Fanny Lewald Italienisches Bilderbuch (1847) Inhalt: Einleitung Übergang über den Simplon und Eintritt in Italien Mailand Der Dom Ein Debüt in der Scala Der Goethesche »Faust« als Ballett auf der Scala Der Corso und ein Luftballon in der Arena Genua Von Mailand nach Genua Hafenfahrt Durch die Straßen! Das Tag-Theater Brücke und Kirche Carignano Florenz Riviera di Levante Physiognomie der Stadt Die Tribuna Die Misericordia Kirchen Letzter Blick auf Florenz Rom Von Florenz nach Rom Erste Wanderung durch Rom Die Oktoberfeste Häusliche Einrichtung Die Fremden Die Christnacht Das Lotto Die Bettler Ein Besuch im Frauenkloster Trinità dei Monti und eine Jesuitenpredigt Die Grotte der Egeria Elle est folle! Die Preisverteilung der Akademie von San Luca auf dem Kapitole Aus dem Karneval Eine Soiree Der Papst und eine Funktion in der Sixtinischen Kapelle Die Taufe der Juden und Heiden im Lateran San Giuseppe La sentenza Das Cervaro-Fest Das Colosseum Neapel Neapel Begräbnisse in Italien und die Katakomben in Palermo Der Gettatore Pompeji und Herculanum Ein Souper am Posilip Das Fest von Piedigrotta Die Badeorte Die Inseln Capri Ischia Palermo und das Rosalienfest Bologna Die Stadt Die Napoleoniden Venedig Der Markusplatz Tageslicht Einleitung Übergang über den Simplon und Eintritt in Italien Wenn die goldenen Tore der Märchenwelt sich vor der wunderdürstenden Phantasie des Kindes schließen, wenn die Feenkönigin mit ihrem Zauberstabe sich für immer in das Reich der Träume zurückzieht und der Glaube an ihre Macht verschwindet, so tritt die Wirklichkeit urplötzlich in ihre Rechte ein, und die Jugend sehnt sich nach der Schönheit der Welt, die sie noch nicht kennt, wie das Kind sich gesehnt hat nach den Wundern der Märchenwelt, von denen man ihm erzählte. Alles nimmt nun eine festere Gestalt an, die Nebelbilder konzentrieren sich, man möchte das geträumte Eldorado auf einen bestimmten Punkt der Erde versetzen, und für all die farbigen Blüten, für die goldenen Früchte jenes Fabellandes bietet der kalte, farblose Norden keinen Raum. Da wendet das Auge sich sehnsuchtsvoll nach Süden! – Nach dem Süden, wo im dunkeln Laub die Goldorange glüht, wo ein lauer Wind vom blauen Himmel weht, die Myrte schlank und hoch der Lorbeer steht! Der Süden wird die Sehnsucht des Lebens, Italien das Ziel, nach dem fast jeder Nordländer strebt. Je tiefer Schnee und Eis die Erde bedecken, je fester sich der kristallene Reif um die Fenster des Hauses legt und je wilder der Wind es umbraust, je mehr zieht es die Seele nach Süden. Ich hatte oft in den eisigen Wintertagen meiner ostpreußischen Heimat zu den schneebedeckten Dächern der Nachbarhäuser geblickt, wenn die scheidende Sonne sie glänzend beleuchtete und sie hell hervortraten gegen den blauen, wolkenlosen Winterhimmel, und gedacht, wie ganz anders es doch sein müsse, wenn die Sonne hinter den Alpen zur Ruhe ginge und das wundervolle Alpenglühen die Gletscher röte unter dem Himmel einer südlichern Gegend. Von ganzem Herzen hatte es mich verlangt, diese fremde Welt zu kennen, aber der Wunsch war in meinen damaligen Verhältnissen anscheinend so unerfüllbar, daß ich ihn kaum mir selbst zu gestehen wagte, weil es mir von jeher töricht schien, das Unerreichbare zu begehren. Und als mein Leben dann eine andere Wendung nahm, als der Horizont sich für mich erweiterte und ein reicheres Dasein begann, da trat die alte, nie geschwundene Sehnsucht mächtig hervor, und der friedliche Römerzug wurde beschlossen. Ich hatte im Juli und August des Jahres 1845 die Schweiz durchreist; ich hatte die schneebedeckten Häupter der Jungfrau und des Montblanc erglühen sehen unter dem Scheidekusse der Sonne und aufflammen bei ihrem Morgengruß; die Sterne hatte ich glänzen sehen in den tiefen, hellen Spiegeln der Schweizerseen, und immer näher trat mir das schöne Italien, das Ziel meiner Wünsche. Wie klopfte mir das Herz, als ich in dem freundlichen Vevey den ersten Spaziergang durch die Stadt machte, vom Hafen die Rue du Lac entlangwanderte und mich bald darauf in der Rue du Simplon befand. So wie in jenem Momente war mir als Kind zumute, wenn der erste Adventssonntag anbrach und mit den ersten buchsbaumumflochtenen, vergoldeten Äpfeln die ganze unbeschreibliche Weihnachtsseligkeit in meinen Gesichtskreis gerückt wurde. Vevey hat schon einen sehr südlichen Charakter. Der Hafen mit seinen Platanenalleen, die rebengekränzten Ufer des blauen Genfer Sees, die Feigen und Trauben und Melonen, die in reichen Massen zum Kaufe feilgeboten werden, auch die Luft und das Licht und die lebhafte Physiognomie der Menschen gehören schon dem Süden an. Es ist die Introduktion der Jubelsymphonie Italien. Oft saß ich da auf der Terrasse meines Hauses am See und sah hinüber zum Dent du midi und Dent du Morcles, wenn ihr purpurn beleuchtetes Schneehaupt sich im See spiegelte oder doch mindestens rote Reflexe wie einzelne Rosen über das stille Wasser warf. Dann träumte ich mich zurück in die Tage meiner ersten Jugend, um mich daran zu erfreuen, daß ich auf dem Punkte stände, jene alte Sehnsucht befriedigt zu sehn. Aber es gibt einen Epikureismus der Entsagung, den ich sehr süß finde; er besteht darin, sich den Genuß eines Glückes, dessen man sicher ist, so lang als möglich vorzuenthalten. Ich glaube, dies hängt mit einer bestimmten Organisation mancher Menschen zusammen. Das Gewaltsame, Überraschende stört das Gleichgewicht der Seele, das Langerwartete tritt ihr bekannt und mild entgegen. Es ist so süß, das allmähliche Wachstum, das zarte Entfalten einer Knospe zu betrachten; es ist ein ahnungsvolles Entzücken, die Phantasie im voraus genießen zu lassen, was bald als unumstößliche, beglückende Wirklichkeit vor uns stehen soll. So verweilte ich einen Tag nach dem andern in Vevey und verließ es erst am 25. August, um den Übergang über die Alpen zu machen. Wir durchschifften mit dem Dampfboot den Genfer See, stiegen bei Villeneuve ans Land und fuhren nach dem Bergstädtchen St. Maurice, das an der Rhône liegt. Hier trennt die Rhône das milde, fruchtbare Waadtland von dem wilden Wallis, das einen ernsten Übergang bildet von der schönen Schweiz zu den lachenden Fluren des lieblichen Oberitaliens. Früh am Morgen um vier Uhr verläßt man St. Maurice, um vor Nacht Brig am Fuße der Simplonstraße zu erreichen. Die Posten fahren wegen der bergigen Wege nur am Tage. Brig liegt schon sehr hoch. Es war tief dunkel, als wir um neun Uhr abends dort anlangten. Nur wenig Stunden Rast waren uns gegönnt für die letzte Nacht, die wir außerhalb Italien zubrachten. Um zwei Uhr weckte der Kondukteur seine Passagiere, und bei dem Schein einer trüben Laterne bestiegen wir die Wagen, die uns über den Simplon bringen sollten. Die Sterne funkelten hell an dem dunkeln Himmel, das letzte Viertel des Mondes schwamm in der Luft. An hohen, phantastisch gezackten Felsmassen vorüber führte der Weg langsam empor, indem er sich durch Schluchten und über Höhen fortzog. Nur die nächste Umgebung konnte man erkennen, und vergebens strebte das Auge, das Dunkel zu durchdringen. Allmählich kündigte sich in grauem Schimmerlicht die Rückkehr des Tages an, und bald strahlte alles wieder im goldenen Lichte der Sonne. Wir waren schon ein paar Stunden gefahren, als es Tag wurde und wir bei den Windungen des Weges zu unseren Füßen das in grauen Nebelschleiern schlummernde Städtchen Brig erblickten. Die Luft war frisch und ungemein leicht. Die Vögel flogen jubelnd dem Tage entgegen. Bisweilen schwang sich ein großer Vogel mit breitem Flügelschlag empor, wenn seine sichere Einsamkeit durch das Nahen des Postwagens gestört wurde. Dann schwebte er kreisend über den Tälern und blickte hinab in die dämmrigen Tiefen, wie das Auge des Denkers hinblicke auf die verworrenen Rätsel des Lebens, die sich vor seinem Geiste lösen. Und hier in der gewaltigsten Größe der Natur hat sich der Menschengeist ein schönes Denkmal errichtet durch die Straße, welche man über den Berg geführt hat. Napoleon war es, der sie bauen ließ. Mitten durch den starren Granit der Urgebirge ist die breite Straße geführt. Man mußte Felsen sprengen, Wasserfälle abdämmen, um die Gewölbe zu bauen, durch die man fährt, an den Stellen, wo der Weg den stürzenden Lawinen zu sehr ausgesetzt sein würde. Es macht einen merkwürdigen Eindruck, wenn man sich in diesen Galerien befindet und die tosenden Fluten eines Wasserfalles über sich brausen hört, die über den Weg fort sich in stürmender Willkür in die Täler ergießen. Da die Wagen nur langsam fahren können, waren wir ausgestiegen und gingen den Berg hinan, die Morgenluft zu genießen. Die Stille, die Lautlosigkeit auf solchen Höhen hat etwas Feierliches, Magisches für uns, deren Ohr an den kleinlichen Lärm des täglichen, gewerblichen Lebens gewöhnt ist. Immer ferner und kleiner erschien das Städtchen Brig, das man bei den Biegungen des Weges immer wieder sah; die Täler mit ihren Menschenwohnungen verschwanden allmählich ganz. Auch die Vegetation hörte auf, und immer seltener glühte eine Alpenrose aus den Felsen hervor. Wir befanden uns in der Schneeregion und schritten, von Sommerluft umfächelt, über einzelne leichte Eisschollen fort, auf denen ein festgetretener Schnee lagerte. Am Wege sind an den Stellen, an denen die Lawinen am häufigsten zu fallen pflegten, kleine Hütten gebaut, in die man sich flüchten kann. »Réfuge!« steht über den Türen geschrieben. So geht der Weg gegen 7000 Fuß aufwärts, so hoch als die Weengernalp am Fuße der Jungfrau. Nicht fern von dem Hospiz, das auf der Höhe liegt, passiert man eine jener Galerien, die durch den Fels gesprengt sind. In der Mitte der einen Wand ist ein großer Quaderstein eingemauert, der folgende Inschrift trägt: »Aera Italica. Napol. Imperat. 1805.« Ein Pole, der in der Reisegesellschaft war, jauchzte auf. Meine Seele neigte sich vor dem Riesengenius des Kaisers. Es macht stolz und freudig, wenn man sieht, wie der Wille des Menschen die Naturgewalten bändigte hier gerade an dieser Stelle, wo unter der Brücke von Gondo einer der gewaltigsten Wasserfälle sich donnernd in die Tiefe stürzt. Das Hospiz gleicht einem großen, einfachen Gasthause. Mönche vom Augustinerorden stehen ihm vor. Der Prior und drei Klosterbrüder leben beständig hier oben. Außer einer freundlichen Kapelle hat das Haus nichts Klösterliches. Die untere Etage ist den Reisenden der niederen Stände bestimmt, die es hier jedenfalls besser finden, als sie es in ihren Wohnungen haben. Der obere Stock für die verwöhnteren Gäste der höheren Stände ist wie ein sehr schlichter Gasthof eingerichtet. Jede Etage hat ein gemeinschaftliches Speisezimmer und einen Saal. Bei dem Eintritt in den Saal des oberen Stockwerkes fielen mir rechts und links vom Kamine zwei schöne Kupferstiche in die Augen. Ich trat näher heran, sie zu besehen, und fand die Unterschrift: »Hommage de Madame Thérèse de Bacheracht aux bons pères du Simplon.« Ich hatte mich von Therese kurz vorher in Interlaken getrennt, wo wir uns begegnet waren und ein paar Wochen in ländlicher Stille nebeneinander gelebt hatten. Nun, da ich hier oben ihren Namen fand, der mir so plötzlich entgegentrat, war mir es, als ob ein lieber Freund mir unerwartet die Hand drücke. Der Prior erzählte mir, wie der Wagen der Frau von Bacheracht von einer Lawine überfallen sei, wie man sie hätte in das Hospiz holen müssen und wie das sehr schlechte Wetter sie zum Verweilen gezwungen habe. Mit der Gewandtheit eines Weltmannes sagte er: »Parcequ'il faisait très mauvais temps, nous avons eu le plaisir de la garder deux jours chez nous.« Er rühmte ihre Güte und Freundlichkeit und trug mir auf, das Andenken an das Hospiz bei ihr zu erneuern. Nachdem wir das Innere des Hospiz durchwandert hatten, wünschten wir die Hunde zu sehen. Das sind prächtige Tiere. Man brachte deren drei ins Haus. Es lag gradezu etwas Verständiges in der Art, mit der sie hereinkamen. Sie sahen ungemein stark und sehr klug aus. Der Prior wollte, daß sie die Pfote geben sollten, aber trotz seines wiederholten: Donnez la patte! blieben sie unbeweglich, obgleich alle Reisenden der Reihe nach ihre Hände hinhielten. Mir gefielen die Hunde sehr, und noch im Fortgehen wendete ich mich nach dem größten um und reichte ihm noch einmal die Hand. Da hob er die breite, schwere Pfote bedächtig empor und gab sie mir hin, als wüßte er, wie lieb ich die Tiere habe. Es war mir eine wirkliche Genugtuung, daß der Hund sich zu mir wendete. Ich dachte an das schöne Wort von Leon Gozlan: »L'instinct et l'âme se regardent, se réfléchissent et le fluide universel les unit par le conducteur intime de la vue, pile voltaique de l'être.« Um Mittag verließen wir das Hospiz, speisten in dem Städtchen Simplon, das schon an der absteigenden Straße liegt, und erreichten bald darauf die Grenze, wo man die Pässe visierte und das Gepäck sehr oberflächlich durchsuchte. Nun war ich in Italien! Der Wagen fuhr mir, obgleich es bergab und schnell genug ging, viel, viel zu langsam. Jetzt, da der Vorhang aufgezogen war, sollten sich mir auch gleich alle Schönheiten enthüllen, die ich geahnt hatte und die ich erwarten durfte. Jedes plattere Dach, jeder Kastanienbaum und jedes sonnengebräunte Antlitz ward wie ein Pfand der Verheißung begrüßt. Und wie ein Kind hätte ich immerfort rufen mögen: Mehr! mehr! Als wir um fünf Uhr nachmittags Domodossola erreichten, das am Fuße des Simplon liegt, machte die Post halt, um zu übernachten. Mich aber zog es gewaltsam vorwärts, und ich mietete eine Extrapost, die uns in fünf Stunden nach Baveno am Ufer des Lago Maggiore bringen sollte. Dieser Weg nach Baveno erschloß mir die erwarteten Schönheiten des Südens zuerst. Die Luft war sehr mild und weich, ein starker Pflanzenduft erfüllte sie. Er mochte zum Teil von den blühenden Hanffeldern herrühren, doch mischte sich noch ein anderes, mir fremdes Arom darein. Die weißen Häuser mit den flachen Dächern glänzten goldig im Lichte der untergehenden Sonne. Maisfelder, Maulbeer- und Kastanienbäume zogen sich längs dem Wege hin. Bis in die höchsten Zweige der Bäume rankten sich die Weinreben empor und schlangen sich in Festons, in denen die reifenden Trauben hingen, von Baum zu Baum. Es sah so festlich aus, als sollten Ceres und Bacchus ihren Triumphzug halten durch dieses Land. Zu beiden Seiten des Weges von allen Höhen herab sahen freundliche Landhäuser hernieder und stiegen Arbeiter heimkehrend hinab. Sie trugen große Körbe voll Gras und Weinblätter, die man zum Futter benutzt, auf den Köpfen. Das sah schön und malerisch aus. Frachtwagen mit Mauleseln, einer hinter dem andern gespannt, fuhren langsam vorüber. Einzelne Geistliche ritten auf Eseln oder saßen auf den Chausseesteinen am Wege, in der sicheren Ruhe gewohnten Respektes mit Landleuten vertraulich zu plaudern. Dazwischen läuteten die Abendglocken das Ave-Maria wie segenspendend über die sanfte Stille des Landes. Als es dunkler wurde, als ich nicht mehr die Schaulust des entzückten Auges zu befriedigen hatte und die einbrechende Nacht die Gegend verhüllte, da kam erst recht die Freude über mich, die jeder empfindet, der ein Langerstrebtes endlich erreicht hat. Ich wiegte mich träumend in dem süßen Gefühl, bis plötzlich ein neues Schauspiel mich mir selbst entzog. Ein Gewitter war am fernen Himmel aufgezogen, und seine Blitze zerrissen unablässig das Gewölk, für Augenblicke statt der nächtlichen Finsternis Tageshelle verbreitend. Dann tauchte aus dem Dunkel der Lago Maggiore hervor, zu dem wir hinabfuhren, um, kaum wahrgenommen, dem Auge wieder zu entschwinden. Das war von wunderbar poetischem Effekte. Sehr spät erst langten wir in Baveno an, wo wir ermüdet das Lager suchten. Am Morgen fiel mein erster Blick auf den See. Da lag sie vor mir, die Isola Bella, die mir nach Jean Pauls Schilderung im »Titan« von Jugend an wie ein Paradies vorgeschwebt hatte. Da lagen Isola Madre und Isola dei Pescatori, von der Morgensonne beleuchtet. Ja! das war Italien, und mit allen Sinnen atmete ich dürstend die Schönheit dieser Natur ein. Ein leichtes Boot führte uns nach der Isola Bella hinüber. Ein stattlicher, selbst prächtiger Palast, umgeben von Gartenanlagen im altfranzösischen Stile, der jedoch in dieser reichen, der Schere trotzenden Vegetation seine dürre Steifheit verliert. Man wies uns die großen Prachtgemächer des Schlosses, das Zimmer, in dem Napoleon geschlafen vor der Schlacht von Marengo. Große Mosaikfußböden, reiche Stuckverzierungen und Freskomalereien an den Decken, Marmor und wertvolle Bilder schmücken das Schloß. Laubengänge von Orangen- und Zitronenbäumen, deren Früchte in reicher Fülle herabhingen, ließen uns fühlen, daß wir in Italien wären. In kühlen Muschelgrotten sprangen klare Wasser aus dem Felsen und tränkten die Schlingpflanzen, deren saftiges Grün in üppiger Schönheit das harte Gestein umrankte und verhüllte. Pflanzen, die bei uns kümmerlich im Schutz der Gewächshäuser gedeihen, blühen hier kräftig unter freiem Himmel. An den zierlichen Gartenanlagen vorüber führte man uns zu einem Teile des Parkes, der an dieser Stelle wirklich den Namen verdiente, weil man der Natur hier größere Freiheit gegönnt hatte, sich in ihrem Reichtum zu entfalten. Mächtige Bäume bilden einen Hain, durch dessen Grün überall lachend der See hervorblickt. Mit den nordischen Eichen und Ulmen mischen sich, ihnen fast ebenbürtig an Kraft, der Ölbaum und der Lorbeer, und einer dieser letzteren ragt so stolz empor, als wüßte er, daß er zu Besonderem geweiht sei vor allen anderen in der Jugend seines Lebens. Hier unter diesem Baume hat Napoleon geruht, als seine Seele die Schlacht von Marengo dachte, und dem Gedanken folgend, zeichnete seine Hand mit dem Degen zwei Tage vor der Schlacht das Wort »Battaglia« in die weiche Rinde des Baumes, in der es scharf ausgeprägt festgewachsen ist wie die Tatsache im Bewußtsein der Völker. Es war unsere Absicht gewesen, diesen Tag und vielleicht noch ein paar folgende Tage an dem See zu verleben. Indes, während des Umherwanderns auf der Insel zogen sich schwere Wolken dicht am Himmel zusammen, und schon auf der Rückfahrt strömte ein Platzregen herab, der den ganzen Tag und die Nacht anhielt, ohne daß am nächsten Morgen die kleinste Erhellung der Wolken uns Aussicht zur Änderung des Wetters geboten hätte. An die Fahrt nach den beiden anderen Inseln, an einen Ausflug nach dem Lago d'Orta war unter diesen Umständen gar nicht zu denken. Unter stürzendem Regen fuhren wir in einer Barke nach Stresa, das Dampfschiff zu erwarten, das uns nach Sesto Calende bringen sollte. Der See war so wild aufgeregt, daß die Barke wie auf dem Meere schwankte. Ein Teil der Gesellschaft war seekrank geworden. Zwei Waadtländerinnen schrien und weinten vor Angst, und während von oben durch das übergebreitete Segeltuch wohlfiltriertes Wasser auf uns niederfloß, schlugen die Wellen so stark in das Boot, daß man auch mit den Füßen im Wasser saß. Erst nach zwei Stunden langten wir auf dem Dampfboote an und flüchteten in die heißen, überfüllten Kajüten, wo Reisende von allen Nationen, vorzüglich aber doch Italiener, nebeneinander saßen oder lagen, je nachdem ihre Seeleiden groß oder klein waren. Durch den Regen zu diesem Aufenthalt gezwungen zu sein, sich diesem Anblick nicht entziehen zu können war unangenehm genug. Endlich langten wir in Sesto Calende an. Da aber schien es, als wolle Italien, nachdem es uns am vorigen Tage den Begriff seiner Schönheit beigebracht hatte, uns auch gleich all seine Schattenseiten zeigen, damit wir doch wüßten, was wir zu erwarten hätten. Paß- und Douanebeamte empfingen uns am Landungsplatze und geleiteten uns in einen großen, wüsten Schuppen, wo unsere Pässe und Sachen visitiert werden sollten. Dies muß man sich gefallen lassen, das ist ganz in der Ordnung und wird es bleiben, solange Regierung und Volk sich ebenso wie die verschiedenen Staaten untereinander als feindliche Mächte betrachten. Wunderlich bleibt solch ein Zustand inmitten des tiefen Friedens, für den in den Kirchen vieler Länder oft gedankt worden ist, allerdings; indes dies ist eine Tatsache – es ist so –, und darum muß es ertragen werden, bis man es ändert. Aber in Italien lernt man die Paßbüros und Zollämter als Institute kennen, die ihren Beamten all die Freiheit gönnen, welche den Reisenden entzogen wird. Die Beamten kommen und gehen, sind abwesend oder in den Büros anwesend, je nachdem es ihnen gut scheint. In Sesto Calende war es Mittagszeit, als die durchnäßte, seekranke Gesellschaft des Dampfbootes an das Land gesetzt wurde. Die Leidenden mochten sich wohl nach Ruhe, die Gesunden nach Nahrung sehnen, die man in der heißen Kajüte mitten unter den Seekranken unmöglich hatte zu sich nehmen können. Alle aber wünschten sicher das Ende der Reise und die Ankunft in Mailand herbei, weil bei diesem Wetter das Verweilen auf der Landstraße sehr unerfreulich war. Indes die Beamten waren in ihre Wohnungen zum Mittage gegangen, kein einziger der bei der Visitation Beteiligten zurückgeblieben, und wir hatten, während die Herren in aller Ruhe ihr Mittagsbrot verzehrten, anderthalb Stunden Zeit, dies Wartenmüssen sehr lästig zu finden. Ich glaube, es ist eine List der Douaniers. Weil sie wissen, wie sehr verhaßt und unwillkommen sie sind, wollen sie es dahin bringen, noch sehnlichst herbeigewünscht und mit Freuden begrüßt zu werden. Von uns wenigstens ward ihnen beides zuteil, und wir waren sehr froh, als wir den Zollschuppen mit dem Wirtshause zunächst der Post vertauschen konnten. Dies Wirtshaus war der Typus einer schlechten italienischen Locanda, und ich habe später in Italien viele jener Osterien, jener Kneipen für das niedere Volk, kennengelernt, in denen man sehr viel behaglicher war. Schmutzige Hallen um den geräumigen, von allen vier Seiten durch das Haus begrenzten Hof, Wagen, Karren, Esel, Postillione, Vetturine und Stallbuben in lautem, lärmendem Streit, Koch und Küchenjungen aus der unterhalb der Halle gelegenen Küche hervorlugend, die Töpfe, Tiegel und Löffel in den Händen, und all dies im unerfreulichsten Zustande. In der Gaststube auf dem umgekehrten Estrichboden Hühner, die vor dem Regen Schutz suchten so gut als wir und wie berechtigte Hausinsassen von der Wirtin respektiert wurden. Aber trotz der unsauberen Tücher auf den langen, schmalen Tischen, trotz der großen, wackelnden Stühle und den unfreundlichen Gesichtern der Wirtsleute wurden wir heiter, als eine gute Suppe mit Käse und Makkaroni und gebratene Hühner unsere Lebensgeister endlich erfrischten. Bei jedem gebratenen Huhn, das der Wirt hereinbrachte und der Appetit der Reisenden verschwinden machte, sah ich mir triumphierend die welschen Hühner an, die mir ganz unverschämt über die Füße hüpften, und dachte: Springt ihr nur! Auch eure Stunde wird kommen, und wenn wir fort sind, gibt es andere Deutsche, Engländer und Russen, die uns rächen werden, indem sie euch verspeisen. Und dann mußte ich lachen über mich selbst. Es war so recht deutsch von mir, Rache für die Unbill, die ich erlitt, von der kommenden Generation zu erwarten. Etwa um vier Uhr – obgleich zwei Uhr auf den Postkarten gedruckt stand – waren die Wagen zur Abreise bereit. Die Postillione wurden von den Stallknechten aus der Osterie, die Postbeamten, welche uns in die schlechten Wagen verteilen sollten, aus dem Café geholt, und wir verließen Sesto Calende mit dem tröstlichen Bewußtsein, daß sich um unsertwillen niemand in seiner gewohnten Lebensweise gestört habe. Man hatte uns gesagt, der Weg nach Mailand sei schön; das mag auch wahr sein, indes die Reisenden, die ihn mit mir zugleich zurücklegten, haben gewiß ebensowenig davon gesehen als ich. In schlechten Wagen, bei strömendem Regen, der uns zwang, alle Fenster zuzuziehen, fuhren wir auf Chausseen einher, deren Bäume alle graue Nebelmäntel um sich gewickelt hatten. Es war feucht und unbehaglich wie in nordischen Herbsttagen, und als die Dunkelheit hereinbrach, konnte man sich nach Litauen versetzt glauben. Um zehn Uhr abends hielten die Posten. Wir waren unter dem Arco della Pace in Mailand. Unter dem Schutze dieses Friedensbogens, den Napoleon hier am Ende der Chaussee hatte bauen lassen, welche vom Simplon nach Mailand führt, wurden abermals die Pässe visiert, ehe man uns die Fahrt nach der Stadt erlaubte. Eine halbe Stunde später waren wir wohlbehalten in Reichmanns Hotel gelandet, sehr froh, es erreicht zu haben, und gleichsam mit einem kurzen Abriß desjenigen versehen, was Italien uns an Leiden und Freuden bieten würde. Mailand Der Dom Es gibt Anschauungen von Gegenden und Gebäuden, die durch Kupferstiche und sonstige Bildwerke so tausendfältig verbreitet sind, daß ein jeder denkt, die Wirklichkeit müsse ihm als ein Bekanntes entgegentreten. Zu diesen Vorstellungen gehört bei den meisten Menschen der Mailänder Dom. Unser erster Ausgang am Morgen sollte ihm gelten. Wir hatten uns ziemlich früh auf den Weg gemacht, um im Dom die Messe zu hören, aber der Reiz, in einer großen, fremden Stadt umherzuwandern, verlockte uns, bald in diese, bald in jene Straße hineinzugehen, vor diesem Laden, vor jener Anzeige stehenzubleiben, um versuchsweise sich ein Bild der Stadt einzuprägen, soweit der erste Eindruck dieses gestattet. Der Charakter Mailands, wie er mir an jenem Morgen erschien und sich mir später immer mehr herausstellte, ist der einer ruhigen, modernen Vornehmheit, wie man sie in deutschen Residenzen findet. Man sieht weder Handel noch Gewerbe, es ist reinlich und verhältnismäßig still für die Menschenmasse, die sich in den Straßen bewegt. In den Hauptstraßen ist die Mehrzahl der Häuser groß und stattlich, mit Höfen in der Mitte, um welche die Häuser im regelmäßigen Viereck gebaut sind. Die Gebäude sind wohlerhalten, die Fenster nach der Straße mit Vorhängen geschlossen, während wir, in das Innere hineinblickend, schöne Frauen an den Balkontüren und häusliches Treiben oder elegante Dienerschaft auf den Höfen sahen. Diese geschlossenen Fenster geben der Stadt etwas Unbelebtes, das durch die Stille erhöht wird. Die Straßen sind mit kleinen Kieseln gepflastert, für die Fußgänger Trottoirs, für die Wagen Reihen von großen Sandsteinquadern, auf denen sie geräuschlos dahinrollen. Einzelne Weltgeistliche und Mönche zogen an uns vorüber, Blumenverkäuferinnen nahmen ihre Plätze an den Straßenecken ein, und Frauen mit Schleiern über dem reichen, dunkeln Haar gingen teils nach dem Marktplatze, teils in eine der Kirchen zur Messe. Die Leute bewegten sich so leise und schweigend, als ob sie in einem Krankenzimmer wären. Von dem Corso Francese, wo wir unsere erste Umschau gehalten hatten, gingen wir in einige der zahllosen engen und kurzen Straßen, die sich ganz unregelmäßig durchkreuzen und in denen die alten Häuser unabgeputzt und mit kleinen Fenstern dastehen, wie sie so seit Jahrhunderten gestanden haben mochten. Dort fühlte man sich behaglicher und freier, weil ein frisches Alltagsleben hier sein Wesen trieb. In dem Hämmern und Klopfen der Gewerbtreibenden, in dem schnellen, rüstigen Einherschreiten der Beschäftigten lebte man wieder auf und empfand sich in einer volkreichen Stadt. So verging die Zeit schnell, und es war fast Mittag geworden, als wir den Dom erreichten. Aber wie sehr überstieg dessen Größe und Schönheit alles, was ich mir davon vorgestellt hatte. Soll ich einmal ein Bild brauchen, das einer Frau naheliegt, so möchte ich sagen, der Mailänder Dom sieht aus wie ein riesiges, überaus zartes Spitzengewebe, das die Hand eines Zauberers plötzlich zu Stein verwandelt hätte. Die Zeit hat dem Marmor, aus dem er ganz und gar erbaut ist, eine leichte, gelblichbraune Färbung gegeben, die, wie mich dünkt, seiner Schönheit zustatten kommt, weil das ursprüngliche Weiß des Marmors wohl etwas Kaltes in der Farbe gehabt haben mag. Filigranartig leicht, in schlanken, zierlichsten Arabesken steigt der schöne Bau empor, an dem jede Statue, jedes Blättchen mit der Sauberkeit gearbeitet ist, mit der man die zierlichsten Vasen von Alabaster gemacht sieht. Man fühlt, welch ein Hebel in dem Leben der Völker die Religion gewesen ist, man versteht, über welche Mittel die Kirche zu gebieten haben mußte, damit solche Bauten, deren Vollendung in der damaligen Zeit Jahrhunderte erforderte, möglich wurden. Das Innere des Domes entspricht dem schönen Äußeren vollkommen. Er ist so groß und so frei, daß die Seele sich dadurch erhoben fühlt. Nicht ein Ziegel, nicht ein Stück Holz ist an dem ganzen Bau, alles Marmor und alles in höchster Vollendung ausgeführt. Schöne, alte Glasmalereien auf den Fenstern verbreiten ein zauberisches, mystisches Halbdunkel in dem Dome und werfen bunte Lichter auf die hellen Marmorsäulen. Es lag eine tiefe Feierlichkeit über den weiten, von den Tönen einer Messe durchzitterten Hallen. War der Eindruck dieser Pracht für mein an protestantische Einfachheit gewöhntes Auge groß und imponierend, so war der Anblick des Treibens in der Kirche mir befremdlich. Die Kirchen in Italien haben keine Bänke, sondern man bedient sich geflochtener Rohrstühle, die in einer Ecke des Schiffes von einem Pächter aufgestapelt und dem Publikum für die kleinste Münze vermietet werden. Dies verursacht, da jeder nicht mehr benutzte Sessel fortgeräumt wird, damit sich kein anderer ohne Bezahlung desselben bediene, ein unablässiges Hin- und Hertragen der Stühle und einen fortdauernden Lärm, denn die Beter kommen und gehen nach Belieben. Ferner entsteht dadurch eine Art von Rangverschiedenheit zwischen den Betenden, die sich einen Sessel zu mieten vermögen, und denen, die auf der Erde knien. Aber nicht dies allein ist auffallend für den Protestanten, der die Kirche nur in sonntäglicher Feiertagskleidung besucht, zwei Stunden der Andacht weihet und sich dann mit seinem äußeren Gottesdienste bis zur nächsten Woche abgefunden zu haben meint. Hier traten Männer aus dem Volke in der Arbeitsjacke herein, das Handwerkszeug in den Händen, um das Gebet in aller Eile zu verrichten. Frauen aus dem Volke stellten die Vorräte an Gemüse und Lebensmitteln, die sie vom Markte gebracht hatten, neben sich zur Erde, um sich niederzuwerfen und ein paar Kreuze zu schlagen. Daneben kniete ein hübscher, eleganter Abbate mitten in dem Schiffe des Domes auf dem Marmorboden, eifrig betend und anscheinend der Messe folgend, während er mehrmals eine kleine, sehr zierliche Uhr aus der Soutane nahm und, wenn er diese zu Rate gezogen hatte, gespannt nach der Tür der Kirche blickte. Damen, die ihm zunächst auf den Stühlen saßen oder sie umgelegt zum Knien benutzten, sahen ihm verstohlen und lächelnd zu. Zwei Stutzer mit wohlgepflegten Bärten, eine Wolke von süßlichem Parfümduft um sich verbreitend, nahmen auf Stühlen dicht vor mir Platz und plauderten französisch ziemlich laut über Frauen, denen sie am Tage vorher begegnet waren. Ein großer Hund lagerte sich still zu den Füßen des einen. Dazwischen klang das Glöcklein, der Diakonus intonierte die Messe, die Responsorien gingen ruhig ihren Gang, und Chorknaben schwangen die Weihrauchbecken, aus denen das feine Arom durch die Kirche schwebte. Endlich, nachdem die Messe beendet war, trat ein junger, schöner Priester auf die Kanzel, eine Predigt zu halten, denn es war das Fest eines Heiligen. Während er sich räusperte, rückte das Auditorium die Stühle unten näher zusammen. Alle Blicke hoben sich gespannt und erwartungsvoll zu dem Geistlichen empor, der mit zufriedener Heiterkeit, ohne jenen Anschein pflichtmäßiger Sammlung und Innerlichkeit, den unsere Prediger, wenn sie die Kanzel besteigen, allsonntäglich nach dem Frühstück annehmen, auf seine zahlreichen Zuhörer herabblickte. Der Priesterornat, das schwarze Gewand, der weiße Meßrock und die dunkelrote Stola standen ihm vortrefflich. Er gefiel sich und den anderen. Mit schöner Bruststimme und edler Gestikulation sprach er von den Versuchungen zur Sünde. La tempestà del core, der Sturm des Herzens, spielte eine Hauptrolle in dem ersten Teile der Predigt. Er schilderte, wie die kleinste Abweichung vom Pfade der Pflicht zu den furchtbarsten Taten führen könne, wie Ehebruch und Mord oft die Folgen eines augenblicklichen Leichtsinnes wären. Er ermahnte im zweiten Teile die Zuhörer, streng über sich zu wachen, um sich vor dem ersten Schritte auf dem bösen Pfade zu hüten und nicht zu verzweifeln, wenn sie schon Sünde auf ihr Gewissen geladen hätten, sondern sich an Christus zu wenden, der den Sündern zurufe: Kehret zu mir zurück, denn Buße und Reue erwirken Gnade. Die Predigt war edel in der Ausdrucksweise, mild und verständlich in der Gesinnung und hielt sich mehr an Tatsachen als an abstrakte Begriffe. Diese Art zu predigen, die ich später in Italien fast bei allen katholischen Geistlichen gefunden habe, ist viel wirksamer auf das Gemüt und für das Verständnis der großen Masse als die theoretische Abstraktion, zu der unsere Prediger die Menschen zu erheben wähnen. Trotzdem hatte die Art und Weise des jungen Mannes etwas, das unablässig an Goethes »Ein Komödiant könnt einen Pfarrer lehren« erinnerte. Wenn er von dem Sturm des Herzens sprach, wenn er mit emporgehobenen Händen, Abscheu in allen Mienen, von der Verlockung der Sünde sich abwendete und erzählte, wie mild Christus die Verlorenen zu sich zurückrufe, so klang das »Ritorna! Ritorna da me!« so süß und schmeichelnd wie das Liebesflöten irgendeines Primo Tenore in irgendeiner Arie, die, statt wie die Predigt mit Justitia divina, mit Gloria e vittoria oder mit einem pathetischen Adio! schließt. Dazwischen kamen lateinische Zitate aus dem heiligen Augustin oder Bernardin, die den Hörern durch ihre Unverständlichkeit sicher ebenso imposant waren als mir, und mit der Verweisung auf die Justitia divina schloß denn die Predigt auch. Der Geistliche nahm sein Barett grüßend vom Haupte, verließ die Kanzel und wir den Dom, während die Gemeinde sich erhob und einzelne plaudernd wie an jedem anderen öffentlichen Orte in Gruppen zusammentraten. Im Herausgehen sahen wir an entfernten Pfeilern hie und da einen Mann oder eine Frau in einsamer Andacht hingeworfen ihr Gebet verrichten. Dort mochte sich manch stiller Schmerz, manch ungehörte Klage dem Himmel anvertrauen. Und leise schritten wir an ihnen vorüber mitten unter den geputzten Herren und Damen, die kaum jene Betenden bemerkten, so sehr war die Mehrzahl dem sonnigen Tage zugewendet, der seitwärts durch die schweren, dickgepolsterten Ledervorhänge vor den geöffneten Türen in den Dom hineinguckte. Ein Debüt in der Scala Wir hatten am Morgen dem Wirte unseres Hotels den Auftrag gegeben, uns für den Abend eine Loge in der Scala zu besorgen, wo man »Die beiden Foscari« von Verdi spielen sollte. Als er uns den Logenschlüssel einhändigte, an dem die kleine Blechplatte mit der Nummer der Loge hing, und wir nach dem Preise fragten, waren wir erstaunt, ihn viel geringer als in den großen Theatern Deutschlands zu finden. Aber dies ist nicht der Fall, sondern unser Irrtum ward durch eine in ganz Italien herrschende Sitte bei dem Verkauf der Theaterbilletts herbeigeführt. Man löst nämlich an der ersten Kasse eine Eintrittskarte für das Theater und an einer zweiten Kasse das Billett für den Platz, den man zu haben wünscht. Bei den Logen vertritt der Schlüssel, den der Mieter erhält, die Stelle der Eintrittskarte, und man hat hier den Vorteil, nur soviel Plätze zu bezahlen, als Personen die Loge besuchen. Diese Einrichtung rührt wohl davon her, daß die Italiener überhaupt ihre Logen als Empfangszimmer benutzen, die sie nicht mit Fremden teilen mögen wie bei uns. Man ladet seine Freunde für die Loge ein, wie man sie in sein Haus einladet. Die Loge ist ein Boudoir, in dem die Dame allabendlich zu bestimmter Stunde ihre Besuche empfängt; man geht dorthin, wenn man sie sicher finden will. Die Oper ist in gewissem Sinne nichts anderes als das Musizieren der Dilettanten in unsern Gesellschaften, das über entstehende Pausen forthelfen muß und ein Bindungsmittel für die einzelnen Parteien bildet. Daher kommt es auch, daß man durch einen ganzen Winter immerfort nur zwei oder drei Opern gibt, auf die dann das abonnierte Publikum, das sie auswendig kennt, nicht im geringsten achtet. Nur die Fremden und solche Einwohner, welche selten das Theater besuchen, hören aufmerksam und schweigend zu und werden allerdings von der Unterhaltung der anderen sehr belästigt. Das Äußere der Scala, die Treppen, Vorhallen und derartigen Räume sind nach den jetzigen Anforderungen fast ärmlich zu nennen, der eigentliche Saal aber und die Bühne sind schöner als irgendein Theater in Deutschland. Von dem räumlichen Parkett erheben sich senkrecht sechs Logenreihen übereinander. Jede Loge hat ein kleines Vorzimmer, das bei den jahrweise vermieteten Logen mit bequemer Zierlichkeit eingerichtet ist. Bei den nichtabonnierten vertritt es mindestens die Stelle eines Entree und ist für das Ablegen der Kleider immer erwünscht. Das Haus ist in einem leichten, luftigen Geschmack mit hellgelbem Damast dekoriert, der viel schöner aussieht als das lichtverschlingende Karmoisin der meisten deutschen Theater. Jede Loge hat gegen den Saal hin einen Vorhang, den man geschlossen hält, wenn sie leer ist. So verdeckt man freundlich den Mangel an Besuch und kann andererseits auch der Oper beiwohnen, ohne gesehen zu werden. An jenem Abende war das Haus durchweg gefüllt. Es war das erste Auftreten der Engländerin Birch, die ein Jahr vorher in Deutschland als Konzertsängerin fast nur ernste Musik gesungen hatte. Sie war als Primadonna in Mailand engagiert und machte als Opernsängerin und Schauspielerin ihre ersten Versuche. Man denkt sich in Deutschland alle Italiener von einer wahren Musikmanie ergriffen, und da wir Deutschen sogar den Scherz und unsere Liebhabereien und Vergnügungen sehr ernsthaft betreiben, so stellte ich mir das Auftreten einer neuen Sängerin als ein Ereignis vor, das mit feierlich prüfender Gewissenhaftigkeit von den strengen, musikliebenden Kritikern behandelt werden müsse. Aber nichts weniger als das. Es waren allerdings zwei Parteien vorhanden, für und wider die Debütantin; diese brachten jedoch schon eine fertige Meinung mit, namentlich die Gegenpartei, welche heroisch entschlossen schien, die Engländerin nicht gelten und womöglich nicht singen zu lassen. Sowie sie erschien, fing ein lebhafter Kampf zwischen Pfeifen, Zischen und Klatschen an. Endlich siegte das letztere, und die wirklich schöne, klangreiche Stimme der Sängerin verfehlte nicht, sich Anerkennung zu gewinnen. Ich sage absichtlich Anerkennung, nicht Beifall, denn der Beifall führt in Italien unabweislich den Fanatismo in seinem Gefolge, von dem hier keine Spur war. Auch hat Miß Birch allerdings etwas Kaltes in ihrer Erscheinung und selbst in ihrer Stimme. Sie singt, als hätte sie eine Lerche in der Brust, aber kein Herz. Etwas beweglicher, etwas wärmer war sie unter dem südlichen Himmel geworden, indes noch lange nicht genug, um Italiener hinzureißen. Den Beifall des Publikums errang nur der Baß, Signor Achille Bassini. Aber ist das ein Beifall! Solch einen Applaus bringt die kunstgeübteste deutsche Claque nicht zustande, und er beruht auch, wie ich gesehen habe, auf einem wohlüberdachten Mechanismus. Bei uns schlägt jeder, dem das Entzücken aus der Seele bis in die Hände dringt, diese gegeneinander, wie es eben kommt. Die Italiener halten die linke, behandschuhte Hand ganz still und schlagen mit der rechten, von der sie den Handschuh abziehen, so stark es geht, gegen die andere. Das bringt in der Masse mit obligatem Akkompagnement der Stöcke, welche rastlos gegen die Erde gestoßen werden, ein Ganzes hervor, welches den Schauspielern gewiß als die wahre Himmelsmusik und schöner als Sphärenklänge erscheint. Nur wenn Signor Bassini sang, hörte das Publikum zu sprechen auf, sonst plauderte man unausgesetzt, und die ganze Oper bekam dadurch eine summende Begleitung, wie etwa das Käferlied von Reinek sie hat. In den Chören, die für Sopran und Alt aus lauter häßlichen Frauen bestanden, sang das Publikum halblaut mit, wie es das auch bei einzelnen Arien tat, die ihm gefielen und nicht von seinen Lieblingen vorgetragen wurden. Es war eine Art von Ungezwungenheit, die ich mir bei solch wichtigem Ereignis wie das Debüt einer ersten Sängerin nicht als möglich gedacht hatte. Aber diese Ungezwungenheit muß Stil sein; man behandelt die ganze Sache nicht so ernsthaft. Der Souffleur sitzt nicht wie bei uns, wo man sich jeder Schwäche, also auch des Steckenbleibens schämt, verborgen unter einem Schirme. Ein schlechtes Gedächtnis, ein schlechtes Memorieren sind menschliche Fehler, die man offen eingestehen darf, wennschon sie Abhilfe erfordern. So sitzt der Souffleur in der Mitte der Lampenreihe, bis unter der Brust aus dem Podium hervorragend und mit Kopfnicken rechts und links die Zeichen gebend, welche die Not erforderte. Ebenso unverhohlen freundlich als der Souffleur half der Musikdirektor aus, und wenn seine Musiker dem Winke und der Bewegung des Taktstockes allein nicht mehr gehorchen wollten, so schlug er mit kräftiger Hand auf die Blechlampen zu seiner Seite, was eine Erinnerung an den beliebten Tamtam der neueren Opernmusik geben konnte. Am zwanglosesten aber bewegten sich die Chöre, Männer und Frauen. Über die starre Regelmäßigkeit unserer Choristen, die oft alle von demselben Impuls ergriffen die Hand beteuernd auf das Herz legen oder gen Himmel erheben, konnte man sich hier nicht beklagen. Jeder ging, stand und tat, wie es ihm gefiel, und zwei stattliche Senatoren, von verschiedenen Magneten der eine rechts, der andere links gezogen, sangen Rücken an Rücken stehend ihr Pensum mit der Einigkeit der siamesischen Zwillinge ab. Es war von sehr komischer Wirkung. So harmlos plauderte und spielte man zwei Akte hindurch, dann kam die große Pause, der das Hauptvergnügen folgen sollte, das Ballett. Dies wird immer in der Mitte der Oper gegeben, weil jedermann die oft wiederholte Oper kennt und das männliche Publikum doch eher ermüdet, diese zu hören, als alltäglich die Reize der Tänzerinnen zu bewundern. Das hat für den Fremden, dem es darum zu tun ist, die Musik zu genießen, großen Nachteil. Das Ballett dauert lange, und die letzten Akte der Opern fangen oft erst gegen Mitternacht an. Dann wird das Haus leer, nur die eigentlichen Musikliebhaber bleiben zurück, und Sänger und Sängerinnen spielen mit jener Ermüdung, mit jener Schlaffheit, die den Künstler immer überfällt, wenn er vor leeren Räumen dasteht. Auch wir zogen es vor, nach dem Ballett, das ich seines Inhaltes wegen besonders beschreiben muß, das Theater zu verlassen, da wir die Oper zwar nicht schlecht, aber weder die Musik noch die Sänger und ihr Spiel anziehend genug fanden, ihm die auf der Reise so nötige Nachtruhe zu opfern. Am nächsten Tag erfuhren wir, daß nach einem leichten Kampfe der geringen Mannschaft zu Ende der Oper die Miß-Birch-Partei Siegerin geblieben sei und ihrem Schützling bei dem nächsten Auftreten die üblichen Buketts und Kränze, welche ihren Fanatismo für sie bedeuten sollen, wie eine Gunst der Götter vom Himmel herabfliegen würden. Der Goethesche »Faust« als Ballett auf der Scala Ich habe gesagt, daß uns die Unachtsamkeit und das Sprechen des Publikums während der Oper auffallend gewesen sei, noch mehr aber befremdete uns die tiefe Stille, welche gleich nach der Introduktion des Balletts eintrat. Kein Laut regte sich, es war viel stiller als in der Kirche und aller Augen, namentlich aber die Perspektive der Männer, mit wirklicher Inbrunst auf die Bühne gerichtet, als werde dort eine neue Verkündigung vor sich gehen. Ich habe Italiener nie so aufmerksam gesehen, so von dem Gegenstande ganz und gar gefesselt als während des Balletts. Es ist mir vorgekommen, als habe die Leidenschaft für dieses dem Interesse für Musik wesentlichen Abbruch getan. Das Ballett, ganz nach der Idee des Goetheschen »Faust« geschaffen, trug den Namen »Cardenuto« und hatte einen Signor Antonio Montirini zum Verfasser. Daß das Trauerspiel dabei eine Umwandlung erleiden mußte, war in doppelter Hinsicht notwendig. Einmal liegt den Italienern der Gedanke fern, daß jemand sich so unglücklich fühlen könne als Faust, nur weil er das All in seiner Gesamtheit nicht erfassen, weil er den Rätseln des Daseins nicht die Lösung abgewinnen kann. Den Völkern des glücklichen, heiteren Südens sind jene Qualen ziemlich fremd, die, von innerem Zerwürfnisse ausgehend, gleichgültig machen gegen den Genuß der irdischen Erscheinungen. Die Idee eines Goetheschen »Faust« konnte nur in Deutschland erwachsen, in dem tiefsinnigen, träumerischen Lande, in dem so viele vor Denken und Sehnen das Genießen und Leben vergessen. Zweitens bot in technisch-theatralischer Hinsicht der Goethesche »Faust« für das Ballett nicht genug Gelegenheit, theatralische Pracht zu entwickeln. In Fausts bescheidenem Studierzimmer, in Gretchens stillem Gemache konnte nicht all der Glanz entfaltet werden, den das Ballett erfordert. So entstand folgende Umwandlung. Der geisteskräftige, männliche Faust ward in einen alten, hinfälligen Bildhauer Cardenuto verwandelt, nach dem das Ballett eben heißt. Cardenuto, verlassen von der Fähigkeit zu schaffen, kann in sich das Ideal des Schönen nicht mehr finden. Da zeigt ihm der Teufel, den er beschwört, in einer Vision Helena, Tochter der Prinzessin von Magdeburg, die von der Mutter dem Vormos, einem Verwandten des Herzogs von Braunschweig, versprochen und ihm bereits verlobt ist. Cardenuto-Faust findet in ihr das Ideal wieder, entbrennt in Liebe für das schöne Mädchen und unterzeichnet um den Preis ihres Besitzes den Pakt, welchen Mephisto – hier Mugraby, Genius des Bösen, genannt – ihm vorlegt. Der alte, hinfällige Bildhauer wird in den schönsten Ritter verwandelt, geht an den Hof der Fürstin von Magdeburg, der glücklicherweise in Deutschland nicht als zweiunddreißigster souveräner Hof vorhanden ist, verrichtet Wunder der Tapferkeit, gewinnt die Liebe der Helena und begehrt sie zur Frau. Nun tritt aber Vormos, der Verlobte Helenas, auf und mit ihm ein Bruder derselben, der Prinz Adolfo, die beide von der neuen Verlobung nichts hören wollen. Auch der alte Braunschweiger und die Magdeburger Prinzessinmutter verlangen, daß Helena ihr Wort halte, was von den ehrenwerten deutschen Verwandten sehr recht ist. Indes Cardenuto und Helena finden dies nicht. Es kommt zu einem Zweikampfe zwischen Cardenuto und dem Bruder Adolfo, in dem dieser erstochen wird. Der Mord des Sohnes macht die Mutter noch abgeneigter und vermehrt die Hindernisse; da gibt Mugraby dem Cardenuto ein Fläschchen Gift, mit dem Helena die Mutter tötet. Helena erscheint im Kerker, Cardenuto und Mugraby kommen, sie zu befreien, aber sie wirft sich vor der Tür einer Kapelle nieder, welche sich im Kerker befindet, und erwartet das Gericht. Mugraby führt den Cardenuto fort, und zum Schlusse erscheint Helena im himmelblauen bengalischen Feuer in den Wolken, während der arme Cardenuto zu ebener Erde in brennendem Feuerrot mit den Dämonen ringt, die ihn in die Unterwelt hinabziehen. So geschieht diesen und der Kirche ihr Recht, und kaum der Goethesche Faust hat sich zu beklagen, denn das Ballett ist vortrefflich arrangiert. Es beginnt mit Mephisto-Mugrabys Besuch auf dem Blocksberge, wo die sieben freien Künste, schöne griechische Göttergestalten, mit den höllischen Mächten um die Seele des armen Cardenuto ringen. Dies ist ein wahrhaft schöner und poetischer Gedanke, daß die Kunst als Bewahrung vor der Sünde dem bösen Prinzip entgegengesetzt wird. Cardenuto, eine jämmerliche Eremitengestalt, wird, während Sangrida den Verjüngungstrank braut, von den verschiedenen Parteien handgreiflich hin und her gezogen. Es geht sehr stürmisch in der Versammlung zu, und man bekommt einen Begriff, wie hoch eine menschliche Seele anzuschlagen sei, wenn man sieht, wie viele Götter und Dämonen eifrig darum ringen. Mitten in der Verwirrung des Kampfes erscheint in einer Felsengrotte Helena in arkadischer Kleidung, von ihren Gespielinnen umgeben, und verschwindet, sobald Cardenuto sie erblickt hat. Von Sehnsucht entbrannt, kehrt er vom Blocksberge in sein einsames Gemach zurück, in dem ein altes Spinett und ein paar Büsten sein bisheriges, der Kunst geweihtes Leben andeuten. Alle freien Künste und Mugraby besuchen ihn nochmals und plädieren für ihre Sache. Mugraby siegt. Die Büsten werden umgeworfen, die Künste entfliehen händeringend, der Bildhauer trinkt den Verjüngungstrank, die Kutte fällt, der neue Ritter ist da, und Mugraby entführt ihn, »damit er, losgebunden, frei, erfahre, was das Leben sei«. Dieser erste Teil des Balletts scheint mir ein Muster von Szenerie zu sein. Schnell und immer neu wechseln die Bilder, Szenen und Gruppierungen auf dem Blocksberge. Man ist kaum imstande, ein Bild festzuhalten, man kommt zu keiner Überlegung. Wie im Kaleidoskop verschwimmen die Erscheinungen ineinander, und dem Zuschauer bleibt nur die Empfindung, er habe Unglaubbares, Märchenhaftes gesehen. Das ist wohlberechnet und von poetischer Wirkung. Nur indem man die Phantasie verwirrt, bringt man sie dahin, das Unglaubliche anzunehmen, zu glauben, und einmal bis zu diesem Grade erregt, füllt sie selbsttätig alle Lücken aus, welche die Darstellung lassen könnte. Hier benutzt ein Priester der Kunst die Regel, welche alle Priester aller Religionen seit Menschengedenken mit so glücklichem Erfolge angewendet haben. Die Prachtaufzüge des Hofhaltes, die Märsche, die Feste ließen nichts zu wünschen übrig, und Helena und Mugraby waren vortrefflich. Ich glaube nicht, daß es möglich sei, den Mephisto durch bloße Pantomime und überhaupt ihn besser darzustellen, als es Signor Effisio Catte tat, der ihn spielte. Unsere berühmtesten Darsteller des Mephisto hätten viel von ihm lernen können. Er hatte ganz unübertreffliche Momente. Eine Szene, in der Helena voll heißer Liebe dem Cardenuto in die Arme sinken und doch ihn fliehen möchte, war von so vollendeter, ergreifender Wirkung, wie man sie dem Ballett kaum zutrauen dürfte. Freilich kam die schöne, weibliche Anmut der Signora Galetti, die ein echt mädchenhaftes Gretchen darstellte, dem Mugraby sehr zu Hilfe. Als Cardenuto sehnsuchtsvoll die Arme nach Helena ausbreitet und diese voll Liebe und Gewissensangst bald ihn meiden, bald ihm ans Herz stürzen und endlich dennoch im letzten, schweren Siege der Tugend ihn fliehen will, da vertritt ihr Mugraby durch eine fast unmerkliche Wendung den Ausweg und zeigt ihr den verzweifelnden Geliebten. Sie bleibt erschreckt, gefesselt stehen; ein neuer Kampf beginnt in ihr. Immer näher tritt Mugraby an sie heran; um diesem zu entgehen, wendet sie sich dem Geliebten wieder zu, und als nun der volle Strahl seiner liebeflehenden Blicke sie trifft, als er ihr nochmals seine Augen öffnet und sie festgebannt steht zwischen dem Geliebten und dem Bösen, da wirft sie sich mit einer Fülle des Gefühls, mit einer Hingebung an Cardenutos Brust, die als der vollendete Triumph weiblicher Liebe selbst Goethe zufriedengestellt haben würde. Über der Gruppe der Liebenden, die einen Augenblick in seliger Vergessenheit Brust an Brust ruhen, breitet Mugraby satanisch lächelnd die Hände aus, wie ein Stoßvogel wollüstig schwebend sich in der Luft erhält über dem Opfer, das ihm nicht mehr entgehen kann. Es war meisterhaft aufgeführt und konnte in der Tat eine lebhafte Vorstellung von den Absichten des deutschen Dichters geben. Das Entzücken über das Ballett und Signora Galetti, die Aufmerksamkeit und Spannung des Publikums zu schildern ist unmöglich. Die tiefste Stille ward oft durch einen Beifallssturm für Augenblicke unterbrochen, wie mein Ohr ihn noch nie gehört hatte. Von Zeit zu Zeit rang sich ein »Brava«, ein »Bellissima!« für Signora Galetti aus dem chaotischen Tonmeere auftauchend hervor. Zuletzt aber schien es, als hätten sich alle Seelenkräfte in den Augen konzentriert, man war zu entzückt, um noch klatschen oder rufen zu können, und ich hörte nur noch einzelne »Ah!« der höchsten genießenden Seligkeit aus männlichen Kehlen ertönen. Es war mir eine vollkommen fremde Erscheinung, dieser Grad der Ekstase; indes fand ich selbst das Mädchen so poetisch und reizend, daß ich dadurch einen Anknüpfungspunkt für das Entzücken der anderen hatte. Es wäre zu wünschen, daß dies Ballett seinen Weg auch auf unsere Bühnen fände, wenn es so ausgezeichnete Darsteller dafür gäbe als in Mailand. Mich dünkt, die eifrigsten Verehrer Goethes würden sich davon angezogen und in ihrer Verehrung für dies Meisterwerk unseres größten Dichters nicht verletzt fühlen. Mir wenigstens war diese Umwandlung viel erfreulicher und weniger störend als die melodramatische Behandlung des »Faust«, die in Deutschland so sehr beliebt und doch eigentlich so geschmacklos ist, weil die Musik in den großen Monologen durch die Notwendigkeit, sich ihr anzupassen, den Schauspieler oder Deklamator zwingt, den Rhythmus der vollendet schönen Sprache und selbst den Geist des Vortrags bis zu gewissem Grade zu opfern. Hier im Ballett versucht eine Kunst, eine untergeordnete Kunst, wenn man den Tanz, die Pantomime, so nennen darf, durch die beschränkten Mittel, welche ihr zu Gebote stehen, den Eindruck eines vollendeten poetischen Kunstwerkes wiederzugeben. Dort, bei der melodramatischen Behandlung des »Faust«, übernimmt die Musik, eine ganz selbständige Kunst, ein Amt, für das es in diesem Falle keine innere Notwendigkeit gibt. Sie will ein Kunstwerk ergänzen, verklären, heben, das in sich vollendet ist und dieser Hilfe gar nicht bedarf, weil es ohne sie in voller Verklärung strahlt. Die Radziwillsche Bearbeitung des »Faust«, soweit sie über die Komposition der Chöre und Gesänge hinausgeht, ist mindestens ein Pleonasmus und als solcher ein Fehler gegen den guten Geschmack. Die Musik hat die Macht, in uns eine Welt des Gefühls anzuregen. Der »Faust«, dies Produkt schärfsten Denkens, vollendeter Lebensweisheit, verträgt sich mit dem unbestimmten Ahnen nicht. Die Gedanken, welche der »Faust« erregt, sollen sich nicht in verschwimmende Gefühle auflösen. Mich dünkt, der geistreiche Fürst Radziwill habe aus Verehrung für Goethe, trotz der Schönheit seiner Komposition, fast eine größere Sünde an dem Meisterwerke begangen als der italienische Ballettmeister. Dieser begnügt sich bescheiden, das Schöne wiederzugeben, soweit es in seiner Macht steht; jener versucht es, das in sich Vollendete zu verschönen, ohne zu bedenken, daß man dem Vollendeten eben die Vollendung nimmt, wenn man es willkürlich ändert und nicht dazugehörende, außer der Absicht des Schöpfers liegende Elemente hineinbringt. Ich glaube nicht, daß Goethe gedacht hat, Fausts Monologe mit Geigen und Flöten begleiten zu lassen, und es gibt gewiß sehr viele, denen der neue, getanzte »Faust« besser gefallen hätte als der mit Musik verschönte. Der Corso und ein Luftballon in der Arena In den ersten Tagen unseres Aufenthaltes in Mailand war der Corso unsere gewohnte Abendpromenade gewesen. Es gibt drei Straßen, welche diesen Namen führen, der Corso Francese, der Corso della Porta Romana und der Corso della Porta Orientale, welcher letztere der eigentliche Corso ist. Der Corso Orientale beginnt in der Nähe des Domes, wo die Straße zwar schon breit und stattlich ist, sich aber doch erst später in ihrer ganzen Schönheit entfaltet. Zwei Reihen Quadern als Wagengleise inmitten derselben vermindern bei den Lustfahrten den Lärm, der in anderen Städten so lästig wird. Gegen das Ende der Straße, nach dem Tore hin, liegen zur Linken die öffentlichen Gärten, welche jede größere Stadt Italiens besitzt. Sie sind nur für Fußgänger geöffnet; schöne, schattige Alleen, Grasplätze und Blumenbosketts, zwischen denen die Kinder aller Stände sicher vor Wagen und Pferden ihre fröhlichen Spiele treiben. Außerhalb des Tores fängt eine dreifache mächtige Allee an, welche sich von der Porta Orientale nach der Porta Nuova zieht und in der die Mailänder schöne Welt in den reichsten Equipagen ihre Abendfahrten macht. Alle Verhältnisse der Gesellschaft in Italien sind aus dem Bedürfnis eines Volkes hervorgegangen, das ursprünglich gesellig ist und sich seit Jahrhunderten einer feinen ausgebildeten Geselligkeit erfreut. Die Engländer, welche ihren Mittag einsam in einem verschlossenen Closet zu verzehren lieben, hätten nie aus ihren Opernhäusern einen Salon gemacht wie die Italiener und nie die Corsofahrten erfunden in der Weise, in welcher sie in Italien üblich sind. Auch bei ihren Spazierfahrten verlangen die Italiener die Freuden der Geselligkeit mehr als den Genuß der Natur. Jeder Corso hat einen Punkt, wo die Wagen halten, die Reiter herankommen und wo man eine Weile plaudert, ehe man wieder eine Tour hin- und herfährt, um die Unterhaltung auf dem Ruheplatze nach kurzer Zeit aufs neue zu beginnen. An diesen Stellen finden sich die Blumenverkäuferinnen ein, und durch die Galanterie der Männer wandert der reizende Inhalt der Blumenkörbe in die Hände der Damen. Fast alle, Männer und Frauen, tragen kleinere und größere Sträuße im Knopfloch oder in den Händen, und nirgend habe ich eine reichere Blumenpracht entfaltet gesehen als in den Cascinen vor dem Tore in Florenz, wo die Corsofahrten stattfinden. Die Aussicht zwischen der Porta Orientale und der Porta Nuova in Mailand ist überraschend schön. Zur Linken die Stadt mit ihren Kirchen und Türmen und aus ihnen hervorragend, wie eine schlanke, gelbliche Aloe aus niederem Gesträuch, der Dom in seiner hellen, zierlichen und doch so imposanten Schönheit; zur Rechten in sanften, bläulichen Wellenlinien die fernen Gebirge. Wenn wir stundenlang dem Auf- und Niederfahren der vierfachen Wagenreihe zwischen den beiden Toren zugesehen hatten, wenn diese endlich in die Stadt zurückkehrten, um noch ein paarmal innerhalb derselben den Corso Orientale entlangzufahren, dann ward es still und erquickend in dem Schatten der schönen Alleen. Einzelne Fußgänger zogen dann an uns vorüber, die Lichter in den Häusern der Stadt fingen zu schimmern an, und oben am Himmel breiteten sich die Tausende von Lichtern aus, zu denen die Seele sehnsüchtig emporblickt, wenn ihrem Erdenleben keine Sterne leuchten. Nach solcher Stille und Naturfeier hat es dann fast etwas Schmerzliches, in das Geräusch und das Treiben einer großen Stadt zurückzukehren. Der Natur, Gott gegenüber hat jeder das Bewußtsein des eigenen, selbständigen, in sich berechtigten Wesens, das sich selbst und seinen Leiden und Freuden eine Wichtigkeit zugesteht, wie die zur Gesellschaft vereinte Menschheit sich nicht gelten läßt. Man fühlt sich eingeengt, gehemmt, gestört durch die andern; man müßte sie fürchten und fliehen, wenn es uns nicht zu ihnen zöge, sie zu lieben. Ihr Frohsinn würde verletzen, wenn man egoistisch genug wäre, ihnen die Freude am Leben zu mißgönnen, und so stumpf, nicht selbst von ihr ergriffen zu werden. Und allerdings ist die heimkehrende Wagenreihe auf dem Corso ein heiteres Bild. Vor den hellerleuchteten Kaffeehäusern sitzen unter Zelttüchern Männer und Frauen, ihr Eis zu verzehren, während die vornehme Welt in ihren Equipagen davor hält und sich das Eis in die Wagen reichen läßt. Hier nun beginnt die Unterhaltung aufs neue. Die Männer treten an die Wagen heran, und manches Bukett, das aus männlicher Hand auf der Spazierfahrt in eine weibliche überging, wanderte jetzt, wenn auch nicht immer, in dieselbe Männerhand zurück. Am buntesten aber und am fröhlichsten sieht es in der Galerie Cristoforo aus. Das ist eine lange, mit Glas verdeckte Galerie zur linken Seite des Corso Orientale, in der sich zu ebener Erde Laden an Laden, Café an Café befindet. Über denselben sitzen hübsche Ladenmädchen und Putzarbeiterinnen an den kleinen Fenstern des Entresol und sehen denn doch bisweilen von ihrer Arbeit hinab auf die Menschenmenge, welche da unten sich bewegt. Man nimmt sowohl in den Zimmern, welche an die Galerie stoßen, als in dieser selbst seinen Kaffee, seine Schokolade, sein Eis ein. Nur wenig Personen habe ich im ganzen mit Zeitungen und Journalen beschäftigt gesehen. Die Mehrzahl der Männer rauchte und schwatzte, es war eben das süße Nichtstun, das dolce far niente der Italiener. Mir war der Corso lieb geworden, und nur auf Zureden meiner Freunde entschloß ich mich, ihn an einem Sonntag zu versäumen, um das Steigen eines Luftballons in der Arena zu sehen. Durch das Netz der kleinen, sich unregelmäßig durchkreuzenden Straßen im Mittelpunkte der Stadt, die in sonntäglicher Stille von den Einwohnern verlassen dalagen, gelangten wir in das Freie und durch Gartenanlagen an das alte Kastell. Es liegt mit seinen mittelalterlichen Mauern und Türmen auf der der Stadt zugewendeten Seite der Piazza d'Armi. Am anderen Ende dieses großen, viereckigen Exerzierplatzes befindet sich das prächtige Triumphtor, der Arco della Pace, den, wie schon gesagt, Napoleon zu bauen anfing, als er die Simplonstraße vollendet sah; indes ward es erst zur Krönung des jetzigen Kaisers von Österreich beendet und eingeweiht. Eine dichtgedrängte Menschenmasse hatte den Platz eingenommen, und man fühlte, obgleich alles um uns her italienisch sprach, dennoch, daß man Deutschland noch nicht allzufern sei, wenn man die Bier- und Bratwürstelverkäufer zwischen den Trauben und Pfirsich ausrufenden Leuten erblickte. Auffallend groß war selbst für uns Preußen die Anzahl des Militärs, das hier zum Vergnügen umherwanderte. Die Garnison der Stadt muß sehr bedeutend sein. Die Arena ist auf der linken Seite der Piazza d'Armi. Ein schönes, mit roten Granitsäulen geschmücktes Haus bildet den Eingang. Wie im Theater muß man auch hier zwei Billette lösen, und es gibt außerdem Plätze, welche sich das Governo zu verteilen vorbehält. Fremden wird der Zutritt zu diesen mit Leichtigkeit gewährt. Ich habe aber, obgleich wir sie innehatten, nicht begreifen können, worin ihr Vorzug eigentlich besteht, da in einer ovalen Arena man notwendig überall gut sehen muß. Das einzige Angenehme kann man darin finden, daß sie der Eingangstüre in die Säle des Hauses zunächst liegen und den Eintritt in diese möglich machen, der wohl dem übrigen Publikum nicht gestattet sein mag. Die Arena, 700 Fuß lang und 300 Fuß breit, kann auf den steinernen Sitzreihen, welche sich amphitheatralisch übereinander erheben, 30 000 Zuschauer fassen und für nautische Spiele unter Wasser gesetzt werden. Heute nun war es auf ein Schauspiel in der Luft, auf einen Luftballon abgesehen. In reichsten und geschmackvollsten Toiletten saßen die Männer und Frauen der vornehmen Gesellschaft auf den mit Polstern belegten Sitzreihen der Arena. Hier fiel mir zuerst die große Menge schöner Männer und Frauen auf; doch scheint mir, als ob in Mailand die Schönheit mehr ein Eigentum der höhere Stände als des Volkes sei, während in Rom das Gegenteil auffallend hervortritt. Der hellste blaue Himmel war über der Arena ausgebreitet, und Akazien und Zypressen, welche aus der Ferne herüberragten, ließen es keinen Augenblick vergessen, in welchem Lande man sei. Der Luftschiffer in seiner schwanken, an Tauen gehaltenen Gondel, ein hübscher, junger Mann, wurde rund durch die ganze Arena getragen. Er verteilte Buketts und Gedichte, welche er nach allen Seiten hinauswarf, und ward dafür mit donnerndem Händeklatschen, mit lebhaftem, ermutigendem Zuruf begrüßt. Endlich brachte man ihn nach dem Mittelpunkte zurück, ließ die haltenden Stricke los, und leicht und sicher stieg das Schiff in die Höhe. Man bekam Lust, sich der Fahrt zuzugesellen, denn wie ein stilles, tiefblaues, unendliches Meer sah der Himmel aus, und wie es hinablockt, in kühle Wellen zu tauchen, so zog es fast unwiderstehlich empor, den sonnendurchleuchteten, blauen Äther zu durchschiffen. Als der Ballon sich über das Eintrittshaus erhoben hatte, begrüßte ihn der Jubel des Volkes auf der Piazza d'Armi, welches kostenfrei dasselbe Schauspiel genoß, für das wir hingekommen waren. Der Ballon bewegte sich vom Winde getragen über die Piazza d'Armi fort, und wir eilten in das Haus, ihn und das Volk zu betrachten, bis der Ballon unserem Auge entschwand und man in die Arena zurückkehrte, das Feuerwerk zu sehen, das am hellen, lichten Tage abgebrannt wurde. Dies hat einen eigentümlichen Reiz. Zuerst stiegen wohl mehr als zwanzig Ballons empor. Eben nur leere Ballons, ohne Gondel, von Papier oder Zeug gemacht, in denen durch Feuer die Luft so weit verdünnt wird, daß sie rastlos emporschweben, bis sie verbrennen und niederfallen. Diese Ballons fehlen bei keinem größeren Volksfeste in Italien. Sie sehen hübsch aus, wenn sie hoch und höher aufsteigen, wenn die Flamme dann sichtbar wird in der Luft und man, die gewisse Zerstörung des Ballons vor Augen, mit einer wirklichen Spannung es abwartet, wie lange das leichte Gestell der mächtigen Flamme Widerstand leisten werde. Ich habe immer Mitleid gehabt mit den armen Ballons, die die Flamme so hoch hinaufträgt, um sie zu verderben, und nur das hat mich getröstet, daß auch die Flamme erlöschen muß, wenn sie den kleinen Ballon vernichtet hat. Es ist mehr Gerechtigkeit in den Elementen und in der Natur als in den Menschen. Den Ballons folgten Raketen, Schwärmer und alles das, was eben ein Feuerwerk bildet. Dazu spielten drei Chöre Militärmusik miteinander abwechselnd italienische Opernmelodien, und das Publikum klatschte jedem gelungenen Feuerrade, jeder zerplatzenden Leuchtkugel ein lebhaftes Bravo. Unter dem Beifallsjauchzen, das ein brennender Tempel erregte, verließen wir die Arena, um das Gedränge zu vermeiden, und beschlossen den Abend wie gewöhnlich in der Galerie Cristoforo. Genua Von Mailand nach Genua »Und darüber emporzuflammen gleich dem königlichen Tag!« Wie begreift man das Wort, welches Schiller seinen Fiesko ausrufen läßt, wie bezeichnend findet man es, wenn man, von Pavia kommend, die Bergstraße hinabfährt nach Genua und plötzlich am Ufer des schäumenden Meeres Genua zu unseren Füßen liegt, diese Königin der Städte in dem funkelnden, lebensprühenden Zauber ihrer Schönheit. Schon in Mailand, das doch noch sehr viel deutsche Elemente in sich schließt, welche die österreichische Herrschaft hervorbringt, hatte ich mich immer auf Genua gefreut und die Meilensteine gezählt, die mich ihm näher brachten. Der Weg von Mailand aus ist anfangs sehr einförmig. Unabsehbare Reisfelder ragen aus dem Sumpfboden hervor, in welchem der Reis so trefflich gedeiht und die Fieber ihren Ursprung haben, die diesen Teil Italiens heimsuchen. Zwischen diesen, von Maulbeerbäumen eingefaßten Reisfeldern fährt man bis La Certosa, dem berühmten Kartäuserkloster, das einer aus dem Geschlechte der Visconti als Buße erbaute, nachdem er seinen Schwiegervater und dessen Kinder hatte ermorden lassen. Wie der Mailänder Dom besteht auch dieses Gebäude ganz aus Marmor, und Hunderttausende von Figuren sind an den Außenwänden und im Innern des Klosters mit höchster Anmut und Vollendung gemeißelt. Die kostbarsten Bilder, Mosaiken in Pietra dura, schön wie persische Teppiche, schmücken das Innere der Kirche und gehören einem Orden, der sich freiwillig des schönsten menschlichen Gutes, der Sprache, entäußert. Da das Kloster von Kartäusermönchen bewohnt wird, führte uns natürlich ein junger Mann herum, der noch im Noviziate war und also sprechen durfte. Es war ein hübscher, kränklich aussehender Jüngling mit gutmütigen, hellblauen Augen in seinem italienischen Gesichte. Er schien begeistert für die Kunst und sprach in ziemlich gutem Französisch verständig und wohlunterrichtet über die Bilder in der Kirche. Ich fragte ihn, ob er bei dieser Kunstliebe nicht die Neigung fühle, Künstler zu werden statt Mönch? »Jetzt nicht mehr«, antwortete er mir. »Als ich in das Kloster eintrat, wußte ich nichts von der Kunst; dann haben der Anblick dieser Gemälde und die Belehrung der Maler, welche hierherkommen, zu kopieren, mir den Sinn dafür aufgeschlossen, und ich habe wohl die Versuchung gehabt – aber Versuchungen muß man besiegen –«, schloß er mit einem Seufzer. Ich erkundigte mich, ob er viel studiere. Er meinte, dazu habe er wenig Zeit. Die Mönche könnten ja nicht mit den Menschen verkehren, und so hätten er und ein anderer Laienbruder die ganzen Besorgungen für das Kloster und die Säuberung der Kirche auf sich, da bleibe nur die nötige Zeit für das Gebet und gar keine für das Studieren. So wird er denn noch drei Jahre Lebensmittel einkaufen und Bilder abstauben, und dann wird er würdig sein, Kartäuser zu werden, das heißt nichts zu tun und zu schweigen. Und dies ist ein Menschenleben, und dies ist noch Gottesdienst im Jahre 1846! In Pavia langten wir in der Dämmerung an und wanderten im Dunkeln durch die Straßen, deren große, mit Balkons gezierte Häuser die blühende Epoche der Universität verkünden. Wir schritten durch dunkle, menschenleere Gassen, über Plätze, auf denen das Gras zwischen den Steinen wuchs. Vor einem Hause, aus dem Licht hervorglänzte, hörten wir wildes, wüstes Geschrei. Wir sahen durch die offenen Fenster des Erdgeschosses hinein. Etwa dreißig junge Burschen lagerten auf Stühlen und Bänken um Tische, auf denen zwischen vollen und umgeworfenen Flaschen die antiken römischen Lampen brannten. Das ganze Gemach war voll Tabaksrauch, und das italienische Studentenleben glich in diesem Bilde vollkommen dem deutschen, wie es sich in kleinen Universitätsstädten entwickelt. In Pavia fanden wir die erste italienische Zimmereinrichtung: die Fußböden mit Ziegeln gedeckt, keine Öfen mehr und Bett- und Waschgestelle von Eisen. Am nächsten Morgen fuhren wir durch Voghera. Die Post lag neben einem Buchladen, und aus Neugier wollte ich sehen, welche Art von Büchern sich in solch kleiner italienischer Provinzialstadt vorfände. Ich ließ mir den Katalog geben. Es waren zum großen Teil Andachts- und Erbauungsbücher, viel Idyllen und Schäferromane von mir ganz unbekannten italienischen Autoren; einzelne Übersetzungen aus dem Französischen, namentlich sämtliche Werke Chateaubriands. Geschichtsbücher gab es wenige, aber sehr viel italienische und aus dem Französischen übersetzte Memoiren über Napoleon. Ich fragte, ob sie deutsche Bücher hätten, man verneinte es; als ich mich nach französischen erkundigte, brachte man das einzige, das in dem Laden vorhanden war: die Briefe und den Prozeß des Marchese Bergamo, des non mi ricordo. Am zweiten Abend langten wir in Novi an, wo der Marktplatz solch heiteres Bild bot, daß wir uns freuten, mit einem Vetturin zu fahren und hier verweilen zu können. Unser erster Blick fiel auf eine hellerleuchtete Kirche. Wir traten ein und fanden sie gedrängt voll Frauenzimmer, größtenteils jungen Mädchen, die in ihre weißen Schleier gehüllt der Abendandacht beiwohnten. Man sagte uns, es seien Arbeiterinnen aus den Seidenspinnereien, deren dreitausend in den Fabriken Novis beschäftigt werden. Sie erhalten täglich einen halben Frank und kommen allabendlich nach vollendetem Tagewerke zur Andacht in die Kirche. Draußen auf dem Markte vor der Kirche waren viel Männer versammelt, die spitzen Hüte und roten Mützen auf dem schwarzen Haar, und mit diesen Männern in buntem Gemisch wanderten die Frauen direkt aus der Kirche zu dem Puppenspieler, der auf offenem Markte bei dem Schein kleiner Lämpchen mitten zwischen Haufen von Melonen und Kürbissen seinen Kasten aufgeschlagen hatte. Man spielte »Carlo Parigi«. Ein Fernando und der Carlo stritten, wem des Königs Tochter Erminia von den beiden zuteil werden solle. In der zweiten Szene erstach Carlo den Fernando und entfloh. Arlecchino kam heran, besah den Toten, wunderte sich, warum er nicht aufstände, und als er noch mit ihm beschäftigt war, erschien der König, der Arlecchino für den Mörder hielt, ihn durchprügeln und fortführen ließ. Das zuschauende Volk lachte ihn aus und spottete über seine Dummheit. Dies wird um so bezeichnender, wenn man weiß, daß in Italien niemand einen Toten anrührt, einem Sterbenden zu Hilfe kommt, wenn je ein Todesfall sich auf der Straße oder außerhalb der Familie des Sterbenden ereignet. Man fürchtet Verwickelungen mit der Polizei und sieht dem Leid ganz ruhig zu, bis diese kommt und sich davon überzeugt hat, daß kein Mord oder sonst ein Unrecht geschehen sei. Voghera und Novi und auch die andern kleinen Orte, durch die wir am dritten Tage fuhren, haben hübsche Theater, die sich mit den besten Schauspielhäusern unserer kleinen deutschen Residenzen messen können. Erst am dritten Tage hatte unser Vetturin versprochen, uns nach Genua zu liefern, und so langsam uns, die wir mit Dampfwagen zu fahren gewohnt sind, dies erscheinen mag, so ist diese Art zu reisen für Italien doch eine sehr angenehme, wenn eine Gesellschaft von vier einander bekannten Personen das Innere des Wagens in Beschlag nimmt. Man bedingt das Mittagessen – pranzo – und die Abendmahlzeit, welche um sechs Uhr gegeben wird – die cena –, mit in den Preis für die Reise. Die Vetturine kehren fast überall in die besten Gasthäuser ein; die Zimmer sind nicht so reinlich wie in den ersten Hotels Deutschlands, aber ebenso sauber und viel besser eingerichtet, als man es in den kleinen Städten Ost- oder Westpreußens und Westfalens finden würde. An vielen Orten waren die Ziegelfußböden mit Teppichen belegt, die Riesenbetten überall sauber und oft mit Fliegennetzen versehen, die Mahlzeiten reinlich und reichlich, und für all das sorgt der Vetturin, der auch das Gepäck in Obacht nimmt, welches abends auf den Wagen in den Remisen bleibt. Auf sehr belebten Straßen begegnete es uns häufig, daß auf den Zwischenstationen der großen Städte die Vetturine uns tauschten, um jedweder in seine Heimat zurückzukehren. Es ist uns nie der geringste Nachteil daraus erwachsen, wenn wir so verkauft worden sind, da derjenige, welcher uns übernahm, jedesmal pünktlich die Verpflichtungen des zuerst Gemieteten erfüllte. Nur eins ist bei dieser Art zu reisen anfangs unbequem, das sehr frühe Aufbrechen aus den Nachtquartieren. Es geschieht, um die Kühle zu benutzen, denn von elf bis nach zwei Uhr mittags macht man fast immer Rast. Um vier Uhr morgens, in tiefster Finsternis, muß man heraus in den Wagen, umlagert von einer Menschenzahl, die jeder einen Dienst geleistet zu haben behaupten und jeder ein Trinkgeld – die buona mano – verlangen. Da steht der Kellner, der aufgewartet hat, der zweite Kellner, der in das Schlafzimmer geleuchtet, der Hausknecht, welcher morgens in das benachbarte Café gewiesen, denn in den kleinern Städten erhält man den Kaffee nicht so früh im Hause, dafür aber findet man immer ein Kaffeehaus ganz in der Nähe offen, das auf diese frühe Kundschaft eingerichtet ist. Sitzt man endlich im Wagen, so meldet sich der Lastträger – der sachino –, weil er die Nachtsäcke auf den Wagen gelegt, und der Stallbube, weil er die Pferde angeschirrt hat. Diese alle strecken sprechend und lebhaft gestikulierend die Hände aus, und jeder sagt ein klägliches »è poco«, das ist wenig!, gleichviel welch ein Trinkgeld man ihm gegeben hat, und jeder ruft dann doch zuletzt, begnügt mit dem Erhaltenen, ein freundliches »Glückliche Reise« nach. Den Morgen des dritten Tages fährt man durch die Seealpen, und die Gegend wird plötzlich romantisch. Tiefe Bergschluchten, aus deren wildem Gestein der Feigenbaum sich hervordrängt, mächtige Aloes als Einfassung der Felder und Orangengärten an den Stellen, die vor dem Winde geschützt sind, geben der Gegend ein südlicheres Ansehen, als sie bis dahin hatte. Auch die Gesichtsbildung des Volkes wird charakteristischer, die Farbe dunkler, das Auge flammender, das Haar glänzender schwarz. Nicht allmählich, sondern ganz plötzlich senken sich die Berge gegen das Meer ab, und mitten aus dem üppigen, durch Regen erfrischten Grün einer phantastischen Bergwelt erblickten wir am Nachmittage, etwa um vier Uhr, die wundervolle Unendlichkeit des Mittelländischen Meeres zu unsern Füßen. Der Tag war drückend heiß gewesen, die Septembersonne brannte auf die Felsen, und die Strahlen prallten davon zurück, Wärme verbreitend wie heiße Essen. Da kühlte plötzlich ein leichter, frischer Seewind die Luft, der Vetturin wies nach Art der Italiener, die durch Zeichen sich gern der Mühe des Sprechens überheben, mit der umgewendeten Peitsche auf das Meer und auf die Stadt, die schimmernd in flammendem Goldglanze sich vor uns ausbreitete. Wir fuhren durch das Thomastor, am Palast Doria vorüber in unser Hotel zu den Quatre Nations, das hart am Meere, der Darsena gegenüber, lag, und genossen in Ruhe, entzückt, des Anblicks, der sich uns darbot, und des Bewußtseins, am Mittelländischen Meere zu sein. Hafenfahrt Genua ist ein Freihafen, das heißt, die Schiffe dürfen in den Porto Franco einlaufen, ohne Hafengebühren zu zahlen; aber die Freiheit ist sonst eben nicht sehr groß und erstreckt sich nicht etwa auf einen Handel ohne Abgaben und Zölle; im Gegenteil, die Stadt ist gegen den Freihafen hin mit einem gemauerten Basar umgeben, durch dessen Tore man nicht passiert, ohne durchsucht zu werden, und dieses Gesetz wird streng gehandhabt. Jeden Morgen, wenn wir mit der Barke vom Seebade zurückkamen und das Tor durchschreiten wollten, ersuchte man uns, die Handbeutel zu öffnen, in denen wir unsere Badewäsche tragen ließen, und das geschah nicht nur am ersten Tage, sondern es wiederholte sich an vierzehn Morgen, obgleich die Zollbeamten uns als Fremde und Badegäste kannten. Gegen den Hafen zeigt der Basar eine geschlossene Mauer, nach der Stadt zu eine Menge kleiner Läden, in denen Waren und Lebensmittel zum Gebrauche der Schiffer feilgeboten werden. Oben auf dem platten Dache, das man auf bequemen Treppen zu Anfang und am Ende des Basars besteigt, ist eine der schönsten Promenaden Genuas, auf der sich, da sie der vollen Frische des Seewindes genießt, am Abende immer zahlreiche Spaziergänger einfinden. Genua präsentiert sich am schönsten vom Meere aus. Der äußerste Punkt des Hafenbaues ist die Lanterna vor dem Molo Nuovo. Von hier aus übersieht man die Stadt in ihrer ganzen Majestät, wie sie sich amphitheatralisch mit ihren Reihen prächtiger Paläste über dem Meere erhebt. Adelsstolz und die Prachtliebe reicher Kaufleute vereinten sich in den genuesischen Edelleuten und riefen einen geschmackvollen, heiteren Luxus hervor, der noch heute ebenso erfreulich als bedeutend erscheint. Wenn man das Ufer entlang vom Molo Nuovo, am Militärhospital vorüber, fährt, so ist der erste Palast, der sich uns zeigt, der wundervolle Palazzo Doria. Er besteht aus zwei großen Palästen. Der eine erhebt sich über einem schönen, terrassierten Garten am Meere, der andere liegt zu Anfang des Berges von San Rocco; beide sind durch Arkadengänge in den ersten Stockwerken miteinander verbunden und beherrschen die Piazza Doria, welche die Dorias noch heute das Recht haben abzusperren und den Übergang zu verwehren. Hier ließen wir die Barke halten und stiegen in dem Doriaschen Garten ans Land. Der Garten, im französischen Geschmacke, zieht sich mit seinen architektonischen Taxushecken vom Meere in die Höhe, den Fels hinauf und verbindet und umschlingt sämtliche Gebäude, welche zu dem Doriaschen Besitz auf diesem Punkte Genuas gehören. Mitten im ersten Plane des Gartens ist, umgeben von Taxusbogen, ein großes Marmorbassin mit Adlern und Delphinen, aus dessen Mitte der meerbeherrschende Neptun, den Trident in der Hand, emporsteigt. Er ist Porträt des Andrea Doria, dessen kolossale Statue in Kriegertracht oben von dem Felsen herab die Pracht des Ganzen überschaut. Wahrhaft königliche Säle und Hallen in den Palästen zeugen für die Macht und den Geschmack des edlen Hauses, das noch heute zu den reichsten Geschlechtern Italiens gehört. Überall prangt ihr Wappen, der Adler, und sieht aus dem Grün der mächtigen Galerien und Verandas hervor, die der fürstlichen Pracht der Gebäude ein so heiteres Ansehen geben, indem sie die kalte Schönheit des Steines mit immer neuen Blüten schmücken. Die Prinzen Doria leben größtenteils in Rom; das macht, daß der Palast weniger wohlerhalten ist als die Paläste der übrigen Familien, welche regelmäßig während des Winters Genua und ihre Schlösser – denn es sind Schlösser in vollster Bedeutung des Wortes – bewohnen. Doch war man damit beschäftigt, alles herzustellen, und Vergolder und Maler trieben überall ihr Wesen. Man sagt, wenn die Fürsten Doria in ganz kleinen Tagereisen von drei, vier deutschen Meilen von Genua nach Neapel gehen wollten, so könnten sie an jedem Abende in einem ihrer Schlösser übernachten. Eine Kirche, mich dünkt, sie heiße San Luca, ist von den Lamba d'Aureas – so und nicht Doria schrieb das Geschlecht sich früher – erbaut und äußerlich von oben bis unten mit einer plastischen Darstellung der Taten bedeckt, welche ein Lamba Doria zu Wasser und zu Lande vollbracht hat. Einen sehr schönen Palast, den die Dorias in der Strada Nuova besaßen, haben sie in neuerer Zeit den Jesuiten geschenkt, die jetzt ihr Kollegium darin haben. So königlich schön liegt der Palast Doria am Meere da, so herrschend über Genua, daß man den Widerwillen der Grafen Fieschi begreift, ein Adelsgeschlecht von dieser Gewalt über sich zu dulden. Überhaupt lernt man erst in Italien die Adelskämpfe des Mittelalters verstehen und beurteilt rückwärts schließend die Macht und den Einfluß dieser fürstlichen Geschlechter nach den Spuren, die man noch von ihnen findet. Von dem alten Palast des Ludwig Fiesco ist jedoch keine Spur mehr vorhanden. Er wurde geschleift nach dem Aufstande des Grafen, und der jetzige Palast, ein unansehnliches, rot angestrichenes Gebäude in der Mitte des Halbkreises, der den Hafen einschließt, verschwindet gegen die übrigen Paläste zu seinen Seiten, von denen einige zu Hotels eingerichtet sind. Interessant ist es, in der Stadt zu verfolgen, wie mit den veränderten Sitten des Adels die Lage der Schlösser sich änderte. Zu der Zeit, als die Aristokratie noch Handel trieb, bauten sich die fürstlichen Kaufleute am Meere an. Die Paläste der Doria, der Fieschi, der Durazzi und anderer, welche am Meere liegen, stammen aus jener Zeit. Die Signoria, jetzt das königliche Schloß, liegt etwas höher, beherrscht aber mit seinen wundervollen Galerien Stadt und Meer. Jetzt sind die bewohnten Besitzungen der reichsten Familien in der Mittelhöhe der Stadt, in den prächtigen Straßen Strada Nuova und Strada Nuovissima, in denen man mit Wagen fahren kann, was in den alten, engen Straßen am Hafen und in den steilen Straßen hoch oben in der Stadt, wo man sich der Sänften bedient, unmöglich ist. Ich habe, wie wir Jüngeren alle, eben keine leidenschaftliche Vorliebe für den Adelsstolz und finde ihn töricht, ungerecht und herzlos; und dennoch habe ich mir immer in Genua sagen müssen, daß in dem Bewußtsein, auf eine Reihe bedeutender Ahnen zurückblicken zu können, ein großes, erhebendes Gefühl liegen müsse. Im Palaste Brignole, Palazzo Rosso genannt, wegen der roten Farbe, mit der er angestrichen ist, befindet sich eine der prachtvollsten Gemäldegalerien, an denen Genua so reich ist. Dort hängen die Porträts der drei Brignole, welche Dogen waren; von dem vierten Dogen Brignole befindet sich eine Büste in der Sammlung. Der alte Diener, der uns herumführte, bemerkte mit einem gewissen Stolze: »Das ist der Marchese, welcher die Kriege gegen Maria Theresia führte.« Dieser Reflex des Adelsstolzes, widerscheinend aus der Liebe eines treuen Dieners für die Familie seiner Herren, hatte etwas Rührendes. Ich bin später noch oft in die Galerie des Palazzo Rosso zurückgekehrt und habe mich bei dem Besehen ihrer Schätze jedesmal über die schönen Porträts der Männer und Frauen aus jener Zeit gefreut, die, in warmer Lebenskraft von van Dycks Meisterhand festgehalten, auf uns herniederschauen. Wie hat das Bewußtsein der Freiheit, der Herrschaft sich ausgeprägt zu männlicher Individualität in diesen meerbeherrschenden Genuesern! Männer, die in dem größten Volksgewühle als hervorragende Persönlichkeiten sichtbar werden würden. Da ist ein Marchese Brignole in schwarzer spanischer Tracht auf einem schönen Pferde von van Dyck; ich konnte nicht müde werden, dieses geistvoller feine und doch so energische Gesicht mit den dunkeln Locken und dem feinen Barte auf der Oberlippe anzusehen, wie er im Gefühl seiner Kraft, ruhig in die Ferne blickend, mit spielender Hand das mutige Roß bändigt. Unablässig fiel mir Schillers »Sein Rappe prahlte unter ihm« ein, das er die Kammerfrau im »Fiesko« sagen läßt. Dieser Marchese Brignole entspricht vollkommen dem Bilde, das Schiller sich von dem Helden seiner Tragödie gemacht hat. Dieselbe Schönheit der Gestalt, die Grazie des Wesens, die Feinheit und Kraft des Geistes, dieselbe Männlichkeit und Energie gegen Tyrannei und dieselbe Herrschsucht auf der königlichen Stirne. Ich konnte mich von dem Bilde niemals trennen und genoß es so recht nach meinem Sinne, da der Kastellan mich bald kannte, mir die Zimmer aufschloß und sich nicht weiter um mich kümmerte, sondern mich ruhig mir selbst überließ. Aber nicht allein in den Männern spricht sich die Hoheit des Wesens aus, auch die Frauen haben sie. Da sind Matronen mit einer so sichern Ruhe, junge Frauen und Mädchen mit dem angebotenen Bewußtsein der Herrschaft in jedem Zuge der schönen Köpfe, in Haltung und Miene. Sie gehören in diese Paläste hinein, deren fürstliche Hallen das Meer beherrschen. Auffallend war mir oft das Verhältnis der niederen Stände in Italien zu den höheren, der Dienerschaft zu der Herrschaft. Es liegt in diesen Verhältnissen dort noch etwas von dem Patronat der Römerzeit. »La mia famiglia« nennen die Italiener ihre Dienerschaft. »Meine Familie besteht aus fünf, sechs Personen« bezieht sich nicht auf Frau und Kinder, wenn ein Italiener der höheren Stände es sagt. Man behandelt die dienende Klasse gut, man redet sie mit dem Worte padrone und padrona an. Dies setzt schon eine gewisse Achtung für sie voraus, die uns noch fehlt. Ich sah fast niemals Leute in Genua den Felsen von San Rocco hinaufreiten, auf dem eine Menge von Villen der reichen Kaufmanns- und Adelsfamilien gelegen sind, ohne daß der Reitende freundlich mit seinem Eseltreiber, denn man reitet zu Esel, geplaudert hätte, und das zutrauliche Wesen der Offiziere gegen die Soldaten fiel uns ebensosehr auf. Eines Tages bemerkten wir in einer der engsten Straßen Genuas, die kaum fünf Schritte breit sein mochte, einen etwa zwölfjährigen Burschen quer über die Straße an der Erde liegen, wo er entschieden unbequem für die Vorübergehenden war. Der Junge lag in behaglichem Halbschlafe, aber, wir blieben eigens stehen, es zu beobachten, niemand stieß ihn fort, niemand weckte ihn. Man lachte, stieg vorsichtig über ihn weg, bis ein Zug beladener Esel vorüberkam und deren Treiber ihn aufstehen hieß. Dafür ist denn das Volk auch von einer auffallenden Höflichkeit und Zuvorkommenheit. Als wir nach Genua kamen, hatten wir, da wir einen längern Aufenthalt machen wollten, die Absicht, eine Privatwohnung zu mieten, und ich war, eine empfohlene Wohnung suchend, die Strada Nuova und Strada Nuovissima entlanggegangen. Dabei trat ich in den Laden einer Putzmacherin, die allein arbeitend darin saß, und bat sie um Auskunft, weil ich den Lohndiener fortgeschickt hatte. Sie beschrieb mir den Weg, merkte aber wohl, daß ich dennoch mich in den höchst verschlungenen Straßen nicht zurechtfinden würde. Als ich dankend hinausgehe, ruft sie mir zu: »Warten Sie, Signora, ich will Sie begleiten. Sie kommen wohl schwer in Ihr Hotel zurück.« Mit den Worten nahm sie den weißen Schleier über den Kopf, den Fächer in die Hand, schloß ihren Laden, gab dem Friseur, dessen Bude zunächst an die ihre stieß, den Schlüssel und die Weisung, daß sie gleich zurückkehre, und ging nun ganz fröhlich plaudernd, mich um mein Vaterland und andere Dinge fragend, bis an mein Hotel mit mir. Als ich ihr eine Entschädigung für ihren Zeitverlust anbot, lehnte sie dieselbe mit der verneinenden Handbewegung der Italiener ab und sagte: »Es hat mir Vergnügen gemacht, Ihnen zu dienen« (mi ha fatto piacere di servirla); so daß mir nichts übrigblieb, als ihr später durch einen kleinen Einkauf in ihrem Laden meinen Dank auszudrücken. Mögen nun diejenigen, welche gewohnt sind, in Italien und an den Italienern alles schwarz zu sehen, dies eine schlaue Berechnung nennen, mir hat es wohlgetan. Es ward mir ein Dienst auf erwünschte Weise geleistet, und ich lasse mir es lieber gefallen, daß jemand auf meine Dankbarkeit spekuliert, was schon eine Art von Zutrauen voraussetzt, als daß er mich unwirsch und kurz abfertigt, wie es so oft geschieht. Die Höflichkeit der Vornehmen untereinander ist allerdings bisweilen nur ein Goldfirnis über schlechtem Stoffe, aber die Höflichkeit und ein wohlwollendes Betragen in den unteren Volksklassen sind ein unwiderlegliches und mir erfreuliches Zeichen der Gesittung. Überall in Italien spricht sich im Volke das Bewußtsein einer langen Zivilisation, einer großen Vergangenheit aus. Sie erzählen von den »alten Zeiten des Hannibal« in märchenhafter Weise; sie kennen die Namen ihrer Poeten und die Taten ihrer Adelsgeschlechter; und dies letztere trägt wohl zu dem Interesse bei, das das Volk noch heute für diese Familien hat. Eines Abends fiel uns bei einem Besuche der schönen Villa Negro, in der uns ein freundlicher Gärtner umherführte, eine Reihe von sieben kasernenhaft großen Häusern auf, die wir von der Höhe der Villa im Tale erblickten. Wir fragten, was es für Gebäude wären. »Es sind Häuser«, sagte der Gärtner, »welche der Marchese Serra vor einigen Jahren während einer Teuerung bauen ließ, um die Handwerker zu beschäftigen. Er ist sehr reich und vermietet sie billig«. Dann erzählte er, daß auch sein verstorbener Herr, der Marchese di Negro, sehr reich gewesen sei und daß jetzt drei Neffen ihn beerbt hätten, »aber sie tun nichts für ihren Stand«. »Was heißt das?« fragte einer von uns. »Oh! sie geben Diners, aber keine divertimenti (Feste); indes sie sind sehr wohltätig – und das im stillen!« fügte er gleich hinzu, als fühle er, ein Unrecht getan zu haben, indem er seine Herren tadle. Es lag etwas sehr Feines, Zivilisiertes darin. Aber ich bin aus dem Hafen von meiner Barke bis zur Villa Negro hinaufgekommen und will umkehren, die Hafenfahrt fortzusetzen. Etwa in der Mitte des Hafens liegt die Darsena, welche zum Ausbessern der Schiffe benutzt wird. Dann folgt in einiger Entfernung der Palast Fieschi. In uns allen, es waren mehrere Deutsche beisammen, tauchte bei dem Klange dieser Namen, bei den Worten »Fiesco, Doria, Darsena und Thomastor« die Erinnerung an all das Entzücken empor, das einst Schillers schöne Tragödie in uns hervorgerufen hatte, und wir dachten hier auf den blauen Wogen des Mittelländischen Meeres in tiefer Verehrung des Genius, auf den Deutschland um so mehr stolz sein darf, als er in einer Zeit tiefer Verknechtung wie ein Adler frei der neuen Sonne der Freiheit entgegen seine mächtigen Schwingen entfaltete. Unter den vielen Schiffen, die innerhalb der Hafenbegrenzung vor den Launen des Meeres Schutz suchten, befanden sich auch russische Dampfboote, welche die Ankunft der Kaiserin erwarteten, sie nach Palermo zu führen, und ein ägyptisches Kriegsdampfboot, das den Sohn Ibrahim Paschas in die Bäder von Pisa gebracht hatte und hier bis zu seiner Rückkehr liegenblieb. Der Führer unserer Barke schlug uns vor, es in Augenschein zu nehmen, und ruderte uns heran. Ein Schiffsleutnant, Renegat und geborener Genuese, in reicher Albanesertracht, der sehr gut französisch sprach, führte uns mit freundlicher Zuvorkommenheit umher. Er und der Maschinenmeister, ein Engländer, waren die einzigen Europäer auf dem Schiffe. Der Kapitän, ein Ägypter, in Frankreich für den Dienst gebildet, die ganze Mannschaft teils braune Ägypter, teils schwarze Abessinier. Nur mit einem leichten Beinkleid bekleidet, liefen die schlanken, feingliedrigen, dunkeln Gestalten auf dem Deck umher. Es gab große Wäsche, und gar behende kletterten die schwarzen Gestalten an den Strickleitern und Rahen umher, die heute statt flatternder Flaggen bescheidene Hemden und Pantalons trugen. Es war ein wunderliches Bild, diese halbnackten Arbeiter und dazwischen einige höhere Offiziere, die in orientalischer Ruhe auf Polstern auf dem Deck lagen und, die langen Pfeifen im Munde, ins Meer hinausschauten. Des Prinzen Kajüte war ein Gemisch von europäischem und asiatischem Komfort. Ein bequem fürs Schreiben eingerichteter Tisch und weiche Polster, europäische Messer und Gabeln neben den kleinen türkischen Tassen auf gewaltigen Untersätzen. Solch ein Gemisch bot auch das Kostüm sämtlicher Offiziere, die anwesend waren, den Renegaten ausgenommen, der sich offenbar sehr wohlgefiel in seiner phantastischen Kleidung. Als wir das Schiff verließen, fing die Abendmusik an, ein allerdings sehr befremdliches Durcheinander verschiedener Töne und Instrumente. Es hatte nicht die entfernteste Ähnlichkeit mit den alla turcas, die uns unsere Komponisten zu geben pflegen, und war nichts weniger als schmeichelhaft für das Gehör. Unser Schiffer sagte, mit dem Kopfe verächtlich auf das Schiff deutend: »Ecco la musica turca!« – »Sie gefällt Euch nicht, Padrone?« fragte ich. Er sah mich an und rief mit einer unnachahmlichen Gebärde der Geringschätzung dafür das beliebte italienische »Ma che!« – das »Was denken Sie?«, das von dem Volke vielfach gebraucht wird. Nun fuhr er uns weiter das Ufer der Stadt entlang bis hinaus zu der Stelle, wo ein dunkler Zypressenwald den Cholerakirchhof beschattet, der hier, wie man uns sagte, an zehntausend Leichen birgt. Darüber erhebt sich stolz die Kirche Carignano, und unterhalb des Cholerakirchhofs, etwas mehr zur Rechten, liegt an der äußersten Grenze der Stadt der Kirchhof der Juden, baumlos, traurig und öde, nur mit kalten Grabsteinen bezeichnet, deren fremdartige Charaktere symbolisch in die Jetztzeit hinüberragen. Von dem Ufer in das Meer steuernd, brachte der Schiffer uns auf einen Punkt, von dem wir die äußerste Spitze der Bergkette sehen konnten, welche den Meerbusen von Genua bildet. Sie heißt Portofino und lag in dem tiefen, warmen Rosenrot des Sonnenunterganges über dem Meere, das leise seine weißen, kühlen Wellen heranplätschern ließ, als hoffe es damit die Glut des Berges liebend zu kühlen. So ließen wir uns umherfahren, von den Wogen kaum merklich gewiegt, bis das erste Mondesviertel hoch am Himmel stand und die Lampen der Leuchttürme hell emporflammten vor dem Hafen, während Genua mehr und mehr in die Schatten der Dämmerung versank. Als wir die Stadt erreichten, empfing uns donnernder Kanonenknall. Die Großfürstin Helena von Rußland hatte die russischen Dampfschiffe besucht, und diese gaben ihr mit Geschützessalven das Geleite, als sie sich entfernte. Durch die Straßen! Wenn man in den am Meere gelegenen Gasthäusern eine gute Aussicht haben will, so muß man die oberen Stockwerke wählen, da der Basar bis über die erste Etage reicht und die Aussicht raubt. Die Beletage besteht aus den Prachtgemächern dieser ehemaligen Paläste, aus großen Wohnungen, deren Preise sehr teuer sind, während man eine Treppe höher schöne Zimmer für ganz angemessene Preise erhält. Wir wohnten mit einer befreundeten deutschen Familie in verschiedenen Zimmern um einen gemeinschaftlichen Saal und hatten die schönste Aussicht über den ganzen Hafen, aber freilich hundertundvierundzwanzig Stufen hinaufzusteigen. Indes daran muß man sich in Italien, besonders in Rom, gewöhnen, wo klimatischer Rücksichten wegen die oberen Stockwerke die gesuchtesten sind, und auch schon in Genua hat es sein Gutes, weil die Ausdünstung der am Ufer verfaulenden Meerpflanzen in den niederen Etagen empfindlich ist. Trotz dieser Vorzüge blieb es immer ein Entschluß, in die Wohnung zurückzusteigen, wenn man einmal auf der Straße war, und manche halbe Stunde, die zwischen einer Partie und der anderen unausgefüllt blieb, wurde um deshalb entweder im Café bei Sorbet oder im Umherwandern durch die Straßen zugebracht. Eines Tages hatten wir unsere Wohnung verlassen, um dem Gottesdienste in der Kathedrale beizuwohnen, der zu Ehren des Geburtstages der Madonna gehalten wurde. Die Kathedrale, eine Kirche von halb gotischer, halb byzantinischer Bauart, ist von innen und außen in breiten Streifen mit weißem und schwarzem Marmor bekleidet, was ebenso auffallend als unschön aussieht und alle Dimensionen verkürzt erscheinen macht. Eine breite, schöne Treppe führt zur Kirche empor und war wie der ganze Platz vor derselben mit Truppen besetzt, die in ihren großen Bärenmützen zwar sehr stattlich aussahen, aber gewiß von der Mittagssonne tüchtig leiden mochten. Das Innere der Kirche war ganz und gar mit rotem, goldbesetztem Damast überzogen, die Decke natürlich ausgenommen. Zwischen den Pfeilern und an den Altären hingen große Glaskronen mit brennenden Wachslichtern, Blumengewinde zogen sich heiter hindurch. Alle Kirchen Genuas verraten den Einfluß des Orients auf den Geschmack ihrer Erbauer, und so sah die Kathedrale mit diesem Aufputze vollkommen einer maurischen Ballettdekoration ähnlich. Mitten im Schiffe waren zu beiden Seiten die Garden mit ihren Bärenmützen aufgestellt. Die Geistlichkeit im reichsten, mit Hermelin verbrämten Festornate saß in den Bänken um den Hochaltar und erwartete die Behörden, während der männliche Teil des Publikums plaudernd beisammenstand, die Stühle klappernd umhergetragen wurden und Damen und kleine Mädchen mit einer Rastlosigkeit die Fächer bewegten, die anfangs für mich etwas Qualvolles hatte. Es sieht aus, als ob eine Maschine sie alle in Tätigkeit erhalte oder als ob ein Krampf die Frauen zu diesem Fächerspiel zwinge. Wir mußten lange warten. Endlich wurde vor dem Portale der Kirche getrommelt, die Geistlichkeit erhob sich und ging unter Vortragung des Kreuzes dem Militärgouverneur entgegen, der mit einem zahlreichen, glänzenden Generalstabe auf den reservierten Plätzen neben dem Klerus sich niedersetzte. Darauf folgten die Zivilbeamten in altertümlichen Kostümen von schwarzem und farbigem Sammet, mit breiten, gefalteten Halskrausen und schweren Goldketten. Dann kamen die Deputierten der Universität, ebenfalls mittelalterlich gekleidet, die Marineoffiziere, alles wie zu einer Cour. Als die Behörden an ihren Plätzen waren, spielte man auf der Orgel mit Akkompagnement eines Orchesters in schnellstem Tempo und sehr schlecht die Ouvertüre zur »Zauberflöte«. Darauf folgte die Messe, ebenfalls in so lebhaftem Tempo und von so heiterer Melodie, daß man danach hätte walzen können, und draußen wurden dazu hundert Kanonenschüsse abgefeuert. Es war eine ganz gewöhnliche Geburtstagscour für eine unsichtbare Fürstin; von Gottesdienst im protestantischen Sinne war gar nicht die Rede. Nach dem Ende der Messe verließen alle Behörden die Kirche, und es war eine Art Parade vor derselben, der wir beiwohnten. Schöneres Militär glaube ich nicht gesehen zu haben, sowohl was die Menschen als die Uniformen betrifft. Die dunkeln, ausdrucksvollen Gesichter, die kühnen Augen des Volkes geben den Truppen einen edeln, kriegerischen Anstrich, der hier aus der Persönlichkeit entspringt, durch die steife Dressur unseres Militärs keineswegs ersetzt wird und dem selbst die gesuchte Zierlichkeit der Uniformen keinen Abbruch tut. Den ganzen Tag war es dem Feste zu Ehren ziemlich still in der Stadt, denn die Läden waren geschlossen, und Handel und Gewerbe ruhten. Die Straßen am Hafen bis fast hinauf zu den neueren Stadtteilen sind so eng, wie wir es im Norden nicht kennen. In Straßen, die kaum fünf Schritte breit sind, erblickt man die prächtigen Portale alter Paläste und durch diese Portale das Innere von Höfen, in denen aus marmorgeschmückten Bassins zwischen Statuen und Wappen sich zierliche Springbrunnen in die Luft erheben und plätschernd herniederfallen. Die Häuser sind so hoch, daß fast kein Sonnenstrahl in die Straße hineindringt, und grade deshalb hat man sie wohl so enge zusammengebaut; es ist eine Bauart, die durch das Klima und das helle Licht des Südens gefordert wird. Für uns aber, denen der Gedanke an lange, trübe Herbstwochen in der Seele lebt, hat der Anblick dieser sonneberaubten Stadtteile etwas sehr Beklemmendes, sosehr diese Enge uns auch hier zustatten kommen mochte. Um den Feiertag im Freien zu genießen, gingen wir nach der Villa Pallavicini. In einem Wäldchen von ernsten, dunkelgrünen Zypressen liegt der fast orangegelb angestrichene Palast auf einem Hügel über der Stadt, von dem man das Meer in voller Freiheit überschaut. Prächtige Pinien mit ihrem breiten Dache, immergrüne Eichen und Olivenbäume ziehen sich vom Fuße des Hügels bis zu dem Zypressenwalde hinan, Oleander und Granaten blühen darunter hervor und mischen ihre farbenglühenden Blumen mit den weißen, duftenden Blüten der Orangen und des katalonischen Jasmins. Mit allen Sinnen atmete man den Süden ein; und nachdem wir eine Weile im Genusse dieser Schönheit geschwelgt hatten, bot man jeder Dame beim Scheiden einen der schönen Blumensträuße, die man in Italien so plastisch zu ordnen weiß, indem man um eine große Blume, welche das Zentrum bildet, die andern so eng und fest zusammenreiht, daß sie auf einem festen Stengel die Form flacher, kleiner Kuppeln gewinnen. Es sieht gut aus, und die Blumen erhalten sich länger frisch als die unseren, deren tief heruntergehende Stengel gleich verderben, wenn man sie ins Wasser setzt. Von der Villa kehrten wir in die Straße zurück, welche sich zunächst dem Meere zum Thomastore hinzieht und in der wegen der Nähe des Hafens immer ein großes Treiben und Leben zu finden ist. Hier staunt man, welch prächtige und verschiedene Nahrungsmittel dem Volke zu Gebote stehen. Große Kuchen von Reis, geröstete Seefische aller Art, Schnecken, Tomaten (unsere Liebesäpfel), die gebacken und mit einer Farce von Käse und Fleisch gefüllt werden, Makkaroni, geröstetes Fleisch von den verschiedensten Sorten und eine reiche Auswahl herrlicher Früchte. Da alles auf eisernen Öfen in den Läden und auf der nicht mehr als zehn Schritte breiten Straße zubereitet wird, sieht man das Material und kann sich überzeugen, daß nicht verdorbene und unsaubere Dinge dazu verwendet werden. In jedem dieser Läden brennt eine antike dreiarmige Messinglampe. Käse von riesiger Größe sind hoch aufgestapelt zwischen Melonen, Schinken, Würsten, Weintrauben, Tabak, Seife und Lichten. Hinten an der Wand prangt als Beschützerin der Viktualien ein kleines Madonnen- oder Heiligenbild, vor dem eine Lampe brennt. Soldaten, Matrosen von allen Nationen, Frauen mit ihren weißen Musselinschleiern auf dem glänzend schwarzen Haare, Geistliche, Mönche, Arbeiter, Kinder, das alles wogt bunt durcheinander. Hier stehen Knaben, die in der engen Straße mit einer Art lederner Tambourins sich einen Ball zuwerfen; dort kniet ein Mädchen und läßt sich die frischgebratenen Koteletts auf ein Stück Papier legen; ein dritter kauft für zwei Sous ein großes Glas Wasser mit Zuckersirup und einer grünen Zitrone, welche er hineinpreßt. Männer stehen an der Ecke und singen für Geld dem Volke Geschichten vor, Geistliche plaudern mit hübschen Frauen, Mönche ziehen bettelnd umher, ihre kleine, hölzerne Tabaksdose diesem und jenem Bekannten präsentierend. Dazwischen klingen die Glocken der Maultiere, die, eines hinter das andere gebunden, mit Holz oder kleinen Öl- und Weinfässern beladen, langsam und vorsichtig die schmale Straße durchschreiten. Man kann sich kein fröhlicheres Treiben denken, man begreift nicht, wie es in dem schmalen Gäßchen Raum findet. Es schwirrt und summt wie in einem Bienenstocke, aber man wird nicht gestoßen, nicht belästigt; ich habe niemals Zankende oder Betrunkene gesehen. Als wir mitten in der langen Straße waren, kam noch ein Trupp Soldaten mit schöner Musik hindurch. Da mußte freilich alles in die Häuser flüchten, und das Gedränge wurde übermäßig, aber dennoch blieben die Leute höflich und achtsam. Eine von uns hatte eine weiße Mantille um, die in dem Gewühle, in welchem fast jeder saftige Früchte oder fette Speisen trug, gefährdet schien, aber alle, die in ihre Nähe kamen, sagten ein freundliches »Guarda, Signora!« (Nehmen Sie sich in acht!) und taten das mögliche, eine schädliche Berührung zu vermeiden. Ein Dritteil der Männer waren wohl Geistliche, und wenn die alle wirklich im Zölibate lebten und nur noch einige folgende Generationen ebensoviel Priester brauchten, die wieder ehelos blieben, so müßten in Italien die Menschen allmählich selten werden wie in unseren ostpreußischen Wäldern das Elentier. Überall sind Geistliche, und sie sind alles. In allen Häusern Erzieher, in den vornehmen Familien Hauskapläne. Alle wohltätigen Stiftungen verwalten sie, alle Schulen sind in ihren Händen. Sie sind Bibliothekare und Kustoden aller öffentlichen Bibliotheken und Anstalten, sie sind eben alles, was einträglich und bequem ist – und außerdem noch Mönche in den zahllosen Klöstern, was das allerbequemste ist. Da es für das Theater noch zu früh war, gingen wir in das größte Kaffeehaus Genuas, Le Grand Cairo, zunächst der Börse. Ich hatte immer gemeint, daß ein Handelsvolk wie diese Genueser auch für eine prächtige Börse gesorgt haben müßten, und fand mich sehr enttäuscht, als ich dies Gebäude zuerst erblickte. Es liegt mitten in dem ältesten Stadtteile an einem engen Platze unweit vom Hafen. Zwei Seiten sind an andere Häuser gelehnt, die beiden anderen sind frei. Die Börse ist eine große Halle mit Glasfenstern von oben bis unten, die ihr ein laternenhaftes, treibhausartiges Ansehen geben, obgleich man die Konstruktion des Dachstuhls, der aus Schiffsmasten besteht, sehr bewundert. Das Gebäude ist von innen und außen schmucklos; eine Reihe Bänke ziehen sich an den Wänden hin, einige schwere alte Tische stehen davor. Nachts hing eine brennende Lampe von der Decke herab. Sooft ich am Tage vorbeikam, zu den verschiedensten Stunden, sah ich Menschen darin, aber dennoch scheint das eigentliche Geschäftstreiben mehr auf der schmalen Straße vor sich zu gehen, die von der Börse hinabführt nach dem Freihafen und in der sich Figuren, Gruppen und Szenen darboten, welche es sichtlich machen, daß man sich in einer Handelsstadt befindet. Ernste, gewichtige, fundamentale Kaufleute bilden die Mittelpunkte; geschäftige, schwatzende Makler laufen zwischen ihnen umher; heitere Schiffskapitäne geben ihren Handschlag dem Kaufmann, der sie für seine Ladung engagiert, und Befehle dem wartenden Matrosen. Jeder hofft auf Gewinn, jeder spekuliert, und der Vorteil des einzelnen kommt allen zugute. Durch schmale Gäßchen kommt man von der Börse auf einen sehr kleinen, schlecht beleuchteten Platz und ist überrascht, sich mitten in einem wahren Lichtmeere zu befinden, wenn die mit Vorhängen verhüllten Türen des Grand Cairo sich öffnen und aus seinen Spiegelwänden die zahlreiche Gesellschaft von Männern und Frauen verzehnfacht sich unserem Auge darbietet. Man trinkt Kaffee, Schokolade und Limonade, man ißt Eis und Granito, halbgefrorenes Eis, das noch nicht zu einer kompakten Masse geworden ist, sondern sich auf der körnigen Übergangsstufe vom Wasser zum Eise befindet. Eis und eisgekühltes Wasser ist in diesem Klima ein dringendes Bedürfnis, und dennoch ist Eis und Schnee in Sardinien und Neapel Regal der Regierung, und niemand darf sie, selbst von seinem eigenen Grund und Boden, sammeln. Dabei kommt das Trinkwasser für Genua durch eine vier Meilen lange Wasserleitung, in Bleiröhren, die der Sonne ausgesetzt sind, lauwarm und fade in die Behälter der verschiedenen Häuser und ist, wenn es nicht mit Schnee erfrischt ist, kaum zu genießen und gewiß sehr ungesund. Der Schnee ist unentbehrlich, und das Volk läßt es sich ruhig gefallen, daß man ihm den Schnee, der vom Himmel herabfällt, fortschaufelt von seinem Boden, und kauft ihn nachher für Geld, das es im Schweiße seines Angesichtes verdient. Ich war erschrocken, als ich es hörte, es kam mir beispiellos hart vor, bis ich mich besann, daß wir in Salz- und Wildsteuern ähnliche Härten aufzuweisen haben. Manchmal begreife ich recht wohl, wie die Monarchen dahin kommen, die Völker zu mißachten bei dieser bis jetzt unzerstörbaren Geduld. Indes es kommt wohl der Tag, wo diese endet, wo jeder seinen Anteil an dem Schnee des Himmels, dem Wild der Wälder unverkümmert begehren wird, und dann werden die Könige die Achtung vor den Völkern gewinnen und manche Privilegien verlieren. Das Tag-Theater Die größte Promenade Genuas ist die von Acquasola, hoch über der Stadt, von der man in die schönen Tiefen und Täler hinabsieht. Am Anfang dieser Promenade liegt das Tag-Theater, Teatro Diurno, das um viereinhalb Uhr nachmittags beginnt. In einem von großen Gebäuden jeder Art umgebenen Hofe befindet sich ein kleines, in hübschen Verhältnissen errichtetes Haus, welches einem Tempel in einem englischen Garten ähnlich sieht. Dies ist die Bühne. Vor dieser ist ein geebneter Platz mit festgestampftem Kiesboden, von einem Bretterzaune eingeschlossen und mit Leinwand zu überspannen bei ungünstigem Wetter. Innerhalb dieser Umzäunung sitzt das Publikum des ersten Platzes auf Strohsesseln, die man nach Belieben hinstellt, wohin man mag. Hinter dem Zaune sind die sich allmählich erhebenden Tribünen für die Zuschauer des zweiten Ranges. Für den ersten Platz zahlt man etwa fünf Groschen, für den zweiten drei Groschen. Auf dem ersten Platze sah man viel Offiziere, Männer aus den verschiedenen Ständen, wenige Damen und von diesen nur wenige mit Hüten. Die Mehrzahl schien den Mittelständen anzugehören und trug den weißen Musselinschleier und den unerläßlichen Fächer. Auf dem zweiten Platze waren Scharen von Matrosen, Soldaten, Handwerkern und auch hier verhältnismäßig viel mehr Männer als Frauen. Man gab ein neues Schauspiel von einem jungen Genuesen. Es hieß »Nobili, Cittadini e Plebei« – Edelleute, Bürger und Volk und geißelte die Torheit aller Stände, vornehm, reich, bedeutend scheinen zu wollen und das Glück in Äußerlichkeiten zu suchen. Es war so geschickt gemacht wie die besten französischen Vaudevilles, so recht mit einem kecken Zuge hingeworfen. Das Personal mußte, da alle Stände vertreten waren, natürlich sehr groß sein. Ein alter Graf, dem Charakter nach eigentlich ein edler Mann, ruiniert durch den Glauben an die Pracht und den Aufwand, den er seinem Stande schuldig sei; der Marchese, sein Sohn, ein junger Taugenichts, der auf des Vaters Anraten eine reiche Frau sucht und diese in der Tochter eines Bankkassierers zu finden wähnt, dessen Sohn, ebenfalls ein junger Müßiggänger, der Freund des Marchese ist. Aber die Prachtliebe und die Lust, es dem Adel gleichzutun, von der der Kassierer, sein Sohn und seine Tochter besessen sind, haben ihn in Schulden gestürzt, trotz den Warnungen seiner jungen Gattin, die er nach dem Tode seiner ersten Frau geheiratet hat. Diese junge Frau und ihr früherer Verlobter, dem sie auf Befehl der Eltern entsagen mußte, um den anscheinend reichen Kassierer zu heiraten, sind die edlen Figuren des Stückes, die sich in dem allgemeinen Luxusschwindel frei und sicher in schöner Einfachheit bewegen. Den dritten Stand vertritt die Familie eines Schuhmachers, ebenfalls ein Elternpaar mit Sohn und Tochter. Der Sohn hat sich unter dem Titel eines Marchese Pelle – Fell – den beiden andere jungen Wüstlingen anzuschließen gewußt, die Mutter ist von der Ehre entzückt und hilft mit heimlichen Geldvorschüssen den Luxus bestreiten, der Vater dagegen tadelt den Müßiggänger und ermahnt die Tochter, welche einen elenden Wucherer, elend an Seele und Körper, um seines Reichtums willen heiraten will, einen hübschen, braven Schuhmachergesellen zu nehmen, der sie liebt und den sie eigentlich auch lieber hätte, wenn er nur vornehm genug wäre. Dazu kamen noch verschiedene Kammerjungfern, Domestiken und Nebenpersonen. Die Verwicklung war nicht sehr tief, aber die einzelnen Szenen von großer Naturwahrheit und die Charaktere festgehalten, ohne alle stümperhafte Überladung, wie von einem rechten Künstler. Dies ganze große Personal spielte durchweg vortrefflich, mit Ausnahme der albernen Kammerjungfer, die von der Bühne herunter mit den Offizieren im Publikum kokettierte und darüber, wie das bei uns so vielfach geschieht, nichts weiter vergaß als ihre Mitspielenden. Die Kostüme, die Gebärden, die Sprechweise selbst der als Karikaturen geschilderten Schuhmachersfrau und ihrer Kinder waren naturwahr und ohne jene geschmacklose Übertreibung, welche jeden Glauben unmöglich macht. Die Frau des Kassierers, Signor Adolfo und der alte Graf waren meisterhaft, und wir Deutschen gestanden uns, daß wir von Deutschen ein solches Zusammenspielen nie gesehen hatten. Was den Franzosen und Italienern auf der Bühne zustatten kommt, ist ihre größere Lebhaftigkeit und die Gewohnheit der südlichen Völker, das Gespräch immer durch Mienenspiel und Gestikulation zu begleiten. Ein Deutscher, dem trotz seines angebotenen Phlegmas von Jugend auf als Erziehungsgrundsatz die dumme Lehre gegeben wird: »Halte dich hübsch ruhig und sprich nicht mit den Händen«, glaubt immer, wenn nun bei dem Spiele eine Art von Bewegung nötig wird, jetzt müsse er etwas ganz Außerordentliches leisten, und dann kommt das telegraphenhafte Agieren und das ganze geschmacklose Übertreiben zum Vorschein, das bei uns jede Freude am Theater verdirbt. Hier sprachen sie, wie die Franzosen es tun, Gleichgültiges gleichgültig, und niemand forderte nach deutscher Schauspieler Weise ein Glas Wasser mit Pathos und Emphase. Sie sitzen, gehen, stehen natürlich. Sie lachen unbefangen. Aber man mußte sehen und hören, mit welcher Todesangst die Frau des Kassierers auf einem Balle in ihrem Hause von ihrem Manne erfährt, daß er ruiniert sei und seine Kasse bestohlen habe! Sie stand ganz still, und nur in der immer schneller, immer dringender werdenden Frage »Eh ben?« lag eine Seelenangst, die uns alle zittern machte. Dann folgte eine Szene, in welcher die schlecht erzogenen, in Luxus verwöhnten Kinder die Schande des Vaters entdecken und sich mit Ausrufen des Vorwurfs von ihm abwenden, weil er auch ihr mütterliches Erbe verschleudert hat. Und nun das Entsetzen der jungen Frau über dies Verbrechen der Stiefkinder! Die volle, versöhnende Hingebung, mit der sie dem Manne, den sie nur gezwungen geheiratet, der aber doch ihr Mann ist und dem sie Treue gelobt hat, um den Hals fällt und ihm ihre Mitgift anbietet! Ihr Schreck, da auch diese vergeudet ist und sie zitternd, nach Fassung ringend, sehr mild sagte: »Oh, ich traure nicht, ich erschrecke nicht um des Geldes willen, ich traure nur, daß ich nun nicht zu helfen weiß!« – das war in edelster Weise ergreifend und wahr. Eine dritte Szene war nicht minder vortrefflich, in der Adolfo die Stieftochter der einst und noch von ihm geliebten Frau zum Weibe begehrt, um sie gegen die Verleumdung zu schützen, welche die Besuche des Marchese hervorgerufen haben, und der Mutter wenigstens diese neue Schmach zu ersparen. Er mahnte mich an St. Aubin vom Französischen Theater in Berlin, wenn er in Seribes »Calomnie« seiner Mündel die Worte zuruft: »Cécile, veux-tu m'épouser?« Es war derselbe zugeknöpfte Rock, dieselbe in sich zusammengefaßte, innerlich vornehme Haltung, durchaus einfach und schön. Waren diese Figuren bedeutend, so war die Schusterfamilie als Marchese Pelle auf dem Balle höchst ergötzlich und doch in ihrer komischen Gravität nie so übertrieben, daß diese unmöglich geschienen hätte. Der letzte Akt ging schon im Halblichte vor sich. Inzwischen war auch ein wenig Regen gefallen, und man hatte unter Schirmen dagesessen, wenn man welche hatte; denn zum Aufspannen der Zelte war der Regen zu unbedeutend. Das Publikum folgte mit großer Teilnahme und applaudierte verständig das Lobenswerte. Alle Schauspieler und der Autor, ein angenehmer, junger Mann, wurden hervorgerufen. Für den nächsten Tag meldete der Regisseur das Trauerspiel »Elektra« an. Ich war behindert, es zu sehen, aber ein Bekannter, gewöhnt an die Musterleistungen des Düsseldorfer Theaters unter Immermanns Leitung, der hingegangen war, versicherte mich, die Aufführung dieser Tragödie sei ebenso gelungen gewesen als die des Lustspiels und hätte kaum etwas zu wünschen übriggelassen. Brücke und Kirche Carignano Wir hatten uns aufgemacht, nach der Brücke Carignano zu gehen, welche, über eine Felsschlucht gebaut, eine fahrbare Straße, zwei Stadtteile miteinander verbindet. An ihrem Ende liegt auf einem freien Platze die Kirche Carignano. Der Abwechselung wegen wählten wir statt des gewöhnlichen Weges durch die Stadt einen Umweg durch die kleinen Straßen am Freihafen, in denen sich auch der Fischmarkt befindet. Einer unserer Gefährten, der als Zoologe berühmte Staatsrat von Baer von der Petersburger Akademie, war in diesem Quartier wohlbekannt, und ich hatte ihn schon früher hinbegleitet, um mir die Seefische anzusehen. Ein Fischmarkt am Meere ist eine Wassermenagerie und als solche höchlich interessant, weil man sie nicht überall sehen kann. Da hängt neben dem dicken, ungeschlachten Thunfisch der schlankere Schwertfisch, der wohl auch klüger sein muß als jener; denn Fischer auf Ischia haben mir später erzählt, daß die Züge der Thunfische immer von einem Schwertfisch angeführt werden und daß man deshalb sich in der Zeit der Wanderung sehr hütet, einen Schwertfisch zu fangen. Geschieht es dennoch, so wirft man ihn in das Meer zurück, um den Thunfischen, die folgen könnten, nicht ihren Führer und die Direktion zu nehmen. Delphine und Haie, Seeteufel und Zitteraale liegen nebeneinander, und wie die Schlächter in den Schlachtbänken, mit großen Messern und Gewichten, hantieren und tranchieren die Fischhändler an den gewaltigen Tieren umher. Neben der kolossalen Massenhaftigkeit dieser Thun- und Schwertfische nehmen sich die weichen, gallertartigen Seetiere noch unorganischer und widriger aus. Der Tintenfisch gleicht vollkommen einem Klumpen von Eingeweiden und scheint sowenig konsistent als die Mollusken, obgleich er geröstet ein schmackhaftes Fleisch und auch im frischen Zustande eine gewisse Festigkeit hat. Manche Seetiere sehen wie ganz kleine Vogellebern aus; andere sind nur ein Klümpchen Gallert mit einer Röhre zum Einatmen und Ausspeien des Wassers. Man begreift nicht, daß sie nicht schon bei dem Fangen und bei der Berührung zergehen. Dies ganze unförmliche, unorganische Wesen zuckt und zappelt durcheinander, lebt und genießt auf seine Weise des Geschaffenseins. Man staunt es an, bewundert es, erschrickt davor und erfreut sich nach diesem unschönen Anblick doppelt an der Tüchtigkeit der großen, braunen Hummern, der Schaltiere, Austern und Muscheln, welche auf großen Wein- und Kukuzzenblättern sauber ausgebreitet daliegen und von den Italienern mit dem gemeinsamen Namen frutti di mare – Seefrüchte – bezeichnet werden. Knaben, welche den Staatsrat von Baer hier täglich gesehen und ihm verschiedene Seetiere für seine zoologischen Forschungen geliefert hatten, umringten uns gleich und priesen mit italienischer Lebhaftigkeit ihre frischen Waren an. Sie wußten vollkommen gut, was er brauchen könne, was nicht; sie gaben die verständigste Auskunft über die Dauerbarkeit der einzelnen Spezies und waren wie alle Italiener so anstellig, brauchbar und freundlich im Dienen, daß es eine Lust war. Durch die volkreichen, von den ärmeren Klassen bewohnten östlichen Teile der Stadt geht der Weg nach der Brücke Carignano, die uns durch ihre Bauart nicht sehr überraschte, da wir schon in Lausanne den wundervollen Brückenbau gesehen hatten, der in drei übereinanderliegenden Etagen an drei verschiedenen Höhenpunkten der Berge Fahrstraßen zwischen den beiden Stadtteilen bildet. Die Kirche Carignano ist von der Familie Sauli gebaut infolge eines Streites mit den Fieschi, die ganz in der Nähe eine kleinere Kirche besaßen, welche ebenfalls noch existiert. Die Fieschi hatten nämlich einer Tochter aus dem Hause Sauli den Weg durch ihr Terrain nach ihrer Kirche verweigert, in der bis dahin auch die Familie Sauli ihren Gottesdienst verrichtet hatte. Tief beleidigt kehrte die junge Dame zu den Ihrigen zurück, klagte die ihr widerfahrene Kränkung, und noch an dem Tage gelobte ihr Vater, eine Kirche zu bauen, die durch Größe und Pracht das Gotteshaus der Fieschi beschämen solle. Der Plan ward in möglichst kurzer Zeit ausgeführt, und jetzt ragt die Kirche Carignano mit ihrer großen Kuppel, die von vier kleineren umgeben ist, hoch am östlichen Ende der Stadt über dem Meere empor. Es ist einer der Punkte, von denen man die schönste Aussicht auf Genua hat. Von der Galerie des mittlern Turmes sieht man zur Rechten die Umgebung der Stadt mit unzähligen Villen und kleinen Häusern besäet; vor uns erstreckt sich Genua in seiner amphitheatralischen Schönheit, und zur Rechten wogte das tiefblaue Meer, mit leisem Wellenschlag das Ufer berührend. Wir blieben oben, bis die Sonne niedergesunken war und das glühende Violett an den Felsen von Portofino, mondbeleuchtet, in bläuliches Silbergrau verblich. In den Leuchttürmen brannten die wechselnden Lichtflammen auf, hell strahlend durch das schnell eingebrochene Dunkel der Nacht; und ich mußte an das Dunkel denken, das über die hingehenden Menschengeschlechter seine grauen Schleier der Vergessenheit legt, aus denen auch nur einzelne Flammen und Lichter strahlend hervortauchen, zu denen die Nachwelt verehrend die Blicke wendet, sich nach ihnen zu richten und an ihnen zu erbauen. Als wir durch die dunkle, nur von einzelnen Mondstrahlen erleuchtete Kirche zurückkehrten, in der bei unserer Ankunft Gottesdienst gewesen, war nur der Pförtner noch darin, eine stille, sanfte Greisengestalt. Er machte für meine Seele den Vermittler zwischen der traumstillen Einsamkeit auf jener Höhe und dem rüstigen Menschenverkehr des Alltagslebens, das sich in den Straßen bewegte. Er sah so ruhig und friedlich aus, daß man hätte versucht sein können, ihn um seinen Segen zu bitten. Ruhe und Friede sind so selten geworden unter den Menschen, daß man ihren bloßen Anblick wie einen Talisman betrachtet, unter dessen Schutz man alle wilden Wünsche, alles heiße Kämpfen der eigenen Seele stellen möchte. Auf dem Wege nach dem öffentlichen Garten, dem Giardino Pubblico all'Acquasola, begegneten uns Scharen junger Männer in weißem Pantalon, einer leichten Jacke von Nanking und Blumensträuße auf den runden Strohhüten. Sie hatten Tambourins mit sich und zogen singend an uns vorüber. Wir fragten, wer sie wären. »Fröhliche Brüderschaften, die vom Tanze heimkehren«, antwortete man uns. Frauen waren nicht dabei; sie leben, wie mir scheint, auch schon in Oberitalien viel weniger auf den Straßen als bei uns und halten sich, ein lebhaftes Augen- und Fächerspiel abgerechnet, in einer sehr anständigen Weise. Nachdem wir auf der Promenade umherwandernd uns der Musik erfreut, die dort allabendlich zu hören ist, und vor dem einzigen Pavillon der Promenade unser Eis genossen hatten, begegneten wir auf der Heimkehr noch einigen Nachzüglern der fröhlichen Brüderschaft. Zwei von ihnen standen unter dem Schatten eines Baumes, der aus einer Villa seine Äste über die Straße hinüberwiegte. Sie hatten die Köpfe gegeneinandergeneigt, um nicht erkannt zu werden, und sangen, der eine mit einer kräftigen Baßstimme, der andere durch die Fistel, alte Kirchenmelodien, Opernpassagen und Volkslieder, alles durcheinander, mit einem Texte, den sie augenblicklich verabredeten. Soweit ich das Patois erraten konnte, schienen die Worte harmlose Scherze und Liebeständeleien, kleine Zankszenen und dergleichen zu enthalten. Das Volk stand lachend umher, in den Pausen lachten die Sänger selbst und fingen dann immer wieder von neuem an. In ihrer Nähe saß, in weiße Tücher ganz und gar verhüllt, eine bettelnde Frauengestalt, die ihre kleine Blechbüchse den Vorübergehenden entgegenhielt. Es hatte etwas tief Ergreifendes, daß die Not, zum Fordern gezwungen, sich scheu verbirgt neben diesem Jubel der Glücklichern. Auch ging fast keiner von der fröhlichen Brüderschaft an der verhüllten Frauengestalt vorüber, ohne ihr eine Münze zukommen zu lassen, und diese Menschlichkeit söhnte mit dem Kontraste zwischen Not und Überfluß, zwischen Schmerz und Lust denn doch ein wenig aus und löste die Dissonanz in ein milderes Verklingen auf. Florenz Riviera di Levante Wären wir bei unserer Abreise von Genua fürstliche Personen gewesen, so hätte sicher der offizielle Zeitungsbericht den Himmel in ein mitfühlendes Gemüt verwandelt und ihm seinen reichen, befruchtenden Regen für schwächliche Tränen der Teilnahme über unser Scheiden ausgelegt. Nach ununterbrochenem schönem Wetter regnete es gewaltig, als wir an einem Mittage das lebensvolle Genua verließen, um längs der Küste, der schönen Riviera di Levante, über Carrara und Lucca nach Florenz zu gehen. In mäßiger Höhe zieht sich anfangs die Chaussee auf den Felsen an der Küste hin, deren Fuß das Meer bespült. Noch einmal blickten wir nach Genua zurück, das seinen Namen Genova la Superba mit so vollem Rechte verdient, uns damit über den Abschied tröstend, daß Firenze la Bella uns entschädigen werde. Die Riviera ist angebaut wie ein Garten. Zwischen Oliven-, Kastanien-, Feigen- und Granatbäumen, um Pinien, Zypressen und Lorbeeren herum rankt sich auch hier in Festons der Wein von Stamm zu Stamm, so voll von reifenden Trauben, daß es gar festlich und fröhlich aussieht. An jedem Baume schlingen sich drei, ja vier und fünf Weinreben empor bis zu den höchsten Gipfeln. Ich mußte lachen über unsere guten christlichen Pastoren, die, weil sie nur den Norden kennen und seinen dürftigen Weinbau, in jeder Traurede von dem Ulmbaum predigen, um den sich die Weinrebe rankt. Solch ein südlicher Baum mit seinen vielen Reben ist ein ganz glückseliges, vergnügtes Bild echt mohammedanischer Polygamie. Da ist von der heiligen Einheit der Zwei keine Spur. Der Baum sieht nicht so ernsthaft darein als unsere nordischen Bäume, und die Weinrebe ist nicht allein bei ihm und ist ihm nicht treu. Solch ein Baum sieht aus wie ein stattlicher Pascha, den in neckischem, gaukelndem Spiele schäkernde Odalisken umtanzen. Hier fällt eine schmiegsame Ranke vom Stamme herab, schleicht ein Ende an der Erde im Verborgenen hin und schmiegt sich schnellkräftig an dem untersten Aste des Baumes wieder empor bis zu seiner Krone. Sie sind wie kokette Weiber, diese Weinranken, die scheinbar verlassen, um wiederzukehren und wiederkehrend doppelt willkommen zu sein nach kurzer Trennung. Hecken von Aloe, Kaktus und blühenden Monatsrosen grenzen die Felder ein, aus denen die schwankenden Oleanderbüsche mit rot und weißen Blüten hervorgehen. Aus jedem Stein, aus jedem Gemäuer drängt sich der Feigenbaum hervor, mit Früchten beladen, und schirmt an seinem Fuße den Lavendel, die Federnelke und die weißblühende Myrte. Ganze Felder, mit Melonen besäet, Tomaten und reifender Mais, dessen langfaserige Fruchtkapseln wie tausend kleine Federbüschchen im Winde wehen, wechseln mit Orangenwäldern ab. Man weiß vor Fülle und Verschiedenheit der Vegetation kaum, wohin man zuerst blicken soll; man freut sich des Armen wegen über die Masse des Eßbaren und segnet ein Land, das in seinem Klima und seiner Fruchtbarkeit schon die ersten Bedingnisse für das Wohlergehen der Unbemittelten darbietet. Hier im warmen Süden dachte ich immer mit doppeltem Bedauern an die Notleidenden im Norden zurück, wo, wie Platen es bezeichnet, »an der Lippe zu Reif erstarrt jeder glühende Seufzer«! Der Weg längs diesem Ufer hin ist einer der schönsten Teile Italiens und auch dafür anerkannt. Das Land ist südlich durchwärmter als der ganze darauffolgende Erdstrich bis nach Terracina und Molo di Gaeta hinab. Florenz und Rom sind in der Vegetation viel nordischer, und nirgend wieder habe ich, bis eben in Terracina, soviel Aloe, Kaktus, Orangen und Granaten gesehen als hier. Auf allen Höhen liegen Städte, mit altem, tüchtigem Mauerwerk gekrönt, von dessen hohen Türmen und öden Fenstern die Geister einer Vorzeit hinabschauen, in der der Wandrer hier nicht so sicher seine Straße zog als jetzt. In den Buchten des Meeres, im Schutze der Felswände blühen die kleinen Hafenstädtchen, durch deren reges Treiben wir noch mehrmals im Laufe des ersten Nachmittages fuhren. Das liebliche Chiavari erreichten wir erst, als schon der Mond hoch am Himmel stand. Dann wendete sich der Weg vom Meere ab in die Berge hinein, und der Kurier fuhr die Abhänge so blitzschnell herunter, daß man in dem nebelhaften Halblicht des Mondes, von Schatten und weißen Nebelstreifen getäuscht, in jedem Augenblick in einen Abgrund zu stürzen fürchtete. Von der Hitze ermüdet, kam ich bei dem schnellen Fahren in jenen Zustand, der, halb Schlaf, halb Wachen, das rechte Gebiet des Träumerischen in sich schließt. Wie ein funkelndes Meer voll Brillanten lagen die Täler da, im reichen Tau die Mondesstrahlen widerspiegelnd. Blaue, leichte Schatten schienen umherzuschweben zwischen der Erde und der Luft wie Geister der Blüten, deren Düfte mich umwehten; das Wirkliche zerfloß in Nebel, das Unkörperliche nahm Gestalt. Plötzlich streckte ein wüster Menschenhaufen seine Köpfe hervor, und die feurigen Augen sahen mich an, als wunderten sie sich über mein Dasein. Ein langer Arm dehnte sich nach mir aus, mich traf ein Schlag – ich fuhr empor! Es waren Zweige eines Baumes. Sie hatten in das Cabriolet gestreift und mich aus meinem Schlafe erweckt, der den letzten Eindruck des Wachens, einen irdischen Feigenbaum von Glühwürmchen umleuchtet, zu schreckhaften Ungetümen verwandelt hatte. Helle Lichter flammten mir entgegen, Raketen stiegen empor, und bunte, chinesische Lämpchen schienen in flimmernden Girlanden auf dem Meere zu schweben. Es war Sestri, das man zu Ehren eines Heiligen an dessen Namenstage illuminiert hatte. Ich nahm mir fest vor, nicht wieder zu schlafen; ich wollte die südliche Nacht, den Mondschein am Meere, die Illumination in Sestri genießen; aber Sestri ward ein funkelnder, großer Stern, von dem es glutrote, strahlende Blumen herabregnete auf die Erde. Und all die Blumen schlugen Wurzeln in Menschenherzen, und wo solch eine Blume in den rechten Boden fiel, da blühte die Prachtblüte flammender, unvergänglicher Liebe urplötzlich empor, und die blauen Mondesstrahlen neigten sich anbetend davor zur Erde. Wie eine Sternenkrone funkelten die Leuchtkäferchen um die Wunderblüte auf und nieder, als wären sie in ihren Duftkreis gebannt, und die Nacht ward Tag und alles Dunkel Helle. Ein Klingen und Duften durchzitterte die Nacht; aus jedem Grashalm stiegen die Geister seines Seins hervor, um Leben zu empfangen von der Wunderblume der Liebe, die das schaffende Leben ist. Und die glückseligen Träger der Liebe, die Menschen, legten süß beklommen die Hände über das Herz, damit es nicht zersprengt würde von der ungeahnten Fülle des Glückes, und schlossen geblendet die Augen vor dem flammenden Lichte der Liebe – ich aber wachte auf, hatte die Hand auf das klopfende Herz gepreßt, Sestri war lange hinter uns liegengeblieben, ich hatte die Illumination verträumt, und meine Gefährtin schlief ruhig an meiner Seite. Im Grauen des Tages fuhren wir durch wilde Bergschluchten und erreichten, als die Sonne über die Berge emporkam, La Spezia, dessen kleine Barken der Morgenwind auf den Wellen schaukelte. Schöne Spaziergänge ziehen sich längs dem Meere hin, denn La Spezia ist ein besuchtes Seebad, und es muß in den heißen Monaten ein lieblicher Aufenthalt sein. Hier in La Spezia, dünkt mich, war es auch, wo Lord Byron die Asche seines Freundes Percy Bysshe Shelley verbrannte, dem er in Rom auf dem Protestantenkirchhofe an der Pyramide des Cestius ein einfaches Denkmal errichtete. Ganz nahe an der Mauer des Kirchhofes liegt dort die flache Marmortafel über einem niedrigen Hügel; Shelleys Name, sein Geburts- und Todesjahr sind darauf verzeichnet. Darunter stehen die Worte: »Cor cordium!« – Herz der Herzen. Nur bis Sarzana, einige Meilen hinter La Spezia, fahren die sardinischen Kuriere. Hier nahmen wir wieder einen Vetturin, weil wir uns in Carrara umzusehen wünschten, wo wir gegen Mittag anlangten. Die Marmorfelsen hatten infolge des Regens, der hier ein paar Tage angehalten, eine gelblichbraune Farbe bekommen, gegen die das blendende Weiß an den Stellen, wo der Fels zerbröckelt und zerklüftet, das Innere den reinen, weißen Marmor zeigte, sehr bedeutend abstach. Carrara liegt, umgeben von diesen Felsen, in einem tiefen Kessel. Man hatte in den letzten Tagen heftige Gewitter gehabt und einzelne Erdstöße verspürt. Jetzt war die Natur wieder beruhigt, aber es schwebten noch so dicke, graue Wolken über den Bergen und die Pfade nach den Marmorbrüchen wurden mir infolge des Regens als so glatt und schlüpfrig geschildert, daß ich bald davon abstand, sie zu sehen, und mich mit dem Besuch einiger Bildhauerateliers als einziger Ausbeute dieser Fahrt nach Carrara zu begnügen beschloß. Aber auch daran hatte ich keine rechte Lust. Ganz fremd und ohne Bekannte in dem Orte, waren wir der härtesten aller Sklavereien, der Tyrannei eines Lohndieners anheimgefallen, der vermutlich von allen Künstlern angewiesen sein mochte, ihnen die Fremden in die Ateliers zu führen. Weder er noch unser Wirt ließen sich bewegen, uns die Namen der Bildhauer im voraus zu nennen, damit wir selbst eine Wahl treffen konnten. Ganz willenlos, und ich meinerseits innerlich sehr widerspenstig, wurden wir in eine Straße gebracht, in der Atelier sich an Atelier reihte, und aus einem in das andere geleitet. Sieben, acht Ateliers von Deutschen, Italienern, Franzosen und Schweden habe ich auf diese Weise hintereinander genossen und erinnere mich nur, daß mir das Atelier des schwedischen Bildhauers Chevalier Biström die bedeutendsten Kunstwerke zu enthalten schien. Biström selbst führte uns umher und machte uns auf einige Statuen aufmerksam, bei denen er Übermalungen und Vergoldungen angebracht hatte, wie die Alten sie gehabt haben sollen. Ich könnte aber nicht sagen, daß ich dies wohltuend oder künstlerisch schön gefunden hätte; im Gegenteil, es verdarb den Effekt, weil es die folgerechte Wirkung der Schatten in den Vertiefungen und der Reflexe auf der Oberfläche willkürlich unterbrach und dadurch eine Unruhe in dem Kunstwerk hervorrief, welche die Plastik am wenigsten erträgt. Ich stelle mir deshalb vor, daß diese Färbung der Bildwerke wohl auch im Altertume eine getadelte Ausnahme gewesen sein möge. Wenigstens hätte ich gern einer sehr schönen Statue der Wahrheit, die in goldener Strahlenpracht dastand, mit einem tüchtigen Schwamme zu ihrer ursprünglichen, unschuldigen Schönheit verhelfen mögen. Im ganzen hatte das Treiben hier in den Ateliers in Carrara, wie man es so in flüchtigem Vorüberwandern übersehen konnte, etwas Handwerksmäßiges. Es wurden viele jener Amoretten hier verfertigt, die Netze stricken, Pfeile spitzen, Lyra spielen und, wenn sie sich hoch versteigen, einen Löwen reiten. Daneben gab es sterbende Heilande, händeringende Madonnen und Magdalenen und überhaupt eine Menge jener Dinge, mit denen man, wenn man wohlhabend ist und sich ein Haus einrichtet, eine leere Konsole und ein Betzimmerchen verziert, um den Namen eines Kunstfreundes billig zu erkaufen. Einige Bildhauer führten größere und gediegenere Arbeiten nach Modellen auswärtiger, bekannter Künstler aus; aber etwas wahrhaftig Bedeutendes, eines jener Kunstwerke, die sich wie große Tatsachen fest in die Seele prägen, habe ich nicht bemerkt. Durch Pietrasanta fuhren wir nach Lucca, in dem, wie es mir erschien, fast jeder Einwohner seine eigene Kirche haben könnte, denn sowenig Menschen und soviel Kirchen habe ich nirgend wieder gesehen. Es liegt über Lucca die sanfte, vornehme Langeweile kleiner Residenzen, die nicht zu beschreiben, nicht zu erklären ist, die aber in Deutschland, wo wir an Residenzen keinen Mangel haben, ein jeder zur Genüge kennt. Man erzählte uns von der Pracht und dem Luxus des Hofes, von Festen und Spielen während der Zeit der Badesaison, die viel Fremde hierher lockt. Jetzt war nichts davon zu sehen, und weder die Promenade, welche mit schönen Alleen die Stadt umgibt, noch die zahlreichen Kirchen reizten uns zu verweilen, und schon am frühen Morgen verließen wir Lucca wieder auf der Straße nach Pistoja. War Lucca tot, so erschien die Chaussee um so belebter durch den regsten Verkehr. Die ganze Straße war voll Lastwagen und Vetturine, die das Gut der Reisenden mit solcher Sorglosigkeit auf die Wagen befestigt hatten, daß man sah, man sei in einem vollkommen sichern Lande. Oft waren die Koffer nur oben in einen offenen Kasten auf dem Wagen gestellt oder mit einem einfachen Tau einmal hinter dem Wagen festgebunden. Dies gibt ein sehr behagliches Gefühl. Ich kenne nichts, was so schmerzlich an die Trostlosigkeit unserer sozialen Zustände mahnt, als die Notwendigkeit, das Eigentum gegen die Angriffe der Mitmenschen zu schützen. Ich empfinde dann immer, wie unglücklich diejenigen sein müssen, welche ihre Freiheit, ihr Leben, ihre bürgerliche Existenz aufs Spiel setzen für einen Raub, dessen Ertrag sie doch nur auf kurze Zeit vor neuer Not und neuem Elende zu schützen vermag. Ich werde es niemals glauben lernen, daß Menschen Diebe und Räuber würden, wenn nicht die Mangelhaftigkeit unserer Einrichtungen sie zu diesen Verbrechen zwänge. Hier auf dem Wege nach Florenz sah man sich von dem Anschein einer Wohlhabenheit und daraus erwachsenden Sicherheit umgeben, die mir bis dahin in solchem Grade nie vorgekommen waren. Von Pistoja ab ist das Land so angebaut, daß man bis Florenz immer zwischen Reihen massiv gemauerter Häuser bleibt, die alle sehr wohlerhalten sind. In allen Häusern, vor allen Türen saßen Männer, Frauen und Kinder, die sich mit Strohflechten beschäftigten; einzelne jüngere Personen lasen dabei; andere, und darunter sehr hübsch gekleidete Mädchen, gingen mit der Arbeit umher, wie man es bei uns mit dem Strickzeuge tut. Ganz kleine Kinder von drei, vier Jahren spielten mit Strohhalmen, als ob sie zu flechten verständen. Das Stroh wird aus den Blütenstengeln einer Rohrart gewonnen, welche in der ganzen Gegend in großen Feldern vielfach angebaut wird. Die Strohflechter vollenden die Hüte hier in den Privathäusern selbst. Sie werden gleich auf der Stelle gewaschen, gebleicht und appretiert, und man konnte die verschiedenen Verrichtungen hier und dort vornehmen sehen. Diese Art der Industrie, bei der die Arbeiter nicht in engen Fabrikstuben eingesperrt sind, sondern sich frei und plaudernd in Gottes frischer Luft bewegen, hat etwas sehr Erfreuliches. Darum ist auch die Spindel der Italienerin, mit der sie so stattlich umherschreitet, viel schöner als das nordische Spinnrad, das die Arbeiterin festbannt an ihren Spinnstuhl; und man nimmt in Italien gern mit einem gröbern Bettuche fürlieb, wenn man denkt, daß die Frauen, welche das Garn dazu spannen, eben jene vor Gesundheit und Lebensfülle strotzenden, unverkümmerten Gestalten Italiens sind. Die Tracht der Frauen hier und in der ganzen Umgegend von Florenz ist der unsern sehr ähnlich, wenn man eben die großen, runden italienischen Strohhüte abrechnet, die weder hübsch noch kleidend sind, sondern, wenn der Wind sie in die Höhe schlägt, sogar recht häßlich aussehen. So zwischen den heitern Bildern segensreichen, belohnten Fleißes, in freundlichster Gegend, fuhren wir bis nach Florenz und gerieten gleich hinter dem Zollhause in die lange Wagenreihe der aus den Cascinen kommenden Equipagen, welche, von der Abendfahrt in die Stadt heimkehrend, hier vor dem Tore ihre Laternen anzündeten und uns damit vorleuchteten in die schlecht erhellten Straßen von Florenz. Physiognomie der Stadt Im allgemeinen könnte man die Schar der Reisenden in zwei Klassen teilen, die streng voneinander geschieden sind: in diejenigen Menschen, welche reisen, um recht viel zu sehen, und diejenigen, welche reisen, um zu genießen. Dies letztere schließt das »recht viel sehen« entschieden aus. Es gibt nichts Qualvolleres, als immerfort und obenein in Eile eine Menge fremder Eindrücke in sich aufzunehmen, und grade darum sind gewöhnlich die ersten Tage in einer fremden Stadt wenig genußreich, ja unangenehm. Erst wenn man den Haupteindruck des Ganzen erfaßt, bewältigt hat, wenn man das einzelne selbständig darin unterscheiden und sondern kann, beginnt der Reiz des ruhigen Genießens. Indes ist der erste Eindruck von Florenz kein so ungemein überraschender, verwirrender als der von Genua. Teils ist man, von Genua kommend, schon einigermaßen an das lautere, italienische Volksleben gewöhnt, teils fehlt dies in Florenz, das viel eleganter, reinlicher, modern-zivilisierter ist als Genua. Bei aller zierlichen Pracht von Florenz vermißt man aber sehnsüchtig das blaue Meer von Genua, und trotz der schöngeputzten Menschenmenge, welche auf dem Corso degli Adimari umherwanderte, fehlte mir das fröhliche Treiben am Porto Franco und die Teerjacken der Matrosen und die brodelnden Bratöfen auf offener Straße. Florenz kam mir zu physiognomielos vor, zuwenig italienisch, als ich es zum ersten Male sah, und dieser Eindruck wiederholte sich in höherm Grade, als ich ein Jahr nachher von Rom dorthin zurückkehrte. Die Zivilisation, die allgemeine Bildung. haben im Volksleben das Gepräge der Nationalität verwischt. Der Italiener im übrigen Italien ist vornehm, wenn er ruht, und hastig lärmend, wenn er arbeitet, tätig ist. Die Florentiner sind wie die Deutschen nicht nur tätig, sondern fleißig, das heißt arbeitsam mit ruhiger Überlegung. Die Stadt, mit ihrem Pflaster aus großen, schönen Quadern, ist ungemein sauber. Sie erschien mir dies doppelt, als ich von Rom zurückkam; volklos und still gegen Neapel, trotz dem ameisenhaften Gewühle in den Straßen. Alle Menschen in Florenz gehen nach der Mode ordentlich gekleidet, es sind viel weniger Geistliche als in den andern Städten sichtbar, man könnte sich mitunter in Deutschland wähnen. Da gibt es keine Matrosen und Orientalen wie in Genua, keine Pifferari wie in Rom; keine ausgeflaggten Schiffe, keine Brunnen, aus denen Esel die reiche Mahlzeit grüner Kohlblätter herausfischen, während die rüstigen Carrettieri mit schmutzigen Mönchen und stolzen, wasserschöpfenden Frauen schwatzen wie in Rom. Florenz ist eine moderne Stadt ihrem Totaleindrucke nach, aus dem dann freilich allmählich das kampfgerüstete, italienische Mittelalter hervorsieht, wenn man die alten Paläste erblickt, die wie unbesiegbare Riesen, wie alte Rolandsbilder auf die Häuser umher hinabschauen. Der Palazzo Vecchio, der Palazzo Strozzi sind Ritterburgen mitten in der Ebene einer Stadt. Man sieht, diese Mauern sind zu Schutz und Trutz erbaut, und findet es sehr begreiflich, daß einst ihre Eigentümer sich darin so souverän und unantastbar fühlten als irgendein deutscher Raugraf in seinem Schlosse auf hohem Berge. Noch sind die kleinen Schießscharten offen in den obern Stockwerken, noch hängen die schweren Türen mit den kolossalen, eisernen Riegeln davor in denselben Angeln, die sie einst vor den feindlichen Nachbarn verschlossen; noch sind die eisernen Ringe da, an die man vor den Häusern die Pferde festband, und die Behälter, in die man die Pechfackeln steckte, ein Vorrecht adliger Häuser. Das Erdgeschoß dieser Paläste ist nach den Straßen ganz ohne Fenster; und fast wie bei den alten etruskischen Bauwerken, die als Vorbilder gedient haben mögen, sind große Felsstücke übereinandergehäuft, welche man nur so weit behauen, als es für die Gestalt des Palastes nötig war. Diese Blöcke sind von verschiedener Form und Größe und so dick, daß ich zum Beispiel zwischen die Fugen der Steine am großherzoglichen Schlosse, dem schönen Palast Pitti, meinen Sonnenschirm bis über die Hälfte seiner Länge, also wohl anderthalb Fuß tief, hineinstecken konnte. Der Palast Pitti liegt in der kleineren Hälfte von Florenz, das durch den Arno in zwei ungleiche Teile geteilt wird, welche die parallellaufenden Brücken Ponte alla Carraia, Ponte della Trinita, Ponte Vecchio und Ponte Rubaconte wieder miteinander verbinden. Zu beiden Seiten ziehen sich herrliche Kais den Fluß entlang, von denen besonders der Teil, welchen man Lungarno nennt, am Abend als Spaziergang benutzt wird, wenn am Sonntag und Donnerstag nach Ave-Maria die Militärmusik sich dort gratis hören läßt. Die drei schönsten unter den zahlreichen großen Plätzen der Stadt sind der Platz vor dem großherzoglichen Palaste, hinter dem der schöne Giardino di Boboli sich mit seinen Taxus- und Lorbeerhecken ausdehnt, aus deren dunkelm Grün die weißen Marmorstatuen hervorschauen, die Piazza del Gran Duca und, von diesem durch die neugebaute Straße, den Corso degli Adimari, getrennt, der Domplatz. Das eigentliche alte Florenz erscheint nirgend stattlicher und schöner als auf der Piazza del Gran Duca, wo der ernste, finstere Palazzo Vecchio (der alte Palast) mit seinem Turme, den krenelierte Zinnen schmücken, wie ein Symbol des Mittelalters dasteht. Ein bedeckter Gang führt aus diesem Palaste durch den anstoßenden Palast der Uffizien straßenweit über Häuser und Brücken fort bis zum Palazzo Pitti, den Herrschern die Flucht möglich zu machen, wenn das Volk sie angriff und sie in ihren Schlössern belagerte. Im Palazzo Vecchio zeigt man noch heute das Fenster, durch das sich einer der Mediceer auf den Platz herabließ, als man sie aus Florenz verbannte und ihr Leben durch die Eifersucht der anderen Geschlechter bedroht ward. Aber nicht nur die kriegerische Seite des Mittelalters offenbart sich auf diesem Platze, in diesem festungsartigen Palast, auch der Kunstsinn, der im Frieden erblühte, gibt sich hier darum so erfreulich kund, weil die Kunstwerke nicht in Kabinetten aufgespeichert sind, wo man sie selten anzusehen vermag, sondern frei und offen dastehen auf den Plätzen, in den offenen Hallen, dem Blick des Volkes zugänglich und wirksam auf seinen Geschmack. Vor dem Palaste selbst stehen zwei Kolosse aus Marmor: Bandinellis Herkules, welcher den Cacus tötet, und der David Michelangelos, der trotz seiner Schönheit in seiner starren, kolossalen Körperlichkeit doch keinen erfreulichen Eindruck macht. Auch ist er unbiblisch gedacht. Der Knabe David zog aus, den Goliath zu töten, stark durch Gottvertrauen, durch die geistige Kraft, in der er sich für den von Gott Erwählten hielt. Dieser David aber sieht nicht wie ein Knabe, sondern wie ein Herkules aus und hätte nicht nur mit Gottvertrauen und der Schleuder, sondern in ganz ehrlichem Kampfe es mit dem Riesengegner wagen dürfen. Zur linken Seite des Palastes wird ein kolossaler Neptun in einem Springbrunnen von vier mächtigen Seepferden gezogen, den Tritonen umringen. Ein wenig mehr nach der Mitte des Platzes, in dessen Ecke der Palazzo Vecchio liegt, steht die Reiterstatue Cosmus des Ersten von Johann von Bologna – und hier, zwischen dem schönen Springbrunnen und dem Standbilde des Cosmus, ward der Scheiterhaufen geschichtet, in dessen Flammen Savonarola, der Mönch, der mutige Kämpfer auf dem Gebiete religiöser Wahrheit, sein Leben endete. Das erscheint doppelt betrübend an dieser Stelle. Wenn man die Kraft des Menschengeistes in der schönen Wirksamkeit betrachtet, in der er selbstschöpferisch dem toten Stein ein göttliches Leben einzuhauchen vermag; wenn man sich vor den Seelen beugt, die diese Kunstwerke erschufen, so mag man ungern daran erinnert werden, wie aus der Liebeslehre des göttlichsten Menschen das Gift geschöpft ward, mit dem man seit fast zweitausend Jahren die Seelen verpestet zu Haß und Fluch und Mord. Zur Rechten, im Vorgrund des Palazzo Vecchio, ist eine offene Halle, die Loggia dei Lanzi. Wie schlanke Blütenstengel steigen die Säulen empor und tragen leicht die zierlich gewölbte Decke, unter deren Schutze die schönsten Statuen vor dem Wechsel der Witterung geborgen sind. Da stehen, der Straße zunächst, in den vorderen Bogen der Halle Donatellos Judith, der Perseus des Benvenuto Cellini, siegreich das blutende Haupt der Meduse in der erhobenen Hand, neben dem Raub der Sabinerinnen von Johann von Bologna. Dahinter sieht man Werke der Römer und Griechen, und hier, in diesem durch die Kunst geweihten Raume, war es, wo die Volksredner zur Zeit der Republik zum Volke sprachen. Auf wunderbare Weise wechseln die Erinnerungen an Krieg und Frieden miteinander ab, die sich mit den alten Bauwerken von Florenz verweben. Folgt man dem Wege von der Piazza del Gran Duca nach dem Dome, so stehen gleich zu beiden Seiten des Corso zwei alte, mächtige Kirchen sich gegenüber, mit den ernsten, schmucklosen Fassaden ohne Säulen, ohne Portikus. Es liegt etwas starr Republikanisches in diesem florentinischen Stil; die praktische Gesinnung eines Menschenverbandes, der, für das Notwendige bedacht, den Schmuck verschmähte. Die größere und schönere der beiden Kirchen, zur linken Seite des Corso, heißt Or San Michele – die Scheune des heiligen Michael –, weil das Gebäude ursprünglich im dreizehnten Jahrhundert ein großes Kornmagazin gewesen ist. Dann ward es ein Archiv. In den Kämpfen der adligen Geschlechter benutzte man es als Festung, in welcher der Herzog von Brienne sich verschanzte, und jetzt prangt Or San Michele im Schmucke schöner Erzstatuen als stilles, friedliches Gotteshaus mitten in dem heiteren Leben des Corso. Or San Michele gegenüber biegt man in eine schmale Seitenstraße, an die sich eng ineinander verschlungen eine Menge kleinster Gäßchen schließen, deren schmale, düstere, halbverfallene Häuserchen gar traurig aussehen neben den Palästen des Mittelalters und den heitern, luftigen Wohnungen der Jetztzeit auf dem Corso. Vor einem jener alten Häuser aber weilt der Fuß des Fremden, und mit ehrerbietigem Schweigen blickt man das Gebäude an. Es hat nur zwei Fenster Breite, es ist nur wenig Stockwerke hoch, ein schlichtes, spitzes Giebeldach legt sich unschön darüber, und die niedrige, enge Haustür sieht sehr ärmlich aus. So schmal ist die Straße, daß kaum an den schönsten Sommertagen ein Lichter Sonnenstrahl in jene Fenster dringen mag, daß kaum ein Sternbild sichtbar wird zwischen diesem traurigen Gemäuer. Und doch ist ein strahlender Stern hervorgegangen aus dem düstern Hause, ein Stern, der noch heute hell herüberleuchtet aus dem Dunkel der Vergangenheit. Über der engen Tür ist, in Sandstein gemeißelt, ein halb zerstörtes Wappen sichtbar, und darunter liest der Fremde auf einer Marmortafel: »In questa casa degli Alighieri nacque il divino poeta«, in diesem Hause der Alighieri ward der göttliche Dichter geboren. Wie licht und prächtig steht dagegen das Haus Alfieris am Lungarno da, das ebenfalls eine Marmortafel als die Wohnung des Dichters bezeichnet. Die Inschrift lautet: »Hier dichtete der große Tragöde Alfieri zur Ehre und Erhebung Italiens, und hier starb er.« Ein Freund, wohlbewandert in der Geschichte von Florenz, seiner zweiten Heimat, erzählte mir, es habe ursprünglich geheißen: »Für den Ruhm und die Freiheit Italiens.« Indes dies habe der österreichischen Regierung nicht gefallen, und auf ihr desfallsiges Begehren habe man die Änderung vorgenommen. Geht man von dem Hause Alfieris weiter, den Lungarno entlang, so erreicht man den Ponte Vecchio, eine Brücke, mit Arkaden überbaut, auf denen der früher erwähnte Verbindungsgang zwischen dem Palazzo Pitti und Palazzo Vecchio sich hinzieht. Unter diesen Arkaden und auch auf der andern Seite der Brücke liegen die Buden der Goldarbeiter. Laden reiht sich an Laden, doch werden hier nicht die reichen Erzeugnisse des Luxus für die höhern Stände, sondern mehr der einfachere Schmuck für das Volk, die Geräte für Kirche und Altar und die Zieraten für die Heiligen feilgeboten. In einer dieser Buden auf der rechten Seite der Brücke arbeitete Benvenuto Cellini, und drei Buden weiter erfand Thomas Finiguerra die Kunst, in Kupfer zu stechen. Mitten aus diesen Erinnerungen an eine vergangene Zeit riß uns, als wir zum ersten Male die Brücke betraten, der Anblick einer Prozession, die langsam und feierlich von der Seite der Stadt daherzog, während vom Palazzo Pitti ein Bataillon Truppen mit klingendem Spiele herankam. Wunderbar mischten sich die feierlichen Töne der Kirchenmusik mit dem hellen Jubel der kriegerischen Fanfaren. Aber diese verstummten urplötzlich. Ein lauter Trommelwirbel erscholl, das Heilige begrüßend. Die Fahne ward gesenkt, die Soldaten entblößten das Haupt und knieten nieder. Die Offiziere verbeugten sich, als wollten sie hinknien, die Degen zur Erde neigend; und mit stolz gehobenem Haupte und siegendem Blick das kniende Volk betrachtend, schritten die demütigen Diener der Kirche in ihren reichen, goldgestickten Gewändern vorüber. Der näselnde Gesang der Menge, die der Prozession folgte, klang mit dem Kommando der Offiziere zusammen und mischte sich in den Ausruf der unzähligen Hausierer, welche Eßwaren, Kleiderstoffe, Eisen- und Tongeräte, alte und neue Bücher auf flachen Karren umherfahren. Zwischen all dem Treiben drängen sich schlanke, leichtfüßige Blumenmädchen rührig hindurch, den Männern mit freundlichem Wort und flammendem Blicke ihre Sträuße von Rosen, Verbena und Heliotropen und die weißen Tuberosenbuketts anzubieten, aus deren Mitte die dunkelroten Nelken so poetisch hervorglühen. Aber schönere Blumen, schönere Sträuße als in Florenz mag es kaum geben. Keine zierliche Frau erblickt man ohne einen Strauß, kaum einen jungen Mann ohne eine Blume im Knopfloch. Es sind die Orden, welche der schöne König Sommer hier, wo er so lange residiert, freigebig verteilt, und sie erregen nicht Haß, nicht Neid, nicht brennenden Ehrgeiz, noch ränkevolle Intrigen. Ein jeder labt sich daran, und als freundlicher Gruß, als Liebeszeichen wandern die Sträuße von Hand zu Hand. Man bindet sie leichter, freier als in dem übrigen Italien und doch wieder plastischer als bei uns. Hier fühlt man wohl, wie Goethe seinen »Neuen Pausias« dichten lernte, und freut sich des lebenskräftigen Genius, dem jeder Moment des Lebens sich so zum schönen, geistigen Bilde gestaltete. Die Tribuna Dicht an den Palazzo Vecchio schließen sich die Uffizien, ein großer, von den Mediceern erbauter Palast, in dem sich ein Teil der öffentlichen Büros und Verwaltungen und eines der reichsten Kunstmuseen der Welt befindet, dessen Mittelpunkt, dessen Kronjuwel die Tribuna ist. Wenn man in das kleine Gemach tritt, das diesen Namen führt, so steht die Mediceische Venus uns gegenüber. Ihr zur Rechten die antike Gruppe der Ringer; der Schleifer kniet, die Sichel wetzend, zu ihrer Linken; der reizende Apollino und der tanzende Faun stehen ihr gegenüber und bilden den kleinen Kreis von Antiken, der Fremde aller Nationen zu sich heranzieht und festhält. Sehr oft hatte ich Abgüsse der Mediceischen Venus gesehen und mich immer, da sie mich kaltließen, auf das Original vertröstet. Ich hatte mich von ganzer Seele darauf gefreut – nun stand ich davor und ward traurig, denn ich kam mir empfindungslos vor, arm in Herz und Geist, weil ich diesem Ideale der Schönheit gegenüber kein wahres Entzücken, keine rechte Freude fühlte. Es ist ein solches Glück, das Schöne zu erfassen, eine solche Lust, einen neuen, leuchtenden Eindruck zu erhalten, und nun stand ich da – nicht mit Zweifeln an dem Kunstwerke, sondern an mir selbst. Ich wagte gar nicht zu sagen, daß ich mich getäuscht fühle in meinen Erwartungen, weil alles um mich her in Entzücken zu sein behauptete; ich mochte niemand stören, mochte auch nicht für einfältig gelten, und hoffend, daß mir vielleicht allmählich das Verständnis aufgehen werde, setzte ich mich still auf einen der Sessel und sah abwechselnd die Statuen und die Fremden an, welche sie zu betrachten kamen. Das habe ich oftmals wiederholt, weil mich bald der Sichelschleifer unwiderstehlich anzog, und dabei hat sich mir die sichere Erfahrung angedrungen, daß vielen Menschen mit der Venus ganz dasselbe begegnet als mir. Mit geflügeltem Schritte, mit lebhaftem Auge und gespannter Erwartung in jedem Zuge, so sah ich gar viele Männer und Frauen vor die Venus treten, und fast immer wurden die Mienen kälter, gleichgültiger, je länger sie davorstanden. Mit den zärtlichsten Blicken ward jedes Glied, jedes Fingerchen gemustert, mit Liebe die Statue von allen Seiten und von allen Standpunkten betrachtet, man war heroisch entschlossen, sie um jeden Preis idealisch schön zu finden – aber nur einigen wenigen Gesichtern habe ich die Freude glauben können und die Lobsprüche, welche die Lippen erteilten. Vielleicht waren dies grade die Auserwählten, die für Kunst allein empfänglichen Seelen. Indes damit ist es ein eigenes Ding. Ich glaube nicht, daß die Empfindung für Kunst das Privateigentum einiger durch Kunststudien dafür Gebildeten sei. Das wahrhaft Schöne wirkt auf jeden Menschen, dessen Seele nicht ganz untergegangen ist in der Barbarei des gröbsten Sinnenlebens; und ein Kunstwerk, das ganz besonderer Bildung, ganz besonderer Erklärungen und Auffassungen bedarf, um verstanden, genossen zu werden, dem fehlt die Kraft der Überzeugung, der zündende, lebenschaffende Funken, der, von dem Genie dem Kunstwerk eingehaucht, in unzerstörbarer Elektrizität den Gedanken erzeugt in der Seele des spätesten Beschauers. Die Mediceische Venus hat diese Macht auf mich nicht geübt. Es ist eine schöne, zierliche Gestalt, der Kopf ist anmutig und fein, Schultern, Brust, Rücken, der ganze Körper sehr zart; aber die Schönheit hat etwas Weichliches, Schwächliches. So mag man sich die Tochter eines Hauses denken, in dem durch viele Geschlechter die Schönheit sorglich gepflegt und dadurch verweichlicht ist. Diese Gliederchen sind regelmäßig und fein, aber nur noch einen kleinen Grad weiter in dieser Verfeinerung, und es wird die süßlichste Schwäche. Ich hatte die Mediceische Venus anders erwartet, dies Ideal der meerentstiegenen Göttin der Schönheit und der Liebe. Es ist zuviel Zivilisation in der Mediceischen Venus, der Künstler hat sie in seiner Seele kombiniert. Sie sieht wie ein Produkt der Überlegung aus in ihrer keuschen, demütigen Weiblichkeit, die schön und rührend ist, aber nicht der Venus angemessen, nicht dem vollen, strahlenden Ideale der Schönheit, nicht der Liebesgöttin, welche die Welt beherrscht. Ihr fehlt die Anbetung fordernde Freiheit der Unschuld, die bewußtlos in reiner Schönheit wie eine Blume dem Lichte entgegenblüht. Als ich einem Bekannten, einem Künstler, meine Anschauung der Venus mitteilte, sagte er: »Oh, es ist doch ein hübsches Körperchen!« und drückte für mein Gefühl mit diesem Lobe grade den Tadel aus, den ich selbst machte. Ich hatte gemeint, das Ideal einer Venus müßte Herz, Geist, Sinne, den ganzen Menschen in Entzücken versetzen, und das kann diese Statue unmöglich. Die Venus ist sehr hübsch; das ist wenig in diesem Falle. Auch hierbei drängte sich mir der Gedanke auf, wie selten die Menschen den Mut einer Meinung haben, auf die Gefahr hin, eines Irrtums angeklagt und vielleicht eines Bessern belehrt zu werden. Will man sich von dieser Unselbständigkeit der meisten Menschen einmal in Masse überzeugen lassen, so braucht man nur die Galerien zu durchwandern und die Mehrzahl der Reisenden Kunstwerke betrachten zu sehen. Da bleiben sie mit den Interjektionen »Göttlich! oh! schön! erhaben!« vor den Schilderungen von Martyrien stehen, gegen die jede Faser menschlicher Empfindung sich sträubt. Sie bewundern die Marterbilder, welche große Künstler, umnachtet von finsterem Wahne einer trübseligen Schwärmerei oder gezwungen durch die Macht des Geldes, erschufen; sie behaupten dann, der Stoff sei Nebensache, die Ausführung mache das Kunstwerk, und geben lange Reihen von Gemeinplätzen zu hören. Wie aber kann man etwas anderes empfinden als das grausenvollste Entsetzen, wenn man eine Heilige knien sieht, der rohe, blutgierige Henkersknechte mit glühenden Zangen die Brust zerfleischen – wie kann man sich nicht mit Widerwillen abwenden, wenn einem Märtyrer das Fleisch vom Körper geschnitten wird oder der heilige Lorenzo auf dem Roste bratet? Es sind wahrhafte Henkerszenen! Schlimm genug, daß eine finstere Zeit diese Martern über die Bekenner einer neuen Lehre verhängte; schlimm genug, daß man noch Jahrhunderte nachher nicht den Geist der Lehre, sondern diese Martyrien als ein Wesentliches betrachtete und die Märtyrer anbetete statt des Geistes. Aber ganz barbarisch scheint es, wenn man heute noch Lust und Bewunderung für diese Greuel hat; wenn Laien, die kein Kunststudium zur qualvollen Betrachtung des Entsetzlichen zwingt, die keine technische Geschicklichkeit daran zu studieren haben, einen Kunstgenuß durch diese Bilder zu gewinnen behaupten. Da stehen die eleganten Damen, die englischen Ladies, die bei dem Anblick eines Frosches Zuckungen bekommen und, wenn man das Wort Hemde ausspricht, in Schamröte erglühen, vor ganzen Wänden voll Martyrien und sehen mit dem Lorgnon Dinge und Szenen an, von denen ein gesundes Gemüt sich mit Widerwillen abwendet. Auf leisen Fußspitzen schleichen sie einher und lispeln ihre erlogenen Entzückungen, deren sie sich gründlich zu schämen hätten, wenn sie wahr wären, und alles ist feierlich und still wie in einer Kirche. Einer sieht den andern an, und alle ziehen die gleiche Miene, und alle machen sich aus der göttlichen, reinen Freude an der Kunst, die frei das Schöne liebt, welches ihr gefällt, einen sklavischen Kultus, in dem sie in starrem Autoritätenglauben nach dem Handbuch bewundern und tadeln. Die Leute sprechen immer von Freiheit; wollen frei sein, ihre Freiheit erringen, ihre Meinung vertreten, ihre Individualität geltend machen; und dennoch haben die wenigsten den Mut, diese Individualität auch nur in der Anschauung des Schönen zu behaupten, wo sie doch keinem fremden Rechte entgegentreten und keine Emeuten und Festungsstrafen zu fürchten haben. Ganz verwundert haben sie mich oft angesehen, mitleidig gelächelt, wenn ich bekannt habe, daß ich durchaus keine Marterszene sehen wolle, daß mir viele der alten Madonnen von Cimabue und Giotto durch ihre krüppelhaften Verzeichnungen zuwider wären und daß ich bei diesen altbyzantinischen Köpfen, die gar nicht viel über chinesischer Malerei stehen, gar nichts empfände als herzliches Bedauern mit dem Genius eines Künstlers, der bei wahrer Empfindung so erfolglos mit der Technik rang und sicher sich selbst nicht genugtun könnte. Ich finde es unbegreiflich, wie man neben den schönsten, vollendetsten Schöpfungen, neben der antiken Plastik, neben Raffael, Tizian und Veronese, zu behaupten wagt, es läge wirkliche Schönheit in jenen ersten Versuchen der Kunst oder in den gemalten Martyrien. Wie manche Menschen ihren Rock nach der Mode bestellen und kaufen, so kaufen sie ihr Urteil, und das eine ist oft ebenso schlecht wie das andre, und eins paßt ihnen sowenig als das andre. Aber nicht allein auf abstrakte Begriffe dehnt sich dieses aus, sondern auch auf ihr Urteil über Menschen. Auch dafür haben sie ein festes Ellenmaß, ein Prokrustessystem mit fertigen Hauptklassen, in die alles untergebracht werden muß. Da paßt nun mancher nicht hinein, und wenn sie aus Ungeschick nicht wissen, wohin sie die Ausnahmen einregistrieren sollen, werfen sie sie fort dem System zuliebe, damit nur alles hübsch in Ordnung bleibe. Ich bin manchmal ganz verstimmt geworden durch die Menschen in den Galerien. Oft habe ich gehört, daß reiche Fremde vor irgendeinem Bilde der guten alten Künstler von den Tausenden sprachen, die sie mit Freuden dafür geben würden; und davor saß ein blasser, vermagerter Mensch, der das Bild mit großem Geschick, mit sorglicher Liebe bis zu seinen Fehlern kopierte und der sehr glücklich gewesen wäre, halb soviel Hunderte von Talern zu erhalten, als man Tausende für das Original zu zahlen geneigt war. Man konnte sich einen wirklichen Kunstgenuß durch die Kopie bereiten, eine vortreffliche Erinnerung an das Original gewinnen, einem Menschen, vielleicht einer Familie, wie ein Rettungsengel erscheinen – man verschmähte es. Es ist nicht »fashionable«, Kopien zu kaufen, man muß Originale, womöglich Werke verstorbener Meister besitzen. Erst wenn der arme Maler, wie Correggio, dem Drucke des Elends erlegen sein wird, wenn eine bleiche Gattin und jammervolle Kinder an seinem Sterbebette geweint haben werden, dann wird es Zeit sein, die Bilder mit Gold aufzuwiegen, das dann freilich nicht mehr Glück und Freude über den Künstler zu bringen vermag. Wenn die Unwahrheit, die Eitelkeit in diesem Treiben mich ganz traurig gemacht hatten, dann kehrte ich zu der Tribuna zurück und sah mir die Statuen an und betrachtete mir den Sichelschleifer, der den Blick traurig gen Himmel erhebt. Mehrmals habe ich die Frage aufwerfen hören, was der schwermütige Ausdruck des Mannes bedeute, der so schmerzlich resigniert aussehe bei der Arbeit, die für ihn ein Spiel sei. Mich dünkt, die Antwort ist nicht schwer und liegt nahe genug. Mir ist es zu einer festen Überzeugung geworden, daß der Künstler, welcher diesen Sichelschleifer bildete, auch die Zierde der kapitolinischen Sammlung, den sterbenden Fechter, schuf. Es ist, wenn mein ungeübtes Auge mich nicht trügt, dieselbe Behandlungsweise des Haares und der ganzen Muskulatur, der Hände und Nägel besonders; und beide Figuren gehören auch ihrer Idee nach entschieden zusammen. Auf den Tod getroffen ist der Fechter zu Boden gesunken. Er stirbt zur Lust des Publikums, das den bezahlten Sklaven betrachtet; und so tief ist das Gefühl der Abhängigkeit in sein Bewußtsein gedrungen, daß er, den Todesschmerz besiegend, noch im Sterben schön bleiben will, um das Auge seiner Herren nicht zu beleidigen. Schild und Schwert sind seiner Hand entsunken, das Halsband, das Zeichen der Knechtschaft, schlingt sich um seinen Nacken, das Haupt sinkt todesmatt zum Körper herab, der sich schmerzvoll auf den Arm stützt, um nicht zusammenzubrechen. Aber trotz dieser Erschöpfung, trotz dieser letzten Anstrengung seiner Kräfte leuchtet von der edeln Stirne des Fechters das Hoheitsbewußtsein der Menschenwürde; und während der Körper machtlos erliegt im Dienste einer zum Gesetz gewordenen Tyrannei, schwingt sich der Geist in göttlicher Befreiung in das All, in die Natur zurück, in der allein Freiheit und Friede herrschen. Der Sichelschleifer ist das Seitenstück dazu. Es ist der arbeitende, im Sonnenbrand erliegende Sklave, der freudlos arbeitet im Dienste seines Herrn und das tränenschwere Auge zur Sonne erhebt, zu sehen, wieviel lange Stunden ihn noch von Weib und Kindern trennen, welche hungern, während er die Sichel wetzt für die reiche Ernte seines Herrn. Der Typus des Proletariers ist es, dessen Menschennatur nicht zur Arbeitsmaschine zu entwürdigen ist; es ist der Arbeiter auch unserer Tage. Er beugt die muskelstarke, schöne Gestalt dem harten Drucke der Notwendigkeit, aber er blickt klagend zum Himmel empor, und sein Geist sucht dort die Lösung für das »Weshalb?«, das er nicht begreifen kann. Wehe, wenn der Fragende die Antwort in sich findet, wenn er einsehen lernt, daß es keinen Grund für sein Elend gibt als die Willkür fremder Habsucht – wenn der Kniende sich emporrichtete und der starke Arm die Sichel wie ein Schwert gebrauchte. Er schleift schon Jahrtausende an der Sichel – sie muß doch nun endlich scharf sein! Man könnte einen Saal, in welchem sich wahre Vertreter der arbeitenden Stände versammelten, nicht symbolischer schmücken, als wenn man diese beiden Statuen und noch zwei andere aus der Tribuna darin aufstellte. Zur Seite des Sichelschleifers steht die Gruppe der Ringer, zwei Jünglingsmänner, die sich bekämpfen in gewaltsamer Anstrengung. Es ist ein wunderbarer Zufall, daß sie neben dem Schleifer stehen; denn die Not erzeugt den Kampf, wie die Unterdrückung die Freiheit gebiert. Man sieht, der Kampf ist Ernst! Sie ringen auf Tod und Leben, der Sieg des einen muß der Untergang des andern sein und wird es werden, wenn's zum Kampfe kommt, wenn man, den flehenden Blick des Sichelschleifers nicht beachtend, abwartet, bis er gewaltsam fordert, wo er lange vergebens gebeten hat. Schräg dem Sichelschleifer gegenüber befindet sich der tanzende Faun, ein Bild grobsinnlicher Natur, der in sinnebetörendem Rausche Vergessenheit, in wilder Lustigkeit Ersatz für Freude sucht. In dem Schmerz, in der Sklaverei des Schleifers liegt noch der ganze Adel des Menschen, der mit Bewußtsein sein Schicksal erträgt; hier ist der Mensch zum Tiere herabgesunken, und die tierische Natur verlangt um jeden Preis körperlichen Genuß, selbst um den Preis des Seelenadels. Viel schärfer, viel eindringlicher als alle frommen Traktätchen würden diese Statuen zu manchem Herzen sprechen, wenn man sie ohne andere zerstreuende Umgebung sähe! Sie haben mich oft und innig erfreut, die Schöpfungen Raffaels, die hier beisammen hängen: die sanften, mädchenhaften Madonnen, welche das Kind ihrer Liebe so traumstill und seelenruhig an das reine Herz drücken; der feurige, kleine Johannes, das Tigerfell auf seinen Schultern, ein Knabe, in dem schon die ganze Begeisterung des Mannes glüht; und die schöne, glänzende Fornarina und der milde Kopf des Papstes Julius des Zweiten. Ich habe mich an der Pracht der Venusgestalten Tizians erfreut, die so lebenstrahlend daliegen in der heißen Schönheit ihres Wesens, als müßten Rosen aus der Erde sprießen, wo diese Lebensfülle sie warm berührt; aber das Bild des Schleifers war einmal in den Vordergrund meiner Seele getreten und wollte nicht mehr weichen. Es hat ja jeder Mensch seinen eigenen Heiland und seinen eigenen Glauben in religiöser Beziehung, seinem Erfassen und seinem Bedürfen angemessen; es spricht zu jedem von uns die Natur die Sprache, welche er versteht – wie sollte es anders sein mit der Kunst, die ebenso göttlich, ebenso erhebend ist als Glaube und Natur? Die Misericordia Mitten durch die buntgekleidete, heitere Menschenmenge von Florenz sieht man oft eine Schar spukhafter, schwarzer Gestalten einherschreiten, die, einen Sarg oder eine schwarzbehängte Tragbahre auf den Schultern, mit schnellem Schritte ihrer Straße ziehen. Sie tragen schwarze Leinwandkittel, wie Mönchskutten gemacht, die schwarze, spitze Kapuze über den Kopf gezogen, welche nur für die Augen ein paar Einschnitte hat. Ein Rosenkranz hängt an ihrem Gürtel, der muschelgeschmückte Pilgerhut an ihrem Arme. Es ist die Gesellschaft der Misericordia, welche, wie mir ein Freund erzählte, noch aus den Parteikämpfen der adligen Geschlechter herstammt. Damals geschah es oft, daß die bei den Gefechten Verwundeten ohne Hilfe, ohne Beistand in den Straßen liegenblieben; sei es, daß ihre Kampfgenossen geflohen waren oder daß unbeteiligte Bürger Bedenken hatten, ihnen zu Hilfe zu kommen und dadurch als Anhänger einer Partei zu gelten und sich die Feindschaft von deren Gegnern zuzuziehen. Diese Not, unter der alle gemeinsam litten, führte zu einer Maßregel, nach der man das Parteiwesen nicht auf die Leidenden auszudehnen beschloß und sich verband, in jedem Hilfsbedürftigen nur den Menschen, nicht den Anhänger dieses oder jenes Hauses zu sehen. So ward die Misericordia gestiftet. Fand man einen Toten, einen Verwundeten in den Straßen und gab eine bestimmte Glocke das Signal, welches die Brüderschaft herbeirief, so versammelten sich diejenigen, welche es gehört hatten; man warf die Kutten und Kapuzen über, um sich gegenseitig unerkennbar zu sein, und unter dieser Hülle schwieg der Kampf, verband man sich mitten im wilden Streite der Parteien zu milden Werken wahrer Menschlichkeit. Jetzt ist das Institut in eine bestimmte Form gebracht. Fast alle Bürger von Florenz, ein großer Teil des Adels, der Großherzog selbst, der sich vertreten läßt, sind, wie man mir sagte, Mitglieder der Misericordia. In den verschiedenen Stadtbezirken bestimmen die einzelnen Vorsteher die Diensttuenden für jeden Tag des Monats, und diese versammeln sich auf ein bestimmtes Signal mit einer Glocke im Hause des Vorstehers, der sie an ihr Werk schickt. Sie bringen Leute, welche in den Straßen verunglücken und ihren Beistand fordern, in deren Wohnungen oder in die Lazarette; sie tragen arme Wöchnerinnen in die Hospitäler und Tote zu Grabe. Aus den kleinen Beiträgen, welche jeder Teilnehmer der Gesellschaft zahlt, ist allmählich ein Kapital erwachsen, für das die Misericordia selbst ein bedeutendes Hospital errichten konnte, in dem zahlreiche Kranke sehr wohlgeborgen sein sollen. Kein Tag verging, ohne daß ich die schwarze Brüderschaft unter meinen Fenstern auf dem Corso vorüberschreiten sah, und oft zogen sie noch nach Mitternacht mit vorgetragenen Fackeln schnell durch die dunkeln Straßen, wenn wir aus den Theatern kamen. Ich hatte jedesmal die Empfindung, mich vor den fremden Leuten, deren Gesichter ich nicht sehen konnte, recht herzlich zu verneigen, wenn ich aus der langen Kutte bald den mit Kalk und Staub befleckten, breitgetretenen Schuh des Handwerkers, bald den blankgefirnißten Stiefel eines jungen Dandys hervorgucken sah; oder wenn auf der Tragbahre feine, weiße Männerhände mit den schwielenvollen Händen des Arbeitenden wechselten. Solch persönliches, anspruchsloses Helfen ist es, was uns not tut. Dabei prangen keine Namen in öffentlichen Blättern, es ist auch kein Orden dafür zu gewinnen und keine ehrenvolle Anerkennung in frommen Salons. Ungekannt, ungesehen und verloren in der großen Zahl hilft jeder, nicht mit Geld, auf das er vielleicht nur geringen Wert legt, sondern mit eigener Kraft, zu jeder Stunde, bei Tag und Nacht mit Aufopferung der augenblicklichen Bequemlichkeit. Jeder, und dies ist für mich der Hauptvorteil der Misericordia, jeder der reichen Teilnehmer an derselben wird dadurch bisweilen an das Schmerzenslager des Armen, in die Not seines Hauses eingeführt, und das eigene Anschauen derselben ist für tausend Menschen eine unabweisliche Forderung zu helfen, soweit es in ihren Kräften steht. Es sind nur wenig Herzen so verhärtet, daß sie kalt und starr blieben bei dem Notschrei, der ihr Ohr unmittelbar berührt, und zu jedem Vaterherzen sprechen die Tränen armer Kinder und die angstvollen Blicke sorgenbeladener Eltern. Kirchen Der Dom, die Hauptkirche des blühenden, blumenreichen Florenz, heißt Santa Maria del Fiore – Maria der Blumen. Er ist zur Zeit der Republik von Arnolfo di Lapo begonnen und nach 160 Jahren vollendet. Die Kuppel, welche sich Michelangelo zum Vorbilde für die Peterskirche in Rom erwählte, ist von Brunellesco, dessen Statue vor einem öffentlichen Gebäude, dem Dome gegenüber, neben der des Arnolfo di Lapo, steht. Der Dom ist von außen ganz mit einer Mosaik von mehrfarbigem Marmor bekleidet, innen dagegen äußerst schmucklos, bis auf die Kuppel, die mit schönen Fresken geziert ist. Er machte in seiner starren Größe auf mich einen unheimlichen Eindruck. Sooft ich in den Dom trat, fielen mir die Worte ein: »Und die Erde war wüst und leer, und der Geist Gottes schwebte über den Wassern.« Es ist eine starre, niederdrückende Größe, eine trostlose Öde in dem Charakter des innern Domes, und ich habe immer gedacht, es sei die Absicht des Baumeisters gewesen, dem Gebäude diesen Ausdruck zu geben, damit die beängstete Seele des Menschen sich Rettung, Zuflucht suchend an das Kreuz klammere, das über dem Hochaltare errichtet ist. Man wird nicht erhoben zum Streben nach dem Ideale, nach Gottähnlichkeit, um des Allgeistes würdig zu werden; man wird gedemütigt bis in das innere Sein. Die ganze Lehre von der Erbsünde, von der Nichtigkeit aller menschlichen Bestrebungen schwebt in diesen Räumen und wuchtet sich so erdrückend und lähmend auf die Seele, daß man verzagt und traurig wird. Es ist die einzige Kirche von allen, die ich in Italien sah, welche diesen düstern Eindruck hervorruft. Ich hätte mich gar nicht gewundert, wenn ich hier urplötzlich eine deutsche Predigt gehört hätte, die das schöne Erdenleben eine Prüfungszeit, die Welt ein Jammertal, die Menschen elendes, gottloses Otterngezücht genannt und aller Gnade ungeachtet zu den Qualen der Verdammnis bestimmt hätte. Wir besahen das Sehenswerte im Dom: die Gräber Brunellescos und Giottos, ein Bild des Dante, von einem Quattrocentisten gemalt, auf dem er dargestellt ist in rotem Gewande, die rote Zipfelmütze mit dem Lorbeerkranze umwunden und ein offenes Buch in der Hand, das geistvolle, strenge, auf allen Bildern ähnliche Profil. Man zeigte uns die Meisterwerke von Luca della Robbia, Basreliefs von gebranntem Ton in höchster plastischer Vollendung – aber das alles verschwand für mich in dem traurigen Charakter des Domes, und ich atmete erst wieder frei auf, als ich unter Gottes blauem Himmel stand, die Sonne mich warm und freundlich beschien und ich die Statue Brunellescos zur Kuppel des Domes, zum Lichte emporblicken sah. Wir sind ja zum Glück geschaffene Kinder des Lichtes! Man hat den Menschen so viele hundert Jahre lang dies selige Bewußtsein zu vernichten gestrebt, man hat ihre Seele umnachtet mit den schrecklichsten Bildern von Blut und Tod – man hat ihnen die Freude genommen an dem Guten, das sie taten, denn das wirkte die Gnade in ihnen, und ihnen doch die Verantwortung aufgebürdet für das Unrecht, welches sie begingen, und das freudige Gottbewußtsein hat trotzdem die Oberhand gewonnen. Er bricht sich Bahn, der heitere Glaube der Glücksberechtigung für alle, der die heilige Anbetung des Geistes, die Menschenachtung und die Menschenliebe in sich schließt; und weil ich meinem Geschick von Herzen danke, daß es mich in den lichten Morgenschein der Jetztzeit und nicht in der mächtigen Düsterheit der abergläubigen Vergangenheit zum Dasein berief, will ich mir auch keinen Augenblick dieses Daseins durch religiöse Schreckbilder verschatten lassen. Von den gescheitesten Personen, welche eine ähnliche oder dieselbe religiöse Überzeugung hegen, hört man den Gemeinplatz aussprechen: » Ich glaube dies, ich halte es für das allein Wahre, für das Segenbringende; aber ich mag meine Überzeugung niemand aufdrängen, ich mag keine Proselyten machen.« Dies ist eine Hartherzigkeit, eine Anmaßung, wo es ausgeführt wird – und in den meisten Fällen eine Unwahrheit. Weil man bei dem Worte »Proselyten machen« die ahnungsvollen Schauer der Unwissenden empfindet, die, sooft sie Moschus riechen, meinen, nun müsse auch gleich gestorben werden. Weil man hinter dem Worte »Proselyten machen« einen unsichtbaren Schweif von Mystik oder Jesuitentum wittert, behauptet man, das ganz Natürliche, das Edle zu unterlassen, um sich keiner Mißdeutung auszusetzen. Das ist kleinlich genug. Ist euch eure heitere Gottverehrung ein Glück, findet ihr in eurem Glauben wirklich eine Stütze, die euch fortträgt über Leidensstunden und inneren Kampf; eine Zuversicht, die euch Ruhe gibt an dem Totenbett eurer Geliebtesten und in der eigenen Sterbestunde; einen Hebel, eine Aufforderung zu rastlosem, liebendem Bemühen für eure Mitmenschen: wie könnt ihr sagen, ich mag niemand meine Überzeugung aufdrängen? Seid ihr glücklich, wißt ihr das Gute, wer gibt euch ein Privilegium dazu, es für euch allein zu behalten? ihr tadelt ein Monopol, das einer mehr oder minder wesentlichen Entdeckung gegeben wird; wie dürft ihr es wagen, eine Erkenntnis für euch allein behalten zu wollen, die nach eurer Meinung zu dem Heile aller beitragen kann? Man soll niemand zwingen, seinen Glauben zu ändern; aber ihm das, was man selbst für das Richtige hält, mit allen zu Gebote stehenden Gründen der Vernunft darzutun, damit er selbst prüfe und das Bessere wähle, das scheint mir die Pflicht eines jeden, der in seiner Überzeugung wahres Glück und Ruhe und Friede gefunden hat. Doch zurück zum Dome, neben dem sich in schlanker Sicherheit der frei stehende, ebenfalls ganz mit mehrfarbigem Marmor bekleidete Glockenturm, der schöne Campanile, erhebt. Viereckig steigt er wie eine Säule in schönsten Verhältnissen empor und ist der Stolz aller Florentiner. »Schön und schlank wie der Campanile«, sagt selbst das Volk; und so bezeichnete meine Hauswirtin mir eines Tages einen Fremden, der in meiner Abwesenheit gekommen war, mich zu besuchen, und dessen Namen sie nicht behalten hatte. Das Taufbecken des Domes befindet sich in einem besonderen Gebäude, dem Battisterio, einst ein Tempel des Mars, der nun, wie die beiden anderen Gebäude mit Marmor bekleidet, ein Ganzes mit ihnen bildet. Das Battisterio ist ebenso schmuckreich, als der Dom innen kahl ist. Altbyzantinische Mosaiken auf reichem Goldgrund zieren die gewölbte Decke, die Kuppel und die Wände. Christus, mit dem starren Gesichtstypus jener Schule, mit der graden Nase, den gewölbten Augenbrauen und den großen, mandelförmigen Augen, sieht streng und ernsthaft von der Decke herab auf das Treiben an den Altären, die in Silber, Gold und Lapislazuli prangen. Erztüren von der seltensten Arbeit schließen das Battisterio. Sie sind ein Werk Ghibertis; und Michelangelo hat von ihnen gesagt, daß sie würdig wären, das Paradies zu schließen. Sie fesselten uns lange an ihre vollendet schönen Basreliefs, ehe wir nach Santa Croce gingen, dem Pantheon von Florenz. Das Äußere von Santa Croce hat den einfach würdigen Charakter der meisten altflorentinischen Gebäude. Das Innere ist durchaus imponierend und großartig. Edle Säulenreihen tragen die Decke, Bilder der berühmtesten Künstler schmücken die Altäre, und doch ist es dies alles nicht, was den Fremden hierher zieht und seine Seele zu einer Andacht erhebt, welche man nicht in jeder Kirche empfindet. Santa Croce enthält die Gräber der bedeutendsten Männer Italiens. Michelangelo Buonarroti, Alfieri, Machiavelli, Galilei sind hier begraben. Dante hat ein Denkmal zwischen ihnen, obgleich seine Asche sich in Ravenna befindet. Die beiden schönsten Monumente sind die von Alfieri und Dante. Das erstere ist von Canova, eine über der Aschenurne trauernde Italia. Die Gräfin Albany hat es ihm errichten lassen, und in der einfachen Inschrift gehen der Gräfin und Alfieris Namen vereinigt auf die Nachwelt. Sie lautet: Vittorio Alferio Astensi Aloisia e principibus Stolbergis Albaniae Comitissa. M.P.C. an. MDCCCX Auch die Gräfin Albany selbst ruht in Santa Croce, in derselben Kirche mit dem Dichter, dem sie im Leben so eng verbunden war. Dantes Denkmal stellt ihn auf der Tumba sitzend dar, in tiefem Denken versunken. Er ist in dem bekannten Kostüm dargestellt, den Kopf ein wenig gesenkt. Zwei Frauengestalten, die trauernde Poesie und die Italia, stehen zu beiden Seiten, und die letztere deutet auf den Vers des Dante: »Onorate l'altissimo poeta!« (Ehret den erhabenen Dichter.) Hier in dieser Kirche, vor den Grabmälern dieser Männer, tritt uns die hohe Geistesentwicklung Italiens im Mittelalter in all ihrer Ausdehnung vor die Seele, und man fragt sich, wie es möglich gewesen ist, daß ein Land, nachdem es seinerzeit so weit vorangeeilt war, dennoch hinter den darauffolgenden Jahrhunderten so weit zurückbleiben konnte. Das Volk bewahrt mit Pietät und Stolz die Erinnerung an seine Vorzeit, kennt die Namen seiner berühmten Männer, und einzelne Epochen seiner Geschichte leben in dem Gedächtnis eines jeden, da sie an Orte, Gebäude, Denkmale geknüpft sind. So fuhren wir einmal nach dem Städtchen Fiesole hinauf, das, älter als Florenz, noch Überbleibsel alter etruskischer Mauern zeigt. Unser Weg führte uns an der Villa Dante vorüber; oben, fast auf der Höhe des Berges, der das freundliche Fiesole trägt, verließen wir den Wagen, um den Rest der Straße zu Fuß zurückzulegen. Wir hatten ein kleines dreijähriges Mädchen mit uns und konnten deshalb nur langsam hinansteigen. Gleich in den ersten Minuten erreichte uns ein Zug von etwa zwanzig Mönchen, größtenteils jungen Leuten, die von einem Spaziergang heimkehrten. Sie hatten giorno di passeggiata – Spaziertag –, wie sie uns sagten. Der Blick von dieser Höhe ist einer der anmutigsten um Florenz. Villa reiht sich an Villa, all die sanften Höhen sind auf das sorgfältigste bebaut; überall in dem ganzen Tale sieht man, wie hier der Arbeit und dem Fleiße der Segen folgt. Die Mönche waren bereitwillig, uns die Namen der einzelnen Flecken und Villen zu nennen, und besonders einer der jüngsten, der das kleine Mädchen auf seinen Arm genommen hatte, ihm das beschwerliche Steigen zu ersparen, kam freundlich unsern Fragen zuvor. Er zeigte uns im Tale eine Häusermasse, um die sich traulich Gruppen von Bäumen schmiegten, als gälte es, ein süßes Glück zu schirmen vor der entweihenden, kalten Neugier gleichgültiger Menschen, aber nicht die in sich beglückte Liebe barg sich hier, sondern der Haß. Es ist die Villa, in der die Verschwörung der Pazzi gegen die Medici zustande kam. – Unweit davon blüht die Villa Palmieri, im Volke Villa del Boccaccio genannt, weil hierher der Dichter des »Decamerone« jene Gesellschaft versetzte, welche vor der in Florenz herrschenden Pest sich auf das Land flüchtete und hier die Schrecken der Krankheit durch heitere Erzählungen zu vergessen strebte, von denen so viele auch in unsere Literatur übergegangen sind. Einem Italiener, der mich am nächsten Tage besuchte, einem edeln, für den Fortschritt seines Vaterlandes hochbegeisterten Manne, sagte ich, welch eine Freude für mich in diesem Fortleben der Vorzeit, in dem Hinüberreichen der Vergangenheit in die Gegenwart, läge. »Mich macht es traurig«, sagte er, »denn alle diese Denkmale, alle diese Erinnerungen sprechen von einer Zeit, die trotz der wilden Parteikämpfe, welche damals wüteten, viel größer und freier war als die Jetztzeit. Sehen Sie die Hallen für öffentliche Versammlungen, sehen Sie die großartigen Bauwerke, welche alle während der Republik entstanden, und fühlen Sie, wie es den Italiener schmerzt, daß von diesem großartigen Gemeingeiste, von dieser geistigen Regsamkeit, von dem Freiheitssinn des Volkes kaum noch eine Spur zu finden ist. Lange Unterdrückung, politische und religiöse Knechtschaft haben das Volk unselbständig gemacht; es hat die Achtung vor sich selbst verloren und sucht Betäubung in kleinlichem Genuß.« Ich fragte, ob man denn keine Versuche mache, jenen bessern Sinn wieder zu beleben. »Wie soll das geschehen in einem Lande, das die schärfste Zensur hat, von Österreich überwacht wird und in dem alle Schulen, alle Lehrstühle an den Universitäten sich in den Händen der Geistlichkeit befinden?« antwortete er mir. In jenen Tagen, als ich in Florenz weilte, war die Revolution in der Romagna ausgebrochen. Man sprach in der Gesellschaft von den Verhaftungen in Rimini und Bologna; viele Familien waren um nahe Angehörige in Sorgen – aber in den Zeitungen herrschte tiefer, schlaftrunkener Frieden. Kaum eine Andeutung fand sich von kleinen Emeuten in Rimini, Sinigaglia und Bologna. Die Blätter brachten artige Hochzeitsgedichte für ein vornehmes Paar, meldeten viel von der Reise der Kaiserin von Rußland, zeigten die glücklichen Entbindungen verschiedener Prinzessinnen an, die Zahl der in Livorno und Genua angekommenen Schiffe und waren ein wahrhaftes Modell zu Hoffmanns von Fallersleben Gedicht: »Wie interessant, wie interessant! Gott segne mein liebes Vaterland!« Im Gegensatz dazu hatte einer meiner Bekannten im Dominikanerkloster San Marco, aus dem einst die Maler Fiesole und Fra Bartolommeo hervorgingen, einen gelehrten Mönch von dreißig Jahren kennengelernt, der ein geistvolles Werk über die Kunstgeschichte Italiens geschrieben hat und in seiner weißen Mönchskleidung, in einsamer Zelle, glühende Begeisterung hegt für ein einiges freies Italien, für religiöse Aufklärung und soziale Reform. Es mag wohl noch der Geist Savonarolas, der ebenfalls Mönch war in San Marco, nachts durch die Räume wandern und den jungen Seelen, in denen er fruchtbaren Boden findet, seine kühnen Gedanken einhauchen. Wir Frauen konnten San Marco nicht besuchen, da die dortigen Sehenswürdigkeiten sich innerhalb der Klausur befinden, wo man denn mit einem bedauernden Achselzucken und der Bemerkung: »Le donne non entrano« – Damen dürfen nicht eintreten – abgewiesen wird. Nur mit fürstlichen oder ganz besonders empfohlenen Frauen macht man eine Ausnahme. In einem Lande, in welchem man den Kultus der Jungfrau hat, müßten sich aber vor den Frauen Türen und Tore öffnen, wenn man uns nicht so eitel machen will zu glauben, unser bloßer, flüchtiger Anblick könne den Seelenfrieden der frommen Brüder stören. Mich für San Marco zu entschädigen, beschloß ich eines Morgens, noch einmal die Kirche Santissima Annunziata zu sehen, und zwar allein, wie ich die Kunst gern genießen mag. Bei jener Kirche befinden sich nämlich in einer jetzt durch Glasfenster geschützten Halle die schönsten Fresken des Andrea del Sarto. Es war einer Stiftung zu Ehren Gottesdienst in der Kirche. Trotz des Morgenlichtes, das hell durch die Fenster schien, brannten unzählige Kerzen, alle Canonici des Stiftes waren bei der Messe und Prozession beschäftigt, auch der Kirchendiener und die Chorknaben hatten dabei zu tun, und ich mußte lange warten, ehe mir jemand die Halle zu öffnen kam. Indes in Santissima Annunziata kann man sich dies gefallen lassen. Die Kirche ist voll von Meisterwerken aller Künste. Wohin das Auge blickt, sieht es vollendete Schöpfungen der Malerei und Skulptur, Mosaiken, Marmor, Edelsteine, Holzschnitzereien, kunstvollste Altargeräte und Lampen von Silber und Gold. Dazwischen flammten die Kerzen und zogen die sonnebeleuchteten Weihrauchwolken duftig durch die Hallen, in denen der Kirchengesang und die Klänge der Orgel seelenerschütternd wirkten und leise die kleine Meßglocke ertönte. Es lag ein unwiderstehlicher Reiz, eine hohe Poesie in diesem Zusammenwirken aller Künste für den würdigen Dienst des Herrn. Die Phantasie konnte dem Eindrucke nicht widerstehen; man fühlte den Zauber eines Kultus, der durch die Kunst die Phantasie beschäftigt und gefangennimmt und dem Menschen statt wirklicher Begriffe und klarer Anschauungen Symbole gibt, sich daran zu erbauen. Muß der Katholizismus darauf ausgehen, die Phantasie dermaßen zu beschäftigen, daß sie, vorherrschend, die kritische Tätigkeit des Verstandes unterdrückt, so ist hier das Höchstmögliche geleistet, und selbst in Sankt Peter zu Rom habe ich diesen Eindruck nicht stärker empfunden. Unter den schönen Fresken del Sartos, die ich, als der Gottesdienst beendet war, wiederzusehen eilte, war mir besonders die sogenannte Madonna del Sacco wert, welche ich seit meiner Kindheit in einem guten Kupferstiche geliebt hatte. Die Madonna sitzt auf einem Sacke, gleichsam rastend, das Christkind auf dem Schoße, der heilige Joseph ihr zur Seite. Man sagt, der Künstler habe das Bild um einen Sack Getreide während einer Hungersnot gemalt. Nur der Kopf des heiligen Joseph hat durch die Witterung gelitten, das übrige ist vortrefflich erhalten, und die Madonna sieht in ihrer stillen, in sich begnügten Mütterlichkeit noch so ruhig und sanft auf die Nachwelt hinab, wie die Seele des Künstlers sie erschuf. Ein Maler kopierte sie in Gouache, ein Weltgeistlicher in Kreide. Da ich eine Weile in Betrachtung vor dem Bilde stand, fragte mich der Maler, ob ich del Sarto liebe, und als ich dies bejahte und hinzufügte, daß mir in der Halle »Die Geburt der Maria« große Freude gemacht hätte, mit den schönen, schlanken Gestalten, welche die Wöchnerin, die heilige Anna, zu besuchen kommen, während die kleine Madonna im Vorgrunde gebadet wird und die Pantoffeln der Mutter ordentlich vor dem Bette stehen, wollte der Abbate wissen, wie mir die Kapelle dei pittori gefallen habe. Von dieser wußte ich nichts, denn sie stand weder in Lewalds noch in Försters Handbuch erwähnt, und niemand hatte uns davon gesprochen. So erboten sich die Männer, sie öffnen zu lassen. Es ist eine kleine Kapelle im Kreuzgang des Klosterhofes, welche Cosmus von Medicis zur Begräbnisstätte berühmter Künstler errichten ließ. An der Decke ist eine Himmelfahrt der Jungfrau von Luca Giordano; der Türe gegenüber von Vasari der heilige Lukas, Patron der Maler, wie ihm die Heilige Jungfrau mit dem Christkinde erscheint, damit er ihr Bild für die Menschheit male; darunter das Leben der Jungfrau mit ganz kleinen Bildern auf Holz von dem alten Fiesole. Etwas Lieblicheres als die Bilder Fiesoles habe ich nie gesehen. Seine Engel, seine Heiligen sind wirklich so ätherische Gestalten, sehen so unirdisch rein und schuldlos aus mit ihren blauen Augen und dem zarten Rot des Fleisches unter den goldblonden Locken, daß man ihnen ihre weißen Schwingen glaubt und es natürlich findet, wenn sie durch den Äther fliegen. Sie sind nicht von grobem Erdenstoff wie wir, sie sind leichte, duftige Wesen, die uns nur in Menschengestalt erscheinen, damit uns ihr himmlischer Lichtglanz nicht erblinden mache. Sie sind viel leichter als die Erdenluft, auf der sie schweben mit jener Sicherheit, mit der man im Traume fliegt, weil man es für ganz in der Ordnung hält. Auch der Goldgrund, auf dem sie gemalt sind, steht ihnen vortrefflich an. Es ist die Lichtregion, der sie entstammen, und man wird wieder ein frommes, gläubiges Kind, wenn man diese Engelchen Fiesoles betrachtet, die mit ihren Zimbeln, Posaunen und Harfen die Sphärenmusik machen zu dem Halleluja der lobsingenden Cherubim. An einer Wand der kleinen Kapelle ist eine ernste, ruhig schöne Kreuzabnahme des Bronzino, die einen, ich möchte sagen, plastischen Eindruck macht und mehr durch die Form ihrer Gestalten und deren Gruppierung als durch die Macht der Farben wirkt. Die beiden andern Wände schmücken ein großes Freskobild del Sartos und der Triumph des Titus von Santi Titi. Auf dem Bilde del Sartos befinden sich sein eigenes und das Porträt des Sansovino, seines Schülers, die er auch mit dem Bilde seiner Frau in der Halle außerhalb angebracht hat. Zwischen diesen Bildern stehen die kolossalen Figuren der Apostel und Evangelisten in Terrakotta, und in der Mitte der Kapelle erhebt sich ein kleines, verhältnismäßig sehr einfaches Monument, unter dem Sansovinos, Fra Batolommeos, Benvenuto Cellinis und anderer Künstler Asche ruht. Verdient die ernste Kirche von Santa Croce, die Gräber jener Riesengeister, eines Michelangelo, Galilei, Dante, zu besitzen, so ist die kleine, lichte Kapelle eine schöne Ruhestätte für die Asche von Künstlern, deren Leben der heitern Ausübung des Schönen geweiht war. Cosmus von Medicis, eben der Gründer dieser Kapelle, ruht in San Lorenzo unter einem Grabstein mit der Inschrift: »Hier ruht Cosmus von Medicis, durch öffentliches Dekret Vater des Vaterlandes genannt; er lebte fünfundsiebzig Jahre, drei Monate, zwanzig Tage.« Wollte man alle Kirchen von Florenz erwähnen und des Schönen gedenken, das man darin gesehen hat, man müßte ein eigenes Buch dafür schreiben, wie es so viele über die Kunstschätze von Florenz getan haben. Jede Kirche schließt die kostbarsten Bilder in sich, und in den beiden öffentlichen Galerien, in den Uffizien und dem Palast Pitti ist eine Fülle der erhabensten Schöpfungen vereint, wie sie, Rom ausgenommen, kaum ein anderer Ort der Erde in bezug auf Malerei besitzen mag, der bedeutenden Privatgalerien nicht zu gedenken. Man müßte statt weniger Wochen Jahre an Florenz zu wenden haben, um es nicht, trotz der Befriedigung, die es an jedem Tage gewährt hat, mit Schmerz zu verlassen. Je mehr man das Schöne erfaßt, je mehr man es anbetet, je lieber möchte man sich ganz damit erfüllen, es ganz in sich aufnehmen, es sich in seinen kleinsten Teilen zu eigen machen. Hier tritt die Sehnsucht nach göttlicher Kraft recht lebhaft hervor, und der Mensch empfindet wehmütig die Schranke, die ihm gesteckt ist, er, der sich überall mit teilweisem Erfassen begnügen muß. Aber das lachende, blühende Florenz zieht die Seele bald von dem in sich selbst Versenken ab. Italiens Vergnügungssucht gewinnt den Fremden, und er gewöhnt sich bald, wie ein echter Italiener von der Kirche zum Corso und von der Messe ins Theater zu wandern. Letzter Blick auf Florenz Den Abend vor meiner Abreise von Florenz hatte ich versprochen, bei Frau Karoline Unger-Sabatier zuzubringen, jener hochgefeierten deutschen Sängerin, die Italien uns abwendig gemacht hat und die, einem Franzosen, dem geistreichen Franz Sabatier, verheiratet, in Florenz ein durch Kunst und Wissenschaft verschöntes Leben genießt. Die Menschen, welche mit Liebe irgendeiner Kunst leben, bilden unter sich eine Freimaurerei, deren Glieder sich gleich erkennen und als zueinandergehörend betrachten. Begegnet man sonst einem Fremden, so wird es notwendig, die Wünschelrute zu brauchen und zu versuchen, ob eine empfängliche Seele, Verständnis für uns, Anknüpfungspunkte in ihm zu finden sind. Mit Fragen nach dem Wetter, dem Wohnorte, den werten Angehörigen tappt man vorsichtig aneinander herum und verliert eine Zeit, die man nur zu oft viel genußreicher hinbringen könnte. Dies fällt bei Künstlern fort und macht das Zusammensein mit ihnen, wenn sie wirklich Künstler sind, so leicht und angenehm. Man spart alle Einleitungen, man weiß, was man ungefähr voneinander zu erwarten hat, und ist gleich zum Anfange der Bekanntschaft mitten in gemeinsamen Interessen. Kommt nun bei einer Künstlerin eine liebenswürdige Persönlichkeit dazu, welche mit klarem Verstande und reinem weiblichem Sinn durch ein reich bewegtes Leben gegangen ist, dann entsteht eben eine jener Erscheinungen wie Karoline Sabatier, die man nie wieder vergißt und deren man sich immer mit Freude erinnert. Ein milder Zauber, ein segensreicher Einfluß scheint sich von ihr auf alles zu erstrecken, das in ihrer Nähe lebt. Sie und ihr Mann sind reich und beide durchdrungen von dem Pflichtgefühl, diesen Reichtum für andere so ersprießlich zu machen als möglich. Während sie dem Künstler ein freundliches Obdach in ihrem Hause bereiten und ihm durch Bestellungen die Mittel geben, seinen Genius schalten zu lassen, wirken sie, dem Fourierismus huldigend, im weitesten Maßstab für das Wohl der Armen. Aus ihrem monddurchleuchteten, blütenduftigen Salon in Villa Unger, wo Karoline Sabatier mit hoher Meisterschaft uns Beethovensche und Schubertsche Lieder gesungen hatte, eilte sie fort, einem Armen eine Arznei von Kampfer zu bereiten, den ihr Mann nach Raspails Entdeckungen für ein Universalmittel hält, und besprach, mit wenig Worten einem Hausbeamten die nötigen Weisungen gebend, Arbeitspläne für Leute, welche sie beschäftigen läßt. Ein junger deutscher Musiker, mit der Komposition einer Karnevalsoper für das erste Theater von Florenz (die Pergola) beauftragt, lebte als Gast in ihrem Hause, um in ungestörter Muße seine Arbeit zu vollenden. Er war es; der sie zum Gesange begleitete. Die Art ihres Vortrages ist unwiderstehlich zum Herzen dringend, weil sie die ganze Gefühlstiefe ihrer Seele frei im Gesange walten läßt und die Technik nicht zu Kunststücken benutzt, sondern als ein Mittel, die Stimme dem Ausdruck des Gefühls nach allen Richtungen dienstbar zu machen. Hier, mitten in Italien, die schwermütigen deutschen Liebes- und Sehnsuchtslieder von Schubert zu hören hatte für mich einen wehmütigen Reiz. Neben einer Natur, die so mächtig zum Lebensgenusse auffordert, in der die Luft vor Sonnenschein funkelt, klang das verzweifelnde Wort des Schubertschen Wanderers: »Da, wo du nicht bist, ist das Glück« doppelt traurig. Die ruhige Entsagung, zu der unser Klima, unsere Erziehung, die ganzen bisherigen Lebenstheorien uns verdammen, erschien hier um so härter, als diese düstern Worte von einer Frau gesungen wurden, die rings um sich her Glück zu verbreiten strebte, die jeder Blume das nötige Licht, jedem Erschaffenen die nötige Freiheit und das beste Gedeihen zuzuwenden bemüht war. Als wir nach dem Gesange in den Lorbeerhecken des Gartens umhergingen und das Mondlicht die Silberschleier durchleuchtete, welche der flimmernde Tau über das ganze Tal zu unsern Füßen gebreitet hatte, dankte ich ihr aus vollem Herzen für die Freude, welche mir ihr Gesang gewährt, und mehr noch für den menschlich schönen Eindruck, den sie selbst mir gemacht hatte. Wie alle wahren Naturen lehnte sie das Lob, welches ich ihrem Wirken spendete, mit keiner gemachten Bescheidenheit ab. Sie gab mir die Hand und sagte: »Ja! Sie haben mich recht gut verstanden, obgleich Sie mich doch nur wenig kennen. Weil das Leben mir so unendlich viel gegeben, mich so glücklich gemacht hat, möchte ich gern auch allem, was um mich her lebt, das Glück bereiten, auf das es Anspruch hat. Das Gefühl, dies nach meinen besten Kräften und nach all meiner Einsicht zu tun, muß ich aber auch haben, um vor mir selbst bestehen zu können.« Ein paar Stunden wurden im Umhergehen verplaudert, dann sagte ich der neuen Freundin mein Lebewohl, da für den nächsten Morgen unsere Abreise von Florenz bestimmt war, und nahm aus Villa Unger das Andenken an Menschen mit, die diesen Namen im schönsten Sinne des Wortes verdienen. Solche Erinnerungen bilden den eigentlichen Schatz des Lebens, die eigentliche Fruchternte des Reisens; denn edle Menschen sind die Verkörperung des Erhabenen, die Wirklichkeit des Schönen, das uns als Gedanke und Empfindung aus Kunstwerken anspricht und begeistert. Im Herabfahren von der Höhe, auf welcher die Villa liegt, warf ich den letzten Blick auf Florenz, wie es so friedlich dalag in der hügelbegrenzten Ebene, eine ruhende, träumende Nymphe im immergrünen, duftigen Waldrevier. Sie ist schön durch die Harmonie ihres ganzen Wesens, durch den Frieden und die zaubervolle Ruhe, welche sie umgeben; aber sie ist fast zu harmonisch schön, sie blendet nicht, sie reizt nicht, sie fesselt nicht durch die launenhaften Gegensätze wie das wilde, kokette Genua. Genua ist das Leben selbst! Genova la Superba tanzt den Saltarello, sie lacht und weint, sie stößt ab und fesselt, sie täuscht uns vielleicht und betrügt uns durch Schein; indes die lebensprühende, funkelnde Kokette ist unwiderstehlich, sie bezaubert und gewinnt selbst durch ihre Mängel. Wollte eine Familie sich einen durchaus angenehmen Aufenthalt wählen, so riete ich ihr zu Florenz; denn Florenz gewährt jedem Wunsche nach Lebensbehagen, nach bürgerlicher Ruhe, nach geregelten Verhältnissen und jedem Streben nach höchster, künstlerischer Befriedigung ein volles Genügen. Man muß sehr glücklich sein können in Florenz. Fragt mich aber jemand, wo er den wilden, phantasievollen Träumen der Jugend, dem heißen, sprudelnden Lebensübermute ein weites Feld zu elastischen Sprüngen eröffnen könne; fragte mich jemand, wo er leben solle, während das Jugendfeuer noch in seinen Adern bebt und sich sehnt nach Lust, Freude und feurigem Leben, dann sage ich ihm: »Gehe nach Genua, freue dich an dem frischen, unermüdlichen Treiben der Menschen, an der südlichen Pracht der Riviera, an den Gesängen und Mandolinen des Volkes, und wenn du glühst vor Daseinsfreude, dann tauche unter in die kühlen Wellen des blauen Meeres, wenn die Sonne sinkt, und freue dich des Bewußtseins, daß sie wieder aufgehen wird, dir noch viele Tage kräftiger Jugend goldig und warm zu beleuchten.« Rom Von Florenz nach Rom Schon einmal habe ich der Vetturine erwähnt und komme wieder auf sie zurück, da wir uns zur Fahrt von Florenz nach Rom abermals einem solchen anvertraut hatten. Ich habe diese Art zu reisen für Italien, wo jeder Punkt und jedes Städtchen so viel Interessantes bietet, sehr angenehm gefunden, abgesehen davon, daß sie bequem ist, wenig kostet und mit manchen Klassen der Bevölkerung in Berührung bringt, denen man in der Diligence weniger begegnet. Das Institut der Vetturine ist durch ganz Italien verbreitet, und die verschiedenen Unternehmer stehen miteinander in Verbindung, wie etwa bei uns die Frachtunternehmer, nur daß jene sich mit der Weiterbeförderung von Personen, diese von Gütern beschäftigen. Hat man mit dem Vetturin seinen Kontrakt gemacht, so zahlt er dem Reisenden ein Aufgeld; am Morgen der Reise läßt er eine Stunde vor der Abfahrt die Fremden in ihren verschiedenen Wohnungen wecken; dann wird das Gepäck geholt; und ist dies befestigt, so fährt man ab und ununterbrochen fort vom dämmernden Morgen bis Mittag. Weder der Kutscher noch die Pferde erhalten die geringste Erfrischung. Bettina, welche berichtet, wie sie »mit sechzehn Schnäpsen von Hanau nach Offenbach gefahren sei«, würde hier in Italien ein erfreuliches Gegenteil von Mäßigkeit beobachten können. Unsere Reisegesellschaft nach Rom bestand, außer meiner Gefährtin und mir, in einem jungen Franziskanermönche aus dem Kloster San Paolo alla Regola in Rom und einem Tiroler Bildhauer. Bei der Abreise sagte der Besitzer des Wagens dem Kutscher mit jener italienischen Höflichkeit, die mich immer erfreut hat: »Ich empfehle Ihnen besonders die beiden Damen an«, und in der Tat hat er auch ganz wacker für uns gesorgt. Unsere Reisegefährten waren angenehm und beide für mich durch ihre Verhältnisse interessant. Der Bildhauer, ein großer, schlanker Tiroler, hatte bis in sein neunzehntes Jahr das Pustertal nicht verlassen, wo er, ein Bauernsohn, geboren war und wie alle seine Zeit zwischen Feldbau, Jagd und Holzschnitzerei geteilt hatte. Die letztere war aber so sehr seine Lieblingsbeschäftigung gewesen, daß er sich ihr bald ausschließlich gewidmet und nebenher zu malen versucht hatte. Ein anderer Pustertaler, Maler in Wien, der einmal zum Besuche in die Berge kam, gab ihm die notdürftigste Anleitung für den Gebrauch der Ölfarben, und als dieser dann nach ein paar Jahren zum zweiten Male in die Heimat zurückkehrte, fand er, daß sein Schüler ganz hübsche Porträts in Öl malte und ein wahrhafter Künstler in der Holzschnitzerei geworden war. Selbst ganz unbemittelt, riet er Joseph G., das ist der Name des Bildhauers, dennoch nach Wien zu kommen, wo er sich bemühen wolle, ihm eine künstlerische Ausbildung zu verschaffen. Zu Fuß ging Joseph dorthin. Der Freund gab ihm einen Gipsabguß der Niobe, und Joseph schnitzte in wenig Tagen eine vier Zoll hohe Kopie danach, welche dem Direktor der Akademie der Künste vorgelegt wurde und seine Aufnahme in die Zahl der Schüler zur Folge hatte. Nun begann für Joseph ein neues Leben. Er besuchte am Tage die Akademie, malte abends Porträts, um sich seinen Unterhalt zu schaffen, und wendete die halben Nächte an, sich durch Lektüre geistig auszubilden. In der Zeit von sieben Jahren hat er abwechselnd fünfmal die Preise für Malerei und Skulptur erhalten und endlich in der großen Konkurrenz den Kaiserpreis für Skulptur, infolgedessen er nun auf fünf Jahre als Pensionär der Regierung nach Rom geht, wo ihm eine ganz sorgenfreie Existenz gesichert ist. Er sah ein wenig bleich aus, und auch seine Augen schienen mir nicht ganz gesund. Ich sagte ihm das, und er meinte: »Oh, ich habe sie wohl zu sehr angestrengt mit nächtlichem Arbeiten. Ich dachte manchmal, ich täte unrecht damit; aber Sie alle, die Sie von Jugend auf Unterricht erhalten, soviel Sie wollen, denen alle Schätze des Wissens zu Gebote stehen, Sie können es nicht ahnen, wie man sich danach sehnt, wenn es unerreichbar scheint und man es doch erreichen möchte. Ich habe im Pustertale keine Bücher gehabt als die Bibel, das Gesangbuch, zwei schlechte Bücher über Geschichte und Naturgeschichte und die Volkskalender; aber das habe ich alles auswendig gewußt. Als ich dann nach Wien kam und zu begreifen anfing, wie groß, wie umfassend die Wissenschaften wären, da war ich wie im Fieber. Es ließ mir keine Ruhe. Von den Geschichtswerken griff ich nach den deutschen Klassikern, von den Klassikern nach den Philosophen. War ich in der Akademie, dann quälte es mich, daß ich nicht studierte oder in ein Kollegium gehen könne, studierte ich, so machte ich mir Vorwürfe, daß ich nichts für die Kunst täte. Das war ein trostloser Zustand! Aber da haben sich denn andere meiner angenommen und mir Rat gegeben, daß nur erst Ordnung in mein Wollen kam.« Mit rührender Natürlichkeit erzählte er, wie er die erste Zeit in der Akademie mit seinen Tiroler Kleidern der Gegenstand allgemeiner Neugier gewesen sei, wie alle um ihn hergestanden und ihn angeschaut hätten. Da habe er das erste erübrigte Geld dazu angewendet, sich moderne Kleider zu kaufen, in denen er sich aber »ganz wie verhext« vorgekommen sei. Er schilderte die Angst, welche ihm die Gesellschaft anfangs eingeflößt habe; die Not, den Tiroler Dialekt abzulegen und das Hochdeutsche zu verstehen; dann seine Reisen nach Ungarn und Böhmen, wo er die Arbeiten seines Lehrers in der Skulptur auf den Gütern adliger Familien aufgestellt habe; seine Unterredungen mit dem Fürsten und der Fürstin Metternich, die in den Ausstellungen von seinen Arbeiten gekauft; und die Abschiedsaudienz bei dem Kaiser. In allen diesen Erzählungen wehte der frische klare Sinn eines Menschen, der, in der freien Natur, in den schlichtesten Verhältnissen erwachsen, Welt und Menschen mit gesundem Auge, ohne die trübe Brille konventioneller Vorurteile anschaut. Joseph G. kannte unsere klassische Literatur vollkommen, war in Geschichte, soweit ich es beurteilen konnte, sehr bewandert und hatte sich die philosophischen Systeme zu eigen gemacht, wie eben ein Laie dies kann. Dabei war er, was uns andern nur zu oft fehlt, in der Natur zu Hause, und wenn er die verschiedenen Pflanzen, Vögel, Käfer, Steine in ihren Merkmalen zu sondern wußte, hätte ich gern manche von den mühsam erlernten Modespielereien unserer Erziehung für diese Kenntnisse gegeben, die der Tiroler bei seinen Gemsjagden, bei seinem Umherstreifen in Wald und Feld erworben hatte. Ich habe, wenn ich mich an seinem derartigen Wissen erfreute, oft eines Vorgangs gedacht, der sich einmal in meiner nächsten Umgebung zutrug. Zwei Mädchen von zwölf bis vierzehn Jahren, in der Stadt in den besten Verhältnissen erzogen, fanden in einem Garten einen Maikäfer, brachten ihn den übrigen zu sehen und konnten sich nicht genug darüber wundern, »wie täuschend ähnlich er einem Maikäfer aus Schokolade sei«. Dies hat mir damals ein förmliches Grauen vor unserer Erziehung der Jugend beigebracht. Wie weit ist es gekommen, wenn Kinder verständiger Eltern der Natur so fernbleiben, daß ihnen die Künstelei ein Wirkliches, Gekanntes, ein feststehender Begriff ist, nach dem sie die Natur beurteilen lernen? Es wäre ein großer Gewinn, wenn wir erst die Bäume und Tiere und Dinge um uns her betrachteten, ehe wir mit dem Geiste in alle fernen Zonen versetzt würden; und ließe man den Kindern in den ersten zehn Jahren ihres Lebens dazu Raum, so würden sie tüchtig und gesund genug werden, den spätern Unterricht in den Wissenschaften in um so kürzerer Zeit zu erfassen. Ich glaube nicht, daß Joseph G. jemals es bereuen wird, in Wald und Feld aufgewachsen zu sein; es ist ein Segen für das ganze Leben, der reiche Früchte tragen muß, besonders in der Seele eines Künstlers. Der andere Reisegefährte, Pater Salvatore R., ein Sizilianer, war der Sohn eines Kaufmannes und fast gegen den Willen, mindestens aber gegen den Wunsch seiner Eltern Mönch geworden. »Ich habe ein melancholisches Temperament«, meinte er, »und sehnte mich nach einem ruhigen, sanften Leben«. Er war kränklich, hatte an der Leber gelitten, und da der Arzt ihm Bewegung und Luftveränderung verordnet, war er von seinem Prior auf Reisen geschickt, um in den heißen Monaten die aria cattiva Roms zu vermeiden. Nun kam er von einer dreimonatlichen Tour durch die Klöster des Kirchenstaates zurück. Seine Reiseroute war ihm vorgeschrieben. Wo es tunlich war, wurde er mit Klosterfuhrwerk befördert und wohnte in den Klöstern; ging dies nicht, so bediente er sich der Vetturine, und während der fünf Tage, die wir zur Reise nach Rom verwendeten, lebte er wie wir andere in den Gasthäusern und ließ sich nur am Freitage Fastenspeise geben. Wir denken uns aber das Klosterleben viel abgeschiedener von der Welt, als es ist. Pater Salvatore erzählte mir, daß er zwischen zehn Uhr morgens und sechs Uhr abends ausgehen dürfe, wie er wolle und wohin er wolle, nur mit der Bedingung, um zwölf Uhr zum Mittage zu Hause zu sein. Ihre Mahlzeiten schilderte er als einfach, »weil das Kloster nicht reich sei«. Für kleine Bedürfnisse, zu denen er eine Tasse Kaffee oder ein Glas Eis, außer dem Hause zu genießen, rechnete, erhalten sie ein monatliches Taschengeld. Bücher dürfen sie von ihrem Gelde nur mit Erlaubnis des Priors kaufen; Hunde zu halten ist ihnen verboten, Vögel und Katzen aber erlaubt. Ich fragte ihn, ob er Romane lesen dürfe. »Im Kloster nur diejenigen, welche die Zensur passiert haben; aber wir lesen auch wohl einmal einen andern, wenn wir bei bekannten Familien in der Stadt sind.« In diesen Familien hatte er auch moderne Opernmusik gehört, da ihnen natürlich der Besuch der Theater verboten ist. Dagegen haben sie während des Karnevals mit ihrem Prior Zutritt zu den Klöstern, in welchen die jungen Römerinnen erzogen werden und wo die Pensionärinnen Komödien aufführen. Eine junge Dame, welche in einem Lustspiel einen Kavallerieleutnant gespielt und mit ihrem feinen Stimmchen unter dem kleinen Schnauzbart gar keck gesprochen hatte, schien ihm sehr unvergeßlich zu sein; wie er denn auch einer andern erwähnte, die den »armen Poeten« ganz meisterhaft dargestellt. Den Karnevalsfreuden auf dem Corso sehen sie aus den Palästen der vornehmen Familien zu, welche die verschiedenen Mönchsklöster einladen. Gelernt hatte der gute Pater wenig, schien auch gar keine Neigung und Sehnsucht nach weiterer Ausbildung zu haben, obgleich er erst vierundzwanzig Jahre zählte. Er machte in dieser Genügsamkeit einen entschiedenen Gegensatz zu dem Bildhauer. Salvatore hatte ein sehr angenehmes Organ, las gut vor und hat uns später in Rom dann und wann eine Freude dadurch gemacht, wenn er uns aus Anthologien etwas vorlas, welche eigens für die Klöster eingerichtet und aus denen alles entfernt worden, »was gegen den Glauben und die Sitten verstieß«, wie es auf dem Titel bemerkt war. Einmal hatte er mir ein Exemplar des Boccaccio geborgt, das man auch auf diese Weise zugestutzt hatte. Was aber Salvatore an Wissen fehlte, das besaß er doppelt an gutmütiger Wohlerzogenheit, die auf eine sorgfältige Aufsicht in seiner Jugend schließen ließ. Ich habe ihn in Rom oftmals gesehen, bis in der letzten Zeit, wo er viel kränkelte und seltener kam. Anfangs schob ich dies auf irgendein Verbot seiner Obern, denen vielleicht die Besuche bei den Ketzerinnen unerlaubt scheinen mochten. Ich fragte einen der mir bekannten Weltgeistlichen darum, einen liebenswürdigen, aufgeklärten Mann und Bibliothekar im Vatikane, der Salvatore kannte und mich beruhigte, indem er lachend sagte: »Wäre Salvatore wiederhergestellt, so erlaubte man im Gegenteile es gern; es wäre ja möglich, daß durch ihn Ihre Seele uns gewonnen würde!« Danach aber war Pater Salvatore gar nicht angetan, und sosehr er la vita dolce e tranquilla del convento, das süße, ruhige Leben des Klosters, rühmte, so schien es mir durchaus, als ob er immer ernster und trauriger würde, je mehr er sich der Rückkehr in diesen ruhigen Aufenthalt näherte. Als wir an der Dogana in Rom unser Gepäck untersuchen lassen mußten und er seinen kleinen, weißen Holzkasten öffnete, der nur ein wenig Wäsche und einige Bücher enthielt, sah er ganz wehmütig aus und machte achselzuckend eine jener italienischen, ausdrucksvollen Gebärden. als wollte er sagen: »Was kann ich denn besitzen!« In Gesellschaft dieser beiden Männer, von denen man mancherlei Neues erfahren konnte, vergingen mir die Stunden im Wagen sehr angenehm. Wir übernachteten in Arezzo, versuchten im Dämmerlicht pflichtmäßig die Loggia von Vasari und das Geburtshaus des Petrarca zu sehen und fuhren am nächsten Morgen noch bei Sternenschein von Arezzo ab. Es war Weinlese im Lande und schon vor Tagesanbruch alles voll Leben auf den Straßen. Große, weiße Stiere mit gewaltigen Hörnern gingen bedächtig vor den langen, schmalen Karren einher, auf denen in hohen Holzkübeln die Trauben aufgehäuft lagen. So malerisch dies aussah, so wenig entsprach das Kostüm der Männer und Frauen den Bildern, welche wir von Italienern zu sehen gewohnt sind. Die Tracht glich ganz der unserer Landleute, war eben nur eine notdürftige Bekleidung mit farbigen Baumwollzeugen und zeichnete sich weder durch Sauberkeit noch durch besondern Mangel daran aus; aber die Menschen waren kräftig, groß und schön. Dem Laufe der Apenninen folgend, kamen wir durch das liebliche Chianatal an zahlreichen Städten vorbei oder fuhren durch dieselben durch. Sie sind hier im Kirchenstaate alle verfallen, und dies sieht um so trauriger aus, als auch der kleinste Ort einzelne Paläste und prächtiges Straßenpflaster hat, die auf eine reichere Vorzeit schließen lassen. Bergauf und -nieder fahrend, erreichten wir nahe vor Perugia einen großen See und machten an seinem Ufer in einem Flecken Passignano del Lago die Mittagsrast. Auf einer großen Holztafel über dem Kamine der Locanda, in die wir eingekehrt waren, stand eine große, pomphafte Anzeige, daß dies der Trasimenische See sei, an dessen Ufer Hannibal den Konsul Flaminius besiegte. Trotz dieses großen historischen Momentes hatten wir vortrefflichen Appetit und verzehrten ein Frühstück von gerösteten Fischen und Eiern, für das man uns zum ersten Male auf der Reise einen so hohen Preis abforderte, daß ich genötigt war, Einwendungen zu machen, welche, wie immer in solchen Fällen, unbeachtet blieben. Darauf machten wir einen Spaziergang an dem See. Es war kühl, die Sonne unter Wolken, weiße Möwen flogen nahe über dem Wasser mit jener hinschießenden Bewegung, die ihnen so eigentümlich ist. Das graue Licht, der frostige Farbenton, in dem selbst das Wasser silberfarbig erschien, das der Wind auf der Oberfläche in kleinen Wellen kräuselte, bildeten einen starken Gegensatz gegen die südliche Pflanzenwelt und die weiche, wellenförmige Gestalt der Bergzüge. Es war eine Mischung nördlicher und südlicher Elemente, die uns durch ihre Seltenheit fesselte, bis ein leiser Regen niederzutröpfeln begann. Sogleich kam der Wirt uns mit einem Schirme entgegen, uns in die Locanda zurückzuholen, und ging plaudernd neben uns her, während er Scharen von bettelnden Kindern abzuwehren strebte, die dringend um eine Gabe baten. In Toskana dieses Anblicks ganz entwöhnt, sagte ich, wie dies Betteln doch gar zu lästig sei und daß die Behörden in meinem Vaterlande es nicht duldeten. »Dann tut aber die Regierung in Ihrem Lande gewiß alles«, meinte der Wirt, »den Armen Arbeit und Brot zu geben. Unsere elende Regierung« (es war 1845, zur Zeit des vorigen Papstes) »tut gar nichts für das Volk. Der Vater dieser armen Jungen, Signora, muß Steuer zahlen so gut wie jeder andre; aber man gibt ihm kein Mittel, sich ehrlich zu ernähren und die Steuer zu erwerben; da muß man ihn betteln lassen, wenn er mag, was doch immer noch besser ist als stehlen!« Ich blickte den Wirt überrascht an. Es war ein großer, stattlicher Italiener, der recht behäbig, wie ein wohlhabender Mann aussah, gar nicht wie einer, der an sich selbst die Erfahrung von Not und Elend gemacht hatte, und doch sang er das traurige Warnungslied, das jetzt durch die ganze Welt erklingt. »Die Völker sind nie zufrieden«, sagte einer von uns, um ihn noch weitersprechen zu machen. »Das ist wahr«, antwortete er, »denn in Preußen haben Sie einen guten und weisen König und haben doch nach ihm geschossen. Was sollen wir denn tun? Unsere Abgaben sind ungeheuer, und man tut nichts für das Land. Sehen Sie«, fuhr er fort, sich gegen mich wendend, »Sie haben die Fische teuer gefunden, aber wir bezahlen vom Pfunde drei Bajochi Steuer.« Das ist etwa zwei Groschen von unserm Pfunde. Dies kam mir so viel vor, daß ich es nicht glaubte, aber der Mann zeigte mir die Steuerzettel der ganzen Woche, die es als richtig auswiesen. Um ihn zu trösten, bemerkte ich ihm, daß wir auch Fischgerechtsame hätten und Erlaubnisscheine zum Fischen lösen müßten. »Aber Sie zahlen gewiß nicht drei Bajochi für das Pfund und haben wohl nicht die besten Fische an das Kloster zu liefern!« rief er. »Oh! es sieht schlimm bei uns aus. Es ist kein Wunder, wenn sie revoltieren! In der Romagna hat man zwölfhundert junge Leute verhaftet, mehr als ein Drittel darunter sind Kavaliere aus guten Häusern. Mit dem Einsperren und Verurteilen hat's immer Eile. mit dem Helfen hat's Zeit.« Ich konnte ihm nichts darauf erwidern und wünschte ihm, als wir den Wagen bestiegen, das Beste für sein Land, dem nun in dem edeln Pius dem Neunten ein segensreicher Stern erschienen ist. Es tat not darum. Gegen Abend kamen wir nach Perugia, das, einst eine Stadt von vierzigtausend Einwohnern, deren jetzt nur vierzehntausend zählt. Natürlich sind die breiten Straßen und großen Plätze still und leer, und das Gras wächst ruhig zwischen den Steinen empor. Dafür aber gibt es, wie das Reisebuch berichtet, hundertunddrei Kirchen und vierunddreißig reguläre Mönchs- und Nonnenklöster in der auf hohem Berge gelegenen und mit starken Befestigungen versehenen Stadt. In den Festungswerken an der Piazza Grimana bemerkt man ganze Stücke von Mauern aus der ältesten Vorzeit und Tore, welche auch das Auge des Laien für Bauwerke früherer, fremder Jahrhunderte erkennen muß. Auf dem sehr schönen Hauptplatze befindet sich vor der prächtigen Kathedrale und dem großen Stadthause ein Springbrunnen von schönster Form, der reichlich Wasser spendet. Daneben ist eine Erzstatue des Papstes Julius des Dritten von Danti, welche sehr berühmt ist, mir jedoch nicht gefallen hat. Sie ist sitzend dargestellt; der antike Sessel ist aber sehr schmal, und der Papst sieht dadurch unfrei in seiner Bewegung aus, wie jemand, der schlecht sitzt und lieber aufstände. Überhaupt erscheinen sitzende Statuen zwischen großen Gebäuden immer unvorteilhaft, weil sie, durch deren Masse erdrückt, kleiner aussehen, als sie sind. Am nächsten Morgen besahen wir die alte Börse, das Collegio del Cambio, das von Perugino al fresco gemalt ist und bei dessen Ausführung Raffael als Schüler geholfen hat. Merkwürdig ist es, wie streng sich dieser in seinen ersten Arbeiten an die Schule seines großen und in seiner Auffassung so unbeschreiblich lieblichen Lehrers gehalten hat. In der Auferstehung der Jungfrau im Vatikane, in dem Sposalizio in der Brera zu Mailand und auch noch auf andern Bildern, zum Beispiel in der Grablegung des Heilands, die sich in der Galerie Borghese zu Rom befindet, begegnet man einzelnen Männer- und Frauengestalten, die vollkommene Kopien der Figuren von Peruginos Bildern sind, wennschon sie sich in schönerer Freiheit bewegen. Aber auch hier in Perugia befindet sich ein Werk Raffaels, das ihn durch seine unerreichbar reine Schönheit als Meister verkündet. Es ist die lieblichste aller Madonnen, die Madonna aus der Galerie della Staffa. Das Bild, auf einer runden Holzplatte gemalt, hat vielleicht einen Fuß im Durchmesser. Die Madonna ist sitzend dargestellt, das Kind ruht auf ihrem Schoße. Ein schöneres Oval des Kopfes, einen reineren Ausdruck mädchenhafter Mütterlichkeit kann man sich nicht denken. Die dunkelbraunen, klaren Augen sehen so unschuldig klug aus, das goldbraune Haar legt sich so sanft um die reine Stirne, und der ganze Ausdruck des Kopfes, der Haltung ist so voll demütiger Hoheit, daß ich noch nicht eine Kopie gesehen habe, welche diese hohe Schönheit auch nur andeutend wiedergäbe. Diese Madonna in der Galerie della Staffa und die Sixtinische Madonna sind für mein Gefühl und mein Erfassen die beiden schönsten Marien Raffaels. Bald hinter Perugia kommt man über die Tiber und erreicht nach wenig Stunden Assisi, welches als Geburtsort des heiligen Franziskus voller Kirchen und Klöster ist. Das Franziskanerkloster ist so groß und starkmaurig, daß ich es aus der Ferne, als ich es zuerst auf der Höhe erblickte, für eine bedeutende Festung hielt. Wunderlich ist es, wie der Kultus in allen diesen Städten, wo er so in das tägliche Leben übergreift, an Idealität verloren hat und wie man ihn mit unehrerbietiger Gleichgültigkeit behandelt und benutzt. An vielen Häusern sieht man Madonnenbilder angebracht, vor denen abends eine Lampe angezündet wird und die jeder im Vorbeigehen mit Eilfertigkeit flüchtig begrüßt, wie man jedem Bekannten schnell eine Verbeugung macht. Diese Art von Verehrung hindert aber nicht, daß zu beiden Seiten lange Stangen und Schnüre zum Trocknen der Wäsche ausgehängt werden, so daß die Madonna zwischen alten Strümpfen und Röcken hervorsieht oder, von ihnen verborgen, warten muß, bis sie trocken sind, um die Verehrung der Vorbeigehenden zu genießen. Überall, wo man bei uns an den Häusern bittet, keine Zettel anzukleben, oder zur Reinlichkeit ermahnt, malt man ein Kreuz oder ein Fegefeuer hin, und diese heiligen Embleme vertreten im Kirchenstaate und in Neapel die Stelle der Warnungstafeln. Der Kultus als polizeiliche Sicherheitsmaßregel hatte für mich etwas sehr Komisches und Trauriges zugleich. In Spello, in Foligno, überall gab es Kirchen mit schönen alten Bildern; in Spello Fresken von Pinturicchio. Indes, hat man ein höchstes Ziel, einen Montblanc vor sich, so verschwinden davor alle Hügel und Berge, die uns davon trennen; wir überschreiten sie mit geflügelter Eile und sind kälter für ihre Schönheit, weil wir nach dem Höchsten streben und trachten. So ging es mir wenigstens mit dem Anziehenden, das uns die Reise zwischen Perugia und Rom zu bieten hatte. Am 9. Oktober erblickten wir den ersten ganz wohl erhaltenen Tempel aus der Römerzeit. Er liegt auf einem grünbewachsenen Felsenvorsprunge, über einem tiefen Tale an der Quelle des klaren Clitumnus; man sieht, die alten Priester liebten schöne Gegenden ebensosehr und verstanden sich so gut darauf als die Mönche. Jetzt ist der Tempel in eine christliche Kapelle verwandelt, aber das Volk nennt ihn noch il Tempio di Clitunno, und man zeigte uns an dem Altar die Rinnen, durch welche das Blut der geopferten Tiere hinabfloß. Von der Poststation Le Vene, bei der dieser Tempel liegt, wird die Gegend nach Spoleto immer schöner und schöner. Man fährt durch die Somma, den Höhenpunkt der Apenninen. Weiße, breitgestirnte Stiere wurden vor unsern Wagen gespannt, uns den Berg hinaufzuziehen, auf dem Spoleto liegt. Immer deutlicher tritt jetzt das Altertum aus der Vergangenheit hervor, immer sichtbarer werden seine Spuren in der Gegenwart. Auf der vor Alter schwarzgrauen Porta d'Annibale ist die lange, uralte lateinische Inschrift noch ganz so deutlich lesbar als auf dem Tempel des Clitumnus. Ruinen eines römischen Theaters; schöne antike Säulen um eine neuere Kirche; der sogenannte Palast des Theoderich und eine Brücke zwischen zwei Felsen, welche zugleich als Wasserleitung dient, verkünden von jenen Tagen. In der Kathedrale sind Fresken des Mönches Filippo Lippi, der dort begraben liegt. Mehr als diese selbst interessierte mich sein Leben. Er entfloh dem Kloster und geriet in Afrika in Sklaverei. Befreit kehrte er heim, gelangte als Maler zu Ehren und Ansehen und ward, sechzig Jahre alt, von den Verwandten eines Mädchens vergiftet, das er entführt hatte. Aber nicht allein die alten Bauwerke bereiteten allmählich auf die Annäherung an Rom vor, auch die Unsicherheit der Wege ließ erraten, daß man sich im Kirchenstaate befände, wo alles Beten, Klingeln und Weihräuchern die Not nicht gemindert und die Moral nicht gebessert hat. Als wir die Somma hinabfuhren, sahen wir von zehn zu zehn Minuten einzelne kleine Wachthäuser mit zahlreicher Bemannung, von der uns überall Patrouillen zu Fuß und zu Pferde begegneten. Die Diligence wird von sechs Karabinieri begleitet, und als wir am nächsten Morgen das letzte Nachtlager vor Rom verließen, richteten sich die Vetturine so ein, daß wir in einer Karawane von fünf Wagen zusammen abfuhren. Obgleich uns nicht das geringste Üble begegnete, hatte man doch ein Gefühl von Unsicherheit und Traurigkeit über diese unerläßlich gewordene Notwehr. Freilich aber begegneten wir großen Scharen kräftiger Männer – ich hielt sie für Rekruten –, die im Lande umherzogen, Arbeit und Erwerb zu suchen, welche sie oft lange nicht finden sollen. Daß dies möglich war in einer Gegend, in der große Strecken ganz brachliegen, das hat die damalige Regierung zu verantworten. Trotz dieser Unsicherheit war die Straße von Reitern und Vetturinen belebt und gewann ein eigenes Interesse dadurch, daß in jenen Tagen die Schafherden von dem Sommeraufenthalte in den hohen Bergen zurückkehrten in die Ebene. Einzelne, aber verhältnismäßig sehr kleine Herden von Rindvieh kamen daneben vor und gingen majestätisch zwischen den Tausenden krauswolliger Schafe einher, die, von großen Wolfshunden geführt, mit bunter Hast sich überstürzend, von den Höhen hinabkamen. Pifferari in Hosen und Mänteln von Ziegenfellen, mit großen ledernen Gamaschen und durchlöcherten, spitzen Hüten zogen voraus und hinten nach, die schönste, malerische Staffage bietend für die pittoresk zerklüfteten Steinmassen, aus deren vulkanisch glitzerndem Boden gelber Ginster und vielfarbige Erikas hervorblühten. In Terni, dessen Wasserfall ich nicht gesehen, weil ich müde und, wie mich dünkt, vor Ungeduld nach Rom unwohl war, übernachteten wir. Ich stand mit dem Pater Salvatore auf dem Balkon unseres Gasthauses und sah auf den Markt hinab, auf welchem Frauen mit dem weißen römischen Kopftuche die verschiedenen Viktualien feilboten. Dreißig, vierzig jener arbeitsuchenden Männer kauften Brot und Zwiebeln und legten sich nachher auf den Schwellen der Kathedrale zur Nachtruhe unter Gottes freiem Himmel, während die wohlgenährte Geistlichkeit zur fetten Abendmahlzeit nach Hause ging und sorgfältig die Kirchentüren schloß, hinter denen sich ihre toten Schätze, jene silbernen und goldenen Altargefäße, befinden. Die Männer auf der Kirchentreppe mochten ein sehr malerisches Bild geben; herzzerreißend und empörend blieb es doch. In Otricoli, wo wir einmal rasten sollten, sah ich zuerst und nie wieder in dem Grade, was man unter der italienischen Unsauberkeit verstehe. Ich konnte mich nicht entschließen, in der Locanda mich auch nur eines Stuhles oder einer Bank zu bedienen, sondern zog es vor, im Wagen sitzen zu bleiben, nachdem wir auf einem Gange durch die Stadt alte ägyptische Marmorbildwerke aus dem tiefen Straßenkote hervorragen gesehen hatten. Hier in diesem kleinen, jetzt so elenden Städtchen hat man den berühmten Jupiterskopf gefunden, der eines der vollendetsten Kunstwerke der Welt, eine Zierde der Sammlung im Vatikane ist. Auf antiken, mit großen Steinen gepflasterten Straßen, der Via Cassia und Via Flaminia, fuhren wir durch das Sabinerland. In Nepi, in Civita Castellana, das in seinem Staatsgefängnisse viele Verhaftete aus der Romagna beherbergte, in allen Gasthäusern und Cafés, in die wir kamen, hörte man nur von der Revolution in Rimini und Bologna sprechen. Man tadelte die Regierung bitter, bedauerte die Gefangenen und deren Familien und fürchtete neue Hinrichtungen, denn die Regierung sei »ebenso hart im Verdammen als sparsam im Verzeihen«. Die scheue Art, das leise Sprechen, das ängstliche Umherschauen der Personen, welche sich davon unterhielten, waren traurige Zeichen für das Land und für das Gouvernement des Stellvertreters Gottes auf Erden. Der Morgen des 11. Oktober war wieder kühl und trüb, und die geistige Erregung, welche sich meiner bemächtigte bei dem Gedanken, im Laufe des Tages Rom zu erreichen, machte, daß ich, innerlich fröstelnd, es kaum ertragen konnte, ruhig im Wagen zu bleiben. Deshalb schlug ich am Mittage, als der Vetturin in einer einsam gelegenen Locanda haltmachte, dem jungen Bildhauer vor, mit mir eine Strecke vorauszugehen, um dadurch den Frost sowohl als die innere Erregung zu bekämpfen. Als wir nun so hinzogen, der Tiroler Bauernsohn, den das Lebensgeschick zum Künstler berufen, und ich, die herausgetreten war aus der friedlichen Begrenzung glücklichen Familienlebens in die kältere, unruhige Atmosphäre der Öffentlichkeit, beide einander fremd, fern von den Unsern und für den Augenblick aufeinander angewiesen, da kam mir jedes Menschenleben recht wie ein selbständiges Ganze vor, wie ein durch innere Notwendigkeit bedingtes Kunstwerk; bis ich des Bodens gedachte, auf dem wir wanderten, und das Leben des einzelnen mir gering erschien in dem großen Zusammenhange aller Zeiten und aller Menschen. Wir waren mitten in der römischen Campagna. Kein Baum, selbst kein Strauch, soweit das Auge reichte. Die Sommerglut hatte den Rasen getötet, der im Winter und Frühjahr so grün und frisch dies wellenförmig sich hebende und senkende Land bekleidet. Aus rötlichbraunem Grunde wuchsen einzelne großblättrige Disteln empor; keine Wohnung, keine Herde war sichtbar, kein Laut zu hören. Als wolle die Natur selbst Rom von allem andern trennen, um es dadurch noch schöner, noch hervorstechender erscheinen zu lassen, so legt sich diese ernste, traurige Campagna mit ihrem schwermütigen Schweigen um Rom. Einzelne Kärrner fuhren später an uns vorbei; einmal begegneten uns zwei große, starke Männer, welche uns um eine Gabe ansprachen. Sie behaupteten, seit zehn Tagen im Lande umherzugehen und Arbeit zu suchen, ohne sie zu finden. Der junge Bildhauer zog seine Börse, um ihnen etwas zu geben. Ich hatte Furcht, daß sie sie ihm entreißen würden, aber sie begnügten sich mit der Gabe, dankten und zogen weiter. Unaufhörlich mußte ich der Scharen von Gläubigen gedenken, welche als Pilger diesen Boden betreten hatten, und der Ereignisse, der Kämpfe, deren Zeuge dieser Erdstrich gewesen war. Die Vergangenheit entwickelte sich majestätisch vor meinem Geiste, und das innere Auge sehnte sich, einen Blick in die Zukunft zu werfen und zu erspähen, wo sich die historische Krisis entscheiden wird, in der die Menschheit jetzt angstvoll und mit ernstem Eifer ringt. Als wir von unserm Wagen eingeholt wurden und ihn wieder bestiegen hatten, fand ich die gezwungene Ruhe von Augenblick zu Augenblick qualvoller. Der Vetturin rief uns zu, daß wir uns am Grabmale des Nero befänden. Ich bog mich zum Wagen heraus, und hier, über dem wellenförmigen Flachlande, das die gelbe Tiber langsam durchströmt, tauchte plötzlich das heilige Rom mit seinen Kirchen und Kuppeln vor meinem Auge empor, überragt von der Riesenkuppel Sankt Peters, deren Kreuz im vollen Lichte der eben aus den Wolken hervorgetretenen Sonne leuchtete; mir ein Zeichen der Verkündigung und Erfüllung. Heiße Tränen stürzten mir aus den Augen. Freude, am ersehnten Ziele zu sein; Ahnung des Schönen, das mir nun werden müsse; ein Gefühl von Leere, wie man es empfindet, wenn mit dem Erreichen eines Zieles die Notwendigkeit des Strebens aufhört, und eine ganz unsägliche Freude kamen über mich, so daß ich zum erstenmal in tiefer Sehnsucht nach meinen Lieben die Last des Alleingenießens sehr schwer empfand. Es war eine der bewegtesten, gehobensten Stimmungen meines Lebens, voll Dank gegen mein Geschick, voll Liebe für alles Gute, Große, Schöne und voll willenskräftiger Zuversicht zu mir selbst. Tiefergriffen erreichte ich das Weichbild Roms, die beiden Wache haltenden, steinernen Apostel, und fuhr mit schlagendem Herzen ein durch die antike Porta del Popolo in das Ewige Rom. Erste Wanderung durch Rom Wenn man zuerst die Peterskirche vom Anfang des Petersplatzes erblickt, wie sie daliegt zwischen den runden Säulengängen, in deren Mitte, zu beiden Seiten des Obelisken, die wundervollen Fontänen ihre Wassermassen in die Luft schleudern; wenn man hineintritt durch die luftige Vorhalle in Sankt Peters prächtigen Dom, so ist man geblendet, entzückt von der Schönheit und Pracht, aber es scheint fast jedem, als sei der Bericht von der kolossalen Größe des Baues übertrieben. Ebenso erging es mir mit dem ganzen Eindruck, den mir Rom machte. Es ist, wie die Peterskirche, so durchweg gleichmäßig in all seinen kolossalen Bestandteilen, daß nichts als klein oder besonders groß erscheint, und grade die Großheit des Ganzen bringt eine Harmonie hervor, in der das einzelne kaum noch in seiner Riesenhaftigkeit bemerkbar wird. Die ersten Tage in Rom waren mir nicht erfreulich; ich geriet durch die verschiedenen neuen Anschauungen, durch übertroffene und unbefriedigte Voraussetzungen in einen Zustand peinlicher Unruhe. Die Piazza del Popolo, dieser weite, schöne Platz, die Peterskirche erschienen mir klein, der Corso eng und finster. Die verfallenen Gebäude, die altersgrauen Paläste, die modernen Kaffeehäuser, die Viktualienhändler in den Straßen, die Osterien (Weinkneipen), neben denen antike Prachtgebäude halbverschüttet aus der Erde hervorragen, und diese aus eleganten Fremden, Mönchen und italienischem Volke gemischte Menschenmenge gaben mir so viel verschiedene Bilder, daß ich sie nicht in eines zu fassen vermochte und mich ganz zersplittert und zerrissen fühlte. Dazu kam, daß jeder der Bekannten, die ich vorfand, andere Ansichten, andere Pläne für die Beschauung von Rom hatte, daß jeder eine bestimmte Liebhaberei hegte, der eine für Sankt Peter, der andre für das Colosseum, der dritte für die Aussicht von Acqua Paola herab, und daß ich deshalb alles zugleich sehen sollte. Dies ist ein Martyrium, wogegen es nur ein Mittel gibt – gar nichts besehen zu gehen und dem Zufall die Anordnung der Reihenfolge von Bildern, welche uns werden sollen, mit gläubigem Fatalismus zu überlassen. An der Piazza del Popolo, über der sich die Passeggiata befindet, die von Napoleon auf dem terrassierten Monte Pincio angelegte Promenade, begannen wir unsern ersten größern Weg durch die Stadt. Von der Piazza del Popolo laufen strahlenförmig drei Straßen aus; rechts die Ripetta, welche sich an der Tiber hinzieht; in der Mitte der Corso, am Venezianischen Palaste endigend, und zur Linken die Via del Babuino, die nach dem Spanischen Platze führt. Die Piazza del Popolo ist der erste Platz, welchen der von Norden kommende Fremde betritt, wenn er durch die Porta del Popolo seinen Einzug in Rom gehalten hat. Gleich an der linken Seite des Tores liegt die Kirche von Santa Maria del Popolo, in der einst Martin Luther gepredigt hat. Der Corso ist eine lange, nicht breite Straße, welche mich immer an die Königsstraße in Berlin erinnerte. Hohe Häuser mit Fenstertüren, die teils auf Balkons gehen, teils nur wie Balkons vergittert sind; Magazine und Läden aller Art im Erdgeschosse über einem nicht breiten, nur mäßig erhöhten Trottoir, das sonst keine Straße Roms besitzt, machen die Unterscheidungszeichen des Corso. Von dem Luxus der Schaufenster an den Magazinen, von den glänzenden Cafés der Städte Oberitaliens ist hier nicht die Rede. Nur auf dem Spanischen Platze ist das Café Nazari einigermaßen mit jenen zu vergleichen, und später ward das große Café Ruspoli im Corso neu eingerichtet und reicher ausgestattet; indes habe ich diese auch nie so stark von Damen besucht gesehen als die Cafés in Mailand, Florenz oder Venedig. Zur rechten Seite, in der Mitte des Corso etwa, liegt die Piazza Colonna, auf der die Säule des Antonin sich majestätisch erhebt. Sie trägt jetzt über den Marmorreliefs, mit denen sie von unten bis oben bekleidet ist, einen Apostel, der freilich ein wenig wunderlich darauf erscheint. Geht man den Corso zu Ende, so kommt man auf den Venezianischen Platz, auf dem der Venezianische Palast, ein selbst für Rom riesenhaftes Gebäude, sich befindet, das gegenwärtig die östreichische Gesandtschaft innehat. Zur Linken abbiegend, gelangt man nach kurzer Zeit auf einen großen Marktplatz, dessen Mitte ein eisernes Gitter umschließt, aus dem die Säule des Trajan, das Seitenstück zur Antoninssäule, hervorragt. Ich sage hervorragt, denn das Forum Trajanum, welches von dem Gitter umgrenzt wird, liegt wohl zwölf Fuß tief unter der jetzigen Höhe der Straße, und man sieht auf die Quadern des alten Pflasters, auf die halbzerbrochenen Säulen, auf verstümmelte Statuen und leere Postamente wie auf das Becken eines tiefen Springbrunnens herab. Hier nähert man sich dem antiken Rom, es ist gleichsam die Vorhalle davon, und man erblickt dies am schönsten, wenn man von dem Kapitole hinabschreitet, am Kloster von Aracoeli vorbei nach dem Forum Romanum, wo sich urplötzlich die gewaltige Vergangenheit vor unsern Augen, uns überwältigend, erschließt. Da stehen in mäßigen Entfernungen die Triumphbogen des Septimius Severus, des Titus und des Konstantin, geschmückt mit den stolzen Inschriften, welche diese siegreichen Kaiser zu Göttern erheben. Die gefangenen Sklaven, die schmerzdurchwühlten, schweigend duldenden Barbarenkönige; die unglücklichen, vertriebenen Juden, die Zieraten ihres zu Jerusalem zerstörten Tempels, den siebenarmigen Leuchter und den Tisch der Schaubrote tragend, sie alle blicken noch von diesen Denkmalen hernieder in jener Demütigung, in der die Hand des Künstlers sie festbannte zu ewigem Bestehen. Die Säulen des Konkordientempels, die schönen Trümmer der Kaiserpaläste, die hohen Hallen des Friedenstempels stehen in ernster Majestät und fordern auf, das Große zu leisten, wenn man sieht, wie es, dem Sturm von Jahrtausenden trotzend, Kunde gibt von dem starken Wollen der Vergangenheit. Mitten in dem Tempel, der dem göttlichen Antonin und der göttlichen Faustina gewidmet ist, wie eine Inschrift auf dem Architrave besagt, liegt eine Kirche des heiligen Lorenzo. In den drei Riesenhallen des Friedenstempels spielen junge Römer ihr fröhliches Ballspiel, und fleißige Steinschleifer arbeiten darin. Die Via Sacra entlang, die Straße der Triumphatoren, treiben rüstige Seiler ihr Gewerbe; ein Mönchskloster stößt nahe an den zierlichen Tempel der Venus und Roma; und an den Kaiserpalästen vorüberschreitend, erblickt man als Schlußstein des Ganzen vor sich das Colosseum in seiner beinahe unerfaßbaren Größe. Aber nur zu flüchtigem Anschauen sind wir gekommen. Durch enge Gassen, in denen ein von dem Treiben der vornehmen Fremden sehr verschiedenes Volksleben sich bewegt, gelangen wir nach dem Monte Cavallo, wo wieder andere Denkmale der Vergangenheit und andere Bilder unsere Teilnahme fordern. Das Schweigen auf diesem Platze ist trauriger als das auf dem Forum Romanum, wo die Trümmer von jungem Laube und frischem Grün umrankt sind und das fröhliche Volksleben sich erheiternd geltend macht. Die immerwerdende Natur schmückt die zerfallende Vergangenheit mit jugendlicher Schöne; die grünumrankten Ruinen erschrecken uns sowenig, als uns die Altersspuren in dem Antlitz eine Greisin stören, die zwischen ihren rüstigen Töchtern und blühenden Enkeln einherschreitet. Vögel singen in den Baumgipfeln des Forums, Schmetterlinge flattern zwischen dem Efeu, der sich malerisch um die Wände des Colosseums schlingt, und Goldlack und Federnelken nicken duftig hernieder. Auf dem Monte Cavallo aber ist es still und traurig. Dort liegt die Sommerresidenz des Papstes, das Quirinal. Schweizer in mittelalterlicher Tracht bewachen die Türen. Einsam neben dem Obelisken stehen die schönen Dioskuren des Phidias und Praxiteles da, die Göttergestalten, drohend erhoben gegen die sich bäumenden Rosse, Bilder des geistigen Wollens, das die tierische Kraft besiegt; und plätschernd fällt das Wasser der Fontäne in die prächtige Granitschale, von der es überströmend in reicher Fülle herniederrauscht. Selten sieht man auf Monte Cavallo ein fröhliches Regen der Jetztzeit. Einsame Mönche gehen scheuen Blickes hier die einsame Straße; Zöglinge der Seminare in den gleichfarbigen Soutanen ihrer Klasse werden paarweise vorübergeführt, sich in den französischen Gärten des Quirinal von dem engen Stubenleben zu erholen; aus dem gepflasterten Boden wächst reichlich das Gras hervor, und mit Wehmut sieht man hernieder auf die Stadt, an deren Ende Sankt Peter sichtbar wird. Dort unten in dem Vatikan ist die Lösung zu finden für das Rätsel dieses traurigen Schweigens, für die Volkslosigkeit dieser Plätze, für die Schweizerwache, welche hier einsam, die Hellebarde über die Schulter gelegt, ein Fremder, die Paläste des Landesfürsten bewacht. An den Quattro Fontane vorbei, wo aus den vier Eckhäusern der sich hier kreuzenden Straßen vier Fontänen leise hervorrieseln, die Piazza Barberini, die Via Felice und Via Sistina entlang, in denen die Fremden wohnen, weil hier auf der Höhe des Monte Pincio die Luft am gesündesten ist, gelangt man wieder zurück zu der Promenade des Monte Pincio, schlechtweg die Passeggiata, die Promenade, genannt. Ein wahrhaft babylonisches Sprachengewirr dringt an unser Ohr. Englisch und deutsch, russisch, französisch und italienisch durcheinander schwatzen die Scharen fröhlicher, bunt und reich herausgeputzter Kinder, welche hier auf einem Teile der Passeggiata, der vor Wagen gesichert ist, ihre verschiedenen Spiele treiben. Puppen und Steckenpferde werden in allen Mundarten der Welt geliebkost und gescholten, und in dem Wesen dieser Menschenknospen, die hier in kindlichem Frieden einträchtig nebeneinander umherspringen und miteinander schäkern, kann man doch leicht die zutraulichen Deutschen, die kleinen spröden, zurückhaltenden Engländer, die springenden, lärmenden Franzosen und die dunkeln, warmen Italiener unterscheiden. Elegante Equipagen, wilde Reiter, schöne Frauen und Männer ziehen lustwandelnd an uns vorüber, wenn die Sonne im Untergehen ist. Das plaudert und spricht Politik, kokettiert und liebelt, beurteilt die Kunst und schwärmt für die Natur. Wohin man hört und sieht, Leben und Lust. Und vor uns liegen wieder tief im Hintergrunde des Tales zu unsern Füßen die große Häusermasse des Vatikans, überragt von der Kuppel der Sankt-Peters-Kirche, und die riesige Engelsburg in tiefem Schweigen. Der Monte Mario mit den wundervollen Pinien der Villa Pamfili, die sich wie dunkle Baldachine am Horizonte abzeichnen, schwimmt in dem golddurchleuchteten Abendrot, dessen blaßrosa Wölkchen sich bis hoch zum Zenit des blauen Himmels erheben, daß die Sterne wie zwischen Rosen hervorblitzen; und je tiefer die Sonne sinkt, je glühender werden die Farbentöne, je größer erscheinen die dunkeln Häusermassen und Monumente der Weltstadt zu unsern Füßen. Die Säulen des Antonin, des Trajan, die Kuppel des Pantheon, der düstere Turm des Nero mit seiner einsamen Pinie ragen zuletzt nur noch allein hervor, wenn die Sonne hinter der Peterskuppel verschwindet und die Italiener, wie von einem Zauber getroffen, die Promenade verlassen. Allmählich folgen die andere Nationen, denn die Luft soll ungesund sein um Sonnenuntergang. Nur die Deutschen und vornehmlich die Künstler, welche das Tageslicht an ihr Atelier gefesselt, bleiben zurück und genießen des milden Dämmerlichtes, während von allen Kirchen der Stadt das Geläute der Glocken, die Abendruhe verkündend, in leisem Klingen die Luft durchzittert mit dem süßen, lieblichen Ave-Maria! Die Oktoberfeste Von dem italienischen Volksleben, von den Tänzen und Kostümen, welche Dichter und Maler uns schildern, bekommt der Fremde, der nur einen kurzen Aufenthalt in Rom macht, wenig oder gar nichts zu sehen. Nur in den kleinen Städten der Albaner- und Sabinerberge erblickt man noch das weiße, befranste Kopftuch, den farbigen, steifen busto – Brustlatz – über dem buntseidenen Rock und die silberne Nadel im Haare, die, spada – Schwert – genannt, für viel weniger vornehm gilt als der spicciatoro, der breite, goldene Kamm der Römerinnen, weil dieser es unmöglich macht, die Krüge und andere Dinge auf dem Kopfe zu tragen, und also nur Wohlhabendere sich seiner bedienen können. Jedoch im Karneval und auch schon in den Oktoberfesten taucht die Volkstracht und Volkslust auf, und jeder Donnerstag und Sonntag bietet dem Fremden den Anblick der Feste, welche der sehr beliebte Fürst Borghese in seiner Villa für das Volk veranstaltet, sowie derjenigen, die das Volk sich selbst in den Osterien vor den Toren aus dem Stegreife bereitet. Die Villa Borghese ist ein großer englischer Park, in dessen Mitte sich das schöne, kleine Palais befindet, welches eine der bedeutendsten Kunstsammlungen enthält. Die Villa liegt dicht vor der Porta del Popolo und ist, beständig dem Publikum geöffnet, nächst der Passeggiata der beliebteste Spazierort der Römer. Zu allen Tageszeiten findet man Besucher dort, die zu Wagen und zu Roß die großen schattigen Wege durchstreifen, in den Lorbeerhecken umherwandeln oder einsam sich in der Nähe der zahlreichen Fontänen, wo es frisch und kühl ist, niederlassen, um ihren Betrachtungen nachzuhängen. Hier im Bezirk des Parkes befindet sich unter hohen Pinien die Villa des Raffael, in der er mit der Fornarina lebte. Die Fresken, welche er dort gemalt, hat man aus der Wand herausgeschnitten und im Palaste der Familie Borghese in der Stadt bewahrt. Sie stellen den Kampf des Menschen mit den Leidenschaften und antike Hochzeitsfeierlichkeiten vor. Mitten in der Villa ist ein großer Rasenplatz von Steinsitzen amphitheatralisch umgeben, den mehrere Reihen der schönsten Pinien umschließen. Dort versammelt sich das Volk um zwei Uhr am Nachmittag. Alle Sitzreihen sind schnell gefüllt; soweit das Auge schaut, wogt es von Menschen. Männer und Frauen heben die Kinder auf ihre Schultern, flinke Burschen erklettern die Bäume, und selbst die Damen in den außerhalb der Schranken haltenden Wagen verschmähen es nicht, auf die Sitze zu steigen, um dem Schauspiele zuzusehen, das sich hier darbietet. Gewöhnlich macht eine Art von Karussell den Anfang. Die Reiter sind in verschiedene Trachten maskiert und schießen im Vorbeijagen nach den aufgestellten Zielen, die zugleich oftmals noch irgendeine Überraschung enthalten. Aus einem getroffenen Blumentopfe, der zerplatzt, fliegen tödlich erschrocken ein paar arme weiße Täubchen hervor, die, zusammengebunden, in ihrer Angst sich hierhin und dorthin zerren und in dem Bestreben, schnell zu entfliehen, nicht von der Stelle kommen. Der riesige Wanst eines Policinel verbirgt einen mit Gas gefüllten großen Karpfen, der hoch über die Pinien emporfliegt; und entzückt und freudig ruft das nachblickende Volk ein jubelndes »Che maraviglia un carpione nell'aria!« (Welch ein Wunder! Ein Karpfen in der Luft!). Raketen und Leuchtkugeln blitzen aus Türkenköpfen hervor, und bei jedem getroffenen Ziele begrüßen Freudengeschrei der Menge und Fanfaren der aufgestellten Musikchöre das glückliche Ereignis. Kletterbäume mit Preisen aller Art, mit Würsten und seidenen Tüchern, folgen darauf; und hierzu drängen sich die Jünglinge der niederen Stände in Massen. Die Lebhaftigkeit der teilnehmenden Zuschauer, das Rufen des Tadels, die Bravi und die Ratschläge von allen Seiten, welche keiner der Kletternden in der Entfernung verstehen kann, die aber doch als lauter Schall das Ohr berühren, haben etwas sehr Belebendes. Unbeschreiblichen Jubel erregte einmal ein Junge, der, als Weib maskiert, mit seinem bunten Kleide und dem verblichenen Putzhut rüstig an der Stange emporkletterte und endlich nach häufigem Herabgleiten, sehr gehindert durch seine Kleidung, dennoch das Ziel erreichte und den ersten Preis davontrug. »Che brava ragazza!« (Welch tapferes Mädchen!) rief es von allen Seiten. Weiber aus Trastevere, die sich vor Ungeduld in den Zirkus gedrängt hatten, was man gestattet, wenn keine Pferde darin sind und also keine Gefahr zu fürchten, liefen ihm entgegen, als er blitzschnell herabglitt. Sie umarmten ihn, setzten ihm seinen Hut zurecht, klopften ihm liebkosend Wange und Schultern und führten ihn lachend und seelenfroh wie im Triumphe zurück, als eine neue Belustigung begann. Den Schluß machen gewöhnlich Wettkämpfe zu Wagen. Sechs Wagenlenker erscheinen in der Kleidung römischer Triumphatoren, wie man sie in Reiterbuden dargestellt sieht, jeder auf seinem mit zwei Pferden bespannten Triumphwagen, und das Rennen beginnt. Sie machen sechsmal den Weg um den Zirkus. Dies Unternehmen setzt schon eine längere Übung und eine namhafte Geschicklichkeit voraus. Die Wagenlenker sind meistens schöne Männer, und die Teilnahme des Volkes ist so lebhaft, daß sie in schweigende Spannung übergeht, bis der Sieger sein Ziel erreicht hat und nun der Beifall und die Freude der Zuschauer sich in donnernden Begrüßungen Luft machen. Bisweilen folgt dann noch ein Feuerwerk oder ein Luftballon; und man muß gestehen, daß diese Feste, von einem Privatmanne veranstaltet, etwas durchaus Großartiges haben. Schön ist es auch, daß man nicht einzelne Bevorzugte daran teilnehmen läßt; daß man keiner Eintrittskarten bedarf; sondern daß ein reicher Mann es einmal für seine Pflicht hält, dem Unbemittelten mehr als ein kärglich Stück Brot, eine Freude zu verschaffen, wenn er Lust hat, sie zu genießen. Ständen diese Feste als vereinzelte Tatsache da, so verdiente der Fürst Borghese vielleicht weniger das Lob eines wohlwollenden Mannes, das ihm von allen Seiten gezollt wird, und Böswillige könnten ihm Eitelkeit und Prunksucht zur Last legen; aber er gilt auch außerdem für wohltätig mit weiser Überlegung. Er hat Sparkassen eingerichtet; wo Not zu lindern ist, fehlt er nie, und namentlich soll seine verstorbene Gemahlin ein solches Muster der Güte gewesen sein, daß das römische Volk ihren Tod wie ein allgemeines Landesunglück betrauerte und ihrem Leichenzuge Ehrenbezeigungen bewies, als ob eine souveräne Herrscherin zu Grabe getragen würde. Sosehr öffentliches Volksleben in Rom seit Jahrhunderten unterdrückt wird, so ist doch die Gewohnheit öffentlicher Willens- und Meinungsäußerungen dermaßen festgewurzelt in den Römern, daß sie sich überall kundgibt. Als während meines Aufenthaltes in Rom die Mutter des Fürsten Piombino gestorben und auf prächtigem Katafalk in Santa Maria Maggiore ausgestellt war, hielt das Volk ein wahrhaft ägyptisches Totengericht an ihrem Sarge. Man warf ihr ihre Habsucht, ihre Hartherzigkeit gegen Arme, ihren Geiz ganz laut und ungehindert vor; man sagte, sie habe nur für ihre Eitelkeit verschwendet, solange sie jung gewesen sei, und dann später den Armen an Hilfe entzogen, was sie vergeudet hätte. Es muß für die Familie, wenn Mitglieder derselben zugegen waren, sehr peinlich gewesen sein; und doch liegt eine Art von Berechtigung in diesem Lob und Tadel des Volkes gegen diejenigen, welche so hochgestellt sind, daß sie allen sichtbar werden. Die Römer sind dies von alters gewohnt und verlangen mit Recht, daß man ihnen außer dem nötigen Brot dann und wann auch Spiele bereite, wenn man sich selbst täglich Feste zu schaffen vermag. Ganz etwas anderes als die Volksbelustigungen, welche der Prinz Borghese veranstaltet, ist die Volkslust vor den Toren. Durch die letzte Hälfte des Oktobers erblickt man nachmittags Wagen, die offnen Omnibussen gleichen, voll Männer oder Frauen des Volkes, die singend und das Tamburin schlagend durch die Straßen fahren. Die Geschlechter sind immer geschieden, und man sieht viel mehr Frauen als Männer. Größtenteils sind es die Bewohner des jenseits der Tiber gelegenen Teils von Rom, Trasteveriner. Die Frauen tragen bei diesen Fahrten einen farbigen Rock, einen kleinen, sehr knappen, vorn weit geöffneten Spenzer von schwarzem Sammet, kleine, spitze Männerhüte von schwarzem Filz, mit bunten Bändern und großen Sträußen geschmückt, und Hals und Ohren mit dem reichen Goldgeschmeide geziert, das die Römerinnen so sehr lieben und nie durch unechten Flitter ersetzen. In dieser Kleidung erscheint die prächtige Büste und der schöne Arm der Italienerin auf das vorteilhafteste. Die erhobene Linke schwingt das Tamburin, dessen Schellenklang die rechte Hand hervorruft, während die flammenden Augen blitzend umherschauen und die roten, heißen Lippen sich öffnen zu fröhlichem Gesang. Von den Wagen der Männer herab ertönen oft Mandolinen- und Flötenklänge zwischen den Liedern, und unter Lachen und Lärmen fahren sie hinaus, an der Engelsburg und Sankt Peter vorüber nach den Osterien vor der Porta Angelica. Die Gegend ist dort ganz flach. Durch grüne Wiesen fließt träge das trübe, gelbe Wasser der Tiber; eine breite, mit Baumalleen besetzte Straße beginnt gleich außerhalb des Tores, Osterie reiht sich an Osterie. Dorthin gelangt, macht ein solcher Wagen voll Trasteverinerinnen halt. Junge Burschen springen herzu, ihnen vom Wagen zu helfen, die Türen der Gärten werden geöffnet, und augenblicks beginnt der Tanz. Frauen und Männer tanzen teils miteinander, teils gesondert. Bald stellen sich zwei junge Weiber, bald zwei Jünglinge zum Saltarello; das Tamburin erklingt; ohne weitere Musik, nur nach dem Rhythmus desselben, bewegen sich die Tänzer mit einer Lebhaftigkeit, die sich von Minute zu Minute steigert und nicht eher endet, bis das Paar ganz erschöpft zurücktritt, neuen Tänzern Platz zu machen. Ist nur einer der Tanzenden ermüdet, so tritt ein anderer für ihn ein. Alle Nichttanzenden stehen im Kreise umher um die einzelnen Paare der Tänzer, deren es immer mehrere zugleich in jeder Osterie gibt; die Schönheit der Männer und Frauen wird enthusiastisch gelobt, der Beifall regt die Tänzer zu immer erhöhten Anstrengungen an, die Lust ist allgemein. Zwischen den Tanzenden und Zuschauenden sitzen Familien beim Weine; Brot, Orangen, gesalzene Oliven werden feilgeboten; man erfrischt sich unter dem Schatten der weinumrankten Verandas, man sitzt auf dem Rande eines Brunnens, steigt auf Stühle und Bänke, um irgendeine bekannte Schönheit tanzen zu sehen, bis die Gesellschaft eines solchen Wagens sich genuggetan hat und die Osterie verläßt, um nach wenig Minuten den Tanz in einem andere Garten fortzusetzen. Immer rascher, je länger dies Umherziehen dauert, wird der Rhythmus des Saltarello, immer glühender das Auge und die Wange der Tänzer. Endlich tritt mit einem der Mädchen ein schlanker Bursche hervor, und nun beginnt ein Tanz, von dessen wildem, leidenschaftlichem Feuer wir im Norden uns gar keine Vorstellung machen können. Es ist, also ob sie ein elektrisches Fluidum ausströmten, das sie zueinander zieht mit namenlosem Verlangen, während unsichtbare Gewalten sie von der Vereinigung zurückhalten wollen. Die Augen, die Arme suchen sich; wie süße Liebesworte, wie Seufzer flammender Sehnsuchtsqual fliegen die Blicke hin und wider; das Mädchen nähert sich bang und zagend, schon streckt der Jüngling den Arm aus, sie zu erhaschen, noch ein Schritt und – da klingt dumpf das Tamburin mit seinen schrillenden Schellen, die Tänzerin fliegt empor, eine neue Wendung, und sie ist dem Sehnsüchtigen ferner als je. Alles lacht, man ruft »Brava!«, und wieder beginnt das wilde, süße Spiel, bis es zuletzt in der beiderseitigen Erschöpfung ein Ende findet und die Tanzenden sich nach verschiedenen Seiten zurückziehen. Es liegt etwas wahrhaft Bacchantisches in diesem Tanze, das mir fremd und deshalb unheimlich vorkam; und doch ward auch hier nicht die Grenze des Anstandes noch die des Schönen überschritten. Kein Zank ward laut, keine Unmäßigkeit sichtbar, kein wüstes, rohes Schreien traf das Ohr mitten in Festen, die offenbar noch von den Bacchusfesten nach der Weinlese herstammen, mitten unter einer heißblütigen, ausgelassen fröhlichen Jugend. Ein Zug von Gesittung geht durch das ganze Volk und offenbart sich bemerkenswert im äußern Verhalten der Geschlechter gegeneinander. So von Osterie zu Osterie zieht man fort bis lange nach Sonnenuntergang. Als wir bei sinkendem Tage in die Stadt zurückkehrten, tanzte das Volk auf den Wiesen, in den Straßen, und noch spät in der Nacht erklangen die schwirrenden Töne der Mandolinen, mit den Klängen der Flöte gemischt, neben Tamburin und Kastagnette hinauf zu meinen Fenstern und zu denen der armen, eingesperrten Schüler der Propaganda, welche mein Gegenüber waren. Häusliche Einrichtung Man hatte mir so oft von den Unbequemlichkeiten des häuslichen Lebens in Italien gesprochen, daß mir bange davor geworden war. Ich hatte über Kälte, über Unsauberkeit in den Wohnungen, über Diebstähle und über schlechte Nahrungsmittel klagen hören und fand dies alles teils unwahr, teils übertrieben und auch die Teuerung nicht wesentlich größer als in andern großen Städten, namentlich in Berlin. Wer es je versucht hat, in Berlin im besten Stadtteile eine möblierte Wohnung während der Wintermonate zu mieten, wird die Preise, welche man in Rom dafür fordert, nicht viel höher finden; und nimmt man nun gar eine Wohnung für das ganze Jahr, so wird der Preis bedeutend vermindert, da man im Sommer kaum halb soviel zahlt als im Winter. Man findet sowohl einzelne Zimmer als kleine und große Wohnungen mit aller Bequemlichkeit, mit Teppichen, Lehnstühlen, vollem Küchen-, Tisch- und Silbergeräte ausgestattet. Die meisten Zimmer haben Kamine; wo dies in kalten Wintern nicht genügt, ist leicht ein eiserner Ofen mit einer Röhre hergerichtet; in kleinern Zimmern schafft ein großes Kohlenbecken – der braciere oder der caldano, das man mit ausgeglühten Kohlen füllt, die nötige Wärme. Die Wohnungen sind anständig, oft sogar reich möbliert, und außerdem kann man, wenn man höhere Ansprüche macht, bei den Möbelhändlern wie bei uns alle Arten von Hausrat zur Miete erhalten. Mir haben die römischen Möbel sehr gefallen, weil sie massiver sind als die unsern. Schon die großen, eisernen Betten, fast so lang als breit, sind sehr bequem mit ihrem Überwurf von Tüll oder Gaze, der, von einem Ringe an der Decke herabhängend, am Tage zusammengerollt und nachts über das ganze Lager gebreitet, gegen Mücken und Fliegen schützt. Die Tische mit den großen, schweren Marmorplatten, die kleinen Waschgestelle in Form eiserner Dreifüße, die Schale und das Becken tragend, haben ihre entschiedenen Vorzüge; und die mit Baumwolle gefüllten Matratzen und Kissen der Betten sind wohl durch das Klima bedingt, in dessen Wärme Roßhaare schwer vor Motten zu sichern wären. Die Beköstigung für die Fremden, welche nicht eigene Dienerschaft mit sich bringen, ist ebenfalls leicht zu besorgen. Man findet zunächst in ganz Italien, daß die Diener zugleich die Küche verstehen und beide Ämter nebeneinander vortrefflich ausfüllen; sodann kann man zu jeder beliebigen Stunde von den großen Restaurants Diners aller Art und aller Grade in Wärmeöfen nach seiner Wohnung geschickt erhalten oder endlich ein bescheidenes Mittagsmahl nach der Karte aussuchen, welche der Diener des Gasthauses am Morgen vorzulegen kommt und nach der er das Bestellte einliefert. Außerdem sind der Lepre, Bertini, Nazari und das Restaurant an der Spanischen Treppe Orte, an denen Männer billig und gut speisen und wohin auch wohl Frauen in männlicher Begleitung zu gehen pflegen. Den Kaffee kann man des Morgens aus den Kaffeehäusern kommen lassen, wohlgeordnet mit dem nötigen Weißbrot, der Butter und all dem Beisatz, der den einzelnen erforderlich scheint. Diese Dinge sind nicht teuer und auch nicht schlechter, als man sie anderwärts erhält. Wir haben beständig vortreffliche Butter gehabt und Sahne und Milch ebenfalls. Es sieht wunderlich aus, wenn gegen Abend Kühe und Ziegen durch die Straßen geführt werden, wo man an jedem Hause auf Verlangen den nötigen Bedarf sich frisch von den Tieren geben lassen kann. Es mag wohl geschehen, um das Sauerwerden auf dem Wege nach der Stadt zu vermeiden. Tee, alle möglichen englischen Sorten und Leckerbissen, Arrak und fremde Weine sind bei den englischen Kaufleuten auf dem Spanischen Platze zu haben; es gibt Fleischwarenhandlungen wie bei uns; treffliches Backwerk und treffliche Früchte – kurz, ich wüßte nicht, daß man in Rom etwas zu entbehren hätte; selbst Bierfabriken sind vorhanden, die ein ganz gutes Bier liefern sollen. Nur das Gartengemüse taugt wenig, und das Brot ist sehr schlecht; sowohl die kleinen Weißbrote, pagnotte, als das Roggenbrot. Beides ist selten gar und immer kraftlos. Zuletzt hatten wir ein Schwarzbrot (pane casereccio) entdeckt, dem Kommißbrot und Pumpernickel einigermaßen ähnlich, das uns noch das genießbarste schien. Von der großen Plage, alle Speisen mit Öl bereitet zu erhalten, habe ich gar nichts empfunden, teils wird dies nur bei den Fastenspeisen, dem magro, angewendet, neben dem für die Fremden überall gewöhnliche Kost zu haben ist, teils ist es so rein, daß man es nicht herausschmecken kann. Aus demselben Kruge, aus dem unsere Hauswirtin die Lampen füllte, sah ich sie Öl auf den Salat gießen, den ich aus Neugier kostete und der vortrefflich war. Mein Wirt, ein Römer und Buchführer in einem Kaufmannshause, wohnte in der Etage über uns, in engen Stübchen mit einer Frau, deren Schwester und vier Kindern. Die ganze Familie bestand aus schönen Menschen. Wie einfach diese lebten, hat mich oft gewundert. Morgens ward der Kaffee aus dem Kaffeehause gebracht; um ein Uhr machte man das pranzo, welches immer nur aus einer Schüssel von Fleisch oder Fisch bestand, und abends um sieben Uhr verzehrte man die cena, aus Salaten und kalter Fleischspeise bestehend; aber zu beiden Mahlzeiten ward Weißbrot und reichlich Wein genossen. Suppen, gekochte Gemüse und jene gemischten Speisen, die bei uns so vielfach üblich sind, habe ich dort im Hause niemals gesehen. Tag und Nacht bleiben die Haustüren offen. Ganz leichte Schlösser schützen die Türen der einzelnen Etagen, und weder mir noch irgendeinem meiner zahlreichen Bekannten ist in Rom das Geringste entwendet worden. Im Laufe eines Jahres, welches ich dort verlebte, habe ich nie Anlaß gehabt, mich über die Bedienung oder die Handwerker und Wäscherinnen zu beklagen. Man hat mäßige Preise verlangt und für diese das Nötige ziemlich gut geleistet, so daß ich keinen Ort kenne, an dem der Fremde sich bequemer und schneller einrichten könnte als in Rom. Das ganze Verhältnis der niedern Stände gegen die höhern hat mir sehr gefallen. Es ist durchaus nichts Knechtisches darin, und die edle Ausdrucksweise des Volkes gleicht die Standesunterschiede noch viel mehr aus. Die Frau, welche uns diente, nannte ihren Mann »einen braven Jüngling«, un bravo giovine, und sagte mir, als ich ihr bisweilen, weil sie krank war, warme Speisen aufhob: »Ringrazio lei della sua attenzione per me« (Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit für mich). Die Leute verlangen durchaus eine achtungsvolle Behandlung von den Personen, welchen sie dienen, aber sie gewähren dieselbe auch, und zwar nicht mit knechtisch erheuchelter Unterwürfigkeit, sondern aus freiem Willen, aus dem Gefühl, daß es die Gegenseitigkeit so erfordre. Der Italiener ist innerlich frei und vornehm, wenn der Druck der äußern Verhältnisse auch schwer auf ihm lastet. Unangenehm ist die Unsauberkeit der Treppen, Flure und Höfe in den Häusern, die von Italienern bewohnt werden. Was man dagegen anwendet, wie sehr man durch seine Leute säubern läßt, es hält nicht lange vor, und nach wenig Stunden ist alles wieder in dem frühern Zustande. Dazu kommt noch, daß in den Privathäusern die Treppen abends nur schlecht oder gar nicht erleuchtet werden, und man ist gezwungen, um diesen doppelten Übelständen zu entgehen, sich von seinem Diener mit einem mitgebrachten Lichte vorleuchten zu lassen, wenn man seine Freunde besucht oder in seine eigene Wohnung zurückkehrt. Der einzige Diebstahl, über den ich häufig klagen hörte, galt den kleinen Lampen, welche hie und da auf den Treppen angebracht waren. Mir selbst wurden sie mehrmals entwendet. Als ich dies einmal einem Geistlichen erzählte, der sich über die dunkle Treppe in meiner Wohnung beklagte, sagte er lachend: »Oh, Signora! Sie verstehen es nur nicht einzurichten. Lassen Sie ein schlechtes Heiligenbildchen hinter die Lampe kleben, das schützt sie mehr als alle andern Befestigungen und Sicherheitsmaßregeln von der Welt. Um solch kleiner Lampe willen begeht man keine Sünde an dem Heiligen, und Sie erwerben sich obenein vielleicht einen Schutzpatron im Paradiese.« Teuer sind in Rom nur die Kleidungsstücke und die Mietswagen, wodurch bei der Größe der Stadt der Mangel an Droschken noch fühlbarer wird; und unerlernbar schwer war mir das Öffnen der Weinbouteillen, die man nur mit Öl gegen die Einwirkung der Luft verwahrt. Es sind kugelförmige Flaschen mit einem sehr dünnen, grade aufsteigenden Halse, die bis zu diesem in einem Strohgeflechte stehen. Ein Stück Werg hängt daran, mit dem man vorsichtig das Öl abtupft, ehe man den Wein eingießt. Indes die geübtesten Männer konnten doch nicht vermeiden, daß das erste Glas immer mit Öl gemischt war, und dies ist die einzige häusliche Unbequemlichkeit gewesen, für die ich in den Landes- und Klimaverhältnissen keine Notwendigkeit entdecken konnte. Die Fremden Die Fremden, il forestieri, nennt das Volk jeden, der nicht ein Italiener ist, und es mischt sich in den Ton, mit dem man das Wort ausspricht, ein wenig von der Geringschätzung, mit welcher die alten Römer von den Barbaren gesprochen haben mögen. Außer dem aber, daß der Ausländer dem Volke ein »forestiere« ist, ist er ihm ein für allemal ein Engländer, was ihm zugleich den Ketzer bedeutet. Indes der Ankunft dieser Ketzer harrt man im Herbste so sehnsüchtig entgegen, wie ein Kranker die Frühling verkündenden Schwalben erwartet. Ein großer Teil der römischen Mittelklasse lebt von den Fremden. Diese kommen mit dem Oktober nach Rom und verlassen es nach Ostern. Die Zeit von Weihnachten bis zum Karneval und zum Ende der Passionswoche ist die belebteste; nach dieser wird es urplötzlich leer in den von den Fremden bewohnten Stadtteilen. Persiennen und Fensterladen werden geschlossen; bei allen Sattlern stehen Koffer und Wagen zur Ausbesserung vor den Türen; vor allen Häusern sieht man packen, und täglich wird es einsamer und stiller auf dem Spanischen Platze und auf der Passeggiata. Am bemerkbarsten unter den Fremden treten die zahlreichen Engländer hervor. Morgens begegnet man ihnen in den Galerien und in den Ruinen, nachmittags auf der Promenade. Überall stehen sie da, Männer und Frauen, Eltern und zahlreiche Kinder, in zweckmäßigster, bequemer Reisekleidung, den Guide for Italy, den in roten Mohr gebundenen Murray in Händen, nach dem sie pflichttreu besehen, loben und tadeln. Es ist natürlich hierbei nur von der großen Masse der Engländer die Rede, welche reisen ohne inneres Interesse, oft ohne alle Erziehung und Bildung, entweder um »alles gesehen zu haben« oder weil es im Auslande billiger ist als zu Hause. Diese Engländer sind eine Plage in allen Hotels der Schweiz und Italiens; überall handelnd, feilschend, sich vordrängend und von einer unermüdlichen Berserkerwut im Besehen. Auf ihre Kosten erzählte ein deutscher Künstler mir folgende Anekdote. Sein früherer Lehrer, Paul Delaroche, war nach Rom gekommen, und in Begleitung eines Lohndieners fuhr der Deutsche mit ihm die Merkwürdigkeiten besehen. In lebhafter Unterhaltung achteten die Freunde, nachdem sie schon mancherlei in Augenschein genommen harten, nicht auf die Straße, welche der Kutscher sie fuhr. Plötzlich hält der Wagen still, und sie finden sich auf offnem, flachem Felde vor einem der Tore, wo weder eine schöne Gegend noch ein Denkmal zum Verweilen laden. »Was ist denn hier zu sehen, mein Freund?« fragt Delaroche den Lohndiener. »Was mich betrifft, mein Herr!« antwortet dieser, »so glaube ich, es ist hier gar nichts zu sehen; aber alle Engländer fahren hierher.« Dies ist vollkommen bezeichnend für die Art, in der das Reisen von jenen ungebildeten Engländern betrieben wird, welche durch ihr sinnloses Aburteilen, durch ihre kalte Gleichgültigkeit oft sehr störend sind, wenn man in ruhiger Betrachtung sich vor den Schöpfungen der Kunst oder der Natur zu sammeln begehrt. Will man aber diese »Barbaren« vergessen, so muß man die Engländer sehen, wenn sie morgens zu ihren Jagden in die Campagna reiten; Männer und Frauen, die ersteren in der roten Uniform des Jagdklubs, die letztern im Reitkleide, den schwarzen Schleier am kleinen Männerhut. Greise und Matronen fahren in offenen Kaleschen voraus. Schönere, edlere Erscheinungen sieht man selten; und man erfreut sich des Volkes, das von der Verfeinerung des geselligen Luxus immer wieder zurückkehrt zu gesundem Leben in freier Natur. Obgleich im Winter von 1845 und 1846 viel Russen in Rom anwesend waren, welche die erwartete Ankunft des Kaisers dort festhielt, bemerkte man sie nicht als Nation. Da sie ihre Bildung nicht wie die Engländer aus ihrer eigenen Volkstümlichkeit, sondern durch Fremde erhalten, so ist dem gebildeten Russen sein nationales Gepräge durch französische Sitte fast abgeschliffen, und er fällt unter andere Völkern nicht leicht durch seine Eigentümlichkeit auf. Auch die Franzosen verschwinden in der Masse, und neben den Engländern treten die Deutschen, zu denen man die Skandinavier mitzählt, am entschiedensten hervor; vielleicht schon darum, weil sie als nordische Völkerstämme sich auch körperlich von den Italienern abweichend zeigen, während der Franzose weniger von ihnen verschieden ist. Unter den Engländern, Franzosen und Russen sieht man fast ebensoviel reisende Frauen als Männer; bei den Deutschen ist die Zahl der Männer weit überwiegend, weil in Deutschland das Reisen ohne bestimmten Zweck nicht so allgemein üblich ist als bei den andere Nationen. Ein Deutscher reist wegen seiner Gesundheit oder um Studien zu machen und nur der Begüterte zum Vergnügen. Engländer hingegen, die im Vaterlande teurer leben, und Russen, die im Auslande besser leben als in der Heimat, wandern mit Frau und Kind dem Süden zu, in dem sie oft viele Jahre verweilen, wozu die Deutschen sich auch nur selten entschließen. Betrachtet man die Weise, in der die verschiedenen Nationen in Rom vertreten sind und in der sie sich dort einzurichten wissen, so kommen die Engländer und Franzosen viel besser zu stehen als die Deutschen. Die Lebensweise, die Stunden der Mahlzeiten für jene stimmen mit den Landessitten zusammen. Franzosen und Engländer nehmen ein starkes Frühstück ein und halten wie die Italiener ihre Hauptmahlzeit um Sonnenuntergang. Die öffentlichen Museen sind auf diese Tageseinteilung hin von zwei Uhr nachmittags bis gegen fünf Uhr geöffnet; die Theater beginnen um acht Uhr und dauern bis nach Mitternacht; die Promenadenstunde ist von drei Uhr bis Ave-Maria, wo alle Nationen zur Mahlzeit eilen, die Deutschen ausgenommen. Diese wollen um zwei Uhr Mittag und womöglich um acht Uhr ihr Abendbrot essen und bleiben also in einer ewigen Eile und Unbehaglichkeit bei dem Bestreben, den Interessen der Kunst und der Gewohnheit des Magens gerecht zu werden. Die Engländer wissen sich durch Geldaufwand all ihren »Comfort« auch im Auslande zu schaffen. Durch ganz Italien ist man in allen Gasthöfen auf die teetrinkenden Nordländer eingerichtet. In Rom bieten ihnen ein paar Handlungen auf dem Spanischen Platze die nötigen Saucen und Weine, an welche sie gewöhnt sind; eine englische Buchhandlung und englische Lesekabinette versorgen sie unablässig mit allen neuen Erscheinungen der Literatur. Sie haben sämtliche Zeitungen, sie sind in innigstem Zusammenhange mit der Heimat. Sonntags sieht man alt und jung, Männer und Frauen, nach ihrer Kirche ziehen; das Touristenkostüm mit dem Festtagskleide, den roten Murray mit dem schwarzen Gebetbuch vertauscht. Hunde und Pferde fehlen ihnen nicht, und für die Jagd ist in der Campagna der herrlichste Raum, der vielfach benutzt wird. Als vor ein paar Jahren ein Lord bei einer Steeplechase den Hals brach und um sein Leben kam, verbot der Papst in milder Vorsorge diese Art von Jagden. Sogleich erklärten die Engländer, daß sie Rom verlassen würden, wenn man sie solchen Beschränkungen unterwerfe; und der Papst, um die goldspendenden Wandervögel nicht fortziehen zu lassen, fügte sich ihren Wünschen mit dem scherzhaften Bemerken, »er wolle den Herren Engländern die Freiheit gönnen, sich auch in seinem Lande nach Belieben den Hals zu brechen«. Frankreich macht in Rom einen erfreulichen Eindruck durch die Art, in der es für seine jungen Künstler sorgt. Auf einem der schönsten und auf dem gesündesten Punkte Roms liegt die Villa Medici. Über den Kugeln, dem alten Wappen derselben, prangt jetzt das französische Wappen mit der Devise aus der Charte: »Tous les Français sont égaux devant la loi.« Die Villa Medici mit ihrem prächtigen Palast, mit dem schönen Garten und dem unvergleichlichen Walde von immergrünen Eichen auf der höchsten Terrasse, von der man den weitesten Überblick über das Land genießt, ist die französische Akademie der Künste in Rom. Der Direktor und die Pensionäre wohnen daselbst, haben hier ganz freie Beköstigung, ihre Ateliers und eine Sammlung von Gipsabgüssen behufs der Studien, der man nicht leicht eine andere an die Seite zu stellen vermag. Die Gärten und die Sammlung sind dem Publikum beständig geöffnet, und das Ganze zeugt von der schönen Freigebigkeit eines großen Volkes. Sieht man dagegen, wie so gar nicht für die deutschen Künstler von ihren Regierungen gesorgt ist, wie kümmerlich sie durch Versteigerung freiwillig zusammengebrachter Arbeiten die Mittel erwerben, sich ein Versammlungslokal und darin zugleich den Raum für ihre Ausstellung zu schaffen, so fühlt man die Notwendigkeit eines Volksverbandes zu einer großen, selbständigen Nation. Eine solche kann und darf natürlich freier über namhafte Summen zugunsten der Kunst und der einzelnen Künstler verfügen, als irgendeiner der zweiunddreißig Monarchen Deutschlands es vermag. Nur Österreich gibt einigen seiner Pensionäre wie Frankreich Wohnung und Atelier in dem Gesandtschaftspalast, während die Pensionäre der übrigen deutschen Fürsten eine Unterstützung von dreihundert Talern erhalten. Mit deutschen Büchern und Zeitungen ist es in Rom sehr schlecht bestellt. Im Laufe des Winters von 1846 ward die erste deutsche Buchhandlung eröffnet. Ihr Besitzer, ein Westfale, erklärte aber gleich, daß er als guter Katholik hauptsächlich für die deutschen Schüler der Propaganda zu sorgen habe und auf diese angewiesen sei. So fand man außer geistlichen Büchern einer bestimmten Farbe und archäologischen Schriften fast gar nichts bei ihm und mußte sich begnügen mit den Büchern, welche die einzelnen Fremden aus Deutschland für den Privatbedarf mitgebracht hatten und untereinander verborgten. Allerdings besitzen die deutschen Künstler eine Bibliothek, die zum großen Teil durch Geschenke entstanden ist, indes sie ist einerseits eben deshalb wunderlich zusammengesetzt, und andererseits fehlt auch hier das Neue. Jetzt hat der König von Preußen dieser Bibliothek einen Teil der Büchersammlung des in Rom verstorbenen Prinzen Heinrich geschenkt, wodurch ihr ein bedeutender Zuwachs geworden sein soll. Von deutschen Zeitungen kommt nur die Augsburger Allgemeine nach Rom; durch sie allein werden die Deutschen mit dem Vaterlande vermittelt, und es ist also kein Wunder, wenn Künstler, welche lange in Italien leben, jenem mehr und mehr entfremdet werden. Von all den frischen, geisteskräftigen Regungen im religiösen und politischen Leben Deutschlands sehen sie nur einen schwachen, oft verzerrten, entstellten Schatten; und ich bin überzeugt, daß der Übertritt manches Deutschen zum Katholizismus seinen Grund vielmehr in der Abgeschiedenheit von dem protestantischen Vaterlande als in der Macht des Katholizismus gehabt hat. Hiebei aber drängt sich noch eine Bemerkung auf. Die Preußen besitzen eine Kapelle in der preußischen Gesandtschaft, im Palast Caffarelli auf dem Kapitol, und der jedesmalige preußische Gesandtschaftsprediger ist der Seelsorger aller deutschen Protestanten. Je größer nun für die phantasiereiche Seele deutscher Künstler und der Nordländer überhaupt der phantasieanregende Kultus, die ganze Mysterienwelt des Katholizismus ist, in einem Lande, in welchem schon die südliche Natur und die ganze Kunstwelt die Seele in außergewöhnliche Aufregung versetzen, um so nötiger wäre es, in Rom protestantische Geistliche von echt protestantischem Rationalismus als Gegengewicht zu haben. Die katholische Kirche muß ihrem Prinzip zufolge durchaus nach Bekehrung zum »alleinseligmachenden Glauben« trachten. Dies ist ihr die heilige Pflicht christlicher Liebe. Sie tut dies auch; und die feine Weltsitte, die heitere Freisinnigkeit ihrer Priester kommt ihr dabei vortrefflich zustatten. Wider den Zauber des Katholizismus aber, dem seit zwanzig Jahren doch viel namhafte Künstler erlagen, gibt es nur ein Mittel, das scharfe, nackte Schwert der hellen Vernunft. Gegen die Wunderwelt katholischer Mysterien anzukämpfen mit den starren, orthodoxen Dogmen des Protestantismus ist ein vergebenes Bestreben; fruchtlos wie das Abmähen von Unkraut, dessen Wurzeln man nicht ausrottet. Mancher, der, schwankend in klarer Erkenntnis der Wahrheit, Hilfe suchte bei protestantischen Theologen in Rom, mag es, nachdem er zum Katholizismus übergetreten war, schmerzlich bedauert haben, daß nicht ein rationeller Protestant ihn davor zu bewahren wußte. Ein Strauß, ein Feuerbach wären nirgend mehr an ihrem Platze als dort. Im ganzen leben die verschiedenen fremden Nationen in Rom in geringem Verkehr. Die Aristokratie der einzelnen Völker steht mit der römischen Aristokratie und dadurch miteinander in Verbindung, aber die übrigen Klassen leben ziemlich getrennt. Die Deutschen feiern ihren Weihnachtsabend untereinander, die Skandinavier verbrennen ihren Julbock, die Russen sind schon durch ihren Kalender in gewisser Art von den andern Völkern geschieden, da ihre Feste nicht mit denen der übrigen zusammenfallen. Auf Torlonias großen Bällen findet man alle Völker. Diese Bälle sind das Agio, welches der Geldfürst den Fremden von ihren Wechseln abzieht. Wer bei ihm akkreditiert ist, wird eingeladen, und man erzählt sich scherzhafte Anekdoten von der kaufmännischen Gerechtigkeit, mit welcher der Fürst seine Gäste behandelt. Er selbst stellt sie seiner schönen, anmutigen Gemahlin, einer Prinzeß Colonna, vor und gönnt ihnen die Unterhaltung derselben, mehr oder weniger lang, nach dem Belauf ihrer Wechsel. Fällt es der Fürstin ein, mit einer unvermögenden Person, deren Wesen sie fesselt, etwas länger zu plaudern, so tritt der Fürst mit einem andern Fremden heran und macht mitten in der Unterhaltung mit einem »Basta, Teresa! basta!« ein plötzliches Ende. Die Dame, welche als Zeuge solcher Szenen mir davon erzählte, konnte nicht darunter zu leiden gehabt haben, da sie, eine der reichsten Fürstinnen Rußlands und eine geistvolle, liebenswürdige Frau, gewiß um beider Rücksichten willen sich besonderer Aufmerksamkeit zu erfreuen hatte. Ein anderer Ort, an dem sich viele Fremde versammeln, sind die musikalischen Soireen des deutschen Musikers Landsberg, zu denen er soviel Leute freundlich einladet, als seine geräumige Wohnung zu fassen vermag. Von Künstlern und Dilettanten wird dort vorzugsweise deutsche Musik ausgeführt, und die kernigen, deutschen Männerquartette, die majestätischen Symphonien Beethovens klangen uns als ernste Grüße der fernen Heimat doppelt süß in der Fremde. Aber Landsberg war nicht der einzige Deutsche, welcher die herzliche Gastfreiheit seines Volkes bekundet. Tut das gesamte Vaterland wenig für seine in Italien lebenden und studierenden Künstler, so helfen diese sich selbst und wissen es in schönem Gemeinsinn möglich zu machen, noch die Wirte vieler Deutschen zu werden, die, reicher als jene, nach Italien kommen. Die Künstler haben ein Casino gegründet, für das sie seit dem letzten Jahre deutsche Zeitschriften kommen lassen. Allen Fremden germanischen Stammes wird gegen ein ganz unbedeutendes Einschreibegeld der Besuch des Casino gestattet; und im vorigen Winter wurden daselbst Konzerte und Bälle gegeben, bei denen die fröhliche Gastlichkeit der Wirte zehnfach ersetzte, was ihnen an transalpinischer Pracht fehlen mochte. Der Saal war mit Fahnen geschmückt, welche die Künstler dazu gemalt hatten; bunte, selbstgemachte Lampen und Blumengirlanden schmückten die Wände; an guten Sängern, an unermüdlichen Tänzern war kein Mangel; der lorbeergekränzte Vereinspokal machte bei frohem Gesange die Runde an der Tafel. Man ließ jedem schönen Scherz sein volles Recht; es waren heitere Feste, an die sich gewiß jeder mit Lust erinnert, der für harmlosen Frohsinn noch empfänglich ist. Alle Fremden waren darüber einig, daß man nirgend angenehmer, nirgend ungezwungener, freier leben könne als in Rom, weil man sich die Freiheit nahm, sich diese Freiheit zu erlauben. Die meisten Menschen, und die Deutschen vor allen, bauen sich gegeneinander, gegen ihren Nächsten, turmhohe Schutzmauern der Etikette und der Konvenienz, hinter denen sich das Ich in vornehmer Ausschließlichkeit verschanzt. Ist jedoch diese chinesische Schutzmauer erst einmal fertig, so bemerkt das Ich mit Verdruß, wie es sich jede Aussicht nach dem Du versperrt hat, wie die Mauer nicht nur dem Nachbar, sondern ihm selbst die freie Luft, die freie Bewegung entzieht; aber man schämt sich zu sagen: »Mein Absperrungssystem war eine Torheit«, man ist zu feig, die Grenzwand freimütig einzureißen, und jeder sitzt in seiner einsamen Klause und schmollt über die Verhältnisse und über die Menschen. In Rom, wo man nicht Zeit hat, die Barrikaden aufzupflanzen, wo man das Wohlgeboren, die Geheimratstitel, die Roten Adlerorden von den neun verschiedenen Klassen und Abstufungen, die Exzellenzen und Uniformen nicht gut auspacken kann, ohne lächerlich zu sein – denn innerlich bringt sie jeder Deutsche mit –, da tritt der ursprünglich liebenswürdige, zutrauliche Charakter unserer Landsleute auch in geselliger Beziehung einmal erfreulich hervor. Wesentlichen Anteil an der Bildung dieser verständigen, einfachen Umgangsformen haben die Künstler, die mehr oder weniger mit den Fremden in Berührung kommen. Nur einige Fromme, wie Veit und Overbeck, vermeiden fast jeden Umgang; die älteren Künstler, an die genialische Formlosigkeit der romantischen Epoche gewöhnt, sträubten sich anfangs ein wenig gegen die Neuerung, Bälle und Konzerte in ihrem Casino zu veranstalten. Der Frack und der schwarze Hut schienen ihnen ein Greuel, eine Zerstörung des Idealismus; indes die junge Welt siegte. Die feindlichen Herren wohnten trotz ihres Zornes den Festen bei, und mancher von ihnen gestand am Ende, daß in einer hübschen, tanzenden Blondine auch ein gewisser Idealismus liege, für den man wohl ein oder das andere Opfer bringen dürfe. Die Künstler in ihren Ateliers zu besuchen ist eine der Morgenunterhaltungen für die Fremden und, wie es betrieben wird, ein arger Mißbrauch. Künstler, wie die Bildhauer Wolff, Jerichau, Tenerani, die Maler Rahl, Riedel, Gurlitt und der hochverehrte Cornelius, wurden durch müßige Fremde, die glücklich waren, ein paar Stunden ausgefüllt zu haben, über alle Gebühr geplagt. Man denkt nicht daran, daß dem Künstler die Zeit sein einziges Kapital ist; man berücksichtigt nicht, wie unschätzbar ihm in den kürzeren Tagen des Winters jede helle Stunde wird und daß viele Fremde ihm mit ihrem hohlen Geschwätz, mit ihrem sinnlosen Aburteilen und mit der vornehmen Geringschätzung, in der sie den Künstler oftmals behandeln, Laune und Stimmung verderben. Overbeck allein hatte, sich gegen diesen Mißbrauch seiner Zeit zu bewahren, den Sonntag für den Empfang von Fremden bestimmt; während selbst Cornelius von der Zudringlichkeit der Besucher leiden mußte, weil er zu freundlich war, sich ernst dagegen schützen zu wollen, obgleich er bei seiner großartigen Komposition für das Camposanto in Berlin gewiß einer tiefen innern Sammlung bedurfte. Diese verschiedenen Elemente, die Reisenden aller Nationen, die Künstler, die Gelehrten und die Kranken, welche in Italien Genuß, Fortbildung und Heilung suchen, bilden, wie die einzelnen Steinchen eines Kaleidoskops den schönen Stern, die bunte Masse der Fremden in Rom, welche großenteils in erhöhter geistiger Spannung leben. Dies macht sich in der Gesellschaft entschieden bemerkbar. Man weiß, daß dieser Kreis von Menschen, der uns lieb geworden ist, sich nach wenig Monaten trennt; man wird manchen werten Bekannten vielleicht niemals wiedersehen! Darum eilt man, in dem flüchtigen Beisammensein soviel voneinander zu erfahren, einander soviel zu geben als möglich. Man lebt wie ein kräftiger, genußfreudiger Mensch, dessen Lebensstunden gezählt sind. Ich glaube, daß diese geselligen Einwirkungen von den Ärzten viel zuwenig berechnet werden, wenn sie Nervenkranke zur Herstellung nach Italien schicken. Der Süden versetzt die Phantasie in eine ungeahnte Wunderwelt; die Kunstanschauungen, die Blicke in die Vergangenheit regen die ganze Tätigkeit der Seele an; und so ruhig und abgeschieden man nach mehrjährigem Aufenthalte in Rom zu leben vermag, so aufregend und angreifend ist es im ersten Jahre für den Fremden, der mit offener, tätiger Seele und leidendem Körper dorthin kommt. Für den Gesunden freilich ist Rom ein Aufenthalt, mit dem sich selbst in Italien kein anderer vergleichen läßt. Die Christnacht Es war der 24. Dezember, als mich ein Spaziergang am Nachmittage nach dem Lateran führte und ich auf dem schönen Vestibüle stehenblieb, die Gegend und die Szenen vor mir zu betrachten. Zwischen den mittelalterlichen Stadtmauern öffnete sich die Porta San Giovanni, an die ein Stück der alten Wasserleitungen sich lehnt, reich überwuchert von den großen Blättern des glänzend grünen Efeus. Aus den benachbarten Villen zeichneten dunkle, hohe Zypressen und breite Pinien sich an dem klaren Himmel ab, während in langen Linien sich jenseits der Mauern die weite, bräunliche Ebene der Campagna hinzog und die weichen Formen der Albanerberge mit den schneebedeckten Gipfeln, in glühendes Violett getaucht, die sonnenhelle Winterlandschaft abschlossen. Zur Rechten des Lateran, in der Vorhalle des Battisterio, rutschten Landleute mit Frauen und Kindern, alle in italienischer Nationaltracht, die heilige Treppe hinan, die man nur kniend erklimmen darf, weil es dieselbe ist, welche der Heiland zum Gerichtssaal im Hause des Pilatus hinauf- und hinabgestiegen ist. Bürgerfrauen aus der Stadt, ein paar Mönche und ein Abbate, in einen großen Mantel gehüllt, befanden sich unter den Büßenden. Eine Prozession der Grauen Schwestern zog vorüber, welche den Dienst in den Fieberhospitälern versehen, und mußte haltmachen, weil die Post unter Karabinierieskorte aus Neapel kam. An einer Osterie standen Pifferari vor einem Madonnenbilde und bliesen den Weihnachtsgruß. Die Pifferari sind Hirten aus der Campagna, welche um Weihnachten nach Rom kommen und auf Dudelsäcken und Schalmeien vor jedem Madonnenbilde eine wundersam rührende, uralte Melodie blasen. Sie sagen, es sei der Gesang, mit dem die Hirten die Geburt des Christkindes begrüßten. Von früh bis spät kann man die Pifferari sehen, Greise, Männer und Knaben, in kurze, braune Tuchmäntel gehüllt, den spitzen Hut mit Bändern und Federn geziert, die Füße mit Sandalen bekleidet, ihre Melodien spielend hier und dort, wie jetzt am Lateran, obgleich eine scharfe Tramontane es empfindlich kalt machte. Dazwischen fuhren zweirädrige Karren, mit Öl- und Weinfässern beladen, geführt von den Campagnarden in Kitteln von braunem Ziegenfell, rote Gürtel um die Hüften und die steifen Ledergamaschen mit zehn, zwölf blanken Schnallen befestigt. Mönche von allen Nationen, an ihren Physiognomien deutlich zu unterscheiden, wandelten langsam vorüber; zwischen ihnen, immer zu Paaren, die schwarzröckigen Jesuiten. Neben einer eleganten Engländerin ging ein Mann im schottischen Plaid; ein greiser Kardinal mit rotem Mantel und rotem Hut wankte hinfällig einher, begleitet von seinem Kaplan und mehreren Dienern in Livree, denen die rote, federgeschmückte Staatskarosse folgte. Kinder und Frauen drängten sich zu ihm, seine Hand zu küssen und seinen Segen zu empfangen, den er im Hinschreiten mit edler Handbewegung erteilte. Weiter hinab, als wir den Weg nach Santa Maria Maggiore einschlugen, um heimzukehren, saß eine prächtige Römerin vor ihrer Türe, nähend beim letzten Tageslichte, während eine andere Frau ihr das reiche Haar in Zöpfe flocht. Ein Bettelmönch, ein Kapuziner, stand mit der Tabaksdose in der Hand neben ihnen, und alle drei schwatzten quer über die Straße mit einem friggitore, Höker, der auf eisernem Ofen Kastanien briet und Brokkoli siedete. Immer neue Bilder, immer neue malerische Szenen boten sich uns dar, bis die Dunkelheit sie unsichtbar machte und wir unsere Wohnung erreichten zu der Stunde, in der man in Deutschland von den Türmen die Christnacht einläutet. Alle Erinnerungen glücklicher Kinderjahre tauchten in mir auf; Sehnsucht nach dem Vaterhause und den Meinen, der ganze Zauber der Christnachtspoesie, wie ich ihn als Kind empfunden hatte, wurden wieder in mir wach. Ich hörte wieder die Melodie, welche die Stadtmusikanten am Weihnachtsabend in den Straßen von Königsberg blasen, ich saß wieder mit meinen Geschwistern in dem kleinen Stübchen des Entresol und harrte in freudiger und doch wehmütiger Spannung auf den Laut der Klingel, die uns hinabrief zu dem funkelnden Weihnachtsbaume in dem festlich geschmückten Wohnzimmer. Ein Teil der Meinen lebte noch in dem Vaterhause, wir andern waren zerstreut an fernen Orten, und ganz allein feierte ich mein Christfest in Rom in tiefster Erschütterung der Seele. In einer befreundeten deutschen Familie war neben der Kinderfreude auch für die Großen gesorgt. Der mit vergoldeten Orangen geschmückte Lorbeerbaum hatte noch außerdem Geschenke für alt und jung, und man blieb traulich bis gegen elf Uhr beisammen, um dann in die Kirchen zu fahren, in denen die Gläubigen die Nacht zubringen. Es war uns geraten worden, zuerst San Luigi de' Francesi zu besuchen. Brennende Pechfackeln flammten auf der Vorhalle, die Kirche war tageshell erleuchtet, so daß man den Glanz nach der Dunkelheit der Straßen fast unerträglich fand. Ich war mit einer liebenswürdigen Russin und ihrem Bruder hingefahren, der das offenste Herz hat für das Volk und seine Not. Engländer in schwarzem Frack und weißer Krawatte, die festlich gekleideten Ladies am Arme, wanderten bei dem Takte der heitern Musik, sich rücksichtslos Platz schaffend, auf und nieder, als wären sie in einem Ballsaale. Sie waren unbequem für die italienischen Frauen, deren viele auf den Stühlen saßen und Gebetbücher in den Händen hielten, obgleich hier von Andacht nicht die Rede sein konnte. Ein lautes Schwirren des buntesten Sprachengewirres übertönte fast die Musik. Die Lorgnetten der umherwandernden Männer waren in unausgesetzter Beschäftigung, und achtlos stieß man das Volk, das kniend auf der Erde lag, und die Krüppel, welche sich vorsichtig an die Pfeiler zurückgezogen hatten. Die Kirche war in einen Salon verwandelt, in dem einmal der Abwechslung wegen die vornehme Gesellschaft bei Kirchenmusik kokettierte. Mein russischer Freund sah es mit ebensolchem Widerwillen als ich selbst. »Ce maudit grand monde a tout envahi«, sagte er, »il ne laisse plus rien aux pauvres, pas même la petite place dans son eglise, pour y prier en repos!« Wir sehnten uns fort aus dem Gewühl, aus dem Lichtglanz und der heißen Atmosphäre und fuhren hinauf nach Aracoeli, der Kirche, welche hoch oben auf dem Kapitolinischen Hügel gelegen ist. Ein dämmriges Halbdunkel empfing uns und schwebte geheimnisvoll in dem mächtigen Schiffe der Kirche. Sie war kaum zur Hälfte gefüllt. An den verschieden geformten Säulen, die das Gewölbe tragen und aus verschiedenen heidnischen Tempeln herrühren, brannten einzelne Lampen. Am Hochaltare ward eine Vigilie gelesen. Landleute, ganze Familien, von den Großeltern abwärts bis zu dem Säugling, der an der Brust seiner Mutter schlummerte, lagen um die Säulen umher. Die Häupter der Kinder waren niedergesunken zum Schlafe; viele der Erwachsenen knieten neben den Kleinen, den Rosenkranz betend, oder saßen schweigend da in stillem Sinnen. Eine feierliche Ruhe herrschte in der Kirche, die Glocke des Gottesdienstes klang hell durch das Gewölbe, und bald darauf schlug die Uhr des Klosters die zwölfte Stunde. Der Morgen des Christfestes begann, man feierte den Tag, an dem es Licht geworden auf Erden, an dem der Heiland erschienen war, der mit seinem Tode die Wahrheit der Erlösung des Geistes von jeder Knechtschaft besiegeln wollte. An einem der Pfeiler in dem dunkelsten Teile der Kirche hing, hell beleuchtet von einer kleinen Lampe, ein schlichtes Christusbild, das blutende Herz auf dem weißen Gewande, und davor kniete ein armer Mann in Lumpen gehüllt und die schlanke, hohe, adlige Gestalt einer uns befreundeten vornehmen Frau, deren Leben unsägliche Schmerzen zerrüttet. Wir blickten uns an, und jeder von uns hatte ein blutendes Herz in der Brust, und jeder hatte zu beten um Kraft, das Leben zu leben, um einen Stern der Überzeugung, das Dunkel für uns zu erhellen. Das Lotto In Rom werden der Sonntag und die Feiertage sehr heilig gehalten. Man besucht die Kirchen, und alle Läden sind geschlossen, denn es wäre Sünde, Handel und Wandel zu treiben am Feiertage. Nur der Papst, der sich alle Sünden selbst vergeben darf, treibt seine merkantilischen Geschäfte auch an Feiertagen, und wenn alle Magazine geschlossen bleiben, sind die Tabakhandlungen und die Läden, in denen man die Nummern zum Lotto besetzt, geöffnet. In müßiger Weile schafft der böse Geist! Und so mögen wohl grade am Feiertage die meisten Zigarren geraucht und die meisten Nummern besetzt werden. Das Lotto ist ganz die alte Zahlenlotterie, wie sie früher auch in Deutschland das Verderben des Volkes war. Es besteht aus neunzig Nummern. Fünf davon werden gezogen. Der Spieler besetzt drei Zahlen, welche zwischen eins und neunzig liegen. Sind in den fünf gezogenen Nummern die drei vom Spieler besetzten enthalten, so gewinnt er das Große Los, viele tausend Scudi. Zwei Nummern – eine Ambe – gewinnen zwölfhundert Scudi. Eine einzelne Nummer nützt gar nicht, und man sieht, daß die Aussicht zu gewinnen sehr gering ist. Dafür ist der Vorteil der Regierung, den sie aus dieser demoralisierenden Steuer erntet, aber auch um so sichrer, und sie bietet alles auf, ihn recht groß und das Lotto recht verlockend für das Volk zu machen. In jeder Straße sieht man über drei, vier verschiedenen Häusern Aushängeschilde mit den Worten: Prenditorio per il Lotto. Ein Tisch, auf dem die neunzig Nummern Orgelpfeifen gleich aufgestellt sind, steht auf dem Trottoir, eine Puppe mit langem Barte, im Kostüme eines Zauberers, in schwarzem Talar, blutroter Schärpe, die Wünschelrute in der Hand, beschützt ihn. Abends wird es beleuchtet, und die Lotterieläden sind noch geöffnet und besucht, tief in der Nacht, wenn alle andern längst geschlossen wurden. Da man mit ein paar Bajochi – einem Groschen – die Nummern besetzen kann, so ist dem Ärmsten die Möglichkeit gegeben, den sauer erworbenen Gewinn des Tages allabendlich auf die Gunst des Zufalls zu wagen, und leider geschieht dies nur zu oft. Wenn der Handwerker, der Tagelöhner zehn, zwölf Stunden rastlos gearbeitet hat, und das tut er in Italien ebenso emsig und für ebenso geringen Lohn als im Norden, wenn er müde und erschöpft nach dem Ave-Maria in seine dunkle Wohnung schleicht mit dem Bewußtsein, der folgende Tag und alle kommenden werden schwere Arbeitstage sein, dann fahren den Corso entlang die prächtigen Equipagen der Reichen, die sich in der Abendkühle vom Müßiggange des Tages erholen. Vor den Cafés halten sie still. Der heimkehrende Arme sieht bei dem blendenden Lichte, das aus den erleuchteten Sälen fällt, wie die Reichen bequem daliegen in den wohlgepolsterten Wagen; wie die betreßten Diener das Eis herausbringen, wie Männer, Frauen und Kinder es mit Genuß verzehren und wie das Geld dafür auf das silberne Teebrett fällt. Es ist mehr, als er mit der Arbeit eines ganzen Tages erworben hat. Der Italiener, auch der geringste, fühlt sich als Mensch. Er könnte auch so daliegen in der Karosse, seiner Frau und seinen Kindern würde das Eis ebenso trefflich munden, aber wenn er Tag und Nacht durcharbeitet, er kann es ihnen nicht gewähren, wenn nicht ein Gott ein Wunder tut. Mutlos, erbittert geht er heim. Seine Seele ist düster, es ist Nacht in ihm. Da blitzt ein Licht auf. Er blickt hin, er sieht den Zauberer, der die neunzig Nummern bewacht. Der Gott, der ihm helfen könnte, ist der Zufall! Das Lotto ist seine Hoffnung, und um die Möglichkeit, einst schwelgen zu können mit den Seinen, opfert er das Brot, das sie heute ernähren sollte. Das Lotto ist eine Leidenschaft bei dem Italiener. Ich habe selbst erlebt, wie sehr es seine Seele erfüllt, und trotz dem Komischen, das in dem Zuge liegt, den ich erzählen will, kann ich nicht ohne Schauer daran denken. Man brachte mir jeden Morgen aus einem benachbarten Café das Frühstück und setzte es im Wohnzimmer hin, während ich noch in der Schlafstube war. Ein paarmal hatte ich dem Diener, wenn ich ihn kommen hörte, eine Frage nach dem Wetter zugerufen, und er hatte sich daraus die Pflicht gemacht, mir allmorgendlich, wenn er das Teebrett auf den Tisch setzte, die interessante Wetternachricht zuzurufen, ohne daß ich danach fragte. Bald hieß es: »Bel tempo, Signora!«, bald: »E sciroccoso!«, dann wieder: »Tira vento!« – kurz, ich war immer im voraus unterrichtet von dem, was mir bevorstand. Da tritt er eines Morgens wieder ein und ruft: »Oggi si fa il giuoco!« (Heute wird das Lotto gezogen!) Wie entsetzlich bezeichnend und wie komisch zugleich dieser Ausruf war, das läßt sich kaum beschreiben. Ein andermal sagte ich morgens scherzend zu der Frau, die den Dienst im Hause verrichtete: »Padrona, mir hat die ganze Nacht von Blumen geträumt, was bedeutet das?« »Man muß die Smorfia nachsehen«, entgegnete sie. »Die Smorfia? Was ist das?« »Sie wissen nicht, was die Smorfia ist? Aber wie hilft man sich denn in Ihrem Lande beim Lotto? Die Smorfia ist ja eben das Traumbuch, nach dem man die Zahlen besetzt.« »Haben Sie eine Smorfia?« »Gewiß! Die hat jeder so gut wie ein Meßbuch – bisogna aver una –, man muß eine haben.« Ich bat sie, mir das Buch zu bringen. Ihr Mann war ein Neapolitaner, dort hatte er die Smorfia gekauft; unter der Zensur und dem Schutze der neapolitanischen Regierung ist dieses Diktionär des Wahnsinns gedruckt. Man denke sich nicht etwa ein Heftchen wie »Lieder von diesem Jahre« in Deutschland. Es ist ein vollständiger, achtzehn Bogen starker Oktavband. Der Titel lautet: »Nuova Smorfia del Giuoco del Lotto di Giuseppe Romeo di Luca«. Es war von 1839, und zwar die sechste Auflage. Das Buch ist gegen den Nachdruck gesichert. Es heißt auf dem Titelblatte: »Nach der Vorschrift der bestehenden Gesetze und der königlichen Verordnungen ist das gegenwärtige Buch unter ihren Schutz gestellt, und man wird als Nachdruck all diejenigen Kopien betrachten und ihre Herausgeber gerichtlich verfolgen, die nicht mit dem Stempel des Autors versehen sind.« Das Buch beginnt mit einer Vorrede an die »Liebhaber« (dilettanti) des Lottospiels, in der ihnen die hohe Nützlichkeit und die durch Erfahrung bewährte Zuverlässigkeit der Smorfia bewiesen wird. Dann fängt das Diktionär an, von dessen Vollständigkeit folgender Beweis. » Abba . Abbate secolare 6 – abbate regolare 43 – abbate qualunque 38 – abbate predica 45 – abbate con sposa 44 – abbate travestito 89 – abbate al confessionale 70 – abbate benedice 47 – abbate in funzione 18 – abbate fugge 14 – abbate con stola 87 – abbate morto 31« usw. Freilich ist ein Abbate ein Wesen, das man in Rom so häufig sieht als in Deutschland Sperlinge, aber man muß auch gestehen, daß der Verfasser der Smorfia sein Kapitel gründlich durchgearbeitet hat. In gleicher Ausführlichkeit geht das Register 180 Seiten fort. Dann kommen: Erstens. Die Monatstage angegeben, an denen es gut ist zu spielen. Zweitens. Eine Kabbala der Sibylla mit Beispielen. Drittens. Der goldene Schlüssel oder der wahre Schatz Fortunas. Dies letztere Kapitel hebt also an: »Mittelst dieses kostbaren Buches kann ein jeder für wenig Geld große Reichtümer erlangen. Ich selbst bin davon ein leuchtendes Beispiel.« So, in immer gleichem Wahnsinn, geht das ganze Buch vorwärts. Man glaubt das Hexen-Einmaleins des Goetheschen »Faust« zu hören, und mich überkam ein tiefer Zorn gegen die Regierungen in Italien. Nicht genug, daß sie aus fluchwerter Habsucht ihre Untertanen – die Kinder, deren Väter sie sich nennen – plündern und sie durch das Lotto in ein Verderben stürzen, dem sie sie entreißen sollten; nicht genug, daß sie durch die strengste Zensur jede Aufklärung des Volkes unmöglich machen; nein! sie geben noch Privilegien auf Bücher, die diesen Raub systematisch befördern und die Nacht des Aberglaubens noch dunkler machen. Von jedem Einfuhrartikel der andern italienischen Staaten wird, als ob es fremde Länder wären, eine Steuer erhoben. Die Staaten sind getrennt, solange es den Vorteil des Volkes betrifft. Aber zum Schaden des Volkes reichen alle italienischen Fürsten sich brüderlich die Hände, und obgleich man in Rom weder Florentiner noch Neapolitaner Seidenstoffe unbesteuert erhält, so liest man überall: »Heut wird die Lotterie für Toscana gezogen!« – »Heute bis Mitternacht kann man für Lucca setzen.« – »Heute endet das Lotto für Neapel.« Wie mag nur ein Fürst, der solches Unrecht duldet, sich mit seinem Gewissen abfinden? Ich hatte immer daran gedacht, einmal einer Ziehung des Lotto beizuwohnen, die zu den Dingen gehört, bei welchen in Rom die Öffentlichkeit nicht gefürchtet wird. Endlich am 17. April kam es dazu. Auf Monte Citorio liegt ein großer Palast, welcher der Regierung gehört. Er hat in der Mitte einen Balkon, der an jenem Tage mit rotem Purpur behängt und mit einigen abgenutzten Goldborten ärmlich verziert war. Ein roter Baldachin schützte ihn vor der Glut der Mittagssonne, denn das Lotto scheut, wie gesagt, das Tageslicht nicht. Mit dem zwölften Glockenschlage beginnt die Ziehung. Eine Masse Volks war auf dem Platze versammelt, Handwerker, Carrettieri, Campagnarden, Gemüseverkäufer; aber die Mehrzahl sah zerlumpt und weniger wohlgekleidet und genährt aus, als es sonst diesen Ständen eigen ist. Alte Männer und Frauen des Bürgerstandes in schäbiger, vernachlässigter Kleidung waren in besonders großer Zahl vorhanden. Lehrburschen, Straßenbuben kletterten an dem Piedestal des Obelisken herum, der die Mitte des Platzes ziert. Ein paar Landgeistliche oder Schulmeister, wahre Typen ihres Standes, hielten sich in einiger Entfernung, sprachen anscheinend gleichmütig mit ihren Nachbarn, waren aber offenbar lebhaft bei dem Lotto beteiligt. Dazwischen gingen Knaben umher, die Kürbiskerne und grüne Mandeln verkauften, mit denen sich die Jugend die Zeit des Wartens vertrieb. Die meisten Knaben mochten wohl nur als Zuschauer hergekommen sein. Sie amüsierten sich, wie im Theater Zeichen der Ungeduld zu geben, zu rufen, es solle anfangen, zu schelten, daß es nicht anfange. Ihnen war das Ganze ein Scherz. Die ältern Personen waren still und in wachsender Spannung. Ich kannte nur einen Menschen in der Masse. Es war der Geselle eines Schuhmachers, der in unseren Hause wohnte. Der letztere, das Muster eines braven Handwerkers, hatte ihn mir bei einem Anlasse als einen liederlichen, nichtsnutzigen Burschen bezeichnet. Von der Not solcher Menschen zieht der Staat Vorteil. Etwa eine Viertelstunde vor zwölf Uhr trat das Lotteriedirektorium auf den Balkon. Ein Monsignore im Violettgewande, das weiße Chorhemde übergeworfen, war die Hauptperson dabei. Er stand in der Mitte, rechts und links zwei schwarzgekleidete Männer und ein Knabe in der weißen Dominikanertracht. Endlich schlug es zwölf Uhr. Ein wiehernder Jubel der Straßenjugend begrüßte das Ereignis. Trompetenschall vom Balkone aus kündete den Anfang der Ziehung an. Komisch genug bliesen die Musikanten jene in Rom wohlbekannte Fanfare, mit der die Kunstreiter ihr Erscheinen oder die Gaukler den Anfang eines neuen Stückes einleiten. Der Reihe nach zählte der eine schwarzgekleidete Herr dem Monsignore die neunzig Nummern zu, der sie einzeln laut ausrief, sie dem andern Schwarzen übergebend, damit er sie in den Kasten stecke. Dies dauerte eine ganze Weile. Die Ungeduld und Spannung der Menge wuchsen immer mehr. Es handelte sich ja um eine ganze Zukunft! um Verwandlung von Not und Elend in sorgenfreien Lebensgenuß! Die neunzig Nummern lagen in dem silbernen Kasten. Der Monsignore verschloß ihn, überreichte ihn seinem Nachbar, der ihn hoch über sich in die Höhe hob und so heftig schüttelte, daß ich die Nummern darin klappern hörte. Tiefes Schweigen lagerte sich über der Menge. Der kleine Dominikaner trat hervor. Der Monsignore machte das Zeichen des Kreuzes über ihm, denn in Rom geschieht alles im Namen des Herrn! Selbst das Lotto steht unter seinem besondern Schutze und ist hier ein christliches Institut. Der Kleine griff in den Kasten, zog die erste Nummer heraus, reichte sie dem Monsignore, und dieser rief mit tönender Stimme – einundzwanzig! Ich wendete den Kopf nach dem Platze zurück, um die Spieler anzusehen. Fast alle hielten Zettel in den Händen, ein beklemmender, angstvoller Ernst lag auf den Gesichtern. Sie sahen gespannter aus als die Spieler, die ich sonst in Bädern an den privilegierten Banken ihr Geld verlieren sah. Dies ist natürlich. Dort pointiert die wohlerzogene Welt, die es gelernt hat, über die tiefsten Erschütterungen ihrer Seele den kühlen, aschgrauen Schleier äußerer Gleichgültigkeit zu legen. Hier spielt das Volk, und ein südliches, lebhaftes Volk, dessen Mienenspiel schon an und für sich ein heftiges, bewegtes ist. Fünfmal wiederholte sich das Bekreuzen des Knaben, die Trompetenfanfare, das Ziehen der Nummern, die der Monsignore ausrief. Die Blicke der Spieler wurden immer düsterer. Nicht in einem Gesichte sah ich Freude oder Hoffnung; nicht in einem! Kein einziger hielt seinen Zettel jubelnd wie ein Glückspfand in die Höhe. Und als die letzte Nummer gezogen, als die Ziehung beendet war, als das Direktorium, das sicher wohlbesoldete Direktorium, schwatzend und lachend beisammen stehenblieb, da schlichen unten Hunderte mit getäuschten Hoffnungen davon, Hunderte von Betrogenen, mit deren letztem Bajocho die Betrüger sich bereichern. Die Bettler Das Betteln ist ein Monopol in Rom, das man aber weniger streng überwacht als das Tabaksregal der Regierung. »Sono privilegiato! – Ich habe ein Privilegium«, sagten mir alte Männer, welche ein Messingschild auf der Brust trugen, wie in Preußen die Gerichtsboten, und unter dieser Ägide die Mildtätigkeit ansprachen. Man begegnet diesen Privilegierten überall, und sie sind nicht so stationär wie die Bettler des Monte Pincio und der Spanischen Treppe, lauter unglückliche Krüppel und Mißgeburten, welche von der Hälfte der Spanischen Treppe aufwärts bis zur Französischen Akademie in immer gleichen Gruppen dasitzen und dem Fremden ihr »Date qualche cosa al vostro povero estroppiato!« (Geben Sie Ihrem armen Krüppel etwas!) entgegenrufen. Dies und die Worte der bettelnden Kinder: »Mi mojo di fame« (Ich sterbe vor Hunger), wobei sie die fünf zusammengelegten Finger der rechten Hand mehrmals hastig zum geöffneten Munde führen, sind zwei stereotype Redensarten, die jeder in Italien tausendfältig zu hören bekommt. Obgleich das milde Klima und die große Wohlfeilheit vieler Lebensmittel der Armut einen Teil ihrer Schrecken, dem Bettler einen Teil seiner Jammererscheinung nehmen, ist das Volk im allgemeinen doch immer bereit, der Bitte des Armen zu willfahren. Mit dem kläglichsten Ausdruck in dem oft blühenden Gesichte, eine Orange in der einen, ein Stück Brot in der andern Hand, habe ich Kinder das »Mi mojo di fame!« rufen hören, und doch hat man ihnen einen Bajocho gegeben, ohne Ermahnungen zur Arbeit daran zu knüpfen. Nur die Geistlichkeit, die Mönche und Abbate schütteln bedächtig den Kopf, machen eine abwehrende Bewegung mit der Hand und sagen ein salbungsvolles »Dio vi proveda!« (Gott sorge für euch!). Dies ist ganz logisch, wenn sie bedenken, wie wundervoll der Himmel für sie selbst sorgt, die auch nicht arbeiten und es doch bei gesunden Gliedmaßen recht wohl könnten. Mürrische, den Hartherzigen verfluchende Bettler, wie man ihnen bei uns begegnet, habe ich in Italien nicht gesehen. Da sich die meisten an bestimmten Punkten aufhalten, kommen diejenigen, welche diese Punkte vorzugsweise besuchen, bald in ein ganz vertrauliches Verhältnis mit ihnen. Mitten auf der Spanischen Treppe fand man immer einen wohlgenährten Mann, der keine Beine hatte und sich auf den Händen mit großer Schnelligkeit fortbewegte. Er galt für reich, sollte im Laufe der letzten Zeit einer Tochter ein Haus in Trastevere als Mitgift geschenkt haben und das Haupt der Bettler vom Monte Pincio sein. Morgens und abends ritt er auf einem Esel von und nach seiner Wohnung, den ihm ein wohlgekleideter Knabe führte. Man behauptete, alle Bettler dieser Station ständen als Unterbeamte, denen er ein bestimmtes Gehalt zahle, in seinen Diensten. Ich glaube dies gern, da ich oft am Abend, wenn er schon seinen Esel bestiegen hatte, die ganze Schar mit ihren Blechbüchsen um ihn versammelt sah, eifrig sprechend und gestikulierend. »Geben Sie Ihrem armen Blinden etwas! – »Ich habe nichts.« – »Aber morgen, Signor! Morgen werden Sie etwas haben! Morgen werden Sie Ihrem armen Blinden etwas geben!« – Den nächsten Tag dieselbe Bitte. Der Blinde kennt die einzelnen Fremden an Tritt und Stimme. »Sie haben mir schon lange nichts gegeben! Sie haben mir etwas verheißen! Das Wetter ist schön, Signor! Ich kann's nicht sehen!« Und die kleine Gabe wird gegeben, und man schämt sich, daß man sich darum erst bitten ließ. Jeder dieser Bettler betrachtet das Terrain, auf dem er sein Gewerbe treibt, als eine Domäne, auf die kein anderer Ansprüche hat; und einmal sah ich zwei alte Männer im heftigsten Streit an den Quattro Fontane, weil der eine, ein Bettler vom Spanischen Platze, dem Besitzer des Postens an Quattro Fontane ins Gehege gekommen war. Außer den Krüppeln betteln auch die Ciuciarenfamilien, welche auf der Spanischen Treppe sitzen, vom Großvater herab bis zu dem Säugling, größtenteils schöne, kräftige Menschen, die Modelle der Maler. Sie sind aus der Campagna, tragen das Kostüm des Landvolkes, und der Fremde gibt ihnen seinen Bajocho, weil sie so schön sind, namentlich die Kinder. Neben diesen Bettlern, und bisweilen von ihnen ernährt, leben auf dem Pincio Scharen von herrenlosen Hunden; Tiere von den gemischtesten Rassen, die kein Obdach haben, um die sich niemand kümmert und die ihr Leben fristen, wie es geht. Einige davon laufen jeden Mittag nach dem Lepre, wo sie mit dem Abhub der Tafel gefüttert werden; andere kommen zu bestimmten Stunden an bestimmte Wohnungen und Ateliers, wo man ihnen ein paar Brocken zuwirft, und abends sieht man ganze Züge über die Passeggiata laufen, wenn sie sich in ihre Schlupfwinkel und Höhlen zurückziehen. Niemand denkt daran, daß sie wasserscheu werden könnten, daß sie getötet werden müßten. Sie genießen die Freiheit der Wildnis mitten in einer zivilisierten Stadt. Der schönste Bettler in Rom war ein Knabe, den wir immer an der Fontäne vor dem kleinen Vestatempel trafen und der uns jedesmal anbot, uns den Vestatempel, den Tempel der Fortunae Virilis und das Haus des Pilatus zu zeigen, welches auch das Haus des Cola Rienzi sei. Einer meiner Begleiter hatte ihm mehrmals gesagt, daß wir das alles wüßten; und da der Knabe trotzdem nicht fortging und unablässig einen Bajocho forderte, drohte er ihm mit dem Stocke. »Ach was Stock!« rief der Junge. »Sehen Sie das schöne Wetter und den schönen Tempel, geben Sie mir einen schönen Bajocho!« Als er mich darüber lachen sah, merkte er, daß er wohl nichts zu fürchten habe, und nun begann ein blitzschnelles, possenhaftes Geplauder, aus dem immer wieder der Refrain hervorklang: »Sehen Sie, schöne Signora, das schöne Wetter und den schönen Tempel; der Herr will mir seinen schönen Stock geben, geben Sie mir einen schönen Bajocho.« »Gut!« sagte mein Begleiter, »du sollst den Bajocho haben, aber erst erkläre vernünftig, was es mit diesem Hause hier für eine Bewandtnis hat. Du sagst, es sei das Haus des Pilatus.« »Ja! Signor.« »Aber du hast es ja auch das Haus des Rienzi genannt?« »Ja! Signor.« »Nun, wie kann es denn dem Rienzi gehört haben, wenn es des Pilatus war?« »Nun Signor! der Rienzi wird es vom Pilatus gemietet haben!« rief der Junge mit solcher Schelmerei, daß diese allein die paar Bajochi wert war, welche er denn auch erhielt. So gibt es in Italien Bettler von den verschiedensten Privilegien. Die vornehmsten sind die Bettelmönche, die ihr Privileg von Gott zu haben behaupten, dafür einen Eid der Armut leisten und, da sie doch essen und trinken, sich kleiden und ein Obdach haben wollen, aus Pflichterfüllung betteln müssen. Dann kommen die von der Regierung privilegierten Bettler, welche immer alte, kranke, arbeitsunfähige Leute sind und Anspruch auf die Milde der Gesunden, Arbeitsfähigen haben. Darauf folgen die unprivilegierten Krüppel, denen aber die Natur mit der mangelhaften Gestalt das wahre Privilegium gab, auf fremde Hilfe zu rechnen; und den Schluß machen die Bettler, welche nicht Arbeit fanden in der schlecht eingerichteten Gesellschaft oder welche nicht arbeiten wollen. Diese letztern sind es, gegen die sich die Erbitterung der Fremden richtet. Man nennt sie faul, unverschämt, man weigert ihnen die Gabe, man droht ihnen mit Schlägen – und warum? Weil sie nicht geschworen haben, nichts zu tun und zu betteln, sondern dies ohne Eid tun. Ich habe nie begreifen können, warum nicht alle Bettler in Rom Bettelmönche werden. Das Bettelgelübde würden sie halten so gut als die andern; und die übrigen Gelübde? – mit denen würden sie auch ebensogut fertig werden als die Mönche. Ein Besuch im Frauenkloster Trinità dei Monti und eine Jesuitenpredigt Rom hat das Eigentümliche, daß in ihm noch eine Menge von Charakteren, von Zuständen, von Einrichtungen existieren, welche uns im protestantischen Norden so ferngerückt sind, daß wir kaum noch an ihr Vorhandensein glauben. Wenn ein Norddeutscher aus einem protestantischen Lande sich plötzlich nach Rom versetzt sähe, ohne die allmähliche Stufenleiter italienisch-katholischer Eindrücke von Deutschland abwärts bis Rom durchwandelt zu haben, er müßte sich in einer Traumwelt glauben. Heiligenbilder, Mönche, Kardinalsequipagen, Prozessionen, das sind alles Dinge, von denen wir zwar hören, die uns aber doch ziemlich fern und unklar vorschweben. Man glaubt daran, weil es nicht der Mühe verlohnt, daran zu zweifeln; oder man denkt nicht daran, weil es so in gar keiner Beziehung zu uns steht. In Italien und namentlich in Rom tritt aber der Katholizismus in seiner ganzen riesenhaften Größe und Festigkeit auf. Er mahnt mich oft an den schönen Gigantenbau, an das Colosseum, das aus so festen Quadern nach so weisem Plane gebaut ist, daß es fast unzerstörbar scheint. Soviel die Zeit und die Menschen daran gerüttelt haben, soviel schon davon vernichtet ist, noch immer überragt es an Schönheit und Tüchtigkeit alle andern Bauten, und man fühlt, daß es doch noch innere Haltbarkeit und lange Dauer in die Zukunft haben wird. Es ist eine tiefe, weise Konsequenz in dem Bauplan, und alles, was konsequent ist, hat Dauer. Die Konsequenz ist es, die den Katholizismus stark macht. Der Katholizismus ist ganz und mächtig, der Protestantismus halb und ohnmächtig, solange er nicht bis zur äußersten Spitze rationeller Freiheit geht, solange er ein klägliches Mittelding von Glaubensfreiheit und Gewissenszwang bleiben will, solange er zwar unscheinbar, aber doch herrschsüchtig ein egoistisches Pfaffentum in sich verbirgt. Der Katholizismus ist ehrlicher. Er spricht es offen aus, daß er herrschen will, und man kann, wenn man das nicht liebt, seine Maßregeln danach treffen; während für diejenigen, die im Gefühl innerer Unselbständigkeit sich ewig unter die Flügel der katholischen Mutterkirche zu bergen wünschen, von dieser auf die liebenswürdigste Weise und nach dem Bedürfnis jedes einzelnen gesorgt wird. Das sind Betrachtungen, die sich mir aufdrängten, als ich einer Ostervorbereitung für Damen im Kloster Trinità dei Monti beiwohnte. Wer von uns hat nicht oft genug gelesen, wie die vornehmen Französinnen unter der Herrschaft der Ludwige sich für eine Zeitlang in die Klöster zurückzogen, um dort Ruhe und Sammlung zu finden nach den berauschenden, ermüdenden Zerstreuungen der Gesellschaft? Wer hat darin nicht eine liebenswürdige Überspannung oder ein anmutiges Kokettieren gefunden, das, nachdem es in den Salons mit der Welt sein Spiel getrieben, nun im Gegensatz ein wenig mit dem Jenseits tändelt und dann beruhigt ist durch die beseligende Überzeugung, in sich ein wundervolles Gleichgewicht zwischen Himmel und Erde hergestellt zu haben? Dieses momentane klösterliche Sichzurückziehen findet in Rom ebenfalls noch statt unter dem Namen der esercizii spiritoali, und zwar kurz vor Ostern als Vorbereitung auf dies größte Fest der Kirche. Wenn man vom Corso kommend die Via Condotti entlanggeht, so erhebt sich über der Spanischen Treppe, welche vom Spanischen Platze zum Monte Pincio hinaufführt, in schöner Stattlichkeit des Renaissancestils das Frauenkloster von Trinità dei Monti. Fast alle Nonnen sind Französinnen, die Mehrzahl aus adligen Familien. Sie leben nach der Regel des heiligen Ignatius von Loyola und beschäftigen sich mit der Erziehung der weiblichen Jugend. Die Pensionäre, jetzt etwa sechzig an der Zahl, sind alle von Adel. Eine Armenschule für Mädchen niederer Stände wird von den Nonnen in einem Seitenflügel des Klosters besorgt. Hier in diesem Kloster, das durch den trefflichen Gesang der Klosterfrauen in Rom berühmt ist, halten die Damen ihre Ostervorbereitung. Durch Vermittlung einer Dame, die früher einmal ein paar Wochen zu gleichem Zwecke im Kloster gelebt hatte, ward mir der Zutritt zu einer dieser Vorübungen gestattet, und ich will versuchen, die Eindrücke, welche ich dabei empfing, für andere zugänglich zu machen, denen sie vielleicht ebenso fremdartig erscheinen dürften als mir. Ich war mit einer Freundin, die mich begleitete, die schöne Treppe hinaufgestiegen, welche zum Kloster führt. Wir schellten, das kleine Schiebefenster ward aufgetan, eine hübsche Nonne sah hervor und öffnete uns die Türe. Die Kleidung der Nonnen ist nicht so starr klösterlich als gewöhnlich. Sie tragen ein schwarzes, faltiges Gewand, das um die Taille mit einer Schnur zusammengehalten ist, an der der Rosenkranz herabhängt. Das Gewand geht bis dicht zum Halse hinauf, und eine große Pelerine von demselben Stoffe umhüllt die Schultern. Auf dem Kopfe tragen sie eine weiße Haube von dichtem Musselin mit so breiter, gefalteter Krause, daß sie wie ein kleiner Hut das Gesicht einschließt. Ein langer, schwarzer Kreppschleier fließt vom Kopfe über den Rücken herab bis fast zu den Füßen. Ein silbernes Kruzifix ziert die Brust. Es ist eine Tracht, die einem angenehmen Äußern, wie die Nonne es hatte, welche uns einließ, sehr vorteilhaft und kleidend ist. Da das esercizio spiritoale erst in einer Stunde beginnen sollte, hatten wir Zeit, uns vorher die Kirche anzusehen. Sie ist groß, hochgewölbt, licht und vornehm elegant; nicht geeignet zu der Sammlung, deren ein tieferschüttertes Gemüt in der Zerknirschung über große Sünden bedarf; aber sehr angenehm, um mit wehmütigem Ernst an die kleinen Sünden zu denken, deren man sich bewußt ist, ohne sie schwer zu bereuen. Sehr sauber getünchte Wände, hellpoliertes Holzschnitzwerk mit vergoldeten Zieraten, aus denen das Sacré Coeur hervorragt, dunkelrote Fenstervorhänge und schöne, spiegelblanke Kronleuchter von Kristall bilden ein Ganzes, das den Übergang von dem Salon zur Kirche zu machen scheint. Es war Mittag vorüber. Eine Nonne von gutmütigem Aussehen führte fünf kleine Mädchen im Alter von acht bis zwölf Jahren in eine der Kapellen, setzte jeder einen Schemel zurecht, auf dem die Kleinen niederknieten, und ließ sie sich zur Beichte vorbereiten. Es war die Kapelle, in der die beiden Magdalenen von Veit gemalt sind. Die Mädchen trugen weltliche Kleidung, hatten aber schwarze Kreppschleier und sahen, was mir auffallend war, alle bleich und schwächlich aus. Während die Kinder beteten, standen wir vor der anstoßenden Kapelle und betrachteten die schöne Kreuzabnahme von Daniel di Volterra, welche der Hauptschmuck dieser Kirche ist. In unserer Bewunderung des schönen Bildes unterbrach uns der Eintritt eines Priesters, der sich mit jener behaglichen Sicherheit in den Beichtstuhl setzte, mit der ein Präsident sich am Sessionstisch niederläßt, und bald darauf erschien eines der kleinen Mädchen, kniete demütig nieder und fing seine Geständnisse an. Ob sich der kälteste Priester nicht beschämt an die Brust schlagen mag, wenn er hört, er, der Welt und Leben kennt, was solch ein achtjähriges Kind für Sünde hält? Ob er nie die Versuchung fühlt, die kleine Unschuld auf den Altar zu setzen und in tiefer Beschämung vor dem reinen Wesen zu knien, das von ihm Absolution verlangt? Wir gingen fort, um die kleine Andächtige nicht zu stören. Man führte uns aus der Kirche in den Klosterhof. Er ist groß und viereckig, von Gebäuden umschlossen, die einen offenen Hallengang haben. Eine Nonne geleitete ein kleines Mädchen von einer Seite des Hauses zur andern herüber. Sie sprach nicht mit der Kleinen, sie hielt sie auch nicht an der Hand, sondern ging schweigend, sie beaufsichtigend, neben ihr her. Dies konnte Zufall, notwendig sein; ich sagte mir das selbst; indes hier im Kloster machte es mir einen schmerzlichen Eindruck. Über verschiedene Gänge und Treppen, die alle äußerst sauber und freundlich waren, brachte uns die Nonne, welche uns begleitete, in den Garten, der sich hinter dem Kloster auf der höchsten Spitze des Monte Pincio erhebt. Er war ebenso wohlgehalten und zweckmäßig besorgt als das Innere des Klosters, was hier in Italien, wo man dergleichen nicht gewohnt ist, doppelt angenehm auffiel. Die Priorin, eine schöne, frische Frau von etwa fünfzig Jahren, ging plaudernd mit zwei Nonnen umher. Die erstere hatte das heitere Aussehen einer glücklichen Familienmutter, jene hübsche Röte des Alters, die mich immer an den roten, herbstlichen Blätterschmuck der Bäume erinnert. Die beiden Nonnen, noch in der ersten, schönen Hälfte des Lebens, waren bleich und ernst. Es paßte gut zu ihren sehr edlen Zügen. Die Dame, welche früher einmal im Kloster gewesen war, küßte der Oberin die Hand und stellte uns vor mit dem Bemerken, daß wir der Andacht beizuwohnen wünschten. Die Oberin bewillkommte uns freundlich, und man führte uns nach der Kapelle, in der die Nachmittagsandacht gehalten werden sollte. Ehe ich zu dieser selbst übergehe, will ich ein paar Worte über die Weise berichten, in der die Damen während dieser Osterandacht leben. Die Bußzeit, wenn man es so nennen darf, dauert zehn Tage. Es werden zwei esercizii spiritoali abgehalten, der erste in italienischer und vierzehn Tage später ein zweiter in französischer Sprache. Die Damen leben nach der Vorschrift des heiligen Ignatius, und ein Jesuit leitet die Übungen. Jetzt war es Pater Rillo, ein Pole, der ausgezeichnetste Kanzelredner des Jesuitenordens. Man hatte mir schon früher viel von ihm und seiner unermüdlichen Tätigkeit für die Kirche, seiner rastlosen Ausdauer auf den beschwerlichsten Reisen und von seiner gänzlichen Hingebung für seine Überzeugung gesprochen. Die Damen, welche für diese Übungszeit in das Kloster kommen, bewohnen jede eine eigene, freundliche Zelle in einem Gebäude, das, zum Kloster gehörend, jedoch von diesem getrennt, im Garten liegt. Es ist einstöckig, sehr schlicht, aber ebenso sauber als das Kloster, und die Eingangswand mit Rosen umrankt, welche in voller Blüte standen. Die Büßerinnen stehen sehr früh auf, wohnen der Messe bei, haben am Tage mehrere Betübungen und hören vier Predigten, zwei am Morgen, zwei am Nachmittage. Während der Mahlzeiten, welche diese Pensionäre des Klosters gemeinsam, jedoch getrennt von den Nonnen halten, liest eine Nonne aus dem Leben der Heiligen vor. Jede Unterhaltung aus Lust am Plaudern ist ihnen verboten; sie dürfen nur das Unerläßlichste sprechen, um zu fordern, was sie bedürfen, oder um auf die Fragen der Oberin zu antworten. An dem Tage, an welchem sie das Kloster verlassen, nehmen sie das Abendmahl, die Nonnen singen die Messe, und man sagte uns, die Abschiedszeremonie sei ebenso ergreifend als schön und prächtig. – Das Kloster nimmt die Pensionäre, von denen es verlangt wird, unentgeltlich auf, verschmäht aber auch die Bezahlung nicht, die man freiwillig, so groß oder so klein sie sein mag, bietet. Das ist menschlich und verständig. Es waren augenblicklich etwa vierzig Damen zur Andacht im Kloster. Dies vorausgeschickt, kehre ich zu unserm Eintritt in die Kapelle zurück. Nach dem heitern Eindruck, welchen die Kirche auf mich gemacht, hatte ich mir ein ebenso lachendes Bild von der Kapelle entworfen. Wie erstaunte ich daher, als man den Vorhang, den alle italienischen Kirchentüren haben, aufhob, eine Glastüre öffnete und uns in einen Raum hineinwies, der so finster war, daß ich anfangs fast gar nichts unterscheiden konnte. Man führte uns zu unsern Plätzen, und erst nachdem sich das Auge an das Dunkel gewöhnt hatte, fing ich an, die Gegenstände um mich her zu erkennen. Die Kapelle, lang und schmal bei mäßiger Höhe, hat ganz den Anstrich eines Gartensaales. Sie ist wie ein gewöhnliches Zimmer in grauen Arabesken auf blaßblauem Grunde gemalt. Palmen- und Lorbeerzweige umschlingen das »In hoc signo vinces«. Ein hübscher Teppich bedeckt den Fußboden. An der einen Seite der Kapelle sind, wie ich an den Bronzeschlössern bemerken konnte, verkleidete Türen nach dem Garten; an der andern Fenster, die von außen mit Läden geschlossen waren. Weiße Gardinen mit den gewöhnlichen Bronzeverzierungen geben den Anstrich häuslichen Behagens. Oben am Ende des Saales ist ein einfacher Altar, darüber das Jesuitische Sacré-Coeur. Ein Kruzifix steht neben dem Altar, die Ewige Lampe hing leuchtend darüber. Nur an dieser Stelle war durch ein Fenster dem Tageslichte Eingang gestattet. Es war totenstill und schwül in der Kapelle, und dies hatte etwas Beängstigendes für mich, als ich aus dem hellen, frischen Sonnenschein hineintrat in dies tiefe, plötzliche Dunkel. Etwa vierzig bis fünfzig Damen waren sitzend oder kniend in Andacht versunken. Sie befanden sich in Bänken zu beiden Seiten des Gemachs, das Gesicht gegen den Altar gewendet. In der Mitte war ein freier Gang, in dem sich ein paar Nonnen geräuschlos und anmutig hin und her bewegten, um den Neuankommenden ihre Plätze anzuweisen. Als alle versammelt waren, trat die Oberin mit vier Nonnen herein, nahm mit ihnen der Tür zunächst Platz, der Vorhang vor dem Eingang wurde heruntergelassen, die schwere Holztüre geschlossen. Die Stille und Dunkelheit waren nun vollkommen, nur am Altar konnte man deutlich unterscheiden. Nach einigen Minuten öffnete sich hinter demselben eine Türe, die ich nicht bemerkt hatte, Pater Rillo trat schnell und sicher herein und nahm auf einem Sessel vor dem Altar seinen Platz. Er sprach das gewöhnliche Gebet, die Damen hörten es kniend mit an. Währenddessen konnte ich den Pater betrachten, soweit das zitternde Lampenlicht es zuließ. Er scheint ein Mann von vierzig Jahren und von edler, apostolischer Gesichtsbildung zu sein. Das Profil, das von der Seite des nicht verhängten Fensters Licht empfing, zeichnete sich in schöner Form in der Dunkelheit ab. Es gewinnt durch reiches Haar und reichen Bart eine anziehende Würde. Nach beendigtem Gebete fing die Predigt an. Ob und inwiefern sie sich an die vorhergegangenen Reden anschließen mochte, das konnte ich nicht beurteilen, doch vermute ich, daß es der Fall gewesen ist. Sie handelte über den Beruf für das geistliche Leben in klösterlicher Zurückgezogenheit. Die Weise, in welcher der Pater sprach, gefiel mir sehr. Ich habe sie bei allen katholischen Predigern Italiens gefunden, welche ich zufällig gehört. Sie ist fern von dem hohlen, zur Manier gewordenen Pathos der protestantischen Geistlichen, die uns durch ihr Niederdonnern von der Kanzel, durch das gleichmäßig rhythmische Fallen und Steigen der Stimme von ihrer Begeisterung für die Sache überzeugen wollen. Der heutige protestantische Prediger kämpft für seine Überzeugung, weil er weiß, daß viele daran zweifeln; aber der Kampf macht den Menschen immer unruhig, heftig und unschön. Der katholische Kanzelredner, der Diener der alleinseligmachenden Mutterkirche, nimmt es als gewiß an, daß seine Zuhörer glauben, denn sie werden von ihm verdammt auf ewig, wenn sie es nicht tun. Er hat nicht zu kämpfen, nicht zu beweisen; er spricht zu Menschen, welche glauben müssen , darum kann er ruhig, behaglich, zutraulich sprechen, wie ein Vater im Kreise seiner Familie, wenn der Geistliche alt, wie ein geistreicher Freund zu seinen Freunden, wenn er jünger ist. So habe ich es immer gefunden, und in dieser letztern Weise drückte sich Pater Rillo aus. Er hat eine jener weichen, klangvollen Stimmen, die auch bei dem leisesten Sprechen verständlich und tönend sind; und er sprach leise, denn er hatte Damen vor sich, deren Nerven dies wohltuender sein mußte als die Posaunenstimme eines zürnenden Gottesknechtes. Er fing seine Rede damit an, daß er erklärte, wie in der Welt alles nichtig sei, alles gleichgültig, außer daß man den Willen des Herrn täte. »Sie sind nicht in der Welt, um Bälle und Festinos zu besuchen«, sagte er, »um durch Schönheit und Reichtum zu glänzen, meine Damen! nicht, damit man Ihnen den Hof mache, sondern um ganz und ungeteilt den Willen Gottes zu tun. Nehmen Sie ein Blatt Papier, schreiben Sie darauf: Ich bin in der Welt, um den Willen Gottes zu tun. Halten Sie sich dies geistig ewig vor Augen, und mit diesem Gedanken handeln und leben Sie. Aber wie soll ich erkennen, fragen Sie mich, meine geliebtesten Töchter, welches der Wille des Herrn ist? Dies eben ist die schwere Aufgabe, die unsere höchste Aufmerksamkeit erfordert. Wir haben es hier besonders mit der Frage zu tun, wie man es erkenne, ob jemand den Beruf für das Klosterleben oder für die Welt habe, denn eine augenblickliche Neigung für das eine oder das andre kann uns darin täuschen. Es bedarf eines festen, entschiedenen Berufes.« – Nun beleuchtete er sehr klar und verständig den schönen Wirkungskreis einer Hausfrau und Mutter und sprach dann mit Erhebung von der Heiligkeit eines zurückgezogenen Lebens. Vom katholischen Standpunkte aus konnte es nichts Würdigeres, Gemäßigteres geben als diese Auseinandersetzung. Er ging dann darauf über, daß alles auf den Ruf ankäme, den die Stimme Gottes im Menschen erklingen lasse, denn der Mensch selbst könne sich leicht irren. »Denken Sie, meine Damen, Sie selbst oder Ihre Tochter oder Ihre Schwester wären schön und lebhaft, geistreich und von heftiger Gemütsart. Sie würden denken, mit diesen Eigenschaften ist man für die Welt geboren; Sie könnten irren, geliebteste Töchter! Diese Frau wird der Herr vielleicht rufen, denn ihre Schönheit, ihre Lebhaftigkeit, die Gefühle ihres Herzens könnten ihr zu ewigem Verderben gereichen; und was nützt es, eine Weile schön vor den Menschen in der Welt zu sein, wenn man ewig häßlich vor Gott im Jenseits ist? Eine andre möchte denken: Ich bin sanft, demütig, liebe die Vergnügungen wenig, habe nicht Freude an Schmuck und Pracht, ich will in das Kloster gehen! Mitnichten, geliebteste Tochter, grade Sie hat der Himmel vielleicht bestimmt, durch Ihre Sanftmut Frieden und Glück in einer Familie zu verbreiten.« Immer wieder kam er darauf zurück, man müsse hören auf den Ruf des Herrn und ihn nicht verwechseln mit der eigenen Neigung. Ich fühlte, daß er einem bestimmten Ziele zusteuere, ohne recht sehen zu können, welches es sei. Endlich rückte er diesem näher, indem er erklärte, man dürfe solchen Schritt nicht ohne Rat tun, man müsse ihn mit einem zuverlässigen Freunde überlegen. »Aber wen sollen wir fragen? Die Lehrerin? Sie kann leicht eine vorgefaßte Meinung über Sie haben, und wer ist die Lehrerin? Eine Person, die in der Welt lebt und irren kann. Wollen Sie die Mama fragen, meine Damen? Aber wer ist die Mama? Eine Frau, die aus blinder Liebe, um sich nicht von ihrer Tochter zu trennen, deren Seelenheil auf das Spiel setzt; eine Frau, welche sagt: Meine Tochter ist schön, geistreich, sie hat eine reiche Mitgift, sie kann einen Bräutigam beglücken, sie ist zu gut für die Einsamkeit des Klosters. Aber was kann zu gut sein, was ist nur würdig genug des himmlischen Bräutigams Jesu Christi, und wo könnte ihr größeres Glück blühen als in der Seligkeit des Gewissens? Die Elternliebe bereitet aus Mißverstand oft das ewige Verderben ihrer Kinder. Als ich noch in Civitavecchia vor den Galeerensklaven predigte, fiel mir unter diesen die sanfte, edle Gesichtsbildung eines Jünglings auf, und ich fragte ihn, wie er auf die Galeeren gekommen sei. ›Ach, mein Vater!‹ antwortete er mir, ›ich hatte den Beruf gefühlt, Kapuziner zu werden; meine Eltern – sie sind reich und angesehen –, denen ich meinen Wunsch mitteilte, nahmen mich aus dem Seminar, in dem ich erzogen ward, führten mich in die Welt und lehrten mich ihre gefährlichen Freuden kennen. Zwei meiner Vettern, wüste Gesellen, waren meine beständigen Begleiter. Anfangs erwehrte ich mich der Versuchungen, aber ich unterlag endlich und ermordete einen meiner Vettern nach einem Feste. So kam ich hierher.‹ Sehen Sie, geliebteste Töchter, wohin die Verblendung der Elternliebe führen kann! Wollten Sie die Oberin des Klosters fragen, in das Sie zu treten beabsichtigen, ob Sie den Schritt tun sollen? Sie könnte doch irgendein Interesse dafür haben und Sie, unbewußt vielleicht, irreleiten. Nur einer ist da, der, unberührt von irdischen Absichten, gesondert von der Welt und ihren Beziehungen, kein anderes Ziel, keinen andern Zweck haben kann als Ihr Seelenheil: es ist der Seelsorger! – il direttore!« Gewöhnlich sind die Jesuiten die Seelsorger der vornehmen Damen. Nun waren wir am Ziele. Er sagte, daß alles darauf ankäme, einen zuverlässigen Seelsorger zu haben und ihm die innersten Falten des Herzens zu enthüllen, damit er urteilen könne, was seiner Pflegebefohlenen heilsam sei, was nicht. Er sprach mit großer Wärme, seine weiche Stimme hatte etwas ungemein Beruhigendes, Einschmeichelndes, Zutrauen Erweckendes. Es lag die ganze sorgliche Teilnahme eines liebevollen Freundes darin, und sein Gesicht war voll schöner, ruhiger Heiterkeit. In der Kapelle war es drückend schwül. Das Sacré-Coeur leuchtete hell in dem Dunkel, weil die Strahlen der einzigen Lampe sich darauf konzentrierten. Pater Rillo schloß seine Betrachtung mit leisem Gebet, die kleine, verborgene Türe öffnete sich, und er verschwand geräuschlos, wie er gekommen war. Die tiefste Stille lag über der Versammlung, die nach dem Gebet kniend sich ihren Betrachtungen überließ. Nur zuweilen hörte man das tiefe Seufzen oder das leise Schluchzen einer Dame. Die Szene hatte etwas sehr Beklemmendes. Ich sehnte mich nach Licht und Luft und war herzlich froh, als die Oberin die Türe öffnete, den Vorhang aufhob und ich hinauskam in die freie, schöne Gotteswelt. So tief war das Dunkel der Kapelle gewesen, daß ich mehrere Minuten lang die Augen schließen mußte, weil ich das Licht nicht ertragen konnte. Im Gespräch mit der sehr liebenswürdigen weltgewandten Nonne, welche uns geführt hatte, durchwanderten wir den Garten. Er hat eine schöne Aussicht über Rom, bis hinüber zum Monte Mario, von dem Villa Madama in koketter Schönheit herabschaut. Umhergehend betrachtete ich die büßenden Damen, welche um diese Zeit schweigend wie immer die einzige Erholungsstunde des Tages im Garten genießen. Der größere Teil schienen mir Fremde, nur wenige Italienerinnen zu sein. Ich erkannte ein paar junge, unverheiratete Engländerinnen, denen ich sonst in der Gesellschaft begegnet war. Sie grüßten mich schweigend. Was mögen die blonden Kinder mit den frischen, etwas einfältigen Gesichtern in dieser Zurückgezogenheit denken? Welche Entschlüsse mögen sie fassen? Welche Wirkung mag es auf sie machen, wenn der Seelsorger ihnen sagt, daß er ihnen ein sichererer Freund, ein unfehlbarerer Ratgeber sei als die treue, zärtliche Mutter, unter deren schützendem Auge sie ihre harmlose Kindheit verlebten? Und ob die Mutter ihre Töchter dem Kloster anvertraute, auch nur für die kurze Zeit von zehn Tagen, wenn sie es wüßte und bedächte, wie eine fremde Gewalt sich zwischen sie und die Lieblinge ihres Herzens stellt? Ich mußte immer wieder die guten, blonden Kinder ansehen, und eine ganze Kontroverspredigt drang mir aus dem Herzen fast bis an den Rand der Lippen, während ich zu unserer Führerin sagte: »Sie sind um diesen Aufenthalt zu beneiden. Ihr Kloster und Ihr Garten sind so schön gelegen, daß ich mit Freude hier einen längern Besuch machen würde.« Und in der Tat, wäre man nicht im Kloster, man könnte sich keinen anmutigeren Aufenthalt wünschen. Die Nonne hatte kaum meine Bemerkung vernommen, als sie im gewähltesten Französisch und mit dem feinen Lächeln einer vornehmen Frau mir entgegnete: »Wir werden nach vierzehn Tagen einen zweiten Kursus in französischer Sprache haben. Der Pater Rillo verläßt uns, aber es kommt ein anderer Jesuit, ein Franzose und vortrefflicher Prediger. Sie haben nur zu bestimmen, damit man Ihnen eine Zelle einrichten und Sie von dem Beginn des neuen Kursus benachrichtigen kann. Dürfen wir auf Sie zählen?« Bei diesen Worten zog sie ein kleines Etui und Bleistift hervor für den Fall, daß ich meinen Namen einzuschreiben wünschte. Ich fand die Nonne so liebenswürdig, Luft und Aussicht waren auf der Höhe so schön, daß ich mir nach dem Geräusch des Karnevals, nach der Ermüdung in den heißen Gesellschaftssälen zehn Tage in Ruhe und Stille bei diesen freundlichen Klosterfrauen recht sehnsüchtig wünschen und sehr erquicklich denken konnte. Die Nonne begleitete uns höflich und gastlich bis an die Ausgangstüre. Als wir das Kloster verließen, war grade die Promenadenstunde auf dem Monte Pincio. Das ganze bunte Gewühl der Fremden von allen Nationen wogte an uns vorüber, und unter ihnen bewegten sich unscheinbar und ruhig paarweise die Schüler des Loyola. In schwarzer, schlichter Tracht wandeln sie neben den jungen Dandys, den schönen Frauen auf und nieder; und die wenigsten von diesen denken daran, daß jene schwarzen Gestalten Glieder sind einer geheimnisvollen Macht, deren Einfluß noch unberechenbar groß ist und deren Geschosse das Ziel grade so sicher treffen als die unsichtbaren Pfeile Apollos die Herzen der unbeschützten Niobiden. Die Grotte der Egeria Man spricht immer von der fortschreitenden Entwicklung der reinen Idee der Menschheit und Menschlichkeit in unseren Tagen, von gerechter Würdigung des Guten und Edlen! Mich dünkt jedoch, daß wir in vielen Beziehungen nicht sonderlich weitergekommen sind und daß die Alten in ihrem heidnischen Humanismus oft viel milder und viel gerechter waren als wir. Wir urteilen noch viel zu sehr nach vorgeschriebenen Regeln, ohne an die Ausnahmsfälle zu denken. Wir messen abstrakte Begriffe, wie Tugend, Pflicht und Ehre, noch immer nach einem festen Maße, als ob es Dinge oder Lebensmittel wären, deren relativen Wert das wohlgeeichte Gewicht und Maß der Polizeibehörde bestimmen. Daß jeder Standpunkt im Leben, daß jedes Verhältnis besondere Pflichten, eine besondere Ehre und eine ganz persönliche Tugend bedingen, das könnte man längst zum Vorteil der Menschlichkeit begriffen haben, wenn nicht ein großer Teil der Menschen viel mehr Lust am Verdammen als am Verehren hätte. Am ungerechtesten aber gehen in dieser Beziehung die Frauen untereinander zu Werke. Es ist, als ob keine sich hoch genug auf dem Piedestal ihrer eigenen Heiligkeit und Tugend glaubte, ohne sich auf den Nacken einiger gedemütigten Weiber zu stellen. Die Frauen sind dahin gekommen, sich aus ihrem Glück eine Tugend zu machen. Sie schmücken sich mit der Gunst des Zufalls, die ihnen ein ruhiges Gemüt, sorgliche Erziehung, brave Eltern und einen geliebten Gatten erteilte, wie mit einem wohlverdienten Heiligenschein, vor dem jene Unglücklichen, welche mit heißer, liebedurstiger Seele, mit glühendem Temperament traurigen Verhältnissen erlagen, beschämt die Augen schließen müssen. Sieht man diesen herzlosen, weiblichen Hochmut, diese gleisnerische Prüderie in unserer Zeit zum Gesetz der Sitte erhoben, so empört sich das Gefühl dagegen, und man schämt sich, wenn man wirklich ein weiches, erbarmungsvolles Frauenherz in der Brust hat, vor jenen Unglückseligen, die kalte Selbstsucht ohne Prüfung verdammt. Das Heidentum, das überall so reich an poetischen Allegorien ist, hat uns auch für diese Verhältnisse ein anmutiges Beispiel hinterlassen. Die Alten verachteten eine Lais, eine Buhlerin; aber sie erhoben Egeria, die Geliebte des Numa Pompilius, die sich keusch den Blicken des Volkes entzog und in verborgener Stille den König zu allem Großen und Erhabenen begeisterte, zu dem göttlichen Range einer unsichtbaren Nymphe. Es gibt Gestalten der Mythe, Züge in der Geschichte, die so lieblich, so schön sind, daß das Herz daran zu glauben begehrt, wenn auch alle gelehrten Forscher gegen ihre Wahrheit streiten. Die innere, notwendige Wahrheit hat auch ein heiliges Recht; und oft meine ich, man leiste uns eigentlich einen recht schlechten Dienst, wenn man uns den Glauben an Gestalten zerstört, welche für uns die Träger erhebender Ideen geworden sind. Mich betrübte es, als ein Archäologe mir in Rom weitläufig beweisen wollte, die Grotte der Egeria könne nicht echt, nicht jene Grotte sein, in der die Nymphe wohnte, weil das netzförmige Mauerwerk aus der Kaiserzeit, nicht aus den Tagen der Könige herrühre. Solche Erläuterungen muß man bald wieder zu vergessen suchen, um sich den Zauber nicht zu zerstören, der in unserer Phantasie gewisse Gestalten und Orte umschwebt und der oft mehr Belebendes und Anregendes besitzt als die trockne, kalte Wahrheit des eigentlichen Wissens. Die Nymphe Egeria war mir von je ein schönes Bild weiblicher, hingebender Liebe gewesen, die untergeht in dem Geliebten, keinen Ruhm, keinen Ehrgeiz kennt als den, ihn groß und gut zu sehen; und selbst Tadel und Verkennung nicht achtet, weil ihr das Glück des Geliebten der höchste Lohn ist. Es zog mich zu ihrer Grotte, zu dem stillen Asyl der Liebe, wie es den Gläubigen zieht zu einem Gnadenbilde. Liebe ist ja die höchste Gnade für den, der sie empfängt, wie für den, der gewürdigt wird, sie spenden zu können! Außerhalb der Porta San Sebastiano beginnt die antike Gräberstraße. Denkmal reiht sich an Denkmal. Die prächtigen Hüllen der stolzen Monumente sind in Trümmer versunken; frevelnder Übermut vernichtete die Marmorwände der Mausoleen und ließ nichts zurück als den festgemauerten Kein des innern Grabes, in dem die Sorgfalt der Überlebenden die Asche geliebter Toten vor dem Zerstäuben zu bewahren strebte. Aber die Gräber sollten des Schmuckes nicht entbehren. Wo die schonungslose Barbarei den Marmor raubte, schmückt die Natur alljährlich das nackte Gemäuer mit dem glänzenden Smaragdgrün üppig rankenden Efeus. Mächtige Pinien wachsen hie und da an den Grabhügeln hervor, eine einsame Zypresse steht bisweilen daneben, und muntere, kleine Römer klettern, nach Schmetterlingen haschend, auf den Gräbern ihrer Ahnen umher. Vorüber an den Gräbern der Scipionen, vorüber an dem prächtigen Denkmal, das in seinen Marmorquadern den Namen der Cäcilia Metella auf die Nachwelt trägt, gelangt man mitten in der öden, baumleeren Campagna in ein liebliches Tal zwischen mäßigen Hügeln, dessen kräftige Baumvegetation hier doppelt erquicklich, doppelt schattenkühl erscheint. Es ist das Tal der Egeria. Ein kleines Gewässer fließt langsam hindurch, fast verborgen von den großen Stengeln und Blättern der Canna und anderer Rohrgewächse. Wogende Getreidefelder und frisches Wiesengrün, aus dem Tausende von Anemonen und Maßlieb hervorsprießen, geben dem einsamen Tale ein üppiges Gepräge. Unter dem Baumesschatten auf den Hügeln weidete, als ich die Grotte besuchte, eine Herde Schafe; der braune Hirtenknabe lag schlummernd neben seinem großen, langhaarigen Wolfshunde, der ihn und die Herde aufmerksam bewachte. Baumwurzeln, Efeuranken und andere Schlinggewächse in der ganzen Fülle südlichen Pflanzenreichtums schmücken und verhüllen den Eingang zur Grotte, die sich in dem Hügel befindet. Netzförmiges Mauerwerk bildet die Wände und die Wölbung. Ein kleiner Quell rieselt aus grünbemooster Marmorfassung durch die Hinterwand in ein Becken nieder, eine weibliche Figur ist ruhend über der Quelle dargestellt. Konsolen an den Wänden, die jetzt der Statuen beraubt sind, zeugen von reicherer Verzierung und von der Verehrung, welche man einst dieser Grotte zollte. Alle Wände, der Eingang, ja selbst der Fußboden sind dicht und weich mit dem feinblättrigen Venushaar überwuchert, das auf seinen leichten, rotbraunen Stengelchen, jeder Luftbewegung folgend, uns zitternd und nickend zu begrüßen scheint. Wie der Pilger an das Grab eines Märtyrers glaubt mit innerer, befriedigter Erhebung, so fühlte ich hier und glaubte an Heiliges und Schönes, an edle, begeisternde, verklärende Liebe. Ich glaubte an den edlen Numa, der von Regierungssorgen, von schweren Pflichten gedrückt, hierher floh in die Arme eines geliebten Weibes, um in seinem Glücke Kraft zu suchen für den schweren Beruf des Herrschers. Und der Geist einer sorglichen Frauennatur scheint noch jetzt die Grotte zu umschweben, pflanzend und jätend, schaffend und sorgend zu freundlichem Empfang des geliebten, des einzigen Gastes. Woher sonst dies grüne, lauschige Plätzchen in der sonnenverbrannten Campagna? Woher dies trauliche Asyl für süßes Beieinandersein? Die Blumen blühen so frisch an der Quelle, die Bäume flüstern so leise, und die schwanken Blätter der Canna wiegen sich so träumerisch müde im warmen Sonnenschein, als gelte es, ein liebend Paar in seligen Schlummer zu wiegen oder es zu verbergen vor dem Auge der Welt in paradiesischer Einsamkeit. Es ist der Geist Egeriens, der das Wunder wirkt. Elle est folle! Im Teatro Metastasio werden Schauspiele, Lustspiele und Trauerspiele abwechselnd gegeben. Das Apollotheater ist die Große Oper, in der die De Julia und Iwanow Verdische Kompositionen sangen und die Elßler und Taglioni das Publikum in Entzücken tanzten. Das Theater Valle bringt leichte Opern und Lustspiele; in Aliberti werden Volksstücke gegeben und wie im Apollotheater während des Karnevals große Bälle veranstaltet. Vortrefflich sind die Marionettentheater im Palast Fiano, wo neben den gewöhnlichen Darstellungen immer noch die Ballette karikiert wurden, in welchen Fanny Elßler oder die Taglioni aufgetreten waren. Außer diesen existieren noch ein paar andere, zum Teil verfallene Theater, in denen man aber nur ausnahmsweise Vorstellungen gibt. Alle diese Theater sind nicht, wie die meisten Schauspielhäuser in Deutschland, als Prachtgebäude mit Säulen und Hallen auf freie Plätze gebaut, sondern liegen in Reihe und Glied mit den andern Häusern, durch keine auffallende Fassade von ihnen wesentlich unterschieden. Dafür brennen am Abende, um den Eingang zu bezeichnen, Pechpfannen vor den Türen, was doppelt notwendig ist, weil man in den schmalen, schlecht erleuchteten Straßen durch das Wagengedränge wahrhaft gefährdet wird. Eines Abends waren wir nach dem Theater Metastasio gegangen, wo Signora Ristori, eine der vollendetsten Künstlerinnen, eine durchaus edle, schöne Erscheinung, in dem neu übersetzten Schauspiel »Elle est folle« (Sie ist wahnsinnig) auftreten sollte. Es ist jenes bekannte Stück, das auf allen deutschen und französischen Theatern soviel Beifall gefunden und überall dem Publikum eine angstvolle Teilnahme eingeflößt hat. Lord Harvey, dies ist der Inhalt des Schauspiels, macht mit seiner Frau und einer Nichte eine Reise nach Italien. Er hat in der glücklichsten Ehe gelebt, als er plötzlich zu bemerken anfängt, daß ein Fremder seiner Frau unablässig folgt, den er endlich in Neapel im Tête-à-tête mit derselben entdeckt, worauf er bei nächster Gelegenheit, ohne seine Frau im geringsten befragt zu haben, den unbekannten Kavalier ins Meer stößt, als sich die beiden Männer allein auf einer Höhe am Posilip befinden. Nach dieser Tat wird ihm Neapel verhaßt, er verläßt es am nächsten Morgen und reist mit den Frauen planlos in der Welt umher, bis er, gequält von Gewissensbissen, trostlos durch den Gedanken, die Liebe seiner Gattin verloren und einen Mord begangen zu haben, in Wahnsinn versinkt, in dem er sich einbildet, seine Frau sei geisteskrank geworden. Diesen Wahnsinn seiner Frau dem Auge der Welt zu verbergen, zieht er sich mit den Seinen auf ein Gut in das Innere Englands zurück, und die unglückliche Frau ist dies zufrieden aus Rücksicht für das Seelenleid ihres Mannes. So leben sie Jahre hindurch, bis Lord Harvey einen Arzt zur Herstellung der Lady herbeiruft, der das Geheimnis entdeckt, welches dem Erkranken des Lords zugrunde lag, und die zufällige Erscheinung des vermeintlich Ermordeten bald darauf die Genesung des Lords bewirkt. Der junge, plötzlich eintreffende Unbekannte hat nämlich eine Neigung für die Nichte gehabt, ist dieser und nicht der Lady Harvey überall nachgezogen und hatte in jenem Tête-à-tête die Tante zu seinen Gunsten stimmen wollen, da er Gründe hatte, die Einwilligung des Onkels zu bezweifeln. Von diesem ins Meer gestürzt, war er nicht umgekommen, sondern nur schwer erkrankt an den Verletzungen durch den Sturz und hatte dadurch die Familie des Lords aus den Augen verloren. In dieser Weise lösen sich die Verwirrungen des leichtgeschürzten Knotens. Eine Heirat der jungen Liebenden macht den glücklichen Schluß. Dies Stück, das man an jenem Abende zum ersten Male gab und das, gut gespielt, auf uns in Deutschland einen schmerzlichen, erschütternden Eindruck hervorbringt, machte in Italien eine ganz entgegengesetzte Wirkung. Schon in den ersten Szenen, als der wahnsinnige Lord dem Doktor klagt, daß seine Frau geisteskrank sei, fing das Publikum zu lachen an. Man fand es sehr spaßhaft, daß jemand sich in seinem Wahnsinn für den Verständigen und die Verständige für toll halte. Bei jedem Wort des Lords, bei seinen Klagen über den traurigen Zustand seiner Gemahlin wuchs das Lachen. Weder das vortreffliche Spiel des ersteren noch das meisterhafte der Ristori erweckten ein trauerndes Mitgefühl, die Heiterkeit ward von Szene zu Szene allgemeiner; jedem Anfall von Raserei des Lords folgte größere Lachlust, und als endlich der Arzt dem Lord sein Geheimnis entlockte, als man erfuhr, wie er aus Eifersucht den Liebhaber seiner Frau ermordet habe und darüber wahnsinnig geworden sei, kannte das ausgelassene Gelächter keine Grenzen mehr. Man klatschte Beifall, man klopfte mit den Stöcken, es war ein solcher Jubel, daß ich glaubte, der Paroxysmus sei epidemisch geworden und man werde nicht zu Ende spielen können, was dennoch geschah. Die Erklärung für diese Erscheinung liegt aber ebensowohl im Charakter der Italiener als in den Landessitten; und wenn man diese in Betracht zog, hätte man die Wirkung des Schauspiels im voraus berechnen können. Im Italiener ist keine Spur von Sentimentalität, keine Neigung zu selbstquälerischem Leid, kein lebhaftes Mitgefühl für all das, was wir häuslichen Jammer nennen. Das Volk lebt im ganzen körperlich ein zu gesundes Dasein, ist noch auf einer zu primitiven Stufe der Seelenentwicklung, um Sinn zu haben für schweigendes Leid, um die Wollust des Schmerzes lieben zu können. Es will froh sein, genießen und voll genießen; deshalb verlangt es auch auf der Bühne nach Erheiterung oder nach schönem, erhabenem Schmerz. Die Leiden einer Antigone, eines Ödipus, einer Francesca da Rimini flößen ihm Achtung ein. Der Italiener lauscht mit Verehrung dem eisernen Schritt, mit dem ein großes Schicksal über die Erde schreitet; er hat Mitgefühl für den Schmerz eines Helden, eines Menschen, der im Kampfe mit dem Schicksal ringt; aber er will nicht auf der Bühne durch kleines, aus Mißverständnissen erwachsenes Elend gemartert sein. Melodramen machen selten Glück, und ganz kurz vor dieser Aufführung war auch »Yelva« in aller Form durchgefallen. Wie sich das Volk im Leben selbst die Erinnerung an den Tod fernzuhalten strebt und statt »er ist gestorben« gern die Redensart wählt: »e andato in paradiso« (er ist ins Paradies gegangen), so vermeidet es auch, sich in Gram zu versenken, den es von sich fernhalten kann. Schweigend die Untreue seiner Gattin zu ertragen wie Lord Harvey, das scheint einem Italiener lächerlich und unwahrscheinlich. Einer jungen, schönen Frau zuzutrauen, daß sie neben ihrem tollen Manne, der sie für wahnsinnig hält, sich ruhig in einer abgeschiedenen Einsamkeit einsperren lasse, fällt ihm nicht ein. Sie müßte ihn ja, wenn sie wirklich verständig wäre, in das Irrenhaus schicken und mit einem Liebhaber in Hydepark Corso fahren. Daß sie dies nicht tut, findet man abgeschmackt, unklug und keineswegs heroisch oder erhaben; und wenn endlich der Lord wahnsinnig wird über die Untreue seiner Frau oder darüber, daß er einen Nebenbuhler umgebracht, wozu er nach italienischen Begriffen ein vollkommenes Recht hat, so sind dies Grillen und Torheiten, die man eben nur den grillenhaften Engländern zutraut und an den ewig verspotteten Söhnen Albions denn auch als unerklärliche Torheiten belacht. Bei dieser Auffassungsweise war es kein Wunder, wenn das Schauspiel die ungemessenste Heiterkeit erregte. Man sah Menschen sich in Jammer quälen, in Tränen zerfließen, die gar keine Veranlassung dazu hatten; und die Lady, welche nach italienischen Begriffen noch allein berechtigt gewesen wäre, den Verstand zu verlieren, falls sie keinen neuen Liebhaber finden konnte, blieb auch ohne diesen Trost bei voller Vernunft neben dem rasenden Gatten. Diese heitere Ansicht wirkte denn auch so ansteckend, daß wir in Rom über dies Melodrama ebenso herzlich lachten, als wir in Deutschland darüber geweint hatten. Ernsthaft wurden wir erst wieder bei einem darauffolgenden Lustspiel, »Der Schuhmacher«, in dem die Not der Armen durch einen Schatz geendet wird, welchen der trunkene Mann in einem alten Topfe entdeckt, den er aus Ärger zerschlägt. Das Stück war niedrig-komisch angelegt; aber die Entartung aller edleren Empfindungen durch Not und Elend hatte etwas so Trauriges, daß wir ganz davon zerdrückt nach Hause kamen. Die Preisverteilung der Akademie von San Luca auf dem Kapitole Eine Preisverteilung! Dabei denkt man in Deutschland an einen großen, grauen Saal, an schwarzgekleidete Männer mit feierlichen Mienen, an lateinische Reden und Langeweile. In dem fröhlichen Italien wird aber alles zum heitern Feste gemacht, Lichtglanz und Farbenpracht dürfen nirgend fehlen. Sie zeigten sich in reicher Fülle bei der Preisverteilung auf dem Kapitole, welche die Akademie der schönen Künste alle zwei Jahre veranstaltet und bei der sowohl Frauen als Männer zur Konkurrenz berechtigt sind. Es war am 12. März, als wir die prächtige Cordonata hinanstiegen, die zum Kapitole emporführt. Heller, warmer Nachmittagssonnenschein leuchtete vom blauen Himmel nieder. Die Kolosse an der Treppe sahen ordentlich verjüngt aus, und so lebenswarm erschien die ganze Natur, daß es mich nicht zu wunderbar gedeucht hätte, wenn selbst diese grauen Steinriesen in dem neuen Weben des Frühlings auch lebendig geworden wären. Geschmückte Römerinnen in dem grellen und doch nicht unschönen Farbenreichtum ihrer Kleidung wanderten an dem Arme männlicher Begleiter dem Kapitole zu. Spielende Kinder aus dem Volke blickten mit flüchtiger Neugier die vorübergehenden Fremden an, deren Sprache ihnen auffiel, und setzten dann ruhig den unterbrochenen Zeitvertreib fort. Was kümmert ein fröhlich spielendes Kind das Ereignis des Tages oder der ernste historische Boden, auf dem es den Tummelplatz seiner Freuden findet? Kinder sind die alleinigen Repräsentanten harmlos genießender Gegenwart. Wir andern denken und sorgen, fürchten und hoffen, aber wir genießen nicht mehr. Unsere Bestrebungen, Wünsche und Leidenschaften drängen uns aus der Vergangenheit, die uns oft nur wenig von dem Erhofften gewährte, so rasch der Zukunft entgegen, von der wir Erfüllung erwarten, daß wir nicht Zeit, nicht Kraft, nicht Mut haben, die kleine, flüchtige Minute festzuhalten, welche wir Gegenwart nennen. Auch mich und meine Begleiter zog die Erinnerung dessen, was hier auf dieser Stelle Welthistorisches geschehen war, für Augenblicke von dem heitern Schauspiele ab, das uns umgab. Hier waren die Triumphatoren des alten Roms vorübergezogen, um in dem Tempel des kapitolinischen Jupiters ihre Lorbeeren und Trophäen zu opfern; hier von dieser Treppe hatte Rienzi zum Volke geredet; hier war Tasso gekrönt worden. Dort unten, an der linken Seite der Straße, lag das Haus des Michelangelo Buonarroti, welcher diese stattliche Treppe erbaute und den Plan entwarf zu den drei Palästen, die jetzt den Kapitolinischen Hügel schmücken: das Kapitol, der Palast der Konservatoren und das Kapitolinische Museum. Indes die Notwendigkeit, zur bestimmten Stunde in der Sitzung der Akademie einzutreffen, machte dem Nachdenken und den Betrachtungen bald ein Ende, und von der herbeiströmenden Menge fortgezogen, eilten wir ins Kapitol. Die Freitreppe und der Balkon, welche in den großen Saal, die Aula massima capitolina, führen, waren mit reichen, alten Hautelissetapeten zeltartig überkleidet. Sie verbreiteten ein Halbdunkel, gegen welches die Kerzenbeleuchtung im Saale um so glänzender erschien, obgleich man eben erst den hellen italienischen Sonnenschein verlassen hatte und also an eine Fülle des Lichtes gewöhnt war. Der Saal ist ein großes, längliches Viereck, stolz und frei gewölbt. Am obern Ende befindet sich auf hoher Estrade der päpstliche Thron von rotem Sammet mit dem Bilde des regierenden Papstes darüber. Rechts und links stehen die Sessel für die Mitglieder der Akademie von San Luca, und ein wenig tiefer sind die Plätze der siegreichen Konkurrenten. Unterhalb der Estrade ziehen sich im Saale, von einem Gitter umgeben, die Bänke hin, welche den Senatoren, den Kardinälen und den übrigen Personen bestimmt sind, die durch Geburt oder Ämter das Vorrecht genießen, bequemer zu sitzen als ihre übrigen Mitbürger. Dem Throne gegenüber befindet sich ein Chor für die Musik, und an den beiden langen Seitenwänden laufen Galerien hin für die Frauen, welche in Rom bei keinem Feste fehlen. Das ist ebenso schön als natürlich. In einem Lande, in dem die Jungfrau göttlich verehrt wird, muß folgerecht allen Frauen gehuldigt werden, und wirklich ist das äußere Verhalten der Italiener gegen das weibliche Geschlecht so rücksichtsvoll und gesittet, daß man Italien in dieser Beziehung das Paradies der Frauen nennen könnte. Als wir in der Aula anlangten, waren im Saale schon alle Bänke besetzt, die Gänge voll von Stehenden, unter denen man selbst Frauen bemerkte, weil auch die Galerien bereits gefüllt schienen. Die Hitze war sehr groß, unsere Begleiter sahen sich vorsorglich nach einem möglichst guten Platze für uns um, als ein paar Herren, welche zu den Festordnern gehörten, sich gastlich der fremden Frauen annahmen und uns zu den reservierten Sitzen auf die Galerie führten. Von hier aus konnte man den ganzen Saal bequem übersehen. Die Balustraden der Galerien waren mit blauen und roten, silberbesetzten Draperien behängt, und ein reicher Kranz schöner Frauen von allen Nationen sah bei der prächtigen Beleuchtung durch acht riesige Kronleuchter doppelt blühend und festlich aus. Unten in dem Saale saßen die Akademiker in ihrer reichen, an die Napoleonischen Uniformen erinnernden Kleidung. Rotstrümpfige Kardinäle, die roten Hüte in den Händen, Ordensgeistliche in den verschiedenfarbigen Trachten und die Gesandten auswärtiger Mächte in ihren Galauniformen bildeten zusammen ein prächtiges Ganze. Eine große Ouvertüre eröffnete, nachdem alle Teilnehmer an der Feierlichkeit versammelt waren, das Fest. Dann hielt ein Akademiker, der auf einem Katheder stand und das obligate Zuckerwasser neben sich hatte, eine jener langen Reden, wie sie bei solchem Anlaß in all den Ländern üblich sind, in denen man nicht sagen darf, was man sagen möchte, und doch eine bestimmte Zeit sprechen muß, damit es klingt, als würde etwas gesagt. Mitten in dieser Rede, welcher man geringe Aufmerksamkeit zollte, entstand plötzlich im Publikum eine gewisse Aufregung. Alle Blicke wendeten sich nach den Plätzen der Kardinäle. Mein Auge folgte der angedeuteten Richtung, und ich sah die Kardinäle und Beamten sich von ihren Sitzen erheben, einen jungen Mann zu begrüßen, der im schwarzen, bürgerlichen Frack schnell und mit Heiterkeit unter sie trat. Es war der Großfürst Konstantin, der zweite Sohn des Kaisers von Rußland, ein schlanker, frischer Jüngling, hochgewachsen und offnen, geistreichen Angesichts. Er nahm zwischen den Kardinälen Platz, und die Preisverteilung begann. Den ersten Preis für Malerei erhielt eine Dame. Wir hatten sie – die einzige Frau – unter den Männern sitzen sehen, welche zu dem eigentlichen Festpersonal gehörten. Sie war nicht mehr in der ersten Jugend, zeigte aber jenen edeln römischen Typus der Gesichtsbildung und Gestalt, der durch alle Lebensalter schön und gebietend bleibt. Zu ihrer bleichen Farbe, zu dem schwarzen, glattgescheitelten Haar, das ein kleiner Goldreif um die Stirne einschloß, zu den mächtigen, dunkeln Augen paßten die schwarze Kleidung und der lange, schwarze Schleier vollkommen. Als ihr Name genannt wurde und sie sich erhob, das Diplom und die goldene, auf violetter Schleife befestigte Medaille zu empfangen, erscholl laut ein mehrfaches »Brava!«. Die Italiener wollen sich nicht still und innerlich freuen oder betrüben; sie lassen es sich nirgend nehmen, Gefallen und Mißfallen öffentlich und entschieden auszudrücken. Der Präsident der Akademie händigte die Medaille dem ersten Kardinale zur Übergabe an die Siegerin ein. Dieser stand auf und reichte sie dem jungen Großfürsten, der anfangs die Ehre ablehnen zu wollen schien, dann aber der sich verneigenden Dame den Orden übergab. Die Szene hatte etwas sehr Anmutiges, das die Einförmigkeit solcher Feste auf gefällige Weise unterbrach. Nach dem Empfang der Medaille nahm die Dame, welche späterhin noch einen zweiten Preis erhielt, den Mittelplatz unter den Konkurrenten ein, und die Zeremonie ging nun den gewöhnlichen Gang. Die Kardinäle übergaben den Künstlern die Medaillen, empfingen dafür von den Frömmern einen dankbaren Handkuß, und bald waren die neun Sessel durch die aufgerufenen neun Sieger besetzt. Nur die Signora erinnerte an das stolze Volk, dem sie angehörte; die Männer, alle etwa zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt, waren weder schön noch bedeutend und kräftig. Nach der Preisverteilung begann der Vortrag neuer Dichtungen von den Mitgliedern der Akademie. Wer nie italienische Verse von Italienern deklamieren gehört hat, kann sich von dem befremdlichen Pathos, von dem gewaltsamen Skandieren kaum die richtige Vorstellung machen. Es ist ein ganz bestimmter Tonfall, in dem sich die Stimme auf und nieder bewegt und der, weil er sich gleichmäßig wiederholt, zuletzt etwas Einschläferndes bekommt. Außerordentlich pomphafte Dinge über die Größe Roms, über den Ruhm der alten italienischen Dichter wurden auf diese Weise vorgetragen und mit lautem Beifall begrüßt. Der zuletzt Auftretende war ein Greis, seine Dichtung sehr lang und seine Stimme so schwach, daß sie den Saal gar nicht zu füllen vermochte. Dabei zeigte sich denn einmal jene allerdings oft auftauchende Lieblosigkeit und Härte im Charakter der Italiener. Nicht die geringste ehrende Rücksicht nahm man auf das graue Haupt des greisen Dichters. Man lachte, sprach, rief hie und da ein spöttelndes »Ah bravo!«, und niemand ward besänftigt durch die immer wachsende Verlegenheit des alten Mannes. Es war gar zu grausam. Endlich, als er seine Vorlesung geschlossen hatte, empfingen ihn wenigstens die Akademiker selbst mit großer, achtungsvoller Freundlichkeit. Ich konnte es nicht ohne tiefe Rührung ansehen, wie er dies Entgegenkommen ablehnte und sich erschöpft auf seinen Sessel warf. Von allen Roheiten sind diejenigen die schlimmsten, welche übermütig gegen Wehrlose begangen werden. Die Kindheit, die Frauen und das Alter ehren heißt sich selbst einen Adelsbrief ausstellen; und vornehmlich das hinfällige Alter hat liebevolle Rücksicht zu fordern, weil nach einem tatkräftigen Leben das Bewußtsein von dem Schwinden der Kraft so schwer auf dem Menschen lastet. Den Schluß des Festes machte ein Oratorium, das der philharmonische Verein vortrefflich ausführte, obgleich Text und Musik wunderlich genug waren und gar nicht zueinander paßten. Das kümmert aber in Italien niemand, wo man mit den Kirchenglocken die Tarantella und den Saltarello läutet. Die Personen des Oratoriums waren: Raffael Sanzio d'Urbino, Michelangelo Buonarroti, der Genius von Rom und ein Chor der schönen Künste. Dieser Chor der schönen Künste trat unisono auf und invitierte die großen Genien der Vergangenheit aus dem Schattenreiche ans Tageslicht hervor. Michelangelo hört es zuerst und erscheint, offenbar sehr verdrießlich, weil er aus dem Schlafe gestört worden ist und die elende Jetztzeit des Erwachens nicht wert findet. Gleich darauf ermuntert sich Raffael und fängt an, so süß zu plaudern wie ein gut ausgeruhtes Kind. Einer hört die Stimme des andern, sie rufen sich verwundert und zweifelnd bei Namen, erkennen sich wieder und beginnen ein Duett. In diesem musikalischen Zwiesprach stellt es sich heraus, daß Michelangelo jetzt auf Erden alles höchst abscheulich findet, die Zeit klein, die Menschen erbärmlich, die Kunst gesunken. Er ist in übelster Laune und möchte Menschen und Welt vernichten. Der sanfte Raffael wird davon schmerzlich berührt und sucht ihn zu begütigen; der Genio di Roma tritt ebenfalls vermittelnd dazwischen, und der alte Brummbär Michelangelo gibt sich gefangen nach langem Zureden der beiden andern und nach langem Selbstlob des Chors der schönen Künste. Endlich kommen alle dahin überein, daß die Jetztzeit ebenso groß als die Vergangenheit sei und die lebenden Künstler Raffaels und Buonarrotis vollkommen würdig. Sie danken Gott dafür, segnen den irdischen Beherrscher Roms, prophezeien der Stadt alles mögliche Große und Gute und schließen, indem sie nach italienischen Opernmelodien singen: »Es lebe der Papst, der Vater der Tiber, es lebe der Hirte, der König!« Den Zorn des ergrimmten Michelangelo sich in süßen italienischen Gesängen Luft machen zu hören dünkte uns sehr ergötzlich, und in der heitersten Stimmung verließen wir das Kapitol. Der Anblick, der sich uns beim Austritt aus demselben darbot, war überraschend schön. Der große Platz, die prächtige Cordonata waren mit Pechfackeln erhellt, und Marc Aurels kolossale Reiterstatue streckte gebieterisch den Arm durch die Nacht, als wolle er das neue Geschlecht von dannen scheuchen, das zu wandeln wagte, wo er seinen Triumphzug gehalten. Kastor und Pollux, die Armaturen und die Löwen schienen noch einmal so groß in der Fackelbeleuchtung, und über diese Kriegstrophäen der alten Römerzeit sah still und ernst die schmucklose Fassade der Kirche von Aracoeli hernieder. Unser Wagen fuhr langsam den Kapitolinischen Hügel hinunter. Plötzlich blickten wir erstaunt empor. Man hatte die ganze Straße, welche vom Kapitol nach dem Forum Romanum führt, ebenfalls mit Pechfackeln erleuchtet, damit auf dem steilen Wege im Herabfahren kein Unglück geschehe. Nun fiel das dunkelrote Fackellicht auf diesen schönsten, poetischsten Platz von Rom, vielleicht den schönsten auf der Erde. Schlank und in stiller Majestät standen sie da, die Säulen jener gesunkenen Tempel. Die in Trümmer zerfallenen Mauern lagen an ihren Sockeln umher, aber frei, stolz und zierlich ragten die schönen Säulen zu dem sternenbesäten Nachthimmel empor wie Göttergedanken in dem Haupte eines Menschen, dessen geistige Kraft und Schönheit kein Schicksalswechsel und keine irdische Macht zerstören kann. Aus dem Karneval Endlich war er angebrochen, der heilige Valentinstag, der den Karneval mit sich bringt. Den Karneval! den ganz Rom ersehnt, der jedem und wäre es auch nur eine frohe Stunde bringt. Aber was für ganz Rom der laute Künder froher Feste ist, das beginnt in Stille mit der sich ewig wiederholenden Kränkung der unglücklichen Bewohner des Ghetto. Der erste Akt des Karnevals spielt in dem Saale der Konservatoren auf dem Kapitol, wo die Abgeordneten der Judenschaft dem Senate und den Bürgern der Stadt Rom einen Tribut – jetzt nur noch figürlich in einem Blumenstrauße – entrichten und dafür die Erlaubnis erhalten, noch ein Jahr länger in Rom verweilen zu dürfen. Zwei Deutsche hatten dieser traurigen Zeremonie auf dem Kapitole beigewohnt. Der eine ein lebengeprüfter, doch heiterer Mann auf der Mittaghöhe des Daseins; der andere in jenem glücklichen Alter, in dem der Frohsinn des Jünglings, sich mit dem Nachdenken des Mannes verbindend, die Genußfähigkeit steigert. Der ältere hieß Alwyl, Hermann der jüngere. Ein zufälliges Begegnen auf der Reise hatte sie zueinandergeführt, ihre Seelen sich gefunden, sie waren Freunde geworden in der edelsten Bedeutung des Wortes. Und wie in dem Gefühl Alwyls sich etwas von der Liebe eines Vaters zeigte, der in dem Sohne die eigene Empfänglichkeit der Jugend widergespiegelt sieht, so mischte sich in die Freundschaft, welche Hermann für jenen hegte, eine Art von Sohneszärtlichkeit, die sich achtend und liebend unterzuordnen strebte. Tieferschüttert durch die auf dem Kapitole erlebte Szene, gingen sie schweigend einher, bis Alwyl in heftigen Worten seiner Erbitterung gegen diese, gegen jede Art von Unterdrückung Luft machte. Hermann fühlte wie er, hörte ihm aufmerksam zu, doch plötzlich flog ein Lächeln über sein Gesicht, und Alwyl, der es bemerkte, fragte nach der Ursache desselben. Sie waren bei der Ripresa dei Barberi in den Corso getreten und mußten eine Weile stehenbleiben an der Ecke des Venezianischen Palastes. Die Tribünen, welche hier aufgeschlagen sind, waren schon voll von geputzten Männern und Frauen. Aus den Fenstern des Venezianischen Palastes sahen vornehme, schwarzäugige Römerinnen auf das sich allmählich belebende Schauspiel herab. Aber noch ruhten die Buketts unberührt in den zierlichen Körben, noch schonte man die eleganten Bonbonnieren. Der Karneval tagte erst, noch war niemand recht erwacht, man fing erst an, sich zu ermuntern und die Glieder zu regen. Für Alwyl hatte das ganze Schauspiel den Reiz der Neuheit, er erlebte den Karneval zum ersten Male in Rom. Hermann war schon im vorigen Jahre anwesend gewesen, und auf die wiederholte Frage des Freundes, was sein glückseliges Lächeln bedeute, gestand er, daß ihm plötzlich eine schöne Erinnerung des letzten Karnevals in der Seele auftauche. »Ich sah im vorigen Karneval gleich in den ersten Tagen eine junge Römerin in griechischer Maske«, sagte er. »Sie glauben nicht, Alwyl, wie schön sie war! Hoch, schlank, voll, flammend wie eine Italienerin und dabei doch der süßeste Liebesblick, den je ein weibliches Auge gehabt hat. So mag Julia ausgesehen haben –« »Und Sie möchten den Romeo machen!« ergänzte Alwyl. »Warum denn nicht?« fragte Hermann fröhlich. »Sie, bester Freund, würden sich ebenfalls nicht lange besinnen, die Rolle zu übernehmen, wenn Sie die Griechin sähen. Ich warf ihr mein schönstes Bukett zu, sie dankte mir mit einem Veilchenstrauße, den ich aufhob und den – lachen Sie mich nicht aus – ich aufbewahrt habe. Ich sagte mir damals, es geschähe, weil es der erste Strauß sei, den mir eine Römerin zugeworfen habe. Frage ich mich aber ehrlich, so bewahrte ich ihn um des Mädchens willen.« »Das ist natürlich! Aber blieb es denn bei diesem einen Begegnen?« »Oh, nein!« rief Hermann und wurde lebhafter, je länger er erzählte. »Ich sah sie täglich; entweder an dem Fenster, an dem ich sie zuerst erblickte, oder in einem stattlichen Wagen in Begleitung älterer Frauen, die mir ordentlich hübsch vorkamen, weil der Jugendglanz meiner Griechin auf sie strahlte. Unsere Sträuße flogen täglich reichlicher. Die Griechin kannte mich, ich sah es oft, wenn ich die Straße entlangkam, daß ihr schönes Auge jemand suchte, und es schien den Gesuchten gefunden zu haben, wenn es mich erblickte. – Aber Sie werden mich für einen eiteln Gecken halten!« unterbrach er sich plötzlich. Alwyl lächelte. »Fürchten Sie das wirklich, lieber Hermann?« fragte er. »Dann erzählten Sie es mir nicht. Sie wissen wohl, meine eigene Jugend ist mir nicht ferngerückt, ein Teil jener leichten Empfänglichkeit ist mir geblieben, und ich betrachte diese fast als das kostbarste Gut, welches ich aus der Harmlosigkeit der Jugend in das Mannesalter hinübergerettet habe. Es erfreut mir das Herz, wenn ich Ihnen zuhöre, darum fahren Sie nur fort, ich bin gespannt auf das Ende.« »Ja, ein Ende hat es eigentlich nicht!« sagte Hermann. »Wie? kein Ende, was heißt das?« »Ich meine, daß ich grade jetzt darauf hoffe, es solle einen Anfang haben, daß ich zuversichtlich darauf rechne, ihr wiederzubegegnen.« »Und haben Sie denn nicht erfahren, wer sie ist? Haben Sie Ihre Griechin das ganze Jahr nirgend gesehen?« »Nein! nirgends Sie kennen ja die Weise, in der die römischen Familien ihre Töchter unter Schloß und Riegel halten. Nur am Karneval erscheinen sie in der Welt; und ich glaube, die Seligkeit der Freiheit ist es, die ihnen während des Festes den unwiderstehlichen Frohsinn, den hinreißenden Zauber gibt.« »Aber warum fragten Sie nicht in dem Hause, in dem Sie sie sahen, um den Namen des Mädchens?« »Das tat ich schon am zweiten Tage«, rief Hermann. »Indes man wußte ihn nicht, sie wohnte nicht in demselben. Ein Abbate hatte den Balkon gemietet, die Vermieter kannten nur ihn, nicht die Namen seiner Gäste, denn das waren die Damen. Jeden Tag mit dem Glockenschlage zwei war ich auf meinem Posten, beladen mit Kamelien und kleinen Spielereien, für die Griechin bestimmt. Es war hohe Zeit, daß mein Bankier am 1. März meine neuen Wechsel sendete, denn wie der geschickteste Taschenspieler hatte ich meine harten silbernen Taler in duftende Blumen verwandelt. So ging es die ganze Karnevalswoche durch, und zu meiner besondern Freude sah ich nie einen jungen Mann in der Nähe der Griechin, nur den alten Abbate und die Damen. Das beruhigte mich.« »So weit ging es also doch ins Herz hinein, bis zur Beruhigung der Eifersucht? Übrigens ist hier ein alter Abbate eben nicht die sicherste Schutzwehr der Schönheit.« »Oh, bei Giuditta ist davon nicht die Rede! Bei Giuditta, wenn Sie sie gesehen hätten, fiele Ihnen kein Zweifel ein. So schuldlos, so rein sieht die Lüge nicht aus.« »Giuditta! Und Sie sagten mir doch, Sie wüßten den Namen nicht!« »Nur den Taufnamen weiß ich. Am Moccoliabend, als das Gedränge fast vorüber war, als alles nach Hause eilte und ich die alten Damen mit dem Abbate davongehen sehen, da weilte ich unwillkürlich noch einen Augenblick unter dem Balkon, auf dem meine Karnevalssonne versunken war. Plötzlich höre ich eine liebliche Stimme neben mir italienisch die Worte sagen: ›Ich habe meine Tanten verloren, begleiten Sie mich nach Hause, ich fürchte mich, allein zu gehen.‹ Ich wendete mich um, es war meine Griechin. Ich bot ihr meinen Arm, und weil ich ihr in der Freude meines Herzens sehr viel sagen wollte, sagte ich, so dünkt mich, gar nichts. Ich war ganz entzückt von ihrer Schönheit, von ihrer Stimme, als ich sie aber um ihren Namen fragen wollte, trat der Abbate mit den Worten: ›Giuditta! wie haben Sie uns geängstigt!‹ an sie heran. Sie machte sich dankend von mir los und gab dem Abbate den Arm, der sie nach einem Wagen führte. Ich eilte nach. Ich fragte, ob ich sie wiedersehen würde. Sie antwortete nicht, aber sie grüßte freundlich mehrmals mit der Hand. Der Abbate, die Tanten grüßten ebenfalls. Ich folgte dem Wagen, indes schon in der Via Cesarini verlor ich ihn, da er dort schneller fahren konnte, aus dem Gesichte, und der Roman ist zu Ende.« Zwei zierliche Römerinnen traten dazwischen, reichten jedem der beiden Freunde ihre Sträuße dar, empfingen Bonbons dafür und eilten flüchtigen Schrittes davon. Der Corso wurde immer belebter. Von allen Balkons und aus allen Fenstern flatterten die farbigen Teppiche, welche der Straße ein festlich geschmücktes Ansehen geben; feierlich saßen die englischen Mamas mit den streng gefalteten Mienen schon lange auf ihren Posten; daneben der teilnahmslose Gemahl und die blonden Töchter, mit unbefriedigter Neugier die Szene betrachtend. Das war nicht der Karneval, den sie erwartet hatten, das war nicht der Karneval, für den sie die Balkons so teuer bezahlten. Wie Bilder der Langweile saßen sie da und blickten fragend jeden Vorübergehenden an, ob er vielleicht den Karneval machen und bringen werde. Aber das ist grade das Schöne am römischen Karneval, daß er nicht bestellt, nicht befohlen, nicht gemacht wird, sondern daß er sich von selbst macht, indem man einmal im Jahre die Schranken wegräumt, welche die Menschen voneinanderhalten, und ihnen die Freiheit gibt, frei und in ihrer Freude darüber so liebenswürdig als möglich zu sein. Jeder Unterschied des Standes hört auf. Der schlanke Minente reicht freundlich der schönen Herzogstochter sein Bukett in den Wagen hinein und darf darauf rechnen, daß die Huldigung, die er anspruchslos ihrer Schönheit darbringt, mit heiteren Lächeln angenommen und mit Blumen erwidert wird. Von Frauen und Männern werden den schönsten Trasteverinerinnen Zeichen des Wohlgefallens an ihrer Schönheit zuteil; die Schönheit, die Anmut sind für diese Tage die Alleinherrscher über Rom. Die ersten Masken künden den Regierungsantritt der neuen Herrschaft an, und mit dem feierlichen Aufzug des Senators von Rom legen der Ernst und alles Hergebrachte für den kurzen Zeitraum von acht Tagen ihr Regiment nieder. Sie sehen stattlich aus, die Bürgerssöhne, die fedeli del Capitolio, welche in reicher Uniform vor den altertümlichen Prachtwagen des Senators und seines Gefolges herreiten, wenn er von der Piazza del Popolo hinaufzieht den Corso entlang bis nach der Piazza Venezia. Aber dicht hinter dem feierlichen Zuge, dem die Menge Platz machte, schließt sie sich wieder, und Arlecchino und Pulcinello springen jubelnd ihm nach. Arm in Arm gleiten die üppigen und doch leichten Frauengestalten durch das immer wachsende Volksgewühl. Die kurzen, seidnen Röckchen lassen die leichte, elastische Bewegung des Fußes sehen, der enge, schwarze Sammetspenzer enthüllt die schöne Form des Oberkörpers, und unter der kleinen, schwarzen Polenmütze fliegen die leuchtenden Blicke nach allen Richtungen umher, den Erwählten zu suchen oder eine Wahl zu treffen. Indes der Sonnabend ist nur das Vorspiel für den eigentlichen Karneval, das Stimmen der Instrumente für die große Festoper, die am Montage beginnt. Nur versuchsweise kommen die Wagen auf den Corso, nur noch sparsam werden die Sträuße geworfen, und noch haben die Knaben ein leichtes Spiel, welche die fehlgeworfenen Buketts zwischen den Wagen auflesen und als gute Beute, aufs neue in Körben geordnet, verkaufen. »Wie freut es mich«, sagte Alwyl, »endlich einmal ein Fest zu erblicken, bei dem das Volk nicht nur der geduldete Teil ist, bei dem die Reichen nicht vornehm zusehen, auf welche Weise die niedern Stände sich belustigen. Wie erquickt es mich, endlich einmal ein Volk von ›Menschen‹ zu sehen, in dem jeder Unterschied der Verhältnisse aufgehört hat und in dem grade darum die höchste Wohlanständigkeit herrscht.« »Sehen Sie das schöne Mädchen, die oben auf dem zurückgeschlagenen Wagen sitzt«, rief Hermann. »Diese reizende Tochter des Regimentes in ihrer kleidsamen Uniform ist die Schwester meines Wirtes, eines ehrbaren Schuhmachers, und die starke Frau neben ihr ist die Mutter des –« Ein lautes Lachen der Umstehenden unterbrach die Rede. Mit großer Leichtigkeit war ein gewandter Wilder auf den Wagentritt gesprungen und hatte der starken Padrona ein paar große Orangen auf den Busen gelegt. Der Einfall ward belacht. Die Donna Romana lachte mit den andern, ließ die Orangen einen Moment liegen, steckte dann Blumen in die Früchte und warf sie dem kecken Burschen wieder zu, der sich in einiger Entfernung gehalten hatte, den Erfolg seiner dreisten Neckerei abzuwarten. Die Männer aus dem Wagen sendeten dem Übermütigen reiche Ladungen von Konfetti nach, denen er sich durch die Flucht entzog, während er die zurückerhaltenen, blumengeschmückten Orangen einer andern schlankeren Schönheit verbindlich überreichte. Mannigfach unterhalten, gelangten die Freunde bis auf die Piazza Colonna, wo von der schönen Säule des Antonin ein langweiliger Heiliger langweilig auf das frohe Treiben hinabschaut, während auf dem im Hintergrunde liegenden Postgebäude die Balkons mit den Schülern der geistlichen Seminare besetzt sind, denen man wie immer das Leben nur aus täuschender Entfernung zeigt. Sie sehen nicht die lachenden, glückseligen Mienen der jungen Burschen und Mädchen, sie hören nicht das freundliche Wort, die zärtliche Gegenrede; sie können die Melodien der Musik nicht unterscheiden, die am Palast Ruspoli ihre fröhlichen Weisen erschallen läßt. Nur ein unklares Gewühl erscheint vor ihren Augen, nur wilder, verworrener Lärm dringt betäubend an ihr Ohr, und man sagt ihnen: »Das ist die Welt und ihre höchste Lust!« Wie traurig sehen die armen Kinder aus in ihrer farblosen Tracht, wie sie so dastehen, einer neben dem andere, ohne Teilnahme, ohne Heiterkeit in der allgemeinen Freude. Und es klopft doch heißes italienisches Blut in ihren Adern, es regt sich warmes Jugendleben in ihren Herzen, das man zwar begraben, aber nicht ersticken kann unter dem schwarzen Leichentuch des Priestergewandes, welches man schon in der frühsten Jugend über sie breitet. Wie anders sind die Fenster des Palastes Ruspoli besetzt, den die schönsten Damen der vornehmen Gesellschaft in Beschlag genommen haben. Bellinis und Verdis Opernmelodien erklingen; unten auf den Stühlen, die man auf das Trottoir gestellt, sitzen die schönen Bürgertöchter Roms in der vielfarbigen Landestracht. Männer von allen Nationen drängen sich heran, den Blumenflor römischer Schönheit zu mustern; und wie Blumen in gottgegebener Schönheit unbefangen strahlend, lassen sie sich anstaunen, diese flammenden Kinder des Südens. Oben in dem Palast flüstern die Abbate und Monsignori, über die Stühle der Damen gelehnt, in dem süßen Wohllaut der Sprache süßere Worte; sie haschen die Sträuße, welche in die Fenster fliegen, und verschmähen es nicht, da ihnen das Herumgehen auf dem Corso untersagt ist, in nächster Nähe Ersatz für dies Verbot zu suchen oder ein kleines Kreuzfeuer von Blumen und Blicken nach einem der gegenüberliegenden Fenster einzuleiten. Es soll ja jeder und es will auch jeder sein angemessen Teil an der Karnevalsfreude genießen. Die beiden Deutschen waren von der Menge getrennt worden. Alwyl hatte einen Balkon erreicht, von dem er dem Pferderennen zusehen wollte, als Hermann heraufkam und freudestrahlend ausrief: »Meine Griechin ist da und schöner als je!« »Wo denn?« fragte der andre. »An der Ecke der Via Frattina! Und nun leben Sie wohl, denn ich muß hin, ich muß wissen, wer sie ist, wo sie wohnt. Sie hat mich erkannt. Dies ist der Strauß, den sie mir zugeworfen hat. Adieu!« Vergebens rief Alwyl ihn zurück, um einige Verabredungen für den Abend mit ihm zu treffen; er war nicht zu halten und eilte die Straße hinauf, in der bereits die Dragoner zweimal vorübergesprengt waren, um Bahn zu machen für das Rennen der Pferde. Die Wagen verließen den Corso, in die Seitenstraßen einbiegend, die Fußgänger wendeten oftmals die Köpfe der Piazza del Popolo zu, und plötzlich rauschten sie einher wie die bösen Geister des Wirbelwindes, diese kleinen römischen Pferde. Ohne Reiter, ohne Zaum, mit Rauschgold und Bändern, Federn, Glocken und Blumen geschmückt, von unsichtbaren Stacheln, von brennenden Schwammstückchen heimlich aufs grausamste gequält, vom Schmerze zu fliegender Eile getrieben, so jagen sie vorüber an das Ziel. Schaurige Bilder des Ehrgeizes, der sich unter glänzender Hülle zu Tode martert. Aber das römische Volk empfindet kein Mitleid bei dem grausigen Anblick dieser gepeinigten Tiere. Es klatscht ihnen Beifall und geht befriedigt nach Hause, sobald die Pferde – barberi genannt – an der Ripresa dei Barberi eingefangen und fortgeführt worden sind. Der Sonntag unterbricht in stiller Feier diesen Anfang des Karnevals. Für Hermann verging er viel zu langsam, und vollends der Morgen des Montags schien ihm kein Ende zu nehmen. Er war am Sonnabend dem Wagen seiner Griechin gefolgt, hatte sie in Begleitung der alten Damen, die er vom vorigen Karneval kannte, in einem stattlichen Palazzo der Via Cesarini aussteigen sehen und von einem in dem Vestibüle arbeitenden Schuhmacher erfahren, daß die beiden alten Damen Schwestern, Signora Giuditta ihre Nichte sei. Im Sommer, so berichtete der Schuhmacher, gingen die Herrschaften auf das Land in die Mark, im Herbste kämen sie wieder. Er sagte, die alten Damen hießen Signora Laura und Rosa Marchetti, und Giuditta sei die Tochter ihres Bruders. Auf Hermanns Frage, ob die Damen viel Bekanntschaft hätten, viel Fremde sähen, antwortete er verneinend. Nur Don Luigi, ein Abbate, käme täglich und seit einiger Zeit ein schöner junger Mann. Ein »bel pezzo d'uomo« nannte ihn der Berichterstatter. Schon wollte Hermann sich entfernen, als ihm einfiel zu fragen, in welcher Kirche die Signorina die Messe höre. Er erfuhr, daß dies in del Gesù geschehe, und zwar gewöhnlich am Freitag und am Sonntag. Mit diesen Nachrichten mußte Hermann sich begnügen, aber der junge, schöne Mann wollte ihm nicht aus dem Sinne. Er überlegte, daß zwei alte Damen, welche so einsam lebten, unmöglich plötzlich einem jungen, schönen Manne den Zutritt in ihrem Hause und den Umgang mit ihrer Nichte gestatten würden, wenn sie ihn dieser nicht zum Manne bestimmten. Er dachte grade nicht daran, Giuditta zu heiraten, und doch mißfiel es ihm sehr, daß sie die Frau eines andern werden sollte. Den ganzen Tag überlegte er, wie er es anfange, sie zu sprechen; er konnte kein Mittel dazu finden. Ungeduldig trieb er sich am Montag auf der Passeggiata des Monte Pincio umher, bis der Trompetenschall der Militärmusik ihn nach dem Spanischen Platze rief, wo sich alltäglich die Truppen um zwölf Uhr versammeln, welche die Wache im Corso haben. Mechanisch wanderte er neben der Musikbande die Via del Babuino hinab und den Corso hinauf. Er merkte nicht, daß manche Blicke dem kräftigen, blonden Deutschen folgten, daß manches Bukett ihn zu erreichen strebte. Ohne sich umzusehen, schritt er der Via Frattina zu. Plötzlich stieß er an einen Quacksalber im teefarbenen Sammetrock, gepuderter Perücke, zierlichem Escarpin, die große Brille über die Maske gesetzt. Dieser hielt ihn fest. »Junger Fremder!« rief er, »wie gut hat das Schicksal Euch geführt, das Euch in meine Hände liefert. Ihr seid blind, aber so blind, daß Ihr am hellen Tage über lebende Menschen stolpert. Ein scharfer Pfeil muß Euch in das Auge geflogen sein, irgendeine tückische Nymphe Euch verwundet haben. Haltet still, daß ich Euch untersuche.« Während dieser Anrede stellten sich verschiedene Masken um sie herum, Hermann wollte sich ungeduldig entfernen, versicherte, ganz wohl zu sein, und machte sich mit einiger Heftigkeit von dem Doktor los, der seine Hand gefaßt hielt. Sogleich ließ dieser die Hand fahren und sagte: »Mir kann es gleich sein, wenn Ihr meine Hilfe verschmäht. Es war mir nur um Euch zu tun. Ein Tränkchen von einem schmerzstillenden Mittel wollte ich Euch geben, das wir lacrime della Giuditta, Judithstränen, nennen. Wollt Ihr es nicht, nun denn, so gehabt Euch wohl!« Hermann fuhr überrascht empor. Er eilte dem Doktor nach, er versuchte, den Scherz wieder aufzunehmen, er wiederholte Giudittas Namen mehrmals, aber der Doktor war schon von andern Kranken umringt, verschrieb den hübschen Mädchen tausend Küsse als Lippenpomade, den jungen Männern feurige Blicke als Mittel gegen Erkältung, und Hermann konnte kein Wort mehr von ihm erlangen. Überlegend, ob in diesem kleinen Abenteuer Absicht gewesen sei, ob nur der Zufall sein neckisches Spiel getrieben habe, ging er auf seinen Posten an der Ecke der Via Frattina; der bewußte Balkon war leer. Hermann tröstete sich damit, daß es noch früh sei, daß die Erwartete noch kommen werde. Er fing an, auf und ab zu wandern, aber die Strecke, welche er durchschritt, war nur gering, denn immer wieder kehrte er zurück, zu sehen, ob Giuditta noch nicht angelangt sei. In dieser Unruhe traf ihn Alwyl. »Nun, ist sie da?« fragte er, »und werde ich nun endlich dies Wunder der Schönheit erblicken?« »Nein!« entgegnete Hermann so kleinlaut, daß der ältere Freund zu lachen anfing. »Ich begreife es nicht, wo sie sein muß.« »Vermutlich in einem der Wagen, die heute zu Hunderten durch die Straßen fahren. Kommen Sie mit mir, wir wollen uns umschauen.« Verstimmt und sich dieser Verstimmung als einer Torheit schämend, folgte Hermann dem Freunde. Das Maskengewühl war bunter und bewegter geworden. Mit der Schnelligkeit und Grazie kleiner Eidechsen glitten die Römerinnen zwischen den Wagen umher. Bald redete eine kecke Trasteverinerin in irgendeinem kleidsamen Phantasiekostüm die Freunde an, bald wichen anmutige, in Dominos gehüllte Gestalten ihrer Annäherung aus, rastlos einem bestimmten Ziele folgend. »Ich wette«, sagte Alwyl, »diese beiden Dominos, die wir hier vor uns sehen, sind Frauen der guten Gesellschaft. Sehen Sie, Hermann, diese feinen, geregelten Bewegungen, die Sicherheit der Haltung, die gebrochen ist durch die Scheu vor der Volksmenge. Die Damen suchen kein Abenteuer, aber sie haben wohl einen bestimmten Zweck; denn sie gehen mit Bewußtsein einem Ziele entgegen.« Und so war es. Die Damen in den schwarzen, unscheinbaren, aber doch eleganten Dominos hatten Sträuße von weißen Tuberosen in den Händen, in deren Mitte eine feuerfarbene Nelke brannte. Sie haschten nach keinem der Buketts, die man den Verlarvten von mancher Seite zuwarf, sie erwiderten keine Anrede, keinen Scherz. Plötzlich trat ein hoher, schlanker Mann, ebenfalls in einem schwarzen Domino, ihnen entgegen, er hielt ein Bukett wie das ihre in den Händen, und alle drei schlüpften in das Portal eines Hauses der Via della Croce, welche rechts vom Corso liegt. Alwyl folgte ihnen nach, sie verschwanden in einer innern Türe, und er fügte sich, die Neugier überwindend, der Bitte Hermanns, zum Corso zurückzukehren, um nach der Griechin zu spähen. Noch immer war sie nicht auf dem Balkon, den fremde Personen eingenommen hatten, und abermals fing Hermann an, die Wagenreihen zu mustern und unter den Fußgängern seinen Doktor zu suchen. Aber es ist nicht leicht, jemand aufzufinden in dem bunten Treiben des Karnevals, wo der Blick unablässig bald nach dieser, bald nach jener Seite gezogen wird. Männer in Frauenkleidern, die Modetracht und die Bewegungen der Frauen karikierend, hielten mehrmals mit dreisten Scherzen die blonden Nordländer an. Von den Balkons, auf denen Landsleute mit ihren Damen waren, wurden ihnen Konfetti, Blumen, Konfitüren zugeworfen, die erwidert werden mußten. Aus den Wagen nickten ihnen bekannte Frauen die freundlichsten Grüße, die Freunde traten auf den Wagentritt, die Blumen zu tauschen, und überall um sie her sah es fröhlich aus, überall tönte Lachen und Scherz und der sich ewig wiederholende Ruf der Knaben und Blumenverkäufer: »Ecco gli fiori!« Ganze Omnibusse voll fröhlicher Burschen und Mädchen in der Nationaltracht fuhren vorüber; den Wagen mit Fahnen geschmückt, folgten in leichten Blusen und Filzhüten, mit farbigen Bändern geziert, die Schüler der Französischen Akademie. In großen Lettern prangte in der Hauptfahne die Devise: »Tous les arts sont frères!«, und herzhaft eröffneten die jungen Franzosen einen Krieg mit den Söhnen Albions, die, hinter Drahtmasken verschanzt, mit häßlicher Roheit große Ladungen Konfetti um sich her schleuderten. Das Volk, empört durch die Rücksichtslosigkeit, mit der die Engländer das Konfetti über die entblößten Schultern der Römerinnen herabregnen ließen, nahm für die Franzosen Partei, und der Wagen der Engländer mußte, hart verfolgt, sich durch die Flucht in eine Seitenstraße zu retten suchen. Gleich darauf erschien eine Equipage, die von allen Seiten mit den schönsten Blumensträußen begrüßt wurde. Sechs Frauen saßen darin. Vier in dem Wagen, zwei auf dem zurückgeschlagenen Verdecke. Ihre weißen Dominos waren mit kleinen Schärpen von karmesiner Seide um die Taille gehalten, und kleine polnische Mützchen von gleichem Stoffe prangten über den schwarzen Haarflechten. Hinten auf dem Sitze des Dieners befand sich ein prächtiger Römer in schwarzem Domino. Dieser und eine der beiden oben sitzenden Damen hielten weiße Tuberosenbuketts in den Händen, in deren Mitte eine feuerfarbene Nelke brannte. Alwyl bemerkte den Wagen und die Buketts zuerst. »Ob das nicht unsere Dominos sind?« fragte er lebhaft. »Das ist Giuditta!« rief Hermann, und die lange gesparten Sträuße flogen als ebenso viele Liebesgrüße dem schönen Mädchen entgegen. Sie empfing sie mit freundlichem Blick, mit jenem anmutigen Gruß der Hand, der nur den Italienerinnen eigen ist; als darauf Hermann hinzutrat, ihr einen schönen Zweig künstlicher Rosen zu bieten, wählte sie lange unter den Blumen, die sie in ihrem Körbchen hatte, und reichte ihm den schönsten ihrer Sträuße, während sie, zu dem Herrn gewendet, der hinter ihr saß, mit schelmischem Lächeln einige Worte sprach. Dann zog der Wagen in der Fila weiter, Hermanns Blicke folgten ihm lange. Er war ganz ernsthaft geworden, als Alwyl ihm gestand, nie ein schöneres Mädchen gesehen zu haben, und ihm Glück zu der Eroberung wünschte. »Spotten Sie nur!« rief Hermann, »ich verdiene das. Warum mußte ich Ihnen auch erzählen, daß ich mich wie ein Knabe in ein hübsches Lärvchen vergafft habe. Aber denken Sie davon, was Sie wollen, ich fühle es jetzt an meinem Zorn, an meinem Unwillen, ich habe Giuditta geliebt, und ich liebe sie noch.« Er sprach die Worte in so gereiztem Tone, daß Alwyl ihn befremdet ansah und ihn fragte, weshalb er denn zornig und unwillig sei gegen das schöne Mädchen mit den großen, schuldlosen Kinderaugen. »Grade deshalb!« sagte Hermann. »Sieht sie nicht aus, daß man sie für einen Engel des Lichtes halten müßte, und da kommt der Quacksalber, der mir ihren Namen entgegenruft; da begegnen wir ihr selbst, wie sie verkleidet zu einem Rendezvous geht, und nun sitzt der gezierte Dandy hinter ihr, mit dem sie lächelnd spricht, während sie doch gestern tat, als suchte sie nur mich in der Menge. Es wird wohl der schöne Fremde sein, der jetzt das Haus ihrer Tanten soviel besucht.« »Das ist sehr möglich und wäre sehr in der Ordnung!« meinte Alwyl ruhig. »Aber warum kokettiert sie denn mit mir?« »Tut sie das?« fragte Alwyl. »Mich dünkt, sie nimmt wie jede andere Römerin freundlich Ihre Huldigung an, und das ist kein Verbrechen, auch wenn sie die Braut des jungen Mannes wäre.« »Oh! wäre sie seine Braut, dann würde sie nicht vermummt ihm in das fremde Haus gefolgt sein. Was wollte sie dort? Warum ging sie allein mit einer Frau durch das Volksgewühl? Das tut keine wohlerzogene Römerin.« »Nun so ist sie das vielleicht nicht!« meinte Alwyl. Hermann antwortete nicht und blieb verstimmt. Vergebens wogte das fröhliche Karnevalsleben in immer lauterem Jubel um ihn her, es reizte ihn nicht und vermochte nicht, ihn zu zerstreuen. Lange ehe das Pferderennen begann und die Glocke das Ave-Maria läutete, ging er nach Hause, entschlossen, mit keinem Gedanken sich mehr an Giuditta zu erinnern. Indes kaum war er in seiner Wohnung angelangt, als er den Strauß, welchen Giuditta ihm gegeben hatte, in ein Glas Wasser zu setzen eilte. Dabei entdeckte er einen Bonbon, der oben zwischen den Blumen befestigt und auf dem ein hundertäugiger Argus gemalt war. Er trug folgende Devise: Le sieur Argus avait cent yeux;     Leur secours lui fut inutile; L'amour en voit plus avec deux     Que la jalousie avec mille. Hermann war überrascht. Es konnte kein Zufall sein, daß grade dieser Strauß in seine Hände geraten war, denn Giuditta hatte ihn ausdrücklich gewählt; aber er konnte ihr selbst zugeworfen worden sein, und sie mochte den verborgenen Bonbon ebensowenig gesehen haben, als Hermann ihn bis jetzt bemerkte. Wie wußte sie, daß er eifersüchtig sei? Wie wußte sie, daß er sie liebte? Und hatte sie vielleicht dem glücklichen Nebenbuhler eine spottende Bemerkung zugeflüstert, als sie den Strauß für Hermann bestimmte? Von dem Gedanken an Giuditta unablässig beschäftigt; verflossen ihm die Stunden. Vergebens forderte Alwyl ihn auf, ihm in die Osterien zu folgen, wo am Abend die fröhliche Maskenwelt sich versammelt; vergebens wollte er ihn überreden, das Theater zu besuchen. Hermann blieb unruhig und mißlaunig, bis er, trotz des festen Vorsatzes, das Abenteuer aufzugeben, am nächsten Mittag die schönsten Blumen gekauft hatte und nach dem Corso eilte, der ersehnten Geliebten zu begegnen. Alwyl sah ihm lächelnd nach, als er wieder der Via Frattina zuschritt, sich unter dem Balkon Giudittas hinstellte und das Kreuzfeuer von Blumen und Blicken alsobald begann. Der gestrige Begleiter des Mädchens war nicht anwesend, nur die Tanten und der Abbate an ihrer Seite. Aber man muß verliebt sein, um Stunden hindurch unter demselben Balkon es auszuhalten wie Hermann. Alwyl ließ sich fortreißen von der jubelnden Menschenmenge, er folgte den Wagenzügen, deren Zahl am Dienstage schon so groß war, daß der Corso sie nicht zu fassen vermochte. Vom Spanischen Platze, an der Via della Propaganda vorüber, durch die Via dell' Archetto, über die Piazza Santissimi Apostoli zogen die Wagen nach der Piazza Venezia, um von der andern Seite auf großen Umwegen die Ripetta und die Piazza del Popolo zu erreichen und wo möglich wieder in den Corso einzufahren. Doch nicht immer war dies möglich. Viele Wagen mußten in der Via del Babuino bleiben, und hier wie auf dem Spanischen Platze waren alle Fenster mit Frauen besetzt. Fröhlich wie auf dem Corso und doch weniger eingeengt, bewegte man sich hier, und Alwyl hatte seine Freude daran, grade den einsamern Häusern seine Blumen- und Konfitürenspende zukommen zu lassen. Oft saß eine junge, schöne Mutter, umringt von ihren Kindern, in einem Fenster und mochte wohl, trotz der Liebe für die Kleinen, welche sie an die Wohnung fesselte, sehnsüchtige Seufzer nach dem Corso schicken, der für jede Römerin die unwiderstehlichste Anziehungskraft hat. Manch junges Mädchen war allein neben einem kranken Greise, neben einer hinfälligen Mutter; arme Frauen und Kinder standen in den Türen ihrer Häuser. Diesen warf Alwyl die Blumen zu, welche er mit sich hatte, und die dankenden, sich erheiternden Gesichter der Empfänger erquickten ihm die Seele. Schon mehrmals hatte er vergebens versucht, süße Zuckermandeln und frische Sträuße in ein Fenster des dritten Stockwerks der Via del Babuino zu schleudern, aus dem ein bleiches Mädchen und eine alte Frau, beide in Trauer, auf die Straße hinabsahen; endlich gelang es. Ein schönes Bukett, ein Körbchen mit Naschwerk flogen in das Fenster; das bleiche Mädchen, die sich nicht vorbereitet haben mochte auf solchen freundlichen Gruß, schien verlegen, ihn nicht erwidern zu können. Plötzlich nahm sie eine schwarze Schleife von ihrer Brust, brach eine rote Nelke von dem Blumentopfe auf dem Fenster, und beides ineinanderknüpfend, warf sie es Alwyl zu, der es grüßend an seinen Hut befestigte und weiterziehen wollte, als ihm ein Doktor den Weg vertrat, der mit einigen Damen in einem Wagen scharmutzierte. Alwyl sah ihn an, es war derselbe Mann, der am vorigen Tage Giuditta begleitete, es mußte nach Hermanns Beschreibung derselbe sein, der diesen mit dem Namen Giudittas beunruhigt und gereizt hatte. Alwyl fing an, ein wohlberechnetes Spiel zu vermuten, und wünschte um Hermanns willen der Sache auf den Grund zu kommen. Er trat, sobald der Wagen vorüber war, der die Aufmerksamkeit des Doktors gefesselt hatte, an diesen heran und fragte: »Seid Ihr der Doktor, der neulich einem jungen Deutschen Heilung seiner Blindheit versprach?« »Der bin ich. Ich wollte ihn mit dem Wunderbalsam lacrime della Giuditta heilen, aber der Törichte entschlüpfte mir, und ich glaube, er ist so stockblind, daß ihm nicht zu helfen sein wird.« »Kennt Ihr den jungen Deutschen?« fragte Alwyl. »Sehr wohl. Er heißt Hermann D., ist seit zwei Jahren in Rom und denkt noch lebhaft des verwichenen Karnevals und einer schönen Griechin. Ihr seid sein Freund?« »Gewiß! das bin ich; und deshalb darf ich fragen, was bewog Euch, den Verhältnissen eines Fremden nachzuspähen?« »Die Lust und die Pflicht, einer schönen Frau zu dienen.« »Die schöne Frau ist Giuditta Marchetti!« sagte Alwyl. »Vielleicht ist sie's«, entgegnete der Gefragte und wollte sich entfernen. Aber Alwyl hielt ihn fest. »Nein!« sagte er, »so entkommen Sie mir nicht. Das geht über den Maskenscherz hinaus. Wer sind Sie, mein Herr? Was ist Ihnen Signora Marchetti? Was wollen Sie mit dem Spiele, das Sie offenbar leiten?« »Sie fragen viel auf einmal«, meinte der andre. »Indes ich bin zu antworten bereit.« Er reichte Alwyl eine Karte hin, auf welcher der Name Horazio Viviano stand, und sagte: »Ich bin Advokat in Bologna und seit drei Wochen wegen einer Familienangelegenheit, die mich und meine Cousine Giuditta nahe angeht, in Rom. Das Spiel, das ich – um mich Ihres Ausdruckes zu bedienen – leiten soll, hängt damit genau zusammen.« »Aber wie das?« fragte Alwyl. »Das zu erörtern ist hier nicht der Platz. Sie sehen, ich bin Ihnen mit Vertrauen entgegengekommen. Ihr junger Freund gefällt mir und gefällt, was wohl die Hauptsache ist, auch einer andern mir werten Person. Wollen Sie mir die Auskunft über ihn geben, die ich bedarf?« »Zu welchem Zwecke?« sagte Alwyl. »Um zwei Glückliche zu machen! Meine Wohnung ist auf meine Karte geschrieben. Darf ich Sie morgen in den Frühstunden erwarten?« Alwyl, seltsam überrascht durch die Wendung, die dies Abenteuer zu nehmen begann, sagte seinen Besuch zu, und der Doktor-Advokat trennte sich von ihm, indem vorüberfahrende Damen seiner Bekanntschaft ihn aufforderten, in ihren Wagen zu steigen. Das Wesen Horazios hatte etwas entschieden Edles, Männliches, und Alwyl konnte sich dies mit der Sonderbarkeit seines Betragens nicht zusammenreimen. Er wußte nicht, ob er die Begegnung seinem jungen Freunde mitteilen oder verschweigen solle. Hermann war reich und unumschränkter Herr aller seiner Handlungen. Giuditta gefiel ihm; es war kein Grund vorhanden, weshalb er nicht ebensogut eine schöne Römerin als eine Deutsche zur Frau nehmen sollte. Indes sosehr Alwyls lebhafte Phantasie von dem romantischen Reiz des Begegnisses entzückt war, so sträubte sich doch der deutsche Ernst dagegen, die Zukunft und das Eheglück eines Freundes auf einen Maskenscherz gegründet zu sehen. Er beschloß deshalb, Hermann den Vorfall zu verschweigen, bis er am Morgen die Zusammenkunft mit dem jungen Advokaten gehabt haben würde.   Zur verabredeten Stunde begab sich Alwyl in Horazios Wohnung. Er fand einen italienischen Arzt bei ihm, der beiden Deutschen als ein Ehrenmann bekannt und befreundet war. Horazio schien ihn absichtlich eingeladen zu haben, um in Alwyl jedes Mißtrauen, das dies eigentümliche Verhältnis erregen konnte, zu vertilgen. Der Arzt und Horazio waren Jugendfreunde und eng verbunden durch gleiche Tüchtigkeit der Gesinnung. Nach kurzer Zeit entfernte sich der erstere, und Horazio sagte: »Damit Ihnen, mein Herr, mein Betragen gegen Ihren jungen Freund und Sie sowie das Verhalten meiner Cousine nicht zu befremdlich und zu auffallend erscheinen, müssen Sie mir erlauben, Ihnen einen kleinen Abriß der Verhältnisse zu geben, in denen meine Cousine und ich uns befinden. Ein älterer Bruder der beiden Fräulein Marchetti hat bei seinem Tode diesen beiden Schwestern sein sehr bedeutendes Vermögen zu lebenslänglichem Nießbrauche vermacht mit der Bedingung, daß sie es später mir und Giuditta hinterlassen und daß wir uns miteinander verheiraten sollten, um das Erbe, welches aus Gütern in der Mark besteht, zusammenzuhalten. Wer von uns beiden sich weigert, diese Ehe einzugehen, ist, wenn die Tanten es wollen, seines Anteils verlustig, und sie dürfen darüber nach Gefallen zugunsten des andern oder sonst nach ihrem Ermessen verfügen. Nun werden Sie es begreiflich finden, daß die Herzen sich nicht immer den Verordnungen eines gestorbenen Onkels fügen können. Ich liebe eine junge Römerin, deren Vater sie mir geben würde, wenn ich das Erbteil meines Onkels besäße. Er verweigert mir die Hand seiner Tochter, wenn ich es verliere, obgleich er reich ist und ich auch ohne dasselbe imstande wäre, mit der Zeit meiner Frau ein behagliches Leben zu schaffen. Ich kam nach Rom, um zu versuchen, ob es mir nicht gelänge, meine Tanten für meine Wünsche zu gewinnen, die sich bis jetzt dagegen erklärt hatten. Ich sprach mit Giuditta davon, fand sie, nicht ohne eine kleine Verletzung meiner Eitelkeit, sehr geneigt, der Verbindung mit mir zu entsagen, und es kam mir vor, als ob irgendeine andere Neigung sich ihres Herzens bemächtigt hätte. Als ich in sie drang und ihr erklärte, daß für uns beide die Hoffnung auf Freiheit der Wahl am größten sei, wenn auch sie die Heirat mit mir ablehne, gestand sie endlich, daß sie einen jungen Deutschen zwar nicht liebe, denn sie habe ihn nie gesprochen, aber doch nicht vergessen könne, seit sie ihn im vorigen Karneval gesehen. Diese Mädchengrille schien mir sehr unbedeutend; indes als sie mir am ersten Karnevalsabende erzählte, der junge Deutsche sei wieder da und ebenso galant für sie als im vorigen Jahre, als sie ihn mir am Montag zeigte und der Doktor, der zufällig in meiner Nähe war, ihn einen braven jungen Mann nannte, da entstand in mir der Gedanke, ob man nicht die Freiheit des Karnevals dazu benutzen könnte, mir und Giuditta volle Freiheit zu verschaffen und vier Menschen glücklich zu machen.« Alwyl hatte ihm aufmerksam zugehört; nun, als jener geendet hatte, sagte er: »Und welchen Eindruck, glauben Sie, würde Giudittas Erklärung, daß auch sie der Heirat mit Ihnen abgeneigt sei, auf die alten Damen machen?« »Ich glaube, einen günstigen. Träte ich allein zurück, so möchte es vielleicht dem Einfluß des Abbate Luigi gelingen, die Hälfte des Vermögens der Kirche zu- und mir abzuwenden. Will aber auch Giuditta sich nach eigener Wahl verheiraten, so fügen die Tanten, in denen ein leiser Anflug von Romantik aus ihrer Jugendzeit fortlebt, sich wohl in das Unvermeidliche und teilen das Vermögen einst ganz ruhig zwischen Giuditta und mir. Sie sehen, ich gehe offen zu Werke und bekenne, daß mich, obgleich ich Giuditta wie eine Schwester liebe, hier ganz selbstsüchtige Motive lenken. Sagen Sie mir nun, ob Sie Ihren Freund mit meinen Absichten einverstanden glauben, ob er meine Cousine liebt und daran denkt, sich ihr zu nähern, sie zur Frau zu begehren?« »Sie gefällt ihm sehr«, entgegnete Alwyl, »und er ist in Verhältnissen, die es ihm möglich machen, ganz nach seiner Neigung zu wählen. Er wünscht lebhaft, Ihre Cousine zu sprechen, aber er hat es bis jetzt nicht zu erreichen vermocht. Indes leugne ich nicht, daß ich wohl wünschte, wenn Sie ihm die Bekanntschaft Ihrer Cousine in einer Weise verschafften, welche ihm die Möglichkeit gäbe, sie kennenzulernen, ohne seine Freiheit zu beschränken.« »Gewiß!« sagte Horazio, »das versteht sich von selbst. Lassen Sie nur die Blumen noch ein paar Tage die stummen Boten machen; am Donnerstag ist der Ball im Teatro Apollo. Dorthin geleite ich meine Tanten und Giuditta, und dort will ich Ihrem Freunde Gelegenheit schaffen, sie zu sprechen, wenn Sie mich vorher mit ihm bekannt machen wollen.« Das sagte Alwyl zu und führte ihn sogleich zu Hermann, der mit großer Verwunderung den gefürchteten Nebenbuhler bei sich eintreten sah. Wenig Worte reichten hin, das Mißverständnis zu lösen und Hermanns Besorgnisse in Freude zu verwandeln. Nur das Rätsel blieb zu deuten, weshalb Giuditta und Horazio sich verkleidet auf dem Corso begegnet waren. Aber auch diesen Zweifel beschwichtigte Horazios Erklärung, daß die andere Dame seine Geliebte gewesen sei, die er auf diese Weise unter dem Beistande Giudittas eine Viertelstunde ohne Zeugen gesprochen habe. In einem wahren Freudenrausche vergingen für Hermann die nächsten Tage des Karnevals. Täglich erschien er mit Horazio unter dem Balkon Giudittas, und was die Blicke Glühendes, Zärtliches auszusprechen vermögen, das ward ihnen anvertraut und zog triumphierend in die Herzen der jungen Liebenden ein. Den Tanten konnte natürlich die Huldigung des blonden Deutschen nicht entgehen, der auch ihnen die reichste Fülle schöner Sträuße zukommen ließ, und Horazios absichtliche Neckereien zogen ihre Aufmerksamkeit mehr und mehr auf den Fremden hin, dessen auch sie sich noch vom letzten Karneval deutlich erinnerten. Alwyl bekam seinen jungen Freund nur wenig zu sehen. Den Morgen brachte Hermann mit Horazio zu, unermüdlich, diesen über Giuditta auszufragen und von ihr sprechen zu hören; den Nachmittag war er unter ihrem Fenster oder, wenn sie zu Wagen den Corso durchfuhr, eifrig bemüht, ihr zu begegnen. In der Seligkeit seines Herzens wollte er nur heitere Mienen um sich sehen, und jedes Mädchen, das ihn mit einem Strauße begrüßte, konnte der verschwenderischsten Dankbarkeit gewiß sein. So ward er bald ein Liebling des weiblichen Publikums im Corso, das ihn überall mit Grüßen und Blumen empfing. Am Mittwochabend, als das Pferderennen beginnen sollte, hatte er seinen Wagen verlassen, nachdem er Giuditta mehrmals begegnet war, und schlenderte nach beendigtem Rennen neben Alwyl seiner Wohnung zu, als die durch den Corso heimkehrende Wagenreihe sich zu drängen anfing und halten mußte. Hermann und Alwyl befanden sich vor dem Café Nuovo im Palast Ruspoli. Das helle Licht aus den Sälen des Cafés fiel auf die Straße herab. Plötzlich trat Alwyl an einen Wagen heran, der dicht vor ihnen stand, und sagte, einem Mädchen einen Strauß reichend: »Schönes Kind Italiens, deine Augen leuchten durch die Nacht, und ich weiß einen, der ihnen wie seinen Leitsternen folgt.« Hermann hörte die Worte, blickte hin, es war Giuditta, zu der Alwyl gesprochen hatte. Schnell war er an ihrer Seite, während Alwyl mit heiterm Scherze die Aufmerksamkeit der Tanten zu fesseln suchte. »Giuditta«, rief Hermann leise, »endlich finde ich Sie, die ich so lange ersehnt. Sagen Sie mir ein Wort, daß auch Sie dies Begegnen beglückt.« Giuditta schlug die großen, sehnsüchtigen Augen zu ihm empor, versuchte zu sprechen, fand keine Worte und wendete sich ab. Die Sicherheit der Römerin hatte ihr Unbefangenheit und Mut gegeben, solange sie sich in den Grenzen des Karnevalscherzes bewegte. Jetzt, da der junge, stillgeliebte Mann ihr gegenüberstand, da sein bittendes Wort an ihr Ohr und in ihre Seele drang, verließ sie die Fassung, und die ganze Schüchternheit jungfräulicher Liebe fesselte ihre Zunge. »Haben Sie kein Wort, kein Zeichen für mich?« fragte Hermann dringender. »Warten Sie«, sagte das Mädchen und fing an, unter ihren Sträußen nach einer Orangenblüte zu suchen. »Oh! wie gern warte ich an Ihrer Seite auf ein freundlich Wort«, flüsterte Hermann, als die vordern Equipagen weiterfuhren und Giudittas Wagen folgte. Eine Rose und eine Orangenblüte fielen in Hermanns Hände; die Geliebte war seinem Blicke entschwunden. Glücklich und wie im Traume vor Wonne langte er in einer Osterie an, wohin Horazio und der Doktor ihm und Alwyl Rendezvous gegeben hatten. Sie lag vor der Porta Angelica. Hier bewegte sich das Volksleben in vollster Freudigkeit. Die Lust des Karnevals flüchtet sich nach dem Ave-Maria vor die Tore. An langen, weißüberdeckten Tafeln saßen sie da, die schlanken Burschen von der Lungara, in der kornblauen, engen Hose, die leichte, schwarze Sammetjacke über die Schulter gehängt, an der Seite ihrer Schönen. Vor ihnen dampften die Makkaroni, funkelte der Frascataner und Genzaner Wein, während an dem großen Herde die Köche neue Makkaroni siedeten und große Braten am Spieße drehten. Lattuga wurde zubereitet, Finocchi, dieser zarte Fenchel, seiner obern Blätter entkleidet. Knaben gingen umher und riefen gekochte Eier zum Kaufe aus. Draußen vor den Türen klangen Triangel und Mandoline, und das Tamburin schwingend, Kastagnetten schlagend, tanzten Jünglinge und Mädchen bei dem flackernden Lichte der antiken römischen Lampen. Im Maskenkostüme drängte sich die Menge um sie her. Zwischen den Römern ward hie und da der graue Filzhut eines fremden Künstlers sichtbar, der es versuchte, mit einer römischen Schönen den Nationaltanz, dies Bild liebenden Verlangens, zu tanzen. Ein buntes, heiteres Leben regte sich überall und beschäftigte unsere Freunde, nur Hermann schwelgte, der lachenden Gegenwart fern, in der Erinnerung an Giudittas Augen in Träumen der Zukunft.   Wie ein Kind den Weihnachtsabend ersehnt, so erwartete Hermann den Abend des Grünen Donnerstag, des giovedi grasso, den Ball im Apollotheater. Erst nach Mitternacht werden die Hallen des schönen Theaters eröffnet. Am Abende nach beendigtem Corso saßen die Freunde in ihrer Wohnung, und bei dem Besprechen der Erlebnisse der letzten Stunden wagte Alwyl, den Freund darauf aufmerksam zu machen, wie er sich weit und weiter in ein Abenteuer hineinwage, das gar leicht seinen ernsthaften Schluß am Altar haben könne. Die Römer gestatten zärtliche Galanterien nur ihren Frauen, den Mädchen niemals. Dem Fremden, der sich einer artigen Römerin zuwendet, um ihr in Huldigung ihres Liebreizes den Hof zu machen, wird von den Verwandten mit überraschender, dem Nordländer fast anstößiger Zuvorkommenheit die Annäherung erleichtert; aber schon nach wenig Tagen fragt man ihn, ob er die Absicht habe, das Mädchen zu heiraten. Fehlt ihm der Mut, ein entschiedenes Nein zu sprechen, so nimmt man das für ein Ja. Man weiß ihn zu fesseln und dem Mädchen einen Gatten zu verschaffen, der oft genug es später empfindet, daß sich Eheleute von verschiedenen Nationen nicht immer miteinander einzurichten verstehen. Alwyl stellte dem Liebenden vor, wie die geistige Bildung der Römerinnen gewöhnlich sehr gering sei, Hermann versicherte aber, von dem Doktor und Horazio gehört zu haben, daß Giuditta eine rühmliche Ausnahme mache. Gegen Alwyls Besorgnis, daß dem Mädchen die häuslichen Tugenden fehlen dürften, die der Deutsche so hoch schätzt, wendete jener seinen und Giudittas Wohlstand ein, der sie mancher häuslichen Sorge enthöbe, und meinte, aus einem siebenzehnjährigen Mädchen mit so treuen, schuldlosen Augen, wie Giuditta sie habe, könne ein vernünftiger Mann, den sie liebe, alles machen. So drang Alwyl nicht länger mit seinen Vorstellungen in Hermann; wußte er doch selbst, wie wenig die Liebe den Vernunftgründen Gehör gibt, wie sehr das Glück jeder Ehe von unberechenbaren Zufällen abhängt; reizte ihn doch selbst das Poetische des Ereignisses und hatte er doch selbst das vollste Zutrauen zu der jungfräulichen Seele Giudittas, die so kindlich offen aus ihren dunkeln Augen strahlte. Um Mitternacht machten die beiden Deutschen sich auf den Weg zum Maskenballe, nachdem Alwyl dem Freunde jeden möglichen Beistand zugesagt hatte. Die ganzen Straßen vom Palazzo Borghese bis zur Engelsbrücke, bis in die Via Tordinona hinab, waren von einer langen Wagenreihe eingenommen, welche nur schrittweise vorrücken konnten. Pechfackeln erleuchteten die Nacht in der Nähe des Theaters und ließen die Masken erkennen, welche den Wagen entstiegen. Wie sie es mit Horazio und dem Doktor verabredet hatten, stellten die Deutschen, die Larven vor das Gesicht gebunden, sich an der großen Haupttreppe auf, welche bald nach ihnen Giuditta, geführt von Horazio, und die Tanten am Arme des Doktors betraten. Hermann näherte sich der Geliebten und reichte ihr in Erinnerung der Blumen, die sie ihm auf dem Corso gegeben, eine Rose und einen blühenden Orangenzweig dar. Ein dunkles Rot flammte in ihren Wangen empor, sie sah Horazio fragend an; er lächelte, und schüchtern wie ein erschrecktes Vöglein wendete sie das Köpfchen fort, stieg die Treppe empor und konnte es sich doch nicht versagen, mehrmals verstohlen nach dem verlarvten Blumenspender zurückzublicken. Alwyl und Hermann folgten ihnen nach. Die Damen hatten in ihrer Loge Platz genommen, Horazio und der Doktor gesellten sich zu den Freunden. Hermann verlangte, sogleich den Tanten vorgestellt zu werden. »Nein«, sagte Horazio, »so geht es nicht. Ich werde Ihnen mein schönes Mühmchen in den Saal hinunterführen, dann überlasse ich die Kleine Ihrer Liebenswürdigkeit und gehe, mir selbst eine Unterredung mit meiner Braut, denn als solche betrachte ich meine geliebte Marie, zu verschaffen. Wenn Alwyl und der Doktor uns wirklich Freunde sind, mögen sie die Tanten in ihrer unvermeidlichen Verlassenheit trösten, damit ihnen die Zeit nicht zu lange scheine, die uns nur zu schnell vergehen wird. Nachher führe ich Alwyl und Sie zu den gestrengen Richtern über unser Los.« Beide, Alwyl und der Doktor, erklärten sich zu dem Freundschaftsdienste bereit und musterten die Reihen der Schönen, bis man ihrer begehren würde. Der prächtige Saal war strahlend hell erleuchtet, die Bühne mit dem übrigen Hause vereinigt. In den sechs Logenreihen saß der Flor der römischen Schönheiten in glänzendsten Toilette, die Türen aller Logen waren geöffnet, und ungehindert bewegten sich die Masken sowohl als die Nichtmaskierten durch alle Räume des großen Gebäudes. Hinten im Saale auf der eigentlichen Bühne ward getanzt, aber nur der kleinste Teil des Publikums vergnügte sich damit. Man suchte Freunde auf, neckte Fremde und Bekannte unter der schützenden Verhüllung der Larven, und wohl manchem jungen Paare mochte das Herz in banger Erwartung, in sehnsüchtiger Freude klopfen wie Hermann und Giuditta. Endlich sah der erstere Horazio wieder in die Loge seiner Verwandten treten; er sah, wie Giuditta den schwarzen Domino über das rosa Florkleid warf und das blumengeschmückte Köpfchen hinter Maske und Capuchon verbarg. Er ging ihr bis an die Treppe entgegen. Horazio führte sie herunter, stellte ihr Hermann als seinen Freund in aller Form der Etikette vor, ging ein paar Augenblicke gleichgültig plaudernd mit den beiden umher und verließ sie dann, wo das Maskengewühl am dichtesten und der einzelne am unbeachtetsten war, mit dem Bemerken, Giuditta und Hermann würden wohl wissen, daß die angebetete Jungfrau Maria seinen Dienst erwarte. Nun standen die Liebenden sich allein gegenüber. Schüchtern nahm Giuditta den Arm, den Hermann ihr bot. Einen kurzen Moment schwiegen sie beide. Dann sagte Hermann: »Giuditta, die Augenblicke sind uns zugezählt, ich muß, und das ist meiner Natur das angemessenste, ganz ohne Vorbereitung zu Ihnen sprechen. Es ist ein Jahr her, seit ich Sie zuerst gesehen habe. Ihr Bild ist nicht aus meinem Herzen gewichen, ich war so glücklich, als der erste Tag des Karnevals Sie mir wiedergab, denn ich liebe Sie, Giuditta. Ihr Vetter tritt mir die Ansprüche ab, welche Ihre Tanten ihm auf Ihre Hand gestatten; könnten Sie mich lieben, Giuditta? Wollen Sie mir erlauben, bei den Tanten um Sie zu werben?« Giuditta antwortete nicht, aber sie legte ihre Hand fester auf Hermanns Arm, der sie ergriff und an seine Lippen preßte. »Sind das die Rose und die Orangenblüte«, fragte sie in lieblicher Verwirrung, auf die Blumen an ihrer Brust zeigend. »die ich Ihnen neulich gegeben habe?« »Nein! teure Giuditta, die habe ich wohlbewahrt bei den andern Grüßen, die mir aus Ihren Händen kamen. Haben Sie mich denn nicht gesehen, als ich am ersten Abend des Karnevals Ihrem Wagen folgte bis in Ihre Wohnung?« »Oh! gewiß«, rief das Mädchen. »Ich entdeckte Sie auch gleich, sobald ich auf den Balkon getreten war und Sie den Corso herabkamen. Ich hatte mich schon auf dem Wege immerfort umgesehen, ob Sie nicht da wären.« »So hatten Sie mich nicht vergessen?« fragte Hermann entzückt. »Ich habe recht oft an Sie gedacht«, hauchte Giuditta leise hervor. »Aber was werden Sie von mir denken, daß ich es Ihnen sage«, rief sie dann erschrocken über ihre eignen Worte und fügte mit bebender Stimme hinzu: »Der böse Horazio trägt allein die Schuld.« »Giuditta! Süßes, liebes Mädchen!« rief Hermann. »Wie danke ich es dem guten Horazio, wie liebe ich dich!« »Wie jeder Verliebte seine Schöne«, rief ein großer, als Sylphide gekleideter Römer dazwischen, der eine garstige Fledermaus mit einer Katzenmaske am Arme führte, und veranlaßte das junge Paar zu leiserem Gespräch. Neue Quadrillenklänge rauschten durch den Saal, neue Masken drängten sich zum Tanze. Hier stand ein Stutzer in schwarzem Frack mit einer zarten Griechin, dort tanzte ein mittelalterlicher Ritter mit einer üppigen Albanerin. Riesengroße Römer in weiblicher Modekleidung oder in einem der Kostüme der Fanny Elßler, welche damals das Entzücken des Publikums machte, wählten sich kleine, weibliche Dandys zum Tanze. Wilde von den Südseeinseln, Briganten, Campagnarden, Harlekins, Asiaten, Hofherren Ludwigs des Vierzehnten und Männer in gewählter Ballkleidung lehnten gegen die Brüstung der Parterrelogen in verbindlichem Zwiegespräch mit den Schönheiten aller Nationen oder gingen durch die obern Logenreihen, hier ein freundlich Wort, dort einen neckenden Scherz zu wagen. In der Loge von Signora Laura und Signora Rosa Marchetti waren Alwyl und der Doktor bemüht, den Damen eine heitere Stunde zu bereiten, was ihnen vortrefflich gelang. Besonders machte der sprudelnde Witz des in Domino und Maske verhüllten Alwyl ihren Frohsinn und ihre Neugier rege. Mit der angebornen Anmut und Würde der Römerinnen wußten sie seinen Scherzen zu begegnen, und das angenehme, wohlanständige Betragen der alten Damen gab Alwyl die beste Meinung von Nichte und Tanten. Die Zeit verging ihm schneller, als er gehofft hatte. Als Horazio mit den Liebenden in die Loge trat und die beiden Deutschen als seine Freunde vorstellte, wurden sie freundlich begrüßt und als Corsobekanntschaften willkommen geheißen. Die allgemeine Heiterkeit herrschte verdoppelt in der Loge, man blieb beisammen, bis das Fest sich am Morgen seinem Ende näherte, und da Horazio, von süßen Banden gefesselt, nicht erschien, die Frauen zu ihrem Wagen zu geleiten, nahmen sie die Dienste Alwyls und Hermanns an. Als die Freunde sich von den Damen trennten, hatten sie die Erlaubnis erhalten, sie am Sonnabend auf ihrem Balkone zu besuchen.   Der Freitag unterbricht als Fasttag den Jubel des Karnevals. Wie an jedem Vormittage der ganzen Woche werden die Gewerbe ruhig und eifrig betrieben. Der Handwerker arbeitet doppelt willig am Morgen, um am Nachmittage das nötige Geld für die Freuden des Festes zu besitzen, die für ihn nicht teuer sind. Ein wenig rote und gelbe Farbe, auf die Haut gemalt, teilen das Gesicht bis zum Unkenntlichen in zwei gleiche Hälften, ein paar schwarze Striche entstellen es noch mehr. Ein Zopf von Werg, eine Mütze von Papier mit bunter Feder und vielleicht eine abgelegte Soldatenjacke über einem Weiberrock genügen ihm als vollständiges Kostüm. In dieser Tracht überläßt er sich ebenso harmlos der Freude als jeder andere in besserm Gewande, als der Reiche in seiner Prachtkarosse. Mit großer Sicherheit wirft er die Sträuße und Konfitüren, die aus den Wagen und von den Balkons ihr Ziel verfehlen, der erkorenen Liebsten oder auch irgendeiner vornehmen Schönheit zu, die seinen Blicken wohlgefällt; und die Dame müßte sehr unfreundlich oder sehr stolz sein, wenn sie die Artigkeit nicht erwidert, die er ihr erzeigt. Nirgend begegnet man Roheit und Unsittlichkeit, niemals wird der Scherz unzart, den sich die Männer der untersten Volksklassen gegen die Frauen erlauben. Nur als Karikatur erscheinen unter den Masken Trunkenheit, Streit und Zank, um die Lust des Festes zu erhöhen. Liebte man die Römer nicht schon früher wegen ihrer Gesittung, man müßte es lernen, wenn man sie während des Karnevals beobachtet. Es ist ein edles, vornehmes Volk, dem selbst in der ausgelassensten Freude Wohlanständigkeit und Schönheit nie fehlen. Von der Heiterkeit des Festes am Abend kehrt der Römer morgens wieder fleißig zur Arbeit zurück. Die Läden sind geöffnet, die Kirchen werden besucht, und in der Kirche del Gesù, welche nahe am Venezianischen Palaste die Jesuiten innehaben, hoffte Hermann die Geliebte zu sehen, da der Ruhetag keine andere Gelegenheit des Findens darbot. Es war still und friedlich in der Kirche. Ein mildes Dämmerlicht drang durch die Fenster, auf den Sonnenstrahlen, welche hineinfielen, kräuselten sich die weißen Wölkchen des duftenden Weihrauchs. Einzelne Beter knieten vor den verschiedenen Kapellen oder mitten in dem Schiffe der Kirche, während am Altare Priester in reichen Gewändern feierlich die Messe intonierten. Die Ruhe, der Ernst des Ortes bildeten einen schönen Gegensatz gegen die Bewegtheit des Karnevals. Hermann empfand diese Wirkung lebhaft bei seinem Eintritte in das Gotteshaus. Die zerstreuten Seelenkräfte strebten sich zu sammeln, die Erregtheit seines Herzens besänftigte sich, ein Gefühl von Weichheit kam über ihn, wie er es lange nicht empfunden hatte. Seine Kindheit, die Heimat, das Vaterhaus und die Bilder der gestorbenen Eltern traten vor sein inneres Auge. Er dachte, wie er seit Jahren allein gelebt in der Welt, ohne dies Alleinsein schmerzlich zu empfinden, bis ihm Alwyl begegnet war. Nun hatte er einen Freund, und doch war sein Herz nicht ausgefüllt gewesen, doch fehlte ihm die höchste Blüte des Daseins, die Liebe, die ihm jetzt in Giuditta erschien, in Giuditta, dem Ideal seines Sehnens. Voll glühender Erwartung blickte er nach der Türe, durch die sie kommen mußte. Einzeln traten die Kirchengänger herein; bald eine hinfällige Alte, die sich mühsam bis zu einer Kapelle schleppte, bald ein rüstiges Mädchen, das den Marktkorb zur Erde setzte, um ganz in Eile ein paar Rosenkränze zu beten und sich von den Sünden zu reinigen, die die Karnevalslust über sie gebracht haben mochte. Geschäftige Männer schlugen schnell das Zeichen des Kreuzes, hörten ein paar Worte der Messe mit an und gingen davon. Ernste Frauengestalten knieten nieder vor die Beichtstühle, Giuditta kam noch immer nicht. Endlich hob eine kräftige Hand den schweren Ledervorhang der Türe auf, und die Ersehnte trat herein in Begleitung eines alten Dieners. Freudestrahlend flog Hermann ihr entgegen, reichte ihr das Weihwasser und empfing zum Danke ihre Hand, die er in die seine preßte. Wie beredt machte ihn die Liebe, was hatte er dem Mädchen nicht alles zu sagen! Aber Giuditta unterbrach ihn ängstlich und bat: »Ach, sagen Sie mir das nicht, jetzt nicht, ich will beichten gehen, Pater Luigi erwartet mich schon, und wenn er uns beieinander sähe, wenn er mich fragte?« »Nun, teure Giuditta?« »Dann müßte ich es sagen.« »Und was denn, meine Giuditta?« »Oh! fragen Sie noch?« rief das Mädchen. »Müßte ich nicht sagen, daß ich nicht an Gott, nicht an die Beichte, sondern nur an Sie gedacht habe, als ich zur Kirche kam; müßte ich nicht sagen, daß –« Sie stockte und schwieg verschämt. »Und ist es eine Sünde, daß Sie den Mann lieben«, fragte Hermann, »der Ihnen sein Leben weiht, der von Ihnen das Glück seiner Zukunft erwartet?« »Ich glaube nicht!« sagte Giuditta lächelnd, »ich finde kein Unrecht darin, aber der Pater –« »Nun, der Pater?« »Oh! der hat einen Neffen, und er hat den Tanten gesagt, das wäre der beste Mann für mich, wenn Horazio mich nicht heirate.« »Gehen Sie nicht zur Beichte«, bat Hermann plötzlich und dringend, »nur heute nicht.« »Aber wie soll ich das machen, was soll ich den Tanten sagen?« »Sagen Sie, Sie hätten sich zu zerstreut, nicht gesammelt genug gefühlt.« »Und der Diener, der uns hier beisammen sieht?« »Für dessen Schweigen werde ich sorgen.« »So lassen Sie uns zusammen Gott anflehen um Glück für die Zukunft, um Segen für unsere Liebe«, sagte Giuditta und kniete mit der Grazie einer Italienerin neben Hermann nieder, dessen Seele, aufgelöst in Liebe, die heiligsten Gelöbnisse tat für das Glück des Mädchens, das still an seiner Seite betete, während helle Freudentränen aus ihren Augen auf die Perlen des Rosenkranzes fielen, der durch ihre Finger glitt. Als sie geendet hatte, erhob sie sich und reichte Hermann die Hand mit dem Ernste und der Zuversicht, mit der ein Weib sie vor dem Altar in die Hand des geliebten Mannes legt. »Baue auf mich«, sagte Hermann. »In festem Vertrauen«, antwortete das Mädchen, und die Klänge der Messe zogen segnend über die Glücklichen hin durch das hohe, prächtige Schiff der Kirche.   Als Hermann in seine Wohnung trat, fand er Horazio und Alwyl seiner wartend. »Schlechte Botschaft!« rief der erstere ihm entgegen. »Ich komme von den gestrengsten Tanten. Da ich sie gestern im Apollo so trefflicher Laune, so durchdrungen von Ihrer und Alwyls Liebenswürdigkeit fand, wagte ich heute in der Ungeduld meines armen Herzens einen Sturm und ward in aller Form zurückgeschlagen.« »Zurückgeschlagen?« fragte Hermann. »Ja! in aller Form. Die Tanten wollen keine Vernunft annehmen, die alten Herzen sind kalt geworden im Winterfrost der Jahre. Sie sagen, es stände bei mir, zu wählen, wen ich wolle, aber Giuditta solle dann das Vermögen allein erhalten und den Neffen ihres verdammten Pater Luigi heiraten, der ein Heuchler ist wie der jesuitische Herr Onkel. Von Ihnen, von einer Ehe mit einem Fremden könne gar nicht die Rede sein. Ich stellte vor, Sie wären ein guter Katholik, Sie wären brav und reich, alles umsonst – und nun helfen Sie sich selbst, denn ich kann mit den alten eigensinnigen Frauen fürs erste gar nichts anfangen.« »Alwyl, was soll ich tun?« fragte Hermann. »Auf dem Corso von unwiderstehlicher Liebenswürdigkeit sein und das übrige mir überlassen. Die Damen haben uns ja erlaubt, sie morgen auf ihrem Balkon zu besuchen.« »Sie haben die Erlaubnis für Hermann widerrufen.« »Für mich nicht?« fragte Alwyl. »Nein«, antwortete jener. »Das ist ein gutes Zeichen, sie wünschen also Friedensvorschläge. Nur Mut! In wenig Tagen soll alles in Ordnung sein, und wir haben zwei glückliche Paare, noch ehe die Fasten beginnen.« Hermann und Horazio vertrauten dieser Hoffnung nur zu gern und erwarteten ungeduldig den nächsten Nachmittag und mit ihm das Wiedersehen der Geliebten. Der Sonnabend kam, der Corso war lebhafter als je, die Tanten erschienen feierlich auf ihrem Balkon, und – Giuditta war nicht dabei. Hermanns Zorn, daß man dem geliebten Kinde die Karnevalslust verkürze, kannte keine Grenzen. »Nun ist die Arme allein zu Hause«, sagte er, »sicher überhäuft von den Vorwürfen der alten Jungfern, und mag in Tränen schwimmen, wenn sie hierher denkt.« »Warum versuchen Sie es nicht, Giudittas Tränen trocknen zu gehen?« fragte Alwyl. »Sie zürnen den guten Tanten, und ich finde, es sind Muster der Gefälligkeit für Sie, denn sie bereiten Ihnen das ruhigste, ungestörteste Tête-à-tête mit der Geliebten.« Der Vorschlag leuchtete Hermann ein. Im Augenblick war er auf dem Wege nach der Via Cesarini, und während er unter dem Schutze des alten Dieners ungestört mit Giuditta glückselige Stunden verplauderte, saß Alwyl an der Seite der Tanten und versuchte durch Erinnerungen an deren eigene Jugend die Herzen derselben zu rühren. Aber mehr als das Andenken an die Vergangenheit tat Alwyls Persönlichkeit selbst. Er war ein schöner Mann in den besten Jahren, er hatte keine Frau und hielt, wie er den Tanten sagte, die Ehe für das beneidenswerteste Los. Er meinte, kein Alter sei zu spät, um in den heiligen Stand der Ehe zu treten, ja, er glaubte selbst, daß in einer Heirat zwischen ältern Personen die größte Bürgschaft des Glückes liege, es sei denn, daß zwei junge, ganz freie Herzen wie die von Signora Giuditta und Hermann sich bei dem ersten Schritte ins Leben begegneten, was auch vortreffliche Ehen gäbe. Die ganzen Schätze deutscher Empfindsamkeit ließ er in die Seelen der beiden Schwestern überströmen, welche immer aufmerksamer zuhörten, immer weniger auf die Sträuße achteten, die man ihnen zuwarf. Sie erkundigten sich nach Hermanns Verhältnissen, sie fragten, ob er in Italien bleiben könne und ob Deutschland sehr kalt sei. Signora Rosa versicherte, daß bei ihren Nerven der geringste Frost ihr tödlich wäre, und Signora Laura meinte mit einem freundlichen Blicke auf Alwyl, daß der Mensch sich überall akklimatisiere und daß man überall glücklich sein könne. Alwyl, fühlend, daß sein Sieg fast vollendet sei, beschloß, sich zurückzuziehen und die beiden Damen, welche, die verzeihliche Heiratslust abgerechnet, ihm wieder einen angenehmen Eindruck gemacht hatten, sich selbst und dem Nachdenken zu überlassen. Auf der Treppe begegnete er Horazio und antwortete auf dessen Frage, was er hoffen dürfe, mit dem übersetzten Verse des deutschen Dichters: »Wenn die Reben wieder blühen, rühret sich der Wein im Fasse.« Dann eilte er in den Corso hinab, sich in der leichten Heiterkeit des Festes den Lohn für die verlorenen Stunden zu holen. Der Sonntag verging in der Spannung des Waffenstillstandes. Am Montag, als die Truppen wie alltäglich in den Corso einmarschiert waren, erschien die wohlbekannte Equipage an der Ecke der Via Frattina, und den Tanten gegenüber saß Giuditta, die sogleich nach dem Geliebten umherspähte. Aber mit jedem Tage nimmt das Gewühl auf dem Corso zu, mit jedem Tage wird es schwerer, seine Bekannten herauszufinden. Immer größer wird der Freudenrausch. Es ist, als wolle man, je mehr das Fest sich seinem Ende nähere, es um so mehr genießen. Muß man doch diese unbefangene Freude entbehren bis zum nächsten Jahre; sehen doch manche der Schönen, denen ein stattlicher Forestiere lieb wurde in der Freudenwoche des Karnevals, ihn niemals wieder, den Fremden, den der erste Kurier nach der Osterwoche in seine ferne Heimat entführt. Ach! der Karneval ist ein poetisches Bild von manchem Liebesleben, in dem zwei Herzen erwachen zu kurzem, freudeseligem Finden und Leben, um dann getrennt und begraben zu werden in langem, ewigem Entbehren. Wie zählt man die Stunden bis zu der bevorstehenden Trennung, wie geizt man danach, die Augenblicke zu fesseln, wie möchte man in jede Sekunde eine große, eine unvergeßliche Freude drängen, um sich daran zu erquicken in den Tagen der Trauer, welche dem Scheiden folgen! So geht es im Karneval! Immer reichlicher fliegen die Sträuße durch die Luft, immer wärmer werden die Blicke, die ihnen folgen; der Scherz, den man in den ersten Tagen mit dem gleichgültigen Fremden anknüpfte, wird schmachtender Ernst, je mehr das Ende naht, und auf manchen letzten Blumenstrauß aus lieber Hand fällt eine perlende Träne, wenn er seufzend zu den werten Zeichen des Andenkens in die verschlossene Truhe gelegt wird. Mitten aus dem Gedränge der Masken tauchte am Montage Hermanns Gestalt unter dem bekannten Balkone auf, dessen Besuch ihm noch immer nicht gestattet worden war. Ein junger Römer in der Tracht eines arkadischen Gärtners begleitete ihn und trug eines jener scherenartigen Instrumente, die, sich weit ausdehnend, bestimmt sind, Blumen und Gaben sicher in die oberen Stockwerke zu bringen, ohne sie der Ungewißheit des Wurfes anzuvertrauen. Je fester Giudittas Augen an Hermann hingen, je weniger schienen die beiden Tanten ihn zu sehen. Schon mehrmals hatte Giuditta mit ängstlichem Blicke auf jene die Blumen und Schächtelchen abgenommen, welche Hermann an die Schere befestigt und der Gärtner hinaufgehoben hatte, als endlich Hermann zwei prächtige Sträuße mit Briefen daran knüpfte, welche als Aufschrift die Namen der beiden Schwestern trugen. Giuditta knüpfte sie los und reichte sie den Tanten, welche Anstand nahmen, sie zu empfangen. Aber die Neugier trug den Sieg davon. Eine jede öffnete ihren Brief. Nur eine Strophe stand in jedem. Sie lauteten: A LAURA MARCHETTI Toi qui portes le nom de l'amante adorée Que Pétrarque chanta, la célébrant toujours, Calme les doux transports de notre âme enivrée! L'hymen doit réparer les maux qu'a faits l'amour. A ROSA MARCHETTI Judith est une fleur de grâces éclatante, Fraîche comme l'aurore ou le nom de sa tante; Toi dont elle m'a dit l'angélique douceur, Sois un ange pour nous et mets-la sur mon coeur. Die Verse riefen ein Lächeln auf den Gesichtern der Schwestern hervor, das Hermann als ein günstiges Zeichen betrachten durfte, aber obgleich Alwyl bald nachher zu den Damen auf den Balkon trat und lange und angelegentlich mit ihnen sprach, erfolgte die Einladung nicht, welche Hermann zuversichtlich erwartet hatte. Noch einmal trennten sich die Liebenden mit stummen, ausdrucksvollen Blicken, und statt Hermanns, der dies wie die höchste Wonne ersehnte, fuhr mit den Damen und dem Abbate Luigi sein Freund Alwyl nach Hause, der selbst Luigis Gunst durch seine Gelehrsamkeit bis zu einem gewissen Grade gewonnen hatte.   Nur noch vierundzwanzig Stunden hatte der Karneval zu leben, überall hörte man seinen nahen Tod beklagen. Wie toll und wild drängte man sich am Dienstagnachmittag in den Corso, um den geliebten Karneval noch einmal zu sehen, um bei ihm zu bleiben bis an sein Ende und ihn mit den Moccolilichtchen zu Grabe zu tragen. Niemand will das erste Lichtchen anzünden, denn wenn das letzte verlöscht, ist die Lust vorüber; und doch blickt jeder umher, ob noch nirgend ein Flämmchen erglänze. Endlich taucht eins auf! ganz fern, ganz unten an der Ecke der Via dei Greci. Wie es so einsam, so scheu durch die Dämmerung flimmert, als fürchte es den noch anwesenden Tag, als traue es sich nicht recht hervor, solange der da sei. Aber der Tag scheidet, und das Lichtchen brennt; da wagt sich ein zweites hervor und ein drittes, und nun folgt die ganze Schar. Von den Balkonen des Mezzanin durch den ersten Stock bis hinauf zu den Fenstern unter den Dächern schlingen sie sich empor. Die einzelnen kleinen Glühwürmchen verwandeln sich wie im Märchen blitzesschnell in große, funkelnde Feuerschlangen, welche sich rastlos über den ganzen Corso fortwälzen. Alles strahlt in Licht und Flammen. Licht! ist das Losungswort dieser Stunden, nur im Flammentod kann der göttliche Frohsinn des Karnevals sein Ende finden. Nicht bang, nicht müde schleicht er dem Ende zu. Frisch, freudig, in höchster Lebensfülle verschwindet er, taucht er unter in ein Meer von Licht und Flammen. Das ist schön. Jeder will sein Teil dazu bringen, jeder muß ein Lichtchen in Händen haben. Aber die Fülle des Glanzes verwirrt, man fürchtet zu erblinden, wenn es ewig so währte, und die bangen Menschen fangen an, hier und dort ein Flämmchen zu löschen. Toren, die ihr seid! Glaubt ihr, es gäbe hienieden eine Lust ohne Ende? Eine Flamme ohne Erlöschen und Sichverzehren? Laßt nur die Lichtchen brennen, laßt nur die Feuerschlange sich schillernd und flimmernd über den Corso wälzen und die Flämmchen den Sankt-Elms-Feuern gleich über Wagen und Fußgängern leuchten. Nur eine kurze Frist, und die Pracht ist zu Ende, und der Flammenstrahl der Freude hüllt sich ein in das matte Grau, in das Halbdunkel gleichgültiger Alltäglichkeit. War der Eifer groß, mit dem man die Moccoli anzündete, so ist die Leidenschaft des Auslöschens und Wiederanzündens noch stärker. Aus den obern Stockwerken herab, von der Straße hinauf schlägt man mit Tüchern, die an Stangen befestigt sind, nach den Moccoli auf den Balkons. Dreiste Burschen springen auf die Wagen und suchen die Lichtchen zu erreichen, welche man, auf die Sitze steigend, vor ihrer Vertilgungswut zu retten strebt. Hie und da flammt ein Taschentuch, eine Fenstergardine in hellem Feuer auf; aber die Menschen sind Salamander geworden, sie leben nur noch im Feuer, Feuer erschreckt sie nicht, stört nicht den wahrhaft bacchantischen Taumel. Und käme ein Cato, eine Magdalene auf den Corso, sie könnten sich dem allgemeinen Jubel, der überwältigenden Lust nicht entziehen. Wäre man blind, hörte man nur den jauchzenden, immer wachsenden Lärm der unzähligen Menschenmenge, man würde mit Schaudern das furchtbarste Ereignis hereingebrochen wähnen. Kein Bild, keine Beschreibung geben eine Vorstellung dieser Stunden. Jedes Bedenken, jede gewohnte Schicklichkeitsregel verschwindet. Mit den kostbarsten Schals schlagen vornehme Frauen nach dem Lichtchen des Straßenbuben, das ihnen erreichbar scheint. Dreist gemacht durch die allgemeine Tollheit, sicher gemacht durch den Eifer, in dem jeder nur mit sich und seinem Lichtchen beschäftigt ist, sprang Hermann die Treppen in dem Eckhause der Via Frattina hinauf, schlug mit seinem Tuche die Moccoli der Tanten, Alwyls und des Abbate zu Tode, und ehe diese noch den kecken Störenfried erkannten, zog er die überraschte Giuditta in seine Arme, und sie ruhte an seiner Brust. Die Tanten wußten nicht gleich, was sie dazu sagen sollten. Den ganzen Nachmittag hatte Alwyl ihnen auseinandergesetzt, daß es der Wille des Erblassers gewesen sei, ein glückliches Paar zu machen; wie es jetzt aber in ihrer Macht stehe, mit denselben Mitteln vier Menschen zu beglücken, also den Willen des Gestorbenen doppelt schön zu erfüllen. Er hatte ihnen Horazios und Giudittas Dank, ein ganzes Idyll von Familienglück geschildert und nicht vergessen, hinzuzufügen, daß er, wenn er Hermann verliere, sich wieder recht einsam vorkommen werde. Die Herzen der Tanten waren erweicht. Der Abbate wurde vernachlässigt um Alwyls willen. Nun stand das junge, liebende Paar zärtlich umschlungen vor den Tanten da. Die Keckheit Hermanns gefiel ihnen wohl. Sie konnten nicht länger widerstehen. Mitten in dem allgemeinen Jubel ward der Bund der Herzen gesegnet, und als die letzten Moccoli auf dem Corso verlöschten, zogen zwei schönere Sterne, die Augen Giudittas, für immer an dem Lebenshorizonte des glücklichen Hermann empor. Eine Soiree Wahrhaft schöne und förderliche Geselligkeit ist nur möglich in freien Ländern, das heißt jene Geselligkeit, durch welche das geistige Leben zu erhöhter Tätigkeit angeregt wird. Tanzen und den Frauen schmeicheln, Karten spielen, dinieren, rauchen und trinken kann man überall, so gut in Rußland als in Deutschland und in Italien. Aber alle diese Vergnügungen halten nicht dauernd vor, sie sind kein rechtes Bindungsmittel für die einzelnen, es liegt kein wahrhaftes Interesse darin für denjenigen, der von seiner Zeit mehr fordert, als daß sie ihm so schnell als möglich vergehe. Die Bessren unter uns sind längst aus der Kindheit des Menschenalters zur Männlichkeit desselben übergegangen und verlangen auch von ihrer Erholung einen gewissen geistigen Ernst, dem deshalb die verschönende Grazie der Heiterkeit und des geselligen Verkehrs nicht zu fehlen braucht. Die Italiener haben von ihrer Vergangenheit die schönsten, leichtesten Umgangsformen ererbt. Sie sind Kinder einer vornehmen Familie, wohlerzogen und edel gewöhnt. Sie wären imstande, eine vortreffliche Geselligkeit in sich auszubilden, hätten sie geistige Motive, durch die sie als »Gesellschaft« geistig zusammengehalten würden. Aber in Italien ist der Geist und mit ihm das Leben der Gesellschaft gewaltsam in Fesseln geschlagen worden, und die Gesellschaft macht den Eindruck jener unbewohnten Prachtpaläste, deren mit Staub bedeckte Bilder und Möbel trotz ihres noch vorhandenen Reichtums traurig und veraltet erscheinen. In Frankreich führen politische, religiöse und literarische Interessen die verschiedenen Parteien zusammen, weil man sich über alle diese Gegenstände frei unterhalten kann; weil ein Wort oft schneller Mißverständnisse und Zwiespalt beendet als bogenlange Broschüren und Kontroversen, weil die Meinungsverschiedenheit, welche sich in freier Unterhaltung kundgibt, eine immer neue Quelle der Anregung und des Fortschrittes wird. In Italien aber ist eine solche geistig bewegende Geselligkeit in großem Maßstabe unmöglich. Es gibt Männer genug, die mit wachem Auge, mit hoffender Seele der freien Bewegung und dem Fortschritte des Auslandes folgen und ihn für Italien herbeisehnen; aber nicht nur ihre Tat ist gefesselt, sondern auch ihr Wort. Die Gesellschaft wird unsichtbar überwacht, selbst auf die Fremden erstreckt sich diese Aufmerksamkeit. Der Salon einer Italienerin aus großer Familie, welcher den Ausländern leicht geöffnet ward, sollte, so behauptete man, von päpstlichen Geldern unterhalten werden und die Hausfrau im Dienste der Polizei stehen. Ein geistreicher Abbate nannte mir einen Chevalier, welcher Ritter der höchsten päpstlichen Orden war, als einen Spion; ein Deutscher, lange ansässig in Italien, warnte mich vor dem Abbate mit ähnlichen Bezeichnungen. Ob eine der angeschuldigten Personen diesen Vorwurf verdiente, lasse ich dahingestellt sein; indes der bloße Gedanke, man werde überwacht, es gebe Spione, muß für Menschen, welche irgendein inneres Leben haben, hinreichend sein, sie von der Gesellschaft zurückzuscheuchen. Wie leicht es aber ist, in einem Lande Spione zu erwerben, in dem jeder freisinnig religiöse Gedanke eine Ketzerei und jeder, welcher diese enthüllt, ein gottgefälliges Werkzeug ist, das läßt sich leicht berechnen. Im ganzen leben die Italiener des Bürgerstandes, die Beamten und der niedere Adel nur unter sich, und die Fremden gleichen Ranges kommen nur ausnahmsweise mit ihnen in Berührung. Unter der Aristokratie der verschiedenen Nationen ist der Verkehr wohl lebhafter, beschränkt sich aber auch dort auf Einladungen zu Festen und Bällen, zur Loge und zu einer Corsofahrt. Das Innere des Familienlebens bleibt den Fremden verschlossen. Zu einer rechten geistigen Annäherung kommt es deshalb selten; um so mehr, als man über die tieferen Interessen, über religiöse, soziale, politische und literarische Fragen in der Gesellschaft die Unterhaltung absichtlich vermeidet, weil dies leicht in verbotene Gebiete hinüberstreifen könnte. So habe ich, wenn ich bisweilen im Kreise von Italienern war, das Gespräch sehr oberflächlich gefunden, anmutig spielend in dem Scherz einer herkömmlichen Galanterie, in welchem namentlich die Geistlichkeit ziemlich frei ist, und die Tagesereignisse behandelnd in der Art einer Hofzeitung. Das Kommen und Gehen fürstlicher Personen, Veränderungen im genealogischen Kalender, Wassersnot, Kornteuerungen und Feuersbrünste, Theater, Sängerinnen und vor allen Dingen das Ballett, das sind die Achsen, um welche sich die Unterhaltung bewegt. Nur hie und da findet man eine Gruppe, welche leise flüsternd wichtigere Gegenstände behandelt, und von einer solchen erfährt man gelegentlich Nachrichten, die nicht aus den Büchern und Schriften geschöpft sind, welche die Zensur passieren. Man sagte mir, daß die Kardinäle im Besitze aller verbotenen Schriften seien und daß man sie sich auch hier wie überall durch Unterschleif zu schaffen wisse. Es ist aber doch etwas anderes um den freien Mann, welcher sein Stück gesundes Brot im Sonnenschein vor seiner Haustüre ruhig genießt, oder den Unglücklichen, der die gestohlene Frucht scheu im Dunkel eines Winkels verschlingt. Da nun die Gesellschaft in Rom Mangel an stoffreicher Unterhaltung leidet, greift sie zu Musik und Poesie als Lückenbüßer, und der Dilettantismus blüht dort ebenso wuchernd als bei uns. Er hat das mit allem Unkraut und allen Schmarotzergewächsen gemein. Die italienische Sitte begünstigt ihn obenein dadurch, daß man in vielen Häusern keine Art von Erfrischungen, kein Eis, kein Souper, nicht einmal Wasser umherreicht, wodurch den Dilettanten volle Muße für ihre Leistungen zuteil wird. Als ein besonders angenehmer Kreis wurde mir die Gesellschaft im Hause der Baronesse E. gerühmt. Dort sollten noch ganz die alten italienischen Formen des Umganges beibehalten sein. Die Baronesse E. ist die Gemahlin eines hochgestellten Beamten, eine geistvolle Frau, ein glücklicher Improvisator. Sie empfängt an einem bestimmten Tage jeder Woche ihre Bekannten und Fremde und hatte auch mich eingeladen, sie zu besuchen. Durch ein stockfinsteres Portal des schönen Palazzo fuhren wir abends zwischen neun und zehn Uhr in den innern Hof, welcher nur von dem flackernden Lichte wartender Kardinalsequipagen spärlich erhellt ward. Wir tappten die breite, prächtige Marmortreppe hinauf. Im Hofe hörten wir Fontänen plätschern. Oben in dem großen Vorzimmer brannte auf einem Tische die dreiarmige römische Messinglampe; gegen dreißig Diener in den verschiedenen Livreen ihrer Häuser standen die Herrschaft erwartend da und spielten Würfel oder Karten. Ein paar Alte saßen an einem großen Kohlenbecken, sich zu wärmen. Auf uns achtete niemand, unser Diener mußte die Türen für uns öffnen. Aus diesem Vorzimmer ging es in ein zweites, sehr großes Gemach, das auch nur von einer Lampe erhellt war. Der zweite Raum, die düstern Tapeten, der steinerne Fußboden und die langen Reihen gepolsterter Bänke an den Wänden sahen aus, als könnten sich hier allnächtlich Gespenster oder Femrichter versammeln. Am obern Ende des Saales standen mehrere Diener in der Livree des Hauses vor den Türen der Empfangszimmer, die Gäste zu melden. Man wollte eben die Musik beginnen. Rossi, der beste Violinspieler Italiens, und der erste Klarinettist von der Scala in Mailand saßen schon neben einer blonden Engländerin am Flügel, ein Trio zu machen. Die Wirtin führte mich nach dem Sofa, wo sie mich bat, zwischen den Kardinälen M. und G. Platz zu nehmen. Wie ich nun so dasaß und mich umsah, bekam diese Gesellschaft etwas ganz Befremdliches für mich, da mein Auge im protestantischen Deutschland nicht an den Anblick der geistlichen Kleidung gewöhnt war, die hier bedeutend und reich hervortrat. Ebenso auffallend erschien mir die gänzliche Schmucklosigkeit der Zimmereinrichtung. An den Fenstern hingen geblümte Musselingardinen. Ich hatte sie anfangs für grauen Damast gehalten, denn die Zeit hatte ihnen wie alten Münzen eine dicke, ehrwürdige Paste gegeben. Einige prächtige Ahnenbilder und das Porträt der Baronesse als Sappho, alle von guten Meistern gemalt, sahen neben schlechten Lithographien lebender Fürsten und Berühmtheiten von den Wänden hernieder. Die Kardinäle mit ihren Scharlachhüten, die Monsignoren und Abbaten in den schwarzen Taftmäntelchen; die Escarpins, die schwarzen, violett und dunkelrot seidenen Strümpfe, die dreieckigen Hüte; das unbeschreiblich gezierte Wesen der jungen Männer, welche, das Lorgnon ins Auge geklemmt, mit den Damen plauderten, und die konventionelle Haltung der letztern gaben ein Bild, das mich lebhaft an die Aufführung der Goldonischen Lustspiele erinnerte, bei welcher mitzuwirken mich komisch dünkte. Nach dem ersten Musikstück gingen die Kardinäle und ein paar alte Gräfinnen in viel reicherer Toilette, als sie in solchen kleinen Gesellschaften bei uns üblich ist, zum Spiele. Die ältern Frauen trugen fast alle Sammet und Brillanten. Auf dem Wege nach dem Spielzimmer wurden die Kardinäle mehrmals von jungen Damen aufgehalten, die ihnen die Hände küßten. Darauf begann die Musik wieder. Man sang Rossini, Mercadante und Verdi, aber ich kann nicht sagen, daß ich an jenem oder einem der spätern Empfangsabende dort in irgendeiner Weise Bedeutendes gehört hätte, obgleich man mich von allen Seiten auf Ausgezeichnetes vorbereitet hatte. Was man uns übrigens von dem Talente des italienischen Volkes für den Gesang erzählt, ist im ganzen doch übertrieben, wenn man es mit den Erfahrungen zusammenhält, die man selbst im Lande macht. Die Italiener singen viel, haben ein musikalisches Gehör, aber in den niedern Ständen sind gute Stimmen selten. Jene Gondolieri und Marinari, welche man in den Reisebeschreibungen als vortreffliche Sänger rühmen hört, sind Ausnahmen, die sich wie Bänkelsänger vor den Fremden hören lassen. Sie können ebensowenig den Maßstab für das übrige Volk geben als bei uns die böhmischen Musikanten. Indes trotz der rauhen Kehlen und der ziehenden Vortragsweise der niedern Stände hört man die schwermütigen Ritornells der Feldarbeiter und die kleinen Lieder des Südens mit immer neuem Entzücken, deren süße Melodien so weit und klagend durch die stillen Nächte klingen. Dem Gesang im Salon der Baronesse folgte Deklamation. Man bat die Wirtin zu improvisieren, sie tat es nach kurzer Nötigung und sprach ein schönes Canto, »Die Christnacht«, das Beifall fand und verdiente. Trotzdem hatte die Szene für mich, dieser italienischen Weise ungewohnt, viel Auffallendes; denn je freier und liebenswürdiger, je natürlicher die Italiener im täglichen Leben erscheinen, je konventioneller sind sie in den hergebrachten Formen ihrer poetischen Leistungen. Die Sprache des täglichen Verkehrs verhält sich zu jenen wie ein Vaudeville zu einer Racineschen Tragödie, wie französischer Witz zu dem Pathos des Theater français. Das Auftreten der Baronesse, die Art, mit der man sich zur Bewunderung zurechtsetzte und die Kardinäle, vom Kartentische kommend, wieder ihre Sofaplätze einnahmen, waren wie einexerziert. Das Deklamieren selbst, die steigende Begeisterung der improvisierenden Dichterin, die rhythmische Bewegung des rechten Armes, an dem ein kleiner Arbeitsbeutel wie ein Chronometer des Gefühls hin- und herschwankte, mußten jedem, der es zum ersten Male sah, sehr komisch erscheinen. Später, in Neapel, wo ich mit dieser italienischen Manier schon mehr vertraut war, bot mir die Deklamation einer geistreichen Dame, die ich dort mehrmals zu hören Gelegenheit fand, hohen Genuß, während ich an jenem Abende in Rom nur immerfort einen schweren Kampf mit meiner Lachlust zu bestehen hatte. Sieht man aber, mit welcher Sicherheit jede Italienerin in Gesellschaft an das Instrument tritt, um zu spielen, wie sie beim Gesang ihr Notenblatt in die Höhe hält mit dem Siegbewußtsein eines Cäsars, oder betrachtet man die Stellung und den Ausdruck einer deklamierenden Person, so muß man eingestehen, daß in der Bravour der italienischen Opernsängerinnen, die bei uns oft so lächerlich übertrieben erscheint, in Italien nichts Auffallendes liegt. Da es Sitte ist, alle Leistungen von Dilettanten in Gesellschaft mit einem leisen »Ah bravo!« zu begleiten und zuletzt laut Beifall zu klatschen, so arbeitet jeder wie ein mutiges Streitroß auf diesen Fanfareneffekt hin; und jede Produktion endet mit dem Beifall fordernden Selbstgefühl, mit dem eine Garcia, eine Pasta das »gloria e vittoria« ihres Finale dem Publikum zuschleudern. Nach der Improvisation der Baronesse las eine Marchesa M., die Letzte eines berühmten Dogengeschlechtes, eine Klage des gefangenen Tasso, lang und langweilig wie das Register ihrer ehrwürdigen Ahnen. Man gähnte, aber man wiederholte das »Ah bravo!« mit rührender Pflichttreue, und Monsignore L. sagte, während er die eleganten Hände zum Beifallklatschen aneinanderschlug, im Tone der Verzweiflung: »Das war lebensgefährlich wie der Bethlehemitische Kindermord; wir sind mit Not dem Tode entgangen.« »Und Sie klatschen Beifall?« fragte ich. »Es war entsetzlich, Signora! aber was wollen Sie, das man machen soll? Glauben Sie, eine Dame hört zu deklamieren auf, ehe sie dies Beifallklatschen erreicht hat? Es ist höfliche Notwehr, weiter nichts! Das ist eine schreckliche Frau!« rief der Monsignore nochmals, während er herantrat, ihr Lobsprüche zu machen. Als er zurückkam, fragte ich ihn: »Ist unter den Eiden, welche Sie als Priester geschworen haben, auch der Eid der Wahrhaftigkeit?« »Eigentlich nicht! Das wäre auch zuviel!« meinte er. »Wie sollte man denn leben mit der Wahrhaftigkeit in einer Welt voll Lüge? Man muß doch mit den Leuten die Sprache reden, welche sie verstehen. Das sehen Sie ja an allen Missionären.« Dann wendete er sich zu meiner Nachbarin, welche von dem bevorstehenden Karneval sprach, und machte uns Vorschläge, den Corso einmal zu Fuß zu besuchen. Die Dame, eine Italienerin, schalt ihn, daß er ihr dergleichen zumute, und ich sagte, wie ich von andern gehört, daß keine ehrbare Frau der höhern Stände dies täte. »Bah!« meinte ein Abbate, »man gesteht es nicht ein, aber man tut es.« »Das ist eine bequeme Moral!« »Und ebendarum eine weitverbreitete«, sprach lachend Monsignore L. »Den Frauen dünkt der Karneval nur darum so paradiesisch, weil sie dabei die verbotene Frucht der Freiheit pflücken. Es hat doch jede einen Mann, einen Bruder, einen Freund, den sie einmal unsichtbar überwachen, dessen Verbindungen sie kennen möchte, um danach für den Rest des Jahres ihre Maßregeln zu nehmen.« Es war ein Uhr, als man die Soiree verließ. Die Diener des Hauses leuchteten mit Wachsfackeln die Treppen hinab, die wir im Finstern erstiegen hatten, und bei ihrem Lichte konnte ich die Schönheit der Hallen und Höfe des Palastes würdigen, der seit vielen hundert Jahren von der Familie der Baronesse bewohnt wird. Der Papst und eine Funktion in der Sixtinischen Kapelle Wir standen in der Mitte des Petersplatzes neben dem Obelisken und erfreuten uns an den Sonnenstrahlen, welche sich in den Wassermassen der beiden schäumenden Springbrunnen in den glänzendsten Regenbogenfarben brachen, als plötzlich die gewaltigen Glocken von Sankt Peter zu läuten anfingen. Ein Stallmeister in reicher Uniform sprengte in gestrecktem Carriere über den Platz nach dem Vatikane zu, hinter ihm ritten langsamer ein Trupp Karabiniere und die Nobelgarden, welche eine rote, sechsspännige Fensterkutsche umgaben, deren Pferde mit Federbüschen geschmückt waren. Drei Diener standen zwischen dem Kutschbock und der Kutsche, drei andere hinter dem Wagen. Im Fond des Wagens saß ein alter Mann mit großer, roter Nase, der sehr gutmütig aussah. Er trug ein weißes Gewand und den roten Hut der Kardinäle. Es war der Papst Gregor der Sechzehnte. Zwei Geistliche saßen entblößten Hauptes ihm gegenüber. Die vorüberfahrenden Equipagen hielten stille, Damen, welche sich darin befanden, knieten auf den Sitzen nieder. Auf dem Platze lag das Volk auf Knien. Die Figur in dem roten Wagen rührte sich nicht, machte nicht die leiseste Bewegung. Eine zweite, vierspännige Kutsche folgte der ersten, es befanden sich Geistliche darin, Karabiniere schlossen den Zug. Die Knienden erhoben sich, die Glocken läuteten immerfort, die Schweizerwache im Vatikan schlug die Trommel, bis der Heilige Vater ausgestiegen war, heimkehrend von einer Spazierfahrt. Ein paar Tage darauf war der Jahrestag der Thronbesteigung des Papstes und, diesen zu feiern, am Morgen ein Gottesdienst in der Sixtinischen Kapelle. Da man uns für die Zeremonie eine falsche Stunde angegeben hatte, trafen wir zu früh ein und hörten erst noch eine Messe im Sankt Peter, stehend auf dem Steine, auf welchem einst die deutschen Kaiser bei ihrer Krönung knieten. Es ist eine mäßig große Platte von Rosso Antico. Ein heller Sonnentag beschien die unbeschreibliche Pracht der Peterskirche, von deren schwindelerregenden Höhe und Größe man sich erst allmählich eine Vorstellung zu machen vermag. Der Baldachin über dem Hochaltare hat die Höhe des Berliner Schlosses, dies mag als Maßstab für die Größe der Kirche dienen; während es einen Begriff von der Pracht derselben gibt, wenn man erfährt, daß alle die kolossalen Bilder, welche die Kirche schmücken, nicht Gemälde, sondern nach diesen in Mosaik von Stein ausgeführt sind, um sie unvergänglich zu machen. Die Transfiguration Raffaels, deren Original sich im Vatikane befindet, und alle jene Meisterwerke, welche die Altäre zieren, sind Mosaiken von ganz unschätzbarem Werte. An der rechten Seite des Schiffes befindet sich eine sitzende, uralte Erzstatue des heiligen Petrus, welche besonders verehrt wird. Ein Kardinal mit seinem Begleiter kam bald nach uns in die Kirche und küßte vorübergehend den Fuß des Heiligen. Kaum war dies geschehen, als ein paar Landmädchen darauf zustürzten und dasselbe taten, mit einer Hast, als hofften sie durch die unmittelbare Nachfolge in diesem Kusse noch eines von dem Kardinale ausgehenden Segens teilhaftig zu werden. Die Diener des Kardinals wischten aber, ehe sie sich zu dieser Devotion entschlossen, erst mit ihren Tüchern vorsichtig den Fuß des heiligen Petrus ab. Aus der Peterskirche begaben wir uns nach der Sakristei, eine Madonna von Giulio Romano zu sehen; und tolerant und gefällig wie immer gestattete man uns den Eintritt, obgleich sich die Geistlichkeit dort bereits zu der Funktion in der Sixtinischen Kapelle versammelte. Die Sakristei von Sankt Peter ist nicht ein einzelnes Zimmer wie bei andern Kirchen, sondern dem Dome angemessen eine ganze Reihe von Gemächern mit einem großen Mittelsaale, mit Nebenzimmern und mit zwei schönen Kapellen, groß genug, um an jedem andern Platze für selbständige Kirchen zu gelten. In dem Hauptsaale war ein Treiben wie in einer Antichambre. Geistliche von verschiedenen Graden spazierten lachend umher, plauderten mit vornehmen Männern aus dem Laienstande, schrieben, siegelten Briefe, neckten sich mit den Chorknaben, lorgnierten uns und legten die Ornate für die Funktion an. Dazwischen kamen dreimal Priester aus Sankt Peter zurück, welche das Abendmahl erteilt hatten und den Kelch trugen. Wenn sonst ein Geistlicher in der Kirche oder auf den Straßen mit dem Kelche erscheint, kniet alles nieder. Hier achtete man nicht darauf, man war unter Bekannten und brauchte sich nicht zu genieren. Mitten aus diesem bunten Gewühle kamen wir in eine der Kapellen und blieben betroffen stehen. Nur zwei Priester waren darin. Der eine, ein hoher, ehrwürdiger Greis, saß außerhalb des Beichtstuhles auf einem hölzernen Sessel. Vor ihm lag ein junger, schöner Geistlicher auf Knien; sein Gesicht war glühend rot, Tränen überströmten seine Wangen. Wir hörten den letzten Laut seiner Beichte und traten zurück. Es bildete einen ergreifenden Gegensatz zu dem Bilde leichtsinniger Hierarchie, wie es sich in der Sakristei offenbarte, wenn man die Gewalt erblickte, welche die Kirche selbst über die Seelen ihrer Jünger ausübt, denen doch ein großer Teil ihrer unheiligen Geheimnisse klar sein muß. Indessen war die Stunde der Funktion gekommen, und wir stiegen die schöne Treppe des Vatikan empor, welche nach der Sixtinischen Kapelle führt. Diese hat meinen Erwartungen gar nicht entsprochen. Es ist ein großer Raum mit gewölbter Decke, allerdings in schönen Verhältnissen erbaut, aber ohne Säulen. ohne architektonischen Schmuck. Der untere Teil der Wände ist mit einer Brokattapete bekleidet, der obere von alten Florentiner Künstlern in Fresko gemalt. Dem Eingange gegenüber, an der hintern Wand der Kapelle, ist Michelangelos berühmtes Jüngstes Gericht, an dessen Schönheit ich glauben muß, ohne sie zu empfinden. Michelangelos Malereien und Skulpturen sind mit wenigen Ausnahmen, wie der Moses und die wunderschöne Büste des Heilandes in Santa Agnese fuori le mura, zu gewaltig für das Erfassungsvermögen meiner Seele. Jeder Heilige ist riesig und wild wie ein rasender Herkules, vor seinen Verdammten fühle ich eine beklemmende Furcht. Mit diesen Empfindungen kann man aber keine Freude an einer Schöpfung haben, und es geht gewiß vielen Frauen wie mir, daß sie Michelangelo nicht verstehen können. Die Kapelle ist durch ein Gitter von vergoldetem Holze in zwei Teile geschieden. In der vordern, kleinern Hälfte befindet sich eine prächtige Tribüne für gekrönte Häupter. Don Miguel, welcher seit Jahren auf einer Villa in der Campagna von den Wohltaten des Papstes lebt, hatte darauf Platz genommen. Außerdem sind in der Vorkapelle die Bänke für die Frauen, welche hier vorschriftmäßig schwarze Kleider und Schleier tragen müssen wie die Männer den schwarzen Frack. In der zweiten, größern Hälfte ist der Hochaltar; der Thron des Papstes von rotem Sammet mit einem großen Baldachin; ein Chor für die Sänger, die Sitze der Kardinäle und Plätze für Männer. Allmählich kamen die Kardinäle zusammen, es mochten etwa zwanzig derselben anwesend sein. Jeder hatte einen Ehrenkavalier, einen Kaplan und einen Schleppträger, der den Hermelinmantel vor dem Nachschleifen bewahrte. Man nannte uns den Prinzen Barberini; den ehemaligen Finanzminister Kardinal Tosti, der wegen schlechter Verwaltung zwar sein Amt, aber nicht seinen Rang eingebüßt hatte; den gelehrten Mezzofanti, einen hübschen, freundlichen Greis; den stattlichen Engländer Kardinal Akton; die Kardinäle Piccolomini, Gazzola, Macchi. Ganz zuletzt kam der greise Kardinal Micara, vormaliger General der Kapuziner, einer der wohltätigsten Männer Italiens. Er lebt ohne Luxus, ohne alle Bequemlichkeit nach wie vor in mönchischer Strenge und verwendet fast sein ganzes Einkommen für die Armen. Im Laufe der letzten Zeit hatte er den Vorschlag gemacht, sämtliche Kardinäle sollten für zehn Jahre die Hälfte ihres Einkommens verpfänden und diese Summe zur Trockenlegung der Pontinischen Sümpfe hergeben, auf denen man dann Arme mit kleinem Landbesitz ansiedeln könnte. Er war aber mit seinen Ansichten nicht durchgedrungen. Man liebt ihn außerordentlich und findet selbst in der wilden Heftigkeit seines Charakters einen Reiz mehr, ihm zugetan zu sein. Mehrmals erzählten mir Leute der niedern Stände mit Lachen, wie fast kein Bittender zu Micara komme, ohne zur Türe hinausgeworfen und reich beschenkt zu werden. Solch originelle Erscheinungen gewinnen sehr leicht die Sympathie des Volkes, die sich denn auch später bei der neuen Papstwahl dadurch kundgab, daß die Bewohner Trasteveres den Kardinal Micara zum Papste verlangten. Nachdem an jenem Thronbesteigungstage Gregors des Sechzehnten die Kardinäle in der Sixtinischen Kapelle versammelt waren, trat aus dem Innern des Vatikans der Weihbischof mit Gefolge ein; dann kamen die Nobelgarden, welche sich in der innern Kapelle aufstellten, während die Schweizer in der äußern Wache hielten, und endlich erschien der Papst, rüstigen Schrittes, mit Scharen von Geistlichen umgeben. Er hatte über dem weißen Gewande einen roten Sammetmantel und die weiße, goldgesäumte Bischofsmütze auf dem Haupte, unter der er ein weißes Käppchen trug. Vier Ehrenkavaliere stellten sich zur Rechten des Thrones auf, Geistliche zur Linken, und nun begann die Zeremonie damit, daß jeder der Kardinäle mit seinem Gefolge zum Throne trat, hinanstieg und die Hand des Papstes küßte, dem zwei Priester den Mantel hielten, damit die Hand nicht verdeckt werde. Nach dieser Zeremonie, welche recht lange währte, folgte die Messe. Der Papst selbst intonierte einzelne Partien mit schöner, kräftiger Stimme. Ohne ein bedeutendes Äußere zu haben, machte er doch einen ehrfurchtgebietenden Eindruck sowohl durch Alter und Güte wie durch seine edeln Bewegungen. Die Art, mit der er den Segen erteilte, und ein sich zweimal wiederholender Akt, bei dem er die Arme weit – wie die ganze Menschheit umarmend – ausbreitete, waren würdig und schön. Trotzdem hat mir aber weder hier noch jemals der katholische Ritus einen erhebenden Eindruck zu machen vermocht. Einzelne Momente, zum Beispiel der Augenblick tiefer Stille mitten in dem Lärm des Gottesdienstes während der Wandlung der Hostie und des Weines in Fleisch und Blut, sind von poetischer Kraft und Wirksamkeit. Dahin rechne ich auch das allmähliche Verlöschen der Kerzen, wenn am Karfreitage in der Sixtinischen Kapelle die schönen Lamentationen gesungen werden. Indes sobald man sich einmal ganz von dem Glauben an kirchliche Dogmen losgelöst hat, sobald man von der symbolischen Anschauung der Mysterien zu der rationellen Erkenntnis gekommen ist, daß in der Werdekraft des Alls das höchste Mysterium verborgen liegt, für das jedes Geschöpf ein Symbol ist, so kann jene kirchlich gemachte Symbolik nicht mehr die Seele zur Andacht erheben, die gewohnt ward, sich in sich selbst zurückzuziehen, um sich zu der höchsten Andacht zu steigern, deren sie fähig ist. Dies Kommen und Gehen des Papstes; die Priester, welche ihm die Mütze zehnmal abnehmen, zehnmal wieder aufsetzen und dabei das weiße Unterkäppchen ängstlich festhalten, es vor dem Herunterfallen zu hüten; das Schwenken der Weihrauchbecken, die prächtigen Umzüge in Sankt Peter, bei denen der Papst wie ein indischer Gott in einem Baldachin umhergetragen wird; die sämtlichen Zeremonien der Osterwoche sind für mich gar nichts andres gewesen als die Festzüge in einer Oper oder in einem Ballett; und wenn sie lange dauerten, haben sie mich ebenso gelangweilt als diese. Die Fußwaschung, die Osterprozessionen sind ohne alles Interesse, tödlich ermüdend. Besonders traurig aber mußten die letztem Gregor dem Sechzehnten erscheinen, denn das Umhertragen verursachte ihm Schwindel, und er schloß während desselben immer die Augen. Er glich dann vollkommen einer leblosen Puppe, und vor einer solchen das Volk niederstürzen zu sehen, das ist ein so peinliches Bild, daß ich nicht begreife, wie in unserer Zeit noch jemand Poesie darin zu erblicken vermag. Selbst die Benediktion, welche der Papst am Ostermorgen von Sankt Peter herab dem Volke erteilt, wobei er drei Ablaßzettel herunterwirft, läßt ziemlich kalt, weil man sieht und hört, wie zerstreut und glaubenslos die Masse dabei ist. Man sprach rund um uns her – wir hatten den Wagen verlassen – von Frauen, Osterien, Geldangelegenheiten, Diners bei Bertini. Niemand schien daran zu denken, daß hier eine religiöse Feier vor sich gehen solle; und selbst der Zauber fehlte, den bei andere Volksfesten das Gefühl gewährt, eine große Menschenzahl von demselben begeisternden Gedanken elektrisiert zu sehen. Darum ist mir auch der Papst nicht als Herrscher, denn als solcher hat er so gut als jeder andere Fürst die Möglichkeit, groß und segensreich zu sein, sondern in seiner Würde als Papst wie ein ganz besonders Unglücklicher erschienen. Er muß es wissen, welch ein Gebäude des Aberglaubens die Kirche über das Ideal wahren Christentums aufgebaut hat, denn er kennt die Künste und ehrfurchtbegehrenden Sophismen der Priesterschaft aller dogmatischen Religionen, deren letztes Ziel Herrschaft und geistige Knechtschaft sind. Sich herzugeben als das Symbol für alle diese Täuschungen, für alle diese Versündigungen an der Vernunft; durch seine Person, durch sein Leben den Aberglauben zu sanktionieren, das muß ein furchtbar trauriges Los sein, wenn man die Menschen liebt. Es kann leichtsinnig scheinen, den Katholizismus, in dem Millionen Menschen Beruhigung fanden und noch finden, einen Aberglauben, ein Truggebäude zu nennen; und doch kann ich nicht anders. Wer in Italien das Walten der Geistlichkeit und den ganzen auf Äußerlichkeiten gerichteten Kultus gesehen hat, wird wie ich empfunden haben, daß dieser Kultus der Heiligen, dies Papsttum der Vielgötterei und deren Priestertum nur zu nahe verwandt sind. Ich kann damit kein Urteil für das Allgemeine geben wollen, sondern nur den Eindruck, den es auf mich persönlich hervorgebracht hat. Wenn ich so den freundlichen Gregor auf seinem Baldachin umherschaukeln sah, wenn ich die Throne im Vatikan und Quirinal erblickte, unter denen er einsam, so fordert es das Zeremoniell, seine Mahlzeiten verzehrte, und mir seine ganze traurige Existenz bedachte, so gönnte ich dem Greise recht die Erlösung vom Leben, die ihm wenig Monate später zuteil ward. An jenem Morgen in der Sixtinischen Kapelle hörte er nach Beendigung der Messe eine lange lateinische Predigt an und zog sich dann in den Vatikan zurück. Später sah ich ihn noch öfters und zuletzt einmal in den Gärten des Vatikans, als er sich in den Pavillon begab, einigen Damen eine Audienz zu erteilen, da er im Vatikane selbst keine Frauen empfangen darf. Es ist dies eine Ehre, deren man unschwer teilhaft wird und zu welcher sich auch zahlreich protestantische Frauen drängen. In solchen Dingen Glück und Freude zu finden, muß man aber einen angeborenen Beruf haben, den nicht jeder besitzt. Die Taufe der Juden und Heiden im Lateran Ich habe der Osterfeierlichkeiten erwähnt und komme noch einmal auf dieselben zurück. Der Glaube an ihre erhebende, poetische Pracht gehört mir zu den traditionellen Irrtümern, welche über Italien nach allen Richtungen im Schwange sind und die ein Reisender dem andern nacherzählt. So sagt man, Italien ist unreinlich, weil man fürchten muß, selbst dafür zu gelten, wenn man dies nicht zugibt; man behauptet, von dem Volke überlistet und betrogen zu werden, denn dies zu behaupten macht vielen Wohlhabenden Vergnügen; man findet auch als Protestant den Katholizismus poetisch, da so viele ihn dafür erklären; und doch ist dies alles gar nicht oder nur zum kleinen Teile wahr. Der Katholizismus ist wie jede Religion poetisch, wenn man einmal in einsamer Kirche einen Menschen hingesunken sieht in innerer Sammlung, in starker Erhebung seines Geistes; aber ich glaube, daß nach den Zeremonien der Osterwoche der Katholizismus jedem Protestanten als ein vollständiges Götzentum erscheinen muß. Es ist ein wahrer Olymp, eine wahre Vielgötterei, dieses katholische Jenseits mit Gottvater, der Madonna, dem Sohne und allen Heiligen, wie das Volk sie verehrt und auffaßt. Sah ich die wundervolle Konsequenz, mit der sich die Menschen die einzelnen, ganz unmöglichen Fakta zusammenpassen, um ein festgegliedertes Ganzes daraus zu machen, so begriff ich nicht, wie soviel gesunde Logik sich in den Banden des Aberglaubens erhalten läßt. Man fragt sich: weshalb baut diese Logik sich Zwingburgen für die Vernunft, statt sie zu zerstören? Warum wagt sie nicht einen Ausfall aus der Festung der Kirche in die Natur, in der das ewige Leben ist und die Wahrheit? Warum läßt sich die Seele an das Kreuz schlagen und tröstet sich mit getrockneten, weihwasserbesprengten Palmzweigen, statt sich den tauglänzenden Lorbeer, den blühenden, duftenden Zweig der Orange vom frischen Baume zu brechen? Unter den Feierlichkeiten der Osterwoche haben die Lamentationen und das Miserere in der Sixtinischen Kapelle einen großen Ruf. Die Musik ist voll hoher Schönheit, voll wunderbarer Trauer, aber man müßte sie nicht von der päpstlichen Kapelle hören. Diesen Sängern fehlt der feine, menschliche Jubelklang der Stimme, die sich jauchzend aufschwingt im Vollgefühl des Daseins. Nur einzelne Klagetöne schlagen an das Herz und bewegen es in seinen Tiefen. Der Gesamteindruck dieses Gesanges ist mehr traurig als erhebend. Nur einmal in Italien habe ich Kirchenmusik gehört, die mir die innerste Seele erschütterte. Es war der Gesang der Nonnen im Kloster Santissima Trinità dei Monti. Wie die Klagen einer zum Tode verwundeten Nachtigall stiegen die Stimmen gen Himmel empor. Es war, als ob die heißen Strahlen der untergehenden Sonne, die in die Kirche fielen, sie mit hinaufnähmen vor den Thron des Allgeistes, dem diese Jungfrauen in frommem Fanatismus ihr Erdenleben opfern. Heiße Tränen lösten sich bei diesen Klängen von dem Herzen, und ich liebte die Nonnen, welche ich nicht sah und nicht kannte. Ihre Töne hatten eine Sprache, die ich wohl verstand. Wenn am Karfreitage die Lamentationen und das Miserere verklungen sind und der Papst selbst die Hostie aus der Sixtinischen Kapelle hinabgetragen hat in die Paulinische, so ist der Karfreitagskultus beendet. Das nächste, was sich dann der Schaulust des Publikums darbietet, ist die Taufe der Ungläubigen, die alljährig am Sonnabend vor Ostern im Laterane stattfindet. »Dites-moi, mon ami! où gardez-vous pendant le reste de l'année ce payen et ce juif que vous baptisez tous les Pâques?« fragte eine geistreiche Frau einen Monsignore, mit dem sie befreundet war; denn man sorgt wirklich dafür, daß es in keinem Jahre an dem herkömmlichen Proselyten fehle. Ich glaube aber, daß man rechtliche Mittel dazu anwendet und die Bekehrungen weder erzwingt noch erkauft, weil man dies Jahr nur einen Proselyten aufzuweisen hatte. Es war ein Jude aus dem Ghetto. Als wir am Morgen des 11. April von den Quattro Fontane nach Santa Maria Maggiore und dem Laterane wanderten, lag der seligste Frühlingshimmel ausgebreitet über der Straße, die sich zwischen Villen und Vignen hinzieht. Akazien-, Pfirsich-, Äpfel- und Birnbäume standen in üppigster Blüte, die Serenenbüsche hauchten den frischesten Duft aus, und ein Licht, eine Lebensfülle durchströmten die Welt, vor denen das Menschenherz freudig erbebte in der Brust. Einzelne Wagen fuhren nach dem Laterane, es war spät geworden, ehe wir uns zum Hingehen entschlossen. Ich hatte mich vor der feuchten Kälte gefürchtet, die im Frühjahr, wenn man aus der warmen Luft in die Kirchen tritt, so unheimlich fröstelnd berührt. Aber die Sonnenstrahlen waren auch bereits in die alte Basilika gedrungen, und es war hell und warm im Laterane wie in der freien Natur. Das Tabernakel im Schiff der Kirche war auf das prächtigste geschmückt, davor ein Altar errichtet, um welchen Reihen von Bänken einen Kreis bildeten. Die eigentliche Taufe ging, nach langen Beschwörungen und Austreibungen des Teufels aus dem Bekehrten, nach dem gewöhnlichen Rituale vor sich. Der Jude, ein schlanker, hübscher Jüngling von etwa fünfundzwanzig Jahren, trug ein Kleid von weißem Seidendamast nach Art der Priestergewänder. Er kniete mit einer Kerze in der Hand vor dem Altare, ein Kardinal hielt eine lange Predigt. Darauf wurde dem Jüngling die Firmung erteilt und die weiße Stirnbinde angelegt, welche das heilige Tauföl vor der entweihenden Berührung der Hände bewahrt. Eine zweite Predigt folgte, während welcher ein Geistlicher und ein östreichischer Legationsrat, die Paten des Getauften, sich neben ihn stellten. Man gab ihm nach beendeter Predigt wieder eine brennende Kerze in die Hand, trug das Kreuz vorauf und begann eine Prozession durch die Kirche und die äußern Stationen, der sich singend die zahlreich anwesende Geistlichkeit anschloß. Dabei kam der junge Mann an mir vorüber, und unwillkürlich entschlüpften die Worte »Der arme Jude!« meinen Lippen. Es war der erste Feiertag des jüdischen Osterfestes! Der junge Mann – das Volk nannte ihn einen schönen Jüngling, wo er vorüberging –, der junge Mann sah traurig, niedergedrückt, nicht im geringsten erhoben aus. Ein Zug von Stumpfheit lag schwer auf den scharfen, jüdisch klugen Zügen seines Gesichtes. Er tat mir sehr leid. Nicht als ob ich es verkennte, wie rein und schön, wie mild und geistig veredelt das wahre Christentum sei im Verhältnis zu der exklusiven Starrheit des Judentums; nicht als ob ich die Erscheinung Jesus nicht wie ein Heil der Menschheit begrüßte und verehrte; mich jammerte es nur, daß der Jude, indem er eine reinere Menschheitsidee in sich aufnimmt, auch den ganzen Wust überlebter Dogmen und mystischer Symbole anerkennen muß. Er darf nicht, ein geläuterter, veredelter Mensch, fortleben in dem Kreise der Seinen, durch sein Beispiel bezeugend, wieviel besser die Lehre Jesu ihn mache; er muß sich losschwören von seinem Volke, von seinen Angehörigen, er muß ihren Haß, ihre Verachtung auf sich nehmen; und warum das? Hörte denn Christus auf, Jude zu sein? Ward nicht der Jude Jesus von den Römern an das Kreuz geschlagen, starb er nicht als Jude, obgleich er die Wahrheit einer neuen Geistesentwicklung erkannt, obgleich er der Welt einen Idealismus gepredigt hatte, zu dessen Bekräftigung er sein Leben opferte? Es lag für mich ein tiefer Schmerz darin, daß grade an dem Tage, der die Juden um das Ostermahl versammelt, an dem Tage, an welchem die Familie als solche vereint das Osterlamm genießt zur Erinnerung des Auszuges aus Ägypten, dieser Jüngling sich lossagte von Familie und Volk. Nun stand er da in dem prächtigen Laterane, wo man seit tausend Jahren seinem Volke geflucht und die Vernichtung desselben gepredigt hatte; nun stand er da, der junge Neubekehrte, ein Glied der aus christlicher Liebe verdammenden Gemeinschaft, berechtigt, sein Volk zu verfluchen und zu verdammen wie jene. Einsam, allein in der Gemeinde der Christen! Und dort im Ghetto, in den engen, schmalen Straßen des Judenviertels, hing wohl ein alter Vater den weißen, blaugerändeten Gebetmantel um, die Seinigen versammelnd zum Ostermahle, mit tränengefülltem Auge auf den Platz blickend an seiner Seite, den heute der Sohn nicht mehr einnahm, auf dem zum ersten Male ein Glied der Familie fehlte. Oh! das Walten der Nemesis ist sichtbar in der Geschichte! Sie waltet schwer über dem unglücklichen Volke der Juden, und das starre Ausschließungssystem des Moses rächt sich furchtbar an seinen Bekennern. Möchte das Christentum daraus lernen, daß keine Sünde gegen den Geist der Menschheit ungestraft begangen wird. Möchte es hier in Rom auf den Trümmern des Heidentums begreifen, daß auch das christlich-katholische Heidentum und der orthodoxe Protestantismus untergehen werden und müssen, um Raum zu machen für die Anbetung des Geistes in der Natur, im Schönen und Wahren, der allein der Heilige Geist ist. San Giuseppe San Giuseppe ist der Feiertag des Pflegevaters von dem Heilande, und man verehrt diesen heiligen Joseph sehr. Die Italiener sagen nämlich in ihrem folgerechten katholischen Heidentum: wenn Gottvater sich einen Stellvertreter (un padre putativo) auswählte, der ihn auf Erden bei seinem Sohne ersetzen sollte, so wird er dazu gewiß den besten Mann erkoren haben; folglich ist der heilige Joseph der beste Mann, und man kann ihn nicht genug verehren. Sankt Joseph gilt aber auch sehr viel bei dem dankbaren Heilande. Als Sankt Joseph, so erzählt Alexander Dumas es im »Corricolo« einem Kapuzinerprediger nach, einmal die Aufnahme eines Banditen in das Paradies verlangte, der ihn immer als seinen Schutzpatron heiliggehalten hatte, glaubte Gott, diesem Ausbund aller Schlechtigkeit den Eintritt versagen zu müssen, und billigte gegen Giuseppes Einwendungen das Verhalten Sankt Peters, der vor ihm die Türe zugeschlossen hatte. Giuseppe, auf das empfindlichste in seiner Ehre gekränkt, erklärte, unter diesen Verhältnissen nicht länger im Himmel wohnen zu wollen, und wanderte aus. Als wackrer Familienvater nahm er Frau und Sohn mit sich, die denn auch, da die Madonna das Muster einer demütigen Gattin und Jesus das Ideal eines folgsamen Sohnes sind, keinen Augenblick anstanden, dem Vater und Gatten in das freiwillig gewählte Exil zu folgen. Die Madonna befahl ihrem Hofstaat, den elftausend Jungfrauen und allen weiblichen Heiligen, mitzukommen; dem Heiland folgten die Apostel und Märtyrer, so daß plötzlich Gott sich ziemlich verlassen in seinem Himmel befand. Er mußte endlich, da Petrus sein Amt niederlegte, selbst den Türhüter machen und begriff, daß er diese Einsamkeit nicht ertragen könne, daß er vor Langeweile in dieser ewigen Seligkeit sterben würde. Er fing also an, mit San Giuseppe zu kapitulieren und zu unterhandeln. San Giuseppe solle bleiben und der Bandit nach zehn Jahren Fegefeuer erlöset werden. Aber San Giuseppe kannte seine Macht und seinen Vorteil bereits. Er gab nicht nach, verlangte unbedingte und augenblickliche Aufnahme für seinen geliebten Banditen, und da selbst Gott die Langeweile für das größte Unglück hielt, so fügte er sich. Der Bandit kam in das Paradies, San Giuseppe kehrte mit seiner Familie und deren Anhang in den Himmel zurück, und dieser Fall bewies nach jenes Kapuziners Erklärung ganz unzweifelhaft, daß San Giuseppe der vornehmste Heilige sei. Zu Ehren eines solchen muß das italienische Volk froh sein und sich gütlich tun. Es ist ein kindliches Wesen in den Südländern, sie sind materiell, aber ihr Materialismus ist harmlos und poetisch. Daß Enthaltsamkeit in körperlichen Genüssen Tugend sei, lehrt die Kirche für diejenigen, welche eben wie die Mönche und Nonnen sich einer ganz besondern Heiligkeit befleißigen wollen. Wer auf möglichst kurzem Wege in den Himmel zu kommen wünscht, der muß den Erdenfreuden entsagen; wem es aber auf eine kleine Zwischenstation im Purgatorium nicht ankommt, der mag sich an die Erde halten und diese genießen in ihrer ganzen Schönheit. Darin unterscheidet der starre Protestantismus sich auch wesentlich vom Katholizismus. Dieser sagt: die Erdenfreuden sind schön und erlaubt, aber es gibt eine größere, himmlische Seligkeit, die man erkaufen kann, indem man das Erdenleben opfert. Der Protestantismus dagegen erklärt die Freuden des Diesseits an und für sich als sündhaft. Er gibt von Gott die Vorstellung eines liebenden Vaters, der seine Kinder in einen fruchtreichen Garten verstößt, wo sie mitten unter den lockendsten Versuchungen nichts genießen dürfen, weil alle Früchte trotz ihres schönen Ansehens giftig sind und wo nur der Hungertod aus Entsagung vor ewigem Verderben rettet. Das ist aber die barbarischste Welt- und Gottanschauung, welche gedacht werden kann, und nur der Norden, in dem der Protestantismus entstand, konnte sie in ihrer puritanischen Strenge erzeugen. Ich denke mir immer, diese Entsagungstheorie sei eine weise Polizeimaßregel des Nordens. Es ist gescheit, dem Volke dort Entsagung zu predigen, denn das Volk hat keine Genüsse, keine Freuden, und man schafft ihm keine. Wie Christus aber mitten in dem zauberhaften Naturreichtum des Orients unmöglich Askese predigen konnte, das begreift man erst im Süden. Es ist gewiß ein vollständiges Mißverstehen, diese Entsagungstheorie im Christentume zu finden. Auch wird das Entbehrungsprinzip, je höher gen Norden, je ausgebildeter aus notwendiger Hungerleiderei. Mir fällt dabei immer ein Mann ein, der, wenn er von der Unliebenswürdigkeit seiner Frau sprach, zu sagen pflegte: »Ihr wißt ja, meine Freunde, wie die Frauen sind!« Er machte sich aus seinem ganz besondern Unglück eine allgemeine Theorie. So bilden sie auch im Norden, wo sie weder Sonnenschein noch Fülle der Vegetation, wo sie gar wenig Lebensgenuß haben, sich eine Theorie aus ihrer Not und sagen: der Mensch muß entbehren! Aus Mangel an Diesseits vertröstet man sich auf das Jenseits. In Italien hat man das nicht nötig, und niemand denkt daran, es zu tun. Man brauchte nur am Tage des San Giuseppe durch die Straßen zu gehen, um sich zu überzeugen, wie das Volk die Erdenfreuden genießt. Schon am Vorabend des Festes wurden an allen Straßenecken, auf allen Plätzen Tische aufgeschlagen, Stangen mit Zelttüchern darübergebreitet, blühende Lorbeerbäume davor aufgepflanzt. Man sah an den hoffnungsreichen Gesichtern der Jugend, die sich davor versammelte, daß an diesen Tischen sich die Freuden des kommenden Festes entwickeln würden. Und so war es auch. San Giuseppe liebte vermutlich als Ideal eines echten Familienvaters und Hausherrn eine gute, reichbesetzte Tafel; deshalb ist er der Patron alles Gebackenen, der Fritti; und Fritti werden an diesem Tage überall in den Straßen bereitet und verzehrt. Mich hat es immer mit wahrer Freude erfüllt, zu sehen, wie sich das Volk hier auf die bequemste, reinlichste und billigste Weise ernährt. Wenn wir theoretisch von kommunistischen Einrichtungen sprechen hören, nach denen das Volk aus einer gemeinsamen Küche gespeist werden und dadurch alles billiger und besser haben solle, als die einzelne Familie es sich zu schaffen vermag, so scheint uns dies etwas Fernes, Erdachtes, schwer Ausführbares. Hier besteht es, aus der Volksgewohnheit hervorgegangen, in erfreulichster Zweckmäßigkeit. Kein Arbeiter, keine Handwerkerfamilie kocht in ihrer Behausung. In jeder Straße ist ein Friggitore vorhanden, der unter freiem Himmel auf eisernem Ofen alle Speisen zubereitet, von denen seine Kunden sich ernähren. So erspart der Arbeiter die Zeit, welche die Besorgung ihn kosten würde, erspart die Feuerung und kann sich für diese doppelte Ersparnis ein besseres Mahl verschaffen, von dessen Reinlichkeit er überzeugt sein darf, da es vor seinen Augen bereitet wird. Diese Einrichtung bedingt aber auch die Art von Speisen. Rindfleisch, Suppen und alle jene Dinge, welche eines mehrstündigen Kochens bedürfen, fallen natürlich fort. Die Nahrung der niedern Stände besteht aus abgesottenen Gemüsen, die, weil sie hier saftig und aromatisch sind, keiner Zutat bedürfen; aus Eiern, Fleisch, Makkaroni, Seefischen, Schaltieren und Fröschen, welche in Fett oder Öl vortrefflich geröstet werden. Dazu kommt der billige, vortreffliche Landwein, gutes Weiß- oder Schwarzbrot – denn man findet beides –, Ricotta, ein aus Ziegenmilch bereiteter Quark, der billig und äußerst wohlschmeckend die Stelle der Butter vertritt, nebst vortrefflichem Käse; und es ist somit eine Fülle von Nahrungsmitteln vorhanden, aus denen selbst ein Feinschmecker sich ein gutes Mahl zu wählen vermöchte. Als wir am Morgen von San Giuseppe die Straße der Due Macelli entlang durch Via del Tritone nach der Piazza Barberini schlenderten, gingen wir auf dieser kurzen Strecke an fünf Friggitoren vorüber. Das Bild des Heiligen sah zwischen den Lorbeerzweigen unter der weißen Umzeltung hervor. Der weiß überdeckte Tisch trug in reinlichem Geschirr große Puddings von gesottenem Reis, aus denen als Zierat rote Levkojen herauswuchsen. Alle möglichen Sorten von Gemüsen, von Fischen und von Mehlbackwerk, in Öl braun geröstet, standen daneben. Massen von vortrefflichem Fett, in feste Form gebracht, ließen auf die Menge der Fritturen schließen, die man im Laufe des Tages noch zu machen gedachte, und die Köche in weißem Pantalon und weißer Jacke arbeiteten mit einem Eifer, als gelte es, nicht nur die Römer, sondern die ganze Welt mit Fritti zu versorgen. Der Anblick war erfreulicher und interessanter als die Zurüstungen zu einem Feste, bei dem Könige und Fürsten die Helden sind. Die Straßen glänzten in vollster Feiertagsruhe. Minenten, die jungen Stutzer der Volksklasse, standen vor den Tischen und Bratöfen der Friggitoren. Sie sehen schön aus, diese schlanken, römischen Burschen, in der hoch hinaufgehenden Hose, die eng um das Knie schließt und dann weit und los auf den Fuß hinabfällt. Statt des Tragbandes hält eine farbige Schärpe das Beinkleid um die Hüften fest; die kurze schwarze oder teegrüne Jacke von Halbsammet sitzt leicht und luftig über dem weißen Hemde oder hängt in warmen Tagen wie ein Dolman von der Schulter herab. Ein kleiner, grauer Filzhut schützt den Kopf, und fast nie fehlt die Zigarre im Munde. Sie haben ein ungemein keckes, jugendliches Aussehen, diese Minenten, und ich habe den Morgen mich an der großen Zahl wahrhaft schöner Gesichter erfreut, die unter ihrem reichen, schwarzen Lockenhaar lebensvoll und heiter in die Welt sahen. Bei uns im Norden, wo die arbeitenden Klassen sowenig Feiertage haben, weil nur mit fleißigster Benutzung der Zeit, mit Anspannung aller Kräfte die Lebensnotdurft zu erringen ist, bei uns wird auch der Feiertag für das Volk zu einer Arbeit, weil es sich nun durchaus ein Vergnügen, ein »Extra-Amüsement« antun muß. Das hat der Italiener, dem sein gesegnetes Land viel Feiertage erlaubt, gar nicht nötig. Er kann wie der Reichste bei uns einen seiner Feiertage im dolce far niente verträumen, denn es kommt bald ein andrer, wenn er diesen einen auch ohne besonderes Vergnügen verlor. Das gibt ihm ein behagliches Sichgehenlassen, eine sichre, vornehme Ruhe im Müßiggang, die seine Erscheinung heiter macht und ihn von dem Nordländer wesentlich unterscheidet. Mitten unter den römischen Minenten stand hie und dort ein Bürgermädchen, ebenfalls Minente genannt. Die Minente hat die Nationalkleidung abgelegt. Sie trägt das Kostüm, das auch bei uns die Mädchen der arbeitenden Klasse tragen, jedoch ein wenig nach dem Klima eingerichtet. Im Winter, wo man es kalt in den Zimmern hat und so warm in den Straßen, daß man des Mantels nicht bedarf, tragen sie durchgehende Oberröcke von verschiedenfarbigem, grobem Flanell, die hoch hinaufgehen zum Halse und Rücken und Büste, da das Leibchen ganz ohne Falten ist, in ihrer vollen Schönheit zeigen. Ein großer, rund den Hinterkopf einschließender Kamm von Metall, sei es Messing, Silber oder Gold, der spicciatoro, das eigentliche Wappen der Minente, hält die leicht herabhängenden schwarzen Haarflechten zusammen. Im Sommer kommt ein faltiger Rock ohne Taille an die Stelle des Überrockes; und ein grobes, sehr krauses Hemde, hoch über die Brust hinaufgehend, mit langen Ärmeln und klar genähten Reifen, verhüllt allein Rücken und Brust. Die schönsten Mädchen sind die Trasteverinerinnen. Es ist eine Lust, ein solches Mädchen in seiner prächtigen Frische neben einem kräftigen Burschen von der Lungara zu sehen. Sie leuchten vor Jugend, Leben und Daseinsglück. Je weiter wir uns von den Stadtteilen am Fuße des Monte Pincio entfernten, in denen die Fremden wohnen, desto mehr nahm das fröhliche Treiben in den Straßen vor den Buden der Friggitori zu. Jenseits des Quirinals, dicht an dem Forum des Nerva, stand ebenfalls eine solche Bude, vor der es so fröhlich herging und in der es so appetitlich aussah, daß wir es uns nicht versagen mochten, von den Herrlichkeiten zu kosten, die dort bereitet wurden. Für einen Bajocho, nicht ganz einen halben Groschen, gab man uns zwei Fritti, die vollkommen dem sogenannten »Auflauf« gleichkamen und so wohlschmeckend waren, als sie der beste Koch nur zu bereiten vermag. Wenn wir, die Fremden, für einen Bajocho zwei Backwerke erhielten, so bekommt das Volk sicher das Doppelte, denn die ersten Lebensmittel sind hier fast immer sehr billig und erleiden nicht wie bei uns durch den langen unfruchtbaren Winter eine wesentliche Steigerung des Preises, da hier die Vegetation fast nie aufhört, produktiv zu sein. Am Bogen des Septimus Severus, unterhalb des Kapitols, traten wir auf das Forum hinaus und wanderten die Via Sacra entlang durch die Bogen des Titus und des Konstantin, am Friedenstempel und am Colosseum vorüber die Straße hinab, über die sich zur Rechten die Ruinen der Kaiserpaläste hinziehen, während links sich der Giardino Gregoriano, ein öffentlicher Garten, ausbreitet. Wir setzten uns auf Steinen vor demselben nieder. Einzelne Geistliche spazierten im Garten umher, in dem die Bäume ihre frühlingsgrünen Blätter flüsternd im Hauche des Morgenwindes bewegten. Ernsthaft sahen die riesigen Ruinen der Kaiserpaläste auf die Straße hinab, eine Schar von Minenten begleitete dort ein heiteres Spiel mit jubelnden Freudenausbrüchen. Sie spielten Ruzzica, und zwar dem Feste zu Ehren mit Käsen statt der wirklichen Ruzzica. Die Ruzzica ist eine Schleuder, die, wie ein Kreisel mit einer Schnur bewickelt, mittels eines Knebels an die linke Hand befestigt und mit dieser geworfen wird. Heute vertraten die festen, großen Käse die Stelle der eigentlichen Schleudern, und der weiteste Wurf trug als Sieg den geworfenen Käse davon. Es soll viel Kraft und Geschicklichkeit zum Handhaben der Ruzzica und namentlich dieses mehrere Pfund schweren Käses gehören. Die Minenten aber entwickelten große Sicherheit und die schönsten Stellungen dabei, so daß es uns lange unterhielt, ihrem Spiele zuzusehen. Eine Strecke weiter hinab, entfernt von den Erwachsenen, trieben Knaben dasselbe Spiel mit der hölzernen Schleuder. Überall Frohsinn bei anständigster Haltung. Mir ist in den sieben Monaten, die ich in Rom verlebte, nur ein einzig Mal ein Betrunkener vorgekommen, und es muß wohl ein seltenes Ereignis sein, weil das Volk einen förmlichen Aufzug daraus machte. Es war ein Lehrling, der infolge seiner Unmäßigkeit den Anfang der Arbeitszeit verschlafen hatte. Zwei Männer führten ihn unter den Armen, ein dritter hielt ihm, obgleich das Wetter vollkommen hell war, einen zerrissenen Regenschirm über den Kopf. Man trug eine Klingel vor ihm her, die unablässig in Bewegung erhalten wurde, und Scharen lärmender Buben folgten. Am Feste von San Giuseppe, wo es auf eigentlichen materiellen Genuß abgesehen war, sah ich im Laufe des ganzen Tages, und ich war noch am späten Abend auf der Straße, überall Leute, welche aßen, tranken und sich es wohl sein ließen, aber nirgend eine Spur von Völlerei. Heiter wie am Morgen standen die Leute abends vor den Öfen der Friggitori, und Rom war fast illuminiert durch die helle Beleuchtung dieser beweglichen Küchen. Man konnte recht ruhig sein Abendbrot verzehren und sich ruhig niederlegen, denn hungrig ging an diesem Abende wohl kaum ein Römer zu Bette. Hier konnte man es empfinden lernen, wenn man überhaupt ein Herz für seine Mitmenschen hat, welch ein beseligendes Glück in einem Zustande der Gesellschaft liegen müßte, in dem für die notwendigen Bedürfnisse des einzelnen gehörig gesorgt wäre; und mir ist Rom, ganz abgesehen von seiner Erhabenheit und Schönheit, schon darum so wert geworden, weil das Volk dort viel glücklicher, viel mehr genießend erscheint als in unserer ärmeren Heimat. La sentenza Am 27. April 1846 ging ich mit Freunden den Corso entlang, um mich nach dem Vereinslokale der deutschen Künstler zu begeben, nach dem Palazzo Simonetti. Es waren dort neue Bilder ausgestellt, welche man als besonders anziehend geschildert hatte. Schon bei dem Heraustreten aus der Via Frattina in den Corso fiel mir ein ungewöhnlich bewegtes Leben in demselben auf. Vor allen Haustüren der Bürgerhäuser waren die weiblichen Bewohnerinnen mit den Kindern auf dem Trottoire. Die Portiers der Paläste hatten förmliche Auditorien um sich versammelt; Minenten, Carretieri, Landleute, Salat- und Erdbeerverkäufer standen umher, und die eigentlichen Pflastertreter Italiens, die Mönche und Abbaten, waren in großer Anzahl vorhanden. Wir hofften immer, irgendeinem Bekannten zu begegnen und Aufschluß über die Bewegung zu erhalten. Ein öffentliches Fest konnte es nicht sein, denn man sah keine Karabiniere, die dabei niemals fehlen; ein Feiertag noch weniger, weil unsere Wirtsleute nichts davon gemeldet hatten, welche dies zu tun nie vergaßen. Ich machte mir die wunderlichsten Gedanken und gelangte mit den Freunden endlich bis an die Piazza Colonna, wo der Zeiger der Uhr an der Post die zwölfte Stunde wies und ein Kanonenschlag mezzogiorno verkündete. Auf der Piazza Colonna ist es immer sehr lebhaft. Rund um die Antoninssäule halten die Mietskutschen. Schuh- und Bürstenverkäufer haben ihren beweglichen Kram am Palazzo Ruspoli aufgeschlagen. Überall stehen Leute, welche die von der Post geholten Briefe öffnen und lesen, und jetzt im Frühjahr hatte sich wieder der Limonadenverkäufer an der Fontana seine Boutique eingerichtet, aus der er die Vorübergehenden auf die billigste, reinlichste und angenehmste Weise erquickte. Solche Limonadenbuden finden sich im Sommer auf allen größern Plätzen, auf denen Fontänen sind. Von schattigen Oleander- und Lorbeerzweigen werden drei Wände gebildet und ein kleines Zeltdach über den Tisch gespannt, auf dem man die Limonade bereitet. Aus der Fontäne leitet ein Schlauch das Wasser in eine Urne auf dem Tische, von der es mittelst zwei kleiner Röhren immer frisch in die Gläser gefüllt wird. Die aufgehäuften Zitronen und Apfelsinen mit den dunkelgrünen Blättern dazwischen, das frisch rieselnde Wasser unter dem kleinen, schattigen Zeltdache und die Sauberkeit und Schnelle der weißgekleideten Verkäufer geben ein gar heiteres Bild, von dem ich nicht begreife, warum es nicht häufiger von Genremalern benutzt wird. Die verschiedenen Physiognomien der durstig Trinkenden, an denen es niemals fehlt, sind belustigend genug. Heute aber war es nicht allein der Durst, der die Leute hier versammelte, es war das bevorstehende Ereignis, welches sie länger als gewöhnlich festhielt. Ich bat meine Begleiter, mit mir ebenfalls heranzutreten, und von einer starken, schönen Römerin erfuhren wir endlich, daß heute la sentenza – das Urteil – an drei Dieben vollzogen werden würde, welche am giovedi grasso gestohlen hatten. Der giovedi grasso ist der Donnerstag im Karneval, an dem zum letzten Male Fleischspeisen gegessen werden vor den Fasten. »Man wird die Diebe gleich vorüberführen«, sagte die Donna und ging lachend fort, lebhaft mit ihrer Begleiterin sprechend und gestikulierend, wobei die großen, schwarzen Augen und die gewaltigen, goldenen Ohrringe um die Wette im Sonnenschein funkelten. Um als wahre Touristen nun auch einmal die Pflastertreter zu machen, schlenderten wir, die Diebe erwartend, auf und ab und blieben endlich vor dem Palazzo Doria stehen. Ein kleiner Franziskanermönch, der bald mit diesem, bald mit jenem Vorübergehenden ein Wörtchen schwatzte und gutmütig jedem seine Tabaksdose bot, blieb lange in unserer Nähe und fiel uns auf. Er sah nicht wie ein Italiener aus, sein Gesicht hatte einen fast slawischen Typus: eine kurze, eingedrückte Nase und hellblaue Augen, aus denen die gutmütige Schlauheit zufriedener Einfalt hervorleuchtete. Da es warm war, trug er die braune Kapuze zurückgeschlagen. Am Arme hing, unter dem Kragen der Kutte verborgen, ein kleiner Korb, wie ihn die terminierenden Brüder haben; in der Hand hielt er die allen Geistlichen ganz unentbehrliche Tabaksdose. »Fragen Sie den Mönch«, bat ich einen meiner Freunde, »wann die Verurteilten kommen. Er wird uns Antwort geben, denn die Lust zu sprechen blitzt ihm über das ganze Gesicht.« »Signor! wann kommen die Verbrecher vorbei und wohin führt man sie?« fragte mein Freund. Das Antlitz des kleinen Mönches strahlte in heller Freude. Er wurde von Fremden angeredet, er wurde zu einer wichtigen Person, er hatte Stoff für die Unterhaltung im Kloster während der Cena, der Abendmahlzeit. Auch verließ er sogleich den Fahrweg, auf dem er gestanden hatte, und stieg zu uns hinauf auf das Trottoir, sich in aller Form räuspernd und für den Vortrag einrichtend. »Sehen Sie«, hob er an, »dies sind Diebe, die am giovedi grasso gestohlen haben, und Diebstahl während des Karnevals, der wird schärfer bestraft, denn die Diebe können Masken vorbinden, und die Häuser sind alle offen und schlecht bewacht.« »Am giovedi grasso gestohlen und heute schon das Urteil!« bemerkte einer von uns, »das ist schnell gegangen. Das sind kaum neun Wochen.« »Ja! die Justiz ist gut bei uns«, sagte der Mönch. »Sehen Sie, Signori, die Diebe sind eingedrungen in das Haus eines Advokaten, der mit seiner Frau auf dem Corso fuhr. Es waren ihrer drei. Sie waren alle drei maskiert. Wie sie in das Haus kamen, banden sie dem einzigen Diener, der zurückgelassen war, die Hände auf den Rücken und zwangen ihn, anzugeben, wo sein Herr die ›quattrinucci‹ – Gelderchen – verwahrt habe. Was wollte der tun? Er mußte es angeben. Darauf verlangten sie, er solle sagen, wo die Frau ihre Juwelen habe. ›Sie hat sie angelegt!‹ sagte der Diener. ›Nein!‹ sagten die Diebe ›sie hat sie nicht angelegt, wir haben sie auf dem Corso gesehen; zeige uns, wo die Juwelen sind.‹ Also mußte er sie zeigen, und nachdem sie sie genommen hatten, alles genommen hatten, da machten sich die Diebe davon. Aber nun lief der Diener ans Fenster, schrie: ›Diebe! Diebe!‹, und da kamen die Karabiniere gleich ins Haus und packten die Diebe noch auf der Treppe und nahmen ihnen alles ab.« »Und auf wie lange sind sie verurteilt?« »Sie sind verurteilt zu den Galeeren a vita e dieci anni dopo la morte!« – Auf lebenslang und zehn Jahre nach dem Tode. »Zehn Jahre nach dem Tode? zur Hölle? oder was heißt das?« fragte ich verwundert. »Zehn Jahre nach dem Tode! Das heißt, daß nie bei einer allgemeinen Amnestie für diese drei Diebe Begnadigung eintritt, daß sie ganz und für immer von der Gnade ausgeschlossen bleiben. Sehen Sie, Signora, das muß sein! Diebstahl im Karneval muß härter bestraft werden. Haben Sie nicht die sentenza an den Straßenecken gesehen, da steht's: A vita e dieci anni dopo la morte – tutti e tre.« »Zehn Jahre nach dem Tode!« wiederholte mein Freund. »Das ist die christliche Milde eines Staates, den das Oberhaupt der Christenheit beherrscht und dessen sämtliche Beamte Theologie, den Geist des Christentums, studiert haben. Ach! wer befreit uns von diesem Christentum!« Der Mönch hatte die deutsch gesprochenen Worte natürlich nicht verstanden und fuhr ruhig in seiner Erzählung fort. »Nun werden sie hier vorbeigeführt werden. Sie fahren, ehe man sie an das Tor nach Civitavecchia bringt, durch die ganze Stadt. Der eine ist ein Schuhmacher, ein schöner Jüngling; ich habe sie schon gesehen dort oben, als sie fuhren . Er ist erst fünfundzwanzig Jahre, groß, gesund und rot. Mit blondem Haare und rotem Bart. Ein schöner Jüngling!« »Fünfundzwanzig Jahre und gesund und lebenslängliche Galeerenstrafe?« rief ich schaudernd. Der Mönch hörte die Worte und ihren Sinn, aber er begriff nicht unser Entsetzen. Die Diebe hatten gestohlen, das Urteil war gefällt, er nahm die Tatsachen ruhig hin, ohne weiter darüber zu denken. »Ein schöner Jüngling«, fing er wieder an, »der eine, der Schuhmacher! Der andre ist wohl vierzig Jahre, er ist ein fortgejagter Kutscher, aus vornehmem Hause fortgejagt. Der dritte war ein Lohndiener. Er ist noch älter. Er hat schlechte, abgetragene Kleider gehabt. Der Jüngling war wie ein Païno gekleidet.« – So nennen die Minenten, welche die kurze Jacke beibehalten haben, den nach der Mode Gekleideten. »Er war wie ein Païno angezogen, als man ihn arretierte. Schöne Weste! schönen Frack! langes Haar! Ein schöner Jüngling! mit rotem Barte! Sehen Sie, Signor, sie wollen alle die Païni machen hier in Rom. Hüten Sie sich vor den Römern!« »Aber warum denn?« »Sehen Sie! der eine Dieb, der Lohndiener, der hat die Fremden solange betrogen, bis es ruchbar wurde und niemand ihn nahm; er hat schon früher im Gefängnis gesessen. Ich sage Ihnen, Signori, hüten Sie sich vor den Römern, sie taugen alle nichts.« Dabei sah er sich vorsichtig um, und da wir ihn gar nicht unterbrachen, sondern ihm zustimmend Beifall nickten, um ihn zutraulich zu erhalten, fuhr er, immerfort ängstlich umherblickend, leise fort: »Hier in Rom sind drei edle Gewerbe: Spione, Diebe und Kuppler (spie, ladri e ruffiani). Die Prinzen, die Kardinäle, die Monsignori sind gut, sind wohlerzogen. Die andern taugen alle nichts. Hüten Sie sich, ich nehme niemand aus.« Es hat etwas Schaudererregendes, einen Menschen in dieser Weise von seiner Nation sprechen zu hören, und der Mönch, der höchst gemütlich schwatzte, mochte uns wohl das Entsetzen ansehen, deshalb sagte er begütigend: »Was wollen Sie, Signori, das Volk ist hier so schlecht erzogen.« »Sind Sie ein Römer?« »Nein! Milanese!« entgegnete er freundlich, »aber bei uns ist es auch nicht viel besser. In Frankreich –« »Waren Sie in Frankreich?« »Nein! ich nicht; aber ich war in einem Kloster, in dem ein Mönch lebte, der lange in Frankreich gewesen ist. Ich kenne das, als ob ich selbst dort gewesen wäre. In Frankreich ist es anders, da sind sie besser, gut erzogen. Hier nicht. Hier feiern sie die Ostern, nicht weil sie's glauben, sondern aus Angst vor dem Gefängnis. Sie gehen in die Kirche aus Angst vor dem Gefängnis. Sie verspotten unsern Heiland Jesus Christus, sie machen ihn zum Hanswurst. Wer in Frankreich fromm ist, der ist's aus eignem gutem Herzen; hier alles aus Angst vor Strafe. Sie sind schlecht erzogen«, sagte er, eine Prise nehmend; »ich warne Sie vor dem gemeinen Volke, sie taugen alle nichts.« Uns kam ein wahres Grauen an vor der Ruhe, mit der jener erzählte. Sein Bericht mochte nur zu wahr sein. Er hatte das vollkommene Bewußtsein der elenden geistigen Lage des Volkes, das klarste Bewußtsein davon, aber es fiel ihm nicht ein, weiter über die Ursache nachzudenken. Er hielt das Faktum für unantastbar. Er hatte den Begriff der Unwürdigkeit, aber sein von Jugend auf durch »Glaubenmüssen« geknechteter Geist nahm auch die Verwilderung des reich und schön begabten Volkes als notwendige und unabänderliche Tatsache hin. Es lag etwas ganz Entsetzliches in der ruhigen, frommen Einfalt, mit der er die Schlechtigkeit, die Verworfenheit seines eigenen Volkes erkannte und hoffnungslos beklagte. Keiner von uns wagte eine Einwendung zu machen, den Mönch in seiner geistigen Behaglichkeit zu stören. Wie er an den lieben Gott mit der Königskrone glaubt und an den bocksfüßigen Teufel mit Hörnern, der durch Priesterwort vertrieben werden kann, so glaubt er auch gewiß ganz ruhig an zwei Menschenrassen: an die Guten und an die Bösen. Er wird ohne allen pharisäischen Hochmut mit der gutmütigsten christlichen Demut Gott dafür danken, daß er ihn als einen der Guten geschaffen hat, und vielleicht die armen Diebe, Spione und Kuppler herzlich bedauern, die der gekrönte Gott des Himmels in wunderlicher Laune als Bösewichter erschuf, für welche sein Stellvertreter auf Erden eben nichts tun kann, als sie »a vita e dieci anni dopo la morte« – per sentenza zu verdammen. Wir dankten dem Mönche für seine Mitteilungen, und er ging freundlich davon, über uns mit der Hand das Kreuz schlagend. Es war das vollendetste Original von Lessings Klosterbruder. Dieselbe innere Gutmütigkeit und Kindeseinfalt, dasselbe Gefühl für das Rechte und die tiefe Verdumpfung des Geistes in hierarchischer Tyrannei. Es fehlte nur das sich immer wiederholende »sagt der Patriarch«, um das Bild und die Täuschung vollkommen zu machen. Allmählich war es ein Uhr geworden; die Menschenmenge nahm zu, und alle Blicke wendeten sich nach dem Venezianischen Platze hin. Von dort sprengten einzelne Karabiniere den Corso herab, grade, als gälte es, im Karneval den Rennpferden die Bahn zu bereiten. Die Karabiniere fehlen nirgend, ihren antiken Helm gewahrt man überall, sei es, daß der Papst unter Bedeckung der Nobelgarde ausfährt, sei es, daß Lord Ward einen Ball gibt, eine vornehme Leiche begraben, ein Heiliger kanonisiert oder ein Dieb zur Galeere geführt wird. Karabiniere verkünden so sicher ein interessantes Ereignis für die Schaulust des Publikums wie die Ankunft der Schwalben den Frühling. Den einzelnen Karabinieren folgte ein ganzer Trupp in voller Rüstung. Mitten in demselben fuhren drei Karretten, wie sie hier üblich sind, um die Lebensmittel, Wein, Öl und dergleichen aus der Campagna zur Stadt zu bringen. Es sind kleine, sesselartige Wagengestelle auf zwei sehr hohen Rädern mit einer Bedeckung von Fellen und Tuchstücken, welche sie von einer Seite und von oben gegen Sonne und Regen schützt. In den sehr schmalen Stangen geht das Pferd, das der hoch sitzende Führer unablässig mit einem »Arrrr« antreibt. Bei der Ursprünglichkeit aller hiesigen Zustände findet man auch diese Wagen für den Transport von Verbrechern angemessen. Jeder der Diebe befand sich auf einem besondern Karren. Sie hatten die hell- und dunkelbraun gestreifte Tracht der Züchtlinge, die ebenfalls braune Zipfelmütze, schwere Kette an Händen und Füßen und noch eine andere Kette, welche sie an dem Karren festhielt. Ich konnte den Ausdruck ihrer Züge nicht sehen, ich mochte es auch nicht. Was kann dieses Elend uns lehren, das wir nicht schon wüßten? Den ganzen Winter hindurch habe ich morgens und abends die Züchtlinge, gewöhnlich zwischen vierzig und sechzig an der Zahl, unter meinen Fenstern vorüberziehen sehen. Sie wurden durch Aufseher unter Militärbegleitung nach und von dem Monte Pincio geführt, dessen Bearbeitung sie besorgen. Sie halten die Wege rein, jäten, pflanzen und bauen auch an der kleinen, neuen Fontaine, welche man dort graben läßt. Nicht ein mildes, gutes Gesicht habe ich unter ihnen bemerkt. Alle sahen starr, kalt, gleichgültig, oft entsetzlich hart und verdüstert aus, und doch gab es eine weiche Seele auch unter ihnen. Ich erinnere mich oft eines Tages, an dem das Kettengerassel mich an das Fenster zog. Ich kannte schon viele der Züchtlinge von Ansehen, denn sie interessierten mich. An jenem Tage, es war im Winter und ein heller, frischer Nachmittag, kauften mehrere der Galeotti von einem Manne jene gekochten gelben Bohnen, die in kleinen Holzgefäßen feilgeboten werden. Der Wärter stand dabei, den Handel zu beaufsichtigen und jeden andere Verkehr unmöglich zu machen. Ein Bettelknabe trat hinzu und mit ihm ein garstiger schwarzer Pudel, der dicht an einem der Gefangenen stehenblieb, welche nicht bei dem Bohnenkaufe beteiligt waren. Der Gefangene sah den Hund eine Weile an, dann streichelte er ihn. Der Pudel sprang an ihm in die Höhe. Das ganze Gesicht des sehr häßlichen Burschen nahm plötzlich einen heitern Ausdruck an; er liebkoste das Tier, und als in dem Augenblicke der Gefangenwärter zum Aufbruche trieb, zog der Züchtling schnell sein Brot aus der Tasche, brach es in zwei Stücke, gab das kleinere dem Hunde, das große dem Bettelknaben und ging, ohne sich umzublicken, davon. Wie ergreifend das war, wie tief erschütternd, das vermag ich wohl mit der Feder nicht wiederzugeben. Ich wollte, ein guter Maler hätte den Moment festgehalten und ihn der Mitwelt zugänglich gemacht. Es konnte nichts schlagender gegen das einsame Gefängnis sprechen. Kein Gedanke an Gott, kein Bereuen des begangenen Verbrechens wird der Seele je so förderlich sein, als wenn in ihr durch die frische Berührung mit dem Leben eine Blüte der Menschlichkeit hervorgezaubert wird. Ich habe in den nächsten Tagen manchmal, wenn ich die Ketten rasseln hörte und an das Fenster trat, nach dem Burschen gespäht. Ich habe ihn nicht gesehen. Ein paar Wochen darauf, es war an einem Sonntage, trugen vier Galeotti den Gefängnissarg zum Kirchhofe. Bewachende Soldaten und vier andere Sträflinge, zur Ablösung der Tragenden, gingen gleichgültig schwatzend hintennach. Es war während der Kirche und sehr still in den Straßen. Auch der Schritt der Galeotti verursachte kein Geräusch. Da sie einen zu Grabe trugen, hatte man ihnen die Fesseln abgenommen; denn der Tod macht frei. Ein tiefes Mitgefühl für die Unglücklichen zuckte durch meine Brust. Ich hoffte, sie brächten den Gefangenen zur Ruh, der so freundlich das harte Brot seines Kerkers mit den Geschöpfen teilte, denen er in seinem Elend noch ein Helfer sein konnte. Oh! die Menschheit blutet aus tausend Wunden! Wie vermag man sie zu heilen? Denn unheilbar können sie nicht sein, das wäre gegen die Weisheit der Schöpfung. Aber ich darf über diese Gefangenen den Corso und die Diebe des giovedi grasso nicht vergessen. Das Volk betrachtete sie mit Neugier und mit Kälte. Nirgend ein Wort der Beurteilung, des Tadels. Schweigendes Anstaunen, nichts mehr. Nur hin und her sagte eine der Frauen: »Che bel giovine!«, als der Jüngere vorüberfuhr, der mit einer Art von Haltung dasaß. Es sah aus, als hätte er ähnliche Szenen dargestellt gesehen und strebe, würdig zu erscheinen. Ich konnte den Anblick nicht ertragen. Macht den Verbrecher, der sich versündigt hat gegen die Gesellschaft, unschädlich für diese, da ihr noch nicht soweit seid, das Verbrechen unnötig oder unmöglich zu machen durch allgemeine Mangellosigkeit; aber brüstet euch nicht mit der Macht zu strafen! Führt den Elenden, den nur zu oft die Schlechtheit unserer Institutionen zur Missetat verleitete, nicht wie ein gefangenes wildes Tier triumphierend durch die Straßen. Es liegt keine Heldentat im Verdammen, auf die man stolz zu sein hat. Richtet öffentlich und laßt den Gerichteten still sein schamglühendes Antlitz in der Einsamkeit verbergen. Häuft nicht wie niedrige Seelen Spott auf den Unglücklichen, dem ihr vielleicht helfen konntet, wenn die Hand, die zur Strafe bereit war, zu rechter Zeit sich hilfreich genaht hätte. Betet nicht für die Seelen der Gestorbenen, rettet die Seelen der Lebenden; denn gewiß, die Feuerqual des Leidens, des Mangels auf Erden, wo dicht daneben der Reichtum schwelgt – die Feuerqualen des sündenbeladenen Gewissens sind härter als das Fegefeuer, aus dem ihr mit euren Almosen und euren plärrenden Gebetsformeln die Toten erlösen wollt. Tot ist schon lange der wahre, milde, menschlich soziale Geist des Christentums, tot und begraben in der modernden Gruft des katholischen Papsttums, des kalten, starren, dogmatischen Protestantismus; und nur eine Auferstehung ist möglich, die Auferstehung des Geistes Christi in der heiligen, allumfassenden Freiheit der Menschenliebe. Als die Unglücklichen vorübergeführt waren und wir uns entfernten, sahen wir uns an den Straßenecken nach den Anschlagzetteln um, auf denen unter der Überschrift sentenza das Urteil gedruckt war. Wir konnten keinen mehr finden. Möglich, daß das neugierige Volk sie heruntergerissen, möglich auch, daß die sehr schnelle Polizei des Papstes sie gleich nach Vollstreckung des Urteils entfernt hatte. Das Cervaro-Fest Wenn der Karneval lange zu Grabe getragen, das letzte Moccololichtchen lange erloschen ist und die ganze stille Zeit der Quaresima sich zwischen den Karneval und die heilige Osterwoche gelegt hat, dann taucht nach der Passionszeit noch einmal ein kurzer, flüchtiger Nachglanz des Karnevals auf. Die deutschen Künstler feiern das fröhliche Cervaro-Fest, das man im Volke den Karneval der Fremden nennt. Der Frühling ist der blumenbekränzte Genius der Trennung für die Fremden in Rom; nach allen Weltteilen wandern sie fort, ziehen die Künstler von dannen, welche gemeinsames Streben in Rom zusammenführte. Aber man möchte nicht langsam und matt jenes fröhliche Leben des Winters sich enden sehen; und wie man den Karneval lachend begräbt, so soll auch der Aufenthalt in Rom einen schönen, heitern Schluß, ein jubelndes Ende nehmen. Im Frühling ist die Campagna frisch und grün. Wie ein in milden Wogen erstarrtes Meer heben und senken sich leise die Hügel der weiten Fläche, auf der so manche blutige Schlacht gefochten, soviel weltumwälzende Siege erkämpft worden sind. Das Blut der zahllosen Schlachtopfer hat die Erde verschlungen, Sieger und Besiegte sind in Atome verstaubt, nur der Name und die Tat leben fort, von der Erinnerung sorglich getragen durch Jahrtausende, und Maßlieb und schönfarbige Anemonen blühen, wo der Fußtritt der Kämpfenden die Erde zerwühlte. Dort hinaus ziehen die Künstler am frühen Morgen zum Abschiedsfeste, an einem der ersten Tage im Mai, in bunter, verschiedener Maskentracht, ein jeder geschmückt mit dem Ordenszeichen eines neuen, blanken Bajocho an grünem Bande. Schon in aller Frühe ist die Campagna von zahllosen Wagen belebt. Jeder, der in Rom es möglich machen kann, hat Wagen und Pferde; jeder, der Wagen und Pferde hat, fährt nach den Steinbrüchen von Cervaro und Ponte Mammolo zum Cervaro-Feste hinaus. In langen Zügen bewegen sie sich die Straße nach Albano hinab; Männer und Frauen zu Pferde, die Hüte mit farbigen Bändern und Federn geschmückt, sprengen über das Blachfeld. Endlich kommt der Zug der Künstler. Der Präsident ihres Vereines ist auch der Präsident ihres Abschiedsfestes und immer die Hauptperson des jedesmaligen Schwankes. Auf einem großen, mit sechs weißen Ochsen bespannten Wagen zieht er feierlich einher. Das Fuhrwerk, die Hörner der Tiere sind mit Blumen umkränzt, der Präsident steht in phantastischer Tracht des Mittelalters auf dem Wagen. Seine Garden, sein Hofstaat begleiten ihn zu Esel und Roß; Narren und Weise, Ritter, Perser, Beduinen, Campagnarden folgen ihm nach. Den Schluß machen andere Wagen, auf denen Gott Bacchus als Flaschenmeister, umgeben von Bacchanten und weißgekleideten Küchenjungen, den Wein und Speisevorrat der Gesellschaft behütet. So bewegt sich der Zug bis nach einer einsamen Ruine, dem Torre de' Schiavi, wo der erste Halt gemacht wird und der Präsident nach langer Rede die Truppen mustert. Da ziehen sie vorbei, Don Quixote und Apollo, Wilde und Ritter, Chinesen und Raffaels, die Eselchen zwingend zu anständigem Schritte, während die Fahnenträger voraufreiten und die Musik aus zahllosen Instrumenten, auf denen jeder die Töne hervorbringt, welche der Zufall ihnen entlockt, ein wahres Höllencharivari bildet. Nach der Musterung der Truppen wandert die Schar weiter fort, sich ausbreitend und beliebig frei bewegend, hinab nach den Steinbrüchen von Ponte Mammolo. Aufgelöst erscheint die Maskengesellschaft noch viel malerischer, wenn die einzelnen Reiter sich im weiten Felde zerstreuen. Besonders malerisch sehen die weißen Mäntel der Beduinen aus, im raschen Ritte sonnebeleuchtet flatternd. Die Steinbrüche von Ponte Mammolo befinden sich etwa anderthalb Stunden von Rom. Es sind große Höhlen, aus denen die Alten ihren Steinbedarf entnahmen; jetzt werden sie nicht benutzt, und Moos und Schlingpflanzen haben Zeit gehabt, die innern Wände an vielen Stellen mit reichem Grün zu überkleiden. Die Hügel, in denen die Steinbrüche sind, umschließen ein kleines, kesselförmiges Tal. Oben auf den Hügeln richten die Zuschauer sich ein zu fröhlichem Biwakieren. Die Pferde werden abgespannt und zusammengestellt, die Wagen bilden eine ganze Mauer. Die Sitzkissen aus denselben geben Polster auf der Erde, man spannt Schirme aus, große Körbe mit Mundvorrat kommen zum Vorschein, elegante Männer und Frauen decken auf dem Wiesengrün selbst die Tafeln, und in der stillen, träumerischen Campagna, wo sonst nur Ziegenhirten im Schatten einer alten Mauer ihr hartes Mahl verzehren, tafelt mitten im heißen Sonnenbrande des Mittags die vornehme Welt, fliegen knallend die Champagnerkorken in die Luft und erklingen scherzhafte Toaste in allen Sprachen. Unten im Tale vor den Steinbrüchen aber geht es feierlich zu. Die Ordensverteilung hat begonnen, der Präsident ernennt die Würdenträger für das kommende Jahr. Es ist ein Staat von Kosmopoliten, und die Fahne der Franzosen, welcher wir schon im Karneval gedachten, trägt wieder in der Devise: »Tous les arts sont frères!« den rechten Wahlspruch dieses Künstlerlebens. Nach Kunst, Namen und Vaterland werden die neuen Beamten für das Cervaro-Fest aufgerufen; dabei sieht man erst recht, aus wie fernen Gegenden diese Menschen zusammenkamen, die gemeinsames Streben in Rom verband. In weißen Küchenjacken und Schürzen eilen Maler und Bildhauer aus dem Innern der Höhle herbei, die Orden zu empfangen, nachdem sie mit Fässern und Brettern die Tafel für fast dreihundert Menschen herrichteten. Die Hand, welche sonst den Kopf eines Jupiters bildet, schält heute harte Eier ab und stapelt Butterbrote und Geflügel auf. Endlich ist das Mahl bereitet. Dreihundert Männer sitzen in dem kühlen Halbdunkel der Steinbrüche an der Tafel; deutsche Männerchöre, französische Chansons und italienische Lieder erklingen in bunter Abwechslung; man spricht mit jugendlicher Eßlust den Schüsseln zu, die bedienenden Künstler können nicht schnell genug mit den vollen Flaschen herbeieilen, welche Augenblicks wieder geleert sind. Das Mahl wird immer lauter, je mehr es sich dem Ende nähert. Da erscheint unter Donner und Blitz aus dem tiefen Dunkel der innersten Höhle die Sibylle von Ponte Mammolo und droht den frechen Eindringlingen Vernichtung. Aber die Sibylle ist ein Weib, sie widersteht dem männlichen Mute nicht, männliche Bitten bewegen sie, männliches Wirken trotzt ihr Achtung und Liebe ab. Der Präsident tritt ihr entgegen mit dreister Rede, er schildert ihr die Berühmtheit, die Liebenswürdigkeit, die Tüchtigkeit der anwesenden Künstler, die sich hier im Vertrauen auf ihre Gastlichkeit versammelten; die Sibylle fühlt sich geschmeichelt, unterhandelt, wird gerührt und ladet endlich die Künstler zur Wiederkehr ein, ihnen alles Glück prophezeiend und ihnen Schutz gelobend, ehe sie unter neuem Donner und Blitz verschwindet. Indes die Nähe der Götterentsprossenen hat doch ihr Unheimliches für den Erdgeborenen. Die Künstler verlassen das Dunkel der Höhle und steigen hinauf aus der Tiefe, auf das sonnige Feld der Campagna. Ein Wettkampf beginnt; man steckt mit den Fähnchen der verschiedenen Truppen den Circus ab, und Beduinen auf leichtem Roß halten den Wettlauf mit den eselberittenen Clowns und Sancho Pansas, mit Rittern und Mönchen. Man kämpft zu Fuß und zu Roß, jeder körperlichen Übung wird ihr Recht, und alles sieht heiter und malerisch aus, dank der weiten Landschaft und der phantastischen Tracht. Den Zuschauerkreis bilden die Nichtkünstler, welche, in den Wagen wie auf Tribünen stehend, das fröhliche Spiel mit lautem Zuruf ermuntern. Ein Feuerwerk, vor Sonnenuntergang abgebrannt, macht den Schluß. Dann werden die Wagen wieder bespannt, und in buntem Gedränge fahren die Fremden zur Stadt zurück, die man zu Wagen bald nach Ave-Maria erreicht. Erst mehrere Stunden später langen die berittenen Künstler an. Die Rosse und Esel sind müde vom Wettlauf wie die Reiter von der Lust des Tages, und mancher kann es nicht vermeiden, in der Glückseligkeit dieser Stunden die Erde Roms zu küssen, von der er scheiden soll. An den Toren der Stadt empfangen Scharen neugierigen Volkes die Heimkehrenden. Noch in der Nacht hört man die Lieder und Instrumente einzelner verspäteter Nachzügler, die mit einem »Evviva!« begrüßt werden. Draußen in der Campagna aber tritt die alte, träumerische Stille wieder ihre schweigende Herrschaft an, und leise träufelnder Tau befruchtet den Rasen, den heute nicht der müde Fuß bluttriefender Kämpfer, sondern die leichten Schritte fröhlicher Menschen bei harmlosem Scherze zertraten. Da blühen Anemonen und Maßlieb doppelt schnell hervor! Das Colosseum Es ist Mode, das Colosseum im Mondschein mit Fackelbeleuchtung zu betrachten. Die Wirkung ist schön, welche das massenhafte Gebäude gegen den hellen Nachthimmel hervorbringt, und die wilden, hinstreifenden Lichtreflexe der Fackeln machen einen wunderbaren Eindruck. Indes die Abendbesuche im Colosseum entbehren, grade weil sie in der Mode sind, den Hauptreiz der Einsamkeit. Wie vor einem Theater halten die Equipagen an dem Eingang, und in allen Sprachen hört man die umherspazierenden Fremden ihre Bewunderung ausdrücken, dort, wo vielleicht ihre Vorfahren, als gefangene Barbaren sterbend, die grausame Schaulust der Römer ergötzten. Aber wenn man früh am Morgen in das Colosseum wandert, dann genießt man es allein, ungestört und deshalb um so reicher. Aus den engen Straßen, welche das Forum des Trajan von dem Campo Vaccino trennen – so heißt jetzt der Platz unterhalb des Kapitols bis hin zum Colosseum –, aus diesen engen Straßen, in denen noch der feuchte Nachtnebel und die Farblosigkeit der Frühe ruhen, tritt man urplötzlich an der Akademie von San Luca in das strahlende Sonnenlicht des jungen Tages hinein. Bäuerinnen sitzen in den grasreichen Vertiefungen, welche die schönen Säulen umgeben, ihr Frühmahl zu verzehren und sich herauszuputzen für den Weg durch die Stadt. Das weiße Kopftuch wird zurechtgefaltet, die Achselbänder des Mieders fester geschnürt, die man während der Fahrt durch die Campagna gelüftet hatte. Die schöne Albanerin weiß, daß tausend Blicke ihr folgen werden! Weiter hinab, an den Säulen des Konkordientempels und vor den Farnesischen Gärten, liegen, von den Wagen losgeschirrt, welche die Produkte des Landes zur Stadt brachten, die silbergrauen Stiere mit den hohen, gewundenen Hörnern im Baumesschatten. Ein tiefes Schweigen herrscht in der Natur. Einsam geht man die Via Sacra entlang und tritt in den weiten Circus des Colosseums. Alles ist still. In drei Reihen erheben sich die riesigen Bogenhallen des Theaters übereinander. Der rötliche Stein spielt in vielfarbigem Schimmer, so daß man den Marmor nicht vermißt, welcher ihn überkleidete. Einzelne Wände, ganze Teile des Gebäudes stehen in ihrer ursprünglichen Herrlichkeit da; andere hat die Zeit zerstört. Zwischen dem Bestehenden und Verfallenen füllt die Natur die Lücken aus. Reiches Grün wuchert von den Sitzreihen hervor; wo sonst die schönen Frauen Roms hinabsahen auf das blutige Spiel, blühen Goldlack und Nelken. Statt der reichen Geschmeide, die hier funkelten, blitzt der Tau in unzähligen glänzenden Tropfen; kein Schmerzenslaut sterbender Menschen und Tiere erklingt, nur leiser, süßer Vogelgesang tönt von dem blauen Himmel nieder, dessen goldenes Licht selbst dem kalten Gemäuer Wärme und Farben verleiht. Nicht die Größe und Majestät des Riesenbaues sind es, welche die Seele so ernst stimmen! Man denkt nicht daran, die verschiedenen Hallen, die Ausgangstreppen, die Tierbehälter, die unterirdischen Käfige zu besehen; das einzelne verschwindet, denn unwillkürlich liest man in dem ernsten Buche des Schicksals. Man sieht, wie die größten materiellen Schöpfungen der Völker versinken, man wird mutlos zum Wollen und zum Schaffen. Was vermag der einzelne in dem All, in welchem das Dasein ganzer Völker und Jahrhunderte nur Spuren zurückläßt? Das helle Sonnenlicht, das ewig frische Leben der Natur scheinen ein zu greller Gegensatz, fast ein Hohn gegen die Vergänglichkeit des Menschen zu sein, dessen Seele nach Unsterblichkeit verlangt, weil sie in sich die Kraft dazu fühlt. In sich versunken sitzt man da, und die ganze Schwere der Entsagung wuchtet sich über die gedrückte Seele. Plötzlich erklingt Glockengetön. Im nahen Kloster an dem Tempel der Venus und Roma wird die Messe geläutet. Man blickt empor, und siehe! mitten in dem Circus des Colosseums ist das Kreuz errichtet, fest eingemauert in den Grund, der das Blut so vieler christlicher Märtyrer getrunken hat. Gegen den sonnigen Morgenhimmel zeichnen sich die dunkeln Marterwerkzeuge ab. An den Brüstungen der ersten Sitzreihe sind zwölf Altäre errichtet, die Leidensstationen des Welterlösers, mit Bildern der Schmerzensszenen geschmückt. Das Christentum ersteht aus der barbarischen Vergangenheit, das Bild des Menschenideals in Jesus steigt tröstend empor, wo unsere Seele erlahmte unter erdrückender Entsagung. Wir fühlen, daß nur die materielle Schöpfung des Menschen vergänglich ist und daß der Geist fortzeugend ewig wirkt und schafft. Christus predigte diesen Trost, als er, seines ewigen Geistes gewiß, den Leib dem Tode hingab in voller Kraft des Lebens. Er wollte lehren, daß die höchste Resignation darin bestehe, sich als einen im Gesamten aufgehenden Teil zu betrachten und glücklos, schmerzbeladen, ohne Freude und Hoffnung für das Leben hienieden, für die Zeit des bewußten Menschendaseins, dennoch mit höchster Kraft, mit vollster Hingebung und Selbstverleugnung einem Ganzen zu dienen, das wir nicht übersehen, sondern nur ahnen können. Aber diese Ahnung eines großen Ganzen wird zur Gewißheit, wird zur Überzeugung, zum Gott, zum Ideal, dem wir uns und unser Streben unterordnen, wenn wir in Rom mit einem Blicke Jahrtausende der Weltgeschichte überschauen; in Rom, wo die Gegenwart ihr frisches Grün, ihr lachendes Leben um die Vergangenheit schlingt, gleich Kränzen der Kindesliebe um die Gräber der Eltern, und wo unter den Trümmern des Geschaffenen überall siegreich sich die unsterbliche Dauer des Geistes verkündet. Im Colosseum verlebte ich meinen letzten Morgen in Rom. Mit dem Bilde des Colosseums soll nun auch der Leser von der Ewigen Roma scheiden, deren treffendstes Sinnbild es ist, dies Denkmal der Römerzeit, auf welches das Kreuz gepflanzt ward, mitten in dem Reichtum der göttlichen Natur. Neapel Neapel Wenn man die einsame Campagna auf der Straße nach Neapel durchfahren hat, gelangt man nach Albano, Ariccia und Genzano, den Bergstädtchen, in denen Römer und Fremde die Villeggiatur halten. Hier machen die Maler ihre Landschaftsstudien, hier finden sie die Modelle zu den Bildern von Frauen und Männern, welche uns die kräftige Schönheit der Südländer widerspiegeln, und hier in diesen Städtchen begegnet man noch Italienerinnen in der schönen, farbigen Volkstracht, mit dem weißen, schleierartigen Kopftuche geschmückt. Ein paar Meilen südlicher beginnen, gleich hinter dem Städtchen Cisterna, die Pontinischen Sümpfe, von denen ich nach allen Schilderungen eine ganz falsche Vorstellung hatte. Möglich, daß sie im Hochsommer öde und verbrannt aussehen, im Frühling gleichen sie vollkommen unsern nordischen Marschländern, nur daß in den Sümpfen die Vegetation viel kräftiger ist als in jenen. Es sind unabsehbare Wiesen, von Kanälen durchschnitten, welche von Baumalleen eingefaßt werden. Große Herden von Rindvieh weiden allerorten; in den Kanälen halten sich zahlreiche Büffel auf und starren unter den zottigen, schwarzen Stirnen mit wildem Blicke die Vorüberfahrenden an. Von menschlichen Wohnungen sieht man nur das nomadenhafte Bretterhaus des Hirten oder den flachen, langen Kahn, der von Menschen auf den Kanälen fortgezogen wird. Wären die Büffel nicht da, man könnte sich in Niederdeutschland wähnen, denn selbst große Mummeln, jene weißen und gelben Wasserblumen, sehen aus den Kanälen hervor, sich auf ihren fetten, grünen Blättern wiegend. Links begrenzen die Apenninen die Ebene, und in weiter Ferne erhebt sich zur Rechten in bläulichen Umrissen der Monte Circeo. Am hellen Mittage erreichten wir Terracina. Es schaut von steiler Felsenhöhe hinab auf das Meer, das ich hier mit unsäglicher Freude zum ersten Male seit Genua wieder erblickte. Schöne, schwungvolle Palmen sahen von dem Felsen hernieder, das Meer war tiefblau, mit breiten, goldenen Sonnenstreifen übersät, und in dem blendenden Tageslicht tauchten wie unbestimmte Traumbilder schattenhaft die Inseln Ponza und Ischia aus weiter Ferne am Horizonte hervor. Jenseits Terracina wird das Ansehen der Apenninen wild und rauh wie das Wallis in der Schweiz. Die Städtchen Fondi und Itri liegen mitten in zerklüfteten Felsmassen. In Fondi hatten wir den Wagen verlassen und wollten den schlechtgepflasterten Ort zu Fuße durchwandern, während man die Pferde wechselte. Kaum waren wir auf der Straße, als ein Gefolge von fünfzehn Bettelnden, Kinder, Männer und Frauen, uns begleitete. Wir flüchteten in eine Kirche, deren maurisches Portal uns ohnedies lockte, den Bettlern und der furchtbaren Sonnenhitze zu entgehen. Indes nur gegen die letztere fanden wir Schutz; unser Gefolge blieb uns treu. Die meisten baten um eine Gabe; der eine wollte ein paar alte Scherben, ein anderer einen farbigen Stein verkaufen, ein Knabe uns die Merkwürdigkeiten der Stadt erklären. Wir versicherten ihm, daß wir sie nicht zu sehen begehrten. »So müssen Sie doch die Kirche in Augenschein nehmen.« »Wir haben genug Kirchen gesehen und wollen keine Erklärung hören, laß uns allein«, sagte meine Freundin. Der Junge schaute sie mit seinen großen, schwarzen Augen an, besann sich einen Augenblick, stellte sich dann mit aller Wichtigkeit eines Cicerone vor uns hin und sprach: »Aber das müssen Sie wissen, Signora! (bisogna sapere questo). Sehen Sie, Signora! dies ist der Altar, an dem die Kinder in Fondi getauft werden!« Der Ernst, die Bestimmtheit, die Feierlichkeit des Buben waren unwiderstehlich komisch, wir bekamen fast Achtung vor der Entschlossenheit, mit der er uns auf diese Weise die Gabe abtrotzte, welche wir ihm geweigert hatten. Der Knabe war der Typus jener kraftvollen Schlauheit, welche der Italiener dem Fremden gegenüber geltend macht, wo er sie zu brauchen für nötig findet. Gaeta, eine Festung auf einem weit in das Meer hineinragenden Felsen, ist mit seinen hohen Türmen und maurischen Zinnen einer der schönsten Punkte Italiens. Es war nahe an Sonnenuntergang, als wir uns in dem nahe gelegenen Mola im Garten der Villa Composella auf dem Balkon zur Ruhe niedersetzten. Villa Composella liegt hart am Meere auf den Ruinen der Bäder des Cicero. Alleen von Zitronen- und Apfelsinenbäumen, Rosen- und Lorbeerhecken reichen bis zum Meere hinab. Das Wasser war zu starken Wellen aufgeregt, aber die Luft still und weich. Wenn ein leiser Windhauch sie bewegte, schütteten die Bäume ganze Massen von Orangenblüten über uns hin mit süßen, berauschenden Düften. Ein ruhiger Sommeraufenthalt in dieser Villa Composella müßte ein wahrhaftes Glück gewähren, das empfindet man in dem Entzücken, mit dem man sie betritt, in dem Bedauern, wenn man von ihr nach flüchtigem Verweilen scheidet. Die Landstrecke von Mola di Gaeta bis Neapel und die Umgegend von Neapel selbst sind so sorgfältig angebaut, wie ich es nur in Württemberg und Toscana gesehen habe. Welch Paradies aber unter dieser Kultur aus einem fruchtbaren Südlande wird, das zeigt sich hier. Die Gärten bringen in jedem Jahre acht Ernten, in besonders günstigen Jahren zwölf hervor. In den Weizenfeldern, die in der Mitte des Mai der Sichel entgegenreiften, standen Maulbeerbäume, dem Weinstock zur Stütze dienend, und der Boden trägt zu gleicher Zeit diese dreifachen Früchte. Hat man den Weizen gemäht, so sät man ein zweites Getreide und endlich nach diesem Flachs oder Hanf. Ich habe alle unsere Getreidearten, Hülsenfrüchte, Reis, Flachs und Hanf fast reif nebeneinander gesehen, nur der Mais war noch klein und kommt erst in den heißesten Monaten zur Reife. Erdbeeren und Kirschen waren schon in Fülle vorhanden, die Feigen noch selten; aber alle Obstarten, Trauben und Oliven hatten schon wieder zu Früchten angesetzt. Das Land führt mit vollem Rechte den Namen der Campagna felice. In Capua beginnt die Eisenbahn nach Neapel, bei einbrechender Dunkelheit fuhren wir in Neapel ein. Neapel ist die prächtigste, lebensvollste Stadt Italiens; sie erscheint noch um so glänzender, wenn man sie mit dem ernsten, träumerischen Rom vergleicht. Der Aufenthalt an dem Zollhause währte lange, und die Nacht hatte sich über die Erde ausgebreitet, als wir den Hafen entlangfuhren, unser Hotel, die am Meere gelegene Villa di Roma, zu erreichen. Der Anblick des Vesuvs war uns entzogen, da keine Flamme sein inneres Leben verriet. Im Hafen hingegen, an den Kais, flammten vor zahllosen beweglichen Buden flackernde Lämpchen und brannten strahlende Gasflammen hinter dem Spiegelglase der Magazine, während hoch über dem dunkeln Mastenwald das wechselnde Licht des Leuchtturmes bald heller, bald matter durch die Nacht glänzte. Am Abende muß man Neapel sehen, um das südliche Volksleben zu beobachten. Die ganze Bevölkerung hat anscheinend die Häuser verlassen, deren Fenster überall weit geöffnet sind. An dem Kai des Hafens wird wie in Genua gekocht und gebraten, aber die Buden der Viktualienhändler, der Limonadenverkäufer sind noch bunter aufgeputzt, noch heller erleuchtet als dort. Männer mit nacktem Oberkörper und weißer Leinwandhose bieten in großen, flachen Körben, die sie auf den Köpfen tragen, alle Arten von Lebensmitteln mit lautem Ausrufe feil. Von zwanzig zu zwanzig Schritten stehen kleine Tische, an denen die Wassermelonen verkauft werden: ganze Früchte in ihrer glänzend grünen Schale, durchgeschnittene, aus denen das blutrote Fleisch mit den schwarzen Kernen hervorsieht, und kleine Stücke für das Volk, das sich in Scharen um diese Tische versammelt, sich an der saftreichen, gesunden Frucht zu erfrischen. Daneben röstet man über Kohlen die gelbe Kolbe des Mais, ein ebenso beliebtes und ebenso wohlschmeckendes Nahrungsmittel. Nahe am Meere sind Reihen von Stühlen aufgeschlagen für die Austernliebhaber. Männer und Frauen sitzen dort beisammen; die Verkäufer öffnen die Austern, brechen die frutti di mare auf, kredenzen den Landwein, der in großen Flaschen zwischen den Haufen grüner Zitronen auf kleinen Tischen steht. Gitarrenspieler drängen sich so nahe als möglich herbei, eine Belohnung für ihr Spiel zu erhalten, und werden von den Wasserverkäufern auf die Seite geschoben, welche mit dem lauten Rufe »Acqua gelata!« überall ersehnt und willkommen sind. Eiswasser mit einem Tropfen Anisett darin ist ein Labsal für das Volk, welches selbst rohes Eis als notwendige Erquickung genießt. Man gibt den Säuglingen Stückchen Eis in den Mund, die sie begierig aufsaugen, so dringend ist das Bedürfnis nach Abkühlung. An allen Ecken sind auf Tonnen Brettergerüste aufgeschlagen, auf denen Seiltänzer und Gaukler ihr Wesen treiben. Pomphafte Bilder, grob gemalt, bilden die Hinterwand für die Darstellung. Hier stößt sich ein Jongleur ein Messer in den Hals, dort neckt Pulcinella einen armen Fischer; weiterhin tanzt ein schönes, kleines Mädchen auf dem Seile und führen andere ein Lustspiel auf. Überall zahlreiche Zuschauer; Väter und Mütter, welche die kleinsten Kinder emporheben, während nackte Buben sich mit kräftigem Arm den Platz in den ersten Reihen zu erkämpfen wissen und Soldaten, mit ihren Schönen im Schatten schäkernd, der Aufführung nur halbes Gehör schenken. Mönche, wohin das Auge sieht! feiste, sinnliche, lebensvolle Gestalten, schwatzend, tabakschnupfend und Beifall rufend wie die andern alle. Mitten durch das Gewühl der Fußgänger kommen zahllose Droschken und Calessini von der Eisenbahn gefahren. Der letzte Zug von Castellammare langt erst gegen zehn Uhr abends an. Solch ein Calessino oder Carricolo ist ein Neapel im kleinen. Es enthält auf engem Sessel, den ein buntgeschmücktes Pferd schnell fortbewegt, das ganze Durcheinander des Volkslebens, wie man es im Hafen erblickt. Weiber, Kinder, Matrosen, Soldaten, Mönche, Fischer, zehn Personen und mehr finden darauf Platz, stehend, sitzend, in dem angehängten Netze liegend oder auf der Deichsel hockend. Es ist, als ob es lebenslustige Menschen geregnet hätte; der Fremde, ungewohnt des Treibens, wird fast davon verwirrt. Alle diese Calessini fahren wild durch das Gewühl, hart an dem Stapelholze vorbei, auf dem am Hafenkai die braunen Neapolitanerinnen sitzen in farbigem Rock und weißem Hemde, die kleinsten Kinder in Bastkörben zu ihren Füßen schlummernd. Man zittert für die lebenglühenden kleinen Geschöpfe, die in der Nachtluft unbedeckt, fast unbekleidet schlafen; man fürchtet den Nebel des Meeres, man ängstigt sich, wenn die Wagenräder hart vorbeistreifen an den Körben, aber die Mütter schwatzen und lachen sorglos weiter. Es geschieht den kleinen Geschöpfen doch kein Schaden. Vom Largo del Palazzo, dem Schloßplatze, abwärts ändert sich die Szene. Man verläßt den Bereich des Volkslebens und kommt in die Residenz. Es ist neun Uhr abends, die Militärmusik bringt das Ständchen unter den Fenstern des Schlosses, der ganze Platz ist gedrängt voll Menschen. Zahllose Wagen fahren in langsamem Schritte durch das Gewühl dem Toledo zu, der langen und schönen Straße, die aus der Ebene nach Capo di Monte emporsteigt, oder halten vor den Läden der Eisverkäufer. Alle Magazine sind geöffnet und hell erleuchtet. Was der Luxus Schönes und Prächtiges bietet, liegt an den großen Spiegelfenstern zur Schau. Auf dem Trottoir sind bewegliche Gerüste und Tische aufgeschlagen, an denen Tabulettkrämer, Fächerhändler, Glas- und Papierverkäufer ihre Waren feilbieten. Überall stehen Käufer dabei, Männer und Frauen aus dem Volke, von umherwandernden Stutzern umringt, und manches zärtliche Abenteuer wird auf dem Toledo begonnen. Plötzlich flimmert ein erhöhter Lichtglanz überraschend durch die Nacht, Fahnen flattern über unsern Häuptern, zur rechten und zur linken Seite des Toledo strahlt eine Illumination in vielfarbigem Lampenschimmer. Es ist das Fest irgendeines Heiligen, dessen Kirche in dieser Gegend gelegen ist. Musikbanden spielen vor derselben auf erhöhter Tribüne Bellinische Opernmelodien, ein Feuerwerk wird mitten auf der Straße abgebrannt, und das Volk jubelt seine Beifallsbezeigungen zum Nachthimmel empor, unter dessen mildem Glanze die vornehme Welt den Toledo auf und nieder fährt. Aber welch ein Anblick bietet sich dem Auge dar, wenn die Wagen auf der Rückkehr vom Toledo sich wieder dem Meere nähern. Welch eine rote Glut, welch eine verderbensprühende Flamme leuchtet uns entgegen! Der Vesuv zeigt sich als Beherrscher Neapels. Es ist tiefe Nacht geworden. Schatten lagern sich über dem Meere, dessen dumpfes Brausen unser Ohr berührt, die einzelnen Masten der Schiffe werden im Vorgrunde sichtbar, während die kegelförmige Bergmasse des Vulkans sich auch in der mächtigen Dunkelheit kenntlich macht. Ein Feuer von ungewöhnlichem Rot, von einer intensiven Glut, wie nie die Macht der Menschen sie hervorruft, hebt sich langsam auf und nieder wogend aus dem Krater empor und fließt in rotem, zähem Flammenstrome den Berg hinab. Rastlos, immerfort arbeiten die unsichtbaren Kräfte im Schoße der Erde, wie ein Meer wogt die Flamme in fast regelmäßiger Bewegung, bis gewaltig eine Feuergarbe emporsprüht, weithin Funken und glühende Steine versendend. Der Fremde starrt voll Entsetzen ob des unheimlichen Wunders; der Boden seines Daseins scheint ihm untergraben, wenn er die unsichtbaren Kräfte der innern Erde in diesem sichtbaren Flammenzeichen erblickt; man möchte fliehen oder anbetend niedersinken. Aber das Volk von Neapel wendet kaum den Kopf nach jenem Wunder, es treibt in Santa Lucia, das dem Vesuv ganz gegenüberliegt, sein täglich Gewerbe. Hier sind die Fisch- und Austernhändler zu Hause. Auf dem mit Quadern gepflasterten Platze ertönt der lauteste Ausruf, wird gehandelt und geschmaust. Muschelverkäufer haben hier ihre Buden, und in schönen Magazinen kauft man die kunstreich verarbeiteten Produkte des Meeres und des Berges, geschnittene Korallen, Konchylien und Lava. Über dem Volksgewühl thront ernsthaft in mächtigem Schweigen das Kastell Sant' Elmo. Die Sträflinge in ihren hellgelben Kleidern, die man am Tage auf den Mauern umhergehen sieht, sind eingeschlossen in die Kasematten und vergitterten Stuben. Das Verbrechen, zu dem das lebensprühende Neapel verlockte, wird abgebüßt in jenem Kerker, dessen Einsamkeit, dessen Haft doppelt traurig erscheinen, da unter seinen Mauern die lachende Volkslust ertönt und die volle Schönheit der Natur hinauslockt in ihr Reich. Unten am Ufer, ganz hart am Fuße des Felsens, der das Kastell Sant' Elmo trägt, liegt das Kastell dell' Ovo, erbaut auf den Ruinen der Villa des Lucullus. Die Straße Chiatamone entlang folgt man dem Ufer des Meeres bis zur Villa Reale, deren dunkle Alleen verlockend uns winken. Aus tiefem, grünem Baumesschatten tauchen die schönsten Nachbildungen antiker Statuen hervor. Die Mediceische Venus, die Flora, der Apoll von Belvedere, der Antinous, die wir in den Museen nur dann und wann zu erblicken gewohnt sind, stehen hier im Freien, und die Schönheit der Gestalten wird dem glücklichen Volke des Südens, in dem sie erblühte, als eingeborenes Eigentum zu süßer, traulicher Gewohnheit. Mit den Klängen der Militärmusik, welche hier zweimal in der Woche Gratiskonzerte veranstaltet, mischt sich das leise Rauschen des Meeres, wie sich das Licht des Mondes mit der Flamme des Vesuvs und dem Gaslicht unter den Bäumen zu einem zauberhaften Ganzen vereint. Ein schützendes Gitter trennt die Villa, welche nur von Fußgängern betreten werden darf, von dem Gewühle der Wagen und Reiter auf der Riviera di Chiaia, wo sich Palast reiht an Palast. Überall flache Dächer, Balkone und offene Fenster, überall Lichtglanz und Frauen in glänzender Kleidung, Lachen, Spiel und Pracht, wohin das Auge sich wendet! Und unten im Schatten der Bäume, am Ufer des blauen, seligen Meeres manch schweigendes Paar, das hinausblickt in die Unendlichkeit des wogenden Elementes, ein Bild zu finden für die überschwellende Liebesflut in der Menschenbrust. – Das ist Neapel! Begräbnisse in Italien und die Katakomben in Palermo Zeigt sich der Süden lachend und heiter in der Lebensweise des Volkes, so tritt der Tod bei den Begräbnissen in Italien in seiner schrecklichsten Gestalt ans Licht und bildet dadurch den härtesten, qualvollsten Gegensatz zum Leben. Die Art, in der die Italiener den Tod auffassen, ist von der unsern wesentlich verschieden. Man könnte sie heidnisch nennen im Vergleich zur christlichen Anschauung, welche im Tode ein erhöhtes Leben erwartet und ihm im Leid der Erde sehnsüchtig entgegenharrt. Diese christliche Idee hat der Katholizismus dem Volke nicht geben können, das in gesunder Lebensfülle das Aufhören des irdischen Daseins als eine trostlose Notwendigkeit betrachtet, an die es ungern erinnert sein mag. Keine Aussicht auf den Himmel, auf ein verklärtes Dasein, von dem ihn freilich noch das unerläßliche Fegefeuer als lästige Zwischenstation trennt, entschädigt den Italiener für das verlorene Glück, die blaue Luft zu atmen und sich zu wiegen in der berauschenden Schwebe zwischen Schmerz und Lust, die man das Leben heißt. Eine junge Neapolitanerin klagte mir ihr Liebesleid, ihren tiefen Gram über den Tod ihres Geliebten. Ich suchte sie zu trösten mit dem Hinblick auf das Jenseits, mir dem wir Deutschen, das stärkste Volk in gläubigem, geduldigem Hoffen, uns zu beschwichtigen wissen. Die Italienerin sah mich mit ihren großen, dunkeln Augen verwundert an und sagte achselzuckend: »Im Paradiese? Signora! im Paradiese heiratet man sich nicht!« Auch jenen Zauberhauch schwermütigen Träumens, jene Grabeswehmut, die mit Kränzen über den Totenhügeln das sehnsüchtige Herz erlabt, findet man in Italien selten. Ich erinnere mich nicht, jemals auf den Kirchhöfen Menschen gesehen zu haben, die in schmerzlichem Sinnen an den Gräbern ihrer Geschiedenen weilten, wie dies in Deutschland so häufig geschieht. Nur am Tage Allerseelen besucht man vorschriftsmäßig die Kirchhöfe, sich mit seinem Gefühlsleben ein für allemal abzufinden. In Neapel wandert das Volk an jenem Tage aber von den Gräbern sogleich in die Osterien und läßt beim Becherklang die Seelen der Toten leben. Das Klima, welches den Körper noch schneller als bei uns im Norden zur Beute der Verwesung macht, bedingt möglichst eilige Beerdigung und zerstört die irdische Hülle des Gestorbenen so rasch, daß selbst das Auge der Liebe nicht mehr mit Liebe darauf zu verweilen vermag. Das entzaubert die Phantasiebilder, mit denen man sich tröstet. Während wir eine Beruhigung darin finden, geliebte Tote so lange als möglich in unserer Behausung zu behalten, um uns wieder und immer wieder ihr Bild einzuprägen, zwingt dasselbe Gefühl der Pietät den Südländer, die Leiche so schnell als möglich zu entfernen. Die Art der Beerdigung ist in den verschiedenen Städten verschieden, sich nur darin überall gleich, daß die Mönche und die Geistlichkeit eine Hauptrolle dabei spielen, welche in Prozession dem Sarge vorausziehen und folgen. Brennende Wachsfackeln werden dabei getragen, und hinter den Fackelträgern drängen sich Knaben aus dem Volke herbei, das abträufelnde Wachs in Papiertüten zu sammeln. In Florenz und Rom hat die Mehrzahl der Leichen geschlossene Särge, über welche reichgestickte, vielfarbige Teppiche gebreitet sind; indes in der letztern Stadt kommen auch schon Beerdigungen vor, bei denen der Tote offen zur Schau liegt. So erinnere ich mich, daß wir an einem sonnenhellen Frühlingsnachmittage aus der Villa Pamfili heimkehrten, als in den engen Straßen unterhalb des Kapitols der wohlbekannte Totengesang uns entgegentönte. Unser Wagen mußte halten. Der spezifische Modergeruch, den man immer empfindet, wo große Klosterprozessionen vorüberziehen, und der wohl von den nie gewechselten Kleidern der Mönche herrühren mag, wurde fühlbar, und lange Reihen von Kapuzinern zogen Gebete murmelnd und singend an uns vorüber. In ihrer Mitte trugen sechs Kapuziner den Sarg. Der Tote, ein reicher Bürger, lag unverhüllt in Kapuzinerkleidung auf demselben, eine magre, verfallene Greisengestalt. Der Anblick war schmerzlich, aber nicht widerwärtig. Die letzten Sonnenstrahlen fielen zwischen den schmalen Häuserreihen in die Straße hinab, als wollten sie dem Menschen, der die Erde verlassen mußte, so lange als möglich das Geleite geben, ihm noch so lange als möglich wohltun, indem sie sein kaltes, bleiches Totengesicht mit ihrem rötlichen Schimmer erwähnten. Man trägt die Leichen aus den Häusern in die Kirchen, wo das Totenamt gehalten wird. Hier bleiben sie oft über Nacht stehen, um am nächsten Morgen der Erde oder der Familiengruft übergeben zu werden, und dies macht dann für den Ungewohnten den Besuch der Kirchen fast unmöglich. Der Leichengeruch hat uns manchmal vertrieben, während die Italiener ganz ruhig dem Gottesdienste beiwohnten. Je weiter man aber gegen Süden kommt, je schauriger, je widerwärtiger wird die notwendige Hast, mit der man die Leichen aus den Familien entfernt. In Castellammare sah ich einen großen, starken Mann in elegantester Modekleidung unter meinen Fenstern zu Grabe tragen. Er war am Morgen verschieden, um sechs Uhr nachmittags begrub man ihn. Die Blumenkränze, die man um den Sarg gelegt hatte, der Frack, die weißen Glacéhandschuhe, die helle Weste und darüber der starke, aufgedunsene, blutunterlaufene Kopf des Toten, der bei dem schnellen Schritt der Mönche auf seinem Sammetkissen hin und her schaukelte, waren ein so entsetzliches Bild, daß ich es viele Tage und Nächte lang immer vor den Augen hatte. Ähnlich entstellt sah ich einmal ein junges Mädchen auf dem Posilip zur Erde führen, dem blutiger Schaum vor dem Munde stand, während ein weißer Rosenkranz das schwarze Haar umgab. Schmuck und Verwesung bilden solch harte Gegensätze, daß man nicht begreift, wie die schönheitsdurstige Seele des Italieners sie in dieser Weise nebeneinander zu dulden vermag, wie man eine Lust daran haben kann, diese Schrecken dem Auge bloßzustellen, statt sie liebend zu verhüllen. In Neapel liegt am Fuße von Capodimonte der prächtige neue Kirchhof, das Camposanto, welches mit den reichsten Mausoleen geziert ist. Neben diesen Denkmalen, in denen Familienstolz und Liebe das Andenken ihrer Gestorbenen zu erhalten streben, befinden sich die allgemeinen Gruben für das Volk. Es sind ihrer soviel als Tage im Jahr. An jedem Morgen wird eine dieser Gruben zur Benutzung geöffnet. Wie man abgeblühte Blumen fortwirft zur Erde, so senkt man hier den unbekleideten, unbeschützten Leichnam hinab, daß der Staubgeborene zu Asche werde in der allgemeinen Auflösung. Das Datum der Grube ist das einzige Merkmal für die Überlebenden. Wie auf dem Schlachtfelde verwesen hier Freund und Feind in derselben Erde. Kein Kranz, keine Blüte, kein grüner Rasen breitet sich darüber, und die starre Steinplatte, welche die Gruft verschließt, legt sich hart und kalt auch über das Empfinden der Lebenden. Eine ähnliche Einrichtung findet in Palermo statt, wo man die wenigsten Umstände bei den Begräbnissen macht. Unbekleidet, nur in einen alten Mantel gehüllt, setzt man die Leichen in eine Portechaise und trägt sie zum Kirchhofe. Ermüden die Träger, so stellen sie die Portechaise ohne weiteres mitten auf der Straße zur Erde, um irgendeine Erfrischung zu verzehren. Währenddessen treten wohl Vorübergehende hinzu, lüften den Ledervorhang, der die Fenster der Portechaise verhängt, und gehen ruhig vorüber, wenn sie sich überzeugt haben, ob sie den Toten kannten oder nicht. Mir schauderte, als ich einmal vor einem der Cafés eine solche Trage halten und die Vorhänge erheben sah, welche den nach vorn gesunkenen Kopf des Toten erblicken ließen. Das Verfahren schien mir unmenschlich, und doch versicherte mir mein Begleiter, daß diese Art der Bestattung noch eine ganz anständige sei. Die Armen wenden nicht soviel Geld und Zeit daran, sondern packen ganz einfach die Leiche in ein Tuch, fassen dies mit einem Freunde zusammen an und tragen es in die Grube ohne alle weitere Zeremonie. Für das ersparte Geld, sagen sie, kann man dem Toten schon eine Messe lesen lassen, und diese frommt ihm mehr als das feierliche Begräbnis. Während nun auf der einen Seite die Sorglosigkeit für die Toten in Palermo so groß ist, hat die Stadt andrerseits in dem außerhalb der Stadt gelegenen Kapuzinerkloster jene berühmten Katakomben, in welchen die Leichname mumienhaft bewahrt und erhalten werden. Wir fuhren an einem schönen Nachmittage hinaus, das Kloster zu besuchen. Der Weg dahin führt durch die Olivuzza. So heißt eine Vorstadt Palermos, in der die schönsten Landhäuser der großen Familien liegen. Es ist einer der lieblichsten Punkte des ganzen Tales und muß als solcher schon frühe bekannt gewesen sein, denn zwei alte maurische Schlösser, die Cuba und die Zisa, das letztere sehr wohlerhalten und noch bewohnt, befinden sich in dieser Gegend. Jetzt ist die prächtigste Besitzung in der Olivuzza die Villa Butera, welche die Fürstin Butera der Kaiserin von Rußland zur Wohnung überlassen hatte, solange die Kaiserin in Palermo verweilte. Schon auf dem Wege nach der Olivuzza überraschte mich der Anblick von Bäumen, die ich noch nicht kannte und die hier über die Gartenmauern hervorragten. Es waren Dattelpalmen, reich mit Früchten beladen, welche jedoch selbst hier nicht in jedem Jahre zur Reife kommen. Das schönste Bild südlicher Vegetation entfaltet sich aber in der Villa Butera, wo die sorgliche Pflege und der gebildete Sinn eines deutschen Gärtners – Schott ist sein Name – den Reichtum der südlichen Pflanzenwelt zu einem zauberhaften Ganzen zu vereinigen wissen. Palmen, Bambus, die verschiedensten Kaktusarten und all jene tropischen Gewächse, die bei uns in kläglichen Exemplaren in den Treibhäusern verkümmern, sind hier in schöner Freiheit zusammengestellt und vertragen mit geringen Ausnahmen den Winter dieses sehr warmen Tales. Gummi- und Kampferbäume schützen große Fuchsia- und Wolgameriabüsche, der Heliotrop, die schönsten Gloxinien blühen daneben und duften und glühen unter diesem Himmel doppelt schön aus dem umgebenden Grün hervor. Nur mit Widerstreben rissen wir uns von diesem Garten los, um die Kapuziner zu besuchen. Ihr Kloster liegt ziemlich einsam. Die Tore waren offen, man sah hindurch in einen freundlichen Klosterhof, der hell von der Abendsonne erleuchtet war. Dunkelrot blühende Oleanderbüsche drängten sich aus dem Portal hervor, unter dem acht Kapuziner plaudernd beieinandersaßen. Einer von ihnen ward uns zum Führer gegeben; er mochte ein Vierziger sein und hatte den Ausdruck jener unzerstörbaren Heiterkeit, wie man ihn sich bei dem »Lustik« irgendeines Regimentes zu denken gewohnt ist. Er stieg mit uns eine Treppe hinab in ein Souterrain, und ich fing an, mich nach allem, was man mir von den Entsetzen dieser Katakomben beschrieben hatte, auf den furchtbarsten Anblick vorzubereiten, namentlich auf jenen beklemmenden Verwesungsgeruch. Aber davon war hier keine Spur. Der erste Eindruck, den die Katakomben mir machten, war ein entschieden komischer, so wunderbar dies klingen mag. Es sind lange, gewölbte, sauber geweißte Kellergänge mit fliesenbelegten Fußböden und mit Fenstern, durch die helles Licht hineinfällt. Zu beiden Seiten der Gewölbe hängen an Tauen, die sie um den Hals haben, die Leichen in Kapuzinertracht. Die eigentümliche Luftbeschaffenheit dieser Gewölbe, welche die Leichen innerhalb sieben Monate zu Mumien ausdörrt, trocknet sie auch zusammen, so daß sie bedeutend kleiner werden, als sie es im Leben waren. Im Augenblick des Hereintretens bemerkte ich die braunen Totenköpfe wenig, die Hände sind in den Ärmeln der Kutten verborgen, die Füße von denselben bedeckt; ich sah eigentlich nichts als lange, fast unabsehbare Reihen von schwarzbraunen Kutten, in der Weise neben- und übereinander aufgehängt, wie man es mit den Kleidern in Garderobehandlungen tut. Dies Kuttenmagazin schien für Italien ein notwendiges Bedürfnis. Es machte mich um so mehr lachen, als ich mir einen furchtbaren Anblick erwartet hatte. Indes dieser sollte nicht ausbleiben, nachdem ich mich umzusehen und das einzelne zu unterscheiden begonnen hatte. Hier fletschte ein Totenkopf das ganze Gebiß aus weitgeöffnetem Munde hervor, dort hatte einer das Auge offen und sah gleichsam blinzelnd über schief verzerrtem Munde auf uns herab. Jeder Kopf bot ein anderes Bild des Todes, jeder Krampf, jede Verzerrung fand hier ihren Repräsentanten. Dazu hatte das Hängen etwas Widriges, und die Namen, Titel und Eigenschaften der Skelette, welche an und über ihnen in deutlichen Lettern zu lesen waren, erschienen wie die bitterste Verhöhnung aller irdischen Eitelkeit. Den Skeletten bleibt nur soviel Fleisch, um in den Muskeln den Ausdruck der Todesstunden festzuhalten, und je mehr wir diesen zu betrachten anfingen, je gräßlicher, je qualvoller erschien er uns. Der Mönch führte uns heiter schwatzend mit aller Genugtuung eines Besitzers umher, der seinen Gästen eine Sammlung von Kunstgegenständen zeigt. Er erzählte, daß man die Leichen sieben Monate lang auf eisernen Stangen über jenen Gewölben liegenlasse, deren Luft die Austrocknung bewirke. Nach Verlauf der sieben Monate »logieren wir unsere Gäste hier ein«, sagte der Mönch, »und behalten sie so lange, als ihre Familien uns am Sterbetage eine Gabe senden, die Messe für sie zu lesen und eine Kerze anzuzünden. Geschieht dies nicht mehr, so tun wir sie fort, damit für neue Gäste Platz wird.« Auf meinen Wunsch, das Gewölbe zu verlassen, weil bei dem sinkenden Tage die Schatten in den Hallen immer tiefer wurden und der Anblick mir immer fürchterlicher, erklärte der Mönch, das sei ganz unmöglich, ehe ich die Frauen gesehen hätte. »Nur die Männer hängen so unerfreulich an den Wänden, für die Frauen tun wir ein übriges; wir sind galant, wir lassen sie schön gekleidet, eine jede hat als echte Signora ihr eigenes Ruhebett und ihren Glasspiegel.« Uns ohne den Führer aus den sich kreuzenden Gängen herauszufinden, wagten wir nicht, und dieser hielt das Betrachten der Frauenskelette für so unerläßlich, daß wir ihm folgen mußten. Die Frauen liegen in Schränken hinter Glasfenstern, jede Leiche hat ihr besonderes Fach. Für mich sahen diese in Atlas und Sammet gehüllten, mit Perlen und Ringen geschmückten Skelette noch viel schrecklicher aus als die der Männer. Aus den großen Dormeusen und Flügelhauben des vorigen Jahrhunderts, aus dem Flitterputz unserer Tage diese verzerrten Totenköpfe hervorblicken zu sehen, konnte ich nicht länger ertragen, und im Herausgehen packte mich ein solches Grauen, daß ich selbst es nicht begriff, wie mir der erste Eindruck ein komischer sein, wie ich es so lange hatte unter diesen Schreckgestalten aushalten können. Mir war, als zöge die ganze Totengesellschaft mir nach, als wären sie eifersüchtig auf mein Atmen, als grinseten all jene zähnefletschenden Köpfe mich an, mich verhöhnend über das Vollgefühl des Lebens, über meine Daseinslust, die ja bald auch für mich zu Ende sein konnte. Der Weg durch all diese Kreuzgänge schien mir zehnfach so lang als bei der Ankunft, ich schritt immer schneller vorwärts, um den Ausgang zu erreichen, weil ich mich aus dieser Totenwelt fortsehnte hinaus in die lebendige Natur. Und schöner habe ich nie den Abend über die Erde sich breiten sehen als nach jenem Tage. Wir fuhren durch stille Landwege die ersten Hügelreihen der Berge hinan, das Kloster Santa Maria di Gesù zu besuchen, dessen schöne Aussicht man uns gerühmt hatte. Das Kloster liegt hoch. Es war sehr still da oben. Die Mönche öffneten uns die Türe und luden uns ein, die Sonne bei ihnen untergehen zu sehen. Neben dem Kloster ist die Kirche, ein Kirchhof, auf dem viele Fremde begraben sind, umgibt sie. Unter den hier Beerdigten befinden sich die Schwiegermutter und zwei Kinder der Herzogin von Berry. Sie hat ihnen hier eine kleine Kapelle errichten lassen. Die Mönche speisen Arme und betteln selbst. Einen Tag beköstigen sie Männer, den andern Tag Frauen. Wir fragten, wieviel Portionen sie austeilten. Sie antworteten, das sei unbestimmt. Das Kloster sei ganz arm, sie kochten täglich soviel, als sie hätten, und teilten aus, solange etwas da wäre. Die Mehrzahl der Mönche war alt; keiner von allen sah wohlgenährt oder lebensfroh, die meisten still und beschränkt aus, oh! sehr beschränkt durch geistigen Druck. Wir fragten, womit sie sich beschäftigten. »Wir haben den Gottesdienst, den Garten, Haus und Kirche zu beschaffen, Seelenmessen zu beten und Tote zu begraben.« Wir wollten wissen, ob sie lesen und studieren, ob sie sich geistig beschäftigen. Ein gesprächiger Greis von dreiundsiebenzig Jahren berichtete mit einem gewissen Stolz, daß alle jüngern Mönche des Klosters lesen könnten, schreiben jedoch nur wenige: »Ma il priore e il guardiano lo sanno tutti i due e hanno una libreria.« (Aber der Prior und der Guardian können es alle beide und haben eine Bibliothek.) Der hannöverische Konsul, der uns hinausgeführt hatte, gab dem Mönche Geld und bat ihn, für uns eine Messe zu lesen. Eine der Damen fragte, ob man für die fremden vornehmen Herrschaften und Prinzen, welche hier begraben lägen, auch täglich Gebete halte. »Ma che principi!« sagte der Alte, »quando sono là basso, sono povere anime come gli altri!« (Ach was, Prinzen! Wenn sie da unten sind, sind sie arme Seelen wie die andern.) »Also sie gehen auch in das Fegefeuer?« »Gewiß! denn dahin gehen alle!« entgegnete der Mönch. »Und Ihr betet sie heraus?« »Natürlich!« »Auch aus der Hölle?« »Nein! das ist unmöglich! Aus der Hölle kehrt niemand zurück.« »Aber wer kommt denn in die Hölle?« »Chi lo sa!« (Wer weiß das!) sagte der Mönch, die Achseln zuckend. Uns klingt das wie ein Scherz. Hier war es Ernst. Jedes Wort ging und kam dem Alten von Herzen und aus seiner tiefsten Überzeugung. Wir waren vom Fahren und Steigen heiß und durstig geworden und baten, uns einen Trunk zu geben. Einer der jüngsten Mönche brachte auf irdenem Teller einen kleinen, irdenen Krug nebst zwei Gläsern, die sie in unserer Gegenwart sorgfältig ausschwenkten. Der Alte ließ es sich nicht nehmen, sie selbst für uns vollzuschenken. Er pries die Frische und Klarheit der Quelle, während er uns freundlich die Gläser hinreichte. Man kann auch mit einem Glase Wasser gastfrei und ein wohlwollender Wirt sein. Alle Mönche sahen zufrieden aus, als wir das Wasser lobten und mehr davon verlangten; aber keiner von ihnen hatte einen freien, geistigen Ausdruck. In keinem dieser Gesichter Spannung, Zweifel, Streben. Nur kindlich gutmütige Neugier und stille Ruhe. Der Abend sank mehr und mehr, die Schatten lagerten sich dunkelblau über die Berge; im Tal sahen die Gipfel der Karuben- und Mannabäume hell und frisch aus dem Dunkel hervor, das den Boden bereits bedeckte. Über dem weißen Kloster an der massigen, gelbgrauen Felswand wuchsen unter ernsten, dunklen Zypressen hellgelb die riesigen Blütenbäume der Aloe empor. Der ganze Vorgrund so ruhig und still wie in Gurlitts schwermütigsten Campagnabildern. Zwischen dem gegenüberliegenden Monte Pellegrino und dem Capo Gallo fiel noch streifendes Tageslicht auf einzelne Stellen des Tales. Kein Laut verkündete das Dasein von Menschen; leiser, süßer Vogelsang in der Luft und fernes Zikadenschrillen. Das Untersinken des Tages machte mich traurig, denn kurz vorher war mir ein heißgeliebtes Leben untergegangen im Todesschlaf. Ich las die Inschriften der Leichensteine, welche auf den Gräbern lagen. Lauter fremde Namen, aus Nord und Süd, aus Ost und West, hier nebeneinandergebettet zu ewigem Schlaf. Die alle hatten auch gelebt und gewünscht, gelitten und gehofft, genossen und verloren! Fernab schweifte meine Seele fort von dieser Stelle bis hin zum Gestade der Ostsee, wo unter Fliederbüschen und Linden ein Hügel, mit Veilchen und Reseda bepflanzt, die Asche meiner geliebten Toten bedeckte. Ich ging hinein in die kleine Kirche; da brannte die Ewige Lampe vor dem reichgekleideten Madonnabilde, das hell hervorleuchtete in seinem Strahlenschmuck aus der Nacht umher. Es duldete mich nicht in den Mauern, die Dunkelheit und Schwüle der Kirche schnürten mir das Herz zusammen. Als ich heraustrat, rüsteten die Freunde sich zum Aufbruch. Die Mönche gaben uns bis an die äußere Pforte das Geleit. Die Stille der Gegend, die ruhige Einfalt der Klosterbrüder hatte uns alle ernsthaft gemacht. Schweigend fuhren wir durch das Tal. Der berauschende Duft der südlichen Pflanzenwelt strömte durch die Nacht, die Sterne funkelten hell hernieder, und in dieser weichen, milden Naturstille lösten sich die Schmerzen der Seele auf in einen erquickenden Strom stürzender Tränen. Der Gettatore Unter den Gegenständen, welche dem Fremden in Neapel überall zum Kaufe angeboten werden, stehen die Fäustchen und Hörnchen von Korallen an der Spitze. Alle Welt trägt sie, die Männer an der Kette der Uhr, die Damen an der Brosche, das Volk als Ohrgehänge oder an Schnürchen um den Hals, denn sie sind ein Mittel, sich gegen die Einwirkung des bösen Blicks zu schützen. Der Glaube an den bösen Blick, das malocchio, ist im südlichen Italien ein allgemein verbreiteter, der sich auch in den höhern Ständen zeigt, wo man darüber zu spötteln versucht, wie Furchtsame im Dunkeln singen, um sich Mut zu machen. Der böse Blick ist nach dem Volksglauben erblich. Die Personen, welche damit behaftet sind, welche den bösen Blick werfen, werden Gettatori genannt. Sie haben nach demselben Volksglauben eine bestimmte Physiognomie. Eine magere Person mit stark ausgeprägten Zügen, gebogener Nase, großen, hervortretenden Augen und einem stechenden Blicke ist so verdächtig, ein Gettatore zu sein, als in Deutschland ein Student mit schwarzrotgoldenem Bande der gefährlichsten Demagogie. Sobald man einem Gettatore begegnet, zieht man den Daumen, den dritten und vierten Finger der Hand in die Handfläche hinein und streckt den Zeigefinger und den kleinen Finger hervor, um die Hörnchen zu bilden, welche allein gegen den bösen Zauber zu bewahren vermögen. In der vornehmen Welt Neapels steht besonders die Familie des Herzogs V..o im Ruf des bösen Blickes. Der Herzog selbst ist ein freisinniger, geistreicher Mann. Er hat mehrere Dramen geschrieben, welche durch die Schönheit ihrer Diktion berühmt sind und vielfach auf der Bühne gegeben werden. Man sucht und schätzt ihn um seiner trefflichen Eigenschaften willen, man achtet ihn als Mensch, aber man spricht nicht mit ihm, ohne sich gegen seinen bösen Blick zu wahren, denn von allen Mitgliedern seiner Familie besitzt er ihn im höchsten Grade, obgleich sein Äußeres dem Bilde eines Gettatore nicht entspricht. Seine Schwester, Marchesa C..a, eine der schönsten Frauen Neapels, hat ebenfalls den bösen Blick, und nur sein Bruder, der Chevalier del V..e, sieht wie ein Gettatore aus. Eine geistreiche Fremde, in deren Gesellschaft ich einem der Familienglieder aus dem Hause V... begegnete, von dem sie angeredet wurde, machte gleich die Hörnchen, während sie mit ihm sprach. Ich lachte darüber und fragte sie, ob sie sich nicht schäme, auf diesen Aberglauben einzugehen. »Freilich!« antwortete sie, »es ist eine Torheit, wenn ich es mir überlege, aber der Zufall spielt zu wunderbar. Diese Familie bringt wirklich Unglück, wohin sie kommt, und trotz der Liebenswürdigkeit der einzelnen Personen haben sie etwas Unheimliches. Es sind viele Beispiele davon zu erzählen.« »So teilen Sie mir nur eines mit«, bat ich. »Sehen Sie«, sagte meine Freundin, »im vorigen Jahre, als der russische Hof in Neapel war, veranstaltete man den fremden Herrschaften zu Ehren ein Fest im Hause des Fürsten X... Ein neues Ameublement war dazu aus Paris verschrieben, das kostbarste Stück desselben ein großer Kronleuchter. Als man in Gegenwart des Hausherrn damit beschäftigt ist, ihn an die Decke zu befestigen, wird der Herzog von V..o gemeldet. Der Fürst befiehlt, ihn in sein Arbeitskabinett zu führen, aber noch ehe der meldende Diener sich entfernt hat, tritt der Herzog in das Zimmer und ruft: ›Welch prächtiger Kronleuchter, lieber Freund!‹, und – in demselben Augenblick löst sich der Haken aus der Decke, und der Kronleuchter fällt zerschmettert auf den Marmor des Fußbodens nieder.« »Nun, das war eben ein Zufall!« »Aber was soll man denken, wenn diese Zufälle sich regelmäßig wiederholen?« fragte die Erzählende. »Einmal trifft Graf N. den Herzog auf der Straße. Sie plaudern, der Herzog erkundigt sich nach dem Sohne des Grafen. ›Oh!‹ antwortet dieser, ›er ist gesund wie immer!‹ Als er nach Hause kommt, findet er ihn im Bette und krank. Der junge Mann habe einen plötzlichen Schwindelanfall erlitten, sagt man dem Vater, und sei zur Erde gefallen, wobei er seine Uhr zerbrochen habe. Der Graf läßt sich die Uhr bringen, sie zeigt genau die Stunde, in der er den Gettatore gesprochen hatte. – Ein ähnlicher Fall ereignete sich mit der schönen Schwester des Herzogs. Diese besuchte ihre Nichte, welche die Geburt ihres ersten Kindes erwartete und sich vollkommen wohl befand. Kaum hat die Marchesa C..a die junge Frau verlassen, als eine unzeitige Niederkunft die Hoffnungen derselben zerstörte und ihr Leben in Gefahr brachte. Sooft sich die Marchesa nach der Gesundheit eines Menschen erkundigt, wird er krank, das steht fest, das habe ich selbst erlebt.« Ich neckte die Dame mit ihrer lebhaften Phantasie, aber sie sagte ernsthaft: »Es ist ein Rätsel, eine unheimliche Tatsache, es verlacht sie anfangs ein jeder, aber zuletzt gewinnt sie dennoch Einfluß selbst auf die vorurteilsfreisten Männer. Der ... Botschafter hatte immer die Erzählungen verspottet, selbst das Eintreffen ungünstiger Ereignisse in der Anwesenheit des Herzogs abgeleugnet. Da erscheint an einem Empfangsabende im Hause des Botschafters der Herzog als der erste Gast. Wie er den Botschafter gewahr wird, ruft er ihm entgegen: ›Wo haben Sie denn Ihre Orden? Warum sind Sie ohne jede Dekoration?‹ Der Botschafter, welcher sie sonst niemals anzulegen vergaß, fährt überrascht mit der Hand nach seiner Brust, und – in dem Augenblick fällt ihm die Tabaksdose zur Erde, welche er seit fünfzehn Jahren getragen hatte. Sie war dem Vater des Gesandten von Napoleon verehrt, des Kaisers Bildnis befand sich darauf, es war zerbrochen.« Ein paar Italienerinnen, welche dazukamen, stimmten aus vollster Überzeugung in alle diese Berichte ein und begriffen nicht, wie ich diese Tatsachen bezweifeln könne. Ich verlangte zu wissen, ob es kein Mittel gäbe, durch welches ein Gettatore sich von dem auf ihm ruhenden Fluche befreien könne, ob die Kirche keinen Exorzismus dagegen habe. Man verneinte es. Hatte ich anfangs diese Erzählungen nur belustigend gefunden, so fingen sie mir allmählich an ein Grauen einzuflößen vor dem Aberglauben, der in wahnsinniger Verblendung schuldlose Menschen zu unfreiwilligen Übeltätern, zu fliehenswürdigen Dämonen stempelt. Dieses Grauen sollte indessen noch wachsen, als ich später sah, wie verderblich sich der Aberglauben in den untern Volksmassen offenbart, wo er aus der phantastischen Welt ungewisser Befürchtungen in die werktätige Praxis übergeht. Wenn ich in Castellammare meine Wohnung an der Marine verließ, um mich zu Bekannten zu verfügen, welche auf dem Berge bei Quisisana wohnten, bedurfte ich eines Esels zum Hinaufreiten, und mehrmals hatte sich mir ein Ciuciare mit einem hübschen, wohlgesattelten Esel angeboten. Jedesmal aber sagte mein Diener: »Nehmen Sie den nicht, ich werde einen andern holen, Signora.« Der Ciuciare ging dann schweigend davon. Es war ein Mann von dreißig Jahren, blatternarbig, einäugig, aber mit solch gutmütigem und traurigem Ausdruck des Gesichtes, daß er mich dauerte. Da ich auf eine persönliche Feindschaft zwischen ihm und dem Diener schloß, sagte ich diesem, ich wüßte nicht, was er gegen den Eseltreiber hätte, seine Privatzwiste kümmerten mich nicht und ich würde, da Antonio – so hieß der Ciuciare – immer vor unserm Hause halte, mich künftig seines Esels bedienen, wenn Antonio sonst ein ehrlicher Bursche sei. »Oh! Eccellenza! ehrlich wohl!« rief der Diener. »Ein sehr braver Bursche ist der Antonio, und ich habe keinen Streit mit ihm gehabt; aber da Eccellenza mir immer die Sorge für den sichern Gang und das Sattelzeug des Esels auftragen, so darf ich Sie nicht mit Antonio reiten lassen. Eccellenza würden Unglück haben, denn Antonio ist ein Gettatore, Sie sehen es wohl!« Ich erklärte, daß ich sehr schöne Hörnchen hätte, mich zu schützen, daß ich auch außerdem gar nicht daran glaubte, und nahm trotz alles Kopfschüttelns des Dieners Antonio für die ganze übrige Zeit meines Aufenthaltes in Castellammare in meinen Dienst, der mir mit aller Anhänglichkeit und Pünktlichkeit eines gut behandelten Italieners aufwartete. Immer willig, klug, vorsorglich und gefällig, war Antonio gradezu unschätzbar, und ich vererbte ihn bei meiner Abreise einer Bekannten, die ebensowohl mit ihm zufrieden war. Eines Tages, als wir einen Ritt von Castellammare nach Gragnano machten, fragte ich ihn, ob er denn wisse, daß man ihn für einen Gettatore halte, und ob er darunter zu leiden hätte. »Gewiß!« antwortete er mir. »Ich war zu arm, einen Esel zu kaufen, und der Padrone, welcher hier die Esel hält und an die Ciuciaren vermietet, wollte mir allein keinen geben, weil er behauptete, das Tier würde unter meiner Pflege sterben. Endlich überließ er mir den schlechtesten von all seinen Eseln, ein eigensinniges Vieh, und ich mußte obendrein versprechen, dem Ciucio (so nennen sie die Esel) in den Stirnschleifen Hörnchen anzuhängen. Aber das eigensinnige Tier bockte gleich am ersten Tage und warf einen langbeinigen Engländer zur Erde. Es hatte bei einem andern Führer im vorigen Jahre Gott und die Heiligen hingeworfen, niemand hatte sich beschwert. Nun aber schrien gleich alle Kameraden: ›Das ist das malocchio! das macht der Gettatore!‹, und Sie haben es gesehen, Signora, ich hatte keinen Verdienst. Der Padrone nahm mir den Esel wieder fort, weil ich nichts damit erwerben konnte. Da habe ich mich an die Fürstin G. gewendet, die hier alle Sommer zubringt, die hat mir Geld zu einem Esel geborgt, einen Sattel habe ich gemietet, und nun Sie mich in Dienst genommen und empfohlen haben, werde ich meine Schuld bezahlen können.« »Aber Antonio!« fragte ich, »wie ist man dazu gekommen, Euch das malocchio anzudichten?« »Ich soll es von meiner Mutter haben, sagen sie, der es wohl auch ein Feind nachgesagt hat. Es ist Lüge, Eccellenza! Ja! könnte man die Leute verderben, die uns zuschanden machen, so ließe man sich's gefallen, ein Gettatore zu sein; aber all die Schurken laufen auf gesunden Füßen umher, und armen, schuldlosen Kindern und Fremden soll man Unglück bringen! Das ist ein Unsinn, Eccellenza! Glauben Sie nicht daran.« Als er mich nach vierwöchentlichen Diensten zum letztenmal in Castellammare zum Bahnhof führte und Abschied von mir nahm, sagte er noch zuletzt: »Ich danke Ihnen, Eccellenza, daß Sie nicht an den Unsinn geglaubt haben, es ist Ihnen ja auch kein Unglück begegnet auf meinem Esel. Ich heiße Antonio Vitelli, empfehlen Sie mich den Fremden, und sagen Sie, ein armer Gettatore mit einem Auge könne niemand Schaden tun.« Pompeji und Herculanum Gleich dem weisesten Künstler liebt es die Natur, bisweilen durch das Zusammenstellen greller Gegensätze eine bedeutende Wirkung, einen besondern Eindruck hervorzubringen; so hat sie neben dem lebensprudelnden Neapel Herculanum und Pompeji verschüttet, ein mahnendes Memento mori! Den Hafen entlang fährt man durch Portici, das sich wie eine Vorstadt an Neapel anschließt, nach Resina, hart am Fuß des Vesuvs. Resina ist über den Trümmern von Herculanum gebaut. Man steigt eine Treppe hinab durch kellerartige Gänge, um in das verschüttete Theater zu kommen, wie man ebenfalls eine lange, schmale Straße abwärts geht, die ausgegrabenen, dem Sonnenlicht wiedergewonnenen Stadtteile von Herculanum zu sehen. Der Eindruck, welchen das verschüttete Theater gewährt, ist einer der entsetzlichsten, die man sich zu denken vermag. Unsere Führer gingen uns die hohe Treppe hinunter mit Fackeln voraus. Es war feucht und kalt in den Gewölben; Todesschauer schienen darin zu wohnen; immerfort wähnte ich, der Angstschrei der Menschen müsse ertönen, die hier, im Theater versammelt, ihr Ende fanden, als das Unheil hereinbrach. Die Pfeiler, die Sitze der Zuschauer, die Bühne, die Plätze für die Musik sind deutlich sichtbar. Man hat den Marmor von der Lava gereinigt, die ihn überflossen. Im Vorgrunde stehen die Piedestale von den Statuen der beiden Balbi, der Konsuln, welche sich wohlerhalten im Museum zu Neapel befinden. Die Inschriften auf denselben sind fast unversehrt. An vielen Stellen der Wände sieht man den roten Stuck, mit dem sie bekleidet waren. Zwischen diesen Säulen, zwischen dem Schmuck und der Pracht eines durch Kunst verfeinerten Lebens, in dem der menschliche Geist sich schöpferisch tätig bewies, brach sich die wilde Naturgewalt verräterisch ihren zerstörenden Weg. Die kleinsten Zwischenräume, die geringsten Lücken des Baues sind mit der erstarrten, schwarzen Lava ausgefüllt, ein menschliches Gebiß sah an einer Stelle zähnefletschend daraus hervor, ein grauenhafter Anblick. Alles Interesse an dem Bau, an dem Altertume verschwand in mir vor der Idee dieses furchtbaren Ereignisses. Ich atmete erst auf, als ich dies Riesengrab verlassen hatte und mich im Sonnenlicht dem Leben angehörend empfand. Unterirdische Gewölbe, Bergwerke, Höhlen zu besuchen scheint mir immer sehr traurig. Sooft ich es tun mußte, um mich mit den Pflichten eines Reisenden abzufinden, hat es mich ein schweres Opfer gekostet. Es heißt im Neuen Testamente: »Ihr seid Kinder des Lichtes!« Das empfindet man mit ganzer Seele, sooft man die sonnige Erdoberfläche, die warme, farbige Atmosphäre des Tages vertauscht gegen das schaurig feuchtkalte Dunkel der innern Erde. Man hat das beängstigende Gefühl, seinem Elemente entrissen zu sein, und das ganze Grauen des Todes legt sich über uns. Dann habe ich mich immer gefragt: wie ist es möglich, den Tod nicht zu fürchten, todesfreudig zu sein? Ich begreife, daß man den Tod über sich nimmt wie Christus, sobald es das höchste Gut des Menschen gilt; daß man, um dieses zu retten, das höchste Opfer bringt, dem Leben zu entsagen, weil eine unerbittliche Notwendigkeit es gebieterisch verlangt; aber an die christliche »Todesfreudigkeit« vermag ich in der gesunden Menschennatur nicht zu glauben. Sie gehört auch sicher in den Bereich jener unnatürlichen, unmenschlichen Entsagungstheorien, die uns einbilden möchten, es läge in dem bloßen Sein, in dem Atmen unter dem goldenen Licht der Sonne nicht ein hohes, selbständiges Glück. Hätten wir nicht so große Freude am Dasein, faßte uns das Glück der Gegenwart nicht in seiner ganzen ausfüllenden Seligkeit, wir könnten, in jedem Augenblick von Todesgefahr umgeben, uns des Lebens niemals erfreuen. So unerläßlich, so notwendig erscheint uns unsere Existenz, daß wir den Tod vergessen und leben müssen, als ob das Dasein kein Ende nähme, wenn wir Großes leisten oder auch nur das Leben genießen sollen. Diese zuversichtliche Sorglosigkeit tritt nirgends auffallender hervor als hier in den verschütteten Städten. Zwischen dem Theater und den ausgegrabenen Teilen von Herculanum zieht sich eine Straße von Resina hin. Rechts und links die Bilder des entsetzlichsten Verderbens, hoch über der Stadt die Rauchsäule des Flammenberges, und wohin man in Resina blickt, die sicherste Lebensgewißheit. Weiber saßen spinnend vor den Türen, Kinder liefen umher; wohl keine Mutter dachte daran, daß man in Herculanum in der kleinen Badewanne des einen Hauses zwei Kinderskelette gefunden habe. Der Gegensatz des täglichen Lebens ist es, der den Eindruck von Herculanum noch furchtbarer macht. Die Stadt selbst erscheint, soweit sie sichtbar ist, unwahrscheinlich klein. Sie gleicht jenen Ruinen englischer Parks, die das großartige Altertum parodierend nachbilden. Die Häuser, die Säulenhallen der Höfe, die metallenen Stangen und Ringe, an denen die Vorhänge vor den Badezimmern befestigt waren, die eisernen Stäbe in den Fensterhöhlen eines Gefängnisses sind unwiderlegliche Zeugnisse von der bewohnten Stadt; dennoch fragt man sich, wie war es möglich, daß Menschen in diesen engen, kleinen Verhältnissen ein behagliches Dasein fanden? Menschen, denen der ausgebildetste Luxus zur Lebensgewohnheit geworden war? Und diese ganze Stadt war untergegangen, spurlos verschwunden mit all ihrem Luxus, mit all ihrer Lebensfülle, so gänzlich verschwunden, daß kaum ein Gedanke daran zurückblieb, daß man jahrhundertelang ihres Daseins sich kaum noch erinnerte. Tausende von Menschen, ganze Generationen sind verschüttet, verbrannt – und die Welt hat doch bestanden, und es ist dadurch gar nichts anders geworden in der Allgemeinheit. Wohl sechzig Fuß tief liegt Herculanum unter dem eigentlichen Niveau von Portici und Resina. Oben auf diesen Wänden von Lava, die wie Felsen aussehen, standen ganz vergnügte Burschen in Hemd und Leinwandshose, die rote Flanellmütze auf dem schwarzen Haar. Sie banden Weinreben an die Maulbeerbäume und ließen fröhliche Lieder aus der braunen Brust zu uns herniederklingen oder riefen uns neckend zu, wobei sie ihr Italienisch in der Weise aussprachen, wie ungeübte Fremde es zu tun pflegen. Auch der Kustode sprach es in der Art. Als wir ihn fragten, weshalb er das täte, antwortete er: »Die Fremden verstehen es dann besser!« Man behandelte uns wie Kinder, zu deren unvollkommener Ausdrucksweise man sich freundlich bequemt. Pompeji macht einen viel milderen Eindruck als Herculanum. Man erreicht es mit den Dampfwagen, die von Neapel bis Nocera fahren, auf einer Eisenbahn, deren Lage kaum ihresgleichen haben dürfte. Sie geht an dem Ufer des Meeres auf mäßiger Höhe fort durch Torre del Greco und Torre Annunziata am Fuße des Vesuvs, der bis zur Hälfte seiner Höhe mit reichem Grün und lachenden Villen gekränzt ist. Wohin man blickt, liegen an der Eisenbahn und unten am Meere kleine Städtchen mit flachen Dächern, auf denen frische Makkaroni oder Maiskörner zum Trocknen ausgebreitet waren. Überall Schiffe, Kähne, Fischer und werktätige Menschen. Auf dem schwarzen, silberfunkelnden Lavaboden des Ufers wälzten sich Scharen nackter Knaben umher, die sich dann in das Meer stürzten und aus dem Meere wieder in den glühenden Sand zurückkehrten, den erquicklichen Wechsel von Hitze und Erfrischung zu genießen. Fünf kleine, von Unsauberkeit starrende Buben hatten ein paar Schweine in das Meer getrieben und wuschen und bürsteten sie mit einer Sorgfalt, wie schwerlich die Mutter der Knaben sie diesen jemals angedeihen ließ. Andere hatten ein Calessino ins Meer gezogen. Zwei Jungen schwammen voraus an der Deichsel, vier andere stützten die beiden Räder, und ein größerer Bube stand wie ein Triumphator darin. So hielten sie es einige Augenblicke über Wasser, bis es umschlug, sämtliche Knaben untersanken und dann zappelnd und lärmend wieder emportauchten, um jubelnd ein neues Spiel zu beginnen. Es waren vollkommene Tritonenbilder. Hier am Meere begriff ich, wo Raffael und die andern alten Maler die Originale zu ihren Tritonen gefunden haben. Hier lernte ich die lebenswonnigen, naturseligen Meergötter auf Raffaels Galatea erst recht verstehen. Wer den Süden nicht sah, wer nicht dies sonnevolle, heiße Naturleben in seinen Regungen betrachtete, kann keine heidnischen Götter malen, denn sie sind Produkte dieser Natur, wie sie Ideale dieser Menschen sind. Unsere Meergötter frieren im Winter ein; und tauen sie dann auch im Juli und August ein wenig auf, so bleiben sie lauwarm, strecken ängstlich die erstarrten Glieder und wagen nicht recht, sich zu freuen, weil sie wissen, daß sie im September doch wieder einfrieren werden. Zwischen den heitersten Bildern, zwischen Kaktus, Oleander- und Myrtenbüschen, die mit starren, schwarzen Lavawänden abwechseln, fliegt der Dampfwagen dahin. Mehrere Tunnel sind durch die Lava gebrochen, welche hier alles überflutet hat. Wo man im Erdreich die Straße abgestochen, bedeckte die rotblühende Eispflanze dicht wie ein Teppich den ganzen Boden. Von der Eisenbahn geht man einen ziemlich langen, schattenlosen Weg bis nach Pompeji. Es war gegen Mittag, als wir dort anlangten, die Hitze auf dem gelben Sande fast unerträglich. Wir sanken bis an die Knöchel hinein, man hatte die Empfindung, als nähme man ein glühendes Fußbad. Eine fast sonntägliche Stille, ein süßes, melancholisches Schweigen liegt über Pompeji. Die Vordermauern vieler Häuser sind wohlerhalten, die Zerstörung tritt hier milder auf. Nur die Dächer fehlen, um der Stadt wieder ein wohnliches Ansehen zu geben. Reinliche, nicht breite, aber schnurgerade Straßen durchkreuzen sich regelmäßig. An den Häusern findet man erhöhte Trottoirs, an den Straßenecken erhöhte Quadern zum Überschreiten des Fahrweges; die steinernen Gleise für die Wagen tragen die deutliche Spur der Räder. Diese müssen danach sehr breit, die Räder schmal gewesen sein. Noch außerhalb der Stadt liegt das zweistöckige Haus des Diomed. Acht der schönsten Zypressen stehen davor, als wären sie absichtlich hierher gepflanzt, den Anfang der Gräberstraße zu bezeichnen, welche vom Hause des Diomed bis an das Tor Pompejis reicht. Die Marmorbekleidung, die Reliefs und Inschriften der Gräber sind zum Teil wohlerhalten. Neben den Gräbern findet man Ruheplätze, runde Sitze von schönem Marmor. Das Stadttor mit dem Wachthause und eine Schenke folgen zunächst. Der Laden der letztern liegt hart an der Straße, eine Marmorplatte trägt die Merkmale der Gefäße, welche einst darauf gestanden haben. Ganze Straßen, wohl an hundert Häuser, sind ausgegraben und lassen die innere Einrichtung derselben genau erkennen. Ein kleines Vestibül bildet den Eingang. Das freundliche »Salve« auf der Schwelle, das noch heute den Eintretenden begrüßt, den Gast willkommen heißt, obschon der Wirt so lange gestorben, hat etwas sehr Ergreifendes. Die Gastlichkeit, die uns aus so ferner Vorzeit entgegenwinkt, rührt und bewegt die Seele mild. Aus diesem Vestibül tritt man in einen von Säulen umgebenen Hof, das Impluvium, in dem sich ein Brunnen befindet. Zu beiden Seiten des Impluviums liegen die Schlafgemächer der Männer. Sie haben untereinander keinen Zusammenhang, sind zellenartig geschieden, mit drei geschlossenen Wänden und einer Türe gegen den Hof. An der Hinterwand erhebt sich einen Fuß hoch die gemauerte Estrade, auf der die Schlafpolster ausgebreitet wurden. In den großen Häusern folgt dem ersten noch ein zweiter Hof, mit prächtigem Mosaikfußboden und Springbrunnen geziert, dann das Eßzimmer (trichnium) mit festen Sitzen an den Wänden und einem ebenfalls festen Tisch dazwischen, alles von Marmor und von schöner, zweckmäßiger Form. Die Eßzimmer sind sehr klein. Man sieht, daß große Gastmahle nicht üblich sein mußten. Ganz in dem hintersten Teile des Hauses lagen die Gemächer der Frauen. In zwei Höfen befinden sich Fontänen, mit Muscheln und Steinchen verziert, genau wie in den alten holländischen Gärten. Es ist der reinste Rokokostil. Über denselben sind Löwenköpfe von gebranntem Ton mit offenen Augen und Rachen angebracht, in die man Lampen setzte, um Licht zu haben, wenn man abends Wasser brauchte. In allen Häusern gibt es Badegemächer und in dem öffentlichen Bade die zweckmäßigste Einrichtung für warme und kalte Bäder. Die Lager zum Ausruhen sind dort auf Gestellen von Bronze; Marmor, Stuck und Fresken überall mit Geschmack und Freigebigkeit verwendet. Die öffentlichen Gebäude, die Tempel, die Basilika, das Forum sind ebenso groß als die Wohnungen und Zimmer klein; und alles dies macht den Eindruck höchster Zweckmäßigkeit. Die Zimmerchen mit einer Türe haben etwas sehr Ruhiges, die Hofräume sind luftig, die Treppen bequem; es ist für dies Klima alles so vollkommen berechnet, daß man noch heute mit Lust und Behagen in diesen Räumen wohnen könnte. Unbeschreiblich ist das Gefühl, welches die Brust bewegt bei dem Anblick dieser Trümmer, deren Bewohner so gewaltsam vom Leben, von der Arbeit abgerufen sind; und rührender als die großen Bauten erschienen mir die Spuren der Kette, welche tagtäglich den Brunnenrand hinabglitt, oder der ausgehöhlte, durch Arbeit abgenutzte Stein an einem Waschplatze. Man bedarf kaum eines Erklärers, man sieht es alles deutlich vor Augen und bedauert nur, daß es notwendig war, die Geräte, welche man in den Häusern vorgefunden hat, an das Museum nach Neapel abzuliefern. Man möchte das alles zusammen sehen, um sich das Ganze in seiner Vollkommenheit in die Seele zu prägen. Pompeji hat drei Theater gehabt, den Circus für die Kampfspiele, das tragische und komische Theater. In dem großen tragischen Schauspielhaus spielte man am Tage; das andere Theater für komische Stücke ist klein, und die Vorstellungen müssen in der Dunkelheit stattgefunden haben, denn hier grub man die prächtigen Kandelaber aus, welche im Museum aufbewahrt werden. Diese Kandelaber, alle Gerätschaften, die Gefäße, Waffen, Möbel, welche viele Zimmer im Museum füllen, sind in ihrer Art vollendet, die Mosaiken und Fresken, die man ausgehoben und im Museum aufbewahrt hat, ungemein lieblich. Sie stellen zum großen Teil Szenen aus der Mythologie, aus der Ilias und Odyssee dar oder einzelne Gottheiten und Halbgötter. Diese bilden den Übergang zu tanzenden Menschen, spielenden Kindern und Tieren. In allen Schilderungen die frischeste, ursprünglichste Naturwahrheit, verklärt durch die Freude an sinnlichem Naturgenuß. Diese Menschen, diese Kinder, diese Tiere müssen tanzen, spielen, hüpfen, denn sie freuen sich ihres Daseins; diesen Halbgöttern glaubt man, daß sie fliegen können, wie man es den Engeln des Fiesole glaubt, und doch ist zwischen beiden ein wesentlicher Unterschied. Die Engel fliegen, weil Gott es will, weil das Vertrauen zu Gott ihnen das Unmögliche möglich macht. Die pompejanischen Göttergestalten fliegen aus eigener Machtvollkommenheit, im Vollgefühl der ihnen innewohnenden Naturkraft, als Elementargeister, die das Element beherrschen. Wir hatten viele Stunden mit dem Betrachten dieser untergegangenen Herrlichkeit zugebracht und kehrten erst am Nachmittage zum Eisenbahnhofe zurück. Kaum waren wir dort angelangt, als zwei Nonnen aus einem Kloster in den Abruzzen uns um Almosen angingen. Die eine Nonne war jung und schön, die andere sah würdig aus. Der Bahnhofsinspektor bevorwortete ihre Bitte mit dem Bemerken, sie müßten die Mildtätigkeit der Fremden in Anspruch nehmen, um eine Nonne ihres Klosters, die Schwester Antonia von Florenz, die als heilig erkannt sei, kanonisieren zu lassen. Mehrere Personen der Gesellschaft gaben ihnen Geld, einer der Männer lehnte es ab, weil er nicht Katholik sei und nicht an die Heiligen glaube. »Aber wohin kommen die Fremden nach ihrem Tode, wenn sie keinen Schutzheiligen haben, der sie losbittet aus dem Fegefeuer?« fragte die junge Nonne. »Sie müssen ja ewig im Fegefeuer bleiben.« Der Bahnhofsinspektor, der sich mit einigen Frauen aus unserer Gesellschaft bei der Ankunft unterhalten hatte, schien Mitleid mit unserer Verdammnis zu fühlen und meinte: »Je nun! sie werden doch vielleicht auch ins Paradies kommen!« Die alte Nonne schüttelte den Kopf: »Unmöglich, Signor! Die Ketzer kommen nicht hinein, kommen alle für ewig in die Hölle.« Es entspann sich ein Streit, die Nonnen hatten keine Gnade für uns, die Deutschen waren beleidigt und entrüstet über ihre Unerbittlichkeit, da beschloß ich, den Friedensstifter zu machen. »Sehen Sie«, sagte ich zu den Nonnen, »hier dieser Bahnhof, in den wir alle gehen, ist ein Haus mit drei verschiedenen Klassen, und jeder kommt in die Klasse, für die er bezahlt hat. So wird's vielleicht auch im Jenseits sein, wo wir alle in dasselbe Haus einkehren werden, aber in verschiedenen Klassen.« Damit waren die Nonnen zufrieden, die ältere nickte mir Beifall, und auf den Gedanken eingehend, sagte sie freundlich: »Bezahlen Sie gut, Signora, damit Sie in die erste Klasse kommen!« Noch während der Unterhaltung mit den Nonnen, die uns viel von der Armut ihres Klosters erzählten, erscholl das Pfeifen der Lokomotive. Man drängte sich zu den Wagen, nahm die Plätze ein – ein zweites Pfeifen, ein Ruck, wir flogen von dannen und langten in Neapel an, als in den Straßen sich die Volksmenge dem Genuß des Abends zu überlassen anfing, uneingedenk des schweigenden Pompeji, an dessen Untergang die Feuersäule des Vesuv uns schmerzlich mahnte. Ein Souper am Posilip Als ich in der Mitte des Mai das heilige Rom verließ, um nach Neapel zu gehen, hatte ich doch schon an manchem Sciroccotage des April, der seine grauen, schweren Wolken über Rom ausbreitete, mit Bangen der Hitze gedacht, die unsrer in dem südlichen Klima Neapels harren würde; indes diese Befürchtung blieb eine ungegründete. Der Sommer des Jahres 1846 war einer der wärmsten, deren man sich seit lange erinnerte. Ich habe ihn abwechselnd in Neapel, Palermo, Castellammare und Sorrent verlebt und weniger von der Wärme gelitten als sonst bei uns in Deutschland. Die ganze Lebensweise, die ganze Zeiteinteilung sind auf das Klima berechnet; die Einrichtung der Häuser ist danach getroffen. Der Ausspruch, man müsse, um behaglich zu leben, den Winter in Petersburg und den Sommer in Neapel zubringen, hat sich mir zur letztern Hälfte als Wahrheit erwiesen. Mit der ersten Sommerwärme verschwinden aus allen Zimmern die Teppiche, die Fenstervorhänge und Portieren. Man entfernt selbst die Polstermöbel, soweit es tunlich ist, und sucht sie durch Rohrsessel zu ersetzen. Die bis auf den Boden hinabgehenden Fenster, alle Türen der ganzen Zimmerreihen bleiben geöffnet und werden mit Haken an die Wände befestigt, um das Zufallen zu verhüten. Sobald die Sonne die Wohnung trifft, schließt man die Jalousien und hat dadurch in den mit Fliesen getäfelten Zimmern ein Halblicht und eine Frische, die ungemein behaglich sind. Wer es irgend möglich machen kann, beginnt den Tag mit einem Seebade. Wie allgemein diese Sitte verbreitet ist, davon kann man sich morgens an der Riviera di Chiaia überzeugen, wo von fünf bis zehn Uhr Scharen von Menschen aus allen Ständen nach den zahlreichen Badeanstalten hinströmen. Dem Seebade folgt das Frühstück, dem in vielen Häusern schon Früchte und Eiswasser beigesellt werden. Nach demselben hält man sich, wenn man nicht durch Geschäfte zum Ausgehen gezwungen ist, in seinen Zimmern, und es möchte nicht viele geben, welche während der Mittagszeit dem Schlafe widerstehen können. Wenn wir von der Siesta sprechen hören, so denken wir uns, daß man sich um die Zeit gehörig zur Ruhe lege, und das kommt uns unnatürlich und komisch vor. Lebt man aber im Süden, wo man zeitig aufsteht und die halbe Nacht im Freien zubringt, dann macht es sich ganz von selbst, daß man sich gegen die Höhe des Tages für ernste Beschäftigung zu abgespannt fühlt, eine leichtere Arbeit wählt und bei dieser einschläft, ohne daß man es will und bemerkt. So verträumt man eine Stunde und erwacht, nachdem man ganz aus dem Stegreif auf gut italienisch seine Siesta gehalten hat. Das Mittagsmahl nimmt man um fünf Uhr ein. Um diese Stunde ist die größte Hitze vorüber, und nach dem Mittag fängt man an, die Jalousien zu öffnen, sich des Abends zu erfreuen. Man sitzt auf den Balkons und Terrassen, man rüstet sich zu Spazierfahrten, zu denen die unvergleichliche Lage Neapels vielfach Gelegenheit bietet. Der Weg über Capodimonte nach dem Hafen, die Straße längs dem Posilip oder Ausflüge nach Resina, Portici, Caserta sind von großer Schönheit. Indes die Neapolitaner selbst begnügen sich größtenteils mit ihrer herkömmlichen Corsofahrt. Von sieben Uhr abends bis nach neun Uhr fahren vier Reihen der prächtigsten Equipagen die schöne Riviera di Chiaia entlang. Nach eingebrochener Nacht drängen sie sich im Toledo zusammen, um dort bei dem Flimmern der Gasbeleuchtung aus den Boutiquen die Fahrt noch eine halbe Stunde fortzusetzen. Vom Toledo geht es in die Theater, die um neun Uhr geöffnet werden. Das eigentliche Hoftheater, die Große Oper in San Carlo, war während meines Aufenthaltes in Neapel geschlossen. Man dekorierte den Saal neu und hatte andere Bauarbeiten darin vor. Es sollte erst im Oktober wieder eröffnet werden. Bis dahin spielte die Gesellschaft aus San Carlo im Teatro del Fondo, das auch der Hof fast täglich besuchte. Die Darstellungen waren vortrefflich. Man gab durch den ganzen Mai und Juni abwechselnd »Buondelmonte« von Pacini und die »Foscari« von Verdi nebst einer andern in Mexiko spielenden Oper desselben Komponisten, deren Namen mir entfallen ist. Signora Brambilla, die Primadonna, und der Tenor sowohl als der ganz ausgezeichnete Baß, der, ein junger Rechtsgelehrter, eben erst zur Bühne gegangen war, zeichneten sich durch jene weichen, vollen italienischen Stimmen aus, von denen ich bis dahin nur gehört hatte, ohne ihnen in Italien auf der Bühne begegnet zu sein. Auch das Ballett im Theater del Fondo war gut, nur machte es einen wunderlichen Eindruck dadurch, daß Genien und Nymphen unter ihren ätherischen Luftgewändern von Gaze ein Beinkleid von dunkelgrünem Taft trugen, um den Anforderungen zu genügen, welche die Königin an irdische Schicklichkeit macht. Ebenso befremdlich erscheint es dem Deutschen, daß zwei Gardesoldaten auf die Bühne treten und rechts und links sich aufstellen, sobald der Hof in der Loge erscheint. Hohe Mützen auf den Köpfen, Gewehr am Fuß, den Blick auf die königliche Loge gerichtet, stehen sie unbeweglich da, während hinter ihren Rücken ein Buondelmonte seine Geliebte verrät, ein Romeo in Schmerzenstönen seine Julia beklagt und die ganze Skala menschlichen Glückes und Leides sich in der Welt der Töne mächtig entfaltet – und so bleiben sie stehen, bis der Hof das Theater verläßt, was oft ziemlich spät in der Nacht geschieht. Wenn man vom Toledo ins Theater gefahren ist und dort einen oder ein paar Akte mit angesehen hat, so ist es etwa zehneinhalb Uhr und nach neapolitanischen Begriffen noch nicht zu spät, Visiten zu machen. Einzelne Häuser empfangen an bestimmten Abenden der Woche, andere täglich. Man plaudert, musiziert sehr viel, und die Anwesenheit der zahlreichen Fremden von allen Nationen nimmt der Unterhaltung jenen kleinlichen Koteriegeist, der bald so ermüdend wird. Wohin man kommt, sind alle Fenster der Wohnung geöffnet, und alle Damen sitzen mit Fächern in den Händen, die hier keine Modesache, sondern eine Notwendigkeit sind. Selbst im engen Familienleben hat jede Frau einen kleinen, grünen Fächer neben sich. Man vermißt ihn, wenn man ihn nur kurze Zeit entbehrt. Dies Umherfahren dauert von sieben Uhr abends bis nach Mitternacht in Neapel, und die Nächte sind so schön, daß man jedesmal aufs neue erquickt wird, wenn man von einem Besuche in den Häusern wieder auf die Straße zurückkehrt. Als ich einmal gegen die Freundin, bei der ich wohnte, die Reize dieser Nachtfahrten pries, sagte sie: »Die schönste Sommerlust haben Sie noch gar nicht genossen, das ist ein Souper am Posilip. Ich will aber dazutun, daß Sie es in den nächsten Tagen kennenlernen.« Bald nachher kam die Partie zustande. Etwa zwanzig Personen unseres Kreises versammelten sich um zehneinhalb Uhr bei einer Dame, die in Santa Lucia wohnte. Von dort fuhr man die Riviera entlang bis zu den ersten Häusern am Fuße des Posilip. Dicht an die Prachtgebäude, welche die schöne Riviera schmücken, reihen sich die Wohnungen armer Fischer, höhlenartig in den harten Stein des Felsens gebaut. Ohne Fenster; nur so weit gemauert, als es nötig ist, das Nachstürzen des Felsens zu vermeiden, erhalten diese Gemächer ihr Licht durch die geöffneten Türen. Abends sieht man durch dieselben beim Scheine einer Öllampe das ganze Familienleben vor sich ausgebreitet, und auch hier wird die Nacht zum Tage gemacht. Alt und jung ist auf den Füßen, man rüstet die Netze zu für den kommenden Morgen, verzehrt das kärgliche Abendmahl, die jungen Paare schäkern im Schatten irgendeines Felsenvorsprungs, und nur die kleinsten Kinder schlafen in den offenen, flachen, aus Bast geflochtenen Körben. Masaniellos Hütte, wie man sie uns auf den Bühnen darstellt, ist das treuste Abbild dieser uranfänglichen Wohnungen. Zwischen jenen Fischerhütten oder Höhlen, ich weiß nicht, wie man sie bezeichnen soll, stehen einzelne Häuser, mehr oder weniger stattlich; Osterien, in denen die Erzeugnisse des Meeres gleich frisch zu schmackhafter Speise bereitet werden. Nach einer solchen Osterie führte uns unser Weg. Einer der Männer aus unserer Gesellschaft ging hinein, das Abendbrot anzuordnen, während wir die Wagen verließen, um die Boote zu besteigen. Das Meer war glatt und glänzend wie ein Spiegel, kein Luftzug bewegte seine Oberfläche, so daß die Gestirne ganz hell aus der Tiefe widerstrahlten und man sich wie zwischen zwei gleichen Elementen geschaukelt empfand; denn Meer und Luft waren beide gleich dunkel und beide mit Myriaden leuchtender Sterne durchfunkelt. Langsam glitten unsere Boote über die Wasserfläche dahin, nur der leise Schlag der Ruder störte die Stille. Der Mond stand hoch am Himmel und vergoldete mit seinem Lichte die Rauchsäule des Vesuvs, die sich ruhig zum Himmel hinaufkräuselte. Aus den Villen am Ufer blinkten die Lichter durch die geöffneten Fenster und von den weinumrankten Verandas hervor. Eine große, breitblättrige Palme bewegte ihre Blätteräste langsam unter dem linden Hauche der Nachtluft. Zahlreiche Fischerkähne zogen neben uns und in jeder Richtung durch das Wasser. Viele führten eine brennende Fackel am Vorderteile aufgesteckt, um die lichtliebenden Hummern herbeizulocken. Die dunkelrot glühenden Flammen hatten in der ruhigen Natur und bei dem milden Strahl des Mondes etwas Wildes, Dämonisches. »Sie sehen wie die Seelen der Verdammten aus, die nicht Ruhe finden zwischen Himmel und Erde«, sagte der Herzog von R., ein geachteter Staatsmann und Dichter Spaniens, der in der Gesellschaft war. Eine Stunde etwa fuhren wir den Posilip entlang im Hafen umher. Das alte, sogenannte Schloß der Königin Johanna, jetzt in ein Fabrikgebäude verwandelt, schaute traurig und düster mit seinen fensterreichen, vom Dampfe geschwärzten Mauern in die helle Nacht hinaus, während alle Gebäude, die zu der schönen Villa Mathilda gehören, in koketter Frische erglänzten und von den Höhen herab die Villen und Schlösser auf das stille, mondbeschienene Meer schauten. Als wir vor unserer Osterie landeten, war unter dem Blätterdache der Veranda die Abendtafel gedeckt. Nur echt neapolitanische Speisen wurden aufgetragen. Eine Suppe von Schnecken und Muscheln machte den Anfang. Frutti di mare (Austern und kleine Schaltiere), Makkaroni, Hummern, grüne Salate, Fische, Ziegen- und andere Braten folgten, und Apfelsinen, Feigen, Pfirsiche und Trauben bildeten in Begleitung von Capri- und Falerner Weinen den Schluß des Mahles, das für den ungewohnten Gaumen in der Schneckensuppe, dem Ziegenfleisch und manchen andern Herrlichkeiten Neapels zwar wohlschmeckende, aber doch ziemlich unverdauliche Elemente darbot. Alle Speisen waren sehr fett, viele mit Käse gewürzt. Schon während wir bei Tische saßen, hatten sich drei Gitarrenspieler eingefunden, welche die bekanntesten Nationalmelodien dreistimmig spielten. Als wir vom Mahle aufstanden, fing einer der Musiker, ein Greis von kräftiger Physiognomie, Buffoarien zu singen an und begleitete diese mit so lebhaftem Mienenspiel und so ausdrucksvollen Gebärden, daß ich den Inhalt erraten konnte, obschon ich aus dem neapolitanischen Patois nur einzelne Worte erkannte. Mitten in diesem Gesange fingen die beiden jüngeren Begleiter des Alten an, ihn halb singend, halb sprechend zu begleiten, und es bildete sich dadurch ein in gewisser Art improvisiertes Intermezzo, das diejenigen, welche es verstanden, sehr belustigend fanden. Der Liebeshandel eines betrogenen Alten war der Inhalt desselben. Das Ganze währte ein paar Minuten und schloß, indem die drei Musiker die Tarantella zu spielen begannen. Sogleich traten eine junge Russin und ein Spanier auf der Veranda zum Tanze an. Ein andres Paar folgte, man brachte ihnen Kastagnetten, und fröhlich klang der Rhythmus dieses einfachen Instrumentes durch die Luft. Die jüngern Personen versuchten eine Galoppade, als die Tarantella beendet war, die Lust und das Lachen wurden allgemein. Unten vor der Türe der Osterie bewachten Stallbuben die Pferde und Wagen der Gesellschaft, während die Kutscher und Diener die Röcke abgeworfen hatten und ebenfalls nach dem Takte der Kastagnetten tanzten, welche ihre Herrschaft auf der Veranda erschallen ließen. Aber während des Tanzes zog ein leiser, frischer Hauch durch die Luft, der Morgenwind verkündete den Anbruch des Tages. Die Fackeln auf den Fischerbooten erloschen, der Mond sank dem Meere zu, und lichte Streifen wurden am östlichen Himmel sichtbar. Es mochte gegen drei Uhr sein, als wir uns zur Abfahrt rüsteten. In den Fischerwohnungen am Posilip war es noch still, die Türen geschlossen. Das immer lebendige, tobende Neapel ruhte, als wir durch die Straßen fuhren; nur an dem Kai von Chiatamone hielten Karren und Wagen vor dem Sauerbrunnen, der dort aus dem Meere hervorquillt und vielfach als Heilmittel gebraucht wird. Man füllte und verlud die Krüge für den Verkauf in der Stadt. Es war Tag geworden, bis wir den Toledo erreicht hatten, und bei diesem ersten Schimmer des Tages zogen lange Reihen von Mädchen aus den Waisenhäusern und Erziehungsklöstern, von Nonnen geführt, dem Meere zu, sich im Seebade zu erfrischen. Das Fest von Piedigrotta Die Neapolitaner haben den Ruf, schlechte Soldaten zu sein. Man erzählt, als man dem verstorbenen Könige von Neapel Vorschläge für eine neue Uniformierung seines Heeres nach französischer Art gemacht und dabei auf den Nutzen der Brustwattierung gegen Schuß und Hieb hingedeutet hätte, habe er ruhig alle diese Auseinandersetzungen mit angehört. Dann soll er lachend erwidert haben: »Kleidet sie, wie ihr mögt, aber Watten machen heiß; und wenn ich meine Neapolitaner gegen Schuß und Hieb schützen wollte, müßte ich ihnen den Rücken und nicht die Brust wattieren lassen.« Trotzdem sehen die neapolitanischen Truppen vortrefflich aus und präsentieren sich auf das stattlichste bei dem Feste der Madonna von Piedigrotta, welches am 8. September gefeiert wird. Die Kirche von Piedigrotta, am Ende der Villa Reale und hart am Fuße des Posilip gelegen, ist sehr klein und unansehnlich; aber die Madonna von Piedigrotta wird hoch verehrt und viel besucht. Irre ich nicht, so hat sie sich in einer Schlacht auf dieser Stelle dem neapolitanischen Herrscherhause gnädig erwiesen, und zur Erinnerung daran findet an dem Tage jenes Sieges die große Parade statt, welche den Mittelpunkt dieses Volksfestes bildet. Die Villa Reale ist das ganze Jahr hindurch dem Teile des Volkes verschlossen, der nicht wohlgekleidet ist. Wohlgekleidet heißt aber in diesem Falle nicht etwa reinlich und sauber oder tüchtig und zweckmäßig; sondern man fordert eine Kleidung, welche den Anspruch verrät, sich den Moden der Reichen und Vornehmen anzupassen. Kein Livreediener, kein Mensch in der Volkstracht der Inseln, welche viel schöner und reicher ist als unsere moderne Kleidung, hat Zutritt in die Villa; aber die verblichenen Flitter, mit denen die törichte Putzsucht der Mittelstände den Luxus der Reichen nachzuahmen sucht, finden Gnade und wandern privilegiert unter den schattigen Alleen umher. Nur am Vorabend und während des ganzen Tages des Piedigrotta-Festes ist die Villa für jedermann, ohne Rücksicht auf die Bekleidung, geöffnet und wird dann von zahlreichen Menschenmassen besucht, die von den Inseln und der Umgegend zu der großen Parade herbeiströmen. Schon am 7. September sieht man die reichen, fast griechischen Frauentrachten von Ischia und Procida in den Straßen prangen: lange Röcke von hellfarbigem Atlas mit Brustlätzen und Kaftans von dunkelrotem, goldverbrämtem Atlas darüber. Kleine reichgestickte Pantöffelchen, goldenes Haargeschmeide, das aus den um bunte Bänder gerollten Flechten hervorblitzt, riesige Ohrringe und Halsketten funkeln im Sonnenschein und heben die fast orientalische Gesichtsbildung der Insulanerinnen auf das vorteilhafteste hervor. Daneben gehen am Arme von Soldaten und in Begleitung von Mönchen, die zur Familie gehören, die Landbewohner in ihrer derberen und doch noch malerisch schönen Kleidung, wenn man sie mit den Kostümen des Nordens vergleicht. Auf den Häusertreppen, auf den Stufen, welche zur Villa führen, in der Villa selbst, überall fröhliche Menschen. Längs der Riviera wird in schnell errichteten Buden und auf den tragbaren Öfen die Schneckensuppe gekocht, wohin man sieht, die Lieblingsspeise verteilt und verzehrt, ein Stück mit Obstmus bestrichenes Brot, reichlich mit gesottenen Schnecken belegt. Uns schien der Duft, der von dieser Speise zu den Balkons unserer Wohnung empordrang, höchst widerwärtig; das Volk aber genoß die wunderliche Mischung mit größtem Behagen, in den malerischsten Gruppen die Öfen umgebend. Oben am Fuße von Capodimonte, wo der Toledo an der Brücke della Salute endet, sind lange Tafeln mitten auf den Trottoirs gedeckt, und die ganze Nacht durch schmausen hier die begüterten Handwerker auf offener Straße, während die Illumination der Häuser ihnen Licht verleiht und die bunten Fahnen an denselben die heiterste Ausschmückung bilden. Man singt, lacht, läßt Musik ertönen, und erst der Anbruch des Tages treibt die Fröhlichen zu kurzer Ruh in ihre Wohnungen. Denn am Morgen gibt es ein neues, prächtiges Schauspiel. Die neapolitanische Marine liegt reich ausgeflagget an der Riviera vor Anker. Die Garden und alle andern Truppen bilden ein Spalier vom Palaste, dem Largo del Castello über Santa Lucia und Chiatamone fort, die ganze Riviera di Chiaia abwärts, bis hin zur Kirche von Piedigrotta. Die Uniformen der Soldaten sind auffallend reich und die der Kavallerie phantastisch zu nennen. Preußische Offiziere in unserer Gesellschaft erklärten die Kleidung für unzweckmäßig und die Kavallerie für schlecht beritten. Beides verstand ich natürlich nicht; ich war nur befremdet, alle Kanonen und sonstigen Wagen mit Maultieren bespannt zu sehen, die, groß und stattlich wie Pferde, für die dortige Berggegend viel zweckmäßiger sein sollen. Wenn der König die Parade abgehalten hat, so tritt der Hof den Festzug nach Piedigrotta an. Die Etikette des Hofes soll noch einzelne Elemente der spanischen Zeit in sich bewahrt haben, namentlich aber auch die schöne, spanische Kleidung der Frauen. Alle Damen erscheinen bei Hofe in langen Schleppkleidern von kornblauem, mit Gold gesticktem Sammet, feuerfarbener Sammettaille, ebenfalls reich gestickt, und lange, weiße, golddurchwirkte Schleier im Haare, von Diademen gehalten. Dieses Kostüm, noch durch eine Krone geziert, trug auch die Königin, eine kleine, unbedeutende Frauengestalt mit kränklichem Ausdruck in den habsburgischen Zügen. Sie saß an der Seite ihres sehr großen und starken Mannes in einer vergoldeten Kutsche, die mit Kronen und Federbüschen geschmückt war und deren große Glasfenster das Herrscherpaar deutlich sehen ließen. Acht Pferde, ebenfalls reich aufgeputzt, von glänzender Dienerschaft an den Zügeln geführt, zogen den Wagen; Läufer in weiß und blaßblauer Seide, Federstäbe in den Händen, gingen voraus. Der königlichen Kutsche folgten die des Kronprinzen und der übrigen fünf oder sechs königlichen Kinder, die alle noch im zartesten Alter sind. Jedes von diesen saß in einer besondern Equipage allein im Fond; die kleinsten auf kleinen Stühlchen, damit sie in den tiefen Wagen dem Volke sichtbar werden; ihre Hofmeisterinnen und Wärterinnen ihnen gegenüber. Dann kamen die Königinmutter, die Geschwister des Königs und ein zahlreicher Hofstaat, so daß ich nicht begreife, wie dieses große Gefolge und die Menge dazu berechtigter Generale und Beamten Platz finden, dem Gottesdienste in der engen Kirche beizuwohnen. Nach demselben kehrt der Hof in gleicher Reihenfolge denselben Weg in den Palast zurück. Die Truppen und die Schiffe salutieren, abends sind die Villa Reale und die Schiffe im Hafen beleuchtet, die ganze Nacht dauert das Leben in den Straßen fort und – am nächsten Morgen ist die Villa Reale wieder nur für »Wohlgekleidete« geöffnet, obgleich ich nicht bemerken konnte, daß die Nichtwohlgekleideten während des sechsunddreißigstündigen Interregnums dort den geringsten Schaden oder die kleinste Störung verursacht hätten. Die Badeorte Castellammare ist das neapolitanische Baden-Baden, in dem die vornehme Welt Neapels die Sommermonate zubringt. Das Städtchen liegt am Ufer des Meeres, am Fuße des grünbewaldeten Bergrückens, der auf seiner halben Höhe das königliche Lustschloß trägt. Es heißt Quisisana (Hier wird man gesund). Von Castellammare bis hinauf nach Quisisana ist der ganze Berg mit Landhäusern und Villen besät, die freundlich aus dem üppigen Grün der Weingärten und Kastanienwälder hervorgehen. Eine geebnete Straße führt zum Lustschlosse hinan, ist aber doch so steil, daß selbst leichte Wagen mit zwei Pferden nicht gut hinaufkommen können. Die Mehrzahl der Badegäste zieht es deshalb vor, den Weg hinaufzureiten, da man sich ohnehin der Wagen nicht bedienen kann, wenn man weitere Ausflüge nach den Bergen beabsichtigt. Indes ein Bad in deutschem Sinne muß man sich unter keinem der Badeorte denken, welche hier nahe beisammenliegen. Weder Castellammare noch Sorrent oder Vico haben ein Konversationshaus, in dem man spielt, musiziert und tanzt; und auch von einer Promenade auf Kieswegen bei Militärmusik ist hier nicht die Rede. In Sorrent, das vorzüglich von Künstlern besucht wird, lebt man ganz sich selbst überlassen und kann in den schönen Villen des Tales – des Piano di Sorrento –, in den dichten, süßduftigen Orangengärten, welche sich über den blauen Fluten erheben, glückselige Stunden verträumen, wenn man sich selbst genug ist und in dem ungetrübten Zusammenhange mit einer wunderbar reichen Natur Befriedigung findet. Dabei sind in den Privathäusern die Besitzer, welche ihre Wohnungen an Fremde vermieten, noch nicht so sehr von der Zivilisation angesteckt, daß man sich nicht ihrer ursprünglichen Gutmütigkeit, ihres natürlichen Zutrauens zu erfreuen hätte. Deutsche Künstlerfamilien hatten mir vielfach von der Gastlichkeit und Herzlichkeit der Sorrentiner erzählt, ohne daß ich Gelegenheit fand, diese Gastlichkeit selbst kennenzulernen, da ich bei den Besuchen Sorrents, die ich von Castellammare aus machte, in einer befreundeten Familie wohnte, welche eine ganze Villa zur Miete besaß und eigene Dienerschaft mit sich führte. Einmal aber, als ich im Sommer von 1846 mit Freunden von einer Exkursion nach Capri spät am Abende in Sorrent eintraf, mochte ich nicht erst die lieben Besitzer jener Villa aufsuchen und stören, sondern zog es vor, für die eine Nacht ein Zimmer im Hause der Familie zu mieten, bei der meine mich begleitenden Freunde sonst zu wohnen pflegten. Hier fand ich alles, was mir von dem zutunlichen Wesen dieser Sorrentiner Bürger erzählt worden war, nicht nur bestätigt, sondern übertroffen. Die Familie bestand, außer den Eltern und zwei erwachsenen Söhnen, aus sechs Töchtern und einem schwächlichen, nachgebornen Knaben, dem Abgott aller übrigen. Die sämtlichen sieben Frauen des Hauses, denen ich Grüße eines früheren Einwohners zu bringen hatte, überfielen mich alle zugleich mit rührender, aber doch gewaltsamer Freude. Eine Tochter drückte mich in eine Sofaecke, man zog mir die Schuhe aus, wollte es mir bequem machen, gab mir zu essen, besah meine Kleider, holte mir den kleinen Lieblingsbruder zum Ansehen, zeigte mir Geschenke jenes Freundes, von dem ich die Grüße gebracht und den die freundlichen Menschen in einer Krankheit treu gepflegt hatten. Es geschah mir dies alles und noch viel Liebes; aber es geschah mir eben, ich konnte nichts dazu, nichts dagegen tun. Nach dem Abendessen begleiteten ein paar der Töchter uns auf das Dach des Hauses. Die Nacht war wunderschön. Aus allen Gärten stieg der volle Duft der Orangenblüten empor, rundumher auf der Brüstung des Daches blühten in Töpfen die dunkelroten Nelken. Das Meer war glatt und silberhell. Auf Bitten unserer Begleiter holten die Mädchen ihre Gitarren herauf und spielten und sangen uns vor. Ihre Stimmen waren nicht gut, dennoch paßten Melodie und Vortrag so vollkommen zu dieser lieblichen Umgebung, daß man die größte Freude daran hatte. Endlich kam die Mutter und sagte, nun müsse ich schlafen gehen. Ganz willenlos wurde ich von den sieben Frauen die Treppe hinabgeführt in mein Zimmer und wie ein Kind hin und her geschoben. Nur mit Not konnte ich es erreichen, daß mich fünf von ihnen verließen, als ich endlich zu Bette gehen wollte. Die ganze Art und Weise hatte etwas höchst Befremdliches. Mir war zumute, als wäre ich unter gutmütige Südseeinsulaner geraten. Alles, was ich an und um mich hatte, mein Necessaire, meine Toilettensachen, die gar nichts Merkwürdiges boten, waren Gegenstände ihrer Neugier; und noch nachdem die brave Hausmutter mich, trotz der Hitze, mit einer guten Steppdecke bis an die Ohren bedeckt und die Kanarienvögel aus dem Zimmer getragen hatte, blieb eine der Töchter bei mir zurück, zu sehen, ob ich auch gut einschlafen würde. Für immer könnte ich freilich solch einen Hofstaat nicht wohl ertragen, an jenem Abende aber machte es mir das größte Vergnügen. In Zeit von zwei Stunden hatte ich alle Herzensangelegenheiten der Töchter vom Hause und alle Familienverhältnisse erfahren. Die eine war mit einem Tischler verlobt, der eine Fabrik jener schönen Sorrentiner Holzarbeiten hatte. Sie sollte sich bald verheiraten. Zwei Töchter standen der Mutter im Haushalt zur Seite, die andern gingen auf Arbeit, das heißt, sie wickelten in den Orangengärten Apfelsinen in Seidenpapier und verpackten sie zur Versendung in Kisten, wofür sie etwa fünf Groschen täglich erhielten. Von diesem Verdienst bestritten sie ihre Kleidung. Sie zeigten mir einige bunte, eingeschmuggelte Kattunkleider, die sie sich billig durch Schiffer vom Auslande mitbringen lassen. Ein paar Stücke Kattun lagen noch ungeschnitten. Ich rühmte die Muster und den für Italien wirklich sehr geringen Preis; sogleich drangen sie in mich, dasjenige zu kaufen, welches mir am besten gefalle, sie könnten es ja im nächsten Monate sich durch ihre befreundeten Schiffer leicht wieder ersetzen. Holzkästchen, Arbeiten des Bräutigams, bunte Pantöffelchen wurden mir als Geschenke aufgedrungen, und ich vermochte sie nur dadurch abzulehnen, daß ich erklärte, ich dürfe sie nicht über die Grenze meines Landes mit mir nehmen. Als ich am Morgen erwachte und klingelte, kam der ganze Schwarm gleich wieder zurück. Ich hatte nicht das Herz, sie von mir zu weisen, so unbequem sie mir waren. Sie wollten mir das Haar flechten, mich anziehen, meinen Nachtsack packen, und des Erzählens und Fragens war kein Ende. Freilich hatte ich ein schlechtes Abendbrot und ganz ungenießbaren Kaffee erhalten; aber das Bett war gut gewesen wie alle italienischen Betten, und die ganze Art jener Leute hatte mir Freude gemacht. Ich werde die guten Mädchen mit den lachenden, schwarzen Augen, mit der eilfertigen Tätigkeit nicht vergessen und sicher mich weniger heiter fühlen in manchem vornehmen Hotel, wo man von schlaftrunkener Dienerschaft mit kalter Pflichttreue bedient wird. Indes ermangelt Sorrent der Hotels und Pensionen nicht; jeder kann sich dort nach seinen Ansprüchen einrichten, und selbst die verwöhntesten Engländer finden sich in der Cocumella oder im Tasso befriedigt. Das berichte ich zum Troste für diejenigen, die nicht wie ich die Grille haben, einmal eine Nacht in einer italienischen Bürgerfamilie zuzubringen. Als ich am Morgen nach dieser Nacht in meiner Wohnung an der Marina zu Castellammare anlangte, fand ich meine beiden zurückgebliebenen Freundinnen schon auf dem Balkon, mit Lorgnetten das Meer betrachtend. Ganz Castellammare war in Bewegung, die ganze männliche Bevölkerung am Ufer. Vornehme, elegante Männer in der leichten, weißen Jacke, welche man dort sehr zweckmäßig zu Morgentoiletten trägt, drängten sich unter den Verkäufern von Lebensmitteln und den Eseltreibern umher, die nicht nur bis ans Ufer, sondern in das Wasser hineingeschritten waren, um eine Menge ankommender Boote zuerst zu erreichen. Diese Boote brachten einen Teil der Besatzung von den Schiffen des Herzogs von Joinville, dessen Flottille in der Nacht im Hafen von Castellammare Anker geworfen hatte, ans Land. Das war ein Ereignis, welches in einem Badeorte doppelte Teilnahme erregen mußte, in dem soviel Diplomaten beisammen lebten. Aber auch die Nichtbeteiligten wollten den Herzog sehen und warteten seiner Landung, bis man erfuhr, er sei gleich am Morgen mit der ersten Schaluppe ans Ufer gekommen und ruhig auf einem Esel nach Quisisana hinaufgeritten, dem Könige seinen Besuch zu machen. Ein paar Tage hindurch sprach man von ihm, von Festen, welche der König ihm auf Capodimonte geben würde, von einem Balle auf Joinvilles Admiralschiff. Bald darauf berichtete auch die Augsburger Allgemeine Zeitung sehr pomphaft, daß diese Feierlichkeiten stattgefunden hätten, wie sie einmal die Leistungen eines Landsbergschen Konzertes in Rom besprach, vierzehn Tage, ehe es gegeben wurde. Indes wir alle haben in Castellammare von jenen Joinvilleschen Festen nichts genossen. Während die Damenwelt eifrig mit den Zurüstungen für die Balltoilette beschäftigt war, sah man eines Morgens die sämtlichen französischen Schiffe die Anker lichten, hörte die Abschieds- und Geleitschüsse der neapolitanischen und französischen Flotillen, und – der Herzog fuhr gen Civitavecchia, den neuen Papst im Namen Louis-Philipps zu beglückwünschen. Nun war die Badegesellschaft in Castellammare wieder sich selbst und den eigenen Hilfsmitteln zur Zerstreuung überlassen. Des Morgens das Bad, des Abends Spazierritte nach Gragnano, Pompeji, Vico, eine Promenade über den Berg nach Pozzano, eine Fahrt ins Meer nach den Ruinen des Castel Revigliono, dem Vesuv gegenüber, und ein Glas Sorbet vor Nacht unter dem Zelte des Cafés an der Marine, das sind die möglichen Genüsse. Mitunter aber machte auch eine Prozession an den Heiligentagen die Schaulust, mindestens der Fremden, rege; und einmal sahen wir die Taufe eines neuen Kriegsdampfschiffes, welches in Castellammare vom Stapel gelassen wurde. Dies war eines der heißesten Vergnügen, welches ich jemals ausgestanden habe. Die Feierlichkeit ging in den ersten Tagen des August am hohen Mittag, auf dem glühenden Sand der baumlosen Schiffswerfte, vor sich. Freilich hatte man für den Hof und die geladenen Gäste Tribünen mit Zelttüchern errichtet, aber auf diesen war die Gesellschaft so zusammengedrängt, daß man sich glücklich pries, sie verlassen und auf irgendeinem Stück Stapelholz einen der Seeluft ausgesetzten Platz gewinnen zu können. Alle neapolitanischen Kriegsschiffe lagen im Halbkreis vor der Werfte vor Anker; die Marinesoldaten waren auf den Rahen; die Bemannung des neuen Schiffes am Fuße der Höhe, welche die Werfte umgibt, amphitheatralisch aufgestellt; der Admiral und eine glänzende Generalität an ihrer Spitze. Militärmusik erklang, Zimmerleute umstanden das neue Schiff und harrten mit Äxten neben den Stützen. Die Geistlichkeit, geführt vom Erzbischof, hielt sich mitten auf der Werfte. Dieser, ein schöner Greis, las die Messe, nach deren Anhörung die Geistlichkeit in Prozession um das Schiff wanderte, welches dabei von allen Seiten mit Weihwasser besprengt ward. Der König, seine Gemahlin am Arme, und die ganze königliche Familie, alle Gesandten und sonst dazu berechtigten Personen reihten sich der Prozession an, deren Schluß Baron Rothschild mit seinem zwölfjährigen Sohne machte. Nach dieser Taufe erklang jubelnde Militärmusik, die Mannschaft bestieg das Schiff, welches schon Masten, aber keine Takelung hatte, die scharfen Axtschläge ließen sich mitten in dem Lärm vernehmen, das straffe Haltseil wurde nachgelassen, und unter donnerndem »Evviva!« schoß das schöne Dampfkriegsschiff ins Meer hinab, tief untersinkend in die blaue Flut und stolz und siegreich wieder daraus emportauchend. Es mag wohl kein Zuschauer dagewesen sein, der das Schiff in jenem Augenblick nicht beneidet hätte, denn die Hitze war unerträglich, und ich habe mich nachher gefragt, warum man diese Zeremonie nicht am Abende veranstaltete, wo man sie mit viel größerer Freude genossen haben würde. Neben diesen öffentlichen Belustigungen gab es natürlich auch einzelne Familiengesellschaften, freundschaftliche Zusammenkünfte, einige feststehende Diners bei Rothschild und am Sonnabend die Empfangsabende des russischen Gesandten. Diese boten ein malerisches, ja in seiner Art vielleicht einziges Schauspiel dar. Graf Potocki wohnte auf einem der höheren Punkte des Berges, und schon von weitem sah man das Licht unter den Gewinden von Schlingpflanzen gastlich hervorschimmern, mit denen die offenen Hallengänge um das Haus geschmückt waren. Näherte man sich der Villa, so erblickte man Männer in vollster Gesellschaftstoilette, Damen in Ballkleidern, mit Blumen in den Locken, den Berg hinanreiten, um sich zu der Gesellschaft zu verfügen. Die Straße nach Quisisana hinauf ist von mächtigen Kastanien beschattet und tief wie ein Hohlweg; abends wird sie spärlich von Laternen beleuchtet, die eben nur Helle genug geben, jede Gefahr zu vermeiden und Vorüberziehende in ihren Umrissen zu erkennen. Wenn man nun so bei nächtlicher Stille am Schauspielhause die Stadt verließ und sich in die schweigende Dunkelheit des Berges begab, so hörte man plötzlich leisen Huftritt. Um die Ecke eines Bergvorsprunges wurden die roten Mützen und weißen Hemden von Ciuciaren sichtbar, welche ihre mit langen Decken behängten Esel am Zügel führten. Schlanke weibliche Gestalten saßen darauf, luftige Kleider ergänzten in blendender Weiße; aus den Capuchons dunkler Mantillen fielen lange Locken hervor, und kaum daß man sie gewahrte, zog die Erscheinung vorüber. Ein Trupp von schwatzenden Reitern folgte in einiger Entfernung, man erhaschte im Vorbeikommen ein Wort über die Schönheit einer Frau, den Wert eines Pferdes oder sonst ähnlich Interessantes. Dicke Mamas ließen sich ihren keuchenden Esel von zwei Ciuciaren leiten und blickten ängstlich nach den Töchterchen, denen die Esel viel zu langsam gingen, weil sie schon alle klopfende Seligkeit der Galoppaden und Mazurkas in den Adern fühlten. Und dies alles huschte durch die schweigende, süße, duftige Nacht, von Leuchtkäferchen umschwärmt, von dem lichten Nachthimmel des Südens überfunkelt. Man kann keine anmutigem Bilder erfinden. Am schönsten aber war der Anblick, wenn man um Mitternacht die glänzenden Räume verließ, wenn die ganze Gesellschaft vor der Villa die Esel bestieg und nun der bunte Troß, von dem Lichte aus der Villa streifend beleuchtet, sich nach allen Richtungen hin in den dunkeln Alleen und Schluchten des Berges verlor. Das hatte etwas Elfenhaftes, Magisches. Und kam man dann vom Berge herunter an die Marina, hörte man das Meer leise gegen den weichen Sand des Ufers anplätschern, sah man die wilde Feuersäule des Vesuvs stolz emporsprühen und mit Flammengüssen den Berg überströmen, an dessen Fuße Hunderte von Menschen sorglos und ruhig schlummerten, so glaubte man ein Märchen zu träumen, dessen poetische Bilder sich doch der Seele unvergeßlich einprägen mußten. Die Inseln Capri Der Regenbogenkönig beherrscht seit Jahrtausenden den ganzen Horizont und die Erde. Er und seine Gemahlin, das Licht, lassen Sommer werden und Winter, Tag und Nacht; sie befruchten mit ihrer Wärme das Erdreich, sie durchdringen Pflanzen, Tiere und Menschen mit Leben und schaffen Wachsen, Gedeihen und Freude. Aber während sie Segen spenden für alle, sind ihre sieben eigenen Söhne gefesselt und glücklos. Ein mächtiger Schicksalsspruch verdammt sie, unzertrennlich vereint zu bleiben, die sieben glänzenden Farben des Regenbogens, weil sie nur mächtig sind zusammen, als ein wunderbar strahlendes Ganzes. Das ließen sich die Regenbogenfarben auch recht gern gefallen, solange die Erde wüste und leer war und nur der Geist Gottes über den Wassern schwebte. Die wüste Leere, der feuchte, kaum vom Wasser verlassene Boden hatten nichts Anmutiges. Die Farben priesen sich glücklich in ihrem sonnigen Himmelsraum, während unten auf der Erde die langbeinigen Mammutstiere und Riesenschlangen ihr unerfreuliches Dasein zu leben begannen. Indes je länger die Königin Licht vom Himmel herabschaute, je hübscher und farbiger wurde es auf der Erde. Allerlei Blumen fingen zu blühen an, Vögelchen flatterten umher, Hirsche, Rehe und Gazellen sprangen durch die jungen Wälder, und den Himmelsknaben da oben fing das Treiben auf der Erde an gar lieblich zu erscheinen. Sie hatten ihre Freude daran wie Erdenkinder an Spielzeug und Bilderbüchern, und wie jenen dünkte ihnen bald das bloße Besehen nicht ausreichend. Sie wollten die hübschen, neuen Geschöpfe anfassen und haben, sie baten, sie flehten darum; die Eltern blieben unerweicht. »Ihr dürft die Geschöpfe nicht heraufholen«, sagte die Mutter, »denn sie können hier oben in dem weiten Elemente mit ihren kleinen Lungen nicht atmen.« »So laß uns hinabsteigen«, baten die Farben. »Unmöglich!« entgegnete der Vater. »Vor eurem Glanze würde alles erblinden, was auf der Erde lebt. Ihr wißt es ja selbst, daß ihr nur am Himmel spazierengehen dürft, wenn dicke Wolkenschleier sich über die Erde gelagert haben, eure strahlende Schönheit zu verhüllen, deren unklare Ahnung die Menschen schon so sehr entzückt, daß sie euch den Friedensboten des Allmächtigen nennen.« Das gefiel den Regenbogenfarben schlecht. Je mehr sie zu Jünglingen erwuchsen, je fröhlicher die Erde gedieh, je ungeduldiger wurden sie da oben am Horizonte. Als sie nun endlich eines Morgens erwachten und fern an den Ufern des Euphrat das erste glückliche Menschenpaar erblickten, da erklärten sie einstimmig, nicht länger bei den Eltern weilen zu können, wenn man ihnen nicht von Zeit zu Zeit verstatte, auf die Erde zu gehen und mit den Menschen zu leben in fröhlicher Lust. Voll Sorge und Gram flüchtete das Licht vor den Thron des Allmächtigen und klagte ihm die Not, und der Allmächtige hatte Mitleid mit der Angst einer Mutter und sprach: »Ich will die Wünsche deiner Söhne begünstigen, soweit es möglich ist bei den Gesetzen der Natur. Sie sollen auf die Erde hinabsteigen und sich derselben erfreuen; aber sie dürfen sich nicht fesseln lassen durch die Schönheit der Erdgebornen, und nur alle sieben Jahre einmal soll einer deiner Söhne den Horizont verlassen, einen Erdentag zu verweilen unter den Menschen. Dann muß er zurückkehren in den Äther, wenn er nicht dasjenige töten will, was er auf der Erde am meisten liebt.« Mit diesem Bescheide kehrte das Licht in all seiner Schnelligkeit zu den Söhnen zurück, und die Regenbogenfarben strahlten vor großer Freude so hell, daß sich ihr Bild zweimal in den Wolken widerspiegelte und die Menschen staunend emporblickten zu dem seltenen Phänomen. Aber ein neuer Streit erhob sich und neues Unbehagen, denn alle Farben wollten zugleich hinab zur Erde, und nur einem der Brüder war es doch beschieden. Das brennende, heftige Orangegelb setzte zuerst seinen Willen durch. Es flog zur Erde hinab. Wo sein Fuß sie berührte, verwandelte sich der Boden in leuchtendes Gold. Die Menschen strömten besitzeslustig herzu, der erste Kampf entspann sich. Der wilde Göttersohn lachte der ringenden Kämpfer und feuerte sie an zu immer erneuerter Begier, zu immer höherer Streitlust. Das Blut floß in Strömen, Verwundete und Leichen deckten den Plan, als die Sonne sank. Mit dem scheidenden Tage schwang der Äthergeborne sich empor in sein reines Element, den Brüdern zu erzählen von dem neckischen Spiele der Erdenkinder, dem er zugeschaut im fröhlichen Übermut seines Herzens. Oben jedoch, im Reiche des Lichtes, empfingen ihn der Zorn seiner Eltern und die bittern Vorwürfe seiner Brüder. Der Allmächtige hatte ihnen den Besuch der Erde für immer untersagt, weil der erste von den Brüdern die Habsucht und den Kampf gebracht unter die Geschlechter der Menschen. Alle Brüder schalten und tobten, nur das sanfte Blau weinte still seine leisen Tränen. Sie fielen herab vom Himmel in das Erdreich, um zu den Füßen eines lieblichen Mädchens auf der Insel Capri als duftige blaue Blumen zu erblühen. Ach! der Götterjüngling liebte jenes Mädchen, und sein heißes Verlangen hatte magnetisch ihre Seele berührt, daß sie aufschauen mußte in bangem Sehnen zum leuchtenden Blau des Firmamentes, dort oben zu suchen, was ihr Herz erfüllte und begehrte und wofür sie den Namen nicht hatte. Eine tiefe Trauer erfüllte des Mädchens Brust; denn das arme Menschenherz erbebt und droht fast zu brechen, wenn eine große, göttliche Liebe ihm naht, weil es zu klein ist, ihre Wonne zu fassen. Und die Jungfrau fand nicht mehr Freude an den Spielen ihrer Gefährten, keine Lust an den Liebesworten der Erdenjünglinge, keine Ruhe, keinen Frieden und kein Glück. Einsam wandelte sie auf der Insel umher, ward bleicher und bleicher, je mächtiger die Sehnsucht des geahnten Gottes ihr eigenes Leben bewegte, und als der Schmerz zu stark ward in ihrer Seele, da schlich sie sich fort bei stiller Nacht aus der Hütte der Eltern, im Wellentod kühlende Labung zu suchen gegen das brennende Weh in ihrem Herzen. Flüchtigen Fußes eilte sie dem Meere zu, als sie sich plötzlich von mächtigen Armen fortgetragen fühlte durch die Luft und niedergelassen zur Erde. Blaues, silberdurchfunkeltes Himmelslicht umleuchtete sie. Riesige Pfeiler von Urgranit trugen die Wölbungen einer Felsenhöhle; schönformige Steinblöcke boten sich zu Lagerstätten dar; ein leises Rauschen des Meeres wiegte wie ein liebliches Brautlied die wilden Schmerzen ihrer Seele zur Ruh, und träumerisch tauchten liebliche Gestalten hervor aus dem bläulichen Lichtmeer, welches die Höhle durchflutete. Das Herz der Jungfrau öffnete sich einer ungeahnten, unermeßbaren Seligkeit. Heimlich hatte der Götterjüngling den Horizont verlassen, er hoffte Gnade zu finden vor dem Allmächtigen, um der leidenden Jungfrau willen. Er war bei ihr, seine Arme umschlangen sie, glühende Küsse berührten ihre Lippen, und Götterworte der flammendsten Liebe durchströmten ihr Wesen. Im höchsten Glücke schlummerte sie ein, um – niemals zu erwachen. Des Götterjünglings Flammenliebe hatte sie getötet. Schweigend floh er zurück zum Himmel, alle Schmerzen und Freuden der Erdgebornen, die er sich vermählt im Tode, als heiliges Erbteil in der eigenen Brust. Mitleidsvoll blickt er seitdem aus den Wolken hernieder auf die Schmerzen unglücklicher Liebe; und das Menschenauge richtet sich zu dem blauen Gewölbe des Himmels sehnsüchtig empor, als wisse es. daß dort oben Verständnis wohne und Trost und Hoffnung. Seit jener Todesbrautnacht des Götterjünglings und der Erdenjungfrau blieb aber der blaue Strahlenschimmer des Gottes ausgegossen über die Höhle; Fels und Meer erglänzen davon, ein unirdisches, hellblaues Licht durchbebt sie, jede andre Farbe durchdringend und vernichtend. Riesige Felsen verbergen das liebliche Heiligtum, scharfe Riffe, an denen rotes Korallengras emporwuchert aus der Meerestiefe, umgeben den Eingang. Das Meer hält liebende Wacht, wie in jenen Stunden tötenden Glückes, und nur in einzelnen Momenten verläßt es die kleine Pforte des Eingangs. Dann eilen von Nord und Süd, von Ost und West die Menschen herbei. Auf leichtem Nachen durchschiffen sie die salzige Flut, den unbewachten Augenblick erspähend, einzudringen in die Mysterien jenes wunderbaren Heiligtumes. Ein kühner Druck des Ruders preßt das kleine, leichte Boot, nur groß genug, zwei Menschen zu tragen, tiefer in die Fluten hinab; ein sichrer Stoß, und der Nachen schießt blitzschnell in die einzige. niedrige Pforte der Grotte hinein. Die Erdenwelt versinkt mit ihren Farben und Tönen. Eine Farbe allein, das mildeste Blau erfüllt den Raum, und stille, weiche Träume legen sich über die Seele des Menschen; Himmelsträume von Liebe, Friede und Ruhe, auf den blauen Wellen, unter dem zitternden Silberlicht in den hohen Gewölben der Blauen Grotte. Ischia Wenn die Sonne recht warm im Lenze auf die Erde scheint, dann gucken überall die Frühlingsblumen hervor und drängen sich ans Licht, als müßten sie nun auch ihren Teil von der süßen Wärme haben, als wollten sie sich nun gleich des Daseins erfreun. So tauchen aus dem tiefen Azurblau des Mittelländischen Meeres die einzelnen Inseln empor wie riesige Wasserblüten, in Duft und Farben prangend, daß die Sinne kaum die Fülle üppiger Schönheit zu fassen vermögen. Es ist einer von den zahllosen Irrtümern, die ein Reisender dem andere nachspricht, man müsse Italien im Winter sehen, Italien habe keinen Frühling, sei im Sommer öde und verbrannt. Es ist wahr, ein italienischer Winter, ein Dezember- oder Januartag in Rom entzücken den Fremden im Vergleich mit der nordischen Heimat; aber es ist doch Winter. Die Kastanien- und Akazienbäume sind kahl, das Weinlaub ist abgefallen, und die Reben sind geschnitten, um als Reisig im Kamine zu dienen, denn man bedarf in Rom des Kaminfeuers drei Monate hindurch. Es ist oft, wenn die Tramontana weht, empfindlich kalt und die Luft sehr scharf und schneidend. Aber schon der Februar bringt neues Blühen. Die Kastanienbäume schlagen aus, der Rasen färbt sich kräftiger, die Monatsrosen und der Lorbeer, die Akazien, die Orangen und die Serena blühen, die Sonne funkelt glänzender, und der Himmel wird dunkelblau. Keine jener Frühlingsempfindungen entbehrt man, die uns in Deutschland so süß sind; denn die Freude über das Erwachen der Natur ist in Italien ebenso groß, als ob man in Deutschland viele Monate zwischen Schnee und Eis gesessen hätte. Überraschend sind für den Nordländer die Kraft und Schnelle, mit der sich im Frühling das Pflanzenleben entfaltet. Was bei uns durch Wochen sich langsam entwickelt, das entsteht hier in wenig Tagen in vollster Pracht; und es ist wohl mit die große Mannigfaltigkeit der Pflanzen, Sträucher und Bäume, welche den zauberhaften Eindruck des Südens hervorbringen hilft. Man muß Neapel verlassen und den Kontinent Italiens, man muß im Sommer auf die Inseln gehen, um zu wissen, was der Süden ist, um eine vollkommen fremde Existenz zu begreifen, in der man fröhlich leben könnte, obschon man fast alle Bequemlichkeit unserer Zivilisation entbehrte. Da liegen sie nebeneinander: Nisida, das Kap Miseno, Procida, die blaue Capri und das schöne Ischia, Kinder jenes Moments, in dem Erde und Meer sich im glühenden Feuer der Jugend begegneten und die Erde die Flammenströme ihres innersten Lebens in die bewegten Wellen des Meeres ergoß, das sie festhielt und erkalten machte. Und dies Feuerleben ist noch in den Inseln wirksam, es glüht noch in den heißen Quellen, es taucht noch auf in dem rauchenden Erdreich; es reift die feurige Traube, es funkelt in den Augen des eingebornen Volkes und brennt in der Flammenblüte des Kaktus und des Granatbaumes. Ischia, die größte dieser Inseln, zeigt am meisten Spuren ihres vulkanischen Ursprungs. Wenn man, von Neapel kommend, in dem zunächst gelegenen Städtchen Ischia landet, so hat man vor sich einen bedeutenden Felsen von stumpfer Kegelgestalt, der vereinzelt im Meere ruht und aus reiner Lava besteht. Er wird durch eine Brücke mit dem Lande verbunden; auf seinem Haupte trägt er stolz die Festung Ischia. Unten am Ufer liegt das Städtchen Ischia, darüber der alte Krater, der vor fünfhundert Jahren die Insel so oft verwüstete, daß sie ganz von ihren Bewohnern verlassen und später durch Spanier und Griechen wieder bevölkert werden mußte, welche der König von Neapel durch große Privilegien auf das kleine Flammeneiland lockte. Vier Städtchen liegen an der nordöstlichen Seite der Insel: Ischia, Casamicciola, Lacco und Forio. Ein breiter Weg, der einzige regelmäßige der Insel, der gebahnt über die Höhen und durch die Täler führt, verbindet sie. Hier auf den Inseln tritt die Eigentümlichkeit Italiens, keine Dörfer zu haben, recht auffallend hervor. Wo in Italien sich mehrere Familien nebeneinander angesiedelt haben, ist ein Städtchen – paese – gegründet, das seinen Marktplatz in der Mitte hat, seine Kirche, sein Kloster und hier am Meere seinen Hafen, die Marina. Ein Kaffeehaus, die Apotheke und ein paar Krämer, der Doktor und ein Chirurgus fehlen nie. An der Türe des letztern prangt ein Schild mit einem Manne, dem aus den Arm- und Fußadern das Blut wie aus einer Fontäne hervorspritzt, denn ein Aderlaß ist für den Italiener ein Vergnügen, eine Erleichterung, die er sich während der warmen Jahreszeit fast allmonatlich verschafft. Die Städtchen sind durchweg mit Quadern gepflastert, die Häuser massiv, mit flachen Dächern. Sie haben Fenster, die, bis zum Boden gehend, auf kleine, eisengegitterte Balkons münden. Auf jedem Marktplatze findet man den Acquajolo mit seiner kleinen, buntaufgeputzten Boutique, aus der er Eiswasser und Limonade verkauft. Um diese versammeln sich die Männer der arbeitenden Klasse, während im Café die wohlhabenden Bürger und bei dem Speziale – dem Apotheker – die Geistlichen sich plaudernd zusammenfinden. Auf den Inseln fühlt man es recht, wie die verschiedenen Sitten der Nationen Bedingnis der klimatischen und örtlichen Verhältnisse sind. In Ischia gibt es nur einen einzigen Wagen, der dem reichsten Bewohner Forios gehört. Es ist ein zweirädriges, einspänniges Kabriolett; und sooft man eine Spur von Rädern erblickt, weiß man, daß Don Antonio seinen Triumphzug durch die Insel gehalten hat. Zu Fuße vorwärts zu kommen ist bei den sehr steilen Bergmassen, bei der großen Hitze nicht leicht; und man bedient sich daher allgemein der Esel, denen für die Frauen ein kleiner Sessel – la sedia spagnola – aufgelegt wird. So herrscht eine große Stille in diesen Gegenden; selbst nicht der Ton von Herden läßt sich hören. Wie nur ein Wagen auf Ischia existierte, so gab es auch nur eine Kuh. Butter ißt das Volk nicht; und bedarf man der Milch, so läßt man sich mit Ziegenmilch genügen. Kein Brüllen der Herden, kein Pferdegewieher, denn auch Pferde sind, weil nicht so sicher als die Esel, äußerst selten; kein Wagengerassel berührt das Ohr. In tiefem Schweigen liegen die Städtchen da und zwischen ihnen zerstreut die einzelnen Villen, aus denen dann und wann eine kleine, weiße Kirche hervorsieht. Jede Villa ist von ihren Weingärten umgeben, jeder Weingarten, mit hohen Mauern eingeschlossen, ein für sich bestehendes Ganze. Ernst und hoch sieht der einst flammende Epomeo, dessen zackiger Felsrücken die Insel durchschneidet, herab auf das träumerische Stilleben zu seinen Füßen; und gewiß, hier in dieser kleinen Welt könnte man den Wunsch begreifen, in einfachstem Naturgenuß, fern von allen Zerwürfnissen der großen Welt und der Gesellschaft, sich selbst zu leben in träumerischer Ruhe; sich selbst und seinen Erinnerungen. Das Volk auf Ischia ist schön, mit maurischem oder spanischem Typus der Gesichtsbildung. Am schönsten erschien mir der Menschenschlag in Forio, wo in der südlich feurigen Physiognomie, bei dem dunkeln Teint und dem rabenschwarzen Haar, die hellblauen Augen dem Volke einen besondern Reiz verleihen. Wie alle Italiener haben die Insulaner eine angeborne Höflichkeit und Feinheit im Umgange untereinander und mit Fremden. Sie sind selbst in den untersten Volksklassen rücksichtsvoll für die Frauen; und nirgend habe ich Männer so zärtlich besorgt für Kinder, so heiter mit ihnen spielend gesehen als hier. Es ist nicht wahr, daß der Italiener träge und müßig sei; er arbeitet den ganzen Tag mit Anstrengung, und das will viel sagen in einem Klima, in dem durch drei Monate das Thermometer selbst nachts nicht unter 25 bis 26 Grad zu fallen pflegt. Die Hauptindustrie auf Ischia ist die Bereitung der irdenen Krüge, welche zum Wasserholen gebraucht werden, und jener Fliesen, mit denen man hier im Süden die Fußböden der Zimmer belegt. Der Ton, aus dem man sie fabriziert, ist vulkanisch und wird auf dem Epomeo in der Nähe eines alten Kraters, denn es sind deren mehrere, gewonnen. Von hier holen sie ihn herab, teils in weiten, aus Stroh geflochtenen Säcken, die über einen Esel gehängt werden, teils in großen Körben, die sie auf den Köpfen tragen. Wenn der Tag lang ist und der Arbeiter rüstig, so kann er dreimal den Weg hinauf und herab machen und gewinnt mit dieser sehr schweren Arbeit, die durch Einstürzen der Grabestellen oft gefährlich wird, zwei Karlin, etwa sieben Groschen preußisch. Keuchend, in Schweiß gebadet, kommen die Leute mit der Schnelligkeit einer Gemse von den steilen Höhen herunter; wechseln die Wäsche, um sich vor der ohne diese Vorsicht unausbleiblichen Erkältung zu schützen, und steigen gleich wieder den Berg hinan. Die Transpiration, welcher der Arbeiter in Italien unterliegt und die ihn zwingt, mehrmals im Tage sich frisch zu kleiden, macht es, daß die Männer aus dem Volke viel saubrer bei der Arbeit aussehen, als es bei uns der Fall ist. Auch die Frauen sind im ganzen nicht so unreinlich, als man oftmals behauptet; nur auf das Haar verwenden sie wenig Sorgfalt, und es ist eine Eigentümlichkeit der Italienerinnen, daß das ärmste Weib es nicht liebt, sich ihr starkes Haar selbst zu ordnen. Überall, in Rom wie in Neapel und auf den Inseln, sieht man abends die Frauen vor den Türen ihrer Häuser sitzen, beschäftigt, einander das Haar zu kämmen und einzuflechten. Da aber dies Geschäft gewöhnlich nur in den Feierstunden des Abends vorgenommen wird, denen dann die Nacht folgt, so ist am Tage wenig mehr von der Mühe zu spüren, die man darauf verwendete, und man ist recht zufrieden, wenn auf den Inseln ein großes, buntes oder weißes Tuch, turbanartig geknüpft, die verwirrten Flechten dem Auge entzieht. Außer dem Industriezweig des Fliesenbrennens, dessen ich vorher erwähnte, ist es hauptsächlich der Weinbau, der die Ischianer und die andern Inselbewohner ernährt. Alle diese Inseln sind mit Weingärten bedeckt; in den Felsen befinden sich große Keller, und unablässig sieht man die Esel, mit kleinen Fässern beladen, von den Kellern herabziehen zu der Marina, wo der Wein nach Civitavecchia in kleinen Schiffen verladen wird. Die beiden Produkte, der Ton und der Wein, bedingen die Beschäftigung der Insulaner. Sie sind Töpfer und von diesen beschäftigte Arbeiter, Weinbauern und Weinhändler, Schiffer und Eseltreiber (Marinari und Ciuciari). Die Frauen spinnen mit der antiken Spindel Hanf, Seide und Baumwolle, weben die Stoffe für den eigenen Bedarf, und selbst die kleinsten Mädchen habe ich selten ohne Spindel gesehen. Aber weil der Italiener abends nach vollbrachter Arbeit sich nicht wie unser Arbeiter in der Kneipe aufhält oder in das Bett legt, sondern plaudernd auf dem Markte oder an der Marina verweilt; weil die Italienerin mit ihrer Spindel bequem schwatzend umhergehen kann, weil man das Volk an den Feiertagen in ganz vornehmer Haltung das süße Nichtstun genießen sieht, bildet man sich ein, der Italiener sei müßig. Er ist ein fleißiger Mensch, bereit, sein Brot zu erwerben im Schweiße des Angesichts, jedoch mit dem Bewußtsein, daß er arbeite, um zu genießen. Von jener dumpfen Trägheit des nordischen Bauern, von der Unbehilflichkeit, mit der er seine Glieder kaum anders als zur gewohnten Arbeit zu brauchen weiß und knechtisch verlegen jedem Wohlgekleideten gegenübersteht, hat der Italiener gar nichts . Der ärmste Marinaro, der kleinste Ciuciare gehen frei und aufrechten Hauptes einher, brauchen schickliche Redeformen und dienen selbst da, wo sie bezahlt werden, mit jener freundlichen Vornehmheit, mit der man einen Dienst leistet, weil man eben Lust dazu hat. Immerfort habe ich von Reisenden über die Habsucht des Volkes sprechen hören und habe sie doch nicht größer gefunden als an andern Orten. Der Italiener hat ein besonderes Talent, die Bedürfnisse des Reisenden zu erraten, ihm das Leben bequem zu machen. Bald bietet er dem Durstenden eine saftige Frucht, bald reicht ein Mädchen, das am Brunnen Wasser schöpfte, dem Vorüberreitenden ihre frisch gefüllte Conca dar. Der eine pflückt blühende Myrten und Kapern zum Strauß, der andre bringt einen Sessel dar, wenn eine Dame vom Esel herabzusteigen wünscht. Will man diese kleinen Dienste nicht annehmen, so kann man die Dienstwilligen von sich weisen; tut man es aber nicht, das heißt, bedarf man der Erfrischung oder hat man Freude an der Blume, die für uns gepflückt ist, so ist es wohl billig, daß man ein paar Pfennige, denn damit begnügt sich jeder, dafür opfert. Ich weiß kein zivilisiertes Land in der Welt, in dem man den Fremden unentgeltlich, etwa um Gottes willen, bedient, und gar viele Gegenden, wo man selbst für Geld lange nicht die wohltuende, anständige Bereitwilligkeit findet wie hier. Auffallend ist, je weiter man sich dem Süden Italiens nähert, die zunehmende Ungeniertheit, mit der ein jeder das Betteln als ein ganz natürliches Recht in Anspruch nimmt. Sobald man ein hübsches Mädchen, ein schönes, kleines Kind freundlich ansieht, so streckt das eine und das andre die Hand aus und sagt: »Date mi qualchecosa!« In Genua verhüllen sich bettelnde Frauen das Gesicht, sie haben das instinktmäßige Gefühl der Erniedrigung, indem sie Gaben von Fremden verlangen; in Rom sind es großenteils elende Krüppel und hinfällige Alte, die in kläglichstem Tone von dem forestiere ein Almosen erflehen; aber in Ischia, mehr als in Procida und Capri, hält es offenbar jeder für ganz natürlich, daß der Fremde, der soviel Geld zum Reisen hat, ein klein wenig davon dem armen Insulaner abgebe, auf dessen Insel er Vergnügen und Gesundheit sucht. Ein Schneider, der mit mehreren Gehilfen vor seiner Türe arbeitete, stand einmal auf, näherte sich unserer Gesellschaft und sagte ganz zutraulich: »Signori, date mi qualchecosa!« Eine wohlgekleidete Frau, die mit andern plauderte und mich auf den Balkon hinauskommen sah, grüßte freundlich, hielt die Schürze auf und rief mir die gewohnte Phrase zu. Bekommen sie nichts, so geben sie sich bald zufrieden, und weit davon entfernt, das schmachvoll und lästig zu finden, hat es mir nur einen wunderlichen und komischen Eindruck gemacht. Das Volk arbeitet, soviel es kann, und betrachtet das Betteln wie einen unschuldigen Nebenerwerb, den es in seinen Mußestunden versucht. Und wie gern gönnt man ihm die wenigen Gran, wenn man denkt, daß es sich damit seine fröhlichen Feste bereitet. Oh! solch ein Kirchenfest am Ufer des Meeres in Ischia, in Casamicciola, in Lacco oder Forio ist das fröhlichste Ding von der Welt. Da erstehen in wenig Stunden Altäre und Kapellen im Freien, an denen die Prozessionen vorüberziehen und halten, um sich segnen zu lassen. Wo die Prozession erscheint, knallen Freudenschüsse durch die helle Luft. Säulengänge, mit blühenden Myrten umflochten, ziehen sich am Meere hin, von bunten Papierlämpchen durchflimmert. An allen Häusern flammen Lichtchen auf; Lichtchen schaukeln sich auf den Barken, deren altes lateinisches Segel sich schwankend in dem Abendwinde bewegt. Und der schlanke Marinaro in weißem Hemd und weißer Hose, die vielfarbige Schärpe um die Hüfte geschlungen, den schwarzbebänderten Strohhut auf dem Ohr, wie stolz geht er umher mit Frau und Kind in der selbstgeschaffenen Herrlichkeit! Da tanzen flinke Eseltreiber mit ihren roten Hängemützen die kecke Tarantella nach dem Klange des Tamburin. Das Lampenlicht funkelt durch das hellgrüne Weinlaub der Loggien, auf denen die Insulanerinnen sitzen; die ältern in vornehmer Ruhe, in der sichere Würde, welche die wertvollen, goldenen Ohrringe, die reichen Halsketten ihnen verleihen; die jüngern im fröhlichen Plauderscherz, bis das Tamburin näher und näher ertönt und mit seinem wirbelnden, schwirrenden Schalle auch sie fortreißt in den unwiderstehlichen Rhythmus der prächtigen Tarantella. Wie fliegen die Blicke, wie keck naht sich der schöne Marinaro der schlanken und doch üppigen Frauengestalt! Wie weiß sie ihm auszuweichen, obgleich sie ihn zu fesseln versucht; wie zuckt Leben und Freude und Liebeslust in jeder Bewegung; wie stimmt die üppige Natur und das zauberische Licht wundervoll zusammen mit dem feurigen Tanze dieser schönen Menschen! Selbst die ältesten Frauen widerstehen ihm nicht, sie begleiten mit rhythmischem Gesange den einfachen Klang des Tamburin, bis endlich die Ermüdung dem Jubel ein Ende macht und sie heimkehren in die Häuser, schwatzend und singend. Wohin man hört, ertönen dann auf allen Straßen, aus allen Tälern und von allen Höhen die beiden Lieblingslieder, die »Luisella« und das »Ti voglio ben assai!«, bis auch sie verklingen und sanfte Ruhe sich über die Insel lagert. Aus den Lorbeerbüschen tauchen hell die Glühwürmchen auf, und mit weichem Flügelschlag schweben Nachtschmetterlinge und Zikaden durch die Nacht, die bald dem jungen Morgen weichen muß. Dann ist es schön, auf der Höhe zu stehen, die hinabschaut nach Forio, dem weißen Städtchen, das heute noch die viereckigen, zinnengekrönten Warttürme der Sarazenenenzeit beschützen. Hoch auf den Lavabergen sind sie erbaut, weit hinauszuschauen in das Meer. Um sie her die schauerliche Verheerung jener Zeit, in der die Flammenströme der Erde sich auf ihre Oberfläche ergossen und sich festsetzten in wunderlichster, abenteuerlicher Gestalt. Kein Anbau gedeiht, keine Saat reift in der Verwüstung. Nur die stachlige indische Feige drängt sich zwischen den Spalten hervor und bringt ihre unzähligen, gelben Blüten und Früchte dar, die Nahrung des Volkes. Und ganz nahe dabei, wo der Boden milder ist, da ziehen sich vom Fuße des Epomeo bis zum Meere herab die einzelnen Villen hin. Weinranken, wohin das Auge blickt; in üppigem Grün hängt die reifende Traube. Über dem hohen, schwankenden Schilfrohr der Canna sehen dunkelgrüne Johannisbrotbäume und Ölbäume mit ihren silberweißen Spitzen hervor. Flammende Granaten und schneeweiße Myrten lehnen sich um das Haus; wie ein hoher Freiheitsbaum ragt aus den scharfen, starken Blättern der mächtige Stamm der Aloe empor, seine große Blüte der Sonne entgegentragend. Glänzender Efeu umschlingt die Mauern und Bäume; schwankend und zart nickt die schöne, weiße Kapernblüte mit ihrem Violettgeäder von den Wänden herab, und die Klematis schlingt ihre Ranken, mit der Rose von Pästum vermischt, hinunter zu den roten und weißen Blumen der Oleandergebüsche. Ach! diese Erde ist so unsäglich schön! Er muß ja alltäglich wiederkommen, der Sonnengott, wenn er sie einmal gesehen hat. Er kann nicht von ihr lassen; und weil sie so schön ist, liebt er sie und belebt sie mit seinen erwärmenden Strahlen. Schon taucht er empor hinter dem Rücken des alten Wächters der Insel, des starren Epomeo, der selbst erglüht unter dem Scheine des jungen Tages. Und alle Blüten bringen ihm ihre süßesten Düfte dar, alle Vögel flattern ihm entgegen, alles begrüßt den Tag. Nur der Mensch ruht noch und träumt in heiligem Schlummer. Wie müßte es sich so süß träumen lassen in der Stille dieser kleinen Welt, wenn man das Ziel seines Strebens in derselben erreicht hätte, wenn nicht Wünsche und Gedanken hinausflatterten in die weite, weite Ferne. Es soll Frieden sein in der Welt, so will es Gott; und der Friede ist da, aber wir verstehen ihn nicht zu fesseln und zu genießen; denn der Friede ist die harmonische Einheit alles Erschaffenen, und wir Menschen sind uneins geworden in uns selbst; wie sollten wir in Einklang und in Frieden sein mit andern und mit der Natur? Weit vorspringend in das Meer, das Städtchen Forio beschützend, liegt die Felsenspitze des Monte Imperatore, dessen weiße, mit maurischer Kuppel gezierte Kirche hinausschaut von der Punta auf das Meer. Ganz vereinzelt liegt sie da. Nichts hemmt auf der Punta den Blick über das weite Element; und wenn sich die Seele gesehnt nach Ruhe und Begrenzung im Anschauen des stillen, traumwebenden Morgens, der jugendlich schön die Welt betritt, dann erweitert sie sich hier im Hinblick auf das Meer, dessen blendend weiße Segel von fremden Ländern und von fernen Städten sprechen, zu neuen Wünschen, zu ungemeßner Sehnsucht. Aber Freude und Ruhe, die wir in der süßen Begrenzung ländlicher Stille für uns nicht mehr finden, wir suchen sie vergebens von Pol zu Pol, in Ost und West. Wie Zugvögel fliegen wir heimatlos über die Erde, erfreuen uns an dieser Blüte und an jener Frucht, rasten bald auf schattiger Matte, bald auf starrem Boden, finden manche Freude, manchen Genuß und suchen ewig das ewig Unerreichbare, das Glück. Wie kam man nur darauf, ein Wort zu erfinden für etwas, was doch niemand kennt, niemand erreicht und, weil man das Wort gefunden hat, doch nun ein jeder erstrebt? Das Glück besitzen wollen, das ist so gefährlich, als den Stein der Weisen suchen. Es hat uns Ruhe und Frieden genommen, es treibt uns rastlos durchs Leben, und wir genießen das Leben nicht. Jenseits der Wolken, sagen die Priester, da wohne das Glück; und lebensmüde, gebrochenen Herzens richtet das sterbende Auge dorthin den letzten Blick, die letzte irdische Hoffnung, und dort? Palermo und das Rosalienfest Wie man im Kirchenstaate das ganze Jahr vom Karneval sprechen hört, so in dem Königreich beider Sizilien von dem Rosalienfeste in Palermo. Es sei der Höhepunkt des an weltlichen Kirchenfesten so reichen Süditaliens, sagte man mir. Der Ausdruck »weltliche Kirchenfeste« kann befremdlich scheinen, indes ich weiß keinen andern dafür zu finden. Wir denken uns im Norden unter einem Kirchenfeste einen stillen Feiertag mit ernster Predigt, frommen Gesängen und heiliger Sonntagsruhe. Das Höchste, wozu sich die protestantische Strenge bei ihren Freudenfesten versteigt, sind im stillen Hause ein paar junge Birkenreiser zu Pfingsten, mit denen uns unsere kärglichen Sommerfreuden verkündet werden; und mitten im Winter der heilige, hochheilige Weihnachtsbaum, der die Familie um sich versammelt und wie ein Stern durch die trübe Nebelnacht unseres langen Winters leuchtet. Aber auch der Weihnachtsabend ist kein allgemeines Volksfest; im Gegenteil, er trennt die Gesamtheit scharf in Familien ab, und auch er nimmt den wehmütigen Ernst an, der dem Nordländer eigentümlich ist. Die Kirche und das Leben, Religion und Freude sind im Protestantismus sich schroff gegenüberstehende Gegensätze. Nicht so im Katholizismus. Entstanden auf dem blühenden Boden, auf dem das üppigste Heidentum seine glänzende Pracht entfaltet hatte, ist viel davon in ihm zurückgeblieben, namentlich jene Richtung, die aus dem Gottesdienste ein Volksfest macht, und zwar ein italienisches Volksfest, ein wirkliches Fest für das Volk. Solche Feste kennen wir nicht. Was man bei uns in Norddeutschland so nennt, der Geburtstag oder der Einzug eines Fürsten, ein Schützenfest oder das Steigen eines Luftballons, das sind teils Feste für die vornehme Gesellschaft, teils Vergnügungen für den begüterten Bürgerstand, und immer Ehrentage für die Polizeigendarmen, deren große Macht sich bei den Volksfesten dadurch bekundet, daß sie das Volk so fern als möglich halten von dem eigentlichen Schauplatze der Freuden. In Italien ist das anders. Das ganze Leben ist öffentlicher, allgemeiner. An den Hauptgenüssen hat jeder der Sache nach den gleichen Anteil; jeder kann sie sich, ein wenig besser, ein wenig schlechter, verschaffen. Der Genuß der Abendluft und der Musik, der Knall des Schießens, die Illumination und das Feuerwerk sind Gemeingut; denn das Feuerwerk wird nicht in einem besonders vergitterten Raum gegen Eintrittsgeld, sondern auf allgemeine Kosten mitten auf offener Straße abgebrannt; und das Eis, die Lieblingserfrischung, verschafft sich jeder leicht, nach seinen Mitteln mehr oder weniger gut, aber auch schon für einen Bajocho ganz wohl genießbar. In Neapel beginnen diese Kirchenfeste mit heiterem Gepränge. Der Kultus in Rom ist insoweit ernster, als er die äußere Illumination der Kirchen wenig, die Feuerwerke zu Ehren des Heiligen und die Prozessionen mit Musik, bei denen geschossen wird, aber gar nicht kennt. Das sind indes grade drei Haupterfordernisse im Königreich beider Sizilien. Jeder Heilige hat sein Fest; für jeden Heiligen geht man herum, in den Häusern eine Sammlung machen, und die untersten Volksklassen steuern wöchentlich einen Gran zu der Kasse ihres Heiligen bei. Ein armes Dienstmädchen in Ischia erzählte mir stolz, sie gebe ihre jährliche Beisteuer von fünfzig Gran, etwa zwanzig Groschen preußisch, auf einmal. Für diese Spende darf man bei der Prozession, wenn man es will, eine Kerze tragen, die von der Kirche geliefert wird. Wohlhabendere Familien errichten vor ihren Häusern auf ihre Kosten die Altäre, an denen die Prozessionen haltmachen, und alle Nachbarinnen liefern ihre seidenen Tücher und Bettgardinen dazu, die bei dem großen Dekorationstalent des Volkes, im Verein mit den Goldborten, welche die Kirche hergibt, immer ein heiteres Ganze bilden. Es ist mir in Ischia begegnet, daß ich irgendeinem Heiligen zu Ehren durch einige Tage die Decke meines Bettes und die Überhänge der Tische entbehren mußte, weil unser Wirt, ein reicher Weinhändler, eine Station vor seinem Hause errichten wollte. Natürlich, da das Volk selbst sich diese Feste bereitet, da jeder Herr dabei ist und alles gemeinsam und öffentlich, kann von dem Fortweisen der Menge nicht die Rede sein, das bei uns so widerwärtig die befohlenen Freuden unterbricht. Aus demselben Grunde ist aber auch nie zu befürchten, daß das Volk störend in die gemachten Anordnungen eingreift, denn welcher Wirt verdirbt die Vorkehrungen zu dem Feste, das er bereitet? Und jeder ist Wirt und Gast zugleich. Das gibt dem Ganzen eine schöne, anständige Haltung. Der Ärmste ist stolz auf die Pracht, zu der er beigesteuert hat, und sagt mit großem Selbstbewußtsein: »Wir werden ein schönes Fest machen« (Faremo una brava festa). Es kränkt ihn, wenn die forestieri nicht teil daran nehmen; und man sieht ihm den Nachgenuß der Freuden an, wenn er am nächsten Tage triumphierend den Fremden fragt, wie ihm das Fest gefallen habe. Bei solchen Anlässen trat es mir immer deutlich in das Bewußtsein, wie nur in der Freiheit, in der Selbständigkeit die sittliche Entwicklung des Individuums möglich werde; wie die Assoziation segensreich sei und Großes bewirke bis in die unbedeutendsten Dinge herab. Ich hatte so große Freude an diesen Volksfesten gefunden, daß ich mir es nicht versagen mochte, die Krone derselben, das Rosalienfest in Palermo, kennenzulernen, das am 11. Juli beginnt und durch fünf Tage fortwährt. Die Überfahrt von Neapel ist bei ruhigem Meere ein Genuß. Die Dampfschiffe gehen mittags von dem neuen Molo ab und sind in zwanzig Stunden in Palermo. Vorüber an dem grünbewachsenen Kegel des Vesuvs, den Posilip zur Rechten, fährt man durch den Golf von Neapel hinaus in das tiefblaue, wogende Element. Hier im Süden begreift man es, wie die Phantasie des Menschen allem Erschaffenen die Seele eines Gottes einhauchte und damit ihre eigene Göttlichkeit bekundete, die, Götter erschaffend, vor der Größe der Selbstgeschaffenen anbetend sich niederwarf. Die Schönheit der Natur erzeugte im Süden den Pantheismus in instinktiver, poetischer Allegorie schon in frühester Zeit, den viele tausend Jahre später, im starren, farblosen Norden, ein strenger Denker zur abstrakten Theorie erhob. Wenn der feurige, flammende Sonnenball sich langsam in das Meer hinabsenkt, gleichsam als zögre er noch, um die Freude der Erwartung zu verlängern, um die Wonne der Hoffnung noch tiefer zu genießen, wenn das reiche, azurblaue Meer leise, wie von klopfenden Herzschlägen durchzittert, die bebenden Wogen erhebt, den Sonnenball zu verhüllen, dann begreift man, wie das Bild des feurigen Sonnengottes entstand, der sich, müde nach vollbrachtem Laufe, am Abend in die Arme der ihn sehnsüchtig erwartenden Thetis stürzt. Man sieht den Mond so leicht, so luftig am Himmel schweben, als könne man dahinter fortschauen in die unendliche Tiefe des Äthers; er schwimmt in der Luft, er lebt, und man ahnt den lichten, blonden Kopf der göttlichen Luna, der er zum Schmucke dient. Und wenn die Stille der Nacht sich über das Meer breitet, wenn die letzten Bergspitzen der Inseln verschwinden und das Schiff feierlich den sichern Gang durch das Element vollendet, dann tauchen die Sterne an dem reinen Blau des Himmels empor wie funkelnde Juwelen an dem fleckenlosen Mantel der Nacht. Sonnenhell scheinen die Venus und der Mars herab, Strahlen werfend und leuchtend. Und in dem weißen Schaum, der dem Räderschlag des Schiffes folgt, blitzt es empor in hellen, elektrischen Funken, das schöne Leuchten des Mittelmeeres, als wolle Neptun seine Göttlichkeit beweisen und zeigen, auch sein Meer besitze Sterne wie der Himmel, der sich darüber wölbt. Wie beruhigt sich das heiße Wünschen der Seele in dieser feierlichen Stille; wie sanft und ergeben rinnen die zurückgedrängten Tränen, die uns im Gewühl der Welt wie brennende Tropfen in das Herz fallen oder sich erstarrend darumlegen wie tödliches Eis. Der Mensch fühlt sich als einen losgelösten Teil des Weltgeistes und sehnt sich zurück in die reine, heilige Größe des Alls. Unablässig tönte mir Herweghs wunderbar schönes Gedicht in der Seele: »Ich möchte hingehn wie das Abendrot und in den Schoß des Ew'gen mich verbluten.« Die Schöpfung war so heilig, so klar und rein! Nur wo der Mensch sie durchzog, da störte er die Ruhe, da trübte er die Klarheit. Wild brauste das Wasser auf unter der harten, geschäftigen Eile der Räder, und eine dicke, schwarze Rauchwolke, ein düsterer Schatten blieb zurück auf dem Wege der Menschen, bis die Natur ihn zerteilte und die Spur des Menschen vertilgte. Und am Morgen, wenn die roten Wölkchen aus dem Meere am Himmel emporsteigen, wenn die rosenfingrige Eos hinaufzieht, den Weg zu schmücken, den der junge Herrscher, der Sonnengott, wandeln soll, wenn es Licht wird, schon ehe er erscheint, und er sich dann strahlend und belebend emporschwingt aus den Armen der bebenden Thetis, dann geht ein Jubel durch die Welt; denn es ist Tag. Weiße Möwen fliegen der Sonne entgegen, um neues Licht zu erhaschen für die silbernen Flügel. Keck und froh tauchen die Delphine mit raschem Schlage aus der Tiefe empor, auch ihnen gebührt ein Teil des Lichtes, das die Welt belebt, auch sie wollen ihn sehen auf seinem Zuge durch den Horizont, den strahlenden Apoll, der auch ihr König ist und der Beherrscher der Welt. Alles jubelt, alles lebt aufs neue, und die Seele des Menschen wird weich in dem Gedanken des ewig unverstehbaren Daseins und ergibt sich demütig in die Notwendigkeit der heiligen Rätsel. Auf dem Schiffe aber beginnt das materielle Leben sich zu regen. Die Matratzen, die man zum Schlafe der Wärme wegen auf das Deck bringen lassen, werden zusammengerollt und fortgeschafft. Die letzten Schläfer ermuntern sich, man zündet die Zigarren an, die Kaffeetassen klappern und mit den Fernrohren in der Hand späht man nach den Inseln Ustica und Sizilien. Endlich entdeckt man die erstere; nach einer Stunde taucht Sizilien empor. Man erblickt den Monte Gallo; der Monte Pellegrino, der schönste aller Felsen, wird sichtbar. Man nähert sich dem Hafen von Palermo, und die Stadt liegt vor uns da, eine schöne Jungfrau, in sicherer Ruhe; denn das schützende Meer spielt, ein treuer Genosse, zu ihren Füßen, und die Riesenfelsen des Monte Pellegrino und Capo Zaferano halten wie ernste Wächter sie sicher umschlossen in liebender Wacht. Der Eindruck Palermos als Stadt ist kein freundlicher und auch kein imposanter für mich gewesen. Palermo liegt in einem Felsenhalbkreis. Die äußersten Spitzen desselben, eben der Monte Pellegrino mit der Kapelle der heiligen Rosalie auf seinem Gipfel, und Capo Zaferano, das sich weit in das Meer erstreckt, bilden den prächtigen Hafen der Stadt. Zwei Straßen, der Toledo und die Maqueda, durchschneiden sie der Länge und Breite nach und teilen sie in vier Quartiere. Der Punkt, wo diese sich kreuzen, heißt die Quattro Canti. Soviel man mir auch von dem entschieden maurischen Charakter Palermos gesprochen hatte, ich konnte nicht finden, daß er wesentlich hervortritt. Das Äußere einzelner Kirchen, namentlich des prächtigen Domes, die Fassade mancher Gebäude, die uralt und orientalisch fremd erscheinen, verlieren sich in der Masse. Man wird im Betrachten des einzelnen, in der Rogerkapelle und dem Rogerzimmer des königlichen Palastes, in der schönen Kirche von Monreale, lebhaft auf die Zeit der maurischen Herrscher zurückgeführt, aber das Ganze, wenn auch südlich fremd und von Neapel sehr verschieden, hat mehr das Gepräge des spanischen Mittelalters als eigentlich maurisches Ansehen. Die Stadt gibt die trübe Empfindung verfallener Pracht, nicht wie Rom den Eindruck untergegangener Größe. Rom und die Römer gingen zusammen unter, Volk und Stadt, Schöpfer und Geschaffenes liegen zusammen in Staub verfallen auf dem Forum Romanum. Davor schweigt man ergeben, wie vor jedem großen Schicksal. Der Verfall Palermos aber macht den Eindruck eines Mißgeschicks, eines Unglücks. Die fortschreitende, kattunbekleidete Menschheit geht handelnd und arbeitend unter demselben umher und versucht ihn hie und da mit etwas Firnis zu übertünchen, um sich noch mit der früheren Größe zu brüsten. Bettelnde Urenkel eines Königs, an deren Lumpen noch verblichene goldene Tressen hängen. Das stimmt verdrießlich und unbehaglich. Auch hier überrascht den Nordländer wieder der Anblick der Wäsche oder der Makkaroni, die an Stangen zum Trocknen aus allen Fenstern des Toledo und der übrigen Straßen herunterhängen. Weiße und farbige Frauenkleider, Westen, Strümpfe, Gardinen und Makkaroni schweben als wunderliche Verzierung in der Luft und geben denn doch, wie das Lächerlichste und Kleinlichste, wenn es nur massenhaft ist, zuletzt ein bestimmtes, charakteristisches Bild und Schatten gegen die Sonne. Außer diesen improvisierten Zelten der obern Stockwerke befinden sich wirkliche Zelttücher über die Trottoirs gespannt, unter deren Schutz alle Gewerbe getrieben werden. Schuster, Schneider, Buchbinder, Klempner arbeiten vor ihren Türen. Mädchen knüpfen Fransen, flechten Gewebe aus Aloefasern und verfertigen in großen Rahmen weiße Stickereien. Es gibt Straßen, in denen vor allen Türen zwei, drei solcher Stickerinnen sitzen; ich war in Häusern, wo in jedem Zimmer mehrere arbeiteten. Sie sticken fast so schön als in der Schweiz, da der Tagelohn aber hoch ist, sind die Stickereien hier doch viel teurer als dort. Öffentliche Schreiber haben ihre Tische an allen Ecken; Advokaten, sich mit dem unentbehrlichen grünen Fächer Kühlung wehend, sitzen zwischen ihren Aktenstößen und Klienten und erteilen ihnen Rat auf der Straße. Die Kaffeehäuser stehen weit geöffnet, man liest Zeitungen, man spielt abends Karten vor den Türen. Nacht und still wird es in Palermo nie ganz, am wenigsten an der Marina, vielleicht einem der schönsten Spaziergänge, die man in Europa hat. Es ist der Kai am Meere. Eine in dem Gemäuer angebrachte Steinbank, prächtige Trottoirs, Gasbeleuchtung und in der Nähe der Häuser eine doppelte Allee immergrüner Bäume bieten die nötige Bequemlichkeit dar. Paläste reihen sich an Paläste, eine Terrasse zieht sich davor hin, welche ebenfalls mit Bänken versehen ist. Unter dieser Terrasse bewegt sich abends am Ufer die Corsofahrt, die um sieben Uhr anfängt. Um zehn Uhr beginnt das Spiel eines Orchesters, das bis nach Mitternacht fortdauert, und erst um zehn Uhr wird es recht belebt am Meere. Es ist ein schöner Anblick, abends aus den Fenstern der Trinacria, des einzigen Gasthofes an der Marina, hinabzugehen, wie diese moderne, elegante Menschenmenge scherzend und kokettierend der Abendluft genießt. Hier sitzt ein Dominikaner im weißen Gewande neben einem Offizier, dort tänzeln junge Mädchen am Arme eines Mannes einher, aber im ganzen ist die Zahl der spazierengehenden Frauen verhältnismäßig gering. Dafür sind die Männer der Mittelstände um so mehr und um so länger auf der Straße. Sie bleiben nach dem Corso an der Marina zurück und überlassen sich, wenn es stiller geworden ist, halb träumend dem Präludium des Schlafes. Mitten in der Nacht, wenn mich die drückende Luft der Zimmer bisweilen an das Fenster trieb, tummelten sich noch Knaben der arbeitenden Klasse auf den Bänken herum und sangen mit kreischender Stimme ihre Volkslieder. Einer begann den Gesang, die letzten Worte und Töne der Strophe so lange dehnend, bis ein anderer, oft aus weiter Ferne, die nächste Strophe anhob. Das dauerte fort bis gegen den Morgen, und wir konnten es ihnen nicht verargen, obgleich sie uns im Schlafe störten, daß sie die Nachtruhe am Meere der Hitze in ihren Wohnungen vorzogen. Aber nur in den Zimmern ist die Wärme so unerträglich. Ich habe im Juli, in den heißesten Tagen, sowohl in Neapel als in Palermo die Luft fast immer durch den Seewind erfrischt und leicht gefunden; die Sciroccotage ausgenommen, die jedoch in jener Jahreszeit nur selten vorkamen. Die Luft war in Rom im April viel schwerer als während des Juli in Palermo, und Rom muß während des Sommers gradezu eine Hölle sein. Im Betrachten der Eigentümlichkeiten Palermos kam der Tag des Rosalienfestes heran. Man erwartete den König, ohne seiner Ankunft gewiß zu sein. Plötzlich, Sonnabend, am Morgen des 11. Juli, wurde eine kleine Flotte am Horizonte sichtbar, und bald darauf liefen zwölf Schiffe in den Hafen ein. Der König ward wie in allen Ländern mit Freudengeschrei und Kanonenschüssen empfangen. Alle Schiffe flaggten aus, und als der Hof in Booten ans Land kam, machten die Matrosen, auf den Stangen und Rahen der Schiffe stehend, eine Seeparade. Erst am Abend, um die Tageshitze zu vermeiden, beginnen die Feierlichkeiten des Rosalienfestes. Der ganze Toledo, von den spanischen Zeiten her auch wohl noch der Cassaro genannt, war vom Meere hinauf bis zu dem Tore, das nach Monreale führt, für Wagen gesperrt. Wie in Rom während des Karnevals sieht man alle Balkons mit Menschen besetzt, und in buntem Gewühle bewegt sich die Menge die Straße entlang. Die eigentümlichen Volkstrachten sind hier wie in allen größern Städten und mit Ausnahme der römischen Campagna auch fast überall auf dem Lande verschwunden. Einzelne Spuren davon bleiben denn freilich hie und da sichtbar, wie in dem weißen Schleier der Genueserinnen, in den Riesenohrringen und den farbigen und weißen, orientalisch geschlungenen Kopftüchern auf den Inseln; aber das billige Kattunkleid hat durchweg die kostspielige Volkstracht verdrängt. Auch hier in Palermo ist nichts von dieser zurückgeblieben als die Sitte, große Krepptücher über den Kopf zu hängen, die zugleich den ganzen Oberkörper verhüllen. Die herrschendste Farbe dafür ist ein hartes Gelb durch alle Schattierungen, dazwischen kommt auch Karmesin vor und abends, wenn die Frauen während des Festes auf die Promenade gehen, weiße Musselintücher, die allerdings zu dem dunkeln Teint am vorteilhaftesten kleiden. Zwischen den Umhergehenden drängen sich Männer und Knaben durch, welche Näschereien feilbieten. Der Italiener nascht oft und viel. Überall werden Kürbiskerne, Mandeln, Bohnen, Schokolade, Zuckerplätzchen und dergleichen trockene Dinge verkauft, die, in Häufchen abgezählt, auf weiß überdeckten Tischen liegen. Sowie ein Festtag erscheint, entstehen durch ganz Italien bunt aufgeputzte Buden mit allen Arten von Eßwaren. Aber was den Italiener erquicken soll, muß auch sein Auge erfreuen. Die Kirschen werden, zu riesigen Trauben zusammengebunden, zwischen Weinlaub an langen Stangen aufgehängt, die dadurch prächtigen Thyrsusstäben gleichen. Mit buntem Papier verwandelt man die Körbe, in denen Zuckerwerk und Kürbiskerne herumgetragen werden, zu stattlich aufgetakelten Schiffchen und herrlichen Muscheln; kronenartig flicht der Blumenverkäufer seine Sträuße aneinander, die er auf hohem Stocke über den Häuptern der Menge durch die Straßen trägt. Ich freute mich jedesmal, wenn ich sah, wie man daran denkt, das von der Natur Gegebene sich so genußreich als möglich zu gestalten. In solchen Betrachtungen blickte ich von dem Treiben auf der Straße zu den Häusern hinauf, und auch hier gab es Befremdliches zu schauen. Auf dem Balkon des ersten Stockes mir gegenüber war eine Knabenschule hingeführt, dem Feste beizuwohnen. Die Schüler tragen hier eine Art von Uniform, welche von den Schulen nach Belieben gewählt wird. Gewöhnlich ist's ein schwarzer oder blauer Frack mit einem Galon von Gold oder einem schönen Orden im Knopfloch und ein mehr oder weniger verzierter dreieckiger Hut. So sieht man die jungen Leute von etwa acht bis achtzehn Jahren, geführt von Jesuiten, die fast überall die Lehrer sind, auf den Promenaden und bei den Festen in Scharen vorüberziehen. Die ewige Überwachung, die strenge Disziplin, unter der sie paarweise in Reih und Glied den vorgeschriebenen Weg wandeln, hat etwas sehr Beengendes. Man bedauert die Knaben, denen in der Jugend, selbst körperlich, die freie Bewegung genommen ist und die doch bestimmt sind, sich später in der Welt als Geschäftsmänner unter der Masse ihren Weg zu suchen. Noch trauriger war der Eindruck, den mir in Rom die Schüler der Propaganda machten, wenn sie, klassenweise voneinander getrennt, nach den Gärten des Quirinal, auf den Monte Pincio oder nach der Villa Borghese geführt wurden, um dort ein paar Stunden hindurch frische Luft und Bewegung zu genießen. Sie schlugen Ball, liefen und jagten einander; aber wo zwei oder drei der Erwachseneren traulich plaudernd beieinandersaßen unter schattigen Bäumen, da trat gewiß gleich der Inspettore dazwischen, jede innere Annäherung, jede trauliche Mitteilung unmöglich zu machen. Über dem Balkon, auf dem die Schüler in Palermo sich das Fest ansehen sollten, befanden sich zwei eisenvergitterte Galerien, wie man deren wohl an fünfzehn bis zwanzig verschiedenen Häusern des Toledo findet. Sie gehören den Nonnen, die durch verdeckte Gänge aus ihren Klöstern dahin gelangen können und sie zu allen Festen und Prozessionen besuchen dürfen. Wohl fünfzig Nonnen hatten sich in den Galerien uns gegenüber eingestellt. Unter den bejahrten trugen einige Spuren früherer Schönheit; die jüngeren waren nicht besonders hübsch, doch wurden, da sie der großen Hitze wegen die Ärmel der Kutten zurückgeschlagen hatten, viel schöne Arme sichtbar, die mit italienischer Anmut die Fächer bewegten; denn ohne Fächer können selbst Nonnen und Mönche nicht bestehen. Trostlos und vergrämt sah keine von allen aus, viele der älteren waren Bilder gesunder Behaglichkeit. Sie plauderten, grüßten Bekannte auf dem Toledo, und es ging ganz vergnüglich da oben zu. Auch einige Laien, wahrscheinlich Gäste der Nonnen, befanden sich unter ihnen. Im ganzen scheint es mir, als ob in Palermo Nonnen und Mönche einer viel größeren Freiheit genießen als in Rom. Dort sieht man fast nie eine Nonne in den Straßen, und die Mönche müssen um Ave-Maria in ihren Klöstern sein. Hier begegnet man überall Nonnen zu Wagen, oft von einem Geistlichen begleitet; und Mönche habe ich in den spätesten Stunden der Nacht an der Marina spazierengehen sehen. Es mag die Hitze sein, welche die größere Freiheit und den längere Genuß der Abendkühle notwendig macht. Endlich setzte sich der Triumphwagen der heiligen Rosalie am untern Ende des Toledo, an der Porta Felice, in Bewegung. Seit acht Tagen hatte man außerhalb des Tores, am Meere, an dieser Riesenmaschine gezimmert. Es ist ein Wagen in Gestalt eines Bootes, der auf niedrigen Rädern ruht. Er ist etwa fünfzig bis sechzig Fuß lang, verhältnismäßig breit und in den buntesten Farben verziert. Auf diesem Wagen entfaltet sich das himmlische Reich. Zuerst ein Chor Erzengel in übernatürlicher Größe; dann Seraphim und Cherubim in Dekorationswolken, Flöten, Harfen, Blumengirlanden, Kreuze und Marterwerkzeuge in den Händen. Schwebende Scharen von kleinen Engeln folgen zunächst; und über einem Chore weiblicher Heiligen, getrennt von ihnen durch mehrere Wolkenschichten, erhebt sich in strahlendem Goldgewölk die Statue von Santa Rosalia im weißen Kleide, den blühenden Rosenkranz in den langen Locken und ein Kreuz auf der Weltkugel in der rechten Hand. Sie sieht gerade in die Fenster der höchsten, fünf Stock hohen Häuser des Toledo hinein und ist also wirklich der Erde bedeutend entrückt. Vorn auf dem Gestelle befanden sich vierzig Musikanten von den Regimentern; unter den Engeln verteilt, Handwerker in ihrer Arbeitstracht mit Handwerkszeug, um bei einem möglichen Ungewitter in den Wolken oder bei einem Schwanken der Heiligen gleich die hilfreiche Hand bieten zu können. Das stört die Phantasie der Italiener nicht im geringsten. Sechsundvierzig verschiedenfarbige Ochsen ziehen die Maschine, welche die größte Ähnlichkeit mit einem deutschen Baumkuchen hat, wie er auf der Mitte unserer Tafeln prangt. Es ist eine Ehre und eine Gnade und ein gutes Werk, seine Ochsen dazu herzugeben; die Söhne der Besitzer, in arkadische Tracht gekleidet, führen selbst die Tiere und wachen, daß die Ochsen mit den ungeheuern Hörnern nicht Unfug anrichten. Vor diesem trionfo della santissima Rosalia ziehen die Bürgergarden in schöner Uniform, Musikchöre, Kavallerie und drei Senatoren in altspanischer Tracht voraus. So bewegt sich der Ochsenkarren mit den himmlischen Heerscharen, ein heiterer, aber doch lächerlicher Anblick, im langsamsten Schritte, von unablässigem »Evviva!« begleitet, den Toledo entlang bis nach dem Palast des Königs an der Porta Nuova, wo er haltmacht und umwendet. Währenddessen beginnt man den Toledo zu illuminieren. Dies geschieht durch Holzsäulen und Pyramiden, die längs dem Trottoir der Straße zu beiden Seiten angebracht sind und auf denen abwechselnd die Worte »Evviva la Santa Rosalia« und »Evviva il Re« transparent erleuchtet sind. Da die Straße schnurgerade ist, so gibt das einen schönen Anblick. Das obere und das untere Ende des Toledo zieren große, mit dem königlichen Adler geschmückte Pyramiden. Hier wandert das Volk umher, bis die Beleuchtung an der Marina fertig ist und um elf Uhr nachts das Feuerwerk beginnt. In diesen Tagen ist erst der Toledo und dann die Marina für Wagen gesperrt. Die vornehme Gesellschaft muß sich auf Seitenwegen zu ihren Balkonen im Toledo und zu den Terrassen an der Marina begeben. Das ist schön und gerecht. Da kann der Arme, ungehindert durch das Fahren der Wagen, ruhig seinen Spaziergang machen, da kann er seine Kinder sorglos dem Feuerwerk zusehen lassen. Tausende von Stühlen werden wie im Theater nebeneinandergesetzt, Tausende von Menschen nehmen sie ein und wandern in der hellen Lampenbeleuchtung am Meere umher. Einzelne Paare ziehen sich in den Schatten der Alleen zurück; aber der Abendwind, der die Schleier der Frauen bewegt und in die Luft hebt, verrät ihr Dasein dem aufmerksamen Auge des Spähers. Rauschende Musik übertönt den leisen Wogenschlag des Meeres, endlich gibt von der Terrasse des Königs eine Rakete das Zeichen seiner Ankunft und das Signal zum Anfang des Feuerwerks. Zu Hunderten steigen sie in die Luft, die zischenden Raketen und Schwärmer, als wollten sie den Himmel erreichen, aber bald erlahmt der kühne Flug; müde und gebrochen sinken sie zur Erde zurück. Leuchtkugeln fliegen empor in blendendem Licht und fallen, Strahlen werfend, hinab in das Meer, das sie verschlingt. Und Feuerräder und Kronen und flammende, vergängliche Ehrentempel, geziert mit dem Namen des Herrschers, tauchen prasselnd blitzesschnell aus dem Dunkel hervor, begrüßt von dem Beifallsrufe des Volkes, um nach wenig Augenblicken zu versinken. Sobald sie erloschen sind, eilt man dem Toledo zu, wo um Mitternacht die Corsofahrt beginnt. Bald verraten nur einzelne Funken und bleiche Rauchwölkchen den Platz des eben noch so prächtigen Schauspiels. Tiefes Schweigen tritt an die Stelle des lauten, fröhlichen Menschengewühls. Die künstlichen Sterne sind schnell verblichen, und ruhig leuchtet der Mond mit den ewigen Gestirnen herab auf die weißen Wellen des heiligen Meeres. Mehr als vierundzwanzig Stunden bleibt der Triumphwagen auf dem Schlosse stehen. Am zweiten Abend des Festes fährt er um zehn Uhr den illuminierten Toledo herab, selbst auf das hellste erleuchtet, so daß Santa Rosalia sich wirklich in dem Lichtmeer, in der Verklärung, dem jubelnden Volke zeigt, das stolz ist auf die Heilige, die einst eine Palermitanerin gewesen. Zu dieser Prozession begeben sich König und Königin mit ihren Kindern und dem ganzen Hofstaat in den Palast des Kardinals, der auf dem Toledo ist, und gewähren dem Volke dadurch die Lust, neben dem Aufzug der himmlischen Schutzpatronin den irdischen Beherrscher an sich vorüberziehen und sich vor der Heiligen beugen zu sehen. Der dritte Feiertag beginnt, wie auch schon der zweite und die beiden nächstfolgenden, mit dem Pferderennen, gleich dem römischen das traurigste Bild der Tierquälerei. Ich habe mich jedesmal von dem entsetzlichen Anblick abwenden müssen, der mir die Nerven in Schauern erbeben machte. Wenn man nach dem Pferderennen abends den Toledo entlanggeht, hört man während der fünf Festtage ein unablässiges Trommeln. Folgt man diesem Schalle, der von der Piazza Marina ertönt, so gelangt man vor eine große Bude, die wie das Zelt eines Marktschreiers oder Seiltänzers mit grellen Bildern behängt und mit Glaskronleuchtern festlich beleuchtet ist. Es ist das Lotto, la beneficiata genannt, das hier während des Festes, außer dem für immer feststehenden Lotto, von einer privilegierten Gesellschaft eröffnet wird. Diese beneficiata scheint mir von allen italienischen betrügerischen Lotterien, durch die das Volk zum Spiele verleitet und ausgeplündert wird, die unverschämteste und dreisteste zu sein. Sie hat fünf Hauptgewinne, »la Rosalia« von sechshundert Ducati (etwa 680 Taler), »il Palermo« von vierhundertfünfzig, »la beneficiata« von dreihundert und so abwärts. Außerdem befinden sich ein paar hundert Gewinne von sechs und zwölf Groschen und von einigen Talern darunter. Die Bilder der fünf Schutzpatrone der Großen Lose schmücken die Bude. Die Lose sind ungemein kleine, fest zusammengerollte Papierstreifchen, so klein, daß sie wie jenes Zuckerwerk aussehen, welches man für Kinder in Patronen füllt. Die Zöglinge des Waisenhauses verfertigen sie zentnerweise. Man schöpft sich mit einem Löffel aus dem Behälter heraus, soviel man etwa begehrt. Wir hatten für einen Scudo hundertdreiundzwanzig erhalten, unter denen sich nicht einmal ein Goldpapierchen befand von der Sorte, die sechs Groschen gewinnen. Das Aufwickeln der Blättchen dauerte wohl eine halbe Stunde, und sie sind so klein, daß wir immer Sorge trugen, die Hälfte werde uns unter den Händen verlorengehen, unser erwarteter Gewinn mit darunter. Massenweise belagert das Volk diese beneficiata, und jeder, auch der kleinste Gewinn wird mit Trommelschlag in den nächsten Straßen ausgerufen. Kommt ein Großes Los zur Ziehung, so tragen sie das Bild des Patrons in Prozession herum. Von der beneficiata geht man an die Marina, das zweite Feuerwerk des Festes zu sehen. Es ist glänzender als das erste und zeichnet sich dadurch vor jenem aus, daß ein Teil desselben auf dem dunkeln, schäumenden Meere abgebrannt wird. Da die Boote der Feuerwerker sich in den wallenden Wogen verlieren, so macht es den wunderbarsten Effekt, die flammenden Raketen und Leuchtkugeln aus der dunkeln Meeresfläche emporsteigen zu sehen. Es hat etwas unheimlich Phänomenales und grade darum einen seltsamen Reiz, dies Element des Feuers, das, wie verirrt aus seiner eigentlichen Bahn, zwischen Himmel und Meer umherkreist, als suche es eine Stätte, als finde es keine Rast. Mit höchster Sicherheit bewegt sich das Volk unter dem Feuerregen, sowohl in Booten auf dem Wasser als auf dem Lande. Mitten unter die Menschenmassen fallen Schwärmer und Leuchtkugeln herab, werden aufgestöbert, flammen auf und werden zertreten. Bei uns würde die Gendarmerie den Feuertod der halben Bevölkerung befürchten und die Straßenjugend, um mögliches Unglück zu verhüten, fortgejagt und wahrscheinlich ein wenig geprügelt werden. Hier aber scheint man anzunehmen, es sei recht gut, sich beizeiten mit dem Feuer vertraut zu machen, da doch jeder bestimmt ist, seine Strafzeit im Fegefeuer zu bestehen. Feuerwerke sind so häufig, daß in Palermo allein mehr als tausend Menschen ihren Unterhalt durch das Verfertigen der Feuerwerke finden. In der Nacht des dritten Festtages ist Promenade auf dem Toledo bis Mitternacht. In vollständigster Balltoilette, mit Blumen, Bändern und Federn geschmückt, in Kleidern von Atlas und Flor, wandern die Bürgerfrauen am Arme ihrer Männer und Freunde die lange Straße auf und ab. Oben auf den Balkons der Häuser ist es wie in den Logen eines Theaters bei großer Gala. Funkelnde Brillanten schlingen sich durch dunkle Locken und leuchten über schönen Stirnen; die Fächer werden mit anmutiger Koketterie gebraucht; die Kavaliere halten sich hinter ihren Damen in zweiter Reihe, man plaudert von Balkon zu Balkon, denn jedes Fenster hat einen solchen, und das alles geht unter freiem Himmel, auf offener Straße, ohne weitere Vorbereitung vonstatten, da, wo vor wenig Stunden Handel und Gewerk ihr Wesen trieben und es nach wenig Stunden wieder beginnen werden. Wenn man nun in Palermo das Fest der heiligen Rosalia feiert, ist es wohl auch billig, daß man ihr selbst einige Aufmerksamkeit widmet und ihr einen Besuch in ihrer Felseneinsamkeit auf dem schönen Monte Pellegrino abstattet. Santa Rosalia war die Tochter eines der Beherrscher Palermos, dessen lasterhaftes Leben die Sitten des Hofes verwilderte, so daß die reine Jungfrau in dieser Atmosphäre nicht zu leben vermochte, entfloh und spurlos verschwand. Im Jahre 1624, als eine furchtbare Pest Palermo verwüstete, träumte ein Priester, diese Seuche werde enden, wenn man die Gebeine einer Heiligen entdecke und in Palermo ausstelle, die sich in einer Höhle des Monte Pellegrino befänden. Von frommem Eifer beseelt, machte er sich auf den Weg, sie zu suchen, und entdeckte hoch oben in einer Felsenspalte einen weiblichen Leichnam, den man an einer kleinen Spange für den Körper jener Fürstentochter erkannte. Sobald ihre Asche nach Palermo kam, hörte die Pest zu wüten auf. Man sprach Rosalia heilig, erklärte sie zur Schutzpatronin der Stadt und errichtete an der Stelle, wo sie gestorben war, eine Kapelle und ein Mönchskloster. Dies letztere finde ich jedoch sehr gegen die Hofetikette, die der schönen, jungen Fürstin wohl eher eine Schar zarter Jungfrauen als einen Troß bärtiger Männer zu Dienern gegeben haben würde. Der Weg durch die Conca d'oro, die goldene Muschel, wie man mit vollem Recht die schöne, bergumschlossene Ebene Palermos nennt, hinauf zum Monte Pellegrino ist einer der lohnendsten Ausflüge, die man machen kann. Die starken und doch zierlichen Esel Siziliens tragen den Reiter in drei viertel Stunden den wohlgebahnten Weg hinauf. Auf der Höhe des Pellegrino, von starrem, wildem Felsgeklüft umgeben, erblickt man zu seinen Füßen Palermo am Ufer des Meeres in der großen, wohlangebauten Ebene, welche sich daran hinzieht, bis zur Bagaria und bis zu der Landspitze der Capo Zaferano. Darüber hinweg sieht man am Meerbusen von Cefalù das Städtchen gleichen Namens; Termini am Fuße der Modoniaberge; und hinten, aus weiter Ferne herüberragend, den langen Felsrücken des Ätna, von dem ein dünner, sonnebeleuchteter Rauch zum Himmel hinaufsteigt. Das Kloster, ein kleines, unbedeutendes Gebäude, an das sich ein paar ärmliche Pachthäuser lehnen, von Brotfrucht- und Akazienbäumen spärlich umgeben, liegt einsam und öde in der Ecke eines Felsens. Es ist etwas sehr Melancholisches in dieser Gegend, in diesem wilden, unfruchtbaren Felsgestein, das durch den Blick in die lachende Ebene noch greller hervortritt. So mag man von den einsamen, trüben Tagen des Alters zurückblicken in das Paradies der Jugend! Durch das Kloster tritt man in die Kapelle der heiligen Rosalia. Den Vorhof bilden die vor der eigentlichen Höhle sich verengenden Felsmassen; graues Kalkgestein, in das von oben durch eine kleine Öffnung die letzten Strahlen der Sonne fielen. Die Kunst hat wenig dafür getan, sie würde auch verschwinden gegen die schlichte Größe der Natur. Nur hie und da stützt ein gemauerter Pfeiler den Stein, ihn vor dem Einstürzen zu bewahren. Lange Efeuranken und blühende Klematis hängen von dem Felsen herab und schlingen sich an den Wänden umher, als wolle die Natur den Wohnort des heiligen Mädchens verschönen. Statt der Juwelen und des Pietra dura, das die stolzen Kirchen Palermos schmückt, funkelte das Sonnengold an den Wänden, und des Abendrots Rosen lagerten sich dazwischen. Der Himmel breitete sein blaues Zeltdach darüber aus; große, schöne Käfer flogen wie Abgesandte aus den Lüften in der Höhle umher in geschäftiger Hast, als hätten sie die Aufsicht über das kleine Heiligtum. In der Höhle selbst war es schon tiefe, schweigende Nacht. In zackigen Spitzen hing der Tropfstein wunderlich geformt von der Decke herab, und vor einem Altare, von Kerzen beleuchtet, ruhte hier die Marmorstatue von Santa Rosalia. Es ist eine schöne, jungfräuliche Gestalt, das in Ekstase emporblickende Haupt auf die rechte Hand gestützt, während die linke den Pilgerstab und das Kruzifix umschlingt, das sie sich auf die Brust drückt. Reiche, goldene Gewänder umhüllen den jugendlichen Leib, ein goldener Rosenkranz ruht auf der reinen Stirne, und kostbare Ringe zieren die schönen Hände; aber ihr Auge blickt nicht darauf hin, es schaut hinauf zum Lichte, es sucht – das, was es auf Erden nicht gefunden hat. Ich bat den Sakristan um einen Trunk; der Weg hinauf hatte mich warm und durstig gemacht. Er reichte ihn mir aus einem Becken, in welchem das Wasser des Felsens sich sammelt, dem man heilende Wunderkräfte zuschreibt. Da ich, nachdem ich es getrunken, vor dem Altar niederkniete, um durch das Eisengitter die heilige Rosalia besser sehen zu können, mochte er mich wohl für ein besonders andächtiges Gemüt halten, und in diesem Falle tat er meinem Rationalismus nicht unrecht. Ich freue mich jedesmal, wenn ich, sei es, in welcher Form es wolle, die Menge sehe, die sich vor der Macht reiner Weiblichkeit demütigt. Was gibt es denn, außer der Liebe, Höheres in der menschlichen Natur als diese Kraft, die gewaltig ist in der Schwäche, die stark und siegreich, weise und sicher macht, wo Riesenkräfte erliegen und die Klügsten den Weg nicht finden? Bei anbrechender Dunkelheit traten wir unsern Rückweg an. Düstre Wolkenmassen hatten sich zwischen die Berge gelagert und hingen über dem Meere, dessen wilderes Brausen vernehmlich an unser Ohr drang. Es war Nacht, als wir den wartenden Wagen im Tale erreichten. So war es mir lieb; denn es gibt Eindrücke, die man festzuhalten und nicht durch neue zu verscheuchen wünscht; wie man nach höchstem Glücke sterben müßte, um nicht von dem darauf folgenden Alltagsleben, wie von kalten Händen, schmerzlich berührt zu werden. Die Griechen fühlten das richtig. Mitten im Vollgenuß des Lebens entrückten die Götter ihre Lieblinge der Erde, wenn diese ihnen nichts Höheres mehr zu bieten vermochte. In den beiden letzten Tagen wird das Rosalienfest kirchlicher, das heißt, die Kirche mit ihrem Pompe bildet die Hauptmomente derselben. Am vierten Tage ist es die Beleuchtung der innern Kathedrale, welche die Schaulust reizt. Als wir uns gegen neun Uhr abends dorthin begaben, kam ein großer Zug von Männern und Knaben mit der allgegenwärtigen Trommel auf uns zu. Man führte nach dem täglichen Pferderennen das siegreiche Pferd, das gewiß sehr gern auf seinen Lorbeern geruht hätte, im Triumphe durch die Stadt. Da es dunkel war, improvisierten die Knaben aus Holzspänen, Aloefasern und ähnlichen Dingen, welche sie aus dem Kehricht aufsammelten, prächtige Fackeln, die angezündet und voraufgetragen wurden. Sie sind wie die Kinder, diese Italiener. Alles, was sie finden, wissen sie zu ihren Spielen und für ihre Zwecke zu benutzen, und so komisch es anfangs aussieht, zuletzt gibt es doch immer ein hübsches Bild, an dem das Volk seine Freude hat. Die Menschenmenge, welche dem siegreichen Pferde folgte, zwang uns, in ein Haus zu flüchten. Es sah armselig und wüst darin aus. Bei einer Lampe saßen eine häßliche Alte und vier Männer um den Tisch, die Cena, aus Fritti bestehend, einzunehmen. Kaum traten wir in die Türe, so hellten sich alle Gesichter auf, man nickte uns zu, und die Frau fragte lachend, indem sie uns ihren Teller hinhielt: »Volete favorire?« (Wollen Sie uns die Ehre erzeigen mitzuessen?) Das ist's, was mir an dem Volke so gefällt. Sie schämen sich ihrer Armut nicht, sie sind nicht davon niedergedrückt, sondern sie fühlen sich dem Vornehmsten innerlich gleich, sie sind nur ärmer. Bald darauf erreichten wir die prächtige maurische Kathedrale, eines der schönsten Bauwerke der Art, das in Europa existieren soll. Vor der Kathedrale hatte man die Heiligen unter beleuchteten Baldachinen ausgestellt, die am nächsten Tage ihren Umzug durch die Stadt halten sollten. Um sie her war ein Markt entstanden, so bunt und hell wie unser Weihnachtsmarkt, mit Reihen von Stühlen dazwischen, auf denen die Leute sich fröhlich unterhielten. Equipagen des Senates von altspanischer Form, Kutschen und Pferde mit weißen Federbüschen geschmückt, hielten in der Seitenstraße. Die Nobelgarde, Grafen, Herzöge und Fürsten, zum Teil sehr schöne Männer auf wundervollen Rossen, ritten nach dem Schlosse, den König zur Kirche abzuholen. Diese selbst bot einen wahrhaft zauberischen Anblick dar. Viele Tausende von fünfarmigen Kronleuchtern, so leicht gearbeitet, daß das Gestell und die es haltenden Taue in dem Lichtglanz verschwanden, hingen von dem Gewölbe der Kirche herab, wie Sterne, die ein übermütiges Götterkind vom Himmel herunterstreut, damit die Menschen doch auch einmal eine Freude hätten. Nichts von der reichen Dekorationspracht zeigte sich hier, die man sonst bei andern Kirchenfesten entwickelt. Nur die zahllosen Lichte machten den Schmuck und strahlten funkelnd von den weißen Wänden und aus den spiegelblanken Granitsäulen wider. Ich habe nie ein ähnliches, ein reizenderes Schauspiel gesehen. Aber in all dem Lichte fehlte der Schatten nicht. Die Jesuiten bildeten ihn, die hier einen bedeutenden Einfluß haben. Sie gehen Hand in Hand mit dem Königtum und sind ebenso verhaßt als mächtig. Man hatte mitten in der Kirche ein Spalier gebildet für den Eintritt des Königs. Je ein Gardist mit hoher Bärenmütze, ein Jesuit und ein Schüler derselben aus dem adligen Kollegium. Dies ist ein Vorrecht, welches die Jesuitenschule genießt. Die jungen Männer und Knaben tragen eine sehr geschmackvolle Uniform, Escarpins und weißseidene Strümpfe. Wenn ihr Geisteswesen so wohlgebildet wird als ihre äußere Haltung, so dürfte man ihnen Glück wünschen. Indes für die freie geistige Entwicklung sind, nach allem, was ich darüber gehört, die Herren Jesuiten hier ebensowenig eingenommen als anderwärts. Endlich verkündete Glockenschall die Ankunft des Königs. Der Kardinal, die Bischöfe, der ganze Klerus, voran die Senatoren in ihren Allongeperücken, gingen ihm entgegen. Er trat ein, ein großer, starker, nicht unschöner Mann in Uniform, gefolgt von zwei kleinen, bildhübschen Prinzen, ebenfalls militärisch gekleidet. Hinter diesen die Königin, des Königs Schwestern, Prinzeß Amalie und die Infantin Sebastian, alle in Balltoilette mit Blumen in dem Haare. Der ganze Hof ist hellblond; man sieht, er gehört nicht diesem Volke an. Der König kommt an diesem Abend in die Kirche, um die Benediktion zu empfangen, die er – und dies ist eine Hauptfeierlichkeit des nächsten Tages – am letzten Festmorgen dem Volke erteilt. Es ist nämlich, noch von den Zeiten der Normannenfürsten her, der weltliche Herrscher Siziliens auch Oberhaupt der Kirche, wie in Rußland etwa. Nicht daß er Papst ist, denn der Papst wird als Stellvertreter Christi anerkannt, aber der Stellvertreter Christi kann seine Meinung in Sizilien nur durch den Willen des kirchlichen Oberhauptes, das der König ist, zur Ausführung bringen. Dieser erteilt im Namen des Papstes die Indulgenz und zieht die Ablaßgelder in seine Kasse. Der Papst hat nur beschließende, nicht exekutive Gewalt, und dies ist jedenfalls eine sehr vernünftige Einrichtung. Deshalb existiert denn auch kein Nuntius in Sizilien, sondern alle Verrichtungen desselben befinden sich in der Hand des Königs. Als solcher behält er bei der Funktion am letzten Feiertage, vor dem Hochaltare stehend, den Hut auf, legt die Hand auf die Evangelien, wird mit Weihrauch begrüßt wie der Papst und erteilt den Segen unter dem Kanonendonner der Flotte, der Musik aller Regimenter und dem Glockengeläute der ganzen Stadt. Dies letztere will in dem kirchenreichen Palermo etwas bedeuten. Wohin man blickt, da sieht man eine Kirche oder ein Kloster, und in welche Kirche man tritt, immer findet man Leute, die hineinkommen, das Knie beugen und davongehen. Sie sagen nicht: die Messe hören, sondern: die Messe sehen – »andare per vedere la messa«. Das ist ebenso charakteristisch als katholisch konsequent. Wie der Wunsch eines Sterbenden, getauft zu werden, ausreichend ist, um als Christ gestorben zu sein, so denken die Palermitaner, der Wunsch, die Messe zu sehen, genüge, um als Christ gelebt zu haben, wenn man schon zu beschäftigt war, ihn in Ausführung zu bringen. Sie gucken in die Kirche hinein und laufen davon, als gäben sie dem Herrn des Himmels eine Visitenkarte ab, auf der das i.p. geschrieben steht. Es reicht auch für bloße Konvenienz das eine so gut aus als das andre, und beides ist gleich äußerlich. Den Schluß des ganzen Festes macht am fünften Abend die große Prozession aller Heiligen, welche Beschützer der Stadt sind. Der König mit dem ganzen Hofstaat sieht dieselbe vom großen Saale der Präfektur an. Die Stadt bewirtet ihn dort; die vornehme Gesellschaft und die Fremden, welche überall freundlich beachtet werden, erhalten Einladungen dazu. Auf der Einladungskarte heißt es: »Per godervi la processione delle sacre reliquie della nostra concittadina Santa Rosalia« (Um der Prozession der heiligen Reliquien unserer Mitbürgerin, der heiligen Rosalia, beizuwohnen). Den Platz vor der Präfektur ziert eine große, prächtige Fontäne; das Präfekturgebäude, Klöster und Kirchen umgeben ihn, und diese reiche Architektur bietet, wie überall in Italien, den trefflichsten Anhaltepunkt für Illuminationen dar. Jedesmal habe ich geglaubt, in dieser Art das Schönste gesehen zu haben, und doch war es am nächsten Tage durch ein Schöneres übertroffen. Der Springbrunnen mit den Girlanden von farbigen Glaslampen, die von Blumengewinden durchflochten waren und sich tausendfältig in den Wasserbassins und in den einzelnen Strahlen spiegelten, hatte etwas Feenhaftes. Um zehn Uhr begann die Prozession. Ich werde mich nie mehr wundern, wenn man mir erzählt, wie sich die Hindus von dem Wagen Ihres Gottes zu Jagernauth zerschmettern lassen; denn hier quält sich das Volk zu Ehren der Heiligen in einer Weise, daß man fürchtet, der einzelne müsse unterliegen. Die verschiedenen Heiligen sind in turmartigen, mehr oder weniger großen Gebäuden aufgestellt, je nach dem Grade ihrer Heiligkeit. Diese Tempel, von denen der kleinste doch bis zum ersten Stockwerk des Präfekturgebäudes reichte, trägt das Volk auf eigens eingerichteten Stangen umher. In kleinen Absätzen wird haltgemacht, an jeder Kirchentüre Speisen und Wein ausgeteilt. Wenn nun Sant Joseph mit dem Christusknaben, die Madonna mit dem Säugling, der heilige Rochus, die blutbefleckte Binde um seine Pestbeulen gewickelt, vorüber sind, wenn Sant Georg und noch ein paar mir unbekannte Heilige ihren Umzug gehalten haben, dann beginnt ein wahnsinniges Getümmel im Volke. Wie von der Tarantel gestochen, springen Knaben und Männer, größtenteils Marinari, einher. Sie hüpfen, laufen, drehen sich, und in jagender Eile bringt man auf der nächsten Trage Sant Cosmo und Sant Damian, zwei Ärzte, die sich in jener berühmten Pest durch den rastlosen Eifer auszeichneten, mit dem sie sich der Armen, besonders der Marinari, annahmen. Dafür sind sie kanonisiert, sind Schutzpatrone der Marinari, und diese laufen in möglichstes Schnelle mit ihnen durch die Stadt und machen sich müde, zur Erinnerung an die rastlose Schnelle und die Unermüdlichkeit der beiden braven Männer. Ganz zuletzt kommt Santa Rosalia in stolzer, ruhiger Prozessionshaltung. Waren die andern Heiligen nur vom Volke umgeben, so begleiten sämtliche Klöster die heilige Rosalia; das heißt, sie gehen voraus und hintennach, aber sie tragen den Turm nicht. Die Mühe überlassen sie den Arbeitern, die nicht wie die Mönche schon tagsüber müßig gewesen sind. Nun geht das Schießen, der ganze knallende Freudenlärm von neuem los; der Jubel des Volkes kennt keine Grenzen mehr, und tief in der Nacht hörte ich ihn noch in mein Zimmer dringen, obgleich die Marina ziemlich weit von dem eigentlichen Festschauplatze entfernt ist. Glanz und Freude gibt es genug bei diesen Feierlichkeiten. Das Volk hat sein redliches Teil davon, und das ist recht, wenn man es nur als Volksfest betrachtet. In der Nacht aber, als ich die schwankenden Engel, die gemalten, hölzernen Heiligen und Götter an mir vorübertragen sah, gefolgt von den Scharen der Mönche, da fragte ich mich, mit welchem Rechte erlauben sich die Missionäre, die Götzenbilder der Heiden zu zerstören, da sie das Christentum zu diesem Katholizismus, zu diesem vollendetsten Heidentum erniedrigt haben? Nicht ein Gedanke an den wahren Geist des Christentums, nicht eine symbolische Andeutung davon findet sich in dem ganzen Feste. So sehr haben sie in den zweitausend Jahren seit der Offenbarung der heiligen Religion der Menschheitsidee den einfachen Grundgedanken verwirrt, daß gar kein Ausweg aus dem Irrsale mehr vorhanden ist. Vor lauter Reformationseifer ist der Protestantismus dahin gekommen, den Leib, die Sinnenwelt, den Genuß für Sünde zu erklären; während man hier es ganz vergessen zu haben scheint, daß die Form von einer Seele belebt sein muß, um lebendig und wirksam zu sein. Die einen weinen unablässig über den gekreuzigten Leichnam und schlagen gesenkten Hauptes an die Brust, die andern haben dem toten Körper bunte Kleider gemacht und spielen mit diesem, als hätten sie es mit einer Puppe zu tun. Beides ist Hochverrat an dem Geiste des Menschen, an der hohen Idee des Christentums; und doch scheint mir der fröhliche Hochverrat fast noch der unschuldigere zu sein, weil er eben Freude und Genuß bereitet denen, deren Leben voll Arbeit und Mühe ist. Am Morgen nach dem Feste ruhte die Stille der Ermattung über dem sonnigen Palermo. Himmel und Meer funkelten vor Licht, es wuchs und gedieh alles, wohin das Auge sah; im Schatten der Karuben- und Pfefferbäume unter meinem Fenster wälzten sich im warmen Ufersand die kräftigen, braunen Buben der Marinari herum, sorglos und glücklich, als wüßten sie, daß ihnen Erde und Meer erb- und eigentümlich gehöre. Bologna Die Stadt Die Rückkehr nach Deutschland war beschlossen. Liebe Freunde geleiteten mich am 11. September zu dem Dampfschiffe, welches mich von Neapel nach Livorno tragen sollte, und blieben bei mir, bis der Befehl, das Schiff zu verlassen, sie zum Fortgehen zwang. Langsam fingen die Räder sich zu heben an, der Dampfer bahnte sich seinen Weg durch die enge, mastenwimmelnde Wasserstraße des Hafens und flog dann fröhlich, in errungener Freiheit, dem Golfe zu, die Riviera entlang, während mein Auge tränenschwer an der Schönheit des Landes hing, das ich verlassen mußte, und nach einem Balkon der Riviera blickte, von dem eine liebe Frauenhand zum letzten Abschiedsgruß ein weißes Tuch in die Luft flattern ließ. Die Gesellschaft des ersten Platzes bestand aus etwa zwölf Personen. Der Prinz von Canino, welcher sich zum Kongreß der Naturforscher nach Genua begab, befand sich unter uns. Er ist ein Neffe Napoleons, ein großer, stattlicher Mann, von bequemsten Umgangsformen, dem Kaiser im Profile ähnlich. Sein Sekretär, der junge Dichter Masi, begleitete ihn. Außerdem waren noch der als Autor bekannte Pair von Frankreich, der Graf von Saint-Priest, und eine liebenswürdige Neapolitanerin mit ihrem Manne in der Gesellschaft, welche für eine der besten Sängerinnen Neapels gilt. Fast jede dieser Personen kannte eines oder mehrere Mitglieder der kleinen Schiffsgesellschaft, dadurch ward bald der heiterste Umgangston für dieselbe hergestellt. Man plauderte, musizierte, wozu das gute Instrument in der Kajüte verlockte, die Marchesa sang Volkslieder, welche Donizetti und Capecelatro für sie komponiert hatten, Masi ließ sich von ihr zu einer Improvisation überreden, und wir hatten den Tag so gut zugebracht, daß uns der Anbruch der Nacht überraschte. Am Morgen sahen wir die Insel Elba aus den Fluten emportauchen. Der Prinz von Canino schlief noch ruhig in seiner Kajüte. Vielleicht dachte niemand als ich des gefangenen Adlers, der von jenem Felseneiland die brennenden Blicke in feuriger Sehnsucht nach Frankreich hinübersendete. Ein paar Stunden später erreichten wir Civitavecchia, dessen runde, feste Türme zahllose Seufzer der Gefangenen gehört hatten, welche nach den Unruhen in der Romagna in diesen Mauern schmachteten. Wir stiegen für ein paar Stunden ans Land. Der Anblick des päpstlichen Wappens, der Gedanke, nur wenig Meilen von dem geliebten Rom entfernt zu sein, wirkten so mächtig, daß ich glaube, ich hätte in diesem Augenblicke die Rückkehr nach Deutschland unterlassen und wäre ruhig wieder nach Rom gegangen, hätte ich die Möglichkeit gehabt, es zu tun. Nach dem geräuschvollen, tobenden Neapel hatte die Ruhe des kleinen Ortes etwas Anmutendes, und als wir am nächsten Morgen in Livorno gelandet und mit der Eisenbahn nach Pisa gefahren waren, erquickte die tiefe Stille dieser Stadt die Seele so unaussprechlich, daß ich mir denken konnte, wie man darauf gekommen ist, als vollkommene Seligkeit die Ruhe des ewigen Friedens im Paradiese zu erfinden. Die breiten Straßen, die stillen Kais, der Katharinenplatz mit seinen großen, schattigen Bäumen lagen in traumstiller Sonntagsruhe da. Auf dem Domplatze allein waren Menschen sichtbar, die aus der Kirche kamen oder zur Kirche gingen. Der prächtige Dom, das Battisterio, der Schiefe Turm und das Campo Santo lagen, vom Sonnenlicht glänzend überflutet, in voller Pracht vor unsern Blicken. Das ganze Pisa gleicht einem schönen Campo Santo, und wie auf solchem wird die Seele mild beruhigt. Das eigentliche Campo Santo, nach Art der schönsten Klosterhöfe in länglichem Viereck angelegt und von freien, säulengetragenen Hallen umgeben, ist mit Erde aus dem Gelobten Lande gefüllt. Vier schlanke, schöne Zypressen stehen in den vier Ecken des Rasenplatzes, den die Hallen umschließen. Die Büsten und Denktafeln berühmter Pisaner sind darin aufgerichtet. Überbleibsel von Freskomalereien, Darstellungen aus Dantes Hölle schmücken oder verunzieren die Wände. Ich möchte den letztern Ausdruck wählen, denn mein Auge wendete sich mit Entsetzen von den Zerrbildern ab, die halb gesotten aus dem Schwefelpfuhle hervorragten oder irgendeine andere Höllenstrafe erlitten. Der Schiefe Turm hat etwas Unerfreuliches. Er macht den unbehaglichen Eindruck gestörter Symmetrie; man möchte ihn graderücken, um sie herzustellen. Dafür aber ist die Aussicht vom Turme über die schöne, ruhige Stadt und das reich angebaute Arnotal bis hin zur Apenninenkette sehr belohnend und lieblich. Von dem Erdbeben, das im August stattgefunden hatte und Livorno, Pisa, Pontevera verwüstet haben sollte, war wenig zu sehen. In Livorno, wo wir nach den eingestürzten Häusern fragten, sagte man uns wie in Pisa: »Es war nichts! es war wenig!« Nach dem Mittagessen in Pisa trennte sich die Gesellschaft, welche mit dem Dampfschiffe von Neapel gekommen war, und wir, die allein nach Deutschland zurückkehrten, langten nachts in Florenz an. Nur kurze Rast war uns diesmal in demselben vergönnt. Wir verließen es nach zwei Tagen, aber ich überzeugte mich, wie sehr Anschauungen, die wir geistig erwerben, unser eigenstes, unveräußerliches Eigentum werden. Ich kannte Florenz bis zu gewissem Grade, es war mir, als gehöre es mir, als kehre ich in mein Haus zurück; und ich zeigte dort einem Freunde, der zum ersten Male in Florenz war, die Schätze in den Galerien ganz mit der innern Genugtuung eines Besitzers. Als wir jenseits Florenz nach durchfahrener Nacht auf der Höhe der Apenninen an frühem Morgen haltmachen mußten, um vor dem abermaligen Eintritt in die päpstlichen Staaten unsere Pässe und Koffer von neuem visieren zu lassen, wehte uns ein frischer, kalter Wind herbstlich entgegen, als wolle er uns Grüße aus der Heimat bringen. Es webte ein Etwas in der Luft, das ich in Rom, selbst in rauhen Januartagen, nie empfunden hatte, ein entschieden nordisches Element. Dazu ertönten von den Lippen der hechtgrau uniformierten päpstlichen Soldaten deutsche Laute. Es waren Württemberger, in der Schweiz für den Papst auf zehn Jahre angeworben, und es gefiel ihnen schlecht im fernen Lande. Einer der Soldaten erzählte uns von den Unruhen in der Romagna, bei denen sein Bataillon gegen die Insurgenten geschickt worden war. Es sei doch recht viel Blut geflossen! sagte er mit seinem treuherzigen schwäbischen Dialekt, und das Bataillon hätte sich gut gehalten gegen die Italiener, die wütende Kerle wären. Daß es uns schmerzlich berührte, überall Deutsche als Söldner im Dienste des Absolutismus zu sehen, davon hatte er freilich keine Ahnung, als er uns von den Heldentaten seines Bataillons berichtete. In Bologna aber fanden wir die Linderung für diese Mißstimmung in den Hoffnungen und dem Enthusiasmus, welche die neue Regierung Pius des Neunten in den Herzen des Volkes erregt hatte. Dreihundertundzwanzig Männer und Jünglinge aus Bologna schmachteten infolge politischer Vergehungen in den Gefängnissen, als die allgemeine Amnestie erschien und dreihundertundzwanzig Familien in Bologna Glück und Freude wiedergab. An allen Straßenecken des Marktes war die Amnestie in Marmortafeln gegraben und in die Mauern der Häuser zum Zeichen ewigen Dankes eingesenkt. In allen Magazinen standen Büsten und hingen Bilder des Papstes. Ein andres Bild zeigt einen Mann in düsterm Kerker, dem der Genius der Freiheit auf Lichtesstrahlen erscheint. Darunter stand das Datum der Amnestie. Lobgedichte auf den Papst fand man an alle Ecken, an alle Brunnen befestigt; in den Kaffeehäusern lagen gedruckte Reden »über die Notwendigkeit der Volkserziehung« und ähnliche Motive auf den Tischen aus. Man war voll freudiger Zuversicht, voll tiefen Dankes, und diese wurden lebhaft an den Tag gelegt. Auf dem Wege von Florenz nach Bologna hatten wir im Postwagen zwei Italiener zu Gefährten. Es waren die ersten wahrhaften Musikdilettanten, denen wir begegneten, der eine ein Arzt, der andere Advokat, beide zwischen dreißig und vierzig Jahren; der Advokat ein schöner, großer Mann mit bedeutenden Zügen und allen Ansprüchen, diese äußern Vorzüge durch eine sorgfältige Kleidung und überdachtes Betragen zu unterstützen. Da er sehr laut und viel vom Theater, das heißt von der Oper erzählte und sein Nebenmann all seine Bemerkungen mit Entzücken wie Orakelsprüche hinnahm, glaubte ich anfangs, er sei vielleicht selbst ein berühmter Sänger. Diese Vermutung wuchs fast zur Gewißheit, als er allmählich eine persönliche Bekanntschaft mit allen Notabilitäten der italienischen Oper verriet, von ihnen wie von Personen seines nähern Umganges sprach, ihre Methoden streng und, wie mir schien, mit Sachkenntnis kritisierte und endlich anfing, mit schöner Stimme die Lieblingsrouladen und -passagen seiner Lieblinge zu singen. Dabei wurden er und der Doktor immer wärmer. Erzählungen, Kritiken, Intonationen einzelner Arien und Ausrufe entzückter Erinnerung wechselten schnell und schneller miteinander ab. Kaum hatte der eine eine Melodie mit strahlenden Augen begonnen, so schnappte sie ihm der andre vom Munde fort, sie mit einer Koloratur zu enden. »Bravo, bravissimo!« rief dann der erste, räusperte sich und fing sogleich eine neue Melodie an. Keiner von ihnen sang eine ganze Arie. Sie waren wie echte Feinschmecker, welche nur den Schaum des perlenden Champagners schlürfen. Nur die Pointen wurden hervorgehoben, nur die Unterschiede in der Vortragsweise der einzelnen Koryphäen durchmustert, und alle Augenblicke unterbrach ein »La divina!« (die Göttliche!), mit verklärtem Blicke ausgesprochen, den Gesang. Die Szene war ungemein komisch. Einer der Reisenden fragte endlich den Herrn, den wir später als Advokaten kennenlernten, ob er vielleicht selbst Künstler sei. »Nein!« antwortete er, der Doktor jedoch fügte mit gewichtiger Miene sogleich hinzu: »Aber ein berühmter Dilettant«, worauf jener sich verneigte, wie um bescheiden ein Lob abzulehnen, das ihm gleichwohl vollkommen gebührte. Irgendein Zufall lenkte indes die beiden Dilettanten von der Musik ab und der neuen Regierung zu. Da verwandelte sich plötzlich der wunderliche Musikliebhaber in einen ernsten Geschäftsmann und gab sich als einen Advokaten aus Bologna zu erkennen, der in Geschäften in Florenz gewesen sei und derselben Angelegenheit wegen nach Ferrara gehen müsse. »Es handelt sich um einen Familienprozeß, der unter der vorigen Regierung niemals zu beendigen war«, berichtete er. »Warum nicht?« fragte ich. »Weil wir keine Gesetze hatten. Der Code war lange außer Kraft getreten; jeder Kardinal herrschte in seinem Bereiche nach freier Willkür. Was in Bologna Recht war, konnte in Ferrara Unrecht sein, man wußte den Parteien und sich selbst nicht zu helfen.« »Und was für eine Verwaltung haben wir gehabt!« sagte der Doktor. »In Bologna konnte man nach eingebrochener Dunkelheit nicht über die Straßen gehen, ohne einem Anfall von Räubern ausgesetzt zu sein; dennoch war es verboten, Waffen zu tragen, um sich selbst zu schützen.« »Jetzt ist's anders!« rief der Advokat. »Der Papst hat gleich nach Erlaß der Amnestie die Bildung einer Bürgermiliz gestattet und uns erlaubt, uns zu bewaffnen, weil er sicher sein darf, daß jeder Waffenfähige die Waffen für ihn trägt und ergreift, wenn die Not es erfordert.« Übrigens konnte man sich leicht vorstellen, daß Bologna unter einer schlechten Polizeiverwaltung ein wahres Eldorado für Straßenräuber sein mußte. Durch die ganze Stadt ziehen sich an den Häusern gemauerte Hallen hin, nach Art der Lauben in manchen deutschen Orten. Diese sind bei den alten Häusern düster und architektonisch reich verziert, bei den neuern hell und einfacher. Überall aber bieten sich hinter ihren schattenwerfenden Säulen bequeme Zufluchtsorte für denjenigen, der sich durch eine schnelle Flucht der Aufmerksamkeit seiner Verfolger zu entziehen strebt. Das ganze Gepräge Bolognas gibt ein höchst charakteristisches Bild des oberitalienischen Mittelalters, in gewisser Art noch bedeutender als Florenz, weil in Bologna auf dem Markte alle Bauten des Mittelalters nebeneinanderstehen, ohne daß durch neue Zutaten die Harmonie des Eindruckes gestört wird. Der Hauptplatz und der schönste Punkt Bolognas ist der große, viereckige Markt, der Platz des heiligen Petronius. Die alte Podesteria (der Sitz der Herrscher), das Collegio dei Mercanti, der Dom, alle in dem schönen, strengen Stil des Mittelalters gebaut, umgeben ihn. Unter der Podesteria ziehen sich weite, vergitterte Hallen hin, in denen die Fleischer und Fischer ihre Ware verkaufen. Große Marmortische, steinerne Fußböden mit breiten Abzugskanälen machen die Hallen für ihren Zweck auf das vollkommenste geeignet. Sie geben einen Beweis von dem vorsorglichen Gemeingeiste des Mittelalters, wie er, für das Volk bedacht, aus der republikanischen Römerzeit hervorwuchs. In den mittelalterlichen Bauüberresten Deutschlands findet er sich nirgend. Überhaupt erscheint das deutsche Mittelalter, selbst wenn man es in Nürnberg, seiner schönsten Blüte, mit dem italienischen vergleicht, kleinlich und armselig beschränkt überall, wo es nicht dem Kirchenbaue galt. Mitten auf dem Platze des heiligen Petronius steht in der Fontäne eine kolossale Statue des Neptun von Johann von Bologna. Als wir abends aus einer Seitenstraße, in der sich zunftartig nebeneinander alle Läden der Gold- und Silberarbeiter in kleinen, mit Emblemen geschmückten Buden befinden, auf den Marktplatz traten, den schon die Dämmerung umhüllte, hatte man ein so vollständiges Bild des Mittelalters, wie es sich vielleicht nirgend so leicht bietet. Zwischen den alten, ernsten Gebäuden bewegten sich die Menschen umher, deren modische Kleidung nicht mehr deutlich zu unterscheiden war. In den Fleischhallen schimmerten die Lampen der Leute, welche die Hallen für den nächsten Morgen säuberten; zwischen den zahlreichen, engen Holzbuden des Platzes, in denen alle Bedürfnisse des Kleinlebens feilgehalten werden, fuhren langsam große, schwere Wagen den Häusern zu, welche die Weinernte in die Keller trugen. Diese Wagen sind lange, schmale, auf sehr kleinen Rädern ruhende Gestelle, vorn mit einer Zierat geschmückt, wie die Schnabelspitzen der Fischerboote im Mittelländischen Meere; an Deichsel, Speichen und wo es sonst tunlich ist, finden sich Skulpturzieraten und blanke Nägelbeschläge. Es sieht aus, als stammten diese Fuhrwerke aus früher Vorzeit. Sie passen mit ihrer Tüchtigkeit und Ausschmückung vollkommen zu der Architektur Bolognas, wie sie sich in den zahlreichen alten Bauwerken ausspricht. Es waren am Tage Hunderte von diesen Karren, mehr oder weniger schön, in Bewegung; die Weinernte war sehr reich und ganz Bologna von einem Duft gegorener Trauben erfüllt, der überall aus den geöffneten Kellerfenstern strömte. Bologna scheint mir für das Mittelalter ebenso interessant zu sein als Rom oder Pompeji für das Altertum, und ich habe es lebhaft bedauert, es nach kurzem Aufenthalte verlassen zu müssen. Störend in der schönen Harmonie des Ganzen sind mir nur die beiden sich liebevoll gegeneinander neigenden schiefen Türme am Eingange der Stadt gewesen, gewaltige viereckige Massen in Form riesiger Dampfschornsteine. Sie machen noch einen viel peinlichern Eindruck als der Turm in Pisa, weil die Abweichung stärker zu sein scheint, und man fragt sich unwillkürlich, wie eine Zeit, die das Gefühl des Schönen in ihren Baudenkmalen so prächtig dargelegt hat, zu diesen geschmacklosen Ausgeburten, zu den unerfreulichen Spielereien kommen konnte, von denen sich doch vielfach unwiderlegliche Zeugnisse finden. Nachdem wir am Abend die Stadt in verschiedenen Richtungen durchwandert hatten, galt unser erster Gang am Morgen der Akademie und in ihr Raffaels heiliger Cäcilie. Die Komposition ist durch vortreffliche Kopien so vollständig bekannt, daß man sie nicht zu beschreiben nötig hat, die Idee der dreifachen Musik, der profanen, Kirchen- und Sphärenmusik tief und schön bezeichnet; der Ausdruck in den verklärten Zügen der Heiligen seligstes Entzücken, wie jemandes, der unvermutet die langersehnte Stimme eines Heißgeliebten erklingen hörte. Aber was mich gleich beim Eintritt in den Saal gewaltig fesselte, mich endlich ganz von der heiligen Cäcilie abzog, das war ein Bild Guido Renis, eine trauernde Maria an der Leiche des Heilandes. Ich liebe Guidos kokette Porzien und Kleopatren nicht, wie sie graziös das Feuer verschlingen oder mit schmachtender Salonmiene die Natter gegen den Busen drücken; auch die Aurora im Casino Ludovisi und die Christusköpfe, welche ich bisher von ihm gesehen, hatten mir keine wirkliche Teilnahme, keinen Glauben an ihre Wahrheit einzuflößen vermocht. Hier aber ergriff mich die Tiefe und männliche Kraft dieses Malers mit magnetischer Gewalt. Das Bild, wohl zwanzig Fuß hoch und etwa zehn Fuß breit, zerfällt in drei Abteilungen von ungleicher Größe. Die kleinere unten enthält eine Ansicht der Stadt Bologna mit den schiefen Türmen, beschützt von zwei schönen, lilientragenden Engeln. Darüber erhebt sich die zweite Abteilung, die fünf Schutzheiligen Bolognas. In der Mitte ein kniender Kardinal, das Kruzifix in den Händen; eine jener heuchlerischen Physiognomien, die man noch heute aus manchen Kutten hervorblicken sieht. Ein Mönch in schwarzem Gewande, hinter ihm stehend, blättert ernsthaft in einem Breviere; der heilige Franziskus, die schöne, bekannte Figur, kniet rechts vor dem Kardinal, in brünstigem Gebet versunken. Ein Krieger in männlichster Kraft und Schönheit, reich im Waffenschmuck, bildet die äußerste Rechte des Vorgrundes, dem zur Linken ein Bischof mit der Bischofsmütze und gelblichbraunem Brokatmantel als Gegenstück dient. Aber selbst die Schönheit dieser Gestalten, der charakteristische Ausdruck dieser Männerköpfe verschwindet vor der obern Gruppe; man sieht nur diese und erkennt daran die Kraft des Malers, der dieser Steigerung des Schönen, dieses Konzentrierens der Begeisterung in sich fähig war. Christus liegt tot auf einem Lager von gelbbraunen Tüchern, ein rotes Sammetkissen unter den dunkelbraunen Locken. Der Kopf ist dem Beschauer zur Linken; der Körper ruht flach ausgestreckt, der rechte Arm fällt schlaff herab, und die linke Hand schließt sich mit gebogenem Arme fest an die linke Hüfte, als hätte sie da ein Schwert geführt; denn wie ein ausruhender Kämpfer liegt Christus da, ein schöner, edler, stattlich großer Männerkörper, mit einem gelblichen Tuche um die Hüften verhüllt. Keine Spur des Todeskampfes, keine schaudererregende Magerkeit, keine bluttriefenden Wunden, nur leise angedeutet die Nägelmale an Händen und Füßen und der Schwertstich des Lanzenknechtes. Der heiligste Frieden ist über die ganze Gestalt ausgegossen. Die Brust, die nur für das Höchste sich hob, ist noch gehoben, die Spur des göttlichen Gedankens thront noch auf der Stirne, der Idealismus leuchtet noch im Tode hervor, den Sieg des Geistes verkündend über die Materie. Und dahinter, mitten am Sarkophage, steht die Madonna in graublauen Gewändern, die ein bräunlicher Überwurf zum Teile verbirgt, eine schöne, kräftig freie Frauengestalt, aufrecht im Schmerze. Die Arme hängen hernieder, die Hände sind gewaltsam zusammengepreßt, den tiefen Schmerz konzentrierend, als halte sie sich nur mühsam zurück, den angebeteten Toten durch eine Berührung zu entweihen. Das Auge hat sich vom langen Anschauen des Geliebten langsam und schwer zum Himmel gehoben und sucht, ob nicht von dort der Strahl der Liebe und des Trostes in ihre Seele fallen wird, der ihr aus seinen Blicken Leben und Freude gab. Aber der Himmel leuchtet in hellem Blau ruhig über ihrem Haupte, und der nie zu erfassende Jammer des »Dahin!« steigt mit seiner Verzweiflung vor ihrem innern Auge auf. Zwei schöne Engel weinen über ihr – wer weinte nicht mit diesem Schmerze! Ich konnte kein andres Bild mehr betrachten und verließ in Gedanken versunken die Akademie. Die Napoleoniden Weitab von dem lebensvollen Marktplatze Bolognas, durch lange, stille Straßen, in denen nur spärliche Fußgänger unter den Säulenhallen der Häuser einherschreiten und junges Gras zwischen den Steinen des Pflasters hervorsprießt, gelangt man über einen freien, mit mittelalterlichen Denkmalen gezierten Platz vor einen Palast, den Palladios schöpferischer Geist erbaute. Kein Wiehern mutiger Rosse, keine geschäftige Dienerschaft, kein Laut fröhlichen Lebens in den fürstlichen Hallen, auf den lichten, luftigen Treppen, in den prächtigen Räumen! An der Pförtnerwohnung begehrten wir Einlaß in den Palazzo Camerata, den Besitz der Gräfin Camerata von Ancona, der Tochter Elisa Bacciocchis, der Nichte des Kaisers. Der greise Kastellan führte uns die Treppe hinauf und öffnete die Türe eines königlichen Saales. Es war fünf Uhr nachmittags, das Streiflicht der untergehenden Septembersonne fiel in rötlichgelben Strahlen durch die hohen Fenster, deren Vorhänge der Alte zurückzog. Feierlicher Ernst ruhte über dem Gemach. Wir standen vor den Bildern und Statuen sämtlicher Napoleoniden, wie die Mediceer ein wahres Herrschergeschlecht. Hier sind sie vereint; und die ganze Poesie ihrer Erscheinung, die phänomenal emporblitzte aus dem wilden Chaos der Revolution, das der Kaiser mit Titanenkraft zur Ordnung und Form gestaltete, durchdringt die Seele des Betrachters in diesen Räumen. An der Wand links vom Eingange hängt das Porträt des Kaisers im Krönungsornat, ähnlich dem Bilde in der Dresdner Galerie, wennschon der Kopf hier geistvoller aufgefaßt ist als dort. Indes der Augenblick der Krönung ist nicht der Moment, den man aus Napoleons Leben vor allen andere festgehalten zu sehen wünscht, es ist nicht seine größte Tat. Man stellt ihn sich vor, wie er, ein junger Held, auf mutigem Rosse die Alpen erklimmt, mit hochgehobenem Schwerte vorwärts deutend auf die Bahn zu unsterblichem Ruhme. Man sieht ihn im Geiste in den Pesthospitälern Ägyptens, vor den Pyramiden, an der Brücke von Arcole oder überall, wo er, ein siegreicher Genius, rasch, in feuriger Siegesgewißheit, kometenartig die Welt durchschreitet. Man denkt ihn sich nur als den gebornen Herrscher, dem in seinem Genius die Natur das Diadem gegeben; nicht als den Fürsten, der sich in feierlichem Akt die Krone aufsetzen läßt, umgeben von jener eitlen Pracht, welche so oft hohle Größe zur Würde stempeln muß. Rechts vom Bilde des Kaisers sieht man Pauline Borghese, auf einem roten Sammetsessel von antiker Form, vor einem Vorhange von dunkelgrünem Sammet. Sie ist dem Kaiser sehr ähnlich. Ein weißes, goldgesticktes Atlaskleid, dicht unter der Brust von goldenem Gürtel gehalten, umgibt ihren Leib, Arme und Busen sind vollendet schön. Unter dem Diadem der Fürstin fließt ein langer Schleier an der reinen, von schwarzem Gelock umspielten Stirne herab. Aus den langgeschlitzten, gewitterschwülen Augen sieht sie sinnlich schmachtend den Beschauer an, erwärmend und doch kalt, Liebe flehend und doch thronend im Herrscherbewußtsein ihrer Schönheit. Auf der andern Seite Joseph in französischer Generalsuniform, im Freien, ein Dekret in der Rechten. Ihm folgt Karoline Bonaparte, die Gemahlin Murats. Sie steht auf der Terrasse eines Gartens. Das Kostüm etwa wie das der Leonore Sanvitale auf dem Bilde von Sohn: ein feuerfarbner Überwurf über weißem Untergewande, feuerfarbne, goldgestickte Schärpe und feuerfarbige Blumen im Haar. Sie ist weniger brünett als Pauline, sieht weniger orientalisch aus als jene und hat auch viel weniger Physiognomie. Ein flacheres, zarteres Gesicht mit blauen Augen und großer Frische, bei reichem, dunklem Haar; die rechte Königin des lebensvollen, blühenden Neapels. Jérôme steht in weißer Uniform mit hohen Reitstiefeln an einen Baum gelehnt, unter dessen Schatten seine Gemahlin sitzt, eine Prinzeß von Württemberg. Sie ist sehr schön und erscheint mit ihrem deutschen Äußern fremd unter all den italienischen Physiognomien. Die königliche Frau ist der Königin Luise von Preußen zu vergleichen. Sie trägt weißen Atlas, Perlenschmuck und rote Rosen unter einem Schleier. Jérôme, der einzige der Napoleoniden, welcher unbedeutende, kleinlich zusammengedrückte Züge hat, sieht bedientenhaft neben ihr aus. Louis Bonaparte führt seinen etwa zwölfjährigen Sohn an der Hand. Er zeigt mit der Linken einen Fels hinan, den sie zu ersteigen beginnen, während er sich liebevoll zu dem Knaben wendet, den er mit der Rechten sich nachzieht. Beide sind in militärischer Tracht. Der Knabe hat eine Art ungarischer Husarenkleidung, rotes Beinkleid, blauen Dolman, den Kalpak mit der Reiherfeder in der Hand. Louis gleicht dem Kaiser nur in einzelnen Zügen, der Knabe dagegen ist demselben sprechend ähnlich, ein ganz Bonapartesches Gesicht. Dann kommt Lätitia in dunkelrotem Sammet mit Goldstickereien, ein Diadem von Brillanten über der Stirne, eine wahre Römerin, die Mutter eines Weltbeherrschers. Sie hat reiches, schwarzes Haar, helle Augen, sehr ausgeprägte Züge und Formen; im Unterteil der Wangen die weiche Fülle, welche man bei ältern Italienerinnen bisweilen findet, aber keine Spur von jenen kleinlichen Falten, die kleinliche Gesinnungen dem Alter einprägen. Das ganze Gesicht ist groß, stolz und frei. Lätitia kennt die Stärke ihres Charakters, sie fühlt ihre Größe; sie findet es natürlich, daß Napoleon, der von ihrem Blute geboren ist, der unter ihrem stolzen Herzen zu leben begann, die Welt beherrscht. Es scheint ihr in der Ordnung, daß all ihre Kinder Könige sind, weil sie und Napoleon jenen so viel von ihren Strahlen zum Leuchten borgen, daß die Planeten erglänzen, als ob sie selbst Fixsterne wären. Sie hat gewiß niemals gedacht: »Mein Sohn hat Ehren auf mein Haupt gehäuft!« Lätitia hat nie eine Gnade empfangen. Sie hat der Welt den Sohn geboren, die ihr für seinen Genius zu danken hat; sie hat Napoleon das Leben gegeben, dafür bleibt er ihr Schuldner, auch wenn er ihr die Herrschaft der Welt zu Füßen legte. Der Ausdruck jener eigenen, ruhigen Machtvollkommenheit, die sich selbst die Krone verleiht, ist über ihre Erscheinung ausgebreitet. Eine wunderbare Frau! Mitten im Saale befindet sich eine jugendlichere Büste von ihr und eine lebensgroße Statue in der Stellung und Tracht der Agrippina; beide von Canova und beide Darstellungen dem Porträt sehr ähnlich. Die Wand gegenüber den Porträts des Kaisers und seiner beiden Schwestern nimmt ein großes Bild ein, den Hof zu Lucca vorstellend. Elisa Bacciocchi, Herzogin von Lucca, ihre Tochter neben sich, sitzt auf einem thronartigen Sessel. Ihr Gemahl, in großer Uniform, steht zur Seite und betrachtet Gérard und Canova, welche Mutter und Tochter malen und modellieren. Gérard, im schwarzen Frack, trägt den Orden der Ehrenlegion. Schöne, junge Hofdamen, junge Militärs, Diplomaten und Künstler, alle Porträts, füllen die Seiten und den Hintergrund. Das Bild macht einen ungewöhnlich lebensvollen Eindruck. Alle Gesichter und Figuren sind jugendlich frisch, keine alten, abgelebten Physiognomien; ein wahres Symbol der Napoleonischen Zeit und der Napoleoniden. Sie tauchten fertig auf aus dem Meere des Alls im Frühling einer neuen Weltordnung, blühten ein glühendes Leben, trugen reiche Früchte mancher Art und verschwanden, ohne zu verwelken. Außer dem bekannten Standbilde des Kaisers von David, einer lieblichen Gruppe von Canova – Elisa mit ihrem Töchterchen in den Armen, das sich an die Mutter schmiegt – und einer anmutigen Statuette desselben Kindes von Bartolini, befindet sich noch eine Reihe von Büsten in der Sammlung. Es sind die sämtlichen Geschwister, die beiden Gemahlinnen des Kaisers, Murat, Hortensie und Eugen; den Vater des Kaisers nicht zu vergessen, der, in jugendlicherem Alter dargestellt, wie ein junger Nero aussieht. Ich hatte aber die Empfindung, dieser Kopf sei erdacht und hingestellt, um die Sammlung zu vervollständigen. Er hat nur eine typische, aber keine persönliche Wahrheit. Alle Schwestern gleichen Napoleon mehr als die Brüder, von denen Lucian ihm am ähnlichsten sieht. Bei starker Nase ist sein Profil und der Ausdruck des Kopfes männlich schön. Unbedeutend sieht, wie gesagt, nur Jérôme aus, die andern Geschwister alle wie scharfgemeißelte Antiken. Josephine ist ungemein hübsch, jedoch ohne wirkliche Schönheit. Ein feines, kurzes Näschen und die liebenswürdigsten Züge um Mund und Augen. Hortense fast deutsch in den Formen, im Ausdruck entschiedener und ernster als die Mutter. Eugens Büste gibt das wohltuende Gefühl, das man empfindet, wenn man einem guten Menschen begegnet. Ganz unwillkürlich ruft man aus: »Das war ein edler Mensch!«, sobald man diese edlen Züge, die klare Stirne und den ruhigen Ausdruck dieses Kopfes erblickt. Murat ist das entschiedenste Gegenbild zu ihm. Das wahre Modell eines schönen, aber rohen Italieners aus dem Volke. Wildes, krauses Haar, wilder Bart, eine große, breite Nase, ein weiter, starklippiger Mund, wie man ihn unschön bei dem Volke in Neapel findet. So wie Murat mag einst Massaniello ausgesehen haben, so sehen noch Hunderte von Marinari aus. Geistreich, kühn, gebietend sogar, und doch roh, fast gemein. Es ist ein ganz andres Blut in ihm als in den vornehmen Napoleoniden. Selbst die Vornehmheit der Frau Jérômes, der württembergischen Prinzeß, reicht in gewisser Art nicht an den Adel der Erscheinung heran, wie er sich in Lätitia, Napoleon und Lucian ausspricht. Es ist der Unterschied des Seelenadels der volksentsprungenen Intelligenz und der durch Jahrhunderte anerzogenen Vornehmheit, die eben in der Entfernung vom Volke, das heißt vom Leben, beruht. Der Türe zunächst steht die Büste Maria Louises. Sie verdient den Platz in diesem Raume nicht. Alle, die hier im Bilde der Nachwelt aufbewahrt werden, waren groß durch die eigne Seele oder doch mindestens durch die Liebe, die sie in Glück und Leid vereinte. Maria Louise ist die einzige Verräterin in diesem Kreise. Ich kenne nichts Unwürdigeres als eine Frau, die da, wo sie ein Engel oder ein großes Weib sein müßte, klein und unter dem großen Berufe bleibt, den das Geschick ihr zuerkannte. Der Liebe eines Napoleons wert zu sein ist ein solcher Beruf. Als Napoleon, der Maria Louise geheiratet hatte, um einen Erben seines Namens und seiner Schöpfung zu haben, bei der Entbindung der Kaiserin auf Corvisarts Erklärung, man müsse die Mutter oder das Kind opfern, jenes »Sauvez la mère!« ausrief, hatte er, von seinem Standpunkte aus, ein ewiges Anrecht auf die vollste Liebe seiner Gemahlin erworben; er, dem ein Erbe alles, ein Frauenleben so wenig gelten mußte. Maria Louise durfte nicht den Gatten, nicht den Sohn verlassen in der Stunde der Not. An der Seite des entthronten Kaisers, ihr Kind in ihren Armen, war ihr Platz; der öde Felsen von Sankt Helena der höchste Thron, den sie besteigen, von dem ihr Name unsterblich zur Nachwelt strahlen mußte. Östreichs Tochter hätte kein Hudson Lowe zu erniedrigen gewagt, und Maria Louise hätte als heiliges, segensreiches Gestirn geleuchtet neben dem ersten Genius ihres Jahrhunderts, statt zu versinken in die nichtachtende Vergessenheit, die ihr geworden ist. Jeder Seufzer Napoleons unter der Demütigung seiner Kerkermeister, jede Träne ihres Sohnes waren ein Vorwurf für sie, weil sie nach Glück trachtete, nach Liebesglück, während ihr Gatte und ihr Kind unter Qualen dem Tode entgegenwelkten. Ich habe kein Bild des Herzogs von Reichstadt in jener Sammlung gesehen. Venedig Der Markusplatz Es scheint ein langes, ew'ges Ach zu wohnen In diesen Lüften, die sich leise regen, Aus jenen Hallen weht es mir entgegen, Wo Scherz und Jubel sonst gepflegt zu thronen. Venedig fiel, wiewohl's getrotzt Äonen, Das Rad des Glücks kann nichts zurückbewegen: Öd' ist der Hafen, wen'ge Schiffe legen Sich an die schöne Riva der Sklavonen. Platen Es war Nacht geworden, als wir nach der Visitation endlich die Dogana verlassen durften. Der Ruf: »Una barca! Una gondola!« tönte von allen Seiten an unser Ohr. Wir bestiegen die zunächstliegende Gondel, der Gondolier trat auf seinen Platz hinter dem Häuschen, und der sichere Druck seines Ruders ließ uns lautlos und pfeilgeschwind durch die Lagunen schießen. Eine Gondel! ein Gondoliere! Welch ein Zauber weht uns an aus diesen Worten! Weich und wollüstig wiegt sich die Seele in den poetischen Bildern einer fernen Zeit, wie das Schiffchen sich schaukelt auf den leise erzitternden Wellen der Kanäle. Stolze Ritter haben das Schwert von ihren Hüften gegürtet, das Haupt von der eisernen Wucht des Helmes befreit. Unter dem Federbarett erglänzen dunkle Locken, ein schwarzer Domino umhüllt die männliche Gestalt, welche die Prachttreppen hernieder zur Gondel schreitet. Die Gitarre liegt auf den elastischen, schwarzen Polstern, das schwarzverhangene Gondelhäuschen darüber verbirgt wie ein Sarg den Glücklichen, der daraus hervorzugehen hofft zu seliger Freude. Rasch fliegt das leichte Fahrzeug die Kanäle entlang, fort unter den dunkeln Schauern der Seufzerbrücke, vorüber an dem Lichtgeflimmer der Piazzetta; weiter, immer weiter vorwärts! Der verschwiegene Gondoliere kennt wohl sein fernes Ziel. Er hat's erreicht und hält! Nicht an der breiten Marmortreppe des Canal Grande, wo vor dem lichtstrahlenden Palast sich Gondel an Gondel um die Befestigungspfähle reiht, welche hell leuchten in den Wappenfarben des Hohen Hauses. Tanzmusik erklingt dort aus prächtigem Saale, eilfertige Dienerschaft fliegt durch Treppen und Hallen, geschmückte Männer und Frauen stehen in den geöffneten Fenstern der Altane, Kühlung einatmend in dem frischen Nachthauch, der herüberweht vom Meere. Nein! leise und schnell an der Prachttreppe vorüber huscht die Gondel im Schatten der Pilaster zur kleinen Hinterpforte des Palastes am Traghetto (Landeplatz). Die Gitarre erklingt, ein Fenster wird behutsam geöffnet; die Gitarre verstummt. Unhörbar schlüpft ein zarter Frauenfuß über die Quadern, noch ein Moment – und die Liebenden sind vereint, vereint unter der treuen Obhut des schweigenden Gondoliers. Oh! welches Glück, hinauszurudern, ungesehen, unbelauscht, durch die weiten Kanäle, in herzigster Einsamkeit, Auge in Auge versenkt, Lippe an Lippe gepreßt! gewiegt von dem schwankenden Kahn in süßeste Träume, ohne Geräusch, ohne den störenden Laut von außen, so still, daß das leiseste Flüstern, daß der zaghafteste Seufzer widerklingt in der Brust des Geliebten! hinaus in die ruhenden, mondbeglänzten Fluten des Adriatischen Meeres, dem einst die Venus entstieg, die schöne Göttin der Liebe. Gewiß! gibt es ein Paradies, ein Eden der Liebe: in einer Gondel gelangt man dahin! Doch »Venedig lebt nur noch im Reich der Träume«! – Keine Siegesfanfaren erklingen jetzt in den Hallen der alten Dogengeschlechter, kaum ein Zitherklang unter den Fenstern schöner Frauen. Schweigend heben sich die Prachtpaläste aus den Fluten empor, welche leise anplätschern gegen die Stufen der Marmortreppen. Nur hie und da erglänzt aus hohem Gemach der Schimmer von Lichten, nur bisweilen tritt aus der Halle eines Palastes eine Gestalt hervor, steigt die Treppe hinab und verschwindet in der Gondel, welche sie lautlos entführt. Nie habe ich auch nur in annähernder Ahnung die Vorstellung der Stille gehabt, welche uns in Venedig umgibt. Unser Ohr ist so sehr des Durcheinanderklingens von Menschentritten, Wagengerassel und Rossestampfen gewohnt, daß wir es erst dann als ein Auffallendes empfinden, wenn es einmal einen ungemeinen Grad erreicht hat. Wirkliche Ruhe, wirkliche Stille kennen wir in unsern Städten nicht. All unsere Vorstellungen davon sind bedingt. Wenn uns nun hier mitten in einer großen Stadt, mitten auf den Kanälen Venedigs vollkommene Stille umgibt, so glauben wir zu träumen, und alte Märchen von der schweigenden Königsburg, von dem schönen, im Meere versunkenen Vineta tauchen vor unserm Geiste auf, bis die Gondel uns an die Stufen der Piazzetta führt und neue Zauberbilder uns zu umgaukeln scheinen. Es ist Nacht. Bleiches Mondlicht strahlt matt durch die Wolkenvorhänge, welche der leise Wind langsam hinwegweht, die Sterne schauen verstohlen hervor, die Wogen des Meeres ruhen, die Gondel landet an den breiten Stufen. Zwischen den beiden schönen Säulen der Piazzetta steigt man an das Ufer. Der geflügelte Löwe von San Marco und der heilige Georg, welche die Säulen schmücken, wachen über Venedig und schützen unsern Eintritt. Ein orientalisches Gebäude liegt zu unserer Rechten. Über byzantinisch gezierten, niedrigen Säulen, welche die Bogen tragen, erhebt sich das obere Stockwerk in ganz befremdlicher Form. Die rötlich gebrannten Ziegel verschlingen sich zu geheimnisvollen Arabesken, wunderbare Gebilde ragen aus dem Marmorzierat hervor. Die hohen Fenster beherrschen den Platz und das Meer, aber sie sind von keinem Lichte erhellt, das Haus ruht im Schweigen der Nacht. Schlummert darin die arabische Fürstin, die Abencerragen-Geliebte, welche ein neidischer Zauberer entführte? Wachen Genien darin und flüstern ihr süße Träume ins Ohr vom fernen Geliebten, der sie ersehnt in den Fontänensälen der Alhambra? – Oder ist es ein Tempel geheimnisvoller Brüderschaft, welche dem strebsamen Neophyten die Offenbarung eines unsichtbaren Gottes in mystischen Zeichen enthüllt? Wir stehen davor in staunender Betrachtung, denn – Venedigs Dogenpalast hat nicht seinesgleichen im ganzen Abendlande. Es ist der Zauber des Orientes, der uns umweht. Wir hören Kaskaden rauschen, wir hören Palmblätter fächeln über den Polstern, auf denen die Sultanin ruht. Aufgelöst ist ihr schwarzes, flutendes Haar, das herniedersinkt über die juwelengeschmückte Brust, über die feine Hand bis hinab zu den nackten, spangenumgebenen Füßen, welche auf den golddurchwirkten Kissen ruhen. Papageien wiegen sich in goldenen Ringen, goldene Fischchen glitzern im Marmorbassin – da – erblickt man die prachtvolle Treppe – die Riesentreppe des Dogenpalastes, und – Marino Falieros schwarzes Leichentuch fällt über die lachenden Bilder des Orients. Wir wenden unser Auge! Das Lichtgeflimmer der Läden unter den alten und neuen Prokurazien erglänzt, die Uhr in dem Uhrhause zeigt, unter dem Gold- und Ultramarinschmuck der Fassade, die zehnte Stunde. Noch ein Schritt vorwärts, und wir stehen auf den Quadern des Markusplatzes. Militärmusik erklingt. Vor der Markuskirche ragen die drei roten Mastbäume auf erzenem Sockel empor, die Trophäen Venedigs nach Eroberung der Inseln Morea, Candia und Zypern. Schiffer in dalmatischer Tracht, Landleute von den Inseln und Matrosen aus den freien Staaten Nordamerikas lagern zu ihren Füßen. Kaffeehäuser und Luxusmagazine, wohin man blickt. Die mit Hallen überbauten Erdgeschosse sämtlicher Gebäude, welche von drei Seiten den Markusplatz umschließen, sind davon erfüllt. Der Markusplatz gleicht einem riesigen Opernsaale, und auch das Geräusch der wogenden Menge, von keinem Wagengerassel, von keinem Pferdetritt untermischt, bringt den Laut hervor, der bei einem großen, fröhlichen Feste uns aus den Sälen entgegentönt. Der Markusplatz zeigt uns die italienische Geselligkeit und das italienische Volksleben im Freien in einem Bilde – und doch ist Venedig nicht mehr das eigentliche, südliche Italien. Venedig ist ein besonderes, liebliches Wunder, ein geheimnisvolles Rätsel, eine stolze Ruine, vom Zauber der Vergangenheit umzittert; Venedig ist ein frei gebornes, poetisches Weib unter der lastenden Herrschaft eines aufgedrungenen Gebieters; Venedig ist unvergänglich schön und doch schon Beute des Verfalles – und weil es das alles ist, ist's eben das zauberhafte, traumselige, phantastische Venedig und unvergleichlich. Auf dem Markusplatze reihen sich Stühle an Stühle. Kellner eilen von einem zum andern, Eisgläser, Kaffeetassen und Sorbetti zu präsentieren. Knaben bieten in zierlichen Körben kandierte Früchte feil, preisen uns Muschelkästchen, Korallenspielereien, Fächer und Glasperlenschmuck zum Kaufe an, in weichem, lieblichem Dialekt. Am Arme der Männer wandeln die geschmückten Frauen auf und nieder; bedächtige Perser, schöne armenische Greise und flammende junge Griechen liegen in den offenen Sälen der Cafés oder auf den Stühlen im Freien hingestreckt und folgen, die lange Pfeife im Munde, mit den dunkeln, brennenden Augen den schlanken Frauengestalten, welche sich hier, mitten in der Nacht, mitten unter fremden Männern, fessellos bewegen. Dort stehen östreichische Offiziere, den Stock, die Prügelwaffe, von der eingeschnürten Taille herabhängend, ein schmachvolles Ehrenzeichen; hier erglänzen Goldstücke in dem Laden eines Wechslers, und Schiffskapitäne schließen Kontrakte für die Fahrt. Bisweilen, aber selten im Vergleich zu Rom und Neapel, huscht noch ein verspäteter Mönch unter den Prokurazien dahin. Hat er Trost gebracht am Lager oder in der Hütte der Leidenden, wie fremd muß die Fröhlichkeit des Markusplatzes seine Seele berühren; hat er vom verbotenen Becher des Lebens gekostet, wie melancholisch mag das Bild des düstern Klosters ihm scheinen; wie glücklich der Weltgeistliche, der hier unter warmem Himmel frei und lächelnd das Lachen auf schönen Lippen, in blitzenden Augen erweckt. Aus den Fenstern der Gebäude sehen wie aus den Logen eines Theaters Männer und Frauen hinab, deren Gestalten sich formenschön hervorheben auf dem Lichthintergrunde der Zimmer. Der ganze Markusplatz ist voll Menschen, wohin das Auge sich wendet; Musik umtauscht uns, man wandert fort und fort, man schwatzt, man lacht bei ihrem Klange, ob auch Stunde um Stunde versinkt und der Zeiger am Uhrhause unaufhaltsam vorrückt, man genießt, man lebt das Leben. Es ist nach Mitternacht geworden! Der Mond ist hinabgesunken ins Meer, die Gruppen auf dem Markusplatze fangen an, sich zu lichten, man geht freier umher, die Wärme, welche die Masse hier ausströmte, wird geringer, der frische Lufthauch vom Meere macht sich fühlbar, die Gasflammen fangen an, unruhiger zu flackern. Nun erst übersieht man die Größe und Schönheit des Raumes. Man tritt an das äußerste Ende des Platzes, ihn besser zu betrachten. Schlank und stolz hebt sich von den Quadern wie eine Riesensäule der Markusturm empor, frei und selbständig, nicht an eine Kirche, nicht an einen Palast gestützt, ein Bild der selbständigen Republik. Dahinter erglänzt es in strahlendem Goldglanz. Reich wie eine Moschee ist die Markuskirche geschmückt in aller Pracht byzantinischen Stils, und mitten aus den runden Bogen des Orients, aus ihren kioskartigen Spitzen und Wölbungen, mitten aus dem Goldlicht der Mosaiken leuchtet über das unruhige Lebensgetümmel des Markusplatzes ein ruhig Bild, beruhigend und erhebend, vom Hauptportal der Markuskirche durch die Nacht – das Bild des triumphierenden Christus, der sich aufschwingt von der Erde zum Himmel. Tageslicht Venedig ist am Tage ein ganz andres als in der verhüllenden Dunkelheit der Nacht; die poetische Zauberwelt versinkt, und schmerzliche Bilder des Verfalles treten in rauher Wirklichkeit hervor. Der Markusplatz, die öffentlichen Gebäude, der Hafen, die Kirche, das Arsenal, alles, was dem Schutze der östreichischen Behörden, der Regierung überantwortet ist, steht wohlerhalten da und wohlbehütet. Indes die Sorgfalt dieser Regierung kann nur das bereits Erschaffene mit ängstlicher Gewissenhaftigkeit mumienhaft konservieren, nicht die Adern der Republik mit neuem Leben durchglühen. Sie erhält die Hülle – die Seele aber ist tot. Die alten Institutionen, die alten Geschlechter sind untergegangen, die Mehrzahl der Paläste steht da in traurigem Verfall, unbewohnt, verödet. Grünliches Wassermoos wächst aus den prächtigen Quadern der Treppen, die Gondelpfähle davor sind vom Gewässer halb zerstört; die hohen Türen der Balkone mit Brettern vernagelt. Vielen Fenstern fehlen die Scheiben, andere verkünden, blind und trübe, von der langen Zeit, in der keine Hand sie mehr eröffnete. Venedig macht am Tage einen sehr traurigen Eindruck, wenn man durch die Kanäle fährt; und ich habe nicht begreifen können, wie man es vorzugsweise die Stadt der Liebe nennen mag. Die Liebe erschrickt vor dem Vergänglichen, vor Tod, vor Trauer und Verfall, weil sie in sich unendliche Lebenskraft fühlt und nach Unsterblichkeit verlangt; die Liebe bedarf auch eines tiefen Zusammenhanges mit der Natur, denn sie ist die Seelenblüte des vollendetsten Geschöpfes, das wir kennen. Man will in Liebesfreude grüne Bäume um sich sehen, lachendes Blau des Himmels über dem duftigen, blumendurchwirkten Teppich des frischen Rasens; man sehnt sich nach dem Gesang des Vogels, nach dem Liebesflöten, dem schmerzlichen Jubel der Nachtigall, um einen Widerhall zu hören von den Klängen in der eigenen Seele. Das alles aber entbehrt Venedig. Kein Blatt, kein Baum, kein Grün in dieser ganzen Stadt, kein Vogelsang, keine Blüte, kein Duft von Blumen. Venedig zeigt den Triumph der menschlichen Willenskraft über die Ungunst der Verhältnisse; es beweist, daß der Menschengeist sich überall ein Vaterland, eine geliebte Heimat zu gründen vermag, wo er das Panier der Freiheit aufpflanzt. Aber Venedig ist doch zu sehr ein Produkt der Kunst. Man fühlt sich dort der Natur in ganz ungewöhnlicher Weise entrückt und kommt sich wie verzaubert vor, so fern von den gewöhnlichen Bedingnissen des Erdenlebens. Es ist, als ob man unter dem Wasserspiegel des Meeres wäre, man wird beklommen; und mir war zumute, wie einem Vogel unter der Luftpumpe sein mag, der allmählich das Schwinden des ihm angemessenen Elementes mit steigender Angst empfindet. Von der Piazzetta, die sich nach dem Meere so lieblich eröffnet, von dem schönen Kai, der Riva degli Schiavoni, sah ich immer mit tiefer Sehnsucht hinüber nach dem Lido, den Eugen Beauharnais in einen schönen, öffentlichen Garten umgeschaffen hat. Ein Plätzchen neben einer Schifferherberge auf der Insel Giudecca, auf dem wir eines Tages unser Frühstück verzehrten, erschien mir wie ein Paradies, weil ein paar Bäume ihre Äste über unsern Tisch zur Laube wölbten und Bohnen und Kürbis sich an den Gitterzäunen emporrankten. Den vollen Eindruck der absonderlichen Existenz in Venedig bekommt man aber erst, wenn man, den Canal Grande verlassend, in die Seitenkanäle einbiegt und nun überall neue Wasserstraßen erblickt. Ich fuhr eines Morgens nach der Wohnung meines Bankier. Der Gondolier führte uns durch immer engere Gäßchen; nichts als Wasser und Mauern; nur hie und da ein Mensch an den schmalen Kais, nur dann und wann der Zuruf eines Gondolier aus einem Nebenkanal, seine Ankunft verkündend, um den Zusammenstoß mit andern Gondeln zu vermeiden, was bei der Länge der Fahrzeuge auf den engen Kanälen ohne dies Anrufen unvermeidlich wäre. Endlich hielten wir vor einem stattlichen Hause. Aus der Gondel langte der Gondolier nach dem Klingelzuge. Man öffnete. Das Wasser stand damals hoch und war noch höher gewesen; die ganze Treppe im Innern der Pforte war davon überschwemmt. Eine kleine Brücke, die wir überschreiten mußten, lag schräg von den ersten Stufen nach dem Hofe; aber der ganze Hof selbst war naß, das Wasser hatte Schlamm und Kehricht dort zurückgelassen, ein feuchter Dampf stieg im Sonnenschein davon empor. Und als ich nun oben diesen Bankier in Haufen Goldes wühlen sah, über Kapitalien gebietend, die ihm jeden käuflichen Genuß möglich machten, da mußte ich mich staunend fragen, was hält die Menschen in dieser widernatürlichen Existenz gefesselt, die jetzt nicht mehr ein Asyl der Freiheit ist? Was bannt sie in diese Sümpfe, während in Rom und Neapel die Erde sich neubelebt im frischeren Hauche des Herbstes? Venedig ist ein poetisches Wunder, an dem sich die Phantasie für einige Zeit mit Freude ergötzt, aber ich wiederhole es, es ist kein Aufenthalt, den ich für längere Zeit ertragen oder erwählen würde, so vielfach man mir Venedig grade in diesem Sinne angepriesen hatte. Bedurfte ein Volk der bildenden Künste, die Seele zu erheitern, so waren es die Venezianer. Die Kunst mußte ihnen zum einzigen Troste werden, ihre Seele mußte sich leidenschaftlich derselben zuwenden, und es ist natürlich, daß sie Stadt und Wohnungen zu schmücken strebten, als Ersatz für den Mangel an schöner Natur. Zu der Kunst, zu der großen Vergangenheit Venedigs flüchtet man sich; in ihr lebt der Fremde den Tag hindurch, bis abends sich die Gasflammen auf dem Markusplatze und der Piazzetta entzünden und die süßen, gaukelnden Märchen uns wieder einspinnen in bunte, phantastische Bilder. Nirgends sonst greifen Kunst und Geschichte so unauflöslich fest und enge ineinander als in Venedig. Der Dogenpalast, die Prokurazien, der Markusturm, die Piazzetta, die Löwen vom Piräus, welche den Eingang des Arsenales zieren, alle diese Denkmale von der tatkräftigen Vergangenheit der Republik, wir finden sie wieder in den Bildern, mit welchen die Säle jener Gebäude geschmückt sind. Die Helden, deren Taten von Meisterhand an den Wänden des großen Rates gemalt sind, landen auf den Bildern mit ihren Galeeren unter den Fenstern eben dieses Dogenpalastes. Venedigs Künstler brauchten nicht in eine ferne Vorzeit zu greifen, um Motive zu finden. Die Republik, deren Bürger sie waren, bot ihnen in ihren Siegen den Stoff; schöne Frauen wandelten in Fülle auf den Quadern des Markusplatzes einher; das Gefühl der Freiheit, der Selbstherrschaft prägte jeden Bürger, wie die alten Porträts es beweisen, zu schöner, männlicher Individualität aus; man malte die Gegenwart, deren Dank man empfing, zum Fortleben in der Nachwelt. Diesem Zusammenwirken entsprangen denn auch die lebensfrischen Schöpfungen eines Tizian, eines Veronese, Piombo und anderer, die das kräftige Lebenselement selbst in die Schilderungen des Jenseitigen übertrugen. Sie stehen dadurch, dünkt mich, in der Auffassung biblischer Gegenstände unserer Zeit viel näher als selbst Raffael und die andern ältern Meister, welche spiritualistischer zu Werke gegangen sind als jene. Raffael, im Dienste der Kirche malend, strebte in der Darstellung von biblischen Motiven des Neuen Testamentes nach dem Übersinnlichen, Unirdischen, nach dem Mythischen; er entsinnlichte das Körperliche, der Askese des Christentums zu Ehren. Die Venezianer hingegen, gewohnt, zu Ehren des freien Vaterlandes tüchtige Menschen zu malen, inmitten eines politisch und merkantilisch reichen Lebens, behielten beständig die Wirklichkeit als gesunden Boden und stellten, was naturgemäß ist, das Übersinnliche sinnlich dar. In diesem Geiste hat Tizian eine Himmelfahrt Christi, Veronese eine Verkündigung gemalt, die mir einen unauslöschlichen Eindruck gemacht haben, während sonst der Verstand sich gegen das Wunder empört, das in der bildlichen Darstellung uns seine physische Unmöglichkeit aufdringt. Jener Christus trägt das Gepräge urkräftigster, männlicher Begeisterung in sich, welche aus sich selbst heraus Wunder zu wirken vermag. Er ist das Symbol des Geistes, der sich über die Erde erhebt, und der ihm innewohnende Gott hat wundertätige Willenskraft. Christus ist abgeschlossen in sich. Die linke Hand zeigt nach der Erde, auf der er sein Werk vollendet hat; die rechte hebt sich zum Himmel, von jener Willenskraft des Geistes beseelt, die das Unmögliche möglich macht. Er glaubt an die Kraft seiner Seele, er will sie benutzen, zum Lichte empor zu dringen; und dem riesigen Wollen gehorsam, hebt ihn der Geist empor. Nur die Spitze des rechten Fußes berührt noch die Erde, nur noch scheinbar gehört er dem Irdischen an, und schon – eben nur dem herabziehenden Gesetz der Schwere entrückt – bemächtigt die Luft sich seiner weiten, weißen Gewänder, und das reine Element trägt ihn empor über die Atmosphäre der Erde zum Äther, zum Licht. Der Geist des Menschen und das Element der Natur wirken in Übereinstimmung das Wunder. Das ist schön und wahr zugleich. Ebenso tief ist Veroneses Verkündigung, ein Gegenstand, an dem seines Mysteriums wegen die Mehrzahl der Maler gescheitert ist. Die alten Meister, wie Fiesole, finden sich noch am besten darin zurecht. Der blonde Engel mit dem Lilienzweig, die Jungfrau mit den gesenkten Augenlidern knien sich in bewußtloser Unschuld und Demut gegenüber und sehen gewöhnlich beide ziemlich nichtssagend aus; die Jungfrau sogar oftmals ganz verwundert. Aber die Unschuld soll, wie Hebbel das so schön ausdrückt, an der Liebe sterben! Sie soll sterben, nicht verwundert in Resignation versinken. Der gesunde Veronese rettete sich vor dem Wunder in die Allegorie und schuf ein Bild, das jedem fühlenden Menschen das Herz bewegt. In gewaltiger, räumlicher Architektur, in einer großen, offnen Halle richtet sich die kniende Jungfrau vor ihrem Betpulte empor, da in der äußersten Linken des Bildes ihr der Engel der Verkündigung erscheint. Der Engel blickt sie ruhig an, ihr Gesicht ist von aufzuckender Seligkeit überstrahlt; die heilige Ahnung des Mutterglückes kommt über sie, und nicht absichtslos steht der Engel der Verkündigung so fern von der Jungfrau, die noch eine lange Zeit banger Hoffnung von der Erfüllung trennt. Es ist eines der einfachsten Bilder, das man denken kann, und doch so tief ergreifend, weil das biblische Wunder zurückübersetzt ist in das heilige Wunder der Natur. Man müßte, wollte man die venezianischen Maler nach Verdienst würdigen, ganze Bücher schreiben über jeden von ihnen, was schon so viel Autoren taten und wodurch doch niemand eine volle Vorstellung von den Bildern gewinnt. Trotzdem aber kann man der Lust nicht widerstehen, was uns solch reinen Genuß gewährte, auch andere zugänglich zu machen, denen es nicht gestattet ist, jene Meisterwerke selbst zu sehen; und so kann ich mir die Freude nicht versagen, noch eines sehr großen Bildes im Palast Pisani zu gedenken, das mir ungemein anziehend erschienen ist. Es stellt die Familie des Darius dar, vor Alexander kniend. Paolo Veronese malte es, der Sage nach, in achtunddreißig Tagen auf ein Bettuch, nachdem er in langer Krankheit von der Familie Pisani auf deren Landsitze liebevoll gepflegt worden war. Die Mehrzahl der Köpfe, namentlich die Frauen alle, sind Porträts der Frauen jenes Hauses. Alexander steht, ein junger Kriegsgott, links im Vorgrunde des Bildes; seine Feldherrn und deren Rosse füllen den Hintergrund. Die Frau des Darius kniet ihm zunächst, schmerzensvoll, herzzerrissen. Sie hat jeden Glauben an Glück verloren, sie hofft kaum auf irgendeine Gnade, sie fleht nur um Leben, um Erbarmen für die Ihren. Die älteste Tochter blickt zuversichtlich zum Sieger empor. Die schöne Jungfrau glaubt an die Großmut dieses schönen Mannes, die Jugend traut dem Edelsinn der Jugend. Sie hört gespannt auf sein Wort, sie sucht ernst forschend in seinen Zügen die Bestätigung ihrer Zuversicht zu lesen. Die zweite Tochter, ein Mädchen von etwa vierzehn Jahren, ganz gekleidet wie die ältere Schwester und wie diese kniend, hält die Krone, welche von ihrem Haupte genommen ist, in der linken Hand. Die rechte hängt vornehm, stolz herab, sie hat sie nicht zur flehenden Bitte gefaltet oder erhoben. Die Mutter hat ihr befohlen, zu knien vor dem Alexander, sie tut es, aber ungebeugt, trotzig, wie ein verzogenes, stolzes Kind. Sie weiß nicht, warum die Tochter des Darius sich beugen soll vor einem Fremden; sie hat den Wechsel des Schicksals noch nicht begreifen gelernt, der die Mächtigen in den Staub wirft. Das jüngste Mädchen sieht gleichgültig zurück nach den Dienern und nach ihrem Hunde; ein kleiner Knabe hat sich an die Brust der knienden Königin geschmiegt und klammert sich mit seinen Armen angstvoll an sie fest, bei der Mutter Schutz suchend vor den Fremden. Hinter der Familie des Darius steht die schöne Gestalt eines Ritters, der auf sie gütevoll herniederblickt; diese ist ein Porträt des Veronese selbst. Man begegnet ihr ebenfalls in dem Bilde der triumphierenden Venezia an der Decke im Saale des Hohen Rates, wo er sich gemalt hat, lorbeergekrönt, den Lorbeerzweig in der Rechten. An Kunstwerken der Skulptur, an Statuen ist Venedig verhältnismäßig weniger reich als an Gemälden, und dies ist auffallend, weil der Formensinn des Volkes sich so bedeutend erweist in seinen großartigen Bauwerken. Wie riesenhafte Wasserblüten steigen die Marmorpaläste und Kirchen Palladios und Sanmicheles empor, so vielfach verschieden in ihrer Architektur, daß man die Phantasie der Künstler bewundert, die, ohne jemals der höchsten Zweckmäßigkeit zu entsagen, immer neue Formen der Schönheit zu finden wußten. Am überraschendsten erschien mir in dieser Hinsicht die Kirche Il Redentore, von Palladio erbaut, wo runde Säulen, in viereckige Pilaster gesenkt, das hohe, heitere Gewölbe der Kirche tragen. Indes eines der schönsten Bauwerke Venedigs ist der Rialto, die Brücke über den Canal Grande, welche die beiden Hauptteile der Stadt miteinander verbindet. Ein einziger kühner Bogen spannt sich achtzehn Fuß hoch über das Wasser und bildet die breiteste Straße Venedigs, die mit den Buden der Goldarbeiter von beiden Seiten besetzt ist. Hier werden, außer gröberen Schmuckgegenständen, wie man sie zum Bedarfe des Volkes auf dem Ponte Vecchio zu Florenz findet, auch jene feinen venezianischen Ketten feilgeboten, die nirgend sonst in dieser Vollendung verfertigt werden. Auf dem Rialto bewegt sich der geschäftliche Verkehr des täglichen Lebens. Von hier aus ist es interessant, die kleinen Gäßchen, Kais und Plätze zu durchwandern, welche sich an den Häusern hinziehen und durch zahlreiche Brücken miteinander verbunden sind, mittelst deren man Venedig zu Fuße durchwandern kann, was aber weniger angenehm ist als die sanften, schaukelnden Gondelfahrten. Durch einige schmale Straßen gelangt man, nachdem man die Treppe des Rialto hinabgestiegen ist, zu einem Marktplatze, auf welchem alle Lebensmittel, Fische, Fleisch, Gemüse und Früchte verkauft werden. Mitten aus den Körben voll grüner Kräuter, zwischen den Waagschalen der Fischhändler, die auf niedrigen Bänken ihr Gewerbe treiben, erhebt sich auf einem kleinen Piedestal die Marmorstatue eines Buckligen, lebhaft erinnernd an die Büste des Äsop in der Villa Albani. Wir fragten, wer es sei. »Il gobbo!« (der Bucklige!) antwortete uns ein Fischhändler. »Aber was hat der zu bedeuten?« »Zur Zeit der Republik mußten die Diebe und Mörder ihn küssen, ehe sie in das Gefängnis geführt wurden«, berichtete der Gefragte. »Nein!« fiel ihm eine Hökerin ins Wort, »wer falsche Wechsel ausgestellt oder falsches Geld ausgegeben hatte, mußte ihn küssen.« »Warum nicht gar!« sagte ein Dritter, der hinzugetreten war. »Der gobbo ist die Staupsäule gewesen, an der die Verbrecher gezüchtigt wurden; konnten sie sich aber vorher an den Altar jener Kirche retten, welche Sie jetzt verschlossen sehen, so wurden sie begnadigt.« Ein lebhafter Streit über diese Tradition entspann sich zwischen den dreien, wir konnten sein Ende nicht abwarten, denn es war der letzte Tag unseres Aufenthaltes in Venedig, und nur noch acht Stunden trennten uns von der Abreise nach Triest. Wir wollten sie zu einer Fahrt nach dem Lido benutzen. Es war Montag, und so weit hat sich die deutsche Herrschaft schon geltend gemacht in Venedig, daß dem blauen Montag als Volksfest sein Recht geschieht. Unser Gondolier, der uns die ganze Zeit unserer Anwesenheit bereitwillig und verständig gedient hatte, erwartete uns mit seiner Gondel an der Treppe des Rialto und fuhr uns den Canal Grande hinab zum Meere. Trotz des hellen Himmels war die Luft schwer; man konnte das Herannahen eines Gewitters aus einzelnen silbergrauen Wolken vermuten, die gelblich gesäumt am Horizonte aufzogen. Ich fürchtete eine üble Fahrt nach Triest und teilte diese Besorgnis dem Gondolier mit. Der versicherte jedoch, es sei gar nichts zu fürchten, denn ein altes und wahres Sprichwort besage: »Scirocco chiaro e tramontana scura, buttati in mare, non aver paura!« (Bei klarem Südwind und dunklem Nordwind wage dich ins Meer, dann brauchst du nichts zu fürchten.) An den öden Fensterhallen des Palastes Foscari, an den schönen Palästen Grimani und Pesaro, der Kirche Santa Maria della Salute und der Dogana di Mare vorüber trug uns die wiegende Gondel an den Punkt, wo der Canal Grande außerhalb der Stadt in das offene Wasser mündet, welches zur Rechten Canale della Giudecca, zur Linken Canale di San Marco heißt. Die Giudecca hatten wir schon früher besucht. Sie erinnerte mich mit ihren kleinen, reinlichen Häusern auffallend an die Hafenstädte in Ostpreußen. So wie der Strand auf der Giudecca sind die Hafenstraßen in Königsberg, Pillau und Memel bebaut. Dieselben Giebelhäuser, dieselben kleinen Gärtchen, in denen Matrosen beim vollen Glase saßen, dieselbe Kajütenzierlichkeit; hier und dort Seilerwerkstätten und Teergeruch. Hätten nicht die stolzen Kuppeln von Santa Maria della Salute, von den Incurabili und Sant' Agnese aus der Häusermasse Venedigs herübergeragt nach dem stilleren Strande der Insel, ich hätte vergessen können, daß ich erst am Abende vorher den ganzen Zauber des Markusplatzes empfunden, so lebhaft fühlte ich mich in meine ferne Heimat versetzt. Aber nicht der Giudecca galt unsere Fahrt, sondern dem Lido. So heißt die Landzunge, welche sich als äußerstes Ende der Stadt, der Insel Sant' Elena gegenüber, in den Kanal von San Marco erstreckt. Hier ist der lieblichste Punkt in der ganzen Umgebung Venedigs. Frischer Rasen, schattige Bäume, breite Kieswege, Land , um es mit einem Worte zu bezeichnen. Auch schien es, als ob die ganze Bevölkerung Venedigs meine Sehnsucht nach grünen Bäumen geteilt hätte, denn das Wasser war mit Fahrzeugen bedeckt, und Gondel nach Gondel langte am Lido an. Große Gesellschaften, deren Gesang schon aus weiter Ferne sich hören ließ, waren in weiten, offenen Barken beisammen. Östreichisches Militär machte sich in der Mehrzahl bemerklich, und fast alle Besucher des Lido, so Männer als Frauen, schienen den arbeitenden Klassen anzugehören. Jene schwarzen Gondeln, die nur für zwei Personen Raum bieten und aus deren dunkelumrahmten Fenstern uns die lieblichen Köpfe vornehmer Frauen angeblickt hatten, als wir auf dem Meere an ihnen vorüberfuhren, landeten heute nicht an dem Lido, sondern begnügten sich, die Abendluft auf den Polstern der Gondel zu genießen. Auf dem Lido tanzten an jenem Montage ungarische und steirische Soldaten ihre Nationaltänze, ohne unter den Frauen Venedigs Mittänzerinnen zu finden. Italiener versuchten sich im Ballschlagen und mancherlei andern körperlichen Übungen. An Zelten mit Lebensmitteln war kein Mangel, aber diese Lebensmittel schon bedeutend kompakter als in dem übrigen Italien. Statt der Fritti gebratene Hühner und Gänse, statt der Südfrüchte Äpfel und Birnen, statt der Kürbiskerne und Konfitüren Pfefferkuchen und festes Gebäck. Bier machte das Hauptgetränk, und selbst die schönen Orientalen in ihren weiten Fustanellen tranken dickes, deutsches Bier, während sie die langen Pfeifen rauchten. Die Augen der Frauen und Männer des Volkes verrieten noch den Süden, aber der Eindruck des Ganzen war wesentlich von dem übrigen Italien unterschieden und erinnerte in manchen Beziehungen an Wien, an den Prater, wennschon das silberne Meer sich um die Insel wogend erhob und die schwarzen Gondelhäuschen wie Wasservögel vorübergleiteten. Man fühlte die Annäherung an Deutschland lebhaft, auch die Luft des Septemberabends war nordisch angehaucht. Mein Auge sah sich vergebens nach der dunkelgrünen Krone einer Pinie um, suchte vergebens die ernsten Zypressen; eine andere Vegetation, eine andere Luft, ein anderes Treiben umgaben mich als jenes, das mir in den dreizehn Monaten meines Aufenthaltes in Italien so lieb geworden war. Ich fühlte die Stunde des Scheidens von Italien immer näher rücken; und wie man bei der Trennung von teuern Freunden sich während der letzten Minuten in geselliger Freude zu betäuben trachtet, wenn man nicht den Mut besitzt, den süßen Schmerzenskelch des Abschiedes bis auf seine Hefe zu leeren, so schlug ich die Rückkehr nach Venedig vor, um in dem Gewühle der Stadt der nahen Abreise weniger schmerzlich zu gedenken. Noch einmal trug uns die Gondel durch die Fluten zurück, wir landeten an der Riva degli Schiavoni. Der Hafen lag voll von Schiffen; trotz der spätern Abendstunde waren die Arbeiter noch mit Verladungen beschäftigt, aber die Reeder und Kapitäne ruhten bereits unter den Zelttüchern der Kaffeehäuser. Hier auf der Riva sieht man die Orientalen in großer Anzahl zusammen; hier drängen sich Zitherspieler und Sänger unter dem Volke hervor. Durch das Klappen der Domino- und Dambrettsteine erklingen die Töne der Gitarren, süße Barkarolen mischen sich in den Ruf der Lastträger, welche laut ihre abgelieferten Säcke und Ballen überzählen und verrechnen. Auf der Riva degli Schiavoni ist das kaufmännische, das seemännische Venedig zur Ruhe, zur Erholung vereint. Hinter dem Lichtglanz und der lebhaften Bewegung der Straße liegt ernsthaft schweigend die eine Seite des Dogenpalastes da, und über dem dunkeln Kanale, der sich in das Meer mündet, wölbt sich in düstrer Architektur die Seufzerbrücke vom obern Stockwerk des Dogenpalastes hinüber nach den Gefängnissen. Wie für heimliche Justiz gemacht ist dies Venedig mit seinen isolierten Häusern, mit seinen schweigenden Kanälen, mit den geheimnisvollen Sargschiffchen, die sich verbergend wölben über Gerechte und Ungerechte. Als wir im Dogenpalast eines Tages die Bleikammern in Augenschein genommen hatten – Bodenkammern im Innern des Hauses, der direkten Einwirkung von Luft und Licht durch Korridors entrückt und im Sommer gewiß entsetzlich heiß –, schlug unser Gondoliere uns eine Fahrt nach den Lagunen vor, den Ort zu sehen, wo man die Verurteilten – ertränkte. Er brachte das Wort nicht über seine Lippen, sondern breitete nur den Zeigefinger und dritten Finger der rechten Hand aus und zeigte, die Hand nach unten werfend, schweigend in das Wasser mit der Bemerkung: »Ma adesso non si fa più!« (Aber jetzt geschieht es nicht mehr!) Wie leicht es geschehen konnte, das wird jeder begreifen, der Venedig kennt und die Gondeln, welche, eine der andern vollkommen ähnlich, spurlos durch die Kanäle gleiten. Von den heimlichen Schauern der dunkeln Seufzerbrücke wendet das Auge sich niederwärts zu der Piazzetta und haftet endlich an dem kaleidoskopartigen Szenenwechsel des Markusplatzes. So behaglich, so eingelebt fühlt man sich in diesem Raume, daß man glaubt, dort ewig gelebt zu haben, daß man meint, diese bequeme Existenz auf der offenen Straße niemals wieder entbehren zu können. Die Gasflammen blitzen so hell, die Leute sind ihres Daseins so sicher, wie sollte man daran denken, daß es für uns kein Morgen gibt an dieser Stelle. Man ruht und plaudert, man trinkt Sorbetto wie die andern alle – da tritt der Gondolier an uns heran und mahnt zur Abfahrt. Das Signal des Dampfschiffes erklang bereits zum zweiten Male, kein längeres Verweilen ist gestattet. Das Gepäck liegt in der Gondel, man folgt dem Gondolier, wie auf antiken Basreliefs die Erdensöhne dem Genius des Todes folgen, langsam, widerstrebend und oft zurückblickend nach der geliebten Erde. Zum letzten Male schreitet man über die Piazzetta, zum letzten Male steigt man die Marmorstufen hinab und wirft sich in die schwellenden Polster der Gondel, die uns hinausführt in die Nacht, während unser Auge noch liebend festhängt an der strahlenden Piazzetta und den Gebäuden des Markusplatzes, welche sich schattenhaft gegen den Nachthimmel abzeichnen. Wir sind am Ziel! Die Gondel stößt gegen die hölzerne Treppe des Dampfschiffes, man trägt die Koffer hinauf, der Gondoliere wünscht Glück und Segen auf uns herab und ruhige Fahrt. Ein letztes Signal entfernt die Gondeln aus der Nähe des Dampfers, der sich keuchend in Bewegung setzt. Da tönt ein Ruf an unser Ohr. Es ist die Stimme unseres Gondoliers. »A rivederla!« ruft er. Und »a rivedere« (auf Wiedersehen) ruft ein jeder, der unter Italiens blauem Himmel atmen durfte, wenn er dies Land der Schönheit und des Frühlings mit blutendem Herzen verläßt. Auf Wiedersehen!