, machen Sie es ebenso, und ich werde Ihnen dankbar sein.« Jeder, der jemals ein Blatt Papier in das Feuer geworfen hat und gesehen hat, wie die Hitze es allmählich bräunte, bis es zur Flamme aufloderte, kann sich den Zustand des Liebenden vorstellen, als er dieser Rede zuhörte. Sein Zorn machte sich nicht in Worten Luft, sondern verhärtete sich und grub sich tief ein. »Mr. Blaize,« sagte er, »das war sehr freundlich von den Leuten, auf die Sie anspielten, aber ich bin in einem Alter, in dem ich für mich selbst denken und handeln kann. – Ich liebe sie, Herr!« Sein ganzer Ausdruck veränderte sich und die Muskeln seines Gesichtes bebten. »Gewiß!« sagte der Bauer besänftigend, »das tun wir alle in Ihrem Alter, die eine oder die andere. Das ist nur natürlich!« »Ich liebe sie!« brach der junge Mann von neuem los, zu sehr von seiner Leidenschaft erfaßt, als daß er ein Gefühl der Scham bei seinem Geständnis hätte empfinden sollen. »Mr. Blaize!« seine Stimme sank zur Bitte herab. »Wollen Sie sie zurückholen?« Farmer Blaize machte ein wunderliches Gesicht. Was verlangte er denn? und wo blieb das geforderte Versprechen? Aber war des Liebenden Beweisführung nicht überzeugend. Er hatte doch gesagt, daß er sie liebe. Und er konnte nicht einsehen, warum ihr Onkel nicht infolgedessen sofort nach ihr schickte, damit sie zusammen sein könnten. Das wäre ja alles ganz schön, meinte der Bauer, aber was denn daraus werden sollte? Was daraus werden 247 sollte? Nun Liebe und immer mehr Liebe! Und etwas zu viel davon! fügte der Bauer grimmig hinzu. »Sie weisen mich also ab, Mr. Blaize,« sagte Richard. »Dann sind Sie es also, der sie mir fern hält, nicht diese – – diese Leute. Sie wollen sie nicht zurück haben, obgleich ich Ihnen sage, daß ich sie mehr liebe, als mein Leben?« Farmer Blaize mußte ihm jetzt offen sagen, daß er eigene Gründe und Einwendungen dagegen habe, und daß ihr Ruf auf dem Spiel stände, und Gott mochte wissen, ob sie nicht vielleicht selbst in Gefahr wäre. Er sprach mit freundlicher Offenheit, nicht ohne Würde. Er sprach voller Anerkennung von Richard selbst, aber junge Leute wären eben junge Leute, und Barons-Söhne hätten nicht die Gewohnheit, die Nichten von Bauern zu heiraten. Zuerst konnte der Sohn des Systems ihn nicht verstehen. Als er ihn verstand, sagte er: »Mr. Blaize! wenn ich Ihnen mein Ehrenwort gebe, so wahr ich auf den Himmel hoffe, sie zu heiraten, sobald ich mündig werde, werden Sie sie dann zurückholen?« Er glühte so vor Eifer, daß der Bauer vor so viel Feuer nur zweifelnd den Kopf schüttelte und in sich zusammensank. Richard griff auf diesen Anzeichen das auf, was ihm wie ein Funke von Ermutigung schien, und bemerkte: »Es ist also nicht, weil Sie etwas gegen mich haben, Mr. Blaize?« Der Farmer bedeutete ihn, daß es das nicht wäre. »Dann ist es, weil mein Vater gegen mich ist,« fuhr Richard fort, und versuchte es ihm zu beweisen, daß die Liebe eine so heilige Sache wäre, daß kein Vater vollständig und für immer der Neigung seines Sohnes widerstehen könne. Da der Bauer ihm auf dem kühlen Gebiete der Beweisführung gewachsen war, stürzte sich der junge Mann in kopfloser Hast in das Fahrwasser der Leidenschaft. 248 Er entwarf Bilder von Lucy, von ihrer und seiner Treue. Er machte Sprünge vom Leben zum Tode, vom Tode zum Leben, mischte Beschwörungen und Bitten in einen Wirbelsturm. Vielleicht rührte er den törichtem alten Bauern ein wenig, er war so stürmisch und brachte so sichtbar seinen Stolz zum Opfer. Farmer Blaize versuchte ihn zu beruhigen, aber es war vergebens. Er wollte und mußte sein Juwel erlangen. Der Bauer streckte seine Hand nach der Pfeife aus, nach dieser Trösterin in jeder Verlegenheit. »Jetzt darf ich hier rauchen,« sagte er, »nicht wenn – wenn jemand da ist. Rauche dann in der Küche. Ihnen ist der Rauch nicht unangenehm?« Richard nickte nur und beobachtete, wie der Bauer stopfte und anzündete und zu paffen anfing, als ob von diesen Vorgängen sein Schicksal abhinge. »Wer hätte gedacht, als Sie damals da drüben saßen, daß es dazu kommen könnte?« rief der Bauer, der nun aus dem Tabak Behagen und Überlegung sog. »Damals hielten Sie nicht viel von ihr, junger Herr! Ich machte Sie miteinander bekannt. Ja! es ändert sich manches. Können Sie denn nicht warten bis zu der Zeit, wo sie so wie so zurückkommt?« Dieser Vorschlag, das Resultat der Pfeife, brachte nur einen neuen Sturm auf ihn herab. »Es ist doch sonderbar,« sagte der Bauer und legte das Mundstück seiner Pfeife an seine runzligen Schläfe. Richard wartete. Dann legte der Bauer die Pfeife ganz fort, da sie ihm in seiner schwierigen Lage doch nichts nützen konnte, und sagte, nachdem er seinen Arm auf den Tisch gestützt und Richard einen Augenblick angestarrt hatte: »Sehen Sie, junger Herr! Ich habe mein Wort 249 gegeben. Ich hab's versprochen. Ich habe denen da die Versicherung gegeben, daß sie bis zum Frühling nicht zurückkommen soll, und dann will ich sie zurück haben und dann – na! ich hoffe aus mehr als einem Grunde, daß Sie dann beide vernünftiger sein werden – ich habe meine eignen Absichten mit ihr. Aber ich bin nicht der Mann, der ein Mädel zwingt, gegen ihre Neigung zu heiraten. Verlassen Sie sich darauf, Mr. Feverel, ich bin nicht Ihr Feind. Sie sind ganz dazu geeignet, ein junges Mädel stolz zu machen. So warten Sie doch ab – und sehen Sie zu. Das ist mein Rat. Nehmen Sie den an und warten Sie. Mehr habe ich nicht zu sagen.« Bei Richards ungestümem Wesen fürchtete er von den Plänen zu sprechen, die er für das Glück des jungen Tom hegte, wenn diese Pläne überhaupt ernsthaft waren. Der Bauer wiederholte, daß er nichts mehr zu sagen habe, und Richard stand auf, um sich zu verabschieden, während: »Warten bis zum Frühjahr! Warten bis zum Frühjahr!« verzweiflungsvoll in seinen Ohren tönte. Farmer Blaize schüttelte seine schlaff herabhängende Hand in freundlichster Weise und rief an der Türe nach dem jungen Tom, der aber weitere Anspielungen auf die Modenzeitung fürchtete und nicht erschien. Auf dem Korridor lief ein Mädchen an Richard vorbei und ließ etwas in seine Hand gleiten, was er nur gerade fühlte und unbewußt festhielt. Das Pferd wurde von dem Kampfhahn vorgeführt. Ein leichter Regen fiel herab, ein starker, warmer Wind wehte und die Bäume rauschten laut in der Nacht. Vor der Türe bat Farmer Blaize Richard, ihm die Hand zu geben und zu sagen, daß nun alles gut wäre. Der junge Mann gefiel ihm in seiner Ernsthaftigkeit und ehrlichen Offenheit. Richard konnte nicht sagen, daß nun alles gut wäre, aber er gab dem Bauern die Hand und drückte sie fest, als er Kassandra bestieg und in das wilde Wetter hinausritt. 250 Eine ruhige, klare Dämmerung folgte dem tobenden Weststurm und warf ihr rötlich graues Abbild auf den Spiegel des Schloßteiches. Vor Sonnenaufgang war Tom Bakewell unterwegs und traf den verloren gegangenen Jüngling, seinen Herrn, wie er auf dem Lobourner Parkwege langsam auf Kassandra dahintrabte, ein trauriges Paar. Kassandras Flanken waren mit Kot bespritzt, sie ließ den Kopf hängen, diese wilde Nacht hatte ihr alle Lebenskraft genommen. Auf welchen Heiden und schwerem Brachland hatte er nicht ihre edle Kraft verbraucht in planlosem Jagen durch die Dunkelheit. »Nimm das Pferd,« sagte Richard, stieg ab und streichelte Kassandra zwischen den Augen. »Sie hat genug bekommen, das arme alte Tier! Sorge für sie, Tom, und denn komm in mein Zimmer.« Tom fragte nichts weiter. Drei Tage darauf war Richards Geburtstag. Tom war verschwiegen, aber man hatte von dem Zustand des Pferdes gehört und von der sonderbaren Laune des jungen Herrn, die ganze Nacht herumzureiten und war daher auf den gewöhnlichem unglücklichen Verlauf des Geburtstages vorbereitet, und die Unglückspropheten genossen ein trauriges Gefühl der Genugtuung. Sir Austin mußte Unangenehmes von seinem Sohne verlangen, er sollte Benson demütig um Verzeihung bitten, um das Blut fortzuwaschen, das er vergossen hatte, als er sein Pfund Fleisch nehmen wollte. Man hatte dem gewichtigen Benson gesagt, daß er diese Abbitte erwarten könne, und er übte sich nun in einem höchst christlichen, melancholischen Benehmen, das er bei dieser Gelegenheit zur Schau stellen wollte. Sir Austin überlegte aber, daß so lange sein Sohn in diesem Zustand war, er wohl kaum dazu gebracht werden könnte, das Tugendhafte einer solchen Handlung einzusehen und machte nicht den Versuch, 251 es von ihm zu verlangen. So fuhr der gewichtige Benson fort, als vorsintflutliche Karyatide in feierlicher Erwartung an den Türen und an dem Fuß der Treppen stehen zu bleiben, sobald er nur einen kleinen Vorsprung vor dem jungen Mann gewinnen konnte, während Richard ebenso gleichgültig an ihm vorbeiging, wie an jedem andern, mit gebeugtem Haupte und mit Füßen, die ihn nur trugen wie zufällige Werkzeuge, von denen er nichts wußte. Das gab Bensons blindem Glauben an seinen Herrn einen gewaltigen Stoß; und er fand auch keinen Trost in der philosophischen Erklärung: »Daß das Gute in einer starken, vielseitigen Natur langsamer wächst, als in andern sterblichen Dingen, und daß man nicht versuchen muß, es zu erzwingen.« Lehren von der Verdammung sagten Benson am meisten zu. Er war bereit zu verzeihen, wie es einem Christen zukommt, aber er verlangte, daß sein Feind vor ihm auf den Knieen läge. Sein vorsintflutliches Auge sah mehr, als alle andern Augen im Hause und sah auch, daß zwischen Tom und seinem Herren etwas vorging, was sehr störend für das System sein konnte. Da er aber seine Entschädigung nicht erhalten hatte, wünschte er nicht sich neuen Gefahren auszusetzen und verhielt sich ruhig. Sir Austin erriet zum Teil, was in der Brust seines Sohnes vorging, ohne sich eine Vorstellung davon zu machen, was für ein tiefes Mißtrauen dieser gegen ihn hegte, oder ganz die Heftigkeit der Leidenschaft zu ermessen, die ihn verzehrte. Er war sehr sanft und freundlich mit ihm. Aber wie ein weiser Arzt, der trotz seiner Weisheit die, durch eine falsche Dosis veranlaßte, Wendung der Krankheit übersehen hat, erwog er seine Verordnungen sorgfältig und zuversichtlich, ganz überzeugt davon, daß er den Fall verstände und ihm gewachsen wäre. Er befahl, daß man Richards launenhaftes Benehmen unbeachtet lassen sollte. Zwei Tage vor dem 252 Geburtstage fragte er ihn, ob er etwas dagegen hätte, wenn Gäste eingeladen würden. Worauf Richard sagte: »Lade ein, wen du willst, Vater!« Demgemäß fing man an festliche Vorbereitungen zu treffen. Am Vorabend des Geburtstages speiste er mit den andern. Lady Blandish war da und saß voller Schuldbewußtsein zu seiner Rechten. Hippias sagte eine Magenverstimmung voraus, die er von dem folgenden Tage erwartete. Die Großtante sprach davon, ob sie wohl noch einen Geburtstag erleben würde. Adrian trank auf das in zwei Jahren zu erwartende Ende seines Lehramtes, und Algernon sah eine Liste der Lobourner Männer durch, die sich morgen mit Bursley messen sollten. Sir Austin hörte auf jeden und hatte für jeden eine Antwort, war aber im Geiste nur mit seinem Sohne beschäftigt. Um Lady Blandish zu gefallen, wagte Adrian auch einige scherzhafte Bemerkungen über London und Mrs. Grandison. Bemerkungen, die ein ganz klein wenig unpassend waren, aber doch nur so wenig unpassend, daß es nicht anständig gewesen wäre, es zu bemerken. Nach Tisch verließ Richard die andern. Man bemerkte nichts besonders Auffallendes in seinem Benehmen, außer dem ungewöhnlichen Glänzen seiner Augen, aber der Baron sagte: »Ja, ja, das wird vorübergehen.« Er und Adrian und Lady Blandish tranken den Tee in der Bibiliothek und saßen bis zu einer späten Stunde in Diskussionen über allerlei Spitzfindigkeiten, die sich meistens auf die Apfelkrankheit bezogen. Eine Unterhaltung, die für den weisen Jüngling sehr amüsant war, da er die beiden keuschen Gemüter mit der Miene eines Mannes, der nur die Wahrheit sucht, auf allerhand zweifelhafte Situationen hinweisen und sie unerwartet dahin führen konnte, wo sie nicht mehr wagten, sich umzusehen. Der Aphorist hatte das Herz seiner schönen, getreuen 253 Verehrerin gerade durch einen neu geformten, wenn auch nicht ganz neu entstandenen Ausspruch entzückt, als sie bemerkten, daß ein Vierter im Zimmer war. Der gewichtige Benson stand hinter ihnen. Er behauptete angeklopft, aber keine Antwort erhalten zu haben. Sein Ausdruck zeigte einen Schatten von Überraschung und Verdruß, als er bemerkte, daß Adrian im Zimmer war, und als dieser Ausdruck schwand, trat an seine Stelle ein Zug matter Strenge. »Nun, Benson? Was gibt's?« sagte der Baron. Der Diener antwortete: »Bitte, Sir Austin – Mr. Richard!« »Nun?« »Er ist ausgegangen!« »Nun?« »Mit Bakewell!« »Nun?« »Und einer Reisetasche.« In dieser Reisetasche lag, so hätte man sagen können, das wunderliche Ding: der beginnende Roman des jungen Helden. Richard war fort, und mit einer Reisetasche, welche Tom Bakewell trug. Er war auf dem Wege nach Bellingham und eilte trotz des heftigen Regens vorwärts, wie ein entsprungener Gefangener, toll vor Freude, während Tom sich schüttelte und grunzte über all die Unruhe. Der Postzug sollte in Bellingham erreicht werden. Durch die Vermittlung von Miß Davenport wußte er jetzt, wo er sie finden konnte, und dorthin flog er, wie ein vom Bogen abgeschnellter Pfeil; dorthin, trotz Vätern und Freunden und Pläneschmieden, um sein Recht zu fordern, sie zu sich zu nehmen und sich mit ihr der ganzen Welt entgegenzustellen. Sie waren beide durch und durch naß, als sie 254 Bellingham erreichten und Tom hatte Visionen von heißen Getränken. Er wies seinen Herrn auf die Notwendigkeit einer innerlichen Stärkung hin, worauf dieser nur antworten konnte: »Tom! Tom! morgen werde ich sie sehen!« – Es wäre sehr ungesund, so naß zu reisen, bemerkte Tom noch einmal, worauf nur derselbe sinnlose Ruf erfolgte, und noch obendrein sein Arm gepackt und wütend geschüttelt wurde. Als sie an dem ersten Wirtshaus des Ortes vorbeikamen, sprach Tom ganz deutlich von Branntwein. »Nein,« rief Richard, »wir haben keinen Augenblick zu verlieren!« und während er das sagte, schwankte er und fiel gegen Tom und murmelte vor Schwäche nur undeutlich, daß sie keinen Augenblick zu verlieren hätten. Tom hob ihn in seinen Armen auf und drang in die Gaststube ein. Wirt und Wirtin rieten zu Branntwein als dem landesüblichen Getränk und zwangen es in seinen Mund, wodurch sie ihn so weit belebten, daß er ausrufen konnte: »Tom, die Glocke läutet, wir werden zu spät kommen,« darauf sank er bewußtlos auf dem Sofa zurück, auf das sie ihn gelegt hatten. Die Erregung des Blutes und Gehirns hatte ihr Werk an ihm getan. Er duldete es, daß sie ihn entkleideten und zu Bett brachten, und da lag er nun und hatte sogar seine Liebe vergessen, ein geknicktes Rohr, fortgetragen von der Flut der Stunden. So fand ihn sein Vater. Fühlte der wissenschaftlich gebildete Menschenkenner Gewissensbisse? Er hatte eine solche Krisis in der Krankheit seines Sohnes erwartet als den Punkt, an dem der Körper versagt und dem Geiste Ruhe läßt die Krankheit zu überwinden, denn er wußte wohl, daß der Same des Bösen nicht aus dem Geiste kam. Außerdem: ihn zu sehen und wieder zu haben, gab ihm ein Gefühl der Ruhe, 255 nachdem Benson so zum Alarm geblasen hatte. »Sie werden sehen,« sagte er zu Lady Blandish, »sobald er sich erholt, wird er sich nichts mehr aus ihr machen.« Die Dame hatte ihn, sobald sie von Richards Anfall hörte, nach Bellingham begleitet. »Was für ein eiserner Mann können Sie sein,« rief sie und unterdrückte ihre eigene Ansicht. Sie wäre dafür gewesen, dem Knaben sein Spielzeug zu geben; es ihm wenigstens zu versprechen, wenn er nur gesund würde und wieder die glänzende, hoffnungsvolle Blume von ehemals werden wollte. »Können Sie ihn ansehen,« bat sie, »können Sie ihn ansehen und bei Ihrer Meinung beharren?« Es war ein trauriger Anblick für diesen Mann, der seinen Sohn so innig liebte. Der Jüngling lag in einem fremden Bett, gerade ausgestreckt und bewegungslos, mit fiebernden Wangen und einem veränderten Ausdruck in den Augen. Der alte Dr. Clifford von Lobourne war der medizinische Ratgeber, der mit Kopfschütteln und Zusammenziehen der Lippen und Hinweisungen auf altehrwürdige Erfahrungen alles zu tun versprach, was der Arzt in solchen Fällen tun könnte. Der alte Doktor gab zu, daß Richards Konstitution bewundernswert wäre und auf all seine Anordnungen reagierte wie das Instrument auf die Hand des Musikers. »Aber,« sagte er im Familienrate, denn Sir Austin hatte ihm erzählt, wie es mit dem jungen Mann stände, »Medizin kann in einem Falle dieser Art nicht viel tun. Veränderung! Das ist's, was nötig ist, und sobald wie möglich. Zerstreuungen! Er sollte die Welt kennen lernen und erfahren, woraus er gemacht ist. Ich weiß ja aber, daß mein Reden nichts nützt,« fügte der Doktor hinzu. »Im Gegenteil,« sagte Sir Austin, »ich bin ganz 256 Ihrer Meinung. Und er soll die Welt sehen – jetzt soll er es.« »Wir haben ihn, wie Sie wissen, Doktor, in den Styx getaucht,« bemerkte Adrian. »Haben Sie aber schon einen ähnlichen Fall kennen gelernt?« fragte Lady Blandish. »Noch nie, meine verehrte Frau,« antwortete der Doktor; »solche Fälle sind in diesem Teil des Landes nicht gewöhnlich. Die Landleute sind geistig ziemlich gesund.« »Aber es sind doch Leute – und auch Landleute aus Liebe gestorben, Doktor?« Der Doktor meinte, er hätte noch von keinem solchen Falle gehört. »Meinen Sie Männer oder Frauen?« fragte der Baron. Lady Blandish meinte, wohl meistens Frauen. »Fragen Sie den Doktor, ob dieses geistig gesunde Frauen waren,« sagte der Baron. »Nein! Sie betrachten beide die Sache von der falschen Seite. Zwischen einem hochgebildeten Wesen und einem empfindungslosen Tier liegt ein großer Unterschied. Aber der Doktor kommt der Wahrheit näher als Sie. Die gesunde Natur ist ziemlich sicher. Er hätte vollkommen recht, wenn er dem Einfluß der Bildung Zugeständnisse machte. Zu fühlen und doch nicht im Übermaß zu fühlen, das ist das Problem.« »Und kann es nicht die Eine sein, So will ich eine andre frein« summte Adrian, eine Zeile aus einem ländlichen Liede. 257   Vierundzwanzigstes Kapitel. Von der Frühlingsblume und der Herbstblume. Als der junge Gegenstand des Experimentierens wieder zum Bewußtsein der Zeit erwacht war, befand er sich in seinem eigenen Zimmer in Raynham. Nichts hatte sich verändert. Es hatte ihn nur eine starke Faust zu Boden geschlagen und betäubt, und als er die Augen öffnete, lag vor ihm eine graue Welt: er hatte vergessen, wofür er lebte. Er war schwach und mager geworden und hatte nur eine unklare Erinnerung an das Vergangene. Er lebte wie vorher, alles, was ihn umgab, war dasselbe, er sah die alten, blauen Hügel, das in der Ferne liegende Brachland, den Fluß und die Wälder: er kannte sie, aber sie schienen nichts mehr von ihm zu wissen. Auch konnte er in den bekannten, menschlichen Gesichtern nicht mehr das Geheimnis der Vertrautheit erkennen, wie bisher. Es waren dieselben Gesichter, sie nickten und lächelten ihm zu. Er hätte nicht sagen können, was verloren gegangen war. Etwas war aus ihm herausgeschlagen! Er war sich des liebevollen Wesens seines Vaters bewußt, und er war traurig, daß er ihm nicht ebenso begegnen konnte, denn jedes Gefühl der Scham und des Vorwurfs hatte ihn wunderbarerweise verlassen. Er fühlte sich so unnütz. Statt der feurigen Liebe für die eine, empfand er nun ein kühles Mitgefühl für alle. So starb in dem Herzen des jungen Mannes die Frühlingsblüte, und während sie starb, trieb ein anderes Herz herbstliche Blüten. Die wunderbare Veränderung in Richard und die Weisheit ihres Verehrers, die nun tatsächlich bewiesen 258 worden war, regten Lady Blandish sehr auf. Sie fühlte sich zurechtgewiesen für gewisse kleine rebellische Gefühle, die ihr sklavisches Gemüt von Zeit zu Zeit ihm gegenüber gehegt hatte. Denn war er nicht beinahe ein Prophet? Es betrübte das gefühlvolle Gemüt der Dame, daß eine Liebe wie die Richards in Rauch vergehen, und daß Worte wie die, die sie ihn im Schloßwald hatte sprechen hören, sich in Nichts auflösen konnten. Ja, sie fühlte sich persönlich gedemütigt, und es war des Barons kluge Voraussagung, durch die sie sich gedemütigt fühlte. Denn wie konnte er es wissen und auszusprechen wagen, daß die Liebe aus Staub gemacht war und von der Wissenschaft zu Boden getreten werden konnte? Aber er hatte es gesagt, und bewiesen, daß er recht hatte. Sie hörte mit Erstaunen, Richard habe von selbst mit seinem Vater von der Torheit gesprochen, deren er sich schuldig gemacht, und ihn um Verzeihung gebeten. Der Baron erzählte es ihr und fügte hinzu, daß der Jüngling es in einer ruhigen, kalten Art getan hätte, ohne eine Bewegung seiner Züge: er hätte es augenscheinlich getan, um die Last der Verpflichtung abzuschütteln, die er auf sich geladen hatte. Er hatte geglaubt zugeben zu müssen, daß er der »törichte, junge Mann« gewesen wäre, der, wenn es möglich war, wünschte, diese Tatsache durch einen Akt der Buße abzuschwören. Er hatte auch Benson Genugtuung gegeben und war von neuem ein friedlicher Geist geworden, dessen Hauptlebenszweck zu sein schien, seine Körperkraft durch allerhand Übungen zu stärken und nicht durch Worte zu vergeuden. In Gesellschaft von Lady Blandish war er ruhig und höflich; selbst wenn sie allein waren, zeigte er keine Spur von Melancholie. Er erschien nüchtern, wie jemand, der sich von der Trunkenheit erholt hat und beschlossen hat, nicht mehr zu trinken. Es kam ihr in den Sinn, daß 259 er vielleicht nur eine Rolle spielte, aber Tom Bakewell, mit dem sie eine Unterredung hatte, erzählte ihr, daß er von seinem jungen Herrn, eines Tages, als sie miteinander boxten, den Befehl erhalten hätte, so lange er lebte, den Namen der jungen Dame nie mehr zu erwähnen; und Tom konnte sich nur denken, sie müsse ihn beleidigt haben. Lady Blandish hatte immer geglaubt, daß der Baron in der Theorie weise wäre, sie war nicht darauf vorbereitet gewesen, ihn auch praktisch so weise zu finden. Sie sank in ihrer eigenen Achtung, und da sie etwas brauchte, an das sie sich anklammern konnte, so klammerte sie sich an den Mann, der sie so zu Boden geworfen hatte. So war die Liebe also irdisch; ihre Tiefe konnte durch die Wissenschaft erforscht werden. Es lebte ein Mann, der sie von Anfang bis zu Ende messen, der ihr Ende voraussagen und den jungen Gott behandeln konnte, als ob er eine erschossene Eule wäre! Wir, die wir uns zur Verwandtschaft mit dem Göttlichen aufgeschwungen und uns im Kreis der Unsterblichen ergötzt haben, wir werden an unsere niedrige Geburt als Kinder der Zeit erinnert – unsere Flügel werden beschnitten! Ach, wenn die Wissenschaft wirklich der siegreiche Feind der Liebe ist, dann wollen wir die Wissenschaft lieben! das war die Logik in dem Herzen der Dame; und wenn sie im geheimen auch noch die Überzeugung hegte, daß sie ihn doch noch widerlegen würde und ihm würde beweisen können, daß er ganz und gar unrecht hätte, so gab sie ihm doch die Frucht des augenblicklichen Erfolgs, wie es die Art der Frauen ist, ihnen selbst halb unbewußt. Die Flamme hatte sie ergriffen. Sie fühlte eine sanfte Erregung wie ein junges Mädchen und fühlte sich dadurch geschmeichelt. Es war, als wenn sie noch einmal jung würde. Reine Frauen haben eine zweite Jugend. Eine herbstliche Blüte entfaltete sich. 260 Das Manuskript des Pilgers sagt uns: »Das Wesen der Frauen ist Involution, und ihr Benehmen, das Opposition ist, wird am besten verstanden durch Erraten und durch ein kühnes Wort – denn es ist unmöglich, der Spur ihrer Gedanken zu folgen und sie auf dem gewöhnlichen Wege zu erjagen.« Damit wir nicht in Verwirrung und Widerspruch kommen, mag jeder von uns selbst versuchen, es zu erraten und ein kühnes Wort darüber zu sagen, wie es kam, daß die Dame, die darauf vertraut hatte, daß Liebe ewig wäre, sich dem zuneigte, der ihren schönen Glauben zertrümmert hatte, und ihn liebte. Bis jetzt war es nur eine Tändelei der Gefühle gewesen und Klatschsucht hatte sie verleumdet. Gerade als die Klatschzungen müde wurden sie zu verleumden und geneigt waren, liebevoller über sie zu urteilen, fing sie an, jedes Wort zu verdienen, das sie von ihr gesagt hatten. Daraus können wir mit Erlaubnis des Lesers lernen, daß Klatschzungen nur nötig haben mit Ausdauer zu lügen, um mit Wahrheit gekrönt zu werden, oder andererseits, daß man böses Gerede nur eine Zeitlang über sich ergehen lassen muß, um Straflosigkeit zu erlangen. Sie war jetzt immer auf dem Schlosse. Sie saß viel mit dem Baron allein. Es schien sich von selbst zu verstehen, daß sie Mrs. Dorias Stelle eingenommen hatte. Benson in seinem weiberfeindlichen Herzen meinte, sie versuche Lady Feverels Stelle einzunehmen, aber jede Nachricht, die von Benson herrührte, konnte sicher sein, mit Mißtrauen aufgenommen zu werden, und machte die Klatschzungen nur von neuem auf ihn aufmerksam, was seinen Überlegungen etwas Tragisches verlieh. Kaum war eine Frau besiegt, so eroberte eine andere das Feld! Das Objekt des Systems war kaum gerettet, als sein großer Urheber in Gefahr geriet! 261 »Ich verstehe gar nicht, was mit Benson los ist,« sagte Sir Austin zu Adrian. »Er scheint wieder einmal mehrere Pfund Blei geerbt zu haben,« erwiderte der weise Jüngling, und fuhr, indem er Dr. Cliffords Art nachmachte, fort: »Veränderung fehlt ihm! Zerstreuung! Schicke ihn für einen Monat nach Wales und laß Richard mit ihm gehen. Die beiden Opfer der Frauen könnten einander gut tun.« »Unglücklicherweise kann ich ihn nicht entbehren,« sagte der Baron. »Dann muß seine drückende Gegenwart uns also weiter bei Tage und bei Nacht belasten,« rief Adrian aus. »Ich denke, so lange er diesen Ausdruck beibehält, wollen wir ihn nicht bei Tisch aufwarten lassen,« sagte der Baron. Adrian meinte, daß das das Essen viel bekömmlicher machen würde, und fügte hinzu: »Du weißt doch, was er sagt?« Da der Baron verneinte, erklärte ihm Adrian auf zarte Weise, wie Bensons außergewöhnlich schwerfälliges Wesen durch die Sorge um die Sicherheit seines Herrn veranlaßt worden sei. »Du mußt dem treuen Narren verzeihen,« fuhr er fort, denn der Baron errötete und rief aus: »Seine Dummheit ist unglaublich! Ich werde wirklich meine Bibliothekstür vor ihm verschließen müssen!« Im Geiste sah Adrian sofort eine reizende, kleine Szene im Innern des Studierzimmers, wie Benson sie tatsächlich gesehen hatte. Damit seine Prophezeiungen durch die Zukunft auch wirklich bestätigt werden möchten, war Benson als vorsichtiger Prophet darauf bedacht gewesen, die Erscheinungen der Gegenwart zu beobachten, denn das Manuskript des Pilgers, dessen fleißiger Leser 262 er war, hatte ihm zufälligerweise einen Wink erteilt, indem es ziemlich nachdrücklich sagt: »Könnten wir der Zeit voll ins Gesicht sehen, so würden wir sie verstehen können.« Wenn man nun aber der Zeit voll ins Gesicht sehen will, ist es zuweilen nötig, durch Schlüssellöcher zu gucken, denn die ehrwürdige Veteranin hat manchmal die Laune, dich mit einer Wange friedlich anzulächeln, während sie mit der andern hinter dem Vorhang verwirrend grinst. Der Anstand und ein Gefühl von Ehre halten die meisten von uns davor zurück, uns so für alle Zeiten weise und elend zu machen. Bensons Entschuldigung war, daß er seinem Herrn vertraute und ihn bedroht sah. Und außerdem war es ihm, trotz seiner früheren, bösen Erfahrungen, eine angenehme Beschäftigung, Cupido zu belauschen. So guckte er durchs Schlüsselloch und sah auch etwas. Er sah der Zeit voll ins Gesicht, oder mit andern Worten, er sah die List der Frau und die Schwachheit des Mannes, was die Geschichte unseres Lebens ausmacht. So würde sie wenigstens Benson dargestellt haben und so ist sie von vielen Dichtern und Philosophen dargestellt worden. Und doch war es nur das Pflücken der Herbstblume gewesen, was Benson gesehen hatte, ein Vorgang, sehr verschieden von dem Pflücken der Frühlingsblüte: sehr unschuldig! Unsere gesetzte, ältere Schwester hat blasseres Blut und hat auch etwas Vernunft an der Wurzel, oder bildet sich doch wenigstens ein, sie zu haben. Sie ist nicht nur Instinkt. »Um dieser edlen Sache willen und weil ich die Männer kenne und weiß, daß er die Krone aller Männer ist, gebe ich mich ihm hin!« Innerlich redet sie sich mit solch erhabenen Worten an, während die Hand sie von der Wurzel löst. Sie bedarf einer so starken Selbstrechtfertigung. Ihr fehlt das blinde 263 Triumphgefühl, mit dem ihre jüngere Schwester den gefährlichen Sprung verklären kann. Und wenn sie der Motte gleich nach den Sternen strebt, so hütet sie sich doch, mit vorsichtiger Ängstlichkeit, vor den Kerzen. Daher zieht sie weite und vorsichtige Kreise um die gefährliche menschliche Flamme. Mit immer neuen Vernunftgründen muß sie näher gezogen werden. Sie liebt es, mit Gefühlen zu spielen. Lady Blandish hatte zehn Jahre lang mit Gefühlen gespielt. Sie hätte das Spiel gerne fortgesetzt. Der dunkeläugigen Dame gefiel ihr glattes Dasein und die sanfte Erregung, die es doch nicht aufregte. Sie ließ sich nicht gerne besiegen. »Gefühlsmenschen,« sagt das Manuskript des Pilgers, »sind diejenigen, die genießen wollen, ohne doch die unermeßlichen Verpflichtungen auf sich nehmen zu wollen für das Getane.« In bezug auf Gefühlsschwelgerei sagt der Verfasser an einer anderen Stelle: »Sie ist ein hübscher Zeitvertreib und eine wichtige Wissenschaft für die Schüchternen, Müßigen und Herzlosen, aber verhängnisvoll für diejenigen, die etwas dabei zu verlieren haben.« Indessen kann jemand, der das Sterben aus Liebe für Sentimentalität ausgibt, wohl kaum als Autorität auf diesem Gebiet angesehen werden. Sicherlich gehörte er nicht zu denen, die das Aufsichnehmen der großen Verpflichtungen vermeiden wollten: aber er war noch in den Banden der Frau, die ihn verlassen hatte, und ein bindendes Wort würde es ihm zur Pflicht gemacht haben, dem öffentlichen Gerede die Stirn zu bieten, was für ihn das Schlimmste gewesen wäre, das ihm hätte begegnen können. Was den tugendhaften Benson so entsetzt hatte, hatte Richard schon in Daphnes Laube gesehen, einfach einen Kuß auf eine schöne, weiße Hand! Zweifellos diente das Schlüsselloch dazu, Bensons Entsetzen noch zu erhöhen. 264 Die beiden gleichen, so sehr unschuldigen Vorgänge hatten wunderbar entgegengesetzte Wirkungen. Der erste entflammte Richard zur Bewunderung der Frauen, der zweite zerstörte Bensons Glauben an den Mann. Aber Lady Blandish verstand den Unterschied. Sie verstand es, warum der Baron nicht sprach, entschuldigte und achtete ihn dafür. Da sie lieben mußte, war sie zufrieden damit, demütig zu lieben und tröstete sich selbst durch ihr Mitleid mit seinem Kummer. Hundert neue Gründe für ihre Liebe zu ihm entstanden und vermehrten sich täglich. Er las ihr aus seiner eigenen Handschrift das geheime Buch vor, das er, als Führer durch Richards Ehe, verfaßt hatte. Es enthielt Rat und Vorschläge für einen jungen Ehemann voll der liebevollsten, zartesten Weisheit, wie sie meinte, ja, es war voller Poesie, obgleich es weder in Reimen, noch in Versmaß war. Er erklärte ihr die unterscheidenden Merkmale der verschiedenen Lebensalter und reichte die Palme derjenigen Blume, die sie jetzt erzeugte, stellte sie über die Blüte des Frühlings oder die sommerliche Rose. Und während sie saßen und sprachen, sagte er: »Meine Wunde ist geheilt.« »Und wodurch?« fragte sie. »An der Quelle Ihrer Augen,« erwiderte er und sog neue Lebensfreude aus ihrem Erröten, ohne eine weitere Verpflichtung auf sich zu laden für das Getane.   Fünfundzwanzigstes Kapitel. In welchem der Held einen wichtigen Schritt tut. Mag es dem dahinstürmenden Helden zur Entschuldigung dienen für den Schaden, den er anrichtet, und mag es ein Trost sein für die Unglücklichen, die von seinen Wagenrädern fortgerissen werden, daß er selbst 265 gewöhnlich der letzte ist, der etwas davon weiß, wenn er einen wirklichen Anfang gemacht hat; denn wenn er auch unser Schicksal beeinflußt, so ist er doch auch wie wir andern nur ein schwaches Geschöpf. Daran erkennt man den wahren Helden, sei er nun ein Prinz oder ein Küchenjunge, daß er keine Pläne schmiedet; das Schicksal tut alles für ihn. Man kann ihn mit jemand vergleichen, der in einem elektrischen Kreise damit beauftragt ist, die Batterie zu tragen. Wir machen Luftsprünge und schneiden Gesichter nach seinem Willen, und doch ist der Wille nicht sein, und nicht sein die Macht. Es gehört alles dem Schicksal, dessen Puppe er ist. Es teilt seine Gaben durch ihn aus. Ja, wären auch unsere Luftsprünge noch so komisch, er lacht nicht. Der wahre Held hat nur seine eigene Angelegenheit im Auge, er bittet uns dann und wann um kleine Dienste, hält es für ganz natürlich, daß sie ihm gewährt werden, und sieht nichts Lächerliches in den traurigen Verrenkungen, die wir anstellen müssen, um sie zu erfüllen. Wahrscheinlich ist er der Auserwählte des Schicksals, wegen seiner bemerkenswerten Fähigkeit um sein eigenes Ziel im Auge zu haben. »Was,« wie das Manuskript des Pilgers sagt, »bei Männern ebenso hoch geschätzt werden muß, wie die Kraft, die aus dem Wasser einen Strom macht.« Dieses Präludium war notwendig zu dem gegenwärtigen Kapitel in Richards Geschichte. Es ereignete sich im Verlauf des Jahres, während die alte Erde mit ihren Blüten beschäftigt war, der Wind frisch wehte und die kleinen Vögel sangen, daß Hippias Feverel, der Dyspeptiker, zu seinem Erstaunen fühlte, wie sich auch in ihm der Frühling regte. Er teilte seine wundervollen, neuen Empfindungen seinem Bruder, dem Baron, mit, der mit Bezug auf ihn nur immer wieder sagte: »Der arme Hippias! Seine ganze innere Maschine 266 liegt unverhüllt da!« Der Baron hegte keine Hoffnung, daß sein Bruder jemals wieder imstande sein würde, sie zu verbergen. Hippias indessen hegte diese Hoffnung und sprach sie aus, wobei er die Maschine noch besonders bloßstellte, um die Erklärung wirkungsvoll zu machen. Er sprach von all seinen physischen Experimenten mit Frohlocken und Erstaunen. Die Ausführung alltäglicher Anstrengungen, die man gewöhnlich nicht austrompetet, feierte er als Triumphe und forderte Adrians Witz natürlich sofort damit heraus. Aber jetzt konnte er das, sowie alles andere ertragen. Es war eine unaussprechliche Erleichterung für ihn, daß er wieder auf die Welt der Sterblichen blicken konnte, anstatt in die schwarzen, gespenstischen Abgründe seines eigenen, verwickelten, schrecklichen Körpers. »Mein Gemüt scheint jetzt nicht so beunruhigt,« sagte Hippias mit einem kurzen Nicken und scharfen Zusammenziehen des Mundes, um seinen Zuhörern eine kleine Vorstellung von den höllischen Leiden zu geben, die er zu ertragen hätte: »Mir ist, als wenn ich jetzt über Wasser gekommen wäre.« Ein armer Dyspeptiker mag reden, wie er will, er wird niemals Sympathie erregen oder Mitleid erfahren: und sein Stöhnen und Betteln um Barmherzigkeit ist am wenigsten dazu geeignet, jene christliche Tugend zu erwecken. Lady Blandish hatte eine mitleidige Seele und ein Herz für kleine Mäuse und Fliegen und doch konnte sie es nicht ertragen Hippias anzuhören, und Sir Austin hatte auch nur wenig Geduld mit seines Bruders Anschein von Gesundheit, der nur gerade ausreichte, seine Krankheit sichtbarer zu machen. Er erinnerte sich seiner früheren Torheiten und Ausschweifungen und hörte ihn an, wie ein Mann einen andern anhört, der sich darüber beklagt, daß er eine Schuld zu bezahlen hat, die er selbst auf sich geladen. 267 »Ich denke,« sagte Adrian, als er sah, wie Hippias' Mitteilungen aufgenommen wurden, »wenn unsere Nemesis sich im Magen festsetzt, tun wir am besten, wir spielen den Spartaner, wir lächeln und schweigen.« Richard war der einzige, der wirklich freundlich zu Hippias war, ob aus Widerspruchsgeist oder wirklicher Zuneigung, konnte man nicht sagen, da der junge Mann in seinem Benehmen rätselhaft war. Er riet seinem Onkel, sich Bewegung zu machen, ging mit ihm spazieren, verschaffte ihm freundliche Eindrücke und wies auf unschuldige Beschäftigungen hin. Er veranlaßte Hippias, mit ihm einige der armen, alten Leute des Dorfes zu besuchen, welche den Verlust seines Vetters Austin Wentworth beklagten, und tat alles, was er konnte, um ihn aufzuwecken und der äußeren Welt mehr Einfluß auf ihn zu verschaffen. Er erreichte nicht mehr, als daß er seines Onkels Dankbarkeit gewann. Der Frühling blühte kaum länger als eine Woche für Hippias und fing dann wieder an zu schwinden. Der feste Griff, mit dem der arme Dyspeptiker die Seligkeit zu fassen gemeint hatte, ließ nach, er kam wieder unter Wasser. Er verkündigte, daß er »schwammige Dinge« fühle, ein Symptom, das seine Krankheit besonders dornenvoll machte. Der bittere Ausdruck kam wieder in sein Gesicht; er wiederholte aufs neue seine schrecklichen Halluzinationen. Er sagte Richard, daß er es aufgeben müsse mit ihm herumzugehen, es mache ihn zu elend, wenn die Leute von ihren Leiden sprächen, die Vögel wären so geräuschvoll beim Paaren – der rauhe, nackte Erdboden errege ihm Übelkeit. – Richard behandelte ihn ebenso ernst, wie sein Vater es tat. Er fragte, was die Ärzte sagten. »Ach, die Ärzte!« rief Hippias mit heftigem Skeptizismus. »Kein vernünftiger Mann glaubt an Medizin für chronische Leiden. Hast du vielleicht zufällig von irgend 268 einem neuen Mittel gehört, Richard? Nicht? Ich kann dich versichern, mein Junge, sie annonzieren sehr viele Kuren für Magenkranke in den Zeitungen. Ich würde gerne wissen, ob man sich auf die Echtheit der Unterschriften verlassen kann. Ich sehe gar keinen Grund, weshalb es nicht eine Kur für solch eine Krankheit geben sollte. – He? und es ist gerade etwas, was ein Quacksalber, wie man sie nennt, eher finden könnte, als einer, der sich in den ausgetretenen Geleisen bewegt. Weißt du, mein lieber Junge, ich habe oft gedacht, daß, wenn wir auf irgend eine Art die außerordentlichen Verdauungskräfte, die eine Boa constrictor in ihrem Magensaft hat, uns zu eigenem Gebrauch verschaffen könnten, wirklich gar kein Grund vorhanden wäre, weshalb wir nicht bequem mit so viel von einem Ochsen sollten fertig werden können, als unser Magen halten kann, und französische Gerichte sollten essen können ohne den elenden Gedanken an die Folgen. Und das bringt mich auf den Gedanken, daß jene Burschen doch vielleicht etwas Wahrheit besitzen könnten, irgend ein Geheimnis, von dem sie natürlich verlangen, daß man es ihnen bezahle. Wir hegen zu viel Mißtrauen gegeneinander in dieser Welt, Richard. Ich habe schon ein- oder zweimal die Neigung verspürt – aber es ist ja abgeschmackt! – Wenn es nur ein klein wenig von meinen Leiden lindern wollte, dann wäre ich schon zufrieden. Ich zögere nicht, es auszusprechen, daß ich schon ganz zufrieden wäre, wenn es nur ein oder zwei Leiden aufheben würde und ich essen und trinken könnte, wie andere Menschen. Nicht, daß ich diese Mittel versuchen wollte. Es ist nur so ein Gedanke – He! Wie wichtig doch die Gesundheit ist, mein lieber Junge! Ach, wenn ich wäre wie du! Ich war auch einmal verliebt!« »So!« sagte Richard und sah ihn kalt an. 269 »Ich habe vergessen, was ich damals fühlte,« seufzte Hippias. »Du hast dich sehr zu deinem Vorteil verändert, mein lieber Junge!« »Die Leute behaupten es,« meinte Richard. Hippias sah ihn erwartungsvoll an. »Wenn ich nach der Stadt ginge, um des Doktors Meinung über eine neue Kur zu erfahren – He, Richard? Würdest du dann mit mir kommen? Ich würde dich sehr gerne zur Gesellschaft haben. Sieh mal, wir könnten dann zusammen London sehen. Uns amüsieren,« sagte Hippias und rieb sich die Hände. Richard lächelte bei dem schwachen Schein von Vergnügen, der aus seines Onkels Augen sprach und sagte, daß er es für besser hielte, sie blieben wo sie wären – eine Antwort, die sehr unbestimmt klang. Hippias war aber ganz eingenommen von dem lockenden Plane. Er ging zu dem Baron und legte ihm die Sache vor, indem er natürlich die Ärzte als den Grund seiner Reise anführte, nicht die Quacksalber, und bat um die Erlaubnis, Richard mitnehmen zu dürfen. Sir Austin fing an unruhig zu werden über das Wesen seines Sohnes. Es war nicht natürlich. Sein Herz schien zu Eis erstarrt: er hatte kein Selbstvertrauen: er schien auch keinen Ehrgeiz zu haben – es schien, als hätte er auch mit dem Gift, das aus ihm entfernt worden war, die Tugend der Jugend verloren. Der Baron war geneigt zu versuchen, welche Wirkung eine kleine Reise auf ihn haben könnte, und hatte selbst schon ein- oder zweimal Richard darauf hingewiesen, daß es gut für ihn sein könnte, etwas zu reisen, worauf der junge Mann ruhig geantwortet hatte, daß er nicht den Wunsch hätte, Raynham überhaupt zu verlassen, was eine etwas zu strenge Erfüllung von seines Vaters ursprünglichen Absichten war, ihn ganz zu Hause zu erziehen. An dem Tage, an welchem Hippias seinen 270 Vorschlag machte, wurde auch von Adrian ein Vorschlag gemacht, den Lady Blandish unterstützte. Die süße Frühlingszeit regte sich in Adrian ebensowohl, wie in anderen, nicht zu ländlichen Freuden, sondern zu den Freuden der Opern-Welt und der Bravour-Arien. – Er meinte auch, daß es ratsam wäre, Richard für eine Zeitlang nach London zu bringen, ihn mit seiner Stellung bekannt zu machen und ihm einige Freiheit zu gewähren. Es wäre ziemlich sicher, daß Richards Leidenschaft ausgebrannt wäre und der Jüngling jetzt nur noch unter der Last der Asche litte. Er hatte in dem Gasthaus in Bellingham auf Richards Herzen eine Locke goldenen Haares gefunden und sie an sich genommen. Der Liebende hatte einmal mit schwachen Händen danach gefühlt und dann niemals wieder danach gefragt. Was für Seufzer und Tränen hatte diese kostbare Locke, die Miß Davenport ihm als Lucys letzte Gabe in Belthorpe in die Hand gedrückt hatte, über sich ergehen lassen! Der Baron legte sie eines Tages so hin, daß Richard sie sehen konnte, und beobachtete, wie er sie aufnahm, umdrehte und ruhig wieder fallen ließ, als ob er irgend einen ganz gewöhnlichen Gegenstand in der Hand hätte. Es beruhigte ihn in dieser Beziehung. Des jungen Mannes Liebe war tot. Dr. Clifford hatte recht: er brauchte Zerstreuung. Der Baron beschloß, daß Richard reisen sollte. Hippias und Adrian verfochten jeder seinen Plan, jeder wollte ihn haben. Hippias fehlte es nicht an Verstand, wenn er sich selbst vergessen konnte. Er bemerkte, daß Adrian zurzeit kein passender Gefährte für Richard wäre und ihn lehren würde, das Leben von einem falschen Gesichtspunkte aus zu betrachten. »Du hast kein Verständnis für einen jungen Philosophen,« sagte der Baron. »Ein junger Philosoph ist ein 271 alter Narr,« erwiderte Hippias, unbewußt, daß sein Groll sich zu einer Sentenz geformt hatte. Sein Bruder lächelte befriedigt und zollte ihm lauten Beifall: »Ausgezeichnet, wert deiner besten Tage! Du hast aber unrecht, wenn du es auf Adrian anwendest. Er ist niemals frühreif gewesen. Alles, was er getan hat, war, gesunden Menschenverstand auf das in Anwendung zu bringen, was er sieht und hört. Vielleicht fehlt es ihm nur an Glauben an die besseren Eigenschaften der Menschen.« Und diese Erwägung ließ ihn nicht wünschen, seinen Sohn mit Adrian allein zu lassen. Er ließ Richard die Wahl, und da dieser erkannte, nach welcher Richtung seines Vaters Wünsche gingen, entschied er sich demgemäß. Natürlich ärgerte sich Adrian sehr darüber. Er sagte zu seinem Vorgesetzten: »Ich hoffe, du weißt, was du tust. Ich sehe nicht ein, wie es uns zum Vorteil gereichen sollte, wenn der Familienname durch zwanzig Jahre widerliche Leiden bekannt gemacht und zum Gegenstand des Spottes wird, für die Anlage unserer Konstitution zu Magenerweiterung, ehe wir zu unserm Glück die Pillen des Herrn Quacksalbers kennen lernten. Die Leiden meines Onkels sind ungeheuer groß, aber es wäre mir lieber, wenn die Gesellschaft nicht ihre verschiedenen Benennungen kennen lernte.« Adrian zählte einige der schrecklichsten auf. »Du kennst ihn ja. Wenn er es für seine Pflicht hält, wird er es tun, gegen allen Anstand und um so eigensinniger, weil seine Auffassung ungewöhnlich ist. Wenn er sich am Morgen nach einer Pille etwas wohler fühlt, schickt er den Brief, der unseren Namen berühmt macht! Wir werden der Nachwelt überliefert mit genauester Charakteristik, ganz abgesehen von der Berühmtheit unter unsern Zeitgenossen, die sich auf nichts Geringeres gründet, als daß 272 unser Innerstes vor dem Pöbel bloßgelegt wird. Ich gestehe, daß ich keine Lust verspüre, ihm meine Maschinerie zu enthüllen.« Sir Austin versicherte dem weisen Jüngling, daß Hippias zu Dr. Bairam gehen würde. Er besänftigte Adrians Kummer, indem er ihm sagte, daß sie in ungefähr zwei Wochen nach London folgen würden, wies auch auf einen geplanten Sommerausflug hin. Der Tag für Richards Abreise war bestimmt worden und kam nun heran. Die Großtante rief ihn in ihr Zimmer und legte eine Fünfzigpfundnote in seine Hand, als ihren Beitrag zu seinem Taschengelde. Er brauche es nicht, meinte er, aber sie sagte ihm, er wäre ein junger Mann und würde bald fliegen lernen, sobald er nur erst auf eigenen Füßen stände. Die alte Dame war in ihrem Herzen durchaus nicht mit dem System einverstanden und gab ihrem Großneffen zu verstehen, wohin er sich zu wenden hätte, wenn er mehr brauchen sollte, und daß Geheimnisse bewahrt werden würden. Sein Vater gab ihm hundert Pfund – von denen Richard auch sagte, daß er sie nicht brauche – er machte sich nichts aus Geld. »Gib es aus oder nicht,« sagte der Baron und war vollständig beruhigt über seinen Sohn. Hippias hatte nur wenige Vorschriften zu beachten. Sie sollten Zimmer in einem Hotel nehmen, da der Verkehr, den Algernon gewöhnlich unterhielt, nicht so ganz zuträglich war. Der Baron warnte Hippias besonders vor dem Versuch, nicht unklug die Freiheit des jungen Mannes beschränken zu wollen, damit nicht der Gedanke bei ihm aufkäme, daß er überwacht würde. Richard, der sozusagen durch Despotismus gekappt worden war, sollte jetzt gerade aufwachsen und wieder Blüten treiben, und sollte dabei glauben, vollkommen unabhängig zu sein. So bestimmte es der Weise; und wir wollen einen Augenblick 273 anhalten, um darüber nachzudenken, wie weise seine Voraussicht war und wie erfolgreich sie hätte sein müssen, hätte sich nicht Fortuna, die große Feindin menschlicher Klugheit, gegen ihn gewandt oder vielmehr er sich gegen sich selbst. Die Abreise fand an einem schönen Märzmorgen statt. Die Wintervögel sangen auf den knospenden Bäumen, Sommervögel in der blauen Luft. Adrian ritt zwischen Richard und Hippias nach dem Bahnhof in Bellingham und ließ seine Verstimmtheit auf seine eigne launenhafte Weise an ihnen aus, da es nicht regnete, um ihre gute Laune zu dämpfen. Hinter ihnen ritten Lady Blandish und der Baron in ruhigem Gespräch, da sie sich auf dem Gipfel des Erfolges fühlten. »Sie haben ihn zu Ihrem Ebenbilde gemacht,« sagte sie und zeigte mit der Reitgerte auf die ernste, stattliche Figur des jungen Mannes. »Äußerlich vielleicht,« antwortete er und führte das Gespräch zu einer Erörterung über Reinheit und Stärke, worin Lady Blandish der Reinheit den Vorzug gab. »Das tun Sie doch nicht wirklich,« sagte der Baron. »Und darin bewundere ich den immer richtigen Instinkt der Frauen, daß sie alle die Stärke verehren, in welcher Form sie auch auftritt, und sie als ein Kind des Himmels zu erkennen scheinen; wogegen die Reinheit nur ein Merkmal ist, ein Kleid, das befleckt werden kann – und wie leicht! Denn es gibt Fragen in diesem Leben, mit denen wir ringen müssen, wenn wir nicht verloren gehen wollen und wenn uns der kalte Blick des scharfen, inneren Bewußtseins verfolgt, dann wird auch die klarste Seele zum listigen Fuchs, wenn sie nicht den Mut hat, sich dem Kampfe zu stellen. Stärke zeigt unbegrenzte Natur – wie die des Schöpfers. Stärke ist für sie ein Gott – Reinheit ein Spielzeug. »Ein hübsches Spielzeug, und Sie scheinen gern damit zu spielen,« fügte er mit ungewohnter Schelmerei hinzu. Lady Blandish lauschte seinen Worten, erfreut über seine scherzhafte Bosheit, die ihr zeigte, daß der Druck von seinem Gemüt gewichen war. Jetzt mußten die Frauen ihre Sache ihm gegenüber ausfechten, sie nahm nur zu ihrer Belustigung daran teil. So kommt es, daß die Reihen unserer Feinde sich lichten; sobald nur die armen Frauen eine Kämpferin aus ihrer Mitte aufgestellt haben, werden sie auch schon von ihr verraten. »Ich sehe,« sagte sie listig, »daß wir die zarteren Geschöpfe sind; Sie beanspruchen für sich die direktere Abstammung. Die Männer sind Samenpflanzen: die Frauen – Setzlinge! Ja, das haben Sie gesagt,« rief sie lachend bei seiner abwehrenden Bewegung. »Aber ich habe es niemals drucken lassen.« »Ach, was Sie sprechen, ist für mich so gut wie gedruckt.« Entzückende Lady Blandish! Er konnte nicht anders, er mußte sie lieben. »Sagen Sie mir, was Sie jetzt für Pläne haben?« fragte sie. »Darf eine Frau sie wissen?« Er antwortete: »Ich habe keine Pläne, oder Sie würden sie teilen. Ich werde sein Benehmen in der Welt beobachten. Diese Gleichgültigkeit muß sich verlieren. Ich werde sehen, wohin seine Neigungen gehen, und er soll das werden, wozu er Neigung zeigt. In der Beschäftigung wird hauptsächlich seine Sicherheit liegen. Seines Vetters Austin Lebensplan scheint am meisten nach seinem Geschmack und er kann auf die Art dem Volke eben so viel nützen wie im Parlament, wenn es ihm an stärkerem Ehrgeiz fehlen sollte. Die deutliche Pflicht eines wohlhabenden Mannes ist, dem Volke so gut zu dienen, wie er kann. Er soll sich Austins Gesellschaft anschließen, wenn er es 275 wünscht, obgleich ich persönlich kein Vergnügen an übereilten Unternehmungen und unausgereiften Plänen finde, die sich auf den Prinzipien des Instinkts aufbauen.« »Sehen Sie ihn jetzt,« sagte die Dame. »Er scheint für nichts Interesse zu haben, nicht einmal für die Schönheit des Tages.« »Oder für Adrians Scherze,« fügte der Baron hinzu. Man konnte sehen, wie eifrig sich Adrian bemühte, seine Hörer zu einem Lächeln zu zwingen, oder zu einem Zeichen der Gereiztheit, indem er sich bald zu dem einen, bald zu dem andern wandte mit vernehmlichen Nebenbemerkungen. Er behandelte Richard als ein neues Werkzeug der Zerstörung, das auf die schlummernde Hauptstadt losgelassen werden sollte, Hippias als eine Person in interessanten Umständen, und aus der Vorstellung, daß diese beiden zusammen reisten, und der Voraussicht aller Unglücksfälle, die ihnen zustoßen könnten, leitete er so viel Witze ab, daß er es beinahe als persönliche Beleidigung auffaßte, daß seine Hörer nicht lachten. Das langweilige Leben, das der weise Jüngling in Raynham führte, hatte ihm manche Eigentümlichkeiten des berufsmäßigen Witzboldes verliehen. »Ach der Frühling, der Frühling!« rief er, als sie wie zum Hohn auf seine Späße über ihn hinweg ihre gleichgültigen Bemerkungen über das schöne Wetter austauschten. »Ihr scheint beide außerordentlich aufgeregt über die Vorgänge bei den Turteltauben, Raben und Dohlen. Warum könnt Ihr sie nicht zufrieden lassen?« Der Wind weht, Der Hahn kräht,         Dudelduck. Hippy regt sich, Rick bewegt sich,         Singt Kuckuck! 276 »Da habt ihr ein altes Hirtenlied! – Warum schreibst du nicht ein Frühlingssonett, Ricky? Die Spargelbeete versprechen gute Ernte, höre ich, und auch die Erdbeeren. Für Beeren hat dein Pegasus, wie ich annehme, eine besondere Vorliebe. Was für Beeren waren das, über die ich einmal ein Sonett von dir gelesen habe? – ein Liebeslied an irgend welche Beeren – Erdbeeren, Blaubeeren, Brombeeren! Es waren sehr hübsche Verse, recht warm. Lippen, Augen, Brust und Beine – Beine? Nein, ich denke, Beine hast du ihr nicht gegeben. Keine Beine und keine Nase. Das scheint der poetische Geschmack des Tages zu sein. Man muß zugeben, daß ihr Schönheiten schafft, die gut für keusche Leute passen. Oh, könnt' ich ruh'n, wo ihre Laute schläft! und der moralischen Gemeinde keinen Anstoß geben. Das ist kein schlechter Vergleich, den du da gemacht hast, mein lieber Junge: Sie gleicht der flinken Antilope Auf den Hügeln im fernen Ost. Aber als aufrichtiger Kritiker muß ich dich doch fragen, ob der Vergleich als ganz korrekt angesehen werden kann, wenn du ihr keine Beine gibst? Beim Ballett wirst du sehen, daß du jetzt in betreff der Frauen noch im Irrtum bist, Richard. Diese bewundernswerte Einrichtung, die unsere ehrwürdigen Vorfahren aus Gallien eingeführt haben, zur Belehrung der staunenden Jugend, wird dich erheben und in Verwunderung versetzen. Ich versichere dich, ich pflege mir infolge der Lektüre des Manuskripts des Pilgers allerhand wunderliche Dinge von ihnen einzubilden, bis ich dorthin geführt wurde und erfuhr, daß sie uns schließlich sehr ähnlich sind, und da hörten sie auf, mich zu beunruhigen. Das Geheimnisvolle ist die große 277 Gefahr für die Jugend, mein Sohn! Das Geheimnisvolle ist die furchtbare Waffe der Frau, oh du Richard der Prüfungen! Ich weiß wohl, daß du deinen Unterricht in Anatomie erhalten hast, aber nichts wird dir die Überzeugung beibringen, daß eine anatomische Figur Fleisch und Blut bedeutet. Man kann sich die Tatsache nicht klar machen. Hast du die Absicht, deine Gedichte herauszugeben, wenn du nach der Stadt kommst? Es wird besser sein, wenn du es nicht mit deinem Namen tust. Wenn man seinen Namen auf einem Band Gedichte hat, so ist das beinahe ebenso schlimm, wie auf einem Reklameschild für Pillen.« »Ich werde dir eins der ersten Exemplare schicken, Adrian, sobald ich gedruckt bin,« sagte Richard. »Höre doch die alte Drossel, Onkel!« »Ja,« sagte Hippias mit zitternder Stimme und sah von dem gewöhnlichen Gegenstand seiner Betrachtung auf und machte den Versuch, sich für den Vogel zu interessieren, »ein schöner alter Bursche!« »Wie er trillert, bevor er auffliegt! Beinahe wie die Nachtigallen im Juli. Du besinnst dich doch noch auf den Vogel, von dem ich dir erzählte, auf die Amsel, deren Gefährte erschossen wurde und die nun dem Vogel bei der alten Frau Bakewell vom nächsten Baume aus zusang. Ein Schurke hat vorgestern die Amsel tot geschlagen und die alte Frau sagt, daß ihr Vogel seitdem keinen Ton mehr gesungen habe.« »Höchst wunderbar!« murmelte Hippias zerstreut. »Ich erinnere mich der Verse.« »Aber wo bleibt die Moral?« warf der zornige Adrian ein; »wo bleibt die Belohnung für die Treue? Der Kuckuck, der der Grasemück So gern ins Nestchen heckt, Und lacht darob mit arger Tück Und manchen Ehmann neckt. 278 »Wo steckt da die Moral? Wenn es nicht bedeutet, daß dem Dichter jedes Wildbret recht ist. Es ist sicherlich ein edles Beispiel von der Treue des Weibchens, das sich drei Tage nicht hören läßt, wegen eines verstorbenen Gatten. Ich glaube das war es, worauf Ricky anspielte.« »Wie du willst, mein lieber Adrian,« sagte Richard und machte seinen Onkel auf die Lärchenknospen aufmerksam, während sie durch den frischen grünenden Wald ritten. Der weise Jüngling wurde bis zum äußersten getrieben. An einen solchen Wechsel in den Gefühlen seines Schülers vom Heroismus bis zu arkadischer Kühle konnte Adrian nicht glauben. »Höre doch die alte Drossel!« rief er nun seinerseits und versuchte den abgebrochenen Gesang in Worten wiederzugeben. »Ach, was für eine hübsche Komödie? – Verstehen wir es nicht gut, unsere Maske zu tragen, mein Fiesko? – Genua wird morgen uns gehören! – Wartet nur bis der Zug abgeht – lustig! lustig! lustig! Wir werden doch noch Sieger sein! Kein schlechtes Lied, nicht wahr, Ricky? mein Lucius Junius!« »Du verstehst es gut, die Drossel zu spielen,« sagte Richard und sah ihn sanft und freundlich an. Adrian zuckte mit den Achseln. »Du bist ein wunderbar begabter junger Mann,« sagte er mit besonderm Nachdruck, womit er sagen wollte, daß Richard ihm bei weitem überlegen wäre, für welche Ansicht ihm Richard mit ernster Miene dankte, und während dessen ritten sie auf dem Bahnhof in Bellingham ein. Der junge Tom Blaize war auf der Station in seinem Sonntagshut, in seiner Staatsweste und besten Krawatte und kam sich Tom Bakewell gegenüber, der mit dem Gepäck beauftragt, seinem Herrn vorangegangen war, sehr 279 wie ein Herr vor. Er war auch auf dem Wege nach London. Als Richard abstieg, hörte er, wie Adrian zu dem Baron sagte: »Das Ungeheuer scheint auf dem Wege, um Schönchen abzuholen,« schenkte den Worten aber keine Beachtung. Ob nun Tom Blaize diese Worte hörte oder nicht, Adrians Blick nahm ihm viel von seinem Herrengefühl und er zog es vor, sich in die Dunkelheit zurückzuziehen, wo ihm sein schöner Anzug, der so modern war, wie ihn die Bellinghamer Schneider leisten konnten, natürlicher saß, und wo ihn die Blicke der Höherstehenden, denen er gleichzukommen trachtete, nicht ungelenk machten. Der Baron, Lady Blandish und Adrian blieben zu Pferde und sagten Richard über das Bahnhofsgitter hinweg Lebewohl. Er schüttelte jedem von ihnen in derselben freundlich kühlen Art die Hand, was Adrian dazu veranlaßte, ihm sein hohes Lob über die Art, wie er es täte, auszusprechen. Der Zug lief ein, und Richard bestieg hinter seinem Onkel das Coupé. Es wird sicherlich eine Zeit kommen, wo die Darstellung des Kampfes der Wissenschaft mit dem Geschick und dem Glück als das wahre Epos des modernen Lebens betrachtet werden wird; und wo man den Anblick eines wissenschaftlich gebildeten Menschenkenners, der kraft seiner unausgesetzten Wachsamkeit gegen diese tätigen Kräfte ein System durchgeführt hat, als erhaben bezeichnen wird; selbst wenn er im Augenblick nichts andres tut, als an einem schönen Märzmorgen wie diesem zu Pferde sitzt und ernsthaft lächelnd zusieht, wie der Sohn seines Herzens, sein verkörpertes System der Bevormundung, ein heiteres Lebewohl zuwinkt; um weder zu eifrig, noch zu unwillig, einmal zwei Wochen lang sein Glück allein zu versuchen. Heute weiß ich, wird ein Leserkreis, der nach blutigen, ruhmreichen Taten verlangt, den Nachdruck, den ich auf solch kleinliche Ereignisse und ein so wenig 280 imposantes Bild lege, verachten. Es wird aber ein Leserkreis kommen, dem es gegeben sein wird, die Maschine in ihrer elementaren Arbeit zu beobachten und der sozusagen aus einer kleinen Bewegung der Strohhalme die Märzwinde fühlen wird, auch wenn sie nicht wehen. Diesen Leuten wird nichts geringfügig erscheinen, da sie den unsichtbaren Konflikt im Auge haben werden, der sich um uns herum abspielt, und dessen Züge sich durch ein Nicken, ein Lächeln, ein Lachen von uns stündlich verändert. Und sie werden außerdem bemerken, daß im wirklichen Leben alles im Zusammenhange steht: daß das Heben der Augenbrauen eine Bewegung entfesseln kann, die Tausende mit fortreißt. Sie werden im Vorübergehen die Bindeglieder zwischen den Dingen erkennen und sich nicht länger darüber wundern, wie es törichte Leute heute noch tun, daß ein solch wichtiges Ereignis aus einer so geringen Ursache entstehen konnte. Solch ein Leserkreis wird dann Anteil nehmen an des Barons Gefühl der Befriedigung bei dem Benehmen seines Sohnes, worin er den ruhigen Einfluß der Erfahrung erkannte, die nicht auf die gewöhnliche, oberflächliche Weise erlangt worden war, und wird auch nicht ohne Aufregung und Verständnis sein schmerzhaftes Erstaunen mit empfinden, als er sah, wie, grade als der Zug sich in schnellere Bewegung setzte, der ernste, kühl gefaßte, junge Mann sich in die Kissen zurückwarf und in ein stürmisches Gelächter ausbrach. Die Wissenschaft geriet in Verlegenheit, wie sie das erklären sollte. Um sich jeden Argwohn fern zu halten, unterließ es Sir Austin, der Sache nachzuforschen, aber es kam ihm seltsam vor und er wurde das störende Gefühl, das seine Nerven bei dem Anblick durchzuckt hatte, auch auf dem Wege nach Hause nicht los. Lady Blandish sagte mit zartem, weiblichem Verständnis für reine Stimmung: »Sie sehen, es war grade das, 281 was er brauchte. Er hat schon seine natürliche Stimmung wieder erlangt.« »Es war,« fügte Adrian seinerseits hinzu, »genau das, was er brauchte. Seine natürliche Stimmung ist auf wunderbare Weise wiedergekehrt.« »Es muß ihn irgend etwas amüsiert haben,« sagte der Baron und blickte dem keuchenden Zuge nach. »Wahrscheinlich etwas, was sein Onkel sagte oder tat,« meinte Lady Blandish und setzte ihr Pferd in Galopp. Ihre Vermutung war zufälligerweise die richtige. Die Veranlassung zu Richards Gelächter war einfach genug. Nachdem sich die Coupétüre hinter ihnen geschlossen hatte, war sich Hippias plötzlich der goldhaarigen Hoffnung bewußt geworden, die in jedem Wechsel liegt, für diejenigen, die ihn nicht zu häufig aufsuchen. Um der plötzlichen Erleichterung von der Niedergeschlagenheit, die sein Gemüt bei dieser fröhlichen Aussicht fühlte, Ausdruck zu verleihen, beugte sich der Dyspeptiker vor und rieb seine zwischen den Knien hängenden Hände so heftig, daß durch diese unglückliche Bewegung Adrians Verse: Hippy regt sich, Singt Kuckuck für Richard eine solch komische Bedeutung gewonnen, daß ihn ein wahrer Lachteufel erfaßte. Hippy regt sich! Jedesmal, wenn er nach seinem Onkel hinsah, fielen ihm diese Worte ein und er lachte so unmäßig, daß es aussah, als wenn er plötzlich toll geworden wäre. »Aber, aber, aber, warum lachst du denn so, mein lieber Junge,« sagte Hippias und wurde auch zu einem bescheidenen »Ha! ha!« angesteckt. 282 »Worüber lachst du denn, Onkel?« rief Richard. »Ich weiß wirklich nicht,« kicherte Hippias. »Ich auch nicht, Onkel! Sing Kuckuck!« Sie lachten sich in die denkbar angenehmste Stimmung hinein. Hippias kam nicht nur über Wasser, er flog wirklich bis zum Himmel auf und regte sich wie nur irgend ein fröhliches Geschöpf zur Frühlingszeit. Er erinnerte sich an alte, juristische Witze und Anekdoten, und Richard lachte über alle; aber noch mehr über den Onkel selbst – er war so natürlich und kindlich frisch und unschuldig vergnügt über seine eigne Verwandlung, während im Grunde seiner Augen dann und wann ein Zweifel auftauchte, daß es nicht dauern könnte und daß er wieder untersinken müßte, was ihm einen zugleich pathetischen und komischen Ausdruck verlieh, der seinem jugendlichen Gefährten das Herz für ihn erwärmte, ihn aber auch immer von neuem zum Lachen reizte. »Höre mal, Onkel,« sagte Richard, »ich finde, Reisen ist eine famose Sache.« »Das Beste in der Welt, mein lieber Junge,« erwiderte Hippias. »Ich wünschte wirklich, ich hätte mein Werk aufgegeben und früher versucht zu reisen, statt mich an meine Aufgabe zu fesseln. Wir werden in einem Augenblick zu ganz andern Wesen. Ich bin es schon. Hm! Sage mal, was wollen wir zu Mittag essen?« »Überlasse das mir, Onkel. Ich werde alles für dich bestellen. Du weißt, ich habe die Absicht, dich gesund zu machen. Wie wundervoll kommen wir vorwärts. Ich möchte jeden Tag Eisenbahn fahren.« Hippias bemerkte: »Man sagt, daß es ziemlich ungesund für die Verdauung sei.« »Unsinn! Pass' mal auf, wie du heut und morgen verdauen wirst!« »Vielleicht werde ich noch etwas schaffen können,« 283 seufzte Hippias und dachte an den großen literarischen Ruhm, den er einstmals erträumt hatte. »Ich hoffe, ich werde heute Nacht gut schlafen.« »Natürlich wirst du! Nach solchem Lachen!« »Ach!« grunzte Hippias, »du schläfst wohl, Richard, in dem Augenblicke, in dem du zu Bett gehst?« »Den Augenblick, sobald mein Kopf auf dem Kissen ist, und ich stehe auf, sobald ich aufwache. Gesundheit ist die Hauptsache.« »Gesundheit ist die Hauptsache!« tönte es bei Hippias, wie aus unendlicher Ferne wieder. »Und wenn du dich nur mir überlassen willst,« fuhr Richard fort, »dann sollst du es ebenso machen, wie ich. Du sollst gesund sein und stark und fröhlich singen, wie Adrians Amsel. Bei meiner Ehre, Onkel, das sollst du wirklich!« Er bestimmte die Stunden des Tages – nicht weniger als zwölf täglich – die er der Gesundheit seines Onkels widmen wollte, und seine fröhliche Jugendkraft brachte den Onkel beinahe so weit, daß er aufsprang und die Gesundheit als sein eigen in die Arme schloß. »Nimm dich aber in acht,« sagte Hippias und sein Lächeln zeigte, daß er schon halb gewonnen war, »daß deine Gerichte nicht zu stark gewürzt sind!« »Leichte Nahrung und Rotwein! Regelmäßige Mahlzeiten und Vergnügungen! Genieße alles, aber laß dich nicht vom Genuß beherrschen,« ruft die junge Weisheit, und Hippias murmelt: »Ja, ja,« und deutet damit an, daß der Ursprung seiner Krankheit darin gelegen hätte, daß er diese Grundsätze nicht früher befolgte. »Die Liebe ruiniert uns, mein lieber Junge,« sagte er mit der Absicht, Richard eine Lehre zu geben, und Richard brach geräuschvoll los: 284 »Die Liebe des Herrn Francatelli, Brachte Verderben – et caetera . –« Hippias blinzelte, kniff die Augen und sagte: »Mein lieber Junge, ich habe dich wirklich noch nie so aufgeregt gesehen.« »Das macht die Eisenbahn! Es ist solch ein Spaß, Onkel!« »Ach!« Hippias schüttelte melancholisch sein Haupt. »Du hast die ›Goldene Braut!‹ erworben. Erhalte sie dir, wenn du kannst. Das ist eine sehr hübsche Fabel von deinem Vater. Ich habe ihm allerdings die Idee dazu gegeben. Austin eignet sich sehr viele von meinen Ideen an.« »Hier ist derselbe Gedanke in Versen, Onkel – Oh, Wanderer, habt ihr erschaut, Dort bei der Flut, die Goldne Braut! Man sagt, daß liebend, schön und treu Sie mehr als jede andre sei. Du weißt wie der junge Mann, der so fragt, an dem Rande eines Stromes eine Gruppe reuiger Sünder trifft. Sie klagen und antworten ihm: Ob treu auch – läßt sie uns allein, Und liebend, schafft sie uns nur Pein, Und schön, doch mit dem Fluch geboren, Nur zu versteh'n, wenn sie verloren. Und dann geht die traurige Gesellschaft einzeln, einer hinter dem andern feierlich fort und der Dichter fährt fort: Ihr hohes Schloß im Westen steht, Bei Hespers Schein zu Ruh' sie geht. Und früh der Morgenstern begrüßt Den, den in ihren Arm sie schließt.     So lebt er, bis er, ach, begehrt     Die Mädchen von gering'rem Wert. 285 Und nicht achtend des Glückes, das sie ihm gewährt, verlangt er danach, es mit einem von jenen Mädchen zu teilen. Da kommt das Silber-Mädchen und dann das Kupfer-Mädchen, das Messing-Mädchen und dann noch andre. Zuerst versucht er die Argentina, wie du weißt und findet, daß von ihr nur zwanzig aufs Pfund gehen: eine noch schlechtere Erfahrung macht er mit Kupferina, bis er zur Küchenmagd herabsteigt, und je tiefer er sinkt, desto heller strahlen die Züge seiner ›Goldenen Braut‹ und ihr voller Glanz verbreitet sich. War es nicht so, Onkel?« »Die Verse stumpfen die Pointe etwas ab. Nun da du sie einmal hast, halte dich an sie,« sagte Hippias. »Das wollen wir, Onkel! Sieh, wie die Bauernhöfe an uns vorüberfliegen! Sieh das Vieh auf den Weiden! Und wie die Ferne sich senkt und verschwimmt! Das Ganze will sie , nicht den Teil, Das Herz noch unverbraucht und heil! Nun sucht er mit der Trauerschar Die »Goldne Braut«, die sein einst war. – und nun wird er nicht mehr von dem Morgenstern geweckt!« »Nicht, wenn er erst eine Stunde, ehe der Morgenstern aufgeht, einschläft!« warf Hippias ein. »Du reimst nicht schlecht. Aber halte dich lieber an die Prosa. Die Poesie ist ein Mädchen von wertlosem Metall. Ich weiß nicht, ob nicht alle literarische Arbeit schlecht für den Magen ist. Ich fürchte, meiner ist dadurch verdorben.« »Fürchte nichts, Onkel!« lachte Richard. »Du sollst alle Tage mit mir im Park spazieren reiten, um dir Appetit zu machen. Du und ich und die Goldene Braut. Du kennst doch das kleine Gedicht von Sandoe? Sie reitet im Park auf dem schnaubenden Roß – 286 und so weiter – War nicht Sandoe früher ein Freund meines Vaters? Sie haben sich wohl erzürnt? Er versteht das Herz. Wie läßt er doch seinen ›Demütig Liebenden‹ sagen: Schönheit gehört dem stärksten Herz, Und keinen Abgrund scheut die Liebe! Jetzt lachte Hippias grimmig, wie ein Mann über die Hohlheit der Worte lacht. »Das stärkste Herz!« höhnte er. »Aber stelle deine Bewunderung für jenen Mann nicht zu sehr zur Schau, Richard. Dein Vater wird mit dir über den Gegenstand sprechen, wenn es ihm passend erscheint.« »Ich dachte, sie hätten einen Streit miteinander gehabt,« sagte Richard. »Wie schade!« Und dann murmelte er wohlgefällig vor sich hin: »Schönheit gehört dem stärksten Herz!« Ihre Unterhaltung wurde auf einer Station durch das Hinzukommen neuer Reisender unterbrochen. Richard betrachtete ihre Gesichter mit Vergnügen. Alle Gesichter gefielen ihm. Die menschliche Natur lag ihm und seiner Goldenen Braut unterwürfig zu Füßen. Da er seine Gedanken nicht gut vor ihnen aussprechen konnte, sah er aus dem Fenster hinaus, freute sich an der wechselnden Landschaft, plante allerhand Freuden für seinen alten Freund Ripton und ließ die wunderbaren Dinge, die er in der Welt tun, und die großen Dienste, die er seinen Mitmenschen leisten würde, in unbestimmten Bildern an sich vorüberziehen. Inmitten seiner Träumereien hatten sie London erreicht. Tom Bakewell stand an der Coupétüre. Ein Blick sagte Richard, daß sein Gefolgsmann etwas Merkwürdiges erlebt haben müßte, und er fragte Tom, 287 was es wäre. Tom schob seinen Herrn außer Hörweite und sprudelte lachend heraus: »Verflucht, ich kann nicht anders, Herr!« sagte er. »Der junge Tom! Hat er sich so fein ausstaffiert für die Stadt! und nun kann er seinen Weg ebensowenig finden wie 'n Hirsch. Er ist gekommen, um jemand von einer andern Station abzuholen, und nun weiß er nicht, wie er dahin kommen soll, und weiß nicht mal sicher, welche Station es ist. Sehen Sie, Mr. Richard, da geht er.« Tom Blaize sah aus, als wenn das Gewicht von ganz London auf seinem Hute lag. »Wen holt er denn ab?« fragte Richard. »Wissen der gnädige Herr das nicht? Der gnädige Herr wollen doch nicht, daß ich den Namen ausspreche,« murmelte Tom, und brannte darauf, ganz deutlich zu werden. »Sie ist es, Tom?« »Miß Lucy, Herr.« Richard wandte sich um und wurde von Hippias ergriffen, der ihn bat, aus dem Getümmel und dem Geräusch heraus zu kommen, und der seinen schlaff herunterhängenden Arm festhielt, um ihn nach einem Wagen zu führen; aber Richard drehte sich bald nach rechts, bald nach links, um immer dahin zu sehen, wo Tom Blaize versuchte, sich einen bequemen Weg zu schaffen. Selbst als sie in dem Wagen saßen, konnte ihn Hippias nicht dazu bewegen, los zu fahren. Er entschuldigte sich damit, daß er nicht loszufahren wünschte, solange der Weg nicht frei wäre. Schließlich fand Tom Blaize einen Ruhepunkt bei einem Polizisten, setzte sich, zweifellos auf den Vorschlag des Beamten, schüchtern in eine Droschke und wurde von dem Strudel des Londoner Lebens mit fortgerissen. Jetzt fragte Richard den Kutscher ärgerlich, worauf er eigentlich warte. 288 »Bist du krank, Junge?« sagte Hippias. »Du bist ja ganz blaß geworden?« Er lachte seltsam und antwortete, ohne auf die Frage zu hören, er hoffe, der Bursche werde rasch fahren. »Ich hasse langsame Bewegung, wenn ich aus der Eisenbahn komme,« sagte er. Hippias versicherte ihm, daß irgend etwas mit ihm los sein müsse. »Nichts, Onkel! Nichts!« sagte Richard und bemühte sich, ganz ungeheuer aufrichtig auszusehen. Wenn die Geschicklichkeit und Sorgfalt der Menschen das flackernde Lebenslicht eines Ertrunkenen vor dem Verlöschen bewahren und zur ruhigen Flamme erwärmen will, wenn das Blut seinen Weg durch die trockenen Kanäle erzwingt, dann verursachen die sich schwerfällig regenden Nerven und das träge Herz – der Kampf zwischen Leben und Tod – und das Weichen des grimmen Todes dem Geretteten einen solchen Schmerz, daß er denen, die ihn zollweise aus der Tiefe des Todes emporreißen, keinen Dank weiß. Und derjenige, der eine Liebe erloschen geglaubt hat und von dem alten Feuer überrascht wird und der alten Tyrannei, empört sich dagegen und versucht sich frei zu kämpfen, aus den Wolken vergessener Empfindungen, die ihn umdrängen; ein solcher Schmerz ist es für ihn, wenn die alte süße Musik wieder in ihm erwacht und der Reiz seiner Leidenschaft ihn wieder überfällt. Noch war die schöne Lucy die einzige Frau für Richard. Nur aus einem Instinkt der Selbstverteidigung hatte er es verboten, daß ihr Name genannt werde. Sollten die Mädchen aus niederem Metall ihn wieder beherrschen, so konnte es nur in Lucys Gestalt geschehen. Wenn er an sie dachte, daß sie ihm nun so nahe war – sein Liebling! dann schwebten ihre Anmut, ihre Lieblichkeit, ihre Treue, – denn trotz seines bitteren Tadels, wußte er, daß 289 sie treu war – in tausend Visionen vor seinen Augen; rührenden und glänzenden Visionen, die bald sein Herz zerrissen, bald es erhoben. Ebensowohl könnte ein Schiff versuchen den Ozean zu beruhigen, wie dieser junge Mann es hätte versuchen können die Erregung zu meistern, welche in seiner Brust zu rasen anfing. »Ich werde sie nicht sehen,« sagte er sich triumphierend und dachte doch im selben Augenblick, wie schwarz doch die ganze Erde sei, mit Ausnahme des einen Fleckens, wo Lucy stand! wie gänzlich reizlos der Ort wäre, den er aufsuchen wollte! Dann beschloß er, es zu ertragen und weiter in Dunkelheit zu leben; es lag ein Trost in dem Gedanken an ein freiwilliges Märtyrertum. »Denn, wenn ich jetzt wollte, könnte ich sie sehen noch heute, in einer Stunde! – Ich könnte sie sehen, ihre Hand berühren, und, oh Himmel! – aber ich will nicht.« Und eine große Woge durchflutete ihn und wurde nur erstickt, um noch stürmischer wieder aufzusteigen. Dann fielen ihm Tom Bakewells Worte ein, daß Tom Blaize ungewiß wäre, von wo er sie holen sollte, und daß sie unbeschützt in dieses Babylon geworfen werden könnte. Und wie seine Gedanken von einem Punkt zum andern flogen, fuhr es ihm durch den Sinn, daß sie in Raynham von ihrer Rückkehr gewußt hatten und ihn zur Stadt geschickt hätten, um ihn aus dem Wege zu räumen – daß sie wieder auf jämmerliche Weise Pläne gegen ihn geschmiedet hätten. »Sie sollen sehen, wie recht sie hatten mich zu fürchten. Ich will sie zu Schanden machen,« war die erste Wendung, die seine zornigen Gedanken nahmen, als er beschloß, daß er gehen wollte und sie in Sicherheit bringen und dann ruhig zu seinem Onkel zurückkehren, denn von ihm glaubte er aufrichtig, daß er nicht zu den Verschwörern gehörte. Trotzdem saß er, nachdem er diesen Entschluß gefaßt hatte, vollkommen still, als ob etwas 290 Verhängnisvolles in den Rädern wäre, die ihn von seinem Entschluß forttrügen – vielleicht weil er wußte, wie es manchem ergeht, wenn die Leidenschaft Herr über ihn wird, daß sein Verstand mit ihm kämpfte; aber – den Argwohn und das ihm zugefügte Unrecht fühlte er deshalb nicht weniger scharf. Seine »Goldene Braut« schwand schnell dahin. Aber als Hippias, um ihn aufzumuntern, ausrief: »Nun werden wir bald da sein!« war der Zauber gebrochen. Richard ließ den Wagen halten, sagte, daß er mit Tom zu sprechen hätte und die letzte Strecke mit ihm fahren würde. Er wußte nur zu gut, mit welcher Bahnlinie Lucy kommen mußte. Er hatte jede Stadt und jede Station auf der Linie studiert.. Ehe noch sein Onkel mehr als stummen Einspruch erheben konnte, war er aus dem Wagen gesprungen und hatte Tom Bakewell zugerufen, der mit den Koffern und Gepäckstücken hinter ihnen herfuhr, mit seinem Kopf immer weit aus dem Wagen heraus, um nur ja nicht seine Sicherungsmarke, den voranfahrenden Wagen, zu verlieren. »Was für ein wunderlicher, stürmischer Junge er ist,« sagte Hippias, »wir sind ja schon in unserer Straße!« Noch eine Minute und der tüchtige Berry, der von dem Baron vorausgeschickt worden war, um alles behaglich für sie einzurichten, öffnete die Wagentür und verbeugte sich. »Mr. Richard, Herr? – verschwunden?« fragte Berry. »Er kommt hinten – mit den Koffern, du Narr!« Hippias stöhnte bei Berrys derber Hilfe beim Aussteigen. »Ist das Frühstück fertig? – He?« »Das Frühstück war präzise um 2 Uhr bestellt worden, Herr – wartet seit einer Viertelstunde. Heda!« rief Berry dem zweiten Wagen zu, welcher mit seiner Pyramide von Gepäck ungefähr dreißig Schritt entfernt stehen blieb. Als er rief, drehte der majestätische Haufen ihm bedächtig den Rücken und fuhr in der entgegengesetzten Richtung davon. 291   Sechsundzwanzigstes Kapitel. Das von der ungewöhnlich raschen Entwicklung des Helden berichtet. Genau zu der Stunde, in der Ripton Thompson die Gewohnheit hatte, seine goldene Uhr praktischer Zwecke wegen zu Rate zu ziehen und Freiheit und das nahende Mittagsessen zu wittern, schlich sich der Fuß eines Einbrechers in das Schreiberzimmer, in dem er saß, und ein Mann, mit mürrischer Miene, der wie ein Schurke aussah und den er zu kennen fürchtete, ließ einen Brief in seine Hand gleiten, und bedeutete ihn, daß es weise sein würde, zu lesen und zu schweigen. Ripton gehorchte in großer Aufregung. Augenscheinlich erleichterte der Inhalt des Briefes sein Gewissen, denn er nahm seinen Hut herab und bat Mr. Beazley, seinem Vater mitzuteilen, daß er dringende Geschäfte im Westen hätte und ihn auf dem Bahnhofe treffen würde. Mr. Beazley ging sogleich dienstfertig zu Vater Thompson, und als sie aus dem Fenster hinaus zusammen ihre Betrachtungen anstellten, sahen sie eine Droschke mit sehr vielen Koffern, in die Ripton hineinsprang, indes ein Diener in Livree ihm folgte. Es war Sonnabend, der Tag, an welchem Ripton seine juristischen Studien schloß, um sich großmütig der Familie zu widmen, und Mr. Thompson sah es gern, wenn er, auf dem Wege nach der Station, seines Sohnes Arm nehmen konnte; aber jenes dritte Glas Portwein, welches ihn noch immer sehr kräftigte, und die Dienerlivree, die eine aristokratische Bekanntschaft vermuten ließ, verhinderten Mr. Thompson, sich irgend wie einzumischen. So konnte Ripton ungehindert fortfahren. 292 In dem Wagen las er noch einmal den Brief. Er glich in seiner Bestimmtheit einem kaiserlichen Befehl. »Lieber Ripton, Du mußt sofort Zimmer für eine Dame besorgen. Kein Wort zu irgend jemand. Und dann begleite Tom. R. D. F.« »Zimmer für eine Dame!« Ripton überlegte laut vor sich hin. »Was für eine Art von Zimmer? Wo soll ich Zimmer herbekommen? Wer ist die Dame? – Hören Sie mal!« damit wandte er sich an den geheimnisvollen Boten. »Sie sind also Tom Bakewell? nicht wahr?« Tom grinste zustimmend. »Besinnen Sie sich noch auf den Heuschober, Tom? Ha! ha! Da sind wir noch gut fortgekommen. Wir hätten aber alle deportiert werden können. Ich hätte Sie überführen können, Tom, ganz sicher. Man muß sich hüten einem geübten Rechtsanwalt in die Hände zu fallen. Nun sagen Sie mir mal« – nachdem Ripton mit seiner Macht geprahlt hatte, fing er sein Verhör an, »wer ist diese Dame?« »Sie warten besser, Herr, bis Sie Mr. Richard sehen.« Tom nahm wieder sein verschlossenes Wesen an. »So!« Ripton ließ die Frage fallen. »Ist sie jung, Tom?« Tom meinte, das sie nicht alt wäre. »Hübsch, Tom?« »Manche möchten wohl so denken, manche auch nicht,« sagte Tom. »Und von wo kommt sie jetzt?« fragte er Tom, mit der liebenswürdigen Fröhlichkeit eines Juristen, dessen Anstrengungen ganz ohne Erfolg bleiben. »Kommt vom Lande, Herr!« 293 »Eine Freundin der Familie, vermute ich, eine Verwandte?« Es hätte Ripton genügt, wenn diese vielsagende Frage mit einem Blick beantwortet worden wäre. Toms Gesicht blieb unbeweglich. »Ah!« Ripton holte tief Atem und betrachtete die ihm gegenüber sitzende Maske. »Na, Tom, du bist ja ganz gelehrt geworden! Geht es Mr. Richard gut? Zu Hause alles gesund?« »Ist heut morgen mit seinem Onkel zur Stadt gekommen. Danke, zu Hause ist alles gesund, Herr.« »Ha!« rief Ripton, der in immer größere Verwirrung geriet, »nun verstehe ich. Sie sind alle heute zur Stadt gekommen, und das sind die Koffer. So, so! Aber Mr. Richard schreibt mir, ich soll Zimmer für eine Dame besorgen. Das muß ein Irrtum sein – er schrieb wohl sehr eilig. Er braucht Zimmer für alle – he?« »Ich weiß wirklich nicht, was er braucht,« sagte Tom, »Sie halten sich besser an den Brief, Herr.« Ripton zog das Dokument noch einmal zu Rate. »Zimmer für eine Dame und dann begleite Tom. Kein Wort zu irgend jemand.« Wahrhaftig! Das sieht grade so aus – aber er hat sich doch niemals etwas aus ihnen gemacht. Sie wollen doch nicht sagen, Tom, daß er mit irgend jemand durchgegangen ist?« Tom hielt sich wieder an seine erste Antwort: »Sie warten besser, Herr, bis Sie Mr. Richard selbst sehen,« und Ripton rief aus: »Verflucht, wenn Sie nicht der verschlossenste Zeuge sind, den ich jemals gesehen habe. Ich möchte Sie nicht im Zeugenverhör haben. Ihr Landleute übertrefft manchmal die schlimmsten Städter. Wahrhaftig!« Tom nahm das Kompliment an, blieb aber eigensinnig auf seiner Hut, und da nichts aus ihm 294 herauszubekommen war, fing Ripton an darüber nachzudenken, wie er seines Freundes Befehle ausführen könnte. Zuerst kam er zu dem Entschluß, daß eine Dame frisch vom Lande in der Nähe der Parks wohnen müsse, und er ließ den Kutscher nach der Richtung hin fahren. So verband sich Ripton, ohne sich seiner hohen Bestimmung bewußt zu sein, dem Helden und übernahm seine Rolle in der neuen Komödie. Es ist unzweifelhaft wahr, daß gewisse besonders bevorzugte Personen Ahnungen haben, die sie in günstiger Weise auf ihre Rollen vorbereiten, so daß sie, wenn der Held seinen stürmischen Lauf beginnt, für die Begegnung mit ihm gestärkt sind; ja, ihn auch in seinem Laufe aufhalten könnten, sollten sie diesen außerordentlichen Mut besitzen. Zum Beispiel: Mrs. Elisabeth Berry, eine ältere, freundliche Vermieterin möblierter Zimmer, in der Nähe von Kensington, bemerkte, als sie an diesem selben Märznachmittag, in nachdenklicher Stimmung, in einem Stuhl vor dem Kamin schaukelte, daß das Feuer eine unnatürliche Neigung hätte, nur von einer Seite zu brennen: was die Bedeutung hat, daß dem Hause eine Hochzeit bevorsteht. Warum – wer könnte das sagen? Vorzeichen sind ebenso schwer zugänglich wie Helden. Vielleicht, weil man annimmt, daß bei so einer Sache das Feuer sich meist nur auf einer Seite befindet. Genug, das Vorzeichen war vorhanden und erteilte der frommen Frau eine feierliche Warnung. Mrs. Berry war in ihren Kreisen als eine berechtigte Sprecherin gegen die Fallen des Ehelebens bekannt. Doch war das kein Grund, weshalb sie sich nicht über eine Hochzeit freuen sollte. Voller Erwartung beobachtete sie also die eine glühende Wange Hymens und mit freudigem Zittern sah sie, wie ein Wagen mit vielen Koffern vor ihrem kleinen Vorgarten hielt, ein Herr ausstieg und die Anzeige in ihrem Fenster las. Der Herr 295 verlangte Zimmer für eine Dame. Zimmer für eine Dame hatte Mrs. Berry bereit und auch ein sehr rosiges Lächeln für den Herrn, ein so rosiges, daß Ripton vergaß nach den Bedingungen zu fragen, was die Wirtin in Mrs. Berry aufjubeln und ihn für den glücklichen Bräutigam halten ließ. Aber ihr erfahrenes weibliches Auge gebot ihrem Enthusiasmus Einhalt. Er sah doch nicht wie ein Bräutigam aus, er schien keine Last auf seiner Brust zu tragen, hatte auch nicht das Bedürfnis, immerfort etwas zwischen den Fingern zu drehen. Jedenfalls war er kein Bräutigam, der durch Vorzeichen angekündigt werden würde. Sie versprach in einer Stunde alles für die Dame bereit zu haben, bewaffnete ihn mit ihrer Karte, bedienerte ihn bis zur Wagentür und ließ ihn auf der Flut ihres Lächelns dahinfahren. Das merkwürdige Fahrzeug, das sein Intriguengespinst durch die Londoner Straßen gewoben hatte, setzte seinen Weg gemächlich fort und kam zum Endziel seiner Unternehmungen. Ripton landete vor einem Hotel in Westminster. Noch ehe er die Treppen halb in die Höhe gegangen war, öffnete sich eine Türe und sein alter Kamerad so vieler Abenteuer stürzte herab. Richard ließ ihm keine Zeit zur Begrüßung. »Hast du es besorgt?« war alles, was er fragte. Als Antwort reichte ihm Ripton Mrs. Berrys Karte. Richard nahm sie und ließ ihn stehen. Fünf Minuten verstrichen, dann hörte Ripton oben das anmutige Rascheln von Frauenkleidern. Richard ging ein wenig voran, und halb von ihm geführt und halb gestützt folgte eine Gestalt in einem schwarzseidenen Mantel, mit kleinem schwarzem Strohhut, jung – sicherlich, obgleich sie einen so dichten Schleier trug, daß er kaum die Umrisse ihres Gesichts erkennen konnte; mädchenhaft schlank und lieblich und einfach in der Erscheinung. Die Stille, die ihr Kommen mit sich zu bringen schien und ihre sanfte Art 296 sich zu bewegen, erregten ritterliche Gefühle in der Brust des törichten Jünglings. Er fühlte, daß er beträchtliche Summen geben würde, wenn sie nur einmal ihren Schleier heben wollte. Er konnte sehen, daß sie zitterte – vielleicht weinte sie. Der, an den sie sich klammerte, war der Herr ihres Schicksals. Sie gingen an ihm vorüber, ohne zu sprechen. Als sie widerstandslos mit gebeugtem Haupte an ihm vorbeiging, erspähte Ripton einen Schimmer ihres schönen Haares und einen bezaubernden Nacken. Ihre goldenen Locken hingen lose herab, strömten unter ihrem Hütchen hervor. Sie sah wie eine Gefangene aus, die zum Opfer geführt wurde. Was Ripton nach dem Anblick dieser Locken dafür gegeben hätte, den Schleier einen Augenblick gelüftet zu sehen, um zu erblinden vor so viel Schönheit, wurde glücklicherweise niemals von seinem Kassierer auszuzahlen verlangt. Und er hatte sich doch schon auf der Hinfahrt Reden ausgedacht, höfliche Reden für die Dame und schelmisch beglückwünschende für seinen Freund. Er wollte diese Reden halten, je nachdem sich die Gelegenheit bieten würde, damit beide ihn als Mann von Welt erkennen und sich durch seine Gegenwart nichts gestört fühlen sollten. Er vergaß all die schmutzige Unmoralität, in der er geschwelgt hatte. Dies war entschieden ernst. Man brauchte es Ripton nicht erst zu sagen, daß sein Freund liebte und den Schritt auf Leben und Tod, den man Heirat nennt, beabsichtigte, ob nun Eltern und Vormünder einwilligten oder nicht. Gleich kehrte Richard zu ihm zurück und sagte hastig: »Du mußt jetzt zu meinem Onkel nach unserm Hotel gehen. Halte ihn ruhig, bis ich komme. Sage, daß ich mit dir zu sprechen hätte – sage, was du willst. Ich werde zum Diner da sein. Nach dem Essen muß ich dich allein sprechen, Rip!« Ripton machte den schwachen Versuch zu erwidern, daß 297 er nach Hause müsse. Er war aber sehr neugierig, den Plan der neuen Komödie zu erfahren, und außerdem erwartete Richard, nach dem ernsthaften und vertrauungsvollen Ausdruck in seinem Gesicht, einen Gehorsam ohne Zögern, so zauderte er nicht länger und fragte nach dem Namen und der Adresse des Hotels. Richard drückte seine Hand. Es ist schon viel wert von dem Helden, wenigstens so viel Anerkennung für unsere Hingebung zu empfangen. Tom Bakewell erhielt auch seine Vorschriften, und nach seinem Gekicher und Grinsen zu urteilen, schien ihm der ihm zugewiesene Teil ziemlich viel Vergnügen zu bereiten. Nach wenigen Minuten waren sie nach verschiedenen Richtungen fortgefahren und Ripton sah sich der ungewohnten Aufgabe gegenüber, seine Phantasie anstrengen zu müssen. So ist die Jugend beschaffen und so groß ist ihr Durst nach Romantik, daß sie schon froh ist, wenn sie auch nur eine untergeordnete Rolle spielen darf. Sobald jemand die Flagge der Auflehnung gegen Eltern und Vormünder entfaltet, darf er sicher sein, eine gesetzlose Bande jugendlicher Schurken um sich zu sammeln, geborene Rebellen, die zum Äußersten entschlossen sind. Die bartlose Schar weiß, daß sie keine Aussicht hat auf Lohn; aber was kümmert sie das, wenn die rosige Hoffnung winkt, die Pläne der Vorgesetzten zu durchkreuzen? Wenn sie auch sehen muß, wie ein andrer die verbotenen Früchte genießt, so ist sie doch bereit alle Gefahren mit ihm zu teilen. Freudig übernahm Ripton sein Amt in dem Unternehmen, und von dem Augenblick an, in dem sein Herz Treue geschworen hatte, wurde er durch ein köstliches Gefühl vom Reiz des Daseins belohnt. Die Straßen der Stadt lächelten ihm verschmitzt zu. Er spazierte dahin, mit dem Gefühl einer neuen Würde. Der stolze Jüngling warf kühne Blicke auf die vornehmen Equipagen, blickte die Damen vertraulich an, war 298 überströmend glücklich. Die Straßenfeger segneten ihn. Er summte fröhliche Melodien, erinnerte sich wohlgefällig an alte Späße, hatte sich selbst so lieb. Am liebsten wäre er Piccadilly hinunter getanzt, und alles nur, weil sein Freund ein schönes Mädchen entführen wollte und er mit im Geheimnis war. Erst als er die Schwelle von Richards Hotel erreicht hatte, wurde seine fröhliche Laune etwas durch das Bewußtsein herabgestimmt, daß nun die Pflichten seines Amtes anfingen, und daß er eine glaubwürdige Geschichte erfinden müßte, um das zu erklären, was er doch selbst nicht wußte, – eine Aufgabe, deren Erfüllung, wohl auch dem weisesten Manne Schwierigkeiten bereitet haben würde. Der Jugend indessen, die von den Weisen wohl beneidet werden kann, fehlt es selten an der, ihren Zwecken entsprechenden, Erfindungsgabe. Er hörte zwei Minuten lang zu, wie sich Hippias über den Freund beklagte, nach dem er sich scheinbar mit heiterster Miene erkundigen kam, und dann wußte er, was er zu tun hätte. »Wir sind schon in der richtigen Straße – einen Steinwurf von dem Hause entfernt, und wie ein Hansnarr springt er aus meinen Wagen heraus und in den andern hinein; er muß verrückt sein – der Junge hat Anlage zum Wahnsinn! – und nimmt alle meine Koffer mit – auch meine Dinerpillen! und bleibt den ganzen Tag fort, obgleich er mir versprochen hat zum Doktor zu gehen und ein Dutzend Verabredungen mit mir hatte,« sagte Hippias und machte seinem Ärger in wütendem Brummen Luft. Ripton antwortete ihm sofort, daß der Doktor nicht zu Hause gewesen wäre. »Was! Sie wollen doch nicht etwa sagen, daß er beim Doktor gewesen wäre?« rief Hippias. »Er hat zweimal vorgesprochen,« sagte Ripton mit Nachdruck, »als er mich verließ, wollte er noch ein drittesmal 299 hingehen. Ich würde mich gar nicht wundern, wenn das der Grund wäre, der ihn zurückhält – er ist so hartnäckig.« Mit seinen Abstufungen wagte es Ripton ausführlicher zu werden, meinte, daß Richards Fall dringend wäre und sofortigen ärztlichen Rat verlangte; und daß sowohl er wie sein Vater der Meinung wären, Richard sollte mit dem Einholen desselben keine Stunde verlieren. »Er macht sich Sorge um sich,« sagte Ripton und klopfte sich auf die Brust. Hippias behauptete, niemals ein Wort davon gehört zu haben, daß sein Neffe irgendwie körperlich bedroht sei. »Ich glaube, er fürchtete, daß Sie sich um ihn ängstigen könnten.« Während er noch das ganze Alphabet durchsuchte, um den Anfangsbuchstaben von dem Namen des Doktors zu finden, traten Algernon Feverel und Richard ein. Sie hatten sich unten in der Vorhalle getroffen und lachten herzlich, als sie eintraten. Ripton sprang auf, um einen Fingerzeig für sein Benehmen zu erhalten. »Hast du den Doktor getroffen?« fragte er, indem er Richards Hand bedeutungsvoll drückte. Richard wußte absolut nicht, was er mit der Frage anfangen sollte. Algernon schlug ihn auf den Rücken. »Was zum Teufel hast du mit dem Doktor zu tun? Junge!« Der kräftige Schlag erweckte ihn so weit, daß er sah, wie die Dinge standen. »Ach, ja, der Doktor!« sagte er und lächelte seinem Gefährten freimütig zu. »Er wettet, daß ich es innerhalb einer Woche mit einem Milo würde aufnehmen können. Onkel,« er trat auf Hippias zu, »ich hoffe, du wirst mir verzeihen, daß ich so fortlief. Ich war eilig. Ich hatte etwas auf der Bahn vergessen. Der dumme Rip denkt, ich bin meinetwegen bei dem Doktor 300 gewesen. Tatsache war, ich wollte den Doktor herholen,. damit er hier mit dir sprechen könnte – damit dir jede Unbequemlichkeit erspart würde. Du kannst den Anblick seiner Instrumente und Skelette nicht ertragen – hörte ich dich einmal sagen. Du meintest, das Mark in den Knochen empörte sich bei dir dagegen – es verbrenne dir das Mark in den Knochen – glaube ich, waren deine Worte, und es ließe zwanzigtausend verschiedene Wege nach den Gemächern des ›Grimmigen Königs‹ vor deiner Seele auftauchen. Erinnerst du dich nicht?« Hippias erinnerte sich ganz entschieden nicht daran, und er glaubte auch nicht an die Geschichte. Der Ärger über den verrückten Raub seiner Pillenschachtel machte ihn ungläubig. Da er kein Mittel hatte seinen Neffen zu widerlegen, konnte er seinem Unglauben nur dadurch Ausdruck geben, daß er mürrisch erklärte, er wäre heute völlig außerstande, bei Tisch zu erscheinen: worauf – da Berry gerade das Diner ankündigte – Algernon einen Arm des Dyspeptikers ergriff und Richard den andern und beide ihn lachend in das Zimmer führten, wo der Tisch gedeckt war, während Ripton schmunzelnd nachfolgte und jedenfalls derjenige in der Gesellschaft war, der sich am glücklichsten fühlte. Sie waren sehr vergnügt bei Tisch. Richard wollte es durchsetzen, und seine Fröhlichkeit, seine doppelsinnigen Bemerkungen, seine vornehme Erhabenheit über die Wahrheit und sein heldenhafter Entschluß, allen Gesetzen Trotz bieten zu wollen, sein hübsches Gesicht, mit dem Ausdruck, als ob alle Schönheit der Welt ihm zu eigen wäre, das Leuchten, das von seiner Stirn strahlte, durch all das wurde Ripton von neuem vollständig unterworfen. Bis dahin hatte er sich wenigstens geistig halb und halb als Richards Beschützer gefühlt, da er London und Londoner 301 Leben besser kannte und wußte, daß sein Freund jetzt beinahe vollständig von ihm abhängig war. Nachdem die Gläser zum zweitenmal gefüllt waren, warf der Held seinem Gefolgsmann einen Blick über die Tafel zu und sagte: »Wir müssen nachher hinausgehen und den Rechtsfall miteinander besprechen, ehe du gehst, Rip. Glaubst du, daß die alte Dame irgend welche Aussichten hat?« »Aber gar keine!« sagte Ripton äußerst bestimmt. »Lohnt es also noch die Sache zu verfechten – he, Rip?« »Ja, natürlich!« war Riptons gereiftes Urteil. Richard machte die Bemerkung, daß Riptons Vater doch zweifelhaft gewesen wäre. Ripton erinnerte daran, wie vorsichtig sein Vater gewöhnlich wäre. Richard machte eine scherzhafte Bemerkung, daß es manchmal nötig sein könnte, gegen die Ansicht der Väter zu handeln. Ripton stimmte zu – in gewissen Fällen! »Ja, natürlich! in gewissen Fällen,« sagte Richard. »Eine schöne juristische Moral, meine Herren,« warf Algernon ein, und Hippias fügte hinzu: »Und auch bürgerliche!« Die beiden Onkel lauschten dem weiteren, fingierten Dialog, der von beiden Seiten gut geführt wurde, und verlangten endlich zu erfahren, was es mit dem so eifrig besprochenen Rechtsfall der alten Dame auf sich habe. Hippias wollte danach entscheiden, welche Aussichten sie vor Gericht haben würde, und Algernon wollte ein Urteil des gesunden Menschenverstandes abgeben. »Rip wird euch den Fall erzählen,« sagte Richard und wies rücksichtsvoll auf den Rechtsgelehrten hin, »ich verstehe mich schlecht darauf. Erzähle ihnen, wie die Sache steht, Rip.« Ripton verbarg sein großes Unbehagen unter einem 302 Versuch, sich auf seinem Stuhle zurechtzusetzen, und betete innerlich, daß die Rotweinkanne doch nur kommen und seinen Verstand stärken möchte; dann fing er mit sorgloser Miene an: »Ach, es ist nichts besonderes! Sie – sie ist ein sehr merkwürdiger Charakter! – Sie – sie trägt eine Perücke. Sie – sie ist eine sehr merkwürdige alte Person! Sie – hm – sie ist noch ganz von der alten Art. Man kann nichts mir ihr anfangen!« und Ripton schöpfte tief Atem, um sich von dieser schweren Arbeit seiner Phantasie zu erholen. »Das scheint so,« meinte Hippias, und Algernon fragte: »Was war nun aber mit der Perücke? Hat irgend jemand sie gestohlen?« während Richard, der, vor lauter unterdrücktem Gelächter, ganz grimmig aussah, den Erzähler bat fortzufahren. Ripton fuhr auf die Weinkanne los. Die alte Dame lag wie ein drückendes Bündel auf seinem Gehirn und er war ebenso hilflos wie sie. In seinen erfolglosen Qualen irgend etwas zu erfinden, klammerte er sich zuerst an ihre Perücke, dann an ihr besonderes Merkmal großen Eigensinnes, dann zerrte er wieder an der Perücke, aber er konnte sie nicht zum Leben erwecken. Das eigensinnige alte Ding blieb ein unförmliches Bündel. Alle Rechtsstudien erschienen ihm leicht im Vergleich zu dieser fürchterlichen Aufgabe, eine alte Dame, aus einer Puppe, zu einem lebenden Wesen zu machen. Er stürzte ein Glas Wein herunter, schwitzte fürchterlich, und indem er im Geiste der Klugheit jener Leute, die man Romanschriftsteller nennt, seine Anerkennung zollte, fing er wieder an: »Ach, es ist nichts! Sie – Richard kennt sie besser, als ich – eine alte Dame – irgendwo da unten in Suffolk. Ich denke, wir werden ihr den Rat geben, lieber nicht zu prozessieren. Die Prozeßkosten sind enorm. 303 Sie – ich denke, wir raten ihr, nicht weiter zu gehen – und keinen Skandal zu provozieren.« »Keinen Skandal zu provozieren!« griff Algernon begierig auf. »Hört mal, es handelt sich also doch um mehr, als um eine Perücke?« Ripton erhielt den Befehl weiter fortzufahren, ob nun ein Skandal daraus würde oder nicht. Der unglückliche Erfinder sah seinen unbarmherzigen Führer scharf an, und brachte unsicher und stotternd heraus: »Sie – sie hat eine Tochter.« »Mit Schmerzen zur Welt gebracht!« rief Hippias. »Danach müssen wir ihr etwas Ruhe lassen! und ich benutze die Gelegenheit, um mich auf dem Sofa auszustrecken. Ach, ja! es ist wahr, was Austin sagt: ›Wir sollten in unserm allgemeinen Gebet um einen vollen Magen bitten, und in einem besonderen um einen, der seine Arbeit gut verrichtet, denn nur auf dieser Basis sind wir den zeitlichen Dingen gewachsen und imstande, über die ewigen nachzudenken.‹ Es ist phrasenhaft, aber wahr. Die Idee hat er übrigens von mir. Paßt auf euren Magen auf, Jungens! und wenn ihr jemals hören solltet, daß man beabsichtigt, einem wissenschaftlich gebildeten Koch oder einem feinschmeckerischen Arzt ein Denkmal zu setzen, dann gebt euren Beitrag dazu. Oder sagt zu ihm, so lange er noch lebt: Tritt hervor und empfange den Ritterschlag! Ha! Sie haben einen guten Koch in diesem Hause. Er paßt besser für mich, als unser Koch in Raynham. Ich wünschte beinahe, ich hätte mein Manuskript zur Stadt gebracht – ich fühle mich so viel besser. Ah! Ich konnte nicht erwarten, daß ich verdauen würde ohne mein gewöhnliches Mittel. Ich denke, ich werde es ganz aufgeben. Was meint ihr zum Theater, heute abend, Jungens?« »Bravo, Onkel!« rief Richard. »Laßt Mr. Thompson zuerst seine Erzählung beenden,« 304 sagte Algernon. »Ich möchte den Schluß der Geschichte hören. Die alte Person hatte eine Perücke und eine Tochter. Ich könnte schwören, irgend jemand geht entweder mit dem einen oder andern dieser Gegenstände durch. Füllen Sie Ihr Glas, Thompson, und dann los!« »Das geschieht auch,« sagte Ripton und benutzte den neuen Gedanken. »Man findet sie zusammen in der Stadt,« er nahm einen frischen Anlauf. »Sie – das heißt die alte Dame – fand sie zusammen.« »Mit ihrer Perücke auf dem Kopfe findet sie ihn mit ihr zusammen!« sagte Algernon. »Ausgezeichnet! Das ist Stoff für die Rechtsgelehrten.« »Und Sie haben ihr den Rat gegeben, unter so erschwerenden Umständen keinen Prozeß anzustrengen,« bemerkte Hippias, mit einem, durch seinen befriedigenden Verdauungszustand angeregten, behaglichen Lächeln. »Es handelt sich um die Tochter,« seufzte Ripton und fuhr, dem Druck nachgebend, eilig fort: »Es ist eine Entführungsheirat – ein wunderschönes Mädchen! – der einzige Sohn eines Barons – nach besonderem Aufgebot – Ach, es handelt sich nun darum« – er wurde nun zuversichtlicher und befand sich mehr in seinem Element, »es handelt sich darum, ob diese Ehe für richtig erklärt werden kann, da sie katholischen Glaubens ist und er ein Protestant, und da sie bei der Heirat beide nicht mündig waren. Das ist die Sache.« Da er nun zur Sache gekommen war, atmete er äußerst erleichtert, und sah wieder klarer, war aber nicht wenig erstaunt über seines Führers entsetztes Gesicht. Die beiden alten Herren stellten verschiedene abgeschmackte Fragen, bis Richard mit dem Stuhl heftig auf den Boden stieß und ausrief: »Was machst du nur für eine Konfusion! Du hast wenigstens ein halbes Dutzend Geschichten durcheinander gemischt. Die alte Dame, von der 305 ich dir erzählt, war die alte Frau Bakewell und bei dem Streit handelt es sich um einen Nachbar, der sich Übergriffe in ihrem Garten erlaubte, und ich sagte, daß ich zahlen würde, damit sie zu ihrem Rechte käme!« »Ach,« sagte Ripton bescheiden, »ich dachte an den andern Fall. Ihr Garten! Kohlköpfe interessieren mich nicht –« »Nun komm mal mit,« Richard winkte ihm mit heftiger Gebärde. »Ich bin in fünf Minuten wieder zurück, Onkel,« er nickte beiden kühl zu. Die jungen Männer verließen das Zimmer. In der Vorhalle trafen sie Berry, zur Rückreise nach Raynham bereit. Richard drückte ihm zur Unterstützung seines Verständnisses etwas in die Hand und hieß ihn, nicht zu viel über London zu schwatzen. Berrys Verbeugung versprach vollkommene Diskretion. »Was in aller Welt veranlaßte dich über das Heiraten von Protestanten und Katholiken zu sprechen, Rip?« sagte Richard, so bald sie auf der Straße waren. »Wahrhaftig,« sagte Ripton, »ich wurde so hart bedrängt, daß ich auf Ehre nicht mehr wußte, was ich sagen sollte. Du weißt doch, daß ich kein Romanschriftsteller bin, ich kann keine Geschichte ausdenken. Ich versuchte etwas zu erfinden, und mir fiel nichts anders ein, und ich dachte, das wäre grade etwas, worüber man sich schön streiten könnte. Famoses Essen in diesen feinen Hotels. Warum schobst du alles mir zu? ich fing nicht von der alten Dame an?« Der Held sann nach. »Es ist seltsam! Es ist ganz unmöglich, daß du etwas wissen konntest! Ich werde dir sagen, warum, Rip! Ich wollte dich auf die Probe stellen. Wenn man dir Zeit läßt, flunkerst du nicht schlecht, aber wenn's drauf ankommt und im Einzelgefecht bist du nicht zu brauchen. Du bist brauchbar hinter den 306 Wällen, aber kein guter Schütze im offenen Feld. Ich sehe schon, wozu du gut bist. Du bist zuverlässig – davon bin ich überzeugt. Das warst du immer. Führe mich nach dem Park zu – dort nach jener Richtung – du weißt schon, wo sie wohnt!« Ripton führte. Das Diner hatte diesen jungen Mann dazu bereit gemacht, dem ganzen Gewehrfeuer festgesetzter Moral Trotz zu bieten. Umgeben von dem dumpfen Geräusch der großen Stadt, allein auf dem dunklen Rasenabhang, lehnte sich der Held auf seinen Gefolgsmann, und mit halblauter, aber scharfer deutlicher Stimme sprechend, gab er ihm Aufklärung. Man wird hier zweifellos deutlich das Wesen und den Standpunkt des Heroischen erkennen, wenn es auch im alltäglichen Gewande auftritt. »Sie haben ein Jahr lang gegen mich Pläne geschmiedet, Rip! Wenn du sie siehst, wirst du begreifen, was es heißt, wenn dir ein solches Wesen genommen wird. Es hat mich beinahe getötet. Es ist ganz gleichgültig, wer sie ist. Sie ist das vollkommenste und edelste Geschöpf, das Gott je erschaffen hat! Es ist nicht nur ihre Schönheit – die ist für mich nicht so wichtig! – aber, wenn man sie nur einmal gesehen hat, scheint es, als ob sie allen Nerven des Körpers Musik entlockt, sie ist ein solcher Engel. Ich bete sie an. Und ihr Herz gleicht ihrem Äußern. Sie ist reines Gold. Aber du wirst sie ja heute abend sehen.« »Also,« fuhr er dann fort, nachdem er Ripton durch diese herrliche Aussicht ganz stolz gemacht hatte, »sie brachten sie also fort, und ich wurde wieder gesund. Das war Herrn Adrians Werk. Was kann mein Vater gegen sie einzuwenden haben? Ihre Geburt? Sie ist gut erzogen; ihr Benehmen ist wundervoll – sehr fein – gewandt und sanft! Können sie mir unter ihren Damen irgend eine zeigen, die ihr gleich kommt? – Sie ist die 307 Tochter eines Marineoffiziers! Daß sie katholisch ist? Was hat die Religion mit« – er sprach das Wort ›Liebe‹ schüchtern aus, als ob ein Erröten auf seiner Stimme läge. »Nachdem ich mich also erholt hatte, bildete ich mir ein, ich mache mir nichts mehr aus ihr. Das zeigt, wie man sich selbst kennt. Und es war mir alles gleichgültig. Mir war, als wenn ich gar kein Blut mehr hätte. Ich versuchte es meinem lieben Austin nach zu tun. Bei Gott, ich wünschte, er wäre hier. Ich liebe Austin. Er würde sie verstanden haben. Er kommt noch in diesem Jahre zurück und dann – aber dann wird es zu spät sein. – Mein Vater machte also immerfort Pläne, um mich vollkommen zu machen – er hat niemals ein Wort mit mir über sie gesprochen, aber ich konnte in seinen Augen lesen, daß er an sie denkt – er sagte, er wollte für Abwechslung für mich sorgen, und fragte mich, ob ich mit Onkel Hippias nach der Stadt wollte, und ich willigte ein. Das war wieder ein Plan, um mich aus dem Wege zu schaffen. So wahr ich lebe, ich habe ebenso wenig erwartet, sie hier zu treffen, wie in den Himmel zu fliegen.« Er blickte in die Höhe. »Sieh doch, wie die Zweige dieser alten Ulmen sich mit den Sternen zu berühren scheinen – glitzernde Winterfrüchte!« Ripton richtete seine komische Nase nach oben und fühlte sich verpflichtet, »Ja!« zu sagen, obgleich er keinen Zusammenhang zwischen den Sternen und der Erzählung finden konnte. »Ich kam also zur Stadt,« fuhr der Held fort. »Da hörte ich, daß sie auch kommen sollte – nach Hause kommen. Es muß Schicksal gewesen sein, Ripton! Der Himmel mag mir verzeihen! Ich war ärgerlich auf sie und dachte, ich wollte sie nur noch einmal sehen – nur noch einmal – und ihr Vorwürfe machen, daß sie falsch 308 gewesen wäre – denn sie hatte mir niemals geschrieben. Und ach, der liebe Engel! was muß sie gelitten haben! – ich entwischte meinem Onkel und ging auf den Bahnhof, auf den sie ankommen mußte. Es sollte sie jemand abholen – ein Bauernsohn – und guter Gott! Sie wollten versuchen, sie mit ihm zu verheiraten! Es fiel mir alles wieder ein. Ein Mädchen von dem Bauernhof hatte es mir erzählt. Der Bursche muß wohl auf die falsche Station gegangen sein, denn wir haben ihn nicht mehr gesehen. Da kam sie nun – kein bißchen verändert! – lieblicher als je! – Und als sie mich sah, wußte ich in derselben Minute, daß sie mich lieben mußte, bis zum Tod! – Du weißt noch nicht, wie das ist, Rip! – Wirst du es mir glauben? – Obgleich ich eben so sicher war, daß sie mich liebte und treu wie Gold gewesen war, wie daß ich sie heute abend wiedersehen werde, sprach ich doch unfreundlich mit ihr. Und sie ertrug es sanftmütig – sie sah wie eine Heilige aus. Ich sagte ihr, daß es für mich nur eine Hoffnung im Leben gäbe – sie müßte mir beweisen, daß sie treu wäre, und da ich alles aufgäbe, müßte sie es auch tun. Ich weiß nicht, was ich alles sagte. Der Gedanke, daß ich sie verlieren könnte, machte mich toll. Sie versuchte mich zu bitten, daß ich warten sollte – ich weiß, sie tat es nur meinetwillen. Ich behauptete, wie ein elender Heuchler, daß sie mich gar nicht liebe. Ich glaube, ich habe schmähliche Dinge gesagt. Ach, was für edle Geschöpfe sind die Frauen! Sie hatte kaum Kraft genug, sich zu bewegen! Ich brachte sie dorthin, wo du uns gefunden hast. –Rip! sie lag vor mir auf den Knien. Ich habe mir in meinem ganzen Leben nicht etwas so Liebliches vorstellen können. Ihre Augen waren zu mir aufgeschlagen, glänzten in einer Flut von Tränen – ihre dunklen Augenbrauen trafen sich, als ob Schmerz und Schönheit sich vereinigten, und ihr herrliches, goldenes Haar fiel über ihre 309 Schultern, als sie sich über meine Hände beugte – Konnte ich einen solchen Schatz verlieren? – Konnte mich das nicht besser überzeugen, als irgend etwas anderes? – Ich dachte an Dantes Madonna, an Guidos Magdalena. – Ist dabei Sünde? Ich sehe keine! – Und wenn es Sünde ist, dann fällt sie nur auf mich! Ich schwöre es, daß sie rein ist auch von dem Gedanken an Sünde. Ich sehe bis in ihr Herz! Ich soll aufhören, sie zu lieben? Wer wagt es, das von mir zu verlangen? Aufhören, sie zu lieben? Ich lebe doch nur durch sie! Ihr kleines Kinn sehen, wie sie den Hals zu mir aufhob, als sie vor mir kniete! – eine Locke fiel über ihren Hals . . .« Ripton lauschte, um mehr zu hören. Richard war bei der Erinnerung an dieses Bild in tiefes Sinnen verfallen. »Ja, wie war es denn aber nun mit dem jungen Bauernburschen?« sagte Ripton. Das Haupt des Helden hatte sich wieder zu den sternentragenden Zweigen erhoben. Er verstand die Frage seines Gefolgsmannes erst nach einiger Zeit. »Der junge Tom? Ja, es ist der junge Tom Blaize – der Sohn unsers alten Feindes, Rip! Ich habe den alten Mann jetzt sehr gerne. Ach, von dem Burschen habe ich nichts mehr gesehen.« »Himmel,« rief Ripton, »sollen wir wieder mit den Blaizes in Ungelegenheiten kommen! Das gefällt mir nicht!« Sein Befehlshaber ging über das, was ihm gefiel oder nicht gefiel, gleichgültig hinweg. »Aber, wenn er nach dem Bahnhof geht und sie nicht dort findet?« meinte Ripton. »Dafür habe ich gesorgt. Der Narr ging nach Südosten, statt nach Südwesten. Alles Warme, alles Süße kommt von Südwest. Ich habe dafür gesorgt, Freund Rip. Mein zuverlässiger Tom wartet wie zufällig dort 310 auf ihn. Er sagt ihm, daß er sie nicht gesehen hätte, und rät ihm morgen noch einmal nach dem Bahnhof zu kommen, und auch den folgenden Tag. Tom hat Geld für seine Arbeit. Tom Blaize soll London kennen kernen, Rip! du weißt – wie du. Wir werden einige Tage Vorsprung gewinnen. Und wenn der alte Blaize davon hört – was schadet das? Ich habe sie, sie ist die Meine! – Außerdem wird er eine Woche lang nichts hören. Ich wette darauf, mein Tom übertrifft jenen Tom an Klugheit. Ha! ha!« plötzlich fiel ihm etwas ein und er lachte laut. »Was meinst du wohl, Rip? Mein Vater hat eine Art von System mit mir, wie es scheint, und als ich das letztemal mit ihm zur Stadt kam, führte er mich zu einer Familie, – zu den Grandisons – und was meinst du wohl? eine von den Töchtern ist ein kleines Mädchen, übrigens ein ganz nettes, kleines Ding – sehr komisch – und er wünscht, daß ich auf sie warte! Er hat es nicht grade gesagt, aber ich weiß es. Ich weiß, was er meint. Keiner versteht ihn, außer mir. Ich weiß, daß er mich liebt, und daß er einer der besten Menschen ist – aber stell' dir bloß vor! – ein kleines Mädchen , die mir grade bis an den Ellbogen reicht. Ist das nicht lächerlich? Hast du jemals solchen Unsinn gehört?« Ripton sprach nachdrücklich seine Meinung aus, daß es sicherlich sehr töricht wäre. »Nein, nein! Der Würfel ist gefallen!« sagte Richard. »Sie haben ein Jahr lang bis heute ihre Pläne geschmiedet, und das haben sie erreicht! Wenn mein Vater mich liebt, wird er sie lieben. Und wenn er mich liebt, wird er mir vergeben, daß ich gegen seinen Willen handle. Komm! geh' schneller! wie lange wir unterwegs sind!« und fort stürmte er und zwang Ripton solche Schritte zu machen, wie sie der Paukenjunge neben einer Kolonne von Grenadieren machen muß. 311 Ripton fing an zu wünschen, er wäre auch verliebt, da er sah, wie es einem Manne soviel Atem verlieh, daß er tief seufzen konnte und dabei mächtig ausschreiten und doch nicht müde werden. Der Held hielt ein Zwiegespräch mit den Elementen, seinen Vertrauten, und gestattete ihm zu lauschen, soviel er wollte. Einige kluge Kensingtoner Straßenjungen erkannten die Unzusammengehörigkeit in dem Gehvermögen dieser beiden und machten ihre Witze auf Kosten von Mr. Thompson junior. Das Tempo und nur das Tempo veranlaßte Ripton schließlich auszurufen, daß sie zu weit gegangen wären, und sie entdeckten, daß sie eine halbe Meile über das Ziel hinausgeschossen wären. In der Straße, über der der Stern der Liebe stand, tat der Held an einer Tür donnernd seine Gegenwart kund und rief ein eilendes Hausmädchen hervor, die nichts von Mrs. Berry wußte. Der Held legte der Tatsache, daß sein Im stinkt ihn so täuschen konnte, große Bedeutung bei, denn er hätte darauf schwören können, daß dies das Haus wäre. Nachdem die Türe geschlossen war, stand er in tiefem Schweigen da. »Hast du denn nicht ihre Karte?« fragte Ripton, und hörte, daß der Kutscher dieselbe behalten hätte. Sie konnten sich beide nicht auf die Nummer des Hauses besinnen. »Du hättest die Tür mit Kreide zeichnen sollen, wie der Bursche in der Geschichte von den vierzig Räubern,« Ripton wagte einen Scherz, der aber unbeantwortet blieb. Der Sklave der Liebe von seinem Instinkt betrogen! Mit schweren Schritten stieg der Held die Stufen hinab. Ripton murmelte, daß sie nun verloren wären. Sein Herr aber wandte sich zu ihm und sagte: »Nimm du alle Häuser auf der andern Seite der Straße, eins nach dem andern. Ich werde diese Seite nehmen.« Mit sauerm Gesicht ging Ripton über die Straße. Richards angeborne 312 Überlegenheit widrigen Verhältnissen gegenüber machte ihn vollständig wehrlos. Nun wurden Familien aufgestört. Nun fingen die Sterblichen an zu ahnen, daß sich etwas Wichtiges vorbereitete. Nun wurden Arbeiter im Weinberge rauh erweckt aus ihrem Abendschlummer. Hoffnung und Furcht schritten die Straße entlang, und wieder und immer wieder ertönten die lauten Doppelschläge an den Türen. Endlich rief Riptons fröhliche Stimme. Er hatte Mrs. Berry vor sich, die sich gar nicht genug tun konnte in freundlichen Verbeugungen. Richard lief zu ihr und ergriff ihre Hand: »Sie ist wohl? – ist oben?« »Oh, ganz wohl! nur ein wenig ermüdet von der Reise, und etwas aufgeregt,« erwiderte Mrs. Berry, hatte aber nur Ripton vor sich. Der Liebende war nach oben geeilt. Die kluge Frau führte in ihrer Weisheit Ripton in ihr Privatzimmer, damit er dort warten sollte, bis er gebraucht würde.   Siebenundzwanzigstes Kapitel. Enthält eine Fürsprache zugunsten der Heldin. In allen Fällen, in denen zwei sich vereinigt haben, um ein Unrecht zu begehen, laßt die Strafe des einen der beiden nur leicht sein,« ist ein Ausspruch aus dem Manuskript des Pilgers. Jugendliche Köpfe können wohl richtige Pläne für ihre Handlungen ersinnen, und hin und wieder ist es ihnen auch möglich, – durch die Kraft ihres Willens, die wilden Pferde aufzuhalten, die unruhig darauf warten mit ihnen fortzustürmen. Aber wenn sie Zügel und Peitsche einem 313 andern überlassen haben, was können sie dann noch tun? Sie mögen sich auf die Kniee werfen und bitten und betteln, daß der ungestüme Rosselenker anhalten oder seinen Schritt mäßigen möge. Ach! alles was sie tun, verdoppelt nur seinen Eifer. In der geängstigten Schönheit liegt eine Macht, die die Frauen zu benutzen lernen, und kann man sich darüber wundern? Sie haben so oft gesehen, daß diese Macht Ilium in Flammen gesetzt hat. Ehe sie in dem Hause des Menelaus zu Matronen heranreifen, weinen und flehen sie und wissen wahrlich nicht, wie schrecklich zweischneidig die Gabe der Schönheit ist, die ihnen verliehen wurde. Sie unterwerfen sich einer unbegreiflichen Leidenschaft, die ihnen angenehm ist, weil sie sie einer übergroßen Liebe zuschreiben. Und so werden die sehr vernünftigen Dinge, die sie sagen könnten und auch sagen, vergebens ausgesprochen. Ich halte es für abgeschmackt, von den Frauen zu verlangen, daß sie ganz aufrichtig sein sollen. Sind es nicht ihre eignen Pferde, die in jenem Gespanne gehen? Wenn sie ganz aufrichtig wären, würde ihr Herr sicherlich bald so ruhig werden, wie ein gewöhnlicher Fuhrmann. Es gibt hundert verschiedene Wege ihn zu entnüchtern, und Adrian könnte auch gleich ein oder zwei nennen, von denen er meint, daß sie sofort wirksam sein würden. Wenn Liebe stürmisch dahinjagt, wird sie leicht zu Fall gebracht, während eine ruhig dahintrabende Liebe bis zum Schluß auf den Beinen bleibt. Zugegeben, daß die lieben Frauen es nicht ganz aufrichtig meinen, so sollten wir ihnen doch das, was sie sagen, zu ihren Gunsten anrechnen. Sie meinen, was sie sagen, ihre Herzen wenden sich nur nach der unrechten Seite. Sie bringen dem Urteil der Menge eine verzweifelte pathetische Huldigung dar und schlagen ihr ins Gesicht durch das, was sie tun. Bestraft Helena nur leicht, solange sie noch sehr jung ist. Nachdem sie ein 314 gewisses Alter erreicht hat, könnt ihr eine besondere Strafe für sie ersinnen. Mit Theseus ist sie noch unschuldig – mit Paris eine erfahrene Brandstifterin. Das schöne junge Mädchen saß, wie ihr Geliebter sie verlassen hatte; sie versuchte ihre verwirrten Gedanken zu sammeln. Sie hatte ihren Hut nicht abgenommen, ihre Hände lagen gefaltet auf ihren Knien; große Tränen standen in ihren Augen. Wie eine pflichtgetreue Sklavin stand sie auf, als er kam. Zuerst nahm er ihre Lippen in Anspruch. Eine Rede wartete dort auf ihn, aus all der Weisheit zusammengesetzt, die ihre ungewöhnliche Lage und ihre treue Liebe zusammenbringen konnte; aber sein Kuß vernichtete all diese Weisheit. Sie ließ sich weinend auf einen Stuhl fallen, und verbarg ihre schamhaft brennenden Wangen. Aus seinem Schweigen erriet sie seine Gedanken und nahm seine Hand und zog sie an ihre Lippen. Er beugte sich über sie und bat sie, sie möchte ihn ansehen: »Sieh mir in die Augen.« Sie konnte es nicht. »Fürchtest du dich vor mir, Lucy?« Ein zitternder Druck der Hand antwortete ihm. »Bist du mir gut, mein Liebling?« Sie zitterte von Kopf bis Fuß. »Warum wendest du dich denn von mir ab?« Sie weinte. »Ach, Richard, bringe mich nach Hause! bringe mich nach Hause!« »Sieh mich doch an, Lucy!« Ihr Haupt wendete sich ihm schüchtern zu. »Sieh mir fest in die Augen, Liebling! Und nun sprich!« Aber sie konnte ihn nicht ansehen und dabei sprechen. Der Liebende wußte, wie er sie beherrschte, wenn sie ihn ansah. 315 »Du wünscht, daß ich dich nach Hause bringe?« Sie zitterte. »Ach, Richard, noch ist es nicht zu spät!« »Du bereust, was du für mich getan hast?« »Ach, Liebster, es ist Verderben!« »Du weinst, weil du eingewilligt hast, die Meine zu sein?« »Nicht um meinetwillen! Ach, Richard!« »Du weinst um meinetwillen? Sieh mich an! Um meinetwillen?« »Wie soll es enden! Ach, Richard!« »Du weinst um meinetwillen?« »Liebster! Ich möchte für dich sterben!« »Möchtest du, daß mir die ganze Welt gleichgültig würde? Möchtest du, daß ich untergehe? Glaubst du, daß ich noch einen Tag in England leben würde ohne dich? Ich habe alles, was ich habe, auf dich gesetzt, Lucy. Du hast mich schon einmal beinahe getötet. Noch einmal, und die Erde wird nicht mehr durch mich beunruhigt werden. Du verlangst von mir, daß ich warten soll, wenn sie von allen Seiten gegen uns Pläne schmieden? Mein Liebling, meine Lucy! sieh mich an. Sieh mich mit deinen lieben Augen an. Du verlangst von mir, daß ich warten soll, wenn du mir hier gegeben bist – wenn du meine Treue erprobt hast – wenn wir wissen, daß wir uns lieben, wie vorher niemand geliebt hat. Laß mich deine Augen sehen! Laß sie mir sagen, daß ich dein Herz besitze!« Wo blieb nun ihre weise kleine Rede? Wie konnte sie einer solch mächtigen Beredsamkeit gewachsen sein? Sie suchte einige Bruchstücke ihrer Weisheit zusammen. »Liebster! Dein Vater kann vielleicht allmählich dahin gebracht werden einzuwilligen, und dann – ach! wenn du mich jetzt nach Hause bringst –« 316 Der Liebende stand auf. »Er, der den schönen Plan ersonnen hat, dir Schande zu bringen und dich zur Märtyrerin zu machen? So wahr ich lebe! Das ist der Grund, weshalb sie dich nach Hause haben wollen. Deine alte Dienerin hörte, wie er und dein Onkel darüber sprachen. Er! Ach, Lucy! er ist ein guter Mann, aber er muß sich nicht zwischen dich und mich drängen. Gott hat dich mir gegeben.« Er beugte sich wieder zu ihr nieder und seine Arme umschlossen sie. Sie hatte gehofft, einen besseren Kampf zu kämpfen, als am Morgen, und sie war noch schwächer, noch hingebender. Ach! warum sollte sie daran zweifeln, daß seine große Liebe das erste Gesetz für sie wäre? Warum sollte sie nicht daran glauben, daß sie ihn verderben würde, wenn sie sich ihm widersetzte? Und wenn sie litt, war es nicht süß zu denken, daß es um seinetwillen geschah! War es nicht süß, alle Weisheit auszuschließen, in vollkommener Blindheit, nur von ihm geführt zu werden! Die alte Hexe Weisheit beunruhigte sie weiterhin nur noch wenig. Sie schüttelte unheilverkündend ihre Gewänder und verschwand. Leise wie ein Hauch kam es von den Lippen des schönen Mädchens: »Ach, mein geliebter Richard!« Er flüsterte: »Nenne mich noch einmal wie vorher!« Sie errötete tief. »Nenne mich noch einmal so,« wiederholte er. »Du sagtest es einmal heute!« »Liebster!« »Das nicht!« »Ach Liebling!« »Das nicht.« »Mein lieber Mann!« 317 Sie war gewonnen. Die rosige Pforte, aus der das Wort entflohen war, wurde mit einem Siegel geschlossen. Ripton hatte an diesem Abend nicht mehr die Freude, dem schönen, gefangenen Vogel vorgestellt zu werden. Er empfing unten von der würdigen Wirtin eine Lektion im Aushorchen, bis sie schließlich anfing zu gähnen und er die Augen nicht mehr offen halten konnte, und die Kerze, die zwischen ihnen brannte, mit Würde den mitternächtlichen Räuberhut trug und darunter hervor mit trunkenem Auge nach ihnen hinschielte.   Achtundzwanzigstes Kapitel. Welches erzählt, wie die Liebenden zur Frühlingszeit Vorbereitungen zum Handeln treffen. Die Schönheit ist natürlich der Siegespreis des Helden. Nichtsdestoweniger ist er es nicht immer, auf den sie ihren siegreichen Einfluß am stärksten ausübt. Es ist der stumpfsinnige Alltagsmensch, in dessen langsam arbeitendes Gehirn sie wie ein Himmelslicht hineinfällt und dem sie am längsten leuchtet. Der Dichter zum Beispiel ist ein Kenner der Schönheit, dem Künstler dient sie als Modell. Diese Herren werden durch die vielen Erwägungen über ihre Reize kritisch. Da die Tage, an denen sie noch Herzen hatten, vorüber sind, wendet sich ihre Neigung, je nach Zufall, den Blonden oder den Braunen zu, einer Adlernase oder einer griechischen, einem so oder so geformten Auge. Aber bewege dich einmal unter einfachen, ungelehrten Burschen, Bauern und Dummköpfen, dann wirst du hier und da einen ganz unentwickelten Verstand finden, welcher nur gerade Kraft genug hat, die Schönheit zu verstehen und sie als seine Göttin anzusehen, und der in seiner 318 Dummheit nur eine Form der Verehrung kennt und für sie sterben möchte. Ja, mehr als das: ein solcher Mann würde ihr sein ganzes Leben widmen, obgleich er so stumm bleibt, wie ein Hund. Und er ist auch wirklich der treue Hund der Schönheit. Beinahe jede Schönheit hat ihren Hund. Der Held besitzt sie, der Dichter verkündet ihre Schönheit, der Maler bringt sie auf die Leinwand, und der treue alte Hund begleitet sie auf Schritt und Tritt. Und das Ende vom Lied ist, daß der treue alte Hund ihr einziger Begleiter ist. Der Held schwelgt in Kriegen oder in Armidas Lauben; der Herr Dichter hat eine Runzel entdeckt, der Pinsel widmet sich der Rose nur zur Blütezeit. Nun wendet sie sich ihrem alten Hunde zu. Sie schließt ihn zärtlich in ihre Arme, und er, der bis dahin von einem Knochen gelebt hatte und ab und zu einmal gestreichelt wurde, er kauert sich kraftlos zu ihren Füßen und sieht mit seinen dankbaren alten Hundeaugen zu ihr auf und hat keine Ahnung davon, daß sie ihre traurigen Erinnerungen pflegt: an den Helden, den Dichter, den Maler, in einem ruppigen Hunde! Und dann wird sie begraben und durch das Dorf tönt klägliches Geheul und in der Zeitung steht ein Artikel über die außerordentliche Treue eines alten Hundes. Aufgeregt durch seine Erinnerungen an Nooredeen und die schöne Perserin und durch den Wechsel in der trüben Eintönigkeit seines Daseins, der dadurch eingetreten war, daß er nun in einem vornehmen Hotel sein Quartier aufgeschlagen hatte und auf vertrautem Fuß mit den Bewohnern des Westens ein mühelos, üppiges Leben führte (was großen Anteil hat an den romantischen Gefühlen eines ehrlichen Jünglings), frühstückte Ripton Thompson am nächsten Morgen um halb neun Uhr mit seinem Befehlshaber. Man hatte am Abend vorher die Mahlzeit für sieben Uhr festgesetzt, aber Ripton schlief sehr 319 viel mehr, als eine Nachtigall und (um genau zu berichten) selbst halb neun Uhr ging gegen seine neugebildeten, aristokratischen Gefühle und erinnerte ihn viel zu sehr an Juristenleben und Sklaverei. Er hätte es vorgezogen, zu Algernons Stunde zu frühstücken, der elf Uhr festgesetzt hatte. Es war aber Richards Absicht, grade Algernon zu vermeiden, so griffen sie zu, und Ripton beneidete den noch zu Bett liegenden Hippias nicht länger. Nachdem das Frühstück vorüber war, hinterließen sie für Algernon die tröstliche Nachricht, daß sie gegangen wären, um einen beliebten Prediger zu hören, und gingen fort. »Wie glücklich die Leute alle aussehen,« sagte Richard in den ruhigen sonntäglichen Straßen. »Ja – sehr vergnügt!« sagte Ripton. »Wenn ich erst – wenn dies erst vorüber ist, dann werde ich auch sehen, daß sie es sind – so viele, wie ich glücklich machen kann,« sagte der Held und fügte leise hinzu: »Ihre Vorhänge waren um dreiviertel sechs noch herunter. Ich denke, sie hat gut geschlafen!« »Du bist heute morgen schon dort gewesen?« rief Ripton und in seinem trüben Hirn dämmerte eine unklare Vorstellung davon, was Liebe bedeutete. »Wird sie mich vorlassen, Ricky?« »Ja. Sie wird dich heute sehen. Gestern abend war sie müde.« »Ganz bestimmt?« Richard versicherte ihn, daß er den großen Vorzug genießen würde. »Hier war es,« sagte er, als sie unter den Bäumen des Parkes dahingingen, »hier war es, wo ich gestern mit dir sprach. Wie lange her das zu sein scheint. Wie ich die Nacht hasse!« Damit Richard eine etwas höhere Meinung von ihm gewinnen möchte, wies Ripton unterwegs schüchtern auf 320 eine gewisse, intime und geheimnisvolle Bekanntschaft mit dem schönen Geschlechte hin. Er gab gewissermaßen die Überschriften einiger gelegentlicher Abenteuer. »Nun aber, warum heiratest du sie dann nicht?« meinte sein Führer. Darüber war Ripton sehr entsetzt, antwortete nur mit einem »Ach!« und hatte ein Gefühl von Überlegenheit, das aber noch am selben Tage gänzlich vernichtet werden sollte. Er wurde wieder Mrs. Berrys Obhut übergeben und solange, daß er schon zu fürchten anfing, die schöne Perserin weigerte sich noch immer ihr Antlitz zu zeigen, aber grade da rief Richard nach ihm, und Ripton ging hinauf, ohne zu ahnen, was für eine Verwandlung ihm bevorstünde. Der Held und die Schönheit standen nebeneinander, um ihn zu empfangen. Schon von der untersten Treppenstufe an hatte er ein lebhaftes, liebenswürdiges Lächeln für sie in Bereitschaft, und als er in das Zimmer eintrat, waren seine Backen schon unangenehm steif geworden und seine Augen hatten ihren natürlichen Ausdruck schon ganz verloren. Lucy hielt sich mit einer Hand an ihrem Geliebten fest und begrüßte ihn freundlich. Es war für ihre Schüchternheit eine große Erleichterung, daß er so außerordentlich töricht aussah. Sie setzten sich und versuchten eine Unterhaltung, aber Ripton konnte seine Zunge ebensowenig beherrschen, wie seine Augen. Nach einer kleinen Weile war die schöne Perserin, die ihre Pflicht getan und sich gezeigt hatte, froh, das Zimmer verlassen zu können. Ihr Herr und Gebieter wandte sich fragend an Ripton. »Wunderst du dich noch, Rip?« sagte er. »Nein, Richard!« Ripton hielt an, um die Antwort mit genügender Feierlichkeit zu geben, »das tue ich wirklich nicht!« Er sprach anders, als vorher, er sah anders aus. 321 Er hatte die Augen des alten Hundes in seinem Kopfe. Sie beobachteten die Türe, durch die sie gegangen war, sie lauschten nach ihr hin, wie es Hundeaugen tun. Als sie herein kam, zum Spaziergang angekleidet, war er wieder aufgeregt, wie ein Hund. Als sie sich schüchtern an ihren Geliebten hing und hinausging, folgte er ohne einen Gedanken an Neid, oder irgend ein anderes Gefühl, als das geheime Entzücken über den Anblick, den sie ihm gewährte, wie es einem alten Hunde zukommt. Denn die gütige Natur entschädigt ihn. Seine Gefühle können nicht heroisch sein, aber sie sind von einer solchen Stärke und einem solch schwanzwedelnden Entzücken, daß sie in ihrer Art ebenso gut sind. Und diese Fähigkeit zu demütiger, anspruchsloser Verehrung findet ihren besondern Lohn. Wenn Ripton jetzt die Miß Random einfällt, was wird er dann von sich denken? Laß doch niemand den alten Hund verachten. Durch ihn rächt die Schönheit ihr Geschlecht. Es gefiel Ripton nicht, daß auch andern Leuten der Segen zuteil werden sollte, sie bewundern zu dürfen, und als es doch, wie er bemerkte, jedermann tat, und jedermann sie beleidigend ansah und anstarrte und den Kopf nach ihr umdrehte, und Bemerkungen machte, und sich im Augenblick sterblich in sie verliebte, mußte er ein leises Knurren unterdrücken. Sie schlenderten den ganzen Morgen durch die schönen Gärten von Kensington, unter den jungen Kastanienknospen und um die vom Winde unbewegten Teiche, miteinander redend und die wilde Erregung ihrer Herzen besänftigend. Wenn Lucy sprach, spitzte Ripton die Ohren. Auch sie machte die Bemerkung, daß die Leute alle so glücklich aussähen, und er hörte es bebend vor Freude. »Das muß jedermann sein, da wo Sie sind,« hätte er gerne sagen mögen, wenn er es gewagt hätte, aber die Furcht hielt ihn zurück, daß seine glühende Beredsamkeit ihn verraten könnte. Zweimal 322 kannte er die Leute, die sie trafen. Man hätte Mühe gehabt, ihn davon zu überzeugen, daß sie ihnen nur zufällig entgegenkamen. Von den Gärten ging Richard, trotz Riptons ernstem Widerspruch, in den Park, wo schon hin und her eine Equipage ihre Rundfahrt begann. Hier fand Ripton seine Schmerzen der Eifersucht gerechtfertigt. Die goldenen Locken des jungen Mädchens, der träumerische Ernst ihres süßen Gesichtes, ihre schlanke anmutige Gestalt, in dem glatten schwarzen Kleide, die etwas förmliche Miene, die sie angenommen hatte – ein Etwas an ihr, welches zeigte, daß sie nicht den ersten Klassen der Gesellschaft angehörte, und das zum Teil in der Art ihrer Schönheit, zum Teil in ihrer mädchenhaften Unschuld lag, die nun zum Schuldbewußtsein erwachte, Gewissensbisse über ihre Schwäche und eine unbestimmte Furcht vor dem, was in der Zukunft daraus entstehen würde – all das zog die Augengläser auf sich. Ripton lernte verstehen, daß Augen erträglich sind, aber Augengläser abscheulich. Sie lähmten seinen Mut, denn gewissermaßen hatte der Jüngling Augengläser immer für ein Symbol der Vornehmheit gehalten, und als er hörte, wie zwei besonders feine Augengläser, die verschiedene Male vor und hinter ihnen gegangen waren, in dem Jargon, den man gewöhnlich den jungen Lords nachsagt, ihre Bemerkungen darüber austauschten, daß seine Heldin ein reizendes, kleines Geschöpf wäre, grade die richtige Größe hätte, aber keinen Stil – da war er ganz vernichtet, und konnte sich nicht mehr auf sie stürzen, um sie zu zerreißen. Er war niedergeschlagen. Der Hund der Schönheit wird durch Augengläser in einen ähnlichen Schrecken gejagt, wie das gewöhnliche Tier durch das menschliche Auge. Richard schien nichts zu hören, oder nur Huldigungen. Er wiederholte Lucy die Verse von Diaper Sandoe – 323 Die Narren nicken einander zu, Die Gecken heben die Gläser – und plante, wie er ihr ein Pferd mieten wollte, damit sie alle Tage im Park reiten und sich unter der vornehmsten Gesellschaft auszeichnen sollte. Sie hatten sich nach Westen gewandt, wo durch die kahlen Bäume und hellen Dunstwolken der Himmel über dem Wasser glitzerte. Die Phantasie des Liebenden war grade damit beschäftigt, alle irdische Herrlichkeit in himmlische Farben zu kleiden, und seine Sinne waren aufs äußerste erregt, als er fühlte, wie die Hand seines Lieblings auf seinem Arme zitterte, und unwillkürlich sah er auf. Onkel Algernon humpelte ihnen auf seinem einen gesunden Bein gemütlich entgegen. Der invalide Gardeoffizier unterhielt sich mit einem Freunde, dessen Arm ihn stützte, und sprach ab und zu seine Vermutungen aus, über die schönen Damen, die vorbeifuhren. Die beiden erblaßten Gesichter gingen unbemerkt an ihm vorbei. Unglücklicherweise trat Ripton, der hinter ihnen ging, dem Kapitän derb auf seine lebendigen Zehen – das behauptete dieser wenigstens, denn er rief aus: »Zum Teufel. Mr. Thompson! Sie hätten sich auch den andern Fuß aussuchen können!« Die schreckliche Erscheinung brachte den armen Ripton in fürchterliche Verwirrung und er stammelte etwas über den merkwürdigen Zufall. »Ganz und gar nicht merkwürdig,« sagte Algernon, »jeder einzige trifft den armen Burschen. Es muß wohl Instinkt sein!« Er hatte es nicht nötig, nach seinem Neffen zu fragen, Richard wandte sich um, um der Gefahr ins Gesicht zu sehen. »Es tut mir leid, daß ich heute morgen nicht auf dich warten konnte, Onkel,« sagte er mit verwandtschaftlicher Kühle, »ich dachte, du gingst niemals so weit.« 324 Seine Stimme war vollständig ruhig – die Maske, die der Held vorband, bewundernswert. Algernon beobachtete das ernste Antlitz an seiner Seite und versuchte es, eine Anspielung auf den beliebten Prediger zu machen. Man stellte ihm darauf Riptons Schwester, Miß Thompson, vor. Der Kapitän verbeugte sich und sprach mit einem melancholischen Lächeln seine Zustimmung aus zu der Wahl des Predigers, die sein Neffe getroffen hatte. Nach einigen gleichgültigen Bemerkungen, und einer liebenswürdigen Verbeugung vor Miß Thompson, humpelte er weiter und die drei atmeten erleichtert auf und Lucys Arm wurde nicht länger durch den Druck zu heldenmütiger Haltung ermahnt. Dieser Zwischenfall beschleunigte ihre Schritte heimwärts unter die schützenden Flügel der Mrs. Berry. Alles was von ihnen über den Gegenstand gesprochen wurde, beschränkte sich auf Riptons gestammelte Entschuldigung über sein Benehmen, und auf die gutmütige Erwiderung Richards, daß er dadurch eine Schwester gewonnen hätte: worauf Ripton es wagte, den Wunsch auszusprechen, Miß Desborough möchte auch so denken, und Lucy ihm zu Gefallen ein wenig lächelte. Sie fühlte sich kaum stark genug, ihren Käfig wieder zu erreichen. Sie fühlte keine Kraft, irgend etwas von Mrs. Berrys hübschem kleinem Mittagessen zu sich zu nehmen. Alles, worum sie bat, war, daß man sie allein lassen möge, damit sie weinen und ihr Herz von der bedrückenden Last der Tränen befreien konnte. Die freundliche Mrs. Berry, die in ihr Schlafzimmer schlüpfte, um ihr beim Auskleiden behilflich zu sein, fand das schöne Geschöpf in einem krampfhaften Schluchzen, kleidete sie ganz aus und brachte sie zu Bett. »Nur eine Stunde Schlaf, das wird genügen,« 325 erklärte die liebenswürdige Frau den beiden ängstlichen, jungen Männern den Fall. »Ruhiger Schlaf und eine Tasse warmer Tee, das tut mehr, als zwanzig Doktors – ganz gewiß, bei solchem Zittern,« fuhr sie fort. »Das weiß ich von mir selbst. Und vorher sich ordentlich ausweinen ist besser, als die beste Medizin.« Sie redete ihnen zu, bis sie wenigstens so taten, als ob sie äßen, und zog sich dann zu ihrem zarteren Schützling, ihrem süßen Kindchen zurück, und dachte bei sich: »Du gütiger Himmel! die alle drei zusammen sind noch nicht mal fünfzig Jahre alt. Ich bin wenigstens so alt wie zwei und ein halb von ihnen.« Mrs. Berry führte ihre Schürze an die Augen und schloß alle drei wegen ihres zarten Alters in ihr Herz. Nachdem sie allein gelassen waren, konnte keiner von den jungen Männern einen Bissen hinunterbringen. »Sahst du, wie sie sich veränderte,« flüsterte Richard. Ripton klagte heftig über seine ungeheure Dummheit. Der Liebende warf Messer und Gabel hin. »Was konnte ich tun? Wenn ich nichts gesagt hätte, würde man Verdacht geschöpft haben. Ich mußte sprechen. Und sie haßt jede Lüge! Sieh! Es hat sie zu Boden geworfen. Gott möge mir verzeihen!« Ripton stellte sich, als wenn er die Sache leichter auffaßte: »Sie hat sich erschreckt, Richard,« sagte er. »Das ist es, was Mrs. Berry mit dem Zittern meint. Solch alte Frauen sprechen so. Du hörtest doch, was sie sagte. Und solch alte Frauen verstehen sich darauf. Ich werde dir sagen, was es ist. Es ist das, Richard! – es ist, weil du einen Narren zum Freunde hast!« »Sie bedauert, was sie getan hat,« murmelte der Liebende. »Guter Gott! Ich glaube, sie fürchtet sich vor mir.« Er verbarg sein Antlitz in seinen Händen. 326 Ripton ging zum Fenster und wiederholte energisch zum Trost: »Es ist nur, weil du solch einen Narren zum Freunde hast.« Die Straße, die sie in letzter Nacht so aufgestört hatten, wurde düster. Die Sonne vergrub sich hinter Wolken. Ripton beobachtete die beklagenswerten Geschöpfe, die auf der Straße vorbeigingen. Seine aristokratischen Visionen waren mit seinem Frühstück dahingegangen. Die Schönheit war zu Boden geschlagen worden durch seine übergroße Dummheit und da stand er nun als ein Elender! Richard trat zu ihm. »Murmele nicht so vor dich hin, Rip!« sagte er, »niemand macht dir einen Vorwurf.« »Ach, Richard! du bist sehr gut,« erwiderte der Elende gerührt durch das traurige Gesicht, in das er blickte. »Höre, Rip! ich werde sie heute abend nach Hause bringen. Ja! wenn sie fern von mir glücklicher ist! – Hältst du mich für einen rohen Menschen, Ripton? Lieber als daß sie eine Träne vergießen sollte, möchte ich – Ich werde sie heute abend nach Hause bringen!« Ripton meinte, das wäre etwas plötzlich, fügte auch aus seiner größeren Erfahrung hinzu, die Leute könnten darüber reden. Der Liebende konnte nicht verstehen, worüber sie reden sollten, sagte aber: »Wenn ich dem, der sie abholen sollte, eine Erklärung gebe? Wenn niemand mich sieht, oder von mir hört, was können sie dann sagen? Ach, Rip! Ich will sie aufgeben. Ich bin für immer elend gemacht! Was kommt es darauf an? Ja – laß sie sie wieder zurücknehmen! Die ganze Welt in Waffen hätte sie mir nicht entreißen können, aber wenn sie weint – Ja! alles ist vorüber. Ich werde gleich gehen und ihn aufsuchen.« Er suchte in ganz unmöglichen Ecken nach dem Hute 327 und nach dem Entschluß. Ripton sah zu und war unglücklicher als je. Der Gedanke kam ihm: – »Aber vorausgesetzt, Richard, daß sie nicht gehen will?« Es war ein Augenblick, in dem vielleicht jemand, der auf der Seite von Eltern und Vormündern und der alten, weisen Welt steht, die jungen Leute dazu hätte veranlassen können, den vorgeschriebenen elenden Weg einzuschlagen und dem kleinen Cupido einen Klaps zu geben und ihn nach Hause zu schicken zu seiner ungezogenen Mama. »Aber ach! – wendet das Manuskript des Pilgers ein – die Frauen sind die geborenen Mitschuldigen des Unfugs!« Herein kommt mit geschäftigem Schritt Mrs. Berry, um den Tisch abzuräumen, und sieht, daß die beiden Ritter ihre Helme aufgesetzt haben, und sieht, obgleich es dämmrig ist, daß sie unsicher aussehen, und vermutet sogleich böse Dinge für ihren lieben Gott Hymen. »Aber! aber!« ruft sie aus, »und keiner von Ihnen hat auch nur einen Happen gegessen! Und die liebe, schöne, junge Dame schläft so schön, wie man nur schlafen kann!« »Wirklich!« ruft der Liebende neu belebt. »Sanft wie ein kleines Kind!« behauptete Mrs. Berry. »Ich ging noch oben nach ihr sehen und ihr Atem ist ganz, ganz ruhig. Er kommt und geht, wie das schönste, gleichmäßigste Instrument. Noch haben die schwarzen Ochsen ihr nicht auf den Fuß getreten! Wahrscheinlich war es bloß die Londoner Luft. Aber stellen Sie sich bloß vor, wenn Sie den Doktor gerufen hätten! Na, ich hätte nicht zugelassen, daß sie etwas von seinen Quacksalbereien genommen hätte. Gewiß nicht!« Ripton beobachtete aufmerksam seinen Führer und sah, wie er mit merkwürdiger Vorsicht den Hut abnahm und in seinen Boden blickte, aus welchem er während Mrs. 328 Berrys Rede einen kleinen Handschuh hervorzog – der durch irgend eine Laune des Zufalls hinein geraten war. »Behalte mich! behalte mich! nun du mich hast!« sang der kleine Handschuh und erfreute den Liebenden mit tausend Vorstellungen. »Wann meinen Sie, daß sie aufwachen wird, Mrs. Berry?« fragte er. »Ach, wir müssen sie nicht stören,« sagte das schlaue, gute Geschöpf. »Mein Gott! lassen Sie sie doch ausschlafen. Und wenn die jungen Herren auf meinen Rat hören wollten, und ein bißchen spazieren gehen, um sich Appetit zu machen – jeder Mensch sollte essen! das ist Ihre heilige Pflicht, ganz egal, was Ihre Gefühle sind! Das sage ich, die ich kein junges Huhn mehr bin! – Ich werde Frikassee davon machen – von dem jungen Huhn da – wenn Sie zurückkommen. Ich verstehe zu kochen, das kann ich Ihnen versichern!« Richard ergriff ihre beiden Hände. »Sie sind die beste Seele von der Welt!« rief er. Mrs. Berry schien ganz bereit ihn zu küssen. »Wir wollen sie nicht stören. Lassen wir sie schlafen. Halten Sie sie im Bett, Mrs. Berry. Wollen Sie das? Und wir werden heute abend nach ihr fragen kommen und sie morgen wieder besuchen. Ich bin überzeugt, daß Sie freundlich zu ihr sein werden.« »Aber! aber!« Mrs. Berry fing am gerührt zu werden. »Ich vertraue sie Ihnen an, wie Sie sehen. Leben Sie wohl, Sie liebe, alte Seele!« Er drückte einige Goldstücke in ihre Hand und ging fort, glücklich und hungrig, um mit seinem Onkel zu dinieren. Bevor sie das Hotel erreichten, waren sie übereingekommen, Mrs. Berry in ihr Vertrauen zu ziehen, ihr mit den nötigen Ausschmückungen alles zu sagen, außer ihren 329 Namen, so daß sie sich des Rates und Beistandes dieser vortrefflichen Frau erfreuen könnten, ohne doch etwas von ihr fürchten zu müssen. Lucy sollte »Letitia« genannt werden, wie Riptons jüngste und hübscheste Schwester. Der herzlose Bursche schlug es vor in grausamer Verspottung ihrer alten Schwäche. »Letitia!« überlegte Richard. »Der Name gefällt mir. Beide Namen fangen mit L. an. Es liegt etwas sanftes, weibliches in den L.s.« Der praktische Ripton bemerkte, daß es geschrieben immer wie ein Pfundzeichen aussähe. Des Liebenden Gedanken schweiften durch goldene Haine. Lucy Feverel! das klingt besser! Wenn ich doch wüßte, wo Ralph ist. Ich würde ihm gerne helfen. Er liebt meine Cousine Klara. Er wird nichts Vernünftiges anfangen, solange er nicht verheiratet ist. Kein Mann kann es. Ich werde hunderte von Dingen tun, wenn es erst vorüber ist. Zuerst werden wir reisen. Ich will die Alpen sehen. Man weiß nicht, was die Erde ist, solange man nicht die Alpen gesehen hat. Was für eine Freude es ihr machen wird! Ich kann mir schon vorstellen, wie sie die Augen zu ihnen aufschlagen wird. Und ach, ihre Augen, die zum Himmel blicken Mit gleicher Schönheit – – und so weiter. »Wundervoll! Diese Verse wurden von einem Manne geschrieben, Rip, der früher ein Freund meines Vaters war. Ich beabsichtige ihn aufzusuchen und sie wieder zu versöhnen. Du machst dir nichts aus Versen. Du brauchst dir auch keine Mühe damit zu geben, Rip!« »Sie klingen sehr hübsch,« sagte Rip und schwieg dann bescheiden. »Die Alpen, Italien, Rom! und dann werde ich nach dem Orient gehen,« fuhr der Held fort. »Sie ist bereit, 330 überall mit mir hinzugehen, das liebe, tapfere Herz! Ach der glorreiche, goldene Osten! Ich träume von der Wüste. Ich träume, ich sei der Häuptling eines Araberstammes, und ganz in weiß gekleidet fliegen wir im Mondenscheine auf unsern Rossen dahin, um meinen Liebling zu befreien! Und wir werfen unsere Speere und wir zerstreuen die Feinde und ich komme zu dem Zelt, wo sie zusammengekauert sitzt, und reiße sie auf meinen Sattel und fort geht es! – Ach, Rip, was für ein Leben!« Ripton versuchte es sich vorzustellen, daß auch er Vergnügen an so etwas finden könnte. »Und dann werden wir nach Hause kommen, und ich werde ein Leben führen wie Austin und sie wird mir helfen. Zunächst sei tugendhaft, Rip! Und dann diene deinem Vaterland mit Herz und Seele. Ein weiser Mann hat so zu mir gesprochen. Ich denke, ich werde etwas leisten.« Sonnenschein und Wolken, Wolken und Sonnenschein gingen über den Liebenden hin. Bald schien sein Leben ein enger Kreis, bald dehnte sich die Ferne, nahm Flügel an, flog mit ihm in das Grenzenlose. Noch vor einer Stunde war ihm jede Speise verhaßt. Nun erfrischte er seinen Körper in männlicher Weise und stimmte in Algernons Lobpreisungen über Miß Letitia Thompson ein. Unterdes schlief die Schönheit, bewacht von dem freiwilligen Veteranen in der Gefolgsmannschaft des Helden. Lucy erwachte aus Träumen, die wie Wirklichkeit erschienen, zu einer Wirklichkeit, die ein Traum war. Sie erwachte und rief nach einer Freundin, »Margaret!« und hörte, wie jemand sagte: »Mein Name ist Bessy Berry, meine Liebe! nicht Margaret.« Dann fragte sie in Mitleid erregenden Tönen, wo sie wäre, und wo Margaret wäre, ihre liebe Freundin, und Mrs. Berry flüsterte: »Sie haben doch jetzt einen lieben Freund!« 331 »Ach!« seufzte Lucy und sank in ihre Kissen zurück, überwältigt durch ihre seltsame Lage. Mrs. Berry schloß die Krause an ihrem Nachthemde und strich die Bettücher ruhig zurecht. Ihr Name wurde gehaucht. »Ja, meine Liebe?« sagte sie. »Ist er hier?« »Er ist fortgegangen, meine Liebe.« »Fortgegangen? – Ach, wohin?« Das junge Mädchen richtete sich eilig auf. »Er ist fortgegangen, um bald wieder zurückzukommen. Ach, ist das ein junger Herr!« rief Mrs. Berry. »Keinen Bissen hat er gegessen, keinen Tropfen hat er getrunken.« »Ach, Mrs. Berry! weshalb haben Sie ihm nicht zugeredet?« Lucy weinte um den verhungerten Helden, der grade in diesem Augenblick mächtig schmauste. Mrs. Berry erklärte, auch für die klügste Frau wäre es eine reine Unmöglichkeit, jemanden zum Essen zu bewegen, der glaubte, daß sein Herzensliebling sterben würde, und Lucy starrte mit großen Augen in die Kerze und sann über diese tiefe Wahrheit nach. Sie brauchte jemand, dem sie ihr Herz ausschütten konnte. Sie streckte ihre Hand unter der Decke hervor, nahm Mrs. Berrys Hand und küßte sie. Eines weiteren Geständnisses bedurfte es nicht, und Mrs. Berrys üppiger Busen lehnte sich über das Kopfkissen und flehte den Himmel an, die beiden zu segnen! – Dadurch wurde die kleine Braut nun wieder beunruhigt und wunderte sich, wie Mrs. Berry es erraten haben konnte. »Aber man sieht doch die Liebe in Ihren Augen, und in allem, was Sie tun,« sagte Mrs. Berry, und die kleine Braut wunderte sich wieder sehr. Sie glaubte, sie wäre so sehr vorsichtig gewesen, es nicht zu verraten. Sie waren beide Frauen und freuten sich je nach der besonderen Art 332 ihrer Frühlingsgefühle. Und dann versuchte Mrs. Berry die süßen Einzelheiten dieses schönen Liebesbundes zu erfahren, aber die Lippen der jungen Braut waren verschlossen. Sie erzählte nur, daß ihr Liebender im Range über ihr stände. »Und Sie sind katholisch, meine Liebe!« »Ja, Mrs. Berry!« »Und er ein Protestant.« »Ja, Mrs. Berry!« »Aber, aber! und warum sollten Sie auch nicht?« rief sie dann gleich, als sie sah, daß das bräutliche Kind wieder traurig wurde. »So wie Sie geboren sind, so sollen Sie auch bleiben! Aber Sie werden Abmachungen treffen müssen, wegen der Kinder. Die Mädchen gehen mit Ihnen zur Kirche, die Jungens mit ihm. Es ist derselbe Gott, meine Liebe! Sie brauchen darüber nicht zu erröten, obgleich es Ihnen sehr hübsch steht. Wenn der junge Herr Sie doch jetzt sehen könnte!« »Aber bitte, Mrs. Berry!« »Aber er wird Sie doch so sehen, meine Liebe!« »Ach, bitte, Mrs. Berry!« »Und den Gedanken daran können Sie noch nicht einmal ertragen! Na – ich wünschte, es wären Väter und Mütter auf beiden Seiten., und alle Papiere unterschrieben und Brautjungfern und ein Hochzeitsfrühstück! aber Liebe ist Liebe, und wird es immer sein, trotz alledem!« Sie machte noch weitere und tiefere Tauchversuche in das kleine Herz, aber obgleich sie Perlen hervorbrachte, so waren sie doch nicht von der Art, wie sie sie suchte. Die eine Tatsache, die als Frucht am Baum ihrer Liebe hing, hatte Lucy ihr gegeben; treu ihrem Geliebten wollte sie nicht Wachstum und Geschichte ihrer Liebe enthüllen, wie bitter sie sich auch danach sehnte, alles vor dieser 333 lieben, alten Beichtmutter auszuschütten. Ihr Benehmen trieb Mrs. Berry von der rosigen zu der herbstlichen Ansicht über die Ehe, die man gewöhnlich damit einleitet, daß man die Ehe für eine Lotterie erklärt. »Und wenn Sie Ihr Los sehen, wissen Sie noch nicht, ob es ein Treffer oder eine Niete ist. Und der Himmel weiß! einige bilden sich ein, es ist ein Treffer, und dann dreht es sich um und zerreißt sie. Ich zog mit Berry eine Niete. Für mich wurde er eine schwarze Beere! Sie dürfen ruhig darüber lachen! er war es wirklich, und ich war so stolz auf ihn gewesen, wie Sie sich nur vorstellen können, meine Liebe!« Mrs. Berry drückte ihre Hände flach auf ihre Schürze. »Wir waren noch nicht drei Monate Mann und Frau gewesen, als dieser Mann – es war nicht in den Flitterwochen, manche können nicht einmal das sagen – als dieser Mann – Ja! er stieß mich! Seine angetraute Frau stieß er! Ach!« sie seufzte, und Lucy machte große Augen. »Ich hätte das ertragen können. Ein Schlag trifft noch nicht das Herz,« das arme Geschöpf legte die Hand auf diese zarte Stelle. »Ich hörte nicht auf ihn zu lieben, denn ich bin ein sanftes Wesen. So groß, wie ein Grenadier ist er, und wenn er nicht im Dienst ist, läßt er seinen Schnurrbart wachsen. Ich nannte ihn gewöhnlich meinen Leibgardisten – wie die Königin! Ich schmeichelte ihm, wir Frauen sind ja solche Narren. Denn das können Sie mir glauben, meine Liebe, es gibt nichts hier auf der Erde, was so eitel wäre, wie ein Mann! Das weiß ich. Aber das habe ich nicht verdient. – Ich bin eine vorzügliche Köchin – – – das habe ich auf keine Art verdient.« Mrs. Berry schlug sich aufs Knie und gab den Höhepunkt ihrer Rede mit besonderem Nachdruck: »Ich habe seine Wäsche gestickt. Ich hab' nach seinem Ausputz gesehen – so nannte er seine Kleider, der schlechte Mann! Ich war seine Dienerin, 334 meine Liebe! und da – es waren neun Monate – neun Monate nach dem Tage, an dem er geschworen hatte mich zu beschützen und zu behüten – neun Kalendermonate nach dem Tage, und da – geht mein Herr durch mit einer andern Frau! Fleisch von seinem Fleisch! – pah!« rief Mrs. Berry, als sie sich lebhaft das erlittene Unrecht ins Gedächtnis zurückrief. »Hier ist mein Ring! Ein schöner Ausputz! Was hat er zu bedeuten? Ein dutzendmal am Tage möchte ich ihn vom Finger reißen. Er ist ein Symbol? Ich nenne es Narrheit, wenn eine lebendig Tote ihn trägt, eine, die eine Witwe ist, und doch keine Witwe, und findet für das, was sie ist, keinen Namen in keinem Wörterbuch. Ich habe nachgesehen, meine Liebe und« – sie breitete ihre Arme aus – »kein Wörterbuch hat einen Namen für eine, wie ich bin!« Bei diesem großen Schmerz zitterte Mrs. Berrys Stimme vor Schluchzen. Lucy sprach liebevoll mit der Armen, die in keinem Wörterbuch zu finden war. Der Kummer des Herbstes enthält keine Warnung für den Frühling. Trotz all ihres zarten Mitleids fühlte sich die junge Braut nur noch glücklicher, nachdem sie die rührende Geschichte ihrer Wirtin von der Schlechtigkeit der Männer gehört hatte, ließ diese doch den Ruhm ihres Helden noch heller erstrahlen. Aber nach einem kurzen Flug in unbeschreibliche Glückseligkeit fiel sie wieder herab, getroffen von dem Gedanken an eine der hundert argusäugigen Fährlichkeiten. »Ach, Mrs. Berry! Ich bin noch so jung. Denken Sie doch – nur eben siebzehn!« Mrs. Berry trocknete ihre Augen und sah gleich wieder ganz fröhlich aus. »Jung, meine Liebe! Unsinn! Manchmal schadet es gar nicht so sehr, wenn man jung ist. Ich kannte eine irische Dame, die heiratete, wie sie vierzehn war. Ihre Tochter heiratete ein bißchen älter als 335 vierzehn; mit dreißig Jahren war sie Großmutter! Wenn sie mit irgend einem fremden Mann zu sprechen anfing, fragte sie meistens, welche Façon Hauben für Großmütter modern wäre. Da wurde sie angestarrt! Himmel! Die Großmutter hätte gut noch zehnmal selbst heiraten können. Es war die Schuld ihrer Tochter, wissen Sie, nicht ihre.« »Sie war noch drei Jahre jünger,« überlegte Lucy. »Sie heiratete unter ihrem Range, meine Liehe. Ging mit dem Sohn von ihres Vaters Pächter durch. Ach, Berry, hat sie oft zu mir gesagt, – wenn ich nicht so dumm gewesen wäre, würde ich jetzt eine große Dame sein und nicht eine Großmutter! Ihr Vater hat ihr niemals verziehen – und sein ganzes Vermögen ging aus der Familie.« Lucy war es wichtiger zu erfahren, ob ihr Mann sie immer geliebt hätte. »Auf seine Art, meine Liebe, hat er es wohl getan,« sagte Mrs. Berry, aus ihrer ehelichen Weisheit sprechend. »Er konnte nicht anders. Wenn er aufhörte, fing er immer wieder an. Sie war so klug und machte es ihm so behaglich. Kochen konnte sie! Es konnte in keiner Staatsküche eine bessere geben; wahrhaftig nicht! Und dabei war sie doch als vornehme Dame geboren! Das zeigt Ihnen, wie es die Pflicht aller Frauen ist! Sie pflegte zu sagen – ›Wenn das Wohnzimmerfeuer herunterbrennt, muß man Kohlen auf das Küchenfeuer legen!‹ und das ist ein gutes Wort, das man hoch halten sollte. So ist der Mann! es hilft uns gar nichts, wenn wir sein Herz haben, wir müssen auch seinen Magen haben!« Da es ihr einfiel, daß sie vielleicht nicht verstanden würde, fügte Mrs. Berry rasch hinzu: »Davon wissen Sie noch nichts, meine Liebe. Passen Sie aber auf und 336 hören Sie auf das, was ich Ihnen sage: vernachlässigen Sie nicht Ihr Kochen. Küssen hält nicht vor, aber Kochen tut's.« So brach sie mit einem Aphorismus ab, der wert gewesen wäre in das Manuskript des Pilgers aufgenommen zu werden und ging hinaus, um für ihre liebe Kranke eine Speise zu bereiten. Lucy fühlte sich ganz wohl und wollte sehr gern aufstehen, um fertig zu sein, wenn man an der Tür klopfte. Mrs. Berry, in ihrer liebevollen Sorgfalt für die junge Braut, verlangte aber sehr entschieden, daß sie sich wieder hinlegen und sich ruhig halten und sich hüten und pflegen lassen sollte. Denn Mrs. Berry wußte sehr wohl, daß sie nur Aussicht hätte, den Helden zehn Minuten allein zu sprechen, so lange die kleine Braut in unerreichbarer Lage wäre. Dank ihrer Strategie, wie sie überzeugt war, erreichte sie ihr Ziel. Der Abend ging nicht zu Ende, ohne daß sie aus dem Munde des Helden selbst erfahren hatte, daß Mr. Richard, der Vater des Helden, ein sehr ernster Rechtsanwalt, gegen die Verbindung seines Sohnes mit der Dame, die er liebte, wäre, wegen eines seiner Mündel, der Erbin eines ungeheuren Vermögens, von der er wünschte, daß sein Sohn sie heiraten sollte; und weil seine geliebte Letitia eine Katholikin wäre – Letitia wäre die einzige Tochter eines schon verstorbenen Marineoffiziers und in der Gewalt eines wütenden Onkels, der diese Schönheit seinem Sohne opfern wollte. Mrs. Berry lauschte gläubig dieser eindrucksvollen Erzählung und sprach ihre Ansicht darüber aus, daß die Schlechtigkeit der alten Leute eine Entschuldigung für die Tollheiten der Jugend bilde. Nachdem die feierliche Ablegung von Schwüren der Verschwiegenheit und Hingebung vorüber war, wurde sie in die Gefolgsmannschaft des Helden aufgenommen, welche nun drei Personen zählte, und nahm 337 mit weiblicher Energie ihre Pflichten auf, denn kein Verschwörer tut es den Frauen gleich. Riptons Leutnantsstellung wurde zur Sinekure, sein Rang nur ein Titel. Er war noch nie verheiratet gewesen, er wußte nichts vom Aufgebot, ausgenommen, daß man es haben mußte und daß es nicht schwer zu erlangen war – er hatte keine Ahnung davon, daß der Geistliche der Gemeinde, wo einer der Ehegatten ansäßig war, so und so lange vorher benachrichtigt werden mußte. Wie sollte er das auch wissen? Alles, worauf sich seine Vorsorge richtete, war der Ring, und jedesmal, wenn das Gespräch über die Vorbereitungen für das große Ereignis besonders heiß und wichtig wurde, pflegte er mit einem schlauen Kopfnicken zu sagen: »Sie wissen, Mrs. Berry, wir müssen nicht vergessen, den Ring zu besorgen!« und das neue Mitglied der Verschwörung wurde nur durch ihre natürliche Liebenswürdigkeit davon zurückgehalten, auszurufen: »Ach, zum Teufel! mit Ihnen und Ihrem Ring!« Mrs. Berry hatte eine hervorragende Rolle bei fünfzehn Heiraten gespielt, mit und ohne Aufgebot, und wenn man ihr nun immer mit einem so selbstverständlich notwendigen Gegenstand in den Ohren lag, das konnte ihre Geduld erschöpfen. Sie hätten mit keinem besseren Gehilfen, mit keiner bedeutenderen Autorität einen Bund schließen können – sie gestanden es sich gegenseitig ein. Der Held marschierte auf ihr Geheiß wie ein Automat. Leutnant Thompson war glücklich, wenn er zum besten des Unternehmens die Dienste eines Laufburschen ausführen durfte. »Ich tu's in der Hoffnung, daß Sie glücklicher werden als ich,« sagte die treue und mitleidige Berry. »Man sagt, daß die Ehen im Himmel geschlossen werden, und wenn das so ist, dann sage ich, daß sie da oben nicht viel Rücksicht auf uns nehmen!« 338 Sie hatte dem Helden für seine Erzählung von den grausamen Eltern ihre eignen schmerzlichen Erfahrungen zum besten gegeben. Richard schwur ihr, daß er es hinfort für seine Pflicht halten würde, den Ausreißer aus den ehelichen Banden aufzujagen und ihn gebunden und reumütig zurückzubringen. »Ach, er wird schon kommen!« sagte Mrs. Berry und zog ihr Gesicht in prophetische Falten: »er wird schon von selbst kommen! Er wird niemals irgendwo jemand finden, der so kochen kann wie Bessy Berry! Und in seinem innersten Herzen kennt er ihren Wert. Und ich glaube wirklich, wenn er kommen sollte, werd' ich ihm diese Arme wieder öffnen und ihm nicht seine Unverschämtheit ins Gesicht schlagen – ich bin nun mal so gutmütig! Ich war immer so in der Ehe, Mr. Richards!« Wie wenn Nationen sich heimlich zum Kriege rüsten und die Docks und Arsenale Tag und Nacht hämmern und geschäftige Unternehmer die Zeit zollweise abmessen und die ganze Luft meilenweit in der Runde summt, als wenn Myriaden von Bienen beschäftigt wären, so hallte das Haus und die Nachbarschaft der in der Ehe Sanftmütigen wieder im heroischen Stile und wußte wenig von dem Wechsel des Lichts, der durch die Schöpfung bestimmt ist. Mrs. Berry war die Führerin des Tages. Nach dem Gerichtshof von Doktors Commons schickte sie den Helden wohl instruiert, wie er dem Gesetz kühn entgegentreten und eine Geschichte ersinnen sollte: denn das Gesetz könnte einer gut ersonnenen und mit Kühnheit vorgebrachten Geschichte niemals widerstehen. Nach dem Gerichtshof von Doktors Common ging der Held und stellte sich vor. Und man sehe! Das Gesetz tanzt ihm seinen ehrbarsten, lieblichsten Bärentanz. Denkt ihr, das Gesetz wäre ihm gegenüber weniger gefühlvoll, als Fleisch und Blut? Mit 339 wunderschönem Vertrauen legte es ihm die wenigen bekannten Fragen vor und nickte zu seinen Antworten: unterstempelte das Aufgebot – und kassierte die Gebühren ein. Das Gesetz muß in seinem Herzen ein alter Vagabund sein, daß es erlauben kann, sei es auch für einen Helden, daß das Unwiderrufliche so billig zu erlangen ist. Denn beobachte es nur einmal, wenn es von Helden und Heldinnen gebeten wird, das wieder ungeschehen zu machen, was es so leicht getan hat! Der enge Torweg zu Doktors Commons scheint ein Nadelöhr zu sein, durch welches die magere Börse auf irgend eine Weise leichter hindurch schlüpft, als die volle; aber wenn sie einmal hindurch sind, sind alle Kamele gleich, und die magere Börse wird zu einem besonders dicken Kamel. Wenn das Gesetz so ungeheuer viel Heiraten zuläßt, kann es kein Gewissen haben. »Ich hatte nicht die geringste Schwierigkeit,« sagte der überglückliche Held. »Natürlich nicht!« erwiderte Mrs. Berry. »Wenn man es ernstlich will, ist es ebenso leicht, wie einen Rosinenkuchen zu kaufen.« Ebenso ging der Gesandte des Helden, um das Versprechen der Kirche zu erlangen, an einem bestimmten Ort und an einem bestimmten Tage bereit zu sein, um den Schwur ewiger Treue zu hören und mit ihrer ganzen Kraft zu umgürten: wozu sich die Kirche, nachdem sie einen Wink von dem Gesetz erhalten hatte, dienstfertig bereit erklärte, für noch weniger als den Preis eines Rosinenkuchens. Mittlerweile, während Handwerksleute und geschickte Frauen von Mrs. Berry angeleitet arbeiteten, um den nahenden Tag zu schmücken, schliefen Raynham und Belthorpe – das erstere tief und gesund, und ein Tag war für sie wie der andere. Regelmäßig an jedem Morgen kam ein Brief von Richard an seinen Vater, der seine 340 Beobachtungen über die Wunder von London enthielt; Bemerkungen (meistens zynische) über die Reden und Taten des Parlaments; und Gründe, weshalb er bis jetzt noch nicht seinen Besuch bei den Grandisons hatte machen können. Die Briefe waren allerdings ziemlich eintönig und farblos. Der Baron beklagte sich nicht darüber. Dieser kühle Ton der Pflicht versicherte ihn, daß keine innere Unruhe, keine Zerstreutheit vorhanden wäre. »Die Briefe physischer Gesundheit!« sagte er zu Lady Blandish mit sicherem Einblick. Wohlgefällig saß er und lächelte und ahnte wenig davon, daß seines Sohnes Prüfung unmittelbar bevorstand, und daß seines Sohnes Prüfung auch die seine werden sollte. Hippias schrieb, daß sein Neffe ihn damit umbrächte, daß er immer Verabredungen träfe, die er niemals einhielte, und daß er ihn überhaupt in der schamlosesten Weise vernachlässigte, so daß seine Magenganglien in einem zehnmal schlimmeren Zustand wären, als vor seiner Abreise von Raynham. Er schrieb sehr bitter, aber es war schwer mit einem beleidigten Magen Mitleid zu empfinden. Auf der andern Seite, in Belthorpe, war der junge Tom Blaize nicht zurückgekommen und hatte auch gar nichts von sich hören lassen. Farmer Blaize rauchte Abend für Abend seine Pfeife, und war im höchsten Maße beunruhigt. London war eine große Stadt – der junge Tom konnte darin verloren gehen; und der junge Tom hatte seine Schwächen. Ein Wolf in Belthorpe, konnte er doch in London ein Schaf sein, als was sich Landjünglinge schon oft gezeigt haben. Aber was war aus Lucy geworden? Dieser Gedanke brachte Farmer Blaize beinahe selbst nach London, und er wäre auch hingegangen, hätte seine Pfeife ihn nicht aufgeklärt. Ein junger Bursche konnte ein Durchgänger sein und in die Patsche geraten – aber von einem jungen Mann und einem jungen Mädchen 341 zusammen würde man sicherlich hören, vorausgesetzt, daß sie nicht in Übereinstimmung handelten. Natürlich hatte der junge Tom wie ein Mann gehandelt, – der Schurke! und sie auf der Stelle geheiratet, so lange er die gute Gelegenheit hatte. Die Erklärung war etwas weit hergeholt. – Und doch war es die einzig mögliche Art, sein außerordentliches Stillschweigen zu erklären, und deshalb hielt sich der Farmer daran, daß er es getan haben müsse. Er urteilte, wie es moderne Menschen zu tun pflegen, die nicht an die Existenz eines Helden glauben, der gewöhnliche Berechnungen über den Haufen wirft. Nachdem er einen Brief an einen Freund in der Stadt geschrieben und ihn gebeten hatte, nach Tom auszuschauen, fuhr er also vor der Hand fort seine Pfeife zu rauchen und fühlte sich eigentlich ganz befriedigt. Er überlegte schon, wie schlau er sich benehmen wollte, wenn der Herr Hochzeitsreisende erscheinen würde. Gegen die Mitte der zweiten Woche von Richards Abwesenheit kam Tom Bakewell nach Raynham, um Kassandra zu holen, und händigte der Großtante im geheimen einen Brief ein, mit der Bitte um Geld, und zwar um eine beträchtliche Summe. Die Großtante blieb ihrem Worte treu und gab Tom ihrerseits einen Brief, der eine Anweisung auf ihren Bankier enthielt, die ausreichend dafür sorgte, die heroische Maschine in Gang zu erhalten. Tom reiste wieder ab uns Raynham und Lobourne schliefen und träumten nicht von dem kommenden Tage. Das System, mit der Zeit vermählt, schlief und wußte nicht, wie es vergewaltigt worden war, und daß man die sieben fetten Jahre vorausgenommen hatte. Denn die Zeit hatte gehört, wie der Held das gesetzlich bestätigende Dokument beschworen hatte, und hatte den Schwur eingetragen. Ach, die ehrwürdige Zeit! Sie kann nicht verzeihen. Die Hälfte von der Verwirrung und Aufregung der Welt rührt 342 von der Rache her, die die Zeit den Unschuldigen geschworen hat, die ihr zufällig einmal ein Unrecht zugefügt haben. Sie können ihr nicht entwischen. Sie werden die Rache niemals überleben. Wenn die Zeit auch Scherze hervorbringt, so ist sie doch selbst nicht scherzhaft; und es scheint die Aufgabe der Menschen zu sein, das herauszufinden. Die Tage rollen dahin. Die Zeit ist ihnen jetzt dienstbar. Mrs. Berry hat ein neues Atlaskleid, einen wunderschönen Hut, eine goldene Brosche, sehr zarte Handschuhe, was ihr alles der Held geschenkt hat, damit sie darin morgen neben seiner Braut am Altar stehen möge, und anstatt eine alte vorsichtige Henne zu sein, ist sie ebenso sehr ein unvorsichtiges Hühnchen, wie nur irgend einer aus der Gesellschaft; so zauberhaft haben die Geschenke gewirkt. Sie erwartet, daß die Väter mit den Taten ihrer Kinder zufrieden sein werden, daß die Welt zufrieden sein wird, so gestaltet zu werden, wie es dem Helden beliebt. Schließlich bringt die Zeit den Vorabend der Hochzeit und wird als Wohltäterin gesegnet. Die letzten Vorbereitungen sind getroffen; der Bräutigam geht fort und Mrs. Berry leuchtet der kleinen Braut zu Bett. Lucy hält auf dem Treppenabsatz an, wo eine alte Uhr steht, die in dieser Nacht außerordentlich genau zeigt; es ist die zitternde Pause vor den Pforten ihrer Verwandlung. Mrs. Berry sieht, wie sie ihren rosigen Finger auf die »Eins« legt, die die Uhr zu schlagen im Begriff ist, und wie sie alle Stunden, eine nach der andern, berührt, bis sie zu der »Zwölf« kommt, die das Wort »Frau« ihr morgen wird ertönen lassen. Ihre Lippen bewegen sich, und sie sieht sich schelmisch und doch feierlich um, nachdem sie es getan hat, und dieser Anblick trifft Mrs. Berrys Herz, und da sie nicht annimmt, daß die Zeit des armen Kindes Feind sein könnte, bringt sie ihre Kerze in Gefahr, indem sie Lucy warm in ihre Arme schließt und halb weinerlich flüstert: 343 »Gott segne dich, mein Liebling! Du unschuldiges Lamm! Du wirst glücklich werden! Du wirst es!« Die alte Zeit schaut grimmig voraus.   Neunundzwanzigstes Kapitel. In welchem der letzte Akt einer Komödie an die Stelle des ersten tritt. Obgleich der Wind stürmisch wehte, als Cäsar den Rubikon überschritt, so ist doch der Übergang über diesen Fluß gewöhnlich ruhig, so ruhig, wie über den Acheron. Solange der Fährmann nur sein Fährgeld bekommt, verlangt er nicht zu wissen, wen er hinüberbringt: er rudert kräftig und die Helden können in einer halben Stunde drüben sein. Erst wenn sie das gegenüberliegende Ufer erreicht haben, erkennen sie, was für einen großen Sprung sie gemacht haben. Die Küsten, die sie verlassen haben, schrumpfen zusammen, als wenn sie in unendlicher Ferne lägen. Dort haben sie geträumt, hier müssen sie handeln. Dort liegen Jugend und Unentschlossenheit: hier Mannesalter und Lebenszweck. Sie sind wirklich in einem andern Land: ein moralischer Acheron durchschneidet ihr Leben. Kaum ihre Erinnerungen scheinen ihnen noch anzugehören! Die »Philosophische Geographie«, die nächstens erscheinen soll, macht die Bemerkung, daß jeder Mensch zu einer oder der andern Zeit einen kleinen Rubikon hat – ein klares oder ein trübes Wasser, das er überschreiten muß. Es wird ihm die Frage vorgelegt: »Willst du dich mit diesem Schicksal vermählen, und alles, was hinter dir liegt, aufgeben?« Und das klar ausgesprochene »Ich will« 344 bringt ihn geschwind hinüber. Die oben erwähnte, erst im Manuskript vorhandene, Autorität teilt uns mit, daß bei weitem die größte Zahl der Leichen, die von diesem heroischen Strom dem tiefer rauschenden Bruderstrom zugetragen werden, solche Leute sind, die ihr »Ich will« bereut und versucht haben zu dem Ufer zurückzuschwimmen, das sie verlassen hatten. Denn obgleich jeder von uns in einer verhängnisvollen Minute zum Helden werden kann, so bleiben es doch nur die wenigsten auch nur für die Dauer eines Tagesmarsches: und wer kann sich darüber wundern, daß Frau Fortuna dann ärgerlich wird und diesen Abtrünnigen das schreckliche Antlitz des Welt-Schicksals zeigt? Laß ihr gegenüber dein Herz oder deine Tatkraft versagen und dann sieh, wie die verlockende Lieblichkeit ihres Antlitzes dahinschwindet und sich zu dem verzerrt, was ihm zugrunde liegt! Sei dein Rubikon breit oder schmal, klar oder trübe, es bleibt dasselbe, du darfst nicht zurück. Vorwärts – oder zum Acheron hinab! Ich unterschreibe den Ausspruch in dem Manuskript des Pilgers: »Über die Gefahr einer zu geringen Erkenntnis der Dinge läßt sich streiten: hütet Euch aber vor der zu geringen Kenntnis Eures Selbsts!« Richard Feverel kreuzte jetzt den Strom seiner Prüfung. Schon legten sich Nebel über das Land, das er verlassen hatte: sein Leben war in zwei Hälften zerschnitten, und er atmete nur die Luft, die ihm entgegenströmte. Sein Vater, die Liebe seines Vaters, seine Knabenzeit, sein Ehrgeiz wurden schattenhaft. Seine poetischen Träume hatten eine lebendige, erreichbare Gestalt angenommen. Die herbstliche Berry und ihr Haushalt machten jetzt einen größeren Eindruck auf ihn, als irgend etwas, das mit Raynham zusammenhing. Und doch liebte der junge Mann seinen Vater und liebte seine Heimat: und ich wage auch zu behaupten, daß Cäsar Rom liebte: aber ob er das 345 nun tat oder nicht, Cäsar war, als er die Republik mordete, ganz kahl, und der Held, mit dem wir uns beschäftigen, fängt kaum an seinen despotischen Schnurrbart zu fühlen. Wußte er, woraus er gemacht war? Zweifellos noch gar nicht. Aber ehrliche Leidenschaft hat einen Instinkt, der sicherer führt als bewußte Weisheit. Er war scharf angespannt, wie der Pfeil auf der Bogensehne. Es kam ihm gar nicht in den Sinn, daß seine kühnen Lügen und Ausflüchte irgend wie unrecht sein könnten: denn er war vollkommen davon überzeugt, daß man es schließlich laut anerkennen und gutheißen würde, daß er Lucy gewonnen und sich gesichert hätte, und waren dann die Mittel nicht gerechtfertigt? Nicht, daß er sich die Mühe gegeben hätte, so zu überlegen, wie es ältere Helden und sich selbst anklagende Schurken zu tun pflegen, um ein reines Gewissen daraus herzuleiten. Gewissen und Lucy waren untrennbar. Es war ein milder, schöner Tag. Der Rubikon glänzte in der Morgensonne. Einer jener Tage, an denen London ein sommerliches Aussehen annimmt und alle seine kleinen Kinder an die Luft schickt. Das Pflaster, die Plätze, die Parks waren schon früh belebt durch das Geschrei des jungen Englands. Veilchen- und Primel-Mädchen und Jungen mit Leierkasten, und Affen in Soldatenjacken und richtige Musikkapellen, die sehr bestimmt Töne von sich gaben, wenn auch nicht sehr zusammenstimmende, erfüllten die Luft mit ihrem Geräusch, während sich eine farbenprächtige Reihe von Omnibussen mit Geschäftsleuten beladen, nach der City hin bewegte, wo eine vom Südwest-Winde getriebene rötlich-braune Rauchsäule das Schlachtfeld bezeichnete, dem diese unermüdlichen Kämpfer zuströmten. Richard hatte an diesem Morgen viel von dem frühen Leben der Stadt gesehen. Seine Pläne waren gemacht. Er hatte dafür gesorgt, seine persönliche Freiheit 346 gegen jeden Zufall zu schützen, indem er das Hotel und seinen beleidigten Onkel Hippias schon vor Sonnenaufgang verließ. Heute oder morgen sollte sein Vater ankommen. Farmer Blaize durchraste die Stadt, wie Tom Bakewell berichtete. Ein Tag später und sie könnte ihm entrissen werden, aber heute würde dieses Wunder der Schöpfung sein eigen werden, und war er erst immer auf jener schimmernden Küste dort drüben, dann mochte verlangen von ihm, wer es wagte, daß er sie wieder herausgeben sollte! Es sah alles so hoffnungsvoll aus, daß er natürlich dachte, die dienstbaren Geister der Liebe hätten sich zu seinen Gunsten verschworen. Und auch sie – da sie nun den Fluß überschreiten mußte, hatte ihm geschworen, tapfer zu sein und ihm Ehre zu machen und das Glück ihres Herzens auch in ihrem Antlitze zu zeigen. Ohne den geringsten Verdacht, daß seine Handlungen töricht sein könnten, ganz ohne Furcht vor den Folgen, schlenderte Richard durch Kensington Park und zehrte von der Aussicht auf sein großes Glück, indem er sich bald seine Braut vorstellte, bald das neue Leben, das sich vor ihm auftat. Berge von Wolken rundeten sich im Sonnenlicht auf dem Blau des Himmels. In dem blühenden Kastanien-Zelt über seinem Haupte rauschte und summte es. In seinen Ohren klang ein Ton, als ob sich in fröhlicher Ferne ein Banner entfaltete, und wiegte ihn in süße Träume. Er sollte seine Braut ein viertel nach elf Uhr bei der Kirche treffen. Seine Uhr zeigte ein viertel vor zehn. Er schlenderte unter den hochstämmigen Bäumen, zu dem Brunnen, der irgend einem unbekannten Heiligen gewidmet ist. Einige Leute tranken an dem Brunnen. Eine blühend aussehende Dame stand neben einer jüngeren, die einen kleinen, silbernen Becher zum Munde führte und unverkennbare Abneigung gegen das Getränk des Gesundheit spendenden Heiligen an den Tag legte: 347 »Trinke Kind,« sagte die ältere Dame. »Das ist erst dein zweiter Becher. Ich bestehe darauf, daß du, solange wir in der Stadt sind, jeden Morgen drei volle Becher trinkst. Deine Konstitution verlangt ganz entschieden Eisen.« »Aber Mama,« bat die andere, »es schmeckt so abscheulich. Mir wird sicherlich übel.« »Trinke!« lautete der rauhe Befehl. »Dies ist noch nichts im Vergleich zu den deutschen Heilquellen. Laß mich einmal kosten.« Sie nahm den Becher und berührte ihn flüchtig mit ihren Lippen. »Ich muß sagen, es schmeckt beinahe gut – durchaus nicht unangenehm. Bitte, koste einmal,« sagte sie zu einem Herrn, der etwas weiter unten stand und als Becherträger zu fungieren schien. Eine Stimme, noch unverkennbar Cis-Rubikon, erwiderte: »Gerne, um dir Gesellschaft zu leisten, obgleich ich gestehe, daß ich gemeinsames Kranksein durchaus nicht für eine sehr einnehmende Sache halte.« »Kann man denn niemals seinen Verwandten entgehen?« rief es in Richard. Es war kein Zweifel, diese Leute waren Mrs. Doria, Klara und Adrian. Sie waren dicht vor ihm. Klara, die von der ihr verordneten Dosis aufblickte, um sich zu vergewissern, ob auch niemand in der Nähe wäre, der die möglichen Folgen sehen könnte, bemerkte ihn zuerst. Sie ließ die Hand sinken. »Nun bitte, trinke und mache keine Geschichten!« sagte Mrs. Doria. »Mama!« rief Klara schwer atmend. Richard trat vor und übergab sich dem Feinde mit allen Ehren, da ein Rückzug nicht mehr möglich war. Mrs. Doria rauschte ihm entgegen: »Mein einziger Junge! Mein lieber Richard!« sie überschüttete ihn mit Ausrufen. Klara begrüßte ihn schüchtern, Adrian hielt sich im Hintergrunde. 348 »Aber, wir wollten dich ja heute abholen, Richard,« sagte Mrs. Doria mit strahlendem Lächeln und sprach aufgeregt weiter: »Wir brauchen noch einen Kavalier. Das ist entzückend! Mein lieber Neffe! Du bist aus einem Knaben zu einem Mann herangewachsen. Und schon Flaum auf seiner Lippe! Und was bringt dich zu einer so frühen Stunde hierher? Doch wohl Poesie! Komm, gibt mir deinen Arm, Kind! – Klara! trinke deinen Becher aus und bedanke dich bei deinem Vetter dafür, daß dir der dritte erspart bleibt. Wenn wir in der Nähe eines Eisenbrunnens sind, führe ich sie immer hin, damit sie vor dem Frühstück das Wasser trinkt. Wir müssen schrecklich früh aufstehen. Denke nur, mein lieber Junge, was Mütter für Opfer bringen. Und du bist also vierzehn Tage mit deinem liebenswürdigen Onkel allein gewesen! Du mußt eine schöne Zeit verlebt haben! Der arme Hippias. Was mag wohl sein letztes Geheimmittel gewesen sein?« »Ein Neffe!« Adrian beugte sich zu den beiden vor. »Eine Dosis Neffen morgens und abends, vierzehn Tage lang eingenommen! Und er behauptet, daß auch eine eiserne Gesundheit in einem Monat dadurch zerstört werden könnte!« Richard schüttelte Adrian mechanisch die Hand. »Geht's gut, Ricky?« »Ja: gut genug,« antwortete Richard. »Ob es dir gut geht?« fuhr die energische Tante wieder fort, und ging mit ihm weiter, während Klara und Adrian folgten. »Ich habe dich noch niemals so hübsch gefunden. Es ist etwas in deinem Gesicht – sieh mich mal an – du brauchst nicht zu erröten. Du bist ein Apollo geworden. Dieser blaue zugeknöpfte Rock steht dir wunderbar gut – und die Handschuhe, und der hübsche Schlips. Deine Art, dich anzuziehen, ist tadellos, ganz eigenartig! Und nichts Auffallendes! Du hast den richtigen Instinkt 349 für Kleidung. Die Art, wie man sich anzieht, zeigt die Herkunft, mein lieber Junge, ebensosehr wie alles andere. Junge! – Du siehst; ich kann mich noch nicht von alten Gewohnheiten trennen. Du warst ein Knabe, als ich dich verließ, und nun? – Siehst du irgend eine Veränderung in ihm, Klara?« sie wandte sich halb zu ihrer Tochter zurück. »Richard sieht sehr wohl aus, Mama!« sagte Klara und blickte ihn mit halb geschlossenen Augen an. »Ich wünschte, ich könnte von dir dasselbe sagen, meine Liebe. – Gib mir deinen Arm, Richard. Fürchtest du dich vor deiner Tante? Ich möchte mich wieder an dich gewöhnen. Wird es nicht hübsch sein, wenn wir in der Saison alle zusammen in der Stadt sind? Wie neu wird die Oper für dich sein! Wie ich höre, wird Austin Plätze im Parkett nehmen. Du kannst zu den Foreys in die Loge kommen; wenn du willst. Wir wohnen bei den Foreys hier in der Nähe. Ich finde es etwas weit heraus, weißt du, aber sie haben diese Gegend gern. Dies ist ganz das, was ich immer gesagt habe: Gebt ihm mehr Freiheit! Austin hat es schließlich eingesehen. Wie findest du, daß Klara aussieht?« Sie mußte die Frage wiederholen. Richard blickte seine Cousine flüchtig an und lobte ihr Aussehen. »Blaß,« seufzte Mrs. Doria. »Ziemlich blaß, Tante!« »Sie ist sehr gewachsen – findest du das nicht, Richard?« »Sie ist wirklich sehr groß, Tante.« »Wenn sie nur ein bißchen mehr Farbe hätte, mein lieber Richard. Ich kann wohl sagen, ich gebe ihr soviel Eisen, wie sie nur schlucken kann, aber sie bleibt blaß. Ich glaube, sie kann fern von ihrem alten Gefährten nicht gedeihen. Sie war so daran gewöhnt zu dir aufzusehen, Richard –« 350 »Hast du Ralphs Brief bekommen, Tante?« unterbrach sie Richard. »Abgeschmackt!« Mrs. Doria drückte seinen Arm. »Der Unsinn eines Knaben! Warum hast du es unternommen, solches Zeug zu befördern?« »Ich bin sicher, daß er sie liebt,« sagte Richard ernsthaft. Die mütterlichen Augen blickten ihn scharf an. »Das Leben, mein lieber Richard, ist ein Spiel von Mißverständnissen,« bemerkte sie und ihre fließende Rede stockte. Sie wurde ziemlich ärgerlich, als Richard lachte. Er entschuldigte sich damit, daß sie ihn so sehr an seinen Vater erinnerte. »Du frühstückst mit uns,« sie wurde wieder munter. »Die Foreys wünschen dich zu sehen, die Mädchen brennen darauf, dich kennen zu lernen. Weißt du, du bist ganz berühmt, wegen des« – sie unterdrückte ein Eigenschaftswort, das sich eindrängen wollte – »wegen des Systems, nach dem du erzogen bist. Du mußt dir nichts daraus machen. Was mich anbetrifft, so finde ich, du machst dem System Ehre. Sei den jungen Mädchen gegenüber aber nicht zu schüchtern! Den älteren Frauen gegenüber soviel, wie du willst. Wie du dich mit Männern zu benehmen hast, weißt du. So, da hast du deinen Führer durch die Gesellschaft. Ich bin überzeugt, daß ich stolz auf dich sein werde. Glaubst du nicht?« Mrs. Doria sah ihm liebevoll in die Augen. Richard kam der menschenfreundliche Gedanke, daß er die Zeit, die ihm übrig blieb, dazu benutzen könnte, um zugunsten des armen Ralph zu sprechen; und als er vorwärts gezogen wurde, nahm er seine Uhr heraus, um sich genau die Zahl der Minuten zu merken, die er diesem Liebesdienst widmen konnte. »Verzeih',« sagte Mrs. Doria. »Dir fehlt es noch an 351 guten Manieren, mein lieber Junge. Ich glaube, ich habe es noch niemals erlebt, daß ein Mann in meiner Gegenwart seine Uhr zu Rate gezogen hätte.« Richard erwiderte höflich, daß er eine Verabredung zu einer bestimmten Stunde habe, bis zu welcher er ihr zur Verfügung stände. – »Papperlapapp,« rief die lebhafte Dame. »Nun ich dich einmal habe, beabsichtige ich auch, dich zu halten. Ach, ich habe alles gehört. Diese lächerliche Gleichgültigkeit, über die dein Vater soviel Wesens macht! Du wolltest natürlich etwas von der Welt kennen lernen. Ein gesunder, kräftiger junger Mann, sein ganzes Leben in einem einsamen Hause eingeschlossen – keine Freunde, keine Gesellschaft, keine Vergnügungen, außer denen der Landbewohner! Natürlich wurdest du gleichgültig! Nur deinem Klugheit und deine geistige Überlegenheit retteten dich davor, ein wüster Bauer zu werden. Wo bleiben denn die andern?« Klara und Adrian kamen mit schnellen Schritten herbei. »Das gnädige Fräulein ließ etwas fallen,« erklärte Adrian. Die Mutter fragte sie, was es gewesen wäre. »Nichts, Mama,« sagte Klara ernsthaft und sie gingen weiter. Richard war ganz überwältigt durch die geläufige Zunge seiner Tante, und da er auch noch durch die genaue Berechnung der dahingehenden Minuten in Anspruch genommen wurde, ließ er mehrere verstreichen, ehe er ein Wort für Ralph einlegen konnte. Als er es tat, unterbrach ihn Mrs. Doria sofort. »Ich muß dir sagen, Kind, daß ich mich weigere, solchen dummen Unsinn überhaupt anzuhören.« »Das ist es durchaus nicht, Tante.« »Die Zuneigung eines Knaben.« 352 »Er ist kein Knabe, er ist ein halbes Jahr älter als ich!« »Du dummes Kind! In dem Augenblick, in dem ihr euch verliebt, bildet ihr euch ein, Männer zu sein.« »Auf Ehre, Tante! Ich glaube, er liebt sie wirklich!« »Hat er es dir gesagt, Kind?« »Männer sprechen nicht offen über solche Dinge,« sagte Richard. »Knaben tun es,« sagte Mrs. Doria. »Hör' einmal ernsthaft zu, Tante. Ich möchte, daß du freundlich zu Ralph bist. Treibe ihn nicht zu – – es könnte dir leid tun. Laß ihn an sie schreiben und sie besuchen. Ich glaube, Frauen sind in diesen Dingen ebenso grausam wie Männer.« »Ich werde Albernheiten niemals ermutigen, Richard.« »Was kannst du gegen Ralph einzuwenden haben?« »Ach, sie sind beide von guter Familie. – Darin liegt nicht die Albernheit, Richard. Es wird ihm zur Ehre gereichen, wenn er sich daran erinnern kann, daß seine erste Liebe kein Milchmädchen war,« Mrs. Doria sprach mit vielsagender Betonung. Es machte keinen Eindruck auf ihren Neffen. »Willst du denn, daß Klara niemals heiratet?« er versuchte ihr die Sache noch einmal vernünftig vorzustellen. Mrs. Doria lachte. »Ich hoffe es, Kind! Wir müssen einen gemütlichen, alten Herrn für sie finden.« »Was für eine Schande,« murmelte Richard. »Und ich bin überzeugt, daß Ralph ganz bereit sein wird, auf ihrer Hochzeit zu tanzen oder vielmehr ein tüchtiges Frühstück zu essen – denn wir tanzen ja nicht mehr auf Hochzeiten und das ist auch ganz richtig. Es ist eine schrecklich ernste Sache, die nicht leichtsinnig behandelt werden sollte. – Ist das sein Regiment?« sagte 353 sie, als sie aus dem Park traten, vor dem Husaren Schildwache standen. »Kind, Kind! Master Ralph wird sich davon erholen, wie – nun – wie andre es auch getan haben. Ein kleiner Kopfschmerz – ihr nennt es Herzschmerzen – und dann steht ihr wieder auf, und seht besser aus, als vorher. Zweifellos muß es euch schmerzlich sein, ihr armem lieben Kinder! wenn ein Körnchen gesunden Menschenverstands in euer Gehirn gepreßt wird. Die Mädchen leiden darunter ebenso sehr, wie die Knaben, das kannst du mir glauben. Noch mehr, denn ihre Köpfe sind schwächer, und ihre Neigungen weniger beständig. Spreche ich jetzt wie dein Vater? Was hat der Junge nur immer mit seiner Uhr?« Richard hielt an, die Zeit sprach dringend zu ihm. »Ich muß gehen,« sagte er. Nach dem Ausdruck seines Gesichts war er nicht zum Scherzen aufgelegt. Mrs. Doria versuchte trotz alledem einen Scherz. »Höre doch, Klara! Richard will gehen. Er sagt, er habe eine Verabredung. Was für eine Verabredung kann ein junger Mann um elf Uhr morgens haben? – vorausgesetzt, daß er sich nicht verheiraten will!« Mrs. Doria lachte über ihren geistreichen Gedanken. »Ist die Kirche nahe zur Hand, Ricky?« sagte Adrian. »Wenn sie nahe ist, dann kannst du uns immer noch eine halbe Stunde schenken. Bis um zwölf Uhr wird getraut.« Und er lachte auch auf seine Art. »Willst du nicht bei uns bleiben, Richard?« fragte Klara. Sie errötete schüchtern und ihre Stimme zitterte. Etwas Unbestimmtes – ein scharfes Beben ihrer Stimme veranlaßte es, daß der liebeglühende Bräutigam sanft mit ihr sprach. »Ich würde es wirklich tun, Klara, ich würde dir gern einen Gefallen tun, aber ich habe eine höchst dringende 354 Verabredung – das heißt, ich habe versprochen – ich muß gehen. Ich werde dich bald wiedersehen. –« Mrs. Doria ergriff mit Gewalt Besitz von ihm. »Nun komm und verschwende weiter keine Worte. Ich verlange, daß du zuerst mit uns frühstückst, und wenn du dann wirklich gehen mußt, dann magst du. Sieh! da ist das Haus. Du wirst doch wenigstens deine Tante bis zur Türe begleiten.« Darin willigte Richard ein. Sie hatte nur eine geringe Vorstellung von dem, was sie von ihm verlangte. Zwei seiner goldenen Minuten schwanden in das Nichts dahin. Sie wurden zu wertvollen Juwelen, eine nach der andern, immer kostbarer, wie sie dahin rannen, und nun nur noch wenige kostbare Tropfen, – kostbar wie sein Blut! nicht für die liebevollsten Verwandten, die teuersten Freunde konnte er auch nur eine einzige davon hingeben. Der Würfel ist gefallen! Fährmann! stoß ab! »Lebt wohl,« rief er, nickte allen dreien auf einmal zu und floh. Sie beobachteten seine raschen, kräftigen Schritte durch den Garten des Hauses. Es sah aus, als ob Entschlossenheit selbst sich auf den Weg gemacht hätte. Mrs. Doria fing an auf das System zu schelten, wie es ihre Gewohnheit war, sobald ihr Bruder sie nicht hören konnte. »Da sieht man, was aus dieser unsinnigen Erziehung herauskommt! Der Junge versteht wirklich nicht sich wie ein gewöhnlicher Sterblicher zu benehmen. Er hat irgend eine armselige Verabredung oder ist hinter irgend einer seiner lächerlichen Ideen her, und alles andere muß dem geopfert werden! Das ist, was Austin Konzentration der Fähigkeiten nennt. Ich glaube, daß es viel eher zu vollständiger Verrücktheit führt als zu irgend welcher Größe. Und das werde ich Austin auch sagen. Es wird Zeit, daß man ernsthaft mit ihm darüber spricht.« 355 »Er ist eine Maschine, meine liebe Tante,« sagte Adrian. »Er ist weder ein Knabe noch ein Mann, er ist eine Maschine. Und er scheint, seit er nach der Stadt gekommen ist, unter hohem Druck gestanden zu haben – den ganzen Tag aus und die halbe Nacht.« »Er ist verrückt,« warf Mrs. Doria ein. »Durchaus nicht. Außerordentlich schlau ist der Master Ricky, und sieht seinen Weg so klar vor sich, wie die Schiffe vor Troja. Er ist uns mehr als gewachsen; mir wenigstens ist er es, das gebe ich zu.« »Dann muß ich mich sehr über ihn wundern,« sagte Mrs. Doria. Adrian bat sie, ihre Verwunderung für sich zu behalten, bis die rechte Zeit dafür käme, die nicht mehr lange auf sich warten lassen würde. Ihr gesunder Menschenverstand riet ihnen, den Foreys nichts von dem unliebenswürdigen Benehmen ihres jungen Verwandten zu erzählen. Klara hatte sich von ihnen getrennt. Als Mrs. Doria in ihr Zimmer ging, fand sie ihre Tochter dort, die auf etwas blickte, was sie in der Hand hielt, die sie dann schuldbewußt schloß. Als Antwort auf ihre Frage, warum sie ihre Sachen nicht abgelegt hätte, sagte Klara, daß sie nicht hungrig wäre. Mrs. Doria beklagte den Eigensinn einer Konstitution, auf die keine Quantität Eisen einen Eindruck machen konnte, stellte sich dann vor den Spiegel und sagte: »Zieh' dich denn hier aus, Kind, und lerne es, dich selbst bedienen.« Sie löste ihren Hut von dem reichen Haar und sprach von Richard, wie hübsch er ausgesehen und wie wunderlich er sich benommen hatte. Klara fuhr fort ihre Hand zu öffnen und zu schließen, in halb nachdenklicher, halb gleichgültiger Haltung. Sie machte keine Anstalten ihre Sachen abzulegen. Ein freudloses Grübchen lag auf 356 ihren Wangen und sie atmete tief und gleichmäßig. Nachdem sich Mrs. Doria vor dem Spiegel vergewissert hatte, daß sie sich sehen lassen konnte, ging sie zu ihrer Tochter. »Aber wirklich,« sagte sie, »du bist zu unselbständig, meine Liebe. Du kannst nicht das geringste tun, ohne daß ein Dutzend Frauen für dich bereit stehen. Was soll nur aus dir werden? Du wirst einen Millionär heiraten müssen. – Was ist dir, Kind?« Klara öffnete ihre festgeschlossenen Finger, als ob ihre Augen eine Anziehungskraft ausübten, und zeigte einen kleinen goldenen Reif auf der Handfläche ihres grünen Handschuhs. »Ein Trauring!« rief Mrs. Doria, und untersuchte das merkwürdige Ding höchst vorsichtig. Da lag auf Klaras blaßgrünem Handschuh ein Trauring! Klara wurde nun mit Fragen bestürmt, wo, wann, und wie sie ihn gefunden hätte und sie antwortete: »In dem Park, Mama. Heute morgen, als ich hinter Richard ging!« »Hat er ihn dir wirklich nicht gegeben, Klara?« »Aber nein, Mama, er hat ihn mir nicht gegeben.« »Natürlich nicht! er tut nur manchmal solch wunderliche Dinge! Ich dachte, daß er vielleicht – diese Jungens sind so furchtbar lächerlich!« Es kam Mrs. Doria in den Sinn, daß die beiden jungen Herren, Richard und Ralph, es vielleicht mit einander ausgemacht hätten, Richard sollte dieses Zeichen ehelicher Hingabe von Ralph der Dame seiner Liebe übergeben; aber ein Augenblick der Überlegung ließ ihr ein solch törichtes Unternehmen, selbst bei Knaben, unwahrscheinlich erscheinen. »Nun möchte ich nur wissen,« sie prüfte nachdenklich 357 Klaras kalten Ausdruck, »nun möchte ich nur wissen, ob es Glück bedeutet, wenn man einen Trauring findet. Was für scharfe Augen du hast, Liebling!« Mrs. Doria küßte sie. Sie dachte, es müßte wohl Glück bedeuten, und dieser Umstand erweckte zärtliche Gefühle gegen ihr Kind. Das Kind aber blieb unbeweglich bei dem Kusse. »Laß mal sehen, ob er dir paßt,« sagte Mrs. Doria beinahe kindisch vor Überraschung und Vergnügen. Klara duldete es, daß ihr Handschuh abgezogen wurde. Der Ring glitt ihren langen, dünnen Finger hinab und setzte sich behaglich fest. »Er paßt!« flüsterte Mrs. Doria. Einen Trauring finden kann schließlich jede Frau, aber einen Trauring finden, der paßt, kann wohl abergläubische Erregung verursachen. Wenn er außerdem gerade in der Nähe des jungen Mannes gefunden wird, den die Mutter für die Tochter bestimmt hat, dann verleiht solch ein Fingerzeig Fortunas der sanften Erregung der Gedanken eine gewisse Bedeutung. »Er paßt wirklich,« fuhr sie fort. »Ich gebe ja gar nichts auf all den Unsinn von Vorbedeutungen und solchen Sachen (wäre der Ring ein Hufeisen gewesen, Mrs. Doria würde ihn aufgehoben und pflichtschuldigst nach Hause getragen haben), aber dieses muß ich sagen, ist wunderlich – einen Ring zu finden, der paßt! – sonderbar! das ist mir noch nie passiert. Ein Sixpencestück ist alles, was ich je gefunden habe, und das habe ich noch. Verwahre ihn gut, Klara – diesen Ring. Und,« sie lachte, »wenn Richard kommt, biete ihn ihm an; sage ihm, du dächtest, er müsse ihn verloren haben.« Das Grübchen in Klaras Wange bebte. Mutter und Tochter hatten niemals ausdrücklich von Richard gesprochen. Mrs. Doria hatte es aber durch ihre feine Leitung dahin gebracht, daß sie sicher sein konnte, von einer Seite 358 wenigstens würde ihrem Plane allgemeinen Glückes kein Hindernis in den Weg gelegt werden. Dabei hatte sie, wie sie meinte, die Gefühle ihrer Tochter nicht unnötig bloßgestellt. Es konnte einem gehorsamen jungen Mädchen nichts schaden, wenn sie hörte, daß in der ganzen Welt kein Jüngling einem gewissen Jüngling gleich käme. Sie konnte wohl einwilligen, die Gemahlin dieses Vornehmsten seiner Generation zu werden, wenn er das von ihr verlangte; und wenn er es nie verlangen sollte (denn Mrs. Doria faßte auch den möglichen Mißerfolg ins Auge), konnte sie ihre sanften Gefühle leicht auf Ritter niederer Art übertragen. Klara war ihrer Mutter immer blind gehorsam gewesen (Adrian nannte sie Mrs. Rackert und den schönen Federball) und Mrs. Doria faßte diesen blinden Gehorsam als Leitmotiv auf zu ihrem ganzen Charakter. Für diejenigen, die sehr eifrig für ihre Kinder denken, ist es schwierig zu erkennen, wenn diese Kinder einmal für sich selbst denken. Eigne Willensäußerungen legen wir als Auflehnung aus. Es ist uns unangenehm, wenn unsere Liebe für invalide erklärt und ihr das Kommando entzogen wird. Und trotz alledem halte ich jene alte Drossel, die dort auf dem Rasen eben das letzte ihrer mageren Jungen aus dem Nest gestoßen hat, damit es lernt für sich selbst zu sorgen, für sehr viel liebevoller, obgleich gefühlvolle Leute die Achseln zucken über diese gefühllose Tat der Kreatur, die nur die Gebote der Natur erfüllt. Nun ist aber übertriebener Gehorsam für jemand, der alles ganz besonders gut zu leiten versteht, ebenso schlimm wie Auflehnung. Glücklicherweise sah Mrs. Doria in dem Wesen ihrer Tochter nichts als einen Mangel an Eisen. Ihre bleiche Gesichtsfarbe, ihr schlaffes Wesen, die zitternden Nerven ihres Antlitzes zeigten dringend das Bedürfnis nach diesem Mineral. »Der Grund, warum Männer und Frauen uns 359 geheimnisvoll erscheinen und uns Enttäuschungen bereiten,« so lernen wir aus dem Manuskript des Pilgers, »ist, daß wir sie wie unser eignes Lebensbuch lesen wollen, und ebenso überrascht würden wir sein, wenn wir es versuchen würden, uns selbst wie das Lebensbuch anderer zu lesen.« Mrs. Doria las ihre Tochter wie ihr eignes Buch und war befriedigt; sie lachte mit Adrian am Frühstückstisch und stimmte halb spöttisch, halb ernsthaft in seine scherzhafte Behauptung ein, daß Klara entschieden und nach allen ehelichen Vorbedeutungen mit dem Eigentümer des Ringes verlobt sei, wer er auch immer sei, und daß sie, falls es ihm beliebte, zu kommen und seine Ansprüche geltend zu machen, ihm ihre Hand geben müßte, und ihm folgen müßte, über die ganze Welt, wohin es ihm beliebte zu gehen. Denn darüber waren alle einig, daß der Besitzer männlichen Geschlechtes sein müßte, da eine Frau niemals einen Trauring verlieren würde. Die liebenswürdigen, kichernden Forey-Mädchen nannten Klara »die Verlobte«. Die Frage wurde aufgeworfen, ob er wohl blond oder braun wäre? Adrian brachte Klaras Schicksal in lächerliche Reime, die er in Bänkelsängerton vortrug. Taute Forey riet ihr, die Ausstattung bereit zu halten. Großpapa Forey behauptete, über die Hochzeitsgeschenke zu grollen, die man von einem Großpapa erwartete. Der eine witterte Orangenduft, der andere sprach feierlich von einem alten Schuh. Das Finden eines Trauringes wurde mit all dem Herzklopfen erregenden Beiwerk und den rosigen Zeremonien gefeiert, die mit diesem berühmten Gegenstand verknüpft sind. Mitten in der allgemeinen Fröhlichkeit zeigte sich Klaras beklagenswerter Mangel an Eisen und sie brach in Tränen aus. Erriet das arme, verspottete Herz, was sich grade jetzt vollzog? Vielleicht dunkel, wie man zu sagen pflegt: das heißt, ohne es mit ihren Augen zu sehen. 360 An einem Altar standen zwei junge, schöne Geschöpf bereit ihren Eid abzulegen. Man verlangt von ihnen, daß sie sich in diesem Augenblick für alle Zeiten binden sollten, und sie tun es. Wenn sich noch ein Zaudern bei dem unendlich wichtigen Schritt zeigt, so ist das nur mädchenhaft. Sie empfindet ebensowenig Zweifel an der Verständigkeit der Handlung wie er. Über ihnen steht ein kühler, junger Kurat in seinem Amtskleide. Hinter ihnen stehen zwei augenscheinlich strahlend glückliche Personen, verschieden voneinander in Geschlecht und Alter; die vorderste ein Bündel von schwarzem Atlas vor Aufregung kochend; in ihrem Schatten ein kleines, putziges Rotkehlchen, als Herr verkleidet, dem große Freude die Brust schwellt und den ein keckes Gefühl der Genugtuung den Kopf hoch tragen läßt. Das sind diejenigen, die an Stelle der Eltern das junge Paar begleiten. Es geht alles gut, die Zeremonie schreitet vor. Mit fester Stimme sagt der Bräutigam seine Worte. Zu dieser Stunde wenigstens ist er Herr über die Zeit und jedermann mag hören, daß er die Absicht hat, sie in alle Ewigkeit in seiner Gewalt zu behalten. Mit klarer Stimme und tapfer, trotz ihrer Schüchternheit, spricht sie: sie spricht nicht weniger erschlossen als er, obgleich ihr Körper zittert. Ihre Stimme vibriert wie die Schwingungen eines zersprungenen Kelches. Die Zeit hört, wie man das Urteil über sie spricht, schwache Hände fesseln ihre ungeheuren Glieder und schließen die Ketten. Sie ist daran gewöhnt: sie läßt sie tun, was sie mögen. Nun kommt die Stelle, an der sie sich gegenseitig Treue schwören müssen. Der Mann nimmt mit seiner rechten Hand die Frau bei ihrer rechten Hand: die Frau nimmt mit ihrer rechten Hand den Mann bei seiner rechten Hand. – Die Teufel wagen nicht zu lachen, wenn die Engel sich um sie scharen, um zuzuschauen. 361 Ihre Hände schließen sich um einander; ihr Blut vereinigt sich zu einem Strom. Adam und die schöne Eva stellen sich an die Spitze von Generationen. Sind sie nicht lieblich? Reinere Quellen des Lebens waren nie in zwei Herzen. Und dann lösen sich die Hände und der kühle Kurat heißt den Mann einen Ring an den vierten Finger der Frau zu stecken. Und der Mann steckt seine Hand in eine Tasche und dann in die andere und hinein und heraus viele Male, in alle seine Taschen. Er erinnert sich daran, ihn im Park noch in der Westentasche gefühlt zu haben. Und seine Hand kommt leer heraus. Und der Mann ist geisterhaft anzuschauen. Doch noch sollen die Teufel nicht lachen, wenn auch die Engel lächeln! Der Kurat zögert. Das schwarze Atlasbündel hört auf zu kochen. Der, der in ihrem Schatten steht, verwandelt sich aus einem strahlenden Rotkehlchen in einen neugierigen Spatz. Alle Augen fragen, die Lippen finden keine Antwort. Die Zeit schüttelt unheilverkündend ihre Kette und ein Ton des Spottes trifft stechend ihre Ohren. Denkt ihr, der Held wird sich im ersten Kampf schlagen lassen? Seht auf die Uhr, es fehlen nur noch sieben Minuten bis die Stunde des Cölibates schlägt. Die greise Zeit hebt ihre Hände, um zu feuern, und ihr Schuß wird die auseinanderreißen, die schon so nahe der Vereinigung waren. Und wenn alle Goldarbeiter Londons mit Säcken voller Ehereifen herbei eilen würden, sie könnten sie nicht mehr retten! Die Schlacht muß auf der Stelle gewonnen werden, und was tut der Held jetzt? Es ist eine Eingebung! Denn wer könnte an eine solche Reserve in der Nachhut denken? Niemand sieht, was er tut; man sieht nur, daß das schwarze Atlasbündel sich widerspenstig bewegt, stürmisch erschüttert und überwältigt wird; und die drohende 362 Wolke hat sich geöffnet und auf seine Bitte das teure Zeichen vom Himmel fallen lassen und er zeigt das Symbol ihrer Zusammengehörigkeit und die Zeremonie schreitet weiter vor. »Mit diesem Ringe vermähle ich dich mir.« Das Gebet wird über sie gesprochen und der Segen. Zum Guten oder zum Bösen, diese Tat ist vollbracht. Die Namen werden eingetragen; die Gebühren fliegen nach rechts und nach links; sie bedanken sich und verabschieden sich von dem Kuraten, dessen amtliche Kühle zu einem Lächeln mönchischer Höflichkeit schmilzt; der Küster scheucht die gaffende Menge fort, als sie heraustreten. Bräutigam und Brautführer streuen sorglos Gold über ihn aus; die Wagentüren werden zugeworfen, die Kutscher fahren los, der Vorhang fällt und jedermann ist glücklich!   Dreißigstes Kapitel. Feiert das Hochzeitsfrühstück. Und im nächsten Augenblicke weint die Braut, als ob sie sich auflösen wollte wie eine von Dianas jungfräulichen Quellen bei der Umarmung des Sonnengottes. Sie hat die Maske, die die Komödie von ihr verlangte, tapfer bewahrt, bis der Vorhang gefallen ist, und nun weint sie, strömt dahin in Tränen. Ach, habe Geduld mit ihr, stürmischer, junger Mann! Es ist dein Beruf ein Held zu sein. Für dieses arme Herz ist es noch etwas Neues und ihre Pflichten umschließen solche wilden Taten, solche Räubereien, solche Schrecken und schwere Aufgaben; sie ist ganz kraftlos. Sie hat dir Ehre gemacht bis jetzt. Sei jetzt nachsichtig mit ihr. Sie weint nicht, wie gewöhnliche Mädchen in gleicher Lage weinen. Solange der 363 Kampf währte, war ihr zartes Gesicht tapfer! aber ach! Alle Vorzeichen bedeuten Unheil: sie hält ein immer gegenwärtiges, schreckliches Vorzeichen an ihrem verhängnisvollen vierten Finger, diesen Reifen, welcher sich um ihren Glückstraum ringelt und sie umklammert hält, wie eine Schlange. Und doch muß sie ihn lieben. Sie wagt es nicht, sich von ihm zu trennen. Sie muß ihn lieben und tragen und sich von seinem fremden Honig nähren, und all der Segen, den er ihr verleiht, wirft einen nur um so tieferen Schatten auf das Kommende. Sagt: ist es nicht genug, um die Furcht einer Frau zu erwecken, wenn eine Frau mit dem Trauring einer andern vermählt wird? Ihr werdet zu Amazonen, ihr Frauen, vor Saragossa und tausend andern Festungen. – Überall, wo es sich um Kampf handelt und die Zeit bei der Gurgel gepackt werden muß, werden es euch wenige Männer an edlem Zorne gleichtun. Aber wenn ihr einen Geier seht, der nur euch allein sichtbar ist, der über dem Hause schwebt, in das ihr mit Hochzeitsfackeln fröhlich hineingeführt werdet? Werdet ihr euch dann nicht zusammenkauern und zu Feiglingen werden? Der Held schenkt in der Stunde des Triumphes den Vorzeichen keine Beachtung. Er tut, was er kann, um seinem Lieblinge durch seine Zärtlichkeit Vertrauen einzuflößen. Ist sie nicht die seine? Ist er nicht der ihre? Und warum weint sie, wenn die Schlacht doch gewonnen ist? Bereut sie, was sie getan hat? Ach, niemals! niemals! ihre sanften blauen Augen versichern es ihm; unwandelbare Liebe leuchtet durch Tränenfluten, aus den klaren Tiefen der Treue. Er verstummt vor ihrer außerordentlichen Schönheit und wartet bestürzt, bis der Regenschauer vorübergeht. Als sie mit Mrs. Berry in ihrem Schlafzimmer allein 364 war, gab Lucy ihrem Kummer Worte, und zum zweitenmal veränderte ein Charakter der Komödie sein Antlitz. »Ach, Mrs. Berry! Mrs. Berry! was ist geschehen! was ist geschehen!« »Mein geliebtes Kind!« die bräutliche Berry blickte auf den traurigen glücklichen Finger. »Das habe ich ja ganz vergessen! Deshalb war mir also die ganze Zeit so wunderlich zumute! Mir kam's vor, als wäre ich gar nicht ich selbst, ohne meinen Ring. Ach, Gott! ach, Gott! was für ein eigensinniger, junger Herr. Wenn sie in dem Zustand sind, dann sind wir den Männern nicht gewachsen – Gott möge uns helfen!« Mrs. Berry saß auf einer Ecke des Stuhles; Lucy auf der Bettkante. »Was denken Sie darüber, Mrs. Berry? Ist es nicht schrecklich?« »Ich kann nicht sagen, daß es mir angenehm gewesen wäre,« erwiderte Mrs. Berry aufrichtig. »Ach, warum, warum mußte das geschehen?« die junge Braut bückte sich und ein neuer Tränenstrom ergoß sich. Sie fühle sich alt, flüsterte sie – alt und verlassen. »Haben Sie nicht für alle Fälle einen Trost in Ihrer Religion?« fragte Mrs. Berry. »Dafür nicht. Ich weiß, es ist unrecht zu weinen, wenn ich so glücklich bin. Ich hoffe, er wird mir verzeihen.« Mrs. Berry schwor darauf, daß ihre kleine Braut das lieblichste, sanfteste, schönste Wesen der Welt wäre. »Ich will nicht mehr weinen,« sagte Lucy: »Verlassen Sie mich, Mrs. Berry, und kommen Sie wieder, wenn ich klingle.« Sie zog ein kleines, silbernes Kreuz hervor und fiel vor ihrem Bett auf die Knie. Mrs. Berry verließ auf Zehspitzen das Zimmer. 365 Als sie zurückgerufen wurde, war Lucy ruhig und tränenlos und lächelte sie freundlich an. »Es ist jetzt vorüber,« sagte sie. Mrs. Berry erwartete ruhig, daß nun ihr Ring folgen würde. »Er verlangt doch nicht von mir, daß ich zu dem Frühstück hereinkomme, das Sie für uns bereitet haben, Mrs. Berry. Ich bat ihn, daß er mich entschuldige. Ich kann nicht essen.« Mrs. Berry beklagte das sehr, denn sie hatte zu einem Hochzeits-Frühstück ersten Ranges gedeckt, aber da ihre Gedanken bei dem Ringe waren, nickte sie zustimmend. »Wir werden nicht viel zu packen haben, Mrs. Berry.« »Nein, meine Liebe. Es ist beinahe alles fertig.« »Wir werden nach der Insel Wight reisen, Mrs. Berry.« »Und da haben Sie sich auch eine sehr passende Gegend ausgesucht, meine Liebe!« »Er liebt die See und wünscht der See nahe zu sein.« »Machen Sie die Überfahrt aber nicht heut abend, wenn es bewegt ist, meine Liebe. Das ist nicht ratsam.« Mrs. Berry ließ ihre Stimme sinken und fuhr dann fort: »Seien Sie nicht zu sanft und geben Sie ihm da nicht nach, oder Sie werden es beide zu bereuen haben.« Lucy hatte das Unangenehme, was sie zu sagen hatte, nur aufgeschoben. Sie sah, wie Mrs. Berrys Augen ihren Ring verfolgten, und nahm schließlich ihren ganzen Mut zusammen. »Mrs. Berry.« »Ja, meine Liebe.« »Mrs. Berry, Sie werden einen andern Ring erhalten.« »Noch einen, meine Liebe?« Berry konnte nicht verstehen. »Einer ist ganz genug für den Zweck,« meinte sie. 366 »Ich meine,« Lucy berührte ihren vierten Finger, »ich kann mich von diesem nicht trennen.« Sie sah Mrs. Berry grade ins Gesicht. Das bestürzte Wesen starrte sie an und starrte auf den Ring, bis sie die ganze Meinung der Worte erfaßt hatte, und rief dann in äußerstem Schrecken: »Aber Liebste, das können Sie doch nicht meinen. Sie werden doch noch einmal in Ihrer eignen Religion getraut werden.« Die junge Frau erwiderte: »Ich kann mich niemals davon trennen.« »Aber meine Liebe!« die unglückliche Berry rang die Hände halb mitleidig und halb beleidigt. »Meine Liebe!« sie fuhr in stummer Gebärdesprache fort: »Ich weiß alles, was Sie sagen wollen, Mrs. Berry. Es tut mir sehr leid, daß ich Sie betrüben muß. Er gehört jetzt mir und muß mein Eigentum bleiben. Ich kann ihn nicht zurückgeben.« Da saß sie nun und hatte sich plötzlich zur unbeugsamsten kleinen Heldin des Königreiches entwickelt. Von dem ersten Augenblicke an, indem sie die Meinung der Heldin begriffen hatte, wußte Mrs. Berry als kluge Menschenkennerin, daß ihre Sache hoffnungslos stand, wenn sie sie nicht so behandelte, wie sie selbst behandelt worden war, und ihr den Ring mit Waffengewalt entriß, und das konnte sie nicht übers Herz bringen. »Was!« seufzte sie schwach, »seinen eignen rechtmäßigen Trauring wollen Sie einem nicht zurückgeben?« »Weil er jetzt mir gehört, Mrs. Berry. Es war Ihr Ring, aber jetzt ist es meiner. Sie dürfen dafür fordern, was Sie wollen. Bitte, vergeben Sie mir. Es muß so sein.« Mrs. Berry wiegte sich auf dem Stuhle hin und her und schlug die Hände zusammen. Sie war sehr erstaunt, daß dieses sanfte kleine Geschöpf so entschlossen sein konnte. Sie versuchte es mit Vernunftgründen. 367 »Wissen Sie denn nicht, daß es Unglück bedeutet, wenn einem der rechtmäßige Trauring geraubt wird und daß man nachher nie mehr glücklich wird? Denn was bleibt einem übrig, wenn einem das genommen wird? Und was könnten Sie einem geben, um einen für den Verlust zu entschädigen, meine Liebe? Wissen Sie denn nicht – Ach Gott, ach Gott!« Das Gesicht der kleinen Braut sah so entschlossen aus, daß die arme Berry in Verzweiflung ausbrach. »Ich weiß,« sagte Lucy, »ich weiß es alles. Ich weiß, was ich Ihnen antue. Liebe, liebe Mrs. Berry! verzeihen Sie mir! Wenn ich mich von meinem Ringe trennen würde, so weiß ich, daß es mir Unglück brächte.« So beanspruchte diese schöne, junge Freibeuterin nicht nur den Ring, sondern auch das Recht für sich. Berry zerbrach sich ihr verwirrtes Gehirn, um weitere Beschwörungen zu ersinnen. »Aber mein liebes Kind,« entgegnete sie. »Sie verstehen mich nicht. Es ist nicht so, wie Sie denken. Ihnen schadet es jetzt nichts. Aber gar nichts. Für Sie macht es jetzt keinen Unterschied! Jeder Ring genügt, so lange die Trägerin noch ein Mädchen ist. Und Ihr Herr Richard wird noch denselben Ring finden, den er für Sie bestimmt hatte. Und das ist natürlich der, den Sie als seine Frau tragen werden. Es ist jetzt ganz egal, meine Liebe. Für ein Mädchen ist es keine Schande. Na – na – na – mein kleiner Liebling!« Zärtlichkeiten nützten ebensowenig wie Vernunftgründe. »Mrs. Berry,« sagte Lucy. »Sie wissen, was mein – was er sprach: Mit diesem Ring vermähle ich dich mir. Es war mit diesem Ring. Wie könnte es denn nun mit einem andern sein?« 368 Berry mußte niedergeschlagen zugeben, daß das logisch wäre. Eine schlaue Ausrede fiel ihr ein: »Wird es Ihnen nicht Unglück bringen einen Ring zu tragen, der für mich so viel Böses bedeutet hat? Denken Sie doch daran!« »Ach ja, ach ja, das kann sein!« weinte Lucy. »Und stürzen Sie sich nicht selbst in das Unglück? meine Liebe?« »Mrs. Berry,« sagte Lucy wieder, »es war dieser Ring. Es kann nicht, es kann niemals ein anderer sein. Dieser war es. Was er mir bringt, muß ich ertragen. Ich werde ihn tragen, bis ich sterbe!« »Was soll ich denn also tun?« stöhnte die schlecht behandelte Frau. »Was soll ich meinem Manne sagen, wenn er zu mir zurückkommt, und sieht, daß ihn ein neuer Ring erwartet? Wird das nicht ein schöner Willkommen sein?« Da sagte Lucy: »Wie kann er wissen, daß es nicht derselbe ist, bei einem glatten, goldenen Ringe?« »Sie haben nie einen Mann gesehen, der sich so auf Goldsachen verstand, wie mein Berry!« erwiderte die verlassene Gattin. »Der sollte es nicht erkennen, meine Liebe? Aber jeder einzige würde es erkennen, der Augen im Kopf hat. Trauringe sind ebenso verschieden, wie Hochzeitsleute! Und nun bitte, seien Sie vernünftig, mein süßes Herzchen!« »Bitte verlangen Sie das nicht von mir,« bat Lucy. »Bitte überlegen Sie es sich noch einmal,« beschwor sie Mrs. Berry. »Bitte, bitte, Mrs. Berry,« bat Lucy. »Und machen Sie Ihre alte Berry nicht ganz unglücklich, grade, wenn Sie so glücklich sind!« »Das möchte ich wirklich nicht, Sie liebes, gutes, altes Ding!« Lucy schwankte. 369 Mrs. Berry glaubte, sie habe gewonnen. »Grade wenn Sie drauf und dran sind die glücklichste Frau auf der Erde zu werden – wenn Sie alles haben, was Sie wünschen!« sie fuhr in dem zarten Ton fort. »Ein schöner, junger Herr! Liebe und Glück lächeln Ihnen! –« Lucy stand auf. »Mrs. Berry,« sagte sie, »ich denke, wir müssen nicht noch mehr Zeit verlieren und fertig werden, sonst wird er ungeduldig.« Mrs. Berry sah von ihrer Stuhlecke aus ganz vernichtet vor Erstaunen nach ihr hin. Würde und Entschlossenheit sprachen aus der sanften Gestalt, die sie bis dahin unter ihre Flügel genommen hatte. In einer Stunde hatte sich die Heldin zu derselben Größe wie der Held erhoben. Ohne sich recht darüber klar zu werden, was für ein Geschöpf es eigentlich war, mit dem sie zu tun hatte, mußte sich Berry doch eingestehen, daß es keins von gewöhnlicher Art wäre, und sie seufzte und ergab sich. »Das ist wirklich wie eine Ehescheidung!« schluchzte sie. Nachdem sie ihren Schürzenzipfel an ihre Augen geführt hatte, machte sich Berry geschäftig und demütig ans Packen. Da kam Lucy, der das Herz voll war, zu ihr und küßte sie und da brach Berry vollends zusammen und weinte los. Und nachdem das auch vorüber war, nahm sie Zuflucht zum Fatalismus. »Ich glaube, es hat wohl so sein sollen, meine Liebe! Es ist meine Strafe dafür, daß ich mich in solche Sachen eingelassen habe. Nein, ich bereue es nicht. Gott segne Sie beide! Aber wer hätte denken können, daß Sie so eigensinnig wären? Sie, die jeder einzige für eine von den ganz Schwachen gehalten hätte! Sie passen zueinander, Sie passen wirklich! Sie waren dazu bestimmt, zusammen zu kommen! Aber wir müssen ihm nicht 370 zeigen, daß wir geweint haben – das mögen die Männer nicht, wenn sie glücklich sind. Wir wollen uns das Gesicht waschen und versuchen unser Los zu tragen.« Indem sie so sprach, schwankte das schwarze Atlasbündel und eine neue Sündflut ergoß sich. Sie verdiente wohl etwas Mitleid, denn wenn es auch traurig ist, mit einem Ring verheiratet zu werden, der einer andern Person gehört, wie viel trauriger ist es, wenn einem der eigne rechtmäßige Ring, an den man gewöhnt ist, mit Gewalt vom Finger gerissen und man für immer von ihm getrennt wird! Aber wo wir es mit Helden und Heldinnen zu tun haben, bleiben solche schrecklichen Verwicklungen nicht aus. Sie hatten jetzt beide um den Ring gekämpft und beide mit viel Ehre und Erfolg. In dem Festzimmer erteilte Richard Ripton seine letzten Befehle. Obgleich es keine große Hochzeit war, so hatte Mrs. Berry doch ein prächtiges Frühstück bereitet. Junge Hühner lockten zum Genuß. Pasteten deuteten saftige Geheimnisse an: mysteriöse Dinge in einem Frikassee, mit gallischen Bezeichnungen, Gelees, Cremes, Früchte waren über den Tisch verstreut. In der Mitte ragte wie ein Turm der ungeheure Hochzeitskuchen, das priesterliche Weiß seines bräutlichen Aussehens wurde durch den hochzeitlichen Ausputz gehoben. Viele Stunden, viel Arbeit und Sorge hatte Mrs. Berry auf dieses Frühstück verwendet und warum das? Es gibt eine gewisse Person, die bei jedem Fest erscheint, das auf Torheit begründet ist. Eine Person, gegen die die Schuldigen instinktmäßig ihre Vorkehrungen treffen, die sprechen will und deren verhaßte Stimme noch während des Festes zum Schweigen gebracht werden muß. Diese Person ist unser Gläubiger, die Reue. Mrs. Berry kannte sie. Sie wußte, daß sie kommen würde. Sie 371 bereitete sich gegen sie auf die Art vor, die ihr am wirksamsten erschien: das heißt, indem sie ihre Augen und ihr Gewissen durch das festliche Gepränge betrog, das mit den Hochzeiten eng verknüpft ist, bei denen Väter weitschweifig und Mütter schwach werden und der Familien-Anwalt die Ehepakten triumphierend schwingt. Würden keine festlichen Veranstaltungen dieser Art vorhanden gewesen sein, um sie bei ihrer Rückkehr von der Kirche zu begrüßen, dann würde sie, das wußte sie bestimmt, in Armseligkeit und Leere gestarrt und bereut haben, was sie getan hatte. Die Reue würde sie beim Ohr genommen und gescholten haben. Verschanzt hinter einem Hochzeitsfrühstück, das so nach allen Regeln ausgeschmückt war, konnte Mrs. Berry ihr Trotz bieten. In Gegenwart eines solchen Kuchens wagte sie höchstens im Flüsterton zu sprechen. Und sollte sie dennoch wagen zu protestieren, so waren Weine vorhanden, in denen man sie ertränken konnte, feurige Weine und kühle Rotweine, die von dem Bräutigam ausdrücklich zu dem Zwecke besorgt waren, um seinem Freunde einen Genuß zu bereiten. So machte die Arbeit vieler Stunden die Reue eine Stunde lang stumm. Ripton stärkte sich so, daß er sie ganz und gar vergaß, sie und die ganze Welt vergaß bis zum nächsten Morgen. Ripton war aufgeregt, ganz hin vor Entzücken. Er war mit einer Flasche schon fertig und lauschte angenehm erregt auf die nachdrücklichen Worte seines enthaltsameren Freundes. Er hatte nichts weiter zu tun, als zuzuhören und zu trinken. Der Held gestattete es ihm nicht, ein Triumphgeschrei anzustimmen! wollte nichts von Toasten wissen; und da durch die Menge des Öls, das auf ihn ausgegossen wurde, seine Beredsamkeit sich in seinem Innern zu einer Naturgewalt entwickelte, wurde der arme Junge von einer Elephantiasis unterdrückter Bewegung ergriffen. Zuweilen erhob er sich halb 372 aus seinem Stuhl, fiel aber ohne zu sprechen wieder in ihn zurück, oder er kicherte im Angesicht der gewichtigen, mit ernsten Worten gegebenen Befehle; schlug sich auf die Brust, streckte die Arme aus, gähnte und benahm sich kurz und gut so sonderbar, daß Richard es bemerkte und sagte: »Bei meiner Treu, ich glaube du verstehst kein Wort von dem, was ich sage.« »Jedes Wort, Ricky!« sprudelte Ripton heraus. »Ich gehe also zu deinem Vater und sage zu ihm: Sir Austin! Ihnen bleibt nur eine Möglichkeit, noch länger ein glücklicher Vater zu sein – nein, nein! Ach, du brauchst dich nicht meinetwegen zu fürchten, Ricky! Ich werde den alten Herrn schon klein kriegen.« Sein Führer sagte: »Höre mal zu. Du gehst lieber heute abend nicht zu ihm. Reise morgen ganz früh mit dem Sechsuhrzug. Gib ihm meinen Brief. Paß wohl auf – gib ihm meinen Brief und sprich kein Wort, bis er spricht. Er wird lebhaft mit den Augenbrauen zucken, viel sagen wird er nicht. Ich kenne ihn. Wenn er dich nach ihr frägt, sei kein Narr, aber sage ihm vernünftig, was du von ihr denkst –« Kein Wort konnte Ripton zurückhalten, wenn man von ihr sprach. Er schrie los: »Sie ist ein Engel!« Richard gebot ihm Einhalt. »Sprich vernünftig, sage ich – ruhig. Du kannst sagen, wie sanft und gut sie ist – meine Lilie! Und sage, daß dies nicht von ihr veranlaßt ist. Wenn irgend einer zu tadeln ist, dann bin ich es. Ich habe sie dazu veranlaßt, mich zu heiraten. Und dann gehe zu Lady Blandish, wenn du sie nicht im Schlosse findest. Zu ihr kannst du sagen, was du willst. Gib ihr meinen Brief und sage ihr, daß ich gleich von ihr hören möchte. Sie hat Lucy gesehen und ich weiß, was sie von ihr denkt. Dann wirst du zu Farmer Blaize gehen. Ich erzählte dir schon, daß Lucy zufälligerweise seine Nichte ist – sie hat nicht 373 lange dort gelebt. Sie lebte bei ihrer Tante Desborough in Frankreich, so lange sie ein Kind war, und man kann sie kaum eine Verwandte des Bauern nennen – sie sind sich in keinem einzigen Punkte ähnlich. Mein armer Liebling! Sie hat niemals ihre Mutter gekannt. Geh zu Mr. Blaize und sprich mit ihm. Du wirst ihn grade so behandeln wie jeden andern Herrn. Wenn du höflich bist, wird er es sicherlich auch sein. Und wenn er schlecht von mir spricht, dann mußt du ihn doch, um meinet- und um ihretwillen, mit Achtung behandeln. Hörst du? Und dann schreibe mir einen ausführlichen Bericht über alles, was gesagt und getan wurde. Übermorgen wirst du meine Adresse haben. Übrigens wird Tom heut nachmittag herkommen. Schreibe ihm auf, wo er dich morgen nachmittag aufsuchen soll, für den Fall, daß du des Morgens irgend etwas gehört haben solltest, wovon du meinst, daß ich es sofort erfahren müßte. Tom wird am Abend zu mir kommen. Erwähne niemandem gegenüber, daß ich den Ring verloren habe, Ripton. Ich möchte um tausend Pfund nicht, daß Adrian davon erfährt. Wie in aller Welt habe ich ihn nur verloren! Wie gut sie es getragen hat, Ripton! Wie wundervoll sie sich benahm!« Ripton schrie wieder: »Ein Engel!« und sagte, nachdem er die zweite Flasche bis auf die Neige geleert hatte: »Du kannst dich auf deinen Freund verlassen, Richard! Ach! als du an der alten Mrs. Berry herumrissest, wußte ich gar nicht, was los war. Ich wünschte, du ließest mich auf ihre Gesundheit trinken!« »Auf das Wohl der Penelope!« sagte Richard und benetzte nur grade seine Lippen. Der Wagen war vor der Türe: ein paar gräßliche Leiern, die alle dieselbe Melodie spielten, und eine raubgierige, herumziehende Musikbande, der keine, auch noch so verborgen gefeierte Hochzeit entgehen kann, bemühten sich draußen in schöner Harmonie 374 schreckliche Mißtöne von sich zu geben; das Geräusch erregte seine Nerven und er schickte durch das Mädchen eine Botschaft nach der andern an seine Braut. Schließlich zeigte sich die liebliche, junge Braut zur Reise angekleidet und aus verweinten Augen lächelnd. Man bat Mrs. Berry Wein zu trinken, den Ripton für sie eingoß, wobei sie seinen Zustand erkannte. Jetzt küßte die Braut Mrs. Berry, und Mrs. Berry küßte den Bräutigam, unter dem Vorwande, daß sie so sehr gerührt wäre. Lucy gab Ripton die Hand mit einem lieblich klingenden: »Leben Sie wohl, Mr. Thompson« und ihre übergroße Güte brachte ihn grade so weit zum Bewußtsein, daß er einsah, es wäre besser, er setzte sich, ehe er seine glühenden Wünsche für ihr Glück aussprach. »Ich werde gut auf ihn aufpassen,« sagte Mrs. Berry und rollte mit den Augen, damit die Anwesenden sie verstünden. »Leben Sie wohl, Penelope!« rief Richard. »Ich werde die Polizei veranlassen, überall nach Ihrem Herrn zu suchen.« »Ach, meine Lieben! Leben Sie wohl! Und der Himmel segne Sie beide!« Berry zitterte, ganz erschüttert in dem Gedanken an ihre bevorstehende Einsamkeit. Ripton, den Mund bis zu den Ohren in die Höhe gezogen, folgte im Nachtrab noch dem Wagen, und erhielt einen Schlag an die Wange von einem alten Pantoffel, den Mrs. Berrys Dienstmädchen in ihrer Begeisterung nachwarf. Man wehte mit Taschentüchern, schon mußte sich das Lebewohl auf Zeichen beschränken, nun waren sie fort. Da durchzuckte Mrs. Berry ein solch wichtiger Gedanke, daß sie mit den Händen in der Luft telegraphierte und Riptons Lunge zu Hilfe nahm, um den Kutscher anzuhalten, und dann nach dem Hause zurücklief. Richard 375 war ärgerlich und wollte fort, aber auf die Bitte seiner Braut entschloß er sich zu warten. Bald darauf sahen sie das schwarze Atlasbündel durch die Haustüre rauschen, durch den kleinen Vorgarten, und zu allgemeinem Erstaunen die Straße hinunter, humpelnd, keuchend, ohne Hut bis zur Wagentür – ein Buch in der Hand – ein vielgebrauchtes, mit Eselsohren versehenes, fleckiges, fettiges Buch, welches sie auf Lucys Schoß fallen ließ, wobei sie ausrief: »Da! da! Kümmern Sie sich nicht darum, wie es aussieht! Ich hatte kein neues. Lesen Sie es, und vergessen Sie es nicht!« und dann zog sie sich hinter das Gartengitter zurück, was für den Kutscher ein Zeichen war, nun wirklich los zu fahren. Wie mußte Richard über Berrys Hochzeitsgeschenk lachen! Und auch Lucy vergaß die bösen Ahnungen, die sie in ihrem Herzen hegte, als sie den Titel des Buches las. Es war Dr. Kitcheners: »Häusliche Küche!«   Einunddreißigstes Kapitel. Die Reue erscheint in Person. Alle Köpfe ziehen sich von den Straßenfenstern zurück, die Musikanten und Drehorgeln wandern weiter und eine gleichgültigere Atmosphäre in dem Umkreis von Mrs. Berrys Wohnung beweist, daß Don Cupido wirklich fort geflogen ist, um Leben zu saugen aus neuen Regionen. Mit nachdenklichem Sinn ergriff Mrs. Berrys Riptons Arm, um seine Schritte zu leiten, und kehrte in das Zimmer zurück, wo ihr Gläubiger auf sie wartete. In der Zwischenzeit hatte er ihre unverteidigte Festung erstürmt und schüttelte von der Höhe des Hochzeitskuchens 376 schmerzlich sein Haupt über die schuldige Frau. Sie glättete ihre aufgeregte Schürze und seufzte. Niemand möge sich aber einbilden, daß sie ihre Mitschuld bereute. Sie war bereit, Ströme von Tränen zu vergießen, aber es mußte erst eine starke Züchtigung eintreten, um dieser Verbrecherin den Sinn der Reue begreiflich zu machen und wahrscheinlich würde sie sich dann nur noch fester an ihre Sündhaftigkeit klammern – denn so hartnäckig sind die geborenen Heiden! Mrs. Berry seufzte und erwiderte sein Kopfschütteln. »Oh, du leichtsinniges und unvorsichtiges Geschöpf!« sagte ihr Gläubiger. »Oh, du so sehr weiser, alter Herr!« sagte sie. Er fragte sie nach dem, was sie getan hatte. Sie belehrte ihn, indem sie als Fatalistin sprach. Er blies einen Teufelsmarsch zum Angriff gegen die bösen Folgen, die sich möglicherweise einstellen konnten. Sie zog sich in das wohlverschanzte Lager der Tatsachen zurück, zu dessen Herstellung sie behilflich gewesen war. »Es ist geschehen!« rief sie aus. Wie konnte sie das Getane bedauern, wenn das Bewußtsein, daß es geschehen war, sie befriedigte? Überzeugt davon, daß nur Tatsachen einem solch eigensinnigen Geschöpf Eindruck machen würden, beschloß ihr Gläubiger auf die Tatsachen zu warten und kauerte sich schweigend auf dem Kuchen zusammen, mit einem Finger auf den Einschnitt zeigend, den Ripton gemacht hatte, und der einen Abgrund von Krumen und eine sehr prächtig düstere Vertiefung zeigte. Sie verstand den beredten Hinweis. »Mein Gott! Mein Gott!« rief Mrs. Berry, »so viel Kuchen und niemand, dem man davon schicken könnte!« Ripton hatte seinen Platz an dem Tische wieder eingenommen und sich wieder dem Portwein hingegeben. Das klare Gefühl der Befriedigung hatte ihn verlassen und sich in einen kochenden Krater undeutlichen Entzückens 377 aufgelöst. Er murmelte und wackelte und nickte in liebenswürdigster Weise ins Leere und bewahrte mit Erfolg, wenn auch nicht ohne Anstrengung, seine obersten Gliedmaßen vor den Verführungen der Nymphe Gravitation, die bald auf der Lauer lag, um seine ganze Länge zu gewinnen. »Ha! Ha!« rief er, ungefähr eine Minute nachdem Mrs. Berry gesprochen hatte, und war nahe daran, sich der Nymphe sogleich hinzugeben. Mrs. Berrys Worte hatten jetzt erst sein Verständnis erreicht. »Warum lachen Sie, junger Mann?« fragte sie, wegen seines Zustandes in vertraulichem und mütterlichem Tone. Ripton lachte noch lauter und fiel mit seiner Brust auf die Tischkante und mit seiner Nase auf ein junges Huhn. »Das ist gut!« sagte er, wieder zu sich kommend und sich unter Mrs. Berrys Blicken schüttelnd. »Keine Freunde!« »Ich habe nicht gesagt, keine Freunde,« bemerkte sie, »ich habe gesagt, niemand, womit ich meinte, daß ich nicht weiß, wohin ich den Kuchen schicken soll.« Worauf Ripton antwortete: »Setzen Sie einen Greif auf den Kuchen und Weizenbündel auf beide Seiten.« »Ist das sein Wappen?« sagte Mrs. Berry sanftmütig. »Ältester Adel Englands,« winkte ihr Ripton zu. »Wirklich?« Mrs. Berry ermutigte ihn fortzufahren. »Sie denken, er heißt Richards. Wir müssen sehr verschwiegen sein. Und sie ist entzückend. Wenn ich höre, daß irgend jemand irgend etwas gegen sie sagt –« »Sie brauchen gar nicht über sie zu weinen, junger Mann,« sagte Mrs. Berry. »Ich will auf ihre Gesundheit trinken, mit ihrem rechtmäßigen Namen, und dann wieder an meine Arbeit gehen, und ich hoffe, Sie werden mich nicht aufhalten.« 378 Ripton stellte sich bei ihren Worten aufrecht hin. »Tun Sie es!« und ein Glas füllend, brachte er mit fröhlich weintrunkner Betonung und unsicherer Zunge eine Gesundheit aus auf Richard und Lucy Feverel von Schloß Raynham! und damit es der Menschheit nicht an einem sofortigen Beispiel fehlen sollte, wie sie diesen begeisterten Toast aufnehmen sollte, trank er das Glas mit einem Zuge aus. Das gab ihm den Rest. Das Pfennig-Licht seines Verstandes flackerte auf und erlosch. Er taumelte auf das Sofa und streckte sich aus. Einige Minuten, nachdem Ripton seine Ergebenheit für das bräutliche Paar kund gegeben hatte, trat Mrs. Berrys Mädchen in das Zimmer, um zu melden, daß ein Herr unten nach dem jungen Herrn fragte, der abgereist wäre, und fand ihre Herrin mit einem schwankenden Weinglas in der Hand und mit allen Zeichen unstillbarer Weinkrämpfe. Ihr Mund stand offen, als ob der grausame Gläubiger sie bei der Gurgel hätte. Sie rief mit schauerlich klingender Fröhlichkeit, daß sie es nun einmal getan hätte, was ihr trauriger Anblick auch zu beweisen schien; ihr augenscheinlicher, wenn auch unerklärlicher Anfall von Trübsal veranlaßte das mitleidige Mädchen zu freundlich tröstenden Worten, die nur noch fehlten, um Mrs. Berry sofort dazu zu bringen, in den liebevollsten Ausrufen sich selbst anzuklagen. Sie fing grade an, sich mit teuflisch ironischen Worten zu schmähen, da beschwor das Mädchen sie bei allem, was heilig wäre, nicht zu vergessen, daß der Herr unten sie hören müßte. Darauf bezwang sich Mrs. Berry mit Gewalt und befahl, daß man ihn sogleich herauf führen solle, damit er sähe, wie elend sie wäre, aber sie mußte den Befehl noch einmal wiederholen. Das Mädchen tat, was man ihr sagte, und Mrs. Berry, die zuerst wissen wollte, wie sie aussähe, zog schweigend den Spiegel zu Rate und versuchte ihr Aussehen ein klein 379 wenig zu verbessern. Sie warf einen Schal über Ripton, und saß im Kampfe mit ihrer Erregung, als der Besuch herein geführt wurde. Der Herr war Adrian Harley. Eine Unterredung mit Tom Bakewell hatte ihn auf die Fährte gebracht und ein rascher Blick über den Tisch und seinen weißgekleideten Kuchen entlockte ihm einen pfeifenden Ton. Mrs. Berry bat ihn mit kläglicher Stimme, ihr die Ehre anzutun und sich zu setzen. »Ein schöner Morgen, Madam!« sagte Adrian. »Das ist es!« antwortete Mrs. Berry, blickte über die Schulter nach dem Fenster und schluckte, als ob sie ihr Herz im Munde hätte und herunter schlucken müßte. »Ein sehr schönes Frühjahr!« fuhr Adrian fort, ruhig ihren Ausdruck studierend. Mrs. Berry erstickte ihre Ansicht über das Wetter durch einen tiefen Seufzer. Ihr Elend war handgreiflich. Im Verhältnis dazu wurde Adrian immer vergnügter und aufgeräumter. Er erriet genug von der ganzen Sache, um zu erkennen, daß man aus der Verbrecherin, die da ihr Schluchzen vor ihm unterdrückte, allerhand merkwürdige Nachrichten würde herausfischen können; und da er sich niemals mehr in seinem Element befand, als wenn er einen Sünder in seiner Hand hatte, einen reumütigen, im Staube liegenden, elenden Sünder, so konnte seine liebenswürdige Miene die arme Berry wohl täuschen. »Ich vermute, daß dieses Mr. Thompsons Zimmer sind?« bemerkte er mit einem Blick auf den Tisch. Mrs. Berrys Haupt und das Weiße in ihren Augen unterrichteten ihn darüber, daß es nicht Mr. Thompsons Zimmer wären. »Nicht?« sagte Adrian und blickte sorglos prüfend umher. 380 »Mr. Feverel ist nicht zu Hause, nehme ich an?« Ein krampfhaftes Aufzucken bei dem Namen und eine bekräftigende Bewegung ihrer Hände, die auf die Knie sanken, waren Mrs. Berrys Antwort. »Mr. Feverels Diener,« fuhr Adrian fort, »sagte mir, daß ich ihn sicher hier finden würde. Ich glaubte, er wäre bei seinem Freunde Mr. Thompson. Ich bin zu spät gekommen, wie ich sehe. Die Gesellschaft ist schon vorüber. Ich vermute wohl richtig, daß Sie mehrere von den Herren hier gehabt haben, Madam? – Ein Junggesellenfrühstück, nicht wahr!« Im Anblick des Kuchens schien diese Bemerkung eine so schlaue Ironie zu verbergen, daß Mrs. Berry kaum an sich halten konnte. Sie fühlte, sie mußte sprechen. Indem sie ihrem jämmerlichen Gesicht einen so einnehmenden Ausdruck, wie möglich verlieh, fing sie an: »Mein Herr, darf ich um Ihren Namen bitten?« Mr. Harley erfüllte ihre Bitte. Stöhnend in der Gewalt der erbarmungslosen Wahrheit, fuhr sie fort: »Und Sie sind also Mr. Harley, der früher – ach, und Sie suchen – –« Mr. Richard Feverel wäre der Herr, nach dem Mr. Harley gefragt hätte. »Ach, so ist es also kein Irrtum, und er ist von Schloß Raynham?« fragte Mrs. Berry. Adrian versicherte ihr sehr belustigt, daß er dort geboren und erzogen wäre. »Sein Vater ist Sir Austin?« jammerte das schwarze Atlasbündel hinter dem Taschentuch. Adrian bestätigte Richards Herkunft. »Ach denn – ach, was habe ich getan!« weinte sie und sah ihren Besucher ausdruckslos an. »Ich bin hingegangen und habe mein Kleines verheiratet. Ich habe 381 das Brot aus meinem eignen Munde verheiratet. Ach, Mr. Harley! Mr. Harley! Ich habe Sie ja gekannt, wie Sie ein kleiner Junge waren, nur so groß, und noch Kittelchen trugen, und Sie alle. Und mein weiches Herz ist es, das mich ins Unglück bringt, denn ich kann nie widerstehen, wenn man mich was bittet. Sehen Sie doch den Kuchen an, Mr. Harley!« Adrian folgte der Aufforderung, blieb aber ganz kühl. »Das ist ein Hochzeitskuchen, Madam!« sagte er. »Ja, ein Brautkuchen ist es, Mr. Harley!« »Haben Sie den selbst gemacht, Madam?« Die ruhige Unbefangenheit, mit der die Frage gestellt wurde, überwältigte Mrs. Berry und verhinderte die symbolischen Darstellungen, durch welche sie versuchte, ihn die Katastrophe erraten zu lassen, um sich die Qual des Bekenntnisses zu ersparen. »Ich habe den Kuchen nicht selbst gemacht, Mr. Harley,« erwiderte sie. »Es ist ein gekaufter Kuchen und ich bin eine unglückliche Frau. Ich habe es mir gewiß nicht träumen lassen, als ich ihn als kleines Kind auf den Armen hielt, daß ich ihn eines Tages aus meinem eignen Hause verheiraten würde! Das habe ich mir gewiß nicht träumen lassen. Ach, warum ist er zu mir gekommen! Besinnen Sie sich nicht auf seine alte Kinderfrau, als er noch auf dem Arm getragen wurde, welche so plötzlich fortging und ihre Schuld war es nicht! Denselben Morgen, Mr. Harley, nach der Nacht, in der Sie in Bensons Keller gekommen waren und sich an seinem Madeira betrunken hatten – ich besinn' mich so genau darauf, als wenn es gestern gewesen wäre! – und Mr. Benson war doch so ärgerlich und drohte, daß er Sie durchpeitschen würde und ich half noch Sie zu Bett bringen. Die Frau bin ich.« 382 Adrian lächelte sanftmütig bei diesen Erinnerungen an sein schuldloses Jugendleben. »Nun also, Madam, nun?« sagte er. Er wollte sie zu der Qual des Bekenntnisses bringen. »Aber lieber Herr, verstehen Sie denn nicht?« Mrs. Berry wandte sich mit pathetischer Zeichensprache an ihn. Zweifellos verstand Adrian mittlerweile alles und fluchte innerlich auf die Torheit, und berechnete die unmittelbaren Folgen, aber er sah noch ganz unwissend aus, das ihm eigentümliche Grübchen-Lächeln war noch nicht verschwunden, seine behagliche Stellung hatte sich nicht verändert. »Nun, Madam?« trieb er sie an. Mrs. Berry brach los: »Es geschah heute morgen, Mr. Harley, in der Kirche, um halb zwölf Uhr, oder zwanzig Minuten vor zwölf, mit Heiratkonsens.« Adrian hatte nun die Verpflichtung zu begreifen, daß es sich um einen Eheschluß handelte. »Ach,« sagte er, wie einer, der eben so hart ist, wie die Tatsachen, und ebenso schwer zu bewegen. »Jemand hat sich also heute morgen verheiratet, war es Mr. Thompson oder Mr. Feverel?« Mrs. Berry schwankte zu Ripton, entfernte den Schal und sagte: »Sieht der wie ein jung verheirateter Bräutigam aus? Mr. Harley?« Adrian betrachtete den in Vergessenheit versunkenen Ripton mit philosophischem Ernst. »War dieser junge Herr heute morgen in der Kirche?« fragte er. »Ach ja, und da noch ganz vernünftig und anständig,« gab ihm Mrs. Berry zu verstehen. »Natürlich, Madam.« Adrian hob eins der dummen, leblosen Glieder des betrunkenen Elenden, ließ es wieder fallen und verzog seltsam den Mund. »Da waren Sie alle vernünftig und anständig. Die männliche Hauptperson ist also mein Vetter, Mr. Feverel. Er wurde mit Ihrem 383 Beistand heute morgen mit Heiratskonsens in Ihrer Gemeindekirche verheiratet, kam hierher, aß ein tüchtiges Frühstück und verließ das Haus berauscht.« Mrs Berry fuhr auf: »Er trinkt nie einen Tropfen, Herr. Sie können keinen mäßigeren, jungen Herrn finden. Ach, denken Sie doch das nicht, Mr. Harley. Er ging so grade und war so gut Herr über sich, wie Sie es sind.« »So!« der weise Jüngling nickte dankend für den Vergleich. »Ich meine die andere Form des Rausches.« Mrs. Berry seufzte. Über den Punkt konnte sie nichts sagen. Adrian bat sie, sich zu setzen und zu beruhigen und ihm ausführlich zu erzählen, was geschehen wäre. Sie gehorchte in äußerster Bestürzung über sein vollkommen ruhiges Wesen. Mrs. Berry war, wie es ihre Erzählung zutage brachte, niemand anders, als dasselbe Wesen, das einmal in alten Zeiten gewagt hatte, dem Baron hinter die Maske zu sehen, und das seit der Zeit aus der Raynhamer Welt verbannt hatte leben müssen, von einer kleinen Pension, die ihr regelmäßig als Entschädigung gezahlt wurde. Sie war jene Frau, und der Gedanke daran ließ sie beinahe das Schicksal anklagen für das verderbliche Übermaß von Weichherzigkeit, mit dem es sie ausgestattet hatte. Wie hatte sie ihr Kleines wieder erkennen können, nun, da es zum Manne herangewachsen war? Er kam unter einem falschen Namen; kein Wort über die Familie wurde erwähnt. Er kam, wie ein gewöhnlicher Sterblicher, obgleich sie ihm gegenüber mehr gefühlt hatte, als andern gegenüber – das wußte sie bestimmt. Er kam und brachte eine wunderschöne, junge Dame, und was für einen Grund hatte sie, ihnen den Rücken zuzuwenden? Warum, nachdem sie sah, daß alles keusch und rechtlich zuging, warum 384 sollte sie sich einmischen und sie unglücklich machen – wo doch so wenige Aussicht haben glücklich zu werden in dieser Welt! Mrs. Berry erzählte, wie ihr der Ring geraubt worden war. »Ein Griff,« sagte die schluchzende Sünderin, »nur ein einziger und mein Ring war fort.« Sie hatte keinen Verdacht gehabt und die Aufgabe, ihren Namen in das Kirchenbuch zu schreiben, hatte sie zu sehr in Anspruch genommen, als daß sie auf die andern Unterschriften hätte achten sollen. »Ich vermute, daß Sie über das, was Sie getan hatten, sehr traurig waren,« sagte Adrian. »Natürlich war ich,« stöhnte Berry, »ich war es und ich bin es.« »Und Sie würden gerne alles tun, um das Unglück wieder gut zu machen – nicht wahr, Madam?« »Natürlich, natürlich würde ich das, Herr,« beteuerte sie feierlich. »Wie es Ihnen auch zukommt – da Sie die Familie kennen. Wo mögen diese Verrückten für die Flitterwochen hingegangen sein?« Mrs. Berry erwiderte mit überströmenden Augen: »Nach der Insel – aber ich weiß es nicht ganz genau, Herr!« Sie brach die Auskunft kurz ab und sprang wieder aus dem Abgrund hinaus, in den sie versunken war. Wenn sie auch bereute, die beiden Liebenden sollten nicht verfolgt und grausam ihres jungen Glückes beraubt werden! »Morgen, wenn Sie wollen, Mr. Harley, aber nicht heute!« »Das ist eine schöne Gegend,« bemerkte Adrian und lächelte über seine leichte Beute. Durch ein Vergleichen der Daten entdeckte er, daß der Bräutigam, an dem Tage, an dem er Raynham verlassen, seine Braut nach diesem Hause gebracht hatte, und dies 385 genügte, um Adrian davon zu überzeugen, daß eine planvolle Intrigue vorgelegen hätte. Ein Zufall hatte ihn wahrscheinlich zu der alten Frau gebracht, aber sicherlich brachte ihn kein Zufall zu der jungen. »Sehr wohl, Madam,« sagte er, als Antwort auf ihre Bitte, sich zugunsten ihrer Pension und des bräutlichen Paares bei Sir Austin verwenden zu wollen. »Ich werde ihm sagen, daß Sie nur ein blindes Werkzeug in der Angelegenheit gewesen sind, da Ihr Herz von Natur weich ist, und daß Sie hoffen, er würde den Bund segnen. Er kommt morgen früh nach der Stadt, aber einer von Ihnen beiden muß noch heute abend mit ihm sprechen. Ein freundlichst beigebrachtes Brechmittel wird unsern Freund dort wieder auf die Beine bringen. Ein Bad und ein reines Hemde, dann kann er gehen. Ich sehe nicht ein, weshalb Ihr Name überhaupt dabei genannt werden soll. Bürsten Sie ihn zurecht und schicken Sie ihn mit dem Siebenuhrzug nach Bellingham. Er wird seinen Weg nach Raynham finden; er kennt die Gegend am besten im Dunkeln. Lassen Sie ihn gehen und die Sache melden. Vergessen Sie nicht, einer von Ihnen muß gehen.« Mit dieser schönen Aussicht, die den beiden Unglücklichen die Wahl ließ, wer von ihnen es ausfechten und seinen Ruf aufs Spiel setzen sollte, wollte sich Adrian entfernen. Mrs. Berry hielt ihn mit rührenden Worten zurück. »Sie werden sich doch nicht weigern, ein Stückchen Kuchen anzunehmen, Mr. Harley?« »Natürlich nicht, Madam,« Adrian wandte sich mit großer Lebhaftigkeit dem Kuchen zu. »Ich mache Anspruch auf ein sehr großes Stück. Richard hat sehr viele Freunde, die sich freuen werden, von seinem Hochzeitskuchen zu essen. Schneiden Sie mir ein gutes Viertel ab, Mrs. Berry. Wickeln Sie es, bitte, ein. Es wird mir 386 ein großes Vergnügen machen, es ihnen zu bringen und es nach den verschiedenen Graden der Verwandtschaft unparteiisch auszuteilen.« Mrs. Berry schnitt den Kuchen. Während sie schnitt, fiel ihr mit einem Male die Lieblichkeit und glücklose Unschuld der jungen Braut ein und sie fing an Lucy laut zu preisen und deutlich zu zeigen, wie wenig sie ihr Benehmen bereute. Sie schwor, daß sie für einander geschaffen zu sein schienen, daß beide schön wären, beide klug, beide unschuldig; und sie zu trennen, oder unglücklich zu machen, das wäre – Mrs. Berry fing wieder an laut zu weinen, das wäre zu schade! Adrian hörte diesen Ausdruck einer Meinung an, die sich auf Tatsachen gründete. Er nahm das mächtige Stück Kuchen, nickte ihr noch viele Versprechungen zu und verließ Mrs. Berry, die sein gutes Herz segnete. »So stirbt das System!« war Adrians Erklärung, als er die Straße erreichte. »Nun mögen die Propheten lachen. Es stirbt anständig im Ehebett, was mehr ist, als was ich von dem Ungetüm erwartet hätte. Unterdessen,« er gab dem Kuchen einen theatralischen Schlag, »gehe ich und säe Nachtgespenster.«   Zweiunddreißigstes Kapitel. Die Prozession des Kuchens. Man muß zugeben, Adrian trug die Neuigkeiten, die er gehört hatte, mit anerkennenswerter Uneigennützigkeit und bewundernswerter Unterdrückung jeder Regung, die unter der Würde eines Philosophen war. Wenn man jenen glücklichen Punkt der Weisheit erreicht hat, von 387 welchem aus man die ganze Menschheit als Narren sieht, dann mögen diese winzigen Geschöpfe doch so viel neue Bewegungen machen, wie sie wollen, man wundert sich nicht mehr über sie: ihr würdiges Benehmen ist ebenso komisch wie ihre Albernheit und ihre Leidenschaften sind noch komischer. Auf dieser geistigen Höhe hatte der weise Jüngling sein Schloß gebaut und schon von früher Zeit an darin gewohnt. Erstaunen erschütterte niemals die Grundpfeiler, auch verleitete ihn der Neid auf größere Höhen niemals die Sicherheit seiner Festung zu verlassen, denn für ihn gab es keine. Er sah, wie Gaukler an Leitern Höhen erstiegen, die ihn überragten, er sah Luftballons, die sich zu himmlischen Höhen aufschwangen; aber die einen kamen eiligst wieder herab und die andern waren der Barmherzigkeit der Winde preisgegeben; während er ruhig auf seinem sichern Boden blieb, frei von Ehrgeiz, seine Moral nach den Gesetzen einrichtete, sein Gewissen nach seiner Moral und sein Betragen nach seinem Gewissen. Nicht daß er sich freiwillig von seinen Mitmenschen abgeschlossen hätte: im Gegenteil, sein einziges Vergnügen bestand in ihrer Gesellschaft. Allein zu sein war ihm ziemlich langweilig, was bei einem Manne natürlich ist, der nur eine Sache sieht. Das Studium der verschiebenen lebenden Exemplare dieser einen Sache regte ihn genügend an, um ihm das Leben als amüsantes Spiel erscheinen zu lassen, und es gewährte ihm ein großes Vergnügen, bei andern die Fähigkeiten zu beobachten, die er selbst verwirkt hatte, um sich in seiner erhabenen Stellung halten zu können. So zum Beispiel: – Erstaunen über des jungen Richard Tollheit: obgleich er es selbst nicht empfand, so lag ihm doch viel daran, die Wirkung auf seine geliebten Verwandten zu beobachten. Mit seinem Stück Kuchen im Arm, das die Strafe herbeiführen sollte, malte er sich die verschiedenen Äußerungen des Erstaunens, 388 Erschreckens, Abscheus aus; fühlte auch vorübergehend etwas persönlichen Kummer in der Aussicht darauf. Denn sein Gebieter hatte eine Reise geplant, die mit Paris anfangen, in den Alpen gipfeln und sich nach Rom zu abstillen sollte; eine entzückende Reise, auf der man Richard die Heerstraße der Geschichte zeigen und ihn der Gefahr weiterer unwürdiger Neigungen entreißen wollte, um seinen Geist ganz und gar zu erfrischen und zu beleben. Das hatte man in Richards Abwesenheit geplant, um ihn zu überraschen. Nun war ein Reiseplan für Adrian, was für gewöhnliche junge Männer Frauenliebe ist. Es ersetzte ihm diese Torheit. Es war seine Romantik, sozusagen; jenes gehobene Gefühl der Vorfreude, das uns in der Jugend als flüchtiger Renner bis in die Lüfte erhebt, und welches, wenn wir älter werden und zu schwer für die Atmosphäre, sich zu einem Steckenpferd verhandelt, das, wenn auch ein eigensinniges Tier, doch ein ruhiges Pferd ist und uns in langsamerem Schritt dem Totengräber entgegen trägt. Adrian war niemals gereist. Er war sich bewußt, daß seine Romantik sehr irdischer Art und mit Unbequemlichkeiten verknüpft war, die sich nur vermeiden ließen mit Hilfe des einen mächtigen Talismans, den sein Patron besaß. Ihm würden die Alpen kaum großartig erschienen sein, ohne einen dienstbeflissenen Gastwirt im Vordergrund; er mußte auf des Mammons königlichen Kissen ruhen können, um geziemend über die alte Welt zu moralisieren. Das Aufsuchen des Vergnügens auf Kosten des Behagens, wie toll Verliebte um ihre Herrin werben mit der Aussicht auf eine Hütte und eine Brotkruste, das erschien Adrian gleich den Leiden des Bettlerstandes. Seine süße Herrin sollte, wie es seinen erhabenen Empfindungen angemessen war, in Glanz und Pracht die seine werden, oder gar nicht. Infolge dessen hatte der weise Jüngling 389 lange eine fruchtlose Leidenschaft gehegt und es sprach für seinen großen Geist, daß er in dem Augenblick, in dem seine Wünsche gekrönt werden sollten, mit einem so vorübergehenden Gefühl von Verdruß zusehen konnte, wie die prächtigen kunstvollen Erzeugnisse der Pariser Küche und die römischen Altertümer in wesenlosen Schein zerfielen. Sicherlich hätten sich wenig Philosophen in demselben Augenblick so ohne zu klagen geringeren Vergnügungen zugewandt. Hippias erhielt das erste Stück Kuchen. Er saß an dem Fenster seines Hotels und las. Er hatte sein Frühstück mit mehr als gewöhnlichem Erfolg heruntergekämpft und sah dem Diner bei Foreys mit weniger als gewöhnlicher Ängstlichkeit entgegen. »Ah! freue mich, daß du kommst, Adrian,« sagte er, und dehnte seine Brust. »Ich fürchtete schon, ich würde fahren müssen. Das ist liebenswürdig von dir. Nun können wir zusammen durch den Park gehen. Es ist wirklich gefährlich, allein durch die Straßen zu gehen. Nach meiner Meinung gibt es jetzt das ganze Jahr über Apfelsinenschalen, und das wird nicht aufhören, wenn die Gesetzgebung der Sache nicht ein Ende macht. Ich kann dich versichern, ich glitt gestern nachmittag in Piccadilly auf einem Stück Apfelsinenschale aus, und dachte bestimmt, ich würde fallen! Ich rettete mich nur wie durch ein Wunder.« »Du hast guten Appetit, hoffe ich?« fragte Adrian. »Ich denke, ich werde Appetit bekommen nach einem kleinen Spaziergang,« zirpte Hippias. »Ja, ich glaube, ich bin jetzt schon etwas hungrig.« »Ich bin entzückt, das zu hören,« sagte Adrian und fing an, das Paket auf seinen Knien auszupacken. »Wie würdest du das Wort ›Torheit‹ definieren?« er hielt im Auspacken inne, um die Antwort abzuwarten. 390 »Hm!« Hippias dachte nach; er war stolz darauf, wie ein Orakel zu sprechen, wenn ihm solche Fragen gestellt wurden. »Ich denke, ich würde es definieren als ein Ausgleiten.« »Ausgezeichnete Definition. Mit andern Worten: ein Stück Apfelsinenschale; einmal darauf und Leben und Glieder sind in Gefahr, und man rettet sich nur durch ein Wunder. Du mußt das dem Pilger einliefern. Und wie sollte das Monument der Torheit aussehen?« Hippias dachte wieder nach. »Das ganze menschliche Geschlecht, einer auf der Schulter des andern.« Er kicherte über die alles umfassende Bitterkeit des Beispiels. »Sehr gut,« applaudierte Adrian, »oder in Ermangelung dessen könnte man ein Symbol für die Sache nehmen, zum Beispiel so etwas, wovon ich dir hier ein Stück mitgebracht habe.« Adrian enthüllte den Kuchen. »Das ist das Monument der Torheit in tragbarem Zustande – was?« »Kuchen,« rief Hippias und legte sich in seinen Stuhl zurück, um seinem starken Abscheu den nötigen Nachdruck zu verleihen. »Du gehörst zu denen, die davon essen. Wenn ich – wenn ich mich nicht irre,« er sah näher hin, »so ist die schädliche Zusammensetzung, die in dieser Weise ausgeschmückt ist, das, was man Hochzeitskuchen nennt. Es ist heilloses Gift! Wen beabsichtigst du damit zu morden? Wozu trägst du solches Zeug mit dir herum?« Adrian klingelte und ließ ein Messer bringen. »Um dir den dir zukommenden richtigen Anteil daran zu überreichen. Man hat doch nun einmal Freunde und Verwandte und kann sich vor ihnen selbst durch ein Wunder nicht retten. Es ist ein Gebrauch, welcher vielleicht unbewußt den inneren Zynismus der menschlichen Natur verrät, wenn Leute, die sich einbilden, den Gipfel irdischer 391 Glückseligkeit erreicht zu haben, dieses Zeichen der Achtung an ihre Freunde austeilen, wahrscheinlich mit der Absicht (er nahm dem Kellner das Messer aus der Hand und ging an den Tisch, um den Kuchen zu schneiden), ihre Freunde in den Stand zu setzen (diese Gebilde müssen sehr zart geschnitten werden – jede einzelne Korinthe und jedes feine Gewürz hängt mit seinem Nachbar zusammen – ein Hochzeitskuchen ist augenscheinlich der zivilisierteste aller Kuchen und nimmt ebensowohl Teil an den Übeln wie an den Vorteilen der Zivilisation!). Ich wollte sagen, sie schicken uns zweifellos dieses Liebeszeichen (wir werden die Krümel abwiegen müssen, damit jeder sein richtiges Teil erhält), damit wir ihren Zustand der Seligkeit besser beurteilen können, indem wir einige Stunden im Fegefeuer zubringen. Dies ist nun, soweit ich es ohne Wagschale abmessen kann, dein Teil, mein lieber Onkel!« Er schob die Ecke des Tisches, auf dem der Kuchen lag, Hippias zu. »Fort damit!« bedeutete ihn Hippias mit großer Heftigkeit und sprang von seinem Stuhle auf. »Ich will nichts davon haben, sage ich dir! Es ist mein Tod! Es ist noch fünfzigmal schlimmer als die abscheuliche Zusammenstellung im Weihnachtspudding! Welcher Narr ist es denn gewesen? Wer wagt es mir den Kuchen zu schicken? Mir! Es ist eine Beleidigung!« »Du bist ja nicht gezwungen, vor dem Diner davon zu essen,« sagte Adrian und zeigte rückwärts nach der Ecke des Tisches, »aber deinen Anteil mußt du haben und auch zu verzehren scheinen. Einer, der so viel dazu beigetragen hat, die Heirat zustande zu bringen, kann sich mit gutem Gewissen nicht weigern, auch die Früchte davon zu genießen. Junge Mädchen wärmen es, wie ich höre, zuerst unter ihrem Kopfkissen und träumen dann von der Hochzeit – er soll leichter verdaulich sein, wenn man ihn auf 392 die Art genießt. Es ist ein ausgezeichneter Kuchen, und bei meiner Ehre, du hast dazu beigetragen, ihn zu machen – das hast du wirklich! Und da hast du ihn nun.« Wieder wurde der Tisch Hippias zugeschoben. Er rannte geschickt um ihn herum, warf sich auf ein Sofa und rief ganz erschöpft: »Da hast du's! . . . Jetzt ist mein Appetit für heute ganz fort!« »Dann soll ich also Richard sagen, daß du keinen Bissen von seinem Kuchen anrühren willst?« sagte Adrian, stützte sich mit beiden Händen auf den Tisch und sah den Onkel an. »Richard?« »Ja, dein Neffe: mein Vetter Richard! Dein Gefährte, seit du in der Stadt bist. Er hat sich verheiratet, weißt du. Verheiratet, heute morgen in der Gemeinde-Kirche in Kensington, mit Heiratskonsens, um halb zwölf Uhr, oder zwanzig Minuten vor zwölf. Verheiratet und ist nach der Insel Wight gegangen, um dort seine Flitterwochen zu verbringen: ein entzückender Platz für einen Aufenthalt von einem Monat. Ich habe dir mitzuteilen, daß dank deiner Beihilfe die Sache vom Stapel gegangen ist!« »Richard verheiratet!« Es gab doch sicherlich manches, was man darüber denken oder dagegen sagen konnte, aber der Verstand des armen Hippias war durch den Schreck ganz entkräftet. Seine Hand fuhr an seine Stirne, strich darüber hin, um diesen Sitz des Verstandes zu besänftigen, und fiel wieder herab. »Du warst doch sicherlich ganz eingeweiht? Du wolltest ihn doch so gerne in der Stadt unter deiner Aufsicht haben.« »Verheiratet?« Hippias sprang auf, jetzt hatte er es: »Aber er ist ja noch nicht mündig! er ist ja noch ein Kind!« 393 »Das ist er. Aber das Kind ist trotz alledem verheiratet. Lüge nur wie ein Mann und bezahle deine Gebühren – was kommt es dann darauf an? Jeder, der Beinkleider trägt, kann in unserm edlen Vaterlande den Konsens erhalten. Und die Interessen der Moralität verlangen es, daß es nicht schwer gemacht wird. Ist es wahr – kannst du irgend jemand davon überzeugen, daß du nichts davon gewußt hast?« »Ha! was für ein schändlicher Spaß! Ich wünschte, du ließest deine Possen an andern aus,« sagte Hippias zornig und sank auf das Sofa zurück. »Du hast mich für den ganzen Tag zu schanden gemacht, die Versicherung kann ich dir geben.« Adrian setzte sich, um ihm ganz sanft und allmählich Glauben einzuflößen und sein Werk künstlerisch zu vollenden. Er hatte die Genugtuung zu sehen, wie sein Onkel Qualen über Qualen durchzumachen hatte, bis ihm schließlich vor Schuldbewußtsein der Angstschweiß ausbrach und er ausrief: »Das erklärt sein Benehmen mir gegenüber. Der Junge muß eine Schlauheit besitzen, die beinahe teuflisch ist! Ich fühle – – ich fühle es grade hier,« er fuhr mit der Hand über sein Zwerchfell. »Ich bin dieser Welt von Narren nicht gewachsen,« fügte er mit matter Stimme hinzu und schloß die Augen. »Nein, ich kann nicht dinieren. Essen? ha! – nein, gehe ohne mich!« Bald darauf ging Hippias zu Bett und sagte zu sich selbst, als er sich auszog: »Da sieht man, was bei unsern feinen Plänen herauskommt! Armer Austin!« Und als das Kissen sich um seine Ohren legte, »ich bin nicht sicher, ob ein Tag Fasten mir gut tun wird!« Der Dyspeptiker hatte seine Philosophie teuer erkauft, er hatte das Recht von ihr Gebrauch zu machen. 394 Adrian setzte seine Kuchenprozession fort. Er erspähte seinen melancholischen Onkel Algernon in Hyde Park, wo er sich Appetit anzureiten versuchte und aussah, als wenn die Hoffnung, der er nachjagte, ebenso lahm wäre, wie er selbst. Der Kapitän konnte nicht vorüber reiten, ohne nach dem unförmlichen Paket zu fragen. »Ich hoffe, ich trage es auffallend genug?« sagte Adrian. »Es ist darin eingeschlossen, was die Unruhe des Landes besänftigen wird. Nun können die Frauen und Mädchen des fröhlichen Englands ruhig schlafen. Ich habe schon halb und halb daran gedacht, es auf einer Stange zu befestigen und eine Musikbande zu engagieren, die damit herumzieht.. Dies ist der Hochzeitskuchen unsers teuern Richard. Verheiratet heute morgen um halb zwölf Uhr mit Heiratskonsens in der Gemeindekirche zu Kensington; da sein eigner Ring verloren gegangen war, verwendete er den Ring der tränenreichen Hauswirtin seiner schönen Braut, die nahe am Altar stand. Seinen Abschiedsgruß an dich aus seinem Junggesellenleben und den ihren, als Mädchen, kannst du hier auf der Stelle in Empfang nehmen, wenn du es für passend findest, und je nach deinen Kräften verdauen.« Algernon pfiff durch die Zähne. »Des Rechtsanwalts Thompson Tochter!« sagte er. »Ich traf sie neulich, irgend wo hier in der Nähe. Er stellte mich ihr vor. Ein hübsches, kleines Frauenzimmer.« »Nein,« verbesserte ihn Adrian. »Es ist Miß Desborough, ein römisch-katholisches Milchmädchen. Es erinnert einen an das Hirtenleben in England zur Zeit der Plantagenets! Das sieht ihm ganz ähnlich, daß er sie als Thompsons Tochter vorstellt und sich selbst als den Sohn des Teufels. Indessen, nun ist das wilde Füllen in 395 Hymens Ketten und der Kuchen geschnitten. Willst du deinen Bissen haben?« »Ach, um Himmels willen! – doch nicht jetzt!« Algernon hatte eine ungewöhnlich nachdenkliche Miene. »Weiß es der Vater?« »Noch nicht. Er wird es heute abend um neun Uhr erfahren.« »Dann muß ich ihn um sieben sprechen. Sage ihm nicht, daß du mich gesprochen hast.« Er nickte ihm zu und spornte sein Pferd an. »Der braucht Geld!« sagte Adrian und setzte sich mit dem Brennstoff, den er bei sich trug, wieder in Bewegung. Die Frauen sollten seine Freude krönen, erwog er nachdenklichen Gemütes. Er hatte sie zum letzten Angriff aufgespart. Die lieben offenherzigen Geschöpfe! Magenkrankheit würde nicht ihren scharfen Schrei der Entrüstung abschwächen, Selbstsucht nicht ihre Ohnmachtsanfälle aufhalten. Auf eine Durchschnittsfrau konnte man sich verlassen. Wohl konnte das Manuskript des Pilgers von ihr sagen: »Sie liegt immer an den Brüsten der Natur;« was nicht als Kompliment gemeint war. Jede Frau bleibt eine Eva durch alle Jahrhunderte, wohingegen das Manuskript des Pilgers uns glauben machen will, daß der Adam im Manne vorsichtiger geworden ist, wenn auch vielleicht nicht weiser, und so schwach er auch ist, doch durch die Zeit etwas gelernt hat. Man kann die Meinung des Pilgers wahrscheinlich so auffassen, daß der Mann wächst und die Frau nicht. Jedenfalls hoffte Adrian auf einen natürlichen Chorus, wie man ihn in der Kinderstube hört, wenn ein Spielzeug verloren gegangen ist. Er wußte ganz genau, was Mrs. Dorias mütterliche Vorausbestimmungen waren und daß Klara in bester Form zu kindlichem Gehorsam bereit war. Sie waren nur ein armseliges Paar, um 396 seine mephistophelische Laune zu befriedigen, aber Mrs. Doria war so gut wie zwanzig andere und die beiden würden die verschiedene Art, wie Frauen und Mädchen eine Enttäuschung aufnehmen, zum Ausdruck bringen, während er von den sie umgebenden Forey-Mädchen und andern weiblichen Familienmitgliedern erwartete, daß sie die feineren Schattierung und Ausläufer einer Bewegung weiter entwickeln würden, der gegenüber kein weibliches Wesen kalt bleiben konnte. Es ging alles gut. Er bewerkstelligte es sehr geschickt, den Kuchen unbeachtet an eine auffallende Stelle im Salon zu bringen und ging dann fröhlich zum Diner hinunter. Ein großer Teil der Unterhaltung drehte sich um Richard. Mrs. Doria fragte ihn, ob er etwas von ihm gesehen oder gehört hätte. »Ob ich ihn gesehen habe? nein! Gehört von ihm? ja!« sagte Adrian. »Ich habe von ihm gehört. Ich hörte von ihm, daß er unbeschreiblich glücklich wäre, und ein solch gutes Frühstück gegessen hätte, daß das Mittagessen für ihn unmöglich wurde; Rotwein und kaltes Huhn, Kuchen und –« »Kuchen zum Frühstück!« fielen sie alle ein. »Das scheint grade jetzt seine Liebhaberei zu sein.« »Was für ein wunderbarer Geschmack!« »Du weißt doch, daß er nach einem System erzogen ist.« Ein flotter, junger Forey versuchte das System und den Kuchen in ein jämmerliches Wortspiel zusammen zu bringen. Adrian, der Wortspiele haßte, sah ihn scharf an, und die Gesellschaft schwieg, da man erwartete, daß er sprechen würde; er sagte aber nichts, und der junge Mann zog sich errötend aus der Unterhaltung zurück, durch seinen eignen Witz vernichtet. Mrs. Doria bemerkte schlecht gelaunt: »Es wird wohl 397 Fisch-Kuchen gewesen sein. Ich wünschte, er verstände seine Verpflichtungen der Verwandtschaft gegenüber etwas besser.« »Ob er sie versteht, das kann ich nicht sagen,« bemerkte Adrian, »aber ich kann euch versichern, daß er sehr energisch damit beschäftigt ist, sie auszudehnen.« Der weise Jüngling machte Anspielungen, sobald sich nur eine Gelegenheit bot, um seine liebe Verwandte allmählich aufzuregen und auf den Anblick des Kuchens vorzubereiten. Man fand aber seine Bemerkungen nicht vielsagender und geheimnisvoller als gewöhnlich. »Hatte er seine Verabredung in dem Hause dieser Grandisons?« fragte Mrs. Doria mit einem feindlichen Ausdruck des Mundes. Adrian erhitzte die Unwissenden noch mehr, indem er antwortete: »Lassen die Grandisons einen Küster an der Türe stehen?« Mrs. Dorias feindselige Gefühle gegen Mrs. Grandison ließ sie diese Antwort als satirische Offenherzigkeit auffassen und sie sagte: »Das werden sie wohl tun.« »Und haben sie einen Kuraten immer bei der Hand?« »Ach, ich glaube ein Dutzend.« Der alte Mr. Forey riet seinem witzigen Enkelsohn Clarence, dem Hause weit aus dem Wege zu gehen, wo man im Augenblick über ihn verfügen und ihn versorgen könnte, und man scherzte weiter über denselben Gegenstand. Die Foreys gaben gute Diners; und der alte Herr hielt an der vortrefflichen, alten Sitte fest, die Damen aus dem Zimmer zu führen, sobald sie ihre Nahrung erhalten hatten, sie durften mit den Blumen und dem Dessert nur grade noch ein Lächeln tauschen und verschwanden dann in schöner Einigkeit, worauf die tapfern Männer es sich in ihren Westen bequemer machten, und 398 sich zu dem eigentlichen Geschäft der Tafel zurechtsetzten, sicher, daß sie eine Stunde für sich hatten, zum Trinken und zum traulichen Gespräche. Adrian nahm sich einen Stuhl neben Brandon Forey, einem Rechtsanwalt von Ruf. »Ich wollte dich fragen,« sagte er, »ob jemand, der vor dem Gesetz noch ein Kind ist, sich rechtlich binden kann.« »Wenn er alt genug ist, um seine Unterschrift unter ein Dokument zu setzen, glaube ich, kann er es,« gähnte Brandon. »Ist er verantwortlich für seine Handlungen?« »Ich zweifle nicht, daß wir ihn hängen lassen könnten.« »Was er also für sich selbst tun kann, könnte auch das Gesetz für ihn tun?« »Nicht ganz so viel, aber beinahe.« »Zum Beispiel kann er heiraten?« »Das ist kein Verbrechen, wie du weißt.« »Und die Heirat ist gültig?« »Das kann man bestreiten.« »Ja, und die Griechen und Trojaner können fechten. Sie kann also gültig bleiben?« »Durch Wasser und Feuer!« Der Patriarch des Tisches rief Adrian zu, daß er das Kreisen der Rotweinflasche aufhielte. »Ich bitte tausendmal um Verzeihung!« sagte Adrian. »Die Umstände müssen mich entschuldigen. Die Tatsache ist, daß mein Vetter Richard sich heute morgen mit einem Milchmädchen verheiratet hat, und daß ich zu erfahren wünschte, ob das vor dem Gesetz Gültigkeit hat.« Es war amüsant zu beobachten, mit welch männlicher Gleichgültigkeit die Nachricht aufgenommen wurde. Nichts Kräftigeres ließ sich hören, als ein »Zum Teufel auch« und »Ein Milchmädchen«! 399 »Ich hielt es für besser, die Damen in Ruhe speisen zu lassen,« fuhr Adrian fort. »Ich wollte erst die Möglichkeit haben, meine Tante trösten zu können –« »Ja, aber – ja, aber« – pustete der alte Herr, der der Aufgeregteste war – »he, Brandon? Er ist noch ein Knabe, dieser junge Esel! Willst du etwa sagen, ein Junge kann hingehn und heiraten, wenn es ihm beliebt, und jedes Frauenzimmer, das ihm paßt, und die Heirat soll gültig sein? Wenn ich das denken sollte, dann würde ich jedes Frauenzimmer aus meinem Haushalte entfernen. Das würde ich! von der Haushälterin an bis zum Küchenmädchen. Ich würde keine Frau in seine Nähe kommen lassen, bis – bis –« »Bis der junge Grünschnabel grau geworden wäre?« warf Brandon ein. »Bis er wüßte, woraus die Frauen bestehen,« schloß der alte Herr sehr heftig seine Rede. »Was glauben Sie, daß Feverel dazu sagen wird, Mr. Adrian?« »Er hat grade das System versucht, das Sie vorschlugen, Mr. Forey – ein System, das nicht mit der kräftigen Wirkung der Neugierde in jugendlichen Gemütern rechnet. Ich fürchte, es ist der schlimmste Weg zur Lösung des Problems.« »Natürlich ist es das,« sagte Clarence, »nur ein Narr« – – »In deinem Alter, mein lieber Clarence,« befreite ihn Adrian aus seiner Verwirrung, »ist es natürlich, daß dir der Gedanke an eine einsame, abgeschlossene Männlichkeit etwas ungeheuerlich erscheint, und wir erwarten von dir nicht, daß du die ganze Fülle der Weisheit erkennst, die darin liegt. Du folgst einem Extrem, wir dem andern. Ich will damit nicht sagen, daß nicht auch ein Mittelweg existiere. Die Geschichte der Menschheit zeigt unsere mühsamen Anstrengungen einen zu finden, aber 400 sie haben sich immer wieder in Askese oder Lockerheit aufgelöst, in Wirkung und Gegenwirkung. Die moralische Frage ist: wenn ein nichtsnutziger, kleiner Mann sich infolge seiner Nichtsnutzigkeit von seiner Torheit befreit, kann sich dann auch ein törichter kleiner Mann infolge seiner Torheit von seiner Nichtsnutzigkeit retten?« Ein Gespräch, wie es Männern von Welt eigentümlich ist, folgte auf diese Verspottung des jungen Clarence. Dann wurde der Kaffee gereicht und ein Diener flüsterte Adrian zu, daß Mrs. Doria Forey ausdrücklich wünschte, mit ihm zu sprechen. Adrian zog es vor, nicht allein zu ihr zu gehen. »Gut,« sagte er und schlürfte seinen Kaffee. Sie sprachen weiter, suchten die Tiefen des Gesetzes in Brandon Forey zu ergründen, und erhielten nichts als ein hohles Echo aus dieser tiefen Höhle. Er wollte nicht zugeben, daß die Heirat ungültig wäre: er wollte nicht zugeben, daß sie nicht aufgehoben werden könnte. Er glaubte es nicht, doch glaubte er, daß es lohnen würde, den Versuch zu machen. Eine vollzogene oder noch nicht vollzogene eheliche Gemeinschaft wären zwei verschiedene Dinge. »Meiner Treu,« sagte Adrian, »nimmt das Gesetz auch darauf Rücksicht? Das ist ja beinahe menschlich!« Es kam wieder eine Botschaft an Adrian, daß Mrs. Doria Forey ganz ausdrücklich wünschte mit ihm zu sprechen. »Was kann denn los sein?« rief er und freute sich, daß sich sein Glaube an die Frauen stärkte. Der Kuchen war ohne Zweifel explodiert und hatte seine Wirkung getan. Das zeigte sich, als die Herren wieder die Gesellschaft der Damen aufsuchten. Alle jüngeren Damen standen um den Tisch herum, auf dem der Kuchen lag; man hatte Zwischenräume gelassen, daß sich auch die Sitzenden an dem Anblick laben und Erklärungen und Vermutungen 401 dazwischen werfen konnten, die immer neue Stürme des Erstaunens über die unerklärliche Erscheinung herauf beschworen. Sie traten ein mit der halb schuldbewußten Miene von Männern, die sich klar darüber sind, daß sie aus einer gröberen Atmosphäre kommen, und stellten sich auch um den Gegenstand allgemeiner Neugierde. »Hierher, Adrian!« rief Mrs. Doria. »Wo ist Adrian? Bitte, komm' hierher. Sag' mir! Wo kommt der Kuchen her? Wem gehört er? Was soll er hier? Du weißt alles, denn du hast ihn gebracht. Klara sah, daß du ihn in das Zimmer brachtest. Was bedeutet das? Ich verlange eine aufrichtige Antwort. Mach mich nicht ungeduldig, Adrian!« Mrs. Doria war wirklich so gut, wie zwanzig andere. Ihre schnellgehäuften Fragen und ihre erhöhte Gesichtsfarbe zeigten deutlich, daß der Verdacht gezündet hatte. »Es war wirklich meine Pflicht, ihn zu bringen,« behauptete Adrian. »Antworte mir!« Der weise Jüngling verneigte sich. »Unbedingt. Dieser Kuchen kommt aus dem Hause einer Person, einer weiblichen Person mit dem Namen Berry. Er gehört zum Teil dir, zum Teil mir, zum Teil Klara und den übrigen Mitgliedern unserer Familie, nach dem Prinzip gleicher Teilung: zu welchem Zwecke er hier ist . . .« »Ja! Sprich!« »Er bedeutet, meine liebe Taute, was diese Art von Kuchen gewöhnlich bedeutet.« »Das war also das Frühstück! Und der Ring! Adrian! Wo ist Richard?« Noch klammerte sich Mrs. Doria daran, das ungeheuer Schreckliche nicht zu glauben. Aber als Adrian ihr sagte, daß Richard die Stadt verlassen hätte, versank ihre schwankende Hoffnung. »Der 402 elende Junge hat sich zugrunde gerichtet!« sagte sie und setzte sich zitternd nieder. »Oh, dieses System!« Mrs. Doria ließ die zarten Ausdrücke des Tadels, die die sanften Damen statt des Fluchens gebrauchen, auf das System herniederregnen. Sie zögerte nicht, es auszusprechen, daß ihr Bruder erhalten hätte, was er verdiente. Eigensinnig, krankhaft schwach, wie er war, hatte die Gerechtigkeit ihn ereilt. Nun würde er es erkennen! Aber um welchen Preis! Mit welchem Opfer! Mrs. Doria befahl Adrian, ihre Furcht zu bestätigen. Mit traurigem Ton wiederholte der weise Jüngling Mrs. Berrys Worte: »Er hat geheiratet heute morgen um halbzwölf Uhr, oder zwanzig Minuten vor zwölf, mit Heiratskonsens in der Gemeindekirche zu Kensington.« »Das war also seine Verabredung!« murmelte Mrs. Doria. »Das war der Kuchen zum Frühstück!« hauchte ein anderes weibliches Wesen. »Und das war der Ring!« rief eine dritte. Die Männer schwiegen und machten lange Gesichter. Klara stand kalt und ruhig da. Sie und ihre Mutter vermieden einander anzusehen. »Ist es die abscheuliche Person vom Lande? Adrian?« »Das glückliche Fräulein ist, wie ich leider sagen muß, das papistische Milchmädchen,« sagte Adrian mit ernsten wohlerwogenen Worten. Nun entstand ein allgemeines Gesumme unter den weiblichen Wesen, aus dem heraus Mrs. Doria rief: »Brandon!« Sie war eine Frau von Energie. Ihre Gedanken setzten sich sofort in Taten um. »Brandon,« sie zog den Rechtsanwalt etwas beiseite, »können sie nicht verfolgt und getrennt werden? Ein 403 Knabe! es ist wirklich eine Schande, wenn man es zuläßt, daß er so in die Netze einer ränkesüchtigen Kreatur fällt und sich unwiderruflich ruiniert. Können wir es nicht tun, Brandon?« Der würdige Rechtsanwalt hatte große Lust zu lachen, antwortete aber auf ihre Fragen: »Nach dem, was ich von dem jungen Burschen höre, würde ich es für ein gefährliches Unternehmen halten.« »Ich spreche von dem Gesetze, Brandon. Können wir nicht von einem deiner Gerichtshöfe einen Befehl erhalten, sie zu verfolgen und sogleich zu trennen?« »Noch heute abend?« »Ja!« Brandon bedauerte sagen zu müssen, daß das entschieden nicht möglich wäre. »Du könntest doch einen deiner Richter aufsuchen, Brandon.« Brandon versicherte sie, daß die Richter sehr schwer arbeiteten und einer wie der andere nach Tische fest schliefen. »Willst du es denn morgen tun, als erstes, ganz früh? – Willst du es mir versprechen, Brandon? – Oder mit einem Magistratsbeamten. Ein Magistratsbeamter könnte ihnen einen Polizisten nachschicken. Mein lieber Brandon! Bitte! – bitte, hilf uns in dieser schrecklichen Lage. Mein armer Bruder wird den Tod davon haben. Ich glaube, er könnte alles andere eher vergeben als das. Du hast keine Vorstellung davon, was seine Ansichten über Familie sind.« Brandon winkte Adrian bedeutungsvoll zu, daß er ihm zu Hilfe kommen solle. »Was ist, Tante?« fragte der weise Jüngling. »Du willst sie verfolgen und von wilden Polizisten auseinander reißen lassen?« 404 »Morgen,« warf Brandon mit eigentümlicher Betonung ein. »Wird das nicht – grade etwas zu spät sein?« meinte Adrian. Mrs. Doria seufzte bei dem Erlöschen ihres letzten Hoffnungsfunkens. »Du siehst ein,« sagte Adrian. »Ja! ja!« Mrs. Doria wünschte keine weiteren Erläuterungen von ihm. »Bitte sei ruhig, Adrian, und laß mich sprechen. Brandon! Es kann nicht sein! es ist ganz unmöglich! Kannst du hier stehen und mir sagen, der Knabe ist gesetzlich verheiratet? ich werde es niemals glauben! Das Gesetz kann nicht so schmachvoll schlecht sein, daß es einem Knaben – noch einem reinen Kinde – gestattet, etwas so Abgeschmacktes zu tun. Großvater!« sie winkte den alten Herrn heran. »Großvater, bitte veranlasse du Brandon dazu, daß er spricht. Diese Juristen wollen niemals reden. Er könnte es aufhalten, wenn er wollte. Wenn ich ein Mann wäre, glaubst du, daß ich dann hier stünde?« »Ja, meine Liebe,« der alte Mann watschelte heran, um sie zu beruhigen. »Ich bin ganz deiner Meinung. Ich glaube, er weiß ebensowenig wie du oder ich. Meine Meinung ist, daß sie alle nichts wissen, bis eine Streitfrage aufgeworfen wird und sie vor Gericht erscheinen. Ich wünschte, wir hätten einige weibliche Juristen.« »Um den bankerotten Perückenarbeitern aufzuhelfen?« fragte Adrian. »Sie würden dann einen reichen Vorrat von Perücken halten müssen.« »Und du kannst noch scherzen, Adrian!« sagte seine Tante in vorwurfsvollem Ton. »Aber ich will mich nicht schlagen lassen. Ich weiß – ich bin fest davon überzeugt, daß kein Gesetz es jemals einem Knaben gestatten kann, Schande auf seine Familie zu bringen und sich selbst so 405 zugrunde zu richten, und nichts kann mich davon überzeugen, daß es so ist. Und nun sage nur, Brandon, und bitte, antworte direkt auf meine Fragen und bitte, vergiß, daß du mit einer Frau sprichst. Kann mein Neffe von den Folgen seiner Torheit gerettet werden? Ist, was er getan hat, gesetzlich? Ist er für sein Leben gebunden durch das, was er als Knabe getan hat?« »Ja – hm –« Brandon atmete durch die Zähne »Hm – du siehst, Helen, die Sache ist so sehr delikat.« »Du sollst das vergessen,« bemerkte Adrian. »A – hm! ja!« fuhr Brandon fort. »Vielleicht wenn du sie aufhalten und trennen könntest, ehe die Nacht einbricht, und gewisse Tatsachen eidlich beschwören . . .« »Ja?« die eifrige Frau versuchte seine zögernden Worte zu beschleunigen. »Ja – hm! ja – in dem Falle . . .« »Oder wenn er ein Irrsinniger wäre, wenn man beweisen könnte, daß er nicht bei Verstand gewesen ist.« »Ach! ich persönlich zweifle gar nicht daran, daß er toll ist, Brandon.« »Ja! also in dem Falle . . . oder wenn sie von verschiedenen religiösen Bekenntnissen wären.« – »Sie ist Katholikin!« warf Mrs. Doria freudig ein. »Ja! also in dem Falle – – Einwendungen könnten gegen die Form der Heirat gemacht werden . . . man könnte beweisen, daß sie nur fingiert wäre . . . Oder wenn er noch nicht – – – sagen wir noch nicht achtzehn Jahre alt wäre . . .« »Viel mehr kann er nicht sein,« rief Mrs. Doria. »Ich denke,« sie schien nachzusinnen, und wandte sich dann unsicher werdend an Adrian. »Wie alt ist Richard?« Der freundliche weise Jüngling konnte es nicht übers Herz bringen, ihr den eingebildeten Strohhalm fortzureißen, an den sie sich klammerte. 406 »Ach, was das anbetrifft, sollte ich denken,« murmelte er, fand es aber doch ratsamer sich zu ducken und den Kopf abzuwenden, um sich zu verbergen. Mrs. Doria ging über das, was er vermutete, hinweg. »Ja! also dann – –« nahm Brandon seine Rede mit einem Achselzucken wieder auf, welches ausdrücken sollte, daß er sich immer noch zu nichts verpflichtete, als sich Klaras Stimme aus dem Stimmengewirr der Cousinen hören ließ: »Richard ist heute neunzehn Jahre und sechs Monate alt, Mama!« »Unsinn, Kind!« »Es ist so, Mama,« Klaras Stimme war sehr ruhig. »Unsinn, sage ich dir. Wie kannst du das wissen.« »Richard ist ein Jahr und neun Monate älter als ich, Mama.« Mrs. Doria bekämpfte die Tatsache nach Jahren und schließlich nach Monaten. Klara war zu stark für sie. »Wunderliches Kind!« redete sie das Mädchen innerlich an, das Strohhalme verächtlich zurückwies, während sie im Ertrinken war. »Aber es bleibt noch die Religion!« tröstete sie sich, und setzte sich, um nachzudenken. Die Männer lächelten ausdruckslos. Man schlug vor, Musik zu machen. Es gibt Zeiten, zu denen sanfte Musik keinen Reiz hat, wenn man sie nur dazu gebraucht, um schreckliche Pausen auszufüllen. Angelika Forey trommelte auf dem Klavier und sang: »Ich bin eine lachende Gitana« . . . ha – ha, Mathilda Forey und ihre Cousine Mary Branksburne vereinigten ihre Stimmen, um durch Gesang alle jungen Leute einzuladen zu: »Eilen in die Laube, die Liebe gebaut« und den weisen Leuten Trotz zu bieten, aber die weisen Leute waren in der Majorität und man findet sehr wenig Versammlungsplätze, wo sie es nicht sind; so fiel der glühende 407 Appell des britischen Balladendichters in den Schoß der Leere, an die er sich wandte. Man bat Klara, etwas zum besten zu geben. Das wunderliche Mädchen ging ruhig zum Klavier und blätterte in einem Notenbuch. Klara sang ein kleines irisches Lied. Nachdem sie ihre Pflicht erfüllt hatte, ging sie wieder vom Klavier fort. Mütter werden in diesen Sachen selten durch ihre Töchter getäuscht; aber Klara täuschte ihre Mutter, und Mrs. Doria beharrte nur in ihrem unendlichen Mitleid mit ihrer Tochter, um mehr Berechtigung für ihr Mitleid mit sieh selbst zu haben – eine nicht ungewöhnliche Form des Gefühls, denn es gibt keinen Gaukler, der dem Herzen gleichkommt, von dem die Balladendichter mit so viel Kühnheit singen. Vergessen wir nicht, daß Jahre der Selbstverleugnung, Jahre eines reifenden Planes in einer Minute vernichtet worden waren, und durch dieses System, welches sie beinahe zu dem Zustand dauernder Heuchelei erniedrigt hatte. Sie hatte genug Bitterkeit erfahren, um darüber nachzusinnen, und man konnte ihr Mitleid mit sich selbst entschuldigen. Aber selbst nachdem sie ruhiger geworden war, bewahrte ihre energische Natur Mrs. Doria davor alles aufzugeben. Strohhalme waren doch immer noch Strohhalme, und je gebrechlicher sie erschienen, desto fester klammerte sie sich an sie. Sie stand von ihrem Stuhle auf, verließ das Zimmer und rief Adrian zu, ihr zu folgen. »Adrian,« sagte sie, indem sie sich in der Vorhalle zu ihm wandte, »du nanntest das Haus, wo dieser schreckliche Kuchen – – wo er heute morgen war. Ich wünsche, daß du mich sofort zu jener Frau führst.« Der weise Jüngling hatte persönliche Dienste nicht in seine Berechnung gezogen. Er hatte gehofft an dem Abend noch Zeit zu finden für den letzten Akt der Oper, 408 nachdem er die Komödie des wirklichen Lebens genügend genossen hätte. »Meine liebe Tante . . .« fing er liebenswürdig an einzuwenden. »Schicke nach einem Wagen und nimm deinen Hut,« sagte Mrs. Doria. Es blieb ihm nichts anders übrig, als zu gehorchen. Er stimmte innerlich dem Urteilsspruch des Pilgers zu, daß Frauen praktische Geschöpfe wären, und überlegte bei sich, daß die Verwandtschaft mit einem jungen Narren sehr ärgerlich und lästig sein könnte. Mrs. Doria entschädigte ihn indessen. Was Mrs. Doria eigentlich tun wollte, machte sich das praktische Geschöpf selbst nicht recht klar, aber ihre Energie verlangte entschieden danach, sich in irgend einer Weise zu betätigen, und ihr Instinkt trieb sie zu der Missetäterin, an der sie ihren Zorn auslassen konnte. Sie brauchte irgend jemand, auf den sie ärgerlich sein, irgend jemand, den sie schelten konnte. Sie wagte es nicht, ihren Bruder direkt zu schelten; ihn würde sie trösten müssen. Adrian war ihr Gefährte im Heucheln dem System gegenüber und würde sie, das wußte sie bestimmt, auf ein peinlich zartes, wenn auch höchst philosophisches Gebiet bringen, wenn sie den Fall mit ihm erörtern würde. So fuhr sie zu Bessy Berry nur, um zu fragen, wohin ihr Neffe geflohen wäre. Wenn eine sanftmütige Frau, und diese sanftmütige Frau noch dazu eine Sünderin, einer Frau von Energie gegenübergestellt wird, dann kommt sie nicht viel zum Kämpfen und begegnet keiner Barmherzigkeit. Bessy Berrys Gläubiger kam an diesem Abend in weiblicher Gestalt zu ihr. Da erkannte sie ihn in seinem ganzen Schrecken. Bis dahin war er nur vor ihr erschienen als ein körperloses Wesen ihrer Einbildungskraft, das 409 männliche Eigenschaften besaß und die spezifisch männliche Eigenschaft hatte, durch Tränen gerührt und schließlich besänftigt zu werden. Im weiblicher Gestalt war ihr Gläubiger wirklich schrecklich. Und doch, wäre es nicht so spät am Abend gewesen, Bessy Berry würde eher gestorben sein, als daß sie offen erzählt hätte, ihre Kinder wären nach der Insel Wight geeilt, um sich dort ihr Nest zu machen. Sie hatten einen weiten Vorsprung, sie konnten von ihren Verfolgern nicht mehr erreicht werden, sie waren sicher, und sie erzählte, was sie zu erzählen hatte. Sie erzählte mehr, als weise war. Sie erwähnte ihre früheren Dienste in der Familie und ihre kleine Pension. Ach! ihre kleine Pension! Ihr Gläubiger war gekommen, ohne Zahlung zu erwarten – war gekommen, wie Gläubiger in solchen Stimmungen zu kommen pflegen, um ihr Mütchen an ihr zu kühlen – wie die familiäre Redensart ist. Mrs. Doria stürzte sich sofort auf die Pension. »Das hat natürlich nun ein Ende,« sagte sie im ruhigsten Ton, und Berry bat nicht weiter um das kleine Stückchen Brot. Sie bat nur um ein wenig Schonung für ihre Gefühle. Wahre Bewunderer der Frauen sollten dieser Szene lieber fern bleiben. Es war zweifellos sehr traurig für Adrian, daß er gezwungen war, ein Zeuge zu sein. Mrs. Doria war nicht großmütig. Der Pilger mag unrecht haben, wenn er behauptet, daß ihr Geschlecht nicht wächst: aber daß seine Art Krieg zu führen barbarisch ist und sich noch nach der ganz ursprünglichen oder wilden Katzen-Methode richtet, müssen wir zugeben. Vollständige Vernichtung, und nichts geringeres als das, begleitete die arme Berry an jenem Abend zu Bett, und bis zum Morgen hatte sie sich auf ihrem Kissen verblutet. Nachdem diese Szene vorüber war, führte Adrian 410 Mrs. Doria wieder nach Hause. Während ihrer Abwesenheit waren augenscheinlich Mäuse an dem Kuchen gewesen. Die anwesenden Damen und Herren schoben es auf die gierigen Mäuse, die man beschuldigte, geschmaust zu haben und zu Bett gegangen zu sein. »Ich gönnen es ihnen von Herzen,« sagte Mrs. Doria. »Es ist eine Posse, diese ganze Heirat, und Adrian hat sich ganz zu meiner Auffassung bekehrt. Ich würde kein Atom davon anrühren. Sie wurden ja mit dem Ring einer verheirateten Frau getraut! Kann das vielleicht auch gesetzlich sein, wie ihr meint? Ach ich bin überzeugt! Sprecht mir nicht davon. Austin kommt morgen zur Stadt, und wenn er seinen Prinzipien treu bleibt, wird er sogleich Maßregeln ergreifen, um seinen Sohn von dieser Schande zu retten. Ich brauche keinen juristischen Rat. Ich folge dem gesunden Menschenverstand, dem gesunden Anstandsgefühl. Diese Heirat ist ungültig.« Mrs. Dorias schöner Plan war so sehr zu einem Teil ihres Lebens geworden, daß sie ihn nicht aufgeben konnte. Sie brachte Klara zu Bett, küßte sie und weinte über sie, was sie nicht getan haben würde, wenn sie das seltsame Kind besser gekannt hätte, und sagte: »Der arme Richard! mein lieber armer Junge! wir müssen ihn retten, Klara! wir müssen ihn retten!« Bei dieser Gelegenheit zeigte von den beiden die Mutter am meisten, daß ihr Eisen fehle. Klara lag in ihren Armen starr und regungslos, eine ihrer Hände festgeschlossen. Alles was sie sagte war: »Ich wußte es schon am Morgen, Mama.« Sie schlief ein und hielt Richards Trauring fest umschlossen. Mittlerweile hatten es alle erfahren, die für das System interessiert waren. Der Honigmond verbreitete sein friedliches Licht. Geht nicht das Glück um wie ein Medium? Besitzen wir sehr viel davon, so müssen 411 andere arme Herzen nach dem seufzen, was ihnen genommen ist. Wenn wir ausgegangen sind und uns das Glück als Straßenräuber erbeutet haben, dann werden gewisse unerforschliche Gesetze sicherlich in Bewegung sein, um uns vor die Verbrecherschranke zu führen, früher oder später. Wer kennt die Flitterwochen, die nicht irgend jemandes Glück gestohlen hätten? Richard Turpin zog aus und sang der Welt entgegen: »Geld oder Leben!« Richard Feverel tat dasselbe und setzte nur »Glück« statt »Geld« – Worte, die häufig als Synonyma gebraucht werden. Den Schatz, den er brauchte, wollte er auch erringen und war auf die Art ebenso gut ein Straßenräuber wie sein Namensbruder Dick, und diejenigen, die ihn bis jetzt noch nicht als Helden erkannt haben, mögen ihn nun in diesem Lichte betrachten. Mittlerweile sieht die Welt, der er sein Glück geraubt hat, außerordentlich ruhig und schön aus. Aus seinem Schatze tönt ihm eine liebliche Melodie entgegen. Natur und Weltordnung haben keine wärmeren Bewunderer, als einen fröhlichen Straßenräuber oder einen jungen Mann, der seinen Schatz errungen hat.   Dreiunddreißigstes Kapitel. Wie der Teufel genährt wurde. Und nun hatte der Verfasser des Systems seine Prüfung zu bestehen und unter den Augen der Dame, die ihn liebte. Was konnte freundlicher sein als diese Augen? Und doch sind sie sehr scharf, diese sanften, beobachtenden Frauenaugen. Wenn du den Maßstab nicht erreichst, den sie für dich errichtet haben, so wirst du es fühlen, wenn die Zeit gekommen ist. Sie kann nicht umhin, dir zu 412 zeigen, daß sie dich für einen Riesen gehalten hat und etwas davon zurückkommen mußte. Du fühlst, wie du wunderbar klein wirst in diesen lieblichen Spiegeln, bis sie sich schließlich freundlich zu deinem Standpunkt herablassen. Aber hüte dich davor, eitler Mann, dich jemals in die wunderbare Vergrößerung der männlichen Kreatur zu verlieben, die sich in ihren bewundernd nach oben gerichteten Augensternen spiegelte! Hüte dich davor, ihr bei der Täuschung zu helfen! Eine Frau, die nicht eine vollständige Närrin ist, wird dir vergeben, daß du nur ein Mann bist, wenn du das nur wirklich bist: sie wird es vielleicht lernen zuzugeben, daß kein irdischer Schneider die Figur hätte bekleiden können, die sie in ihrer Hochachtung aus dir gemacht hatte, und daß das Ideal, das sie aus dir gemacht hatte, in Wirklichkeit (obgleich sie seufzt, wenn sie es bedenkt) nur einem übergroß gewordenen Waisenknaben ähnelte in Anstaltsjacke und Hosen. Zuerst verachtet sie deshalb die geringen Fähigkeiten der Schneider und dann lächelt sie über sich selbst. Solltest du aber in der Stunde, die einfach von dir verlangt: »Sei du selbst« und in der die Frau bereit ist, dich so zu nehmen, wie du bist, solltest du dann noch länger danach streben in ihren Augen das Riesengeschöpf zu bleiben, wirst du dann nicht ebenso verächtlich wie lächerlich erscheinen? Und wenn dann der Sturz kommt, wirst du nicht platt auf das Gesicht fallen statt nur auf die gewöhnliche Höhe des Mannes? Du kannst Meilen unter den Maßstab fallen, den sie für dich gemacht hat, ohne daß es dir etwas schadet; nichts ist zu Schaden gekommen, als ein übergroß gewordener Waisenknabe; aber wenn du unter das Maß gewöhnlicher Männer fällst, dann mach' dich darauf gefaßt, zu sehen, wie ihre Kleider rauschen, und wie sie nach einem Blick in den Spiegel ihre Ergebenheit auf einen andern Gegenstand überträgt. Und die Moral davon ist: 413 wenn wir versuchen, das zu sein, was wir nicht sind, dann wird die Frau, für die wir die Posse spielen, den Betrug entdecken und uns strafen. Und das ist meistens das Ende einer Tändelei der Gefühle. Hätte Sir Austin dem Schmerz und Zorn, den er naturgemäß fühlen mußte, Luft gemacht, hätte er sich zu einem unphilosophischen Übermaß hinreißen lassen können, wie sehr es auch seinen Ruf als Weiser herabgemindert hätte, Lady Blandish würde ihn entschuldigt haben, sie würde ihn nicht weniger geliebt haben, weil sie ihn näher kennen gelernt hätte. Aber der arme Herr mühte seine Seele und streckte seine Muskeln, um sich auf der Höhe der Vorstellung zu halten, die sie von ihm hatte. Für ihn, für einen Mann, der das Leben kannte, der verpflichtet war durch nichts in der Welt überrascht zu sein, paßte es sich nicht, mehr zu tun, als mit den Augenbrauen zu zucken und die Lippen einzuziehen, als ihm Ripton Thompson, dieser Unglücksvogel von Raynham, die Nachricht brachte. Alles, was er sagte, nachdem Ripton ihm die Briefe übergeben und seinen reumütigen Kopfschmerz zu Bett gebracht hatte, war: »Sie sehen, Emmeline, es ist nutzlos, ein System auf menschliche Wesen zu begründen.« Eine sehr philosophische Bemerkung für jemand, der eifrig beschäftigt gewesen ist, beinahe zwanzig Jahre lang, zu bauen. Zu philosophisch, um aufrichtig zu erscheinen. Es enthüllte ihr, wo der Schlag ihn am empfindlichsten getroffen hatte. Richard war nicht länger der Richard seiner Schöpfung – sein Stolz und seine Freude, sondern einfach ein menschliches Wesen, wie alle übrigen. Der helle Stern war in der Masse versunken. Und doch, was hatte der junge Mann getan? Und worin hatte das System Schiffbruch erlitten? Die Dame konnte nicht umhin, sich die Frage zu stellen, während sie mit dem beleidigten Vater trauerte. 414 »Mein Freund,« sagte sie, und nahm zärtlich seine Hand, ehe sie sich zurückzog, »ich weiß, wie tief bekümmert Sie sein müssen. Ich weiß, wie groß Ihre Enttäuschung sein muß. Ich bitte Sie nicht, ihm jetzt schon zu vergeben. Sie können nicht an seiner Liebe zu dem jungen Mädchen zweifeln, und hat er nicht nach seinem Verständnis ehrenwert gehandelt, und so wie Sie es wünschen müßten, wenn er sie nicht in Schande brachte? Das werden Sie bedenken. Es ist ein böser Zufall – ein Unglück – ein schreckliches Unglück . . .« »Der Gott dieser Welt wirkt aus dem Innern der Maschine – nicht von außen,« unterbrach sie Sir Austin und drückte ihre Hand, um dem Gutenachtsagen ein Ende zu machen. Zu jeder andern Zeit würde ihr Gedankengang unterbrochen sein und sie hätte die Phrase bewundert; nun schien sie unnatürlich, oberflächlich, falsch und sie fühlte sich versucht, die Bedeutung, die darin lag, auf ihn selbst anzuwenden, so sehr sie ihn auch bedauerte. »Sie wissen, Emmeline,« fügte er hinzu, »ich glaube sehr wenig an das Glück oder Unglück, dem die Menschen ihre Erfolge oder Mißerfolge zuschreiben. Sie sind nützliche Personifikationen für die Romanschriftsteller, ich aber habe eine genügend hohe Meinung von Fleisch und Blut, um zu glauben, daß wir unser eigenes Geschick machen ohne fremde Dazwischenkunft. Böse Zufälle? – Schreckliches Unglück? – Was ist das? – Gute Nacht!« »Gute Nacht,« sagte sie und sah traurig und verwirrt aus. »Wenn ich ›Unglück‹ sagte, meinte ich natürlich, daß er zu tadeln ist, aber – soll ich Ihnen seinen Brief an mich lassen?« »Ich denke, ich habe genug zum nachdenken,« erwiderte er und verbeugte sich kühl. 415 »Gott segne Sie,« flüsterte sie. »Und – darf ich es sagen? verschließen Sie nicht Ihr Herz.« Er versicherte sie, daß er hoffe, das nicht zu tun, und in dem Augenblick, indem sie ihn verlassen hatte, verschloß er es so fest, wie er nur konnte. Wenn er, statt zu sagen: Begründe kein System auf ein menschliches Wesen, gesagt hätte: Mache keine Experimente mit einem menschlichen Wesen, so wäre er der Wahrheit in seinem Falle näher gekommen. Er hatte mit der Menschheit experimentiert in der Person des Sohnes, den er liebte wie sein Leben, und in demselben Augenblick, in dem das Experiment, wie es schien, fehlgeschlagen war, fielen die Fehler der ganzen Menschheit auf die Schultern seines Sohnes. – Richards Lachen bei dem Abfahren des Zuges – jetzt war es erklärt; es klang in seinen Ohren wie der Spott unserer niedrigen Natur über jeden Versuch sie zu erheben und zu klären. Der junge Mann hatte dies alles geplant. Die seltsame Maske, die er seit seiner Krankheit getragen hatte; der Vorzug, den er dem unfähigen Onkel Hippias vor Adrian gab – es war ein klarer, wohl ausgeführter Plan. Jenes häßliche Lachen hörte er noch immer. Niedrig, wie alle übrigen, verräterisch, ein Geschöpf der Leidenschaften, das seine Fähigkeiten nur dazu benutzte, diese zu befriedigen. – Menschliche Fehler fanden sicherlich nirgends eine bessere Gelegenheit sich zu entwickeln als in ihm. Eine teuflische Neigung, gegen die der sentenzenreiche Lobredner der Natur seit Jahren gekämpft hatte (und die zum Teil dem System zugrunde lag), fing jetzt an sein Gemüt zu verdunkeln und zu erfüllen. Als er allein in der verlassenen Totenstille seiner Studierstube saß, sah er den Teufel. Wie können wir erkennen, ob wir an dem Urquell des Schicksals derer sitzen, die wir lieben? Da an der Quelle von Richards Zukunft saß sein Vater und der Teufel sagte 416 zu ihm: »Die Hauptsache ist, daß du ruhig bleibst, tue nichts, absolut nichts, dein Ziel muß jetzt sein, der Welt ein tapferes Antlitz zu zeigen, so daß alle erkennen, wie erhaben du über dieser menschlichen Natur stehst, die dich betrogen hat. Denn es ist der schändliche Betrug und nicht die Heirat, was dich verletzt hat.« »Ja!« antwortete der Baron, »der schändliche Betrug, nicht die Heirat: gottlos und verderblich, wie sie auch sein mag; der Zerstörer meiner zartesten Hoffnungen! meiner liebsten Pläne! nicht die Heirat – der schändliche Betrug!« und er ballte den Brief seines Sohnes zusammen und warf ihn ins Feuer. Wie sollen wir den dunkeln Fürsten der Finsternis erkennen, wenn er unsere eignen Gedanken vor uns ausspricht? Weiter flüsterte er: »Und dein System: – wenn du der Welt gegenüber tapfer erscheinen willst, so habe den Mut, diesen Traum von dir zu weisen: gib einen unmöglichen Plan auf; sieh das System als das an, was es ist – tot: zu gut für die Menschen!« »Ja!« murmelte der Baron: »Alle, die die Menschheit retten wollten, starben am Kreuz!« Und so saß er und nährte den Teufel. Schließlich nahm er seine Lampe, legte den alten Mantel und die Mütze an und ging hinaus, um einen Blick auf Ripton zu werfen. Dieser erschöpfte Wüstling, dieser Jüngling ohne Bestimmung, schlief wie ein Toter. Ein Taschentuch war um seine Stirn gebunden, sein schlaff herunterhängendes Kinn und seine auf dem Kissen ausgestreckte schnarchende Nase gaben ihm ein abgeschmackt klägliches Aussehen. Der Baron erinnerte sich daran, wie oft er diesen Knaben mit seinem eignen verglichen hatte: seinem eignen glänzenden Jungen! Und wo war nun der Unterschied zwischen ihnen? 417 »Nur äußere Vergoldung!« sagte sein teuflischer Begleiter. »Ja,« erwiderte er. »Ich glaube, dieser Jüngling hat niemals ernstlich Pläne geschmiedet, um seinen Vater zu betrügen: er folgte ungehindert seinem Appetit und ist innerlich der gesündere von beiden.« Ripton, mit seinem herunterhängenden Kinn und seiner schnarchenden Nase, erschien bei dem Licht der Lampe als ein Repräsentant der menschlichen Natur, ehrlich, wenn auch verächtlich. »Ich fürchte sehr, Miß Random – ist eine notwendige Einrichtung!« flüsterte der Teufel. »Verlangt denn das Böse in uns seine natürliche Nahrung, um nicht das Ganze zu verderben?« rief Sir Austin. »Und ist kein Engel zu etwas nütze, so lange das nicht aus uns herausgezogen ist? Und ist das unser Kampf – daß wir versuchen müssen, uns vor der Ansteckung seiner Umarmung zu schützen und unverdorben daraus hervorzugehen?« »Die Welt ist weise auf ihre Art,« sagte die teuflische Stimme. »Auch, wenn man sie durch das Medium des Portweins betrachtet?« warf er ein und erinnerte sich an seinen Anwalt Thompson. »Weise, indem sie versucht, nicht zu weise zu sein,« sagte die Stimme. »Und sie berauscht sich an der Medizin des Genusses!« »Die menschliche Natur ist schwach.« »Und Miß Random ist eine zweckmäßige Einrichtung und das Austoben ein feststehender Gebrauch!« »Es ist immer so gewesen.« »Und wird es immer so sein?« »Ich fürchte es, trotz deiner sehr edlen Anstrengungen.« 418 »Und das führt – wohin? Und endet – wo?« Richards Lachen, das von den höllischen Regionen aufgenommen und zurückgeworfen wurde, antwortete ihm. Dieses Zwiegespräch in seinem Gehirn wurde dadurch beendet, daß Sir Austin sich fragte, ob wirklich kein Unterschied bestände zwischen der Blüte seiner Hoffnung und jener betrunkenen Pflanze, und die Antwort erhielt, daß ein entschiedener Unterschied in dem Duft der beiden Gewächse vorhanden wäre, und sobald ihm dieses bewußt wurde, zog er sich zurück. Sir Austin kämpfte nicht mit dem Versucher. Er nahm ihn sofort in sein Herz auf, als wenn er reif für ihn gewesen wäre, und hörte auf seine Einflüsterungen und beugte sich seinen Befehlen. Weil er litt und beschlossen hatte, schweigend zu leiden und der einzige Leidende zu sein, kam er sich selbst sehr großherzig in seinem Unglück vor. Er hatte sich der ganzen Welt entgegengestellt. Die Welt hatte ihn geschlagen. Und was weiter? Er mußte sein Herz verschließen und eine Maske vor sein Gesicht nehmen, das war alles. Der gewöhnlichen Menge weit voraus zu sein, überlegte er, ist ebenso fruchtlos für die Menschheit, als im Nachtrab zu kämpfen. Denn wie können wir wissen, ob die hinter uns Kommenden sich überhaupt bewegen, ober wenn sie sich bewegen, ob sie unsern Spuren folgen? Was wir für sie gewinnen, ist verloren, und wo wir zu Boden geworfen werden, da bleiben wir liegen! Auf diese Art gefiel es einem edlen Geist und einem edlen Herzen, an den Grenzen eines nicht besonders großen Charakters seinen Rückgang zu beschönigen und seine Unzulänglichkeit zu entschuldigen, und so kam es, daß er sich daran machte, sein eignes Werk zu zerstören. Er konnte wohl sagen, wie er es einmal getan hatte, daß es Stunden gibt, in denen die klarste Seele zum listigen 419 Fuchs wird. Für seinen ganz privaten und besonderen Kummer warf er die Schuld auf die Menschheit, grade wie zu der Zeit, die er seine eigne Prüfungszeit genannt hatte. Wie hatte er es damals ertragen? Er hatte eine Maske vorgenommen. Und jetzt, da er die Prüfung für seinen Sohn vorbereitete, tat er dasselbe. Es entsprach dieses durchaus nicht seinen Ansichten von der Pflicht eines Mannes in den Widerwärtigkeiten des Lebens, über die er große Beredsamkeit entfalten konnte. Aber es war sein Instinkt so zu handeln, und in Zeiten der Prüfung sind es nur wirklich große Naturen, die nicht von ihrem Instinkte abhängen. Außerdem würde ihm das Anlegen der Maske Schmerz bereiten, einen größeren Schmerz, als den, den er damals erduldet hatte, als ihm noch ein Gegenstand geblieben war, dem gegenüber er sein Herz hatte öffnen können, und er verließ sich auf den spartanischen Trost: Leid zu dulden und nicht zu handeln. »Tue nichts,« sagte der Teufel, den er nährte; was in seinem Falle soviel bedeutete wie: »Nimm mich bei dir auf und stoße mich nicht fort.« Vortrefflich und gesund ist ein Zornesausbruch für Männer, wenn er kurz vor dem Mord noch innehält. Denn, kann derjenige, der den Zorn in sich verschließt, um sich im geheimen von ihm zu nähren, sagen, daß er verzehrt ist? Sir Austin hatte eine ebenso schwache Verdauung für den Zorn, wie der arme Hippias für eine junge Ente. Statt ihn herunter zu schlucken, wurde er von ihm verzehrt. Das wilde Ungeheuer in ihm war deshalb nicht weniger verderbenbringend, weil es nicht brüllte, und der Teufel in ihm nicht weniger tätig, weil er beschlossen hatte, nichts zu tun. Er saß an der Quelle von Richards Zukunft in der verlassenen Totenstille seiner Studierstube, hörte, wie in dem ausgebrannten Feuer die Schlacken niederfielen, und lauschte auf die summende Stille, in der man sich 420 einbilden kann zu hören, wie die mitternächtigen Schicksalsgöttinnen eifrig den Keim ihrer Werke zusammenrühren. Die Lampe warf ihr sanftes Licht auf die Büste Chathams. Gegen Morgen hörte er ein leises Klopfen an der Türe. Lady Blandish glitt in das Zimmer. Mit eiligem Schritt kam sie grade auf ihn zu und ergriff seine beiden Hände. »Mein Freund,« sagte sie, und ihre Stimme war tränenvoll und zitterte, »ich fürchtete, ich würde Sie hier finden. Ich konnte nicht schlafen. Wie fühlen Sie sich?« »Gut! Emmeline, gut!« erwiderte er und verzog die Augenbrauen, um die Maske zu befestigen. Er wünschte, es wäre Adrian gewesen, der jetzt zu ihm kam. Er empfand eine außerordentliche Sehnsucht nach Adrians Gesellschaft. Er wußte, daß der weise Jüngling es erraten würde, wie er ihn zu behandeln hätte, und er räumte innerlich grade genug Schwäche ein, um anzuerkennen, daß er eines gewissen Maßes von Behandlung bedürfte. Außerdem würde Adrian, daran zweifelte er nicht, ihn grade so nehmen, wie er erschien, und ihn in keiner Weise dadurch beunruhigen, daß er versuchte, sein Herz zu erschließen, wohingegen eine Frau, wie er fürchtete, zu frauenhaft werden könnte, und es durch Tränen und Bitten schließlich zu einer Szene bringen würde, was er, mehr als alles andere, verabscheute. So klopfte er mit dem Fuße ungeduldig auf den Boden und zeigte der Dame keinen sehr entgegenkommenden Ausdruck, als er sagte, daß alles gut wäre. Sie setzte sich neben ihn, seine eine Hand noch immer fest umschließend und die andere sanft zurückhaltend. »Ach, mein Freund! kann ich Ihnen glauben? Darf ich zu Ihnen sprechen?« Sie lehnte sich dicht an ihn. »Sie kennen mein Herz. Ich habe keinen höheren Ehrgeiz als den, Ihre Freundin zu sein. Ich teile gewiß Ihren 421 Kummer und darf ich nicht auch Ihr Vertrauen beanspruchen? Wer hat mehr über Ihren großen schrecklichen Kummer geweint, als ich! Ich wäre nicht zu Ihnen gekommen, wenn ich nicht glaubte, daß geteilter Schmerz die Last erleichterte, und jetzt ist die Zeit gekommen, in der Sie die Hilfe einer Frau fühlen sollten und erkennen könnten, was eine Frau Ihnen zu sein vermag.« »Seien Sie versichert,« sagte er ernsthaft, »daß ich Ihnen dankbar bin, Emmeline, für Ihre Absicht.« »Nein, nein! nicht für meine Absicht! Und danken Sie mir auch nicht. Denken Sie an ihn . . . denken Sie an Ihren lieben Jungen . . . unsern Richard, wie wir ihn genannt haben. – Ach, halten Sie es nicht für einen törichten Aberglauben von mir, aber ich habe einen Gedanken gehabt, diese Nacht, der mich gequält hat, bis ich aufstand, um mit Ihnen zu sprechen . . . Sagen Sie mir erst, daß Sie ihm vergeben haben.« »Ein Vater hegt keinen Groll gegen seinen Sohn, Emmeline.« »Ihr Herz hat ihm vergeben?« »Mein Herz hat genommen, was er ihm gab.« »Und ihm ganz vergeben?« »Sie werden mich nicht klagen hören.« Die Dame schwieg niedergeschlagen, sah ihn ernsthaft an und sagte dann mit einem Seufzer: »Ja, ich weiß, wie edel Sie sind und wie verschieden von andern.« Er zog eine seiner Hände aus ihrem losen Halt. »Sie sollten zu Bett sein, Emmeline.« »Ich kann nicht schlafen.« »Gehen Sie, und sprechen Sie ein andermal mit mir.« »Nein, es muß jetzt sein. Sie haben mir geholfen, als ich kämpfte, um mich in eine klarere Welt zu erheben, und trotz all meiner Bescheidenheit denke ich, daß ich jetzt Ihnen helfen kann. Ich habe in dieser Nacht gedacht, daß, 422 wenn Sie nicht für ihn beten und ihn segnen . . . es traurig enden wird. Mein Freund, haben Sie das getan?« Er fühlte sich getroffen und verletzt und konnte kaum umhin, es zu zeigen, trotz seiner Maske. »Haben Sie es getan, Austin?« »Dies ist in der Tat eine neue Art, einen Vater für die Torheiten seines Sohnes verantwortlich zu machen, Emmeline!« »Nein, das nicht! Aber wollen Sie für Ihren Sohn beten und ihn segnen, ehe der Tag anbricht?« Er nahm sich zusammen, um ruhig zu sprechen: »Und das muß ich also tun, damit es kein trauriges Ende gibt? Kann ich ihn vor der Saat retten, die er gesät hat? Überlegen Sie, Emmeline, was Sie sagen. Er hat die Sünde seines Vetters wiederholt. Sie kennen das Ende davon.« »Ach, das ist so anders! Dieses junge Mädchen ist nicht, ist nicht aus der Klasse, mit der sich der arme Austin verbunden hat. Es ist wirklich anders. Und er – seien Sie gerecht und geben Sie seinen Edelmut zu. Ich bildete mir ein, Sie täten es. Dieses junge Mädchen ist sehr schön, sie hat die Grundlagen einer guten Erziehung, sie . . . ich glaube wirklich, wäre sie in einer anderen Stellung gewesen, Sie würden sie nicht ungünstig beurteilt haben.« »Sie mag zu gut sein für meinen Sohn!« der Baron sprach mit hochmütiger Bitterkeit. »Keine Frau ist zu gut für Richard, und Sie wissen es!« »Lassen wir sie aus dem Spiel.« »Ja, ich will nur von ihm sprechen. Er traf sie durch einen verhängnisvollen Zufall. Wir glaubten, daß seine Liebe tot wäre, und das glaubte er auch, bis er sie wiedersah. Er traf sie, er glaubte, wir hätten Pläne gegen ihn 423 geschmiedet, er glaubte, er würde sie für immer verlieren, und in der Tollheit einer Stunde tat er dies.« »Meine Emmeline spricht sehr beredt für heimliche Ehen.« »Ach, scherzen Sie nicht, mein Freund. Sagen Sie. hätten Sie es lieber gesehen, er hätte sich so benommen, wie es junge Leute in seiner Stellung gegen Frauen unter ihrem Stande gewöhnlich tun?« Sir Austin gefiel die Frage nicht. Sie sondierte ihn zu ernsthaft. »Sie meinen,« sagte er, »die Väter müßten mit gefalteten Armen dasitzen und entweder niedrige Heiraten gutheißen oder dulden, daß diese Geschöpfe zugrunde gerichtet werden?« »Das meine ich nicht,« sagte Lady Blandish, und kämpfte, um einen Ausdruck für das zu finden, was sie sagen wollte. »Ich meine . . . daß er sie liebt. Wird das nicht zum Wahnsinn in seinem Alter? Aber was ich hauptsächlich meine, ist, retten Sie ihn vor den Folgen. Nein, Sie sollen Ihre Hand nicht zurückziehen. Denken Sie an seinen Stolz, seine Empfindlichkeit, seine große, wilde Natur – wild, wenn sie auf unrechtem Wege ist: bedenken Sie, wie heftig er wird, wenn er liebt, bedenken Sie, mein Freund, vergessen Sie nicht seine Liebe zu Ihnen.« Sir Austin lächelte ein bewundernswert mitleidiges Lächeln. »Daß ich ihn, oder irgend jemand sonst ihn retten könnte, ist mehr verlangt, als der Verlauf der Dinge Ihnen gestatten wird, Emmeline, und liegt nicht in der Ordnung dieser Welt. Ich kann es nicht. Die Folgen sind die natürlichen Kinder der Taten. Mein Kind, Sie sprechen mit Gefühl, und das paßt in keiner Weise in unser modernes Zeitalter – es ist ein phantastischer Dunst, der das 424 Bild des Lebens, das wir leben, verzerrt. Sie bitten mich, ihm ein goldenes Zeitalter zu verschaffen, trotz seines Benehmens. Alles, was getan werden konnte, um ihn auf den Pfaden der Tugend und Wahrheit zu erhalten, habe ich getan. Er ist ein Mann geworden, und als Mann muß er ernten, was er gesät hat.« Die enttäuschte Dame seufzte. Er saß so gelassen da: er sprach so ruhig, als wenn die Wahrheit ihm mehr wert wäre als die Liebe seines Sohnes. Und doch liebte er diesen Sohn. Da sie sicher fühlte, daß er seinen Sohn liebte, während er so erhaben sprach, verehrte sie ihn noch, so enttäuscht sie auch war und so sehr sie auch fühlte, daß er ihr auswich. »Alles, was ich von Ihnen verlange, ist, daß Sie ihm Ihr Herz öffnen,« sagte sie. Er schwieg. »Wenn Sie ihn auch einen Mann nennen – er ist und muß es immer bleiben, das Kind Ihrer Erziehung, mein Freund.« »Sie möchten mich mit der Aussicht trösten, Emmeline, daß er, indem er sich zugrunde richtet, die Welt der jungen Mädchen schont. Ja, darin liegt etwas!« Sie prüfte genau seine Maske. Sie war undurchdringlich. Er konnte ihr in die Augen sehen und den Druck ihrer Hand erwidern und lächeln und dabei nicht zeigen, was er fühlte. Auch glaubte er nicht, daß es Heuchelei wäre, wenn er versuchte, seine hohe Stellung in ihrem sanften Herzen zu bewahren, indem er statt verletzter Liebe erhabene Philosophie fingierte. Auch wußte er nicht, daß ihm ein Engel nahe war: ein blinder Engel und ein schwacher, aber einer, der die Gelegenheit wahrnehmen wollte. »Wollen Sie mir verzeihen, daß ich zu Ihnen kam?« sagte sie nach einer Pause. 425 »Ich verstehe vollständig die Absichten meiner Emmeline,« erwiderte er liebenswürdig. »Es sind sehr armselige. Ich fühle meine Schwäche. Ich kann nicht die Hälfte von dem ausdrücken, was ich gedacht habe. Ach, wenn ich es könnte!« »Sie sprechen sehr gut, Emmeline.« »So ist mir wenigstens verziehen!« »Sicherlich.« »Und bevor ich Sie verlasse, lieber Freund, werden Sie mir vergeben? – darf ich darum bitten? – wollen Sie ihn segnen?« Er schwieg wieder. »Beten Sie für ihn, Austin! Beten Sie für ihn, ehe die Nacht vorüber ist.« Während sie sprach, glitt sie nieder zu seinen Füßen und drückte seine Hand an ihre Brust. Der Baron erschrak. In aufrichtiger Furcht vor der sanften Anwandlung, die ihn überkommen wollte, stieß er seinen Stuhl zurück, stand auf und ging zu dem Fenster. »Es ist schon Tag!« sagte er mit verstellter Lebhaftigkeit, stieß die Fensterladen auf und ließ das Licht des jungen Tages herein, das auf dem Rasen schimmerte. Lady Blandish trocknete ihre Tränen noch kniend, dann trat sie zu ihm und blickte schweigend zu Richards Mond auf, der abnehmend im Westen stand. Sie hoffte, es wäre ihr nur deshalb mißlungen, ihn zu bewegen, weil sie zu früh mit ihren ernsten Bitten gekommen war, und sie beschuldigte sich selbst mehr als den Baron. Aber sie hatte ihn als einen ungewöhnlich hochstehenden Mann behandelt, und nun war sie gezwungen, sich einzugestehen, daß sein Herz gegenwärtig kaum über die Herzen gewöhnlicher Männer erhaben war, wie ruhig auch der Ausdruck seines Gesichts erschien und wie augenscheinlich 426 abgeklärt seine Weisheit. Von diesem Augenblick an wurde sie kritisch ihm gegenüber und fing an ihren Götzen zu studieren – ein Verfahren, das für Götzen gefährlich ist. Er hingegen fühlte sich nun, da sie den peinlichen Gegenstand aufgegeben zu haben schien, zu ihr hingezogen, und wie jemand, der den Wunsch hat, eine vorhergegangene Rauheit wieder auszugleiten, murmelte er: »Gottes kostbarster Segen ist schließlich doch eine gute Frau! Meine Emmeline erträgt ihre schlaflose Nacht gut!« Er blickte auf sie nieder mit liebevoller Zärtlichkeit. »Ich könnte viele, viele schlaflose Nächte ertragen!« erwiderte sie, seinen Blicken begegnend, »und würde nur immer wohl aussehen, wenn . . . wenn nur . . .« aber sie wurde nicht ermutigt den Satz zu vollenden. Vielleicht bedurfte er einer stummen Form des Trostes, vielleicht rührten ihn die schönen, ruhigen Züge der dunkeläugigen Frau: jedenfalls machte er einen Fortschritt in seinem Platonismus und legte seinen Arm um sie: Sie fühlte den Arm und sprach von dem Morgen. So nebeneinander stehend hörten sie beide bald etwas wie ein Stöhnen hinter sich, und sich umsehend, erblickten sie das vorsintflutliche Auge. Lady Blandish lächelte, aber des Barons Verwirrung ließ sich nicht verbergen. Durch ein seltsames Verhängnis war jedes Stadium ihrer unschuldigen Liebe sicher, einen Zuschauer zu haben. »Ach, bitte um Entschuldigung,« murmelte Benson und hielt seinen Kopf still, der melancholisch auf und ab wackelte. Man hieß ihn das Zimmer verlassen. »Und ich denke, ich werde ihm folgen und versuchen, noch einige Minuten Schlaf zu finden,« sagte Lady Blandish. Sie schieden mit einem stummen Händedruck. Der Baron rief Benson herein. »Besorge mir mein Frühstück so schnell du kannst,« sagte er, ohne auf den Ausdruck eines beleidigten Ehrgefühls zu achten, den 427 Benson feierlich darzustellen suchte. »Ich fahre früh zur Stadt. Und, Benson,« fügte er hinzu, »du wirst auch heute nachmittag zur Stadt fahren oder morgen, wie es dir paßt, und du wirst dein Buch mitnehmen zu Mr. Thompson. Du kommst nicht wieder zurück. Du wirst eine Versorgung erhalten. Du kannst gehen.« Der gewichtige Hausmeister versuchte zu sprechen. Aber der unerhörte Schlag und des Barons Miene erstickten seine Worte. An der Türe machte er noch einen Versuch, welcher die Falten seiner losen Haut mitleiderregend schüttelte. Eine ungeduldige Bewegung ließ ihn verstummen – und Raynham verlor den einzigen, der an das große System glaubte.   Vierunddreißigstes Kapitel. Die Eroberung des Epikuräers Es war im Monat Juni. Der Solent ging in grünen Wogen bei lebhaften Südwest. Lustige kleine Boote, leicht wie Seenymphen, tanzten wie Schaum auf den Wellen und ließen ihre Segel blitzen. Ein tiefes sommerliches Blau wölbte sich über den fliegenden Wolkenbergen. An einem offenen Fenster hinter nickenden Rosenzweigen mit dem Blick auf die salzige Flut saß ein junges Paar beim Frühstück, beide tüchtig schmausend. Hätte der wissenschaftlich gebildete Menschenkenner sie beobachtet, die Tatsache hätte er nicht bestreiten können: hier saßen angehende Stammeltern von Briten, die ihre Pflicht taten. Reihen von Eierbechern mit leeren Schalen zeugten davon, und sie waren noch bei der Arbeit, sprachen kaum, so waren sie beschäftigt. Beide waren zu einem Ausflug gekleidet. Sie hatte ihren Hut auf und er seine 428 Segelmütze. Seine Ärmel waren am Handgelenk aufgeschlagen, ihr Kleiderrock zeigte auf ihrem Schoße liegend sein Futter. Ab und zu brachte ein gelegentliches Wort sie zum lachen, aber Essen war jetzt die wichtigste Beschäftigung, und so wird es immer sein, wo Cupido es ernst meint. Von dem ihnen unterworfenen Lande strömte ihnen der nötige Tribut zu. Vernachlässigt liegt die Weidenpfeife, auf der sie so lieblich spielten, zum Entzücken der Sphären. Was kümmern sie sich jetzt um Sphären und Sphärenmusik, da sie einander besitzen? Kommt, ihr Eier, kommt, Brot und Butter und Tee mit Zucker und Milch! und willkommen, ihr fröhlichen Stunden! Das ist ungefähr der Inhalt der Musik, die jetzt in ihnen ertönt. Jenes Instrument genügte nur zur Ouvertüre. Und schließlich, welchen höheren Ehrgeiz können Liebende haben, als ein freier Mann und eine freie Frau zu sein, umgeben von der Fülle? Und ist es nicht herrlich, solch ein Ziel erreicht zu haben? Ach, du elender wissenschaftlicher Menschenkenner! daß du nicht dabei bist und den wundervollen Anblick genießt, wie diese jungen Geschöpfe schmausen. Das würde einen Zauber ausgeübt haben, der selbst den Teufel verbannt hätte, glaube ich. Das große Unternehmen kam endlich doch zum Schluß und seine Serviette schwenkend beugte sich der Gatte über die Gattin, die ihm mit ihrem knospenden Munde vertraulich entgegenkam. Die Poesie der Sterblichen liegt in der täglichen Prosa. Haben sie nicht ein herrliches Ziel erreicht? Ein kurzer, heißblütiger Kuß, so strahlend, frisch und ehrlich wie die Morgenröte, und dann sagt Richard auch im fröhlichsten Ton: »Heute wieder kein Brief, Lucy!« worauf die schönen Augen ihn etwas ernsthaft anblicken und er ausruft: »Aber das schadet nicht! Er wird eines Tages selbst kommen. Er darf sie nur kennen lernen und dann ist alles gut! nicht wahr?« 429 und indem er so sagt, legt er eine Hand unter ihr Kinn, und scheint ihr schönes Gesicht in Gedanken einzurahmen, und sie lächelt zu ihm auf, um sich ansehen zu lassen. »Aber etwas möchte ich meinen Liebling bitten,« sagt Lucy und legt ihre Hand bittend auf ihn. »Wird er mich heute mit an Bord der Jacht nehmen? – mich nicht bei diesen Leuten zurücklassen! Wird er das tun? Er weiß doch, wie gut ich das Segeln vertrage!« »Besser, als irgend jemand sonst!« lacht Richard und schließt sie in seine Arme, »aber du weißt, du kleine geliebte Seglerin, sie gestatten bei der Regatta nur eine gewisse Anzahl an Bord, und wenn sie hören, daß du bei mir gewesen bist, wird es heißen, es wäre nicht ehrlich zugegangen! Außerdem ist Lady Judith da, mit der du über Austin sprechen kannst, und dann kannst du Lord Mountfalcons höfliche Redensarten hören und Mr. Morton wird für dich sorgen.« Lucys Augen sahen einen Augenblick zur Seite. »Ich hoffe, ich habe mir das Rotwerden und Stirnrunzeln abgewöhnt?« sagte sie und zog dabei ihre beweglichen Augenbrauen sehr einnehmend in die Höhe, und er lehnte seine Wange gegen die ihre und flüsterte ihr etwas sehr Süßes zu. »Und wir werden für – für wie viele Stunden getrennt sein? eine, zwei, drei Stunden?« schmollte sie bei seinen Schmeicheleien. »Und dann werde ich an Bord kommen, um die Glückwünsche meiner jungen Frau in Empfang zu nehmen.« »Und dann wird mein Herr Gemahl die ganze Zeit mit Lady Judith sprechen.« »Und dann werde ich sehen, wie meine Gemahlin vor Lord Mountfalcon errötet und die Augenbrauen in die Höhe zieht.« 430 »Bin ich wirklich so töricht, Richard?« sie vergaß die Tändelei, um ihn ernsthaft zu fragen, und erhielt wieder zur Antwort einen morgenfrischen Kuß, der nur grade den Tau vor ihren Lippen streift. Nachdem sie sich einen Monat schüchtern im Schatten verborgen gehalten hatten, war das glückliche Sünderpaar eines Tages herausgekommen, um die Menschen wiederzusehen und mit Staunen zu betrachten, und hatte zufällig Mr. Morton von Poer-Hall getroffen, Austin Wentworths Freund und Ralphs Onkel. Mr. Morton hatte einst dem Baron nahe gestanden, hatte ihn aber seit Jahren als hartnäckig und hoffnungslos aufgegeben und war deshalb um so mehr geneigt, Richards Vergehen milde zu beurteilen und dem Vater die Fehler des Sohnes zur Last zu legen. Er meinte, daß der Verkehr in der Gesellschaft das einzige wäre, was dem jungen Manne fehlte, und führte ihn daher bei den Leuten ein, die er auf der Insel kannte, unter andern bei Lady Judith Felle, einer schönen, jungen Dame, die ihn wieder mit Lord Mountfalcon bekannt machte, einem viel vermögenden Edelmann. Lord Mountfalcon stellte ihn einem Kreise von Sportsleuten vor, die sich allmählich zum Segeln einfanden. So befand er sich nach wenigen Wochen im Mittelpunkte einer glänzenden Gesellschaft und lernte es zum erstenmal in seinem Leben kennen, was es heißt, sich im freien Verkehr mit seinen Mitmenschen beiderlei Geschlechts zu bewegen. So war der Sohn des Systems jetzt also vom Stapel gelassen und schwamm nicht nur in der Brandung, sondern im offnen Wasser. Nun hatte der Baron zwischen dem Wiederkehren seiner sanfteren Gefühle und den Einflüsterungen seines neuen Freundes insofern einen Kompromiß geschlossen, daß er sich vorgenommen hatte, Richard gerecht zu behandeln. Die Welt nannte es Großmut und selbst Lady 431 Blandish dachte so, als sie hörte, daß er Richard eine anständige Summe ausgesetzt und Mrs. Dorias Vorschlag, die Gültigkeit der Ehe anzufechten, verächtlich abgewiesen hätte, aber Sir Austin wußte wohl, daß er nur gerecht wäre, wenn er dem Jüngling in dieser Lage nicht das Geld vorenthielte. Und hier täuschte ihn die Welt wieder, indem sie sein Verfahren beschönigte. Denn was für ein Verdienst ist es, wenn wir gerecht gegen die sind, die wir lieben! Er selbst wußte, daß es nicht Großmut war, aber das Geschrei der Welt stärkte ihn gewissermaßen in der Einbildung, daß, wenn er seinen Sohn nur gerecht behandelte, er alles täte, was überhaupt möglich wäre, war es doch sehr viel mehr, als was gewöhnliche Väter getan haben würden. Er hatte sein Herz verschlossen. Infolgedessen fehlte es Richard nicht an Geld. Was ihm mehr fehlte und was er nicht erhielt, war ein Wort von seinem Vater. Er sagte nichts, um seine junge Frau nicht zu betrüben, und doch fühlte sie, wie es an ihm zehrte, mit dem Manne in Uneinigkeit zu leben, vor dem er nun, da er ihn beleidigt und da er gegen seinen Willen gehandelt hatte, gerne auf den Knien gelegen hätte, mit dem Manne, der für ihn war, was kein anderer sonst. In der Nacht, wenn sie an seiner Seite lag, woben die Dunkelheit und die halb abgebrochenen Laute, mit denen er von ihm sprach, sich um die Gestalt des fremden, finstern Mannes. Nicht, daß dieses einen Einfluß auf den Appetit des jungen Paares gehabt hätte. Wir müssen uns nicht Cupido entthront oder beschränkt denken, noch dazu unter dem Einfluß der Seeluft. Die aufgereihten Eierbecher lachen über eine solche Vorstellung. Doch der Wurm nagte an ihnen. Nun traten sie an diesem schönen Morgen aus dem Garten ihres Landhäuschens heraus, um nach dem Strande herunterzugehen, und man stelle sich ihr Entzücken vor, als sie da Tom Bakewell erblickten, 432 der mit einer Reisetasche auf dem Rücken den Weg in die Höhe lief, und hinter ihm in einiger Entfernung Adrian erspähten. »Wie schön!« rief Richard und rannte ihm entgegen und ließ seine Hand nicht los, bis er ihn nach oben gezogen hatte, und überhäufte ihn mit Fragen den ganzen Weg, bis sie vor Lucy standen. »Lucy, dies ist Adrian, mein Vetter.« Und seine Augen schienen hinzuzufügen: »Ist er nicht ein Engel?« während Lucys deutlich antworteten: »Ja, das ist er!« Der wohlgenährte Engel verneigte sich förmlich vor ihr und benahm sich mit der salbungsvollen Zurückhaltung eines Wohltäters, denn aus ihren Begrüßungen sah er, daß er dafür gehalten wurde. »Ich denke, wir sind einander nicht mehr fremd,« war er freundlich genug zu bemerken, und ließ sie dann bald hören, daß er noch nicht gefrühstückt habe, worauf sie ihn eiligst in das Haus führten und Lucy sich eifrig rührte, um für ihn zu sorgen. »Mein lieber alter Rady,« wieder wurde seine Hand geschüttelt, »wie freue ich mich, daß du gekommen bist. Ich verhehle dir nicht, daß wir sehr unglücklich gewesen sind.« »Sechs, sieben, acht, neun Eier,« bemerkte Adrian, als er den Frühstückstisch überschaute. »Warum wollte er nicht schreiben? Warum beantwortete er keinen meiner Briefe? Aber nun bist du ja da, nun bin ich ganz zufrieden. Will er uns sehen? Wir können noch heute abend reisen. Ich habe eine Verabredung um elf, meine kleine Jacht – ich habe sie die ›Blandish‹ genannt, segelt gegen Fred Curries ›Begum‹. Ich werde siegen, aber ob oder nicht, wir können heut abend fahren. Was gibt es Neues? Wie geht es allen?« »Mein lieber Junge,« erwiderte Adrian und setzte sich behaglich nieder, »laß mich erst in einen Zustand kommen, der mich ungefähr auf gleichen Fuß mit dir stellt, 433 ehe ich alle deine Fragen beantworte. Halb soviel Eier werden einem unverheirateten Manne genügen, und dann will ich reden. Sie sind alle wohl, soweit ich mich entsinnen kann, nach dem Schütteln, das meine absolute Leere diesen Morgen ausgehalten hat. Ich kam mit dem ersten Boot, und die See, die See hat meine Liebe zur Mutter Erde erweckt und eine Sehnsucht nach ihren Früchten.« Richard ärgerte sich über seinen kaltblütigen Vetter. »Adrian, was sagte er, als er es hörte? ich möchte genau die Worte wissen, die er sagte.« »Wohl sagt der Weise, mein Sohn: Die Rede ist die kleine Münze des Schweigens. Er sagte weniger als ich.« »So hat er es aufgenommen!« rief Richard und versank in Nachdenken. Bald war der Tisch abgeräumt und frisch gedeckt und Lucy kam in das Zimmer, dem Mädchen voran, das die Eier auf einem Teebrette trug. Sie hatte den Hut abgenommen und setzte sich an den Tisch, wie eine wohlerzogene Hausfrau, um den Tee einzuschenken. »Nun wollen wir anfangen,« sagte Adrian, und klopfte mit nachdenklichem Behagen sein Ei auf, aber sein Gesicht nahm einen Ausdruck des Schmerzes an, der um so beunruhigender war, als er ihn wohlwollend zu verbergen versuchte. Konnte es möglich sein, daß das Ei schlecht war? oh, Schrecken! Lucy beobachtete ihn und wartete mit Zittern. »Dieses Ei hat drei und dreiviertel Minuten gekocht,« bemerkte er, und hörte auf es zu betrachten. »Ja! ja!« sagte Lucy, »ich habe sie selbst gekocht, genau so lange. Richard liebt sie so, und Sie lieben sie hart, Mr. Harley?« »Im Gegenteil, ich liebe sie weich. Zwei und eine halbe 434 Minute oder höchstens zwei und dreiviertel. Ein Ei sollte sich niemals bis an die Grenze des Hartwerdens vorwagen – niemals. Drei Minuten ist das äußerste, was es wagen darf.« »Wenn Richard mir nur gesagt hätte! Wenn ich nur gewußt hätte!« rief die liebliche kleine Wirtin betrübt aus und biß sich auf die Lippe. »Wir müssen von ihm nicht erwarten, daß er an so etwas denkt,« sagte Adrian und versuchte zu lächeln. »Zum Teufel auch! Es gibt doch mehr Eier im Haus,« rief Richard und riß wütend an der Klingel. Lucy sprang auf und sagte: »Ach ja, ich werde gleich gehen und sie genau nach der Zeit kochen, wie Sie sie lieben. Bitte, lassen Sie mich gehen, Mr. Harley.« Adrian hielt sie mit einer Bewegung der Hand zurück. »Nein,« sagte er, »ich will mich nach Richards Geschmack richten und der Himmel möge mir auch zu seinen Verdauungskräften verhelfen.« Lucy warf Richard einen traurigen Blick zu, er machte es sich auf dem Sofa behaglich und überließ ihr ganz und gar die Last der Unterhaltung. Die Eier waren ein trauriger Anfang gewesen, aber ihr Eifer, Adrian zu gefallen, ließ sich nicht dämpfen und sie bewunderte sehr, daß er so ergeben war. Wenn es ihr mißlingen sollte, diesem herrlichen Friedensherolde zu gefallen, durch welch unbedeutendes Mißgeschick es auch sein mochte, dann fürchtete sie Unheil; so saß nun diese schöne Taube und ihre Augenbrauen arbeiteten heftig über ihren ernst lächelnden, blauen Augen und sie beobachtete verstohlen jede Miene in dem runden Gesicht des Epikuräers, um herauszufinden, wie sie ihn am besten günstig stimmen könnte. »Er soll nicht denken, daß ich schüchtern und dumm bin,« dachte die tapfere, kleine Frau, und Adrian war in der Tat überrascht, daß sie ebensogut plaudern konnte wie sich 435 nützlich machen und obendrein noch hübsch anzusehen war. Als er mit einem Ei fertig war, siehe da – da erschienen zwei frische, die genau nach seiner Vorschrift gekocht waren. Sie hatte ruhig dem Mädchen ihre Befehle gegeben, und nun hatte er sie ohne weitere Umstände. Vielleicht war sein unzufriedener Ausdruck bei dem Anblick der bösen Eier nicht ganz unfreiwillig gewesen, und ihr weiblicher Instinkt lehrte sie trotz ihrer Unerfahrenheit, daß er mit der Absicht gekommen war, in der Hütte der Liebe nicht mit allem zufrieden zu sein. In diesen beweglichen Augenbrauen lag geistige Fähigkeit genug, um einen dummen, weisen Jüngling zu durchschauen und zu bekämpfen. Sie erriet zum Teil, wie viel sie schon erreicht hatte, als Adrian sagte: »Ich denke, mein lieber Junge, jetzt bin ich – dank Mrs. Richard« – und er verbeugte sich vor ihr mit einer ersten direkten Anerkennung ihrer Stellung, »in der Lage, deine Fragen zu beantworten.« Lucy durchzuckte ein Gefühl der Freude. »Ah!« sagte Richard und setzte sich bequem zurecht. »Zuerst also: der Pilger hat sein Taschenbuch verloren und hat sich bereden lassen, für den Finder eine Belohnung auszusetzen, die ihn für sein Leben sicher stellen würde. Benson – der unübertreffliche Benson – hat Raynham den Rücken gedreht. Man nimmt an, daß dieser letzte überlebende Anhänger des Systems vollständig von den Frauen in den Schatten gestellt worden ist. »Benson ist fort!« rief Richard. »Wie furchtbar lange erscheint es, daß ich von Raynham fort bin!« »Es ist auch sehr lange, meine lieber Junge. Die Flitterwoche sind wie Mahomets Minuten; oder sagen wir, wie des Persischen Königs Wassereimer, von dem du in der Geschichte gelesen hast: du tauchst deinen Kopf hinein, und wenn du ihn wieder heraus ziehst, hast du 436 ein Leben durchlebt. Um mich kurz zu fassen: Onkel Algernon streift noch immer herum auf der Suche nach dem Verlorenen – ich sollte vielmehr sagen, er humpelt herum. Onkel Hippias hat ein neues und sehr beunruhigendes Symptom; der Hochzeitskuchen hat sich in seiner Nase festgesetzt. Seit du ihm dein großmütiges Geschenk gemacht hast – er erklärt zwar, er hätte keinen Bissen davon gegessen – leidet er unter der quälenden Vorstellung, daß seine Nase enorm gewachsen wäre, und ich versichere dich, er entwickelt eine ganz mädchenhafte Schüchternheit, wenn er ihr nachgehen soll – zum Beispiel durch eine Türe. Er beklagt sich über ihr furchtbares Gewicht. Ich habe mir gedacht, daß Benson vielleicht unsichtbar drauf sitzt. Seine Hand und die Hand des Doktors untersuchen sie stündlich, aber ich fürchte, sie wird dadurch nicht kleiner werden. Der Pilger hat einen neuen Aphorismus davon abgeleitet: daß nämlich die Größe nur eine Sache der persönlichen Meinung sei.« »Der arme Onkel Hippy!« sagte Richard. »Ich wundere mich, daß er nicht an Zauberei glaubt. Nichts Übernatürliches kann den wunderbaren Empfindungen gleich kommen, an die er glaubt. Guter Gott! wenn man sich vorstellt, wie ein Mensch so weit kommen kann!« »Er tut mir wirklich sehr leid,« behauptete Lucy, »aber ich kann nicht anders, ich muß lachen.« Reizend klang ihr melodisches Lachen dem weisen Jüngling. »Der Pilger ist deiner Meinung, Richard. Wem käme er nicht zuvor? Chronische Dyspepsie, sagte er, ist ein Werkzeug der Einbildungskraft! und er sagt den Jahrhunderten, die an Zauberei glaubten, nach, daß sie an allgemeiner Verdauungsschwäche gelitten hätten, was auch der Fall gewesen sein mag, dank ihrer schrecklichen Kochkünste. Er sagt außerdem, wie du dich entsinnen wirst, 437 daß unser eignes Jahrhundert durch Dyspepsie in Dunkelheit und Unwissenheit zurückfällt. Er verlegt den Sitz der Weisheit in das Zentrum unsers Körpersystems, Mrs. Richard, und Sie werden deshalb verstehen, wie sehr ich mich Ihnen augenblicklich verpflichtet fühle für die besondere Sorgfalt, die Sie mir haben angedeihen lassen.« Richard sah Lucys kleinen Triumph und schrieb Adrians Unterwerfung ihrer Schönheit und Lieblichkeit zu. Sie hatte in letzter Zeit in dieser Hinsicht sehr viele Komplimente erhalten und sich nichts daraus gemacht, und Adrians Anerkennung einer praktischen Eigenschaft war der jungen Frau viel angenehmer, denn sie war klug genug, um zu erraten, daß in dem Kampfe, den sie jetzt zu kämpfen hatte, ihre Schönheit ihr nicht viel helfen würde. Als Adrian fortfuhr über die große Tugend einer weisen Kochkunst zu sprechen, fiel es ihr plötzlich ein: Wo war Mrs. Berrys Buch geblieben? »Das ist also alles, was von zu Hause zu erzählen ist?« sagte Richard. »Alles,« erwiderte Adrian. »Oder warte mal: weißt du, daß Klara heiraten wird? Nicht? Deine Tante Helen –« »Ach, zum Henker mit Tante Helen! Weißt du, was sie die Unverschämtheit gehabt hat, an mich zu schreiben – aber reden wir nicht davon! Heiratet sie Ralph?« »Deine Tante Helen, wollte ich sagen, mein lieber Junge, ist eine außerordentliche Frau. Durch sie hat der Pilger zuerst gelernt, die weiblichen Wesen als praktische Tiere zu bezeichnen. Er studiert uns alle, wie du weißt. Das Manuskript des Pilgers ist eine abstrakte Schilderung der ihn umgebenden Verwandtschaft. Tante Helen also – da ihr kleiner Lieblingsplan mit Klara mißlungen war – man hätte es bei ihr auch ein System nennen können – mit dem sie sich ungefähr zehn oder 438 fünfzehn Jahre abgegeben hat – statt sich nun zu ärgern, wie es ein Mann wohl tun würde, und die Vorsehung zur Verantwortung zu ziehen, und sich selbst und allen andern das Innerste nach außen zu kehren und die ganze Welt auf den Kopf zu stellen – was tut dieses praktische Geschöpf? Sie wollte Klara an jemand verheiraten, an den sie sie nicht verheiraten konnte, so entschließt sie sich statt dessen, sie an jemand zu verheiraten, an den sie sie verheiraten kann; und da alte Herren auf diese Veranstaltungen der praktischen Geschöpfe am bereitwilligsten eingehen, hat sie sich an einen alten Herrn herangemacht, ein unverheirateter alter Herr, ein reicher alter Herr, und nun ein eingefangener alter Herr. Die Feierlichkeit wird in ungefähr einer Woche stattfinden, du wirst ohne Zweifel in ein oder zwei Tagen deine Einladung erhalten.« »Und diese kaltherzige, elende Klara hat eingewilligt einen alten Mann zu heiraten?« stöhnte Richard. »Der Sache werde ich ein Ende machen, wenn ich zur Stadt komme.« Richard stand auf und schritt durch das Zimmer. Dann fiel es ihm ein, daß es Zeit wäre an Bord zu gehen und seine Vorbereitungen zu treffen. »Ich muß fort,« sagte er. »Adrian, du wirst Lucy begleiten Sie fährt auf der ›Kaiserin‹, Mountfalcons Schiff. Er gibt uns das Zeichen zum Starten. Es ist ein kleiner Schoner, ein wunderschönes Schiff! Ich muß mir einmal ein ähnliches anschaffen. Lebwohl, Liebling!« flüsterte er Lucy zu und seine Hände und Augen konnten sich nicht von ihr trennen, und die ihren nicht von ihm, sie suchten einen Ersatz für den kostbaren Kuß, den sie sich versagen mußten. Dann sah sie schnell von ihm fort, als er sie noch länger halten wollte. Adrian stand schweigend dabei. Seine Augenbrauen waren in die Höhe gezogen 439 und sein Mund unschlüssig zusammengekniffen. Endlich sprach er: »Ich soll aufs Wasser?« »Ja. Es ist nur bis St. Helen. Eine kurze, scharfe Fahrt.« »Mißgönnst du mir denn die Nahrung, die mein armes Körpersystem soeben empfangen hat, mein Sohn?« »Ach zum Henker mit deinem Körpersystem! Setz' deinen Hut auf und komm'. Ich werde euch in meinem Boot an Bord bringen.« »Richard! Ich habe schon die Buße entrichtet, die denjenigen auferlegt wird, die verurteilt sind auf eine Insel zu kommen. Ich will mit dir bis zum Strande gehen und ich werde dich dort wieder treffen, wenn du zurückkommst, und werde mir die Geschichte der Tritonen erzählen lassen: aber selbst wenn ich dadurch auf das Vergnügen verzichten muß, Mrs. Richards Gesellschaft zu genießen, ich weigere mich das Land zu verlassen.« »Ja, ach, Mr. Harley!« Lucy machte sich von ihrem Gatten los, »und ich bleibe bei Ihnen, wenn es Ihnen recht ist. Ich möchte gar nicht unter all die Leute gehen, und wir können alles ebenso gut von der Küste aus sehen. Liebster, ich möchte nicht gehen. Es ist dir doch nicht unangenehm? Natürlich werde ich gehen, wenn du es wünscht, aber ich möchte sehr viel lieber bleiben,« und sie verlängerte die Bitte durch Blick und Haltung, um die Unzufriedeuheit zu verscheuchen, die, wie sie erkannte, bei ihm aufkam. Adrian meinte, sie sollte lieber gehen, er könnte sich bis zu ihrer Rückkehr sehr gut selbst amüsieren und so weiter – aber sie hatte Pläne in ihrem hübschen Kopf und blieb dabei, daß sie lieber bleiben würde, trotz Lord Mountfalcons Enttäuschung, auf die Richard hinwies, und trotz der großen Gefahr ihren Liebsten zu kränken, 440 die sie wohl erkannte. Richard schmollte und blickte Adrian verächtlich an, er gab widerstrebend nach. »Tu' was du willst. Und mach' dich bereit heute Abend abzureisen. Nein, ich bin nicht ärgerlich.« – Wer hätte es sein können? schien er Adrian zu fragen, als er von ihrer schüchternen Zärtlichkeit aufblickte. Er suchte sich durch einen Kuß auf ihre Stirn zu entschädigen, wodurch aber der Schatten von Verdruß, den er empfand, nicht gleich zerstreut wurde. »Wahrhaftig!« rief er, »solch ein Tag wie heute, und der Mensch weigert sich aufs Wasser zu kommen! Na, komme wenigstens bis zum Strand.« Adrians engelhaftes Wesen hatte sich in seinen Augen ganz verloren. Er dachte gar nicht daran, die gegebenen Verhältnisse nach besten Kräften auszunützen, aber jemand anderes dachte daran und diese schöne andere hatte in wenigen Stunden einen ganz wunderbaren Erfolg. Sie brachte Adrian zu der Überzeugung, daß sich die Familienverwirrung sofort lösen würde, sobald der Baron sie nur sähe. Er kam in einzelnen Abstufungen zu dieser Überzeugung: aber die Abstufungen folgten einander sehr rasch. Ihr Wesen gefiel ihm: sie war sicherlich hübsch anzusehen: was das beste war, sie war vernünftig. Er vergaß bei ihr die Nichte des Bauern – sie war so sehr vernünftig. Sie schien wirklich zu verstehen, daß es die Pflicht einer Frau wäre, kochen zu können. Aber die Schwierigkeit war, mit welchen Mitteln konnte der Baron dazu gebracht werden sie zu sehen. Er hatte noch nicht eingewilligt seinen Sohn zu sehen, und Adrian, von Lady Blandish dazu angetrieben, hatte durch sein Herkommen etwas gewagt. Er hatte nicht den Wunsch, noch mehr zu wagen. Der kurze Kampf in ihm endete damit, daß er beschloß, alles der Zeit zu überlassen. Die Zeit würde alles zurecht bringen. Die 441 Christen sowohl wie die Heiden haben die Gewohnheit sich durch diese Phrase zu entschuldigen, wenn sie die Arme untätig kreuzen, »und sie vergessen dabei,« sagt das Manuskript des Pilgers, »daß die Kobolde des Teufels sich auf einen solchen Waffenstillstand nicht einlassen.« Als sie mit ihrem amüsanten Begleiter an der Küste entlang schlenderte, hatte Lucy an vielerlei zu denken. Da war zuerst ihres Lieblings Wettsegeln. Lord Mountfalcon hatte von Bord der »Kaiserin« aus den Jachten durch einen Pistolenschuß das Zeichen zum Starten gegeben und ihr kleines Herz schlug für Richards straffgespannte Segel. Dann das seltsame Gefühl, mit einem Verwandten von Richard spazieren zu gehen, mit einem, der so lange Zeit mit ihm zusammen gelebt hatte. Und dann der Gedanke, daß sie vielleicht schon heute abend vor dem gefürchteten Vater ihres Gatten würde erscheinen müssen. »Ach, Mr. Harley!« sagte sie, »ist es wahr – müssen wir schon heute abend reisen? Und ich« – ihre Stimme zitterte, »wird er mich denn empfangen?« »Ach, das ist es grade, worüber ich mit Ihnen sprechen möchte,« sagte Adrian. »Der liebe Junge hat eine meiner Antworten etwas falsch aufgefaßt. Ich habe gesagt: ›Er wird dich sehen,‹ und er nahm an – aber Sie werden mich schon verstehen, Mrs. Richard. Augenblicklich würden es vielleicht noch ratsamer sein – wenn Vater und Sohn ihre Rechnung miteinander abgemacht haben werden, dann kann die Schwiegertochter keine Schuldnerin mehr sein.« Lucy hob ihre blauen Augen zu ihm auf. Ein etwas feiges Gefühl der Freude über die Aussicht auf den Aufschub der schrecklichen Zusammenkunft erleichterte ihr das Verständnis. »Ach, Mr. Harley! Sie meinen also, er solle zuerst allein gehen?« 442 »Ja, das ist meine Ansicht. Aber Tatsache ist, er ist ein solch vortrefflicher Gatte, daß mehr Überredungskunst, als ein Mann sie besitzt, dazu nötig sein wird, um ihn zum gehen zu bringen.« »Aber ich werde ihn schon davon überzeugen, Mr. Harley!« »Vielleicht, wenn Sie es würden . . .« »Es gibt ja nichts, was ich nicht für sein Glück tun würde,« murmelte Lucy. Der weise Jüngling drückte ihre Hand mit träger Zustimmung. Sie wanderten weiter, bis die Jachten um das Vorgebirge herumgesegelt waren. »Heute abend schon, Mr. Harley?« fragte sie mit unruhiger Stimme, nun da sie ihren Liebling nicht sehen konnte. »Ich zweifle daran, daß selbst Ihrer Beredsamkeit es gelingen könnte, ihn schon heute zur Abreise zu bewegen,« erwiderte Adrian galant. »Außerdem muß ich in meinem eignen Interesse reden. Die Überfahrt nach der Insel zu machen, ist für einen Tag genug. Es liegt gar keine Notwendigkeit zur Überstürzung vor, außer in der Vorstellung des stürmischen Jungen. Sie müssen ihm das abgewöhnen, Mrs. Richard. Männer sind dazu geboren sich leiten zu lassen, und die Frauen sind geboren zum leiten. Wenn sie ihn nun zum Beispiel wissen ließen, daß Sie heute abend nicht zu reisen wünschen, und wenn Sie ihn noch ein oder zwei Tage erraten ließen, daß Sie lieber nicht – – – Sie könnten ja eine besondere Abneigung heucheln. Wenn Sie es auf sich nehmen würden, sehen Sie, werden nicht solch schreckliche Anstrengungen nötig sein, ihn zu überzeugen. Sowohl sein Vater wie er müssen außerordentlich zart behandelt werden und sein Vater kann unglücklicherweise nicht direkt behandelt werden. Es ist ein seltsames Amt, das man Ihnen 443 aufbürden will, aber es scheint auf Sie zu fallen, den Vater durch den Sohn leiten zu müssen. Nachdem der verlorne Sohn Frieden geschlossen hat, kommen Sie, die die ganze Sache aus der Ferne geleitet hat, ganz von selbst in den Kreis des väterlichen Wohlwollens, da er weiß, was er Ihnen schuldig ist. Ich sehe keinen andern Weg. Wenn Richard vermutet, daß sein Vater sich augenblicklich weigert die Schwiegertochter zu empfangen, so werden die Feindseligkeiten fortgesetzt, die Kluft erweitert sich. Das Schlechte wird schlimmer, und ich sehe nicht ein, wie es enden soll.« Adrian sah sie an, als ob er fragen wollte: Bist du nun zu solchem Heroismus fähig? Und es erschien ihr sehr hart, Richard sagen zu müssen, daß sie vor einer Prüfung zurückschreckte. Aber der Vorschlag stand im Einklang mit ihrer Furcht und ihren Wünschen: sie hielt den weisen Jüngling für sehr weise: das arme Kind war seiner Schmeichelei gegenüber nicht unempfindlich und besonders nicht der feineren Schmeichelei gegenüber, daß sie sich gewissermaßen zum Opfer machen sollte für das Haus, dessen Frieden sie gestört hatte. Sie willigte ein ihre Rolle so zu spielen, wie Adrian es vorgeschlagen hatte. Der Sieg ist das gewöhnliche Erbteil des Helden, und als Richard mit der Nachricht nach Hause kam, daß die »Blandish« die »Begum« mit sieben dreiviertel Minuten geschlagen hatte, bekam er von seiner jungen Frau einen Glückwunsch und flüchtigen Kuß, ihre Finger blätterten aber weiter in Dr. Kitcheners Kochbuch, und sie erkundigte sich besorgt nach dem Wein. »Liebster! Mr. Harley will einige Zeit bei uns bleiben, und er meint, wir dürften nicht sofort reisen – das heißt nicht, ehe er noch Briefe bekommen hat, und ich fühle . . . ich würde so viel lieber . . .« 444 »Das ist's also, du Feigling!« sagte Richard. »Nun denn also morgen. Wir haben ein famoses Segeln gehabt. Hast du uns gesehen?« »Oh, ja! Ich sah dich, und war sicher, daß mein Liebling siegen würde.« Und wieder wurde er mit kaltem Wasser begossen durch ihre Sorge um den Wein. »Mr. Harley muß vom Besten haben, wie du weißt, und wir trinken doch niemals, und ich bin so dumm und verstehe nichts von Wein, und wenn du Tom schicken möchtest, wo er wirklich guten Wein bekommt.. Ich habe nach dem Essen zu sehen.« »Das war also der Grund, weshalb du mir nicht entgegen kamst?« »Verzeihe mir, Liebling.« »Ja, ich tue es schon, aber Mountfalcon nicht, und Lady Judith meinte, du hättest da sein sollen.« »Ach, aber mein Herz war bei dir!« Richard fühlte mit der Hand, wo das kleine Herz schlug, und sie senkte die Augenlider und lief fort. Es bedeutet viel, wenn man von dem Mittagessen sagen kann, daß Adrian nichts daran auszusetzen hatte und am Schluß der feierlichen Handlung sehr guter Laune war. Er machte auch den Wein nicht schlecht, den sie für ihn besorgt hatten, und das war auch sehr viel wert. Auch der Kaffee hatte die Ehre ohne weitere Bemerkungen vorüber zu gehen. Das waren tüchtige erste Schritte zur Eroberung eines Epikuräers, und bis jetzt hatte Cupido noch keine Veranlassung zu murren. Nach dem Kaffee schlenderten sie heraus, um den Sonnenuntergang von Lady Judiths Garten aus zu sehen. Der Wind hatte sich gelegt. Die Wolken hatten den Zenith verlassen und türmten sich amphitheatralisch über Land und See in leuchtenden, phantastischen Gestalten: riesenhafte, rosige Häupter und Körper erhoben 445 sich aus den Wogen und sahen dem scheidenden Sonnengotte nach. Da lag Briareus mit tief gefurchtem Körper und buschigen Brauen und streckte alle seine Hände aus nach unerreichbaren blauen Gipfeln. Im Nordwesten hatten die Wolken einen weißen Glanz, als ob sie dem Mond entgegenleuchteten, und im Westen schossen bernsteingelbe Strahlen von der sinkenden Sonnenscheibe und vermischten sich mit dem dunkeln Rot der Höhe. »Was Sandoe die Passionsblume des Himmels nennen würde,« sagte Richard halblaut zu Adrian, der griechische Hexameter fröhlich vor sich hinsummte und eine Caesur machend antwortete: »Er hätte eben so gut Blumenkohl sagen können.«. Lady Judith, mit einem schwarzen Spitzenschleier um den Kopf, kam ihnen entgegen. Sie war groß und dunkel: dunkelhaarig, dunkeläugig, lieblich und einnehmend in Stimme und Benehmen. »Eine zweite Lady Blandish,« dachte Adrian. Sie begrüßte ihn wie jemand, der Anspruch auf ihre Liebenswürdigkeit hätte. Sie küßte Lucy herablassend und wandte sich, indem sie eine Bemerkung über die wunderbare Abendbeleuchtung machte, an Richard. Adrian und Lucy fanden sich zusammen und gingen hinter ihnen. Die Sonne war unter. Der ganze Himmel war in Glut getaucht und Richards Phantasie entflammt. »Sie sind also nicht berauscht durch den ungeheuren Triumph, den Sie heute morgen gefeiert haben?« sagte Lady Judith. »Lachen Sie mich nicht aus. Wenn es vorüber ist, schäme ich mich, daß ich so viel Mühe darauf verwendet habe. Blicken Sie doch auf diese Pracht! – Sie verachten mich doch sicherlich deshalb.« »War ich denn nicht da, um Ihnen Beifall zu klatschen? Ich meine nur, daß solche Energie in einen 446 bestimmten nützlichen Kanal gelenkt werden sollte. Aber Sie dürfen nicht in die Armee eintreten.« »Was bleibt mir anderes übrig?« »Sie sind für soviel Besseres geeignet.« »Ich kann nie das werden, was Austin ist.« »Nein, aber ich denke, Sie können mehr.« »Ich danke Ihnen, daß Sie so denken, Lady Judith. Etwas werde ich tun. Ein Mann muß sich sein Recht am Leben verdienen, wie Sie sagten.« »Saucen,« hörte man Adrian deutlich hinter ihnen sagen, »Saucen sind der Gipfelpunkt dieser Wissenschaft. Eine Frau, welche diese Kunst beherrscht, ist auf dem Höhepunkt der Zivilisation.« Die Wolkenriesen färbten sich dunkler nach der See zu. Der ganze Westen war in brennendes Rot getaucht. »Wie kann ein Mann solch einen Anblick genießen und müßig bleiben,« nahm Richard das Gespräch wieder auf. »Ich fühle mich beschämt, wenn ich von meinen Leuten verlange, daß sie für mich arbeiten. – Ja, ich schäme mich jetzt.« »Doch nicht, wenn Sie mit der ›Begum‹ um die Wette segeln. Es ist gar nicht nötig, daß Sie Demokrat werden, wie Austin. Schreiben Sie jetzt?« »Nein, was ist mein Schreiben wert? Ich täusche mich nicht darüber. Ich weiß, daß es nur zur Entschuldigung vor mir selbst dient, wenn ich müßig bleibe. Ich habe keine Zeile geschrieben, seit – kürzlich.« »Weil Sie so glücklich sind.« »Nein, nicht deswegen. Natürlich bin ich sehr glücklich . . .« er ließ den Satz unvollendet. Ein unbestimmter, noch ungeformter Ehrgeiz war an Stelle der Liebe getreten. Kein wissenschaftlich gebildeter Menschenkenner war zur Hand, um die Entwicklung zu studieren und zu leiten. Diese Dame konnte man kaum 447 für den richtigen Führer für die noch ungeteilten Kräfte der Jugend halten, aber sie hatten sich auf diesen Boden mit einander gestellt. Sie war fünf Jahre älter als er, und sie war eine Frau, was ihre heitere Anmaßung erklären mag. Die Wolkenriesen hatten sich aufgelöst, eine kräftige Schulter des Riesen verschwamm über den Horizont. »Wir wollen jedenfalls in der Stadt zusammen arbeiten,« sagte Richard. »Warum können wir nicht in der Nacht zusammen ausgehen und die Leute aufsuchen, denen wir helfen könnten?« Lady Judith lächelte und wies seine Torheit nur zurecht, indem sie sagte: »Ich glaube, wir dürfen nicht zu romantisch sein. Sie werden, wie ich vermute, als fahrender Ritter handeln. Sie haben alle Charaktereigenschaften dazu.« »Besonders beim Frühstück,« klang dazwischen Adrians unnötig nachdrückliche gastronomische Lehrstunde für die junge Frau. »Sie müssen unser Kämpfer werden,« fuhr Lady Judith fort, »der Befreier und Beschützer unglücklicher Frauen und Jungfrauen. Es fehlt uns sehr an einem.« »Das glaube ich,« sagte Richard ernsthaft, »nach allem, was ich höre: nach allem, was ich weiß!« Und seine Gedanken flogen mit ihm fort, und als fahrender Ritter hörte er sich mit grellen Tönen von Frauen und Jungfrauen zu Hilfe rufen in besonderen kritischen Augenblicken. Bilder von luftigen Türmen umspielten ihn. Seine Phantasie führte wunderbare Taten aus. Die Türme zerfielen. Die Sterne wurden größer und schienen in ihrem Glanze zu zittern. Seine Phantasie zerfiel mit den Türmen, sein Herz machte einen Satz, er wandte sich an Lucy. »Mein Liebling, was tust du die ganze Zeit?« und als 448 ob er sie für seine kleine Fahrende-Ritter-Untreue entschädigen müßte, drückte er sich zärtlich an sie. »Wir hatten eine entzückende Unterhaltung über Haus und Küche,« bemerkte Adrian. »Über Kochen! an solch einem Abend!« sein Gesicht glich dem des armen Hippias, als ihm der Hochzeitskuchen angeboten wurde. »Aber Lieber, du weißt doch, daß das sehr nützlich ist,« verteidigte sich Lucy fröhlich. »Natürlich, Sie haben recht, Kind,« sagte Lady Judith, »und ich denke, Sie dürften eher uns auslachen. Ich werde sicherlich auch eines Tages kochen lernen.« »Damit haben Sie die Mission der Frauen in wenigen Worten bezeichnet,« rief Adrian. »Und bitte, welches ist denn die Mission des Mannes?« »Das Gekochte zu schmecken und sich darüber zu äußern.« »Dann wollen wir es ihnen überlassen,« sagte Lady Judith zu Richard, »Sie und ich werden es nie fertig bekommen, eine solche wundervolle Harmonie herzustellen.« Richard schien vollkommen bereit zu sein für das schöne Antlitz, für seinen bräutlichen Stern jetzt alles zu lassen. Am nächsten Morgen mußte Lucy wieder die Ängstliche spielen, und das Herz tat ihr weh, als sie sah, wie sehr es ihn betrübte, daß sie zögern konnte, mit ihm zu seinem Vater zu gehen. Er war geduldig und sanft mit ihr, er setzte sich neben sie und versuchte sie mit Vernunftgründen zu gewinnen und führte alle Gründe an, die ihm nur einfielen, um sie zu überzeugen. »Wenn wir zusammen gehen, und er uns beide sieht – wenn er sieht, daß er gar keine Veranlassung hat, sich deiner zu schämen – sondern nur Veranlassung hat, stolz auf dich zu sein, wenn du ihm nur nahe bist, dann brauchst du kein Worten sagen, und ich bin sicher, so gewiß, wie ich 449 lebe – in einer Woche werden wir alle glücklich in Raynham unsere Heimat gefunden haben. Ich kenne meinen Vater so gut, Lucy. Keiner kennt ihn außer mir.« Lucy fragte, ob denn Mr. Harley ihn nicht gut kennte. »Adrian? Ganz und gar nicht. Adrian kennt immer nur eine Seite der Menschen; und nicht immer die beste.« Lucy war geneigt, eine höhere Meinung von dem Gegenstand ihrer Eroberung zu haben. »Hat er dich furchtsam gemacht, Lucy?« »Nein, nein, Richard! Ach gewiß nicht!« rief Lucy und sah ihn um so zärtlicher an, da sie nicht ganz aufrichtig war. »Er kennt meinen Vater gar nicht,« sagte Richard. Aber Lucy hatte eine andere Meinung von dem weisen Jüngling und hielt sie im stillen aufrecht. Sie konnte nicht dahin gebracht werden, sich den Baron als einen Mann vorzustellen, in menschlicher Gestalt, großmütig, verzeihend, voll leidenschaftlicher Liebe in seinem Herzen, wie Richard ihn darzustellen suchte und wie er ihn sich auch dachte, jetzt, da er durch Adrians Kommen ihn wieder sah. Für sie blieb er die schreckliche, von mitternächtlichem Dunkel umkleidete Gestalt. »Warum bist du so hart?« hörte sie Richard mehr als einmal ausrufen. Sie war davon überzeugt, daß Adrian recht hätte. »Gut, dann sage ich dir, daß ich ohne dich nicht gehen werde,« sagte Richard und Lucy bat um einen kleinen Aufschub. Jetzt fing Cupido an zu grollen, und mit Recht. Adrian weigerte sich entschieden auf das Wasser zu gehen, so lange dieses Element nicht so glatt wäre wie ein. Spiegel. Der Südwind machte über solch einen Vergleich seine geräuschvollen Scherze; es waren prächtige Tage; Richard hatte Verabredungen zum Segeln und Lucy bat immer darum zurückbleiben zu dürfen, um Adrian 450 Gesellschaft zu leisten, da sie das für ihre Pflicht als Wirtin hielt. Mit Adrian über diesen Punkt vernünftig zu reden, war ausgeschlossen. Wenn Richard darauf anspielte, daß er es wäre, der Lucy zurückhielte, pflegte der weise Jüngling zu sagen: »Es ist eine sehr gesunde Unterbrechung für dein außerordentlich verliebtes Benehmen, mein lieber Junge.« Richard fragte seine Frau, worüber sie denn noch immer miteinander zu sprechen hätten. »Über allerlei,« sagte Lucy, »nicht nur über Kochen. Er ist so amüsant, obgleich er sich über das Manuskript des Pilgers lustig macht, was er nicht tun sollte. Und dann, weißt du, Liebling – wirst du mich auch nicht für eitel halten? – Ich glaube er fängt an, mich ein bißchen gern zu haben.« Richard lachte über den bescheidenen Sinn seiner Schönheit. »Liebt und bewundert dich denn nicht jeder? Tun es nicht Lord Mountfalcon und Mr. Morton und Lady Judith?« »Ja, aber er ist einer von deiner Familie, Richard.« »Und sie werden es alle tun, wenn die kleine Frau nur kein Feigling ist.« »Ach, nein!« seufzt sie und läßt sich schelten. Die Eroberung eines Epikuräers oder irgend eine sonstige Eroberung einer junger Frau, die über die Eroberung ihres Gatten hinausgeht, wie ehrlich sie auch zu ihrem beiderseitigen Glück geplant sein mag, kann ihr teuer zu stehen kommen. Richard kam in seiner Aufregung sehr viel mit Lady Judith zusammen. Er fragte sie nach ihrer Meinung über das, was er Lucys Feigheit nannte. Lady Judith sagte: »Ich glaube, daß sie unrecht hat, aber Sie müssen es lernen mit kleinen Frauen Nachsicht zu haben.« 451 »Würden Sie mir denn raten, allein zu reisen?« fragte er mit bewölkter Stirne. »Was können Sie anders tun? Versöhnen Sie sich persönlich, so schnell Sie können. Sie können sie doch nicht wie eine Gefangene mitschleppen.« Es ist für einen jungen Ehemann, der sich einbildet, daß seine Frau die unvergleichlich schönste Blume der Schöpfung ist, nicht angenehm, wenn er erfährt, daß er mit der kleinen Frau in ihr Nachsicht haben muß. Es widerstrebte Richard. »Was ich fürchte,« sagte er, »ist, daß mein Vater mit mir alles glatt machen, sie aber nicht anerkennen wird; so daß ich sie jedesmal werde zurücklassen müssen, wenn ich zu ihm gehe, und ein solches Hin und Her – ein schrecklicher Zustand, wie ein Ball auf dem Billardtisch. Ich will die Schande nicht ertragen. Und das weiß ich! das weiß ich! sie könnte es verhindern und sogleich, wenn sie nur Mut haben und der Sache entgegengehen wollte. Sie, Sie Lady Judith, Sie würden nicht feige sein!« »Wo mein alter Herr wünscht, daß ich hingehe, da gehe ich hin,« erwiderte die Dame kühl. »Darin liegt nicht viel Verdienst. Bitte führen Sie mich nicht zum Beispiel an. Die Frauen sind, wie Sie wissen, von Natur feige.« »Ich liebe aber die Frauen, die nicht feige sind.« »Das kleine Ding – Ihre Frau hat sich doch nicht geweigert zu gehen?« »Nein – aber Tränen! Wer kann Tränen widerstehen?« Lucy war bis zu Tränen gekommen. Da er nicht daran gewöhnt war, daß man seinen Willen durchkreuzte, und da er dringend war, wo er das, was geschehen mußte, so deutlich erkannte, hatte der junge Ehemann harte Worte gesprochen, und sie, die wußte, daß sie ihr Leben zollweise für ihn hingeben würde, die wußte, daß 452 sie um seines Glückes willen eine Rolle spielte, und um seinetwillen die Eigenschaften verbergen mußte, die seiner Achtung wert gewesen wären, die arme kleine Märtyrerin war einen Augenblick schwach geworden. Adrian unterstützte sie. Der weise Jüngling fühlte sich sehr behaglich. Die Luft der Insel sagte ihm zu und es sagte ihm zu, verwöhnt zu werden. »Eine nette kleine Frau! eine sehr nette kleine Frau!« hörte ihn Tom Bakewell nach seiner Gewohnheit vor sich hinmurmeln; und seine ziemlich wohlwollende Schützermiene, wenn er neben der unschuldigen Schönheit ging oder saß, mit zurückgeworfenem Haupte und einem Lächeln, das immer mit seinem vortretenden Bäuchlein in geheimem Einverständnis zu sein schien, zeigte, daß sie zum Teil das erreicht hatte, um derentwillen sie ihre Rolle spielte. Weise Jünglinge, die ihre Lieben mit Geld bezahlen, sind nicht abgeneigt, wenn sich die Gelegenheit bietet den Versuch zu machen, das Erwünschte auch einmal für nichts zu erlangen. Untersuchungen ihrer Hand aus irgend einem geheimen Grunde, ein salbungsvolles Streicheln der Hand kamen nicht selten vor. Adrian wurde dann und wann anakreontisch in seinen Komplimenten. Lucy pflegte dann zu sagen: »Das ist noch schlimmer als Lord Mountfalcon.« »Geben Sie wenigstens zu, daß es in besseren Worten geschieht, als der edle Lord anzuwenden geruht?« meinte Adrian. »Er ist sehr liebenswürdig,« sagte Lucy. »Allen gegenüber, nur nicht gegen unsere schöne Sprache,« fügte Adrian hinzu. »Er scheint darin einen Rivalen für seine Würde zu fürchten.« Vielleicht fürchtete Adrian einen Rivalen für seine trägen Gefühle. »Wir fühlen uns hier in ausgezeichneter Gesellschaft 453 sehr wohl,« schrieb er an Lady Blandish. »Ich muß zugeben, daß unser Wilder sehr viel Glück gehabt hat, oder einen hervorragenden Instinkt. Mit blindem Zugreifen hat er eine passende Gefährtin gefunden. Sie versteht es einen Lord anzusehen und für einen Epikuräer zu kochen. Außer Dr. Kitchener liest sie noch das Manuskript des Pilgers und spricht darüber. Das Kapitel ›Liebe‹ gefällt ihr natürlich besonders. Das Bild der Frau, das ›Ehrfurcht gezeichnet und dem Liebe die Farben verliehen hat‹, findet sie sehr schön, wiederholt es und macht dazu hübsche Augen. Auch das Gebet des Liebenden: ›Gib mir Reinheit, damit ich würdig sei des Guten in ihr, und gewähre ihr Geduld, damit sie zu dem Guten in mir empordringt.‹ Es ist sehr anziehend, wenn sie das flüstert. Sie können versichert sein, daß ich das Gebet wiederhole! Ich lasse sie ihre Lieblingsstellen mir vorlesen. Sie hat keine häßliche Stimme. Die Lady Judith, die ich erwähnte, ist Austins Miß Menteith, die einen schwachsinnigen Lord Felle geheiratet hat. Lord Mountfalcon ist sein Vetter – und was er von ihr ist – weiß ich nicht! Sie hat versucht es herauszufinden, aber sie sind beide über ihr Erstaunen hinweggekommen, und benehmen sich nun demgemäß, er als der zurechtgewiesene schlechte Mann, sie als die keusche Ratgeberin, in welchem Verhältnis unser junges Paar sie gefunden und zufälligerweise die Gefahren zerstreut hat. Sie hatten sie ganz in die Hand genommen. Lady Judith hatte es unternommen, die schöne Papistin von der hübschen kleinen Angewohnheit zu kurieren, zu erröten und die Stirne zu runzeln, wenn sie angeredet wird, und Seine Lordschaft leitet die überströmende Kraft des unverdorbenen Mannes. So erfüllen wir unser Geschick und sind zufrieden. Manchmal tauschen sie die Zöglinge: der Lord erzieht die kleine Dame und Lady Judith die 454 Hoffnung von Raynham. Glück und Segen ihnen allen! wie die deutschen Dichter singen. Lady Judith hat die Hand des altersschwachen Lords genommen, um ihren Mitmenschen wirksam helfen zu können. Sie wissen, Austin setzt große Hoffnungen auf sie. Ich habe zum erstenmal in meinem Lebenslaufe eine Gesellschaft von Lords zum Studium. Ich glaube, es ist nicht ohne Bedeutung, daß ich durch die Nichte eines Bauern bei ihnen eingeführt worden bin. Die Sprache dieser beiden sozialen Extreme ist die gleiche. Ich finde, daß sie in einem instinktiv verschwenderischen Gebrauch von Vokalen und Adjektiven besteht. Der Lord und Farmer Blaize sprechen dieselbe Sprache, obgleich die Sprache des Lords ihre Kraft verloren hat und matt klingt, wenn auch fließend. Ihre Beschäftigungen sind auch dieselben, nur daß der eine Geld hat, oder, wie der Pilger sich ausdrücken würde, Vorteile und der andere nicht. Ihre Ideen scheinen darin einander verwandt zu sein, daß sie die Eigentümlichkeit haben da stehen zu bleiben, wo sie angefangen haben. Der junge Tom Blaize – mit den Vorteilen – würde Lord Mountfalcon sein. Selbst in dem Charakter ihrer Parasiten sehe ich eine Ähnlichkeit, obgleich ich zugeben muß, daß der ehrenwerte Peter Brayder, der Parasit des Lords, durchaus unschädlich ist. Das klingt furchtbar demokratisch. Bitte, beunruhigen Sie sich nicht. Die Entdeckung der Verwandtschaft zwischen den beiden extremsten Zweigen der königlichen, britischen Eiche hat mich doppelt konservativ gemacht. Ich verstehe jetzt, daß die nationale Liebe zu einem Lord nicht so sehr Unterwürfigkeit ist, als vielmehr eine Form der Selbstliebe, als wenn wir sozusagen unserm eignen Bildnis einen Hut mit Goldtresse geben, um uns davor zu verneigen. Ich erkenne auch die wunderbare Weisheit unsers Systems: – könnte man ein schöneres 455 Gleichgewicht der Macht herstellen, als in einem Gemeinwesen. in dem Männer, die geistig nichts sind, die gesetzmäßigen Vorteile und den goldenen Tressenhut haben? Wie beruhigend ist es für den Verstand – den edlen Rebellen, wie ihn der Pilger nennt – zu stehen und sich zu verneigen und dabei von seiner eignen Überlegenheit überzeugt zu sein! Dieser vortreffliche Ausgleich stellt ein harmonisches Gleichgewicht her: wohingegen die Periode, die der Pilger voraussagt, wenn die Wissenschaft eine intellektuelle Aristokratie geschaffen haben wird, schrecklich auszudenken ist. Denn welcher Despotismus kann schlimmer sein, als der, den der Verstand nicht anfechten kann? Das wird ein eisernes Zeitalter werden. Und deshalb rufe ich, verehrte Frau, und werde fortfahren zu rufen: Es lebe Lord Mountfalcon! Lang möge er seine Burgunder schlürfen. Lange mögen die Speckesser ihn auf ihren Schultern tragen! Mr. Morton, (der mir die Ehre antut, mich den jungen Mephisto zu nennen und einen mißlungenen Sokrates) verläßt uns morgen, um den jungen Ralph aus seiner Klemme zu befreien. Unser Richard ist grade zum Mitglied eines Klubs zur Beförderung der Seekrankheit ernannt worden. Ist er glücklich? fragen Sie. So glücklich, wie jemand sein kann, der das Unglück gehabt hat, das zu erlangen, was er sich wünschte. Geschwindigkeit ist jetzt seine Leidenschaft. Er stürmt von einem Punkt zum andern. Im Wettbewerb mit Leander und Don Juan ist er, wie ich höre, neulich nach der gegenüber liegenden Küste geschwommen, oder hat irgend eine solche welterschütternde Heldentat ausgeführt: er selbst war der einzige Hero–s, den er getroffen hat: oder wie einige sagen: seine Hero war ein Bett. Eine hübsche kleine häusliche Szene ereignete sich heute morgen. Er findet sie in dem Feuer seiner Zärtlichkeit zerstreut, sie 456 wird schüchtern und sucht die Einsamkeit: grüne Eifersucht erfaßt ihn: er verbirgt sich im Hinterhalt und entdeckt sie mit seinem neuen Rivalen – einer alten Ausgabe des Küchen-Doktors! Blind gegen des Doktors große nationale Verdienste, taub gegen ihr wildes Geschrei, ergreift er den Eindringling, zerstückelt ihn und läßt ihm die Behandlung angedeihen, die er selbst für Gurkensalat empfohlen hat. Tränen und Geschrei begleiten den Sturz des Gastronomen. Herab stürzt sie, um die geliebten Trümmer zu retten: er folgt: sie finden ihn, wie er sich getreu seinem Charakter niederfallend über ein Blumenbeet zu zerstreuen sucht. Doch ehe eine schönere Blume ihn wieder aufsammeln kann, tritt ihn eine Hacke wie die des Pluto in die Erde, Blumen und alles – glückliches Begräbnis! Ein gefühlvoller Tribut für sein Verdienst befeuchtet sein Grab, als vorbeischlendernd sich naht – Lord Montfalcon. ›Was ist los,‹ sagt Seine Lordschaft und glättet den Schnurrbart. Sie verschwinden, und es bleibt mir überlassen vom Fenster aus den Sachverhalt zu erklären. Mein Herr Lord sieht empört aus, Richard ist böse auf sie, weil er Grund hat sich zu schämen, die Schönheit trocknet ihre Augen und nach einer Pause allgemeiner Torheit werden die Beschäftigungen des Tages wieder aufgenommen. Ich will noch hinzufügen, daß der Doktor soeben wieder ausgegraben worden ist und daß wir in Abwesenheit des Feindes damit beschäftigt sind, den alten Äson mit Zauberfäden zu erneuern. Nebenbei bemerkt, hat ein katholischer Priester sie gesegnet.« Ein Monat war vergangen, seit Adrian diesen Brief geschrieben hatte. Er fühlte sich sehr behaglich und so meinte er natürlich, die Zeit würde ihre Schuldigkeit tun. Kein Wort sagte er von Richards Rückkehr, und aus verschiedenen Gründen sprachen auch Richard und Lucy nicht mehr davon. 457 Lady Blandish schrieb zurück: »Sein Vater glaubt, er hätte sich geweigert, zu ihm zu kommen. Nach Ihrem absoluten Stillschweigen über diesen Punkt, fürchte ich, daß es so ist. Bewegen Sie ihn dazu, daß er kommt. Bringen Sie ihn mit Gewalt. Bestehen Sie darauf, daß er kommt. Ist er toll? Er muß sofort kommen.« Hierauf erwiderte Adrian nach einem beschaulichen, trägen Zwischenraum von ein oder zwei Tagen, was man so auffassen konnte, als hätte er die Zeit dazu gebraucht, um Anstrengungen zu machen, den Rat der Dame zu erfüllen. Er schrieb: »Die Sache ist: der halbe Mann weigert sich zu kommen, wenn nicht der ganze Mann kommt. Die schreckliche Frage des Geschlechts ist unser Hindernis.« Lady Blandish war in Verzweiflung. Sie hatte nicht die ausgesprochene Sicherheit, daß der Baron seinen Sohn empfangen würde, die Maske ließ sie alle im Dunkeln; aber sie glaubte zu sehen, daß Sir Austin gereizt darüber wurde, daß der Schuldige nun, wo sich die Gelegenheit zu kommen und Frieden zu schließen für ihn eröffnet hatte, Tage und Wochen verstreichen ließ. Sie sah genügend durch die Maske, um nicht ohne Hoffnung zu sein, daß er einwilligen könnte das junge Paar jetzt zu empfangen: sie war sicher, daß seine Gleichmütigkeit nur angenommen war; aber sie drang nicht weiter vor, oder sie wäre erschreckt zurückgefahren und hätte sich gefragt: Ist dies das Herz einer Frau? Schließlich schrieb die Dame an Richard. Sie sagte: »Kommen Sie sogleich und kommen Sie allein.« Da gab Richard gegen sein eignes Urteil nach. »Mein Vater ist nicht der Mann, für den ich ihn gehalten habe!« rief er traurig und Lucy fühlte, wie seine Blicke sagten: »Und du bist auch nicht die Frau, für die ich dich gehalten habe!« Nichts konnte das arme, kleine Herz erwidern, sie 458 konnte sich nur eng an ihn schließen und in seinen Armen schlaflos beten, die ganze Nacht.   Fünfunddreißigstes Kapitel. Klaras Heirat. Drei Wochen nachdem Richard in der Stadt angekommen war, wurde Klara unter den Segenswünschen ihrer energischen Mutter und mit der Zustimmung der Verwandtschaft mit dem Manne verheiratet, der in aller Eile für sie ausgesucht worden war. Obgleich der Herr mehr als zweimal so alt war wie seine Braut, so dachte er doch nicht im entferntesten daran, in den vor ihm liegenden langen Ehejahren vorzeitig altersschwach zu werden. Von seinem Schneider und seinem Friseur unterstützt, machte er keine schlechte Figur am Altar, und niemand würde gedacht haben, daß er ein alter Verehrer von der Mama seiner Braut wäre, wie auch sicherlich niemand wußte, daß er erst kürzlich um Mrs. Doria angehalten hatte, noch ehe die Rede von ihrer Tochter war. Das waren Geheimnisse, und die elastische und fröhliche Art Mr. John Todhunters verriet ihn nicht am Altar. Vielleicht hätte er die Mutter lieber geheiratet. Er war ein Mann von Vermögen, guter Familie, genügend gebildet und hatte, als Mrs. Doria ihn zum ersten Male abwies, den Ruf ein Narr zu sein – den ein wohlhabender Mann in seiner Jugend wohl haben darf; aber als er weiter lebte und sein Geld nicht verschwendete, es im Gegenteil aufhäufte und nicht den Versuch machte ins Parlament zu kommen und andere negativ weise Dinge tat, änderte sich die öffentliche Meinung wie gewöhnlich vollständig, und John Todhunter wurde für einen schlauen 459 vernünftigen Mann gehalten – der nur nicht grade glänzend war, denn daß er glänzend wäre, konnte man wirklich nicht von ihm sagen. Der Mann konnte in der Tat kaum sprechen, und es war ein Glück, daß bei der Trauung keine improvisierten Äußerungen von ihm verlangt wurden. Mrs. Doria hatte ihre eignen Gründe, weshalb sie so eilig war. Sie hatte etwas von der seltsamen, teilnahmlosen Natur ihres Kindes entdeckt; nicht durch irgend welche Bekenntnisse von Klara, aber aus Anzeichen, die eine Mutter lesen kann, wenn sie nicht absichtlich die Augen schließt. Sie sah mit Angst und Sorge, daß Klara in die Grube gefallen war, die sie selbst mit so viel Mühe für sie gegraben hatte. Vergebens bat sie den Baron, die schimpfliche und wie sie meinte ungesetzliche Verbindung, die sein Sohn geschlossen hatte, zu lösen. Sir Austin wollte nicht einmal der armen Berry ihre kleine Pension entziehen. »Du wirst doch wenigstens das tun, Austin,« bat sie nachdrücklich. »Du wirst damit zeigen, was du von dem Benehmen der schrecklichen Frau hältst!« Er weigerte sich, irgend jemand zu opfern, um sie zu trösten. Da sagte Mrs. Doria ihre Meinung – und wenn eine aufs äußerste beleidigte, energische Frau schließlich dahin gebracht wird, diesen peinlich gehüteten Schatz preis zu geben, dann begnügt sie sich nicht mit schwachen Ausdrücken. Sein System und sein Benehmen im allgemeinen wurden ihm ohne weitere Zergliederung vorgeführt. Sie ließ ihn verstehen, daß die Welt über ihn lachte; und er hörte es von ihr zu einer Zeit, da seine Maske noch weich und biegsam war und noch durch seine Nerven bewegt werden konnte. »Du bist schwach, Austin! schwach, sage ich dir!« rief sie ihm zu, und wie alle ärgerlichen und egoistischen Leute fand sie es leicht das Kommende vorauszusagen. In ihrem Herzen machte sie ihn 460 verantwortlich für ihren eignen Fehler und legte ihm den Zusammenbruch ihrer Pläne zur Last. Der Baron ließ sie in Prophezeiungen einer schrecklichen Zukunft schwelgen und riet ihr dann ganz ruhig, sich künftig von ihm fern zu halten, was seine Schwester ihm versicherte jedenfalls tun zu wollen. Aber sich im Unglück ruhig zu verhalten, ist nicht die Art der Frauen. Beobachte das Geschlecht zu jeder Stunde. »Was für Revolutionen und Aufregungen werden nicht durch das kleine Instrument, die Nadel, von uns abgewendet,« sagt das Manuskript des Pilgers. Ach, daß im Unglück die Frauen nicht sticheln können! Nun, da sie erkannte, daß Klara etwas anders brauchte als Eisen, fiel es ihr ein, daß sie einen Mann haben und als verheiratete Frau sicher gestellt werden müsse. Das schien jetzt ihre Aufgabe, und wie sie ihr das Eisen aufgezwungen hatte, so zwang sie ihr jetzt den Gatten auf, und Klara würgte an dem letzteren, wie sie es bei dem ersteren getan hatte. An demselben Tage, an dem Mrs. Doria diesen neuen Plan gestaltet hatte, machte John Todhunter einen Besuch bei den Foreys. »Der alte John,« rief Mrs. Doria, »führen Sie ihn zu mir herauf. Ich habe etwas mit ihm zu sprechen.« Er war allein mit ihr. Er war ein Mann, den eine Unzahl Frauen geheiratet hätten – denn wen würden sie nicht heiraten? – und der jede präsentable Frau geheiratet hätte: aber Frauen müssen gefragt werden und John fand nie das rechte Wort. Die Eroberung eines solchen Mannes bleibt dem praktischen Geschöpf überlassen. So saß nun John allein mit seiner alten Flamme. Er hatte sich darein ergeben, sie immer klagen zu hören, und daß sie als klagende Witwe für seinen verdorbenen Rivalen lebte. Aber, ha! was bedeuteten diese sanften Blicke, die sie – auf ihn richtete? Sein Schneider und sein Friseur verliehen ihm Jugend, 461 aber sie besaßen nicht die Kunst ihn in irgend einer Weise bedeutend erscheinen zu lassen, und welchen unbedeutenden Mann würde eine Frau ansehen? John war ein ganz gewöhnlicher Mann, und aus diesem Grunde trockner Brennstoff für einen sanften Blick. Und nun sagte sie: »Es ist Zeit, daß Sie heiraten, John, und Sie sind ganz der Mann, der Führer und die Stütze für eine junge Frau zu sein. Sie haben sich gut konserviert – Sie sind jünger, als die meisten jungen Leute heutzutage. Sie sind hervorragend häuslich, ein guter Sohn und werden ein guter Ehemann und guter Vater werden. Irgend jemand müssen Sie heiraten. – Was meinen Sie, wenn Klara Ihre Frau würde?« Zuerst meinte John Todhunter, es würde ihm so vorkommen, als wenn er ein kleines Kind heiraten sollte. Er hörte aber zu und das genügte Mrs. Doria. Sie ging zu Johns Mutter und beriet mit ihr, ob es angängig wäre, ihre Tochter mit John zu verheiraten, da er den Wunsch danach geäußert hätte. Mrs. Todhunters Eifersucht auf irgend welche Kräfte, die ihren Einfluß auf ihren Sohn stören könnten, war, wie Mrs. Doria wußte, eine der Ursachen, weshalb John den Eindruck, den sie früher auf ihn gemacht, nicht überwunden hatte. Sie sprach so freundlich von John und legte so viel Nachdruck auf den gehorsamen Sinn und die geduldige Natur ihrer Tochter, daß Mrs. Todhunter anfing einzusehen, es wäre beinahe Zeit, daß ihr John sich nach einer Gefährtin umsähe, und daß er – wenn man alles in Erwägung zöge, kaum eine passendere finden könnte. Und das hörte John Todhunter – der nun nicht länger der alte John war – zu seinem Erstaunen, als er ein oder zwei Tage später darauf hinwies, daß seine Mutter wahrscheinlich Einspruch erheben würde. Die Partie wurde arrangiert. Mrs. Doria übernahm 462 die Werbung. Sie bestand darin, daß sie Klara mitteilte, daß sie nun in das Alter gekommen wäre, in dem eine Heirat wünschenswert wäre, und daß sie sich ein trübsinniges Wesen angewöhnt hätte, was den schlimmsten Einfluß auf ihr späteres Leben haben könnte, wie es schon jetzt einen schlechten Einfluß auf ihre Gesundheit und ihr Aussehen hätte, und daß ein Gatte das heilen würde. Richard wurde erzählt, Klara hätte sofort eingewilligt, Mr. John Todhunter zum Herrn ihrer Lebenstage anzunehmen, nicht nur aus Gehorsam – sondern mit fröhlicher Bereitwilligkeit. Als Richard mit Klara sprach, gab das merkwürdige, geduldige Geschöpf jedenfalls nicht zu, daß man ihren Neigungen Gewalt angetan hätte. Mrs. Doria erlaubte Richard mit ihr zu sprechen. Sie lachte über seine unnützen Bemühungen ihr Werk zu vernichten und die knabenhaften Gefühle, die er über den Gegenstand äußerte. »Laß uns sehen, Kind,« sagte sie, »was am besten ablaufen wird, eine Heirat aus Leidenschaft, oder eine Heirat aus gesundem Menschenverstand.« Es fehlte nicht an heroischen Anstrengungen, die Verbindung aufzuhalten. Richard fuhr verschiedene Male nach Hounslow, wo Ralph im Quartier lag, und wenn Ralph dazu hätte überredet werden können, eine junge Dame zu entführen, die ihn nicht liebte, und sie dem Bräutigam zu entreißen, den sie nach der Behauptung ihrer Mutter liebte, so hätte Mrs. Doria besiegt werden können. Aber der Ralph in der Kavallerie-Kaserne war kühler, als der Ralph auf den Wiesen in Bursley. »Frauen sind sonderbare Geschöpfe, Dick,« bemerkte er und strich seinen Schnurrbart nach rechts und nach links. »Man überläßt sie am besten ihren kindischen Einfällen. Sie ist ein liebes Mädel, obgleich sie nicht reden kann, ich habe sie grade deshalb gern. Wenn sie sich etwas aus mir machte, würde ich das Rennen mitmachen. Aber sie hat 463 es nie getan. Es hat keinen Sinn, ein Mädchen zweimal zu fragen. Sie weiß, ob sie sich was aus einem Kerl macht oder nicht.« Der Held verließ ihn voll Verachtung. Da Ralph Morton aber ein junger Mann war, und nach Richards Meinung John Todhunter ein alter, suchte er eine zweite persönliche Unterredung mit Klara und sagte, als er mit ihr allein war: »Klara, ich bin zu dir gekommen zum letzten Male. Willst du Ralph Morton heiraten?« Worauf Klara antwortete: »Ich kann doch nicht zwei Männer heiraten, Richard!« »Willst du dich weigern, diesen alten Mann zu heiraten?« »Ich muß tun, was Mama wünscht!« »Dann wirst du also einen alten Mann heiraten – einen Mann, den du nicht liebst und den du nicht lieben kannst! Ach, guter Gott, weißt du denn, was du tust?« Er fuhr zornig auf. »Weißt du, was das heißt? Klara!« er faßte heftig ihre beiden Hände, »hast du eine Ahnung von dem Schrecklichen, das du begehen willst?« Sie wich ein wenig zurück vor seiner Heftigkeit, aber sie errötete nicht und ihre Stimme zitterte nicht, als sie antwortete: »Ich kann nichts Unrechtes darin sehen, daß ich tue, was Mama für recht hält, Richard.« »Deine Mutter! ich sage dir, es ist eine Schande, Klara! Es ist eine elende Sünde. Ich sage dir, wenn ich so etwas getan hätte, ich würde keine Stunde länger leben wollen. Und dich kaltblütig darauf vorbereiten! dich mit deinen Kleidern beschäftigen! Als ich kam, sagten sie mir, du wärest bei der Putzmacherin. Zu lächeln bei der schrecklichen Schande! dich dazu schmücken! . . .« »Lieber Richard,« sagte Klara, »du machst mich sehr unglücklich.« 464 »Daß ein Mädchen aus meiner Familie so verderbt sein sollte!« rief er und fuhr ärgerlich über sein Gesicht. »Unglücklich! Denke doch an dich selbst, Klara! Aber ich glaube,« und er sagte es mit Hohn, »die Mädchen haben kein Gefühl für diese Schande.« Sie wurde etwas bleicher. »Nächst meiner Mutter möchte ich dir alles zu Gefallen tun, lieber Richard.« »Hast du denn keinen eignen Willen?« rief er aus. Sie sah ihn sanftmütig an, mit einem Blick, in dem er nur die Schwäche sah, die er in ihr verabscheute. »Nein, ich glaube, du hast keinen!« fügte er hinzu. »Und was kann ich tun? Ich kann nicht vortreten und diese verfluchte Heirat hindern. Wenn du nur ein Wort sagen wolltest, dann würde ich dich retten; aber du bindest mir die Hände. Und sie erwarten, daß ich dabei stehen werde und zusehen!« »Willst du nicht dabei sein, Richard?« sagte Klara und begleitete die Frage mit einem sanften Blick. Es war dieselbe Stimme, die ihn an seinem Hochzeitsmorgen so durchbebt hatte. »Ach, meine geliebte Klara!« sagte er, liebevoller, als er jemals zu ihr gesprochen hatte, »wenn du wüßtest, wie ich es fühle!« Und nun, da er weinte, weinte sie auch und kam unmerklich in seine Arme. »Meine geliebte Klara!« wiederholte er. Sie sagte nichts, aber sie schien zu schaudern und weinte. »Wirst du es tun, Klara? Wirst du dich opfern? So lieblich, wie du bist! . . . Klara! du kannst doch nicht ganz blind sein. Wenn ich es wagen könnte mit dir zu sprechen und dir alles zu sagen . . . Sieh mich an. Kannst du noch einwilligen?« »Ich darf nicht ungehorsam gegen Mama sein,« 465 murmelte Klara, ohne aus dem Nest aufzublicken, das ihre Wange sich an seiner Brust gemacht hatte. »Dann küsse mich zum letztenmal, Klara,« sagte Richard, »ich werde dich nachher nie mehr küssen.« Er beugte sein Haupt, um ihren Lippen zu begegnen, und sie warf ihre Arme leidenschaftlich um ihn und küßte ihn krampfhaft und hing an seinen Lippen und schloß die Augen, ihr ganzes Gesicht eine flammende Röte. Dann verließ er sie, ohne zu wissen, was diese leidenschaftlichen Küsse bedeuteten. Mrs. Doria vernünftig zuzureden, hieße Papierkugeln gegen eine Steinmauer werfen. Ihr gegenüber sprach der junge Ehemann beinahe unschicklich und sprach das aus, was sein Zartgefühl ihn zurückgehalten hatte vor Klara zu sagen. Er konnte von dem praktischen Geschöpf keine andere Antwort erlangen als: Pah! und: Papperlapapp! »Wirklich,« sagte Mrs. Doria zu ihren Intimen, »auf den Knaben wirkt seine Erziehung, wie eine Krankheit. Er kann nichts vernünftig ansehen. Er befindet sich immer in einer tollen Übertreibung seiner Einbildungskraft, und wohin er schließlich noch kommen wird, mag der Himmel wissen! Ich bete nur aufrichtig, daß Austin imstande sein möge, es zu ertragen.« Drohungen mit Gebeten, noch dazu wenn ihre Aufrichtigkeit betont wird, sind nicht viel wert. Mrs. Doria war so zu sagen in einen praktischen Kampf mit ihrem Bruder eingetreten. Zweifellos hoffte sie, daß er fähig sein würde seinen kommenden Kummer zu tragen, aber jemand, der die Zukunft vorhergesagt hat, muß doch auch hoffen, daß sich seine Prophezeiungen erfüllen: und sie hatte dem Baron viel Kummer prophezeit. Der arme John Todhunter, der lieber die Mutter geheiratet hätte und der von den Ideen des Helden über 466 die heilige Notwendigkeit der Liebe zur Ehe nichts wußte, bewegte sich, wie jemand, der sich keiner Schuld bewußt ist und sein Glück verdient. Es war rührend zu sehen, wie er die gehorsame Klara anlächelte und den Versuch machte, dabei nicht väterlich auszusehen. Indessen erfüllte Klaras Verheiratung einen Zweck. Sie nahm Richards Gedanken vollständig in Anspruch und verhinderte ihn daran, zu gereizt und ärgerlich zu werden, als er fand, daß sein Vater nicht bereit war, ihn zu empfangen, als er zur Stadt kam. Adrian hatte im Hotel einen Brief vorgefunden, welcher die Worte enthielt: »Halte ihn zurück, bis Du weiter von mir hörst. Führe ihn aus und zeige ihn in Gesellschaft in jeder Form.« Nichts mehr als das. Adrian mußte dazu erfinden, daß der Baron in dringenden Geschäften nach Wales gereist sei und in ein oder zwei Wochen zurück sein würde. Zu weiteren Erfindungen und Plänen, durch welche der junge Herr in der Stadt zu halten wäre, wandte er sich an Mrs. Doria. »Überlasse ihn nur mir,« sagte Mrs. Doria, »ich werde schon verstehen, ihn zu behandeln.« Und das tat sie auch. »Wer kann von sich sagen,« sagt das Manuskript des Pilgers, »in welchem Augenblick er nicht als eine von einer Frau geleitete Puppe umhergeht.« Mrs. Doria wollte nichts Gutes von Lucy hören. »Ich glaube,« sagte sie, als Adrian achselzuckend ein Wort zu ihren Gunsten wagte, »daß jedes Küchenmädchen jeden Mann um ihren Finger wickeln könnte – gebt ihr nur Zeit und Gelegenheit.« – Und während ihre Gedanken noch länger auf der Arglist der Frauen verweilten, söhnte sich ihr Gewissen damit aus, daß sie alles tat, was in ihrer Macht stand, um den jungen Ehemann von seiner Frau zu trennen, bis es seinem Vater gefallen sollte, daß sie wieder in ihrer unheiligen Verbindung lebten. Ohne 467 Gewissensbisse, und ohne sich das Widersinnige ihrer Handlungen klar zu machen, schalt sie auf ihren Bruder und unterstützte dabei die Erfüllung seiner Befehle. So wurden die Puppen von Mrs. Doria geleitet, ob sie nun glücklich oder traurig oder gleichgültig waren. Ganz gegen seinen festen Entschluß und gegen den Strom seiner Gefühle, fand sich Richard in der Kirche und stand hinter Klara – es war dasselbe Gebäude, das Zeuge seiner Heirat gewesen war – und hörte wie das: »Ich, Klara Doria, nehme dich, John Todhunter,« klar ausgesprochen wurde. Er stand mit finsterer Miene und studierte die Kunst des Schneiders und Friseurs an dem ahnungslosen John. Mr. Todhunters Hinterkopf und viel von der Mitte des Kopfes war kahl; der Hinterkopf glänzte wie eine Eierschale, aber über die Mitte hatte der Künstler zwei lange Haarsträhne von den Seiten gezogen und geschickt festgeklebt; so daß mit Ausnahme sehr böswilliger Beobachter jedermann zugeben mußte, daß sein Kopf bedeckt wäre. Das einzige, was der Mann erstrebte, war eine anständige Jugendlichkeit. Er hatte eine breite Brust, kräftige Glieder, ein gutmütig fröhliches Gesicht. Mrs. Doria hatte keine Veranlassung durch die äußere Erscheinung ihres Schwiegersohnes in Verlegenheit gebracht zu werden: und sie war es auch nicht. Ihr wundervolles Haar und ihr befriedigtes Lächeln erhellten die Kirche. Mit Menschen als Puppen zu spielen muß für praktische Geschöpfe ein großes Vergnügen sein. Die Forey-Brautjungfern, fünf an der Zahl und eine Miß Doria, ihre Cousine, standen dabei, wie Mädchen bei diesen Opferhandlungen dabei zu stehen pflegen, ob sie nun glücklich oder traurig oder gleichgültig sind, mit einem Lächeln auf den Lippen und mit Tränen in Bereitschaft. Die alte Mrs. Todhunter, eine außerordentlich kleine, alte Frau, war auch dabei. »Ich kann meinen Jungen, meinen 468 John, nicht heiraten lassen, ohne zuzusehen,« sagte sie und murmelte während der ganzen Feierlichkeit Lobpreisungen über ihres Johns männliches Benehmen. Der Ring wurde auf Klaras Finger gesteckt; kein Ring war verloren gegangen bei dieser von der Vernunft geschlossenen Ehe. In dem Augenblick, in dem der Geistliche danach verlangte, zog John den Ring heraus und ließ ihn auf den Finger der kalten, geduldigen Hand gleiten in so geschäftsmäßiger Art, als wenn er die Sache studiert hätte. Mrs. Doria blickte seitwärts nach Richard hin. Richard beobachtete, wie Klara den Finger ausstreckte, damit die Operation bequemer ausgeführt werden könnte. Er erfüllte noch einige Minuten seine Pflichten in der Sakristei und sagte dann zu seiner Tante: »Jetzt werde ich gehen.« »Du wirst doch zum Frühstück kommen, Kind? Die Foreys –« Er unterbrach sie: »Ich habe hier die Familie vertreten, und mehr will ich nicht tun. Ich will mich nicht stellen, als wenn ich esse und trinke und fröhlich bin.« »Richard!« »Lebe wohl.« Sie hatte ihr Ziel erreicht und war klug genug nachzugeben. »Gut. Gehe und küsse Klara und gib ihm die Hand. Bitte, bitte, sei höflich.« Sie wandte sich zu Adrian und sagte: »Er will gehen. Du mußt mit ihm gehen, und Mittel finden, ihn zurückzuhalten oder er rennt fort zu jener Frau. Kein Wort weiter – geh!« Richard sagte Klara Lebewohl. Sie reichte ihm ihre Lippen demütig zum Kuß, aber er küßte sie nur auf die Stirn. 469 »Behalte mich lieb,« flüsterte sie ihm mit zitternder Stimme ins Ohr. Mr. Todhunter stand strahlend dabei und brachte die Kunst des Friseurs mit seinem Taschentuche in Gefahr. Nun, da er wirklich verheiratet war, meinte er doch, er hätte die Tochter lieber als die Mutter, welches gegen die Regel ist nach den Gesetzen menschlicher Dankbarkeit bei einer Gabe der Götter. »Richard, mein Junge,« sagte er herzhaft, »wünsche mir Glück.« »Ich wäre froh, wenn ich es könnte,« erwiderte der Held ruhig, zur Bestürzung aller Umstehenden. Er nickte den Brautjungfern zu, verneigte sich vor der alten Dame und ging hinaus. Adrian, der hinter ihm gestanden, um ihn bei einer etwaigen Unannehmlichkeit zu bewachen, erwähnte nur zu John: »Sie wissen, der arme Junge ist durch seine Heirat in Ungelegenheiten geraten.« »Ach so, ja!« sagte John freundlich, »der arme Kerl!« Dann fuhren alle Puppen fort zum Frühstück. Adrian lief Richard nach in außerordentlich unzufriedener Gemütsverfassung. Er ärgerte sich, daß er nicht bei dem Frühstück dabei sein und den Hauptspaß verlieren sollte. Er besann sich indessen darauf, daß er ein Philosoph wäre, und sein starker Ärger machte sich nur in verstärktem Zynismus Luft, über jeden möglichen Gegenstand, der von dem Gespräch berührt wurde. Sie gingen nebeneinander durch den Park von Kensington. Der Held murmelte vor sich hin, ab und zu einzelne Sätze laut aussprechend. Plötzlich drehte er sich zu Adrian herum und rief: »Und ich hätte es hindern können. Jetzt sehe ich es! Ich hätte es hindern können, wenn ich graden Wegs zu ihm gegangen wäre und ihn gefragt hätte, ob er es wagen wollte, 470 ein Mädchen zu heiraten, die ihn nicht liebte. Und ich habe nicht daran gedacht. Gütiger Himmel! Die ganze elende Sache lastet schwer auf meinem Gewissen.« »Ach,« brummte Adrian, »das muß eine unangenehme Last für das Gewissen sein! Ich möchte alles andre lieber auf meinem Gewissen haben als ein Ehepaar. Hast du die Absicht, jetzt zu ihm zu gehen?« Der Held sprach vor sich hin: »Er ist kein schlechter Mensch!« »Nun ja, er ist kein Kavalier,« sagte Adrian, »und deshalb bist du erstaunt, daß deine Taute ihn gewählt hat. Er gehört entschieden zu dem Typus der Rundköpfe, denen das puritanische Element genommen ist, oder bei denen es, wenn es noch schlummernd in ihnen liegen sollte, wenigstens nicht mehr abstoßend wirkt.« »Darin liegt die doppelte Schmach,« rief Richard, »daß ein Mann, den man nicht schlecht nennen kann, solch eine verdammte Sache tun sollte.« »Ja, es ist schlimm, daß wir keinen Schurken in ihm finden können.« »Er würde sicherlich auf mich gehört haben.« »Geh jetzt zu ihm, Richard, mein Sohn. Geh jetzt zu ihm. Es ist noch nicht zu spät. Wer weiß? Wenn er wirklich ein edles, erhabenes Gemüt hat – wenn er auch in seiner Persönlichkeit kein Kavalier ist, so kann er doch dem Herzen nach einer sein – vielleicht dir zu Liebe, und da du solchen Nachdruck darauf legst, vielleicht steht er davon ab . . . vielleicht mit einigem Verlust an Würde, aber was kommt es darauf an. Und die Bitte mag vielleicht sonderbar sein, oder scheinen, aber es ist schon alles einmal dagewesen in der Welt, wie du weißt, mein lieber Junge. Und was für ein unendlicher Trost liegt in dieser Erwägung für Leute mit exzentrischem Wesen.« Der Held blieb für den weisen Jüngling 471 unzugänglich. Er starrte ihn an, als ob er nur ein Fleck wäre in dem Universum, in das er blickte. Es war ärgerlich, daß Richard, der mit seinen heterodoxen Ideen für Adrians Zynismus der beste Gegenstand gewesen wäre, sich durch die Art, wie er ihm entgegentrat, zu dem am wenigsten geeigneten machte, und der weise Jüngling mußte sich gegen seinen Willen der eingebildeten geistigen Rüstung des jungen Mannes ebenso bewußt werden, wie der auf den Muskeln beruhenden physischen. »Es war ein ebensolcher Tag,« sann Richard, und sah zu den Bäumen auf. »Ich glaube, mein Vater hat recht. Wir machen unser eignes Schicksal und die Natur hat nichts damit zu tun.« Adrian gähnte. »Die Bäume sind doch anders,« fuhr Richard ganz versunken fort. »Sie werden kahl an den Spitzen,« sagte Adrian. »Wirst du es glauben, daß Tante Helen das Benehmen der elenden Sklavin Klara mit Lucys verglichen hat, die, wie sie die gefühllose Unverschämtheit hatte zu behaupten, mich in die Ehe gelockt hätte,« brach der Held plötzlich mit lauter Stimme los. »Du weißt doch – ich erzählte dir doch, Adrian, wie ich drohen und darauf bestehen mußte und wie sie bat und flehte, daß ich warten sollte!« »Ach, hm,« murmelte Adrian. »Du entsinnst dich doch, daß ich es dir erzählte?« Richard war es ernstlich darum zu tun, sie freigesprochen zu hören. »Bat und flehte, mein lieber Junge? Ach, zweifellos hat sie das getan. Welches Mädel tut das nicht?« »Sprich von meiner Frau mit andern Ausdrücken, bitte.« 472 »Die allgemeine Bezeichnung der Gattung kann nicht abgeschafft werden, weil du eine derselben geheiratet hast, mein Sohn.« »Sie tat alles, was in ihrer Macht stand, um mich zum Warten zu überreden!« behauptete Richard mit Nachdruck. Adrian schüttelte sein Haupt mit einem traurigen Lächeln. »Alles! mein lieber Ricky, alles doch wohl nicht!« Richard schrie laut: »Was hätte sie denn mehr tun können?« »Sie hätte sich zum Beispiel die Haare abscheren lassen können.« Dieser glückliche Pfeil saß. Mit einem wütenden Ausruf stürmte Richard voran, Adrian folgte ihm und fragte ihn – nur um seine Annahme bestätigt zu hören – ob er nicht glaube, sie hätte sich die Haare abscheren lassen können? und vorausgesetzt, daß sie es getan hätte, ob er aufrichtig behaupten könne, daß er nicht gewartet hätte – nicht wenigstens so lange, bis sie nicht mehr ganz wie eine Verrückte ausgesehen hätte? Nach ein oder zwei Minuten war Adrian nur noch wie eine Fliege, die um Richards Kopf summte. Drei Wochen der Trennung von Lucy und seine große Erregung ließen ihn ein weiches Gefühl der Sehnsucht nach dem teuren, lieblichen, vertrauten Gesicht empfinden. Er teilte Adrian mit, daß er beabsichtige, noch denselben Abend abzureisen. Adrian wurde sogleich ernst. Er war in Verlegenheit, was er erfinden sollte, um ihn zurückzuhalten, außer der abgedroschenen Mitteilung, daß sein Vater morgen kommen würde. Er brachte in Gedanken dem Genius der Frau in solchen Verlegenheiten seine Huldigung dar. »Meine Tante,« dachte er, »würde sofort eine Lüge bereit haben, und nicht allein das, sie würde auch dafür sorgen, daß sie wirksam wäre.« In diesem kritischen Moment wurden sie von einer 473 Stimme angerufen, die sich als die des ehrenwerten Peter Brayder erwies, Lord Mountfalcons Parasiten. Er begrüßte sie sehr freundschaftlich, und Richard, der sich an vergnügte Stunden erinnerte, die sie auf der Insel gemeinsam durchlebt hatten, forderte ihn auf, mit ihm zu dinieren, wodurch er seine Rückkehr bis zum nächsten Tage aufschob. Lucy war die Seine. Es war so gar süß mit der Freude des Wiedersehens noch zu spielen. Der ehrenwerte Peter machte dem Regiment, dem er angehörte, Ehre. Obgleich er nicht ganz so groß war wie ein Lakai aus dem Westen Londons, so war er doch eben so gut gewachsen; und er verstand es, seiner Stimme einen einschmeichelnden oder unverschämten Ton zu verleihen, je nachdem es für die Bedürfnisse seines Berufes erforderlich war. Er besaß keinen Heller Vermögen in der Welt, doch hielt er sich ein Pferd, lebte gut, gab viel aus. Die Welt meinte, daß der ehrenwerte Peter von Seiner Lordschaft ein festes Gehalt bezöge und daß er außer der Rolle des Parasiten noch die altmodische Rolle des Gesellschafters spielte. Das sagte die Welt und lächelte ihm doch zu, denn er war ein angenehmer Bursche und wo er nicht hinging, wollte Lord Mountfalcon auch nicht hingehen. Sie genossen im Hotel ein ruhiges, kleines Diner, das Adrian bestellte, und waren vier bei Tisch, Ripton Thompson der vierte. Richard hatte nach dem Bureau geschickt, um ihn holen zu lassen, und die beiden Freunde schüttelten sich zum erstenmal die Hände, nachdem die große Tat geschehen war. Das Entzücken des treuen Hundes war groß, als er hörte, wie das Lob seiner Schönheit von den aristokratischen Lippen des ehrenwerten Peter Brayder ertönte. Während des ganzen Diners machte er Andeutungen und stellte kleine Fragen, um noch immer mehr von ihr zu hören, und nachdem der Rotwein herumgegangen war, machte er auch selbst ein oder zwei 474 Bemerkungen und hörte, wie der ehrenwerte Peter seinen Geschmack lobte und ihm eine ebenso schöne Braut wünschte; worauf Ripton errötete und meinte, daß er darauf nicht hoffen könne, und der ehrenwerte Peter ihn versicherte, daß Heirat nicht die Form zerbräche. Nach dem Essen rauchte dieser Herr seine Zigarre auf dem Balkon und fand Gelegenheit, einige Worte mit Adrian allein zu sprechen. »Unser junger Freund da – hat sich mit dem Alten ausgesöhnt?« fragte er sorglos. »Oh, ja!« sagte Adrian. Aber es kam ihm in den Sinn, daß Brayder ihm vielleicht helfen könnte, Richard die »Gesellschaft in jeder Form« zu zeigen, wie sein Vorgesetzter es verlangte. »Das heißt,« fuhr er fort, »man hat uns bis jetzt noch keine Zusammenkünfte mit dem erhabenen Urheber unsers Daseins gestattet, und ich habe einen ziemlich schwierigen Posten. Es ist meine Aufgabe nicht allein, ihn hier festzuhalten, sondern auch für ihn die Gelegenheit zu finden, sich mit seinen Mitmenschen zu messen. Mit andern Worten, sein Vater verlangt, daß er etwas mehr vom Leben kennen lernt, ehe er einen Hausstand gründet. Nun gestehe ich, ich bin stolz darauf, daß ich zugeben muß, dieser Aufgabe kaum gewachsen zu sein. Die Demimonde – wenn es das ist, was er kennen lernen soll, liegt außerhalb meines Bereiches.« »Ha! Ha!« lachte Brayder. »Besorgen Sie nur das Festhalten, ich werde die Vorführung der › demi ‹ übernehmen. Ich muß allerdings sagen, daß das eine sonderbare Ansicht des alten Herrn ist.« »Es ist die Fortsetzung eines philosophischen Planes,« sagte Adrian. Brayder folgte mit den Augen den Rauchringeln seiner Zigarre und rief: »Verteufelt philosophisch!« 475 »Hat Lord Mountfalcon die Insel verlassen?« fragte Adrian. »Mount? die Wahrheit zu sagen, ich weiß nicht, wo er augenblicklich ist. Auf der Jagd nach irgend einer leichten Beute, vermute ich. Das ist des armen Mount Schwäche. Es ist der Ruin des armen Jungen! Er nimmt das Spiel so verflucht ernst.« »Er sollte es mit der Zeit kennen gelernt haben, wenn das Gerücht wahr spricht,« bemerkte Adrian. »Er ist Frauen gegenüber ein kleines Kind und wird es immer bleiben,« sagte Brayder. »Ein- oder zweimal hat er sie heiraten wollen. Nun gibt es eine Frau – haben Sie von Mrs. Mount gehört? Alle Welt kennt sie. – Wenn die Frau nicht Anstoß erregt hätte!« Die jungen Männer traten zu ihnen und unterbrachen weitere Mitteilungen. Brayder winkte Adrian zu und wies mit einem bedauernden Zeichen auf die Gegenwart eines Unschuldigen hin. »Ein verheirateter Mann, wie Sie wissen,« sagte Adrian. »Ja, Ja! – wir wollen seine Gefühle nicht verletzen,« bemerkte Brayder. Er schien den jungen Mann zu studieren, während sie weiter mit einander sprachen. Am nächsten Morgen wurde Richard durch einen Besuch seiner Tante überrascht. Mrs. Doria setzte sich neben ihn und sprach die folgenden Worte: »Mein lieber Neffe. Du weißt, daß ich dich immer geliebt habe und dein Glück gewünscht habe, als wenn du mein eignes Kind gewesen wärest. Mehr als das, fürchte ich. Nun denkst du also zurückzukehren zu – zu diesem Ort – nicht wahr? Ja. Es ist so, wie ich dachte. Sehr gut, laß mich also mit dir sprechen. Du bist in einer viel gefährlicheren Lage als du denkst. Ich leugne nicht, daß dein Vater dich sehr liebt. Es wäre abgeschmackt, 476 das zu leugnen. Aber du bist jetzt in einem Alter, in dem du seinen Charakter richtig beurteilen kannst. Was du auch tun magst, er wird dir immer Geld geben. Dessen bist du sicher, das weißt du. Sehr gut. Aber du bist einer, der mehr braucht als Geld: du brauchst seine Liebe. Richard, ich bin überzeugt, du wirst niemals glücklich sein, in welch niedrige Vergnügungen du auch geführt werden magst, wenn er dir seine Liebe vorenthalten sollte. Nun weißt du, Kind, daß du ihn sehr tief beleidigt hast. Ich habe nicht die Absicht, dein Benehmen zu kritisieren. – Du bildetest dir ein, verliebt zu sein und so weiter, und du hast dich übereilt. Je weniger jetzt darüber gesagt wird, desto besser. Aber du mußt jetzt – es ist jetzt deine Pflicht, etwas zu tun, was in deiner Macht liegt, um ihm zu zeigen, daß du bereust. Unterbrich mich nicht! Höre weiter. Du mußt Rücksicht auf ihn nehmen. Austin ist nicht wie andere Männer. Austin verlangt eine sehr zarte Behandlung. Du mußt – ob du es nun fühlst oder nicht – so erscheinen, als ob du bereust. Ich rate es dir, zu euer aller Bestem. Er ist ganz wie eine Frau, und wo seine Gefühle beleidigt sind, verlangt er äußerste Unterwürfigkeit. Du bist in der Stadt und er sieht dich nicht: – du weißt, daß er und ich nicht mit einander in Verbindung stehen: wir haben auch unsere Meinungsverschiedenheiten. – Also du bist in der Stadt und er hält sich fern: – er stellt dich auf die Probe, mein lieber Richard. Nein: er ist nicht in Raynham: ich weiß nicht, wo er ist. Er stellt dich auf die Probe, Kind, und du mußt Geduld haben. Du mußt ihn davon überzeugen, daß es dir nicht allein auf die Befriedigung deiner Wünsche ankommt. Wenn diese Person – ich möchte deinetwegen mit Achtung von ihr sprechen – also, wenn sie dich überhaupt liebt – wenn sie, sage ich, auch nur einen Funken von Liebe für dich hat, dann wird sie meine 477 Bitten wiederholen, daß du hier bleibst und geduldig wartest, bis er einwilligt, dich zu sehen. Ich sage dir aufrichtig, es ist die einzige Aussicht, die du hast, ihn dahin zu bringen, daß er sie empfängt. Das mußt du wissen. Du mußt wissen, daß es jetzt ganz allein von deinem Benehmen abhängt, ob du sehen willst, wie sich deines Vaters Herz für immer von dir lossagt und eine neue Familie in Raynham einzieht. Du verstehst mich nicht? Ich will es dir erklären. Brüder und Schwestern sind etwas Vortreffliches für junge Leute, aber ein neues Geschlecht davon kann einem jungen Mann kaum willkommen sein. Sie werden ihm und müssen ihm Fremde bleiben. Ich erzähle dir nur, was ich aus verbürgter Quelle weiß. Verstehst du noch nicht? Törichter Junge? Wenn du seine Launen nicht berücksichtigst, wird er sie heiraten. Ach, ich bin sicher. Ich weiß es. Und dahin wirst du ihn treiben. Ich warne dich nicht davor, deiner äußeren Vorteile willen, sondern wegen deiner Gefühle. Ich würde eine solche Möglichkeit für eine endgültige Trennung zwischen euch ansehen. Denke an den Skandal! aber, ach, das wäre noch das geringste dabei!« Es war Mrs. Dorias Absicht, Eindruck zu machen und jede Erörterung zu vermeiden. Sie verließ ihn deshalb, sobald sie, wie sie meinte, diesen Eindruck auf den jungen Mann erzielt hatte. Richard war während ihrer Rede sehr schweigsam gewesen, und hatte, abgesehen von einigen Ausrufen, aufmerksam zugehört. Er grübelte über das, was seine Tante ihm gesagt hatte. Er liebte Lady Blandish und doch wünschte er nicht, daß sie Lady Feverel würde. Mrs. Doria legte einen peinlichen Nachdruck auf den Skandal, und obgleich ihm das nicht so wichtig war, dachte er doch darüber nach. Er dachte an seine Mutter. Wo war sie? Aber am meisten weilten seine Gedanken bei seinem Vater, und ein Gefühl, das der 478 Eifersucht verwandt war, erwachte für ihn in seinem Herzen. Er hatte ihn aufgegeben gehabt und in der letzten Zeit nicht sehr kindliche Gefühle für ihn gehegt; aber er konnte den Gedanken nicht ertragen, daß er die Liebe, deren Abgott und einziger Gegenstand er gewesen war, mit einer andern teilen sollte. Und die Liebe eines solchen Mannes, der so gut! so großmütig war! Wenn es Eifersucht war, die des jungen Mannes Herz für seinen Vater erwärmte, so erwachte auch der bessere Teil seiner Liebe dadurch zu neuem Leben. Er dachte an alte Zeiten: an seines Vaters Nachsicht, an seinen eignen Eigensinn. Er betrachtete sich selbst und was er getan hatte mit den Augen dieses Mannes. Er beschloß, alles zu tun, was er konnte, um seine Liebe wieder zu gewinnen. Am Abend hörte Mrs. Doria von Adrian, daß ihr Neffe beschlossen hätte, noch eine Woche in der Stadt zu warten. »Das genügt,« Mrs. Doria lächelte. »Am Ende der Woche wird er geduldig sein.« »Oh! erzeugt denn Geduld wieder Geduld?« sagte Adrian. »Ich wußte nicht, daß das eine Tugend wäre, die sich von selbst fortpflanzt. Ich überlasse ihn dir. Nach Verlauf einer Woche werde ich ihn nicht mehr halten können. Ich versichere, meine liebe Tante, schon jetzt . . .« »Ich danke dir, keine weiteren Erklärungen,« bat Mrs. Doria. Als Richard sie das nächste Mal sah, erzählte sie ihm, daß sie einen sehr befriedigenden Brief von Mrs. John Todhunter erhalten hätte; eine förmlich glühende Beschreibung von Johns Benehmen: aber, als Richard die Worte zu hören wünschte, die Klara geschrieben hätte, ließ Mrs. Doria sich nicht auf näheres ein und stürzte sich in ein Gespräch über Gesellschaftsklatsch. 479 »Klara braucht selten glühende Worte,« sagte Richard. »Nein, ich meine auch nur, was bei ihr glühend genannt werden könnte,« bemerkte die Tante. »Mach nicht solch ein Gesicht wie dein Vater, Kind!« »Ich würde den Brief gern gelesen haben,« sagte Richard. Mrs. Doria dachte aber nicht daran, ihn zu zeigen.   Sechsunddreißigstes Kapitel. Eine Mittagsgesellschaft in Richmond. Eine Dame, die ein Paar Grauschimmel fuhr, war von Richard auf seinen Spaziergängen und Spazierritten bemerkt worden. Sie war sehr hübsch, eine forsche Schönheit, mit glänzendem, schwarzem Haar, roten Lippen und Augen, die sich nicht vor den Männern fürchteten. Das Haar war von den Schläfen zurückgebürstet und gab dem Kopf jene ungekünstelte Form, für welche das Kutschieren und die schnelle Bewegung besonders vorteilhaft sind. Sie beschäftigte seine Phantasie. Ihm gefiel der Ausdruck mutwilliger Unerschrockenheit, und er sann nach über diese Erscheinung einer glänzenden, flotten Frau, die etwas Neues für ihn war. Er glaubte auch zu bemerken, daß sie nach ihm hingesehen hatte. Er hatte keine Anlage zur Eitelkeit, sonst wäre er fest davon überzeugt gewesen. Einmal fiel es ihm auf, daß sie sich leicht verneigte. Er fragte Adrian eines Tages im Park, wer sie wäre. »Ich kenne sie nicht,« sagte Adrian, »wahrscheinlich eine höhere Priesterin der Venus.« »Das ist nun mein Ideal von einer Bellona,« rief Richard. »Nicht die Furie, wie sie gewöhnlich gemalt 480 wird, sondern ein lebenvolles, unerschrockenes, scharf ausschauendes Geschöpf, wie diese hier.« »Bellona,« erwiderte der weise Jüngling. »Ich glaube nicht, daß sie schwarzes Haar gehabt hat. War es nicht rot? Ich würde sie nicht mit Bellona vergleichen, obgleich sie sicher sehr bereit ist, Blut zu vergießen. Sieh sie nur an! Sie scheint Beute zu wittern. Ich verstehe deine Ansicht. Nein, ich würde sie mit Diana vergleichen, die der Aufsicht des Endymion entwischt ist und ein hübsches Spiel mit den Göttern treibt. Verlaß dich darauf – man erzählt uns nur nichts davon – der Olymp verbirgt die Geschichte in seinen Wolken – aber du kannst sicher sein, nachdem sie ihren hübschen Schäfer verlassen hatte, hatte sie da oben mehr Beifall als Venus.« Sie trafen Brayder. »Haben Sie Mrs. Mount vorbeikommen sehen?« sagte er. »Das war also Mrs. Mount!« rief Adrian. »Wer ist Mrs. Mount?« fragte Richard. »Eine Schwester der Miß Random, mein Junge.« »Möchten Sie sie kennen lernen?« sagte der ehrenwerte Peter mit schläfriger Stimme. Richard erwiderte mit einem gleichgültigen »Nein,« und Mrs. Mount entschwand aus ihrem Gesichtskreis und aus ihrer Unterhaltung. Der junge Mann schrieb unterwürfige Briefe an seinen Vater. »Ich habe jetzt fünf Wochen hier darauf gewartet, Dich sehen zu können,« schrieb er. »Ich habe Dir drei Briefe geschrieben und Du beantwortest sie nicht. Laß es mich Dir noch einmal aussprechen, wie aufrichtig ich es wünsche und wie ich Dich darum bitte, daß Du herkommst oder mir erlaubst zu Dir zu kommen, damit ich mich Dir zu Füßen werfen und Dich um Vergebung bitten kann, für mich und für sie. Sie bittet ebenso ernsthaft darum 481 wie ich. Glaube mir, es gibt nichts, was ich nicht tun möchte, um Deine Achtung wieder zu gewinnen und Deine Liebe, die ich, wie ich fürchte, unglücklicherweise verloren habe. Ich will noch eine Woche hier bleiben, in der Hoffnung, von Dir zu hören oder Dich zu sehen. Ich bitte Dich, Vater, treibe mich nicht zum Wahnsinn. Was Du auch von mir verlangst, ich werde einwilligen.« »Es gibt nichts, was er nicht tun möchte,« wiederholte der Baron, während er las. »Es gibt nichts, was er nicht tun möchte! Er will noch eine Woche bleiben und mir noch eine letzte Chance geben! Und ich bin es, der ihn zum Wahnsinn treibt! Er fängt schon an, die Vergeltung auf meine Schultern zu werfen.« Sir Austin war wirklich nach Wales gereist, um aus dem Wege zu sein. Ein Mann mit Systemen kann nicht Unglück haben, ohne daß die Leute davon reden, und der Verfasser des Manuskripts des Pilgers fand, wenn er im Unglück war, den Boden von London zu heiß für sich. Er verließ London, um sich in die Berge zurückzuziehen, und dort in alleinigem Verkehr mit einem noch jungfräulichen Taschenbuch zu leben. Er hatte einige unklare Pläne in seinem Kopf über die Behandlung seines Sohnes. Hätte er ihnen Gestalt verliehen, so würden sie häßlich ausgesehen haben, sie verdichteten sich zu dem unbestimmten Grundsatz, daß der junge Mann auf die Probe gestellt und geprüft werden sollte. »Mag er es lernen, sich etwas zu versagen. Mag er eine Zeitlang mit seinesgleichen leben. Wenn er mich liebt, wird er meine Wünsche erraten. So erklärte er seinen Grundsatz Lady Blandish gegenüber. Die Dame schrieb:: »Sie sagen eine Zeitlang? Wie lange? Darf ich ihm eine Zeit nennen? Es ist die schreckliche Ungewißheit, die ihn zur Verzweiflung treibt. Das und nichts anders. Bitte, seien Sie deutlicher.« 482 Als Erwiderung wies er unbestimmt auf Richards Großjährigkeit hin. Wie konnte Lady Blandish hingehen und von dem jungen Mann verlangen, daß er ein Jahr lang von seiner Frau getrennt warten sollte? Ihr Instinkt hieß sie die Augen weit vor dem Götzenbilde öffnen, das sie so lange angebetet hatte. Wenn Leute selbst nicht wissen, was sie wollen, dann gelingt es ihnen wenigstens häufig, andere zu täuschen und zu betrügen. Nicht Lady Blandish allein wurde in die Irre geführt, auch Mrs. Doria, die in die verborgenen Winkel jedes Herzens eindrang und von Kindheit an die Gewohnheit gehabt hatte, ihren Bruder zu durchschauen. Sie war sich nicht bewußt, sich jemals über ihn getäuscht zu haben, und mußte jetzt zugeben, daß sie in Verlegenheit wäre, wie sie Austins Grundsätze verstehen sollte. »Denn einen Grundsatz hat er,« sagte Mrs. Doria, »er handelt niemals ohne einen. Aber was es ist, kann ich augenblicklich nicht verstehen. Wenn er schriebe und dem Knaben beföhle, auf seine Rückkehr zu warten, dann würde alles klar sein. Er erlaubt uns ihn her zu holen, und dann läßt er uns alle in Verlegenheit. Es muß der Einfluß irgend einer Frau sein. Das ist die einzige Möglichkeit es zu erklären.« »Sonderbar,« warf Adrian ein, »wie stolz die Frauen auf ihr Geschlecht sind! Ich sage dir also, meine liebe Tante, daß ich übermorgen meinen Schützling in deine Obhut gebe. Ich kann ihn nicht eine Stunde länger halten. Ich habe ihn mit Lügen fesseln müssen, bis meine Erfindungsgabe erschöpft ist. Ich beantrage, daß diese Lügen meinen Vorgesetzten auf die Rechnung gesetzt werden; aber, wenn der Strom ausgetrocknet ist, läßt sich nichts mehr tun. Die letzte Lüge war, daß er mir geschrieben hätte, ich solle das Schlafzimmer nach Südwesten 483 für nächsten Dienstag für ihn bereit halten. So! sagt mein Sohn, dann werde ich bis dahin warten! und nach der riesenhaften Anstrengung, die er brauchte, zu diesem Entschluß zu kommen, zweifle ich, daß ihn irgend eine menschliche Macht dazu bewegen wird, noch länger zu warten.« »Wir müssen, wir müssen ihn zurückhalten,« sagte Mrs. Doria. »Wenn wir es nicht tun, bin ich überzeugt, daß Austin irgend etwas Unüberlegtes tun wird, was er später bereuen wird. Er wird jene Frau heiraten, Adrian. Beachte wohl meine Worte. Nun, bei jedem andern jungen Mann! . . . Aber Richards Erziehung! dieses lächerliche System! Hat er denn gar keine Zerstreuungen? Nichts, was ihn amüsieren könnte?« »Der arme Junge! Ich glaube, es fehlt ihm seine Spielgefährtin!« Der weise Jüngling mußte einen Vorwurf über sich er gehen lassen. »Ich sage dir, Adrian, er wird jene Frau heiraten!« »Meine liebe Tante! Kann denn ein edler Mann etwas Lobenswerteres tun?« »Hat denn der Junge gar keinen Lebenszweck, den er verfolgen könnte? – Wenn er nur einen Beruf hätte!« »Was meinst du zu einer moralischen Reinigung der Londoner Straßen? zu dem Beruf eines Straßenfegers der Moral, Tante? Ich versichere dir, ich habe einen Monat lang als Lehrling bei ihm gedient. Wir machen uns um zehn Uhr abends auf den Weg. Ein weibliches Wesen geht an uns vorüber. Ich höre, wie er stöhnt. ›Ist das eine von ihnen, Adrian?‹ Ich sehe mich gezwungen, zuzugeben, daß sie nicht ganz so heilig ist, wie es seiner Ansicht nach jedes Geschöpf sein müßte, das Unterröcke trägt. Wieder stöhnt er; ein augenscheinlich innerliches: ›Es kann nicht sein – und doch!‹ – so wie man 484 es auf der Bühne hört. Augenrollen, gottlose Fragen an den Schöpfer des Universums, wildes Murren gegen die brutalen Männer; und dann treffen wir ein zweites weibliches Wesen und die Vorstellung wird wiederholt – was mich ziemlich ermüdet. Es würde alles ganz schön sein, aber er wendet sich an mich und macht mir Vorstellungen, warum ich nicht ein Haus miete und einrichte, damit alle die Frauen, die wir treffen, rein leben können. Nun, das ist etwas viel verlangt von einem ruhigen Menschen. Zu meiner Freude hat Master Thompson mich in der letzten Zeit abgelöst.« Mrs. Doria hatte ihre eigenen Gedanken. »Hat Austin an dich geschrieben, seit ihr in der Stadt seid?« »Nicht den kleinsten Aphorismus.« »Ich muß Richard morgen früh sprechen!« damit beendete Mrs. Doria die Unterredung. Das Resultat der Unterredung mit ihrem Neffen war, daß Richard nicht weiter davon sprach, am Dienstag abreisen zu wollen; mehrere Tage schien er jetzt eine Beschäftigung zu haben, die ihn vollständig in Anspruch nahm; aber was es war, das konnte Adrian nicht erfahren, und seine Bewunderung für Mrs. Dorias Talent die Menschen zu behandeln stieg sehr hoch. An einem Oktobermorgen hatten sie früh den Besuch des ehrenwerten Herrn Peter, den sie länger als eine Woche nicht gesehen hatten. »Meine Herren,« sagte er, indem er sein Stöckchen in der liebenswürdigsten Weise schwenkte. »Ich bin gekommen, Ihnen den Vorschlag zu machen, sich uns bei einer kleinen Mittagsgesellschaft in Richmond anzuschließen. Sie wissen, es ist niemand in der Stadt. London ist so tot, wie ein Stockfisch. Man kann Ihnen nur die Überreste anbieten. Aber das Wetter ist schön: ich schmeichle mir, 485 Sie werden die Gesellschaft angenehm finden. Was sagt mein Freund Feverel dazu?« Richard bat, daß man ihn entschuldige. »Nein, nein! Sie müssen ganz entschieden kommen,« sagte der ehrenwerte Peter. »Ich habe mir soviel Mühe gegeben, die Gesellschaft zusammenzubringen, um die Langeweile Ihrer Einkerkerung etwas zu mildern. Richmond liegt noch im Bereich Ihres Gefängnisses. Sie können zur Nacht zurück sein. Mondschein auf dem Wasser – entzückende Frauen. Wir haben ein Stadtboot gemietet, das uns zurück rudern soll. Acht Ruder – vielleicht sind's auch sechzehn. Kommen Sie – Hand drauf!« Adrian war dafür, daß sie gingen. Richard sagte, er hätte eine Verabredung mit Ripton. »Ihr wollt wieder einen Heuschober in Brand stecken, ihr beide,« sagte Adrian. »Richte es doch ein, daß wir gehen können. Du hast noch nicht das Paradies des Londoners kennen gelernt. Gib das Brandstiften auf und wende dich friedlicheren Beschäftigungen zu, mein Sohn.« Nach einiger Überredung gähnte Richard müde, stand auf, schien die Sorge, die auf ihm lag, abzuschütteln und sagte: »Gut denn. Wie ihr wollt. Wir können den alten Rip mitnehmen.« Adrian sah nach Brayder hin, was er dazu meine. Der ehrenwerte Peter erklärte lebhaft, er würde sehr erfreut sein, Feverels Freund mit dabei zu haben, und lud sie alle ein, in seinem Jagdwagen hinauszufahren. »Wenn Sie nicht lieber eine Wette arrangieren, mit der Flut hinauszuschwimmen – he! Feverel, mein Junge?« Richard erwiderte ihm, daß er solche Sachen aufgegeben habe, worauf Brayder Adrian einen verschmitzten Blick zuwarf und dem jungen Mann seinen Beifall aussprach. 486 Richmond lag im ruhigen Oktobersonnenschein. Die liebliche Landschaft war von dem Fuße des Hügels bis zu dem rötlichen Nebel am Horizont in herbstliches Licht getaucht. Der Tag glich keinem, der besondere Erinnerungen in Richard erweckte. Er berührte kein Glied in der Kette seiner Erinnerungen. Es war ein ruhiger Tag, dem Charakter der Jahreszeit angemessen. Adrian hatte erraten, welcher Art der Rest der Gesellschaft sein würde, die sie treffen sollten. Brayder stellte sie einem oder zweien der Herren vor, eilig und mit halber Stimme, als ob er es schnell abmachen wollte. Sie verbeugten sich vor der ersten Gruppe von Damen, auf die sie trafen. Der Anstand wurde genau bis zur äußersten Strenge beobachtet. Man sprach über das Wetter. Dann und wann faßte eine der Damen einen Knopf an dem Rocke des Herrn, mit dem sie sprach, oder erlaubte sich einen Teil seiner Kleidung zu berühren, und wenn sie ihn zu schelten hatte, drohte sie nicht nur mit einem Finger. So etwas kam indessen nur ab und zu vor und war ein Vorrecht naher Bekanntschaft. Wo Damen zusammen sind, kann man die Königin der Versammlung immer an ihrem Hofstaat von Männern erkennen. Die Königin dieser Versammlung lehnte sich gegen den Rahmen des offenen Fensters und war von einem starken Hofstaat umgeben, in welchem ein geübtes Auge Leute von der Garde erkannt haben würde, und Ripton, dessen Mut sank, fürchtete, auch Lords. Es waren schöne Männer, die in nachlässiger Weise ihre Huldigungen darbrachten. Die Art, wie sie die Bärte trugen, der Schnitt ihrer Röcke, die vornehme Gleichgültigkeit in ihrem Aussehen, löschten Riptons Gefühl der Selbstachtung aus. Aber sie waren freundlich genug ihn zu übersehen. Gelegentlich fühlte er sich beleidigt durch ein Augenglas, das auf ihn gerichtet wurde und mit 487 verletzendem Spott zu sagen schien: »Wer ist das?« und dann drängte sich Ripton enger an seinen Helden, um in seinem Schatten seine bescheidenen Ansprüche an das Dasein und seine Identität zu rechtfertigen. Richard blickte sich um, Helden wissen auch nicht bei jeder Gelegenheit, was sie zu sagen oder zu tun haben, und das kalte Bad vor dem Diner in einer fremden Gesellschaft ist eine solche Gelegenheit. In der Dame an dem Gartenfenster hatte er seine prächtige Bellona erkannt. Brayder wurde von den Männern überall mit Nicken und Scherzworten begrüßt, von den Damen mit liebenswürdigem Mutwillen. Er war sehr geschäftig, ging durch die Gruppen hindurch, schwatzend und lachend; dann und wann erhielt er einen freundschaftlichen Schlag von den Damen und erwiderte mit halblauten Scherzen. Adrian setzte sich, kreuzte die Beine und sah wohlwollend und belustigt aus. »Wer gibt das Diner?« hörte Ripton eine niedliche Schönheit einen der Kavaliere fragen. »Mount, glaube ich,« war die Antwort. »Wo ist er? Warum kommt er nicht?« »Hat wieder etwas vor, nehme ich an.« »Schon wieder. Wie schändlich behandelt er Mrs. Mount!« »Sie scheint nicht darüber zu weinen.« Mrs. Mount blitzte mit Zähnen und Augen und lachte über einen ihres Hofstaates, der den Narren zu spielen schien. Das Diner wurde angekündigt. Die Damen behaupteten ungeheuren Hunger zu haben. Brayder besorgte Plätze für seine drei Freunde. Ripton befand sich unter der Leeseite einer Dame mit einem Busen. Auf seiner anderen Seite war die niedliche Schönheit. Adrian saß an dem unteren Ende der Tafel. Damen waren 488 genug da und er bekam sein Teil. Brayder ging mit Richard von Platz zu Platz. Ein glücklicher Mann hatte sich neben Mrs. Mount gesetzt. Brayder rief ihm zu, er müsse den Platz an der Spitze der Tafel nehmen. Der glückliche Mann weigerte sich, Brayder wurde dringend, die Dame bestand freundlich darauf, und der glückliche Mann schnitt ein Gesicht, setzte sich auf den Ehrenplatz und bemühte sich, friedlich auszusehen. Richard nahm seinen Platz ein und wurde von seiner Nachbarin nicht unliebenswürdig empfangen. Nun fing das Diner an und nahm die ganze Aufmerksamkeit der Gesellschaft in Anspruch, bis das Fliegen der ersten Champagnerpfropfen das Signal gab und es anfing lauter zu werden. Der perlende Wein, der die Zungen löst und die Wahrheit enthüllt, hat auch die Kraft, ihr die Färbung zu geben. Die Damen lachten laut; Richard meinte, sie wären nur fröhlich und natürlich. Sie warfen sich auf ihren Stühlen zurück und lachten bis zu Tränen. Ripton dachte nur an das Vergnügen, das er in ihrer Gesellschaft empfand. Die Champagnerpfropfen setzten ihr regelmäßiges Geschützfeuer fort. »Wo sind Sie in der letzten Zeit gewesen? Ich habe Sie nicht im Park gesehen,« sagte Mrs. Mount zu Richard. »Nein,« erwiderte er, »ich bin nicht da gewesen.« Die Frage schien wunderlich: sie sprach aber so einfach, daß es ihm nicht auffiel. Er leerte sein Glas und es wurde wieder gefüllt. Der ehrenwerte Peter tat am meisten für die allgemeine Unterhaltung, die sich um Pferde, Jachten, die Oper und den Sport im allgemeinen drehte; wer ruiniert wäre, und durch welches Pferd oder durch welche Frau. Er erzählte ein oder zwei von Richards Heldentaten. Ein schönes Lächeln belohnte den Helden. 489 »Wetten Sie?« sagte Mrs. Mount. »Nur auf mich selbst,« erwiderte Richard. »Bravo!« rief seine Bellona, und ihre Augen blitzten ihn an über ihr randvolles Glas hinweg. »Man würde entschieden ganz sicher gehen, wenn man auf Sie wettete,« fügte sie hinzu und schien ihn prüfend und beifällig zu mustern. Richards Wangen glühten. »Schwärmen Sie nicht für Champagner?« sagte die Dame mit dem Busen zu Ripton. »Oh, ja!« antwortete Ripton mit mehr Aufrichtigkeit als Genauigkeit, »ich trinke immer Champagner.« »Wirklich,« sagte der entzückte Busen und funkelte ihn mit den Augen an. »Seien Sie freundschaftlich. Ich hoffe, Sie werden nichts dagegen haben, wenn sich Ihnen dann und wann eine Dame anschließt. Champagner ist meine Schwärmerei!« In dem Kreis von Damen, dessen Mittelpunkt Adrian war, herrschte Gelächter, zuerst leise, und als er in seinen Erzählungen fortfuhr, immer lauter tönend, bis diejenigen, die von dem Gelächter ausgeschlossen waren, verlangten, eingeweiht zu werden und die Damen sich vorbogen, um sich den Scherz erzählen zu lassen, und so eine elektrische Kette des Gelächters bildeten. Jede von ihnen zog, wenn sie den Scherz verstanden hatte, ihr Taschentuch heraus und lachte und sah hinterher sehr entrüstet aus, oder sie sah zuerst entrüstet aus und lachte dann. Die Anekdote wäre wohl auch den erstaunten Kavalieren mitgeteilt worden, als sie aber bis zu einer Dame von ehrbarer Sorte kam, sah diese entrüstet aus, ohne zu lachen, und schalt die andern Damen, die nun beschlossen, die Geschichte zu begraben: aber hier und da sah man, wie der Kopf eines Herrn sich neigte und der Mund einer 490 Dame sich bewegte, obgleich sie ihn nicht ansah, und dann ließ sich das laute Lachen eines Herrn hören, während die Dame unschuldig vor sich hinblickte und ernst blieb, so lange sie nicht dem Auge einer andern Dame begegnete; wenn das geschah, dann allerdings zogen beide wieder ihre Taschentücher hervor und lachten von neuem, bis die Wirkung des Scherzes abnahm und nur noch dann und wann hervorbrach. Was für einen Unsinn schreibt doch mein Vater über die Frauen! dachte Richard. Er sagt, sie können nicht lachen und verstehen nichts von Humor. Das kommt daher, überlegte er, daß er sich so von der Welt verschlossen hat. Und der Gedanke, daß er jetzt die Welt sähe und weiser wäre, schmeichelte ihm. Er sprach geläufig mit seiner gefährlichen Bellona. Er erzählte ihr von Adrians kleinen Launen. »Ach,« sagte sie, »das ist also Ihr Lehrer, nicht wahr?« Sie sah den jungen Mann an, als ob sie von ihm dächte, daß er es wohl weit bringen möchte. Ripton fühlte, daß er angestoßen wurde. »Sehen Sie,« sagte der Busen und fauchte vor Entrüstung. Er sollte sehen, wie ein männlicher Arm sich um die Taille der niedlichen Schönheit legte. »Nun, das ist etwas, was ich in Gesellschaft nicht liebe,« der Busen blähte sich auf, um mit gehörigem Nachdruck zu sprechen. »Sie erlaubt es jedem. Stoßen Sie sie an.« Ripton behauptete, das nicht zu wagen, worauf sie sagte: »Dann werde ich es tun.« Sie lehnte sich mit ihrer mächtigen Büste vor, ihr Weinatem strömte über ihn, und sie stieß die Gefährtin an. Die niedliche Schönheit sah Ripton fragend an; ein mutwilliger Blitz schoß aus ihrem Auge. Sie lachte und sagte: »Sind Sie nicht zufrieden mit Ihrer Alten?« »Unverschämtheit!« murmelte der Busen und wurde noch mächtiger und röter. 491 »Füllen Sie ihr das Glas und halten Sie sie ruhig – sie trinkt Portwein, wenn kein Champagner mehr da ist,« sagte die Kleine. Der Busen rächte sich, indem er Ripton allerhand Skandalgeschichten über die Kleine zuflüsterte, und durch diese beiden erhielt er eine richtigere Schätzung der Gesellschaft und überwand seine ursprüngliche Furcht so sehr, daß er ein Gefühl der Eifersucht empfand, als er seine lebhafte, kleine Nachbarin noch immer in festen Händen sah. Mrs. Mount war nicht so lebhaft wie die andern, aber es lag mehr Respekt in der Art, wie die Männer sie behandelten, ein Respekt, den diese hochmütigen Wesen nur klugen Frauen zuteil werden lassen. Sie brachte es fertig, das Gespräch mit dreien oder vieren an der Spitze des Tisches in Gang zu halten, während sie sich nach der Seite hin noch mit Richard unterhielt. Nach dem Champagner wurde dem Rotwein und Portwein lebhaft zugesprochen. Die Damen überließen hier nicht feige den Männern das Feld, sie behaupteten ihre Stellung mit Ehren. Silbernes Licht glänzte auf der Themse. Wein und Gelächter ließen nach. Gefühl und Zigarren setzten das schöne Märchen fort. »Ach, was für ein wundervoller Abend,« sagten die Damen und blickten nach oben. »Entzückend!« sagten die Herren und blickten nach unten. Die würzige, kühle Herbstluft wurde nach dem Essen wohltuend empfunden. Das duftende Kraut leuchtete hier und da im Garten auf. »Wir haben uns zu Pärchen abgesondert,« sagte Adrian zu Richard, der allein stand und in die Landschaft hinausblickte. »Das ist der Einfluß des Mondes! Wir sind augenscheinlich auf Cypern. Wie hat sich mein Sohn amüsiert? Wie gefällt ihm die Gesellschaft der Aspasia? 492 Ich komme mir heute abend wie ein weiser Grieche vor.« Adrian war vergnügt und lallte nur ganz wenig beim Sprechen. Ripton war von dem gefühlvollen Busen fortgeführt worden. Er kam zu ihnen zurück und flüsterte: »Beim Jupiter, Ricky! weißt du, was das für Frauen sind?« Richard sagte, daß er sie für sehr nette Frauen hielte. »Sie Puritaner!« rief Adrian und schlug Ripton auf die Schulter. »Warum haben Sie sich nicht betrunken, Herr? Berauschen Sie sich immer nur bei gesetzmäßigen Heiraten? Enthüllen Sie uns, was Sie mit der stattlichen Dame angefangen haben?« Ripton duldete seinen Spott, um nur in Richards Nähe zu bleiben und ihn beobachten zu können. Er war eifersüchtig, daß der Gatte seiner unschuldigen Schönheit in der Nähe solcher Frauen sein sollte. Flüsternde Pärchen gingen auf und ab. »Beim Jupiter, Ricky!« flüsterte Ripton seinem Freunde zu, »da raucht eine Frau!« »Und warum nicht, oh Riptonus?« sagte Adrian. »Ist es dir noch nicht bewußt, mein Freund, daß die vorurteilslose Frau die vollkommne Frau ist? und murrst du darüber, daß du für den kostbaren Edelstein einen kleinen Preis zahlen mußt?« »Na, mir gefällt es nicht, wenn Frauen rauchen,« sagte Ripton einfach. »Warum dürfen sie nicht tun, was doch die Männer tun?« rief der Held ungeduldig. »Ich hasse diese verächtliche Engherzigkeit. Sie ist es, die all das Verderben und Unglück heraufbringt, das ich sehe. Warum dürfen sie nicht tun, was die Männer tun? Mir gefallen die Frauen, die tapfer genug sind, keine Heuchlerinnen zu sein. Beim Himmel! wenn diese Frauen schlecht sind, 493 dann gefallen sie mir besser, als eine Gesellschaft heuchlerischer Geschöpfe, die ganz äußerlich sind und uns zum Schluß betrügen.« »Bravo!« rief Adrian, »da spricht der Reformator!« Ripton fühlte sich, wie gewöhnlich, ganz klein neben seinem Führer. Er verstand es nicht, seine Sache zu führen. Er war noch immer der Meinung, daß Frauen nicht rauchen sollten; und er dachte an eine, die weit fort war, allein an der See, und die vollkommen war, ohne vorurteilslos zu sein. Das Manuskript des Pilgers sagt: »Junge Männer empfinden an nichts soviel Freude, wie an dem Gedanken. daß Frauen Engel sind; und nichts verbittert Männer mit Erfahrung mehr, als die Erkenntnis, daß nicht alle es sind.« Der Aphorist würde Ripton Thompson seine ersten Random-Ausschweifungen verziehen haben, hätte er die einfache warmherzige Verehrung weiblicher Güte bemerkt, die Richards junge Frau in dem Herzen des Jünglings entzündet hatte. Es hätte ihn wahrscheinlich gelehrt, mehr Vertrauen in unsere menschliche Natur zu setzen. Ripton dachte an sie und hatte ein Gefühl von Trauer. Er wanderte allein durch den Garten, ging durch ein offnes Pförtchen und warf sich nieder unter ein Gebüsch, das am Abhang des Hügels stand. Wie er dort lag und grübelte, hörte er einige Stimmen in der Nähe. »Was will er von mir?« sagte die Stimme einer Frau. »Ich weiß, es ist wieder eine von seinen Schurkereien. Bei meiner Ehre, Brayder, wenn ich bedenke, was ich ihm alles vorzuwerfen habe, ist es mir, als ob ich toll werden oder ihn töten müßte!« »Das ist tragisch!« sagte der ehrenwerte Peter. »Aber haben Sie sich nicht schon oft genug gerächt, Bella? Verkehren wir offen miteinander. Dies ist ein kaufmännischer 494 Vertrag. Sie verlangen Geld und Sie sollen es erhalten – unter Bedingungen: verdoppeln Sie die Summe und Ihre Schulden werden bezahlt.« »Er wendet sich an mich!« »Sie wissen, meine liebe Bella, es ist lange alles zwischen Ihnen aus gewesen. Ich denke, Mount hat sich sehr gut benommen, wenn man in Betracht zieht, was er alles weiß. Er läßt sich nicht leicht täuschen, wie Sie wissen. Er ergibt sich in sein Schicksal und verfolgt anderes Wild!« »Die Bedingung besteht also darin, daß ich diesen jungen Mann verführen soll?« »Meine liebe Bella! Sie stoßen wie ein Habicht auf Ihren Vogel herab. Ich habe nicht gesagt: verführen. Halten Sie ihn hin, spielen Sie mit ihm. Amüsieren Sie ihn.« »Ich verstehe mich nicht auf halbe Maßregeln.« »Das tun die Frauen selten.« »Wie ich Sie hasse, Brayder.« »Ich bedanke mich, Euer Gnaden.« Die beiden gingen weiter. Ripton hatte etwas von dem Gespräch gehört. Er verließ den Ort in ernster Stimmung, mit der Furcht, daß etwas Dunkles über denen schwebte, die er liebte, ohne doch zu wissen, was die Bedingung des ehrenwerten Peter bedeutete. Auf der Rückfahrt nach der Stadt wurde Richard wieder dazu ersehen, neben Mrs. Mount zu sitzen. Brayder und Adrian sorgten für das Amüsement der Gesellschaft. Diese beiden Parasiten kamen vortrefflich miteinander aus. Sanft tauchten sich die Ruder in das Wasser, sanft wurden sie vom Mondlicht umspielt, sanft glitten die Ufer vorüber. Die Damen waren im höchsten Grade gefühlvoll. Sie sangen, ohne darum gebeten zu werden. Sie waren alle 495 der Meinung, daß der britische Balladendichter für ihre Gefühle den besten Ausdruck hätte. Nach gutem Wein und viel davon, kann diese Art von Poesie für Männer von Geschmack durch schöne Stimmen erträglich gemacht werden. Augen, Lippen, Herzen; Pfeile, Seufzer, Schmerzen; Liebe, Triebe, Brust und Lust; und Lebewohl, du Falsche! Bei diesen rührenden Tönen schmolzen sie dahin. Mrs. Mount weigerte sich, zu singen, obgleich sie sehr darum gebeten wurde. Sie bewahrte ihre Haltung. Unter den hohen Espen von Brentfort glitten sie dahin, und immer weiter und weiter; der silberne Mond glitzerte in ihrem Kielwasser. Richards Hand lag offen neben ihm. Mrs. Mounts kleine weiße Hand fiel durch einen unglücklichen Zufall hinein. Sie wurde nicht gedrückt oder gestreichelt nach ihrem Fall oder von beredten Fingern vertraulich behandelt. Sie lag da, wie eine Schneeflocke auf kaltem Boden. Ein gelbes Blatt, das von den Espen herniederfiel, traf Richards Wange, und er zog grade diese Hand fort, um ein Haar zurechtzustreichen und sein Gesicht zu glätten, und dann verschränkte er die Arme über der Brust, ohne dadurch beleidigen zu wollen. Er machte ehrgeizige Pläne für sein Leben: sein Blut war nicht erregt, sein Gehirn arbeitete ruhig. »Was ist gefährlicher,« so lautet ein Problem, das der Pilger aufstellt: »den Versuchen der Eva entgegenzukommen, oder sie zu reizen?« Mrs. Mount staunte den jungen Mann an wie eine Merkwürdigkeit und wandte sich von ihm ab, um mit einem von ihrem Hofstaat zu kokettieren. Die Herren von der Garde waren meistens gefühlvoll. Einer oder zwei schwatzten viel, und einer von ihnen war ein so gutmütiger Bursche, daß es Adrian nicht gelang, ihn lächerlich zu machen. Die andern schienen sich einem allmählichen Längerwerden ihrer Gliedmaßen hinzugeben. Wie 496 weit sie auch von einander entfernt saßen, jedermann verwickelte sich in ihre Beine. Im Verlauf seiner Studien kam Adrian zu der Überzeugung, daß dieselbe enge geistige und moralische Verwandtschaft, welche er zwischen dem Adel und dem Bauernstand entdeckt hatte, auch zwischen der Klasse der Gardeleute und dem Ballettkorps zu finden wäre: sie lebten beide von der Stärke ihrer Beine, – wo immer ihr Verstand sich entwickelte, wenn er sich nicht vielleicht ganz allein auf die Beine beschränkte: beide sind leichtsinnig; Wein, Tabak und Mondenschein haben den gleichen Einfluß auf beide, und wenn man von dem einen deutlichen Unterschied absieht, der zwischen ihnen besteht, dann ist es schließlich ziemlich dasselbe, ob man auf zwei Beinen oder auf der Spitze eines Zehs kokettiert und sündigt. Ein langer Gardeoffizier mit einer tiefen Baßstimme sang ein klägliches Lied von den zarten Ranken des Herzens, die rauh zerrissen werden; aber es bedurfte dringenden Zuredens und eines lauten Trompetens seiner Lunge, es zu Ende zu bringen. Noch ehe er zum Schluß gekommen war, hatte Adrian seine Nachbarschaft zum Lachen gebracht, so daß die ganze Gesellschaft nun geteilt und das Lager gespalten war: die eine Hälfte kehrte zur Fröhlichkeit zurück, während die andere gefühlvoll blieb. Ripton war ganz hinter dem Busen verschwunden und war nur darin glücklich, daß er einen höheren Grad von Wärme empfand, als es für die anderen möglich war. »Frieren Sie?« fragte sie ihn wiederholt mit mitleidigem Lächeln. »Ich friere,« sagte die niedliche Kleine, als wenn sie damit ihr Benehmen entschuldigen wollte. »Sie scheinen immer zu frieren,« schnaubte die Dicke mit beißendem Tone. 497 »Könnten Sie nicht zwei wärmen?« fragte das ungezogene kleine Frauenzimmer. Verachtung verhinderte es, daß man noch weiter Notiz von ihr nahm. Diejenigen, die mit den Damen vertraut waren, amüsierten sich über das Wortgeplänkel, das man bei ihnen schon kannte. Man hörte, wie die Kleine flüsterte: »Der arme Bursche wird ganz gekocht werden.« Die Damen gaben und empfingen Wärme auf sehr hübsche Art, denn die Luft auf dem Wasser war kühl und feucht. Adrian hatte neben sich die ehrbare Dame, die die weitere Verbreitung seiner Anekdote verhindert hatte. Sie hatte durchaus nichts gegen den schönen Wärmeaustausch einzuwenden, aber sie sagte immer von Zeit zu Zeit »Pst«. An Kew und Hammersmith vorbei, auf dem kühlen glatten Wasser, über die Stromstrecke bei Putney, durch die Brücke von Battersea, und nun wuchs die Stadt um sie herum und die Schatten der großen Fabrikanlagen schliefen dunkel im Mondlicht. Als sie an Land stiegen, schwatzten die Damen alle in liebenswürdigster Weise, was für ein entzückender Tag es gewesen wäre. Verschieden Kavaliere baten demütig um die Ehre, Mrs. Mount nach Hause bringen zu dürfen. »Mein Wagen wartet hier, ich werde allein nach Hause fahren,« sagte Mrs. Mount. »Bitte, ziehe einer von Ihnen meinen Schal zurecht.« Sie wendete Richard den Rücken zu, und er hatte den Anblick ihres zarten Nackens, während er mit der Miene eines gepanzerten Ritters ihr behilflich zu sein versuchte. »Nach welcher Richtung gehen Sie?« fragte sie gleichgültig, und als er geantwortet hatte, sagte sie: »Dann kann ich Sie ein Stück mitnehmen,« nahm seinen Arm, als wenn das ganz selbstverständlich wäre, und ging mit ihm die Stufen in die Höhe. 498 Ripton sah, was vorging. Er wollte folgen, die stattliche Dame hielt ihn aber zurück und verlangte von ihm, daß er ihr einen Wagen besorge. »Ach, Sie Glücklicher!« sagte die niedliche Kleine mit den lustigen Augen, als sie an ihm vorüberging. Ripton besorgte den Wagen, der sich füllte, ohne daß er nötig hatte, mit einzusteigen. »Versuchen Sie doch, ob er nicht auch noch Platz hat,« sagte der lästige Quälgeist wieder vorübergehend. »Nimm dir Freiheiten heraus mit deinen Leuten – mit mir darfst du es nicht,« erwiderte der ärgerliche Busen und fuhr davon. »So ist sie nun, nun geht sie und läuft ihm fort, nach all der Mühe, die er sich gegeben hat!« rief das freche, kleine Ding und guckte Ripton an: »Nun werden Sie nicht wieder so töricht sein und Ihre Treue an eine so dicke Person hängen. Nun! ein andermal wollen wir ihn auch glücklich machen.« Sie gab ihm einen scherzhaften Schlag auf die Nase und trippelte mit ihrem Eigentümer fort. Einige Minuten lang vergaß Ripton seinen Freund so ziemlich. Random-Gedanken nahmen ihn gefangen. Droschken und Equipagen rasselten vorüber. Er wußte, daß er den Tag in der Gesellschaft des Adels verbracht hatte, obgleich die Herren, wenn sie jetzt an ihm vorübergingen, Mühe hatten, ihn noch mit einem Zucken ihrer Augenlider wiederzuerkennen. Er fing an, mit einem Triumphgefühl an den Tag zu denken, als an ein ganz besonderes Ereignis. Erinnerungen an die niedliche Kleine nahmen ihn besonders gefangen. »Blaue Augen – grade, was ich gern habe! Und solch eine kleine unverschämte Nase, und rote Lippen, schmollend – grade, was ich gern habe! Und ihr Haar? dunkel, denke ich – sagen wir braun. Und so unverschämt und so gewandt. Und freundlich ist 499 sie auch, sonst würde sie nicht so mit mir gesprochen haben.« So mit sehnsüchtigem Herzen malte er sich ihr Bild. Sein Verstand bezeichnete sie freiwillig als ein dem Adel zukommendes Anhängsel, und in seiner Verliebtheit wünschte er, das Schicksal hätte ihn zu einem Lord gemacht. Dann wandte sich sein Sinn wieder zu Mrs. Mount und den seltsamen Brocken der Unterhaltung, die er auf dem Hügel gehört hatte. Er war nicht der Mann, der irgend jemand direkt beargwöhnt haben würde. Er war zu schüchtern, einen bestimmten Verdacht zu schöpfen; dieser umschwebte nur undeutlich die Gestalten der andern, ohne ihn zu einem Entschlusse zu bringen. Doch die Aufmerksamkeit, die die Dame Richard schenkte, war sonderbar. Er bemühte sich, es sich vorzustellen, daß das in der Natur der Sache läge, weil Richard so schön war, daß jede Frau von ihm eingenommen sein mußte. »Aber er ist verheiratet,« sagte sich Ripton, »und wenn er verheiratet ist, muß er solchen Leuten nicht nahe kommen.« Das war vielleicht keine sehr hohe Moral, aber doch besser als keine; und für die Welt wäre es besser, wenn sie mehr befolgt würde. Er dachte an Richard, und daß er nun mit dieser glänzenden Dame zusammen und allein mit ihr war. Die bewunderswerte Schönheit seiner lieben, jungen Frau, ihr reines himmlisches Gesicht schwebte vor ihm her. Als er an sie dachte, verlor er die niedliche Kleine aus den Augen, die ihn schwindlig gemacht hatte. Er ging nach Richards Hotel und dort die Straße auf und ab, und hoffte in jeder Minute Richards Schritt zu hören; manchmal bildete er sich ein, er wäre vielleicht schon zurückgekehrt und zu Bett gegangen. Es schlug zwei Uhr. Ripton konnte nicht fort. Er wußte bestimmt, er würde nicht schlafen können, wenn er fort ginge. Zuletzt veranlaßte die Kälte ihn doch, nach Hause zu gehen, 500 und als er die Straße verließ, traf er auf der vom Mond beschienenen Seite von Piccadilly seinen Freund, der dahin schlenderte mit erhobenem Haupte und dem besondern Gange, der Leuten eigen ist, die vor sich hin singen. »Mein alter Rip!« rief Richard fröhlich. »Was in aller Welt tust du hier zu dieser frühen Morgenstunde?« Ripton murmelte, daß er sich freue ihn zu treffen. »Ich wollte dir die Hand schütteln, ehe ich nach Hause gehe.« Richard sah ihn mit einem liebenswürdigen, amüsierten Lächeln an. »Das ist alles? Du kannst mir doch jeden Tag die Hand schütteln, solch ein treuer Mensch, wie du bist, alter Rip! Ich habe von dir gesprochen. Weißt du, diese – Mrs. Mount – hat dich die ganze Zeit gar nicht bemerkt, weder in Richmond, noch in dem Boot!« »So!« sagte Ripton, ganz überzeugt davon, daß er ein Zwerg wäre: »du hast sie nach Hause gebracht?« »Ja. Ich bin die letzten Stunden bei ihr gewesen – wir haben uns unterhalten. Sie spricht vortrefflich: sie ist wunderbar klug. Sie hat sehr viel von einem Mann an sich, ist nur sehr viel netter. Sie gefällt mir.« »Aber, Richard, sei nicht böse – ich will dich wirklich nicht beleidigen – aber nun, da du verheiratet bist – – vielleicht konntest du es nicht vermeiden, sie nach Hause zu bringen, aber ich denke, du hättest wirklich nicht hinauf gehen sollen.« Ripton sprach seine Meinung mit einer bescheidenen Nachdrücklichkeit aus. »Was meinst du eigentlich?« sagte Richard. »Du meinst doch nicht etwa, daß ich mir, mit Ausnahme von meinem kleinen Liebling dort, aus irgend einer Frau etwas mache?« Er lachte. »Nein, natürlich nicht. Das wäre ja abgeschmackt. Was ich meine, ist nur, daß die Leute vielleicht – du 501 weißt, daß sie es tun – sie sagen so allerhand Sachen, und das bringt dann Unglück und – . . . ich wünschte, du würdest morgen nach Hause reisen, Ricky. Ich meine, zu deiner lieben Frau!« Ripton errötete und sah fort, als er sprach. Der Held schenkte ihm einen seiner verächtlichen Blicke. »So, du ängstigst dich also um meinen Ruf. Ich hasse diese Art, die Frauen zu beurteilen. Weil sie immer in die Irre geführt wurden – überlege doch, wie viel schwächer sie sind! – weil die Welt ihnen einen bösen Ruf verschafft hat, willst du sie behandeln, als wenn sie ansteckend wären, und dich von ihnen fern halten, um deines Rufes willen!« »Bei mir wäre es etwas anderes,« meinte Ripton. »Und warum denn?« fragte der Held. »Weil ich schlechter bin als du,« war die ganze logische Erklärung, zu der Ripton imstande war. »Ich hoffe, du wirst bald nach Hause reisen,« fügte er hinzu. »Ja,« sagte Richard, »und ich hoffe es auch. Aber ich habe noch Arbeit hier. Lucy würde die letzte sein, die es von mir verlangte, – du sahst gestern ihren Brief. Nun höre mal, Ripton. Ich möchte dich den Frauen gegenüber gerecht machen.« Und nun hielt er Ripton eine Vorlesung über verirrte Frauen, sprach von ihnen, als ob er sie jahrelang gekannt und studiert hätte. Klug, schön, aber durch die Liebe betrogen wie sie wären, war es die Pflicht aller treuer Männer sie zu beschützen und wieder herzustellen. »Wir machen sie zu einem Fluch, Rip: diese göttlichen Geschöpfe.« Und die Welt litte darunter. Das – das wäre die Wurzel alles Übels in dieser Welt! »Ich fühle weder Ärger noch Abscheu vor diesen armen Frauen, Rip! Es ist sonderbar. Ich wußte, was sie 502 sind, als wir im Boot nach Hause fuhren. Aber ich – es zerreißt mein Herz, zu sehen, wie ein junges Mädchen einem alten Manne ausgeliefert wird – einem Manne, den sie nicht liebt. Das ist Schande! – Sprich nicht davon.« Da er die Voraussetzung, daß alle verratenen Frauen durch Liebe betrogen wären, zu bestreiten vergaß, war Ripton ganz zum Schweigen gebracht. Er hatte, wie die meisten jungen Männer, etwas über diesen Gegenstand nachgedacht und neigte dazu, gefühlvoll zu sein, so lange er nicht hungrig war. Sie wandelten im Mondschein an dem Gitter des Parkes entlang. Richard sprach ruhig weiter, während Ripton mit den Zähnen klapperte. Das Rittertum mochte tot sein, aber es gab doch noch etwas zu tun, so ging die Rede. Die Dame heute war dem Helden nicht ohne Zweck in den Weg gekommen – darin hatte er traurigerweise recht. Er drückte sich nicht deutlich darüber aus, nichtsdestoweniger verstand Ripton, daß er beabsichtige, die Dame vor weiteren Verirrungen zu bewahren und die Welt mit einem gewissen Hohn zu behandeln. Jene Dame und dann noch andere unbekannte Damen sollten gerettet werden. Ripton sollte ihm helfen. Er und Ripton sollten die Ritter dieses Unternehmens sein. Als man sich so direkt an ihn wandte, sagte Ripton seine Hilfe zu und zitterte vor Kälte. Sie würden nicht nur Ritter sein, sie würden Titanen sein müssen, denn sie würden den Mächten der Welt, den unechten herrschenden, sozialen Göttern Trotz bieten und sie zu Boden werfen müssen. Und der Titane Nummer eins warf sein schönes, kühnes Haupt zurück, als ob er den bösen Jupiter auf der Stelle herausfordern wollte; und der Titane Nummer zwei hatte sich das Taschentuch vor die Brust gesteckt und bemühte sich, den obersten Knopf seines Rockes darüber zuzuknöpfeln, und wärmte sich die Finger unter 503 seinen Rockschößen. Der Mond war schon von seinem hohen Sitz herabgestiegen und lag im nebeligen Westen, als es Ripton gestattet wurde, seine Bettdecken aufzusuchen; und daß, trotz der Beredsamkeit seines Freundes, die Kälte eine solche Wirkung auf ihn haben konnte, gab Ripton ein Gefühl großer Zerknirschung. Der arme Bursche hatte dünneres Blut als der Held; aber sein Herz war gut. Als er ein bißchen warm geworden war, strebte sein dankbares Herz danach, Mut zu fassen und sich als Ritter und Titane zu fühlen; und mit diesem Streben schlief Ripton ein und träumte.   Siebenunddreißigstes Kapitel. Mrs. Berry über die Ehe. Seht wie der Held sich einschifft, eine verirrte, schöne Frau zu retten! »Ach, ich kann die Sage von der Schlange nicht los werden, je mehr ich auch darüber nachdenke,« so schreibt zu derselben Zeit der Pilger an Lady Blandish. »Hat sie nicht Euch Frauen alle ergriffen und zu vorderst in ihre Reihen gestellt? Denn sehen Sie: so lange die Frau nicht erschaffen war, hingen die Früchte unbeweglich an den Zweigen. Sie neigten sich über uns, glänzend und kalt. Die Hand, die sie pflückte, mußte begehrlich sein. Sie kamen nicht zu uns herab und lächelten nicht und sprachen nicht unsere Sprache und errieten nicht unsere Gedanken, und wußten nicht, wann sie uns fliehen und wann sie uns folgen mußten und wie sie uns am sichersten in ihre Gewalt bringen konnten! Beobachten Sie es nur, wenn eine Ihres Geschlechtes offen auf den Wegen der Schlange wandelt. Was soll 504 mit ihr geschehen? Ich fürchte, die Welt ist weiser, als ihre Richter! ›Wendet Euch von ihr fort,‹ sagt die Welt. Am Tage tun es die Söhne der Welt. Es wird dunkel und sie tanzen zusammen dem Abgrund entgegen. Dann kommt einer von den Auserwählten der Welt und hält die alte Klugheit für teuflisch, und hält Gleichgültigkeit gegen die Folgen des Bösen für schlimmer als das Verfolgen des Bösen. Er kommt und will die Frau erretten. Vom tiefsten Verderben will er sie zum höchsten Segen erheben. Ist das nicht allein schon ein Köder? Der arme Fisch! Es schmeichelt ihm so sehr. Die Schlange hat die Frau so umhüllt, um ihn sicher zu machen! Mit langsamen, schweren Schritten zieht er sie ans Licht: sie klammert sich an ihn, sie ist menschlich, sie ist zum Teil sein Werk; und er liebt sein Werk. Während sie aufwärts steigen, sieht er mehr und mehr nach ihr hin, während sie vielleicht aufwärts blickt. Was hat ihn erfaßt? Was ist aus ihr heraus und in ihn übergegangen? Unten lacht die Schlange. Und an den Toren der Sonne fallen sie beide!« Dieser halb poetische Erguß war geschrieben worden, ohne ein Gefühl von der Gefahr, die Prophezeiungen hervorruft. Es paßte Sir Austin, so zu schreiben. Er machte so seiner Bitterkeit Luft und milderte sie durch Philosophie. Der Brief war die Antwort auf eine stürmische Bitte der Lady Blandish, zu Richard zu kommen und ihm ganz und gar zu vergeben. Richards Tun war in dem Briefe nicht erwähnt. »Er versucht mehr zu sein, als er ist,« dachte die Dame und fing unbewußt an, ihn für weniger zu halten, als er war. Der Baron hatte ein gewisses, falsches Gefühl der Befriedigung über seines Sohnes augenscheinlichen 505 Gehorsam gegen seine Wünsche und seine vollkommene Unterwerfung; ein Gefühl der Befriedigung, auf das er ein Recht zu haben meinte, ohne es sich näher zu erklären oder sich Rechenschaft darüber abzulegen. Die Nachricht, daß Richard wartete und immer wieder wartete, Richards Briefe, sein stummes Ausharren und die Reue, die sein Benehmen bewies, bestätigten seine Ansichten von der menschlichen Natur genügend und hielten den Strom boshafter Aphorismen aus. Er konnte, wie wir gesehen haben, mit Kummer von dieser unserer schwachen Natur sprechen, als deren Verteidiger er einst aufgetreten war. »Aber wie lange wird es dauern?« fragte er mit der Miene seines Bruders Hippias. Er dachte nicht darüber nach, wie lange es schon gedauert hatte. Ja, die Unmöglichkeit, seinen Zorn zu verdauen, hatte ihn zu einem moralischen Dyspeptiker gemacht. Es war nicht nur Gehorsam, was Richard von den Armen seiner jungen Frau fern hielt: auch war es nicht dieses neue ritterliche Unternehmen, das er plante. Soviel er auch vom Helden an sich hatte, so sehr seine Jugend auch den ungesunden Einflüsterungen des heißen Blutes zugänglich war, er war kein Narr. Er hatte mit Mrs. Doria von seiner Mutter gesprochen. Nun, da er sich von seinem Vater losgerissen hatte, sprach sein Herz für sie. Sie lebte, das wußte er: mehr wußte er nicht. Worte, die sich peinlich nur bis zur Grenze einer offenen Aussprache heranwagten, waren ihm zu Ohren gekommen und hatten ihn mit düsteren Vorstellungen erfüllt. Wenn er an sie dachte, stieg ihm die Schamröte in die Wangen, obgleich er nicht hätte sagen können, weshalb. Aber jetzt, nachdem er das Benehmen seines Vaters zu prüfen versucht und ihn als ein schreckliches Rätsel beiseite geschoben hatte, bat er Mrs. Doria, ihm von seiner Mutter zu erzählen. Sie erzählte ihm die Geschichte so liebevoll, wie 506 es ihr möglich war. Für sie war die Schande überwunden: sie konnte über die arme Frau weinen. Richard vergoß keine Tränen. Schande dieser Art bleibt für einen Sohn unvergänglich, und wie er erzogen war, brannte die Erzählung wie glühendes Feuer in seinem Gehirn. Er beschloß sie aufzusuchen und sie von dem Manne zu trennen. Hier war eine Arbeit, die auf ihn wartete. Lucy war alles recht, was ihr lieber Mann tat. Sie redete ihm zu, um dieser Aufgabe willen noch länger zu bleiben und hoffte, daß noch andere Zwecke dadurch gefördert werden könnten. Tom Bakewell war da und würde über Lucy wachen: er hatte jetzt seine Aufgabe zu erfüllen. Ob sein Vater damit einverstanden sein würde, das überlegte Richard nicht. Und ob Gerechtigkeit in seinem Handeln lag, darüber wollen wir uns nicht auslassen. Auf Ripton fiel die bescheidene Aufgabe, Sandys Wohnplatz ausfindig zu machen; und da ihm der Name, den der Dichter jetzt im Privatleben führte, nicht bekannt war, waren seine Bemühungen nicht gleich von Erfolg gekrönt. Die Freunde trafen sich am Abend in Lady Blandishs Stadthaus oder bei den Foreys, wo Mrs. Doria Ripton als treuen Konservativen freundlich aufnahm. Mitleid, tiefes Mitleid mit Richards Benehmen sah Ripton in Mrs. Dorias Ausdruck. Algernon Feverel behandelte seinen Neffen mit einem gewissen rauhen Mitgefühl, wie einen jungen Burschen, der vom rechten Wege abgekommen ist. Mitleid lag auch in Lady Blandishs Augen, aber es stammte aus einer andern Quelle. Sie hegte Zweifel, ob sie recht daran täte, seines Vaters unklugen Plan zu unterstützen – denn noch nahm sie an, daß er nach einem Plane handele. Sie sah den jungen Ehemann zu einer kritischen Zeit von Gefahren umgeben. Man hatte ihr kein Wort von Mrs. Mount erzählt, aber die Dame kannte 507 das Leben. Sie wies in ihren Briefen an den Baron in zarter Weise darauf hin, und er verstand sie gut genug. »Wenn er diese Person, an die er sich gefesselt hat, liebt, was brauchen wir dann zu fürchten? Oder sind Sie dahin gekommen, seine Zuneigung für etwas zu halten, was den Namen Liebe trägt, weil wir die richtige Bezeichnung zu verschleiern haben?« So antwortete er, von der Ferne, aus den Bergen. Sie gab sich Mühe, deutlicher zu sprechen. Schließlich schrieb er, daß er sich die Freude versage, seinen Sohn wiederzusehen, weil er ausdrücklich wünsche, daß er eine Zeitlang grade die Probe bestände, die die Dame für ihn zu fürchten scheine. Das war beinahe zu viel für Lady Blandish. Der tugendhafte Waisenknabe erschien jetzt in so erhabener Ruhe, sie sah ihn halb entblößt in allen seinen Gliedern und Gelenken – es war eine schwere Prüfung für ihr treues Herz. Wenn Richard abends nach Hause ging, lachte er über die Gesichter, die man über seine Heirat machte. »Und wir werden doch den Sieg davon tragen, Rip, meine Lucy und ich! oder ich werde ihn allein gewinnen – und dazu tun, was noch getan werden muß.« Er machte eine leichte Anspielung darauf, daß bei Frauen ein Mangel an Mut natürlich wäre, was Ripton so auffaßte, als ob man seiner Schönheit diese Eigenschaft absprechen wollte. Dagegen erhob sie der »Treue Hund«: »Ich bin überzeugt, Richard, daß niemals ein mutigeres Geschöpf auf der Erde gelebt hat! Sie ist so tapfer wie sie lieblich ist, darauf könnte ich schwören! Besinne dich doch, wie sie sich an dem Tage benommen hat! Wie ihre Stimme klang! Sie zitterte . . . ob sie tapfer ist? Sie würde dir in die Schlacht folgen, Richard!« Und Richard erwiderte: »Sprich weiter, lieber, alter Rip! Sie ist mein geliebter Schatz, was sie auch sonst sein mag! Und sie ist herrlich schön. Es gibt keine Augen, 508 die so schön sind wie die ihren. Morgen früh fahre ich zu ihr.« Ripton wunderte sich nur, daß der Besitzer eines solchen Schatzes ihm fern bleiben konnte. Und Richard dachte auch eine Weile so. »Aber wenn ich gehe, Rip,« sagte er niedergeschlagen, »selbst wenn ich nur für einen Tag gehe, werde ich in den Augen meines Vaters mein ganzes Werk vernichtet haben. Sie sagt das selbst – du hast es in ihrem letzten Briefe gelesen.« »Ja,« stimmte Ripton ein, und die Worte: »Grüße den lieben Mr. Thompson« zitterten noch in dem Herzen des treuen Hundes. Es traf sich, daß Mrs. Berry, als sie auf einem Geschäftsgang durch die Gärten von Kensington kam, eine Gestalt erspähte, die sie einstmals in langen Kleidern auf dem Arme gewiegt hatte und der sie dazu verholfen hatte, zum Manne zu werden, wenn je eine Frau das von sich sagen kann. Er wanderte unter den Bäumen neben einer Dame und sprach mit ihr und nicht in gleichgültigem Tone. Der Herr war ihr junger Ehemann, ihr liebes Kindchen. »Ich erkenne ihn an seinem Rücken,« sagte Mrs. Berry, als ob sie ihm in der Kindheit einen Stempel aufgebrannt hätte. Die Dame aber war nicht die junge Frau. Mrs. Berry trat von dem Weg herunter und ging links von der Seite um sie herum; sie starrte sie an, zog sich wieder zurück und kam dann noch einmal von der rechten Seite. Es war etwas in dem Gesicht der Dame, was Mrs. Berry nicht gefiel. Sie fragte sich innerlich: warum ging er nicht neben seiner eignen Frau? Sie blieb vor ihnen stehen. Sie traten auseinander und gingen um sie herum. Die Dame lachte und machte eine Bemerkung, worauf er sich umsah, und da machte Mrs. Berry einen Knix. Sie mußte noch ein zweites Mal knixen, und dann erkannte 509 er das ehrwürdige Wesen und begrüßte sie als Penelope und schüttelte ihr so kräftig die Hand, daß sie ihre Fassung wiedergewann. Mrs. Berry war sehr aufgeregt. Er trennte sich von ihr und versprach ihr, sie am Abend zu besuchen. Sie hörte, wie die Dame eine halblaute Bemerkung machte und beide lachten, und da schwankte sie nach dem nächsten schützenden Baume, um sich aus jedem Auge eine Träne zu wischen. »Mir gefällt das Aussehen der Frau nicht,« sagte sie und wiederholte es noch einmal mit Nachdruck. »Warum geht er nicht untergefaßt mit ihr,« war ihre nächste Frage. »Wo ist seine Frau?« folgte dann. Nach mehreren solchen Fragen kam sie schließlich dahin, die Dame ein frech aussehendes Ding zu nennen, und fügte noch hinzu: schamlos. Das Benehmen der Dame hatte Mrs. Berry augenscheinlich zu verstehen gegeben, daß sie sie los werden wollte, und hatte das Ausströmen ihrer Gefühle an dem Herzen ihres Kindes verhindert. »Ich kann eine Dame schon erkennen, wenn ich eine sehe,« sagte Mrs. Berry. »Ich hab' nicht umsonst mit ihnen zusammen gelebt; und wenn das eine war, die als Dame geboren und erzogen ist, dann bin ich nicht lebendig in der Kirche getraut worden.« Wenn sie aber keine Dame war, was war sie dann? Das wünschte Mrs. Berry zu wissen. »Sie ist eine nachgemachte Dame, ich bin ganz sicher!« schwor Mrs. Berry. »Ich sage, sie sieht nicht anständig aus.« Wenn die Dame aber nun ein unechter Artikel wäre, was sollte man dann von einem verheirateten Manne denken, der mit so einer zusammen war? »Aber nein, das ist es nicht!« Mrs. Berry kam gleich wieder zu milderen Ansichten zurück. »Vielleicht hat einer von seinen Bekannten sie wegen ihrer Schönheit geheiratet, und er hat sie grade getroffen . . . Ja, denn sonst wäre er ja 510 eben so schlimm wie mein Berry!« rief die im Stich gelassene Gattin Berrys aus und war entsetzt in dem Gedanken, daß ein zweiter Mann so ungeheuer schlecht sein könnte. »Und noch dazu grade erst verheiratet!« Mrs. Berry stöhnte, wenn ihr wieder die verdächtige Seite der Frage einfiel. »Und solch ein süßes, junges Ding zur Frau! Aber nein, ich will es nicht glauben. Nicht, wenn er es mir selbst sagte! Und das tun die Männer nicht,« jammerte sie vor sich hin. Frauen kommen in diesen Dingen schnell zum Entschluß, gutmütige Frauen besonders schnell, und gutmütige Frauen, die selbst betrogen wurden, über alle Maßen schnell. Mrs. Berry hatte nicht lang nachgedacht, ehe sie deutlich und ohne einen Schatten von Zweifel zu sich sagte: »Meine Meinung ist – verheiratet oder nicht verheiratet und wo er sie auch immer aufgesammelt haben mag – sie ist nicht mehr oder weniger als eine Bella Donna!« und als diese giftige Pflanze trug sie die Dame in dem botanischen Notizbuch ihres Gehirnes ein. Mrs. Mount würde erstaunt gewesen sein, wenn sie gewußt hätte, wie richtig ihre Person auf den ersten Blick erkannt worden war. Am Abend erfüllte Richard sein Versprechen, und Ripton begleitete ihn. Mrs. Berry öffnete ihnen die Türe. Sie konnte nicht warten, bis sie im Wohnzimmer waren. »Sie sind mein einziges, geliebtes Kind und ich bin beinahe ebenso wie Ihre Mutter – obgleich ich Sie nicht genährt habe, denn ich war damals ein Mädchen!« rief sie und fiel ihm um den Hals, während Richard sein Bestes tat, um die unerwartete Last zu stützen. Dann machte sie ihm zärtlich Vorwürfe, daß er sie betrogen habe – wobei Ripton kicherte, da er das für seinen eignen höchst ehrenvollen Anteil an dem Komplott hielt – und dann führte Mrs. Berry sie in das Wohnzimmer und erklärte Richard, 511 wer sie wäre und wie sie ihn gewiegt und in ihren Armen gehabt und über und über geküßt hätte, als er noch so klein war, wobei sie ihren kurzen dicken Arm zeigte. »Ich hab' Sie vom Kopf bis zu den Füßen geküßt,« sagte Mrs. Berry, »und Sie brauchen sich deshalb nicht zu schämen. Wir wollen hoffen, daß Ihnen niemals was Schlimmeres passiert, mein Lieber!« Richard erklärte ihr, daß er sich deswegen durchaus nicht schäme, ermahnte sie aber, es jetzt nicht mehr zu tun, und Mrs. Berry meinte, davon könne jetzt gar keine Rede mehr sein, und besonders nicht, da er doch nun eine Frau habe. Die jungen Männer lachten, und da Ripton besonders laut lachte, wandte sich Mrs. Berrys Aufmerksamkeit ihm zu, und sie sagte: »Aber der Mr. Ripton da – wie kann der mir überhaupt noch ins Gesicht sehen, nach all seiner Harmlosigkeit! hat auch noch geholfen, eine alte Frau in die Irre zu führen! – obgleich ich nicht traurig bin, daß ich es getan habe – ich bin so frei, es zu sagen, und nun ist's vorüber, und sie mögen alle glücklich werden! Amen! Aber wo ist sie jetzt, und wie geht es ihr, Mr. Richard, mein Lieber – man braucht nur das S wegzulassen, und dann ist es so wie es war. – Warum haben Sie sie nicht mitgebracht zu Ihrer alten Berry?« Richard beeilte sich, ihr mitzuteilen, daß Lucy noch auf der Insel Wight wäre. »Ach, und Sie haben sie für ein oder zwei Tage verlassen?« sagte Mrs. Berry. »Guter Gott! ich wünschte es wären nur ein oder zwei Tage!« rief Richard. »Ach! und wie lange ist es denn?« fragte Mrs. Berry, und bei seiner Art zu reden fing ihr Herz an heftig zu schlagen. »Sprechen Sie nicht davon,« sagte Richard. »Sie haben sich doch nicht etwa schon gezankt? Sie haben sich doch nicht etwa schon mit andern eingelassen?« rief Mrs. Berry. Ripton legte sich dazwischen, um ihr zu sagen, daß eine solche Furcht ganz unbegründet sei. »Wie lange sind Sie denn schon getrennt?« Mit schuldbewußter Miene stotterte Ripton: »Seit September.« »September!« rief Mrs. Berry und zählte an den Fingern. »September, Oktober, Nov– zwei Monate und noch länger! beinahe drei! Ein jung verheirateter Mann fort von der Frau seines Herzens beinahe drei Monate! Oh, je! Oh, je! was soll das bedeuten!« »Mein Vater hat nach mir geschickt – ich warte hier darauf, ihn wiederzusehen,« sagte Richard. Noch einige Worte mehr, und Mrs. Berry fing an, die Lage der Dinge zu begreifen. Dann strich sie ihr Kleid glatt, legte ihre Hände flach auf den Schoß, sah ihn fest an und sagte: »Mein lieber junger Herr! – Ich möchte Sie lieber mein geliebtes Kindchen nennen! Ich werde wie eine Mutter zu Ihnen sprechen, ob Sie es nun gerne sehen oder nicht; und was die alte Berry zu Ihnen sagt, wird Ihnen nichts schaden, denn sie hat Sie auf dem Arm gehabt, als noch keine Förmlichkeiten mit Ihnen nötig waren, und sie hat Gefühle gegen Sie wie eine Mutter, wenn sie auch nur aus einfachem Stande ist. Wenn es eine gibt, die was von der Ehe weiß, dann bin ich es, mein Lieber, obgleich Berry mir nur neun Monate davon zuteil werden ließ: und ich habe die schlimmste Seite der Ehe kennen gelernt, und wenn Sie nicht durch Kummer klug werden wollen, dann hören Sie nur zu. Denn was hab' ich für Vorteil von der Ehe gehabt? Der Mann hat mir nichts gegeben, als seinen Namen, und Bessy Andrews klang ebenso gut wie Bessy Berry, obgleich es zwei B.s sind, und er sagt: du warst A und jetzt bis du B, so bist du mein 513 A. B., sagt er, schreib dir das auf, sagt er, der schlechte Mensch mit seinen Witzen! – Berry ging in den Dienst.« Mrs. Berry wurde gerührt. »So sage ich Ihnen, Berry ging in den Dienst. Er ließ die Frau seines Herzens im Stich und ging in den Dienst; denn er war immer ein ehrgeiziger Mann und war nicht glücklich, wenn er aus seiner Uniform raus war – das war seine Livree – nicht mal in meinen Armen: und das ließ er mich auch wissen. Dann kam er unter die Küchenmägde, und damit war meine Trauer besorgt, und ich bekam Schlimmeres als eine Witwenhaube, was keine Schande ist, und manche sagen sogar, es steht. Kein Mann, der je gelebt hat, hat es besser verstanden, seine Beine zur Schau zu stellen als mein Berry, und danach sehen die Mädchen. Ich wunder' mich jetzt nicht, daß Berry zu Fall kam. Seine Versuchungen waren groß und sein Fleisch war schwach. Was ich nun sage, ist – für einen jung Verheirateten, wer er auch immer sein mag – von der Frau seines Herzens getrennt zu sein – so ein junges, süßes Ding, und er ein unschuldiger, junger Herr! – und so aus einander in ihrem Zustand, und so von einander fern gehalten, das sage ich, ist so schlecht, wie nur was schlecht sein kann! Denn was ist die Ehe, meine Lieben? Man lehrt uns, es ist eine heilige Einrichtung. Und warum fühlen Sie sich so behaglich in der Ehe? Weil Sie da nicht sündigen! Und die Leute, die Sie trennen, die versuchen Sie zur Sünde: und zu spät lernen Sie die Bedeutung von dem Segen des Pfarrers verstehen – wie es von der Kirche verordnet ist. Sich trennen – was kommt dabei heraus? Zuerst ist es, als wenn die Zirkulation des Blutes gestört sei – alles geht verkehrt, dann kommen Mißverständnisse – Sie haben beide den Schlüssel verloren. Dann, sehen Sie, kommen Raubvögel, die über beiden schweben, und es ist nur die Frage, wer zuerst 514 aufgeschnappt werden wird. Dann – Ach, Gott! Ach, Gott! dann ist es, als ob der Teufel wieder in die Welt gekommen wäre.« Mrs. Berry schlug die Hände zusammen und seufzte. »Einen Tag will ich zugestehen; ich will sogar bis zu einer Wochen gehen, aber das ist das äußerste. Drei Monate allein leben! Das ist nicht Ehe, das ist Ehescheidung. Was kann es für sie anders sein, als Witwenschaft? Witwenschaft und keine Haube, es anzuzeigen! Und was kann es für Sie sein, mein Lieber? Denken Sie mal nach! Sie sind drei Monate ein Junggeselle gewesen! Und ein Junggeselle,« Mrs. Berry schüttelte den Kopf mit einem traurigen Gesicht, »der ist doch nicht wie 'ne Witwe. Ich will nicht so weit gehen und Sie mit Berry vergleichen, mein lieber, junger Herr. Von manchen Männern werden die Herzen als Vagabunden geboren – sie müssen sich rumtreiben – das ist so ihre Natur. Aber alle Männer bleiben Männer, und ich kenne sie von Grund aus durch meine traurige Erfahrung.« Mrs. Berry hielt inne. Richard zeigte mit Humor die nötige Achtung vor der Predigt. Die Wahrheit in der Rede des guten Geschöpfes ließ sich nicht bestreiten oder verachten, trotz der komischen Art, in der sie sie vorbrachte und die ihn zum lachen reizte. Ripton nickte zustimmend bei jedem Satze, denn er sah, wo sie hinaus wollte, und wünschte, ihr beizustehen. Um ihre Meinung noch deutlicher zu machen, suchte sie nach einem Vergleich und fuhr feierlich fort: »Wir wissen alle, was gehemmter Schweiß ist.« Jetzt konnten die beiden jungen Leute nicht länger widerstehen. Sie brachen in ein lautes Gelächter aus. »Lachen Sie nur immerzu,« sagte Mrs. Berry. »Das kümmert mich nicht. Ich sage noch einmal, wir wissen alle, was gehemmter Schweiß ist. Er fällt auf die Lungen und macht gefährliche Entzündungen und bringt die 515 Leute ins Grab. Nun sage ich, gehemmte Ehe ist ebenso schlimm. Es fällt aufs Herz und nimmt alle Tugend daraus weg und Sie wären besser tot! Die mal vereinigt sind, deren Heil liegt darin, daß sie nicht getrennt werden! Vorher ist es nicht so wichtig. Der Mr. Thompson da – wenn der sich mal ein bißchen verläuft, dann hat er doch nicht seine geheiligte Hürde verlassen. Er tut sich allein Schaden – nicht doppelten Schaden oder vielleicht dreifachen, denn wer kann sagen, was jetzt schon sein mag? Zeit wäre es schon. Ich bin dafür, junge Leute zurückzuhalten, bis sie wissen, was sie wollen, wenn sie auch noch so viel von ihrem Herzen schwatzen. Ich will die Ehe nicht beschleunigen, und meine Gründe sind gut genug! aber wenn es mal geschehen ist – wenn sie mal gesetzlich verbunden sind, da sage ich das: wer sie voneinander trennt, der macht wandernde Kometen aus ihnen – Geschöpfe, die kein Ziel haben, und keine Seele kann sagen, wozu sie gut sind, als bloß herumzurasen.« Hier schöpfte Mrs. Berry tief Atem, wie jemand, der für den Augenblick nichts mehr sagen kann. »Meine liebe, alte Seele,« Richard ging zu ihr und klopfte sie auf die Schulter. »Sie sind eine sehr kluge, alte Frau. Aber Sie müssen nicht so zu mir sprechen, als wenn ich gerne hier bliebe. Ich bin gezwungen. Ich tue es hauptsächlich um ihretwillen.« »Ist es Ihr Vater, der es tut, mein Lieber?« »Nun ja! Ich warte auf das, was ihm beliebt.« »Ein schönes Belieben! Eine Schlange in das Nest junger Turteltauben zu legen! Und warum kommt sie denn nicht her zu Ihnen?« »Ja, das müssen Sie sie fragen. Tatsache ist, sie ist ein ängstliches kleines Frauchen – sie will, daß ich ihn zuerst allein sehe, und wenn ich alles in Ordnung gebracht habe, dann will sie kommen.« 516 »Ein ängstliches kleines Frauchen!« rief Mrs. Berry. »Ach, du Himmel, was muß sie Ihnen vorgemacht haben, daß Sie das glauben! Sehen Sie mal diesen Ring,« sie streckte ihren Finger aus, »das ist ein fremder; das ist nicht mein rechtmäßiger! Sie wissen, was Sie mir angetan haben, mein Lieber. Konnte ich meinen eignen Trauring von ihr zurückbekommen? ›Nein,‹ sagt sie, fest wie ein Fels, ›er sagt, mit diesem Ring vermähle ich dich mir‹ – ich denk', ich seh' sie noch wie heute, mit ihren hübschen Augen und schönen Locken – ein Liebling! – Und den Ring behält sie, ob Leben oder Tod daraus kommt. Und sie mußte wie ein Fels sein, daß ich darin nachgegeben habe. Denn was folgt daraus? Hier bin ich,« Mrs. Berry strich traurig über den Rücken ihrer Hand, »hier bin ich nun mit einem fremden Ringe, was so ist, als ob ein fremder Mann mich festhielte, und ich trag' ihn nur, damit es anständig aussieht, und die ganze Zeit komme ich mir nicht besser vor als eine Biga – eine Biga – ich kann das häßliche Wort nicht ausstehen! – Ich sag' Ihnen, mein Lieber, die ist nicht sanftmütig, nein! – nur für den Mann ihres Herzens, und die besten Frauen sind darin zu sanftmütig – sehr zu unserm Schaden.« »Ja wohl, ja wohl,« sagte Richard, der doch meinte, besser Bescheid zu wissen. »Ich stimme mit Ihnen überein,« fiel Ripton ein. »Mrs. Richard würde alles in der Welt tun, was ihr Mann von ihr verlangt; davon bin ich überzeugt.« »Gott segne Sie für Ihre gute Meinung, Mr. Thompson! Ja, sehen Sie! Die steht nicht schwach auf ihren Füßen; die sieht Ihnen grade in die Augen, die ist keine von den kopfhängerischen Fräuleins. Sehen Sie doch bloß, wie sie sich bei der Trauung benommen hat.« »Ach,« seufzte Ripton. 517 »Und wenn Sie gehört hätten, wie sie zu mir über den Ring sprach! Verlassen Sie sich darauf, mein lieber Mr. Richard, wenn sie Ihnen was über ihren Mut vorgemacht hat, dann war da etwas, was sie meinte, um Ihretwillen tun zu müssen, und ich wünschte, ich wäre da gewesen, um ihr zu raten, dem armem lieben Kind! Und wie viel länger können Sie nun noch fortbleiben von dem Liebling?« Richard schritt im Zimmer auf und ab. »Eines Vaters Willen ist des Sohnes Gesetz,« sagte Mrs. Berry, »aber es muß nicht gegen das Gesetz seiner Natur gehen, es zu tun.« »Hören Sie, bitte, auf – sprechen Sie von andern Dingen, seien Sie gut,« sagte Richard. Mrs. Berry faltete sanftmütig ihre Hände. »Wie seltsam ist doch unser Zusammenkommen! ja, daß wir uns überhaupt getroffen haben!« bemerkte sie nachdenklich. »Das sind die Annoncen! Die bringen die Leute zusammen, von allen Enden der Erde zum Guten und zum Bösen! Ich sage immer, es kommen mehr glückliche Zufälle vor, aber auch unglückliche, seit Annoncen Mode geworden sind, als jemals früher. Sie machen viele romantische Geschichten, darauf können Sie sich verlassen! Gehen Sie oft hier in den Gärten spazieren?« »Dann und wann,« sagte Richard. »Sehr hübsch ist es da, mit den ausgeputzten Menschen und den Blumen, und den vornehmen Leuten,« fuhr Mrs. Berry fort. »Das war 'ne hübsche Frau, mit der Sie heut morgen gingen.« »Sehr hübsch,« sagte Richard. »Sie war 'ne schöne Frau! oder ich sollte wohl sagen: ist, denn ihre Tage sind noch nicht vorüber, und das weiß sie. Ich dachte zuerst – nach ihrem Rücken – es könnte Ihre Tante sein, Mrs. Forey; denn die schreitet auch 518 so aus und hält die Schultern so hoch: so grade wie ein Pfeil ist sie! Aber als ich ihr Gesicht zu sehen bekam – Ach, du mein Himmel! sage ich zu mir, das ist keine von der Familie. Von denen hat keine so'n dreistes Gesicht – nein, überhaupt keine Dame, die ich kenne, hat das. Aber sie ist eine schöne Frau – dagegen kann niemand was sagen.« Mrs. Berry sprach noch weiter über die schöne Frau. Sie nahm sich etwas heraus damit, daß sie in dieser nichtachtenden Art von ihr sprach, und war sich auch vollkommen bewußt, daß sie sich einer Zurechtweisung aussetzte. Aber sie verfolgte ein bestimmtes Ziel. Man wies sie nicht zurecht, sie konnte aber bemerken, daß die jungen Leute sich während ihrer Rede verständnisvoll ansahen. »Hören Sie mal, Penelope,« unterbrach Richard sie schließlich, »wird es Sie beruhigen, wenn ich Ihnen sage, daß ich den Gesetzen meiner Natur gehorchen und Ende der Woche abreisen werde?« »Ich werde Gott im Himmel danken, wenn Sie es tun,« rief sie. »Sehr gut! dann seien Sie also glücklich – ich werde es tun. Nun hören Sie mal zu. Ich möchte, daß Sie Ihre Zimmer für mich bereit halten – dieselben Zimmer, die sie hatte. Ich nehme an, daß ich in ein oder zwei Tagen eine Dame herbringen werde –« »Eine Dame? –« stotterte Mrs. Berry. »Ja. Eine Dame.« »Darf ich mir erlauben zu fragen, was für eine Dame?« »Nein, das dürfen Sie nicht. Noch nicht. Natürlich werden Sie es erfahren.« Mrs. Berry kurzer Hals machte, so gut er konnte, die Bewegung eines beleidigten Schwanes. Sie war sehr 519 ärgerlich. Sie meinte, sie hätte nicht gerne mit so vielen Damen zu tun, welche ganz natürliche Ansicht Richard damit widerlegte, daß es sich nur um eine Dame handle. »Und Mrs. Berry,« fügte er mit leiser Stimme hinzu. »Sie werden sie behandeln, wie Sie mein liebes Mädchen behandelt haben, denn sie wird nicht nur Schutz, sondern Freundlichkeit nötig haben. Ich möchte sie lieber bei Ihnen sehen als irgendwo sonst. Sie ist sehr unglücklich gewesen.« Seine ernste Miene und der ihm natürliche Ton des Befehls fesselten Mrs. Berrys Gutmütigkeit, und erst nachdem er fort war, kam sie zu Wort: »Unglücklich! Er wird mir ein unglückliches weibliches Wesen bringen! Ach! nicht einmal von meinem Kinde kann ich das ertragen. Auf keinen Fall werde ich sie hier behalten! Ich verstehe schon. Das ist die Frau mit dem unverschämten Gesicht, mit der er sich eingelassen hat, und sie hat es fertig gebracht und dem jungen Manne eingeredet, daß er sich einbildet, er wird sie bessern. Das ist so eine ihrer Künste – ja das ist so; und er ist ein viel zu unschuldiger junger Mann, um irgend etwas sonst zu meinen. Aber ich bin kein Haus für Magdalenen – nein! und eher als ich sie hier haben will, eher möchte ich, daß das Dach über mir einfallen sollte, ja wahrhaftig!« Mit diesem erhabenen Entschluß setzte sie sich zu ihrem Abendbrot. In der Liebe stand Mrs. Berrys Barmherzigkeit vollständig auf der Seite des Gesetzes, und das ist der Fall bei vielen ihrer Schwestern. Der Pilger verspottet sie deshalb und möchte uns einreden, daß es der bewundernswerte Instinkt der Frauen ist, der auf Kosten aller Tugenden, mit Ausnahme einer einzigen, diese künstliche Schranke nur aufrecht erhält, um uns zu täuschen. Die 520 Männer sind, wie ich annehme, darin kaum die berufenen Richter und sollten nur bei Seite stehen und beobachten. Früh am nächsten Tage machte sie sich schleunigst auf den Weg nach Richards Hotel, um ihm ihren Entschluß mitzuteilen. Sie fand ihn nicht zu Hause. Auf dem Heimwege durch den Park sah sie ihn zu Pferde neben derselben Dame. Der Anblick dieser öffentlichen Zurschaustellung empörte sie noch mehr, als der verborgene Spaziergang unter den Bäumen. »Du siehst noch gar nicht so aus, als wenn du deiner Besserung nahe wärest,« redete Mrs. Berry sie an. »Du siehst mir gar nicht so aus, als ob du die schöne Büßerin spielen würdest, so lange du nicht aufgehört hast, schön zu sein – wer weiß, ob du es dann noch tun wirst, manche von deiner Sorte tun es überhaupt nicht. Lach' nur und zeige deine Art! Wenn du auch einen noch so schönen Hut und Federn hast und ein Reitkleid, du bist doch eine Bella Donna.« Und nachdem sie diese Erklärung noch einmal mit Nachdruck wiederholt hatte, wenn sie auch nicht recht wußte, was es bedeutete, fühlte sich Mrs. Berry von dem Bewußtsein ihrer Tugend durchglüht. Am Abend hörte sie, wie ein Wagen vor ihrer Türe hielt. »Noch besser!« Sie sprang von ihrem Stuhl auf und rief aus: »Er kann doch nicht morgens mit ihr ausreiten und dann gehen und sie noch vor Dunkelwerden zur Magdalena machen.« Eine verschleierte Dame wurde von Richard in das Haus geführt. Mrs. Berry machte einen schwachen Versuch, sich ihm in der Vorhalle in den Weg zu stellen. Er drängte sich an ihr vorbei und führte die Dame in das Wohnzimmer, ohne ein Wort zu sagen. Mrs. Berry folgte ihm nicht. Sie hörte ihn innen einige Worte murmeln. Dann kam er heraus. Es bäumte sich alles 521 in ihr, als sie ihm heftig zuflüsterte: »Mr. Richard! Wenn die Frau hier bleibt, gehe ich fort. Mein Haus ist keine Besserungsanstalt für unglückliche weibliche Wesen –« Er sah sie erstaunt an; aber da sie anfangen wollte, ihren zornigen Protest noch einmal zu wiederholen, legten er seine Hand auf ihren Mund und sprach Worte in ihr Ohr, welche von schrecklicher Bedeutung für sie waren. Sie zitterte und hauchte leise: »Mein Gott, vergib mir! Lady Feverel ist es? Ihre Mutter, Mr. Richard?« Und ihre stolze Tugend war gedemütigt.   Achtunddreißigstes Kapitel. Eine Zauberin. Man kann es sich wohl vorstellen, daß ein frühzeitig gealterter, geschmeidiger kleiner Mann, ein Dichter in schlechten Verhältnissen, ein heruntergekommener Schmetterling, der an ein enttäuschtes Tintenfaß gefesselt ist, nicht sehr viel Energie entwickeln wird, um seine frühere Geliebte zurückzuhalten, wenn ein kräftiger junger Mann erscheint und in ihrer Person gebieterisch seine Mutter von ihm verlangt. Die Unterredung zwischen Diaper Sandoe und Richard war nur kurz. Die Frage wurde der armen, mutlosen Frau vorgelegt, die, da sie sah, daß für ihren Sohn gar keine Frage bestand, ihr Schicksal in seine Hände legte. Für sie war Diaper nur ein geringer Verlust; aber immerhin der Verlust der Gewohnheit, und das ist auch etwas für eine Frau, deren Leben hinter ihr liegt. Das Blut ihres Sohnes war so lange fern von ihr geflossen, daß das Gefühl ihrer Mutterschaft sie fremd berührte, und Richards ernste Freundlichkeit ihr als ein 522 schreckliches Gericht erschien, das über sie gekommen war. Ihr Herz hatte beinahe verlernt, mütterlich zu schlagen. Sie nannte ihn »Herr«, bis er sie bat, nicht zu vergessen, daß er ihr Sohn sei. Ihre Stimme klang ihm wie die eines kranken Lammes, so mühsam und schwach, mit einem so klagenden Ton. Als er sie küßte, war ihre Haut kalt. Ihre magere Hand fiel herab, wenn sein Druck nachließ. »Kann die Sünde einen Menschen so verfolgen?« fragte er sich und machte sich bittere Vorwürfe, daß sie ein Gefühl der Scham in ihm hervorrief, und tiefes Mitleid erfüllte sein Herz. Diaper, dem Dichter, war poetische Gerechtigkeit zuteil geworden. Er dachte an alles, was er dieser Frau geopfert hatte – den behaglichen Aufenthaltsort, den Freund, die fröhlichen Streiche. Er mußte sie der Untreue anklagen, da sie ihn in seinem Alter verließ. Die Gewohnheit hatte ihrer Verbindung die Berechtigung verliehen. Er schrieb so pathetische Verse über den Bruch der Gewohnheit, wie andere über das Sterben der Liebe; und wenn wir alt sind, und die Hoffnung nicht mehr ihre goldenen Locken vor uns schüttelt, ist eine Wunde dieser Art für unsere Natur ebenso traurig. Ich weiß nicht, ob sie nicht vielleicht noch trauriger ist. Richard besuchte seine Mutter Tag für Tag. Nur Lady Blandish und Ripton waren eingeweiht. Adrian ließ ihn tun, was er wollte. Er hatte es nur für richtig gehalten, ihm zu sagen, daß die öffentliche Beachtung, die er einer gewissen Dame schenkte, bei dem heutigen Zustande unserer Welt kaum weise wäre. »Es ist für mich ein Beweis deiner moralischen Rechtlichkeit, mein Sohn, aber die Welt wird nicht so denken. Kein Charakter ist stark genug, um für zwei einzutreten – besonders nicht in einem protestantischen Lande. Aber selbst die Göttlichkeit, die einen Bischof umgibt, würde 523 ihn im Verkehr mit deiner Madam Danae nicht schützen. Laß die Frau fallen, mein Sohn. Oder erlaube mir, daß ich ihr sage, was du ihr mitteilen willst.« Richard hörte ihn mit Verachtung an. »Nun jedenfalls habe ich dir meinen ärztlichen Rat erteilt,« sagte Adrian und vertiefte sich wieder in sein Buch. Als Lady Feverel soweit gekommen war, daß sie an den Beratungen teilnahm, die Mrs. Berry wiederholt über Richards eheliche Pflichten eröffnete, wurde eine neue Kette über ihn geworfen. »Bitte, bitte, beleidige nicht deinen Vater!« war das einzige, was sie immer wiederholte. Sir Austin hatte sich in ihrem Gemüt zu einem Rachegespenst gestaltet. Nur, wenn sie ihn so bat, flossen ihre Tränen. Richard hatte Mrs. Berry gegenüber einmal erwähnt, daß Lady Blandish die einzige Freundin wäre, die er unter den Frauen hätte, und so machte sich Mrs. Berry in ihrem schwarzen Atlaskleide auf den Weg, um eine Unterredung mit ihr zu haben und eine Verbündete zu suchen. Nachdem sie sich über den Zweck des Besuches verständigt hatten, und nachdem sie ihre Ansichten über jung verheiratete Leute mehrmals wiederholt hatte, sagte Mrs. Berry: »Gnädige Frau, wenn ich so frei sein darf zu sprechen, möchte ich sagen, die Sünde, die geschieht, ist die Sünde von denen, die zusehen. Und wenn jeder sich, wie es scheint, vor dem Vater des jungen Herrn zu fürchten scheint, dann sage ich – mit Ihrer Erlaubnis – sie haben gar keinen Grund, sich zu fürchten. Denn obgleich es beinahe zwanzig Jahre her ist, daß ich ihn kannte, und ich kannte ihn damals nur sechzehn Monate lang – nicht länger – dann sage ich doch, sein Herz ist so weich, wie das von einer Frau, was 524 ich Grund habe, zu wissen. Und das ist es. Das ist es, womit er alle Menschen getäuscht hat und mich auch. Weil er sein Gesicht verbirgt, daß sie denken müssen, sie haben es mit einem Mann von Eisen zu tun, und die ganze Zeit ist eine Frau dahinter verborgen. Und ein Mann, der wie eine Frau ist, der ist am allerschwersten zu behandeln. Wir können uns selbst verstehen, gnädige Frau, und wir können die Männer verstehen, aber einer von der Art – er ist wie etwas, was gar nicht natürlich ist. Dann sage ich – und ich hoffe, Sie werden mich entschuldigen – was man tun muß, ist, man muß ihn behandeln, wie eine Frau, und man muß ihm nicht seinen Willen lassen – welchen er selbst nicht mal weiß, und kein anderer Mensch kann ihn deshalb wissen. Lassen Sie das liebe junge Paar zusammen kommen, und gesund sein, gegen seinen Willen, sage ich; und dann geben Sie ihm Zeit, sich zu besinnen, grad' wie einer Frau; und besinnen wird er sich und wird ihnen seinen Segen geben und wir werden wissen, daß wir ihn glücklich gemacht haben. Er ist ärgerlich, weil die Ehe zwischen ihn und seinen Sohn gekommen ist, und grade wie eine Frau, will er nun das, was ist, so behandeln, als wenn es nicht wäre. Aber die Ehe ist heiliger, als er. Die ist schon lange, lange gewesen, ehe er war, und man kann hoffen, sie wird auch noch länger vorhalten, wenn die Welt nicht in Stücke geht – und ich wünsche ihm nichts Böses.« Nun hatte Mrs. Berry das, was Lady Blandish gedacht hatte, nur etwas ungeschickter ausgedrückt. Die Dame unternahm es, Richard ernsthaft zuzureden, seine Frau kommen zu lassen. Er schrieb und bat sie zu kommen. Lucy besaß indessen ihren eignen Verstand, und Verstand ohne Erfahrung bedeutet nur geringe Klugheit. In Verfolgung ihres weisen Planes, die Familie von ihrem Wert zu überzeugen, und ein Mitglied nach dem andern zu 525 besiegen, hatte sie einen Briefwechsel mit Adrian angefangen, für den das einen eignen Reiz hatte. Adrian versicherte sie beständig, daß alles sehr gut ginge, die Zeit würde die Wunde heilen, wenn nur die beiden Schuldigen die Kraft hätten, geduldig zu bleiben: er bilde sich ein, er sähe Zeichen davon, daß der Baron weich würde: sie müßten nichts tun, um diese günstigen Symptome aufzuhalten. Der weise Jüngling bemühte sich in der Tat, auf seine lässige Art diese Symptome hervorzubringen. Er schrieb und fühlte sich als Lucys Wohltäter. So antwortete Lucy ihrem Manne in einem fröhlichen Plauderton, aus dem er nichts weiter entnehmen konnte, als daß sie froh wäre in der Hoffnung auf glücklichere Zeiten, daß sie aber doch noch Furcht hätte. Dann zwang Mrs. Berry ihre Faust dazu, auch an die junge Frau zu schreiben. Die junge Frau antwortete, daß sie der Zeit vertraue. »Sie arme Märtyrerin,« schrieb Mrs. Berry zurück, »ich weiß, was Sie leiden müssen. Das sind die einzigen Leiden, die eine Frau niemals vor ihrem Manne verbergen sollte. Er denkt sich allerlei, wenn sie es aushalten kann, von ihm fort zu sein. Und Sie wollen auf die Zeit vertrauen! das ist ebenso gut, als wenn sie darauf vertrauen wollten, daß sie sich ohne ihre gewohnten Kleider nicht erkälten würden.« Man konnte Lucys Festigkeit nicht erschüttern. Richard gab es auf. Er fing an zu denken, daß das Leben, das hinter ihm lag, das Leben eines Narren gewesen war. Was hatte er darin getan? Er hatte einen Heuschober in Brand gesteckt und sich verheiratet. Er verband diese beiden Taten in seinen Gedanken. Wo war der Held geblieben, den er aus Tom Bakewell hatte machen wollen! – ein Elender, den er gelehrt hatte, zu lügen 526 und zu intriguieren, und zu welchem Zweck? Großer Gott! wie unwürdig erschien seine Heirat, wenn ein Blitzstrahl aus dem Lichte seines höheren Strebens darauf fiel. Der junge Mann suchte Zerstreuung. Er gestattete seiner Tante, ihn in Gesellschaften zu führen, und da er bald davon genug hatte, machte er späte Abendbesuche bei Mrs. Mount, wobei er den Zweck, den seine Besuche haben sollten, ganz vergaß. Die männliche Art ihrer Unterhaltung, die er für Ehrlichkeit hielt, bildete von ihren schönen Lippen eine erfrischende Abwechslung. »Nennen Sie mich Bella: ich werde Sie Dick nennen,« sagte sie. Und nun blieb es bei Bella und Dick zwischen ihnen. Bella wurde in Richards Briefen an Lucy nicht erwähnt. Mrs. Mount sprach mit voller Offenheit über sich. »Ich versuche nicht besser zu erscheinen, als ich bin,« sagten sie, »und ich weiß, daß ich nicht schlechter bin, als manche Frau, die ihren Kopf hoch trägt.« Um das zu bekräftigen, erzählte sie ihm Geschichten von vornehmen Damen mit gutem Ruf und goß etwas gesellschaftlichen Schmutz in seine Ohren. Sie verstand ihn auch. »Was dir fehlt, mein lieber Dick, ist eine Tätigkeit. Du bist hingegangen und hast dich verheiratet wie ein – na – Freunde müssen nicht schlecht von einander reden. Tritt doch in die Armee ein. Versuche es mit dem Rennsport. Ich kann dir einen oder zwei Kniffe beibringen – Freunde müssen versuchen sich nützlich zu machen.« Sie sagte ihm, was ihr an ihm gefiele. »Du bist der einzige Mann, mit dem ich jemals allein war, der nicht zu mir von Liebe spricht und mir Überdruß erregt. Ich hasse die Männer, die nicht vernünftig mit einer Frau reden können. – Bitte, warte einen Augenblick.« 527 Damit verließ sie ihn und kam bald darauf zurück mit einem: »He, Dick! alter Junge! wie geht's?« und hatte sich als Herr angezogen, stand mit einem Arm in die Seite gestemmt, den Hut schief auf dem Kopfe und einen lustigen Fluch auf den Lippen, um dem Kostüm noch mehr Natürlichkeit zu verleihen. »Was hältst du jetzt von mir? Ist es nicht eine Schande, daß die Natur mich zur Frau gemacht hat, wo ich doch dazu geboren war, ein Mann zu sein?« »Das weiß ich doch nicht,« sagte Richard, denn der Gegensatz zwischen ihrem Anzug und den strahlenden Augen und Lippen brachte ihr Geschlecht bezaubernd zur Geltung. »Was? du meinst, ich mache es nicht gut?« »Entzückend! ich kann aber nicht vergessen –« »Nein, das ist zu schlecht!« schmollte sie. Dann schlug sie ihm vor, daß sie Arm in Arm zusammen ausgehen wollten in die mitternächtlichen Straßen, und das taten sie, und lachten und amüsierten sich über die unverschämte Art, mit der sie ihr Augenglas gebrauchte, und die affektierte Übertreibung, mit der sie den vornehmen Gecken spielte. »Sie bringen Männer auf die Polizei, Dick, wenn sie in Frauenkleidern gehn und vice versa , glaube ich. Du wirst für mich bürgen, alter Junge, wenn ich der Polizei meine Aufwartung machen muß, nicht wahr? Sag' nur, ich tu's, weil ich eine ehrliche Frau bin und die Unaussprechlichen nicht verbergen will, wenn ich sie doch nun einmal trage – wie es die andern tun,« sagte sie und würzte ihre Rede mit dazwischen gestreuten Ausrufen, wie sie dem Gecken zukamen. Er fing an, diese Art Spaß sehr romantisch zu finden. »Du bist ein Starker, mein lieber Dick! Du wirst keinen Polizisten an mich heranlassen? beim Jupiter!« 528 Und mit vielen Beteurungen versprach er ihr seinen Schutz, während sie mit ihren schlanken Fingern die Muskeln seines Armes untersuchte und sich etwas kräftiger darauf stützte. Es lag eine gewisse Anmut in ihrem Geckentum. Sie war ein schmucker Kavalier. »Sir Julius,« wie sie den Anzug des Gecken nannte, wurde bei seinen Abendbesuchen bei Mrs. Mount häufig vorgeholt. Wenn er Sir Julius sah, dachte er an die Frau, und » vice versa «, wie Sir Julius gerne sagte. Wurde je um einen Helden auf diese Art geworben? Dann und wann blickte die Frau durch, wenn sie Sir Julius spielte. Oder sie saß und unterhielt sich und vergaß ganz und gar, daß sie diesen würdigen Stutzer darstellte. Sie äußerte niemals einen selbständigen Gedanken, aber Richard hielt sie für die klügste Frau, die er je getroffen hatte. Alle Arten von problematischen Gedanken kamen ihm. Sie war kalt wie Eis, sie haßte es, über Liebe zu sprechen, und sie war von der Welt geächtet. Ein Gerücht verbreitete sich und kam zu Mrs. Dorias Ohren. Sie eilte zuerst zu Adrian. Der weise Jüngling glaubte, daß nichts daran wäre. Sie segelte dann zu Richard: »Ist es wahr? daß du öffentlich mit einer berüchtigten Frau gesehen bist, Richard? Sage es mir! Bitte, beruhige mich.« Richard wußte von keiner Person, die auf Mrs. Dorias Beschreibung paßte, in deren Gesellschaft er gesehen sein könnte. »Sage mir, ich bitte dich! Weiche mir nicht aus. Kennst du irgend eine Frau mit schlechtem Ruf?« Die Bekanntschaft mit einer Dame, die von der Welt falsch beurteilt und schlecht behandelt wurde, gab Richard zu. 529 Dringend ernsten Rat erteilte Mrs. Doria ihrem Neffen, vom moralischen sowohl wie vom weltlichen Gesichtspunkte aus, wobei es innerlich immer in ihr rief: »Das lächerliche System! Diese schmachvolle Heirat!« Man versorgte Sir Austin in seiner Bergeinsamkeit mit ernstem Stoff zum Nachdenken. Das Gerücht kam zu Lady Blandish. Auch sie sprach mit Richard darüber, und ihr gegenüber ließ er sich auf Erörterungen ein. Er mußte aber auf etwas hindeuten, was er bis jetzt ganz vernachlässigt hatte. »Statt daß sie mir schadet, werde ich ihr Gutes tun.« Lady Blandish schüttelte mit dem Kopf und drohte ihm mit dem Finger. »Diese Person muß sehr klug sein, wenn sie dich in der Täuschung läßt, Lieber.« »Sie ist klug, und die Welt behandelt sie schmählich.« »Hat sie sich bei dir über ihre Stellung beklagt?« »Mit keinem Wort. Aber ich werde zu ihr stehen. Sie hat keinen Freund außer mir.« »Mein armer Junge, hat sie dich das glauben machen?« »Wie ungerecht Sie alle sind!« rief Richard. »Wie unvernünftig und schlecht ist der Mann, der es zuläßt, daß er in solche Versuchung gerät!« dachte Lady Blandish. Er wollte nicht das Versprechen geben, sie nicht mehr zu besuchen oder öffentlich anzureden. Die Welt, die sie verurteilte und ausstieß, wäre nicht besser als sie – nein, schlimmer, durch ihre elende Heuchelei. Er kenne die Welt jetzt, sagte der junge Mann. »Mein Kind! die Welt mag sehr schlecht sein. Ich werde sie nicht verteidigen. Aber du hast an jemand anders zu denken. Hast du vergessen, daß du eine Frau hast, Richard?« »Ja! jetzt sprechen sie alle von ihr. Da ist zuerst meine Tante: ›Vergiß nicht, daß du eine Frau hast!‹ Denken 530 sie denn, ich liebte irgend eine andre außer Lucy? Das arme, kleine Ding! Soll ich, weil ich verheiratet bin, die Gesellschaft der Frauen aufgeben?« »Der Frauen? Richard!« »Ist sie vielleicht keine Frau?« »Nur zu sehr!« seufzte die Verteidigerin ihres Geschlechts. Adrian wurde nachdrücklicher in seinen Warnungen. Richard lachte ihn aus. Der weise Jüngling spottete über Mrs. Mount. Darauf beehrte Richard ihn mit einer Warnung, die an Nachdrücklichkeit der seinen nicht nachstand, und sie an Aufrichtigkeit übertraf. »Wir wollen uns nicht streiten, mein lieber Junge,« sagte Adrian. »Ich bin ein Mann des Friedens. Außerdem haben wir für einen Kampf nicht das rechte Verhältnis zueinander. Reite dein Roß zum Ziele der Tugend! Alles was ich sage ist, daß ich überzeugt bin, es wird dich abwerfen, und daß es besser ist, mit den Kindern der Sonne zusammen langsamen Schritt zu gehen. Du hast ein sehr nettes, kleines Wesen zur Frau – na, guten Abend!« Es war unerträglich für Richard, sich fortwährend die Welt und seine Frau vorwerfen zu lassen; es war eine Gedankenverbindung ungefähr nach der Art seiner Verbindung von Heuschober und Heirat. Der reizende Sir Julius, der immer lustig, immer ehrlich war, zerstreute seine düstere Laune. »Du bist ja größer geworden!« diese Entdeckung machte Richard eines Tages. »Natürlich bin ich es. Besinnst du dich nicht, daß du eines Tages sagtest, ich wäre solch ein kleines Ding, wenn ich aus meiner weiblichen Hülle käme?« »Und wie hast du es gemacht?« »Ich bin gewachsen, dir zuliebe.« 531 »Na, wenn du das tun kannst, dann kannst du alles.« »Das könnte ich auch.« »Das würdest du?« »Auf Ehre!« »Dann« – sein Plan fiel ihm wieder ein. Aber die Unmöglichkeit, mit Sir Julius ernsthaft zu sprechen, ließ ihn verstummen. »Dann – was?« fragte sie. »Dann bist du ein tapferer Bursche.« »Das ist alles?« »Ist das nicht genug?« »Nicht ganz. Du wolltest etwas sagen. Ich sah es in deinen Augen.« »Du sahst, daß ich dich bewundere.« »Ja, aber ein Mann muß nicht den andern bewundern.« »Ich glaube, ich bildete mir ein, du wärest eine Frau.« »Was? wenn ich mir die Absätze an meinen Stiefeln einen halben Zoll habe höher machen lassen?« Sir Julius drehte einen Absatz um und brach in ein silbernes Gelächter aus. »Ich reiche auch jetzt noch nicht viel über deine Schulter,« sagte sie und trat neben ihn, um ihre Größe an ihm zu messen, und sah listig zu ihm auf. »Du mußt noch mehr wachsen.« »Fürchte, ich kann's nicht, Dick! Die Schuhmacher können's nicht leisten.« »Ich werde dir zeigen, wie du es kannst.« Und er hob Sir Julius leicht in die Höhe, trug den schönen Herrn vor den Spiegel und hielt ihn dort genau in die Höhe seines eignen Kopfes. »Genügt das?« »Ja! Aber da kann ich doch nicht bleiben?« »Warum kannst du das nicht?« »Warum kann ich's nicht?« 532 Jetzt hätte er es wissen müssen – es donnerte an die verschlossenen Türen seines Innern, daß er mit dem Feuer spiele. Aber da die Türe verschlossen war, hielt er sich innerlich für sicher. Ihre Augen trafen sich. Er setzte sie sofort nieder. Sir Julius, so entzückend er auch war, verlor seinen Reiz. Als sie das erkannte, nahm die kluge Frau wieder ihre eigne Hülle an. Die Erinnerung an Sir Julius, die sie noch umgab, verdoppelte ihre weibliche Anziehungskraft. »Ich hätte Schauspielerin werden sollen,« sagte sie. Richard meinte, nach seiner Erfahrung hätten alle natürlichen Frauen den gleichen Wunsch. »Ja! ach dann! wenn ich es geworden wäre!« seufzte Mrs. Mount und blickte auf das Muster des Teppichs. Er nahm ihre Hand und drückte sie. »Du bist nicht glücklich, so wie du bist?« »Nein.« »Darf ich zu dir sprechen?« »Ja!« Ihren Kopf zur Seite geneigt, mit listigem Seitenblick zu ihm aufschauend, so saß sie und lauschte seinen Worten. Als er fort war, sagte sie sich: »Alte Heuchler reden so: aber ich habe noch nie gehört, daß ein junger Mann es getan hätte, der nicht dabei gleichzeitig seine Liebe erklärte.« Bei ihrem nächsten Zusammensein zeigte sie sich ruhiger, bedrückt, wie jemand, der viel nachgedacht hat. Er pries ihre Schönheit. – »Beschäme mich nicht noch mehr,« bat sie. Aber es blieb nicht nur bei dieser Laune. Unerschrockener Trotz, der zu ihrer kühnen Schönheit so gut paßte, ließ ihre kecken, glänzenden Augen wild leuchten, wenn sie ausrief: »Glücklich? Wer wagt es zu sagen, 533 daß ich nicht glücklich wäre? Denkst du, ich werde zucken, wenn die Welt mich peitscht? Glaubst du, ich kümmere mich um das, was sie sagen oder tun? Laß sie mich töten, sie werden mir keinen Schrei entlocken!« und den jungen Mann mit ihren blitzenden Augen anfunkelnd, als wenn in seiner Person alle ihre Feinde verkörpert wären, rief sie: »Da, nun kennst du mich!« – Das war eine Laune, die ihr sehr gut stand und die ihr Werk unterstützte. Sie hätte eine Schauspielerin werden sollen. »Das darf nicht weiter so gehen,« sagten Lady Blandish und Mrs. Doria übereinstimmend. Ein gemeinsamer Zweck führte sie zusammen. Sie beschränkten ihr Gespräch darauf und waren einer Meinung. Mrs. Doria beschloß, zu dem Baron zu reisen. Beide Damen wußten, daß es ein gefährliches Unternehmen war, das leicht verhängnisvoll werden konnte. Sie beschlossen es, weil es ihnen etwas zu tun gab, und etwas zu tun ist immer besser, als nichts zu tun. »Tue es,« sagte der weise Jüngling, den sie als Dritten ins Vertrauen gezogen hatten. »Tue es, wenn du ihn sein Leben lang zum Einsiedler machen willst. Sie werden nichts zurückbringen, meine Damen, als seinen toten Körper – das ist mehr ein hellenischer, als ein römischer Triumph. Er wird dich anhören, er wird dich bis zur Bahnstation begleiten – er wird dich in den Wagen heben – und dann, wenn du auf seinem Platz dich an seiner Seite zeigst, wird er dir eine tiefe Verbeugung machen und sich in seinen ihm vertrauten Nebel zurückziehen.« Adrian sprach ihre eignen Gedanken aus. Sie wurden unsicher, gaben es wieder auf. »Sprich du mit ihm, Adrian,« sagte Mrs. Doria. »Sprich einmal ernsthaft mit dem Jungen. Es wäre beinahe besser, er ginge zu dem kleinen Ding zurück, das er geheiratet hat.« 534 »Beinahe besser?« Lady Blandish machte große Augen. »Das habe ich seit länger als einem Monat geraten.« »Die Wahl zwischen zwei Übeln,« sagte Mrs. Doria kopfschüttelnd mit sauersüßem Gesicht. Beide Damen erkannten, daß es da einen Punkt gab, über den ein Streit möglich war, und mit heroischer Anstrengung beschlossen beide, ihn zu vermeiden und den Mund zu halten. Was noch mehr war: sie hielten Frieden, trotz Adrians Schlauheit. »Nun, dann werde ich also noch einmal mit ihm sprechen,« sagte er. »Ich werde versuchen, die Maschine wieder auf das rechte Geleise zu bringen.« »Befiehl es ihm.« »Ich denke, freundliche Mittel sind die einzigen, die auf Richard Eindruck machen,« sagte Lady Blandish. Adrian sprach mit Richard und unterließ dabei, soweit es ihm möglich war, alle Neckereien: »Du willst diese Frau bessern, Richard. Ihr Wesen ist offenherzig, – schön und frei – die üblichen Charakterzüge. Wir wollen uns nicht damit aufhalten zu ergründen, auf welche Art sie diese besondere Ehrlichkeit des Benehmens, die dir so gefällt, gewonnen hat. In ihren Kreisen ist sie nicht ungewöhnlich. Du weißt, Mädchen können nicht ebenso sein wie Jungens. In einem gewissen Alter können sie nicht ganz natürlich sein. Es ist ein böses Zeichen, wenn sie nicht erröten und sich nicht verstellen und hier und da affektieren. Das verliert sich, wenn sie Frauen werden. Aber eine Frau, die wie ein Mann spricht und alle diese ausgezeichneten Tugenden hat, die du bewunderst – wo hat die das alles gelernt? Sie sagt es dir. Du billigst doch sicherlich nicht die Schule? Was liegt also darin? Bessere sie, natürlich. Die Aufgabe ist deiner Anstrengung wert. Aber wenn du es dir vorgenommen hast, es zu 535 tun, dann tue es nicht öffentlich und versuche es nicht grade jetzt. Darf ich fragen, ob deine Frau dieses Unternehmen teilt?« Richard wich der Frage aus. Der weise Jüngling liebte es, nicht lange allein zu reden, und da er seinem Gewissen Genüge getan hatte, sagte er nichts weiter. Die liebe, sanfte Lucy! Der arme Liebling! Richards Augen wurden feucht. Ihre Briefe klangen in der letzten Zeit trauriger. Und doch bat sie ihn niemals, zurückzukommen, sonst wäre er gegangen. Sein Herz schlug ihr entgegen. Er teilte Adrian mit, daß er nicht länger auf seinen Vater warten wolle. Adrian nickte ruhig dazu. Die Zauberin bemerkte, daß ihr Ritter eine bewölkte Miene hätte und daß seine Gedanken nicht bei dem waren, was er sagte. »Richard – ich kann dich jetzt nicht Dick nennen – ich weiß wirklich nicht warum –« sagte sie, »ich möchte dich etwas bitten.« »Sage es. Ich hoffe, ich darf dich doch noch Bella nennen?« »Wenn du es gern tust. Was ich sagen will, ist dieses: wenn du mich triffst – um es kurz zu sagen – bitte, zeige nicht, daß du mich kennst.« »Und warum nicht?« »Muß ich dir das noch erst sagen?« »Ich weiß es wirklich nicht.« »Sieh mal: ich möchte dich nicht kompromittieren.« »Ich sehe keine Gefahr, Bella.« »Nein,« sie streichelte seine Hand, »es besteht auch keine. Das weiß ich. Aber,« die Augen wurden bescheiden niedergeschlagen, »andere Leute sehen die Gefahr,« schüchtern hoben sich die Augen wieder. »Was gehen uns die Leute an?« 536 »Gar nichts. Mich nicht. Nicht soviel!« sie schnippte mit den Fingern. »Aber du gehst mich etwas an.« Ein langer Blick folgte dieser Erklärung. »Du bist töricht, Bella.« »Nur nicht ganz so oberflächlich – das ist alles.« Er stritt nicht mit seiner gewöhnlichen Heftigkeit. Adrians kurze Frage hatte Eindruck gemacht, wie es der weise Jüngling auch beabsichtigt hatte. Er hatte es instinktiv vermieden, zu Lucy von dieser Dame zu sprechen. Aber was für ein edles Geschöpf war diese Frau! So trafen sie sich im Park und Mrs. Mount fuhr an ihm vorüber. Die Heimlichkeit gab ihrer Vertrautheit einen neuen Reiz. Adrian war mit dem Erfolg seiner Beredsamkeit sehr zufrieden. Obgleich diese Dame nie einen eignen Gedanken aussprach, so irrte sich Richard doch nicht, wenn er sie für klug hielt. Sie verstand es, die Abende heiter zu gestalten, und kein Abend war dem andern gleich. Man konnte in ihrer Gegenwart vergessen, daß sie eine Frau war, bis einem plötzlich die Tatsache überraschend zum Bewußtsein gebracht wurde. Sie durchschaute einen Mann mit einem Zucken ihrer halb geschlossenen Augenlider. Sie erkannte die Stimmung, die sich in ihm vorbereitete, und konnte sich ihr anpassen. Wozu hat eine Frau Gedanken nötig, wenn sie soviel kann? Schärfe der Auffassung, Anpassungsvermögen, Zartheit der Behandlung, das sind die Eigenschaften, die eine Schmarotzerpflanze nötig hat. Liebe würde den Jüngling verscheucht haben: sie verbannte sie von ihren Lippen. Vielleicht war sie auch wirklich der Liebe überdrüssig. Sie spielte mit seiner höheren Natur. Sie verstand instinktiv, was ihm am 537 fremdartigsten und anziehendsten an einer Frau sein würde. Schillernd, nie die Schlange des alten Nil, spielte sie die gefallene Schönheit, humoristische Gleichgültigkeit, sorglose Kühnheit, Hochmut im Verderben. Und während sie so spielte – was meint ihr? – tat sie es so gut, weil sie es halb ernsthaft nahm. »Richard! seit ich dich kenne, bin ich nicht mehr, was ich war. Du wirst mich doch nicht ganz aufgeben?« »Niemals, Bella!« »Ich bin nicht so schlecht, wie man mich schildert.« »Du bist nur unglücklich.« »Nun, da ich dich kenne, glaube ich es selbst, und bin dabei doch glücklicher.« Jetzt erzählte sie ihm ihre Geschichte, jetzt, da der sanfte Glanz der Reue ein himmlisches Zwielicht darüber zu verbreiten vermochte. Die Geschichte einer Frau: man verstehe wohl, mit Auslassung einiger Kapitel. Für Richard blieb sie noch düster genug. »Liebtest du den Mann?« fragte er. »Du sagst, daß du jetzt niemanden liebst.« »Ob ich ihn liebte? Er war ein Edelmann und ich war die Tochter eines Handwerkers. Nein. Ich liebte ihn nicht. Ich habe es später empfunden. Und nun würde ich ihn hassen, wenn ich ihn nicht verachtete.« »Kann man sich in der Liebe täuschen?« sagte Richard, mehr zu sich selbst, als zu ihr. »Ja. Wenn wir jung sind, können wir uns sehr leicht täuschen. Wenn es so etwas wie Liebe wirklich gibt, dann entdecken wir es erst, nachdem wir hin und her gestoßen sind und die Welt uns rauh angefaßt hat. Dann finden wir den Mann, oder die Frau, die zu uns passen: – und dann ist es zu spät! wir können ihn nicht mehr besitzen.« »Sonderbar,« murmelte Richard, »sie sagt grade das, was mein Vater sagt.« 538 Laut sagte er: »Ich könnte dir vergeben, wenn du ihn geliebt hättest.« »Sei nicht zu hart, du ernster Richter! Wie soll ein Mädchen das wissen?« »Du fühltest Zuneigung zu ihm? er war der erste?« Sie hielt es für besser, das zuzugeben. »Ja. Und der erste, der zu einem Mädchen von Liebe spricht, muß ein Narr sein, wenn er sie nicht täuscht!« »Und deshalb nennt man die erste Liebe Unsinn?« »Ist sie es denn nicht?« Er wies die Behauptung zurück. »Ich weiß, daß es nicht so ist, Bella.« Trotz alledem hatte sie ihm einen weiteren Blick auf die Welt eröffnet und einen kühleren. Er dachte nur gering von den Mädchen. Eine Frau – eine vernünftige, tapfere, schöne Frau schien im Vergleich mit ihnen so unendlich viel edler als jene schwachen Geschöpfe. Sie war am besten in ihrer Rolle sanfter Auflehnung gegen böse Ungerechtigkeit. »Was soll ich tun? Du sagst, ich solle anders sein. Wie kann ich das? Was soll ich tun? Werden die tugendhaften Leute mir gestatten, mein Brot zu verdienen? Ich könnte nicht einmal die Stelle eines Stubenmädchens bekommen! Sie würden mich nicht nehmen – ich sehe ihre witternden Nasen! Ja: ich könnte in ein Krankenhaus gehen und hinter einem Schirm singen. Verlangst du von mir, daß ich mich lebendig begrabe? Ich habe doch Blut! ich kann doch nicht zum Stein werden. Du sagst, ich wäre ehrlich, und ich will es auch sein. Ich muß dir sagen, daß ich mich an Luxus gewöhnt habe, und daß ich ihn nicht mehr entbehren kann. Ich hätte heiraten können – viele würden mich genommen haben. Aber wer heiratet eine solche, wie ich es bin, wenn er nicht ein Narr ist? Und einen Narren hätte ich nicht heiraten können. Den Mann, den ich heirate, muß ich 539 achten können. Er könnte mich nicht achten – ich würde wissen, daß er ein Narr ist, und ich würde schlimmer dran sein als jetzt. Wie ich jetzt bin, – mögen doch die Leute ihre frommen Gesichter machen – ich lache über sie!« Und so weiter und noch schlimmere Dinge. Beschuldigungen gegen Ehefrauen: ein schreckliches Triumphieren über die allgemeine Sündhaftigkeit der Ehemänner. Diese schöne Geächtete brachte ihn beinahe zu der Ansicht, daß das Recht auf ihrer Seite wäre, so scharf durchdrangen ihre Pfeile das Heiligtum der Gesellschaft und enthüllten ihre ganze Verderbtheit. Mrs. Mounts Haushalt wurde sehr geschickt geführt: es kam niemals etwas vor, das sein Gefühl hätte verletzen können. Der junge Mann fragte sich, wo der Unterschied läge zwischen ihr und den Damen der Gesellschaft. Wie niedrig erschien auch ihm diese Schar verbündeter Heuchler! Er war bereit, ihnen um ihretwillen den Krieg zu erklären. Sein Casus belli würde sich, wenn er in Worte gekleidet worden wäre, sonderbar genug ausgenommen haben. Weil die Welt sich weigerte, die Dame durch das Anerbieten einer Stubenmädchenstelle zur Tugend zu verlocken, warf er ihr den Fehdehandschuh hin. Und doch hatte die Dame diese Aussicht auf eine Rückkehr zur Keuschheit verächtlich zurückgewiesen. Dann mußte also die Form der Herausforderung lauten: Weil die Welt sich weigert, den Luxus der Dame zu unterstützen für nichts! Aber was bedeutete das? In andern Worten, sie wollte den Sohn des Teufels empfangen, ohne ihm ihre Dienste zu leisten. Solch eine Abmachung erscheint kaum gerecht der Welt gegenüber oder dem Teufel gegenüber. Die Helden werden erst beide besiegen müssen, ehe eine solche Abmachung getroffen werden kann. Die Helden haben indessen nicht die Gewohnheit, ihre Kriegserklärungen in Worte zu fassen. Mit eingelegter 540 Lanze lassen sie die Herausforderung ertönen und gehen zum Angriff vor. Gleich den Frauen verlassen sie sich auf den Instinkt und pfropfen darauf den Muskel des Mannes. Die sich bequem zur Wehr setzenden Scharen werden weit zurückgeschlagen, bestehende Einrichtungen werden zerstört, man weiß nicht weshalb, Köpfe werden niedergeschlagen, die keine Ahnung davon haben, warum es geschieht. Es ist der Instinkt, der zuschlägt: Sicherlich liegt etwas Göttliches im Instinkt. Doch nun, wo der Krieg erklärt: ist, wo sind die feindlichen Heerscharen? Der Held kann doch nicht einen Angriff auf die Damen und Herren des Ballsaales machen und die Quadrille stören? Er besaß genügende Zurückhaltung, um nicht in dem Gerichtshof zum Angriff zu blasen; er konnte auch nicht gut in das Parlament gehen mit einer Trompete, obgleich eine Rauferei mit den direkten Vertretern der Nation die richtige Methode gewesen wäre. Es war auch unmöglich für ihn, in jedes Haus und in jeden Laden einzutreten und mit dem Hausherrn zu kämpfen in Angelegenheit der Mrs. Mount. Wo war denn aber sein Feind? Jedermann war sein Feind und jedermann war nirgends! Sollte er Volksversammlungen einberufen? Der blaue Rock des Polizisten und die unbestimmte Furcht vor dem Lächerlichen stellten sich seinen Plänen entgegen. Ach, der arme Held unserer Tage! Nichts lehrt einen starken Mann seine Ohnmacht so sehr erkennen, als wenn er gegen die leere Luft schlägt. »Was kann ich tun für diese arme Frau?« rief Richard, nachdem er bis zur Erschlaffung mit seinem gespenstischen Feinde gekämpft hatte. »Ach, Rip! alter Rip!« redete er seinen Freund an, »ich werde verrückt. Ich wünschte, ich wäre tot! Wozu bin ich gut? Elend! Selbstsüchtig! Alle, die mich kennen, sind über mich unglücklich! Ich folge meinen Neigungen 541 – ich veranlasse die Leute mir zu helfen, indem sie lügen, so toll sie können – und ich bin selbst ein Lügner. Und wenn ich es erlangt habe, schäme ich mich meiner. Und jetzt, wenn ich etwas Selbstloses sehe, das ich tun könnte, dann grinst mich jeder an – ich weiß nicht, wohin ich mich wenden soll – wie ich handeln soll – und ich lache über mich selbst wie ein Teufel!« Es war nur Freund Riptons Ohr, das ihn hörte, so hatten seine Worte wenig Wirkung; aber Ripton meinte, er hätte wenig Ursache, sich zu schämen, daß er die Schönheit der Erde gewonnen hätte und besäße, worauf Richard wie gewöhnlich sagte: »Das arme kleine Ding!« Er focht seinen Kampf gegen die leere Luft, bis er ganz erschöpft war. Sein letzter Brief an seinen Vater brachte ihm keine Antwort. Nun, sagte er, habe ich mein äußerstes versucht. Ich habe versucht, gehorsam zu sein, mein Vater will nicht auf mich hören. Etwas kann ich tun – ich kann zu meiner lieben, kleinen Frau gehen und sie glücklich machen, und sie wenigstens vor einigen der Folgen meiner Übereilung bewahren. »Es bleibt mir nichts Besseres mehr!« stöhnte er. Sein großer Ehrgeiz mußte unter Dach gebracht werden, er mußte sich, gleich der Katze am häuslichen Herde, wärmen! Der Held war sich nicht bewußt, daß sein Herz ihn dazu trieb. Sein Herz stand jetzt nicht in offner Gemeinschaft mit seinen Verstande. Mrs. Mount hörte, daß ihr Freund ginge – gehen wollte. Sie wußte, er ging zu seiner Frau. Weit davon entfernt, ihn abzureden, sagte sie edelmütig: »Gehe – ich glaube, ich habe dich zurückgehalten. Laß uns noch einen Abend zusammen haben und dann gehe: für immer, wenn du willst. Wenn das nicht, dann bis zu einem späteren Wiedersehen. Vergiß mich. Ich werde dich nicht vergessen. Du bist der beste Junge, den ich jemals 542 kennen gelernt habe, Richard. Du bist es, bei meiner Ehre! Ich schwöre dir, ich möchte mich nicht zwischen dich und deine Frau eindrängen, um einem von euch auch nur eine unglückliche Minute zu bereiten. Wenn ich mich ändern kann, dann will ich es und dann werde ich an dich denken.« Lady Blandish hörte von Adrian, daß Richard nun wirklich zu seiner Frau wollte. Der weise Jüngling verschleierte bescheiden sein Verdienst bei dieser Sache, indem er sagte: »Ich konnte es nicht ansehen, daß die arme kleine Frau noch länger dort allein gelassen werde.« »So! Ja!« sagte Mrs. Doria, der gegenüber man die bescheidene, kleine Rede wiederholte. »Ich glaube, es ist das Beste, was der arme Junge jetzt tun kann.« Richard verabschiedete sich von ihnen, um seinen letzten Abend bei Mrs. Mount zu verbringen. Die Zauberin empfing ihn in großer Toilette. »Kennst du dieses Kleid? Nein? Es ist das Kleid, das ich trug, als ich zum erstenmal mit dir zusammen war, nicht als ich dich zum erstenmal sah. Ich glaube, ich habe dich bemerkt, mein Herr, lange, ehe du dich herabgelassen hast, von meiner bescheidenen Person Notiz zu nehmen. Als wir das erstemal zusammen waren, tranken wir Champagner, und ich beabsichtige, unsere Scheidestunde mit demselben Getränk zu feiern. Willst du mit mir trinken, alter Junge?« Sie war fröhlich. Sir Julius machte sich ab und zu bemerkbar. Er war niedergeschlagen und überließ ihr die Unterhaltung. Mrs. Mount hielt sich einen Diener. Es war schon spät, als der Mann mit den Wadenstrümpfen zum Souper deckte. Es war für Richard Ehrensache, wenigstens den Versuch zu machen, etwas zu essen. Das Trinken geht immer noch leichter, dank unserer gütigen Mutter Natur, die es liebt, wenn ihre Kinder zu Narren werden. Der 543 Diener war gewandt, die Champagnerpfropfen erinnerten an das Geschützfeuer in Richmond. »Wir wollen auf das trinken, Dick, was wir hätten sein können,« sagte die Zauberin. Ach, wie prächtig sah die Schiffbrüchige aus. Sein Herz krampfte sich zusammen, als er es versuchte, den perlenden Wein zu trinken. »Was! immer austrinken, mein Junge!« rief sie. »Man wird niemals sehen, daß ich das Signal der Trauer aufziehe. Wir müssen alle sterben und das Geheimnis ist nur, mitten auf der Jagd und ohne Reue zu sterben. Beim Jupiter! Hast du jemals von Laura Fenn gehört? ein prächtiges Mädel! schöner als deine bescheidene Dienerin – und wenn du es mir glauben willst, obendrein noch ein ›Fräulein‹ und infolgedessen, nehme ich an, noch viel liederlicher als die andern. Sie war auf der Jagd. Ihr Pferd warf sie ab und sie fiel direkt auf einen spitzen Pfahl. Er ging durch ihre linke Brust. Alle jungen Leute drängten sich um sie herum, und ein junger Mann, der in sie verliebt war – er sitzt jetzt im Oberhaus – ein reizender Kerl – sprang vom Pferde und fiel auf die Knie: ›Laura! Laura! mein Liebling, sprich noch ein Wort zu mir! – das letzte!‹ – Da drehte sie sich um, ganz blaß und blutig: ›Ich – ich werde bei dem Halali nicht dabei sein,‹ und gab den Geist auf. Heißt das nicht auf der Jagd sterben? Trink, auf das Beispiel von Laura Fenn! Was ist dir? Sieh mal! ein Mann wird blaß, wenn er hört, wie eine Frau sterben kann. Füllen Sie die Gläser, John. Nun? Sie werden auch schwach?« »Es war so aufregend, gnädige Frau,« meinte John zu seiner Entschuldigung, und seine Hand zitterte, als er den Wein eingoß. »Sie sollten nicht zuhören. Gehen Sie, und trinken Sie etwas Branntwein.« 544 Der Diener verließ das Zimmer. »Mein tapferer Dick! Richard! wie siehst du aus!« Sein blasses Antlitz sah sehr finster aus. »Kannst du es nicht vertragen, von Blut zu hören? Es handelte sich doch nur um ein ungezogenes Frauenzimmer. Der Geistliche der Gemeinde verweigerte ihr nicht ein anständiges Begräbnis. Wir sind doch Christen! Hurra!« Sie wurde immer fröhlicher und lachte laut. Ein düsterer Glanz umgab sie wie Höllenlicht. »Stoß an, Dick! Trinke und erhole dich wieder. Was schadet's. Wir müssen alle sterben – die Guten und die Bösen. Asche zu Asche – Staub zu Staub – und Wein für lebende Lippen! Das ist Poesie – beinahe wenigstens. Unser Trinkspruch: ›Mögen wir nicht sterben, so lange wir nicht genügend getrunken haben.‹ Nicht schlecht, was? Ein bißchen gewöhnlich, vielleicht, beim Jupiter! Findest du mich schrecklich?« »Wo ist Wein?« rief Richard. Er trank ein paar Gläser, rasch hintereinander, und starrte um sich. War er in der Hölle und eine verlorne Seele raste um ihn? »Edel gesprochen! und edel gehandelt, mein braver Dick. Nun sind wir die rechten Gefährten. Ich wünschte, der Himmel hätte mich zu einem solchen Manne gemacht. Ach Dick! Dick! zu spät, zu spät!« Ihre Stimme wurde leiser. Sie sah ihn von der Seite an. »Hast du dieses gesehen?« Sie zeigte auf einen mit Edelsteinen besetzten Anker, mit einem Tau von Haaren, den sie auf der Brust trug. Es war ein Geschenk von ihm. »Weißt du, wann ich dir die Locke gestohlen habe? Du törichter Dick! Du schenktest mir einen Anker, ohne ein Tau. Komm und sieh.« 545 Sie stand vom Tische auf und warf sich auf das Sofa. »Kennst du dein eignes Haar nicht wieder? Ich würde eine Locke meines Haares unter Millionen wiedererkennen.« Etwas von der Stärke des Samson verließ ihn, als er sein Haar auf dem Busen der Delila betrachtete. »Und du wußtest nichts davon? Du erkennst es kaum, nun da du es siehst? Was könnte eine Frau dir nicht alles stehlen! Aber du bist nicht eitel und das ist ein Schutz. Du bist ein Wunder, Dick, ein Mann, der nicht eitel ist. Setz' dich hierher!« Sie zog die Füße ein, um Raum für ihn auf dem Sofa zu machen. »Nun laß uns miteinander reden, wie zwei Freunde, die sich für immer trennen. Du trafst ein Schiff, wo Fieber an Bord herrschte, und du fürchtetest dich nicht, es zu besteigen und mitzufahren. Das Fieber ist nicht ansteckend, wie du siehst. Laß unsere Tränen zusammenfließen. Ha! Ha! Das sagte ein Mann einmal zu mir. Der Heuchler wollte sich gerne anstecken, aber er war zu alt. Wie alt bist du, Dick?« Richard legte einige Monate zu. »Einundzwanzig? So siehst du auch aus, du blühender Junge. Nun sage einmal: wie alt bin ich, mein Adonis? – Zwanzig, was?« Richard würde sie für fünfundzwanzig gehalten haben. Sie lachte laut. »Du sagst wenigstens keine Schmeicheleien, Dick. Es ist immer am besten, wenn man ehrlich ist; rate noch einmal. Du magst es nicht? Nicht fünfundzwanzig, oder vierundzwanzig, oder dreiundzwanzig – oder – sieh doch einer, wie er anfängt zu staunen; – zweiundzwanzig. Grade einundzwanzig, mein Lieber! Ich denke, mein Geburtstag ist einer dieser Tage – im nächsten Monat. Sieh mich doch näher an – näher. Habe ich eine Runzel?« 546 »Und wenn du sie hättest – in Gottes Namen . . .« er hielt plötzlich inne. »Ich verstehe dich. Wann fing ich denn an zu leben? Im reifen Alter von sechzehn sah ich einen Edelmann in Verzweiflung wegen meiner Schönheit. Er schwor, er müsse sterben. Das wollte ich nicht. So, um den armen Mann für seine Familie zu retten, ging ich mit ihm durch. Ich glaube, man erkannte das Opfer gar nicht an, und er vergaß es auch bald, wenn er es überhaupt je anerkannt hatte. Das ist so der Lauf der Welt!« Richard griff nach dem abgestandenen Champagner, leerte eine Flasche in ein Wasserglas und trank es herunter. Der Diener John kam herein, um den Tisch abzuräumen, dann wurden sie nicht weiter gestört. »Bella! Bella!« sagte Richard mit tiefer, trauriger Stimme, und ging im Zimmer auf und ab. Sie lehnte sich auf ihren Arm, ihr Haar drückte sich gegen die gerötete Wange, ihre Augen waren halb geschlossen und träumerisch. »Bella!« er ließ sich neben ihr nieder. »Du bist unglücklich?« Sie blinzelte und gähnte wie jemand, der plötzlich aufgeweckt wird. »Ich glaube, du sagtest etwas?« sagte sie. »Du bist unglücklich, Bella. Du kannst es nicht verbergen. Dein Lachen klingt wie Tollheit. Du mußt unglücklich sein. Und noch so jung! Erst einundzwanzig!« »Was schadet es? Wer macht sich etwas aus mir?« Das große Mitleid, das aus seinen Augen strahlte, umfaßte ihre ganze Gestalt. Sie mißverstand es nicht und sah nicht Zärtlichkeit darin, wie es eine andre getan haben würde. »Wer sich etwas aus dir macht, Bella? Ich tue es. 547 Was anders macht mich denn jetzt so elend, als daß ich dich hier sehe, und keinen Weg weiß, dir zu helfen! Barmherziger Himmel! es scheint zu viel, machtlos dabei stehen zu müssen, wenn solches Elend vor sich geht!« Ihre Hand zitterte in seiner, unter der Leidenschaft der Qual, die seine Gestalt durchbebte. Unwillkürlich traten Tränen in ihre Augen. Sie sah schnell zu ihm auf, und dann wieder zu Boden, zog ihre Hand aus der seinen und wischte die Tränen fort. »Bella! Dein Vater lebt noch?« »Er ist Leinenhändler, Lieber. Er trägt ein weißes Halstuch.« Die Erwähnung dieses Kleidungsstückes veränderte sofort den Ton der Unterhaltung; er sprang auf und zertrat beinahe den Schoßhund der Dame, der jämmerlich quietschte und heulte und die glühendste Zärtlichkeit seiner Herrin hervorrief. Es klang nun: »Ach, mein süßer, kleiner Mumpsy, will er keinen häßlichen, großen, dicken, schweren Fuß auf seinem seidenweichen Fellchen haben? – na still – still – still; und das soll er auch nicht – still – still, soll er auch nicht; und er weint und weiß, wo er hinkommen muß, und wer traurig ist darüber – still – still – still; und nun wird er ganz glücklich gemacht, seine Herrin macht ihn wieder ganz glücklich, still – still – still . . .« »Ja!« sagte Richard wütend, von dem andern Ende des Zimmers, »das Glück deines Hundes liegt dir am Herzen.« »Natürlich liegt ihr das am Herzen,« wurde Mumpsy in kindischen Tönen in sein seidenweiches Fell hinein versichert. Richard sah sich nach seinem Hute um. Sofort wurde Mumpsy auf das Sofa gesetzt. »Nun,« sagte die Dame, »mußt du kommen, und 548 Mumpsy um Verzeihung bitten, ob du es nun mit Absicht getan hast oder nicht, denn kleine Hunde können das nicht unterscheiden, wie sollten sie auch? Und nun denkt der arme Mumpsy, du bist ein großer, schrecklicher Nebenbuhler, der mit Absicht versucht, ihn ganz flach zu nichts zu zertreten, unter dem Vorwande, daß du ihn nicht gesehen habest; und er zittert, der arme, kleine Liebling! Und ich kann meinen Hund lieben, mein Herr, soviel ich will; und das tue ich auch; und ich will nicht, daß er schlecht behandelt wird, denn er ist keinmal eifersüchtig auf dich gewesen, und er ist ein Liebchen und ist zehnmal treuer als die Männer und ich liebe ihn fünfzigmal mehr. So und jetzt komm zu ihm.« Zuerst glitt ein Lächeln über Richards Gesicht; dann lachte er ein melancholisches Lachen und gab ihrer Laune nach und ging zu dem Sofa, um Mumpsy um Verzeihung zu bitten. »Der liebe Hund! ich glaube, er sah, daß wir anfingen, uns zu langweilen,« sagte sie. »Und brachte sich absichtlich zum Opfer? Das edle Tier!« »Ja, wir wollen tun, als wenn wir es glaubten. Laß uns fröhlich sein, Richard, und nicht wie alte Philister von einander scheiden. Wo ist all deine Lustigkeit geblieben? Du kannst doch schwatzen, warum tust du es nicht? In einer von meinen Rollen hast du mich noch nicht gesehen – nicht Sir Julius: warte ein paar Minuten.« Sie lief hinaus. Ein weißes Antlitz erschien hinter einer flackernden Flamme. Ihr schwarzes Haar war über ihre Schultern gebreitet und fiel halb über ihre Stirne. Sie bewegte sich langsam ihm entgegen, heftete ihren unheimlichen Blick auf ihn und zeigte mit dem Finger nach der Region der Hexen. Grabestöne begleiteten die Vorstellung. Er hörte nicht darauf hin, er dachte nur, was für ein 549 gefährlich bezaubernde und außerordentlich schreckliche Hexe sie wäre. Etwas in der Art, wie ihre Augenlider arbeiteten, schien ihn an irgend ein vergessenes Bild zu erinnern; aber ein Schleier hing über dem Bilde. Etwas Ähnliches konnte es nicht geben, denn dieses war schön und teuflisch zugleich und das war, wenn er sich recht erinnerte, die Schönheit der Seraphime. Sein Nachsinnen und ihre Vorstellung wurden durch einen Schrei unterbrochen. Der brennende Spiritus, den sie auf einem Teller trug, war übergeflossen und auf den Boden gelaufen. Sie hatte Geistesgegenwart genug, den Teller sogleich auf den Tisch zu stellen, während er die Flamme auf dem Teppich austrat. Dann schrie sie wieder, sie glaubte, sie hätte Feuer gefangen. Er fiel auf die Knie, umfaßte ihre Röcke und zog seine Arme verschiedene Male an ihr herunter. Noch auf den Knien liegend blickte er zu ihr auf und fragte sie: »Fühlst du dich jetzt sicher?« Sie beugte ihr glühendes Antlitz nieder, bis die Spitzen ihres Haares seine Wangen berührten. »Fühlst du dich sicher?« sagte sie. War sie wirklich eine Hexe? Es lag Zauberei in ihrem Atem, Zauberei in ihrem Haar, dessen Enden ihn wie kleine Schlangen stachen. »Wie findest du, daß ich es spiele, Dick?« sie warf sich lachend zurück. »Wie du alles tust, Bella,« sagte er und atmete tief. »Genug! Ich will keine Hexe sein, ich will keine Hexe sein: sie mögen mich zu Asche verbrennen, aber ich will keine Hexe sein!« Sie sang, schüttelte ihr Haar und stampfte mit den Füßen. »Ich mag schön aussehen! Ich muß gehen und mich wieder ordentlich machen.« 550 »Nein, zieh' dich nicht um. Ich sehe dich gerne so.« Er blickte sie an mit einer Mischung von Erstaunen und Bewunderung. »Ich kann mir gar nicht vorstellen, daß du dieselbe Person bist – nicht einmal, wenn du lachst.« »Richard,« ihre Stimme klang ernst, »du wolltest mit mir von meinen Eltern sprechen.« »Wie wild und furchtbar du aussiehst, Bella!« »Mein Vater, Richard, war ein sehr achtbarer Mann!« »Bella, du wirst mich wie ein Geist verfolgen.« »Meine Mutter starb, als ich noch ein kleines Kind war, Richard.« »Stecke dein Haar nicht wieder auf, Bella!« »Ich war das einzige Kind.« Sie schüttelte traurig das Haupt und blickte nach dem Kamin. Er folgte ihrem verträumten, gespannten Blick und fing an, ihre Worte zu verstehen. »Ja, sprich mir von deinem Vater, Bella. Sprich mir von ihm.« »Soll ich dich als Geist verfolgen, und an dein Bett treten und rufen: ›Es ist Zeit?‹« »Liebe Bella, wenn du mir sagen willst, wo er wohnt, werde ich zu ihm gehen. Er wird dich bei sich aufnehmen. Er wird sich nicht weigern – er wird dir vergeben.« »Wenn ich dir als Geist erscheine, dann kannst du mich nicht vergessen, Richard.« »Laß mich zu deinem Vater gehen, Bella – laß mich morgen zu ihm gehen. Ich will meine Zeit für dich opfern. Es ist alles, was ich dir geben kann. Ach, Bella! laß mich dich retten!« »Ich gefalle dir also am besten in diesem unordentlichen Zustand, du unartiger Junge! Ha! Ha!« und sie trat von ihm fort und tanzte im Zimmer umher, ihr Haar flog, und dann warf sie sich lang auf das Sofa hin. Er fühlte sich schwindlig, verzaubert. 551 »Wir wollen von alltäglichen Dingen reden, Dick,« rief sie ihm vom Sofa aus zu. »Es ist unser letzter Abend; unser letzter? Ach ja! Es stimmt mich sentimental. Wie geht es diesem Mr. Ripson, Pipson, Nipson? – ich weiß, es ist nicht höflich, aber ich kann solche Namen nicht behalten. Weshalb hast du Freunde von der Art? Er ist kein vornehmer Mann. Besser als das, meinst du? Nun für mich ist er etwas zu unbedeutend. Warum sitzest du so weit fort? Komm gleich her zu mir. So – ich werde mich ganz manierlich hinsetzen, dann hast du Raum genug. Erzähle mir etwas, Dick!« Er dachte über die Tatsache nach, daß ihre Augen braun wären. Wenn es ihr beliebte, konnten sie hochmütig funkeln, und wenn es ihr beliebte, einen sanftschmachtenden Ausdruck haben. Die Aufregung hatte ihre Wangen dunkel gerötet. Er war jung und sie war eine Zauberin. Er ein Held und sie ein Irrlicht. Ihre Augen waren jetzt schmachtend, in rosiger Umgebung. »Du willst mich doch noch nicht verlassen, Richard? noch nicht?« Er hatte noch gar nicht daran gedacht, Abschied zu nehmen. »Es ist unser letzter Abend – ich vermute, es ist die letzte Stunde, die wir zusammen in dieser Welt verleben – und in der andern möchte ich dich nicht treffen, denn der arme Dick müßte dann in einen sehr, sehr unangenehmen Ort kommen, um seinen Besuch zu machen.« Er griff nach ihrer Hand, als sie so sprach. »Ja, das muß er! das ist wahr! das läßt sich nicht ändern: man sagt, daß ich hübsch wäre.« »Du bist bezaubernd, Bella.« Sie sog seine Huldigung begierig ein. »Nun, wir wollen das zugeben. Seine Hoheit da 552 unten liebt bezaubernde Frauen, höre ich. Er hat Geschmack! Du kennst noch nicht alle meine Künste, Richard!« »Ich würde mich über nichts Neues mehr wundern, Bella!« »Dann höre und staune.« Ihre Stimme ertönte in einigen lebhaften Koloraturen. »Glaubst du nicht, daß er mich da unten zu seiner Primadonna machen wird? Es ist Unsinn, wenn sie behaupten, da unten würde nicht gesungen. Und die Luft wird sehr gut für die Stimme sein. Gar keine Feuchtigkeit, wie du weißt. Du hast mein Klavier gesehen, weshalb hast du mich noch niemals gebeten, zu singen? Ich kann italienisch singen. Ich hatte einen Lehrer – der mir den Hof machte. Ich verzieh ihm, wegen des Klavierstuhles – auf dem Klavierstuhl können die Männer nicht anders, die armen Dinger!« Sie ging zum Klavier, schlug einige Akkorde an und sang: »Mein Herz, mein Herz – ich glaub', es bricht.« – nämlich weil ich solch ein leichtsinniges Frauenzimmer bin, sonst wüßte ich keinen Grund. Nein – ich hasse sentimentale Lieder. Das will ich nicht singen. Tideldum – tideldum – tideldum – wie albern doch die Frauenzimmer waren, als wir von Richmond kamen! Einst hat liebliche Romantik Dich umschwebt so süß und mild, Aller Glanz der Welt war einstmals Nur der Rahmen um dein Bild. Ach, zu schön! – und die Erinnrung Ruft mein Herz zurück – doch nein! Gebt den Winden nur die Asche Dieses Feuers, daß nicht rein! Hm! das gefällt mir auch nicht so sehr. Tum – te tum – accanto al fuoco – Ach nein! Ich will nicht 553 glänzen, Dick – und ich will mich auch nicht blamieren – so will ich das lieber nicht versuchen. Wäre jetzt ein glücklich Weib, Bin es nicht um deinetwegen. Wiegt' ein Kind jetzt auf den Knien, Das nicht Schande, sondern Segen. Das pflegte ich einst zu singen, mein süßer Richard, als ich noch ein Mädchen war, und wußte gar nicht, was es bedeutete. So etwas muß man nicht in Gesellschaft singen. Wir sind – ach, wir sind so anständig – selbst wir. Wenn ich einen Gatten hätte, weißt du was ich täte? Ließ ihn werben stets aufs neue. Denn der Mann, der nicht mehr wirbt,. Hält nicht leicht die Treue. Denn so sind die jungen Männer – die Männer, so sind die jungen Männer!« Nach diesen Spielereien sang sie mit lieblicher Stimme eine spanische Ballade. Er war in einer Stimmung, in der die Einbildungskraft alles verschärft und belebt. Schon die Andeutungen der Musik genügten. Der Dame in der Ballade war Unrecht geschehen. Siehe! Es war die Dame vor ihm: ein sanftes Hifthorn blies; der schwache Duft der Nachtblumen umwehte ihn; er sah die Sterne groß und dicht gesät über der dürren Heide; die Dame lehnte verzweifelt am Fenster und machte ihrem verlassenen Herzen Luft. Die Helden wissen gar nicht, wie viel sie dem Champagner verdanken. Die Dame wanderte nach Venedig. Er folgte ihr mit einem Sprunge auch dorthin. Auch in Venedig war sie nicht glücklich. Er war darauf vorbereitet, daß alle Frauen 554 überall unglücklich waren. Aber ach! bei ihr zu sein! In geisterhafter Bewegung durch die lebensvollen Straßen zu gleiten, an Häusern vorbei, die sich mit sagenhafter Dunkelheit umhüllen; unter geschnitzten Brücken hindurch: vorbei an Palästen voller Leben in der Todesstille; vorbei an großen, alten Türmen, ungeheuren Plätzen, glitzernden Kais; und weiter und vorwärts immer mit ihr in die silberne Unendlichkeit des wogenden Meeres. War es der Champagner? War es die Musik? oder die Poesie? Etwas von den beiden ersteren wahrscheinlich: am meisten aber die Zauberin, die mit ihm spielte. Wie viele Instrumente kann eine kluge Frau nicht in demselben Augenblicke spielen! Und diese Zauberin war nicht zu klug, sonst hätte er den Zauber vielleicht empfunden. Sie war nicht länger nur darauf aus, ihn zu gewinnen, oder er hätte das Manöver entdecken müssen. Sie hatte ihn gern – sie hatte keinen lieber. Sie wünschte ihm alles Gute; sie hatte erreicht, was sie wollte. Aber er war schön und er wollte sie verlassen. Grade was sie an ihm liebte, hätte sie ihm beinahe gern genommen, oder den Versuch gemacht, es ihm zu nehmen; grade wie man den Wunsch hat, einen hübschen Schmetterling zu fangen, ohne seine bunten Flügel zu verletzen. Man möchte dem unschuldigen Insekt kein Leid zufügen, man möchte es nur ganz genau betrachten und sich an seiner Schönheit erfreun, es besitzen und sich an dem beglückenden Bewußtsein erfreuen, daß man es zerdrücken könnte, wenn man wollte. Er wußte, welcher Art diese Dame war. In Sevilla oder in Venedig, sie war gezeichnet. Die Pfade des Mondes wandelnd, wurde ihre Schönheit doch nicht von dem Lichte des Himmels durchleuchtet. Ihre Sünde war vorhanden: aber indem er davon träumte, sie zu retten, war 555 er nachsichtig gegen die Sünde – ertränkte sie in tiefer Trauer. Ihr Verstummen und das Rauschen ihrer Kleider erweckten ihn aus seiner Träumerei. Sie schwebte leicht zu ihm nach dem Sofa. Sie ließ sich zu seinen Füßen nieder. »Ich bin heut abend fröhlich und sorglos gewesen, Richard. Natürlich war ich es mit Absicht. Ich mußte lustig sein, wenn mein bester Freund mich verlassen will.« Ihre zauberhaften Augen glänzten lebhaft. »Du wirst mich nicht vergessen? und ich werde versuchen – versuchen . . .« Ihre Lippen zuckten. Sie fand ihn so sehr hübsch. »Wenn ich mich ändere – wenn ich mich ändern kann . . . Ach, wenn du wüßtest, in welchem Netz ich mich befinde, Richard!« Bei diesen Worten nun, als er auf ihre blasse Lieblichkeit niederblickte, war es kein göttlicher Kummer, sondern ein verzehrendes Feuer der Eifersucht, das sich in seiner Brust entzündete und ihn mit schrecklichen Qualen durchzuckte. Er beugte sich tiefer nieder über ihr blasses, bittendes Antlitz. Ihre Augen zogen ihn immer tiefer nieder. »Bella! Nein! nein! versprich es mir! schwöre es mir!« »Verloren, Richard! verloren für immer! gib mich auf!« Er rief: »Niemals will ich das!« und umschlang sie mit seinen Armen und küßte leidenschaftlich ihre Lippen. Sie schauspielerte jetzt nicht, als sie ihr halb abgewendetes Haupt zur Seite neigte und mit einer Art mädchenhafter Scham an seinem Arm verbarg, seufzend, weinend sich an ihn klammernd. Es war bittere Wahrheit. Kein Wort der Liebe zwischen ihnen! Ward je in dieser Laun' ein Held gewonnen? 556   Neununddreißigstes Kapitel. Der kleine Vogel und der Falke: Berry zur Hilfe! Zu einer Jahreszeit, wenn die liebliche Insel wenig Anziehendes hat und wenn nur Kranke und Einsiedler, die in Wind und Regen verliebt sind, noch dort verweilen, konnte sich der mächtige Edelmann Lord Mountfalcon noch immer nicht trennen, zum Ärger seiner Freunde und speziellen Parasiten. »Mit Mount ist wieder was los,« sagten sie untereinander. »Zum Teufel mit den Weibern!« folgte dann natürlich daraus. Denn man muß es doch einsehen, wie schändlich es von den Frauen ist, daß sie einen so leicht entzündlichen Gegenstand immer von neuem in Flammen versetzen! Sie begriffen alle, daß Cupido wieder einmal seinen Bogen hatte schwirren lassen und ein englischer Edelmann zum fünfzigstenmale getroffen worden war, aber keiner wollte begreifen, obgleich er es mit den glühendsten Schwüren beteuerte, daß es dieses Mal ganz anders wäre als früher. Das hatte er schon zu oft früher geschworen. Er war ein Mann, der immer ungeheuer wichtige Dinge zu sagen hatte, aber nicht die Sprache beherrschte, der sehr mitteilsam war, sich aber undeutlich ausdrückte. Gute, kräftige Flüche hatten früher seine edlen Gefühle umfassend ausgedrückt. Jetzt waren diese Gefühle über den Umkreis des Fluchens hinaus, selbst über sehr kräftiges, und daher mutmaßte der arme Lord, daß der Fall anders wäre. Es liegt etwas Ergreifendes darin, wenn ein großer, plumper Mensch sich unter den unaussprechlichen Qualen einer Macht windet, gegen die er nicht kämpfen und über die er sich auch nicht Rechenschaft geben kann und für deren Erklärung es ihm 557 an verständlichen Worten fehlt. Zuerst suchte er seine Zuflucht in den Tiefen seiner Verachtung für die Frauen. Cupido ließ die Leine locker. Nachdem er sich so schlimm, wie es ihm möglich war, Luft gemacht hatte, strahlte das schöne Antlitz, das jetzt seinem Gehirn aufgeprägt war, nur um so triumphierender: so kam der an der Harpune zappelnde Walfisch wieder über Wasser und streckte sich nach wenigen Zuckungen in voller Länge hin. Der edle Lord war in Richards junge Frau verliebt. Er zeigte es, indem er sich in ihrer Nähe vor der Gesellschaft begrub. Ihr selbst, hätte sie es verstehen können, gab er noch weitere Beweise einer wirklichen Verehrung, denn er stellte sich so, als fühlte er ein lebhaftes Interesse an ihrem Wohlergehen, und in ihrer Gegenwart fühlte er auch so. Dieses Wunder, daß er in ihrer Nähe kühl und ruhig fühlen konnte und fern von ihr von einem Sturm der Wünsche erfaßt wurde, war genug für die schwache Denkkraft des schwerfälligen Edelmannes. Der ehrenwerte Peter, dem die Reisen hin und her langweilig wurden, drängte ihn dazu, die Sache zu beschleunigen. Lord Mountfalcon war klüger oder vorsichtiger als sein Parasit. Er sah Lucy fast jeden Abend. Die unerfahrene kleine Frau sah nichts Böses in seinen Besuchen. Außerdem hatte Richard sie dem Schutze von Lord Mountfalcon und Lady Judith anvertraut. Lady Judith hatte die Insel verlassen und war nach London gereist. Lord Mountfalcon war geblieben. Es konnte nichts Unrechtes dabei sein. Wenn sie es jemals gedacht hätte, so dachte sie jetzt jedenfalls nicht mehr so. Im geheimen fühlte sie sich vielleicht geschmeichelt. Lord Mountfalcon war so gut erzogen, wie es der Durchschnitt der titelführenden älteren Söhne zu sein pflegt: und er ließ sie verstehen, daß er schlecht wäre, sehr schlecht, und daß sie einen guten Einfluß auf ihn hätte. Die Heldin 558 hatte ebenso wie der Held den Ehrgeiz, der Welt nützlich zu sein – etwas Gutes zu tun: und die Aufgabe einen schlechten Menschen zu retten ist für gute Frauen sehr verführerisch. Ein schlechter Mann, den sie ausbessern können, ist ihren zarten Herzen so lieb wie zerbrochenes Porzellan! Lord Mountfalcon hatte nichts von den Manieren eines Wüstlings; sein Gold, sein Titel und seine Persönlichkeit hatten ihn bisher davor bewahrt, lange vergeblich schmachten zu müssen, oder möglicherweise überhaupt zu schmachten: die Schurkereien besorgte der ehrenwerte Peter für ihn. Lucys reines Gefühl wurde nicht beunruhigt, was der Fall hätte sein können, wenn der edle Lord sehr gewandt gewesen wäre. In ihrem Märtyrertum war es hübsch, einen treuen Freund zu haben und imstande zu sein, etwas für diesen Freund tun zu können. Zu einfach in ihrem Sinn, um viel Wert auf die hohe Stellung des Lords zu legen, blieb sie doch immer eine Frau. »Er, ein vornehmer Mann, hält es nicht für unter seiner Würde mich anzuerkennen und mich gern zu haben,« das waren vielleicht die Gedanken, die sie dann und wann wie zur Selbsterverteidigung empfand, wenn sie an die stolze Familie dachte, in die sie geheiratet hatte. Der Januar beschenkte die alte Erde abwechselnd mit Regen und Frost, als der ehrenwerte Peter mit großen Neuigkeiten zu der Sonne seiner Börse gereist kam. Sobald er die augenblickliche Schwäche Seiner Lordschaft aufs Tapet gebracht hatte, stürzte sich dieser mit seiner ganzen Schwerfälligkeit in die Erörterungen seiner Schwierigkeiten. Er schwur bei diesem und jenem, daß er nach all seinen Sünden einen Engel getroffen hätte und daß er ihr kein Leid zufügen wollte. Im nächsten Augenblick schwur er, daß sie die seine werden müsse und wenn sie auch wie eine Katze fauchen würde. Seiner Lordschaft Ausdrücke waren nicht sehr gewählt. »Ich bin noch nicht 559 einen Zoll weiter gekommen,« stöhnte er, »Brayder! auf Ehre, die kleine Frau könnte alles mit mir machen. Beim Himmel! ich würde sie morgen heiraten. Hier bin ich nun und sehe sie jeden Tag in der Woche, in und außer dem Hause, und was meinst du, wovon sie mit mir spricht? – Weltgeschichte! – ist das nicht genug, um einen Mann verrückt zu machen? Und ich halte ihr Vorträge, wie ein alter Pedant, und wahrhaftig! während ich dabei bin, macht es mir Vergnügen, und wenn ich das Haus verlasse, würde ich die größte Befriedigung empfinden, wenn ich jemand über den Haufen schießen könnte. Was reden sie denn in der Stadt?« »Nicht viel,« sagte Brayder bedeutungsvoll. »Wann kommt denn der Bursche – ihr Mann – wieder zurück?« »Ich darf wohl hoffen, daß wir den ein für allemal besorgt haben, Mount.« Edelmann und Parasit wechselten Blicke. »Wie meinst du das?« Brayder summte eine Melodie und unterbrach sich, um zu sagen: »Er ist im Galoppschritt auf Don-Juan-Wegen, das ist alles.« »Zum Teufel! Hat Bella ihn gewonnen?« fragte Mountfalcon eifrig. Brayder reichte ihm einen Brief. Er war datiert von der Küste in Sussex, »Richard« unterschrieben und lautete wie folgt: »Mein schöner Teufel! Da wir beide Teufel sind und einander erkannt haben, komme sogleich zu mir oder ich gehe in aller Eile selbst zum Teufel. Komm, mein glänzender Höllenstern! Ich bin vor Dir geflohen und nun bitte ich Dich, zu mir zu kommen! Du hast mich gelehrt, wie die Teufel lieben, und ich kann Dich nicht entbehren. Komm eine Stunde nach Empfang dieses Briefes.« 560 Mountfalcon drehte den Brief um, um zu sehen, ob noch mehr folgte. »Eine höfliche Liebesepistel!« bemerkte er, stand auf, schritt durch das Zimmer und murmelte: »Der Hund! wie schändlich behandelt er seine Frau!« »Sehr schlecht,« sagte Brayder. »Wie hast du dies in die Hand bekommen?« »Ich schlenderte in Bellas Ankleidezimmer, als ich auf sie wartete – und drehte zufällig ihr Nadelkissen um. Du kennst ihre Kniffe!« »Beim Jupiter! Ich glaube, das tut sie mit Absicht. Dank dem Himmel habe ich ihr ewig lange keine Briefe mehr geschrieben. Ist sie zu ihm gegangen?« »Das nicht! Aber es ist sonderbar, Mount! – hast du schon je vorher gehört, daß sie Geld zurückgewiesen hätte? Sie zerriß den Scheck in großartigem Stil und überreichte mir die Fetzen mit zwei oder drei zarten Ausdrücken, die sie in deiner Schule gelernt hat. Ich höre eine Frau eigentlich gerne fluchen. Es verschönt sie!« Mountfalcon beriet mit seinem Parasiten, in welcher Art sie den Brief nützlich verwenden könnten. Beide stimmten gewissenhaft darin überein, daß Richards Benehmen gegen seine Frau schändlich wäre und daß er wenigstens keine Barmherzigkeit verdiene. »Aber,« meinte Seine Lordschaft, »es würde nicht richtig sein, den Brief zu zeigen. Zuerst würde sie schwören, daß er falsch ist, und dann würde sie nur noch fester an ihm hängen. Ich kenne die Weiber.« »Wir wollen grade das Gegenteil tun,« sagte Brayder sorglos. »Sie muß den Verrat mit eignen Augen sehen. Ihren eignen Augen glauben sie. Darin liegt deine Chance, Mount. Du trittst dann ein: du versorgst sie mit Rache und mit Trost – zwei Vögel mit einem Schuß. Das haben sie gern.« 561 »Du bist ein Esel, Brayder,« rief der Edelmann. »Du bist ein höllischer Schurke. Du sprichst von dieser kleinen Frau, als ob sie und andre Frauen alle gleich wären. Ich sehe nichts, was ich durch diesen verfluchten Brief gewinnen könnte. Ihr Mann ist ein roher Kerl, – das ist klar!« »Willst du es mir überlassen, Mount?« »Verflucht will ich sein, wenn ich das tue!« murmelte der Lord. »Danke! Nun sieh mal, wie das enden wird. Du bist zu gutmütig, Mount. Du wirst zum Narren gemacht werden.« »Ich sage dir, Brayder, es läßt sich nichts dabei tun. Wenn ich sie entführe – ich bin jeden einzigen Tag drauf und dran gewesen, es zu tun – was kommt dabei heraus? Sie wird mich ansehen – ich kann ihren Blick nicht ertragen – ich würde ein Narr sein – schlimmer mit ihr dran, als jetzt.« Mountfalcon gähnte in seiner Mutlosigkeit. »Und was meinst du wohl?« fuhr er fort. »Ist es nicht genug, um mit den Zähnen zu knirschen? Sie ist . . .« er flüsterte Brayder etwas zu und wurde dunkelrot dabei. »Hm!« machte Brayder und rieb die Krücke seines Stockes gegen sein Kinn. »Das ist unangenehm, Mount. Du möchtest nicht grade in der Eigenschaft handeln. Du hast ja auch nicht die Berechtigung. Zu dumm!« »Glaubst du, ich liebe sie deshalb auch nur im geringsten weniger?« brach der Lord wütend los. »Beim Himmel, ich würde an ihrem Bett sitzen und ihr vorlesen, und wenn sie will, über diese gräßliche Weltgeschichte mit ihr reden, den ganzen Tag und die ganze Nacht.« »Du bildest dich entschieden zur Hebamme aus, Mount.« Der Edelmann schien die Beschuldigung schweigend hinzunehmen. 562 »Was reden sie in der Stadt?« fragte er wieder. Brayder sagte, die Frage drehte sich nur darum, ob es dieses Mal ein Mädchen, eine Frau oder eine Witwe sei. »Ich werde heute abend zu ihr gehen,« fuhr Mountfalcon fort, nachdem er – nach dem Ausdruck seines Gesichtes zu urteilen – sehr tief nachgedacht hatte. »Ich werde heute abend zu ihr gehen. Sie soll erfahren, welche Höllenqualen ich um ihretwillen leide.« »Willst du behaupten, daß sie das nicht wüßte?« »Sie hat keine Ahnung davon – hält mich für ihren Freund. Und, beim Himmel! das will ich auch für sie bleiben.« »Ah – hm!« machte der ehrenwerte Peter. »Immer heran, meine Damen, wenn Sie einen Grünschnabel sehen wollen.« »Willst du vielleicht aus dem Fenster geworfen werden, Brayder?« »Einmal hat mir genügt, Mount. Der wilde Mann ist stark. Ich könnte vielleicht verlernt haben, wieder auf die Beine zu kommen. Ruhig – ruhig! Ich möchte darauf schwören, daß sie außerordentlich unschuldig ist und dich für einen selbstlosen Freund hält.« »Ich werde heute abend zu ihr gehen,« wiederholte Mountfalcon. »Sie soll hören, wie elend es mich macht, sie in dieser Lage zu sehen. Ich kann es nicht länger ertragen. Es ist schrecklich, wenn solch eine Frau betrogen wird. Ich möchte lieber, daß sie mir flucht, als daß sie so zu mir spricht und mich so ansieht. Das liebe kleine Mädel! – sie ist doch nur ein Kind! Du hast keine Ahnung, wie gefühlvoll das kleine Wesen ist.« »Hast du es denn?« fragte der Schlaue. »Meine Überzeugung ist, Brayder, daß es Engel unter den Frauen gibt,« sagte Mountfalcon, und vermied es, seinen Parasiten anzusehen, als er so sprach. 563 Für die Welt war Mountfalcon ein durch und durch schlechter Mensch, sein Parasit nur vergnügungssüchtig und leichtsinnig. Manch frommer Mann hätte es für eine leichtere Aufgabe gehalten, den ehrenwerten Peter zu retten. Lucy empfing ihren vornehmen Freund an diesem Abend am Kaminfeuer und saß selbst ganz im Schatten. Sie bot ihm an, Licht bringen zu lassen. Er bat alles zu lassen, wie es wäre. »Ich habe Ihnen etwas zu sagen,« bemerkte er mit einer gewissen Feierlichkeit. »Ja – mir?« sagte Lucy schnell. Lord Mountfalcon wußte, daß er sehr viel zu sagen hätte, aber wie er es sagen sollte, und was es eigentlich war, das wußte er nicht. »Sie können es wunderbar verbergen,« fing er an, »aber Sie müssen sich hier sehr einsam fühlen – ich fürchte – unglücklich.« »Ich würde sehr einsam gewesen sein, ohne Ihre Freundlichkeit, Lord Mountfalcon,« sagte Lucy. »Ich bin nicht unglücklich.« Ihr Gesicht war im Schatten und konnte sie nicht Lügen strafen. »Gibt es irgend etwas, womit jemand, der wirklich Ihr Freund sein möchte, Ihnen helfen könnte, Mrs. Feverel?« »Nichts, das ich wüßte,« erwiderte Lucy. »Wer kann uns helfen, für unsere Sünden zu bezahlen?« »Sie könnten mir wenigstens den Versuch erlauben, meine Schulden zu bezahlen, da Sie mir geholfen haben, einige meiner Sünden auszuwaschen.« »Ach, Lord Mountfalcon!« rief Lucy, nicht unangenehm berührt. Es ist süß für eine Frau zu glauben, daß sie der Schlange das Gift genommen hat. »Ich sage Ihnen nur die Wahrheit,« fuhr Lord Mountfalcon fort. »Was für einen Zweck könnte es für mich 564 haben, Sie täuschen zu wollen? Ich weiß, Sie sind über Schmeichelei erhaben – so anders, als andere Frauen!« »Ach, bitte, sagen Sie das nicht,« unterbrach ihn Lucy. »Nach meiner Erfahrung wenigstens.« »Aber Sie sagen, daß Sie mit solch – solch sehr schlechten Frauen zusammen gewesen sind.« »Das bin ich. Und nun, da ich eine gute Frau getroffen habe, ist es mein Unglück.« »Ihr Unglück, Lord Mountfalcon?« »Ja, und ich könnte noch mehr sagen.« Das Schweigen Seiner Lordschaft war sehr eindrucksvoll. »Wie sonderbar die Männer sind,« dachte Lucy. »Er hat irgend ein trauriges Geheimnis.« Tom Bakewell, der die Angewohnheit hatte, während der Besuche des Herrn unter verschiedenen Vorwänden ins Zimmer zu kommen, unterbrach weitere Enthüllungen, die Seine Lordschaft beabsichtigt haben mochte. Als sie wieder allein waren, sagte Lucy lächelnd: »Wissen Sie, ich schäme mich immer, wenn ich Sie bitte, mit dem Lesen anzufangen.« Mountfalcon starrte sie an. »Lesen? – ach, so! ja!« er erinnerte sich an seine abendlichen Pflichten. »Sehr gern natürlich. Lassen Sie mich sehen. Wo waren wir stehen geblieben?« »Bei dem Leben des Kaisers Julian. Aber ich schäme mich wirklich, wenn ich Sie bitte zu lesen, Lord Mountfalcon. Für mich ist alles neu; wie eine neue Welt – von den Kaisern zu hören und den Armeen, und von alledem was wirklich auf der Erde gewesen ist, auf der wir jetzt leben. Es beschäftigt meine Gedanken. Aber Sie können kein Interesse mehr daran haben und ich dachte, daß ich Sie nicht länger damit quälen wollte.« 565 »Ihr Vergnügen ist mein Vergnügen, Mrs. Feverel. Auf Ehre, ich möchte lesen, bis ich heiser werde, nur um Ihre Bemerkungen darüber zu hören.« »Lachen Sie über mich?« »Sehe ich so aus?« Lord Mountfalcon hatte schöne, große Augen, und wenn er sie halb schloß, konnte er so aussehen, als ob sie Ausdruck hätten. »Nein, das tun Sie nicht,« sagte Lucy, »ich bin Ihnen für Ihre Nachsicht sehr dankbar.« Der Edelmann beteuerte noch einmal »auf Ehre«. Lucy wollte, daß er las, um seinetwillen, um ihretwillen, und noch um jemandes andern willen; welcher jemand dabei vielleicht am meisten in Betracht kam. Wenn er las, schien seine Anwesenheit legitimiert; und obgleich sie in keiner Weise Furcht oder Argwohn empfand, so fühlte sie sich doch erleichtert, wenn er auf diese Art beschäftigt war. So stand sie auf, holte das Buch, legte es offen auf den Tisch an seiner Seite und wartete ruhig, um nach Licht zu klingeln, wenn er würde anfangen wollen zu lesen. An diesem Abend konnte Lord Mountfalcon es nicht recht über sich gewinnen, die Posse anzufangen, und das Mitleid, das er mit dem wunderbar unschuldigen, unbeschützten Kinde fühlte, dem solcher Kummer bevorstand, hielt das, was er sagen oder andeuten wollte, zurück. Er saß schweigend da und tat nichts. »Was mir nicht an ihm gefällt,« sagte Lucy nachdenklich, »ist, daß er seine Religion ändert. Er wäre ein großer Held, wenn das nicht gewesen wäre. Ich hätte ihn lieben können.« »Wen hätten Sie lieben können, Mrs. Feverel?« fragte Lord Mountfalcon. »Den Kaiser Julian.« 566 »Ach! den Kaiser Julian! Ja! er war ein Apostat: aber Sie wissen, er war aufrichtig in dem, was er tat. Er tat es nicht einmal um einer Frau willen.« »Um einer Frau willen!« rief Lucy. »Welcher Mann würde das für eine Frau tun?« »Ich würde es.« »Sie, Lord Mountfalcon?« »Ja, ich würde morgen katholisch werden.« »Sie machen mich sehr unglücklich, wenn Sie das sagen, mein Lord.« »Dann werde ich es widerrufen.« Lucy schauderte. Sie streckte die Hand aus, um nach Licht zu klingeln. »Würden Sie jemand zurückweisen, der seine Religion gewechselt hat, Mrs. Feverel?« fragte der Edelmann. »Ach, ja, ja, das würde ich. Ich möchte nicht jemanden haben, der kein Gewissen hat.« »Wenn er Ihnen sein Herz und seinen Körper gibt, kann er dann noch mehr geben?« Lucys Hand drückte auf die Klingel. Es war ihr nicht angenehm in dem ungewissen Licht mit jemand zusammen zu sein, der so wenig gewissenhaft war. Lord Mountfalcon hatte noch nie vorher so gesprochen. Er sprach besser heute. Sie vermißte den aristokratischen, nasalen Ton in seiner Stimme, das zögernde Suchen nach Worten, die geläufige Erhabenheit, mit der er über die Schwierigkeiten der Rede hinwegging. Gleichzeitig mit dem Läuten der Glocke öffnete sich die Tür und Tom Bakewell erschien. In demselben Augenblick aber ertönte ein doppeltes Klopfen an der Haustüre. Lucy wartete mit ihrem Auftrag. »Kann es ein Brief sein, Tom? – so spät?« sagte sie und wechselte die Farbe. »Bitte, lauf und sieh!« 567 »Das ist nicht die Post,« bemerkte Tom und gehorchte seiner Herrin. »Warten Sie sehr auf einen Brief, Mrs. Feverel?« fragte Lord Mountfalcon. »Ach nein! – ja doch, sehr!« sagte Lucy. Ihr scharfes Ohr hörte den Ton einer Stimme, die sie kannte. »Das liebe, alte Ding kommt mich besuchen,« rief sie und sprang auf. Tom führte ein schwarzes Atlasbündel in das Zimmer. »Mrs. Berry!« sagte Lucy, lief ihr entgegen und küßte sie. »Ich bin es, mein Liebling!« erwiderte Mrs. Berry die Begrüßung, atemlos und rosig von der Reise. »Ich bin es wirklich, aus Mangel an etwas Besserem, denn ich kann nicht dabei stehen und sehen, daß der Teufel freies Spiel hat – sich rumzutreiben! und das Salz ist auf mein Brautkleid verschüttet, gleich von Anfang, und das war sicher kein gutes Zeichen. Wahrhaftig! – Aber da ist er ja!« Sie sah eine männliche Gestalt in einem Stuhl am Kamin und drehte sich um, um ihn anzureden: »Sie schlechter Mensch!« sie hielt einen ihrer dicken Finger in die Höhe, »nun bin ich wie Blitz und Donner über Sie gekommen und will danach sehen, daß Sie Ihre Pflicht tun, Sie ungezogner Junge! Aber du bist doch mein geliebtes Kind,« sie wurde nach ihrer Gewohnheit wieder gerührt, »und ich kann dich doch nicht wiedersehen, ohne dir einen mütterlichen Kuß zu geben.« Ehe Lord Mountfalcon Zeit finden konnte sich zu wehren, hatte die liebevolle Frau ihn um den Hals gefaßt und ließ sich auf seinen prächtigen Schnurrbart herab. »Ha!« sie ließ einen unterdrückten Schrei hören und fiel zurück, »wessen Bart ist das?« Tom Bakewell beleuchtete grade den Vorgang. 568 »Ach mein Himmel!« rief Mrs. Berry entsetzt, »bin ich hingegangen und habe einen fremden Mann geküßt!« Lucy bat, halb lachend, halb in schrecklicher Verlegenheit, den Herrn, das traurige Mißverständnis zu entschuldigen. »Fühle mich außerordentlich geschmeichelt, sehr glücklich natürlich,« sagte Seine Lordschaft und strich sich den derangierten Schnurrbart zurecht, »darf ich bitten, vorgestellt zu werden?« »Meines Mannes liebe, alte Wärterin, Mrs. Berry,« sagte Lucy, sie bei der Hand haltend, um sie zu beruhigen. »Lord Mountfalcon, Mrs. Berry.« Mrs. Berry bat um Entschuldigung durch wiederholte Knixe und wischte sich den Schweiß von der Stirne. Lucy führte sie zu einem Stuhle: Lord Mountfalcon erkundigte sich nach ihrer Überfahrt; er erhielt eine traurig genaue Beschreibung, die es klar machte, daß der Sanftmut ihres Herzens die Schwäche ihres Magens durchaus gleichkam. Die Erzählung gab Mrs. Berry ihre Ruhe wieder. »Ja, aber, wo ist nun mein – wo ist Mr. Richard, Ihr Mann, meine Liebe?« Mrs. Berry unterbrach ihre Erzählung, um zu dieser Frage zu kommen. »Erwarteten Sie ihn hier zu finden?« sagte Lucy mit schwacher Stimme. »Und wo denn sonst, meine Liebe? da er ganze vierzehn Tage in London nicht zu sehen gewesen ist.« Lucy schwieg. »Wir wollen den Kaiser Julian bis morgen entlassen, denke ich,« sagte Lord Mountfalcon, und erhob sich, um Abschied zu nehmen. Lucy reichte ihm die Hand mit stummem Druck. Er berührte sie nur flüchtig, schloß Mrs. Berry in 569 seine Abschiedsverbeugung mit ein und wurde von Tom Bakewell hinausgeführt. In dem Augenblick, in dem er heraus war, warf sie die Arme in die Luft. »Haben Sie je gehört, daß solch eine schreckliche Geschichte kommen kann und einer tugendhaften Frau passieren!« rief sie. »Ich könnte weinen darüber, wahrhaftig! Hingehen und einen fremden Mann küssen, mit einem Bart im Gesicht! Ach Gott, ach Gott! Was wird nun noch kommen, möcht' ich bloß wissen? Bart! denk' ich – denn ich weiß, wie sich ein Bart anfühlt – was hat er sich so schnell 'n Bart stehen lassen, sag' ich zu mir; und da durchzuckt's mich auch schon, daß ich mich schrecklich geirrt habe! und dann kommt das Licht, und ich sehe den großen haarigen Mann – bitte um Verzeihung – den vornehmen Herrn, und wenn es mir möglich gewesen wäre durch den Boden durchzurutschen – wo mich kein Mann mehr sehen kann – zum Teufel mit ihnen, sie sind einem doch immer im Wege – das sind sie wahrhaftig!« »Mrs. Berry,« unterbrach sie Lucy, »erwarteten Sie, ihn hier zu finden?« »So feierlich fragen Sie?« erwiderte Berry. »Was ihn? Ihren Mann? Natürlich! Und Sie haben ihn auch hier – irgendwo versteckt.« »Ich habe von meinem Mann vierzehn Tage lang nichts gehört,« sagte Lucy und schwere Tränen rollten über ihre Wangen. »Nicht von ihm gehört? – vierzehn Tage lang!« wiederholte Berry. »Ach, Mrs. Berry! Liebe gute Mrs. Berry! Bringen Sie keine Nachrichten? Haben Sie mir nichts zu sagen? Ich habe es so lange ertragen. Sie sind grausam gegen mich, Mrs. Berry! Ach, wissen Sie, ob ich ihn, ob ich meinen Mann beleidigt habe? So lange er schrieb, habe 570 ich nicht geklagt. Ich könnte Jahre lang nur von seinen Briefen leben. Aber nichts von ihm zu hören! Zu denken, daß ich ihn ins Verderben gebracht habe und daß er bereut! Wollen sie ihn mir denn nehmen? Wollen sie denn, daß ich tot bin? Ach Mrs. Berry! Ich habe in all der Zeit niemand gehabt, mit dem ich mich aussprechen konnte, und ich kann, ich kann nicht anders, ich muß weinen, Mrs. Berry!« Mrs. Berry war sehr geneigt, über das, was sie von Lucy hörte, auch unglücklich zu werden, und sie hatte selbst die schwärzesten Befürchtungen; aber es war niemals die Art dieses vortrefflichen Geschöpfes, in Gesellschaft unglücklich zu sein. Der Anblick eines Kummers, der sich nicht auf Tatsachen gründete und nicht bewiesen werden konnte, brachte sie entschlossen in die entgegengesetzte Stimmung. »Papperlapapp!« sagte sie; »ich möchte mal sehen, ob er bereut! Er wird nirgends wo solch eine Schönheit finden, wie seine kleine Frau, und das weiß er auch. Nun sehen Sie mal, meine Liebe, Sie kleiner, weinender Liebling – der Mann, der Sie mit Ihrem schönen Haar so aufgelöst da sehen könnte, und hat noch gesetzlich das Recht dazu und nicht in Ihre Arme stürzt und Sie sein Leben lang darin drückt, der ist überhaupt kein Mann, sage ich, und niemand kann das doch von meinem Kinde sagen! Ich wollte sagen, sehen Sie mal – um Sie zu trösten – ach ja, er hat sicherlich eine Überraschung für Sie. Und das hab' ich auch, mein Lämmchen! Hören Sie mal! Sein Vater ist nach der Stadt gekommen, endlich doch, als guter vernünftiger Mann, um Sie beide zu verbinden, und Ihre Körper zusammenzubringen, wie es Ihre Herzen immer sein werden. Na – ist das keine Neuigkeit?« »Ach!« rief Lucy, »das nimmt mir meine letzte 571 Hoffnung. Ich dachte, er wäre zu seinem Vater gereist.« Sie brach aufs neue in Tränen aus. Mrs. Berry schwieg verwirrt. »Vielleicht reist er ihm auch nach,« meinte sie. »Vierzehn Tage lang, Mrs. Berry!« »Ach vierzehn Wochen lang, meine Liebe, einem solchen Manne nach, wie der ist. Er ist wie ein Meteor, der Sir Austin Feverel von Schloß Raynham. Und nun hören Sie mal. Ich sage zu mir – ich, die ich ihn kenne, – denn ich denke, mein Kind ist in seinem natürlichen Nest. Ich sage zu mir, der Baron wird niemals schreiben, daß Sie beide zu ihm kommen und um seine Verzeihung bitten, so will ich hingehen und sie holen. Denn das war Ihr Fehler, daß Sie Ihren Mann auch nur eine Stunde von sich fortließen, in Ihrer jungen Ehe. Das ist gefährlich, das ist toll, das ist unrecht und kann nur wieder gut gemacht werden, wenn Sie mir gehorchen, wie ich befehle: denn ich kann auch böse werden, wenn ich auch gutmütig bin. Gehorchen Sie mir, dann werden Sie morgen glücklich sein – oder doch beinahe!« Lucy war bereit, sich trösten zu lassen. Sie war müde ihres selbst auferlegten Märtyrertums und froh, sich ganz und gar der Führung einer andern überlassen zu können. »Aber warum schreibt er nicht an mich, Mrs. Berry?« »Weil – weil – wer kann die Gründe der Männer sagen, meine Liebe? Aber daß er Sie treu liebt, darauf will ich schwören. Hat er nicht geseufzt in meinen Armen, daß er nicht zu Ihnen kommen konnte? – der schwache, elende Mensch! Hat er nicht vor mir geschworen, wie er Sie liebte, der arme, junge Mann! Aber dies ist Ihr Fehler, meine Süße. Ja, das ist es. Sie hätten gleich von Anfang meinem Rat folgen sollen – anstatt sich einzubilden, daß Sie Ihre eignen Heldentaten ausführen könnten.« Hier ließ Mrs. Berry einige weitere Sätze 572 über die Ehe hören, besonders in bezug auf junge Eheleute. »Ich wäre eine Närrin geblieben, wenn ich nicht selbst gelitten hätte,« gab sie zu, »so kann ich mich bei meinem Berry dafür bedanken, wenn ich Sie noch beizeiten weise machen kann.« Lucy streichelte ihre dicken, roten Wangen und blickte zärtlich in die freundlichen, braunen Augen der guten Frau. Liebevolle Worte gingen von Mund zu Mund. Und als Mrs. Berry sie ansah, errötete Lucy, wie jemand, der ein großes Geheimnis mitzuteilen hat, etwas sehr Süßes, sehr Wunderbares, sich aber noch nicht entschließen kann, davon zu sprechen. »So! nun hab' ich also drei Männer in meinem Leben geküßt,« sagte Mrs. Berry, zu sehr von ihrem außerordentlichen Abenteuer erfüllt, um den Kampf der jungen Frau zu bemerken, »drei Männer und einer davon ein Lord! Er hat mehr Bart als mein Berry. Ich möchte wissen, was der Mann gedacht hat. Ich möchte zehn gegen eins wetten, er hat gedacht, daß ich mich über die Gelegenheit gefreut habe – so eitel sind sie, ob sie nun Lord sind oder Bürgerliche. Wie konnt' ich aber auch wissen? Ich denk' doch natürlich, kein anderer als Ihr Mann kann da auf dem Stuhl sitzen. Ha! und auch noch im Dunkeln! und allein mit Ihnen!« Mrs. Berry sah sie scharf an, »und Ihr Mann fort? Was bedeutet das? Sagen Sie es mir, Kind, was bedeutet das, daß er hier mit Ihnen allein ist und ohne ein Licht?« »Lord Mountfalcon ist der einzige Freund, den ich hier habe,« sagte Lucy. »Er ist sehr freundlich. Er kommt beinahe jeden Abend.« »Lord Mountfalcon – so heißt er also!« rief Mrs. Berry. »Ich war so verwirrt durch den Mann, daß ich zuerst nicht hinhörte. Er kommt jeden Abend her, und Ihr Mann ist außer Sicht! Meiner Treu! das wird 573 immer schlimmer. Und weshalb kommt er denn her? Nun sagen Sie mir mal aufrichtig, was tun Sie hier zusammen, am Abend, im Dunkeln.« Mrs. Berry sah sehr ernst aus. »Ach, Mrs. Berry! bitte, sprechen Sie nicht so – das gefällt mir nicht,« schmollte Lucy. »Warum kommt er, frage ich?« »Weil er freundlich ist, Mrs. Berry. Er sieht, daß ich sehr einsam bin, und will mich unterhalten. Und er erzählt mir von Dingen, von denen ich nichts weiß und –« »Und vielleicht will er Ihnen auch etwas von diesen Dingen beibringen,« unterbrach sie Mrs. Berry sehr aufgeregt. »Sie sind eine sehr ungerechte, argwöhnische, unartige, alte Frau,« schalt sie Lucy. »Und Sie sind ein dummer, argloser, kleiner Vogel,« erwiderte Mrs. Berry und klopfte sie auf die Wange. »Sie haben mir noch nicht gesagt, was Sie zusammen tun, und was seine Entschuldigung ist, daß er kommt.« »Nun denn, Mrs. Berry, beinahe jeden Abend, den er herkommt, lesen wir Gedichte zusammen, und er erklärt mir die Schlachten, und erzählt mir von den großen Männern. Und er sagt, ich bin nicht dumm, Mrs. Berry.« »Das ist 'n bißchen Leim auf Ihre Flügel, mein Vögelchen. Geschichte also! Geschichte mit einer jung verheirateten, schönen Frau allein im Dunkeln! eine schöne Geschichte! Na, ich kenne den Namen von dem Mann. Er ist ein bekannter Wüstling, dieser Lord Mountfalcon. Keine Frau ist sicher vor dem.« »Ach, er hat mich aber nicht getäuscht, Mrs. Berry. Er hat nicht behauptet, daß er gut wäre.« »Um so gewitzter,« meinte die erfahrene Frau. »Sie lesen also zusammen Geschichte, im Dunkeln, meine Liebe!« 574 »Ich war heut Abend unwohl, Mrs. Berry. Ich wollte ihn nicht mein Gesicht sehen lassen. Sehen Sie! Hier liegt das Buch offen, für ihn bereit, wenn die Kerzen herein gebracht wurden. Und nun Sie liebes, geliebtes, gutes, altes Ding, muß ich Sie noch einmal küssen dafür, daß Sie zu mir gekommen sind. Ich habe Sie so lieb. Wir wollen von anderen Dingen sprechen. »Das wollen wir,« sagte Mrs. Berry, die bei Lucys Zärtlichkeit weich wurde. »Das wollen wir. Also ein Lord! allein mit einer jungen Frau im Dunkeln und sie dabei solch eine Schönheit! Ich sage aber, dem wird ein Ende gemacht werden, ein für allemal und sogleich! Bessy Berry wird er mit seinen Künsten nicht bestricken. So, nun habe ich genug von ihm. Ich sterbe, wenn ich nicht 'ne Tasse Tee bekommen kann, meine Liebe.« Lucy stand auf, um zu klingeln, und da es Mrs. Berry noch nicht möglich war, ihn ganz fallen zu lassen, fuhr sie fort: »Laß er nur gehen und sich rühmen, daß ich ihn geküßt habe; dabei ist nichts zum schämen, wenn ihn eine anständige Frau küßt – aus Versehen – das passiert den Männern nicht zu oft, kann ich versichern,« – und dabei betrachtete sie Lucys Gestalt. Und als Lucy zu ihr zurückkehrte, umfaßte Mrs. Berry sie mit ihren Armen und zog sie zu sich nieder. »Ach Sie Gesegnete,« sagte sie mit bedeutungsvollem Ton, »Sie gute, liebevolle, brave, kleine Frau, Sie!« »Was meinen Sie, Mrs. Berry!« lispelt Lucy und sieht sie höchst unschuldig mit ihren blauen Augen an. »Als ob ich keine Augen hätte, Sie Liebling! Meine Aufregung hat mich nur zuerst blind gemacht, oder ich hätt' es gleich von Anfang bemerkt. Denken Sie vielleicht mich zu täuschen?« Mrs. Berrys Augen sprachen ganze Bände. Lucy zitterte; sie wurde über und über rot und verbarg ihr 575 Gesicht an dem wohlwollenden Busen, der ihr entgegen wogte. »Sie sind ein Liebes,« murmelte die gute Frau, klopfte sie auf den Rücken und wiegte sie hin und her. »Sie sind eine Rose, das sind Sie! und seine Knospe auf dem Stengel. Sie haben Ihrem Mann kein Wort davon gesagt?« fragte sie rasch. Lucy schüttelte den Kopf und sah sehr verschämt und schüchtern aus. »Das ist recht. Wir wollen ihn mal überraschen, laß es ganz plötzlich über ihn kommen, und dann wird er denken – der Atem wird ihm ganz vergehen – ›Ich bin ein Vater!‹ Sie haben ihm auch keine Andeutung gegeben?« Lucy küßte sie nur, um zu zeigen, daß es noch ein vollständiges Geheimnis wäre. »Ach! Sie sind eine Süße,« sagte Bessy Berry und umfaßte und wiegte sie noch fester und liebevoller. Dann führten die zwei eine geflüsterte Unterhaltung – mögen sich alle männlichen Wesen wenigstens eine Meile weit entfernen. Indem wir uns ihnen nach einem angemessenen Zeitraum wieder nähern, sehen wir, wie Mrs. Berry etwas an den Fingern abzählt. Nachdem sie die Summe zusammen hat, ruft sie prophetisch: »Nun, das bringt alles wieder in Ordnung – ein Kind noch zu allem übrigen! Ich sage, dieses Engelskind kommt von oben. Es ist ein Bote von Gott, meine Liebe! und es ist kein Unrecht das zu sagen. Er meint, Sie verdienen es, sonst würden Sie keins haben – wenn Sie sich auch noch so viel Mühe geben wollten, sie würden nicht, und manche geben sich so viel Mühe, die armen Geschöpfe! Nun laßt uns froh und glücklich sein! Ich möchte weinen und lachen, beides auf einmal. Dies ist das gesegnete Siegel der Ehe, das Berry 576 mir niemals aufgedrückt hat. Ich hoffe, es ist ein Junge. Machen Sie den Mann zum Großvater, und sein Enkel ein Junge, dann haben Sie ihn sicher. Ach! das nenn' ich Glück! und ich werde meinen Tee deshalb ein bißchen stärker trinken. Ich erkläre, ich könnte mich betrinken wegen dieser fröhlichen Neuigkeit.« So jubilierte Mrs. Berry. Sie trank ihren Tee etwas stärker. Sie aß und trank und war fröhlich. Der Segen der Guten lag auf ihr. Da sagte Lucy schüchtern: »Und nun verstehen Sie, weshalb ich Geschichte lese und solche Bücher.« »Ob ich das verstehe?« erwiderte Berry. »Vielleicht tue ich es. Da was Sie getan haben, mein Liebchen, so gut ist, gehe ich auf alles ein. Was frag' ich jetzt noch nach all den Lords! Sie können gegen ein Kind nicht aufkommen. Sie dürfen meinetwegen Reisebeschreibungen lesen und Romane und Liebesgeschichten und Kriegsgeschichten. Sie haben das Rätsel auf Ihre eigne liebe Art gelöst und das ist das einzige, was mich angeht.« »Nein, Sie verstehen aber nicht,« behauptete Lucy. »Ich lese nur verständige Bücher und spreche nur von ernsten Sachen, weil ich sicher bin . . . weil ich sagen gehört habe . . . liebe Mrs. Berry! verstehen Sie jetzt?« Mrs. Berry schlug sich aufs Knie. »Bloß zu denken, daß sie so bedacht ist! und dabei ist sie noch katholisch! Sag' mir danach keiner mehr, daß die Leute von einer Religion nicht ebensogut sind, wie von 'ner andern. Sie wollen ihn also zum Gelehrten machen? Und dieser liederliche Lord, der herkommt, um den Wolf zu spielen, den haben Sie dazu gebracht – ohne daß er es selbst weiß – daß er so 'ne Art von Lehrer ist für das heilige Ungeborene! Ha! Ha! da sag' noch einer, daß kleine Frauen nicht so schlau sind, wie die Allerschlausten. Ach! nun versteh' ich! Hab' ich nicht eine Dame gekannt, eine Witwe von 577 einem Pfarrer: es war ein nachgeborenes Kind, und vor seiner Geburt hat die Frau nichts gelesen, als Blairs Grabgeschichten, immer wieder, von Anfang bis zu Ende – das ist ein ernstes Buch! – sehr schwer zu lesen! – und mit vier Jahren war das Kind, das daraus geworden ist, wirklich das frommste Kind von der Welt! – er war wie 'n kleiner Pfarrer. Die Augen schlug er immer so auf, und so feierlich sprach er.« Mrs. Berry ahmte des kleinen Pfarrers Ausdruck und Sprechweise nach. »So, die hat wenigstens bekommen, was sie sich gewünscht hat!« Aber Lucy lachte über diese Dame. Sie schwatzten fröhlich weiter bis zur Schlafenszeit. Lucy richtete es so ein, daß Mrs. Berry bei ihr schlafen konnte. »Wenn es Ihnen nicht unangenehm ist, meine Liebe, mit einer Frau zu schlafen,« sagte Mrs. Berry. »Ich weiß, wie es mir war nach meinem Berry und wie ich es fühlte. Es scheint gewissermaßen nicht natürlich nach der Ehe – eine Frau im Bett zu haben! Ich mußte jemanden haben, denn die kalten Laken machen einen schaudern, wenn man an das andre gewöhnt ist.« Sie gingen zusammen hinauf, da Lucy diese Abneigung nicht teilte. Dann öffnete Lucy verschiedene Schubladen und zeigte hübsche Mützchen und spitzenbesetztes Leinenzeug, alles für ein sehr kleines Körperchen passend, und alles das Werk ihrer eignen Hände: und Mrs. Berry lobte sie und die Arbeit. »Sie erwarten natürlich einen Jungen nach Frauenart,« sagte sie. Dann flüsterten sie zärtlich mit einander und küßten sich und entkleideten sich am Kaminfeuer und knieten zusammen nieder an dem Bette und umschlangen sich und beteten, beteten beide für das ungeborene Kind; und Mrs. Berry drückte Lucy an sich in dem Augenblicke, in dem sie den Himmel anflehte, das kommende Leben zu schützen und zu segnen; und Lucy drängte sich dichter an sie und fühlte 578 eine starke Liebe zu ihr. Dann ging Lucy zuerst zu Bett und überließ es Mrs. Berry das Licht auszumachen, und ehe diese es tat, lehnte sie sich über sie und sagte schelmisch: »Ich kann Sie nie so sehen, ohne selbst ganz verliebt in Sie zu sein, Sie errötende Schönheit. So schön sind Ihre Augen und das Haar – wenn es so zurückliegt. Ich würde meinem Vater nie vergeben, wenn er mich auch nur vierundzwanzig Stunden von Ihnen trennen würde. Davon der Mann sein!« Berry zeigte auf die Lieblichkeit der jungen Frau. »Sie sehen aus, als wenn Sie so voller Küsse wären, und die müssen nun alle verschmachten! – Sie sehen niemals so hübsch aus, als wenn Sie im Bett liegen, Sie Schönheit, Sie – grad' wie es sein muß.« Lucy sagte, sie würden selbst aufstehen und das Licht ausmachen, um Mrs. Berrys verliebte Rede zu Ende zu bringen. Dann lagen sie im Bett zusammen und Mrs. Berry liebkoste sie und besprach alles für ihre Abreise am folgenden Tage und malte sich noch einmal Richards Gefühle aus, wenn er hörte, daß sie ihn zum Vater machen würde, und wies auf Lucys Glück hin, wenn Richard wieder an seinem rechtmäßigen Platz sein würde, den sie, Bessy Berry, sich jetzt angeeignet hatte; und allerhand solch verliebte Sachen, genug, daß man glauben konnte, das alte Sprichwort wäre umgedreht, welches behauptete, gestohlene Früchte wären die süßesten; sie entwarf eine solch glühende Schilderung des Glücks innerhalb der Gesetze und Grenzen des Rechts, bis Lucy zuletzt ganz erschöpft murmelte: »Müde, liebe Berry,« und die gute Frau allmählich mit ihrem Gezwitscher aufhörte. Bessy Berry schlief nicht. Sie lag und dachte an das süße und tapfere Herz neben ihr und lauschte auf Lucys Atem, wie er kam und ging, und drückte dann und wann die Hand der schönen Schläferin, um ihrer Liebe Ausdruck 579 zu geben, wenn sie bei ihren Überlegungen warm wurde. Ein Sturmwind heulte über den Hügel von Hampshire und peitschte den weißen Schaum auf den Wellen und schüttelte die kahlen Bäume. Er wehte vorüber und hinterließ eine dünne Schneeschicht auf dem winterlichen Lande. Der Mond schien hell. Berry hörte, wie der Haushund anschlug. Er bellte laut und andauernd. Das Geräusch regte sie auf. Allmählich glaubte sie zu bemerken, daß sich im Hause etwas regte; dann schien es ihr, als ob die Haustüre geöffnet würde. Sie spitzte die Ohren und konnte in der mitternächtigen Stille beinahe Stimmen erkennen. Sie glitt leise aus dem Bett, verschloß und verriegelte die Türe des Zimmers, überzeugte sich, daß Lucy nichts hörte, und ging auf Zehspitzen an das Fenster. Die Bäume hoben sich weiß ab gegen den nördlichen Himmel, der Erdboden glitzerte, die Kälte war scharf. Berry kreuzte ihre dicken Arme über der Brust und guckte darüber hinaus so weit in den Garten, wie es die Lage des Fensters gestattete. Berry war eine sanftmütige, aber keine ängstliche Frau: und in dieser Nacht waren ihre Gedanken über die Furcht der Dunkelheit erhaben. Sie war sicher, daß sie Stimmen hörte; Neugierde, ohne einen Schatten von Furcht hielten sie auf der Lauer; sie wickelte sich etwas von ihren Tageskleidern um Hals und Schultern, suchte das Klappern ihrer Zähne so gut sie konnte zu unterdrücken und blieb auf ihrem Posten. Das leise Summen der Stimmen wurde unterbrochen, etwas wurde in lauterem Ton gesagt; die Haustüre wurde leise geschlossen; ein Mann ging aus dem Garten hinaus auf die Straße. Ihrem Fenster gegenüber blieb er stehen und Berry ließ den Vorhang zurückfallen und guckte nur hinter dem Rande hervor. Er stand im Schatten des Hauses, so daß es unmöglich war, viel von seiner Gestalt zu erkennen. Nach einigen Minuten ging er schnell fort und 580 Berry ging zu Bett wie ein Eiszapfen, vor dem Lucys Glieder zurückschreckten. Am nächsten Morgen fragte Mrs. Berry Tom Bakewell, ob er in der Nacht gestört worden wäre. Tom, der Geheimnisvolle, meinte, er hätte geschlafen, wie ein Murmeltier. Mrs. Berry ging in den Garten. Der Schnee war zum Teil geschmolzen, alles bis auf einen Fleck grade unter dem Torweg, und da sah sie den Abdruck eines Männerfußes. Durch eine sonderbare Fügung kam es ihr in den Sinn einen von Richards Stiefeln zu holen. Sie tat es, und unbeobachtet maß sie die Sohle des Stiefels auf dieser einsamen Fußspur. Es konnte kein Zweifel sein, daß sie paßte. Sie versuchte es von der Hacke bis zur Spitze ein Dutzendmal.   Vierzigstes Kapitel. Klaras Tagebuch. Sir Austin Feverel war zur Stadt gekommen mit der Heiterkeit eines Philosophen, der sich sagt: »Jetzt ist es Zeit«, und mit der Befriedigung eines Mannes, der nicht ohne Kampf dazu gelangt ist, das zu sagen. Er hatte seinem Sohne beinahe vergeben. Seine tiefe Liebe für ihn hatte seinen verwundeten Stolz und seine zähe Eitelkeit beinahe erschüttert. Regungen einer gewissen Sympathie für das Geschöpf, welches ihm seinen Sohn geraubt und das System verletzt hatte, fanden sich in seinem innersten Herzen. Das wußte er, und im stillen rechnete er sich seine eigne Milde hoch an. Die Welt aber sollte ihn nicht für milde halten, die Welt sollte denken, daß er noch immer nach einem System handelte. Denn was konnte seine 581 lange Abwesenheit sonst bedeuten? – doch nur etwas sehr Unphilosophisches. So wurde er, obgleich seine Liebe stark war und ihn auf die rechte Bahn lenkte, durch die letzte Regung der Eitelkeit doch immer noch zur Seite gezerrt. Der Aphorist durchschaute sich selbst so gut, daß es für ihn eine Notwendigkeit war, sich selbst etwas vorzutäuschen. So wie er wünschte, daß die Welt ihn sehen sollte, so versuchte er sich selbst zu sehen: als einen Menschen, der rein persönliche Gefühle gänzlich beiseite läßt: einen Menschen, dem die Erfüllung seiner Vaterpflicht, die er auf die Kenntnis des Lebens begründete, obenan steht: kurz gesagt, als einen wissenschaftlichen Menschenkenner. Er war deshalb sehr überrascht über die kalte Art, mit der Lady Blandish ihn empfing. »Endlich!« sagte die Dame mit einem traurigen Ton, der vorwurfsvoll klang. Nun hatte sich aber der wissenschaftliche Menschenkenner doch gar nichts vorzuwerfen. Aber wo war Richard? Adrian behauptete bestimmt, daß er nicht bei seiner Frau wäre. »Wenn er dorthin gegangen wäre,« sagte der Baron, »würde er mir nur um wenige Stunden zuvorgekommen sein.« Dieses hätte Lady Blandish besänftigen müssen, als man es ihr wiederholte, und hätte ihr seine große Versöhnlichkeit zeigen sollen. Sie aber seufzte nur und sah ihn nachdenklich an. Sie waren nicht glücklich in ihrer Unterhaltung und nicht sehr vertraulich. Die Philosophie schien ihr Gemüt nicht mehr zu fesseln; und schöne Phrasen fanden nur eine traurige Zustimmung, die schmeichelhafter für ihre Erhabenheit war, als für die Wirkung, die sie ausübten. Die Tage vergingen, Richard zeigte sich nicht. Sir 582 Austins hoher Standpunkt der Selbstbeherrschung verlangte es, daß er den Jüngling ohne Zeichen der Ungeduld erwartete. Da die Dame dieses erkannte, sagte sie ihm, was sie für Richard fürchtete und was für Gerüchte über ihn verbreitet wären. »Wenn diese Person, seine Frau,« sagte der Baron, »so ist, wie Sie sie schildern, teile ich Ihre Befürchtungen nicht. Ich denke zu hoch von ihm. Wenn sie geeignet ist, ihn die Heiligkeit einer solchen Verbindung empfinden zu lassen, dann denke ich zu hoch von ihm. Es ist unmöglich.« Die Dame sah nur noch einen Ausweg. »Rufen Sie sie zu sich,« sagte sie. »Lassen Sie sie bei Ihnen in Raynham sein. Lernen Sie sie kennen. Es ist die Trennung und die Ungewißheit, die ihn so verwirren und ihn so wild machen. Ich gestehe Ihnen, ich hoffte, er wäre zu ihr gegangen. Es scheint, daß er es nicht getan hat. Wenn sie bei Ihnen ist, wird sein Weg klar sein. Wollen Sie es tun?« Die Wissenschaft bewegt sich bekanntermaßen nur langsam. Lady Blandishs Vorschlag war für Sir Austin viel zu hastig. Die Frauen sind von Natur rasch und haben keine Ahnung von der Wissenschaft. »Wir werden sie mit der Zeit dort empfangen, Emmeline. Fürs erste lassen Sie es zwischen meinem Sohn und mir sein.« Er sprach hochmütig. In Wahrheit beleidigte es ihn, daß man von ihm verlangte, daß er etwas täte, grade in dem Augenblick, indem er sich überwunden hatte, so viel zu tun. Ein Monat war vorüber, als Richard erschien. Das Wiedersehen zwischen ihm und seinem Vater war nicht, was sein Vater erwartet und was er sich in 583 seinen wallisischen Bergen so melancholisch ausgemalt hatte. Richard schüttelte ihm achtungsvoll die Hand und erkundigte sich mit gewöhnlicher gesellschaftlicher Besorgtheit nach seinem Befinden. Dann sagte er: »Während deiner Abwesenheit, Vater, habe ich mir die Freiheit genommen, ohne dich um Rat zu fragen, etwas zu tun, was dich näher angeht als mich selbst. Ich habe es übernommen, meine Mutter aufzusuchen und sie unter meinen Schutz zu stellen. Ich hoffe, du wirst nicht denken, daß ich unrecht getan habe. Ich handelte so, wie es mir am besten schien.« Sir Austin erwiderte: »Du bist in einem Alter, Richard, um in solch einem Fall für dich selbst zu urteilen. Ich möchte dich nur vor der Selbsttäuschung warnen, daß du irgend etwas anders als deine eignen Gefühle berücksichtigt hättest, als du so handeltest.« »Ich täusche mich darüber nicht, Vater,« sagte Richard, und die Unterredung war zu Ende. Beide haßten es, ihre Gefühle zur Schau zu stellen, und in dieser Beziehung waren sie beide befriedigt, aber da der Baron seinen Sohn liebte, hoffte und erwartete er Töne zu entdecken, die auf Unruhe und innerste Herzensfreude deuteten, und Richard gab ihm nichts davon. Der junge Mann sah ihn nicht einmal an, als er sprach; und wenn ihre Augen sich zufällig trafen, war Richards Blick herausfordernd kalt. Sein ganzes Wesen war verändert. »Diese übereilte Heirat hat ihn verändert,« sagte der sehr gerechte Mann der Lebensweisheit: und damit meinte er: »sie hat ihn verschlechtert.« Er hing seinen Erwägungen weiter nach: »Ich sehe in ihm die schlimme Reife einer zu plötzlich reif gewordenen Natur, und hätte ich nicht den Glauben, daß ein gutes Werk niemals verloren gehen kann, was sollte ich dann von der Arbeit meiner Jahre denken? Verloren, vielleicht 584 für mich! Aber auch für ihn? Es wird sich vielleicht in seinen Kindern zeigen.« Der Philosoph findet, wie wir sehen, auch Befriedigung darin, über die Untergebenen Segen zu verbreiten: aber für Sir Austin war es eine etwas bittere Aussicht. Bitter fühlte er das Unrecht, das ihm selbst zugefügt war. Ein kleiner Vorfall sprach zu Richards Gunsten. Eine arme Frau sprach im Hotel vor, während er fort war. Der Baron empfing sie und sie erzählte ihm eine Geschichte, die einen Teil von Richards Natur in christlichem Lichte erscheinen ließ. Das konnte vielleicht den Vater in Sir Austin befriedigen, es berührte nicht den Mann der Wissenschaft. Ein Feverel, sein Sohn, konnte nichts Geringeres tun, meinte er. Er setzte sich nieder, um seinen Sohn ausführlich zu studieren. Keine bestimmten Beobachtungen kamen ihm zu Hilfe. Richard aß und trank, scherzte und lachte. Er verlangte meistens noch vor Adrian nach einer irischen Flasche. Er sprach gewandt über alltägliche Gegenstände: seine Heiterkeit schien nicht unnatürlich. In allem aber, was er tat, erschien nicht das Wesen eines Jünglings, der eine Zukunft vor sich sieht. Das notierte sich Sir Austin. Es mochte Sorglosigkeit sein und Übermut, denn niemand konnte behaupten, daß ihn irgend etwas bedrückte. Der Mann der Weisheit überlegte nicht, daß auch Richard vielleicht gelernt haben mochte zu schauspielern und eine Maske zu tragen. Tote Gegenstände – das heißt Leute, die nicht auf ihrer Hut waren, konnte er durchschauen und zerlegen. Es ist ein seltener Zufall, und das wissen die Männer der Wissenschaft sehr gut, daß jemand die Gelegenheit hat, einen lebenden Körper zu untersuchen. Dieser seltene Zufall wurde Sir Austin indessen zuteil. Sie hatten eine Einladung zum Diner zu Mrs. Doria bei den Foreys und gingen am Nachmittage zusammen 585 hin: Vater und Sohn, Arm in Arm, Adrian neben ihnen. Kurz vorher hatte der beleidigte Vater sich dazu herabgelassen, seinem Sohne mitzuteilen, daß es nächstens Zeit sein würde, daß er zu seiner Frau zurückkehrte, und hatte auch angedeutet, daß man Vorbereitungen treffen würde, um sie endgültig in Raynham zu empfangen. Richard hatte nichts darauf erwidert, was ein Übermaß der Dankbarkeit bedeuten konnte, oder Heuchelei im Verbergen seiner Freude, oder irgend eins der tausend Auskunftsmittel, durch welche die menschliche Natur ihre Befriedigung ausdrückt, wenn sich alles günstig für sie gestaltet. Nun hielt aber Mrs. Berry ihre Überraschung bereit, mit der sie den jungen Ehemann überfallen wollte. Sie hatte Lucy bei sich im Hause, damit sie dort auf den Gatten warte. Jeden Tag erwartete sie, daß er kommen und ganz überwältigt sein würde von Überraschung und Entzücken, und da sie seine Gewohnheiten kannte, führte sie Lucy jeden Tag im Park spazieren, unter dem Vorwand, daß der kleine Richard, denn so hatte sie ihn schon getauft, an die Luft gebracht werden müßte. Die rote Scheibe der winterlichen Sonne stand hinten den kahlen Kastanien der Gärten von Kensington, als die beiden Gesellschaften auf einander trafen. Zum Glück für Lucy und die Hoffnung, die sie unter dem Herzen trug, hatte sie sich abgewandt und bewunderte eine schöne Reiterin, die grade vorbei sprengte. Mrs. Berry zupfte ein oder zweimal an ihrem Kleide, um ihre Augen für den Schreck vorzubereiten, aber Lucys Haupt war noch halb abgewandt und Mrs. Berry dachte: »Es wird ihr auch nicht schaden, wenn sie kopfüber in seine Arme stürzt.« Sie waren dicht bei einander: Mrs. Berry machte schon einen vorbereitenden Knix. Der schreckliche Ausdruck in Richards Gesicht ließ sie verstummen. Er ergriff ihren Arm und schob sich an ihr vorbei. Andere Leute kamen 586 dazwischen. Lucy sah nichts, was ihr Mrs. Berrys große Aufregung erklären konnte. Berry meinte, es wäre die Luft und der Speck, den sie zum Frühstück gegessen hatte; und das hätte sie schon am Morgen gewußt, während sie aß, daß es schlecht für die Galle wäre, und das war auch wahrscheinlich die Veranlassung, daß sie jetzt zu Lucys großem Erstaunen in Tränen ausbrach. »Sie weinen über das, was Sie gegessen haben, Mrs. Berry?« »Es ist nur –« Mrs. Berry preßte die Hand auf ihr Herz und lehnte sich zur Seite, »es ist alles nur der Magen, meine Liebe. Kümmern Sie sich nicht darum,« und da es ihr zum Bewußtsein kam, wie unpassend sie sich benahm, schleppte sie sich unter den Schutz der Ulmen. »Du hast eine wunderbare Art mit alten Damen,« sagte Sir Austin zu seinem Sohn, nachdem er Berry zur Seite geschoben hatte. »Man kann es kaum höflich nennen. Sie benahm sich allerdings wie eine Verrückte. – Ist dir schlecht, mein Sohn?« Richard war totenbleich, seine kräftige Gestalt bebte vor Schwäche. Der Baron suchte Adrians Auge. Adrian hatte Lucy erkannt, als sie vorbeigingen, und er hatte auch den Ausdruck in Richards Gesicht gesehen, als er Berry beiseite schob. Hätte Lucy sie erkannt, wäre er sofort auf sie zugegangen. Da sie es nicht tat, hielt er es unter diesen Umständen für besser, die Dinge gehen zu lassen, wie sie gingen. Er antwortete auf des Barons Blick nur mit einem Achselzucken. »Bist du krank, Richard?« fragte der Baron seinen Sohn noch einmal. »Komm weiter, Vater, komm weiter!« rief Richard. Sie schritten schnell vorwärts und bei näherer Überlegung vermutete Sir Austin, daß die arme Berry wahrscheinlich einem Stande angehöre, bei dessen Nennung 587 allein eine Frau, die Vorlesungen über die Ehe hält und nur drei Männer in ihrem Leben geküßt hat, von Entsetzen geschrien haben würde. »Richard wird morgen zu seiner Frau reisen,« sagte Sir Austin, kurz ehe sie zu Tisch gingen. Adrian fragte ihn, ob er zufällig eine junge blonde Dame gesehen hätte, neben der alten, die von Richard so sonderbar behandelt worden war, und als der Baron zugab, solch eine Person bemerkt zu haben, sagte Adrian: »Das war seine Frau!« Sir Austin konnte jetzt ein lebendes Wesen sezieren. Als ob eine Flintenkugel des jungen Mannes Schädel aufgerissen und ein Schuß in der Schlacht sein zuckendes Inneres bloßgelegt hätte, so beobachtete er jede Bewegung seines Gehirns und seines Herzens und tat es mit dem Kummer und Schrecken eines Mannes, der gewohnt ist, immer bis zum äußersten zu gehen. Wenn er sich auch nicht ganz bewußt war, daß er so lange nur mit dem Leben gespielt hatte, so fühlte er doch, daß er jetzt in die stürmische Wirklichkeit hinaus gestoßen war. Er nahm sich vor, am Abend mit seinem Sohne über alles zu sprechen. »Richard ist sehr lustig,« flüsterte Mrs. Doria ihrem Bruder zu. »Morgen wird alles in Ordnung kommen,« erwiderte er; denn das Spiel war so lange in seiner Hand gewesen, so lange war er der Gott der Maschine gewesen, daß er nun, da er beschlossen hatte, offen zu sprechen und zu handeln, sich ziemlich sicher fühlte, wie viel auch gut zu machen sein mochte. »Es fällt mir auf, daß er ziemlich aufgeregt lacht – mir gefallen auch seine Augen nicht,« sagte Mrs. Doria. »Du wirst morgen eine Veränderung an ihm wahrnehmen,« bemerkte der Mann der Wissenschaft. Mrs. Doria sollte selbst eine Veränderung erfahren. 588 Als sie beim Mittagessen saßen, kam eine telegraphische Botschaft von ihrem Schwiegersohn, dem würdigen John Todhunter, mit der Nachricht, daß Klara gefährlich erkrankt wäre, und der Bitte, daß sie sofort kommen möchte. Sie sah sich nach jemand um, der sie begleiten konnte, und bat Richard darum. Ehe Sir Austin seine Einwilligung zu Richards Abreise gab, verlangte er eine Unterredung unter vier Augen mit ihm, und in dieser Unterredung sagte er zu seinem Sohn: »Mein lieber Richard! es war meine Absicht, daß wir uns heute abend mit einander verständigen sollten. Aber die Zeit ist kurz, – die arme Helen hat nicht viele Minuten zu verlieren. Laß mich denn sagen, daß du mich getäuscht hast und daß ich dir vergeben habe. Wir wollen unser Siegel auf die Vergangenheit drücken. Du wirst deine Frau zu mir bringen, sobald du zurückkommst.« Und fröhlich blickte der Baron in die Zukunft, die er so großartig gründete. »Willst du sie sofort in Raynham empfangen, Vater?« sagte Richard. »Ja, mein Sohn, sobald du sie mir zuführst.« »Spottest du über mich, Vater?« »Ich bitte dich, was meinst du?« »Ich bitte dich, sie sofort zu empfangen.« »Ja wohl! der Aufschub kann nicht lange sein. Ich fürchte nicht, daß du viele Tage von deinem Glück getrennt sein wirst.« »Ich glaube, es wird einige Zeit dauern, Vater!« sagte Richard und seufzte tief. »Und welche Laune kann dich dazu veranlassen, es aufzuschieben und mit dem zu spielen, was deine erste Pflicht ist?« »Was ist meine erste Pflicht, Vater?« »Da du verheiratet bist, bei deiner Frau zu sein.« »Das habe ich schon von einer alten Frau gehört, die 589 Berry heißt!« sagte Richard vor sich hin, ohne die Absicht zu haben, ironisch zu sein. »Willst du sie sogleich empfangen?« fragte er dann noch einmal entschlossen. Der Baron konnte die Art, wie sein Sohn seine Güte aufnahm, nicht verstehen. In früheren Zeiten war seine angenehmste Aussicht für die Zukunft Richards Heirat gewesen – der Gipfelpunkt seines Systems. Richard hatte die Teilnahme seines Vaters daran gestört. Zur Entschädigung sah er nun einer hübschen Szene entgegen: – Richard würde seine Frau zu ihm führen, beide würden väterlich von ihm bewillkommt werden und er würde sie eine Minute lang ostentativ in seine Arme schließen. Er sagte: »Bis du zurückkommst, verschiebe ich es, sie zu empfangen.« »Sehr wohl, Vater,« erwiderte sein Sohn mit einer Miene, als wenn er nun sein letztes Wort gesprochen hätte. »Ich fühle mich wirklich versucht zu glauben, daß du schon jetzt deine übereilte Tat bereust!« rief der Baron, und im nächsten Augenblick schmerzte es ihn, die Worte gesagt zu haben, Richards Augen hatten einen solch traurig-wilden Ausdruck. Es schmerzte ihn, aber er erriet aus diesem Blick eine Geschichte, und er konnte sich nicht enthalten, ihn scharf anzublicken und zu sagen: »Ist das der Fall?« »Ich sollte es bereuen, Vater?« Die Frage erregte einen Kampf in der Brust des jungen Mannes, den ein leidenschaftlicher Tränenstrom hätte beruhigen können und der wie bleierner Tod in das Herz sinkt, wenn die Tränen ausbleiben. »Bereust du?« fragte sein Vater noch einmal. »Ich fühle mich versucht – ich fürchte beinahe, daß du es tust.« Bei diesem Gedanken – denn er sprach das aus, was er 590 meinte – war das Mitleid, das er für Richard empfand, nicht reines Gold. »Frage mich, was ich von ihr denke, Vater! Frage mich, was sie ist! Frage mich, was das heißt, einen von Gottes herrlichsten Engeln an das Elend geschmiedet zu haben! Frage mich, was es heißt, ein Schwert in ihr Herz gestoßen zu haben und über ihr zu stehen und zu sehen, wie solch ein Geschöpf verblutet! Ob ich das bereue? Ach ja. Ja, ich bereue es! Würdest du es bereuen?« Seine Augen blitzten seinen Vater unter seinen zornig zusammengezogenen Brauen an. Sir Austin zuckte zusammen und errötete. Verstand er ihn? Es liegt eine zwingende Kraft in dem Blick der Seele. Wir sehen und verstehen; wir sehen und wollen nicht verstehen. »Sage mir, warum du heute nachmittag an ihr vorübergingst,« sagte er ernst; und in derselben Weise antwortete Richard: »Ich ging an ihr vorüber, weil ich nicht anders konnte.« »An deiner Frau, Richard?« »Ja, an meiner Frau!« »Wenn sie dich gesehen hätte, Richard?« »Gott hat es ihr erspart.« Mrs. Doria, in ihrer unruhigen, praktischen Art, kam mit Richards Hut und Überzieher in den Händen herein, als sie auf diesem Punkt angelangt waren. Ein mitleidiger Ausdruck lag auf ihrem Gesicht, während sie ihren bestürzten Bruder auf die Stirn küßte. Sie vergaß ihren Kummer um Klara in ihrer Trauer um seine Schwäche. Sir Austin sah sich gezwungen, seinen Sohn reisen zu lassen. Wie immer suchte er sich Rat bei Adrian, und der weise Jüngling beruhigte ihn. »Irgend jemand wird ihn geküßt haben und der keusche Jüngling kann das nicht überwinden.« 591 Diese abgeschmackte Vermutung diente mehr dazu, den Baron zu besänftigen, als wenn Adrian einen wirklich vernünftigen Schlüssel zu Richards Benehmen gegeben hätte: Es ließ ihn vermuten, daß es eine spröde Regung in dem Gemüt des jungen Mannes sein konnte, die dem System angemessen war. »Ich mag in einem Punkte unrecht gehabt haben,« sagte er, sagte es aber mit einer Miene, als wenn er selbst sehr daran zweifelte. »Es war vielleicht unrecht, daß ich ihm in der Zeit seiner Prüfung so viel Freiheit ließ.« Adrian wies darauf hin, daß er es ausdrücklich so angeordnet hätte. »Ja, ja, das lastet auf mir.« Sein Gemüt war so betroffen, daß er die schwersten Anklagen auf sich nehmen und durch eine Art moralischen Wuchers Nutzen aus ihnen ziehen konnte. Man sprach wenig von Klara. Adrian schrieb die Benutzung des Telegraphen John Todhunters übertriebener ehelicher Besorgnis zu, wo es sich vielleicht nur um Zahnschmerzen, oder vielleicht um die ersten Anzeichen von einem Erben des Hauses handelte. »In dem Gemüt dieses Kindes liegt Krankheit. Sie ist nicht gesund,« sagte der Baron. Auf der Schwelle des Hotels stand, als sie zurückkehrten, Mrs. Berry. Nachdem sie respektvoll ihren Wunsch geäußert hatte, einige Worte mit dem Baron sprechen zu dürfen, wurde sie herauf in sein Zimmer geführt. Mrs. Berry preßte ihre Gestalt in den Stuhl, auf den sich zu setzen sie gebeten wurde. »Nun, meine liebe Frau, Sie haben mir etwas zu sagen,« bemerkte der Baron, denn es schien ihr schwer zu werden, den Anfang zu finden. »Ich wünschte, ich hätte es nicht,« fing Mrs. Berry an, und da ihr die gute Regel einfiel, daß man immer mit 592 dem Anfang anfangen sollte, fuhr sie fort: »Ich darf wohl annehmen, Sir Austin, daß Sie sich nicht mehr auf mich besinnen, und als wir uns zuletzt trennten, habe ich auch nicht gedacht, wir würden uns so wiedersehen. Zwanzig Jahre gehen nicht an einem vorüber, ohne ihre Spuren zu hinterlassen, ebensowenig wie zwanzig Ochsen. Es ist eine mächtig lange Zeit – zwanzig Jahre! Ich glaube aber, es sind noch gar nicht mal ganz zwanzig.« »Runde Summen sind immer am besten,« bemerkte Adrian. »Und in einer solchen runden Summe von Jahren ist ein geliebter Sohn groß geworden und hat sich verheiratet,« sagte Mrs. Berry und stürzte sich nun direkt auf den Gegenstand. Sir Austin erfuhr nun, daß die Schuldige vor ihm saß, die seinen Sohn bei diesem Abenteuer unterstützt hatte. Es war eine harte Aufgabe für seine Geduld, über seine eignen Familienangelegenheiten reden zu hören, aber er war von Natur höflich. »Er kam in mein Haus, als ein Fremder! Wenn zwanzig Jahre uns verändern, die wir uns auf der Erde gekannt haben, wie müssen sie die verändern, von denen wir uns getrennt haben, grade als sie vom Himmel kamen! Und ein himmlisches Kind war er! so süß! so stark! so dick!« Adrian lachte laut. Mrs. Berry machte ihm in ihrem Stuhl einen Knix und fuhr fort: »Ich wünschte schon vorher zu sagen, wie dankbar ich bin, daß meine Pension mir nicht entzogen worden ist, da ich doch viel Veranlassung zum Ärger gegeben habe, aber ich weiß ja, daß Sir Austin Feverel, Schloß Raynham, keiner von denen ist, die es lieben, wenn ihre guten Taten ausposaunt werden. Und jetzt ist eine Pension noch mehr für mich, als es damals war. Denn 593 eine Pension und frische rote Backen bei einem Mädchen, das ich doch war – das ist ein Köder, an den mancher Mann anbeißen möchte, der es nicht täte für eine verlassene Frau.« »Wenn Sie zur Sache kommen wollten, meine gute Frau, so will ich Sie anhören,« unterbrach sie der Baron. »Es ist der Anfang, der am schlimmsten ist, und der ist vorüber, Gott sei Dank! So will ich sprechen, Sir Austin, und sagen, was ich zu sagen habe. – Gott helfe mir! Da ich glaube, daß wir dieselben Ansichten über die Ehe haben, sage ich: einmal verheiratet – ist verheiratet für das Leben! Ja! Ich mag auch nicht einmal Witwen. Denn ich kann doch nicht am Grab stehen bleiben. Nicht an dem Grabhügel kann ich stehen bleiben. Mein Mann ist mein Mann und wenn ich bei der Auferstehung ein Körper bin, dann sage ich in aller Bescheidenheit, mein Berry ist der Mann für meinen Körper, und zu denken, daß dann zwei an mich Ansprüche machen sollten – mir wird ganz heiß bei dem Gedanken. Das ist meine Ansicht von dem Zustand zwischen Mann und Frau. Im Himmel gibt's keine Ehe, natürlich das weiß ich, und wenn das so ist, dann bin ich eben allein.« Der Baron unterdrückte ein Lächeln. »Wirklich, meine gute Frau, Sie schweifen sehr ab.« »Bitte um Verzeihung, Sir Austin, ich hab' deshalb doch mein Ziel im Auge und ich komm' schon hin. Wenn wir unsern Irrtum erkennen, wenn es getan ist, ist es doch getan und da oben verzeichnet. Ach! wenn Sie bloß wüßten, was für ein süßes, junges Geschöpf sie ist. Es sind nicht alle unwürdig, die von bescheidener Geburt sind, Sir Austin. Und sie hat auch Gedanken. Sie liest Weltgeschichte! Sie spricht so vernünftig, daß Sie ganz überrascht sein würden. Aber trotz alledem ist sie eine Beute für die List der Männer, ganz unbeschützt. Und sie sind 594 doch noch jung verheiratet – aber um ihretwillen braucht man ja auch keine Angst zu haben. Die Furcht liegt nach der anderen Seite. Das liegt so in den Männern – so am Anfang – und dann wird aus ihnen Gott weiß was, wenn ihnen irgend was in den Weg kommt: während die Frauen ruhig bleiben! Sie läßt sich trösten und damit manchmal verführen. Aber der Mann – der ist ein Wilder!« Sir Austin sah nach Adrian hin, der mit dem allergrößten Entzücken lauschte. »Ja, meine liebe Frau, ich sehe, Sie haben etwas auf dem Herzen, wenn Sie sich nur etwas rascher aussprechen wollten.« »Nun komm' ich zur Sache, Sir Austin. Ich sage, Sie haben ihn erzogen, so daß kein andrer junger Herr ihm gleich kommt in England, und ich würde stolz auf ihn sein. Und was sie anbetrifft, das wage ich wohl zu sagen – es ist geschehen und jetzt kann es nichts schaden – Sie könnten durch ganz England suchen, und nirgends werden Sie ein Mädchen finden, das so paßt zu ihm, wie seine eigne Frau. Das sind sie nun also. Sind sie nun zusammen, wie sie sein sollten? Ach, Gott, nein! Monate lang sind sie getrennt. Und nun da sie ganz allein und unbeschützt ist, gehe ich hin und hole sie mir aus den Wegen des Verführers – und da mögen Sie sagen, was Sie wollen, die Unschuldigsten sind am leichtesten der Verführung offen, wenn sie gesund und vertrauensvoll sind – ich hole sie mir also – und nehme mir die Freiheit, – verwahre sie sicher in meinem eigenen Hause. So viel will ich sagen von der Süßen! Das kann man mit den Frauen tun. Aber er – Mr. Richard – ich bin sehr unverschämt, das weiß ich, aber – ich hab' mich nun mal damit eingelassen, und der liebe Gott wird mir helfen! Um ihn handelt sich's, Sir Austin, in dieser großen Stadt, 595 noch warm von der jungen Ehe. Er ist's, und ich sage nichts von ihr und wie lieb sie es trägt und es zehrt doch an ihr zu einer Zeit, wenn die Natur keine andre Sorge für sie haben sollte, als die eine, die schon da ist – er ist's, und ich frage – so unverschämt bin ich, soll er hin- und hergezerrt werden als Sohn und als Mann – wo er noch bald was mehr sein wird? Ich spreche grade heraus – ich will schon, daß die Söhne ihren Vätern gehorchen sollen, aber des Predigers Worte sind über ihm, welche ich noch in meinen Ohren höre, und ich sage, daran kann auf Erden kein Zweifel sein – und ich bin sicher, im Himmel ist auch keiner – welche Pflicht die heiligere ist von den zwei.« Sir Austin hörte ihr bis zu Ende zu. Ihre Ansichten über die Vereinigung der Geschlechter waren entschieden verwandt. Eine Vorlesung über seinen hauptsächlichsten Gegenstand zu erhalten, war indessen etwas unangenehm, und den Lehren dieser alten Dame im Geiste zustimmen zu müssen, war ziemlich demütigend, da man doch nicht behaupten konnte, daß er sie in der letzten Zeit befolgt hatte. Er saß mit gekreuzten Beinen, schweigend, einen Finger an seine Schläfe gelegt. »Man wird ganz verwirrt, wenn man so viel Dinge zu bedenken hat,« sagte Mrs. Berry einfach. »Deshalb gehen auch solch wunderbar kluge Menschen in die Irre – denke ich. Ich meine, der beste Plan ist immer, in einer Schwierigkeit zu Gott zu beten und gradaus zu gehen.« Die kluge, gute Frau verfolgte weiter des Barons Gedanken und sie hatte ihn wirklich überholt und ihm die Erklärung vom Munde genommen, die er Mrs. Berry geben wollte, daß er nämlich nach seinen eignen Grundsätzen gehandelt hätte und nach einer Weisheit, von der man nicht erwarten konnte, daß sie sie verstehen würde. Natürlich wurde es ihm sofort klar, daß es 596 Zeitverschwendung sein würde, sich mit solch einer Erklärung an ihr schwaches Begriffsvermögen zu wenden. Er gab ihr die Hand und sagte: »Mein Sohn hat die Stadt verlassen, um seine Cousine zu besuchen, die krank ist. Er wird in zwei oder drei Tagen zurückkehren und dann werden beide zu mir nach Raynham kommen.« Mrs. Berry nahm die Fingerspitzen seiner Hand, machte einen steifen tiefen Knix und stammelte: »Er ging heut abend im Park wie ein Fremder an ihr vorüber.« »Ach,« sagte der Baron. »Ja, sie werden, bevor die Woche zu Ende geht, in Raynham sein.« Mrs. Berry war nicht ganz befriedigt. »Nicht von selbst ist er an seiner eignen, süßen, jungen Frau wie ein Fremder heute vorüber gegangen, Sir Austin.« »Ich muß Sie bitten, sich nicht weiter einzumischen, meine liebe Frau.« Mrs. Berry knixte ihre rundliche Figur aus dem Zimmer. »Ende gut, alles gut,« sagte sie zu sich selbst. »Es ist nicht gut, wenn man die Männer zu sehr ausfragt. Wir müssen sie so ähnlich wie die Vorsehung nehmen, so wie sie kommen. Gott sei Dank! Ich hab' wenigstens noch nicht von dem Kind gesprochen.« In Mrs. Berrys Augen war das Kind die siegreiche Reserve. Adrian fragte seinen Herrn, was er von diesem Exemplar einer Frau hielte. »Ich denke, ich habe keine bessere in meinem Leben getroffen,« sagte der Baron, indem er Lob und Sarkasmus mischte. 597 Klara liegt in ihrem Bett, so friedlich, wie in den Tagen, da sie noch atmete; ihre weißen Hände lang ausgestreckt auf den Betttüchern, friedlich von Kopf bis zu den Füßen. Jetzt braucht sie kein Eisen mehr. Richard steht zum erstenmal in seinem Leben dem Tode Angesicht zu Angesicht gegenüber. Er sieht die irdische Gestalt – der Lebensfunke ist dahin. Klara begrüßte als Tote ihre Mutter. Dieses Kind hätte nur allgemeine freundliche Redensarten gesprochen, wenn sie noch am Leben gewesen wäre. Sie war tot und niemand kannte ihre Krankheit. Auf ihrem vierten Finger waren zwei Trauringe. Nachdem stundenlanges Weinen den Kummer der Mutter beruhigt hatte, machte sie, da sie einigen Trost darin fand, Richard auf die seltsame Sache aufmerksam, und sprach leise mit ihm in dem Zimmer des Todes; und da erfuhr er, daß es sein eigner verlorner Ring war, den Klara in zwei Welten trug. Er hörte von ihrem Manne, daß Klaras letzte Bitte gewesen war, daß keiner der beiden Ringe entfernt werden sollte. Sie hatte es niedergeschrieben; sie hatte nicht davon sprechen wollen. »Ich bitte meinen Mann und alle freundlichen Leute, die mit mir zu tun haben mögen zwischen diesem Leben und dem Grabe, mich zu beerdigen, ohne daß meine Hände berührt werden.« Die Schrift in diesen Worten zeigte die körperlichen Qualen, die sie litt, als sie sie auf einen Fetzen Papier schrieb, den man neben ihrem Kissen fand. Erfüllt von der unklaren Vorstellung, die dieser Wink von Klaras Hand für ihn enthielt, schritt Richard durch das Haus und strich um das schreckliche Zimmer herum, voller Furcht es zu betreten und doch auch nicht willens es zu verlassen. Das Geheimnis, das Klara zu ihren Lebzeiten begraben hatte, stand mit ihrem Tode auf. Er 598 sah es wie eine Flamme um ihre marmornen Züge spielen. Die Erinnerung an ihre Stimme durchschnitt seine Nerven wie ein Messer. Seine Kälte gegen sie erhob sich anklagend: ihre Sanftmut war ihm ein bitterer Tadel. Am Abend des vierten Tages kam ihre Mutter zu ihm in sein Schlafzimmer mit einem so weißen Gesicht, daß er sich fragte, ob einer Mutter noch Schlimmeres geschehen könnte als der Verlust ihres Kindes. Mit erstickter Stimme sagte sie zu ihm: »Lies dies,« und drückte ein in Leder gebundenes Taschenbuch zitternd in seine Hand. Sie wollte ihm nicht sagen, was es wäre. Sie bat ihn, es vor ihr nicht zu öffnen. »Sage mir,« sagte sie, »sage mir, was du denkst. John darf nichts davon hören. Ich habe außer dir niemanden, mit dem ich darüber sprechen könnte – Ach, Richard!« »Mein Tagebuch,« stand in Klaras runder Kinderhandschrift auf der ersten Seite. Der erste Name, auf den sein Auge fiel, war sein eigner. »Richards vierzehnter Geburtstag. Ich habe ihm eine Börse gearbeitet und habe sie unter sein Kopfkissen gelegt, weil er sehr viel Geld haben wird. Er macht sich jetzt nichts aus mir, weil er jetzt einen Freund hat, und er ist häßlich, aber Richard ist es nicht und wird es nie sein.« Die Vorgänge jenes Tages wurden dann berichtet, und ein kindisches Gebet zu Gott für ihn folgte. Schritt für Schritt sah er die Entwicklung ihres Gemüts in dieser Geschichte. In vorgeschrittneren Jahren fing sie an Rückblicke anzustellen und legte kleinen unbedeutenden Erinnerungen große Bedeutung bei, sie alle hatten Bezug auf ihn. »Wir gingen zusammen auf die Felder und pflückten Schlüsselblumen und wir warfen uns damit und ich 599 erzählte ihm, daß er sie Schlüsselblumen genannt hätte, als er klein war, und er war ärgerlich, daß ich das sagte, denn er liebt es nicht, wenn man sagt, daß er einmal klein war.« Er erinnerte sich an den Vorfall und erinnerte sich an seine dumme Verachtung ihrer schüchternen Zärtlichkeit. Die kleine Klara! Wie sie vor ihm auflebte in ihrem weißen Kleide mit den rosa Schleifen und den sanften dunkeln Augen! Oben lag sie und war tot. Er las weiter: »Mama sagt, keiner in der Welt ist wie Richard, und ich glaube das auch, in der ganzen Welt nicht. Er sagt, er wird ein großer General werden und in den Krieg gehen. Wenn er das tut, dann werde ich mich als Knabe anziehen und ihm nachgehen, und er wird mich nicht erkennen, bis ich verwundet bin. Ach, ich bete, daß er niemals, niemals verwundet werden möchte. Was ich wohl fühlen würde, wenn Richard jemals sterben sollte.« Oben lag Klara und war tot. »Lady Blandish sagt, daß Richard und ich uns ähneln. Richard sagte, ich hoffe, ich lasse den Kopf nicht so hängen wie sie. Er ist ärgerlich auf mich, weil ich den Leuten nicht ins Gesicht sehe und grade herausspreche, aber ich weiß, daß ich nicht nach Regenwürmern sehe.« Ja, das hatte er ihr gesagt. Ein Schauer überflog ihn bei der Erinnerung. Dann kam er zu der Periode, wo die Worte: »Richard küßte mich,« für sich allein standen und einen Tag in ihrem Leben bezeichneten. Später wurde die feierliche Entdeckung gemacht, daß Richard dichtete. Er las eine seiner alten vergessenen Kompositionen aus der Zeit dieses Ehrgeizes. 600 Deine Treue ist mir treuer Als Pferd und Hund und Schwert, Doch deine Schwüre seltner Als Mädchen je gewährt. Und Glanz und Pracht verläßt du Und willst die meine sein, Mein Herz soll sein so zärtlich Wie deines treu und rein. Zeile für Zeile war abgeschrieben. »Er ist der bescheidene Ritter,« erklärte Klara am Schluß, »und seine Dame ist eine Königin.. Jede Königin würde für ihn ihre Krone wegwerfen.« Dann kam die Zeit, in der Klara mit ihrer Mutter Raynham verließ. »Richard war nicht traurig mich zu verlieren. Er liebt nur Knaben und Männer. Etwas sagt mir, daß ich Raynham niemals wiedersehen werde. Er hatte einen blauen Anzug an. Er sagte: ›Lebe wohl, Klara,‹ und küßte mich auf die Wange. Richard küßt mich niemals auf den Mund. Er weiß nicht, daß ich an sein Bett gegangen bin und ihn geküßt habe, als er schlief. Er schläft mit einem Arm unter seinem Kopf und den andern auf der Decke. Ich schob sein Haar, das über seine Augen hing, etwas zur Seite. Ich wollte es gern abschneiden. Ich habe ein Stück. Ich lasse keinen merken, daß ich unglücklich bin, auch nicht Mama. Sie sagt: ich brauche Eisen. Ich weiß bestimmt, daß ich es nicht brauche. Ich schreibe gern meinen Namen: Klara Doria Forey. Richard heißt: Richard Doria Feverel.« Seine Brust hob sich krampfhaft. Klara Doria Forey! Er kannte die Musik dieses Namens. Er hatte sie irgend wo gehört. Es klang schwach und sanft jetzt hinter den Hügeln des Todes. Er konnte vor Tränen nicht lesen. Es war 601 Mitternacht. Die Stunde schien ihr zu gehören. Die furchtbare Stille und Dunkelheit kamen von ihr. Klaras Stimme klar und kalt aus dem Grabe beherrschte sie. Schmerzvoll, die Augen blind vor Tränen blickte er auf die leblosen Blätter. Sie sprachen von seiner Heirat und wie sie den Ring gefunden hatte. »Ich wußte, daß es seiner war. Ich wußte, daß er sich an dem Morgen verheiraten wollte. Ich sah ihn am Altar stehen, als sie beim Frühstück lachten. Seine Frau muß so schön sein! Richards Frau! Vielleicht wird er mich jetzt mehr lieben, seit er verheiratet ist. Mama sagt, sie müssen getrennt werden. Das ist schändlich. Wenn ich ihm helfen kann, will ich es. Ich bete so viel, daß er glücklich werden möchte. Ich hoffe, Gott hört das Gebet eines armen Sünders. Ich bin sehr sündig. Keiner weiß es so gut, wie ich. Sie sagen, ich bin gut, aber ich weiß es. Wenn ich zu Boden sehe, sehe ich nicht nach Regenwürmern, wie er sagte. Ach, Gott, vergib mir!« Dann sprach sie von ihrer eignen Heirat, und daß es ihre Pflicht wäre, ihrer Mutter zu gehorchen. Es folgte eine leere Stelle in dem Tagebuch. »Ich habe Richard gesehen, Richard verachtet mich,« war die nächste Eintragung. Aber jetzt, während er weiter las, wurden seine Augen starr und die zarte, mädchenhafte Handschrift zog seine Seele wie ein schwarzer Faden dem schrecklichen Ende zu. »Ich kann nicht leben. Richard verachtet mich. Ich kann die Berührung meiner Hände und den Anblick meines Gesichts nicht ertragen. Ach! jetzt verstehe ich ihn. Er hätte mich nicht so küssen sollen, das letzte Mal. Ich hätte sterben mögen, als sein Mund auf meinem war.« Weiter: »Mir bleibt kein Ausweg. Richard sagte, er 602 wäre lieber gestorben, ehe er das ertragen hätte. Ich weiß, er wäre gestorben. Warum sollte ich mich fürchten, das zu tun, was er getan hätte? Ich glaube, wenn mein Mann mich schlüge, könnte ich es besser ertragen. Er ist so freundlich und versucht es, mich zu erheitern. Er wird bald sehr unglücklich sein. Ich bete zu Gott die halbe Nacht. Es kommt mir vor, als wenn ich Gott immer mehr aus den Augen verliere, je mehr ich bete!« Richard legte das Buch auf den Tisch. Geisterhafte Wogen schienen anzusteigen und sein Gehirn zu umkreisen. Hatte Klara seine wilden Worte ernst genommen? War sie jetzt tot – er wagte den Gedanken nicht auszudenken. Er suchte den Gedanken vor sich zu verbergen, aber er las weiter: »Dreiviertel auf eins. Morgen um diese Zeit werde ich nicht leben. Ich werde Richard niemals wiedersehen. Ich träumte in voriger Nacht, daß wir zusammen in den Feldern wären; wir gingen, er hatte den Arm um meine Taille. Wir waren Kinder, aber mir war es, als wenn wir verheiratet wären, und ich zeigte ihm, daß ich seinen Ring trug, und er sagte – wenn du ihn immer trägst, Klara, bist du so gut wie meine Frau. Dann schwor ich, daß ich ihn immer und immer tragen würde . . . Es ist nicht Mamas Schuld. Sie denkt über diese Dinge nicht so, wie Richard und ich. Er ist kein Feigling. und ich bin auch keiner. Er haßt Feiglinge. »Ich habe an seinen Vater geschrieben, er solle ihn glücklich machen. Vielleicht wenn ich tot bin, wird er hören, was ich sage. »Ich hörte eben ganz deutlich, wie Richard rief: Kläre, komm heraus zu mir. Er ist doch nicht tot. Ich gehe, ich weiß nicht wohin. Ich kann nicht denken. Mir ist so kalt.« 603 Die Worte waren größer geschrieben und schwankend zum Schluß, als ob ihre Hand die Herrschaft über die Feder verloren hätte. »Ich kann mich jetzt nur auf Richard besinnen als Knaben. Als kleinen Knaben, und als großen Knaben. Ich besinne mich nicht mehr deutlich auf seine Stimme. Ich kann mich nur an einzelne Worte erinnern. ›Kläre‹ und ›Don Ricardo‹ und wie er lachte. Er war häufig sehr ausgelassen. Einmal lachten wir den ganzen Tag zusammen und rollten uns auf einem Heuhaufen. Dann hatte er einen Freund und fing an Gedichte zu schreiben und stolz zu sein. Wenn ich einen jungen Mann geheiratet hätte, würde er mir vergeben haben, aber ich würde nicht glücklicher gewesen sein. Ich hätte sterben müssen. Gott sieht nicht auf mich. »Es ist über zwei Uhr. Die Schafe blöken draußen. Es muß sehr kalt in der Erde sein. Lebe wohl, Richard!« Mit seinem Namen fing es an und endete es. Auch sich selbst gegenüber war Klara nicht sehr mitteilsam. Das Buch war nur dünn, doch ihre neunzehn Jahre des Daseins ließen die Hälfte der Blätter unbeschrieben. Die letzten Worte trieben ihn unwiderstehlich noch einmal zu ihr hin. Da lag sie, dieselbe geduldige Klara. Einen Augenblick wunderte er sich, daß sie sich nicht rührte – ihr Bild hatte sich für ihn so verändert. Sie, die grade noch seine Seele mit seltsamer Kunde erfüllt hatte – er konnte es sich nicht vorstellen, daß sie tot wäre! Sie schien ihr ganzes Leben hindurch zu ihm gesprochen zu haben. Sein Bildnis ruhte in jenem stillen Herzen. Er schickte die Wächterinnen aus dem Zimmer und blieb mit ihr allein, bis das Gefühl des Todes ihn bedrückte und er schaudernd an das Fenster trat, um nach dem Himmel und den Sternen zu sehen. Hinter einer breiten Fichte hing frostiger Nebel, er hörte die Glocken 604 des Leithammels der Herde in der schweigenden Hürde. Wie Tod im Leben klang es ihm. Die Mutter fand ihn im Gebet an dem Fußende von Klaras Bett. Sie kniete neben ihm nieder und sie beteten und ihr vereintes Schluchzen durchbebte ihre Körper, aber keiner von ihnen vergoß viele Tränen. Sie bewahrten gemeinsam ein dunkles unausgesprochenes Geheimnis. Sie beteten zu Gott um Vergebung für sie. Klara wurde in der Familiengruft der Todhunters begraben. Ihre Mutter äußerte keinen Wunsch, sie in Lobourne begraben zu lassen. Was sie beide allein auf Erden wußten, führte sie nach dem Begräbnis zusammen. »Richard,« sagte sie, »das Schlimmste ist jetzt für mich vorüber. Ich habe niemanden, den ich lieben könnte, außer dir. Wir haben alle gegen Gott gekämpft, und dieses . . . Richard! du wirst mit mir kommen und dich mit deiner Frau vereinigen und meinem Bruder das ersparen, was ich leide.« Er antwortete mit gebrochener Stimme: »Ich habe eine getötet. Sie sieht nun, was ich bin. Ich kann nicht mit dir zu meiner Frau gehen, weil ich nicht wert bin, ihre Hand zu berühren, und wenn ich hinginge, würde ich Klara folgen, um meine Selbstverachtung zum Schweigen zu bringen. Geh' du zu ihr, und wenn sie nach mir fragt, sage ihr, ich hätte einen Mord auf meinem Haupt – Nein! sage ihr, daß ich in die Fremde gegangen wäre, um das zu suchen, was mich reinigen könnte. Wenn ich es gefunden habe, werde ich kommen, mir meinen Anspruch an sie wieder geltend zu machen. Wenn nicht, helfe Gott uns allen!« Sie hatte nicht die Kraft, gegen seine feierlichen Worte anzukämpfen oder ihn aufzuhalten, und er ging. 605   Einundvierzigstes Kapitel. Austin kehrt zurück. Es war im hellen Mittagsglanz von Piccadilly, als ein Mann mit einem Barte den weisen Jüngling Adrian durch einen Schlag auf die Schulter begrüßte. Adrian blickte sich gemächlich um. »Willst du meine Nerven auf die Probe stellen, alter Junge? Glücklicherweise bin ich kein moderner Mann, sonst würdest du mein Nervensystem erschüttert haben. Wie geht es dir?« Das war sein Willkommen für Austin Wentworth nach seiner langen Abwesenheit. Austin nahm seinen Arm und fragte, was es Neues gäbe, mit dem Hunger eines Mannes, der fünf Jahre in der Wildnis gelebt hat. »Die Whigs haben ihren Geist aufgegeben, mein lieber Austin. Das freie England soll die Perle der Freiheit, die geheime Wahl, erhalten. »Die Monarchie und alter Madeira sterben aus; die Volksherrschaft und Kapweine bürgern sich ein. Man nennt es Reform. Du siehst also, deine Abwesenheit hat Wunder gewirkt. Verreise noch einmal für fünf Jahre und du findest bei deiner Rückkehr verdorbene Mägen, verdrehte Köpfe, einen vollständigen Umsturz und eine Gleichheit, die durch den allgemeinen Zusammenbruch vollkommen geworden ist.« Austin lachte gutmütig. »Ich möchte von der Familie hören. Wie geht's dem alten Ricky?« »Du weißt von seiner – wie nennt man's doch, wenn grüne Jungen die Erlaubnis erhalten, in die Milcheimer 606 der Bauernmädchen zu springen? – sie ist übrigens eine charmante kleine Frau – durchaus präsentabel! Ganz des alten Anacreons Milch und Rosen. Ja, also! Jedermann meinte, das System müßte daran sterben. Durchaus nicht. Es fuhr fort, trotz alledem zu blühen. Jetzt hat es indessen die Schwindsucht bekommen – abgezehrt, mager, kahl, geisterhaft! Ich bin heute morgen aus Raynham geflohen, um seinen Anblick zu vermeiden. Ich begleitete unsern fröhlichen Onkel Hippias zur Stadt – ein bezaubernder Gefährte! Ich sage zu ihm: ›Wir haben einen schönen Frühling!‹ ›Pah!‹ antwortet er, ›es kommt eine Zeit, wo es einem so vorkommt, als ob auch der Frühling alt geworden wäre!‹ Du hättest hören sollen, wie er das Wort alt in die Länge zog. Ich fühlte einen Verfall meiner Kräfte nur beim Anhören. In dem Wettkampf des Lebens, mein lieber Austin, ist unser Onkel Hippias unterhalb des Gürtels verletzt worden. Wir wollen uns davor hüten und unser Mittagessen bestellen gehen.« »Aber wo ist Ricky jetzt, und was tut er?« fragte Austin. »Frage lieber, was er getan hat? Der wunderbare Junge hat ein Kind!« »Ein Kind? Richard hat eins?« Austins klare Augen glänzten vor Freude. »Das ist unter deinen tropischen Wilden wohl nicht gebräuchlich? Er hat eins und eins so groß, wie zwei. Das war das Totensignal für das System. Es rechtfertigte die Heirat – das Kind war zu mächtig für das System. Wenn es das Kind verschlucken könnte, würde es weiter leben. Sie – die wunderbare Frau hat einen prächtigen Jungen geboren. Ich versichere dich, es ist ganz amüsant zu sehen, wie das System jede Stunde des Tages den Mund aufsperrt und versucht, ihn 607 herunterzuschlucken, da es sich bewußt ist, daß das eine endgültige Kur oder eine glückliche Befreiung sein würde.« Allmählich erfuhr Austin von den Taten des Barons und lächelte traurig. »Wie hat sich Ricky entwickelt?« fragte er, »wie ist sein Charakter?« »Der arme Junge ist durch die übertriebene Sorge darum ruiniert. Charakter? Er hat den Charakter einer Flintenkugel mit einer dreifachen Ladung Pulver dahinter. Enthusiasmus ist das Pulver. Der Junge könnte sich für Jugendtage der Ops begeistern! Er wollte die Welt reformieren, nach deiner Art, Austin – du trägst etwas die Verantwortung. Unglücklicherweise fing er mit der weiblichen Hälfte an. Cupido, der stolz darauf war, daß Phöbus geschlagen werden sollte, oder vielleicht Pluto, der sein Königreich bevölkern wollte, setzte es einem dieser schuldlosen, dankbaren Geschöpfe in den sanften Kopf, ihn für sein gutes Werk zu küssen. Oh, Schrecken! das hätte er niemals erwartet. Stelle dir das verkörperte System vor, und du hast unsern Richard. Die Folge ist, daß dieser männliche Peri sich weigert, sein Paradies zu betreten, obgleich sich die Pforten für ihn öffnen, die Trompeten blasen und die schöne Unbefleckte ihn drinnen mit ihren Früchten erwartet. Wir hören, daß er jetzt die deutschen Heilquellen versucht, um sich vorzubereiten, die Befreiung Italiens von der Unterdrückung der Teutonen zu unternehmen. Wir wollen hoffen, daß sie ihn rein waschen mögen. Er ist in der Gesellschaft von Lady Felle – deiner alten Freundin, der glühenden Radikalin, die den altersschwachen Lord heiratete, um ihre Prinzipien ausführen zu können. Sie heiraten immer englische Lords oder ausländische Prinzen. Ich bewundere ihre Taktik.« Judith ist keine gute Gesellschaft für ihn in diesem 608 Zustande. »Ich habe sie gern, aber sie war immer zu sentimental,« sagte Austin. »Ihre Sentimentalität veranlaßte sie, glaube ich, dazu den alten Lord zu heiraten. Sentimentale Leute leben sicherlich lange und sterben fett. Gefühl schlägt uns tot, Vetter. Sentimentalität umschmeichelt unser Dasein; eine sanfte Blume und er oder sie, wer sie auch trägt, ist zu beneiden. Ich wünschte, ich hätte mehr davon!« »Du hast dich nicht sehr verändert, Adrian.« »Ich bin kein Radikaler, Austin.« Durch weitere Fragen, die Adrian in seiner bilderreichen Sprache beantwortete, erfuhr Austin, daß der Baron in der Stellung einer Statue beleidigten Vater-Gefühls auf seinen Sohn wartete, ehe er seine Schwiegertochter und seinen Enkelsohn empfangen wollte. Das war es, was Adrian meinte, wenn er von den Anstrengungen des Systems sprach, das Kind herunterzuschlucken. »Wir befinden uns in einer Verwicklung,« sagte der weise Jüngling. »Die Zeit wird uns daraus erlösen, hoffe ich, oder wozu wäre die ehrwürdige Dame sonst gut?« Austin sann einige Minuten nach, dann fragte er, wo Lucy wohne. »Wir wollen später zu ihr gehen,« sagte Adrian. »Ich werde jetzt gleich zu ihr gehen,« sagte Austin. »Ja wir wollen doch aber erst unser Essen bestellen, Vetter.« »Gib mir ihre Adresse.« »Wirklich, Austin, du bist zu unzivilisiert,« wandte Adrian ein. »Ist es dir denn ganz gleichgültig, was du zu essen bekommst?« rief er mit heiserer Stimme, mit einem humoristisch gekränkten Gesicht. »Ich glaube wirklich, es ist dir gleich. Eine Scheibe von dem, was grade bereit ist – sauce du ciel  –! Geh und nähre dich 609 dem Kinde, du Kannibale. Das Diner ist um sieben.« Adrian gab ihm seine eigne und Lucys Adresse und schlenderte weiter zu der angenehmeren Beschäftigung. Am Abend vorher hatte Mrs. Berry aus ihrer Teetasse einen Fremdling geweissagt, der nach allen Anzeichen entschieden am nächsten Tage kommen würde. Sie hatte ihn wieder vergessen, denn sie hatte sehr viele Pflichten zu erfüllen und ihre Gedanken waren durch den unvergleichlichen Fremdling, mit dem Lucy die Welt beschenkt hatte, ganz in Anspruch genommen. Da hörte sie ein Klopfen an der Haustüre, das sie wieder daran erinnerte: »Da ist er,« rief sie und lief, um ihm zu öffnen. »Jetzt ist mein Fremdling gekommen.« Niemals wurde das Vertrauen einer Frau in Vorzeichen besser gerechtfertigt. Der Fremdling wünschte Mrs. Richard Feverel zu sehen. Er sagte, sein Name wäre Mr. Austin Wentworth. Mrs. Berry schlug in die Hände und rief: »Endlich zurückgekommen!« dann schoß sie wie ein Pfeil aus dem Hause, um die Straße auf und ab zu blicken. Sogleich kehrte sie aber wieder zurück mit vielen Entschuldigungen wegen ihrer Unhöflichkeit und sagte: »Ich glaube, ich würde sie schon nach Hause kommen sehen, Mr. Wentworth. Jeden Tag zweimal geht sie aus, um den gesegneten Engel an die Luft zu führen. Dem Kindermädchen das überlassen, das gibt's für sie nicht! Sie ist eine Mutter! Und gute Milch hat sie auch, Gott sei Dank, obgleich ihr Herz so traurig ist.« In der Stube erzählte dann Mrs. Berry, wer sie wäre, erzählte die Geschichte des jungen Paares und ihren Anteil daran und bewunderte seinen Bart. »Obgleich ich darauf schwören könnte, daß Sie einer sind, der ihn nicht zum Schmuck trägt,« sagte sie, nachdem sie im ersten Impuls beabsichtigt hatte, die Eitelkeit des Mannes zu treffen. 610 Schließlich sprach Mrs. Berry von den Familienverwicklungen und sprach mit gesenktem Haupt und gefalteten Händen düstere Vermutungen über Richard aus. Während Austin seinem hoffnungsvolleren Ansichten über den Fall äußerte, kam Lucy herein und hinter ihr das Kind. »Ich bin Austin Wentworth,« sagte er und nahm ihre Hand. Sie lasen in ihren Gesichtern, diese zwei, und lächelten sich verwandtschaftlich an. »Dein Name ist Lucy?« Sie bejahte mit sanfter Stimme. »Und ich heiße Austin, wie du weißt.« Mrs. Berry ließ Lucys Schönheit Zeit, Eindruck auf ihn zumachen, und dann führte sie Richards Repräsentanten vor, der, da er ein neues Gesicht sah, sich erst betrachten ließ, ehe er anfing, laut zu schreien und an den Pforten der Natur anzuklopfen, um das zu erhalten, was ihm zukam. »Ist er nicht ein prächtiger Liebling?« sagte Mrs. Berry. »Ist er nicht ganz wie sein Vater? Daran kann keiner zweifeln, du, du, du, du Liebchen! Sehen Sie bloß seine Fäuste. Ist er nicht leidenschaftlich? Ist er nicht ein prächtiger Schreihals? Ach du, du« . . . und sie fuhr fort in ihrem Entzücken in Kindersprache mit ihm zu reden. Ein schöner Knabe, das war gewiß. Mrs. Berry zeigte noch zum weiteren Beweis seine Beine und verlangte, daß Austin zugeben sollte, daß sie wie Würste aussähen. Lucy murmelte ein Wort der Entschuldigung und trug den prächtigen Schreihals aus dem Zimmer. »Sie hätte es ebensogut hier tun können,« sagte Mrs. Berry. »Es gibt keinen schöneren Anblick, sage ich, als das! Er ist fort auf seine Heldentaten – er möchte alles 611 Mögliche tun: ich sage, er wird nie was Größeres zustande bringen als das Kind. Sie hätten ihren Onkel bei dem Kinde sehn sollen – er kam her, denn ich sagte: Sie müssen Ihre eigne Verwandtschaft sehen, meine Liebe, und das meinte sie auch. Er kam und er lachte über das Kind in der Freude seines Herzens, der arme Mann! er weinte, das tat er. Sie sollten Mr. Thompson sehen, Mr. Wentworth – ein Freund von Mr. Richard, ein sehr bescheidener junger Herr – er verehrt sie in seiner Unschuld. Das ist ein Anblick, er und der Junge. Ich glaube, er ist unglücklich, daß er nicht Kindermädchen bei ihm sein kann. Ach, Mr. Wentworth! was sagen Sie zu ihr?« Austins Antwort war so zufriedenstellend, wie sie die armselige menschliche Rede nur machen konnte. Er hörte, daß auch Lady Feverel im Hause wäre, und Mrs. Berry ging, um sie auf seinen Besuch vorzubereiten. Dann eilte Mrs. Berry zu Lucy und das Haus hallte wieder von neuem Leben. Die einfachen Wesen fühlten, daß Austins Gegenwart ihnen etwas Gutes bedeutete. »Er spricht nicht viel,« sagte Mrs. Berry, »aber ich sehe es in seinen Augen, daß er sehr viel meint. Er ist keiner von den feinen Herren mit den langen, schönen Worten, die einen immer aufs schönste betrügen, jeder einzige von ihnen.« Lucy drückte den herzigen Säugling an ihre Brust. »Ich möchte wissen, was er von mir hält, Mrs. Berry. Ich konnte nicht mit ihm reden. Ich liebte ihn schon, ehe ich ihn kannte. Ich wußte schon, wie er aussehen würde.« »Er sieht anständig aus, selbst mit dem Bart, und das ist immer selten bei einem anständigen Manne,« sagte Mrs. Berry. »Bei ihm sieht man gradewegs durch das Haar. Was er denkt? Er denkt natürlich, was jeder einzige denken würde – Sie nähren das Kind, trotz all Ihrem Kummer, und da spricht mein Berry noch von römischen Matronen! hier ist eine englische Frau, die es mit ihnen 612 allen aufnimmt! das denkt er natürlich. Und das bißchen Schatten unter den Augen wird sich schon wieder aufklären, mein Liebchen, nun er da ist.« Mehr erwartete Mrs. Berry nicht. Lucy war zufrieden mit dem Gefühl des Friedens, das sie empfand, Richards bestem Freunde nahe zu sein. Als sie sich zum Tee setzten, tat sie es mit dem Gefühl, daß das kleine Zimmer, das sie umgab, vielleicht noch für lange Zeit ihre Heimat bleiben würde. Mrs. Berry hatte ein Kotelett besorgt und bereitet, das war Austins Mittagessen. Während der Mahlzeit erzählte er von seinen Reisen. Die arme Lucy fühlte sich nicht versucht, Austin für sich gewinnen zu wollen. Diese heroische Schwäche hatte sie überwunden. Mrs. Berry hatte gesagt: »Drei Tassen müssen Sie trinken, mehr verlange ich ja nicht,« und Lucy hatte die dritte Tasse abgelehnt, als Austin, der grade in den brasilianischen Urwäldern war, sie plötzlich fragte, ob sie eine erfahrene Reisende wäre. »Ich meine, könntest du im Augenblick zu einer Reise bereit sein?« Lucy zögerte einen Augenblick und sagte dann entschieden: »Ja,« worauf Mrs. Berry noch hinzufügte, sie wäre durchaus keine Frau mit viel Gepäck. »Ein Zug pflegte um sieben Uhr zu gehen,« sagte Austin und sah auf seine Uhr. Die beiden Frauen schwiegen. »Könntest du in zehn Minuten fertig sein, um mit nur nach Raynham zu reisen?« Austin sah aus, als wenn er eine ganz alltägliche Frage gestellt hätte. Lucys Lippen bewegten sich, als ob sie reden wollte. Sie konnte nicht sprechen. Das Teebrett rasselte laut unter Mrs. Berrys Händen. 613 »Freude und Erlösung!« rief sie mit zitternder Stimme. »Willst du kommen?« fragte Austin noch einmal freundlich. Lucy bemühte sich, ihr heftig klopfendes Herz zu bezwingen, als sie antwortete: »Ja!« Mrs. Berry versuchte die Unentschlossenheit in ihrem Ton dadurch zu erklären, daß sie ihm recht hörbar zuflüsterte: »Sie überlegte sich, was mit dem Kleinen geschehen soll.« »Er muß es lernen zu reisen,« sagte Austin. »Ach ja!« rief Mrs. Berry, »und ich werde Kindermädchen sein, und ihn tragen, den Süßen! Ach und wenn ich so denke! ich noch einmal wieder Kindermädchen auf Schloß Raynham! jetzt muß es allerdings Kinderfrau heißen. Lassen Sie uns nur gleich reisen.« Sie sprang auf und ging in glühender Hast an die Vorbereitungen, da sie fürchtete, ein Aufschub könnte den vom Himmel gesandten Entschluß abkühlen. Austin lächelte, als er abwechselnd seine Uhr und Lucy ansah. Sie hätte eine Menge von Fragen stellen mögen. Der Ausdruck seines Gesichtes beruhigte sie, so sagte sie nur: »Ich werde gleich fertig sein,« und verließ das Zimmer. Sie hatten viel zu reden und hin und her zu laufen, zu packen, den kleinen Prinzen einzuhüllen und danach zu sehen, daß sie selbst ordentlich erschienen, und waren trotzdem in der von Austin festgesetzten Zeit fertig und Mrs. Berry stand leise summend mit dem Kind auf dem Arme. »Er wird es verschlafen,« sagte sie. »Er hat wie ein Ratsherr geschmaust und schläft fest nach seinem Mittagessen, das tut er, das Liebchen!« Ehe sie fortfuhren, lief Lucy noch zu Lady Feverel hinauf. Dann kam sie noch einmal zurück, um den Kleinen zu holen. 614 »Eine Minute, Mr. Wentworth?« »Noch grade zwei,« sagte Austin. Der kleine Richard wurde hinauf gebracht, und als Lucy zurückkam, waren ihre Augen voller Tränen. »Sie glaubt, sie wird ihn niemals wiedersehen, Mr. Wentworth.« »Sie wird ihn wiedersehen,« sagte Austin einfach. Fort fuhren sie, und mit Austin neben sich vergaß Lucy es vollständig über die mutige Tat nachzudenken, die sie ausführen wollte. »Ich hoffe nur, der Kleine wird nicht aufwachen,« war ihre Hauptsorge. »Der,« rief die Kinderfrau Berry aus der Nachhut. »Er ist so voll, wie er nur sein kann, der Liebling, das Lämmchen! das Vogelchen! die Schönheit! und Sie können darauf schwören, der wacht nicht auf, ehe er nicht wieder Hunger hat. Der weiß, was er will, das Goldkind!« Es gibt ungeheure Festungen, die nur mit Sturm genommen werden können. Der Baron saß allein in seinem Studierzimmer, müde des Widerstandes und doch froh, daß er sich nicht übergeben hatte; ein Schrecken für seine Freunde und für sich selbst. Als er hörte, wie der Mann mit den Wadenstrümpfen mit feierlicher Stimme Austins Namen nannte, sah er von seinem Buche auf und streckte ihm die Hand entgegen. »Ich freue mich, dich wiederzusehen, Austin.« Sein Aussehen zeigte, daß er sich vollständig sicher fühlte. Im nächsten Augenblick wurde er im Sturm genommen. Ein Aufschrei von Mrs. Berry machte ihn zuerst darauf aufmerksam, daß noch andere Leute im Zimmer waren, außer Austin. Lucy war etwas durch die Lampe verdeckt, Mrs. Berry stand an der Türe. Die Türe stand halb offen, und man sah, wie ein versteinerter, schöner Mann eben hinausging. Als Mrs. Berrys Benehmen die 615 Gegenwart einer Frau ankündigte, stand der Baron auf und blickte über die Lampe hinweg. Austin trat zurück, nahm Lucy bei der Hand und führte sie zu ihm hin. »Ich habe Richards Frau hergebracht,« sagte er mit freundlichem Ausdruck, so ganz ohne jede Berechnung, daß jeder Widerspruch entwaffnet wurde. Lucy verbeugte sich, sie war sehr blaß. Sie fühlte, wie ihre beiden Hände ergriffen wurden, und hörte eine freundliche Stimme. Konnte es möglich sein, konnte sie dem gefürchteten Vater ihres Mannes gehören? Sie sah ängstlich auf; ihre Hände wurden noch festgehalten. Der Baron betrachtete Richards Erwählte. Hatte er jemals Eifersucht empfinden können auf diese reinen Augen? Er sah in der Bewegung ihrer Augenbrauen, wie schmerzlich sie ihre Lage empfand, fragte sie freundlich nach ihrem Befinden und führte sie zu einem Sessel. Mrs. Berry war gleich auf einen Stuhl gesunken. »Welche Richtung haben Sie am liebsten für Ihr Schlafzimmer? – Osten?« fragte der Baron. Lucy fragte sich erstaunt: »Soll ich denn hier bleiben?« »Vielleicht wäre es besser, Sie bezögen sogleich Richards Zimmer,« fuhr er fort. »Sie haben da den Blick auf das Lobourner Tal und gute Morgenluft und werden sich mehr zu Hause fühlen.« Lucy errötete. Mrs. Berry hustete leicht auf, als ob sie sagen wollte: »Der Sieg ist unser!« Zweifellos – so seltsam es auch war – die Festung war gefallen. »Lucy ist ziemlich müde,« sagte Austin, und als sie hörte, wie er ihren Vornamen aussprach, traten Tränen der Dankbarkeit in ihre Augen. Der Baron wollte klingeln. »Aber sind Sie denn allein gekommen?« fragte er. Darauf trat Mrs. Berry vor. Nicht sogleich; es schien 616 ihr Anstrengung zu machen, sich zu bewegen, und als sie in den Bereich der Lampe trat, konnte ihre Aufregung nicht unbemerkt bleiben. Das liebliche Bündel auf ihrem Arme bebte. »Was geht er mich eigentlich an?« bemerkte Austin, als er hinzu trat und der jüngsten Hoffnung von Raynham den Schleier fortzog. »Ich bin doch nicht so nahe mit ihm verwandt wie du, Onkel.« Ein Beobachter hätte annehmen können, daß der Baron seinen Enkelsohn nur mit der höflichen Gleichgültigkeit eines Mannes betrachtete, der der Mutter irgend eines Kindes etwas Schmeichelhaftes zu sagen wünscht. »Ich glaube wirklich, er gleicht Richard,« sagte Austin lachend. Lucys Augen sprachen: er ist ihm sicher ähnlich! »Sie gleichen sich auf ein Haar,« murmelte Mrs. Berry mit schwacher Stimme; aber da der Großvater nicht sprach, hielt sie es für ihre Pflicht, sich zusammenzunehmen. »Und er ist so gesund, wie sein Vater war, Sir Austin – trotz allem was möglich gewesen wäre. So regelmäßig wie 'ne Uhr. Seit er da ist, brauchen wir keine Uhr mehr. Wir wissen jede Stunde am Tage und in der Nacht.« »Sie nähren ihn natürlich selbst?« sagte der Baron zu Lucy und wurde über diesen Punkt beruhigt. Mrs. Berry wollte seine wunderbar kräftigen Beine zeigen, Lucy fürchtete die darauf folgende Wirkung der wunderbar kräftigen Lungen und bat sie, ihn nicht aufzuwecken. »Dazu würde viel gehören,« sagte Mrs. Berry und erging sich des weiteren über des kleinen Richards Gesundheit und wie das auch kein Wunder wäre, wenn man bedächte, wie prächtig er genährt würde und wie viel Sorgfalt seine Mutter auf ihn verwendete, und dann wurde sie plötzlich still und seufzte tief. »Er sieht gesund aus,« sagte der Baron, »aber ich verstehe mich nicht auf Kinder.« 617 Nachdem er kapituliert hatte, erkannte Raynham auch seinen neuen Kommandanten an, der jetzt unter der Führung der Haushälterin fortgetragen wurde, um das Zimmer zu bewohnen, in dem Richard als Kind geschlafen hatte. Austin dachte gar nicht darüber nach, was für einen Erfolg er errungen hatte. Der Baron sagte: »Sie sieht sehr gut aus.« Austin erwiderte: »Eine Persönlichkeit, die sofort für sich einnimmt.« Dabei blieb es. Aber eine viel lebhaftere Unterredung fand oben statt,. wo Lucy und Mrs. Berry mit einander allein waren. Lucy erwartete, daß sie über den Empfang sprechen würde, der ihnen zuteil geworden war, und über das Haus und die besondere Einrichtung des Zimmers und das ruhige Glück, das vor ihnen zu liegen schien. Mrs. Berry bestand die ganze Zeit darauf, in den Spiegel zu sehen. Ihre erste deutliche Antwort war, daß sie fragte: »Meine Liebe! sagen Sie mir aufrichtig, wie sehe ich aus?« »Sehr nett, wirklich, Mrs. Berry, aber hätten Sie sich denken können, daß er so freundlich und rücksichtsvoll sein würde?« »Ich sehe sicher wie 'ne alte Vogelscheuche aus,« erwiderte Mrs. Berry. »Ach, mein Himmel! Zwei Vögel auf einen Schuß! Was glauben Sie wohl?« »Ich habe noch niemals eine solch wunderbare Ähnlichkeit gesehen,« sagte Lucy. »Ähnlichkeit! Sehen Sie mich an.« Mrs. Berry hatte zitternde, glühende Hände. »Sie haben Fieber, liebe Berry, was kann das sein?« »Ist es nicht wie das Liebesfieber eines jungen Mädchens, meine Liebe?« »Gehen Sie zu Bett, liebe Berry,« sagte Lucy in ihrer sanften, zärtlichen Weise. »Ich werde Sie ausziehen und bedienen, liebes Herz! Sie haben sich zu sehr aufgeregt!« 618 »Ha! ha!« Berry lachte hysterisch, »sie bildet sich ein, daß es um ihrer Angelegenheit willen ist. Ja, das ist Kinderspiel, mein Liebling. Aber eine Tragödie habe ich heute abend nicht erwartet. In diesem Hause schlafen kann ich nicht, meine Liebe.« Lucy war erstaunt. »Sie wollen nicht hier schlafen, Mrs. Berry? – Aber warum nicht, Sie dummes, altes Ding. Ach, ich weiß!« »So! wissen Sie!« sagte Mrs. Berry mit skeptischer Miene. »Sie fürchten sich vor Gespenstern.« »Vielleicht, ja, wenn sie sechs Fuß groß in ihren Schuhen stehen, und brüllen, wenn man ihnen eine Stecknadel in die Waden sticht. Ich habe meinen Berry gesehen.« »Ihren Mann?« »In Lebensgröße.« Lucy dachte an Sinnestäuschung, aber Mrs. Berry beschrieb ihn als den Riesen, der sie in das Studierzimmer geführt hatte, und schwur, daß er sie erkannt und gezittert hätte. »Die Zeit hat ihn nicht gealtert,« sagte Mrs. Berry, »und ich dagegen! jetzt hat er seine Entschuldigung. Ich weiß, ich seh wie 'ne Vogelscheuche aus.« Lucy küßte sie. »Sie sehen aus, wie das hübscheste, netteste, alte Ding von der Welt.« »Sie können wohl sagen altes Ding, meine Liebe.« »Und Ihr Mann ist wirklich hier?« »Berry ist unten.« Bei so feierlichem Ton mußte jeder Schatten von Zweifel schwinden. »Was werden Sie nun tun, Mrs. Berry?« »Gehen, meine Liebe. Es ihm überlassen, auf seine Art glücklich zu sein. Zwischen uns ist es aus, das habe ich gesehen. Als ich das Haus betrat, wußte ich, daß etwas über mich kommen würde, und sehen Sie, so war's! Kaum 619 waren wir in der Vorhalle, wenn es nicht für den Kleinen gewesen wäre, ich wäre umgefallen. Ich muß seinen Schritt erkannt haben, denn mein Herz fing an zu schlagen und ich wußte, daß mein Haar nicht glatt war – der Mr. Wentworth war ja in solcher Eile, ich hatte auch nicht mein bestes Kleid an. Ich wußte, er würde mich verachten. Er haßt Vogelscheuchen.« »Sie verachten!« rief Lucy: »er, der sich so gottlos benommen hat!« Mrs. Berry versuchte aufzustehen. »Ich kann ebensogut gleich gehen,« jammerte sie. »Wenn ich ihn wiedersehe, muß ich mich nur über mich schämen. Ich fühle schon, daß alles meine Schuld ist. Haben Sie ihn bemerkt, meine Liebe? Ich weiß, ich habe ihn manchmal geärgert, das weiß ich. Solche große Männer sind so empfindlich mit ihrer Würde – das ist ganz natürlich. Hören Sie! Ich werde ganz leise fortgehen. Lassen Sie mich das Haus verlassen, meine Liebe! Ich glaube wirklich, es war zur größten Hälfte meine Schuld. Junge Frauen verstehen die Männer nicht genug – nicht so ganz und gar – und ich war damals noch jung, und dann, was die Männer gehn und tun, dafür sind sie nicht ganz verantwortlich, sie fühlen, glaube ich, als wenn sie jemand von hinten stößt. Ja, ich werde gehen. Ich bin eine Vogelscheuche. Ich werde gehen. Es ist mir nicht möglich, im selben Hause zu schlafen.« Lucy legte ihre Hände auf Mrs. Berrys Schultern und zwang sie, sitzen zu bleiben. »Sie wollen den Kleinen verlassen, Sie ungezogne Frau? Ich verspreche Ihnen, er wird zu Ihnen kommen und Sie auf den Knien um Verzeihung bitten.« »Berry auf den Knien!« »Ja, und er wird bitten und flehen, daß Sie ihm vergeben.« 620 »Wenn Sie von Martin Berry mehr erlangen als ein geflüstertes Wort, dann werde ich mich sehr wundern,« sagte Mrs. Berry. »Wir werden sehen,« sagte Lucy fest entschlossen, etwas für das gute Geschöpf zu tun, das ihr so viel Freundschaft erwiesen hatte. Mrs. Berry besah ihr Kleid. »Wird es nicht so aussehen, als wenn wir ihm nachgelaufen wären?« murmelte sie mit schwacher Stimme. »Er ist Ihr Mann, Mrs. Berry. Vielleicht wünscht er jetzt zu Ihnen zu kommen.« »Ach! wo ist nun alles, was ich dem Manne sagen wollte, wenn mir uns widersähen!« rief Mrs. Berry. Lucy hatte das Zimmer verlassen. Auf dem Korridor vor der Türe traf Lucy eine Dame in Trauer, welche sie anhielt und fragte, ob sie Richards Frau wäre, und sie küßte und dann gleich weiter ging. Lucy schickte nach Austin und erzählte ihm Berrys Geschichte. Austin ließ den großen Mann kommen und sagte: »Wissen Sie, daß Ihre Frau hier ist?« Ehe noch Berry Zeit hatte nach den längsten Ausdrücken zu suchen, wurde von ihm verlangt, daß er hinauf gehen sollte, und da ihn seine junge Herrin sogleich den Weg führte, konnte sich Berry nicht weigern, seine Beine in Bewegung zu setzen und seinen stattlichen Körper in die Höhe zu tragen. Mrs. Berry gab Lucy spät am Abend eine kleine Skizze von der Unterredung. »Er fing an in der alten Art, meine Liebe, und da sagte ich: ein aufrichtiges Herz und einfache Worte, Martin Berry. So mußte er seine feinen Redensarten abkürzen und nieder fällt er – nieder auf seine Knie. Ich hätt' es niemals geglaubt. Ich hatte meine Würde als Frau bewahrt, bis zu dem Anblick, aber da war es aus mit mir. Ich fiel als reifer Apfel in seinem Arme, ehe ich noch wußte, wo ich war. Da ist etwas an 621 einem schönen Mann auf den Knien, was für uns Frauen zu viel ist. Und es war wirklich der Reumütige auf beiden Knien, nicht der Liebhaber auf einem. Wenn er es auch nur so meint! Aber ach! was meinen Sie wohl, daß er mich gebeten hat, meine Liebe? – es im Hause noch nicht bekannt zu machen! Ich kann, ich kann nicht sagen, daß das gut aussieht.« Lucy schrieb es einem Gefühle der Beschämung über sein Benehmen zu, und Mrs. Berry gab sich auch Mühe, es in dem Lichte zu sehen. »Hat der Baron Sie geküßt, als er Ihnen Gutenacht sagte?« fragte sie. Lucy sagte, er hätte es nicht getan. »Dann bleiben Sie wach, so lange Sie können,« war Berrys Erwiderung. »Und nun wollen wir allen Segen herabflehen auf den Herrn, der so einfache Worte macht und der so viel tut, weil er so wenig sagt.« Wie viele andere einfache Leute war Mrs. Berry nur töricht, wo ihr eignes gutmütiges Herz in Betracht kam. Wie sie es im geheimen voraus gesehen hatte, kam der Baron in ihr Zimmer, als alles ruhig war. Sie sah, wie er sich über Richard den Zweiten beugte und stand und ihn lange ernsthaft betrachtete. Dann ging er an die halb offne Türe des Zimmers, in dem Lucy schlief, lauschte einen Augenblick, klopfte leise an und trat ein. Mrs. Berry hörte, wie leise Worte da drinnen gesprochen wurden. Sie konnte keine Silbe verstehen, doch hätte sie auf den Inhalt schwören können. Er wird sie seine Tochter genannt haben und versprochen haben, sie glücklich zu machen und ihr einen väterlichen Kuß gegeben haben. Als Sir Austin wieder durch das Zimmer ging, schlief sie fest. 622   Zweiundvierzigstes Kapitel. Die Natur spricht. Briareus glänzte in zornigem Rot von jenseit der See – wer ist jener nebelhafte Riese? Und warum sieht Hesperus in seinem rosigen Glanze so unbarmherzig lieblich aus? Es ist, weil ein Mann sein lichtes Heim verlassen hat und fortgegangen ist, um düstere Taten zu tun, und weil ein Fleck auf ihm liegt, mit welchem er die Rückkehr nicht wagt. Fern im Westen winkt ihm die schöne Lucy zur Heimkehr. Ach! wenn er es könnte! Wie stark und ungestüm ist die Versuchung; wie umschmeichelt ihn das nie ruhende Verlangen! Wie betäubt es seine Vernunft, seine Ehre. Denn er liebt sie; sie ist ihm noch die erste und einzige Frau der Welt. Würde sonst dieser schwarze Fleck für ihn die Hölle bedeuten? würden sonst seine Glieder gefesselt sein, während ihre Arme sich ihm öffnen? Und wenn er sie liebt, was bedeutet dann ein Sturz in den Abgrund oder ein tausendfacher Sturz? Ist nicht Liebe das Losungswort, das ihm die Pforten zu jenem Segen öffnet? So könnten wir sprechen, ihm aber ist sein Körper zu einem Tempel gemacht worden und dieser Tempel ist entweiht. Ein Tempel und entweiht! Wozu ist er jetzt noch geeignet, als zu einem Tummelplatz der Teufel? So hat ihn seine Erziehung gelehrt zu denken. Er kann niemanden anklagen, nur seine eigne Gemeinheit. Aber sich so niedrig zu fühlen und den Segen anzunehmen, der ihm winkt – so tief ist er noch nicht gefallen. Ach, sein glückliches Heim! seine liebliche Frau! welch tolles, elendes Irrlicht hat ihn von euch fortgelockt, auf der Höhe seines Dünkels? Der arme Elende! der sich für 623 den Hundertarmigen hielt und mit den herrschenden Göttern kämpfen wollte. Jupiter flüsterte der lachenden Dame einen leichtsinnigen Auftrag ins Ohr, sie trat ihm in den Weg – und wie hat er nun den Olymp erschüttert? mit seinem Gelächter? Es wäre sicherlich besser für ihn, er wäre Orestes und die Furien heulten ihm in die Ohren, als einer, dem eine himmlische Seele zuruft, von dorther, von wo er für immer verbannt ist. Ihm bringt nicht der Wahnsinn das Vergessen. Umkleidet von dem Glanze seiner ersten Leidenschaft, umgeben von der Schönheit heimatlicher Gefilde, ist sie ihm immer nahe; morgens, abends, nachts scheint sie vor ihm her: fällt ihn plötzlich an in den Tiefen des Waldes; legt sich fühlbar auf sein Herz. In Augenblicken des Vergessens stürzt er hin und schließt sie in seine Arme, nennt sie seine Geliebte und ach! ihr unschuldiger Kuß treibt qualvolle Scham in seine Wangen. Tag für Tag währte der Kampf. Sein Vater schrieb ihm, bat ihn, bei der Liebe, die er zu ihm hätte, zurückzukehren. Von jener Stunde an verbrannte Richard alle Briefe, die er erhielt, ungelesen. Er wußte zu gut, wie leicht er sich überreden lassen könnte. Worte von außen hätten ihn in Versuchung geführt und den Funken des ehrenhaften Gefühls ausgelöscht, das ihn quälte, und an den er sich doch in verzweifelter Selbstrechtfertigung klammerte. Es ist eine gefährliche und undankbare Aufgabe, junge Herren aufhalten zu wollen, die sich auf der absteigendem Bahn befinden. Trotzdem ist es eine Aufgabe, die von schönen Frauen sehr geschätzt wird und die einige von ihnen sich zum Beruf machen. Lady Judith gehörte, soweit ihr Geschlecht es ihr erlaubte, auch zu den Giganten, die gegen die herrschenden Götter kämpfen; und zu diesem Zwecke hatte sie – man beachte es wohl – den alten Lord 624 geheiratet, der in allem unzulänglich war, nur nicht in seinen Besitztümern. Was sie bis jetzt erreicht hatte, erfuhr niemand; sie sah nicht glücklich aus, wenn sie daran dachte. Sie traf Richard zufällig in Paris; sie erkannte seinen Zustand; sie ließ ihn verstehen, daß sie die einzige wäre, die Verständnis für ihn habe. Infolgedessen blieb er in ihrer Umgebung. Es beruhigte ihn, in der Nähe einer Frau zu sein. Wenn sie auch zu vermuten wagte, was der Grund zu seinem Benehmen war, so ging sie doch mit der Leichtigkeit, die den Frauen eigen ist, darüber hinweg und lehrte ihn, ihre melancholischen Anschauungen darüber zu teilen. Sie sprach von Kummer, von ihrem persönlichen Kummer ebenso viel wie er von dem seinen – in unbestimmten Ausdrücken und mit Selbstanklagen. Und sie verstand ihn. Wie der dunkle, unergründliche Reichtum, der in uns schlummert, sich doch vor dem Blicke einer Frau erhellt! Wir werden gleich so sehr viel interessanter, so sehr viel reicher, als wir es waren! – beinahe so reich, wie wir uns in unsern Träumen erschienen! Aber in dem Augenblick, in dem wir die Frau wieder verlassen, sind wir bankerott, sind wir Bettler. Wie kommt das? Wir fragen nicht. Wir eilen zurück zu ihr und sonnen uns hungrig in ihren Strahlen. Nur ein weibliches Auge kann so schöpferisch wirken, weshalb, das kann ich nicht sagen. Lady Judith verstand Richard, und da er sich unendlich schlecht vorkam, klammerte er sich um so fieberhafter an sie, wie jemand, der das Schlimmste fürchtet, wenn er sie verlieren sollte. Sein Geist bedurfte der Ruhe; er war schwach geworden durch das, was er gelitten hatte. Austin fand sie zwischen den Hügeln von Nassau im Rheinlande. Titanen, männliche und weibliche, die Jupiter nicht entthront hatten und nun rasch dahin trieben auf den Fluten der Sentimentalität. Der blauröckige Bauer, der am Morgen hinter seinen Ochsen dahinschritt, 625 die Obstfrau mit dem lustigen, bunten Kopftuch, der Eseltreiber, selbst der Doktor in diesen Gegenden hatten schon mehr für ihre Mitmenschen getan, als sie. Schreckliche Erwägung! Lady Judith ist darüber erhaben, aber es zehrt an Richard, wenn er von ihr fern ist. Mit elenden Gefühlen beobachtet er häufig die jungen Leute seines Alters, wenn sie in Scharen an ihre Arbeit ziehen. Ihre Arbeit liegt nicht in den Wolken! Solide Arbeit, ohne Ehrgeiz, fruchtbar! Lady Judith hatte edlere Arbeit in Aussicht für den Helden. Er griff blindlings nach allem, was es auch sei, und sie breitete die Landkarte von ganz Europa vor ihm aus. Ihm schien nichts zu gewaltig. Er sah sich zu Pferde dahin sprengen über die Trümmer von Weltreichen. Ein gewöhnlicherer Geist, ein unbedeutenderes Wesen wäre vor der Größe der Aufgabe zurückgeschreckt. Schweigend kamen sie überein, die zivilisierte Welt zu verlassen. Nebelgebilde haben die Eigentümlichkeit, sich zu verflüchtigen und zu neuen Gebilden zu verdichten, aber niemals nehmen sie wieder dieselbe Gestalt an. Briareus mit den hundert unbeschäftigten Händen könnte sich in einen ungeheuerlichen Esel verwandeln, der mit den Hinterbeinen ausschlägt, oder in zwanzigtausend schnatternde Affen. Die phantastischen Bilder des jungen Gehirns sind denen sehr ähnlich, die wir in den Wolken sehen und sind ebenso wie diese ein Spiel des Windes. Lady Judith spielte die Rolle des Windes. Es war viel Nebel in ihm und er nahm bald diese, bald jene Gestalt an. Ihr, die ihr zur Abendzeit die Wolken beobachtet und die ihr die Jugend kennt, werdet das Gleichnis verstehen, und es wird euch nicht seltsam, es wird euch kaum töricht erscheinen, daß ein junger Mann in Richards Alter und von Richards Erziehung und Stellung in diesen wilden Zustand geraten konnte. War er nicht in dem Glauben erzogen, für 626 große Dinge bestimmt zu sein? Sagte sie ihm nicht, daß auch sie daran glaubte? Und wenn man fühlt, daß man schlecht ist, und doch weiß, daß man zu Besserem geboren ist, dann greift man nach jedem Wolkengebilde. Stellt euch den Helden vor mit einem lahmen Bein, wird er nicht an Quacksalber glauben? Mit welcher Leidenschaft sehnt er sich danach, irgend jemand den Schädel zu spalten! Sie sprachen leise zusammen über Italien. »Die Zeit wird kommen,« sagte sie. »Und ich werde bereit sein, sagte er. Welchen Rang sollte er in der Freiheitsarmee einnehmen? Hauptmann, Major, General, oder nur ein einfacher Freiwilliger? Hier war er, wie es ihm zukam, bestimmter und genauer als sie. Einfacher Freiwilliger sagte er. Doch sah er sich schon in Gedanken sein Pferd tummeln. Also natürlich Freiwilliger in der Kavallerie. Ein Kavalleriefreiwilliger, der über die Trümmer von Weltreichen dahin galoppiert. Sie blickte unter dunkeln Augenlidern traurig, träumerisch auf jene unbestimmte Fernen. Sie lasen Petrarca zusammen, um die notwendige Begeisterung in sich zu entzünden. Italia mia! Nichtig und erfolglos waren in der Tat diese Gespräche für die schweren tödlichen Wunden seines schönen Körpers, aber ihre Seufzer folgten dem Tiber, dem Arno und dem Po, und ihre Hände fanden sich. Wer hätte noch nicht über Italien geweint! Die Sehnsucht einer ganzen Welt erhebt sich für Italien, dicht und dauernd, wie der qualmende Rauch von den Zigarren der pannonischen Wachtposten. So sagte Richard, als Austin kam, daß er Lady Judith nicht verlassen könne, und Lady Judith sagte, sie könne sich nicht von ihm trennen. Man beachte wohl, um seinetwillen nicht! Richard bestätigte das. Vielleicht hatte er Grund dankbar zu sein. Die Hochstraße der Torheit hätte ihn zu schlimmen Zielen führen können. Er ist töricht, Gott weiß, ich aber will nicht über den Helden lachen, dem 627 nur die rechte Gelegenheit gefehlt hat. Tritt ihm gegenüber, wenn die rechte Gelegenheit ihm die Weihe erteilt hat, dann ist er kein Gegenstand des Gelächters. Richard sah in diesem, was wir der Welt zuliebe Torheit nennen müssen, seine Sicherheit. Es war ein heilsamer Prozeß für ihn, daß seine Grillen sich Luft machten, und diejenige, die ihnen Farbe und Gestalt gab, war ihm eine wohltätige Göttin. Er sagte Austin gradezu, daß er sie nicht verlassen könne, und den Tag auch nicht voraus sähe, an dem er es würde tun können. »Warum kannst du nicht zu deiner Frau kommen, Richard?« »Aus einem Grunde, den du mehr als jeder andere gutheißen würdest, Austin.« Er begrüßte Austin mit allen Zeichen männlicher Zuneigung und eines trauernden Herzens. Er hatte in Gedanken Austin immer mit Lucy in Verbindung gebracht, in jenen Gärten der Hesperiden im fernen Westen. Austin wartete geduldig. Lady Judiths alter Lord versuchte alle Heilquellen in Nassau, ohne einen Schimmer von Gesundheit zu erlangen. Wohin es ihm beliebte zu gehen, dorthin folgte sie ihm. Einer so bewundernswerten Gattin konnte man es verzeihen, daß sie einen alten Mann geheiratet hatte. Sie war eine Enthusiastin, selbst in der Erfüllung ihrer ehelichen Pflichten. Sie hatte den Ausdruck der Enthusiastin. Die richtigen Umstände hätten sie zu einer Charlotte Corday machen können. So wollen wir auch sie vor dem Vorwurf der Lächerlichkeit schützen. Der Unsinn, den die Enthusiasten treiben, ist sehr verschieden von dem Unsinn der Dummköpfe. Sie war zweifellos eine Frau von hohen Ideen, von jener Art, die immer das tut, was sie für recht hält und sich immer auf ihre eignen Sehwerkzeuge verläßt. Sie war der Bewunderung eines jungen Mannes nicht unwert, wenn sie auch nicht 628 dazu geeignet war, ihn zu leiten. Sie kam leicht wieder zu der alten Vertrautheit mit Austin, wobei sie doch ihr neues Verhältnis mit Richard aufrecht erhielt. Sie und Austin waren einander nicht unähnlich, nur ließ sich Austin nicht auf Träumereien ein und er hatte auch keinen alten Lord geheiratet. Die drei gingen eines Tages über die Brücke in Limburg an der Lahn, wo die steinerne Figur eines Bischofs im Mondlicht ihren Schatten auf das Wasser wirft, das über Schieferplatten dahinrauscht. Eine Frau ging an ihnen vorüber, die ein Kind auf dem Arme trug, dessen Größe ihre Aufmerksamkeit erregte. »Was für ein prächtiger Kerl!« sagte Richard lachend. »Ja, das ist ein schöner Bursche,« sagte Austin, »aber ich glaube nicht, daß er viel größer ist, als dein Junge.« »Er genügt zu einem Arminius des neunzehnten Jahrhunderts,« sagte Richard. Dann sah er Austin an. »Was sagten Sie eben?« fragte Lady Judith Austin. »Was habe ich gesagt, das wert wäre, wiederholt zu werden?« fragte Austin dagegen ganz unschuldig. »Richard hat einen Sohn?« »Wußten Sie das nicht?« »Seine Bescheidenheit geht sehr weit,« sagte Lady Judith und machte vor Richards Vaterwürde ein leichtes Kompliment. Richards Herz schlug mächtig. Er blickte Austin wieder an. Für Austin war die Sache so selbstverständlich, daß er nichts mehr darüber sagte. »Nein, aber,« murmelte Lady Judith. Als die beiden Männer allein waren, sagte Richard in raschem Ton: »Austin! war das dein Ernst?« »Du wußtest es nicht, Richard?« »Nein.« »Aber sie haben dir doch alle geschrieben. Lucy hat 629 an dich geschrieben, dein Vater, deine Tante. Ich glaube, selbst Adrian schrieb.« »Ich habe alle ihre Briefe zerrissen,« sagte Richard. »Er ist ein feiner Bursche, kann ich dir sagen. Du brauchst dich seiner nicht zu schämen. Er wird bald so weit sein, daß er nach dir fragt. Ich war überzeugt, daß du es wüßtest.« »Nein, ich wußte es nicht.« Richard trat von ihm fort und sagte dann: »Wie sieht er aus?« »Nun, er ist dir ziemlich ähnlich, aber er hat die Augen seiner Mutter.« »Und sie ist –« »Ja, ich denke, das Kind hat sie aufrecht erhalten.« »Sie sind beide in Raynham?« »Ja, beide.« Fort mit den phantastischen Grillen! Was sind sie im Vergleich hierzu! Wo bleiben die Träume des Helden, wenn er erfährt, daß er ein Kind hat? Die Natur nimmt ihn an ihr Herz. Sie spricht sofort zu ihm. Jeder Bauer, der zwischen diesen Hügeln wohnt, kann sich dessen rühmen, und doch erscheinen dem Helden keine seiner visionären Wundertaten staunenswerter als diese höchst einfache Sache. Ein Vater? Richard starrte vor sich hin, als ob er versuchen wollte, sich die Gesichtszüge seines Kindes vorzustellen. Er sagte Austin, daß er nach wenigen Minuten zurück sein würde, ging hinaus und ging weiter und weiter. »Ein Vater!« wiederholte er immer wieder vor sich hin: »ein Kind!« Und obgleich er sich dessen nicht bewußt war, berührte er damit die Grundtöne der Natur. Aber das wußte er, daß eine wunderbare Harmonie plötzlich sein ganzes Wesen erfüllte. Der Mond schien ungewöhnlich hell; die Sonnenluft war still und schwer. Er verließ die Straße und drang 630 in den Wald ein. Sein Gang war rasch; die Blätter der Bäume streiften seine Wangen; die welken Blätter, die sich auf dem Waldboden aufgehäuft hatten, raschelten unter seinen Füßen. Eine fromme Freude – ein seltsam, heiliges Entzücken war in ihm. Allmählich schwand dieses Gefühl; er besann sich auf sich selbst, und nun überfiel ihn ein ebenso starker Schmerz. Ein Vater! er durfte niemals wagen, sein Kind zu sehen. Und er konnte sich nicht länger durch seine Phantasiegebilde aufrecht halten. Seine Sünde lag kahl vor ihm. In seinem beunruhigten Gemüte war es ihm, als sähe Klara auf ihn herab – Klara, die wußte, wie er war; und in deren Augen es eine Schmach sein würde, wenn er hinginge und es wagen würde, einen Kuß auf die Lippen seines Kindes zu drücken. Dann folgte ein finsteres Bemühen, sein Elend zu bekämpfen und die Nerven seines Antlitzes in Eisen zu verwandeln. An dem Stamme eines alten Baumes, der halb in den dürren Blättern vergangner Sommer begraben war, neben einem Bache, machte er Halt, wie einer, der das Ziel seiner Reise erreicht hat. Da entdeckte er, daß er in Lady Judiths kleinem Hunde einen Gefährten hatte. Er streichelte das kleine Tier, um ihm zu zeigen, daß er es erkannte, und beide schwiegen in dem Schweigen des Waldes. Es war Richard unmöglich zurückzukehren, sein Herz war übervoll. Er mußte vorwärts und weiter ging er, der kleine Hund mit ihm. Eine drückende Stille hing über den Zweigen der Bäume. In den Tälern und auf den Hügeln lag dieselbe lähmende Hitze. Hier, wo der Bach murmelte, war es kein Ton von kühlen Lippen, sondern metallisch und ohne den Geist des Wassers. Dort weiter im Mondlicht auf dem üppigen Gras waren die Strahlen wie weißes 631 Feuer für Blick und Gefühl. Kein Nebel breitete sich in der Runde. Die Täler lagen klar, genau umgrenzt durch die Schatten ihrer Ränder; die Ferne scharf und hell, die Farben des Tages nur sanft gedämpft. Richard sah ein Reh, das einen Rasenabhang hinabging, weit außer Schußweite. Die atemlose Stille war bedeutungsvoll, doch der Mond schien aus breitem, blauem Himmel. Mit der Zunge aus dem Munde trabte der kleine Hund hinter ihm her; legte sich keuchend nieder, wenn er einen Augenblick innehielt; stand müde wieder auf, wenn er weiterging. Dann und wann flog ein großer weißer Nachtfalter durch die Dunkelheit des Waldes. Auf einer kahlen Ecke des waldbewachsenen Hügellandes standen, mit dem Blick ins Land gerichtet, graue, turmlose Ruinen in Nesseln und üppigem Gras. Richard setzte sich mechanisch nieder auf die bröckelnden Steine, um zu ruhen, und lauschte auf das Keuchen des Hundes. Zu seinen Füßen verstreut waren funkelnde Lichter; Hunderte von Glühwürmchen bedeckten den dunkeln, trocknen Boden. Er saß und blickte auf sie und dachte nicht mehr. Seine Kraft war durch die körperliche Anstrengung erschöpft. Er saß wie ein Teil der Ruinen und der Schatten des Mondes zog von Süden nach Westen hin. Über dem sinkenden Monde sammelten sich in der Höhe unmerklich lange Streifen krauser, silberner Wolken. Sie waren die Vorläufer eines Sturmes. Er beachtete sie nicht, auch nicht das beginnende leise Flüstern der Blätter. Als er seinen Weg wieder aufnahm, dem Rhein entgegen, schien sich ein großer Berg grade über ihm zu erheben, und er hatte es im Sinn ihn zu erklimmen. Aber wie kräftig er auch ausschritt, er kam dem Fuße des Berges nicht näher. Der Boden senkte sich vor ihm, er verlor den Anblick des Himmels. Dann trafen schwere 632 Gewittertropfen seine Wangen, die Blätter rauschten, die Erde atmete auf, es wurde schwarz vor ihm und hinter ihm. Plötzlich sprach der Donner. Der Berg, den er gesehen hatte, öffnete sich über ihm. Aufflammte der ganze Wald in violettem Feuer. Er sah über der Landschaft am Fuße des Hügels bis zum Rhein hin ein zitterndes Licht aufglühen und verlöschen. Dann trat eine Pause ein und jeder Blitz schien wie das Auge des Himmels und jeder Donner wie die Stimme des Himmels und beide sprachen zu ihm, erfüllten ihn mit staunendem Entzücken. Allein hier – das einzige menschliche Wesen in der geheimnisvollen Erhabenheit des Sturmes – fühlte er sich als der Vertreter seiner Art und sein Geist erhob sich und blickte vorwärts und frohlockte, mochte er zur Seligkeit geführt werden oder zum Verderben! Tiefer unten rollte in den vom Blitz erleuchteten Abgründen das zornige Getöse. Weiße Lichtstrahlen schossen von dem Himmel, große Farnkräuter, die einen Augenblick in dem blassen Licht erschienen, wurden von einer unnatürlichen Bewegung ergriffen und verschwanden. Dann sauste ein schriller Ton durch Laub und Gräser. Länger und lauter tönte er, während tiefer und schwerer der Regen herniederrauschte. Mächtige Wassermassen löschten den Durst der Erde. Selbst hierin empfand Richard, der schon von dem ersten Guß bis auf die Haut durchnäßt worden war, eine wilde Freude. Da er in Bewegung blieb, wurde er sich kaum der Nässe bewußt, und das dankbare Aufatmen des Laubes wehte ihn erfrischend an. Plötzlich hielt er an und sog neugierig den Duft ein. Es kam ihm vor, als hätte er Wiesenspiräa gerochen. Er hatte die Blume niemals im Rheinlande gesehen – niemals daran gedacht, und er konnte kaum erwarten, sie hier im Walde zu finden. Er war überzeugt, es mußte der Duft der frisch betauten 633 Blume sein. Sein kleiner Gefährte wedelte mit seinem nassen Schwanze eine kleine Strecke vor ihm her. Er ging langsam, in unklaren Gedanken. Nach zwei oder drei Schritten bückte er sich nieder und streckte die Hand aus, um nach der Blume zu tasten, denn er empfand, er wußte nicht weshalb, den lebhaften Wunsch sich davon zu überzeugen, daß sie hier wüchse. Umhertastend traf seine Hand auf etwas Warmes, das bei seiner Berührung zurückzuckte, und mit natürlichem Instinkt griff er danach und hob es auf, um es zu betrachten. Das Geschöpf war sehr klein, augenscheinlich sehr jung. Richards Augen hatten sich jetzt an die Dunkelheit gewöhnt und er war imstande zu erkennen, was es war, ein winziges, junges Häschen. Vermutlich hatte der Hund die Mutter verscheucht, kurz ehe er es fand. Er schob das kleine Ding mit der Hand in seine Brust und ging schnell weiter. Es hatte sich jetzt fest eingeregnet. Von jedem Baume strömte eine Quelle hernieder. Sein Gemüt war so ruhig und leicht geworden, daß er darüber nachsinnen konnte, wie die Vögel wohl Schutz finden mochten, und wie wohl die Schmetterlinge und Nachtfalter ihre bunten Flügel vor der Nässe bewahrten. Sie mochten festzusammengefaltet unter einem Blatte hängen, überlegte er. Liebevoll blickte er in die triefende Dunkelheit des Dickichts zu beiden Seiten, als wenn er zu den Geschöpfen des Waldes gehörte. Dann mußte er über ein wunderbares Gefühl nachdenken, das er empfand. Es lief seinen Arm hinauf mit einem unbeschreiblichen Zucken, ließ aber sein Herz unberührt. Es war ein rein physisches Gefühl, hörte eine Zeitlang auf, fing dann wieder an, bis es sein ganzes Blut wunderbar durchbebte. Es wurde ihm klar, daß das kleine Geschöpf, das er an seiner Brust trug, seine Hand leckte. Die kleine, rauhe Zunge, die immer wieder über seine Handfläche strich, verursachte dies seltsame 634 Gefühl. Nun, da er die Ursache kannte, erschien es ihm nicht länger wunderbar, und nun, da er die Ursache kannte, wurde sein Herz davon berührt und empfand mehr dabei. Das sanfte Lecken wurde ununterbrochen fortgesetzt, während er wanderte. Was sagte es ihm? Eine menschliche Zunge hätte ihm in diesem Augenblick nicht so viel zu sagen vermocht. Ein blasses, graues Licht am Rande der fliehenden Sturmwolken kündeten die Morgendämmerung an. Richard ging mit schnellen Schritten. Die grünen, aufgeweichten Kräuter lagen auf seinem Pfade schwer herniedergedrückt, die Zweige der Bäume hingen glitzernd nieder. Vorwärts getrieben wie ein Mann, der fühlt, wie eine Offenbarung dunkel in seinem Hirne aufsteigt, ging Richard an einer der kleinen Waldkapellen vorbei, in denen Gedächtniskränze hängen und bei denen der Bauer anhält, um zu knien und zu beten. Kalt und still stand die Kapelle im Zwielicht, Regentropfen fielen klatschend um sie herum. Er blickte hinein und sah die Jungfrau mit dem Kinde. Er ging weiter. Aber er war noch nicht viele Schritte gegangen, als ihn seine Kraft verließ und ein Schauder ihn überlief. Was war es? Er fragte nicht. Er hatte sich in andere Hände gegeben. Lebensvoll wie der Blitz hatte das Licht des Lebens ihn erleuchtet. Er fühlte in seinem Herzen den Schrei seines Kindes, die Berührung seiner Geliebten. Mit geschlossenen Augen sah er sie beide. Sie zogen ihn aus der Tiefe empor. Sie führten ihn, einen blinden, schwankenden Mann. Und wie sie ihn führten, empfand er das Gefühl der Reinigung, so süß, daß er wieder und wieder zusammenschauerte. Als er von seiner Verzauberung auf die atmende Welt blickte, hüpften und zirpten die kleinen Vögel: warmes frisches Sonnenlicht lag auf allen Hügeln. Er war 635 am Rande des Waldes und trat in eine Ebne voll reifenden Kornes unter einem hochgewölbten Morgenhimmel.   Dreiundvierzigstes Kapitel. Noch einmal Gott und Teufel. Sie hörten in Raynham, daß Richard kommen würde. Lucy erhielt die Nachricht zuerst durch Ripton Thompson, der ihn in Bonn getroffen hatte. Ripton schrieb nicht, daß er seinen Urlaub absichtlich dazu benutzt hätte, um sich zu bemühen, seinen lieben Freund zur Rückkehr zu seiner Frau zu bewegen. Als er Richard schon auf dem Heimwege fand, hatte ihm Ripton natürlich nichts gesagt, sondern vorgegeben, nur auf einer Vergnügungsreise zu sein, wie jeder beliebige Londoner. Richard schrieb auch an sie. Für den Fall, daß sie an die See gegangen sein sollte, bat er sie, ihm Nachricht nach seinem Hotel zu schicken, damit er keine Stunde verlöre. Sein Brief war ruhig im Ton, unendlich süß für sie. Von ihrer treuen Berry unterstützt, kämpfte sie einen siegreichen Kampf mit dem Aphoristen. »Die Vernunft der Frauen liegt in der Milch ihrer Brüste,« war eine seiner flüchtigen Notizen, die durch die Beobachtung von Lucys mütterlicher Sorgfalt hervorgerufen wurde. »Vergessen wir deshalb nicht, wir Männer, die wir reichlich davon getrunken haben, daß sie sie besitzen.« Mrs. Berry teilte ihm pflichteifrig mit, wie frühe schon des kleinen Richard Erziehung angefangen hätte, und was für ein großer Historiker er infolgedessen in der Zukunft sein würde. Dieser Zug in Lucys Charakter war ganz allein genügend, um Sir Austin zu gewinnen. »Darin war mein Plan mit Richard falsch,« überlegte 636 er, »daß ich annahm, daß irgend etwas außer dem blinden Zufall ihm die Gefährtin bringen würde, deren er bedurfte.« Später kam er so weit, hinzuzufügen, »und die er erlangt hat.« Es war ihm jetzt möglich, zuzugestehen, daß hierin der Instinkt die Wissenschaft geschlagen hätte; denn da Richard jetzt zurückkam, da nun alle glücklich werden sollten, umfaßte seine Weisheit sie alle väterlich und er fühlte sich als den Urheber ihres Glückes. Zwischen ihm und Lucy entwickelte sich eine zarte Vertrautheit. »Ich sagte dir schon, daß sie zu reden versteht, Onkel,« sagte Adrian. »Sie denkt,« sagte der Baron. Die zarte Frage, wie sie sich ihrem Onkel gegenüber zu benehmen hätte, ordnete er großmütig. Farmer Blaize sollte so oft nach Raynham kommen, wie er wollte. Lucy mußte ihn wenigstens dreimal wöchentlich besuchen. Er hatte Farmer Blaize und Mrs. Berry zu studieren, und wirklich vortreffliche Aphorismen entsprangen von der einfach menschlichen Basis, auf der diese beiden Naturmenschen standen. »Es wird uns nicht schaden,« dachte er, »wenn etwas von dem ehrlichen Blut der Landbewohner in unsern Adern fließt.« Und er fühlte sich zufrieden, wenn er über die Verwandtschaft des kleinen Knaben in der Wiege nachsann. Für diejenigen, die Zutritt zu der Bibliothek hatten, wurde es ein gewohnter Anblick, daß der Baron die Hand seiner Schwiegertochter zärtlich in der seinen hielt. Nun kreuzte Richard schon das Wasser und mit den fortschreitenden Minuten schlugen die Herzen in Raynham in schnellerem Tempo. Heute Abend würde er bei ihnen sein. Sir Austin küßte Lucy länger und herzlicher, als sie an diesem Morgen zum Frühstück herunterkam. Mrs. Berry war verliebter als je. »Es ist Ihre zweite 637 Hochzeit, Sie süße, lebende Witwe!« sagte sie. »Gott sei Dank! es ist auch derselbe Mann. Und hinter dem Bettpfosten noch ein Kind obendrein,« fügte sie ernsthaft hinzu. »Sonderbar ist es,« erklärte Berry, »sonderbar, ich fühle jetzt gar nicht so was für meinen Berry. Alle meine Gefühle für Liebe scheinen in Sie zwei süße Kinderchen übergegangen zu sein.« Der treulose Berry beklagte sich, daß er schlecht behandelt würde, und stellte sich, als wenn er schrecklich eifersüchtig auf den Kleinen wäre; aber die gute Frau erklärte ihm, daß, wenn er überhaupt litte, er nur das erduldete, was ihm zukäme. Berrys Stellung war entschieden unbehaglich. Es konnte dem niedern Haushalte nicht verborgen bleiben, daß er eine Frau im Hause habe, und für die Verwicklungen, die entstanden, wollte ihn seine Frau nicht so trösten, wie es ihre Pflicht gewesen wäre. Lucy suchte zu vermittele, aber Mrs. Berry war eigensinnig. Sie behauptete, daß sie den Kleinen nicht verlassen wollte, so lange er nicht entwöhnt war. »Dann vielleicht,« sagte sie mit einem Blick in die Zukunft, »Sie sehen, ich bin nicht so gutmütig, wie Sie gedacht haben.« »Sie sind eine sehr unfreundliche, rachsüchtige alte Frau,« sagte Lucy. »Vielleicht bin ich das,« gab Mrs. Berry mit Stolz zu. Es gefällt uns dann und wann neue Charaktereigenschaften zu zeigen. Berry war zu lange fern geblieben. Wüßte man nicht, daß die prüden, sittenstrengen Leute es nicht wagen, auf die natürlich Keuschen zu hören, so könnte man hier verschiedene Dinge mitteilen, welche Mrs. Berry für richtig hielt der jungen Frau zu erzählen in betreff von Berrys Untreue und der Nachsicht, die Frauen mit sündigen Männern haben sollten. Genug, daß sie es für angebracht hielt, den Gegenstand zur Sprache zu bringen und ihre eignen christlichen Gefühle 638 zu erwähnen, jetzt, da sie in gewisser Beziehung gleichgültiger geworden war. Glatte Ruhe liegt auf dem Meere. In Raynham blicken sie nach dem Himmel und berechnen, daß Richard mit günstigem Winde herüber kommt. Er kommt, um sich seinem Lieb auf Gnade und Ungnade zu ergeben. Lucys Licht erstrahlt über Wald und See, über Sturm und Frieden – demütig naht sich ihr der Held. Bedeutungsvoll ist der Tag, an dem wir unsere Torheit erkennen! Ripton und er waren vertraut mit einander, wie in alten Zeiten. Richard ermutigte ihn dazu, immer von neuem über die beiden zu sprechen, über die er beredt werden konnte, und Ripton, der sich im geheimen etwas auf die Kraft seiner Rede einbildete, wurde niemals müde, Lucys Tugenden aufzuzählen und die besonderen Eigenschaften des Kleinen. »Sie hat nichts gegen mich gesagt, Rip?« »Gegen dich, Richard! Von dem Augenblick, in dem sie wußte, daß sie Mutter werden sollte, dachte sie an nichts, als an ihre Pflicht gegen das Kind. Sie gehört zu denen, die nicht an sich selbst denken können.« »Du hast sie in Raynham besucht, Rip?« »Ja, einmal. Sie luden mich ein. Und dein Vaters hat sie so gern, ich bin überzeugt, er glaubt, daß keine andere Frau ihr gleichkommt, und darin hat er recht. Sie ist so schön, so gut.« Richard war zu sehr von Selbstanklagen erfüllt, als daß er seinen Vater anklagen konnte: er war zu sehr Engländer, um seine Gefühle zu zeigen. Ripton erriet aus seiner ganzen Art, wie tief sie waren, und wie er sich geändert hatte. Er hatte das Heldenhafte von sich abgetan, und wie sehr Ripton auch in den herrischen Zeiten ihm gehorcht und zu ihm aufgeblickt hatte, er liebte ihn jetzt zehnmal mehr. Er erzählte seinem Freunde, wie viel 639 Lucys einfache weibliche Anmut und Vortrefflichkeit für ihn getan hätten, und Richard verglich sein eignes, zweckloses Umherschweifen mit der geduldigen Schönheit seines Engels in der Heimat. Er war nicht der Mann, der wieder eins mit ihr werden wollte auf die leichten Bedingungen hin, die ihm geboten wurden. Bei dem bloßen Gedanken an das was er durchzumachen hatte brannten seine Wangen. Aber er wollte es durchmachen, selbst wenn sie ihm dadurch verloren gehen sollte. Nur sie sehen und vor ihr knien dürfen, diese Aussicht war Glück genug, um ihn aufrecht zu erhalten und sein Blut zu erwärmen. Schon sahen sie die weißen Kuppen aus dem Wasser emporwachsen. Als sie näher kamen, glühten sie in der Sonne. Häuser und Menschen schienen den wilden Jüngling zu begrüßen und zu Einfachheit, Natürlichkeit und Heimat zurückzuführen. Zur Mittagszeit waren sie in der Stadt. Richard dachte einen Augenblick daran, nicht im Hotel anzusprechen. um nach Briefen zu fragen. Nach kurzer Überlegung beschloß er doch, es zu tun. Der Portier sagte, er hätte zwei Briefe für Mr. Richard Feverel – einer hätte schon längere Zeit gewartet. Er gingen den Kasten und holte sie. Der erste, den Richard öffnete, war von Lucy, und Ripton beobachtete, wie sich die Farbe in seinem Gesichte verdunkelte, als er ihn las, während ein zitterndes Lächeln um seinen Mund spielte. Gleichgültig öffnete er den andern. Er fing ohne eine Anrede an. Richards Stirn verdüsterte sich, als er die Unterschrift las. Der Brief war in einer schrägen Damenhand und voller Schnörkel, wie ein in Ähren stehendes Gerstenfeld. Er lautete wie folgt: »Ich weiß, daß Du mir zürnst, weil ich nicht einwilligen wollte, Dich zu ruinieren, Du törichter Junge. Wie nennst du es? Nach dem häßlichen Ort sollen wir 640 zusammengehen. Ich danke, meine Putzmacherin ist noch nicht fertig, und ich will gut aussehen, wenn ich überhaupt dahin gehe. Eines Tages werde ich es wohl tun müssen. Auf Deine Gesundheit, Sir Richard! Nun laß mich ernsthaft mit Dir reden. Gehe sofort nach Hause zu Deiner Frau. Aber ich weiß, was Du für ein Bursche bist, und ich muß ganz offen mit dir sein. Habe ich Dir jemals gesagt, daß ich Dich liebe? Du magst mich hassen, so viel Du willst, aber ich will Dich davor bewahren, ein Narr zu sein. Nun höre mal zu. Du kennst meine Beziehungen zu Mount. Das Biest von Brayder bot mir an, alle meine Schulden zu bezahlen und mich wieder flott zu machen, wenn ich Dich in der Stadt zurückhielte. Ich erkläre auf Ehre, daß ich keine Ahnung hatte, weshalb, und ich verpflichtete mich zu nichts. Aber Du warst solch ein schöner Junge – Du warst mir schon im Park aufgefallen, ehe ich noch ein Wort von Dir gehört hatte. Und dann warst Du so schüchtern, Du warst grade so verführerisch wie ein junges Mädchen. Du reiztest mich. Weißt Du, was das bedeutet? Ich wollte Dich dahin bringen, daß Du Dir etwas aus mir machtest, und wir wissen, wie es endete, ohne meine Absicht, schwöre ich. Ich hätte mir lieber die Hand abgeschnitten, als Dir irgend ein Leid zugefügt, auf Ehre. Die Umstände! Dann sah ich, daß alles zwischen uns aus war. Brayder kam und fing an, über Dich zu spotten. Ich schlug ihn mit der Reitpeitsche ins Gesicht und brachte ihn schnell genug zum schweigen. Denkst Du, ich würde irgend einem Mann gestatten, über Dich zu sprechen? – Ich hätte beinahe geflucht. Du siehst, ich habe Dicks Lehren nicht vergessen. Ach mein Gott! ich bin unglücklich. – Brayder bot mir Geld an. Geh und bilde Dir, wenn Du willst, ein, ich hätte es genommen. 641 Was mache ich mir daraus, was irgend ein Mensch denkt! Etwas in dem, was der Schurke sagte, erregte meinen Argwohn. Ich reiste nach der Insel Wight, wo Mount war, und Deine Frau war gerade abgereist, mit einer alten Dame, die gekommen war, um sie abzuholen. Ich hätte sie so gerne gesehen. Du sagtest, wie Du Dich erinnern wirst, daß sie mich wie eine Schwester aufnehmen und behandeln würde, – damals lachte ich darüber. Mein Gott, jetzt könnte ich weinen, wenn Wasser einem Teufel helfen könnte, wie du mich Arme höflicherweise genannt hast. Ich sprach an Deinem Hause vor und sprach Deinen Diener, der mir sagte, daß Mount grade dagewesen wäre. Sofort fiel es mir auf. Ich war überzeugt davon, daß Mount hinter einer Frau her war, aber es war mir niemals eingefallen, daß diese Frau Deine Frau sein könnte. Nun verstand ich, warum sie wollten, daß ich Dich fern hielte. Ich ging zu Brayder, Du weißt, wie ich ihn hasse. Ich tat schön mit dem Mann, um es aus ihm heraus zu bekommen. Richard! auf Ehrenwort, sie hatten den Plan gemacht, sie fort zu bringen, wenn es Mount nicht gelingen sollte, sie zu verführen. Wir sprechen von Teufeln! Er ist einer; aber er ist nicht so schlimm wie Brayder. Ich kann einem gemeinen Hunde seine Schurkerei nicht vergeben. Nach alle diesem bin ich überzeugt, bist Du Mann genug, nicht einen Augenblick länger von ihr fern zu bleiben. Ich vermute, wir werden uns nicht wiedersehen, daher lebe wohl, Dick! Ich stelle mir vor, wie Du mich verfluchst. Warum kannst Du nicht darüber denken, wie andere Männer? Aber wenn Du wie die übrigen gewesen wärest, hätte ich mir nichts aus Dir gemacht. Seit ich Dich zuletzt gesehen habe, habe ich kein lila Kleid mehr getragen. Ich werde mich in Deiner 642 Farbe begraben lassen, Dick. Das kann Dich doch nicht beleidigen – nicht wahr? Du wirst doch nicht glauben, daß ich das Geld genommen habe? Wenn ich denke, daß Du das denken könntest – ich werde zum Teufel, wenn ich mir nur vorstelle, daß Du das denken könntest. Das erste Mal, wenn du Brayder triffst, prügele ihn öffentlich. Adieu! Sage ihm nur, Du tätest es, weil sein Gesicht Dir nicht gefiele. Ich glaube, Teufel dürfen sich nicht Adieu! sagen. Deshalb also ein einfaches Lebewohl zwischen Dir und mir. Lebe wohl, lieber Dick! Du wirst das nicht von mir denken? Ich will lieber trocknes Brot essen, bis zu meinem letzten Lebenstage, als jemals einen Pfennig von ihrem Gelde annehmen. Bella.« Richard faltete den Brief schweigend zusammen. »Springe in einen Wagen,« sagte er zu Ripton. »Ist irgend etwas los, Richard?« »Nein.« Der Kutscher erhielt seine Weisung. Richard saß, ohne ein Wort zu sprechen. Sein Freund kannte diesen Ausdruck in seinem Gesicht. Er fragte, ob der Brief schlechte Nachrichten enthalten hätte. Zur Anwort erhielt er die den Umständen angepaßte Lüge. Er wagte zu bemerken, daß sie nach der falschen Richtung führen. »Es ist richtig so,« sagte Richard, sein Mund war fest geschlossen, seine Augen hatten einen tiefen, harten Ausdruck. Ripton sagte nichts weiter, machte sich aber seine eignen Gedanken. Der Kutscher hielt vor einem Klubhause. Ein Herr, in welchem Ripton den ehrenwerten Peter Brayder 643 erkannte, war grade im Begriff sich auf sein Pferd zu schwingen, mit einem Fuß im Steigbügel. Er hörte sich angerufen, drehte sich um und streckte liebenswürdig seine Hand aus. »Ist Mountfalcon in der Stadt?« sagte Richard und faßte die Zügel des Pferdes statt der Hand des Herrn. Stimme und Ausdruck waren ganz freundlich. »Mount?« erwiderte Brayder und beobachtete neugierig Richards Bewegungen; »ja. Er reist heute Abend.« »Er ist allein in der Stadt?« Richard ließ das Pferd los. »Ich muß ihn sprechen. Wo ist er?« Der junge Mann sah liebenswürdig aus; das, was Brayders Verdacht hätte erwecken können, war in seinem Parasiten-Register schon eine alte abgetane Sache. »Sie wollen ihn sprechen? Worüber?« sagte er sorglos und gab ihm die Adresse. »Übrigens,« rief er, »wir dachten daran, Ihren Namen auf die Liste zu setzen, Feverel.« Er zeigte auf das stolze Gebäude, »Was meinen Sie dazu?« Richard nickte ihm zu und rief dem Kutscher zu, sich zu beeilen. Brayder erwiderte den Gruß, und die Spaziergänger sahen bald darauf seinen Körper in eleganter Bewegung auf dem Rücken seines wohlverdienten Pferdes. »Was hast du mit Lord Mountfalcon zu reden, Richard?« sagte Ripton. »Ich möchte ihn nur einen Augenblick sprechen,« erwiderte Richard. Ripton wurde im Wagen gelassen, vor der Tür von Lord Mountfalcons Haus. Er hatte ungefähr zehn Minuten gewartet, als Richard zurückkam, mit einem klaren Ausdruck, obgleich etwas erhitzt. Er stand am Wagen, und Ripton fühlte, daß die ausdrucksvollen, grauen Augen ihn scharf prüften. So deutlich, als wenn es in Worten ausgedrückt worden wäre, verstand er es, daß sie sagten: 644 »Du genügst nicht,« aber welchem von allen denkbaren Zwecken er nicht genügte, konnte er sich nicht vorstellen. »Fahre nach Raynham, Ripton. Sage, ich käme bestimmt heute abend. Quäle mich nicht mit Fragen. Fahre gleich – oder warte. Nimm dir einen andern Wagen. Ich werde diesen benutzen.« Ripton wurde hinausgesetzt und fand sich allein auf der Straße. Grade, als er im Begriff war, dem galoppierenden Droschkenpferde nachzustürzen, um ein Wort der Erklärung zu erhalten, hörte er, daß ihn jemand anredete. »Sie sind Feverels Freund?« Ripton verstand sich auf Lords. Ein bezaubernder Lakai, der vor der offenen Tür von Lord Mountfalcons Hause stand, und der Herr auf der Schwelle belehrten ihn, daß er von dem vornehmen Herrn selbst angeredet wurde. Er wurde gebeten, einzutreten. Als sie allein waren, sagte Lord Mountfalcon leicht erregt: »Feverel hat mich gröblich beleidigt. Ich muß mich ihm natürlich stellen. Es ist eine verflucht törichte Sache! – Ich nehme an, daß er nicht ganz verrückt ist?« Riptons einzige deutliche Antwort darauf, war der entsetzte Ausruf: »Mein Lord!« Lord Mountfalcon fuhr fort: »So viel ich weiß, habe ich ihn in keiner Weise beleidigt! Ich hatte ihn im Gegenteil gerne. Neigt er zu ähnlichen Anfällen?« Da Ripton noch immer nicht wußte, was er dazu sagen sollte, stammelte er nur: »Anfälle, mein Lord?« »Ach,« fuhr der andere fort und sah Ripton in vornehm überlegener Weise an. »Vielleicht wissen Sie von der ganzen Angelegenheit nichts?« Ripton sagte, daß er nichts wüßte. »Haben Sie irgend welchen Einfluß auf ihn?« »Nicht viel, mein Herr. Nur dann und wann – ein wenig.« 645 »Sie sind nicht in der Armee?« Die Frage war ganz überflüssig. Ripton gestand, daß er Jurist wäre, und der Lord zeigte keine Überraschung. »Ich will Sie nicht länger aufhalten,« sagte er mit einer förmlichen Verbeugung. Ripton erwiderte dieselbe auf bürgerliche Art; aber auf dem Wege zur Türe wurde ihm der Sinn der Angelegenheit klar. »Handelt es sich um ein Duell, mein Herr?« »Wir können es nicht vermeiden, wenn ihn seine Freunde nicht bis morgen früh in ein Irrenhaus einsperren.« Von allen schrecklichen Dingen war in Riptons Vorstellung ein Duell das schrecklichste. Er stand und hielt den Griff der Türe und überdachte im Geiste dies neue Kapitel von Unglück, das sich plötzlich eröffnete, wo nun alles so glückverheißend aussah. »Ein Duell! aber er wird nicht – er darf nicht fechten, mein Herr!« »Er muß auf dem Kampfplatz erscheinen,« sagte Lord Mountfalcon. »Ich bin von meiner Gewohnheit abgewichen, indem ich mit Ihnen gesprochen habe, mein Herr. Ich sah Sie vom Fenster. Ihr Freund ist verrückt. Verflucht überlegt in seinem Handeln, gebe ich zu, aber doch verrückt. Ich habe besondere Gründe, weshalb ich wünsche, dem jungen Manne nicht zu schaden, und wenn man ihn zu einer Abbitte bewegen könnte, sobald wir zusammentreffen, so werde ich sie annehmen, und wir können den verdammten Skandal womöglich verhindern. Verstehen Sie? Ich bin der beleidigte Teil und ich werde von ihm nur verlangen, daß er förmliche Worte der Entschuldigung sagt, um zu einem freundschaftlichen Übereinkommen zu gelangen. Lassen Sie ihn nur sein Bedauern aussprechen. Im übrigen, mein Herr,« der Edelmann 646 sprach sehr ernst, »sollte irgend etwas passieren, ich habe die Ehre mit Mrs. Feverel bekannt zu sein – dann bitte ich Sie, sie zu benachrichtigen. Ich wünsche ausdrücklich, daß Sie sie davon unterrichten, daß mich kein Vorwurf träfe.« Mountfalcon klingelte und verbeugte sich. Und mit diesem Druck seiner Seele eilte Ripton zu denen, die mit freudigem Vertrauen in Raynham warteten.   Vierundvierzigstes Kapitel. Die letzte Szene. Die Uhr, die Hippias abwechselnd mit seinem Puls zu Rate zog, um irgend welche geheime abscheuliche Berechnungen anzustellen, zeigte halb zwölf Uhr nachts. Adrian saß und schrieb an dem Tische der Bibliothek mit einem ruhig amüsierten Ausdruck auf seinem runden Gesicht, das er etwas seitwärts geneigt über Papier und Feder hielt. In einem Halbkreis um den Stuhl des Barons saßen Lucy, Lady Blandish, Mrs. Doria und Ripton, dieser Unglücksvogel von Raynham. Sie schwiegen alle, wie Leute, die die fliehenden Minuten zählen. Ripton hatte gesagt, daß Richard bestimmt kommen würde, aber die Augen der Frauen blickten immer wieder fragend nach ihm hin, und hatten genug Grund zur Besorgnis gefunden, die mit dem Vorschreiten der Zeit zunahm. Sir Austin beharrte in seiner gewöhnlichen Miene nachdenklicher Ruhe. Aber wenn ihm auch jede gewöhnliche Unruhe fern schien, so war er doch der erste, der sprach und seinen Zustand verriet. 647 »Bitte, stecke deine Uhr fort. Ungeduld hilft hier nichts,« sagte er, mit einer heftigen Bewegung nach seinem Bruder hin, der halb hinter ihm saß. Hippias ließ seinen Puls los und stöhnte nachsichtig: »Dies ist kein Nachtgespenst.« Seine Bemerkung wurde nicht beachtet und ihr Sinn blieb unklar. Adrians Feder zog einen besonders kräftigen Schnörkel auf seinem Manuskript, ob aus Mitleid oder teuflischer Freude, konnte niemand sagen. »Was schreibst du?« fragte ihn der Baron nach einer Weile mürrisch, vielleicht geärgert durch ein Gefühl der Eifersucht auf die kühle Ruhe des weisen Jünglings. »Störe ich dich, Onkel?« erwiderte Adrian. »Ich bin damit beschäftigt, einen Vorschlag zu entwerfen, wie man die Kaiserreiche und Königreiche Europas unter einem väterlichen Haupte vereinigen könnte, nach dem Muster des noch immer zu bewundernden und zu betrauernden heiligen Roms. Dieser Abschnitt behandelt die Erziehung von Jünglingen und Mädchen und gewisse schulmeisterliche Verrichtungen, die damit verbunden sind. Es wird verordnet, daß jeder einzige dieser Beamten ein Mann der Wissenschaft sei« usw. Und Adrian schrieb fröhlich weiter. Mrs. Doria nahm Lucys Hand, um ihr schweigend Mut einzuflößen und Lucy lächelte zur Erwiderung, so weit es ihr möglich war. »Ich fürchte, wir müssen ihn für heute Abend aufgeben,« bemerkte Lady Blandish. »Wenn er gesagt hat, daß er kommen wird, dann wird er auch kommen,« warf Sir Austin ein. Etwas wie ein geheimer Kampf schien zwischen ihm und Lady Blandish zu herrschen. Er wußte wohl, daß nur ein vollkommener Erfolg dieses selbständige Gemüt noch länger würde fesseln können. Sie hatte ihn durchschaut. »Er sagte nur, daß er bestimmt kommen würde,« sagte 648 Ripton, aber er wagte es nicht, irgend einen anzusehen, als er das sagte, denn es wurde ihm klar, daß Richard ihn vielleicht getäuscht hätte, und er kam sich wie ein schwarzer Verschwörer gegen ihrer aller Glück vor. Er beschloß, dem Baron zu sagen, was er wußte, wenn Richard bis zwölf Uhr nicht da wäre. »Was ist die Uhr?« fragte Hippias mit leiser Stimme. »Zeit für mich zu Bett zu sein,« brummte Hippias, als ob ihn alle Anwesenden schlecht behandelt hätten. Mrs. Berry kam herein, um Lucy zu sagen, daß sie oben nötig wäre. Sie stand ruhig auf. Sir Austin küßte sie auf die Stirne und sagte: »Es ist besser, wenn du nicht wieder herunterkommst, mein Kind.« Sie sah ihn fragend an. »Tue mir den Gefallen und ziehe dich für die Nacht zurück,« fügte er hinzu. Lucy reichte den andern die Hand und ging, von Mrs. Doria begleitet, hinaus. »Diese Aufregung wird dem Kinde schaden,« sagte er laut vor sich hin. Lady Blandish meinte: »Ich denke, sie hätte ebensogut wieder zurückkommen können. Sie wird doch nicht schlafen.« »Sie wird sich um des Kindes willen zusammennehmen.« »Sie verlangen zu viel von ihr.« »Von ihr nicht,« sagte er mit Nachdruck. Es schlug zwölf, als Hippias seine Uhr schloß und ärgerlich sagte: »Ich bin überzeugt, daß meine Blutzirkulation allmählich und beständig abnimmt.« »Bis du zu der Prae-Harvey-Periode zurückgekommen sein wirst!« murmelte Adrian und schrieb weiter. Sir Austin und Lady Blandish wußten, jede weitere Bemerkung würde dazu führen, daß er ihnen das Innere seiner Maschinerie enthüllte, deren äußerer Anblick schon quälend genug war: so hielten sie sich diskret zurück. In seinem traurigen Zustand nahm Hippias das als 649 schweigende Zustimmung und fuhr in seiner Verzweiflung fort. »Es ist Tatsache. Ihr habt es jetzt auch erkannt. Kein Mensch kann mäßiger leben, als ich, und doch wird es immer schlimmer. Mein System ist organisch gesund – glaube ich. Ich tue alles, was möglich ist und doch wird es schlimmer. Die Natur kann nie vergeben! Ich gehe zu Bett.« Der Dyspeptiker ging ungetröstet fort. Sir Austin nahm seines Bruders Gedanken auf. »Ich glaube, nur ein Wunder kann uns helfen, wenn wir sie beleidigt haben.« »Nur ein Quacksalber kann uns befriedigen,« sagte Adrian und versiegelte ein Couvert von amtlicher Größe. Ripton saß und klagte seine Seele der Feigheit an, während sie so sprachen. Lucys letzter Blick quälte ihn. Er nahm allen Mut zusammen und trat zu Adrian, der nach einigen geflüsterten Worten langsam aufstand und achselzuckend mit ihm aus dem Zimmer ging. Als sie gegangen waren, sagte Lady Blandish zu dem Baron: »Er kommt nicht.« »Morgen denn, wenn nicht heute Abend,« erwiderte er, »aber ich sage, er wird noch heute kommen.« »Sie wünschen wirklich, ihn mit seiner Frau vereint zu sehen?« Die Frage veranlaßte den Baron mißfällig die Augenbrauen in die Höhe zu ziehen. »Das können Sie fragen?« »Ich meinte nur,« sagte die wenig edelmütige Frau, »wird Ihr System keine weiteren Opfer von den beiden verlangen?« Als er schließlich antwortete, sagte er: »Ich halte sie in jeder Beziehung für eine hervorragende Person. Ich gestehe, ich hätte kaum hoffen können, eine zu finden, die ihr gleich käme.« 650 »Damit geben Sie auch zu, daß Ihre Wissenschaft nicht alles zustande bringen kann.« »Nein, es war anmaßend – über einen gewissen Punkt hinaus,« sagte der Baron und meinte etwas sehr Tiefes damit Lady Blandish sah ihn an. »Ach,« seufzte sie, »wenn wir doch unserer eignen Weisheit immer treu blieben!« »Sie sind sehr sonderbar heute abend, Emmeline.« Sir Austin hielt in seinem Auf- und Abschreiten inne und blieb vor ihr stehen. War sie nicht wirklich ungerecht? Hier war ein Sohn, der ihn beleidigt hatte und dem er freiwillig vergab. Hier war eine junge Frau von bescheidener Herkunft, die er freiwillig in seiner Familie aufnahm, und der er gestattete, die Rechte ihrer Stellung wahrzunehmen. Wer würde mehr getan haben – oder nur so viel? Diese Dame zum Beispiel würde, wenn sie in derselben Lage gewesen wäre, dagegen angekämpft haben. Alle Leute von Stellung, die er kannte, würden dagegen gekämpft haben, ohne dabei noch so besondere Gefühle zu haben wie er. Aber während der Baron so dachte, überlegte er nicht, was für eine besondere Erziehung sein Sohn erhalten hatte. Er stellte sich auf den gewöhnlichen Standpunkt der Väter und vergaß das System, sobald es seine Prüfung bestehen sollte. Daß er falsch gegen seinen Sohn gewesen wäre, konnte man nicht sagen, aber er war falsch gegen das System. Andere erkannten es deutlich, er aber mußte seine Lektion allmählich lernen. Lady Blandish sah ihn voll an; dann streckte sie die Hand auf den Tisch aus und sagte: »Nun, nun!« dabei spielte ihre Hand mit einem halb offnen Paket, das auf dem Tisch lag, und zog ein kleines Buch heraus, das sie erkannte: »Ha! was ist das!« sagte sie. 651 »Benson hat es heute morgen zurückgeschickt,« teilte er ihr mit. »Der dumme Mensch hatte es mitgenommen – aus Versehen, muß ich wohl annehmen.« Es war nichts anders als das alte Taschenbuch. Lady Blandish blätterte in den Seiten und kam auf spätere Eintragungen. Sie las: »Ein Verfasser von Sprichwörtern – was ist er anders, als ein beschränkter Kopf, dessen Aussprüche durch noch beschränktere verbreitet werden.« »Dem kann ich nicht zustimmen,« bemerkte sie. Er war nicht in der Stimmung zu disputieren. »War Ihre Demut geheuchelt, als Sie das schrieben?« Er sagte nur: »Überlegen Sie, welche Sorte von Leuten durch festgesetzte Aussprüche beeinflußt werden. Ein Sprichwort ist ein Haus, das auf dem halben Weg zu einer Idee liegt, so fasse ich es auf; und die Majorität bleibt zufrieden auf dem halben Wege stehen; kann der Besitzer des Hauses diese Gesellschaft sehr schmeichelhaft finden?« Sie fühlte, wie ihr weiblicher Verstand sich wieder unter seiner Herrschaft neigte. Es mußte Größe in einem Manne sein, der so von seiner eignen besondern und bewundernswerten Fähigkeit sprechen konnte. Weiterhin las sie: »Wer ist unter uns ein Feigling? – Derjenige, der über die Mängel der Menschheit spottet.« »Ach, das ist wahr! Wie ich das bewundere!« rief die dunkeläugige Dame und strahlte vor geistigem Entzücken. Noch ein Ausspruch schien sich direkt auf ihn zu beziehen. »Es gibt keinen traurigeren Anblick und keinen schlimmeren Widerspruch, als ein weiser Mann, der der Gewalt seines Gefühle ausgeliefert ist.« »Das muß er geschrieben haben,« dachte sie, »als er sich selbst ein Beispiel dafür war – was für ein seltsamer Mann er ist!« 652 Trotz ihrer Auflehnung war Lady Blandish noch bereit, sich zu unterwerfen. Sie war einmal schon beinahe besiegt gewesen, aber wenn sie besiegt worden war durch einen großen Geist, den sie verehrte, so konnte doch nur ein großer Charakter sie für die Dauer fesseln. Die Herbstblume blüht für die erhabenste Mannheit und wird zur rachsüchtigen Blume in geringeren Händen. Trotz alledem war es nur nötig, daß Sir Austin erfolgreich war, und die Treue dieser Dame war für immer sein. Die Prüfung stand nahe bevor. Sie sagte noch einmal: »Er kommt heute Abend nicht,« und der Baron, auf dessen Gesicht soeben ein nachdenklich freudiger Ausdruck erschien, erwiderte ruhig: »Er ist da.« Man hörte Richards Stimme in der Vorhalle. Das ganze Haus war in Aufregung bei der Rückkehr des jungen Erben. Berry, der jede Gelegenheit aufsuchte, die ihn in die Nähe seiner Bessy führte, nun, da ihre erzwungene Kälte ihren Wert erhöhte – »So ist der Mann!« sagte sich die gutmütige Frau – Berry kam zu ihr herauf und verkündete die Nachricht in feierlichem Ton und mit einschmeichelnder Gebärde. »Das ist das Beste, das du seit langer Zeit gesagt hast,« erwidert sie und läßt ihn stehen, ohne ihn zu belohnen, und eilt zu Lucy, um ihr die Segensnachricht zu bringen. »Der Himmel sei gepriesen!« damit trat sie in das Nebenzimmer, »nun werden wir doch noch alle glücklich werden. Die Männer sind wieder zu Verstand gekommen. Ich könnte Ihre heilige Jungfrau anrufen und Ihr Kreuz küssen, Sie Liebe!« »St,« ermahnt sie Lucy und summt leise über dem Kinde auf ihrem Schoß. Die winzigen, offenen Händchen, ganz verschlafen, ballten sich, die großen, blauen Augen schreckten auf, und zitternd mit klopfendem Herzen, hörend und doch durstend mehr zu hören, bedeckte die 653 junge Mutter den Kleinen mit ihren Locken und versuchte ruhig zu werden, und wiegte ihn hin und her und untersagte Mrs. Berry auch das leiseste Flüstern. Richard war da. Er war unter seines Vaters Dach, in dem alten Heim, das ihm so schnell fremd geworden war. Er war seiner Frau und seinem Kinde nahe. Er konnte sie beide in seine Arme schließen, und nun überfiel den jungen Mann die Fülle der Angst und der Wahnsinn seines Tuns: nun kostete er erst ganz das harte irdische Elend. Hatte Gott nicht zu ihm gesprochen im Sturm? Hatte ihn nicht eine Hand vom Himmel heimwärts gewiesen? Und er war gekommen; hier stand er nun: von allen Seiten hörte er Glückwünsche: der Becher des Glückes wurde ihm hingereicht, und er wurde gebeten, daraus zu trinken. Welches war nun der Traum? sein Werk für den morgigen Tag oder dieses? Hätte er nicht eine bleierne Last wie eine Kugel in seiner Brust gefühlt, so hätte er denken können: das Morgen und der Tod, der darin wartete, wären der Traum. Ja, er war wach. Nun erst klärte sich die Wolke der Phantasiegebilde: er sah sein wirkliches Leben und die Farben wahrer, menschlicher Freude: und morgen mußte er vielleicht seine Augen vor ihnen schließen. Jene bleierne Kugel zerstreute alles Unwirkliche. Sie standen um ihn herum in der Vorhalle, sein Vater, Lady Blandish, Mrs. Doria, Adrian, Ripton, Menschen, die ihn alle lange gekannt hatten. Sie schüttelten ihm die Hand, sie begrüßten ihn mit Worten, deren Wert und Bedeutung er früher nie erkannt hatte. Nun, da er es tat, wurde sie ihm zum Hohn. Da stand Mrs. Berry im Hintergrund und knixte, da war Martin Berry und verbeugte sich, da war Tom Bakewell und grinste. In mancher Beziehung war ihm der Anblick dieser Gesichter der liebste. 654 »Ach, meine alte Penelope!« sagte er und durchbrach den Kreis der Verwandten, um zu ihr zu gehen. »Tom! wie geht's dir?« »Gott segne Sie, Mr. Richard!« winselte Mrs. Berry und flüsterte dann strahlend, »jetzt ist alles in Ordnung. Sie ist oben zu Bett und wartet auf Sie, wie neugeboren.« Mrs. Doria war am aufgeregtesten. Sie hielt sich in seiner Nähe und forschte eifrig in seinem Gesicht und in jeder Bewegung, wie jemand, der an Masken gewöhnt ist. »Du bist blaß, Richard!« Er schützte seine Ermüdung vor. »Was hielt dich zurück, Lieber?« »Geschäfte,« sagte er. Sie zog ihn energisch von den andern fort. »Richard, ist es vorüber?« Er fragte, was sie meinte. »Das schreckliche Duell, Richard.« Er sah sie finster an. »Ist es schon gewesen? Ist es vorüber, Richard?« Da sie nicht sogleich eine Antwort erhielt, sprach sie weiter – ihre Aufregung war so groß, daß die Worte stoßweise aus ihrem Munde kamen. »Stelle dich nicht, als ob du nicht verstehst, Richard! Ist es vorüber? Willst du auch sterben, wie mein Kind gestorben ist? – wie Klara? Ist nicht einer in der Familie genug? Denk' an deine liebe, junge Frau – wir haben sie alle so lieb! – an das Kind! – deinen Vater! Willst du uns alle töten?« Mrs. Doria hatte zufälligerweise etwas von Riptons Mitteilungen an Adrian aufgefangen und hatte darauf weiter gebaut mit der starken Kraft einer geschlagenen Seele. Sehr erstaunt darüber, wie diese Frau es erraten haben konnte, sagte er ruhig: »Es ist alles arrangiert, die Angelegenheit, die du meinst.« »Wirklich? Ist das wahr, Lieber?« »Ja.« »Sage mir,« – aber er riß sich von ihr los und sagte: 655 »Du wirst morgen das Nähere darüber hören,« und sie ließ ihn gehen, da sie sich im Augenblick nicht den doppelten Sinn seiner Worte klar machte. Er hatte zwölf Stunden lang nichts gegessen und bat ihm etwas zu geben, aber er wollte nur trocknes Brot und Rotwein annehmen, was auf einem Teebrett nach dem Studierzimmer gebracht wurde. Ohne irgend welche Erregtheit zu zeigen, sagte er, daß er etwas essen müsse, ehe er die jüngste Hoffnung von Raynham sehen wollte. So saßen sie und er zerbrach das Brot und aß große Bissen, spülte sie mit Wein herunter und sprach, wovon die andern sprechen wollten. Sein Vater fühlte sich trotz seiner Weisheit Jahre hinter ihm zurück; er war so ganz verändert, er sprach überlegt, benahm sich wie ein Mann von dreißig. Er hatte in der Tat alle die Eigenschaften erlangt, die dazu nötig sind, um ein großes Elend zu verbergen. Aber mochten die Dinge liegen, wie sie wollten, jetzt war er hier. Einmal im Leben waren Sir Austins Aussichten in die Zukunft durch eine Nacht begrenzt. »Willst du jetzt zu deiner Frau gehen?« hatte er gefragt, und Richard hatte in wunderbar gleichgültigem Ton geantwortet. Der Baron hielt es für besser, daß sie bei diesem Wiedersehen allein sein sollten, und hatte Lucy sagen lassen, sie möchte oben bleiben. Die andern fühlten, daß man Vater und Sohn jetzt allein lassen müßte. Adrian trat zu Richard und sagte: »Ich kann diesen peinvollen Anblick nicht länger ertragen, du Hungerprinz! Du magst dich selbst in dem Glauben betrügen, daß du jetzt eine Mahlzeit einnimmst, aber verlaß dich darauf, deine Nachkommenschaft – und sie droht zahlreich zu werden – wird sich gegen dich erheben und diesen Tag bitter beklagen. Die Natur vergibt niemals. Ein verlornes Mittagessen kann nie wieder ersetzt werden! Gute Nacht, 656 mein lieber Junge. Und hier – tue mir den Gefallen und nimm dies von mir an,« er reichte Richard das große Kuvert, das die Bogen enthielt, die er an dem Abend beschrieben hatte. »Ein Beglaubigungsschreiben,« rief er in humoristischem Ton und schlug Richard auf die Schulter. Ripton hörte noch die Worte: »Fortpflanzer – Art,« hatte aber keine Ahnung, was sie bedeuten sollten. Der Blick des weisen Jünglings sagte: »Du siehst, wir haben hier alles für dich in Ordnung gebracht,« und er verließ das Zimmer mit diesem ungewöhnlichen Schimmer von Ernsthaftigkeit. Richard reichte ihm und Ripton die Hand. Dann sagte Lady Blandish Gute Nacht und lobte Lucy und versprach für beider Glück zu beten. Die beiden Männer, die wußten, was über ihm schwebte, sprachen noch draußen zusammen. Ripton wollte eine bestimmte Versicherung erlangen, daß das Duell nicht ausgefochten werden würde, aber Adrian sagte: »Das ist morgen Zeit genug. Er ist sicher, so lange er hier ist. Morgen werde ich der Sache ein Ende machen,« und darauf scherzte er mit Ripton und machte Anspielungen auf seine Abenteuer mit Miß Random, welche, wie Adrian meinte, zu mancherlei ähnlichen Verwicklungen geführt haben müßten. Richard war ja nun da, und so lange er da war, mußte er außer Gefahr sein; so dachte Ripton und ging zu Bett. Mrs. Doria überlegte ebenso und hielt ihn ebenso für außer Gefahr, so lange er da war. Dieses eine Mal in ihrem Leben dachte sie, es wäre besser, sich nicht auf ihren Instinkt zu verlassen, da sie fürchtete, unnütze Störungen zu erregen, wo Frieden herrschen sollte. So sagte sie ihrem Bruder keine Silbe von ihren Befürchtungen. Sie sah nur tiefer in Richards Augen, als sie ihn küßte und lobend über Lucy sprach. »Ich habe in ihr eine zweite Tochter gefunden, Lieber! Ach, wenn ihr beide doch glücklich würdet!« 657 Jetzt wurde Lucy von allen gelobt. Sein Vater fing sofort davon an, sobald sie allein waren. »Die arme Helen! Deine Frau ist ein großer Trost für sie gewesen, Richard. Ohne sie wäre Helen, glaube ich, ganz in ihren Schmerz versunken. Ein solch liebliches, junges Wesen, das solch geistige Fähigkeiten besitzt und ein solches Gefühl für ihre Pflichten, habe ich nie vorher angetroffen.« Er wünschte durch diese Lobeserhebungen über Lucy seinem Sohne eine Genugtuung zu geben, und noch vor wenigen Stunden hätte er damit Erfolg gehabt. Nun hatte es die entgegengesetzte Wirkung. »Du beglückwünscht mich zu meiner Wahl, Vater?« Richard sprach ruhig, aber die Ironie in seinen Worten war bemerkbar; er konnte nicht anders sprechen, die Bitterkeit seines Herzens war zu groß. »Ich halte dich für sehr glücklich,« sagte sein Vater. Bei seiner großen Empfindlichkeit für Ton und Wesen erstarrte seine Aufwallung väterlicher Gefühle. Richard kam ihm nicht entgegen. Er lehnte gegen den Kamin, blickte auf den Boden und hob die Augen nur, wenn er sprach. Glücklich! sehr glücklich! Er durchdachte die letzte Zeit seines Lebens, er erinnerte sich, wie klar er es erkannt hatte, daß sein Vater Lucy lieben müßte, wenn er sie nur erst sähe, er erinnerte sich an seine Bemühungen, sie dazu zu bewegen mit ihm zu kommen, und ein scharfer, elender Zorn umdüsterte sein Gehirn. Aber konnte er dieses sanfte Herz tadeln? Wen sollte er tadeln? Sich selbst? Nicht allein. Seinen Vater? Ja und nein. Die Schuld lag hier und lag dort, sie war überall und nirgends, und der junge Mann warf sie auf das Schicksal und zürnte mit dem Himmel und wurde unruhig. »Richard,« sagte sein Vater und trat dicht an ihn heran, »es ist spät heute abend. Ich möchte nicht, daß Lucy noch länger in Erwartung bleibt, oder ich hätte mich 658 vollständig mit dir ausgesprochen, und ich glaube – oder ich hoffe es wenigstens, du würdest mir recht gegeben haben. Ich hatte Ursache zu glauben, daß du nicht nur mein Vertrauen verletzt, sondern mich gröblich betrogen hattest. Es war nicht so, jetzt weiß ich es. Ich hatte mich geirrt. Ein großer Teil unseres Mißverständnisses wurde dadurch hervorgerufen. Aber du warst verheiratet – warst noch ein Knabe: du wußtest nichts von der Welt, wenig von dir selbst. Um dich für dein späteres Leben zu retten, – denn es gibt eine Zeit, wenn reife Männer und Frauen, die jung geheiratet haben, der Versuchung stärker zuneigen, als in der Jugend – obgleich sie ihr nicht so ausgesetzt sind – um dich davor zu retten, bestimmte ich, daß du Selbstverleugnung kennen lernen solltest und auch etwas von deinen Mitmenschen beiderlei Geschlechtes, ehe du dich in einem Verhältnis festsetztest, das sonst hätte gefährlich werden können, wie vortrefflich die Frau auch sein mochte, die deine Gefährtin war. Mein Erziehungssystem für dich würde ohne dies mangelhaft gewesen sein, und du würdest die Wirkung davon empfunden haben. Das ist nun vorüber. Du bist ein Mann. Die Gefahren, denen deine Natur zugänglich war, sind, wie ich hoffe, jetzt zu Ende. Ich wünsche, daß du glücklich wirst, und ich gebe euch beiden meinen Segen und bete zu Gott, daß er euch beide führen und stärken möge.« Es kam Sir Austin nicht in den Sinn, daß seine Worte nicht aufrichtig sein könnten. Aber, ob sie nun wahr waren oder nicht, für seinen Sohn waren sie wertlos. Was er von überwundener Gefahr und von Glück sagte, klang ihm wie Hohn. Kalt nahm Richard die ausgestreckte Hand seines Vaters. »Wir wollen zu ihr gehen,« sagte der Baron, »vor ihrer Türe will ich dich verlassen!« 659 Ohne sich zu rühren, seinen Vater fest anschauend, mit einem harten Ausdruck in seinem Gesicht, das sich dunkler färbte, sagte Richard: »Darf ein Gatte, der seiner Frau untreu geworden ist, zu ihr gehen, Vater?« Es war schrecklich, es war grausam, Richard wußte es. Er bedurfte keines Rates in dieser Sache, da sein Entschluß vollständig gefaßt war. Gestern noch würde er auf seinen Vater gehört und sich allein angeklagt haben, und getan haben, was getan werden mußte, demütig vor Gott und vor ihr: jetzt in der Rücksichtslosigkeit seines Elends hatte er ebensowenig Mitleid mit irgend einem andern wie mit sich selbst. Sir Austins Augenbrauen waren finster zusammengezogen. »Was sagtest du, Richard?« Sein Verstand hatte es klar aufgefaßt, aber das – das Schlimmste, was er hören konnte, – dies, was er einst gefürchtet und bezweifelt, und worüber er sich wieder beruhigt hatte, und was er abgetan glaubte – konnte das sein? Richard sagte: »Ich habe dir alles schon gesagt, nur nicht in denselben Worten, als wir uns trennten. Was sonst, denkst du, hätte mich von ihr fern halten können?« Durch sein gefühlloses Wesen aufgebracht, rief sein Vater: »Was bringt dich denn jetzt zu ihr zurück?« »Das bleibt zwischen uns beiden,« war die Antwort. Sir Austin sank in seinen Stuhl. Nachdenken war unmöglich. Er sprach mit zornigem Herzen: »Du wirst es nicht wagen, sie zu dir zu nehmen, ohne –« »Nein, Vater,« unterbrach ihn Richard, »das werde ich nicht. Fürchte nichts.« »Du liebtest also deine Frau nicht?« »Ob ich sie liebte?« ein schwaches Lächeln glitt über Richards Antlitz. 660 »War dir denn diese – diese andere Person so lieb?« »So lieb? Wenn du mich fragst, ob ich auch nur eine Neigung für sie empfand, dann kann ich dir sagen: keine.« Ach, niedrig menschliche Natur! Dann wie? Dann warum? Tausend Fragen standen auf in dem Gemüt des Barons. Bessy Berry hätte sie beantworten können, jede einzelne. »Armes Kind! armes Kind!« redete er Lucy in Gedanken an und schritt auf und ab in dem Zimmer. Als er an sie dachte und an ihre tiefe Liebe zu ihrem Sohne – ihr treu vergebendes Herz – schien es ihm, als wenn ihr dieses Elend erspart werden müßte. Er schlug Richard vor, sie zu schonen. Ungeheuer groß wäre der Unterschied zwischen Männern und Frauen in dieser einen Sünde, sagte er und unterstützte seine Ansicht mit Zitaten aus der Medizin und Moral. Er ließ sich von seiner Beweisführung so weit bringen, daß man, wenn man ihn hörte, hätte denken können, er achtete diese Sünde bei Männern in der Tat nur gering. Seine Worte waren überflüssig. »Sie muß es erfahren,« sagte Richard finster. »Ich werde jetzt zu ihr gehen, Vater, wenn du erlaubst.« Sir Austin hielt ihn zurück, beschwor ihn, widersprach sich selbst, brachte alle seine Grundsätze durcheinander, ließ alle seine Theorien unsinnig erscheinen. Er konnte seinen Sohn nicht dazu bewegen, in seinem Entschluß schwankend zu werden. Schließlich, nachdem sie sich Gute Nacht gesagt hatten, erkannte er, daß das Glück von Raynham von Lucys Gnade abhinge. Er hatte keine Furcht vor ihrem sanften Herzen, aber es war sonderbar, daß es dahin hatte kommen müssen. Wen sollte er anklagen – die Wissenschaft oder die menschliche Natur? Er blieb in dem Studierzimmer zurück und sann nach über diese Frage, zuweilen empfand er Verachtung gegen 661 seinen Sohn, und dann wieder ergriff ihn ein ungewohnter Zweifel an seiner eignen Weisheit: er war sehr beunruhigt und sehr bemitleidenswert, selbst wenn er von seinem Sohne den Schlag verdient hatte, der ihn in solches Elend stieß. Richard ging direkt zu Tom Bakewell, weckte ihn aus tiefem Schlaf und sagte ihm, daß er sein Pferd satteln und ihn in einer Stunde an dem östlichen Parkgitter erwarten sollte. Tom konnte sich einzig und allein dem Heldentum nähern, wenn er seinem Herrn ein treuer Sklave war, und indem er das war, handelte er nach seiner Auffassung von dieser hohen und ruhmreichen Menschenart. Er stand auf und steckte seinen Kopf heroisch in kaltes Wasser. »Das Pferd wird fertig sein, Herr,« sagte er. »Tom, wenn du mich nicht mehr hier in Raynham sehen solltest, wird dir dein Geld weiter ausgezahlt werden.« »Ich möcht' lieber den gnäd'gen Herrn sehen, als das Geld,« sagte Tom. »Und du wirst immer aufpassen und sehen, daß ihr kein Leid geschieht, Tom?« »Mrs. Richard, Herr?« Tom schreckte auf. »Gott helfe mir, Mr. Richard –« »Keine weiteren Fragen, du wirst tun, was ich sage.« »Ja, Herr, das werd' ich. Tat es auf der Insel Wight.« Schon allein der Name der Insel erregte Richards Blut und er mußte auf und ab gehen, ehe er an Lucys Tür klopfen konnte. Jene schändliche Verschwörung, der er seine Erniedrigung und sein Elend verdankte, machte es ihm, wenn er daran dachte, kaum noch möglich, menschlich zu fühlen. Die sanfte geliebte Stimme antwortete auf sein 662 Klopfen. Er öffnete die Tür und stand vor ihr. Lucy war ihm auf halbem Wege entgegengekommen. In dem Augenblick, der verstrich, ehe sie in seinen Armen war, hatte er Zeit zu erkennen, wie sie sich verändert hatte. Er hatte eine mädchenhafte Gestalt verlassen, er sah eine Frau, eine blühende Frau – denn wenn sie auch zuerst blaß war, sobald sie ihn erblickte, überzog tiefe, warme Farbe ihr Antlitz und ihren Hals und ihren Busen, der halb durch das lose Morgengewand durchschien, und das Gefühl ihrer großen Schönheit ließ sein Herz heftiger schlagen und alles vor seinen Augen verschwimmen. »Mein Liebling,« riefen sie beide und klammerten sich aneinander und ihr Mund preßte sich fest auf den seinen. Sie sprachen nichts weiter. Seine Seele versank in ihrem Kuß. Er stützte sie, da ihre Kraft sie zu verlassen drohte, und neigte sich, beinahe ebenso schwach wie sie über sie und preßte sie fester und immer fester an sich, bis sie wie ein Körper waren, und während ihr Kuß alles Erinnern auslöschte, genoß er frei den Segen ihrer Umarmung. So viel gewährte ihm der Himmel. Er führte sie zu einem Stuhl und kniete zu ihren Füßen, mit beiden Armen sie umschlingend. Ihre Brust hob sich, ihre Augen ließen nicht von ihm, ihr Strahl erschien wie das Licht auf einer wogenden Welle. Dieses junge Geschöpf, das gewöhnlich so freimütig und natürlich war, verging vor Schüchternheit in den Armen ihres Gatten, eine frauenhafte Schüchternheit in dem Strom frauenhafter Liebe, zehnmal verführerischer als die Schüchternheit des Mädchens. Unendlich viel schrecklicher und schwerer schien der Verlust jetzt, als von ferne – fern an dem Horizont der Erinnerung – die schreckliche Wirklichkeit wieder vor ihm auftauchte. Sie verlieren? dieses verlieren? Er sah aus, als ob Gott es bestätigen sollte. Dieselben süßen blauen Augen! die Augen, die er so 663 oft gesehen hatte in dem dahinsterbenden Glanz des Abends; auf ihm weilten sie, unruhig, zitternd und glänzend, aber treu; ihr Strahl, wie das Licht auf einer wogenden Welle. Und ihm treu! treu, gut, glänzend wie die Engel des Himmels. Und sein war sie! eine Frau – seine Frau! Die Versuchung, sie in seine Arme zu nehmen und zu schweigen, war übermächtig: der Wunsch, an ihrem Herzen zu sterben, so stark, daß seine ganze Lebenskraft danach strebte. Noch einmal zog er sie an sich, aber dieses Mal tat er es, wie ein Räuber einen kostbaren Schatz ergreift – frohlockend, aller Welt zum Trotz. Nur einen Augenblick. Lucy, deren reine Zärtlichkeit jetzt die erste wilde Leidenschaft des Wiedersehens überwunden hatte, beugte ihren Kopf aus seiner Umarmung zurück und flüsterte beinahe stimmlos, während ihre Augenlider bebten: »Komm und sieh ihn – den Kleinen!« und dann in freudiger Hoffnung auf das Glück, das sie ihrem Gatten geben und mit ihm teilen wollte, und zitternd und zweifelnd, wie er dabei fühlen würde, errötete sie und ihre Augenbrauen zogen sich zusammen und sie versuchte das Gefühl des Fremdseins abzuwerfen, das ein Jahr der Trennung, der Mißverständnisse und der Ungewißheit ihr gebracht hatte. »Liebster! Komm und sieh ihn. Hier ist er.« Sie sprach deutlicher jetzt, wenn auch nicht lauter. Richard hatte sie losgelassen, und sie nahm seine Hand und er ließ sich von ihr auf die andere Seite des Bettes führen. Sein Herz fing an heftig zu schlagen bei dem Anblick des kleinen Bettchens, das mit rosigen Vorhängen und weißen Spitzen gleich milchweißen Sonnenwolken bedeckt war. Es dünkte ihm, als müsse er seine ganze Manneskraft verlieren, wenn er in das Antlitz des Kindes sähe. 664 »Halt an!« rief er plötzlich. Lucy wandte sich zuerst zu ihm und dann zu dem Kinde, da sie fürchtete, daß es aufgestört worden wäre. »Lucy, komm zurück!« »Was ist dir, Liebster?« sagte sie, beunruhigt durch den Ton seiner Stimme und den Druck, den er, ohne es zu wissen, ihrer Hand gegeben hatte. Ach, Gott! wie schwer war die Prüfung! daß er morgen dem Tod ins Auge blicken und von seiner Geliebten fortgerissen werden mußte – von seinem Weib und seinem Kind; und daß, ehe er fortging, ehe er es wagen durfte sein Kind zu sehen und sein Haupt reuevoll an der Brust seiner jungen Frau ruhen zu lassen – zum letzten Male vielleicht – er ihr Herz durchbohren und das Bild zertrümmern mußte, das sie sich von ihm gemacht hatte. »Lucy!« Sie sah, wie er sich in Qualen wand, und ihr Gesicht wurde bleich wie seines – sie beugte sich zu ihm, um mit ganzer Seele nur zu hören. Er hielt ihre beiden Hände, damit sie ihn ansehen und die schreckliche Wunde nicht schonen sollte, die er jetzt ihren Augen bloß legen mußte. »Lucy! Weißt du, warum ich heute nacht zu dir gekommen bin?« Sie bewegte ihre Lippen und wiederholte seine Worte. »Lucy, hast du es erraten, weshalb ich nicht früher gekommen bin?« Sie schüttelte das Haupt mit weit offnen Augen. »Lucy! ich kam nicht, weil ich meiner Frau nicht wert war! Verstehst du mich?« »Liebster,« ihre Stimme zitterte klagend und sie hing sich zusammengekauert an ihn, »was habe ich getan, daß du mir so gezürnt hast?« »Ach, du Geliebte!« rief er und die Tränen stürzten 665 ihm aus den Augen. »Ach, du Geliebte!« war alles, was er sagen konnte, während er ihre Hände mit leidenschaftlichen Küssen bedeckte. Sie wartete, beruhigt, aber voller Angst. »Lucy, ich blieb fern von dir – ich konnte nicht zu dir kommen, weil . . . Ich wagte nicht zu dir zu kommen, mein Weib, meine Geliebte! Ich konnte nicht kommen, weil ich ein Feigling war: weil – höre mich – das war der Grund: ich habe mein Ehegelübde gebrochen.« Wieder bewegten sich ihre Lippen. Sie versuchte den unklaren, körperlosen Sinn zu fassen. »Aber du liebst mich, Richard? Mein Gatte, du liebst mich?« »Ja! Ich habe niemals eine andere Frau geliebt und werde niemals eine andre lieben, außer dir!« »Geliebter! Küsse mich!« »Hast du verstanden, was ich dir gesagt habe?« »Küsse mich.« Er berührte nicht ihre Lippen. »Ich bin heute nacht zu dir gekommen, um deine Vergebung zu erflehen.« Ihre Antwort war: »Küsse mich.« »Kannst du einem so schlechten Manne verzeihen?« »Aber du liebst mich ja, Richard?« »Ja! das kann ich vor Gott beschwören. Ich liebe dich, und ich habe dich verraten und ich bin deiner nicht wert – nicht wert deine Hand zu berühren, zu deinen Füßen zu knien, dieselbe Luft mit dir zu atmen.« Ihre Augen strahlten. »Du liebst mich! du liebst mich, Geliebter!« und wie jemand, der durch die Finsternis der Furcht gesegelt ist und das Tageslicht erreicht hat, sagte sie: »Mein Gatte! mein Geliebter! du wirst mich nie mehr verlassen? wir werden uns nie mehr trennen?« Er atmete schwer. Um die Unruhe aus ihrem Antlitz zu verscheuchen, in dem ein neues Gefühl der Furcht aufstieg, berührte er ihren Mund. Dieser Kuß, in dem sie 666 aussprach, was ihre Seele zu sagen hatte, beruhigte sie, und sie lächelte glücklich danach und erinnerte ihn in ihrem Wesen an seinen ersten Eindruck von ihr, an dem Sommermorgen in dem Felde voller Wiesenspiräa. Er hielt sie an sich gepreßt und dann dachte er an ein heiligeres Bild: an Mutter und Kind: an die süßen Wunder des Lebens, die sie ihm enthüllt hatte. Hatte er nicht sein Gewissen freigesprochen? Wenigstens glaubte er, daß die Schmerzen, die noch auf ihn warteten, ihm das Recht gaben, so zu denken. Jetzt folgte er ihrer führenden Hand. Lucy flüsterte: »Du mußt ihn nicht stören – du mußt ihn nicht berühren, Lieber!« und behutsam zog sie die Decke von der kleinen Schulter. Ein Arm des Kindes lag auf dem Kissen, die kleine Hand war offen. Sein Kindermund war wie schmollend aufgeworfen, die dunkeln Augenwimpern lagen auf den vollen Wangen; Richard bückte sich tiefer zu ihm nieder, begierig nach einer Bewegung spähend, zum Zeichen, daß er lebte. Lucy flüsterte: »Er schläft wie du, Richard – einen Arm unter dem Kopf.« O, großes Wunder! die Regung einer alles umfassenden Zärtlichkeit war in Richard. Er atmete schnell und leise, und beugte sich tiefer nieder, bis Lucys Locken, da sie sich an ihn geschmiegt hatte und sich mit ihm neigte, über die rosa Polsterung des Bettchens fielen. Ein Lächeln glitt über die runden Wangen; der kleine knospende Mund war in lebhafter Bewegung. Die junge Mutter flüsterte errötend: »Er träumt von mir,« und die einfachen Worte ließen Richard besser erkennen als seine Augen, was das bedeutete. Dann fing Lucy an in leiser Kindersprache zu summen, und die kleinen Finger bewegten sich und es schien, als wenn der Kleine seine behagliche Stellung ändern wollte, es sich aber mit einem friedlichen, kleinen Seufzer anders überlegte und es noch aufschöbe. Lucy flüsterte: »Er ist 667 solch ein großer Bursche. Ach, wenn du ihn wach sehen wirst, er ist dir so ähnlich, Richard.« Er hörte nicht gleich, was sie sagte: es schien, als ob ein Stück Himmel hier in seinem Ebenbilde herabgefallen wäre: je menschlicher das Vorhandensein des Kindes ihm wurde, desto himmlischer erschien es ihm. Sein Sohn! Sein Kind! würde er ihn jemals wach sehen? Bei diesem Gedanken faßte er die Worte auf, die Lucy vorher gesprochen, und schreckte aus seinem Traume auf: »Wird er bald aufwachen, Lucy?« »Ach, nein! noch nicht, Lieber, noch mehrere Stunden nicht. Ich wollte ihn für dich wach halten, aber er war so schläfrig.« Richard trat von dem Bettchen zurück. Er fühlte, daß wenn er die Augen seines Knaben sehen und ihn einmal an sein Herz drücken würde, er nicht die Kraft haben würde, ihn je wieder zu verlassen. Dann sah er noch einmal auf ihn nieder und kämpfte wieder, um sich von ihm loszureißen. Zwei Seelen kämpften in seiner Brust, oder vielleicht dauerte der Kampf zwischen Gott und Teufel noch immer fort. Er war gekommen, um sein Kind zu sehen und mit seiner Frau Frieden zu machen, ehe es zu spät war. Durfte er nicht bei ihnen bleiben? Durfte er nicht jene teuflische Verpflichtung von sich weisen? Wurde ihm nicht hier ein himmlisches Glück geboten? – Wenn der törichte Ripton es nicht aufgeschoben hätte, ihm von seiner Unterredung mit Mountfalcon zu erzählen, hätte alles gut werden können. Aber der Stolz sagte, es wäre unmöglich. Und die Beleidigung tauchte wieder vor ihm auf. Denn warum mußte er so erniedrigt und so befleckt vor seiner Geliebten erscheinen? Eine tolle Freude verdunkelte von neuem sein Gehirn in der Aussicht, Rache nehmen zu können an dem Schurken, der ihm diese Falle gestellt hatte. Wenn er bliebe, könnte er das 668 nicht. So kam er zum Entschluß und schob die Schuld auf das Schicksal. Der Kampf war vorüber, aber ach, der Schmerz! Lucy sah, wie heiße Tränen über sein Antlitz strömten und auf das Bettchen des Kindes fielen. Sie staunte über ein solches Übermaß der Empfindung. Aber als seine Brust sich hob und ein furchtbar tödlicher Schmerz ihn ergriffen zu haben schien, sank ihr Herz und sie versuchte ihn in ihre Arme zu schließen. Er wandte sich von ihr fort und trat zum Fenster. Der Halbmond schien über dem See. »Sieh!« sagte er, »erinnerst du dich, wie wir dort ruderten an einem Abend und den Schatten der Zypressen sahen? Ich wünschte, ich hätte heute abend früher kommen können, und wir hätten rudern können und ich hätte dich noch einmal singen hören.« »Liebster,« sagte sie, »würde es dich glücklich machen, wenn ich jetzt mit dir ginge? Ich bin bereit.« »Nein, Lucy, Lucy, du bist tapfer!« »Ach, nein! ich bin es nicht. Früher dachte ich, ich wäre es. Ich weiß jetzt, daß ich es nicht bin.« »Ja! gelebt zu haben – mit dem Kinde an deinem Herzen – und niemals eine Klage geäußert zu haben! – Du bist tapfer. Ach, meine Lucy! mein Weib! du, die du mich zum Manne gemacht hast! Ich habe dich feige genannt. Ich erinnere mich. Ich war der Feigling – ich, der elende eitle Narr! Geliebte! ich werde dich jetzt verlassen. Du bist tapfer und du wirst es ertragen. Höre: in zwei oder drei Tagen kann ich vielleicht zurück sein – zurück sein, um zu bleiben, wenn du mich aufnehmen willst. Versprich mir ruhig zu Bett zu gehen. Küsse das Kind von mir und erzähle ihm, daß sein Vater ihn gesehen hat. Er wird bald sprechen lernen. Wird er bald sprechen, Lucy?« 669 Ein schrecklicher Verdacht machte sie sprachlos, sie konnte nur mit beiden Händen seinen Arm fest umklammern. »Du willst gehen?« stieß sie dann hervor. »Für zwei oder drei Tage. Nicht länger – hoffe ich.« »Heut abend?« »Ja. Jetzt!« »Jetzt gehen? mein Gatte!« ihre Kräfte verließen sie. »Du wirst tapfer sein, meine Lucy!« »Richard! Mein geliebter Mann! Du willst gehen? Was führt dich von mir fort?« Aber sie fragte nicht weiter, sie fiel auf ihre Knie und bat in Mitleid erregenden Tönen, er möchte doch bleiben – möchte sie nicht verlassen. Dann zog sie ihn zu dem kleinen Schläfer und bat ihn an seiner Seite zu beten, und das tat er, stand aber plötzlich, mitten aus dem Gebete, auf und nachdem er wenige halbgebrochene Laute gemurmelt hatte – sie betete mit scharf angespannten Nerven, betete in dem Glauben, daß das, was sie zu der vermittelnden Mutter Gottes da oben sagte, ihn fester halten würde, als menschliche Hände. Auch konnte er nicht gehen, so lange sie so kniete. Und er schwankte. Er hatte nicht mit ihrem schrecklichen Leid gerechnet. Sie trat zu ihm, ganz ruhig. »Ich wußte, du würdest bleiben.« Und seine Hand fassend und sie in ihrer unschuldigen Weise liebkosend, sagte sie: »Bin ich denn so anders geworden, als die, die du einstmals lieb hattest? Du wirst mich doch nicht verlassen, Lieber?« Aber die Angst kehrte wieder zurück und ihre Lippen zitterten, als sie sprach. Er war beinahe besiegt durch ihre liebliche Weiblichkeit. Sie zog seine Hand an ihr Herz und preßte sie an ihre Brust: »Komm, ruhe an meinem Herzen,« flüsterte sie mit einem heilig süßen Lächeln. Er schwankte noch stärker und neigte sich über sie, aber die ganze Kraft der Hölle zusammenrufend, küßte er sie 670 plötzlich, rief ein Abschiedswort und eilte zur Türe. In einem Augenblick war alles vorüber. Sie rief seinen Namen, klammerte sich wild an ihn, aber er flehte sie an tapfer zu sein, denn er wäre entehrt, wenn er nicht ginge. Dann schüttelte er sie von sich ab. Mrs. Berry wurde durch ein ungewöhnlich langes, klagendes Weinen des Kindes aufgeweckt, welches zeigte, daß niemand es tröstete, und da sie auf ihre Frage, ob sie eintreten dürfte, keine Antwort erhielt, war sie kühn genug, unaufgefordert einzutreten. Da sah sie Lucy mit dem Kinde auf ihrem Schoß auf dem Fußboden sitzen, bewußtlos: – sie hatte es aus dem Schlaf genommen und hatte versucht, mit ihm ihrem Manne zu folgen, als ihr stärkstes Mittel ihn zu bezwingen, und war ohnmächtig zusammengebrochen. »Ach Gott! Ach Gott!« stöhnte Mrs. Berry, »und grade wo ich denke, daß sie so glücklich sind!« Sie wärmte und liebkoste das Kind, und allmählich gelang es ihr auch, Lucy wieder zum Bewußtsein zu bringen, und da hörte sie, was sie in diese Lage gebracht hatte. »Gehen Sie zu seinem Vater,« sagte Mrs. Berry. »Ja, ja, ja, mein Kleinchen, mein Süßerchen! Gehen Sie, meine Liebe, und alle Pferde aus Raynham müssen hinter ihm her. Dahin bringen uns die Männer! Ja, ja, ja, mein Kleiner! Oder Sie nehmen das goldene Kleine und ich gehe.« Der Baron klopfte selbst an die Türe. »Was bedeutet das?« sagte er. »Ich hörte ein Geräusch und einen Schritt die Treppe hinabgehen.« »Mr. Richard ist fort, Sir Austin! Ist von seiner Frau und seinem Kinde fortgegangen. Eia – popeia – Ach, du meine Güte, was für Kummer ist über uns gekommen!« und Mrs. Berry weinte und sang dem Kinde vor und der Kleine schrie heftig und Lucy schluchzte und 671 nahm ihn auf den Arm und sang ihm vor mit einem bittern Zug um die Lippen, und ihre Tränen strömten auf ihn herab. Und wenn der wissenschaftlich gebildete Menschenkenner bis zu seinem Todestage den Anblick dieser beiden treuen Frauen vergessen kann, wie sie mit ihren elenden Herzen trällerten, um das Kind zu beruhigen, dann kann nur sehr wenig Menschliches in ihm sein. Kein Schlaf herrschte länger in Raynham in jener Nacht.   Fünfundvierzigstes Kapitel. Lady Blandish an Austin Wentworth. Seine Prüfung ist vorüber. Ich komme eben aus seinem Zimmer und habe gesehen, wie er das Schlimmste trägt, das ihn treffen konnte. Kommen Sie sofort zurück – er hat nach Ihnen verlangt. Es ist mir kaum möglich, lesbar zu schreiben, aber ich will Ihnen erzählen, was wir wissen. »Zwei Tage nach der furchtbaren Nacht, in der er uns verließ, erhielt sein Vater eine Nachricht von Ralph Morton. Richard hatte in Frankreich ein Duell gehabt mit Lord Mountfalcon und lag verwundet in einem Dorf an der Küste. Sein Vater machte sich sofort auf mit der armen Frau, und ich folgte mit seiner Tante und dem Kinde. Die Wunde war nicht gefährlich. Er hatte einen Schuß in die Seite bekommen, die Kugel hatte aber keinen edlen Teil verletzt. Wir dachten, alles würde gut gehen. Ach! was für einen Ekel empfinde ich vor allen Theorien und Systemen und der Anmaßung der Menschen! Da lag sein Sohn, beinahe tot, und der Mann war noch nicht 672 überzeugt von der Torheit, deren er sich schuldig gemacht hatte. Ich werde kaum den Anblick seiner Fassung ertragen. Ich werde das Wort ›Wissenschaft‹ hassen, bis ich sterbe. Lassen Sie nur noch alltägliche, anspruchslose Leute in meine Nähe kommen. »Wir fanden sie in einem elenden, französischen Wirtshaus, mit fürchterlichen Gerüchen, wo wir noch sind, und die Leute versuchen es, so gut sie können, uns durch ihre Freundlichkeit für den Mangel an Komfort zu entschädigen. Die französischen armen Leute sind sehr rücksichtsvoll, wo sie Leiden sehen. Das muß ich von ihnen sagen. Die Ärzte hatten seiner armen Lucy nicht erlaubt, zu ihm zu gehen. Sie saß vor seiner Türe und keiner von uns wagte sie zu stören. Das war ein Anblick für die Wissenschaft! Sein Vater und ich und Mrs. Berry waren die einzigen, denen es gestattet wurde, ihn zu pflegen, und jedesmal, wenn wir herauskamen, saß sie da und sprach kein Wort – denn man hatte ihr gesagt, das könnte sein Leben gefährden – aber ihre Blicke drückten eine solche schreckliche Angst aus. Sie hatte solche Augen, wie, ich glaube, wahnsinnige Personen sie haben. Ich war überzeugt davon, daß sie nahe daran war, den Verstand zu verlieren. Wir taten alles, was wir konnten, um sie zu trösten. Ein Bett wurde dort für sie gemacht und ihre Mahlzeiten wurden ihr dorthin getragen. Man konnte sie natürlich nicht zum Essen bewegen. Was glauben Sie wohl, daß ihn am meisten beunruhigte? Er brachte es wirklich fertig, zu mir zu sagen – aber es ist mir nicht möglich, seine Worte zu wiederholen. Er meinte, sie wäre zu tadeln, daß sie sich nicht zusammennähme, um ihrer mütterlichen Pflichten willen. Er dachte wirklich daran, sie zu zwingen, daß sie eine Anstrengung mache, das Kind zu nähren. Ich werde diese Mrs. Berry lieben bis zum Ende meiner Tage. Ich glaube, sie hat zweimal soviel 673 Verstand, wie irgend einer von uns – trotz Wissenschaft und allem. Sie fragte ihn gradezu, ob er wünschte, das Kind zu vergiften, und da gab er nach, obgleich auf sehr wenig liebenswürdige Art. »Der arme Mann! vielleicht bin ich zu hart gegen ihn. Ich entsinne mich, daß Sie sagten, Richard hätte unrecht getan. Ja, gut, das mag sein. Aber sein Vater löschte sein Unrecht durch ein noch größeres Unrecht aus – durch ein Verbrechen, oder etwas, das ebenso schlimm war; wenn er sich durch den Glauben täuschte, daß er recht handelte, indem er Mann und Frau trennte, und seinen Sohn so der Gefahr aussetzte, wie er es getan hat, dann kann ich nur sagen, es gibt Leute, die schlimmer sind, als diejenigen, die mit Überlegung Verbrechen begehen. Die Wissenschaft wird zweifellos Nutzen daraus ziehen. Man tötet ja auch kleine Tiere um der Wissenschaft willen. »Dr. Bairam ist bei uns und ein französischer Arzt aus Dieppe. Er war es, der uns darauf aufmerksam machte, wo die wirkliche Gefahr lag. Wir dachten, alles würde gut gehen. Eine Woche war vergangen und kein Fieber war dazugetreten. Wir sagten Richard, daß seine Frau zu ihm kommen würde, und er konnte es ertragen, es zu hören. Ich ging zu ihr, um sie vorzubereiten, und glaubte, sie hörte, was ich sagte – sie hatte denselben gespannten Ausdruck. Als ich ihr sagte, daß sie mit mir hineingehn könnte, um ihren lieben Gatten zu sehen, kam keine Veränderung in ihre Züge. Mr. Després, der dabei ihren Puls fühlte, flüsterte mir zu, ein Gehirnfieber bereitete sich vor. Wir haben später darüber gesprochen. Ich bemerkte, daß, obgleich sie mich nicht zu verstehen schien, sich doch ihre Brust hob und sie etwas zu unterdrücken, etwas zu ersticken schien. Wie ich ihren Charakter kennen gelernt habe, bin ich jetzt überzeugt, daß sie – selbst bei beginnendem Delirium – sich gezwungen hat, einen 674 Aufschrei zu unterdrücken. Ihr letzter Augenblick des Verständnisses war ein Gedanke an Richard. Gegen ein solches Geschöpf haben wir Pläne geschmiedet! Ich habe den Trost, zu wissen, daß ich mit dazu beigetragen habe, sie zu vernichten. Hätte sie ihren Mann ein oder zwei Tage früher gesehen – aber nein! es war wieder ein neues System vorhanden, das das nicht zuließ! Oder hätte sie ihre Natur nicht mit solcher Gewalt bezwungen, wie sie es tat, dann glaube ich, hätte sie gerettet werden können. »Er hat einmal von einem Manne gesagt, sein Gewissen wäre ein Narr. Werden Sie es glauben, als er die Frau seines Sohnes – das arme Opfer! in ihren Fieberphantasien sah, auch da konnte er seinen Irrtum noch nicht einsehen. Sie sagten, er wünschte Gott die Vorsehung aus der Hand zu nehmen. Seine wahnsinnige Selbsttäuschung wollte ihn nicht verlassen. Ich bin fest davon überzeugt, daß, während er sich über sie beugte, er sie tadelte, daß sie nicht an das Kind gedacht hätte. Er machte tatsächlich eine Bemerkung zu mir, daß es ein Unglück wäre – ›verhängnisvoll‹, sagte er – daß das Kind mit der Flasche würde ernährt werden müssen. Ich bin wahrlich überzeugt davon, daß es das ist. Alles, worum ich bete, ist, daß dieses junge Kind vor ihm behütet werden möge. Ich kann es nicht ertragen, wenn er es ansieht. Er scheut keine körperliche Ermüdung, aber was will das sagen? das ist die niedrigste Art der Liebe. Ich weiß, was Sie sagen werden. Sie werden sagen, ich hätte alle Barmherzigkeit verloren, und das habe ich auch. Aber ich würde nicht so fühlen, Austin, wenn ich ganz sicher wäre, daß er durch den Schlag, der ihn getroffen hat, ein anderer Mann geworden ist. Er ist zurückhaltend und einfach in seinen Worten und sein Kummer ist augenscheinlich, daran zweifle ich nicht. Er hörte, wie sie ihn in ihren Phantasien grausam und hart nannte und wie sie schrie, daß sie 675 gelitten hätte, und da sah ich, wie sein Mund sich zusammenzog, als ob er sich getroffen fühlte. Vielleicht, wenn er darüber nachdenkt, wird sein Gemüt klarer werden, aber was er getan hat, kann nicht ungeschehen gemacht werden. Ich glaube nicht, daß er die Frauen noch länger schmähen wird. Der Doktor nannte sie eine: › forte et belle jeune femme ‹, und er sagte, sie wäre eine solch edle Seele, wie Gott sie nur je aus Staub gebildet hatte. Eine edle Seele: forte et belle! Sie liegt oben. Wenn er sie ansehen kann, ohne seine Sünde zu erkennen, dann fürchte ich beinahe, Gott wird ihn niemals erleuchten. »Sie starb fünf Tage, nachdem sie fortgebracht worden war. Der Schlag hatte sie vollständig vernichtet. Sie starb sehr sanft – hauchte ihren letzten Atem aus, ohne Schmerz, verlangte nach niemand – so möchte ich auch sterben können. »Eine Zeitlang war ihr Schreien schrecklich zu hören. Sie schrie, daß sie in Feuer unterginge, und daß Richard nicht kommen wollte, um sie zu retten. Wir suchten den Ton zu dämpfen, so gut wir konnten, aber es war unmöglich, es zu verhindern, daß Richard es hörte. Er kannte ihre Stimme und es hatte eine Wirkung auf ihn wie Fieber. Jedesmal, wenn sie rief, antwortete er. Man konnte sie nicht hören, ohne zu weinen. Mrs. Berry saß bei ihr und ich saß bei ihm und sein Vater ging von einem zum andern. »Aber das Schwerste kam, als sie gestorben war. Wie sollte man es Richard mitteilen – oder sollte man es überhaupt tun! Sein Vater besprach es mit uns. Wir waren ganz einig, daß es Tollheit wäre, es ihn ahnen zu lassen, solange er in dem Zustande war. Wie alles gekommen ist, kann ich jetzt zugeben, – daß wir unrecht hatten. Sein Vater verließ uns – ich glaube, er verbrachte die Zeit im Gebet – und dann sich auf mich stützend, ging er 676 zu Richard und sagte ihm in wenigen Worten, daß seine Lucy nicht mehr wäre. Ich dachte, es müßte ihn töten. Er hörte es und lächelte. Ich habe nie ein solch süßes und trauriges Lächeln gesehen. Er sagte, er hätte sie sterben sehen, als wenn er sein Leid schon lange vorher durchgemacht hätte. Er schloß die Augen. An der Bewegung seiner Augäpfel konnte ich sehen, daß er seinen Blick einem inneren Himmel zuwendete. Ich kann nicht weiter. »Ich glaube, Richard ist gerettet. Hätten wir die Nachricht aufgeschoben, bis er zu klarem Verstande gekommen wäre, es müßte ihn getötet haben. Dieses eine Mal hatte sein Vater also recht. Aber wenn er auch den Körper seines Sohnes gerettet hat, so hat er doch seinem Herzen den Todesstoß gegeben. Richard wird niemals das werden, was er zu werden versprach. »Ein Brief, den wir in seinen Kleidern fanden, gibt uns den Ursprung des Streites. Ich hatte heute morgen eine Unterredung mit Lord M. Ich kann nicht sagen, daß ich finde, daß er so sehr zu tadeln ist: Richard zwang ihn zum Kampf. Wenigstens meine ich nicht, daß er derjenige ist, der am meisten zu tadeln wäre. Er war tief und aufrichtig betrübt über das Unglück, das er veranlaßt hatte. Ach! er war nur ein Werkzeug. Ihre arme Tante ist vollständig vernichtet und spricht wunderbare Dinge über den Tod ihrer Tochter. Sie ist glücklich, solange sie schwer arbeitet. Dr. Bairam sagt, wir müssen sie unter allen Umständen beschäftigt erhalten. Solange sie arbeitet, kann sie frei reden, aber in dem Augenblick, in dem ihre Hände nicht beschäftigt sind, erfaßt mich die Furcht, daß sie einen hysterischen Anfall bekommt. »Wir erwarten heute den Onkel des armen Kindes. Mr. Thompson ist hier. Ich habe ihn herauf geführt, um sie zu sehen. Der arme junge Mann hat ein treues Herz. 677 »Kommen Sie gleich. Sie wird in Raynham begraben. Wenn Sie könnten, würden Sie einen Engel sehen. Er sitzt stundenlang neben ihr. Ich kann Ihnen nicht beschreiben, wie schön sie ist. »Sie werden nicht zögern, wie ich weiß. Lieber Austin, und ich brauche Sie, denn Ihre Gegenwart wird mich barmherziger machen, als es mir jetzt zu sein möglich ist. Haben Sie den Ausdruck in den Augen der Blinden bemerkt? Grade so sieht Richard aus, wie er dort schweigend in seinem Bette liegt und versucht, sie sich in seinem Herzen vorzustellen.«   Ende .